Nr. 209. RDonncments-ßedlngungen! Abonnement!- Preis bränumerando! «ierteljährl. Z,Z0 Mr, monall. 1,10 ÜRt, wöchentlich 28 Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer K Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntag». Seilag«.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post» Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post.ZciwngS. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn » Mark, für bat übrige Ausland 8 Mark pro Monat. 22* Jahrg. Crfittlot OflUA«üStr GlonUgt. Devliner VolksvlAtk» Die Inlertlons'Gebfllir betrügt für die sechSgespaltene Kolonelzeste oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerkschaftlich- Vereins- und BersammlungS-Anzeigen 25 Pfg. «Kleine Hnzeigtn", da» erst« fsett- gedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über IS Buchslaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis B Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und FesUagenbiS 8 Uhr vormittags geöffnet, Telegramm- Adreste: „SwUMuMknt»er»»". Zcntralorgan der rozialdemokratifchen parte! Deutfchlands. Redaktion: SRI. 68, Lindenstraeee 69. Fernsprecher: Mint IV. Nr. 1983. Bxpedition: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: 9lmt IV, Nr. 1984. Das Flugblatt des Bundes der Land- Wirte über die Fleischnot. Der Bund der Landwirte läßt in großen Massen ein„Aufklärung über den Vieh- und Fleischmarkt" betiteltes Flugblatt verbreiten. An und für sich sind die darin aufgestellten Behauptungen und statistischen Mätzchen nicht neu; sie bieten in etwas verändertem Aufputz nur Wiederholungen dessen, was die landbündlerische Presse in den letzten beiden Monaten zur Berdeckung der Fleischteucrung erfunden und ver- öffentlicht hat. Insofern lohnt sich eine Kritik des Machlverks kaum. Aus Arbeiterkreisen sind uns in den letzten Tagen jedoch so viele Exemplare dieses Flugblattes mit der Bitte einer Kritik der darin enthaltenen Ausführungen zugegangen, daß wir diesem Wunsche nachkommen wollen. DaS Flugblatt sucht im ersten Teile zu erweisen, daß die deutsche Landwirtschaft völlig den Fleischbedarf der deutschen Bevölkerung zu decken vermag. Es beginnt mit folgender Einführung: „Wie in den Jahren 1898 und 1992, so ist auch jetzt wieder eine heftige Agitation entfaltet worden, die geeignet ist, durch unrichtige Darstellungen über die Lage des Vieh- und Fleisch- markteS das Bürgertum gegen die Landwirtschaft zu erregen. Wir sehen uns daher, wie schon im Jahre 1902, abermals ge- zwangen, durch dieses Flugblatt direkt an den Gerechtigkeitssinn der Bevölkerung zu appellieren. Wir erinnern zunächst daran, daß die heutige Agitation vollkommen denjenigen von 1893 und 1992 gleicht. Als diese Agitationen damals erfolglos blieben, weil die Regierung keinerlei Abschwächung des Seuchengrenzschutzes zuließ, sanken dennoch bald darauf die Schweinepreise im Groß- Handel am Berliner Markt von SS Pf. pro Pfund Schlachtgewicht (1898) auf 47 Pf.(1899) und von 59 Pf.(1992) auf 59 bezw. 49 Pf.(1993 und 1994). Genau so liegen die Dinge heutel Die agitatorischen Behauptungen lauten: Erstens: Die dentfche Fleischproduktion, besonders die Schweinezucht, habe mit der Bevölkerungszunahme nicht Schritt gehalten! Wahr dagegen ist: Nach der amtlichen Reichsstattstik ergab die Zählung vom 19. Januar 1873 auf 41,5 Millionen Bevölkerung einen Zucht- schweinebestand von 7,1 Millionen gleich 179 Stück auf 1999 Köpfe der Bevölkerung. Dagegen die Zählung vom 1. Dezember 1994 bei 59,3 Millionen Bevölkerung einen Zuchtschweinebestano von 18,9 Millionen gleich 329 Stück auf je 1999 Einwohner. Dazu tritt: Die heuttgen Zuchtbestände bestehen aus frühreifen, schnell- wüchsigcn Rassen, die aus gleich großen Beständen in derselben Zeit die doppelte Menge an Fleisch liefern. Die Schweinefleisch- Produktion ist also vierfach stärker gestiegen wie die Bevölkerung. Die Rindviehproduktion ist von 1883 zu 1994 in der Zahl um 29 Proz., im Gesamtgewicht um 35 Proz. gestiegen, gegen nur 39 Proz. Zunahme der Bevölkerung im gleichen Zeitraum." Um die Preise niedriger erscheinen zu lassen, gibt das Flugblatt nur die Preisnotierungen für minderwertige Ware. Zudem aber haben die Verfasier Jahresdurchschnittsziffern angenommen, wodurch die hohen Viehpreissteigerungen im Herbst der Jahre 1898 und 1992 nicht zum Ausdruck koinmen. sondern verdeckt werden. Betrachtet man die einzelnen Monate, so ergibt sich, daß z. B. im Durchschnitt des Monats August 1992 sich der Preis für vollfleischige Schweine am Berliner Schlachtviehmarkt auf 64,89 Mark pro Zentner, also 65 Pfennig pro Pfund, und für geringere fleischige Schweine auf 62 Pfennig pro Pfund stellte. Außerdem befolgen die Verfasser des Flugblattes den Kniff, für den Schweinebestand die Viehzählungen von 1873 und 1994 zu vergleichen, beim Rindvichbestand nur die Zahlen von 1383 und 1994. Diese Auswahl hat ihren guten Grund. Wird nämlich der Rindviehbestand des Jahres 1873 mit herangezogen, dann ergibt sich eine recht bedeutende Abnahme des Rindviehbestandes im Verhältnis zur deuffckien Bevölkerungsziffer. 1873 kamen z. B. auf 1999 Einwohner in Deuffchland 384, 1999 nur noch 336 Stück Rindvieh. Um diese Tatsache zu verdecken, wird die Viehzählung von 1873 absichtlich übergangen imd das Zahlenmaterial nicht mitgeteilt, sondern nur einfach behauptet, daß die Gesamt- gewichtszunahme 35 Proz. beträgt. Doch noch einen anderen Trick befolgen die Verfasser des Flug- blatte?. Sie vergessen absichtlich, daß in Deutschland auch Hammel- fleisch gegessen wird— früher noch mehr als heute. Der Schaf- bestand DeuffchlandS hat aber enorm abgenommen. 1873 kamen auf 1999 Einwohner noch 699 Stück Schafvieh. 1999 mir noch 172 Stück. Zieht man diesen Ausfall sowie die Zunahme des Schlachtgewichts in Bettacht, dann ergibt sich nach der Berechnung, die vor einigen Wochen die Zenttale für Viehvcrwerwng selbst auf- gestellt hat. daß sich, pro Kopf der Bevölkerung berechnet, das Gesamtgewicht des deutschen Viehstandes seit 29 Jahren nur mn etwa 8'/z Prozent vergrößert hat. Es stieg nämlich das Gesamtgewicht, pro Kopf der Bevölkennig berechnet, btn 89,96 auf 86,36 Kilogramm. Nun hat aber in diesen 29 Jahren Deutschland sich immer mehr kulturell entwickelt; es ist immer mehr auS einem Agrarstaat zu einem Industriestaat ge- worden. Damit findet aber überall, wie wir wiederholt nachgewiesen haben, eine Steigerung des Fleischbedarfes statt. Immerhin kommt auch heute auf den Kopf der Bevölkerung nur erst ein Verbrauch von V« Pfund Fleisch pro Tag(d. h. inkl. Knochen, Fett, Talg, Schmalz. Wurstwaren«). Dann wendet sich das Flugblatt gegen die Fordemng einer Oeffnung der Grenzen für die Vieheinfuhr aus den Nachbar- ländern, „Die Zölle sind seit 25 Jahren nur einmal geändert, und zwar(1892) herabgesetzt worden. Die Wiedererhöhung durch die neuen Verträge von 1994 tritt erst am 1. März 1996 in Kraft. Die behauptete„Sperrung der Grenzen" besteht nicht! Es darf lebendes Rindvieh unbegrenzt eingeführt werden aus Dänemark, Oesterreich-Ungarn, Schweiz. Und es ? dürfen geschlachtete Rinder, Schweine, Schafe und zubereitetes Fleisch unbegrenzt eingeführt werden aus: Dänemark, Oesterreich-Ungarn, Schweiz, Niederlande, Vereinigte Staaten von Amerika. Die Einfuhr ist tatsächlich stark gestiegen. Sie betrug vom Anfang Januar bis Anfang August: Lebendes Vieh Fleich und Schmalz 1994: 181 599 Stück 642 999 Doppel-Zentner 1995: 191 499. 833 999 Die Preise dafür sind aber im Auslande im gleichen Verhältttis gessiegen wie im Jnlande. Beispielsweise notterten am 14. August in Wien erstklassige österreichische Schweine 129 Heller, die(nur zweitklassige») italienischen Schweine 129 Heller. Das sind 54,8 bzw. 51,7 Pf. pro Psund lebend, während an demselben Tage erstklassige deutsche Schweine im Berliner Markt ebenfalls 54,8 Pf. pro Pfund Lebendgewicht notierten." Wenn das Flugblatt behauptet, eine„Sperrung der Grenzen" bestehe nicht, so ist das nichts als Flunkerei. Allerdings darf Rind- Vieh aus Dänemark, Oesterreich-Ungarn und der Schweiz eingeführt werden, aber nicht„unbegrenzt". Es darf nur über be- stimmte Zollämter unter bestimmten Bedingungen iinportiert werden, durch die der Bezug vom Auslande sehr erschwert wird. Dänisches Rindvieh kann z. B. nicht einfach über die Landesgrenze in Schles- wig eingeführt werden. Die Einfuhr ist nur nach bestimmten Hafenplätzen unter allerlei erschwerenden Bedingungen gestattet, und ferner unterliegen die eingeführten Rinder einer zehntägigen Quarantäne und der Impfung mit Tuberkulin, wofür der Importeur die Kosten zu tragen hat. Noch verlogener ist die Behauptung, frisches und zubereitetes Fleisch könne aus Dänemark, Oesterreich-Ungarn, der Schweiz, den Niederlanden und Vereinigten Staaten von Amerika unbegrenzt eingeführt werden. Frisches Fleisch darf nur in ganzen oder halben Dierkörpern, die mit Brust- und Bauchfell, Lunge, Herz, Nieren(bei Kühen auch dem Euter) verbunden sind, eingeführt werden. Pökel- fleisch aber darf nur importiert werden, wenn die einzelnen Stücke der Sendung mindestens über 8 Pfund wiegen. Sind außer Salz noch Borsäure oder ankere Konservierungsmittel zur Anwendung gelangt, ist die Einfuhr verboten. Ferner werden nicht zur Einfuhr zugelassen Fleisch in Büchsen oder anderen ähnlichen Ge- säßen, Wurstwaren, Gemenge irgendwelcher Art aus zer- kleinertem Fleisch usw. Dazu kommt noch, daß frisches und einfach zubereitetes Fleisch einem Vertragszoll von 15 bis 17 Mark pro Doppelzentner unterliegt, ein Zoll, der vom 1. März nächsten Jahres ab sich auf 27 bis 35 Mark erhöht. Wenn trotz aller dieser erschwerenden Belastungen die Fleischeinfuhr im laufenden Jahre zugenommen hat, so beweist das nur, wie groß gegenwärtig die Fleischnot in Deutschland ist und wie wenig die deutsche Vieh- und Fleischerzeugung den Bedarf zu decken vermag. Daß in Wien unter ganz besonderen Verhältnissen an einem Tage deS Augustmonats der Schweinepreis fast den Preis des Ber- liner Marktes erreicht hat, beweist gar nichts. Es kommt darauf an. wie sich im Durchschnitt die Preise der Nachbarländer zu denen der großen deutschen Viehmärkte stellen, und in dieser Hinsicht haben wir wiederholt nachgewiesen, daß z. B. int Durchschnitt der letzten drei Jahre die Preise für Ochsen in Berlin um 25 Prozent höher als in Kopenhagen und um 29 Prozent höher als in Wien gewesen sind, und daß ferner gleichzeitig die Schweinepreise um 29 und 21 Prozent höher als in Kopenhagen und Rotterdam standen. Bisher haben die Leiter des Bundes der Landwirte diese Be- rcchnungcn nicht als unrichtig zu erweisen vermocht. Tat- fache ist denn auch, daß in Berlin die Fleischpreise weit höher sind, als z. B. in London, obgleich die englische Landwirtschaft nur 49 Prozent des englischen Fleischverbrauches liefert. Im Durchschnitt der letzten Monate kostete z. B. auf dem Zentral-Fleischmarkte in London(die Preise in den Läden sind etwas höher) bestes schottisches Rindfleisch pro deutsches Pfund 59 bis 62 Pf., Fleisch von amerikanischen in England geschlachteten Rindern 53 bis 57 Pf., amerikanisches gekühltes Rindfleisch vom Vorderviertel 29 bis 33 Pf.; ferner bestes englisches Hammelfleisch 62 bis 66 Pf., bestes Schweinefleisch 59 bis 55 Pf. Im dritten Teil erörtert das Flugblatt die Verteuerung des Fleisches durch den Zwischenhandel: „Nach der amtlichen Statistik", heißt eS,„entfallen nur 5 Proz. der Schweinebeftäude auf die Gutswirtschaften, dagegen 72 Proz. auf den Besitz der ländlichen Arbeiter und Kätner und 23 Proz. auf den bäuerlichen Besitz I Also bewuchert der ländliche Arbeiter und Kleinbauer den städtischen Arbeiter und Bürger?— Nein I Denn: Im Jahre 1994 war der Einkaufspreis für fette Schweine im Lande z. B. in der Mark Brandenburg auf den Tiefstand von 38 M. pro Zentner Lebendgewicht gesunken. Bei cineni solchen Preise erleidet der ländliche Arbeiter und Bauer selbst bei reichlicher Futterernte Verlust._ Nun ergab sich infolge anhaltender Dürre im Jahre 1994 in ganz Mitteleuropa eine Futtennißernte, besonders in den für die Schweinemast wichtigen Kartoffeln. Deshalb mußten im Frühjahr und Sommer 1995 die Einkaufspreise für fette Schweine im Lande steigen. Anderenfalls hätten die Arbeiter und Bauern ihre geringe Kartoffelernte lieber verkaufen und die Schweinemast unterlassen müssen. Dann hätten wir statt der Preissteigerung einen wirklichen Mangel an Pro- duktion. eine tatsächliche Fleischnot erlebt. Dicke an sich not- wendige Preissteigerung im Lande war aber viel geringer, tvie die Preissteigerung in den Städten. Im Lande ist der Einkaufs- preis gegenüber 1994 gestiegen von durchschnittlich 38 M. pro Zentner auf durchschnittlich 48 M. im ersten Halbjahr 1995, also um 19 Pf. pro Pfund Lebendgewicht gleich 12»/, Pf. pro Pfund F l e i s ch g e w i ch t. Dagegen stieg die Zwischenhandelsdifferenz(zwischen den draußen im Lande gezahlten Einkaufspreisen) von früher 6 Pf. pro Pfund auf 15 Pf. Und ebenfalls stieg in den letzten Jahren die Differenz zwischen diesen Großhandelspreisen am Zentralviehhof und den Fleisch- preifen im Kleinhandel(Ladenpreise). Nach der amtlichen Statistik stieg diese Differenz(der Kleinhandelszuschlag) von 19 Pf. pro Kilo(1889) auf 25 Pf.(1897), 39 Pf.(1991) und 34 Pf. in 1994." Die Behauptung, daß von den hohen Schweinepreisen auch der ländliche Arbeiter und Kätner Vorteil habe, haben wir schon bor einigen Tagen in dem Leitartikel der Nr. 297 des„Vorwärts" er- örtert und können uns deswegen kurz auf die dortigen Ausführungen beziehen. Weiter führt das Flugblatt an, daß die Futtermittelpreise be- trächtlich gestiegen seien, demnach sich auch die Viehaufzucht teurer stellt. Das ist richtig. Weshalb haben aber die Futtermittel den hohen Preisstand erreicht? Nicht nur weil im vorigen Jahre die Ernte unzulänglich ausgefallen ist, sondern weil durch hohe Zölle die Einfuhr von fceniden Futtermitteln erschwert und belastet wird. Der Lerttagszoll für Mais beträgt z. B. 1,69 M., für Futtergerste 2 M., für Hafer 2,89 M. pro Doppelzentner. Wer ist aber in allererster Linie für diese Zölle, für die Verteuerung des Vichfutters ein- getreten? Der Bund der Landwirte. Als bei den letzten Zoll- beratungen die Vertteter der Sozialdemokratie immer wieder auf die Gefahr der Erhöhung der Futtermittelzölle hinwiesen, da erklärten die Landbündler, dieseZöllewärennötig, damit nichtzu vieleLandwirtesichderViehzüchterei zuwendeten, denn dann würde die Viehproduktion sich zu sehr vergrößern und dasSchlachtvieh zu billig werden� Heute stellt man sich, als bedauere man, daß die Futtermittel eine» so hohen Preisstand erreicht haben und die Viehaufzucht verteuern. Erbärmliche Heuchelei! Die Angaben des Flugblattes über die Zwischenhandels- differenz zwischen den Einkaufspreisen im Lande und den Notterungen am Berliner Schlachtviehinarkt, sind absolut wertlos, denn die ge- nannten Einkaufspreise beruhen nicht auf zuverlässigen amtlichen Ermittelungen, sondern auf agrarischen Schätzungen, die keinerlei Garantie für die Richtigkeit bieten. Sie sind umso weniger glaub- Würdig, als auch die Angaben über die Preisdifferenz zwischen Schweine- preis und durchschnittlichem Schweinefleischpreis höchst tendenziös sind. Die Verfasser haben sich gerade jene Jabre herausgesucht, die sie für ihre Beweiszwecke am besten gebrauchen können. Nun folgen aber. wie wir schon kürzlich in Nr. 183 des„Vorwärts" vom 8. Augüst(in dem Arttkel„Agrarier und Schlächter" nachgewiesen haben, beim Aussteigen die Fleischpreise nicht sofort den Schlachtviehpreisen. haben aber dafür andererseits die Tendenz, sich nach dem Falle der letzteren noch längere Zeit zu behauptest." Dadurch entstehen zeit- weilig starke Preisunterschiede, die aber meist in den nächsten Jahren ihren Ausgleich finden. Deshalb kann man nur mehrjährige Perioden mit einander vergleichen. Geschieht dies aber, dann ergibt sich z. B., daß in den Jahren 1395 bis 1899 die Differenz zwischen Schweine- preis und Schweinefleischpreis 33 Pf. pro Kilogramm betragen hat, in den Jahren 1999 bis 1994 aber 36 Pf. Die Schlächter haben also tatsächlich in den letzten Jahren etwas mehr verdient, aber im Durchschnitt nur 1 Pf. pro Pfund. Zum Schluß polemisiert das Flugblatt gegen die diretten städtischen Fleischsteuern, die zu hohen Abgaben für die Benutzung von Viehhöfen und Schlachthäusern und gegen die neue Schlachtvieh- und Fleischbeschau. Gegen die städtischen Fleischsteuern und für die Ermäßigung der Schlachthofabgaben ist auch die Sozialdemokratie stets eingetteten. Aber im ganzen haben diese Abgaben nur ge- ringen Einfluß auf die Fleischteuerung'; die Hauptsache bleibt die Sperrung der Grenzen gegen die fremde Vieheinfuhr und ihre Be- lastung durch Zölle. Soll der Fleischteuerung gewehrt werden, so muß einerseits die Vieheinfuhr aus dem Auslände erleichtert, andererseits die deutsche Viehaufzncht vermehrt werden. Dazu aber sind erforderlich: Die Oeffnung der Grenzen, und zwar nicht nur der schlesisch-russischen, sondern der gesamten Reichsgrenzen, Wegfall allerbe st ehenden, teilweise schon auS dem Jahre 1873 stammenden generellen Einfuhrverbote und ihre Ersetzung durch eine lediglich gesund- heitliche'n Zwecken dienende veterinär-polizei- licheKontrolle, Revision deS die Fleischeinfuhr teils ganz verbietenden, teils hindernden FleischbeschaugefetzeS von 1999, Abschaffung der Vieh- und Fleischzölle sowie der Futtermittel- zölle._ Die Tataren des Zaren. Die Völkerverhctzung. die der Zarismus im Kaukasus tteibt, hat zu neuen furchtbaren Ausbrüchen geführt. Die Tataren werden als Bluthunde des Zaren auf die revoluttonäre Arbeiterbewegung losgelassen. Wir erhalten folgendes Privat-Telegramm: Baku, 5. September.(Privat-Telegramm des„Vorwärts".) Die gewaltige Tragödie hebt aufs neue an. Der Mord rast, daS Kaukasusgebiet mit Blut überströmend. Eine furchtbare Menge von Opfern. Werlstätten, Miuen, Wohnungen sind von den Tataren in Brand gesteckt worden. Die Kreaturen deS Zaren ersticken das Leben des Landes: die Arbeiterbewegung. Diese teuf- lische Politik metzelt das Proletariat nieder. Die Arbeiter leiden aufs äußerste. Amtliche Depeschen berichten über die Vorgänge im Kaukasus: Tiflis, 5. September.(Meldung ber Petersburger Telegraphen-Agentur.) In der Stadt Schucha arteten zwischen Privatpersonen geführte Streitigkeiten am 29. August derart aus, daß die Bevölkerung zu den Waffen griff. Die verschiedenen Nationalitäten nahmen gegeneinander Stellung, und es entspann sich ein Gewehrkampf. Die Tataren suchten den Zugang zum Armeniervicrtel zu erzwingen, die Armenier ins Tatarenviertel einzudringen» Am nächsten Sage gelang es, eine Einigung zwischen Vertretern dieser Nationalitäten herzustellen, worauf durch Boten der Friede in der Stadt verkündet wurde; gleichwohl dauerte das Gewehrfeuer fort, auch breiteten sich mehrfach entstandene Brände beim herrschenden Winde aus. Am 2. September herrschte in der Stadt Ruhe, doch tobten in der Umgegend Kämpfe. Im ganze» sind etwa 200 Personen getötet und verwundet worden nnd 200 Hänser niedergebrannt. Tiflis, 5. September.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) In Baku begannen gestern die Unruhen mit starkem Gewehrfeuer wieder, das abends infolge der Bemühungen des Gouverneurs nachließ. Es fand ein Kampf niit den Truppe» statt, bei dem eine Anzahl Personen getötet und verwundet wurden. Das Gewehrfeuer war sehr stark, besonders bei den Petroleum- Werken Balakhanakh, wo zudem ein großer Brand wütete. Nachts wurde versucht, die Petroleumwerke und die'Stadt in Brand z» stecken. Das Feuer wurde aber bald erstickt. Seute sind einzelne Gewehrschüsse vernehmbar. Die chwarze Stadt brennt. Die Brandursache ist unbekannt. Die Truppen geben energisch vor. Während der drei Tage der Unruhe» sind amtlich 52 Getötete und ebensoviel Ver- wnndete gemeldet worden. Die lebten Tage hindurch strömten nach Tiftis zahlreiche Familien, die aus den Provinzen Elisabethpol und Baku flüchteten, wo MeNelcicn herrschen, wie auch aus der Umgebung von Tiflis, wo Greuel- taten der Tataren befürchtet werden. Die von den Unruhen betroffene Bevölkerung leidet bitterste Not. Die von Agitatoren angestachelten Tataren terrorisieren die Bewohner- schaft. Die Meldung, die Truppen hätten zur Unter- drückung der Unruhen in Baku Artillerie verwandt, wird aus amtlicher Quelle für unrichtig erklärt. Tiflis, 5. September. Wie aus Baku gemeldet wird, veranstalteten dort die Geistlichkeit, die Volksvertreter und der Gouverneur einen Umzug in der Stadt, durch den es ihnen gelang, das Feuergefecht vorübergehend zum Schweigen zu bringen. Als jedoch wieder ein Haus in Brand gesteckt wurde, brachen die Unruhen von neuem aus. Armenier und Tataren schössen wieder aufeinander und mehrere Häuser ginge» in Flammen ans. Als jedoch die Tataren in die Stadt eindrangen, gelang es durch Veranstaltung einer feierlichen Prozession Beruhigung zu schaffen. Petersburg, 6. September.(Petersburger Telegraphen- Agentur.) Aus Nishni-Nowgorod wird der„Handels- und Jndustrie-Zeitung" gemeldet, das dortige Börsenkomitee habe den Finanzminister drahtlich um energische Maßnahmen gebeten, damit die Ereignisse in Baku nicht den ganzen Wolgahandel sowie die Fabrikindustrie lahmlegen. ** Das Wahlrecht zur Duma. Eine interessante Studie über die Frage, wer in Rußland Duma- „Volk" spielen kann, enthält die gemäßigt liberale Moskauer Zeitung „Russkija Wjedomosti". Die Gesamtzahl der Wähler aller 51 Pro- vinzen, auf die das Manifest Anwendung findet, beträgt höchstens 2 Millionen, bei einer Einwohnerzahl, nach der Volkszählung von 1897, von über 94 Millionen. Dabei ist der Löwenanteil dem aller- rückständigsten Teile des russischen Volkes zugeteilt worden: den Bauerngcmeindc», die nahezu 1 500 000 Wähler stellen dürfen, während die ganze städtische Bevölkerung höchstens 240 000 Wähler zählen wird. Der selbständige Teil der Bauernschaft, die „Kleingrnndbcsitzer" mit einen, Besitz bis zehn Dessjatine, bleibt vom Wahlrecht so gut wie gänzlich ausgeschlossen; die nicht bäuerlichen Kleingrundbesitzer mit einem Besitze von 10 bis 100 Dessjatinen stellen zirka 160- bis 170 000 Wähler, die Großgrund» besitzer 76 000 Wähler. In den Wahlmännerversammlungen, in denen die Wahl der Mitglieder der Duma vorgenommen werden soll, verteilen sich die Stimmen für alle 76 Provinzen folgender- maßen: Grundbesitz... 1946 Stimmen— 33,4 Proz. Bauerngemeinden 2421,--41,6„ Städte.... 1341„=23,1„ Die Wahlmänner der 23 Städte, die ihre Wahlen abgesondert vollziehen, sind in diese Rechnung nicht einbegriffen. Vom Wahl- recht ausgeschlossen sind die Arbeiter, die Angestellten, die freien Berufe, die Beamtenschaft. *» � Der allgemeine Univcrsitntsstreik. Petersburg, 2. September.(„Russische Korrespondenz.") In den russischen Universitätskreisen sieht mau dem bevorstehenden Be- ginn des neuen Studienjahres— Anfangs September russischen Stils— mit großer Sorge entgegen. Die revolutionäre Bewegung, die das ganze russische Volk, besonders aber seine gebildeten Schichten, ergriffen hat, reflektiert sich naturgemäß am stärksten in der studierenden Jugend. Schon das letzte Studienjahr war beinahe vollständig von heftigen Studentenunruhcn erfüllt und schließlich beschlossen die Studenten die Studien gänzlich einzustellen, bis die Regierung die dringendsten Reformen, wie Freiheit der Presse, des Wortes und der Vereinigung, gewähren werde. Die Regierung antwortete darauf mit den gewohnten Polizeimaßregeln. Alsdann beschlossen die Universitätslehrer sich den Studenten anzuschließen und keine Vorlesungen zu halten, so lange die Zustände so bleiben werden, wie sie waren. Im letzten Sommerscmcster waren daher fast alle russischen Hochschulen geschlossen.— Gegen diesen„Universitäts- streik" beabsichtigt nun die Regierung, wie ich erfahre, aus das Drängen von Trepow, in drakonischer Weise vorzugehen. Den Pro- fessoren soll befohlen werden, unverzüglich die Lehrtätigkeit wieder aufzunehmen; wer dem Befehle nicht nachkommt, soll sofort entlasse» werden. Zugleich sollen die Studenten aufgefordert werden, in die Hochschulen zurückzukehren; wer ausbleibt, soll sofort relegiert werden.— Es ist aber zweifellos, daß ein großer Teil sowohl der Professoren., wie der Studenten, den Befehlen Trepows nicht folgen wird._ politifcbe Öcbcvricbt. Berlin, den 6. September. Der zarische Justizmord. Wir erhalten von der Warschauer Organisation der Sozial- demokratie Polens und Litauens den folgenden Bericht über die Verhandlungen des Kriegsgerichts, der den Justizmord an den Genossen Martin Kasprzak und Gurtzmcmn verübt hat. Warschan, 4. September.(Eig. Ber.) Am 30. August begann die zweite Gerichtsverhandlung in Sachen Kasprzak und Gurtzmann im Gebäude des Warschauer Festungsgefängnisses für politische„Ver- brecher", in der Zitadelle, im Saale des Artillerieoffiziersklubs. Der erste auffallende Umstand war die v ö l l i g n e u e Z u s a nr ,n e n- setzung des Kriegsgerichts. Den Vorsitz führte nun. statt wie im vergangenen Jahre der General S t r e l n i k o w, der General- major SN s ch t s ch e n k o w und die früheren 4 Richter aus Gardeoffizieren waren durch vier Oberleutnants von der Warschauer Festungs- garnison ersetzt. Strelnikow hatte auf den Vorsitz verzichtet aus Furcht vor der Rache der Sozialdemokratie, die Gardeoffiziere aber, die, als zum hohen Adel gehörig, noch einige Unabhängigkeit im Urteilen kundgeben konnten, mußten für diese blutige Gerichtskomödie durch gefügige, fürs Parieren gedrillte Linienoffiziere ersetzt werden. — auf die Initiative Strelnikows und des Ex-Generalgouverneurs Maximowitsch hin. Als Staatsanwalt fungierte der Generalmajor «Luchin. Di« Verteidigung führten für Martin Kasprzak die Rechts anlvälte G l a ß- Warschau und Stahl- Moskau, für Benedikt Gurtzmann K i j e w s k i aus Warschau nnd Andrejewski aus Petersburg. DieOeffentlichkeit war gänzlich ausgeschlossen. Sogar dem 14jährigen Sohn Kasprzaks wurde der Zutritt verwehrt, ebenso dem Vater Gurtz manns. Nur die Frau Kasprzaks und ein Bruder Gurtzntanns sowie die Verteidigung und die Zeugen fanden Einlaß in das streng bewachte Gebäude und den Saal des Kriegsgerichts. Um 10 Uhr vornnttagS wurden die beiden Angeklagten hinein- geführt. Kasprzak, der ein Mann im besten Alter ist(etwa 48 Jahre) und stets eine ganz aufrechte Haltung hatte, trat ein oder wurde vielmehr hineingeschoben als ein gebrechlicher Greis; sein Haar ist fast ganz weiß, er bewegt sich mit sichtlicher Mühe und wird zu jedem Schritt durch einen Stoß seiner überwachenden Gendarmen gezwungen. K. ließ sich schwer auf die Anklagebank herab und saß die ganze Zeit der Verhandlungen über unbeweglich, stumm, ohne die geringste Regung im Gesicht; auch beantwortete er die an ihn gerichteten Fragen nicht. Daß er aber alles aufmerksam verfolgte. sollte, wie wir später sehen werden, eine kurze Szene am Schlüsse der Verhandlungen zeigen, die das ganze furchtbare Drama dieses Blutgerichts in ergreifender Form beleuchtet hatte.