N«. m. BbonncmcntS'Redingungcn- Abonnements- Preis pränumerando: vierteljährl. 3,30 monatl. 1,10 MI., WSchentlich 28 Psg. frei ins HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. Nummer mit illustrierter Sonntags- Seilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZcitungS. Preisliste. Unter Kreuzband sSr Deutschland und Oesterreich- Ungarn » Marl, für das übrige Ausland L Marl pro Monat. SS. Jahrg. «»»int tiglldi juBcr Hlontagt. Vevliner VolksblAkk. Sie snleMonz-eedllhr beträgt sür die sechSgcspaltenc Kolonel» zcilc oder deren Naum 40 Psg., für politische und gewerlschaftlichc Vereins- und VersanmiIungS-Slnzeigen 25 Psg. „Aleine ZZnielgen", das erste lsett- gedruckte) Wort 10 Psg., jede? weitere Wort 5 Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags gcössnct. Iclegrainm- Adresse: «Soilitliiemsli»! Rtrlln". Zcntralorgan der fosialdcrnohrati fehen Partei Deutfchlands. n Redaktion: SRI. 68/ Lindenstrasse 69. Fernsprecher! Amt IV, Nr. 198». Freitag, den S8. Juli 1903. Expedition: SM. 68» �.indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Obotriten- Schulen. „Deutsch-Sibirien" nennt eine kürzlich in Hamburg er- schiencne Proschüre*) das Obotritcnland, und zum Beweise, daß dieser Name berechtigt ist, eröffnet sie eine Reihe „indiskreter Blicke in das tiefe Dunkel des mecklenburgischen Bolksschulwesens", Blicke, die so grauenhafte, so schauerliche Zustände treffen, daß man sich an die Stirne faßt und nlit Erstaunen, mit Entsetzen fragt, ob man sich wirklich in Deutsch- land—„in der Welt voran"— befindet oder ob man nicht etwa durch eines bösen Zauberers Macht in die sibirische Kulturverlassenheit versetzt worden ist. Es gibt in Mecklenburg drei Hauptartcn von Volks- schulen, deren jede ihre eigenen Verwaltungen, Einrichtungen, Gesetze, Lehrpläne und Ziele hat: Die l a n d s ch a f t- l i ch e(in den Städten), d o m i n a l e(auf den großhcrzog- lichen Gütern und in Bauerndörfern) und r i t t e r s ch a f t- l i ch e(in den Gütern und Dörfern der Rittergutsbesitzer). Außerdem sind noch„landschaftliche Landschulen" und„ritter- schaftliche Stadtschulen" vorhanden. Für die Dominal- und Stadtschulen werden die Lehrer in fünfjährigen Kursen auf dem Seminar in Neukloster, für die übrigen Schulen in vierjährigen Kursen aus dem Seminar in Lübtheen aus- gebildet. „Bei beiden Seminaren besteht die verwerfliche Einrichtung, daß die jungen Leute nicht aus der Präparande unmittelbar in das Seminar übertreten, sondern noch zunächst einige Jahre als sogenannte Schulassi st enten zur selbständigen Ver- waltung einer gerade unbesetzten Schulstelle im Lande ver- wendet werden. Unter Umständen stehen diese 17- bis 18- jährigen Jünglinge sogar zwei Klassen vor, da Lehrer- oder Platzmangel die Einrichtung von Halbtags- Unterricht gebieten. Nebenher betreiben sie noch, um das Leben fristen zu können, Küster-, Gutssekretariats-, Standesamts-, Post- Helfer-, Privatunterrichts- und Versicherungsgeschäfte, wie jeder andere mecklenburgische Lehrer." Der Verfasser der Broschüre kennt einen Lehrer, der sechzehn solcher Nebenäniter be- treibt, um bei seinem jämmerlichen Gehalt als„Kultur- Pionier" nicht elend Hungers sterben zu müssen; andere tagelöhnern in Feld, Stall und Scheune, machen sich dem „Ritter" als Ackerknccht, Viehfüttercr, Gärtner oder dergleichen nützlich oder versuchen, sich auf sonstwclche erdenkliche Weise durchs Leben zu schlagen, ohne ein Opfer ihrer bitteren Not zu werden. Die Gchaltsvcrhältnisse sind zum Teil unsagbar traurig; die niedrigste Klasse, sämtliche Landlehrer, bezieht neben der Wohnung ein Grundgehalt von 700 M., das sich wie folgt zusammensetzt: 300 M. bares Geld, 50 M. Feuerung, 190 M. Getreide, 75 M. Kuhfutter, 0 M. Gänsewcide, 19 M. Gartenland. In 25 Dienstjahrcn steigt das Gehalt um 500 M. Die Naturalleistungen haben meist nicht den halben Wert, auf den sie geschätzt und beziffert sind, besonders das Holz Pflegt das miserabelste zu sein, das aufzutreiben ist, außerdem hat man dem geplagten Landlehrer noch die angenehme Arbeit der Zerkleinerung des fiir die Heizung des Schulzimmcrs erforderlichen Holzes aufgebürdet. Welche Un- menge von Verdruß, Acrgcr und Feindschaft die Natural- lieferung fast für alle Lehrer im Gefolge hat, davon hat der Fernstehende, der die jammervolle Rolle des mecklenburgischen Lehrers gegenüber den Rittern und Junkern nicht kennt, absolut keine Vorstellung. Nur ein Beispiel: Der Kammerherr von Flotow- Kogel ließ dem Lehrer N. in G. erst zwei Tage nach Beginn der Winterschule das Holz zum Heizen der Schulstube anfahren. Der Lehrer war krank und auch nicht zum Zerhauen des Holzes ver- pflichtet. Dieses blieb deshalb liegen, bis der Kammerherr es durch Arbeiter zerkleinern ließ. Als sich aber darauf der Lehrer den vierteljährlichen Lohn holte, würden ihm die Holzhaucrkosten davon abgezogen. Der Lehrer beschiverte sich und kam schließlich bis vor das Ministcrinm in Schwerin. Doch dieses, statt den„Edelnmnn", der sein Vorgehen aus den Gesetzen nicht rechtfertigen kann, zur Heraus- gäbe des dem Lehrer vorenthaltenen Gehaltsteils zu ver- anlassen, gab dem Lehrer den Rat, die Sache gerichtlich zum Austrag zu bringen, da hier in Ermangelung positiver gesetz- lichcr Bestimmungen die„Landcsüblichkeit" mitspreche. An dem Prozeß, selbst wenn der Lehrer ihn gewinnen sollte, wird er wenig Freude haben, denn der Junker hat hundert Möglich- leiten in der Hand, den„Schulmeister" so zu pisacken, daß dieser, ohne gekündigt zu sein, oft gern davonläuft. Ge- schieht dies nicht, so darf der Lehrer sicher darauf rechnen, daß ihm sein„Dienstverhältnis" in der„Osterwoche zum nächsten 24. Oktober" aufgekündigt wird, bis dahin läßt sich auch schon noch ein„pflichtwidriges Verhalten" des armen Schnlproleten ausfindig machen, damit der allmächtige Gutsherr die gesetz- liche Pension von 450 M. nicht zu zahlen braucht, zu der er sonst— vorausgesetzt, daß der entlassene Lehrer bereits zwanzig volle Dien st jähre auf dem Rücken hat— gesetzlich verpflichtet ist. Welches erbarmungswürdige Schicksal eines altgewordcnen Lehrers in Mecklenburg, wenn er nicht bis zu seinen: Tode *) Deutsch-Sibirien. Indiskrete Blicke in das tiefe Dunkel des mecklenburgischen Volksschnlwesens, speziell des„ritter- schastlichen", von W. F. C. Elmbek. Hamburger Verlaasanstalt (M. Krü Hamburg lOOö, Preis 1 M. ins Schulhaus zu kriechen vermag, wartet, das zeigt der Ver- fasser der Broschüre an dem Elendsbilde eines ihm bekannten Schulinvaliden, der„mittags mit irdenem Henkel- topf nach dem G u t s h o f e watet, um sich und seiner Frau von dem Leute-Esscn ein paar Kellen voll hineinschlagen zu lassen. In seine Kammer zu tteten, die in einer stroh- gedeckten Lehmhütte ihm und seiner Frau Schutz vor der Witterung bietet, möchte ich keinem raten. Schreiber dieses erinnert sich noch mit Entsetzen des Anblicks dieses schmutzigen Raumes, in dem der Gutsbesitzer seine Pferde unterzubringen sich bedenken würde. Die arme Frau ließ sich vor Scham nicht sehen." Mehr als in Ostpreußen gilt eben in Mccklen- bürg das geflügelte Wort: Er st die Pferde, dann die Lehrer! Der Dominalschullehrcr ist mehr Ackerbauer als Pädagoge. Er nmß tüchtig schuften und schwitzen, wenn er sein bescheidenes Brot essen will.„Die größte Zahl der Stellen hat etwa soviel Ländereien, daß der Lehrer 3 bis 4 Kühe halten muß. Das Herbeischaffen des Futters, Vor- geben. Tränken, Abdüngen, Melken, Rahmen, Buttern, Ab- waschen des Wirtschaftsgeschirrs usw. nimmt täglich mindestens 3 bis 4 Stunden in Anspruch. Daneben verlangen die Schweine ihr Recht. Für Herbeischaffen des Futters, Kochen und Quetschen der Kartoffeln geht 1'/, Stunde, für dreimaliges Füttern, Abdüngen und andere Arbeiten 1 Stunde hin. Im Sommer macht das Beschaffen von Grünfutter noch mehr Arbeit. Ucbcrdies drängen in solch einer Wirtschaft noch andere, regelmäßig wiederkehrende Arbeiten, wie die Herbei- schaffung des großen Wasscrquantums, des Brennholzes, die Besorgung des Federviehs u. a., so daß hierfür etwa 1 Vz Stunden zu rechnen ist. So sind für gewöhnlich durch die Vieh- und Hauswirtschast allein etwa 8 Stunden des Tages in Anspruch genommen. Nicht nur der Lehrer, auch die Lehrerfrau muß dabei kräftig zufassen. Und sind nun gar in der Familie kleine Kinder zu warten und zu pflegen, oder ist dcrLehrer zugleich Kirchendiener, der dieBetglockezu schwingen, die Kirche und den Friedhof zu reinigen und so manche andere Arbeit zu verrichten hat I Fünf Stunden ist der Lehrer in der Schule beschäftigt, wieviel freie Zeit bleibt ihm dann noch, sich auf den Unterricht vorzubereiten, ein Buch zu lesen, sich geistig zu beschäftigen?!" Kein Wunder, daß der Lehrer in dieser Beschäftigung und Umgebung verkümmert und verbauert, daß die dünne Firnißschicht der Bildung, die das Seminar vermittelt hat, schon in den ersten Jahren dieser „Kulturarbeit" wieder dahin ist, daß der gequälte Proletarier im Schulrocke von Tag zu Tag mehr Ackerbauer, Landwirt und Viehzüchter und von Tag zu Tag weniger Lehrer, Er- zicher, Pädagoge wird. Die Schule kann unter solchen Verhältnissen nur ein Zerrbild, nur der kläglich st e Notbehelf einer wirk- lichen Schule sein. Der in Mecklenburg gülttge Lehrplan stammt aus dem Jahre 1821 und lautet:„Der Unterricht ist elementarisch und darf nicht in ein maschinenmäßiges Getreibe ausarten. Er erstreckt sich außer dem Singen der üblichen Kirchcnmelodicn im allgemeinen auf die religiöse, sittliche Ausbildung der Jugend durch den Elementarunterrichts in der Religion, biblischen Geschichte und Moral sowie auf die Aus- bildung des Verstandes und Gedächtnisses für den B e- darf des praktischen Lebens auf dem Lande, insbesondere auch auf das Schreiben, mindestens für die Knaben, und auf die Erlernung des Rechnens, besonders des Kopfrechnens." An erster Stelle steht natürlich die Religion. Seit 1891 müssen„nur noch" die Hauptstücke mit lutheri- scher Erklärung, 43 Fragen und Antworten, 243 Bibelsprüche, 9 Psalmen, 197 Gesangbuchverse, 100 biblische Geschichten und die sonntäglichen Pcrikopcn auswendig gelernt werden. Und dies bei einer Unterrichtszeit, die durch alle möglichen und unmöglichen Schnlversäumnisse durchlöchert und unter- krochen wird. Die Winterschule beginnt am Montag oder Donnerstag nach dem 24. Oktober(wichtiger Umzugstermin für das Gesinde, auch die Lehrer) und iveist offiziell nur die Ferien der Wcihnachtswoche auf; die Sommerschule nimmt am Montag nach Ostern ihren Anfang und hat zwei Tage nach Pfingsten, einen Jahrmarktstag und achteinhalb Wochen während der Ernte schulfrei. Der Unterricht ist täglich zwei Stunden des Vormittags(vielerorts schon von 0 Uhr morgens au) oder täglich drei �Stunden an vier Tagen der Woche zu erteilen; die Gutsherrschaft, die über den Modus entscheidet, nimmt sich jedoch das Recht heraus, die Kinder, wenn sie ihrer für die Feld- und Gutsarbeit bedarf, von den g e s e tz l i ch e n Schulstunden zu dispensieren. Sie bedarf der fleißigen und willigen Kinderhände natürlich immer, und kein Mensch ivagt ihr zu widersprechen, wenn sie in den Schul- Unterricht eingreift, um ihre Habgier zu befriedigen, ihren Profit zu mehren. Uebcrdies gibt es noch ein g e s e tz l i ch e s Mittel, die 12 Schulstunden für größere Kinder bis auf 0 wöchentlich zu beschneiden, nämlich"die E r l a u b n i s der Kinder zum Dienen, sobald sie 11 Jahre alt sind. Schließlich ist auch der vielgeprüfte Lehrer nicht immer ungehalten darüber, wenn der junkerliche Machtspruch den Schulbetrieb zum Stillstehen bringt, ihm die Möglichkeit ver- schafft, seinen Acker in Rnhc zn bestellen. Was bei so kurz bemeffencr Unterrichtszeit, unter so widrigen Verhältnissen, mit den durch körperliche Anspannung und Uebcrbürdung meist bildungsuufähig gemachten Kindern und von so abgcrackerten, höchst mangelhaft vorgebildeten, von Sorgen und Entbehrungen hart mitgenommenen Lehrern an„Ausbildung des Verstandes" geleistet und an Kennt- nissen den Kindern vermittelt werden kann, verinag jeder Laie zu ermessen. Es ist wirklich die krasse st e kulturelle Rück- st ä n d i g k e i t, die Mecklenburg auf dem Gebiete der Schul- bildung repräsentiert,— in Sibirien können die Zustände nicht haarsträubender sein! poUtiscbe Oeberfiebt. Berlin, den 27. Juli. Die„Rnndscha»" der Ehrabschneiderei. Wir haben gestern gemeint, daß die„Tägliche Rund- schau", wenn sie den Artikel der„Münchner Post" vollinhaltlich gelesen hätte, welcher gegen die Hinschlachtung des Volkes im Kriege gerichtet war, dann die von ihr, wie wir zunächst noch offen liehen, aus Unkenntnis erhobene Verleumdung nicht ausgesprochen hätte. Die heutige Nummer der„Täglichen Rundschau" belehrt jedoch eines anderen. Sie bespricht von unseren gestrigen Aus- führungen ausschliehlich das, was wir über unseren Partei- genossen Vellmar sagten. lieber das Wesentliche der Sache sagt sie nur diesen Satz:„Das sozialdemokratische Zentralorgan ist mit jener Beschimpfung der deutschen Soldatenehre inhaltlich voll einverstanden und findet den Artikel eher noch zu milde." Die„Tägliche Rundschau" unterschlägt schamlos ihren Lesern den wirklichen Tatbestand. Sie deutet auch nicht einmal an, dah der„Vorwärts" nachgewiesen hat, daß nicht das sozialdemokratische Blatt die deutschen Soldaten be- schimpft, sondern dah die bürgerliche Presse eine bösartige Fälschung geleistet hat. Sie setzt mit eiserner Stirn die Fälschung fort und behauptet, der„Vorwärts" habe sich mit der Beschimpfung der deutschen\ Soldatenehre sich einverstanden erklärt. Das ist ein so starkes Stückjour nali st ischer Ehrlosigkeit, wie es selbst in den vcrwahrlosesten Organen der Bourgeoisie selten ist, und das geschieht in einem Blatte, welches stets besonders darauf pocht, ein Blatt der aus- erlesen gebildeten Kreise zu sein. DaS sind die Leute, welche über eine formale Schärfe der sozialdemokratischen Polemik unendliche Jammcrlieder anstimmen. Sie selbst scheuen nicht vor den er« bärmlichsten journalistischen Strauchritterstreichcn. Da verfährt die„Germania" sell'st loyaler, indem sie ivcnigstenS einiges über den Gedankengang mitteilt, den jener Artikel der„Münchner Post" ausführte. Mehr belustigend ist das Verfahren des Norddeutschen RegierungSorganS. Dieses schreibt: „Interessant und belehrend für die Tricks und Kniffe der demagogischen Presse ist nun die Methode, mit der das sozialdemo- kratische Zentralorgan diese Leistung seines Münchener BruderblatteS zu beschönigen sucht. Da wird gleich in der lleberschrift„eine nette Fälschung" der bürgerlichen Presse konstatiert, die von dem Artikel eine in plumper Weise irreführende Auffassung verbreitet habe. Wie plump führt aber der„Vorwärts" selber seine Leser irre, indem er bei seiner ausführlichen Wiedergabe des Artikels verhältnismähig harmlose Stellen fettdruckt oder sperrt, dagegen den hauptsächlich kritisierten PassuS im gewöhnlichen Druck ver- schwinden läht? Das Zentralorgan tut so, als enthalte der Artikel— allerdings, wie auch der„Vorwärts" sanft tadelnd einfliehen läht, in drastischer Sprache— nur eine Kritik des Zustandes, dah„einige wenige Personen, Fürsten und Diplomaten, über Leben und Tod ganzer Völker souverän bestimmen können, dah die Völker wegen eines Objektes, daS sie selbst für ganz unbedeutend halten, in den entsetzlichsten Krieg gestürzt werden können, ohne zuvor die Gefahr zu wissen und ohne auch nur mitbestimmen zu dürfen". Ueber die vollendete Schiefheit dieser staatsrechtlich ganz unmöglichen Ausdrucksweise brauchen wir kein Wort zu verlieren. Wie kommt aber der„Bor- wärtS" dazu, diesem obzwar verworrenen, aber doch nicht verächtlichen Gedanken den anderen gleichzusetzen', dah der Soldat, der unter solchen Voraussetzungen einer irregeleiteten Politik den Tod erleidet, schlimmer als das Schwein daran ist? Liegt nicht eine kaum fahbare Niedrigkeit der Gesinnung darin, diesen— selbst wenn sür eine falsche Politik, doch immer noch in Erfüllung seiner patriotischen Pflicht fechtenden— Soldaten unter das Schlachtvieh zu stellen, wie es die„Münchner Post" fertig bringt." Nach Zitierung des betreffenden Absatzes fügt die„N. Allg. Ztg." hinzu: „Wer für die unendliche Geschmacklosigkeit dieser in dem Artikel noch viel weiter ausgesponnenen Betrachtungen über das Schwein keinen Sinn hat, dem ist nicht zu helfen. Die sozial- demokratische Presse kennzeichnet sich nur selber, Ivenn sie über diese Frage des moralischen Gefühls mit dem Verlegenheitswort „drastische AuSdrucksweise" hinwegeilt und sich dann weiterhin eifrig bemüht, etwas anderes zu verteidigen, als die bürgerliche Kritik unter Anklage gestellt hatte." Es ist nicht gering anzuschlagen, dah daS Rcgicrungsorgan alS immerhin„nicht verächtlich" zu bezeichnen die Güte hat, dah eine deutsche Regierung falsche Politik treiben und durch falsche Politik einen entsetzlichen Krieg heraufbeschwören könne. Aber, meint die „Nordd. Allg. Ztg.", das sei etwas völlig anderes als die Behauptung, dah der Soldat, der unter der Voraussetzung einer falschen Politik den Tod erleidet, noch unter das Schlachtvieh gestellt wird. Sic bleibt bei der„kaum fahbaren Niedrigkeit der Ge- sinnung", denn anch bei falscher Politik sterbe der Soldat„immer noch in Erfüllung seiner patriotischen Pflicht". Das Regierungs- organ bemüht sich krampfhaft, die hübsche Fälschung, welche jetzt durch alle Kreisblätter sich ergieht, noch immer aufrecht zu erhalten. Es gibt sich den Anschein, als fehle ihm Ivirklich die Befähigung, den klarsten Tatbestand zu erkennen. Natürlich sind wir höflich genug zuzugestehen, dah der Verstand der„Norddeutschen Allg. Ztg." vollauf ausreicht, um die Zälst"— die fit fortsetzt, zu begreifen. Sie will nur nicht begreifen. sihrt fort zu unterstellen, die sozioldemolcatische Presse hake den deutschen Soldaten mit dem Schwein verglichen und noch unter das Schlachtvieh rangiert. Welche Gemeinheit der sozialdemokratischen Presse! Zwar sind die Soldaten, welche die sozialdemokratische Prege herabgewürdigt haben soll, die Söhne und Brüder unserer Parteigenossen, und merkwürdigerweise beschweren sich diese nicht über den Schimpf, der den ihrigen angetan. Zwar hat die sozial- demokratische Presse dieselben Soldaten immer und immer in Schutz nehmen müssen gegen die Schweinereien, die vorgesetzte Quäler an ihnen verübten und die von den Organen der Regierung nicht verhindert wurden. Das alles gilt aber nichts, diesmal hat die sozialdemokratische Presse die braven Soldaten als Schweine und Schlachtvieh herab- gewürdigt. Es wäre auch allzu bedauerlich, wenn das Bnlowblatt auf diese feisteste aller Berleumdungen Verzicht leisten und die Wahrheit zugestehen müßte, daß wir, m Gegenteil Anklage gegen den heutigen Staat und die heutigen Machthaber erhoben haben, weil fie das Volk erniedrigen und wie Schlachtvieh miß- brauchen. Das heutige Regierungsshstem würdigt das Volkherab und wir kämpfen gegen dieseßerab- Würdigung. Es besteht allerdings„eine kaum faßbare Niedrigkeit der Gc- sinming", wenn nämlich ein Regiernngsorgan einem ganzen zUullsterten Volke zumutet, es soll sich blindlings, ohne befragt' zu werden und ohne mitberaten zu können, im Kriege verbluten. Nicht d,e Sozialdemokratie ist es. welche die Soldatenehre antastet. es ist die Presse_ der Offiziösen und ihrer Gesinnungs- verwandten, welche die Soldatenehre nicht nur antasten, sondern vollständig ausrotten, indem sie den Bürgern des Volkes auferlegen ohne Besinnung und ohne Begeisterung sich als stumme Sklaven diplomatischer Irrungen hinmorden zu lassen und die Menschen des benachbarten Volkes hinzumorden. Wie sehr die„Nordd. Allg. Ztg." sich ihres beharrlichen Falschungsversuchs bewußt ist, zeigt auch die grandiose Ausflucht darauf, daß der„Vorwärts"„verhältnismäßig harmlose Stellen fett- druckt oder sperrt, dagegen den hauptsächlich kritisierten Passus in gewöhnlichem Druck verschwinden läßt." Tatsächlich haben wir daS „Schwein" und das„Schlachtvieh" in aller Fettigkeit hervorgehoben. aber w,e grotesk ist es. daß ei» Blatt, das noch immer Anspruch auf politische Ernsthaftigkeit erhebt, in so grenzenlos kindliche Argumentation verfällt! Und das Reizvollste ist: dieselbe„Norddeutsche Allgemeine Ztg.", welche unsere Druckauszeichnungen zu Beweisgründen erhebt, teilt selbst nur den einen Passus mit, der ihr zur Fälschung geeignet erschien. unterschlägt aber, gleich der„Tägl. Rundschau", den gesamten Gedankengang des Artikels! Würde dies RegierungSorgan den elementaren Anstand besitzen, emen Artikel, den eS zum Gegenstand der schwersten Verdächtig, mgen macht, auch nur einigermaßen sachgemäß und vollständig zn reproduzieren— dann allerdings würde den norddeutsch allgemeinen Lesem die Fälschung offenbar sein l Der Entschädigungsanspruch des Ruhstrat-Opfers Meyer abgewiesen. Das Landgericht hat den Entschädigungsanspruch des Kellners Meyer abgewiesen, da der Beweis von Meyers Unschuld nicht erbracht und er durch den Prozeß vom Verdachte der Eidesverletzung nicht gereinigt sei. Dies Urteil steht unbedingt im W i d e r s p r u ch zu dem Urteil des Bücke- burger Schwurgerichts, das Meyer sowohl des Vergehens des wissentlichen wie auch des fahrlässigen Mein- eides freisprach. Vom wissentlichen Meineid konnte deshalb keine Rede sein, weil durch die Zeugen des Prozesses bewiese« wurde, daß Ruhstrat in der Tat zugegen war, als„Lustige Sieben" gespielt wurde, daß Meyer also gar nicht umhin konnte, anzunehmen, daß Ruhstrat auch am Spiele be- teiligt gewesen sei. Nun hätte allerdings ein fahr- lässiger Falscheid darin erblickt werden können, daß Meyer positiv beschwor, daß Ruhstrat„Lustige Sieben" gespielt habe, während er nur seine subjektive Ueberzeugung von dieser Tatsache hätte bekunden dürfen. Aber das Schwur- gericht zu Bückeburg beantwortete gleichwohl auch diese Schuldfrage mit„N e i n". Und zwar mit dem vollsten Recht. Wurde doch durch die Aussage zweier Juristen und dreier Journalisten erwiesen, daß Meyer durch die turbulente Art der Verhandlungsführung in Oldenburg verhindert worden war, zum Bewußtsein des Unterschiedes von objektiver Wahrnehmung und subjektiver Ueberzeugung zu gelangen. Die völlig übereinstimmenden Aussagen der drei Journalisten stellten es außer allem Zweifel, daß Meyer an einer Ein- schränkung und Spezifizierung seiner Aussage, die ihm der Staatsanwalt nahezulegen suchte, direkt gehindert worden war. Daß Meyer nicht fahrlässig handelte, sondern daß er durch die Verhandlung in einen mehr als begreiflichen Zustand der Verwirrung versetzt worden war. ergibt sich aus einer nachträglichen Schilderung der Oldenburger Ver- Handlung, die ein Ohrenzeuge derselben, der in Oldenburg als Zeuge vernommene Redakteur Marckwald, entwirft. Derselbe schildert die Situation wie folgt: «Stundenlang wurden damals in Oldenburg dem Kellner Mcher vom erregten Vorsitzenden mit der Donnerstimme eines plötzlich ausbrechenden Brausewetters immer dieselben unver- ständlichen Fragen vorgelegt, die niemand beantworten konnte, weil sie nicht verständlich waren. Dann wurde ein Protokoll aufgesetzt, mit welchem der betörte Zeuge sich einverstanden er- klärte, und als in einer menschlichen Regung Staatsanwalt Fimmen dem Zeugen vorschlug, die Eingangsworte des Protokolls in„Ich glaube" oder„Ich nehme an" zu ändern, da fiel der Vor- sitzende erregt ein. daß nach den sicheren Antworten des Zeugen davon gar keine Rede sein könne,„oder" �— so etwas fragte der Präsident im vibrierenden Tone grenzenloser Wut—„wollen Sie Ihre Aussagen ändern?" Da freilich antwortete der Zeuge mit „Nein" und wurde sofort verhaftet." Das Bückeburger Schwurgericht handelte also nur so, Kne es der ganzen Sach- und Rechtslage nach handeln mußte, als es auch die Frage des fahrlässigen Falscheides verneinte. Und nun kommt das Oldenburger Landgericht und »korrigiert" das Urteil des Schwurgerichts! Daß so etwas überhaupt möglich ist, ist die Schuld der mangelhaften Gesetzgebung. Als nach jahrzehntelangem Kampfe— schon im Jahre 1881 hatte die sozialdemokratische Fraktion den Antrag auf Einbringung eines Gesetzes betreffend die Entschädigung unschuldig Ver- urteilter und Inhaftierter gestellt!