Kr. 383. Rbonnementt-Rtdlngnnaen: NtonnemenIS. Prrlt pränumerando! Bicrleljährl. S.ZV m.. monaH. 1,10 Mk., WZchcnlUch 28 Psg, frei inj Hau». Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonnlagt, mimmrr mit Muslrierter Sonntags. Vellage.Die Neue Welt' 10 Psg, Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post. ZeitungS. Preisliste. Unter Rrcuzband sltr Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Marl pro Monat. TS. Jahrg. Crfiidat Ugilch auBu inoBtaa*. Devlinev Volksblclkk. DI« Inlertlons'Gtbfllir Setrügt für die sechsgespaltene flolonrt» zetle oder deren Naum«0 Psg. für politische und gewerlschastltche BereinS- und BersanunIungS-Anzeigen 2b Pfg. „Aieine Anreizen", daS ersie ssett- gedrullte)«ort 10 Psg., j-deS weitere Wort b Psg.«orte über 15 Buchstaben Sühlen für zwei Worte. Inserate sür die nüchste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expeditionabgegeben werden. Die Elpedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festlagen bis 8 Uhr vormittags geüffnct. lelegramm. Adresse: „SMlaldtrnehrät BcrllB". Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: öd. 68, Lindenetrasae 6g. Kern spreche»: Amt IV. Nr. 1983. Sonnabend, den Ä3 September 1903. Expedition: 8d. 68, Lindenatraaac 6g. Kcrnsprechrr: Nint IV. Nr. 1084. Die Meinung der Arbeiterklasse. Jena, den 22. September 1905. In der heutigen Debatte über den politischen Massenstreik er- reichte der diesjährige Parteitag seine hohe und seine historische Be- deuwng in der Reihenfolge der Tagungen. Die politische EntWicke lung Preuhen-DeutschlandS in jüngster Zeit hat unserer Partei die Behandlung dieser Frage aufgedrängt. Nicht wir haben Neues zu ersinnen getrachtet; die wirtschaftlichen und politischen Feinde, die wachsend« Rücksichtslosigkeit des Unternehmertums, wie sie sich soeben in der Aussperrung von über 8000 Metallarbeitern in Berlin be kündet, vor allem aber die andauernden systematischen Angriffe auf die kärglichen politischen Grundrechte, wie sie in Sachsen, in Ham bürg, in Lübeck und in den Kommunen verschiedener Bundesstaaten unternommen wurden, wie sie gegen das höchste Bolksrecht, das all- gemeine, gleiche Wahlrecht zum Reichstag, geplant und von maß gebenden Regierungsstellen angedroht werden: das alles macht die Frage brennend, wie das deutsche Volk sich gegen solche gewaltsame Verhinderung einer geordneten EntWickelung zu schützen und zu sichern vermag. Die Behandlung des schweren taktischen Problems in so ernster politischer Situation war dem Mann übertragen, der seit fast vier Jahrzehnten als Meister der Taktik der deutschen Sozialdemokratie ein Wegweiser war, und wiederum bewies Bebel jene Vereinigung von Eigenschaften, welche die deutsche Arbeiterklasse durch zahllose schwierige Kämpfe von Erfolg zu Erfolg geführt haben; jene tiefe Einsicht in den Zusammenhang der gesamten wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse und jene wunderbare unerschöpfliche Jugend- krast, die eine ganze Partei, ein ganzes Millionenheer zur Be- geisterung hinreißt und zur Tat ruft. In fast vierstündiger Rede bewältigte Bebel die Debatte. In großzügiger Darstellung schilderte er die Gestaltung der politischen Verhältnisse während der letzten Jahre. Nach dem Wahlsiege von 1903 bleibt die Sozialdemokratie, was sie gewesen ist. Die Regierung und insbesondere der Reichskanzler mußten erkennen, daß die Hoffnung nichtig sei, die Sozialdemokratie durch den Schein liberalen Entgegenkommens verwirren und spalten zu können. Die bürgerlichen Parteien schloffen sich immer enger aneinander. Das Zentrum wurde immer mehr Regierungspartei. Im Reichstag verschärften sich die Gegensätze zwischen den übrigen Parteien und der Sozialdemokratie. Die Abneigung der leitenden Kreise gegen Sozialreformen nahm zu, da man sich sagte, daß man damit doch die Sozialdemokratie weder gewinnen, noch einen Teil der Arbeiterschaft von ihr loslösen könne. Durch zahlreiche aktenmäßige Belege und in scharf satirischen Bemerkungen, die die lebhafteste Erheiterung deS Parteitages erweckten, kennzeichnete Bebel die zunehmende, oft geradezu finnlos sich äußernde Wut der besitzenden Klassen gegen die, Arbeiterklaffe und ihre politischen Bestrebungen. Immer mehr verschärft sich das Klassenbewußtsein der Bourgeoisie, immer gespannter wird das Ver- hälwis zwischen den Machthabern und der Sozialdemokratie. Diese Situation ist geeignet, schließlich zu schweren Konflikten zu führen, wenn nicht die Arbeiterklaffe so stark wird, daß sie es den Gegnern verleidet, die Dinge zum äußersten zu treiben. Die kapitalistische Entwickelung selbst aber begünstigt die Arbeiterklaffe, daß sie stets stärker wird, daß sie aus ihrer Seite immer mehr materielle Macht ansammelt. Sodann behandelte Bebel die Wohlrechtskämpfe in den einzelnen Bundesstaaten und die Stellung der Partei zum ReichStagSwahlrecht. Den Reichstag deS allgemeinen gleichen Wahlrechtes wollen die maßgebenden Kreise des Junkertums, des feudalen JndustrialismuS und der Bureaukratie nur noch als notwendiges Uebel der Reichs- einheit. Die Verbesserungen deS Wahlrechts aber in Bayern und Baden soll man nicht überschätzen, da sie wesentlich dadurch zustande kamen, daß daS Zentrum sie als Mttel der Herrschafts- gewinnung gebraucht. Wie daS Zentrum das gleiche Wahlrecht preisgibt, sobald es selbst keinen Vorteil mehr davon hat. zeigen die Vorgänge in Württemberg. Diese und mannigfache andere Vorgänge und Anzeichen nötigen dazu, den Schutz des ReichstagSwahlrechteS auf daS ernsthafteste ins Auge zu fassen. Nachdem Bebel die Bedeutung der politischen Rechte und der parlamentarischen Einrichtungen eingehend und nachdrücklich ge- würdigt halte, ging er über zur Behandlung deS Verhältnisses zwischen Partei und Gewerkschaft und zu der Frage, welche Mittel die Arbeiterklasse in beiderlei Organisationen anwenden kann, wenn eS gilt, reaktionäre Anschläge abzuwehren. Fern von jeder Kleinlichkeit der Kritik an einzelnen Worten, die auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß gefallen waren, forderte er Klarheit über die gemeinschaftlich anzuwendende Taktik und rief zu brüderlichem Zu- sammenwirken der beiden großen Organisationen auf. Er erklärte in Uebereinstimmung mit den Darlegungen der Gewerkschaftsführer. daß es nötig ist. die anarchistische Generalstreiksidee abzulehnen, die als ein fortdauernd zu propagierendes.Erziehungsmittel' des Proletariats, als Sozial-Allheilmittel gedacht ist. Er skizzierte die. Geschichte deS Gedankens vom politischen Massenstreik auS den internationalen sozialistischen Kongressen und hob hervor, daß insbesondere schon der Züricher Kongreß von 1393 die Anwendbar- keit des politischen Massenstreiks unter bestimmten Umständen be- schloffen hat. Aber nicht nur gegen den anarchistischen Streit mllffen sich die Genossen wenden, sondern auch gegen den Irrtum der über- mäßig Aengstlichen. die durch Hinweise auf das Strafgesetzbuch gegen jede Kraftentwickelung der Arbeiterklasse Bedenken erheben. Der Bergarbeiterstreik beispielsweise habe gezeigt, wie Hundert- tausende in voller Ruhe den großen Kampf aufnehmen und ebenso zur rechten Stunde wieder abbrechen können. Wenn aber noch weit größere Kämpfe uns erwarten, so werden wir allerdings noch viel mehr wagen mllffen, wenn es gilt, die höchsten Menschenrechte gegen .Vergewaltigung und Staatsstreiche zu schützen. Erbärmlich ist ».die Klasse, nichtswürdig die Nation, die nicht ihr alles setzt an ihre Ehrel Und weiter erörterte Bebel die Brauchbarkeit des politischen Massenstreiks. Er besprach die Vorgänge in verschiedenen aus- ländischen Staaten, zog daraus die Lehren und unternahm den Versuch, im voraus festzustellen, wie im wesentlichen sich die Dinge gestalten können, wenn es in Deutschland zu Kämpfen um das Reichstags-Wahlrecht kommen sollte. Er betonte dabei, daß dann auch mit dem Eintreten der christlichen Arbeiter, ja auch von vielen des Bürgertums in dem Kampfe gerechnet werden könne. Bebels machtvolle und den Parteitag unausgesetzt in höchster Spannung haltende Darlegungen flangen aus in eine Warnung an die Gegner und eine Mahnung an die Freunde. Die Feinde der Arbeiterklasse dürfen nicht wähnen, daß die Deutschen sich alles und alles geduldig gefallen lasten werden; sie sollen sich überlegen, ob sie glauben, gegen die große Mehrheit der Nation und unter der Erbitterung deS Volkes eine Gewaltherrschaft errichten und erhalten zu können. Die Arbeiterklasse aber soll sich gewiß nicht blindlings in Abenteuer stürzen, jedoch durch unablässiges begeistertes Werben soll sie politisch und gewerkschaftlich sich immer besser organisieren, so daß sie allen Stürmen der Zukunft zu trotzen vermag. So hatte Bebel alles zusammengefaßt, was das politische Leben in jüngster Zeit bewegte und was die deutsche Arbeiterschaft leidenschaftlich erfüllt. Der Jubel des ganzen Parteitages dankte dem Vorkämpfer, der allen Jüngeren der Partei die Standarte des Freiheitskampfes voranträgt I Die Diskussion der NachmittagSsitzung vervollständigte die Kundgebung. Wohl zeigte sich unter den Genossen, die das Wort nahmen, mannigfache Abstufungen in der Auffassung der Resolution. Die einen betonten mehr die Notwendigkeit, zunächst die Voraus- setzungen und Beziehungen der Macht für die Arbeiterklasse zu schaffen, auf deren Grundlage allein ein politischer Massenstreik mög- lich werden kann; die anderen legten den Ton auf die Schwierig- leiten der Durchführung einer solchen Aktion; wieder andere mahnten, allzu große Borsicht beiseite zu stellen und feuerten zu begeistertem Wirken an. In seinem Schlußwort weist Bebel daS Schwelgen in Blut und Revolution ab, in daS die Debatte bei einigen Rednern abgeirrt sei. Noch auf keinem Parteitag sei man so blutrünstig gewesen, meinte er lächelnd, daran habe er in seinem harmlosen Gemüt nicht gedacht. Wozu die Angstmeieeei, daS Ausmalen von Katastrophen. Keinen Feldzug, keine Reiterattacke bedeute die Resolution, nur ein Warn- und Weckruf solle sie sein. Keine Beschlüsse ins Blaue hinein. keine Festlegung bedeutet die Resolution. Wir ändern in gar nichts unsere Taktik, nur ein neues Kanipfmirtel ziehen wir in Erwägung. Besonderen Wert legt Bebel zum Schluß auf die Feststellung, er habe zu der Debatte über die gewaltsame Revolution keinen Anlaß gegeben und stehe auf dem alten Standpunkt: wir sind revolillionär in den Zielen, nicht in den Mitteln; wir sind die Gesetzlichen, die Verantwortung für die Gewalt tragen unsere Gegner. ES folgen noch in der achten Stunde persönliche Bemerkungen, die schärfere Ausfälle in der Debatte loyal zurücknehmen und viel- fach Heiterkeit hervorrufen. Die namentliche Abstimmung erzielt die fast ein- stimmige Annahme der Resolution Bebels. 233 Stimmen mit ja, 14 mit nein. Zwei enthielten sich der Stimme. Zur Minderheit gehören meist Gewerkschafts- führer, die sich durch den Kölner Beschluß gebunden glauben. So ward die Debatte über den Generalstteik eine Kundgebung der Einheit und Geschlossenheit der Partei, der Energie, Klarheit und Besonnenheit unserer Bewegung. Die Anssperrnng in den Elektrizitäts- betrieben Berlins. Der gewaltige Kampf, den die Unternehmer in der Elektrizitäts-Jndustric gegen die Arbeiter führen, ist in vollem Gange. Was gestern noch als eine Drohung, als ein Ein- schüchterungsvcrsuch der Arbeiter angesehen werden konnte, heut ist es brutale Wirklichkeit geworden. Weil bei Sieniens u. Halske sowie bei der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft gegen 500 Arbeiter streiken, und weil diese Arbeiter nicht zu den Bedingungen, welche die Werkslcitnngen gewähren wollen, zur Arbeit zurückkehren, wurde sänitlichcn Arbeitern der beiden Großbetriebe die Aussperrung angedroht. Wenn die Unternehmer glallbten, diese Drohung würde die Arbeiter einschüchtern, wenn sie glaubten, die Streikenden würden unter der Wirkung dieser Drohung zu Kreuze kriechen und bedingungslos in die Fabriken zurückkehren, so hatten sie sich getäuscht. Die Ausständigen beugten sich nicht unter das Joch, das ihnen die Unternehmer auflegen wollen, und so ist denn geschehen, was die Leiter der genannten industriellen Werke wollten: Aus einer unbedeutenden Lohnbewegung einer verhältnismäßig kleinen Arbeiterzahl ist ein gewaltiger, von den Unternehmern ins Werk gesetzter Machtkampf ge> worden. Jetzt handelt es sich nicht mehr darum, ob diese oder jene Lohnforderung bewilligt werden soll, sondern der Kampf dreht sich vielmehr um die Frage: Sollen die Arbeiter das selbst- verständliche Recht haben, ihre Arbeitskraft zu verweigern, wenn ihnen die Gegenleistung, die der Unternchnier dafür bietet, nicht genügt. Die Leiter der beiden elektrischen Be- triebe wollen den Arbeitern dieses Recht streitig niachen, es soll ihnen ein für allemal verleidet werden, die Arbeit zu verweigern, wenn ihnen der Lohn und die sonstigen Arbeits- bedingungen nicht annehmbar scheinen. Das ist der Grund, weshalb den Arbeitern in der Elektrizitäts-Jndustrie der Krieg erklärt worden ist, und die Unternehmer sind— wie in bürger- lichen Blättern mitgeteilt wird— gewillt, diesen Kampf mit allen Kräften durchzuführen. Der Aussperrungsbeschluß ist von den Leitern der beteiligten Betriebe einmütig gefaßt und zwar in einer Versammlung, die am Mittwoch bis 3 Uhr nachts dauerte. Die recht lange Dauer der Sitzung läßt darauf schließen, daß es nicht leicht gewesen sein niag, die Einmütig- keit zu erzielen. Vielleicht sind doch manchem der Herren Be- denken aufgesttegen, ob der brutale Gewaltakt den Erfolg haben wird, den sie erwarten. Doch, ob nun die Unternehmer einig sein mögen oder nicht— die Arbeiter sind einig! Sie haben den Kampf, in den sie gedrängt worden sind, aufgenommen und ihre Maßnahmen getroffen, um sich mit Erfolg zur Wehr zu setzen. In dem Bewußtsein, ihr gutes Recht, ja ihre Lebens- interessen zu verteidigen, sehen sie den Angriffen des Unter- nehmertums ruhig entgegen. Augenblicklich befindet sich ja der Kampf erst in den Anfangsstadien. Immerhin sind schon mehr als 8000 Arbeiter der Elektrizitäts-Jndustrie aus- gesperrt. Doch, wenn die Unternehmer sich nicht eines anderen besinnen, kann der von ihnen ins Werk gesetzte Wirt- schaftliche Krieg eine Ausdehnung annehmen, die noch weit hinausgeht über den Rahmen innerhalb dessen sich die AuS- sperrung nach dem Plane der Unternehmer bewegen sollte, denn die Arbeiter sind Willens, für den Fall, daß auch in denjenigen Betrieben der elektrischen Industrie, wo bis jetzt noch gearbeitet wird, die Aussperrung verhängt werden sollte, der Ausführung dieser Absicht mit einei� allgemeinen Arbeits- niederlegung in allen Betrieben des Kühnemänner-Verbandes zuvorzukommen. So stehen wir allem Anscheine nach augenblicklich am Beginn eines gewaltigen Kampfes, einer bedeutungsvollen Episode jenes großen Klassenkampfes, die die Arbeiterklasse gegen die Klasse der Ausbeuter zu führen hat.— Auf der einen Seite ein rücksichtsloses Unternehmertum, das die Arbeiter unter seinen Willen beugen will, auf der anderen Seite eine Kämpferschar von vielen Tausend Arbeitern, die, von der Sympathie aller klassenbewußten Arbeiter begleitet, opfermutig für ihr gutes Recht einstehen. Ueber die gegenwärtige Situation des Kampfes wird uns berichtet: Ausgesperrt sind bis jetzt rund 8SV0 Arbeiter und Arbeiterinnen, und zwar von der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft auf dem Kabelwerk Ober- spree zirka KOOt), und von den SiemenS-Schuckert- Werken zirka 25; letztere arbeiteten in ihrer großen Mehrheit auf dem Werner-Werk, ein geringer Teil in der Pankower Gießerei. Gestern waren die Ausgesperrten in vier völlig überfüllten Versammlungen zusammengekommen, um von den Organisationsleitungen Ver- Haltungsmaßregeln entgegenzunehmen. Die Versammlungen fanden statt in der Kronen-Brauerei, in Peters Gesellschaftsbaus, in den AndreaS-Sälen und in Kellers Saal. Eine fünfte Versamm- lung sollte wegen Ueberfüllung der östlichen Säle noch in der Brauerei Friedrichshain abgehalten werden, doch wurde dieselbe durch den Polizei-Revierleutnant inhibiert, weil sie, wie alle übrigen, nicht polizeilich angemeldet war. Ein riesiges Aufgebot von Schutzleuten zu Fuß und zu Pferde mitsamt den unvermeidlichen«Geheimen' hielt überflüssigerweise die Säle besetzt. In Anbetracht der ganzen Situation wurde den Ausgesperrten in allen Versammlungen eingeschärft, sich durch nichts provozieren und aus der Ruhe bringen zu lassen. DaS Streikposten» stehen soll nur von Vertrauensleuten und Funktionären der beteiligten Organisationen ausgeübt werden. Das Gros der Aus- gesperrten solle sich dagegen möglich st zu Hause halten. Informationen erfolgen durch die Arbeiterpresse und aus Plakaten an den Anschlagsäulen. Der Bevollmächtigte des Metallarbeiterverbandes, Cohen, wies in einer Versammlung besonders auf den Ernst der Lage hin, gab aber der Ueberzeugung Ausdruck, daß die ganze Aussperrung ein Schlag ins Mass er sein werde. Wenn das Unternehmer- tum glaube, durch einen Gewaltakt die Arbeiter einzuschüchtern, damit sie womöglich de- und wehmütig zu Kreuze kriechen sollen, so sei das ein großer Irrtum. Durch langjährige, fast permanente Kämpfe gegen daS Kapital gestählt und gehärtet, sei die Arbeiter- schaft geschult und stark genug, um der AussperrungSwut der Berliner Elektrizitätsmagnaten entsprechend Widerstand zu leisten. In kühler, gelassener Ruhe würden die Organijationen der Weiter- entwickelung der Dinge entgegensehen. Die Arbeiterschaft werde tun, was sie ihrer Ehre schuldig sei. Da die Frage aufgeworfen wurde, ob sich die Aussperrung möglicherweise auch auf die übrigen Werke der beiden Gesellschaften ausdehnen könne, so äußerte sich Cohen daraufhin etwa folgender» maßen: Wenn die Herren der Elektrizitätsindustrie eS wahr mache» sollten, auch mit der Aussperrung in ihren anderen Werken zu be- giniven, oder gar die gesamten Firmen deS Metallindustriellen- Verbandes mit in die Aussperrung hineinzuziehen, so könne eS gar zu leicht eintreten, daß sämtliche Arbeiter dieser Werke schon vorher aus einen Schlag die Arbeit niederlegten.(Stürmischer Beifall.) . Vielleicht würde sich diese FwFe schon am kommenden Montag «entscheiden, und dann sei cS nicht ausgeschlossen, daß womöglich bereits am Mittwoch oder Donnerstag 60 000 Arbeiter im Streik ständen. Die Herren möchten also nicht mit dem Feuer spielen, sie könnten sich sonst selbst arg versengen. Würde es zu einem solchen Riescnstreik kommen, so falle die Verantwortung für die Folgen lediglich auf die Schultern des Unternehmertums, denn für die Arbeiterschaft handele es sich dann einzig und allein um einen Akt der Ehren Notwehr.(Lebhafter Beifall.) Am Sonntag wird die gesamte Arbeiterschaft aller Werke der beiden Gesellschaften in 14 großen Versammlungen Stellung zu der Aussperrung nehmen. Für das Kabelwerk Oberspree hat sich bereits eine un- angenehme Folge der Aussperrung bemerkbar gemacht. Die Eisen- bahnverwaltung in Ober-Schöneweide hat das genannte Werk auf- gefordert, fünfzig Waggons, die für das Werk eingetroffen find, unverzüglich entladen zu lassen. Das Kabelwerk, das ja die eigenen Arbeiter ausgesperrt hat, übertrug die Entladung des Eisenbahntransportes einem Spediteur, der dieselbe aber nicht ausführen konnte, weil seine Arbeiter sich weigerten, die Streik- arbeit auszuführen. poUtifcKe deberficbt. Berlin, den 22. September. Zollkriegs-Spekulatione». Dem ostelbischen Agrariertum, bekanntlich der feinsten Blüte germanisch-polnischer Edclrassenzüchtung, wäre es sehr un- angenehm, wenn die Handclsvertrags-Verhandlungen mit der Rc- gierung der Vereinigten Staaten von Amerika zum Abschluß eines neuen Vertrages führten und durch diesen der nordamerikanischen Union nicht nur die Zollermätzigungcn auf landwirtschaftliche Er- Zeugnisse eingeräumt würden, die durch den neuen Vcrtragstarif Rußland, Oesterreich-Ungarn, Italien usw. zugestanden sind, sondern außerdem vielleicht noch einige Extra-Zollreduktionen auf amerikanische Landprodukte, z. B. auf Mais und amerikanisches Obst. Viel lieber würden sie es sehen, wenn die deutsche Regierung durch provokatorisches Verhalten gegenüber der Union diese zum Abbruch aller Vertragsverhandlungen und zum Zollkrieg treiben würde. Rußland hat bekanntlich in diesem Jahre eine Mißernte gehabt und wird deshalb im nächsten, wahrscheinlich auch noch im Jahre 1007 sehr wenig Getreide ausführen können; wenn nun außerdem noch das amerikanische Getreide vom deutschen Markt durch Inkraftsetzung des allgemeinen Zolltarifs vom 25. Dezember 1902, d. h. durch Erhöhung der Getreidezölle auf 7 M. bczw. 7,50 M. pro Doppelzentner, ferngehalten wird, dann muß un- bedingt in den nächsten beiden Jahren der Ge- trei depreis auf dem deutschen Inlandsmarkt ganz beträchtlich steigen. Das sind für die Profitsucht der ostelbischen Getreideproduzenten höchst verlockende Aussichten, und sie suchen deshalb ihr möglichstes dazu zu hm, daß die deutsche Regierung sich auf ihre Verpflichtung zur Hochhaltung der „nationalen Ehre" besinnt, d. h. die Union zum Zollkrieg provoziert. Besonders läßt sich Graf Schwerin-Löwitz, der Präsident des Deutschen Landwirtschaftsrats, zur Erreichung dieses edlen Zweckes keine Mühe verdrießen. Er veröffentlicht in der„Deutschen Monatsschrift" einen Artikel, der mit folgenden aufstachelnden Sätzen schließt: „Es liegt nicht nur im eigenen wirtschaftlichen Interesse Deutschlands, sondern zugleich auch im Interesse anderer europäischer Staaten und ihrer Unterstützung gegen die Union, daß Deutsch- land jetzt volle Gegenseitigkeit verlangt und, falls sie nicht zu er- reichen ist, vor einer Differenzierung der Union ebensowenigzurückschrecktwieandereStaatcn____ Ich schließe deshalb mit der zuversichtlichen Hoffnung, daß die ver- bündcten Regierungen und der deutsche Reichstag an dem vom Reichskanzler in der Sitzung vom 22. Januar 1003 proklamierten Standpunkt, daß die Neuregelung unserer Handelsbeziehungen zur Union„nur auf der Basis voller Gegenseitigkeit" erfolgen könne, unerschütterlich festhalten und denselben— um mit den jüngsten Worten unseres Kaisers zu sprechen—„nach innen geschlossen, nach außen entschlossen" vertreten werden."— Der Parteitag der freisinnigen Volkspartei. Still und wenig beachtet beginnt heute abend in Wiesbaden mit einer Vorbesprechung der Parteitag der Freisinnigen Volkspartei, des übrig gebliebenen kleinen Häufleins ehemaliger Fortschritts- Herrlichkeit, die einst unter Eugen Richters Führung im Reichs- und Landtag stolze Triumphe feierte. Heute ist die Partei schwach und kränklich, wie ihr erster Führer, der zum erstenmal dem Parteitage fern bleiben wird. Mühsam schleppt sie sich vorwärts, nur noch von der Erinnerung vergangener größerer Tage zehrend; denn längst hat sie ihren Halt im politisch-krästigen Erdreich verloren. Die intelligente Arbeiterschaft, die sich einst größtenteils zur Fortschrittspartei zählte und aus deren vorwärtsdrängendem Kampfesmut sie immer wieder neue Kräfte zog, hat dem traurigen Ueberbleibsel einer überlebten Zeit, das sich heute„Freisinnige Volkspartei" nennt, völlig den Rücken gekehrt und sich dem neuentstandenen Geistesriesen, der Sozialdemokratie, angeschlossen; während andererseits die einst zur Fortschrittspartei gehörenden großbürgerlichen Elemente längst ihre politischen Ideale hinter sich geworfen und in allerlei wirtschaftlichen Interessengruppen Unterschlupf gefunden haben. So besteht denn heute die Freisinnige Bolkspartei fast nur noch aus einigen bürger- lichen Gelehrten und Ideologen, strebsamen Geschäftspolitikern, sowie Kleinkaufleuten und Kleinfabrikanten, untergehenden Elementen, deren Sinnen und Trachten völlig im Erwerbskampf aufgeht und mit denen daher sich große politische Schlachten nicht schlagen lassen. Deutlich kommt dieses Siechtum in der Verschiedenheit der Aufmerksamkeit zum Ausdruck, welche die Oeffentlichkeit dem Jenaer Parteitag der deutschen Sozialdemokratie und dem Wiesbadener Parteitag der Freisinnigen Bolkspartei schenkt. Während die Vor- bereitungcn zum Jenaer Parteitag seit Wochen, ja Monaten die Presse aller Parteien beschäftigen, während die ganze Welt mit gespannter Erwartung nach Jena blickt, nimmt außerhalb der frei- sinnigen Presse kaum ein Blatt von der Wiesbadener Veranstaltung Notiz und selbst die wenigen BegrüßungSartikcl, welche sich die eigene freisinnige Presse leistet, klingen kühl, matt und freudlos. Sogar die Nachfolgerin der Eugen Richterschen„Freisinnigen Zeitung", die„Freie Deutsche Presse", bringt es nur zu einem kalten„Gruß", der in die Worte ausklingt: „Die in Vorbereitung begriffene„Reichsfinanzreform" greift nach neuen ungerechten indirekten Steuern, während sie die Quellen, die im Falle tatsächlichen Bedarfs für eine Aufbesserung der Reichs- sinanzen zuerst in Betracht kämen, geflissentlich meidet: da heißt es, auf der Hut sein, damit dem Volke nicht unnötige neue Lasten auf- gebürdet und hochentwickelte Gcwerbszweige ohne Not dem Unter- gange geweiht werden. Die Flcischnot wird immer ärger und die Negierenden tun nichts, um den schweren Schädigungen der Volks- ernährung abzuhelfen: es wird Sache des Parteitages sein, Wider die einseitige Begünstigung agrarischer Interessen auf das nach- drücklichste zu protestieren. Gegen das ominöse preußische Schul- kompromiß, das eine schlimme Gefahr für das Volksschulwesen und damit zugleich für jeden Kulturfortschritt in sich schließt, wird gleich- falls entschiedenste Stellung zu nehmen sein. Weitere Anträge, die sich auf Fragen der Sozialpolitik, der Eisenbahntarife, der Wahl- reform, der Rechtspflege, der Organisation und auf andere Gebiete des öffentlichen Lebens beziehen. sind zum Teil von nicht geringerer Tragweite. Alles in allein: an Arbeitsmaterial wird es den: Wiesbadener Parteitag nicht fehlen. So fei ihm denn ein herzliches Glückauf zugerufen I Mögen die Verhandlungen des Wiesbadener Parteitages an ihrem Teil jene wahrhaft liberale Ucberzcugung stärken und fördern helfen, die, jeder Begünstigung einseitiger Bestrebungen abhold, für alles politische Tun und Trachten keine andere Richtschnur gelten läßt, als das Interesse der Allgemein« heit, keinen anderen Leitstern, als die Wohlfahrt des ganzen deutschen Volkes, jene ivahrhaft liberale Ueberzcugung, die maßgebend ist für die gesamte Freisinnige Volkspartei."