ZK. 161. flbonnementS'Bedlngungen: •Sonncmcntä. Preis pränumerando z Lierteljährp ZM m., Mona». 1,10 Mk.. wöchentlich 28 Pfg. frei inS Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags» Nummer mit illustrierter Sonntags» Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat, Eingetragen in die Post. ZcitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. LS. Jahrg. ktlchtllll laglich auSu mtoUat. Derliner VolksblÄkk. W( InIern«ns»Sfbtftr beträgt für die sechSgespaltene Kolon«!» zeile oder deren Siaum 40 Pfg. für politische und gewerkschaftlich« LereinS- unb BersammlungS-Anzeigen 26 Pjg. „Kleine Hnzeigen", das erste(fett» gedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort S Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedstion ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis S Uhr dormtttagZ gehsfnet. Telegramm. Adresse: ,.S»i»Iilt«»llkal BttUo", Zentralorgan der rozialdernohratifcben partei Deutfchlanda. Redaktion: 8 Cd. 68, Lindenetrasec 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 19S3. Donnerstag, den 13. Juli IVOS. Expedition: SM. 68» Lindenetrasee 69. Fernsprecher: Amt IV Nr. 1984. Auswärtige Nebel. Nach langen Zögerungen ist endlich die Marokkoangelegew heit einigermaßen in glatte Bahn geleitet. Da werden von einigen Stellen Nachrichten verbreitet, welche mindestens Anzeichen dafür sind, wie sehr die internatio nale Lage„gespannt und gefahrvoll" bleibt, um das Wort Bülows beizubehalten. Der nationalistische„G a u l 0 i s" veröffentlicht, wie das Wölfische Depcschenbureau übermittelt, eine angebliche Unter- redung mit dem ehemaligen Mini st er des Aeußern Delcassö, wonach dieser unter anderem folgendes gesagt haben soll: Eine ernsthafte und wirksame Politik macht man heutzutage nicht ans Grund von Sympathie» oder Antipathiegefühlen, sondern mit Rücksicht auf Interessen. Die Interessen Frankreichs liegen auf englischer Seite. England ist unser bester Käufer. Was kaust Deutschland von nnS? Nichts oder fast nichts! Dagegen verkauft uns Deutschland alles, was es kann. Frankreich kann England die Herr» schaft zur See nicht streitig machen, deshalb ist es das Klügste, sich vor der Vernunft zu beugen und in Rechnung zu ziehen, welchen Wert der englische Beistand in gewissen Fällen für uns haben kann. Dieser Beistand nun hätte für uns den Wert, daß Deutschland in die Unmöglichkeit versetzt würde, uns den Krieg zu erklären. Was vermöchte im Falle eines Krieges, in welchem England mit uns ginge, die deutsche Flotte? Was würde aus den Häfen, dem Handel und der Handelsmarine Deutschlands? Die vollständige Vernich- tuiig derselben wäre die Folge. Das ist die Bedeutung des wohl vorbereiteten und wohl berechtigten Besuches des englischen Geschwaders in Brest. Der Gegenbesuch des französischen Geschwaders in Plymouth wird diese Kundgebung vervollständigen. DaS Einvernehmen Frankreichs und Englands und die Ver- einigung der Flotten dieser beiden Länder schaffen ein so furcht- bares Kriegswerkzeug, daß weder Deutschland noch sonst eine Macht die Vernichtung zur See würde riskieren wollen. Die Entente mit England bedeutet außerdem die Anbahnung besserer Beziebungen zwischen Rußland und England. Das war die Ueberraschung, welche das gute Einvernehmen Englands mit Frankreich der Welt bereiten konnte. Der„Gaulois" meldet ferner, Delcassü habe sodann die Ministerratssitzung geschildert, in der er seine Entlassung gab. Danach habe er in dieser Sitzung die Pläne für ein Bündnis mit England auseinandergesetzt, worauf die Minister erschreckt erwidert hätten: Aber Deutsch- land wird uns angreifen. Hierauf habe Delcassö geantwortet: „Nun denn, so mag es uns schließlich an» greifen. Wir sind in der Lage zu antworten". Delcasss habe schließlich erklärt:„Sich zur Konferenz zu begeben, ist für Frankreich ein Fehler, und welch' ein Fehlerl" Zunächst ist nicht einmal gewiß, ob der Sinn des„Gaulois"- Artikels vollständig und richtig wiedergegeben ist. In einem Telegramm des„Herold- Bureaus" klingt ein wesentlicher Passus erheblich anders: „Auf die Frage des„Gaulois"-Mitarbeiters, ob die Gefahr eines Konfliktes zwischen Frankreich und Deutschland seit Beginn der Marokkoverhandlungen bestanden habe. erklärte Delcasss, er habe diese Frage niemals ernst genommen, denn im Falle eines Krieges mit Deutschland hätte England Frankreich unterstützt und die im Werden begriffene deutsche Kriegsflotte völlig zermalmt sowie seine Handelsintcressen auf unabsehbare Zeit lahmgelegt." Doch wenn sich zwischen diesen Meldungen auch eine Uebereinsttmmung denken läßt, so muß erst klar werden, ob Delcasss tatsächlich dem„Gaulois" jene Aeußerungen zur Veröffentlichung übergeben hat. Es erscheinen die angeblichen Aeußerungen Delcassss in dem übermittelten Wortlaut schon deshalb nicht glaublich, weil so viel Eselei dem DelcassS doch nicht zugetraut werden sollte. Weder kann man so un- sinnige Ansichten dem früheren französischen Minister des Aeußern zutrauen, noch kann man selbst der verletzten Eitelkeit des Gestürzten zutrauen, daß sie Anschauungen solcher Art, wenn sie bestanden haben, veröffentlichen würde. Die Unwahrscheinlichkeit solcher Aeußerungen Delcaffss ergibt sich schon aus der lächerlichen Unrichtigkeit der Angaben über die Handelsbeziehungen Frankreichs zu Deutschland und England, auf welche sich die weiteren Erwägungen aufbauen. Delcasss soll gesagt haben, Deutschland kaufe fast nichts von Frankreich, dagegen verkaufe Deutschland alles, was es kann. an Frankreich; England aber sei Frankreichs bester Käufer. Nun ist gewiß England der beste Käufer Frankreichs, wie es der beste Käufer Deutschlands ist. Aber die Handelsstatistik für das Jahr 1904 zeigt, daß Deutschland nach Frankreich Waren im Werte von nur 274 Millionen Mark geliefert hat. während Frankreich nach Deutschland den bedeutenden Export von 423 Millionen Mark hatte. Damit fällt die Grundlage zu- sammen, auf der Delcassss waghalsige Politik sich aufgebaut haben soll. Es scheint danach, als beruhe das angebliche Interview auf Kombinattonen, wie sie in gewissen Pariser Zeitungen nicht selten geleistet werden, oder aber es ist ein Kern von Wahrheit reichlich in Vermutungen gehüllt worden. Die Frag- Würdigkeit der„Gaulois"-Meldung bedeutet natürlich nicht, daß Delcasss nicht tatsächlich eine unsinnige Politik befürwortet hat, welche die Gefahr des Krieges hätte herbeiführen können. Ohne sehr triftigen Grund haben seine Ministerkollegen ihn nicht fallen gelassen. Die Wahrheit scheint zu sein, daß Del- casss in törichter Hoffnung aus englische Hülfe das von Deutsch» land geforderte Entgegenkommen in der Marokkofrage nicht erfüllen wollte. Die Ministerkollegen erkannten die Gefahr und sagten sich von ihm los. Ein G e g e n st ü ck zu den angeblichen Aeußerungen Delcassss bilden angebliche Aeußerungen des Kaisers Wilhelm. Der„Berl. B.- C." übermittelt aus Rom einen Arttkel der„Patria", der die Ueberschrift„Eine Seite zeitgenössischer Geschichte" trägt und dessen Verfasser Baron Alberto L u m b r 0 s 0 ist, der im vorigen Jahre an den italienisch-österreichischen Handelsverhandlungen beteiligt war und am italienischen Hofe Beziehungen hat. Die Hauptstellen dieses Arttkels besagen: Im Jahre s?) ISOS verließ der französische Gesandte bei dem Könige von Italien. B a r r s r e, unvermutet seinen Posten, ob- gleich ihn die gesellschaftlichen Verpflichtungen in Rom hätten fest- halten sollen, und begab sich nach Paris. Die Zeitungen meldeten. daß die Reise in Familienangelegenheiten geichehe, in Wahrheit aber begab sich Barrsre nach Paris, um mit semem Minister über eine äußer st bedeutsame vertrauliche Mit- teilung zu sprechen, die ihm in Rom zuteil geworden war. Diese Mitteilung lautete:„Der deutsche Kaiser, der schon über die allzu herzlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Italien in Unruhe sei, habe erfahren, daß Frankreich und England im Begriffe seien, sich sehr eng an einander anzuschließen, und daraufhin schriftlich oder mündlich geäußert(wahrschein- lich schriftlich ineinemBriefe an den König Viktor Emanuel): Solange sich Frankreich und England damit begnügen, freundschaftliche Bereinbarungen zu treffen, bleibe ich still. Aber den Abschluß eines formellen, gegenseitigen Bündniffes zwischen diesen beiden Mächten dulde ich nicht!" Wie es scheint, nahm Delcasss die Mitteilung des Gesandten ziemlich leicht. Aber Barrsre wandte sich' auch an den Ministerpräsidenten Rouvier, der die Tragweite der Aeußerung des deutschen Kaisers erfaßte und von Delcasss energisch tägliche, vollständige Mitteilungen über den Gang der auswärtigen Politik forderte. Delcasss ließ sich aber nicht stören, sondern arbeitete weiter an seinem Projekt eines„schriftlichen Einverständnisses" mit England. Eines Tages las er den Entwurf dem Präsidenten Loubet und Rouvier vor. In der Zwischenzeit hatte Rouvier von anderer Seite eine Bestätigung der Absichten des deutschen Kaisers erhalten. Er ge- riet in große Erregung und forderte von Delcasss, daß der ge- samte Notenwechsel mit der englischen Regierung dem nächsten Ministerrat unterbreitet werde. In diesem Ministerrate kam es zu erregten Auseinandersetzungen zwischen Rouvier und Delcaffs. Der Miiiisterpräsident machte dem Minister des Aeußeren Vor- Haltungen darüber, daß er auf die Mitteilung des Gesandten in Rom gar kein Gelvicht lege und verlas sodann eilien anitlichcn Bericht BarrsreS, in dem die Aenßerung des deutschen Kaisers wiederholt war. Die Minister gerieten in Erregung, Delcasss aber erklärte:„Auch wenn unser Bertrag mit England zum Kriege führen sollte, so würde ich doch nicht zögern, ihn zu unterschreiben und Ihrer Genehmigung zu enipfehlen. Dieser Vertrag ist die Krönung einer siebenjährigen Politik, die darauf ab ielt, Deutschland in Europa zu isolieren. ouvier ersuchte nun jeden Minister, seine Meinung über das Projekt Delcassss zu sagen und zu begründen. Alle, mit AuS nähme des Kriegsminifters Berteaux, erklärten eine Polittk, die zum Kriege mit Deutschland führe. für verwerflich. Rouvier verlangte hierauf, daß Delcasss ihm— dem Minister Präsidenten— die weiteren Verhandlungen mit England überlasse, und der Ministerrat gab einmüttg derselben Forderung Ausdruck. Delcasss erwiderte, daß er zu lange verantwortlicher Minister ge wesen sei, als daß er sich jetzt in die Rolle eines vorwagenden Rates finden könne und gab seine Entlassung." Wenn sich die Dinge so zugetragen haben, wie hier er- zählt wird, so wird das Wort des Fürsten Bülow vollends verständlich, daß zu einer gewissen Zeit die internationale Lage sehr gespannt und geschwollen gewesen ist. Dann tritt aber noch unendlich eindringlicher als bisher die ungeheuerliche Tatsache in das Bewußt sein der we st europäischen Nationen, daß die Diplomatte sie mit verbundenen Auge» au den Rand des furcht- barsten Abgrundes treibt. Soweit es möglich ist, in die trüben Nebel zu schauen, m denen die Diplomatie das Spiel um die Wohlfahrt ganzer Völker betreibt, hebt sich die Tatsache heraus, daß bei der deutschen wie bei der französischen Regierung infolge des russischen Zusammenbruches die Befürchtung aufkam, als beabsichttge jeder von beiden den anderen zu isolieren und die Isolierung zur Erreichung von besonderen Vorteilen aus- zubeuten. England ist durch die deutsche Weltpolittk gereizt und sieht unwillig die stets sich steigernden Marinerüstungen Deutschlands. Frankreich nutzte diese Verstimmung, um seine eigenen Beziehungen mit England zu verbessern. und der russische Zusammenbruch erhöhte die Notwendigkeit dieser Freundschaft. Dieser selbe Zusammenbruch Rußlands aber gab der deutschen Diplomatte Gelegenheit, gegen Frankreich schroffer vorzugehen als es vor den russischen Mederlagen in der Mandschurei und in der Koreastraße möglich war. So kam. es, daß die deutsche Regierung eine überlegene gegnerische Mächte- gruppierung und daß Frankreich einen kriegerischen Angriff Deutschlands befürchtete. Bülow brach nun die Marokkosache vom Zaun, um die Sstuatton zu klären und eine Entscheidung herbeizufiihren. Ob und wie weit das Entgegenkommen Frankreichs nach Delcassss Beseitigung alle jene Befürchtungen gelöst und für die Nationen den Anlaß zu Beunruhigungen beseitigt hat. das ist jetzt nicht völlig abzusehen. Es ist an- zunehmen, daß trotz der Milderung der Situation der internationale SpannungSz» st and andauert. & Es ist die große Aufgabe der westeuropäischen Nationen, insbesondere der Arbeiterklasse die Nebel davon zu jagen, welche aus den Kabinetten der Diplomatte aufsteigen. Fürsten und Diplomaten sollen nicht nach ihrem Belieben über Gut und Blut ganzer Völker schalten. Die Völker sträuben sich aufs nachdrücklichste, daß einzelne Personen die Macht haben sollen, über Frieden und Krieg zu entscheiden. Die Völker protestieren gegen die Zumutung, daß ihnen heute in hohen Tönen von der Friedfertigkeit der Regierenden erzählt wird und daß sie morgen auf die Schlacht- felder geschickt werden sollen, um durch die Schlünde der Kanonen mit den benachbarten Nattonen zu sprechen, mit denen gemeinsam sie Friedensarbeit an menschlichen Kultur- werken zu verrichten wünschen! Die russische Revolution. In der Marine glimmt der Aufruhr fort und jeden Tag mag er wieder in hellen Flammen auflodern. Aus Reval wird vom 11. d. Mts. gemeldet, daß die dorttge etwa 700 Mann zählende Flottenhalbeguipage sich weigerte, daS Mttagessen, welche? sie als widerlich bezeichnete, zu genießen. Die Mannschaft entsandte eine Abordnung an den Kommandeur, der die Speisen kostete und den Matrosen recht gab. Dem Kompagniekommandeur wurde hierauf die Leitung der Verpflegung entzogen und er mit achttägigem strengen Arrest bestrast. Die Mattosen beschuldigen den Kompagnie« iommandeur, er habe einen Teil der Berpflegungsgelder unter« schlagen. Auf den Schiffen„Minin" und„Kreml" wurde in Befürchttmg de« Aufruhrs den Matrosen die Benutzung der Gewehre entzogen. Zum Attentat ans Schuwalow. Aus M 0 s k 0 u wird telegraphiert: Auf Grund der Aussagen des Mörders des Gouverneurs Schuwalow gelang es der Polizei, mehrere geheime Zusammenkunftsorte der Revolutionäre sowie eine Bombenwerkstätte aufzuheben. Unter den Verhafteten befinden sich einige den besseren Ständen angehörende Personen. DaS ist aber ganz unglaubwürdig. Keiner der heldenhaften Attentäter hat durch seine Aussagen den Zarenschergen Gelegenheit gegeben, andere Revoluttonäre zu ergreifen. Ueber den Grund zum Attentat wird aus Moskau gemeldet, daß es in gewissem Zusammenhange steht mit der für den 19. Juli ge« planten allgemeinen Semstwoversammlung, die sich mit der end« gülttgen Klärung der jetzigen Lage in Rußland befassen wollte, aber abschlägig beschieden und bis jetzt, trotz aller Reklamationen, nicht gestattet wurde. Dazu kommen noch die in letzter Zeit von dem getöteten Stadthauptmann getroffenen scharfen Maßnahmen, so die Ausweisung aller Personen, die sich über ihren Wohnsitz in Moskau zwar vorschriftsmäßig ausweisen konnten, aber an Moskau weder durch eigenen Geschäftsbetrieb, noch durch Zugehörigkeit zu einem der Moskauer Stände gebunden sind. Bom Kaukasus. TifliS, 12. Juli. Bei einigen hier vorgenommenen HauS» suchungen wurden 112 Bomben gefunden. Auf der Statton Michai« lowo wurde ein Mann verhaftet, der Bomben bei sich führte, ebenso ein Geistlicher, bei dem ein Revolver, 108 Pattonen sowie ein Dolch geftmden wurden. Nnrnhe« in Minsk. Minsk, 12. Juli. Gestern abend versuchte eine nach Tausenden zählende Menschenmenge eine Kundgebung zu veranstalten. Kosaken feuerten auf die Menge, die mit Revolverschüssen antwortete. Die Zahl der Verwundeten ist noch nicht ermittelt. In der Nacht wurde in der Nähe des Hause? des Gouverneurs eine Bombe geworfen. Ein Schutzmann und ein Kosak wurden verwundet. Der Semstwvkougreß gegen den Zaren! In einem Artikel über die in Rußland zu erwartenden Ereignisse bringt die„Russ. Korresp." nach einer Darstellung des Marine« aufftandes die folgenden Ausführungen: ... Und ebensowenig ist ein Urteil darüber möglich. 0 b d e r nächste große Plan einschlagen wird. Es berührt uns eigentümlich, daß die Revoluttonäre unumwunden von ihren Absichten sprechen, wie es zurzeit in Rußland geschieht, aber diese brutale Offenheit ist der beste Beweis für die Ohn« macht der Regierung. Die Revolution ist aus dem Stadium der heimlichen Verschwörungen heraus, sie fühlt sich stark genug, dem Feinde offen den Krieg zu erklären. DaS neue Projekt ist anders geartet als die früheren. Es steht die unblutige Um- wälzung vor. Der große Kongreß der Vertreter der Semstwos und der städtischen Dumas, der am 19. Juli in Moskau zusammentritt, will den Zaren zwingen, eine Verfassung zu geben, und zwar wird er sich nicht mit der Bulyginschen Karrikatnr begnügen. Im Klttb und auf der Straße erörtert man rückhaltlos die Details der Ausführung dieser Idee. Vielleicht ist es besser, sie hier nicht auseinanderzusetzen und fich auf Andeutungen zu beschränken. Zwei Strömungen sind vorhanden: die eine rechnet mit einer. vorübergehenden Isolierung Nikolaus IL, die anders mit seiner dauernden Ausschaltung. Eine provisorische Regierung, deren präsumttve Mitglieder heute, fast möchte man sagen, jedes Kind schon kennt, wird auf alle Fälle in Funktton zu tteten haben. Fragt fich nur, ob auf kürzere Frist oder auf längere als Regentschast für einen zur Zeit noch nicht regierungsfähigen Zaren. Zweifel bestehen, wem die wichtigsten Ministerposten angetragen werden sollen, aber es scheint, daß die Mehrheit Herrn d. Witte mit dem Präsidium und Swiatopolk-Mirski mit dem Portefeuille des Jimern betrauen will. Natürlich mus; man zur Durchführung des Projekts des Militärs sicher sein, aber offenbar ist hier nicht die grvffte Schwierigkeit. Die Petersburger Garderegime uter können nicht mehr als Stütze des Zaren gelten und das Moskauer Militär, in dessen Offizierkorps die Bürgerlichen tonangebend sind, scheint nahezu gewonnen.— potttiscbe Qcberficbt. Berlin, den 12. Juli. Das Nautikus-Jahrbuch» dem bei der engen Verbindung der Regierungen mit den Flotten- Propagandisten mindestens ein halboffiziöser Charakter beigelegt werden darf, ist kürzlich erschienen. Sein Inhalt ist von den flotten- freundlichen Blättern bereits zugunsten einer iutcusiveren Flotten- Propaganda ausgemitzt worden. Zweifellos soll das„Jährbuch für Deutschlands Sceinteressen", wie der Titel des Buches lautet, auch dem Zwecke dienen, Beweise für ein gesteigertes Wetlriisten Deutschlands beizubringen. In den Schlutzbemerkuugen über das Kapitel «Die deutsche Kriegsmarine im Jahre 1304/05" heifit es ausdrücklich, dafi mit Bezug auf die Flotte«Rasten" heute„Rosten" noch mehr vielleicht heihe, als in jedem anderen Betriebe. Die Technil schreite fort, stärker denn je sei der Wettkampf der Völker der Erde. Gerade der Schlufiakt des großen Dramas, das sich in Ostasien ab- spielt, habe vor Augen geführt, welches das Schicksal einer Flotte sein loerde, die nicht auf der Höhe der grohen Anforderungen der Zeit stehe. Halbheit sei das schlimm st e Uebel. Nur rastloses Weiterstreben nach jeder Richtung könne das Geschaffene er- halten und weitere Fortschritte zeitigen. Wenn man jedoch den Inhalt de§ umfangreichen Flotten- bucheS ein wenig kritisch durchmustert, so muh man zu der Auf- fassung gelangen, dafi daS in ihm gebotene Material nicht firr ein uferloses Wettrüsten spricht, sondern im Gegenteil die stärksten Argumente gegen die Pläne enthält, die deutsche Flotte der Flotte Englands ebenbürtig zu machen. Die in der Einleittmg versuchte Schilderung der gegenwärtigen weltpolitischen Situation beweist ebenso deutlich, dafi nicht der geringste polittsche Grund vor- liegt, die deutsche Flotte nach den Plänen unserer Marinephantasten auf Kosten der Kulturaufgaben immer gewaltiger auszubauen, wie die Masse der gegebenen Zahlen und Daten beweist, dafi es weder möglich noch notwendig ist, zum Schutze der deutschen Handelsinteressen den Wettkampf mit einer seebcherrschenden Ratton wie England aufzunehmen. Das Jahrbuch behandelt zunächst eingehend die Vorgänge in Rufiland. Es konstatiert den totalen militärischen und namentlich marinistischen Zusammenbruch des Zarenreiches und gibt dann der Ansicht Ausdruck, dafi es der Regierung nicht gelungen werde, das alte absolutistische Rufiland aus den Wirren der Zeit zu retten. Wir gingen einem„neuen Rufiland" entgegen, mit dem auch die politische Welt zu rechnen haben werde. Durchaus unmöglich sei heute noch die Beanttvortung der Frage, welche Stellung dieses neue Ruhland in der Weltpolitik einnehmen werde. Diese Auffassung ist insofern richtig/ als nicht der mindeste Beweis dafür vorliegt, dafi das neue, auf konstitutioneller Basis beruhende Rufiland die Absicht haben könnte, die verbrecherische Eroberungs- Politik des Zarismus fortzusetzen, ganz abgesehen davon, dafi einer konstitlitionellen Regierung auf absehbare Zeit direkt die finanziellen und militärischen Möglichkeiten dazu fehlen würden. Das neue Rufiland wird, um aus der sozialen Anarchie überhaupt herauszukommen, das Hauptgewicht zunächst auf Reformen im Innern legen müssen. Solche Sozialreformen aber werden Ruhland auf unabsehbare Zeit verhindern, die zaristische Weltpolitik fortzusetzen. Ein friedliches Ruhland aber bedeutet zugleich die Unmöglichkeit einer franko-russischen Offensive. Die Lage ist also in bezug auf Frankreich und Rufiland eine unendlich bessere, als sie in der Vergangenheit war. Vollends liegt es in der Hand Deutsch- l a n d s, sich mit Frankreich mehr und mehr auszusöhnen, um zu einem dauernden Zustand deS Friedens auf einem europäischen Kontinent zu gelangen l Welches nun ist das Verhältnis Deutschlands zu England? Auch hiermit besaht sich das Nautikus-Buch. Es stellt sich auf den Standpuntt, dafi eine Feindschaft zwischen diesen beiden Ländern nicht nur nicht durch die realen Verhältnisse bedingt sei, sondern dafi eS ein verbrecherisches Treiben wäre, feindselige Gesinnung in