— endlich im vorigen Jahre ein Gesetz zustande kam, das Personen, die unschuldig in Untersuchungshaft gesessen, eine Entschädigung zusicherte, da wurde dies Gesetz als besondere Großtat gepriesen. Speziell der Staatssekretär Nieberding pries es als ein „K u l t u r w e r k", wie es viele große Staaten noch nicht be- säßen. Und das große Kulturwerk sicherte nur solchen Frei- gesprochenen eine Entschädigung— und noch dazu eine höchst mangelhafte Entschädigung—, deren„Unschuld" klar er- wiesen sei. Vergebens hattm sich unsere Fraktionsredner gegen diese unsinnige, juristisch absurde Verklausuliening ge- wendet. Vergebens hatten sie betont, daß ja gar kein Gerichts- verfahren bei uns existiere, durch das die Unschuld klar bewiest» werde, daß die Strafprozeß-Ordnung nur die Schuld beweisen wolle und für jeden, Lei dem die Verdachtsgründe genügend abgeschwächt seien, die Freisprechung ver- lange. Alle Anträge Angeklagter, ihre absolute Unschuld zu beweisen, würden ja abgelehnt. Das neue Gesetz schaffe also zuwider dem Gei st e unseres ganzen Straf- rechts künstlich zwei Arten Freigesprochener. Vergebens! Die Kommission hatte sich ja diesen Vernunftgründen nicht verschließen können und eine Erweiterung der Regierungs- Vorlage vorgenommen. Als aber Herr Nieberding mit dem „Nein" der Regierung drohte, klappte die Mehrheit sofort um. Das Gesetz, das das Recht in Gnade verwandelt und diese Gnade in das Gutdünken der Richter stellt— denn eine Möglichkeit, seine Unschuld zu beweisen, existiert ja strafrechtlich nicht—, wurde angenommen. Ein Gesetz, das außerdem, wie der Fall Meyer drastisch beweist, dem den Frei- sprach fällenden Schwurgericht die Handhabe raubt, auch die Entschädigungsfrage in seinem Sinne zu entscheiden! Der Kellner Meyer, der nach Ansicht aller Welt, und sicher auch des Schwurgerichts, unschuldig sieben Monate Untersuchungshaft verbüßte, geht ohne E.llschädigung aus. Warum bedachte er auch nicht zur rechten Zeit, daß„mit großen Herren nicht gut Kirschen essen ist". Dies Opfer seiner Ehrlichkeit muß büßen, Herr Ruhstrat aber, der Poker-Minister, der Protektor der„Lustigen Sieben", bleibt Justiz- und Kultusminister!— #*# Deutfcbcö Reich. „Sozialdemokratisches". Unter diesem Titel vollbringt die„Vossische Zeitung" eine wahr- hast„liberale" Leistung. Sie zitiert eine Notiz aus der„Münchner Post", welche gegenwärtig das Vergnügen hat, den Tantenanstand der bürgerlichen Presse lebhaft erregt zu haben. Die Notiz richtet sich gegen den Abg. Müller- Meiningen. Müller-Meiningen, der soeben da? Glück hatte, in die jämmerlich geschlagene liberale Fraktion der bayerischen Abgeordnetenkammer geivählt zu werden, begann die neue Laufbahn mit gar redseligem Geschreibe in der„Franks. Ztg.", indem er die Niederlage seiner Partei in Triumph umzudeuten ver- suchte: womit er freilich nirgends Glauben fand, so hoch man auch die Bereicherung des bayrischen Liberalismus durch die Person des Herrn Müller-Meiningen einschätzen mochte. Im Verlaus einer Polemik hat mm die„Münchner Post" Herrn Müller derb an- gefaßt und ihren Spott darüber ausgelassen, daß er die arg zu- sammengeschmolzene Zahl der liberalen Abgeordneten für mehr bedeutend erklärt hat als die frühere weit größere Zahl, weil die Liberalen jetzt„mit einem klaren, unzweideutigen Programm" in die Kammer kämen. Die Illusionen des Abgeordneten Müller bedeuten nun für die„Vossische Zeitung" nichts, das Treiben des mehr denn je innerlich zerspaltenen und auseinanderlaufenden bayerischen Liberalismus erregt nicht ihre Aufmerksamkeit. Ach nein, von politischer Wichtigkeit gelten allein einige Scheltworte, welche die„Münchner Post" gegen Herrn Müller im Verlauf einer Polemik, da hin- und hergeschossen ward, losließ, und die„Vossische Zeitung" fragt voller Entrüstung, wie noch jemand den Liberalen zumuten könne, in Bayern sich nnt der Sozialdemokratie zu ver- oünden. Es war wohl von der Richtung Barth- Naumann der Ge- danke geäußert worden, daß jetzt in Bayern, nachdem das Zentrum die bedrohliche Uebcrmacht gewann, der Liberalismus nur dann die Möglichkeit habe, Bayern vom Zentrum wieder zu befreien, wenn er sich dazu versteht, mit der Sozialdemokratie Fühlung zu gewinnen. Es ist hier nicht der Ort, diese Anschauimg näher zu beleuchten, die vor allem auf einer allzu günstigen Auffassung des bayerischen Liberalismus beruht. Aber wie sehr kennzeichnet es den Berliner Liberalismus der„Voss. Ztg.". daß sie, weil ein sozialdemokratisches Blatt nach ihrer Meinung einen liberalen Abgeordneten in unzulässiger Weise abgekanzelt haben soll, politische Schlüsse von entscheidender Bedeutung zieht. Nicht weil Prinzipien die beiden Parteien trennen, soll jede Annäherung gegenüber einem gemeinsamen Feinde unmöglich sein, sondern weil hier und da ein hartes Wort gefallen ist. Doch man begreift, von politischen Prinzipien redet die„Bossische Zeitung" weniger gern, denn das ist die schwächste Seite des Liberalismus, daß er seine Prinzipien allenthalben preisgegeben hat. Wenn dann ob dieser Preisgabe die Sozialdemokratie, welche die liberalen Prinzipien mit zu vertreten sich genötigt sieht, ein eiferndes Wort sagt, dann sind diese liberalen Politiker aus dem Häuschen. Auch das ist nur ein Zeichen ihrer Altersschwäche. Dabei wollen wir noch völlig absehen, daß es riskant ist, Herrn Müller-Meiningen und seinesgleichen gegen sozialdemokratische Scheltworte zu schützen. Es lassen sich genug Beispiele erbringen. die zeigen, daß die Abgeordneten der Freisinnigen Volkspartei, auch der als weit linksstehend berühmte Müller-Meiningen, sich ihrerseits keineswegs scheueil, Univahrheiten und Schmähungen gegen die Sozialdemokratie in die Welt zu setzen, die weit böser sind als das, was die„Münchner Post" gesagt hat.— Die Polizcipresse. Die Mißachtung der Oeffentlichkeit, soweit letztere nicht auf Spalier- stehen und Hurraschreien sich beschränkt, gehört zu den unveräußer- lichen und charakteristischen Merkmalen der preußischen Bureaukratie. Diese unerträgliche Ueberhebung des preußischen Beamtentums, dessen phvtographisch getreues Ebenbild, der russische Polizei- und Ber- waltnngsapparat eben so schmählich zusammenbricht, äußert sich aller Orten in allen seinen Handlungen. DaS vielgerühmte Selbst- bewußtsein des Bürgertums, insbesondere seiner Presse, das sich nur in Brutalität„nach unten" zeigt, findet sich schweigend damit ab und wetteifert höchstens darin, sich von der Sonne bureaulratischer Huld bescheinen zu lassen. Aufsässig wird die bürgerliche Presse gegen die Erscheinungen und Wirkungen des Polizeiregiments nur dann, wenn sie sich gegenüber ihrer noch geschäftstüchtigeren Konkurrenz benachteiligt fühlt. Die Sucht nach Informationen ist durch den Polizeipräsidenten verletzt worden, und einmütig schimpfen die geschäftlich geschädigten liberalen und konservaliven Blätter über ihre Nichtachtung. Herr v. B o r r i e§ ist von einer mit Recht so beliebten Studien- reise aus England zurückgekehrt, und nun hat ihn, wie das„Berliner Tageblatt" erzählt, der Vertreter„eines hiesigen großen Blattes" ge- beten, ihm einiges aus seinen Beobachtungen zur Weitergabe an daS Lesepublikum mitzuteilen. Herr v. BorrieS aber habe erwidert, „daß er nicht nur dem betreffenden Organ jede Mitteilung über seinen AuSflug nach London vorenthalten muffe, weil es an den polizeilichen Zuständen Berlins eine ihm häufig unerwünschte Kritik übe, sondern daß er sich für dieses Theina der ganzen politischen Presse verschließen werde. Auch konservative Blätter würden ver- geblich an seine Tür klopfen. Nur die parteilose Presse hätte Aus- ficht, von ihm zn erfahren, was er der Oeffentlichkeit mitgeteilt zu sehen wünsche." Eine Presse, die Wert darauf legte, sich nicht als AbzngSkanal offizieller und offiziöser Polizeiweisheit mißbrauchen zu lassen, sollte diesen Bescheid freudig begrüßen. Wir sind mit dieser Polizei- präsidentlichen Auslassung durchaus zufrieden, gibt sie doch die schärfste Charakteristik der charakterlosen, unter dem Deckmantel der Partcilosigkeit erscheinenden polizeipolitischen Presse. Der Mit- und Nachwelt dürfte weiter nichts entgehen, wenn selbst die Studien- ergebuisse des Herrn v. Borries nach geübter Praxis als streng ver- traulich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinen. Die sittlich empörte bürgerliche Presse dürfte„demnächst" durch andere In- formationen versöhnt werden._ Administratives Verfahren in Preußen. Niels F i n n e m a n n, der Kronzeuge wider die nordschle-Zwigsche ZwaugSpolitik. ist, wie uns auS Kiel mitgeteilt wird, sofort nach Beendigung des Prozesses der„SchlcSW.-Holst. BolkSztg." wieder zwangsweise über die danische Grenze geschafft worden. Am Herestw kommen in die schwarz-weißc Herrlichkeit hatten ihn die Wächter des preußischen Staates nicht hindern können. Obwohl am Mon- tag auf allen Eisenbahnlinien NordschleswigZ durch Gendarmen nach ihm recherchiert wurde und in Kiel vor Beginn des Prozesses die Eingänge zum Gerichtsgebäude durch Detektivs bewacht wurden, ge« lang es Fiimemann doch, zum gegebenen Zeitpunkt un« behelligt am Zeugentisch zu erscheinen. Er hatte � sich, lange bevor die Pforten des Landgerichts durch Vigilanten besetzt wurden, schon im Gerichtsgebäude eingefunden und wartete in einem abgelegenen Korridor im Gespräch mit Freunden ruhig daS Signal zu seinem Eingreifen in die Verhandlung ab. Prompt er« schien er denn auch, als er aufgerufen wurde, durch eine Seitentür auf dein Schauplatz der gerichtlichen Ereignisse, zum grenzenlosen Erstaunen des Staatsanwalts, der fassungslos ausrief:„Wo kommt der Mann her?" Der Mann war da, und daß jetzt die Staatsgewalt alle Türen hinter ihm verschließen ließ, war genau das, was er wollle, denn die Provozierung seiner Verhaftung war mindestens ebenso sehr der Zweck seines Erscheinens auf preußischem Boden gewesen, wie die Abgabe seines Zeugnisses im Prozeß der „Volkszeitung". In diesem Prozeß sollte bekanntlich das Zeugnis, auf Grund dessen die beiden Finnemann seinerzeit als Nichtoptanten erklärt worden und ihres preußischen Staatsbürgertums verlustig gegangen waren, zu Fall gebracht werden. Das ist denn auch in dem Maße gelungen, daß sogar das Urteil die betreffende �Zeugin, eine 68 jährige Frau, als ganz unzuverlässige geistesschwache Person charakterisierte. Eine Wiederaufnahme des Bersahrens, die unter diesen Umständen einem Deutschen unbedingt hätte zugestanden werden müssen, ist den beiden Finnemann als Ausländern gleichwohl nach wie vor versagt! Der jüngere Finnemann wollte sich also durch Bannbruch straffällig machen und auf diese Weise die Nachprüfung seiner Sache durch alle Instanzen erzwingen. Objekt der Justiz kann nämlich in Deutschland ein Ausländer allemal werden. Daß die Staatsanwaltschaft auf ihre amtliche Funktion. Straftaten zu verfolgen. ihm gegenüber zugunsten des administrativen Verfahrens der einfachen Abschiebung verzichten würde, konnte Finnemann mcht voraussetzen. Das Vorgehen dieser Behörde ist um so auffälliger, als sie in der Person des in dem Prozeß der„Bolkszeitung" amtierenden Staatsanwalts der juristischen und staatsrechtliche» Rehabilitierung der beiden Finnemann doch un- mittelbar vorher beigewohnt hatte. So hatte Finnemann Glück, so lange er sich als Illegaler auf preußischem Boden befand. Sowie er aber vis-a-vis der gußeisernen Autorität der Staatsgewalt stand und sein Recht als„Verbrecher" suchte, um seine staatsbürgerlichen Rechte wiederzuerlangen, scheiterte er. Das passiert im Rechtsstaat Preußen und so handelt eine Behörde, die sich selbst die objektivste der Welt nennt!— Schutz vor Schutzleuten. Unter dieser Marke veröffentlicht der frühere Kriminalkommissar Stephany in Straßburg i. E. in der dortigen„Bürger- Zeitung" ein Erlebnis, welches am 7. Juli v. I. zwischen ihm und dem Schutzmann Lenz des 3. Polizeireviers vor sich ging. Der Schutzmann befand sich damals in schlver betrunkenem Zustand auf der Nachtpatrouille und verfolgte seinen früheren Vorgesetzten in den Abort bei der Rabenbrücke, um den Kommissar dort durch Vorwürfe und beleidigende Ausdrücke zu insultieren; dies setzte er auch auf der Straße vor dem sich ansammelnden Publikum fort. Herr Stephany ließ dann durch den diensthabenden Wachtmeister Robert den Tat- bestand in Anwesenheit des Lenz feststellen. Er schildert das Facit also:„Ein Wächter von Gesetz, Sitte und Ordnung betrinkt sich schwer im Dienst und beleidigt im Zustande des Rausches einen früheren Vorgesetzten in der ordinärsten und gröblichsten Art und Weise, um sich an ihm für durch denselben veranlatzte, mit Rech? erfojgte Bestrafungen wegen Dienstwidrigkeiten zu rächen." Ter Kriminalkommissar teilt dann aus seiner 3jährigen Praxis. als Polizeichef beim Straßburger Polizeipräsidium mit, daß unter der Straßburger Schutzmannschaft vereinzelte Trinker jüngeren Alters seien, die er des öfteren in bedenklichem Zustande während des Dienstes gesehen habe. Was aus seiner Veröffentlichung am seltsamsten anmutet, sind die Andeutungen, wie man in Straßburg Polizist wird. Es seien in den letzten Jahren auch Leute einge- drungen, welche wegen ungenügender Vorbildung untauglich zum Schutzmannsdienst seien, die vorgeschriebene Militärdienstzeit nicht be» sitzen und ihre Anstellung„lediglich dem Umstände verdanken, daß sie früher Pferdeknechte, Kutscher oder Bediente bei einem hohen Herrn, bei einem Kreisdirektor oder Regierungsrate, waren." In Schutzmannskrcisen sei man nicht erbaut über die De- gradierung der Polizei„zur V e r s o r g u n g s a n st a l t für die persönlichen Bedienten der hohen Herren", ebensowenig über das „prätentiöse Auftreten solcher mit Geburtshülfe ent- standener Schutzleute." Als Beispiele führt Herr Stephany an: einen früheren Bedienten des Statthalters, einen Kutscher des Polizeipräsidenten j damals Kreisdirektor in Kolmar), schließlich auch einen Ersatzreservisten, der Bursche beim Statthalter war. Umge- kehrt sei es sehr wertvoll, als Beamter bei einem so hohen Herrn eine Bedienten stelle zu übprnehmen; so habe der �Herr Polizeipräsident einen Schutzmann mit dem Prädikat „Ordonnanz" und nachfolgendem Titel Vizewachtmcister in seinen Haushalt kommandiert: dieser habe ZiviMeidung getragen und sei auS Staatsmitteln, nicht aus der Tasche des Herrn D a l l be» zahlt worden, für Dienstleistungen, welche„absolut identisch mit denjenigen eines Privatdieners und vollständig verloren für den Polizeidienst sind; die F r a u der„Ordonnanz" besorgte die Küche des Herrn Tall. Der Polizeipräsident habe damals durch die Polizeikommissare in ihren Revieren eine Umfrage bei den Schutz- lcuten halten lassen, wessen Frau gut kochen könne." Herr Stephany schließt mit einem lebhaften Appell an die Steuerzahler und ihre parlamentarische Vertretung, dieser Wirtschaft ein Ende zu machen:„Wenn der Polizeipräsident das Bedürfnis nach einem Diener empfindet, so möge er sich einen solchen beschaffen, dessen Beruf es ist, anderen Leuten die Stiefel zu wichsen, und für diesen Bedienten seinen eigenen Beutel öffnen; sein Gehalt und seine Repräsentationsgeldcr sind jedenfalls nicht zu knapp bemessen und setzen ihn dazu wohl in die Lage. Im übrigen ist es für die Schutz- Mannschaft weder erbaulich noch erhebend, Vorgesetzten unterstellt zu werden, welche mit Wichsbürsten und Kachelöfen hantiert haben. Ist es ferner statthaft, daß bei Soupers des Herrn Statthalters Schutzleute in B e di e n t e n k l e> d u n g beim Essen usw. servieren?" Diese Enthüllungen des Kriminalkommissars a. D. dürften den Wert eines interessanten Dokumentes deutscher Kultur beanspruchen. Mecklenburgische Schulzuflände. Im„Rost. Anz." befindet sich unter der Rubrik„Gesuchte männliche Personen" folgendes Inserat: „Ans Gut Severin i. M. wird zum 24. Oktober d. I. ein Lehrer gesucht und zu sofort ein Stallknecht. Kavallerist bevorzugt, ein unverheirateter Schweinefütterer, der auch melken kann, zum 24. Oktober. Die Gutsverwaltung. Wir von unserem Standpunkt aus finden natürlich nichts Herablassendes darin, daß ein Lehrer in eine derartige Verbindung init Stallknechten gebracht wird. Ein Stallknecht ist oftmals ein würdigeres und auf alle Fälle gesellschaftlich nützlicheres Glied der Menschheit als ein Junker. Wenn aber ein Junker ein solche» Inserat erläßt, will er bannt nicht etwa für seine Stallknechte di« Menschenrechte deklarieren, sondern nur beweisen, daß er seine« Lehrer unter sein Gesinde rubriziert I— Immer neue Schlachtopfer! Ein Telegramm ans W i n d h u k meldet: Am SO. Juli 1905 auf Patrouille an der Konkip-Mündung gefall"»» Gefreiter Georg Knauer. geboren am 13. S. 82 zu Hild- ?>trghausen: Reiter Friedrich Hamann, geboren am 18. 11. 83 zu Weingarten. Am IS. Juli 1S05 auf Verfolgung von Viehräubern, welche Farni Vaalgras im Haktos-Gebirge überfallen hatten, gefallen: Gefreiter Wilhelm M u s s o g, geboren am 2. 9. 82 zu Haide- haus(Forsthaus). Am 18. Juli 1905 beim Ueberfall der Farm BaalgraS ver- wandet: Reiter Georg Obermeier, geboren am 19. 4. 83 zu Gers- borf, Weichteilschuh linke Schulter. An T Y P h u s sind gestorben: Reiter Willi Waskow, geboren am 17. 6. 82 zu Kalten- Hagen, am 20. Juli 1905 im Feldlazarett 2 Aminuis; Reiter Otto Äosenbaum am 23. Juli 1905 im Lazarett Dawignab: Gefreiter Karl Bondzio, geboren am 6. 1. 80 zu Talken, am 24. Juli 1905 im Feldlazarett 14 Bethanien. Ein weiteres Telegramm besagt: Reiter Karl Stroka, geboren am 20. 6. 83 zu Oppeln, am 19. Juli 1905 im Lazarett Dawignab an Typhus gestorben. Reiter Emil D ams. geboren am 18. 11. 82 zu Wietzischken, hat sich am 23. Juli 1905 auf Pferdewache bei Rietmont aus Unvorfichtigkeit schwer verwundet, Schutz linken Unterarm. Weitere Schlachtopfer. Berlin, 27. Juli. Ein Telegramm aus Wind hu! meldet: Am 20. Juli 1905 wurden beim Ueberfall einer Kolonne bei Sees- Kamelbaum verwundet: Reiter Valentin Janaszak, geboren am 6. 2. 80 zu Roguschin, Schutz rechten Oberschenkel: Reiter Hermann Laubsch, geboren am 1. 12. 79 zu Forst i. L.. Schutz rechten Oberschenkel. Reiter Eugen Krantz, geboren am 11. 12. 