Ar. m ntonnemcnts-Bcdingungcn: ■BonncmcntS■ Preis pränumerando: BierteljShrl. 8,Z0 m.. mono». 1,10 MI. Ivvchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Sinzein- Nummer 5 Pfg. EonnIagS- Hümmer mit tllusiriertcr Sonntags- Seilage»Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- «bonnement: 1,10 Marl pro Monat. Singetragen w die Post-geitungS. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn » Mark, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. SS. Jahrg. (rfditlot Sgiich außer montags. Devlinev VolksblÄkk- Die TnfertionS'Gcbüljr betrügt für die fechSgefpallene Kolonel« zeile oder deren Raum 40 Pfg., für politische und gewerlschafstiche Vereins- und VersammlungS-Anzeigen 2S Pfg. „meine Hurtigen", das erste(fettgedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über IS Buchstaben zühlen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen. tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis L Uhr dormittag» geöfsuet. Telegramm-Adresse: „Soslaldtinohrat Berlin". Zentralorgan der fozialdcmokratircbcn Partei Deutrcblands. Redaktion: 683. 68. Lindcnstrasse 69. Fe rnsprecher: Nmt IV, Nr. 1983. Die Kommune Berlin gegen den Fleischwncher. Die Berliner Stadtverordneten haben sogleich in ihrer ersten Sitzung nach den Sommerferien Stellung genommen zu der Frage, die seit Wochen und Monaten die gesamte Bevölkerung des Deutschen Reiches, mit Ausnahme nur der wohlhabenden Gesellschaftsschichten, aufs lebhafteste be- schäftigt— zu der Frage der Abwehr der Fleischnot. Den Anlaß gaben drei Anträge, die von drei verschiedenen Seiten gekommen waren. Die sozialdemokratische Fraktion hatte einen Antrag eingebracht, der dazu dienen sollte, den Magistrat aufzumuntern. Die drei FraMonen des Freisinns waren gefolgt mit einem gemeinsamen An- trag, der den gleichen Zweck hatte. Und der Magistrat selber hatte bereits vor Einreichung dieses zweiten Antrages den Beschluß gefaßt, den Stadtverordneten die Einsetzung einer gemischten Deputation vorzuschlagen, die darüber beraten solle, mit welchen Mitteln auf baldige Herab- Minderung der hohen Fleischpreise hingewirkt werden könne. So bestand im voraus zwischen den beiden städti- schen Behörden volle Uebereinstimmung darüber, daß die Stadtgemeinde nicht müßig zusehen dürfe, wie durch die herrschende Fleischteuerung in Berlin nicht minder als allüberall weite Kreise der Bevölkerung aufs schwerste bedrückt werden. Daß wir eine Fleischnot haben und warum wir sie haben, dafür hätte es nicht erst der umständlichen Nachweisungen be- dürft, die der Bürgermeister Reicke zu geben noch für nötig hielt. Herr Reicke sprach im übrigen sehr lau und matt— matter noch, als der gegenwärtig beurlaubte Oberbürgermeister Kirschner zu dieser Frage gesprochen hätte, wenn er an den Verhandlungen hätte teilnehmen können und den Standpunkt des Magistrats darzulegen gehabt hätte. Auch Stadtverordneter Cassel, der Wortführer der„Alten Linken", glaubte noch Beweismaterial mancherlei Art vorbringen zu sollen. Be- merkenswert ist. daß der Antrag der freisinnigen FraMonen, den er begründete, eine gemeinsame Kundgebung der deutschen Städte vorschlägt. Lange verweilte Cassel bei den Späßcn, die der Landwirtschaftsminister v. Podbielski über die FMsch' not gemacht hat. Daß der Herr v. Podbielski hierbei sich an den Sozialdemokraten und nicht am Freisinn gerieben hat, scheint Herrn Cassel nicht wenig zu wurmen. Die Freisinnigen sind im politischen Leben so bedeutungslos geworden, daß es ein Landwirtschaftsminister vom Schlage des Herrn von Podbielski nicht mal mehr für nötig hält, sie anzunageln. In seinem Aerger rieb nun Herr Cassel sich an der Sozial- dcmokratie, indem er all' die seichten Witzchen wiederholte, die er am Tage vorher in der Protcstversammlung der deutschen Fleischermeister zum besten gegeben hatte. Schärfer ging erst Genosse Singer den Fleischwucherern zu Leibe. Er verzichtete darauf, die statistischen Nachweise vorzutragen, die niemand mehr neu sein können. Dafür schilderte er die Wirkungen, die die Fleischnot in Berlin gezeigt hat und noch täglich zeigt, den Sturm auf die Verkaufsstellen der Freibank, deren minderwertiges Fleisch den Unbemittelten heute schon als Delikatesse gilt, die Zunahme des Verbrauches an Pferdefleisch, das sonst von dem weitaus größten Teil der Bevölkerung mit Widerwillen zurückgewiesen wird. Und viele Tausende müssen sich den Genuß selbst dieses Fleisches ver- sagen! Diese Fleischteuenmg, so rief Singer aus. bedeutet eine Verwüstung der Volkskraft— zugunsten einer bevorrechteten Klasse, zum Vorteil der Agrarier. Cassels Späße wehrte unser Redner lächelnd ab: Herr Cassel gehöre zu den wenigen Menschen, die den Herm v. Podbielski ernst nehmen. Die Maßregeln, die zur Linderung der Fleischnot vor- geschlagen werden, sind die Aufhebung der Einfuhrverbote, die Ermäßigung der Viehzölle und eine gemeinsame Kundgebung der deutschen Städte zur Erreichung dieser Ziele. Genosse Singer bekannte offen, er habe keine große Hoffnung, daß die Städte einen besonderen Eindruck auf die Regierung machen würden. Aber die Kommunen haben es in der Hand, durch eigenes Eingreifen sich einen Einfluß auf die Fleischvcrsorgung der großen Städte zu verschaffen._ Herr Cassel hatte gemeint, die Stadt Berlin dürfe nicht, wie von sozialdemokratischer Seite vorgeschlagen sei, selber Viehzucht treiben, sonst werde sie zum Pionier für die Herbeiführung des sozialdemokratischen Zukunftsstaates. Genosse Singer erklärte, die vorgeschlagene Beratung in einer gemischten Deputation werde hoffentlich den Magistrat und die Vertreter der freisinnigen Stadtverordneten-Mehrheit erkennen lassen, daß es die Aufgabe und Pflicht der städtischen Behörden sei, die Fleischversorgung Berlins selber in die Hand zu nehmen. Mit dieser Maßregel könnte die Stadt Berlin in der Tat einen kräftigeren und fühlbareren Schlag gegen den agrarischen Fleischwucher führen als mit Petitionen, um die kein Podbielski oder sonstwer sich kümmert. Würde damit schon der„sozial- demokratische Zukunftsstaat" vorbereitet, wie der Freisinnsredner fürchtet? Singer erwiderte, dieser Znkunfts- staat werde um so eher kommen, je weniger die Kommunen sich bereit finden ließen, ihre sozialen Aufgaben zu erfüllen, je weniger sie sich entschlössen, wenigstens das zu tun, was 'schon innerhalb der heutigen Gesellschaftsordnung möglich ist. j Die Debatte wurde fortgesetzt von den Mitunterzeichnern ijdes freisinnigen Antrages, den Herren Mommsen(Fr. Fr.) und � R 0 s e n 0 w(Neue Linke), und den Schluß machte Herr Nathan(Sozial- Fortschrittler). Herr Nathan vermutete, die Fleischnot werde der Sozialdemokratie bei den nächsten Wahlen wieder zahlreiche Stimmen zuführen. Da kann er recht haben. Das allerletzte Wort mußte Herr Cassel haben, den es verdroß, daß Singer so nachdrücklich auf die sozialen Pflichten der Kommune hingewiesen hatte. Die Abstimmung ergab einstimmige Annahme des Vorschlages der Einberufung eines deutschen Städtetages, der sich mit der Frage der Fleischnot beschäftigen soll, und ein stimmige Annahme des Magistratsantrages auf Einsetzung einer gemischten Deputation, die über die für Berlin zu ergreifenden Maßnahmen beraten wird. Die Be ratungen dieser Deputation werden zeigen, ob es dem Berliner Freisinn ernst ist mit der Be kämpfung des Fleischwuchers, den die Agrarier treiben und die Regierung durch Grenzsperren und Vieh zöllen erleichtert, oder ob die Debatte über die gegenwärtige Fleischnot ihm nur ein Mittel war, wieder einmal ein bißchen mehr Wasser auf seine nur noch langsam klappernde Mühle zu leiten._ politifcbe Geberriebt. Berlin, den 7. September. Agrarische Interessengemeinschaften. Um den von ihnen betriebenen Viehwucher zu verdecken, fahren die„notleidenden" Agrarier fort, die Schuld für die jetzigen hohen Fleischpreise auf die Viehhändler und Schlächter zu schieben, und da die sozialdemokratische Preffe auf diesen Trick nicht hereinfällt, sondern, so wenig sie die Mitschuld der Viehhändler und Schlächter bestreitet, doch die Hauptschuld der Grenzsperre und der agrarischen Zollpolitik beimißt, so wird sie von der„Konservativen Korresp.' der Begünstigung der Viehhändler-Ringe und der Großschlächter be zichtigt. Dabei ist das Komische, daß die Korrespondenz sich zum Beweise der schädlichen Praktiken der Viehhändler auf eine Notiz unseres Münchener Parteiblattes, der.Münchener Post", bezieht und ihrerseits die Bemerkung hinzufügt:„Ueber dieses Praxer (Kommissionär-) Unwesen ist in Münchcner sozialdemokratischen Kreisen schon früher lebhafte Klage geführt worden; ja sozial- demokratische Stadtverordnete haben bei der liberalen Münchener Stadtverwaltung schon wiederholt auf Abhülfe gedrungen— aber ohne Gehör zu finden." Also von sozialdemokratischer Seite ist nicht nur wiederholt das Treiben der Viehhändler am Münchener Schlachtvichhof gekenm zeichnet worden, sondern eS haben auch die sozialdemokratischen Stadtverordneten mehrfach den Münchener Magistrat zum Ein- schreiten zu veranlassen versucht— trotzdem begünstigt die Sozial- demokratie die Viehhändler-Ringe. Eine seltsame Logik! Was haben denn aber die Agrarier gegen die Praktiken der Viehhändler und Schlächter geleistet? Sie haben bisher deren Treiben ruhig zugesehen und ihnen, um sie für die agrarische Lebens- mittelverteuerungs-Politik einzufangen, hunderte von Malen ver- sichert, daß Landwirte und Schlächter dasselbe Interesse hätten, und der Bruder Bauer dem Bruder Metzger recht gerne seinen„Ver- dienst" gönne. Noch in der letzten Nummer der„Deutschen Tages- zeitung", dem Leibblatt des Bundes der Landwirte, heißt es wieder — trotz des gegenwärtigen gespannten Verhältnisses zwischen Schlächtern und Agrariern: „Die Interessen der Landwirte und Fleischer gehen, wenn man sie richtig auffaßt und maßvoll vertritt, durchaus nicht auS- einander. Der Interessengegensatz, den man jetzt künstlich her- vorhebt, ist im wesentlichen nur scheinbar. Die Land- Wirte haben auch,— von einzelnen in Betracht kommenden AuS- nahmen, denen wir die Billigung immer versagt haben, abgesehen —, die Interessen der Fleischer nicht verletzt. Gegen die Gründung von Schlächtereigenossen- schaften haben wir uns immer sehr entschieden ausgesprochen. Nimmt aber das Fleischergewerbe den Land- Wirten gegenüber einen so scharfen und gehässigen Standpunkt ein, so wird es uns sehr schwer werden, diese unsere Stellung beizu- behalten." Also die Herren Konservatiben haben absolut nichts dagegen, wenn die Schlächter ihre Interessen wahrnehmen, das heißt, recht hohe Profite herauszuschlagen suchen, nur dürfen diese nicht gegen das gleiche ideale Bestreben der Landbündler rebellieren. Und diese saubere Sippschaft, die so ungeniert eine Interessengemeinschaft zur Ausnutzung der sogen, unteren Volksschichten vorschlägt, bezichtigt die Sozialdemokratie der Begünstigung der Viehhändler und Schlächter. Ein gar niedlicher Beitrag zur Verheuchelung der Edelsten und Besten der deutschen Nation! Der zarische Justizmord. In Fortsetzung unseres gestrigen Bericht» wird uns aus Warschau über die Gerichtsverhandlung selbst gegen Martin K a S p r z a k und Gurtzmann geschrieben: Warschau, S. September.(Eig. Ben) Nachdem die Anklage verlesen und für den Augeklagten ins Polnische übersetzt wurde (KaSprzak versteht nicht russisch), forderte die Verteidigung, es solle ins Protokoll aufgenommen werden, daß K. völlig regungslos und apathisch verblieb und nicht im geringsten auf das Gehörte reagierte Dann begann das Zeugenverhör: Die Gendarmen und Offiziere Wonsiackij, Szlikiewicz, Patrick, Bielskij und Peterson machten Aussagen über das Expedition: 8M. 68, Lindenstraeee 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Verhalten Kasprzaks an jenem 27. April 1904, als er mit anderen Genossen in der Druckerei der Sozialdemokratie Polens und Litauens überrascht wurde und vier von seinen Angreifern in der Selbstwehr niederschoß, um sich und den anderen den Rückzug zu ermöglichen. Um den Wert dieser Aussagen der Zarenschergen zu kennzeichnen, sei hier nur erwähnt, daß z. B. diesmal in der Verhandlung ein Spazierstock Kasprzaks mit einem darin versteckten Dolch eine große Rolle spielte, von dem aber bei der Festnahme K.'s nichts bemerkt wurde und den der Gendarm Bielskh erst zwei Monate nach derFestnahmeKasprzaks entdeckt haben will, und zwar—mit „ f r i s ch e n" B l u t s p u r e n. die noch bei der Berührung an der Hmid kleben blieben! Das Interessanteste aber ist der folgende Umstand. Nach- dem eben erst sämtliche Anträge der Verteidigung, die auf die Vor« ladung von psychiatrischen Sachverständigen abzielten, rundweg ab« gelehnt und jede Nachprüfung des ärztlichen Gutachtens als un- zulässig erklärt wurde, begann ein Verhör in bezug auf den Gesundheitszustand Kasprzaks, wobei die Fragen vom Staats- anwalt an— die Gendarmen gerichtet wurden I Die Psychiater wurden abgelehnt, aber Gendarmen fungierten dafür als Psychiater. Und so gab auf Befragen des Staatsanwalts der Gendarm Wonsiackij seine Mut- maßung zum besten, daß Kasprzak ein Simulant sei. als welcher ihn W. schon 1893 erkannt haben will.(Kasprzak war damals auS dem Auslande nach Warschau gegangen, um von den Genossen Zeugnis für seine bezweifelte Ehrenhaftigkeit zu holen, wurde dabei verhaftet und saß mehr als zwei Jahre in der Zitadelle, aus der er ins städtische Krankenhaus übergeführt wurde und sich 1898 durch die Flucht wieder nach Deutschland rettete, um sofort in Breslau, infolge einer Denunziation, ins Ge- fängnis gesteckt zu werden und eine alte„Rechnung" mit der preußischen Staatsanwaltschaft noch aus den Zeiten des Sozialisten« gesetzeS zu begleichen.) Der Gendarm sagt auS, daß K. schon da- mals verschiedene„Wunderlichkeiten" merken ließ, weShalb ihn W. auch jetzt für einen Simulanten halte. Ein anderer Gendarm, Patrick, erklärt gleichfalls auf Befragen des Staatsanwalts, daß er, der Gendarm, den Angeklagten für einen physisch gesunden Menschen, also auch für einen Simulanten halte. Ueber die Art und Weise der von Kasprzak den Gendarmen beigebrachten Wunden wurde ein neuer Wundarzt, der„gehorsame" Dr. Stefanowitsch vom Gericht beftagt,— der in der vorjährigen Verhandlung unbequem gewordene Sachverständige, Dr. Plewiew, war diesmal einfach beiseite geschoben.— und auch dieser Wundarzt hatte über den psychischen Znstand des Angeklagten auszusagen. Mit derselben«Objektivität" und„Sachverständigkeit" wurde die Sache des anderen Angeklagten Gurtzmann behandelt. Bekannt- lich war die Anklage gegen diesen bereits in der ersten Gerichts« Verhandlung(im August 1904) zusammengebrochen, nachdem der einzige Zeuge, auf den sich die Staatsanwaltschaft in ihrer Behauptung stützte, Gurtzmann sei an der Tötung der Gendarmerie-Offiziere beteiligt gewesen, der mitverwundete Polizist B 0 w b i e l, vor Gericht seine Aussage in aller Form zurücknahm. Auch damals handelte es sich, wohlgemerkt, nur um die Behauptung. Gurtzmann hätte den Polizisten„weggezogen", als er den Kasprzak untergekriegt hatte; aus dem„Wegziehen" war bei näherem Verhör nur ein zufälliges„Anstoßen" mit der Schulter ge- worden,— nämlich bei der Flucht GurtzmannS aus der Druckerei. Das hielt jedoch den Staatsanwalt nicht ab, für Gurtzmann d i e Todesstrafe zu beanttagen. Diesmal sollte es noch toller kommen. Der ftühere einzige Belastungszeuge Bowbiel trat diesmal vor das Gericht mit der formellen ausdrücklichen Bitte, seine ehemalige Aussage in keiner Weise in Betracht zu ziehen und U) r, da er sie während seiner Krankheit gemacht hatte, keinerlei ert beizumessen. So blieb denn zur Last GurtzmannS die einzige Tatsache übrig, daß er in der Parteidruckerei überhaupt an« wesend war und daß er, wie er diesmal wieder fest und ruhig erklärte, ebenso wie KaSprzak, überzeugtes Mitglied der Sozial- demokratie Polens und Litauens ist. Und diese zwei Kapitalver« brechen genügten trotz dem Mangel jeglichen Belastungsmaterials. damit der Staatsanwalt bei seiner Anklage beharrte und nach wie vor für G. den Tod durch den Strang forderte! Dies Plaidoher des Staatsanwalts, das am dritten Verhandlungstage, also am 1. September erfolgte, war in jeder Hinsicht merkwürdig. Seinen Grundton bildete die„patriotische" Note. „Was die Abscheulichkeit des von Kasprzak und Gurtzmann verübten Verbrechens besonders erhöht, führte Herr Muchin aus, ist, daß sie sich dafür eine Zeit gewählt haben, in der da? russische Baterland von schwerem Mißgeschick, dem ostasiatischen Kriege heimgesucht war. Die sozialdemokratische Partei, deren Losung ist: Je schlimmer, desto besser(!), hatte beschlossen, sich die unheilvolle Lage des Reiches zu nutze zu macheu und ihre umstürzlerische Tätigkeit in außerordent- sicher Weise zu potenzieren, lim an dieser fieberhaften Tätigkeit teilzunehmen, kommt nach Warschau Kasprzak, ein preußischer Unter» tan, der, wie es scheinen sollte, in Rußland nichts zu suchen hatte (der Herr Staatsauwalt hat vergessen, daß Kasprzak bereits 1387 bis 1889 in Warschau tätig war und bereits 1893 bis 139S die Bekanntschaft mit den Warschauer Gefängnismauern gemacht hatte) und übt einen scheußlichen Mord an glorreichen Offizieren und Polizisten aus, die tapfer ihre Schuldigkeit für den Zaren und das Vater« land taten". Darauf folgt ein völlig verzerrtes Bild der Vorgänge, in dem auS einem Akt der revolutionären Notwehr ein„wohl- überlegter Mord" wird und die in enormer Zahl ins ruhige Haus hereinfallenden Schergen in unschuldige arme„Opfer" verwandelt werden. Dann folgt eine„moralische" Entrüstungspauke:„Der An- geklagte KaSprzak ist zugleich Mitglied der deutschen Sozial- demokratte und wurde von ihr als ReichStagSkandidat aufgestellt. Aber die deutsche Sozialdemokratie ist von solchen Mordgelüsten(I) tvelt entfernt. Die dsntsche Sozialdemokratie kämpft nicht mit bewaffneter Hand, die deutsche Sozialdemokratie spekuliert auch nicht auf die Mißgeschicke des Vaterlandes. Der Führer der deutscheu Sozialdemokratie, Bebel, hat im Reichstag erklärt, wenn Deutschland von irgend einer Seite der Krieg erklärt werden sollte, die Sozialdemokraten würden wie ein Mann zum Schutze des Vaterlandes zur Waffe greifen. Anders handeln die Sozial- demokraten Polens! Sie wollen das Verderben der bestehenden Rechts- und Staatsordnung und nutzen dazu die jetzigen unheilvollen Geschicke des Reiches aus. Und das alles wird bewußt, ziel- sicher getan I Der Sozialdemokrat Kasprzak ist ein Mann von ungeheuerer, außergewöhnlicher Willenskraft, das erhellt aus seinem ganzen Vorleben und Betragen. Und dieser Mann kommt aus Deutschland, um an den inneren Wirren teilzunehmen, um die innere Zerrüttung der Staatsordnung zu vergrößern— gerade als das Reich im Osten von schwerstem Mißgeschick heimgesucht wird! Und als er nach seiner verbrecherischen Tat sam 27. April 1904) festgenommen wurde, ruft er in diesem Augenblick aus:„Nur zu! Meine Genossen werden mich in wenigen Tagen, am 1. Mai, in Massen rächen!" Ein solcher Mann ist nicht wert, Sozialdemokrat zu heißen!" sEs ist natürlich unnötig, Bebel und die deutsche Sozialdemokratie gegen die lächerlichen Tiraden des zarischen Staatsanwalts zu schützen. Deutsche Staatsanwälte entsprechen dem verlogenen Lob ihres russischen Kollegen, indem sie deutsche Sozial- demokraten wegen Hochverrats gegen Rußland anklagen! Redaktion des„Vorwärts".) Nach diesem pomphaften Schluß ging der Staats- anwalt zur Schuld des zweiten Angeklagten über und konstruierte plötzlich, ohne jede Grundlage, ohne den geringsten Anhalts- Punkt, eine neue Theorie, wonach die schweren Wunden bei den ge- töteten Gendarmen von Kasprzak, dagegen die leichten„von der unsicheren Hand des Ingenieurs Gurtzmann" herrühren sollten! Gleich darauf, im Bewußtsein des Gekünstelten dieser aus der Luft gegriffenen Theorie, fügte er schnell hinzu:„Uebrigens habe ich es gar nicht nötig, mich auf Beweise einzulassen. Von der verbrecheri- schen Schuld Gurtzmanns legt genügend Zeugnis ab— seine An- Wesenheit in der Druckerei und seine ganze sozialdemokratische Umgebung." Es folgten die Plaidohers. Die Rede des Moskauer Rechts- anwalts Stahl, die eine glänzende Leistung und von hohem politischen Wert war, lautete ungefähr: „Das Mitglied der Sozialdemokratie Polens, Martin Kasprzak, steht vor Ihnen, meine Herren, und der Herr Staatsanwalt fordert für ihn die Todesstrafe. Bevor Sie den Angeklagten dem Tode überantworten, sind Sie verpflichtet, sich zu vergegen- wältigen, wer vor Ihnen steht. Der Sozialdemokrat Kasprzak ist ein Mann, der seit zwanzig Jahren seine Kräfte, seine Freiheit, sein Leben der edlen Sache der Menschheit, dem Sozialismus in den Dienst gestellt hat. Er wirkte noch als Jüngling für die Sache des Volkes in Deutschland, er machte Be- kanutschaft mit dem Gefängnis in Posen, nicht erschrocken durch die seiner harrenden Gefahren und Qualen, geht er nach Rußland, wo die Lage des arbeitenden Volkes eine noch viel furchtbarere ist und widmet sich hier der Aufklärung der Proletarier. 