— «• DeutTcbcö Reich. Die russische Justiz und die deutsche Regierung. Die Antwort des Staatssekretärs des Auswärtigen Amts in Sachen K a s p r z a k ist von Jena aus telephonisch übermittelt worden, es haben sich dabei einige Hörfehler eingeschlichen, die wir richtig stellen müssen. Der vierte Absatz muß lauten: „Aus den Berichten des kaiserlichen Generalkonsulats in Warschau, das die Angelegenheit aufmerksam verfolgt hat, ergibt sich der nachstehende Tatbestand." Im 7. Absatz, Zeile 0 lies statt„erkannte"„bejahte". Abs. 8, Zeile 1: statt„aufzuhalten"„hintailzuhalten"; Zeile 7 statt„einer Entscheidung"„dieser Eiitschlicsiung"; Zeile 19 statt „vorerst"„vorher"; Zeile 20 statt„erblickt"„erblickte". Abs. 9, Zeile 3 statt„Polizeipraxis"„RcchtSpraxis"; Zeile 13 statt„genauen"„genaueren".— Schinock und der Parteitag. Die bürgerliche Presse beschäftigt sich auch mit dem Parteitag in I e n a.— Natürlich! Man kann ja doch an dem wichtigsten politischen Ereignis des Augenblickes nicht still- schweigend vorübergehen! Aber w i e man den Parteitag ver- tat, das ist auch danach.— Die Sensationspresse behandelt die Sache in Bildern, wo- möglich mit recht pikanten Ueber- und Unterschristen. Da hat der Photograph unseren Bebel auf der Platte erwischt just in dem Moment, wo er das linke Bein emporhebt, und Vollniar— wie pikant!— hebt gerade das rechte. Bernstein sucht in den Taschen seines Rockes „einerseits" und„andererseits" vergeblich nach einem abhanden gekommenen Manuskript. Das sind. Situationen, die entweder nichtssagend oder amüsant sein mögen, mit dem Wesen eines sozialistischen Parteitages aber nicht das geringste zu tun haben. Genau dieselben Menschlichkeiten hat dieselbe Presse gestern an irgend einem berühmten Weltmarschall, wird sie morgen an einer beliebigen Majestät oder auch einem internationalen Hochstapler illustrieren, vielleicht mit dem einzigen Unterschiede, daß unser Bebel auf dem Bilde seinen Koffer selbst von der Bahn zum Hotel schleppt, während die genannten Herrschaften als Handgepäck nur die Last ihrer Würde tragen. Schwerer sind die Zeitungs s ch r e i b e r dran, als die Zeitnngs Photographen. Das bürgerliche Lesepublikum setzt von ihnen als selbst- verständlich voraus, daß sie den sozialdemokratischen Partei- tag nicht als eine politische Veranstaltung, sondern als eine Tagessensation zu behandeln haben. Dies Publikum hat seine „Favorits" und„tippt" auf die„Champions" im Kanipfe ums „Goldene Rad" oder die„Weltmeisterschaft im griechisch-römischen Ringkampf" gerade so wie in dem Kampfe. Und da fehlt nun auf dem Parteitag jede Sensation, jede grobe Nüance, die dieser Sorte von Politikern dafür gelten könnte. Die theoretischen Dis- kussioncn interessieren diese Art„Oeffentlichkeit" nicht, die bc- tvegenden Momente in einer Debatte über die Maifeier oder den Massenstreik begreifen sie nicht, sie erwarten keinen Kampf der Geister, sondern einen Kampf der Stimmmittel. Weil es sein so geartetes Publikum nicht befriedigen kann, beschuldigt nun das Pretzgelichter den Parteitag des Vertuschens und Komödien- spieles. Er hat das Verbrechen begangen, die Erörterung über den Streit zwischen„Leipziger Volkszeitung" und„Vorwärts" zuerst einer Konimission zu überweisen, die das umfangreiche Material durcharbeiten und dem Parteitage vorlegen soll. Es handelt sich dabei um einen Stoff, der seines Umfanges und ftiner Eigenart wegen in einer Versammlung von 300 Personen zwar zu einer endlosen Debatte, aber zu keinem Ergebnis führen würde. Deswegen war die Kommission technisch notwendig. Schmock aber jammert, daß man ihm die Sensation geraubt habe und schimpft auf Geheimniskrämerei. Die„Staatsbürger-Zeitung", bei der man ja begreifen kann, daß sie eine Veranstaltung ledern findet, die nicht im Pücklerstile verläuft, vermißt auch sonst die Oeffentlichkeit. Sie verlangt Auskunft, wieviel Arbeitergroschen„der Mäntel- fabrikant Paul Singer",„der Schloßherr von Soyensaß" und der„Exvillcnbcsitzer von Küßnacht" jährlich einstreichen. Sie hat nämlich entdeckt, daß die Abrechnung der Partei nur über die Einnahmen, nicht aber über die Ausgaben Auskunft gebe. Wenn wir nicht irren, macht das Blatt diese Entdeckung jeden Herbst. Vielleicht prüft man aber in der Redaktion der „Staatsbürger-Zeitung" wirklich einmal die Abrechnung, dann wird man finden, daß unter den Einnahmen monatlich regel- mäßig unter A. B. und P. S. die Summen von je 30 M. wiederkehren, die ocn Genossen Bebel und Singer formell für ihre Tätigkeit zustehen, aber nie von ihnen er- hoben werden und deswegen wieder in Einnahme gestellt werden müssen. „Würde eine andere Partei ihre Kassenangelegenheiten so verschleiern, wie es auf sozialdemokratischer Seite geschieht, so wären diese Herren sicherlich mit dem Heine- Zitat gar schnell bei der Hand:„Erfahren hat nie die rechte Hand, was hier die linke genommen."... So meint die„Staatsbürger-Zeitung". Nun, die Antisemiten haben ja weder über Einnahmen noch Ausgaben zu berichten und kommen deswegen für diese Frage nicht in Betracht. Aber wo um alles in der Welt ist außer diesen armen Besitzlosen die Partei, die so offen wie die Sozialdemokratie gerade in Kassengeschäften verfährt? Und nun gar die, welche ankündigt:„Wir haben Geld für diesen oder jenen poliftschen Zweck aufgewendet." Der Rücktritt deS KolonialdircktorS Dr. Stuebcl dürfte bereits Ende Oktober erfolgen. Jedenfalls wird der Kolonialdirektor zu Beginn der parlamentarischen Hcrbstkampagne nicht mehr im Amte sein.—_ Ter Ausfall der Landtagswahl in Sachsen läßt sich zwar, wie die„Sächs. Arbeiterzeitung" schreibt,>m ganzen nun übersehen, doch find Verschicbungen des zu envartenden Resul- tats nicht ausgeschlossen. Die Nationalliberalen werden wahrschein« lich um drei Mandate verstärkt in den Landtag einziehen, die Frei- sinnigen um eins und ob wir schließlich doch im 37. ländlichen Wahl- kreise durchdringen, ist noch immer ungewiß. Die Konservativen werden zwei bis drei Mandate ihres bisherigen Besitzstandes ein- büßen und dadurch ihre Zweidrittelmehrheit verlieren. Darüber er- heben die Nationalliberalen ein großes Freudengeschrei. In Wirk- lichkeit bedeutet die Verschiebung nicht viel. Die Konservativen be- halten nach wie vor die Mehrheit. Wie bisher, werden sie auch in Zukunft den Landtag und dadurch die Regierung beherrschen. Das agrarisch-konservative Regiment wird also beinahe unbeschränkt er- halten bleiben. Dennoch haben die Konservativen am allerwenigsten Anlaß und Ursache, sich des Wahlergebnisses zu rühmen. Ist auch der nationalliberale Ansturm auf ihren Besitzstand in mehreren Kreisen abgewiesen worden, haben sie auch in Dresden, um das sie am meisten zitterten, die absolute Mehrheit der Wahlmänner erlangt, so gehen sie doch nicht ungerupft aus dieser Wahl hervor. Vor allein har auch diese Landtagswahl bestätigt, daß selbst bei den erstklassigen Wählern und auch sonst im Bürgertum ein Abfall von den Kon- servatwen zu bemerken ist. Sind auch die Nationalliberalen und Freisinnigen nur in einzelnen Kreisen durchgedrungen, so haben sie doch in anderen Kreisen erhebliche Minoritäten zu verzeichnen, die deutlich bezeugen, daß die jetzige Laudtagstvahl im allgemeinen als eine Absage an die agrarisch-konservative Mehrheit betrachtet werden kann. Die Konservativen haben verhältnismäßig weit mehr Stimmen als Mandate verloren. Und das beweist, daß ihre Anhängcrzahl zurückgegangen. Bisher konnte man mit Recht annehmen, daß jede bürgerliche Opposition im Landtage, vor allem die liberale und frühere fortschrittliche Gruppe, nur aus konservativen Gnaden be- stehe. Das war auch durchaus zutreffend. Tie Gesellschaft um Mehnert und Opitz hat aber so gcwirtschaftet, daß sie sogar den Nationalliberalen noch einmal Mut zu einem selbständigen Vorgehen gemacht und dadurch deren völlig geschwundenes Selbstbewußtsein wieder etwas gestärkt haben. Das ist gewiß nicht hoch anzuschlagen und wir sind die letzten, die etwas von der Fraktion Drehscheibe er- warten, aber den Konservativen muß diese Wendung sehr unan- genehm sein. Jbre„Gottähnlichkeit" hat einen argen Stoß erhalten. Das Erfreulichste der letzten Landtagswahlen ist das starke An- wachsen der sozialdemokratischen Stimmen. Und diese erfreuliche Tatsache ist überall zu beobachten gewesen. Und wenn wir diese er- freuliche Taffache beurteilen, darf vor allem nicht vergessen werden, daß auf der Seite unserer Partei diesmal die Agitation ebenso un- zulänglich wie früher betrieben wurde, ja zum Teil die früher be- obachtete Lässigkeit übertroffen worden ist. Schon die Tatsache, daß wir aus verschiedenen Kreisen, vor allem aus dem 37. ländlichen,, wo ein Erfolg möglich war, noch heute kein klares Bild über das Resultat haben, zeigt, daß dort, wo man hätte am intensivsten ar- beiten sollen, viel zu wünschen geblieben ist. Hätten wir nur vor den meisten Wahllokalen Stimmzcttelvcrtcilcr gehabt, hätte das Resultat am Tage nach der Wahl doch zuverlässig von uns zusammen- gestellt werden können. Offenbar ist aber diese notoendige Bedingung jeder Wahlbeteiligung nicht prompt erfüllt worden. Trifft das, läßt diese Tatsache ein Urteil darüber zu, wie man in den ländlichen Jndustricortcn agitiert hat. Täglich finden jetzt noch Nachwahlen statt. Soweit die dritte Klasse dabei in Betracht kommt, sind sie zumeist zu unseren Gunsten ausgefallen. Das gilt besonders von Riesa, Treuen und Mylau, wo wir überall mit starler Mehrheit siegten. In Lengefeld drangen wir jedoch nur in einem Bezirke durch. In Niederhaßlau wurde bei der Nachwahl die erste Klasse von uns erobert, wodurch sich die Zahl der für Goldstein jetzt festgestellten Wahlmänner um einen vermehrt, denn Niederhaßlau gehört mit zum 37. ländlichen Wahlkreise. Es sind somit für Goldstein 50 Wahl- männer gezählt, so daß ihm nur noch einer an der absoluten Mehr- heit fehlt. Eine Anzahl Nachwahlen stehen in diesem Kreise noch aus. Zur Fleischnot. Etwas spät haben endlich auch die A e l t e st e n der Kaufmannschaft von Berlin beschlossen, vom Standpunkte der Industrie und des Handels Berlins aus bei den Reichs- und Staatsbehörden darauf zu dringen, daß Maßnahmen ergriffen werden, welche die Fleischuot zu beseitigen geeignet sind. Nach der Ucberzcugung deS Acltestenkollcgiums kounnen nicht nur die Bestände an inländischem Vieh für den Bedarf Teutschlands an Fleisch in Betracht, sondern auch die Mengen von Fleisch, die früher aus dem A u s l a n d e eingeführt worden sind, durch die in den letzten Jahren ergangenen Verbote und Erschwerungen aber jetzt vom deutschen Markte ferngehalten werden. Bei dieser Einfuhr handelte es sich fast ausschließlich um Fleisch, das billiger als das im Jnlande erzeugte war, da es aus Ländern mit niedrigeren Produktionskosten käm. Würde dieses Fleisch, das in gesundheitlicher Hinsicht zu Bedenken keine Ver- anlassung gibt und gegenwärtig z. B. in England in bedeutenden Mengen verbraucht wird, noch auf den deutschen Markt kommen können, so würde die Prcisvcrtcuerung nicht eine solche Höhe er- reicht haben, wie dies jetzt der Fall ist. Da die Arbeiterbcvölkeruug von der Tenerung des Fleisches am schwersten betroffen wird, ist damit eine Beeinträchtigung der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie auf dem Weltmärkte gegeben, während andererseits auch die Konsumfähigkeit des Arbeiters für andere Nahrungsmittel, Kleidung, Haushaltungsgegcnstände usw. herabgesetzt wird, was auch für diese Industriezweige und die mit diesen Artikeln Handel treibende Kaufmannschaft eine schwere Schädigung bedeutet. Militärische China-Nachlcse. Am 20. Juni d. I. wurde in Halle-Saale der Abg. Kunert zu 3 Monaten Gefängnis wegen an- geblicher Beleidigung verurteilt, wogegen von dem Angeklagten Revision, die noch in der Schwebe ist, eingelegt wurde. Die Er- bringung des Wahrheitsbeweises wurde von den Halleschen Richtern abgelehnt. Allein, gestützt auf die Prozeßordnung setzte der Angeklagte trotzdem wenigstens die eidliche Vernehmung von einem Unteroffizier und 14 Mann, früheren Angehörigen des nicht mehr existierenden Ostasiatischen Expeditionskorps, durch. Die Menge, die Art und die Wucht der Aussagen dieser Zeugen wirkten im Ge- richtssaal erschütternd, in der weiteren Oeffentlichkeit verblüffend, ja im höchsten Grade überraschend. Drei Monate sind seitdem verstrichen, und endlich findet das preußische Kriegsministerium Gelegenheit, sich ebenfalls in der Sache auf seine Weise zu betättgen. Eine größere Anzahl der Zeugen Kunerts— wahrscheinlich alle in Halle Vernommenen— haben durch Militär-Telegramm oder durch eingeschriebenen Brief plötzlich eine Vorladung von dem, Gericht der zweiten Garde-Divifion in Berlin erhalten, um in einer Untersuchungssache vernommen zu werden. Die vor den Militär-UntersuckiungSrichter Geladenen wurden zu- Protokoll vernommen über ihre Wahrnehmungen in China auf den Gebieten der Zerstörung. Plünderung und Notzucht. Der richter- licherseits geäußerten Erwartung, daß bei den Aussagen Partei- rücksichten ausgeschlossen sein sollten, entsprachen die Zeugen durch die Erklärung, daß es für sie nur eine Rücksicht gäbe, und zwar die auf die Wahrheit. Dem Anschein nach handelt es sich formell um ein Verfahren „wider Unbekannt"; was sonst noch damit beabsichttgt wird, dürste sich ja wohl bald zeigen.—-_ Militärjustiz. München, 21. September. Wegen Mißbrauchs der D i e n st g e w a l t hatten sich der Unteroffizier� des 3. Eisenbahnbataillons Adam Joa, im bürgerlichen Beruf Zimmernrann, und wegen tätlichen V ergreife ns an einem Vorgesetzten der Kanonier des 7. Feldartillerie-Regiments Martin Brun»er vor dem Kriegsgericht der 1. Division zu verantworten. Der Unter« offizier Iva lehrte am Sonntag, den 2. April, in einer Wirtschaft in der Kascrnenstraße ein und setzte sich, ohne zu fragen, ob noch Platz vorhanden sei, an eine» Tisch, wo einige Soldaten saßen. Ms der Angeklagte Brunner, der ans einen Moment ausgetreten war, wieder an de» Tisch zurück- om, ersuchte er dm Nnteroffizier, sich einen anderen Platz zu suchen, da er seinen Stuhl eingenommen habe. Der Unter- Offizier- fuhr auf und versetzte mit den Worten:„Du Hammel, Bauernrainmel, verfluchte Kröte!" dem Bruuner zwei Stöße vor die Brust, der angegriffene Soldat parierte diese, wobei er de» Unter- offizier unabsichtlich leicht an der Wange traf. Der hiercuif folgende Wortwechsel wurde vom Wirt geschlichtet, worauf der Unter- offizier das Lokal verließ. Als nach einigen Minuten ein Kamerad des Brunner. der Kanonier Schönhuber, das Lokal verließ, um ein natürliches'Bedürfnis zu befriedigen, erhielt er von dem Unteroffizier m.it den Worten:„Warum hast Du Dein freches Maul so weit aufgerissen?" zwei Säbelhiebe über den Kopf, so daß Schönhuber 3 Wochen im Lazarett zubringen mußte. Der Unteroffizier als Angreifer erhielt ivegen Mißbrauch der Dienst- gcwalt 4Monatund WTage Gefängnis, der Kanonier Brunner hingegen, der sich in der A b w e h r befand und dabei den Unteroffizier leicht berührte. erhielt wegen thätlichen Ver- greifens an einem Borgesetzten—"and. Anwesend war auch der Genosse Tom Man, der ehemalige englische Agitator, als Gast. Eingebracht waren eine Reihe Erklärungen, über die eine ausgiebige Debatte entstand. Die von Neu-Stidwales und TaSmania gestellte hat folgenden Wortlaut: „Ansbild, mi; einer australischen Gesittung auf der Basis der Er- Haltung einer reinen Rasse, die EntWickelung eines auf Aufklärung und Selbstvertrauen beruhenden Gemeinwesens. Die Sicherung des vollen Nrb eitsertrags für alle Produzenten durch Gemeineigentum aller Moni>pole und durch Erweiterung und Ausbau der industriellen und wirtsä jaftlichen Funktionen des Staates und der Kommune."— Viel weite,- gingen die von Viktoria und Queensland gestellten Re- solutionen. In der ersteren wird eine„graduelle Nationalisation der Produktionsmittel, der Distribution und des Handels" gefordert. Noch schär/«: bringt die Oueensland-Resolution die sozialistische Forderung auf Ueberführung sämtlicher Produktionsmittel in den Besitz der Allgemeinheit zum Ausdruck. Watson, der ehemalige Premier, trat für die Neu-Südwales- Erklärung ein. Diese enthalte das vorläufig Erreichbare, später könne man das Ziel erweitern. Neid und Senator T u r l e y dagegen wünschen eine klare, unzweideutige Erklärung, die das Ziel nicht verschl eiert. Die Neu-SüdwaleS-Resolution sei nur auf Stimmenfang berechnet. Bei den Monopolen dürfe nicht Halt ge- macht werd.en, die Vergesellschaftung aller Produktionsmittel fei das Ziel. Senator P e a r c e(Queensland) bekennt sich zum internationalen Sozialismus, aber um etwas zu erreichen, will er für die Neu-Si:i>walcs-Resolution stimmen. Aehnlich Fowler, der es ausdrücklich ablehnt.„Staatssozialist" zu sein; er bezeichnet sich als Sozialdematrat, will aber ebenfalls für die Ncu-Südwales-Resolution stinnnen. Thomas erklärt, persönlich für eine viel schärfere Fassung zu sein, tritt aber deshalb für die Neu-Südwales-Nesolution ein, weil sie zwischen den beiden Extremen vermittele. Nach zweitägiger Redeschlacht kam es zur Abstimmung; die Neu-Südwales-Nesolution wurde mit 23 gegen 11 Stimmen an- genommen.— Die Revolution in Rußland. Der Progcsz gegen die aufständische Besatzung der Schwarze» Mcer-Flotte. Als La, Juni dieses Jahres das rnssisibe Panzerschiff„Knjäs Potemkin" Odessa bedrohte, schlössen sich seinem Vorgehen be- kanntlich diu Besatzungen des„Georgij Pobjedonoszew" und des Lehr- schiffes„Prut" an. übergaben sich aber dann den Mariitebehörden, die den größten Teil der sog.„Rädelsführer" festnehmen ließ und gegen sie das Verfahren vor dem Kriegsgericht eröffnete. Die letzte Nummer der„ I s k r a" veröffentlicht einige wichtige Dokumente und Mitteilungen über den ersten dieser politischen Prozesse, über die Verhandlungen gegen die Besatzung des„Prut": Einige Tage nach dem„Potemkin"-Aufstand hatte sich— wir folgen hier der Anklageschrift— die Besatzung des„Prut" auf die Offiziere geworfen und sie gebunden, wobei einer von ihnen sowie ein Bootsni ann, der Widerstand leistete, getötet wurden. An der Spitze der Aufständischen stand eine von ihnen gewählte Kommission. Der Matrose Alexander Petrow wendete sich an die auf Deck ver- sammelten Matrosen mit einer längeren Rede, worin er ihnen mit- teilte, daist er Mitglied der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands sei. Nachdem er ihnen die Auf« gaben des revolutionären Sozialismus klargelegt hatte, forderte er sie auf, den Aufständischen auf dem„Potemkin" beizutreten, um gemeinsam für die Vernichtung des Selbstherrschertums und Ein« führung drr demokratischen Republik zu kämpfen. Die Mannschaft jubelte ihn.« begeistert zu. Den verhafteten Offizieren wurden alle Abzeichen ihres Mililärgrades abgenommen und Petrow forderte sie aus, ihr Amt im Dienste der aufständischen Besatzung weiter zu führen, inden, er dem kommandierenden Offizier, nach dessen Aussage, sirgte:„Wisset, daß e s kein Aufruhr, sondern eine Revolution ist!" „Prut" ging nach Odessa, unterwegs erfuhr man aber, daß der „Potemknr'sche Ausstand schon beendet sei. Die Lage der kühnen Schar wur de verzweifelt. Das kleine Schiff konnte gar nicht daran denken, allrin den Kampf weiter zu führen. In der rasch zusammen- berufenen Versammlung der Schiffsmannschaft schlug ein Teil der Besatzung vor, nach Rumänien zu gehen; die meisten aber schraken vor der Perspektive einer kargen Existenz in der Ferne zurück und beschlosseni, die verhafteten Offiziere auf freien Fuß zu setzen und nach S ewastopol zurückzukehre n.Z Es ist schwer zu sagen, worauf sie eigentlich rechneten. Wahrscheinlich meinten sie, daß im Vergleich mit dem-„Potemkin"-Aufstand ihr eigener Versuch zu unbedeutend war, als daß gegen sie der Zarismus seine Grausam- leiten au stoben konnte. Sic haben sich geirrt. In t«er Untersuchung erklärte sich Petrow für einen Sozial- demokraben und gestand, daß er es, sobald der Aufstand infolge der groben Skhandlung der Mannschaft durch die Offiziere ausgebrochen ivar, für seine revolutionäre Pflicht hielt, den Kameraden vorzu« schlagen, sich unter die rore Fahne deS Proletariats zu stellen, um im bewaj-jneten Kampfe die Republik zu erobern. Vor Gericht sprach er in derrselben Sinne. Ein anderer Matrose, der an der Spitze der Bewegun z stand, Nikolaus Tscheruy, erklärte sich ebenfalls für einen. Sozialdemokraten und gestand seine Rolle in der Be- wegung zu. Das Kriegsgericht verurteilte diese beiden Genossen sowie zviei andere— Tito w und Adamen ko— zum Tode. Die aiid.Ecen Teilnehmer des Ausstandes wurden meistenteils zu jahrelangem oder lebenslänglichem Zuchthaus v erurt'ei lt. Aben das Gericht selbst schrak vor der Grausamkeit dieses Urteils zurück und beschloß, an den Zaren ein Gesuch um die Bc- gnadigur ig der zum Tode Verurteilten zu richten. Der Zar aber zog sich aus der Affäre, indem er diese Frage vollständig dem Er- messen res Oberbefehlshabers der Schwarzen Meer-Flotte, dem Henker Tschnchnin, überließ. Tschuchnin bestätigte darauf d a s v o n i h m s c l b st d e ni G e r i ch t d i k t i e r tse Urteil... Di e Hinrichtung wurde mit raffinierter Grau- s a m k e i t vollzogen. In der Absicht, die revolutionäre Flotte zu dem-Tralisieren, wollte es Tschuchnin durchsetzen, daß die Er- schießunci der Verurteilten von Matrosen selbst vollzogen werde. Zu «diesem Z'wccke terrorisierte er zuerst die ganze Matrosenmasse durch Plötz- liche Ver Haftung vieler Hunderter„Verdächtiger", die zusammen mit den neunhundert früher Verhafteten unter Militäreskorte nach Odessa expediert wurden(wie jetzt bekannt, um in die Landarmee eingereiht und in entfernte Garnisonen verschickt zu werden). Dann wählte man drcv.ßig ganz junge Matrosen aus, umzingelte sie mit einem JKsantericregimeut und erklärte ihnen, daß, falls sie auf die Verurteilten nicht schießen würden, sie selb st sofort von den Soldaten durch Kreuzfeuer niedergeschossen werden würden. Die Drohung wirkte. Die Hingerichteten starben wie Helden. Ein Pope, der sie auf dem Wege begleitete, erzählt, daß sie zur Hinrichtung wie zu einer Feier gingen.. Einige Tage nach dem Gericht über„Prut" fand das Gericht über„Georgij Pobjedonoszew" statt, wobei dreiTodes- urteile gefällt wurden, von denen zwei auch voll- zogen worden sind. Zu den Unruhen in Baku. (Meldung der„Petersburger Telegraphen- Agentur".) Nach Angaben des persischen Konsuls sind 15 333 persische Arbeiter aus Baku ausgewiesen worden. Die Ausweisung einer gleichen Anzahl steht noch bevor. Auch russische und armenische Arbeiter reisen in großer Zahl ab. Die Wiederaufnahme der Arbeiten in den Naphtha« werken wird wahrscheinlich durch den Mangel an Arbeitern sehr er« schwort werden._ Soziales, Ter gesetzliche Zehnstundcntag im Züricher Kantonsrat. Zürich, 23. September.(Eig. Ver.) Der Züricher Kantonsrat hat in seinen Sitzungen vom Montag und Dienstag die Beratung des neuen Lehrlingsgesetzes fortgesetzt und zu Ende geführt. Den Mittelpunkt der zweitägigen Debatten bildete der Zehnstundcntag. Die Kommission war in eine bürgerliche Mehrheit für den Elfstundentag und in eine sozial- demokratische Minderheit für den Zchnstundentag gespalten. Namens der letzteren referierte in wirksamer Rede Genosse Walter- Winterthur. Er konstatierte, daß mit dem Elfstunden- tag der industrielle Kanton Zürich hinter den welschen Kantonen und selbst hinter dem landwirtschaftlichen Kanton Bern, sodann aber auch hinter dem Bunde zurückbleiben würde, der im Begriff steht, durch die Revision des Fabrikgcsetzcs den Zehnstundentag ein- zuführen. Ohne den Zehnstundcntag wird das Lehrlingsgesetz in der Volksabstimmung von der Arbeiterschaft verworfen werden. Die Ablehnung des Zehnstundentagcs wird auch das Mißtrauen der Arbeiter gegenüber der Gesetzgebung und die Strömung gegen die politische Betätigung verstärken, sowie die Bewegung für die so- genannte„direkte Aktion" fördern. In diesem Sinne redeten noch unsere Genossen Heußer, Greulich, Dr. E r i s ni a n n, Dr. S t u d e r und S i g g. Gegenüber der Opposition einiger Dorfmatadoren wurde mit Recht bemerkt, daß im Jahresdurchschnitt der Bauer überhaupt nicht einmal eine zehnstündige tägliche Arbeitszeit hat und Greulich verwies auf die heutige intensive Arbeitsweise, die kürzere Arbeitszeit dringend heische, namentlich aber für den jungen Lehrling, der in den Entwickelungsjahren steht. Gegenüber einem neuen Antrage auf Einführung der 63 Stunden- Woche, der den englischen Verhältnissen entlehnt sei, bemerkte er, daß man dann aber auch die Beschränkung der Arbeitszciteinteilung auf die Zeit von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends und den freien Sonnabendnachmittag aus England mit herübernchmen möge. Greulich bat die bürgerlichen Herren Volksvertreter dringend, der Welt das Schauspiel zu ersparen, daß der zürcherische Kantonsrat zu Beginn des 23. Jahrhunderts nicht einmal den Zchnstundentag zu beschließen wage. Genosse Erismann betonte als Sozial- htzgieniker besonders die hygienische Seite der Frage. Die Unter- suchungen der letzten Jahre haben ergeben, daß eine Grenze der Leistungsfähigkeit für Mittelschüler gezogen ist, die bald eine Er- müdung zur Folge hat. Die Uebermüdung aus zu langer Arbeits- zeit hat Appetitlosigkeit und Unterernährung zur Folge, sodaß der Organismus schlecht genährt, die Anforderungen der Zeit nicht er- füllt und die Sterblichkeit, erhöht werden. Von bürgerlicher Seite sprachen wirksam für den Zehnstunden- tag Regierungsrat Dr. Locher, der liberale Fabrikant Freh-Nägeli in Zürich, der landwirtschaftliche Vertreter Botzhardt-Pfungen. Dr. Locher erklärte entschieden, daß der Zehnstundentag ohne Schädigung des Kleingewerbes eingeführt werden könne. Im ersten eidgenössischen Fabrikinspcktionskrcis, zu dem der Kanton Zürich ge- hört, haben bereits 63,6 Proz. der Fabrikarbeiter weniger als 11 Stunden täglicher Arbeitszeit. Im Handwerk macht die Arbeits- zeitverkürzung rasche Fortschritte dank der rührigen Arbeiter- bewegung. Die seinerzeit an die Arbeitszeitverkürzung geknüpften Befürchtungen sind nicht in Erfüllung gegangen, und wenn sie heute wieder von den Handlverksmeistern gehegt werden, so liegt dazu kein Grund vor. Die Jugendlichen sollen durch das Gesetz geschützt werden. Ter Zchnstundentag ist keine politische Frage; er ist eine Frage der Zweckmäßigkeit und der menschlichen Fürsorge. Die 63 Stundenwoche bekämpfte er, weil sie jede Kontrolle verhindere. Vor den Gcmeinderäten habe er all« Achtung, aber er möchte dennoch nicht den Vollzug des Gesetzes in ihre Hände legen, denn sie würden« die Ueberzeitbewilligungen nicht ernstlich behandeln. Dr. Locher beantragte sodann die Festsetzung des Zchnstundentages, Ausschluß der Lehrlinge unter 16 Jahren von aller Ueberzeitarbeit, Beschränkung derselben auf höchstens 2 Stunden täglich und 75 Stunden im Jahre, Verbot von Nacht- und Sonntagsarbeit des Lehrlings, wovon für ununterbrochene Betriebe usw.