— Der andere Angeklagte, der 24jährige Ingenieur Gurtzmann, trat ein, bleich vor Erregung, doch gefaßt, in einfacher und stolzer Haltung, die er bis zum Schluß bewahrte und die selbst auf das Gericht einen starken Eindruck nicht verfehlt hat. Die Verteidigung Kasprzaks war dies- mal auch anders besetzt wie das erstemal. Der bisherige Verteidiger, ein bürgerlicher Warschauer Rechtsanwalt Pattek, war von der Sache fast im letzten Augenblick zurückgetreten. Gleich bei der Eröffnung der Verhandlung formulierte der Rechtsanwalt Stahl eine Reihe wichtiger Anträge, vor allem be- stritt er die Zuständigkeit des Gerichts angesichts seiner Neuzu- sammensetzung, die es den Richtern unmöglich mache, die Eindrücke der ersten Verhandlung zu bewahren und in Betracht zu ziehen. Alsdann forderte die Verteidigung, daß Sachverständige zur Verhandlung herbeigezogen werden, die über den Wert der bis- herigen psychiatrischen Beobachtung und Expertise in bezug auf den Gesundheitszustand Kasprzaks aussagen sollten. Diese Expertise bildet nämlich an sich schon ein merkwürdiges Dokument der zarischen Justiz. In der ersten Verhandlung des Kriegsgerichts am 3. August 1904 hatte der Sachverständige Doktor P l e t n i e w die Vermutung ausgesprochen, daß Kasprzak geistig abnorm sei, angesichts dessen wurde er auch einer psychiatrischen Beobachtung unterzogen. Zu diesem Zwecke wurde K. für sechs Monate in das Warschauer Militärspital Ujazdow gebracht. Hier wurde er aber nicht etwa die ganze Zeit durch dieselben Aerzte beobachtet, sondern alle Augen- blicke durch andere, wie sie gerade gemäß ihren Amtsstellungen ver- setzt wurden. Wie schwierig ein Urteil aus diesen Beobachtungen war, beweist der Umstand, daß nach fünf Monaten der Ex- pertise der Spitalarzt T i s ch k o w erklärte, nicht imstande zu sein, eine Diagnose zu stellen und zu entscheiden, ob K. simuliere oder nicht. Die Beobachtung, bei der es sich um ein Menschenleben handelte, wurde mit so verbrecherischer Nach- lässigkeit ausgeführt, daß z. B. die Sachverständigen, die sich an den Gehülfen des Generalgouvcrneurs um Daten aus dem Vorleben Kasprzaks gewendet hatten, nichts ermitteln konnten. Der er- wähnte Tischkow beklagte sich wörtlich, daß er von vier dahingehenden Fragen, die er beantwortet haben wollte, auf drei die bündige Ant- wort„unbekannt" und auf die vierte eine direkt falsche An- gäbe zur Antwort bekommen hätte. Es wurde auch z. B. den Aerzten mitgeteilt, Kasprzak sei unverheiratet! Da aber die Aerzte bei einer solchen Gestaltung de» Expertise mit dem ge- wünschten Gutachten zögerten, so wurden schließlich im letzten sechsten Monat zwei ganz neue Sachverständige herangezogen, die für die vorgesehene Rolle besser taugten und keine Schwierig- leiten mehr machten. Dabei machte sich das Gericht einer direkten Gesetzesverlctzung schuldig. Laut Gesetz nämlich müssen die Aerzte, die vom Gericht zur Expertise herangezogen werden, von dem Gouvernementsamt und dem Gouvernementsphysikus delegiert werden. Statt dessen wurde ein einfacher Polizeiinspektor herbei- gezogen, der noch zwei auf dem Gebiete der Psychiatrie ganz un- bekannte und zum Teil direkt zweifelhafte Subjekte zu Hülfe nahm — jene polnischen Aerzte Taczanowski und Fabian, die fyjs ihnen vorgelegte Gutachten über die Simulation K.'s auf Grund einer „Beobachtung" von einem Monat!— ohne weiteres unterschrieben! Dieses so zustandegekommene„Gutachten" wurde nun vom Militärgericht als maßgebende und ausreichende Grundlage der Ver- Handlung erkannt. Nicht genug. Das Gericht hatte noch voichcr beschlossen, zu der zweiten Verhandlung weder die Sachverständigen, die das Gutachten ausgefertigt hatten, zur Verhandlung zu laden, damit sie ihr Gutachten erläutern und begründen, noch auch Sach- verständige der Verteidigung und überhaupt jegliche Nachprüfung der Expertise zuzulassen! Gegen eine so unerhörte Rechtsverletzung hatte die Verteidigung schon vor der Verhandlung rechtzeitig beim Appellationsgericht Beschwerde eingelegt, und nach allen Prinzipien der Prozeßordnung durfte die Verhandlung jedenfalls nicht eröffnet werden, bis der höhere Gerichtshof die Beschwerde der Verteidigung beantwortet hatte. Doch für die zarische„Justiz" existieren der- gleichen Skrupel nicht, man ging auf das Ziel gerade und ohne jede Scham los. Die Beschwerde blieb noch unbeantwortet und war erst auf dem Rechtswege, die Verhandlung wurde nichtsdestoweniger eröffnet und das famose„Gutachten" zur Grundlage genommen, wobei alle erneuten Anträge der Verteidigung auf Vorladung von Sachverständigen, sogar auf Kosten der Verteidigung, rundweg ab- gelehnt wurden. Und bei der Gerichtsverhandlung, in der ein Mensch als„Simulant" dem Galgen überantwortet werden sollte, war kein einziger Psychiater erschienen, der über den Wert des Gut- achtens hätte aussagen können! Desgleichen prozessualisch unerhört war die Ablehnung der Anträge der Verteidigung, die Verhandlung zu vertagen angesichts des Nichterscheinens einiger Entlastungs- zeugen, die vom Gericht zugelassen waren, denen aber das Gericht die Borladungen einfach gar nicht zugestellt hatte! Die Ver- teidigung erklärte darauf wörtlich, daß das Gericht durch diese Reihe von Willkürakten sich offenbar anschicke, einen Akt der Rechts- b e u g u n g und nicht der Rechtsprechung,„eine nicht da- gewesene barbarische Grausamkeit zu üben und sich in ein blindes Werkzeug der Gewaltpolitik der Regierung zu verwandeln". Doch es half nichts. Das Gericht hatte augenscheinlich einen direkten Befehl, schnell mit dem sozialdemokratischen Prozeß«ein Ende" zu machen und sich um keinen Preis auf irgend eine Verzögerung ein- zulassen; so trat es denn ungeniert die elementarsten Regeln jeder Rechtsprechung mit Füßen. Wohlgemut erklärte der Staatsanwalt in den Couloirs des Gerichts, daß letzteres„ganz bestimmte Weisungen" in bezug auf den Prozeß von der Regierung(wört- lich:„so gut als wie vom Kaiser selbst", d. h. also jedenfalls vom Petersburger„Diktator" Trepow) erhalten habe. Somit war der Ausgang der blutigen Gerichtskomödie, das Urteil, im voraus diktiert und die Verhandlung nur als eine lästige Formalität betrachtet. Wir werden im folgenden sehen, zu welchen unerhörten Verstößen gegen eine einigermaßen loyale Handhabung der Prozeß- ordnung die furchtbare Gerichtsfarce noch weiter geführt hat. Selbst in der blutigen Geschichte der absolutistischen Justiz wird der Prozeß gegen Kasprzak und Gurtsmann als ein unvergeßliches l Denkmal der Schande hervorragen.\ Oeutfcbes Reich. Zur Flcischiiok. Auf das Drängen der Einwohnerschaft Vt« qucmen sich nun doch nach und nach die_ Magistrate einzelner größeren deutschen Städte, wegen der Fleischteuerung bei ihren Regierungen vorstellig zu werden und die Oeffnung der Grenzen für die Vieheinfuhr zu fordern. Aus München erhalten wir folgendes Telegramm:. � München, 6. September. Nach ziemlich lebhafter Debatte beschloß heute der Magistrat, bei der königlichen Regierung einen Antrag auf Oeffnung sämtlicher Grenzen zu stellen, damit der herrschenden Fleischnot gesteuert werden könne. Außerdem soll die Regierung dahin wirken, daß für die Dauer des Notstandes Zoll- Vergünstigungen aiff die Fleisch- und Vieheinsiihr, eventuell sogar völlige Aufhebung der Zollsätze eintritt. Soldatentheater. Im„Militärwochenblatt" wird geklagt, daß vielfach in kleinen Garnisonen die Soldaien keine Gelegenheit haben, „gute Theaterstücke" zu sehen. Dem Uebel soll abgeholfen werden: „Da ist denn der Gedanke, ein„Deutsches Garnison- t h e a t e r" ins Leben zu rufen, vielleicht naheliegend. Aufgabe dieses Theaterunternchmens soll es sein, im Laufe jedes Jahres, beginnend im September oder Oktober, etwa 300 Vorstellungen zu veranstalten und mit diesen möglichst. hundert Garnisonorte aufzusuchen. Bei einem Durchschnittsbesuch von nur 600_ bis 800 Personen würden gegen 260 000, also rund eine viertel Million Augehörige der Armee in diesen Vorstellungen g e i st i g e Unterhaltung und patriotische Anregung finden. Die Eintrittspreise sollen so beziffert werden, daß sich im all- gemeinen die reservierten Plätze der Offiziere auf 1 Mark, die numerierten der Unteroffiziere auf 60 Pfennig und die der Mannschaften auf 30 Pfennig stellen würden. Gewiß werden sich ja wohl auch in den meisten Garnisonen Mittel finden, einem Teile der Soldaten den Besuch eintrittsfrei oder zu einem auf ein Minimum reduzierten Preis zu ermöglichen. Angesichts des immer wechselnden Schauplatzes ist die Einstudierung und Ausstattung nur weniger, aber in jedem Sinne guter Stücke nötig, aus denen eine engere Wahl zu treffen den je- wciligcn maßgebenden Stellen überlassen bliebe." Man kann sich vorstellen, welche literarischen Genüsse da unter Zensur der„maßgebenden Stelle" den Soldaten verordnet tverden würden. Dem deutschen Kronprinzen wurde es schwer verargt, daß ihm der Zufall in Bayerleins„Zapfenstreich" geführt hat. Mit welchen„patriotischen Anregungen" wird da der„gemeine Mann" ge- füttert werden!— Ueber die Beschäftigung der Sträflinge werden, entsprechend einem bei Beratung des Etats der Rcichsjustizverwaltung gefaßtem Beschluß des Reichstages, der„Rhein. Wesff. Ztg." zufolge, in Zu- kunft alljährlich dem Reichstag eingehende statistische Mitteilungen vorgelegt werden. Daraus wird die Beschäftigung für den eigenen Bedarf der Anstalt, die Beschäftigung für Herstellung von Waren zum Verkauf auf eigene Rechnung, die Beschäftigung gegen Lohn für dritte und zwar sowohl aus gewerblichem Gebiete unter Be- Zeichnung der Jndustriegruppen, als auch in der Landwirtschast, der tägliche Durchschnittsverdienst der Sträflinge, und der Gesamtwert der von ihnen hergestellten Produkte zahlenmäßig ersichtlich sein.—• lieber das Eisenbahnunglück bei S p r e m b e r g beabsichtigen die drei Abgeordneten des Wahlkreises Görlitz-Lauban im preutzi- schen Abgeordnetenhause sogleich nach dessen Zusammentritt eins Interpellation einzubringen. „Unterschlagen!" Unter dieser Stichmarke brachte der„Hann. Courier" folgende Nottz, die sich heute auch die„ N o r d d. A l l g. Zeitung" zu eigen macht: „Bekanntlich hat Präsident R o o s e v e l t in seiner Ant- wort auf den Glückwunsch Kaiser Wilhelms mit den wärmsten Worten des Anteils gedacht, den der Kaiser an der Förderung des Friedenswerkes in jedem Stadium der Verhandlungen gehabt hat. Je tendenziöser die sozialdemokratische Presse diesen Sachverhalt cntftellte, je geflissentlicher sie den Anschein erweckte, als ob der Kaiser, zuletzt persön- lich bei der Z w e i k a i s e r- B e g e g n u n g von B j ö r k ö, den Zaren zur Fortsetzung des Krieges habe bestiinmen wollen, um so mehr war es eine Pflicht elementaren Anstandes, den Wortlaut der Antwort Roosevclts den sozialdemokratischen Lesern nicht vorzuenthalten. Aber lveder der „Vorwärts" noch die.Münchener Post" haben, solvcit wir sehen. diesen Wahrheitsmut und dieses Anstandsgefühl gehabt: die Antwort des Präsidenten Roosevclt, die als das Zeugnis des erwählten Oberhauptes einer freie» große» Republik gegen jene sozialdemokratischen Entstellungen besonders schwer inS Gewicht fiel, wurde von ihnen einfach unterschlagen." Die„Nordd. Allg. Ztg." scheint den„Vorwärts" danach seit- samerweife sür ihresgleichen zu halten. Wir müssen aber die uns zugemutete Ehrung ebenso höflich wie bestimmt zurückweisen: der „Vorwärts" ist kein Hofanzeiger. Als politisches Blatt ist er zwar verpflichtet, auch von der Privatkorrespondenz gekrönter oder un- gekrönter Staatsoberhäupter Notiz zu nehmen, sofern sie irgend- welche polittsche Bedeutung hat. Höflichkeitsbezeugungen aber wie dem Glückwunsch des Präsidenten Roosevclt an Wilhelm II. ist beim besten Willen keine politische Bedeutung beizumessen. Etwas anderes war es mit derKaiserbegegnung von Björkö, die bei dem schwedisch-norwegischen Konflikt und der ostasiattschen Kriegslage politische Bedeutung mindestens haben konnte. Bekanntlich hat ja selbst die russische offiziöse Presse behauptet, daß bei der Begegnung die schwebenden politischen Fragen eine wichtige Rolle gespielt hätten. Nun möchte die„Nordd. Allg. Ztg." mit dem„Hann. Courier" das Höflichkeits-Telegramm Roose- veltS offenbar so gedeutet sehen, als ob Wilhelm II. neben Roose- velt den Frieden mitvermittelt habe. Die Telegramme Wilhelms II. an den Zaren und den Mikado enthalten darauf aber nicht den geringsten Hinweis; im Gegenteil enthält das Telegramm an den Mikado die Stelle, daß Japan ohne jede Beeinflussung dritter aus eigener„weiser Mäßigung" den Frieden geschlossen'habe. Drollig ist es übrigens, daß das deutsche offiziöse Blatt das Telegramm Roosevelts deshalb für besonders beachtenswert er- klärt, weil es die Aeußerung des gewählten Oberhauptes einer freien Republik fei. Wenn damit den Kundgebungen ganz oder Halbabsoluttstischer Herrscher ein geringeres Maß der Be- deutung zuerkannt werden soll, so haben wir dagegen ja nichts ein- zuwenden. Die hohe Einschätzung von persönlichen Komplimenten und diplomatischen Phrasen des Präsidenten einer Geldsack- und Klassenrepublik können wir natürlich trotzdem nicht mitmachen.— HuetancL Oesterreich-Ungarn. Ein Erfolg der ungarischen Staatsbahnarleiter. Von der heiklen Situation, in der sich das gegenwärtige Ministerium befindet, haben die Staatsbahnarbeiter profitiert. Eine Landcsversammlung von Wcrkstättenarbeitern, die von fast allen Reparaturwerkstätten und Heizhäusern beschickt war, tagte vor einigen Monaten in Budapest. Tie Beschlüsse werden dem HandclSminister als Denkschrift übermittelt; unter normalen Verhältnissen wäre diese Denkschrift, wie so viele andere, in dem Archiv verstaubt, wie die Tinge aber liegen, hat daS Ministerium Fcjervary es für gut besiindc», den Wünschen der Eisenbahner Rechnung zu tragen. Es ist also dieser Tage eine umfangreiche Verordnung erschienen, durch welche auf administrativem Wege folgende Reformen zur Ein- führung gelangen: Jenen Angestellten, die bisher keine wöchentliche Ruhepause hatten, soll eine solche tunlichst gewährt werden; fleißige und gute Arbeiter mit längerer Dienstzeit erhalten jährlich einen achttägigen Urlaub bei Fortbezug des Lohnes. Die geforderten Saniläismaßregeln zum Schutze der Gesundheit der Arbeiter wer- den vollständig bewilligt. Bezüglich der humanen Behandlung der Arbeiter werden die Dircktioneii zun: strengsten VorgeZev gegen |ffi8 Organe SNZeEiesen, die hiergegen ßerstoßen. Mr Minister gestattet ferner, daß sich die Eisenbahnarbeiter zu einem Landes- verband der ungarischen Eisenbahner organisieren. Die Forderung um Arbeitslohnerhöhungen soll geprüft und möglichst berücksichtigt werden. Eisenbahnarbeiter nach zurückgelegter dreijähriger Dienst- zeit sollen in Zukunft nur aus denselben Gründen entlassen werden können, die bei der Entlassung von Eisenbahnbeamten gelten. Bei Betriebsreduktionen sind sonach in Zukunft keine Arbeiter zu ent- lassen, sondern die Arbeitszeit ist entsprechend zu reduzieren. In ibezug auf die Pensionskasse werden mehrere, in der Denkschrift enthaltene Wünsche erfüllt.— Abgesehen davon, daß einige An- vrdnungen ziemlich dehnbare Begriffe enthalten, enthält die Ver- vrdnung nicht unerhebliche Verbesserungen gegenüber dem jetzigen Zustand. Der preußische Eisenbahnminister Budde kann sich, nament- lich bezüglich der Erlaubnis zur Schaffung einer Organisation, ein Beispiel an seinem ungarischen Kollegen nehmen.—• Zum Wahlrechtskampf in Ungarn. Die Sozialdemokraten tusten, so meldet die„Franks. Ztg.", sich im Interesse des allge- meinen Wahlrechts zu großen Kundgebungen am Tage der Wieder- eröffnung des Parlaments. Es wird für die Dauer der Sitzung des Abgeordnetenhauses eine Einstellung der Arbeit geplant, damit alle Arbeiter am IS. September vor dem Parlament erscheinen können. Die Bauunternehmer haben gestern bereits freiwillig ihren Arbeitern hierzu die Einwilligung erteilt.— Frankreich. Der Pariser Freidcnker-Kongreß. Paris, 4. September.(Eig. Ber.) An den Freidenker-Kongreß darf man nicht etwa den Maßstab eines internationalen sozialistischen Kongresses legen. Es ist eher eine von Leuten aus vielen Ländern besuchte Volksversammlung, als ein Parlament von Vertretern wirklicher, organisierter Kräfte. Es sind wohl unter den 2000 Kongreßteilnehmern etliche hundert Ver- treter von regelrecht konstituierten Verbänden anwesend, aber die Mehrzahl sind Personen, die sich als Individuen eine Eintrittskarte verschafft und sich so das Recht erworben haben, ohne Verantwortung und Verbindlichkeit ihre Meinungen vorzuwagen. Unter solchen Um- ständen ist natürlich von einer Prüfung von Mandaten nicht die Rede und auch die Autorität ist nicht da, die die Verhandlungen in einer sicheren Bahn halten könnte. Die Nachteile dieser Regellosigkeit haben sich schon im Laufe des heutigen Tages gezeigt. Die Vormittagsversammlung verlief noch würdig. Sie wurde mit auserlesenen künstlerischen Darbietungen. an denen sich Künstler vom Thsatre fran�ais, das Orchester der Sozialistische Cooperative von Soignies und die Gesangssektion des Brüsseler Volkshauses beteiligten, eröffnet. Nachdem der Schluß- chor, das„Lied an die Freude" in der Beethovenschen Vertonung mit einem ftanzöfischen Text des sozialisti- schen Dichters Maurice Bouchor verklungen war, stimmte die Riesenorgel des Trocadero die Internationale an, in deren brausen- den Töne die Versammelten einfielen. Hierauf wurden die Be- grüßungsreden gehalten, die sich bis in die Nachmittagsitzung hinein- zogen. Besonderen Beifall fand die Rede des Reichstagsabgeordneten Genossen Hoffmann, der auf das Bündnis der Herrschenden in Deutschland mit dem Klerikalismus hinwies und ihnen die Ver- brüderung der freien Völker entgegenstellte. Donnernder Applaus erscholl, als er rief:„Das deutsche Volk kennt keine Feindschaft gegen das ftanzösische". Der Redner schloß mit einem„Hoch" auf die ftanzöstsch-deutsche Alliance, die sich dank der Einigkeit der ar- bettenden Klasse der beiden Völker verwirklichen muß. Es sprachen in der Folge etliche Redner verschiedenster Nationen, sogar ein Neger von den Antillen und ein Chinese. An Allgemein- heiten war in diesen Ansprachen kein Mangel. Es ist wohl bc- zeichnend, daß so ziemlich alle Sprecher, auch bürgerliche Professoren, Politiker und Journalisten ihre Verbeugung vor der sozialen Revo- lution machten. Im großen und ganzen war es der wortreiche Freimaurer-Jargon mit seiner Selbstgenügsamkeit, der diese Parade- sitzung beherrschte. Von den angekündigten Berühmtheiten fehlte H ä ck e l, der ja wohl auch von dem vorjährigen römischen Kongresse nicht die besten Erinnerungen mitgebracht hat, und Anatole France, der eine Einleitungsrede hätte halten sollen. Der greise Berthelot hat em Begrüßungsschreiben geschickt. Am Nachmittag kam es zu einem großen Tumult. Die Anarchisten, von denen ein paar Dutzend sich mit Kongreßkarten ausgestattet haben und die schon ain Vornnttag sich mit lärmenden Zwischenrufen hervorgetan hatten, stürmten unter dem Vorwande, daß man einem der Ihrigen das Wort nicht erteilt hätte, um 5 Uhr die Tribüne�, rissen dem Präsidenten Allem ane die Papiere vom Tische und etablierten sich als Herren des Kongresses. Die Sitzung wurde unter allgemeiner Erregung aufgehoben. Allemane erklärte, er tue da nicht mehr mit und während sich der Saal leerte, konstttuiertcn die Anarchisten ein Gericht über das Präsidium. Unter diesen Umständen werden wohl auch die folgenden Sitzungen nicht erbaulicher verlaufen.— Spanien. Die Ardeitslostgkeit in Spanien. Der kommende Winter dürfte für die spanische Bevölkerung großes Elend im Gefolge haben, denn schon jetzt ist die Arbeitslosigkeit eine sehr große. In Andalusien leidet die arme Bevölkerung buchstäblich Hunger und an zahlreichen Orten ist es, wie dem„Socialista" berichtet wird, bereits zu Hungerrevolten gekommen. So organisierten die Landarbeiter von Marinaleda einen Umzug durch die Straßen und verlangten, daß der Bürgermeister den Hungernden Arbeits gebe. Dieser ließ sich nicht sprechen, sondern rief die Wache herbei, um die Manifestanten zu zerstreuen. Die Menge schwoll immer mehr an und cme Kata- strophe konnte nur dadurch verhindert werden, daß der Bürger- meister nachgab, eine Deputation empfing und versprach, sofort bei dem Gouverneur und dem Minister der öffentlichen Arbeiten Schritte wegen Arbeitsbeschaffung zu tun. Aehnliche Berichte über Verzweiflungstaten hungernder Arbeiter kommen aus allen Gegen- den. Und wenn die Behörden fortfahren, den Notschrei des Pro- letariats unbeachtet zu lassen, dürften Ausschreitungen kaum zu ver- meiden sein, denn der Hunger, verbunden mit dem heißen süd- ländischen Blute, macht schließlich zu allem fähig.— Zum Bombenattentat. Das„Wolffsche Bureau" meldet aus Barcelona: Da die Nachforschungen der Polizei und die gerichtliche Untersuchung nicht auf die Spur des Urhebers des Bombenattentats geführt haben, fordert die Militärbehörde die Akten des Verfahrens ein. Es herrscht Panik, zahlreiche Fremde verlassen die Stadt. Die Zeitung La Lucha ist infolge eines Artikels, in dem sie das Attentat zu rechtfertigen versucht, beschlagnahmt worden. Türkei. «cie Grenzunruhen an der türkischen Grenze reißen nicht ab. So wird heute wieder aus Konstantinopcl gemeldet: Am 20. August hat in Vince, Bezirk Komanova, Wilajet Ucsküb. eine mohamedanische Bande 0 Christen getötet und 3 verwundet. Am 20. August fand in Morkovce, 2 Stunden von Uesküb, ein Kampf mit einer bürgari- schen Bande statt, wobei ein Gendarm, ein Komitatschi und eine Frau bulgarischer Nationalität getötet wurden. Die Bande flüchtete. Während des Kampfes ließ der Truppenkommandant die Häuser mit Petroleum begießen, 10 Häuser sind verbrannt; auch Plünderungen und Mißhandlungen haben stattgefunden. Der Schaden wird auf LS00 Pfund geschätzt.— Amerika. Rooscvelt, der ehrliche Makler. Die Amerikaner sind wieder mal entzückt von ihrem Präsidenten, dem die Welt einen so großen Anteil an dem Friedcnswerke einräumt. In der kapitalistischen Presse wird die große humane Gesinnung des Präsidenten gepriesen. die allein ihn bestimmt habe, als Vermittler für den Frieden auf- zutreten. Dem erfolgreichen Manne gegenüber spart man nicht>nit dem Lobe, und das Vertrauen auf seinen Erfolg war während der langen Friedensverhandlungen nnerschüttert geblieben bei den großen amerikanischen Zeitungen. In der sozialistischen Presse lvciß man die Mottve Roosevelts anders als mit seiner humanen Gesinnung zu erklären. So weist das„Philadelphia Tageblatt" darauf hin, daß auf Japan ein starker Druck ausgeübt wurde gerade an dem Punkte, den die kapitalistischen Großmächte für den wichtigsten hielten: Japan durste nicht durch eine ungeheure Kriegsentschädigung in den Stand gesetzt werden, sich finanziell vom Auslande unab- hängig zu machen und seine Machtmittel so zu vergrößern, daß es in Ostasien als der gefährlichste Konkurrent für amerikanisches und europäisches Kapital auftreten konnte. Ohne Kriegsentschädigung war /Japan noch auf lange Zeit hinaus in eine finanziell bedrängte Lage' gebannt. Da die ganze Friedensfrage sich schließlich nur um diesen Punkt drehte, wo Rußland obendrein noch„seine Ehre" in Gefahr erklärte, so gab Japan dem ungestümen Drängen Roosevelts nach, der Frieden wurde erklärt und die kapitalistische Presse spendete dem Friedensstifter reiches Lob. Nur in Japan ist man etwas un- zufrieden und kann sich des Gefühls nicht erwehren, zu guterletzt noch über's Ohr gehauen worden zu sein von dem ehrlichen Makler Roosevelt.— Die Unterzeichnung des Friedens- Vertrages erfolgte gestern nach einer Meldung des„Wolffschen Bureaus" aus Ports mouth unter tiefem Schweigen. Hierauf streckte Witte über den Tisch hin den Arm aus und ergriff Komuras Hand und seine Kollegen folgten unverzüglich seinem Beispiel. Während Russen und Japaner über den Tisch hin ihre Hände fest verschlungen hielten brach Baron Rosen zuerst das Schweigen, indem er in Wittes Namew die japanischen Bevollmächtigten als wahre, vollendete Gentleman feierte und die Hoffnung aussprach, daß hinfüro feste freundliche Beziehungen zwischen beiden gleichen bestehen möchten. Baron Komura antwortete für die Japaner in ähnlichem Sinne. Die russischen Bevollmächtigten zogen sich sodann nach ihrem Ge- schäftszimmer zurück und blieben dort zehn Minuten allein. Dann kehrten sie zurück und nahmen am Büfett das Frühstück, wobei man auf die gegenseitige Gesundheit trank. Professor von Martens, der infolge Unwohlseins dem feierlichen Akt im Konferenzsaal nicht beiwohnte, sagte im Laufe eines Interviews, der Friedensvertrag zeige unbestreitbar, daß Rußland zurzeit alle Gedanken an eine grotzarttge Weltpolitik in der Richtung auf die entlegenen un- gewissen Gebiete des fernen Ostens aufgegeben habe. Er sei per- sönlich überzeugt, daß Rußland nicht der Vergangenheit nachhängen, sondern alle seine Kräfte sammeln werde für einen neuen großen Kampf, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Felde fruckst bringender Arbeit und sozialen sowie politischen Fortschritts.— Portsmoutch, 0. September. Baron Komura sowie die übrigen japanischen Mitglieder der Konferenz sind gestern abend nach Boston abgereist, die russischen Mitglieder heute vormittag nach New York.—* � • London, 6. September.'(„Bureau Lassan".) Zur Unter- Zeichnung des Friedensvertrages sagt„Daily Telegraph": Der russisch-japanische Vertrag müsse einen hervorragenden Platz unter den epochemachenden Friedensverträgen der ganzen Welt- geschichte einnehmen. Er sei übrigens der einzige Vertrag, der einen Triumph des Ostens über den Westen bezeichne. „Standard" ist der Ansicht, dem Vertrage fehle das Element der Endgültigkeit außer in bezug auf Korea. Er sei indessen eine voll ständige Ergänzung des neuen englisch-japanischen Vertrages.— „M o r n i n g Post" sagt, der Vertrag erlaube beiden Nationen, ihre natürliche Politik fortzusetzen.—„Daily Mail" versichert, der Vertrag gebe Japan alles, wofür es gekämpft habe und ver- sinnbildliche die Tatsache, daß Rußland aufgehört habe, eine oft- asiatische Macht zu sein.—„Daily C h r o n i c l e" glaubt, der moralische wie der materielle Gewinn Japans sei sehr groß. „Daily News" kommen zu dem Schluß, die Lage in der Mandschurei sei durch den Vertrag nicht genügend klargestellt.— •.• Verspätete Scharmützel. Petersburg, 8. September. General Linewitsch sandte dem Kaiser folgendes, vom 5. September datiertes Telegramm: Am 4. September versuchten die Japaner längs der Mandarincnstraße vorzudringen und begannen Verschanzungen zu errichten, wichen aber nach einigen Schüssen von unserer Seite zurück. In Korea ergriffen die Japaner am 3. September morgens 6 Uhr die Offensieve gegen die Linie Scherien— Uansan— Schegu in einer Stärke von einigen Bataillonen und Schwadronen mit Artillerie. Anfangs wurden die tauptstreitkräfte der Japaner gegen den linken Flügel und'die tellung bei Uansan gerichtet. Um 11 Uhr vormittags besetzten mehrere andere japanische Bataillone mit Artillerie'den Zwischen- räum zwischen Uansan und Schebu-Uabu. » Demonstrationen in Tokio. Tokio. 6. September. Die Teilnehmer an einer gestern hier abgehaltenen Versammlung protestierten gegen die Friedens- bedingungen, griffen das Bureau des Regierungsblattes Kokumin an, beschädigten es und begingen weitere Ausschreitungen. Mehrere Personen wurden verletzt, mehrere verhaftet. Der Vorfall hat keine ernstere Bedeutung._ Hub Inciultrie und Handel. Walzwerksprofite. Die„Rhein.-Wests. Ztg.", das Organ der Bergwerks- und Hüttenbesitzer des Ruhrreviers, beschäftigt sich in einem längeren fachmännischen Artikel niit der wirtschaftlichen Ueber- legenheit der gemischten Eisenwerke(d. h. der Werke, die zugleich Hochofen-, Stahlwerks- und Walzwerksbetriebe umfassen), über die sogenannten„reinen" Walzwerke, die nur Walzeisenprodukte her- stellen und das hierzu nötige Halbzeug(Rohstahl) von den Stahl- werken kaufen müssen. Das Blatt findet natürlich als Verteidigerin der Kartelle und der großen Hüttenbesitzer, daß die Klagen über die Preispolitik des Stahlwerkverbandes unberechtigt sind. Die Schuld an der angeblich ungünstigen Lage der reinen Walzwerke liegt seiner Ansicht nach vielmehr daran, daß die Walziverke sich noch nicht kartelliert haben, so daß noch immer die besser situierten Werke die kleineren, weniger günstig gestellten, zu unterbieten vermögen, und ferner an den niedrigeren Produktionskosten der gemischten Werke. Doch diese Ausführungen sind nebensächlich; weit inter- essanter sind die Angaben, die das Blatt über die bei der Her- stellung von Stabeisen erzielten Gewinne macht. Es sagt nämlich: „Erhellt aus dem eben Gesagten, daß der Verdienst in Halb- zeug nicht so großartig ist, daß die Werke daraus ihre guten Divi- denden verteilen können, wie mehrfach von den Walzwerksbesitzcrn betont wurde, so darf anderersetts der Gewinn an Stabeisen ohne weiteres als bedeutend höher angenommen werden. Nimmt man an. daß der Thomasrohblock dem Werk 08,76 M. zu stehen kommt, so bleiben bei einem Stabeisenpreis von 110 M. rund 42 M. für die Umwandlung des Blocks in Stäbe, also für Walzlohn. Wenn die reinen Werke diesen Walzlohn mit 25— 30 M. angeben, als Satz, bei dem sie etwas verdienen können, so ist er beim gemischten Werk sicher geringer, sagen wir also 20 M., so daß 22 M. als Verdienst zu rechnen sind. Es ist klar, daß hierbei so viel verdient ist, daß der Verkaufspreis ruhig S M. und mehr geringer fein kann. Die gemischten Werke können also ruhig 6— 10 M. billiger verkaufen. wie die reinen Werke, und verdienen doch noch nichr. Die Preis- unterbietungen in Stabeisen bewegen sich aber gewöhnlich zwischen 5— 10 M. und werden namentlich von solchen Werken angewandt, die ihre Erzeugung darin steigern und Kundschaft heranziehen wollen. Die Preisvergünstigungen sind dazu das beste Mittel. Sind nun Preisunterbietungen, soweit sie von dem normalen Marktpreis ab- iveichen, im allgemeinen im kaufmännischen Leben auch verpönt, so kann man sie doch so lange nicht unehrenhaft und unkaufmännisch nennen, als sie nicht unter die Selbstkosten herabgehen und Verlust bringen. Da das nach den obigen Zahlen nicht der Fall ist, so fällt der VorivUrf, de? Nach dieser Richtung erhoben wird, in sich zli» sammen. Der Uebelstand wird beseitigt, sobald das Produtt syn- diziert ist, und daß das bis jetzt nicht geschehen ist, daran sind, wie sich neuerdings immer mehr herausstellt, die Walzwerke ebenso sehr schuld, wie die Stahlwerke." Danach arbeiten also die Stabeisen herstellenden Werke zur' Zeit mit einem Aufschlag oder, wie die„Rhein.