ntonnemenfs-Bedingungen: BSonnementä- Preis pränumerando! Bierteljährl. ZL0 mt., monatl 1,10 Md. wöchentlich 28 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeiwngS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 8 Mark, für das übrige Ausland » Mark pro Monat. W. Jahrg. Die TnfcrtlonS'GebüDr betrögt für die sechsgespaltene Kolonel« zeile oder deren Raum«0 Psg„ für politische und gewerlschastliche Vereins- und Bersammlungs-Anzeigen 2b Pfg. „Klein« Bnztigtn", das erste(fett« gedruckte) Wort 10 Pfg,, jedes wettere Wort ö Pfg, Wort- über 1« Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserat« sür die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittags in derExpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen» tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr dormtttag» geöffnet. VMltof läalidi außer montati. Devltnev Volksbl�kk. Telegramm- Adresse: „SMlaldemoltrit BerHn*'. Zentralorgan der fozialdeinohrattfcben Partei Deutfchlande. Redaktion: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983 Zusammenbrechende Anklage. Grosse geisteskrank! In einem ivohlgeordneten Strafvollzuge, welcher sich eingehend mit der Individualität der Straf- gefangenen beschäftigt, mutz jeder geistige Defekt sehr bald erkannt und nach seinen Ursachen, seinem Wesen und seinem voraussichtlichen Berlatife er- forscht werden. Ober-Reg,-Rat Dr. Krahne. Der Vollständigkeit halber sei zunächst verzeichnet, datz die Montagssitzung des Plötzensee-Prozesses in erfreulicher Sachlichkeit verlief. Auch bei einigen strafprozessualen Differenzen zwischen dem Vorsitzenden und der Verteidigung zeigte sich, datz zeitraubende Unterbrechungen und Lärmscenen nicht notwendig sind und datz bei gutem Willen der schwierige Prozeh gefördert werden kann. Wir geben die Hoffnung nicht auf, datz dieser Tag nicht ein Ausnahmetag sein wird. Die Sachverständigen Dr. Leppmann und Dr. K 0 e n i g haben ihre Gutachten über den Fall Grosse erstattet. Aus der umfassenden Beweisaufnahme vieler Tage haben die beiden Sach- kenner ihre Ueberzeugung gebildet, Herr Dr. Leppniann auch auf Grund persönlicher Beobachtung des Grosse. Die mit grotzer Spannung erwarteten Gutachten wurden in fachmännischer Tief- gründlichkeit und zugleich lichtvollster Darstellung gegeben: sie be- wirkten bei allen Beteiligten intensivstes Interesse und tiefsten Gindruck. Mit diesen Gutachten hat der grotze Prozetz den bisherigen Höhepunkt erreicht. Diese Gutachten sind von entscheidender Bedeutung sowohl für den Spezialfall Grosse als für das allgemeine, schwierige Problem desStrafvollzuges an Geistesgestörten. Das Ergebnis dieser Gutachten bedeutet aber zugleich die moralische Bcrurteilimg der erhobenen An- klage und die Nrchtfertigung jener Veröffentlichungen über den Straf- Vollzug in der„Zeit am Montag" und im„Vorwärts". Da der Fall Grosse als Gegenstück zu dem Fall Arenberg ver- öffentlicht wurde, war uns die Auffassung nicht bekannt, die der Geheime Medizinalrat Dr. Baer in einer 1903 erschienenen Ab- Handlung über den Grosse niedergelegt hat. In dieser Abhandlung wurden zwar einige Shinptome geistiger Minderwertigkeit besprochen, im Ivesentlichen aber Grosse als Simulant gekennzeichnet. Als dann von sozialdemokratischer Seite im Reichstag bei Erörterung der Mitz- stände des Strafvollzuges auch der Fall Grosse erwähnt wurde, war es dem Freisinnigen Dr. M u g d a n vorbehalten, unter Hin- weis auf die Abhandlung Bacrs die sozialdemokratische Presse zu schmähen, als sei sie sür einen verkommenen, frechen Simulanten leichtfertig eingetreten.„Sie werden Ihr blaues Wunder sehen", rief Dr. Mngdan, wenn die verschiedenen Fälle genau be- handelt werden. Der Redner unsrer Partei erwiderte darauf bezüg- lich des Falles Grosse: „Wenn Herr Dr. Baer heute und mit ihm andere Autoritäten der Ueberzeugung ist, datz Grosse simuliert und nicht geisteskrank ist, so würde der Fall allerdings aus meinen Ausführungen zunächst ausscheiden. Aber ich kann auf die Autorität eines einzelnen Arztes, so hoch er stehen mag, nicht allzu viel in solchen Fällen geben: denn wir sehen, wie sehr Herr Dr. Baer im Laufe von Jahren fortwährend geschwankt hat— was gewitz in der Sache begründet ist—, aber die Tatsache des Schwankens besteht. Ich wäre begierig zu wissen, ob man diesen Mann, die noch 1902 und 1903 irrsinnige Briefe an Reichstag. Bundesrat usw. geschrieben hat,' auch zur Beobachtung und Untersuchung an andere Autoritäten und Medizinalkollegien gegeben hat. Beim Prinzen Arenberg ist autzerordentlich viel geschehen, um festzustellen, ob er simuliert oder geisteskrank ist. Ich glaube, wenn entfernt so etwas mit Grosse und manchen anderen ge» schähe, so würden wir auch zu anderen Folgen kommen." Immerhin schien eS. als sei die erste, auf Grund der Akten gewonnene Ansicht über den Zustand des Grosse nicht aufrecht zu halten. Bei verständiger Beurteilung des Zwecks unserer Veröffcnt- lichungen war es natürlich gleichgültig, ob der einzelne Fall auS- scheiden mutzte oder nicht, aber sür die Anklazebehörde sollte offenbar ähnlich wie für den Dr. Mngdan der Fall Grosse das Muster des sozialdemokratischen Reinfalls in diesen Dingen werden. Die Beweisaufnahme hat das entgegengesetzte Er- g e b n i S gebracht. Weit schlimmer liegt der Fall als wir es je gemutmatzt. w eit furchtbarer enthüllen sich in diesem Falle die schweren Mängel des Strafvollzuges. Herr Dr. Leppmann ist beaniteter Arzt in der Strafanstalt Moabit und von der Staats« anwaltschast als Sachverständiger geladen. Wenn auch, wie leicht zu begreifen, Dr. Leppmann. gleich den anderen Sachverständigen, überaus beflissen ist, jeden Makel von den Personen der neben- klägerischen Aerzte fernzuhalten— eine Frage, die für unS von Anfang an gleichgültig war so gestaltete sich sein Gutachten andererseits zur schärfsten Ablehnung einer nach Mugdan-Art leicht- fertigen Beurteilung des vorliegenden Spezialfalles und noch mehr zur vernichtenden Kritik gegen die gegenwärtige Anarchie im Strafvollzug an Geisteskranken. Diejenigen, die erwartet haben, Dr. Leppmann werde die Ueber- zeugung bekunden. Grosse sei ein nichtswürdiger Bube, der die Folgen seiner Untat durch freche Simulation mildern will, wurden vollständig enttäuscht. Vielmehr erklärt Leppmann den Grosse als einen von frühester Kindheit geistig zurückgebliebenen, in der Gehirn- entvickelung gestörten Menschen von fast völligem Mangel an sitt- Expedition: 6r. Halp:rt szum Sachverständigen Dr. Koenig): Wäre eS nicht zweckmäßig gewesen, während der Observationszeit deS Grosse im Lazarett dessen ganzer Lebensgang näher zu erforschen und wäre es nicht nötig gewesen, für die Aufnahme der Anamnese auch die Mutter und die Verwandten zu hören?— Dr. Koenig: Ja, daS ist zweckmäßig, in jedem.Krankenhause findet es statt. Rechtsanwalt Dr. Halpert: Kommt es nicht vor, daß Leute, die im Gefängnis als Simulanten gelten, nach ihrer Enilaffung aus dem Gefängnis wieder eine Straftat verüben und sich dann heraus- stellt, daß sie geisteskrank sind?— Sachverständiger Dr. Koenig: Das kommt häufig vor.— Rechtsanwalt Dr. L ö w e n st est n: Hält der Sachverständige auch die mehrfach erwähnten Briefe des Grosse 'ür Simulation?— Sachverständiger: Nach dem, was ich über Grosse gehört habe, sehe, ich nicht eine NottvcndigSeit, eine Simulation anzunehmen. Hierauf wird die Sitzung auf Dienötag 9s» Uhr vertagt. _ IVuv €ewerbr(baftUcbe9* Btrlln und Qm gegen d. Der Kampf im Schneidergewerve.- Am Sonntag fand wieder eine Versammlung der Herren-Miß- s schneide- Berlins statt. Der große Saal des GewerkschcrstShauses vermochte die Teilnehmer bei weitem nicht alle zu fassen. Der Referent Ritter führte ans» die Beteiligung am Streik sei über Erwarten zahlreich. Nach den neuesten Feststellungen seien über 1700 Arbeiter aus 158 Geschäften im Ausstande. Daß es zu diesem Kampfe gekommen ist, dafür könnten sich die davon betroffenen Ar- beitgeber bei der Leitung ihres Verbandes bedanken, die den orga- nisierten Schneidern den Kampf ausgezwungen habe. Es frage sich nun. tvas weiter geschehen solle. Der Ausstand erstrecke sich jetzt auf alle Geschäfte der Herren-Maßbranche, ohne Rücksicht darauf, ob sie dem Arbeitgeber-Verbande angehören oder nicht. Diese Taktik sei unvermeidlich gewesen, weil die Verbandsleitung der Arbeitnehmer nicht ermitteln konnte, welche Firmen dem Arbeitgeber- Verbände angehören. Da aber nur die letzteren durch den Streik getroffen werden sollen, so schlage die Streikleitung vor, daß die Arbeit wieder aufgenommen werden könne bei den Firmen. Ivelche einen Revers unterschreiben, worin sie erklären, daß sie dem Arbeit- geber-Verbande nicht angehören, und daß sie die Arbeit von aus- wärtigen Orten, wo sich die Arbeitnehmer im Ausstände befinden oder von den Mitgliedern des Arbeitgeber-Verbandes ausgesperrt sind, nicht annehmen, und solche Arbeit weder den von ihnen be- schäftigten noch anderen ihnen von dritter Seite vermittelten Ar. beitern übertragen.— Um ganz sicher zu gehen, werden nur solche Firmen zur Unterschrift zugelassen, von denen Garantien gegeben sind, daß sie auch wirklich dem Arbeitgeber-Verbande nicht angehören. denn frühere Erfahrungen hätten bewiesen, daß man den bloßen Versicherungen der Arbeitgeber nicht trauen dürfe. Erst wenn diese Bedingungen erfüllt seien— aber nicht eher— könne in den be- treffenden Geschäften die Arbeit wieder aufgenommen werden.— Der Referent empfahl die nachstehende Resolution, welche nach einer ihm im allgemeinen zustimmenden Aussprache einstimmig ange- nommen wurde: „Die Versammelten erklären, nach wie vor auf dem Boden der von ihnen am 2. Juni angenommenen Resolution zu stehen. Mit Bezugnahme darauf, daß der Verbandsleitung seitens verschiedener Firmen hinreichende Garantien dafür angeboten worden sind, daß sie dem Allgemeinen deutschen Arbeitgeber-Verband für das Sdjneider- gewerbe nicht angehören sowie Streikarbeit nicht angefertigt haben und auch in Zukunft nicht anfertigen werden, beschließt die heutige Versammlung, daß die Firmen, bei denen die erwähnten Voraus. setzungen zutreffen, aus den Kreis der Bewegung gezogen werden, wenn sie sich verpflichten, einen hierauf bezüglichen, ihnen von der Organisation vorzulegenden Revers zu unterschreiben.— Der Ver. bandsleitung wird die Vollmacht erteilt, von Fall zu Fall zu prüfen. ob die Vorlegung des Reverses, je nach den Umständen, zu gestatten oder zu versagen ist.— Die Versammelten, die erneut ihre Soli. darität untereinander und gegenüber den auswärtigen Kollegen be» künden, beschliehen als praktische Betätigung ihrer Kundgebung. daß alle in Nichtverbandsgeschäfte zurückkehrenden Kollegen fünf Prozent ihres zukünftigen Arbeitsverdienstes an die Verbandskasse abzuführen haben. Die Erhebung dieser Extrabeiträge ist erst acht Tage nach Beendigung des Kampfes der Kollegen in ganz Deutsch. land einzustellen. Von den Berliner Arbeitgebern hatten bis Montagabend etwa 80 den ihnen von den Arbeitern vorgelegten Revers unterzeichnet, infolgedessen wurde bei denselben die Arbeit wieder aufgenonunen. Beendigung des Kampfes. Inzwischen ist ein Ereignis eingetreten, welches gleichbedeutend ist mit der Beendigung des Kampfes zugunsten der Arbeiter. Wie uns der Hauptvorstand des Schneiderverbandes mitteilt, sind der Ver- bandsvorsitzcnde S t ü h m e r sowie zwei Arbeitgeber und zivei Arbeit» nehmer aus Hamburg und«ine Vertretung aus Gießen am Sonn- abend nach München gefahren, um mit dem Zentralvorstand deS Arbeitgeber-Verbandes über dst Beilegung des Konfliktes zu be» raten. Am Montag ist eine Verständigung erzielt worden, wonach der Kampf auf folgender Grundlage beendet wird: Der Gießener Tarif wird in drei Positionen erhöht. Streiks und Aussperrungen werden aufgehoben, die von beide» Seiten ausgegebenen Reverse werden zurückgezogen. Die Arbeit wird spätestens am Mittwoch wieder aufgenommen. Maßrege lungei» finden nicht statt. So ist also der Vorstoß, den der Arbeitgeber-Verband im Schneidergewerbe gegen die Arbeiterorganisation richtete, dank der anerkennenswerten Solidarität oer Arbeiter zurückgeschlagen. Die Dachdecker-HülfSarveiter, die im Verband der baugeweco- lichen Hülssarbeiter organisiert sind, haben in ihrer am Sonntag aögehalrcneii Versammlung einem von der Lohnkommission aus- gearbeiteten Tarif zugestimmt. In demselben wird gefordert: ein Stundenlohn von 45 Pf. für gewöhnliche Arbeiten, 55 Pf. für Papp- dacharbeiten. 50 Pf. für Aufstellen von Hänge» und Leiterrüstungen sowie beim Anstreichen, 65 Pf. für das Zutragen von Dachsteinen. Hinsichtlich des Geltungsbereiches des Tarifes, der Kündigung, Aus- zahlung des Lohnes usw. sollen dieselben Bestimmungen gelten, welche für die Dachdecker bestehen, ebenso für Ueberstunden. Nachtarbeit soll mit 75 Pf. pro Stunde bezahlt werden. Die tägliche Arbeitszeit soll neun Stunden betragen, mit entsprechenden Verkürzungen für die Wintermonate. Mir Landarbeiten, wo der Arbeiter auswärts übernachten mutz, wird ein Zuschlag von 1,50 M. pro Tag gefordert. Höhere Löhne dürfen nicht gekürzt werden.