(Bäckerei) Ausnahmen gestattet werden können. Der Fabrikant Frey-Nägeli befürwortete den Zchnstundentag aus patriotischen Gründen und um die gesundheitsschädlichen Folgen der Ueberanstrengung bei zu langer und intensiver Arbeitszeit zu beseitigen. Der Bäckermeister Dolder-Zürich verlangte, das Bäckereigewerbe vom ganzen Gesetze auszuschließen, eine„Besdheidcnheit", die den Bäckermeistern nun einmal eigen ist. Der günstige Verlauf der Debatte über den Zchnstundentag ver- anlaßt« schließlich auch die bürgerliche Kommissionsmehrheit, ihren Elfstunden-Antrag fallen zu lassen und sich für den Zehnstundentag zu erklären. In der Abstimmung wurde mit 139 gegen nur 14 Stimmen der Zehnstundentag bcschlvffen. Aus den weiteren Bestimmungen des Gesetzes seien erwähnt das Obligatorium des Besuches von gewerblichen und kaufmännischen Fortbildungsschulen durch die Lehrlinge, das Verbot, den Lehrlingen Arbeit mit nach Hause zu geben, Ausschluß der Konkurrenzklausel, Obligatorium der Lehrlingsprüfung, Bestellung von Inspektoren und Jnspektorinncn für die gewerblichen Fortbildungsschulen, Be- stellung von Kommissionen, gleichmäßig aus Vertretern von Arbeitern Und Unternehmern zusammengesetzt, für das Handels-, Fabrik- und Gewerbewesen zur Ueberwachung des Lehrlingsgesetzes usw. Die Bußen für die Uebertretung des Gesetzes betragen 5 bis 233 Frank. Vorgesehen ist für den Verordnungsweg die Aufstellung näherer Bestimmungen über die Dauer der Lehrzeit, über die für einen Be« trieb zulässige Maximalzahl von Lehrlingen. Gleichzeitig wurde die Regierung eingeladen, ein besonderes Gesetz über die beruflichen Fortbildungsschulen auszuarbeiten. -In der beschlossenen Fassung ist das neue. Lehrlingsgesetz des Kantons Zürich ein schätzenswerter Fortschritt. Ganz befriedigend ist es indes nicht, namentlich bleibt die Nichtaufnahme des Ver- botcs der Züchtigung der Lehrlinge durch die Lchrherrcn zu bedauern. Arbeiterorganisationen und Arbeiterpresse werden darüber um so schärfere Kontrolle zu üben haben. Aus dem Polizeistaate. Für ungültig erklärt worden war in zweiter Instanz eine Polizeiverordnung vom 8. Mai 1933, wonach bei Schlachtungen die Ausführung des Betaubungsschlages erst stattfinden dürfe," wenn der Kopf des Tieres so festgelegt sei und festgehalten werde, daß ein Ausweichen des Tieres vor dem Schlage genügend verhindert werde. Das Landgericht Hagen ging davon aus, daß die Verordnung nur dem Schutz der Tiere gegen Quälerei dienen.solle, die Materie der Tierquälerei aber in dem Reichs-Strafgesetzbuch endgültig geregelt sei. DaS Kammergcricht hob das Urteil am 22. September wieder auf und verwies die Sache gegen Benjamin, der wegen Ungültigkeit der Verordnung von der Anklage ihrer Uebertretung frtigesprochen worden war. zu nochmaliger Verhandlung und Ent- scheidung an die Borinstanz zurück. DaS Kammcrgericht erklärte die Verordnung für rechtsgültig, indem eS ausführte: Die Verordnung würde ungültig fein, wenn sie nur den Zweck hätte, Tierquälereien zu perhüten. DaS fei nicht so. denn die Ber- Ordnung wolle auch das Publikum vor Gefahren bewahren, die ihm aus schlechten Schlachtungen erwachsen könnten, etwa dadurch, dasi mangelhaft betäubtes Vieh in Wut gerate, sich losreiße und auf Personen stürze, die erreichbar seien. Somit sei die Verordnung gültig.* Damit sind übrigens die Gefahren, die ein solches Tier an- lichten kann, noch nicht erschöpft. Eine erreichbare Person kann eine brennende Laterne in der Hand tragen, von dem losgerissenen Tier ins Stroh gestoßen werden und es kann ein Ricsenbrand ent- stehen. So sind noch viele Gefahren denkbar, zu deren Verhütung die Polizeiverordnung außerordentlich dienlich ist. Dieselben Ge- fahren können aber auch entstehen, wenn der Schlächter seine Kunst nicht versteht und daneben schlägt. An diese Möglichkeit hat die Polizei offenbar gar nicht gedacht, sonst hätte sie sicher eine ent- sprechende Bestimmung in ihre Verordnung aufgenommen. Parteitag der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. (Schluß aus der 2. Beilage.) Peus-Dessau: DaS beste an Bebels Resolution ist der Hinweis auf die Not wendigkeit, immer noch mehr die Organisation zu fördern Hosientlich wird das die Hauptwirkung seiner vorzüglichen Rede sein. Ist die Wirkung dieser Debatten die. daß wir uns bewußt werden, daß unsere Macht noch nicht ausreicht. um Attentate gegen Volksrechte abzuwehren, so können wir zufrieden sein. Ich bin fest davon überzeugt, daß nicht etwa die böse Wirkung eintritt, daß man sich nur noch auf den große» Tag vorbereiten will und die Agitation und Organisation vernachlässigt. Daß wir das Fundament der bürgerlichen Gesellschaft antasten, daran fehlt noch viel. Wir halten viel zu wenig Versammlungen ab, unsere Presse hat erst% Millionen Abonnenten. DaS ist viel zu wenig Mir kommt ein Grauen an, wenn ich daran denke, daß man von Leuten, die noch die„Generalanzeiger" lesen, erwartet, sie werden sich an einem Generalstreik beteiligen.(Hört I hört!) Frau Luxem- bürg verwies auf Rußland. Aber einmal sind die Verhältnisse dort nicht mit den Verhältnissen hier zu vergleichen. Dann tut man so, als wenn die Russen schon Freiheit und Recht erobert hätten. Sie haben aber noch ein gut Stück Arbeit vor sich. Das dicke Ende kommt noch nach.(Zuruf: Eine große Neuigkeit l) Bilden wir uns nicht ein. daß wir jetzt neue Waffen ausfindig machen müssen. Stärken wir unsere allen. Setzen wir den bisherigen Weg fort, dann gibt eS keine Möglichkeit, uns unser Recht zu nehmen. Dan,! haben wir die Mittel, sie zu bewahren.(Zuruf: Durch die Umsatz- steuert Stürmische Heiterkeit.) Frau Zetkin-Swttgart: Ich kann mich für das- Amendement Legicns nicht erklären, weil ich seine Begründung nicht zu teilen vermag, daß nämlich die Er- klärung, unter Umständen sei der Massenstreik ein proletarisches Kanlpfcsnrittel, anzusehen sei als eine Konzession an den Anarcho-SozialiSmuS. Ich stehe im Gegenteil auf dem Standpmrkt, daß der politische Massenstreik im schärften Gegensatz steht zu der Einpfchlung dcS Generalstreiks, wie sie von den Anarcho-Sozia listen betrieben wird.(Sehr richtig I) Der Uinstand, daß die Vertreter dieser Idee so viele Proletarier zur Begeisterung entflammen konnten, die bis jetzt mit uns zusammen auf dem Boden des Klassenkampfes unsere Schlachten geschlagen haben. scheint mir bedeutsam als ein Symptom dafür, daß innerhalb breiter Prole- tariermassen das Bedürfnis empfunden wird, unter dem Druck der geschichtlichen Gitualion, unter der zunehmenden Verschärfung des Klassenkampfes, unter der fortschreitend reaktionären Gestaltung unseres gesamten politischen Lebens, das Bedürfnis empfunden wird, eine Antwort mif die Frage zu suchen: stehen uns außerhalb, neben den bereits erwähnten und erprobten KampseS- Mitteln des gewerkschaftlichen und parlamentarischen Kampfes unter bestimmten Ausnahmesituationen noch andere KampfeSmirtel zu Gebote? Aus dieser Situation heraus find nicht nur die Irrungen und Wirrungen des AnarchofozialiSmuS zum Teil hervorgegangen, aus diesem Bedürfnis heraus ist es überhaupt zu verstehen, daß sowohl gewerkschaftliche wie politische Organe nicht um die Frage der Erörterung des poli« tischen Massenstreiks herumgekommen sind. Für mich gibt es nichts wichtigeres, als den politischen Massenstreik, wie er auch von der Sozialdemokratie unter den Kampfesmitteln deS Proletariats akzeptiert werden kann, in reinlicher Scheidung von der Idee des Anarcho- sozialismus loszulösen. Genosse Schmidt hat freilich hier die Auf- fassung vertreten, als ob der Massenstreik, wie er von Bebel befür- wartet ist, eine Halbheit bedeutet, während der vom AnarchosozialiSmus propagierte Generalstreik daS konsequente KampfeSmittel fei. Ich finde m dieser Auffassung eine große Unklarheit. DaS Proletariat kann wohl in einer gegebenen revolutionären Situation, die von seinen Todfeinden heraufbeschworen wird, mäcktig genug sein, um geplante Attentate zurückzuweisen durch einen Maffenstreik. Aber eS braucht durchaus noch nicht über die gesamte politische Macht zu verfügen, die erforderlich ist, um die kapitalistische Wirtschaftsordnung aus den Angeln zu heben. Hier liegt nicht nur eine Unterschätzung vor betreffs der Quantität der Macht, über die daS Proletariat verfügen muß, sondern noch eine weit wesentlichere Verwirrung der Begriffe in bezug auf das ganz verschiedene Wesen des politischen Massen- streiks und deS anarchistischen Generalstreiks. Während der politische Massenstreik die Konzentration der jeweilig verfügbaren wirt- schaftlichen, geistigen, sittlichen Macht deS Proletariats auf ein ganz bestiminteS, engbegrenztes Augenblickszicl fordert, will der anarchistische Generalstreik mittels der allgemeinen Arbeitsniederlegung die ganze kapitalistische Ordnung aus den Angeln heben oder auch einzelne ihrer wesentlichen In- stitutionen, wie z. B. den Militarismus, wie eS Domela NieuwenhuiS gefordert hat. Dieser Standpunkt übersieht vollständig, daß wir die sozialistische Gesellschaftsordnung nicht nach unserem Belieben«in- führen können, wie wir einen Hut umkrempeln lassen, sondern daß wir die sozialistische Gesellschaftsordnung erst dann durchsetzen können, wenn die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse dazu reif sind, und deshalb, weil das der AnarchosozialiSmus wie der Anarchismus überhaupt Übersicht, hat Genosse Robert Schmidt vollständig un- recht, wenn er meint, Bebel habe sich einer Inkonsequenz schuldig gemacht.(Sehr richtig I) Der politische Massen- streik steht insofern im schroffsten Gegensatz zur Auffassung des Anarcho- sozialismus vom Generalstreik, iveil er seiner Ansicht ins Gesicht schlägt, daß eS ein allein seligmachendes KampfeSmittel des Proletariats gebe.(Sehr richtig I) Er ist vielmehr ein weiteres Kampfesmittel in der Reihe der bisher bewährten Kampfesmiltel. nicht bestimmt, sie zu verdrängen, sondern um eventuell ihren Ge- brauch erst zu ermöglichen.(Sehr richtig I) Angesichts der Tendenzen welche die Reaktion hat, den Standpunkt des HerrsemS im eigenen Hause nicht nur innerhalb der einzelnen Betriebe, sondern auch im politischen Leben mit aller Brutalität und Skrupellosigkeit zu vertreten, kann der politische Massenstreik unter bestimmten geschichtlichen Voraussetzungen eine Notwendigkeit werden, um den Arbeitern den bisherigen Boden des gesetzlichen Kampfes zu erhalten und zu schützen. Nun aller- dinas müssen wir damit rechnen, daß die herrschenden Gewalten diesen Boden der Gesetzlichkeit selbst nicht immer wahren werden. Da bekenne ich mich nach wie vor zu der Auffassung, daß das Proletariat sich durch die Zwirnsfäden der bürgerlichen Gesetzlichkeit nicht unter allen Zuständen für gebunden halten darf.(Sehr richtig I) Die bürgerliche Gesetzlichkeit ist schließlich nichts als ihre in juristische Normen gebrachte Gewalt.(Sehr richtig I)(Der vorfitzende gibt zum zweitenmal das Zeichen, daß die Redezeit abgelaufen ist.)— Bei den anderen ist auch dreimal geklingelt worden.cr Münze bezahlt hätten,(jn Italien, in Frankreich sind die Organisationen viel kleiner, aber keim Arbeiter läßt sich das beim Heere gefallen. Redner erinnert an die Teil- nähme sozialdemokratischer Arbeiter an Festen, wo Moncrrchentoaste ausgebracht wurden, an denen sie sich beteiligten und an die Tat- fache, daß zur Homburger Parade 44(1 000 Fahrkarten in Frankfurt a. M. verkauft wurden, während verschiedene Fabriken auf Verlangen der Arbeiter feiern mußten. Was hat da die sozialistische Erziehung für einen Zweck? Auch die russische Revolution ist von vielen von uns nur als Sensation betrachtet worden.(Züie Redezeit ist abgelaufen). Frau Zietz-Hamburg: Genosse Heine sagte auch, er stehe auf dem Boden, daß hinter dem politischen Streik der Wille zur Revolution stehen müsie. Aber, fugte er hinzu, wir möchten angeben, wie der granitne Boden der Macht geschaffen werden könne. Es ist auch von ander,:» Rednern gefragt worden: Woher nehmen wir denn die Mittel, um den Massenstreik durchzusühren. und woher nehmen Ivir denn die Massen? Und auf die Bemerkung Bebels, die Massen würden dann eben ein- mal ein paar Wochen hungern, antwortete Schmidt, d»s höre sich ganz hübsch an. habe aber keinen praktischen Wert. Genossen und Genossinnen I Ich möchte an Sie die Frage richten— und wenn wir die Frage an die Massen darüber richten würden, würde die Antivort doch ganz anders ausfallen— wenn ich Sie fragen würde, wer von uns als Kind und später unter der Knute des Kapitalismus schon gehungert hat. so würden, wohl nur wenige in diesem Saale mit„Nein" antworten. Wem'» wir das aber getan haben, so nlüssen wir es erst recht tun, w-enn es sich daruni handelt, unsere politischen Rechte zu verteidige». Ich bin ferner mit der Genossin Luxemburg der Meinung, daß w-ir bei der Erörterung dieser Frage nach Rußland schauen müßten. Wie haben sich denn da die Massen gehalten? Dort wird bereits seit so langer Zeit gestreikt, überall brechen die Streiks aus und überall tauchen sie. ivemi sie eine Zeitlang ausgehört haben, wieder auf. imd überall beteiligen sich die Mafien, und zwar ohne Organisation. Gewiß muß da mancher hungern. Aber dadurch lassen die Genossen nicht abhalten, den Kampf ums Recht zu führen. Sollen wir Himer diesen Genossen an Opferwilligkeit und Begeisterung zurück- stehen? Ich persönlich bin übrigens der Meinung, daß der politische Streik bei uns nicht wochenlang dauern würde. Nicht deswegen. weil wir nicht bereit seien, ihn so lange durchzuführen, o nein, wenn wir den politischen Streik auf eine bestimmte Zeit beschließe» würden, so würden wir ihn von vornherein wirkungslos machen. Wenn aber ein politischer Streik in Deutschland ausbridst. spontan und mit aller Gewalt ausbricht, so würde das zur Folge hasten, daß die organisierten Machtmittel unserer Regierung außerordentlich desorgani- siert werden, und uittcr dem ungeheuren Druck einer solchen spontanen Bewegung würde die Regierung nachgeben müssen, bevor unsere Mittel erschöpft sind. Wenn gefragt wird, woher wir tcie Mafien nehmen und den granitenen Boden der Macht schaffen. si> ist schon von Bebel und vorher in der Presse von anderen betont worden, daß die Vorbereitung für die Durchführung des N'asienstreiks natürlich die Agitation und Organisation ist. Dafür müssen wir mit ganzer Kraft eintreten, müssen die Massen politisch fühlett und denken lehren, ihr Klassenbewußtsein schärfen und vertiesten. Wen» daS geschehen ist, wenn wir eS dahin gebracht, daß die Zlbaffen die Verkürzung ihrer politischen Rechte als brennende Schmach empfinden. dann werden sie auch mit ganzer Kraft sich wehren. Genosse Schmidt meinte, die Massen würden niöyt so gut Disziplin halten wie das Militär. Ja Genossen, wenn die Massen des Volkes zu der Disziplin erzogen ivären, die wir im Heere haben, dann könnten wir allerdings keinen Generalstreik durchführen(Leb- haste Zustimmung), denn mit Massen, die zum Kadavergehorsam erzogen sind, kann man allerdings solche Kämpfe nicht führen. (Lebhafter Beifall.) Ich verweise Sie auf den BergarbeiterTireik. Ist da die Disziplin nicht musterhaft aufrechterhalten worden? Dies« Blassen haben eingesehen, daß es»otwendig ist. sich unterzuordnen. Ich bin der Memung: Wenn wir glauben, daß e« angesichts der politischen Situation notwendig ist, unserem Arsimal neue Waffen zuzufügen, so muß jeder daran arbeiten, die Ausilärung in die breitesten Massen zu tragen, um so die Wirksamkeit des politischen Streiks im gegebenen geschichtlichen Moment zu garantieren. Wollen wir da» erreichen, dann muß die Richtlinie unseres Handeln« sein: Agitation und nochmals Agitation und abermals Agitation l(Lebhafter Beifall.) Liebknecht-Berlin: Die Wahl von 1903 hat gewissermaßen den formator Parka. mentarismus zu Tode gehetzt. Tie Sozialdemokratie hat ein- gesehen, daß die Hoffnung trügerisch ist, mit Stimmcmcrsolgen alles zu erreichen. Man sieht, daß trotz der großen Wvhlersolge alles beim alten geblieben ist. Daraus erklärt sich der StimmungS- umschwung, der darin besteht, daß man nach außerparlamentarischen Aktionen sucht und daß deshalb der Generalstreik immer mehr An- Hänger findet. ES ist durchaus verfehlt, den Unterschied zwischen Generalstreik und Maffenstreik für spitzfindig zu erlläüm. Der erste will den parlamentarischen Kampf ersetzen, der zioeste ihn erst ermöglichen und wirksam gestalten. Das ist ein grundlegender Unterschied. Legien sagt, wir müßten unter Umständen allerdings die Flinten auf die Schultern nehmen. Aber diese Flinten fehlen unS; wohl aber steht uns ein Mittel der Arbeitsverweigerung zu Gebote. Daß der Maffenstreik gleichbedeutend sei mit Revolution, ist nicht unter allen Umständen richtig. Genosse Heine und Schmidt haben eine große Anzahl praltischer Bedenken geltend gemacht. Aber Legien hat uns erklärt: Ja, gewiß, der Maffcnstveät ist an sich wohl möglich. DaS sollte doch Schmidt bedenklich machen. Die Gewerkschaften werden in dieser Beziehung wohl meljr hinter Legien als hinter Schmidt stehen. Wenn der Streik für mirtschast- liche Kämpfe ein geeignetes Kampfmittel ist, so muh er Ureter Um- ständen auch für politische Zwecke brauchbar sein. Das Blut des Volkes ist auch unS teuer, aber die Ideale und politischem Rechte deS Volkes sind uns ebenfalls zu wertvoll, als daß wir sie wider- standslos uns rauben lassen sollten. Die Juristerei ist leider zu sehr geeignet, zu verknöchern. Da» hat Heine gezeigt.—(Die Redezeit ist abgelaufen.) Meist-Köln: Das Reichstagswahlrecht ist uns nicht durch Kampf zu Teil ge- worden, sondern gewissermaßen in den Schoß gefallen. Nachdem uns dies Recht gewährt worden war, begannen die Kämpfe auf dem Boden des bürgerlichen Parlamentarismus, auf dem wir zu ar- besten verpflichtet sind. Viel ist dabei nicht erreicht worden und kann trotz aller Wablerfolne nicht erreicht werden. Trotzdem mehren sich die Versuche, das Wahlrecht zu beschneiden. Diese Versuche dürfen wir nicht geschehen lassen, ohne uns zu wehren. Es ist ja die Absicht der Reaktion selbst, uns dabei die Flinten auf die Schulter zu zwingen. Das haben Aronsart v. Schellendorf, Kröcher, Oldenburg offen erklärt und offen mit Gewalt gedroht. Sollen wir da tatlos zusehen und etwa sagen, wir müssen erst drei Millionen Arbeiter in den Organisationen haben, ehe wir uns wehren können. Mit diesem Standpunkt wäre es nie gelungen, eine Revolution zu machen. Ich begrüße diese Debatte und hoffe, daß die politische Bewegung davon großen Nutzen haben wird. (Beifall.) Ein Antrag auf Schluß der Debatte, den Eichhorn-Mannheim befürwortet und Wels-Berlin bekämpft, wird abgelehnt. Um 7 Uhr erhielt Bebel das Schlußwort, und 81/i Uhr wird zur Abstimmung geschritten. Das Amendement Legien zur Resolution Bebel wird abgelehnt, und die Resolution in namentlicher Ab- stimmung mit 288 gegen 14 Stimmen, bei 2 Stimmen Haltungen, angenommen. Dagegen stimmen Edmund Fischer, Fritzsche-Berlin, Heine. Kolb-KarlSruhe. Körsten, Legien. Lindemann, Ranch-Hannover, Robert Schmidt, Silberschmidt, Trautwein- Mannheim. Uhlig- Dresden, BeSper-Osnabrück, Wuschjck-Berlm-, es enthalten sich Bömelburg und Wolf- Witten. Sitzung dauerte bis 8'/z Uhr. Aussührlicher Bericht morgen. Die Organisationskommission hat ihre Arbeiten beendet. Der von ihr vorgelegte Entwurf weicht nur unerheblich von dem ersten dem Parteitage unterbreiteten ab. Anstatt 25 Prozent der sich aus den Beiträgen der Wahlkreise ergebenden Einnahmen sollen 20 Prozent an die Zentralkaffe abgeführt werden. Ueber die Zahl der Mitglieder des ParteivorstandeS wird bestimmt, daß dieselbe vom Parteitag festgesetzt wird, während eS bisher heißen lolle. daß der Vorstand aus acht Personen besteht. Der .Vorwärts" soll nach wie vor Zenttalorgan der Partei bleiben. Versammlungen. Verband der Hafenarbeiter(Berlin II). In der Versammlung! am 17. d. M. erstattete der Delegierte zur Gewerkschastskommission Bericht. Als Delegierter wurde Aug. Schmidt wiedergewählt, zum Stellvertreter Wille. Die Entlassung von Kollegen bei der Firma Fischer u. Holberg wurde nicht als Maßregelung angesehen. Der Fachverein der Mlisikinstrumenten-Arbeiter hielt am� 18. September eine Mitgliederversammlung ab, in der unter an- derem einige Rechtsschutzangelegenhciten besprochen wurden. Daber wurde mitgeteilt, daß gegen das freisprechende Urteil gegen Kamenzi wegen Ausbringens eines Hochs auf die revolutionäre Sozial-� demokratie am 1. Mai vom Staatsanwalt Berufung eingelegt ist.! Die Forderungen der Kollegen bei Schiemann u. Madstn wurden bewilligt, während die Verhandlungen bei Neufeld noch nicht erledigt sind. Außerdem wurde ein Beschluß gefaßt, welcher besagt, daß Maßnahmen oder Veranstaltungen, die den Beruf betreffen und der Organisation nicht zur Beschlußfassung vorgelegt wurden, nicht zu unterstützen sind, wenn der Zweck nicht bekannt und eine Benach- richtigung der Organisationsleitung nicht erfolgt ist. �et2te I�adrncdten und Depefeben. Tie österreichische Sozialdemokratie und die Wahlrechtsfrage. Wien, 22. September.(W. T. B.) Heut hat die von der Gcsamtexckutive der Sozialdemokratie Oesterreichs einberufene ReichSkonfcrenz sämtlicher nationaler sozialistischer Parteiver- tretungen stattgefunden. Die Konferenz beschloß einhellig, ein Manifest an die Arbeiterschaft Oesterreichs zu erlassen, in dem gegen die Wahlrechtsreform in Ungarn energisch protestiert und die Bc- seitigung der privilegierten Wahlrechts in Oesterreich und die Ein- führung des allgemeinen direkten Wahlrechts gefordert wird. In ebenso einhellig angenommenen Resolutionen wird die Arbeiterschaft Oesterreichs aufgefordert, den Kampf für das allgemeine Wahlrecht mit aller Energie weiterzuführen. Den ungarischen Genoffen, die den Kampf für das allgemeine Wahlrecht mit so viel Energie führten, wurde die Anerkennung und Sympathie ausgesprochen. Die Revolution in Rustland. Petersburg, 22. September.(B. H.) Hier herrscht große Be- unruhignng über die Lage in Baku. Seit drei Tagen ist man ohne jede Nachricht, da die Zensur alle Telegramme unterdrückt. Mitau, 22. September.(B. H.) Der Generalgouverneur von Kurland erlaubte den Gutsbesitzern, auf eigene Rechnung bewaffnete offizielle Gutsschutzwachleute anzustellen. Dieselben dürfen aber keine Ausländer zu sein. Der Generalgouverneur scheint ein verkappter Revoluttonär zu sein, daß er den bereits angeworbenen deutschen Pinkertons nicht erlauben will, ihr Blut für den russischen Absolutismus zu ver- spritzen. Einheimische Wächter werden den kurländischen Baronen nicht sehr zuverlässig erscheinen. Helfinqfors, 22. September.(W. T. B.) Gestern abend S�/z Uhr fand in Wasa im Marienpark eine heftige Bomben- explosion statt, die in der Stadt und der Umgebung gehört wurde. In dem in der Nähe befindlichen Gouvernementsgebaude wurden 55 Fensterscheiben zertrümmert. Die Bombe war anscheinend mit Dynamit gefüllt. Menschen kamen nicht zu Schaden. Der Täter ist unbekannt._ Explosion. Wien, 22. September.(B. H.) Heute mittag fand in der Zelluloidfabrik der Gebrüder Sattler im 16. Stadtbezirk aus un- bekannter Ursache eine furchtbare Explosion statt, welche in wenigen Minuten das Fabrikgebäude in Flammen setzte. Bisher wurden zwei ganz verkohlte Leichen gefunden, außerdem sind drei Personen schwer und sechs leichter verletzt. Man befürchtet, daß noch andere Personen den Tod in den Flammen gesunden haben, was. da die Lohn- listen mitverbrannt sind, erst nach Wegräumen des Schuttes kon- statiert werden kann._ Die Choler». Stettin, 22. September.(B. H.) Auf dem Kahn Nr. 74 dcS Schiffers Dittmann wurde heute, wie die.Stettiner Abendpost' meldel, DittmannS Kind, anscheinend an Cholera verstorben, tot vorgefunden. DaS Kind wurde in die hiesige Jsolierstatton und die Angehörigen nach der Cholera-Ucberwachuugsstalion Liebcnwerda bei Stettin gebracht._ Stettin, 22. September.(B. H.) Wie die.Stetttner Abend« post" au» Anklam meldet, hat der Schlosser Karl Grote, der mit dem Ackerbürger Karl Pastow wegen Grenzstreitigkeiten im Prozeß steht, bei einem heute mittag aul dem Grundstücke der Parteien stattaesimdeiien Lokalterinin vor den Augen der Richter und Rechts- anwalte die Schwester Frieda des Ackerbürgers Paffow mit einem' Gewehr erschossen. Hierauf erschoß der Mörder sich selbst. Skagen, 22. September.