-Wests. Ztg." sagt, „Verdienst" von ungefähr 100 Proz. Ein recht ansehnlicher Profit, zu dem bei den gemischten Werken noch der bei der Produktion von rohen Thomasblöcken erzielte Gewinn hinzukommt, der sich je nach den Umständen ebenfalls auf 2S— 30 M. beläuft. Trotz dieses recht ansehnlichen Untcrnchmergcwinns klagt die von den Hütten- und Walzwerksbesitzern inspirierte Presse ständig über die Unzulänglich- keit der Preise und räsonniert über die Unverschämtheit der Arbeiter, die sich anschicken, die jetzige günstigere Gestaltung des Eisenmarktes zu Lohnerhöhungsforderungen auszunutzen. Der Hörder Bergwerks- und Hiittenvrrein hat trotz des Berg- arbeiterstreiks im Frühjahr in seinem letzten mit dem 30. Juni beendeten Geschäftsjahr einen bettächtlichen Gewinn erzielt. In der gestrigen Sitzung des Aufsichtsrates wurde der Abschluß für das Geschäftsjahr 1004/06 vorgelegt. Er weist einen Bruttogewinn von 0 407 076 M. gegen 6 701 586 M. im Vorjahre auf. Hiervon sollen 3 020 860 M.(gegen 2 800201 M. im Vorjahre) zu Abschreibungen verwendet werden. Der am 14. September stattfindenden Generalversammlung wird vorgeschlagen werden, nach Dotierung des gesetzlichen Reservefonds und Deckung der statuten- und vertragsmäßigen Tantiemen eine Dividende von 10 Proz. auf die Prioritätsaktien und eine solche von 2 Proz. auf die Stammaktien zu verteilen und den Rest von 323 721 M. auf neue Rechnung vorzutragen. Ein neues großes Ansbeutungsfcld. In einem Artikel des New Dorker Finanzblattes„The Wall Street Summarh" wird Kanada als dasjenige Land bezeichnet, welches durch seine Entwickekung in naher Zukunft die Aufmerksamkeit und das Staunen der ganzen Welt erregen wird. Innerhalb der nächsten fünf Jahre wird die neue Ueberlandbahn gebaut, die Grand Trunk Pacific Railroad, die den ganzen Kontinent durchschneidet, von der Küste des Atlantic» bis nach der Küste des Pacific-Ozcans führend. Die Kosten der Bahn werden auf 160 bis 200 Millionen Dollar geschätzt. Sie öffnet dem Anbau ungeheure Strecken fruchtbaren, jungfräulichen Bodens, besonders für Weizenproduktion geeignet. Kanada produziert jetzt ein Sechstel des Weizens, der in Nordamerika hervor- gebracht wird. Es ist einleuchtend, daß dieser Bahnbau in vieler Beziehung die EntWickelung des Landes beeinflussen wird. Neben der Fruchtbarkeit des Bodens werden die Mincralschätze im Schoß der Erde und der Reichtum der Wälder großen Gewinn ver- sprechen. Die Hauptlinie der Bahn ist 4000 englische Meilen lang, aber es besteht die Absicht seitens der Regierung von Kanada, zahl- rcicte Zweigbahnen zu errichten, um der Erschließung und Ent- wilDung des Landes in jeder Weise Vorschub zu leisten. Die An- nähme ist wohl begründet, daß der Boden ungeheuere Schätze birgt an Edelmetallen, Kohle, Oel, Eisen, Kupfer usw., aber diese Schätze sind für die Ausbeutung praktisch unzugänglich ohne die Bahn- anlage.— In Kanada selbst setzt man die größten Hoffnungen auf die neue Bahn._ GcwcrhfcbaftUcbcs. Die Niederlage der Scharfmacher! Dresden, 0. September.(Eig. Ber.) Mit einem glänzenden und schnellen Erfolge der organisierten Arbeiterschaft hat die von der Nähmaschinen- und F a h r r a d f a b r i k Seidel und Naumann(Aktiengesellschaft) mit Unterstützung des Verbandes der Metallindustriellcn eingeleitete terroristische Aktion geendet. Um die eines Lohnabzugs wegen streikenden 120 Schleifer dieses Be» triebcs zu veranlassen, bedingungslos"zur Arbeit zurückzukehren und die übrigen Arbeiter einzuschüchtern, wurden die 2 0 00 Arbeiter der Firma rücksichtslos ausgesperrt, aufs Pflaster geworfen und Vermittelungsversuche des Metall- arbeiter-Vcrbandes in provozierender Weise zurückgewiesen. Man hat sich aber gründlich getäuscht. Die Arbeiterschaft von Seidel und Naumann hat dieser Firma einmal gezeigt, daß organisierte Arbeiter nicht mehr so mit sich umspringen lassen als früher, wo nur ein kleiner Bruchteil der Organisation angehörte und daß daher die Zeiten vorbei sind, wo Arbeiter vor den Launen und dem Uebermut der Direktion mit der geballten Faust in der Tasche zu Kreuze krochen. Mit seltener Einmütigkeit und Kampfeslust nahmen die Arbeiter im Vertrauen auf ihre Organisation den ihnen auf- gezwungenen Kampf auf. Als die Firma die Wirkung ihrer Schneidigkeit erkannte und sah, wie die Dinge lagen, zog sie bald andere Register auf. Schon am anderen Tage erklärte sich dieselbe Generaldirettion, die erst jeden Vermittelungsversuch protzig zurückgewiesen hatte, zu Ver» Handlungen mit dem Arbeiterausschusse, der für sie sonst gar nicht existierte, dessen Vorsitzenden sie aber gelegentlich maßregelte, bereit. Der Arbeiterausschuß kam und fand eine — Deputation des Verbandes der Metall- industriellen vor, die angab, die Vermittlerrolle übernehmen zu wollen. Die Arbeiter erklärten, mit den Vertretern des Jndustriellen-Verbandcs nur dann verhandeln zu wollen, wenn auch Vertreter ihrer Gcwerkschaftsverbände zu den Verhandlungen zu- gezogen würden. Darauf kam die Antwort der Generaldrrektion: So lange wir atmen, kommt kein Vertreter des Verbandes hierher. Darauf lehnte der Arbeiterausschuß jede Verhandlung mit Ber- trctern des UnternehmerverbandcS ab. Es erklärte sich dann die Direktion selbst zu Unterhandlungen bereit. Die von der Organisation der Arbeiter formulierten For- derungcn lauteten: Aufhebung aller Abzüge bei den Schleifern, Einstellung aller Arbeiter an die alten Plätze. Die Firma erklärte sich bereit, die Lohnabzüge rückgängig zu machen bis auf die für die Lenkstangen. Letztere sollten außerhalb der Fabrik angefertigt werden. Auch die Einstellung aller Arbeiter innerhalb einiger Tage wurde zugesagt. Dagegen wurde eine schriftliche Festlegung der Vereinbarungen abgelehnt. Eine Versammlung der Aus- gesperrten beharrte auf einer bestimmten Formulierung der Ver- einbarung, genaue Feststellung der Tage, an welchen die einzelnen Abteilungen die Arbeit wieder aufnehmen sollten und Beseitigung eines Reverses, den jeder unorganisierte Arbeiter zwecks Bezugs einer Unterstützung durch die Firma während der Aussperrung unterzeichnen sollte. Außerdem noch Aufklärung einiger dunkler Punkte in Vereinbarungen. Diese Forderungen sind bei einer zweiten Verhandlung unter einigen unwesentlichen Einschränkungen auch gewährt worden. Unklare Punkte der früheren Vereinbarungen wurden genauer festgelegt und auch die Arbeitergruppe bestimmt, die bereits am Donnerstag die Arbeit wieder aufnehmen sollte, während andere, die der Vorarbeit der Schleifer bedürfen, nach ein bis zwei Tagen wieder anfangen sollen. Die Direktion hat zu- gesichert, daß jeder Arbeiter, auch die streikender Schleifer, wieder an seinen alten Platz kommen sollte. Auf die Frage, was mit den arbeitswilligen Schleifern würde, hat die Direktion er- klärt: Die alten Schleifer sollen den Arbeitswilligen erklären: „Lieber Freund, hier ist mein Platz, geh weg." Das übrige werde die Firma regeln. Die Reverse sollen nur den Arbeitern vorgelegt werden, die als Unorganisierte eine Unterstützung von der Firma direkt fordern. Diese Zugeständnisse wurden von den Ausgesperrten akzeptiert und einstimmig beschlossen, die Arbeit am Donnerstag wieder auf» zunehmen. Gleichzeitig wurde aber durch einstimmige Annahme einer Resolution erklärt, daß jeder Arbeiter, der eine Unterstützung von der Firma auf Grund des Reverses fordere, als Verräter be- trachtet werde. Donnerstag früh wird die Arbeit wieder auf- genommen. Dieser AuSgkMS Kr BelKgvNg bedeutet einen schönen Erfolg der Arbeiter, und sie haben ihn allein ihrer Organisation zu der- danken. Erst als die Millionenfirma die Macht der Organisation gefühlt hat, gab sie nach. Ohne ihre Organisation wären die Arbeiter rasch zu Paaren getrieben worden. Die Generaldirektion hat zwar Unterhandlungen mit den Vertretern der Organisation a b. gelehnt, sie hat aber nicht hindern können, daß diese Ver- treter in Wirklichkeit die Arbeiterforderungen bestimmten und die ganze Bewegung muster- gültig leiteten. Ja, diese Generaldirektion, die erst so weg- werfend über die Organisation der Arbeiter urteilte, hat sich ge- nötigt gesehen. Fühlung mit den verhaßten Organisationsleitern zu suchen. Der Generaldirektor Förster erschien zwar nicht selbst im Bureau des Gauvorstehers vom Metallarbeiter-Verband, er schickte aber seine„rechte Hand", den Beamten L ö tz s ch, der um die Erlaubnis nachsuchte, in der Versammlung etwaige Aufklärungen oder Ergänzungen über die gepflogenen Unterhandlungen im Auf- trage des Generaldirektors geben zu dürfen. Das wurde gestattet und der Vertreter der Firma bewährte sich auch als vorsichtiger Vermittler, Hat sich sonach auch die Direktion bis zuletzt geweigert, mit den Vertretern der Gewerkschaftsverbände zu unterhandeln, s o hat sie doch vor der Macht der Organisation kapituliert, zwar nicht bedingungslos, eine Kapitulation aber ist es. Und diese Organisationen stehen jetzt neu gekräftigt da. Während erst nur 75 Proz. der Arbeiter von Seidel und Naumann organisiert waren, sind es jetzt 90 Proz. Und natürlich wird dieser Erfolg wesentlich dazu beitragen, die gewerkschaftlichen Organisa- tionen zu fördern und zu stärken. Die Macht der Organisation hat sich selten so leuchtend offenbart, wie in diesem so schnell und er- folgreich beendeten Kampfe. t, BcrUn und dmgeffend. Tarifvertrag in der Marmorinbustrie. Die Marmorarbeiter waren am Dienstag abend im Englischen Garten versammelt, um den Bericht der Lohnkommission über das Resultat der Verhandlungen mit den Arbeitgebern vor dem Ge- Werbegericht entgegenzunehmen. Die Sitzungen haben Freitag ver- gangener Woche und am letzten Montag stattgefunden unter dem Vorsitz des Magistratsrats v. Schulz. Die von den Unternehmern erzielten Zugeständnisse sind in folgendem zusammenzufassen: Der Minimal-Stundenlohn der Steinmetzen beträgt auf der Werk- stelle 67 Ys Pf. und auf Bau 721/j Pf. Schleifer, welche drei Jahre schleifen, erhalten einen Stundenlohn von SO Pf. auf der Wcrkstclle und SS Pf. auf Bau. Für Ucberstunden wird ein Zu- schlag von IS Pf. gezahlt, Nachtarbeit SO Proz. und Sonntagsarbeit 100 Proz. Zuschlag. Bei Montage werden außer Fahrgeld 3 M. pro Tag vergütet. Der Aufschlag für Akkordsätze beträgt 8 bis 10 Proz. Zum Teil ist noch eine neue Klassifizierung der einzelnen Steingattungen zugunsten höherer Löhne zugestanden worden. Die neunstündige Arbeitszeit bleibt bestehen. Der Tarif hat zwei Jahre Gültigkeit, vom 1. September 1905 bis 1. September 1907.— lieber die Annahme oder Ablehnung der Zugeständnisse entspann sich eine lange Diskussion. Von vielen Rednern wurden die Zugeständnisse als zu geringe bezeichnet und erklärt, man wolle lieber eine Zeitlang ohne Tarifvereinbarung arbeiten und eine günstigere Zeit ab- warten, um dann erneut Forderungen zu stellen. Diesen trat die Kommission entgegen und mahnte, die Zugeständnisse anzunehmen. Es sei doch immerhin manches erreicht worden und nicht außer acht zu lassen, daß endlich die Grundpreise im Akkord für Steinmetzen, die seit 12 Jahren unverändert bestanden, eine Erhöhung erfahren haben, zumal etwa 80 Proz. der Arbeiter im Akkord arbeiteten. Schließlich wurde ein Antrag auf Annahme der Zugeständnisse mit 121 gegen 23 Stimmen angenommen. Drohende Aussperrung der Kohlenardeiter. Die organisierten Kohlenarbeiter sind in eine partielle Lohn- bewegung eingetreten. Sie fordern eine Verkürzung der Arbeits- zeit von 11 auf 10 Stunden und einen Einheitslohn von 4 M. pro Tag an Stelle der bisher ungleichnmßigen Löhne, die den Höchst- satz von 3,75 M. erreichten. Einige Firmen, die eingesehen hatten, daß die Forderung der Arbeiter in Anbetracht der verlangten Arbeitsleistung nur zu berechtigt ist, bewilligten da? Verlangte auch ohne weiteres. Auf den Kohlenplätzen der Firmen Josef Fischer und L. Schulze aber mußten die Arbeiter gestern in den Streik treten. Diese Arbeitsnieder- legung veranlaßte nun den Arbeitgeberverband der Kohlenhandlungcn, Stellung zu den Forderungen der Arbeiter zu nehmen. ES wurde der Beschluß gefaßt, den Streikenden anzudrohen, daß wenn bis zum Sonnabend die Arbeit zu den alten Bedin- gungen nicht wieder aufgenommen würde, dann auf sämtlichen Kohlenplätzen die Arbeiter auSzu- sperren. Gleichzeitig ist den Firmen, die bereits bewilligt hatten, anheimgegeben worden, bei Vermeidung einer Konventionalstrafe die Bewilligung wieder zurückzuziehen. Bei einer event. Aus- sperrung würden rund 600 Arbeiter in Betracht kommen, die im TranSportarbeiter-Verband organisiert sind. Die Einführung deS neue» Rohrlegertarifs hat sich in der großen Mehrzahl der Betriebe allgemein ohne Schwierigkeiten vollzogen. Nur ein Dutzend kleinerer Firmen, die nur wenig Leute beschäftigen, haben, teilweise aus mißverständlicher Auffassung einiger neuer Be- stimmungen, die Anerkemumg des Tarifs verweigert. Für die Branche selbst ist diese Weigerung jedoch nur von untergeordneter Bedeutung. Ueber mehrere derartiger Betriebe wie I. Schmidt, Charlottenburg; H. T i m m, Köpenickerstraße; W. E h l e r t, Charlottenburg: C. S ch ä f e r, Rathenowerstraße; K u n z e u. C i e., Schöneberg; H i r s ch f e l d, Rixdorf; P ä t s ch u. Cie, Rixdorf, und P. G r ä tz, Pankow, hat der Metallarbeiter-Verband die Sperre verhängt. Die Bauten, aus denen diese Firmen die Rohrleger- arbeiten ausführen, sind erst dann als freigegeben zu bettachten, wenn dies im„Vorwärts" bekanntgemacht ist. Achtung! Rohrleger und Helfer. Die Differenzen bei der Firma Schäffer, Rathenowerstraße. sind erledigt. Denmach sind die folgenden Betriebe frei: Waldenserstr. 17, Petersburgerstr. 57 a, Liebenwalder- straße 8 und Essenerstr. 14. Wcißensee: Wilhelm- und Göblersttaße Ecke. Rixdorf: Weisestt. 62. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Ortsverwaltung Berlin. Die Kutscher und Lagerarbeiter der Firma Alb. Melzdorf u. Sohn, Wallstr. 26/27, haben gestern vormittag sämtlich die Arbeit niedergelegt. Sie hatten eine Lohnerhöhung gefordert, weil ihnen bisher nur Wochenlöhne von 24 bis 27 M. gezahlt wurden, während in anderen Betrieben die Mchlkutscher bereits einen Lohn von 36 M. haben. Ganz besonderes Gelvicht legen die Streikenden auch auf eine beffere Behandlung. Verhandlungen mit einem Verbandsvertreter lehnte der Firmenchef mit der Motwienmg ab, daß er Herr im eigenen Hause sein wolle. Die Arbeitsniederlegung bei der Firma A. Lugino u. Co.(Putzer und Putzerttäger der Gips- und Zementbranche) ist eine allgemeine. Im ganzen stellten 200 Arbeiter die Arbeit ein, von denen sich gestern 161 zur Kontrolle stellten. Bei der Firma arbeiten nur noch acht Mann, die auf vier Bauten verteilt sind. Dcutfches Reich- Die Tischler in Göttingen haben nach fünf Wochen dauerndem Streik eine scchsprozentige Lohnerhöhung und eine Ver- kürzung der Arbeitszeit errungen.___ Der Streik der Bildhauer und Sttikkateure in München wurde nach 16 wöchentlicher Dauer durch Tarifvereinbarungen vor dem Verantw. Redakteur: Paul Büttner. Berlin. Inseratenteil verantw, Einigungsamte beendet. Der Verttag hat seine Gültigkeit bis zum 31. März 1903. Die Vereinbarungen lauten: achtstündige Arbeitszeit für Bildhauer und stündige Arbeitszeit für Stukkateure, unter Wegfall der Nachmittagsbrotzeit; die Verkürzung der Arbeitszeit tritt sofort mit Wiederaufnahme der Arbeit in Kraft; die Stundenlöhne für Bildhauer wurden auf 81 Pf. festgesetzt, werden am 1. April 1906 und 1. April 1907 um j e 2 Pf. erhöht; die Löhne der Bau- Stukkateure wurden auf 76 Pf., die der Werkstatt-Stukkateure auf 66 Pf. festgesetzt und. werden am 1. April 1906 und 1907 um je 2 Pf. erhöht. Huslnnd. Streikunruhcn in der Schweiz. Infolge eines in Rorschach ausgebrochenen Streiks der Gießerei» Arbeiter veranstaltete die Arbeiterschaft eine Kundgebung, an der 2000 Personen teilnahmen. Die Manifestanten demolierten nach der Meldung des offiziösen Wölfischen Bureaus angeblich durch Steinwürfe sie Gießerei und ein Gasthaus, in dem sich zugereiste französische Arbeiter(wohl Streikbrecher?) aufhielten. In der Nacht wurde von Stankt Gallen eine Landwehrkompagnie nach Rorschach beordert._ Die Hafenarbeiter von Helsingfors sind in den Ausstand getreten. Sie verlangen Lohnerhöhung, Soziales. Vom Berliner Kaufmannsgericht. Die Neuaiigestcllten aufgeheizt, gegen den Chef intrigiert zu haben, soll der Grund gewesen sein, weshalb die Finna Julius f) ermann in der Lützowstraße einen Reisenden, der 13 Monate ür sie tätig gewesen war, plötzlich das Betreten ihrer Geschäfts- lokale untersagte. Laut Vertrag war ihm ein Einkommen von 100 M. pro Monat garantiert worden. Er hatte es aber für die Monate Juni und Juli nicht erhalten, weshalb er die Firma auf Zahlung von 200 M. verklagte. Der Vertreter der Beklagten wandte ein, daß es sich hier nicht um festes Gehalt handele; die Summe sei stets von der Provision in Abzug gebracht worden; auch habe der Kläger in den 13 Monaten 2000 M., also weit mehr als das aarantterte Einkommen erhalten. Ein schon fälliger Pro- vistonsanspruch des Klägers bestehe nicht. Die Entlastimg des Klägers sei wegen Untteue erfolgt.— Das Gericht fällte ein Teilurteil. Die beklagte Firma soll dem Kläger die 100 M. für Juni ohne weiteres zahlen. Ueber den Anspruch auch für Juli soll in einem neuen Termin noch Beweisaufnahme über den Vorwurf der Untteue entschieden werden.— In einer anderen Klage gegen dieselbe Firma, über die ebenfalls an» Montag verhandelt wurde, kam es zu einem Vergleich, wonach der betreffende Reisende statt verlangter 1075 M. 140 M. erhalten soll. Doch behielt sich der Bertteter der Firma das Recht des Widerrufs vor. „Ist es nicht schrecklich, daß Sie den Eid leisten wollen? Ueber- legen Sie sich das doch lieber noch einmal recht gründlich".-- „Ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Ach. Herr Rat, gestatten Sie doch, daß ich erst mein Personal frage".— Der untröstlich scheineirde Inhaber der Firma P. Cornelius in der Brüderstraße wandte sich an seine im Saale anwesenden Angestellten. Wehmütig kehrte er zurück und sagte:„Mein Personal weiß auch keinen Rat." Und der Kläger leistete den Eid, daß er am 7. Juni zu dem Be- klagten nicht gesagt habe:„Ich kündige auf den n ä ch st e n E r st e n", sondern:„Ich kündige auf den ersten Augu st". Demgemäß hatte er Anspruch auf die vereinbarte Kündigungsfrist von einem Monat und der Beklagte wurde verurteilt, ihm die ver- langten 150 M. zu zahlen. Vorher schon hatte er sich nach langem Zureden bereit gefunden, dem Kläger im Zeugnis zu bestätigen, daß er nicht nur als Kontorist sondern auch als Reisender Ki ihm tätig gewesen. Daß ein Konfektionär auch einrichtet, ist für viele Geschäfte eine bekannte Tatsache. Wollte der Kläger das nicht, so hätte er sich von vornherein gegen diese seiner Meinung nach unwürdige Arbeit sichern müsten. So erklärte das Gericht in der Klage eines Konfektionärs, der zu seinem Chef gesagt hatte:„Ich richte nicht ein". Er habe außerdem, so erklärt der Beklagte, ge- faulenzt, was vom Kläger bestritten wurde, und sei dann groben Ungehorsams wegen entlassen worden.— Mit der erwähnten Begriindung wies das Gericht seine Klage aus Gehalts« entschädigung ab. Alles»ach Schema F. zu erledigen, hatte nach der Behauptung des Vertreters der Firma„Elektrometallurgie" in der Hollmannstraße ein Kontorist, der zweimal 14 Tage zur Probe und zuletzt zur Anshülfe bei 2,2 5 Mark Tagelohn mit tag- l i ch e r Kündigung angestellt war. Seine Arbeit sei nur Schreiberarbeit gewesen. Es stellte sich jedoch heraus, daß der Kläger selbständig Fakturen ausgestellt und andere kaufmännische Arbeiten verrichtet hatte. Das Gericht verurteilte die beklagte Firma, dem Kläger das der gesetzlichen Kündigungsfrist entsprechende Gehalt von 107, SO M. zu zahlen. Der Einwand des Be- klagten, er habe ihn nur zur Aushülfe eingestellt, sei eben nur eine „Aushülfe", bemerkte der Vorsitzende. Tägliche Kündigung sei un- zulässig. Ob Gehaltsabzüge für unberechtigtes Kreditgeben gesetzlich zulässig find, über diese Frage wurde in der Klage einer Verkäuferin gegen die Handschuh- und Krawattenfirma Alfred Adelmann nicht entschieden. Gleichwohl verurteilte das Gericht die Beklagte, der Klägerin die von ihrem letzten 60 M.-Monatsgehalt abgezogenen 13,25 M. zu zahlen, weil sie von der Frau des Chefs den Auftrag erhalten hatte, die Ware» auch ohne Bezahlung abzugeben. Uebrigens hätte sich diese Sache leicht ohne Urteil erledigen lassen, wenn der als Zeuge erschienene gute Kunde, der sich Finanzmakler Paul Zahn nannte, sich bereit erklärt hätte, zu zahlen oder die empfangenen Waren zurückzugeben. Aber ans keines von beiden wollte er sich verpflichten_ Versammlungen. Der Zenttalverband der Schuhmacher Deutschlands(Zahl- st eile Berlin) hielt am 4. September in den Jndustriesälen, Beuthsttaße. eine gutbesuchte SchoßaiJbeiter-Vers am m- l u n g ab, die namentlich dem weiteren Ausbau der Organisatton dienen sollte. Der Gauleiter Hammacher kennzeichnete in seinem Referat treffend die Zuspitzung der Klassengegensätze, indem er besonders der großen Aussperrungen der letzten Zeit kritisch gedachte und dann auf die Gründung des neuen ScharfmacherverbandeS der Schuhmachermeister verwies. Dieser Verband für das Schuhmacher-Kleingewerbe mache es seinen Mit- gliedern, gleich den anderen Arbeitertrutzvereinigungen der Unter- iiehiner, zur Pflicht, eine gegenseitige Unterstützung bei andauernden Streiks und Boykotts zu üben. Die Schoßarbeiter würden also von jetzt ab auch mit einer anderen, schärferen Gestaltung zukünftiger Kämpfe um Verbesserungen oder zur Abwehr von Verschlechterungen zu rechnen haben. Die Gesamtheit der organisierten Schuhmachermeister aus der handwerksmäßigen Schuh- Produktion werde ihnen gegenüberstehen. Ein Scharsinacher habe in der„Deutschen Schuhmacherzeitung" schon angedeutet, wie man Stteikende beziehungsweise Leute, welche in den letzten vier Wochen vor Einttitt eines Ausstandes oder vor der Verhängung einer Sperre im fraglichen Gebiete arbeiteten, von allen anderen, nicht direkt betroffenen Bettieben fernhalten könne. Jeder Arbeitgeber deS SchuhmachergewerbeS solle danach verpflichtet werden, solche Leute nicht einzustellen oder alsbald wieder zu entlassen, und um sie herauszufinden, solle jeder Meister verpflichtet werden, bei Eni- lassungen stets Arbeitsbescheinigungen auszustellen und bei Engagements keinen einzustellen, der nicht die letzte Arbeits- beschemiguna vorweisen könne.— Nun, es sei ja noch nicht so weit, auf jeden Fall müßten aber die Arbeiter der Schoßbranche sich rüsten, auch im Frieden,»m zur rechten Zeit gewappnet dazustehen. Das vollständig vernachlässigte Vertrauensmännersystem müsse 'bor allem neu aufleben. Gerade in einer Branche, wo die Heim- arbeit bestehe, sei es am allernotwendigsten, sich über die Verhältniste in den einzelnen Betrieben zu orientieren und eine gut funktionierende Verttauensmänner-Körperschast zu haben.— Redner ging darauf noch näher ein und seine Anregungen fanden auch, wie der Beifall und die Ausführungen der nachfolgenden Redner bewiesen, die volle Billigung der Versammlung.— Dann wurden noch verschiedene Ver- einsangelegenheiten erledigt. Die Sektion der Flieseuleger des Maurerverbandes hielt am Montag im Gewerkschaftshause eine Mitgliederversammlung ab, in der wieder einmal Vorgänge zur Sprache kamen, die in dem un- seligen und törichten Streit zwischen der Sektton und der Freien Vereinigung der Fliesenleger ihre Ursache hatten. Nach dem, was der Vorsitzende BreiSke und die direkt Beteiligten ausführten, haben Mitglieder der Freien Vereinigung, darunter ihr zweiter Vorsitzender, zwei Sektionsmitglieder aus der Arbeit gedrängt, weil sie sich weigerten, jener Organisatton beizutteten. Der Beschlutz, in dieser Weise gegen die„Sektionisten" vorzugehen, ist, wie behauptet wurde, einstimmig von den übrigen Fliesenlegern der betteffenden Firma gefaßt worden. Einer der aus der Arbeit Ge« drängten ist bereits zehn Jahre Mitglied des Maurerverbandes und ebenso lange politisch organisiert. Sehr ungern soll der Chef dem Verlangen der Vereinigungsmitglieder nachgegeben haben; er soll erklärt haben, wegen der vielen dringenden Auf- träge sähe er sich genottgt. in den sauren Apfel zu beißen. Er hat dann den beiden bei einer anderen Firma Arbeit nachgewiesen. Selbstverständlich wurde das Vorgehen der Vereinigungsmitglieder auf das schärfste von der Versammlung ver- urteilt. Eine dementsprechende Resolutton wurde einstimmig an- genommen.— Ein Mitglied der Freien Vereinigung, dem ohne iveiteres gestattet wurde, als Gast an der Versammlung teil« zunehmen, machte keinen Versuch, das Verhalten seiner Organisatton zu rechtfertigen._ Letzte JVachnchten und Depetcben. Die Revolution in Rußland. Baku, 6. September.(Privatdepesche des„Vorwärts".) In Bakachany fanden in vergangener Nacht heftige Stratzenkäinpfe statt; unter den Getöteten Hefinden sich viele Russen und einige Deutsche. In Balachany und Bibi-Eybad stehen die Häuser in hellen Flammen. Die Reservoire von Rothschild sind niedergebrannt. Das Zeughaus wird von Tataren bestürntt. TifliS, 6. September.(W. T. B.) Der Gouverneur von Elisabetpol berichtet«, daß die Einwohner des Dorfes Minkend von herumziehenden Tataren niedergemacht worden wären. Auch andere Dörfer würden von ihnen belagert. Der Gouverneur erbat die Entsendung von Truppen, um die Ruhe wiederherzustellen. Berlustlistt. Berlin, 6. September.(W. T. B.)' Ein Telegramm aus Winhuk meldet: Reiter Joseph Jiebig, geboren am 25. 3. 32 zu Maltsch, am 26. August d. I. auf Patrouille südlich Kosos gefallen. Reiter Johannes Bchm, geboren am 23. 6. 81 zu Westswine, am 28. August d. I. bei Omaruru durch Unglücksfall von Zug überfahren worden und sofort g e- starben. Reiter Gustav Schulz, geboren am 11. 6. 84 zu Glogsen, am 3 September d. I. im Feldlazarett 12 Lüderitzbucht cm Herzschwäche nach Typhus gestorben. Kündigung der organisierten Textilarbeiter. Reichenbach(Schlesien), 6. September.(W. T. B.) Die hiesigen Webereibesitzcr haben beschlossen, sämttichen hiesigen organisierten Textilarbeitern zu kündigen. Berlnngrrung deS österreichifch-schwelzerischen Handelsvertrages. Bern, 6. September.(W. T. B.) Mittels heute nachmittag erfolgten Notenaustausches zwischen der Schweiz und Oesterreich. Ungarn wurde die Verlängerung der Wirkungen des 1392 abge- schlostenen Handelsvertrages bis zum 31. Dezember 1905 ver- einbart. Hinsichtlich neuer Vertragsvcrhandlungen ist nichts ent- schieden; der Schweizer Bundesrat gcwärtigt die Vorschläge der österreichisch-ungarischcn Regierung. Ausstand der GaSarbeiter. Budapest, 6. September.(B. H.) In den hiesigen Gaswerken ist heute morgen plötzlich ein Streik ausgebrochen. Die Arbeiter er- klärten um 8 Uhr morgens, vom heuttgen Tage ab die Arbeit einzustellen und nicht früher wieder aufzunehmen, bis ihre Forderungen erfüllt seien. Für den heuttgen Tag ist vorgesorgt, daß die Beleuchtung der Stadt keine Unterbrechung erfährt. Budapest, 6. September. �(W. T. SB.) Der Ausstand der Gasarbeiter ist beendet, da ihre Forderungen bewilligt worden sind. Budapest, 6. September.'