— Die Versammlung beschloß, daß der Tarif den Unternehmern sogleich eingereicht wird mit dem Ersuchen, sie möchten noch vor dem 1. Juli mit der Lohn» kommission verhandeln. Die Fahrstuhlarbeiter(BauhülfSarbeiter, welche die maschinellen Materialienaufzüge bedienen) beschäftigten sich am Sonntag mit der Frage der Lohnbewegung. Aus der Besprechung ergab sich, daß die Verhältnisse bei den verschiedenen Firmen sehr erheblich von ein- ander abweichen, so daß dadurch die Aufstellung eines einheitlichen Tarifes sehr erschwert wird. Es sollen deshalb erst Feststellungen über Löhne und Leistungen bei den in Frage kommenden Firmen vorgenommen, auf Grund derselben bestimmte Forderungen sor- mutiert und nach Pfingsten in die Lohnbewegung eingetreten werden. Zu dem Streik in der Berlin-Frankfurter Gummiwarenfabrik, der nun bereits 14 Tage dauert, nahm am Sonntagnachmittag eine öffentliche Versammlung der Gummiarbeiter und-Arbeiterinnen Stellung. C. Bruns schilderte die EntWickelung und die Lage deS Streiks, der durch fortgesetzte Maßregelungen älterer, jahrelang in der Fabrik tätig gewesener Arbeiter entstanden ist.— Die Streikenden halten mit musterhafter Einmütigkeit im Kampfe aus und lassen sich auch nicht dadurch abschrecken, daß die Gummiwaren-Fa- brikanten durch ein Rundschreiben aufgefordert worden sind, keine Streikenden einzustellen. Verschiedene Fabrikanten haben übrigens erklärt, daß sie dieser Aufforderung nicht nachkommen wollen. Bei dem guten Geschäftsgang in der Gummiindustrie kann der Kampf nicht lange dauern. Die Versammlung nahm nach lebhafter DiS» kufsion einstimmig folgende Resolution an: „Die Versammlung nimmt mit Bedauern Kenntnis von dem unsolidarischen Verhalten der Gelnhausener Gummiarbeiter, die an» gesichts des Kampfe», den die Berliner Kollegen zur Verbesserung ihrer Lage und für die Wiedereinstellung der sechs Gemaßregelten zu führen gezwungen sind, ihre Arbeiterehre für ein Linsengericht verkaufen und Streikarbeit im weitestgehenden Sinne anfertigen, welche zuvor von den Gummiarbeitern strikte verweigert worden ist. Die Versammlung spricht den Streikenden vollste Sympathie aus. Die Anwesenden verpflichten sich, den Ausständigen moralisch und materiell ihre Unterstützung angedeihen zu.lassen. Angesichts deS durch die neuesten Vorkommnisse wesentlich verschärften Charakters des Kampfes ermächtigt die heutige Versammlung die Organisation, falls eine Beilegung deS Ausstandcs zur Zufriedenheit der Stret» levden nicht in unmittelbarer Kürze erfolgt, mit anderen Wchnahmeo rin NaiWben Set Berlin-Fränkfurier Gummiwarenfabrik zu zeitigen." Achtung, Maler! In Kolberg sind die Kollegen in den partiellen Streik eingetreten. Die Freie Innung will den Tarif nicht an- erkennen und sich besonders nach Berlin um Arbeitskräfte bemühen. Der Zuzug nach Kolberg ist streng fernzuhalten. Der Bezirksleiter. Zur Zuschrift der Lohnkommission vom 3. Juni stellen wir sol- geNdes richtig: 1. Die Versammlung der selbständigen Barbiere am Montag, 22. Mai, hat nicht unter dem geschilderten Eindruck gestanden; sie ist vom Berichterstatter des„Vorwärts" am 24. Mai richtig wieder- gegeben. 2. Eine Erklärung dieser Art ist von unserem Beauftragten nicht abgegeben worden. Er hatte zwei Unterhaltungen mit Herrn Liere, a) er beantragte, zur Lohnkommissionssitzung geladen zu werden; b) das wurde vorläufig abgelehnt. Beide Gespräche fanden telephonisch unter Zeugen statt. 3. Ein Mitgliederverzeichnis ist auch 1901 nicht veröffentlicht worden, da wir von den Gehülfen gezwungen wurden, auch die mit zu veröffentlichen, die nur die Gehülfenforderungen bewilligten. Sieh«„Vorwärts" 1901 Nr. 173. Freie Vereinigung der Barbiere usw. DeutMus Reich. Zum Ausstande der Zigarettenarbeiterinnen Dresdens. Seit Mittwoch befinden sich die Zigarettenarbeiterinnen in 25 der dem Arbeitgeber-Verbände angehörigen Zigarettenfabriken im allgemeinen Ausstande um ihr Koalitionsrecht. Die Stimmung unter den Kämpferinnen ist gut. Auf keinen Fall sind sie gewillt, der Forderung, aus dem Tabakarbeiter-Verbande auszutreten, zu entsprechen. Sie fordern entschieden die Zurücknahme dieses Gewalt» streiches und die Anerkennung der eingereichten und auf das geringste Mast reduzierten Lohnforderungen. Die 25 dem Arbeitgcber-Ver» bände angehörigen Zigarettenfabrikanten, bei denen die Betriebs- kommissionen am Mittwoch noch einmal vorstellig wurden, um den letzten Versuch zu machen, eine Einigung zu erzielen, erklärten bis auf einige, die Lohnforderungen anerkennen zu wollen; jedoch ver- lange man, dast alle Arbeiterinnen aus dem Täbakarbeiter-Vcr- bände austreten müstten. Mit allen Mitteln arbeitet der Arbeit- geber-Verband, um sein brutales Verlangen zu verwirklichen. In Deutschland und Oesterreich sind Agenten unterwegs, die Arbeits- willige anwerben unter schwindelhaften Versprechungen und Ver- hetmlichung des Ausstandes. Mögen alle Arbeiter und Arbeiterinnen des In- und Auslandes ein wachsames Auge haben auf die Tätigkeit dieser Streikbrecher-Agenten und uns unterrichtet halten, damit ihnen erfolgreich entgegengearbeitet werden kann. Die Zigarettenfabrikanten, die dem Arbeitgeber-Verbande an- gehören und den unerhörten Gewaltstreich begehen, ihren Ar- beiterinnen das Koalitionsrecht zu rauben, heisten: Adler Compagnie, Augsburgerstrahe 34; Alexandria, Ostra-Allee 17; Arabia, Zöllner- straste 35; Delta, Dippoldiswaldaer Gasse 8; A. M. Eckstein u. Söhne, Bambergerstrahe 8; Epirus, Görlitzerstraste 22; Gg. A. Jasmatzi A.-G., Schandauerstrahe 68; Josetti, G. m. b. H., Trinitatisstraste 32 und Josetti, Berlin; Juwel in Poppitz; Kios, Trinitatisstraste 28; Conwagnie Laferme, Graste Plauensche- straste 8 u. 10; Compagnie Macedonia, Dornblüthstraste 28; I. Malz- mann, Reitbahnstraste 29; Monopol, Blasewitzerstratze 68; Werner Alex. Müller, Zöllnerstraste 28; Osmanie, Stephanienstraste 69; Persia, Gerokstratze 52; Reunion, Hassestrahe 3; Serail, Schandaucr- straste 22; Sulima, Chemnitzerstraste 4b; Tuma, Fürstenstraste 72; Jean Vouris, Augsburgerstraste 57; B. Weller, Holbeinstraste 51; Xanthi, Reitzigerstrahe 47; Aenidze, Gutzkowstrahe 27. Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands, unterstützt die um ihr Koalitionsrecht kämpfenden Zigarettenarbeiterinnen. Neben der finanziellen Unterstützung besteht die beste Hülfe noch darin, dast nur Zigaretten aus Betrieben konsumiert werden, welche die Lohn- forderungen bewilligt haben und die freie Ausübung des Koalitions- rechtes gestatten. Diese Firmen heisten: Gebr. Salowsky(Bolero und Zenith), Casanova, Kasaky. Körner u. Apfelstädt und Kosmos. Vor Zuzug nach Dresden wird dringend gewarnt. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Abdruck ge- beten. Die Lohnkommission der Zigarettenarbeiterinnen in Dresden. Zur Lohnbewegung im Hamburger Baugewerbe. Bis Montag- mittag arbeiteten bei 212 Unternehmern 2331 Maurer zu dem neuen Lohnsatz von 75 Pf. Die Altonaer Innung hat dem neuen Tarif zugestimmt, während die Hainburger Innung ihren Mitgliedern freie Hand lästt. Ueber die hiesigen Bauten der Berliner Bau- firmaBoswannu. Knau er und sechs andere Unternehmer ist am Montagvormittag die Sperre verhängt worden; auf diesen Bauten waren 220 Maurer beschäftigt. Mit den übrigen Bauuntcr- nehmerr sind Verhandlungen angebahnt. In der am Sonnabend- abend stattgehabten Versammlung der Maurer, die von über 2500 Personen besucht war, gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die Versammlung nimmt Kenntnis von dem seitherigen Ver- lauf der Lohnbewegung und beschliestt: In Anbetracht des günstigen Resultats, das die Lohnbewegung bisher gezeitigt hat. halten die Versammelten die am 23. Mai ge- fastten Beschlüsse voll und ganz aufrecht, umsomehr, da die Altonaer Innung die Forderung vollständig anerkannt hat. Dem Vorstande des Zweigvereins wird jedoch das Recht erteilt. falls Unternehmerverbände um Verhandlungen nachsuchen, den 1. Juli 1905 als spätesten Termin für das Inkrafttreten des neuen Tarifes festzusetzen. Mit den übrigen Unternehmern, ob Jnnungsmeister oder nicht, ist der partielle Kampf in verschärftem Mäste fortzusetzen." Lübeck, 5. Juni. Sämtliche Bauarbeiter, Miurer und Zimmerleute haben heute die Arbeit niedergelegt, um eine 15prozentige Lohnerhöhung durchzusetzen. In Weimar sind sämtliche Arbeiter der Fabrik für Eisenbahn- und Militarbedarf am Montag ausgesperrt worden. In Betracht kommen 150 Kollegen.~* Zuzug ist fernzuhalten von Schlossern, Schmieden, Stellmachern und Hülfsarbeitern. Zur Braueraussperrung in Rheinland-Westfalen meldet uns ein Privattelegramm aus Köln, dast eine für Montag angesetzte Verhandlung zwischen den Vertretungen der streitenden Parteien nicht stattfinden konnte, weil der Syndikus der Brauereien. Dr. Creuzbauer, erklärte, er habe das Material noch nicht bei- fammen. Man vermutet ein Verschleppungsmanöver. Die erste große Lohnbewegung der Schiffer auf der Oder, die in den letzten zwei Jahren in grasten Scharen der Organisation des Hafenarbeiter-Verbandes zugeführt worden sind, ist zum Ausbruch gekommen. Die Bootsleute erhielten bisher einen Monatslohn von 73 M., wovon jedoch 4 M. einbehalten wurden und erst am Ende der Saison als Prämie zur Auszahlung gelangten. Die Boots- und Steuerleute verlangten nunmehr:ine Erhöhung des Monats- lohnes auf 95 Pk. Die Privatschiffer und verschiedene Reedereien bewilligten 10 M. Zulage, also 83 M. Monatslohn mit nur 3 M. Prämienreserve und brachten den Betrag teilweise sofort zur Aus- zahlung, um den Ausbruch eines Streiks zu verhüten. Euu Versammlung der in Breslau liegenden Schiffer erklärte sich nach Erläuterungen durch die Verbandsführer mit dem Zugeständnis vor- läufig zufrieden, da der niedrige Wasserstand des vorigen Jahres olle Interessenten schwer geschädigt.hat. In K o s e l, Oberschlesten, dagegen, wo zurzeit gegen 1000 Schiffer liegen, ist es infolge ruckpchts- loser Lokalabtreibungen niemals möglich, eine Versammlung und mithin eine ruhige Aussprache abzuhalten. Hier erklärten denn auch die Schisfer aller Reedereien, dast sie mir den Zugeständnissen nicht einverstanden sind und ain 3. Juni in den Aus- stand treten. Die Verbandsleitung ist zur Regelung der Ange- legenheit sofort abgereist, und Reeder wie Behörden werden jetzt vielleicht froh sein, wenn sie dem verpönten Verbände- ein Versamm� lungslokal anbieten können, damit der Streitpunkt aus der Welt ge- schafft werden kann. HuBtand. Tie lange angekündigte Massenaussperrung in der schwedischen Metallindustrie soll nun zur Tatsache werden. Wohl haben die in Frage kommenden Arbeiterorganisationen den auf Veranlassung der Regierung gemachten Verhaiwlungsvorschlag unter der Bedingung angenommen, dast die bestehenden Streiks vorläufig nicht aufgehoben, aber keine neuen begonnen werden sollen, doch die Unternehmer wollen den Frieden nicht, und ihre Werkstattvereinigung hat am Sonnabend beschlossen, vom 10. Juni. ab sämtliche bei ihren Mitgliedern arbeitende Fachvereins-Mit- glieder auszusperren, falls bis dahin die Streikenden in den verschiedenen Städten die Arbeit nicht wieder aufgenommen haben. In der Branche, wo die Aussperrung am nächsten Sonn- abend durchgeführt werden soll, kommen ungefähr lOOFabriken mit 17000 Arbeitern in Betracht. Hub Indurtrie und Handel. Rußlands Eisenbahnen im Jahre 1904. Die Gesamtlänge des russischen Eisenbahnnetzes betrug am 1. Januar 1905(die 2346 Werst der Chinesischen Ostbahn nicht mitgerechnet) 58 608(4362 gegen 1904) Werst. Davon entfielen auf die europäischen Staatsbahnen 20 000 Werst, auf die privaten Haupt- und Zufuhrbahnen 10 704 resp. 2020 Werst und auf die Staatsbahnen in Asien 7828 Werst. Die.Einnahmen der Staatsbahnen im europäischen Ruhlaud be- liefen sich auf 403 906 231(—11 142 279 gegen 1903) Rubel. Der Ertrag pro Werst ist im Jahre 1904 im Vergleich zum Vorjahre um 3,6 Proz. zurückgegangen. Der Rückgang ist eine Folge des Krieges. Der Passagierverkehr ist von 81 059 348 Reisenden pro 1903 auf 78 400 431 im Berichtsjahre gesunken. Die Gütertransporte bc- trugen auf den Staatsbahnen im europäischen Rußland 5 905 610 000 (5 874 728 000) Pud. Auf den asiatischen Bahnen ging die Passagier- ziffer von 3 611 725 im Jahre 1903 auf 3 084 693 pro 1904 zurück. Der Güterverkehr ist aber von 165 846 000 auf 174 346 000 Pud gewachsen._ Hub der frauenbewe�ung. Rixdorf. Mittwoch, den 7. d. M., abends 8 Uhr findet im Lokal des Herrn Thiel, Bergstraße 150, eine Versammlung des „Verein gewerblich tätiger Frauen und Mädchen für Rixdorf und Umgegend" statt, in welcher Herr Friede. Braun-Berlin über„Die Feuerbestattung und ihre hygienische Notwendigkeit" sprechen wird. Das Erscheinen sämtlicher Mitglieder ist erwünscht. Gäste will- kommen._ Der Vorstand. Gerichts-Zeltung. Die