1893 wird er hier verhaftet und schmachtet mehr als zwei Jahre hinter dicken Mauern, doch ungebrochen an Geist, getragen durch den hohen Idealismus, widmet er sich, nach seiner Heimat zurückgekehrt, der Agitation unter den Arbeitern in Deutschland, wo er sogar als Reichstags-Kandidat aufgestellt wird. Alle hier anwesenden Zeugen unter den Gendarmerie-Offizieren sagten aus, in Kasprzak habe man es mit einem hervorragenden Revolutionär zu tun. Als solcher eilte er auch zuletzt in verantwortungsvoller Stunde hierher nach Warschau, um der Sozialdemokratie zu dienen. Meine Herren, hier steht vor Ihnen ein Mann von hoher sittlicher Kraft, die zu übersehen und zu begreifen Ihnen gar nicht gegeben ist, und ein Vertreter einer großen und einflußreichen Partei, die sich in dem jetzigen Strudel der Ereignisse eine immer mächtigere Bedeutung erringt. Wenn Sie die Sozialdemokratie auch als Partei vor Ihren Richterstuhl ziehen, so müssen Sie begreifen lernen, was diese Partei anstrebt und um was sie kämpft." Nach einer knappen aber großzügigen Schilderung der Ziele der Sozialdemokratie fährt der Rechtsanwalt fort:„Seit die Bestrebungen des Sozialismus durch Marx und Engels auf den festen Boden der Wissenschaft gestellt worden sind, ist die sozialdemokratische Lehre wie eine unaufhaltsame Woge aus Deutschland in alle Länder ge- drungen, und auch nach Polen. nach Rußland. Jetzt ergreift sie, wie wir sehen, das ganze große Zentral- Rußland. Herr Staatsanwalt, diese Ideen und die Männer, die ihnen leben, zu begreifen, übersteigt Ihr Vermögen. Aber es gibt Menschen, für die der ganze Sinn des Lebens mit dem Wirken für diese großen Ideen identisch ist, und zu ihnen gehört auch Martin Kasprzak, den Sie als einen blutdürstigen„Verbrecher" zu schildern sich bemühten. Herr Staatsanwalt wundert sich/ wes- halb der deutsche Untertan Kasprzak nach Russisch-Polen ging, um hier zu wirken. Weiß denn Herr Staatsauwalt gar nicht, daß für die Sozialdemokratie keine Staatsgrenzen und keine nationalen Grenzen existieren? Auf jedem von ihr herausgegebenen Blättchen prangen die Worte obepan:„Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" Der Herr Staatsanwalt hat versucht, nach altem Brauch die deutsche Sozialdemokratie gegen die polnische auszuspielen und berief sich da auf Worte Bebels im Reichstage. Demgegenüber erlaube ich mir. Ihnen eine Szene aus dem Amsterdamer sozialistischen Kongreß ins Gedächtnis zu rufen, nämlich den brüderlichen Händedruck, mit dem der Vertreter Japans dem russischen Vertreter die Hand bot. Und dies zeigt, wie die Sozialdemokratie über den jetzigen Krieg und über ihre Pflichten gegenüber dem Vaterland denkt. Herr Staatsanwalt pochte viel auf die Vaterlandsliebe. Aber man kann auch anders das Vaterland lieben als es das Gericht hier versteht. Hätten Sie denn den Mut zu behaupten, alle diese Teilnehmer der SemstwoS, der Kongresse der Intelligenz in Ruß- land, die gegen den Krieg protestierten, seien schlechte Patrioten, seien Vaterlandsverräter? Nun, ebensowenig trifft der Vorwurf die Sozialdemokratie und Kasprzak." Zu der Gesundheitsfrage über- gehend legt der Rechtsauwalt folgende Ansicht /mr: In der psychiatrischen Wissenschaft ist der Fall sehr wohl bekannt, daß ein sonst normaler Mensch in einzelnen Augenblicken der höchsten Gefahr und der tiefsten Erschütterung plötzlich einer psychischen Bewußt- losigkeih. und Naserei verfällt. Für Kasprzak handelte es sich in jenem Augenblick, am 27. April, um alles: ein schwerkranker, von Schwindsucht zerrütteter Mann, sieht, daß er in der Druckerei überfallen wird, er weiß, daß ihm uach russischem Kodex und nach seinen Vorstrafen lebenslängliche Zwangsarbeit in Sibirien, d. h. das Grab bei lebendigem Leibe droht, er sieht sich der Arbeit für die geliebte Sache entrissen, er sieht alles verloren, für was er lebte. Was Wunder, daß er da plötzlich einer Naserei anheimfällt und seine Freiheit mit der Waffe in der Hand verteidigt? Der Verteidiger bekräftigt hier seine Ausführungen durch ein Zitat aus K r a f f t- E b i n g, der solche Fälle genau vorgesehen hat. Seit- dem wird seine geistige Umnachtung durch die ständig zunehmende Apathie ausgedrückt und so habe das Gericht vor sich einen hervor- ragenden noblen Revolutionär, der aber gerade seit jener Tat ein Kranker ist, dem nicht der Strang, sondern die ärztliche Pflege und Hülfe gebühre. Nicht minder eindrucksvoll war die Rede des zweiten Rechtsanwalts G la ß aus Warschau. Und während dieser Rede fand ein Zwischenfall statt, der die Wirkung noch unerlvartet erhöhte. Der Rechtsanwalt wollte die Ehre Kasprzaks vor den Vorwürfen deS Staatsanwalts verteidigen und führte dessen Ausspruch aus: Kasprzak sei nicht würdig, Sozialdemokrat zn heißen. Kaum hatte der Verteidiger diese Worte wiederholt, die Kasprzak offenbar erst in der polonisierten Aussprache des Ver- teidigers richtig begriffen hat, als er, der bis jetzt ganz apathisch und regungslos dasaß, sich von der Anklagebank erhob, den Blick fe st auf den Staatsanwalt richtete und ihm mit geballter Faust langsam einigemal in der Luft drohte? darauf ließ er sich wieder schwer auf die Bank nieder und verblieb regungslos. Diese stumme Geberde des gequälten Mannes, seine aufrechte Haltung, sein stolzer und grimmiger Blick haben eine so erschütternde Wirkung geübt, daß für eine Weile lautlose Stille im Saal entstand und eine tiefe Bewegung sogar am Richtertische sichtbar wurde. Der Verteidiger vermochte kein Wort mehr hervorzubringen vor Erschütterung und brach seine Rede ab. Und darauf erfolgte das T o d e S u r t e i l, das Kasprzak mit absoluter Ruhe entgegennahm. Die Verurteilung Gurtzmanns, dem überhaupt nichts zur Last gelegt werden konnte, zu 15 Jahren Zwangsarbeit, ist in ihrer Art eine noch größere juristische Ungeheuerlichkeit. Da jeder Tatbestand fehlte, formulierte das Gericht in seiner Urteilsbegründung die Schuld Gurtzmanns als das„Mchtverhindern eines Verbrechens". Der Sozialdemokrat G. wird also zu 15 Jahren Zwangsarbeit dafür verurteilt, weil er die Spitzel und Gendarmen nicht gegen die eigenen Genossen verteidigte! Dabei beruht das Urteil selbst auf einem nicht existierenden Paragraphen eines nicht existierenden Kodex! Der militärgerichtliche Kodex kennt bei„Nicht- Verhinderung" eines mit Todesstrafe zu sühnenden Verbrechens auch nur Todesstrafe. Da es aber auch für die zarische Justiz zu ungeheuerlich Ivar, den gänzlich schuldlosen Menschen zum Galgen zu verurteilen, so erfand das Gericht aus freien Stücken eine im Kodex zu diesem Paragraphen unbekannte Strafe— ein Monstrum der Rechtsprechung, das zusammen mit dem Justizmorde an Martin Kasprzak ein würdiges Denkmal bildet am Eingange der Aera der„Verfassungsordnung" von des Zaren Gnaden. »» » Deutrchco Reich. Des Landrats Mobilmachung gegen die Sozialdemokratie. Man schreibt uns aus Ostpreußen: In diesem Jahre wurden von der Sozialdemokratie Kreis- Wahlvereine gegründet, die gut gedeihen und besonders viele Landarbeiter als Mitglieder haben. Den Konservativen wird angst und bange, und ein Schriftstück beweist, welche Anstrengungen gemacht werden, um den Junkern den Besitz zu sichern. Die B e- Hörde, die Besitzer, die Lehrer, ja selbst die Schulkinder, sie alle, alle sollen im Kampfe gegen die Sozialdemokratie verlvendet werden. Das in Frage kommende Schreiben lautet: Absender: L a n d r a t Magnus und Dr. Brandes Althof. Bitte dringend zu lesen. Jnsterburg, den 18. August 1905. Aufruf! Die starke Zunahme sozialdemokratischer Stimmen bei der letzten Reichstagswahl und die nimmer ruhende Agitation dieser Partei legt jedem, auf dem Boden unserer heutigen bürgerlichen Staats- und Gesellschaftsordnung stehenden deutschen Mann— welcher politische» Partei er auch sonst angehören mag— die ernste Pflicht auf, zur Bekämpfung der Sozial- demokratie das seinige beizutragen. Daß dieser Kampf, wenn richtig und energisch geführt, sehr erfolgreich sein kann, beweisen die letzten Ersatzwahlen zum Reichstage, die fast durchweg mit dein Siege der bürgerlichen Parteien endeten und den Sozialdemokraten starke Verluste an Stimmenzahl brachten. Als eines der vorzüglichsten Mittel jeder Agitation und Propaganda gilt heutzutage wohl mit Recht die Verbreitung entsprechender Schriften: Die Sozial- demokratie macht von diesem Mittel, dem sie zweifellos einen außerordentlich großen Teil ihrer Erfolge verdankt, den denkbar weitesten Gebrauch, indem sie für die Massenverbreitung ihrer Schriften in der ausgiebigsten Weise sorgt. Gerade in letzter Zeit hat die Sozialdemokratie de» Versuch gemacht, ihre Agitation n»f das platte Land auszudehnen. So ist für die Kreise Jnstcr- burg-Gumbinnen ein sozialdemokratischer Verein mit dem Sitz in Gumbinnen gegründet und sozialdemokratische Schriften sind auf dem Lande verteilt. Wer den monatlichen Parteibeitrag von 20 Pf. zahlt, erhält den„Landboten" unentgeltlich. Dieser Agitation kann nur entgegengetreten iverden durch Verbreitung von Schriften, die den Kampf gegen die Sozialdemokratie energisch aufnehmen nnd die Bevölkerung über die wahren Ziele der Sozial- demokratie aufkläre». Ein LcsebedürfuiS— namentlich in den nunmehr bald kommenden Wintermonatcu— ist zweifellos bei der Landbevölkerung vorhanden: wird diesem Bedürfnis nicht durch Verbreitung guter Schriften genügt, so wird es sich sozialdemokratischen Schriften zu wenden. Das einzige Blatt, das fiir uns schon seines niedrigen Preises wegen für Massenverbreitung in Frage kommen kann, rst der„Volks- s r e u n d". Derselbe ist kein P a r t e i b l a t t, weder kon- servasiv noch liberal, er hat sich nur zur Aufgabe gestellt, die Sozialdemokratie zu bekämpfen und das Lesebedürfnis der Arbeiter zu befriedigen. Der„Volksfreund" kann dem- nach— und wird tatsächlich vielerorts— von liberalen Ivie konferbativen Besitzen: für ihre Arbeiter gehalten werden. Es gilt nun, den Bezug des„Volksfteundes" für den Landkreis Jnsterburg einheitlich zu organisieren und dadurch eine dauernde Massenverbreitung des Blattes zu billigem Preise zu ermöglichen. Die Organisation für den Bezug soll folgendermaße» ausgebaut werden: Das Abonnement ist Jahresabonnement, der Preis pro Exemplar und Jahr 1,10 Mark. Jeder Besitzer, der für sich oder seine Leute abonnieren will, zeigt dein unterzeichneten Land- rat Magnus baldmöglichst— spätestens bis zum 15. September d. I. an, auf wieviel Exemplare er abonnieren will und zahlt bis spätestens 15. September das Jahresabonnement— also 1,10 M. pro Exemplar— bei der Sparkasse des Landkreises Jnsterburtz unter der Bezeichnung„Konto Volksfreund" ein. Die Berbreitmig deS „Volksfrenndes" wird dann durch die Herren Lehrer erfolgen in der Weise, daß je uach Wunsch des betreffenden Besitzers der Lehrer die Exemplare an die betreffenden Schulkinder verteilt, oder der Besitzer die Exemplare vom Lehrer abholen läßt und an seine Leute verteilt. Nur dadurch, daß die Herren Lehrer auf diese Weise Sammclscndnngcn erhalten, ist es möglich, den Abonnementspreis so billig zu st e l l e n. Wir bitten somit jeden, welcher bürgerlichen Partei er auch angehören mag, für sich oder für die von ihm beschäftigten Leute auf dem„Volks- fremid" zu abonnieren und so an seinem Teile mitbeizutragen, den Arbeitern eine bessere Lektüre zu verschaffen als die sozial- demokratischen Schriften es sind mit ihrer verhetzenden, revo- lutioitären Tendenz. Es schreibe also jeder möglichst bald, spätestens bis 15. September d. I. an den unterzeichneten L a n d r a t, auf wie viel Exemplare des„BokksfrenndeS" er vom 1. Oktober ab abonnieren tvill und schicke bis spätestens 15. Sep- teinber pro Exemplar 1,10 M. an die Sparkasse des Landkreises Jnsterburg. Dr. E. Brandes, Magnus, Landrat. Althof. Jnsterburg. Hier sieht man wieder einmal, wie der ganze Apparat gegen uns aufgeboten wird. Natürlich werden die Landräte der anderen Kreise nicht müßig dastehen, sondern das Beispiel ihres Jnsterburger Kollegen nachahmen. Spaßhaft ist eS, wie man selbst die liberalen Besitzer für die Sache einfangen will. Man hat den Herrn Landrat herzlich schlecht unterrichtet, wenn er annimmt, der„Volksfreund" sei kein Parteibll�t. Er agitiert dafür, daß den Konservativen die ostpreußischen Reichstagswahlkreise er- halten bleiben sollen. Der„Volksfreund" wird im konservativen Verlage gedruckt und auch von konservativen Leuten heraus- gegeben. Höchst ergötzlich ist die Ankündigung des Landrats, daß der„Volksfreund" die Bevölkerung über die wahren Ziele der Sozialdemokratie aufklären wird. Wenn er das tun würde, brauchten wir schließlich nicht den„Landboien" herauszugeben. Aber er wird sich hüten. Wir kennen seine Kampfesweise. Sie besteht»reist aus schmutzigen Lügen und Verleumdungen gegen die Sozialdemokratie. Auch dieses Vorgehen wird unsere Partei in Ostpreußen mit Leichtigkeit ertragen. Die Landarbeiter in Ostpreußen wissen längst, was der„Volksfreund" fiir ein Blatt ist. Das ist dem Landrat auch klar. Deshalb versucht er auch gar nicht, den Arbeitenr dieses Blatt aufzudrängen. Er weiß, sie würden es doch nicht bezahlen. Man scheint sich wirklich einzubilden, daß unsere„nimmer ruhende Agitation" es ist, die die Erfolge auf dem Lande erzielt. Nein! Unsere besten Agitatoren sind die Junker selbst. Die brutale Behandlung der Landarbeiter, die entsetzlich schlechten Wohnungen auf dem Lande, der niedrige Lohn und die Recht- losigkeit der Landarbeiter, diese Dinge jagen uns die Leute massenhaft in die Arme. Die Landarbeiter werden ja schlimmer wie das Vieh behandelt. Es kommt sogar vor, daß man sie erbarmungslos niederknallt wie tolle Hunde. Von einer Bestrafung der Mörder ist gemeinhin nichts zu hören, die haben dann gewöhnlich „aus Notwehr" gehandelt. Und wie oft � kommt es vor, daß man ganze Familien auf die Landstraße setzt. Die fluchwürdige Behandlung, sie schreit zum Himmel und er- weckt auch in dem letzten Landarbeiter das Bewußtsein, daß er auch ein Mensch und daß er auch als solcher zu behandeln ist. Hier Aenderung schaffen wäre die Aufgabe der Behörden. Statt dessen spielen sie den Verleger einer Schrift, für die der Landarbeiter nur Verachtung hat.—'_ Ein gesetzeskundiger Landgcrichtsdirektor. Aus Dresden wird uns geschrieben: Eine interessante Entscheidung fällte heute das königliche Oberlaudesgericht. Landgerichtsdirekror Dr. Becker, Vorsitzender des Dresdener Spar- und Bauvereius und hitzigster Sozialistenhasser, hatte infolge einer Polemik mit dem Organ der Dresdener Hausbesitzer, der„Biirgerzcitnug", dem verantwort- lichen Redakteur der letzteren eine Berichtigung übersaudt, deren Aufnahme jedoch der Redakteur der„Bürgerzeirung", Springer, aus dem Grunde verweigerte, weil die Berichtigung sich nicht allein auf Tatsachen beschränkte, sondern auf eine bereits früher erledigte An- gelegenheit zurückgriff. Nach der Ansicht des Redakteurs sei die Tendenz der Berichtigung beleidigender und verhöhnender Art gewesen. Landgerichtsdirektor Dr. Becker stellte nunmehr gegen den Redakteur Strafantrag wegen Nichtaufnahme der Berichtigung. Das Schöffengericht verurteilte den erstcren, dahingegen erkannte das Landgericht als Bcrnfnngsinstanz ans Freisprechung, weil die Berichtigung nach Ansicht dieses Gerichtshofes nicht allein Tat- fachen enthalte, sondern sich auch auf Schlußfolgerungen erstrecke. Das sei nach dem Pretzgesetz aber unzulässig. Gegen das frei- sprechende Urteil des Landgerichts legte nun die Staatsanwaltschaft Revision beim Obcrlandesgericht ein mit der Begründung, daß es wohl zulässig sei, eine Berichtigung mit Neben- bemerkuugen auszustatten, wenn dadurch eine Aufklärung der allgemeinen Sachlage erzielt und der gegen den Verfasser der Berichtigung früher gerichtete Vorwurf oder Angriff entkräftet werde. Der Strafsenat des königlichen Ober- landeSgerichts verwarf aber die Revision der Staatsanwaltschaft und legte sämtliche Kosten des Verfahrens der Staatskasse auf. Der höchste sächsische Gerichtshof stellte sich voll und ganz auf den Stand- Punkt des angeklagten Redakteurs und führte aus, daß auf Grund des Preßgesetzes eine Berichtigung nicht über die Richtigstellung von in einer Druckschrift enthaltenen Tatsachen hinausgehen dürfe. Die von LandgerichtZdirektor Dr. Becker übersandte Bcrichtignng habe den gesetzlichen An fordern n gerr nicht entsprochen und ans dem Grunde war der Redakteur ohne weiteres berechtigt, die Aufnahme der Berichtigung zu verweigern.— Generalleutnant v. Boguslawski ist am Donnerstagmittag ge- storben. Er hatte sich, namentlich seit seinem Ausscheiden aus dem aktiven Offizierkorps im Jahre 1890, mit Eifer der Militär- schriftstellerei gewidmet. Nebenbei machte er sich auch als politischer Schriftsteller berüchtigt. Der Siebzigjährige zog mit einer Leiden- schaftlichkeit gegen die Sozialdemokratie zu Felde, die einem Garde- leutnant den Ruf besonderer Schncidigkcit gesichert haben würde. mmer wieder ließ er den Ruf nach gewaltsamer Unterwerfung und nebelung der stärksten deutschen Partei erschallen. So eiferte er in seiner Ende 1903 erschienenen Broschüre„Nicht Rede— aber Fehde": „Wir brauchen einGesetz gegen dierevolutionäre Sozialdenrokratie, und ich bin überzeugt, daß es kommen muß und wird— möge es nicht zu spät sein. Es gilt die Autorität des Staates herzustellen. Millionen würden die Augen aufgehen, Millionen kleiner Gclverbetreibcnder und Handwerker würden vom Terrorismus befreit aufatmen.— Die Doktrinärs und Mauserungsmttnner werden jammern? Verbissenheit und Groll würden auch ihre Rolle spielen. Die Möglichkeit ein- zelner Ausbrüche, Verschwörungen, ist nicht abzuleugnen. Aber sie ist unwahrscheinlich. Unsere Attentate, mit Ausnahme der Ver- schwörung von Reinsdorf, fallen nicht in die Zeit des Sozialisten- gesetzes. Wie das Gesetz beschaffen sein könnte, will ich hier nicht erörtern, unter allen Umständen müßte daS Leitmotiv sein: Zer- störung der sozialdemokratischen Organifation: Verhinderung we itererVerhetzuu g; Bestrafung der An st ister von Streiks ohne Jnnchaltung der kontraktlichen Zeit. Der Moment für den entscheidenden Kampf wird sich finden. Und der Weg? Wo ein Wille ist, ist ein Weg! Daß man zuerst versuchen müßte, das neue Wahlgesetz, selbst um den Preis wiederholter Auflösungen des Reichstages, durchzusetzen, ist ein Weg. Aber man muß sich bewußt sein, daß es dann kein Zurückweichen mehr gibt. Dann kann es nur heißen: Nicht reden, sondern handeln! Erst ivenu die revolutionäre Autorität z e r st ö r t, der patriotische Bürger von ihrem Druck befreit ist, erst dann kann man an die Lösung weiterer sozialer Aufgaben gehen, an denen jeder verständige Staatsbürger gern mitarbeiten wird— sofern eS sich nicht um die alleinige Bevorzugung und endgültige Herrschaft des„vierten Standes" handelt. Einer solchen Herrschaft aber wollen wir uns nicht unterwerfen." Der greise Sozialisteutöter ist gestorben, ohne die so heiß er- sehnte„Fehde" gegen die Dreimillioiienpartei zu erleben. Aber man würde sich täuschen, wenn mau ihn für einen Eiiigänger hielte. Die Auffassungen, die BognslalvSki öffentlich vertrat, sind die einer starken Schicht militärischer und ziviler Scharfmacher. Graf Waldersee, der intrigante Anwärter auf den Kanzlerposten, war ein Mann genau desselben Schlages. In ihm erblickte Kraut- und Schlotjunkerwm den„starken Mann", von dem man hoffte, daß er das organisierte Proletariat nach dem Wunsche der BoguSlalvski und Kröcher an der Gurgel packen werde. Auch Waldcrsee ist das Ziel seines Ehrgeizes versagt geblieben. DaS Schnrfmachertum selbst aber ist geblieben und feine Hetze wird lvicder mit besonderer Heftigkeit einfctzen, wenn der Abwehrkampf des Proletariates gegen den zerrüttenden Mari« nismuö und die Wcltpolisik in voller Schärfe entbrannt sein wird. � Zur Legende vom Budgetrecht des Reichstages. Durch die Alarmrufe des„Vorwärts" und der„Kühr Volks- tzeitung" gelegentlich der letzten Truppensendungen nach Südwest- afrika ist die Frage des Bndgetrechts des Reichstages wieder aktuell geworden. Daß die Ueberfchreitungen des Etats und mehr noch die eigenmächtigen Manipulationen, die die Reichsregierung mit bereits festgelegten Etatspositronen vornimmt, regelmäßig einen weit größeren Umfang aufweisen, als derartig eklatante Fälle, die von Zeit zu Zeit aufgedeckt werden, vermuten lassen— daß solche verfassungs- widrige Eigenmächtigkeiten der Regierung sich nachgerade zum chronischen Leiden unseres Reichsparlamentarismus entwickelt haben, ist dem aufmerksamen Beobachter unserer politischen Wirtschaft bekannt. Die volle Bedeutung dieses staatsrecht- lichen Skandals könnte nur eine genaue Gegenüberstellung der Beschlüsse des Reichstages und der Ausführung dieser Beschlüsse ent- hüllen. Besonders die Marine- und die Militärverwaltung sind stark in der Nichtachtung des parlamentarischen Budgetrechts. Dafür erbringt unser Kieler Parteiblatt, die„Schlesw.-Holst. Volksztg." jetzt wieder einen drastischen Beweis. Vor einiger Zeit wurden in der Eckernförder Bucht von der Kruppschen Germania-Werft in Gegenwart von Marine-Offizieren, u. a. des Prinzen Heinrich, Versuche mit Unterseebooten an- gestellt. Die damaligen Berichte der Presse ließen keinen Zweifel darüber, daß diese Uebunge» eine private Veranstaltung der Firma Krupp darstellten, und tatsächlich waren damals auch im Etat des Reichs-Marineamts Mittel für solche Versuche nicht vorgesehen. Nun wurde voriges Jahr dem Marineamt vom Reichstag ein be- stimmter Betrag— irren wir nicht, IVa Millionen Mark— für derartige Versuche bewilligt. Natürlich waren die Abgeordneten, die dieses Geld bewilligten, der Ansicht, daß es sich um Versuche handelte, die erst angestellt werden sollten. Das war jedoch ein Irrtum. Mit dem Gelde wurden vielmehr, wie der„Schlesw.-Holst. VolkSztg." von einem absolut zuverlässigen Gewährsmanne mitgeteilt wird, der Germania-Werft jene Versuche bezahlt, die sie bor zwei Jahren, an- scheinend auf eigene Kosten, in der Eckernförder Bucht angestellt hatte. Vor zwei Jahren wurden also, unter Vorschiebung der Krupp-Werft, Versuche angestellt, die etatsmäßig nicht ge- nehmigt waren, und diese Versuche werden jetzt mit Mitteln be- zahlt, die zu einem anderen Zweck, nämlich für zu- künftig e Uebungen mit Unterseebooten bewilligt wurden. Und werden nun wirklich, wie auch bereits angekündigt worden, neue derartige Uebungen veranstaltet, so müssen diese wiederum aus Mitteln, die noch gar nicht bereit gestellt sind, bestritten, resp. es muß wieder eine ähnliche Schiebung mit einer Privatwerft vor- genommen werden. Aus jener ersten Ungehörigkeit hat sich also ein ganzer Rattenkönig von Etatsüberschreitungen entwickelt. Wäre der deutsche Reichstag eine wirkliche Volksvertretung, so wäre in der Budgetverwcigerung das wirkungsvolle Mittel gegeben, der Regierung und ihren besonders„üppigen" Ressorts die Lust zu derartigen verfassungswidrigen Seitenspringen gründlich auszutreiben. So aber kann man nur gespannt darauf sein, ob der Marinesekretär nach berühmten Mustern sich in die oratorischen Unkosten stürzt, mit einigen Redensarten sich Indemnität für seine Eigenmächtigkeit von der marinebegeisterten Reichstagsmajorität zu erwirken, oder ob die Regierung auch das noch nicht einmal für notwendig er- achtet und in der angedeuteten Weise die eine Etatsüberschreitung durch ein paar neue zu verschleiern sucht. Zu diesen Unterseebooten der Geruiania- Werft werden der „Schlesw.-Holst. Volksztg." übrigens noch von anderer unterrichteter Seite interessante Mitteilungen gemacht. Als' vor einigen Monaten die famose Geschichte von den russischen„Torpcdo-Lusijachten" der Germania-Werft durch die sozialdemokratische Presse aufgedeckt wurde, konnte gleichzeitig mitgeteilt werden, daß auch Unterseeboote voii der Krupp-Werst für die russische Regierung gebaut würden. Eines dieser Boote ist nun dieser Tage fertiggestellt und ins Wasser gehoben worden. Unmittelbar nachdem unser Kieler Parteiblatt diese Meldung veröffentlicht hatte, am SO.August, verbreitete das„ W olffs che Telegraphenbureau" aus 5ttcl die Nachricht, daß auf der Germania-Werft ein deutsches Unterseeboot vom Stapel gelassen worden sei. Dieses deutsche Boot ist, wie vielen Arbeitern der Germania-Werft bekannt ist, eins der auf russische Bestellung und unter russischer Kontrolle erhaulen Boote. Es wurden nämlich von der rusfischen Regierung drei solcher Boote auf der Krnpp-Werft in Auftrag gegeben, und es wurde so wenig Hehl daraus gemacht, daß es sich wirklich um russische Boote handelte, daß bei dem letzten Besuch Wilhelms II. auf der Werft ein Meister in Gegenivart von Arbeitern äußerte: „Die hohen Herrschaften dürfen hier nicht her« kommen, das sind russische Schiffe." Eines dieser Boote nun wurde von den russischen Ingenieuren, die den Bau der Boote beaufsichtigen, nicht abgenommen, weil es einen Konstruktions- fehler habe und einen anderen Hintersteven bekommen müsse. Der Vertreter der Werft erwiderte den Russen:„Wenn Sie das Boot nicht nehmen, ist eS Eigentum der Germania-Werft." Dieses russische Boot ist nun, wie von den beteiligten Arbeitern bestimmt versichert wird, dasselbe, von dem in dem Wolffschen Telegramm die Rede ist, und es wäre demnach von der Germania-Werft ein Schiff, das die Russen als verpfuscht zurückgewiesen haben, der deutschen Regierung angehängt worden. Der Vorgang bedarf jedenfalls dringend der Aufklärung, wobei auch d i e Frage beantwortet werden muß, aus welcher Etatsposition denn eigentlich dieses Boot bezahlt wird.— Nochmals die„Unterschlagung" des„Vorwärts". Die„Tägliche Rundschau" iviederholt trotz unserer gestrigen Ausführungen die ab- geschmackte Behauptung, der„Vorwärts" habe das Roosevelt-Tele- gramm geflissentlich unterschlagen, weil es das Verdienst Wilhelms II. am Friedensschluß anerkannt habe, lvähreud der„Vorwärts" vor einiger Zeit den Kaiser beschuldigt habe, bei der Zusammenkunft in Björkö den Zaren zur Fortsetzung des Krieges gedrängt zu haben. Diese letztere Behauptnng ist eine dreiste Fäl- schung. Es wäre auch ganz unsinnig gewesen, Wilhelm II. die Absicht zuzutrauen, durch einen solchen Ratschlag den Zarismus nach innen und außen noch schwächen zu helfen, während doch die ganze Hohenzollernpolitik bisher in der S t ä r k n n g der zarischen Knutenherrschaft bestand. Der„Vorlvärts" beschränkte sich vielmehr darauf, im Namen des Volkes und der Kultur gegen jede Ver- brüderung mit dem Zarismus zu protestieren und die Ungeheuer- lichkeit einer autokratischen Monarchenpolitik zu kennzeichnen, die den Willen des Volkes vollständig ignoriere. Ueber die mutmaßliche Be- Handlung der Ostasieupolitik in Björkö enthielt sich der„Vorwärts" aller Betrachtungen, er begniigte sich vielmehr mit der Wiedergabe russischer P r e ß st i in m e n, nach denen ein Z u s a m m e n- gehen Rußlands, Frankreichs undDeutschlands in O st a s i e n b e a b s i ch t i g t s e i. DaS Roosevclt-Telcgramm hatte nun folgenden Wortlaut: „Ich danke Eurer Majestät herzlichst für Ihre Glückwünsche und möchte diese Gelegenheit ergreifen, um meine ttefgefühlte Würdigung der Art und Weise auszudrücken, in der Eur�Majestät in jedem Stadium bei der Bemühung, Frieden im Osten zustande zu bringen, mitgewirkt haben. Es ist eine sehr große Freude gewesen, mit Eurer Majestät zu diesem Ziele zu arbeiten." Das Telegramm soll nun beweisen. daß Wilhelm II. an den Verdiensten des Maklergeschäfts des amerikanischen Präsidenten reich- lichen Anteil beanspruchen könne. Nun haben wir aber wiederholt dargelegt, welch kindische oder verlogene Auffassung das überhaupt sei, Noosevelt für seine Friedensvcrmittelung irgend welches moralische Verdienst zuzuschreiben. Der Frieden sei geschlossen worden, weil nach der ganzen militärischen und finanziellen Lage der Dinge der Friedensschluß für beide Mächte ein unabweisbares B e- d ü r f n i s gewesen sei. Roosevelts Einwirkungen auf die krieg- führenden Parteien seien zudem auS der Absicht entsprungen, Japans Vormachtstellung in Ostasien nicht allzu übermächtig werden zu lassen. Wenn also'das Roosevelt- Telegramm mehr darstellte als eine Höflichkeitsfloskel, so könnte es nur den Sinn haben, Wilhelm II. als B u n d e s g e n o s s e n der amerikanischen JnterventionSpolitik zu reklamieren. Rußlands Un- .Nachgiebigkeit wäre dann also darauf zurückzuführen, daß Amerika und Deutschland ihm den Nacken gesteift hätten I Die diplomatische Niederlage Japans wäre dann zwar kein diplomatischer Sieg Nußlands gewesen, wohl aber ein Erfolg der Rußland in„wohl- Ivollender Neutralität" gegenüberstehenden Mächte I-- Huoland. Beilegung des französisch-marokkanischen Konflikts. Paris. 