(Meldung de? Wiener K. K. Tele- graphen-Korr.-Bureaus.) Wie verlautet, herrscht in den Re- gierungskreisen die Absicht, das Abgeordnetenhaus auf- z u l ö s e n und Neuwahlen auszuschreiben. Das Regierungsorgan „Magyar Nemzet" schreibt: Die Regierung tritt mit der Lösung bedeutender wirtschaftlicher und sozialer Probleme vor die Nation, um diese auf solche Weise für ihre Politik zu gewinnen. Die Rc- gierung wünscht die Verantwortung vor einem neuen, lebens- kräftigen, sich nicht in Ungesetzlichkeiten bewegenden Abgeordneten- hauS zu tragen._ Tie Stimmung in Japan. Nagasaki, 6. September.(Meldung des Reuterschen Bureaus.)! Die Nachricht vom Friedensschluß wurde hier ohne besondere Freude aufgenommen. In den Hauptvlätzen der Insel Kin Schin ist die all- gemeine Empfindung das SLo dauern, daß Japan der Früchte seiner Siege beraubt worden sei. Enttäuschung wird besonders darüber ausgedrückt, daß man keine dauernde Sicherheit gegen russische An- griffe durchgesetzt habe. Der diplomatische Mißerfolg Japans wird dem Umstände zugeschrieben, daß die Verhandlimgen verfrüht ein- geleitet worden seien._ London, 6. September.(23. T. SB.) Nach einer später bei Lloyds eingegangenen Meldung aus Port Said ist es noch nicht ge- lungen, das Feuer an Bord des„Chatham" zu löschen. Der Schiffs- verkehr im Kanal ist noch immer eingestellt. Die Cholera. Bromberg. 6. September.(W. T. B.> Bei einem Altsitzer in Ludwikowo und einem Flößer in Woydechowo(Kreis Schubin), die unter cholemverdächtigen Erscheinungen erkrankt waren, ist Cholera festgestellt worden. Hamburg, 6. September.(W. T. BJ Amtlich wird mitgeteilt: Bei einem auf Raboisen wohnhaften, kürzlich auS der sittenpolizeilichen Kontrolle entlasienen Frauenzimmer, welches wegen Brechdurchfalls in das Eppendorfer Krankenhaus überführt worden war, hat die bakteriologische Untersuchung ergeben, daß es sich um Cholera handelte. Sämtliche Personen, mit welchen die Erkrankte während der letzten Tage in SBerührung gekommen war, sind unttr ärztliche Kontrolle gestellt, die Wohnung ist desinfiziert und alle Vorsichtsmaßregeln find getroffen worden. Die Ermitte- lungen über den Zusammenhang mit den bereits gemeldeten Er- krankungcn sind noch nicht abgeschloffen; weitere verdächtige Er- krankungen sind nicht vorgekommen._ : TH.GlpckdBrrlin, Krück u. Verlag: Vorlvlirts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo..BerlinLW, HierzullBeilagenu.ynttrhaltungsblat» 9t. 209. 22. MW 1. Mm il(0„ÖOdüW Dtlülltt Jolkölllütt. S-Mt-w.7.StKMtMS. Die Fortsetzung einer nnntöglichen Diskussion. Von K. Kautsky. lSchluß.) b. Persönliche Literatenreibungen. Die ethische Denkweise ist im„Vorwärts" sehr stark gelvorden, aber sie beherrscht ihn nicht ausschließlich. Neben dem ethischen finden wir auch das ökonomisch-materialistische Denken in ihm stark vertreten, indes nicht so stark, daß es das erstere überwöge, dem „Vorwärts" seinen Charakter gäbe. Es dient nicht dazu, die aus der«rsreren Denkweise entstammenden Schwächen aufzuheben, son- dern eher dazu, sie noch zu verstärken. Das Bestehen des Gegensatzes in den beiden Denkweisen, der durchaus kein persönlicher ist und die Kameradschaftlichkeit nicht hindert, erzeugt einen hohen Mangel an Einheitlichkeit, einen der schlimmsten Mißstände, der einem Organ anhaften kann, das bestimmt ist, führend zu wirken. Er erzeugt Unentschiedenhest in allen inneren Parteifragen, Schwanken und Widersprüche in der Gescnntpolitik, lähmt das.fOrgcm auch dann, wenn der Gegensatz der beiden Richtungen nicht offen zutage tritt, was natürlich nur in äußersten Fällen vorkommt. Nidjt minder unerfreulich als dieser Gegensatz innerhalb der Redaktion ist aber der Gegensah, der seit dem Vorherrschen der cthi- schcn Denkweise in unserem Zentralorgan zwischen diesem und einem Teil unserer Parteigeiwssen erwachsen ist, gerade solchen Partei genosten, die sich die Verbreitung und Vertiefung des ökonomisch. wissenschaftlichen Denkens in unserer Partei besonders angelegen sein lagen. Da der Gegensatz der beiden Denkrichwngen kein ge- legentlicher, sondern ein ständiger ist, erzeugt er auch immer wieder Friktionen, so sehr beide Teile dieses Zustandes müt� sein mögen und nach Ruhe verlangen. Der„Vorwärts" möchte diese Friktionen mit seinen Kritikern gern als sin» und zweckloses Werk bloßer Ranküre und zwar speziell nur der„Leipziger Volkszeitung" erscheinen lassen. Aber außerhalb dieses Blattes empfinden zahlreiche Parteigenossen, denen die ökonomisch-materialistische Auffassung und die dieser entsprechende Schulung des Proletariats besonders am Herzen liegt, ganz in der gleichen Weise die Unzulänglichkeit des„Vorwärts". UnMvenn die Kritiker des„Vorwärts" sich öffentlich äußern, sind sie nicht einmal immer der angreifende Teil— obwohl die Kritik naturgemäß stets nur angreifend, nie defensiv auftreten kann. Da der„Vorwärts" auch mir persönliche Kampfesweise vor- geworfen hat, seien hier meine Rekontcrs mit ihm seit einem Jahre. kurz zusammengefaßt. Sie geben«in Bild der sachlichen Be- rechtigung unserer Differenzen. Die Aeußerungen Bebels auf dem Amsterdamer Kongreß über die Republik hatten auch mich zu einigen Aeußerungen darüber ver- anlaßt. Darob wurde ich von Kurt Eisner im„Vorwärts" ange- griffen. Ich empfand das als einen vom Zaun gebrochenen Streit mit mir. aber selbstverständlich fiel es mir nicht ein, darüber zu klagen. Nur meine ich, brauchte deshalb Eisner nicht gerade, wie er es jüngst tat, derartige Diskussionen als„persönliche Literaten- reibungen ohne Sinn und Zweck" den Parteigenossen zu denunzieren. Zur Verherrlichung der französischen Bourgeoispolitik brachte Eisner im Laufe der Diskussion die unglaublichsten Dinge über- die trefflichen Richter Frankreichs, seine„antikapitalistische" Steuer- gesetzgebung und derartiges vor. Das veranlasste mich, in der„Neuen Zeit" das Wesen der französischen Bourgoisrepublik und ihren arbeiterfeindlichen Charakter in sieben ausführlichen Artikeln zu kennzeichnen. Ich vermied es fast vollständig, dabei nochmals auf die Eisnerschen Anzapfungen einzu- gehen, weil mir der persönliche Streit zuwider war, und beschränkte mich darauf, ein ausgedehntes Tatsachenmaterial vorzuführen. Ich liebe eben das„tiefe Niveau der persönlichen Rcibereten"! Aber Eisner begnügte sich nicht damit, die französische Bourgeoisrepublik zu verherrlichen. Er. der allen„persönlichen Literatenreibcreien" so abhold ist, griff in seinen Artikeln ohne jede vorhergegangene Provokation unseren verdienten Parteiveteran Jules Guesde auf das schärfste an. Er behauptete, daß dessen „Taktik in jedem Punkte der deutschen Taktik widerspricht".„Mit einem solchen Guesde könnte, wenn er in Deutschland wirkte, die Sozialdemokratie niemals einig werden, er würde sich unter anarchisti- schen Eingängern verlieren. Kann man eS da für möglich halten, daß auf Grundlage dieses Programms eine Einheit in Frankreich zustande kommen kann? Das ist unmöglich, und deshalb sollten wir rm Interesse der französischen Einheit ernst und nachdrücklich gegen derartige Auffassungen Stellung nehmen, anstatt sie scheinbar zu unterstützen." Wenige Wochen später war die Einigkeit in Frankreich perfekt. perfekt mit demselben und durch denselben Guesde. den EiSner so lebhaft als Hindernis aller Einigung bezeichnete, und ohne daß dieser auch nur ein Wort von jenem Programm zurückgezogen hätte. von dem Eisner so entschieden behauptete, eS mache die Einigung in Frankreich unmöglich. Vielleicht noch nie haben die Tatsachen einen unberechtigten Angriff, wie den EiSners auf Guesde, so rasch in seiner vollen Nichtigkeit enthüllt wie damals. Soviel über diese„Literatcmeibung". Und nun unsere nächste. Die französisch- Regierung hatte ihre Offiziere auf ihre poli- tischen Gesinnungen hin bespitzeln lassen, und das war von den Klerikalen herausgebracht und an die große Glocke gehängt worden. Selbst em großer Teil der eigenen Anhänger der Regierung fand ihr Spitzelsystem lvenig anständig und bestritt bloß ihren klerikal- monarchistischen Anklägern das Recht, sich darüber zu entrüsten, da es deren eigene Methoden seien, die da angewendet würden. Der „Vorwärts" dagegen muhte auch hier sich für die bürgerlich-republi- kanische Regierung einsetzen, rechtfertigte ihr Vorgehen, erklärte es für unbedingt notwendig zur Rettung der Republik._ Er schloß aus den Kammerdebatten, die eine Mehrheit für die Regierung brachten, daß die„militaristische Reaktion eine entscheidende Niederlage er- litten habe", der Sturm auf den Kriegsminister abgeschlagen sei und das Ministerium fester stehe als je. Mir erschien diese Auffassung sehr zweifelhaft. Die Eni- hüllungen waren so skandalös, daß sie daS Ministerium trotz eine» AugenblickssiegeS aufs tiefste erschüttern mußten. Die Auffassung des„Vorwärts", wenn sie unwidersprochen blieb, erschien mir aber auch gefährlich, weil sie einmal, auch in Deutschland, gegen uns selbst gerichtet werden konnte. Daher protestierte ich dagegen im„Vorwärts". Dessen Re- daktion behielt natürlich das letzte Wort gegen mich, aber sie konnte nicht verhindern, daß die Ereignisse sie abermals ebenso desavouierten wie damals, als Eisner GueSdcs Taktik für das unüberwindliche Hindernis jeder Einigung erklärt hatte. Kaum hatte unsere DiS- kussion einen Abschluß gefunden, da war auch schon nicht bloß der Kriegsminister, sondern die ganze radikale Regierung mit ihrem Latein zu Ende, um dem reaktionären Ministerium Rouvier Platz gu machen. Die Bespitzelung der Offiziere hatte nicht, wie der ».Vorwärts" gemeint, das radikale Regime gerettet, sondern es unmöglich gemacht. Das>var im November. Aber mein unstillbarer Trieb nach »Literatenreibungen" ließ mich im Februar schon wieder gegen den »Vorwärts" polemisieren. Der„Vorwärts" hatte, verführt durch liberale Berichterstattung, sich etwas pessimistisch über die russische Revolution geäußert. Da hielt ich es für geraten, diese Be- fürchtungen zu zerstreuen in meinem Artikel der„Neuen Zeit" über die„Bauern und die Revolution in Rußland". Ich darf wohl sagen. daß die seitherigen Ersahrungen meine damalige Auffassung be- ftätigten. Dazu kam im März ein weiterer Differenzpunkt. Der„Vor. vstrts" hatte wiederholt/ so im Januar/ unsere russische� Gwossen- angegriffen, weil diese sich geweigert hatten, eine Konferenz einiger opvositionellen— teilweise liberalen— Organisationen in Paris zu beschicken. Er hielt die Teilnahme an dieser Konferenz für not- wendig, um ein Stück„Erziehungswerk an den bürgerlichen Ele- menten" zu vollziehen. Endlich im März warf er, allerdings nur indirekt, den russischen Sozialdemokraten vor, daß sie nicht bereit seien, sich mit den Sozialrevolutionären zu vereinigen. Diese ständigen Angriffe konnten kein anderes Ergebnis haben, als unsere russischen Genossen in den Augen des deutschen Prole- tariats zu diskreditieren. Dabei waren sie sachlich völlig ungerecht- fertigt. Die Pariser Konferenz, die dem„Vorwärts" so imponierte. blieb völlig bedeutungslos und zeitigte nicht die geringste Aktion. Nebenbei bemerkt: Heute schwärmen verschiedene der bürgerlichen Teilnehmer an dieser„revolutionären" Konserenz für eine„starke Regierung", manche davon organisieren sogar, wie mir mitgeteilt wird, gelbe Gewerkschaften und rufen die Polizei zur Nieder- schlagung der proletarischen Revolution auf. Zur Rechtfertigung der russischen Sozialdemokratie hielt ich es damals für notwendig, die deutschen Genossen über die Sachlage aufzuklären, und veröffent- lichte meine Artikel darüber in der«Leipziger VolkSzeituny" und in der„Neuen Zeit". Dazu gesellten sich endlich unsere Differenzen wegen des Massen- streiks. Vom 22. bis 28. Mai hatte der Getverkschaftskongreß ge- tagt und in der Parteipresse eine reiche Diskussion über das Ver- hältnis von Partei und Gewerkschaft und den Massenstreik entfesselt. Diese Diskussion hatte schon im wesentlichen ihr Ende erreicht, als erst unser Zentralorgan auf dem Plane erschien mit seinem Lcit- artikel vom 3. Juni, der es sich zur Hauptaufgabe stellte, die Ver- Handlungen des Gewerkschaftskongresses über den Massenstreik und die Fernhaltung der Politik von den gewerkschaftlichen Organi sationen zu rechtfertigen— im Gegensatz zu der Auffassung der großen Mehrheit der übrigen Parteipresse. Dagegen wendete ich mich in meinem Vorwort zur Roland-Holstschen Broschüre, die den gegenteiligen Standpunkt vertritt. Die Diskussion fand eine Fortsetzung durch die Besprechung dieser Broschüre im„Vorwärts" und meine Antwort darauf in der „Neuen Zeit". Man sieht, um welche„Kleinigkeiten" sich unsere«persönlichen Literartenreibungen ohne jeden Sinn und Zweck" drehten: um die französische Einigung, unsere Stellung zur Bourgeoisrepublik, die Mittel, die Republik zu retten, die russische Revolution, das Ver- hältnis von Partei und Gewerkschaft, den Massenstreik— lauter Fragen, die von der ganzen internationalen Sozialdemokratie aufs eifrigste diskutiert werden. Und ich verfocht dabei nicht persönliche Schrullen, sondern Anschauungen, die ich mit weiten und ernsten Parteikreisen gemeinsam hatte. Aber wenn man da in Konflikt mit unserem Zentralorgan gerät, sieht dieses mit solchen Diskussionen sofort bloße persönliche Reibereien, in denen es weder Zweck noch Sinn zu entdecken vermag. Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, statt sich ethisch zu entrüsten, tiefer zu graben und zu untersuchen, ob diese fortgesetzten Zusammenstöße nicht vielmehr dem Umstand zuzuschreiben sind, daß alle die Gebiete, aus denen sie erfolgen, in inncrem sachlichem Zusammenhang stehen als Teile unseres großen EmanzipattonskampfeS und ob nicht unsere Anschauungen darüber so weit auseinandergehen, daß sie immer wieder feindlich aufein- anderstohen müssen. Ich sprach hier nur von mir, aber schon diese paar, mir be- sonders naheliegenden Beispiele zeigen, daß der„Vorwärts" auch m Kampf geriet mit den Vkarriften Frankreichs, Rußlands, wie er deim auch tatsächlich im Gegensatz steht zu allen entschieden marxistt- schen Elementen der internationalen Sozialdemokratie und nicht bloß zu denen von Leipzig. Je länger dieser Zustand dauert, der sich historisch, unmerklich, gebildet hat, um so mehr häufen sich natürlich die Reibungen zwischen den gegensätzlichen Elementen, um so größer wird ihre gegenseittge Irritation, die dann mir zu leicht be' goeigneten und mitunter auch ungeeigneten Anlässen explodiert und sich in mehr oder weniger heftigen Tönen Luft macht, die sicher für den Zu- Hörer, sehr oft auch für den Beteiligten höchst unerquicklich sind. Kein Zweifel, das sind Zustände, die, wenn sie fortdauern, die Partei schädigen müssen. Sie werden aber nicht dadurch beseitigt, daß die Parteigenossen nun ihrerseits in moralische Entrüstung ver fallen, nach dem Karnickel suchen, das angefangen hat, und es ge hörig abkanzeln. Möge diese Entrüstung die eine oder die andere Seite treffen, sie wäre in jedem Falle verfehlt und würde die Zu- stände nicht ändern. Wir haben gesehen, daß die Wurzel der Unzulänglichkeit des „Vorwärts" in dem Ueberwiegen des ethisch-ästhetischcn Gefühls» sozialismuS innerhalb seiner Redaktion zu suchen ist. Diese erzeugt Gegensätze in seinem Innern und damit Mangel an Einheitlichkeit. Wir haben aber auch gesehen, daß das Ueberwiegen der ersteren Elemente ihn nicht nur daran hindert, seinen Aufgaben der sozialisti- schen Aufflärung und der geistigen Fortcntwickelung der Partei gerecht zu werden, sondern auch die Grundursache seines Gegen- satzes zu einer Reihe der wichttgsten Elemente der internationalen Sozialdemokratie geworden ist. Damit ist auch gesagt, in welcher Richtung wir die Heilung seiner schwachen Seiten zu suchen haben. Wollte man ihn zur vollen Höhe seiner Aufgabe erheben, ihn zu einem allseittg befruchtenden, auf allen Gebieten führenden Organ gestalten, dann müßte man trachten, in seiner Redaktion volle Ein- heitlichkeit herzustellen. Aber viel wäre schon gewonnen, wenn eS gelänge. daS ökonomisch-wissenschaftliche Element in dieser Redaktion so zu stärken. daß es imstande ist, den inneren Parteifvagen und der sozialistisch- ökonomischen Aufklärung zu dem ihnen gebührenden Rechte zu ver- helfen. Wenn die ethische Methode im„Vorwärts" nicht mehr domi- nicrte, würde die Grundursache des dauernden sachlichen Gegensatzes verschwinden, der zwischen ihm und einer Reihe der eifrigsten und wichtigsten Parteiorgane besteht, damit aber auch die Irritation zwischen ihnen, die so peinlich geworden ist. Gelegentliche sachliche Differenzen würde eS auch dann noch geben, müßte es geben— die inneren Parteifragen werden nicht aussterbe». Aber die gegen- seitige Reizbarkeit, das gegenseitige Mißtrauen wird aufhören und damit der schlechte Ton. der nicht die Ursache, sondern die Folge der ständigen Reibereien ist. Weiter zu gehen und bestimmte Vorschläge zu machen, steht mir nicht zu. Ich glaube meine Pflicht erfüllt zu haben, wenn ich den Parteigenossen darlegte, wo nach meinem Ermessen die(flfcünde der ewigen Kämpfe mit dem„Vorwärts" und um den„Vorwärts" zu suchen sind. DaS Recht zu diesen Ausführungen glaube ich schon daraus abzuleiten, daß ich selbst in diese Kämpfe verwickelt bin und von ihnen den Parteigenossen Rechenschaft zu geben habe. Ich halte eS aber auch für meine Pflicht, darüber zu reden als Parteigenosse. der, wie jeder andere Parteigenosse, das lebhafteste Interesse daran hat, daß unser Zcntralorgan den großen Aufgaben, die ihm seine Stellung auferlegt, auch gerecht zu werden vermöge. In dieser meiner Pflichterfüllung lasse ich mich auch dadurch nicht beirren, daß das Zentralorgan selbst mich darob auf das„niedrige Niveau per» fönlicher Reibereien" versetzt. Weltanschauung und Taktik des Proletariats. In der am Dienstag abgehaltenen Generalversammlung des WahIvereinS für den sechsten KreiS stand das vorstehend genannte Thema auf der Tagesordnung. Referent war Dr. Friedeberg, Korreferent ReichStagsabgeordnetcr L e d c b o u r. Die Versammlung tagte im Germaniasaal in der Chausseestraße. Der Saal war von einer dichtgedrängten Menge vollständig gefüllt. Viele fanden keinen Einlaß mehr. Als der Vorsitzende Freythaler nach Eröffnung der Ver« sammlung die Tagesordnung bekannt gab und hinzufügte:„Referent ist Dr. F r i e d e b e r g wurde aus der Versanunlung gerufen: „Genosse Friedeberg". Der Referent Dr. Friedeberg erhielt da? Wort. Er begann mit der Anrede:„Genossen!"(Rufe:„Nein, Sie sind kein Genosse l") — Der Vorsitzende Freythaler ersuchte um Ruhe.— Friede« b e r g(mit starker Betonung):„Parteigenossen!"(Lebhaste Bravo-Rufe.) Gestatten Sie mir zunächst einige persönliche Be- merkungen. Ich bin zum Referat aufgefordert worden, ohne daß mir von der Bestellung eines Korreferenten Kenntnis gegeben wurde. Erst aus dem Versammlungsinserat habe ich erfahren, daß ein Korreferent aufgestellt ist. Ich hätte wohl erwarten dürfen, daß mir Mitteilung davon gemacht worden wäre, lieber eine Zuschrift, die mir heute zuging, die mir Mitteilung macht über den Verlauf, den die heutige Versammlung nehmen soll, will ich vorläufig nichts sagen. Protessieren muß ich aber dagegen, daß ich in zwei Anzeigen dieser Versarnm- lung als„Dr. Friedeberg" ohne die übliche Bezeichnung.Ge« nosse" genannt bin. In der heuttgen Anzeige heißt es:„Referent Dr. Frtedeberg, Korreferent: Genosse Ledebour". Das kann nur geschehen sein, um Stimmung gegen mich zu machen. Ich protestiere dagegen, daß mir die Bezeichnung„Genosse" versagt wird, ohne daß irgend eine Partei-Jnstanz mich als ausgeschlossen erklärt hat. Der dritte Wahlkreis, in dem ich organisiert bin, hat entschieden, daß gegen mich kein Anlaß zum Ausschluß vorliegt. So lauge der KreiS, dem ich angehöre, mir die Zugehörigkeit zur Partei nicht ab« gesprochen hat, haben Sie mich als Genossen zu achten.(Lebhafter Beifall und vereinzelter Widerspruch.) Hierauf ging der Referent zur Erörterung seines Themas über. Sein Gedankengang war etwa folgender: Der Befreiungskampf des Proletariats steht jetzt einer Reihe von Schwierigkeiten gegen- über, die früher nicht vorhanden waren. Es muß deshalb unter- sucht werden, ob die Waffen, mit denen wir bisher kämpften, noch genügen, um unser Endziel zu erreichen, und ob wir uns nicht nach neuen Waffen umsehen müssen. Die Theorie unserer Partei baut sich auf auf den Sätzen des Marxismus, der in der materialistischen Geschichtsauffassung gipfelt. Der entscheidende Satz derselben fft der: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menslben, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt."— Dieser Satz enthält eine große Wahrheit, aber ganz richtig war er nie. Er wird um so unrichtiger, je weiter die Entwickeluug fort- schreitet. Neben den wirtschaftlichen Faktoren sind es vor allem psychologische Momente, welche für die Handlungen der Menschen bestimmend sind. Nawr und wirtschaftliche Verhältnisse treten in Beziehung zum Innenleben de« Menschen und dieses hat die Tendenz, sich immer mehr frei zu machen von den äußeren Verhältnissen.— Notwendiger wie die Umwandlung der wirtschaftlichen Verhältnisse ist heute die psychologische Einwirkung auf die Menschen, weil wir dadurch schneller vorwärts kommen. In der ersten Zeit des Klasse» kampfes waren die psychologischen Tendenzen am stärksten vertreten. Wir wandten uns gegen alles, was die Herrschaft des KapitalisumS stützt. Gegen die Gesetzlichkeit, die dem Schutz des Eigentums dient, gegen die Ungleichheit, welche die Ausbeutung der Massen durch die Ueocrlcgenheit einzelner ermöglicht, gegen Religion und Nationalität, welche gleichfalls den Interessen der herrschenden Klasse dienen. In den ersten Jahrzehnten des proletarischen Klassenkampfes war dieser ein rein psychologischer, die ganze Persönlichkeit kam in diesem Kampfe zur Geltung und wir haben dadurch große Erfolge erreicht. Die Sozialdemolratie, die Hauptträgerin des Klassenkampfes hat die psychologischen Momente verloren.(Widerspruch.) Denken Sie über meine Ansichten, wie Sie wollen, aber seien Sie versichert, daß ich sie ausspreche zum Nutzen des Proletariats.(Bravo I) Die Sozialdemokratie ist im Laufe der Zeit abgewichen von den Ideen des Sozialismus. Die dogmattsche Auffassung des Marxismus, daß wir Macht und Einfluß bekommen müssen, hat unS veranlaßt, den ursprünglichen Kampfboden zu verlassen. Im Gegensatz zur Sozialdemokratie ist der Anarchismus der Träger der sozialistischen Idee geworden. Die Furcht, die man in der Arbeiter« bewegung vor dem Wort„Anarchismus" hat, muß schwinden. Sozial« demokratte und Anarchismus stehen beide aus dem Boden des Klassen» kampfes, sie beide sind bestimmt, das Proletariat zu befreien. Der Anarchismus ist unser Endziel, die Sozialdemokratie ist der Weg zu demselben. Der Anarchismus kann erst kommen, wenn die Ideen der Sozialdemokratie durchgeführt sind.— Die psvchologische Umwandlung des Menschen ist der stärkste Faktor im Klassenkampf. Marx sagt, der Befreiungskampf des Proletariats muß not- wendig ein politischer sein.— Damit hat sich Marx selbst wider- sprochen, denn wenn eS wahr ist, daß die wirtschaftlichen Verhält- niffe die Struktur der Gesellschaft bestimmen, dann niuß der Kampf auf wirtschaftlichem Gebiete doch der wirksamste sein.— Meine Meinung ist die: Neben der psychologischen Entwickelung muß unser Kampf ein wirtschaftlicher sein. Man kann nicht auf Politischem Gebiet den wirtschaftlichen Kampf führen. Im Anfange der proletarischen Bewegung, als wir.«ine von allen Kampfmitteln entblößte Klaffe, nicht die Wahl der Kampfmittel hatten, war uns der Parlamentarismus ein ivillkommenes Kamps- mittel. Aber durch die parlamentarische Betättgung haben wir ja an den Gesetzen mitgearbeitet, welche dem Schutze der heutigen Gesellschaft dienen. Wir haben dadurch die heutige Gesellschaft in ihrer Macht stützen helfen.(Widerspruch.) Sie werden sagen, wenn wir die Macht haben, dann zerbrechen wir diese Gesetze. Dem ist nicht so. Wenn wir den Menschen an die Gesetze des KlaffenstaatcS binden, dann nehmen wir ihm die Möglichkeit sich zu befreien.— Diejenigen, welche den Klassenkampf hinübcrgespielt haben auf den Boden deS Parlamentarismus, haben dem Klaffenkampfe schweren Schaden zugefügt. Unter dem Sozialistengesetz waren wir auf den Boden der Ungesetzlichkeit gedrängt. Das war unser natürliches Kampfseld und wir haben da die größten Erfolge erreicht. Unser Kampf gegen Religion, Nationalität und Militarismus hat durch die parlamentarische Betätigung Schaden gelitten. Die Kirche ist eine feste Stütze der Klassenherrschaft. Woher soll aber der Antrieb zum Kampf gegen die Kirche kommen, wenn in unserem Programm der Satz steht:„Religion ist Privatsache".— Auch auf anderen Gebieten weimt die Sozialdemokratie von den Ideen des Sozialismus ab. Was«st aus der internationalen revolu- tionären Sozialdemokratie geworden. Das Revolutionäre hat man schon lange fallen lassen, man ist auch daran, das Internationale fallen zu laffen. Natürlich, wenn man teilnimmt an der Gesetz- gebung eines Landes, dann hat man auch ein gewisses Ver- antwortungsgefühl. So hat sich mit der Beteiligung am Parlamen- tarismus auch unsere Auffassung über Nationalität oder Jnter« Nationalität gändert. Man nimmt den Kolonialsorderungen gegen- über nicht mehr die absolut ablehnende Haltung ein. DaS hat sich bei der ersten Forderung der Hererolredite ge- zeigt.— Einer unserer hervorragendsten Vertreter ist für Aenderung der Uniformen eingetreten: er hat also am Militär« wesen positiv mitgearbeitet, anstatt eine strikt ablehnende Haltimg einzunehmen. Derselbe hervorragende Vertreter hat auch gesagt, wenn die Gefahrtbestände. daß uns auch nur ein Fetzen deutschen Landes entrissen werde, würde er selbst die Flinte auf seinen alten Rücken nehmen, um gegen den Feind zu marschieren. Ein anderer hervorragender Vertreter der Sozialdemokratie hat zu einem Interviewer des französischen Blattes„Matin" gesagt: Wir sind patriotische Sozialdemokraten, und wenn der Krieg erklärt wird, weigert sich niemand von uns, an die Grenze zu marschieren. (Ledebour: Wer war denn das? F r:. d e b e r g: Singer.) Derselbe Interviewer hat an Frau Liebknecht(Rufe: Frau Lieb« knechtl) die Frage gerichtet, was die deutschen Sozialdemokraten tun würden, wenn der Besitz von Elsaß-Lothringen Deutschland streitig gemacht würde, und er hat die Antwort erhalten:„Ihre Pflicht würden sie tun: denn sie sind Deutsche". Alle Greueltaten, welche ein siegreicher Feind in unserem Lande Verüben könnte, werden von der Bourgeoisie am Proletariat fort- gesetzt verübt.(Lebhafter Beifall.) Wir haben keine Veranlassung, gegen den auswärtigen Feind zu Felde zu ziehen. Lieber lassen Ivir uns im Lande von den Kruppschen Kanonen niederschießen, die ja auch im Auslande gegen uns gerichtet werden.(Starker Beifall.) Unser Klassenkampf beruht darauf, daß wir der Regierung jede Heeresfolge verweigern, solange sie nicht gleiches Recht für alle Staatsbürger gewährt. Der Parlamentarismus war einst notwendig für uns. Heute, wo wir viele andere Mittel haben, um dem Proletariat zum Siege zu verhelfen, brauchen wir ihn nicht mehr. Er hat uns dahin ge- führt, daß die Erziehung und die psychologische Einwirkung auf die Massen hintangesetzt wird. Bei der Wahlagitation kommt es uns nur noch auf die Gewinnung der Stimmen an, aber nicht auf die Gewinnung von Klassenkämpfern.— Man sagt, die Kleinarbeit sei an den Parlamentarismus gebunden. Das ist nicht so. Die Klein- arbeit hat anzufangen bei der eigenen Person, in der eigenen Familie mit der Erziehung zum Sozialismus.(Beifall.) In dieser Beziehung aberläßt die Kleinarbeit in der Sozialdemokratie viel zu wünschen übrig.