Ermordung des Pfarrers Thöbes in Heldenbergen gelangte am Montag vor dem Schwurgericht in Gießen zur Verhandlung. Der Hauptangeklagte ist der 27jährige Schlächtergesclle Oskar Hudde. Dieser Mann ist längere Zeit gleich einem„Schinderhannes" der Schrecken der Landbewohner Hessens und vieler Nachbarbezirke ge- wesen. Seine Spezialität war, zur Nachtzeit in katholische Pfarr- Häuser und katholische Kirchen einzubrechen und zu rauben. Hierin wurde er von dem zweiten Angeklagten, dem Zuschneider Otto Walter, getreulich unterstützt, der bereits Anfang November 1904 verhaftet wurde. In der Nacht vom 11. zum 12. November 1904 brach Hudde im Dorfe Heldenbergen im katholischen Pfprrhause ein. Nachdem er alle Behälter erbrochen und kein Geld gefunden hatte, holte er sich aus der Küche ein großes Messer und begab sich mit diesem in das Schlafzimmer, in dein der 60jährige Pfarrer Thöbes schlief. Hier erbrach er das Pult, in dem einige hundert Mark hares Geld lagen. Der Pfarrer erwachte durch das Geräusch und stich einen Schrei aus. Hudde stürzte sich darauf auf den Pfarrer und brachte ihm eine so große Anzahl tödlicher Stiche bei, daß er sehr bald verstarb. Nachdem eine Belohnung von 1000 M. auf die Ergreifung des Mörders ausgesetzt war, wurde Hudde im Januar 1905 in einer Herberge in Aachen verhaftet. Hudde ist bereits wegen Mißhandlung, Unterschlagung, schweren Diebstahls und vor- sätzlicher Körperverletzung vorbestraft. Ebenso hat er eine militär- gerichtliche Gefängnisstrafe erlitten. In der Vernehmung gibt er zu, die Einbruchsdiebstähle, auch den Einbruchsdiebstahl in Hewenbcrgcn begangen zu haben, er habe aber den Pfarrer Thöbes nicht er- mordet, dies habe ein Handwerksbursche, der mit Vornahmen Willy heiße, getan. Diesen habe er auf der Landstraße kennen gelernt und fei mit ihm gemeinsam in das Pfarrhaus in Heldenbergen ein- gebrochen._ Der Wahlrechtskimpf der Hmbilrgtr Kürgerschast wurde heute abend fortgesetzt. Stuhlrohrfabrikant Sieverts, ein Hauptscharfmacher, hielt eine ziemlich konfuse Rede über den Kollek- tivismus und empfahl die Vorlage als Schutzmittel gegen das Ueber- handnehmen der Sozialdemokraten. Eine Anzahl weiterer Redner haben aufs Wort verzichtet. Hauptpastor Dr. Rode ist für Ausschuß- Prüfung. Der sozialdemokratischen Gefahr müsse entgegengetreten werden. Am liebsten sei ihm ein Ständewahlrecht, wenn dies nicht möglich, dann empfehle er ein Klassenwahlrecht, aber ohne Verhältnis- wähl. Bömelburg weist darauf hin, daß man die Sozialdemokraten hauptsächlich aus der Verwaltung haben wolle. Man müsse sich aber sagen, daß dann in der Verwaltung etwas verheimlicht werden solle. Ohne Arbeiter hätte Hamburg seine Bedeutung nicht erlangen können. Die Gerechtigkeit verlange, daß man den Arbeitern soziale und politische Gleichberechtigung einräume, schließe man die Arbeiter hiervon aus, so schaffe man eine einseitige Interessenvertretung. Wohin solche führt, hat die Cholera gezeigt. Die Arbeiter wollen mitwirken im öffentlichen Leben. Man hindere sie absichtlich daran, weil mmv eine entschiedene Vertretung der Gesamtinteressen und die Bekämpfung von Sonderinteressen befürchtet. Man will dem Klassen- kämpf entgegentreten, aber durch diese Vorlage schüre man den Klassenkampf. Die Arbeiterklaffe läßt sich durch Gewaltmittel nicht unterdrücken und wird ihr Recht erkämpfen trotzdem und alledem. Eine solche Entrechtung, wie sie hier geplant werde, sei eine Schmach für Hamdurg.(Ordnungsruf. Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Hausmakler Roh de wendet sich wütend gegen Bömelburg. Die Sozialdemokratie müsse eingedämmt werden, der Ausschuß muß prüfen, wie das zu machen ist. Seine Freunde(Linke) würden, sich durch die Annahme der Verfassungsänderung in erster Lesung in keiner Weise gebunden fühlen und ihre endgültige Zustimmung von der Fassung des Wahlgesetzes abhängig machen. Dr. Weichet ist für Ausschußprüfung und gegen ein Klassenwahl- recht. Für den Fall der Annahme der Verfassuiigsänderung be- hält er sich eine weitere Stellungnahme vor. Grundeigentümer und Notabelnwahlen hätten keine Berechtigung mehr. Er stehe auf denr Standpunkte Naumanns und wolle Versöhnung. Veit(liberal) ist gegen die Senatsvorlage, aber auch gegen den sozialdemokratischen Antrag. Um 10- Uhr erfolgte die Abstimmung. Die Ausschußprüfung für Verfassungsänderung wurde abgelehnt. Es folgt EiNzelberatung. Stalten begründet den sozialdemokratischen Antrag. Bei der Abstimmung über die Verfassungsänderung wurde der sozialdemokratische Antrag abgelehnt. Die Verfassungsänderung, die eine Gruppenbildung nach Einkommen ermöglicht, wurde mit 125 gegen 30 Stimmen in erster Lesung angenommen. Das Wahlgesetz wurde an einen Ausschuß verwiesen. Die zweite Lesung der Verfassungs- änderung erfolgt nach dem Bericht des Ausschusses. Die Bewegung gegen den Krieg. Petersburg, 3. Juni.(Privatdepesche deS„BorwärtS") Die Bewegung zur Beendigung des Krieges wächst täglich. Gestern abend fand in Pavlovsk, einem modischen Kurort unweit Zarskoje Selo eine Bersammlung statt. Ein„Bund der Bünde" demonstrierte gegen den Krieg. Im Sommergarte« kam es zu einem Zusammenstoß mit der Polizei. Nachdem die im Garten erschienenen Soldaten das Signal zum Schieße« gegeben, lief die Menge fort. In den Fabriken, in Versammlungen in Walder»«nd i« der Stadt nehmen die Arbeiter Resolutionen gegen de« Krieg und gegen die Einberufung einer Notabelnversammlung ei«- stimmig an. Heute ist Trcpoff faktisch zum Polizeiminister eruaunt,«tt beinahe diktatorischen Vollmachten. Morgen findet in Moskau eine Bersammlung der Vertreter der Semstwo- und Stadträte statt; fie fordern eine Verfassung gebende Bersammlung und Beendigung des Krieges. l�et�te Nachrichten und Depeschen. Kriegervereinler als Rowdics. Heidelberg, 5. Juni.(B. H.) In Hirschhorn schlugen gestern Mitglieder des Kriegervereins von Petersthal, welche nach Hirschhorn einen Ausflug machten, dem Bürgermeister, der sie wegen ihres un- gebührlichen Benehmens zur Rede stellte, die Schädeldecke ein. Bier der Täter wurden verhaftet. An dem Aufkommen deS Bürger- meisters wird gezweifelt._ Budapest, 5. Juni.(W. T. B.)' TaS Abgeordnetenhaus hat beschlossen, den früheren Präsidenten Perezel wegen der Beraus- gabung von 31 826 Kronen haftbar zu machen, die für die Besoldung der 40 Saaldiener verwendet worden sind, die aus Anlaß der ver- schärften Hausordnung zur Aufrechterhaltung der Ordnung angestellt worden waren. Das Haus hat sich dann mit Rücksicht auf die Mög- lichkeit, daß während der Pfingstferien ein neues Kabinett ernannt wird, auf unbestimmte Zeit vertagt, damit der Präsident in der Lage ist, im Falle der Ernennung eines neuen Ministeriums sofort eine Sitzung anzuberaumen. Wie verlautet, ist die Ernennung des neuen Kabinetts erst für nächste Woche zu erwarten. Der„erhabene Gast" der Demokratie. Paris, 5. Mai. Deputiertenkammer. Präsident Doumer ergreift das Wort und sagt, die Festlichkeiten aus Anlast der Anwesenheit des Königs von Spanien seien durch einen ver- abscheuenswerten Anschlag gestört worden. Das Haus verdamme mit der Regierung die Verbrecher, die den Schauplatz ihrer ruch- losen Taten nach Frankreich verlegten. Der Präsident teilt dann mit, König Alfons habe ihn beauftragt, der Kammer seinen Dank auszusprechen.(Anhaltender Beifall.) Doumer schließt: In Ihrem und im Namen der ganzen Nation grüße ich mit ehrerbietiger Sympathie den erhabenen Gast, der unsere Herzen ebenso durch seine persönliche Liebenswürdigkeit wie durch seinen schönen ruhigen Mut erobert hat.(Lebhafter Beifall.) Archdeacon(natl.) beantragt, dem Könige Alfons die vom Präsidenten Doumer gesprochenen Worte auf diplomatischem Wege übermitteln zu lassen. Sembat(Soz.) bringt einen Antrag ein, in welchem erklärt wird, das menschliche Leben sei als unverletzlich zu betrachten. Die Anschläge gegen das menschliche Leben hätten ihren Grund in der schonungslosen Unterdrückung.(Murren auf vielen Bänken.) Ministerpräsident Rouvier erklärt, die Regierung schließe sich den Worten des Präsidenten Doumer an und nehme für sich das Recht in Anspruch, den Gesinnungen der Kammer Ausdruck zu geben. Rouvier spricht sich dann gegen die Anträge Archdeacon und Scmbat aus, die darauf von den Antragstellern zurückgezogen werden. Das HauS fährt hierauf mit der Beratung des Gesetzentwurfs be» treffend Trennung von Staat und Kirche fort. Geht er oder geht er nicht? Paris, 5. Juli.(W. T.-B.) Telegramm der„Agence Havas". In den Wändelgängen der Deputiertenkammer sprach man heute viel über die marokkanische Frage. Ueber die bezüglich dieser Frage von Archdeacon und JaurdS angekündigten Interpellation und über die Frage, ob der Mimster Delcasss auf seinen Posten bleiben wird oder nicht. Es heißt, der Ministerrat werde sich morgen mit der marokkanischen An- gelegenheit beschäftigen und wenn der Ministerrat der von Marokko vorgeschlagenen Einbernfung einer internationalen Konferenz zu- stimmen sollte, werde Delcasse seinen Abschied nehmen. Etwas Be- stimmtes ist indessen noch nicht bekannt. Die Ratten wollen das Schiff verlasse». Petersburg, 5. Juni. Der Minister des Innern B u l y g i n und der Statthalter im fernen Osten, Alexjejew haben em Abschiedsgesuch eingereicht, das aber nicht angenommen worden ist._ Russische Tiraden. Petersbnrg, 3. Juni. Die„Nowoje Wremja" erklärt. Rußland sei erst dann als besiegt zu betrachten, wenn die Japaner in die Ostsee gekommen und Kronstadt und Peters- bürg besetzt hätten. Rußland habe noch viele Mittel, um die Fehler seiner Regenten gut zu machen und seine Großmacht- stellung zu wahren. Hierzu solle der Semski Sobor ver- helfen. Die„Wjedomosti" sagen, an Frieden könne nicht gedacht werden. Ueber ganz Rußland nlüsse der Belagerungszustand verhängt, die Kriegssteuern erhoben, die inneren Wirren unter- drückt und zu diesem Zwecke eine Militärdiktatur errichtet werden. Falls an Stelle des Selbstherrschers Volksvertreter kämen, würde Rußland ebenso zugrunde gehen wie das Ge- schwader Roschdjestwenskys. Die„Naschan-Schisn" nennen folgende Bedingungen. unter denen der Frieden annehmbar erscheine: Abtretung Kwantungs, die Räumung der Mandschurei, die Neutralisierung der mandschurischen Bahn, deren Wert Rußland zu erstatten wäre. Anerkennung der japanischen Souzeränität Koreas und die Abtretung von Sachalin._ Jnternierung russischer Kriegsschiff« in Manila. Washington, 5. Juni.(W. T. B.) Meldung des„Reuterschen Bureaus". KricgSsekrctär Taft hat dem Gouverneur Wright in Manila telegraphiert: Ten russischen Schissen kann keine Zeit gegeben werden, ihre in der Schlacht erlittenen Beschädigungen auS- zubesscrn. Die Schiffe dürft» daher nur ausgebessert werden, wenn sie bis zum Ende der Feindseligkeiten festgehalten werden. Russische Flottenrestr. Hongkong, 5. Juni.(Meldung des„Reuterschen BureauS".) Der heute hier eingekonimene Frachtdampfer„Zafiro" von Manila hat am Morgen ungefähr 80 Seemeilen südöstlich von Hongkong einen russischen Hnlfskrcuzer, zwei Fahrzeuge, die er für Torpedoboote hielt, und einen Kreuzer mit drei Schornsteinen in Begleitung eineS schwer beladenen Frachtdampfers südwestlich steuernd gesehen. B-rantw.R-d.- Franz Rehbem, Berlin. Jnserateverantw.(mit Ausnahme der.NeueWell�-Benage)-TH.Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerIagzanst.Paul Singer& Co.. Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen». ltuterhalt»««Sdl |r. 130. 22. 1 8tilpjc des Jpntirts" ßttlintt NollisM Dienstag, 6. Juni 1905. Das Strafgefängnis Plötzensee vor Gericht. (Eigener Bericht des„Vorwärts".) 16. Verhandlungstag. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Vorsitzenden Landgerichts Direktor Dr. Oppermann richtet Erster Staatsanw. S ch o n i a n an den am Sonnabend vernommenen Sachverständigen Dr. Arthur Schulz noch einige Fragen, die dieser dahin beantwortet: Aus der von ihm bekundeten Tatsache, daß Grosse exzessiv Selbstbefleckung betrieben habe, ergebe sich nicht der Schluß, daß Geisteskrankheit bei ihm vorhanden sein müsse. Aus der Tatsache, daß er seine Un- anständigkeiten in Gegenwart anderer Personen beging, könnte man an einen Zustand sogenannter Geistesabwesenheit denken, das wäre dann aber ein ganz vorübergehender Zustand gewesen. Was den Selbstmordversuch betrifft, so pflegt es auch bei nicht geisteskranken Gefangenen vorzukommen, daß sie einen Selbstmordversuch machen. Nach der ganzen Sachlage möchte er an der Aufrichtigkeit und Ernstlichkeit des Selbstmordversuchs bei Grosse einigermaßen zweifeln. — Rechtsanw. Dr. Liebknecht: Sie haben selbst eine Intelligenz- Trübung bekundet. Ist nicht unter Berücksichtigung dieser Jntelligenztrübung der Selbstmordversuch als ernsthast aufzufassen? — Sachv. Dr. Schulz: Die Intelligenz ist bei Grosse doch nicht so erbeblich herabgesetzt gewesen. Er ist hysterisch und bei hysterischen Leuten zeigt sich eine anormale Gemütsverfassung, aber der Verstand bleibt ganz unbeeinflußt.