7. September. Die Agence Havas meldet: Ein heute vormittag im Ministerium des Auswärtigen eingetroffenes Tele- gramm des Grafen Taillandier berichtet, daß die marokka- nische Regierung soeben die französischen Forderungen in der Angelegenheit des Algeriers Bu Mzian vollständig befriedigt hat. Auf Befehl des Sultans hat sich der Groß- bezier Si Feddul Garmt selbst nach der französischen Gesandtschaft begeben, wo er in Gegenwart des Gesandtschaftspersonals, des Bu Mzian und einer Anzahl Mitglieder der europäischen Kolonie dem französischen Gesandten die Entschuldigung der marokkanischen Regierung in folgenden Worten zum Ausdruck brachte:„Die scherifische Regierung hat mich beauftragt, Ihnen ihre Entschuldigungen wegen der Festnahme und Einkerkerung des Algeriers Si Bu Mzian el Miliani, eines französischen Untertanen, zu überbringen. Der Maghzen hat den schuldigen Kaid abberufen und ich übergebe Ihnen die vereinbarte Entschädigungszahlung für den Geschädigten. Die scherifische Regierung wird es sich zur Pflicht machen, darüber zu wachen, daß ähnliche Zuwiderhandlungen gegen Verträge und Gewohnheiten sich in Zukunft nicht wiederholen." Der Großvezier übergab außerdem dem Gesandten Taillandier ein Schreiben des scherifischen Ministers des Aeußern, in welchem die Entschuldigungen der Regierung schriftlich wiederholt und die Ab- setzung des schuldigen Kaids bestätigt wird. Die für Bu Mzian verlangte Entschädigungssumme ist sofort bezahlt worden. Taillandier antwortete dem Großvezier, daß er im Namen der fran- zösischen Republik die Entschuldigungen des Maghzen und die Maß- nahmen zur Genugtuung annehme, durch welche dieselben bekräftigt werden. Er nehme ferner die von der scherifischen Regierung für die Zukunft gegebenen Zusicherungen zur Kenntnis.— Die französische Regierung hat sogleich die Vorbereitungen zur Abfahrt der Schiffe eingestellt. Frankreich erhält auf diese Weise Genugtuung bezüglich sämtlicher Punkte und ohne jeden Vorbehalt.— Das Chaos im Kaukasus. Tiflis, 7. September. Der Statthalter hat dem General- gouverneur von Baku Fadejew die Weisung erteilt, mit Hülfe eines aus Tiflis entsandten Schützenbataillons in energischer Weise gegen die Aufständischen vorzugehen. Amtlich wird die Lage i» Baku sehr ernst dargestellt. Gestern abend erneuerten sich die Unruhen in verstärktem Maße. Die Aufständischen beschossen das Hans des Gcneralgouverucnrs. In Balachany erwies sich die Truppenzahl als zu gering; die Artillerie mußte feuern. In der Stadt wütet bei heftigem Sturme eine furchtbare Feuersbrunst. Petersburg, 7. September. Ein Telegramm meldet, daß die Naphthaquellen in Balachany, Sabnntschi und Romany aus- gebrannt seien, während in Bibi Eibat der Brand noch herrscht. Im ganzen sind 40 Naphthafontäne« der Firma Nobel ver- nichtct worden. Die in Petersburg anwesenden Naphtha- Industriellen haben beschlossen, den Kaiser zu bitten, energische Maßnahmen gegen die ganz Rußland bedrohende Krise infolge der Katastrophe in Baku anzuordnen. Die Stadtduma trifft bereits Maßnahmen, in den Wasserwerken die Naphthaheizung durch Kohlenfeuerung zu ersetzen. Dem„Tag" wird noch telegraphiert: Ueber ganz Rußland bringen diese furchtbaren Naphthabrände neue Not. Von einem Export von Petroleum kann jetzt keine Rede mehr sein. Wie groß die Verluste sind, welche dem Nationalvermögen dadurch erwachsen, kann man beurteilen, wenn man hört, daß 1904 aus Batum ins Ausland 76 514 000 Pud ausgeführt wurden. Von der Firma Nobelbrennen in diesen Tagcn40 Fontänen, sie machtsich auf noch größere Verluste bereit. Außer der Nobclschen 29., 30. und 24. Abteilung inTscher- nogorod brennen in Vibiejbat die Naphthaquellen der Firmen Olemna, Mantaschew und Ronnot. Ein wildes Chaos herrscht unterdes in Baku, wo, während die Kämpfe zwischen Armeniern und Tataren fortdauern, Tausende von streikenden Arbeitern die Industrieviertel durchziehen. Die ganze Stadt ist durch die fürchterlichen Brände in dicke Rauchwolken gehüllt, ein starker Sturm begünstigt die Ausdehnung der FcucrSbrünste, durch die auch viele Taufende von Arbeitern brotlos werden. Ebenso werden Schiffahrt und Eisenbahnen durch diese Naphthabrände sehr in Mitleidenschaft gezogen. Nach dem Friedensschluß. Einstellung der Feindseligkeiten. Das Auswärtige Amt in Petersburg sandte, wie den „Times" von dort gemeldet wird, gestern an das Kriegs-, das Marine- und die anderen Ministerien den vollen Text des russisch-japauischen Friedensvertrages, damit auf Grund des- selben die Maßnahme» zur Einstellung der Feindseligkeiten so- fort angeordnet werden. Inzwischen ist es in Korea und auf Sachalin noch zu einigen Scharmützeln gekommen. Hierüber wird gemeidet: Tokio, 6. September. lAmtlliche Meldung.) Die Japaner be- siegten die Russen am 1. September im Nordosten von Korea in einer Reihe von scharfen Gefechten. Tokio, 7. September. Am 30. August, also dem Tage vor dem Friedensschlüsse wurde in einem Gefecht bei Maibun an der östlichen Küste von Sachalin die noch übrig bleibende Ab- teiluug der Russen von den Japanern vollständig aufgerieben. Die Russen verloren dabei 130 Tote; die Verluste der Japaner sind gering. Unruhen in Japan. Ueber die Unruhen, die in Japan infolge des Friedensschlusses ausgebrochen sind, wird heute ausführlicher gemeldet: Tokio, 7. September. lMeldung des„Rcutcrschen Bureaus".) Die ganze Nation ist sehr verstimmt über das Ergebnis der Friedenskonferenz; keineswegs hat man im Reiche eine Geneigt- heit bekundet, den Abschluß des Friedens zu feiern. Die Radikalen eröffnen einen Fcldzug gegen die Regierung und verlangen eine B e st r a f u n g der für das Abkommen in Portsmouth verantwortlichen Personen. Der künftige Landtag wird voraussichtlich stürmisch sein; man sagt den Fall des Kabinetts Katsura voraus. Die Kurse an der Börse sinken. Die schlechte Ernte in Verbindung nnt den großen finanziellen Verpflichtungen der Regierung verursacht Beunruhigungen in manchen Kreisen. Man fürchtet, daß eine Periode finanziellen Stillstandes und ungünstiger EntWickelung des Handels bevorsteht. Ein hervorragender Bankier äußerte auf Befragen, die Baisse der Werte ergebe sich naturgemäß aus der derzeitt/m Verfassung der Börse infolge der jüngsten Tätigkeit der Spekulanten, aber sie sei nicht be- zeichnend für die allgemeine Lage Japans. Da viel Geld im Lande sei, werde man ohne Zlveifcl alle etwa entstehenden Schwierigkeiten überwinden. Der Rücktransport der Armee von etwa einer Million Menschen werde mindestens zehn Monate dauern und mehrere Millionen Den kosten. Die Regierung werde vielleicht versuchen, eine neue innere Anleihe auszugeben, aber infolge der allgemeinen Enttäuschung sei es möglich, daß das Publikum nicht geneigt sein werde, der Regierung neue Mittel zu gewähre». Dixse verfüge jedoch aus alle Fälle über beträchtliche Geldquellen und werde sich boraussichtlich ohtte große Schwierig« leiten aus der Affäre ziehen können. Eine Londoner Meldung besagt: Die in den öffentlichen Demonstrationen gegen den Ports- mouther Frieden sich zeigende Erregung im japanischen Volke bezieht sich anscheinend viel weniger auf die ausgebliebene Kriegs- entschädigung, als darauf, daß nach Ansicht des Volkes eine Sicherheit gegen russische Angriffe durch die Friedensverhandlungen nicht erreicht worden ist. Man schreibt die angeblich nicht tiefgehende Bewegung dem Mangel an Kenntnis der Vertragsbedingungen im Volke zu. Dem widerspricht offenbar die Tatsache, daß der frühere aus- wärtige Minister Graf Okuma sich auf den gleichen Standpunkt stellt. Er erklärt, die Rußland gestellten Bedingungen seien unzureichend, um es an einem Angriff auf Korea und die Mandschurei zu verhindern, und ließen Rußlands Ehrgeiz auch in Zukunft weiten Spielraum. Die vor dem Kriege herrschenden Verhältnisse könnten sich zu jeder Zeit wiederholen. Beide Parteien seien zwar übereingekommen, die Mandschurei zu räumen, aber China könne dort keine Ordnung halten, und Ruß- land würde darin eine Gelegenheit finden, den Samen des Krieges auszustreuen. Anstatt jede Ursache künftiger Konflikte zu beseitigen, lasse das Abkommen die Dinge gerade so, wie sie waren. Die Auffassung, daß durch den Friedensvertrag die Gefahr späterer Zusammenstöße mit Rußland nicht beseitigt sei, ist allerdings richtig. Aber das wäre bei jedem Friedensvertrag der Fall ge- Wesen. Im übrigen schützt für die Dauer des englisch-japanischen Bündnisses Englands Bundesgenossenschast Japan Wohl hinreichend gegen einen russischen Angriff. Es scheint also, als ob die Erregung der Massen von den Radikalen hauptsächlich deshalb geschürt werde, um das gegenwärtige Kabinett zu stürzen. Die soziale Notlage des Volkes, in dem jetzt das Gefühl der patriotischen Erregung dem Katzenjammer des sich seines bewußt werdenden Elendes zu weichen beginnt, begünstigt den politischen Feldzug gegen das derzeitige Ministerium. Bei den Unruhen wurden nach der Meldung aus Tokio zwsk Personen getötet und 699 verwundet.— Kommunales* Stadtverordneten-Versammlung. 24. Sitzung vom Donnerstag, den 7. September, nachmittags 6 Uhr. Das Stadtparlament nimmt nach zweimonatiger Ferienpause mit der heutigen Sitzung seine Arbeiten wieder aus. Die Tages- ordnung ist eine sehr reichhaltige; unter ihren 85 Nummern steht der Antrag der sozialdemokratischen Fraktion betr. die F l e i sich- n o t an Bedeutung weitaus voran. Der Vorsteher Dr. Langerhans eröffnet die Sitzung um 5'ch Uhr mit einer herzlichen Begrüßung der aus den Sommerferien zurück- gekehrten Kollegen. Er gedenkt zunächst des Hinscheidcns des Stadtv. Drühm(A. L., ß 3. Juli), dessen Andenken von der Versammlung durch Erheben von den Sitzen geehrt wird, sodann des verstorbenen Direktors der Straßenreinigung Schlosky. Ausgeschieden ist ferner Stadtv. Schöpke wandes zügegeben, steht der Regierung die vorübergehende Schädi- gung eines solchen Standes höher als die Schädigung von Millionen ärmerer und ärmster Bürger, die sich mit Recht darüber beklagen, daß ein notwendiges Volksernährungsmittel ihnen verkümmert oder vielleicht ganz entzogen wird? Nun heißt es, im Ausland seien die Preise auch so hoch wie bei uns. Das ist auch nicht richtig. Die Märkte in Wien, Rotterdam, Paris, Pe�t, Kopenhagen wiesen 1904 für Rinder und Schweine erheblich niedrigere Preise auf, und auch in diesem Juni sind dort die Preise für 50 Kilogramm Lebendgewicht bei Rindern und Schweinen nicht annähernd den unseren gleich gekommen. Nun wirft man, wie oft bei solchen Ge legenhciten, die Kompetenzfrage auf. Beamte und Gewerbe treibende haben sich in den bewegtesten Klagen an mich über die Wirkungen der Teuerung ergangen. Nehmen wir aber selbst an, die Regierung wäre formal juristisch in der Lage, ein Votum dieser Versanunlung in den Papierkorb wandern zu lassen, davon kann ich mich nicht überzeugen, daß die Stimme der geordneten Vertretung der Stadt angehört verhallen sollte. Wenn Sie glauben, die Kommissionsbehandlung sei überflüssig, und Sie trauen uns zu, daß wir die Intentionen der Bürgerschaft richtig treffen werden, so sind wir auch ohne solche Beratung bereit, diesen Schritt zu tun. Ich möchte nur wünschen, daß unsere Worte auch an die richtige Stelle kämen.(Beifall.) Stadtv. Cassel: Bei der Beurteilung der Frage des Fleisch- mangels ist der Moment sehr zu beachten, daß der Berliner Vieh- markt heute einen viel größeren Konsumentenkreis als früher zu befriedigen hat, indem zahlreiche Käufer aus der Provinz jetzt nicht mehr in ihrer Umgebung und beim Produzenten, sondern auf dem Berliner Vichmarkt ihren Bedarf decken. Das Fleisch hat jetzt einen Preis errungen, der es der großen Masse der Bevölkerung unmöglich macht. Fleisch in genügender Menge zu erstehen; für diese Kreise besteht also unter allen Umständen eine Fleischnot. Die Minister gestehen ja diese Tatsache selbst zu, so Herr Möller und sogar Herr von Podbielski, der direkt bedauert hat, daß der kleine Mann das Geld für das Fleisch nicht mehr erschwingen kann. Aber derselbe Herr Minister macht keinerlei Anstalt zu ernstlicher Abhülfe, er hat der Stadt Berlin geraten, selbst Schweinemästerei zu treiben bezw. den Sozialdemokraten anheimgegeben, sich diesem Zweige zu widmen, er werde gern Herrn Singer die nötigen Ferkel dazu liefern.(Große Heiterkeit.) Wie kann ein Vertreter der Regierung mit solchen Scherzen, Witzchen und leeren Redewendungen eine solche ernste Frage abtun! Die Frist, die der Minister für den Eintritt der Abwärtsbewegung der Preise gab, ist bereits abgelaufen. Die Grenzen sollen nicht geöffnet werden mit Rücksicht auf die Seuchen- gcfahr. In Wirklichkeit sollen lediglich die heutigen hohen Preise den Produzenten nicht geschmälert werden. Dem gegenüber erweist sich unser Antrag, der sich ja materiell mit dem Antrag Arons deckt, als eine Notwendigkeit. Der neue Zolltarif setzt für das Schlachtvieh die Zölle um das Zwei- bis Sechsfache herauf; eine dauernde Ab- hülfe gegen Fleischteuerung ist damit natürlich noch weniger gegeben. Nachdem der Magistrat die gemischte Deputation selbst beantragt hat, glauben wir allerdings, sie nicht ablehnen zu können; aber die Herbeiführung einer Kundgebung der deutschen Städte, wie sie der dritte Teil will, sollte schon heute, um keine Zeit zu verlieren, be- schlössen werden. Die Rücksicht auf die mögliche Erfolglosigkeit unserer Schritte kann uns nicht abhalten. Gewiß ist ein tatsäch- licher Erfolg im letzten Grunde nur dann verbürgt, wenn das Volk eine Vertretung wählt, die solche Zolltarife unmöglich macht; aber die EntWickelung der Vcrhältniffe wird auch bei uns die maß- gebenden Kreise zur Abkehr von einem derartigen verkehrten Wirt- schaftspolitischcn System zwingen, soll nicht der einzelne und der Staat unberechenbaren Schaden leiden!(Beifall.) Stadtv. Singer: Das angeführte Zahlenmaterial ist durch- schlagend, es braucht gar nicht noch vervollständigt zu werden, um den Beweis zu liefern, daß wir vor einer Bolkökatastrophe stehen. Der Zudrang zu den Verkaufsstellen für minderwertiges Fleisch ist ein kolossaler, sie werden gestürmt, um ein Fleisch zu erhalten, welches doch tatsächlich von der Arbeiterfrau nur mit einem gewissen Widerwillen gekauft wird. Ebenso steigt der Pferdefleischkonsum ganz erheblich. Diese Fleischnot und Fleischteuerung bedeutet geradezu eine Ver- Wüstung der Volkskraft zugunsten der Agrarier! Es ist geradezu ein Skandal, daß die große Masse sich den Fleischgenuß versagen muß. nur damit die Herren Großgrundbesitzer im Genuß der hohen Fleischpreise bleiben, und daß die Grenzen nicht geöffnet werden, um billigeres, gutes ausländisches Fleisch hereinkommen zu lasten. Das ist eine positive Ausbeutung und Äuswuchcrung des Volkes! Sowohl der Auftrieb wie die Schlachtungen haben abgenommen, und dem gegenüber ist der Preis erheblich gestiegen. In zahlreichen Städten ist dieselhe Erscheinung aufgetreten wie in Berlin; wie kann man da behaupten, daß eine Fleischnot nicht existiert! Der Schwcinepreis ist 1905 um über 30 Proz. gestiegen. Es wäre Zeitvergeudung, ein Wort darüber zu verlieren, daß alles versucht werden muß, um diese Kalamität zu beseitigen. D,e Re- gierung hat ja durch Herrn von Podbielski sich vernehmen lassen. Kollege Cassel nimmt den Herrn Minister wirklich zu tragisch. Der Minister ist ein lustiger Herr. Wir wissen, daß seine Bemerkung hinsichtlich der Schweinezüchterei ein Scherz und nicht ernst gemeint war Wir aber haben vom Standpunkt unserer Ueberzeugung aus u versuchen, irgend etwas Ernsthaftes zur Abhülfe der aufgetretenen "ot zu tun und können uns auf solche Kinkerlitzchen nicht einlassen, IL............... so wenig wir dagegen hätten, daß Herr von Podbielski Direktor dieser Schweinezuchtakademie würde.(Große Heiterkeit.) Der Handelsminister hat auch einen eigentümlichen Standpunkt ein- genommen. Er klagte, daß er die Preisteuerung im eigenen Haus- halt fühlt; mm, konnte doch annehmen, daß die 14 000 M. Gehalts- erhöhung seinen Schmerzen in dieser Beziehung abgeholfen hätten. Herr Möller macht gegen die erhobene Beschwerde den Einwand, daß die Arbeiter heute nicht bloß dann und wann, sondern täglich Fleisch essen. Was sollen solche Redewendungen, was soll der Rat an die Restaurateure, für die Portionen etwas mehr zu nehmen? Der Zolltarif sei ein Blümchen Rühr-mich-nicht-an, sagt er; das ist ja gerade das traurige, daß er sich dazu hergibt, eine Politik zu v'srkSekSki, die seikisü ciMen Anschauunzen widerspricht. Die Magistratsvorlage haben wir mit Freuden entgegengenommen. Den sachlichen Ausführungen des Bürgermeisters stimme ich durchaus zu, meine aber doch, daß die Annahme des Magistratsvorschlages nicht überflüssig ist. Die Beratung in gemischter Deputation scheint mir notwendig, weil doch auch versucht werden muß, von feiten der Stadt selbst aus irgendwie helfend einzugreifen. Wir haben den Vorschlag gemacht, die Aufhebung der Grenzsperre zu verlangen. Das ist nur einer von vielen. Der neue Zolltarif würde, wenn in Kraft ge- treten, für eine Beseitigung oder Erniedrigung der Zollschranken allerdings ein unübersteigliches Hindernis bilden. Der elementare Impuls, der durch alle Kreise der Bevölkerung geht, kann ja auch dazu beitragen, einer Kundgebung der Städte an maßgebender Stelle Nachdruck zu verleihen; wir werden uns also dieser Anregung nicht widersetzen. Wir müssen aber auch als Stadtvertretung alles ver- suchen, dieser Volksverwüstung ein Ende zu machen, und wir halten es für eine der Stadt Berlin besonders würdige und hohe Aufgabe, die Lösung des Problems der Flcischversorgnng der Bevölkerung selbst in die Hand zu nehmen. So gut wir Einrichtungen treffen können, minderwertiges Fleisch zu verkaufen, so gut muß das für den Verkauf von vollwertigem Fleisch möglich sein.(Zustimmung bei den Sozialdemokraten). Auch die Errichtung einer eigenen Milchwirtschaft auf den städtischen Rieselfeldern wird hierbei mit zu erwägen sein. Daß wir auf unseren Rieselfeldern eine Schweine- zucht zu etablieren inistande sind, darüber ist kein Zweifel und dar- über wird man sich in der gemischten Deputation in weitgehendem Maße verständigen können. Wenn sie den sozialistischen Zukunfts- staat vermeiden wollen, können Sie von Ihrem Standpunkt nichts Besseres tun, als innerhalb der heutigen Gesellschaft Reformen wie die Fleischversorgung selbst anzubahnen. Auch der Großeinkauf von Vieh wird in Betracht zu ziehen sein. Wir sind daher der Auf- fassung, daß die gemischte Deputation gerade die Lösung der Frage, was die Stadt selbst zu tun vermag, um der Notlage entgegenzu- treten, ungemein fördern kann. Stadtv. Mommscn(Fr. Fr.) hält für zweifelhaft, ob die Be- gründung einer Schweinezucht auf den städtischen Nieselgütern gerade ein geeignetes Abhülfsmittel wäre; jedenfalls sei eine solche bisher noch von niemand zu den sozialen Einrichtungen gerechnet worden.(Heiterkeit.) Der Rückgang des Fleischumsatzes sei noch viel schwerwiegender, als die nackten Zahlen ergeben, denn die Aus- fuhrverbote verminderten das Angebot auch noch ganz beträchtlich. Redner freut sich der großen Uebereinstimmung aller Teile der Versammlung in der Frage und wird im Sinne der Vorschläge Cassel stimmen. Stadtv. Rosenow(N. L.) zieht mit großer Energie gegen die Minister v. Podbielski und Möller zu Felde. Der elftere sei doch nicht bloß Landwirtschafts-, sondern auch Staatsminister, aber trotz- dem sein Kollege v. Bethmann-Hollweg die Fleischnot zugestanden habe, sorge er nur für„seine" Landwirtschaft. Noch schlimmer fast stelle sich Herr Möller dar, auch ein Minister gegen den Handel, nicht für Handel und Gewerbe! Herr v. Podbielski, der rein zu- fällig Landwirtschaftsminister geworden, nachdem er vorher sich auf dem Gebiete der Post versucht und auch wohl Eisenbahnminister geworden wäre, wenn er sich mit dem Lausekanal hätte vor den Bauch treten lassen wollen, setze uns dem Gespött des Auslandes aus. Die Versammlung müsse laut und vernehmlich ihre Stimme er- challcn lassen. Stadtv. Dr. Nathan(soz.-fortschr.) bedauert, daß sich keine Agrarier in der Versammlung befinden, da dann nicht alle Redner genötigt wären, dasselbe zu sagen. Redner weist auf den jährlichen Bevölkerungszuwachs von 600 000 Seelen hin, mit dem die Vieh- Produktion keineswegs gleichen Schritt gehalten habe. Man müsse die Forderung der Herabsetzung der Viehzölle mit äußerster Energie vertreten. Ueber den„Erfolg" mache er sich freilich bei dem über- mächtigen Einfluß der Großgrundbesitzerklasse in Preußen keine Illusionen. Stadtv. Cassel bittet, auch die Vorgänge bei der hiesigen Frei- dank im Interesse der Unterstützung der erhobenen Forderungen amtlich feststellen zu lassen und entgegnet dann dem Stadtv. Singer, daß er sich über die persönliche Ernsthaftigkeit des Herrn v. Podbielski gar nicht geäußert habe, daß es aber eine sehr ernsthafte Sache sei, wenn ein Minister, den man von seiner Stelle nicht cnt- ernen könne, in solcher ernsten Sache mit Spähen borgehen zu können glaube. Soziale Einrichtungen, die nützlich seien, habe er (Redner) schon häufig gemeinsam mit Herrn Singer unterstützt. Damit schließt die Debatte. Der Antrag auf Einsetzung einer gemischten Deputation wird ein st immig angenommen, ebenso derjenige auf Einberufung eines deutschen Städtetages. Mit der von der Versammlung gewünschten Erhöhung der Zahl der Stadtverordneten von 4 auf 6 in der gemischten Deputation, welche zum selbständigen Ankauf der Grundstücke im Scheunenviertcl ermächtigt sein soll, hat der Magistrat sich einverstanden erklärt. Ebenso ist der Magistrat bereit, mit der Ver- 'ammlung in gemischter Deputation die Frage zu erörtern, ob für die städtischen Waisenkinder AnstaltS- oder Familienpflege vorzuziehen ist. und ersucht die Versammlung, zehn Mitglieder in diese Kommission zu entsenden. Die Wahl soll vor der nächsten Sitzung vorgenommen werden. Dem Verein Berliner Geflügelzüchter„Fortuna" werden ür seine 18. große Geflügelausstellung zu Ehrenpreisen 500 M. Beihülfe bewilligt. Zum Ersatz für die M i e t s ch u l e n in der Memclerstr. 69 und Posencrstr. 27 soll eine Gcmeindedoppelschule auf einem Grundstück an der Brombergerstraße erbaut und das letztere von der Firma Bloch und Simon für 70 M. pro Quadrat- meter(410 200 M.) angekauft werden. Die Versammlung stimmt zu. Gegen die Gcmeindewählcrliste für 1905 die nach der Vorschrift der Städte-Ordnung vom 15.— 30. Juli aus- gelegen hat und in dieser Zeit von LI 314 Personen eingesehen worden ist, sind 238 Einsprüche erhoben worden; außerdem haben 80 Personen die Berichtigung von Einzelheiten in der Liste beantragt. Das vom Magistrat vorgelegte Verzeichnis der Proteste weist aus, daß 73 der Beschwerdeführer nicht eingetragen sind, weil sie als S ch lafb ur s ch e n angesehen werden, 36 find Steuer- r e st a n t e n, 23 in Preußen nicht staatsangehörig, 34 haben Krankenhauspflege und.Extra"-Unterstlltzung. 