83 zu Hohen- g ö f t, ist am 22. Juli 1905' in der Krankensammelstelle G o ch a s an Typhus gestorben. Anficht eines Hcrcrokriegcrs. Man schreibt uns aus Baden: Vor wenigen Tagen bekam ich- Gelegenheit, die Ansicht eines mir befreundeten gebildeten Mannes, der gegen die Hereros kämpfen mutzte, zu vernehmen. Er schildert die Lage als eine äutzerst ungünstige und bedauert, seine Lebenskraft für dieses Kolonialland hergegeben zu haben, von dem man so viel erwartet hatte und so schwer enttäuscht worden i st. Durch eine falsche Kolonialpolitik mutzten so viele « deutsche Männer ihr Leben lassen: es ist unmöglich zu sagen, wie lange der Krieg in Afrika noch dauern wird; denn es sei unendlich schwer, in einem solchen Lande Krieg zu führen.— Dies die eigenen Worte des entlassenen Hererokriegers, der dann auch die Verrohung der Gemüter als eine notwendige Folge dieses„Kolonialkrieges" schilderte.—_ Zum Parteitag. In der„Neuen Zeit" bespricht Genosse Stadthagen die Auf« gaben des bevorstehenden Parteitages und polemisiert gegen die Vorschläge des„Vorwärts". Was Genosse Stadthagen ausführt, ist in allein wesentlichen bereits in unserem Artikel„Ein Haufen Unrichtigkeiten"(Nr. 107 d. Bl.) behandelt worden, auf den wir lediglich verweisen. Stadthagen führt u. a. aus: „Er(der„Vorwärts") beklagt bitter die Tagesordnung und den Verlauf der letzten Parteitage, die Tagesordnung des dies- jährigen Parteitags und die Art der Feststellung der Tages- ordnungcn für die Parteitage. Der Verlauf der letzten Parteitage würde ein besserer gewesen sein, wenn die früheren Vorschläge des „Vorwärts" nicht abgelehnt worden wären, die Tagesordnung in Dresden durch das Thema„Die Wahlrechtskämpfe in Deutschland", die in Bremen durch das Thema„Die Schulfrage" zu bereichern. Der Artikel bringt dann die Anregungen für den Jenaer Parteitag und fordert zur Diskussion über die von ihm aufgerollten Fragen auf. All diese Klagen und Anregungen des„Vorwärts" beruhen auf einem„grundsätzlichen Irrtum". Der„Vorwärts" dagegen be- hauptet, es habe sich„ein grundsätzlicher Irrtum in die Parteitage eingeschlichen. Unsere Parteitage werden vollständig ausgefüllt durch die Erledigung der Vcrwaltungsangelcgcnheiten und die Be- ratung über innere Parteifragen. Dagegen ist die politische Stellungnahme der Partei zu den Ereignissen der Zeit zurück- gedrängt worden und geradezu gänzlich entschwunden". Unsere Parteitage sind keine Paradevorstellungen, sonderft sind nach dem Organisationsstatut(§ 19) und dem Wesen der Sozial- dcmokratie als demokratischer und als Kampfpartci in allererster Linie den inneren Angelegenheiten der Partei gewidmet. Die innere Festigung der Partei, die unbeschränkte Kritik an allen Fragen des Partcilebcns, die Prüfung und Schärfung der Waffen des Proletariats, der Verbreitung und Vertiefung der sozialdcmokra- tischen Anschauung und der Mittel zur Eroberung der politischen Macht bildeten bislang die Hauptfragen auf den Parteitagen. Ausschlietzlich inneren Parteifragen mutz die oberste Instanz einer demokratischen Kampfpartci gewidmet sein. Diese das Partei- leben berührenden Frage» wurzeln zum grotzcn Teile in den je- weiligen aktuellen politischen Verhältnissen: die Sozialdemokratie lebt und kämpft auf dem Boden der Wirklichkeit, nicht in Utopien. Es gibt daher auch kaum ein„Ereignis der Zeit", das nicht in der Debatte über den Rechenschaftsbericht des Vorstandes und der Fraktion besprochen werden könnte. Die Konstruktion eines Gegen- satzes zwischen„inneren Parteifragcn" und den„Ereignissen der Zeit" ist verfehlt. Die„Ereignisse der Zeit" bilden die Grund- läge aller„inneren Parteifragen".... Die tägliche Propagierung der sozialdemokratischen Grund- anschauungen bei Behandlung der Tagesfragcn ist Sache der Presse. Der Parteitag kann auf diesem Gebiet nur die Presse zur Erfüllung ihrer Pflicht anfeuern, aber nicht diese Pflicht ihr abnehmen. Für ihn müssen bei Behandlung der Wcltpolitik wesentlich andere Gesichtspunkte matzgebend sein, nämlich die Prüfung, ob und welche Wirkung die weltpolitischen Ereignisse auf die Stellung der Sozialdemokratie in taktischer Beziehung auszuüben vermögen. Der„Vorwärts" will die„Wandlungen in der Weltpolitik" als besonderen Punkt besprochen haben, damit der„Standpunkt der internationalen Sozialdemokratie unter Zustimmung des deutschen Parteitags aufs neue bekräftigt" und so eine„Aktion" ausgeführt werde, die„aus Freund und Feind des grötzten Eindrucks nicht verfehlen" würde. Dadurch könne, der Parteitag vor dem grundsätzlichen Irrtum bewahrt bleiben, der sich in die früheren Parteitage eingeschlichen habe.- Der Parteitag mühte in der Tat autzerordentlich viel Zeit übrig haben, wenn er den weltpolitischen Ereignissen gegenüber weiter nichts zu tun hätte, als den Standpunkt der internationalen Sozialdemokratie aufs neue zu bekräftigen. Ein selbstgcnügsamer Illusionär sonder- gleichen mühte er aber sein, wenn er diese Betätigung seiner sozial- demokratischen Ueberzeugung für eine„Aktion" hielte, die„auf Freund und Feind des grötzten Eindrucks nicht verfehlen würde."... Der Eindruck einer Kundgebung der Sozialdemokratie auf die Gegner des Befreiungskampfes der Arbeiterklasse aus ihrer Wirt- schaftlichen Botmätzigkeit und ihren politischen Fesseln wird vom „Vorwärts" irrig bewertet. Je grösser die Macht der Sozialdemokratie ist, desto geringer erscheinen ihre äusseren Erfolge, desto mehr wehrt sich der„Feind" vor einer Anerkennung ihrer Macht. Dieselbe Dialektik, die der immer grösseren Vertiefung des Gegensatzes zwischen den Produktiv- k r ä f t e n und der Produktions form inerhalb der heutigen Ge- sellschaftsordnung zugrunde liegt, kommt bei dem Gegensatz zwischen der inneren Macht der Sozialdemokratie und ihrer äusseren Erfolge zur Geltung. Dieser Gegensatz, der nicht die Folge unserer Wirk- samkeit, sondern der unserer Gegner ist, wirkt aufklärend und revolutionierend. Seit dem grötzten äusseren Erfolg der Sozial- demokratie bei den Reichstagswahlen— den Februarwahlen 1890 — ist in der Presse, in Versammlungen und auf dem Parteitag mit vollem Recht betont: je schärfer di« Gegensätze in der kapita- listischen Gesellschaftsordnung sich zuspitzen, je gröher das Wachs- tum der Sozialdemokratie ist, desto lebhafter ist der Zusammenschlutz der bürgerlichen Parteien, ihr Ruf nach Ausnahmegesetzen gegen die Arbeiterklasse aus wirtschaftlichem und politischem Gebiet und die Zuspitzung der Gesetzgebung, Verwaltung, Rechtsprechung, kurz aller Machtmittel der herrschenden Klasse zu Instrumenten des Klassenkampfes.... Der Wunsch der bürgerlichen Heerführer nach völliger Ent- rcchtung der arbeitenden Bevölkerung und nach gewalttätigen Putschen gegen sie hat die Arbeiterklasse bislang weder nervös gemacht noch verleitet, an Stelle der revolutionären auf Eroberung der politischen Macht abzielenden Taktik eine Taktik des Entgegen- kommens an die bestehende Ordnung der Dinge treten zu lassen. Die Taktik des Agitierens, Organisierens und des Bereitseins gegen- über allerlei Strömungen auch nach der ReichStagswahl von 1903 festgehalten und besonders betont zu haben, ist das grosse, gewaltige Verdienst insbesondere des Dresdener Parteitages. Wenn der „Vorwärts"-Artikel vom 6. Juli fortgesetzt über den Verlauf gerade dieses Parteitages schilt, so beruht seine Mitzstimmung auf dem „grundsätzlichen Irrtum", den Wahlen von 1903 hätte eine„Welt- wende" folgen müssen. Der Kampf der Sozialdemokratie wird von Tag zu Tag schwieriger, den größten Kämpfen gehen wir erst ent- gegen. Nicht ein interessantes Raketenfcuerwcrk zur Belustigung von„Freund und Feind", nicht Schaustellungen können insbesondere unter diesen Umständen die Parteitage darbieten, sondern die ernste, schwierige, verantwortungsreiche Alltagsarbeit zur Förderung des Proletariats auf ökonomischem und politischem Gebiet. Wenn der Parteitag in Dresden bei der Regelung seiner inneren Partei- angelegenheiten drei Tage gebrauchte, um einer Resolution über die Mitarbeit an bürgerlichen Blättern zur Annahme zu verhelfen, so ist es gewiss bedauerlich, dah eine solche Resolution überhaupt erst notwendig wurde. Glaubt in der Tat der„Vorwärts", die dreitägige Debatte wäre dem Parteitag erspart geblieben, wenn er den Tagesordnungspunkt, wie ihn der„Vorwärts" vorschlug:„Die Bedeutung und die Lehren der ReichStagswahl", angenommen hätte? Glaubt er in der Tat, durch mechanische Mittel lietzen sich innerhalb einer demokratisch denkenden und fühlenden Partei die Folgen von sachlichen Meinungsverschiedenheiten verkleistern oder solche Ver- kleisterung wäre von Nutzen für die Partei? Auch der Bremer Parteitag hat's dem„Vorwärts" angetan. In Bremen ist aus in der Sache liegenden Gründen eine Be- Handlung der hochbedeutsamen Schulfrage mit überwältigender Mehrheit abgelehnt und bei der Begründung der Ablehnung darauf verwiesen, datz die Schulfrage in dem von den Antragstellern skizzierten Rahmen auf einen preutzischen'Parteitag gehöre. Dort ist sie, nach Ansicht des„Vorwärts" mit propagandistischem Erfolg, behandelt. Damit soll nun„ein vollgültiger Beweis erbracht sein, datz die Ablehnung ein Fehler gewesen ist". Gerade umgekehrt. Der Bremer Parteitag hat für die Agitation und Organisation, wie ja auch der„Vorwärts" anerkennt, Vortreffliches geleistet und hat die Aufgaben, zu deren Erfüllung andere Instanzen vorhanden sind, diesen nahegelegt. Dieser Anregung des Parteitages ist, nach Ansicht des„Vorwärts" mit autzerordentlichem propagandistischem Erfolg, die preutzischc Sozialdemokratie gefolgt. Wenn solche Erfolge auf einem„grundsätzlichen Irrtum" des Bremer Parteitags be- ruhten, so kann man nur wünschen, datz die kommenden Parteitage sich ebenso„grundsätzlich irren" mögen. In der Schulfrage, ins- besondere auf dem in Preußen abgesteckten kleinen Gebiet, ist es Sache der fortdauernden täglichen Agitation, propagandistisch zu wirken. Auf dem Gebiet der Schulfrage sind täglich Hunderte von Parteigenossen in Kommunen propagandistisch wirksam, und jede Gelegenheit wird propagandistisch verwertet. So dürfen sich aus dem letzten Jahre die Aktionen der Leipziger und Bremer Genossen anläßlich der Hochschul- und Kunstkurse an propagandistischer Wirkung getrost der preußischen feierlicheren Aktion auf dem preußischen Parteitage an die Seite stellen. Der Bremer Parteitag zeigt aufs schlagendste, wie gründlich verfehlt der Vorschlag des „Vorwärts" zu einer Revision der Grundsätze der Parteitage ist. Auch wenn nian etwa aus propagandistischen Gründen die Tages- ordnung des Parteitages um die vom„Vorwärts" vorgeschlagenen Punkte bereichern könnte und wollte, mützte die Art der Begründung der Vorschläge des„Vorwärts" stutzig machen... Hueland. Die Ausgleichsbedingungen Schwedens, wie sie vom Spezialausschutz des Reichstages vorgeschlagen und vor- aussichtlich auch, vielleicht mit einigen Modifikationen, im Plenum angenommen werden, haben natürlich in Norwegen durchaus keinen ungeteilten Beifall gefunden. Es wird jedoch behauptet, und aus Kristiania schtvedischen Blätern gemeldet, datz die norwegische Re- gierung und die führenden Personen im Storthing für die Annahme der Bedingungen tätig sind. „Social-Demokraten" führt unter anderem aus, datz sich hinter dem Wort„Bedingungen" alles Mögliche verbergen lasse. und bemerkt dann weiter:„Wir wollen jedoch hoffen, datz Schwe- dens Reichstag seinen Bedingungen— wenn daran sestgehalten wird — schliesslich eine solche Form geben wird, datz sie von uns angenommen werden können. Und Schweden sollte diesen Bedingungen eine solche Form und einen solchen Inhalt geben, als ob es selbst vor der Frage stände, sie anzunehmen. Nur dadurch kann der„Bedingungsweg" auch zu einem ehrlichen Friedens- weg werden. Und das ist der Punkt, wo die Sozialdemokratie auf beiden Seiten der Kjölen ihre Hauptaufgabe in der jetzigen Situation hat. Wir verlangen im Namen der Kulturinteresscn eine solch offene und ehrliche Haltung von den grohbürgerlichen Parteien, daß nicht der Kriegswcg eine notwendige Folge des Bedingungs- Weges wird.— Die Sozialdemokratie will Gerechtigkeit und Frieden." �* Die Hundertmillionen-Anleihe angenommen. Stockholm, 27. Juli. In der zweiten Kammer erfolgte die Annahm« des Punktes A des Berichts des Sonderausschusses ohne Debatte. Bei Beratung des Punktes B, der die Aufnahme einer Anleihe von IflO Millionen Kronen betrifft, erklärte der Sozialdemokrat Branting, datz die Anleihe mit dem friedlichen Inhalt des Berichtes nicht harmoniere. Sie bedeute eine geballte Faust, wenn sie auch unerheblich sei. Branting schlug schlich- lich die Ablehnung der Anleihe vor. Vizepräsident P e r s s o n sagte, es handle sich nur um eine Vorsichtsmaßregel; für die Ver- Wendung der Anleihemittel sei die Zustimmung des Reichstages er- forderlich. Der Liberale Staaff befürwortete den An- leihevorschlag. Der Reichstag spreche sich nach seiner Ueberzeugung mit der Annahme des Vorschlages für eine friedliche Politik aus, die alle Schweden wünschten. Norwegen werde nach genauer Prüfung einsehen, daß die einfachste Klugheit die Annahme der von Schweden gestellten matzvollen Bedingungen gebiete. Ter Abgeord-� nete H e d i n trat für Ablehnung ein und betonte, Schweden und Norwegen seien von Natur verpflichtet, sich gegenseitig zu unter- stützen. Schliesslich wurde der Vorschlag des Ausschusses in einfacher Abstimmung angenommen.— Frankreich. Eine Hetze gegen Cipriani. Die Matzregelunss des Italieners Cavalazzi durch die ftanzösischen Behörden genügt einigen reaktionären Hetzblättern nicht; so fordert die„Libertö" auch die Ausweisung unseres Genossen Amilcare Cipriani. Dieser ist zurzeit in den südöstlichen Provinzen Frank- reichs tätig, um die taufenden italienischen Arbeiter, die. dort für ge- ringen Lohn im Dienste der französischen Kapitalisten schuften und so die französischen Arbeiter in ihrer Lebenshaltung herabdrücken, aufzuklären und ju organisieren. Das hat den Zorn der reaktionären Meute heraufbeschworen und so fordert sie die Matzregelung auch dieses Ausländers. Nun erinnert Jaurös in der„Humanitö" daran, daß Cipriani von der Rogieruug gar nicht ausgewiesen werden könne. weil er einem geborenen Franzosen glcichzuachten ist. Es existiert, so führt JauröS aus, ein von der Regieruug der nationalen Ver- teidigung erlassenes Dekret, in welchem bestimmt wird, daß die» jenigen Ausländer, welche für Frankreich gekämpft haben, danrit Hb Eigenschaft eines Franzosen von Geburt erhalten. Amilca« Cipriani hat im Jahre 1870 für Frankreich gekämpft. In einer Zeit der höchsten Gefahr habe er sein Leben in die Schande geschlagen, weil er glaubte, daß Frankreich das Land der Gerechtigkeit sei,«ms wohl verdiene, datz man sein Leben dafür opfere.— Italien. Die Obstruktion beschlossen! Eine Privatdepesche meldet uns: Rom, 27. Juli. Die Parteiftaktion beschloß ein- stimmig— an dem Beschluß nahmen 22 Abgeordnete teil— die energischste Opposition gegen die Eisenbahnvorlag«. nötigenfalls den Uebergang zur O b st r u k t i o n. Aehnliches beschlossen die FraMonen der Republikaner und Radikalen.— Amerika. Eine Konkurrenz der Panama-Bahn. Der amerikanische Spezialkommissar für die Panama-Bahn, welche von den Amerikanern mit dem Kanalbau übernommen wurde, lenkt in einem Bericht an die Regierung die Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Konkurrenzunter- nehmen in Mexiko. Auf dem Isthmus von Tehuanteper, zwischen Salin« Cruz am Pacific- und Coatzcoalos am Atlantic-Ozean, hat die mexikanische Regierung eine Bahnverbindung fertiggestellt. An beiden Seiten befinden sich großartige Hafenanlagcn. Werften und Lagerhäuser mit allen modernen Hülfsmitteln für schnelle und leichte Frachtverladnng werden jetzt errichtet. Die Lage ist günstiger durch die kürzere Verbindung, z. B. zwischen Californien und Punkten am Atlantischen Ozean. Tiefe Bahn würde somit eine gefährliche Kon- kurrenz für die Linie über Panama werden, wenigstens bis zur Er- öffnung des Kanals, und das kann unter Umständen noch recht lange da:iern. Es ist viel die Rede von geheimen, mächtigen Widerständen der amerikanischen Bahngesellschaftcn gegen den Kanalbau. Viele der sich häufenden Schwierigkeiten werden auf eine solche geheime Opposition zurückgeführt.— Die mexikanische Regierung erwartet von der neuen Bahnverbindung ganz besonders einen grossen Ein- flutz auf die EntWickelung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Süd- Mexiko.—-__ Die russische Revolution. Streiks und Unruhen. Ans allen Gouvernements laufen tagtäglich Nachrichten von neuen Streiks ein. Sie im einzelnen zu registrieren, würde zu weit führen, jedenfalls zeigt sich deutlich, daß die Arbeiterbewegung nicht zur Ruhe zu bringen ist. Natürlich wird allenthalben sehr bald das Militär mobil gemacht, um„Uebergriffe" zu verhindern. In Charkow hatte man. wie der„Rufs. Korresp." geschrieben wird, autzerdem nichts Eiligeres zu tun, als auch die öffentliche Bibliothek zu schließen. Offenbar fürchtete man, datz die Arheiter selbst in der so behutsam zusammengestellten Literatur Anreize zu schärferer Opposition gegen das herrschende Reginie finden könnten. Die Organisation der antisemitischen Konterrevolution ist natürlich auch allenthalben sofort zur Stelle; sie erfteut sich gegen- wärtig wieder in besonderem Matze der höchsten Gunst. Eine Zeit- lang hatte die russische Regierung, da sie den Eindruck der von ihr hervorgerufenen Exzesse abschwächen wollte, die sogenannte„Selbst- Verteidigung" stillschweigend zugelassen. Jetzt aber beginnt sie sie wieder zu unterdrücken. Sie hat in den letzten Tagen ein ge- Heimes Zirkular an verschiedene Gouverneure gerichtet, in dem sie die Behörden auffordert, die Selbstverteidigung mit allen Mitteln zu vernichten. Das Verteidigungsiuort des Attentäters. Wie bereits mitgeteilt wurde, ist der finnische Pastorssohn Lennert Hohenthal, der Anfang dieses Jahres den Prokurator Johnsson tötete, für diese Tat vom Rathausgericht zu HclsingforS zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt worden. Er hatte vor Gericht einen guten Verteidiger in stiem Assessor Svinhufvud, dessen Rede mit Bravorufen vom Zuhörerraum aus begrüßt wurde. Aber auch der Angeklagte selbst nahm das Wort und äusserte schliesslich: „Wie ich bereits hervorgehoben habe, hatte ich viel gesehen von des Landes schwerer Erniedrigung, von der Art und Weise, wie die Gewaltherrschaft und ihre Werkzeuge das Spioniersystem in seiner ganzen Niedrigkeit anwandten. Das alles war für mich schwer zu ertragen. Besonders wurde ich auf Prokurator Johnssons Art der Amtsverwaltung aufmerksam. Johnsson war Finne und war vor allen finnischen Männern dazu berufen, die Gesetze zu schützen. Seine Pflichtvergessenheit, die er dabei be- wies, seine Mitwirkung zur Durchführung des Systems mutzten strenger verurteilt werden als das Verhalten russischer Männer. die ja als Fremdlinge die vermeintlichen Interessen ihres Landes und ihrer Nattonalität zu fördern suchten. Johnsson dagegen ver- leugnete seine Pflicht gegen sein eigenes Land, gegen sein eigenes Volk. Ein solches Verhalten mutz stets— das ist wenigstens meine Meinung— als Verräterei angesehen werden. Wenn ich das System treffen wollte, schien es mir, daß nachdem Bobrikoff und Plehwe gefallen waren, Johnsson der Träger des Systems war, der der Einführung gesetzlicher Ver- Hältnisse am meisten im Wege stand. Ich wußte sehr wohl, datz, wenn ich bei der Ausführung meiner Tat dem Tode entging, ich mich der Folgen, die der Buchstabe des Gesetzes vorschreibt, aus- setzte. Das konnte und durfte mich jedoch nicht abhalten. Denn mein Gewiffen trieb mich unwiderstehlich zur Tat. zur Stürzung des Tyrannen. Ich habe nur meine Pflicht erfiillt, so wie ich sie nach langer Neberlegung, nach langem Seelenkampfe auffaßte. Ich bin darum der Meinung, datz ich recht gehandelt habe, und ich habe Frieden in meinem Innern, nachdem ich dem Gebot meines Gewissens, meinem Rechtsgefühl folgte. Ich nehme darum mit vollkommener Ruhe alle die Folgen aus mich, die mich nach Ansicht einer engherzigen Justiz treffen sollen, protestiere aber gegen die Rechtmässigkeit eines derartigen Urteils." Nach dieser Rede zog sich der Gerichtshof zur Beratung zurück. Sie währte über eine Stunde. Dann wurde das Urteil verkündet, das neben der erwähnten Zuchthausstrafe auch die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte in sich schließt. Das Urteil wurde dem Hof- gericht zur Nachprüfung überwiesen. Den Verhandlungen vor dem Ratyausgericht wohnten die Eltern Hohenthals, seine Schwestern, viele Anverwandte und eine große Anzahl anderer Zuhörer bei. Eine Menschenmenge füllte die Treppen und Korridore des Rathauses und sammelte sich nach Verkündigung des Urteils auf dem Marktplatze. Als man durch ein RathauSfenster Hohenthal zu erblicken meinte, erschollen laute Bravo- und Hoch- rufe und ebenso als er im Gefängniswagen abgeführt wurde. Auch den Verteidiger des Verurteilten empfing die Menge mit Hochrufen, alS er das Rathaus verlief. Der Krieg in Opasie». Gegen Wladiwostok richtet sich eine energische Aktion der Japaner. London, 27. Juli.„Daily Telegraph" meldet ans Tokio unterm 26. Juli: Nach einem Telegramm aus Osaka ver- lautet dort, daß ei» nach vielen Tanzenden z Z h I e a d' e s j a P a n i s ch e s H e e r die russischen Stellungin iahmeder.NelleWeIt"-Beilage):Th.Glocke, BeiM. Druck wNerldd- VocwöMLuchdr. u. VerlggZanst.PauiSinger öiEo., BeUin L V. Hierzu 3 Beilagen n.llnterhaltnngsbl Nr. 174. 22. Jahrgang. 