— V e r t.: Ist nicht auch ein plötzlicher Affektzustand unter dem Einfluß der Hysterie denkbar?— Sachv.: Ja, doch vermisse ich gewisse Beweise, die bei Grosse für Affektzustände sprechen.— Rechtsanw. Dr. Liebknecht: Was denken Sie über die Halluzinationen des Grosse, über das Erscheinen der Frau Justizrat Levy zc.— Sachv. Dr. Schulz: Auf hysterischer Basis entstehen ja oft Halluzinationen, aber es liegt auch die Mög- lichkeit vor, daß es sich um bloße Angstvorstellungen handelte, ebenso ist es möglich, daß von Grosse die Halluzinationen behauptet worden sind.— Rechtsanw. Dr. Liebknecht: Grosse hat nun aber doch erst nach etwa dreijährigem Aufenthalt im Gefängnis ganz insgeheim einem Mitgefangenen Mitteilung von den Halluzinationen gemacht.— Dr. Schulz: Das würde viel eher für Simulation sprechen. Wer an Halluzinattonen leidet, wird am wenigsten geneigt sein, Mitteilung davon zu machen, oder, wenn er etwas damit erreichen wollte, würde er dem Arzte Mitteilung niachen.— Rechtsanwalt Dr. Liebknecht: Sehr richtig!— Auf Befragen erklärt Med.-Rat Dr. Baer: Als Grosse ins Lazarett kam, hat er einmal von nächtlichen Erscheinungen gesprochen. Da habe ich ihm gesagt: Lassen Sie doch das sein, das sind dumme Redensarten. Darauf hat er mir gegenüber nie wieder von Halluzinationen gesprochen, er hat keinem Herrn im Gefängnis, der ein Urteil über die Dinge haben kann, solche Mitteilungen gemacht, und nur denen, die sich über ihn lustig zu machen pflegten, hat er es mitgeteilt.— Rechts- anwalt Liebknecht: Würde nicht gerade aus der Unzweck- Mäßigkeit der Stelle, der er die Mitteilung machte, auf eine Geistesverwirrung zu schließen sein?— S ach verst.: Es ist möglich, daß die Halluzinationen echt waren, aber es ist auch das Gegenteil möglich. Er hatte vielleicht einige Tage vorher gesehen, daß er mit der bezüglichen Behauptung nicht durchgekommen ist, und möglicherweise hatte sich inzwischen mancherlei ereignet, was ihnveranlaßte, diesen Versuch zu wiederholen. RechtSaniv. Dr. Lieb- knecht: Er hat doch aber die Mitteilung einem Mitgefangenen unter dem Siegel tieffter Verschwiegenheit gemacht?— Beis. Landg.-R. Gräber: Von„Siegel tiefster Verschwiegenheit" ist nichts gesagt worden!— Rechtsanw. Dr. Liebknecht verwahrt sich gegen diese Unterbrechung seitens des Beisitzers— Landg.-R. Gräber: Ich halte es für meine Pflicht, vorkommende Irrtümer, wenn sie mir auffallen, richsig zu stellen.— Rechtsanw. Dr. Lieb- knecht: Dann beantrage ich, Beschluß zu fassen, daß wir nicht unterbrochen werden dürfen durch solche Zwischen- bemerkungen der Beisitzer, denn dadurch wird_ uns Verteidigern die Ausübung unserer Tätigkeit erschwert.— Vors.: Das werden die Herren nicht! Sie behaupten, daß es Ihnen erschwert wird, Sie behaupten aber doch, daß Sie die Aufklärung herbeiführen wollen und Sie haben später das volle Fragerecht. Den Beisitzern muß es verstattet sein, auf etlvaige Irrtümer auf- merksam zu machen.— RechtSanw. Dr. Liebknecht: Dann müßte uns Verteidigern doch das Recht zustehen, bei etwaigen Miß- Verständnissen auch zu unterbrechen.— Vors.: Ich bin schon zwei- mal bei Mißverständnissen meinerseits gerade durch den Verteidiger. der jetzt spricht, unterbrochen worden.— Rechtsanw. Dr. L. zieht hierauf den Antrag zurück. Auf weitere Fragen deS Rechtsanw. Dr. Liebknecht über die Halluzinattonen und die Art, wie er davon Mitteilung gemacht hat, erklärt Sachverst. Dr. Schulz: Vielleicht hat Grosse bei der Schlau- heit, die ihm eigen, gerade diesen Weg der Mitteilung gewählt, um zum Ziele zu gelangen. Diese Möglichkeit liegt nahe. Richtig ist es, daß, wenn die Halluzinationen simuliert waren, Simulattonen zu dem Krankheitsbilde der Hysterie gehören. Rechtsanw. Liebknecht: Wie denken Sie über die Bor- führungsfähigkeit des Grosse?— Dr. Schulz: Grosse ist jetzt acht Jahre tm Gefängnis, nun soll er plötzlich an Gerichtsstelle erscheinen, um über seinen Geisteszustand vernommen zu werden. Schon einen wirklich gesunden Menschen würde dies sehr aufregen, Grosse ist nun hysterisch und befindet sich dauernd in labiler Geistesverfassung. Wenn er hierher gebracht würde, würde man die Wahrheit nur in einem Zerrbilde zu sehen bekommen. Für Grosse würde eine solche Verfassung recht bedenklich sein und ihn schwer schädigen, er könnte, im Anschluß daran, in Geisteskrankheit verfallen.— Rechtsanw. Liebknecht: Unter diesen Umständen würde doch nicht von der Hand zu weisen sein, daß Grosse, wenn er in Affekt geriet, auch schon in früherer Zeit geistesabwesend war und, wenn auch nicht dauernd, so doch vorübergehend irre war?— Sachverst. Dr. Schulz bezweifelt dem gegenüber nochmals die Echtheit der behaupteten Halluzinationen. Auf weiteres Befragen hält der Sachverständige auch einen Besuch des Grosse im Gefängnis durch die Sach- verständigen für bedenklich halte, anders sei es. wenn ein Sach- verständiger in Begleitung eines Arztes, den Grosse kennt, diesen Besuch abstattet.— Auf eine Frage des Rechtsanw. Dr. Löwen- st e i n erklärt Sachverst. Dr. S ch u l z. daß er aus dem bekannten Brief des Grosse an den„Staatsanwalt Jsenbüdel" allein auf einen Verwirrtheitszustand nicht schließen könne, dazu würden doch noch andere auf Verwirrtsein hindeutende Momente gehören. Der Brief selbst deute ja auf einen Verwirrtheitszustand hin, da aber nicht lange darauf wieder sehr vernünftige Briefe geschrieben wurden, so konnte es sich doch nur um einen vorübergehenden Verwirrungs- zustand handeln. Der Sachverständige beantwortet noch eine Reihe medizinischer Fragen des Medizinalrats Dr. K o e n i g u. a. dahin, daß sich die Gefühllosigkeit der Haut, die er bei Grosse festgestellt habe, sich über die ganze Haut erstreckte. Sie war wechselnd stark und an der Haut der Arme am stärksten. In halbseitiger Form ist sie nicht aufgetreten. Auf weitere Fragen des Herrn Medizinalrats Dr. K o e n i g erklärt Sachverst. Dr. Schulz, daß er in bezug auf die übrigen Sinnesempfindungen: Geschmack, Geruch, Gehör usw. keine Be- obachtungen angestellt habe, ebensowenig darüber, ob eine Störung des Farbensinnes. Störung der Reflexe vorhanden war. Auch auf das Vorhandensein hhsterogener Punkte hat der Sach- verständige den Grosse nicht untersucht. Er erklärt dies damit, daß er damals nicht geahnt habe, daß er als Sach- verständiger in diesem Prozeß werde aussagen müssen.— Rechtsanw. Liebknecht fragt nunmehr nochmals an, lvie es mit dem Antrag der Verteidigung auf Vernehmung, Vorführung resp. Beaugenscheinigung des Grosse durch Sachverständige stehe. Präs.: Das Gericht kann sich hierüber nicht entscheiden, bevor es die Herren Sachverständigen gehört hat. Irgend ein Nachteil für die Angeklagten kann daraus nicht erwachsen, denn eS ist selbstverständlich, daß, falls Grosse später vorgeführt und vernommen wird, die Herren Sachverständigen wiederum befragt werden müssen, ob sie ihr Gutachten auf Grund dieses weiteren Ergebnisses der Beweisaufnahme zu ändern haben oder nicht.— Der Präsident weist auch noch darauf hin, daß dies die einzigen Beweisanträge seien, deren Erledigung noch ausstehe. Nunmehr erhält das Wort Sachverständiger Med.-Rat Dr. Lcppmann. Ich habe im Auftrage des Gerichts Grosse untersucht und zwar habe ich, wie ich es in derartigen Sachen gewohnt bin, mir zu- nächst ohne Kenntnis der Akten einen Eindruck von dem Manne verschafft und nachher die Akten durchgesehen. Der erste Eindruck, den ich von Grosse empfing, ohne daß ich die Geschehnisse kannte und ohne daß ich wußte, daß Kollege Baer diesen Fall schon einmal literarisch verwertet hatte, war der eines minderwertigen, etwas geistesschwachen, erreglichen Menschen. In bezug auf seinen Verstand hatte ich den Eindruck, daß er eine ganze Menge geistiges Kapital hat, das er verwerten kann, er weiß über verschiedene Dinge ganz klug und logisch zu reden, aber dort, wo es darauf ankommt, sein Verhältnis zur Außenwelt zu taxieren, auf diese feinste Verstandesverrichtung. die Urteilskraft über sein Verhältnis zur Welt, da hapert es mit ihm, da ist er uurcif. Ueber seinem ganzen Gebaren liegt, wenn er noch so klug erscheinen will, ein Zug von Jungenhaftigkeit und Albernheit. Körperlich zeigt er eine Reihe Entartungen, die aber nicht gerade sehr gehäuft sind, außerdem hat er einen stechenden Blick und ein geringes Minenspiel, wie wir es häufig bei Epileptikern sehen. Also ich muß sagen, man konnte sich schon auf Grund der einmaligen Besichtigung so eine Art Skizze von ihm bilden. Was ist nun an Tatsachen dazu gekommen? Tatsächlich festgestellt ist erstens, daß Grosse erheblich erblich belastet ist, er hat Trunksucht in direkter Ascendenz, Geisteskrankheit in der Seitenverwandtschaft! zweitens hat er bereits im sechsten Lebensmonat Krämpfe gehabt, also eine Krankheit, von der man mit Wahrscheinlichkeit annehmen kann, daß sie auf irgend welchen krankhasten Vorgängen im Gehirn beruht. Die allgemeine Erfahrung lehrt, daß der größte Teil der Personen, die in dieser Zeit echte Krämpfe haben, nicht bloß solche, die mit den Zähnen zusammenhängen, eine'Schädigung ihres Seelenlebens behalten. Daß es so gewesen ist, geht auch daraus hervor, daß diese Krämpfe sich nicht bloß auf die frühe Kindes- zeit beschränkten, sondern weiter bis in die Schulzeit reichten, ja bis zum 14. Lebensjahr. Außerdem sind bei Grosse fest- gestellt sogenannte Absencezustände, d. h. Zustände von vorüber- gehender Bewußtseinsumnebclung. Es muß ferner als fest' gestellt erachtet werden, daß er bis zur Tat insofern nicht normal gewesen ist, als er zwar das Schnlpensum sich angeeignet hat, aber schon damals über seinem Wesen etwas Jungenhaftes, etwas besonders Kindisches lag. Der Bruder hat das hier ganz charakteristisch bezeichnet, indem er sa�te. Grosse war nicht so wie andre Kinder unter denselben Verhältmssen, er war so frech und un- botmäßig gegen die Mutter in einer Art, die eigentlich recht zweck- widrig war. Wenn wir annehmen, daß die Kinder dieser Familie unter annähernd den gleichen erziehlichen Verhältnissen auf' gewachsen sind, so müssen, wir sagen, daß da schon eine Störung der Entwickclung Vorhänden war und wenn die Mutter berichtet, der Lehrer habe gesagt, der Junge lernt schnell, aber er vergißt sehr schnell wieder, so ist das auch darauf zu beziehen.— Wenn wir sein Leben in der Strafzeit zusammen- fassen, so ist die Schätzung dessen, was wir über fem Seelenleben gehört haben, unendlich schwer, da er sich in der EntWickelung vom Knaben zum Manne befand, also einer Zeit, wo das Seelenleben, ich möchte sagen jedes Jahr sich ändert. Und er hat diese Ent- Wickelung unter ganz abnormen Verhälttttssen durchgemacht, weil eine Reihe von Eindrücken, die sonst unsere Lebenserfahrung festigen, für ihn im Gefängnis nicht vorhanden waren. Man wird also an- nehmen müssen, daß ein gewisses Kindischbleibcn, auch wenn er ganz normal gewesen wäre, hätte stattfinden müssen. Selbst unter dieser Annahme aber mutz man doch sagen, daß er auch in dieser Beziehung wohl etwas anderes gewesen ist als ein normaler Mensch unter den gleichen Umständen. Sein ganzes Gebaren trägt wie gesagt den Stempel einer gewissen Albernheit. Nun wird nian sagen, eö stehen sich zwei Aussagen gegenüber: die Gefängnis- beamten sagen, er war ein ganz schlauer Mensch, er lernte gut, wußte über die Lebensverhältnisse Bescheid, und andererseits sagen die Mitgefangenen: er hat einen Vogel, war dusselig, ließ sich als Bajazzo gebrauchen. Das läßt sich daraus erklären, daß er sich in Gegenwart seiner Genossen mehr gehen ließ und sich vor den Beamten mehr zusammennahm, so daß der kindische Zug seines ganzen Wesens meist zur Geltung kam. wenn er sich unbeobachtet glaubte, wie er ja auch hinter dem Rücken der Aufseher Männchen machte usw. Zu dieser etwas geistigen Zurückgebliebenheit in bezug auf die feinere Verstandestätigkeit kommt dann ein dauernder Mangel an sittlichem Gefühl. Dieser Mangel entsprang nicht etwa einer durch sein bisheriges Verhalten gezeittgten Verkommenheit, sondern er hatte von Kind auf kein Verständnis dafür, keinen Anklang von Lust oder Unlust für das Erhabene und das Schreckliche; er fühlte das nicht so wie andere Menschen. Ob er ganz absolut sittlich färben- blind, wie man so sagt, gewesen ist, ist mir fraglich, einige Herren haben gemeint, er hätte doch wohl Reste einer gewissen Scham, Ansätze zu einer Art Reue und ein Gefühl für seine Mutter gehabt. Jedenfalls aber ist dieser Mangel an sittlichem Empfinden ebenfalls etwas Krankhaftes, das, wie wir wissen, einhergeht mit Störungen der Gehirnentwickelung in der Jugend.