den beiden Ländern zu schüren: „Beide Nationen sind nicht bestimmt, sich gegenseittg zu ent- fremden, sondern vielmehr einander stetig näher zu treten. Erst in ihrem Zusammengehen wird die volle sittliche Kraft und der Kulturwert der germanisch-protestantischen Welt zu voller Geltung kommen. Sie stellt die stärksten ethischen, materiellen und physischen Kombinationen dar, die in der Welt von heute, die, soweit sich vorhersagen läfit, auch in den Möglichkeiten und Wahr- schcinlichkeiten der Zukunft gedacht werden kann. Man müßte an dem Genius der Menschheit verzweifeln, wen» inan annehmen wollte, dafi beide bestimmt seien, einander aufzureiben." Die weltpolitische Situation ist also nach dem NauttcuS-Jahr- buch die, dafi der Weltfrieden kaum jemals gesicherter erscheint als heute. Wozu in aller Welt wäre es also notwendig, daß Deutsch- land seine Scerüstungen in forcierter Weise fortsetzte? Wenn von keiner Seite eine Gefahr droht, und wenn Deutschland nicht einmal in geheimsten Träumen daran denkt, die Interessen der benachbarten Nationen zu verletzen, so ist es absolut unerfindlich, weshalb Deutschland seine Marinerüstungen nach den Wünschen der Flottenphantasten fortsetzen soll I Hinzu kommt, dafi die Entladungen des Deutschenhasses, wie sie aus den Reden des Zivillords der Admiralität Lee und des Admirals Fitzegerald hervorbrachen, nicht etwa irgend welcher nationalen Feindschaft zuzuschreiben wären, sondern in aller erster Linie dem fieberhaften Seerüsten Deutschlands und den weltpolitischen Phantasien� von denen unsere weltpolitische Presse seit Jahren überschäumt. Es gäbe also kein einfacheres Mittel, um Englands Eifersucht zu beschwichtigen, als Deutschlands Seemacht auf das notwendigste Maß zur Verteidigung der Küsten zu beschränken I Man hat aller- dings bei unseren Flottenpatrioten behauptet, dafi England eifer- süchtig auf Deutschlands Handelsfortschritte und dafi, wenn wir keine starke Marine hätten, es eines schönen TageS England einfallen könnte, einfach über unsere Handelsflotte herzufallen. Diesen törichten Angstvorstellungen tritt aber gerade daS Flotten- jahrbuch entgegen. Es erklärt, dafi die imperialistischen Ab- sichten Ehamberlains wenig Aussicht auf Verwirklichung zu haben scheinen, dafi also Englands Handel nach wie vor auf den Absatz in den übrigen Industriestaaten angewiesen sei. Vergleicht mau nun aber die Einfuhr Deutschlands nach Grofibritannien und seinen Kolonien mit der Einfuhr Großbritanniens und seiner Kolonien nach Deutschland, so ergibt sich, dafi England durchaus keine Ursache zur Unzufriedenheit hat. Einer deutschen Einfuhr nach Eng- land von 935 Mill. M. im Jahre 1904 steht eine englische Ausfuhr nach Deutschlang von 361 Millionen gegenüber. Während Deutschland nach Brittsch-Jndien für 83 Millionen Mark Waren einführte, führte Britisch-Jndien nach Dentschland für 295 Millionen Mark Ware anS. Für Brittsch- Australien betragen die entsprechenden Zahlen 48 Millionen und 146 Millionen. Ebenso überwiegt die englische Wareneinfuhr aus Britisch- Südlvestafrika und Aegypten bedeutend die deutsche Einfuhr nach diesen Ländern. England h a t a l s o nicht die m in de st e Ursache, an dem Zu stände des friedlichen Wettbewerbes irgend etwas ver- ändert zu sehen! Da wir gerade die Frage der Einfuhr und Ausfuhr behandeln seien auch' gleich einige Zahlen angeführt, die die absolute Be- deutnngslosigkeit unserer bisherigen Weltpolittk beweisen. Die deutsche Ausfuhr hatte im Jahre 1904 einen Gesamtwert von 5315 Millionen, wohingegen wir nach unseren Kolonien nach den Zahlen des Nauttcus-JahrbucheS nur Waren im Werte von wenig über 32 Millionen Mark ausführten. Die Ausfuhr nach unseren Kolonien bettug also nur den 160. Teil unseres GesamtcxporteS. wozu noch kommt, dafi der weitaus gröhte Teil dieser Warenmengen von den uns so kostspieligen Beamten und Militärbesatzungen der famosen Kolonien verbraucht wurde! Bedenkt man noch, dafi uns allein der Kolonialkrieg in Südwestafrika bisher mehr als 250 Millionen Mark gekostet hat, so ergibt sich zur Evidenz die Sinn- losigkeit dieser Sorte von Weltpolittk. Eine andere Art von Weltpolittk zu treiben verbietet uns aber gerade die Rücksicht auf die anderen Mächte, die bereits alle werwolleren Gebietsteile mit Beschlag be« legt haben. Wie aussichtslos aber alle unsere Bemühungen bleiben müssen, jemals eine Marine zu erhalten, die der englischen Marine die Spitze bieten könnte, beweisen gleichfalls die Zahlen des Nauttcus-Jahr- buches. Danach besitzt England im Jahre 1905 52 vollwertige Linien- schiffe und 29 große Kreuzer, während Deutschland nur 16 vollwerttge Linienschiffe und 4 große Kreuzer besitzt. Im Jahre 1909 würde die Zahl der vollwertigen deutschen Linienschiffe 24, die der Kreuzer 8 betragen, denen England 60 Linienschiffe und 39 große Kreuzer gegenüberstellte. Die Zahlen beweisen wohl, dafi Deutsch- land auch bei der skrupellosesten Verschleuderung der vom Volke in Gestalt indirekter Steuern erhobenen Reichseinkünfte niemals hoffen könnte, sein Stärkeverhältnis gegenüber England wesentlich zu ver- bessern. Das reiche England, das das Hauptgewicht auf See- rüstungen legen kann, vermag ganz andere Summen für seine Flotte auszugeben, als Deutschland, das gleichzeitig auch als Landmacht an der Spitze marschieren will. Aus alledem ergibt sich, wie notwendig eS für die Arbeiterklasse ist, alle ihre Kräfte anzuspannen, um möglichst bald einen derartigen Einfluß auf die politischen Verhältnisse Deutschlands zu erlangen, dafi der unseligen Welt- und Flottenpolitik so rasch als möglich ein Ziel gesetzt wird! Betrachtungen über den PlStzenseeprozeß. In zwei aufeinanderfolgenden Nummern der„Deutschen Medizinischen Wochenschrift" veröffentlicht soeben Oberarzt Dr. Mönkemöller in Osnabrück Betrachtungen von größtem Jnter- esse, in denen er das Ergebnis seiner Erfahrungen im Plötzensee- Prozeß zusammenfaßt. Er betont zunächst die allgemeine Bedeutung des Prozesses, in welchem«eine ganze Reihe von Fragen in die Oeffentlichkeit gebracht wurden, die seit Jahrzehnten die Gefängnisärzte, Psychiater, Juristen und Strafgefängnisbcamten in hohem Maße beschäftigt haben". Als einen Umstand, welcher die Wirkungen der im Prozeß zutage getretenen Lehren abzuschwächen geeignet sein kann, be- zeichnet Dr. Mönkemöller mit Recht die Tatsache, daß der Prozeß von vornherein zu einem politischen gemacht worden war; daher hätten„die meisten bürgerlichen Blätter nur unvollkommene und verstümmelte Berichte gebracht und in chren Besprechungen manchmal die unglaublich st e Verständnislosigleit für den guten Kern der Sache zutage gefördert. Wenn gleichwohl durch den Prozeß die Reformen des Strafvollzuges, die lange in dem Sumpfe der Theorie ihr Dasein fristeten, nun in ein wenn auch noch so langsames Fahrwasser geraten sollten, so können die bürgerlichen Parteien nur bedauern, daß sie sich hier- bei den Wind aus den Segeln nehmen ließen." Weiter behandelt Dr. Mönkemöller sehr treffend die schwierige Stellung der Sachverständigen vor Gericht in derartigen Prozessen. Er kennzeichnet«die Skepsis, die sich von feiten des Gerichtshofes wie ein Mehltau auf alles herab- senkte, was dem sachverständigen Munde entquoll". Und er führt zu diesem Kapitel weiter auS: «Die größten Selbstverständlichkeiten psychiatrischer Lehren und Erfahrungen mußten mit einer Energie verfochten werden, als wären die Interessen der Sachverständigen durchaus solidarisch mit denen der Angeklagten.... Nachdem einmal die ganze Reformidee auf der sterilen Basis des Beleidigungsprozesses ab- gehandelt werden mußte, blieb nichts anderes übrig, als mit dem kümmerlichen Maßstabe des KunstfchlerS zu hantieren, anstatt erklären zu dürfen, inwieweit die Zustände in Plötzensce sich mit allgemeinen psychiatrischen Grundsätzen deckten, geschweige denn, ob sie den Postulaten entsprächen, wie sie für einen Straf- Vollzug der Zukunft als Ideal gelten." Weiter behandelt der Osnabrücker Oberarzt ausführlich die Fälle S k l ä r o f f und G r o s s e. Er hält alle seine Aeußerungen, die er als Sachverständiger vor Gericht gemacht hat, im vollsten Maße aufrecht. Aus der Fülle der eindringlichen Darlegungen, die Dr. Mönkemöller macht, können wir hier einiges von besonderer Wichtigkeit herausheben. Er führt aus: „Nimmt man als Kriterium an, daß an jemand eine Strafe nicht vollzogen werden kann, der kein Verständnis für sie hat, so trifft eS sicherlich bei Grosse zu. Bei ihm trat ein solcher ethischer Tiefstand zutage, daß er in den Glanzzeiten der Itloral insanity sicherlich dieser Diagnose nicht entgangen wäre, und für Schuld und Strafe äußerte er ein derartig gc- ringes Verständnis, daß er von den Anstaltsgeistlichen, die hier- für sehr treffende Worte fanden, als Ausnahme von den anderen Gefangenen bezeichnet wurde. Daß diese ethische Verkümmerung mit dem schlechten Charakter der Verbrecher überhaupt in eine Linie gestellt wurde, ohne den Gedanken an eine psychische Ab- sonderlichkeit wachzurufen, darf und kann bei dem Jdeenkreise des Gefängnisses nicht wundernehmen. Verlangt man für einen psychisch abnormen Menschen, der durch seine Strafzeit durchgebracht werden soll, daß eS dann wenigstens verhütet werden soll, daß er für Krankheitsäußerungen diszipliniert werden und daß er keine weiteren Einbußen an seiner geistigen Gesundheit erleiden darf, so wurde auch diese Forderung bei ihm nicht erfüllt; mehrfach wurde er für seine epileptischen Erregungszustände bestraft und eine Anzahl von Be- einträchtigungs- und sonstigen Wahnideen und Sinnestäuschungen mußten den Verdacht erwecken, daß bei ihm eine Paranoia in der EntWickelung begriffen sei, zumal auch seine zahlreichen Ein- gaben äußerlich vollkommen in Inhalt und Form sich mit den Anfangsprodukten unserer Querulanten deckten. Wie schwer eS in den DetentionSanstalten ist, psychisch er- krankte Gefangene vor Disziplinarstrafen zu schützen— mag es nun an der Schwierigkeit der Erkenntnis oder an der sonstigen Macht der Verhältnisse liegen—, das haben sowohl der Fall Skläroff als auch der Fall Grosse bewiesen. Leppmann meinte zwar, in der Irrenanstalt werde auch diszipliniert, man nenne es nur isolieren. Ich kann nicht glauben, daß Leppmann diese Aeußerung. die sich in so ungeheuren Gegensatz zu dem allgemeinen psychiatrischen Denken stellt, nachträglich vertreten möchte. Mag man auch sagen, daß es äußerst schwierig sei, eine scharfe Grenze für die Tisziplinicrfähigkcit zu ziehen, und daß viele Grcnzfälle die Strafen ruhig vertragen, mag die Sache auch in 100 Fällen gut gehen und der Betreffende keine merkliche Einbuße erleiden— in der Hand hat man eine Psychose bei einer derartigen Strafe nie, und die meisten Kravk» Helten werden durch eine solche Strafe auf daS allerempfindlichste geschädigt. I n trübseliger Beleuchtung, wenn auch nur ganz leicht angedeutet, erschien ein weiterer, auch bei solchen Gelegen- heiten oft hervortretender Uebelstand: die lange Dauer, die nach erkannter Geisteskrankheit und aufgehobenem Strafvollzuge erforderlich ist, bis der Betreffende in die Irrenanstalt über- geführt werden kann(bei Skläroff mehrere Wochen). Ttr Kranke ist nicht mehr im Strafvollzuge, bleibt aber im Gefängnisse, wenn auch im Lazarett, während der heilige Bureaukratius(Er- Mittelung der Ortsangehörigkeit, Verhandlungen mit den zu- ständigen Behörden) seine müden Hände regt. Daß eine proviso- rische Unterbringung in einer rein psychiatrisch geleiteten Anstalt so lange ermöglicht wird, bis die leidige pekuniäre Frage geregelt ist, das müßte doch unter allen Umständen erreicht werden können...." Zusammenfassend sagt Dr. Mönkemöller: „Wenn ich mir gestattet habe, auf diese meist uralten Postulate der Psychiatrie, die in Plötzensee nicht oder doch nur unzureichend zur Erfüllung gelangten, hinzuweisen, so muß ich durchaus betonen, daß es mir völlig fern liegt, den Beamten von Plötzcnsee auch nur den geringsten Vorwurf zu machen.... Es muß ja als ausgeschlossen gelten, daß zwei Aerzte diese vielen psychia- irischen Aufgaben(ganz abgesehen von dem sonstigen ärztlichen Dienste und der üblichen Last des Schreibwerks) in einer Anstalt erfüllen konnten, die im Durchschnitte einen Bestand von etwa 1300 Köpfen bei einem ziemlich lebhaften Wechsel hat. Wie soll eine auch nur annähernd genügende Unter- s�chung bei der Aufnahme zustande kommen. wenn täglich etwa 30 Neuaufnahmen untersucht werden sollen. und wenn dem Arzte die Strafakten und die eventuellen Ergeb- nissc ärztlicher Beobachtung im Untersuchungsgefängnisse nicht zu Gebote stehen, oder nur nach einer privaten Abmachung ihm zu- gänglich werden, wie es zuletzt in Plötzensee gehandhabt wurde. Kann er überhaupt bei einer derartigen Zahl von Isolierten bei regelmäßigen Besuchen ihnen eine solche Zeit und eine Unter- suchung widnien, um eine wesentliche, psychische Verschlechterung zu entdecken? Wie kann er sich bei der großen Anzahl von ver- hängten Disziplinarstrafen ein ausreichendes Bild von dem Seelenzustande des zu Bestrafenden machen, wenn ihm täglich etwa 60 Gefangene zur körperlichen und geistigen Untersuchung vorgeführt werden, wenn er nicht über alles, was mit den Suspekten(Verdächtigen) passiert, auf dem Laufenden gehalten wird, und wenn die schriftstellerischen Elaborate gerade solcher Elemente, die in den Personalakten enden, nicht ec, ipso(ohne weiteres) vor seine Augen kommen? Wie soll er in einem Lazarette beobachten, in dem die ständige Beobachtung fehlt?(Vor allem nachts durch eine Wache, die den Bcobach- tungssaal nicht verläßt.) Und Krankengeschichten, die ja nicht nur für die Pshchischkranken, sondern auch erst recht für die Verdächtigen geführt werden müßten, erfordern denn doch, wenn sie über den Rahmen des Psychoscnbuches herauswachsen sollen— und daS müssen sie—, ein anderes ärztliches Material, als es bis jetzt zu Gebote stand. Um eine solche Arbeitsleistung nur einigermaßen mit er- sprietzlichem Erfolge zu krönen, dazu genügt nicht die enormste Erfahrung, nicht der genialste Blick, nicht die größte Routine und das phänomenalste Gedächtnis, wenn nicht eine genügende Anzahl von Aerzten eine Arbeitsteilung ermöglicht. Ist in psychiatrischer Beziehung nicht das geleistet worden, was wünschenswert ge- Wesen wäre, so sind die Aerzte durch die Macht der Umstände mehr als entschuldigt. Manches ist schon nach den„Enthüllungen" besser geworden. das Reglement ist zum Teil in sinngemäßer Weise geändert worden, als Adnex für Plötzensee wird eine Irrenanstalt geplant, für die Strafanstalt in Brandenburg ist eine Behandlung„minder- wertiger" Elemente nach einem kolonialen System ins Auge gefaßt. Sollte diesen lichten Wölkchen am Himmel des Straf- Vollzugs die Sonne einer durchgreifenden Reform folgen? Die Psychiatrie erhebt dafür ihre Hände bittend zum heiligen Fiskus."—_ Der liberale Scheinsieg. In Ergänzung der Ausführungen unseres gestrigen Leitartikels über die bayerischen Wahlen wird uns aus Nürnberg ge- schrieben: Wie schon durch Telegramm bekannt geworden, ist im Wahl- kreise Nürnberg die Sozialdemokratie, die ihn seit 12 Jahren mit vier Abgeordneten im Landtage verttat, bei den Wahlen am 10. Juli gegenüber dem vereinigten bürgerlichen Mischmasch unterlegen. DaS definittve Resultat nach Erledigung einiger Nachwahlen ist nunmehr, daß 107 sozialdemokrattsche und 150 liberale Wahlmänner gewählt wurden. Der Mischmasch hat jedoch keine Ursache, sich seines Sieges zu rühmen, denn es ist kein Sieg, der moralische Sieg ist auf Seite der Sozialdemokratie; die Tatsache, daß sie die vier Landtags- Mandate an die vereinigten bürgerlichen Parteien abgeben muß, ist weiter nichts als ein eklatanter Beweis für die himmelschreiende Ungerechtigkeit des bayerischen Wahlsystems, an dessen Fortbestand die Liberalen und ihre bauernbiindlerischen und konservativen Ver- bündeten die alleinige Schuld tragen. Ein Vergleich der Wahlziffern tut in der drastischten Weise dar, wie bei diesem System der Volkswille vergewaltigt wird. Bei der letzten Wahl im Jahre 1899 erzielte die Sozialdemokratie, mit der damals die Demokraten verbündet waren, mit zirka 18 600 Stimmen 170 Wahlmänner, die vereinigten Liberalen mit zirka 10 060 Stimmen 87 Wahlmänner. Am 10. Juli d. I. fielen im ganzen Wahlkreise zirka 22 000 Stimmen auf die Wahlmänner der Sozialdemokratie und zirka 15 500 Sttmmen auf die vereinigten bürgerlichen Parteien. Die Sozialdemokratie hat also um rund 4000 Stimmen zugenommen und zirka 7000 Stimmen mehr als die Gegner, um trotzdem den 150 bürgerlichen Wahlmännern nur 107 sozialistische Wahlmänner gegenüber zu stellen. Daraus erhellt zur Genüge, wie ehrenvoll unsere Niederlage ist und wie wenig der Msch- masch Ursache hat, über seinen„schönen Sieg" Jubelhymnen an- zustimmen. Nicht die„liberale Stoßkraft" hat ihm den Sieg ge- bracht, nicht die«Wiedererweckung des liberalen Gedankens", sonder« einzig und allein daS bestehende Wahlunrecht, das durch die von der liberalen Stadtverwaltung �vorgenommene parteiische Wahlbezirkseinteilung noch mehr verschärst wurde. Einige Bei- spiele mögen das erhärten. In einem Bezirk wählten 172 bürgerliche gegen 83 sozialistische Wähler 7 Wahlmänner. in einem Vorstadt- Bezirk 1027 sozialistische gegen 128 bürgerliche Wähler nur 3 Wahl- mäuner, in einem anderen Vorstadtbezirk wurden von 1488 sozia- listtschen Wählern gegen 126 bürgerliche Sttmmen 4 Wahlmänner gewählt usw. In den meisten 6- und 7 männigen Wahlbezirken siegte die bürgerliche Liste mit wenig mehr als 300 Stimmen, viel- fach gegen ansehnliche Minderheiten, zum Teil handelte es sich nur um einen Unterschied von wenigen Stimnien. Die Wahlzeit war auf die Zeit von 8—4 Uhr bemessen. Mehr als ein Dutzend Vorstadtbezirke hatten über 2000 bis 4500 Wähler, die selbst- verständlich in dieser kurzen Zeit ihr Wahlrecht nicht sämtlich ausüben konnten. In einem Bezirk mit 4500 Wählern konnten nur 1165 Mann abstimmen. Um 4 Uhr sollten die Türen des Wahllokals abgeschlossen werden, was aber nicht möglich war. weil die Gänge, der Hof und die Straße noch dicht mit Tausenden von Wählern angefüllt waren. Die sozialdemokratischen Vertrauens- leute rieten, auf die weitere Ausübung des Wahlrechts unter Vor» behalt des Protestes zu verzichten; der Wahlvorsteher erholte sich telephonisch Instruktion von dem magistratischen Leiter der Wahl. einem liberalen Rechtsrat. Der Mann antwortete zurück, er solle die Türen schließen und nur die noch im Wahllokal anwesenden Wähler zur Wahl zulassen; wenn die Polizei nicht ge- nüge, so werde er weitere Mannschaften schicken. Man schien also einen kleinen Aufruhr provozieren zu wollen Der Wahlvorsteher entschied sich endlich dafür, den Wahlakt überhaupt zu schließen, über 3000 Wähler konnten nicht mehr abstimmen. Sehnlich ging eS in ein« Anzahl anderer Bezirke. so daß man getrost annehmen kann, bofe Tausende Sozialdemokraten an der Abstimmung ver- hindert wurden. Diese und andere Vorgänge werden neben der famosen, auf die Totteilung der Sozialdemokratie berechnete Wahlbezirkseinteilung die Grundlage eines Wahlprotestes bilden, der nicht ohne Erfolg bleiben kann. Der Lübecker Wahlrechtsraub. Ueber die von der Kommission noch schamlos vergröberte Wahl- raubvorlage lesen wir noch in unserem Lübecker Bruderorgan: 1. Der 1200 M.-Zensus bleibt bestehen. 2. Die Steucrgrcnze für die Klassenteilung wird auf 2500 M. erhöht. 3. In Klasse I wählen alle wahlberechtigten Bürger des Lübecker Freistaates 30 Vertreter nach den Grundsätzen der Verhältniswahl. 4. In Klasse II wählen die Bürger mit mehr als 2S00 M. Einkommen nach relativem Mehrheitssystem 90 Vertreter(75 für die Stadt Lübeck und 15 für das Landgcbietj. Die Wähler mit einem Ein- kommen über 2500 M. haben also in Klasse II ein viel gewichtigeres Wahlrecht als die niedriger Besteuerten, wählen aber trotz- dem in Klasse I auch noch mit, haben also außerdem ein doppeltes Wahlrecht. 5. Das Wahlrecht wird mit dem voll- endeten 25. Lebensjahr erworben sanalog dem Reichswahlrecht). Damit wird das Wahlalter vom 21. auf das 25. Jahr hinauf- geschraubt!— Es ist nicht möglich, in wenigen Worten das zu sagen, was auf diese„Reformvorschläge", die anscheinend zur V e r- höhnung der Volksforderungen gemacht worden sind. ausgeführt werden muß. Die Vorschläge für die russische„Ver- fassung", welche von dortigen Reaktionären ausgehen und den Semstwos bekämpft werden, bewegen sich in denselben Bahnen und haben anscheinend unseren„Republikanern" als Muster gedient. Den Leuten, die sich in schwerer Arbeit für die Kapitalisten ab- schuften und abrackern müssen, will man das Wahlrecht überhaupt nehmen; sich selbst, d. h. den Besitzenden, gibt man ein doppeltes Wahlrecht. Es lebe die Gerechtigkeit! Ueber die Afrika-Spritztour unserer bürgerlichen Abgeordneten spottet die„Kölnische Volkszeitung". Nichts sei lächerlicher, als wenn die Abgeordneten, die als Gäste der Firma Woermann Togo und Kamerun demnächst einen Fcrienbesuch abstatten wollen, sich später etwa gar als Kolonialkenner aufspielen wollten. Statt in Togo und Kamerun Studien zu machen, sollten sie lieber nach Südwestafrika gehen und sich dort von der Trostlosigkeit der dorttgen Verhältnisse überzeugen. Wie die Verhältnisse dort läge», erhelle aus der Tatsache, daß dort das Trinkwasser zu dem Preise von 40 M. pro Kubikmeter aus dem Kaplande berbeigeschasst werden müsse, daß dort von 12 000 hinübergeschafften Pferden bereits über 10 000 verendet seien. Das Studium dieser Kolonie, die u»S jährlich wohl 35—40 Millionen Mark zur Verzinsung der Aufstands- anlcihen und fernere 10—15 Millionen Mark jährlich an PensionS- und Jnvalidenfondszugang koste, sei entschieden interessanter, als der Abstecher nach Togo und Kamerun. Der Spott der„Kölnischen Volkszeitung" ist nur zu berechtigt, aber das ultramontane Blatt sollte nicht vergessen, daß gerade das Zentrum die Hauptstütze jener Kolonialpolitik geworden ist, die jetzt dem deutschen Volke so ungeheure Lasten auf- bürdet. Hätten die Zenttums-Abgeordneten, statt die Kolonialforde- rungen blindlings zu bewilligen und die ganz unsinnige Wcltpolitik spornstreichs mitzumachen, erst selbst die nötigen Kenntnisse über unsere Kolonien gesammelt, so wären dem deutschen Volke die Hunderte von Millionen erspart geblieben, die so für wertlose Sand- wüsten und Fieberlöcher zum Fenster hinausgeworfen werden!