(W. T. 83.) Der Dampfer.Orient', voi» Lcith nach Danzig mit Stückgut bestimmt, ist heute mittag hier gestrandet. Bcrgungsdampfer find zur Hülfeleislung ab- gegangen. Verantw. Red. Heinrich Wctzker, Groß-Lichterfelde. Inserate verantw.Th. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag: VorwärtsBuchdr.u.Verlazjsanstalt PaulSingeräcCo.,VerlinLW. Hierzu 4Beilagenu.llnterhaltungSblakt Nr. 223. 22. Jahrgang. I. KtilGt des Jormirts" Ktllim WjidlM Sonnabend. 23. September IM. Parteitag der fozialdemokratischenPartei Deutschlands. Jena, den 21. September 1S05. Vierter VerhandlungStag. (Schluß der Nachmittagssitzung.) Grnhl-Nowawes spricht zum Antrag IS. Der Antrag bedarf keiner Begründung; es versteht sich von selbst, ich bitte, ihn an- zunehmen. Der Antrag 16 wird ohne weitere Debatte angenommen. Die Anträge 17 und 18 beanttagt Liebkuecht-Berlin dem Patteivorstand zu überweisen. Wir haben doch auf der Tagesordnung deS nächsten Parteitages voraussichtlich die Erziehungsfrage. Ich bitte Sie, meiner Bitte nachzukommen und dadurch Ihre Sympathie mit dem Antrag zu bekunden. Frau Baiimnnn-Altona: Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf die Diskussion über die Erziehungsfrage in der.Gleichheit' lenken und Sie bitten, unser Frauenorgan nach Kräften zu unterstützen. Wenn wir die Frauen gewonnen haben und sie mit sozialistischem Geist durchdringen, so wird da? von großem Vorteil für die heranwachsende Jugend sein. Wirken Sie überall dahin, daß die.Gleichheit' neue Abonnenten gewinnt I(Beifall.) Pfannkuch: Den Anregungen der Vorrcdnerin werden Sie wohl alle zu- stimmen. Wir können uns mit der Ueberweisung deS Antrags 17 an den Parteivorstand einverstanden erklären, dagegen möchte ich mich gegen den Antrag 18 erklären. Die Frage der Organisation der jugendlichen Arbeiter ist noch nicht spruchreif: wie können wir da schon eine Zeitung herausgeben? Warten wir, bis der nächste Parteitag in der Frage der Jugenderziehung Beschlutz gefaßt hat! Löbe-Breslau: Den besten Anfang mit einer Jugendpropaganda könnten wir machen, wenn die vorzügliche Beilage der.Gleichheit" von der ge- samten Presse abgedruckt werden dürfte. ES würde sich wohl empfehlen, daß die Parteileitung zu diesem Zweck mit dem Verlage der„Gleichheit' verhandelt. Klara Zetkin: ES ist gewiß sehr erfreulich, daß Söve den Wunsch geäußert hat. die schwachen Ansätze zu einer Beeinflussung der Jugend in uusereni Sinne, welche in der Kinderbeilage der.Gleichheit" gemacht worden find, auf die weitesten Kreise einwirken zu lassen. Trotz alledem muß ich im Namen des Berlages erklären, daß die Erfüllung seines Wunsches unmöglich ist und zwar aus dem einfachen Grunde, weil wir dadurch der Verbreitung der.Gleichheit" selbst entgegenwirken würden. ES gibt aber ein sehr einfaches Mittel, um den: Wunsche LöbeS im weitesten Umfange Rechnung zu tragen, und daS besteht darin, in recht reger Weise für die Verbreitung der„Gleichheit' zu agittcren und dafür zu sorgen, daß fie möglichst in ebenso großem Umfange verbreitet wird, wie unsere Parteipresse insgesamt.(Große Heiterkeit.) Wenn wir davon auch noch weit entfernt sind, so ist eS doch das Ziel. WaS die Anträge anlangt, so bin ich fest überzeugt, daß die Partei aus den verschiedensten Gründen um eine«ingehende Er» örterung der Jugend- und ErziehungSfrnge nicht herumkommen wird. Dazu werden wir, wenn wir es mcht selbst tun wollten. durch die konzentrierte Energie gezwungen, mit welcher in den letzten Jahren unsere Gegner, insbesondere die Klerikalen, auf dem Gebiet der reaktionären Beeinflussung der Jugend gegen uns arbeiten, und wir würden gewissermaßen Selbstmord begehen, wollten wir nicht auch auf diesem Gebiete in vollstem Maße unsere Pflicht und Schuldigkeit tun. Wir haben aber noch andere Gründe. Je mehr die Parteiarbeit wächst, je intensiver fit unsere erwachsenen Männer und Frauen ergreift, desto schwieriger wird dem mitten in dem Tageskampf stehenden Genossen die theoretische Weiterbildung, die Beherrschung der ganzen Fülle deS Tatsachenmaterials und der sich ans ihm ergebenden theoretischen Erkenntnis. Wir müssen deshalb dafür sorgen, daß bereits in der Jugend die zwei Wurzeln der Kraft unserer politischen und gewerkschaftlichen Bewegung genährt und gepflegt werden. Diese beiden Wurzeln heißen: theoretische KenntmS und Schulung und persönlicher Idealismus, der vor keinem Opfer zurückscheut. Wollen wir, daß aus diesen Wurzeln Zweige, Blätter, Blüten und Früchte empor- sprießen, so dürfen wir nicht warten, bi« das Leben den erwachsenen Menschen zurechtgehämmert hat, nein,>vir müssen ihn mit unserer Ans- fassung dnrchtränkeit, nicht in aufdringlicher Weise, iitdem wir in den Dreikäsehoch den Sozialismus hineinleichtern, sondern indem wir Charakter und Geist des Kindes mit unserer Anschauung erfüllen. DaS ist eine außerordentlich schwierig« Frage, und ich möchte deshalb vor- schlagen, daß wir zum Ausdruck bringen, daß eS die Pflicht aller Genossen und Genossinnen und aller Mütter msbesondere ist, an der Lösung dieser Frage mitzuarbeiten und dieser hoch- wichtigen Materie ihre volle Aufmerksamkeit zuzuwenden und sich so vorzubereiten für die gründliche Erörterung der Frage. Wenn dann der Boden geistig aufgewühlt und reif geworden ist für diese Diskussion, dann wollen wir sie auf einem Parteitage in aller Gründlichkeit und Tiefgründigkeit behandeln und die pratttschen Schlußfolgerungen ziehen. Ich mochte Sie ersuchen, in diesem Sinne die Anträge dem Vorstande als Material zur Berücksichtigung zu überweisen. Wie ttef daS Bedürfnis nach einer Auseinandersetzung über diese Frage empfunden wird, dafür ist ein lebendiges Zeugnis die Diskussion, die in der.Gleichheit' über das Thema„Jugend und Sozialismus' stattfindet, zu der schon zehn Veröffentlichungen erfolgt sind und noch mehr al« zehn weitere vorliegen. ES hat mich besonders gefreut, daß ein ganze« Komitee gewerkschaftlich organisierter Textilarbeiterinnen in ihrer Eigenschaft als Mütter der künftigen Generation zu dieser Frage Stellung genommen hat. Wenn nicht besondere unerwartete Ereignisse eintreten sollten, so Ivird sich, glaube ich, schon der nächste Parteitag mit der gründlichen Erörterung dieser Materie befassen.(Lebhafter Beifall.) Vorsitzender Singer teilt mit. daß Lobe formell beanttagt hat. der Parteivorstand möge den«erlag der„Gleichheit' ersuchen, der Parteipresie den Abdruck der Beilage der.Gleichheit' zu gestatten. Adolf Hoffmanu-Berlin: Ich halte den Antrag Löbe für unannehmbar, aber nicht aus dem von der Genossin Zetkin angeführten Gnmde. Der Abdruck einzelner Teile der Juaendbeilage würde der.Gleichheit' nicht schaden, sondern sie im Gegenteil empfehlen. Aber die.Gleichheit" würde, wenn sie allgemein den Abdruck dieser Artikel gestattete, un- geheurer ihren Mitarbeiterkreis beschränken. Bei solchen Fragen kommt doch auch der Lohnarbeiter, der Mensch in Betracht, der für sein tägliches Brot arbeiten muß. Wir können auch nicht verlangen, daß alle Arbeiter neben der polittschen und gewerkschaftlichen Zeitung nun auch noch die„Gleichheit halten; das würde vielen Arbeitet, tatsächlich zu viel sein. Es gibt aber ein anderes Mittel: die „Gleichheit könnte mit ihrer Jugendbeilage zur Beilage unserer gesamten Parteipresse gemacht werden. Ich mochte dem Partei- vorstände empfehlen, das für den nächsten Parteitag zu erwägen. Wir haben ja leider noch immer Blätter, die bürgerliche Unter- balwngsbeilaaen haben. DaS ist ein Unfug, der aufhören muß. Die Kosten der Durchführung meines Vorschlages würden sehr gering sein. Löbe-Breslau: Ich habe den Antrag gestellt, weil es in der Tat die finanziellen Kräfte vieler Arbeiter übersteigt, neben den anderen Blättern auch noch eine besondere Jugendzeitscknift zu halten. Den Einwand Hoffmanns halte ich nicht für maßgebend, nötigenfalls könnten die Honorare der Mitarbeiter entsprechend erhöht werden. Der von der Genossin Zetkin geltend gemachte Gesichtspunkt der Konkurrenz kann nicht entscheidend sein. Ich hoffe, daß Verhandlungen mit dem Ver- läge von Erfolg begleitet sein werden. Frau Plum-Essen: Unbedingt muß für die Jugend mehr getan werden als bisher. DaS zeigt schon ein Blick aus die klerikale Arbeit an der Jugend, wie sie namentlich im Westen bettieben wird. Schon fangen die Behörden an. Angst vor der Jugend zu haben. Als wir z. B. in der Nähe von Essen ein Konzert abhalten wollten, verlangten sie, hpß die Kinder nicht daran teilnehmen dürsten.(Hört l hört l) Aus der Jugend beruht unsere Zuknifft; deshalb müssen wir möglichst früh anfangen, auf sie einzuwirken, damit sie nicht in der nämlichen Ver- dummung aufwächst wie wir. Wenn sie dann das 17. oder 18. Lebensjahr erreicht hat, wird es uns leichter fallen, sie für uns zu gewinnen.(Beifall.) Clara Zetkin: Gegenüber dem Genossen Hoffniann erkläre ich ausdrücklich, daß die„Gleichheit" auch für ihre Beilage wie für ihren übrigen Inhalt nur Parteigenossen als Mitarbeiter hat. Bürgerliche Kreise ver- sichern uns zwar gelegentlich, daß sie uns sehr wohlmeinend gegen- überstehen und auf dem Gebiete allgemeiner Kulturarbeit sehr gern bereit find, im Interesse der Arbeiterklasse tälig zu sein; ich habe aber aus diesen Kreisen bis jetzt auch nicht eine Zeile erhallen. (Hört! hört I> Ich muß wirklich sagen, eine so eingefleischte alle Marxistin ich bin, es ist das gewissermaßen ein« Desillusion, eine Enttäuschung für mich gewesen. Ich halte erivartet, daß jene Kreise den guten Willen haben würden, daß ste für die Hebung der Arbeiterklasse auf einem Boden. wo für die Idee deS kulturellen Fortschritrs außerhalb des eigentlichen Klaffen- lampfes gekämpft wird, tätige Mitarbeiter sein würden. DaS ist nicht der Fall und ich bin überzeugt, daß alle diese Leute, die uns versichern, Interesse für unsere kulturelle Arbeit zu haben. die aber nicht den Mut haben, in der großen Leffentlichkeit die Schlackten der Arbeiterklasse schlagen zu helfen, daß die auch nicht die nötige Freudigkeit besitzen, um vielleicht im Verborgenen und ungenannt mit uns z» arbeiten. Im übrigen muß ich erklären, daß der ganze Mitarbeiterstab der„Gleichheit' mit der größten llneigen- nützigkeit arbeitet; es gibt vielleicht kein Partei-Organ, dessen Mit- orbeiter sich mit so geringem Honorar begnügen, wie es bei der „Gleichheit' der Fall»st; sie bekuckten ihre Mitarbeii nicht vom Standpunkte des Erwerbs, sondern von dein des Nutzens für unsere allgemeine Bewegung. Hoffmann hat mich serner mißverstanden, wenn er meint, rch hätte etwas dagegen einzuwenden, daß Artikel der„Gleichheit' abgedruckt werden. Ganz lm Gegenteil begrüßen wir das, weil wir willen, daß das der Verbreitung des Blattes nur dienen kann. Wogegen wir uns wenden, ist, daß die Beilagen der„Gleichheit", die ihrem Wesen nach ein Bindeglied sein sollen zur Einführung deS Blattes in Sie Kreise, die noch nicht sozialistisch geschult sind, von der.Gleichheit' losgelöst werden. Vergessen Sie nicht, welche vielseitigen Aufgaben der„Gleichheit" gestellt find. Sie soll zu gleicher Zeit ein Mittel der Agitation unter den noch rückständigen Frauen und ein geistiges Bindemittel unserer Genossinnen sein. Soll sie diesen Aufgaben genügen können, so muß dahin gewirkt werden, daß nicht nur die Beilagen der „Gleichheit", sondern die ganze„Gleichheit" in möglichst weite Kreise der Frauen hincingettagen wird. Wenn Sie in dieser Beziehnng Ihre Schuldigkeit tun, dann werden Sie nützlich für die sozialistische Erziehung unserer Jugend wirken, denn Sie werden dann dafür sorgen, daß unsere sozialistisch geschulten Mütter ihre Kinder zu Menschen erziehen, die ganz genau wissen, wo ihre Freunde stehen, Sie werden sie dann zu Soldaten erziehen, die nicht Soldaten der Reaktion, sondern der Freiheit und des Kulturfortschritts sind.(Leb- haster Beifall.) Kvkb-KarlSnlhe: Ich spreche nur, um meine vollste Zustimmung zu de» Worten der Frau Zetkin auszudrücken. DaS tue ich schon deshalb gern, weil Frau Zetkin ziemlich wörtlich dasselbe gesagt hat, wie daS, weshalb mir heut morgen der Kopf gewaschen worden ist. Sie hat gesagt, wir müssen auf den nächsten Parteitag die Frage der Jugend- erzichung setzen, weil uns daS Zentrum dazu zwingt.(Widerspruch. Zurufe: Die Kirche, die Klerikalen.) Derartige Arnßcrungen können eben mißverstanden werden, jedenfalls habe ich in den Monatsheften dasselbe sagen wollen, was Frau Zetkin eben gesagt hat. Man wolle aber nicht mit zweierlei Maß messen, den einen herunterreißen und den: anderen zujubeln. Frau Jiiger-Nixdorf: Auch wir wüiffchen, daß mehr für die Jugend geschieht; auch sollte die„Gleichheit" verständlicher geschrieben sein. In meinem Orte wird die„Gleichheit" sehr viel abbestellt, die Frauen sagen, ste sei zu unverständlich, und die Genossen meinen, eS stehe meist dasselbe drin wie im„Vorwärts".(Frau Zetkin: Ist ia nicht richtigst ES sollten die Genossen deS Kreises Teltow-BeeSkow mehr dahin wirken, daß ihre Frauen die„Gleichheit" lesen. Singer: Zur Abkürzung der Verhandlungen möchte ich be- merken, daß wir nicht über den Jnhatt der„Gleichheit' verhandeln, sondem über Jugendorganisatton.(Heiterkeit.) Frau Wagner-Chemniy: Als wir in der„Gleichheit" lasen, daß das Thema:„Jugend- erziehung' behandelt werden solle, waren wir sehr erfreut. Aber daß wir der Jugend durch die Literatur eine andere Auffaffung beibringen, halte tch noch für verfrüht. Zu allererst muß die Mutier geschult loerden. In der Schule wird den Kindern möglichst viel Religion eiiigepaukt und so uns entgegen gearbeitet. Schule und Hau? geraten so in Gegensatz. Adolf Hoffmann-Berlin: Frau Zetkin ineint, ich hätte sie mißverstanden. Die Redaktton der„Gleichheit' habe nichts dagegen, daß einzelne Artikel nach- gedruckt werden. Darauf kommt»es aber nicht an. Löbel wollte, vatz der gesamte Inhalt der Kinderartikel den Parteiblätteni zum Nachdruck freigegeben werde. Beim Nachdruck diizelner Artikel verschwinden sie und werden von der Jugend nicht gelesen, in Fonn einer Beilage aber könnten sie zusammengefaßt den Kindern in die Hand gegeben werden. Dadurch, daß da« Kind sie den Geschwistern vorliest, proftttert auch die Mutter, die indirekt durch das Kind er- zogen wird. Gchulz-Bremen: AuS der überflüssig ausgedehnten Diskussion habe ich nur das eine entnommen, daß es»inbedingt notwendig ist. die Frage der Jugenderziehung auf dem nächsten Parteitag zu debattieren. Bevor aber über die literarische und agitatorische Seite der Aufgabe be- schloffen werden kann, muß der Parteitag prinzipiell zur Frage der Jugenderziehung Stellung nehmen. DaS beste ist, alle Anträge dem Parteivorstand als Material zu überweisen. Wir können die Anttägc nicht annehmen, weil wir noch gar nicht wiffen, ob die Vorschläge, die sie enthalten, branchbar sind. Die Anträge 17 und 13 iverdxn dem Vor st and als Material überwiesen, der Antrag Löbe abgelehnt. Es folgt Antrag 19. BSSkr-Rixdorf begründet ihn: Ein ähnlicher Antrag ist in Bremer abgelehnt worden, weil die Agitation unter den jungen Leuten leicht Ver- wirrung sttften kann. ES muß aber auch auf diesem Geriete' etwas geschehen. Kanonen und Gewehre sind die Stützen der herrschenden Klaffe. Angesichts der Militärmißhandlunaen müssen wir alle jungen Leute über ihre Pflichten und Rechte aufklären und sie ermutigen nicht so feige zu sein, sondern von ihrem Beschwerderecht Gebrauch zu niachen. Die jungen Leute sind aber nicht leicht in Ver- samnilungen zu bekommen. Am besten wirken noch Flugblätter. Dabei könnte uns die Gewerkschaftsbewegung ein gut Teil der Arbeit abnehmen. Besonders sollte» die Rekrute»- Abschiedsseste benutzt werden. Die wirksamste Agitation ist die Aufklärungsarbeit in der Familie, aber da fehlt es noch an dem notwendigen Material. Das muß geschaffen werden. Wenn die jungen Leute erst ein paar Wochen in der Kaserne sind, dann sind sie abgeschlossen von der Welt und einer straffen Erziehung unterworfen, so daß sie auf Befehl aus Bater und Mutter schießen. Haben die Leute ausgedient, so müssen sie wohl noch nicht genug geschuriegelt sein, denn sie schließen sich den Kriegervereinen an.(«ehr richtig.) Wer die Agitation aus dem platten Lande betreibt, der weiß, welche Rolle diese Vereine dort noch spielen. Die Konunisbrot-Verdauungsmaschinen haben, wenn sie los koinmen, noch so viel Kommisbrot m den Knochen, daß ste in die Kriegervereine eintreten. lHeiterkeit.) Liebknecht-Berlin: Mir scheint eS, als ob die politische Situation sich seit Bremen außerordentlich verändert hat und damit auch die Stellung der Partei zu diesem Antrage. In diesem Antrage, der jetzt wahr- scheinlich angenommen werden wird, gelangen wir nur zu der Aus- fühning des internationalen Kongreßbeschlusses von 1900(Paris), der die antimilttariftische Propaganda unter der Jugend zur Pflicht macht. Die anttmilitaristijchc Propaganda fft eine Frage, die immer mehr daS internationale Proletariat beschäftigt. (Sehr richtigst So muß es auch sein. Natürlich ist der Militarismus nicht vom Kapitalismus losgelöst. Aber so wie die Macht des Staates sich in gewissem Sinne ver- selbständigt auch gegenüber dem Kapital, so verselbständigt sich auch der Rkilitarismus und wird zur Spitze des Kapitalismus. Was sollen wir dagegen tun? Der Sozialismus bekämpft den Mlitaris- mus einmal, insoweit er Anhänger des Friedens ist, und andererseits weil der Militarismus die Sozialdemokratie als inneren Feind be- trachtet. Nun ist in Bremen allerdings ein schwächlicher Antrag, der nicht ohne Bedenken war, unter einem gewissen Hohngelächter ab- gelehnt ioorden. Aber die Verhältnisse haben sich geändert und die Stunde ist gekommen, wo eS uns zur besonderen Pflicht wird, gegen den Militarismus inannhast einzutreten. Die erste Seite des SWilitariSmus wird bereits behandelt in der vom Parteitag be- schlosieiien Resolutton zur Wahrung des internattonalen FricoeuS. Die neuerlichen internattonalen Verwickelungen sind im weientlichen zurückzuführen auf die Vorgänge in Ostasie». wobei tch den Marokko- Handel nicht erst zu berühren brauche. Andererseits ist der nächste Punkt der Tagesordnung, der Generalstreik,-in lebendiges Beispiel dafür daß auch im Innern Gefahren und Konflikte zwischen der organisierten SlnatSgewalt und dem Proletariat drohen. Schon deshalb müssen wir dem Militarismus zu Leibe gehen. Ich glaube, wir find es unseren Freunden in Rußland, Frankreich und England schuldig, unter Zurückstellung von allerhand opportunistischen Erwägungen die antimililaristische Propaganda energisch zu betteiben. Die antt- nnlitarfftische Agitation kann von der Partei ohne weiteres in ihrem Spezialsinne durchgeführt werden. Des weiteren ist es auch notwendig, daß die ausgehobene Mannschaft über ihre Rechte und Pflichten belehrt wird. Kein Mensch kann uns die Veranstaltung von Versammlungen hierzu verwehren. Es wird nur Sache des Taktes der einzelnen Redner sein, etwaige Gefahren zu vermeiden. Aber ich habe das Vertrauen zur Partei, daß sie sich die nötigen Schranken auserlegen wird. Wenn sich der Parteitag auf der Hohe der politischen Situation befindet, die die Weltlage und die innere politische Lage Deutschlands im Gegensatz zum Vorjahre herauf- geführt hat. wird er den Antrag annehmen und damit ausdrücken, daß die Sozialdemokratie mit allen Mitteln, die ihr zu Gebote stehen und die deuffchen Verhältnisse irgendwie erlauben, den Mili- tarismus, die größte, die brutalste Gefahr, die ste bedrohe, bekämpfen will und nicht eher rasten wird, bis eS ihr gelungen ist, diesen roottor de bronze zu untergraben, diese feste Eiche in der Wurzel zu zerstören und damit einer friedlichen, kulturellen proletarisch-sozia- listischen Entwicklung die Wege zu ebnen.(Bravo.) Lebel-Berlin: Wenn jemals einem Antrag von einem Befürworter ein schlechter Dienst erwiesen worden ist, so ist eS eben von dem Genoffen Lieb- knecht geschehen.(Lebhafte Zustimmung.) Ich gestehe ihm ganz offen, tvenn er zu dem Antrage nicht geredet hätte, so wäre ich und meine näheren Freunde vom Parteivorstande geneigt gewesen, den Antrag 19 mit Haut und Haaren zu verschlucken. Nachdem aber Liebknecht eine große prinzipielle, weltpolitische Rede gehalten und klar gelegt hat. loas man aus dem Wortlaut gar nicht ersehen kann (Zustimniung), habe ich mir den Antrag genauer angesehen und bin jetzt anderer Meinung geworden. Der erste Teil deS Antrages kann allerdings in dem Sinne, wie Liebknecht ihn begründet hat, aus- gelegt werde:?, aber der zweite Teil steht hierzu in unlösbarem Widerspruch.(Zustimimmg.) Da ich nun den zweiten Absatz, der eine rein sachliche Aufklärmig der jungen Leute, die ins Militär eintreten, wünscht, für recht beachtensioert und nützlich halte, so stimme ich diesem Teil zu und bitte, ihn anzunehmen. lim so dringender muß ich Sie dann aber ersuchen, den elften Teil deS Antrages nach der Begründung, die ihm Liebknecht soeben ge- geben hat und durch die er einen ganz anderen und viel gefähr- licheren Charakter erhalten hat, abzulehnen. Um eS gerade herauszusagen, Genosse Liebknecht hat dem Antrage eine so gefährliche Auslegung gegeben, daß ich mich gefragt habe, ob er sich deyn nicht bewußt ist, daß er als Jurist bielleicht in der Lage ist, wenn er ein solches Thema behandelt, den Schlingen des Z 112 zu entgehen, daß aber die meisten Genossen nicht imstande sein werden, sich so genau auszudrücken, daß ihnen das möglich ist. Darum halte ich eS im Interesse unserer Partei für dringend geboten, eine derartige Gefahr durch Streichung des ersten Teiles des Antrages zu beseitigen. Außerdem erkläre ich rund heraus auf die Gefahr hin, daß man so absurd sein sollte, inich deshalb auf meine alten Tage der Feigheit zu bezichtigen, daß ich nicht die Bcrantivorwng übernehmen kann, für einen Antrag zu stimmen, dessen Konsequenz ganz sicher bei der nächsten Reform des Strafgesetzbuches die Schaffung einer neuen Bestimmung gegen solche Versuche sein würde.(Sehr richtig I) Ich bitte Sie also dringend, den ersten Satz abzulehnen und den Antrag dann so zu fassen: Der Parteitag beschließt, der Partei- vorstand möge dahin wirken, daß in jedem Jahre vor der Ans- Hebung zum Militär usw. Das können wir akzeptieren, da» ist eine durchaus nützliche Sache, die keine Gefahren in sich birgt und die bielleicht schon längst hätte durchgeführt werden können. Wenn der Antrag in dieser Forin schon in Bremen vorgelegen hätte, wäre er schon oamalö angenommen worden. Diesmal hat man versucht, mit dem prakttscheren den gefährlicheren Teil deS AnttageS durchzuschmuggeln. Ich glaube, ich habe genug gesagt; lehnen Sie bffte den ersten Teil ab.(Beifall.) Der erste Teil des Antrages wird zurückgezogen, der zvieiic angenommen. Hierauf vertagt sich der Parteitag. Vorsitzender Singer verliest einige BeglückwünschungSschreiben, darunter ein Antworttelegramm deS Genossen Löwenstein-Nliriiberg auf ein Telegramm Simons. Singer fügt hinzu: Ich bin über- zeugt, Sic alle stimmen mir zu, wenn ich dem Genossen Löwcnstein unseren Dank und unsere besten Wünsche für seine baldige Genesung zum Ausdruck bringe. Ich möchte wünschen, daß jeder Parteigenosse mit solcher Liebe und Hingebung für die Partei tätig sein möge, wie der jetzt 80jährige Genosse Löwenstein seit über 60 Jahren (Beifall.) Schluß 7'/« Uhr. Jena, 22. September. Fünfter Verhandlungstag. VormittagS-Sitzung. 9 Uhr. Den Vorsitz führt Singer. Eine Anzahl Begrüßung?- schreiben sind eingelaufen. Es wird in die Tagesordnung eingetreten. Zur Verhandlung gelangt Punkt 6 der Tagesordnung: Der politische Massenstreik und die Sozial- demokratie. Hierzu liegen vor die Resolution des Referenten(151), 116*) 118(zweiter Satz). 119, 123, 137,3. Sämtliche Anträge finden mit Ausnahme von 119 die nötige Unterstützung. Referent ist Bebel: Parteigenossen! Es dürfte wohl unter uns einstimmig die Meinung obwalten, daß die vorliegende Frage nicht nur eine der wichtigsten auf diesem Parteitag, sondern eine der wichtigen für die Partei überhaupt ist. Die Frage ist in Versammlungen, in der Presse, in der wissenschaftlichen und in der Broschiirenliteratur'behandelt worden. Zweifellos hat ein großer Teil der Parteigenossen bereits für oder gegen die Frage Stellung genommen. Gleichwohl ist es dringend notwendig, nicht nur von allen Seiten die Frage an sich zu untersuchen, sondern in ganz besonderem Maße zu prüfen— und das ist bisher ziemlich unzulänglich geschehen—, wie es gekommen ist, daß wir überhaupt gezwungen find, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Wa3 ist geschehen, was uns dazu nötigt, Stellung zu nehmen? Welcher Art ist die politische Lage, speziell gegenüber der Arbeiter- klasse und der Sozialdemokratie? Und erst nachdem wir uns in dieser Beziehung nach allen Richtungen Klarheit verschafft haben, werden wir weiter zu untersuchen haben, was wir einer solchen Situation gegenüber gegebenen Falls zu tun haben, ob unsere bis- herigen KampfeSmittel ausreichend sind oder ob wir uns nach neuen Mitteln umsehen müssen, und welcher Art diese Mittel sind. Die Rcichstagswahlcn des Jahres 1993 haben zweifellos eine gewisse Wandlung in unseren politischen Verhältnissen herbeigeführt. Der große Stimmenerfolg unserer Partei bei diesen Wahlen hat selbst- verständlich bei unseren Genossen großen Jubel, bei unseren Gegnern die entgegengesetzten Gefühle hervorgerufen. Schon diese eine Tatsache wirft ein grelles Licht auf gewisse Bestrebungen, die in der letzten Zeit innerhalb unserer Partei aufgetaucht sind. Wir haben Euch zu dutzenden Malen gesagt: Seid Ihr im Ziveifel, ob Euere Handlungen richtig oder falsch sind, dann seht ans Euere Feinde, und wenn die das, lvas Ihr tut, bedauern. fürchten, verurteilen, so seid Ihr auf dem richtigen Wege. Danach hätten in erster Linie die handeln sollen, die innerhalb der Partei allerlei Treibereien ins Leben riefen, wozu sie, wie ich später nach- weisen werde, auch nicht die geringste Berechtigung haben. Dafür. wie unsere Feinde den Ausgang der Wahl beurteilen, ist vielleicht am charakteristischsten in einer Aeußerung zutage ge- treten, die einer der Führer des Zentrums, der Abgeordnete Trimborn, in einer großen Kölner Versammlung getan hat. Da sagte Trimborn: Bedenken Sie, drei Millionen Stimmen hat die Sozialdemokratie: welch' ungeheure Zahl I Wo soll das hinaus, wenn es so weiter geht? Die Gegner haben seitdeni gezeigt, daß derselbe Schreck, der nach dem Ausgang jener Wahl dem Abg. Trimborn in die Glieder gefahren ist, auch ihnen bis heute schwer in den Gliedern, speziell im Magen liegt. In unseren eigenen Reihen hat dieser Erfolg selbstverständlich auch seine Wirkung geäußert. Nicht nur, daß man allgemein Freude empfand, sondern es ist sehr charakteristisch, aber auch natürlich— man müßte sich wundern, wenn es anders gewesen wäre,— daß bei den verschiedensten Richtungen in der Partei, deren Existenz ich gar nicht wegzuleugnen Ursache habe, um so weniger, da ver- schiedene Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie seit dem ersten Tage bestanden, Ivo sie anfing Bedeutung zu erlangen—, ich sage also, es ist natürlich, daß innerhalb dieser Strömungen die Frage auftauchte, was wird nun die Sozialdemokratie tun? In der „Neuen Zeit" warf Kautsky— und das gleiche geschah seitdem in anderen Blättern, es geschah in Versammlungen, es geschah in der Rede von Wollmar— die Frage auf, werden wir nunmehr bei diesen gewaltigen Stimmenzahlen nicht eine andere Taktik einschlagen müssen? Sie wissen, daß die Fragen auch den Dresdener Parteitag beschäftigt haben. Es ist dabei zu sehr heftigen Erörterungen gekommen und noch heute gibt es nicht kleine Kreise der Partei, die meinen, daß diese Erörterungen der Partei in hohem Grade nach außen ge- schadet hätten, vielleicht auch nach innen. Es loird mir eben zu- gcrilfen: Sehr richtig I Ja, wir haben selbst in den Spalten unseres Zcntraloraans wiederholt bis in die letzten Monate hinein derartige bedauerliche Acußerungen laut werden sehen— ich will hier nicht polemisieren, ich konstatiere nur— und nun gar in der gegnerischen Presse hört ja das Gezeter und Geschrei über den Dresdener Partei- tag gar nicht auf. als wenn die Herren bedauerten, daß es so ge- koinmeu ist, während sie doch in Wahrheit sich freuen.