Nr. 159. Abonnements- Bedingungen: S Abonnements Breis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 M., monatl. 1,10 mt., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage, Die Neue Welt" 10 Bfg. Poft. Abonnement: 1,10 Mart pro Monat Eingetragen in die Bost- Zeitungs Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Ericheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblatt. 22. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Stolonel geile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Bereins. und Bersammlungs- Anzeigen 25 fg. Kleine Anzeigen", das erste( fett. gedruckte) Bort 10 Big, jebes weitere Wort 5 Pfg. Worte fiber 15 Buchstaben zählen für groei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachnittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Telegramm- Abreffe: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Dienstag, den 11. Juli 1905. Für den Weltfrieden des Proletariats! Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Mr. 1984. Gegen die Weltftörung durch Polizei und Diplomatic! Am Sonntag in den frühesten Morgenstunden schon hatte| Bustimmung der Versammlung den Polizeistreich, mit dem man Jaurès troß der diplomatischen Note des Reichskanzlers und der die deutsche Sozialdemokratie zu treffen wähnte und sich doch selber polizeilichen Verhinderung seiner Friedensrede bereits zu uns gezählten Taufenden gesprochen. Es war weder der Polizei noch ber im Polizeigeist lebenden Diplomatie gelungen, über den Geist die Grenzsperre zu verhängen. Die Person freilich des französischen Redners fonnte man von Berlin fernhalten, sein Wort aber ließ sich von den Häschern nicht austilgen, und so fonnte bereits das Berliner Proletariat am Sonntagmorgen die Gedanken unseres französischen Genossen über die proletarische Solibarität und die Aufgabe der Sozialdemokratie, die Erhaltung und Herbeiführung des Weltfriedens wörtlich lesen. Diese Rede an das Proletariat, diese Ansprache an die Wölfer der Kultur ließ fich nicht verhindern. Ja der Eindruck des gedruckten Wortes, das man in Muße und Andacht studieren konnte, war vielleicht weniger lebhaft, aber noch nachhaltiger, als die auflodernde Begeisterung, die diese Gedanken in stürmischem Vorüberrauschen einer Rede hätte hervorrufen fönnen. Die Demokratie flammert sich nicht an einen Führer, fie wirkt und lebt nicht durch Personen, sondern durch die Macht der Weltanschauung, und so konnte man auch die geplante Rundgebung für den Weltfrieden nicht bereiteln. Die Worte, ia die Gestalt des ferngehaltenen französischen Genossen waren dennoch in allen Stöpfen der viele tausend Demonstranten allgegenwärtig, die am Sonntagmittag im Saal der„ Neuen Welt" zu Berlin sich bersammelten. Und indem diese Versammlung die geplante Kundgebung für den Völkerfrieden trotz aller Hindernisse durchführte, fonnte sich dant dem Eingreifen des Polizeifanglers auch noch in zündendem Protest den leibhaftigen Feinden aller proletarischen Stulturaufgaben, dem Polizeigeist und der diplomatischen Intrige Aug' in Aug' entgegentreten. So gewann die Demonstration noch an Wucht und Schärfe. Welche andere Partei, welche andere Macht fonnte es auch nur wagen, an einem zum Ausfluge ins Freie verlockenden Feriensonntag im Sommer um die Mittagsstunde Massen zu versammeln, welche nicht nur den Riesensaal der„ Neuen Welt" füllten, sondern in der noch eine größere Anzahl draußen im Garten vergeblich des Eintritts harrte. Schon am Morgen begann der Zustrom der ersten Versammlungsbesucher. Eine Stunde vor Beginn der Versammlung war jedes Plätzchen im Gaal und auf der Galerie besetzt. Der Saal, der 6000 Personen faßt, wurde abgesperrt und draußen tamen und gingen unausgesetzt neue Massen. Im großen Garten der Neuen Welt" versammelten sich gegen 12 000 Personen. Auch die Polizei bemühte sich, für den Weltfrieden auf ihre Art zu demonstrieren. Die Rigdorfer Polizei hatte sich Hülfe von Berlin geholt. In der Nähe des Versammlungslokales war eine fliegende Polizeiwache von 100 Schußmännern etabliert. Auch in dem Raum auf beiden Seiten der Bühne waren hinter den Kulissen weitere 50 Mann untergebracht. Im Saal selbst war die Geheimpolizei in nicht wenigen Eremplaren vertreten. Ein so ungestümes Inter esse bekundete die Polizei an der Aufrechterhaltung des Weltfriedens, und sie konnte sich ganz in diese Gedanken und Bestrebungen versenken, denn in der Versammlung selbst und bei der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung gab es nicht das mindeste für sie zu tun. Bor Beginn der Versammlung hatte Jaurès das Wort. Man las im Vorwärts" die Rede, die unser französischer Parteigenoffe vor den Berlinern mündlich zu halten, wegen seiner vom Reichsfanzler anerkannten großen Vorzüge, verwehrt worden war. Die Ausführungen übten allgemein einen starten Eindruck. Aus der trüben Wirrnis des preußischen kapitalistischen, polizeilichen, bureaukratischen Junkerstaates, der öffentlichen Kasernen und geheimen Diplomatenstuben fühlte man sich emporgetragen in die reine Luft des proletarischen Sozialismus, dieser neuen Gedankenwelt, die in steten und unermüdlichen Kämpfen sich in der Wirk lichkeit zu gestalten, die Wirklichkeit zu revolutionieren strebt. Man atmete die helle Siegeszubersicht, die der beredte Anwalt unserer großen Sache in jedem Worte zeigt, und so hatte man im eigent lichen Betracht die verbotene Jaurèsversammlung erlebt und in fich berarbeitet, bevor sie hatte beginnen tönnen, wenn der Fürstkanzler vor seiner Würde größeren Respekt als vor der unseres franzöfifchen Parteigenossen gehabt hätte. Um 12 Uhr eröffnete Genoffe Ernst die Versammlung, die in größter Ordnung und ernster Aufmerksamkeit verlief. Nur gelegentlich löfte fich die Stimmung in Bfui- Rufen auf den Polizeiufas der Regierung oder in stürmischen Rundgebungen des Beifalls für die Ausführungen des Redners aus. Und wiederum wurde zunächst dem doch berbotenen Jaurès das Wort erteilt. Gegen den elektrischen Funken ist selbst die preußische Polizei ohnmächtig. Jaurès hat in franzöfifcher Sprache ein Telegramm gefandt, ein ftolaes, schneidendes Epigramm gegen die plumpen Künste diplomatischer Lobhubeleien und eine warmherzige Versicherung der brüder. lichen Gesinnung. Die Uebersehung des Telegramms wurde berlesen und erweďte stürmische Rundgebungen. Dann nahm Richard Fischer das Wort zu seinen Ausführungen über die Friedensidee und die Solidarität der internationalen Reaktion. Einleitend tennzeichnete er häufig unter der lachenden und spottenden nur dem Gelächter der Welt preisgegeben hat. Dann zeichnete er in träftigen Zügen das Bild der Reaktion der herrschenden Klassen aller Länder, insonderheit der preußisch- deutschen Russifizierung, und er schloß, indem er die Hauptzüge des Jaurèsschen Vortrages noch einmal sfizzierte. Seine Ausführungen wurden zusammengefaßt in einer Resolution, die nicht nur gegen die Polizeiattion protestierte, nicht nur den Gedanken der alle Kriegsheßereien überwiegenden Solidarität des Proletariats verkündete, sondern auch zum Schluß des Heldenkampfes der russischen Revolutionäre gedachte. Eduard Bernstein verlas hierauf ein Antwort. telegramm an Jaurès, in dem die Uebereinstimmung der deutschen Arbeiter mit dem Gedanken des französischen Parteiführers nachdrüdlich versichert und jene deutsch- französische Einheit befundet wurde, die der Krieg der herrschenden Klassen zu zer stören versucht hat. Mit kräftigen Worten des Einberufers Genossen Ernst wurde die Versammlung geschlossen, die unter begeisterten Dochrufen auf die internationale Sozialdemokratie und auf Jaurès auseinanderging. So wurde dank der täppischen Aktion des notenschriftstellernden Gendarm- Diplomaten dennoch in würdevollster und eindringlichster Weise der Wille des deutschen Proletariats proklamiert, daß es nicht den Diplomaten der herrschenden Klassen die Herrschaft über die Geschide der Völker zu gestatten gedenkt, daß es vielmehr bon feinem staaatsbürgerlichen verfassungsmäßigen Recht der Selbstbestimmung jeden Gebrauch zu machen entschlossen ist. Fürst Bülow hat es uns zum Vorwurf gemacht, daß wir so frech und verwegen seien, unmittelbaren Einfluß auf die Politit nehmen zu wollen, die doch das Amtsgeheimnis und Gewerbe zünftiger Staatsmänner bleiben müsse. Die geftrige Versammlung hat gezeigt, daß wohl in Barenutasen eine solche Auffassung von dem Verhältnis zwischen Regierung und Bolt noch denkbar ist, daß aber zibilisierte Bölter teine Untertanen mehr seien, die auszu führen und zu erleiben haben, was man in Weisheit über sie bes schließen mag, sondern die sich selbst Vorsehung sind und die ihr Schidsal in die eigenen starken und sicheren Hände nehmen. Die Arbeiterklasse läßt sich nicht nur nicht mehr ausschalten aus der Geschichte, sie ist der Träger der Geschichte geworden, beren notwendige Entwidelung die Gespenster einer versinkenden Zeit keinen Augenblid ernstlich aufzuhalten oder abzulenken vermöaen übermittelte Ansprache, die uns alle begeistert. Sie haben dem Empfinden wirkungsvollen Ausdrud gegeben, das uns alle, das die Arbeiter Deutschlands tvie die Arbeiter Frankreichs, das die Sozialdemokratie aller Länder befeelt. Ihre Kennzeichnung der internationalen Politik des Proletariats hat unferen rückhaltlofen Beifall und Ihre Aufforderung an die Arbeiter aller Länder, die Maßnahmen der Diplomatie der herrschenden Klaffen immer sorgfältiger zu überwachen, tommt aus unserer aller Herzen. Mit größter Befriedigung unterschreiben wir die mannhaften Worte Ihres Telegramms, das unter dem stürmischen Jubel der vieltausendköpfigen Protestversammlung berlesen wurde. Wir senden Ihnen und durch Ihre Vermittelung der Sozialdemokratie Frankreichs unfere lebhaftesten brüderlichen Grüße. Die Zerflüftung der europäischen Demokratie, die Auseinanderreißung der Boltstlassen Frankreichs und Deutschlands, welche der Krieg der herrschenden Klassen vor einem Menschenalter herbeiführte, wird überwunden durch den internationalen Sozialismus des Proletariats. Zwischen uns gibt es feinen Konflitt, teine Intereffengegensäge. Wir kennen nur eins: gemeinsame Arbeit für gemeinsame Ziele. Und im Hinblick auf das gemeinsame Wert rufen wir in der zubersichtlichen Erwartung, Sie trotz alledem bald in Berlin zu sehen, mit Ihnen: Hoch die eine und unteilbare internationale Sozialdemokratie!" Pünktlich um 12 Uhr wurde die Versammlung vom Einberufer Eugen Ernst, der dann auch zum Vorsitzenden der Versammlung gewählt wurde, eröffnet. Eugen Ernst teilt den Versammelten mit, daß ihm die Anwesenheit zahlreicher Polizeibeamter in Bivil im Bersammlungslokal gemeldet worden sei.( Lebhafte Unruhe und ein, damit Euch nicht etwa Unannehmlichkeiten erwachsen. Im Pfuirufe.) Genossen, ich bitte Euch, in Aeußerungen vorsichtig zu übrigen können wir es nur begrüßen, wenn auch Bolizeibeamte Interesse haben, unsere Ausführungen zu hören.( Beifall.) Genossen, unser Genosse Jaurès hat uns ein Telegramm gesandt, in dem er die Versammlung begrüßt.( S. oben.) ( G. oben.) Die Verlesung des Jaurèsschen Telegramms wird mit stürmischem Beifall aufgenommen, der seinen Abschluß in einem kräftigen, vom Balkon herabgerufenen Pfui Bülow! findet.. Nummehr nimmt von lautem Beifall begrüßt der Redner des Richard Fischer Tages bas Wort: Genossen! Ein großer Redner sollte hier sprechen, ber Wir lassen hier zunächst den Telegrammwechsel folgen: feiner unvergleichlichen Berebsamkeit einen großen Einfluß auf die durch seine eminente agitatorische Begabung und durch die Macht Jaurès an die Berliner und deutsche Sozialdemokratie. Politik seines Baterlandes und auf die internationale Politik des ,, Camarades! Je suis de tout coeur avec vous et vraiment laffenbewußten Proletariats ausübt. Ueber große Dinge sollte er présent à cette assemblée pour affirmer l'union du prolétariat fprechen, über Böllerfrieden und Gerechtigkeit. Und num steht ein français et du prolétariat allemand. Ils travaillerout ensemble fleiner Redner( Heiterkeit) vor Ihnen und über eine kleinliğe à affirmer la paix du monde par la conquête de la justice Sache muß er sprechen, über die geistige Armseligkeit und politische sociale et de la liberté politique. Rien ne peut nous séparer, Fine Stundgebung des feften, des unbeugsamen Willens des ProRädständigkeit preußisch- deutscher Polizeipolitil.( Lebhafte Zustimmung.) ni les préjuges, chauvins, ni les interdictions gouvernementales ni les artifices grossiers des éloges diplomatiques. Nous letariats, den internationalen Frieden auch gegen die Bestrebungen sommes tous unis, nous sommes tous les mêmes; nous avons ber herrschenden Klaffen aufrecht zu erhalten, sollte diese Versammla même volonté, la même conscience. On ne peut frapper lung sein. Und nun müssen wir uns dagegen verwahren, daß im les uns sans frapper les autres, louer les uns sans louer les anzigsten Jahrhundert mit brutaler Polizeifaust einem Manne autres. C'est une tactique usée des classes dirigeantes de wie Jaurés der Maulforb aufgedrückt worden ist.( Laute Pfuirufe.) chaque pays d'opposer aux socialistes du dedans les socialistes Stun müssen wir das deutsche Proletariat aufrufen zu einem Brotest, du dehors. En réalité c'est un hommage de plus à la force aß die deutsche Arbeiterschaft nicht teil hat an du socialisme international, que les gouvernements ne peuvent bloßgestellt hat.( Lebhafter Beifall.) der Blamage, mit der sich Bülow bor Europa plus combattre qu'en essayant de le diviser. Et c'est une raison de plus pour nous tous d'acclamer ensemble la democratie socialiste internationale une et indivisible. Jean Jaurès." In deutscher Uebersetzung: Aber nicht nur um eine Bloßstellung handelt es sich hierbei, sondern um ein Beichen, wie schwach fich die Regierung gegen über der Sozialdemokratie im Innern fühlt, wenn sie nicht ben Mut hat, Jaurès hier sprechen zu lassen. Zugleich aber ist es bie KapituGenossen! Ich bin mit ganzem Herzen mitten unter Euch bewegenden Macht des Sozialismus. Dwie armselig müssen die lation der zünftigen Diplomatie und Staatsmännerei vor der weltin dieser Versammlung, um mit Euch die Einigkeit zwischen dem Grundlagen der Regierung sein, daß sie von einer Friedensdeutschen und französischen Proletariat zu bekräftigen. Die ge- demonstration die Stärkung der staatsfeindlichen" Bestrebungen der meinsame Arbeit beiber wird den Weltfrieden durch die Eroberung Sozialdemokratie fürchtet!( Lebhafte Zustimmung.) Vielleicht haben der sozialen Gerechtigkeit und der politischen Freiheit sichern. da diejenigen recht, die da meinen, mit der Friedensliebe dürfte es Nichts tanu uns trennen: nicht chauvinistische Vorurteile, nicht Mebeverbote ber Regierungen, noch auch die plumpen Rünfte diplomatischer Lobhudeleien. Wir sind alle eins, find alle einund dieselben. Wir haben den gleichen willen, das gleiche Empfinden. Wird einer von uns geschlagen, so wird der andere mitgetroffen, und wird einer von uns gelobt, so wird der andere mitgelobt. nicht gut beftellt sein bei einer Regierung, die auf dem Klaffengegenfab, auf dem Gegensatz der Böller zu einander und auf dem Militarismus, der Grundlage aller Bebrüdung, beruht( Lebhafte Bustimmung); und ein Staat, der so auf den Klassengefeßen, auf dem politischen Fauftrecht beruht, tönne unmöglich wahrhaft und unverbrüchlich dem Frieden dienen wollen.( Sehr gut 1) Nun fragt es sich, ob nicht dieser neueste Vorgang unseren Kampf geradezu erleichtern wird. Was muz man im Auslande von einer Regierung denken, die so öffentlich vor Es ist eine abgebrauchte Taktik ber herrschenden Klaffen aller der stärksten Partei des Landes, vor der Sozialdemokratie ihre Furcht Länder, den Sozialisten daheim bie Sozialisten draußen gegen zur Schan trägt, wie muß es das Kraftgefühl der deutschen Sozial überzustellen. Tatsächlich aber ist dies eine Huldigung mehr vor demokratie stärken, wenn sie sieht, wie die mächtigste Regierung des Kontinents bange ist vor dieser Beder Straft des internationalen Sozialismus, den die Regierungen wegung.( Stürmischer Beifall.) In Rußland ist man es fo nur noch durch den Verfuch, ihn zu spalten, bekämpfen können, gewöhnt( Stürmischer Beifall), in Rußland, wo der gar und ein Grund mehr für uns alle, uns zu dem Gedanken der angst schlotternb( Seiterkeit) vor der Deputation der Gemstwos einen und unteilbaren internationalen Sozialdemokratie zu be- eine Berfassung verspricht, und wo die Regierung berbietet, baß die Lennen. Jean Jaurès." Beitungen das Barenwort veröffentlichen. In Deutschland verfichert die Regierung jeden Tag, daß ihre Politik dem internationalen und wenn eine internationale Friedensdemon Sozialdemokratie Berlins an die franzöfifche Sozialdemokratie. Frieden diene, stration stattfindet, so verbietet fie die Rede, die der Be „ Genosse Jaurès, die heute in der Neuen Welt" versammelten fämpfung des Chauvinismus dienen soll.( Bfuirufe.) Und Sozialdemokraten Berlins senden Ihnen ihren herzlichen, tief gerade dem Manne wird das Aussprechen seiner Gedanken empfundenen Dank für Ihre herrliche, uns durch den Vorwärts" verboten, der mehr als jeder andere zur Abschwächung des DeutschenDie " |Ä(fc5 tu Frankreich, zur Herbeiführung dauernden Friedens zwischen beiden Völkern getan hat, der seine Popularität dafür aufs Spiel gesetzt und gegen den Willen der herrschenden Klassen diese An- Näherung propagiert hat. Jauräs hat dabei denselben Mut be- wiesen wie Bebel und Liebknecht 1870, als sie trotz des Brüllens des deutschen Mobs gegen die Fortsetzung des Krieges mit der Nepublik Frankreich und gegen die Annexion Elsatz-LothringenS protestierten. Und diesem Maiine wird von der Regierung das Wort verboten zu einer Zeit, wo die Regierung selber erklärt, datz sie olles tue,_ um den Frieden zwischen beiden Völkern zu bewahren. Es fehlt in Deutschlaiid heute bloß noch der Kosak sMinutenlangcr Beifall), um vor aller Welt die Stärke der Regierung und die Auf- richtigkeit ihrer Friedensliebe zu beweisen. sErneutcr Beifall.) Aber wenn wir auch in dieser Beziehung nicht mehr ganz unter dem Russenkurs stehen, so stehen wir vielleicht in einer anderen Be- ziehnng augenblicklich sogar noch hinter dem Russenkurse— wenn wir uns nämlich das Verhalten der bürgerlichen Presse zu dieser neuesten Aktion des„modernen Staatsmannes" ansehen, wie er sich so gerne nennen läßt, als der er sich so gerne für die „Woche" photographieren lästt und als den er sich so gerne von den Stipendiaten der Wilhelmstrasze feiern läßt.