— Husland. «emcinderatswahlen in Holland. In diesen Tagen fanden in ganz Holland Gemeinderatswahken statt, an welchen unsere Partei sich in allen größeren Orten beteiligte. Ein Drittel aller Gcmeinderäte scheidet aus. Das Gemeindewahl- recht ist noch beschränkter als das politische, und außerdem ist die Wirkung des ganzen Wahlgesetzes so, daß in den großen Städten da? Wahlrecht wieder beschränkter ist als in den kleineren Orten. Nun mangelt es in den kleineren Orten oft an geeigneten Kandidaten, während in den großen Städten, wo es an geeigneten Kandidaten nicht fehlt, die WSblerschast in großer Mehrheit aus bürgerlichen Elementen besteht. Daher sind große Erfolge, wie die Eroberung ganzer Gemeindevertretungen noch ausgeschlossen und ist eS schon ein großer Erfolg, wenn loir in den größeren Städten einige Sitze erobern können. In Amsterdam, wo der Gemeinderat 45 Mitglieder zählt und also 15 austreten mußten, ward im III. Kreis der austretende Sozialdemokrat Henri P o I a h mit 4147 von 6062 abgegebenen Stimmen wiedergewählt. Polah fand die Unterstützung eines Teil? der Freisinnigen. Der zweite sozialdemokratische Kandidat Loopuit bekam 3121 Stimmen. Es fehlten ihm nur 8 Stimmen für die absolute Mehrheit. Loopuit kommt in die Stichwahl mit dem Liberalen Van Nierop, einem der Bonzen der liberalen Partei, der 2324 Stimmen holte. In keinem der anderen Amsterdamschen Kreise hatten wir im« mittelbaren Erfolg. In II bekam unser Genosse Fortuyn 605 Stimmen, während der Liberale mit 642 in die Stichwahl kam. In IX hatte Genosse Vliegen 1970 Sttmmcn, nur 59 weniger als der Klerikale, der mit dem Freisinnigen in die Stichwahl geriet. Im ganzen be- kamen unsere Kandidaten in der Stadt 9200 Sttmmen von 33 448, welche überhaupt abgegeben wurden. In Rotterdam erhielt im Kreis I unser Genosse Spiekman 1985 Sttmmen. Genosse Hermans 1304. Beide stehen in Sttchwahl gegen einen Liberalen und drei Klerikale. Genosse Spiekman. der vor zwei Jahren hinausgeworfen wurde infolge der Reaktion, welche auf den Generalstreik folgte, wird seinen Sitz jedenfalls wieder- erlangen. Im II. Kreise steht Genosse Hclsdingen mit 1253 Stimmen in der Sttchwahl. Im ganzen bekamen wir in Rotterdam 3500 Stimmen von 16 500. Das ist ooppelt soviel wie in 1903. Im Haag steht im I. Kreise Genosse Ter Laan in der Stichwahl mit 1039 Stimmen. Wahrscheinlich wird er über seinen klerikalen Gegner siegen, womit auch der erste Sozialdemokrat seinen Eintritt in den Gemeinderat der Luxestadt vollzöge. Im ganzen holten wir im Haag 2300 von den 9700 abgegebenen Sttmmen. Ferner sind in A r n h e i m 2 austretende Genossen im ersten Wahlgang gewählt, in Enscheden 1 neuer Sitz gewonnen, ebenso in Leeuwarden. In Stichwahl stehen noch Genossen in Groningen 2. in Zutfen t, in Utrecht 2, in Schoterland 3, in Maastricht 2, und ferner eine Anzahl in kleineren Orten. Diese Wahlen deuten im ganzen Lande auf hoffnungsvolle Fort- schritte der Partei. Uebrigens drängen überall in den Städten die Freisinnigen die Klerikalen etwas zurück. Der einzige Gemeinderat in einer größeren Stadt, der eine klerikale Mehrheit hatte, der in Leiden, ist wieder durch die Freisinnigen zurückerobert.— Auswärtige Politik vor der französischen Kammer. Paris, 12. Juli. Depnttertenkannner. In der heuttgen Nach- mittagSsitzung verlangt Millevoye(Nationalist) den Ministerpräsidenten bezüglich der Beziehungen Frankreichs zu den andere» Mächten zu interpellieren. N o u v i e r antwortete, er werde, sobald eS die Umstände er- lauben, die Mitteilungen darüber machen, die die Kammer inter- essteren können. Bei Wiederzusammentritt des HauseS im Oktober werde er ein Gelbbuch verteilen lassen und die nötigen Er- läuterungen geben. Millevoye erklärt hierauf, daß er gegen diesen Aufschub nichts einzuwenden habe. Die Kammer erörtert sodann die direkten Steuern. D e n y s Köchin(kons.) ersucht zuvor um einige Anfklärnngcn über die auswärtige Politik und spricht die Ansicht aus. daß die gegenwärtige Lage zu einer Abänderung dieser Politik fiihren könne Bezüglich der Marokkofrage stellt Redner mit Befriedigung fest, daß Deutschland die besondere Lage anerkannt habe, die für Frankreich in Marokko bestehe. Er fügt hinzu: Wenn Frankreich die Allianz mit Rußland mit so großer Begeisterung aufgenommen hat, so gc» schah eS darum, weil sie uns eine Sicherheit gab. Niederlagen haben das russische Reich geschwächt, es war also ganz natürlich für Frankreich, das Entgegenkommen Englands anzunehmen. Das Marokko-Uebereinkommen stellte in keiner Weise eine Herausforderung an Deutschland dar. Wir hatten das Recht, ihm davon keine Mit- teilung zu machen. Redner billigt die Annahme der Konferenz unter der Bedingung, daß man auf dem Boden des französisch-englischen Uebereiukommens bleibe, und spricht zum Schluß noch zugunsten der Selbständigkeit Kretas.(Beifall rechts.) Archdeacon(Nationalist) wünscht zu wissen, ob Rouvier die Politik Delcassss fortsetze oder ob er eine neue Politik in die Wege geleitet habe. Rouvier gibt hierauf keine Antwort. Hiermit ist die Generaldebatte zu Ende und die Kammer will in die Einzelberatung des Budgets der direkten Steuern eintteten. V e b e r(Soz.) verlangt, daß man vorher den Gesetzentwurf über die Einkoinmcilstcucr berate. Ministerpräsident Rouvier bekämpft diesen Antrag und stellt die Vertrauensfrage. Der Autrag wird hierauf mit 320 gegen 222 Stimmen abgelehnt. Es folgt sodann die Beratung über die direkten Steuern.— Italien. Militärtscher Kampf gegen das Recht. Rom, 8. Juli.(Eig. Ber.) Das Dorf Ar e n z a n o, einer der schönsten Badeorte der Riviera di Ponenta, befindet sich seit einigen Tagen in einer Art Belagerungszustand. Der ganzen Bevölkerung hat sich eine ungeheure Aufregung bemächtigt, weil plötzlich der ganze Ort mit Militär überschwemmt worden ist und eine private Akttengesellschaft daran geht, die hauptsächlichsten Wasserquellen des Ortes für eine große Wasserleitung für Genua wegzuleiten. Es handelt sich um einen Akt der frechsten Vergewaltigung, der bereits im Jahre 1899 versucht worden ist und damals zu einem blutigen Volksaufstande führte. Die auf dem Appcnnin oberhalb Arcnzanos entspringenden Quellen sind Gemeindebesitz. Vor sechs Jahren erlangte die Aktiengesellschaft„Acquadutto Ligure" durch allerhand Bestechungen vom Stadtratsausschuß die unentgeltliche Be- willigung der Gcmeindequellen. Der Beschluß wurde vom Stadtrat aufgehoben, worauf ein Zivilprozeß zwischen der Gc- meinde Arenzano und der Akttengesellschaft begann. In erster Instanz siegte die Gemeinde, in zweiter die Akttengesellschaft. Darauf— im April dieses Jahres— wollte diese den Bau beginnen und erbat dazu Militär(sio!), aber das Regierungs- Präsidium von Genua riet, die letzte Instanz abzuwarten. Die dritte Instanz gab nun der Aktiengesellschaft unrecht — trotzdem sandte am vorigen Donnerstag der Präfekt von Genua Militär, um die Arbeiter zu beschützen, die das Reservoir bauen sollen. Man hat also gewartet, nicht auf das Urteil der Kassation, sondern einfach aus den Schluß der Kammer! Jetzt denkt man straflos einen Ort von fast 5000 Einwohnern um seine Existcnzmöglichkeit zu bringen! Direktor der Aktiengesellschaft, die ein Kapital von i'/s Millionen Lire hat, ist ein großer Freund G i o l i t t i s und des Präfcktcn von Genua, ein gewisser Sbertoli, Schwiegersohn des Admirals Bettola. Wenn sich die kapi- talistischcn Räuber nicht zurückziehen, so ist Blut- vergießen uu ver ni eidlich. Das Volk ist entschlossen wie im Jahre 1899 sein Recht mit Gewalt zu verteidigen. „Man mag uns allen Wein unserer Reben nehmen", sagen die Leute,„aber das Wasser muß man uns lassen". Es ist unerhört, daß solche Raubzüge gegen einen Ort im 20. Jahrhundert noch möglich sind!— England. Im Nnterhanse antwortete Premierminister Balfour auf eine Anfrage wegen eines Gerüchtes, daß ein ausländisches Syndikat im Süden von Wales Kohlenbergwerke zu erwerbe» suche, daß er auch von einem solchen Gerücht gehört habe, aber nicht sagen könne, ob eS irgend eine Begründung habe. Es ist klar, fuhr Balfour fort, daß wir nicht gleichgültige Zuschauer bei irgend welchen Transattionen bleiben können, die einem ausländischen Syndikat oder Regierung die einzigen Quellen der Be- wegungsfähigkeit unserer Schiffe aushändigen würden, und ein solches beispielloses Vorgehen würde eine a u ß e r o r d e n t l i ch c B e h a n d l u n g nötig machen.—, Keir Hardie, Mitglied der Arbeiterpartei, drängt die Regierung, dafür zu sorgen, daß ein Gesetz eingebracht werde, das sich mit den Arbeits- losen beschäftigt, aber der P r e in i e r m i n i st e r lehnt es ab, über diesen Gegenstand eine Zusage zu geben. Hardie erklärt darauf, daß dies Gesetz höchst wichtig sei. und wenn es i» dieser Session nicht eingebracht würde, würde es Revolte» und Ruhe- störunge« geben, und er hoffe, daß es dazu kommen möge. Diese Bemerkung rief bei den Ministeriellen Protestrufe hervor, worauf Hardie ausrief:„Gut gefütterte Tiere können schreien, aber was ich sage, ist wahr!"— Asien. Eisenbahnen für die Philippinen. Die Vorarbeiten für die Eiscnbahnbauten auf den Philippinen sind beendet, und die Bauten selbst werden bald ihren Anfang nehmen. Der Kricgssekrerär Taft, der sich gegenwärtig auf der Reise nach den Inseln befindet, gab vorher das Programm bekannt und forderte zu Angeboten für die Ausführung der Pläne auf. ES sollen Linien in einer Länge von 1233 Meilen(englisch) gebaut werden, natürlich nur auf de» größeren Inseln; Luzon, die größte und bedeutendste erhält 333 Meilen, Panay 100, Negros 100, Cebn 95, Leyte 55, Samar 50. Alle wichtigen Punkte werden durch die Eisenbahnen verbunden sein und die Schiffslinien zwischen diese» Punkten vervollständigen das Netz für den Verkehr. Auf Luzon soll in fünf Jahren die Bahn fertig sein und der Verkehr beginnen. Die Regierung garan- tiert für die erste Zeit, bis zu 30 Jahren, 4 Prozent Zinsen an den Eisenbahnbonds.— Ter rastlose Geschäftseifer der Amerikaner ist an der Arbeit, alle Verhältnisse auf den Philippinen umzu- gestalten und allerlei Neuerungen einzuführen, um sich die Philip- pinen nutzbar zu machen. Von Bedeutung sind die vielen Schulen, die aller Orten gegründet werden. Unter der Herrfchaft der Spanier waren weder Eisenbahnen noch Schulen möglich. Afrika. Niederlage des marokkanischen Prätendenten. Hadjahmed cl TorrcS, der Vertreter des Sultans in Tanger, erhielt ein Tele- gramm, das einen glänzenden Sieg der kaiserlichen Truppen über die Anhänger des Prätendenten in der Nähe von lldjda meldet. Der Prätendent entkam, doch lieh er auf dem Schlachtfeld viele Tote und Verwundete zurück.—_ Der Krieg in Ostasien. Zur Besetzung Sachalins meldet General Liucwitsch in einem Bericht vom 10. Juli folgendes: Am 9. Juli ä Herten sich zwei japanische Kompagnien, au? der Gegend von Hnllungchen kommend, unscreii bei Shinnaotse stchendcil Vorposten. Nachdem diese Verstärkung erhalten hatten, zwangen sie den Gegner durch Getvehrseuer zum Rückzug«. Laut eingegangenen Meldungen ist die Militärstatton Korsakowsk, nachdem sämtliche von Novit herstammenden Patronen verschossen, waren, aufgegeben worden. Die feindliche Flotte eröffnete das Feuer auf die Station. Die Küstengeschütze loiirden gesprengt, alle Vorratshäuser abgebraimt. Auch in der befestigten Stellung von Solwiewka wurde die Abteilung durch japanische Torpedoboote be- schössen und zog sich nordwärts zurück. China und der Friedensschluß. Peking, 12. Juli.(Meldung des„Reutcrschen Bureaus".) Die chinesische Regierung hat kürzlich sowohl die russische und japanische wie auch die anderen Gesandtschaften in Peking davon in Kenntnis gesetzt, daß sie sich weigern würde, irgendwelche Ab- iiiachuiigen bei der Friede ns-Konferenz anzu- erkennen, wenn chinesische Interessen in Frage kämen, ohne daß China dabei zu R a t e gezogen wäre. Die japanische Regierung habe darauf höflich aber deutlich geantwortet, daß obige Note in keinerWeise Japans Pläne oder Handln u gen beeinflussen würde. Von der rufst- scheu Regierung ist noch keine Antwort eingegangen. Keine Kriegsentschädigung? Petersburg, 11. Juli.(..Laffan"-Melduug.) Aus zuverlässigster Quelle erfährt das Blatt„Slowo", bei einer Konferenz der leitenden rnssischen Staatsmänner sei man zu der Ansicht gelangt, es würde möglich sein, Frieden ausschließlich auf der Basis territorialer Zu- geständnisfe und Abmachungen mit Japan ohne Zahlung einer Kriegs- entschädigung zu schließen. Das Blatt fügt hinzu, die amerikanijche wie die englische Regierung erwarteten, ans dieser Basis würde Frieden geschlossen werden. Mus der partei. Die Prcßkommission des„Hamb. Echo" erstattet in der letzten uns vorliegenden Rummer des„Echo" ihren Bericht für das Ge- schästsjahr 1904/05. Die Entwickelung des Geschäftes ist auch in diesem Jahre eine erfreuliche gewesen. In der Buchhandlung hatte sich die weitere An» stellung eines Buchhaiidlangsgehülfen notwendig gemacht. Zur schnelleren Fertigstellung der Gewerkschaftsblätter sowie des„Ham- burger Echo", deren Auflagen eine ständige Steigerung aufzuweisen haben, machte sich die Anschaffung einer neuen Rotationsmaschine nötig; ebenso wurden zur Erledigung gesteigerter anderer Druck- aufträge zwei weitere Druckmaschinen in Bestellung gegeben, zur raschen Fertigstellung des Satzes eine weitere Setzmaschine. Auf das Ersuchen der Gewerkschaftshauskommission beriet die Kommission darüber, ob und in welcher Weise das Projekt zu unter- stützen sei. Nach einer Verständigung mit den Firmenträgern, die ihre Zustimmung zur Gewährung einer finanziellen Unterstützung gegeben, wurde beschlossen, sich als Firma mit zu beteiligen nnd hier- für 50 000 M. bewilligt, wofür die Firma fünf Gesellschafter stellt. Der bedauerliche Zwist zwischen Lokal- und Zentral-Organisatton griff leider auch in die Spalten des„Echo" über. Die Preßkommission erachtete es für ihre Pflicht, die Redaktton in ihrem Bemühen zu uilterstützen, aus den Berichten gehässige und beleidigende Angriffe gegen einzelne Personen sowie gegen die sich bekämpfenden Organisationen auszumerzen und wies alle Be- schwerden, die aus diesem Anlaß gegen die Redaktion gerichtet wurden, zurück. In ihren Anzeigen im„Hamburger Echo" glaubten die Be- treffenden sich keinerlei Zwang anferlegen zu brauchen. Der Lokalverein der Zimmerer bezeichnete z. B. die vom Zentralverband der Zimmerer in Nr. 210 des„Hamburger Echo" be» kainitgegebenen Tatsachen als eine„Fälschung" und„ganz gemeine Berleunidung". Durch die Gründung eines Kartells der lokalorganisierten Ge- werkschaften, dein sich auch die„Freie Vereinigung der Maurer Hamburgs" anschloß, wurde es auch dieser Vererniguiig ermöglicht, unter der Firma des lokalen Kartells den Annoncenteil des„Hamb. Echo" für ihre Zwecke zu benutzen. Von den Lokalorganisterten wurden Sperren verhängt, deren Berechtigung von den Verwal» tungen der Zentralverbände entschieden bestritten wurde; weil Lokal- organisierte von den Arbeiten beim Bau des Hamburger Gewerkschaftshailses(zu dessen Erbauungskosten doch einzig und allein die zeiilralen Gewerkschaften beitragen) zurückgewiesen wurden, mutete man der Expedition zu, eine Sperrannonce über den Bau des GeiverkschaftShauses aufzunehmen. Aus diesen Vorkommnissen ersah die Preßkommisfion, daß eS sich bei den Differenzen zwischen Lokalorganisierten und den Zentral- verbänden nicht lediglich um einen Streit um die Organisations- form drehte, in welchen sich einzumischen dib Kommission von vorn- herein abgelehnt hat, sondern daß die Streitigkeiten auch auf das wirtschaftliche Kampfgebiet übertragen wurden und eine einheitliche Führung des Kampfes gegen den gemeinsamen Feind bei weiterer Fortentwickelung der Dinge unmöglich gemacht würde. Die Preßkonmiission ist der Meinung, daß es Aufgabe der Arbeiterpresse ist, für eine einheitliche Führung des Kampfes sowohl auf politischem wie aus wirtschaftlichem Gebiete unausgesetzt zu wirken und allen Versuchen, diese Einheitlichkeit des Kampfes zu ver- hindern, energisch entgegenzutreten. Es kann nicht Aufgabe der Preßkomniission sein, zu untersuchen, ob von lokalen Gewerkschaften verhängte Sperren in diesem oder jenem Falle ihre Berechtigung haben; die Kommission will dies nicht bestrciteii, sie ist jedoch der Ueberzeugung, daß, wenn dies der Fall ist, auch die zentrale Organisation in dem betreffenden Berufe sich keinen Augenblick weigern wird, solch eine wirklich berechtigte Sperre ohne weiteres anzuerkennen. Um den traurigen Zustand der gegenseittgen Bekämpfung der Arbeiter ans dem lvirtschastlichen Kampfgebiete nicht auch noch durch das hiesige Arbeiterblatt", das„Hamburger Echo", zu fördern, beschloß die Preßkommission in ihrer Sitzung vom 10. November 1904: „Anzeigen bezüglich Verhängung von Sperren dürfen nur dann im„Hamburger Echo" aufgenommen werden, wenn dieselben von der Zentralorganisatton des betreffenden Gewerbes als be- rechtigt anerkannt sind und von dieser keine Einwendungen gegen die Aufnahme gemacht werden." Oberst ßüger und die Milltarrechtspstegt vor der Dortmunder Strafkammer. C, D o r t m u n d. den 12. Juli. (Zweiter Vcrhandlungstag.) Der Vorsitzende liest die Schreiben des preußischen und württem- bergischen Kriegsministcriums vor, welche die Frage der Zeugnisverweigerung behandeln. Das preußische Kriegs- Ministerium hat unter dem 4. Juli d. I. den in der Strafsache gegen den Oberst Hllgcr zu vernehmenden militärischen Zeugen gemäß K 53 St. P. O. die Genehmigung zur Aussage insoweit erteilt, als dabei nicht die Fragen des ehren- gerichtlichen Verfahrens und die von Vor- gesetzten ausge st eilten Zeugnisse und die dien st- Ii che Qualifikation in Betracht kommen. Es folgt die verantwortliche Vernehmung des An- geklagten Oberst a. D. Hügcr. Sie beginnt mit der Besprechung der Differenz zwischen dem Oberst Häger und dem Hauptmann Schmahl wegen des verbotswidrigen Putzcns von Stahlsachen nnd Zaumzeugen im Stall. Ebenso wird die Antwort des Generals von Witzendorff auf diese Beschwerde verlesen, in der die Beschwerde als teilweise berechtigt anerkannt wird. Oberst H ü g e r bestreitet, dem Hauptmanne Schmahl bei dem Parolcbcfchl persönlich entgegengetreten zu sein. Die Beschwerde sei ungerechtfertigt gewesen und mußte daher zurückgewiesen werden. Ferner hat man sich hinter meinem Rücken d e S Regimentsbefehls bemächtigt und einem L e u t» n a n t wurde befohlen, die betreffenden Stellen blau anzustreichen.. Es kommt dann Li lebhaften Auseinandersetzungen zwischen dem Borsitzenden und dem Angeklagten Obersten Hüger. -- Vors.: Sie behaupten, der General von Witzendorff habe den ES wird dann die Frage des Ausgleichsversuchs erörtert. Nach- dem am 14. Februar der Regiments- Tagesbefehl erschienen war, durch den sich Hauptmann Schmahl persönlich verletzt fühlte, kam der Kommandeur der ersten Abteilung des Regiments, zu der die dritte Batterie gehörte, als Vermittler Schmahls zum Oberst Hüger. Wie das darüber aufgenommene Protokoll besagt, ist bei der Ver- Mittelung am 16. etwa in folgender Weise verhandelt worden: Major Feucht führte aus, daß der Hauptmann Schmahl sich durch den gestrigen Tages-Regimentsbefehl persönlich verletzt fühle, weil durch diesen Befehl jedem Manne des Regiments bekannt gegeben sei, daß in seiner Batterie Unordnung herrsche. Zweitens fühle er sich in seinen dienstlichen Gerechtsamen geschädigt, denn er kenne wohl die Bestimmung, daß im Stall nicht geputzt werden solle, aber einen speziellen Befehl kenne er nicht. Er halte sich jederzeit für berechtigt, bei schlechtem Wetter das Putzen im Stalle zu befehlen. Oberst Hüger erwiderte hierauf:„Solche Monita werden vor der Front auch gegeben, und noch schärfer; ich sehe darin keine persönliche Verletzung." Hüger hat dann weiter gesagt:„Ich habe den Befehl auf Grund der Anleitung zur Fütterung der Dienst- Pferde gegeben, daß im Stall nicht geputzt werden solle; wenn aus- nahmsweise Fälle eine Abweichung notwendig machen, so bestreite ich das Recht der Aenderung absolut nicht, ich verlange wenigstens davon Meldung. Sagen Sic dem Hauptmann Schmahl, ich lasse ihn bitten, die Sache persönlich mit mir zu besprechen, es würde sich dann noch ausgleichen, aber den Befehl aufheben kann ich nicht." Dieser Aufforderung zur persönlichen Besprechung kam Haupt- mann Schmahl nicht nach, sondern beschwerte sich am nächsten Tage über seinen Regimentskommandeur. Erster Zeuge ist der Generalleutnant von Witzendorff, der zur fraglichen Zeit Brigadekommandeur war und später als Kommandant von Breslau zur Disposition gestellt wurde. Er be- kündet, über den Obersten Hüger seien wiederholt Beschwerden ein- gelaufen, u. a. eine von 13 Offizieren, bei denen es nach der Ansicht des Generals ohne Zweifel war, daß sich Oberst Hüger im Unrecht befand. Er glaube nicht, daß er in der ganzen Sache irgend etwas getan habe, was parteiisch oder vor- eingenommen aussehe.— Vert. Rechtsanwalt Kohn- Dort- mund: Warum haben sich die 13 Offiziere beschwert und wann? — Generalleutnant von Witzendorff: Ein Vierteljahr, nach- dem Oberst Hüger zum Kommandeur des Regiments ernannt worden war. haben sich diese Offiziere über die Erschwerung des Turnunterrichts beklagt.— Erster Staatsanwalt Dr. Schulze- Sölde: Der Angeklagte hat Ihnen den Vorwurf der Rechts- beugung und der Erledigung zu seinen Ungunsten wider besseres Wissen gemacht.— Zeuge: Davon kann ganz gewiß nicht die Rede sein. Ich habe selbstverständlich nach bestem Wissen und nach bester Ueberzeugung gehandelt. Angekl. Oberst Hüger: Ich muß entschieden be st reiten. daß mir der Generalmajor von Witzendorff von der Erklärung des Hauptmanns Schmahl Mitteilung gemacht hat.