4 nur letztere genossen; 4 sind steuerfrei oder nur zu der 2,40 M.-Klasse veranlagt, einer lvill nach seiner Steuerleistung nicht in die II., sondern in die HI. Abteilung gehören; 4(darunter der Redakteur Julius Kaliski) sollen noch nicht ein Jahr in Berlin sein. 44 sind irrtümlicherweise ausgelassen worden zum Teil wegen inzwischen vollzogenen Wohnungswechsels. 6 Einsprüche sind verspätet eingegangen. Die Vorlage geht an den WahlprüfungSausschutz. Zu den Kosten des Birchow-Dcnkmals auf dem Karlsplatz(insgesamt 30 000 M.) sollen von Stadt wegen 44400 M. zugeschossen werden. Stadtv. Nathan bittet um Auskunst, wer die drei Preisrichter aus Künstlerkreisen sind, die über die Gestaltung des Monuments entscheiden sollen. Stadtbaurat Krause: Das Komitee hat als Preisrichter den Architekten Messel und die Bildhauer Mantzel und Tuaillon zu- gezogen. Ob das Denkmal nach den Intentionen des Vorredners ausfallen wird, weiß ich nicht, hoffe es aber mit ihm. Die Vorlage wird angenommen. Zur Bcrdreiterung der Neue» Wilhclmftraße soll für 200000 M. daS Grundstück Unter den Linden 76. Ecke Neue Wilhelinstraße 8b, erworben und eine neue Fluchtlinie für die Ostseite der Straße fest- gesetzt werden, welche deren Verbreiterung auf 16,70 Meter er- möglicht. Die Vorlage wird mit einem Amendement Haberland an- genommen...„.„ Zum Bau von drer neuen Schulbaracken und von vrer W o h n b a r a ck e n für Schuldicner bei sämtlichen vier Barackenschulen werden 68 400 M. gefordert. Stadtv. Borgmann(Soz.) gibt der Befürchtung Ausdruck, daß mit der Erbauung von Wohnbaracken das Barackensystem eine zu weite Ausdehnung gewinnen und zu einer dauernden Einrichtung werden dürfte. Die Sache sei aber stets nur als Provisorium ge- dacht worden. Er beantragt Ausschußberatung. Stadtv. Dr. Langerhans istprinzipiell auch gegen die Barackenschulcn; hier handele es sich aber lediglich um vier kleine Häuschen, in welchen die Schuldiener untergebracht werden müßten, wie sich als durchaus nötig erwiesen habe. Stadtv. Borgmann beharrt dabei, daß die Wohnbaracken den Barackenschulen einen ständigen Charakter verleihen würden. Stadtrat Schäfer: Es handelt sich lediglich darum, die vier vorhandenen Barackenschulcn zu ergänzen. Wir sind mit dem Bau der Wohnbaracken für die Schuldiener schon vorgegangen und verlangen eigentlich nur Indemnität. Stadtv. Borgmann: Dann ist der Magistrat weit über seiiie Befugnisse hinausgegangen und wir müssen nunmehr erst recht auf einer Prüfung der ganzen Sache im Ausschuß bestehen. Stadtv. Langerhanö: Es ist zu viel verlangt, für solche Kleinig- leiten einen Ausschuß einzusetzen. Die Schulen bestehen durch unseren Beschluß; wir haben A gesagt und müssen auch B sagen. Die Vorlage wird nach Ablehnung des Antrages Borgmann an» genommen. Nach Erledigung einer langen Reihe weiterer Gegenstände von untergeordnetem Interesse schließt die öffentliche Sitzung gegen 9 Uhr. Letzte JVachncbtcn und vepesedm. Landtagswahl in Schwarzburg-Rndolstadt. Rudolstadt, 7. September.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Bei der Landtagswahl in Schwarzburg-Rudolstadt wurden Sozialdemokraten gewählt: in Rudolstadt I Bloß, II Hartniann, Königssee I Venter, H Frötscher, Katzhütte Kaiser, Oberweisbach Hartmann, Frankenhausen I Winter, S ch l o t h e i in Winter. An S t i ch w a h l e n ist die Sozialdemokrate in Blanken- bürg und Stadtilm beteiligt. Ueberall Stimmenzunahmc. Die Gegner behaupteten bis jetzt sicher vier Mandate der Höchstbcsteuerten, ein Mandat der allgemeinen Wahlen, ein Mandat steht noch aus. Verlustliste. Am Berlin, 7. September. Telegramm aus W i n d h u k: 3. September auf Patrouille bei Gurumanas gefallen: Sanitäts- sergeant Max Müller, geboren 12. 6. 80 zu Bräunsdorf. Bru st schütz; verwundet Reiter Friedrich Schäfer, geboren 30. 4. 80 zu Althof-Ragnit, schwer, Schuß linkes Knie. Bom holländischen Kolonialkriege. Haag, 7. September.(W. T. B.) Nach amtlicher Meldung aus Atschin wurden im Laude der GajuS bei einem nächtlichen Angriff auf holländische Patrouillen zwei Unteroffiziere und fünf Soldaten getötet und zwei Offiziere und 14 Soldaten verwundet. Der Feind hatte 41 Tote._ Unruhen ans Anlast des Friedensschlusses. Tokio, 6. September.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) Ein Volkshaufe brannte heute 10 christliche Kirchen und eine einer Missionsgesellschaft gehörige Schule nieder. Acht Personen wurden verletzt. Auch wurden zwei größere Polizeistationen und etwa 15 kleine Pvlizeikioske zerstört. Tokio, 6. September.(Ausführlichere Meldung.) Der auf- ständische Pöbel brannte gestern, nachdem das Gebäude dcs Kokumin gestürmt war, das Dienstgebäude des Ministers de» Innern, das zwischen dem Adelsklub und dem Jmperial-Hotel gegenüber'dein Hibiya-Park, dem Zentrum der aufständischen Bewegung, stand, nieder. Bedrohliche Kundgebungen fanden während des ganzen Tages in der Nachbarschaft der Dienstwohnungen des Minister- Präsidenten Grafen Katsura und des Delegierten zur Friedens- konferenz Barons Komura statt; es gelang aber der Polizei�zu verhindern, daß den Bewohnern der Häuser oder diesen selbst Schaden zugefügt wurde. Am Abend war die Lage noch bedrohlicher. Lärmende Volksmengen füllten die Straßen an, und es wurde be- fürchtet, daß während der Dunkelheit viel Schaden an Eigentum angerichtet werden würde. Die gesamten Reservemannschaften der Polizei sind zum Dienst herangezogen. Die gefährdeten Stellen werden stark bewacht, die Straßen in der Umgebung des Bureaus des Kokumin sind gesperrt. Zweihundert Schutzleute bilden einen Kordon um das Bureau. Tokio, 6. September, 7 Uhr abends.(W. T. B.) Soweit be- kannt geworden, ist bei den Angriffen auf das Haus des Ministers des Innern eine Person getötet und sind 14 tödlich verwundet. Einer der Anführer sagte, man habe das Haus niedergebrannt, um die Auftnerksamkeit des Kaisers darauf zu lenken, daß das Volk mit den Friedensbedingungen unzufrieden sei; man wünsche, daß er sich weigere, den Friedensvertrag zu ratifizieren. Tokio, 6. September, Üle Uhr abends. Die Stadt befindet sich noch in Aufruhr. Der Pöbel griff elf abgesondert liegende Polizei- stationen cm und zerstörte sie. Lärmende Scharen füllen die Haupt- stratzen an. Der Straßenbahnverkehr ist eingestellt worden. Die Polizei trieb die Menge auseinander. Während der Nacht sind Ab- teilungen der Nationalarniee einberufen worden. Seit gestern mittag sind etwa 200 Personen verhaftet worden, von welchen ein Teil heute vormittag wieder freigelassen wurde, da man bcjürchtcte, daß Versuche zu ihrer Befreiung unternommen werden würden. Tokio, 6. September.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die auswärtigen Gesandtschaften wurden vom Mlitär bewacht. Tokio, 6. September, abends 9 Uhr.(Meldung des Reuterschen Bureaus.), Durch kaiserliche Verordnung wird der Belagerungs- zustand in Tokio erklärt. Die Ruhestörungen haben wieder be- gönnen. Die Cholera. Marienburg, 7. September.(W. T. B.) Hier und in den be- nachbarten Ortschaften Altena, Blumstein, Heubuden, Groß- Montan und Schadwalde sind mehrere choleraverdächtige Er- krankungen beziehungsweise Todesfälle vorgekommen. Eine Frau und ft'mf Männer sind gestorben; in drei Fällen ist bereits aintlich Cholera festgestellt. Hamburg, 7. September.(W. T. B.) Zur Abwehr der Cholera- einschleppung wurde heute eine Kontrollstation für Oberländer Schiffer bei Entenwärder eröffnet. Die Station, die Tag und Nacht geöffnet ist, ist mit 12 Beamten besetzt. Bromberg, 7. September.(W. T. B.) Auf-einem Kahn auf der Netze bei Nakel ist ein Kind an Cholera gestorben, ein anderes erkrankt. Unter Choleraverdacht sind erkrankt: ein Eigentiimer bei Schöirlankc, zwei Kinder, ein Weichensteller und ein Steiuschläger in Gncsen. Verantw. Bepakteuri Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantso,: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Borw.ärtsBuchdr.u.VerlagsanstaltZZauISingerLcCtz.,BerlinLW. Hierzu 3 Beilagen u. Unterhaltuugsblatt »,.210. mmm i KeilM des.Hmiilts" berliner Wlksllllltt. 5..-W.8 Z'MW« Debatten über Wenn und Aber. IV. Konnten wir in den früheren Erörterungen uns auf die Höhe einer sachlichen Diskussion über allgemeine Parteifragen erheben, so müssen wir leider nunmehr wieder, in der notgedrungenen Ab- wehr der weiteren Auseinandersetzungen Kautskys auch das Per- sönliche streifen. Kautsky erörtert ja sogar interne Redaktions- Verhältnisse, und diese bisher in der Partei nicht übliche Methode zwingt uns, unsererseits einige Bemerkungen zu seinen Behauplungen'zu machen. Wir schicken voraus, daß Kautsky jetzt sichtlich bemüht ist, nach den früheren Ausbrüchen einer nur persönlichen Polemik das persönlich Verletzende auszuscheiden, ja sogar äußerstes Wohlwollen zu bekunden. Dieses Wohlwollen freilich gehört zu jener Art, die ersticken kann. Zu den von Jahr zu Jahr wechselnden Schlagworten, mit denen man in der Partei die Genossen brandmarkt, die das Glück oder Unglück haben, mit einigen Parteischriftstellern nicht gleicher Meinung zu sein, dürfen wir nunmehr ein neues ftigen. Bisher glaubten wir, es gäbe nur Sozialdemokraten, es gäbe nur Partei- genossen, die im Sinne des Erfurter Programms und der Parteitags- beschlüsse schreiben und reden. Hatte man früher wohl die Scheidung zwischen Radikalen und Opportunisten, zwischen Revisionisten und Marxisten, zwischen Prinzipiellen und Mitläufern, so erfahren wir jetzt, daß es zwei Arten von Parteigenossen gibt, die ethisch-ästhctischcn und die ökonomisch-historischen oder auch die„Gefühlssozialisten" und die„entschiedenen Marxisten". Diese Scheidung ist ein allgemeines Urteil, das genau so viel und so wenig Wert hat wie dergleichen Stimmungsäußerungen insgesamt. Solange derartige Urteile nicht durch sorgsame, mit Beweisen gestützte Untersuchungen begründet werden, können sie in keiner Weise auf die Meinung der Partei Einfluß haben. Solche Scheidungen sind ebenso billig, wie sie leicht vergiftend auf das Parteileben wirken müßten, wenn man sie ohne weiteres als bare Münze, im Vertrauen vielleicht auf eine sonst verdienstvolle Autorität, hinnimmt. Das sind Etiketts, die man auf jede Flasche kleben kann. Die Notwendigkeit über die bloße Meinungsäußerung hinaus auch sachliche Beweise beizubringen, fühlt auch Kautsky und so be müht er sich denn, als Anzahlung auf eine gründlichere Erörterung, wie tpir hoffen, ein paar Beweisstücke vorzulegen. Ehe wir uns in die allgemeinen Erörterungen über ethisch-ästhetische und ökonomisch historische.Vorwärts"-Nedakteure einlassen, seien zunächst die Beweise geprüft. Man wird uns zugeben, daß, wenn es uns gelingt, die Beweise als durchweg wertlos im Hinblick auf die von Kautsky behaupteten persönlichen Eigenschaften dieser oder jener„Vorwärts"-Redak teure nachzuweisen, Kautsky nunmehr gezwungen ist, andere Be weise zu bringen, oder er begnügt sich mit der allgemeinen B e* h a n p t u n g, die man glauben kann und nicht glauben kann. Die Schwäche der Situation, in die sich Kautsky begeben hat, ersieht man schon aus der Einleitung. Genosse Kautsky redet von der guten alten Zeit des„Vorwärts". Das ist zwar ein schon seit Homers Zeiten ehrwürdig erprobtes Mittel, Tendenzen oder Personen der Gegenwart zu bekämpfen, in- dem man auseinandersetzt, wie sie durch ihr Tun eine gute Sache schmählich heruntergebracht hätten, aber ebenso zerfließt dieses Argument seit jeher sofort, wenn man es des ethisch-ästhetischen StünmungscharakterS entkleidet und nüchtern an die ökonomisch- historischen Tatsachen erinnert. „Der„Vorwärts" von heute ist nicht derselbe, der er in den ersten Jahren nach dem Sozialistengesetz war. Damals herrschte eben die ökonomische Denkweise vor, seine Politik wurde von Leuten gemacht, die in Nationalökonomie und Wirtschaftsgeschichte wohl zu Hause waren und für die Zusammenhänge zwischen Oekonomie und Politik das lebhafteste Interesse und größte Verständnis besaßen So schreibt Kautsky 190S am Vorabend des Parteitages von Jena. Möglich, daß Karl Kautsky heute über die gute alte Zeit solche Eindrücke hat, aber wir glauben ihm einen Dienst zu erweisen, wenn wir ihn ersuchen, diese gefühlssozialistische Erinnerung durch die präzise Angabe zu vertiefen, wann, in welchem Jahre, in welchem Augenblick der„Vorwärts" jene Vorzüge besessen haben soll. Geht man die Geschichte unserer Parteitage durch, dann gewahrt man nämlich die umgekehrte Erscheinung. Die Angriffe auf den„Vorwärts" sind nicht heftiger, sondern gelinder ge- worden, und wenn auch einzelne Parteigenossen in den letzten Jahren scharfe Angriffe gegen den„Vorwärts" auf den Parteitagen gerichtet haben, so stehen auch diese zurück hinter den Klagen aus der guten alten Zeit. Ja, es hat sogar in den letzten Jahren, gerade unter der beklagenswerten Herrschast des ethisch-ästhetischen Denkens Parteitage gegeben, auf denen der„Vorwärts"-gerühmt wurde und auf denen gar keine Beschwerden über ihn erhoben worden sind. Nach dem Sozialistengesetz wurde unser alter Liebknecht Chefredakteur des„Vorwärts". Wir wissen aber ganz genau, daß Karl Kautsky gerade damals mit dem„Vorwärts" höchst unzufrieden war, daß er durchaus nicht ihn als führendes und prinzipielles Blatt anerkannte, und wir erinnern uns ferner sehr wohl, daß Genosse Kautsky erst Jahre später, als die von ihm jetzt entdeckte ethisch-ästhetische Aera tatsächlich begann, der„Gefahren" bewußt wurde. Das sind die ökonomisch- historischen Tatsachen, die jetzt in Kautskys Gefühl so sonderbar umgeschmolzen sind. Es ist gerade umgekehrt gewesen. Das Mißbehagen über den„Vorwärts" war bei Kautsky in der ethisch-ästhetischen Periode des Zentralorgans geschwunden, und es kehrte erst wieder, als die Ethisch-Aesthetischen nicht das Gefühl, aber die klare Ueberzeu gung hatten, daß manche von den inneren, leidenschaftlich erörterten Parteifragen sehr untergeordneten Ranges seien, daß sie vor allem von Kautsky nicht selten in unglücklichster Weise geführt wurden. Kautskys Gefühl verschärfte sich schließlich in demselben Maße, wie der„Vorwärts" ohne jede ethisch-ästhetische Abschwächung schroff zum Ausdruck brachte, daß Kautsky von den bisherigen Parteilr�ditionen bisweilen bedenklich abirre. Und nun zu den Beweisen, zu dem„Material" Kautskys. Nummer einS, das erste Beweisstück für die ethisch-ästhetische Denkart— nicht des„Vorwärts", sondern der von ihm gemeinten „Vorwärts"Redakteure, bilden die paar Zeilen, die in unserer letzten Engelsnummer den persönlichen Erinnerungen Bernsteins vorausgehen. Ueber diese Einleitungszeilen läßt sich nun alles mögliche sagen. Es ist ein durchaus verkehrter Maßstab der Kritik, wenn man von einer Arbeit etwas verlangt, was sie gar nicht geben wollte. Auf die Weise kann man jeden Artikel in Grund und Boden kriti- sieren, indem man voraussetzt, daß man einen anderen Artikel mit einem anderen Inhalt gewünscht habe. So kritisiert etwa ein Theater- besucher, der in eine Posse gehen will und eine Tragödie vorgesetzt erhält, und nun darauf schimpft, daß die Tragödie keine Posse sei. Die Einleitungszeilen wollten nichts anderes sein, als ein paar ein- leitende Akkorde, sie sollten„Stimmung" sein. Wir stellen uns Kautskys Entdeckerfreude lebhaft vor, als er dieses Beweisstück Kautsky Sensationen nennt, politisch- sozialen Verhältnisse am klarsten und grellsten Verhältnisse offenbart. Die aushob. In diesen einleitenden Zeilen war Stimmung, infolge- dessen konnte sie nur ein ethisch-ästhetischer Redakteur des„Vor- wärts" verfaßt haben, mithin bewiesen sie, daß dieser„Vorwärts"- Redakteur des ökonomisch-historischen Denkens und des entschiedenen Marxismus in betrübender Weise entbehre. Wir haben schon in unserem letzten Artikel angedeutet, wie sehr Kautsky in seinem Eifer seine neue RichtungSformel zu beweisen, von seinem Stilgefühl verlassen ward. Diese Einleitungszeilen stammen von einem Manne der in der Zeit des Sozialisten- gesetzes der leitende Redakteur des führenden Organs gewesen, der in dem unmittelbaren Verkehr mit Engels gelebt, der lange Zeit hindurch gleichberechtigt mit Kautsky das wissenschaftliche Zentralorgan herausgegeben, der ausersehen wurde, Lassalles Werke zu edieren und der schließlich auch jetzt noch mit den ehrenvollsten Aufträgen der Partei bedacht wird. Sicher I Seine Anschauungen teilt heute die Partei vielfach nicht. Auch ein ethisch- ästhetischer Redakteur des„Vorwärts" hat sich gelegentlich mit diesem Manne in einer Weise auseinandergesetzt, daß Karl Kautsky ihm seinen leb haftesten Beifall spendete. Daß aber dieser Parteischriftsteller ein Individuum sei. dem in der Politik nicht wissenschaftliche Einsicht, sondern die Erzielung moralischer und ästhetischer Empfindungen und Gefühle die Hauptsache sei, daß er ökonomisch nicht durchgebildet und Gefühlssozialist sei, das hatte sich die Partei bisher nicht träumen lassen. Wäre es wahr, so würde es die schwerste Verurteilung für die gute alte Zeit der Partei sein, in der dieses ethisch-ästhetische Subjekt unter allgemeinem Beifall eine ausschlaggebende Tätigkeit entwickelt hat. Es ist nicht nötig, den Namen dieses Kronzeugen für den ethisch ästhetischen Charakter der„Vorwärts"-Redakteure zu nennen, schon aus den Andeutungen des vorigen Artikels konnte jedermann ent nehmen, wer gemeint ist: E d u a r d B e r n st e i n hat das Pech gehabt, trotz aller seiner nüchternen ökonomischen Grundrichtnng in der lebhaften Erinnerung an den Tod von Friedrich Engels in Stimmung zu geraten. Einen weiteren Beweis für den Charakter der e.-ä. Redakteure, die nicht das Glück haben, immer mit Kautsky einer Meinung zu sein, bildet ihre Vorliebe für„Sensationen". Das Ueber wiegen des ethischen Interesses verführe diese Partei-Schrifv steller zur Oberflächlichkeit und Sensattonssucht, zur Unterschätzung des Forschens nach den Gründen der Erscheinung. Dieses Wort von den Sensationen, das man zuerst in Leipzig gehört hat, wird nun jetzt auch bereits recht reichlich nachgepfiffen, zu oft, als daß es noch erregen könnte. Dieses neu aufgekommene Schlagwort von den Sensationen ist noch sinnloser wie andere. Schließlich wird man den Halsbandprozeß der großen französischen Revolution auch als eine blöde Sensation nachträglich aus der Weltgeschichte streichen Was nach Leipzigs Vorgang sind die Scheinwerfer der unserer Zeit, in denen sich die Natur der gegenwärtigen Tatsache also, daß Sensationen im„Vorwärts" behandelt werden, will nichts besagen. Es käme nur darauf an, ob Kautsky nachweisen könnte, daß sie lediglich sensationell behandelt würden. Kautsky unterläßt diesen Nachweis. Er erwähnt lediglich den Ruhstrai Prozeß— auch Ruhstrats Pokerspiel ist uns schon wiederholt vor« geworfen worden— und er scheint zu meinen, daß diese Affäre nicht die Beachtung verdiene, die sie hat. Wir meinen allerdings, daß die Erscheinung der Abhängigkeit der ganzen Justiz eines Einzelstaates von der Spielleidenschaft eines Ministers eine wichtigere Angelegenheit sei, als etwa die Paschalaunen eines Theaterdirektors, die auch schon zu langwierigen prinzipiellen Aus einandersetzungen Anlaß gegeben haben. Der Ruhstratprozeß war umso wichtiger, als in ihm das Wesen unserer bürgerlichen Justiz in allen ihren Beziehungen zutage trat. Und wieder will eS das mangelhafte Stilgefühl Kautskys, daß er abermals als corpus delicti für e.-ä. Entrüstung Artikel wählt, die z. T. von„Vorwärts" Redakteuren geschrieben sind, denen auch Kautsky nachrühmt, daß sie das ökonomisch-historische Denken des entschiedenen Marxismus beherrschen. Gerade die— wir meinen mit Recht— sittlich ent rüsteten Bettachtungen stammen aus dieser Feder, während der ethisch-ästhetische Redakteur in den Erörterungen, die er einem der Ruhstrat-Prozesse gewidniet hatte, ans die j u r i sti sch e n Ungeheuerlich keilen der Prozedur in erster Linie aufmerksam machte. Wenn also Kautsky durchaus bei der Auffassung bcharrt, daß im„Vorwärts die e.-ä. Betrachtung überwiegt, so muß er diese Anklage auch gegen Redakteure erheben, die sich nach ihm durch ihre ökonomische Durchs bildung, durch das Ticfergraben, durch den Blick für das Wesen der Dinge, durch ihren Mangel an Oberflächlichkeit vorteilhast von den Gefühlssozialisten unterscheiden. Indessen Kautsky verstrickt sich noch stärker in seine neue Ent deckung von Parteirichtungen. Der„Vorwärts" soll davon geträumt haben, die Sozialdemokratie könnte einmal einen solchen Eindruck auf die öffentliche Meinung hervorrufen, daß nur wenige Prozent der Bevölkerung uns entgegen und diese wenige Prozent durch ihre Isolierung zur Ohnmacht verurteilt werden. Ei der Tausend! Die allerältesten Wahrheiten der sozialdemokratischen Auffassung werden plötzlich bei Kautsky zu gefiihlssozialistischen Träumereien, sobald er die Meinung hat, daß die alten Wahrheiten von der e.-ä.*) Gruppe wiederholt werden. Kautsky spielt in seinem etwas unvollständigen Zitat offenbar auf einen Satz der„Vorwärts"-Kritik des Roland Holstschen Buches an, in dem es hieß:«Die Macht der Reaktton beruht auf proletarischen Wählern, die eigentlich zu uns gehören und ohne die kein Reakttonsstreich möglich ist. Es bleibt daher die wesentliche Aufgabe der Sozialdemokratie, die ihr noch ver- ständniSlos gegenüberstehenden Massen mit Verständnis zu erfüllen, oder doch wenigstens einen solchen Einfluß auf die öffentliche Meinung hervorzurufen, daß die wenigen Prozent derer, welche durch ihre bevorzugte Stellung in der heutigen Ordnung der Dinge naturgemäß Feinde der Arbeiterbewegung und aller Volksrcchte sind, zur Ohnmacht verurteilt sind." Das soll nun e.-ä. sein. Wenn wir nicht sehr irren, hat am Beginn der modernen Arbeiter- bewegung niemand anders wie Lassalle gerade dieses Argument mit dem größten Nachdruck immer wieder in die Massen geworfen— ein Gefühlssozialist I Kürzlich hat Bebel geäußert: was man denn von uns verlange, wir hätten ja erst drei Millionen Wähler, man solle nur warten, bis wir sieben Millionen haben. Wahrscheinlich auch ein Gefühlssözialist I Solange eine Arbeiterbewegung besteht, solange es einen niodernen wissenschaftlichen Sozialismus gibt, ist das eines unserer Hauptargumente. Die wirtschaftliche Entwickelung führe dahin oder habe schon dahin geführt, daß nur wenig Prozent der Bevölkerung an der Aufrechterhaltung der jetzigen ökonomischen RechtSzuständc interessiert seien— daS sind die berühmten vier Prozent.von denen Lassalle chon gesprochen hat—. daß die große Masse ihrer Klassenkage nach an der Aufhebung dieser Gesellschaft, nicht das ethisch-ästhetische, andern das allerdringlichste ökonomische Interesse habe, während eine Schicht nicht unmittelbar am Klassenkampfe und an *) Abkürzung für ethisch-ästhetisch der Ausbeutung Beteiligter neuttalisiert oder sympathisch gestimmt werden könnte und müßte. Diese fundamentale Erkenntnis der internationalen Sozialdemokratte, diese in Tausenden von Artikeln, Broschüren, Reden immer wiederholten Gedanken brauchen nur im „Vorwärts" zu stehen, und Kautsky bucht sie als Beweis für das mangelhafte ökonomische Denken der schuldigen Redakteure. Uns dünkt, als ob damit Kautsky die ganze Geschichte der Sozialdemo- kratie zu einer e.-ä.