(Stürmische Heiterkeit.) M a n m u tz s ch o n ins Ausland gehen, um die wirk- liche Auffassung des Bürgert ums über diese Art groß- Zügiger Politik zu erfahren. Die deutsche Bourgeoisie hat ja- noch mehr Anisst vor der Sozialdemokratie als die deutsche Regierung und ihre Presse war noch niemals klüger und weitsichtiger als die Regierung.(Zustimmung.) Dje„Times" haben die Bülowsche Note als einen Tribut bezeichnet, den die deutsche Negierung der Sozial- demokratie entrichtet hat. Und in der Tat: wenn wir auch die höflichen Komplimente, mit denen Bülow Jaurös bedacht hat, um die Brutalität des Vorgehens zu verhüllen, nicht allzu ernst nehmen, etwas anders hören sie sich doch an als die Töne, die man sonst gegenüber Sozialdemokraten zu hören gewöhnt ist. Man braucht sie ja nur in Vergleich zu stellen zu den Aeußerungen von den „Elenden, die nicht wert sind, den Namen Deutsche d» tragen", von den„berufsmäßigen Hetzern" und den„Vater- landslosen Gesellen" und wie diese freundlichen Aeußerungen ge- lautet haben, die wir bis zum Ueberdruß gehört haben, bis zum Ueberdruß, der die beabsichtigte Wirkung in ihr Gegenteil umschlagen läßt.(Beifall.) Englische Blätter wie die„Daily News" sagen, die deutsche Regierung sei so dumm wie die russische und nur die chauvinistische Presse jubelt dem Fürsten Bülow zu, denn sie haßt ja Jaurös als Sozialisten, sie haßt ihn als Friedensförderer. Ob diese Folge des Bülowschen Vorgehens zugleich seine Absicht war, weiß ich nicht. Ich bin kein Hellseher und nehme zur Ehre unserer Regierung an, daß die„Weftminster Gazette" zu schwarz sieht, wenn sie meint, die deutsche Regierung wolle die Ver- ständigung mit Frankreich nicht. Die deutsche bürgerliche Presse hat sich in diesem Falle gezeigt, wie sie sich immer gezeigt hat. Wenn sie jemals ein Wort des Tadels gegen die Regierung findet, dann bloß da, wo sie in ihrem Heiligsten getroffen wird, nämlich an ihrem Geldbeutel, oder wo sie glaubt, daß die Regierung die Sozial- demokratie zu freundlich behandle. Sonst geht sie mit der Regierung durch dick und dünn. Tatsächlich haben in Deutschland nur sehr wenige ernsthafte politische Blätter von Bedeutung die Regierung ernsthaft wegen dieses Vorgehens angegriffen. Die Presse hat sich im Gegenteil bestrebt, wenn sie die Regierung schon nicht verteidigen konnte, so doch mindestens Entschnldigungsgrnnde für sie zu suchen. Das„Berliner Tageblatt" z. B. schrieb, man könne das Vorgehen der Regierung ja gewiß nur bedauern, aber die Schuld an dem Verbot trügen die schwülstigen, kraftmcierischen Redens- arten, mit denen die Sozialdemokratie das Auftreten von Jaurös ausnutzen wollte. Der ganze Hochstand der politischen Einsicht der Siebenmalweisen des„Berliner Tageblatts" kommt znm Vorschein in dem Argument des politischen Eunuchentums, Jaurös müsie sich durch das Verbot„verletzt fühlen", wenn er auch den Versicherungen des Reichskanzlers Glauben schenken werde I Natürlich, Jaurös wird so ein Esel sein, die Worte Bülows für bare Münze zu nehmen I Aber wir haben das heutige Telegrainm von Jaurös und seinen Artikel, in dem er höflich und mit überlegener Ironie sagt, daß diese Versicherungen unnütz verschwendet worden sind. Jaurös fühlt sich„verletzt"! DaS ist der Höhepunkt dcS Enipfindens der Geheimrätin oder Kommerzienrätin, die, wenn sie nicht zur Hofvisite geladen wird, sich„verletzt fühlt!"(Lebhafter Beifall.) Dabei ist das„Tageblatt" das Organ, das in erster Linie für die Bestrebungen der bürgerlichen Friedens- und Freiheitsliga eintritt. Die ganze liberale Presse hat über die„Ueber- Hebung" der Sozialdemokratie geflennt. Ja, wir müßten ebenso große Esel wie Jämmerlinge sein, wenn wir nns zurückhalten lassen wollten, von der sieghasten Macht des sozialistischen Gedankens immer wieder zu reden.(Beifall.) Da habe ich doch noch mehr Respekt vor der Junkerpresse, die auch die jetzige Versaminlung verbieten lassen wollte. Ein Gesetz hierfür gibt es ja nicht, aber wir sind ja gewohnt, daß gegen uns Willkür angewandt wird und wir fügen uns diesen Willkürakten, so lange wir nicht stark genug sind, um sie mittels der Gesetzgebungsmaschine zu Boden zu schlagen. Mögen unsere Gegner das Umsturz der Gesellschaft nennen, wir kleben nicht an Worten; jedenfalls werden wir alle Mittel anwenden, um unsere Ziele durchzusetzen. Der„Reichsbote" hat bei dieser Gelegenheit eine Falte seines Herzens— und vielleicht auch des Herzens der Regierung— geöffnet. Er schrieb, es habe auch die Befürchtung bestanden, daß die Versammlung uusrre Beziehungen zu Rußland stören könne. (Gelächter.) Natürlich: unsere Beziehnngen zu Rußland I Wenn irgendwo von Völkerfrieden und Völkerfreiheit gesprochen wird, dann muß selbstverständlich auch Rußland, dieser Urfeind alles Völker- friedcnS und aller Völkerfreiheit, gebrandmarkt und die Freude darüber ausgesprochen werden, daß das Zarentnm endlich an der Fülle seiner Gewalttaten und Verbrechen zugrunde zu gehen scheint. Es gibt in Deutschland keinen Arbeiter, der nicht mit all seincn Sympathien auf der Seite der russischen Revolutionäre steht und nicht die Hoff- nung hegt, e§ möge endlich gelingen, die Verbrecher um den Thron scrnit ihrem Troß blutsangerischer Anhänger endlich einmal davon- zujagen oder, was vielleicht noch wirksamer und besser sein würde, vor' ein wirklich unabhängig und gerecht urteilendes Gericht zu stellen.(Beifall.) Von Deutschland wird ein Alp weichen, wenn endlich diese verbrecherische Regierung in Rußland zusammengebrochen sein wird. Natürlich kann man auch heute nicht von Rußland reden, ohne zugleich von Preußen-Dentschland zu sprechen. Denn der preußische Jnstizminister selbst hat ja im Reichstage das be- kannte Wort gesprochen: tua res agitur! Um unsere Sache handelt eS sich, wenn Rußland zusammenbricht! Diese Auffassung hat dann zu der Schmach des Köuigsbcrger Prozesses geführt, der auf direkte Anweisung von oben eingeleitet wurde, an dem der Justizniinister, wie in den Akten vermerkt ist, „besonderes Interesse nahm" und in dem dann der Referent des Ministers sich nicht einmal die Zeit nahm, die Anklageschrift ordent- lich zu lesen, weil er im Begriffe war, seine Urlaubsreife anzutreten! Die unschuldigen Angeklagten aber wurden ruhig Wochen- und monatelang weiter in Haft behalten.(Pfuil-Rufe.) Dieser Prozeß hat gezeigt, daß die diploniatischen Beamten Rußlands genau so korrumpiert sind wie die anderen. Ein russischer Generalkonsul hat dem Gerichte gefälschte Uebersetznngen vorgelegt. Und dieser gewissenlose Mensch ist nicht über die Grenze gebracht worden! Man hat nichts davon gehört, daß diese diplomatischen Beamten nicht mehr in Amt und Würden seien! Freilich, gegen „Schnorrer und Verschwörer", wie sich der„moderne Staats- mann" so gebildet ausdrückte, ist der Reichskanzler sehr mutig. Freilich, diese Schnorrer und Verschwörer sitzen noch nicht im Parlanient, sie haben in Rußland keinen politischen Einfluß, sonst könnten wir es wohl noch erleben, daß ihnen ein deutscher Reichs- kanzler seine Reverenz erweist.(Heiterkeit.) Hoffentlich ist dann aber der deutsche Reichskanzler glücklicher in seinen Aeußerungen als diesmal. Seine Note an Radolin ist ein Dokoment der Schlvachheit vor dem Sozialisten und Revolutionär Jaurös. Man mag Jaurös gegen uns ausspielen: daß wir Deutsche ihm zu revolutionär seien, kann man ihm nicht nachsagen. Ganz im Gegenteil hat er in Amsterdam als Grund für den geringen Einfluß der deutschen Sozialdemokratie angeführt, daß Deutschland keine revolutionäre Tradition habe. Und dieser Mann, der so die Berechtigung der Revolution verficht, wird von der deutschen Regierung mit Komplimenten überschüttet! Wenn F ü r st Bülow heute die Rede von Jaurös liest und den Inhalt seinem Herrn und Meister(Heiterkeit) initteilt, dann wird der Herr und Meister(Erneute Heiterkeit) sagen: Mein lieber Bülolv(Heiterkeit), Sie mögen ein ganz gescheiter Mann sein, aber maS Sic im Falle Jaurös getan haben, kompromittiert mich und meine Politik, denn Sie haben der Sozialdemokratie eine Waffe geliefert!(Sehr gut I) Diese Waffe werden wir gebrauchen, sooft uns die Ge- legenheit dazu angemessen zu sein scheint.(Leb- hafter Beifall.) Fürst Bülow sagt in seiner Note, das Hanptargument für das Verbot fei die im„Vorwärts" ausgesprochene Absicht, direkten Einfluß auf die auswärtige Politik zu gewinnen. Selbstverständlich ist diese Auffassung des„Vorwärts" diejenige der ganzen Partei. Zwar sind heute Kabinettskriege ausgeschlossen, auch Kriege wegen dynastischer Interessen sind nicht mehr so leicht möglich— sonst würden wir ja jetzt die schwedische Armee gegen Norwegen marschieren sehen— aber im Wesen des Kapi- t a l i s ni u s ist doch eine ewige Kriegsgefahr begründet. Der Kapitalismus hat die Tendenz, die Produktionsleistung ins un- gemessene zu vermehren. Diese Vermehrung macht innner neue Absatzgebiete erforderlich. Daneben liegt es im Wesen des Kapitalismus, die Äonsumtionsfähigkeit des Arbeiters immer mehr einzuschränken. Neue Abfatzgebiete erwerben, heißt Kolonien züchten und Flotten- und Weltpolitik treiben. Eine solche Politik birgt aber eine ständige Kriegsgefahr in sich. Dabei handelt es sich heute um China, morgen um Japan und übermorgen um Marokko. Wenn wir da eine Acnderung herbeiführen wollen, dürfen wir nicht an den Er- scheinungen des Tages haften bleiben, sondern müssen die Grundursache bekämpfen: die bestehende wirtschaftliche Orb- nung. Da ist es allerdings nötig, daß die Sozialdemokratie Einfluß auf die äußere Politik zu gewinnen sucht. Was Bülow neu erscheint, das ist die Politik der Arbeiterklasse so lange eine Sozial- demokratie besteht.(Beifall.) Der Satz unseres Programms: Ent- scheidung über Krieg»nd Frieden durch das Volk sagt nichts anderes. Und die Regierung läßt sich heute schon beeinflussen. Was Bebel im Reichstage gesagt hat, daß keine Regierung sich gegen den Willen der Sozialdemokratie auf einen Krieg einlassen kann, das ist doch ganz unbestreitbar. Wohin es führt, wenn ein Krieg gegen den Willen des Volkes geführt wird, das zeigt sich in seinen äußersten Konsequenzen jetzt in Rußland. Fürst Bülow zeiht die deutsche Sozialdemokratie der Verletzung nationaler Interessen. Es ist doch ein Armutszeugnis, von der stärksten Partei im Deutschen Reiche zu behaupten, sie versündige sich gegen die nationalen Interessen! Was sind überhaupt„nationale Interessen"? Ein Vorgänger des Fürsten Bülow, Caprivi, der wegen des Abschlusses von Handelsverträgen den Grafentitel erhielt, wie Graf Bülow wegen einer ganz entgegen- gesetzten Politik gefürstet worden ist, dieser Graf Caprivi, der zwar kein zünftiger Diplomat, aber ein anständiger Herr war, hat einmal den Mut gehabt, im Reichstage zu sagen:„National ist jede Partei in diesem Hause". Die nationalen Interessen werden aber heute oft verwechselt mit Privatinteressen. Wir sehen ja eine große Anzahl leitender Männer in der Regierung, die heute noch angeblich unparteiisch alle Volksinteressen vertreten und morgen als bezahlte Diener von großkapitalistischen Gesellschaften sich anstellen lassen. Die Summe von 100 000 M. ist so der Normalpreis für den sie sich kaufen lassen. So ist der frühere Staatssekretär des NeichsmarineamteS, Hollmann, Direktor der Allgemeinen Elektrizitäts- Gesellschaft geworden. Der ftühere Eisenbahnminister Thielen ist jetzt Aufsichtsrat bei Krupp. Sein Dezernent Miecke ist in der Ber- liner Straßenbahn und der Mnim, der in der Kartellenquete als Ber- treter der Regierung und des Volkes auftreten mutzte, ist äugen- blicklich Agent der Syndikatsherren. Fürst Bülow hat in seiner Antwort gesagt, er habe nicht die Zuversicht, daß die deutschen Veranstalter dieser Versammlung ihn vor Verlegenheiten bewahren würden. Da hat er recht, denn wer solch eine Politik gegen die arbeitenden Klassen treibt, dem müssen wir Verlegenheiten bereiten. Bülow weist weiter auf die Vorgänge beim internationalen Amster- damer Kongreß hin und sagt, Jaurös habe dort am eigenen Leibe erfahren, wie doktrinär und intolerant die deutsche Sozialdemokratie sei. Das gehört in dasselbe Kapitel der Staats- Weisheit, ist aber vielleicht erklärlich aus der völligen Unwissciiheit, die stets zutage tritt, wenn Fürst Bülow über die Sozialdemokratie spricht. Wie kann man heute Jaurös in Gegensatz zum Amsterdamer Kongreß und zur deutschen Sozialdemokratie stellen! Man konnte über die Zweckmäßigkeit des Amsterdamer Kongresses zur Zeit der. Beschluß- fassung geteilter Meinung sein. Heute steht eins fest: Jaurös hat sich rückhaltlos auf den Boden der Amsterdamer Resolution gestellt, dieser Resolution, die er eigentlich als gegen seine Auffassung ge- richtet empfand und die mit der Dresdener Resolution identisch ist, die den Klassenkampfcharakter der Partei mit der größten Schärfe betont. Daß Jaurös sich so vorbehaltlos auf den Boden der Amsterdamer Resolutton gestellt und wie kein anderer für die Einigung des französtchen Sozailismus gewirkt hat, hat die uneingeschränkte Bewunderung der gesamten interationalen Sozialdemokratie gefunden. Und Jaurös ist auch der letzte, der nicht— vielleicht mit anderen Worten— mit Bebel sagen würde, daß er ein Todfeind der bürger- lichen Gesellschaft sei.(Lebhafter Beifall.) Das gehört zum Wesen der Sozialdemokratte, denn nur aus dem Untergang und der Um- Wandlung der bürgerlichen Gesellschaft kann die sozialistische Gesell- schaft hervorgehen. Alles das hat Jaurös in viel beredterer Weise und— ich kann das sagen, ohne daß man mir falsche Bescheidenheit vorwerfen könnte— von einer höheren Warte aus und mit weiteren Gesichts- punkten in der heute vom„Vorwärts" veröffentlichten Rede aus- geführt. Aber das kann ich auch für mich in Anspruch nehmen: Seine Grundauffassung ist auch die meine, sie ist Gemeingut der internattonalen Sozialdemokratie.(Stürmische Zusiimmung.) Der Redner verliest nun einzelne Stellen ans der Rede Jaurös, an der Hand des Leitartikels des„Vorwärts" und erläutert sie. Jaurös führt ans, daß die Kriege nur eine Frucht des Kapitalismus seien und daß zur EntWickelung des Proletariats der Friede nötig sei. Gewiß, zuweilen führen Kriege zur Revolution— wir erleben ja eben das russische Beispiel—, aber viel häufiger zur Konter- revolution. Bassermann, der parfümierte Drehorgelfpreler der Fraktion Drehscheibe(große Heiterkeit) hat deshalb auf dem Parteitage der Pfälzer Nationalliberalen erklärt, wenn mal ein Krieg käme, dann würden die paar Sozialdemokraten schon von der Bildfläche ver- schwinden.(Schallendes Gelächter.) Man sieht daraus immerhin, in welcher Richtung sich die Hoffnungen der herrschenden Klasse be- wegen. Ein Krieg würde die Arbeiterschaft beider Länder zurückwerfen. Das ist der Grund, weshalb Jaurös vor dem Kriege warnt und weshalb die französischen Arbeiter den Gedanken an Revanche aufgegeben haben. Jaurös er- klärt, daß der Zweibund zunächst keine aggressive Tendenz gehabt habe. Darüber mag man verschiedener Änsicht sein, sicher ist, daß der Krieg von 1870 Frankreich mit Notwendigkeit in die Arme von Rußland treiben mußte. Das haben Marx und Engels schon in den siebziger Jahren vorausgesagt. Die Anschauungen, die Bebel und Liebknecht 1870 vertraten, haben sich bewahrheitet. Hätte man damals auf Elsaß-Lothringen verzichtet, die ganze europäische Konstellation wäre friedfertiger gewesen und die Milliarden für Heer und Marine hätten Kulturaufgaben dienstbar gemacht werden können. Wir hätten eine ganz andere freiheitliche Entwicklung nehmen können und hätten keine solche Anfachung der nationalen Gegensätze erlebt. Jaurös legt dann dar, wie schlimm der Zweibund gewirkt und wie er allmählich einen exzessiven Charakter anzunehmen gedroht habe. Die französische Demokratie und besonders Sozialdemokratte habe aber sofort alles getan, um eine solche Entwickelung des Bündnisses zu verhindern. Er gestehe offen, daß die französische Regierung znm großen Teil die Verantwortung für den Marokko- konflikt trage, aber auf der anderen Seite wäre eS besser gewesen, wenn Bülow schon früher das Interesse des deutschen Kapitals an Marokko verkündet hätte. Vielleicht kann nian sagen, daß Fürst Bülow früher gar nicht so weitsichtig war, wie er heute will, daß man annehmen soll. Vielleicht ist er erst durch die Niederlage Ruß» lands in Ostasien auf den Gedanken gekommen, daß es jetzt Zeit sei. mit Frankreich einmal ein deutliches Wort zu reden.(Lebhafte Zustinlmung.) Wir haben ja in Deutschland Weltmachtsnarren und Flotten» fexe, die einen Krieg mit Frankreich förmlich herbeisehnen. Gewiß, keine Regierung wird so hirnverbrannt sein, auf diese Wünsche einzugehen, und auch das deutsche Volk wird in keinem seiner Bestandteile dafür zu haben sein. Aber gerade in Zeiten polittscher Erregung muß alles geschehen, um die nationalen Leidenschaften zu beruhigen. Jaurös weist darauf hin, wie sehr sich hier die freie Verfassung Frankreichs bewährt habe. Denn nur so sei es möglich gewesen, Delcassö zu stürzen. Vielleicht betrachtet Bülow das als eine ganz besonders patriotische Tat von Jaurös. Dann mag er uns nur eine ebenso freie Verfassung geben, wie sie in Frankreich besteht, und wir garantieren ihm: es soll nur wenig Zeit vergehen und seine ganze Politik wird den Weg des Herrn Delcassö gegangen sein.(Stürmischer Beifall.) Besonderen Eindruck machen die Schlußworte der Jaurösschen Rede, die Fischer zitiert, aus die Versaminlung. Sie sind, sagt er. nns allen aus der Seele gesprochen und die Quintessenz des Demonstrationsgedankens.(Lebhafte Zustimmung.)„Wir haben den Karnpf durchzufechten bis zum endlichen Siege der internationalen Sozialdemokratte, aus dem ein dauernder Zustand der Gerechtigkeit und des Friedens hervorgehen wird", ruft Jaurös. Und so wollen auch wir geloben, in diesem Sinne weiter zu wirken und zu streben. Von unserem Wege werden wir uns nicht ab« bringen lassen weder durch die plumpen, schmeichlerischen Ein- wickelnngsversuche in der Art, wie fie Bülow an Jaurös versucht hat, noch durch die Gewaltandrohungen der Scharfmacherclique. Die deutsche Sozialdemokratte wird bleiben, was sie war. und sein, was sie ist: die unverbrüchliche Vertreterin und Vorkämpferin des Völker- friedens gegen alle feindseligen Bestrebungen, mögen sie kommen von Parteien oder Regierungen. Das soll unser Gelöbnis sein!