-Nr. 144. Vorwärts Abonnements- Bedingungen: Abonnements. Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 m., monatl. 1,10 mt., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage, Die Neue Welt" 10 Bfg. PostAbonnement: 1,10 Mart pro Monat. 00 Eingetragen in die Post- Zeitungs. sid Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich Ungarngalo 3 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Ericheint täglich außer Montags. slin Berliner Dolksblatt. 22. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Rolonel. geile oder deren Naum 40 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Bereinsund Bersammlungs- Anzeigen 25 Bfg. Kleine Anzeigen", bas erste( fettgebructe) Wort 10 Bfg., jebes weitere Wort 5 Bfg. Worte über 15 Buchſtaber zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen. tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin" Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Reichsratsidylle. Aus Wien wird uns geschrieben: Freitag, den 23. Juni 1905. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Die Verständigung über die Marokkofrage zwischen Deutschund Frankreich schreitet nur äußerst langfam fort. Aus Paris wird vom 22. d. Mis. gemeldet: Die auf Marotto bezügliche Note Frankreichs ist dem deutschen Botschafter gestern abend übergeben worden. In dem ziemlich Tangen Dokument gibt Ministerpräsident Rouvier, wie verlautet, zunächst einen historischen Ueberblick über die Frage und hebt die ganz besondere Lage hervor, in der sich Frankreich gegenüber Marokko befinde. Rouvier erklärt dann, Frankreich habe sich als Anhänger der offenen Tür" in Marotto, als Anhänger der Integrität des marokkanischen Gebietes und der Souveränität des Sultans gezeigt. Bezüglich der geplanten internationalen Konferenz äußert sich der Ministerpräsident weder zustimmend noch ablehnend; er stellt in der Note gewissermaßen eine akademische Erörterung über die Gründe an, die für und gegen die Konferenz sprechen, und über die Bedingungen, unter denen die Konferenz in den Augen der franzöfifchen Regierung ihre Daseinsberechtigung haben würde. England und die Marokkogefahr. foll, wurde spielend gelöst. Es bedurfte dazu keines Kardorfffchen bringendste Notwendigkeit ersteht, daß das deutsche Volk die Gewaltstreichs; der Präsident teilte einfach das Gesez und den Tarif gegenwärtigen Vorgänge der auswärtigen Politit mit aller in sechs Gruppen ein und die Sache war, ohne den geringsten Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit verfolgt. Widerspruch zu finden, erledigt. Der Gleichmut dieser Verhandlung Still und friedlich geht es mum in dem österreichischen Reichsrat hat freilich seine besonderen Gründe. Vorerst die ungeheure, schon im zu, der durch seine leidenschaftlichen Szenen einst der Welt eine Wahlsystem begründete agrarische Mehrheit des österreichischen Ab- land besondere Spielart des Parlamentarismus vorgeführt hat. Aus geordnetenhauses, die natürlich die wahnsinnigen Zollerhöhungen für dem mit geringen Unterbrechungen acht Jahr lang gelähmten Hause, alle agrarischen Produkte mit wahrer Gier beschloß; die gleichfalls das oft durch Monate mit nichtigen namentlichen Abstimmungen ge- vom Wahlrecht her beeinflußte Knechtseligkeit der städtischen Abquält wurde, ist jetzt ein solventes, arbeitsfähiges Parlament ge- geordneten, die fich( wie etwa die Wiener Christlichsozialen) von der worden. Wodurch dieses Wunder bewerkstelligt ward? Scheinbar herausfordernden Sprache der Agrarier einschüchtern lassen, und durch nichts. Denn daß der eine Beamtenminister durch den andern schließlich die Gemeinsamkeit des Raubes, die in jedem Zolltarif erfegt wurde, an Stelle des Herrn v. Koerber der Baron Gautsch zwischen Industrie und Landwirtschaft begründet wird und also den trat, kann den Umschwung doch nicht erklären. Freiherr Widerstand der Industrievertreter gegen die agrarischen Raubv. Gautsch hat bisher weder die Hoffnungen gerechtfertigt, züge unterbindet. Ausschlaggebend war freilich die Erdie gewisse reaktionäre Scharfmacher an seinen Regierungs- fenntnis, daß hier alles Reden und Beantragen verlorene antritt geknüpft hatten, noch die Befürchtungen bewahrheitet, die Liebesmühe wäre. Denn dieser autonome" Tarif steht durchaus von der durch das Koerbersche freiheitliche Regime an bessere Re- nicht im freien Willen Desterreichs, ist vielmehr durch die Vereingierungssitten gewöhnten Deffentlichkeit gehegt worden sind: er hat barung mit Ungarn schon und zwar unzerreißbar gebunden. Wozu fich, wenigstens bisher, als gescheiter erwiesen, als man dem höfifchen noch tam, daß er auch durch die Verträge mit Deutschland und mit Günstling zugetraut, und als anständiger, als von dem Jesuiten Italien, die auf Grund des bloßen Entwurfes geschlossen sind, eine zögling zu erwarten war. Die den Ruhm des Koerberschen Regierens entschiedene Sache ist. Daß unter solchen Umständen jeder Anreiz bildende Respektierung der politischen Freiheiten wird von ihm nicht fehlte, dem Kampfe eine größere Ausdehnung zu geben, daß sich also angetastet; insbesondere die Breßfreiheit, die Herr v. Koerber trotz insbesondere die fozialdemokratischen Abgeordneten darauf bes des 35 Jahre alten Staatsgrundgesetzes( Jedermann hat das Recht, schränkten, in ein paar tapferen Reden die ausbeuterische Natur Unser Londoner Korrespondent sendet bemerkenswerte Ausdurch Wort, Schrift, Druck oder durch bildliche Darstellung seine dieser Schußtarife flarzustellen, ist nur allzu begreiflich. führungen über die Anschauungen, welche in einflußreichen Meinung frei zu äußern") in Desterreich erst eingeführt, ist auch von Wie wird nun die handelspolitische Situation beschaffen englischen Kreisen bezüglich der Marottofrage sowie der seinem Nachfolger borläufig nicht beeinträchtigt worden. Auch in sein, wenn der autonome Zolltarif Gesetz und der Handelsvertrag internationalen Situation bestehen. Er schreibt unter dem 20. Juni: den entscheidenden Frage des österreichischen Staates, der mit Deutschland beschlossen sein wird denn daß dieser, einmal in" In der Marottofrage tommt ein sehr ernster Gegensatz zum nationalen, hält sich Gautsch an das bewährte Rezept Berhandlung gezogen, glatt angenommen werden wird, ist selbst. Vorschein, der nicht auf bloßen diplomatischen Intriguen, sondern auf feines Vorbildes: mit leidenschaftsloser Beharrlichkeit jeder verfändlich. Jm Grunde genommen ebenso unbestimmt und in sehr realen Verhältnissen beruht. Entscheidung aus dem Wege zu gehen und jede selbständige, Schwebe wie vorher. Zwar tut man in Desterreich so, als ob die Der Gegensatz besteht hauptsächlich zwischen Deutschland bon den Parteien nicht vorher gebilligte Entscheidung zu vermeiden. Besprechung des Tarifs und die Annahme des Vertrages auch eine und England. Frankreich spielt da nur eine NebenObwohl fich also weder in den Auffassungen und noch weniger in Vorsorge wäre für den Fall, daß das Zoll und Handelsbündnis rolle, die von England aus guten und ehrlichen Gründen geden Handlungen etwas geändert hat in diesen am wenigften, mit Ungarn nicht zustande kommen follte, aber das ist eitel Spiegel fördert wurde. denn alle Vorlagen, die das Parlament bisher im Plenum oder in fechteret. Denn der Bolltarif setzt das gemeinsame Zollgebiet voraus, Welche Bedeutung hat Marokko für England und Deutschland den Ausschüssen verhandelte, stammen aus dem Koerberschen Nachlaß hat ohne dieses teinen Sinn, und der Handelsvertrag ist von und welche für Frankreich? ist es doch so, als ob mit der Beseitigung des unstreitig emfigsten Deutschland mit Desterreich- Ungarn gefchloffen worden, würde also Der Grundgedante der gegenwärtigen britischen Politik ist die der österreichischen Ministerpräsidenten vom Barlament ein Alp ge- feine Basis berlieren, wenn dieser Vertragsteil, das wirtschaft. Konsolidierung des Reiches. Dies ist jetzt die Frage nommen wäre. Seitdem Koerber entfernt ist, also seit Neujahr, erscheint tiche Desterreich- Ungarn, zu bestehen aufhörte. Der springende Buntt aller Fragen für England. Um das Reich zusammenfaffen zu das Abgeordnetenhaus wie von einem Drucke befreit und hat das ist also immer die Frage, wie sich das wirtschaftliche tönnen, bedarf England sichere Seeverbindungen. Denn sein Neich Aussehen eines arbeitsfähigen und solventen Parlaments. Verhältnis zwischen Desterreich und Ungarn ist in allen Weltteilen zerstreut; feine Reichsglieder können nur durch Sachlich ist die Veränderung in der Lage des Reichsrates fünftig gestalten wird. Formell steht es darum so, daß die Dampferlinien und Kabel zusammengehalten werden. Dies find fie besteht eigentlich darin, daß es seit Monaten eine Lage" nicht Gemeinsamkeit zwar bis Ende 1907 festgelegt ist, jedoch in einer feine Arterien und seine Nerben. Deshalb braucht es die Freundmehr gibt in dem Aufgeben der Obstruktion durch die Jung so mangelhaften Form( nicht auf Grundlage von Gefeßen, sondern schaft derjenigen Länder, die an den Seestraßen gelegen sind: tschechen, die mit dieser Qual das Parlament, wenn auch mit Unter- nur in Form der selbständigen, durch die Reziprozität verbürgten Portugals, Spaniens, Italiens und Frankreichs im Mittelmeer, der brechungen und Gnadenfristen, seit der im Jahre 1899 vollzogenen Verfügungen jebes Staates für sich, daß Handelsverträge, würde Bereinigten Staaten im Atlantischen und Stillen Dzean; Japans Aufhebung der Badenischen Sprachenverordnungen( welche die diese Form nicht verbessert werden, über das Jahr 1907 nicht ge im Stillen Ozean. Da diese Freundschaften darauf gerichtet sind, absolute Doppelsprachigkeit der staatlichen Verwaltung in Böhmen fchloffen werden könnten. Boraussetzung der internationalen Ber den englischen Besitz zu befestigen, so tönnen sie in erster Linie und Mähren verfügten) verfolgt hatten. Zwar haben die Jungtschechen träge ist also, daß vorher zwischen Desterreich und Ungarn die wirt feinen aggreffiven Charakter tragen. England will nur das Eroberte die Obstruktion nicht gerade abgeschworen, sondern bloß eingestellt und schaftliche Gemeinsamkeit neu fundiert wird: durch Abschließung behalten, aber nicht vermehren. haben jetzt, vor dem Handelsvertrag mit Deutschland, ihre ber eines Boll und Handelsbündnisses, durch die legislative Genehmigung Der Grundgedanke der offiziellen deutschen Politik ist schollenen Forderungen wieder hervorgeholt, aber es wird genügen, jener Vereinbarungen, die zwischen Szell und Koerber am Silvester der Aufbau eines Rolonialreiche 3. Ein solcher Aufbau daß ihnen Herr v. Gautsch irgend eine platonische Erklärung vor 1902 perfeftuiert wurden, in feinem der beiden Parlamente aber vollzieht sich nicht in idyllischer Ruhe. Ohne Gewalt geht es da lieft; aufleben wird, wenigstens in dieser Seffion, die Obstruktion bisher in Verhandlung gezogen worden sind. Obwohl diese Auf- nicht ab. Deutschland fühlt sich beengt im nordeuropäischen Wassernicht. Umfoweniger, als die Deutschen zur Revanche sonst den gabe und die daran sich schließende Erledigung fämtlicher Handels- winkel; es fühlt den Drud und will ihn beseitigen. Darüber fann böhmischen Landtag zerschlagen würden, deffen Schicksal so in ihrer berträge bis März 1906 gelöft sein muß, so ist doch angesichts fein Zweifel mehr bestehen. Man muß mit Blindheit geschlagen sein, Hand liegt wie der Reichsrat in den Händen der Tschechen. So ber immer verworrener und verrückter werdenden Zustände in Ungarn um nicht zu sehen, wie das offizielle Deutschland nach Ausdehnung paralyfiert eine Obstruktionsmöglichkeit die andere und unter dem absolut nicht zu ermessen, wann und wie die Arbeit geleistet werden drängt. Es will vorerst seine Nordküsten erweitern, die RheinMotto: Schonst du meinen Reichsrat, schon' ich deinen Landtag, ist foll. Dazu tommt noch, daß die Handelsvertrags- Verhandlungen mit mündung beherrschen, dann atlantische Häfen erwerben. Allein seine in beiden Körperschaften eine leidliche Drdnung herbeigeführt worden. Rußland, Serbien, Bulgarien, Belgien und mit der Schweiz noch Ausdehnungslinie treuzt die Seeverbindungen Englands. Hätte Nicht in geringem Maße hat zu dem ungewohnten Schauspiel gar nicht begonnen haben, mangels einer aktionsfähigen Regierung Deutschland Caprivis Politik geduldig fortgesetzt, so wäre es in des einigen Bolles von österreichischen Brüdern die ungarische welche durch die Ernennung des Ministeriums Fegerbarh auch keinen so scharfen Gegensatz zu England geraten. In England ist Gefahr beigetragen. Welchen Standpunkt immer auch die ver- nicht hergestellt sein wird nicht beginnen können, obwohl alle man nicht blind gegen die Notwendigkeit einer deutschen Ausdehnung. schiedenen Desterreicher verschieden nicht bloß nach ihrer diese Verträge gekündigt find, die mit Bulgarien und mit der Schweiz Aber die offenkundige Absicht der deutschen Weltpolitiker, den Mitte September bereits ablaufen. Die Erneuerung der europäischen englischen Ontel totzusagen und ihn zu beerben, erregte natürlich Sandelspolitit findet also Desterreich- Ungarn in der denkbar un den Verdacht, daß, wenn es mit dem Totsagen nicht ginge, man günstigsten Lage, und nur die Erfahrung, daß die Dinge zum Schluß auch zum Totmachen greifen würde. Bestärkt in diesem Verimmer stärker find als die Menschen, läßt annehmen, daß sich aus dacht haben ihn die Flottenrüstungen und die maßlose Buren dem Wirrsal der Dinge schließlich dennoch das Notwendige heraus- Schadenfreude über die Vorgänge während des frieges. triftallifieren wird. Diefer Verdacht ist nicht mehr auszurotten, auch Der Gegensaz eristiert, und die Deutschen tun alles, ihn zu stärken. Sie tun alles, nicht aus Abficht, sondern aus Ausdehnungsdrang. Da läßt sich nichts vertuschen und nichts verheimlichen. Der Gegensag ist real und bricht überall hervor, wo es sich um maritime Unternehmungen Deutschlands handelt. Einem Seevolte, wie dem englischen, fann man in Fragen der Seemacht nichts vormachen. 1 Nationalität, sondern auch nach dem Grade des Patriotismus, ihres " Desterreichertums" zu dem Problem des Dualismus einnehmen: allen gemeinsam ist der Entschluß, sich diesmal von der Krone an die Ungarn nicht verschachern zu lassen. Deshalb hat der Wahl fieg der auf die Lostrennung von Desterreich eingeschworenen un abhängigkeitspartei in den Tiszaschen Wahlen das Bedürfnis ent stehen lassen, in diesem schicksalsschweren Augenblick der Welt nicht das Schauspiel eines fiechen, arbeitsunfähigen Barlaments zu liefern und dazu geholfen, das Gespenst der Obstruktion wenigstens für die Zeit der Entscheidung zu bannen. Man hat hier ein hübsches Beispiel der Wirkung in die Ferne": Die Auflösung des ungarischen Abgeordnetenhauses sollte die ungarische Obstruktion beseitigen, hat aber eigentlich die öfter reichische gebändigt. Allerdings wurde der Profit, den Habsburg hier macht, reichlich aufgewogen durch die Entstehung einer Majorität in Ungarn, die nach Ludwig Kossuths Sohn benannt ist. Die Arbeitsfähigkeit des österreichischen Reichsrates hindert also wenn er ganz unbegründet wäre. nicht, daß sich der Habsburgerstaat in einer wahrhaft verzweifelten Situation befindet. Dem bißchen, nur auf Widerruf bewilligter Besserung in Desterreich steht die schreckliche Krise in Ungarn gegen über, von der niemand weiß, wie sie gelöst werden könnte. So schleppt sich das arme Reich" von Krise zu Krise, und die Reichsrats- Jbylle ist nicht mehr als eine höhnende Episode. Politische Uebersicht. Berlin, den 22. Juni. Marotto liegt an einem maritimen Knotenpunkte. Der englisch- deutsche Gegensatz und die Erkenntnis feiner Bedeutung zeigte sich drastisch in der Marotto- Frage. Schon bei der Geburt des britischen Reiches im 17. Jahrhundert Die veränderte Lage im österreichischen Abgeordnetenhause ist von der Regierung Gautsch trefflich ausgebeutet worden: sie hat besetzte England Tanger auf einige Zeit. Die marottanischen Häfen Die Marokkofrage. im Befige einer englandfeindlichen Seemacht bedrohen den Bestand die Lethargie der Parteien benüßt, um sich den autonomen Bolltarif bewilligen zu lassen, und schickt sich an, dem Die Nadd. Allg. 8tg." ist bisher nicht in der Lage, auf des britischen Reiches. Diese Bedrohung ist jetzt um so Handelsvertrage mit Deutschland die legislative Ge- die von uns aus der Zeitschrift Europa" übernommenen Mit fühlbarer, als der Gedante der Reichszusammenfassung sehr lebendig ist. Es ist dieser Gedanke, der England veranlaßt, sich die Freundnehmigung zu verschaffen. Die Annahme des, dem hehren deutschen teilungen zu antworten! Muster nachgebildeten Wuchertarifs war freilich nie zweifelhaft schaft der westlichen Mittelmeermächte zu erwerben, die alle mit gewesen; nur seine Beratung stand, als ein Bestandteil des AusFrankreich durch geschichtliche und fulturelle Bande verknüpft sind. Es ist Englands Bemühen, diese Macht dem Einflusse Deutschlands gleiches mit Ungarn, gegen ben die tschechische Dbstruktion in aller Form eingeschworen war, in Frage. War aber einmal die Ver Ist es wahr, daß Fürst Bülow, als er die jähe Schwenkung zu entziehen, da England von Deutschland nichts Gutes zu erwarten handlung eröffnet, so war die Durchbringung ein Kinderspiel; fie der Marottopolitit unternahm, an die Heeresverwaltung die hat. Nun ist es feit etwa zehn Jahren das Bestreben Frankreichs gewesen, die lateinischen Völker zusammenzubringen und fie der ist auch in ein paar ganz ruhigen, spärlich besuchten Sigungen Frage der Kriegsbereitschaft gerichtet hat? herbeigeführt worden. Von den Kämpfen, die der ähnliche Tarif Es ist nötig, daß die deutsche Oeffentlichkeit hierüber Auf- französischen Kultur zuzuführen. Frankreich kann aber nicht deutschim Deutschen Reichstage hervorgerufen, hatte die Verhandlung in flärung erhält, da die Richtigkeit dieser Behauptungen die freundlich sein, so lange der Frankfurter Friebe nicht revidiert ist. Desterreich gar nichts; selbst die heifle Frage, wie man den Tarif Berechtigung der im Ausland gehegten Befürchtung triegerischer So tam es, daß England und Frankreich sich in der Mittelmeervon etwa zwölfhundert Bofitionen technisch zur Verhandlung stellen Berwickelungen bekräftigen würde und weil daraus hic politit begegneten und einander freundschaftlich näherten, Ist der Reichstag plöglich geschlossen worden, weil die Regierung dadurch jeder Interpellation und Opposition in der Maroffofrage ausweichen wollte? Der Freundschaft der lateinischen Völker sicher, konnte England ihnen ruhig Nordafrika überlassen. Das Uebereinkoinmen zwischen Frankreich und Italien und zwischen England, Frankreich und Spanien in bezug auf das Mittelmeer war eine Besiegelung des gegenseitigen Vertrauens, aber keineswegs die Einfädelung einer Intrige. Die Ausschließung Deutschlands von Marokko ist eine Lebens- frage für das britische Reich. Sollte sich Frankreich nicht stark genug erweisen, die übernommenen Pflichten zu erfüllen und deshalb Deutschland in Marokko Konzessionen machen, so wäre damit die Marokkofrage keineswegs gelöst. Sie wäre nur auf eine andere Macht übertragen. Es besteht für mich kein Zweifel, daß ein eigenmächtiges Vor- gehen Deutschlands in Marokko einen Krieg mit England zur Folge haben wird. Man soll sich in sozia- listischen Kreisen darüber nicht täuschen: Besteht Deutschland auf seinem Verlangen nach der Erwerbung eines marokkanischen Hafens, so ist Krieg unvermeidlich. Da hilft kein Haager Schiedsgericht. Es handelt sich hier nicht um Meinungs- Verschiedenheiten und kleinliche Kolonialaffären, sondern um eine der wichtigsten maritimen Verkehrsstratzen. Was tun? Die vom Sultan verlangte internationale Konferenz wird wahr- scheinlich zusammentreten. Wird sie die Aufteilung Marokkos oder die Anerkennung der scherifischen Souveränirät beschließen, so wird die Kriegsgefahr nicht beseitigt sein. Das einzige Mittel wäre d i e Neutralisierung Marokkos und die Anerkennung gleicher Handelsrechte für alle Nationen." . Soweit unser Korrespondent. Seine Darlegungen bestätigen den Ernst der auswärtigen Lage, sie geben offenbar die in einfluß- reichen, ja maßgebenden englischen Kreisen herrschenden Ansichten durchaus richtig wieder. Es ist notwendig, daß sich daS deutsche Volk gründlich dieser Angelegenheiten annimmt. In keinem anderen Staate herrscht so viel Unbekümmertheit um die auswärtigen Angelegenheiten als in Deutschland. Man läßt die Diplomatie schalten und walten; die bürgerliche Presse verzichtet auf jede eigene Urteilsbildung und be- gnügt sich, die offiziösen Informationen, die sie vom auswärtigen Amt erhält, kritiklos breitzutreten. Eine selbständige Meinung bekunden, abgesehen von der Sozial- demokratie, nur die Alldeutschen, die Weltpolitiker, welche rastlos über neue Aufteilungen der Erdkarte spekulieren. Die Ansichten und Bestrebungen dieser Leute finden daher im Ausland weit.' größere Beachtung, als ihnen zukommt. Zwar darf man sie auch nicht unterschätzen, da nur zu oft schon und allzu sehr die Regierung diesen weltpolitischen Gelüsten sich verschrieben hat und da die weltpolitischen Neigungen des Kaisers bekannt sind. In England aber überschätzt man außerordentlich die Macht dieser Strömung in Deutschland und macht sich deshalb recht falsche Anschauungen über die offizielle deutsche Politik. Es ist bei dem Zickzack des deutschen Kurses gewiß außerordentlich schwer zu sagen, welches die„Grund- gedanken" der deutschen Politik sind. Wir glauben aber nicht, daß als solcher Grundgedanke„der Aufbau eines Kolonialreiches" bezeichnet werden kann. Auch die Erwerbung der Rheinmündung, d. h. die Angliederung Hollands, der Gewinn atlantischer Häfen und insbesondere eines Hafens in Marokko spuken wohl in alldeutscher Weltphantastik, es kann aber nicht behauptet werden, daß das offizielle Deätschland dergleichen wilde Pläne ver- folgt. Andererseits hat die deutscheZRegierung allerdings durch ihre forcierten Flottenrüstungen dem Auslande Anlaß zu allerlei Verdacht gegeben. Es ist in diesem Augenblick nicht erforderlich, die völlige Ver- fehltheit einer Weltpolitik, wie sie in England der deutschen Re- gierung zugeschrieben wird, nachzuweisen. Die gewaltige Mehrheit des deutschen Volkes ist jedenfalls unendlich entfernt, phantasievollen Kolonialplänen nachzujagen, die nicht zu wirklichem Gewinn für unsere Nation führen können, wohl aber ungeheure Kriegsgefahr heraufbeschwören.