— Wesentlich für die Be- urteilung der gegenwärtigen Frage ist nun, ob er außer diesen dauernden Störungen, diesen Defekten, noch posittve Störungen seiner geistigen Tättgkeit von kürzerer oder längerer Dauer gehabt hat. ES handelt sich da zunächst um die sogenannte Absence. Ist er ohne äußere Veranlassung ab und zu in einen Zustand traumhafter Benommenheit verfallen, in dem er Dinge tut, die scheinbar willkürlich und doch seinem Willen entrückt waren? Ich halte es auf Grund meiner genauen Untersuchungen nicht für erwiesen und nicht für wahrscheinlich. daß er solche Zustände ohne äußeren Grund gehabt hat. Zunächst habe ich das aus dem entnommen. waS er mir selbst gesagt hat, und so- dann aus einer allgemeinen Erfahrung, daß nämlich bei Epilepttkern in dem einförnngen Gefängnisleben die Zahl der Anfälle häufig ab- nimmt und die Absence verschwindet. Ich habe das in einer früheren Publikation durch einen meiner Assistenten aussprechen lassen und habe mit Interesse gesehen, daß jüngst ein Mitarbeiter von Lombroso die gleichen Beobachtungen veröffentlicht hat. Von den Zeugenaussagen spricht eine einzige für einen solchen Absence- zustand. Die Schilderung des Zeugen M.. wie er Grosse im Lazarett mit entblößten Genitalien vor allen Leuten angetroffen und dieser ihn darauf hin von oben bis unten starr angesehen habe. Das spricht für dieMöglichkeit einer Bewutztseinsnmnebelung. aber auch für dieMöglich- keit eines krankhaften Drangzustandes bei erhaltenem Bewußtsein. Etwas anderes dagegen hat er sicher gehabt, was man bei Epileptikern stets findet, eine übergroße krankhafte Reizbarkeit, nicht zu jeder Zeit, sondem nur zu bestimmten Zeiten. Schon bei gesunden Menschen geht bekanntlich die Stimmung in Wellen, wir haben Wochen und Tage, in denen wir gut gestimmt sind, und dann wieder Zeiten, wo wir gegen eine gewisse Unlust umkämpfen müssen. Dieses Auf- und Abwogen ist in viel stärkerem Maße bei diesen minder- wertigen Personen vorhanden, und es kommt bei ihnen zu Zuständen. die man als Kollerpcrioden bezeichnet. Das Volk sagt: der Mann hat seine Tour. Ich glaube nun, daß Grosse in Zeiten seiner Reizbarkeit solveit ging, daß er auf der Höhe deS Reizanfalles in Bewußtseinsumnebelung geriet. Wir schrechen schon bei gesunden Menschen von sinnloser Wut. Ich habe Grosse in der ohne ihm etwas zu suggerieren, darüber befragt Grosse, sagen Sie mal, möglich, Sie sehen den sagte er, das ist nicht und das regt mich auf. vorsichtigsten Weise, oyne ihm etwas zu und er hat mir gesagt, daß solche Zustände,"wo die Leute eine Liidfe im Bewußtsein fühlen, nicht bei ihm vorgekommen sind, aber, sagte er, Sie können mir glauben, wenn ich manchmal in Wut gerate, dann weiß ich nicht, was ich gesagt und getan habe. So meinte er, ich soll mal neulich zu einem Mitgefangenen gesagt haben, meineidiger Schurke: ich versichere Sie, ich weiß nichts davon.— Etwas weiteres, das man zu den vorübergehenden positiven Störungen rechnen könnte, ist eine Neigung zum Querulieren, und diese Neigung ist bei Grosse, nach den Atten, besonders in den letzten Jahren hervorgetreten; auch sie kennzeichnet die geistige Minderwertig- keit. Von den hier im übrigen behandelten Geschehnissen halte ich für einzig wichtig allein schon den erwähnten Vorgang im Lazarett. Was den Selbstmord betrifft, so glaube ich, können wir uns alle hier die Köpfe zerbrechen und werden doch nicht dahinter kommen, ob er ernsthaft gemeint war oder nicht. Nach den Er- fahrungen in anderen Fällen liegt die Wahrheit in der Mitte. Solche Leute befinden sich im Gefängnis leicht in einem Zustand der Unlust, daß sie denken, ach, wenn du stirbst, schadets auch nichts, und wenn sie sich in Gegenwart anderer aufhängen, was übrigens nicht so selten vorkommt, denken sie vielleicht, im besten Falle schneidet man dich ab und es wird vielleicht das Mitleid etwas erregt, aber daß das nun eine zielbewußte Vortäuschung gewesen wäre— so mutz man sich das nicht denken. Die Vorgänge mit dem Dolche und dem Sarge halte ich für vollständig irrelevant, das ist eben das Gebaren eines Menschen, der nicht reif ist und sich eventuell vor seinen Mit- gefangenen groß tun will. Das größte Unglück für Grosse ist, daß er der Träger einer cause colfebre ist, da hat er nun in seiner Minderwertigkeit geglaubt, diesem seinem„Ruhm" etwas Rechnung tragen zu müssen. Das Schlagen mit dem Kopfe gegen die Wand ist vielleicht der Ausbruch einer inneren Unlust, kommt aber auch bei nicht minderwertigen Personen vor. Ebenso irrelevant ist seine Neigung zur Selbstüberschätzung, daß er seine stenographischen Kennttttsse für besonders hervorragend hält. Was die sogenannten Sinnes- täuschungen, also die Ericheinung der Frau Levy usw. betrifft, so ist das nicht etwa gemacht, um etwas vorzutäuschen, sondern das sind augenscheinlich Reflexe von Angstzuständen. Ausgebildete Sinnes- täuschungen sind es nicht. Er hat mir gesagt, von Zeit zu Zeit schlafe ich nicht, dann denke ich über meine Strafsache nach, dann kommt nrir alles vor Augen. dann mache ich mir verschiedene Gedanken. Zuerst sagte er Phantasien. Darauf fragte ich ihn: kommt da irgend jemand, es wäre ja Ermordeten leibhaftig vor sich? Nein, der Fall, ich denke so darüber nach, Also ich meine, das sind keine aus- gesprochenen Sinnestäuschungen gelvesen, aber nicht etwa bewußte Vortäuschungen, sondern Reflexe einer Angst, über die er sich mal mit jemand aussprechen wollte. Daß er geisteskrank gelvesen ist und dauernd unter dem Einfluß von Täuschungen gestanden hat, muß ich verneinen, das sind bloße Aufblitze, und dafür hat man Analogien auch bei anderen Fällen. Es ist ja direkt eine Mörder- Halluzination, daß die Betreffenden glauben, das Opfer oder An- gehörige kommen zu ihnen, es kommt auch bei Sittlichkeitsverbrechcrn vor. daß ihnen ihre Braut erscheint und ihnen Vorwürfe macht. Das sind flüchtige Zustände, die sich auch bei Säufern und in Fieber- delirien finden. Was die Frage der Simulation anbetrifft, so glaube ich wirklich, daß Grosse Ansätze gemacht hat, seinen Zustand anders erscheinen zu lassen als er ist, stärker aufzutragen. Diese vorübergehenden Vor- täuschungsversuche sind aber so kindisch, so durchsichtig und so wenig zielvoll, daß schon daraus erneut der Schluß auf Minderwertigkeit zu ziehen ist. Ich halte den Brief mit den ausgelassenen und ver- stümnielten Worten für eine Simulation. Nach ineinen Erfahrungen halte ich es für unniöglich, daß ein Mensch im Dämnierzustaiid einen solchen Brief schreiben kann. Ich habe wiederholt Leute gesehen, die im Dämmerzustand, um ihre Angst zu entlasten, in ihre eigene Brust oder in die Arme Gedichte gekritzelt haben oder die auf eine Schiefertafel Ausführungen, die ihre Angst darstellten, oder läppische, kindische Sachen geschrieben haben. Aber so etwas wie dieses Schreiben habe ich noch nie gesehen. Ich glaube, daß er es bewußt, wenn auch nicht sehr schlau getan hat, um die Meinung zu erregen, er sei geisteskrank. Daß er dann wieder vernünftig schreibt, zeigt eben den Mangel an Energie, an geistigen Kräften, er versucht es mal, und dann läßt er es wieder. Ich weiß nicht, inwieweit er damals mit anderen Personen zusammen war, mir ist eS aber so vorgekommen. als ob da irgend ein kluger Mann sein Helfershelfer gewesen ist. der mal gehört hat, daß man Worte ausläßt oder nicht ausschreibt, wenn man Paralyse hat. Es ist merkwürdig, daß dieser Brief in den beteiligten Kreisen ziemlich bekannt ist. Was seinen Körperbefund anbetrifft, so habe ich mir darüber das erste Mal keine Notizen gemacht, um ihn nicht mißtrauisch zu machen. Die Anästhesie ist eine allgemeine, Störung der reinen Tastempfindlichkeit habe ich nach meiner Erinnerung nicht gefunden, Hornhautreflex war intakt, Riechreflex etwas herabgesetzt, Ovari hat er nicht. Also körperlich hat er keine sehr stringenten Erscheinungen ftir Hysterie. Was die epileptischen Zeichen anbetrifft, so hat er keine auffallenden Narben und keine Zungcnbisse. Dagegen hat er einen sehr hypochondrischen Zug, der mit seiner Neigung zur Selbst- befleckung zusammenzubringen ist. Sciir GeschlcchtScmpfindcn ist bewußt vorzeitig erwacht und er sagt selbst: das ist an meinem Verbrechen mit schuld, ich war so schlapp in meinen ganzen Gedanken, und er sagt, ich weiß ja, es schadet mir, ich möchte eS mir ab- gewöhnen, aber wenn ein paar Tage vergangen sind, dann kommt es über mich, dann kann ich es nicht ändern. Im übrigen ist er körperlich ganz in Ordnung. Ich halte ihn also für' dauenid geistig minderwertig und glaube, daß er in Zuständen von Erregung diese Minderwertigkeit überschreitet, daß er im Affekt geisteskrank ist. Geistig minderwertig soll heißen: ein krankhafter Zustand, der entweder das Verständnis für die Sttafwürdigkeit des eigenen Tuns oder die Widerstandskraft gegen strafbare Handlungen vermindert. Ich habe in einem Gutachten für den Juristentag seinerzeit noch hinzufügen wollen: wesentlich vermindert. Das bin ich überzeugt, ist bei Grosse der Fall. Wenden Sie das auf den Strafvollzug an, so hat er ein venninderteS Verständnis für die Erfordernisse des Strafvollzuges, er läßt das Gefängnis das ent- gelten, waS seiner Meinung nach das Gericht an ihm verschuldet hat. Er hat mir gesagt, ich habe zuviel vom Gericht bekommen. Also einerseits ist ein Mangel an Verständnis dem Strafvollzug gegen- über, ein Mangel an Reue zu verzeichnen, andererseits eine ver- minderte Widerstandskraft gegenüber den Anforderungen der Disziplinar- ordnung. Es wirkt auf ihn, sowohl wenn man ihm Vergünstigungen gibt, als auch wenn er disziplinarisch bestraft wird, aber diese Wirkung ist vermindert, man muß ihn nicht für voll nehmen, nicht jedes Wort von ihm auf die Goldwage legen und wenn er im Affekt handelt, muß man gar nichts sehen und hören und muß ihn als krank behandeln. Darf ich nüch nun noch äußern über seine Strafvollzugsfähigkeit? (Präsident: Bitte!) Darüber wird man in den Kreisen der Aerzte die verschiedensten Meinungen hören. Der eine wird sagen, er muß schon in die Irrenanstalt kommen, der andere wird die Notwendigkeit verneinen. Ich würde auf die Frage, ob er in eine Irrenanstalt kommen soll, sagen:»och nicht. Mich leiten dabei die verschiedensten Gründe. Ist es etwa inhuman, wenn ich einen solchen Menschen im Gefängnis lasse? Da muß ich sagen, nein, das ist es sicher nicht. Denn es ist Grosses nächstes Interesse, über die Strafe hinwegzukommen. Die Ucberführung in die Irrenanstalt wird ihm vielleicht für den Augenblick ein subjektives Wohlbefinden schaffen, denn seine Reizbarkeit wird kolossal zurücktreten, aber eine Verlängerung der Strafe ist das härteste, was für ihn in Betracht kommt. Bei denjenigen, die wegen Minderwertigkeit oder wegen ausgesprochener Geistesstörung einer Irrenanstalt überwiesen werden, zählt der Aufenthalt dort nicht als Strafe. Wir haben Leute, We 16 Jnhre in der Irrenanstalt gewesen sind und dann wieder zurttckkoinnicn ins Gefängnis und ihre Strafe abbüßen. Ich mutz sagen, lieber eine ununterbrochene Strafverbützung, das est für das Geistesleben, wenn es überhaupt noch zu retten ist, besser Ich halte es für möglich, datz er, trotzdem sich sein Zustand in jüngster Zeit verschlechtert hat, über die noch siebenjährige Strafe hinwegkommt. Ich habe ähnliche Fälle gesehen. Nu» wird gesagt, der Mann ist minderwertig, er ist für die Gesellsckiaft verloren und ist am besten dauernd in einem Jrrenhanse aufgehoben. Auch solche Fälle kommen vor, sie sind aber nicht die Regel. Es findet bei solchen Minderwertigen in späteren Lebensjahren eine langsame NaH reife statt, sie werden keine grotzen Geister, sie können sich aber besser in die Rechtsordinnig finden. Ich habe solche Fälle erlebt. Ein Epileptiker, der eine lange Strafe durchgemacht hat und auch in der Irrenanstalt war, ist jetzt verheiratet, treibt ein Hand- Werk und hält sich tatsächlich gut. Also vom rein ärztlichen Stand- Punkt ist es für Grosse am besten, man hält ihn in der Strafe. Nun ist die Frage, ob nicht die Strafe als solche einen schädlichen Einflutz auf ihn hat. Es ist zweifellos, datz die Strafe anders auf den Minderwertigen als auf den Gesunden wirkt. Wenn man auf ihn als Minderwertigen noch so sehr Rücksicht nimmt, so wird man ihm doch im Rahmen der Strafe manchmal niehr zumuten, als er leisten kann. Das sage ich ganz im allgemeinen: es wird wohl mal mit ärztlicher Zustimmung eine Disziplinarstrafe verhängt für eine Handlung. die autzerhalb des freien Willens stand. Das mutz man mit in den Kauf nehmen. Andererseits haben solche Personen auch Vergünstigungen. Grosse hat es jedenfalls im Gefängnis nicht schlecht gehabt. Alle, die ihn für einen Simulanten hielten und auch die seinen Zustand genauer geschätzt haben, haben das Gefühl gehabt, er ist nicht vollwertig und haben ihn nachsichtig behandelt. Im Laufe von acht Jahren hat er, glaube ich, nur 14 Disziplinarstrafen bekommen, manchmal ein bis zwei Tage Kost- Verlust, die sicher seinen Zustand nicht so sehr geschädigt haben. Man hat ihn auch nicht gereizt, indem man ihn anranzte oder zu sehr mit der Moral- und Gcmütspanke auf ihn losging, kurz, ich glaube, datz der Strafvollzug keine sehr wesentlichen Nachteile für ihn gehabt hat. Wenn ich sagte, datz sich