(Stürmischer, minutenlanger Beifall.) » Der Vorsitzende Ernst verliest folgende Resolution, die mit begeisterter Zustimmung aufgenommen wird: „Die heuttge Versammlung protestiert entschieden gegen das Bülowsche Verbot des Auftretens von Jaurös in der heutigen Ver- sammlung als gegen eine kleinliche Maßregel, die einerseits un- würdig ist eines Kulturstaates, andererseits eine brutale Ver- gewaltigung der Berliner Arbeiterschaft darstellt, sie nimmt Akt davon, daß der Sozialismus und die von ihm propagierte Friedensidee gegen die Kriegstendenzen der kapi» talistischen Gesellschaft bereits eine solche Macht gewonnen haben, daß sogar der deutsche Reichskanzler in der F o r m des Redeverbotes ihnen seine Anerkennung aussprechen muß, aber sie verwahrt sich auch gegen die Lobsprüche, die aus solchem Munde die inter- nationale Sozialdemokratie, ivenn auch auf dem Umwege über Paris, hören mußte. Die Versaminlung bekundet feierlich, daß sie nach wie vor bestrebt sein wird, das ganze Gewicht der sozialistischen Arbeiter- betvegung Deutschlands in die Wagschale zu werfen zur Aufrecht- erhaltung des Völkerftiedens, als der notwendigen Voraussetzung zur Befreiung der Arbeiterklasse aus den polittschen und Wirt- schaftlichen Fesseln des Klassenstaates zum Ztvecke der Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische. Sie spricht dem Genossen Jaurös ausdrücklich ihren Dank aus für seine brüderliche Bereitwilligkeit und ihr volles Einverständnis mit seinen heute durch den„Vorwärts" aller Welt zur Kenntnis gebrachten Ausführungen und bittet ihn, diese internattonale Ein- heit der Auffassung unserer französischen, geeinten Bruderpartei zur Kenntnis zu bringen. Die Versammlung bekundet bei diesem Anlaß noch ausdrücklich ihre innige Sympathie mit dem russischen Proletariat und den russischen Revolutionären insgesamt, die in so heldenhafter Weise gegen das verbrecherische Moskowitertum kämpfen, das nur noch durch das feige Hinschlachten wehrloser Weiber und Kinder sich am Ruder zu erhalten sucht, dessen Sturz aber eine Erlösung für Europa bedeutet, weil seine bloße Existenz eine ewige Bedrohung des Völkerftiedens, ein ewiger Hort aller reaktionärewAnschlägc in Preußen-Dentschland ist." Ueber diese Resolution wird sofort abgestimmt und der Vor- sitzende konstatiert, daß das Berliner Proletariat einstimmig für die Gedanken dieser Resolutton ist. Eduard Bern st ein schlägt hierauf unter lebhaftem Beifall vor, das Jaurössche Telegramm telegraphisch zu beantworten.(Siehe oben den Wortlaut des Telegramms.) Dieses Telegramm wird ei»- stimmig gutgeheißen und seine Absendung beschlossen. Der Vorsitzende Eugen Ernst schließt hierauf die Versamm- lung mit folgender Ansprache: Parteigenossen! Diese Versammlung war geplant zu einer Demonstration für den allgemeinen Völkerfrieden und die Völker- Verbrüderung. Dem Reichskanzler hat es gefallen, aus ihr eine Versammlung des Kampfes zu machen. Wir könne» damit zufrieden sein, denn er hat so ein gut Teil AusklärungSarbeit verrichtet.(Heiterkeit.) Jeder Friedensfreund auch innerhalb der bürgerlichen Kreise kann daraus klar erkennen, daß man in der heutigen Gesellschaft wohl ein- treten kann für Militarismus, Äarinismus und Volksentrechtung, aber unter keinen Umständen für den Völkerfrieden.(Lebhaste Zu- stiminung.) Wir ziehen die Lehre daraus, daß, wer den Völker- frieden will, für die Völkerfreiheit eintreten muß.(Lebhafter Beifall.) Also als Partei könnten wir unS über das Ver- bot freuen, aber wir versichern dem Herrn Reichs- kanzler, daß wir auf seine Hülfe in der Agitation v e r z i'ch t e n. Wir haben diese Hülfe nicht nöttg, denn wir haben AgitattonSstoff in Hülle und Fülle. Wir werden weiter für unsere Ideen arbeiten. Wir werden nicht eher ruhen und rasten, bis wir unser Ziel, den Sozialismus und die Demokratie, erreicht haben. Es soll uns heute ein neuer Ansporn sein, unsere ganze Kraft einzusetzen für Völkerfreiheit und Völkerfrieden. So schwören wir denn aufs neue, indem ivir einstimmen in unseren alten Schlachttuf: Die internationale völkerbefreiende Sozialdemokratie, die Völker- freiheit und der Völkerfriede, sie leben hoch! Dreimal braust das Hoch durch den Saal, dann wird die Arbeiter- Marseillaise angestimmt und unter ihren Klängen schließt die ge- waltige Versammlung, die unter, stürmischen Hochrufen auf Jaurös und Fischer auseinandergeht. Politische Ueberficht. Berlin, den 10. Juli. Die Friedenskundgebung in Konstanz und erneute Reaktionsblamage. Man meldet uns aus Konstanz: Blatte über diefen einen Erfolg der an Erfolgen überreichen Aftion Bülows mitteilt. Er führt aus: Fechter wohlgezielte Siebe austeilte. Einer Regierung. die ohne Schwanken Maßnahmen trifft, von denen fie weiß, daß sie ihr Angriffe zuziehen werden, mag man alles Mögliche nachsage, nur nicht Furcht vor denen, die durch die Maß nahmen getroffen werden." Der Reichskanzler hat da einen bedauerlichen Jrrtum des Urteils begangen. Er ist sicher noch immer überzeugt, daß er ein besonders schönes Stück diplomatisch stilistischer Arbeit ge leistet, eine bittere Pille mit besonders wohlschmeckendem und Es wäre das Erheiterndste dieses erheiternden Frrgangs parfümiertem Zucker umhüllt und sich Herrn Jaurès gegenüber fanglerischer Staatskunst, wenn Fürst Bülow wirklich glauben ritterlich und liebenswürdig erwiesen hat. Es wird ihn daher könnte, wohlgezielte Hiebe" ausgeteilt zu haben. Aber Fürst vielleicht wundern, wenn man ihm mit aller schuldigen Achtung zu Bülow, den in diesem Fall selbst die ihm gefällig dienende wissen tut, daß es ihm nicht geglückt ist, seine Absicht in der Note Presse verläßt, glaubt dies ebensowenig, wie er weiß, daß es zum Ausdruck zu bringen. Die, für die sie bestimmt war, haben sie weder als wohlwollend noch als schmeichelhaft empfunden. nicht gut ist, wenn die Offiziösen allzu auffällig die UnSie waren erstaunt, zu sehen, daß ein Meister des wahrheit sagen, indem sie ihm andichten, er habe ohne gesprochenen und des geschriebenen Wortes, wie es Fürst Bülow Schwanken" sein Verbot geleistet. Das ist unwahr. Fürst ist, auch einmal von seiner Feder vollkommen in Stich gelassen Bülow hat tagelang geschwankt, wie er sich verhalten werden kann. An Ironie kann man doch bei ihm nicht glauben, soll. Anderenfalls wäre der Erlaß viel früher erfolgt und sie wäre nicht vornehm, von einem Mächtigen einen unvergleichlich nicht erst so spät, daß Jaurès bereits auf dem Wege war, Schwächeren gegenüber geübt. Wenn aber das unverhältnismäßige die Eisenbahn zu besteigen. Die Treibereien der ScharfLob des Herrn Jaurès und namentlich die Betonung der Ueber macherpresse, die am vorigen Mittwoch bereits das einstimmung des Reichskanzlers mit ihm in einzelnen Punkten der Verbot als sicher, am Donnerstag wieder ihre auswärtigen Politik nicht ironisch gemeint waren, dann ist es Am gestrigen Sonntag drängten sich in dem kleinen mittelalterlichen Konstanz wohl an die 10 000 Menschen, die der Einladung der Konstanzer Genossen zu dem von ihnen einberufenen internationalen Verbrüderungsfest gefolgt waren. Aus Württemberg, Bayern, Vorarlberg, Salzburg, Tirol und Schweiz schleppten die Extrazüge und Sonderdampfer immer neue Taufende heran. Deutsche, Italiener, zum Teil Russen, die aus der Schweiz herübergekommen waren. Seit dem Tage des Konstanzer Konzils, woran man durch allerlei Denkmäler in Konstanz auf Schritt und Tritt erinnert wird, hat die fleine Stadt eine solche Menschenmenge in ihren Mauern wohl nicht mehr beherbergt. Es entwickelte sich in den zum Teil festlich geschmückten Straßen ein fast großstädtisches Schieben und Drängen, dem das überall leuchtende Rot der Nelken, Schärpen und Armbinden ein charakteristisches Gepräge verlieh. Mehr noch aber zeigte sich, daß es sich um ein sozialdemokratisches Fest handele, in dem Massenaufgebot der Gendarmen, die mit geschultertem Gewehr truppweise in allen Straßen Aufstellung genommen hatten. An 500 Gendarmen sollen aus Anlaß des internationalen Festes in Konstanz zusammengezogen worden sein. Nur Soldaten zeigten sich nicht auf der Straße, da das Militär in der Kaserne tonsigniert war, in der den ganzen Tag ein Bataillon unter Gewehr stand. Jeder Mann hatte 25 Patronen gefaßt, wie bekannt wurde. Außerdem hatte die Polizei mit großen Kosten eine eigene telephonische Leitung vom Polizeizelt auf dem Festplatz zur Kaserne herstellen lassen, um für den Ausbruch der Revolution gerüstet zu sein. Am frühen Morgen um 5 Uhr schon wurde Genosse Krohn von zwei Polizisten aus dem Bette gerissen, die ihm einen Erlaß des herzoglichen Bezirksamtes übermittelten. Darin wurde mitgeteilt, daß das badische Ministerium telegraphisch Auftrag erteilt habe, den ausländischen Sozialdemokraten das Auftreten in der Versammlung zu verbieten. Auf Auf die von Krohn bei dem Vorsteher des Bezirksamtes, Regierungsrat Groß, erhobenen Vorstellungen meinte der von dem Erlaß sichtlich unangenehm berührte Beamte, δας Verbot entspringe offenbar der Sorge, daß die Landfremden über die Auch die Pariser Korrespondenten anderer großen und auswärtige Politik des Deutschen Reiches sprechen würden. Sie bürgerlichen Blätter urteilen ähnlich. Soweit die Intelligenz mögen der Behörde eine schriftliche Verpflichtung abgeben, dies und der Taft des deutschen Kanzlers Einfluß hat, sind nicht zu tun, dann werde das Verbot sich vielleicht rückgängig unzweifelhaft durch den Fürsten Bülow die deutsch- französischen machen lassen. Inzwischen war es 11 Uhr vormittags ge- Beziehungen ungemein erschwert worden. Die Reichsregierung worden und die italienische Versammlung auf dem Festplatz erklärt andauernd, vom Wunsche guter Beziehungen zu Frank sollte stattfinden. Im Polizeizelt hatte der Regierungsrat selbst reich beseelt zu sein, ihre Taten jedoch sind geeignet, das nebst vier Polizeibeamten Platz genommen, während ein startes Gegenteil der löblichen Absicht zu erreichen. Gendarmerieaufgebot auf dem Plage selbst sich befand. Vor schwer zu verstehen, daß Fürst Bülow sich nicht vorher Nachricht als verfrüht mitteilte, haben verraten, wie es hinter jagte, welche Wirkungen seine Redewendungen den Kulissen zuging. Und aus den Korrespondenzen der in Frankreich machen würden. Er kann doch un- Frantf. 3tg." und Köln. 3tg.", deren Berliner Mitarbeiter möglich den Feinden des Herrn Jaurès eine Mordwaffe gegen ihn im Auswärtigen Amt Informationen empfangen, ging haben liefern wollen, denn das wäre eine Einmischung in zweifellos hervor, daß in diesem Ressort nach einigen Erdie innere Politit, in die parlamentarische Parteipolitit Frant wägungen ein Verbot der Jaurès- Rede als ausreichs, die ihm sicher fern liegt. Tatsächlich hat er aber gerade geschlossen galt. dies getan. Dic nationalistischen und klerikalen Todfeinde des Wenn es der Regierung aber mun peinlich ist, von ,, Furcht Herrn Jaurès haben sich jubelnd der Note des Reichskanzlers bemächtigt und denten sie dem französischen Volte als einen Fleiß- vor dem Sozialismus“ zu hören, so hätte mindestens Fürst zettel, den die deutsche Regierung einem Politiker erteilt, der in Bülow die Begründung seines Verbots flüger einrichten sollen. Frankreich mit Erfolg für sie und gegen sein Vaterland gearbeitet Der wesentliche Gedanke der Begründung war der Hinweis, hat. Eine derartige Berdächtigung kann hier sehr gefährlich werden. daß die Sozialdemokratie die Rede Jaurès zu ihren Zwecken Man hatte gegen Herrn Clémenceau weniger anzuführen als das ausnuten werde. Wenn der Sozialismus das Gemüt des amtliche Lob des Reichskanzlers für Herrn Jaurès, und es hat Reichskanzlers nicht erregt, wenn er in ihm nicht eine Erihm beinahe den Hals gebrochen, ihm jedenfalls auf vier scheinung sieht, die mit jedem Mittel, auch dem der geistlos Jahre das Parlament verschlossen. Zum Glüd für waltenden Polizeifauft bekämpft werden muß, dann war das Herrn Jaurès sind seine wähler sozialistische Verbot unmöglich. Wenn aber das Verbot erfolgte, aus Arbeiter, auf die noch so giftige Angriffe eines Figaro", „ Gaulois" oder„ Temps" feinen Eindruck machen. Vor bürger. welchem Motiv sonst, wenn nicht aus Furcht vor dem Sozialichen Wählern, selbst radikalen, die Touloner Wähler des lismus! Herrn Clémenceau, die ihn mit dem Hohnrufe:" Oh yes!" beschimpften, waren Radikale hätte die Anerkennung, die Fürst Bülow für Herrn Jaurès' auswärtige Politik ausspricht, ihn unmöglich gemacht. Fürst Bülow war doch ein feiner Kenner der französischen Seele, als er der hiesigen Botschaft zugeteilt war. Ist sie ihm seitdem so vollständig fremd geworden, daß er nicht mehr im voraus beurteilen kann, wie eine Kundgebung von ihm auf sie wirken wird? Wenn das wäre, würden gewisse Besorgnisse wohl gerechtfertigt sein." " Deutfches Reich. Ein klassischer Verteidiger der Soldatenpeiniger. Aus halle berichtet man uns unterm 8. Juli: In elfstündiger Sizung verhandelte heute das Kriegsgericht der 8. Division gegen den Sergeanten Gustav Ahlfeld und die Gefreiten Joseph Ma= rascheck, Hans Hottenrodt, Otto Suffer und Karl ütelhahn von der 5. Eskadron des Müraffier- Regiments b. Seydlik( Halberstadt). Schon vor der Bekanntgabe der Perso nalien der Angeklagten hatte der Vertreter der Anklage beantragt, während der Verhandlung die Oeffentlichkeit auszuschließen. Das Gericht ließ sich darauf aber nicht ein und beschloß öffentlich zu verhandeln. Dies war vernünftig, zumal Ende Mai d. J. die Taten der Angeklagten schon in der Preſſe angedeutet worden waren. Es handelte sich um gewohnheitsmäßige Mißhandlungen, die erst durch den Selbstmordversuch eines Ge Nach jeder Richtung, in bezug auf die deutschen Ver- peinigten an den Tag famen. allem mußte auf Befehl der Behörde die rote Drapierung hältnisse wie auf die französischen Verhältnisse, erweist sich die Am Morgen des 25. Mai, als sich das Regiment v. Seydlik der Rednertribüne durch zwei gelbe Rosetten Polizeiaktion des Reichskanzlers als ein Meisterstück der auf dem Truppenübungsplaß in Altengrabow befand, vernahm der unschädlich gemacht werden. Die Heiterkeit, die diplomatischen Untlugheit, welche Eigenschaft selbst die Bizewachtmeister Jädide einer plöblichen Senall. Jädide ging in die diese Rosetten hervorriefen, veranlaßte die Polizei, diese am Köln. Ztg." in dem Verbot fand, als es noch nicht erfolgt Stube der Barade 29 und fand dort den Kürassier Schäfer in einer Mittag durch zwei aus Papier geschnittene Schweizer Kreuze zu war. Wenn aber diese Untlugheit der deutschen Sozialdemo- Blutlache am Boden liegend. Der Mann hatte einen Karabiner in ersetzen. Genosse Rotondi als Einberufer der italienischen Ver- fratie außerordentliche Förderung brachte, so sind wir über- selbstmörderischer Absicht auf sich gerichtet und sich in der linken sammlung machte den zahlreich anwesenden italienischen Festzeugt, daß die französische Sozialdemokratie auch die böse eine gefährliche Wund: beigebracht. Als der besinnungslose Stürassier Brustseite das Herz hatte er glücklicherweise nicht getroffen teilnehmern Mitteilung von der eingetretenen Störung. Die Wirfung der Bülowschen Stärkung des Chauvinismus über wieder zu sich gekommen war, gab er an, er habe sich durch einen ausbrechenden Pfui!- Rufe dämpfte er durch die Warnung: winden wird. Auch diese Sünde der Diplomatie wird durch Schuß mit einer Plakpatrone töten wollen, weil er die Trigeleien ,, Still, wir sind in Deutschland, nicht in der Schweiz." Der die Sozialdemokratie wettgemacht, der Bülowsche Eifersucht nicht mehr ertragen konnte, die Angeklagten hätten ihn mißhandelt weilen hatten die als Redner bestimmten Genossen Rück jedes Eingreifen in die Angelegenheiten der auswärtigen Politit wie einen Schulbuben. sprache gepflogen und beschlossen, das Ansinnen der Polizei zu verwehren vergeblich sich müht. abzulehnen, vielmehr dem Genossen Krohne folgende schriftliche Mitteilung zu machen: Lieber Genosse Krohne! Auf Ihre Anfrage teilen wir Ihnen mit, daß wir uns die Referate jo eingeteilt haben, daß die Aufgaben und Pflichten des internationalen Proletariats, Greulich vom schweizerischen, Adler vom österreichischen, Bebel vom deutschen, Todeschini vom italienischen Standpunkt erörtern werden. Mit Parteigruß Unterschriften. Eine Unterwerfung unter die Eingebung der Polizei wäre nicht nur unserer Genossen unwürdig, sondern auch zwecklos gewesen, denn inzwischen war bereits ein zweites Telegramm von der badischen Regierung aus Karlsruhe eingelaufen, das nach der vom Bezirksamt dem Genossen Krohne gemachten Mitteilung lautete, Reichsausländer dürfen in sozialdemokratischer Versammlung nicht als Redner auftreten, bei Zuwiderhandlung hat Ausweisung zu erfolgen. Dieser Utas war noch nicht bekannt, als mittags sich der Festzug formierte, an dem sich etwa 6000 Menschen mit flingendem Spiel und flatternden roten Fahnen beteiligten. Auf Befehl ber Polizei mußte das aufreizende Rot der Fahnen durch Anheftung weißer Schleifen gedämpft werden. Nachmittags 3 Uhr sollte nun programmäßig auf dem Festplatz die große Versammlung stattfinden. Offiziöse Verblöðung. Auf Befragen, weshalb er die Schurigeleien denn nicht gemeldet habe, erklärte er, er habe das Zuvertrauen zum Militär verloren. Angestellte Untersuchungen ergaben nun, daß nicht bloß Schäfer, sondern auch andere Kürassiere ganz erheblich mißhandelt worden Die ,, Nordd. Allg. 8tg." unternimmt den Versuch, waren. Auf Schäfer, dem der Dienst sehr schwer fiel, weil er die Note ihres Meisters gegen den, abgesehen von der häufig frank im Lazarett gelegen hat, hatten es die Angeklagten konservativen Reaktionspresse fast allgemeinen, mehr oder ganz besonders abgesehen. Ihn hatte man wiederholt mit Fäusten minder scharfen Tadel zu schützen. Es ist zuzugestehen, daß ins Gesicht geschlagen, mit Füßen getreten, mit Rohrstöden, Wischder Versuch schwierig ist und die offiziösen Kräfte weit über- stöden, Karabinerfutteralen, Pferdehalftern mit Kette, Deckengurt, steigt. Aber dermaßen beschämend klägliches Geschwätz müßte Besenstielen usw. mißhandelten. Eines Tages, als er die schwere selbst die ,, Nordd. Allg. Ztg." nicht leisten. Häckselmaschine nicht mehr drehen konnte, hatte man ihn zu Boden In tölpelhafter Umschreibung eines Sakes der Bülow- Redensart getan, er werde Schäfer in Altengrabow schleifen, daß ihm geworfen und ihn mit Füßen getreten. Der Sergeant hatte die schen Note sagt das offiziöse Organ: der nach hinten stehe. Als Schäfer schwer verletzt im Lazarett Schon die Tatsache, daß die Sozialdemokratie einen aus- lag, hatte der Sergeant um gut Wetter gebeten und noch versucht, Der ländischen Parteigenossen als Lockartikel auszustellen gedachte, den Unglücklichen zu einer falschen Aussage zu verleiten. mußte jedermann klar machen, daß Herr Jaurès in den unmittel- Anfläger warf ein, die Tat grenze an Verleitung zum Meineide. baren Dienst der um Verheizungsstoff verlegenen deutschen Sozial- Schäfer, der