(Sehr richtig!> Run, was hat der Dresdener Parteitag denn getan? Es waren in diesen Erörterungen über das, lvas kommen sollte, eine ganze Reihe Differenzpunkte aufgetreten, und der Parteitag hat gegenüber diesen Fragen klare Stellung genommen und hat mit einer enorineu Mehrheit die Taktik der Partei aufs neue festgelegt mit einer Klarheit, die bei Freund und Feind keinen Zweifel über die Stellung der Partei ließ, das ist die große historische Tat des Dresdcger Parteitages trotz allerlei Schlacken/ die ihm anhafteten, das ist seine historische Bedeutung. Kein Geschichtsschreiber der Partei wird umhin können, gerade diele Verhandlungen des Parteitages in vollstem Maße zu würdigen. *) ItK. Parteigenossen in D ü s s e l d o r f:„Der Parteitag lenkt die Aufmerksamkeit des Proletariats auf die sich in bedenklicher Weise mehrenden Attentate auf die au und für sich durchaus unzulänglichen Rechte des werktätigen Volkes. Angesichts dieser Entrechtung weist der Parteitag die Erörterung des politischen Massenstreiks unter den Genossen nicht von der Hand. Er erklärt es für die selbstverständ- liche Pflicht des Proletariats, im entscheidenden Augenblick alles an alles zu setzen." lI8. Die Parteigenossen Stuttgarts erklären, daß sie den anarchistischen Generalstreik entschiede» ablehnen; hingegen halten sie die Diskussion des politischen Massenstreiks, der nicht be- rusen ist, die gewerkschaftliche, politische Organisationsarbeit zu er- setzen, sondern deren eifrigste Betätigung zur Voraussetzung hat, für durchaus geboten." IIS. Die am 29. August tagende Generalversammlung des Sozialdemokratischen Wahlvereins der Wahlkreise M e r s e b u r g- Ouerfurt erachtet die Frage des politischen Massenstreiks als ein hochivichtiges parteitaktisches Problem, und begrüßt deshalb die Ver- Handlung dieses Punktes auf dem Parteitag in Jena mit besonderer Freude. 1SZ.„Durch die sich immer mehr und mehr verschärfenden Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit— insbesondere durch die brutale Wahlentrechtung auf die arbeitende Klasse in den einzelnen Bundesstaaten, wird das Proletariat seines Einflusses in den maß. gebenden Körperschaften enthoben und durch die verkehrte Reichspolitik der Regierung und der herrschenden Klassen in eine bittere Not- läge gedrängt. Diese Pressionen müssen auf die Dauer zu einer unausbleiblichen Katastrophe führen. Deshalb ist es doppelt not- lvendig, daß sich das Proletariat über die Form und Waffe des politischen Massenstreiks klar wird. Daher empfiehlt der vierte Berliner Neichstags-Wahlkreis, der Parteitag in Jena möge be- schließen: den politischen Massenstreik in allen Wahlvereins- und Parteiversammlungen zu diskutieren— um ihn im gegebenen Falle als Abwehr- oder Angriffswaffe desto erfolgreicher in Anwendung bringen zu können." 1 37. Parteigenossen Elberfelds:„Der Parteitag erkennt an, daß der politische Massenstreik in Ländern mit derart hoch- entwickelter Industrie, wo die Produktion vornehmlich in der Groß- industrie beruht, in gemeinschaftlicher Aktion der Partei und Gewerk- schaften unter bestimmten Verhältnissen als Angriff- oder Abwehr- Kampsmittel mit Erfolg angewendet werden kann. Mit einem Schlage war allen den vielerlei Zweifeln innerhalb und außerhalb der Partei der Faden abgeschnitten. Ich erinnere daran, mit welchen Worten der Kritik die Abstimmung derjenigen unserer Freunde aufgenommen wurde, die für die Dresdener Resolution stimmten, obwohl man in bürgerlichen Kreisen geglaubt hatte, � daß sie dagegen stimmen würden'. Es hat sich gezeigt, daß jene Kreise sich gründlich verrechnet hatten, wenn sie glaubten, daß die Parteigenossen daran denken konnten, ans solchen Mcinungsdifferenzen eine Kardinalfrage zu machen und es auf eine Spaltung der Partei ankommen zu lassen. Nach dieser Richtung ist Klarheit geschaffen worden. Man hat in der Tat in bürgerlichen Kreisen, die sich in auffälliger Weise an einige unserer Freunde mit Ratschlägen herangedrängt haben, seinem Unmut über ihr Verhalten sehr lebhast zum Ausdruck gebracht. Auch Fürst Bülow hat von diesem Augenblick an seine Taktik geändert. Er legt es jetzt gewissermaßen aus das Totreden der Sozialdemo- kratie an.(Heiterkeit.) Es scheint mir, als ob Fürst Bülow mit gewissen libcralisiercndcn Neigungen, die auf seinen langen Aufcut- halt im Auslande zurückzuführen sind, sein Amt angctrete.n habe. Er scheint des Glaubens gewesen zu sein, mit der Sozialdemokratie läßt sich etwas machen, behandelt sie mit Sammetpfötchcn, dann gelingt e-s vielleicht einen Teil hinüberzuziehen, und dann ist die Partei gebrochen. Dieses Fazit habe ich aus der merkwürdig ver- änderten Taktik BülowS uns gegenüber gezogen. Als seine Hoff- nungen, seine Wünsche durch den Dresdener Parteitag durchkreuzt waren, macht er seinem Unmut seitdem Luft.(Sehr richtig I) Auch bei unseren Radikalen tauchte in Dresden auf einmal der Vorschlag auf Kominissionen einzusetze», die dem Reichstage Arbeiterschutzgesetze präsentieren sollten,' in der Hoffnung, daß dieser sie sofort apportieren würde. In Dresden schon habe ich vor solchen Hoffnungen gewarnt, und was seitdem im Reichstag ge- schehen, hat mir recht gegeben I Was hat sich in der Stellung der Partei zu allen bürgerlichen Parteien seit 1993 verändert? Unsere Stimmen wuchsen von 2 199 999 auf'rund 3 Millionen: unsere Mandate von 51 auf 89 bczw. 81, eine sehr erhebliche Steigerung. Aber unsere Stimmen stellen doch nur Vz der überhaupt abgegebenen Stimmen; unsere Mandate nur 1/5 aller Mandate dar. Wir sind noch weit von der Mehrheit entfernt. Die Stimmenverhältnisse im Reichstage sind die alten geblieben. Nach wie vor ist das Zentrum die ausschlaggebende Partei,»och immer hat es die Möglichkeit, zivci Mehrheiten zu bilden, mit der Rechten eine agrarisch-reaktionäre, mit der Linken und uns eine liberale. Nun ist gestern von Bern- stein geklagt worden über die steigende Ohninacht des Reichstags. Das ist grundfalsch, das Gegenteil ist wahr. Ich habe die ganzen Dinge sich entivickeln sehen und da erkläre ich, daß die Macht deS Reichstags in seiner Gesamtheit, wenn er einmal seine Stimme er- hebt, heute viel mehr Beachtung, viel mehr Entscheidung hat wie jemals in einer früheren Periode. Wenn man unter der Herrschaft des Fürsten Bismarck von einer vollständigen Ohnmacht des Reichs- tags gesprochen hat, dann hatte man recht. Ja selbst noch unter dem Regiment des Grafen Caprivi und auch noch unter Fürst Hohenlohe könnte man das mit Recht sagen, aber seitdem hat der Reichstag sich allmählich der Regierung gegenüber eine Position erobert, er hat in einer ganzen Reihe von Fragen tatsächlich die Leitung, er entscheiltct, und nach seiner Entscheidung richtet sich die Regierung. Bedauerlich ist nur, daß diejenigen, die das Regiment haben, nicht unsere Freunde, sondern unsere Gegner sind. Ich erinnere nur an die Fragen der Steuerpolitik, der Marinepolitik, der Flottenpolitik— was der Reichstag vom bürgerlichen Standpunkt, vom Standpunkt der kapitalistischen Wirtschaftsordnung aus betrachtet notwendig haben muß, das bekommt er, er vertritt hier seine eigenen Klassen- interessen. Wer jedoch glaubt, daß wir, die stärkste Partei im Lande, die zweitstärkstc im Reichstage einen entsprechenden Einfluß auf die Regierung ausübten, der urteilt vollkommen falsch, denn eine Partei kann, solange sie nicht in der Regierung sitzt, überhaupt keinen maßgebenden Einfluß ausüben. Wollt Ihr einen derartigen Einfluß haben, dann steckt Euer Pro- gramin in die Tasche, verlaßt Euren prinzipiellen Standpunkt, be- kümmert Euch nur um rein praktische Dinge, und wir werden als Bundesgenossen hochwillkommen sein.(Lebhafte Zustimmung.) Und ich sage Euch, die beste» unter uns werden dann Geheime Ober- rcgicrungSräte(Große Heiterkeit), wenn nicht noch mehr werden. (Heiterkeit.) O, Paris ist eine Messe wert und das Ziel die Sozial- demokratie zu gewinnen ist ein paar Ministcrsitze und Geheime ObcrregierungsratSsitze wert.(Heiterkeit und Beifall.) Darüber täuschen Sie sich nicht. Ich habe das so drastisch ausgesprochen, um einmal»nt den falschen Auffassungen all' dieser Dinge auszuräumen, werde aber nackiher zeigen, daß wir, daß ich die Lage durchaus nicht rosig ansehe. Weiter ist seit dem Dresdener Parteitage die Hoffnung auf eine große liberale Partei zerstört, die vom rechten Flügel der Sozialdemokratie bis etwa zu den Nationalliberalcn gereicht hätte. Fragen Sie doch einmal die Naumann, Gerlach, Barth, wie sie eigentlich in ihres innersten Herzens Schrein über das deutsche Bürgertum und den deutschen Liberalismus denken. Wenn sie aufrichtig sein wollen, so müssen sie sagen: Hoffnungslos bis zur Verzweiflung!(Lebhafte Zustimmung.) Die liberale Partei, ob groß oder klein, ist heute nur noch ein Phantasicgebilde. Die Klassengegensätze haben sich seit 1993 in einer Weise verschärft— verschärft, betone ich, nicht gemildert(Lebhafte Zustimniung)— daß der Kapitalismus und sein politischer Repräsentant, der Liberalismus, allezeit, wenn er vor der Frage steht, ob er, wenn auch in ganz unwichtige» Dingen mit oder gegen die Sozialdemokratie gehen soll, immer gegen sie gebt, aus Angst vor der Sozialdemokratie.(Lebhafte Zustimmung.) Charakteristisch hierfür ist die Aeußerung eines sächsischen Industriellen aus dem letzten Wahlkampf. Der erklärte in einer Versammlung: „Ich bin nationalliberal, aber ich stimme konservativ."(Heiterkeit.) Wie ist das möglich. Der Mann sagte sich: Wenn ich liberal stimme, kann es passieren, daß die Sozialdemokratie ausschlaggebend wird oder gar einen Sitz erobert, und das wäre eine so ungeheuerliche Tatsache, daß ich lieber für den Konservativen stimmen tvill.— So stehen die Dinge. Sodann ist es Tatsache, daß sofort zu Beginn der ersten Session deS neuen Reichstages ein förmliches Wettrennen um die Gunst der Arbeiter draußen begann; eine un- geheuere Fülle sozialreformerischer Anträge wurden auf einnial eingebracht, so viel, wie früher kaum in mehreren Legislaturperioden zusammen. In erster Linie beteiligte sich das Zentrum an diesem Wettrennen, weil es einsah, daß es alles tun müsse, uni die in steigendem Maße abfallenden Arbeiter an seiner Fahne zu halten. DeSbalb stellte es diese Anträge, die einem großen Teile seiner Fraktionsmitglieder in innerster Seele zuwider sind. Wenn nicht taktische Gründe für diese Anträge sprächen, dann würde ini Zentrinn eine Mehrheit gegen die Anträge vorhanden sein.(Lebhafte Zustimmung.) Durch diese Anträge wird die Anziehungskrast der Städte für die Landarbeiter ja noch erhöht, und das Zentrum läuft Gefahr, daß es immer mehr seine rück- ständigen Landarbeiter verliert. Ich richte hier noch ein Wort an die Anarchosozialisten. Man muß eben auf dem Stand- Punkt des von Ihrer Seite so sehr verlästerten historischen Mate» rialismus stehen, um diese Entwickelung beurteilen zu können. Dieser Standpunkt lehrt uns erst begreffen. was sonst sicher un- begreiflich wäre. Das Zentrum ist gezwungen gewesen, einer ganzen Reihe anderer Fragen nachzugeben. Auf dem Straß'burgcr Katholikentag hat ein Redner eine so radikale Rede gehalten, daß sie niit Ausnahme weniger Sätze von jedem von uns hätte gehalten werden können. Noch mehr, das Zentrum ist seit jeher ein Feind der Wissenschaft, in der deutschen Intelligenz sind die Katholiken in geradezu skandalös schwacher Weise vertreten. Das Zentrum empfindet auch längst, daß hier Reformen an Haupt- und Gliedern in seinen Reihen notwendig sind, uin die moderne Wissenschaft— nicht zu bekämpfen— das tut das Zentrum nicht, denn cS weiß, daß ein Sieg aussichtslos ist— sondern sich mit ihr zu verständigen, zu versöhnen. Ilnd da tritt ein anderer Redner auf dem Katholikentage auf und sagt: bemächtigt Euch der Wissenschast. erobert sie, macht Euch ihre Früchte zu Diensten. Selbst Haeckel hätte keinen schöneren Vortrag nach diese Richtung halten können. Also auch nach dieser Richtung I Konzessionen. Und wenn nun gestern Kolb in unbegreiflicher Ver- kennung der wirklichen Verhältnisse ausführte, es sei zugestanden ivorden, daß wir mit unseren Anträgen zur Gewinnung der Jugend dem Zentrum folgten, so hat er übersehen, daß das Zentrum kraft seiner Stellung zur katholischen Kirche seit Jahrhunderten durch die Schule, durch die Kirche, durch die Stellung der katholischen Geistlichen zur katholischen Familie die Jugenderziehung in der Hand hat.(Sehr richtig!) Diese privilegierte Stellung hat es ihm ennöglicht, sich eine so bedeutende Macht im Staate zu erobern. Diese Stellung ist es auch. die das Zentrum unseren evangelischen Kreisen so synipathisch macht, sie erblicken in ihm eben die Macht, die, wenn selbst die Bajonette versagen, noch den herrschenden Klassen Hilst. Von diesem Gesichtspunkt aus sind wir genötigt, auch die Jugend für unsere menschheitsbefreicnden Ideale zu gewinnen. Nun aber ist andererseits gar kein Zweifel, daß namentlich seit den Zollkämpfen im Reichstag sich auch dort die Gegensätze bedeutend verschärst haben. Die Kollegen, die bereits in früheren Sessionen im Parlament waren, werden wissen, daß— wie das bei bym fortwährenden Zusammenarbeiten ja natürlich ist— sich allmählich ein — ich will nicht gerade sagen freundschaftliches, aber doch eine Art Verhältnis zwischen den verschiedenen Parteien herausgebildet hatte, daß die Gegensätze bis zu einem gewissen Grade verschwanden, das hat sich»nt den großen Kämpfen um den Zolltarif vollständig verändert. Der Präsident des Reichstags stand bis zuin Herbst 1992 mit einer Unparteilichkeit, die über jeden Zweifel erhaben war, uns gegenüber. Da ist mit einem Schlage diese ganze Unparteilichkeit und Liebens- Würdigkeit nicht nur in die Brüche gegangen, sondern da hat man auch, um den Raub so rasch wie möglich in Sicherheit zu bringen, unter Leitung desselben Präsidenten, der bis dahin das Muster der Unparteilichkeit war, zum Verfassungsbruch und zum Bruch der Ge- schäftZordnung gegriffen.(Sehr wahr!) Seitdem hat der steigende Gegensatz sich in sehr akuter Weise auch im Reichstage heraus« gearbeitet. Ich bedauere das durchaus nicht, sondern halte cS im Gegenteil für sehr nützlich.(Sehr richtig I) Ost genug habe ich zu Liebknecht gesagt, das Parlament kann man mit einem Hof- parkctt vergleichen; wie da, so sind auch auf dem parlamentarischen Parkett viele ausgeglitten. Wenn man da kommt und sagt, es gibt doch ein ganz Teil sozialdemokratischer Abgeordneter, von denen man nicht unterscheiden kann, ob sie Sozialdemokraten sind, wenn nicht hinter ihrem Namen das Wort Sozialdemokrat stände, die Reden halten, die man von denen der bürgerlichen Opposition nicht unter- scheiden kann, Ihr scheint der Meinung zu sein, Ihr seid die Herreu der Welt, Ihr seid eine Art höheren Wesens— wenn in diesem Stil mit. uns geredet worden wäre, ich glaube, ich müßte mich sehr in mir selbst irren, wenn ich nicht erwidert hätte, es ist sehr schön, sehr notwendig, daß Ihr das mal sagt. Also, wenn Ihr da als die Wächter der Prinzipien, als die Wächter der alten revolutionären Taktik der Partei auftretet gegen Eure Vertreter, wie Ihr es eigentlich immer tun solltet,(Sehr richtig I), dann habt Ihr der Partei einen guten Dienst geleistet. Es ist unbestreitbar, daß trotz allem scheinbaren Eifer für Arbeiter- schutzgesetze, von den kaufmännischen Schiedsgerichten abgesehen, so gut wie nichts geschehen ist. Aber meine verdanimte Gerechtigkeits- meieret veranlaßt mich, selbst für die Regierung— hören Sie gut zu. Genosse Friedeberg(Heiterkeit)— eine Lanze zu brechen. Sie mußte angesichts des Wustes sozialpolitischer Anträge, womit sie aus dem Reichstage heraus überschüttet wurde, abwarten, für welche Anträge sich der Reichstag entscheiden würde, bevor sie selber Stellung nehmen konnte. Die ganze politische Situation machte es unmöglich, diese Körbe sozialpolitischer Anträge auszuräumen. DaS Zentrum sah nach kurzer Zeit ein, daß es unmöglich für den Reichstag sei, damit fertig zu iverden, und verwandelte seine Anträge in Resolutionen. So sehr wir uns sträubten, waren wir ge- zwungen, seinem Beispiel zu folgen, uni zu verhüten, daß nur die ZentrumSrcsolutionen zur Verhandlung gelangten, während unsere Anträge auf die lange Bank geschoben wurden. Die Resolutionen sind nun erledigt, und der Bundesrat hat die ganze Bescheerung vor sich: er muß nun sagen, was er davon denkt. Deswegen bleibt es aber doch wahr, daß die Abneigung gegen die Sozialreform zugenommen.hat und zwar deshalb, weil man sich sagt: was hülst es uns! Bringen wir vernünftige Gesetze ein, so stimmt die Sozialdemokratie zwar dafür, aber gewinnen werden wir sie nicht. Darauf aber kommt es ihnen stclbstvcrständlich allein an. Seit 1993 aber hat sich nicht nur der Gegensatz zur Sozialreform verschärft, auch die ökonomischen Gegensätze haben sich verschärft. So ist es gekommen, das die reaktionärste Vertretung in der Welt, das preu- ßische Herrenhaus, das ein so gemäßigt liberaler Mann wie Hen: v. Treitschke als eine überflüssige, unnütze, dem Gemeinwohl schädliche Institution verurteilt hat, jetzt zum Hort der Bourgeoisie und des Kapitalismus geworden ist. Das hat besonders die letzte Session gezeigt. Schon im vorigen Jahre hat das Herrenhaus eine Rcso- lution gegen das allgemeine Wahlrecht zum Reichstage gefaßt. Dann kam eine Resolution gegen die Reichserbschaftsstcuer, dann seine Stellung zur Berggesetznovelle, wo es das Abgeordnetenhaus an Arbeiterfeindlichkeit zu übertrumpfen suchte, und wo Fürst Bülow die größte Mühe hatte, es zum Nachgeben zu bewegen. Und schließ- lich seine Resolution, worin eine neue Zuchthausvorlage verlangt Ivird und wofür Graf Ballestrem und die katholischen Herrenhaus- Mitglieder stimmten. Das Herrenhaus hat seine Macht gezeigt, indem es den Fürsten Bülow zwang, ihm zur Beruhigung eine Aenderung des Krankcnkassengesetzes zu versprechen, die den Einfluß der Arbeiter in diesen Kassen bricht. DaS sind die Momente, die jene liberalen Fabrikbesitzer veranlaßten. jenen Brief zu schreiben, den das konservative Blatt, das„Reich" veröffentlicht hat und in dem es heißt:„Taufende von Besitzenden danken der konservative» Partei in beiden Häusern für ihre stramme Hal- tung. Es war die höchste Zeit, daß der Regierung und ihren Freunden, den Sozialdemokraten, ein Quos ego I zugerufen wurde. (Heiterkeit.) Wohin soll es denn kommen? Will man uns völlig ausziehen?(Heiterkeit.) usw." So mall sich bei diesem Fabrikanten die Welt. Und er fährt fort:„Man will ein gutes Gewissen haben, nachdem man die Besitzer zu Heloten des Proletariats gemacht (Heiterkeit) und diesen Menschen zwecklos Millionen an den Hals ge- worfen." Es ist unbestreitbar, daß die Unternehmervcrbände seit 1993� an Bedeutung und Macht beständig zugenommen haben. Es gibt Jndustrieverbände, wo nicht ein einziger Unternehmer mehr außer- halb steht, während wir leider»och Hunderttausende von Arbeitern haben, die weder den freien Gewerkschaften noch den christlichen Ver- bänden angehören. Der Klassencharakter, das Klassenbewußtsein der deutschen Bourgeoisie ist dem der deutschen Arbeiterklasse bedeutend überlegen!(Lebhafte Zustimmung.) DaS muß ausgesprochen werden. wenn wir wissen wollen. waS wir tun müsse». Dort haben wir die vollste Geschlossenheit, hier bei den Arbeitern die Spaltung in ver- schiedene Organisationen. Sind doch die christlichen Gcwerkschafmi nur gegründet, um die Macht der Arbeiterklasse zu brechen. Wenn man einem christlichen Unternehmer sagen würde, er müsse sich einer christlichen Unteriichmerorganisation anschließen, er würde lachen und sagen: Ach was fällt Ihnen ei»! Es ist mir doch gleich, ob der Mann Jude, Christ. Heide oder Mohammedaner ist, er ist doch Fleisch von meinem Fleisch, er ist Kapitalist. Wir Unternehmer wären doch Toren, wenn wir unS solchem Unterschiede zu Liebe selber schwächen wollten!(Sehr nchtig!) Nur die Arbeiter lassen sich infolge ihrer Dummheit, ihrer Unwissenheit, in der sie künstlich erhalten werden, spalten, obwohl doch gerade sie es nötig hätten, einig und geschlossen zusammenzustehen.(Bravo!) Aus der ganzen Situation heraus ist auch die Angriffslust des Unternehmertums gewachsen. Deshalb die Aussperrungen in Berlin, Rheinland, Westfalen, den Unterweserorten. Bayern. Sachsen und Thüringen. Die Aussperrung in Bayern hat mich gefreut, so sehr ich das Schicksal der davon betroffenen Arbeiter bedauert habe. Aber in dem kleinbürgerlichen Bayern haben nun die Untcruchmcr den scharfen Klassengegensatz, den scharfen Klassenkampf mit Sturm- glocken eingeläutet.(Sehr richtig I> Es ist aber nur von Vorteil, wenn so die Gegensätze auf die Spitze getrieben werden, weil da- durch eine klare Situation geschaffen wird, bei der es kein Aus- weichen, lein Vertuschen, keine Kompromisielei mehr gibt.(Lebhafte Zustimmung.) Auch dem dümmstei: Arbeiter wird durch diese Aus- IP errungen der Klnssengegensutz begreiflich gemacht, und wer >.as einmal erlebt hat. der ist fnr immer für die Liberalen oder das Zentrum verloren. Die Angriffslust macht sich ber der Unternehnierklasse in steigendem Maße überall bemerkbar. lnn Ende dieser Kämpfe ist nicht abzusehen, ja sie müssen nainr- notwendig immer stärker und stärker werden, weil die kapitalistische EntWickelung m Deutschland in rapider Weise ihren, Höhepunkt ent- gegengcht. Seit 1895 haben wir eine kolossale industrielle Entwicke- lung ei'Icöt. Auch die Arbeiterklasse hat dadurch au N?acht gewonnen, eine iWacht. die ans ihrer Zahl beruht. Die Macht der Vourgcoisie beruht aus den, Gelde. aber die Zahl der Kopfe gibt der Arbeiter- 'laue, sobald sie sich nur dieses Unistandes bewufet wird, eine so unaehenere Macht, daß sie die Machl der Bourgeoisie, und habe sie Zehntausende von Millionen im Tresor, schließlich überwindet. (Bravo!> . Aber das muff man der Arbeiterklasse bemerkbar machen, es darf nicht vorkommen, das; in ihren eigenen Reihen ihre Macht und Bedeutung nicht gebührend gewürdigt wird, und auch die Agitations- und Ausklärungsarbeit in der Presse ist zu einem groszei, Teil durchaus falsch.(Sehr richtig!) Da muß von Grund aus auf- geräumt, da»i»ß endlich ans diesem Parteitag Klarheit geschaffen werden, da müssen wir endlich alle wissen, was wir zu tun haben. da müssen wir wissen, daß wir einer Sitnation gegenüber stehen. ans der mit Notwendigkeit Katastrophen resultieren, lvenn nicht die ?�t der Arbeiterklasse kraft ihrer Zahl, ihrer Bildung und Macht so stark wird, daß sie den Gegnern das Gelüste. Katastrophen hervorzurufen, ein für allemal verleidet. Es ist ein großer Irrtum, wenn man sagt, die Sozial- dcmokratie arbeite auf Revolutionen hin. Fällt uns gar nicht ein, was haben wir denn für ein Interesse daran, Katastrophen zu er- zeugen, unter denen die Arbeiter in erster Linie schwer zu leiden haben? Sehen Sie nach Rußland, wo die Katastrophen noiwendig waren. Es ist kein anderer als der große Friedrich von Preußen, der in einem seiner Werke auseinandersetzt, wie die Katastrophen ciitstehcn, daß nicht 5ic_ Massen, sondern die Regierenden selbst sie machen. Das ist derselbe Standpunkt, den v. Blnntschli in seinen guten Jahren als StaatSrecktslehrer eingenommen hat. Selbst ein Blatt, wie das katholische„Echo" für das Rheinland schrieb im Mai dieses Jahres, daß eS eine völlig unhistorische Auf- faffnng sei, daß Revolutionen von wenigen Böscwichtcrn und Vacksvcrführern gemacht werden; Revolutionen können in gcichichtlich gewordenen Staalswesen nur entstehen und Erfolg haben, wenn Mißstände vorhanden sind, durch die die Masse des BolkeS sich bcschivcrt fühlt. Solche Revolutionen würden auch immer Erfolg haben.