1. Mze des Januiitls" Sttlintt Mstis». Freitag, 28. Juli 1905. Quittung. Für die um das Koalitionsrccht kämpfenden Zigaretten- Arbeiter und Arbeiterinnen Tcntschlnnds gingen bei der Berliner Gewerkschastskommission folgende Beiträge ein: Liste 747, Handschuhm. b. Eik u. Strasser 3,95. Liste 748, Lager 6. Eik u. Strasser 4,65. Liste 749, Lager' b. Ulrich 3,75. Liste 750, Handsch.-Fabr. Theuerkaus 3,50. Ziolsrl. u. Hclier b. Kreuzfeldcr u. Sohn d. Lewin 12,—. Liste 1879, Tischlerei Senke, Mariendors 10,80. Vereinig. der Maler: Liste 272 d. Roth 11,80. Liste 273 d. Roth 15,70. Liste 267 8,45. Liste 262 4,35. Liste 264 d. Stockmann 8,45. Liste 265 9,10. Liste 1483 4,70. Liste 1485 d. Krause 7,80. Liste 1486 11,80. Liste 1489 d. Roth 1,70. Liste 1490 11,70. Liste 1699, Schreibmaschinen- Industrie 43,—. Organis. Steinhauer in Kirchheim(Untersr.) 15,—. Verb, der stcinarb. Berlin I, 1. Rate 60,40. Liste 1451 d. P. Löther 33,70. Liste 1058 Teleph.-Werkst. Gurlt, Kicsholzstraszc 12,70. Handels- u. Trans- Portarbeiter in der A. E. G., 1. Rate. Liste 131 1,55. Liste 135 5,95. Liste 148 4,50. Liste 501 16,55. Liste 502 4,60. Liste 503 7,15. Liste 505 7,20. Liste 510 11,45. Liste 511 9,10. Liste 102 0,75. Liste 106 2,95. Liste 108 7,55. Liste III 4,85. Liste 112 6,85. Liste 113 12,15. Liste 114 6,55. Liste 123 Pcrs. d. Buchdr. Kcttembeil, Schöncberg 18,40. Liste 125 17,60. Liste 149 Vertrauensmann, ans dem Speditionsgcwerbe 6,95, desgl. aus Liste 150 7,15. Liste 513 0,95. Liste 514 4,70. Liste 516 9,00. Liste 520, Arb. v. Viktoria- Speicher 6,65. Liste 522 4,73. Liste 523 5,20. Liste 524 15,90. Liste 527 6.—. Liste 529 2,15. Liste 530 1,50. Liste 531, Fensterputzer bei Ladewig 4,33. Liste 533; Arb. v. Hamburger iapeichcr 10,90. Liste 534, Arb. o. Lehrter Speicher 12,75. Liste 541 3,30. Liste 548 3,95. Liste 549 3,95. Liste 550 8,15. Liste 129 12,—. Tischlerei Joneleidt u. Psast 20,—. Liste 1651, Nauksche Buchdruckerei 12,80. Liste 757, Werkstatt Riesel u. Kämmerer d. Werth 4,15. Verein der Ehcmicgraphen aus Listen 156,30. Liste 1073, Mctallarb. d. Wücke 18,05. Liste 965, Verband d. Verwaltungs- beamten 2,—. Liste 1109, Buchdr. Licbhcit u. Thiessen 20,70. Liste 208, Maurer, Bau Liebenwalderstraße 14,70. Liste 1059 1,80. Liste 1149 8,85. Liste 1654, Gasoscnsabrik Mariendors 9,55. Listen 1655, 56, 58, 59, Gasmessersabrik Mariendors 70,75. Gcwerksch.-Kartell Rurnmelsburg 86,32. Liste 706, 707, 708, 709 Zentr.-Verb. d. Formstecher 26,65. Görz Friedenau Liste 1567 Abt. Chemnitz 4,40. Liste 1568 Abt. Schlemm 38,05. Liste 1569 Abt. Brimmcr 18,25. Liste 1571 Abt. Busch 29,—. Liste 1572 Abt. Hertel 10.-. Liste 1573 Abt. Klinke u. Stiege 16,85. Liste 1574 Abt. Dietrich u. Ciarstowski 16,65. Liste 1575 Abt. Kettler 9,55. Oberschöncwcidc Liste 1601 0,50. Liste 1593 Gießerei K. W. O. 8,—. Liste 1592 Reparatur K. 33. O. 4,—. Liste 1591 Gummisabr. K. W. O., Saal 22 19,80. � Liste 1588 Mekanitsabr. 11,90. Liste 1586 Akkumulatoren Pflüger 3,95. Liste 1584 Töff-Töst 3,50. Liste 1918 Bühnenpers. d. Teubert 2,—. Liste 76 11,10. Verband der Fabrik-, Land- und Hülssarbeiter, Zahlstelle Berlin 18,70. Liste 697 10,45. Liste 698 16,65. Liste 699 29,30. 11,60. Liste 701 8,90. Liste 702 20,65. Liste 703 13,75. 9,75. Liste 705 19,85. Liste 1146 Druckerei Heckendors 5,25. d. Brandt 3,55. Listen 1772/73 F. F. A. Schulz. Metallw. 12,25. Liste 668 5,15. Ver. der Droschkenführer Berl. und Umg. aus Listen 95,—. Listen 1161, 62. 63. 64 Holzbearb.-Majch.-Arbeiter 30,40. Liste 1876 Holz. bearbeilungs-Masch.-Arbeircr 13,45. Listen 455, 56, 57 Gcwerkschasts-Kartell Rummelsburg 20,65. Gcwerkschasts-Kartell Friedrichshagen: Listen 1895 Beruh. Krause 1,35. 1904 Fr. Schötzau—.75. 1896 Rud. Rose— 50. 1897 Osk. Körber 1—. 1898 Paul Kühne 8,80. 1901 Paul Lehmann 3,60. 1903 Fcodor Gablow 11,10. 1899 Alb. Schulz 2,40. 1900 Guft. Noak 6,15. 1902 Otto Schröder 5.40. 1894 Fritz Hofsmann 15,55. 1893 Rcinh. Rose 14,65. Liste 211 3,60. Ver- band der Glaser auf Listen 90,55. Verband der Schuhmacher ans Listen 167,45. Liste 1764 Stockfabr. Henning 3,15. Listen 821, 22, 25 Verband der Mühlenarbcitcr 24,25. Listen 894, 95, 99 Verband der Steinsetzer 15,45. Gewerkschastskartell Wciszensce Liste 571 19,10. Liste 572 4,90. Liste 574 4,15. Liste 577 5,25. Liste 578 6,25. Liste 579 9,85. Liste 580 3,40. Zentral- Verband der Stcinarbeiter, Berlin II: Liste 1551 Ferd. Streit 1,85. Liste 1552 Ad. Wolfs 8,90. Liste 1553 Karl Glascnapp 8,40. Liste 1554 Otto Bau 8,50. Liste 1555 Albert Hube 4,30. Liste 1556 Peter Schnorr, 6,55. Liste 1557 Wilh. Wolfs 9,50. Lifte 1553 Mar Kurze 5,50. Liste 1559 Karl Petrie—,50. Liste 1560 Gusl. Feitisch 6,26. Liste 1561 Herrn. Viriler 5,30. Liste 1562 P. Kastellpoggi—,90. Liste 1563 A. Zunk 4,—. Liste 1564 H. König—.95. Liste 1565 M. Behlc 3,—. Liste 796 Otto Last 3,-. Liste 797 C. Neumann 2,70. Liste 798 M. Schwebte 2,60. Liste 799 Fr. Steffen 3,90. Liste 800 Fr. Köhler 5,10. GewertschastS- kartcll Schönebcrg aus Listen 133,10. Kasscnbeamtcn, Liste 963, O.-K. der Tapezierer 5,50. O.-K. der Schuhmacher 3,50. Zentral- Verb. d. Handl.-Geh. aus Liste 481 1,95. Liste 482 20.—. Liste 486 2,20. List- 488 12,75. Liste 1724 Möbclpol. 11,65. Liste 1730 Möbels, v. Kümmel 9,50. Liste 1728 Möbelfabr. Zelter u. Platen 20,60. Liste 1000 Piano-Mech.-Fabr. Jacob 10,30. Liste 405 Buchb. Fritschc u. Braunberg 14,25. Deutsch. Tab.-Arb.-Verb., Zahlst. Berl., Konto aus Listen 150,—. Verb, der Kupferschmiede auf Listen 61,10. Von den Rammern Berlins d. Hausschild aus Listen 38,75. Liste 931 d. Ludwig, Thlogr., 6,05. Liste 756 Ernst Rockstroh 6,05. Verb, der Asphalteurc aus Listen 591, 92, 93, 94 19,20. Verb, der Maurer Listen 217, 219 6,80. Liste 1889 d. Schlosser Friedr. Lindner 22,60. Buchdrucker d. Bauermann Liste 1132 10,20. Liste 1133 13,65. Liste 1134 3,70. Liste 1135 3,45. Verb, der Tapezierer auf Listen: 276 6,—. 277 2,40. 278 4,30. 279 2,70. 280 4,45. 231 3,10. 282 2.45. Summa 2712,89. Bereits quittiert 6206,42. Im ganzen 8919,31. Weitere Beiträge werden im Bureau der Gewer kschafts- kam Mission entgegengenommen, in der Zeit von 11—1 und 6—8 Uhr. Geldsendungen sind an A. K ö r st e n, Engel-User 15, zu richten. Es wird dringend ersucht, noch ausstehende Listen leer oder gezeichnet, umgehend abzurechnen resp. einzuliefern. Ter Ansfchns? der Berliner Gewerkschaftskommission. Liste 696 Lifte 700 Liste 704 Liste 1654 Gewerbliche Friedensdokumente.*> (Schluß.) Zwei Bestimmungeu dieser Verträge sind vor allem kritisch an- gegriffen worden, dieselben betreffen den Ausschluß nicht- organisierter Arbeiter von jeder tariflichen Arbeitsgelegen- heit und die Nichtaufnahme neuerrichteter Betriebe in die Tarifgemeinschaft. Die letztere Bestimmung entsprang wohl vor allem der Erwägung, daß das Schlägergewerbe, das stark unter dem Verlust des amerikanischen Marktes zu leiden hatte, überfüllt und eine Einschränkung deS Wettbewerbs geboten sei. So verständlich ein solcher Beschluß erscheint, so kann er doch das Aufkommen einer überlegenen und das Preiskartell bedrohenden Konkurrenz nicht ver- hindern, sobald kapitalkräftige Verleger es vorteilhaft finden, außen- stehende Hausindustrielle zu unterstützen oder zum eigenen Betrieb überzugehen. Ein Kartell wird aber unhaltbar, wenn es den einflußreichen Konkurrenten den Anschluß verweigert, ohne imstande zu sein, ihn unschädlich zu machen. Der Ausschluß Nichtorganisierter oder fremdorganisierter Arbeiter entsprang einmal dem Bedürfiiis, die ohnehin höchst unsichere Arbeitsgelegenheit zusammenzuhalten und die Arbeitslosigkeit der organisierten Arbeiter möglichst zu be- schränken, andererseits aber der Auffassung, daß nur die Mitglieder der an den Opfern der tariflichen Regelung des Gewerbes beteiligten Organisation cm den Vorteilen dieser Regelung teilnehmen dürsten, zumal die Nichtorganisierten teils Ivegen schwerer Vergehen gegen die Verbandsinteressen ausgeschlossen waren, teils sich gar nicht um die Tarifgemeinschaft gckünimert hatten. Ein Gewerkvereinsmitglicd, daS diesen logischen Zusammenhang nicht zu begreifen vermochte, hat ja im Einverständnis mit der Gewcrksvereinleitnng eine Ent- schädigungsklage gegen die Leiter des Metallarbeiterverbandes an- hängig gemacht, ivurde aber vom Gericht dahin belehrt, das; ein Vertrag zwischen Unternehmern und Arbeitern, der die Arbeits- gelegenheit der elfteren für eine gewisse Gruppe der Arbeiter separiert, Dritten gegenüber zn irgendwelcher Entschädigung nicht verpflichte. Daniit war die rechtliche Zulässigkeit einer ausschließlich aus Organisierte beschränkten Tariivereinbarung sichergestellt. Ihre Zloeckmatzigkeit wird natürlich dadurch nicht berührt; darüber läßt sich nur von Fall zu Fall entscheiden. Andere Erwägungen haben den Verein der Lithographen und Steindrucker bewogen, im Chemigraphentarif die Klausel der ausschließlichen Organisation aufzunehmen. Es ist be- lannt, daß sich von diesem Verein vor Jahren eine Gruppe von Lithographen abgesplittert hatte, die trotz des Vorwandes, als *1 Siehe Nr. IIb, 140 und 1.04 des„Vorwärts". Lithographen organisation die Interessen dieser Branche besser vertreten zu können, sich um die Zersplitterung der C h e m i- graphcn bemühte. Um dieser Desorganisation den Boden zu entziehen, wurde bestinnnt, daß nur Mitglieder des alten Vereins in tariflichen Betrieben beschäftigt werden dürfen. Der Tarif dient hier also als Waffe gegen Sonderbündler, und wer die Organisationszersplitterung als gemeinschädlich aner- kennt, hat sicher keinen Anlaß, sich über eine solche Regelung, die den Ausgeschlossenen schließlich kein größeres Opfer als den Beitritt zur T a r i f o r g a n i s a t i o n kostet, aufzu- regen. Daß Fanny Jmle gegen diesen tariflichen Organisations- zwang vom Standpunkte der Toleranz polemisiert und ihn bei jeder Gelegenheit als abschreckendes Beispiel aufstellt, kann angesichts der gewerkschaftlichen Wandlungen der Verfasserin, die auf die allerweite st e Toleranz reflektieren, nicht befremden. Uni so seltsamer ist es, daß sie an einer Stelle ihres Buches selber die Organisationszersplitterung als einen die Tarifabschlüsse er- schwer enden Umstand erwähnt, noch dazu in einem Falle, wo nicht die Organisation eines, sondern mehrerer Berufe in dem- selben Betriebe in Frage# kommt. Es handelt sich um Tarifverträge im Braugewerbe, und da rechnet es F. Jmle den Böttchern und Transportarbeitern als Zersplitterung, als eigen- sinniges Pochen auf eine selbständige Organisation gegenüber dem gceinigten Unternehmertum an, daß diese Arbeiter nicht dem Verband der Vraucreiarbeiter beitreten, zumal die Zersplitterung keine prinziell gegnerischen Gruppen betreffe. Aber sollte dieser Vorivurf, den sie hier gegen Arbeiter ver- schiedener Berufe erhebt, nicht in weit höherem Maße zutreffen für Arbeiter desselben Berufes, die ebensowenig auf einen anderen grundsätzlichen Standpunkt stehen wollen, als die Mehrheit ihrer Berufsgenossen, wie die sonderorganisierten Chemigraphen? Um so unverständlicher muß die Teilnahme der Verfasserin für die Sonderorganisation der Chemigraphen erscheinen, als die letztere sich mehrfach im strikten Gegensatz zur Majorität der Kollegenschaft gegen eine Tarifgemeinschaft erklärt hatte. Wo die Organisations- Zersplitterung, wie in diesem Falle, bewußt t a r i f h e m m e n d auf- tritt, da würde sich die Tarifgewerkschaft durch eine weitgehende Toleranz nur ins eigene Fleisch schneiden. Soweit es mit dem Tariszweck vereinbar ist, haben die Gewerkschaften stets Toleranz walten lassen und über viele Unstimmigkeiten gegnerischer Gewerkschaften hinweggesehen, die nicht zum besten der beruflichen Interessen waren. Wer aber eine unter den erschwerendsten Umständen herbeigeführte tarifliche Regelung bekämpft, muß erst gewerkschaftlich erzogen werden; Tarifgegner zu privilegieren hieße die eigenen Mitglieder schädigen. Auf die mit dem Chemigraphentarif verknüpfte Beschränkung der Arbeitsgelegenheit auf syndizierte Betriebe trifft das gleiche zu, ivas wir für Tarife mit Unternehnierkartellen im allgemeinen er- klärten. Sie ist nur dann unbedenklich, wenn das Kartell genügende Sicherheit für die Aufrcchtcrhallung des Tarifcs bietet, also alle hauptsächlichsten Betriebe umfaßt und für die Gewerkschaft keine nachteilige Einengung des Arbeitsmarktes mit sich bringt. Mit einigen Outsiders hat ja nahezu jedes Kartell zu rechnen; wenn sie die tariflichen Arbeitsbedingungen anerkennen, hat die Gcwerk- schast unter gewöhnlichen Verhältnissen kein Interesse, sie außer- halb des Tarifes zu stellen. noch weniger, auf solche Arbeit- geber einen Organisationszwang auszuüben. Wo aber die Organisationen gegenseitig als Träger eines Tarifvertrages mis- drucklich anerkannt sind, dort müssen die Arbeiter auch das Organisations- interesse der Arbeitgeber anerkennen, umsomehr, wenn der Tarif- vertrag nur auf der Basis einer Preiskonvention möglich war. Der Geschäftsbericht des Chemigraphen-Tarifamtes für 1904 kann über- dies nur von günstigen Wirkungen dieses Organisationszwanges be- richten, er teilt mit, daß beide Organisationen der Arbeitgeber und Arbeiter jetzt 93 Prozent der Berufs- bezw. Gewerbe-Angehörigen umfassen. Während bei Abschluß des Tarifs nur 34 Firmen der Prinzipalorganisation angehörten, ist deren Zahl jetzt auf 90 ge- stiegen und die Zahl der Gehilfenmitglieder stieg von 800 auf 1400. Damit ist auch die sicherste Grundlage für die Durchführung des Tarifs gewährleistet und alle anfänglichen Zweifel durch die praktifche Erfahrung widerlegt. So fördert eine Darstellung der verschiedensten Entwickelungs- Phasen und Errungenschaften der Tarifvcreinbarungen eine Fiille von Fragen zutage, die nicht bloß zur geistigen Vertiefung des Problems der Tarif- und kollektiven Arbeitsverträge anregen, sondern auch für die tarifliche Praxis, für die Ausgestaltung und Ver- vollkommnung der Tarifgemeinschaften von nicht zu unterschätzender Bedeutung werden können. Wer F. Jmles Buch nach dieser Richtung hin gründlich und kritisch studiert, wird trotz des Widerspruches, den ihre Randbemerkungen häufig herausfordern, aus demselben manche gute Anregung schöpfen. Was dem Werk in statistischer und theoretischer Hinsicht mangelt, ersetzen andere Werke, so Lotmars Werk über den kollektiven Arbeitsvertrag und die in Kürze erscheinende reichsamtliche Sammlung und wissenschaftliche Durcharbeitung der von den Gewerkschaften zugängig gemachten Tarifvereinbarungen. Die prinzipielle Auffassung der Tarifgemeinschaften von feiten der Gewerkschaften aber wird Fanny Jmle nicht beeinflussen; sie wird im Gegenteil noch recht oft in die Lage kommen, den sehr bedingten Wert dieser.Dokumente des Friedens" gegenüber dem elementaren Kampf der wirtschaftlichen Interessen und Klassen ein- gestehen zu müssen, falls sie ihre Beobachtungen auf dem Gebiete der tariflichen EntWickelung fortsetzt. Die großen Kämpfe, die die englische Gewerkschaftsbewegung trotz einer mehr als fünfzigjährigen Tarifgeschichte unausgesetzt zu führen hat und die sie mehr und mehr aus den Boden des b e- wußten Klassenkampfes drängen, widerlegen die Illusion eines sozialen Friedens und einer Klassenversöhnung, die zudem in Deutsch- land zufolge der hier herrschenden Klasscngesetzgebung weniger als irgendwo einen dankbaren Boden fände. Eines aber wird die Epoche der Tarifgemeinschaften auch in Deutschland repräsentieren: st a r k e Gewerkschaften, die die Gleich- berechtignng der Arbeiter im Arbeitsvertrag verwirklichen und dem absolutistischen Herrenstandpunkt der Industriellen Fuß um Fuß das Terrain abgewinnen. Sie bilden zugleich die Gewähr, daß die Arbeiterklasse in diesen Kämpfen aufwärts steigt und sich in wachsendem Maße den ihr zukommenden Anteil an den Kulturgütern erobert. Der Klassenkampf kann nur durch die Ucber- Windung der Klassenherrschaft und Klassenausbeutung beseitigt werden, und das wird erst dem Siege des Sozialismus vor- behalten sein.?. U. Huq der partei. polizeillcbes. OerlcbtllcbcB ukw. In der Expedition des„Bolkswillen" in Hannover wurden 36 Exemplare der Blätter beschlagnahmt, in denen ein Arsikel über den Streik in Barsinghansen gebracht wurde. Eue Industrie und f)andeL Kurstrcibereieit. Die Kurstreiberei, die einige Banken schon seit mehreren Wochen in inniger Brüderschaft mit den rheinisch-westfälischen Großindustriellen in dem Markte der Montanwerte inszenieren, hat gestern einem jähen Zusammenbrnche Platz machen müssen. Die Aktien der„Dortmunder llnion", jenes bekannten llnternehmen», das immer wieder saniert lvcrden muß und dennoch schlechte Erträgnisse liefert, haben gestern, also an einem einzigen Börscntage über 3 Proz. verloren I Bor einige» Tagen Hieß es, die Dresdner Bank habe von der Disko nto-Gesellschaft, dem Emissionshause der Dort� munder Union-Aktien, 2 Millionen Mark Anteile dieses Unternehmens übernommen. Nachdem das Gerücht, das schon einige Tage an der Börse verbreitet war und als Mittel zur Kurstreiberei diente, in einige Blätter überging, wurde es von der Dresdner Bank dementiert. Wie jene geheimnisvollen Machinationen zusammenhängen, wird man wohl nie erfahren. An der Börse wurde gestern jedenfalls mit Bestimnitheit erzählt, ein Direktor der Dresdner Bank habe jetzt Aktien verkaufen lassen. Da die Aktion, bevor das Gerücht auftauchte, noch erheblich niedriger notierten als jetzt trotz des Rückganges an der gestrigen Börse, so hat der Direktor, wenn sich das Gerücht bewahrheitet, jedenfalls kein schlechtes Ge- schüft gemacht. Wie die Börse für dieses Papier plötzlich das Vertrauen ver« loren hat, so auch hat ihr reges Interesse für die Aktien der Deutsch-LuxemburgerBergwerks-Gesellfchaft nach- gelassen. Auch dieses Papier mußte gestern über 5 Proz. im Kurse nach« lassen, nachdem eS freilich zu Ansang der Börse wieder 2 Proz. gestiegen war. ES ist höchst interessant zu beobachten, in welcher Weise die rheinisch- westfälischen Jndustriekönige die Börsenleute an der Nase herum- führen. Das„große Geheimnis" der Luxemburger ist immer noch nicht enthüllt; die andauernden rapiden Schwankungen müssen den Herren demnach noch in den Kram passen. Rußland vor einer Mißernte. Fast scheint es, als ständen in Ruhland Wind und Wetter int Bunde mit der Revolution. Der vom russischen Zarentum in frivolem Machtdiinkel provozierte blutige Kampf im fernen Osten, die bald da, bald dort in offene Erhebung gegen das bureaukratische Regiment übergehende innere revolutionäre Gärung, die intermittierenden die Großindustrie lähmenden Streiks haben dem russischen Wirt- schaftsleben schwere Schläge versetzt, doch der schwerste Schlag steht ihm noch bevor: eine völlige Mißernte in einer Anzahl der wichtigsten russischen Gouvernements. Wenn sich auch in Einzel- heiten die aus Rußland herüberbringenden Meldungen übet die Ernteaussichten widersprechen, so besteht doch kein Zweifel darüber, daß den meisten Gegenden des Zentralgebietes, des Südens und Südostens eine Mißernte droht und damit unter den jetzigen Verhältnissen zugleich eine Hungersnot. Schon die zweite Hälfte des Mai brachte diesen Gegenden heiße trockene Witterung, die in der ganzen ersten Hälfte des Juni anhielt, dann erfolgte eine starke Ab« nähme der Temperatur mit Regenfällen— meist jedoch Strichregen, der nur geringen Vorteil brachte, und im Anfang Juli ist in den meisten zentralen und östlichen Gouvernements wieder heißes, trockenes Wetter eingetreten. Wovon aber soll der Bauer jener Gegenden leben, wovon soll er seine Steuern bezahlen, wenn seine Ernte kaum seinen eigenen allernötigsten Bedarf deckt und ihm für den Verkauf absolut nichts übrig bleibt. Die offiziöse russische Presse sucht vorläufig noch diese der russischen Landwirtschaft drohende Gefahr zu vertuschen und die Ernteaussichten günstiger hinzustellen als sie sind, aber selbst sie vermag die trübe Lage nicht ganz zu leugnen. So äußert sich z. B. die„Torg. Prom. Gaz.", das vom Finanzministerium abhängige Organ, folgendermaßen über den Stand der Getreidesaaten: Der Winterweizen verspricht im ganzen eine über mittlere Ernte. In den Gouvernements Bessarabien, Podolien, Kiew und in den angrenzenden Kreisen der Gouvernements Wolhynien, Jeka« terinoslaw und Chersson, sowie auch in dem Gouvernenient Poltawa und in den angrenzenden Kreisen des Gouvernements Tschernigow, Kursk und Charkow, in den südlichen Kreisen des Gouvernements Taurien, in den meisten Kreisen der Weichselgouvernements und in einzelnen Gegenden deS Gouvernements Kurland verspricht der Winterweizen eine gute Ernte. In den Gouvernements Rjasan, Tambow und Pskow und in dem größten Teile der Kreise der Gouvernements Tula und Ssaratow, in einzelnen Kreifezi der Gouvernements Woronesh und Taurien sowie auch fast im ganzen Dongebiet erwartet man eine nur unter mittlere Ernte... Der Sommerweizen wird wahrscheinlich in diesem Jahre' eine mittlere Ernte ergeben. In dem Gouvernement Podolien. in den meisten Kreisen der Gouvernements Wolhynien, Poltawa, Bessarabien. Kasan und Nishny-Nowgorod, in einzelnen Kreisen der Gouvernements Taurien, Perm und Ufa sowie auch fast im ganzen nördlichen Kaukasus erwartet man eine gute Ernte an Sommer- weizen. Unbefriedigend wird die Ernte dieser Feldfrucht ausfallen in den Gouvernements Ssamara, Pensa, Woronesh sowie in einigen Kreisen der Gouvernements Ssaratow, Ssinibirsk und Taurien. In den übrigen Teilen des russischen Reiches erwartet man für Sommer- weizen eine Mittelernte. WaS den Roggen anbetrifft, so erwartet man in Rußland im ganzen nur eine Mittelernte. Eine gute Roggcnernte werden die Roggensaaten ergeben in deir- Gouvernements Kiew. Bessarabien, zuni Teil in den Gouvernements Podolien, Tschernigow und Poltawa, in den»leisten Gouvernements des Weichselgebiets, in einzelnen Kreisen des Gouvernements Perm und in einigen Gegenden der Ostseeprovinzen sowie in den Gouvernements Jekaterinoslaw und Taurien. Der Rayon mit voraussichtlich unbefriedigender, zum Teil sogar schlechter Roggenernte hat sich etwas erwettert und umfaßt die Gouvernements Ssamara, Wjatka, Ssaratow. Tambow, Pensa, Rjasan, einen Teil des Gouvernements Tula, Kaluga, Woronesh, Wladimir und SsimbirSk sowie einzelne Teile der Gouvernements Taurien und des Dongebietes. Der Stand der Haferfelder verspricht im ganzen eine über mittlere Erte. obgleich der Rayon mit unbefriedigenden Ernte« aussichten sich auch hier etwas erweitert hat, und zwar hauptsächlich bei den Gouvernements an der Wolga und den zentralen Ackerbau treibenden Gouvernements Rußlands. Fast in den ganzen Gou» vernements Perm, Ufa und Kasan sowie im größten Teil der Kreise der Gouvernements Kiew, Wolhynien, Poltawa, Taurien und Bessarabien, fast im ganzen Weichselgebiet und nördlichen Kaukasus und auch in einzelnen Kreisen der Gouvernements Charkow, Grodus und Kurland erwartet man eine gute Haferernte. Unbefriedigend sind die Aussichten in den Gouvernements Ssaratow, Woronesh. einem Teil des Gouvernements Tula, in den Gouvernements Orcl, Kursk, Rjasan, Tambow und Charkow und in einzelnen Kreisen der Gouvernements Tschernigow und Livland. Auch die Gerste verspricht im ganzen eine über mittlere Ernte. Eiue gute Gerstenernte werden wahrscheinlich aufweisen die Gou» vernements Bessarabien und Podolien, die meisten Kreise der Gou- vernements Wolhynien, Chersson und Poltawa, einzelne Kreise der Gouvernements Taurien, Grodno, Perm und Wjatka, ein Teil des Dongebietes sowie die meisten Gouvernements des WeichsclgebicteS und fast der ganze nördliche Kaukasus. Dagegen eine unbefrie- digende Ernte wird die Gerste in den meisten Kreisen der Gou» vernements Ssamara, Ssaratoiv und Woronesh und in einzelnen Gegenden der Gouvernements Tula, Taurien, Charkow und Poltawa ergeben._ Zur letzten Bnumwollschätzung des amerikanischen AckcrbauamteS. Bekanntlich hat das Washingtoner Ackerbaudepartement jüngst einen. ihrer Beamten, den Assistenten Holmes, entlassen, weil er sich! Schwindeleien hatte zuschulden kommen lassen. Jetzt erklärt das Departement, daß Holmes am 1. Junk„irrtümlicherweise" die Ab»! nähme der mit Baumwolle bebauten Fläche für 1903 aus 11,4 Proz. geschätzt hat, während sie tatsächlich einen Rückgang von 14,9 Proz.