gegenwärtig noch im Lazarett in ärztlicher Behandlung demokratie gestellt werden sollte. An die Ehrlichkeit der Absicht, im ist, beschwor als glaubwürdiger Zeuge, daß er die Waffe nur des= Geiste des Ausgleichs von Gegensäzen zwischen Deutschen und halb auf sich gerichtet habe, weil er die Mißhandlungen nicht mehr Franzosen zu wirken, haben die Veranstalter des geplanten ertragen konnte; er habe von den Angeklagten mindestens aller Spektakelstücks selbst am allerwenigsten geglaubt, wie die dem Woche einmal, wenn nicht zweimal seine Prügel bekommen. Zu Verbot vorangegangenen Kundgebungen ihrer Blätter deutlich der Mißhandlung waren 35 Zeugen geladen, die teils selbst Prügel genug zu erkennen gaben. Auf organisierte Verhebung unter befommen hatten und Schäfers Angaben. bestätigten. Vorgesetzte Mitwirkung ausländischer Kräfte fam es ihnen allein an. Auch von Schäfer erklären, daß Schäfer eng gebaut ist, zum Reiten schlecht die reklamehafte Ankündigung eines Hinübergreifens der Sozial- veranlagt war und auch an Zungenblutungen gedemokratie auf das Gebiet der auswärtigen Politik hatte lediglich litten habe. dienste zu entziehen. In seinem Regiment sei es schon viermal den Zweck, der Aktion in den Augen der irregeleiteten Massen Eine recht bemerkenswerte Rolle spielte in dem Prozeß der Vergrößeren Schwung und damit tiefere Wirkung zu gewährleisten, teidiger der Angeklagten, Oberleutnant Graf Gersdorf vom Da nun aber die badische Regierung nicht dulden wollte, als die abgebrauchten alten Methoden zu erreichen vermochten." Kürassier- Regiment. Er hatte beantragt, Schäfer, der ein schlapper daß die bösen Ausländer Adler und Greulich Ansprachen halten Wo der Gedanke ausgeht, stellt sich die sinnlose Schmäh- Soldat mit mangelndem Ehrgefühl" sei, nicht zu bereidigen. Das sollten, mußte die Versammlung schweizer Gastrecht in An- sucht ein. Beweislos werden den politischen Gegnern die Gericht beschloß natürlich die Bereidigung und schenkte Schäfer spruch nehmen. Genosse Greulich hatte ihr nämlich empfohlen, niedrigsten Beweggründe und Absichten unterstellt. Und nicht Ahlfeld 3 Monate Gefängniß und Degradation, gegen Marasched Glauben. Der Ankläger beantragte nunmehr gegen den Sergeanten nach dem nur 10 Minuten entfernten, auf schweizer Boden einmal der Lächerlichkeit wird sich das offiziöse Organ bewußt, 5 Monate Gefängnis und gegen die übrigen Angeklagten Freiheitsgelegenen Kreuzlingen überzusiedeln, wo alles, was innerhalb daß sein Gebieter einen ausländischen Politiker verherrlicht, strafen von 3 Wochen bis 10 Tagen herab. deutscher Grenzpfähle nicht gesprochen werden dürfte, ruhig ber so gemein oder so dumm ist, mit den Spektakelmachern Nunmehr erhielt der Verteidiger Graf Gersdorf das Wort, gesagt werden könne. Als Genosse Bebel seinen Vortrag ge- und Heßern Freundschaft zu halten. der mit seiner von heizerfrischender Offenheit getragenen volfs= halten hatte, zog dann die Versammlung über die Schweizer Nach jener inhaltlosen Tirade sagt dann die„ Norddeutsche" tümlichen Rede dem Prozeß das Gepräge gab. Der Herr Graf hub Grenze hinüber nach Kreuzlingen, wo die Genossen Adler und feck, der Vorwärts" habe in seiner Kritik des Bülowschen an: Schäfer ist der eigentliche Schuldige; er hat die Waffe auf sich Greulich ihre Ansprachen hielten. Die kleine schweizerische Verfahrens nur„ hohle Tiraden" gemacht. Die„ Norddeutsche" gerichtet, um sich selbst zu verstümmeln und sich dadurch dem HeeresRepublik fühlte sich mächtig genug, jene von Deutschland gefürchtete vermeidet jedoch sorgsam, die wesentlichen Argumente unserer Belastungsprobe zu ertragen! Die gewaltige Demonstration Stritit mitzuteilen. So weit sie davon ein wenig mitteilt, erlitt also durch das Vorgehen der offenbar aus Berlin in- macht sie unwahrheit und Unsinn daraus." Besonders unspirierten badischen Regierung nicht nur keinen Abbruch, sondern bequem" sei dem Vorwärts" der Fall Delfor, sagt Offiziofus sie gewann durch das Verbot an demonstrativer Bedeutung und fügt hinzu:" Der Vorwärts" hat nichts da Die deutsche Diplomatie schuf sich so an einem Tage zwei gegen einzuwenden, daß Herr Deisor gehindert wurde, Blamagen! gegen die Kirchenpolitik der französischen Regierung öffentlich zu Ueber die Ansprachen der Genossen berichten wir noch reden." In Wahrheit hat der„ Vorwärts" diese Maßnahmen der näher in der morgigen Nummer. französischen Regierung als überaus mißbilligenswert" gekennzeichnet, obschon Delsor im Gegensatz zu Jaurèsunmittelbar gegen einen zur Beratung stehenden französischen Wir haben in unseren Darlegungen über die fantose Note Gefeßentwurf sprechen wollte. Selbst der eindeutigen Lüge des Reichskanzlers gegen die Rede Jaurès' sogleich auch darauf muß sich das offiziöse Blatt bekennen, um den Geniestreich verwiesen, daß die Note geeignet sei, den französischen Bülows zu verteidigen. Chauvinismus zu stärken. Es wurden auch bereits Schließlich ist dem Offiziosus wichtig, den Kanzler gegen Zeugnisse aus der französischen Presse beigebracht, welche be- den Vorwurf zu schützen, als könnte ihn furcht vor dem stätigen, daß die Pariser deutschhezzerische Presse die Note eifrig Sozialismus bewegen. Diesen Mäßchen" des„ Vorfür no: wendig gehalten, im Halleschen Kriegsgericht das einmal ausin ihrem Sinne ausbeutet. Von besonderem Interesse zur wärts" begegnet er mit dem köstlichen Schlußsah: zufpre en, was feine Ueberzeugung sei. Dart fährt der Heer Graf Erkenntnis der Großleistung Bülowscher Klugheit ist, was Wir müssen offen gestehen, daß uns in der Praris bisher mit Pthos fort: Für das deutsche Vaterland wäre es jammerschade, heute der Parifer Korrespondent der" Voss. 8tg." seinem noch fein Fall vorgekommen ist, in dem ein von Furcht ergriffener wenn die deutsche Faust im Aerger nicht einmal dazwischen I Bülow als Friedensstörer. " 1 " " passiert, daß Leute angebliche" Selbstmordversuche gemacht haben. Hätte man den ersten Mann gleich wegen Selbstverstümmelung vor das Kriegsgericht gestellt, dann wäre der jezige Fall nicht passiert. Daß Schäfer zu eng gebaut ist, sei Unsinn. Nicht das Gebäude des Mannes", so redete der Herr Graf weiter, sondern seine Pflicht widrigkeiten haben es mit sich gebracht, daß er schlapp im Dienst war. Zeuge Schäfer, der sich häufig durch Geldbeträge von seinen Eltern beköstigte, so meinte der Herr Graf, hätte nur unser gutes Stommißbrot essen sollen, dann wäre er schon dick geworden. Die gegen die Angeklagten beantragten Strafen wären unerhört und nur darauf zurückzuführen, daß im Kriegsgericht der 8. Division eine furchtbare Antipathie gegen Unteroffiziere und Gefreite bestche. ( Der Graf wurde vom Verhandlungsführer ersucht, es zu unter Der Vorwurf der Antilassen, gerichtliche Urteile zu fritisieren. pathie war auch durchaus nicht angebracht, gegen Richter, die beim Dessauer Urteil mitgewirkt haben. Der B.) Der Graf vertvahrt sich gegen den ihm auch vom Ankläger ge. machte Vorwurf, r habe verallgemeinert und entgegnet, er habe es Tollte. Wir find doch keine höhere Töchterschule. Die Rüraffiere p find alles stramme Bengels, denen es nichts schadet, wenn fie fich " Zum Prozeß Hüger, Südwestafrikanische Berlufte. 91 deffen Verhandlungen morgen beginnen, bemerkt Oberst a. D. Gädte im B. L.":" Sehr bedauerlich war es schon, daß die äußerst belastenden Beschuldigungen des Oberst Hüger 2½ Jahre hindurch die Runde durch ganz Deutschland gemacht haben und überall besprochen und verbreitet worden sind, ohne daß der preu Bische Striegsminister und irgend einer der in ihrem Rufe geschädigten hohen Offiziere es für angebracht hielten, den Weg der Klage zu Man kann vielmehr sagen, daß der Angeflagte die gerichtliche Verfolgung seinerseits erst erzwungen hat. Sodann haben die militärischen Behörden die Aushändigung der ehrengerichtlichen Aften vor Gericht, aus denen nach der Behauptung des Oberst v. Hüger die Vergehen der betreffenden hohen Offiziere und Beamten hervorgehen sollen, rundweg verweigert. Man begreift nicht recht, warum? Offenbar hat die Militärverwaltung boch das größte Intereſſe daran, daß gerade durch die öffentliche Besprechung an der Hand der Aften der strikte Nachtveis geführt wird, wie offen, rechtlich und ehrenhaft in der ganzen Angelegenheit gehandelt worden ist. Im Interesse des Angeklagten kann die Verweigerung der Einfichtnahme des Gerichts in die Aften auch nicht geschehen sein, denn der hat die Vorlage der Aften selbst beantragt und auf die Weigerung Im Verfolgungsgefecht nach den Gefechten bei Keidorus am der Militärbehörden sogar ein entsprechendes Immediatgesuch an 1. Juli 1905: Gefallen: Gefreiter Friedrich Stöhr, geboren Den Raiser und König eingereicht. Man steht hier also vor einem am 3. 6. 81 zu Feuerbach, Nopf- und Bruftschuß; Reiter Otto Nätsel. Unerklärlich ist es auch, daß der größte Teil der Buse, geboren am 21. 12. 81 zu Ellrich, Kopfschuß. schwer angegriffenen Offiziere erst durch die direkte Aufforderung Berwundet: Unteroffizier Wilhelm Macher, geboren am seitens des preußischen und des württembergischen Striegsmini- 30. 12. 79 au Borbed, leicht, Streiffschuß linke Hand. fteriums veranlaßt worden ist, eine Beleidigungsflage gegen Oberst Auf Patrouille südlich der Dforusu- Berge am 8. Juli 1905: Hüger zinzureichen. Bisher wenigstens war es in der preußischen Gefallen: Reiter Karl Biplad, geboren am 25. 1. 83 zu Klonn, Armee nicht üblich, so schavere Beschuldigungen auf sich fißen zu Brustschuß. laffen; im Gegenteil pflegte man gegen Offiziere, die solche Angriffe Außerdem: Reiter Friedrich Giebel, geboren am 11. 9. 83 duldeten, ehrengerichtlich vorzugehen. Aber die Zeiten und die Ge- zu Halberstadt, am 28. Juni 1905 in der Krankenfammelstelle wohnheiten ändern sich ja wohl. Endlich ist es bedauerlich, daß nicht alle Beschuldigungen, Beier, geboren am 3. 1. 72 zu 3psheim, hat sich am 2. Juli 1905 die Oberst Hüger erhoben hat, unter Anklage gestellt zu sein scheinen, bei Modderfontein durch Sturz vom Pferde einen schweren so der Vorwurf der Parteilichkeit gegen den kommandierenden Schädelbruch zugezogen. General v. Lindequist und andere schwere, falls unwahr jedenfalls beleidigende Beschuldigungen gegen den Generalleutnant b. Hindenburg, das Generalfomunando des VIII. Armeekorps und den Generalleutnant v. Oppen. Die Wahlrechtsräuber in Lübed. tommandant Roslinski stattete dem russischen SonterDie neue Bürgerschaftskomunission hat die Beratungen über die admiral einen Besuch ab; lezterer erklärte, daß er erschienen einmal eine reinwiſchen, oder eins um die Ohren schlagen. Redner Verfassungsreform in Lübeck beendet und Bericht erstattet. Danach sei, um das Panzerschiff Potemkin" zu suchen. Darauf beantragt schließlich die Freisprechung seiner Klienten. hat die Kommission die Senatsvorlage bedeutend verschärft und das erwiderte der Marinekommandant, der Potemkin" habe zweiDas Urteil lautete gegen den Sergeant Ahlfeld auf 3 Wochen, Wahlrecht weiter erheblich eingeschränkt. Die verschärfenden Ab mal in den rumänischen Gewässern Anfer geworfen; er sei gegen Morascheck auf 6 Wochen und gegen Suffer auf 10 Tage änderungen sind folgende: 1) der 1200 Mart- Bensus bleibt bestehen; mit Rücksicht auf die Eigentümlichkeit der Lage aufgefordert Mittelarrest. Die Strafe Ahlfelds und Morascheds wurden durch 2) die Steuergrenge für die Massenteilung wird auf 2500 m. er die erlittene Haft als verbüßt erklärt. Hattenrobt und Nüdelhahn höht; 3) in Klasse 1 wählen alle wahlberechtigten Bürger des Freischaft des„ Potemkin" sei ans Land gebracht worden; die Frei- worden, den Hafen zu verlassen oder abzurüsten. Die Mannwurden freigesprochen. In der Urteilsbegründung hieß es, Schäfer staates 30 Vertreter nach den Grundsätzen der Verhältniswahl; habe durch sein Tun die Mißhandlungen, die als minder 4) in Klasse 2 wählen die Bürger mit mehr als 2500 M. Einkommen rumänischen Behörden hätten von dem Schiffe Befit ergriffen schwere Fälle ngesehen worden sind, veranlaßt. 90 Vertreter und zwar 75 Vertreter für das Stadt- und 15 für das und es einer Wache anvertraut, die es unter den Schutz der Landgebiet. auf dem„ Potemfin" gehißten rumänischen Flagge stellte. Der Marinekommandant fügte hinzu, der König habe angeordnet, daß das Schiff dem Kaiser Nikolaus zu übergeben sei. Nach Berlin, 9. Juli. Ein Telegramm meldet aus Windhul: In den diefer Mitteilung wurden alle Maßnahmen getroffen, damit Gefechten bei Steiborus bom 26. bis 28. Juni 1905: Gefallen: die rumänische Wache den Potemkin" verlassen und der Hauptmann Ludwig Pichler, geboren am 17. 12. 68 zu Haufen; russische Konteradmiral von ihm Besitz ergreifen könne. Assistenz- Arzt Dr. Karl Horn, geboren am 18. 4. 78 zu Grünberg; Bizefeldwebel Ernst Sonntag, geboren am 5. 7. 75 au Bukarest, 9. Juli. Die„ Ag. Roum." meldet: Die Lösung, Dresden- N., Kopfschuß; Sergeant Andreas Suhustod, geboren welche die Angelegenheit des Potemkin" gefunden hat, wird allam 16. 12. 80 zu Hohengandern. gemein als eine sehr glüdliche angesehen, und man beglückwünscht Verwundet: Sergeant Albert Birtholz, geboren am einmütig die rumänische Regierung, daß sie unter Beobachtung der 22. 10. 74 zu Altbraa, schwer, Schuß rechten Unterschenkel; Reiter Vorschriften des Völkerrechtes und ohne zu Gewaltmaßregeln dam Grzegorsti, geboren am 18. 12. 81 zu Melpin, schwer, schreiten zu müssen, der überaus peinlichen Lage ein Ende geStopfichuß; Seiter Friedrich webel, geboren am 16. 1. 83 zu macht hat. Trebis, leicht, Fleischschuß rechten Fuß; Reiter Heinrich Sister, geboren am 18. 7. 82 zu Heidelbach, leicht, Streiffchuß rechte Sand Seiter Alexander Hajduczet, geboren am 17. 7. 81 zu Dziergowig, leicht, Schuß rechten Handteller; Reiter Karl Meier, geboren am 31. 8. 79 au Wesel, leicht, Streifschuß linten Unter schenkel. Man kann hiernach dem Verlauf des Prozesses nur mit größter Spannung entgegensehen und im Interesse des guten Rufes unseres Heered die dringende Hoffnung aussprechen, daß man während der Verhandlungen auf allen Seiten bestrebt sein wird, die vollste Klarheit über die bedauerliche, allzulange schon schwebende Angelegenheit zu schaffen." Gegen die Reptilienpresse. Ausland. England. Die Arbeitslosen- Borlage. " 1 Die Marokko- Konferenz vor der Deputirtenkammer. Paris, 10. Juli. Die vom Ministerpräsidenten Rouvier in der heutigen Kammerfizung abgegebene Erklärung hatte folgenden Wortlaut: Die Kammer erinnert sich, daß unser Gesandter in Marokko bei feiner Reise nach Fez im Januar dieses Jahres den Auftrag hatte, im Namen Frankreichs den Sultan mit den Reformen bekanntzumachen, die am meisten geeignet seien, der gestörten Lage seines Reiches wieder aufzuhelfen, und die in großen Zügen der Versammlung der Notabeln des Reiches unterbreitet und vorgeschlagen, sowie sehr gründlich unter Mitwirkung der zu diesem Bwede ernannten Bevollmächtigten geprüft worden waren. Diese Reformpläne fanden keine ablehnende Antwort oder ernstliche Einwendungen. Der Sultan jedoch, über diese vorbereitenden Berhandlungen unterrichtet, wünschte, die Ansicht der fremden Mächte einzuholen und lud diese zu dem Zwecke zu einer internationalen Konferenz ein. Diese Einladung an uns erging am 30. Mai. Das Berliner Kabinett teilte der Republik am 5. Juni durch eine Note mit, daß ihr die Konferenz als das befte Mittel erschiene, um diese Reformen borzubereiten. Wir haben darauf geantwortet, daß wir im Prinzip und mit wohlüberlegtem Entschlusse dem Gedanken einer Konferenz nicht gegenüberständen, daß es uns aber notwendig erschiene, um amedmäßig unseren Beitritt zu erklären, uns mit Deutschland ins Einvernehmen über gewisse Grundsäke zu sehen, deren wir uns in Marokka nicht würden begeben können. Wir wünschten besonders Gewißheit darüber zu erlangen, daß die faiserliche Regierung ebenso wie wir das besondere Interesse Frankreichs als Grenzland an der Aufrechterhaltung der Ordnung im Scherifischen Reiche anerkenne. Die GrHärungen, die ich mit dem Botschafter Fürsten Radolin ausgetauscht habe, und die von unserem Botschafter Bihourd und dem Reichstangler Fürsten Bülow vereinbart wurden, haben die beiden Regierungen veranlaßt, sich gegenseitige Zusicherungen zu geben, deren Wortlaut die Schriftstüde festlegten, die ich in der Stammer jetzt verlesen werde.( Die Schriftstücke selbst siehe in der ersten Beilage London, 9. Juli.( Eig. Ber.) Unter Beitung der Arbeiter partei( Labour Representation Committee) und der sozialistischen Organisationen fand heute im Hyde Park eine start besuchte Arbeiterbemonstration ftatt. Im Bart waren zehn Tribünen errichtet, auf denen die folgenden Arbeiterführer und Arbeitervertreter sprachen: Keir Hardie, Herbert Burrows, Pete Curran, Parrot, Will. Crooks, G. N. Barnes, O'Grady, Sanders, Steadman, Serton, Ben Tillett, J. R. Macdonald. J. B. Glafter und G. Lansbury. Es wurde folgende Resolution angenommen: Diese Massenversammlung von Arbeitern ist der Ansicht, daß die Arbeitslosigkeit den Monopolen und dem Wiangel an einer richtigen Organisation der Industrie geschuldet sei; daß deshalb den lokalen Behörden größere Befugnisse gewährt werden müffen, um diese Frage zu behandeln; daß große öffentliche Arbeiten von der Regierung unternommen werden müssen und daß die Einrichtung eines Arbeits dieses Blattes.) ministeriums notwendig sei. Wir akzeptieren die London, 10. Juli.