— Zeuge von Witzendorff: Jawohl, ich habe ihm eine solche Mit- teilung gemacht.— Angekl.: Ich weiß genau, daß Sie mir nie- m a l s von der entschuldigenden Erklärung des Haupt- manns Schmahl Mitteilung gemacht haben. Der Brief war mir nur zum Teil bekannt. Im übrigen möchte ich noch bemerken, daß einmal eine Schießübung im Gelände abgesagt wurde, weil der General von Witzendorff an einer Hirschjagd teil- nehmen wollte.— Zeuge General von Witzendorff: Ich bestreite das. Zeuge Hauptmann Freiherr von Mühlen war im Jahre 1895 Regimentsadjutant. Er bekundet, daß seines Wissens Oberst Hüger damals gesagt habe, daß die Verlegung erfolgt sei, damit der General bei der Hirschjagd dabei sein könne. Es folgt nunmehr die Vernehmung des Hauptmanns Schmahl. dessen Beschwerde nach der Aeuherung des Generaloberst von Hahnke den Tropfen bildete, welcher das übervolle Maß der allgemeinen Mißstimmung gegen den Obersten Hüger zum Ueberfließen brachte. Er bekundet: Ich war zu damaliger Zeit gerade mit den Vor- bereitungen zur Centennarfeier für Kaiser Wilhelm l. beschäftigt, als der Regiments-Parolebefehl verlesen wurde, daß sämtliche Fahrer der dritten Batterie im Stall mit Putzen von Stahlsachen bezw. Zaumzeugen beschäftigt waren, wobei auch der Futtermeister zugegen gewesen sei. Ich war empört über die Formlosigkeit, in der mir hier der Vorwurf der Unordnung in meiner Batterie gemacht wurde. Ich war stets stolz auf meine Batterie und wollte mir niemals sagen lassen, daß ich in der Fürsorge für diese hinter anderen zurückstehe. Wenn Oberst Hüger etwas zu monieren hatte, so hätte er mindestens eine Form wählen müssen, die Hand und Fuß hatte. Ein bestimmter Befehl war nicht vorhanden, und ich nlutzte doch verlangen, daß solche Anordnungen in unzweideutiger amtlicher Form erfolgen, wie sich das gehört. Ich wußte von keinem Befehl, sondern nur von Wünschen des Obersten. Als Oberst Hüger unser Regiment übernahm, geberdete er sich so, als ob er uns das Glück brächte. Er wollte den Reformator spielen. Die Batterien und auch die meinige waren durchaus tadellos. Sie haben eine ruhmreiche Vergangenheit. Oberst Hüger kam mit einem Durch- einander von Vorschlägen und Befehlen, daß er selbst nicht mehr aus und ein wußte, ob es sich schließlich um einen Ratschlag oder um einen Befehl handelte. Es folgt dann die Vernehmung des Oberstleutnants und Regimentskommandeurs Feucht. Der Zeuge war zu damaliger Zeit als Mojar Kommandeur der ersten Abteilung, zu der die Batterie des Hauptmanns Schmahl gehörte, und suchte zwischen Oberst Hüger und Hauptmann Schmahl, wie schon erörtert, zu vermitteln. Er kann sich jetzt nach 8 Jahren auf die einzelnen Fälle nur noch wenig besinnen. Oberst Hüger habe ziemlich viel in die Details des Batteriedienstes eingegriffen.— Angekl. Oberst Hüger: Kennt der Herr Zeuge die Bestimmungen der Aller- höchsten Kabinettsorder vom November 1858?— Zeuge: Nein.— Angekl.: Wenn ihm diese Kabinettsorder nicht bekannt ist, dann kann er auch darüber kein matzgebendes Urteil abgeben.— Vors. (mit erhobener Stimme): Darüber kann man auch ohne Kenntnis der Knbinettsorder entscheiden. Im übrigen liegt der Sinn der Kabinettsorder nicht in der Detaillierung der Bestimmungen, um die sich der Regimentskommandeur kümmern soll, sondern gerade in der Hervorhebung der Freiheit des Batteriedienstes. Es wird hierauf noch eine Reihe von Regimentsbefehlen des Oberst Hüger zur Verlesung gebracht. Hüger bestreitet heute, daß diese Befehle tief in die Details des Dienstes eingreifen. In einem Falle, so fährt Oberst Hüger weiter fort, hatte ich regelmäßige Waschungen der Mannschaften angeordnet. Das mag man ein Ein- greifen in Details nennen, aber die Anordnung war notwendig, weil, wie ich erfuhr, die eingelieferten Mannschaften so schmutzig gewesen sind, daß das Lazarettpersonal sie nicht mehr anfassen wollte, wo- von mir von den Aerzten Meldung gemacht wurde.(Bewegung.) Generalleutnant von Witzendorff, über die Regiments- befehle des Angeklagten befragt, meint, daß sie nicht klar genug zum Ausdruck brächten, ob es sich im einzelnen Fall um einen Befehl oder nur um Ratschläge handle. Nachdem noch der Hauptmann Schweizerbart über die Handhabung der Vorschriften im Regiment vernommen worden, der nichts wesentliches zu hekunden wußte, wurde die Verhandlung um 4 Uhr auf morgen vormittag vertagt. Soziales. Bi« Berliner Kaufmannsgericht. Daß sie fünfmal zu spät ge» kommen und einige Male überhaupt unentschuldigt aus dem Geschäft ferngeblieben war, wurde als Grund für die plötzliche Entlassung einer Buchhalterin angegeben, die in dem Zcitungsversandgeschäst von L ö l l h ö f e l für 60 Mark Monatsgehalt tätig gewesen war. Den letzten Anstoß zur Entlassung hatte eine Handwunde der Klägerin, die sie, wie im vorigen Termin ein medizinischer Sach- verständiger bekundete, tatsächlich arbeitsunfähig machte, gegeben und sie hatte sich damals auch rechtzeitig entschuldigt, so daß diesmal ihr Ausbleiben vom Geschäfte nicht als Entlassungsgrund gelten konnte. Der Beklagte stellte jedoch im vorigen Termin den Antrag, seine Ehefrau als Zeugin über das Zuspätkommen der Klägerin zu vernehmen, und dies wurde auch dann vom Gericht beschlossen. Zum neuen Termin am 10. Juli war aber die Zeugin nicht erschienen und der Beklagte entschuldigte ihr Ausbleiben mit Schwangerschaft, hatte aber kein ärztliches Attest darüber beigebracht, konnte auch keinerlei bestimmte Angaben über das Stadium der Schwangerschaft machen, so daß der Gedanke an eine Absicht der Verschleppung des Prozesses nahe lag. Nach der weiteren Beweisaufnahme über die Ursachen der Entlassung kam das Gericht auf Grund der eigenen Aussagen des Beklagten zu der Ueberzeugung, daß das Fehlen und Zuspätkommen der Klägerin zu weit hinter dem Tage der Ent- lassung zurücklag, um als hinreichender Ent« lassungsgrund gelten zu können, und verurteilte den Beklagten, der Klägerin das verlangte Gehalt für zwei Monate zu zahlen. 10 M. Wochenlohn und 1 Proz. Provision vom Umsatz hatte nach Aussage des Beklagten und seiner als Zeugin geladenen Ehefrau die Leiterin einer Filiale des Möbelgeschäfts von Plettner zu beanspruchen. Die Klägerin behauptete jedoch. daß 3 Proz. vereinbart worden seien und gründete darauf den wesentlichen Teil ihrer Forderung von 29,96 M., ohne dafür ge- nügende Beweise beibringen zu. können. Dem Beklagten wurde vom Kaufmannsgcricht der Eid für seine Behauptung zugeschoben und er leistete diesen Eid. so daß die Klägerin mit ihrer Forderung abgewiesen werden mußte. GewerKlcKaftliches. Staatliche Vernichtung des Koalitionsrechtes. Die Generaldirektion der sächsischen Staatsbahnen er- läßt in ihrem Amtsblatte folgende Warnung: „In den letzten Monaten haben in Chemnitz, Dresden, Leipzig und so weiter mehrfach Arbeiter wegen Beteiligung an dem„Verbände der Eisenbahner Deutschlands" (Hamburg) aus dem Staatsbahndienste entfernt werden müssen. Unter den entlassenen Arbeitern befanden sich leider mehrere Mitglieder-Vertreter und Vorstands-Mitglieder der Betriebskranken- und Arbeiterpensions-Kasse. Ein solcher Vertreter hatte es sogar mit seinen Pflichten als Arbeiter der Staatsbahn-Verwaltung für vereinbar gehalten, eine schließlich der polizeilichen Auflösung verfallene Versammlung von Mitgliedern jenes„Verbandes" in Leipzig als Vorsitzender mit zu leiten. Mit der Tätigkeit der Arbeiter als Vorstands- Mitglieder usw. der Betriebskranken- usw. Kasse steht die Ent- lassung in keinerlei Zusammenhang. Unter Hinweis auf die früher erlassenen Verbote warnt die Generaldirektion nochmals vor jeder Beteiligung am„Verbände der Eisenbahner Deutsch- lands" und bemerkt, daß eine solche„unnachsichtlich die Ent- fernung aus dem Staats-Eisenbahndienste" zur Folge haben werde." Es handelt sich, wohlgemerkt, nicht um staatliche B e- a m t e, sondern um Arbeiter, denen das Koalitionsrecht reichsgesetzlich gewährleistet ist, und denen es nichts- destoweniger eine staatliche Behörde(!) rund heraus nimmt.— Welch Vertrauen können die Arbeiter noch zu den Behörden haben, welche reichsgesetzliche Rechtsgarantien ein- fach mit einem Feder st rich beseitigen? Der Vorgang beweist auch aufs neue den innigen Zu- sammenhang des politischen und sozialen Lebens. Weil die Arbeiterschaft im sächsischen Klassenparlament nicht protestieren kann, streicht man ihr eines ihrer wichtigsten Rechte. Die einzig richtige und einzig mögliche Antwort der Arbeiterschaft darauf ist die Vermehrung der sozialistischen Reichstagswahl- stimmen!_ Berlin und Ohngegend. Die Fahrstuhl-Unternehmer sind jetzt während des Streiks bemüht, der Oeffentlichkeit einzureden, daß die Fahrstuhlarbeiter so horrende Löhne verdient haben, daß eine Aufbesserung gar nicht nötig und der Streik eigentlich aus reinem Uebermut angefangen sei. In ihren Streikbrecher-Jnseraten versichern die Unternehmer, daß die Arbeiter pro Tag 10 M. verdient hätten. Von den Arbeitern wird entschieden bestritten, daß diese Angabe allgemein zutreffend sei. Ucbrigens haben die Fahrstuhl-Unternehmer selbst ein Dokument dafür ausgestellt, daß in ihren Betrieben Stundenlöhne unter 40 Pf. verdient werden, und daß es Mittel gibt, bei etwaigen höheren Verdiensten den Arbeitern wenigstens einen Teil davon nicht auszuzahlen. In der Arbeitsordnung eines Fahrstuhl-Unternehmers, die, wie uns versichert wird, in fast allen Betrieben gleichlautend ist, be- findet sich folgende Bestimmung: „Es hat kein Arbeiter, welcher vor Sonnabend abends vor Feierabend die Arbeit niederlegt oder aus irgend einem Grunde, welcher nicht genannt werden braucht, aus der Arbeit entlassen werden sollte, auch wenn dies nur einige Minuten Sonnabendabends vor Feierabend geschehen sollte, Anspruch auf den in der letzten Woche verdienten Akkordlohn, sondern er erhält für die vom laufenden Sonnabend und in der ganzen vorher abgelaufenen Arbeitswoche, also auch für die in der Zeit vom vorigen Sonn- abend bis letzten Freitag abends, danach eventuell für fast an sieben vollen Arbeitstagen wirklich geleisteten Arbeitsstunden nur 40 Pf. Stundenlohn pro wirklich geleistete Arbeitsstunde bezahlt, falls der verdiente Akkordlohn sich höher als 40 Pf. pro Arbeits- stunde berechnet, während, wenn der verdiente Akkordlohn sich unter 40 Pf. pro Arbeitsstunde berechnet, selbstredend auch nur dieser niedrigere Akkordlohnsatz zur Auszahlung gelangt." Aus diesem gewiß einwandfreien Dokument geht also hervor, daß Fahrstuhlarbeiter im Akkord auch weniger als 40 Pf. pro Stunde verdienen, und daß die Unternehmer sich eine Handhabe geschaffen haben, um höhere Verdienste einfach nicht auszuzahlen. Wie einfach ist es doch, wenn man Arbeiter aus irgend einem Grunde, welcher nicht genannt werden braucht, Sonnabends wenige Minuten vor Feierabend entläßt und einem, der sich vielleicht im Akkord ganz besonders angestrengt hat, zu sagen:„Mein Lieber, Sie haben in der vergangenen Woche zwar 60 Pf. pro Stunde ver- dient, da ich Sie aber aus einem Grunde, den ich Ihnen nicht nenne, jetzt entlasse, so bekommen Sie nur 4g Pf. pro Stunde aus- bezahlt. Die Differenz von 20 Pf. pro Stunde für sieben Züge von je neun Stunden im Betrage von 10,60 M. stecke ich in meine Tasche." Man wird einwenden, das tut kein anständiger Unternehmer. — Ganz recht.— Aber warum nehmen denn Unternehmer, die als anständig gelten wollen, solche den guten Sitten und den Grund- sätzen von Treu und Glauben widersprechenden Bestimmungen in ihrer Arbeitsordnung auf? Doch wohl, um sie, wenn es einmal paßt, anwenden zu können. Achtung, Kleber! Die unserer Organisation angeschlossenen Kleber können die Kontrolllegitimationen jeden Abend im Arbeits- Nachweis Schützenstr. 18/19 in der Zeit von 6—>/z8 Uhr in Empfang nehmen. Der Vorstand der Freien Vereinigung der Tapezierer. Bureau: Schützenstr. 18/19. Zfcl. I, 1308. OeutTehes Reich. Eine Bauarbeiter-Aussperrung ist üt Kiel ausgebrochen, von der Aussperrung im Baugewerbe, die gestern morgen auf den Bauten fast allgemein in Kraft trat, sind nach den„Kieler Neuesten Nachrichten" etwa 2000 Maurer, Zimmerer und Bauarbeiter betroffen. Ein großer Teil der Ausgesperrten verläßt bereits in diesen Tagen die Stadt. Ursache zu der Aussperrung sind eine Anzahl partieller Streiks, da die Arbeiter wegen noch laufender Tarife nicht allgemein vorgehen konnten, sondern sich auf Unternehmer beschränkten, die den Tarifabmachungen fernstanden. Zum Schlosserstreik in Hamburg. Wie seinerzeit berichtet. haben die Schlosser von Hamburg und Umgegend wegen Lohn- forderung und Verkürzung der Arbeitszeit von 10 auf 9 Stunden die Arbeit eingestellt. Der Streik dauert bereits überjieben Wochen. Zu den neuen Bedingungen arbeiten 250 Gesellen, während sich noch über 400 im Ausstande befinden. Da sich inzwischen einige größere, nicht der Schlosserinnung angehörende Betriebe bereit erklärt hatten. Zugeständnisse zu machen, wurde die Angelegenheit in einer gestern abend stattgehabten, sehr zahlreich besuchten Versammlung erörtert. Nach langer Debatte wurden die Zugeständnisse als unzulänglich bezeichnet und beschlossen, an den ausgestellten Forderungen— Neunstundentag und Minimallohn von 45 Pf.— festzuhalten. Der Streik dauert mithin unverändert fort. Sämtliche Maurer in Salzungen legten die Arbeit nieder. Die Gesellen haben ursprünglich 2 Pf. Lohnzuschlag gefordert. Diesen lehnten die Meister ab, wollten ihn aber vom 1. April ab geben, wenn ein Vertrag von dreijähriger Dauer abgeschlossen werde. Jetzt haben nun die Gesellen die Forderung auf 4 Pf. erhöht. Zuzug ist fernzuhalten. Zuzug von Klempnern und Installateuren ist von Heidelberg, Karlsruhe und Pforzheim fernzuhalten. Die Arbeiter haben ihre Kündigung eingereicht, nachdem sich die Verhandlungen mit den Unternehmern zerschlagen. Huslsnd. Tarifgemeinschaft im französischen Buchdruckgewerbe. Im Auftrage der ftanzösischen Prinzipalität hielt sich, wie UNS das Tarifamt der deutschen Buchdrucker mitteilt, in vergangener Woche der Buchdruckereibesitzer Mr. Lefebore aus Paris in Berlin auf. um beim Tarifamt der deutschen Buchdrucker in mehr- tägigen Verhandlungen den deutschen Buchdruckertarif und die Organisation der Tarifgemeinschaft aufs eingehendste zu studieren. Nach seiner Rückkehr wird derselbe vor Vertretern der ftanzösischen Prinzipale in Rouen über seine hier gewonnenen Eindrücke und Kenntnisse von dem deutschen Buchdrucker-Tarifwesen einen Vortrag halten, dessen Ziel eine Tarifvereinbarung für die ftanzösischen Buchdrucker sein soll, an deren Zustandekommen, nach vorliegenden Schriftstücken, die ftanzösische Prinzipalität und Gehülfenschaft ein gleich großes Interesse zu haben scheinen. Versammlungen. Eine Generalversammlung des Berbandes deutscher Barbiere» Friseure und Perückenmacher unter dem Vorsitz des Kartelldelegierten Schröter und im Beisein der Lohnkommission nahm Stellung zu der Nachweisfrage. Gerling behandelte diesen Punkt in ein- gehendster Weise und empfahl, daß der Verband unter keinen Um- ständen mit dem Arbeitsnachweisvorsteher weiter in Verbindung treten möge und beantragte den Ausschluß von Wesche und Weber. In der Diskussion entspann sich eine längere Debatte, an welcher sich unter anderen Wesche, Birkner, Schulze und Schröter beteiligten. Es wurde fast einstimmig eine Resolution an- genommen, welche den Ausschluß von Wesche und Weber aus- sprach und gegen die Behauptung protestierte, daß Gerling den Vertrauensposten an sich gerissen hätte. Er ist vielmehr in der vorigen sowie nochmals in der außerordentlichen Generalversammlung zum Vertrauensmann gewählt worden. Der Arbeitsnachweis Große Frankfurterstr. 65 bleibt weiter vom Verband aus gesperrt und die Vermittelung findet bis Donnerstag, den 13. d. M. in der Rosenthalerstr. 57 statt. Von Donnerstag ab befindet sich der Nachweis im Restaurant Polley, Schillingstr. 16/1S. Berichte und Annoncen, die nicht mit einem der drei Namen: Schulze, Baumgart oder Gerling unterzeichnet sind, rühren nicht vom Verbände deutscher Barbier- usw. Gehülfen her. Die Lohn- bewegung nimmt ihren Verlauf weiter und ist dafiir nur die Lohn- kommission kompetent._ Eingegangene DruchPchnfteti. Der Groftgrundbesitz und die ländlichen Arbeiter. Ein« sozial- politische Studie zur Organisation der Arbeit aus dem Grund und Boden mit Hülse von Slrbeitergenosscnschasten von Friedr. WilH. Toussaint, kaiserlicher Oekonomierat in Karlsruhe. 56 Seiten gr. 8° mit zwei SituationS» Plänen, broschiert 1,25 M. Hchnemannsche Buchdruckerei und Verlagsanstalt Gebr. Wolff, Halle a. S. „Der Sträfling, Kulturstudien ans dem Strafrecht und«m» dem Gefängnis", von Adolf Götz(Verfasser des„Sträfling 788"). Verlan von Gose u. Tctzlaff, Berlin SW. 61.— Preis 1 M. Dr. Max Marens«, Arzt in Berlin. Die geschlechtliche Ausklärung der Jugend. Vortrag, gehalten am 5. April 1905 zu Berlin im„Bund sür Mutterschutz" Preis 30 Pj. Leipzig. Felix Dietrich. 1305. letzte JVachncbten und Depefcheiie Köln, 12. Juli.(W. T. B.) Die Stadtverordneten haben m einer außerordentlichen Sitzung, wie die„Kölnische Volkszeitung" meldet, den Oberbürgermeister Becker aus Anlaß seines 70. Geburts- tages zum Ehrenbürger ernannt; auch stifteten sie em silbernes Prunkgerät zum Ratsfilber und 10 silberne und 100 bronzene Plaketten mit dem Bildnis Beckers. Französisch-englische Flottendemonstration. Brest, 12. Juli.(Meldung der„Agence Havas".) Bei einem Frühstück, welches heute an Bord des„King Edward" stattfand, brachte Admiral May einen Trinispruch auf den Präsidenten Loubet aus, der die Bewunderung des englischen Volkes besitze. Admiral Caillard trank auf die Gesundheit des Königs und der Königin von England, sowie der übrigen Mitglieder der englischen Königs. familie. Die Trinksprüche wurden mit einem dreifachen Hurra auf- genommen, auf welches die englische und die französische National- Hymne folgte. Admiral May gab sodann der Befriedigung der eng- lifchen Offiziere Ausdruck, ihre Flotte in französischen Gewässern unter französischen Schiffen verankert zu seh'en und dankte für den den Engländern in Brest bereiteten warmen Empfang, von dem sie die schönste Erinnerung mit sich nehmen würden. Der Admiral sprach sodann die Hoffnung aus, daß die Begegnung der beiden Flotten, das heiße der beiden Nationen, das gegenwärtige herzliche Einvernehmen noch verstärken werde. Er trinke auf lange Dauer dieses Einvernehmens und den Ruhm und die Wohlfahrt Frank- reichs. In seiner Antwort erklärte Admiral Caillard, daß die vom Admiral May ausgesprochenen Gefühle von allen geteilt würden. Er freue sich zu sehen, wie die Stäbe und die Mannschaften beider Flotten sich in denselben Gefühlen maritimer Solidarität be- gegneten. Admiral May brachte sodann ein Telegramm des Privat- sekretär des Königs Eduard zur Verlesung, welches der Freude des Königs über die dem englischen Geschwader in Brest bereitete aus- gezeichnete Aufnahme Ausdruck gibt. Die norwegische Thronkandidatur. Kristiania, 17. Juli.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Hier verlautet, daß maßgebende Politiker die Kandidatur des dänischen Prinzen Karl stützen. Verantw.Re»>.-.Kr«u RebbeÄ,BerIin.Jnserateverantw.(mit Ausnahme der ,ReueWell'-Bellage):Th.Glocke. Berlin. Druck u.verlaa: Vorwärts BuÄdr.u.VerlazSanst.PaulSutger L Ed», Berlin S V. Hserzu Ä Beilagenu.Uuter haltunaSb Kr. M. 32. IahrMg. L ßtilaot des JuiMtls" Krim lalUlitl Dsimerstag, 13. MIM. Ei« gerichtliches Nachspiel z«m Ruhßrat-Prazeß. Bückeburg, 12. Juli 1905. (2. Verhcmdlungstag.) Ist Pokern ein Hazardspiel? Wie wird„Lustige Sieben" gespielt? Heute beantragte der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Sprenger mehrere in Bremen konditionierende Kellner als Zeugen und Kri mininalkommissar Freiherrn von Manteuffel als Sachverständigen und Zeugen zu laden. Letzterer soll befragt werden, ob Pokern ein Glücksspiel ist und in welcher Weise„Lustige Sieben" gespielt wird. Das eigentliche Beweisthema im Prozeß Schweynert war: Hat Minister Ruhstrat in den letzten Jahren Hazard gespielt? Ob Minister Ruhstrat„Lustig« Sieben" gespielt, hazardiert oder„gemauschelt hat, ist dabei sehr gleichgültig. Wenn nachgewiesen ist, daß der Minister in den letzten Jahren hazardiert hat, dann hat der Angeklagte keinen Meineid geleistet. Wenn auch der Angeklagte behauptet hat, der Minister habe„Lustige Sieben" gespielt, so ist möglich, daß der Angeklagte„Lustige Sieben" mit Pokern verwechselt hat. Kriminalkommissar von Manteuffel, der ja bereits, wie bekannt sein dürfte, in einem Berliner Prozeß Pokern als Glücksspiel bezeichnet hat, soll bekunden, daß in den i n t e r- nationalen Spielhöhlen in der Hauptsache ge pokert wird und daß, wenn auch nicht tit Deutschland, in allen Kulturstaaten Pokern durch Gesetz verboten ist. Verbrechen im Amte. Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Herz: Ich beantrage, die Ge fängnisauffeher Kehlin g und Go de aus Oldenburg als Zeugen zu laden, die bekunden werden, daß Kriminalkommissar Böning auf den Angeklagten derartig eingeredet hat, daß dieser schließlich zu seinen Verteidigern jedes Zutrauen verloren hat und nahe daran war, seinen Verteidigern das Mandat zu entziehen und sich einen Verteidiger von Staatswegen geben zu lassen. Die vorgeschlagenen Zeugen werden auch bekunden, der Angeklagte habe eines Tages erklärt, daß er bei seiner Vernehmung in einer Weise behandelt worden wäre, daß er die Empfindung hatte, er befände sich in einer Räuberhöhle. Wenn sich das bewahrheitet, dann hat sich Kriminal- kommissar Böning der Verletzung seiner amtlichen Pflicht schuldiggemacht. Staatsanwalt Dr. Becker: Gegen die Ladung der Gefängnis- aufseher habe ich nichts einzuwenden; dagegen muß ich der Ladung des Kriminalkommissars von Manteuffel widersprechen. Es steht zunächst nicht fest, daß im Oldenburger Kasino gepokert wurde. als der Angeklagte dort Kellner war und schließlich kann man doch Pokern in verschiedener Weise spielen. Die Beurteilung, ob Pokern ein Glücksspiel ist, kann man ruhig dem Gerichtshof überlassen. Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Sprenger: Minister Ruh strat hat selbst zugegeben, daß er in den letzten Jahren im Oldenburger Kasino gepokert habe. Es ist deshalb anzunehmen, daß dies auch geschehen ist, als der Angeklagte dort Kellner war Aber gerade der Umstand, daß Pokern auf verschiedene Art gespielt werden kann, macht es notwendig, daß ein Sachverständiger befragt wird, ob Pokern mit„Lustige Sieben" verwechselt werden kann. Im übrigen hat die Strafkammer Oldenburg im Prozeß Schweynert entschieden, Pokern sei kein Glücksspiel. Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Jonas: Ich erachte die Ver- nehmung eines Sachverständigen für umso notwendiger, da es frag- lich ist, ob die Herren Geschworenen den Unterschied zwischen Pokern und„Lustige Sieben" kennen. Ich will noch bemerken, daß Kriminal- kommissar von Manteuffel anerkannt der erste Sachverständige auf dem Gebiete des Spielwesens ist.— Im weiteren Verlauf der Ver- Handlung verzichten die Verteidiger auf die Ladung der Bremer Kellner. Die Ladung des Kriminalkommissars von Manteuffel abgelehnt! Nach einer längeren Beratung des Gerichtshofes verkündet der Vorsitzende: Der Gerichtshof hat beschlossen, die Gefängnisaufseher zu laden, dagegen den Antrag auf Ladung des Krimi- nalkommissars von Manteuffel abzulehnen. Der Angeklagte hat selbst in dier Strafkammerverhandlung in Oldenburg sowohl als auch hier ausdrücklich erklärt, Minister Ruhstrat habe „Lustige Sieben" gespielt, mithin kann Pokern hier nicht interessieren und zwar um so weniger, da dem Gerichtshof bekannt ist. daß Pokern mit Karten,„Lustige Sieben" mit Würfeln gespielt wird, also eine Verwechselung zwischen beiden Spielen aus- geschlossen ist. Der Angeklagte hat ja selbst erklärt, er habe Würfel- becher hineingebracht. Fortsetzung der Zeugenvernehmung. Es wird danach Buchhändler Schmi d t-Oldenburg vernommen. Er habe mit dem Minister Ruhstrat in den letzten Jahren im Olden- burger Kasino oftmals Skat gespielt, bisweilen auch gepokert. „Lustige Sieben" sei in der fraglichen Zeit nicht gespielt worden.— Vors.: Kann man das Poker-Spiel mit dem Spiel „Lustige Sieben" verwechseln?— Zeuge: Das halte ich für ausge- schlössen. Pokern kann nur mit Karten und„Lustige Sieben" nur mit Würfeln gespielt werden.— Vors.: Haben Sic mehrmals mit Herrn Minister Ruhstrat„Lustige Sieben" gespielt?— Zeuge: Jawohl, aber vor V i e l e�n Jahren.— Der Zeuge bekundet dann auf Befragen, daß er nicht die Empfindung habe, daß der An- geklagte in der Oldenburger Strafkammerverhandlung befangen oder verwirrt gewesen sei. Er wurde auch vom Vorsitzenden und dem amtierenden Staatsanwalt wiederholt verwarnt.— Vert. Rechtsanwalt Dr. Sprenger: Sie haben viel mit Minister Ruhstrat, auch früher„Lustige Sieben" gespielt. Zestge: Jawohl.— Vert.: Ist es richtig, daß Sie dabei fast Ihr ganzes Vermögen verloren und deshalb bisweilen die Kellner angepumpt haben?— Zeuge: Eigenes Vermögen besaß ich nicht. Ich gebe aber zu, daß ich viel Geld verloren habe und auch bisweilen Kellner an- gepumpt habe.— Vert.; Wann haben Sie zum ersten Mal mit Herrn Minister Ruhstrat„Lustige Sieben" gespielt?�— Zeuge: Genau kann ich das nicht sagen. Ich glaube es fiel in die Zeit, als Mini st er Ruh st rat Oberstaatsanwalt wurde.— Vert.; Also als Staatsanwalt hat der Minister erst«Lustige Sieben" gespielt?— Zeuge: Ich glaube wohl.— Vert.; Sind Sie der An- ficht, daß ein Staatsanwalt weniger Pflichten hat. als ein Ober- ftaatsanwalt?— Zeuge: Das kann ich nicht sagen. Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Herz: Fiel nicht das Aufhören des„Lustige Sieben-Spiels" des Ministers in die Zeit als Haupt- mann von Pavel sich das Leben nahm?— Zeuge: Das kann ich nicht sagen.— Vert.: Wann starb Hauptmann von Pavel?— Zeuge: Meiner Erinnerung vor etwa 15 Fahren.— Vert.: Kann es 1895 gewesen sein?— Zeuge: Es ist möglich.— Vert.: Hauptmann von Pavel war ein Spiclgenosse des Herrn Ministers?— Zeuge: Jawohl.— Vert.: Ist Ihnen hekannt, daß Hauptmann von Pavel sich Schulden halber erschossen hat?— Zeuge: Daß sich Haupt- mann von Pavel erschossen hat, ist mir bekannt. Ob Spielschulden die Ursache waren, entzieht sich meiner Kenntnis.— Verteidiger Rechtsanivalt Dr. Jonas: Wird das Spiel„Lustige Sieben" in Oldenburg für„unfair" gehalten, so daß ein Oher- ftaatsanwalt es nicht spielen, wohl aber das Pokerspiel betreiben darf?— Vors.: Das ist ein Urteil, das der Zeuge nicht ab- geben kann.— Vert.: Ich will nur die persönliche Ansicht des Serrn Zeugen hören.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. prenger: Sie müssen die Frage so stellen: Gilt in den besseren Oldenburger Kreisen das Pokern für ein einwandfreies, solides Spiel?— Vors.: Ich kann Ihnen diese Frage aus demselben Grunde, aus dem der Antrag aus Ladung des Kriminalkommissars von Manteuffel abgelehnt wurde, nicht zulassen. Das Poker- spiel kann uns hier nicht interessieren. Auf Be- fragen des Verteidigers Herrn Rechtsanwalt Dr. Herz bekundet der Zeuge, daß sie zumeist bis 1 Uhr nachts, bisweilen auch bis 3«der 4 yhe morgens gespielt hätten. Amtsvcrbrcchen. Hierauf wird Polizcikommissar Böning aus Bremen als Zeuge aufgerufen.— Rechtsanwalt Dr. Jonas: Ich ersuche, den Herrn Zeugen darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn eine Frage an ihn in bczug auf§ 343 des Strafgesetzbuches gestellt werden sollte, er berechtigt ist, die Antwort zu verweigern. Der erwähnte Paragraph lautet:„Ein Beamter, welcher Zwangsmittel anwendet, oder anwenden läßt, um ein Geständnis zu erpressen, wird mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren bestraft."— Vors.: Ich mache Sie darauf aufmerksam, Herr Zeuge, daß, wenn eine Frage an Sie gestellt werden könnte, durch deren Beantwortung Sie sich einer strafrechtlichen Verfolgungen aussetzen könnten, Sie dieselbe verweigern können.— Kriminalkommissar Böning bekundet danach auf Befragen des Vorsitzenden, er habe den Angeklagten in der Untersuchungshaft sehr eingehend verhört. Der Angeklagte habe schließlich gesagt, er könne die Behauptung nicht mehr aufrecht erhalten, daß Minister Ruhstrat mit Buchhändler Schmidt und Dr. Schleppegrell„Lustige Sieben" gespielt habe und daß es mehr eine Schlußfolgerung sei, weil die drei Herren zusammen Karten gespielt haben. Er bleibe aber dabei, daß Minister Ruhstrat„Lustige Sieben" gespielt habe, nur wisse er nicht, mit wem. Er habe dies auch vor der Olden- burgcr Strafkammer sagen wollen, habe es aber nicht gesagt, d a Laturus unaufhörlich auf ihn eingeredet habe. er müsse bei seiner Aussage bleiben, und da er sich auch fürchtete, wegen Meineids verhaftet zu werden.— Vors.: Ist es richtig, daß Sie den Versuch machten, dem Angeklagten Mißtrauen gegen seine Verteidiger einzuflößen?— Zeuge: Das habe ich nicht getan; ich habe allerdings dem Angeklagten gesagt, es ist selbstverständlich, daß die Verteidiger zunächst die Interessen des„Residenzboten" wahr- nehmen.— Vors.: Haben Sie dem Angeklagten gesagt, die Ver- leidiger haben nur ihren Vorteil im Auge, er solle ihnen sein Mandat entziehen und sich einen Verteidiger von Amts wegen be- stellen lassen?— Zeuge: Ich habe dem Angeklagten gesagt, die Folge seines Geständnisses könnte die Sache sehr in die Länge ziehen, desto mehr würden dann die Verteidiger fordern und sein Vermögen würde zusammenschmelzen. Da versetzte der Angeklagte: Herr Rechtsanwalt Dr. Herz hat mir versprochen, mich ohne Ver- gütung zu verteidigen. Ich bemerkte darauf:„Das ist brav, dann bleiben Sie dabei!"— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Sprenger verliest dann einen ihni vom Angeklagten auf der Untersuchungs- Haft geschriebenen Brief, in dem der Angeklagte über heftige Kopfschmerzen klagte, die er infolge seiner vielen Vernehmungen bekommen habe. Polizeikommissar Böning habe ihm gesagt, wenn er ein Geständnis ablege, käme er mit einer kurzen Gesang- nisstrase davon und vorausjsichtlich werde die Strafe durch die Untersuchungshaft für verbüßt erachtet, andererseits seien ihm zehn Jahre Zuchthaus sicher. Der Polizeikommissar habe ihm ferner gesagt, er könne sich doch irren, es haben sich schon Kaiser und Könige geirrt. Er, An- geklagter, habe sich deshalb gesagt: Geglaubt wird Dir doch nicht, und um einer zehnjährigen Zuchthausstrafe zu entgehen, habe er vor Gericht seine Aussagen widerrufen.— Kommissar Böning bestreitet, solche Aeußerungen getan zu haben. Der Angeklagte bemerkt, er halte alles, was er in dem verlesenen Briefe geschrieben habe, aufrecht.— Auf weiteres Befragen des Verteidigers Rechts- anwalts Dr. Sprenger bestreitet der Zeuge, den Versuch gemacht zu haben, dem Angeklagten Mißtrauen gegen seine Verteidiger ein- zuflößen. Auf Befragen des Herrn Rechtsanwalts Dr. Sprenger bemerkt der Zeuge: Er pflege gewöhnlich Angeklagte in Gegenwart von Zeugen zu vernehmen, da die von ihm erzielten Geständnisse mehrfach an- gezweifelt worden seien. Da er aber in Oldenburg fremd war, ver- mochte er einen Zeugen nicht hinzuziehen. Er habe diesmal, um sich zu sichern, den Angeklagten sofort zum Untersuchungsrichter führen lassen, damit dort die Aussagen desselben gleich protokolliert würden.— Im weiteren Verlauf der Vernehmung bemerkt der Zeuge: Bei dem Aufruf habe er das Beweisthcma lediglich darauf be- schränkt, ob Minister Ruhstrat mit Buchhändler Schmidt und Dr. Schleppegrell„Lustige Sieben" gespielt habe. Perteidiger Rechtsawvalt Dr. Herz: Ist es richtig, daß Sie die Untersuchung der Sache widerwillig übernommen Höchen, weil Sie, wie dis meisten Bremer, an die Unschuld des An- geklagten glaubten?— Hierauf bemerkt der Zeuge unter allge meiner Heiterkeit im Zuhörerraum: Er könne sich nicht mehr darauf besinnen. Er sei jetzt eine Stunde vernommen worden und da der Mensch nur ein Gehirn habe, könne er keine klare Antwort mehr geben.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Sprenger: Die Verteidigung akzeptiere das für den Angeklagten, der sich auch sticht mehr auf alles besinnen könne. Der folgende Zeuge ist Landgerichtsrat Dr. M e y e r-Holz- gräfen. Er bekundet: Der Angeklagte habe bei den: Polizei kommissar Böning die Aussage gemacht und zu Protokoll gegeben, daß er nur die Schlußfolgerung gezogen habe, daß Minister Ruh- strat mit den Herren Schmidt und Dr. Schleppegrell„Lustige Sieben" gespielt habe. Er bleibe aber dabei, daß der Minister Rulstrat„Lustige Sieben" gespielt habe, wisse aber nicht, mit wem Er habe den Angeklagten gefragt, ob er die Aussagen auch zu Pro- tokoll nehmen soll oder ob die Bestätigung des Protokolls des Polizei kommissars genüge. Der Angeklagte fand es nicht für nötig, ein Protokoll aufzunehmen. Als er den Angeklagten abführen lassen wollte, sagte dieser:„Man wird mir nun wohl vorwerfen, daß ich absichtlich die Unwahrheit gesagt habe." Ich bemerkte:„Wenn Sie sich nur versehen haben, dann wird Ihnen von keiner Seite ein Vor wurf gemacht werden. Aber weshalb haben Sie Ihre vorigen Aussagen nicht im Prozeß Schweynert gemacht?"— Der Angeklagte antwortete:„Ich wollte es sagen, aber ich erinnerte mich, daß der Untersuchungsrichter in Bremen gesagt hat: Das. was Sie hier aussagten, müssen Sie beschwö- ren. I ch glaubte daher, ich müsse dabei bleiben. Außerdem hat Laturnus unaufhörlich auf mich eingeredet, ich solle bei meinen Aussagen bleiben." Schließlich fing der Angeklagte an zu weinen und sagte:„Wenn ich nicht auf meine Mutter Rücksicht genommen hätte, so wäre ich längst in? Slusland gegangen." Der Angeklagte hat sein Geständnis noch mehrfach bei anderen Ver- nehmungcn wiederholt. Einige Zeit darauf erhielt der Angeklagte ein Paket von aus- wärts. Von diesem Tage an erklärte er, es sei so richtig, wie er zuerst ausgesagt habe. Schließlich habe der Ange- klagte erklärt, seine Verteidiger hätten ihm verboten, wefter auszu- sagen. Der Angeklagte habe sich über die Behandlung des Polizei- kommissars Böning niemals beschwert. Hierauf wird die Sitzung bis 3Va Uhr nachmittags vertagt. Wurde der Angeklagte bei dem Untersuchungsrichter verwirrt gemacht? Nach Wiedereröffnung der Verhandlung wurde mit der Ver- nehmung des Untersuchungsrichters Meyer- Holzgräfen fortge- fahren.— Staatsanwalt Dr. Becker: Herr Landgerichtsrat, es ist behauptet worden, der Angeklagte sei so viel vernommen worden, daß er schließlich verwirrt und unwohl wurde.— Zeuge: Der An- geklagte ist allerdings am 14. Dezember 1904 und am 26. Januar 1905 je zwei volle Stunden vernommen worden. Ich habe aber niemals wahrgenommen, daß er verwirrt wurde. Auf weiteres Be- fragen des Staatsanwaltes bemerkt der Zeuge, er hatte einmal die Empfindung, daß der Angeklagte etwas auf dem 'erzen habe. Er rückte mit der Sprache nicht heraus. Ter Angeklagte war sehr bewegt und weinte oftmals. Er, Zeuge, habe aber niemals wahrgenommen, daß der Angeklagte körperlich leidend sei. Er hatte die Ueberzeugung, daß das Ge- ftändnis, das der Angeklagte bei dem Kriminalkommissar Böning machte und bei ihm wiederholte, ein vollständig freiwilliges sei. Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Sprenger: Was veranlaßte Sie. in den Kreisen Ihrer Kollegen zu sagen, die Untersuchungs- fache Meyer habe eine erfreuliche Wendung gengmmeu? — Zeuge: Ich hielt das Geständnis für eine glückliche Wendung. — Bert.: Ich bin doch der Meinung, daß der Untersuchungsrichter nur die Aufgabe hat, die Wahrheit zu ermitteln. Das angebliche halbe Geständnis war weder eine erfreuliche, noch unerfreuliche Wendung.— Zeuge: Ich hielt das Geständnis für wahr, deshalb sagte ich, es sei eine glückliche Wendung.— Vert.: Wie kam es, daß Sie einen Aufsatz, der von Justizrat Dr. S e l l o- Berlin in der „Deutschen Juristenzeitung" erschienen war, zu den Akten nahmen? — Zeuge: Ich hielt den Aufsatz für wertvolles Material. — Vert.: Ter Aufsatz war doch ganz einseitig und richtete sich direkt gegen die Ver t e i d i g u n g. Der Aufsatz konnte ja auch nur einseitig sein, da Justizrat Sello der Verhandlung gegen Schweynert nicht beigewohnt hat und ihn auf Grund von Zeitungs- berichten schrieb.— Zeuger Ich kann nicht zugeben, daß der Auf. satz sich gegen die Verteidigung richtete.— Vert.: Hatten Sie nicht die Empfindung, daß sich der Angeklagte infolge seiner vielen Ver- nehmungen schließlich in einem traumhaften Zustande be- fand, als er das angebliche halbe Geständnis ablegte?— Zeuge: Diese Empfindung hatte ich durchaus nicht.— Vert.: Dann bean- trage ich, den Professor Dr. F o r e l- Zürich oder Professor Dr. M e n de l- Berlin zu vernehmen. Diese werden bekunden, daß es oftmals vorkomme, daß Angeklagte bei der Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter, Staatsanwalt oder der Polizeill.' Hörde Dinge-�u» geben, die der Wahrleit nicht entsprechen. Bei der Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter, Staatsanwalt oder der Polizei wird auf die Angeklagten vielfach so eingeredet, daß sie schließlich alles zu- geben, was sie gefragt werden. Herr Landgerichtsrat, ist es richtig, daß auch Sie zu dem Angeklagten gesagt haben, er solle sich einen Verteidiger von Staatswegen nehmen, denn Herr Dr. Herz sei Sozialdemokrat, im übrigen seien die Ver- teidiger nur auf hohes Honorar bedacht?— Zeuge: Das habe ich nicht gesagt. Im weiteren Verlauf der Verhandlung bemerkt der Unter- suchungsrichter auf Befragen des Verteidigers Rechtsanwalts Dr. Sprenger: Es sei richtig, daß der Antrag gestellt worden sei, die Zeugen aus Bremen zu vernehmen. Der Antrag sei aber abgc- lehnt worden.— Auf Antrag des Rechtsanwalts Dr. Herz wird ein Brief des Angeklagten verlesen, in dem es heißt: Er sei nicht mehr im stände, den vielen Protokollen beim Untersuchungsrichter zu folgen. Polizeikokmmissar Böning ein Spezialist für Meineidsachen. Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Jonas: Herr Polizeikommissar Böning ist ein ganz hervorragender Spezialist in Meincidsachen und als solcher zu empfehlen. Würde Ihnen Polizeikommissar Böning auch als geeignet empfohlen, verstockte Sünder zu einem Geständ- nis zu bringen?— Zeuge: Keineswegs. Ich habe um einen ge- eigneten Beamten ersucht, da wurde mir mitgeteilt, Polizcikommissar Böning sei für den betreffenden Fall ganz besonders geeignet. Er sei ein Spezialist in Meineidsachen. Er habe jährlich etwa 60 Mein- eidsachen zu bearbeiten. Ist Pokern mit„Lussige Sieden" zu verwechseln? Der folgendo Zeuge, Regierungsrat a. D., Rechtsanwalt Dr. Becke r-Oldcnburg bekundet: Er gebe die Möglichkeit zu, daß er in früheren Jahren mit Minister Ruhstrat u. a. im Oldenburaer Kasino Skat gespielt, bisweit'n auch gepokert habe. Er sei der An- ficht, wer Pokern und„Lustige Sieben" kennt, die beiden Spiele nicht verwechseln könne.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Sprenger: Wer aber beide Spiele nicht kennt?— Zeuge: Darüber kann ich nichts sagen, ich bin der Meinung, daß eine Verwechselung kaum möglich ist, Poker wird mit Karten,„Lustige Sieben" mit Würfeln gespielt.— Vert.: Wenn es sich um einen 1 5 jährigen Fungen handelt?— Zeuge: Ich kann darüber kein Urteil geben.— Staatsanwalt: Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß der Angeklagte selbst den Würfelbecher hinein gebracht hatte.— Zeuge: Das ist auch nicht maßgebend. Es wäre ja möglich, daß einmal Bier aus- gewürfelt wurde.— Rechtsanwalt Dr. Sprenger: Wurde denn einmal Bier ausgewürfelt?— Zeuge: Es ist möglich, ich er- innere mich aber nicht. Der Angeklagte ein sympathischer, wahrheitsliebender! Mensch. Auf weiteres Befragen des Verteidigers Herrn Rechtsanwalt Dr. Sprenger bemerkt der Zeuge, der Angeklagte sei ihm, als er noch Kellner war, sehr sympathisch(/Wesen. Er habe deshalb bedauert, daß der Angeklagte in diese Sache mit hinein verwickelt wurde. Er könne die Frage, ob der Angeklagte für wahrheitsliebend gelte, nicht gut beantworten. Er habe nicht die Auffassung gehabt, daß der Angeklagsse in dem Schweynert-Prozetz wissentlich die Unwahrheit gesagt habe. Als er mit so großer Be- stimmtheit den Referendar Christians bezeichnete, der„Lustige Sieben" gespielt habe, da sagte ich mir, der Angeklagte kann nicht wissentlich die Unwahrheit gesagt haben, sondern sei das Opfer einer Personenberwechselung. Er habe sich alsdann auch erinnert. daß Referendar Christians dem Referendar Wilms zum Verwechseln ähnlich sehe. Hat Minister Ruhstrat bei seiner Zeugenaussage etwas verschwiegen? Der Zeuge, Regierungsrat a. D., Rechtsanwalt Dr. Becker be- kuiöi'ct auf Befragen dos Verteidigers Dr. Hstrz, erhalte Pokern für ein Glücksspiel und habe es immer für ein solches gehalten. Er habe es deshalb nicht für richtig gehalten, daß der Minister Ruhstrat in dem Prozeß Rieß-Biermann bekundet habe, er habe seit 12 bis 14 Jahren, oder seitdem er Oberstaatsanwalt geworden sei, nicht mehr am Glücksspiel teilgenommen.— Vert.: Sie sind also der Ansicht, daß die eigenen Zeugenerklärungcn des Ministers ein Manko enthalten?— Zeuge: Das will ich nicht sagen. Ich halte es aber für zweifellos, daß die Aussage des Ministers nicht ganz vollständig war.— Vert.: Sie geben also zu, daß der Mnister sich chnes Ver- schweigens schuldig gemacht hat?— Zeuge: Das kann ich mit Be- stimmtheit nicht sagen.— Staatsanwalt Dr. Becker: Ich bin der Meinung, daß dies nicht zur Sache gehört. Es handelt sich doch nicht um ein Verfahren gegen Minister Ruhstrat. sondern lediglich darum, ob der Angeklagte einen Meineid geleistet hat.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Sprenger: Der Minister Ruhstrat ist ein Haupt- belastungszeuge, und deshalb ist die Stellung dieser Frage für die Glaubwürdst gleit des Ministers v o-n größter Bedeutung. Ich behalte mir vor. die Akten im Prozeß Rieß-Biermann einzufordern.— Vors.: Aber meine Herren, ich kann doch hier nicht alle Prozesse, die in dieser An- gelegcnheit in Oldenburg gespielt haben, nach einander verhandeln! -l- Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Sprenger: Eilte nochmalige Verhandlung der Prozesse wollen wir auch nicht, aber die Stel- lung dieser Frage ist für die Würdigung dieser Sache von allergrößter Bedeutung.— Verteidiger Rechtsanwalt JonaS: Wenn die Ansicht des Herrn Staatsanwalts richtig wäre, brauchte man bloß die Herren Minister Ruhstrat, Buchhändler Schmidt und Dr. Schleppegrcll zu vernehmen und den Angeklagten Meyer ins Zuchthaus zu stecken. Das tväre doch einte völlig unzulässige Beschränkung der Verteidigung. So einfach ist die Sache nicht.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Herz: Wenn bewiesen wird, Minister Ruhstrat habe zwar nicht mit Schmidt und Schleppegrell, wohl aber mit anderen„Lustige Sieben" oder ein anderes Glücksspiel gespielt, das der Angeklagte für„Lustige Sieben" gehalten l>a- oder halten konnte, sr ist das für die Schuldfrage, zum mindesten für die Schuldabmcssung von der größten Erheblich- keit. Pokern und„Lustige Sieben". Der Zeuge gibt danach auf Veranlassung des Verteidigers Rechtsanwalt Dr. Sprenger eine eigentliche Schilderung von Poker« und„Lustige Sieben". Pokern ein BauernfSngersPiel. Auf Befragen bemerkt der Zeuge, daß er beim Pokern einmal an einem Abend KV M. verloren habe. Der letzte Zeuge. Rechtsanwalt Johanns- Delmenhorst be kündet, er habe gehört, daß im Kasino beim Pokern höht Summen verloren wurden. Bielfach beliefen sich die Berlnste auf IVO M, und darüber. Silbergeld wurde oft mit den Worten auf die Erde geworfen: pour le gareon.— Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Sprenger: Wurde auch der Kellner angepumpt?— Zeuge: Das ist vorgekommen.— Vert.: Wurde nicht bisweilen auch die ganze Nacht bis an den frühen Morgen gespielt.