— Auch in der Werkstatt hat die Kleinarbeit einzusetzen. Diese Kleinarbeit ist unabhängig vom Parlamentarismus. Durch den Parlamen- tarismus haben wir die besten Kräfte der Arbeit an uns selbst, der Arbeit an der Vertiefung des Klassenkampfes entzogen. Diese Arbeit ist heute wichtiger als je. Aber wir brauchen auch den wirtschaftlichen Kampf. Deshalb trete ich für den Annrcho-Sozialismus ein. Ich will nicht, wie die Anarchisten, nur die psychologische Einwirkung, sondern auch den wirtschaftliche« Kampf, und dazu bedürfen wir der Organisationen und der langjährigen Schulung jedes einzelnen. Der hohe Stand der Gewerkschaftsbewegung ist dem Klassen- gefühl zu danken, womit die Sozialdemokratie ftüher durchtränkt war. Wenn die Gewerkschaften den Klassenkampf verleugnen, so sägen sie den Ast ab, auf dem sie sitzen. Nur in einer Hinsicht ist das Proletariat der heutigen Gesellschaft unentbehrlich: In der Produktion, in der Ausbeutung der Arbeitskraft. Wenn sich die Gewerkschaften neutral erklären und vom Klassenkampf nichts wissen wollen, so nehmen sie dem Proletariat die beste Waffe. Es ist die Gefahr vorhanden, daß unsere Gewerkschaften, wie es in England schon der Fall ist, aus einem Förderungsmittel des 5llassenkampfes ein Hemmnis desselben werden.— Was an Verbesserungen der Lebenslage der Arbeiter erreicht ist, das ist vielleicht weniger den Gewerkschaften als dem wirtschaftlichen Aufschwung zu danken. Wir sind ni i t dem Kapitalismus aufgestiegen: aber in dem Verhältnis der Klassen zueinander hat sich' nichts geändert. Die Ungleichheit in der Entwickelungsmöglichkeit der Menschen ist dieselbe geblieben. Weil wir den Klassenkampf in die Breite, aber nicht in die Tiefe getrieben, haben wir die Machtmittel der Herrschenden gestärkt, aber nicht erschüttert. Der Klassenkampf kann nur geführt werden unter Einsetzung der ganzen Persönlichkeit. D i e Klasse wird siegen, die am stärksten für ihre Interessen eintritt. Für seine idealen Güter tritt daS Proletariat nicht mit der Energie ein, wie die angeblich altersschwache Bourgeoisie für die ihren. Angehörige der Bourgeoisie geben ihr Leben hin für Ehrbegriffe, die abseits liegen von wirtschaftlichen Interessen. Das tun die Proletarier nicht. Wäre es anders, dann könnte es nicht vorkommen, daß ein Soldat Mißhandlungen erduldet und feige seinem Leben ein Ende macht, anstatt den niederzustechen, der ihn gepeinigt hat.(Beifall.)— Den Kruppschen Arbeitern wurde seinerzeit von Parteiwcgen geraten, die Kaiseradresse zu unterschreiben, um wirtschaftlichen Nachteilen zu entgehen. Ist das Parteiehre, Erziehung zur Mannhaftigkeit? In der Hinsicht haben wir von der Bourgeoisie noch viel zu lernen. Haben wir nicht erlebt, daß sich Proletarier ihr Wahlrecht nehmen ließen, ohne etwas dagegen zu tun? Will man nicht den Maifeicrgedanken aufgeben um materieller Dinge wegen? Das ist keine Erziehung zum Klassenkampf I Der Kämpf, den wir noch zu bestehen haben, ist ein furchtbarer. Das Proletariat hat sich mit aller Macht darauf zu rüsten. Es ist jetzt Aufgabe des Proletariats, die Idee des Generalstreiks mit aller Kraft zu propagieren. Der Generalstreik ist nicht identisch mit dem politischen Massenstreik. Unter Generalstreik ist zu verstehen der Streik der arbeitenden proletarischen Klasse— nicht als Berufsangehörige, sondern als Klasse— mit dem ausgesprochenen Zweck, einen derartigen Einfluß auf die Organisation des Eigentums, die EntWickelung der gefellschastlichen Arbeit zu bekommen, daß die kapitalistische Ausbeutung, die Bevorrechtung irgend eines Einzelnen unmöglich ist. Welche Angriffe im gegebenen Moment dazu möglich sind, hängt von den Umständen des betreffenden sozialen Körpers ab.— Durch einen solchen Streik wird nicht der ZukiinftSstaat erreicht, wohl aber die Bedingungen, unter denen er herbeigeführt werden kann.— Der politische Massenstreik bringt alle Gefahren und alle Nachteile des Generalstreiks, er hat aber nicht den Erfolg desselben und kann auch nur unter besonderen Verhältnissen statt- finden. Aufgabe des Proletariats ist es, Männer zu erziehen, die bereit sind, ihr ganzes Leben ihrer Idee zu weihen. Unsere ganze Taktik muff nach links gedrängt werden, nicht nach rechts. Alles, was dazu getan wird, kommt gelegen, um Klassenkämpfer zu erziehen und den Klassenkampf zu fördern.(Sehr starker Beifall.) Ledebour, der nunmehr als Korreferent das Wort erhielt, machte ungefähr folgende Ausführungen: Was ich auch gegen Friede- bergs Anschauungen zu sagen habe, ich erkenne an, daß er den guten Willen hat, den proletarischen Emanzipationskampf zu fördern, daß ihn ideale Motive leiten, und ich traue ihm auch zu, daß er bereit ist, seine ganze Persönlichkeit für seine Ideen einzusetzen, Ivie ich es für selbstverständlich halte, daß auch jeder von uns das Gleiche für feine Anschauung tun wird.(Sehr gut.) Zu bekämpfen habe ich, daß Friedeberg aus Unmut iiber gewisse Erscheinungen in unserer Bewegung, die vielen von uns unangenehm sind, die ganze sozial- demokratische Bewegung über den Haufen wirft, um eine andere, den Anarcho-SozialismnS an deren Stelle zu setzen. Darauf liefen Friedebergs ganze Ausführungen hinaus. In dem entscheidenden Punkt hat Friedeberg den Gedanken der materialistischen Geschichtsauffassuug nicht verstanden. Er hat die materialistische Geschichtsauffassung in Gegensatz gebracht und er- gänzt durch die Berücksichtigung psychologischer Momente, die für jeden Menschen in seinem Handeln mitbestimmend sind außer den wirtschaftlichen Verhältnissen.— Marx hat aber niemals die psycho- logischen Momente verkannt oder ihr Vorhandensein geleugnet. Marx hat ausgesprochen, daß der Klassenkampf geführt werden muß als eine seelische Aktion des einzelnen.— Das Mißverständnis, welches Friedeberg unterlaufen, finden wir bei allen Marx-Kritikern aus bürgerlichen und auch aus unseren Reihen, so bei Bern- stein.— Niemals hat Marx gesagt, die wirtschaftlichen Verhältnisse find allein bestimmend. Marx selbst hat ja seine ganze Persön- lichkeit eingesetzt, um als Mensch das durchzuführen, was er als Forscher erkannt hat.— Wenn Friedeberg sagt, die Lehre von Marx führt Euch irre(Friedeberg: Das habe ich nicht gesagt.) Aber bitte, Ivenn Friedeberg nicht der Meinung ist, daß uns die Lehre von Marx irregeführt hat, wozu dann das ganze Gerede.— Man braucht nur zu sagen: Betätige Dich so wie'Karl Marx; er hat durch seine ganze Lebensführung die Nichtigkeit seiner Lehre be- wiesen. AIS ein psychologisches Moment im Klassenkampf führte Friede- berg an, die Herrschenden machen sich den Glauben und Aber- glauben der Masse heut noch in demselben Maße zunutze wie in früheren Zeiten. Das trifft nicht zu. Glaube imd Aberglaube ist in der Kulturmenschheit mehr und mehr geschwunden. Aus Glauben und Aberglauben zieht der Kapitalismus weniger Nutzen als die Herrschenden ftüherer Zeiten, aber er nutzt die Organisation der Gläubigen, die Kirche, in seinen» Interesse auS. Dagegen sind wir von jeher aufgetreten. Unser Programmsatz: Religion ist Privat- fache, bedeutet: Was der einzelne glaubt, geht die Partei nichts an. Aber wir bekämpfen den Einfluß, den die Kirche im öffentlichen Leben ausübt und verlangen deshalb Trennung der Kirche vom Staat.~ Wer an die Lehren der Kirche nicht glaubt, der soll aus der Kirche austreten. Aber die Auf- ilürungsarbeii in dieser Hinsicht gehört nicht zu den Aufgaben der Partei; sie ist Sache jedes einzelnen. Wollten wir die Bekämpfung der Kirche von Partei wegen betreiben, dann würden wir genau wie das Zentrim» politische und kirchliche Angelegenheiten miteinander verquicken: wir wären dann wie das Zentrum eine konfessionelle oder richtiger eine antikonfessionelle Partei, und die politische Wirk- samkeit der Partei würde dadurch beeinträchtigt werde»». Friedeberg hält es für eine»» Widerspruch, daß Marx, der den wirtschaftlichen Verhältnissen den größten Einfluß auf die gesell- schaftliche Struktur zuschreibt, sagt, der proletarische Befreiungs- kämpf müsse notwendig ein politischer sein.— Diese Auffassung Friedebergs ist die unserer Revisionisten.— Marx meint, wenn auch im kapitalistischen Betriebe Kräfte tätig sind, die den Betrieb sozialisieren, so bleibt trotzdem, so lange das kapitalistische Regime besteht, die Ausbeutung der Arbeiter bestehen auf Grund des juristischen und politischen Ueberbaues der heutigen Gesellschaft. Diesen Ueberbau zu beseitige»», den bereits der Form nach sozialisierten Betrieb rechtlich zum Gemein- eigei»tun» zu mache»», das ist die Aufgabe der politischen Belvegung. In diesen» Sinne ist der proletarische Befreiringskampf ein politischer. Um ihn mit Erfolg zu führe»», brauchen wir politische Macht.— Wir treten in das Parlanrent eil», nicht, um den Kapitalismus zu stützen, sondern um zu arbeiten an der Umwandelung der kapitalisti- fchen in die sozialistische Gesellschaft. Alle unsere Arbeit in den Parlamenten dient diesem Ziel: nicht zum wenigsten die Aufklärung, die»vir drirch unsere parlameirtarische Betätigung solvie bei den Wahlen betreiben.— Ob wir noch im Reichstage sitzen werden, wenn»vir erst die Mehrheit des Volkes hinter iu»S haben, das ist ja die Frage. Wenn einmal der Versuch gemacht wird, uns von der Beteiligung am Parlamei»t auszuschließen, dann haben wir aller- dii»gs nach Mitteln zu suchen, um den Kapitalismus auf andere Weise zu bekämpfen. So lange wir aber noch die Möglichkeit haben, in den Reichstag hineinzukommen, müssen wir dort den Kampf führe»». Friedeberg will den politischen Ka>»»pf ersetzen durch den General- streik.(Friedeberg: Durch psychologische Beeinflrlssung!) Wenn Sie die ausüben wollen, dann müssen Sie dahin gehen, wo das möglich ist. Die parlamentarische Tätigkeit bietet doch die Möglich- keit, die Menschen psychologisch zu beemflussen. Wenn erst die Mehrheit der Menschen in unsere»« Sinne psychologisch beeinflußt ist, dann brauchen wir auch den Generalstreik»»icht mehr, um unsere Ziele zu erreichen.(Großer Beifall.) Wenn auch hier und da Mißgriffe mit dem Parlamentarismus gemacht worden sind, so dürfen wir doch nicht deswegen die gan�e Sache verwerfen. Die Beschränkung der Rede- und Preßfreiheit wird von»»nseren Gegnern auch damit begründet, daß diese Freiheit mißbraucht»verde»» könnte. Wei»n Friedeberg meint, unsere Jnternationalität sei zurück- getreten,»vir seien mehr national gelvordei», so verwechselt er Jnter- Nationalität mit Negierung der Nationalität. Wir haben bei aller internationalen Gesinming die Nationalität niemals verneint. Eii»e solche Vernemung würde zur Folge haben, daß»nan jede Ui»ter- drückung einer Nationalität begünstigt und die ärgsten Stützen der Klassenherrschaft stärkt.— Die Sozialdcinokratie ist»»icht der Feind der Nationalität. Mai» darf aber Nationalität nicht mit Chauvinis- »nus Verlvechseli», wie Friede berg tut.— Was die angeblichen Aeußerungen Singers gegenüber einem Jntervieiver des„Matin" betrifft, so hätte Friedeberg, als das in»„Matin" stand, den Genossen Singer, mit dem er damals in der Stadtverordneten-Versammlung saß, fragen sollen, ob er das wirklich gesagt hat, falls Friedeberg es für möglich hielt, daß sich Singer so geäußert haben könnte. Ich habe an die Richtigkeit dieser Aeußerung nie geglaubt und habe den Genossen Singer damals gefragt, lvie es komme, daß ihn» der Jntervielver solchen Unsinn in den Mund legt. Singer bemerkte darauf, er habe dem Manne überhaupt nichts gesagt.— Ob Frau Liebknecht die betreffende Aeußerung gemacht hat,»veiß man nicht. Verm»ltlich ist es ihr ebenso gegangen Ivie dem Genossen Singer. Wie de»»» aber auch sein niöge,. das ändert doch»»ichts ander Haltung der deutschen SozialdeiNokratie.— Wenn unser Verhalten hinsichtlich der Hererokredite falsch gelvesen sein sollte, so tväre das höchstens eine Entgleisung, die»»icht gegen den Parlamentarismus an sich spricht. Mag»nan über unsere damalige Haltung denken, lvie»»»an»vill: eine Anerkennung der Kolonial- Politik»var sie nicht. Uns leitete nur der humanitäre Gesichtspunkt, daß Deutsche, darunter Frauen und Kinder in Gefahr waren, daß die Regierung, die dafür verantivortlich»var, die Gefahr beseitigen und also auch die Mittel dazu erhalten mußte. Der humanitäre Grundgedanke»var richtig, ob auch die Form, in der er zum Aus- druck kau», darüber läßt sich streiten. Die Kolonialpolitik habe»» Ivir stets bekämpft.— Als Bebel sagte, er lvllrde, wenn das deutsche Volk angegriffen wird, selber zur Verteidigung am Kampfe teil- nehmen, so lag damals die Möglichkeit eines Angriffes durch Ruß- land in Verbindung mit Frankreich vor. Also die Möglichkeit der Unterjochung des deutschen Volkes durch den Zararismus. Wenn »vir Friedcbergs Rezept befolgen, in» Klassenstaat unter keinen Um- ständen gegen auslvärtige Feinde zu käinpfen, so müßten Ivir der Unterjochung des deutschen Volkes durch die Schergen des Zarismus mit verschränkten Annen zusehen.(Friede- berg: Die Bourgeoisie hat dabei mehr zu verlieren wie»vir I)— Wir haben auch zu verlieren. Die ganze kulturelle Entlvickelung geht zurück, lvenn uns der Zarismus unterjochen lvürde. In solchem Falle können»vir dem ausbrechenden Kampfe nicht untätig zusehen. (Friedeberg: Nur als Pressionsmittel gegen die Bourgeoisie.) Diese Einschränkung haben Sie vorhin nicht gemacht. Uebrigens droht man nicht mit einem Mittel,»velches man nicht anwenden »vill. Soll also die Verlveigerung deS Kampfes nur eine Drohung sein, dann Ivürden Sie also unter den von mir bezeichneten Umständen am Kriege teilnehmen.— Das psychologische Moment ist eS, lvas die Nationen veranlaßt, sich gegen die Unterdrückung durch fremde Despoten zu lvehren. In Rußland lvird der gegenlvärtige Kanipf da am leidenschaftlichsten geführt, Ivo zu der ökonomischen und poli- tischen noch die nationale Unterdrückung hinzukommt.— Unter keinen Umständen darf das deutsche Proletariat einem Angriffe des Zarismus auf uns mit verschränkten Armen gegenüberstehen. Die leere Drohung einer Kampfverweigerung verträgt sich nicht»nit dem kühnen Mut, den Friedeberg propagiert. Nun zur Gewerkschaftsfrage. Wir sind, wie ich annehmen kann, alle darin einig, daß die GelverkschaftSbewcgung durchtränkt sein muß von revolutionärein sozialistischen» Geist. Darin stimmen»vir Friedeberg zu. Auch die Neutralisierung der Gewerkschaften liegt »icht im Interesse des Proletariats. Ich habe sie seit Jahren be- kämpft. Es ist aber nicht so, wie Friedeberg sagt, daß sich die Gewerkschaften mit der Neutralisierung zugleich gegen den Klassen- kämpf erklärt haben.(Rufe: Doch, Leimpeters. Friedeberg: Telegramn» der Buchdrucker an PosadolvSky.) Mir sind Aeußerungen von Gelverkschaftlern, die sich gegen den Klassenkampf richten, nicht bekannt geworden. Sollten aber solche vorgekommen sein, dann handelt es sich um Entgleisungen einzelner, für die man die gesamten zentralisierten Gewerkschaften nicht verantivortlich machen kann. Die persönliche Aufklärung, für die Friedeberg eintritt, halte ich für eine selbstverständliche Pflicht jedes Parteigenossen. Wenn wir alle unsere Tätigkeit durch die Propaganda für den Generalstreik ersetzen, dann»vürden Ivir den Einfluß auf weite Schichten des Volkes verlieren. Das ist auch ein von Fricdeberg nicht beachtetes psychologisches Moment, daß das Volk sich politisch betätigen will. Würden wir das Bedürfnis des Volkes nach politischer Betätigung nicht befriedigen, dann würden sich sehr viele von uuS abwenden und sich den Parteien anschließen, die diesem Bedürfnis Rechnung tragen. Der politische Masienstreik ist ein Mittel, welches die Sozial- demokratie anwenden kann. Alle großen Streiks in Rußland und Polen sind politische Massenstreiks. Der politische Massenstreik uiiler- scheidet sich von dem Friedebcrgschen Generalstreik, den» anarchistische»»- Kampfmittel. Wir müssen die Bedingungen und Voraussetzungen deö politischen Massenstreiks studieren und ihn da anwenden, wo er durch die Umstände geboten ist. Wenn Friedeberg sich auf die Propagierung dieses Ergänzungsmittels des Klaffenkampfes beschränkt hätte, dann würde er alle die als Bundesgenossen an seiner Seite haben, die eine Vertiefung des Klaffenkampfes wollen. Er will aber eine auarcho-sozialistische Richtung propagieren, das heißt, die Sozialdemokratie in das anarchistische Fahrwasser leiten. Dadurch erreicht Friedeberg nur. daß wir ihn bekämpfen müssen, wie wir die Revisionisten bekämpfen.(Friedeberg: Anschluß nach links.) Der Anarchismus steht nicht links, sonden» rechts von Ulis, wie die Revisionisten und die bürgerlichen Parteien.— Ich glaube, daß im sechsten Wahlkreise kein Parteigenosse ist, der die revolutionäre Taktik der Sozialdemokratie über Bord werfen will. Wir werden den Klassenkampf betreiben mit allen Mitteln, die uns zum Ziele führen, aber nicht dadurch, daß wir in ein anarcho-sozialistisches Fahrwasser gleiten.(Beifall.) Der Vorsitzende Frehthaler machte nun, da es schon nach 12 Uhr war, den Vorschlag, die Versammlung zu vertagen und die Diskussion in der nächsten Versammlung am kommenden Dienstag zu beginnen. Dann bemerkte er zu den persönlichen Ausführungen Friedebergs: Vor länger als einem Jahr hat eine Generalversammlung des Wahlvereius beschlossen, ein Referat Friedebergs über den General- streik auf die Tagesordnung zu setzen und dazu einen Korreferenten zu bestellen. Das habe ich Friedeberg schon gesagt, als ich auf dem Bremer Parteitage zum erstenmal wegen des Referats mit ihm sprach. Das Halten des Vortrages hat sich wegen Friedebergs Er- krankung bis jetzt hinausgeschoben. Inzwischen hatte ich mehrmals mit ihm über denselben Gegenstand verhandelt. Immer mußte ich, fußend auf den Beschluß der Generalversammlung dabei die Initiative ergreifen. Wenn tch bei unserer letzten Unterredung die Stellung eines Korreferenten„icht ausdrücklich erwähnt habe, so mußte Friede- berg aus unseren früheren Unterredungen wissen, daß seinem Vor- trage ein Korreferat folgen würde. Wer eine Meinung zu vertreten hat, den» kann es doch einerlei sein, ob nach ihn» ein Korreferent spricht oder Diskussionsredner. WaS nun das Inserat betrifft, in dem Friedeberg nicht als Genosse bezeichnet wurde, so ist meine persönliche Meinung die, daß wer den Marxismus und die Sozial- demokratie verwirft und den Anarcho-Sozialismus aiv deren Stelle setzt, unser Genosse nicht mehr sein kann.(Große Unruhe.) Wer die Grundpfeiler unserer Parte» so angegriffen hat wie Friedeberg, der, meine ich, hat sich damit selbst außerhalb der Sozialdemokratie gestellt.(Erneute, anhaltende starke Unruhe. Rufe:' Das ist Dis- kufsion!)— Der zweite Vorsitzende Kiesel vertagt die Versamm- luug.— Nachdem sich die Unruhe gelegt hatte, fuhr Genosse Frey- thaler fort: In dem ersten Ji»serat ist nur der Referent genannt, weil mir von den Parteigenossen der Auftrag erteilt worden ist, den Korreferenten erst in der Versammlung bekannt zu gebe»». Später ist dann der Wunsch geäußert worden, auch den Korreferenten im Inserat zu nennen, und so ist, weil mir die Fassung des Inserates nicht vorlag, bei der Korrektur der G e n o s s e Ledebour hinein- gekommen. Hätte ich gleich in der ersten Anzeige auch den Kor- refcrenten angeführt, dann würde ich gesagt haben: Referent Dr. Friedeberg, Korreferent Reichstags-Abgeordneter Ledebour. Ich begreife nicht die Aufregung über diese Klemigkeit.(Friedeberg: Das ist keine Kleinigkeit, wenn mir die Parteiehre abgesprochen wird!) Auf anonyme Schreiben, wie sie Friedeberg hier heranzog, sollte man überhaupt nichts geben. Damit war die Versammlung zu Ende. Die Fortsetzung der- selben findet am nächsten Dienstag in demselben Saale statt. Hue der Partei. Tie„Vorwärts"-Frage. (Fünfter Artikel der„Leipziger Volksztg.") Als der„Vorwärts" 1890 von dem Parteitage in Halle zum Zentralorgan erhoben wurde, war die ganze Partei einig über die Notwendigkeit eines Zentralorgans. Nur die faktiöse Opposition, die von einigen damaligen Partei- genossen betrieben wurde, bestritt diese Notwendigkeit, aber eben aus faktiösen Gründen, die keinen Eindruck machen konnten und mit Recht keinen Eindruck machten. Sonst wurde wohl über die Er- scheinungsform des Zentralorgans debattiert, nicht aber über seine Notwendigkeit, die als ganz selbstverständlich vorausgesetzt wurde, auch von solchen Parteigenossen, die sonst nicht gerade für eine straffe Zentralisation schwärmten. Volkmar erklärte, ohne ein Zentralorgan, das,„wohl bedient von leitenden Persönlichkeiten", tagtäglich am Sitze der Macht in Berlin selbst seine Stimme ertönen lassen könne, sei nicht auszukommen. Diese allgemeine Uebcrzeugung stützte sich auf eine nahezu dreißigjährige Erfahrung. Die Partei hatte bis dahin immer oder doch fast immer mit ihrem Zentralorgan gute Erfahrungen gemacht. Sie hatten als Erziehungsmittel der werdenden Partei die be- deutendstcn und ganz unersetzkiche Dienste geleistet: für die Fraktion der Lassalleaner der„Sozialdemokrat" und der„Neue Sozialdemo- krat" in Berlin; für die Fraktion der Eisenacher das„Demokratische Wochenblatt", der„Volksstaat" und der„Vorwärts" in Leipzig. Die Lassalleaner hielten das Zentralorgan für ein so wesentliches Erfordernis einer guten Organisation, daß sie überhaupt keine Lokalblätter aufkommen ließen; die Eisenacher dachten darin duld- samer, aber die Blätter, die in ihren Reihen neben dem Leipziger Zentralorgan entstanden, waren durchiveg Lokalblätter im engsten Sinne des Wortes, die in ihrer Politik ganz und gar vom„Volks- staat" und später vom„Vorwärts" abhängig blieben. Nach der Verschmelzung beider Fraktionen auf dem Gothaer Parteitage von 187ö bestanden die beiden Zentralorgane, wesentlich aus finanziellen Rücksichten, noch ein Jahr nebeneinander fort, dann aber wurde der Leipziger„Vorwärts" zum alleinigen Zentralorgan erhoben, wiederum aus dem sehr gute»» Grunde, daß die nunmehr einige Partei nur ein Zentralorgan haben könne. Allein mit diesem Zentralorgan machte die Partei nicht mehr so gute Erfahrungen; während sonst die Versöhnung der beiden Fraktionen der sozial- demokratischen Bewegung überall den mächtigsten Anstoß gab, verfiel ihr neues Zentralorgan einer unaufhaltsamen Schivindsucht. Von 12 999 Abonnenten sank es in noch nicht zwei Jahren auf 7999, und djeser Rückgang dauerte ununterbrochen an, obgleich der ganze Parteiapparat aufgeboten wurde, ihn aufzuhalten. Der Grund davon war an sich nicht schwer zu entdecken. In Berlin und Hamburg waren Parteiblätter entstanden, die nicht mehr bloße Lokalblätter waren, sondern geistig und politisch völlig unab- hängig von dem Leipziger Zentralorgan die Parteiprinzipien vcr- traten. Ihre Konkurrenz machte dem Leipziger Zentrakorgan das Leben sauer. Allein zu der Erkenntnis, daß die Partei so weit entwickelt war, um nun nicht mehr eines Zentralorgans als E r- z i e h u n g s mittels zu bedürfen, gelangte man damals noch nicht. Man schob die Schuld, lvas ja zunächst auch sehr nahe lag, auf das tägliche Erscheinen der Berliner„Freien Presse", während der Leipziger„Vorwärts" nur dreiinal wöchentlich erschien. Daß damit nicht alles gesagt war, zeigte schon ein Blick auf Hamburg. Das dortige Blatt erschien auch nur dreimal wöchentlich und gewann bald 22 909 Abonnenten, während der„Vorwärts" gerade in Hamburg den stärksten und unaufhaltsamsten Rückgang erlitt, in einer Arbeiter- schaft. die relativ gut gelohnt war, stets eine große Opferfreudig- keit für die Partei bewiesen hatte»md namentlich auch stark zentra- listisch gesinnt war. Indessen ehe man sich über die ganze Erscheinung in ihrem historischen Zusammenhange klar werden konnte, brach das Sozialistengesetz herein, das nunmehr— aus Gründen, die wir hier nicht erst darzulegen brauchen— ein im Auslande erscheinendes Zentralorgan zu einem absolut notwendigen Verteidigung s- mittel machte. Auf diese Erfahrungen hin beschloß der Parteitag in Halle, daS bisherige„Berliner Volksblatt" unter dem Namen des„Vorwärts" zum Zentralorgan der Partei zu erheben. Das schnelle Zusammen- brechen des früheren„Vorwärts" wurde zwar von Auer, der über die Orgänisationsfragc berichtete, wiederholt erwähnt, aber immer nur in dem Sinne, daß dies dreimal wöchentlich erscheinende Organ die Konkurrenz der Berliner„Freien Presse" als eines täglich er» scheinenden Blattes nicht habe aushalten können. Auer bekämpft» deshalb die Wiedercrlveckung des alten„Vorwärts" und näH Mr eslijähriKM Erscheinen eines solchen Blattes Kerbe die Partei rufen:„Um Gottes willen, bringt das Zentralorgan wieder beiseite!" Daß diese Prophezeiung sich in noch miderem Sinne er- füllen würde, als worin Auer sie ausgesprochen hatte, sollte erst eine langjährige Erfahrung erweisen. Jedenfalls aber, so einig der Parteitag in Halle über die Not- Wendigkeit eines Zentralorgans war, so einig war er sich auch dar- über, was dies Zentralorgan sein sollte, nämlich dasselbe, was die früheren Zentralorgane gewesen waren: das eigentliche Prinzipien- blatt der Partei, das ihre revolutionären Ziele fest und klar ver- trat, in allen Schwankungen und Wechseln der Tagespolitik, un- beirrt auch durch die lokalen und probinzialen Strömungen in der Arbeiterklasse selbst, und vertraut genug mit der Gedankenarbeit der großen sozialistischen Vorkämpfer, um jedes neu auftauchende Problem gründlich und sachlich prüfen zu können. Die Frage freilich, ob ein einzelnes Organ so hohen Anforderungen bei der geistigen Entwickelung, die die Partei zur Zeit des Halleschen Parteitages schon erreicht hatte, noch genügen konnte, legte man sich nicht vor. Ebensoweing debattierte man die Frage, ob das neue Zentral- örgan dem Partcivorstande zu unterstellen sei. Das erschien nicht nur als selbstverständlich, sondern war auch selbstverständlich, wenn ein Zentralorgan geschaffen werden sollte. Allein man erwog nicht,— und konnte bei der damaligen Lage der Dinge auch noch nicht erwägen—, ob die Stellung des Parteivorstandes nicht auch dem historischen Wechsel der Dinge unterlegen sei. Zur Zeit der werdenden Partei war er in ebenso hohem Grade, wie Exekutiv- behörde und Verwaltungsinstanz, zugleich geistig leitendes"Organ der Partei gewesen, und auch in dieser Beziehung hatte die kurze Zeit zwischen dem Gothaer Einigungskongretz und dem Erlaß des Sozialistengesetzes manche Erfahrungen in dem Sinne gebrach� daß die Partei so weit entwickelt sei, um wie keines Erziehungs- mittels, so auch keines Erziehers mehr zu bedürfen. Frei- lich zeigte sich in den Jahren 1875 bis 1873 die beginnende geistige Selbständigkeit der Partei zunächst nur in einem chaotischen Durch- einanderstrudeln der Meinungen, allein darin offenbarte sich doch, daß der Parteivorstand die geistige Leitung der Partei nicht mehr besaß. Indessen abermals hinderte das Hereinbrechen des Sozialisten- gesetzes mit den Ausnahmezuständen, die es schuf, die erschöpfende Würdigung der neu hervortretenden Erscheinung, und wenn auch auf dem Parteitage in Halle mit großem Eifer und unseres Erachtens auch mit großem Rechte, so besonders wieder von Wollmar, die völlige Unabhängigkeit der übrigen Parteipresse vom Parteivorstande ver- fochten und durchgesetzt wurde, so trug eben dieser Eifer dazu bei, gar nicht der Frage näher zu treten, ob der Parteivorstand auch nur zur Aufsichtsinstanz über das Zentralorgan geeignet sei, das ja doch sozusagen den Ton für die übrige Parteipresse angeben sollte. Wir betonen noch einmal: diese kritischen Bemerkrmgen sind nicht aus einem damaligen Besserwissen, sondern aus den Er- fahrungen geschöpft, die seitdem gesammelt worden sind. Sie stellten sich heraus, sobald das neue Zentralorgan seine Wirksamkeit begann. Auf der Kmskonferenz des Wahlkreises Friedcbcrg- Arnswalde, die am Sonntag in D r i e s e n stattfand, wurde festgestellt, daß der Wahlverein in Driesen 91 Mitglieder hat und daß anr Orte IM ge- werkschaftlich organisierte Arbeiter sind. Die„Märkische Volksstimme" hat 50 Abonnenten und der„Wahre Jacob" 130. Die Berichte aus den anderen Ortet« lauteten fehr ungünstig. Der niederrheinische Parteitag findet Sonntag, den 13. Oktober, in Essen statt. Außer den geschäftlichen Angelegenheiten steht das Organisationsstatut, ein Kommunalwahlprogramm und die Stadt- verordnetenwahlen ans der Tagesordnung. Für die schweizerischen NatioualratSwahlen, die Ende Oktober stattfinden, treffen unsere Genossen in verschiedenen Wahlkreisen bereits ihre Vorbereitungen, namentlich durch Aufftellung von Kandidaten. In Rorschach ist der gegenwärtige Vertreter Regierungsrat Scherrer aus St. Gallen wieder als Kandidat aufgestellt worden, im Berner Wahlkreise Ober-Aargau Genosse Müller-Bern, im Bieler Kreise Genosse Reimann- Biel; im Winterthurer Wahlkreise mit fünf Vertretern wird die Partei zu dem jetzigen einen Sitze einen zweiten beanspruchen. Voraussichtlich wird im Kanton Zürich auch ein sozialdemokratischer Kandidat für einen der beiden Ständeratssitze aufgestellt werden. Im Kanton Solothurn scheinen unsere Genossen von den herrschenden „Freisinnigen" um den ihnen im Oktober 1901 für die Zustimmung zum Beamtenbesoldungsgesetz versprochenen Nationalratssitz, auf den unsere Genossen nach ihrer über 3000 betragenden Stimmenzahl vollberechtigten Anspruch haben, betrogen zu werden. Der Kanton wählt vier'Nationalräte, wovon jetzt drei fteisinnig und einer katholisch. Die freisinnige Partei will nun das der sozialdemokratischen Partei gegebene Versprechen derart einlösen, daß sie den Katholiken ihr Mandat rauben und es großmütig der sozialdemokratischen Partei überlassen will. Als Anhängerin der Proportionalwahl kann aber unsere Partei auf einen solchen schmählichen Kuhhandel nicht ein- gehen, sie fordert die Ueberlassung eines von den drei freisinnigen Mandaten. Als sozialdemokratischer Kandidat ist bereits Genosse Fürholz-Solothurn anfgestellt. Auf den weiteren Verlauf der Affäre darf man gespannt sein. Gegenwärtig ist die sozialdemokratische Partei im Nationalrat vertreten durch die Genossen Greulich- und Logelsanger-Zürich, Scherrer- und Brandt-(Zürich wohnhaft) St. Gallen. Dx. Brüstlein-(Bern) Basel, also durch 5 Abgeordnete auf 167 Mitglieder des Nationalrates. In dem Artikel„Debatten über Wenn und Aber" der gestrigen Nummer wird am Schluß aus die internen Redaktionsverhältnisse des„Vorwärts" hingewiesen und daran die Bemerkung geknüpft: „Seine Beweisstücke prallen dem Angreifer ins Gesicht. Und die Kette von Unglückssällen beginnt gleich mit der Verwechselung, daß er als kostbare Ueberführung der Ethisch- Aesthetischen in der Re- daktion ein Arttkelchen anführt, das mcht den, wie vermutet, ethisch und ästhetisch verlumpten X. X., sondern den langjährigen Mitherausgeber der—„Neuen Zeit" zum Verfasser hat". Wie mir verschiedene Anfragen zeigen, wird aus dieser Be> merkung in Parteikreisen gefolgert, ich sei der„langjährige Mitherausgeber" der„Neuen Zeit", der den Artikel über Friedrich Engels verfaßt habe. Demgegenüber erkläre ich, daß ich mit jenem Artikel nichts zu tun habe. Heinrich C u n o w. Hue der Frauenbewegung. Aufruf! Montag, den 11. September, eröffnet der Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse seine diesjährigen Wintersitzungen. Seit seinem Bestehen sind nun sechs Jahre vergangen. Wenn wir auf das zurückblicken, was in dieser Zeit getan und gewonnen wurde, so ist es unseren Wünschen gewiß in vieler Hinsicht nicht genug. Dennoch aber können wir uns des Erreichten fteuen und uns mit Genngtuung sagen, daß der Verein für die Arbeiterinnen Berlins zu einem Mittelpunkt geistigen Lebens und geistiger An- regung gelvordcn ist, zu einer Stätte der Aufklärung und Bekehrung, die viele von ihnen nicht mehr missen möchten. Umso weniger missen, als die reifften und intelligentesten unter den Proletarierinnen durch ihre lebhafte Beteiligung und Mitarbeit selbst dazu beigetragen haben, den Verein zu dem zu gestalten, waS er gegenwärtig ist. Gewiß— wir wissen sehr wohl— heute wie am Tage seiner Gründung werden viele achselzuckend fragen: Und was leistet denn eigentlich dieser Verein? Was hilft er uns; worin bringt er uns vorwärts? Sind wir darum mit unseren jammervollen Löhnen weniger elend, kann er mit allen schönen Reden und Diskussionen uns bessere, gesundere Wohnungen, billigere Nahrungsmittel schaffen; mehr Zeit, uns unserer Kinder anzunehmen, sie körperlich und seelisch vernünftiger zu erziehen?