> erfahren hat, da die mit Baumwolle bebaute Fläche im Jahre 1903 26 999 000 Acres beträgt. Bieheinfuhr. Der Mangel an Schlachtvieh auf den meisten deutschen Viehmärkten hat zur Folge gehabt, daß sich in den letztens Monaten die Einfuhr von Rindern aus Dänemarl und OesfcrroAfo» Ungarn trotz der bestehenden Einfuhrerschwerungen beträchtlich ver- mehrt hat. So sind z. B. im Mai nach der letzten statistischen Zu- sammenstellung 3685 Stück Rindvieh mehr eingeführt worden als im Mai des Vorjahres, und im Vergleich mit dem April d. I. be- trägt die Steigerung sogar 7762 Stück, Die Zunahme der Einfuhr erstreckte sich im Mai auf alle Viehgattungen mit Ausnahme der Kalber. Es wurden eingeführt: Mai 1003 gegen Mai 1904 Kühe.... 14 572 Stück 2249 Stück mehr Stiere.... 1 096*„ 237„ Ochsen.... 8 738„ 275„ Jungvieh... 11 437„ 1074„ Kälber.... 2 068„ 150„ weniger Rindvieh... 37 911 Stück 3685 Stück mehr Schweine... 6 696„ 106 In noch stärkerem Maße als die Vieheinfuhr hat die Einfuhr von Fleisch- und Fleischwaren im Mai d, I, zugenommen. Auch hier erstreckte sich die Mehreinfuhr aus alle Fleischsorten mit Aus nähme von Hammelfleisch, Besonders auffallend ist die außer- ordentlich starke Steigerung der Zufuhr von Schweinespeck und Schweineschmalz. Es hat im ganzen die Einfuhr von Fleisch um 15 582 Doppelzentner gegen den Monat Mai des Vorjahres und um 4381 Doppelzentner gegen den Monat April d, I. zugenommen und die Einfuhr von Schmalz ist gegen den Monat Mai des Vor- jahres sogar um 53 849 Doppelzentner gestiegen. SewerKfcKaftli�Kes. Allzu scharf macht schartig! Die Wahrheit dieses Sprichwortes müssen jetzt die Schleifsteindreher in M ü n ch e n am eigenen Leibe erfahren. Am Rathausneubau dortselbst wurden die Steinarbeitcr. obwohl sie keinerlei Forderungen an den Unternehmer stellten, ebenfalls ausgesperrt. Wie nun die„M. Post" meldet, hat der Magistrat den Unternehmer, Kommerzienrat Lang, außer Akkord gesetzt. Die Arbeiten werden in Regie auf Kosten des Unternehmers Lang mit den gleichen Leuten, die von ihm aufs Pflaster geworfen wurden, fortgesetzt.— Der Unternehmer will nun der Stadt den Prozeß machen l_ LerN» und llmgegend. Die Aussperrung der Kürschner. Zu der öffentlichen Kürschner« Versammlung, die jam Mittwochabend stattfand und sehr zahlreich besucht war, hatten die Arbeitgeber in reichem Maße für Agitationsstoff gesorgt. Am Eingange zum.Alten Schützenhause" ließen sie durch einen Dienstnmnn Flugblätter,„An die Arbeiter und Arbeiterinnen der Pelzbranche" gerichtet, verteilen, worauf mit großen Lettern unter anderem ge- druckt steht: „Wacht auf! Laßt Euch nicht länger irre führen! Es entspricht nicht den Tatsachen, daß wir Eure Organisation sprengen wollen!! -- Das KoalitionSrccht will Euch niemand»chmen!!-- Seid Ihr unmündig? Braucht Ihr die Borinundschaft von Despoten?— Arbeiter und Arbeiterinnen! Laßt Euch nicht länger irreführen! lDiese Worte werden in dem zwei Folioseiten füllenden Text noch mehrmals wiederholt.) Wir werden uns berechtigten Forderungen nie und nimmer verschließen!" Das Flugblatt aber schließt mit folgenden Worten: „Arbeitswillige finden jederzeit nach Austritt aus dieser Organi- sation Beschäftigung bei den Bcrbandsmitglicdcrn". Dann folgt die Unterschrift des Vorstandes des Arbeit- geber-Verbandes der Pelzbranche und das dringende Ersuchen um weiteste Verbreitung des Flugblattes in den Kreisen der Arbeitnehmer. Gegen die Verbreitung dieses Flugblattes haben die Aus- gesperrten und Streikenden gewiß nichts einzuwenden, denn es kann ja nur den Arbeitgebern schaden, wenn alle Arbeitnehmer erfahren, wie die Herren zuerst hoch und heilig beteuern, sie wollten das Vereinigungsrecht nicht angreifen, dann aber Austritt aus der Organisation zur Bedingung der Wiederein st ellung machen. Was das Flugblatt sonst enthält, ist nicht minder widersinnig und töricht, und man hatte es dem Referenten R e g g e durch dieses, wie durch ein anderes von den Arbeitern und Arbeiterinnen der Firma H. Wolf unterzeichnetes Flugblatt recht leicht gemacht, in einer wirkungsvollen Rede die Behauptungen der Arbeitgeber zu widerlegen, zumal auch die Arbeitswillige» von H. Wolf oder der Verfasser ihres Flugblatts sich in Sätzen ergehen wie: „Ihr(die Streikenden nämlich) folgt willenlos einem Schwätzer und einer Großfchuauze, der es an der nötigen Einficht und Ver- ständnis fehlt, denn hätte der dicke Schädel dieses Großmauls nicht soviel Grütze und Stroh in sich, so hätte er die Ruhepause von zwei Jahren, die zwischen beiden StreiksGliegt, benutzt, um die Haus- industriellen zu organisieren und wäre dem Arbeitgeber- Verband zuvorgekommen." Diese Arbeitswilligen schließen ihr Flugblatt mit der sonder- baren Aufforderung: „Kollegen und Kolleginnen organisiert Euch, aber nicht gegen die Organisation. sondern gegen R e g g e." Wegen der im„Offenen Brief" in der„Kürschnerwacht" auf- gestellten Behauptungen behalten sie sich vor, gerichtlich vorzugehen. Der Fabrikant Vilror Wolf selbst hat auf den„Offenen Brief" nicht geantwortet. Er ist inzwischen in die Sommerfrische gegangen, und in der Versammlung der Arbeitgeber am 21. Juli hat der Fabrikant Landsberger die Führung übernommen. Er will denKampfbiS zurVernichtung der Kürfchnerorganifationen führen. Die herausfordernde Haltung, die fortdauernd von den Arbeit- gebern eingenommen wird, veranlasste nun die Vorstände der beiden Organisationen, der Versammlung Erhöhungen der Forde- rungen zu empfehlen, die, je nachdem die Arbeitgeber kürzere oder längere Zeit Widerstand leisten, geltend gemacht werden sollen. Die Versammlung erklärte sich damit einstimmig durch Annahme folgender Resolution einverstanden: „In Erwägung, daß die Machtmittel des Unternehmertums nur in der Anwerbung von Arbeitswilligen niedrigster Art, Entrechtung und Aushungerung der Arbeiter liegen und der Arbeitgeber-Verbund der Pelzbranche in seiner letzten Versammlung vom 21. Juli mit aller Bravour beschloß, den Kampf bis zu unserer Vernichtung zu führen, beschließt die Versammlung, diesem brutalen wie über- triebenen Hochmut eines Unternehmertums dadurch die Kosten des Kampfes tragen zu lassen, daß wir folgende neue Forderungen stellen: Vom 31. Jnli ll'/zstündige Arbeitszeit und Erhöhung dos Miuimallohnes um je 1 M., steigend bis zu 30 M. für Gesellen, 21 M. für Maschinennäherinnen und 13 Vi. für Mamsells. Von, 14. August ab fordern wir den Achtstundentag. Diese erhöhten Forderungen — außer der O'/sstündigen Arbeitszeit � bleiben bis Weihnachten in Kraft, jedoch sind die bewilligten Werkstätten davon ausgeschlossen. Ferner beschließt die Versammlung, allen Machinationen des Unter- »ehmertums zu», Trotz wie bisher einmütig bis zum Siege im Ausstand zu beharren." Zum Stand des Streiks, ist zu bemerken, daß diejenigen Ar- bester und Arbeiterinnen, deren Kündigungsfrist am Sonnabend abgelaufen war, sämtlich die Arbeit eingestellt haben. Die Zahl der Streikenden hat sich damit um 90 erhöht. Ungefähr 40 sind bereits nach auswärts abgereist. ES wurde in der Versammlung auch der Brief eines Fabrikanten aus der Provinz verlesen, der einige Arbeiter und Arbeiterinueu verlangt und dazu bemerkt, daß sämtliche Ausgesperrten von Berlin in Provinz st ädten Arbeit finden könnte»- und daß es„einmal recht gesund wäre, wenn das ganze Berliner Unter- nehmervolk aufs Trockene gesetzt würde." Die Versammlung beschloß ferner auf Vorschlag der Vorstände, daß den verheirateten Ausgesperrten 10 Mark Mietsentschädi- g u n g, den ledigen 5 Mark gezahlt werden, und in Fällen besonderer Not verheirateten Ausgesperrten auch die doppelte Entschädigung zu gebilligt werden soll. Die Differenzeu in den englischen Gasanstalten können als be seitigt angesehen werden, nachdem die beiden gemaßregelten Arbeiter P r e n z I o w und Stark wieder in den Betrieben eingestellt sind. Zum Streik in der Tcinpclhofcr Motorfahrzcug-Fabrik(Firma Gottschalk). Die UrsaHe des Streiks ist folgende: Vor ungefähr acht Tagen wurden die H a n d a r b e i t e r der Firma wegen einer Lohnerhöhung um 5 Pf. pro Stunde vorstellig. Nach stattgefundener Besprechung zwischen Direktion und Arbeiterausschuß wurde die Lohnerhöhung auch anstandslos bewilligt. Am letzten Sonnabend erhielten sämtliche Handarbeiter bereits die Lohnerhöhung tatsächlich ausgezahlt. Am Montag darauf verkündete aber ein Fabrik- anschlag, daß die bewilligten 5 Pf. pro Stunde wieder in Fortfall kommen und fortan nicht mehr zur Auszahlung ge- langen sollten. Erstaunt darüber, daß die Firma ihr ge- gebcnes Versprechen so ohne weiteres zurückzog, wünschten die Arbeiter hierauf den Betriebsdirektor zu sprechen, doch dieser war plötzlich— verreist. Der kaufniänuüche Direktor, Herr Bankier Landsberger, aber erklärte, sichTuif nichts einlassen zu können. Alle Versuche der Arbeiter zu einer friedlichen Verständigung schlugen fehl. Ein derartiges Spiel konnten sich die genasführten Arbeiter natürlich nicht gefallen lassen; sie legten daher am Mittwochmittag zirka 180 an der Zahl einmütig die Arbeit nieder. Ihre einzige Forderung ist: Weiterzahlung der bereits bewilligten und wieder zurückgezogenen 5 Pf. Lohnerhöhung pro Stunde. In Frage kommen die Organisationen der Metallarbeiter, Schmiede, Holzarbeiter und Lackierer. Zuzug ist streng fernzuhalten. Deutlcbeo Reich. Achtung, Stockarbeiter! Die Kollegen Hamburgs haben den Unternehmern folgende Forderungen unterbreitet: Verkürzung der Arbeitszeit auf 8V3 Stunden' pro Tag, 5 Proz. Lohnaufschlag, 24 M. Minimallohn, Anerkennung des Arbeitsnachweises. Bis zur Beendigung der Differenzen ist der Zuzug unbedingt fernzuhalten. Die Zentralkommission der Stockarbciter Deutschlands. Die Arbeiterpresse wird um Abdruck gebeten. Die Holzarbeiter in Breslau sind in größerem Umfange aus- gesperrt. Insgesamt werden 560 Tischler und 245 Maschinenarbeiter als ausgesperrt gemeldet._ Die Einiguilgsvcrhaudlungcn in Essen. Essen, 23. Juli.(Eig. Ber.) Die heute abend im Rathause stattgefundeuen Eiuigungsverhandlungen zur Bei- legung der Bewegung im Baugewerbe hatte folgendes Resultat: Es soll eine neue Kommission gebildet werden, zu der die Arbeitgeber fünf, die Arbeiter zehn Delegierte entsenden. Die Verhandlungen dieser Konimission sollen unter den, Vorsitze des Beigeordneten W i e d f e l d t morgen ihren Anfang nehmen. Die Zahl der feiernden frei organisierten Maurer belief sich heute auf 380, die der feiernden sreiorganisierten Bauhülfsarbeiter auf 118, die der Zimmerer auf 11. Zur Bewegung der Färberei- und Appreturarbeiter von Biccrane . und Glauchau. M e e r a n e, 27. Juli.(Eig. Ber.) Der Streik dauert unverändert fort. Die Unternehmer haben bisher keinen Versuch zur Annäherung gemacht. Die ausständigen Arbeiter sind vom besten Geiste beseelt. Es herrscht allgemein die beste Kampfesstimmung. An die Durchführung der von dem Färber- ring angedrohten allgemeinen Aussperrung glaubt niemand mehr. Diese sollte bekanntlich gleich nach dem Streik verhängt werden, wurde aber bis 31. Juli verschoben und soll neuerdings ivieder bis 7. August verschoben worden sein. Die Arbeiter haben diese Drohung von Anfang an für einen Schreckschuß gehalten. Die Webwaren- Fabrikanten von Glauchau und Mecrane, hauptsächlich letztere, haben gar keine Lust, sich einer Aussperrung anzuschließen. Diese erklären vielmehr, daß der Färberring die Forde- rungen der Arbeiter bewilligen kann, da doch bei der Festltellung ihrer Ringpreise eben von diesen Unternehmern die Preiserhöhung damit b c g r ü n'.d e t wurde, daß sich eine Aufbesserung der Arbeitslöhne dringend nötig macke.(!) Von einer solchen haben die Arbeiter bis heute nichts verspürt, obgleich die erlangte Preiserhöhung 23 Proz. betrug. Aus diesem Grunde ist es begreiflich, daß die Webwarenfabrikanten diesmal jedes gemeinschaftliche Vorgehen ablehnen.— Arbeitswillige haben sich bisher für keinen Betrieb gefunden, vielmehr haben noch einige sich den Ausständigen angeschlossen. Die Arbeiter protestierten in zwei stark besuchten Versammlungen ganz energisch gegen die durch nichts begrüudeteBehauptung der Unternchmerorgane, daßauch dieser Streik Ivieder daS Werk sozialdemokratischer Verhetzung sei. Es wurde betont, daß gerade zu dieser Bewegung weder in Partei- blättern noch in Versammlungen irgendwie Stellung genommen wurde. Tatsächlich ist das der Fall. Als die Arbeiter der vereinigten, dem Ring nicht angehörenden Garnfärbereien von Glauchau und Meeranc in Verhandlungen traten, äußerte der Vorsitzende dieser Arbeitgeberorganisation, Rechtsanwalt Schneider- Meerane, den Wunsch, daß vorläufig und bis zum Schluß der Verhandlungen nichts veröffentlicht werden sollte. Diesem Wunsche wurde in weit- gehendster Weise entsprochen. Die bürgerlichen Blätter wissen dies, aber sie lügen weiter. Jetzt, wo der Kampf zum Ausbruch gekommen ist, ist es natürlich Pflicht aller Arbeiterblätter, dafür zu sorgen, daß der Notschrei der bisher so raffiniert ausgebeuteten Arbeiter Widerhall findet und die deutschen und auswärtigen Arbeiter gewarnt werden, ihren Brüdern in den Rücken zu fallen. Husi»»d. Die Zahl der ausständigen Gruden- und Metallarbeiter in L 0 n g w y beläuft sich nunmehr bereits auf 45 000. Die Aus- ständigen halten auf freiem Felde Versammlungen ab und erklären, daß sie die Arbeit nicht eher aufnehmen werden, bis die vorhandenen italienischen Arbeiter ausgewiesen worden seien. Die Ausständigen bellagen sich über das rücksichtslose Vorgehen der Truppen. Der Streik der Marrnorarbeiter von Carrara hat, wie man uns aus Rom schreibt, nach 5ötägiger Dauer mit einer teilweisen Nieder- läge der Arbeirer geendet. Wie erinnerlich, hatten die Transport- arbeiter und die Eisenbahner der Marmorbahn die Arbeit nieder- gelegt aus Solidarität mit ihren Kameraden, die entlassen worden lvaren, weil sie von Unorganisierten geförderte Blöcke nicht verladen wollten. Darauf hatten die organisierten Unternehmer ihre gesamte Arbeiterschaft, annähernd 6000 Mann, ausgesperrt mit dem Bemerken, daß sie die Aussperrung nur wiederrufen würden, wenn alle bedingungshis die Arbeit wieder aufnähmen. Einige dreißig Arbeiter sollten gemaßregelt werden. Auf diesem Standpunkt haben sich die Unternehmer 40 Tage gehalten, bis endlich auf folgender Grundlage eine Einigung zustande kam: die Unternehmer verzichten auf jede Maßregelung, nur sechs Arbeiter, die um ihre Enlassung gebeten haben, werden entlassen. Weder verlangen die Arbeiter das Recht, von Unorganisierten geförderte Blöcke auszuschließen, noch verpflichten sie sich, in der Zukunft vom Boykott solcher Blöcke abzusehen._ Soziales* Sammlung für die streikenden Bergleute in einer Kneipe als öffent- liche Kollekte? (Ein Bruch mit der Praxis deS Kammergerichts.) Der Ferieu-Strafsenat des Kammergerichts hat am 26. Juli ein Urteil gefällt, das einem Bruch mit der ständigen Praxis des Strafsenats gleichkommt, wenn es sich ihr auch scheinbar an- paßt. Der Arbeiter Schmidt zu Dortmund hatte in einer borttge» Stehbierhalle auf Liste freiwillige Beiträge für die streikenden Berg- leute gesammelt. Er wurde darauf wegen Uebertretung der für den Regierungsbezirk Arnsberg erlassenen Polizeiverordnung vom 27. Mai 1848 angeklagt, wonach öffentliche Kollekten der Genehmigung des Oberpräsideuteu bedürfen. Es handelt sich um eine der in allen Regierungs- bezirken beziehungsweise Provinzen des Königreiches Preußen er- lassenen Verordnungen. Natürlich hatte Sch. für seine Sammlung keine obrigkeitliche Genehmigung.— Das Landgericht Dortmund als Berufungsinstanz verurteilte ihn auch wegen Veranstaltung einer nicht genehmigten Kollekte zu einer Geldstrafe. Angeklagter legte Revision ein und machte unrichtige Anwendung der genannten Re- gierungs-Polizeiverordnung geltend. Nach der Praxis des Kammer- gerichts könnten nur öffentliche Hauskollekten, nur Samm- lungen von Haus zu Haus, von einer Genehmigung ab- hängig gemacht werden. Uni eine Hauskollekte in dem Sinne handele es sich hier aber nicht, sondern lediglich um eine Sammlung in Siuer Gastwirtschast. Der Ferien-Strafsenat des Kammergerichts verwarf indessen am 26. Juli die. Revision des Angeklagten und führte begründend aus: Die Feststellung des Landgerichts, wonach S. zu Dortmund ohne Genehmigung eine öffentliche Kollekte veranstaltet habe, sei nicht zu beanstanden. Es sei allerdings richtig, daß eine öffentliche Kollekte, um der Genehmigung zu bedürfen, eine Hauskollckte sein müsse. Indessen habe der Borderrichter doch auch festgestellt, daß Angeklagter eine Hauskollekte veranstaltet habe, denn er sei ja in das HauS hineingegangen, um in der Stehbierhalle die Beiträge zu sammeln, wobei er auf die einzelnen Gäste persönlich eingewirkt habe. Somit sei die Revision zu verwerfen. Was hier der Feriensenat für eine Hauskollekte ansieht, ist nach der bisherigen Praxis des Kammergerichts noch keine Hauskollekte im Sinne der den Kollektenvorschristen zugrunde liegenden Be- stimmungeu des allgemeinen Landrechts. Der Strafsenat versteht vielmehr seit einer ganzen Reihe von Jahren darunter ein Gehen von Haus zu Haus, also mindestens das Sammeln in zwei Häusern, während hier doch nur festgestellt ist, daß S. in ein Haus hineingegangen ist, um in der Stehbierhalle zu sammeln, also nur in einem bestimmten Teil eines Hauses. Die Auffassung des Feriensenats ist unmöglich mit der Judikatur in Einklang zu bringen._ Die Zahl der Kaufmannsgerichte im Deutschen Reiche ist bisher amtlich noch nicht festgestellt worden. Doch liegen über einzelne Gegenden so zuverlässige Zusammenstellungen vor, daß es möglich ist, einen Gesamtüberblick darüber zu geben, wie weit das Reichs- gesetz vom 6. Juli 1904, das zur Entscheidung von Streitigkeiten zwischen Handlungsgehlllfen und ihren Prinzipalen für Gemeinden mit mehr als 20 000 Einwohnern die Errichtung von Kaufmanns- gerichten anordnet, nunmehr als durchgeführt angesehen werden kann. Von den kaufmännischen Vertretungen selbst haben sich für das Gebiet der Reichshauptstadt und ihrer Umgebung die Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin diese Fest- stellung angelegen sein lassen. Nach ihren Ermittelungen bestehen in dem Korporationsbczirk bereits 12 Kaufmannsgerichte. Sie sind nicht nur in Berlin selbst, sondern auch in Charlottenburg, Schöne- berg, Rixdorf, sowie in vier ländlichen Vororten(Wilmersdorf, Pankow, Lichtenberg, Steglitz) bereits zur Eröffnung gelangt. während für Groß-Lichterfelde. Weißensee und Köpenick die Statuten bereits genehmigt sind und die Eröffnung bevorsteht. Sehr bemerkenS- wert ist, daß ein ländlicher Vorort, der bei der letzten Volkszählung nur 16—17000 Einwohner zählte, Boxhagen-Rummelsburg. sich gleich- wohl freiwillig zur Errichtung eines Kaufmaunsgerichts entichlosscn hat. Nimmt man zu diesen 12 Kaufmanusgerichtcn in der weiteren Umgebung Berlins noch Potsdam und Spandau hinzu(die in der obigen Auf- stellung nicht enthalten sind, weil sie nicht zum Korporatiousbezirk der Kaufmannschaft von Berlin gehören), so ergeben sich für Berlin und weitere Umgebung nicht weniger als 14 �kaufmannsgerichte. Eine fernere zusammenfassende Aufstellung liegt für das König- reich Bayern vor. Im ganzen besitzt Bayern 17 Kaufmannsgerichte. Im Königreich Sachsen sind 14 Kaufmannsgerichte errichtet, im Königreich' Württemberg und im Großherzogtum Baden je 6. Die Beschäftigung von Kindern in Fabriken und Werkstätten scheint in den östlichen Provinzen Preußens weit häufiger zu sein als in den westlichen. So stellt der Bericht des Gewerbeauffichts- beamtcn aus Westpreußen Kinderbeschäftigungen fest„in einer Mühle, einer Zementfabrik, einer Zigarettenfabrik, einer Ofenfabrik, einer Fischräucherei und in einigen Ziegeleien und Holzwerkstätten". In dem Berichte heißt es:„Die Strafhandlungen werden vielfach von Arbeitern, wenn auch wohl meist mit Wissen der Aufsichtspersonen, begangen, die ihre Kinder zur Hülfe- leistung bei Akkordarbeiten heranziehen." Es wird also in- direkt eine Verurteilung der Akkordarbeit ausgesprochen. Zu ihrer Entschuldigung wenden die Unternehmer häufig ein, daß �die Beschäftigung der Kinder keine„ständige" oder„regel- mäßige" sei. Sie tun, als verständen sie es nicht, daß der§ 135 der Gewerbeordnung nicht nur die ständige, sondern jede Beschäftigung von schulpflichtigen Kindern in Fabriken usw. ver- bietet. Auch bei Gerichtsbehörden findet sich nicht immer von vornherein eine zutreffende Auffassung dieser gesetzlichen Be- stimmung. Ganz besondere Schwierigkeiten sollen sich für die Durchführung des Kinderschutzes in den Bezirken an der russischen Grenze er- geben. Der Bericht aus Westpreußen sagt darüber:„Sehr schwer ist es, die Beschäfttgung solcher russisch- polnischer Schulkinder zu hindern, die in Rußland wohnen und täglich über die Grenze zur Arbeit in die nahe gelegenen Fabriken kommen." Oft behaupten nämlich die Unternehmer, die betreffenden Kinder wären über das schulpflichtige Alter hinaus.