„Es mag noch so viel geeifert werden gegen die Sozialdeinokratie,«vir werden sie nicht anders überwinden als durch Refonnen, und wenn wir die gerechten Forderungen der Arbeiter nicht erfüllen, werden sie schließlich Sozialdemokraten." Sehr ver- uünslige Anschauungen! Durchans korrekt I Alles, was wir sagen. Aber das ist ja der Fluch einer herrschenden Klasse, daß sie im entscheidenden Moment ihrer eigenen Geschichte niemals zur Einsicht kommt uiid daß nienrand tut, was er tun sollte. ,, Wir Sozialdemokraten befinden uns in der günstigen Position, daß wir, was innncr unsere Gegner gegen uns mächen, weiter wachsen. Wir müssen wachsen, weil die kapitalistische Gesellschaft wächst und in einem höheren Grade die Bedingungen schafft, die die Sozialisten erzeugen. So wenig man unter dem Sozialisten- gcsetz unser Herr geworden ist, so wenig wird man unser Herr werde», wenn man eines Tages zu neuen Gewaltinaßregcln greift. Ach, ich weiß gar viele in unseren Reihen, die sogar den Tag. herbeisehnen, wo dies geschähe.(Sehr richtig!) Da würden Ivir wieder inal zeigen, was wir für verfluchte Kerle sind. �(Lebhafte Zustimmung.) Was haben wir in den zwölf Jahren nicht alles der Polizcigcivalt gezeigt! nicht nur die wirtschaftlichen Klassengegensätze wachsen, sondern auch die politischen. Die herrschende Klasse, die Bourgeoisie, sieht es lraft ihrer Machtmittel, ihrer sozialen Stellung als selbst- Verständlich an, als eine— ich sage das, obgleich Sic nicht an Gott glauben— gottgewollte Einrichtung an. daß sie den Staat repräsentieren und die Staatsmacht haben, daß sie, um mit Bismarck zu reden, die Klinke der Gesetzgebung in der Hand haben, um nach ihrem Willen, d. h. nach ihren Interessen, die Gesetzgebung zu mache». Sie sagen sich: Wir repräsentieren die kolossalen Bennögen und zahlen die Steuern, also müssen wir auch den Staat repräsen- ticrc». Ja, wenn sie sich diese Vermögen im Schweiße ihres An- gesichts erarbeiteten, dann ließe sich darüber reden. Aber diese Vermögen sind ja mit Eurenr Schlveiße erarbeitet; von dein ungeheueren Uebcrfluß, den Ihr ihnen schafft, zahlen sie ihre Stenern. Dieser Humbug, dieser Hokuspokus ist immer gemacht worden und die großen Massen sind bis heute darauf hineingefallen, deini sonst wären sie alle Sozialdemokraten. Die wirtschaftliche Macht der Bourgeoisie ist in de» letzten fünfzehn Jahren, speziell in den letzten zehn Jahren, riesenhaft gewachsen. Von der Höhe der Vermögen, die die letzten zehn Jahre, die Syndikate, Ringe, Trusts den cklnternehmern gebracht haben, haben Sie gar keine Ahnung. Mai? muß nur sehen, was heute diese Bourgeoisie verlottert und vergeudet, weil sie nicht mehr weiß, wohin sie mit ihrem Geld soll. Was heute— man kann das ja ain besten in Berlin sehen— in der Bourgeoisie verschwendet wird, bleibt hinter dem zurück, was in den verdorbensten Zeiten des römischen Kaiserreichs vergeudet wurde, wo man die Gäste mit Pfauenaugen fütterte. Mir ist wiederholt gesagt worden, daß es bei den großen Essen in Berlin keine Selten- hcit ist, daß für ein Essen 20, 30, 40, ja 50 000 M. ausgegeben werden!(Hört! hört I) Das sind Summen, gegen die die Gehälter unserer Minister verschwinden. Daher kommt es auch, daß die Bourgeoisie sich tüchtige Beamte einfach kauft, indem sie ihnen drei- und vierfache Gehälter zahlt und als Ersatz für die Pensionsberechtigung mit Kapitalien abfindet, deren Zinsen weit über das hinanszeht, was sie als Beamte jemals an Pension bezogen hätten. Durch diese Beamten hat man dann zugleich großen Änfluß auf ihre früheren Kollegen in den Reihen der Regierung, der Ministerien.(Sehr richtig!) Da hat man die Gesetzgebung an erster Stelle in der Hand. Das ist der Einfluß der Industriellen, den die großen Massen sich nicht träumen lassen, von dem sie keine Ahnung haben, den wir aber ins Land hinnuSschreien müssen, den wir an alle Türen anschlagen müssen, dainit das Volk weiß, wie ungeheuer es betrogen und ausgebeutet wird.— Ich sage also, die Bourgeoisie begreift es nicht, wie man bei solchen Klassen- gegensätzen das allgemeine gleiche direkte und geheime Wahlrecht haben kann: Der rohen, plumpen, unwissenden Masse, der Zahl der Köpfe das Schicksal der Besten der Nation überantworien I Denn zu den Besten der Nation zählt sich nicht nur der Adel, sondern erst recht unsere Plntokratie, die Aristokratie des Geldes. Nicht umsonst hat ein Ballin, hatte ein Krupp, haben eine ganze Reihe ähnlicher Größen mehr und bercittvilliger Eingang bei Hofe gefunden als so. mancher altadlige Herr, der auf einen Stammbaum von 000, 700 Jahren, älter als die Hohenzollern, zurückblicken kann. DaS ist wieder die Macht der Bourgeoisie, die Macht des Geldes, die alles in der Hand hat. Hier wird"das Wort unserer großen Führer Marx und Engels im Kommunistischen Manifest vom Jahre 1848 zur Wahrheit: Die Regierungen sind nichts als der VerwaltungSausschuß für die Jnter- essen der'herrschenden Klassen.(Sehr richtig!) Das dies dxr Fall, hat mir ja vor jetzt 10 Jahren, als ich ähnliche Ausführungen im Reichstage machte, der damalige Staatssekretär des Rcichsamts des Innern Herr v. Boettichcr durch ein stilles„Sehr richtig I" bestätigt. Ich habe natürlich nicht verfehlt, diesen stillen Beweis der Sympathie des Herrn v. Boctticher mit mir sofort recht laut dem Reichstage zu denunzieren.— Eine agrarische Politik ist bei uns notwendig— vielleicht nicht so dumm, so kopflos wie jetzt angesichts der Fleischtcuernng— aber agrarisch muß ja die Re- gierung sein im Interesse der herrschenden Klassen.— Wo-soll denn sonst das herrschende Junkertum seine standesgemäße Haltung her- nehmen, wenn nicht aus den kolossalen Ägrarzöllcn und den sonstigen Revenuen deS Staates, zumal es mit der Bourgeoisie n und für sich nicht mehr konkurrieren kann und sich die Gold- ischlein— zumal aus dem verfluchten Judentum, wo es ja die chönsten Goldfischlein gibt(Heiterkeit)— aus der Bourgeoisie holen muß, um ihre alten Wappen zu vergolden, weil sie selbst sich nicht um die Landwirtschaft künimern und weil ihre Söhne als Kavallerie- Offiziere sich mit Pferden, schönen Frauen und sonstigen netten Dingen abgeben. Daher der Haß gegen das allgemeine Wahlrecht, daher Erklärungen wie vor einigen Wochen in der„Kreuz- Zeitung".„Da kommt dieser unglückselige Reichstag wieder zusammen, ist wieder beschlnß- unfähig, dann haben wir die langen Reden der Sozialdemokraten, der Reichstag ist nur noch ein notwendiges Hebel." Es ist ja un- wahr, daß der Reichstag erst seit den letzten Jahren beschlußunfähig ist, er leidet vielmehr'bereits seit 1872 an chronischer Beschluß- Unfähigkeit. Die„Krcuz-Zeitung" verschweigt auch, daß das preußische Dreiklassenparlament mit seinen 15 M. Diäten ebenfalls ständig beschlußunfähig ist, daß es preußische Abgeordnete gibt, die schamlos genug sind, nachdem sie Wochen und Monate unentschuldigt gefehlt haben, nachher die gesainten Diäten einzuziehen, daß es ihrem früheren Chefredakteur Gehcimrat H. Wagner nachgewiesen wurde, daß er eine ganze Session keinen Schritt in den Landtag gesetzt und am letzten Tage bei der Kasse die Diäten für die ganze Session eingezogen hat.(Hört! hört!) Ein nationalliberaler Abgeordneter hat sich selbst mir gegenüber über dieses empörende Vorgehen seiner Kollegen beklagt.— Ans allen diesen Gründen sagt man: herunter mit dem allgemeinen Wahlrecht. Gewiß eS gab eine Zeit, da betrachtete es auch der Liberalismus als selbst- verständlich, daß das allgemeine Wahlrecht gewährt werde. Der Nationalverein hat diese Forderung als Hauptprogrammpunkt gehabt und als Bismarck durch die politische Konstellation gezwungen war, seinem Norddeutschen Bunde das allgemeine gleiche und geheime Wahlrecht zugrunde zu legen, erließ im Jahre 1808 der Ausschuß der nationallibcralen Partei einen Aufruf in dem es hieß:„Im Parlament erblicken wir die Vereinigung der lebendig lvirkenden Kräfte der Nation, das allgemeine gleiche direkte und geheime Wahlrecht mutz zur Grundlage des öffentlichen Lebens gemacht werden. Wie verhehlen uns nicht die Gefahren, die es mit sich bringt, solange Preßfrciheit, Versammlungsfreiheit, Vereinsrecht verkümmert werden". Das also war die Gefahr des allgemeinen Wahlrechts, daß nicht genügend andere Freiheiten existierten. Auch auf die Diätenlosigkcit wiesen die Nationalliberalen damals hin, während sie noch ein Jahr vorher Bismarck den Gefallen getan hatten, auf die Diäten zu verzichten. Weiter hieß es:„Das beschränkte Klassenwahlsystein hat sich überlebt. Der nächste Landtag wird zu prüfen haben, in welcher Weise und unter welchen Voraus- setzungen der Uebcrgang zum allgemeinen Stimmrecht durchzuführen ist." So erklärte die nationalliberale Partei offiziell und feierlich iin Jahre 1803 und bis heute hat diese Partei entsprechend ihrem allbekannten Maineluckencharakter ihr Programm mit Füßen getreten, ja im Gegensatz dazu überall gegen eine Ausdehnung des allgc- meinen Wahlrechts gewirkt. Sie hat im Jahre 1887 im damaligen FaschingSrcichstag ihre Mehrheit mit den Konservativen benutzt, um die Legislaturperiode von drei auf fünf Jahre zu verlängern. Und in den letzten Jahren sind Zcttelungen auf Zettelungen gegen das allgemeine Wahlrecht sich gefolgt. Ich erinnere auch daran, wie Freiherr v. Zedlitz von dem Bundesrat verlangte, er solle dagegen wirken, daß immer mehr süddeutsche Staaten zum allgemeinen Wahlrecht übergingen, wo man doch im Norden daran ginge, das elendeste aller Wahlsysteme noch zu verschlechtern. Ich erinnere an die Wahlverschlechterungen in Sachsen, in Hamburg, Lübeck— beiläufig: unter den Parteigenossen sind Mcinungs- Verschiedenheiten üher die Wahlrcchtsveränderungen in Baden und Fürth, ich hitte Sie daher, diese beiden Namen aus der Resolution zu streichen— aber im übrigen lvissen Sie alle von den zahllosen Wahlrechlsverschlechterungcn speziell in Sachsen. Dabei mache ich Sie darauf aufmerksam, daß solche Verschlechterungen gerade in Gegenden durchgesetzt sind, die als Hochburgen der Sozialdemokratie bezeichnet werden, wie Hamburg und Sachsen. Warum da die Partei nicht getan hat, was manche von ihr erwarteten, darauf konune ich später. Und weiter konstatiere ich, daß es gerade der Liberalismus gewesen ist, der überall hier mit für die Verschlechterung deS Wahlrechts gewirkt hat. Im innersten Herzen sind eben fast alle Liberalen Gegner des allgemeinen Wahlrechts, die Zahl der bürgerlichen Vertreter, die Ivahre Anhänger des Wahlrechts sind, ist an den Fingern zu zählen. Was hat denn der Liberalismus in Preußen getan, um das Wahl- recht zu verbessern? I Rickert hat ein paar Mal Anträge in dieser Richtung gestellt und ist von seinen Freunden deshalb scharf angegriffen lvorden. In Nürnberg besteht der Magistrat in seiner Mehrheit aus Vertretern der Freisinnigen Volkspartei und dieser freisinnige Magistrat hat seine Macht dazu gcmiß- braucht. um die Wahlbezirke derartig zusamnrenzulegen, daß 15 000 bürgerliche, über 22 000 sozialdemokratische Stimmen siegen konnten. Nach all diesen Vorgängen wäre es eine Lüge zu be- Haupte», daß der Liberalismus ein Anhänger dieses wichtigsten aller Volksrechte sei.— Und ivie steht es mit dem Zentrum? Das Zentrum, mit dem ini Augenblick unsere Genossen in Bayern für das allgemeine Stimmrecht eintreten? Und doch widerspricht auch diese Talsache keineswegs dem, was ich ausgeführt habe. Wenn Sie glauben, daß das Zentrum politische Prinzipien habe, dann täuschen Sie sich. Es hat gar keine festen Grundsätze wie den einen, um jeden Preis die Macht der Kirche zu stärken. Das Zentrum tritt für die gottgewollte Ordnung ein. Diese gottgewollte Ordnung ist immer die dem Zentrum riützliche. Es ist d i e Ordnung, die die Macht der Kirche und des Zentrums stützt. Das Zentrum hat sich im Laufe der Jahrtausende, wie ich in Straßburg unwiderleglich nachgewiesen habe, mit allen Staats- ystemen und allen Wirtschaftsordnungen abgefunden, und ich sage Euch, Parteigenossen: wenn es einmal zur letzten Entscheidung kommt und das Zentrum sich sagt: jetzt können wir des Sozialismus nicht mehr Herr werden— dann setze ich tausend gegen eins, werden die Prediger der christlichen Liebe, die jetzt für die bürgerliche Ordnung eintreten, wie sie früher für die feudale und antike Ordnung ein- getreten sind, anfangen, für den Sozialismus einzutreten (Zustimmung und Heiterkeit). und sie werden Euch dann mit einer Schärfe und Klarheit, gegen die Ihr alle Stümper seid(Heiterkeit), beweisen, daß ja das Neue Testament an den und den Stellen klärlich für den Kommunismus sich ausspreche. Sehr richtig!) So wird das Zentrum eines Tages handeln, wenn eS nicht mehr anders kann; es wird freilich bei uns dann seine Rechnung nicht finden. Nun hat das Zentrum allerdings in Baden und Bayern für das allgemeine Wahlrecht gewirkt. Weshalb? In Bayern ist das Zentrum auf Grund des bestehenden Wahlrechts nicht in der Lage.�die Macht zu erlangen, die es haben will, eine Macht, die ihm in der Staatsverwaltung und SiaatSvertretung die absolute Herrschaft verschafft, und da unsere Genossen in Bayern das Interesse hatten, um jeden Preis— will ich einmal sagen— dem jetzigen Wahlsystem den Hals zu brechen, da ferner der Liberalismus, getreu seiner Stellung als Repräsentant des Kapitalismus, sich zu keiner Konzession herbeilassen tvollte und jede Reform hintertrieb, war ein Zusammengehen von Sozial- demokratie und Zentrum eine Notwendigkeit. In dem Augenblick jedoch, wo das Ziel dieses Zusammengehens erreicht ist, wird natur- gemäß der Kampf zwischen Sozialdemokratie und Zentrum in einer Schärfe entbrennen, wie er niemals zwischen Liberalismus und Zentrum entbrennen konnte. So lagen die Dinge. Da? Zentrum wird in Bayern deshalb für das allgemeine Wahlrecht, weil nur so die Stiminen seiner bäuerlichen und klein- bürgerlichen Anhänger zur Geltung kommen können. Achnlich lagen die Dinge in Baden, wo auch die Macht des Nationalliberalismus nur durch das allgemeine Wahlrecht gebrochen werden konnte. Des- halb, nicht aus prinziellen Gründen, trat es in Baden und Bayern 'llr das allgemeine Wahlrecht ein, während es in Preußen seit l875, als noch Windthorst lebte, keinen Finger gerührt hat, um das allgemeine Wahlrecht in Preußen einzuführen. Ja, das Zentruin hat das Gegenteil getan, es Hai bei der so- genannten Wahlrefonn>892/93 so reformiert, daß es auf die eigenen Kosten kam, und sich unter faulen Redensarten von der Forderung des allgemeinen Stimmrechts gedrückt. Und wie ist eS in Württemberg? Dort steht eine Verfassungsänderung bevor; eS besteht das allgemeine direkte Wahlrecht seit vielen Jahrzehnten, allerdings bei sehr ungleichen schlecht verteilten Wahlkreisen. Jetzt soll die Resorm einsetzen mit den: Hinauswerfen der 24 Privilegierten,«. sollen auch diese 24 Mandate mit Hülfe des allgemeinen Stimmrechts besetzt werden. Da tritt nun der Führer des Zentrums in Württemberg, der Reichstags-Abgeordncte Gröber, auf und erklärt, das gehe nicht, denn das hieße, der Sozialdemokratie eine gewaltige Macht zuwenden. So pfeift das Zentrum in Württemberg. Da malt Gröber, der ja cm riesig geschickter Herr ist, der Kamnier ein Gemälde an die Wand, daß den Herren die Gänsehaut überläuft, ivaS für eine Gefahr die Einführung des allgemeinen Stimmrechts für Württemberg sei, denn dann würden die Sozialdemokraten auch jene 24 Sitze be- kommen. Ach, wenn es nur wahr wäre I Aber Gröber weiß genau so gut wie ich, daß das nicht wahr ist, daß es nicht wahr sein kann, iveil die ökonomischen Vorbedingungen hierfür in Württemberg noch nicht gegeben sind. Gröber schlägt vor, man solle � die 24 Abgeordneten zwar durch das allgemeine gleiche Wahlrecht wählen lassen, aber nach Ständen, um sich so die Herrschaft in der Kaminer zu sichern. Sic sehen, wie recht ich habe, wenn ich sage, das Zentrum handelt stets nur so, wie eS seinem Vorteil entspricht.(Lebhafte Zustimmung.) Zum Ueberfluß erinnere ich daran, was die„Kölnische Äolkszeitung" im April d. I. über die Wahl- rechtsverschlechterung in Hamburg schrieb.„Es ist ja richtig," schrieb sie,„daß jeder Staat, sobald eine sozialdemokratische VolksvertretungS- Mehrheit die ganze Maschine zum Stillstand zu bringen droht, recht- zeitig Gegenmaßregeln treffen muß." Da sehen Sic das Programm deS Zentrums. Es ist für das allgemeine Wahlrecht, so lange es die gegenwärtige Mehrheit sichert, aber lvenn das allgemeine Wahl- recht eine sozialdemokratische Mehrheit schafft, dann ist es � etwas anderes. Wir wollen die Staatsmaschine zum SiillstairF bringen? Ach nein, wir wollen sie erst recht benutzen mit einem bisher noch unerhörtem Tempo, um den alten Schutt wegzuräumeil.(Sehr gut!) Weiter schreibt die„Kölnische Volkszeitung":„Darüber sollen die Sozialdemokraten sich nur gar keinen Täuschungen hingeben." Merkt Euch das alle recht sehr für künftige Wahl- agitationen und für Euer ganzes politisches Verhalten!� Es herrscht gar kein Zweifel, daß eines Tages die Dinge sich so entwickeln, ivie ich es geschildert habe. Darüber sind sich Marxisten und Revisionisten einig, daß der Proletarier sich mehr und mehr vermehrt und schließlich die ungeheure Mehrheit der Nation bildet. Das ist die Grundlage der Nation, das ist die Grundlage unseres Reichtums, ist die Grundlage unserer Wohlhabenheit, ist die Grundlage unserer Steuerfähigkcit, ist die Grundlage unserer Per- teidigungsfähigkeit, ist die Grundlage von all und jedem. Diese Masse bildet die Grundlage der Gesellschaft, auf ihrem Rücken ist die gesellschaftliche Pyramide aufgebaut, und wenn man diese Pyramide einmal in ihren Grundvcsten angreist, dann stürzt sie zusammen.(Sehr wahr!) Ich mache nicht graulich. Die Möglichkeit ist da, und die Entwickeluug, in möglichst friedliche Bahnen zu lenlen, das hängt auch mit von uns ab, das hängt ab von der Macht, die wir unseren Organisationen geben, das hängt ab von der politischen Gesinnung, die ivir in die deutsche Arbeiterklasse hinein- tragen, die jede Stunde in der historischen Entwickelung des Landes genau wissen muß, wo sie zu stehen, IvaS sie zu tun und zu lassen hat.(Lebhafter Beifall.) Nach dieser Richtung hin Klarheit I Kein Vertuschen, kein Bremsen! Ach, bremst soviel Ihr wollt, die Bremse geht über Euch weg. Wir sehen, daß die bürgerlichen Parteien sich mehr und mehr zusammenschließen, daß die Gegensätze sich mehr und mehr ver- ringern. Die bürgerlichen Parteien sagen sich, können wir das Ungeheuer nicht aus unseren Augen hinwegschaffcn, das uns Tag und Nacht so viel Sorgen macht, das uns in unseren Träumen erscheint, dann wollen wir wenigstens zusammenstehen. Daher der Zusammenschluß unserer Feinde bei den Wahlen seit 1903! Ein klassisches Schul- beispiel sind ja die Landtagswahlen in Eßlingen, wo von der süd- deutschen Volkspartci, dem radikalsten Flügel der Bourgeoisie, bis zu den Konservativen alles ein Herz gegen die Sozialdemokratie ivar, und wo unsere Genossen durch ihre Energie den gemeinsamen bürgerlichen Kandidaten über den Haufen rannten! Wenn ich je mit unseren lvürttembergischen Genossen zufrieden war, so bei der Wahl in Eßlingen.(Sehr wahr!) Ein Hüben, ein Drüben nur gibt es, eS ist nicht mehr möglich zu paktieren, und aus dieser Situation heraus haben ja auch die verschiedenen bürgerlichen Parteien den Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdeinokratie gegründet, geben sie ihr Geld dafür aus, daß sie eine politische Prälorianerbande als Redner wegschicken, die ohne Rücksicht auf die politische Stellung nur die Aufgabe haben, die Sozialdemokratie zu bekämpfen, d. h. sie zu beschmutzen. Wie falsch diejenigen urteilen, die die parlamentarische Tätigkeit gar zu sehr unterschätzen, zeigt auch der große Bcrgarbeiterstreik. Das moralische Ergebnis war ein Sieg der Bergarbeiter, keine Niederlage(Sehr ivahr!), ein Sieg, der die stärkste Gewalt in Deutschland, die Negierung, zwang, den Bergarbeitern Rechnung zu tragen und eine Reform der Bcrggesetzgebnng einzuleiten. Aber die Regierung wagte nicht, an den Reichstag des allgemeinen Stimm- rechts zu gehen, sondern sie ging an das Dreillasscnparlamcnt, tveil sie wußte, daß dort eine Reform zustande kommt, die keine Reform, sondern ein taubes Ei ist.(Sehr richtig!) Und da machte das Zentrum mit, tveil eS um jeden Preis verhüten wollte, daß die Vorlage an den Reichstag kam. Da haben wir den schlagendsten Beweis, lvelche moralische Macht das allgemeine Stimmrecht und speziell die Anwesenheit von Sozial- demokratcn auf Grund dieses allgemeinen Stimmrechts auszuüben vermag! Da betrog man die Bergarbeiter um ihr Erstgcburtsrecht, da schuf man eine Vorlage, die nicht entfernt das war, ivas die Arbeiter zu beanspruchen berechtigt waren.(Sehr wahr!) Da faßte man auch noch die Resolution, die eine neue Zuchthansvorlage -ordert, da kam Bülows Versprechen, die Selbstverwaltung der Krankenkassen einzuschränken. Auch ein Beweis dafür, was geschähe, wenn keine Sozialdemokraten im Reichstage säßen I Und an- gesichts einer solchen Mißhandlung der Bergarbeiter, da wagt man, uns zu empfehlen, wir sollten auf die parlamentarische Tätigkeit verzichten. Dort in Rußland tobt ein ungeheurer Kampf, in erster Linie um die Erlangung politischer Rechte, um ein modernes Staats- 'ystem zu erhalten! Da steigen unsere Genossen mit freudigem Kanrpfesmut auf die Barrikade», da opfern Männer und Frauen, da 'etzen sie ihr Höchstes, ihr Lehen ein, um endlich einen modernen Staat zn bekommen.(Lebhafter Beifall.) Selbst der konservative General Liebcrt, ein Mann, dem nichts "erner liegt, als der Sozialdemokratie Konzessionen zu machen, spricht die Ucberzengung aus, ein Krieg gegen das Proletariat sei unmöglich. Und da sagt man, das Proletariat habe keine Macht und keine Bedeutung I Da sagt man von einer Seite, von der ich das nicht für möglich gehalten hätte, die Macht der Partei sei eine 'ehr minimale. Und das, obwohl bereits vor Jahren Caprivi unserem verstorbenen Genossen Grillenberger erklärt hat, die Regierung besehe sich jede Vorlage daraus hin, welchen Einfluß sie auf die Sozialdemokratie übe. Aber wir haben keinen Einfluß, wir spielen keine Rolle I Es wird gesagt, lvir haben nichts zu sagen, obwohl doch die ganze auswärtige Politik mit Rücksicht ans die Stlömung der Sozialdemokratie zum Teil gemacht werden muß. Man versucht fteilich, Bülolv als Minister des Auswärtigen zu einer Art politischen Papst zu niachen, dadurch, daß man jeden, der versucht, die Maßnahmen der Regierung ans dem Gebiete der auswärtigen Politik zu kritisieren, mundtot macht. Das geschah Jaurös, daS ge- 'chah unseren Freunden in Konstanz, das passierte nur sogar neulich clbst in Basel. Der Ucbcrwachende hatte viel gehört, er war schon lange nervös(Heiterkeit), es paßte ihm gar nicht, was ich sagte. und als ich auf die Marokkofrage zu sprechen kam, da erlaubte er nicht, darüber zu reden.(Hört! hört I) Ich wollte die Versammlung nicht zur Auflösung bringen, und da außerdem die Unterbrechung ja das schönste war. was geschehen konnte, so habe ich mich gefügt. Und sehen wir doch die ganze auswärtige Situation an l Der Kampf in Rußland 'itzt unseren Regierenden viel mehr in den Knochen als Sie glauben.(Sehr richtig!) Sie haben eine Heidenangst, daß das Feuer überspringen könnte, sie sagen sich, lvenn das in Rußland möglich ist, wo gar keine Organisation besteht, wo das Proletariat im Verhältnis gering an Zahl ist, was kann dann in Deutschland geschehen, wo wir politisch ausgeklärte Massen, ein organisiertes Proletariat haben, wo es bereits ganze Regimenter in der Armee gibt, die aus Sozialdemokrciim zuscimmengesetzt find, und wo, wenn man die Reserve und Landwehr einberuft, lauter Sozialdemokraten einziehen. Da fragt man sich, lvaS soll da aus uns werden? Na, sie wären dumm da oben, wenn sie sich das nicht sagten. Das gehört auch zum Kapitel von der Macht der Soziatdcmolratie. Die beständigen Fehlschläge der Kolonialpolitik, die verfehlte auswärtige Politik, all das, dariiber täuscht man sich oben nicht, ist Stoff für die Sozialdemokratie, Material, das Ivir bloß zu verwenden brauchen. Es läßt sich aber nicht bestreiten, daß wir, da wir die Minorität sind, in der Politik auf die Defensive, die Kritik angewiesen sind, die wir übrigens so energisch üben, dnh Herr v. Einem z. B. heil- ftoh wäre, wenn durch Gesetz verhindert würde, daß Sozialdemo- kraten in den Reichstag kommen.(Heiterfeit,) So ist die Situation, in der jeder aufmerksam« Genosse sich fragen muß, nachdem die bisherigen Mittel nicht ausgereicht haben, gelvisse Attentate unmöglich zu machen: Sind die taktischen und agitatorischen Mittel, die wir bisher angewandt haben, genügend, oder müssen wir neue hinzufügen? Da ist nun der Vorschlag des politischen Massenstreiks gekommen. Es ist eine Torheit, solche Diskussion dadurch zu beseitigen, daß man so tut, als höre man sie nicht. Das ist Vogelstraußnolitik. (Sehr richtigl) Wenn dieseFragc an allen Ecken und Enden angeschuitlen wird, gleichviel ob eS nun in richtiger oder verkehrter Weise geschieht, muß jeder aufmerksame Mann, besonders aber jeder Führer einer Partei, der diesen Namen verdient, sich fragen, ob cS nicht an der Zeit sei, daß die Partei den Borschlag einmal diskutiert.