-Gefühlsepisode umwertet I Unser bisheriger Befund war also: die einen von Kautsky an- geführten Beweisstücke konnten als Ueberführung der von ihm auf die Anklagebank gesetzten, des Gefühlssozialismus peinlich be- schuldigten Redaktcure nicht gelten; die anderen bestanden in der Wiederholung ältester und nichtigster Grundsätze der marxistischen Sozialdemokratie. Wir werden nunmehr auch sehen müssen, daß weitere Beweisstücke nur dadurch möglich werden, daß Kautsky leider nicht ethisch-ästhetich, sondern allzu— ökonomisch zitiert. Hiiö der Partei. Die„Borwärts"-Frage. Der sechste Artikel der„Leipziger Volksztg." lautet: In den ersten Fahren nach dem Halleschen Parteitage suchte der„Vorwärts" den Aufgaben eines Zentralorgans in dem Sinne gerecht zu werden, worin er als solches gegründet worden war. So in dem Streite mit der faktiösen Opposition der„Jungen", so in dem Streite mit Vollmar über den Staatssozialismus. Mer es dauerte nicht lange, bis ihm die Dinge über den Kopf wuchsen. Da wir schlechterdings keine polizeilichen Neigungen und Talente haben und keine Register über die etwaigen Fehlgriffe anderer Parteiblätter führen, so wissen wir den Zeitpunkt, wo es andtrs wurde, nicht genau anzugeben, und auf Stunde und Tag oder auch nur auf Woche und Monat läßt er sich auch schwerlich feststellen. Genug, daß spätestens im Jahre 1895, also vor nun- mehr zehn Jahren, als mit der Agrardebatte die großen Aus- einandersetzungen in der Partei begannen, die seitdem nie wieder aufgehört haben, der„Vorwärts" jeden Anspruch auf und jeden Versuch zur politischen Führung der Partei mifgegeben hatte und nur noch das große Sammelbecken war. in dem alle möglichen An- sichten zusammenflössen und aus dem sich jeder nahm, was ihm be- hagte. Der„Vorwärts" sammelte, was an verschiedenen Meinungen in der Partei laut wurde, aber er tat von allen Parteiblättern am wenigsten dazu, die Lage zu klären. Begreiflich genug, daß dies gänzliche Versagen des Zentral- organs bittere Klagen und Proteste hervorrief. Man schob zunächst die Schuld auf die Redaktion, in mancher Beziehung vielleicht mit Recht, worauf wir noch zurückkommen, im Wesen der Sache jedoch mit Unrecht. Die geistige Entwickelung der Partei war viel zu be- wegt, viel zu mannigfaltig, viel zu reich, die Aufgaben, die an sie herantraten, waren viel zu groß und verwickelt geworden, als daß eine einzelne, noch so große Tageszeitung leitend über ihnen stehen konnte. Die Partei hatte ihre wissenschaftliche Literatur, sie hatte eine ganze Reihe von Tageszeitungen, die, wenn auch mit weniger reichen Mitteln ausgestattet, so doch dem„Vorlvärts" geistig voll- kommen ebenbürtig waren; aus den verschiedensten Quellen speiste sich das innere Leben der Partei und eben erst in dieser Mannig- faltigkeit spiegelte es sich vollständig Wider; was sollte oder wie konnte da noch ein Zentralorgan über den bewegten Wassern schweben? Erläutern wir die Sache an dem ältesten und dem neuesten Beispiele! Wenn man bedenkt, welche Fülle der Debatten, welche Masse wissenschaftlicher Literatur die Agrarfrage seit zehn Jahren erzeugt hat, so ist eS klar, daß der„Vorwärts" in dieser Frage nicht von vornherein als tonangebendes Zentralorgan sprechen konnte. Er konnte sich an den Debatten beteiligen, wie jedes andere Blatt, aber er konnte es nicht mit irgendwelchem autoritativen Anspruch. Seine Eigenschaft als Zentralorgan erwies sich nun als eine Fessel, die seinen Mund schloß. Oder nehmen wir die gegenwärtige De- batte über den Massenstreik! Das Buch der Genossin Roland-Holst ist für diese einzelne Frage ein wahres Muster, wie ein Zentral- organ die Diskussion vorbereiten müßte, indem es alles historische Material sammelte, in seinen inneren Zusammenhängen erläuterte, alle Einwände beleuchtete und die Frage gewissermaßen spruchreif machte. Allein die Schrift der Genossin Roland-Holst ist das Produkt einer langen und langwierigen Arbeit, die während vieler Monate konzentricrtesten Nachdenkens in der Studierstube geleistet worden ist, aber sich im Drange und in der Hast des täglichen Kampfes,' den daS'Zcntralorgan zu führen hat, nicht leisten läßt. Dazu kam, daß sich der Parteivorstand auch historisch gewandelt hatte. Hatte er früher einen entscheidenden Anteil an der geisttgen Entwickelung der Partei genommen, so jetzt nicht mehr, und je mehr sich die inneren Gegensätze der Partei entfalteten, die doch eine unumgängliche Bedingung ihres geistigen Fortschritts sind, um so größere Reserve legte er sich auf. DaS war nicht nur sein Recht, sondern auch seine Pflicht. Die einzelnen Mitglieder des Partei- Vorstandes können durch ihre sonstige Parteitätigkeit einen größeren oder geringeren Einfluß auf die geisttge Entwickelung der Partei ausüben und haben ihn ausgeübt, aber der Parteivorstand als solcher kann es nicht, ohne die vorhandenen Gegensätze in unerträglicher Weise zu verschärfen. Es ist unserem Parteivorstande nur zu danken. daß er niemals auch nur den leisesten Versuch gemacht hat, sich als eine Art Oberzensurbehörde aufzuspielen. Jedoch auf der anderen Seite darf man nicht übersehen, daß dadurch ein klaffender Wider- spruch entstand zwischen seinen Aufgaben und den Aufgaben deS Zentralorgans, das seinen Direktiven unterstand. Nicht als ob wir damit sagen wollten, daß der Parteivorstand das Ausscheiden des„Vorwärts" aus den prinzipiellen Meinungs- kämpfen der Partei je gewünscht oder auch nur begünstigt hätte. Im Gegenteil! Mitglieder des Parteivorstandes haben sich oft genug öffentlich in bitterster und schärfster Weise darüber ausgesprochen. Allein hier berühren wir einen der Punkte, deren richtige oder doch erschöpfende Würdigung nur aus einer genauen Kenntnis des Zeitungswesens zu gewinnen ist, die offiziöse— wir nehmen hier das Wort ohne jeden kränkenden Nebensinn— die offiziöse Abhängigkeit von einer offiziellen Körperschaft, die doch immer gewisse Rücksichten nehmen mutz, hat noch keinem Blatte gut getan, hat noch jedem Blatte sozusagen die Kehle zugeschnürt. Als wir diesen Punkt einmal vor einer längeren Reihe von Jahren im Gespräche mit einem Mitgliede des Parteivorstandes berührten, wurde uns mit einer ge- wissen Entrüstung erwidert:„Aber wo denken Sie hin? Niemand wäre so glücklich, wenn der„Vorwärts" ein scharfes Prinzipicnblatt wäre, wie wir. Es ist ja unser lebhaftester Wunsch, und wir legen ihm nicht einen Strohhalm in den Weg." Das ist heute zweifellos 'o richtig wie es damals war, aber in solchen Verhältnissen spielen tausend Imponderabilien mit; schon der Gedanke, mit einem falschen Urteil, mit einem unvorsichtigen Worte bis zu einem gewissen Grade gleich die oberste Parteibehörde festzulegen, wirkt gerade auf eine pflichtgetreue Redaktion lähmend. Alle die Gründe, die in Halle und 'onst für die völlige Unabhängigkeit der Parteipresse vom Partei» vorstand geltend gemacht worden sind, traten auch für den„Vor- wärts" in Kraft, sobald sich das frühere Verhältnis zwischen Partei« leitung und Zentralorgan überlebt hatte. Seitdem der„Vorwärts", spätestens bei dem Beginn der Agrardebatten vor zehn Jahren, sich selbst aus der Parteidiskussion ausschied, die zu leiten und zu regeln sein Beruf war, ist er im wesentlichen dabei geblieben, nur daß es. wie allemal auf einer chiefen Bahn, immer weiter abwärts ging. Waren die Uebersichten. sie er über die Meinungen anderer Partciblätttr gab. früher wenigstens so objektiv zusammengestellt, daß man ein wirkliches Bild bekam, so werden die Parteinachrichten des„Vorwärts" heute mit einer Illoyalität redigiert, von der wir zur Ehre der Partei- presse sagen müssen, fess sie in isse ganz'einsam steht. Es blieü. Ivie es neulich ein Arbeiter in einem Artikel der„Dortmunder Arbeiterzeitung" kennzeichnete, bei der„diplomatischen Reserve", bei der„Neutralität", bei der„altbeliebten Methode, lvohl ein Amt, aber keine Meinung zu haben". Mandat die wunderbarsten Theorien aufgestellt, um zu be- tneiseu, daß dies Ausscheiden des„Vorwärts" aus der prinzipiellen Parteidiskussion das eigentliche Prinzip eines Zentralorgaus sei. Man hat gesagt, in einem Zentralorgan müsse jede Schattierung der Partei repräsentiert sein und da könne es nicht ausbleiben, daß ein Redakteur dem anderen den Weg vertrete. Oder man hat auch gesagt, ein Zentralorgan habe solche Wucht an sich, daß es, wenn es nachdrücklich in tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten eingreife, die Partei sprengen könne. Ueber all das brauchen wir kein Wort zu verlieren, denn bei objektiver Beurteilung der Sachlage dürfte es keine Meinungsverschiedenheit in der Partei geben, sowohl darüber, daß, wenn ein Zentralorgan sein soll, der Hallesche Partei- tag die Aufgaben eines solchen Blattes ganz richtig bestimmt, als auch darüber, daß der„Vorwärts" seit mindestens zehn Fahren diese Aufgaben vollkommen vernachlässigt hat. Das wäre nun an sich noch nicht das schlimmste. Wäre der heutige„Vorwärts" in der Weise geschaffen worden, wie sein früherer Namensbruder, so hätte er längst das Schichal erlitten, vor dem dieser durch das Sozialistengesetz bewahrt wurde, das ihn mit einem Schlage tötete, während er sonst an chronischer Abon- ncutenschwindsucht gestorben wäre. Davor war der jetzige„Vor- Ivärts" gesichert/ da man ihn als Zentralorgan mit der größten und stärksten Tageszeitung der Partei verbunden hatte. Allein sein gänzliches Fehlschlagen als Zentralorgan wirkte nun auch verhäng- nisvoll eben auf dieses größte und stärkste Preßorgan der Partei zurück. Wie ähnliche Ursachen immer ähnliche Wirkungen erzeugen, so rief die prinzipielle Entwurzelung des„Vorwärts" in ihm Tendenzen wach, die eine verzweifelte Aehnlichkeit mit den Tendenzen der bürgerlich-radikalen Presse zur Zeit des preußischen Bcrfassungs- konfliktcs hatten. Wir wollen sie hier nur kurz nach zwei Richtungen skizzieren: Nach der Ueberschätzung des Parlamentarismus und nach der rein moralischen und eben deshalb politisch wirkungslosen Kritik der Gegner, *» � Mit der„Leipziger Volkszeitung" darüber zu streiten, ob wir in wichtigen Parteifragen Stellung genommen haben oder nicht, ist ja ganz zwecklos. Nur zu der Behauptung, die Parteinachrichten des„Vorwärts" seien mit einer Illoyalität redigiert, die in der ganzen Parteipresse einsam dastehe, eine Bemerkung. Zu den jetzigen Auseinandersetzungen— um bei der Gegen- wart zu bleiben— haben ivir folgende Preßäußerungen nicht zitiert:„Volblatt" für Halle,„Volkswille" in Hannover, „Volkswacht" in B r e s l a n(mehrere Nummern),„Rheinische Zeitung" in Köln(zwei Nummern),„Volksfreund", Karlsruhe,„Man n- heimer Volksstimme"(zwei Nummern),„Reußische Tribüne" in Gera,„Norddeutsches Volksblatt" in Bant,„Offenbacher Abendblatt",„Volksblatt" für Kassel,„Bergische Arbeiterstimme" in Solingen,„Bielefelder Volkswacht". Von diesen Blättern ist einzig das letztgenannte auf die Seite der„Leipziger Volks- zeitung" getreten— und wird darum natürlich sofort von dieser zitiert— alle anderen haben in mehr oder minder scharfen Artikeln ihrer Entrüstung über den Zweck und den gegen den„Vorwärts" geführten Kampf Ausdruck gegeben. Außerdem waren wir so illoyal. von mehreren Kreiskonferenzen nicht mitzuteilen, daß sie sich gegen die„Leipziger Volkszeitung" ansgesprochenjijaben. Zu der Briefkastennotiz„Aus dem Rheinlande" erklärt die „Leipziger Volkszeitung", daß dicsZuschrist bei ihr am 2. September eingelaufen ist und sich noch in ihren Händen befindet. Hm Induftric und Handel. Preissteigerung der Lebensmittel. Die Erwartung, daß in der Preissteigerung am Warenmarkte ein Stillstand eintreten werde, hat sich nicht erfüllt: im Laufe des August haben vielmehr die Preise für die wichtigsten Lebensmittel wieder stark angezogen. Zu der Belastung des Arbeiterhaushalts durch die Fleischteuerung, die bei einem täglichen Verbrauch von insgesamt nur Vi Pfund Fleisch und Fleischwaren wöchentlich über eine Mark beträgt, tritt eine bedeutende Mehrausgabe für eine Reihe anderer Haushaltsbedürfnisse. Diese ungewöhnliche Preissteigerung am deutschen Warennmrkttritt bei einem Vergleich mit anderenLäudern deut- lich hervor. In Frankreich z. V. steht das Preisniveau der wichtigsten Lebensmittel fast durchweg unter dem des Vorjahres. Gerade im Gegensatz zu Deutschland hat hier Fleisch gegenüber 1904 eine erhebliche Verbilligung erfahren: für 1 Kilo wurde im Durchschmtt für, alle Sorten 1904 1,79 Frank bezahlt, 1905 dagegen nur 1.Ä Frank(1.32 Mark). Speck ging von 1.73 Frank 1904 auf 1,70(1.36 Mark) im laufenden Jahre zurück. Butter notierte 1904 pro Kilo 2,94 Frank gegen 2.79 im Jahre 1903. Aehnlich ist die Velvegung der Lebensmittelpreise in Belgien. In Antwerpen wurde im Jahre 1904 durchschnittlich für 1 Kilo Rindfleisch 2,00—2,50 Frank bezahlt, 1905 dagegen 1,60—2,50. Bei Schweinefleisch blieb der Preis gleich; in Brüssel schwankte er zwischen 2,00 und 2,46 Frank 1904, im laufenden Jahre zwischen 1,80 und 2,40 Frank(1,92 Mark). Butter ist gleichfalls billiger geworden. In Deutschland ist dagegen nirgends ein Herabsinken des Preises zu bemerken. Selbst bei Getreide ist die Preisbewegung relativ ungünstig. Während nämlich Weizen niedriger als im Vor- jähre notierte, steht Roggen trotz des kleinen Preisabschlags von Ende Juli auf Ende August ganz bedeutend über dem Nivean des Vorjahres. Eine Tonne Roggen kostete Ende August 1904 139 M., Ende August 1905 jedoch noch 153 M. Auch bei Hafer hat trotz der nahen Erntezeit der Preisfall von Juli auf August längst nicht die Differenz gegenüber 1904 ausgleichen können. Weizen- und Roggenmehl folgten der Bewegung am Getreidemarkt: Weizenmehl ist etwas billiger als 1904, Roggenmehl nicht un- bedeutend teurer. Bei Kartoffeln ist die Preissteigerung des Vor- jahreS vollständig ausgeglichen; dagegen haben die Preise für Butter und Eier wieder äußerst stark angezogen. 50 Kilogramm Butter kosteten Anfang September 1905 98—126 M., 1904 notierten sie in der gleichen Zeit 95—120 und 1903 nur 85—115 M. Schon im Juli hatte der Preisaufschlag zirka 7—3 M. betragen. Eier sind weit teurer als im Vorjahre. Bei Gemüse, so bei Erbsen. Bohnen, Linsen ist gleichfalls das Preisniveau höher als 1904. Zucker hat sich, wie schon im Juli angesichts der Vorräte, der Ernteaussichten und der Konsumgestaltnng vorauszusehen war, verbilligt. Der Preis für Kaffee stieg gegenüber der Vergleichszeit 1904 nicht unbeträcht- lich:'/z Kilo kostete Ende August 1904 36»/« Pf-, Anfang September 1905 dagegen 39�._ Erhöhung des Diskonts der Bank von England. Die Bank von England hat ihren Diskont um>/z Prozent, von 21/2 auf 3 Prozent erhöht. Fast regelmäßig treten zum Herbsttcrmin stärkere Anforde- rungen an das Institut heran, und außerdem rechnet man am englischen Geldmarkt mit der Wahrscheinlichkeit, daß die japanische Re- gierung ihre Guthaben, die sie noch aus den letzten Anleihen in England hat, zurückziehen wird, um damit ihre verschiedenen Ver- bindlichkeiten gegenüber amerikanischen und europäischen Gläubigern sowie die bedeutenden Kosten des Riicktransportcs der in der Mandschurei stehenden Truppen zu decken. Diesem zu erwartenden Geldabsluß wird durch die Diskonterhöhung Rechnung getragen. Zweifellos wird die Deutsche Reichsbank in kurzem dem Bei- spiel �der englischen Bank folgen und auch ihrerseits den Diskontsatz erhöhen, zumal ihre Mittel in letzter Zeit beträchtlich in Anspruch genommen worden sind. Voraussichtlich wird die Diskonterhöhung am Montag erfolgen. Welt-Gctrcidccrnte. Das ungarische Ackerbauministerium ver- öffcutlicht seine Ernteschätzung, die deshalb besondere Beachtung ver- dient, weil sich die in den letzten Jahren von diesem Ministerium genannten Schätzuugsziffern als ziemlich zutreffend erwiesen haben. Die vom Ackerbauministerium veröffentlichte Schätzung der Welt- ernte veranschlagt die diesjährige Ernte in Ungarn an Weizen auf 46,16 Doppelzentner, an Roggen auf 14,27, Gerste 14,13, Hafer 12,63, Mais 27, wovon für die Ausfuhr verfügbar sind an Weizen 14,5, Roggen 2,8, Gerste 2,5, Hafer 2,8 und Mais 2,5 Mlllioiien Doppelzentner. Von deir Staaten, welche der Getreideeinfuhr bedürfen, werden angeführt(in Millionen Doppelzentnern): Großbritannien Weizen 58, Gerste 14,5, Hafer 9, Mais 25,5; Frankreich Weizen 11, Mais 3,5; Deutschland Weizen 21,5, Roggen 10, Gerste 5,5, Hafer 15,5, Mais 9,5; als der Einfuhr bedürfende Staaten werden ferner aufgezählt Oesterreich, Italien, Belgien, Niederlande, Schweiz, Dänemark, Schweden, Norwegen, Spanien, Portugal, Griechenland. Es ergibt sich folgender Gesamteinfuhrbedarf in Millionen Doppelzentnern: Weizen 151, Roggen 24, Gerste 42, Hafer 25, Mais 59,5. Die Gctrcideausfuhrstaaten, außer Ungarn, verfügen über folgenden Ueberschuß: Rußland Weizen 27,5, Roggen 7, Gerste 19, Hafer 6,5, Mais 3,5; Rumänien und Bulgarien Weizen 14; Ostindien Weizen 11; Vereinigte Staaten Weizen 32,5, Gerste 2,25, Mais 33,5; Argentinien Weizen 29, Mais 19 Millionen Doppelzentner; der Gesamtüberschuß der Ausfuhrstaaten wird an- nähernd geschätzt au Weizen auf 149, Roggen 13,5, Gerste 31,5, Hafer 16,5, Mais 65,5 Millionen Doppelzentner. Somit ergibt sich ein ungedeckter Einfuhrbedarf an Weizen von 5,40, Roggen 10,5, Gerste 11,8, Hafer 8,35, hingegen an Mais ein Ueberschuß von 7,5 Millionen Doppelzentner. Das diesjährige Er- trägnis sämtlicher Körnergattungen beträgt 2338,41 gegen 3017,6 Millionen Doppelzentner im Vorjahre; somit ergibt sich ein Minderertrag von 79,2 Millionen Doppelzentnern gegen das Vor- jähr. Von dem Gesamtertrag fallen auf Weizen 868,38(gegen 866,10), Roggen 391,20(gegen 460.90). Gerste 286.33(gegen 300,70), Hafer 501,17(gegen 547,50), Mais 891,33(gegen 842,40) Millionen Doppelzentner. Das Minderergebnis Europas findet seine Deckung in den Vorräten vom vorigen Jahre, welche nach der Welt- statistik betragen an Weizen 31,45, Roggen 19,5, Gerste 6,65, Hafer 23,60, Mais 9,95. Der Einfuhrbedarf Europas wird durch die überseeifchen Staaten, insbesondere durch die reichenErnteerträgnisse derVereinigten Staaten gedeckt, aus denen eine größere Einfuhr erwartet wird. Der Stahlwerksvcrband hielt gestern in Düsseldorf seine Haupt- Versammlung ab, in der nach der Meldung der„Köln. Ztg." eine günstige EntWickelung des Formeisengeschäfts konstatiert wurde. Der Absatz hat sich sowohl im Jnlande als nach dem Auslande recht flott gestaltet. Auch nach Halbzeug ist die Nachfrage fortgesetzt stark. Genaue Ziffern liegen für den Monat August noch nicht vor, doch darf gegen den Vormonat ein Mehrversand von 15—20 Proz. an- genommen werden. Bezüglich des Eisenbahnbaumaterials war der Verband in der Lage, dank der größeren Aufnahmefähigkeit des Auslandes den Versand gegen die gleiche Zeit des Vorjahres ganz erheblich zu erhöhen und zugleich bessere Preise zu erzielen. Da- gegen entspricht das Jnlandsgeschäft nicht den Erwartungen. Die preußischen Staatsbahnen bestellten über 30 000 Tonnen Schwellen weniger als im Vorjahr. Die Versammlung nahm die Bismarckhütte, die Oberschlesische Eisenindustrie, Aktiengesellschaft in Gleiwitz, die Firma A. Borsig in Borsigwerk, die Bethlen-Falvahütte, A. Schönawa, Hoffnungshütte in Ratibor-Hammer als Mitglieder in den Stahlwerksverband auf. Hm der Frauenbewegung. Adlershof. Der Verein für Frauen und Mädchen hält Montag, den 11. September, bei Wöllstein seine Mitgliederversammlung ab. Vortrag des Herrn Paul Jahn über:„Das menschliche Glück und die soziale Frage"._ Gewerkfchaftlicbea. Strenge und milde Richter? In Plauen standen dieser Tage mehrere Bauarbeiter vor Gericht. Sie sollen sich an Streikbrechern vergangen haben. Ein„Arbeitswilliger" namens Stürmer behauptet, der Streikposten S ch r ö p l e r habe ihm erst mit der Hand, später mit einem G u m m i s ch l a u ch ins G e s i ch t geschlagen. Gesehen hat das niemand, obgleich zurzeit des Vorfalles viele Streikende und in kurzer Entfernung auch eine Anzahl Kollegen des Arbeitswilligen zugegen waren. Wenn die Schläge erfolgt sind, können sie auch nur gewissermaßen „symbolisch" gewesen sein, denn der Arbeitswillige hat von diesen Schlägen ins Gesicht keinerlei Spuren davongetragen. Anderen Tages war er im Streikbureau und niemand bemerkte an ihm irgend eine Verletzung. Das Landgericht in Plauen erkannte auf vier Monate Gefängnis!— Dann mußte sich vor demselben Gericht der Bauarbeiter S ö r g e l verantworten, den der Maurer Schneider aus Altensalz beschuldigt, daß er ihm von hinten mit einem Gummischlauch über den Kopf geschlagen habe. Der hinzu- gekommene Schutzmann Bartel hat keinen solchen Schlag ge- sehen, und weder bei deni Angeklagten noch in der Umgebung des Tatortes einen Gummischlauch finden können. Verletzungen hat der Geschlagene nach seiner eigenen Aussage ebenfalls nicht davongetragen. Urteil: Sechs Monate Gefängnis. Nun ein ander Bild: Ein Zimmermeister in Augsburg nannte während der Lohnbewegung der dortigen Zimmerer den Ortsvorsitzenden des Verbandes mit Bezug auf den eingereichten Tarif einen „Schlacken"(einen dummen, tölpelhaften Menschen). Ter so Titulierte klagte wegen Beleidigung. Aber das Schöffen- gericht sprach den Meister frei, da mit diesem Ausdrucke der Arbeiter nicht beleidigt sein konnte I Das Landgericht konnte sich in der Berufungsinstanz nicht einig werden, ob „Schlack" eine Beleidigung sei; sprach aber den Meister ebenfalls frei, weil er so stark betrunken gewesen sein soll, daß ihm das Bewußtsein der Be- lcidigung gefehlt habe! Sächsische Richter verhängen also schwere Strafen über Arbeiter, deren Schuld nicht einmal ganz zweifelsfrei er- »Viesen ist; schwäbische Richter sprechen einen Unternehmer frei, dessen kräftige Ausdrucksweise von ihnen zweifellos als Beleidigung aufgefaßt worden wäre, wenn sie der abgewiesene Kläger in bezug auf sie gebraucht hätte. Auf der einen Seite sehr strenge, auf der anderen so milde Richter. Sind die derben Schwaben nachsichtiger als die„gemiet- lichen" Sachsen? Oder hatten die Arbeiter Pech, der Unter- nehmer aber Glück in der Zusammensetzung des Gerichtshofes? Ach nein! Die Arbeiter hätten in Schwaben auch eine schwere Strafe, der Unternehmer in Sachsen ebenfalls ein wohlwollendes Gericht gefunden I Das macht der Klassengegensatz. Der bürgerliche Richter sieht aus Klasseninstinkt die Handlungen des Unternehmers, wenn auch vielleicht als ungesetzlich, so doch als menschlich be- greiflich an, streikende Arbeiter aber erscheinen ihm gewöhnlich als freche Empörer gegen eine Ordnung, zu deren Stütze er sich besonders berufen fühlt.— Nicht strenge oder milde Richter sitzen dem gewerkschaftlich tätigen Arbeiter gegenüber. wenn er die Anklagebank betritt, sondern Verteidiger der gegenwärtigeu gesellschaftlichen Einrichtungen.— Will er sich und seiner Klasse ihr Menschenrecht erringen helfen, so nmtz er auch ein Klassenkämpfer werden! Lerlin iinck llmgegenck. Der nene Tarifvertrag für das Kürschnergcwervc. Der Beschluß der Versammlung der Streikenden, vorläufig keine Ueberstuuden zu macheu, und wenn später Ueberzeitarbeit geleistet wird, die Pausen bezahlt zu verlangen, hat einen Protest des Vorstandes des Arbeit- geberverbandes hervorgerufen. Gleich nachdem der„Vorwärts"- Bericht erschienen war, erklärte der Vorsitzende Arthur Wolf dem Vorsitzenden des Berliner Kürschnerverbandes R e g g e telephouisch und später schriftlich, daß er diesen Beschluß als den Ab- machungen zuwiderlaufend ansähe und daß, wenn man darauf beharre, der Arbeitgeberverband Gegenmaßregeln ergreifen werde. Am Mittwoch fand eine öffentliche Kürschner- Versammlung statt, in der Regge über diese Angelegenheit sowie über den Tarifabschluß im allgemeinen berichtete. Nach gründ- licher Debatte wurde folgende Resolution angenommen, die wohl geeignet erscheint, auch jene Differenz zu beseitigen: „Die öffentliche Versammlung der Kürschner beider Organi- sationen erklärt sich mit den Beschlüssen der Streikenden vom Montag, den 4. September, somit mit dem Abschluß des Vertrages mit dem Arbeitgeberverbande einverstanden.— Bezüglich der Einwendungen des Arbeitgeberverbandes vom 6. September erklärt die heutige Versammlung, daß sie sich strikte nach 8 4 des Vertrages richtet, jedoch die Organisation nicht die Macht hat, das einzelne Mitglied zu Ueberstunden zu zwingen.— Die Versammlung erklärt den Streik für beendet. Die Werkstätten derjenigen Arbeitgeber, die dem Arbeitgeberverbande nicht angehören und die Forderungen nicht unterschriftlich anerkannt haben, bleiben gesperrt. Nach wie vor erklären die Versammelten, Arbeit nur durch die Arbeitsnachweise der Organisationen anzunehmen." Die Lohnbewegung der Posamentiere hat, ohne daß eine Arbeits- niederlegung nötig wurde, zum Abschluß eines Tarif« Vertrages zwischen den Arbeitern und der Jnming geführt. Nach mehrfachen Verhandlungen des Gesellenausschusses mit dem Jnnungs» Vorstande machte die Innung folgende Zugeständnisse: Die bisher 54— 56>/z stündige Wochenarbeitszeit soll vom 11. September dieses Jahres ab allgemein auf 53 Stunden verkürzt werden. Gleich- zeitig ist der M i n d e st l o H n auf 55 Pf. pro Stunde bemessen worden.