—_ Zur Wahlbewegung in Bayern. Aus Bayern wird uns geschrieben: Nicht viel mehr als drei Wochen trennen uns vom Tage der Wahlmännerwahl, mit der sich das Interesse an den Wahlen im wesentlichen erschöpft, wenn auch diesmal die zahl- reichen Kompromisse die Politiker bis zum Tage der Abge- ordnetenwahl in Atem halten werden. Die Wahlbewegung ist in vollem Gange. Wenn auch das Interesse der Wähler zwar größer ist. wie bei den Wahlen vom Jahre 1899, so bleibt es noch immer weit zurück hinter dein bei den Rcichstagswahlen. Das ungerechte, unnatürliche, in mancher Hinsicht unverständliche Wahlrecht läßt eine richtige Freude an der Wahlagitation bei den Massen nicht aufkom- men. Dies gilt mehr oder minder für alle Parteien. Wenn nicht besonders populäre Redner eine Anziehungskraft bilden, so sind die Versammlungen der bürgerlichen Parteien selbst in den großen Städten schlecht besucht. Unsere Agitation hat mit großem Eifer auf dem Lande eingesetzt, wo eine unver- hältnismäßig größere Zahl von Wahlkreisen bearbeitet wird als jemals vorher. Die Versammlungen sind selbst in Gegen- den, wo der Boden für eine sozialdemokratische Landtagswahl- Agitation nicht vorbereitet war, sehr gut besucht. Die großen Fortschritte unserer Organisation in den letzten Jahren zeitigen ihre Früchte. Es ist ganz unmöglich allen Wünschen nach rednerischen Kräften zu entsprechen, weil uns auch die Agitation für die Reichstagsersatzwahl in Fürth-Erlangcn- Hersbruck stark in Anspruch nimmt. In den großen Städten München, Nürnberg, Augsburg ist die organisatorische Arbeit längst vollendet, agitatorisch haben wir durch Flugblätter und durch unsere Blätter gewirkt, währeild wir mit Vcrsamm- lungen in voller Kraft erst einzusetzen haben, weil bisher das Interesse der Arbeiterschaft auf die Aussperrung des bayeri- schen Metallindustriellen-Verbandes konzentriert war. Ueber das Wahlergebnis hört man schon mannigfache Ver- mutungen: sie sind unzweifelhaft verfrüht, doch dürften die Liberalen trotz der ihnen auf den Leib zugeschnittenen Wahl- kreiseinteilung manchen Verlust zu gewärtigen haben. Ihre Organisation scheint nicht recht zu klappen und mit ihrer Einigkeit ist es nicht zum besten bestellt. Trotz ihres gemein- samen Programmes, trotz der Beschlüsse, einträchtig zusammen- zugehen, haben sie unter dem Uebcrfluß von Kandidaten zu leiden. Mannigfache Eifersüchtelei und getäuschte Hoffnungen vermindern ihre agitatorische Kraft. Ihre Zugeständnisse an Mittelstandspolitiker und Agrarier werden ihnen manche sonst sichere Stimme kosten. Ihr Bemühen, die Wiederwahl Bar- beck's zu sichern, nötigt sie zu Zugeständnissen an die Konscr- vativen, was die Hofsnungen der im Fürther Wahlkreise nicht unbeträchtlichen Demokraten zerstört. Während bei uns über die Kandidatenfrage kein Streit und keine öffentliche Er- örterung besteht, sind die liberalen Blätter mit Kandidaten- fragen und Kandidatenschmerzen bis zum Ueberdrusse gefüllt. In der Zentrumspartci wird mit großem Eifer die Wahl Vorbereite: bemerlMMßlt ist- daß diese Partei« die bisher den Adel maichatlos gelassen hat, diesmal eine Anzahl Adelige auf- stellt, inohl um gesellschaftlichen Strömungen am Hofe Rech- nung'zu tragen. Bei der ganzen Zusammensetzung der Zen- trumsfraktion in der bayerischen Abgeordnetenkammer dürften sich aber diese neuen Abgeordneten mit der Rolle der Dcko- ration und gewisser Repräsentation zu begniigen haben. Die Daller, Pichler, Orterer und nicht zuletzt Dr. Heim werden die Führung behalten und an ihrem Einfluß nichts mindern lassen. Das von den Liberalen erzwungene taktische Zusammen- gehen zwischen Zentrum und Sozialdemokratie bei den Wahlen wird von den Liberalen immer wieder, aber immer mit dem gleichen Unrechte, als ein„Bündnis" bezeichnet. Blätter, die sich sonst als gut informiert geben, taten in diesen Tagen so, als ob durch die Wahlabmachung in Augsburg irgend etwas neues festgestellt wurde, als ob damit etwas zu- gestanden würde, was bisher von uns verhüllt oder verleugnet worden wäre. Wer die Beschüsse kennt, die der letzte Augs- burger Parteitag einstimmig gefaßt hat, weiß, daß wir überall dort unabhängig in die Wahl eintreten werden, wo wir Aus- ficht haben, unsere Kandidaten durchzubringen, daß wir aber jede Gelegenheit benützen werden, um liberale Wahlrechtsräuber zu Fall zu bringen. Die gegenwärtigen Wahlen stehen unter dem Zeichen der Wahlreform, diese durchzusetzen ist sowohl das Zentrum wie die Sozialdemokratie bestrebt. Beide Par- tcien werden auf die Einlösung des Versprechens der Rc- gierung beharren, daß nach Fertigstellung eines Etats und der Wahlreform Neuwahlen auf Grund des verbesserten Wahl- rechtes ausgeschrieben werden. Einer der Vorteile der Wahl- reform soll sein, daß künftig Wahlkompromisse ihre Bedeutung verlieren, daß sie nicht möglich werden. Sozialdemokratie und Zentrum wollen an ihrer prinzipiellen Gegnerschaft nichts geändert haben, sie werden sie auch in der Wahlagitation nicht verhüllen, sie werden beide froh sein, wenn dieses taktische Wahlabkommen ihr letztes sein wird. Diejenigen, die am meisten darüber zetern, die Liberalen, hätten es verhindern können, wenn sie nicht mit allen Mitteln die Wahlreform hintertrieben hätten. *** Nach dem Augsburger Wahlabkommen mit dem Zentrum sollen im Falle des Sieges bei der Urtvahl die zwei Mandate des Kreises einem Sozialdemokraten und einem Ultramontanen übertragen werden. Der Gauvorstand wandte sich in einer öffentlichen Erklärung gegen die Vereinbarung, weil sie beschlußwidrig ohne Zuziehung des Gau- Vorstandes abgeschlossen worden ist. In einer Versammlung des sozialdemokratischen Vereins in Augsburg wurde daS Abkommen nach einem Vortrage Rollwagens einstimmig gebilligt. Deutsches Reieb. Ein Fürst gegen die Sozialdemokratie! Auf dem Schanmburg-Lippeschen Kriegerverbandsfest in Bücke- bürg hielt der F ü r st v o n S ch a u m b u r g- L i p p e, der Schwager des deutschen Kaisers, folgende Ansprache: „Kameraden! Vier Jahre sind vergangen, seitdem ich die Kriegervcreine des Landes zusammengesehen habe. Wie damals, kann ich auch heute meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß die Zahl der Mitglieder stetig gewachsen, der Geist in den Vereinen ein guter geblieben ist. Ich erwarte aber mit Be- stimmtheit, daß dieser gute Geist sich im öffentlichen Leben mehr und mehr betätige. Gelegenheit wird Euch dazu genügend geboten! Durch straffe Selbstzucht, durch Euer Vorbild, durch Ermahimng und Belehrung könnt Ihr viel und Ersprieß- liches leisten. Auch heute will ich auf die Bestrebungen der Umsturzpartei hinweisen, die darauf hinausgehen, die Grundlagen eines jeden geordneten Staats- und Gemeinwesens zu untergraben. Diese Partei kann nicht kräftig genug bekämpft werden. Es sei Euer Stolz, daß Ihr als alte Soldaten in erster Linie dazu berufen und verpflichtet seid. Laßt ihr ätzendes Gift nicht in Eure Vereine dringen, haltet Eueren Ehrenschild frei von häßlichen Flecken, gedenket Eueres Eides, Gut und Blut zum Wohle des Vater- landes einzusetzen: Treu bis in den Tod für Kaiser und Reich, Fürst und Vaterland! bleibe Euer Wahlspruch. Daß wir so denken, so fühlen, bekräftigen wir durch den Ruf: Der erhabene Schirmherr des deutschen Vaterlandes, unser oberster Kriegsherr Se. Majestät der deutsche Kaiser Wilhelm II. Hurra!"_ Es sei der Sozialdemokratie fern, dem Fürsten von Schaumburg- Lippe mit der gleichen Münze heimzuzahlen, die er gegen eine große politische und kulturelle Partei auszugeben beliebt. Nicht weil der Fürst durch ein Sonderrecht gegen nachdrückliche Abwehr seiner Angriffe geschützt ist, sondern weil diese Angriffe der Sozialdemokratie auch nicht einmal die Haut ritzen. Vielmehr be- greift die Sozialdemokratie vollkommen die Anschauungen deS Fürsten. Wer durch Erbgang sich an die Spitze eines Staates oder StaatchenS gesetzt sieht, ist natürlich geneigt, das Staats- und Gemeinwesen, dem er vorsteht, als ein„geordnetes" anzusehen. Er ist ebenso natürlich geneigt, den„Geist" der Kriegervereine, den wir anderen als Geist aller Rückständigkeit und Unterwürfigkeit zurückweisen, als „guten Geist" zu feiern. Er ist vor allem auch geneigt,„ätzendes Gift" in den Bestrebungen derer zu spüren, welche weder vor der Institution des monarchischen Erbganges noch vor den Privilegien der heutigen HeereSordnuug noch vor den Ungerechtigkeiten der heutigen Wirtschaftsordnung den geringsten Respekt in sich tragen. Nur ein Bedenken sollte dem Fürsten bei seinem heißen Eifern wider die Sozialdemokratie aufstoßen. Bei der Reichstagswahl von 1903 gab es im Fürstentum Schaumburg-Lippe 9Sä6 Wahlberechtigte, von denen 7289 zur Wahlurne gingen. Unter ihnen wählten 2319 Wähler sozialdemokratisch, ihr Kandidat gelangte in die Stich- wähl, in der er 3241 Stimmen erhielt, während der nationalliberale Kandidat 45S2 Stimmen erhielt. Das zeigt, daß trotz des„guten Geistes" der Kriegervereine das„ätzende Gift" in Schaumburg-Lippe weit um sich geftessen hat. Und der Fürst von Schaumburg- Lippe, der doch auch der Vater oder das Väterchen seines Völkchens zu sein beansprucht, stellt sich, wenn er gegen die Sozial- deinokratie eifert, in schroffsten Gegensatz zu beinahe ' ch o n der Hälfte der Bevölkerung seines Ländchens! Wenn es ihm also behagt, wir haben nichts dawider! Die Beratung deS Berggesetzes findet am 28. Juni im Herren- hause statt. Die„Hamburger Nachrichten" bemühen sich mit folgenden Er- wägungen, die Herren doch noch zur Ablehnung zu veranlassen: „Das Herrenhaus wird sich auch der Erwägungen nicht ver- schließen dürfen, daß im Deutschen Reiche zurzeit überhaupt gar keine andere Politik mehr getrieben wird alS Arbeiterpolitik oder solche, die dem Zentrum gefällt. Daß andere Klassen und Stände ebenfalls ein Recht auf Schutz ihrer Interessen durch die Gesetzgebung haben, ist vollständig vergessen. Bequem ist ja diese Politik: sie vermeidet Kämpfe und Kvifen, denn die zurzeit benachteiligten BevölkerungSklaffeu sind nicht in der Lage, mit Revolution oder Attentaten zu drohen, oder, wie das Zentrum, eine kompakte Mehrheit in die Wagschale zu werfen... Bleibt das Herrenhaus fest, so wird es nicht nur dem eigenen Vaterlande einen großen Dienst erweisen, nicht nur der Regierung eine heil- same Lehre erteilen, sondern auch sein eigenes Ansehen her den besten Kreisen der preußischen Bevölkerung in hohem Maße heben. Das Herrenhaus würde sich nicht nur populär machen, sondern vor allen Dingen als roobsr de bronze etablieren, an dem das soziali- siercnde Narrenschisf unsrcr Zeit zerschellen könnte. Niemand aber kann wissen, wie dringend nötig der führende deutsche Bundesstaat seines Herrenhauses in der Zukunft bedürfen wird, nachdem es leider sicher erscheint, daß die Absichten der maßgebenden Stellen darauf gerichtet sind, schlimmstenfalls gege» Besitz und Bildung zu regieren und sich in Ermangelung der Zu- stimmung dieser auf die begehrlichen Massen zu stützen." Das Berggesetz als„sozialisierendes Narrenschiff" ist eine prächtige Entdeckung. Wir sehen noch die Zeit kommen wo die Burgs- und Kirdorfer aus Verzweiflung über ihre Unterdrückung durch die fürstlich Bülowsche Massenpolitik sich auf die Fabrikation von Bomben legen.— Die Bcrggcsctzkommission des Herrenhauses beendete am Donnerstag nachmittag ihre Arbeiten mit der Erledigung des Gesetz- entwurfes über die Sperre von Mutungen auf Steinkohle und Steinsalz für die Dauer von längstens zwei Jahren. Sie nahm daran eine Aenderung vor, die das Abgeordnetenhaus, falls das Plenum des Herrenhauses dieser Aenderung zustimmt, zwingen wird. sich nochmals mit der Vorlage zu befassen und damit die Dauer der LandtagStagung noch etwas weiter hinausschiebt. Die Regierungs- vorläge, der das Abgeordnetenhaus zugestimmt hat, nimmt von der zeitweiligen Sperre alle diejenigen Mutungen aus, die auf Grund von Schürfungen eingelegt werden, welche vor dem 31. März 1995 begonnen worden sind. Auf An- trag des Fürsten Hohenlohe beschloß die Kommission mit zwölf gegen siebe» Stimmen an Stelle dieses Termins den Tag der „Verkündigung des Gesetzes" zu setzen— eine Er- leichterung für die Mutungsinteressenten. Dagegen lehnte die Kommission den Antrag W a ch l s r, die zeitweilige Sperre auf Steinsalzmutu ngen zu beschränken, mit 11 gegen 8 Stimmen ab. Gleichsalls abgelehnt wurde ein Autrag des Ober- bürgermcisters Marx- Düsseldorf, betreffend das Besteuerung o- recht der Gemeinden. In der Gesamtabstimmung wurde schließlich der durch die Annahme des Antrages Hohenlohe abgeänderte Gesetzentwurf mit 12 gegen 7 Stimmen angenommen.— Die Fleischtcuerung, auf die wir seit Monaten hingewiesen haben, nimmt gemeingefährliche Formen an. Die Aufhebung aller Einfuhr- Verbote muß unverzüglich verlangt werden. Der Fleichwucher, den die edelsten Viehverläufer mit Hülfe der Gesetzgebung und der VerwaliungSmaßnahmen treiben dürfen, mutz wenigstens in etwas eingeschränkt werden. Ein Artikel der„Allg. Fleischerzeitung" schreibt über die Kalamität u. a.: „In Deutschland sind selbst im Jahre der Fleischnot 1992 die Schlachtvichpreise nicht so hoch gewesen. Die Teuerung ist aus verschiedene Ursachen zurückzuführen. Unsere heimische Schlacht- Viehproduktion hat unter dem Futtermangel gelitten; aber auch in den Nachbarländern Oesterreich und Dänemark ist aus dem gleichen Grunde die Vieherzcugung zurückgegangen, und die Einsuhr hat dadurch und infolge der Einfuhrerschwerungen abgenommen. Eine Erleichterung der Einfuhr würde auf die Vieh- und Fleisch- teuerung ganz gewiß mildernd einwirken. Schon durch die Beseitigung der nutzlosen, ja schädlichen und kostspieligen Quarantäne für dänisches Rindvieh würde die Einfuhr bedeutend gefördert werden. Weshalb soll bei dänischem Rindvieh nicht zugelassen werden, was bei österreichischem möglich ist? Bei Schweinen würde die Oeffnnng der russischen Grenze zweifellos einen ganz erheblichen Prcisdruck bewirken. Die Frage der Fleischversorgung mutz um so schwerer genommen werden, als die neuen Zolltarife die Zölle noch ganz erheblich hinaufschrauben." Man kann nach diesen Erscheininigen vorausahnen, was wir erst erleben werden, wenn die Wucherzölle der neuen Handelsverträge in Kraft treten werden. Alle kleinen Errungenschaften, welche die Arbeiter unter unsäglichen Opfern an Lohnverbesserungen durchgesetzt haben, werden durch die Wucherpolitik mit einem Schlage wieder beseitigt, die Lebenslage der Arbeiter wird bedeutend verschlechtert.— Wie daS Zentrum die Armen schützt. Die Stadtverordneten- Versammlung in Aachen hat, so wird uns gesck, rieben, dieser Tage die Eingemeindung der Landbürgermeisterei Forst in die Gemeinde Aachen genehmigt. In Aachen bestehen noch die örtlichen Ver- brauchS steuern auf Fleisch, Margarine und Brennmaterialien. Die letztere belastet besonders die Industrie. Die Eingemeindung von Forst wäre wohl schon lange zustande gekommen, wenn nicht das dort maßgebende Hüttenwerk Rote Erde sich hätte die Brennmaterialstcner vom Halse halten wollen, da mit der Eingemeindung als Beigabe die örilichen Verbrauchs- steuern übernommen werden mußten. Aber man fand einen Ausweg: Die Stadtverordneten-Versammlung in Aachen, in der das Zentrum die Mehrheit hat, genehmigte einen Eingemeindungsvertrag, wo- nach der neue Gemeindeteil alle in Aachen bestehenden Steuern, Lasten und Verbrauchssteuern mit Ausnahme der Brenn- Materialien st euer übernimmt. Daraus ergibt sich das folgende: Der reiche Aachener Hütten-Akften-Verein Rote Erde, der jährlich drei bis vier Millionen Mark Reingewinn macht, wird von der Brennmaterialicnsteuer freigelassen: der armen Bevölkerung der Landbürgermeisterei Forst aber, die vielfach aus miserabel be- zahlten Arbeitern besteht, wird die Fleisch- und Margarinestcuer auf- geladen. So treibt man im Zentrum praktische Arveiterpoltiik und so schützt man die Armen!— Husland. Die ungarischen Wirren. Ueber das Wesen des Ministeriums Fejervary, dessen Stäupung bereits in der ersten Sitzung des Reichstags vollzogen wurde, schrieb unser Korrespondent noch vor Eröffnung des Parlaments: Daß sich Baron Fejervary dem Ersuchen der Krone, die Regie- rung zu übernehmen, nicht zu entziehen vermochte, ist ganz begreif- lich i ist er es doch, der an den nun ins Riesengroße angewachsenen Schwierigkeiten in Ungarn die Hauptschuld trägt. Fejervary war. als der ewige Honbed-Minister(Nationalminister), der alle Ministerwechsel überdauerte, der spezielle Vertrauensmann des Kaisers, eine Art Aufpasser in Budapest, der darüber zu wachen und zu berichlen hatte, ob sich die Minister genügend„dynastisch" aufführten. Als nun unter Szell die Obstrullion ausbrach und die bekannte Militär- Vorlage, wodurch das Rekrutenkontingent unbeträchtlich erhöht werden sollte— der Ursprung aller der nachfolgenden und gegenwärtigen Wirren— in einem durch ein Jahr sich ergießenden Redestrom er- säuft wurde, war eS der Fejervary, der dem alten, für derlei Rat- schlüge allzeit empfänglichen Kaiser den Floh ins Ohr setzte, der verständige und milde Szell sei zu schwach und es müsse der revo- lutionären Obstruklion eine„starke Hand" entgegengesetzt werden, als lvelche Hand sich die unglückliche des Grasen Stephan Tisza nachher so herrlich bewährte. Wenn sich nun Fejervary zu der Ueber- nähme bereit erklärte, ein Ministerium zu bilden— was in Ungarn nur die allergrimmigste Verachtung, außerhalb Ungarns das lauteste Gelächter weckt, so war es nicht allein die soldatische Er- gebenheit, die ihn veranlaßte, einem Wunsche der Krone die Erfüllung nicht zu verweigern, sondern vor allem die Empfindung, durch seine einsichtslosen Raffchläge den alten Kaiser in diese gräßlichen Ver- legenheiten gebracht zu haben. Wie grundlächerlich aber dieses Ministerium ist, geht am beut- lichsten daraus hervor, daß der alte General nicht nur bloß die Rolle des Ministerpräsidenten und des Ministers, der nach der ungarischen Verfassung„immer um die Person Sr. Majestät" sein soll sdes Ministers am königlichen Hoflager), übernimmt. sondern auch Finanzminister wird— obwohl er mit Finanzen nur in der Form von Wcchselschulden Bekanntschaft pflegt. Er mußte sich zu der natürlich rem formalen Leitung deshalb verstehen, weil Ende dieses Monats die Verfügung der Krone über die Quote sdas BeitragSverhältuis der beiden Staaten zu den gemein- samen Ausgaben) zu gegenzeichnen ist und diese politische Handlung der Regierung, die wohl ihre einzige sein wird, wegen ihrer verfassungsrechtlichen Bedenklichkeit niemand anders vertreten mag und verantworten will. ' Faktisch tritt diese Regierung nur ins Amt, um sofort zu demissionieren. Politisch wird ihr Schicksal sofort besiegelt sein. In der Sitzung, in welcher sie sich dem Abgeordnetenhaus« vorstellen wird, wird ihr die Mehrheit des Hauses das schärfste Mißtrauen aussprechen.