— Und wieder und wieder antworten wir darauf: Jawohl; da? alles erstrebt unser Verein; da? alles kann er in langsamer und dauernder Arbeit, in ruhigem Fortschritt er- reichen: könnte er zehnfach rascher erreichen, wenn seine Mitgliederzahl sich zehnfach rascher vermehrte, wenn zehnfach rascher das Interesse an seinem Streben und Wirken auch in die weiteren Massen der weiblichen Arbeiterschaft dränge. Denn ist es auch laut unserer freien preußisch- deutschen Gesetzgebung den Frauen verboten, politische Vereinigungen zu gründen, in denen sie ihre Lage be- sprechen könnten, ist es ihnen auch benonunen, gleich den Männern durch Wahlen einen direkten Einfluß auf die Gesetzgebung zu üben — eines ist auch den Frauen und selbst in Preußen-Deutschland er- laubt: nachzudenken über die Dinge des Lebens und sich geistig fortzubilden. Und garnicht oft genug kann es gesagt werden: In der Erkenntnis des Lebens, der Zusammenhänge des Wirtschaft- lichen Getriebes, der Entwicklungsbedinguugen von Körper und Seele des Menschen liegt eine tief revolutionäre Kraft, die stärkste und gewaltigste Kraft der Um- gestaltung, welche wir besitzen und die kein reakttonäres Gesetz uns zu rauben vermag. Wo geistige Erkenntnis, da findet sich auch ein Weg vom Dunkel zum Licht, von Not und Elend zur Freiheit des Daseins. Und wo Wissen und Denken, da ist zum mindesten die Möglichkeit gegeben, die künftige Generation, die Kinder wieder zu denkenden und strebenden Menschen zu erziehen, zu Nienschen, die um ein besseres Los, um ein fteiereZ und menschen- würdigeres Dasein ringen, als es heute noch die Mehrzahl der Proletarierinnen führen muß. Darum sollte Bildung für die Arbeiterin weder ein leeres Wort, noch ein gleichgültiger Luxus noch etwa ein Zeitvertreib sein wie andere mehr, sondern das danernde Ziel ihres Strebens, das bewußt erfaßte Mittel zu ihrer persönlichen Weiterentwickelung, zur Hebung ihrer wirtschaftlichen und menschlichen Lage wie zur vernunftgemäßen und zielklaren Erziehung ihrer Kinder. Darum sollten aber auch neben der kleinen Schar derer, die als mutige Vorkämpferinnen von Anfang an treue Mitglieder der Bildungsvereine waren, immer neue Hunderte von Proletarier- trauen sich ihnen anschließen; darum sollte jede intelligente und strebsame Arbeiterin für die fernere Ausgestaltung der Vereine in eigener Mittätigkeit kraftvoll zu wirken suchen. Der Verein eröffnet am Montag seine Sitzungen mit einem Vorwage, auf dessen Thema gerade in hervorragendem Maße an- wendbar ist, was wir eben sagten. Der Schriftsteller Herr Max Grunwald wird über„Das Studium der Nationalökonomie und die Frauen" referieren. Nattonalökonomie! Das wird so manchem recht weit ab von allem zu liegen scheinen, was in Wirklich- keit das Dasein einer Proletarierfrau bestimmt. Und dennoch ist gerade das Gegenteil wahr. Ist doch die Nationalökonomie die Wissenschaft, die uns die wirtschaftlichen Vor- gänge begreifen lehrt, die Schwankungen in den Preisen der Nahrungsmittel, die Höhe der Löhne, die Lage des Arbeitsmarktes, die Art der Güterproduktion und-Verteilung, kurz alles, was die allerrealsten Existenzbedingungen der männlichen wie der weiblichen Arbeiterschaft ausmacht. Wenn irgendwo, so zeigt sich in der Nattonal- ökonomie die Wissenschaft fruchtbar für das' Leben. Der Vortrag findet in den„Arminhallen", Kommandantenstr. 20, um 8Vs Uhr abends statt. Wir hoffen auf den regsten Besuch der Frauen Berlins. — Billetts zu der am 17. September stattfindenden Uraniavorstellung sind in den Zahlstellen und im Verein zu haben. Die bis zum 11. September.nicht abgerechneten Billetts gelten als verkauft. _ Der Vorstand. Gerichts-Zeitung. Die Geschichte einer Eheirrung mit einem unliebsamen Knall- effelt kam gestern bor der Berufungsstrafkammer des Landgerichts I in aller Breite zur Verhandlung. Wegen Beleidigung, Körper- Verletzung und Bedrohung hatte sich der Kaufmann E., ein gut- situierter, angesehener Inhaber eines größeren Geschäftes, zu ver- antworten. Der Angeklagte war niit einer jungen Dame die Ehe eingegangen, die ihm eine anständige Mitgift ins Geschäft brachte. Die Ehe war anfänglich recht glücklich, die Situation veränderte sich aber, nachdem das erste Kind geboren war. In der Folge wurde das Benehmen der Frau immer abstoßender und es kam zu unliebsamen Auftritten. Der Ehemann glaubte schließlich Ursache zu der Annahme zu haben, daß ein sogenannter Stunden-Buchhalter, den er zur Buchführung angenommen hatte, der Störer seines ehelichen Glückes sei. Dieser junge Mann schien auf die Frau Eindruck gemacht zu haben, denn eines Tages überraschte der Angeklagte das Pärchen dabei, wie es heimliche Küsse austauschte. Der Sturm, der sich darob erhob, wurde aber dadurch wieder beschwichtigt, daß beide Ertappte die kühne Behauptung aufftellten, es habe sich nur um einen Handkuß in allen Ehren gehandelt. Später haben sie vor Gericht zugestanden, daß es sich um ein richtiges Kuhverhältnis gehandelt habe. Sonderbarerweise setzte der Angeklagte den verliebten Buch- Halter nicht in beschleunigter Form an die Luft, dieser verblieb viel- mehr weiter in Tätigkeit und Szenen der Erregung zwischen den Eheleuten blieben an der Tagesordnung. Die junge Frau erklärte schließlich rabiat ihrem Ehenrann, daß sie den Buchhalter damit bettaut habe, ihr als Wahrer ihrer Rechte dem Ehcmanne gegenüber zur Seite zu stehen. Das schlug dem Faß den Boden aus: der Angeklagte erklärte, daß er verreisen müsse, blieb aber in Berlin, nahm Quartier in einem hiesigen Hotel und beobachtete seine Frau und den Buchhalter. Eines Sonntags sah er die beiden auf dem Balkon seiner Wohnung sitzen und da er sich sagte, daß der junge Mann den Sonntagnachmittag nicht zum Bücherrcvidieren verwenden dürste, so machte er sich allerlei Ge- danken, die ihn arg erregten. Er bemeisterte sich jedoch, besprach sich mit seinen Freunden über sein einzuschlagendes_ Verhalten und beschloß, gegen Mitternacht in seine Wohnung zurückzukehren. Als er dort anlangte und ein dunkles Zimmer betrat, bemerkte er, daß sich der Buchhalter dort aufhielt. Nun kam es zur Katastrophe. Der Angeklagte stürzte sich auf den verhaßten Menschen, der in aller Seelenruhe behauptete, gearbeitet zu haben, bearbeitete ihn mit seinen Fäusten, soll auch seinen Spazierstock in Anwendung gebracht haben, nannte ihn einen„Ehebrecher" und drohte, ihn mit einem Revolver zu erschießen. Der so unsanft Behandelte rächte sich da- durch, daß er gegen den Ehemann, dessen Erregtheit begreiflich ist. Strasanzcige erstattete. Das Schöffengericht setzte mit Rücksicht auf die ganze Sachlage für jede der drei Straftaten das niedrigste Straf- maß— je drei Mark Geldstrafe— an. Aber auch dies stmd der Rächer seiner Ehre für ungerechtfertigt und legte Berufung ein. In der gestrigen Bcrufungsverhandlung gab der Buchhalter das Küssen zu, bestritt aber unter seinem Eide jeden loeitcren straf- lichen Verkehr mit der Ehefrau. Gegen diese hat der Angeklagte in- zwischen die Scheidungsklage eingeleitet. Die Strafkammer war der Meinung, daß dem Angeklagten alle nur denkbaren Milderungs- gründe zur Seite stehen, sie mußte aber doch die Bestrafung wegen Körperverletzung und Bedrohung bestehen lassen. Dagegen wurde das Urteil wegen der Beleidigung aufgehoben, da das Wort„Ehe- brecher" der ganzen Situation entsprach und die deutsche Sprache kein anderes Wort habe, um die Dinge, um die es sich hier handelt, zu kennzeichnen. Eine Diebesbande, die als Spezialität Diebstähle von beladenen Schlächterfuhrwerken ausführte, die unbeaufsichtigt vor den Markt- hallen standen, machte im Januar vorigen Jahres der Kriminal- Polizei viel zu schaffen. Am 18. Januar v. I. gegen 8 Uhr morgens hatte der Schlächtermeister Klein sein Fnhrlverk vor der Markthalle in der Lindenstraße kurze Zeit unbeaufsichtigt stehen lassen. Als er bald daraus wieder die Straße betrat, waren Pferd und Wagen, auf dein sich etwa zlvölf Zentner Fleisch befanden, spurlos verschwunden. Am 25. Januar hielt das Fnhrlverk des Fleischermeisters Schulz, der im Begriff war. Fleisch aufzuladen, vor der Markthalle am Grünen Weg. Die kurze Zeit seiner Abwesenheit benutzten Diebe, um mit dem Fuhrwerk, auf dem sich schon etwa 10 Zentner Fleisch befanden, davonzufahren. Aehnlich erging es mehreren anderen Schlächtermeistern, die ihr Fuhrwerk nur kurze Zeit unbeaufsichtigt stehen ließen. Die Diebe hatten sich als Schlächter verkleidet, so daß eS nicht auffiel, wenn sie in aller Gemütsruhe mit dem vollbeladeuen Fuhrwerk davonfuhren. Die Ermittelungen der Kriminalpolizei beschränkten sich in erster Linie auf Recherchen nach dem Verbleib der Beute. Erst nach längerer Zeit gelang es. die Abnehmer in den Schlächtern Stefan Hoffmann und Richard Babakowsky zu ermitteln, die in Rummelsburg. Charlottenbnrg und Schöneberg, zum Teil auf den Wochenmärkten, das ge- stohlene Fleisch absetzten. Die beiden Hehler haben et, bevor ihre Verhaftung erfolgen konnte, ans guten Gründer» vorgezogen, spurlos zu verschwinden. Zurzeit sind beide unbekannten Aufenthalts. Eine längere Observation der Hehler ermöglichte es auch, die eigentlichen Diebe festzunehmen. Als der Haupttäter bei den zahlreichen Diebstählen kam der vielfach vorbestrafte Kutscher Wilhelm Zastrow in Frage, der mit einem Schlächter Emil Drescher zusammen„gearbeitet" hatte. Vor der 2. Ferienstrafkammer des Landgerichts I mußten sie sich gestern Hilter der Anklage des Rückfalldiebstahls verantworten. Der Staatsanwalt hielt beide Angeklagte für überführt und beantragte gegen Z a st r o w IV4 Jahre und gegen Drescher 9 Monate Gefängnis. Der Gerichtshof er- kannte gegen Drescher wegen Hehlerei auf neun Monate, gegen Zastrow wegen Riickfalldiebstahls auf I Jahr 3 Monate Gefängnis._ Vermischtes. Die Cholera. Das Berliner Polizeipräsidium veröffentlicht folgende Mit- teilung: Nach der Meldung hiesiger Blätter ist eine Person aus Charlottenburg unter dem Verdachte der Cholera in das dortige Krankenhaus Westend eingeliefert worden. Demgegenüber ist zu bemerken, daß sich der Cholcravcrdacht auch ohne bakterio- logische Untersuchung nicht bestätigt hat. daß es sich vielmehr um eine harmlose Darmcrkrankung handelt. Die Cholerakrankheit scheint sich die Flußläufe der Weichsel, von da durch den Bromberger Kanal in die Netze, Warthe-und Oder herunterzuziehen, so daß, was das Wasser anlangt, die Haupt- gefahr vorläufig noch nicht stromaufwärts von Küstrin südlich nach Frankfurt und Kroffcn, sondern nördlich nach Schwedt und Stettin zu liegt, falls stromaufwärts fahrende und bereits infizierte Schiffer die Ansteckung nicht stromaufwärts tragen. Unter der Bevölkerung werden amtliche Belehrungen über die Cholera und das zu be- obachtende Verhalten während der Cholerazeit verteilt. Zur An. ordnung von Vorsichtsmaßregeln gegen die Ausbreitung der Cholera weilte Sonntag vormittag der Regierungspräsident v. Dewitz in Fürsten berg a. O. Im Lause dieser Woche werden dort zwei Baracken, die eine an der Kanalmündung, die andere bei den Schleusen, errichtet zur Untersuchung aller den Kanal und die Oder passierenden Schiffer. Bei den Baracken werden große Haltesignale aufgestellt. Schiffer, die diese nicht respektieren, sollen verfolgt und mit einem fünftägigen unfreiwilligen Aufentlialt bestraft werden. Zur Untersuchung der Schiffer wird ein Militärarzt in Fürstenberg stationiert. In der Nähe von V 0 r d a m m wird auf Anordnung der Ne- gierung an der Netze eine Cholerabaracke erbaut. Das Gebäude soll für zwölf Betten eingerichtet werden. Außer dieser festen Baracke soll auch noch an geeigneter Stelle ein Bretterschuppen zur vorläufigen Isolierung choleraverdächtiger Schiffer auf- geschlagen werden. Die Bahnbeaniten sind angewiesen worden, in dieser Zeit besondere Vorsichtsmaßregeln im Verkehr mit dem reisenden Publikum zu beobachten. So müssen zum Beispiel die Schalterbeamten nach dem Verkauf von Fahrkarten jedesmal die Hände desinfizieren. Aus Posen wird gemeldet: Die Ehefrau des Schiffseigners Karl S ch e f f l e r, die am 3. d, Mts. mit dem Schleppzuge von Stettin hier eingetroffen ist, ist nach heutiger Feststellung dort an Cholera erkrankt und heute vormittag nach der hiesigen Cholera- baracke gebracht worden. Der Kahn der Isolierten, der vor der großen Schleuse steht, wurde sofort durch städtische Desinfektoren einer gründlichen Desinfektion unterworfen. Die übrigen auf dem Kahn befindlichen, bisher- gesunden Personen sind in die städtische Bcobachtungsstation untergebracht worden.— Der Telegraphist Stellmacher in Schleuscnau ist an Cholera gestorben. Nach einem Bericht der„Neuen Westpreußischen Mitteilungen" ist bei den in Jagowshöhe vorgekommenen verdächtigen Er» krankungsfällen durch bakteriologische Untersuchung Cholera fest. gestellt worden. In Schirpitz(Kreis Thorn) ist der oljähriqe Arbeiter Schinkler choleraverdächtig erkrankt. In Niederausmaaß bei Kulm ist die sieben Jahre alte Tochter Amande des Buhnen. arbeitcrs Zimmermann am 2. September choleraverdächtig erkrankt und am 3. September gestorben. Am folgenden Tage erkrankten die Mutter des Kindes und die fünfjährige Tochter Anna. Ferner ist rn Kurzcbrack der Fährmann Beier unter choleraverdächtigen Er- scheinungen schwer erkrankt. Das Ausland trifft gleichfalls energische Maßnahmen zur Bekämpfung der Choleragefahr. In Havre ist verfügt worden: Alle aus den Hafen zwischen Helsingfors und Hamburg kommenden Schifte werden vom Arzte des Sanitätsdienstes genau untersucht. Die Lotsen werden diese Schiffe veranlassen, allen Unrat schon auf der Reede zu beseitigen und eine gründliche Desinfektion vorzunehmen. Auswanderer dürfen nicht in der Stadt verweilen sondern müssen sich sofort an Bord ihrer Schiffe begeben.' Die türkische Regierung hat für alle in K 0 n sta n t i n 0 p e l Piais" und zu Lande aus Europa ankommenden Reisenden die arztliche Untersuchung angeordnet. Unter dem Verdacht der Engelmachercr ist in Pose n die Tapeziererfrau N 0 w a ck a verhaftet worden. Sie wird beschiildiat. mehrere Pflegekinder vergiftet zu haben. .. Auf der Flucht aus dem Kloster„Zum guten Hirten" stürzte. w.eaus Beuthen berichtet lmrd, dre zwanzigjährige Insassin Gertrud Frlla m der Nacht beim Herabklcttcrn am Blitzableiter drei Stock- Werke hoch herab. Sie wurde mit gebrochenem Rückgrat aufgefunden. Prand und Einsturz einer Kirche. Aus Rani wird tele- kttaphiert: In der in Trastevere belegenen Basilika Santa Cccilia ist Mittwoch morgen eine heftige Feuersbrunst ausgebrochen Die Kirche ist ganzlich eingestürzt. Das Feuer dauerte vormittags 10 Uhr noch an, doch ist es gelimgen, es auf seinen Herd zu beschränken. Der durch die Sprcmberger Eisenvahnkatastrophe entstandene Material- und Warenschaden ist bisher noch immer nicht genau festgestellt, dürfte jedoch nach den bisherigen Ermittelungen weit über? c-ne Million Mark betragen. Auch die Höhe der zu leistenden Ent- schädigungen an die Verunglückten und Hinterbliebenen der Ver- storbenen bedarf noch der Feststellung. Die eventuellen Pensions-. betrage dürften sich nach oberflächlicher Schätzung auf mehr als 100 000 M. pro Jahr stellen, doch schweben gegenwärtig mit den Beteiligten Unterhandlungen wegen Zahlung einmaliger Absindungs- summen. Dadurch würde sich die durch den Zusammenstoß ver- ursachte Ausgabe auf mindestens zwei Millionen Mark beziffern. Eine Polizeikommissarswitwe ist als schwere Kupplerin von der Lemberger Polizei dingfest gemacht worden. Wie dem deutschen Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels mitgeteilt wird, handelt es sich um die Konnnissarswitwe Frau Julie S., die in der galizischen Hauptstadt wohnte und ihr unsauberes Gewerbe bereits seit Jahren mit großem Erfolge betrieb. Sie lieferte ihre „Ware" nur auf Bestellung ihrer Klienten und es sollen Frauen und Töchter angesehener Familien in Lemberg in die schmutzige Skandal- affäre verwickelt sein. Frau S. betrieb aber nicht allein ein gut- gehendes Kuppeleigeschäft, sondern sie exportierte auch in großem Maßstabe junge Galizierinnen nach Rußland. Allem Anscheine nach hat die S. auch Mitschuldige gehabt und der bevorstehende Prozeß dürfte einen interessanten Einblick in jene Kreise gewähren. die den Mädchenhandel nach Rußland systematisch betreiben rcsp, begünsttgen. Eine Goldiuine bei Berlin will in der nächsten Nähe des Töpfer» dorfeS Velten ein dortiger Grundbesitzer entdeckt haben. Ein dortiges Lokalblatt berichtet darüber: Der Besitzer vom Bötzower Teerofen hat auf seinem Acker in geringer Tiefe tonhaltige Erde ge- funden, welche stark mit kleinen metallisch glänzenden Körnern durch- setzt ist. Der Mann war in früheren Jahren Goldgräber in Trans- vaal und behauptet, daß dort die Erde in den oberen Schichten das- selbe Bild biete. Er will seinen Fuild untersuchen lassen und hofft bei weiterem Graben auf die gesuchte Goldmine zu stoßen. »at den Inhalt der Inserate iibernimmt die Nedattion dem Ipnblitnm gegenüber keinerlei Bcrantwortnng. UKeater. Donnerstag, 7. September Ansang 7'/, Uhr: Opernhans. Figaros Hochzeit. Schauspielhaus. Wallcnstcins Lager. Die Piccolomini. Neues. Ein Sommernachtstraum. Westen. Die neugierigen Frauen. Zentral. Die Geisha. Thalia. Bis früh um Fiinse l Ansang 8 Uhr: Schiller O. tWallncr»Thealer.) Der G'wisscnswurm. Schiller(Friedrich Wilhelm städtisches Theater). Nora. Lessing. Die Erziehung zur Ehe. Hieraus: Die sittliche Forderung. Residenz. Eine Hochzeitsnacht. Trianon. DaZ Ende der Liebe. Carl Weist. Im Hause der Sünde. BeNc-Zlllinnce. Ben Ali Bey. Luisen. Ficsco. Deutsch- Amerikanisches. Kasino. Der Adelsnarr. Metropol. Die Herren von Maxim. Apollo. EinWend in einem amerila- nischen Tingel-Tanael.— Am HochzeitSabend.— Spezialitäten. Herrnfeld. Die Meyerhains. Wintergarten. Lote Füller. Spc. ztalitaten. Berliner Prater-Theater. Dämon Gold. Passage. Poldi Augustin. Herr Tacianu. Spezialitäten. Reichshalle». Stettiner Sänger. llrania. Tanbeustrastr Tierleven in der Wildnis. Jnvalideustrastc S7/KÄ. Stern. warte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Anfang 8'/, Uhr: Lnstspielhans. Der Familientag. Aber, Heues Theater. Anfang 77, Uhr. 8in Scmtnentächtstram Freitag u. solgende Tage: Ein Sommernachtstraum. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: �Heute Donnerstag, zum l. Male: fiesvo. freitag: I'Iesoo. ionnabcnd: Der jüngste Leutnant. Sonnlag nachmittag: Die Kinder der Exzellenz. Abends: Der jüngste Leutnant. Montag: Die Kinder der Exzellenz. KaslnosTheater Lothringerstr. 87. Täglich 8 Uhr. Der Ddetsnarr. Vorher: Die Zanbcrgelgc von Offenbach. original kambier Compagnie zum 1. Male in Berlin Duo Serdan. Eonut. 4 Uhr: Ein Solln des Volkes. r: Täglich: Ein Abend in einem Vorher: Hochzeitsabend Spezialitäten. und neue „Ä.Zuin lOO.Male! EilU I. eio, aineriHinjel-Tanjel. Metropol-Theater Donnerstag, den 7., u. Freitag, den 8. September: Geschlossen. Sonnabend, den 9. September, präzise 7-b Uhr,"VQ zum 1. Male: f Sclilller-Theafer. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theatcr). Donnerstag, abendsS Uhr: Zum ersten Male: Der G'sslssensn-nU-ni. Bauernkomödie mit Gesang i. 3 Akten von Ludwig Anzcngrubcr. Freitag, abends 8 Uhr: Der G'ss-Issensn-ncm. Sonnabend, abends 8 Uhr: Der G'wlsscnswnrin. Schiller-Theator H.(Friqdr.-Wilh. Th.) D o n n e r S t a g, a b e n d S 8 U h r: Xorn.(Ein Puppenheim.) Schauspiel in 5 Ausz. v. Henrik Ibsen. Deutsch von Wilhelm Lange. Freitag, abends 8 Uhr: Nor».(Ein Pnppenheim.) Sonnabend, abends 8Uhr Nor».(Ein Pnppenheim.) Freie Volksbühne. Sonntag, den 10. September, nachmittags 2'/, Uhr Carl Weiß-Theater. Sonntag, den 17. September: 1. Abteilang Egmont. Trauerspiel in 5 Akten von W. Goethe. ins Große Jahresrovue mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Dirigent Kapellmeister Max Roth. In Szene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. Waiden a.D.xMißCIM a.D. Bender x Giampietro Joeephi x Frid-Frid x Massary Behrens-Linke. Rauchen in all. Räumen gestattet. _{Anfang 7,8 Uhr. Palast-Theater srüher Feen-Palast, Bnrgstr. 84. Sonnabend,. 9. September: Legillll ller tt. Saison. Das phänom. Eröffnun gs-Programm. lZMu-u.liiiMMnieriil.IlsM. Das Keste vom Ktsteu. Per Rohrpost. Schwant in einem Alt v. M. Reichardt. Ansang 8 Uhr. Konzert 77, Uhr. Eatrcc 50 Pf. Familienkarten sind in allen Barbier-, Friseur- u. Zigarren- gcschäfte» sowie an der Dhrater- lasse unentgeltlich zu habe«._ " Lcraiiiw. Metropol-Theater. 3./4. Abteilung Nummer Achtzig und Der Panzer von Herrn. Heyermans. 9. Kunst-Hbend= Dienstag, den 17. Oktober er., abends SVs Ubr, im Rathaus: Heine-Schumann Vortragender: Dp. Max Hlrschberg. WM Heft 1 unserer Monatsschriit und ist in allen Zahlstellen erhältlich. DW»- Alle neuen Mitgliedskarten müssen aus den Zahlstellen abgeholt werden und müssen 2 Marken a 80 Pf. enthalten. AM" Neue Meldungen können nur berücksichtigt werden, soweit etwa Karton freigebliebon sind. Der Vorstand. 229/14 Die Geschäftsstelle und Kassenverwaltung: G. Winkler. Urania Tierleben 8 Uhr: in der Taaben- str. 48/49. Wildnis. Sternwarte ,n,alld8n str. 67/62 )■ CASTANS ANOPTICUM. Friedrichsfr. 165. Joel's Traum!) Iip Restaurationssaal: „B'Koehelsee'r.") Oberbayr. Gesangs-, Tanz- u. Gebirgs-Szenen. OOlOCISCHEfi GARTEN Täglich ab nachmittags 4 Uhr: Militär- Doppel-Konzert Eintrittspreis 1 M.; ab 6 Uhr 50 Ps. Kinder unter 10 Jahren die Hälste. k-ustspioihaus. Abends 87- Uhr. Der familientag. Sonntag: Der Familientag. ?il88SgS-IllöStös. Anfang der Abcndvorstcll. 8 Uhr, nachm. Sonnt. 8, Wochent. 5 Uhr. Feld! Augustin die fesche Soubrette. «err Tacianu Dameu-Jmitator. Das glänzende September-Programm. Sösiilislllllose-Iliögsöl Gesundbrunnen, Badslragc 58. Täglich daS SenfationS-September« Programm. Paul Coradmi. Die drei Härders, phänomenale Lust- gymnastiter. Greil Seiner, Tyrolicnne. The DNorus, Mephisto- Sensation. Seviiio u. Plfo. Mite. Slrö. Edith Harle. M. H. Thiessen mit seinem Wunderhmid. Außerdem- �1' FIM � fiOllleS. Ans. 47, Uhr. Entree 30 Ps. Numer. Platz 50 Ps. Saisonkarten haben Gültigkeit. Gustav Behrens Spezialitäten- Tbeater Frankfurter- Allee 85. Täglich da« großartige 8eptember-Frograium u. a. Sine tolle Kacht. Grotze Posse mit Gesang. Groster Lacherfolg.-Mg Trisnon-Thenter. Heute und folgende Tage: Das Ende der Kiede. Satirisches Lustspiel in vier Akten von Roberto Bracco. Deutsch von Otto Eiscnschütz. Ansang 8 Uhr._ Carl Weiß-Theater. Gr. Aranksurterftr. 132. Im Hause der Knude Morgen: Geschlossen. In Vorbereitung: Der Weitumsogier wider Willen.— Sonnabend, den 9. September: Schuldbeladen. �Jm Sommergarten: Neues Septbr.. Spezialitäten-Programm. Ans. 5 Uhr. Abends 1D Uhr: Ringkämpfe. W. Noacks Theater. Direltion: Roh. Dill. Brunnenstr. 16. Heute keine Vorstellung. Sonntag, 10. September: Kroß« tixtra- Vorstcllang. Konzert, Theater, Spezialitäten. MM- Neue Spielsolg e. Extra-Dan z. Kaffeeküche. Ans. 47,Uhr. Eintr. 30Ps., Sperrsitz 50. Aehriiöerjlemitelil- Tkeatei'. �um 137. t�sle: Komödie in 3 Akten mit den Autoren Anton und Donat Herrnfeld in den Hauptrollen. Anfang 8 Uhr. Vorverkauf 11-2 Uhr. IlöÄllöllZ-IilöSlös. Oirektion: Richard Hieran der. Heute und solgende Tage: Ansang 8 Uhr: Eilie ümtiseitsiliidit. Schwant in 3 Akten von Henri Köroul und Albert Barrs. Dienstag, d. 12. Sept., z. 1. Male: Die Höhte des Löwen. Prater-Theater Kastanien-Allee 7—0. Heute: Dämon Gold. Charakterbild in 3 Alten. The Kieffers Pantomime. Mizzi». GOza Varadi-Duett. Pantomime. Spezialitäten. Ball. Ansang 47, Uhr. Eintritt 30 Ps. Numerierter Platz 50 Ps. Btto Pritzkows«... Berliner lHilnastr. 