sein Zustand verschlimmert hat. so schiebe ich die Schuld auf diesen Prozetz. Aus Erfahrung weiß ich, datz alle Dinge, die autzerhalb des Strafvollzuges liegen, das Gemüt solcher Minderwertigen aufregen. Wir haben Minderwertige, die sechs, acht Jahre eine Strafe verbiitzen, da schickt ihnen vielleicht die Frau die Ehescheidungsklage, oder es konimt eine Nachtragsanklage usw., dann ist es aus mit ihnen. Dieser Gedanke: über dich wird ver- handelt, die Hoffnung, die der Betreffende daran knüpft, der Freiheitsdrang, den jeder Minderwertige und Vollwertige nach einer gewissen Strafzeit hat, bringt für ihn starke seelische Aufregungen mit sich. Deshalb kann ich aus meinem ärztlichen Gewissen heraus nicht raten, Grosse hier vorzuführen und ich habe auch gelvisse Bedenken gegen eiue Untersuchung durch mehrere Sachverständige. Ich denke dabei an folgenden Fall. Wir hatten einen Menschen, der wegen Mordes zum Tode verurteilt werden sollte und zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt wurde, einen Minderwertigen, der mit 18 Jahren ins Zuchthaus kam. ES tauchten Zweifel auf an der Richtigkeit des Urteils und nach neun oder zehn Jahren war die Sache so weit, datz ein Kriminalkommissar, der mit der Untersuchung betraut war, es für notwendig hielt, mit ihm Rücksprache zu nehmen. Man hätte denken müssen, datz die Hoffnung auf Aufhebung des Urteils den Mann stolz macheu mutzte, aber am nächsten Tage war er geisteskrank. Er erklärte, ich bin freigesprochen und wünsche die Äufseherstelle anzunehmen, die man mir versprochen hat. Auch in einem anderen Falle, in dem eS sich um Wiederaufnahmeverfahren handelte, haben wir einen Mann für verhandlungsfähig erklärt, aber im Gerichtssaal war er ein voll- ständig verwirrter Geisteskranker. Wir hatten uns mit unserem Gutachten blamiert. Das ist das, was ich zum Fall Grosse zu sagen hätte. Von feiten des Vorsitzenden, des Staatsanwalts und der Rechtsanw. Dr. Liebknecht und Dr. Low enstein werden eine grotze Anzahl Fragen an den Medizinalrat Dr. L e p p m a n n gerichtet. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt der Sach- verständige: Ich kann meiner vollsten Ueberzengung nur dahin Ausdruck geben, datz ich auf Grund der Tatsachen, von welchen ich durch die bisherige Beweisaufnahme Kenntnis erhielt und auch durch meine eigenen Beobachtungen keinerlei Dinge wahrgenommen babe, durch die man feststellen kann, datz sich Geh. Med.- Rat B a e r eines Kunstfehlers oder einer Pflichtwidrigkeit schuldig gemacht hat.— Rechtsanw. Dr. Liebknecht glaubt den Sachverständigen auf einige ganz widersinnige Handlungen des Grosse aufmerksam machen zu müssen, die doch über den Geistes- zustand des Grosse gewisse Zweifel aufkommen lietzen. Anlätzlich eines Gesprächs, welches Grosse mit dem Lehrer Erfurth hatte, äutzerte G. viele revolutionäre Ideen und versuchte bei dem Lehrer Anklang zu finden. Dies erscheint doch wohl etwas sonderbar. � Mcd.-Rat L e p p m a n n erklärt das eigenartige Benehmen danut, datz die meisten Gefangenen den Arzt und auch andere Au- staltsbeamten für eisten„Ausgekochten" halten, dem sie ihr ganzes Vertrauen entgegenbringen können.— Auch aus der kolossalen Selbstüberhebung, die Grosse vielfach jju- tage legte, glaubt Rechtsanw. Dr. Liebknecht zum mindesten erne Minderwertigkeit folgern zu können. Der Sachverständige sieht in dieser Beziehung nur einen läppischen, kindlichen Uebertreibcr in Grosse. Antzerdem ist es. allgemein bekannt, datz die Gefangenen sich gegenseitig zu imponieren versuchen.— Rechtsanw. Liebknecht: Sie schilderten uns vorhin einen Vorfall, Herr Sachverständiger, bei welchem ein plötzlich geisteskrank gewordener Gefangener am nächsten Morgen in seinem Wahne Gefangenenausseher werden wollte. Ein fast gleichliegender. Vorfall ist uns ja aus dem Leben Grosses be- kannt. Grosso äutzerte wiederholt, er wolle Pastor in der Anstalt werden. Kann man nicht.hieran auch verschiedene Folgerungen knüpfen? S a ch v e r st.: Wie ich mich in meinem Gutachten aus- pihrlich geäutzert hatte, handelte es sich bei Grosse in keinem Falle um eine tief eingewurzelte Sinnestäuschung, die bei ihm wieder und immer wieder aufgetaucht ist, wie dies in jenem von mir zur Illustration herangezogenen Falle geschehen rst. Eine besondere Bedeutung hat der auf Grosse bezügliche Vorfall nicht.— Lieb- knecht: Herr Sachverständiger, kann man ausdem Aufzeichnen derMord- Werkzeuge, einige Beile und der Worte„Blut, Blut" ec. nicht auf gewisse Zweifel an derZurcchnnngsfähigkeit des G. schließen?— S a ch v e r st.: Nein, in gewissen Kreisen ist es allgemein üblich, Dolche und Beile zu zeichnen und sich die gleichen Zeichnungen auf den Körper zu tätowieren. Die Tätowierungen auf den Armen zeigen gewöhnlich immer Messer, Dolche, Beile und andere Werkzeuge, vielfach finden sich auch noch Sätze wie: Einen Tod kann nian nur sterben. Ein weiteres Motiv, warum er die Zeichnungen der Mordwerkzeuge an- gefertigt hat, glaube ich darin zu finden, datz Grosse von jenem Tage an die Zubutze versagt worden war. Aus Aeraer und im inneren Un- willen hierüber hat G. wohl dann die Mordinstrumente gezeichnet. Weiter äntzert sich der Sachverständige dahin, datz der heutige Straf- Vollzug für Minderwertige nur ein Notbehelf ist. Es sei ein Zu- stand, der abgeändert werden müßte, aber nicht dadurch, daß die Leute in Irrenanstalten gebracht werden, sondern datz sie in beson- deren kolonialen Anstalten einem modifizierten Strafvollzug unter- worfeir werden müßten. Man müßte eine Art von Zwischenanstalien für solche Personen schaffen. Die Zahl der Minderwertigen ist sehr groß. Der Fall Grosse ist nicht nur eii: Ausnahmefall. In Moabit haben 1893 bis 1894 8 Proz. der Gefangenen epileptische Anfälle gehabt, direkt erblich belastet waren 3V Proz. Rechtsanw. Dr. Liebknecht: Welche medizinischen Voraus- setzungen nehmen Sie für die Strafvollzugsfähigkeit an? Medizinalrat Dr. Leppmann: Die Voraussetzung für die Strafvollzugsfähigkcit ist, datz keine so umfangreiche Störung bei Geistestätigkeit vorliegt, datz der Gefangene jeder Möglichkeit eines Verständnisses für Schuld und Strafe und jeder Fähigkeit, sich der Disziplin unterzuordnen, beraubt ist. So ist es ausgedrückt in Krohnes„Lehrbuch für Gefängniskunde". Ich hatte zunächst dagegen gewisse Bedenken, habe mich aber im Lause der Jahre überzeugt, daß bei dem gegenwärtigen Gesetzesstandpunkt dies die einzig gang- bare Richtschnur ist. Rechtsanw. Dr. Liebknecht: Ist diese Auffaffung in einem bestimmten Gesetze begründet? S a ch v.: Nein, es heißt in der Strafprozeßordnung: Die Vollstreckung der Freiheitsstrafe ist aufzuschieben, wenn der Ver- urteilte in Geisteskrankheit verfallen ist. Das gilt nur für Strafen, ivelche noch nicht begonnen haben. Dagegen bei Strafen, die schon begonnen haben, würden reine Verivaltungsmatzregeln stattzufinden haben. Wenn früher jemand geisteskrank wurde, kam er in eine öffentliche Irrenanstalt, und wenn festgestellt wurde, datz keine Heilung vorhanden war, so wurde der Mann aus der Strafe entlasten und wurde ein Objekt der öffent- lichen Armenpflege. Solche Gefangene, von denen nicht fest- zustellen ist, ob sie geisteskrank sind oder nicbt, werden jetzt zur Beobachtung in die Jrrenabteilung unserer Gefängnisse geschickt und kommen dann eventuell. wieder zurück in die Strafabteilung. Die Zeit, die sie in unserer Irrenanstalt verbringen, zählt als Strafe, während, wenn wir sie in eine öffentliche Irrenanstalt entlassen, die Zeit, die sie hier verbringen, nicht mitzählt. Rechtsanw. Liebknecht: Sind solche Matznahmen auch üblich in Gefängnissen, die der Justizverwaltung unterstehe»? S a ch v e r st.: Das weiß ich nicht. Irgend welche gesetzlichen Bestimmungen nach der Richtung gibt es nicht. Auf eine Frage des Rechtsanwalts Dr. Löwenstein erklärt der Medizinalrat Dr. Leppmann, datz die Auseinanderdatierung der von Grosse geschriebenen Briefe durch den Angeklagten Ahrens nur die Folge haben konnte, die geistige Minderwertigkeit Grosses als weniger schlimm erscheine» zu lassen. Nunniehr erstattet sein Gutachten Medizinalrat Dr. Koenig: Mein Gutachten wird sich stützen auf das grotze Material, das in dieser Verhandlung zur Sprache gekommen ist, und dann auf meine allgemeinen Ersahrungen aus einer sehr grotzen Anzahl ähnlicher Fälle. Ich möchte zunächst in großen Zügen das Krankheits- bild Grosses so darstellen, wie es sich mir im Laufe der VerHand- lungen gebildet hat. Wir haben in Grosse einen hereditär schwer belasteten Menschen vor uns, welcher wahrscheinlich bereits von Geburt an, jedenfalls aber noch in frühester Jugend, sechs Monate nach der Geburt, an einer offensichtlichen organischen Gehirnerkrankung gelitten hat. Diese Gehirncrkrankung, die man nicht notwendig bei der Sektion mit bloßem Auge sehen mutz, fiihrt zu sehr verschiedenen klinischen Bildern. Es ist dieselbe Erkrankung, welche in so zahlreichen Fällen zu vollständiger Verblödung führt. Es ist meines Erachtens in mancher Beziehung bedenklich, einen scharfen Gegensatz zu machen zwischen Minderwertigen und Geistes- kranken. Wir müssen bedenken, daß alle Minderwertigen, auch die Idioten, keine Geisteskranken im eigentlichen Sinne sind. Unter den Insassen einer Jdiotenanstalt kann man eine lange Stufenleiter vom tiefsten Blödsinn bis hinauf zum leichten Schwachsinn finden, aber alle diese Zustände beruhen auf derselben Erkrankung des Ge- Hirns, es handelt sich blotz um graduelle Unterschiede, und es ist deshalb im einzelnen Falle sehr schwierig zu sagen, wie weit der Betreffende verantwortlich zu machen ist für seine Hand- lungen.— Grosse hat, wie gesagt, bereits im sechsten Monate typische epileptische Anfälle gehabt und diese An- fälle haben sich von Zeit zu Zeit iviederholt. Wenn ivir die Anamnese dieser schwachsinnigen Idioten durchgehen, finden wir außerordentlich häustg, datz die Kinder sehr spät anfangen zu sprechen. So hat auch Grosse erst im vierten Jahre angefangen zu spreche» und er soll noch im siebenten sehr unvollkommen gesprochen haben. Autzerdem soll Grosse an Koos- schmerzen gelitten haben und war schon als Kind sehr eigentümlich. Diese Gehirnerkrankung har also nicht blotz zu epileptischen Anfällen geführt, sondern sie ist auch daran Schuld, datz die ganze geistige Ent- Wickelung Grosses eine so eigentümliche geworden ist. Infolge der Krämpfe hat er nach Angabe der Mutter sogar einmal eine Stelle verloren. Wenn man alles das sich vor Augen hält, was über sein Ver- halten im Gefängnis bekannt geworden ist, so sind da erstens Zustände vorgekommen, die entschieden als pathologische Wutzustände angesehen werden müssen. Diese Wutzustände kommen sehr häufig bei Epileptikern vor, auch ohne datz sie Anfälle haben, gewisser- maßen als Aequivalent derselben. Es ist sehr wichtig, hervorzu- heben, datz in diesen Wutzuständen das Bewußtsein durchaus nicht aufgehoben zu sein braucht. Es kann vorkommen, daß der Be- treffende in eine derartige Wut gerät, datz er nachher absolut nicht weiß, was er getan hat; es ist aber nicht nötig. Ich möchte da einen Fall erwähnen, der mir vor einiger Zeit vorgekommen ist. Ein junges Dienstmädchen, das im Leben ganz gut fortgekommen war und nur leicht schwachsinnig ivar, wurde wegen eines Diebstahls angeklagt. Er ist ihr bis jetzt nicht nachgewiesen. In der Gerichts- sitzung wurde sie nun derartig erregt und schimpfte in einer Weise auf die Mitglieder des Gerichts, daß die Herren selbst stutzig wurden und sie auf ihren Geisteszustand untersuchen lietzen. Es ist bei solchen Personen, wie ivir es ja auch bei Grosse gehört haben, sehr häufig der Fall, datz sie bei einer solchen Gelegenheit in einen der- artigen Erregungszustand versallen, daß sie für das, was sie tun, nicht verantwortlich zu machen sind. Die Kranke kam zu uns nach Dalldorf zur Beobachtung und es war sehr interessant, wie sie die Wutanfälle erklärte. Wenn sie sie nicht hatte, war sie ein sehr nettes Mädchen. Sie gab an. sie sei immer so heftig gewesen und habe deswegen-oft Stellen verloren. Sie tagte: es steigt mir das Blut zu Kopse und es wird mir so heiß, die Augen tränen mir und wenn ich meinen Aerger nicht auslassen kann, dann wird mir schlecht und ich zittere. Das ist sehr charakteristisch. Diese Hysterffchen, die solche Anfälle be- kommen, lassen ihrer Wut vollständig freien Lauf, weil sie wissen, daß es ihnen gut tut. Sie sagte, ich schäme mich selbst der Wut- anfalle, aber wenn ein solcher Anfall vorüber ist, fühle ich mich wie neu geboren. Das ist dieselbe Erfahrung wie bei Leuten, die krank- hafte Zwangsvorstellungen haben und zu impulsiven Handlungen da- durch verleitet werden: sie fühlen sich erleichtert nach der Tat. Das Mädchen erzählte, � sie habe sich im Geschäft einmal über eine Kollegin geärgert und wollte sie verhauen. Sie wurde daran verhindert und infolgedessen wurde sie ohnmächtig vor Wut und war mehrere Tage krank. Ich