(Das ist inzwischen eingetroffen.) Es ist ausgeschlossen, daß diese Minister mit dem Parlament regieren- daß sie überhaupt regieren können. Aber sie werden im Amte bleiben, sie werden nicht, wie die früheren Minister, die Mitglieder des Kabinetts Tisza, auf ihre Ablösung drängen; sie werden so lange im Amte bleiben, als man ihnen das Gehalt zahlen wird. Es werden also in den verschiedenen Bureaus Menschen sitzen, die Minister vorstellen, die die an sie als Instanz gelangenden Akten unter- schreiben können. Ganz ausgeschlossen ist es aber, das; man zu irgend welchen Gewaltmitteln greifen wird. Weder werden die Steuern eingehoben, noch die Rekruten eingezogen— für beides fehlt die parlamentarische Bewilligung, und über ihren Mangel sich hinwegzusetzen wird kein Fejervarh wagen, wird die Hofburg, so lange Franz Joseph lebt, nie unternehmen. Zu einer gesetz- geberischen Arbeit wird es keineswegs kommen, ebensowenig ist zu erwarten, daß die neue Regierung die Verhandlungen über die Handelsverträge mit Rußland, Belgien, mit der Schweiz und mit den Balkanstaaten führen wird, obwohl tatsächlich die höchste Eile not tut, da die Verträge nut Bulgarien und der Schweiz schon Mitte September verlöschen und alle übrigen gekündigt sind. Kurz mit der Ernennung des Barons Fejervarh und feiner Ministerrekruten wird an der schweren und peinlichen Krise nichts gebessert, nicht eine Frage gelöst. Wohl aber wird durch dieses hineingeschneite, schon im Zuschnitt einfach beleidigende Kabinett die Stimmung in Ungarn noch mehr erbittert, zur leidenschaftlichen Entrüstung gesteigert iverden. Wie sich unter solchen Aussichten die Zukunft gestalten könnte, ist nicht zu sagen. Der Streit dreht sich heute, wo über die Not- wendigkeit, die wirtschaftliche Gemeinsamkeit der beiden Staaten festzuhalten, auch die Ungarn nicht mehr im Zweifel sind, ausschließlich um die Militärkonzesstonen, wo der Kaiser über die schon bewilligten Zugeständnisse nicht hinausgehen will, wogegen die neue Mehrheit die wenn auch vor- läufig nur platonische Anerkennung des Rechts Ungarns auf die magyarische Kommandosprache begehrt. Daß um einer solchen Forderung willen das ganze öffentliche Leben in die schärfsten Wirrnisse gestürzt wird, und der Triumph, daß die ungarisckien Rekruten magyarisch kommandiert werden, der Reichstagsmehrheit so gewichtig erscheint, um seinetwillen die schwerste Krise über das Land herauf- zubeschwören, die seit 1848 das Land erschüttert hat— das ist sicher seltsam und für Menschen außerhalb des ungarischen Gebietes nicht leicht begreiflich. In der Forderung steckt eben mehr„Symbolisches" als Reales: sie drückt das Sehnen der Magyaren nach unbeschränkter nationaler Selbständigkeit und Unabhängigkeit aus; andererseits wirkt natürlich die Klassennatur des ungarischen Reichstages mit, und in diesem Parlament der Adligen und Advokaten haben natür- lich„nationale" Fragen über die einfachsten wirtschaftlichen und sozialen Interessen das Uebergewicht. Wie immer nun diese beispiellose Krise äußerlich beendigt wird: die in dem Jahre 1867 unter so schweren Opfern erzielte Verföhnung zwischen„König und Nation" ist unwiderbringlich dahin. Abgesetzt wird der König von Ungarn nicht Iverden, aber entthront ist er be- reits, und auch seine Herrschaft wird, wie die des Schwedenkönigs in Norwegen, in Ungarn als Fremdherrschaft empfunden. Er mußte einen General kommandieren, um einen Minister zu be- kommen.— *» * Budapest, 21. Juni. Die Unabhöngigkeitspartei beschloß in einer heute abgehaltenen Konferenz, in allen Gemeinden und im ganzen Lande einen passiven Widerstand gegen das»»parlamentarische Regime ins Werk zu sehe». Der leitende Ausschuß der koalierten Linken beschloß, während der Dauer der Vertagung des Reichstages nnuntcrbrochcn zu tage»,»in die Regierung zu kontrollieren. Die liberale Partei nahm ans Antrag Tiszas eine Resolution an, welche ausspricht, daß sie die heute erfolgte Vertagung des Reichstages alS gegen den ParlainentariSmuS verstoßend erachtet, sie miß- billigt und jede Solidarität mit dieser Handlung der Regierung verleugnet._ Belgien. Eine Konferenz der belgischen Gewerkschaften wurde am Sonntag in Lüttich abgehalten. Erschienen waren 201 Delegierte für 165 Gruppen; von diesen sind 154 der Arbeiterpartei angeschlossen, während sich 11„neutrale" Gruppen nennen; der Arbeitsminister war durch einen Kommissar vertreten. Nach den Berichten aus den einzelnen Berufen und Orten verhandelte die Konferenz sderen Dauer übrigens nur auf einen Tag festgesetzt war) über die Frage der Arbeitslosen-Unterstiitzung. Die belgische Regierung plant eine Unterstützung der Arbeitslosen durch Subventionierung von Unter- stiitzungsvereinignngen. die zum Zwecke der Versicherung gegen Arbeitslosigkeit erst gegründet werden sollen. Hiergegen protestierte die Gewerkschaftskonscrcnz und resolvierte, daß die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit in geeigneter Weise nur auf der Basis der Gewerkschaften durchgeführt werden könnte. Auf Antrag Vander- Veldes wurde dann beschlossen, einen„Gewerkschaststag" zu be- stimmen, an welchem im ganzen Lande Versammlungen zugunsten der Gewerkschaftsbewegung abgehalten werden sollen. Italien. Kongreß italienischer Eisenbahnarbeiter. Rom, 19. Juni.(Eig. Ber.) Die Eisenbahner-Organisatio» „ I l R i S c a t t o" hat vom 13. bis zum 18. Juni ihren Kongreß in Mailand abgehalten. Die Arbeiten, an denen 50 Delegierte teilnahmen, die 68 Abteilungen mit ungefähr 35 000 Organisierten vertraten, verliefen in hohem Maße stürmisch. Da der Plan besteht, die beiden großen Eisenbahner-Organisationen, Riscatto und Federazione, zu einer einzigen zu vereinen, wozu demnächst ein neuer Kongreß zusammentreten wird, war kein Grund zur Diskussion innerer Gewerkschaftsangelegenheiten gegeben. Der Kongreß beschäftigte sich hauptsächlich mit dem letzten Streik, und es ging dabei recht scharf über die Parlamentsfraktion her. von der die Streikkommission behauptet, sie hätte am letzten Tage des Streiks gedroht, unter Umgehung der Kommission die Eisenbahner direkt zur Wiederaufnahme der Arbeit aufzufordern. lieber den Streik gelangte folgende Resolution zur Au- nähme: „Nach Kenntnisnahme der Verantwortlichkeit, die der sozia- listischen Parlamentsfraktion. der Generalkommission der Gewerk- schaften und der Agitationskommission der Eisenbahner zufällt, erklärt der Kongreß, das Verhalten der Parlameutsfraktio» und der General- kommisfion, die beide aus falschem Selbstgefühl und aus prinzipieller Ablehnung der direkten Aktion ihre Pflichten gegen die im Kampf stehenden'Eisenbahner außer acht ließe», nicht zu billigen und hebt hervor, daß die mangelnde Solidarität der Fraktion und General- kommisfion durch jene Tendenz bestimmt worden ist. die theoretisch und praktisch den Kampf gegen das Privatkapital von dem Kampf gegen den Staat trennen will. Der Kongreß spricht die Hoffnung aus, daß auf dem nächsten Gewerkschaftskongreß die organisierten Arbeiter, aus den Lehren des jüngsten Streiks Nutzen ziehend, ihren Vertretern eine den wahren Interessen und den Zwecken des Proletariats entsprechende Aktion aufzwingen werden, sieht von einer Beschlußfassung über die Streit- kommission ab und geht zur Tagesordnung über. Die zum Kongreß eingeladenen Abgeordneten B i s s o l a t i, M o r g a t i und C a b r i n i waren anderweitig beschäftigt und daher nicht erschienen, auch hatte die eingeladene Gewerkschaftskommission keine offiziellen Vertreter geschickt. lieber die Maßnahmen gegen die Streikbrecher unter den Organisierten waren nicht weniger als 15 Tagesordnungen ein- gelaufen, von denen nach langer erbitterter Diskussion die folgende angenommen wurde: „Die zu ihrem Landeskongreß zusammengetretenen Vertreter des Riscatto beschließen den Ausschluß aus ihrer Organisation aller jener Mitglieder, die, obgleich sie Vertrauensstellungen in der Ge- werkschaft bekleiden,' durch Enthalten voni Streik ihre Genossen ver- raten haben; dieselbe Maßnahme ist gegen alle Mitglieder zu treffen, die durch Wort oder Tat ihre Ilnwiirdigkeit bewiesen haben, wobei den Lokalkomitees fteigestellt wird, die anderen in der Organisation zu lassen für die das Fembleiben vom Streik mehr durch äußere Verhältnisse als durch Mangel au Solidarität und Klassenbewußtsein bestimmt wurde." Aus den weiteren Verhandlungen ging hervor, daß die Wirt- jchaftliche Lage des Riscatto gut ist, während die des Federazione, die LI 550 Mitglieder zählt, viel zu wünschen übrig läßt. Die Kosten des Streiks, die übrigens nur 30 000 Lire betragen, werden deshalb fast ausschließlich dem Riscatto zur Last fallen. Im nächsten Monat hält die Federazione ihren Kongreß ab, dem der Einheitskongreß folgen wird.— England. Die Durchstcchcreftn in der Armeeverwaltung. London, 22. Juni. Im Unterhause kündigte der Premierminister Balfour eine Bill an, wonach der königlichen Kommission zur Untersuchung der Betrügereien bei den Lieferungen für die Truppen in Südafrika besondere Vollmachten verliehen werden sollen. Die Opposition wird am 26. Juni ein Tadelsvotum gegen die Regierung wegen dieser Vorkommnisse beantragen. Der englische Genossenschaftskongreß, der gegenwärtig in P a s l e i tagt, verwarf mit 801 gegen 105 Stimmen den von einem Delegierten beantragten Eintritt in das Arbeitervertreter-Komitee. Dagegen sprach man sich allgemein für die politische Betätigung der Genossen- schafter und ihre Teilnahme am Staatsleben aus. Griechenland. Ministerwcchsel. Athen, 22. Juni. Das Ministerium hat seine Entlassung gegeben. Ter König hat infolgedessen Ralli mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Man hält die Lage für schwierig._ Der Krieg. Vorpostengefechte. Tokio, 21.' Juni. Wie amtlich bekanntgegeben wird, besetzte eine japanische Abteilung in der Gegend von Weijuanpumen am 19. Juni Lienwacheh, ohne auf Widerstand zu stoßen; sie besetzte ferner Jangmulinzu, 20 Meilen nordöstlich von Weipienpamen und ver- drängte den Feind, der nach der nach Kirin führenden Straße zu mehr nordwärts weiterging. Eine andere Abteilung vertrieb am 19. Juni den Feind aus Jangzuling, zehn Meilen nördlich von Weijuanpumen, und besetzte die Hügel nordwestlich von Schihaiwozu, das nördlich von Jangzuling gelegen ist; sie verdrängte auch den Feind, der dort die Stellungen im Norden und Nordosten innehatte. In der Gegend von Tschangtu rückte eine Abteilung der Japaner gegen die Eisenbahn vor, vertrieb den Feind und befetzte die Hügel südlich von Suimeaozu, 18 Meilen nordöstlich von Tschangtu. Beide Parteien haben in diesen Kämpfen nur leichte Verluste erlitten. Russische Beunruhigung. Aus Petersburg wird dem„L. B." vom 20. Juni ge- schrieben: Privatdepeschen schildern die Lage in der Mandschurei als be- unruhigend. Die Japaner operieren längs einer Front, die sich über 400 engl. Meilen von der Grenze der Mongolei bis in das nördliche Korea erstreckt. General Mistschenko, der von den Japanern durch eine Umgehungsbcwcgung aus Liaoyangwoping verdrängt wurde, soll es gelungen soll, sich der Umklammerung in geschickter Weife zu entziehen, aber selbst wenn das wahr wäre, würde es die allgemeine Lage nicht berühren. Die Russen bleiben immer im dunkeln darüber, an welchem Punkte ihrer 400 engl. Meilen langen Front der Feind den entscheidenden Schlag führen wird. Drei japanische Heeressäulen bewegen sich in Nordkorea parallel der Küste und schwenken anscheinend auf die Possict-Bai zusammen, wohin eine große Transportflotte von Gensan abgegangen ist. Russische Barbarei an den eigene» Verwundeten. Da?„B. T." gibt folgenden Bericht der„Ruß" vom 15. d. M. über einen VcrwundetentranSport auf dem Rückzüge nach der Schlacht bei Liaoyan wieder: „... In dem Sanitätszug, der zuerst Tieling passierte, waren mehr als 1000 Kranke und Verwundete in fünfzig Güterwagen unter- gebracht. Sie waren nicht gleichmäßig verteilt, sondern wie Stücke Holz hineingeworfen worden. In manchen Wagen lagen fünfzig Verwundete und in anderen nur fünf. Eine Trennung von Kranken und Verwundeten hatte nicht stattgefunden. Leute mit zerschossene» Eingeweide» lagen neben Dysenteriekranken. Da die Wagen in der Mite durch eine Lage Bretter in eine obere und eine untere Hälfte geteilt waren, so sahen wir viele Fälle, wo die auf der oberen Reihe liegenden Dysenteriekranken die regungslos auf dem Boden liegenden Verwundeten verunreinigten. In anderen Waggons liegen Typhuskranle mit Verwundeten; einige der ersteren liefen im Delirium im Wagen hin und her und traten auf den zerschmetterten Knochen ihrer Kameraden herum. Im ganzen Eisenbahnzuge war nur ein Arzt, keine einzige barm- herzige Schwester. Einige von den Leuten, die Schüsse in den Kopf erhalten hatten, waren wahnsinnig geworden. Unter wildem Schreien liefen sie auf den Könpern der Hülflos am Boden Liegenden herum. Vier Tote nahm man heraus, deren Todesursachen nicht die Ber- wundunaen waren. Dieser Transport war 48 Stunden ohne Nahrung und ohne neuen Verband gewesen. Bei allen Verwundeten hatte sich der Ver- band gelöst, war von Blut durchfeuchtet und von den Wunden ab- gerutscht. Während der ganzen Zeit waren die Wagen nicht gereinigt worden, da der Zug nur Eisenbahnpersonal hatte, sonst aber für keinerlei Bedienung gesorgt war. In vielen der Wagen lagen die Toten schon den zweiten Tag; infolge der Hitze waren die Leichen stark in Verwesung übergegangen. In einem Waggon waren die Reste der letzten Ladung, Stein- kohlen, übriggeblieben. Viele waren von ungelenken und unerfahrenen Soldateuhäuden verbunden, und in diesem Zustande waren sie auch abgesandt worden. Mit einem Worte: das war kein Verwundeten- transport, sondern ein Wegwerfen nicht mehr nützlicher Organismen!! In die schmutzigen Güterwaggons der anderen„SaiiitätSziige" wurden die Verwundeten h i n e i n g e st o p f t. Wie viele in einen Wagen hineingehen könnten, darum kümmerte sich kein Mensch. Ohne sie auch nur zu zählen und ohne Auswahl wurden sie hinein- «ezwängt. Direkt auf die obere Reihe der Bretter, dirett auf den hmutzigen Fußboden legte man die Unglücklichen— die Lokomotive pfiff, und der Zug holperte loS! Manche kamen mit herausgefallenen Eingeweidcn an! Diese Züge hatten, wie schon ge- fagt, weder Verbandmaterial noch Proviant mit sich. Die Aerzte baten auf den Stationen, auf denen sich Ver- pflegungspunfte für vorüberziehende Truppen befanden, ihnen wenigstens Brot für ihre hungernden Pfleglinge zu geben. Aber die Offiziere, welche diese Stationen verwalteten, konnten ihnen diese Bitte nicht erfüllen, da sie keine entsprechende Order hatten. Von Zeit zu Zeit war es möglich, dem einen oder dem anderen Teil dieser vergessenen Menschenschar etwas Nahrung zukommen zu lassen. Das war aber nur ausschließlich da, wo sich auf dem Wege die Hospitäler der Scmstwos befanden, die außerordentlich praktisch eingerichtet und reich mit allem versehen sind.... In Tieling beförderte sofort die Abteilung des Hospitals der SemstwoS von Jeroslaw-KastromSki eine Küche nach der Station, wo an einem Tage 3800 Mittagsportionen und große Mengen von Tee an die Mannschaften verteilt wurden. Dieser Verwundeten- und Krankentransport dauerte eine Woche. Genannte Hospitäler haben in dieser Zeit in Tieling 28 000 Portionen verabfolgt. Wenn aber die Semstwos keine Hospitäler auf den Kriegs- schauplatz gesandt hätten! Oder wenn sie nicht so gut organisiert gewesen wären, sondern sich ein Beispiel an der Organisation der Militärhospitäler genommen hätten, was würden dann unsere Ver- wundeten und Kranken für ein Schicksal gehabt haben?... Den Hungertod! Dieser Kranken- und Verwundetentransport war eine»»erhörte Barbarei. Die Welt muß erfahren, wie wir unsere Vaterlands- Verteidiger lohnen, wenn sie mit zerschmetterten Gliedern auf uns angewiesen find....* kommunales. Stadtverordneten-Versammlung. - 22. Sitzung von. Donnerstag, den 22. Junk, nachmittags 5 Uhr. Der Vorsteher Dr. Langerhans eröffnet die Sitzung um 5%' Uhr. Der Vorlage wegen Festsetzung von Fluchtlinien für eine 13 Meter breite Nserstraße am rechten Spree-Ufer von deaq Waisenbrückc bis zum Mühlendamm hat der eingesetzte Ausschuß mit allen gegen 1 Stimme zugestimmt und beantragt, den Magistrat zum Abschlüsse der erforderlichen Verträge mit dem Fiskus zu ermächtigen. Die gleichzeitig im Ausschusse gegebene Anregung, behufs der Verbreiterung und Regulierung des Spree- bettes den Jnselspeicher oder Teile davon zu enteigenen, hat die Mehrheit abgelehnt, es sind aber mit dem Eigentümer Strich wegen freihändigen Erwerbes Verhandlungen gepflogen worden, über deren Ergebnis indessen in dem vom Stadtv. Kreitling er- statteten Bericht nichts mitgeteilt wird. Die Magistratsvorlage wurde angenommen. Im Anschluß an die Magistratsvorlage wegen anderweiter Benutzung des Rummelsburger Waisenhauses ist die Frage, ob offene oder geschlossene Waisenpflege, ob Familien- oder Anstaltspflcge, prinzipiell zur Erörterung gestellt und in dem betreffenden Ausschusse nochmals diskutiert worden. Die Magistratsvertretcr, unter anderem Herr v. Friedberg, haben in der erneuten Ausschutzberatung der Kostpflege ein Loblied ge- sungen und die Anstaltspflege für eine veraltete, überholte Ein- richtung erklärt. Alle Einwendungen der sozialdemokratischen Aus- schußmitglieder sind wirkungslos geblieben: Der Umbau des HausesV zu einem Säuglingsheim, der UNibau des Schulgebäudes zu einem Siechenhaus, des Knabenhauses II zum Schulhaus sind genehmigt worden, der Antrag auf Ncuerrichtung zweier Knabenhäuser wurde abgelehnt. Ueber die Ausschußverhandlungen berichtet in einer halbstün- digcn Ausführung Stadtv. Michelet. Stadtv. Bernstein sSoz.): Durch die Annahme der Vorlage würde ein ganz falscher Weg beschritten werden. Man schwört heute auf Familienpflege, nachdem sich die amtlichen Berichte für 1895!— 1900 noch außerordentlich günstig für die Anstaltspflege aus- gesprochen haben. Den Vorwurf der Fiskalität halten wir durchaus aufrecht. Mit dem Vorsitzenden der Waisendeputation, Herrn Stadt- rat v. Friedberg, gehe ich in dem Bestreben, den kranken und rekon- valeszenten Waisenkindern zu helfen, überein. Seine Pläne dafür sind gescheitert und man ist bei Rummclsburg geblieben. Leider vermisse ich eine vergleichende gute Statistik.(Sehr richtig!) Die Lehrlinge aus der Anstalt, die entlassen sein sollen, find zumeist entlaufen, weil die Meister mit ihnen geradezu barbarisch umgegangen sind. Die Lehrlinge, die Schiffbruch gelitten haben, kehren oft zur Anstalt zurück und bitten um Rat. Nun soll die Nummelsburger Schule nicht genügen. Ja, in Berlin wird das Ziel der Gemeinde- schule doch auch lange nicht von allen erreicht. Es wird ferner über die Unselbständigkeit der Kinder in Nummelsburg geklagt. Den Kindern wird gewiß einige Freiheit gewährt, aber hier könnte viel geschehen, wenn wir, die Mitglieder der Deputation, die eigentlichen Waisenväter wären; denn ein trauriges Kapitel dieser Materie ist es, daß unter den Waisenvätern viele geistlichen Standes sind, die nur darüber wachen, daß ein katholisches oder jüdisches Kind ja nicht etwa protestantisch Milch zu trinken bekommt.(Heiterkeit.) Gegen diese Fanatiker sind die anderen Waisenväter oft die reinen Waisenknaben.(Erneute Heiterkeit.) Ueber die Familienpflege habe ich zwei Berichte der Inspektoren eingesehen, die denen der Waisenväter doch sehr widersprechen; dort ist von einzelnen Fällen berichtet, wo die Kinder im Schmutz verkommen und an Körper und Geist leiden. DaS Kinderasyl mit seinen geradezu idealen Zu- ständen fei das beste Zeugnis für die Vorgänge der Anstaltspflege. Kämen aber diese Säuglinge auf das Land, so könne es sich er- eignen, wie es in Spandau geschehen sei, daß dem Kinde in der Flasche eine musfarbene Brühe, mit Kohlblättern vermischt, ver- abfolgt werde. Das hat eine Jnspcktorin festgestellt I Die kleinen Leute, die mit Pfennigen rechnen müssen, halte ich nicht für schlechte Menschen, aber sie müssen bei den Pfleglingen ihren Vorteil wahr- nehmen. Alle Einwände, daß die Anstaltspflege Fabrikarbeit dar- stelle und an militärische Einrichtungen erinnere, die wir doch sonst bekämpfen, zeigen, daß man unfere Prinzipien nicht versteht. Wir können leider unsere uns vorschwebenden Anstalseinrichtungen nicht mit einem Zauberschlage schaffen, aber wir können alle Schichten, die ein Herz haben, bitten, sich uns anzuschließen. Wir beantragen, die Magistratsvorlagc abzulehnen und noch einmal in gemischter Deputation darüber zu beraten, ob für die Waisen An- stalts- oder Familienpflege geboten ist.(Beifall.) Stadtv. Stadthagcn(Soz.): Seit 1895 sind die Berichte bis 1900 steigend günstiger geworden für die Anstaltspflege. Seit 1900 hat sich nichts geändert als der Leiter der Waisenvcrwaltung und seitdem wird die Anstaltspflege anders beurteilt. Offenbar sollte damals gegen die Anstaltspflege vorgegangen werden. Ich habe seinerzeit dringend gebeten, die Familienpflege nicht in kleine Städte zu verlegen; das wurde auch zugesagt; heute sehen wir, daß die Kjnder sogar in Orte mit einklassigcr Schule gebracht werden. Nach dem Bericht des Referenten soll das in Zukunft zwar nicht mehr vorkommen, aber das ist abzuwarten. Die früheren Zöglinge der Anstalt haben dringend gebeten, diese nicht ganz eingehen zu lassen. Aus allem drängt sich der Argwohn aus: da scheint doch seit 1900 nicht mehr objektiv berichtet zu sein. Mögen tzie Gründe für die Tendenz gegen die Anstalt auch die besten sein, sie richten sich aber gegen ein Institut, auf das wir stolz sein können. Bis 1900 ist in jedem Bericht nur Lobendes gesagt, während von da an die Haus- pflege gerühmt wird. In dem Bericht des Inspektors Barthold von 1902 über die Hauspflcge aus dem Lande werden aber doch z. B. 23 Fälle angeführt, wo die Kinder entfernt wurden, weil sie zu schweren ländlichen Arbeiten herangezogen wurden, in 12 Fällen zum Viehhüten, obwohl dieses ausdrücklich verboten ist. Was soll da die Versicherung, in Zukunft würden die Kinder n Orte mit einklassiger Schule nicht mehr gelegt werden? Ich bitte dringend um Annahme unseres Antrages, handelt es sich doch um das körperliche und geistige Wohl von Kindern.