(Bisher bewegten sich die Lohnsätze in der Regel zwischen 45 bis 52 Pf.) Wo höhere Löhne bestehen, darf keine Kürzung er- folgen. Ein wichtiges Zugeständnis ist die Abschaffung der Akkordarbeit. Ferner wurde bewilligt die Freigabe des e r st e n Mai für alle, die ihn feiern wollen. Für Ueberstunden bis zu zwei pro Tag wird ein Zuschlag von je 15 Pf. und über zwei resp. Sonntagsarbeit je 30 Pf. gewährt. Fehlstunden, die durch Blaumachen ec. entstehen, sollen jedoch ohne Zuschlag auf die Ueberstunden verrechnet werden. Obige Zugeständnisse hatte die Innung unter der Be- dingung gemacht, daß die Vertragsdauer auf 4 Jahre, bemessen werde. Ueber diesen Punkt entspann sich in der beschlußfassenden Branchenversammlung der Posamentiere am Mittwoch, woselbst auch mehrere Jnnungsmeister anwesend waren, eine lebhafte Debatte, in der u. a. der Zentralvorsitzende des Textil- arbeiter-Verbandes Hübsch erklärte, er sehe unter Würdigung des sonstigen Entgegenkommens der Arbeitgeber in der vierjährigen Vertragsdauer keinen Grund zur Ablehnung des Jnnungs- Vorschlages; man brauche es deswegen also auch nicht zum Streik kommen zu lassen. Die Abstimmung ergab sodann die Annahme des Jnnungsvorschlages mit 85 gegen 55 Stimmen, womit der Gesellenausschuß beauftragt wurde, den Vertrag mit der Innung endgültig abzuschließen._ Achtung, Rohrleger und Helfer! Der Betrieb von Kunze u. C i e. ist frei und demnach die Bauten Brunnenstraße 9 und Köpenick, Berlinerstraße 1, nicht mehr gesperrt. Deutscher Metallarveiter-Vervand. Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Dachdecker! Da die bei der Firma Schneider, Danzigerstraße 63a, ent- standenen Differenzen nicht erledigt sind, ist die Werkstelle gesperrt. Es wird ersucht, dieselbe zu meiden. Zentralverband der Dachdecker. Ortsverwaktung Berlin. Deiitkcbes Relefa. Der Streik der Kölner Klempner und Installateure ist am Mittwoch unter ähnlich günstigen Bedingungen wie vor einigen Tagen der Streik der Dachdecker und Bauklempner zu Ende ge- gangen. Zwischen dem Deutschen Metallarbeiter-Verband und der Unternehmerorganisation kam eine Vereinbarung zustande, wonach die Arbeitszeit 9>/z Stunden dauert, bis im übrigen Kölner Bau- gewerbe die neunstündige Arbeitszeit eintritt. Sonnabends wird eine halbe Stunde, vor hohen Feiertagen zwei Stunden früher Feierabend gemacht. Der Lohn unterliegt im ersten Jahr nach beendeter Lehrzeit der fteien Vereinbarung, im zweiten Jahr beträgt er 36, in, dritten 40 Pf., dann 50 Pf.; am 1. Januar 1906 steigt der letztere auf 53, am 1. Januar 1907 auf 56 Pf. Besonders schmutzige Arbeit wird höher bezahlt. Die die vereinbarten Löhne schon haben, erhalten 3 Pf. pro Stunde Zulage. Ueberstunden werden 20 Proz., Nacht- und Sonntagsarbeit 5g Proz. höher be- zahlt. Als Arbeitsnachweise gelten der städtische, der der Unter- nehmer und der der Gewerkschaften. Der Tarif gilt bis 1. Mai 1908 und läuft weiter, wenn er von keiner Seite gekündigt wird. Ueber Kündigung wurde nichts vereinbart. Der Streik der Hamburger Glaser hat schärfere Formen an- enommen. nachdem die Glaserinnung mit 47 gegen 46 Stimmen eschlossen hatte, den älteren Gesellen nur einen Stundenlohn von 60 Pf. zu bewilligen und auf die weiteren Forderungen— Regelung der Ueberstunden und der Sonntags- und Nachtarbeit— nicht ein- zugehen. Die Gesellen nahmen am Mittwochabend hierzu Stellung und proklamierten nach eingehender Aussprache den allgemeinen Aus- stand, infolgedessen am Donnerstagvormittag auch die Arbeit in den geregelten Werkstätten eingestellt wurde. Im Streik befinden sich rund 200 Gesellen. Die Forderungen lauten: Einführung der 8>/z stündigen Arbeitszeit, Mindestloh» pro Stunde 65 Pst für voll- jährige und 60 Pf. für minderjährige Gesellen, Ueberstunden sind mit 25 Proz., Nacht- und Sonntagsarbeit mit 50 Proz. Ausschlag m bezahlen, Freigabe des 1. Mai je. Eine Aussperrung der gesamten Saugewerblichen Arbeiter wird aus Anlaß des Tischlerstreiks in Bremerhaven wieder einmal für die Uuterweser angekündigt. Der Vorstand des Arbeitgeber- Verbandes für die Unterweser hat der Zahlstelle Bremerhaven des Holzarbeiterverbandes ein Schreiben zugehen lassen, in dem es heißt: 1. Die streikenden Tischler werden aufgefordert, spätestens am Freitag, den 8. September, morgens die Arbeit bei ihrem bisherigen Arbeitgeber zu den bisherigenLohn- und Arbeitsbedingungen wieder aufzunehmen. 2. Bis zu demselben Zeitpunkte hat der Holzarbeiterverband den Zuzug fremder Gesellen wieder freizugeben und durch ein an den Arbeitgeberverband gerichtetes Schreiben eine dahingehende Erklärung abzugeben. 3. Konmien die Tischler den vorstehenden Aufforderungen nicht nach, so sehen sich die Inhaber der Tischlereibetriebe ge- zwungen in Uebereinstimmung mit dem Vorstande' des Arbeitgeber- Verbandes fiir das Baugewerbe für die am Donnerstag, den 7. d. MtS., abzuhaltende Generalversammlung den Antrag zu stellen, daß sämtliche organisierten Gesellen und Arbeiter ans allen dem Baugewerbe angeschlossenen Branchen am Freitag, den 8. d. M. abends entlassen werden. «. Wirv nüer Die Arvelt ordnungsmäßig wieder aufgenommen, so erklärt sich die Gruppenversammlung mit der von dem Vor- staiide schon im Juni d. I. für alle Gewerke vorgesehenen Lohn- erhöhung einverstanden und wird demnach am 1. Januar n. I. den Lohn für Tischlergesellen um drei Pfennig erhöhen. Die neue Lohnfestsetzung bedarf der Zustimmung de.r Hauptversammlung, jedoch garantiert die Gruppe Tischlermeister die Annahme des dahingehenden Antrages durch die Hauptversammlung. Der Vorstand des Arbeitgeberverbandes für das Baugewerbe a. d. U. Ad. K n a ck st e d t, Vorsitzender. Die Tischler sind natürlich jederzeit zu Unterhandlungen bereit, da ihnen der Ausstand nicht Selbstzweck ist. Ob sie sich freilich durch dies Ultimatum ins Bockshorn jagen lassen, ist eine andere Frage. Vorläufig hat der Streik weiter an Ausdehnung gewonnen. Nur bei einigen kleineren Meistern, welche die Forderungen bewilligt haben, wird weitergearbeitet.— Zuzug ist fernzuhalten! Hustand. Siegreiche Beendigung des Maurcrstreiks in Basel. Nach acht- wöchigem Kampfe ist der Streik der Maurer und Handlanger in Basel durch einen Tarifvertrag mit dem Erfolge der Arbeiter beendet worden. Die Errungenschaften sind: ll�stündige Arbeitszeit vom 1. März bis 31. Oktober, Sstündige im November und Februar, 8stiindige im Dezember und Januar. Für Ueberstunden über die Ivstündige Arbeitszeit hinaus wird ein Lohnzuschlag von 25 Proz., für Nachtarbeit von 50 Proz., für Wasserarbeit von 100 Proz. ge- zahlt. Der so hart angefochtene Minimallohn wurde bewilligt und zwar mit 53 Rappen für die Maurer, während der Durchschnitts- lohn 57 Rappen für diese und 40 Rappen für die Handlanger be- tragen soll. Minimallohn ist für letztere leider nicht festgesetzt. Die Lohnzahlung erfolgt alle 14 Tage, der 1. Mai ist frei, an den Vor- abenden von Sonn- und Festtagen beträgt die Arbeitszeit 9 Stunden, da um Stunde früher Feierabend gemacht wird. Der neue Tarifvertrag gilt bis 1. Juli 1908 mit gegenseitiger halbjähriger Kündigungsfrist. Wird er nicht gekündigt, gilt er für ein weiteres Jahr. Zur Besprechung der„direkten Aktion" beruft der schweizerische Gewerkschaftsbund bezw. fein leitendes Komitee auf den 1. Oktober eine Konferenz nach Ölten ein, zu der die Gcwerkschaftsverbände und Arbciter-Unionen Delegierte entsenden sollen. In Zürich haben sich.bereits mehrere Versammlungen damit beschäftigt, in denen es sich lcdoch nur um Diskussionen handelte, und eine definitive klare Stellungnahme, etwa in der Form einer Resolution, unterlassen wurde. In Winterthur haben sich mehrere Verfammlungen dagegen ausgesprochen. Aus der welschen Schweiz wird berichtet, daß dort die ganze„direkte Aktion" die Masse der Arbeiter fehr kalt läßt. Die zahlreichste und bestorganisierte Arbeiterkategorie, die Uhren- arbeiter, von denen im vorigen Jahre die Graveure durch einen vierwöchigen Generalstreik den Neunsiundentag und die Schalen» »nacher durch einen mehrwöchigen Generalstreik den Zehnstundentag errangen, sind direkt gegen die„direkte Aktion". Die Kutscher der Königin Margherita von Italien. Im Vorjahre hatte der römische Abgeordnete Santini, ein bürgerlicher Possenreißer, der die Aussöhnung von Ouirinal und Vatikan herbeiführen will, einen königstreuen Fachverein der Sand- und Lehmkutscher in Rom unter dem Patronat der Königin Margherita gegründet. Nicht lange darauf führte er der Königin eine Deputation dieses Fachvereins vor, welche die Abgesandten der Arbeiter gnädig empfing und ihnen als Zeichen ihrer Huld und An- erkennung ihr Bild in großer Ausführung, mit der Widmung der- fehen:„An meine Kutscherl" Margherita vonSavoyen! schenkte.— Seit einer Woche nun sind diese Kutscher--- in eine Lohnbewegung eingetreten, indem sie sich nicht nur einer Lohn- reduktion von 15 Cent, pro Fahrt widersetzten, sondern obendrein noch Forderungen an ihre Arbeitgeber stellen. Ihr erster Gang war zum Polizeikommissar, den sie um seine Intervention ersuchten. Wie fehr dieser Hüter der Ordnung der Situation gewachsen war, beweist die Antwort, die er den königstreuen Kutschern gab. Er erklärte ihnen achfelzuckend, nichts für sie tun zu können, gab ihnen aber den guten Rat, sich an die— Arbeitskammer zu wenden, die in derlei Angelegenheiten mit Erfolg interveniere. Die Kutscher be- folgten den Rat. Der Sekretär der Arbeitskammer, Genosse Grossi, stellte sich ihnen zur Verfügung und es wurde eine große Versamm- lung einberufen, an der 800 Kutscher teilnahmen. Das Ergebnis derselben war die Proklamation des Streiks und die Wahl einer Streikkommifsion unter Leitung des Sekretärs der Arbeitskammer. Bevor die Versammelten auseinandergingen, verpflichteten sie sich, sich ihrem Fachverein der Arbeitskammer anzuschließen und brachten ein begeistertes Hoch auf die Sozialdemokratie aus. Während dieser Ovation hingen hinter dem Sessel des Vorsitzenden die Bilder des Abg. Santini und— der Königin Margherita! Eine am 3. Sep- tember abgehaltene Verfammlung formulierte die Streikforderungen. Durch den Streik sind etwa 1500 Maurer in Mitleidenschaft gez ogen. Soziales. Ein„gedeihliches" Verhältnis. Zu den Aufgaben der Innungen gehören nach§ 81s. der Ge- locrbe-Ordnung u. a. auch die Förderung eines gedeihlichen Ver- hältnisies zwischen Meistern und Gesellen sowie die Fürsorge für das Herbergs Wesen und den Arbeitsnachweis. Diese Auf- gaben find obligatorische und eine Innung, die sie trotz wiederholter Ermahnungen der Aufsichtsbehörde nicht erfüllt, kann amtlich ge- schlössen werden. Von diesen amtlichen Befugnissen haben die Auf- sichtsbehörden im allgemeinen blitzwenig Gebrauch gemacht und es liegt die Erfüllung dieser Aufgaben bei den Innungen selbst recht im argen. Daß aber eine Aufsichtsbehörde die Innungen selbst anhält, fich diesen gesetzlichen Verpflichtungen zu entziehen, dürfte bis jetzt in Deutschland noch nicht vorgekommen fem. Damit bahnbrechend vorzugehen, blieb den, Magistrat zu Hannover als Aufstchts- behörde vorbehalten. In Hannover hatte die Malerinnung mit dem Gesellenausschuß vereinbart, daß die Herberge der Innung zugleich diejenige des Verbandes sein soll. Die Innung erkannte den Arbeitsnachweis des Verbandes als den ihrigen an und in die Kommission zur Führung des Arbeitsnachweises wurde ein Meister gewählt. Für die Muhe- waltung bei Führung des Arbeitsnachweises zahlte die Innung ans ihrer Kasse durch den Gesellenausschuß an den Verband jahrlich 75 M. Ja sie übertrug sogar dem Verbände die Auszahlung des Jnnungs- a eschenkes, das der Verband zunächst auslegte und von der Innung wieder bereitwilligst erstattet erhielt. Diese jahrelang ohne jede Mlßhellig- keit durchgeführte Vereinbarung erlitt einen merklichen Stoß durch den vorjahrigen elf Wochen andauernden Malerstreik. Doch die Wogen glätteten sich wieder. Als aber in diesem Jahve. wiederum gestreikt wurde, löste die Malerinnung ihrerseits ohne weiteres den Vertrag. Sie beschloß, ohne die gesetzlich erforderliche Mitwirkung des GesellenausschusscS herbeizuführen, in der Jramngsversammlung kurzerhand Herberge und Arbeitsnachweis als paritätische In- stitution aufzuheben. Allen Vorstellungen des Gehilfenausschusses gegenüber verhielt sich die Jnnung�ablehnend. weshalb sich der i Gehülfenausschuß an die Aufsichtsbehörde beschwerdeführend wandte. Die Aufsichtsbehörde hat. falls die Innung dieses beantragte, das Recht, die fehlende Zustimmung des Gesellen- ausschusses zu„ergänzen", wie es so schön im Gesetz heißt. Das zu beantragen, ist der Innung aber gar nicht eingefallen. Aus die Beschwerde' des Gcsellenausschusses antwortete der Magistrat nun. daß diese„schon aus formellen Gründen als begründet erachtet werden muß" und führte dann aus: � �.-„-.. „Die Regelung des Gehülfen- und Hervergswesens fotvie Einrichtung eines Arbeitsnachweises gehören in Gemäßheit der Bestimmungen der§Z 48, 48a und 49 der Statuten zu den Allfgaben der Innung. Diese Bestimmungen können mcht einseitig außer Kraft gesetzt werden, sondern, wenn die Innung in dieser Beziehung andere Einrichtungen für z w e ck m ä ß i g er- achtet, ist z, mächst eine entsprechende Abänderung des Jnnungs- statuts vorzunehmcil." Im„Interesse der Förderung eines gedeihlichen Verhältnisses zwischen Meistern und Gesellen" gab der Magistrat der Innung an- heim, die Angelegenheit einer nochmaligen„sorgfältigen Erwägung" zu unterziehen. Diese„sorgfältige Erwägung" hat nun statt- gefunden. Der Jnnungsvorstand, der aus den schlimmsten Scharf- machern besteht, hat die Anregung des Magistrats verstanden; mit den Gesellen nochmals in Verbindung zu treten, fällt ihm nicht ein, und so ladet er denn zu einer außerordentlichen Jnnungsversamm- lung ein, in der ein Antrag des Vorstandes, sämtliche Para- graphen, die Bezug haben auf die Fürforge des Herbergswesens und des Arbeitsnachweises aus dem Jnnungs st atut zu st reichen! zur Beratung steht. Nimmt die Innung diesen Antrag an, dauu ist es ja noch fraglich, ob der Bezirksausschuß diese Statutenänderung genehmigt. Er kann sie aber gar nicht genehmigen, denn die erwähnten Gegen« stände muß die Innung nach 8 81a des G e s e tz e s— das Statut kommt nicht in Betracht— als ihre Aufgaben bezeichnen und auch durchführen. Der Beschluß der Innung über die Einrichtung des Herbergswesens dauert also einstweilen noch fort. Die Innung wird noch die 75 Mark jährlich bezahlen müssen, und der Gesellenausschuß denkt nicht daran, einer Abänderung dieses „gedeihlichen Verhältnisses" zuzustimnien, da es ihm ja ein großes Vergnügen bereitet, daß die Scharfmacher jährlich 75 M. in die Verbandskasse zu zahlen haben. Auf den Ausgang der Sache darf man gespannt sein umsomehr, da ja erst der Magistrat den Jnnungsvorstand zu diesem gesetzwidrigen Vorgehen verleitet hat, derselbe Magistrat nämlich, der die Innungen zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Pflichten anhalten muß. Er kann sogar durch Androhung, Festsetzung und Vollstreckung von Ordnungsstrafen die Befolgung der statutarischen und gesetz- lichen Vorschriften erzwingen. Man kann sich aus dem Vor- stehenden ein Bild machen, wie der Magistrat seiner Pflicht als Aufsichtsbehörde der Innungen genügt. Die Gerüstkontrolle in der Schweiz. In Zürich sind nach dem soeben veröffentlichten Geschäfts- bericht der städtischen Behörden für das vorige Jahr 1804 Gerüste sowie 19 Gebäudeabbrüche und Notdächer kontrolliert. Die Gesamt- zahl der kontrollierten Objekte beträgt somit 1823 gegenüber 1201 im Jahre 1903. Die Kontrolle erforderte 7348 Untersuchungen. In 498 Fällen ist die Anzeige von der Erstellung eines Gerüstes nicht erstattet worden. Die betreffenden Gerüste mußten von den Kontrolleuren und Polizeiorgancn ausfindig gemacht werden. Im übrigen konnte die Kontrolle sozusagen anstandslos durchgeführt lverden. Es Ivaren nur wenige Bauunternehmer, die durch ihre Widerspenstigkeit die städtischen Beamten in besonderem Maße in Anspruch nahmen und auf dem Zwangswege zur Vornahme der vor- geschriebenen Einrichtungen oder zur Beseitigung unzulässiger Gerüste angehalten werden mußten. In 15 Fällen, wo Gefahr im Verzuge war, wurde die sofortige Einstellung der Arbeiten für so lange, als den bezüglichen Vorschriften nicht Genüge getan war, anbefohlen. In 5 Fällen dauerte die Arbeitseinstellung'/o bis 3 Stunden, zusammen 7 Stunden, in 9 Fällen 1 bis 6 Tage, zusaminen 35 Tage und in einem Falle 3 Wochen. Auf den Bauplätzen ereigneten sich drei Unfälle, welche auf mangelhafte Gerüstung zurückzuführen waren, davon hatten zwei schwere, einer leichte Verletzungen zur Folge. In letzterem Falle Ivurde der fohlbare Bauunternehmer der Bezirksanwaltschaft überwiesen. Die Strafuntersuchung ist jedoch im Berichtsjahre nicht abgeschlossen worden. Durch Befolgung der Vorschriften der Verordnung zur Verhütung von Unfällen bei Bauten sind auch im Berichtsjahre wieder eine Reihe von schweren Unfällen verhütet worden. Die Gebühren für die Gerüstkontrolle beliefen sich auf 8276 Fr._ Vermilcktes. Die Cholera. Aus den von der Cholera heimgesuchten Gegenden werden wieder einige Erkrankungen gemeldet. Irr W a l k o w i tz und Romanshof im Kreise Czarnikau ist in je einem Falle Cholera bakteriologisch festgestellt. Amtlich wird aus Posen die Erkrankung eines Schifserlehrlings inBirn- bäum an asiatischer Cholera gemeldet.— Die Posener Angehörigen des in Thorn unter Choleraverdacht verstorbenen Posener Zugführers Tornow wurden sämtlich der Cholera-Beobachtungsstation in Posen zugeführt. In S ch i l l n o ist ein F l ö ß e r unter cholera- verdächtigen Erscheinungen erkrankt und bald darauf g e st o r b e n. Auch ein zweiter Flößer ist unter choleraverdächtigen Erscheinungen erkrankt. Aus Königsberg wird gemeldet: Bei der Arbeiterin Lange aus Warnikeim, die letzten Sonntag in das Krankenhaus zu Rastenburg eingeliefert worden ist, ist amtlich Cholera festgestellt worden. Aus der Cholera-Ueberwachungs st ation in Köpenick war bis zum heutigen Morgen ein verdächtiger Fall nicht zu melden gewesen. In den letzten drei Tagen wurden einige achtzig Schiffer mit ihren Familien auf ihren Gesundheitszustand untersucht. Die gesundheitliche Kontrolle findet Tag und Nacht statt, Bekanntlich finden in nächster Zeit die großen Manöver statt. Artillerie und Kavallerie befinden sich bereits seit Dienstag nach- mittag auf dem Marsche nach dem Manövergelände. Um nun jeder geringsten Gefahr etwaiger Cholera- Erkraiikuugen vorzubeugen, sind seitens der Militärverwaltung die weitgehendsten Vorsichtsmaßregeln angeordnet worden. Sie erstrecken sich speziell auf die Ernährungsweise der in Quartieren liegenden Truppen. Die An- wohner, bei denen die Mannschaften ins Quartier kommen, werden angewiesen, den Soldaten nur abgekochtes Wasser zu verabreichen. So waren die Gardetruppen an den letzten drei Tagen in den ent- fernten östlichen Vororten einquartiert. Ordonnanzen gingen dort von Haus zu Haus, um die Anlvohner auf die Vorsichtsniaßregeln in der Ernährung der Truppen eingehend hinzuweisen. Auch solle den Soldaten streng verboten werden, in der Spree zu baden. Ebenso wird innerhalb der Truppenteile selbst vor den Gefahren der Cholera gemahnt und die strenge Befolgung der Vorsichts- maßregeln angeordnet. lieber die aus Hamburg gestern gemeldete Choleraerkrankuiig berichten Hamburger Blätter: Eine große Anzahl Beamter ist mit Recherchen betraut, um scstzustcllsil, wo die erkrankte Frau infiziert worden ist. Sie selbst liegt so schwer krank danieder, daß sie nicht vernehmungsfähig ist. Am wahrscheinlichsten erscheint die Ver- mutung, daß die Frau im Hafen mit einem Seemann zusammen kam, der sie mit auf ein von der Ostsee gekommenes Schiff ge- nommen hat. Die Erkrankte ist eine Frau, die unter Sittenkontrolle gestanden hat, aus der Kontrolle aber entlassen wurde. In der Nacht von Montag auf Dienstag erkrankte die Frau. Sie hatte heftiges Erbrechen und Durchfall. Man holte einen Arzt, der die Erkrankte wegen Choleraverdachts der Vorschrift gemäß ins Allgemeine Krankenhaus Eppendorf schaffen ließ. Dort ergab die bakteriologische Untersuchung obolors asiatioa. Sämtliche Bewohner des Hauses, in dem die Erkrankte gewohnt hat, wurden ärztlich untersucht. Bei keinem hat sich auch nur eine Spur von Cholera- verdacht gefunden. Trotzdem sind alle nutersuchten Leute unter ärztliche Aufsicht gestellt. Sie lverden täglich untersucht, da sich be- kanntlich die Kommabazillen iuuerhalb fünf Tagen euttvickeln. Bis jetzt ist aber ein weiteres Einschreiten der Medizinalbehörde noch nicht nötig gewesen; die bakteriologischen Untersuchungen haben nichts Bedenkliches ergeben._ Der Nachtwandler. Vor dem Müuchener Gewcrbegericht spielte sich jüngst nach Schilderung der„Münch. Post" folgende Szene ab: Nach Aufruf durch den Gerichtsdiener schleicht ein großer, stämmiger Mann auf den Fußspitzen in den Saal und begrüßt mit einem Lächeln und tiefem Knix den hohen Gerichtshof; ihm folgt eine schwarzäugige Unschuld, vielleicht 17 Lenze zählend. Auch sie macht den schüchternen Versuch, ebenfalls einen graziösen Bückling nach dem hohen Tribunal zu senden. Der Vorsitzende stellt die Personalien der Parteien fest und verliest die Klage. Danach hat die Klägerin, eine Milchausträgerin, wegen fort- gesetzter unsittlicher Angriffe durch ihren Dienstherrn, einen Molkerei- besitzer am Anger, voin außerordentlichen Kündigungsrecht Gebrauch gemacht, weshalb sie Entschädigung verlangt.— Vorsitzender: Was haben Sie auf die Klage einzuwenden?— Beklagter ischüttelt ver- wundert den Kopf): I bin ganz baff I Do woaß' i überHaupts net, was i no sogür soll. Kein Wort is wahr!— Vorsitzender: Die Klägerin wird derartige Behauptungen doch nicht aus den Fingern gesogen haben?— Beklagter: Da kann i nimma red'n! Wann soll denn dös gweüi sein?— Klägerin: Am Montag nachts sans in mei Kammerl kemma, zwoa Stund saus dogtveüi und ham mer koa Ruah g'lassüi.— Beklagter: Do hört si do scho alles auf!— Vorsitzender(zur Klägerin): Hatten Sie vielleicht gettäumt? Oder war es vielleicht ein anderer?— Klägerin: A wo. Hob eahm ja an der Stimm' kennt; er hat schon drauß'n g'sagt: Zenzi, Zenzi, jetzt kimm i. I hob eahm aba koa Antwort geb'n.— Vorsitzender: Warum haben Sie denn Ihr Zimmer nicht versperrt?— Klägerin: 's Kammerl kann ma ja net versperr'n, Herr Richter.— Vorsitzender: Eigentümlich ist nur, daß Sie nicht um Hülfe gerufen haben.— 5ilägerm: Da hob i mi net traut; es is ja sonst nix'n passiert!— Vorsitzender(zum Beklagten): Da hören Sie's! Sind Sie viel- leicht ein Nachtwandler?— Beklagter: O, bitt' schön, Herr Richta, i, a Wittiba, wer so eppas toa, wo mei Kinda a do san.— Klägerin: Seg'ns, Herr Richta, amol is er mit der Loater(Leiter) aufi- und durchs Fenster in mei Zimmer g'stieg'n.— Beklagter: Ja, dös is wahr! Da Hot mein 14jähriges Deaudel g'sagt: Vata, im Zimmer liegt wer im Bett. Die Tür war vasperrt und da hob i im Hof d' Loater angelegt, bin einistiegn und hob dia aus'm Bett g'worfa I— Die Klägerin klärt dies dahin auf, daß sie die folgende Nacht, da sie die Kammer nicht hat versperren können, ein anderes Zimmer aufgesucht habe, um vor den Verfolgungen des Beklagten sicher zu sein.— Vors.: Die Geschichte ist schon ein bisse! verdächtig. Ich meine, wenn Sie der Klägerin eine kleine Entschädigung zahlen, wird es das beste sein.— Beklagter: Herr Richta, i bitt', i wüßt' net für wos?— Vorsitzender: Dann müssen Sie halt einen Eid leisten, daß es nicht wahr ist, daß Sie die Klägerin belästigt haben. Können Sie diesen Eid leisten?— Beklagter: Freili kann i dös schwör'n!— Klägerin: I kann's a beschwören!— Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Unterdessen kreischt aus dem Zu- Ichauerraum eine Stimme, vermutlich die Schwester der Klägerin: Dumme Gans, sag' doch alles, was Du weißt, brauchst Di ja net zffchama I— Ermutigt durch diese kleine Aufnmnterung, Hub die Klägerin, nachdem das Gericht wieder zurückgekehrt war, an: Herr Richta, i bitt' ums Wort! A mol hat er mir sogar den Geflügel- Händler Sch., der bei eahm in der Wohnung Wein trunk'n hat, a in mei Kammerl g'schickt.— Vorsitzender: Ich meine, jetzt langt's. (Zum Beklagten): Da schwören Sie lieber nicht und geben Sie der Klägerin eine kleine Elitschädigung. Geben Sie ihr 20 M., sonst müsien wir aussetzen und den Geflügelhändler als Zeugen laden.— Der Beklagte(nach einigem Nachdenken): In Gott's Nam I Aba unterschreib'n muß, daß koa weitere Ansprüch macht. Dann muß's aus sein I— Vorsitzender: Dann ist's aus, wenigstens bei uns; was nachfolgt, das geht uns nichts an.— Die Klägerin Willigise in den Vergleich ein und„aus War'S in Gott'S Nam' l" Arbeiterehre. Als unter den Teilnehmern eines Tanzvergnügens in einem Gasthause in der Nähe Dresdens bekannt wurde, wer die Kapelle dirigierte, weigerten sich fast alle Anwesenden. weiter zu tanzen. Sie verlangten die Entfernung des Musikdirektors, weil feine Frau während der Aussperrung der Zigarette narbeiterinncn weitergearbeitet hatte. Dies war durch verschiedene Gerichtsberichte, in denen sie als B e l a st u n g S z e u g i n gegen Streikende aufttat, bekannt geworden. Der Sohn des' Musik- direktors verließ schließlich unter Mitnahme der Noten den Saal, und da die Musiker ohne Noten nicht spielen konnten, mußte der Saal geschlossen werden. Die breiniende Zigarre in der Straßenbahn. Eine Polizei« Verordnung, welche es verbietet, brennende Zigarren mit in den Jnnenraum der Straßenbahn zu nehmen, ist rechtsgülttg. So hat das Kannnergericht am 6. September in einer Strafsache wider den Angeklagten Stamm aus Essen entschieden. Das Gericht sprach zugleich aus, daß es für den, der mit brennender Zigarre den Straßenbahnwagen besteige, wenn die Plattform besetzt, aber innen noch Raum für ihn ist, nur zweierlei gebe: entweder die Zigarre fortzuwerfen und im Wagen mitzufahren, oder aber wieder ab- zusteigen. Vorausgesetzt natürlich ein Verbot, brennende Zigarren mit in den Straßenbahnwagen zu nehmen. Ein solches polizeiliches Verbot müsse auch beachtet werden, wenn im Wagen nur das Verbot. nicht zu rauchen, angeschlagen sei. Verhaftung eines Staatsanwaltschaftsveamte». Der bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts Dresden angestellte Expedient Fleischer wurde gestern Ivegcn Verdachts' eines Vergehens im Amte verhaftet. Fl. soll verdächtig sein, Asservaten, Gegen- stände, die zu Gerichtshänden genommen worden sind, unter- schlagen zu haben. Ertrunken. Westerland, 7. September. Rechtsanlüalt Dr. Reinshagen ans Leipzig und seine Gatttn sind in dem Nordseebad Kampen beim Baden ertrunken. Eingegangene Druckfcknften. Der fünfte Gewerkschaftskongrest und der Klassenkampf in Deutsch- land. 23 Seiten. Vortrag und Diskussionsreden, gehalten in der Mit- gliederversammlung des Zenttalvcrbandes der Zimmerer Deutschlands, Zahl- stelle Berlin und Umgegend, am 30. August ISVö. Verlag W. Witt, Berlin SO., Engel-User 15. Simon Katzenstein. Wofür kämpfen wir? Heft 8. Preis 10 Pf.— Dr. Magnus H i r s ch s c I d. Arzt. Der Einfluß des Alkohols aus daS Geschlechtsleben. Heft 7. Preis 10 Pf.— K a r l K l a w i t t c r. Zur Alkoholsrage. Hest 6. Preis 10 Pf. Verlag Deutscher Zkrbeiter-Abstinenten- Bund, I. Michaelis, Berlin S. 42, Luisen-Ufer 55. ßriefhaften der Redahtton. Frau P. L. Sie werden aus mehrfachen Darlegungen im„Vorwärts" ersehen haben, daß wir ganz Ihre Meinung teilen, aber im Augenblick, Ivo wir uns in der Abivehr befinden, ist das unaushaltsam. Zsuristilelier Heil. DI« furistische Sprechstinid- findet täglich mit Ausnahme des Sonnabends von?>/, biS«>/, Uhr statt. Geöffnet: abcndS 7 Übe. E. G. I. 1. Nein. 2. Ja.- Lehmann, E. W. Nein.- SB. 3. 74. Die Antragsfrist sür Beleidigungsklagen beträgt drei Monate. Innerhalb dieser drei Monate ist Swasantrag bei Gericht, Staatsamoaltschast oder Polizei zu stellen. Die Klage ist beim Amtsgericht(Schösscugcricht) zu erheben. Ein Beispiel finden»sie in dem in den öffentlichen Bibliotheken auslicgendcn„Arbeitcrrecht" S. 600.— H. S. 38. Ihrem Vorgänger gegenüber find Sie auf zwei Jahre gebunden, haben also ihni cvenwcll di» Miete zu ersetzen.— P. G., Fricdrichsberg. Das RcichSgcsetz zum Schutz des Genfer Neuttalitätszeichens vom 22. März 1902 bedroht mit Geldstrase bis zu 150 M. die Verwendung des zum Ncutralitätszcichcn erklärten roten Kreuzes aus weißem Grunde zu geschäftlichen Zwecken. Auch aus Ab- weichungcn, mit denen dies Zeichen wiedergegeben wird, findet die Straf- Vorschrift Anwendung, sofern trotz dieser Abweichungen die Gesahr einer Verwechselung vorliegt. Ob diese Gefahr vorliegt, ist vom Gericht von Fall zu Fall zu entscheiden und dürste in dein von Ihnen vorgetragenen Falle zu Ihren Gunsten zu verneinen sein.— G. Stein. — Friedrich 35. 1. Doch. 2., 4., 5. Nein. 3. Das ist möglich. Der Ehemann kann aus Herstellung des ehelichen Lebens klagen und wenn trotz Urteils die Ehefrau innerhalb eines Jahres nicht zurückkehrt, die Ehe- schcidungsklage anstrengen. Herausgabe des Kindes kann er ohne diese .Klagen erwirken.— P. B. 14. 1. Die Vereinbarung(Ausschluß der Kündigungsfrist ist zulässig und gültig. 2. Der Inhalt der Statuten allein entscheidet.— Da», zog. Die Rciscbcdingunaen erfahren Sie aus den amt- lichen Auskunstsstellcn(Alexandcrplatz, Potsdamer Bahnhos und Anhalter Bahnhos), das übrige durch Ihre Gcivcrkschast.— Stallschrciberftr. Seine Cousine, auch feine Tante oder Nichte darj man heiraten, wenn sie will.— Halte Freitag, abends sy2 Uhr. im Gewrrkschaftsymise, Engel-Ufer 15: Sitzung der_Optsyerwaitunge Sonntag, den 10. September, vormittags 10 Uhr; KtMs-NrrjlimIiiiig siir Moabit Tnrinstraße 25/26. TageS. Ordnung: 1. Vortrag des Genossen'Wollliolin 05«:„Volksernährung und Volkswohlfahrt". 2. Diskussion. 3. Verbands. Angelegenheiten und Verschiedenes. S2/8 Linsotaoi». Sonntag, de» 10. September, vormittags Pröztse 10 Uhr, finden in den iiachbcnanntcn Lokalen die bekannten statt. Bezirk Bezirks-Sitznngen » n 1: 2: 3: 4; 5: 6: 7: 8: Blumcnstr. 38, Ncstnurmrt Kubot. Schönhauser Allee 135, Restaurant stumlov. AI«»»l»il, Brcdowstr. 11. Rosenstr. 24, Restaurant prell. W., Bülowstr. 59, Restaurant Lebmann. Skaliherstr. 59, Reftauraut Mix. Charlottenbni'g, BolkshauS, Rosincnstr. 3. Ji., Wieseustr. 29. Kollegen: ES ist dringend nötig und Pflicht eines jeden einzelnen Verbandsangehörigen, der als Einsetzer tätig ist, die ihm nächstliegende S,tzm,g zu besuchen. Auch werden daselbst neue Mitglieder ausgenommen. Montag, den 11. September, abends 8 Uhr, im Gewcrkschafts. Hause, Engel-Ufer 15 lTaal 2): Kommlssions-{Sitzung;. Hierzu wird der Kollege Benno Bisch aufgefordert, bestimmt zu erscheinen. I»er Obmann. Tischler-Verein zu Berlin. «. H. Nr. 89. 193/4 Herrenpartie nach Sadowa ee. Sonntag, den 10. September. Abfahrt 7'/. Uhr Schlefifcher Bahnhof. Rege Beteiligung erwünscht. Bee Vorstand. Blitz s Schnell kommt man mit bei' SochbaHn bei Weingarten, Gitschinerstr. 72, Station im Hause. Empstehlt: I Posten Monats-AnzOge, 1 Posten Monats-Paletots, I Posten Monats-Beinkleider zu staunend billigen Preisen, ——— auch für korpulente Herren passend.—— Dieselben sind von seinen Kavalieren und Reisenden, die nur einen Monat ihre Garderobe tragen. 386(52* Fahrgeld wird vergütet. O Bitte auf Hausnummer zu achten. Deutfcfter Metallarbeiter Verband. Verwaltungsstelle Berlin. Hanpt-Bnrean: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher Amt IT, 9679. Arbeitsnachweis Ziniuicr 34, Amt IV, 3353. Sonntag, den 10. September, vorm. 10 Uhr, bei Keller, Koppenstr. Ä0(gr. Saal): UM" Allgemeine Urrsamminng der RohrBeger und Reifer Berlins und Umgegend. Tages-Ordnung: 1. Wie wird der neue Lohntaris von den Arbeitgebern anerkannt? 2. Diskussion. Kollegen k Da in dieser Versammlung endgültig Beschluft gefaftt werde» soll bezüglich der Betriebe, die de» Tarif nicht aiierkanut haben, ist das Erscheiuen aller Kollegen notwendig. 122/17 11!« Ortsverwaltang. H. Zimmermann Berlin SO. Jnweiier Oranienstr. 206 Gold= und SiIberwaren=Fabrik, Uhren=Qroßhandlung. 4122L* Eigene Werkstatt für Neuarbeit u. Reparatur. Streng reell.— Billigste Preise. •OOI «99999* • Die weltbetannte"«J Bettfedern-Fabrik tsustavLustlg, Berlins., Prinzen straße<», vericudet gegen Nachnndme garant.ncuc vrltfedern d. Psd. 5ö Pf., chinriischc Hnlbdnune» d. Psd. W.:,2Z. befiirc palddnnnen d. Psd. M. l.7S. ! vorzügliche Daunen d. Pfd. M. 2,95. •mm, von dirjcn Daunen genüge» Z»>»4 Pfund zum grohcn Qdeebrtt. Verpackung fr«. Prcisl. n, Proben grate». Viele Anertennungsschr. Mm MeKeF- RadfalireF-IfeFein" Mitglied des Bundes „Solidarität-. Sonntag, den 10. September: 1. Abteilung: früh 8 Uhx nach Finkenkrug, mittags VI, Uhr nach Hakenfelde. Start: Bülowstr. 53. 2. Abteilung: Sonnabend abend 3 Uhr nach Buckows sSchweizerhauS), Sonntag mittag 1 Uhr nach Hessen- Winkel(Rapmund). Start: Urban- strafte 1. 3. Abteilung: früh 7 Uhr nach Potsdam(Viktoriagarten), mittags 1 Uhr nach Beeliühof(Wilhelms- höhe). Start: Mariannenpark. 4. Abteilung: früh ö1/, Uhr nach Eaputh(Liesche), mittags 1 Uhr nach Pichelswerder(Freund). Start: Andreasplatz. 5. Abteilung: früh 7'/, Uhr»ach Oranienburg, mittags V/, Uhr nnchBirkenwcrder(Paradiesgarten). Start:„Elysium". 7. Abteilung: nachmittags 2 Uhr nach Schönholz(Graftmann). Start: Bad- Ecke Schwedenstrafte. 8. Abteilung: srüh 5 Uhr nach Nen-Ruvpin(Gartenftr. 2), mittags 1 Uhr nach Böüowsee(Rhinow). Start: Beusscl-Brücke. 3. Abteilung: mittags 2 Uhr nach Reinickendorf(Graftmann). Start: Gipsstr. 2, Leichinger. 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Derselbe hat hauptsächlich die Agitation zu leiten, muft rednerisch begabt sein, sowie Eingaben korrekt ansertigen können; serner wird Kenntnis der sozialpolitischen Gesetzgebung verlangt Gehalt und Anstellungsbedingungen aemätz den Beschlüssen des Stuttgarter GewcrkschastSkongresseS. Schristliche Offerten bis zum 20. Sep- tember an Emil Oiltmer, Berlw S\V., Alte Jakobstr. 145._ 293/8 Klavierstimmer, sehr tüchtiger, zuverlässiger, auch Rcparatcur, von einem groften Flügel- und Piaiiino- Magazin in Berlin sofort gesucht. Zeugnis- abschrist, GehastSansprüche unter O. 1 Expedition dieses Blattes. Nach Hamburg gesucht sofort tüchtige scibstSndigs Geldschrankbauer bei hohem Lohn. Reisevergütung wird gegeben.* Hermann Schnitz, Geldschrank- und Tresorbau, Hamburg-Eilbeck, Pappn strafte 115. Achtung! Achtung! Rohrleger und Helfer! Die folgenden Firmen und Bauten sind gesperrt: I. Schmidt, Charlottenbnrg, Gutenbergstr. 3. Bau Guericke- strafte 30/31. H. Timm, Köpenickerstr. 39. Bau Derfflingerstr. 21. W. Ghlert, Charlottenburg, Windscheidstr. 33. Bau Rigaer- strafte 134/135 und Bau Mirbach- strafte. Gentsch, Klempnermeister, Lange- strafte 2a. Bau Ober-Schöne» weide, Rathenauswafte, Bau von Hirschfeld, Rixdorf, JuliuSstr. 27. Bau Sparrstr. 16 und 17. Pätsch u. Cie., Rixdorf, Liepert- strafte ö. Bau Walterstrafte und Münchenerswafte. P. Grab, Pankow, Berlinerstr. 10. Bau Pankow, Prinz Heinrich- strafte 1. Müller- Ecke Schöning- strafte. Sparrplatzlö. Nieder-Schön- hausen, Wald- und Plantagenstr.» Ecke. Eichenstrafte. Pankow, 5n» valierstr. Bau Stnorr. H. P. Schulz, Ober-Schöneweide, Deulstr. 10, Bau Goudystr. 33. Bau Kopenhagenerfw. 66 u. Kopen- Hagener- und Schwedterstr.-Ecke. Tegel, Brunosttafte. Seelower- strafte 15. Ober-Schöneweide, Deul- strafte 21/22. Die Kollegen werden dringend er- sucht, bis zur Erledigung der Diffe- renzen die Firmen und Bauten ftteng zu meiden. Die auf diesen Bauten beschästtgten Bauarbeiter ersuchen wir, uns in der Konttolle zu unterstützen. Die Bauten sind erst dann frei, wenn dies im „Vorwärts- bekanntgegeben ist. Deutscher Melallarbeiter» Verband. 122/18 Ortsverwaltung Berlin. Mhalaure. Durch vollständige Anerkennung unseres TarisverttageS ist die Sperre über die Firma B.& Laube, Adleröhof. Hoffmannstr. 3, hiermit aufgehoben. 180/20 vis Ortsverwaltung Berlin das Zentral Verbandes der Stukkateure Deutschlands. «ierantlv. Rebakteur: Paul Biittner, Berlin. Lür den gnleratenteil veranllv.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW, Hr. 210. 22. 2. WM Ks Jorniiitts" Wim NcksdiR Freitag, 8. September 190S. Dritter Derbandstag des Jeutralverbaildes der Fleischer uud neruinudteu Kerufsgetiosstn Deutschlands. Leipzig, 6. September ISOS. Ms erster Punkt der Beratungen des dritten Verhandlung-- täßes ist angesetzt die Unter st ützungseinrichtungen im Verbände. Der Referent zu diesem Punkte befürwortete weiteren Ausbau der Krankenunterstützung und sieht in der Ein- führung der Arbeitslosenunterstützung das Ideal der Unterstützungs- einrichtungen einer modernen Gewerkschaft. Bei dem gegenwärtigen Stande� der Organisation müsse aber von der Einführung dieses Unterstützungszweiges noch abgesehen werden. Nach längerer Debatte wird der Antrag angenommen, die Reiseunterstützungsauszahler zu verpflichten, nur gegen Vorzeigung der gedruckten Reiselegitimation die Reise-Unterstützung auszuzahlen, sowie der Antrag, daß künftig die Karenzzeit zum Bezüge der Krankcnuntcrstützung nur noch drei Tage betragen soll; bisher betrug sie eine Woche. Ferner wurde die Sterbe-Unterstützung auch für unverheiratete Mitglieder beschlossen. Bei dem Punkte Agitatio.n, Gaueinteilung und Geschäftsführung in den Verwaltungsstellen, worüber Krause- Hamburg referierte, entspinnt sich eine heftige Debatte über die vorliegenden Anträge auf Erhöhung der Verbands- beitrüge, die bis jetzt 30 Pf. betrugen, außer einer Delegiertensteuer. Nach langem Für und Wider und nachdem besonders der Vertreter der Generalkommission die Notwendigkeit der Erhöhung des Bei- träges auseinandergesetzt, wird beschlossen, vom I. Januar 1906 ab 3S Pf. Wochenbeitrag zu erheben, die Delegiertensteuer aber weg- fallen zu lassen. Die übrigen Anträge, die sich auf Statutenänderung beziehen und vom Berbandstag angenommen bezw. dem Vorstand zur Be- rücksichtigung überwiesen werden, sind nur unwesentlicher Natur. Erwähnenswert ist nur der Beschluß, daß künftig nur der Zentral- vorstand den Ausschluß eines Mitgliedes verfügen darf. Nach Festsetzung der Diäten für die Delegierten wird über die Anstellung eines zweiten Verbandsbcamten diskutiert. Da schon vorher allseitig die Notwendigkeit der Anstellung eines solchen zweiten Beamten im Hauptvorstande anerkannt worden war, wurde nach kurzer Debatte die Anstellung beschlossen und hierzu Kollege Krause- Hamburg gewählt mit einem Anfangsgehalt von 1800 M. Das Gehalt des ersten Beamten H e n s e l- Berlin wurde auf 2000 M. erhöht. Ferner wurde dem Antrage zugestimmt, den beiden Beamten vierzehn Tage Ferien zu gewähren. Als Sitz des Vorstandes wurde wiederum Berlin gewählt, als Sitz des Ausschusses Hamburg. Die Leitung des Verbands. organs wurde wiederum dem Vorsitzenden H e n s e l- Berlin über- tragen. Der nächste Verbandstag soll in Frankfurt a. M. abgehalten werden. Zum Schluß der Tagesordnung referierte Gärtner- Ham- bürg über das Genossenschaftswesen und die Aufgaben der Fleischer in den Genossenschaften. Der Redner erörtert die Aufgaben und die Anforderungen, die an eine Konsumgenossenschafts-Schlächterei sowie an das darin beschäftigte Fleischer- und Arbeitspersonal gestellt werden, zieht einen Vergleich mit den Verhältnissen in den Privatbetrieben, er- läutert die Verhältnisse in der Schlächterei der Genossenschaft „Produktion" in Hamburg, warnt vor der Gründung von Fleischer- Produktivgenossenschaften wegen der vielen Schwierigkeiten, mit denen ein solches Unternehmen zu rechnen habe und weil es sich, im Gegensatz zu den Schlächtereien der Konsumvereine, erst einen Kundenkreis suchen müsse, und empfiehlt seinen Kollegen, die in den Schlächtereien der Konsumgenossenschaften arbeiten, diesen Ge- nossenschaften mehr Vertrauen entgegenzubringen, wie die Gehülfen dies auch von den Genossenschaften erwarten dürften. Aufgabe des Verbandes sei es, in die Genossenschaften nur tüchtige, zuverlässige Leute zu bringen, die nicht bloß in gewerkschaftlicher Beziehung ihre Pflichten erfüllten, sondern auch von den Ideen des Genossen- schaftswcsens durchdrungen sind. Wie die Gehülfen ein Recht darauf haben, Lohn- und Arbeitsbedingungen in den Genossenschaften zu fordern, bei denen sie ein erträgliches Dasein führen können, so haben sie auch die Pflicht, ihr Können und ihre ganze Kraft für den Genossenschaftsgcdanken einzusetzen. Was der Fleischerverband aber vor allem verlangen müsse, das sei die Einstellung nur organi- sierter Arbeiter, und nicht solcher, die erst nach ihrer Einstellung organisiert werden müßten. Er bedauere es, daß hier im Konsum- verein Leipzig-Plagwitz Fleischer beschäftigt seien, die nichts für ihre gewerkschaftliche Organisation täten, die überhaupt kein Ver- ständnis von diesen Dingen zu haben scheinen. Pflicht der Organi- sation sei es daher, in Zukunft ein wachsames Auge zu haben auf die Einstellung von Kollegen in den Schlächtcreibetrieben der Ge- nossenschaften. 4 In der Debatte traten die einzelnen Redner scharf gegen die Konsumvereins-Verwaltungen auf. S ch ö d e r- Leipzig machte dem Leipzig-Plagwitzer Konsumverein den Vorwurf, daß er sich in seinem Verhalten gegenüber den Angestellten in nichts von einem reaktionären kapitalistischen Privatunternehmen unterschiede. Das käme zum Teil daher, daß die an der Spitze stehenden Personen vergessen hätten, daß sie früher auch einmal Arbeiter gewesen seien. Nach Anführung verschiedener Beispiele über unangemessene Behandlung ec. be- zeichnete er als Pflicht der Arbeiter und der Mitglieder der Ge- nossenschaft, solchen Zuständen ein Ende zu machen. Der anwesende Vertreter der Leipzig- Plagwitzer Konsumgenossenschaft verteidigte diese gegen die erhobenen Vorwürfe und versicherte, daß der Verein jederzeit bestrebt gewesen sei und auch künftig bestrebt sein werde, seinen Angestellten und Arbeitern, auch den Fleischem, in jeder Hin- ficht entgegenzukommen. Nach einem Schlußworte des Referenten verabschiedete sich unter dem Ausdruck herzlichen Dankes für die ihm in Leipzig zuteil gewordene freundliche Aufnahme der Vertreter des dänischen Schlächterei- arbeiter- Verbandes, ein dreifaches Hoch auf die internationale Arbeiterbewegung ausbringend, m das die Delegierten begeistert einstin, mten. Darauf wurden als Delegierte zum nächsten dänischen GeWerk- schafts-Kongreß die Kollegen Hensel- Berlin und Gärtner- Hamburg gewählt. Mit einem dreimaligen Hoch auf den Verband und die Gelverkschaftsbelvegung überhaupt schloß der Vorsitzende den Ver- bandstag. Versammlungen. Deutscher Holzarbeiterverband. Die Branchenleitung der Musik instrumentenarbciter hatte zum 28. August eine öffentliche Ver- sammlung nach dem großen Saale des Gewerkschaftshauses ein- berufen. Die Versammlung, die gut besucht war, beschäftigte srch mit dem Zusammenbruch der Firma Ä e u m e i e r sowie ferner mit der letzten Tagung der Musikindustriellen in Koblenz. Zum ersten Punkt bemerfle der Referent A. Sickseld: Es sei wohl sonst im allgemeinen nicht üblich, über einzelne verkrachte Firmen in Arbciterversammlungen zu verhandeln. Der gegenwärtige pxall sei hierzu jedoch besonders geeignet. Der fast gleichzeitig nnt dem Zusammenbruch erfolgte Tod des Begründers der Firma habe dw Fabrikantenorgane, besonders die„Musikinstrumenten-Zeitung rn ihren Nachrufen zu überschtvenglichen Lobesbezeigungen verleitet. Redner weist sodann darauf hin, daß durch die Arbeitsmethode be, der Firma die Musikinstrumentenarbeiter ganz besonders geschädigt seien. Inwiefern der Verstorbene sich um die Jnstrumentenindustrie unvergeßliche Verdienste erworben, wie es in den Nachrufen be- hauptct werde, scheine man sich auch in den Kreisen der Fabrikanten nicht ganz einig zu sein. Dies gehe sowohl aus den Aeußerungen über die Art und Weise, wie die Firma ihre Produkte an den Mann zu bringen suchte, sowie aus einem von einer Anzahl Fabrikanten unterzeichneten Protest gegen die Kreditgewährung der Lieferanten an besagte Firma hervor.— Aus diesem Protest sei_ aber auch noch besonders erwähnenswert die Bemerkung:„dies sei nur ein Fall von vielen anderen". Ob wohl diese Protestier, wenn die Arbeiter mit diesen nur durch solch unsaubere Kreditgewährung lebensfähigen Fabrikanten in Differenzen geraten, die Konsequenzen ziehen würden? Die Namen der Unterzeichner bürgen nicht dafür, denn man finde unter ihnen die borniertesten„Herr im Haus"-Vertrcter. Auch scheint einigen dieser Herren das Neumeiersche System, die Einführung der weiblichen Arbeiter im Klavierbau, nicht gerade unsympathisch zu sein, wie dies der vorjährige Streit der Klavier- arbeiter mehrfach bewiesen hat.— Sodann weist Redner noch darauf hin in welcher Weise die Firma ihre Arbeiter und Arbeiterinnen, von' denen ein großer Teil beim vorjährigen Streik im Interesse der Firma zu Verrätern an ihren Arbeitskollegen wurden, für ihre treuen Dienste belohnte. Nahezu 1500 M. Beiträge für die Landes- Versicherungsanstalt Brandenburg seien, obwohl sie den Arbeitern abgezogen, nicht an die Anstalt abgeführt worden. Da es sich hier teilweise um Arbeiter handele, für die jahrelang nicht geklebt worden sei, so liege hier offenbarer Betrug vor. Es sei aber auch nicht verständlich, wie von feiten des Vorstandes der Landesversicherungsanstalt, obwohl schon vor mehreren Jahren der Redner die Meldung an den Vorstand richtete, daß arge Unregel- Mäßigkeiten in der Beitragszahlung an die Anstalt bei der Firma herrschten, solche Rückstände zugelassen werden konnten. Eine Ant- wort auf die damalige Meldung sei auch nicht erfolgt.— Redner macht darauf aufmerksam, daß nach dem Gesetz der Arbeiter ver- pflichtet sei, sich davon zu überzeugen, ob die Marken regelmäßig geklebt werden. Etwaige Unterlassungen ziehen unter Umständen den Verlust der Ansprüche an die Versicherungsanstalt nach sich, da nur für zwei Jahre die Marken nachgeklebt werden können. Durch lebhaften Beifall gaben die Anwesenden ihre Zustimmung zu den Ausführungen kund.