— Wir meinen, daß solche Unternehmer, die sich nicht genau vergewissern, ob die von ihnen beschäftigten Kinder das schulpflichtige Alter überschritten haben, rücksichtslos mit der höchst zulässigen Strafe belegt werden müßten. Hier wird Nachsicht zur Mitschuld! ßriefhaften der Rcdahtion. H. B. 1. Ni ch t zu empfehlen. 2. Dauer der Reife 12—20 Tage, je. nach Dampfer, Kosten für zwei Perfonen, wenn 2. Kajüte, etwa 1WX> bis 1200 M. 3. Sehr schwer eine Stellung zu finden. 4. Bibliothek, Alcrandrinen- straße 26. 5. Ja. 6. Näheres über die Preise„Norddeutscher Lloyd", In- validenstraße, am Stettiner Bahnhof.— B. P. B. Ja.— 4422. Nein. Anna. Ihre Adresse wäre uns sehr erwünscht. Juristische? Ceil. Tic juristische Sprechstunde findet täglich ml» NuSnahme dtS Sonnabends von?>/, b!S»>/, llhr statt. Geöffnet: abend» 7 llbr. F. Jf. 7. 1. Unsallzufchuß wird, falls solcher zu zahlen ist, von der Krankenkasse gezahlt. Wann er zu zahlen ist, ist S. 355 des in den öffent- lichen Bibliotheken ausliegenden„ArbeiterrechtS" dargelegt. 2. Sie richten Ihren Antrag aus Unsallrente an die Straßenbahn-Berussgenossenschast.— I. R. L. und 3 Brüder. Nachweis, daß Sie sich in Preußen niedergelassen haben lpolizeilicher Anmeldeschein) und Nachweis, daß Sie-Deutscher sind (durch Einreichung des StaatsangehörigkeitS-AusweiseS) ist zur Aufnahme in den preußischen Staatsverband hinreichend. Welche Behörden den Staatsangehörigkeits-AuSweis erteilen, ersehen Sie aus S. 2„nd 3 des dem„Arbeiterrecht* beigefügten Führers. DaS Buch liegt in den öffentliche» Bibliotheken aus.— 20. 2. Geringe körperliche Fehler, die voraus. sichtlich die Dienstsähigleit nicht beeinträchtigen werden.— H. Ei. Nein. P. h. 3. Sie können aus Aushebung des Vertrages und auf Schaden» erfaß klagen, wenn Sie erweisen, daß die Beschaffenheit der Wohnung er- Hebliche Gefährdung der Gesundheit nach sich zieht.— G. F. 00. Nein. — Lateubrender. Siiefeltern und Stiefkinder sind gesetzlich gegeneinander nicht unterhaltspflichtig. Die Unterhaltspflicht beschränkt sich aus die Frau (§ 1360), die Verwandten in gerader Linie(Z 1601} und den außerehelichen Erzeuger. Sie können also gesetzlich zur Enwichwng des Schulgeldes nicht gezwungen werden.— E. 2. 117. 1. Wenn Sie dem Wirt nicht glauben, können Sie aus dem Amtsgericht Erkundigungen einziehen oder die Miete hinterlegen. 2. Der alte Vertrag läuft weiter.— Stoff Ol. 1. Sic sind zur Zahlung verpflichtet. 2. Nein,«ie können aber das Borgerccht(die Schlüsselgewalt) Ihrer Frau ausheben oder beschränken. Beispiele für dahin gerichtete Anträge, die gerichtlich oder notariell beglaubigt sein müssen und dem Amtsgericht Ihres Wohnorts einzureiche» find, finden«Ic Seite 223 Nummer 20 und 21 des dem.Arbeiterrecht' beigefügten fZührer� Das Buch liegt in den öffentlichen Bibliotheken aus. — P. H. 84. Nicht alle Angehörigen, sondern nur die Witwe und eventuell die hinterlasscnen ehelichen Kinder unter 15 Jahren können die Erstattung der Hälfte der Klcbemarlenbeträg« verlangen, wenn für den Ver- storbenen mindestens 200 Marken geklebt waren und den Hinterbliebenen keine Unfallrentc gewährt ist, auch für den Verstorbenen keine Invaliden- oder Altersrente bewilligt war.— P. ltttvv. 1—3. Leider ja. 4. Sie können beim Amtsgericht gegen Ihren Vtann auf Alimente für sich und Ihr Kind klagen. Beantragen Sie vorher(beim Armenkommisstonsvorsteher) Ausstellung einer Bescheinigung zwecks Erwirkung des Armenrcchts.— W. E. Enthält da» von Ihnen leider nicht mitgeteilte Arbeitgeber. verbandsstatut Vorschriften, aus denen sich als Zweck des Bundes die Er- langung günstiger Lohn- oder Tlrbcitsbedingungen, gemeinsame oder verabredungsgcmäße Aussperrung oder Entlassung der Arbeiter ergibt, so steht Ihnen der Austritt jederzeit frei. Die im Statut vereinbarte Konvenlionalstrase ist unklagbar. Bedrohung mit derselben oder Ein- Nagung derselben ist ErprcssungSversuch, der dann strafbar ist, wenn die Strasvcrfolgungsbehördcn annehmen,. der klagende Arbeitgeber habe das Bewußtsein von der Tragweite seiner Handlungen.— 3. 5. i. und 2. Nein.— W. L. 10. Sie sind nicht erbberechtigt.— W. L. 09. Nein. - W. F., Köntgswusterhaiisen. Ein Gesch. das die Polizei zur Zahlung von Zeugeng ebühren vechflichtek, befleht für Preußen nicht, ebensowenig ev» allgemeine gleiche Praxis. Suchen Sic im Beschwerdewege Zeugengebühre» zu erwirken und teilen Sie uns gelegentlich den Endentscheid mit-— M. 3. 10. 1. Sie können eine Anfrage an die Sparkasse als Erbe richten. 2. Sie können Beeidigung verlangen, eventuell klagen.— E. H. SÄ. 1. und 2. Wiederholen Sie Ihre Anfrage unter Ergänzung, welche Art Schuld (Darlehen? Miete? Kausgeld? usw.) Sie im Sluge haben. 3. In der Regel nein. Es ist wiederholt von uns daraus hingewiesen, daß allgemein gestellte Fragen in der Regel nicht, ohne den gesamten Raum des.Vorwärts" in Anspruch zu nehmen, zu beantwopten sind. Legen Sie den Sie betreffenden Sachverhalt unter Hervorhebung, wo und wann Sie geheiratet haben, dar. Flur den Inhalt der Inserate übernimmt die Ncdaktio» dem tpubliliim gegenüber keinerlei Verantwortung. UKeater. Freitag, den 28. Juli. Ansang VI, Uhr: Neues Lperutheatcr. Der Barbier von Sevilla. Ansang 8 Uhr: Zentral. Die Geisha. Tchiller O.(Wallncr- Theater.) Der Posttllon von Lonjumeau. Schiller JS.(Friedrich Wilhelm- städtisches Theater). Hosgunst. Westen. Der Soubrcttenjäger. Lnstspirlhaus. Kyritz-Pyritz. Karl Weist. Lehmanns Abenteuer. Belle-ZlNianee. Ben Mi Beh. Apollo. Ein Abend in einem amerika- Nischen Tingel-Tanacl.— Am Hochzeitsabend.— Spezialitäten. Metropol. Die Herren von Maxim. Berliner Prater-Dheater.Zwischen Himmel und Erde. Ans. 7 Uhr. Stadt. Theater Moabit. Mutter Gräbert. Neichshallen. Gastspiel Lskar 5Xunabäbnel. llrania. Taubeustraste 18119. Die deutsche Nordseeküste. Jnvalidenstraste E>7/0Zt. Sternwarte. Täglich geöffnet von 7 bis tl Uhr. Ansang(Kroll.) VI, Uhr. Der Barbier von Sevilla. Kom. Oper in 4 Akten von Rossini. Sonnabend: Gastspiel Aenny Hindermann: Travlata. Sonntag: Carmen.(Gast.) MelropolTbeater Oer M Erfolg der Saison! Zum 864. Male: ff Große Ausstattungsposse mit Gesang und Ballett in 5 Bildern. Rauchen gestattet. Anf. 8 Uhr. Sturmischee 10 ilhp ununterbrochenes Lachen! lü Ulli Ter Gipfel der Komik! .n/nt Ein Abend in einem Ü�IÜ�amerilr.Iingel-Iangel Vorher 8 Uhr: die grandiosen Juli-3pezialitiite» und Hortoeitsabend pauiTncke. Im gr. schattig. Sommergart.: Konzert. Passage-Theater. Sonnabend, 29. Juli, abends 8 Uhr: Premiere. Neu eingeführt: iNllilitticrteMhk. ] Auffahrt: Unter den Linden 22.' Billetts im Vorverkaus auch bei. IL Wertheim und an der Kasse> dcS Paffagc-Theaters. Carl Weiß-Theater. Gr. Franksurtcrstr. 132. ßehmanns Abenteuer auf dem ruff.-jap. Kriegsschauplast. Ans. 8 Uhr. Morgen dieselbe Vorst. In Vorb.: Er und seine Tochter. Im Sommergarten: gtf Neues Juli-Programm. Ansang S Uhr. Sonnabend: Sommernachtssest. W. Noacks Theater. Direktion: Roh. Dill. Brinmenstr. 16. Benefiz für die Hauskapelle. Nur einmalige Aufführung: Die Bettlerin oder: Die vom Blist erblindete Mutter. Dazu die erstklassigen SpezialitSten. Ansang« Uhr. Entree 3« Ps. Ball. Reichshallen. Gastspiel d. berühmten V.Ir»? mit seiner vorzüglichen Herren- Gesellschaft Jilnf, 8 Uhr. Sonnt. 7 Uhr. DtenSlag, 1. Aug.! Wiederbeginn der Soireen der Stetttner Sänger. Urania Tauben- str. 48/49. Ii! 8 Uhr: Ii. Sternwarte l,,,alidon" Str. 57/62. ) CASTANS ANOPTICUM. Frledrichstr. 165. 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Bökel, Muskäilerstr. 20'{ ES ist Pflicht eines jeden in dieser Branche beschästigten Kollegen, in dieser Versammlung zu erscheinen. 89/12 Don Einborufer. Mitglied des Arbeiter- Solidarität". Sonnabend, den 80. Juli 1905, im Elysiam, Landsberger Alice JO/Jl: Großes Sommer- Fest. Im großen Naturgarten: Konzert sowie Auftreten der berühmten Harburger Sänger. Im neuen Parkettsaale: Großer Sommernachtsball sowie sportliche Aufführungen. llmtrilt 20 Pf. Tanz extra 50 Pf. Konzert-Anfang 5 Uhr, der Vorstellung 7 Uhr. Bei ungünstigem Weiler findet die Vorstellung im Saale statt. Räder werden sicher und kostenlos ausbewahrt. Tic Kasfeeknche ist von 3 Uhr an geöffnet. Um recht zahlreichen Zuspruch bittet 13/20 Uns Festkomitee. TerwaltnngsstcIIc Berlin. Haupt-Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Ami IV, 9679. _ Arbeitsnachweis Zimmer 34. Amt IV, 3353._ Dienstag, den 1. August, abends 8 Uhr, tut grasten Saale von Keller, Koppenstraste Nr. LS: Allgemeine Versammlung der Nohrleger u. Helfer Berlins u. Uing. TageS-Ordnung: 1. Berichterstattung ans der Schlichtungstommission über die Tarif- beratungen. Referent: Karl Vfiesenthal. S. Diskussion. 121/1 Kollegen 1 Da in dieser Versammlung allen Rohrlegern und Helfern Gelegenheit gegeben wird, sich über den neuen Taris auszusprechen, erwartet recht zahlreichen Besuch Hie OrtsversvaUnng. Achtung 1 Achtung! Sonntag, den 30. Juli 1905, findet im Lokal bei A. Ciorgas, Neue Prinz Sllbcrtstr. 70/71, die Feier des II. Stirtungs-Festes statt. Anfang 4 Uhr. Billett 20 Pf. Um 3 Uhr: Ansang der ••• Blumen- Korsofahrt••• durch die S tragen des Ortes mit Musik. Die Vereine versammeln sich in der Etnkchrslelle bei Tempel, Alt-Boxhagen 56, Ecke Neue Bahnhosstrahe. Um dieses Fest würdig zu gestaltcn/bitten wir die Bundesgenossen, sich besonders am Korso pünktlich und zahlreich zu beteiligen. 13/18 I»as Komitee. Sonntag, den 30. Juli:'Vereinstonr. Mittags'/i® Uhr vom Koppenplatz nach Jörsfelde bei Gumlieh, serner mittags 12 Uhr von der Schlesischen Brücke nach Neu-Zittau. t!tg~ Gäste willkommen. ■ Heute keine Fahrxvart- Sitzung.-- Feys Gesellschaftshaus, sfrrXni8i. Empfehle meinen bis 500 Personen fassenden«aal den werten Bereinen zur Abhaltung von Versammlungen und Festlichkeiten. 123b* Ärbeiter-Radfabrcr- Yereio Rixdorf Mitglied dcs Arbeiier-Nad- sahrer-Bimdes Solidarität. Sitzung jeden Dienstag abend 9 Uhr bei H. Thiel, Bcrgstr. 151—152. Gäste herzlich willkommen. 13/9 Am 12. August Mondschcinsahrt nach Neumühle-Niederlchinc. Start abends 8 Uhr im Vereinslokal. 13. August findet unser Sommer- fest bei H. Thiel, Bergstr. 151/152, statt, wozu Freunde und Gönner herzlich willkommen sind. 20. August Kalkberge-Rüdersdors bei Gonnel. Start früh 8 Uhr. 27.'August Familicntour nach Johannisthal bei Krüger. Start mittags 2 Uhr. Am 3. September nach Finken- krug bei Hosmeister. Start früh 10 Uhr. Der Borstand. 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Reinhard Hellmieh S Benin w. 64»ä Kein Imden.— Eingang im Flur rechts— neben Passage. Danksaaung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten VaterZ sage ich allen Verwandten und Be- kannten und dem BcerdigungSverein meinen herzlichsten Dank. 38S2L Die trauernde Witwe Franziska Hiiller. Ehrtlierkliitting. Frau Kowalczyck, Swinemünder- ftragc 82, erkläre ich hiermit für eine chrenhaste Frau. Frau Schneider, 267b Bernauerstr. 42. KautionSfaHige AbUfljllirt für MtlKItlllllirls. Kklll sucht leistungssähige Brotfabrik. Schnellste Verbindung nach Berlin. Höchster Rabatt. Offerten suh 3. P. 7069 befördert Rndolt Rosse, Berlin SW. 20/11* {deine finzeigen. T als IS Buchstaben zählen doppelt. Äi HitaP Verkäufe. 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Frick, Neander- straße 4. 279b Mamsells aus Havelocks verlangt Mücke, Koltbuserdainm 93.+146* raucn zum ZeitungStragcn bei hohem Verdienst verlangt. Meldungen Königswaße 56/571. 20/4* I»«rbeitSinarkt durch desonderen Druck hervorgehoben« »»zeigen kosten 40 Pf. pro Zeile. Rabivpiiher verlangt Hildebrand, Carmen Shlvastratze 5._+68 Arbklterskbrktör gesucht. Für das Arbeitersekretariat sür beide Mecklenburg, Sitz Rostock, dessen Eröffnung am 1. Oktober 1905 statt- suidcn soll, wird ein Sekretär gesucht. Das Anfangsgehalt beträgt 2000 M. Bewerbungen sind mit einer Ab- Handlung über die Bedeutung eines ArbeitcrsekretariatSaiisK.Gchinidt, Rostock. Friü Reuterstr. 7«. bis zum 10. August schriftlich einzureichen. __ 30 Maurer werden sofort verlangt. 6g9K BSilmerSdorf. Berlinerstr. 53. Gewerkschafts-Sekretär-Gefuch. Laut Beschluß der Berliner Gewerffchasts-Kommission soll die Stelle eines weiteren Sekretärs sür den gewerkschastlichen Teil der Kommission besetzt werden. Als Antrittstermin ist der 1. Oktober d. I. in Ausficht genommen. Bewerber müssen Kenntnisse aus dem Gebiete der Sozialpolitik und organi- satorische Fähigkeiten besitzen. Den Bewerbungen ist die Angabe der bis- herigen Tätigkeit und eine Arbeit über die Ausgaben eines GewerkschastS- sekretärS beizufügen. Die Besoldung regelt sich nach den Beschlüssen des Stuttgarter GeWerk- schastS-Kongresses. Bewerbungen sind unter der Ausschrist:.Betrifft Anstellung eines Ber- liner Gewerkschafts-Sekretärs" bis zum 15. August d. I. an den Genossen O§ w. Schumann, Michaelkirchplatz 1, I, zu richten. 300-3 Der. Ausschuß der Berliner Geivcrkschafts-Kolittuissiou il! »"MI MWMUW*• Wir geben gegenwärtig nur die- jenigen gesperrten Firmen be- kannt, die BSerkstättc» im Hanse haben. Damit sind gleichzeitig sämt- liehe Werkstätte» derjenigen HanS- iiidnstriellen gesperrt, die sür diese Fabrikanten arbeiten. Gebr. Brcslaucr, Niederwallstr. 21. W. Engel u. Co., Spiltelmarlt 8/10. Höhr, Kommandantenstr. 58. A. Wals, Poststr. 7. H. Wolf, Burgstr. 29. Jacob n. Bräuttgam, Markgrascnstt.53. V. Manheimer, Lberwallstraße 7. Bär u. Salomon, Hausvogtciplatz 12. D. Lcwin, Hausvogtciplatz 13. Werk- statt: Niederwallstr. 15. Eisncr u. Meist, Kurstr. 15. Iota u. Co., Kurstr. 32. R. Maaßen, Ecke Oranienplatz. Mayer u. Co., Kommandanlenstraße Nr. 76/78. Hermann Engel, Landsbergerstr. 87. Geisler u. Cramer, Grünslr. 16. Wilh. Reinickc, Neue Fricdrichstr. 9/10. Freistadt u. Co., Oranienburgerstr. 2. Goldstcin u. Sohn, Alcr.anderstr. 22. Wagner u. Co., Jnselslr. 11. I. Landsberger, Niederwallstr. 10. Alle Anfragen betreffs deS Streiks sind an unser gemein- samcs Streikburcau, Mendels- sohnstrafte 1), z» richten. 102/17» Der Vorstand des Deutschon Kürschnor-Verbandes (Zahlstelle Berlin). Oer Vorstand des Verbandes der Kürschner Berlins und Umgegend. Achtung! Achtung! Schilflennaler. Laekierer, Vergolder. Buchstaben-Klempner! Der Streik der Schlldcnnaler und verwandten Berufe besteht nach wie vor und ist Arbeit nur durch den Arbeitsnachweis der Schildermaler, Alle Jalobstr. 83 bei L a d e w i g. anzunehmen. 290,3*_ Die Streikleitung. Ondenarderftraffe 37 später billige Kleinwohnungen. 275b«__,,„_____._______ tzgz-Mp, meWf�riBauI BiHtner. Berlin. FüV dev Jnlercttenteü vekavtw.: TS. Mike. Berlin. Druck u. Berlag: Vorwärt« vuchdruSerei u. Berlagsanstalt Paul Singkr Li Cv.. Bslw SSL iininn Jalousie-Arbeiter. Die Kollegen der Firma Bock- staller befinden sich im Streik. Zuzug ist fernzuhalten. Da bei mehreren Firmen noch Differenzen bestehen, bitten wir, sich ans den Bauten zc. die blaue gestempelte-Arbeits- Kontrollkarte zeigen zu lassen, nur diese ist gülttg. AnderSjarbige Karten sind zu ver- Nichten. 83/8* Einsetzer! Der Bau Zimmermann in Rix. dorf, Knesebeckstt-. 64, Ist gesperrt. da sich die Firma Karl und Emil Schneider weigert, den bisher ge- zahlten Taris einzuhalten. Ur. 174. 22. Jahrgang. 2. KW i>cs Jnmiitfs" Ktlintr WMlnll Mag. 28. Infi im Parteigenossen, seht die AahieiMen zur Stadtverordnetenwal)! ein! partei-)Zngelegenkeiten. Zweiter Wahlkreis. Am Dienstag, den 22. August, findet die Generalversammlung des Wahlvereins statt. Anträge zum Partei- tage sind statutengemätz einzureichen. � Der"Vorstand. Berliner]Sfacbricbtm Preußische Vertreter des Hausbesitzes. Die den Grundbesitzervereinen verpflichteten Abgeordneten im Geldsacksparlament haben eigene Mucken. Der„Bund der Grund- besitzer- Vereine" hat an die mit seiner Unterstützung g e- wählten Landtags-Abgeordneten Felisch, Hammer, Gold- schmidt, Kopsch, Rosen o lv und Dr. Zwick ein Schreiben gerichtet, worin er sie mit Rücksicht auf eine vor ihrer Wahl abgegebene Erklärung gebeten hat, sich gegen die Bewilligung weiterer Unterstützungen an Baugenossenschaften zu wenden:c. Nachdem die Herren auf eine solche Fe st legung ihrer Tätigkeit nicht eingegangen sind, schreibt in seinem Jahres- bericht der Bund:„Bei zukünftigen Wahlen wird es angebracht sein, sich über die Stellung der Kandidaten zur Baugenossenschaftsfrage in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise zu vergewissern." Unser Gerechtigkeitsgefühl zwingt uns, die Grundbesitzerbundes- Abgeordneten gegenüber ihren Auftraggeber« in Schutz zu nehmen. Sie haben, wie wir ihnen bestätigen müssen, durch ihre und ihrer Freunde politische und kommunale Tätigkeit mit nicht zu über- treffender, selbstaufopfemdcr Festigkeit die Interessen der Haus- agrarier vertreten. Sie sind sich sicherlich auch ihres vor der Wahl gegebenen Versprechens durchaus hewußt. Ihre Auffassungen über die Boden- und Wohnungsfrage sind die des Hauspaschatums. Der Bund verschone also diese Herren mit„solchen Festlegungen", durch die sie nur vor der autoritätslosen Rotte, die sogar der Meinung ist, daß die Hausbesitzer von Beruf die wirtschaftlich überflüssigsten Elemente der Welt sind, noch mehr kompromitsiert werden. So vertraue der Bund nur ruhig ihren Taten und verzichte auf den Schein._ Zu dem Protest der Gemeinde Tegel gegen die Eingemeindung des Tegeler Sees wird niagistratsoffiziös geschrieben: Bei der in Aussicht genommenen Eingemeindung handelt es sich nicht um die Eingemeindung des Tegeler Sees, sondern im wesent- lichen um die Eingemeindung des Gutsbezirkes Plötzensee und der angrenzenden Teile östlich des Spandauer Schiffahrtskanals bis zum Tegeler See. Dieses Gebiet, das von Charlottenburg, Spandau und Reinickendorf begrenzt ivird, hat in den letzten Jahrzehnten sich nur wenig verändert, weil niemand ein Interesse daran hatte und die Kosten der Erschließung, der Kanalisation, der Straßen- anlagen, des Feuerschutzes, der Straßcnunterhaltung usw. in gar keinem Verhältnis zu den Einnahmen an Steuern zc. stehen würden. Wenn trotzdem die Stadt Berlin einen kleinen Teil der Ufer des Tegeler Sees bei dieser Gelegenheit mit eingemeinden will, so geschieht dies natürlich nicht, um die Nachbargemeinde Tegel zu schädigen. Diese Gemeinde Würde zunächst den allergrößten Vorteil davon haben, wenn Berlin dort zur Ausschließung des von allem Verkehr abgeschlossenen Geländes Geld aufwenden würde. Aber nicht mW Tegel allein, sondern auch die übrigen genannten Vororte haben cm Interesse daran, daß dort Wandel geschaffen und der Verkehr gehoben wird. Auch der Staat hat ein lebhaftes Interesse daran, daß Berlin jenes Terrain eingemeindet, denn nur dieses ist in der Lage, dasselbe in verhältnismäßig kurzer Zeit zu erschließen, zu kanalisieren usw. Wird die Eingemeindung abgelehnt, dann loird die EntWickelung jener Gegend zum Schaden von Tegel in dem- selben Schneckentempo weitergehen, wie bisher. Die Vorteile, die Tegel ans seiner Lage am TegelerSee mit derAnsführung des Großschiffahrts- Weges Berlm— Stettin erwachsen, werden durch Berlin keine Schmälerung erfahren. Das Gegenteil ist der Fall. Berlin hat erst kürzlich einen Anteil an den Baukosten dieses Kanals in Höhe von?