habe damals das Gutachten abgegeben, datz diese Zustände epileptischer Natur waren und daß sie nicht in der Lage war, die Folgen der Tat zu übersehen. Dem, was Herr Medizinalrat Leppmann über die Absenzen ge- sagt hat, kann ich im grotzen und ganzen beistimmen. Es sind verschiedene Dinge vorgekommen, die den Verdacht berechtigt er- scheinen lassen, datz diese Zustände zu den sogenannten Fällen von ?stit mal gehören, die nach einigen Sekunden vor- übergehen. Ich hebe hervor das Onanieren oomn publico. Was die Halluzination en anbelangt, so haben wir durch die Untersuchungen des Herrn Kollegen Schultz die dankenswerte Mitteilung erhalten, datz das Schmerzgefühl bei Grosse, selbst wenn man ihm die Haut mit einer Nadel durchbohrte, wenigstens vor- übergehend aufgehoben war. Eine derartige Anästhesie ist stets ein Beweis, datz dieselbe durch Hysterie, also durch eine Psychose kompli- ziert ist. Dieses Symptom allein ist wichtig genug für eine schwere Hysterie. Die schwere Hysterie dokumentiert sich sehr häufig in der gleichen Weise wie bei Grosse. Es kommen da diese läppischen, törichten Scherze vor und zu Hysterie gehört auch eine gewisse Simulation. Datz jemand simuliert, ist nämlich noch kein Beweis, datz er nicht krank ist. Selbst bei solchen Leuten, die nie mit dem Strafgesetz in Konflikt gekommen sind, ist Simulation eine sehr häufige Komplikation. Eine Tatsache gibt es übrigens bei Grosse, von der ich mit an Gewißheit grenzender Wahrscheinlichkeit be- haupten kann, datz sie nicht simuliert ist und es ist sehr wichtig, wenn man auch nur eine, solche Tatsache hat. Wenn ich recht verstanden habe, hat Grosse einmal gejagt, ich sehe rot vor den Auge n. Nun, das ist bei Hysterie sehr häufig, die Patienten sehen Feuer und sehen Farben und zlvar kommt das häufig vor als Ein- leitung eines Anfalls. Es kommt aber auch vor, ohne datz ein Anfall folgt. Ich halte es nicht für wahrscheinlich, daß Grosse gewußt Hot, daß dies Rotsehen bei Hysterie vorkommt. Was seine anderen Aeutzerungen betrifft, so können sie gemacht sein, jedenfalls stehen sie nicht im Kontrast mit dem Krankheitsbilde. Wenn wir auf die Intelligenz Grosses zu sprechen kommen, so tritt hier in den Vordergrund, das kann nicht genug betont werden, das absolute Fehlen einer jeden ethischen Vorstellung. Wir haben, glaube ich, alle verstanden, datz diese ethischen Defekte nicht aus der Erziehung entstanden, sondern angeboren sind und sie finden sich sehr häufig bei Leuten mit epileptischem Gehirn. Dem Manne fehlt jeder Begriff über das Scheußliche eines derartigen Mordes. Früher hat man von moral insanitz, gesprochen. Man hat diesen Ausdruck fallen gelassen, weil es sicher ist, daß alle diese Leute auch noch andere Störungen zeigen. Das Gehirn ist nie partiell erkrankt. sondern immer im ganzen. Die Tatsache, datz Grosse diesen totalen Defekt in ethischer Beziehung zeigt, steht durchaus nicht im Gegen» satz mit einer gewissen Intelligenz und Bildungsfähigkeit, einem ge» wissen savoir vi vre. im Gegenteil ist durch eine reiche Erfahrung festgestellt, datz diese beiden Gegensätze neben einander bestehen können. Ich erinnere an den bekannten Maler, den sogenannten Katzenraphael, der sonst wirklich ein Idiot war, aber doch in dieser einen Beziehung Hervorragendes geleistet hat. Wir finden in Jdiotenanstalten Leute, die so gut rechnen können, wie wahrscheinlich niemand von uns. Auch bei Grosse ist die Begabung ziemlich ein» seitig, wenn auch nicht so ausgesprochen. Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, dieser Gegensatz allein zwingt uns. Grosse in eine ganz bestimmte Klasse dieser Gehirnkranken zu tun. Wenn ein derartiger Mensch, der an einer solchen schweren Ge» Hirnerkrankung leidet, außerdem noch häufig, abgesehen von seiner chronischen Reizbarkeit, periodenweise diese Wutanfälle, diese Sinnes- täuschungcn zeigt, dann entsteht die Frage, ist ein solcher Mann dauernd für die Folgen seiner Handlung verantwortlich zu machen? Ich bin nicht in der Lage, generell hierüber eine Meinung abzu- geben, man mutz diese Fälle individualisieren. Was Grosse an» betrifft, so mutz ich allerdings sagen, datz ein Mensch, der einen der» artigen ethischen Defekt hat, der an derartig schweren Zufälle» leidet, die so häufig auftreten, aller Wahrscheinlichkeit nach dauernd unvermögend ist, die Folgen seiner Handlung zu überlege». Es ist uns unmöglich, in den Mechanismus des Gehirns soweit einzu» dringen, datz wir es verantworten könnten zu sagen, es ist ihm unmöglich, die Folgen zu überlegen, aber in dubio würde ich ihn für nicht verantwortlich erklären. Was die vom Herrn Medizinalrat Leppmann angeregte Frage betrifft, so weiß ich sehr wohl, daß viele Kranke aus der Irren- anstalt wieder ins Zuchthaus zurückwollen. Sie sagen sich, hier in Dalldorf kommen wir nie heraus, in Moabit brummen wir unsere Strafe ab und sind dann frei. Es ist mir vorgekommen, datz ein Mann unrichtigerweise behauptete, er hätte simuliert, nur um aus der Irrenanstalt herauszukommen. Ich weiß auch, datz derartige Leute unter Umständen ohne Schaden ihrer Gesundheit im Ge» fängnis verbleiben können, namentlich wenn, wie im Falle Grosse, die nötige Rücksicht genommen wird, kann man sie durchlavieren. Aber wenn ich als Arzt gefragt werde, ob ein derartiger Mann ins Gefängnis gehört, dann mutz ich das doch verneinen. Ich gebe also mein Gutachten darin ab, daß Grosse an einer organischen Er- krankung des Gehirns leidet, welche zu schweren Störungen geführt hat, die derartig sind, datz ich ihn für geistig krank im Sinne des S 51 St. G. B. halten muh. (Schluß im Hauptblatt.) Eingegangene Dmchrcbriften. Tätigkeitsbericht des Vorstandes und Ausschusses des rheinisch-west- fälischen Ausbreitungsverbandes der deutschen Gewerkoereine vom 1. Jan. bis 31. Dez. 1904. 72 Seiten. Selbstverlag des Ausbreitung sverbandeS in Düsseldorf. Am 1. Juni verstarb am Herz- l schlage mein lieber Mann und | guter Vater, der Tischler Paul Meime. Um stilles Beileid bitten vis lrsusrnlisn iiinterdllsdsnon. Beerdigung Dienstag, 6. Juni, abends 7 Ubr, auf dem Britz er Gemeindekirchhose. 22386 Deutscher Holzarheiter-Verhand. Zahlstelle Nixdorf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege Alv lu« am 1. Juni verstorben ist. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 6. Juni,«ach- mittags 7 Uhr von der Halle des Britzer Kirchhofes aus statt. Um zahlreiches Erscheinen er- sucht 86i1S Ol« Orteverwaltung, Allen Freunden und Kollegen die traurige Nachricht, daß am 3. Juni, morgens 2Y, Uhr, meine gute unvergeßliche Frau Lwilie Hausknecht gcb. Walsch von ihrem langen schweren Lei- den durch den Tod erlöst wurde. Um stilles Beileid bittet der kauernde Gatte llrnet Hausknecht, Putzer. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 6. Juni, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Emmaus-Kirchhoses aus statt. 3344S Deutscher Holzarbeiter-Verband. Den Mitgliedern zur Nach- richt, daß der Kollege Otto fnezfisg am Sonnabend, den 3. Juni, verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Dienstag, den 6. Juni, nach- mittags 5 Uhr, vom Moabiter Krankenbauje aus nach dem Heilandskirchhosej» Plötzensce statt. Um rege Beteiligung ersucht 86/15 Oie Ortsverwattung. Dr. Simmel, Sr«; spczialarzt sür 9/12, Bant- nnd Harnleiden. 10—2, 5—7. Sonntags 10-12. 2-w4. Danksagung. zahlreiche Beteiligung und bei der Be- Für die die vielen Kranzspenden erdigung unseres unvergeßliche» Sohnes, des Schmiedes Otto Rost sagen wir allen Beteiligten unseren tiesgcfühltesten Dank. 33432 Oie trauernilen Eitern nebst Brüdern und Geschwistern. 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In eingehender Diskussion wurde die Errichtung dieses Verbandes allseitig gutgeheißen und seine Aus- gestaltung zu einer echt gewerkschaftlichen Organisation mit bc- stimmten Forderungen für die Regelung des Anstellungsvcrhältnisses und Unterstützungseinrichtungen gefordert. Man beschloß, zu dem Statutentwurf zu beantragen: 1. Erhebung eines Jahresbeitrages von 12(im Entwurf nur 4) M.; 2. Einführung der Versicherung gegen Stellenlosigkeit; 3. als Forderungen an die Vereine:») Ueber- nähme von Umzugskosten durch den anstellenden Verein, d) Regelung der Krankenversicherung durch die Vereine, c) Ersatz der periodischen Neuwahl der Vorstandsmitglieder durch feste Anstellungsverträge. Die Anträge auf Uebernahme der Umzugskosten und der Kranken- Unterstützung auf den Verband wurden abgelehnt. Der Geschäftsführer des Konsumvereins Adlershof teilte mit, daß die Ortskrankenkasse ihn, trotz eines Gehalts von weniger als 2000 M., als Pflichtmitglied abgewiesen und gegen die seine Ver- sicherungspflicht anerkennende Entscheidung des Kreisausschusscs Klage beim Amtsgericht erhoben habe. � In der Sitzung der Aufsichtsratsmitglieder besprach Mücke- Berlin an Hand von 12 von ihm aufgestellten Thesen das Verhältnis von Aufsichtsrat und Vorstand, Verbandsdirektor Neudeck die Durchführung der dem Aufsichtsrat obliegenden Revisionen und Kontrollen. Der Verbandstag selbst wurde vom Verbandsdirektor Neudeck eröffnet, der mitteilte, daß die eingeladenen Behörden: die Regierung in Potsdam und das Berliner Polizeipräsidium die Einladung nicht beantwortet haben. Der Vorsitzende wies im Anschluß an seinen gedruckt borliegenden I a h r e s b e r i ch t hin auf das kräftige Wachstum des Verbandes. Von den 42 Vereinen, die Ende 1903 angeschlossen waren, sind 2 infolge Auflösung ausgeschieden(Eberswalde und Berlin-Rixdorf). Beigetreten sind bis Ende 1964 13 Vereine, gegenwärtig gehören bereits 62 Vereine zum Verband. Zur S t a t i st i k haben 48 Ver- eine berichtet, die 64 136 Mitglieder zählten. Bei der Waren- Verteilung waren in 166 Verkaufsstellen 425, in der eigenen Pro- duktion(in 6 Vereinen) 44 Personen beschäftigt. Der Umsatz im eigenen Geschäft betrug 16 579 614 M... der Ueber- sch u ß nach Abzug der Unkosten(darunter 161 316 M. Steuern) 986 574 M. An Mitgliederguthaben waren vorhanden 927 674 M.. wozu 523 336 M. Spareinlagen und III 686 M. Hausanteile kamen; an Reserve- und sonstigen Fonds 397 666 M. Grundbesitz hatten 14 Vereine im Werte von 1 338 629 M.; er war mit Hypotheken in Höhe von 561 464 M. belastet. Im VerbandSbezir! bestehen zwei EinkaufSvercinigungen(Mark Brandenburg und Lausitz), die für die Verbilligung dcS Bezugs wie für die genossenschaftliche Auf- klärung, namentlich der lungeren Vereine, wertvoll sind. Die Berichte der einzelnen Vereine wiesen in der Mehrzahl der Fälle kräftiges Vorwärtsschreiten auf. In der Berliner Gegend weisen die meisten Vororte(Adlershof, Friedrichshagen, NowaweS, Tegel) kräftige EntWickelung auf, während Berlin selbst, Charlottenburg, Spandau über Stillstand in- folge mangelnden Interesses der organisierten Arbeiterschaft klagen. Fast allgemein waren hier die Beschwerden über die„neutrale" Haltung des„Vorwärts", der viel zu wenig die Genossenschafts- bcwegung unterstütze. Gerade in Berlin mit seinen besonders schwierigen Konkurrenzverhältnissen und dem herrschenden Rabatt- schwindel sei eS nottvendig, daß die organisierte Arbeiterschaft nach- haltig für die Genossenschaft eintrete und sie als vollberechtigtes Glied der wirtschaftlichen Arbeiterbewegung anerkenne. Auch über Gegnerschaft in der politischen Organisation wurde Beschwerde geführt. Schluß gegen 8 Uhr abends. Es folgte Kommers, der glänzend verlief, doch vermißte man auch hier die eingeladenen Ber- trauenspcrsonen der Berliner Arbeiterschaft. Die zweite Sitzung fand statt Sonntag um 16?L Uhr im Volkshaus Charlottenburg. Nach Genehmigung der Jahresabrechnung hielt Verbands- sekretär Kaufmann einen Vortrag über daS genossenschaft- licheArbeitSverhältnis. Er führte auS, daß die Genossen- schaften in immer stärkcrem Maße als Arbeitgeber auftreten. So beschäftigten die 725 Vereine, die für das Geschäftsjahr 1964 zur Statistik des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine berichteten (im Vorjahre 639), bei einer Mitgliederzahl von 649 588(575 449) und einem Umsatz von 262 646 189(176 456 549) M., wovon 17 692 686(14 712 751) M. aus eigener Produktion, insgesamt in der Warcnverteilung 6686(2712 männliche, 3974 weibliche) Personen (im Vorjahre 2428 männliche, 3368 weibliche), in der Produktion 1595( 1261 männliche, 394 weibliche) gegen 1344(1643 männliche, 361 weibliche) im Vorjahre, zusammen 8281 Personen, 1266 mehr als im Vorjahre. Aus dieser EntWickelung sind die Konsequenzen zu ziehen und die entsprechenden organisatorischen Einrichtungen zu schaffen. In der Genossenschaft müsse der Gegensatz zwischen Arbeiter und Arbeitgeber durch weitsichtige Berechnung möglichst vermindert, der Preis der Arbeit gesteigert und dafür Qualitätsarbeit gefordert werden. Der Gegensatz werde in seiner Schroffheit schon dadurch gemildert, daß die Arbeitgeberschaft hier überwiegend gewerkschaftlich organisierte Arbeiter, andererseits die