(Beifall.) Stadtrat v. Friedberg: Wir sind auf Grund der gemachten Er- fahrungen zu den Vorschlägen gelangt, die in der Vorlage zum Ausdruck kommen. Zu dem, was mir persönlich zum Vorwurf ge- macht wird, bemerke ich, t*>ß die Herren meinen Einfluß über- schätzen: die Berichte der Inspektoren gehen allein von diesen aus. Fiskalische Rücksichten zur Einbringung der Vorlage sind�gbsolut für uns nicht maßgebend gewesen. Einer der tüchtigsten Pädagogen in Rummelsburg hat der Familienpflcge den� Vorzug gegeben. Stadtv. Tolksdors(Soz.): Ich unterscheide zwischen der aus- wältigen Kostpflege und der Kostpflcge, die in Berlin ausgeübt wird. Charlottenburg gibt gar keine Kinder nach auslvärts, höchstens nach Berlin, und darin dürften wir nicht zurückstehen. Als Beispiel führe ick an, wie ein 13 jähriger Knabe von einem Bauern zu einem anderen gegeben wurde und dort tätlich verunglückte, ohne daß die wirkliche Sachlage je festgestellt wurde. Ich hätte noch eine Reihe solcher Fälle anzuführen, bitte aber nur kurz, unseren Antrag an- zunehmen. Stadtv. Cassel(A. L.); Wir sind der Ansicht, daß auch eine beste Anstaltspflege ihre Schattenseiten hat und immer hinter der Familienpflcge im allgemeinen zurückstehen muß. Im übrigen stelle ich namens auch der Kollegen Mommsen. Bütow und Prcuß den Antrag, die Magistratsvorlage anzunehmen und weiter ebenfalls wie Herr Bernstein, nochmals in gemischter Deputation zu beraten. ob Anstalts- oder Familienpflege für die Waisen vorzuziehen ist. Nachdem Stadtv. Straßmann nochmals die Magistratsvorlage empfohlen hat, wird em Schluhantrag angenommen und in der Ab- stimmung gegen die Stimmen der Sozialdemokraten die Magi- fttatsvorlage angenommen, einstiiHiig angenommen wurde der Antrag auf nochmalige prinzipielle Erörterung der Frage in ge- mischter Deputation. Stadtv. Cassel(A. L.) berichtet sodann über die Vorlage wegen LrrWmg von Katen«« LatzNK uutz EkKicheraalagsv am Stkakaver Sfngft."*" ¥et SfilJföRuS Ija! Nack? lebhafter. durch zwei Sitzungen fortgeführter Diskussion einstimmig folgende Anträge Casselzur Annahme empfohlen: 1. Die Projekte und Kosten- anschlage f8 Millionen Mark) werden genehmigt, 3t) 000 M. zur Ausarbeitung der speziellen Entwürfe bewilligt: die Verträge mit den Aeltesten der Kaufmannschaft bcM mit der Handelskammer sollen abgeschlossen, die Genehmigung aber vorbehalten bleiben; 2. der Magistrat soll mit den beiden Korporationen darüber ver- handeln, dah o) die Verzinsung der von der Stadt einzubringenden Grundstücke bei der Gewinnbcrechnung berücksichtigt Wirt», b) bei Rückzahlung erforderlich gewordener Zuschüsse die Stadt gleich den anderen Kontrahenten behandelt wird; c) die Garantieverpflichtung mit dem Kalenderquartal beginnt, welches auf die Eröffnung des Betriebes der projektierten Speicheranlagen folgt; 3. mit dem FiskuS soll über die Herabsetzung des geforderten Preises(von 40 M für den Quadratmeter) der zur Hafenanlage nötigen Wasserfläche ver- handelt werden, Die Vorlage wird nach dem ausführlichen Referat des Stadtv. Cassel ohne Debatte e i n st i m m i g angenommen. Zur Beschleunigung der Nicderlegung desScheunen- Viertels und Fortführung der Kaiser Wilhelm» st r a st e soll von Stadt wegen eine gemischte Kommission mit weit- gehenden Vollmachten zum Ankauf der Grundstücke eingesetzt werden st3 Magistratsmitglicdcr, 4 Stadtverordnete). Eine Anzahl von Grundstücken in der Weidinger-, Füsilier-, Amalien-, Koblank- und Linienstraste, zusammen 7, bezüglich deren Angebote mit Bindung?- frist teilweise nur bis 1. Juli er. vorliegen, will der Magistrat frei- händig für insgesamt 1 700 000 M. erwerben. Auf eine Anfrage des Stadtv, Preuß(soz,.fortschr,) erklärt Bürgermeister Dr. Reicke, dast die Kommission selb st ver» st S n d l i ch nur innerhalb des Etats dürfe Abschlüsse eingehen. Auf Antrag F r i e d e r i c i werden der Kommission 6 Stadtverordnete statt 4 beigeordnet; im übrigen wird der Vorlage zu- gestimmt. Mr das Rudolf Virchow- Denkntal werden an Neben- kosten 13 000 M, bewilligt. Eine nachträglich eingebrachte Vorlage, betr. den Abschlust eines Vertrages mit dem Reichsfiskus wegen alsbaldiger Ausführung der Verlängerung det, Alten Jakob st raste, wird ohne Debatte angenommen, Ucber die Petition des Verbandes der deutschen Aerzte- vereine für physikalisch-diätetische Therapie(Naturheillehre) betr. die Errichtung von Licht-Luftsportbädern von Kommune wegen war der Petitionsausschust zur Tagesordnung übergegangen, Auf Einspruch aus der Versammlung hat der Ausschust sich nochmals mit der Petition bcfatzt, ist aber zu keinem anderen Ergebnis ge- kommen. Zum Referenten ist Stadtv. Dr. Ritter(Fr. Fr.) bestellt, Stadtv, Dr. Wetzl(Soz,): Wir unterstützen wegen der auster- ordentlichen Wichtigkeit der Sache die Aerztepetition und stellen den Antrag hiermit, Licht- und Luftsportbäder von Kom- mune wegen aus zu errichten. Diese Bäder sollen den Körper abhärten und in umfangreicherer und rationellerer Weise daS bewirken, was»vir durch Badeanstalten usw. schon seit Jahrzehnten erstreben. Wohlhabende Leute gestatten sich heute schon diesen Sport, wir wollen ihn auch für die Unbemittelten schaffen. Ich bitte um Annahme unseres Antrages.(Beifall.) Stadtrat Strahmann bittet um Ablehnung des Antrages, Stadtv. Dr. Langrrhans spricht sich ebenfalls gegen den An- trag aus. Vorläufig sei die Sache nicht spruchreif, Stadtv, Barth(A, L.) steht dem Inhalt der Petition sympathisch gegenüber und bittet den Magistrat um Berücksichtigung derselben, ebenso bittet Stadtv. Friedemann(Soz.-Fortschr.) angesichts der guten persönlichen Erfahrungen, die er mit den Licht-Luftbädern gemacht hat, wenigstens die Angelegenheit in Erwägung zu ziehen. Die Debatte wird geschlossen. Der Antrag Wehl wird abgelehnt, der Antrag Barth auf Berücksichtigung wird angenommen, Die Vorlage betr. den Erwerb des von den Grundstücken Bad- straße 35/36 und 38/39 sowie Prinzen-Allce 83 zur Freilegung der Straste K8b Abt. X 2 bestimmten Landes wird auf Antrag Sonnenfeld und nach Zustimmung desselben durch Stadtv. Hintze(Soz.) an einen sogleich niedergesetzten Ausschuh von 15 Mitgliedern verwiesen, zu dem u. a, die Stadtvv. Hintze, Borgmann, Leid gehören. Der Vorlage betr. Erwerb von Strastenland in der Bcllecmann st raste wird ohne Debatte zugestimmt; eine weitere Vorlage betr. den Bau einer zweiten Heimstätte für weibliche Genesende in Blankenbu'rg-Upstall geht auf Antrag LangerhanS-PerlS an einen Ausschuh von 15 Mitgliedern._ GcwerhlchaftUches« BcrUn und Clmflcgend. An die Arbeiterschaft von Berlin und Umgebung! Geinäst der Aufforderung der Gcneralkommission der Gewerkschaften Deutschlands sowie in Verfolg der am 5. Juni in der Berliner Gewerkschaftskommission gefaßten Resolution hat der Ausschuh derselben in seiner letzton Sitzung beschlossen, für die um Anerkennung des Koalitionsrechts kämpfenden Zigarettenarbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands Sammellisten herauszugeben. Dieselben sind für Vertrauens- Personen der Gewerkschaften und Partei in der Zeit von 11 bis Illhr und 6 bis 8 Uhr in unserem Bureau Engel-Ufer 15 zu haben. Listen, welche von der Berliner Gewerkschaftskomnussion herausgegeben werden, sind nur mit derselben abzurechnen. Ebenso sind alle Gelder, welche in Berlin und Umgebung ge- sammelt und für die streikenden Zigarettenarbeiter und Arbeiterinnen bestimmt sind, an A. Körsten, Engel-Ufer 15, zu senden. Die Quittungen erfolgen öffentlich im„Vorwärts". Ge- Werkschaftslisten oder Sammlungen dürfen nur innerhalb des eigenen.Gewerbes zirkulieren. Der Ausschuß der Berliuer Gewerkschaftskommission. Die Marmorardelter hielten am Mittwoch im Englischen Garten eine Versammlung ab. in welcher die Tarifkommission den Entwurf des neuen TarifeS vorlegte. Dieser enthält gegen den alten wesent- liche Verbesserungen, die sich auf Arbeitszeit, Lohn und Ueberstunden erstrecken. Der Lohn für Steinmetzen, welcher bisher SS Pf. in der Werkstätte. 70 Pf. auf Bau betrug, soll allgemein auf 7S Pf., für Schleifer, jetzt 45 und 50 Pf„ auf SV Pf. erhöht werden. Die Arbeitszeit soll täglich acht Stunden betragen. Nach längerer Debatte über die Festsetzung der Spesen bei Arbeiten austerhalb der Werkstätte wurde der Entwurf von der Versammlung gutgeheißen. Ein Akkordtarif soll vorgelegt werden, sobald der Lohntarif bei den Unternehmern auf Schwierigkeiten stvstt. Dcutfchca Rddt- Die Maurer sind in Koburg in einen partiellen Streik einge» treten, 30 Mann haben die Arbeit niedergelegt. Die Binnenschiffer haben einen schönen, Erfolg erzielt. Im März richtete die Mitgliedschaft Binnenschiffer, eine Sektion des Verbandes der Hafenarbeiter, an die Gesellschaften und Privat- schiffer daS Ersuchen, den Lohn auf 100 Ml. monatlich zu erhöhen. Eine Antwort wurde zum 15, Mai erwünscht. Sofort erklärten sich eine größere Anzahl Gesellschaften auf der Elbe bereit, die Forde- rung zu bewilligen und wurde der neue Lohn ab, 1. resp, 15, Mai gezahlt. Die Schiffahrtsgesellschaften der Habel sowie der Oder haben ebenfalls zum größten Teil die Forderung bewilligt. Allein ausgeschlossen hatte sich die Privat-Schiffer-TranSport-Genossen- schaff, der eine Anzahl selbständiger Schiffer angehört. Bei dieser' Gesellschaft kam es zum Streik; es lagen etwa 60 Kähne mii- 100 Mann still. Erst dann bewilligte die Gesellschaft, Tie cr-edchte Aufbesserung beträgt 10 bis 30 Mk, monatlich. Das pstestige Er- gcbnis der Lohnbewegung ist wesentlich dem Umstände zu danken, dast die Binnenschiffer fast durchweg ihrer Organisation, dem Hafen- arbeitervcrbande, angehören._ Die Aussperrung an der Unterwescr. Aus Bremerhaven schrewt man unS: Die Wcrftgewaltigcn in den Unterweserorten haben ihre Drohung wahr gemacht. Sowohl der Betrieb der Firma I. C Tecklenborg- Geestemünde als auch derjenige von G. S e e b e ck- A,-G,-Bremerhaven ist seit Dienstagabend geschlossen. Nachmittags um 6 Uhr hatten die Leute ihr Arbeitsgerät, Werk- zeug usw. abzuliefern, und sodann verließen die Arbciterscharcn die Räume der Betriebe, wo viele von ihnen länger wie ein Jahrzehnt tätig gewesen waren. Die Lohnauszahlung erfolgte Mittwoch- nachmittag. Betroffen von der brutalen Maßnahme des Werft- kapitals find vorläufig zirka 2600 Arbeiter. Ein paar hundert Mann haben die Abkehr nicht erhalten, sie werden mit Aufräumungs- arbeiten und in den Docks beschäftigt. Auch die Hirsch-Dunckerianer haben Gnade vor den Augen der Herren und Meister gefunden. Vielleicht hofft man, dast ihnen dieselben demnächst bei der Ge» winnung von Streikbrechern gute Dienste leisten werden. Die Veranlassung zu der gegenwärtigen Aussperrung bildet ein klassisches Dokument zu der vielgepriesenen„sozialen Fürsorge" des Unternehmertums. Ende Mai d. I. hatten die Kesselschmiede der gedachten beiden Wersten geringfügige Forderungen erhoben. Neben anderen Wünschen nebensächlicherer Natur gipfelten diese Forde- rungen Hauptsächlich in einer Lohnaufbesserung um 7)4 bezw. 10 Prozent. Der gegenwärtige Stundenlohn der Kesselschmiede beträgt 35 bis höchstens 41 Pf. Das ist für die schwere, schmutzige Arbeit geradezu ein Hundelohn. Die Arbeit der Kesselschmiede er- fordert eine körperliche Anstrengung sondergleichen, eine ordnungs- mähige Ernährung ist daher unbedingt notwendig, wenn der Mann den mit dem Beruf verbundenen Strapazen gewachsen sei soll. Hinzu kommt die starke Ramponierung der Arbeitskleidung und ferner die stete Gefahr für Leben und Gesundheit, die mit dem Beruf ver- bunden ist und häufig den Verlust der Augen und des Gehörs im Gefolge hat. Trotz all dieser Taffachen würde man aber bielleicht noch keine Forderungen auf Lohnerhöhung gestellt haben, wenn nicht die Be- triebsleitungen der Werften durch fortgesetzte Reduzierung der Akkordsätze es den Kesselschmieden unmöglich gemacht hätten, in Zeiten starker Beschäftigung soviel zu verdienen, dast der Minder- verdienst, der während der flauen Beschästigungszeit erzielt wird, wieder ausgeglichen werden könnte. Die Lohnsätze von 35 bis 41 Pfennig pro Stunde sind, namentlich für den verheirateten Arbeiter. für die Verhältnisse an der Unterweser viel zu niedrig, um das Ein- kommen auch nur auf das Existenzminimum bringen zu können. Eine halbwegs anständige Firma würde denn auch die Forderungen der Kesselschmiede ohne weiteres bewilligt haben. Anders aber dachten die alljährlich Hunderttausende verdienenden Werften Tecklenborg und Seebeck. Sie lehnten die Forderungen der Kesselschmiede rundweg ab. Um es nicht zum Kampf kommen zu lassen, reduzierten darauf die Arbeiter ihre For» derungen. Aber eS half nichts, die Werften lehnten auch jetzt noch ab. Darauf legten die Kesselschmiede die Arbeit nieder, stellten aber gleichzeitig eine Lohnliste auf, die weit hinter den ursprünglichen Forderungen zurückblieb und laut welcher für die Höchstentlohnten eine Zulage von 1 Pf., für die Niedrigstentlohnten von 2 bis 3 Pf. gefordert wurde. Und was taten die Firmen nun? S i e l e h n t e n auch diese bescheidensten aller bescheidenen For. derung en der Arbeiter ab. proklamierten dafür aber am Freitag boriger Woche für den Fall, daß die Kesselschmiede nicht bedingungslos die Arbeit wieder aufnehmen würden, die Schließung der Werften. Die ganze Brutalität und Profitwut der Werstmagnaten tritt so recht in die Erscheinung, wenn man mit den geringfügigen Löhnen und Forderungen der Arbeiter die Dividenden vergleicht, die Jahr für Jahr die Aktionäre einheimsen. Es gelangten zur Verteilung bei: 1900 1901 1902 1903 1904 Tecklenborg, 12 Proz. 20 Proz. 12 Proz. 12 Proz. 10 Proz. Scebeck.. 8 Proz. 10 Proz. 10 Proz. 10 Proz.? Proz. Die Dividende bei Seebeck ist uns vom letzten Jahre momentan nicht bekannt, niedriger wie im Vorjahre ist sie aber nicht gewesen. Soviel steht fest, auch dann, wenn den Kesselschmieden eine Lohn- erhöhung von 1 oder 2 Pf. gewährt worden wäre, hätten die Herren Aktionäre noch nicht zu hungern brauchen. Vorläufig ist die Aussperrung also perfekt und die Tore der Werften sollen sich erst wieder öffnen, wenn die Kesselschmiede be- dingungslos die Arbeit aufzunehmen bereit sich erklären. Das tun sie nicht und das verlangt auch kein Arbeiter von ihnen. Beteiligt an der Aussperrung sind in erster Linie die Organi- sationen der Metallarbeiter, Werftarbeiter, dann die Schmiede, Holz. arbeiter und ferner noch eine Anzahl anderer, jedoch diese nur mit einer kleineren Mitgliederzahl, außerdem auch eine Anzahl Arbeiter, die keiner gewerkschaftlichen Organisation angehören.— WaS werden wird? Nun vorläufig kann man sich eine Ant- wort darauf geben durch einen Anschlag, den eine andere Werst, nämlich die R i ck m e r s'sche in Geestemünde, am„schwarzen Brett" ihres Betriebes Mittwochabend veröffentlichte. Ganz lakonisch wird da den Arbeitern bekannt gegeben, dast, wenn nicht bis Freitagabend die Differenzen bei Tecklenborg und Seebeck geschlichtet seien, an diesem selben Freitag auch die Rickmers'sche Werft ihren Be- trieb einstellen werde. Dadurch werden alsdann weitere 800 Mann aufs Straßcnpflaster geworfen. Die Arbeiter sind trotz alledem guten Mutes. Bereit zur Ver- ständigung sind sie selbstverständlich nach wie vor. Aber die Werft- gewaltigen wollen nicht. Ihre Presse kündigt bereits an, dast, wenn auch die RickmerS'sche Aussperrung die Arbeiter nicht zur Unter- werfung bringen werde, man beabsichtige, in den nächsten Tagen ebenfalls die Werften in Vegesack nnd Bremen zu schließen. Der protzenhaste Uebermut der Werftherren kennt also keine Grenzen und scheut vor keiner Vergewaltigung zurück. Schweren Tagen geht die Arbeiterschaft an der Unterweser entgegen. Aber sie ist im Kampf gestählt, und im Vertrauen auf die Gerechtigkeit ihrer Sache baut sie auf die Solidarität der gesamten deutschen Arbeiterschaft, wissend, dast ihr diese Solidarität auch in diesem neuesten Kampfe gegen die Willkürherrschast einer kleinen aber mächtigen Unternehmerclique nicht fehlen wird! Die allgemeine Metavarbeiter-AuSsperrung ist Mittwoch abend auch in Nürnberg eingetreten. Eine genaue Angabe über den Umfang der Aussperrung ist zurzeit nicht möglich. Wie unser Korrespondent meldet, haben alle 35 in Betracht kommenden, dem Industriellen- verband angehörigen Betriebe, die etwa 10 000 Arbeiter insgesamt beschäftigen, ausgesperrt, darunter auch die Direktion deS Siemens- Schuckert-Wcrkes, dessen Direktion sich erst vor einigen Wochen mit den Arbeitern über deren Forderungen geeinigt hat, nun aber dem Beschlust des Mctallindustriellen-VerbandeS Folge leisten muß. Eue Induftm und ftandel* Unpünktliche Prämienzahlung. Von den Versicherungsnehmern wird vielfach die Erfüllung der allerdings komplizierten und nicht immer leicht verständlichen Ver» sicherungsbedingungen mit einer gewissen Nachlässigkeit gehandhabt. Sieht sich ein Versicherungsnehmer in dieser Lage dann gezwungen, Ansprüche an seine VersicherungSgelellschast zu stellen, so hat er oft kleine Vergeßlichkeiten bitter zu bereuen. In einein solchen Falle hatte ein Spediteur Sch., der mit seinem Fuhrwerlsbetriebe in dem Allgemeinen deutschen Versicherungsverein zu Stuttgart vom 1. Oktober 1902 bis 30. April 1903 versichert war, die für dieses halbe Jahr am 1. Oktober fällige Prämie erst am 11. Februar 1903 gezahlt, trotzdem das Statut der Gesellschaft vorschreibt, daß die Versicherung hinfällig ist, wenn die Prämie nicht 30 Tage nach ihrer Fälligkeit gezahlt worden ist. Eine weitere Prämie hat Sch. überhaupt zurückbehalten auch wieder entgegen einer Be- stimmung des Statuts—, weil in seinem Betriebe am 26. Januar 1903 durch Unglücksfall ein Pferd verendete und die Gesellschaft wegen nicht eingehaltener VerstcherungSbedingungen die Auszahlung der zirla 1500 M. betragenden Versicherungssumme verweigerte. Sch. klagte nun gegen die Gesellschaft auf Zahlung der Ver- sicherungssumme und erhielt diese auch durch Landgericht und Oberlandesgericht Frankfurt a. M. zugesprochen. Das Gericht nahm an, daß die Versicherungsgesellschaft dabei auf ihr statutarisches Recht verzichtet habe, trotzdem sie von dem Unfall durch Sch. selbst unterrichtet war. Durch die beim Reichsgericht eingelegte Revision wurde dieses Urteil aber mit Erfolg angegriffen. Es war auf das durch Statut untersagte Zurückbehaltungsrecht der weiterhin fälligen Prämien Bezug genommen worden. Das Reichsgericht kam auch zu einer Aufhebung des Vorderurteils. indem es ausführte, daß Kläger sich zum mindesten auf das Zurück- behaltungSrecht hätte berufen müssen und die Prämie nicht still- schweigend, entgegen dem Statut, zurückbehalten durfte.— Die Sache wurde zur nochmaligen Entscheidung an einen anderen Senat des Oberlandesgerichts Frankfurt zurückgewiesen und wird nun sehr wahrscheinlich zuungunsten des Klägers ausfallen. Wenn auch nicht alle Versicherungsgesellschaften die gleiche Un- kulanz walten lassen, so muß dieser Fall doch allen Versicherungs- nehmern zur Warnung dienen.__ Deutschlands Außenhandel. Der auswärtige Handel des deutschen Zollgebiets stellt sich in den fünf Monaten Januar bis Mai 1905 nach den vom kaiserl. Statistischen Amt herausgegebenen monatlichen Nachweisen wie folgt: Die Gesamteinfuhr betrug in Tonnen: 20 357 101 gegen 18 224 577 und 17 579 274 in den gleichen Zeitabschnitten der beiden Vorjahre, daher mehr 2 632 524 bezw. 3 277 327, die Edelmetall- einfuhr 535 gegen 612 und 445 Tonnen. 24 von den 43 Zolltarifnummern haben eine höhere, 19 eine geringere Einfuhr als im Vorjahr. Unter den ersteren ragen hervor: Stein- usw. Kohlen (4- 1880 898 Tonnen), Getreide und andere Landbauerzeugnisse <4- 437 272), Abfälle(+ 108 997), Oele und Fette(ff- 85 279), Steine und Steinwaren(-j- 84 192), Materialwaren(4- 62 154), Holz und Holzwaren(4- 26 932), Drogericwarcn(4» 18 334), Ton- waren(4- 12 700), unter den letzteren: Erden und Erze l— 74 573), Eisen und Eisenwaren(— 22 028), Teer. Pech, Harze(— 17 123), Baumwolle und Baumwollwaren(— 17 073). Die Gesamtausfuhr betrug in Tonnen: 15 375 283 gegen 15 488 526 und 15 272 945 in 1904 und 1903, daher gegen 1004 weniger 113 243, gegen 1903 mehr 102 338; die Edelmctallanssiihr 233 gegen 183 und 163. 