— Zeuge: Jawohl, auch das ist vorgekommen. Der Zeuge bewerkt noch auf Befragen des Verteidigers, an den eigentlichen Spielexzessen habe er nicht teilgenommen. Der Offizialverteidiger entlassen. Der Vorsitzende bemerkt darauf dem Offizialverteidiger Rechts- anwalt Dr. Steinmann: der Gerichtshof erachte seine weitere An- Wesenheit nicht mehr für notwendig. Gegen IV2 Uhr wird die Verhandlung auf morgen vormittag 8 Uhr vertagt._ Hua Induftnc und Handel. Die Baumwollhausse an den Märkten von New Orleans und Nelv York nimmt ihren Fortgang. Mr. Theodore Price und seine großen Mitspekulanten erweisen sich als äußerst geschickte Macher. Durch Beamte des amtlichen Washingtoner Ackerbaubureaus hatten sie sich vorzeitig Kenntnis von den Schätzungsziffern dieses Bureaus verschafft und danach ihre Maßregeln getroffen. Zunächst ließen sie die Bedenken gegen diesen Bericht sich ruhig austoben und ver- flüchtigen, verhinderten aber, daß größere Angebote an den Markt gelangten: dann aber setzten sie mit neuen gleichzeitigen Aufkäufen an den Börsen von New Orleans und New Dork ein, welche die Preise derart in die Höhe getrieben haben, daß vorgestern Loco- Ware in New Dork mit 11,30, in New Orleans mit 11'/« Cent per Pfund notierte, also mit 53 Pf. per deutsches Pfund. Dabei be» folgten die amerikanischen Großspekulanten den Trick, daß sie, um den Liverpooler Markt aus seiner Zurückhaltung zu reißen und die Nachfrage zu stimulieren, auch dort für ihre Rechnung beträchtliche Käufe vornehmen ließen. Recht treffend wird die gegenwärtige Hausse in einem der.Frankfurter Ztg." aus Fachkreisen zugegangenen Bericht geschildert: .Wir machen gegenwärtig in Baumwolle dieselben tollen Szenen durch, die jedermann aus den Glanzzeiten Sullys bekannt sind, nur mit dem Unterschied, daß der Mann an der Spitze sich jetzt Price anstatt Sully nennt. Trotz einer Riesenernte, die einen großen Ueberschuß an sichtbarer und einen noch größeren an unsichtbarer Baumwolle mit in die neue Kampagne bringen wird, malt man jetzt schon wieder die Bilder einer neuen kommenden„ootton kamine" sBaumwollnot). Es ist bekannt, daß eS beinahe Jahresende wird, bis wirklich ernst zu nehmende zahlenmäßige Schätzungen heraus- kommen können. Die Hanffee-Cligue weist aber jetzt schon das Minderergebnis nach und erlaubt sich, mit Rücksicht auf die Mög- lichkeit, daß wir vielleicht im August 1903 knapper in Baumwolle sein können, als im Juki 1905, schon jetzt die Preise so zu stellen, wie in Zeiten, als Liverpool sbort(knapp) war und die englische Industrie mangels Baumwolle die Produktion einzuschränken sich ge- nötigt sah I Denn daß wir vor dem Sommer nächsten Jahre? bei Eintreffen selbst der ungünstigsten Voraussetzungen eine knappere Versorgung bekommen werden, wagt nicht einmal die in ihren Stimmungs- Mitteln wenig verlegene Haussepartei zu behaupten! Haben denn die Konsumenten vergessen, daß es in der letzten Saison erst der 3. Dezember war, der ihnen die kolossale Baisse und die riefige Enttäuschung brachte? Wie oft hat man sich vorgenommen, den verfrühten Nachrichten keinen Glauben zu schenken, mms l'histoire se röpfete toujours(aber die Geschichte wiederholt sich immer von neuem), und die Welt kann so alt werden wie sie will, aus früheren Erfahrungen zieht sie keine Lehre. Lediglich Leute wie Price und Konsorten diktieren die Preise. Die ganze Bewegung spielt sich eben leider auf dem Zukunftsmarkte ab. wo man sich um den Handel in effektiver Ware nicht kümmert. Price bläst die Haussetrompete, die New OrleanS-Cotton-Leute folgen ihm, dazu gesellt sich Wallstreet, und last not least, kommt der Mann von der Straße, der Outsider, der von dem neuen„boom in ootton" gehört hat. Im Nu ist Baumwolle das populärste Investment(Anlagegebiet), in dem sogar ganz unbemittelte und dem Markte völlig fernstehende Leute in blinder Gefolgschaft spekulieren! Die Eigner von Baum- wolle, die teils Farmer, teils Händler, teils Bankier sind, reiben sich vergnügt die Hände, daß endlich der starke Mann da ist, der ihnen gefehlt hat. Sie werden jetzt gewiß nicht die Spielverderber sein, wenn von Washington, von einer sogenannten Baumwoll- Autorität, oder sonst einer statistiktreibenden Stelle der Fragebogen zur Ausfüllung der Erntekondition-c. ec. kommt und werden sicher die Zahlen so einsetzen, wie sie sie brauchen. So lange die Hausse- Clique nicht durch die kommende Ernte aus dem Konzept gebracht werden wird, bleibt Hausse Trumpf. Erscheint ihr dann die Lage nicht haltbar, so wird sie unter der Hand ihre Position lösen und ebenso viel Geld an der Baisse verdienen. Der Konsum und die Outsiders, die schwerfällig hinterdrein kommen, zahlen in beiden Fällen die Zeche." Der Mann hat recht. Hinzugefügt muß jedoch werden, daß der- artige Spekulationen zu den Schönheiten unseres heutigen Wirtschasissystems gehören und auch auf anderen Produktions- gebieten gang und gäbe sind. Wenn sie in der Baumwollbranche besonders umfangreich und schädigend hervortreten, so erklärt sich das daraus, daß die Vereinigten Staaten ungefähr drei Viertel des gesamten Baumwollverbrauchs erzeugen und deshalb von der dortigen Marktkonstellation der Preis fast aller anderen Märkte ab- hängt. Amerikas Getreidesaatenstand. Das amtliche Ackerbaubureau hat gestern seinen Bericht über den Stand des Getreides in den Ver- einigten Staaten am 1. d. Mts. veröffentlicht. Nach diesem Bericht kann die Union auf eine mittelgute Weizenernte und eine den Durchschnitt der letzten Jahre nicht unbeträchtlich übersteigende Mais-, Hafer- und Roggenernte rechnen. Es betrug nach den amtlichen Er- Mittelungen am 1. Juli d. I. der Durchschnittsstand für Winter- weizen 82,7 Proz., für Frühjahrsweizen 91.0 Proz., für Winter- und l FrühjahrSweizen zusammen 85,8 Proz., für Mais 87,3 Proz., für Roggen 92,8 Proz.. für Gerste 91,5 Proz. und für Hafer 92,1 Proz. Die Anbaufläche für Mais wird für 94 011000 Acres angegeben. Der Statistiker der New Dorker Produktenbörse schätzt den Ertrag des Winterweizens auf 413 150 000 Bushels, den des Frühjahrs- Weizens auf 292 376 000 Bushels. den des Mais auf 2 651100 000 Bushels. den der Gerste auf 141 262 000 Bushels und den des Hafers auf 949 698 000 Bushels. Zum Vergleich stellen wir diesen Schätzungsziffern die vom 1. Juli der beiden letzten Jahre gegenüber(in Millionen Bushels): Winterweizen tüf)' is afer erste 413 292 2651 950 141 371 293 2537 910 140 463 257 2263 851 Die größten Ozeandampfer. Der neueste Band des„NauticuS", Jahrbuch für Deutschlands Seeinteresien, teilt zum erstenmal neben dem ausführliche» Verzeichnis aller deutschen Handelsfahrzeuge über 1000 Registertonnen auch eine vergleichende Liste der über 12 000 Registertonnen großen Handelsdampfer aller Nationen mit. Eine interessante Tabelle, an der von den seefahrenden Nationen mit mehreren Schiffen nur England, Deutschland, Nordamerika, Holland, Frankreich und Belgien teilhaben. Insgesamt werden 56 Dampfer dieser Art aufgezählt, und diese Flotte von Riesendampfern repräsentiert einen Rauminhalt von 840 521 Registertonnen brutto. Von dem Geschwader der Riesenschiffe führen die englische Flagge 31 (465 494 Tonnen), die deutsche Flagge 14(215 885 Tonnen), die der Vereinigten Staaten 6(94 514 Tonnen), die holländische Flagge 3 (37 610 Tonnen). Englands größte Handelsschiffe sind die Dampfer „Adriatic" und.Baltic" mit je 23 763 Brutto-Registertonnen. beide der White Star Line gehörig, wie überhaupt diese Reederei die meisten Riesenschiffe ihr eigen nennt, zusammen nicht weniger als 15. Ihr zunächst kommt als Eigentümerin größter Schiffe die Hamburg-Amerika-Linie mit 9 Fahrzeugen über 12 000 Tonnen. Ihr im bevorstehenden August vom Stapel laufender Dampfer „Kaiserin Auguste Victoria" wird den größten Rauminhalt von allen Dampfern der Welt haben: 25 000 Registertonnen. Die fünf übrigen deutschen Riesendampfer gehören bis auf einen(„Kaiser Friedrich", Firma Schichau, Elbina) dem Norddeutschen Lloyd. Unter nord- amerikanischer Flagge hat den größten Rauminhalt der Dampfer „Dakota", nämlich 21 000 Tonnen. Holland besitzt nur drei Schiffe von je 12 500 Tonnen: während Frankreich und Belgien nur je einen Dampfer von über 12 000 Tonnen haben. Berliner Marktpreise.(Ermittelt vom Polizei. Präsidium.) Futter» gerst«, gut« Sorte 1 Dz. 16, 00(15,20), mittel 15,10(14,30), geringe 14,20(13,40). Haser, gute Sorte 16,30(15,50), mittel 15,40(14,60), geringe 14,50(13,70), srei Wagen und ab Bahn. Richtstroh 5,00(4,00).' 6,60(4,80), all 0,00(0,00). Erbsen, gelbe, zum Kochen 40,0 pelsebohnen, weiße 50.00(30,00), Linsen 60,00(30,00), Kartoffeln 16,00 i.OO). Rindfleisch, von der Keule, 1 Kg. 1,80(1,40), Bauchfleisch 1,40(1,00), chweinefleisch 1,80(1,30), Kalbfleisch 2,20(1,20), Hammelfleisch 1,80(1,40), Butter 2,80(2,20), Eier(60 Stück) 4,00(2,80), Karpfen, 1 Kg. 2,00 Aale 3,00(1,60), Zander 3,50(1,40), Hechte 2,80(1,40), Barsche 2,00 Schlei« 3,00(1,20), Blei« 1,60(0,80), Krebse(60 Stück) 20,00(3,00.) den(neu) >(30,00). (1,40), (1,00), Für de» Jnlialt der Inserate nbernimnit die Ncdaktion dem ipnblitnm gegenüber keiuerlei Berantwortiiug. Zhcatcr. Donnerstag, den 13. Juli. Ansang 7',, Uhr: Neues Operntheatcr. Der Wider spenstigen Zähmung. Berliner. Die Jüdin von Toledo. Ansang 3 Uhr: Zentral. Die Geisha. Schiller«s.«Wallner-Theater.) Der Troubadour. Schiller bl.(Friedrich Wllhelm> städtisches Theater). Hosgunst. Weste». Das Garnisonömadel. Kleines. Vater Riekmann. Die Neuvernlählten. Lnstspielhans. Kyritz Earl Weist. Lehmanns Abenteuer. Belle, Sllliance. Ben Ali Beq. Neichshallen. Stettiner Sänger. fllpollo. Tin Abend in einem amcrika Nischen Tingcl-Tangel.— Am Hochzeitsabend.— Spezialitäten. Metropol. Die Herrel, von Maxim. Wintergarten. Spcztalitäten. Brrlin«rPrater.!ryeater.Zwilchen Himmel und Erde. Stadt. Theater Moabit. Mutter Gräbert. Urania. Tanbenstraste 48/19. Der Simplon und sein Gebiet. Jnvalideiistrasie 57/<>SS. Sternwarte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Urania vir. 48/49. 8 Uhr: Ion unil sein Geniel. Sternwarte""al,den «tr. 57/62. Kleines Thbater Ansang 8 Uhr. Vater Riekmann. Hieraus: Die 9/envcriiiiUiUcn. Freitag: Nachtasyl. Sonnabend: Nachtasyl. ffiecs kgi. Opern-Her. Anfang(Kroll.) 71/, Uhr. Der Wiiierspeiistip IMmi Oper in 4 Akten von Herrn, Götz. Freitag: Carmen. Gastspiel Thsa Sonnabend: Dar spenstigen Zähmung. Sonntag: spiel Th6a Oorri: Carmen. DorrC; Wider- Gast. Metropol-Theater Der größte Erlolg der Saison! Zum 249. Male; Grolle Ausstattungsposse mit Gesang und Ballett in 5 Bildern. Rauchen gestattet. Auf. 8 Uhr. Carl Weiß-Theater. Gr. Franksurterstr. 132. Täglich 8 Uhr: Kehmmms Abenteuer auf dein r»ff.-jap. Krirgsschiliiplatz. Im Tommergart«»: ?as Phänomenale Juli- Programm. Anfang 5 Uhr. »abend: Gr. sommernachtSsest. ) CÄSTAN S ANOPflCU/W. Frledriohstr. 165. Admiral Togos Be- snoh bei Admiral| Roschdjestwensky i, Hospital zu Kiota! Kew! Elitekapelle„Beroilna".| Lebende Photographien! Schiller-Theater. Passage-Panopticum. Die Sensation der Saison: Der Riese Machnow der gröstte Mensch, der je gelebt hat. Ohne Sxtra-Entree. Neu! Zum erstenmal in Europa: oei lebende Eismensch aus dem nördlichsten Kanada. 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Im Garten täglich: «roSva JUUtttr-Konaert, tlcue freie Volksbühne. Morwitz-Oper(Schiller-Theater 0). Sonntag, dm 16. Juli, nachm. 3 Uhr:[ Sonnabend, den 29. Juli, abends 8 Uhr: Martha Oer Freischütz. Der /Markt»v» Bichmond.| Oper von tt. M. Weber. DM- Eintrittskarten für Mitglieder a 90 Pf. für Gäste a 1,10 W. Parkett-Fauteuil, 1. Parkett und Logenplätze) find in allen Zahlstellen zu oben. 150/7 Der Vorntand. I. A.: Heinrich Nett, Bremerstr. 50 v. II. Zahlstellen; Hermann Fischer, Peteranenstr, 6.*, Knopp, Grünthalerstraße 5. Karl Sehüngalla, Weißenburgerstr. 60. R. Kanapke, Brunnenstr, 122. K. Kleinau, GcnchtSstr. 4. Q. Blume, Chausseestr. 26. W. Schrelle, Friseur, Landwehrstr. 3. M. Probst, Linienstr, 8. Hermann Becker, Gotzkowslystr. 9. W. Wendsoheok, Schiffbauerdamm 6. H. Landgraf, Bergmannstr. 101. J. Pech, Teltowerstr. 37. Karl Martlenzen, Belle. Alliancestr. 7. H. Bobslen, Kommandantenstr. 62. Otto Thiele, Potsdamer. slraßc 26. H. Kühn. Naunynstr. 83. H. Kaufhaid, Wrrmgelstr. 52 III. Altred Strangfeld, Brttzerstr. 24a. Udo Stangenberg, Köpnickerstr. 20», Part. W. Tadort, MarkuSstr. 14. Hermann Hirsch, Ltttauerstr. 22. A. Gorn, Frankfurt er Allee 119. L. Qrubert, Fruchtstr. 55. Kurt Plmofsky, Neue Iaiobstr. 8. E. Neumann, Weinmeisterstr. 18. MchUneberg: Arendt, Kolonnenstr. 43/44 III. Friedenau: Karl Danz, Kirchstr. 16,\ Stsl. III. Uixdorf: C. Heinrich, Münchenerstr. 19. Charlotienburg: Emil Sohäter, Schillerstr. 102 und OSnabrückerstr. 3. Frledrlcbabagen: C. Stegemann, Seestr. 107. Ostbahn-Park. Am Küstrlnerplatz, Rildersdarferstr.Tt. Hermann Imbs. Täglich: Gr. Konzert, Theater und Kpezialitiiten- Korstellung. Wochentags: Entree 15 Pf, wofür ein Glas Bier verabreicht wird, also kein Entree. Max Kliems Sommer-Theater Hasenhelda 13—15. Artistische Leitung: Paul Milbitz. Idgiich: Gr. Konzert, Theater»nd SpezialitätenrnVorstellung. Jeden Donnerstag: Fernsprecher IV. 8891. Slite-?»«. ülax KUem. 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Seit 8 Tagen stehen die an Fahrstühlen und Hebevorrichtunzen be- schästigten Kollegen bei den Firmen Bennewitz, Sommer& Müller, Bletsch und Lumina im Streik, später sind ihnen die Kollegen der Firmen Vrant 4k Co. und Kloß 4t Heymann gefolgt, bei anderen Firmen find die Arbeitseinstellungen in den nächsten Tagen zu erwarten, da wie anzunehmen, um geregelte Löhne und auch die An- erkennung der Organisation zu erzielen. Nur zwei Firmen haben bisher die Forderung der Arbeiter anerkannt. Da nun die obigen Firmen aus alle nur denkbare Art versuchen, Arbeitswillige heranzuziehen, so hat die Organisation rote flrbeitsberechtitpmgs-Karteii für die zu den neuen Bedingungen Arbeitenden ausgegeben. Wir richten deshaw das Ersuchen an die organisierten Arbeiter der Bauberuse, unS in diesem Kampfe zu unterstützen, indem sie die aus den Bauten beschäftigten Fahrstuhlarbeiter nach der Arbeitsberechtigungs- Karte befragen. Alle ohne diese Karte Arbeitenden arbeiten entgegen den Bestimmungen der Organisation und sind somit als Arbeitswillige zu betrachten. 3t/w_ Der Zweigvereins-Vorstand. Dachdecker! Donnerstag, den 13. Juli, abends 81/« Uhr. findet Kaiser Wilhelm- strafie 18m(Musikerheimi eine öffentliche Tachdecker-Versammlung, einberufen von der christlichen. Organisation, statt. Kollegen, erscheint zahlreich in dieser Versammlung. ZentraWerbaml der Dachdecker Deutschland«. 54/12_ Ortsvcrwaltung Berlin.__ rH ■K Tonnerstag, 13. Juli, abends 8*/, Uhr. im GewerkschaftShause, Engel- User IS(Saal I)- W5" Versammlung."HW 1. Geschäftliches. 2. Bibliothekabend, Amdeiung d. Ausleihezeit. 3. Verschiedenes. 21/4 Her Vorstand. ücrM dn Ledelmbeiier. M>- snii« i. Sonnabend, den 15. Juli: Große Dampferpartie. IM ibfahrt morgens 8 Uhr von der Jannowivbrücke, links am Echultheist nach Schmöckwiti, Seddinsee, Oberspree bei N o a ck. Vereine, Gesellschaften und Gäste, welche sich anschließen wollen, sind herzlich willkommen. Erwachsene zahlen 1 M., Kinder 25 Ps. Für Belustigungen ist bestens gesorgt. BillettS sind zu haben bei C. Met tz, Christianiastt. 11, Hos III, oder am Dampfer._ 109/06_ Das Komitee. Treplow H Köpemcktt Landstraße 25/20 Haltestelle d. Straßenb. Siemens u.HalSke sw- Krüvter,»eUünater nnd»evattiKnter Barten.=- Heute sowie jeden Donnerstag: unter Leitung des beliebte« Klown Mister Toni. Jeden Sonntag: : t: Broße» UiniIvi'fssG Elite-Ball. Jeden Sonntag u. Donnerstag: Frei-KoQzert. Restaurant„Zum frälaten" Wclße"'ec' Hermann Präger, ch»aÄ"4». Jeden Sonntag: JaU, Verkehrslokal der Holzarbeiter, Bauarbeiter, Kellner, Schneider, Gesangverein„Freie Sänger" und Arbeiter-Turnverein. Zum freundlichen Besuch ladet Freunde und Genossen etgebenst ein kreic Sänger" und Arbeiter-Turnverein. llchen sg75SL»s Hermann Brüser. tlßuk Salon lt nlrabsr: Kran Ohr. Theel, Große Frankfurter» trnße 85. 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Der Stand der Bewegung und unsere weitere Stellungnahme. 2. Verschiedenes. Zahlreiches Erscheiuen erwartet_ Per Zwelsverelns-Torstand. An die Arbeiterschaft Berlins! Wie au» dem„vorwärts* bekannt, befinde» sich die Arbeiter und Arbeiterinnen der Knrschnerbranche seit dem S«. Juni im Ausstand. Schon in der ersten Woche haben von 58 Arbeitgebern 39 unsere Forderungen anerkannt nnd wären wir heut mit unserer Bewegung vielleicht schon zu Ende, wenn das Groft-Unternehmertnm— daS zum größte« Deik in der HauS- induftrie Produziere« läßt— sich nicht am Geldbeutel bedroht fühlte und nun einen XerroriSmuS auf die Haustnduftriellcn ausübte, wie er bis jetzt bei wirtschaftliche» Kämpfen kaum brutaler in Erscheinung getreten ist. Die Groß-Unternehmer, die am 87. Juni d. I. eine» Arbeitgeber-Berband gründete», dem wie zum Hohn die Hanstndustriellen als Mitglieder angehöre» können und auch viele beigetrete« find, faßten am«. Jult den»cschlnft, daß kein Hausindustrieller Arbeit erhält, der nicht die Bewilligung zurückzieht. Die Folge davon war. daß von«it derselben, die die Forderungen anerkannt hatte«, folgende Herren ihre Unterschrift zurückzogen: B. Bürger, Rene Jakobstr. 8. Bogk, Grcifswalderstr. 811. Frankel, Kronenstr. II. Frankel, Shrtstinenftr. 6. Falk, Prenzlauerftr. 4. Fest, Grenzstr. 6. Freitag, Jerusalcmer- straße 8. Goldstein, Fischerstr. 84. Götz, Elisabethstr. 44. Klonower, Eberthstr. 3. Knsber, Petersburgerstr. 65. Kirchner, Frankfurter Allee 73. Knick, Alte Schönhauser- straße 4. KorrodonnofT, Alte Jakobstr. 90. Grabitz, Lippehnerstr. 13. l,elstner, Kniprode- ftraße 14. UTebel, Gttschinerstr. 87. h'iemann, Grenzstr. 11. Posnatzkl, Winsstr. 85. Sawady, Prenzlauer Allee 1. Szelntns, Jmmanuelkirchftr. 35. Salzwedel, Samariterstr. 16, Stolz, Ruppinerstr. 10. Schreltmüller, Wörtherstr. 87. Sita 11, Mulackstr. 35. Thomsa, Franseckistr. 3. Silberstein, Münzstr. 80. Wenzel, Luckenwalderstr. 15. Zabel, Elbinger. straffe 33. Dieses Unternehmertum diktiert den HanSindnstriellen, keine organisierten Arbeite»«ud Arbeiterinnen zu beschäftigen. Dadurch sind wir znm allgemeine» Ausstand gedrängt worden und appellieren an die Arveiterschaft, uns in dem Kampf nur dadurch zu unterstützen, daß sie ihre Frauen und Töchter nicht als Streikbrecher arbeiten laffen, so lange wir uns im Ausstand befinden. Dessen find wir uns sicher, daß wir fiegen werden, wenn die Arbeitswilligen, die die Herren sich rühmen namentlich unter den Heimarbeiteriuneu zu finden, so viel wie möglich der Arbeit entzogen werden. L63/1 Der Vorstand des Veutschen Körschntr-Verbandes. Zahlstelle Kerln. Der Vorstand des Verbandes der Kürschner Kerlins und Umgegend. Gemeins ames Streikbureau: Mendelssohnstr. 9._ Setoeizer-forten. Am Königstor. Am Friedriohshain. Tttclleh Theater-Vorstellung ii< Volksbelustigungen. Zum Schluß: Weibliche Jockeis. AusstatttmgSposse mit Gesang von H. Werner. ktaickskaNan. Dienstag, 1. Auz,: der Soireen der Gastspiel d. berühmten Oskar mit(einer vorzüglichen Herren- Gesellschaft Ans. 3 Uhr. Sonnt. 7 Uhr. Horltzplatz. Täglich im großen schattigen Garten: Streick-k�on�ert. Ricardo stlunes. Bei ungünstigem Wetter im Saal. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Zahlstelle Berlin. Donnerstag, den 13. Juli, abends k'/g Uhr: Knuichcu-Unliiiititiliiitg der KmiWrr für den Bezirk Süden. bei Gttesing, Waffertorstraße 08. Tages-Ordnung: i. Vortrag des Kollegen Leopold über: Die Aufgaben der Ban- ttschler während der BertragSzeit. 2. Branchenangelegenheiten. 3. Vor- schiedenes. Die Kollegen sind verpflichtet, zu dieser wichtig en Versammlung zu erscheinen.(88/11*) Der Obmann. r Zahlstelle Pankow. Freitag, denstl. Juli, abends 8'/,«hr, bei Bozyckl,«reuzstr. 3: Außerordentliche Mitgliederversammlung. TageS-Ordnung! 1. Vortrag des Kollegen W. Schulze über: Welche Vorteile bietet uns die gewcrlschastllche Organisatton und wie müssen wrr darin arbeiten? 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Sjär Mitgliedsbuch legitimiert.-»F In Andettacht der wichligW Tagesordnung ist das Erscheinen aller Kollegen notwendig. 447/13* Der Obmann. Donnerstag, den 1». d. M.. abends 19 Uhr, bei Buggenhagen am Moritzplatz, Oranicnstr. 147: Oeffentliche Versammlung der FrisenrgehLlfen Kerlins. Tages-Ordnung: 1. Die Antwort der Innung auf die Lohnforderungen der GeHülsen. Diskussion. äM- Um der Innung die richtige Antwort geben zu können, Ist das Erscheinen eines jeden Friseurgehülsen notiucndig. Die Vorstände der ''--------------------- 280/6 Paul Llere. Sozialdemokratischer Verein im b. Berliner Wahlkreise. Unser treuer Genosse, der Tischler Robert Baude (1. Abteilung) ist nach längerem Leiden verschieden. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet heute, Donnerstag, den 13., abends 0'/, Uhr, von Weißensee, Kirch- Hof am Falkenberger Weg, aus statt. 24S/14 Zahlreiche Beteiligung erwartet Der Borstand. veulseder Solil»'de!ler-Verb»»d.? Den Mitgliedern zur Nachricht, I datz unser langjähriges Mitglied, der Ttschler Robert Baude I am 10. Juli nach langer Krank- heit an der Proletarierkraulheit verstorben ist Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 13. Juli, nach- mittags um S'/» Uhr, von der Leichenhalle des Jmmanuel-Kirch- hoses in Weitzensee, Falkenberger- weg, auS statt. Um rege Beteiligung ersucht 88/16 Die Drtsverwaltuog. Verband der baugewerblitki Iiisarbeiter Deutsehlaais. - Bezirk Schöneberg.- Dm Mitgliedern zur Nachricht, datz der Kollege August Hecht am 10. d. MtS. verfwrdm ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, dm 13. d. MtS.. nachmittags S Uhr, von der Leichen- Halle des Schöneberger Kirchhofes In der Maxstratze aus statt. 34/11 Um rege Beteiligung ersucht Der£*eig»eee!nsmstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Dm Kollegen zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Schlosser miU Kohlent am 9. Juli beim Baden er- trunken ist. Ehre seinem Andenke»! Halle des Spandauer Gemeinde Kirchhofes aus statt. 