>/« Millionen Mark übernommen und außerdem eine Garantie für die Betriebs- und Unterhaltungskosten bis zur Höhe von 655 Tausend Mark jährlich. Berlin hat also, wie der Staat ein lebhaftes Interesse daran, daß die neue Schiffahrtsstraße prosperiert und wird Tegel in dem Bestreben, den Verkehr auf diesem Kanal zu heben, mit allen Mitteln unterstützen. Daß Berlin bemüht ist, den Wasserverkehr zu fördern, beweisen die Pläne für den Bau eines großen Hafens am Stralauer Anger, der etwa 15 Millionen Mark koste« wird und die Vorarbeiten für einen zweiten noch größeren Hafen im Nordwesten von Verlin. Sollte die Gemeindevertretung von Tegel gegen die Eingemeindung von Plötzensee und Saatwinkel Einspruch erheben, dürfte dies nur Kopf- schütteln erregen. Das Ende einer Verlassenen. Einen schrecklichen Fund machte heute morgen die Polizei und die Eigentümerin des Hauses Kur- fürstenstraße 26, als sie die im zweiten Stock des Ouergebäudes belegene Wohnung der llljährigen Aufwärterin Antonie Schmiedeke gewaltsam öffnen ließ. Auf dem Fußboden lag in einem weißen Hochzeitskleide die Leiche der Bewohnerin, die sich vor 14 Tagen mit Lysol vergiftete und schon stark in Verwesung übergegangen war. Fräulein Sch. hatte ein Verhältnis mit einem Straßenbahnschafsirer und erfuhr, daß er eine Braut in Schlesien hat, die er heiraten will. Deswegen nahm sie Gift. Auf dem Tische lagen Abschiedsbriefe an den Bräutigam und eine Freundin. Die letztere wird zur Allein- erbin des Vermögens an Sachen, zwei Sparkassenbüchern über 569,57 M. und 120 M. bar eingesetzt. Die brutale Mißhandlung einer Frau durch einen Ladcninhaber führte vorgestern abend gegen 6 Uhr zu erregten Szenen. Die Frau eines Omnibusschaffners, welche ihrem Manne Abendbrot brachte und, da er auf der Endstation noch nicht eingetroffen war, auf ihn wartete, hatte sich auf den Schaufcnstervorsprung des im Hause In- validcnstraße 23 befindlichen Partiewarengeschäftes von S a n d r o ck hingesetzt. Der Geschäftsinhaber glaubte sich hierdurch geschädigt, lief auf die Straße und versetzte der Frau mit einem stumpfen Gegenstande, wie behauptet wird, einem Gummischlauche, einen der- artigen Hieb auf den Kopf, daß die Getroffene fast besinnungslos zusammenbrach und nach der Unfallstation in der Eichendorffstraße gebracht werden mußte. Diese brutale Tat gegen eine wehrlose Frau verursachte bei den Zuschauern der Szene eine erklärliche Empörung. und etwa 20 Droschkenkutscher der am Bahnhofe haltenden Droschken versuchten den Laden zu stürmen. Vergeblich bemühte sich ein hin- zueilender Schutzmann, die tobenden Männer zurückzuhalten, welche die am Ladeneingang befindlichen Waren herunterrissen, mit Füßen traten und auch zwei weitere Beamte, die auf polizeilichen Anruf von der Wache in der Novalisstraße entsandt waren, vermochten gegen die wütende Menge nichts auszurichten, die sich ständig vor- größerte und immer wieder in den Laden einzudringen versuchte. Das Revier schickte noch mehrere Schutzleute unter Leitung eines Polizeiwachtmeistcrs ab, die nunmehr energisch gegen die Exzedentcn vorgingen und verschiedene Sistierungen vornahmen. Dennoch ge- lang es erst nach nahezu anderthalb Stunden, gegen ViS Uhr abends, die Ruhe wieder herzustellen. Fcuerpolizci und Warenhäuser. Wer feuerpolizeiliche An- ordnungen nicht befolgt, hat nach 8 368 Ziffer 8 Strafgesetzbuches Geld- oder Haftstrafe verwirkt. Derartige Anordnungen müssen aber, nach einer Entscheidung des Kammergerichts, auf Grund all- gemeiner feuerpolizeilicher Vorschriften erlassen sein; andernfalls greift nur das in§ 132 des LandeSverwaltnugsgesetzes vorgesehene Zwangsverfahren Platz, nach welchem die Ortspolizei berechtigt ist, zur Erzwingung von Handlungen Geldstrafen anzudrohen und fest- zusetzen. Auf Grund des gemeinschaftlichen Erlasses der Minister der öffentlichen Arbeiten und des Innern vom 6. Mai 1901 hatte nun die Polizeibehörde gegen den Inhaber eines Warenhauses eine Verfügung erlassen, wegen deren Nichtbefolgnng der letztere aus Z 368 Strafgesetzbuches verurteilt wurde; das Kammer- gericht hat den Verurteilten, nach der„Deutschen Juristenztg." freigesprochen, weil jener Erlaß als eine a I l g e nr e i n e seuerpolizeiliche Anordnung nicht anzusehen sei. Das gehe schon aus dem Schlüsse des Erlasses hervor, Ivo die Erwartung ausgesprochen sei, daß die Inhaber der Warenhäuser sich im eigenen Interesse ent- schließen würden, freiwillig die einzelnen Matzregeln zur Ans- sührung zu bringen; da, wo' dies nicht geschehen werde, solle im Wege der polizeilichen Verfügung vorgegangen werden. Außerdem nehme aber auch die gegen den Verurteilten ergangene Polizei- Verfügung nicht auf jenen Ministerialerlaß Bezug, sondern nur auf ministerielle Bestimmungen für Gebäude überhaupt. Es war danach auf Freisprechung zu erkennen. So notwendig natürlich auch in Warenhäusern die Durchführung zweckmäßiger feuerpolizeilicher Maßnahmen ist, so verwerflich sind die ebenso törichten wie nutzlosen Versuche, durch schikanöse Feuer- Polizeibestimmungen die EntWickelung der Warenhäuser aufzuhalten. Ihren Verletzungen erlegen ist gestern im Krankenhause Am Urban die 42jährige Ehefrau des Farbenfabrikanten A. S ch w a h n aus der Ritterstr. 20, die, wie wir in voriger Nummer berichteten, beim Mischen von Farben schwere Brandwunden erlitten hatte. Mordanschlag in der Jnngfernheidc. Ein schweres Verbrechen ist gestern nachmittag in der Jungfernheide verübt worden. Gegen 5 Uhr spielten auf dem großen Spielplatz eine Schar Kinder, als plötzlich aus dem Gebüsch heraus ein Schuß ertönte. Der zehnjährige Schüler Michael Sommer, Bensselstr. 33, stürzte getroffen zusammen. Er hatte einen Schuß in den Unterleib erhalten. Außerdem hatte den Knaben eine Kugel an der rechten Hand verwundet. Trotz der schweren Verletzungen erhob sich der Kleine bald wieder und begab sich nach der Unfallstation XIX in der Huttenstraße, wo er dann vom Blutverlust erschöpft zusammenbrach. Nachdem ihm in der Unfallstation die erste Hülfe zuteil geworden war, wurde der Ge- troffene mittels Krankenwagens nach dem Krankenhause Moabit ge- bracht, wo ein operativer Eingriff vorgenommen werden mutz. Von dem nichtswürdigen Täter fehlt jede Spur. Eine Absuchung des Gebüsches blieb erfolglos. Mord und Selbstmord. Eine Tragödie, die in ihren Einzelheiten geradezu erschütternd wirkt und die mit unglaublicher Leichtfertigkeit eingefädelt worden ist, hat zwei blühende Menschenleben gefordert. Der eigentliche Urheber und Mörder ist der 23 Jahre alte Buch- Halter Ed. Hermes aus Steglitz und das willenlose Opfer zählte erst 15 Jahre. Es ist die Tochter Lucie der in der Winterfcldlstraße 24 wohnenden Frau Tismer, deren Gatte zurzeit im Jrrenhause weilt. Bereits vier Wochen hindurch wurden die beiden vermißt, gestern mittag wurden die Leichen auf Klein-Machnower Gebiet in einem Kornfeld aufgefunden. Schnitter stießen mit der Mähmaschine an die Leichen. Die Toten waren bereits vollständig in Verwesung über- gegangen, nur an der Kleidung und durch einen hinterlassenen Brief konnten sie rekognosziert werden. Der Buchhalter hat zuerst das junge Mädchen durch einen Schuß in die linke Schläfe getötet und sich dann selbst zwei Schüsse in die rechte Schläfe gejagt. Neben den Leichen lag ein sechsläufiger Revolver sowie ein Füllfederhalter, mit dem sie noch wenige Minuten vor dem Tode den Abschiedsbries geschrieben haben. Die Ursache zu der furchtbaren Tat ist auf eine Geringfügigkeit zurückzuführen. Hermes, dessen Familie mit der- jenigen der Lucie in engem Verkehr stand, hatte vor etwa vier Wochen eine kleine Auseinandersetzung mit Frau Tismer gehabt, in deren Verlauf Frau T. dem jungen Mann für eine kurze Zeit das Haus verbot. Wenige Tage später erhielt Frau T. von dem Buchhalter einen Drohbrief, in dem sich der anscheinend ge- kränkte junge Mann zu rächen versprach. Frau T., die von diesem Augenblicke an um ihre Tochter bangte, ließ sie von nun an kaum noch aus dem Hause heraus. Am 30. vorigen Monats schickte Frau T., welche glaubte, Hermes sei in Steglitz, ihre Tochter nach dem im selben Hause belegenen Kansniännsladen. War es nun Zufall oder nichtswürdige Absicht, kurzum, als das Mädchen aus dem Hause heraustrat kam, gerade der Buchhalter auf sie zu. Er verschwand dann mit der Lucie im Flur des Nebenhauses, wo eS zwischen den beiden zu einem erregten Auftritt kam. Heftig sprach dabei der Buchhalter auf das junge Mädchen ein. Von diesem Augenblicke an war nun die Lucie verschwunden. Hermes begab sich mit ihr nach Steglitz, wo er sich einen Revolver holte, mit dem er dann die unselige Tat beging. Selbstmord eines Schauspielers. Der Schauspieler Ernst Rüdiger vom Berliner Metropoltheater-Ense in ble, das gegenwärtig in Halle a. S. gastiert, verübte gestern Selbst- mord. indem er sich kurz vor Beginn der Abendvorstellung in seinem Logis eine Kugel durch die rechte Schläfe jagte, so daß auf der Stelle der Tod eintrat. Rüdiger, der früher Schauspieldirektor war, hatte infolge ehelicher Zerwürsiiisse die Scheidungsklage gegen seine Frau angestrengt; er hmterläßt sieben Kinder. Selbstmordversuch wegen Arbeitslosigkeit. Ein aufregender Vor- gang spielte sich gestern nachmittag an der Kieler Brücke ab. Ein junger Mann, der den Passanten durch sein aufgeregtes Wesen auf- gefallen war, schwang sich plötzlich über das Brückengeländer hinweg in die Spree hinab und versank in den Fluten. Ein Soldat sprang dem Selbstmordkandidaten nach und es gelang ihm auch, den Lebens- müden zu erfassen und an Land zu bringen. Bewußtlos wurde der Gerettete erst nach dem Garnisonlazarett in der Scharnhorstftraße und von hier nach der Charitv gebracht. Es stellte sich heraus, daß der Lebensmüde der Arbeiter Reinhold Hase, Kirchstr. 1, war. H. ist lange Zeit hindurch arbeitslos und wollte sich auS diesem Grunde daS Lebeii nehmen. Diejenigen bürgerlichen Blätter, die zu glauben vorgeben, daß bei etwas günstigerer Konjunktur Arbeitslose nicht vorhanden sind, die jeden Arbeitslosen als Faullenzer betrachten und beschimpfen. sollten anläßlich eines solchen Falles versuchen, zur Scham zurück- zukehren. Das Ende der Affäre Hasse. Landgerichtsdircktor Hasse, gegen den bekanntlich ein gerichtliches Verfahren eingeleitet worden war, weil er am 29. Dezember 1904 auf den Erpresser Lächel ge- schössen hatte, ist durch Beschluß des Landgerichts Berlin außer Verfolgung gesetzt worden, da er nach Gutachten der ärztlichen Sachverständigen zur Zeit der Tat unzurechnungsfähig war. Diesem Gutachten hat sich auch das Medizinalkollegium mit seinem Obergutachten angeschlossen. Feuer in der Gasanstalt Fichtcstrasie. Gestern nachmittag gegen 2 Uhr lief bei der Feuerwehr die Meldung„Großfcuer" von der Gasanstalt in der Fichtestraße aus ein. Sofort rückte ein Dutzend Löschzüge nach dorthin aus. Es stellte sich aber heraus, daß die Veranlassung zur Alarmierring weniger gefährlich war. Auf dem Dache eines großen Gasbehälters werden augenblicklich Reparatur- arbeiten von Zimmerleuten und Klempnern ausgeführt. Bei dieser Gelegenheit war nun ein Kohleutopf umgeworfen worden, der dann einen Balken in Brand gesetzt hatte. Die Gefahr konnte mit dem kleinen Löschapparat in wenigen Minuten beseitigt werden. Trotzdem wurde eine sorgfältige Untersuchung vorgenommen, um fest- zustellen, ob irgend noch eine Gefahr vorläge, was jedoch nicht der Fall war. Grimdstückserwcrb der Stadt Berlin. Der Magistrat hat das Grundstück Prinzen-Allee 9, woselbst sich die Weinholzsche höhere Töchterschule befindet, erworben. Das Grundstück soll mit dem Nr. 8. welches der Stadt gehört, bereinigt werden und zu Schul- zwecken reserviert bleiben. Nachdem die Stadt Berlin Besitzerin des obengenannten Gebäudes geworden ist, ist sie wohl eher in der Lage, den längst erhobenen Klagen über geradezu gesundheitsgcfährliche Einrichtungen der höheren Töchterschule abzuhelfen. Eigenartige Strns-enbahnbrücken mutzten anläßlich der Pflaste- rungsarbeiten am Kurfürstendamm und am Knie in Charlottcnburg hergestellt werden, um eine Vcrkehrsunterbrcchung einer größeren Anzahl Straßenbahnlinien zu verhindern. Nach Einlegung der neuen Straßenbahnfchicnen und Herstellung der Zement-Betonschichten mußten die Notgleise an den erwähnten Stellen entfernt werden» während die neuen Schienen noch nicht befahrbar sind. Um den Verkehr dennoch aufrecht erhalten zu können, hat die Charlotten- burgcr Straßenbahngescllschaft über die Kreuzungsstellen hinweg Schwebebrücken anlegen lassen, indem sie in Abständen zu je einem Meter Pflasterkopfsteine auf das Zemcntlager legen ließ, auf denen die Notgleise verankert sind. Mißglückter Selbstmordversuch. Der 35 Jahre alte Kutscher Emst Grolmann, Landsberger Allee 50, erhängte sich gestern im Klosett seiner Wohnung. Er war bereits schon erstarrt, als die Tür auf- gerissen wurde. Obwohl der Selbstnrordkandidat kein Lebenszeichen nrehr von sich gab, lvurde sofort der nahe belegene Verband für erste Hülfe alarmiert, und diesem gelang es nach fast einstündigem Be- mühen, durch künstliche Atmung den Kutscher lvieder ins Leben zurück- zurufen. G. lvurde hierauf nach dem Krankenhause am Friedrichs- Hain gebracht. Tie sorgfältige Ucberwachung der Telegraphen- und Fernsprech- leitnngen in der Umgebung Berlins hat zur Verhaftung eines zweiten Drahtdiebes geführt. In der vorgestrigen Nacht beobachtete ein Wächter bei Plötzcnsce zwei Männer, welche im Begriff waren, eine Tele- graphenstange zu ersteigen. Es gelang dem Beamten, den einen der Burschen, den Malergehülfen Willi Roock, festzunehmen, während sein Komplice entkam. Der Verhaftete wurde nach dem UntersuchungS- gefängnis Moabit gebracht, in welchem sich nunmehr drei Drahtdiebe befinden. Ein Schrecken der Reisenden, der Kofferdieb, der auf den Berliner Bahnhöfen unbeaufsichtigte Gepäckstücke stahl, wurde gestem morgen auf dem Schlesischen Bahnhofe unschädlich gemacht. Ein Mann hatte seinen Koffer im Wartesaal verlassen, um eine Erfrischung zu sich zu nehmen, als der 19 Jahre alte„Arbeiter" Gustav Schober, der auf diesen Augenblick gewartet zu haben schien, dainit ahging. Als Schober sah, daß er verfolgt wurde, warf er den Koffer fort und wollte entfliehen, lvurde aber von Krinlinalbeamten und dem Publikum ergriffen. Er hat zahlreiche ähnliche Diebstähle ein- geräumt. In einem Falle hatte er sich einem armen durchreisenden Mädchen als Mitreisender vorgestellt, dadurch die Aufsicht über das Gepäck erlangt und dies dann gestohlen. Es enthielt die ganze Barschaft des Mädchens in Höhe von 42 M. Das Mädchen war völlig mittellos geworden und mußte nun von Polizei wegen in die Heimat zurückbefördert werden. Einen Haftbefehl gegen den Grafen Pückler hat die Straf- kammer in Glogau erlassen, vor der er sich gestern wegen Beleidigung und Bedrohung zu verantworten hatte. Der durch die Berlmer Ulkversammlungen arg strapazierte Mann zog es aber vor, nicht zu erscheinen. Die Wirkung dcS neuen Totalisator-Gescßcs. Die„Sportbörse" in der Friedrichstr. 174 erhielt gestern nachmittag den unerwarteten Besuch eines größeren Polizei-Aufgebotes. Die Beamten sahen sich liehevoll in dem Wettbureau um, beschlagnahmten sämtliche Bücher, das vorgefundene Geld und schlössen das„Börscnlokal". Es handelt sich wohl um eine Uebertretung des Totalisator-Gesetzes durch An- nähme von Wetten für das Ausland. Durch eine Gemeinheit in den Tod getrieben wurde die 33 Jahre alte Kutscherfrau Ida H o r l i tz aus der Friedenstr. 97, die mit ihrem Ehemann in einer zehnjährigen Ehe lebte und einen neun Jahre alten Sohn besitzt. Aus Rache oder aus einem anderen un- lauteren Grunde wurde Frau H. in einen: vorgestern eingetroffenen Schreiben der ehelichen Untreue beschuldigt. Das wirkte fo auf sie ein, daß sie ihrem Leben ein Ende machte. Als der Mann am Mittwoch abend den von einer Reise zurückkehrenden Sohn vom Bahnhos abholte, schloß sie den Schieber der angeheizten Kochmaschine und legte sich auf ein in der Küche stehendes Sofa. Bei der Rückkehr mußte der Ehemann die Tür mit einem Beil ein- schlagen, weil ihm nicht geöffnet wurde. Die Frau lag tot da, und alle Bemühungen, sie in das Leben zurückzurufen, blieben erfolglos. In dem Hause wird sowohl der Frau H. als auch dem Mann das beste Zeugnis ausgestellt. Feuerbericht. Donnerstag früh gegen 6 Uhr kam in der Urban- siraße 64 in der im Erdgeschoß des ersten Quergebäudes belegenen Tischlerei für Buchdruckutensilien von Ernst Riese u. Ko. angeblich durch Kurzschluß in der elektrischen Leitung ein Brand aus, der Hölzer, Späne usw. ergriff und einen größeren Umfang anzunehmen drohte. Tank dem schnellen Eingreifen der Wehr gelang es aber, die Flammen innerhalb einer halben Stunde zu ersticken.— In der Reinickendorferstraße 65 mußte dann in einer Bäckerei ein Feuer abgelöscht werden.— Zwei Wohnungsbrände wurden aus der Emde- nerstratze 31 und aus der Langeftraße 2 gemeldet. Möbel, Wäsche- und Kleidungsstücke wurden im wesentlichen beschädigt. Im letzten Falle war das Feuer von einem Kinde mutwillig angelegt.— Kurz nach Mitternacht erfolgte Alarm nach der Mainzerstraße 22/23 zu Friedrichsberg, wo im zweiten Stock des Fabrikgebäudes in der Lackiererei der Motorfahrzcugfabrik„Cyklon" m. b. H. ein größeres Feuer entstanden war. Der 7. Löschzug rückte sofort nach der ent- fernten Brandstelle aus und unterstützte die Ortsfeuerwehr in den Ablöschungsarbeiten. Die Lackiererei brannte total aus.— Außerdem liefen in den letzten 24 Stunden noch aus der Friedenstraße 97 und aus der Lindenstraße 77 Feuermeldungen ein, die indes auf „blinden Lärm" zurückzuführen waren. Theater. Das Schiller-Theatcr wird in der nächsten Spielzeit Tolstois„Macht der Finsternis" zur Darstellung bringen und zwar in einer neuen llcbcrfetzung seines Direktors Raphael Löwenfeld.— Neues kgl. Opern- Theater(Kroll). Heute geht Rossinis„Barbier von Sevilla" abermals in Szene. Am Sonnabend Wird Frau A e n n y Hindermann zum ersten Male die Violctta in„La T r a V i a t a" singen. Die Künstlerin gehört seit dem Jahre 1901 dem Verbände des Hamburger Stadt- Theaters an._ Vorort- J�aebriebten. Nixdorf. Die Sammelliste Nr. 2093 für die Opfer des russischen Freiheit.?« kampfes ist verloren gegangen. Die Genossen werden ersucht, die- selbe anzuhalten und an d.e Adresse des Genossen Stieler, Rixdorf, Prinz Handjerhstr. 44/45, gelangen zu lassen. Charlottenburg. Am Dienstag fand die Generalversammlung des Wahl Vereins statt. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende, Genosse Schmidt, des kürzlich verstorbenen Ge- nossen Schrobsdorff, zu dessen Andenken sich die Anwesenden von den Plätzen erhoben. Dann erstattete Genosse Schmidt den VorstandSbericht. wobei er auf die im Herbst stattfindenden Stadt. verordnctenwahlen und die dazu notigen Vorbereitungen hinwies. Die Wählerlisten werden vom 15. bis 30. August ausliegen, können jedoch schon vom 1. August an auf dem Statistischen Amt. in der Berliner Straße neben dem Rathaus, eingesehen werden. Es folgte der Kassenbericht vom vergangenen Quartal, den der Kasuerer Müller gab. Die Einnahmen betrugen einschließlich eines Bestandes von 364,37 M. vom vorigen Quartal 2 221,84 M., d'e Ausgaben betrugen einschließlich der an den Zcntralvorstand statutengemäß abgeführten Summe von 1481,22 M1.(%bcr(£tnncchmc) 1856,44 M.. so daß ein Bestand von 365,40 M. verbleibt. Es wurde dann die Aufnahme von 40 neuen Mitgliedern voll- zogen; weiter wurden die vom i. und 6. Bezirk neu gewählten Be- zirksführer, Genosse Dictz an Stelle des überlasteten Genossen S p ö r e r. Genosse M e ck l e n b u r g an Stelle des durch Krankheit verhinderten Genossen Kleeberg, von der Versammlung be- stätigt. Der Vorstand beantragte den A u L s ch l u ß von 5 Mitgliedern: S e i f f e r t, weil er sich an der Spalierbildung bei der Jubelfeier beteiligt hatte, A n g r e e S und M i s ch u r. iveil sie Streikbruch be- gangen, T i e r b a ch und Jülich wegen Bruchs einer Sperre, die wegen Maßregelung aus Anlaß der Maifeier verhängt war. Dem Ausschluß dieser Mitglieder wurde ohne Debatte zugestimmt. Nunmehr folgte das Referat des Genossen G r u n w a l d zum Organisations» Entwurf der Partei. Der Referent beschränkte sich darauf, in einem zweistündigen Vortrage eine ein- gehende geschichtliche Darstellung der Qrganisation der Partei zu geben, die zum Verständnis der Organisation notwendig sei. Nach dem Referat nahm Genosse Dr. B o r ch a r d t das Wort, um die vom Vorstand beantragten Aenderungen am Organisations- Entwurf zu begründen. Sie entsprechen den Wünschen der Genossen, w,e sie bei der Beratung des Entwurfs in den verschiedenen Be- zirken zutage getreten sind. Allseitig wurde gewünscht, stärker z» be- tonen, daß die Parteizugehörigkeit an die Organisationszugehörigkeit gebunden sei; deshalb wird beantragt, in 8 7 die Worte zu streichen: „sofern ihn nicht zwingende Gründe hindern." Weiter wurde von mehreren Bezirken beantragt, den Wahl- vereinen das Recht der Ausschließung aus ihrer Mitte zu belassen; die vom Vorstand beantragte Aenderung des Z 3 trägt diesem Wunsche Rechnung, will aber dem Ausgeschlossenen das Recht der Be- rufung an ein vom Parteivorstand zu berufendes Schiedsgericht lassen Abweichend von dem bisherigen Gebrauch soll die Entscheidung des Schiedsgericht endgültig sei. Der Vorstand ist der Meinung. daß die mündliche Verhandlung vor dem Schiedsgericht eine weit hicdsgericht ß die münd �.