23 Zolltarifnnmmern zeigen eine Zunahme, 20 eine Abnahme der Ausfuhr gegenüber dem Vorjahr. Die Zu- nähme tritt besonders hervor bei: Erden und Erzen(4- 333 306 Tonnen). Eisen und Eisenwaren(-j- 73 263), Drogerie- usw. Waren (+ 33 204), Steine und Steinwaren(+ 30 731), Abfällen(+ 10 209), die Abnahme bei Stein- usw. Kohlen(— 483 820), Getreide und anderen Landbau- Erzeugnissen(— 73 102), Tonwaren(— 25 974), Material- usw. Waren(— 24 521). Letzte INfacbrlcbten und DepcFcbcn, Zur Marokkofrage. Paris, 22. Juni.(Meldung der„Agence HavaS". Die Baisse eine Anzahl von Papieren an der Börse hat im PalaiS Bourbon Erstaunen hervorgerufen, wo man sich fragte, ob sie nicht durch die äußere Lage begründet fei. In dieser Hinsicht wurde Ro uvier in den Wandelgängen derKammervon Deputierten befragt. Rouvier erklärte darauf, daß die pessimistischen in Umlauf gesetzten Gerüchte vollständig grund- l«S feien. Die Verhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland nehmen den normalen Verlauf. Jeder Wahrscheinlichkeit nach werde die von der französischen an die deutsche Regierung gerichtete Note bezüglich Marokkos offiziös den Signatarmächten der Madrider Konvention mitgeteilt werden._ Paris, 32. Juni.(W. T. B.) Der internationale Kongreß für Ackerbau in den Kolonien ist heute eröffnet worden. England, Deuffchland, Holland, Italien und die Vereinigten Staaten sind ver- treten. Der Kongreß beschloß die Bildung eines internationalen wiffenschastlichen Ausschusses, welcher die Aufgabe hat, alle die Acker- bau und die Industrie in den Kolonien berührenden Fragen zu studieren. Ein Ausschuß, welcher in Paris im Sommer zusammen- treten wird, ist unter Borsitz Lapossans gebildet worden. Brüssel, 22. Juni.(W. T. B.) Die Abgeordnetenkammer hat einsttmmig eine Gesetzesvorlage betreffend die zwischen Belgien. Rußland, der Schweiz, Spanien, Schweden, Dänemark, Griechenland und Rumänien abgeschlossenen obligatorischen Schiedsgerichts- verttäge angenommen. Bandervelde(Soz.) hebt hervor, daß ein Berttag mit dem König von Schweden und Norwegen ab- geschloffen worden sei und fragt, ob die Regierung, da ein König von Norwegen nicht mehr vorhanden sei, mit diesem jetzt unab- hängigen Lande besondere Verhandlungen anzuknüpfen gedenke. Der Minister des Aeußern erklärt, der König von Schweden habe den Bertrag für Schweden und Norwegen unterzeichnet, er fei damals zweifellos gesetzmäßiger Mandatar de? letztgenannten Landes gewesen und dieser Vertrag binde die Ration auf alle Fälle für die Zukunft. Die Revolution in Rußland. Petersburg, 22. Juni.(W. T. B.) Die„Birschewija Wedomosti" meldet nach den„Rußkije Wedomosti': Im Kreise Scharuchan, Gouvernement Eriwan. zefftörten Aufrührer. deren Zahl auf 37 000 angegeben wird, vier armenische Dörfer und wurden dann bei einem Angriff auf das verschanzte Ulianoraschan mit einem Verlust von etwa 100 Toten zurückgeschlagen. DaS Dorf Chulundian wurde drei Tage von Soldaten gehalten. Räch Eintreffen einer Sotnie Ver- itärkung schlug der Kommandeur der Truppen die regelrechten Anstürme »er Aufrührer ab und brachte ihnen große Verluste bei. Getötet wurde ein Aufrührer mit grünem Turban. Nachts gingen die Kosaken zum Angriff über und nahmen 870 Mann gefangen und er- beuteten eine schwarze Fahne mit der Hand deS Propheten und eine Menge Waffen. ES wurden mohammedanische Proklamationen auf- gefunden, in denen Schiiten und Sunniten zu gemeinsamem Kampfe aufgefordert werden. Minisirrkrisis in Schweden? Stockholm, 22. Juni. /(W. T. B.)'„Nha Dagligt Allehanda" will wissen, die Regierung habe am Dienstag das Abschiedsgesuch eingereicht. Das Blatt verlangt, daß ein Ministerium aus allen Parteien ein Koalitionsministenum gebildet werde. Verantiv.M� FranzNehbttfl, Berlin. Jolerat«verantw.(mitAuSnahme der.NcueWelt'-Betlagej-TH.Glocke.Berim. Druck u.Verlag! Vorwärts Buchdr.u.Berlag»anstPaulSinger S!Co..Birlin8V. Hierzu«Beilagen».UNt«rh«ltWM»W Nr. 144. 22. Jahrgang. 1. Beilage des Vorwärts" Berliner Volksblatt. Freitag, 23. Juni 1905. Arbeiter! Gedenkt der um ihr Koalitionsrecht kämpfenden Zigarettenarbeiter! Fünfte Generalversammlung des Verbandes der deutschen Tariffrage. Das Zuſammenwerfen der qualifizierten Arbeiter mit eine Entschädigung für die über ihre vertragsmäßige Bureauzeit Buchdrucker. Klapproth Hannover wünscht, daß an den Wahlen zum Tarifamte sich nur beteiligen dürfen tariftreue Prinzipale und Gehülfen, also die Mitglieder des Prinzipalvereins auf der einen und Verbandsmitglieder auf der anderen Seite. Der Abschluß des Tarifs von Organisation zu Organisation sei daher höchst erstrebenswert. Aus der Partei. den Standpunkt der österreichischen organisierten Gehülfenschaft zur Handlungsgehülfen flagten gegen das Kaufhaus Oberpollinger auf den Hülfsarbeitern im Buchdruckgewerbe in einen Topf hält er im hinausgehende Ueberarbeit; vor Eröffnung des Kaufhauses, als Interesse beider Teile für untunlich an der Hand praktischer Er man mit der Einrichtung desselben beschäftigt war, währte die ArDresden N., Mittwoch, 21. Juni. fahrungen. Bezüglich der Klagen der Maschinenmeister über schlechte beitszeit der Kläger oft bis 10 und 11 Uhr nachts, ja jogar bis 1 und ( Sehr richtig!) Sie 2 Uhr morgens( 1). Die Kläger stellen sich auf den Standpunkt, Vor Eintritt in die Tagesordnung der heutigen Vormittags Berhältnisse seien diese selbst schuld daran. Sigung erklärte Massini, daß die Berliner in der Erwartung auf standen früher auf dem Standpunkt, soviel Maschinen zu bedienen, daß eine derartige lange Arbeitszeit nicht Handelsusance und gleichErfüllung ihrer Forderungen bei den Tarifverhandlungen mit den als möglich, wenn es nur bezahlt würde. Das räche sich nun. Be- bedeutend fei mit einer ungerechtfertigten Bereicherung. Die bes Prinzipalen ihren Antrag auf Kündigung des Tarifs zurüd- züglich ber Affordarbeit stehe er auf dem Standpunkt, daß diese flagte Firma lehnte jede Zahlungspflicht ab, da die kaufmännischen lediglich dazu dient, Arbeitskräfte zu sparen und daher, wie ein Angestellten nicht den Bestimmungen der gewerblichen Arbeiter unterziehen.( Bravo!) Antrag München besagt, ihre Abschaffung in Erwägung zu ziehen sei. ftehen. Nach§ 59 des Handelsgefehbuches hat ein kaufmännischer Der Vorsigende erklärt, daß eine Resolution eingebracht sei, Angestellter, wenn nicht besondere Vereinbarungen über die Art und welche sich gegenwärtig im Druck befinde und daher der General den Umfang seiner Dienstleistungen oder über die ihm zukommende versammlung erst morgen früh vorgelegt werden könne. Vergütung getroffen sind, die dem Ortsgebrauch entsprechende VerSodann wird die Sigung geschlossen. gütung zu beanspruchen. In Ermangelung eines Ortsgebrauches gelten die den Umständen nach angemessenen Leistungen als verWeber Berlin meint, es scheine ihm aus dem bisherigen einbart. Das Gericht vernahm nun über die Frage, was OrtsLaufe der Debatte herausgeleuchtet zu haben, als ob man vergebrauch ist, sieben Sachverständige, nämlich sechs Prinzipale und schiedentlich die Tarifgemeinschaft als Selbstzweck betrachte. Er einen Handlungsangestellten. Der Syndikus des bayerischen InduMit dem Organisationsstatut beschäftigte sich eine Bezirks- Partei- striellen- Verbandes, Dr. Kuhlo, ist der Ansicht, daß im Handelsfeinerseits betrachte dieselbe lediglich als gewerkschaftliches Kampfmittel. Redner verliest eine Statistit, welche die große Fluktuation bersammlung in Budau( Magdeburg). Es wurden Ausstellungen gewerbe die Bezahlung von Ueberstunden nicht Brauch sei und der Mitglieder in einer tariftreuen Berliner Druderei fennzeichnet. an den Vorschriften über die Zusammensetzung des Schiedsgerichts meint, daß in dem Moment, wo das Salär nach Stunden berechnet Ausdrüde wie„ professionsmäßiger Heger",„ Stänker" und ähnliche gemacht. Mehrere Redner traten für ständige Schiedsrichter ein. In würde, der Kaufmann zum Tagelöhner herabjinke( 1); feien dort an der Tagesordnung und beweisen, wie der Prinzipal der Abstimmung erklärte sich die Versammlung für den Entwurf auch der Staufman Sirschberg vertritt den Standpunkt, daß über die Tarifgemeinschaft denkt. Die gestrigen Ausführungen des mit den Abänderungsvorschlägen der Magdeburgischen Parteileitung, der Handlungsgehülfe auf den Standpunkt eines Arbeiters herabs Referenten haben sich zum Teile mit dem Nachweise befaßt, wo die die wir seinerzeit mitgeteilt haben. Die Parteiversammlung des gewürdigt würde, wenn das Galär nach Stunden bezahlt Gehülfen gegen die Tarifgemeinschaft gefehlt haben. Er ver- Bezirks Magdeburg Altstadt stimmte dem Entwurf vorbehalt- würde( 1); damit wolle er dem Stande der Arbeiter durchaus nicht miffe demgegenüber den anderen Nachweis, wo die Prinzipale los zu. zu nahe treten. Ortsgebrauch sei in diesem Punkte waren sämtgegen dieselbe verstoßen, damit Licht und Schatten gleichmäßig Die Diskussion des Generalftreits scheint auch die Polizei für liche Sachverständige einig daß bei Ueberarbeit von ein bis zwei berteilt sind. Wenn der Verband unter der Tarifgemeinschaft äußerst wichtig zu halten. In der Breslauer Volkswacht" war die Stunden den Angestellten ein Imbiß gereicht, zum Teil auch eine sehr gewachsen fei, so mangele es bei manchen Zuzüglern bezüglich Schrift der Genoffin Roland- Holst über Generalstreit und Sozial- Mart als Vergütung und schließlich am Jahresschlusse oder zu Weihder Qualifikation als Gewerkschaftler und er betrachte daher dieses demokratie angekündigt worden. Kaum war das die Ankündigung nachten eine Gratifikation gewährt werde. Das Kaufmannsgericht Wachstum als ein ungesuntes. Die von Berlin gestellte Forderung enthaltende Blatt heraus, da erschien schon ein Polizeikommissar in berurteilte das beklagte Kaufhaus zu einer Entschädigung an die auf Erhöhung der Grundpofitionen um 7% Broz.( Buruf: Ist der Buchhandlung unseres Parteiblattes, um das Buch zu kaufen. Stläger von 16 beziv. 13 M., stellte aber fest, daß für Ueberstunden zurückgezogen!) Nein, diese Forderungen find nicht Leider war es noch nicht vorrätig. Der Beamte bestellte darauf drei die faufmännischen Angestellten teine Vergütung zu beanzurüdgezogen, sondern nur der Antrag auf Kündigung des Exemplare. spruchen haben. Eine andere Frage sei, ob sie nicht in einer anderen Tarifs! ist eine sehr bescheidene, unter welche nicht Form für ihre Mehrarbeit eine Entschädigung beanspruchen können Genosse Plechanow teilt in der Jstra" mit, daß er auf Grund( maßgebend hierfür sei der§ 59 des Handelsgesetzbuches). Da heruntergegangen werden dürfe. Bezüglich der Lehrlingsfrage besteht der Uebelstand, daß von ihnen zum Teil von Meinungsverschiedenheiten über eine in der Konferenz der geht die Meinung des Gerichts dahin, daß bei übermäßig langer Laufburschenarbeit, verlangt und bei der Stellung der jetzigen Fattore, russischen Arbeiter diskutierte Resolution sich genötigt fühle, aus der Dienstzeit ein Abendessen(!) ober eine entsprechende Entdie meist nur als Antreiber fungieren, ist ihre technische Redaktion der" Iskra" auszuscheiden. Gleichzeitig legt er fein Amt schädigung zu gewähren sei. Für die Fälle von" nur" 1½ Stunden Ausbildung häufig eine mangelhafte. Von den Arbeits im Parteirat nieder. Seine Stellung im internationalen Bureau Mehrarbeit erachtet das Gericht die Verpflichtung nachweisen werden mitunter minderwertige Konditionen vermittelt. will er nur beibehalten, wenn beide Teile der russischen Partei ihn zu einer Entschädigung nicht gegeben, bei Fällen von Auch findet man in der Liste der tariftreuen Prinzipale hie und da delegieren. mehr als drei Stunden eine Mark Entschädigung für ausFirmen, welche bereits als nicht tariftreu bekannt sind. Unsere wirtreichend! schaftliche Lage wird durch den Zolltarif noch bedeutend verschlechtert und daher muß die Tarifgemeinschaft uns wenigstens das Eristenzminimum gewähren. Persönlich halte er den geforderten Prozentja Lohnerhöhung für viel zu niedrig, aber er bescheide sich, damit man nicht sagen könne, es würden unerfüllbare Forderungen erhoben. man Seit München hält es für überflüssig, daß die Berliner Kollegen in der Tariffrage eine solche Erregung hervorgerufen haben, wie geschehen. Die Tariforganisation hat sich zum Schuße unseres Gewerbes entwickelt und zum Segen des Verbandes gedient. Auf diesem Boden muß weitergebaut werden. Auch seitens der Brinzipale und Behörden erfahre im allgemeinen die Tarifgemeinschaft eine Beurteilung, die sich vorteilhaft gegen die frühere abhebt. Graßmann Effen führt aus, daß gegenüber den Anträgen auf Abschaffung des Staffeltarifs die Prinzipale, wie er weiß, daran gehen wollen, noch eine vierte Staffel zu schaffen. Der Tarif soll aber einheitlich für das ganze Reich gelten und energisch durchgeführt Nach der Zurückziehung des Berliner Antrages auf Kündigung des Tarifs bildet, wie gelegentlich der Vorsitzende bemerkte, die Basis der Verhandlungen der Antrag Stuttgart: „ Die Generalversammlung, möge die Gehülfenvertreter beauftragen, zu gegebener Zeit bei dem Tarifausschuß den Antrag auf Revision des Tarifes zu stellen. Eingegangene Abänderungsborschläge werden von den Gauvorstehern und Gehülfenvertretern auf einer Stonferenz geprüft und zusammengestellt und dann den tariftreuen fari treuen Gehilfen an einem zage in famtlichen Druckstädten werden.( Bravo!) erforderlich. Polizeiliches, Gerichtliches ufw. Amtliche Saalabtreiberei. folgende Bekanntmachung: In der„ Lobbericher Volkszeitung" vom 17. Juni findet sich Anläßlich der in jüngster Zeit vorgekommenen Ereignisse weise ich darauf hin, daß die Wirte, welche ihre Lokale zu sozialdemokratischen Versammlungen hergeben, dieses auf ihre eigene Verantwortung hin tun. Es sind diesseits Vorkehrungen getroffen, daß den MilitärPersonen der Besuch solcher Wirtschaften vom Truppenteil unterfagt bleibt. Lobberich, den 10. Juni 1905. Die Polizeiverwaltung Der Bürgermeister Heckmann. Die Handlungsgehülfen werden durch dieses Urteil vielleicht zu der Ueberzeugung gebracht werden, daß das Herabfinten" auf den Standpunkt eines Arbeiters für sie doch recht vorteilhaft wäre; es brächte ihnen Bezahlung für ihre Arbeit, die sie jetzt bestenfalls für ein Abendbrot leisten müssen. Der Entlassungsgrund müsse Ein Grund zu vorzeitiger Entlassung scheidet aus, wenn er dem Entlassenen gegenüber nicht geltend gemacht wird. Der Arbeiter H. war von seinem Arbeitgeber P. für eine bestimmte Zeit angenommen, aber schon vor ihrem Ablauf wieder entlassen worden. H. verlangte deshalb durch Klage beim Berliner Gewerbegericht eine Lohnentschädigung von 27 M. Der Beklagte wandte ein, er habe den Kläger entlaffen, weil er mit Läufen behaftet war. Er gab zu, diesen Grund nicht genannt zu haben. Er hätte dem Kläger nicht Daß die Wirte ihre Lokale unter eigener Verantwortung und wehe tun wollen. P. wurde verurteilt, die 27 M. an den Kläger nicht unter der des Bürgermeisters zu Bersammlungen hergeben, zu zahlen. Nach Annahme des Gewerbegerichts kann die Verlaufung dürfte jenen bekannt sein. Die Bekanntmachung hat also nur ben eventuell als Entlassungsgrund in Frage kommen, da sie als efelZweck, die Wirte einzuschüchtern und die Arbeiter in der Ausübung erregende Krankheit gelten könne. ihres Versammlungsrechtes zu beschränken. Denn gegen die Arbeiter aber, wenn er die vorzeitige Entlassung rechtfertigen solle, dem richtet sich die Bekanntmachung. Die Ereignisse, die der Bürger- Entlassenen gegenüber verlautbart werden. Da die Läuse nicht als meister so geheimnisvoll andeutet, bestehen lediglich darin, daß es Grund der Entlassung dem Kläger genannt seien, so scheide dieser den Arbeitern in Lobberich( Kreis Kempen, Niederrhein) gelang, Grund aus und es sei dem Kläger die Entschädigung zuzusprechen. wieder ein Versammlungslokal zu erlangen. Die Versammlungen find in vollkommener Ordnung verlaufen und es hat sich nichts er- unter Umständen das ältere Regulativ wieder aufleben. Das hat das Die ungültigkeit eines neueren kommunalen Steuerregulativs läßt eignet, was den Bürgermeister, der, nebenbei gefagt, aur national Ober- Verwaltungsgericht in einem Hundesteuerstreit, Stiel betreffend, machung ist also eine völlig ungefeßliche Drohung. liberalen Fahne schwört, zum Einschreiten berechtigte. Seine Bekannt- ausgesprochen. Es erflärte am 20. Juni zwei neuere Hundesteuerregulative für ungültig, weil sie zwar die Genehmigung des BezirksBoltsboten", Genosse Faber, verurteilt, weil er den Ersten bas Ober- Verwaltungsgericht für durchaus notwendig. Bu 100 M. Geldstrafe wurde der Redakteur des„ Stettiner ausschusses, nicht aber die Gegenzustimmung des Ministers bezto. Oberpräsidenten erhalten hatten. Diese Gegenzustimmung erachtet Staatsanwalt in Greifswald beleidigt haben sollte. Ein Arbeiter Es nahm in Anklam war auf der Polizeiwache schwer mißhandelt worden. mun aber nicht an, daß jetzt gar keine HundesteuerDie Mißhandlungen waren durch ärztliches Zeugnis festgestellt. Der Hundesteuerregulativ Riels zurück, das vor den für ungültig erberechtigung Kiels bestehe. Vielmehr griff es auf das alte Arbeiter beschwerte sich darüber beim Ersten Staatsanwalt in flärten Regulativen erlassen worden ist. Dazu wurde ausgeführt: Hundesteuerregulativ Stiels zurück, das vor den für ungültig er= Greifswald, erhielt aber zur Antwort, er hätte die Mißhandlungen Man könne nicht sagen, daß in jedem Falle ältere Steuerdurch sein renitentes Benehmen selbst verschuldet. Diesen Vorgang hatte Faber satirisch kritisiert und darin wurde die Beleidigung des regulative beseitigt seien durch die später erlaffenen Regulative. Hier stehe fest, daß man in Kiel, als die neueren, ungültigen ReguStaatsanwalts gefunden. lative erlassen wurden, an der Hundesteuer habe festhalten wollen. Daraus folgere das Gericht, daß das ältere Steuerstatut hier wieder Anwendungskraft gewinne, nachdem die neueren Statute wegen der fraglichen Mängel für ungültig zu erklären feien. Der Senat wandte dann im fraglichen Streitfalle die ältere Steuerordnung an. Der auf Freistellung von der Steuer klagende Hundebefizer war danach abzuweisen. der neun Kreise zur Beratung und Genehmigung vorgelegt. Bei dieser Gelegenheit möchten wir noch einen von Breslau gestellten Antrag zitieren, in welchem das Solidaritätsprinzip zum Ausdruck gebracht wird und der jedenfalls bei diesem Punkt der Tagesordnung behandelt werden soll. Er lautet:" Bei Lohnstreitig feiten der Ifsarbeiter fönnen die Verbandsmitglieder die Sülfsarbeiter aktiv unterstützen, sobald sich die örtliche Leitung der Hülfsarbeiter vor Ausbruch der Streitigkeiten mit dem örtlichen Borstande ins Einvernehmen gesetzt hat. Doch ist hierzu in der Regel die Genehmigung des Gau- und des Verbandsvorstandes Massini wendet sich zunächst gegen die Ausführungen des Referenten Schliebs über die Anschauungen der Berliner Kollegen in der Tariffrage und jener des Gauvorstandes. Auch er exemplifiziert dabei lokale Borgänge und Verhältnisse des gewerblichen Lebens, unter der Tarifgemeinschaft. Bei dem Streitfalle im Berliner Die nichtsozialdemokratischen Konsumvereine zeigen eine HochAdreßbuch habe Schliebs einen Tarifbruch der beteiligten erfreuliche Entwickelung. Gestern trat in Stuttgart der 2. ordent Gehülfen konstatiert, weil diese eine schriftliche Weisung liche Genossenschaftstag des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine des Tarifamts nicht befolgten. Nach dem Buchstaben mag zu einer breitägigen Beratung zusammen. Wenn der Zentralverband hier wohl ein formaler Verstoß vorliegen, doch haben die so weiter gedeiht, so besteht die willkommene Aussicht, daß er den Arbeiter dem Sinne des Tarifs gemäß gehandelt. Die Behauptung sozialdemokratischen Konsumbereinen und der bort geübten miß aus Prinzipalsfreisen, daß die Gehülfenschaft bezüglich der Lehrlings- bräuchlichen Verquickung wirtschaftlicher mit politischen Bestrebungen stala den richtigen Zeitpunkt zur Wahrnehmung ihrer Intereffen ver- das Wasser abgräbt." fäumt habe, trifft nicht zu. Sie sind rechtzeitig vorgegangen, ver- Bitat aus der Täglichen Rundschau" vom 22. Juni 1905. mochten aber ihre Forderungen leider nicht durchzudrücken. Redner| Bur gelegentlichen Benuzung. bei " Soziales. Aus der Frauenbewegung. Köpenick. Der Frauen und Mädchen Bildungsverein hat in feiner legten Mitgliederversammlung beschlossen, gemeinsam mit dem Verbande der Wäscherei- und Stratvattenarbeiterinnen Sonntag, den 25. d. M., einen Ausflug nach dem Restaurant Pferdebucht zu bemängelt sodann die Haltung des Sekretärs des Tarifamtes bei einem Der württembergische Krankenkassentag, der am 19. d. in Heilzum Ausbruch gelangten Drudereitonflikt und hält eine Reformierung bronn zusammengetreten ist, beschloß einstimmig die Aufstellung einer unternehmen. Treffpunkt nachmittags 2 Uhr am Heuplatz. Sämt des Arbeitsnachweises nach der Richtung hin für geboten, daß genauen Statistik über die Höhe der an die einzelnen Aerzte liche Mitglieder beider Organisationen werden ersucht, sich recht Konflikten eine andere Handhabung desselben Plazz greife. bergischen Krantenfaffen nur 204 von etwa 600 Staffen angehören, Er weist dabei auf die diesbezügliche Handhabung bezahlten Strankenkassen- Honorare. Da dem Verbande der württem- pünktlich und zahlreich daran zu beteiligen. Gäste willkommen. Der Vorstand. der Schweiz und bei anderen Organisationen hin. soll das Ministerium des Innern ersucht werden, sämtliche Kassen Der Tarifvertrag bedeutet einen Waffenstillstand im gewerblichen anzuweisen, das nötige Material für diese Statistik zur Verfügung Stampfe und muß von beiden Seiten loyal innegehalten werden. Der württembergische Aerztebund hat es ab= Er schafft aber nicht die sozialen Gegensäge aus der Welt. Wenn zu stellen. gelehnt, dieses Ersuchen zu unterstützen. Die Herren Witterungsübersicht vom 22. Juni 1905, morgens 8 Uhr. Berlin Bien BarometerBind richtung Bindstärke 765 NW Better 5 halb bd. man das ignoriere, stelle man sich auf einen Standpunkt, der noch fürchten mit Grund, daß sich überall die gleiche Erscheinung Stationen hinter den Hirsch- Dunderschen Gewerkschaften rangiert. Das kann ipie in Stuttgart offenbart: daß das System der auch nicht die Anschauung des Vorstandes fein. Bei allen anderen freien Arztwahl" zur Ueberlastung einzelner Aerzte führt, denen Tarifverträgen der Arbeiterschaft finde man, daß sie von Organi auch der Löwenanteil des von den Kassen verausgabten Aerzte Swinembe. 