( Bureau Laffan.) Berichte über ernste Gr. von der Regierung eingebrachte Arbeitslosen- Vorlage, infofern fie die Verantwortlichkeit des Staates für Arbeitsgelegenheit feft- hebungen sind, wie„ Daily Expreß" aus Odessa meldet, aus stellt und die Arbeitslofen als vollberechtigte Bürger betrachtet; 38 Bezirken der Gouvernements Cherfon, Poltawa, Jekaterinoslaw aber tir erflären, daß die Vorlage nur wirksam sein könne, wenn und Taurien eingetroffen. In einem Umkreise von sechs deutschen fie aufs ganze Land angewendet wird und die Löhne nicht Meilen um Odessa wurden während der letzten 10 Tage 17 große begrenzt; ebenso müßten die Kosten, die die Berwaltung Güter geplündert. des Arbeitslosen- Gesetzes erfordern würde, vom Staate ge tragen werden. Wir fordern deshalb die Regierung auf, derartige Zusabanträge anzunehmen und die Bill in dieser Session durchzubringen." Die privilegierte und subventionierte Amispreffe ist in ganz Deutschland zu einer Landplage geworden. Anspruch auf amtliche Bekanntmachungen hat in den deutschen Vaterländern nur das Organ, welches sich durch„ Wohlverhalten" hervortut. Das Amtsblattprivilegium wird im Norden ausschließlich an tonservative Drgane verliehen, während im Süden die Gazetten der nationalliberalen Partei sich im Schatten des behördlichen Privilegiums mästen. Durch dieses Amtsblattsystem wird nicht nur der politische Kampf in unlauterer Weise beeinflußt, sondern es schließt auch eine Juloyalität gegen die Zwangsabonnenten der Amtsblätter in sich, welche einer anderen politischen Richtung angehören und gezwungen find, als Beamte 2c. eine gegnerische Parteirichtung zu unterstützen und dabei noch neben dem amtlichen den geistreichen" politischen Teil mitberbauen zu zu müssen. Unsere Genossen im hessischen Landtag hatten nun den Antrag auf Beseitigung der Amtsblattsprivilegien eingebracht, fie verlangten, entiveber allen Beitungen die amtlichen Bekanntmachungen zuzustellen, eine Beilage herauszugeben, welche Hur amtliche tanntmachungen enthält und sämtlichen Zeitungen gegen Er stattung der Selbstkosten beigegeben werden solle. Die Regierung stand diesem Antrage natürlich ablehnend gegenüber, obgleich ste zugeben mußte, daß dem bisherigen Amtsblattsunivesen ffchwere Mängel anhaften. Der Ausschuß hatte dem zweiten Teil des Gefeßentwurf unterbreitet. Am Donnerstag tam der Antrag im Landtage gemeldet wird, daß während der 100 Jahr Feier der Republik zur Beratung. Und siehe da! Alle Parteien mit Einschluß der Beamte fünf Millionen Dollar in Gold von den im Jahre 1904 Nationalliberalen erkannten die schweren Mängel des Systems an aufgenommenen 12 Millionen Dollar gestohlen haben. Die Republik und da sich auch die Regierung bereit erklärte, einen Wer ist jest bankrott. fuch zu machen, um eine Aenderung eintreten zu lassen, sich aber Die Bereinigten Staaten werden die Gelegenheit jedenfalls dazu gegen die Form eines Gefeßentwurfes wendete, zog der Ausschuß ausnuten, die Negerrepublit durch finanzielle Unterstützung und den Entwurf zurück und brachte den Antrag ein: Die Regierung diplomatische Kontrolle" in ein erstrebtes Abhängigkeitsverhältnis möge auf Grund des von dem Ausschusse vorgelegten Materials zu bringen. oder BeAmerika. Bankrott der Negerrepublik Haiti. Kingston( Jamaifa), 9. Juli.( Laffan"-Meldung.) Der Präsident Auf eine Anfrage Cochins erwidert Rouvier, er habe nichts hinzuzufügen. Gerville Réache verlangt, daß Rouvier ein Gelbbuch veröffentliche. Rouvier stimmt diesem Vorschlag zu, erklärt aber, fich nicht zu einer Antwort verpflichten zu können, ehe die Konferenz stattgefunden habe. Artrages zugestimmt und dem Landtage einen diesbezüglichen Initiative der Rechnungstammer der Republit Haiti entdeckte, wie von dort Letzte Nachrichten und Depefchen. stehen. Folgen ultramontaner Berhekung. " WP Bayerische Landtagswahlen. " Nürnberg, 10. Jult.( Privattelegramm des Vorw.".) Die heutigen Wahlmännerwahlen haben sich für die liberalen" Mischmasch- Parteien günstig gestaltet. Die Ursache liegt in der brutalen Wahlkreiseinteilung durch die Stadtverwaltung. Augsburg, 10. Juli. Teilresultat der Wahl. Bei der hiesigen Landtagswahl wurden für uns 72 Wahlmänner gewählt, 7 liberale, ausstehend 25. Sehr starke Beteiligung. bisher alsbald an eine Neuregelung des Amts verkündigungs- Die Chinesenfrage. Präsident Roosevelt hat an alle Hafen wesens in Heffen nach den in dem seitherigen Ausschußantrage behörden und Einwanderungsbeamten die strifte Weisung ergehen Ein weiteres Telegramm meldet: enthaltenen Grundfäßen herantreten." Dieser Antrag wurde ein- laffen, in der Behandlung der Chinesem, die in berechtigter Weise stimmig angenommen. Die hessische Regierung wird also nicht Einlaß ins Land begehren, vorsichtiger zu sein und an die besonderen Nürnberg, 10. Juli.( Privat- Depesche des Vorwärts".) Der umhin lönnen, dem einhellig behmbeten Verlangen der Bestimmungen des Gefeßes gegen die Chineseneinwanderung zu Kreis Nürnberg ist an den bürgerlichen Mischmafch verloren gegangen. Boltsvertretung nach Beseitigung der privilegierten Reptilien denken. Eine Klaufel des Vertrages mit China erlaubt Reisenden, Die Sozialdemokratie brachte es bei 21 000 Stimmen auf 99 Wahlpresse nachzukommen. Bei der Abstimmung hatte allerdings die Studenten und Kaufleuten, wenn sie mit entsprechenden Legiti größte Zahl der Nationalliberalen den Saal verlassen, da fie offen mationen und Pässen versehen sind, die Vereinigten Staaten zu be- männer, während die Gegner bei 13 000 Stimmen zirka 150 Wahlbar nicht den Mut besaßen, gegen das Amtsblattsprivilegium zu suchen. Nut chinesische Arbeiter aller Art dürfen nicht, auch nicht vor- männer auf sich vereinigten. stimmen, in dessen trüben wässern sie so gut zu fiſchen berteng an das Gefes gehalten und jeben Chinesen zurüdgewiesen. zehn Uhr das Resultat der Urwahlen zum bayrischen Landtag über. übergehend, eingelassen werden. Die Beamten hatten sich bisher München, 10. Juli.( W. T. B.) Soweit sich bis heute abend deffen Legitimation nicht über jedem Zweifel erhaben war. Dabei mögen einige Ungerechtigkeiten vorgekommen sein, aber man tvar im bliden läßt, ergibt sich in der Zusammensetzung folgende BerBekanntlich wird von fanatischen katholischen Gläubigen in allgemeinen stets der Ansicht, daß man nicht scharf genug aufpaffen änderung: Wahlkreis Straubing bisher bereinigte Liberalen Worms noch obendrein eine gemeine und gewissenlose Sezze gegen fönne, um bon den schlauen Chinesen nicht überlistet zu werden und Bauernbündler, drei Mandate vom Zentrum erobert; in der die beiden jungen Mädchen berübt, an denen der saubere Probst Chinesen in Amerika, die auf eine enterung des bisherigen Aus liberal, von den vereinigten Sozialdemokraten und Zentrum geErst die jüngste lebhafte Agitation in China und auch unter den Pfalz Wahlkreis Kaiserslautern ein Mandat, Malzi sich vergangen hatte und die im Prozeß als Hauptzeugen schließungsgefehes hinzielt, fchließungsgesetzes hinzielt, hat belvirkt, daß sich plötzlich be auftraten. Am Sonnabend stand bor der zweiten Straffammer in Stimmen unter den amerikanern zugunsten der Chinesen erklären wonnen. Nürnberg, bisher sozialdemokratisch, vier Mandate, Mainz die 34jährige Frau des Fabrikaufsehers Peter Buscher: Der angedrohte Boykott amerikanischer Waren in China hat nämlich von den Liberalen erobert. Schweinfurth, bisher bereinigte wohnhaft in Worms. Die Angeklagte hatte am 6. Mai begonnen und in den interessierten Streifen ist man sogleich zu der Liberalen und Bauernbündler, drei Mandate, vom Zentrum gedie vierzehnjährige Hedwig Schmidt, eine ber Belastungs- Erkenntnis gekommen, daß den Chinesen bitteres Unrecht gefchicht. wonnen. Augsburg Stadt ,, bisher liberal, zwei Mandate von zeuginnen im Prozeß Malzi, in nicht wiederzugebender abscheulicher Roosevelt wurde bestürmt, dagegen einzuschreiten. Der chinesische den vereinigten Sozialdemokraten und Zentrum gewonnen. WahlWeise beleidigt. Sie besudelte die jungfräuliche Ehre des vierzehn- Markt hat sich in den letzten Jahren immer mehr ausgedehnt und ist freis Günzburg, bisher bereinigte Liberalen und Bauernjährigen Mädchens und behauptete auch, das Mädchen habe im wertvoll gevorden; besonders viel wird u. a. in Baumwollwaren nach Malzi- Prozeß falsches Zeugnis abgelegt. Die Angeklagte will alles China ausgeführt. In Arbeiterfreifen ist man von Roosevelts Bor- empten und Wahlkreis Immenstabt, bisher liberal, zubündler, zwei Mandate bom Zentrum erobert. Wahlkreis von einer Handelsfrau auf dem Markt erzählt bekommen haben. gehen durchaus nicht erbaut. Man weiß, daß die Chinesen jebe Das Gericht verurteilte die Angeklagte zu 50 M. Geldstrafe und in Gelegenheit wahrnehmen, das Gesetz der Ausschließung au um die Kosten, von einer Freiheitsstrafe wurde nur deshalb abgefehen, gehen, und man fennt die Wünsche mancher Kapitalisten, die Chinesen weil die Buscher noch unbestraft ist. Derartige Gemeinheiten als billige Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben. In den Staaten nehmen nicht wunder, da die ultrainontane Breffe und gewiffe am Pacific- Ozean hat die Opposition gegen eine Wilderung der schwarze Agitatoren sich nicht scheuen, Malai mit einem Glorien Gefebesbestimmungen die überwältigende Majorität, und diese schein zu umgeben und ihn als Opfer antifleritaler Verfolgungen Staaten würden sich gegen jede herrschende Partei wenden, die den hinzustellen. Chinesen die Tore zu öffnen versucht. Die Uebergabe des„ Potemkin". fammen bier Mandate, vom Zentrum gewonnen. Aus einer Reihe. von umstrittenen Wahlkreisen steht das Resultat noch aus. Aus bent Wahlkreis Oberbayern 1, München 1, liegt folgendes Resultat vor: Im ersten Wahlgang wurden gewählt: 77 liberale Wahlmänner, 28 fozialdemokratische Wahlmänner; im zweiten Wahlgang wurden, soweit bis abends zehn Uhr bekannt ist, 146 Wahlmänner der vereinigten Sozialdemokraten und Zentrum und Selbstmord eines Marineoffiziers. Der Kommandant des durch 7 liberale Wahlmänner gewählt. Obwohl noch eine größere Zahl den Zusammenstoß mit dem Linienschiff Wörth" zu Schaden ge von Bezirken aussteht, ist es sicher, daß München von dem vertommenen Torpedobootes S. 124, Oberleutnant zur See Nirrnheim, Bukarest, 9. Jult. Heute früh erschienen zwei ruffi- einigten Zentrum und Sozialdemokraten behauptet wird. hat sich, den„ Kieler Neuesten Nachrichten" zufolge, heute nacht in fche Panzerschiffe, von denen eines die Admiralsflagge feiner Wohnung erschossen. Vermutlich, so schreibt eine KorrefponSewastopol, 10. Juli.( Meldung der Petersburger Telegraphendenz, ist die traurige Tat darauf zurückzuführen, daß Oberleutnant führte, fowie vier Torpedoboote und ein TorpedobootsNirrnheim durch den Tod des Maschinistenanwärters Trompte, der Berstörer des Schwarzen- Meer Geschwaders in den Ge- Agentur.) Hier ist heute das Torpedoboot Nr. 267, welches sich als Folge der Kollision anzusehen ist, in eine schwere Gemüts- wässern von Constzana und gaben Salutſchüsse ab. Der ru- fchaft, 16 Köpfe start, wurde verhaftet und auf dem Transportschiff Kreuzer Elisabeth" erwiderte den erregung geraten ist, und in diefer Stimmung Hand an sich selbst mänische Salut " Brut" untergebracht. Auch der Dampfer Wecha" ist hier ana und falutierte die Admiralitätsflagge. Der Marine- gefommen. Rerantwo, Ned: Franz Rehbein, Inserate verantwo.( mit Ausnahme der„ Neue Welt"-Beilage): Th. Glocke, Berlin. Drud u. Verlag. Vorwärts Buchdr. u. Berlagsanft Paul Singer& Co., Berlin SW. Sieran 3 Beilagen u.Unterhaltungsb legte. Nr. 159. 22. Jahrgang. t. WlU i>es.Amiirts" Knlim KlksM Dienstag, 11. Inli 1905. Die Einigung über die Marokkokonferenz. Zu gleicher Zeit wird m Berlin und in Paris der Notenaustausch zwischen der französischen und deutschen Regierung bekannt gegeben, der den vorläufigen Abschluß des M a rokkohaderS bedeutet. Frankreich nimmt die Einladung zu der internationalen Konferenz an, die auf Deutschlands Wunsch durch den Sultan von Marokko vorgeschlagen wurde. Deutschland erklärt, daß es in Marokko keine Ziele verfolgt, welche die berechtigten Interessen Frank- reichs in Marokko in Frage stellen oder im Widerspruch stehen mit den Rechten Frankreichs, die sich aus Frank- reich? Verträgen oder Arrangements ergeben und fich im Einklänge fmit gewissen beiderseitig anerkannten Hauptgrundsätzen befinden. Es hat ungemein lange gedauert, bis dieses Ergebnis erreicht wurde. Bei etwas mehr Vernunft und Entgegenkommen des ftüheren ftanzösischen Ministers de« Auswärtigen, bei etwas mehr Voraus- ficht und etwas weniger Plötzlichkeitsfanfaren der deutschen Politik hätte der gräuliche Spuk, der monatelang Westeuropa beunruhigte, vermieden werden können. Es erscheint jetzt ebenso wie schon durch die ganze Zeit dieses Haders wie Wahnwitz, daß wegen Marokko die internationale Lage, wie Fürst Bülow gestand, eine sehr gespannte und gefahrvolle gewesen ist. Es ist das besondere Verdienst der französischen Sozialdemokratie, daß durch ihren Rat der Kaltblüttgkeit und durch die Beseitigung des Ministers Delcassö die Gehässigkeiten der Diplomatte und damit die gespannte und gefahrvolle Lage über- Wunden wurden. Nur den einen guten Sinn würde der Marokkokonflitt haben, wenn er dazu führte, daß die Nationen mehr denn bisher die Werke der Diplomatte ihrer dauernden und aufmerksamen Konttolle unterstellen. ... Die zwischen dem kaiserlichen Botschafter Fürsten von R a d o l i n in Paris und dem französischen Minister der aus- wältigen Angelegenheiten, Ministerpräsidenten Rouvier aus- etauschten Erklärungen über die Marokko-Kon- erenz lauten in Uebersetzung wie folgt: I. Schreiben des französischen Ministers der auswärtigen An- gelegenheiten, M i n i st e rp rä sid e n te n Rouvier an den kaiserlichen Botschafter Fürsten von Radolin vom 8. Juli ISVS. »Herr Botschafter! Die Regierung der Republik ist durch die Besprechungen, die zwischen den Vertretern der beiden Länder sowohl in Paris wie in Berlin stattgefunden haben, zu der Ueberzcugung gelangt, daß die kaiserliche Regierung auf der von dem Sultan von Marokko vorgeschlagenen Konferenz keine Ziele verfolgen wird, welche die berechtigten Interessen Frankreichs in diesem Lande in Frage stellen oder im Widerspruche stehen mit den Rechten Frankreichs, die sich aus seinen Verträgen(oder Arrangements) ergeben und sich im Einklänge mit folgenden Grundsätzen befinden: Souveränität und Unabhängigkeit des Sultans; Integrität seines Reiche?; Wirtschaftliche Freiheit ohne jede Ungleichheit; Nützlichkeit von polizeilichen und finanziellen Reformen, deren Einführung für kurze Zeit auf Grund internationaler Vereinbarung geregelt werden soll; Anerkennung der Lage, die für Frankreich in Marokko geschaffen wird durch die langausgedchnte Grenzberührung zwischen Algerien und dem Schcrifischen Reiche, durch die sich hieraus für die beiden Nachbarländer ergebenden eigen- artigen Beziehungen, sowie durch das hieraus für Frankeich folgende besondere Interesse daran, daß im Scheriftschen Reiche Ordnung herrsche. Jnfolgedefien läßt die Regierung der Republik ihre ursprüng- lichc» Einwendungen gegen die Konferenz fallen und nimmt die Einladung an. Genehmigen PK. Rouvier/ II. Antwort des kaiserlichen Botschafters Fürsten von Radolin an den französischen Mini st er der aus- wärtigenAngelegenheiten, Mini st erPräsidenten Rouvier, vom 8. Juli löllö. »Herr Ministerpräsident! Da die Regierung der Republik die von dem Sultan von Marokko vorgeschlagene Konferenz an- nimmt, hat die kaiserliche Regierung mich beauftragt, Ihnen ihre mündlichen Erklärungen zu bestättgen, wonach sie auf der Kon- ferenz keine Ziele verfolgen wird, welche die berechtigten Jnter- essen Frankreichs in diesem Lande in Frage stellen oder im Wider- fpruche stehen mit den Rechten Frankreichs, die sich ans seinen Verträgen(oder Arrangements) ergeben und sich im Einklänge mit folgenden Grundsätzen befinden: Souveränität und Unabhängigkeit des Sultan?; Integrität seines Reiches; Wirtschaftliche Freiheit ohne jede Ungleichheit; Nützlichkeit von polizeilichen und finanziellen Reformen, deren Einführung für kurze Zeit auf Grund internationaler Vereinbarung geregelt werden soll; Anerkennung der Lage, die für Frankreich in Marokko geschaffen wird durch die langauSgedehnte Grcnzberührung zwischen Algerien und dem Schcrifischen Reiche, durch die sich hieraus für die beiden Nachbarländer ergebenden eigen- artigen Beziehungen, sowie durch das hieraus für Frankreich folgende besondere Interesse daran, daß im Scheriftschen Reiche Ordnung herrsche. Genehmigen pp. Fürst von Radolin/ III. Gemeinsame Erklärung des kaiserlichen Bot- schafters Fürsten von Radolin und des französischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten, Ministerpräsidenten Rouvier. vom 8. Juli 1805.. »Die deutsche Regierung und die Regierung der Republik kommen überein:.. 1. gleichzeitig ihre zur Zeit in Fez befindlichen Gesandt- schaften nach Tanger zurückzuberufen, sobald die Konferenz zu- sammengetreten sein wird;. 2. dem Sultan von Marokko gemeinschaftlich durch ihre Vertreter Ratschläge erteilen zu lassen zur Feststellung deS von ihm der Konferenz vorzuschlagenden Programms auf den Grund- lagen, wie sie in den unter dem 8. Juli 1805 zwischen dem deutschen Botschafter in Paris und dem Ministerpräsidenten und Minister der auswärtigen Angelegenheiten ausgetauschten Schreiben angegeben sind. Geschehen in Paris, den 8. Juli 1805. Fürst von Radolin. Rouvier." Der Krieg in Ostasie«. Die Besetzung Sachalins. Wladiwostok, 8. Juli.(Meldung der.Petersburger Telegraphen- Agentur".) Am Südende der Insel Sachalin wurde gestern ein nach Oiten gehendes japanisches Geschwader gesichtet. Es be- stand aus dem Küstenpanzerschiff.Fuso", dein Linien- schiff»Tschinjen", einem Kreuzer vom Typ des .Jlvate", sechs Kreuzem zweiter Klasse, vier Ka.iionen- booten. 36 Torpedobooten und zehn Transport- schiffen. Zwei Torpedoboote kreuzen westlich der La Perouse- Straße. Petersburg, 10. Juli.(Meldung der„Petersburger Telegraphen- Agentur".) General Linewitsch meldet unter dem 8. d. Mts.: Die Japaner haben am 7. Juli die Stadt KorsakowSk auf der Insel Sachalin besetzt. Am 8. um 8 Uhr morgens erschienen 2 Torpedo- boote in der Lachsbucht und eröffneten das Feuer auf die Stellung Soloview. Die Abteilung von Korsakowsk verließ diese Stellung und fing an, sich in nördlicher Richtung zurückzuziehen. Japa- nische Kavallerie besetzte darauf Soloview. Die Japaner haben Infanterie, Kavallerie und Artillerie bei Korsakowsk ausgeschifft. Ueber das EroberungSobjett wird geschrieben: Die militärische Besatzung Sachalins ist nur gering und besteht mehr aus Gefangenwärtern, als aus kriegsbereiten Truppen. Die trafgefangenen können in den Japanern lediglich ihre Erlöser sehen, denen sie nach Möglichkeit Hülfe zu leisten bereit sind. Die eingeborene Bevölkerung wird kaum gegen das stammverwandte Jnselvolk Partei ergreifen. Sachann war einst japanischer Besitz. Durch Vertrag vom Februar 1855 gelangte der nördliche Teil der Insel an das Zarenreich und ein Abkommen vom Jahre 1375 brachte dann die ganze Insel in russischen Besitz. Die Bevölkerung besteht, abgesehen von dem wenigen Militär und den etwa 10000 Strafgefangenen, aus Giljaken, Ainos, Orotschenen und Tungusen. Giljaken und Ainos gehören dem mongolischen Stamm an. Sie stehen auf niedriger Kulturstufe und haben keine ausgesprochenen nationalen Neigungen, werden sich aber jedenfalls rasch den Japanern anschließen. Sachalin be- sitzt bedeutende, zum Teil der Ausbeutung noch nicht zugeführte Naturschätze. Von den Kohlenlagern, die in erster Linie in Betracht kommen, sind diejenigen in der Gegend des Hafens von Due besonders wertvoll. Sie befinden sich seit 1875 in den Händen der Aktiengesellschaft„Sachalin" und liefern jährlich etwa 100 000 Pud. Kurz vor Beginn des Krieges planten die Russen, um die Verschiffung zu erleichtern, den Bau einer Eisen- bahn von den Bergwerken zur Küste, deren Länge etwa 40 Werst betragen sollte. Weitere Kohlenlager von mächttgem Umfange be- finden fich an der Kummanaja und der Otzobonka. Zu erwähnen sind auch die Kohlengruben von Alexandrowsk und Wladimir, die der Gefängnisverwaltung gehören und jährlich 600 000—300 000 Pud liefern. Fernerhin besitzt Sachalin bedeutende Naphthalager, be- sonders an der Ostküste in der Nähe des Nabilstt-MeerbusenS und an den Ufern des Nutow-FlusseS. Für den Gang der Kriegs- ereignisse ist Sachalin deshalb von hervorragender Wichttgkeit, weil die Japaner von dort ihre Truppen ohne sonderliche Schwierigkeit auf das Amurgebiet hinüberwerfen können. Zur Friedeuskonferenz. Washington, 10. Juli.