10. Jocki Tocki the Elastic Skia Man. Der Mensch mit der Gummihaut. Mne-Mao-Mni??? Entree SO PI. Zirkus Alb. Schumann Karlstraße DM- vorm. Benz"Tpgi Tel. Amt HI. No. 2941. IMT Voranzeige."WW Den hochgeehrten Bcn-ohncrn Berlins und Umgebung die ganz ergebene Mitteilung, daß ich demnächst mit einer ganz nenen Oesellschaft von Scheveningen(Holland) nach einem vorhergegangenen� zirka dreimonatlichen, von kolossalem Erfolge begleitet gewesenen Aufenthalt in Wien, wo mein Unternehmen durch wiederholten Besuch der hohen und höchsten Herr- { gebände Der ganz anßcrordcntllchc Erfolg, der mir in voriger Saison beschieden, läßt mich auch der diesjährigen mit Zuversicht entgegensehen. Für dieselbe habe ich eine Reihe vollständig neuer Kräfte nnd sensationeller Attraktionen sowohl anf dem Gebiete der zirzensischen als auch SpeziallthtenkUnste gewonnen, ebenso hat meinMarstaU durch Erwerbung zahlreicher edler Pferde eine wert- volle Bereicherung erfahren. Auf dem Gebiete der Freiheitsdressuren und hohen Schale werde ich auch dieses Mal wieder Neuartiges nnd absolnt Originelles bringen. Was die Mancgenschnnstücke anbetrifft, so hoffe ich durch Originalität der Erflndnng, Inszenierung nnd Ausstattung alles bisher Gebotene bei weitem zu übertreffen. Ich hoffe daher alles für eine erfolgreiche Saison getan zu haben, und gebe mich der angenehmen Hoffnung hin, der mich so ehrenden Sympathien der Bewohner Berlins und Umgebung auch diesmal teilhaftig zu werden. Hochachtungsvollst und ergebenst Alb. Schamann, Königl. Preuß. Kommissionsrat und Zirknsdirektor. Siez' Spezialitäten-Theater Eandsberger Allee 70/79, lürekt an der Ringbahnstation. Ob schön! Täglich im herrlichen Garten oder Saal: Ob Regen! yellslMii neues, scftensles Pfogrim Beflios. Hadi Brnmlen ist wieder da! Kurt Ellen, der aktuelle Humorist. Gebr. Eldlnger, konkurrenzloser Kraftakt. The Decolllnls, Kiinstschlitzen. Hedwig Döring, die beliebte Soubrette. Klataschka- Trlo, russischer Gesang und Tanz. Miß Roden mit ihren sechs Wunderaffen. Orig. Tbe Beyrotts usw Täglich: Ball. Kaffeeküche. Bolksbeluftigungen aller Art. Entree Wochentags 29 Ps., Sonntags 39 Pf. Jeder Erwachsene hat ein Kind unter 19 Jahren frei, ältere Kinder zahlen halben Eintrittspreis. t Brauerei Iriedriehshain früher Lipps(Oetonom E. Bilcmann) Am Königstor. —• Grüßtcr Konzertsaal Berlins.>. JSi™, Operetten-Hbcnd von Johann Strauß aus Wien Dirigent d. k. u. k. Oesterr. Hofballmusik mit setner gesamten Kapelle. Anfang 8 Uhr. Entree 50 Pf. Reserv. Pl. 1 M. Billetts im Vorverkauf: bei Bote u. Bock, Wertheim und in| den tnit Plotaten belegten Handlungen. Arnold Scholz. Hasenheide 108/114. NeilG Wolt« Donnerstag, den 7. September 1905: Eetzter Elitetag! K Letztes groOes Feuerwerk l In dieser Saison. Promenaden-Konzert aÄSÄe. SpeziaBitaten-VorsteBlung. Anfang 5 Ehr. Alle Passepartouts gelten! Entree SS Pf, Nächsten Sonntag: Herbstfest der Berliner Tnrngaue. Buchhandlung Vorwärts:: Berlin 5A. 68 I— Lindenstraße 69| Soeben ist erschienen: Intime Briefe Ferdinand �assalles an Eltern und Schwester Herausgegeben von Eduard Krrnstei« Nebst einem Anhang: 2 Briefe Lassalles über Liebe und eheliche Treue 2 Briefe Sophie v. Äahfeldks an Angehörige Lassalles Preis 3 Mark Potto 20 Pfennig Die hier veröffentlichten Briefe reichen von Lassalles Knaben. jähre bi« zum Borabend feines Tode». ES find selbstverständlich nur ein Teil der wirklich geschriebenen. Sie gewähren aber dem Leser einen tiefen Einblick in die Anschauungen und den Charakter det großen Agitator«. Freilich treten w diesen Briefen die theoretischen Auseinandersetzungen und die politischen Ansichten Lassalles in den Sintergrund. ES ist Lassalle al« Mensch, der uns vier näher tritt. Der SerauSgeber hat den Briefen ein Vorwort und Erläuterungen gewidmet. £uiLenstäätt80l»e8 Klubhaus, Saal Annen- Straße 16. !. Festlichkeiten. Landrösches Weißbier, Lagerbier. "ekannt vorzügliche Küche. Vereinszimmer frei HM-IirtR Ttrtr. KöpenickerstraDe 67/68. Jed. Abend 8 Uhr, Gastsp. Ad. Philipp ZSFAtt erste Schlagers der Saison Ader Herr Herzog. Jeden Sonntag nachmittags 3 Uhr, halbe Preise: Eeher'n großen Teich. Eröffnungs- Programm. Loie Füller die berühmte Phanfasietänzerin. Louise Biet Pariser Sängerin. 4 Luckens amerik. Gymnastiker. Sisters Gasch Akrobatinnen. Kapitän Woodward dress. Seehunde u. Seelöwen. Bedini und Artur amerikanische Exzentriks. Die mysteriösen Husaren. Edith Helena amerik. Sängerin. Die Trombelta» Italien. Duett. Paul Spaden! 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Sie müssen einen ähnlichen 'AuScinandersetzungsschein seitens des Amtsgerichts beibringen ivie� ein Witwer. Ein Beispiel finden Sie S. 224 des dem.Arbeiterrecht" beigefügten Führers. 2. Wenn Ihre Frau für den schuldigen Teil erklärt ist, so ist nicht ersichtlich, weshalb nicht Sie die gesetzlich Ihnen obliegende Erziehung über- nommcn haben. Die Forderung der Kinder aus Sllimeutatton verjährt erst in 30 Jahren: der gesamte Lohn ist in ihrcin Falle pfändbar, weil eS sich um eheliche Kinder handelt.— H. B. LO. 1. Meineid ist mit Zuchthaus bedroht. 2. Ja.— Tt. L. Die Sachlage darlegen, eventuell klagen. Ihre Darstellung läßt aber nicht erkennen, ob Ihre Ansicht zutrifft, Aast Sie nach dem Gesetz keiner Landeskirche angehören.— C. M. IT. Nein. Hopse. Unterlassen Sie Ihr Vorhaben: dasselbe kann als Urkunden- sälschung und Betrug ansgesnfit werden. Der Sohn sollte in eigenem Namen mieten.— Bergner. Sie können lediglich beim Amtsgericht aus Rückgabe klagen. Betrug und dergleichen ist die Handlungsweise Ihres Arbeitskollegen nicht. SozlaldemokratisetierWaliiyereiii für den 6. Berliner Reichstags-Waiilkreis. Todes-Anseige. Am Montag, den 4. Septem- her, verstarb unser Mitglied, der Former Willi Rabe, Putlitzstr. 16. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Donnerstag, nachmittags 4 Uhr, vom Moabiter Krankenhause aus nach dem neuen Johannis-Kirch- hos in Piötzensee statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 249/8 Der Tor stand. ZentraiyerM der Handels-, Transport- n. Yerkehrsarlielter Deutschlands. Hierdurch diene d?n Mitgliedern zur Nachricht, dafi der Kollege Fritz Zenker, Rollkutscher. verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Tonnerstag. nachm. Z Uhr, von der Leichenhalle des Im- manucl- Kirchhofs, Wcißenjee, Falkenberger Weg, aus statt. Die Ortsverwaltuug 71/7 Berlin I. ZaMii. Preise veliebige Teil. zahlung Olga Jacobson, lnvaliden* tiraSe 145. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. TodeS-Auzeige». Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Former Willi Rabe am 4. September gestorben ist. Ehre seinem Andenke«: Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 7. September, nachmittags 4Uhr, von der Leichen- Halle des Moabiter Krankenhauses aus statt. Den Kollegen zur Nachricht, dafi unser Mitglied, der Gürtler Max Riehmann gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 7. September, nachm. 2'/, Uhr. von der Leichen� Halle des Krankenhauses am Ur- ban aus nach dem Luisen-Ktrchhos, Hermannstrafie statt. Rege Beteiligung erwartet 122/1S Die Ortsverwaltung. Am 5. d. Mts. entschlief unser lieber Kollege, der Umleimer k�rit? Hennig. Ehre s einem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, den 8. d. Mts., nach- mittags 4>/, Uhr, von der Halle des Heilig-Krcuz-KirchhoseS, Ma- riendorf, Fcldstraße, aus statt. Die Kollegen 41S4L der Pianotorte-labril!„Merkur". Zentralverhand der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter Deutschlands. Hierdurch diene den Mitgliedern zur Nachricht, dafi der Kollege (�arl Möller verstorben ist. 71/6 Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Frei- tag, den 8. d. M., nachmittags 5 Uhr, von der Leichenhalle des Krankenhauses Moabit, Birken- straße, nach dem Neuen Pauls- Friedhof, Piötzensee, aus statt. Um zahlreiche Beteiligung bittet Die Drlmnvaltung Berlin I. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung Weines lieben Mannes 1373b ksrl Schuchholz sage ich allen Verwandten und Be- kannten, insbesondere dem Gesang- verein„Norddeutsche Schieise" dem Deutschen Mctallarbeitcrverband, dem Meisler und den Kollegen der Firma Revir u. Weisse, der„Freien Ver- einigung der Tourensegler Grünau", uiid dem Segelklub„FraternitaS" meinen tiesgesühlten Dank. Frau Schuchliola. Danksagung. Für die vielen Beweise und die zahlreichen Kranzspenden bei der Be- crdigung unseres lieben BruderS Emil lloldcnhaaer sagen wir allen Freunden und Be- kannten, insbesondere den Genossen des 151. und 152. Bezirks des 6. Wahl- Vereins unseren herzlichsten Dank. TK. Moldenhauer. Martha KUppe, 1382b geb. Moldenbauer._ nnmTgTXTTTxxxTraxssxasssxxrxssgrcaxgxnnKsxssassxamx» g! 2. ßcrUmr Rcidistags-ddablkrcis. Sonntag, den 10. September 1905: Qr. Sommerfest in den Gefamträumen der Bert, ßockbrauerei, Cempelbofer Berg, bestehend in: Konzert& Selang& Bali& Kinematograpb Konzert und Ballmusik ausgeführt vom„Tenen Berliner Konzert-JOrchester" (Dirigent: Rudolf Tietz).— Gesang von Mitgliedern des„Arbeiter-Sttngerbnndes" 1=(Dirigent: Bleil).■ 1 1!"■— Von 6 Uhr ab im großen Saale: B A L L» Herren zahlen 50 Pf. nach. Nachmittags von 5— e'J, Uhi: RlüderSplele,""" Jülld-CM*" JFftClidzn Qy wozu jedes Kind eine Stocklaterne gratis erhält. DM- Die Kaffeokttchc ist von 2—6 Uhr geöffnet.'W 210/4* Eintrittspreis: Im Vorverkauf 20 Pf., an der Kasse 30 Pf.— Anfang 4 Chr. • Billetts sind bei den BezirksfDhrern und in den mit Plakaten belegten Geschäften zu haben. G Um zahlreichen Besuch bittet Das Komitee. Restaurant„Zur Drachenburg" An �Brücke Lnhab Rzul 8LllDLltö, Schiesischen Brücke' ______ An der | Schleslschen I empfiehlt grollen Saal, 500 Personen fassend, mit neuer Bühne, den 1 Vereinen zu Festlichkeiten und Versammlungen, auch stehen grofie[ und kleine VereinSzimmer zur Verfügung. 4193L' ——— Zwei große elegante Kegelbabnen.— Elektromotoren-Anlagen. Ingenieur 1. Freund jr., GitschTneratr.lOCa. K ranz- u. Blumenbinderei von H. Eckert, 98. Kottbufer Damm 98.* Maurer- und Zimmerer- Poliere, überhaupt Bauhandwerker, welche selbst bauen wollen, erhalten von unS Baustellen unter sehr günstigen Be- dingungen bei ganz kleiner Anzahlung, eventuell auch ohne bare Anzahlung. Adressen unter N. 1 Expedition des .Vorwärts". 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September, im Englischen Garte», Alexanderstr. S7«: Mitglieder-Tersammlmig. TageS-Ordnung: 1. Bericht über den Streik im Muschelkalk- gebiet. 2. Antrag des Kollegen N. Wintcrrath: Abschaffung der Sammel- listen, Extrasteuer oder Beitragserhöhung. igg/g Mitgliedsbuch legitimiert. lim zahlreiche Beteiligung ersucht Die Ortsvcrwaltung. Aeeöerei Miiing. Bon morgen an Tflgtldj J Billige Extrafahrte« mit Musik"WD Kkrliiicr Ä/ivki!, Ziliitbiislh � ItöStalirant mm SebuItbeilZ, lannMkbMg. �l»fslii-t S- Preis saug. Sonntag) hin u. zurück 50. Kinder 25 Ps. Rücks. 71/, Uhe abends. Abrnds: Höhcnfcner und Alpenglühen aus deq Gosener Bergen. vr. Prinzen- 1 Str. 4t, Spezialarzt für 29/11* Haut- nnst Barnlelelen. 10— L.S— 7. Sonntags 10—12, 2—1. 1 Von der Reise zurück Dr. Max Blumentlial, Landsberger Allee 29. Orts-Krankenkasse für das Gewerbe der NschteruPlilnofortearbtiter zu Berlin. Wir machen hierdurch bekannt, daß die durch Veranlassung des Herrn Obcrpräsidenten von der am 15. Juni 1905 stattgcsundencn Generalvcr- sammlung beschlossene Statuten- änderung vom Bezirksausschug ge- nehmigt ist und am Montag, den 11. September 1005 in Krast tritt. tz 29 des Statuts erhält demnach folgende Fassung: Die wöchentlichen Kassenbeiträge betragen: 1. sür erwachsene männliche Kassenmitgliedcr(aus- schließlich der Lehrlinge). 0,72 M. 2. sür erwachsene weibliche Kassenmitglieder.... 0,33, 3. sür männliche Kassenmit- glicdcr unter 16 Jahren und sür Lehrlinge... 0,27, 1. für weibliche Kassenmit- glieder unter 13 Jahren. 0,21„ Der Borstand. E. Röhn, A. Doering, Vorsitzender. Schristsührer. Für Vereine etc. Sonnabend, 4. und 11. November, sind Säle zu Festlichkeiten noch frei. Buss' Salon, Cr. Fmibfurterkraße 85. Stuhlflecht- rohr in vorzüglicher Qualität. Stutilrodrlager Wallstr. 16.* Hygienische Bedarfsartikel. Neuest. Katalog m.Empf. viel.Aerzteu.Prof.grat.u. fr. II. Hnxer, Gummiwarensabrtk, Berlin NW., Friedrich str. 91/92.* m Wort V als IS B Jedes Wort: Pfennig. 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Anfang 4 Uhr, berliner l�admcdlm Die Fleischermcister fangen an zu„fordern"! Nun kommt endlich Leben und Bewegung mehr und mehr auch unter die Fleischermeister, die angesichts der herrschenden F l e i s ch n o t immer noch sich damit begnügt hatten, achsel- zuckend zu versichern, daß nicht.sie an den hohen Fleischpreisen schuld seien. Lange genug hat man darauf warten müssen, daß auch sie an derÄbwehrbewcgung tätigen Anteil nähmen. Man sagt, es sei manchem unter ihnen noch vor einem oder zwei Jahren gar nicht so unerwünscht gewesen, daß durch die Grenzsperren die Vieh- und Fleische preise auf einer gewissen Höhe gehalten wurden. Aber all' mählich ist die Preissteigerung doch zu arg geworden, und nun haben sie's endlich alle begriffen, daß sie von der Fleisch- teuerung ihren Schaden haben, weil sie den Konsum vcr ringert. In Berlin ist die alte Fleischerinnung untätig geblieben bis auf den heutigen Tag. Aber die Freie Vereinigung der Fleischermeister von Bcrlin-Ost hat den Wagemut gehabt, aus dem Stegreif eine Art von Deutschem Fleischertag nach Berlin zusammenzutrommeln, der zur Fleischnot Stellung nehmen sollte. Am Mittwoch um 2 Uhr nachmittags traten ein paar Tausend Fleischermeister aus zahlreichen Orten Deutschlands im„Konkordia"- Etablissement in der Andreas straße zusammen. Die Verhandlungen ergaben vollste Eiw mütigkeit darüber, daß trotz Herrn v, Podbielski und seinen Agrariern eine Fleischnot besteht, daß sie nicht nur die Kon sumenten schwer belastet, sondern auch die Fleischermeister selber schädigt, und daß nur von der Aufhebung der Grenzsperren eine Milderung zu er warten i st, Vorausschicken möchten wir, daß die Unzufriedenheit der Schlächtermeister ihrer Loyalität doch nicht den geringsten Ab bruch getan hat. Der Einberufer und Vorsitzende begann mit einem Hoch auf den Kaiser, das mit ungeschwächter Be geisterung aufgenommen wurde. Auch Obermeister Wieg an dt Nordhausen, der das einleitende Referat gab, betonte'ausdrück lich, daß die Fleischermeister gute Staatsbürger bleiben wollen, die Thron und Vaterland zu schützen bereit sind. Daß der Land wirtschaftsminister erklärt hat, es gebe noch keine Fleischnot und es sei noch nicht nötig, die Grenzen zu öffnen, das— so sagte der Referent— sei beklagenswert und müsse„uns tief erschüttern". Aber er vertraut, daß Herr v. Podbielski sein Versprechen halten werde, die Grenzen wenigstens dann zu öffnen,»nenn der Viehauftrieb gegenüber den Vorjahren um 10 Proz. gewichen sei. Den städtischen Körperschaften, die sich jetzt allenthalben rühren und zur Frage der Fleischnot Stellung nehmen, machte Ober- meistcr Wicgandt sein Kompliment. Jetzt solle auch der Stand der Fleischermeister die Regierung anrufen, daß sie ein geneigtes Ohr haben und endlich Milderung gewähren möge. Die Debatte, die sich durch mehrere Stunden hinzog und an der sich die Vertreter der Innungen verschiedener Städte beteiligten, schien anfangs sich in ähnlichen Gleisen bewegen zu wollen. Erst allmählich kam ein schärferer Ton hinein und man erklärte forsch, daß die Fleischermeister nicht bitten, sondern fordern wollen. Alle Reden klangen aus in den Satz, nur eine Grenzenöffnung könne helfen. Gegen Schluß der Verhandlungen meldete sich auch der Berliner Stadtverordnete Cassel, der in seiner Eigenschaft als Landtagsabgeordneter für Berlin-Ost eingeladen zu sein be- hauptcte. Herr Cassel versicherte, er wolle hier nicht Parteipolitik treiben, aber er machte dann doch kräftige Reklame fiir seine Partei. An Podbielskis seichte Witzchen über den Vorstand der sozial- demokratischen Partei, der sich ja selber der Schweinezucht widmen könne, knüpfte Cassel die alberne Bemerkung, dieses Wort werde den Sozialdemokraten, die ohnedies nicht an einem Uebcrmaß von Bescheidenheit litten, vollends die Brust vor Hochmut schwellen lassen. Selbst den„träumerischen sozialistischen Zukunftsstaat" ließ dieser Führer des Berliner Rathausfreisinns vor der Phantasie seiner Zuhörer aufsteigen, damit nur ja die imposante Protestversammlung der Fleischer- meister Deutschlands auf das ihm sympathische seichte Niveau einer freisinnigen Bezirksvereinsversammlung herabgedrückt werde. Die Verhandlungen endeten um 6 Uhr abends mit der widerspruchslosen Annahme einer etwas lang geratenen Resolution, die auf den zunehmenden Mangel an Schlacht- Vieh im Deutschen Reiche, sowie auf die immer geringer ge- wordene Qualität des auf den Markt kommenden Schlacht- Viehes hinweist und im Interesse der Fleischer wie der Kon- sumenten fordert, daß die Grenzsperren aufgehoben werden. Zehn Mark Entree und solche Enttäuschung. Die„Deutsche Tageszeitung" druckt aus einem auswärtigen Blatt die Privatgefühle ab, die ein Herr v, R,, der sich„Provinzler" nennt, von der letzten Parade mit nach Hause brachte. Zur Kenn- zeichnung des Paradepatriotismus wollen wir aus der Schilderung die wesentliche Stelle wiedergeben: „Inzwischen rücken die Truppen von allen Seiten �mt klingendem Spiele an, langen beweglichen Schlangen gleichend, und sie schieben sich, eine nach der anderen, in die ihnen vor- gezeichnete Stellungen ein. Hm, ein bischen weit weg! Selbst mit dem Glase erscheinen sie nicht größer als winzige Bleisoldaten. Nun, das wird eben nur die erste Frontaufstellung sein, nachher muffen sie doch dicht an uns vorüber,— wir Habens ja schwarz auf weiß verbrieft und zehn Mark dafür bezahlt I Und jetzt kündet Hurrageschrei von der Chaussee her, mit dem sich, allmählich ein- fallend, die Klänge des feierlichen alten Präsentiermarsches ver- mischen, die Nähe des allerhöchsten Kriegsherrn an. Das ist der Moment, wo man zu seinem Fernglase mit dem Dichter sprechen- möchte:„Mein Freund, kannst Du nicht länger sein?" — Denn, selbst mit aller Anstrengung der weit aufgerissenen Augen vermag man durch dieses treffliche Instrument nur die Gewißheit zu erlangen, daß da ganz weit, ein paar tausend Meter von uns entfernt eine kleine Kavalkade das Feld im Galopp er- reicht hat und nun, am rechten Flügel der Truppen angelangt, jm Schritt an ihnen entlang reitet. Das dauert eine gute Stunde, die uns auf der Tribüne nicht eben viel Abwechslung bietet. Aber was tuks, unsere Zeit muß doch noch kommen und wie zur Be ruhigung greifen wir an das Zehn M a r k- B i l l e t t in der Tasche. Itun formieren sich die Regimenter schon zum Vorbei marsch, aber wer noch so viel Vertrauensseligkeit besaß, anzu- nehmen, daß jetzt der Kaiser, dessen Gestalt wir an der Spitze der Kavalkade nur erraten, nicht erkannt haben, sich, wie es doch unser Programm uns verhieß, unserer Tribüne gegen- über postieren würde, erleben die s ch w e r st e Enttäuschung des strapazenreichen Tages, Der Platz vor uns bleibt leer, gähnend leer. Auch alles, was noch kommt, die Haupt- nummer: der doppelte Vorbeimarsch der Garden vor ihrem kaiserlichen Herrn, vollzieht sich dort drüben, fern, fern von uns. So fern, daß meine Nachbarn in einen erregten Streit darüber geraten, ob der weiße Fleck, den man in einer Equipage bemerkt, etwa eine Prinzessin bedeutet oder einen Kürassiergcneral," Es muß ein sehr kerniger Patriotismus sein, der den Anblick des„allerhöchsten Kriegsherrn" einer Zugnummer im Wintergarten gleich bewertet. Wer die preußische Geschichte, namentlich der jüngsten Vergangenheit, vor seinem unbefangenen Blick vorüber ziehen läßt, wird dem enttäuschten Paradebesucher allerdings dal grobe Mißverständnis verzeihen. Die Fleischnot. Der Magistratsberichterstatter teilt mit: Zur Fleischnotfrage bringt der„Reichs-Anzeiger" eine amtliche Statistik über den Vieh- auftrieb an acht der größten preußischen Schlachtviehmärkte für die verflossenen acht Monate Januar bis einschließlich August, die beweisen soll, daß eine Fleischnot nicht besteht. Dem gegenüber ist es angezeigt, daß ein großer Teil des Auftriebes für den Berliner Viehhof aus minderwertigem, nicht voll schlachtreifem Vieh bestanden hat, und daß jetzt regelmäßig aus der ganzen Umgegend von Berlin die Schlächter der kleinen Städte, wie z. B. Trebbin, Spandau, Oranienburg, Bernau, Mittenwalde, Zossen usw., ferner die Tausenden von Landschlächter, die früher ihren Bedarf bei den Land' Wirten direkt deckten, heute ihr Fleisch bei den Berliner Engros- schlächtern einkaufen. Diese Schlächter kauften vor einem Jahre noch ganze Tiere von den Landwirten, heute kaufen sie nur das allernotwcndigste, d. h. einzelne Stücke, wie z. B. ein Rinder viertel u. dgl. in Berlin, wie sie es gerade brauchen. Dadurch ist die Nachfrage ganz gewaltig gestiegen, denn es ist ein Unterschied, ob nur der Stadtkreis Berlin oder Berlin und die Provinz von Berlin ans versorgt werden muß. Hierzu kommt»och, daß mindestens ein Drittel des ganzen Auftriebes den Berliner Viehhof lebend verläßt, um nach anderen Städten verladen zu werden und nur zwei Drittel dein Berliner Schlachthof zugeführt wird. Daß eine große Fleischnot vorhanden ist, kommt in den Preisen deutlich zum AnSdnick. Nach den Nachweisen des kaiserlichen Statistischen Amtes über den auswärtigen Handel des deutschen Zollgebietes— also einer gewiß unanfechtbaren Quelle— kosteten im Januar/März 1900 die Schweine im Durchschnitt pro Doppelzentner 90 M. und 1905 schon 117 M. Seitdem sind die Preise in den letzten Monaten bis auf 130 M. gestiegen. Ochsen wurden 1898 im Januar /März mit 100,9 M. bezahlt, 1905 kosteten sie schon 122 M. im Januar und 137,00 M. im Juli d. I. Es sind dies immer nur Durchschnitts preise. Kälber kosteten 1898 im Januar/März 133,6 M., in der- selben Zeit 1905 schon 164,1 M. und im Juli/August 1905 bereits mittlere Kälber 170 M. Mastlämmcr stellten sich auf 109 M. im Jahre 1898, 1905 schon auf 135 M. Die Preissteigerungen sind also sehr bedeutend und erstrecken sich nach de» Angaben des kaiser- lichcn Statistischen Amtes nicht nur auf Berlin, sondern, soweit die Berichte vorliegen, auf München, Danzig, Köln, Hannover, Magde' bürg, Frankfurt a./M., Leipzig, Dresden und Chemnitz i./S. Die Stndtverorductcn-Bcrsaiiimlung hat sich in ihrer heutigen Sitzung u. a. mit folgenden Gegenständen der Tagesordnung zu befassen: Wahl je eines Mitgliedes in die Finanzdeputation, in das Kuratorium des Fricdrichs-Gewerbestipendiums, in daS Kuratorium des Friedrich Wilhclms-Hospitals zc., in das Kuratorium der Elisabeth-Stistung ic., in die Brennmaterialiendeputation und in daS Kuratorium für das Turn- und Badewesen.— Vorlagen be- treffend die Neuwahl eines Kämmerers, die Teilung des Bezirkes des 104 a. Gcmcindcwaisenrates sowie der 112 b., 166 o. und 203 o. Armenkommission, die Nachweisung des Umfanges der öffentlichen Beleuchtung im Vierteljahr Januar/März d. I.,— Abänderung der Sicherheitsleistung durch die StraßenasphaltierungZ gescllschaftcn,— die Fortftlhrung der Kaiser Wilhelm st ratze, — die Einsetzung einer gemischten Deputation zur Erörterung der Frage, ob für die städtischen Waisenkinder An st alts- oder F a m i l i e n p f l e g e vorzuziehen ist,— den Geschäftsbetrieb der Städtischen Sparkasse im April/Juni- Vierteljahr dieses Jahres,— die Annahme einer letztwilligen Zuwendung des verstorbenen Kaufmanns und Bankiers Joseph Goldschmidt,— die Wahl von Vertrauensmännern für die zu bildenden AuSschüffe zur Auswahl der Schöffen und Geschworenen,— die Bewilligung von Ehrenpreisen an den Verein Berliner Geflügelzüchter„Fortuna",— die Zuteilung des vom 1. April d. I. ab eingemeindeten Grund- stückeS des Steinsetzmeisters Brehme zum Stadtbezirk 323,— die Ueberwcisung eines Betrages von 20 000 M. an die v. Forckenbcck- Zelle-Stiftung,— die gegen die Nichtigkeit der Gemeinde- w ä h l e r l i st e n erhobenen Einwendungen,— die Neueinrichtung der Kochküche im städtischen Arbeitshause in Rummelsburg.— die erfolgte Zuerkennnng von Preisen aus der städtischen Stiftung zu Preisaufgaben für Studierende der hiesigen Universität,— die Be- willigung eines Beitrages zu der Errichtung eines Denkmals für Rudolf'V i r ch o w auf dem Karlsplatz,— die Slbtretung von Straßenland und Zahlung von Anliegerbeiträgen an die Gemeinde Rummelsburg behufs Regulierung der Fischerstraße daselbst,— die Erneuerung der Gasanlagen im Friedrich- Wikhelms- Hospital, Pallisadenstr. 37,— die für Erwerbungen von Straßen- land oder Baubcschränkungen auf Grund von Entschädigungs- beschlüssen oder richterlichen Entscheidungen in der Zeit vom 1. Januar bis 3V. Juni 1905 gezahlten Entschädigungen,— die Festsetzung einer neuen Fluchtlinie auf der Ostscite der Neuen Wilhelmstraße von der Straße Unter den Linden bis zur Dorotheenswaße und An- kauf des nach dieser Fluchtlinienfestsetzung zur Straßenverbreiterung erforderlichen Grundstücks Neue Wilhelmstr. 8 b bezw. Unter den Linden 76,— den Grundstückserwerbungs- Fonds— und die Ab- lösung einer auf den zum Rathausban verwendeten Grundstücken Königstr. 