763 323 3 wollig fation zu Organisation abgeschlossen seien, und das müssen auch wir honorars zufällt, während die Mehrzahl der Aerate leer oder fast gamburg 766 23 erreichen, soweit dabei die Gehülfenorganisation, der Verband, in GB Frage tommt. Wo nun aber die Prinzipals organisation in Betracht leer ausgeht. Einstimmig sprach sich der Verbandstag auch für die allgemeine Grantf.a.m. 768 S zu ziehen ist, so dürfe man nicht vergessen, daß die Mehrzahl Ausdehnung der Versicherungspflicht auf Seimarbeiter aus Rünchen 767 23 der Prinzipale nicht organisiert sind und es bleibt daher zu und beschloß eine diesbezügliche Eingabe an die Regierung. erwägen, auch diese bindend zu verpflichten. Nach Berlin ist der Zuzug aus den Streifen der Provinzfollegen ein großer. Das liegt bergische Regierung Widerspruch fand eine Resolution, die die württemauffordert, auf reichsgesegliche nun einmal in der Natur der Sache und lasse sich nicht aus der Ausdehnung der Versicherungspflicht auf die land und Forst Welt schaffen. Aber dadurch wird der Arbeitsnachweis überlastet und die Kampfstellung der Berliner bedeutend erschwert. Durch die wirtschaftlichen Arbeiter und die landwirtschaftlichen Dienst boten hinzuwirken. Die Debatte wurde durch Zurüdziehung des Berliner Antrages auf Kündigung des Tarifs bas Eingreifen von Vertretern ländlicher Kaffen sehr erregt, deren haben die Berliner Kollegen ihre Nachgiebigkeit und ihr Entgegen einer sogar den Austritt seiner Kaffe antiündigte. Schließlich wurde tommen befundet- er hoffe nun aber auch auf das Entgegen die Resolution mit großer Mehrheit angenominen. fommen der Generalversammlung gegenüber den Berliner Wünschen. ( Bravo!) Haben die kaufmännischen Angestellten ein Recht, für geleistete Reifmüller- Wien, Obmann des Verbandes der Vereine Ueberstunden Bezahlung zu fordern? Diese Frage wurde von dem der Buchdrucker und Schriftgießer Desterreichs, fennzeichnet Staufmannsgericht München prinzipiell entschieden. Zwei Temp. n. C. 5° C. 4° 9. Stationen BarometerWind richtung Windstärke 28etter Temp. n. E 9.1 GASSE 5° C.= 4° 2bebedt 12 20 16 14 15 17 Haparanda 756 SD 17 Petersburg 762 SS21bedeckt 2 bedeckt 18 Scilly 771 SSW 1Mebel 2halb bb. 22 Aberdeen 770 NN woltig 4 halb bd. 20 Paris 771 9 3 bededt 766 N 1 molten! 20 Wetter- Prognose für Freitag, den 23. Juni 1905. Etwas fühler, bielfach heiter, jedoch unbeständig mit leichten Regenschauern und ziemlich frischen nordwestlichen Winden. Berliner Betterbureau. Wafferstand am 21. Juni. Ibe bei Aussig 0,10 Meter, bei Dresden- 1,54 Meter, Bei Magdeburg+0,86 Meter. Unftrut bei Straußfurt+1,00 Meter. Oder bei Ratibor+1,92 Meter, bei Breslau Ober- Begel+5,10 Meter, bei Breslau Unter- Begel- 0,72 Meter, bei Frankfurt 1,24 Meter. Weichsel bei Brahemünde+2,64 Meter. Barthe bei Posen+ 0,38 Meter.- Nete bei Usch+0,49 meter. Briefkaften der Redaktion.ſtraße 84. A. M. Alter Abonnent. B. wohnt Berlin- Schöneberg, Haupt-| Verpflichtungsscheines und die Aufnahmebedingungen mitteilen tönnte Bir bitten bei jeder Anfrage eine Chiffre( zwei Buchstaben oder eine Bahl) anzugeben, unter der die Antwort erteilt werden soll, und die letzte Abonnements quittung beizulegen. Fragen ohne solche werden nicht beant wortet und schriftliche Antwort wird nicht erteilt Die amtlichen Nachrichten des Reichs- Versicherungsamtes erscheinen unter diesem Titel als selbständige Beitschrift monatlich im Verlage son A. Aſher u. Co. in Berlin. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postanstalten. Jährlich 8 M. Einzelnummer 70 Pf. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Nedaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Theater. Freitag, den 23. Juni Anfang 7, Uhr: Neues Operntheater. Jung- Heidelberg. Berliner. Lili. Deutsches. Der Bielgeprüfte. Anfang 8 Uhr: Weften. Die Liebesschule. Neues. Der Familientag. Schiller 0.( Wallner Theater.) Der Prophet. Schiller N.( Friedrich Wilhelmstädtisches Theater). Hofgunst. Zentral. Alt- Heidelberg. Kleines. Nachtasyl. Lustspielhaus. Khriz- Pyriz. Carl Weiß. Wahre Liebe. Belle Alliance. Madame Tip- Top. Reichshallen. Stettiner Sänger.. Spezialitäten. Apollo. Am Hochzeitsabend. Spezialitäten. Metropol. Die Herren von Marim. Paffage Theater. Angelika Walter. Jean Paul. ( Anfang 5 Uhr.) Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Urania. Taubenstraße 48/49. Der Simplon und sein Gebiet. Stern Jnvalidenstraße 57/62. warte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Neues Theater. Urania, Taubenstr. 48/49. 8 Uhr: Riebknecht, Raiser Wilhelmstr. 46 II. Marburg. Otto würden wir Ihnen sicheren Rat geben können. Aumann, Hamburg- Eilbet, Magstr. 27. Zwei Wettende. Personen, Franz. Wir können Ihnen eine derartige Adresse nicht namhaft die unter Bormundschaft oder Kuratel stehen, die im Konturse stehen, die machen. R. L., Reichenbach. Wenden Sie sich an eines der zahlreichen eine Armenunterstützung aus öffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen Adressenbureaus. Bau Liegmannstraße. Die Kosten tragen die Anoder im letzten der Wahl vorhergehenden Jahre bezogen haben. Wer ver- geflagten. E. P. 25. Bitte Namen nennen. N. 25. Können Sie R. S. 20. Die wohl gelegentlich in unserer Buchhandlung Lindenstr. 69 vorsprechen; wir fäumt hat, sich in die Wahllisten eintragen zu lassen. Staffe ist uns nicht bekannt. Der Saz in dem Titel unter Staatsober tönnten Shnen in dieser Sache vielleicht einen Rat geben. aufsicht" und die Tatsache der Mitgliederwerbung durch Agenten sind jedoch sehr verdächtig. Bir raten zur Vorsicht. Wenn Sie uns den Inhalt des Eisenbahner. Wenden Sie sich an Bauer, Engelufer 15, 4 Tr. Schiller- Theater. Schiller- Theater O.( Wallner- Theater).| Schiller- Theater N.( Friedr.- Wilh. Th.) Morwig- Oper. Freitag, abends 8 Uhr: Hofgunst. Der Simplon und sein Gebiet. Sreitag, abends s Sternwarte Invalidenstr. 57/62. CASTAN'S ANOPTICUM. PA Friedrichstr. 165. Kronprinz Wilhelm Kronprinzessin Cecilie. Neu! Roschdjestwensky, der russische Admiral. Mlle. Vallée, d. 16 jährige armlose Fußkünstlerin. Z 8 Uhr: Der Prophet. Große Oper in 5 Aften v. Giacomo Meyerbeer. Sonnabend, abends 8 Uhr: Martha ober: Der Markt zu Richmond. Sonntag, nach m. 3 Uhr Der Trompeter von Säkkingen. Sonntag, abends 8 Uhr: Der Prophet. Passage- Theater. Anjang nachm. 5, abends 8 Uhr. Jean Paul Grotest- Komiker und das glänzende Juni- Programm. OOLOGISCHER 2 CARTEN Täglich nachm. 5 Uhr: MilitärDoppel- Konzert. Eintritt 1 M., ab 6 Uhr 50 Pf. Kinder unt. 10 Jahren d. Hälfte. Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Enſemble. Gafiſpiel d. Luftſpielhauſes. Kyritz- Pyrik. 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Apollo- Theater. Täglich 10-101 Uhr: Ununterbrochenes, stürmisch. Lachen über die amerit. Burlest- Compagnie mit ihrem Aft: Ein Abend in einem amerik. Tingel- Tangel. Am Hochzeitsabend fang und Tanz in 5 Allen. Außerdem: J Paul Coradini, Grotesque- Komiker. Marka Freya, Starrifateuse. Loro Quartett, musikal. Phantasten. Selfman u. Punch, amerit. Stomödiant. Satanella- Trio, Tanztrio. Au bal masque, große Bantomime der Johnke- Compagnie. Im Saale: Ball. Entree 30 Bf., referb. Platz 50 Pf. Anfang 4 Uhr. WINED BARTEN Anfang 5 Uhr. Entree 25 Bf. Amateurfahrer können zum Radwettfahren sich melden. Sonnabend: Erstes großes Sommernachtsfest. W. Noacks Theater. Direktion: Rob. Dill. Brunnenstr. 16. Ronzert, Theater, Spezialitäten. Schönröschen aus dem Scheunenviertel. Karl Groth! X Annie Schrader! Anita und Stefan Komaromy! The Franconis! Anfang 6, Uhr. Entree 30 f. Prater- Theater Kastanien- Allee 7-9. Täglich: Zwischen Himmel und Erde. Gr. romantisch. Ausstattungsstüď. 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Entree 15 Bf., wofür ein Glas Bier verabreicht wird, also kein Entree. Etablissement Buggenhagen Moritzplatz. Täglich Am Königstor. Am Friedrichshain. Täglich Theater- Vorstellung Neue Spezialitäten. Volksbelustigungen. Zum Schluß: Der Ballett- Onkel. Große Bosse mit Gesang in 2 Abteilungen von H. Busse. Prinzenim großen schattigen Garten: Dr. Simmel, Pan Reichshallen. Streich- Konzert. Stettiner Sänger. Unsere süßen Dienstmädel. Burleske von Meysel. Sonntags 8 Uhr. Anf. Wochent. 7 Uhr. Ricardo Munez. Bei ungünstigem Better im Saal. Spezialarzt für 9/12 Hant- und Harnleiden. 10-2, 5-7. Sonntags 10-12, 2-4. I. Mondscheinfahrt bott ber Schillingsbrücke. Mit Mufie: Rundfahrt auf dem Müggelſee. A Rückfahrt nach Nieder Schöneweide( 1 Stunde 25605* Aufenthalt). Bon 1 Uhr zurüd nach Berlin. R. Tismer. Perion 50 Pf. zur geft. 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Verbandsangelegenheiten. 87/12 Sonnabend, den 24. Juni, abends 81, Uhr, im Lokale von Kumte, Schönwalderstr. 80: 89. Sonnabend, den 24. Juni, abends 81%, Uhr, Melchiorftr. 15: Außerordentliche General- Versammlung. Bichtige Vereinsangele ages- Order Billetts zur Dampfer. partie am Sonntag, den 9. Juli, nach Hessenwinkel. Ohne Mitgliedsbuch kein Einlaß. 198/16 Achtung! Der Vorstand. Brauerei- Handwerker! Sonntag, den 25. Juni, nachmittags 2 Uhr: Bezirks- Versammlung Oeffentl. Versammlung der Spandauer Kollegen u. Kolleginnen. Deffentl. Tages- Ordnung: Bericht des Kollegen Rondtke über: Der Verbandstag in Leipzig. Kollegen! Der außerordentlich wichtigen Tagesordnung wegen ist das Erscheinen aller Kollegen und Kolleginnen unbedingt notwendig. Achtung! Delegierte der Leipziger Generalversammlung. Sonnabend, den 24. Juni, abends 8, Uhr, im Gewert Bimmer 34:„ Besprechung über die Berichterstattung". schaftshause, Bünktliches Erscheinen ist notwendig. Die Ortsverwaltung. der in Brauereien beschäft. Handwerker, Maschiniſten und Heizer im Gewerkschaftshause, Engel- Ufer 15( Saal 1). Lages Ordnung: bener. 2. Distufion. 3. Berſchiedenes. 1. Bericht der Kommiffion über die Antwort der Brauerei: für guten Besuch der Versammlung. Kein Handwerker darf fehlen. Wir Kollegen! Wir erwarten vollzähliges und pünktliches Erscheinen. Agitiert berweisen besonders darauf, daß die Versammlung durchaus pünktlich er. öffnet wird. 176/18 Die Kommission der Brauerei- Handwerker. J. A.: W. Siering. Verband der Sattler. Deutscher Holzarbeiter- Verband. Heute Freitag, abends 81, Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel- Ufer 15: Ortsverwaltung Berlín. Sitzung der Ortsverwaltung. Allgemeine Kranken- und Sterbe- Kasse der Metallarbeiter E. H. 29, Hamburg, Filiale Berlin 4. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß die nächsten Branchen- Versammlungen am Sonnabend, den 24., Dienstag, den 27., Mittwoch, den 28., und Sonnabend, den 29. Juni 1905, stattfinden. Die Versammlungen werden pünktlich um 8, Uhr abends eröffnet. Bir richten an die Kolleginnen und Kollegen wiederholt das dringende Sonnabend, den 24. Juni, abends 9 Uhr, bei Merkowski, Ersuchen, diese Versammlungen zu besuchen. 156/19 Die Ortsverwaltung. Augen auf! Wir empfehlen: 1 Posten getragene Herren- Paletots 1 Posten getragene Herren- Anzüge 1 Posten getragene Hosen 1 Posten getragene Gehröcke u. Rockanzüge von den feinsten Herrschaften und Kavalieren. Nur kurze Zeit getragene Monatssachen spottbillig. Zugleich machen wir auf unsere Abteilung neuer Garderobe aufmerksam. J. Wand, Herren u. Knaben- Garderoben Hauptgeschäft: Chausseestr. 80 a. 2. Geschäft: Prinzenstr. 17, a. d. Wasserthorstr. 3. Geschäft: Gr. Frankfurterstr. 116, a. d. Andreasstr. Orts Krankenkasse = der Schmiede n. verw. Gewerbe. Einladung zur Außerordentl. General- Versammlung der Delegierten am Sonnabend, den 1. Juli 1905, abends 8 Uhr, im Lokal v. Tabert, Markusstr. 14, Eingang Grüner Weg. Tages- Ordnung: 1. Statutenänderung. 2. Verschie denes. 273/20 Der Vorstand. J. A. Ad. Pilgrim, Borsigender, Admiralstr. 24. Berliner ArbeiterRadfahrer- Verein". Mitglied des Bundes " Solidarität“. Sonntag, den 25. Juni, zum Gaufest Moabiter Schüßenhaus am Plötzenfee, Start 2 Uhr Badstr. 16, Ballschmieder. Gäste willkommen. NB. Sonnabend, den 1. Juli, im Elysium: Großes Sommerfest der fünften Abteilung. RIXDORF 13/4 Arbeiter- RadfahrerVerein Rixdorf Mitglied des Arbeiter- Radfahrer- Bundes Solidarität. Mit Sizung jeden Dienstag abends 9 Uhr bei. Thiel, Bergstr. 151/152. Gäste herzlich willkommen. glieder werden in jeder Sigung und bei dem Borsigenden Paul Franke, Thomasstr. 6/7, und Staffierer Emil Krause, Biethenstr. 76, aufgenommen. Sonntag, den 25. Juni: Gaufest. Start 1 1hr Vereinslokal. Achtung! Dienstag, den 27. Juni: General- Versammlung. Pflicht eines jeden Mitgliedes ist es, dort zu erscheinen. 13/5 Der Vorstand. Max Brosys Etablissement Deutscher Kaiser Plögensee, am Spandauer Schiffahrtskanal. Sonnabend, den 24. Juni: Großer Sommernachts- Ball des Radfahrerklubs ,, Adler". Andreasftr. 26: Mitglieder- Verfammlung. Tages Ordnung: 1. Kaffenbericht pro Mai. 2. Wahl der Ortsverwaltung. 3. Berichterstattung über die außerordentliche Generalversammlung zu Hamburg. 4. Berschiedenes. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen der Mitglieder erwartet Die Ortsverwaltung. NB. Durch die wirtschaftlichen Berhältnisse gezwungen, muß ich meine Baterstadt Berlin verlassen, um in Hamburg eine Stellung als Kassen beamter anzunehmen. Bei meinem Scheiden sage ich allen Freunden und Bekannten für das volle Bertrauen, was Sie mir in den langen Jahren meiner Tätigkeit als Bevollmächtigter obiger Filiale geschenkt haben, meinen besten Dant mit dem Wunsche, dies Vertrauen auf meinen Nachfolger zu übertragen und rufe zum Schluß allen Genossen, Freunden und Bekannten ein herzliches Lebewohl zu. 25556 zu Max Mäcker, Former. 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Mit väterlicher Fürsorge leitete er fast vier Jahrzehnte seine Schöpfung in treuester Pflichterfüllung bis zum letzten Atemzuge! Dem teuren Entschlafenen, der in den vielen Jahren unseres Zusammenarbeitens uns stets ein leuchtendes Vorbild war, im Schaffen und Wirken nachzueifern, wird unser ernstes Bemühen sein. Die Geschäftsinhaber: Bernhard Knoblauch. Richard Knoblauch. Max Knoblauch. Nachruf! Am 20. d. Mts. wurde unser hochverehrter Freund, der persönlich haftende Gesellschafter des Böhmischen Brauhauses Herr Direktor Armand Knoblauch Der durch den Tod aus unserer Mitte abgerufen. Verewigte hat unsere Gesellschaft begründet und bis zu seinem Ableben geleitet; mit unermüdlichem Eifer und seltenem Geschick hat er die Arbeit seines Lebens darauf verwendet, das von ihm begonnene Unternehmen stetig zu fördern und innerlich zu festigen, und es ist ihm zu verdanken, daß das Böhmische Brauhaus die geachtete und angesehene Stellung erlangt hat, welche es einnimmt. Eingedenk dieser seiner großen Verdienste und in Würdigung seiner vortrefflichen persönlichen Eigenschaften betrauern wir seinen Verlust aufs tiefste und werden sein Andenken in Ehren halten. halten. Berlin, den 21. Juni 1905. Böhmisches Brauhaus Kommandit- Gesellschaft auf Aktien, A. Knoblauch. Der Aufsichtsrat: Grafe. Am 20. Juni cr. hat uns der Tod unseren hochverehrten Chef, den Begründer des Böhmischen Brauhauses, Herrn Direktor Armand Knoblauch plötzlich entrissen. Das Andenken an den Heimgegangenen, der uns stets ein väterlicher Freund und Berater war und dessen strenge Pflichterfüllung uns immer ein Vorbild bleiben wird, wird uns allen ein dauerndes sein. Das Personal des Böhmischen Brauhauses. Greift zu! Monats- Anzüge Abonnements- Anzüge. Partie- Anzüge, . dem Besten. Danksagung. 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Gewiß ist es richtig, daß der„Vorwärts", namentlich seitdem er im eigenen Betriebe der Partei hergestellt wird, außerordentlich an Verbreitung ge- wo.�nen hat. Wo ist ein politisches Parteiblatt in Berlin, das über' 92000 Abonnenten aufweisen kann, dessen Auflage in knapp drei Jahren um 80 Proz. zugenommen hat? Aber als das Blatt der Berliner Arbeiter kann der„Vorwärts" sich trotz d ieses gewaltigen Erfolges wenigstens insoweit nicht be- zeichnen!, als neben ihm noch andere Zeitungen in der Arbeiter- schaft eine beträchtliche Rolle spielen. Noch sind viele zehntausende Arbeiter in Berlin vorhanden, die für bürgerliche Blätter ihr Geld hingeben. Zwar hat der beschämende Zu- stand eir.'. Ende genommen, daß Berliner Proletarier aus der Freisinnspresse sich ihre geistige Nahrung holen; an die Stelle dieser Zeltungen aber sind jene unparteiischen Organe getreten, die ihrer Leserschaft schlimmer als es je die liberale Presse vermochte, mit ödem Tratsch und Klatsch das Hirn verkleistern. Gegen die unparteiisch schillernde Presse nruß sich in Wohnung und Werkstatt die Agitation wenden und jeder unserer Parteigenossen und Genossinnen hat in nächster Nachbarschaft Gelegenheit, in dieser Agitation der Partei und dem Parteiorgan neue Anhänger zu werben! Es ist bekannt, daß der„Vorwärts" seit dem 1. April auch den Wünschen seiner vielen Leser in den Berliner Vor- orten insoweit entgegengekommen ist, als er in einer be- sonderen Borortbeilage die kommunalen und lokalen Ereignisse der dielen Gemeinden rings um Berlin herum weit mehr als früher schon geschehen, berücksichtigt. Bisher war es solchen Abonnenten in den Vororten, die ihr Blatt durch die P o st bezogen haben, zum Teil nicht möglich, diese besondere Ausgabe zu erhalten. Dieser Mangel ist jetzt durch ein Uebereinkommen mit der Post beseitigt worden. Wir bitten diejenigen Post- Abonnenten, die die Vororts-Ausgabe beziehen wollen, vor Beginn des neuen Vierteljahres das Blatt wie folgt zu be- stellen: „Vorwärts", Berliner Volksblatt, Ausgabe für Berlin und Vororte. Die Abonnenten erhalten dann zum üblichen Preise von 1 M. 10 Pf. pro Monat die Vororts-Ausgabe überwiesen. Wenn irgendwo, so erwächst unfern Parteigenossen in den Vorotten die Pflicht, dem„Vorwärts" neue Leser zuzu- führen I_ Imiter ordklltlicher Genosseuschaftstag des Zentral- Verbandes dentscher Konsumvereine. Stuttgart, 21. Juni IRK. Zweiter Verhandlungstag. Die heutige Sitzung wird vom Vorsitzenden Radestock erösfnet und geleitet. Vor Eintritt in die Tagesordnung stellt er die Meldung der- schicdener Tagesblätter richtig, dcrzufolge das württembergische Ministerium des Innern auf dem Kongreß nicht vertreten sei. Das Ministerium ist vettreten. Der Vorsitzende des Stuttgarter Konsumvereins gibt eine Er- klärung ab, wonach die in einem Artikel des GewerkschastsorganS der Transportarbeiter aufgestellte Behauptung, der Stuttgarter Konsumverein verbiete es seinen Angestellten, sich gewerkschaftlich zu organisieren, auf Unwahrheit beruhe. Ein Vorstandsmitglied des Konsumvereins sei sogar Gewerkschafter. Er erwähnt weiter die in einer Versammlung von einer hier am Kongreß teilnehmenden Dame getane Äeußerung, im Stuttgarter Konsumverein herrschten keine idealen Zustände. Was'deale Zustände seien, darüber könne man verschiedener Meinung sein. Die Höflichkeit gegen eine Dame und die Gostsreundschaft einem hier weilenden Gaste gegenüber ver- biete ihm aber, näher auf den Vorwurf einzugehen. Dem Referate des Verbandssekvelärs Kaufmann über „Die weitere Entwicklung des genossenschaftlichen Arbeitsverhältnisses" lag folgende vom Vorstand und Ausschuß den Delegierten vorgeschlagene Resolution zugrunde: „Für die kaufmännischen Angestellten der Vereine und Ge- nosscnschaften des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine sind folgende Einrichtungen als nach Lage der Dinge heute durch» führbar und angemessen zu bezeichnen: Für die Ladenangestellten: Achtuhr-Ladenschluß. Für die Kontor» und Lagerangestellten: achtstündiger Ar- beitstag. Für sämtliche Angestellte: Arbeitsruhe an Sonn- und Fest. tagen: jährlich eine Woche Ferien unter Fortzahlung dcS Gehalts. Anstellung und Besoldung sämtlicher eingestellten durch den Verein. Im Falle militärischer Ucbungen Fortzahlung des Gehalts bis zu sechs Wochen. Die Entlastung eines Angestellten kann nur unter folgenden Voraussetzungen erfolgen: s) bei beabfichtigrer Verminderung des Personals, wobei zu. nächst die zuletzt angestellten Personen der in Betracht kommenden Kategorien zu entlassen sind; d> bei Erkrankung von mehr als dreimonatiger Dauer; c) bei sonstiger persönlicher Unbrauchbarkeit. Die gesetzlichen EntlassungSgründe(§ 72 des H.