____ PH...... bessere Garantie für ein objektives Urteil ist, als ein weiteres Ver- fahren vor der Kontrollkommission und einer Parteitagskommission. die in mittelalterlicher Weise auf Grund von Akten, ohne mündliche Verhandlung, ihr Urteil abgeben. Gewiß ist der Parteitag die höchste Instanz der Partei, und wenn taktische Differenzen oder gar Differenzen in den Grundsätzen zwischen den Parteigenossen auf. treten und sich so sehr zuspitzen, daß ein Zusammenarbeiten gefährdet oder gar unmöglich erscheint, so wird zweifellos stets der Parteitag das entscheidende Wort in letzter Instanz haben und haben müssen; ganz etwas anderes sind aber richterliche Funktionen bei Betätigung ehrloser Gesinnung. Hier kommt eS. falls ein Ausgeschlossener Ein. spruch erhebt, auf die Feststellung von Tatsachen an. die der Urteils- findung zugrunde liegen sollen. Eine solche Tätigkeit liegt außer. halb des Bereiches der Tätigkeit der Kontrollkommission und des Parteitages, die eben zur Ausübung richterlicher Funktionen nicht geeignet sind. Für Personen, die einem sozialdemokratischen Verein nicht ange- hören können, z. B. Frauen in Preußen, mutz das Schiedsgericht auch die erste Instanz bilden; hier würde jede weitere Instanz fortfallen. was um so unbedenklicher ist, als von solchen Personen die Partei mit AuSschlußanträgen bisher nicht behelligt wurde. In Z 11 beantragt der Vorstand eine Fassung, die deutlich zum Ausdruck bringt, daß da, wo Partci-Organisationcn existieren, die Mitglieder der Äorstände ohne weiteres die Vcrtrauenspcrsonen der Partei sind. In 8 14 wird ein Zusatz beantragt, der den Orten, in denen Frauen den Partci-Organisationen angehören dürfen, das Recht wahrt, hiervon Gebrauch zu machen und von besonderen weiblichen Vertraueuspersonen, natürlich auch von dem Sonderrecht der Frauen zur Beschickung dcS Parteitages abzusehen. § 15, der die Teilnahme am Parteitag regelt, soll im Absatz 1 eine Fassung erhalten, durch welche eine proportionale Vertretung nach der Zahl der organisierten Genossen gewährleistet wird. Im Absatz 2 wünschte eine erhebliche Minderheit im Vorstand eine Beschränkung der ReichStags-Fraktion auf ein Drittel chrer Mitglieder. Zur Begründung wurde neben der Rücksicht auf die Kosten angeführt, es müsse ein Ueberwuchern des Einflusses der Fraktion verhindert werden. Die Mehrheit des Vorstandes war dagegen der Meinung, daß zahlenmäßig der Einfluß der Fraktion nach der ganzen Zusammensetzung des Parteitages niemals ein über- ragender sein kann; macht er sich trotzdem in hervorragender Weise bemerkbar, so deshalb, weil die Parteigenossen mit dem Mandat eines Abgeordneten nach Möglichkeit hervorragende Persönlichkeilen betrauen, deren Einfluß eben auf ihren persönlichen Eigenschaften beruht und der Partei nicht zum Schaden- gereichen kann. Die Kostenfrage sah die Mehrheit des Vorstandes zwar als diskutierbar, aber nicht als ausschlaggebend an. Schließlich beantragt der Vorstand noch, dem§ 20, welcher von außerordentlichen Parteitagen handelt, eine der Logik mehr ent- sprechende Fassung zu geben: Im ersten Satz soll das Wort„kann" in„muß" geändert werden� und dann soll der Satz, der die Berufung vom Parteivorstand an dw Reichstagsfraktion statuiert(festsetzt), gestrichen werden. Außerdem soll die Beantragung außerordentlicher Parteitage erschwert werden; deshalb soll im Absatz 2 und 3 statt der Mehrheit der RcichstagsfraUion und 15 Wahlkreis« gesagt werden: auf Antrag von der Reichstagsfraktion und von min- destens 25 Wahlkreisen. Sämtliche Anträge des Vorstandes wurden ohne weitere Dis- kusston gegen einige veenizelte Stimmen, zu 8 15 Absatz 1 gegen 12 Stimmen angenommen. Zu 8 1� Absatz 2 beantragte Genosse Con ra d h. die Reich». tagSfraktion auf dem Parteitag« auf eine Delegation bis auf M ihrer Mitglieder zu beschränken, und begründete dies kurz mit einem Hin- weis auf die Kosten. Der Antrag wurde mit erheblicher Mehrheit gegen 21 Stimmen abgelehnt. Unter Verschiedenem wies Genosse B ol� auf die Lohnbewegung der Friseure hin, die zu unterstützen eine Pflicht der Partei- genossen sei. Mehrere Genossen tadelten, daß die Friseure nicht cinwal wagten, die Geschäfte, welche ihre Forderungen bewilligt hätten. zu veröffentlichen. Genosse Bolz erkannte die Vorwürfe als berechtigt an, wies jedoch auf die besonderen Schwierigkeiten hin, mit denen in seinem Gewerbe zu kämpfen sei, und erinnerte nochmals an die Kontröll- marke der Gchülfcn. Um 12 Uhr wurde die Versammlung geschlossen. Lichtenberg. Die Eisenbahndirektion hat sich mit der Gemeinde Lichtenberg, welche ein eigenes Elektrizitätswerk errichtet, in Verbindung gesetzt. um von ihr elektrisch« K r a f t> s u r die B ah n h ö f e Frank- furtcr Allee, Zentral-Viehhof und Wcißensce zu erhalten. Di« Gc> incindc hat sich im Prinzip bereit orilärt, den eleltrischen Strom nach den Bahnhöfen zu leiten. Ueber Jbie Bedingungen schweben Verhandlungen. Tchöneberg. Der Personalbedarf für das neue Krankenhaus gelangt vom Magistrat zur Ausschreibung. Außer acht Aerzten und zwei Apothekern werden 102 Personen benötigt, darunter 33 Schwestern, 7 Wärter. 32 Arbeiter und Arbeiterinnen sowie 16 HauSmädchen. Köpenick. Achsenbrand tri einem Fernzuge. Auf der Schlesischen Bahn hat gestern morgen infolge Achsenbrandes bei einem Wagen I. und II. Klasse des Fernzuges Breslau— Berlin, der um 9U Uhr auf dem Schlesischen Bahnhof eintreffen sollte, eine Verkehrsstörung statt- gefunden. Zwischen Hirschgarten und Köpenick schlugen unter dem Waggon plötzlich helle Flammen empor; die Achsen waren in Brand geraten. Das Feuer wurde bald gelöscht und auf der Station Köpenick muhte der verunglückte Wagen ausrangiert werden. Die Passagiere mußten umsteigen. Weistensee. Ter Amtsvorsteher von Weistensee, Feldtmann, ist am Mittwoch gestorben. Feldtmann bekleidete seit 1877 diesen Posten, war auch lange Jahre hindurch Gemeindevorsteher dieses Ortes. Grünau. Der Techniker Dransfeld ans Charlottenburg hörte am Mittwoch, als er mit einem Ruderboot die Spree zwischen Grünau und Hirsch- garten hinauffuhr, laute Hüiferufe und konnte noch beobachten, wie ein menschlicher Körper im Wasser versank. Schnell entschlossen machte er sich ans RettunaSwerk, das ihm auch unter schwerer Mühe gelang. Unter guhiilfenahme all seiner Kräfte brachte der kühne Lebensretter den Untergegangenen ans Ufer. Hier brach er kraftlos neben dem erstarrten Geretteten zusammen. Erst nach längeren Be- mühungen gelang es, den Verunglückten wieder ins Leben zurückzn- rufen. Es war ein Arbeiter Anton, der in der neuen Köpenicker Kläranlage beschäftigt ist und beim Baden, des Schwimmen» un- kundig, in einen Strudel geraten war. Adlershof. Ein schrecklicher UngllickSfall hat sich Mittwochnachmittag in der inkfabrik von Wolf, Nette u. Jacobi in AdlcrShof ziigewagen. Der rbeiter Urbanick war mit dem linken Arm in eme Wellblcchmasihine geraten»md zwar so unglücklick?, daß ihm der Unterarm buchstäb« lich abgerissen lonrde. Der Oberarm wurde entzweigebrochen. Unter entsetzlichen Qualen wurde der Verunglückte nach dem Kreis- krankenhause in Britz gebracht. Teltow. Mit Lysol zu vergiften versuchte sich die Arbeiterfrau Pude auS der RuhlSdorferstraße. Bei der Ausführung der Tat wurde die ran von ihrer Schwester überrascht, die sofort cinen Arzt herbeirief. )ie Frau liegt unter heftigen Schmerzen schtver danieder. Eheliche Zwistigleiten sollen der Grund zur Tat sein. Gerichts-Leitung. Ein Unternehmer-Detektw. Vor der 2. Ferienstrafkammer spielte sich gestern ein äußerst interessanter Strcikprozeß ab, in welchem eine ganz neue Spezies von Unternchmerpraktikcn, die eine Streikposten-Denunziation be- zwecken, beleuchtet wurde. Angeklagt war der Gürtler M. wegen Beleidigung und Nötigung eines Arbeitswilligen in Ver- bindung mit 8 153 der Gewerbeordnung. Der Angeklagte hatte anläßlich des letzten großen Gürtler- und Drückerstreiks vor der Metallwarenfabrik der Firma Spinn u. Sohn Streikposten ge- standen und sollte sich dort gegen einen Arbeitswilligen vergangen haben. Zum Beweise dafür, daß es sich bei der Firma überhaupt nicht um cinen Streik, sondern um eine Aussperrung handelte, der 8 153 also gar nicht in Anwendung kommen könne, hatte der Angeklagte den Direktor Hirsch von der Firma Spinn u. Sohn als Zeugen laden lassen.'Dieser Zeuge mußte nun allerdings zu- geben, daß die Arbeiter der Fabrik seinerzeit auf Beschluß der Unternehmerorganisation ausgesperrt worden waren. Dafür aber machte er unaufgefordert folgende ebenso interessante wie aufsehen- erregende Aussage: Er habe gemerkt, daß Arbeitswillige von den Streikposten angesprochen und zur Nichtannahme von Arbeit be- wogen worden seien. Darin liege offenbar eine Belästigung der Arbeitswilligen. Auch sei ihm gesagt worden, daß Arbeitswillige von den Streikposten mißhandelt würden. Im Hinblick hierauf habe er den Trieb in sich gefühlt, die Arbeitswilligen zu schützen. Zu diesem Zweck habe er alle Arbeitswillige, die sich bei der Firma meldeten, in sein Bureau kommen lassen und sie darüber eingehend ausgefragt, ob und in welcher Art sie von den Streikposten belästigt worden seien. Dieses Verhör sei dann gleichzeitig von einem Stenographen aufgenommen worden, der im selben Zimmer hinter einer spanischen Wand gesessen habe, so daß ihn die examinierten Arbeitswilligen nicht sehen konnten. Nach diesem Verhör sei die stenographisch fixierte Aussage der Arbeitswilligen dann ohne Wissen derselben von ihm der Polizei übermittelt worden, die auch auf Grund dessen in einer Reihe von Fällen die Strafverfolgung der betreffenden Streikposten veranlaßt habe. Anscheinend hatte der Direktor Hirsch gar kein Empfinden für das Unnoble und Unwürdige der von ihm bekundeten Hand- lungsweise. Er machte seine Aussage mit der Miene und der'Pose eines Mannes, der da glaubt, ein ganz besonder« gutes und ehren- volles Werk getan zu haben. Vielleicht ist er aber durch die kritischen Bemerkungen im Plaidoyer des Rechtsanwalts Roth, der den Angeklagten verteidigte, zur besseren Einsicht gekommen. Das Urteil lautete kurzerhand auf Freisprechung, weil die Anklage aus 8 153 ohne weiteres ausschied, das Gericht es ferner aber auch n i ch t als erwiesen erachtete, daß sich der Angeklagte gegen die Arbeitswilligen vergangen habe._ Ein Tinnpferunfall auf dem Tegelerfee» dem ein blühendes Menschenleben zum Opfer fiel, beschäftigte gestern die 6. Strafkammer de» Landgerichts II. Wegen fahrlässiger Tötupg, unter Außerachtlassung seiner Berufspflichten, war der Schiffseigner Karl Friesecke auS Neu-Ruppin angeklagt.— Am Sonntag, den 10. Juli v. I., ereignete sich auf der Oberhavel in der Nähe von Konradshöh« ein bedauerlicher Unfall. Der Fabrikant Scholz aus Berlin hatte in Begleitung deS Porträtmalers Günther Nagel eine Scgclpartie auf dem Tegelerfee unternommen. Sein Boot„Wild- ente" erlitt eine Havarie, die Herrn Scholz zwang, sich von dem Segelboot„Scnta", welches einem Diplomingenieur Krcling ge- hörte, ins Schlepptau nehmen zu lassen. Als die beiden Segelboote in langsamer Fahrt stromabwärts kamen, bemerkten die Insassen deS geschleppten Bootes einen Dampfer, der in schnellstem Tempq wie man an den hohen Bugwellen erkennen konnte, von Spandau her auf sie zufuhr. Da der Dampfer seinen Kurs direkt auf die Boote zuhielt und diese bei dem schwachen Wind nicht mehr recht- zeitig ausweichen konnten, machte der Führer des schleppenden Segel- bootes eine Wendung, die der Steuermann des Dampfers wohl nicht rechtzeitig bemerkte. Während die Insassen des Segelbootes glaubten, der Dampfer würde nunmehr nach der freien Fahrstraße nach links auSbicgen, sahen sie zu ihrem Entsetzen, daß der Dampfer nun ebenfalls nach rechts fuhr. Die Folge tvar ein heftiger Zu- samiucnstoß des in voller Fahrt befindlichen Dampfers mit dem geschleppten Segelboot, welches von dem hinteren Teil der Steuer- bordseite getroffen und direkt durchschnitten wurde. Der deS SchwimmenS kundige Herr Nagel sprang sofort über Bord, während der Fabrikant Scholz, der Nichtschwimmer war, unter den Fluten verschwand, ehe Hülfe herbeigeeilt war. Seine Leiche konnte erst nach vieler Mühe geborgen werden.— Gegen den Führer deS Dampfers, den jetzigen Angeklagten Fricsccke wurde Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben. Vor Gericht bestritt Friesccke jede is,.,.. y.i t------ und habe Wenn daS Fahrlässigkeit: er sei seit langen Jahren Schiffsführcr und habe nur den bestehenden Bestimmungen gemäß gehandelt. Segelboot seinen Kurs beibehalten und nicht die Wendung nach rechts vollführt hätte, so wäre es auch glatt aus der Fahrtrichtung seines Dampfers gekommen. Durch die Rechtswendung des Bootes sei er in den Glauben versetzt worden, es wolle wieder stromauf- wärts fahren. Er selbst habe deshalb ebenfalls rechts gehalten, um an den Segelbooten vorbeizukommen. Auf Antrag des Rechts- anwaltS B a l l h o r n war der Sachverständige für Schiffahrt»- angelcgenheitcn, Direktor W c r n i ck e, geladen worden, der be- kündete, daß er nach feiner langjährigen Erfahrung den ganzen Unfall nur als eine Verkettung unglücklicher Umstände bezeichnen könne. Der Staatsanwalt beantragte deshalb selbst die Frei- sprechung, auf welche der Gerichtshof auch erkannte. Ein ehemaliger Chinakricger stand gestern in der Person des Fleischerge selten MaxSchmidthaber vor der siebenten Fericnstrafkammcr des Landgerichts l. Ter Angeklagte, der sich wegen einer ganzen Reihe von ihm im Jahre 1003 begangener Straftaten, wie Bedrohung, Sachbeschädigung, Körperverletzung und Diebstahls zu verantworten hatte, wurde aus der städtischen Irren- anstalt in Dalldorf vorgeführt. Wie der als Sachverständiger ge- ladcne Anstaltsarzt Dr. Junius vor Gericht zum Vortrag brachte, waltet ein tragisches Geschick über dem Angeklagten. Schmidthabcr ist ein Epileptiker, verbunden mit Geistesstörung und erblicher Be- lastung. Trotzdem ist er ein sehr intelligenter und befähigter Mensch, der eine gute Schulbildung genossen hat und mit seinen guten Kenntnissen in seinem Fache vorzügliches geleistet hat, auch hat er eine tadellose Militärdienstzcit hinter sich. Später machte er die Chinacxpedition mit und zwar zu seinem Verderben. Nach dem Gutachten des Sachverständigen haben die Aufregungen des Feldzuges und das tropische Klima den Gesundheitszustand des An- geklagten überaus ungünstig beeinflußt. Die in ihm schlummernden Keime der Geisteskrankheit wurden geweckt und lenkten unerkannt seine Handlungen. Der bisher musterhafte Soldat wandelte sich in China plötzlich in da« Gegenteil um. Er ließ sich als Soldat Handlungen zuschulden kommen, die ihm eine mehrmonatliche Ge- fängnisstrafe einbrachten. In den Zivilstand zurückversetzt, nahm er seine Berufstätigkeit wieder auf. ließ sich aber in dieser bald ver- schieden« Straftaten zuschulden kommen, wegen denen er zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Seine hiergegen eingelegte Revision wurde vom Reichsgericht verworfen. Nachdem wurden mehrere Anklagen erhoben wegen neuer von ihm begangener Exzess«- Inzwischen war Schmidthabcr glücklicherweise in die Irrenanstalt Dalldorf überführt worden, wo man seine Geistes- krankhcit erkannte. Auf Grund der ärztlichen Gutachten leitete die Staatsanwallschaft zugunsten des Angeklagten ein Wiederaufnahme- verfahren bezüglich der bereits erkannten Strafe von 6 Monaten Gefängnis ein. Sowohl über diese Strafe, wie auch über die neue Anklage sollte nunmehr gestern vor der Strafkammer verhandelt werden. Der Staatsanwalt beantragte auf Grund des§ 51 St. G. B. die E i n st e l l u n g des Verfahrens. Der Ge- richtshof beschloß demgemäß. Vermifcktes. Ein schweres Unglück ereignete sich gestern auf dem Frankfurter Hauptbahnhof. Dort brach ein 35 Meter hohes Gerüst zusammen, die darauf beschäftigten Arbeiter mit sich reißend. Zwei Mann waren sofort tot. ein dritter verstarb auf dem Transport nach dem Krankenhaus«, während vier andere leichter verletzt wurden. Wem das Verschulden an diesem tinglück beizumessen ist, wird hoffentlich durch eine genaue Untersuchung festgestellt werden können. Zum Altenbcker Eisenbahnunglück. DaS Bestreben, auk den Eisenbahnen einen möglichst hohen Ueberschuß herauszuwirtschaften, scheint zur Vernachlässigung selbst der notwendigsten Verbcsserungen geführt zu haben. Vom„Holzmindener Krcisblatt" wird behauptet, daß der Altcnbekener Eiseubahntunnel längst baufällig war. ES schreibt:„Jedenfalls ist jetzt eingetroffen, was längst befürchtet wurde. Wer den Zustand dcS Tunnels kannte und wer eS wußte, welchen Kampf die Technik feit langen Jahren mit der latenten Gefahr feines teilweiscn Einsturzes führte, wer gesehen hat, wie das Wasser aus allen Fugen der Tunnelwandung hindurchsickerte und nach ewigen Naturgesetzen sein geheimes Zerstörungswerk un- ablässig ausübte, der war jedesmal froh, wenn er auf einer Reise den Altcnbekener Tunnel hinter sich hatte." Auch wird erzählt, daß unter den Bewohnern der umliegenden Landesteile seit langem eine gewisse Scheu vor dem Altenbckener Tunnel bestand, so daß viele lieber einen weiten Umweg machten, nls daß sie die Durch» fahrt durch das unheimliche Loch wagten. Unter diesen Umständen kann man nur schwer begreifen, weshalb die Eisenbahnverwaltung nicht längst diejenigen durchgreifenden Maßregeln traf, die sie jetzt unter erschwerenden Umständen doch vornehmen müß. Minister v. Budde hat gestern früh die Unglücksstelle besichtigt und heute hat unter seinem Vorsitz in Kassel eine Konferenz stattgefunden. Man darf wohl annehmen, daß der Minister eine strenge Prüfung der Schuldfrage nicht unterlassen wird. Drei Perssnen infolge des Genusses giftiger Pilze gestorben. In dem Chemnitz benachbarten Einsiedel erkrankte die Familie dcS Formers Lindner infolge deS Genusses giftiger Pilze. Die Frau und zwei Kinder sind bereits gestorben, der Zustand deS Mannes und der anderen beiden Kinder ist bedenklich. Touristen-Nnfall. B r u n n e ck. Der Tourist Anton Mayer aus Nufets stürzte von der Wilskreuzspitze ab; er wurde schwer verletzt. Gattenmord. Halberstadt. In Strocbcck bei Halberstadt ermordete der Arbeiter Achilles in brutaler Weise seine Frau mit dem Schlachtmesser, das er am Abend zuvor geschliffen hatte. Der Mörder wurde verhaftet. Vrllckeneinsturz. Nancy. 27. Juli. Gestern stürzte eine Holzbrücke des FestungSrayonS Luccy bei Toul infolge Ueberlastung ein. Sieben Arbeiter wurden in eine Grube geschleudert und durch nachstürzende Erbmassen schwer verletzt. Ein Arbeiter erlag bereits den Verletzungen. Eisenbahnunglück. Treue sin. In der Nähe der hiesigen Station entgleiste ein Personenzug, wobei die Lokomotive sowie mehrere Waggons zertrümmert wurden. Der Lokomotivführer wurde getötet, ein Kondukteur und sechs Arbeiter wurden schwer verletzt. Verhafteter Tefraudant. N e w U o r k, 27. Juli. Der Passagier dcS hier eingetroffenen Dampfers„Main", Hermann Schadow, ist verhaftet worden unter der Anschuldigung, einer Bank in Bremen die Summe von 10 000 Dollars veruntreut zu haben. Berliuer Marktpreise.(Ermittelt vom Polizei< Präsidium) Futtergerste. gute Sorte, 1 Doppelzentner 15,80(15,10), mittel 15,00 (14,30), geringe 14,20(13,60). Hnscr, gute Sorte 16,40(15,50), mittel 15,40(14,50). geringe 14,40(13,60), frei Wagen und ab Bahn. Nicht- stroh 5,00(4,66). Heu, neu. 6,80(5,00). Erbse», gelbe, zum Kochen 40,00(80.00). Speisebohnen, loeijjc 50,00(30,00), Linsen 60,00(30,00), Kartosseln 10,00(6,00). Rindfleisch, von der Keule, 1 Kilo» gramm 1,80(1.40). Rindfleisch, Bauchsleisch 1,60(1,20), Schweinefleisch 1,80 (1,40), Kaibsieisch 2,20(1,20), Hainmet, leisch 1,80(1,40), Butter 2,80(2,20), Eier(60 Stück) 4,00(3,00). Karpscn. 1 Kg. 2,20(1,40), Aale 8,00(1,60), ............"1,40), Barsche 2,00(1,00), Schleie 3,00 ander 3,50(1,40), Hechte 2,80(1,40), Barsche 2,00 1,20). Bleie 1,60(0,80), Krebse(60 Stück) 20,00(3,00). IM «vetter-Proguoie sür Freitag, den 28. Juli 1»0». Vorivicgend heiter, sehr warm und schivül bei meist schwachen südbst- llchen Winden und etwas Neigung zu Gewittern. Berliner Vetterbureau. Svasscrstaiid am 26. Juli. Elbe bei SlnMg— 0,23 Meter, bei Dresden— 1,64 Meter, bei Magdeburg 4- 0,85 Meier.— 11» st r u t bei Etraiiftsurt+ 1,16 Meter,— Oder bei Rnlibor 4- 6,82 Meter, bei Breslau Ober-Pcgcl+ 4,80 Meter, bei Breslau Untcr-Pegel— 1,38 Meter, bei Fraiiksurt+ 1,44 Meter.— Weichsel bei Brahemünde 4- 2,46 Meter. — W a r t h e bei Posen 4- 0,20 Meter.— N c y e bei Usch— Meter. vsantw. Redakteur: Paul Püftner, Berlin. Für tat Inseratenteil vergzitw.: Th. Glocke. Berlin. Iruck u. Verlag: Borwärt» vuKdruSerei u. VerlagSanstÄt Paul Singer& Co.. Berlin SW.