Angestellten, als Vereins- Mitglieder, auch am Gedeihen dcS Betriebes und an nicht über- ieuerten Preisen interessiert seien. Aus diesen Gründen verbiete sich der Weg der Lohnkämpfe, an deren Stelle gütliche Ver- einbarung von Organisation zu Organisation zu treten habe mit dem Ziele: vorbildliche Arbeitsbedin- gungen und vorbildliche Arbeitslei st ung; kurze Arbeitszeit und hoher Lohn— dafür qualitativ und quantitativ intensive Arbeit. Die teuerste Arbeit ist die billigste, wenn auch schwache und junge Vereine noch nicht im stände sind, solche Qualitätsarbeit zu bezahlen. Hier müßten die Angestellten wie alle Mitglieder eine Zeitlang Opfer bringen, um nicht durch Uebersetzung der Unkosten die EntWickelung des Vereins und damit die Be- schäftigung weiterer genossenschaftlicher Angestellten zu menschen- würdigen Bedingungen zu hemmen. � Die Tarif Vereinbarungen liegen im Interesse beider Teile- Dabei ist zu beachten, daß die Konsumvereine Angehörige ver- schiedener Branchen beschäftigen und möglichst gleichartige' Arbeitsbedingungen für alle schaffen müssen, so bezw. der Einstellung und Entlassung, der Schlichtung von Differenzen, der! Gewährung von Ferien, der Schaffung sanitärer Einrichtungen und' der Anwendung des§ 616 B. G. B. Die Arbeitszeit wird in den einzelnen Berufen wie auch der verschieden hohen Technik ent- sprechend(z. B. Groß- und Kleinbäckerci) verschieden sein. Für! die Lohnbemessung muß ein Minimallohn mit prozentualen� OrtSzuschlägcn festgesetzt werden. Eine Grundlage bietet der Buch- druckertarif. Die Aufgaben der Genossenschaft gehen aber noch weiter. Der Angestellte soll zum Beamten der organisierten Konsumenten werden, daher auch über die Dauer des Arbeitsverhältnisses hinaus versorgt sein. Daher sollen alle leistungsfähigen Vereine die vollen Beiträge zur Reichsarbcitsversicherung tragen und durch Selbsthülfe weitergehende Fürsorge für Invaliden, alte Arbeiter und die Hinterbliebenen geschaffen werden. Die Schaffung der geplanten U n t e r st ü tz u n g s- V e r e i n i g u n g und der An- schluß an diese ist daher soziale Pflicht der Genossenschaften. Der Vorstand fand cbhaften Beifall. In der D i S k u s s i o n betonte Herr B a r t h die Notwendigkeit, auch den Vorstandsmitgliedern angemessene Bezahlung zu sichern und die Gehaltsfestsetzung von der Generalversammlung auf den Aufsich'tsrat zu übertragen. Lamm- Berlin stellte die Frage nach dem Werte der G e w i n n b e t o i l i g u n g. die von dem Referenten ablehnend beantwortet wurde. Der Vcrbandstag hat gezeigt, daß auch im östlichen Deutschland die EntWickelung des Genossenschaftswesens äußerlich und innerlich fortschreitet. Möge den kleinen Anfängen, die heute noch zu ver» zeichnen sind, bald ein kraftvoller Aufschwung im großen Stile folgen. vor allem in Berlin selbst, dem Vorort der deutschen Arbeiter- bewegung, der auf diesem Gebiete leider noch immer hintansteht. Stoffe. Gewebe und ßarben werden nicht angegriffen und jedes Waschkleid erscheint� deshalb wie neu. wenn zur Wasche nur unliM genommen wird! Forder« Sie beim Einkauf ausdrücklich Dänischen Kapitän-Kautabak früher Anker- Kautabak und Sie werden überzeugt sein, das, derselbe entschieden am besten schmeckt. 33291.» Rur echt, wenn jedes Stück den Zettel enthält mit Ausschrist: „Dänischer Kapitän-Kiintahak" _--- gesetzlich geschützt 75 558== Alleinverkauf: C. ROckcr, Berlin, Grüner Weg 112. Wer mit seinem dicken Kautabak nicht zufrieden ist, -ersuch.„Kapitän JMelleme" H.& P. 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Dieselbe muß den OrganisätionS- simpel tragen. 176/12* Zentral-Vcrband der Schmiede, Verwaltungsstelle Berlin. Einsetzer X Zimmermann in Rix» leckstr. 64, ist gesperrt, Bock- Streik. Der Bau dors, K»cscbe>_ W da sich die Firma Karl und Emil Schneider weigert, den bisher ge» zahlten Tarif einzuhalten. Jalousie-Arbeiter. Die Kollegen der Firma ftaller befinden sich im Zuzug ist fernzuhalten. Da bei mehreren Firmen no Differenzen bestehen, bitten wir, fl aus den Bauten ic. die blaue gestempelte Arbeits- Kontrollkarte zeigen zu lassen, nur diese ist güllig. Andersiarbige Karten sind zu ver- Nichte». 83/8* Korbmacher. DieKollegen von Franke, Waldemar« straße 18, befinden sich im Streik. Bürstenmacher. Die Bürstenfabrik SokSebiee, War» schaucrstraße 88. ist gesperrt. Zuzug ist fernzuhalten. Der Zuzug nach den Tepplchfabrikm von Feibisch, Treptow, Köpnicker Landslr. 28/29, Benjamin u./z Uhr von der Langen Brücke lStern-Gesellschaft).— Es ist zu wünschen, daß dieser gemeinsame Pfingstausflug eine ebenso starke Beteiligung findet wie in früheren Jahren. Wilmersdorf. Wegen Sittlichkcitsverbrcchen verhaftet wurde der Bahnarbeiter H. Lückfeld aus der Durlacherstr. 9. L. hatte mit seiner 13 jährigen Stieftochter seit zwei Jahren in inttmen Verkehr gestanden, bis die Frau dem Treiben auf die Spur kam und das Paar überraschte. Die Frau hat fünf unerzogene Kinder und befindet sich zur Zeit in gesegneten Umständen. Die Kriminalpolizei verhaftete Luckfeld aus der am Bahnübergang der Augustastraße gelegenen Wärterbude und brachte ihn in Untersuchung nach Moabit. Treptow-Baumschulenweg. Ucber Bilder auS der russischen Vergangenheit sprach Genosse Otto Krille in der in„Beyers Gesellschaftshaus" zu Treptow ab- gehaltenen Volksversammlung. Genosse Voigt wies darauf hin, daß die farblosen Zeitungen aus den Arbeiterwohnungen zu verbannen seien und an Stelle dieser Blätter der„Vorwärts" zu tteten habe. Spandau. Die Annehmlichkeiten der Eisenbahnzustände in Spandau bekam am Freitag Wilhelm II. zu kosten. Als mehrere Hof-Automobile mit dem Kaiser an der Spitze die Stadt auf dem Wege nach dem Truppenübungsplatz Döberitz durchfuhren, fanden sie die Kloster- straße durch die geschlossene Eisenbahnbarriere versperrt. Es soll etwa eine Viertelstunde gedauert haben, ehe die Passage wieder frei wurde. Die Störung soll nach Zeitungsmeldungen den heftigen Unwillen des Kaisers hervorgerufen haben. Vielleicht kommen die Spandauer jetzt etwas schneller zu verbesserten Bahnanlagen, als von Herrn v. Budde projektiert war. Tie Einteilung auch der zweiten Wählerklaffe für die Kom- munalwahlcn in Stadtbezirke, welche auf Antrag unserer Genossen kürzlich von den Stadtverordneten beschlossen worden war, hat der Magistrat als„unzweckmäßig und undurchführbar" abgelehnt. Nun- mehr hat der Regierungspräsident das Wort. Der Mittelstandsrcttcrei soll offenbar die neue„Gewerbesteuer- Ordnung" dienen, welche den Stadtverordneten vom Magistrat im Entwurf zugegangen ist. Danach sollen gewerbesteuerpflichtige Handelsbetriebe, welche einen Umsatz von über 100 000 M. erzielen bnd mehr als eine(!) Warengruppe führen, je nachdem mit% Proz. bis zu 3� Proz. ihres Umsatzes besteuert werden. Die Stcucrordnung richtet sich unverkennbar gegen Warenhäuser und Konsumvereine. Aber gerade dasjenige, was von feiten des magistratlichcn Steuerrcformators seinerzeit verheißen worden ist, und was auch von diesem Entwurf erwartet wurde, nämlich Bestimmungen über eine gerechtere Heranziehung der aus- wältigen Handelshäuser mit Filialgeschäften am Orte bringt die Vorlage nicht. Derlei mittelstandsretterische Aktionen, mit untauglichen Mitteln noch dazu, finden selbst- redend bei uns wenig Gegenliebe. Lankwitz. Großfcucr in Lankwitz. Sonntag nachmittag 4'/z Uhr brach in der Lackfäbrik von Horn, Kaiser Wilhelmstraße, Feuer aus. Den vereinigten Anstrengungen der Feuerwehren aus Lankwitz, Groß- Lichterfelde und der Neuen photographischen Gesellschaft gelang es, das verheerende Element, dem die bedeutenden Vorräte an Oel und sonstigen leicht entzündlichen Materialien fortwährend neue Nahrung boten, auf seinen Herd zu beschränken und nach einstündiger an- strengender Tätigkeit jede Gefahr zu beseitigen. Versammlungen. Zu dem Bericht über die Versammlung deS zweiten Wahlkreises in der Sonntagsnummer ist eine Bemerkung erforderlich. Nach der Fassung des Berichts könnte geschlossen werden, daß Genosse Meier, Mitglied der Preßkommission, gesagt habe, es werde seitens� der Preßkominission„als ein Mißstand empfunden, daß der„Vorwärts" sich den Parteifragen gegenüber meist nur referierend verhalte und keine eigene Stellung einnehme. Das könne so nicht weiter gehen" usw. Wir müssen feststellen, daß in den gemeinsamen Be- ratungcn von Preßkominission und Redaktion eine solche Meinung auch nicht ein einziges Mal geäußert worden ist. Vermischtes. Ein Denkmal für Ernst Abbe. Eine Reihe bekannter und her- vorragender Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Praxis im In- und Auslande erläßt soeben einen Aufruf zur Errichtung eines Denkmals für E r n st Abbe, den großen Gelehrten, Techniker und Sozialreformer. Bekanntlich ist auch die Arbeiterschaft der Betriebe, welche der von Ernst Abbe begründeten Karl Zeiß-Stiftung unter- stehen, mit seltener Einmütigkeit und Begeisterung für ein solches Denkmal eingetreten. Verlagsbuchhändler Dr. Gustav Fischer in Jena hat die Geschäftsführung deS Denkmal-Komitees übernommen. An dessen Adresse sind auch die Beittäge für daS Denkmal zu senden. Brand der Türme des Fuldaer Domes. Wie ein Telegramm aus Fulda meldet, gerieten Sonntag abend durch ein Feuerwerk, das auf den beiden Türmen des Fuldaer Domes zur Feier des Bonifatius-Jubiläums abgebrannt wurde, beide Türme in Brand. Das Feuer brach im nördlichen Turme aus. Während eS hier bald gelang, des Feuers Herr zu werden, brannte der rechte Turm vollständig aus. Die alts Osanna-GIocke ist teilweise geschmolzen. Die Bonifatius-Glocke ist ebenfalls zerstört. Dem Umstände, daß der südliche Turm nach der Marktseite stürzte, ist es zu danken, daß der Dom gerettet wurde. Ein schweres Eisenbahnunglück. Aus H a n n o v e r wird amtlich gemeldet: Auf dem Wcgübcrgangc an Kilometer 30,4 im Zuge der Lands/raße Neustadt am Rübenberge— Nienburg wurde gestern durch! den Personenzug 143, von Bremen nach Hannover, infolge verab- säumter Schrankenschlietzung das Fuhrwerk des Maurermeisters Redderoth aus Neustadt überfahren. Dabei wurden getötet Dr. jur. Heinrich, Senator zu Neustadt, Maurermeister Nedderoth, schwer verletzt der Kutscher Hachmeister und der Knabe Ernst Heinrich, leicht verletzt wurden die Kinder Hildegard und Else Heinrich. Der dienst- habende Schrankenwärter gab zu, durch grobe Fahrlässigkeit das Unglück verschuldet zu haben. Ueber einen zweiten Unfall auf dem Bahnhofe in Meißen wird von dort folgendes gemeldet: Infolge Versagen der Bremse überfuhr gestern mittag der aus Dresden um 11 Uhr 21 Minuten hier ankommende Personenzug die Drehscheibe und durchbrach die den Bahnhof von der Straße trennende Mauer, worauf er zum Stehen kam. Am ersten Personenwagen wurde die Stirnwand ein» gedrückt. Zehn Personen erlitten Kontusionen, doch machte sich nur bei vieren ein Verband nötig. Deutscher Arbeiter- Abstiiiciltenbund.(Ortsgruppe Berlin) Mittwoch, den 7. Juni, präzise 81/, Uhr: Versammlung im.Englischen Garten", Mexandcrstr. 27«. Vortrag der Genossin Frau Dr. Weascheider- Zieglcr über:„Aus der Geschichte der Trinksitten". Diskussion. Gruppen- angclcgenhciten. Gäste, Damen und Herren, willkommen. Freie Turncrschaft Ehnrlottcnburg. Es turnen in der Turnhalle Dankclmannsw. 48: Märnter-Abt. Dienstag u. Freitag, abends 8'/,— 10 Uhr, LehrlingS-Abt. Montag u. Donnerstag, abends 8'/,— 10 Uhr. Berliner Mtarktpretse.(Ermilielt vom Polizel-Prüsidium.) Roggen gute Sorte, 1 Dz.(—,—), mittel—(—,—). geringe—(— ,—) ab Bahn. Futterqerfte, gute Sorte 1 Dz. 16.10(15,10) mittel 15,00(14,10), geringe 14.00(13,10) frei Wagen und ab«ahn. Hascr, gute Sorte 16,50 05.80), mittel 15,70(15,00), geringe 14,90(14,30) frei Wagen und ab Bahn. Richtsttoh 1 Dz. 5,00(4.82). Heu 9,20(7,60). Erbsen, gelbe, zum Kochen 45,00(30,00). Sp-iscbohncii. weiße 50.00(30.00). Linsen 60.00(30.00). Kar. toffcln 9,00(7,00), Rindsleisch, von der Keule, 1 Kg, 1,80(1,30), Bauch- fleisch 1,40(1,00), Schweinefleisch 1,70(1,20), Kalbfleisch 2,00(1,20), Hammel- fleisch 1,70(1,10), Butter 2,80(2,00), Eier. 60 Stück, 4,00(2,28). Karpsen, 1 Kg. 2,20(1,20), State 3.00(1,60), Zander 3,20(1,20), Hechte 2,60 (1.40), Barsche 2,00(1,00), Schleie 3.60(1.40), Bleie 1,40(0.80), Krebse 60 Stück 16,00(3,00)._ Wasserstand am 3. Juni. Elbe bei Aussig 0,33 Meier, bei Dresden— 1,06 Meter, bei Magdeburg+ 1,35 Meier.— U n st r u t bei Siraußsuri-s- 1,10 Meier.— O d e r bei Raiibor+ 1,48 Meier, bei Breslau Ober-Pegel-s- 5,10 Meter, bei Breslau Unter-Pegel+ 0,70 Meter, bei Franksurt-s- 2,38 Meter.— W e i ch s e l bei vrahemünde-s- 3,80 Meter. — W a r t h e bei Posen— Meter.— Netze bei Usch+ 0,42 Meter. WttteruogSüdersscht vom 6. Juni 1905, morgens 8 Uhr. Stationen « n S 3 K? Swtnemde. 759 NNW 1 wolkenl Hamburg 762N 2bedeckt Berlin 760 W 2 heiter Franks.a.M. 762 O 1 wolkig München 762 sW 5 wolkig Wie» 762 SO 1 heiter Wetter-Prognose für Etwas kühler, vicliach heiter, und meist schwachen Winden auS Wetter *£ c%.