(Lebhafte Zu- stimmung.) Nun hat der Geiverkschaftskongreß in Köln geglaubt, die Dinge durch die Annahme der Resolution Bömelburg abzutun. Man lehnte den Generalstreik, wie ihn die Anarchisten und die Anarchosozialisten wollen, ab und erklärte, wir wollen Iveiter keine Diskussion. WnS ist damit erreicht worden? Das gerade Gegen- teil. Nach der Annahme der Resolution Bömelburg, die in Form und Inhalt an einer großen Unklarheit leidet, ist die Diskussion erst recht in Fluß gekommen. Wie groß die Unklarheit ist, be- weist, daß man selbst v. Elm vorwirft, er habe diese Resolution miß- verstauden, v. Elm, mit dem ich zwar oft in Meinungsdifferenzen geraten bin und schon häufig die Klinge gekreuzt habe,' in dem ich aber doch einen sehr berufenen Vertreter sehe, über die Verhandlungen des Gewerkschaftskongresses und über die Bedeutung der General- streik-Nesolution ein Urteil abzugeben. Man nmß in der Tat die Resolution mit der Lupe studieren, um KeraiiSznfinden, daß man nicht so weit gegangen ist, die Diskussion oes Generalstreiks zu verbieten. Aber man kann beim Lesen der Resolution und auch ihrer Be- gründung allerdings den Eindruck gewinnen, daß die Diskussion des Generalstreiks unterbleiben soll. Da sie jedoch auch anders gedeutet werden kann und wir alle Veranlassung haben, gerade in dieser Frage mit den Gewerkschaften zusammenzugehen, so müssen wir ganz objektiv an die Prüfung die Sache herangehen. Auch eine andere Stelle in dem Elmschen Artikel ist mir aus der Seele ge- sprachen. Es heißt da, es wäre weit besser gewesen, statt eine so unklare und widerspruchsvolle Resolution zu fassen, eine energische Resolution zu beschließen, in der den Machthaber» unzweideutig erklärt wird: Wagt Ihr eS, an dem allgemeinen Wahlrecht zu rütteln, so werden die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter ihre wirtschaftliche Macht voll einsetzen, um ein solches Ver- brechen zu verhindern.(Sehr richtigl) Diesen Standpunkt Elms halte ich für ganz richtig. Es heißt' in dem Artikel weiter, weit mehr als die politische Partei seien die Gewerkschaften am all- gemeinen Wahlrecht interessiert.(Sehr richtigl) Denn mit den: Wahlrecht seien zugleich Vereins- und Versammlungsrecht und das Koalitionsrecht bedroht.(Sehr richtigl) Elm sagt ferner, die politischen Führer würden gar nicht in Verlegenheit kommen, wenn Ausnahmegesetze erlassen werden, denn die würden vann zur Taktik von 1878 zurückkehren.(Sehr gut!) DaS ist vollkommen richtig. In dieser Zeit sind die heimlichen Organisationen wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wir spielten mit der Polizei wie die Katze mit der MauS.(Heiterkeit.) Das war ein Gaudium, ein Privat- vergnügen für unzählige Genossen.(Lebh. Zustimmung und Heiterkeit.) Und wenn wir unter uns sind, ist es unsere schönste Unterhaltung. wenn wir uns unsere Erlebnisse aus dieser Zeil erzählen, wie wir damals die Polizei an der Nase herumgeführt habeil(Heiterkeit). wie wir mit ihr gespielt haben. Und wenn auch einmal eine Anzahl Genossen ins Gefängnis wandern mutzten— nun, wir habe» alle schon drin gesessen, und eS kömmt vielleicht mol dahin, daß de«: nicht für voll gilt, der nicht mal im Gefängnis gesessen hat.(Heiter- keit.) Das wäre eine erbärmliche Partei, die sich durch den Staats- aiuvalt und Strafgesetze einschüchtern ließe I(Lebhafter Beifall.) Eben erleben»vir die russische» Vorgänge, und da sollten wir nichr den Mut haben, eimge Monate Gefängnis und Schlimmeres zu ertragen, um die Rechte zu erhalten, die wir be- l sitzen?(Lebhafter Beifall.) Also der Kölner Beschluß hat nur Unklarheit und Verwirrung erzengt und der S treit ist seitdem ins Une.idlichc gegangen. Interessant ist c.us dem Referat, das Genosse Bömelburg damals erstattete, die Bcgrmdmig, warum man die Frage am die Tagesordnung gesetzt habe. Er sagte, das sei geschehen, um die Gefahr zu beseitigen, daß die Ge- werkschaften sich später Beschli.'sscn fügen müssen, die einseitig von anderer Stelle gefaßt sind. Diese„andere Stelle" ist der Varieitag. Man wollte uns also quasi ccultrocarriren und unsere Entschlüsse beeinflussen. Es ist mm gar kein Zweifel, daß. wenn eine Frage Partei und Ge- werkschaslen gleichermaßen intcressir rt, cS die Frage des politische» Massenstreiks ist. Denn die Gewerkscha itler sind nicht nur Gewerkschaftler sondern auch Staatsbürger und als solche haben sie das lebhafteste Interesse an den politischen Zuständen des Staates und nicht nur an den wirtschaftlichen Zuständen der Gesellschaft. Was ist denn der Staat? Wer sich darüber gründlich informieren will, dem empfehle ich die Schrift von Engels über die Entstehung der Familie, des Privateigentums und des Staatswesen?, und wenn er sie beim ersten Lesen nicht versteht, so lese er sie zwei' oder dreimal. Dann er- fährt er, was der Staat ist. daß der Sitaat erst notwendig wird, wenn an Stelle des ZustandcS der kc mmunistischen Ursamilie das Privateigentum tritt. Sobald diese Entwickelung eintritt, entstehen die Klassengegensätze, jetzt Ivcrdcn die Eigcniümer die Feinde der Nichteigentümer und umgekehrt. Die besitzende Klasse inncht sich zur herrschenden Macht, die die Massen unterdrückt und den Staat nach ihren Interessen wandelt. In dem Maße, wie dwm, die Produktions- sonnen sich entwickeln, ändert sich notwendigerweise auch der Staat, da wächst allmählich der Feudalstaat hervor; dann kommt der Gegensatz zwischen den Feudalen und den Städten, bei der sich als lachender Dritter der absolute Staat eniwickelt. Diesen löst dann die moderne Bourgeoisie ab, die in den großen Re»»olutionen, die Europa erschüttert haben, die vereinten Gegner niedergeworfen hat. Es ist lachhaft, wenn man uns vorwirft,-vir wollten die Revolution. wo doch alle bisherigen Revolutionen vom Bürgertum gemacht worden sind. DaS Bürgertum räumt den Arbeitern eine Reihe von Rechten ein. aber das entscheidende Recht, das Wahlrecht, verweigert sie ihm so lange es geht. Darum muß nach dericlben Logik, nach der bisher alle unterdrückten Klassen im Laufe der Geschichte nach der Staats- gewalt gegriffen haben, um dann im Interesse ihrer Klasseußelluug die ganze Gesellschaft umzumodeln, auch das Proletariat als die letzte unterdrückte Klasse die politische Gewalt erobern, um mit Hülfe eine:» einzelnen zur Entfaltung kommen, daß die heutige Gesell- schaft die Individualität verkrüppelt und daß es geradezu die Auf- gäbe des Staates ist, für diese Unterdrückung der Manen- iudividualität zu sorgen. Diesen Staat nun, sagt Friedeberg, sollen wir in Frieden lassen, um den sollen wir uns nicht kümmern. (Fricdeberg: Habe ich nicht gesagt!) Das werde ich Ihnen nach- weisen, wenn ich in Berlin mit Ihnen abrechne. Dort hat er dann ja die größte Redefreiheit, und ich hoffe, er wird dann abgeholzt werden, wie er noch nie abgeholzt worden ist.(Große Heirerkeit.) Also der Generalstreik soll das Allheilmittel sein; er stürzt die bürgerliche Gesellschaft— wie der Staat gestürzt werden soll, darüber braucht man sich nicht den Kopf zu zerbrechen. Wenn der Generalstreik gemacht wird, so schivebt der Staat in der Lust— als wenn er sich da? gefallen ließe, in der Luft zu schweben I (Heiterleit und Zustimmung.) Der Generalstreik verhindert die Kriege, ent- waffnctdas Militär, erobert den Achtstundentag: Generalstreik hinten und Generalstreik vorn. Von alledem wird einem so dumm, als ginge einem ein Mühlrad im Kopse henn»!(Sehr gut I) Das Ende vom Lüde ist eigentlich die Nurgewerkschastlerei.(Sehr richtig!) Das will man nicht, aber es ist die logische Konsequenz. Denn man nimnrt den Anhängern dieser Idee allmählich so völlig allen Glauben� an die politischen Machtmittel und die Notwendigkeit des politischen Kampfes, daß sie ganz selbstverständlich darauf verzichten werden, in die politischen Organisationen einzutreten. Die Generalstreikfrage hat uns bereits auf einer ganzen Reihe von internationalen Kongressen beschäftigt. Das erste Mal 1889 in Paris. Da meinte Tressaud-Marseille, die Manifestation am 1. Mai werde wirkungslos bleiben, sie müsse durch einen Generalstreik unterstützt werden; der Kongreß sollte als Anfang der sozialen Revolution den Generalstreik beschließen. Sein dahin- gehender Antrag wurde aber bei der Abstimmung mit sehr großer Mehrheit verworfen. Auf dem internationalen Kongreß zu Brüssel beantragte dann Domela Nieuwenhuis, daß die Sozialisten aller Länder eine etwaige Kriegserklärung beantworten sollten mit einem Ausruf an das Volk zur allgemeinen Arbeitseinstellung. Auch dieser Antrag wurde abgelehnt. Der internationale Kongreß in Zürich 1893 beauftragte eine Kommission mit der Erörterung des General- bezw. Weltstreiks. Diese Kommission schlug folgende Resolution vor, die aber nicht mehr zur Erörterung gelangte: «In Erwägung, daß Streiks nur unter bestimmten Verhältnissen und zu bestimmten Zwecken mit Erfolg unternommen werden können, diese jedoch nicht von vornherein festzustellen sind, in Erwägung. daß ein Weltstreik schon wegen der so ungleichen ökonomischen Eni- dieser Gewalt auf sozialem Gebiet die Einrichtungen zu schaffen, diel Wicklung in verschiedenen Ländern unausführbar ist, von dem Moment seine Macht unerschütterbar machen. Damit hat dann allerdings die|—-----.t.-.c.c_ �- � letzte Stunde des Staats geschlagen, weil eS dann in der nenen Gesellschaft keine Klassengegensätze mehr gibt und der Staat als solcher seine Existenzberechtigung verloren hat. Aber bis d?-: Dinge so kommen— wann, weiß ich nicht, es kann lange dauern— müssen wir, koste es, was eS wolle, nach der Staatsgewalt trachten und, Genossen, es wäre wider alle Logik, es wäre ein Schauspiel der unerhörtesten Art, wenn eine so gewaltige Klasse, wie cS die moderne Arbeiterklasse materiell, physisch und geistig geworden ist, sich das nehmen ließe, Ivas alle unterdrückten Klaffen vor ihr als selbstverständlich beansprucht haben. (Lebhafte Zustimmung.) Das muß auch uns gelingen; wie, das ist Sache der politischen Situation, die nicht wir,»ondern unsere Gegner schaffen. Dann können wir den Gegnern sagen: nehmt euch in acht; ihr im 29. Jahrhundert solltet doch endlich aus der Geschtzhte gelernt hcrben, wohin es führt, wenn ihr glaubt, gegen de» Willen der großen Mehrheit der Nation herrschen zu können. DaS gibtS nicht. Da hat man nun vorgeschlagen, man müsse als letztes Mittel zum Generalstreik schreiten, der von den Anarchisten propagiert wird. Der Anarchismus ist im Grunde genommen ein konsequenter Aus- läufer des bürgerlichen Liberalismus und Individualismus.(Sehr richtig!) Das kann man am klassischsten aus dem Werke von Stirner „Der Einzige und sein Eigentum" sehen, das im Jahre 1816 er- schienen ist und nicht nur den Anarchismus, sondern auch den Anarchosozi.iliSmus(Heiterleit!) bereits enthält. Daher denn auch überall im Anarchismus diese ideologische» Anschauungen, wie sie der Liberalisnms zutage fördert. Dieser Anarchisnrus sagt: Wir haben nicht mit dem Staat zu tun: ich bin ich selbst und alles andere ficht mich nichts an. Der Staat ist ein Ungeheuer, ist die konzentrierte Macht, die mich unterdrückt, mir meine individuelle Freiheit raubt, ich kümmere mich nicht um ihn; entwickelt mal eure Individualität als Proletarier, ihr werdet dann sehen, wie weit ihr kommt. Aber darum handelt es sich ja gerade, daß die kostbarsten individuellen Eigenschaften, die diese großartiaen Keime menschlicher Bervollkommnuiig, die in diesen imzähligen Kopsen vorhanden sinv, sich jetzt nicht entwickeln, daß eS ein Zufall ist, wenn sie einmal bei aber, wo er ausführbar, nicht mehr nötig ist, in weiterer Erwägung, daß selbst ein auf ein Land sich beschränkender allgemeiner Streik, wenn friedlich durchgeftihrt, aussichtslos, weil der Hunger die Streikenden in erster Linie treffen und zur Kapitulation zwingen würde, ein gewaltsamer Streik aber von den herrschenden Klassen mtbarmherztg niedergeschlagen würde, erklärt der Kongreß, daß unter den gegenwärtigen sozialpolitischen Verhältnissen im besten Falle ein Generalstreik einzelner Industrien mit Erlolg durchgeführt werden kann; ferner, daß Massenstreiks unter Umständen eine höchst wirksame Waffe nicht bloß im ökonomischen, sondern aucb im Polittschen Kampfe sein können, eine Waffe jedoch, deren toirksaine Anwendung eine tüchtige geWerk- schns bliche und politische Organisation der Arbeiterklasse voraussetzt. Der Kongreß empfiehlt daher den sozialistischen Parteien aller Länder diese Organisation mit aller Energie zu fördern, und geht über die Frage des Weltstreiks zur Tagesordnung über." Diese Resolution ist insofern sehr intereffant— und ich selbst war, als ich die Akten studierte, durch ihren Inhalt überrascht— als sie zwar den Weltstreik ablehnt, aber den politischen Massenstreik immerhin für diskutierbar hält und zwar unter der Bedingung, daß die Organisationen entsprechend weit gediehen sind. Jckt finde, daß dieser Teil der Resolution eigentlich klarer ist als die Amsterdamer Resolution.(Sehr richtig I) Auch in London wurde 1896 auf dem internationalen Kongreß über den Generalstreik verhandelt. In der Resolution über die Wirtschaftspolitik der Arbeiterklasse— Berichterstatter war Molken- buhr— heißt es:.Der Kongreß hält den Streik und' Boykott für ein notwendiges Mittel zur Erreichung de» Aufgaben der Gewerkschaften, sieht aber die Möglichkeit für einen internottonalen Generalstreik nicht gegeben. Das nächste Erfordernis ist die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeitermassen, weil von dem Umfang der Organisation die Frage der Ausdehnung deö Streiks auf ganze Industrien oder Länder abhängt." (Fortsetzung in der 2. Beilage.) yrolllos-�nsolso. Hlcrinit zeigen wir tiesbetrübt[ ! an. das: mein lieber Mann, unser! guter Bater, Schwiegervater und I 1 Großtmler, der Wäschezuschneider j Rudolf Manag j im Alter von 51 Jahren nach j langem schweren Leiden sonst ent. I I schlasen ist. Ivlvb I Wir bitten tun stille? Beileid. Die Hinterbliet'enen. Die Beerdigung findet am i I Sonntag, den LI. September, I nachm. 4 llhr, von der Leichen- Halle des Krankenhause» am ! Friedrichshain au» statt. v»» ntmadta [.di.BerLieiciisiäiswabHI Onien. Stadtbez. 190 d. ToeScB-Anseeäge. Am Donnerstag, den 21.b. M., j 1 verstarb unser langjährige» Mit- gliid, der Wäschezuschneider z Rudolf Manig. Ehre seinem Andeuken! Die Beerdigung findet am I I Sonntag, den Li. d. Mt»., nach- j mittag» i llhr, von der Leichen- iolle de» Krankenhauses Frledrich«- ain, Vlrchoivstraße. au» statt. " Um zahlreiche Beteiligung bittet /18 Der Borüaud. .Allen Freunden und Bekannten( ' hie troarigc Mitteilung, daß unser! ütt« Sohn 44082[ RicM Eiter ' am DonnerStagvormittag 9'/, Uhr � nach kurzem, aber schwerem Leiden[ sanst eiitfchlajcn ist. Die Beerotamig findet am i xonntagnachmlUag 3 Uhr von{ der Leichenhalle de» EmmauS- Kirch Hose» aus statt. Die trauernden Eltern und Bruder! Heiaeiolt Eidtner und Frau geb. paleuzodlco, Farsterstrahe Nr. 3. Vereinslatinen und Vereins- abzeichen«tc. Ww. Hurg. Grlllen- berger, Nürnberg. Unschltttplatz 2. :Soziäi(!ei!]okratiseIi.Waiilvereiii für den yerlinerEeicfistasswaMkrels. Xodcn-Anselge. Am Freitag, den 2L. d. M.,\ ! in argen» 0 Uhr, starb unser Ge. > noste Hiehard Soßmann, Hussitenstr. 43. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am > Sonntag, den 24. d. M., nach- mittag» 5 st he, vom Traucrhause au» nach dem Elisabeth-Kirchhos, | Prinzen-. Allee, statt. Um rege Beteiligung ersucht j 249/10 Der Vorstand. Mal-Wand der ftoer DeutsclM. SEwclg verein Hcrlln. (Ssk'ion doe Putzer.) Unseren sotyle den Mitgliedern I Gesangvereins der Buher hier, I daß unser( de» Gesangverein» der mit zur Kennwtö, Mitglied Augli8t Kurzmann 1 plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken t Die Beerdigung sin'~ tag, den 24. d.Mts., findet am Sonn- nachmittag» I Mo 3 ff, Nhr, von dem Mondtter Krankenhause au» nach dem neuen! PaulA-ltirchhos, Plötzensee, Seestraße statt. Um rechtrege Beteiligung ersucht Ii vi» Snliobe Verwaltung I. 21.: H. Nemnann. Achtung!! Stusnatra KU ganz hell und schneewetst brennend, Pf,?{(), 1,20 M. Hamburger Rohtabak-Haus Filiale Berlin N., Lrunnenstr. 1 90. I 295; IT"! Verband der Wäsche- lind Rrawattenar'oeiler Beutsell. Filiale Berlin. Todes- Anzeige. Den Mitgliedern die traurige Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied, der Kollege, Wäsche» Zuschneider Rudolf Manlg am 20. September nach langer Krankheit verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 24. September, nachmittag» 4 Uhr, von der Leichenhalle de» Krankenhauses Friedrichshain au» nach dem Friedhos der 2lndrea»-GemeInde m Wilhelmsberg statt. Die Ortsverwaltniig Für die cher Teilnahme un en Beweise herz- dle vielen Kranz- wenden bei der Beerdigung meines lieben Manne», unsere» guten Vater», de» Former» ISOLb Willeelm Lange sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten, insbesondere für die vielen Bemühungen de« Herrn Nestaurateurs Neichenbach, den Mit- arbeilern der Firma 21. Borsia-Tezel. demDeutschenMeiallarbelter-Verband, Ortsverwaltung Berlin, den Genossen de» 680. und 691. Bezirk« de» 6. Berliner Reichstag»- Wahlkreise», den Formern und Modelltischlern der Stettiner Oderwerke, den organi« siertcn Kollegen Stettin», drmLoilerie- verein.Kieler Bucht", dem Bunde der Berliner Lotierlevereine, den Herren Ches» und dem Personal der Finna Iaequeö Cohn unseren herz- lichsten Dank. Wwe. Eeneeiine l ange geb. Heue und Kinder. Herzlichen Dank allen lieben Kollegen sür die schönen Itranzspenden, weiche unterem ver- ungiücklen Sohne, dem Stulkaieter kriedmek Tilliger zuteil wurden. 181/4 DreSde t, den 20. September 1906. Die trauernde Familie Tilliger. ISeziaideioHcb.Vablvereioi U für den Todca-Anzolgc. Am Donnerstag, den 21. d. M., verstarb nach langen schweren Leiden unser Mitglied, der Schneider Gostav Biieske Kransenstr. 18. Ehre seinem Andenken t Die Beerdigimg findet am Sonntag, den 24. d. nach- mittags 6 Uhr, von der Leichen. halle des Friedhos» in Lichtenrade au? statt. Um zahlreiche Beteiligung er- sucht Der Borstand. Uebsrzeugung macht wahr! Nur bei j. Grlinlierg i Jetzt—— Chauseestrajie 82 schrSgOber der Uesenstraße. finden Sie die größte Auswahl in Abonnements-... Monats-Garderoben, Beachten Sie mclno Schaufenster und Preiee I Mein Geschäft war bisher 26 Jahre Boyonstraße Ne. 44. Vereme."WW Habe noch Sonnabende und Sonntage Saal mit Bühne zu vergeben.[* Ebcrts Neues Klubhaus, Kemmandantenstr. 72.(Amt I. 3851.) Verein Berliner Musiker(E. V.) Kaiser Wilbelmstr. 18 m.— Amt Z, No. 988. Mouta«. den SS. September, abends 8-/, Uhr»Sit 201r»»u»cie tn unserem VereinShause, Kaiser Wilhelmslr. 18 m, ein» öftcntUehen Vortrag über:„Die Notlage der deutschen Ziviltti«si?er". Der Eintritt ist sret und jedermann ge'lattet. 189« J. A.: Zk. F. Kühne. I. Bors. 'Aal machen wir deö Souutags hi»? Nach Pichelswerder zum«Ifen Preundl OrüKter Ta?iB«aal t• jUsverkail wegen Umbau und VergröBerung meiner OcscbäitsrSume. Hüte o Schirme ♦ Itiüteen ♦?slsware& zu bedeutend herabgesetzten Prelfen. 43792' Carl Renz, 3 Oransesistraße 3. �3 Ziehung schon X7., SS. im Dlenstgobäude der IcBnigllchen SO. u.»o.»ep ßencrat-Lotlcrie-Direktion Wohllahris-Lotterie War(xcldgewinne.ohne Ahr.ng Hauptgewinn; H1 SOSIIS Originnllos» 3,30 Mk. Porto und Liste 30 Pf. extra. Berlin, Friedrichstralls 205 n,(ewisohen Mauer- u. Zimmerstr.) 16. Berliner Lotterie a Los I Mk. Porto u. Liste 20 Pf. §t«I|lflecht- röhrelter. streik nicht die geringste Handhab- zum Einschreiten gek'oten �.ic Bergarbeiter haben einen großartigen Massenstreik geführt, der be- deutender war. als die Massenstreiks in allen anderen Landern ie gewesen sind, und zwar in bewunderungswürdiger Ruhe. Ich fuhr damals aus Brüssel von einer Konferenz zurück und erstaunte über die feierliche Ruhe in, Ruhrrevier. Kein- Esse dampfte,� wahrend man sonst die Fenster des Waggons wegen Rauches schließen muß. TaS Land war eine nackte Ebene. Die Dörfer lagen so friedlich da als wohnte kein Mensch darin. Wenn daS".üiglich ist bei einer Arbeiterschicht. die politisch und kulturell Iveit rück.tändiger ist als die übrige. ia. da muß man doch fragen, was müssen wir da nicht leisten können bei unseren weit größeren Mtteln und unserer weit entwickelteren Disziplin, ohne daß die Folgen eintreten, die Herne voraussieht.(Lebhaste Zustimmung.) Und schließlich gibt eS auch cineu Punkt, wo man nicht mehr nach dem Schaden fragen darf. Schiller sagt...nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig setzt a» ihre Ehre. �a, nichts. würdig, erbärmlich ist die Arbeiterklasse, die sich wie Hundssoit behandeln ließe, die ihren Bedrängern nicht die Spitze zu bieten wagte. (Stürmischer»eif«ll.) Da ist Rußland, da ist die Junischlacht, da ist die Kommune I Bei den Manen dieser Märthrer foUiet Ihr iwlst einmal ein paar Wochen hungern, um Eure höchsten Mcnsckcnrcchte zu verteidigen!(SHtrmischer Beifall und Händeklatschen.) Da kennt Ihr die deutschen Arbeiter schlecht, wenn Ihr ihnen daS nicht zu- traut I(Erneuter Beifall.) WaS hätte denn H-wc in Wi.'den gesagt, alS ick' den Antrag stellte, da« Wort„gesetzlich" aus unserem Programm zu streichen? DaS ist damals-instimmig und ohne De. datte beschlossen worden.(Heine: Mst Recht I) Dann handeln auch Itoir mit Recht, wenn wir es das nächste Mal ebenso machen.(Sehr gut! und Heiterkeit.) Wir provozieren nicht, wir verteidigen uns nur. Der politische Massenstreik ist nicht bloß eine theoretische, sondern auch eine eminent praktische Frage nach einem Kampfmittel, (das gegebenenfalls angewendet werden soll und muß. Heine hat , gewiß nicht die Absicht, der Schrittmacher der Anarchosozialisteli zu sein.(Heine: Nein!) Aber die Wirkung ist unausbleiblich, daß Friedeberg und seine Anhänger aus solchem Vorgehen Material schöpfen und rufen: Da seht ihr, wohin es mit der deutschen Sozial- demokratie gekommen ist. Da habt ihr die Angstmacherei en groLt (Friedcberg: Wir haben noch besseres Material!) Mit keinem Worte sagt Heine, wie wir uns denn eigentlich verteidigen sollen, wenn man uns augreift. Er sagt nur, dies Mittel taugt nichts, aber er bringt kein anderes in Vorschlag. Sollen wir unS etwa kalten Blutes die Haut über die Ohren ziehen lassen? Man sagt, der Masscnstrcit sei eine uiibrauchbare Waffe. Aber 1891 hat der Massenstreik, den die Belgier anwandten, um das all- gemeine Wahlrecht zu erkämpfen, Erfolg gehabt, relativ mehr Erfolg, als der Bergarbeiterstreik, der eine verpfuschte Berggesetz- Novelle brachte und auch ein politischer Streik war. In der Kaminer haben unsere belgischen Genossen bon 140 Mandaten 33 erobert. 1903 griffen sie noch einmal zum Massenstreik, um das allgemeine� Wahlrecht ganz durchzusetzen. Da hatten sie allerdings keinen Erfolg. Ich will hier keine Diskussion über die Taktik der Belgier hervorrufen, aber bedeuieude Bedenken sind auch mir ge- kommen.>902 haben die österreichischen Bergarbeiter einen Massen- streik in Mähren und Oesterrcich-Schlesien durchgeführt. Sic hatten Erfolg und eroberten den gesetzlichen Neunstundcntag, den wir noch nicht haben. Dann kam der sogenannte Sympathiestreik in Barcelona, ein rein anarchistischer Streik. Ja, bei uns in Deutsch- land denken weder die Gewerkschaften noch die Partei daran, einen sogenannten Sympathiestreik zu machen. Diese Art Streiks, daß, um Foröeruiigen einer bestimmten Arbeiterschicht durchzusetzen die gesamte Arbeiterschaft eines großen Jndustricbczirkes in den Streik tritt, die müssen zugrunde gehen. ES kam weiter der schwedische Demonstrationsstreik— auch den werden wir in Deutschland nicht machen, einen solchen Streik, bei dem man gleich sagt: wir machen einen Massenstreik auf drei Taget Und gleichwohl war auch dieser Streik nicht resultatlos. Haben die Schweden es doch erreicht, daß die Kammer einen Beschluß faßte, wonach die Regierung be- auftragt werde, in zwei Jahre» einen neuen Wahlgesetzentwurf auszuarbeiten. Der alte, gegen den sich der Streit gewendet hatte, war eben unmöglich geworden. Also selbst da, wo der Massenstreik unter Bedingungen stattgefunden hat, wo ich ihn in Deutschland wahrscheinlich nieiuals gutheißen würde, hat er Erfolg gehabt.— Danii kam der Massenstreik der italienischen Arbeiter wegen der Erschießung von Arbeiisgenossen. DaS war ein Massenstreik, der spontan aus den Massen herauskam, wo zirka 20 000 Arbeiter die Arbeit einstellten, zum großen Teil sogar unorganisierte, und die Rcgierunß zwangen zu erklären, sie werde künftig derartige Schießereien auf die Arbeiter zu vermeiden suchen. Freilich hat das nicht verhindert, daß in diesem Jahre abermals eine derartige Metzelei stattgefunden hat. Im übrigen aber hat dieser Streik ein Steigen unserer Stimmen bei den kurz darauf folgenden Wahlen von 165 000 auf 316 000 Stimmen zur Folge gehabt, hat also auch nach dieser Richtung leinen ungüiistigcn Eindruck bei den Massen hinterlassen, obgleich die gan-cn bürgerlichen Parteien infolge dieses Massenstreiks im höchsten Maße aufgeregt waren und geschlossen gegen unS stimmten.— Endlich dann der Eisenbahnerstreik in diesem Frühjahr. Ich bin selbst Zeuge desselben in Norditalien gewesen. Er ist mißglückt, die Schuld mißt maii hauptsächlich unserer Fraktion zu, ich weiß nicht mit welchem Recht.— Aber an einen Streik hat noch niemand gedacht. Vor etwa 7 Jahren haben die Arbeiter und Beamten der schweizerischen Nord-Ostbahn in einer Nacht um 12 Uhr die gesamte Arbeit eingestellt in dem Maße, daß, als in einer Station der vorgesetzte Beamte nach der nächsten Station rief:„Wo bleibt denn Zug 12?" gcantivortet wurde:»Der bleibt hier!"(Heiterkeit.) Damit war die Sache entschieden; sie haben drei Tage gestreikt, die Direktion ist zu Kreuze gekrochen und sie haben erreicht, was sie wollten, unterstützt allerdings durch das Bürgertum. Schließlich gedenke ich noch der Massenstreiks i» Rußland. Dort, wo unsere Parteigenossen gar keine politischen Rechte und Machtmittel haben, werden Massenstreiks auf Massen- streiks drei- und viermal in demselben Ort mit einer Energie durch- gesetzt, die nur die höchste Bewunderung aller hervorrufe» muß. Indessen sind die Zustände in Rußland so abnorm, daß diese Streiks nicht für uns als Beispiel herangezogen werden können.