(Meldung des„Reuterschen Bureau?/) Dem Vernehmen nach steht Rußland einem von feiten der chinesischen Regierung geäußerten Wunsche um eine V e r- t r e t u n g auf der bevorstehenden Friedenskonferenz wohlwollend gegen- über, während Japan einen ablehnenden Stand- Punkt einnimmt. Präsident Roosevelt übermittelte das Er- suchen Chinas den beiden Kiegsührenden Mächten; es ist aber nicht bekannt, ob eine Antwort erteilt worden ist. In den amtlichen Kreisen Washingtons wird das Verlangen Chinas nicht sympathisch aufgenommen und eS ist deshalb nicht wahrschein- lich, daß die Regierung es unterstützt. Entwurf einer Organisation der sozialdemokratischen Partei Deutschlands.*) Nach den Beschlüssen der Organisattonö-Kommisfion. Die fettgedruckten Stellen sind Neueinfügungcn gegenüber dem geltenden Organisattonsstatut. Parteiangehörigkeit. 8 1. Zur Partei gehörig wird jede Person betrachtet, die sich zu den Grundsätzen des Parteiprogramms bekennt und die Partei dauernd durch Geldmittel unterstützt. 8 2. Zur Partei lann nicht gehören, wer sich eines groben Verstoßes gegen die Grundsätze des Parteiprogramms oder einer ehrlosen Handlung schuldig macht. 8 3. Ueber die fernere Zugehörigkeit zur Partei entscheidet ein Schiedsgericht, das der Parttivorstand beruft. Der Antrag auf Ein- setzung eines solchen Schiedsgerichts kann nur durch eine Partei- organifation gestellt werden. Die Hälfte der Beisitzer wird von den Angeschuldigte», die andere Hälfte von der antragstellenden Organisation bezeichnet, wobei die Auswahl auf die Parteigenossen des BezirkSvrrbandeS zu beschränken ist, dem der Wohnort d«S Angeschuldigten angehört. Den Vorsitzenden bezeichnet der Parteivorstand. I» Wahlkreisen, in denen die Geschäfte der Partei durch eine BereinSorganisation geführt werden, ist der Ausschluß ein«? Mit- gliedeS auS der betreffenden Organisation dem Ausschluß auf Grund deS 8 2 de» Organisationsstatuts Absatz 1 aus der Gesamtpartei gleichzuachten. Ter Ausschluß darf daher nur im Wege des vvr- stehend festgesetzten schiedsgerichtlichen Verfahrens erfolgen. 8 4. Gegen die Entscheidung deS Schiedsgerichtes steht den Be- teiligten binnen vier Wochen nach Zustellung des schriftlichen Urteils die Berufung an die Kontrollkommission und gegen deren Eni- scheidung an den nächsten Parteitag zu. Verzichtet ein Parteigenosse, gegen den ein AuSschlußantrag gestellt wird, auf die schiedsgerichtliche Verhandlung, oder unterläßt er rS, innerhalb einer vom Parttivorstand zu bestimmenden Frist von mindesten» vier Wochen Schiedsrichter zu ernennen, so gUt er ohne weiteres als ausgeschlossen. Die Zustellung des schriftlichen Urteils sowie die Bekanntgabe deS erfolgten Ausschlusses«ine» Genossen erfolgt durch den Partei- vorstand. 8 5. Die Wiederaufnahme eine» auS der Partei Ausgeschlossenen kann nur durch den Parteitag erfolgen. 8 6. Mit dem Tode, dem Austtitt oder der Ausschließung auS der Partei verliert der frühere Parteigenosse jedeS Recht, das er etwa gegen die Partei, gegen den Parteivorstand, gegen die Kontroll» kommission oder gegen einzelne Parteigenossen auS seiner Partei- Mitgliedschaft erworben hat. Gliederung. § 7. Die Grundlage der Organisation bildet für jeden Reichs- tagswahlkreiS der Sozialdemokratische Verein, dem jeder im Wahl- kreise wohnende Parteigenosse, sofern ihn nicht zwingende Gründe *) Wir veröffentlichen den Entwurf noch einmal, weil die Berliner Genossen sich in der nächsten Zeit eingehend mit ihm be- schäftigen wollen. Da ein abermaliger Abdruck aus Raummangel nicht erfolgen kann, werden die Genosse» gut tun, die heutige Nummer aufzubewahren. daran hindern, als Mitglied anzugehören hat. Erstreckt sich der Wahllreis über eine Mehrzahl von Ortschaften, so können in allen Orten, in denen Parteigenossen vorhanden sind und die sonstigen Verhältnisse es zulassen, Ortsvereine de? Sozialdemokratischen Ber- eins gebildet werden. 8 3. Die Sozialdemokratischen Bereine schließen sich zu Bezirks- verbänden sowie zu Landesorganisationen zusammen, denen die selbständige Führung der Parteigeschäfte nach eigenen Statuten obliegt; diese dem Parteivorstand mitzuteilenden Statuten dürfen mit dem Organisationsstatut der Gesamtpartei nicht im Widerspruch stehen. Die Borstände haben ihre erfolgte Wahl dem Parteivorstand mitzuteilen. 8 8. Wo auS gesetzlichen Gründen die in den 88? und 8 gegebenen Vorschriften nicht ausführbar sind, haben sich die Partei- genossen in anderer, dem Landesrecht entsprechender Weise zu organisieren. 8 18. Die Festsetzung der Mitgliederbeiträge ist den Bezirls- verbänden überlassen. Die Wahlkreise haben mindestens 25 Proz. ihrer auS den Beiträgen und Eintrittsgeldern sich ergebenden Ein- nahmen an d> Zentralkasse abzuführen. Der Parteivorstand ist berechtigt, einzelnen Wahlkreisen im Bedarfssalle einen über 75 Proz. dieser Einnahmen hinausgehenden Betrag zur Eigenverwendung zu überlassen. Die BertrauenSpersonen sind berechtigt, freiwillige Beiträge entgegenzunehmen und durch besondere Marken zu quittieren. BertrauenSpersonen. § 11. In allen Wahlkreisen, in denen eine Parteiorganisation vorhanden ist, haben die Parteigenossen eine oder mehrere Per- trauenspersonen zu wählen, deren Adresse sofort dem Partei- vorstände mitzuteilen ist. Die Art der Wahl bleibt den Partei- genossen überlassen. Wählbar sind auch die Vorstandsmitglieder deS Sozialdemokratischen Vereins. 8 12. Die Wahl der Vertrauenspersonen erfolgt alljährlich, und zwar im Anschluß an den voraufgegangenen Parteitag. Die Ver- trauenspersonen haben ihre Wahl mit Angabe ihrer genauen Adresse sofort dem Parteivorstande mitzuteilen.' Legt eine Verttauensperson ihr Amt nieder oder tritt sonst eine Vakanz ein, so haben die Parteigenossen eine Neuwahl vor- zunehmen und das Resultat derselben dem Parteivorstande bekannt- zugeben. 8 13. Die BertrauenSpersonen ber Wahlkreise haben alljährlich bis zum 15. Juli dem Parteivirstande Bericht zu erstatten. Der Bericht muß enthalten Angaben über: Art und Umfang der ent- falteten Agitation, die Zahl der im Wahlkreise organisierten Partei- genossen, die Höhe des von den Mitgliedern erhobenen Partei- beitrageS, die Summe der gesamten Einnahmen, die Art der Ber- Wendung der dem Wahlkreise verbliebenen Gelder. Den gleichen alljährlichen Bericht in bezug ans ihre Tätigkeit und die Verwendung der ihnen vom Parteivorstande überwiesenen Gelder haben die Vorstände der Bezirksverbänbe und Landesorgani- sationen bez«. die Bezirks- und LandeSvertranenspersoneu zu er» statten. 8 14. Die planmäßige Agitation unter dem«eiblichen Prole- tariat wird durch weidliche BertrauenSpersonen betrieben, die möglichst an allen Orten im Einvernehmen mit den Parteiinstanzen gewählt werden, Partettag. 8 15. Der Parteitag bildet die oberste Vertretung der Partei, Zur Teilnahme an ihm sind berechtigt: 1. Die Delegierten der Partei auS den einzelnen Reichstags» Wahlkreisen mit der Einschränkung, daß kein Wahlkreis durch mehr als drei Personen vertreten sein darf. Insoweit nicht unter den gewählten Vertretern des Wahlkreises Frauen sich befinden, können weibliche Vertreter in besonderen Frauen- Versammlungen gewählt werden. 2. Die Mitglieder der Reichstagsfraktton. 3. Die Mitglieder deS Parteivorstandes und der Kontrollkom» Mission. Die Mitglieder der ReichstagSftaktion haben in allen die parla- mentarische und die Mitglieder des Parteivorstandes in allen die geschäftliche Leitung der Partti betreffenden Fragen nur beratende Stimme. 8 16. Der Parteitag prüft die Legitimation seiner Teilnehmer, wählt seine Leitung und bestimmt seine Geschäftsordnung selbst. Zur Gültigkeit der Beschlüsse des Parteitages ist die absolute Mehrheit der Anwesenden erforderlich. 8 17. Alljährlich findet ein Parteitag statt, der von dem Partei» Vorstande einzuberufen ist. Hat der vorhergehende Parteitag über den Ort, an welchem der nächste Parteitag stattfinden soll, keine Bestimmung getroffen, so hat der Parteivorstand mit der Kontrollkommission und der Reichstagsfraltion hierüber sich zu verständigen. 8 18. Die Einberufung des Parteitages muß spätestens vier Wochen vor dem Termin der Abhaltung desselben durch das Zentral- organ der Partei mit'Angabe der provisorischen Tagesordnung er- folgen. Die Einladung zur Beschickung des Parteitages ist mindestens dreimal in angemessenen Zivischenräumen zu wiederholen. Anträge der Parteigenossen für die Tagesordnung deS Partei» tageS sind bei dem Parteivorstand einzureichen,' der dieselben spätestens drei Wochen vor der Whaltung des Parteitages durch daS Zentralorgan der Partei bekanntzugeben hat. 8 18. Zu den Aufgaben des Parteitages gehören: 1. Entgegennahme der Berichte über die Geschäftstätigkeit deS Parteivorstandes und der Kontrollkommission sowie über die parlamentarische Tätigkeit der Reichstagsabgeordneten. 2. Die Bestimmung des Ortes, an welchem der Parteivorstand seinen Sitz zu nehmen hat. 3. Die Wahl des Parteivorstandes und der Kontrollkommission. 4. Die Beschlußfassung über die Parteiorganisation und alle daS Parteileben berührenden Fragen. 5. Die Beschlußfassung über die eingegangenen Anträge. 8 28. Ein außerordentlicher Parteitag kann einberufen werden? 1. auf einstimmigen Beschluß des Parteivorstandes; 2. auf Antrag der Mehrheit der Reichstagsfraftionz 3. auf Antrag von mindestens 15 Wahlkreisen; 4. auf einstimmigen Beschluß der Kontrollkommission. Falls der Parteivorstand sich weigert, einem gestellten Antrage aus Einberufung eines außerordentlichen Parteitages stattzugeben, so ist derselbe durch die Reichstagsfraktion einzuberufen. Als Per- sammlungsort eines außerordentlichen Parteitages ist ein geographisch möglichst günstig gelegener Ort zu bestimmen. i 8 21. Die Einberufung des außerordentlichen Parteitages muß spätestens 14 Tage vor dem Termin der Abhaltung desselben durch daS Zentralorgan der Partei in wenigstens drei aufeinander- folgenden Rummern mit Angahe. der Tagesordnung erfolgen, Anträge der Parteigenossen sind spätestens S Tage bor der M- Haltung des Parteitages im Zentralorgan zu veröffentlichen. Im übrigen gelten für die außerordentlichen Parteitage die- selben Bestimmungen wie für die ordentlichen Parteitage(§§ IS und 16). Parteiborstand. '§ 22. Der Parteivorstand besteht aus acht Personen, und zwar aus zwei Vorsitzenden, drei Schriftführern, einem Kassierer. die berechtigt sind, sich gegenseitig zu vertreten, sowie zwei Beisitzern. Die Wahl der Vorsitzenden, Schriftführer und des Kassierers erfolgt durch den Parteitag mittels Stimmzettel in einem Wahl- gange und nach absoluter Mehrheit. Hat ein Kandidat die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen nicht erhalten, so findet Stich- wähl zwischen den beiden Kandidaten statt, auf welche die meisten Stimmen gefallen sind. Bei Stimmengleichheit entscheidet das Los. Die Wahl der zwei Beisitzer erfolgt durch die Kontrollkommission. Nach erfolgter Wahl hat der Parteivorstand seine Konstituierung vorzunehmen.und dieselbe im Zentralorgan der Partei bekanntzn machen. Z 23. Der Parteivorstand verfügt nach eigenem Ermessen über die vorhandenen Gelder. Der Parteivorstand oder die Kontrollkommission können durch keinerlei Rechtsgeschäste die einzelnen Parteigenossen oder die Partei verbindlich machen. Auch erwirbt kein Parteigenosse oder ein anderer durch Verträge mit dem Parteivorstande oder der' Kontroll kommission ein klagbares Recht gegen diese oder ihre Mitglieder. Kein Parteigenosse hat ohne ausdrücklichen Beschluß des Parteitages ein klagbares Recht, die Geschäftsbücher oder Papiere des Parteivorstandes, der Kontrollkommission oder der Partei ein- zusehen oder sich aus ihnen Abschriften oder Auszüge anzufertigen oder eine Auskunft oder Uebersicht über den Stand des Partei- Vermögens zu verlangen. Hierdurch wird das Recht der Delegierten, während der Tagung des Parteitages Einsicht in die Bücher zu nehmen, nicht berührt. § 24. Die Mitglieder des Parteivorstandes können für ihre Tätigkeit eine Besoldung beziehen. Die Höhe derselben wird durch den Parteitag festgesetzt. 8 25. Der Parteiborstand besorgt die Parteigeschäfte und kon- trolliert die prinzipielle Haltung der Parteiorgane. Der Parteivorstand entscheidet über Differenzen, die sich bei der Aufstellung von Reichstagskandidatnrcn zwischen den Genossen eines Wahlkreises und den Bezirks- oder den Borständen der Landes- organisationen ergeben. 8 26. Scheidet ein Mitglied des Parteivorstandes aus, so ist die Vakanz durch eine von der Kontrollkommission vorzunehmende Neuwahl zu ergänzen.* Kontrollkommisston. 8 27. Zur Kontrollierung des Parteivorstandes sowie als Be- rufungsinstanz über Beschwerden gegen den Parteivorstand wählt der Parteitag eine Kontrollkommission von neun Mitgliedern. Die Wahl der Kontrolleure erfolgt nach einfacher Mehrheit. Bei gleicher Stimmenzahl entscheidet das Los. Zur Leitung ihrer Ge- schäfte wählt sich die Kontrollkommission einen Vorsitzenden, der Ort und Zeit der Sitzungen bestimmt, soweit die Kontrollkommission nicht darüber beschließt. Die Kontrolle muß mindestens vierteljährlich einmal stattfinden. Alle Einsendungen für die Kontrollkommission sind an den Vorsitzenden derselben zu richten, der seine Adresse im Zcntralorgan der Partei mitzuteilen hat. Auf Antrag der Kontrollkommission oder des Parteivorstandes finden gemeinsame Sitzungen statt. Zcntralorgan der Partei. 8 28. Zentrakorgan der Partei ist der„Vorwärts, Berliner Volksblatt". Die offiziellen Bekanntmachungen sind an hervorragender Stelle des redaktionellen Teiles zu veröffentlichen. 8 29. Zur Kontrolle der prinzipiellen und taktischen Haltung deS Zentralorgans sowie der Verwaltung desselben wählen die Partei- genossen Berlins und der Vororte eine Preßkommission, die aus höchstens zwei Mitgliedern für jeden beteiligten Reichstagswahlkreis bestehen darf. Die Preßkommission entscheidet in Gemeinschaft mit dem Parteivorstande über alle Angelegenheiten des Zentralorgans, ins- besondere über Anstellung und Entlassungen im Personal der Redaktion und Expedition. Bei etwaigen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Partcivorstand und der Preßkommission entscheidet die Kontrollkommission, der Parteivorstand und die Preßkommission in der Art zu gleichen Rechten, daß jedes dieser drei Organe je eine Stimme hat. Abänderung der Organisation. 8 39. Aenderungen an der Organisation der Partei können Nur durch einen Parteitag vorgenommen werden. Anträge auf Abänderung der Organisation können nur beraten werden, wenn sie innerhalb der Fristen, welche die 8§ 6 und 12 vorschreiben, zur öffentlichen Kenntnis der Parteigenossen gelangten. Eine Abweichung von der letzteren Bestimmung ist nur dann zulässig, wenn mindestens% der anwesenden Vertreter auf einem Parteitage sich für die Abweichung entscheiden. )Ziis der Partei. Zur Tagesordnung des Parteitages. Das Kasseler„Volksblatt" nimmt Kenntnis von der Tatsache, daß in der Freitogsnummer des„Vorwärts" drei seiner Redakteure gegen einen am Donnerstag publizierten als RedaktionS- arbeit geltenden Artikel polemisieren. Es entnimmt diesem einige Sätze über die Notwendigkeit der Selbstkritik und sagt dann: „Die unausgesetzte Selbstkritik ist also das Not- w e n d i g st e für die Partei. Die drei Genossen vom„Vor- wärts" handeln ja dementsprechend, indem sie am Freitag kritisieren, was ihre Kollegen am Donnerstag zum Ausdruck gebracht haben. Das ist außerordentlich erhebend. Wir waren bisher der Meinung, daß die Propagierung unserer Grund- sätze und die Bekämpfung»in serer Gegner unsere Hauptaufgabe sei. Wir Toren— hätten wir der Partei nicht viel mehr genützt, wenn wir auf die aufreibende Agitation in Stadt und Land weniger Wert gelegt und statt dessen vom grünen Tisch aus mehr Kritik geübt hätten I" Die Redaktion unseres Kasseler Parteiblattes hätte sich in aller- nächster Nähe darüber informieren können, daß die in Frage kommenden Genossen sich nicht darauf beschränkt haben, vom„grünen Tisch" aus Kritik zu üben, sondern die„aufreibende Agitation in Stadt und Land" durchaus nicht vernachlässigten; sie tun dies auch heute nicht. Der«Leipziger VolkSzeitung" schreibt ein alter er- fahrener Partei Praktiker: „Was der„Vorwärts" als grundsätzlichen Irrtum der Parteitage bezeichnet, halten wir für die erste Aufgabe der Parteitage. So lange die inneren Angelegenheiten der Partei nicht geregelt sind, kann keine Ordnung und Disziplin in der Partei herrschen. Selbst ans den Umstand hin, daß die Diskussionen über die Interna der Partei mitunter zu breit und zeitrandend sind, läßt sich eine Ein- schrankung. die gegen die demokratische Selbstverwaltung verstieße, fuchl rechtfertigen. Wenn» dem Parteitag selbst zuviel wird, nichts Ersprießliches mehr aus der Diskussion zu erwarten ist und die etwaigen Monita in der Hauptsache gezogen worden sind, so daß die Aussprache erledigend wirkte, dann macht er schon selbst Schluß, aus dem Empfinden heraus, daß die Aussprache zur inneren Festigung der Partei genügt. Die innere Festigung ist aber die Hauptaufgabe der Partei, ohne deren Erfüllung politische Kund- gedungen irgendwelcher Art wenig oder keine Bedeutung hätten; denn die Welt respektiert Entschlüsse nur, wenn diese einen festen Charakter oder eine wohldisziplinierte Organisation als Stützpunkt haben. Mit. kurzen Worten, die Partei muß erst in sich geklärt und gefestigt dastehen, ehe sie mit anderen Kundgebungen vor die Welt trilt. Wir halten die Vorgänge auf dem Dresdener Parteitag trotz alles mißlichen Beiwerks für eine Klärung innerhalb der Partei, die zur Festigung beiträgt, teilen darum also die Auffassung des „Vorwärts" über den Dresdener Parteitag nicht. Raubt die Erledigung der inneren Angelegenheiten dem Partei- tag so viel Zeit, daß ihm wenig zur Erörterung anderer Angelegen- heiten übrig bleibt, dann wollen wir lieber diese Einschränkung in den Kauf nehmen, als die der„Vorwärts" wünscht. Bekanntlich ist früher schon der Antrag gestellt worden, die Parteitage nur alle zwei Jahre stattfinden zu lassen; er wurde abgelehnt wegen der Wichtigkeit der alljährlichen Erledigung innerer Partei- Angelegen- heiten." Die Magdeburger„Volks st imme" meint: „Die Frage, ob die Tagesordnung des Parteitages nicht etwas dürftig ist, möchten wir verneinen. Zwar halten wir es für not- wendig, daß auf dem Parteitage über die Ursache unserer Stimmenverluste bei allen Nachwahlen gesprochen wird, aber dazu bedarf es keines besonderen Tagesordnungspunktes. Bei der Besprechung des Vorstandsberichtes findet sich Gelegenheit genug, auf dieses Kapitel, das leicht recht unangenehme, aber sehr notwendige Debatten hervorrufen kann, näher einzugehen.... Wir sind der Meinung, daß es sich nicht empfiehlt, den Anregungen des„Vorwärts" zu folgen. Wie wir uns zur Sozialrefornr und zur geplanten Abänderung des Kranken- tassengesetzes zu stellen haben, wissen wir wohl, auch ohne daß der Parteitag darüber des langen und breiten verhandelt. Eine Protestresolution wird gleichfalls kaum von entscheidendem Einfluß auf die Regierung und die bürgerlichen Parteien sein, was soll der Parteitag also zu gesetzgeberischen Vorschlägen sagen, die noch gar nicht vorliegen? Neue Wege zur Förderung der Sozialreform wird der Parteitag zudem ebensowenig finden, wie der„Vorwärts" selbst, der ivohl nur uns darin übereinstimmt, daß die Stärkung des özialdemokratischen Einflusses das beste Mittel ist, um reaktionäre Anschläge zu verhüten und soziale Fortschritte zu erreichen. Dazu ollen unsere Parteitage beitragen, wozu aber nicht gehört, daß sie altbekannte Dinge, über die keine Meinungsverschiedenheiten bestehen, aufs neue erörtern. Die Erörterung der Weltpolitik würde zweifeNos sehr interessant ein, aber wir meinen, damit können wir noch ein Jahr warten. Ehe nicht über die Gestaltung der Dinge im russischen Reiche und in Ostasien ein oberflächlicher Üeberblick möglich ist, hat die ganze Diskussion darüber nur geringen Wert, da man auf Hypothesen Schlüsse aufbauen muß, die vielleicht in nächster Zeit durch die Wandlung der Verhältnisse umgestürzt werden. Lassen wir es daher bei der vorgeschlagenen Tagesordnung, schaffen wir uns eine Organisation und erledigen wir die Generalstreikfrage, dann haben wir zwei Ausgaben erfüllt, die schon seit längerer Zeit unseren Partei- tagen gestellt sind. Dann werden wir für die nächsten Parteitage die Bahn frei haben zu Erörterungen, wie sie dem„Vorwärts" vor- schweben."