— Zu dem zweiten Punkt führte Redner aus: Nur mit Mühe lassen sich aus der reichhaltigen Tagesordnung des Kongresses der Fabrikanten in Koblenz einige Punkte herausfinden, die von allgemeiner Bedeutung seien. Zu diesen wenigen Punkten, für die man neben den vielen Ausflügen, Festessen, Konzerten usw. einige Minuten opferte, gehört in erster Linie der Jahresbericht des Vereins deutscher Pianosabrikanten. In diesem Bericht, den der bekannte Kommerzienrat Schiedmayer aus Stuttgart gab, soll derselbe auch der Arbeiterbewegung gedacht haben. Aus den Be- richten in den Zeitungen gehe hervor, daß die Fabrikanten der Musik- Industrie noch weit davon entfernt seien, die Gewerkschaften als Vertreter der Arbeiterschaft anzuerkennen. Für die Fabrikanten sei dies eine Machtfrage— für die Arbeiter der Musikinstrumenten- industrie sind diese Ausführungen von außerordentlicher Bedeutung; wird hier doch ohne weiteres erklärt, daß, wenn die Organisation st a r k genug ist, die Fabrikanten dieselbe auch anerkennen. Wo sie jedoch nur schwach ist, werden die Fabrikanten keine Ursache haben, sie zu beachten. Es wurde ferner in Aussicht gestellt, daß in nächster Zeit ein enger Zusammenschluß aller lokalen Fabrikanten- vereine zu erwarten sei, damit allen unberechtigten Forderungen der Arbeiter mit Nachdruck entgegengetreten werden könne. Was der Referent, Herr Schied mayer, mit der Aeußerung:„die Fa- brikanten seinen an der Grenze der Zugeständnisse an die Arbeiter angelangt," bezweckte, scheint nicht recht verständlich, denn mit Aus- nähme der wenigen Lohnbewegungen in den letzten paar Jahren seien Zugeständnisse bisher nicht erfolgt. Nachdem Redner noch auf die Stellung aufmerksam gemacht hatte, die der Herr Kom- merzienrat zu den Zolltarifen eingenommen habe, die nichts weniger als im Interesse der Musikinstrumentenindustrie liege, schloß der- selbe mit einem Appell an die Anwesenden, dafür einzutreten, daß unsere Fabrikanten sehr bald in die Lage kommen, mit der Organi- sation als gleichberechtigten Machtfaktor bei der Regelung der Ar- beitsverhältnisse zu rechnen. Die Ausführungen des Redners fanden den ungeteilten Beifall der Anwesenden. Es wurde sodann auf die für September von der Zahlstelle Berlin veranstaltete statistische Aufnahme hingewiesen und die Kollegen zur zahlreichen Beteiligung aufgefordert. Die Wcrkzcugmacherbranche des MetallarbciterverbnndeS hielt am Sonntag im großen Saale des Gewerkschaftshauses eine stark be- suchte Versamnilnng ab. in der Genosse Maurenbrecher über %Die preußischen Industriearbeiter im 18. Jahrhundert" sprach. Redner legte in seinem geschichtlichen Vortrage die damaligen gesell- schaftlichen Produktionsverhältnisse flar und ging dann näher auf die Zusammensetzung und die Bestrebungen der damaligen Arbeiter- schaft zur Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage ein. Er wies dann nach, wie brutal diese Bestrebungen durch drakonische Gesetze und Verordnungen niedergehalten wurden, und kam zu dem Schluß, daß es die Machtmittel deS Staate? und der Polizei waren. welche die Anfänge der Arbeiterbewegung aus Rücksichten auf die Staatsraison und das stets„staatserhaltende' Arbeitgebcrtum einfach unterdrückten. Im Anschluß hieran meinte der Referent weiter: Frage man sich nun, woher es komme, daß der Staat namentlich auch in seinem Heere immer willfährige Werk- zeuge zur Niederhaltung der Arbeiterbestrebungen findet, so sei die Antwort eine sehr einfache und könne zugleich auch als Beant- wortung derjenigen Bestrebungen gelten, die sich in der Feen- p a I a st- V e r s a m m l u n g in dem Anarcho- Sozialismus kundtaten. So lauge nämlich das organisierte Proletariat eine Minderheit sei, so lange habe es auch mit der Gegnerschaft aus seinen eigenen Kreisen zu rechnen. Darum müsse es unsere Aufgabe sein, die gewerkschaftliche sowohl als die politische Organisatton weit gewaltiger auszubauen, wie es bisher der Fall war. Erst wenn wir die Mehrheit des Volkes für unsere Ideen gewonnen haben würden, ließe sich die Frage nach der endgültigen Taktik zur Erreichung der politischen Macht beantworten. Bis dahin, so schloß der Redner, könne man den Organisationen das Eintreten in das Stadium der Vorbereitung nicht stark genug ans Herz legen. �Lebhafter Beifall.) Die nunmehr folgenden Diskussionsredner nahmen hauptsächlich auf die letzten Ausführungen des Referenten Bezug und legten ihrer- seitS dar, wie verkehrt es sei, bei jeder Gelegenheit mit hochtönenden Phrasen zu operieren und dabei die klare Sachlage aus dem Auge zu lassen. Von Cohen wurde namentlich die französische Metall- arbeiter-Gewerkschaft gestreift und an einigen Beispielen gezeigt, wie oft da Theorie und Praxis zwei weit auseinanderstrebende Dinge seien, während sie in Wirklichkeit doch einander ergänzen sollten. Er warnte davor, daß sich in die Gewerkschaften Tendenzen einschleichen möchten, die mit den eigentlichen Zwecken einer wirtschaftlichen Orga- nisation nichts zu tun Hütten. Von P e t er S d o r f wurde daraufhin- bewiesen, daß die Branche der Werkzeugmaiber trotz ihres jungen Bestehens schon sehr erfreuliche Erfolge gezeitigt habe. Doch sei es Pflicht aller Kollegen, noch mehr als bisher ihr Klassenbewußtsein zu entwickeln, damit endlich auch die angeblich parteilose Presse wie „Lokal-Anzeiger",„Morgenpost" u. a. aus ihren Reihen verschwinden und dafür der„Vorwärts" gehalten und gelesen werde.— Ein Antrag, der dann von einem Kollegen eingebracht wurde, dahin- gehend, daß Dr. Friedeberg in einer öffentlichen Metallarbeiter- Versammlung über„Weltanschauung und Taktik' sprechen solle, wurde abgelehnt._ ßriefhaften der Redaktion. Brandenburg. Zg. Z. Wilhelmshöhe, Post Degerloch, bei Stuttgart. — Dürre. Mit 1. Januar 190S.— Iserlohn. 1. Ausschlleßlich Adlige. Nicht steuerfrei. Keine direkte» Einnahmen dadurch. 2. Ja, wenn die Leistungen der Schüler nicht genügen. Muß in Güte geschlichtet werbe». 3. Sie haben Einreichung Ihrer Abonnements-Quitwng vergessen.— Schochau. Wenden Sic sich schriftlich an das Polizeipräsidium hier, Abteilung flir Hebammenwescn. Alle Einzelheiten erfahren Sie von dort.— Dogen. Ja. —»«KV. Nein.- 8754. Ja. WttteriingSübersich» vom 7/ September IV05, morgen» 8 Ahr. Stationen erlin Franks.a.M. Müu che» Wien L c a a SJÄ II a«■ Wetter Swinemde. 757 SSW 756 SW 758 SW 766 S 763 SSO 763 Still Zvetter- Prognose für Etwas kühler, ziemlich trül lichen Winden. 2 halb bd. 2bedellt 2wolkig 4 bedeckt 2 wolkig swolkig »K e?. tt «a Stationen LS lS 53 »=• Haparanda Petersburg Ccilly Aberdeen Pari» 757 756 K Still -.SW 745SSO 759 S Wetter wolkenl wolkig 3NebeI 2woINg --a s li Za 14 12 18 den 8. September 1905. mit Regensällen und mäßigen südwcst- "erliner Wette rbureau. Wasserstand am 6. September. Elbe bei Aussig st- 0,75 Meter, bei Dresden— 6,96 Meter, bei Magdeburg st- 1,61 Meter.— N n st r u t bei Straußfurt st- 1,86 Meter.— O d c r bei Ratibor st- 1,96 Meter, bei -j- 0,96 Meter, Für den Inhalt der Inserate überniinmt die Redaktion dem Publiknin gegenüber keinerlei Beraiitwortnng. Zbcatcr. Freitag, 8. September. Ansang 71/, Uhr: Opernhaus. Tarmhäuser und der Sängerkrieg aus Wartburg. Schaiispielhans. WallensteinS Tod. NeueS. Ein Sommernachtstraum. Westen. Die neugierigen Frauen. Zentral. Die Geisha. Thalia. Bis früh um Fünfe t Ansang 8 Uhr: Schiller V.(Wallner-Theater.) Der G'wissenswurm. Schiller(FAedrich Wilhelm- städllschcs Theater). Nora. Lessing. Aga. Residenz. Eine Hochzcitsnacht. Triano». DaS Ende der Liebe. Carl Weiss. Im Hause der Sünde. Belle-ANIanc«. Ben Ali Bey. Luisen. Fiesco. Deutsch- Amerikanisches. Wer, Herr Herzog! Kasino. Der AdelSnarr. ivtctropol. Geschlossen. Apollo. llin?lbcnd in einem amerikanischen Tingel-Tangel.— Am Hochzeitsabend.— Spezialitäten. Herrnfeld. Die MchcrhainS. Wintergarte». Lote Füller. Spe- zialitaten. Berliner Prater-Theater. Der rechte Weg. Passage. Poldi Augustin. Herr Tacianu. Spezialitäten. Reichshallen. Stcttiner Sänger. Urania. Tanbenstrnsir 48/49. Die deutsche Nordseeküste. Jnvnlidenstrasse 57/02. Sternwarte. Täglich geöffnet von 7 bis 11 Uhr. Anfang S'/s Ubv: LiistsPtelhanS. Der Familientag. Heues Theater. Ansang VI, Uhr. Lin Scinmernachtstraurn. Sonnabrnd u. folgende Tage: Ein Sommernachtstraum. csrl Veik' Idealer. Gr. Franlsurlersw.>32. Am Hanse der Sunde. Ansang 8 Uhr. Morgen Sonnabend, abends 8 Uhr: Schuldbeladen. Drama in 4 Akten von Fr. Hoser. Im Sommergartcn: Neues Septbr.» Spezialitäten-Programm.sAns.S'/.Uhr. 10 Uhr: Untselisioiing»- llinpIiSmpko. llrania Ä 8 Uhr; Sternwarte PI CASTAN S ANOPTrCÜ/W. Friedrichstr. 165. Joei's TB*aMmS| Im Kestanrationssaal: „D'Kochelsee'r."! Oberbayr. Gesangs-, Tanz- u. H Uebirgs-Szenon. W. Hoacks Thealer. Direktion: Rob. Olli. Brnniieiistr. 16. Heute keine Vorstellung. Sonntag, 16. September: Giroße Extra-"Vorstellnnjj. Konzeft, Theater, Spezialitäten. DM" Neue Spielsolge. WMi Extra-Tanz. Kafferknche. Ans. 4'/, Uhr. Anw. 30 Pf., Sperrsch so. Luisen-Theater. Heule Freitag, Abends 3 Uhr: Hssco. SonnaSeild; Der jüngste Leutnant. Sonntag nachmittag: Die Kinder der Exzellenz. Abends: Ter jüngste Leutnant. Montag: Die Kinder der Exzellenz. KasinosTheater Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr. Der Udelsnarr. Vorher: Die Zuubcrgolfi/e von Ossciibach. Original Rämbler Compagnio zum 1. Male in Berlin Duo Lsrdan. Somit. 4 Uhr: Ein Lobn des Velkes. ZOOinCISCHER GARTEN Täglich ab nachmittags 4 Uhr: Militär. Doppel-Konzert Eintrittspreis 1 M.; ab 6 Uhr 50Pf. Kinder unter 10 Jahren die Halste. Lustspielhaus. Abends 8'/- Uhr. Kyrltz-pyritz. Sonntag: Der Familientag. Residenz-Theater. Direhtiom Richard Htexander. Heute und folgende Tage: Ansang 8 Uhr: Ciuk ischmigistiihl. Schwank in 3 Akten von Henri Köroul und Albert Barrö. Dienstag, d. 12. Sept., z. 4. Male: Die Höhle des Löwen. KSpen!ci/,9 Uhr abends vom Schullhciß-Garten, Jannowitzbrücke. Hin und zurück 50 Ps. Nächste» Sonntag, such 9 Uhr und nachmittags 2 Uhr: Extra- fahrte» mit Musik, hin und zurück 73 Ps., Kinder und einfache Fahrt 50 Pf, sowie täglich, nachmittags 2'/, Uhr, sür 50 Ps., Kinder 25 Pf. Melropol-Theater Freitag, den 8. September: Geschlossen. Sonnabend, den 9. September, präzise'/a8 Ubr,' WLt zum 1. Male: !U ii'i ftinpl! Große Jahresrevue mit Gesang n. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Dirigent Kapellmeister Max Roth. In Szene gesetzt vom Direktor Eichard Schultz. Waiden a.D.xMißCiittord a.D. Bender x Giampietro Josephi x Frid-Frid x Massary Bebrens-Linke. Rauchen in all. Räumen gestattet. Anfang'/.S Uhr. Eröffnungs- Programm. LoYe Füller die berühmte Phantasietänzerin. Louise Blot Pariser Sängerin. 4 Luckens amerik. Gymnastiker. Sisters Gasch Akrobatinnen. Kapitän Woodward dress. Seehunde u. Seelöwen. Bedini und Artur amerikanische Exzentriks. Die mysteriösen Husaren. Edith Helena amerik. Sängerin. Die Trombettas Italien. Duett. Paul Spadoni Kraft- Jongleur. „In Japan" Ballettdivertissement. Tina Clementa Pferd- und Hundedressur. Igg" Per Biograph.~�0I Palast-Theater früher Feen- Palast, Burgstr. Zi, Sonnabend, 9. September: Beginn der 11. Saison. DaZ phänom. Eröffnungs-Programm. I�elisu-n.ÜMlWmiiiei'itt.iisM. Das Seste vom Kesten. Fei« üohrpost. Schwank in einem Akt v. M. Rcichardt. Ansang 8 Uhr. Konzert 7�/, Uhr. ISatree SO Pf. Familtenkarten sind in allen Barbier-, Frisenr- u. Zigarren- geschäfte» sowie an der Theater- raffe unentgeltlich zn habe». *Dtto Pritzkows, Berlin er in lttünzstr. 16. Jockl Tockl the Elastic Skia Man. Der Mensch mit der Gummihaut.| Mfle-Mao-Mni??? Entree SO PI. Reichshallen. Täglich: Stettiner Sänger. r; vCP-tr CSS E3 S- Boritzplatz. Täglich im grotzen schattigen Garten: 8treicl)-I?on2ert. Kicaräo|VIune2. Bei ungünstigem Wetter im Saal. ELYSIU Kommandanlensfr. 3-4. Vollständig neu renoviert.n gestrigen Bericht erwähnte Droschkcnlutschcr Herr Hoffmann, Liibbencrstr. 21, be- richtigend mit, daß er nach dem Unfall keineswegs davongejagt sei. Er habe vielmehr, als das Kind ihm blindlings unter die Räder ge- laufen sei, seine Droschke sofort angehalten und den Fahrgast aus- steigen lassen. Sein erstes sei dann gewesen, daß er das iibersahrene Kind in den Wage» gelegt und es zur Unfallstation gefahren habe. Nachdem dem Kleinen dort die erste Hülfe zuteil geworden, habe er ihn nach dem Nixdorfer Krankenhanse gebracht. Somit sei von seiner Seite alles geschehen, um das schlimmste zu verhüten. Irgend- welche Roheit oder Leichtfertigkeit habe er sich weder bei dem Unfall selbst noch nachher zuschulden kommen lassen. Ein gemeingefährlicher Betrüger wurde gestern in der Person des 30jährigen Kaufmanns Gustav Kessel von der Rixdorfer Kriminal- Polizei festgenommen. K., der erst vor einigen Monaten wieder einmal aus dem Zuchthause entlassen war, hielt sich seitdem unan- gemeldet in Berlin, Görlitzerstraße 48, auf. Was er seitdem getrieben, verschweigt er. Gestern kam er auf einem Spaziergang nach Rixdorf und mietete sich im Hause Weserstraße 200 ein möb- liertes Zimmer. Dann ging er zu einem in der Nähe wohnenden Uhrmacher, stellte sich dort als„Referendar Tiele-Kermes" vor und kaufte eine goldene Uhr mitKette im Bettage von 200 M. Da er„zufällig nicht so viel Geld" bei sich habe, ersuchte er den Uhrmacher, innerhalb einer Stunde die Uhr nach seiner Wohnung zu bringen. Dies geschah deim auch und als der Uhrmacher klingelte, öffnete der Herr Referendar und führte den Geschäftsmann in ein Zimmer, wo er ihn nöttgte, Platz zu nehmen. Dann ließ er sich die Uhr nebst Kette geben, um dieselbe„seiner Mutter zeigen zu können". Der Herr Referendar verließ darauf das Zimmer und gleich darauf hörte der Uhrmacher, wie die Korridortür ins Schloß getvorfen wurde. Nichts Gutes ahnend, eilte der Uhr- macher auf den Korridor und erfuhr hier von der Ver- Mieterin, daß ihr neuer Zimmerherr soeben die Treppe hinabgeeilt sei. Der Uhrmacher lief dem Betrüger nach und sah zu seiner ?-reude, daß am Reuterplatz ein Krimiiialbcamter den Schwindler esthielt. Derselbe war ohne Hut die Straße entlang gestürmt und dem Kriminalbeamten daher verdächtig erschienen. Bald war der Sachverhalt aufgeklärt und wohl oder übel mutzte Kessel, als welcher sich der Herr Referendar entpuppte, Uhr und Kette dem Geschädigten herausgeben. Lichtenberg. Eine gefährliche Taschcudicbin ist Mittwoch in Lichtenberg ver- haftet worden. Am vorigen Sonntagabend machte ein in der Friedrich Karlstraße wohnender Steinsetzpolier die Bekanntschaft eines Mädchens und nahm es in seine Wohnung mit. Als er am anderen Morgen erwachte, war seine Begleiterin verschwunden, mit ihr aber auch zwei Portemonnaies mit 75 und 425 Mark Inhalt, die er unter seinem Kopfkissen versteckt gehabt hatte. Der Kriminalpolizei gelang es bereits am selben Tage, die Prostituierte, die sich mehrere Namen beilegte und in Zuhälterkreisen den Spitznamen„Schiele Anna" führt, zu verhasten. In ihrer Wohnung wurden sechs Porte- monnaies mit Beträgen bis zu 50 Mark vorgefunden. Die Fest- genommene warf schließlich aus dem Fenster der Zelle eine Herren- Taschenuhr hinaus; die vielfach wegen Diebstahls Vorbestrafte leugnet hartnäckig, das Portemonnaie mit 425 Mark gestohlen zu haben, während sie den Diebstahl der kleineren Summe zugibt. Stralau. Aufsehen erregt in Stralau das Verschwinden des 37 Jahre alten Gastivirts Ernst Jacob aus der Straße Alt-Stralau Nr. 13. Jacob ist seit etwas mehr als einem Jahre Inhaber der bekannten großen Gartenwirtschaft„Zum Lindenpark", die auf dem Eigentum der Fabrikbesitzer Gebrüder Roll aus Berlin zwischen der Straße Alt-Stralau und der Spree seit viele» Jahren besteht. Das Geschäft kaufte er für 9000 M. Am Dienstagnachmittag um 2Vz Uhr ging Jacob weg, um Bekannte in der Zimmersttaße zu besuchen. Von diesem Ausgange kehrte er nicht zurück. Ein Unglück scheint ihm nicht zugestoßen zu sein, wenigstens liegt er nach dem Ergebnis der Nachfragen in keinem hiesigen Krankenhause. Den Angehörigen ist das Verschwinden rätselhaft. Das Geschäft, das nach überein- stimmenden Aussagen sehr gut geht, betreibt Frau Jacob weiter. Ober- Schöncweide. Ei» großer Dachswhlbrand wütete gestern vormittag in der Wilhelminenhofstraße in Ober-Schöneweide. Durch bisher noch nicht festgestellte Ursache war in dem Dachstuhl des Eckhauses Wilhelminenhofstraße 47 und Marienstraße Feuer ausgebrochen. Als die Feuerwehren Herbeisilten, hatte das verheerende Element schon gctvaltig um sich gegriffen. Trotz eifrigster Tätigkeit der Wehren war der Dachstuhl nicht mehr zu retten; er fiel den Flammen zum Opfer. Angeblich soll der Brandherd in der Wasch- küche entstanden sein._ Gerichts-Zeitung. Eine Anklage wegen KindrSunterschiebung beschäftigte gestern die Ferienstraskammer des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichts- rats Mroczek bis zum späten Nachmittag. Angeklagt war die Försterftau Anna Schlitz ki auS einem kleinen Orte in Ostpreußen. Sie ist schon ei»mal verheiratet gewesen, von ihrem ersten Ehe- manne aber geschieden. Ein jetzt 17jähriger Sohn erster Ehe befand sich unter den zum gestrigen Termin geladenen Zeugen. Die An- geklagte hat früher wegen sittenpolizeilicher Verstöße mehrere Polizei- strafen erlitten. Sie sehnte sich danach, aus diesem Sumpfe heraus- zukommen und dies gelang ihr auch, als ihr jetziger Ehemann sie in Berlin kennen lernte und mit ihr in intimen Verkehr trat. Sie teilte ihm eines Tages mit, daß der Verkehr nicht ohne Folgen bleiben dürfte und Herr Sch., der von ihrem Vorleben nichts wußte, heiratete sie. Am 20. April des vorigen Jahres wurde die Ehe gc- schlössen, und die Angeklagte siedelte von Berlin nach dem Wohnorte ihres jetzigen Ehemannes über. Das Glück der Ehe wurde Lnleratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» vorübergehend dadurch getrübt, daß dem Ehemann dunkle Gerüchte über das Vorleben seiner Frau zu Ohren kamen. Er beruhigte sich aber, nachdem ihm die letztere ein von ihr gefälschtes polizeiliches Führungsattest vorgelegt hatte, wonach sie einen tadellosen Lebens- Wandel geführt habe; der Ehemann hatte infolge der körperlichen Veränderungen, die er an der Angeklagten wahrnahm, keinen Zweifel daran, daß sie ihrer schweren Stunde näher und näher kam, und da in dem kleinen Orte eine Hebamme nicht existiert und Herr Sch. aus jagdlicbcn Beziehungen den Prof. Dr. Mackenrodt in Berlin kannte, so schickte er die Frau nach Berlin und riet ihr an, sich in die Mackenrodtsche Klinik zu begeben. Im September v. I. kam sie nach Berlin und will zunächst bei ihren Elteni in der Borsigstraße ge- wohnt haben und dann»infolge eines Zankes mit ihrem Vater zu einer Frau Barke übergesiedelt sein. Der letzteren erzählte sie, daß sie kurz vorher entbunden habe, und kam dann auch mit einem neugeborenen Kinde an. Sie begab sich nach dem Standesamt und meldete an, daß sie in der Wohnung ihrer Eltern in der Borsig- straße von einem Kinde männlichen Gelchlechts entbunden worden sei. Sie hat später selbst zugeben müssen, daß diese Anzeige falsch war, da der GeburtSakt nicht in der Borsigstraße stattgefunden habe. Mit dem neuen Weltbürger kehrte sie zu ihrem Ehemanne zurück. Ihrem Manne machte sie die Iviedcrum falsche Mitteilung, daß die Entbindung bei Professor Dr. Mackenrodt stattgefunden habe. An dem kleinen Jungen hängt sie mit zärtlicher Liebe und pflegt ihn mit aller Sorgfalt. Da wurde das Muttcrglück durch die Polizei gestört. Der Berliner Kriminalpolizei fiel es auf, daß das Kind einer armen Näherin, dessen Dasein auf den polizeilichen Listen verzeichnet war, plötzlich ganz von der Bild- fläche verschwunden war und jede Meldung über das Schicksal des- selben ausblieb. Man forderte die Näherin zu einer Erklärung auf und die Polizei erfuhr nun, daß das Kind an eine Frau verschenkt worden sei, die sich bei einer Hebamme um die Erlangung eines neugeborenen Kindes bemüht hatte. Die Näherin hatte mit der betr. Frau nach der ersten Begcgmmg noch ein zweites Zusammentteffen verabredet, die Frau hatte sich dann aber nicht mehr sehen lassen und der Verbleib deS Kindes blieb in Dunkel gehüllt. Die Polizei nahm an, daß es sich um eine Kindesunterschiebung handelte und stellte eifrige Recherchen an. Sie ermittelte, daß am 20. September bei mehreren Hebammen, insbesondere bei einer solchen in Charlottenburg eine Frau erschienen war und sich nach neugeborenen Kindern erkundigt hatte, da sie eins an Kindesstatt annehmen wollte. Von der Frau konnte nur eine oberflächliche Personalbeschreibung gegeben werden. Die Polizei recherchierte weiter bei den Standesämtern, prüfte die Geburtsanzeigen aus jenen Tagen, und die Spuren führten schließlich zu der Angeklagten. Die Anklage behauptet, daß diese gar nicht in anderen Um- ständen gewesen sei, dies dem Sch. nur vorgespiegelt habe, um ihn zur Heirat zu bewegen, und daß sie dann Weiler ihren Ehemann durch allerlei künstliche Mittel über ihren Zustand getäuscht habe. Nach Ansicht der Anklage habe die Angeklagte das verschwundene Kind der Näherin als'eigenes ihrem Ehemann zugeführt. Da die Angeklagte mit großer Entschiedenheit eine solche Komödie bestritt und dabei verblieb, daß sie die Mutter deS kleinen Jungen, der als Vcrgleichsobjekt an Gerichtsstelle war, sei, so war eine umfangreiche Beweisaufnahme notwendig, die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfand. Der Ehe- mann bat bei seiner kommissarischen Vernehmung ausgesagt, daß er keinen Zweifel an der Mutterschaft seiner Ehefrau habe; er hat auch versichert, daß er die Angeklagte auch geheiratet hätte, wenn sie ihm nicht gesagt hätte, daß sie sich in gesegneten Umständen befinde. Die vernommenen Hebammen konnten bei der Angeklagten nur eine gewisse Achnlichkeit mit der Frau erkennen, die sich nach einem Neu- geborenen erkundigt hatte; die als Zeugin vernommene Näherin er- kannte den anwesenden Sprößling als ihren Sohn nicht wieder, ebensowenig erlannte sie die Angeklagte. Diese be« rief sich auf ihre Mutter und mehrere Personen, die an der Echtheit ihres Zustandes keinerlei Zweifel gehabt haben und machte darauf aufmerksam, daß das Kind an den Zehen eine kleine Abnormität zeige, die sie selbst und mehrere Mitglieder ihrer Familie haben. Zum Vergleich legte sie auch eine Photographie ihres 17 jährigen Sohnes aus ganz jungen Jahren vor. die eine Achnlichkeit mit dem jetzt in Frage stehenden jungen Weltbürger habe. Belastend für sie war. daß sie über den Ort, wo die Geburt statt- gefunden, und die näheren Umstände verschiedene un- wahre Angaben gemacht und niemand von den, Geburtsakt irgend etwas bemerkt hat. Ferner ist sie in der Mackenrodtsche» Klinik sowohl zwei Tage vor und 5 Tage nach der angeblichen Geburt aus anderer Veranlassung körperlich untersucht worden und die hier amtierenden sachverständigen Aerzte haben nicht das geringste von einer zu erwartenden oder stattgefundcnen Entbindung bemerkt. lieber die maßgebenden medizinischen bezw. gynäkologischen Fragen wurden Prof. Dr. Mackenrodt, die Affistenzärzte Dr. K u n tz s ch und Dr. Hafermann, Gefängnisarzt Dr. Marx undProf.Dr.Straß- mann vernommen.— StaatSanwaltschaftsratLind o w gab zu, daß nicht nachgewiesen sei, daß eS sich hier um das verschwundene Kind der Näherin handele. Nach der Bcweisaustmhme liege aber zweifellos eine Kindesunterschiebung und eine wissentlich falsche Angabe vor dem Standesamte vor. Der Staatsanwalt hielt aber den Fall für so milde liegend, daß er nur zwei Monate Gefängnis be- antragte.— Der Verteidiger Referendar C a r o w führte dagegen aus, daß die Schuld der Angeklagten in keiner Weife erwiesen sei und der Gerichtshof trotz aller vorliegenden BelastungS- Momente zu einem Kon liqnot kommen müsse. Nachdem die Angeklagte ihr Ziel, Frau zu werden, erreicht hatte, habe sie doch gar keinen Grund gehabt, ihrem Ehemanne, dessen kleiner Etat durch ein Kind stark belastet wurde, eine solche Geburtskomödie vorzumachen. Der Gerichtshof kam zu einem Schuldigspruch, war aber auch der Ansicht, daß der Fall denk« bar milde liege. Die Angeklagte habe keine gewinnsüchttge Absicht gehabt, die Frau nehme sich des Kindes liebevoll an und habe sich von ganz edlen Motiven leiten lassen. Das Gesetz verlange aber eine Sühne und diese sei vom Gericht auf zwei Wochen Ge« fängnis bemessen worden. Vermischtes. Diebstähle im Vatikan. Aus Rom wird uns geschrieben: Der hiesige„Messaggero" bringt Aufsehen erregende Enthüllungen über fortgesetzte schwere Diebstähle, die in dem Casino di Leone IV, dem Sommeraufenthalt der Päpste in den vattkanischen Gärten, vorgekominen sind. In diesem Landhause wurden seit Jahren die Kunstwerke aufgehäuft, die Fürstlichkeiten. Pilgerzüge und reiche Gönner dem Papst überbrachten, wertvolle Miniaturen, Paramente, Albums usw. Seit längerer Zeit bemerkte man, daß diese nicht katalogierte Sammlung sich allmählich lichtete. Da die kleinen Fische im Netz bleiben, legte man zunächst Hand auf einen Gendarmen der Schweizer Garde, einen gewissen A n t o n e l l i. der vom Dienst suspendiert wurde und jetzt sogar den weltlichen Gerichten des „Usurpators" angezeigt ist. Der„Messaggero" fügt hinzu, daß der Wert der gestohlenen Gegenstände eine phantastische Höhe erreicht. Im Vattkan glaube man allgemein, daß Antonelli nicht allein schuldig sei und daß sehr hochgestellte Persönlichkeiten um große Diebstähle in anderen Gemächern und Sammlungen wüßten. Wahrscheinlich wird, wie bei dem berüchtigten Millionendiebstahl des Dneo nero, die Ocffent« ljchkeit nie Genaues über diese Geheimnisse des Vatikans erfahren. Eingegangene Oruckfedritten. Plutus. Kritische Wochenschrift sür Volkswirtschnst und Finanzwesen (Herausgeber: Georg Bernhard). 36. Hest. Abonnement vierteljährlich per Post und Buchhandel 3,50 M., Kreuzband 4,—. Verlag: Bcrlin-Charlotten- bürg, Goetheslr. 69. Fritz Schmelzer: Tmisgcmeinschasten. ihre wirtschaftliche, sozialpolitische und iurislische Bedeutung, mit besonderer Berücksichtigung des Arbeitgeber» standpuiiltes. 143 Seilen. 3 M. Verlag A. Dcichert Nächst.(G. Böhme), Leipzig._______ Äuchdruckerei u. Vcrlagsanstalt Paul Singer Li Co., Berlin SM