120/4 Rege Beteiligung erwartet Die Drtsverwaltung. (ävitgemen cmes jeocu jrmeurgegugm nouvenoig. xjie Innungen sind zu dieser Versammlung brieflich eingeladen. Hie Lohnkommisslon. J. A.: Zevtral-Krankkn- u.Sterde- hnste der Maler. E. H. 71. Filiale Berlin SOd III. Freitag, 14. Juli, abendS 9 Uhr: bei Feuerstein, Alte Jakobstratze 7ö. Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Wahl der De- legierten zur Generawersammlung. 3. Verschiedenes. 23928 Der Borftand. vr. SZmmsI, KT Spezlalarzt für 15/11* Haut* and Harnleiden. 10—2,6—7. Sonntag« 10—12, 2—4. 3648L* Ein lUenenpooten Mocketplüsch 'KT 4,66 pro Meter, baltbarster buntfarbiger Möbelstoff. Reste spottbillig WM Proben franko. Teppichh ans Berlin S.,1 Ii 0 Ü)Oranlenstr.llJ0. + Hygienische »coaviüainici. vceuen.zraraiog m. Empi. viel.Aerzteu.Pros.grat.u. fr. H. Unser, Gummiwarensabril, Bariin iw., Friedrich str. 61/62.• Cr. Lell hoJSU'Su,. 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Aaltreten der beliebten Volkssänger-Gesellschaft Lewandewski» Gesangs-Hufführungen von Mitgliedern des Arbeltep-Sttngerbnndes Berlins und Umgegend. rurnerlsche Hufführungen ausgeführt von Mitgliedern des Turnvereins„Fichte", Großes Klasser-f euewrerk« 219/16« Vorführungen von Mitgliedern des Bert* HrbeSter- Radfahrer-Vereins (Mitglied des Arbeiter-Badfahrer-Bundes„Solidarität")« Von 3 Uhr nachmittags: zzmzzzz: Tanz=== Herren, welche daran teilnehmen, zahlen 50 Pfennig nach. ,, XT' J Jedes Kind erhält am Eingang zwei Bons, rill* CllC Kinder: von denen der eine gegen eine Stocklateme / umgetauscht werden kann, während der andere zur einmaligen Benutzung der Schaukel oder des Karussells berechtigt.— AuSührungen eines Kasperle-Theaters(ohne Entree). Für ausreichende Fahrverbindung Ist Sorge getragen, da die Straßenbahn- Gesellschaft die Linien 10, 11 und 12 an diesem Tage bis Plötzensee durch- führt und bei Bedarf vom Rosentbaler Tor ab Einsetzwagen verkehren. Von der Haltestelle ist zwei Minuten Weg bis zum Schützenhause. Vom Bing- bahnhof Beußelstraßo ist das Lokal zehn Minuten entfernt. Bei etwa eintretenden Unglücksfällen steht den ganzen Tag die Arbeiter- Samariter-Kolonne gratis zur Verfügung. Der Arbelter-Schwlmmerbnnd hat am See eine Bettungswache stationiert. Billets im Vorverkauf SO Pf., an der Kasse S5 Pf. Anfang mittags 12 Uhr. ♦ Um recht zahlreichen Besuch bittet Das Komitee. ♦ Wahlkreis 214/8« Sud-Ost. Qroßes Volksfest IQ Joels Montag, den 17. Juli, Garten, Treptow, Köpenicker Landstr. 21/24. Saal«Garten EtOWincnt zum 1. Oktober, eventuell früher zu verlausen. Dasselbe ist sehr um- fangreich und gibt über alle näheren Details solventen Reflektanten bereit- willigst Auskunft Reimanu. Greifs- walderstratze 220,— auch« MünchtnerKralihliusA.-G., .fohannlsstr. 17/19. Alle Wanzen werden nebst Brut durch mein Mttel vollständig vertilgt.— Fl. 60 Pf. u. 1,00.— Ebenso Schwaben, Russen, Franzosen, Blattläuse zc. 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L-llssi gkcttütil LttlgsMnitalt S«ui& So,, Steto S«. 3m ArbeitSmarkt durch befanderen Druck hervorgehobene «nzeigr» kosten 40 Pf. pro Zelle. Tüchtige Stepperinnen stellen sofort ein 3750L* Waraebaner A Schrcep, Schuhfabrik, Brandenburg a. H. Der Bau Zimmermann in Rix. dors, Knescbeckstt. 64, ist gesperrt. da sich die Firma Karl und Emil Schneider weigert, den bisher ge- zahlten Tarif einzuhalten. JalDUZie-Ärbeiler. Die Kollegen der Firma Bock- staller befinden sich im Streik. Zuzug ist fernzuhalten. Da bei mehreren Firmen noch Differenzen bestehen, bitten wir, sich aus den Bauten ic. die blaue gestempelte Arbeits- Kontrollkarte zeigen zu lassen, nur diese ist gültig Andcrsjarbige Karten........ Nichten., sind zu ver- 83/8* Folgende Firmen haben unsere Forderungen nicht anerkannt und sind deren Werkstätten gesperrt: A. Wolf, Poststr. 7. H. Wolf, Burgstr. 29, Jacob u. Bräutigam, Markgrafen str. 58. B. Manheimer, Oberwallstratze 7. Bär u. In der Erhebung des Konflikts offenbart sich der preußische Polizeistaat, der auch seinen Staatsanwälten das Recht zugesteht, Angeklagte zu schmähen und zu beleidigen, der die Amtsüberschreitungen seiner Gendarmen, Polizisten und anderer Beamten durch dieselben Machtmittel vor strafrechtlicher Ahndung schützt. Man kann verschiedener Meinung darüber sein, ob gegen den Miß- brauch des Schimpfrechts eines Lehrers auf.dem Wege der Privatklage eingeschritten werden muß. Wahrscheinlich aber hat die vorgesetzte Behörde des Lehrers ein in dem vorliegenden Falle un» bedingt notwendiges disziplinarisches Vorgehen abgelehnt. Dem- gegenüber muß denn doch die Frage aufgeworfen werden, ob die Bezeichnung„ A u Z lv u r f der Menschheit' als ein zulässiges moralisches Zuchtmittel angesehen werden darf. Ein Lehrer, der sich eines solchen.Zuchtmittels" bedient, entbehrt der Voraussetzung der Lehrtätigkeit. Es dürfte wohl heute keinen Pädagogen mehr geben, der die Anwendung niedrigster Schimpfworte aus erzieherischen Gründen verteidigen würde. Derartige Zuchhnittel wirken verrohend nicht nur auf den damit bedachten Schüler selbst, sondern auf die Gesamtheit der einem Schimpfexzeß lauschenden Zöglinge. Vielleicht (wird das rohe Beschimpfen von Schülern durch einen jungen Lehrer einmal eine Einschränkung erfahren, wenn einem Lehrer einfallen sollte, der Meinung zu sein, daß es geboten war, den Sohn eines j StaatsministerS als„Auswurf der Menschheit" zu bezeichnen. Der neue Telegrammtarif ist soeben erschienen. Man ersieht daraus, daß das Telegraphieren im allgemeinen verbilligt worden ist. Nach überseeischen Ländern stcilich ist das Depeschieren immer noch ein kostspieliges Vergnügen. Am teuersten ist die Worttaxe der Telegramme nach der Westlüste Afrikas. So kostet jedes Wort nach Loanda 8,Sl) M., nach Benguella sogar 10,25 M., nach den mit Benguella verbundenen Anstalten 10,30 M. Die höchste Worttaxe weist Mossamedes auf, denn nach dort beträgt diese 10,90 M. resp. nach den mit Mossamedes verbundenen Anstalten 10,93 M. Ein Wort für ein Telegramm nach Britisch Guyana kostet 7,20 M. und nach der Negerrcpublik Haiti 5,50 M. Die Zahl der Abkürzungen hat sich vermehrt; die gebräuchlichsten davon sind: V(dringend); für v orauszubezahlende Antworttelegramme gilt die Bezeichnung EP, für dringende Antworten EPV. Im Verkehr mit dem Auslande ist die Zahl der für das Antworttelegramm vorausbezahlten Wörter in jedem Falle besonders anzugeben, zum Beispiel EP 10. Soll das Telegramm veralichen werden, so sind die Buchstaben TL! vor das Telegramm zu setzen. PO bedeutet Empfangsanzeige; für briefliche Empfangsanzeige POP sind 40 Pf. zu zahlen. Soll ein Telegramm dem Empfänger nachgeschickt werden, so ist das durch die Buch- staben PL auszudrücken; EO heißt offen zu bestellendes Telegramm, IIP eigenhändig abzugeben, XP Eilbote bezahlt. Soll ein Tele- gramm vervielfältigt werden, so lautet der diesbezügliche Vermerk TMx— x Adressen. Die Kosten der Vervielfältigung betragen für je 100 Worte oder einen Teil davon 40 Pf. Nach Amerika sind jedoch diese Telegramme unzulässig. Wird von einem Telegrmnm- absender von der Post eine Quittung verlangt, so sind dafür 10 Pf. Gebühren zu entrichten; diesen Betrag kann ebenfalls ein Postbote beanspruchen, der ein Telegramm zur Postanstalt befördert. Jaures und dir„Post"-Esel. Den„Post"-Eseln liegt die Jaurös- Versammlung vom Sonntag noch im Magen. Das Scharfmacher- blatt veröffentlicht die Zuschrift eines Reporters und leistet sich dabei den Spaß, dies Geistesprodukt als Notschrei eines Sozialdemokraten zu etikettieren. Ein Vergnügen, das um so harmloser ist, als wohl wenige Parteigenossen das unter Ausschluß der Oeffentlichkeit er- scheinende Blatt jemals von Angesicht zu Aimcsicht gesehen haben werden. Dem Reporter der„Post" ist zunächst die Veriammlung noch nicht stark genug besucht gewesen, und das. obgleich der berühmte Apfel nicht zur Erde fallen konnte.„Dor lach ick öwer l" kann man antworten; sich noch enger zusammen zu quatschen leidet die Fürsorge der Polizei nun einmal nicht. Dann war die Ansichtskarte von Jaurös, die in der Versammlung verkauft wurde, dem Reporter mit fünfzehn Pfennig zu teuer bezahlt. Kein Mensch war gezwungen, eine solche Karte zu nehmen, auch der Reporter nicht. Das Leiden ist aber, daß die Ueberteuerung mit dch Ansichtskarte der Haupttrumpf des„Post"-Artikels ist. Der Reporter schreibt: Ich verweilte noch nicht allzu lange auf meinem Platze, als ich wieder einmal ein Beispiel sozialdemokratischer Besteuerungs- kunst kennen lernte. Die Buchhandlung„Vorwärts" hatte aus Anlaß der Kundgebung Postkarten mit dem Porträt des Genossen JauroS herausgegeben, welche von Parteikolporteuren feilgeboten wurden. Ich begehrte nun auch eine derselben, nahm aber von dein Kauf Abstand infolge des horrenden Preises von 0,15 M. ohne Freimarke. Auf meine Beschwerde über den hohen Preis und auf meine Bemerkung, ob den» die Parteigenossen immer und bei jeder Gelegenheit hochgenommen werden müßten, erwiderte mir der Verkäufer, er könne auch nicht für den hohen Preis, sie hätten selber für 100 Karten 10 M. zahlen müssen. Zweck des„Post'-ArtikelS ist natürlich, die Sozialdemokratie so dumm wie nur möglich zu verleumden. Anders hätte jeder Papier- Händler den, Reporter sagen können, daß eine Bromsilberkarte von der künstlerischen Qualität der Jaurös-Lkarte wohl in keinem Ge- schüft der Welt unter 15 Pf. zu haben ist. Der Verkäufer der Karte felbft aber hätte den guten Mann vielleicht darüber aufllären können, daß die Buchhandlung Vorwärts mit der Herstellung der Ansichts- karte nicht das mindeste zu tun hat. Die Karte ist von einem Privatunternehmer, der mit der Partei keinerlei geistige Gemein- schaft hat, der Buchhandlung zum Verkauf angeboten worden und diese hat eine verhältnismäßig geringe Anzahl davon in Vertrieb genommen. Es erregt allmählich unser Mitleid, daß die„Post" immer erbärmlich hereinfällt, wenn sie über die Schandwiirdigkeit der Sozialdemokratie Enthüllungen bringt. Die Sonntagsruhe im Droschkenbetrieb beschäftigt zurzeit die fachgewerblichen Vereinigungen im Fuhrgewerbe. Das Reichsamt des Innern hat Fragebogen in dieser Angelegenheit versandt, deren Beantwortung von den beteiligten Körperschaften erwartet wird. In der am Dienstag' abgehaltenen Versammlung der Personen-Lohn- fuhrwerkS-Jnnung wurde von allen Rednern festgestellt, daß die Durchführung der Sonntagsruhe im Droschkengewerbe aus Verkehrs- technischen Rücksichten nicht erwünscht sei und Arbeitgeber sowohl wie Arbeitnehmer empfindlich schädigen müsse. Der Sonntag sei, Ivie bei den Eisenbahnen und Straßenbahnen, auch bei den Droschken der Haupteinnahinetag. Damit kann man sich einverstanden erklären, falls die Droschkenkutscher in der Woche einen Ruhetag haben. Arbeit fürs Hcroldsamt. Als Betrüger wurde der Graf Konrad Alexander Stanislaus Colonna- WalewSki- Alexandrowitz verhaftet, der aus einer schlesischen Magnatenfamilie stammt. Vor kurzem gab er in Berlin und Umgegend, Halensee und Charlottenburg, unter verschiedenen Namen Gastrollen. Als Fritz v. Enke, Kurt v. ZerHöst, Kuno v. Fedritz kehrte er in feine Pcusionate ein, blieb aber immer nur lvenige Tage. Er suchte dann Pianofabriken auf und bestellte sich Instrumente entweder nach dem Pensionat oder anderswohin. Als Konrad Alexander Stanislaus Graf Colonna fand er unbedingtes Vertrauen. An den Pianos nahm er Veränderungen vor, indem er die im Innern angebrachten Bezeichnungen der Firmen austauschte, und verkaufte oder verpfändete sie dann. Dadurch erschwerte er das Wiedererkennen der Instrumente, so daß im günstigsten Falle erst genaue Untersuchungen stattfinden mußten. Ja sogar die Schilder auswärtiger Firmen befestigte er an die„erworbenen" Instrumente. Eine Reihe von Anzeigen liefen gegen ihn ein; er war aber ver- schwunden als ihm der Boden hier zu heiß wurde und hatte seine Tätigkeit nach auswärts verlegt. Die Inhaberinnen der Pensionate hatten auch daS Nachsehen mit ihren Forderungen. Jetzt wurde er in Leipzig wegen ähnlicher Betrügereien dem Untersnchungsrichter vorgeführt und wird später sein Schuldkonto in Berlin zu begleichen haben. Es ist nun Sache des Heroldsamtes, auch den Grafen Colonna ins Bürgertum hinabzustoßen. Als diese Behörde kürzlich den Mörder v. Busse in die Wolfsschlncht werfen ließ, konnte man mit Recht sagen, daß der aus Abrahams Same entsprossene Teil deS Adels ein Anrecht auf Befteinng von diefein Subjekt hatte, denn notorisch können die Herren v. Mendelssohn, b. Bleich- röder, v. Cohn alles andere ertragen, aber nur kein Blut fließen sehen. Im Falle Colonna jedoch hat der ch r i st l i ch e S ch w e r t a d e l dcutfcher Nation Rcmedur zu verlangen. Nicht weil Graf Colonna geganneft hat; das passiert in den besten Faniilien. Aber ein Graf, der ordinäre Handwerksarbeit treibt, der höchstpersönlich an den von ihm gemogelteu Pianos Veränderungen vornimmt und da- durch den Adel schändet, gehört nicht mehr in den Gothaischcn Kalender. Hinaus mit dem Kerl, der am Ende gar zu einem ehr- I i ch e n Handwerk Talent hat) Die Engländer über Berlin. Stadtrat Dr. Münsterberg hat von dem Präsidenten des Komitees für das Studium ausländischer kommunaler Einrichtungen Lord Hyveden und dem General- sekretär Dr. Lunn Briefe erhalten, in denen beide ihren Geftihlen Ausdruck geben, nach ihrer Rückkehr in die Heimat für die Aufnahme in Berlin zu danken. So heißt es in dem einen Briefe:„Ich glaube Ihnen versichern zu dürfen, daß die außerordentliche Güte, init der Sie uns empfangen haben, alle Mitglieder unseres Konntees mit derselben tiefen und dauernden Dankbarkeit erfüllt hat. Wir haben zu danken für das Verständnis- vollste Eingehen auf unsere Absichten, die Einrichtungen der Großstädte zu besichtigen und zu studieren.... Ihre Anstalten waren für uns in jeder Beziehung vortrefflich, und wir nahmen von der unermüdlichen, aufopfernden Gastfreundschaft unserer deutschen Wirte die dankbarste Erinnerung heim, die nach und nach zu einem innner tieferen Gefühl internationaler Verwandtschaft ausreifen und von uns unser ganzes Leben lang gehegt werden wird." Der Besuch hat übrigens schon Nachahmung gefunden. Außer den Franzosen, die sich besonders für die Rieselfelder ic. interessieren, sind zurzeit noch Herren aus Glasgow in Berlin, um die elektrischen Anlagen, die Beleuchtung, die Feuerwehr ze. zu besichtigen. Am 1. August d. I. trifft eine Studienkommission ans Birmingham hier ein, um Kenntnis von den hiesigen Wohnung?- einrichtungen:c. zu nehmen. Eröffnung einer ncnen Eisenbahnstation. Am 1. August d. I. wird, wie die kgl. Eisenbahndirektion Stettin bekannt macht, an der Bahnstrecke Berlin Stettiner Bahnhof- Löwenberg(Mark) und zwar zwischen den Stationen Oranienburg und Fichtengrund der neue Haltepunkt„ S a ch s e n b a n s e n(Mark)" für den Personenverkehr eröffnet werden. Es werden daselbst folgende Züge zu den angegebenen Zeiten halten: nach Löwenberg, ab Sachsenhauscn: Zug 205 632 vorm., Zug 203 Ii31 vorm., 211(nur Sonntags) l53 nachm., 213 417 nachm., Vorzug 207(nur Sonnabends) 63' abends, 207 645 abends, 217 II09 abends; nach Berlin, ab Sachsenhansen: ug 213 7� vorm.. 206 O25 vorm., 214 1223 nachm., 204 458 nachm., 12(nur Sonntags) 723 abends, Vorzug 203(nur Sonnabends und Sonntags) 055 abends, Zug 208 1003 abends. Zugverlegung auf der Potsdamer Borortstrccke. Vom Montag. den 24. d. Mts. ab werden die Vorortzüge 407(Werder ab C23 vorm., Potsdam an 6" vorm.) und 427(Werder ab 4� nachm.. Berlin, Potsdamer Bahnhof an ö43 nachm.) wie folgt verlegt: Zug 407 nachm. Durch dir Aufmerksamkeit des EiscnvahiiwSchters wurde in der letzten Nacht auf dem Rangierbahnhofe D o r k st r a ß e ein großer Diebstahl verhindert. In der zweiten Stunde sah der Wächter bei seinein Rundgange, wie ein Mann in Strüinpfen einen schweren Sack über die Gleise schleppte und sich dem Bretterzäune näherte, der hoch oben auf einem Walle errichtet ist und das Bahnhofs- terrain gegen das Tempelhofer Feld abgrenzt. Am Walle angelangt, setzte der Dieb den Sack ab, kletterte den Wall hinauf und grub ein Loch unter dem Zaune; von außen aber arbeitete ihm ein Komplize entgegen, wahrscheinlich. damit er durch das her- gestellte Loch die schwere Last, die er über den Zaun nicht heben konnte, hindurchschieben könnte. wobei ihm sein Genosse Hülfe leistete. Als er im Begriff war, den 2 Zentner schweren Sack, in welchem sich abgeschraubte Messinahandgrlffe der Eisenbahnwagen befanden, den Wall hinaufzuschleifen, wurde er durch ein unvorsichtiges Geräusch des Wächters frühzeitig verscheucht und entkam unter Zurücklassung der Beute über die Kohlenplätze. Diese Art von Diebstählen hat sich in den letzten vier Jahren auf allen Bahnhöfen Berlins häufig wiederholt, und trotz der ein- gerichteten Nachtwachen ist es bisher noch nicht gelungen, der Täter habhaft zu werden. Jetzt glaubt man den Tätern auf der Spur zu sein. Die Schutzmannschaft in Berlin verlangt nach weißen Hosen. In einer Zuschrift an die„Berliner Beamten-Zeitung" heißt eS: „Wann bekommt die Schutzmannschaft die weißen Hosen? Im Monat August des vorigen Jahres bekamen wir dieselben zum erstenmal wieder, nachdem sie 16 Jahre lang unbenutzt auf der Montierungskammer gelegen hatten. Wir behielten sie bis zum September. Jetzt, seitdem die große Hitze ist, liegen die weißen Hosen wiederum noch auf der Montierungskammer, wir mußten während der großen Festlichkeiten bei sengender Glut in der dicken Hose stehen. Wozu sind die Bekleidungsstücke denn eigentlich vor- handen, lvenn ihre Benutzung nicht gestattet ist? Oder erhalten wir sie erst, wenn der Herbst anbricht? Es gewinnt fast den Anschein, als seien die Hosen im vorigen Jahre nur ausgegeben worden, da- mit sie einmal gewaschen wurden, denn wir mußten sie in sauber gewaschenem Znstande wieder an die Montierungskammer abgeben. nachdem wir sie nur kurze Zeit in Benutzung gehabt hatten. Man würde uns wirklich eine Wohltat erweisen, wenn man uns während der tropischen Hitzezeit eine leichtere Kleidung zu tragen gestattete." Abenteuer im Sprechzimmer. Ein seltscuner Vorfall spielte sich im Wartezimmer eines Zahnarztes iin Nordosten der Stadt ab. Die Blumenhändlerin B. aus der Georgenkirchstt. 49 hatte mit einer Freundin den Zahnarzt aufgesucht, um sich einen schmerzenden Zahn ziehen zu lasse». Der Zahnarzt ließ die Frauen im Wartezinimer und entfernte sich. Frau B. und ihre Begleiterin warteten jedoch vergeblich auf die Aufforderung, nach dem Nebenzimmer zu kommen, und als sie endlich unaufgefordert eintraten, sahen sie zu ihrem Erstaunen, daß der Arzt verschwunden war. Auch nt den anschließenden Wohnräumen, deren Türen sämtlich offen standen, war niemand anwesend. Dagegen war die Korridortür verschlossen, so daß die beiden Frauen gezwungen waren, in der fremden Wohnung zu bleiben. Frau B. rief vom Fenster einen auf der Straße vorübergehenden Schutzmann an und bat ihn, doch die Wohnung durch einen Schlosser öffnen zu lassen; dies lehnte der Beamte jedoch mit der Erklärung ab, daß die Polizei erst nach zehn Uhr abends das Recht habe, einzuschreiten. Der Schutzmann schickte aber nach der in der Nähe belegenen Wohnung deS Vaters deS Zahn- arztes, der es gleichfalls zurückwies, sich in die Angelegenhett zu mischen. So mußten denn die beiden Frauen stundenlang in der fremden Wohnung ausharren, bis dann endlich um zehn Uhr abends die Polizei die Korridortür durch einen Schlosser öffnen ließ. Der eigenartige Vorfall dürfte ein gerichtliches Nachspiel haben. Das Gebäude des neuen Amtsgerichts für die Stadtteile Wedding und Gesundbrunnen an der Pankstraße wird in seinen Seitenflügeln bereits mit der inneren Einrichtung versehen. Auch der großartige Mittelbau, dessen Errichtung zuletzt in Angriff genommen wurde und der ganz in Sandstein aufgeführt wird, geht seiner Vollendung entgegen. Der Platz vor dem Gerichtsgebäude wird mit Anlagen geschmückt werden. Zugleich werden neue Zugangsstraßen zu dem Gerichtsgebäude angelegt. Die eine Straße führt von der Hoch- straße nach der Pankstraße, wo sie gegenüber der Thurneyssersttaße mündet, ferner wird die Schönftedtstraße nach Nordwesten zu unter Ueberbrückung der Panke bis zur Schulstraße verlängert. Aus der Stadt der Intelligenz. Eine umfangreiche Tätigkeit als Wahrsagerin betreibt eine Frau St. aus der Kommandanten- straße. Sie läßt Zettel folgenden Inhalts verteilen:„Allen Per« soncn männlichen und iveiblichen Geschlechts, denen daran gelegen ist, ihre Zukunft zu erfahren, diene zur Nachricht, daß ich nach alter. bewährter Methode die Karten lege I Viele AnerkcnnungSschreibxn I Hochachtungsvoll Witlve St. Sprechstunden von 8 Uhr vormittags bis 10 Uhr abrnds. Auch Sonntags. Bei vorheriger Anmeldung auch zu jeder beliebigen anderen Zeit/ Auf diese Einladungen hin fanden sich Leute genug, die die weise Frau zu Rate zogen. Als Spezialität betrieb Frau St. die.Weissagung gegen Garantie". Sie übernahm auf Wunsch für das Eintreffen ihrer Weissagung jede Garantie schwarz auf weis;. Die.Beglückten" ließen eS dann gewöhnlich an einem ansehnlichen Geldgeschenk in Erwartung des nahenden Segens nicht fehlen. So ging es auch dem Buchhalter Arnold M., dem die Frau einen Schein auf eine Braut mit 60 000 Mark Mitgift ausstellte. Als Dank dafür schenkte M. Frau St. 60 Mark. H. sah sich jedoch bitter enttäuscht. Nach Ablauf des Garantiejahres verlangte er Schadenersatz. Als ihm dieser jetzt verweigert wurde, stellte er Strafantrag gegen die Kartenlegerin. Der Holzarbciter-Verband teilt uns mit: Ein Bezirkskassierer des Holzarbeiter-Verbandes hat Montag früh in einem Stadtbahnzuge von Grünau nach Westend ein Paket mit Listen und Beitragsmarken des Holzarbeiter-Verbandes liegen gelassen. Das Paket ist von jemand vor Ankunft des Zuges in Westend gefunden worden. Der Finder der Märken oder d,e Personen, die über den Verbleib der Marken etwas wissen, werden gebeten, dem Bureau des Verbandes, Engel-Ufer IS, Mtteilung zu machen. Ein Kranker im Krankenhaus- verunglückt. Tödlich verunglückt ist im Garten de» St. Hedwigs-Krankenhauses der 38 Jahre alte Hospitalit Bernhard Campow, der sich als Genesender dort aufhielt. Er half aus freien Stücke� einem Kutscher beim Schieben seines Wagens, kam dabei zu Fall und schlug mit dem Kopf an eine Mauer. Aeußerlich zeigte sich eine kleine Wunde, C. starb aber nach etwa einer Stunde im Krankensaal. Durch eine Revolverkugel verwundet wurde die ZZjährige Ehe- frau Pauline des Maurerpoliers L., die von ihrem Ehemann getrennt lebt und m der Warschauerstratze bei einer Familie K. wohnt. Frau L. war nun in der Wohnung ihres Mannes erschienen, hatte dort einen geladenen Revolver vorgefunden und diesen mit nach der Warschauerstratze genommen. Damit kein Unheil angerichtet werde, überreichte sie ihrem Wirt die Waffe. Als dieser die Sicherung in die Trommel zurückschieben wollte, mutz er aus Unvorsichtigkeit fehl- gegriffen haben. Der Revolver ging los, und das Geschoß drang der Frau L. in den Rücken. Um dw Kugel aus dem Korper loS- zuWerden, wurde Frau L. in einem Lückschen Wagen nach dem Krankenhaus am Friedrichshain gebracht. Feuerbericht. Mittwoch nachmittag gegen 4 Uhr kam in der Alten Jakobftr. 