— » Auch die Erfurter„Tribüne" meint: „Wir können uns dem„Vorwärts" nicht anschließen, sondern stimmen der Ansicht der„Leipziger Volkszeitung" zu. Zur Begründung unserer Stellungnahme diene das Folgende. Der Sozialismus bedeutet den Besitz und Betrieb der gesamten Produktion durch und für die Allgemeinheit. Um die Pro- duktionsmittel aus den mächtigen Händen der Privatbesitzer in den Gemeinbesitz zu überführen, bedarf eS einer noch stärkeren Macht, die auszuüben die Klasse der Besitzlosen, das Proletariat, von der Geschichte bestimmt ist. Das organische Instrument dieser Klasse ist die auf die Eroberung der politischen Macht hinzielende politische Parteiorganisation und Vertretung, die zu ent- wickeln und zu stärken unser aller vornchnlste Aufgabe und Betätigung ist. WaS sollen nun die Parteitage: Sollen sie daS Instrument des Klassenkampfes größer oder geschickter machen, sollen sie die Macht der Partei nach außen hin ausbreiten oder sie nach innen konsolidieren? Ist es die Aufgabe der Parteitage, die Basis der ungeheuren Machtpyramide zu vergrößern oder deren Struktur und Spitze zu Härten und zu stählen und sie in die wirksamste Richtung zu bringen? Die Antwort kann nicht zweifelhast sein, Durch unsere unabläfsige Kleinarbeit muß die Armee durch Rekrutierung vergrößert und durch Drill in den kleinen Gefechtsübungen geschult werden. Die Parteitage haben als vornehmste Aufgabe die Pflicht, die große Gliederung der Armee einheitlich zu regeln und den Weg und die Richtung des Marsches und seine Ausführung zu bestimme». Wir haben schon früher ausgeführt, daß wir nicht wie gewisse Parteien von der Hand in den Mund leben, sondern nach großen historischen Gesetzen unsere vorgezeichncte Pflicht bewußt erfüllen. Darans und aus der Tradition der Partei ergibt sich von vornherein unsere prinzipielle Stellungnahme zu jeder auftauchenden Augenblicks- Phase der kapitalistischen und damit politischen Entwickelung, so daß eine etwa gewünschte„Feststellung" derselben auf Parteitagen mindestens sehr überflüssig wäre. Soll aber zu agitatorischen Zwecken eine Willenserklärung der Gesamtpartei über schwebende politische Augenblicksfragen herbeigeführt werden, so genügt die Annahme einer diesbezüglichen Resolution vollkommen, denn wie gesagt, wie wir prinzipiell über die Entwickelungsphasen der bürgerlichen Gesellschaft denken und welche Stellung wir dazu einnehmen, das braucht nicht erst festgestellt zu werden, sondern das steht fest und zwar ebenso für uns wie sür unsere Gegner. Weiter wird die „unmittelbare Einwirkung der Partei auf das politische Leben Deutschlands" nicht durch eine Parteitagsdiskussion und Beschluß- fassung erst herbeigeführt, sondern die wird durch unsere Arbeit inr Parlament und in allen Vertretungökörpern, durch unsere Versammlungen, Reden, Presse usw. täglich ausgeübt. Kann sie hier eine Wirkung nicht erzielen, so dürfte durch einen Partritagsbeschluß in dieser Richtung nichts geändert werden. Wir nreinen nun aber durchaus nicht, daß der Parteitag zu Augenblicksfragen eine grundsätzliche Enthaltsamkeitspolitik betreiben soll— das ist schon deshalb unmöglich, weil bei verschiedenen Punkten die wirtschaftlichen und politischen Entwickelungsphasen gestreift werden müssen. Aber wir sind mit den Tagesordnungen der letzten Parteitage durchaus zufrieden gewesen und finden auch die vom Parteivorst'and aufgestellte Tagesordnung für Jena in keinem Punkte verbesseruugSbedürftig." Dagegen sagt die„Rheinische Zeitung" in Köln: „Wir stimnien in dem, was der„Vorwärts" im all- gemeinen über die Aufgaben des Parteitages sagt, zu; wir haben ihm auch zugestimmt, als er spezielle Wünsche äußerte bezüglich der Gestaltung der Tagesordnung für Dresden und Bremen. Indessen die für den Jenaer Parteitag vorgeschlagene Tagesordnung erscheint unS so reichhaltig und wichiig, um vollauf zn genügen für die üblichen sechs Verhandlungstage— so bereitwillig wir auch an- erkennen, daß noch manche andere Gegenstände, darunter auch die vom„Vorwärts" erwähnten, der Bchaildlung in Jena wert wären.... An Arbeit— und zwar an wichtiger und dringlicher Arbeit— fehlt cS dem Parteitage diesmal also nicht, wozu dann noch die üblichen Berichterstattungen, die An- träge und die unvorherznsehenden„Zwischenfälle" kommen, so daß die PartcitagSwoche hinreichend nnt Material versehen ist, um eine Vermehrung der Tagesordnung um einen oder gar zwei Punfte, wie eS der„Vorwärts" will, bedenklich erscheinen zu lassen. l Im übrigen geben wir unserem Zentralorgan recht, daß eS ein Uebelstand ist, daß die Kritik der Tagesordnung erst einsetzen kann, wenn sie veröffentlicht und es mit Schwierigkeiten verbunden ist, sie nachträglich zu ändern. Dem ließe sich vorbeugen, wenn etwa drei Monate vor dem ungefähren Termin der Vorstand auf den Parteitag aufmerksam machte mit der Aufforderung, sich über die Gestaltung der Tagesordnung auszusprechen, und wenn dann die Parteigenossen sich zur Regel machten, hierzu in Versammlungen oder in der Presse Stellung zu nehmen und etwaige Wünsche bezüglich der Gestaltung der Tagesordnung rechtzeitig beim Parteivorstande an- zubringen."_ Wahlkreisorganisationen in Ostpreußen. Seit Anfang dieses Jahres sind die ostpreutzischen Genossen dabei, Wahlkreisorganisationen zu schassen. Sie sind der Ansicht, daß gegen das Junkertum nur dann erfolgreich gekämpft werden kann, wenn die sozial- demokratischen Wähler in Stadt und auf dem Lande in Kreis- vereinen organisiert sind. Es ist das zwar ein saures Stück Arbeit, doch schon jetzt macht sich der Erfolg bemerkbar. Der Wahlkreis- verein Jnsterburg-Gumbinnen hat das erste Hundert Mit- g l i e d e r fast erreicht. Der Wahlkreis Raftenburg-Gerdauen-Fried- land bleibt auch nicht davon weit zurück. In den Kreisen Memel- Heydekrug und Ragnit- Pillkallen sollen demnächst auch Vereine geschassen werden. Es haben sich schon viele Mitglieder zur Aus- nähme gemeldet. Ebenso soll für Labiau-Wehlau, wo es im nächsten Jahre eine Reichstagsnachwahl geben dürfte, ein Kreisverein gc- schassen werden. Besonders bemerkenswert ist, daß diesen Vereinen sehr viel Landarbeiter beitreten. Für alle Kreisvereine ist ein gemeinsames Statut ausgearbeitet worden. Das Eintritts- geld beträgt 16 Pfennig, der monatliche Beitrag 20 Pfennig. In solchen Orten des Kreises, wo die Bildung eines Vereins aus irgendwelchen Gründen nicht angängig ist, ernennt der Vor- stand auf Vorschlag der Genossen des betreffenden Ortes Vertrauens- leute, welche in geeigneter Weise den Verkehr mit den Genossen ihres OrteS und der Umgegend fördern, Beiträge für den Verein in Empfang nehmen und für die Verbreitung der sozialdemokratischen Ideen in Wort und Schrift einzutreten haben. Zu bemerken ist noch, daß den Mitgliedern der sozialdemokratische„Landbote" gratis geliefert wird, auch wird ein Sterbegeld gezahlt. Florieren die Vereine gut, so bedeuten sie besonders für die Königsberger Genossen, die bei früheren Reichstagswahlen außer Königsberg noch fast die ganze Provinz zu bearbeiten hatten, eine bedeutende Erleichterung. Der Erfolg und der Nutzen der Vereine wird sich wohl schon bei den nächsten Neichstagswahlen deutlich bemerkbar machen. Em Industrie und fiandeL Die Durchschnittspreise der wichtigsten Lebensmittel sind nach dem Bericht der„Statistischen Korrespondenz" aus 23 der größten Marktorte Preußens durchweg im Juni gestiegen. Die Preise für Weizen, Roggen und Hafer haben in den meisten Marktorten an- gezogen, während Gerste einen kleinen Preisrückgang von 1 M. pro Tonne aufweist. Auch die Preise für Eßbutter, Linsen und Erbsen sind etwas gefallen, nicht aber die für Schmalz und Eier. Die be- trächtlichste Erhöhung zeigen die Kleinhandelspreise der verschiedenen Fleischsorten. Im Durchschnitt der 23 Märkte ergibt sich seit.Beginn des Jahres für Fleisch folgende Preisbewerbung: Preise pro 1 Kilogramm . Rindfleisch Schweine- Kalb« Hammel- v.d.Keule V.Bauche fleisch fleisch fleisch Januar____ 142 121 135 143 138 Pf g. Februar... 142 121 137 143 137, März..... 143 121 140 142 139„ April..... 144 123 146 144 140„ Mai...... 146 124 151 147 143„ Juni..... 148 126 155 151 147„ Die Preise für inländischen geräucherten Speck und inländisches Schweineschmalz sind vom Januar bis Juni d. I. von 153 und 153 auf je 168 Pf. gestiegen. Berücksichtigt werden muß bei einem Vergleich dieser Zahlen, daß es sich um Marktpreise handelt, die hinter den Preisen in den Ladengeschäften zurückbleiben, ferner daß die gegen Ende Juni in manchen Städten eingetretenen Preiserhöhungen in der Durchschnitts- berechnung natürlich noch nicht voll zur Geltung kommen. Gegen den Juni vorigen Jahres stellten sich im Juni dieses Jahres fast die Preise aller Lebensmittel beträchtlich höher; Getreide z. B. um 9 Proz., Fleisch um 8 Proz., Kartosseln um 21 Proz., Etzbutter um 6 Proz., Schweineschmalz um 10 Proz., Eier um 10 Proz. Eine neue Bankenvereinigung. Die Berliner Diskonto-Gescllschaft war in den letzten Jahren der Hansemannschen Herrschaft ctioas ins Hintertreffen geraten. Sie trachtete mehr danach, ihr Ge- schäftsgebiet gegen feindliche Invasionen zu sichern, als zu ihrem Bestand neues Terrain hinzuzucrwerben. Seit aber im Dezember 1903 Adolf v. Hansemann den Weg gegangen ist, den auch die Häupter der Hochfinanz gehen müssen, streicht ein frischer Luftzug durch die Räume der Diskonto-Gesellschast. Wie die anderen Großbanken sucht auch sie ihr Hinterland auszudehnen und hat bereits in den anderthalb Jahren seit Hcmsemanns Tod recht an- sehnliche Fusionen und Anglicderungen vorgenommen. Sie hat die Firma I. Schultze u. Wolde in Bremen übernommen, die Kapitals- kraft ihrer Filiale in Hamburg, der Norddeutschen Bank, um 10 Millionen Mark gestärkt und sich zugleich die Bankfirma W. S. Warburg in Hamburg angegliedert, ferner aus dem Bank- haus Ladenburg u. Söhne in Mannheim die Süddeutsche Diskonto- Gesellschaft gebildet, mit der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel- bank zusammen in Nürnberg die Bayerische Diskonto- und Hhpo- thekenbank gegründet und mit der Kommerz- und Diskontobank die Revisions- und Vermögensvcrwaltungs-Aktiengesellschaft in Berlin errichtet. Eine ganz nette Leistung, zu der noch eine Reihe in- direkter Geschäftsgebietsvergrößerungen hinzukommen, d. h. ver- schiedene von ihren Tochter- und Unterinstituten vorgenommenen Fusionen und Erwerbungen, vornehmlich in Sachsen und am Rhein. Jetzt greift sie zu einer neuen Erweiterung ihrer Geschäfts- sphäre. Ihr Tochterinstitut in Aachen, die Rheinische Diskonto- Gesellschaft, hat mit der Westfälischen Bank in Bielefeld und mit der Bochumer Bank in Bochum Fusionsverträge abgeschlossen, durch die sie ihr Gcschäftsgebiet auf Westfalen ausdehnt. Die Aktionäre der Westfälischen Bank, deren Kapital 10 Millionen beträgt, er- Halter für je 9000 M. ihrer Aktien je 8000 M. neue Aktien der Rheinischen Diskonto-Gesellschast sowie beim Umtausch eine bare Zuzahlung von 4 Proz. und am 1. April 1906 eine Zuzahlung von 6 Proz. Die Aktionäre der Bochumer Bank, deren Aktienkapital 5 Millionen Mark beträgt, erhalten für je 7000 M. ihrer Aktien je 6000 M. neue Rheinische Diskonto-Gesellschafts-Aktien mit Divi- dcnde pro 1005 und ff. Außerdem übernimmt die Rheinische Tis, konto-Gesellschaft den Neuwiede»' Bankverein mit einem Kapital von einer Million Mark. Zur Beschaffung der für diese Er» Werbungen nötigen Mittel erhöht die Rheinische Diskonto-Gesell» schast ihr Aktienkapital von 44 auf 60 Millionen Mark. Die Kon- zentration im Banigcwcrbe schreitet mächtig vorwärts. Die Kursbewegung im Juni. In den Sommermonaten pflegt der Börsenverkehr regelmäßig abzuflauen. Wenn dies im laufenden Jahre besonders scharf hervortritt, so ist daran die Verdüsterung des po- litischen Horizontes im Laufe des Monats Juni schuld. Im Juni des Vor- jahreS konnten die Kurse trotz deS matten Verkehrs an der Börse noch merklich steigen, während in diesem Juni eine erhebliche Ab- schwächiing deS KurSnivcauS eintrat. Die Dividcndenpapicre stiegen zwar auch diesmal im Juni noch nm ein Geringes, die Abschwächung wurde durch einen Kursrückgang der festverzinslichen Papiere herbei- geführt. Es ist auch nicht eine Gruppe der festverzinslichen Werte vorhanden, die im Jum eine Steigerung aufweist. Bs sämtlichen Gruppen fand bielmehr ein mehr oder minder erheblicher Kursabschlag statt, sogar bei den Lospapieren, die seit Mitte 1904 ununterbrochen von Monat zu Monat eine Kurszunahme zu verzeichnen hatten. Der Kursrückgang der Los- Papiere im Juni ist so stark, daß ihr Kurs nicht nur hinter den des Mai, sondern sogar hinter den des April zurückgegangen ist. Bei den deutschen Staatsanleihen ist die Kursbewegung schon seit Februar rückgängig. Er siel von 97.83 Ende Mai auf 97,29 Ende Juni. Nennenswert ist auch die Kurseinbuße der deutschen Pro- vinzial- und Kreisanleihen, deren Kurs mit 93,77 niedriger steht als je in einem Monat des laufenden Jahres. Der Kurs der Komimmalanleihen, der im Mai den Paristand überschritten hatte, ist im Juni unter 109 gesunken. Ein wenig stärker noch als bei den deutschen Staatsanleihen ging der Kurs der ausländischen Staats- und Kommunalanleihen zurück. Insgesamt notierte der Durchschnitts- kurs der festverzinslichen Werte ultimo Juni 96,38 gegen 96,66 ultimo Mai. Daß die Dividendenpapiere im Juni noch etwa? steigen konnten, dafür waren die Kurssteigerungen im Berkehrsgewerbe ausschlag- gebend. Bei ihnen stieg der Kurs fast um ein volles Prozent des Nominalwertes, genau um 0,90, was für das berechnete Kapital eine Wertsteigerung von 11,88 Millionen Mark ausmacht. Von den 18 Gruppen der Dividendenwerte stiegen außer den Verkehrswerten nur noch die Werte in der Gruppe Chemische Industrie, Textil- gewerbe, Versicherungsgewerbe und ausländische Bankaktien. In allen übrigen Gruppen trat eine Wert- und Kursminderung ein, die in der Gruppe Papier, Holz und Schnitzstoffe sowie Baugewerbe ziemlich erheblich war. Aucb die deutschen Bankaktien gingen im Kurse zurück, nämlich von 164.73 ultimo Mai auf 164,84 ultimo Juni. Der Gesamtdurchschnittskurs der Dividendcnpapiere stellte sich ultimo Juni auf 165,83 Proz.. gegen 168.46 ultimo Mai. Stettiner Vulkan. Der Kampf zwischen der Verwaltung und dem größeren Teil der Aktionäre des Vulkan wegen der Anlegung einer Werft bei Hamburg hat zur Ausscheidung des Direktors Stahl aus dem Vorstand des Vulkan geführt. Herr Stahl war der Hauptbefürworter der Gründung einer Hamburger Zweigniederlassung und sein Austritt läßt darauf schließen, daß die Bekämpfer des Projektes jetzt völlig die Oberhand erlangt haben. Um da» Dekorum zu wahren, wird allerdings offiziell angekündigt, daß Kommerzienrat Stahl aus„Altersrücksichtcn" seine Entlassung er- beten hat,._ GcwcvkfcbaftUcbca. Berlin-und(Jmgeqend. Die Lohnbewegung der Fahrstuhlarbeiter. Wie in der Ver- sammlung am Sonntag mitgeteilt wurde, hat die Firma Wendland, welche die Forderungen schon früher bewilligt hatte, nun auch den Tarif unterschrieben, nachdem ihr eine kleine Aenderung desselben zugestanden war. Dieselben Bedingungen wie Wcndland hat auch die Firma Brestken u. Ko. anerkannt, so daß bis jetzt etwa IM Ar- beiter bei diesen beiden Firmen zu den neuen Bedingungen arbeiten. Einige andere Firmen hatten noch unmittelbar vor der Versammlung mit der Streikleitung und den bei ihnen beschäftigten Arbeitern verhandelt, es ist aber keine Verständigung erzielt worden. Die Arbeiter der Firmen Traut u. Ko. sowie Klotz u. Heumann ver- sicherten, daß sie am Montag die Arbeit niederlegen würden; auch bei den Firmen Schlund und Ballentin steht die Arbeitsniederlegung in Aussicht. Im übrigen hat sich an der Lage des Streiks nichts geändert. Die Streikenden sind der Meinung, daß sie schon weitere Erfolge erzielt haben