-G.) werden, soweit sie nicht durch b eingeschränkt sind, durch die vorstehenden Bestimmungen nicht berührt. Falls bei Differenzen zwischen kaufmännischen Angestellten und Verwaltung elftere die Hinzuziehung der Vertrauensperson der Ge- werkschaft wünschen, so ist diese seitens der Verwaltung als der voll- berechtigten Vertretung für die Interessen der Angestellten anzu- erkennen und demgemäß mit ihr zu verhandeln. Bei Bedarf an kaufmännischen Arbeitskrästen sind diese durch den Arbeitsnachweis dcS HandlungSgehuIfcnverbandes am Orte cvent. durch den Zentralarbeitsnachweis dieser Organisation zu beziehen. Das Recht der Verwaltung der Konsumvereine, ans. nahmsweise aus ihren Mitgliedern auch gewerkschaftlich Organisierte anderer Berufe für kaufmannische Arbeiten anzustellen, wird hier- durch nicht beschränkt. Soweit günstigere Arbeitsbedingungen bereits bestehen, unter- liegen diese durch die vorstehenden Bestimmungen keiner Ein- schränkung. Bei Durchführung dieser Bestimmungen find die örtliche» Ver. Hältnisse in angemessener Weise zu berücksichtigen." Der Referent erinnert an den im vorigen Jahr« in Hamburg gefaßten Beschluß, den Vereinen den mit dem Verbände der Bäcker vereinbarten Arbeits- und Lohntarif zur Annahm« in den Genossen- schaftsbäckereien zu empfehlen, und gibt ein ausführliche Statistik über die Durchführung dieses Beschlusses. Die Statistik ergibt, daß die großen dem Verband zugehörigen Konsumvereine de» Tarif haben, � daß aber eine große Anzahl namentlich dem Verbände nicht angehörender Vereine den Tarif nicht anerkannt haben. In einer größeren Anzahl von Genossenschaftsbäckereien sind allerdings auch die Bäcker nicht organisiert. Sieht man von diesen Bäckereien mit nicht organisierten Bäckern ab, so haben 17 dem Verband ange- schlossene Vereine den, Tarif nicht anerkannt. Der Referent spricht die Erwartung aus, daß auch diese den Tarif bald zur Einführung bringen werden, in den übrigen Vereinen, wenn sich die Bäcker ihrer Gewerkschaft anschließen, die Vereinsleitungen aber von selbst zur Einführung des Tarifs gelangen werden. Lorenz(Geschäftsführer der EinlaufSgesellschaft) begründet folgenden Antrag: Ter Zweite ordentliche Genossenschaftstag des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine vom 19. bis 21. Juni in Stuttgart beschlieht, die auf dem Hamburger Genossenschaftslage beschlossene Resolution Johannes, wonach lediglich aus Grund des mit den Bäckern vereinbarten Tarifs Verhandlungen mit dem Zcntralverband der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter eingeleitet werden sollten, aufzuheben, und beauftragt den Vorstand des Zentralvcrbandes deutscher Konsumvereine, mit dem Vorstand des Zentralderbandes der Handels-, Transport- und Verkehrs. arbeiter und-arbeiterinnen Deutschlands zwecks Ausarbeitung eines neuen Tarifes in Verhandlung zu treten und, falls eine Ver- einbarung erzielt wird, diesen Entwurf dem nächstjährigen Genossen- schaftstage vorzulegen. Bei der Vereinbarung ist darauf Rücksicht zu nehmen, daß der einheitliche Charakter der mit den Gewerk- schaften abzuschließenden Tarife bewahrt bleibt. Der Antrag ist dadurch veranlaßt worden, daß der Verband der Transportarbeiter Verhandlungen auf Grund des Bäckereitarifs ab- gelehnt hat, weil ihm die Bäckereiarbciterforderungcn nicht genügen. Die Genossenschaften waren aber infolge des vorjährigen Beschlusses nicht in der Lage, auf anderer Grundlage mit den Transport. arbeitern zu verhandeln, und es entstand eine recht unangenehme Situation zwischen den Genossenschaften und dem Transport- arbeiterverband, da der Verband nun einen Kleinkrieg mit den einzelnen Vereinen zu führen begann. Der obige Antrag soll eine Brücke für neue Verhandlungen darstellen. Auch er ist eine Frucht der in Köln geführten Verhandlungen. Daß der Antrag angenommen wird, liegt auch im Selbstinteresse der Genossenschaften, da doch nicht jede Genossenschaft besondere Tarifverträge abschließen kann, sondern hier möglichste Einheitlichkeit geschaffen werden muß. Die Genossen- schaften erklären sich durch den Antrag zu neuen Verhandlungen bereit, es ist damit nicht gesqgt, daß nun ohne weiteres die früher gestellten Forderungen des Transportarbeiterverbandes bewilligt werden sollen. Di« Amrahme aller dieser Forderungen erscheint uns auch heute noch unmöglich. Di« Genossenschaften sind aber ohne weiteres dereit, die allgemeinen gewerkschaftlichen Forderungen zu bewilligen, die Gewerkschaften als die berufenen Vertreter der Ar- bciter anzuerkennen und mit ihnen zu verhandeln, fie sind auch bereit, Tarifverträge abzuschließen. Wir erwarten aber auch von den Transportarbeitern, daß sie einem Waffenstillstand zustimmen norden, bis die Verhandlungen zu einem gedeihlichen Abschluß ge- führt worden sind.(Beifall.) In der Diskussion erllärt Alt mann(Borsitzender des Bäcker- Verbandes), daß der Verband im allgemeinen mit der Durchführung des Tarifs zufrieden sei. Immerhin hätten sich noch einige Vereine sehr ablehnend verhalten, und er hatte manchmal etwas„auf- dringlich" werden müssen(Heiterkeit), um etwas zu erreichen. Der Verband sei bei Durchführung dcS Tarifs sehr loyal verfahren, die örtlichen Verhältnisse seien stets berücksichtigt worden. Wo feiten» der Vereine Entgegenkommen gezeigt worden sei, da habe man über- all längere Uebergangszeiten bewilligt. Frau Steinbach: Esst mir zweifelhast, ob die vorliegenden Antrage durchgeführt werden können. Unter die Forderungen ist die Einführung des Achtuhr-Ladenschlusses aufgenommen. Ich kann dieser Forderung für alle Tage nicht zustimmen. Als Frau muß ich sagen: der Achtuhr-Ladenschluß ist am Sonnabend und an den Abenden vor Festtagen nicht möglich. Die grau fitzt auf Stecknadeln am Sonnabend, bis der Mann mit dem Lohn nach Hause kommt. Sie kann meist ihre Einkäufe nicht vor 8 Uhr erledigen. Durch- führbar wäre die Forderung nur. wenn der Achtuhr-Ladenschluß allgemein gesetzlich festgelegt wäre. Auch die völlige Sanntagsruhe halte ich bei der heutigen Lage der Verhältnisse für schwer möglich. Man treibt dadurch die Mitglieder in die am Sonntag geöffneten Geschäfte. Den Vertretern der Gewerkschaften wird eine doppelte Redezeit von 20 Minuten gewährt. Friedrich(Vertreter der Gewerkschaft der Lagerhalter): Gegen die Ausführungen Kauftnannk habe ich nichts einzuwenden. sie decken sich theoretisch mit unserer Ueberzeugung. Wir hoffen zu festen Vereinbarungen über die Arbeitszeit der Lagerhalter und Lagerhalterinnen zu kommen. Beschwerden haben wir darüber, daß die gesetzlich« Ruhezeit nicht immer eingehalten ist und die Manko- gelder zu gering find. Vor allem aber müssen wir auf feste Be- zahlung dringen und uns gegen den Lohn nach Prozenten vom Um- sah erklären. Frau Steinbach hat hier merkwürdigerweise nur das Konsumenteninteresse berücksichtigt. So traurig steht es mit den Mitgliedern der Konsumvereine nicht, daß sie nicht den Achtuhr- Ladenschluß auch am Sonnabend vertragen können. Die Genossen- schaften haben auch das Interesse ihrer Angestellten zu berücksichtigen. Von den Gewerkschaften wird für die Lohnzahlung am Freitag ein- getreten, und diese Forderung wird immer allgemeiner durchgeführt. Die Angestellten sind auch Menschen, denen eine gewisse Ruhezeit zu gönnen ist. J? l e i ß n e r- Dresden; Die von Frau Steinbach geschilderten Zustände sind vorhanden, müssen aber geändert, nicht konserviert werden. Die Verhandlungen in Köln haben, soweit eS sich um die Genossenschaftsbcwegung handelte, nicht auf der Höhe gestanden. Daß unsere Mitglieder noch sehr der Erziehung bedürfen, ist zuzu- geben, aber gerade das ist Aufgabe der Gewerkschaften. Die An- träge fasse ich als prinzipielle Erklärung auf. und unter diesem Ge- sichtspunkt halte ich sie für durchaus annehmbar. Pens- Dessau weist die Angriffe auf dem Gewerkschaftskongreß in Köln von Josephson-Hamburg auf den Dessauer Verein als un- gerecht zurück. Josephson habe in Köln behauptet, im Dessauer Konsumverein würde ein Monatsgehalt von 20 M. gezahlt und nur mit Mühe sei dieses Gehalt um 5 M. erhöht worden. Tatsächlich sei früher für Lehrmädchen im ersten Vierteljahr ein AnfangSgehalt von 20 M. gezahlt worden, im zweiten Vierteljahr seien 30 M. ge- zahlt und dann sei jedes Vierteljahr das Gehalt um b M. bis zur Höhe von 60 M. gestiegen. Auf Veranlassung der Organisation sei der Monatslohn in Wochcnlohn umgewandelt worden und eine Woche Ferien bewilligt worden. Lehrmädchen erhielten im ersten Viertel- jähr wöchentlich 5 M.. der Wochenlohn steige, bis er im achten Vierteljahr 11 M. betrage. Die Angestellten hätten sich damit zu- frieden gegeben. Josephsohn- Hamburg(Vertreter des Verbandes der Handlungsgehülfen): Die vom Referenten aufgestellten Grundsätze haben unsere Zustimmung erhalten unter der Voraussetzung, daß der Inhalt des Schlußsatzes über die„örtlichen Verhältnisse" nicht von leistungsfähigen Vereinen für sich in Anspruch genommen wird. Die Einwendungen von Frau Steinbach gegen den Achtuhr-Ladenschluß sind ganz verfehlt. Wir sind doch alle der Ueberzeugung, daß die rückständigsten Einrichtungen nicht die ertragreichsten sind. ES ist auch unrichtig, daß die Arbeiterfrauen auf den Lohn angewiesen sind. den der Mann am Sonnabend spät abends nach Hause bringt. Es werden in vielen Industrien Vorschüsse gezahlt.(Widerspruch.) Der Konsumverein Leipzig-Plagwitz, einer der größten, hat den Achtuhr- Ladenschluß ohne nachteilige Folgen durchgeführt. Die Debatte wird hierauf durch einen Schlußantrag geschlossen. Die beiden Anträge werden einstimmig au- genommen, der erste Antrag mit einem Amendement Feuerstein. wonach m dem Einlestungssatze die Worte„im allgemeinen" ein- ! gestellten der Vereine und Genossenschaften des Zentralvcrbandes ind folgende Einrichtungen als nach Lage der Dinge hegte, im all- gemeine» durchführbar und angemessen zu bezeichveg.'�.. �-- (Schluß folgt.) parteL-)Zngelegenkeiten. in ihrer grpßev Mehrheit ig deo GelwsseäschaftÄbäckereiea anecltfiürt> gejügt werden, so daß er lautet:«Für die kaujmäwnjchea An» Erster Wahlkreis. In der Versammlung, die kommenden Dienstag, abends 8Vz Uhr, in den Aminhallen, Kommandantenstt. 20, stattfindet, spricht Genosse Kaliski über„Die Reptilienpresse". Zahlreiches Erscheinen wird er- wartet. Fünfter Wahlkreis. Sonntag, den 26. Juni: Familienausflug der 7. Abteilung nach Pichelswerder. Treffpunkt: 9 Uhr, Bahnhof Grunewald. Nachzügler in Pichelswerder beim alten Freund. Der Borstand._ Berliner JVaebrubten« Ans der Stadtverordncten-Bersammlung. Das Schicksal der Waisenanstalt Rummels» b u r g ist besiegelt. Die Verwandlung, die derMagistrat fordert und der Ausschuß gutgeheißen hat, ist vom Plenum beschlossen worden. Herr Cassel tröstete:„Wir heben ja die Anstalt nicht auf," wiewohl er so gut wie jeder andere weiß, daß sie als „Erziehungsanstalt" mit diesem Beschluß tatsächlich nahezu aufgehoben wird. Aus diesem langen und heftigen Streit um Rummelsburg ist nun die Waisenverwaltung als„Siegerin" hervor- gegangen, aber wir glauben nicht, daß sie ihres„Sieges" froh sein wird. Die wiederholten Debatten, die über diesen Um- wandlungsplan geführt worden sind, haben die skandalösen Mißstände unserer Berliner Waisenpflege in all' ihrer Kraß- heit gezeigt. Auch in der gestrigen Sitzung wurde hierzu von unseren Parteigenossen noch mancher Beitrag geliefert- Bern st ein, Stadthagen und T o l k s d o r f führten noch einmal den zwingenden Beweis, daß die Familienpflege unter keinen Umständen den Vorzug vor der Anstaltspflege verdient. Was die Redner des Magistrats, die Stadträte von Friedberg und Straßmann, hiergegen vorbrachten. war ein mattes Gerede. Oberbürgermeister Kirschner schwieg. Er fühlte wohl, daß hier kein Ruhm zu holen war; darum ließ er die zweite und dritte Garnitur reden. Auch Herr Cassel hatte keinen guten Tag. Gegen die leidenschaftliche Wärme, mit der die sozialdemokratischen Redner ihre Ueberzeugung verfochten, stach sein tönendes Pathos sehr unvorteilhaft ab. Das Ergebnis der Debatte war, wie schon gesagt, die Annahnie der Magistratsvorlage. Zugleich wurde aber ein Antrag unserer Parteigenossen angenommen, durch den der Magistrat um Einsetzung einer gemischten Deputation ersucht wird, die mit der grundsätzlichen Prüfung der Frage„Anstalts- pflege oder Familienpflege" betraut werden soll. Es wird sich also Gelegenheit finden, dort noch einmal die Mißstände unserer Waisenpflege zu beleuchten. Und der Leiter der Waisenverwaltung wird noch einmal in die Lage kommen, all' diese Mißstände mit den haltlosen Argumenten zu ver» teidigen, nach denen er gestern in seiner Hilflosigkeit haschte. Aus dem weiteren Verlauf der Sitzung ist die Debatte über die Licht» und Luft-Sportbäder hervorzu- heben. Gegenüber unserem Genossen W e y l, der die Einrich- tung solcher Bäder den Aufgaben der Kommune zuzählte, ver- tratStadtrat S t r a ß m a n n die beschämend rückständigenAn- schauungen, durch die dieser Leiter unseres städtischen Gesund- heitswesens sich einen Namen gemacht hat. Auch Herr Langerhans hieb in dieselbe Kerbe; ihm wird man's nicht weiter übelnehmen wollen. Der Antrag der sozialdemo- kratischen Fraktion, der die Errichtung von Licht- und Luft- Sportbädern durch die Gemeinde forderte, wurde abgelehnt. Angenommen wurde nur ein von freisinniger Seite gestellter Antrag, die hierauf bezügliche Petition des Verbandes der deutschen Aerztevereine dem Magistrat zur Berücksichtigung zu überweisen. Wenig, und vielleicht noch nicht mal aus gutem Herzen!_ Bon der Milchzentrale. In der Brauerei Fnednchshain fand gestern um 1 Uhr eine außerordentliche General-Ver- sammlungderZentrale fürMilchverwertung statt. In der Generalversammlung vom 6. Januar war beschlossen worden, einen letzten Versuch zur Unterbringung von 6000 Geschäftsanteilen der Milchzentrale zu machen; falls die Unterbringung bis zum 1. Mai nicht gelänge, sollte darauf verzichtet werden, den Milch- markt durch Festsetzung eines Mindestpreises zu regulieren; den Mit- gliedern des Milchringssollte es dannfteistehen, zu jedem beliebigen Preise zu verpachten, während der Milchring keinerlei Verpflichtung zur Auf- nähme unverpachteter MUchvorräte mehr hätte. Die Unterbringung der 6000 neuen Geschäftsanteile ist trotz einer umfangreichen Agitation in den Kreisen der Milchproduzenten nicht gelungen. Vorstand und AussichtSrat der Milchzentrale haben jedoch den Mitgliedern einen gedruckten Antrag unterbreitet, wonach der ftühere Beschluß der Generalversammlung vom 6. Januar aufgehoben und statt dessen eine Festsetzung des Milchpreises auf 12 Pf. ausgesprochen werden sollte, wobei dem Milchring von diesen 12 Pf. in Zukunft eine M- gäbe von einem halben Pfennig zufallen sollte, so daß die Mit- glieder im ganzen für ihre Milch 11'/, Pf. frei Berlin erhalten würden. Di« Sbnahmepflicht des Milchringes sollte künftig nur für denjenigen Teil der Milchproduktion eintreten, der sich auS dem Durchschnitte der drei milchknappen Monate Sep- tember. Oktober und November ergebe: die Mehrproduktion über 20 Proz. diese« Durchschnittes solle den Mitgliedern des Milchringes nur zu dem Satze vergütet werden, den die Milchzentrale selbst herausgewirtschaftet hätte. Bei diesem Antrage würden die märki- schen Milchproduzenten, die nach der wiederholten Erklärung des Milchringes nicht unter 12'/, Pf. pro Liter produzieren können, ihre Milch mit 2 Pf. unter den Produktionskosten an den Milchring zu liefern haben, wobei ein erheblicher Bruchteil ihrer Produktion vielleicht nur 6 oder 7 Pf. erzielen würde. Zur Frage des Imports dänischer Milch sagte Herr Ring: Es sei allerdings von den nordischen Landwirten in Verbindung mit den Organisationen der Milchhändler beabsichtigt, den Import der dänischen und der schwedischen Milch in großen Bassinwagen nach Berlin durchzuführen, wodurch der Bezugspreis für diese ausländische Milch unter den RingmilchpreiS sinken würde, selbst lvenn man die Eisenbahnfracht in Bettacht ziehe. Räch den Schritten, die er jedoch im Interesse der Milchzentrale bei den Behörden unternommen habe, könne er den Genossenschaftern die bestimmte Versicherung geben: niemals werde einer der angekündigten Bassinwagen mit auS» ländischer Milch zur Konkurrenz für die märkischen Milchproduzenten in Berlin erscheinen.(Großer Beifall I> Hosseullich äußern die Behörden sich zu dieser Mitteilung 265* die zugunste» der«grarier beablichtigts« Milchspure-! Der Kampf um die neue Berliner Abdeckerei ist vorläufig z u- Ungunsten Berlins entschieden worden. Für die alte Ab- deckerei an der Müllerstraße, die der Fiskus endlich eingehen läßt, will bekanntlich der Magistrat dadurch Ersatz schaffen, daß er eine solche Anstalt errichtet. Das ist auch ganz in der Ordnung; denn ein gesundheitlich so wichtiges Unternehmen kann nicht der Gewissen. losigkeit prositgieriger Privatkapitalisten überlassen werden. Aber wohin mit der neuen Abdeckerei? Der Magistrat hat das Berliner Rieselgut Blankenfelde dazu ausersehen, mit ihr beglückt zu werden, und er will ihr die weniger übel duftende Bezeichnung „Fleischverwertungs- und Fleischvernichtungsanstalt" geben. Unsere Leser erinnern sich der Debatten, die im letzten Winter in der Stadtverordneten-Versammlung darüber geführt worden sind, ob diese Anstalt den Insassen der Heimstätte Blanken- selbe sowie den Bewohnern der benachbarten Dörfer lästig werden und ihre Gesundheit beeinträchtigen könne. Von sozialdemo- k r a t i s ch e r Seite wurde das als leider sehr wahrscheinlich an- gesehen, von freisinniger Seite und vom Magistrat wurde es be- stritten. Die Bewohner der gefährdeten Orte erhoben gegen den Beschluß der Stadtverordneten- Versammlung Einspruch beim Nieder-Barnimer Kreisausschuß, und dieser chat nun die Genehmigung zur Errichtung der geplanten Abdeckerei v e r- s a g t. Den Magistrat vertrat vor dem Kreisausschuß der Stadtrat Fischbeck— derselbe, der in der Stadtverordneten-Versammlung ebenso ungeschickt wie anmaßend die Warnungen der sozialdemo- kratischen Stadtverordneten als belanglos abzuweisen versucht hatte und höhnisch ihnen erwidert hatte, Berlin„habe es weiter nicht nötig", über die in Spracht kommenden Vorortgemeinden„sich den Kopf zu zerbrechen". Nor dem Kreisausschuß hat dieser Herr weniger Glück gehabt. Seine Prahlerei mit den Sachverständigen-Gutachten, durch die er auf die freisinnige Stadtverordncten-Mchrheit Eindruck machte, ist hier in ihr klägliches Nichts zusammengesunken, Die Sachverständigen, die zur Verhandlung des Kreisausschusses geladen waren, äußerten sich wesentlich anders, und daraufhin hat der Ausschuß die Genehmigung versagen müssen. Berlin wird nun gegen diesen ablehnenden Beschluß Beschwerde beim Han. delsministerium einlegen. Wir wollen abwarten, ob es dem Magistrat dort besser gelingt. Für die Errichtung eines vorläufigen großen Erweiterungsbaues des Anhalter Güter-Bahnhofes wird jetzt der größte Stein- metz-Werkplatz im Innern Berlins, der sich auf eisenbahnfiskalischem Gelände an der Ecke der Uork- und Möckernstraße hinzieht, ab> gebrochen. In der HufbeschlagS-Lehrschmiede zu Charlottenburg beginnt der nächste Kursus Montag, den 10. Juli d. I., vormittags 8 Uhr. Meldungen zur Teilnahme sind an den Vorsteher Stabsveterinär a. D. Herr» Brand zu Charlottenburg. Spreestr. 58, zu richten. Für Aufnahme sind erforderlich: 1. Der Nachweis über Erlernung des Schiniedehandwerks. 2. Ein polizeiliches Führungsattest. 