16/17 noch lastenden Hypothek. Antrag von Mitgliedern der Versammlung, den Magistrat zu ersuchen, mit der Versammlung gemeinsame Schritte zu unternehmen, den Bundesrat zu veranlassen, die Sperrung der Grenze gegen die Vieheinfuhr aufzuheben. Vorlagen betreffend die Errichtung einiger Schul- und Wohnbaracken auf den Grundstücken der 272. und 273. Gemeindeschule. Der„hübsche Zug". Zur Kennzeichnung der bürgerlichen Presse von 1905 geben wir folgende Mitteilung der„Morgenpost" wieder:„Von einem h ü b s ch e n Z u g des Kronprinzen berichtet uns ein Augenzeuge: Als der Kronprinz gestern an der Spitze seiner Kompagnie das Paradefeld verließ und diese durch die ivenigcr belebten Straßen westlich der Bellealliancestraße zum Pots- damer Bahnhos führte, wurde er, da hier keine Absperrungen vor- genommen worden waren, von der Schuljugend, die ihn alsbald erkannt hatte, uinringt und durch laute Jubelrufe begrüßt. Der Kronprinz, durch diese ungehinderten Ovationen sichtlich erfreut, gestattete, daß die Menge bis an die Seite seines Pferdes herankam und ihm die Hand drückte. Als auch ein k l e i ir c r I u n g e dies versuchte und Gefahr lief, unter das Pferd zu komme», hob der Kronprinz ihn auf und ließ ihn unter dem Jubel der Riasse auf seinem Pferd sitzen. Durch diese leutselige Haltung deS Krön- Prinzen ermutigt, wagte es ein älterer Knabe, ihm eine Zigarette zu offerieren, die er grüßend annahm, um sich gleich- zeitig noch Feuer zu erbitten. Zur Bclohnnng schenkte er dem Jungen eine Mark. Am Schöneberger Ufer winkte der Kronprinz einen Post- boten heran, in dem er einen früheren Soldaten seiner Kompagnie erkannt hatte und unterhielt sich längere Zeit mit ihm, um ihm zum Abschied ein Goldstück in die Hand zu drücken. Nur mit Mühe konnte der Kronprinz dann am Potsdamer Güterbahnhof unier dem Jubel der Menge sein Automobil besteigen und nach dem Schlöffe fahren." Es ist hier ja nicht von einem, sondern von vielen„hübschen Zügen" des Kronprinzen die Rede; für den hübschesten Zug von allen hält die„Morgenpost" offenbar den, den der Kronprinz aus der ihm von einem älteren Knaben offerierten Zigarette tat. Hoffcnt- lich war der ältere Knabe schon ein alter Knabe, dem kein Lehrer und auch kein gestrenger Vater von wegen Zigarettenrauchens auf der Straße mehr das Fell versohlen kann. Im anderen Fall würde auch wohl die Ausrede, daß der Kronprinz Feuer und Glimmstengel von ihm genommen habe, dem„älteren Knaben" kaum etwas nützen. Die Pläne der fünf städtischen Straßenbahnen wurden, wie seinerzeit gemeldet, ini Juni d. I. von den Aufsichtsbehörden an den Magistrat mit dem Ersuchen zurückgesandt, einige Abänderungen in der Linienführung vorzunehmen. Beanstandet wurden namentlich die eine der geplanten S n d l i n i e n, Großgörschenstraße-Dönhoff- platz und die N o r d l i n i e vom Baltenplatz nach dem Stettiner Bahnhofe. Bezüglich der erstercn bietet, wie erinnerlich, die Ueber- schreitung des Landwehrkanals am Hafenplatz große Schwierigkeiten. In der AnSschußsitzung vom 14. November v. I. hatte Stadtbaurat Krause selbst gesagt:„Sollten aber seitens der Polizei gegen die Benutzung der Augusta-Brücke Schwierigkeiten gemacht werden, so inüsse die Bahn über eine neu anzulegende Brücke am Hasenplatz, die schoir früher geplant worden sei, geführt worden." In der Tat haben nun die Aussichts- behörden mit Rücksicht auf den Engpaß am Landwehrkanal und die steile Anrampnng der Königin Augusta-Brücke empfohlen, die städtische Straßenbahnlinie lieber im Zuge der Köthenerstraße direkt über den Kanal zu führen und das Projekt der erwähnte»„neu anzulegenden" Brücke einzureichen. Städtischerseits ist nun aber der Bau einer neuen Brücke mit der Begründung abgelehnt worden, die ört- lichen Verhältnisse gestatteten einen solchen Brückenbau nicht, nament- lich sei eine Anrampung auf der Seite des Schöneberger Ufers nicht ausführbar. In den den AuffichtSbehördcn wieder vorgelegten Plänen ist daher die Linienführung über die Königin A u g u st a- Brücke beibehalten worden, nur daß diese jetzt durch den Engpaß unterhalb der Eisenbahnbrückcn zweigleisig gedacht und zwecks bequemer Auffahrt auf die Brücke ein Teil des Vor- gartcngeländes vor dem Hause Königin Augustastraße 3/4 in Anspruch genommen worden ist. Bezüglich der Nord- l i n i e war die Belegung der Petersburger st raße mit vier Gleisen beanstandet werden. Dort will die Stadt ans die Mitbenutzung der Gleise der Großen Berliner Straßenbahn, welche zwischen Baltenplatz und Landsberger Chaussee liegen, verzichten; eine Mitbenutzung wäre hier auch nur auf Grund freier Verein- barung möglich, da ja vertraglich nur 400 Meter mitbenutzt werden dürfen und jene Strecke mehr als doppelt so lang ist. Mit vier- gleisigen Bahnen hat man aber schon schlechte Erfahrungen gemacht: in der Mauerstraße und vor dem Kammcrgcricht sind sie daher auch beseitigt worden. Auch bezüglich dieses Punktes ist die Stadt bei ihrem früheren Projekte geblieben, so daß auch nach den ivieder vor» gelegten Plänen die Petersbnrgerstraße mit vier Gleisen bedacht ist. Die Aufsichtsbehörden müssen nun in eine erneute Prüfung der städtischen Straßenbahnpläne eintreten; bleiben sie, wie eigentlich zu erwarten steht, bei ihrer Ansicht, so dürfte die endgültige Entscheidung denr Minister der öffentlichen Arbeiten zufallen. Nach den„Amtlichen Mitteilungen der LandeSversichcrungSanstalt Berlin" belief sich im Juli d. I. die Zahl der neu erhobenen An- träge auf Gewährung einer Invalidenrente auf 535, wozu 624 auS den Vormonaten übernommene hinzutraten. Von diesen 1159 Anträgen wurden bewilligt 372, abgelehnt 67, anderweitig erledigt 3 und 717 blieben unerledigt. Die 372 bewilligten Invalidenrenten fielen 250 Männern und 122 Frauen zu; darunter waren 45 Kranken- reiitcn für 28 Männer und 17 Frauen. Anträge auf Altersrente wurden 27 erhoben und 25 übernommen; bewilligt wurden IS (10 Männern und 5 Frauen), abgelehnt 4 und 33 blieben unerledigt. Im ersten Halbjahre 1905 sind insgesamt 3291 Anträge auf In- validenrente erhoben worden gegen 3289 im gleichen Zeittaume deS Jahres 1904. Aus dem Vorjahre übernommen wurden 476 (506), bewilligt 2719(2912), abgelehnt 383(320), anderweit er- ledigt 41(44) und nicht erledigt 624(519). Während die Zahl der neu erhobenen Anträge also gegen das Vorjahr nur um zwei zugenommen hatte, ist die Zahl der Bewilligungen um 6,6 Proz. heruntergegangen und die der Ablehnungen um 19,7 Proz. gestiegen. Die Anträge auf Altersrentengewährung haben abgenommen, es wurden 159(im Vorjahr 177) erhoben, 25(25) übernommen, 134 (154) bewilligt und 23(22) abgelehnt. Für die 383 Fälle der Ab- lehnung von Jnvalidenrentenanträgen werden als Grund der Ab- lehnung angegeben Erlöschen der Anwartschaft in 133 Fällen, noch bestehende Erwerbsfähigkeit in 155 und Nichterfüllung der Wartezeit in 72 Fällen, während in 23 Fällen andere Ursachen maßgebend waren. Bis Ende Juni 1905 war die Zahl der Nummern der Rentenliste auf 42 473 gestiegen; davon waren bis zum gleichen Zeitpunkt weggefallen 17 250, so daß am 1. Juli d. I. die Zahl der laufenden Renten 25 223 betrug. Darunter waren 20 907 Invaliden-, 1785 Kranken- und 2531 Altersrenten. Vom neuen Krankenhaus. In der gestrigen Sitzung der städtischen Hochbaudeputation erstattete Stadtbaurat Hoffmann über den Stand der städtischen Bauten Bericht. Angesichts der KrankenhauSnot sind vor allem seine Mitteilungen über daS Virchow-KrankenhauS von Bedeutung. ES sind an diesem Bauwerk 65 Gebäude im Rohbau fertiggestellt lvorden. Nur mit dem Bau des noch nachträglich ver- langten ObdnkttonshauseS der Jnfektionsbarackenabteilung konnte noch nicht begonnen werden, da die swatliche Genehmigung des Vorentwurfes hierzu erst dieser Tage erfolgt ist. Die inneren Ausbauarbeiten sind bei den meisten Gebäuden schon weit vor» geschritten, der größere Teil der Mobilien ist ausgeschrieben und in Arbeit. Mit der Ausführung der Pflasterarbeiten und der Um- Währungen wird dieser Tage begonnen werden und von den Garten- und Parkanlagen dort ist der be» weitem größere Teil schon fertig- gestellt lvorden. DaS Krankenhaus soll im nächsten Frühjahr dem Betrieb übergeben werden. Ferienwanderungen der Bolksschiiler. Der Deutsche Verein für Volkshygienc, Motzstr. 7, schreibt unS: Die Ferienwanderungen der Volksschüler, welche in diesem Sommer zum erstenmal Versuchs- weise der Deutsche Verein für Volkshygiene, Ortsgruppe Berlin e. V. durchgeführt hat, haben in jeder Bczwhung einen ausgezeichneten Erfolg gehabt. Es wanderten 100 Schüler im Mer von 12 bis 14 Jahren in Gruppen von 20 unter Führung je eines Lehrers, und in scchstägiger Wanderfahrt besuchten die Knaben die sächsische Schweiz, die mecklenburgischen Seen, Hamburg und seine Umgebung, wo durch die Güte des Norddeutschen Lloyd eine Seefahrt gemacht wurde, und die heimische Mark bis hinauf zur Seeküste. Mit Aus- nähme von Mecklenburg fanden die Knaben bei der Bevölkerung •rcnndlichc Aufnahme und mancherlei Unterstützung, und sie sind trotz äst täglichen Marsches körperlich und geistig gekräftigt und erfüllt inst neuen Eindrücken nach Berlin zurückgekommen. Sie haben unterwegs durch ihr bescheidenes und kameradschaftliches Vcr- halte», aber auch durch ihre offene Heiterkeit rmd durch ihre Berliner Schlagfcrtigkeit überall den besten Eindruck zurückgelassen und, was ganz besonders nicht verschiviegen werden soll, ihren sührenden deren ausopfenmgSbolke Muhe den nuf« Hehrer» hohen richtigsten Dank gezeigt. Dieses schöne Resultat berechtigt wohl zu dem Wunsche, datz dieser erste Versuch eine ständige Einrichtung m Berlin werden möge und in dem kommenden Jahre nicht nur hundert. sondern tausende unserer Berliner VolkSschiiler. Knaben sowohl als Madchen, je nach ihrem Alter, zu mehrtägiger Wanderung hinaus gefuhrt werden inöchten in die fernere Umgebung Berlins, damit sie dort� wieder mit der Natur in Berührung konmren und unter sachgemäßer, erfahrener Leitung den schönsten Anschauungsunterricht genießen mögen, der denkbar ist. Eine umfaiigreiche Betriebsstörung besteht seit Montag in einem großen Teil des Fernsprechamts VII. Viele Straßen, wie die lÄre'.fswalder-, Christburger-, Marienburgerstraße usw. haben seit Montag mittag keinen Anschluß. Wie das Amt bereits am Montag mittag in einein Rundschreiben den Teilnehniern mitteilte, ist die Störung durch Schadhaftwerden eines Fernsprechhebels entstanden. Der Schaden sollte nach dortiger Voraussicht in zwei bis drei Tagen beseitigt werden. «Hcrr v. Bredow" auf deiu Auto. Der Krastwagendiebstahl, über den wir kürzlich aus der Ackerstraße berichteten, ist jetzt ganz aufgeklärt. Wie wir schon mitteilten, erschoß sich der eine der Diebe, ein Fensterputzer Uditz aus der Ackerstr. 34, im Humboldthain, als ihm seine Festnahme drohte. Gestern, Mittwochmorgen, wurde der zweite Täter hier ergriffen, nachdem vor einigen Tagen das der- schwiindcne Auto in Havelberg wiedergefunden war. Von dort wurde der hiesigen Kriminalpolizei auf ihre Depeschen an alle Be Hörden mitgeteilt, daß ein Kraftwagen wie der beschriebene bei einem Schlossernieister zur Ausbesserung stehe. Nur lautete die Nummer 649 statt 1649. Ein Beamter fuhr mit dem Bestohlenen, dem Fuhrherrn Wickmann aus der Ackerstraße, nach Havel- berg und W. erkannte seinen Wagen wieder. Der Mann, der ihn zur Ausbesserung gebracht hatte. nannte sich v. Bredow. Der Kriminalbeamte hatte aber gleich die Photographie eines Berdächligen, des früheren Mechanikers Karl Bredlow, mitgenommen und der Schlossermeister stellte fest, daß sein„Herr v. Bredow" niemand anders war als dieser Bredlow. Der hatte erst vor kurzem das Zuchthaus verlassen. Gestern morgen wurde er verhaftet, als er ein vorgestern gestohlenes Fahrrad, dessen Eigentümer noch nicht bekannt ist, versetzen wollte. Bredlow ist ge- ständig. Nach Verbüßung seiner Strafe lernte er eine Plätterin kennen, versprach ihr die Ehe und schwindelte ihr 700 M. ab. Statt dafür eine Wohnung zu mieten und die Einrichtung zu kaufen, ver- jubelte er das Geld. Dann stahl er mit Uditz das Auto, um nach Hamburg zu fahren. Als Mechaniker wußte er einigermaßen damit umzugehen, als„Herr v. Bredow" aber bezechte er sich unterwegs mit seinem Freunde Uditz und fuhr infolgedessen vor Havelberg m den Chausseegraben. Das Fahrzeug nach der Ausbesserung abzu« holen, wagte er nicht mehr. Die Nummer hatte er geändert. Die Straßenbahn im Osten. Der Grundbesitzerverein Frankfurter Torbezirk schreibt uns: Von uns ist an den hiesigen Magistrat eine Petition wegen Verlängerung der Gleise der Straßenbahn bis an die Elbingerstraße abgesandt. Diese Petition weist auf den schreienden Mißstand hin, daß der in den letzten Jahren neu entstandene, voll bewohnte Stadtteil zwischen der Greifswalderstraße und der Lands- berger Allee bis an die Elbingerstraße durch Versagung der Kon- zession an die Berliner Straßenbahn-Gesellschaft von dem Ver- kehr nach dem Innern der Stadt vollständig abgeschnitten ist. Die Erteilung der Erlaubnis als Verlängerung dieser Linie widerspricht nicht dem gefaßten Beschluß des Magistrats und der Stadtverordneten-Versammlung. nach welchem der Straßen- bahn-Gesellschaft keine Erlaubnis zum Bau neuer Linien mehr er- teilt werden soll. Unterschrieben ist diese Petition von 3021 An- wohnern der 17 Straßenzüge dieses Bezirkes und ist gewiß ein Be- weis von der allseitig anerkannten Notwendigkeit. Der Petition, die an sich ja begreiflich ist, wird schwerlich statt- gegeben werden, da die Stadtverordneten-Versammlung bekanntlich auf dein aus den Verhättnisien heraus nur zu erklärlichen Stand- Punkt steht, der Großen Berliner jede Gebietsausdehnung zu ver- weigern. Drei Einbrecher wurden in der borletzten und letzten Nacht in der Mulackstraße auf frischer Tat ertappt und festgenommen. Der Rentner und Hauseigentümer Ortloft aus der Gormannstr. 6 hatte sich bei Bekannten einquartiert, während seine Frau in der Sommer- frische weilt. Diebe drangen in der vorletzten Nacht ein, indem sie die Küchcntür im Seitenflügel.nst einem Nachschlüssel öffneten. Da sie kein Geld fanden, da Ortloft alles mitgenommen hatte, so packten sie drei Stand Betten und Kleidungsstücke zusammen, um sie als gute Beute mitzunehmen. Als sie eben mit den großen Bündeln das Haus verließen, sah sie ein Wächter, der sie mit einem Schutzmann des 16. Reviers auf ihrer Flucht in der Mulackstraße einholte und festnahm. Tie Ertappten sind beide vorbestraft und wohnungslos. — In der letzten Nacht um 12 Uhr suchten zwei Einbrecher den Schlächtermeister Theodor Börring in der Rosenthalerstr. 62 heim. Sie schlössen in dem an der Ecke der Mulackstraße gelegenen Hause mit einem Nachschlüssel eine kleine Hoftür auf, weckten aber durch da» Geräusch den Meister und die Gesellen. Diese machten sich sofort an die Verfolgung und erwischten noch den Schmierestcher, einen 25jährigen Arbeiter, während der zweite Spitzbube entkam. Ei» guter Anfang. Auf der offiziell noch gar nicht eröffneten neuen Radrennbahn in Steglitz hat ein Einbruchsdiebstahl statt- gefunden. Heute nacht wurde eine der Radkabinen im Kellergeschoß erbrochen. Die Diebe entwendeten eine dem Remifahrer Peter ge- hörende Maschine im Werte von 306 bis 400 M., die die Numnier 407 327 trägt. Der Selbstmord eines Rentners wird aus dem Nordosten der Stadt gemeldet. Der 63 Jahre alte �Albert Nossow betrieb früher in der Christburgerstraße einen einträglichen Grünkramhandel. Als vor zwei Jahren seine Frau starb, setzte er sich zur Ruhe. Seitdem lebte er von seinen Renten und wohnte für sich allein in der Marienburgerstraße. Zum Essen ging er zu seiner Tochter, die init dem Schlächtermeister Fiebig in der Greifswalderstraße verheiratet ist. So hätte er behaglich leben können, wenn ihn nicht ein hart- nackiges HalSleidcn geplagt hätte. Er war schon ganz heiser ge- worden und sah keine Aussicht auf Heilung mehr. Das hat ihm wohl das Leben bis zur Unerträglichkeit verleidet. Als gestern morgen die Milchfrau keinen Einlaß bekam, ließ der Hauswirt Frau Fiebig rufen, die nun öffnete und ihren alten Vater tot auf einem Stuhle sitzend fand. Er hatte sich durch einen Revolverschuß in die rechte Schläfe getötet. Die Waffe lag neben dem Stuhl auf dem Fuß- boden. Auch dnS noch. Die Verzweiflungstat der Arbeiterfrau Schmainta aus der Wittstockerstr. 20 dürfte voraussichtlich noch ein gerichtliches Nachspiel haben. Es ist gelungen, bei Frau Sch. die Lebensgefahr zu beseitigen. Auch der älteste Sohn befindet sich auf dem Wege der Besserung. Die spätere gerichtliche Untersuchung wird ein trauriges Bild einer unglücklichen Ehe enttollen. Ein schwerer Betriebsunfall hat sich gestern morgen 5'/z Uhr in der Schultheitzbrauerei Tivoli ereignet. Als der Bierkutscher Emil Gensch seinen Wagen zum Tor hinausfuhr, versagte die Brems- Vorrichtung, sodaß der Wagen gegen die Blauer stieß. Der Kutscher stürzte infolge des Anpralls vom Bock herab, und zwei volle Bier- süsser fielen ihm auf den Rücken. In lebensgefährlich verletztem Zustande lvurde Geitsch nach der Unfallstation am Mariannenufcr gebracht. Er ist verheiratet und wohnt in der Jüterbogerstraße. Die gesicherte Existenz des alten Arbeiters. Der 66jährige Arbeiter Klemke aus der Skalitzerstr. 142 hatte in letzter Zeit das Malheur, einen steifen Fuß aufzuweisen. Stellte er sich wegen Arbeit vor, so wurde regelmäßig an dem steifen Fuß Anstoß genommen und K. blieb arbeitslos. Von der Not geplagt, versuchte sich der Bedauernswerte gestern das Leben zu nehmen. Er kaufte sich die letzten 20 Pf., die er besaß, Lysol und trank das Gist. In bedenklichen, Zustande fand der Lebensmüde im Krankenhause Urban Ausnahme. für be- an, ss Das leidige Abspringe«. Abermals wird uns bom gestrigen Tage ein Straßenbahnunfall, verursacht durch Abspringen vom fahrenden Sttaßenbahnwagen, gemeldet. Gegen Voll Uhr vormittags sprang das neunzehnjährige Fräulein Emma Riese, in Beelitz Brauersttaße wohnhast, vor dem Hause Kurfürstenstraße 122 vom Hinterperron des Straßenbahnwagens 2766 Linie 93 während der Fahrt ab. Das junge Mädchen kam zu Fall und erlitt eine schwere Gehirnerschütterung. Die R. wurde Nüttels Droschke nach dem Krankenhause Westend gebracht.— DieS ist nun der vierte Fall innerhalb der letzten drei Tage, wobei weibliche Fahrgäste durch leichtsinniges Abspringen vom Hinterperron sich schwere Verletzungen zugezogen haben. I» den Fahrstuhlschacht hinabgestürzt. Der erste schwere Unfall hat sich gestern im neuen kaiserlichen Patentamt in der Gitschiner- straße ereignet. Der in Steglitz wohnhafte Beamte Giereck hatte in der Mittagsstunde in der zweiten Etage des Riesengebäudes zu tun gehabt. Er hatte sich hierbei auch dem Fahrstuhl genähert und nicht bemerkt, daß die Türe zu dem Schacht offen stand. Blindlings trat G. in die Oeffnung hinein und stürzte mit einem Aufschrei kopfüber in die Tiefe. Mit schweren inneren Verletzungen blieb der Ver- unglückte bewußtlos am Boden liegen. Er wurde nach seiner Woh- nung gebracht._ Theater. Im Lessing-Theater wird am Freitag in „E l g a" Irene Triesch die von ihr krelrte Titelrolle nach längerer Pause zun, erstenmale in dieser Spielzeit wieder darstellen. Haupt- inanns erfährt an diesem Abend seine 80. Ausführung.— Tin Theater des Westens wird„Madame Gogo" an, Sonn- abend nicht zu», erstenmal aufgeführt werden. Der Komponist Possaro ist leider verhindert, in dieser Woche nach Berlin zu kommen und hat infolgedessen die Direktton die Erstaufführung von„Madame Gogo" auf Donnerstag, den 14. September, verlegt. Der Spielplan dief er Woche wird in der Weise abgeändert, daß am Sonnabend „Undine" und am Sonntag der„Zigeunerbaron" aufgeführt wird.— tm Schiller-Theater 0. jWallner- Theater) findet heute >onnerstag die erste Aufführung der Anzcngruberschen Bauern- komödie„Ein G'wissenswur»," statt. Die Besetzung der Hauptrollen ist folgende: Grillhofer: Max Pategg i Düsterer: Leopold Thurner; Wastl: Bernhard Herrmann; Horlacherlies: Annie Blaha. Die Regie fuhrt Max Pategg.— Apollo-Theater. Am Freitag, den 8. Sepien, ber, ist die 100. Aufführung der amerikanischen Burleske:„Ein Abend in einem amerikanischen Tingel-Tangel". Die Direktion hat für die bewährten Künstler an ihrem Ehrentage Extra- Ueberraschungen geplant. Urania-Sternwarte. Auf der Sonne sind mehrere große Flecke, teils einzeln, teils in Gruppen zu sehen. Die Urania-Sternwarte in der Jnvalidensttaße wird zu deren Beobachtung deshalb auch tagsicher für das Publikum geöffnet sein. Ebenfalls bei Tage kann Venus in der nächsten Zeit beobachtet werden, welche um 2 Uhr früh aufgeht, aber wegen ihrer Helligkeit trotz des Sonnenlichtes sichtbar ist, ebenso wie helle Fixsterne, welche auch bei Tage auf der Urania- Sternwarte gezeigt werden können. Im Sportpnrk Steglitz sind, wie uns die Geschäftsleitung meldet. nunmehr alle Fahrer für die großen Fliegerrennen am nächsten Sonntag eingetroffen, deren Vorläufe an, Donnerstag, den 7. September, abends 6 Uhr, gefahren werden sollen. Am Montag lag außer A r e n d, Scheuerinann, Huber. Bader 2C. auch der alte Weltmeister Ellegaard bereits dem Training ob, und am Dienstag kam der neue Weltmeister, der Franzose Poulain aus Bordeaux bezw. Paris an. Die Begegnung so hervorragender Fahrer wird natürlich den Steglitzer Rennen einen ganz besonderen Reiz verleihen und den Besuchern guten Sport bieten. Von den Stehern haben Demke und Günther auf der neuen Bahn sich schon so gut eingefahren, daß sie Runden von 21, 20*/� und 203/5 Sek. zurücklegen konnten, ja Robl brachte es gar schon auf 20, 193/z und 19%, Zeiten, die der Bahn das beste Zeugnis für ihre Schnellig- ksit ausstellen. Am Donnerstag kommt außer den Flieger-Vorläufen noch ein 15 Kilometerrennen hinter Sttaßenmotoren, ein EröffnnngS- Prämien- und ein kleines Hauptfahren zur Entscheidung. Vorort- l�ackrickten. Charlottenburg. Die Paradeferien haben, wie der„V. Ztg.' mitgeteilt wird, in den Charlottenburger katholischen Schulen 9 und 10, Goethestr. 22, und namentlich in der 10. Gemeindeschule zu einem ernstlichen Konflikt zwischen Lehrern und Rektoren beziehungsweise der Schul- aufsichtSbehörde geführt. Während andere Schulen jetzt drei Paradeferientage gehabt haben, ist in der 10. Gemeindcfchule— in der 9. hatte der Rektor ohne Anweisung geschlossen— der Unter- richt an keinem Tage ausgefallen, und zwar, weil die Benachrichti- gung immer erst nach Schnlschluß von der Aufsichtsbehörde ein- gegangen ist und der Rektor dieser Schule sich nicht berechtigt hielt, ohne die Verfügung die Schule zu schließen. Da die Nachricht schon Montag zu spät eingetroffen war. hielten sich einzelne Lehrer und sie Mehrzahl der Schüler am Dienstag für berechttgt, einfach auf Grund der Zeitungsnotizen dem Unterricht fernzubleiben. Darüber ist es bereits zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen Lehrern und Rektor gekommen. Die Lehrer waren zu gestern nach- mittag 5 Uhr zu einer besonderen Konferenz„ach dem Schulgebäude eingeladen. Em Nachspiel soll die Angelegenheit auch noch stär die Schüler und deren Eltern haben, weil d,e Kmder ohne Entschuldigung aus der Schule fortgeblieben sind. Die Eltern, deren Kinder n,an an den verschiedensten Tagen in die Paradeferien geschickt hat, haben vielmehr Veranlassung als die einzelne Schulverwaltung zu einem sehr energischen Protest gegen die jetzt häufig beliebte Aussetzung des Unterrichts aus militärischen und dynastisch-samiliären Gründen. Schöneverg. Arbeitcr-Samariter-Kolonne. Heute Donnerstag, abends 9 Uhr, veranstaltet die Abteilung Schöneberg bei Obst, Meiningerstr. 8, einen Vortrag über:»Vergiftungen und gefahrdrohende Krankheits- zustände". Rixdorf. Em beklagenswerter Unglücksfall ereignete sich in der Hermann- fttaße. Ecke der ThomaSftraße. DaS 4 jährige Söhnchen des Dachdeckers Oswald Friede!, Hermannstr. 91 wohnhast, wollte vor einem elektrischen Straßenbahnwagen über den Fahrdamm laufen und geriet dabei unter die Räder einer Droschke. Diese gingen dem Kinde über Leib und Brust, wodurch der Kleine lebensgefährliche innere Verletzungen davontrug. Während der Droschkenkutscher davonjagte und unerkannt entkam, schafften zwei Männer das Kind nach dem Krankenhaus in der Cannersttaße, wo es bald darauf ver- starb. Als die bedauernswerten Eltern das Schicksal ibres einzigen KindeS erfuhren, ttascn sie nur noch die Leiche ihre? Lieblings an. Auf den Schießständen im Rixdorfer Schützenhause ereignete sich ein schwerer Unfall. Daselbst waren der Büchsenmacher Paul te i S l e r und der Kaufmann Bruno Engelbrecht aus ella-St. Blasii(Thüringen), welche zurzeit im Hotel Holstein am Anhatter Bahnhof in Berlin wohnen, mit dem Einschießen von Re- volvern neuartiger Konstruktton beschäftigt. Es handelte sich um die Verwertung eines Patentes, welches H. auf eine neue Erfindung genommen hatte. Plötzlich entlud sich die von H. gehaltene Waffe versehentlich und das Geschoß drang Engelbrecht in den Leib. Schwer verletzt mußte der Gettoffene dem Rixdorfer Krankenhaus zugeführt werden. Britz. Mit knapper Rot dem Tode enttonnen ist gestern früh ber am Teltowkanalbau beschäftigte Baggermcister Schieber auS Potsdam. Mehrere Arbeiter waren damit beschäftigt, am Bagger ein riesiges Rindvieh 902 963 853 869 eisernes Kammrad mitteis Ketten emporzukvinden. MS das Rad sich bereits in bettächtlicher Höhe befand, riß plötzlich eine Kette und die schwere Last stürzte in die Tiefe. Schieber stand gerade unter dem Rade und wäre erschlagen worden, weim es ihm nicht noch rechtzeittg gelungen wäre, in das Kanalbett hinabzuspringen, wobei er sich freilich den rechten Fuß brach. Sch. wurde in das hiesige Kreiskrankenhaus geschafft. Lichtenberg. Die Arbeiter-Somariter-Kolonne, Abt. 4. hält am Donnerstag. den 7. September, abends S1,� Uhr, ihre Uebungsstunde m der Schule in der Dorfstraße ab. Herr Dr. Hirschfeld hält einen Vortrag, dem sich praktische Uebungen anschließen. Gäste willkommen. Spandau. Zur Fleischnot! In welchem Grade der Mangel an Schlachtvieh und die damit verbundene Preissteigerung auf den Fleischkonsum einwirkt, das beweist am besten der Rückgang an Schlachtungen. Im hiesigen städtischen Schlachthof wurden geschlachtet: Schweine un?Ziegen im I. Quartal 1904.. 5514 931 . I.. 1905.. 4767 665 »II.. 1904.. 5438 1139 »II.» 1905.. 4863 914 Während die Schlachtungen von Rindvieh ungefähr gleichblieben. haben sich dieselben bei den Schweinen und Schafen ganz b ck« deutend vermindert, und zwar in dem Halbjahr 1905 gegen das Vorjahr um 1322 Schweine und 491 Schafe und Ziegen. Dieser Rückgang betrifft einzig und allein die Schlachtungen für die zivile Bevölkerung, da die M i l i t ä r lieferanten vertraglich ge- halten sind, auch in der Zeit der Fleischnot das nöttge Quantum zu liefern. Auf polizeiliche Anordnung wurden hier die städtischen Fluß- badeanstalten geschlossen, da das Havelwasser zurzeit stark verun- reinigt und mit TyPhuSkeimen durchsetzt ist. Auch die Militär« badcanstalt ist wegen der vorhandenen Ansteckungsgefahr auf Anordnung der Kommandantur geschloffen worden. Trcptow-Banmschulenwcg. Mit dem Fleischwuchcr wird sich auf Anttag der sozialdemo« kratischen Gemeindeverordneten die Gemeindeverttctung Treptows morgen. Freitag, den 8. September, beschästigen. Die Sitzung ist öffentlich und findet im Amtshause nachmittags 6 Uhr statt. Der Antrag steht als letzter Punkt auf der Tagesordimng der öffentlichen Sitzung. Adlershof. In der letzten Gemeindeverttetersitzung wurde der Zuschlag für deg Bau des SandfangeS zur Kanalisation der Firma Dickerhof u. Widmann erteilt. Als Termin der Fertigstellung wurde der 1. Januar 1906 festgesetzt und im Falle der Nichtfertigstellung den Unternehmern eine Konventionalstrafe auferlegt, welche m den ersten vierzehn Tagen pro Tag 20 M., für jeden weiteren Tag 50 M. be- trägt. Der Lorort Grünau beabsichtigt aus dem gemeinsamen Amtsbezirk Alt-Glienicke auszuscheiden und einen eigenen Amtsbezirk zu bilden. Da aber Grünau fast denselben Beittag zu den Amtsunkosten zu zahlen hat wie Adlershof, aber durch das Ausscheiden AdlcrShof in seinem Beitrage bedeutend gesteigert würde, gab die hiesige Gemeindeverttetung diesem Plane ihre Zustimmung nicht. Der Anttag der Gemeindevertretung an die Eisenbahn- Verwaltung auf Benutzung des Bahn- Hofsausganges an der Rudower Chaussee ist von dem Minister wiederum abgelehnt worden, da der Verkehr nach der Bismarckstraße angeblich nicht stark genug sei. Es wurde deshalb beschloffen, in den Abendstunden eine Zählung des die Bahn benutzenden Publikums vorzunehmen. Wir würden dem Mnisler aber empfehlen, des Abends den Ausgang am Adlergestell zu benutzen: das Schieben und Drücken würde ihm ivohl ein„merkbarer" Beweis für die Ueberfüllung des Ausganges sein. Auf Beschluß der Ge« meindevertretung war mit den Leopoldschen Erben über den Ankauf des alten Marktplatzes an der Bismarck- und Helbigsttaße verhandelt worden. Der Anlauf zum Preise von 42 000 M. wurde beioilligt. Zur Choleragrfahr veröffentlicht ber Landrat des Osthabel- ländischen Kreises folgende Bekanntmachungen: Nachdem in Zantoch, Bezirk Frankfurt a. O. auf zwei Flößen choleraverdächtige Er- kranwngen und zwei Todesfälle festgestellt worden sind, weise ich hiermit auf die durch 8 9 der Anweisung des Bundesrats zur Be- känipfung der Cholera vorn 23. Januar 1904 vorgeschriebene Anzeigepflicht hin. welche darin besteht, daß jede Erkrankung und jeder Todesfall an Cholera soloie jeder Fall, welcher den Verdacht dieser Erkrankung erweckt, der für den Aufenthaltsort des Erkrankten oder den Sterbeort zuständigen Polizeibehörde von dem Arzt oder dem Haushaltungsvorstand oder jeder sonst mit der Behandlmig oder Pflege des Erkrankten beschäftigten Person unverzüglich schriftlich oder mündlich anzuzeigen ist. Wechselt der Erkrankte den Aufenthalts- ort, so ist dies unverzüglich bei der Polizeibehörde des bisherigen und des neuen AutenthaltsorteS zur Anzeige zu bringen. Als choleraverdächtige Erkrankungen sind insbesondere heftige Brech- durchfalle aus unbekannter Ursache anzusehen. Zur Erleichterung der Anzeigeerteilung können Kartenbriefe benutzt werden, welche bei den Ortsbehörden zu haben sind. Zentralvervand der Hnndlungsgehülfe« und-Gehülfiune» Deutschlands.(Bezirk Berlin.) Donnerstag abend 9 Uhr Sitzung in den„Arminhallen", Kommandantenftr. 20.— Gäste find willkommen. Die Ortsoerwallung. Zeutralberband der Frifeurgehülfe» Deutschlands.(Zweigverein Rixdorf.) Donnerstag, den 7. September er., abends 10 Uhr, bei Hoppe, Berlincrstr. 14, Mitgliederversammlung. WttternnaSüberficht vom 6. September 1905, morgen» 8 Nhr. Swinemde Hamburg Berlin Fra»ks.a.M. Män chen Wien 762 SW 761jSSW 763 SW 763, 0 764 SO 766 OSO 2 halb bd. 2 bedeckt ttwolkeiil 2bedeckt 2 wolle»! üwolkenl Petersburg 759 SW Seilly Abcrdcen Paris 755; SSW 755 W 759, SSW 4bedeckt 1 Dunst 1 bedeckt Istvollig 2bcdeat Wetter-Prognofe ffir Donnerstag, de» 7. September 1905. EtwaS wärmer bei! schwachen südlichen Winden und langsam zunehmender Vewöllung; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. Wasserstand am 5. September. Elbe bei Aussig— 0,69 Meter, bei Dresden— 1,26 Meter, bei Magdeburg-ff 0,85 Meter.— U u st r u t bei Strantzsurt-ff 2,00 Meter.— Oder bei Ratibor-ff 2,41 Meter, bei Breslau Oberpegel-ff 4,79 Meter, bei Breslau Unterpegel— 1,76 Meter, bei Frantsurt-ff 1.(4 Meter.— Weichsel bei Brahemünde -ff 2,44 Meter. � Warthe bei Posen— Meter.— Netze bei Usch — Meter._ ßHeffearten der Redaktion. C. P., Steglitz. Eine BerbotSvorschttst besteht nicht. Swe öffentliche Ktiiil dcS BersahrenS ist abhängig von der Kenntnis einzelner Fälle, au» denen zu ersehen ist, ob Verletzten daraus Nachteil erwachsen ist. Vielleicht kommen Sie in die Lage, uns solche Fälle zu unterbreiten. ------------""'--—_'"-■■■ ,, X"— verantw. Redatteur: Panl»Atner. Berlin. Für d«, Lnferatentefl veraM.,: Tfc, Gsoikt, Berlin. Nrusk u. Perlag: Vorwärt» vuchdrufferei u. Perlagsanstalt Paul Singer Sc Co.. Berlm SVfe