würden, wenn nicht die Arbeiter der Firma Rietsch eine zweifelhafte Haltung einnehmen würden. Trotzdem hofft man aber auf einen günstigen Ausgang der Bewegung. Die Versammlung nahm eine Resolution an, wodurch sie den früheren Beschlutz erneuert: Die Arbeit nicht eher aufzunehmen als bis die Forderungen bewilligt sind. Zwischen den Fahrstuhlarbeitern und den Steinträgern, die mit der Mulde arbeiten, hat sich als die Fahrstühle aufkamen, ein gewisser Gegensatz geltend gemacht, toas um so mehr der Fall war, als jene Leute wenig Verständnis für die Organisationspflichten zeigten. Dies ist inzwischen anders geworden und die Arbeiter beider Branchen haben nun größtenteils eingesehen, daß sie ein ge- meinsames Interesse daran haben, jede Verschlechterung ihrer Ar- beitSbedingungen abzuwehren. Die bekannte Fahrstuhlfirma Rietsch u. Ko. sucht nun diesen alten törichten Zwist zwischen Fahrstuhlarbeitern und Muldenträgern von neuem anzufachen und hat zu diesem Zweck ein„An sämtliche Herren Kasten- steinträger usw. der Firma W. Rietsch u. Ko." adressiertes Flugblatt verbreitet, worin sie vor dem„gegnerischen Verband"— damit ist der bekanntlich alle Branchen der Bau- Hülfsarbeiter umschließende Verband der Bau-, Erd- und gcwerb- iichen Hülfsarbeiter gemeint— warnt und den Fahrswhlarbeitcrn einzureden sucht, die organisierten Muldenträger hätten die gegen- wärtige Lohnbewegung bei den Fahrstuhlfirmen veranstaltet, und zwar lediglich, um sich die Konkurrenz vom Halse zu halten und die Arbeit der Streikenden auszuführen. Es wird dabei an den . Streik von 1309 erinnert und in diesem Zusammenhang heißt es: „Um dasselbe Trauerspiel jetzt nach fünf Jahren in viel ver- schärster Auflage in Szene zu setzen, ist doch wohl ganz zweifeUos der verschleierte eigentlich wahre Zweck der jetzigen Agitation und schier unglaublichen Hetzereien, groben Lügen und schändlichen Verleumdungen, die über Eure Firma verbreitet werden I Eure Firma hat durchaus nichts da- gegen, daß Ihr Euch organisiert, im Gegenteil, Eure Firma wünscht, daß Ihr Euch irgend einer Gewerkschaft, sei es welche es wolle, zum Beispiel dem Verbände der Transportarbeiter, der Maurer oder Zimmerleute oder auch selbst dem AUordvercin an- schließt, und ist sogar bereit, ohne daß Eure weit über 8999,— M. haltende Unterstützungskasse angegriffen wird, wenn nötig, ein Geldopfer zu diesem Zweck für Euch zu bringen." Die Firma will, wie es scheint, sogar Vcrbandsbeiträge zahlen, wenn die Arbeiter nur der ihnen zustehenden Organisation den Rücken kehren und einer anderen beitreten. Das Flugblatt schließt Wie folgt: „Hiernach werdet Ihr erkennen, daß Kastensteinträger eine besondere eigene Organisation haben müssen, angeschlossen an eine Gewerkschaft, welche frei von solch wütigen Kon- kurrenten und Gegnern sind und daß in Euren Versamm- langen Eure Gegner von Mulden st einträ gern und Karre nschiebern, sowie berufsmäßigen Hetzern absolut nichts zu suchen haben. Ihr werdet nun selber wissen, Was Euch frommt und Was Ihr zu tun und zu lassen habt und auch bc- herzigen, das alte wahre Wort: „Der Herr behüte uns vor unseren Freunden, bor unseren . Feinden lverden wir uns wie bisher schon selber zu schützen wissen." Die Steinträger, Akkordarbeitcr, die mit der Mulde arbeiten, haben am Sonntag in eine,. Versammlung bei Jannaschk Stellung zur Lohnbewegung der Fahrstuhlarbeiter genommen. Der Referent Heinemann verlas auch das erwähnte Flugblatt von Rietsch u. Ko. und es zeigte sich, daß volle Einmütigkeit darüber herrschte, jede Strcikarbeit zurückzuweisen und die an Fahrstühlen arbeitenden Kollegen in ihrem Kampf mit aller Kraft zu unter- stützen. Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen: „Die heute am 9. Juli bei Jannaschk versammelten Stein- träger sprechen den um vessere Lohn- und Arbeitsbedingungen kämpfenden Fahrstuhlarbeitern ihre volle Sympathie aus. Sie verurteilen die Handlungsweise einzelner Steinträger, welche das Wort Solidarität nicht begriffen haben und sich nicht entblöden, den kämpfenden Fahrstuhlarbcitcrn in den Rücken zu fallen. In der Erwägung, daß der Verlauf des Kampfes von hoher Be- deutung für die Muldcnträger ist, verpflichten diese sich, überall da, wo Fahrstuhlarveiter gearbeitet haben, die Arbeit nicht auf- zunehmen und somit den Gedanken der Solidarität voll'"'.r Geltung zu bringen," Bei den vier Firmen, die am Sonntag für die Arbeitsnicder- legung in Aussicht genommen wurden, ist am Montag früh die Arbeit einmütig niedergelegt worden. Infolgedessen traten die Firmen in Verhandlungen mit den Streikenden. Die Steinträger haben überall volle Solidarität mit den Fahrstuhlarbeitern be- kündet, Deutkches Reich. Der Malcrstrcik in Hannover ist durch Vergleich mit dem Arbcitgeberverbande beendet. Die Forderung der Gehülfen bestand in der Hauptsache in einem Stundenlohn von 89 Pf.; sie ist bereits im Vorjahre dem Arbeitgebcrvcrbande eingereicht worden. Letzterer lehnte damals die-Bewilligung ab und eS kam zu einem 12 Wochen lang andauernden Streik.~ Die Arbeitgeber bewilligten nur 46 Pf. Lohn, der in der Regel gezahlt werden sollte dem Gehülfen, der die mittleren Arbeiten in Leim- oder Lelfarben bei normalen Leistungen ausführen kann. Den jüngeren Gehülfen sollte bis zum zweiten Jahre nach Beendigung der Lehrzeit ein Lohn von 42 Pf. bezahlt werden. Diese Zugeständnisse lehnten die Gehülfen ab, sie riefen das Einigungsamt des Gewerbegerichts an. Dieses stellte sich in seinem Schiedsspruch lediglich auf feiten der Arbeitgeber, formulierte diesen nach demselben Wortlaut, nur ließ es die Worte „in der Regel" heraus. Die Streikenden nahmen den Schiedsspruch nicht an und erklärten am 24. Juni v. I. den Streik für beendet. Die Streikenden hatten die Arbeit bedingungslos aufgenommen, doch die Meister gelobten, dem Schiedsspruch des Gewerbegerichts entsprechend zu handeln. Das haben sie nun aber nicht getan, weshalb die Bitterkeit und Erregung unter den Gehnlfen noch verstärkt wurde. In diesem Jahre sind die Forderungen wieder von neuem eingereicht. Die Arbeitgeber höhnten die Organisation mit der Zusage eines Minimallohnes von 48 s I) Pf. pro Stunde. Trotz des zwölfwöchigen Streiks vom Vorjahre nahm die Organisa- tion den Kampf in diesem Jahre wieder mit gleicher Energie auf. Am 22. Mai begann der Streik und am 9. Juli wurde er beendet. Die Unternehmer kamen zu der Einsicht, daß ohne annehmbare Zu- geständnisse auf längere Dauer Ruhe im Gewerbe nicht zu schaffen ist, und so kam man dahin überein, einen Tarif abzuschließen bis zum 1. April 1993. Der Lohn beträgt bis zum 1. April 1996 nicht unter 46, bis 1. April 1997 nicht unter 48 und von da ab nicht unter 89 Pf. pro Stunde. Die Bestimmung, die von normaler Leistung bei mittleren Arbeiten handelt, ist stehen geblieben. Besser? Leistungen werden nach Uebereinkunft höher bezahlt. Jüngere Ge- hülfen erhalten einen etwas geringeren Stundenlohn. Die Arbeits- zeit beträgt neun Stunden. Es wird eine Tarifkommission ein- gesetzt, aus beiden Teilen zu drei Mann, in der der Obermeister der Innung und der Altgehülse abwechselnd den Vorsitz führen. Falls keine Einigung erzielt wird, soll der Vorsitzende des GewerbegerichtS an- gerufen werden. Der Tarif verlängert sich um ein Jahr, wenn er nicht bis zum 2. Januar jeden JahreS, frühestens am 2. Januar 1998, gekündigt wird. Maßregelungen werden nicht vorgenommen. Damit ist einer der encrgischten Kämpfe der organisierten Arbeiter Hannovers beendet. Man hatte es hier mit einem über alle Maßen heftigen Widerstände der Unternehmer zu tun, der für diese von besonderer Bedeutung deshalb ist, weil von Hannover aus die Gründung von Arbeitgeber-Verbänden im Malcrgcwerbe betrieben ist und der Vorsitzende des Hannoverschen Arbeitgeber-Verbandes auf dem Malermeistertage in München darüber ein Referat hielt und die Taktik der Hannoverschen Malermeister besonders empfohlen hat. Deshalb ist daS Erreichte ein großer Erfolg der Arbeiter. Zur Aussperrung der Bauarbeiter in München. Gcwerbegerichtsrat Dr. P r e u e r hatte dieser Tage mit einer Abordnung des Arbeitgeber-Verbandes für das Baugewerbe eine Unterredung, um eine Basis zu finden, auf der der Frieden im Bau- gewerbe wieder hergestellt werden könnte. Die Arbeitgeber erklärten sich unter der Bedingung bereit, in Unterhandlungen vor dem Einigungsamte einzutreten, wenn sich die Vertretung auf alle im Baugewerbe interessierten Arbeiter-Kate- gorien erstrecke. In diesem Falle wäre der Arbeitgeber- Verband geneigt, einen Vertrag mit dem Gewerkschafts- verein, nicht aber mit den einzelnen Organisationen abzu- schließen. Hierauf lud Gcwerbcgcrichtsrat Dr. P r e u e r den Ge- Werkschaftssekretär Jacobsen und die Vorstände der in Betracht kommenden Organisationen zu einer Unterredung, um deren Ansicht über diesen Vorschlag zu hören. Ein Teil der Gewerkschaftsführer erklärte sich zu diesbezüglichen Unterhandlungen bereit, die übrigen gaben keine bindenden Erklärungen ab und wollen erst die Zu» stimmung ihrer Zentralvorstände einholen. Es ist allerdings eine Frage, die ernstlich geprüft werden müßte, ob der Arbeitgeber-Verband für das Baugewerbe in München für die organisierte Arbeiterschaft überhaupt noch als vertragswürdig in Betracht zu kommen hat. Mit einem unerhörten Terrorismus haben diese Schleifsteindreher bei ihrer gegenwärtigen Attacke auf das Koalitionsrecht zahlreiche Unternehmer, trotz der vorhandenen Tarifverträge, in Verruf erklärt und sie einfach zum Vertragsbruch und zur Aussperrung ihrer Arbeiter gezwungen. Einer Korporation gegenüber, die derart Recht und Anstand mit Füßen tritt und ihre Mitglieder zu einer flagranten Rechtsbeugung auffordert, wie es der Arbeitgeberverband bei der gegenwärtigen Aussperrung getan, einer derartigen Gesellschaft gegenüber sagen wir, hat die organisierte Arbeiterschaft allen Anlaß, doppelt vorsichtig zu sein. RusUnck. Drr Kongreß der englischen TradeS NnionS wird sich in diesem Jahre mit der Neuwahl eines Sekretärs für das parlamentarische Komitee zu beschäftigen haben; Sam Wouds hat eine Wiederwahl definitiv abgelehnt. Drei Kandidaten kommen für diesen wichtigen Posten in Frage: Stanley von den Berg- arbeitern, S e a d m a n von den Zimmerern und Ben Tillett von den Dockern. Auf der Tagesordnung stehen u. a. verschiedene An- träge betreffend die Fabrikinspektion, das Trucksystem und der Acht- stundcntag für die Bergarbeiter. Die Führer der GaSarbeiter, William T h o r n e und Pete C u r r a n, beide Sozialisten, bringen eine Resolutton zugunsten der Unentgeltlichkeit der Schule und der Lehrmittel ein; ferner fordern sie die Verstaatlichung der Schule und die öffentliche Kontrolle über den Unterricht in allen Lehr- anstalten. Soziales. Ei» Aerzteflreik ist in F o r st lLausitz) bei der OrtSkrankenkasse oer Tuchmacher- und Walkergesellen ausgebrochen. Ein Mitglied der Kasse hatte gegen einen Kassenarzt Beschwerde erhoben, die vom Vorstand und von der Generalversammlung für begründet erachtet wurde. Der Vertrag mit dem betreffenden Arzte wurde deshalb aufgelöst. Nun erklärten sich aber die übrigen Aerzte mit ihrem gemaßregelten Kollegen solidarisch und legten ihre Äemter nieder, bezw. weigerten sich, für die Kasse tätig zu sein. Sie fordern zu- gleick eine andere Regelung der Honorarzahlnng und eine Erhöhung des Honorars auf 3 M. pro Jahr und Mitglied. Die General- Versammlung der Kasse verhielt sich ablehnend. Sie will den Kampf mit der Aerzteorganisation aufnehmen. Der Konflikt hätte sich, wie unser Forster Parteiblatt meint, sehr wohl vermeiden lassen, wenn in der Verwaltung der Tuchmacher- und Walker- kasse nicht ein so rückständiger Geist herrschte. War es doch diese Kasse, die sich am meisten gegen eine Ver- schmelzung der Forster Krankenkasse» sträubte und die sich bis heute noch nicht einmal der Zentratkommiffion der hiesigen Krankenkassen angeschlossen hat. Die in der Zentral- kommission vereinigten Krankenkassen haben mit den Aerzten günstige. den Frieden garantierende Verträge abgeschlossen. Wir sind geneigt, anzunehmen, daß die Aerzte ihre Forderungen ent- Iprechend erniäßigt hätten, wenn ihnen die Tuchmacher- und Walker- lasse etwas Entgegenkommen gezeigt hätte. Für die UnterlassungS- süuden der Kassenverwaltung müssen nun die kranken Mitglieder büßen, denn die Aerzte haben, wie verlautet, kategorisch erklärt, daß sie bei den Mitgliedern der geiiaiinten Kasse auch keine Privatpraxis mehr ausüben wollen— ein Vorgehen, das schärfste BerurteiKwß verdient. Flecktyphus in Leipzig. In Leipzig ist der Flecktyphus auS» gebrochen. Am 6. Juli wurde bei der in das städtische Krankenhaus aufgenommenen Witwe Maschkowitz, Schützenstraße 19 wohnhaft, Erkrankung an Flecktyphus festgestellt. Die Erkrankung beruht auf Ansteckung durch einen vor drei Wochen aus Zürich zugereisten russischen Arbeiter, der nach eintägigem, zum Teil bei Frau Masch- kowitz verbrachtem Aufenthalte in das dortige Krankenhaus auf« genommen, und bei dem Flecktyphus festgestellt worden ist. Bei einem weiteren Falle, der einen am 6. Juli unter dem Verdachte der Flecktyphuserkrankung in das Krankenhans eingelieferten und dort verstorbenen älteren Mann betrifft, hat die Settion diesen Verdacht zwar nicht vollständig beseitigt, ihn aber abgeschwächt. Eine Be- ziehung zwischen diesem Falle und den beiden vorgenannten ist nach den angestellten Erörterungen sehr unwahrscheinlich. Die Behörde hat sofort die umfassendsten Desinfektions-, Konttoll- und Absperr- maßregeln getroffen, um ein weiteres Umsichgreifen der Krankheit zu verhüten._ Vermischtes. Grubrnbrand. Lütgendortmund. Eine furchtbare Katastrophe ist zu befürchten. Auf der fünften Sohle der Z e ch e„Borussia" fing dre Schachtzimmerung Feuer, das an den ölbeschmierten Holzklötzen reiche Nahrung fand. Zur Unfallzeit befanden sich 287 Mann der Morgenschicht in der Grube. Davon sind bisher 289 durch den Luftschacht m Oespel wohlbehalten entronnen. Das Schicksal von dreißig Bergleuten ist noch ungewiß. Dem Schachtgebäude entguellen dichte Rauchmasscn. Die Feuerwehren vonLütgendorttnund und Zeche„Germania" sind anwesend. Um'/42 Uhr ritz ein Förderseil; viele Bergleute waren vom Qualm betäubt und erreichten nur mit Mühe den Ausgang. Dichte Menschen- massen stehen am Schacht, voll banger Sorge um das Schicstal ihrer Lieben. Vom Oberbergamt ist eine Kommission eingefahren« auch Rettungsmannschaften mit Rauchhelmcn schicken sich zur Gruben Eine spätere Meldung läßt die Befürchtung des entsetzlichen Unglücks leider fast zur Gelvißheit werden: Lütgendortmund, 19. Juli. Durch den Brand auf Sohle 8 der Zeche„Borussia wurden 39 Bergleute abgesperrt. Die durch den teilweise erfolgten Einsturz des Schachtes erschwerten Rettungsarbeiten werden fort- gesetzt, jedoch hegt man die Befürchtung, daß ein großer Teil der Vermißten erstickt ist._ Der Brand der großen Warthebrücke in Landsberg a. W. hat für diese Stadt ganz ungeheuerliche Folgen gehabt. Eme große Steuererhöhung wird, wie bereits vom Magistrat angekündigt wurde, durch den Neubau der Brücke und durch die Maßnahmen, welche provisorisch zur Aufrechterhaltung des Verkehrs getroffen wurden, eintteten. Der Verkehr zwischen der Stadt und der�Brückenvorstadt wird zur Zeit durch Dampfer, Fähren und Handkähne aufrechter- halten, wobei oft recht große Unordnung herrscht. In aller Erle haben Pioniere außerdem eine Pontonbrücke errichtet, die aber durch ein dagegen fahrendes Floß teilweise wieder zerstört wurde. Da der Verkehr von Floßholz auf der Warthe besonders lebhaft ist, sollen fortan ständige Pionierposten denselben regeln. Die Ponton- brücke kostete zirka 8999 M. Für schwere Lasten soll ferner eine Zillenfähre mit etwa 8999 M. Kosten eingerichtet werden. Die Eisenba hiiverwaltung hatte anfänglich den Fußgängerverkehr über d'.e Eisenbahnbrücke gestattet und Pendelzügc, welche den Verkehr ver- mittelten, eingestellt. Für letztere muhte die Stadt pro Tag 99 Dt. zahlen, sie wurden deshalb wieder eingestellt, zumal sie zwecklos waren. Jetzt ist der Fußgängerverkehr nur unter der Bedingung gestattet, daß die Stadt einen festen Belag zwischen den Eisenbahn- schienen herstellen läßt. Um eine bessere Anfuhr zu der Ponton» brücke zu schaffen, mußte die Ziegelstraße in aller Eile umgepflastert werden. Ein Bataillon Pionier« wird auf Kosten der Stadt zu» nächst eine Notbrücke mit eisernem Obcrbelag herstellen, was etwa 8 Wochen dauerii wird. Dann erst wird mit dem Bau einer neuen massiven Warthebrücke begonnen werden können. Geheimnisse aus einher Bäckerei. Vor dem Landgericht München I kamen gelegentlich einer Verhandlung gegen den Bäckermeister Jos es Lohr lvcgen eures Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz unerhörte ekelerregende Schweinereien zur Sprache. Es wurde nämlich erwiesen, daß der ehrsame Meister, der nebenbei bemerkt mit der Kleinigkeit von 7 Jahren Zuchthaus vor- besttaft ist, e i n I a h r l a n g fast täglich altesverschimmel- tes, von Mäusen angefressenes Brot durch heißes Wasser aufweichte und dem für das Hausbrot bestimmten Teig beimischte, daß er schmutziges Wasser, in dem er sich die Hände reinigte, zum Anmachen des Teiges verwendete, daß er, als er im Winter 1993/94 an beiden Armen mit einem eiterigen Ausschlag behaftet war, sich am Backgefchäft be- teiligte, dabei seine beiden Arme mit dem sogenannten„Stumpfer"� (ein Instrument mit dem die Semmel geteilt werden) kratzte, und dieses Instrument, ohne es zu reinigen, sofort wieder bei der Arbeit verwendete.— Ter Angeklagte konnte diese Behauptungen nicht in Abrede stellen, er suchte sie nur zu beschönigen. Der Staatsanwalt verlangte die Aussetzung der Verhandlung, weil An- Haltspunkte dafür gegeben seien, daß der Angeklagte nicht nur ein Jähr lang, sondern auch früher diese Schweinereien getrieben habe. Das Gericht gab diesem Antrage st alt, um dem Staatsanwalt Gelegenheft zu geben, das Beweismaterial auch nach dieser Richtting beizubringen. Sechs Personen ertranken Sonntag abend oberhalb Ober- k a s s e l durck Umschlagen des Bootes. Weitere sechs wurden ge-> rettet. Das Umschlagen! des Bootes wurde durch die Schlagwellcn eines vorüberfahrenden Dampfers herbeigeführt. Verbotene Experimente an einem Enthaupteten. Der„Vogtl. Anz." schreibt: Der Hinrichtung des Raubmörders Neumann wohn. ten u. a. fünf Assistenzärzte von der Leipziger Universität bei, die eigens nach Plauen gekommen Ivaren, um immittelbar nach dem Fallen des.Hauptes in wissenschaftlichem Interesse mit dem Leichnam Experimente vorzunehmen. In Anbetracht i