3. Der Nachweis, daß das 19. Lebensjahr vollendet ist. Die Kursusaebühr beträgt 49 M., die Prüfungsgebühr 10 M. Anträge auf Freistellen. welche in beschränkter Anzahl bei nachgewiesener Unbemitteltheit ver- geben werden können, sind besonders beizufügen. Der frühere Verleger der„Volks-Zeitung", Herr Emil Cohn, ist Mittwoch abend, 72 Jahre alt, gestorben. Herr Cohn war an mehreren Wohltätigkeitsinstituten, u. a. im Asylverein für Obdachkose tätig. Er hat sich die Hochachtung aller derer zu erwerben gewußt, die ihm jemals näher getreten sind. Eine Bande junger Einbrecher, die sich namentlich zur Plünderung von Ladenkassen und Böden zusammengetan hatten, wurde von der Kriminalpolizei festgenommen. Zwei ihrer Mtglieder, die Gebrüder Julius und Kurt Neuber, gehörten bereits zu den Oberspreeräubern, die vor einigen Jahren ein kleines Schreckensregiment führten, be- waffnet in die Gastwirtschaften anr Wasser eindrangen, u. a. in „Rübezahl" am Müggelsee eine noch jetzt dort als Sehenswürdigkeit aufbewahrte Haustür beim Angriff auf die einsam wohnenden Wirtsleute mit Flinten- und Revolverkugeln durchlöcherten, und nach langwierigen und mühevollen Nachforschungen von Kriminalkommissar Danrm endlich unschädlich gemacht wurden. Kurt Neuber blieb auf freiem Fuße, weil er damals das strafmündige Alter noch nicht er- reicht hatte. Sein älterer Bruder Julius wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, später aber als lungenkrank aus der Straf- anstalt entlassen. Die beiden Neuber, die bei ihren Eltern in der Straßmannstraße gemeldet waren, hatten sich mit einem wohnunas- losen Paul Rißmann und einem gewissen Reinhold Siebenhaar, der bei seiner Mutter in der Naunynstr. 8 wohnt, zu gemeinsamen Diebstählen vereinigt. Während Kurt Neuber seiner Arbeit nachgehen und der kranke Julius im Friedrichshain die frische gesunde Luft genießen sollte, heckten alle vier den Tag über bei Siebenhaar in der Wohnung Einbruchspläne für die nächste Nacht aus. In der vorletzten Nacht hatten sie es auf die Kasse eines Geschäfts für Gas- und Wasseranlagen in der Kommandantenstr. 53 abgesehen. Ein Sohn des Geschäftsinhabers aber sah vom Fenster eines Obergeschosses aus, wie sie sich mit Nachschlüsseln an der Tür zu schaffen machten, vertrieb und verfolgte die Einbrecher mit Hülfe anderer Leute und sorgte für ihre Fest- «ahme. Durch Beobachtung des jüngeren Neuber entdeckte die Kriminalpolizei auch den Schlupfwinkel in der Naunynstraße, und nachdem sie hier Beutestücke aus verschiedenen Einbrüchen gefunden und beschlagnahmt hatte, bequemten sich die Verhafteten zu ewem Geständnis. Die Auflösung des„KluvS von 1900", der in der letzten Zeit in der Oeffentlichkeit vielgenannt wurde, steht angeblich unmittelbar bevor, da die Erhaltung des Klubs, die etwa 200 000 M. jährlich erfordert, nach Abschaffung des Kartenspiels kaum möglich ist. Das vorhandene Vermögen soll unter die noch vorhandenen 160 Mit- glieder verteilt werden, eventuell wird der Klub in einen bloßen Geselligkeitsverein umgestaltet werden und einen anderen Namener- halten. Den Hauptbestandteil des Klubvermögens bildet das Klub- hauS Bellevuestr. 18a, das einst für 800 000 M. gekauft wurde, aber jetzt zumindest eine Million Marl wert ist. Es ist nur niit 700 000 M. belastet. Auch die Einrichwng des Klubs, die 260 000 M. gekostet hat, ist von erheblichem Werte, sodaß bei einer Auflösung des Klubs den einzelnen Mitgliedern noch recht erhebliche Anteile zufallen dürften. Zwei schwere Automobilunfiille werden vom gestrigen Tage ae- meldet. Als gegen 4 Uhr nachmittags die neunjährige Sophie Wichert vor dem Hause Veitstr. 26 in Tegel den Fahrdamm über- schreiten wollte. lief sie gegen das in mäßiger Geschwindigkeit sich nähernde Automobil des KommerzieuratS B o r s i g, in welchem sich der Besitzer mit seiner Frau befand. Oblvohl der Chauffeur den Kraftwagen sofort zum Stehen brachte, gelang es ihm doch nicht, ein Unglück zu vermeiden. Die Kleine wurde von dem Automobil er- faßt, dessen Räder ihr über den linken Oberschenkel hinweg- gingen. Herr Borsig ließ die Verunglückte, die einen Schenkelbnich erlitten hätte, zunächst zu einem Arzte und von dort nach Anlegung eines Notverbandes nach dem Paul Gerhardt- Stift transportieren. Nach Angabe von Augenzeugen trifft den Chauffeur kein Verschulden. Ebenfalls von einem Automobil überfahren wurde auf der Falkenberger Chaussee in Weißensee der 11jährige Schüler L. Der Chauffeur fuhr, ohne sich um den Verletzten weiter zu bekümmern, davon. Der Knabe, dessen Verletzungen sich glücklicherweise als ungefährlich herausstellten, wurde nach der elterlichen Wohnung ge- bracht. Die Saison der Prehkohlenbrände ist angebrochen.� Kein Tag vergeht jetzt, an dem die Feuerwehr nicht derartige Brände zu be- seitigen hatte. In dieser Woche hatte sie allein an etwa zehn verschiedenen Stellen zu tun. Die Ablöschung solcher Brände ist oft sehr zeitraubend, weil die Kohlenhausen regelrecht umgestapelt werden müssen. In den meisten Fällen liegt Selbstentzündung vor und sind auf solche Weise schon häufig große Brände entstanden. Me Ursache der Selbstentzündung ist nun gewöhnlich aüf mangelhaft« Lagerung der Kohlen zurückzuführen. Hin und wieder end zünden sich mit Kohlen beladene Eisenbahnwagen, sobald diese Kohlen einige Tage in den Waggons lagern und den heißen Sonnen- strahlen ausgesetzt sind. Beim Verladen solcher Kohlen können allerdings keine besonderen Vorsichtsmaßregeln getroffen werden. Anders steht es jedoch bei der Herstellung von Kohlenlagern auf Kohlenplätzen im Freien und in Kohlenkellern. Hier ist unbedingt erforderlich, daß zur Verhütung von Selbstentzündungen Lustschächte durch die Kohlenstapel geführt werden. Das Polizeipräsidium hat schon wiederholt auf dieses einfache Mittel hingewiesen. Auf etwa zwei Meter Entfernung müssen durch die Kohlenstapel Ventilations- kanäle, sowohl in seiner ganzen Länge, wie auch in der Höhe und Tiefe, angelegt werden. Man kann sie sehr leicht auf die Weise herstellen, daß man auf die angegebene Entfernung zwei Preßkohlen mit 6 Zentimeter Zwischenräumen flach als Läufer, über dieselben gleichfalls zwei Preßkohlen mit denselben Zwischenräumen als Binder legt und dieses Verfahren durch den ganzen Stapel fortsetzt. Dadurch entstehen dann ein senkrechter und zwei sich kreuzende horizontale Kanäle. Die auf diese Weise verursachte Lufterneuerung erscheint als geeignet, Selbstentzündung der Preßkohlen zu ver- hindern. Eine Omnibnslinie durch Ripdorf vom Blücherplatz bis zum Ringbahnhof wird demnächst in Betrieb genommen. Die behörd- liche Genehmigung zu dem neuen Verkehrsunternehmen ist bereits eingegangen. Bereits vor Jahren hat schon eine derartige Omnibus- linie bestanden, mußte aber, da sie sich nicht rentierte, eingehen. In- zwischen ist die Bebauung und die Einwohnerzahl Ripdorfs erheblich fortgeschritten. Feuerbericht. Donnerstag ftüh kam in der Köpmckerstraße 190 in einer Wohnung Feuer aus, das aber in kurzer Zeit erstickt werden konnte.— Mehr Arbeit gab es dann in der Gotzlerstraße 35/36. Bei Ankunft der Löschzüge stand dort ein großer Holzschuppen in Flammen. Es mußte mit zwei Schlauchleitungen tüchtig Wasser ge- geben werden, um. die Gefahr zu beseitigen.— In der Triitstraße 42 brannte abends der Fußboden in einer Küche, während in der Alexandrinenstraße 59 ein Feuer abgelöscht werden mutzte, das durch Hinfallen eines Spirituskochers entstanden war.— Auch an Preß- kohlenbränden, die jetzt ihre Saison haben, fehlte eS in den letzten 24 Stunden nicht. So hatte die Wehr auf dem Güterbahnhofe der Ostbahn, in der Dorlstraße 35 und in der Blumenstrahe 16 derartige Brände zu unterdrücken.— Die übrigen Alarmierungen, die dann noch aus der Turmstraße 43, Dresdenerstraße 68, Landsberger Allee 126 und noch aus einigen anderen Orten einliefen, waren durchweg auf ganz geringfügige Anlässe zurückzuführen. Kyritz-Pyritz in neuer Auflage. Dem Leben gegenüber ist die Bühne entsetzlich konservativ. Sie tischt immer noch Typen auf, die längst zu den Gefilden der Seligen hinübergegondelt sind, weil sie in der heutigen Welt keine Existenzmöglichkeit mehr haben. Hierzu gehört auch der biedere Provinzler, der aus Kyritz nach Berlin kommt, um hier den verfluchten Kerl zu spielen und Abenteuer zu erleben, von denen seine lüsterne Phantasie bis dahin nur einen blassen Schimmer hatte. Heute, wo eigens Theaterzüge fahren, wo der Kyritzer, der es dazu hat. sich am Ende ein Auwmobil leistet, ist eine Fahrt nach Berlin gleichgültiger und weniger umständlich a.ls ehedem ein Besuch in der nächsten Kleinstadt. Vielleicht hat die Leitung des Lustspielhauses sich von dieser Einsicht bestimmen lassen, als sie gestern Willens Posse„Kyritz-Pyritz" neu angetüncht im karikierten Kostüm der fünfziger Jahre auf die Bühne brachte. Diese Rückdatierung der vor vielleicht 25 Jahren zuerst aufgeführten Posse ging nicht ohne herbe Anachronismen vor sich, wie denn auch im Zuschauer Zweifel auftauchten, ob die kleinstädtische Welt von dunnemals wirklich im Punkte der Aus- schweifungen so bescheiden gewesen ist, wie ihre Vertreter. Stadt- kämmerer, Apotheker und Bäckenneister auS Kyritz, sich geben. Es war der Vergleich mit der Tatsache angebracht, daß heute etwa am Landbündlertag von seinen Teilnehmern ganz andere Genüsse— verschmäht werden, von den einen, den wirklichen Bauern, weil sie nüchtern rechnen müssen, und vow den anderen, den mit dem Munde Notleidenden, weil sie sich an den Gaben deS Cafe Keck und der Amorsäle schon in ihrer ersten Dummejungenzeit den Magen ver- darben haben. So mag denn das Wort des Dichters gelten:„Was sich nie und nirgend hat begeben, das allein veraltet nie!" Die Darstellung war mit kluger Berechnung auf eine sanfte Harmonie gestimmt, in die sich jeder der Mitwirkenden fügte, selbst die Soubrette Frau Mendt, die eben erst vom Apollo-Theater hinweg engagiert war, um die Rolle des Stratzeufegerjungen in„Berliner Luft" mit der des kecken Sekundaners Emil zu vertauschen. Gerickts-�eitung. Der alte Bäckermeister-Brauch. Am Mittwoch spielte sich wieder einmal eine Episode auS dem gewerkschaftlichen Kanipfe der Bäcker vor den Schranken des Gerichts ab. Bekanntlich forderte der Bäckerverband beim vorjährigen Streik von jedem Meister, der die Forderungen der Arbeiter anerkennen wollte, daß er dies durch Unterzeichnung einer ehrenwörtlichen Erklärung bekräftige. Wenn die Unterschrift gegeben war, er- hielt der betreffende Meister ein Plakat, worin den Kunden mitgeteilt wurde, daß er die Forderungen bewilligt habe. Ein solches Plakat erhielt auch der Bäckermeister Lude, Warschauerstr. 27. Als der Verbandsleitung Ende März d. I. bekannt wurde, daß Herr Lude die geforderten Lohn- und Arbeitsbedingungen nicht mehr gewähre, ließ sie ein Flugblatt in der Nähe der Ludeschen Bäckerei verbreiten. In dem Flugblatt wurde mitgeteilt, daß Lude trotz seines Ehren- Wortes geringere Löhne zahle als die geforderten, daß er länger arbeiten lasse, als die Bundesratsverordnung gestatte, und daß er seine Gesellen wieder in Kost und Loais habe. Herr Lude ließ darauf ebenfalls ein Flugblatt verbreiten, worin er sich gegen die Behauptungen des Verbandes wendete, und dieser beantwortete die Ludeschen Ausführungen in einem zweiten Flugblatt, in dem unter anderem auch von Un s au b e rke it e n in der Ludeschen Bäckerei die Rede ist. Schneider und H e tz s ch o l d vom Bäckerverbande, welche für die Flugblätter verantwortlich sind, wurden daraufhin von Herrn Lude mit einer Privatbeleidig ungsk läge bedacht. Die beiden Flugblätter tragen die Ueberschrist„Bäckermeister-Ehrenwort" und machen Herrn Lude den Bruch seines Ehrenwortes zum Vorwurf. Herr Lude behauptet dagegen, er habe kein Ehrenwort gegeben und was er zum Beweise dessen vor Gericht sagte, das ist recht bezeichnend für das Verhalten, welches ein Teil der Bäckermeister angesichts des Stteiks für augebracht hielten. Herr Lude sagte nämlich, als er sah, daß die Kundschaft nur bei den Bäckermeistern kaufte, die das bekannte Plakat hatten, habe er seine Fran nach dem Verbandsbureau der Bäcker geschickt, damit sie auch ein solches Plakat hole. Unterschrieben habe er nichts, auch seine Frau habe keine Unterschrift gegeben. H e tz s ch o l d betonte dem- gegenüber, da Herr Lude das Plakat erhalten hatte, so müsse er oder ein beauftragter Vertreter van ihm die ehren- wörtliche Verpflichtung unterzeichnet haben, denn anders könne er kein Plakat erhalten haben. Herr Lude behauptet auch, er habe zwar anfangs die Forderungen bewilligt, sie aber schon nach drei Tagen zurückgezogen, Demgegenüber verwies Hetzschold darauf, daß die Bäckerei des Herrn Lude ein volles Jahr lang in der vom Verbände im„Vorwärts" veröffentlichten Liste der geregelten Betriebe gestanden habe, ohne daß Lude, obgleich er seine Be- willigung zurückgezogen haben will, dagegen Einspruch erhob. Weiter machten die Angeflagten geltend, daß vor der Herausgabe der Flugblätter mit Herrn Lude verhandelt worden sei, um ihn zur Jnnehaltung der geforderten Lohn- und Arbeitsbedingungen zu be- wegen. Bei dieser Gelegenheit habe aber Herr Lude zu dem Verbandsvertreter Schneider gesagt:„Ihr seid wohl ver- rückt, was ich im Mai vorigen Jahres zugesagt habe, daS soll ich jetzt noch halten?" WaS die in den Flugblättern behaupteten Tatsachen betrifft, so sagte ein Zeuge au», er habe zur fraglichen Zeit bei Herrn Lude gearbeitet und habe für einen Wochenlohn von 13, später 14 M. und halbe Kost täglich 13 bis 14 Stunden arbeiten müssen.— Ueber die behauptete Unreinlichkeit sagte derselbe Zeuge, er habe einmal im B a ck m e h l einen Zigarren st ummel gefunden, der nur vom Meister Lude herrühren konnte, weil dieser bei der Arbeit zu rauchen pflege. Der Zeuge glaubt mehrmals bemerkt zu haben, daß Herr Lude in daS kochende Fett, worin Pfannkuchen ge- backen werben sollten, spuckte. Als der Zeuge einmal ganz genau aufpatzte, habe er dieS ganz be stimmt gesehen. Die Angeklagten bemerkten hierzu, diese Prozedur sei eine Probe, um festzustellen, ob das Fett kocht. Eigentlich solle man diese Probe mit einigen Tropfen Wasser machen. Wer aber zu bequem sei, um Wasser herbeizuholen, der spucke wohl nach altem Brauch in das Fett. Das Gericht verurteilte jeden der beiden Angeklagten zu einer Geldstrafe von 100 M. und erkannte auf Veröffentlichung des Urteils im„Vorwärts", dem Verbandsorgan„Der Bäcker" und dem Meisterorgan„Verl. Bäcker-Zeitung".— In der Begründung führte der Vorsitzende aus, den Angeklagten sei der Schutz des§ 193 zu- gebilligt worden. Da aber aus der Form, in der die Flugblätter gehalten waren, die Absicht der Beleidigung hervorgehe, mußte eine Verurteilung erfolgen. Es sei auch auf eine milde Strafe erkannt, weil die Angeklagten aus idealen Motiven gehandelt haben. Der Tranmzustand der Frau Leußer. Das war die Frage, die die sechste Straflammer de? Land- gerichts l gestern in einer Strafsache gegen die Kaufmannsfrau L e u tz e r zu entscheiden hatte. Frau L. ist eine 54 Jahre alte, bis- her unbescholtene Frau, die seit vielen Jahren in gemeinnützigen Vereinen tätig ist. Das Schöffengericht hat sie seinerzeit des Dieb- stahls für schuldig erachtet und zu 2 Wochen Gefängnis verurteilt und folgenden Sachverhalt als festgestellt erachtet Am 2. März mittags bestieg die Angeklagte einen ziemlich voll besetzten Omnibus, der durch die Landsbergerstraße führt. Nachdem sie ihr Fahrgeld bezahlt hatte, fühlte sie kurz nachher einen an ihrem Fuß liegenden Gegenstand, hob ihn auf und steckte ihn in die Tasche. Einige Zeit darauf begann eine ihr gegenübersitzende Arbeiterfrau K. zu klagen, sie hatte, als sie ihr Fahrgeld bezahlt hatte, ihr Portemonnaie, in welchem sich ein von der Sparkasse abgehobener Betrag von 100 M. befand, in ihre Markttasche, gesteckt und zu ihrem Entsetzen war das Portemonnaie verschwunden. Ihre neben ihr sitzende kleine Nichte fing ebenfalls an laut zu weinen und die gesamten Insassen inter- essierten sich lebhaft für den Fall. Man faßte unwillkürlich in die eigenen Taschen, Frau L. soll sich aber damit begnügt haben, zu fragen, ob denn Frau K. das Portemonnaie wirklich noch im Omnibus gehabt habe, was entschieden bejaht wurde. Ein Mitfahrer sagte schließlich, daß das Portemonnaie, wenn es im Omnibus noch vorhanden gewesen, doch auch noch da sein müsse und schlug vor, daß sämtliche Insassen bis zu Ende der Strecke mitfahren und sich dann gemeinsam zur Polizei zwecks Leibesvisitation begeben sollten. Als Fraue L. dann nach einer Weile den Omnibus zum Aussteigen anhalten lassen wollte, erhob eine Mitfahrende Einspruch dagegen und äußerte, daß Frau L. verdächtig sei, da sie, wie wahrgenommen worden sei, sich gebückt habe. Der Schaffner erklärte daraus, daß er die Dame ersuchen müsse, bis zur Endstation mitzufahren. Kurz vor der letzteren griff Frau L. in ihre Kleidertasche und brachte zu allgemeinem Erstaunen das vermißte Portemonnaie zum Vor- schein und übergab es der Berliererin mit den Worten: Da ist Ihr Portemonnaie.— Das Schöffengericht hatte auf Grund dieses Tat- bestandes, der im allgemeinen auch in der zweiten Instanz bestätigt wurde, einen Diebstahl als vorliegend angenommen. Die Angeklagte hatte versichert, daß, als sie den am Fußboden liegenden Gegenstand aufgenommen, sie geglaubt habe, es sei ihr eigenes Portemonnaie, welches sie wohl aus Verschen neben ihre Rocktasche gesteckt gehabt habe. Erst als sie sich erhoben, um auszusteigen, habe sie gefühlt, daß ihre Rocktasche auffallend schwer war, sie habe hineingefaht und zu ihrem Entsetzen bemerkt, daß sie zwei Portemonnaies dort be» herbergte. Das Schöffengericht war aber der Ansicht, daß die An- geklagte in dem Augenblick, als die Arbeiterfrau laut über ihren Verlust klagte, wohl daran hätte denken müssen, daß sie selbst kurz vorher ein Portemonnaie aufgehoben und daß sie bei reinem Ge- wissen wohl sofort— wie die übrigen Mitfahrenden— in ihre Tasche gefaßt und das Portemonnaie sofort gefunden haben würde. DaS Verhalten der Angeklagten erschien dem Schöffengericht aber als ein Schuldbewcis, ebenso die Tatsache, daß der Ehemann der Angeklagten am nächsten Tage der Arbeiterftau 5 M. angeboten hat, damit sie aus der Sache nichts weiter mache.— In der Berufungsinstanz wiederholte die Angeklagte ihre Darstellung erster Instanz mit der Versicherung, daß sie während des Gesprächs über das verlorene Portemonnaie gar nicht mehr daran gedacht habe, daß sie sich gebückt hatte, weil sie eben fest davon überzeugt gewesen sei, ihr eigenes Portemonnaie aufgehoben zu haben.— Der An- geklagten wurde von zwei Seiten das beste Leumundszeugnis ge- geben, insbesondere gab ihr der Rabbiner Dr. L i p s ch ü tz, der sie aus seiner seelsorgerischen und gemeinnützigen Tätigkeit seit vielen Jahren kennt, das Zeugnis einer ehrlichen Frau, die sich große Ver- dienste auf dem Gebiete der Krankenpflege erworben habe. Der Hausarzt der Angeklagten, Dr. Fischer, teilte mit, daß die An- geflagte eine schwere Operation durchgemacht hatte und erst am 14. Februar aus dem Krankenhause entlassen worden war. Der Arzt hat an ihr wiederholt ein abnormes physisches Verhalten, Apathie und Jndiffentismus, gewissermaßen eine Art Traumzustand wahrgenommen. Nervenarzt Dr. P l a c z e k begutachtete, daß die Angeklagte unzweifelhaft in einem Zustand vorübergehender Zer- streutheit, vorübergehender Gedankenleere und klimakterischer Me- lancholie gehandelt habe.— Auf Grund dieser Gutachten und der daran geknüpften Ausführungen des Rechtsanwalt Weinberg und Justizrat W r o n k e r erkannte die Straflammer unter Auf- Hebung des ersten Urteils auf Freisprechu n g der Angeklagten. Der Gerichtshof verkannte nicht, daß mancherlei Momente gegen die Unschuld der Angeklagten zu sprechen scheinen, er hielt es aber nicht für widerlegt, daß sie geglaubt hat, ihr eigenes Portemonnaie auf- zuHeben. Daß sie gesehen hat, wie Frau K. es fallen ließ, sei nicht festgestellt. Als die Verliererin dann über ihren Verlust klagte, habe sie wohl nicht daran gedacht, daß sie möglicherweise ein fremdes Portemonnaie in der Tasche haben könnte, erst später habe sie die» gemerkt und sich aus Scham über die fatale Situation in dieser ungeschickten Weise benommen, die sie verdächtig erscheinen ließ. Vermiscktes. Die Ruhestörungen in Köln am Chlodwigsplatz wiederholten sich Mittwochabend in höherem Maße als an den Tagen vorher. Die Polizei trieb schließlich die Menge auseinander, wobei mehrere Personen verletzt wurden, auch einige Frauen wurden schwer ver- wundet. Eine Anzahl Ruhestörer wurden verhastet. Für den katholischen Feiertag befürchtet man noch größere Ausschreitungen. weshalb die Polizei für die Abendstunden die umfangreichsten Vor- kehrungen gettoffen hat. KottbuS, 22. Juni. Ein seit Sonnabend nachmittag vermißter 15jähriger Knabe aus Meura bei Senstenberg wurde ermordet unter Spreu verdeckt bei Drochow aufgefunden. Er ist von einem Berg- mann verschleppt worden, der nunmehr des Lustmordes verdächtig verhaftet wurde. Ueber eine Eisenbahn-Katastrophe in Amerika ist abermals zu berichten: Der Chicago New Dork Expreß der Lake Shore-Eisen» bahnlinie traf Donnerstag bei Mentor(Ohio) auf eine offene Weiche und entgleiste. Der Zug ging in Trümmer und wurde durch aus- brechendes Feuer teilweise zerstört. Dreizehn Personen wurden getötet, zwanzig verwundet. Der Zug lief, als er von dem Unglück betroffen wurde, mit einer Schnelligkeit von 70 Meilen in der Stunde. Verantw. Redakteur:»ranz Rehbrin, Berlin. Lür den JnseratwfcU ver