93 in einem Keller des Vorderhauses auf nicht er- mittelte Weise Feuer aus, das Holzwolle, sowie allerlei anderes Verpackungsmaterial ergriff und erst bemerkt wurde, als dichte Rauchwolken in den Hof schössen. Man suchte anfangs die Ab- löschrmg mit der Hausleitung selbst zu bewirken und erst als dies nicht gelang, alarmierte man die Feuerwehr. Der 20. Löschzug war schnell zur Stelle und fand bei seinev Ankunft den Hausflur und die Treppen stark verqualmt vor. Infolgedessen konnten die Sappeure nur unter Benutzung von Rauchhclmen vordringen. Es gelang aber in kurzer Zeit, die Gefahr mit einer Schlauch- leitung zu beseitigen.— In der Waldemarstr. 82 mutzte dann ein Brand unterdrückt werden, der den Futzboden und die Balkenlage erfaßt hatte.— Stroh it. ging in der Hermsdorferstr. 6 in Flammen auf, während in der Exerzierstratze ein Haufen Reisig auf einem Bauplatz brannte.— Abends wurde die Wehr nach der Potsdamer- stratze 128 gerufen, weil dort ein Automobil vor dem Hause in Brand geraten war.— Weiter liefen in den letzten 24 Stunden aus der WinSstr. 1, Saarbrllckerstr. 31 und noch aus einigen anderen Orten Alarmierungen ein, die aber auf ganz geringfügige Anlässe zurück- zuführen waren.— Vorort- JVachnchtm Charlottenburg. Einen unheimlichen Fnnd hatten am 28. November v. I. mehrere Passanten auf der Stratze in Charlotteuburg gemacht. Kinder hatten ein größeres Paket gefunden und es geöffnet. Der Inhalt erwies .sich als die Leiche eines neugeborenen Kindes. Die von dem nn- heimlichen Funde sofort in Kenntnis gesetzte Polizei stellte umfang- reiche Ermittelungen nach der Mutter an. Diese wurde auch bald in der Person der unverehelichten Anna Berta Markus ermittelt, die am 26. November einem Kinde das Leben gegeben hatte. Gegen die M. wurde ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet, da sich der Nachweis eines vorsätzlichen Kindesmordes nicht führen ließ. Vor der Strafkammer war die M. gestern wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Mit ihr mutzte die Arbeiterfrau Antonie I. auf der Anklagebank Platz nehmen. Diese hatte sich wegen Beiseiteschaffung eines Leichnams ohne Vorwisscn der Behörde zu verantworten. Sie hatte sich daran beteiligt, als die M. sich des in Papier und alte Kleidungsstücke eingewickelten Kindesleichnams entledigte.— Vor Gericht war die unnatürliche Mutter geständig, aus Fahrlässigkeit den Tod ihres Kindes verursacht zu haben. Der Gerichtshof erkannte gegen die M. auf ein Jahr Gefängnis und sofortige Verhaftung. Außerdem wurden beide Angeklagte wegen unbefugter Beiseitschaffung einer Leiche zu je einer Woche Haft verurteilt. Schöneberg. Die LohncrhShungrn für die städtischen Arbeiter. Der Magistrat ist— entgegen unserer geswigen Meldung— dem Beschlufle der Stadtverordneten-Versammlung über die Lohnerhöhungen im wescnt- lichen beigetreten. Ohne Aenderungen ist es hierbei nicht ab- gegangen. Die den Kanalisationsarbeitern gewährten Zulagen sind denen der Stratzenreiniger gleichgestellt worden, trotz- dem rm Ausschutz allseitig anerkaimt wurde, daß für die erstere Kategorie in Anbetracht ihrer weit gesundheitsschädlicheren Art der Beschäftigung eine kleine Besserstellung am Platze wäre. Zur Förde- rung der Arbeitsfreudigkeit wird die magistratliche Reduzierung gewiß nicht beitragen. Der Anfangslohn beträgt nach der neuen Festsetzung somit 3,60 M., steigend nach sechs Monaten auf 3,75 M., nach zwölf Monaten auf 4 M.(nach der Fassung der Stadt- verordneten-Versammlung 3,60 bezw. 4,00 bezw. 4,26 M.>. Ob denn wirklich der geringe Unterschied von 26 Pf. pro Tag— nach einem Jahre I— den Etat so gewaltig belastet hätte?— Eine von dem bereits gekennzeichneten sogenannten„Ortsverein" der Straßen« reiniger»och in letzter Stunde an den Magistrat gerichtete Petttion um Gleichstellung mit den Kanalisationsarbeitern hat denn auch die vorausgesehene Wirkung gehabt.— Sie wurde dem Papierkorb überwiesen.— Hoffentlich werden die Ortsvereinsherren nun ein- sehen, daß nur mit Hülfe der Organisation durch geschlossenes Vor- gehen etwas erreicht werden kann. Die Lohnerhöhungen treten vom 1. Juli dieses Jahres ab in Kraft. Rixdorf. Der brutale Unverstand einer Mutter kam gestern in einer Ver- Handlung zur Sprache, die gegen die aus der Untersuchungshaft vor- geführte Frau Margarete Henfchel aus Rixdorf vor der 3. Straf- lammer des Landgerichts II stattfand. Die Angeklagte, die mit 17 Jahren Mutter eines unehelichen Kindes geworden war, mutzte sich wegen schwerer Mißhandlung des letzteren verantworten. Als das Kleine ein Jahr alt geworden war, hatte sie sich verheiratet und es nunmehr in eigene Pflege übernommen. Von jetzt ab begann für das Kind ein« schwere LcidenSzeit. denn Frau Henfchel schlug es fortwährend mit dem fingerdicken Stiel einer Kinderschippe auf das grausamste, weil es noch das Bett näßte. Obwohl ihr Mann da- gegen sprach, ließ sie nicht davon ab, bis endlich die anderen Haus- bewohner das bis in die obersten Etagen dringende Wimmern des KindeS nicht mehr mit anhören konnten und die Polizei davon be- nachrichtigten. Diese holte daS Kind sofort ab und brachte eS wegen seines ZustandeS in ein Krankenhaus. Hier wurde festgestellt, daß der ganze Körper deS bedauernswerten Geschöpfes völlig braun und blau geschlagen war und nicht einen einzigen weihen Fleck mehr auf« wies. Auch zeigte der linke Unterarm eine Erhöhung, die von einem durch Zerschlagen deS Knochens hervorgerufenen Bruch herrührte. Wegen dieser unglaublichen Handlungsweise war Frau Henfchel vom Rixdorfer Schöffengericht zu einem Jahr Gefangnes vermteilt worden. Gegen die Höhe des StrafmatzeS hatte sie Berufung ein- gelegt. Die Strafkammer ermäßigte auch die Strafe auf sechs Monate Gefängnis, doch nur mit Rückficht auf die Jugendlich- keit und Unerfahrenheit der Angeklagten, die weniger auZ Roheit als aus geringem Verständnis für ihre Mutterpflichten die Mißhandlung vorgenommen hätte. Köpenick. Mord- und Selbstmordversuch. Die 20 Jahre alte Frau des Bäckermeisters Gramm in der Glienickerstr. 1 in Köpenick ver- suchte in der Nacht zum Dienstag sich und ihr Kind durch Gift zu töten. Zwischen der Frau.und ihrem Manne war es in letzter Zeit wiederholt zu Auseinandersetzungen gekommen. Wie die Frau an- gibt, ist sie mehrfach von ihrem Manne mißhandelt worden. Auch vorgestern fand wieder eine Szene zwischen den beiden Ehegatten statt, worauf sich der Bäckermeister entfernte. Frau Gramm beschloß nun, sich und ihrem fünf Monate alten Kinde das Leben zu nehmen. Sie nahm eine Flasche Lysol, gab zuerst dem Kinde davon zu trinken und leerte dann selbst die Flasche. Als der Bäckermeister um Mitternacht nach Hause zurückkehrte, fand er seine Frau mit dem Säugling im Arm röchelnd vor. Sofort holte er zwei Aerzte herbei, die eine Auspumpung des Magens bei der Frau und ihrem Kinde vornahmen. Beide siegen in bedenklichem Zustande danieder. Auf den Leichnam eiueS Mannes stießen gestern nachmittag mehrere Forstbeamte im Köpsnicker Forst zwischen Rahnsdorf und Friedrichshagen bei der Ausführung von Waldarbeiten: daneben lag im Grase ein Revolver. Es stellte sich dann heraus, daß der Tote der 60 Jahre alte Kaufmann Gottfried Herzog aus der Glienicker- stratze zu Köpenick war. Zweifellos liegt Selbstmord vor. Vor vierzehn Tagen verschwand H. aus seiner Wohnung und hat sich wohl noch an demselben Tage das Leben genommen. Heikle Familienangelegenheiten dürften die Ursache zu dein Selbstmord des in Köpenick bekannten Kaufmanns gewesen sein. Nachdem am Flmdort ein Tatbestand aufgenommen worden war, wurde die Leiche, die durch den Einfluß der Witterung bis zur Unkenntlichkeit entstellt war, nach der Halle des städtischen Friedhofs gebracht. FrirdrichShagen. Die Generalversammlung deS fozialdemo- kratifchen Arbeiter-BildungSvereins tagt am Sonnabend, den 16. Juli, abends 9 Uhr, bei Pctznick. Friedrichftr. 114. Tagesordnung: Bericht des Vorstandes, des Kassierers, der Revisoren und der Bibliothek- kommission. Neuwahl des Vorstandes, der Revisoren und der Bibliothekkommission. Mitgliedsbuch legitimiert. Neuenhagen(Ostbahn). Sonntagnachmittag 4 Uhr findet in Wünfches Lokal die Generalversammlung des Wahlvereins statt. Abrechnung, zurückgestellte Anträge/ Wahl der Delegierten zur KreiSkouferenz und VereinSangclcgeiiheiten. Um zahlreiches Er- scheinen ersucht Der Vorstand. Der viergleisige Ausbau der Nordbahn ist, abgesehen von neben- sächlichen Arbeiten, jetzt bis Pankow ferttg. Auch der neue Vorortbahnhof Schönholz ist soweit gefördert, datz seine Jnbetrieb- »ahme voraussichtlich am 16. Juli geschehen kann. Die königliche Eisenbahnverwaltung hat infolgedessen dieser Tage den Vororts- gemeinden zwischen Schöuholz und Hermsdorf die Pläne für den weiteren Ausbau der Nordbahn bis nach Oranienburg hin zugesandt. Einige Schwierigkeiten bietet die Reinickendorf- Lieben walder Nebenbahn. Obgleich der Staat diese Bahn übernehmen will, kann eine Höherlegung vor der Hand nicht er- folgen, doch soll der Güterverkehr vom 1. Oktober ab durch die Schaffung eines Anschlutzgleises nach Schönholz geführt werden. Die Arbeiten deS Ausbaues der Nordbahn werden auch deswegen mit großer Eile betrieben, weil im nächsten Jahre der Kaiser ver- mutlich diese Bahn benutzen wird, um nach dorn neuen Hofjagdrevier bei Oranienburg zu gelangen. Die Gemeindevertretung von Wamste« hat die Eingemeindung eines Teils von Kohlhasenbrück beschlossen. Die Neue Stratze und die von dieser ausgehende nach dem Restaurant„Fürstenhos" führende Stratze sowie das sogenannte Böckinannsche Gelände in Kohlhasenbrück sollen auf Anregung der Regierung zu Wannsee geschlagen werden. Dadurch wird auch ermöglicht, einen neuen Weg nach Kohlhasenbrück, unter Vermeidung der gefährlichen Bahn- Übergänge, anzulegen. Die Chaussee nach Kohlhasenbrück soll daim ganz über fiskalisches Gelände und die Chausseebrücke über den Teltowkanal geleitet werden. Serickts-Leitung. Die öffentliche Ordnung im Klassenstaat. Zu acht Tagen Haft verurteilte am Mittwoch die 144. Ab- teilung des Schöffengerichts unseren Parteigenossen Maurer Metzle, weil er die Mastestversammlung seiner Bernfsgenossen mit einem Hoch auf die revolutionäre Sozialdemokratie ge- schlössen hatte. Sowohl die horrende Höhe der Strafe als auch einzelne Momente aus der Verhandlung selbst zeugen voll dem Geist, der in unseren GerichtSftubeu herrscht. Als Metzle, zur Aeutzerung auf die Anklage aufgefordert, sagte, seiner Erinnerung nach habe er ein Hoch auf die i n t e r n a t i o- n a l e Sozialdemolratte ausgebracht, da fiel ihm der Vorsitzende Richter, Assessor Markgraf, ins Wort und sagte mit scharfer Betonung: Na ja, das ist die berühmte Sache, wenn die Herren angeklagt sind, dann wollen sie das nicht gesagt haben, was ihnen zur Last gelegt wird. Der Verteidiger Rechtsanw. Goldberg bemerkte darauf, wenn der Herr Affeffor den Angeklagten den angefangenen Satz hätte vollenden lasten, dann würde er gehört haben, datz derselbe nichts abstreiten Ivolle. Der Augeklagte habe sagen wollen, seiner Erinne- rung nach habe er die internattonale Sozialdemolratte hoch leben lassen, nachträglich sei ihm aber von Versammlungsbesuchern gesagt worden, datz er tatsächlich ein Hoch aus die revolutionäre Sozial- demokratie ausgebracht habe. Er gebe dies deshalb zu. Die Beweisaufnahme ergab, datz in dieser Versammlung nicht einmal der berühmte Kriminalbeamte anwesend war, der nach dem Hoch die vorschriftsmäßige Beunruhigung empfunden hätte. Die Versammlung ist, wie der überwachende Polizeileumant aussagte, nach dem revolutionären Hoch in vollkommener Ruhe auseinander- gegangen. ES kann also demnach von irgendwelcher Beunruhigung des Publikums keine Rede sein. Der Verteidiger begründete die von ihm beantragte Freisprechung deS Angeklagten, indem er ausführte: Die Bekundung und Pro- pagierung sozialdemokratischer, ja selbst anarchistischer Ideen sei nicht strafbar, es handle sich nur darum, ob die Art, wie man sich zu solchen Ideen bekannt habe, grober llnftig sei. Wenn grober Unfug vorliegen solle, müsse etwas Rüpelhaftes geschehen, wodurch das Publikum unmittelbar belästigt wird. Wenn wtrklich einige Ver- sammlungsbesucher mit dem Belenntnis zu revolutionären Ideen nicht einverstaudcu gewesen sein sollten, so sei das noch keine un- mittelbare Belästigung deS Publikums. Wenn beispielsweise in einer Versammlung für den Flottenverein Propaganda gemacht werde... Hier unterbrach Assessor Markgraf den Verteidiger und ersuchte ihn, diese Ausführungen, weil nicht zur Sache gehörend, nicht fortzusetzen. Rechtsanwalt Goldberg erwiderte, es müsse ihm doch gestattet werden, an der Hand eines Beispiels seine Gedanken darzulegen. Er beantrage einen Gerichtsbeschlutz. Das Gericht entschied, datz der Verteidiger die mit dem Hinweis auf den Flottenverein be- gonnenenAuSfüHruiifjen nicht fortsetzen dürfe. Nach Beendigung deS PlaidoyerS erkannte das Gericht dem An- trage des AmtSanwalt« gemäß auf eine Haststrafe von acht Tagen. In der Begründung des Urteils sagte der Vorsitzende: DaS Hoch auf die revolutionäre Sozialdemolratte sei geeignet, die öffentliche Ordnung zu gefährden, denn Revolutton bedeute nichts anderes als Umsturz. Wenn die Versammlung auch nur für Maurer bestimmt war, so habe doih jeder Zutritt gehabt. Es sei ja auch staglich, ob alle Maurer Sozialdemokraten sind, und ob alle Sozialdemokraten mit den revolutionären Bestrebungen einverstanden seien. Solche Versammlungsbesucher hätten sich wohl beunruhigt fühlen können. Juristtschen Scharfsinn verrät die Urteilsbegründung gerade nicht. Man sollte doch meinen, wenn jemand nicht wegen seines Bekenntnisses zur revolutionären Sozialdemokratie, sondern wegen VerÜbung von grobem Unfug bestraft werden soll, datz dann fest- gestellt werden müsse, es habe eine Belästigung des Publikums tatsächlich stattgestniden. Die klotze Annahme, ein am 1. Mai feiernder nichtsozialdemokratischer Maurer oder ein nichtrevolutionärer Sozialdemokrat(!), der vielleicht der Versammlung hätte beiwohnen und sich vielleicht hätte beunruhigt fühlen können, dürfte selbst von der höheren Justauz eines preichischen Gerichts nicht als hinreichender Grund zur Verurteilung angesehen werden. Vermischtes. Eine sechskSpfige Familie auö Nahrniizssorgen in den Tod gegangen. Dienstag wurde in einem nahen Gehölz bei H i l d« b u r g h a n s e n die ganze Familie des Etuisarbeiters Z i e g l e r tot aufgefunden. Ziegler hat seine Frau, seine vier Kinder uno sich selbst erschossen. Als Ursache werden Nahrungssorgen angegeben. Ein furchtbares Grubenunglück in Wales ist der Katastrophe auf der Zeche„Borussia" gefolgt. Während 128 Arbeiter in die Grube eiueS KohlenwerkcS bei WattStown eingefahren waren, fand eine Explosion statt, durch die den Unglücklichen der Ausgang qb- geschnitten wurde. BiSher sind, wie mau aus London telegraphiert, 69 als Leichen geborgen worden. Man befürchtet, datz sich die Toten- liste auf insgesamt 126 belaufen wird. Für 60 000 M. Diamanten gestohlen. In auffälliger Weise häufen sich in letzter Zeit Diebstähle in den v- Zügen, die an- scheinend systematisch durch internationale„v- Zug- Diebe" verübt werden. Am 3. d. M. nachmittags wurde nach einer polizeilichen Bekanntmachung aus einem Wagen 1. Klasse des v- ZugeS 73 der Strecke Frankfurt a. M.— Hamburg einer Dame eine große Hand» tafche ans braunem Krokodilleder mit Metallschild, gezeichnet A. B., gestohlen, in welcher sich u. a. ein Paar orientalische Pertenyhrringe mit je einer weißen, runden Perle, eine kurze Halskette aus Platina, besetzt mit kleinen und graben Diamanten, endigend in eine weitze Perle in Brillanten gefaßt, ein antikes dreireihiges Kollier aus kleinen Perlen, rund hernni mit Gehängen ans Tafeldiamanten, eine goldene Brosche in Form einer Sicherheitsnadel mit einem großen Amethyst und einem kleinen Brillanten besetzt, eine goldene Brosche besetzt mit einem Türkis, umgeben von kleinen Diamanten, und eine goldene Brosche in Form einer Spange, besetzt mit einer großen runden Perle und Brillanten, daran hängend eine schwarze und eine weitze biriienfönnige Perle, befanden. Für die Herbei- schaffnng der gestohlenen Gegenstände ist eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt. Achnlickic Diebstähle sind in der Nacht zum 18. Mai auf der Strecke Frankfurt a. M.— Berlin, 3. Juni Ham- bürg— Frankfurt und 22. Juni Frankfurt— Luzern ausgeführt. Sieben Fälle von TyPhuSerkrankungen sind, wie aus D a n z i g berichtet wird, fest dem 24. Juni dort vorgekommen, sie geben in» dessen keinen Grund zu Befürchtungen. Sanitätspolizeiliche Matz- nahmen wurden sofort getroffen. Die Erkrankten wurden nach dem städtischen Lazarett geschafft und isoliert. Die Wohnungen wurden desinfiziert und polizeilich geschlossen. Bisher hat die Krankheit in keinem Falle einen tödlichen Verlauf genommen. Massenvergiftungen durch Genutz verdorbener Speisen. Aus Leipzig wird gemeldet: In einer hiesigen Buchdruckerei sind heute zahlreiche Personen infolge des Genusses von verdorbenem Kartoffel- salat und Schweinefleisch erlrankt. Bisher sind 30 solcher Kranken in das Krankenhaus eingeliefert. Die Zahl der Erkrankten beläust sich im ganzen auf annähernd 100. Kriekkstften der Redahtioti. •Jurlftirchcr Cell. Sie jtttiftififie evrcchst»»de yud-i töglich mit Zliisnahm« de» Eonnadend» tu»,?>/, bis»>/, Uhr nbcndJ statt. Geiisfiie«: 7 Uhr. M. 15. Sind Sie als freiwilliges Mitglied der Kasse auZ Versehen ausgenommen(wiewohl Sie statutansch freiwilliges Mtglied nicht sein konnten), so sind die Beiträge unter Abrechnung des etwa Geleisteten zurückzuzahlen. Sind Sie gestrichen, weil Sie verspätet gezahlt haben, so erfolgt keine Nückzahlung.— Ried. 103. Die Sterbe-Urtimde Ihrer Frau, Ihre frühere Heiratsurkunde und. falls minderjährige Kinder vorhanden sind, ein AuseinanderfehungS-Attest sind erforderlich. Das letztere erhalten Sie vom Amtsgericht, die anderen Urkunden von den: Standesbeamten, in dessen Bezirk die Heirat geschloffen respektive der Tod angemeldet war.— M. 11. In dem Ausdruck kann eine Beleidigung erblickt werden i Sie sollten ihn zurücknahmen.— M. M. 2700. Nein: Sie kömieu nur, falls nicht der Wortlaut Ihres Verirages dem entgegensteht, aus Schadenersatz, Unterlassen der Besitzstörung sowie Einräumen der jrüheren Räumlichlcitc» klagen. Zuständig ist das Amtsgericht.— Kl., Rixdorf. 1. Das Testament müßte in Ihrem Falle zu gerichtlichem Protokoll erklärt werden. 2. und 3. Nein. Es genügt: Zu mainer alleinigen Erbin setze ich ein N. N. Pflichtcrben(Eltern oder Kinder i besitze ich nicht.— H. S. Ohne Kenntnis Ihre» Vertrages sind Ihre Fragen nicht zu beantworten. — H. II. DaS Ministerium ist sür die Folgen des Unglücksfalles, den Sie beim Fenstcrputzen erlitten, rechtlich leider nicht verantwortlich. Sie könnten nur aus Ihrer Invalidenversicherung Ansprüche geltend machen, wenn Sie mindestens 2ö Wochen erwcrbsunsäyig waren oder dauernd invalide ge- worden sind. Der Antrag aus Invalidenrente ist an den Magistrat, Ab- teilung sür Invalidenversicherung(Am Köllnischcn Park 8), zu richten.— — R. M. 43. 1. Ihrer Mutter steht ein Anspruch an die BerusSgenossen- schast aus Hinterbliebenenrente nur zu, wenn Sie den in Ihrem Fall wohl kaum zu führenden Nachweis erbringt, daß der Tod Ihres Baters Folge deS Unsalls war. 2. Die Versicherungsanstalt hat die Hälste der sür Ihren Batcr geklebten Marken an Ihre Mutter zurückzuzahlen. Die Zurück- zahlung unterbleibt, soweit etwa Ihrer Mutter von der BcrusSgenoffenschaft eine Hinterbliebenenrente zu zahlen ist.— G. R. 75. Dle Verstchcrungs» anstatt kann dem Antrag ans Ausnahme in ein Sanatorium staygeben, verpflichtet ist sie hierzu nicht.— W. Sch. Sie sind vollständig im Recht. rvitlerungStibersicht vom 1». Juli 1005, morgen»« Nhr. Statten en Swinemdc. Hainburg 'Berlin Frauks.a.M. Müiicht» Wie» :s 1= !§■= Wetter I 760 SB 763 NW 762 NNW 765 SB 765« 763 WNW 1 Dunst 4 bedeckt 4 wolkig 2 wolkig 2 wolkig 2 heiter C 5f all =? H& Stationen S E ~ E S 2" S g - 3 S s Haparanda!7S6 N Petersburg 1755 NW Scilly Aberdeen Paris 764 SW 762 ONO 766 ONO Deller 4bedeckt 2 bedeckt 2 bedeckt INebel Ibedeckt Wetter-Prognolc für Tonuerstag, den 13. Jnlt 1005. Ein wenig kühler, vielsach wolkig bei mäßigen westlichen Winden: erheblichen Niederschlüge. Berliner Wetterbureau. ME) 8 13 17 13 IS Mm Wasserstand am 11. Juli. Elbe bei Aussig—0,38 Meter, bei Dresden— 1,78 Meter, bei Magdeburg-s- 0,72 Meter.— Unstrut bei Strautzsurt-s- 1,00 Meter.— Oder bei Ralibor-s- 0,8S Meter, bei Breslau Ober-Pegel+ 4,70 Meter, bei Breslau Unter-Pegel— 1,60 Meter, bei Franlsurt+ 1,03 Meter.— Weichsel bei Brahemünde 4- 2,54 Meter. — W a r t h e bei Posen+ 0,00 Meter.— Netze bei Usch-s- 0,42 Meter. Vercmtw. Redakteur: Franz Rehbein, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vörwäcii Buchdruckerei u. Verlagsanstalt P>... Singer Si Es., Bttlio SWi