— Es ist doch wahrhaftig kein Zufall, daß seit dem Jahre 1893 diese politischen Streiks, diese Massenstreiks erst in Anwendung lonimen, zuerst in Belgien. Dann ruht die Frage bis 1902 und von da ab bis 1905 sind eine ganze Anzahl solcher Massenstreiks vorgekommen. Es ist also nicht wahr, wenn gesagt wird, die Massenstreikö sind alle vcr- unglückt. Ich frage Euch Gewerkschaftler: wie viel Streiks sind Euch verunglückt, als Ihr noch keine großen Organisationen hattet? Unzählige, und heute noch gehen viele verloren. Hier aber sind mit ganz uitzu länglichen Mitteln zum Teil von unorganisierten Arbeitern Massenstreiks inszeniert worden. Ja, Parteigenossen, das empfehle ich Euch nicht, das empfiehlt niemand, das wäre ja Wahn- sinn. Wenn man unS Deutschen nachrühmt, wir seien philosophisch angelegte Köpfe, wir liebten, wie Heine mit Stecht sagt. daS Politisieren— ja, dann haben wir aber auch die Tugend zu organisieren wie kaum eine andere Nation.(Sehr richtig!) Daß die deutsche Militärmacht, so sehr wir sie bekämpfen, organisa- torisch ein Meisterwerk ist, das ist dieser deutsch-preuhischen Eigen- tümlichkeit zu verdanken. Auch unsere VersicherungSgesetzgebung ist, so viel wir an ihr zu tadeln haben, als Organisation eine Meister- lcistung. Wir Deutschen tun nicht so leicht einen Schritt, den wir uns nicht genau überlegt haben, was uns ja den Vorwurf zu» gezogen hat, wir wäre» ivie der österreichische Landsturm, der immer hinten nachhinkt. Wir sind der Meinung: ehe Ivir uns in so große Kämpfe einlassen, müssen wir erst gründlich organisieren, agitieren, politische und wirtschaftliche Aufklärung schaffen, die Massen selbstbewußt und widerstandsfähig maßen, sie begeistern für den Moment, wo wir ihr sagen müssen: Du hast dein Alles einzusetzen. weil eine LcbcnSsrog« für dich als Mensch, als Familienvater, als Staatsbürger auf dem Spiele steht. Wir wollen nicht — das sagt auch meine Resolution nicht— die Massen blindlings in den Streik treiben, das versteht sich doch von selbst, daß wir die unorganisierte Masse nicht blind in den Streik gehen lassen werden.(Zuruf.) Heine fragt: Werdet Ihr sie im Zügel haben? DaS beweist nur, daß Sie(zu Heine) von den Gefühlen der Arbeitermassc in dicsen Dingen— und das nehme ich �huen nicht übel, das bringt Ihre LcbenLstcllung mit sich— keine genaue Kenntnis haben. Ich sage, was noch fehlt, sollen wir schassen. (Heine: Sehr richtigl) Dahin geht meine Resolution, daS ist jetzt noch nicht genügend da. aber das kann geschafft werden. Wenn Sie alle im Sinne meiner Resolution entschlossen zu handeln von diesem Parteitage weggehen und wenn draußen im Lande die Partei. genossen geschlossen im Sinne der Resolution handeln, wenn die Parteipresse in weit größerem Maße als bisher ihre Schuldigkeit tut und wenn nicht bloß die Parteipresse, sondern auch die Gcwerk. schaftspresje die Massen ausklärt, ihnen nachweist, daß sie politisch sich betätigen müssen, was für sie als Staatsbürger, als Gewerk. schaftler auf dem Spiele steht, welch ungeheure Wichtigkeit das Wahlrecht z. B. hat. dann werden die Vorbedingungen für den Generalstreik geschaffen werden. Aber wenn man. wie Robert Schmidt, kalten Blute« sagt, den AnarchosozialiömuS werden die Gewerkstbaften wohl nicht mehr lo« werden, wenn man in dieser Weise fatalistisch sich in die Dinge ergibt. was ist dann das Ende vom Lie&c? Daß allerdiiigs dann die Gewerk. schafteu Nur-Gcwerlschaften lvcrden.(Sehr richtigl) So sagt z O. der Genosse Bringmann mit dem Hinweis auf eine Aenßcrung i Kautslys in der„Neuen Zeit"— von der ich mir allerdings auch) sagte, als ich sie las: das ist eine gefährliche Acußerung, sie kann ganz falsch ausgenutzt werden>— also Bringmann sagt in seiner Broschüre„Der V. Gewerkschaftskongreß und der Klassenkampf in Deutschland" indem er Kautsky zitiert:„Weniger als anderswo ist in Deutschland von der Reichsregierung etwas für das Proletariat zu erwarten. Dem Reichstage nimmt man alle Bedeutung, alles Leben" und zieht dann folgende Schlußfolgerung daraus:„Genug, der Parlamentarismus in Deutschland versumpft einfach. Der D»ei»iillionelisieg unserer Partei von 1903 hat daran nicht nur nichts geändert, sondern er hat diesen VcrsumpfungLprozcß des Parla- mcmtarismus nur noch beschleunigt. Ich halte es darum auch für richtig, daß der V. Gcwerischaftskongretz sich mit sozialpolitischen Angelegenheiten nicht weiter beschäftigt hat. Di« Tatsache steht fest: Eine Verbesserung unserer wirtschaftlichen Lage haben wir in ab- schbarer Zeit von der Gesetzgebung nicht zu erwarten. Wir sind, ivenigstcns für die nächste Zukunft, einzig und allein auf unsere Gewerkschaften angewiesen. Verbessern können wie unsere Wirt- schaftliche Lage nur durch unsere Organisation und vermittels harter wirtschaftlicher Kämpfe."(Zustimmung). Und dann auf Seite 12 der Broschüre heißt es:„Die ganze politische und ökonomische Situation weist die deutsche Arbeiterklasse auf die Gewerlschafts- beweguug hin, Sie ist unter den gegebenen Verhältnissen das einzige Mütel, die Lage der Arbeiter zu verbessern. Der Klassen- kämpf der Gegenwart spielt auf wirtschaftlichem Gebiet; die Gcwerk- schafteu sind die Träger dieses Klasseiikampses," Wenn er so die politische Tätigkeit als unbrauchbar hinstellt, da nützt es nichts, wenn er dann am Schluß seiner Rede den gewiß sehr schönen Satz ausspricht: wenn aber einmal es sich darum handeln wird, politische Rechte zu verteidigen,„dann darf man sicher sein, daß solche Arbeiter auch dann feststehen werden, wenn es gilt, einen politischen Kampf zu wagen. Wenn die Situation danach angetan ist, werden die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter ritterlich zu kämpfen wissen, menschlich zu siegen und eventuell auch wie Helden zu sterben ver- stehen." Sehr schön, gewiß, aber lvenn in dieser Weise von einem Manne, der in seiner Geiverkschaft eine autoritäre Stellung ein« nimmt, gesagt wird: wir sind in absehbarer Zeit nicht mehr in der Lage, politisch etwas zu erreichen, dann bitte ich Euch— es soll nicht die Absicht BringmannS sein— aber dann sagt sich doch der Gewerkschaftler: Ja, waS soll ich denn da fernerhin noch meine Groschen für die politische Partei geben(Sehr wahr!) und da sagen sich die jüngeren Gewerkschaftsmitglieder: da gehe ich dach erst gar nicht in die Parteiorganisation hinein I Dieser QuictiSmuS greift notwendigerweise durch die völlig einseitige Tätigkeit unserer Ge- Werlschaftsführer immer mehr um sich und sie kommen vielleicht ganz unfreiwillig zum A na r cho s oz ia Ii Sm us. Weiter mache ich Sie darauf aufmerksam, daß, während der Kongreß in Köln die Frage des Massenstreiks behandelte, in einer Konferenz, die wir mit den Vorständen der sozialdemokratischen Vereine und der Gewerlschafts- koinmission in Hamburg hatten, wo beraten werden sollte, was eventuell gegen die WahlrechtsverschlecksierungSplüne des Ham» burger Senats zu tun sei,— daß da von alten Parteigenossen und Gewerkschaftlern gesagt wurde: Ihr wißt ja gar nicht, wie böse es bei einem Teil unserer jüngeren Gewcrtschaftssiihrer aussieht, die Höhnen ja über die Partei(HörtI hört!) über den Sozialismus, (Hörtl HörtI) über den Zulunftsstaat, Dir bestreiten sogar, daß wir einen Klassenkampf führen.(Hörtl hört! Unruhe). Werte Ge- nossen, ich referiere ja nur, daß das gesagt wird und eS waren alte, brave Genossen von der Gewerkschnftslommission, die das gesagt haben. Ich bin einfach starr gewesen, als ich das hörte. Und es wurde dann von Redakteuren des„Echo" bestätigt. Nachdem nun die Anschauungen Bringmanns sogar an dieser Stelle bei Legion Anklang gefunden haben, da muß ich denn doch sagen: seid auf dem Posten, überlegt Euch, was Ihr tut, Ihr Ivandelt einen sehr verhäng- nisvollen Weg, an dessen Ende Ihr Euren eigenen Niedergang her- beiführt, ohne es zu wollen!(Sehr richtig!) Selbstverständlich kann davon nicht die Rede sein, daß, wie man auch häufig hört, der Generalstreik urplötzlich über Nacht kommen müsse, daß man nicht über ihn reden dürfe. Eine so groß« demo- kratisch« Partei wie wir kann keine Geheimpolitik treiben.(Lebhafte Zustimmung). Die muß am offenen Tage kämpfen.(Erneute Zu- stimmung). Wie wollen wir dann die Massen eines Tages in der Hand haben wenn wir sie nicht moralisch, geistig in unsere Gewalt gebracht haben, ihre Begeisterung, ihr Vertrauen erweckt haben, damit wir ihnen sagen können: jetzt gibt eS keinen anderen Weg mehr, jetzt in den Kampf hinein, wenn Ihr Eure Schuldigkeit tut — wir siegen!< Bravo l) Und dann ein anderes: Wir kämpfen doch nicht um Utopiste- reien, nicht um Forderungen des ZukunstsstaateS. Wir glauben nicht, daß wir die bürgerliche Gesellschaft mit dem Generalstreik auS den Angln heben können, sonder» wir kämpfen um ganz reale Rechte, die LebenSvotwendigkeiten für die Arbeiterklasse sind, wenn sie noch politisch leben und atmen will. Wenn die Frage der Be- seitigung deS allgemeinen Wahlrechts auf die Tagesordnung kommt, dann ist eS ganz sicher, daß es auch in den bürgerlichen Kreisen, so korrupt sie sein mögen, ein ganzes Teil Leute gibt, die sagen, so geht es nicht, den Arbeitern darf nicht ein Recht genommen werden, das sie nie gemißbraucht habe», und wir werden zweifellos auch in dicsen Kreisen eine gewisse Sympathie haben. Außerdem habe ich eine gewaltigere Macht, wenn ich ein Recht, das ich jahrzehntelang besitze, verteidige, als wenn ich ein neues Reckt erobern will.(Sehr richtigl) Wenn ich sagen kann: bei euch ist nichts wettet al« brutale Gewakt. ihr wollt uns da« Recht nehmen, ihr seid Gewaltmenschen, ihr seid Tyrannen,— wenn ich all das sagen kann, was die Massen empören und aufpeitschen muh, dann müßte eS doch mit zehntausend Teufeln zugehen, wenn wir da nicht die Massen in hellen Haufen gewinnen würden(lebhaste Zu- stimmung), auch d« christlichen Arbeiter. Ihr habt ganz recht, Ihr Gewerkschaftler, daß ihr gegen die christlichen Organisationen kämpft, aber als im Jahre 1899 im Reichstage die Zuchthausvorlage zur Beratung stand, al« die christlichen Arbeiter sahen, wie auch ihnen die Schlinge um den Hals gelegt werden sollte, da haben sie genau so wie wir gegen die Vorlage Stellung genommen, und das Zentrum wurde gezwungen, in der Weise zu entscheiden, wie es durch den Mund von Bachem geschah. WaS aber sagte Bachem? Er sagte nicht, das Zentrum ist die entschiedenste Vertreterin des freien Koalitionsrcchtes auS Prinzip, nein, er sagte— ilnd das war sein Hauptgrund—, die katholischeu Arbeiter sind empört über das Attentat auf sie; wenn dies Attentat dilrckjgeführi würde, verlören. wir die katholischen Arbeiter bis auf den letzten Mann, sie laufen unS davon, und da» können und dürfen wir nicht dulden.(Hörtl hörtl) Man sollte uns mal das allgemein« Stiiiuluecht nehmen oder wieder einen Versuch zur Beseitigung des Koalitionsrechtes wagen l Wie die katholischen Arbeiter beim BergarbeiterstceU.an der Seite der freien Gewerkschaften gctämpft haben, so WM?n sie auch, wenn ihr Lebensinrercsse für sie als Arbeiterklasse in kommt, ihren Mann stellen. Schließlich ist ja der Zwang der' stände und der Zwang der Verhältnisse stärker als der beste" (Sehr richtig!)>>16? Ist eS weiter nicht der größte, unerhörteste Skandal, dofraMe- jonige Partei, die auch bei den Landtagswahlen in Pr-ußgn-dte weitaus meisten Stimmen hatte, unter den 433 Mandaten igfMe des elenden, erbärmlichen Dreiklasscnwahlsystcms auch nickst- gm einziges inne hat?(Lebhafte Zustimmimg.) Da stimmt ich mit Bernstein überein, da haben wir uns doch mal eines TageS zu fragen: Soll das so bleiben, wollen wir es uns dauernd gefallen lassen, daß Junker. Pfaffen und Bourgeoisie uns den Fuß auf den Nacken setzen, daß sie ihre Stellimg gebrauchen, um die Gemeinde- Wahlrechte zu verschlcckstern. um das Vereins- und VersammlungS- recht zu verschlechtern? Denkt an die Novelle zum Vereinsgesetz aus dem Jahre 1L96I Denkt an die Vergarbeiicr-Novclle. den kr an die Resolution für ein Zuchlhausgesetzl Ich sage nicht, daß die !trage morgen aktuell wird, den» dazu muß Stimmung vorhanden sein, und die Stimmung muß erst geschassen werde». Es wsrde» köahrschemlich cm paar Tewaltstreiche von jener Sie mögen darauf pfeifen, es ist aber charakteristisch._ Denken Sie an den überhasteten Sessionsschluß, über den selbst bis tief in die oürger- lichen Parieien Entrüstung herrschte� � Das kann uns nichi gleichgültig sein, weil auch unsere Arbeit darunter leidet. Das Bestreben, das Jntcresie am Reichstag abzu- stumpfen und alles Wichtige in den Landtag zu leiten, kann nicht scharf genug bekämpft werden. Bebel hat von der Bourgeoisie gesprochen, als wäre sie eine einheitliche Masse. Aber neben dem Industrie- und Feudaladel, der mit dem Junkertum die Reaktion trägt, stehen noch breite Schichten des Bürger- lums. die mit dieser Reaktion nicht einverstanden stud. Sie sind zwar zerspalten, aber in gewissen Momenten ist auf sie zu rechnen. Ich erinnere an die Sympathiekundgebungen a»S bürgerlichen Kreisen beim Bergarbeiterslreik. Gewiß ist dce Macht der Arbeiterklasse, wie Bebel betont, groß, aber ich unter- schreibe das nicht in bezug auf die auswärtige Politik. Beim Marokkohandel, in unserem ganzen Verhältnis zum Zarentum, wo wir gar nicht einmal wissen, was alles geschehen ist, zeigt es sich, daß wir eine Kabinetts- und keine Vollspolitik haben. Da haben wir keinen Einfluß, da liegen gewisse Grenzen unseres Könnens. Ich bin der letzte, der die Bedeutung des allgemeinen Wahlrechts für die Arbeiterklasse unterschätzt. Das allgemeine Wahlrecht ist nicht nur ein Faktor im politischen Sinne, um die Ansichten der Arbeiter zum Ausdruck zu bringen, es ist auch ein großer ökono- Mischer Faktor. Bei allen Handlungen der Arbeiterklasse zeigt sich, daß wir Politik und Ockonomie gar nicht so trennen lönnen, wie es von mancher Seite geschieht. Jeder große Streiks wird zu einem politischen Ereignis. Nimmt man der Arbeiterklasse das Wahlrecht, so nimmt man ihr damit auch eine wichtige Waffe im ökonomischen Kampfe. Mit der Resolution Bebel, die sich in allen Punkten mit den Anschauungen deckt, die in der kleinen Broschüre, der Wiedergabe meiner Brestauer Rede, niedergelegt sind, bin ich von ganzem Herzen einverstanden. Heinc-Berlin Uli Daß die Bebelsche Resolution und seine Rede im allergrößten Teil so ist, daß auch ich zustimmen kann, ist selbstverständlich. Die historischen Ausführungen, die Kritik der Gegner— alles unanfechtbar! Aber ich weiß»och immer nicht, ob wir nur auf Wahlrechts- Verschlechterung mit dem Massenstreik antworten sollen. Einige Teile klingen als begeisternde Fanfaren zum Massenstreik und werden von Genossen und Gegnern sicher so aufgefaßt. An anderer Stelle wieder will Bebel anscheinend nicht unbedingt sich auf den Massenstreik festlegen. Die Resolution spricht von„ge- eigneten Mitteln" und„gegebenenfalls". Ich halte den Massenstreik jetzt nicht für geeignet und deshalb den„Fall nicht für gegeben", andere denken anders. Also wird der Streit jetzt erst recht losgehen. Was wir brauchen, wäre aber eine klare, praktische Entscheidung. Wenn wir einen Entschluß fassen wollen, so müssen wir doch unter- suchen: Kann die Sozialdemokratie in Deutschland ans einen Massen« streik rechnen? Wer kann mitgehen? Wer wird mitgehen? Davon enthält Bebels Rede nicht ein Wort. Dies war umso wichtiger, als Roland-Holst nicht gerade glänzende Perspektiven in dieser Richtung eröffnet. Was Lc impeters und ich darüber in den „Sozialistischen Monatsheften" geschrieben haben, das hat Genosse Bebel nicht widerlegt. Ferner müssen wir uns fragen: Können wir init dem Maffenstreik siegen? Denn siegen ist doch wohl der Zweck solcher Kämpfe? Was steht uns entgegen? Wie wird der Streik verlanfen? Ich stimme Wort für Wort mit dem überein, was Frau Zetkin in Berlin gesagt hat. Sie sagte nach dem„Vorwärts":„Wir können deshalb auch nicht sagen: wenn die bürgerliche Gesellschaft das und das tut, dann werden wir mit dem politischen Massenstreik antworten. Aber wenn er ausbricht, dann muß hinter ihm auch das Gespenst der Revolution stehen. Wenn das Proletariat einmal den politi- scheu Massenstreik unter seine Kampfesmittel aufgenommen hat, dann darf es sich nicht blenden lassen durch das Wörtchen Gesetzlich- keit. Wen» die herrschenden Klassen den Boden der Gesetzlichkeit zertrüntinern, ist das Proletariat im Recht zu sagen: Ich stelle mich auf den granitnen Boden meiner Macht." Freilich das sittliche Recht zu solchem Tun, da? kann uns dann niemand bestreiten, aber spätestens mit Marx wissen wir, daß man mit diesem Recht keinen Hund vom Ofen lockt. In der Politik ist Recht, was man kann. Darum spricht auch Frau Zetkin von dem „granitnen Boden der Macht", auf den wir uns stellen sollen. Ja, man zeige uns diese granitne unzerbrechliche Macht! Bebel hat uns bewci>en wollen, daß wir Macht haben. Gewiß haben Ivir solche, namentlich geistige Macht, aber es fragt sich nur, haben wir die Macht, einen Generalstreik in nächster Zeit durchzuführen. Ich nieine nein! Ms ich meine Artikel in den„Sozialistischen Monatsheften" schrieb, wußte ich, daß das vielen nicht angenehm klingen würde. Es schmeckt immer besser, sich an dem süßen Trank des eigenen Machtgefühls zu berau'chcn. Ich wußte auch, daß die Hiniveise ans das Strafgesetz verstimmen würden. Gegen de» illoyalen Borwurf, ich hätte dem Staatsanwalt Material geliefert, hat mich schon Bebel verteidigt, doch der unwissendste Staatsanwalt braucht sich von mir keine Paragraphen sagen zu lassen. Darin sind die Herren sehr findig. Aber die Genossen, denen diese Bestimmungen des Straf« gesetzeS unbekannt sind, wollte ich warnein llebrigens, was den Hinweis ans den Staatsanwalt betrifft, so befinde ich mich da in guter Gesellschaft, Bebel hat gestern gegen Liebknecht und heute gegen Friedeberg den gleichen Hinweis gemacht. Ich halte es für nieiue heiligste Pflicht, öffentlich den Genossen zu sagen, daß wir nicht die Macht haben, jetzt einen politischen Mafien- streik zu beginnen. Auch Frau Roland-Holst betont, daß lvir der brutalen Gewalt der Gegner jetzi nicht gewachsen sind. Deshalb ivill sie auch einen friedlichen Generalstreik, bei dem bloß gehungert wird, aber gleich erklärt wird, daß sonst nichts geschehen solle. Bei uns in Deutschland wäre ein solcher Streik wirkungslos, unsere Junker und Burcaukraten haben zu gute Nerven, als daß sie sich dadurch ins Bockshorn jagen ließen.- Meine Ausführungen in den Monatsheften, daß es zur Straßenschlacht kommen würde, hat Bebel auch nicht widerlegt, und daß wir in einem solchen Kampf nicht siegen wurden, darüber sind ivir uns auch einig. Mit Worten, mögen sie noch so edel gemeint sein, schlägt man keine Schlachten, und ans die Humanität der Regierung und der Soldaten möchte ich nicht spekulieren: dazu bin ich nicht„ethisch" genug. Bebel hat voil Angst- meierei gesprochen. Singst ist ein unklares Gefühl der Sorge vor dem Unbekannten, aber einer bekannten Gefahr klar ins Auge sehen und wenn man sie nicht bestehen kann, ihr ans dein Wege gehen, dns ist eine Pflicht der Klugheit, namentlich wenn man für andere verantwortlich isl.(Sehr wahr!) Mir ist das Blut des Volkes zu leuer, die Arbeiter sind es. die ihre Hanl zu Markte tragen müßten. (Zuruf: Wir auch!) In erster Reihe die Arbeiter: Es heißt, Opfer erfordere mal jede Sache. Wohl, wenn die Sache dadurch gefördert würde. Hier aber würden die Opfer gebracht um einer sicheren Niederlage willen. Tastet man das Wahlrecht an, wahrlich schlinunl Erklären wir aber jetzt darauf mit dem Massenstreik antworten zu wollen, so isl das weit entfernt, die Gegner abzn- schrecken. Es ist vielmehr das beste Mittel, sie zur Wahlentrechtling anzureizen, den» sie luiinschcn ja nichts sehnlicher als daß wir das Volk vor ihre Gewehre und Kanonen führen sollen. Könnten lvir uns nicht gegen eüie Wahleimechtung wehren— gewiß, eS wäre eine beschämende Niederlage. Machen wir aber unter den wt-ioan Umständen Generalstreik, so geht unS nicht nur das Wahlrecht zum Teufel, sondern das Koalitionsrecht, Vereins- und Versammlungs- recht und das bißchen Preßfreiheit dazu. Tun wir also den Scharf- machcrn nicht diesen Gefallen. Schaffen wir vielmehr erst diesen granitnen Boden der Macht. Wie das zu machen ist, davon sagt die Resolution nichts, womit ich einverstanden bin. Ich stimme Bebel bei, daß wir unorganisierte Massen nicht blindlings in einen Massen- streik hineinjagen dürfen. Ich rief ihm zu:.habt Ihr sie in Zügel worauf er mir das richtige Bewußtsein absprach, aber mein Zwischen- ruf sollte doch nur dasselbe sagen, was Bebel sagte:.daß nämlich die Massen noch nicht organisiert sind." Also organisieren wir, vor allem werben wir, ziehen wir vor allem den leider immer noch größeren Teil des Volkes heran, der unserer Sache noch fernstehl. Die unanfaeklärten Massen und die Leute, die man so verächtlich als Mitläufer abtat, denen man ent- gegengerufen hat:«wir mögen Euch gar nicht, wir wollen lieber eine kleine Partei," die sind auch Volk sSehr richtig I), ohne diese Mengen können wir auch in einem Massenstreik nicht siegen. Haben wir aber die einmal, so liegt es vielleicht anders. Was dann sein wird, darüber konnte man heute nur Worte machen. Ich denke: .Kommt Zeit, konmit Tat". Frohme- Hamburg: Parteigenossen I Die umfassenden und gründlichen Ausführungen Bebels werden es vielen Parteigenossen erst ermöglichen, sich ein festes Urteil in der Frage des Generalstreiks zu bilden oder ihr Urteil wesentlich zu berichtigen. Es ist Ihnen ja allen bekannt, daß ich in dieser Frage eine Stellung eingenommen habe, die von der vieler Parteigenossen abweicht. Ich bin ruhig, objektiv er- wägend an sie herangetreten und bin zu dem Schluß ge- kommen, daß es vollständig unzweckmäßig und höchst be- denklich sei, uns unter allen Umständen für bestimmte Zwecke aus den politischen Massenstreik festzulegen. Wir beweten damit durchaus den Boden rein taktischer Erwägungen und man sollte sich hüten, irgendwie das Prinzip als ausschlaggebend hineinspielen zu lassen. Darüber sind wir alle einig, daß das Volksnotwehrrecht unter Umständen bis zum äußersten zu gelten habe. Aber wie gesagt, wenn man der Angelegenheit unter taktischen und praktischen Gesichtspunkten näher tritt, so kann man allerdings zu erheblichen Ausstellungen kommen. Die Diskusston dieser Frage habe ich niemals abgelehnt, be- kämpft habe ich nur die Art und Weise, wie man auf vielen Seiten die Diskussion geführt hat. Da ist man weit über das Ziel hinausgegangen, hat man ganz anders sich ausgelassen, als es heute Bebel in ruhiger, objektiver Weise getan hat. Man soll sich in solchen Fragen hüten vor Ueberstürzung, hüten vor allem vor Fanatismus. Wir haben es erlebt, daß in unfern eigenen Reihen sich eine bedenkliche Hinneigung zu rein anarchistischen Auffassungen geltend gemacht hat. Bebel hat mit Recht darauf hingewiesen, daß ein gut Teil der� Schuld daran, daß soviel Unklarheit und Verwirrung entstanden ist, wir selbst wagen. Ich möchte mir gestatten, Zhnen ein paar Sätze vorzulesen..Nicht als Mittel, die kapitalistische Produktion stillzusetzen, sie langsam auszuhungern und durch diesen Druck, diese oder jene Einzel- forderung durchzusetzen oder irgend einen politischen Anschlag abzu- ivchren, ist der politische Generalsweik aufzufassen, ein solcher Massen- streik als untergeordnete Aktion zur Erreichung eines ganz bestimmten politischen Teilzweckes gedacht, ist von vornherein aus- sichtslos. Er dars nur in Frage kommen, wo es den ganzen Einsatz der Person und die Existenz verlohnt, wo die Masse der Bevölkerung mit elementarem Ungestüm sich ihm anschließt, wo es sich um die ganze politische Macht und deren Eroberung handelt. Ein Proletariat, das diesen Schlag riskiert, muß bereit sein, im Falle des Sieges das Staatsruder zu übernehmen, und die Masse muß damit einverstanden sein, daß sie für den Sturz der Klassenherrschaft, um die Diktatur des Proletariats kämpft." Sie mögen nun ivohl annehmen, daß diese Worte in einem anerkannt anarchistischen Blatte gestanden haben. Nein, das ist wörtlich enthalten in einem Artikel der.Leipziger Volkszeitung" vorn 18. März 1904. Wie unterscheiden sich davon noch Aus- fiihrungen von anarchistischer Seite. Wie Genosse Bebel heute die Sache dargestellt hat, gewinnt sie unter rein taktischen Gesichts- punkten ein ganz anderes Aussehen. Ich halte mich an die Tendenz der Resolution des Genossen Bebel und an die allgemeine Tendenz seiner Ausführungen. Dieser werden wir alle zustimmen können, wenn auch mit den Worten„alle zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden" recht eigentlich auch die Anerkennung des politischen Generalstreiks schon enthalten ist. Jedenfalls sollten wir dafür sorgen, daß die Diskussion über diese Frage sich in den richtigen Grenzen hält; stelle man es nicht so hin, als wenn die- jenigcn, die nicht gleich in die Vorgehmiene Kerbe hauen, Verräter an der Partei, am Prinzip wären. Ich halte diejenigen, die mit Vorsicht an die Behandlung dieser Frage gehen, für ebenso gewissenhaft und den Parteiinteressen dienend, wie alle anderen. Ans dem Amsterdamer Kongreß hat die Genossin Roland Holst erklärt: An die Türen zum Generalstreik stellen wir die Wächter: Vorsicht, Klug- heit, Organisation und Disziplin. Es versieht sich doch in der Tat von selbst, daß wir keine Ursache haben, die Massen in eine Blut- Hitze hinzureden, in ihr überschwengliche Hoffnungen zu erwecken, die unter Umständen nicht in Erfüllung gehen und dann böse Rückschläge für die ganze Sache des Volkes mit sich führen. Wenn man sich für den politischen Massenstreik gegebenenfalls entscheidet, dann muß man wissen, daß man eine schwere Verantwortung übernimmt. Wir müssen uns klar machen, daß wir sehr viele Vorkämpfe zu bestehen haben werden, zu denen die Gegner uns provozieren werden, um unsere Kraft zu schivächcn. Es wird daher gelten, zunächstjunsere Kraft zu stärken, unsere Organisationen auszubauen. Denn bisher haben wir von 11—12 Millionen Arbeitern erst t'/z Millionen gewerkschaftlich organisiert. Und mit der Organisation allein ist nicht genug getan, es muß Ausklärung geschafft, Licht in die Köpfe ge- bracht werden. An die Parteigenossen möchte ich dabei die Auf- forderung richten, sich auch selbst der Gelverkschaftspresse etwas mehr zu widmen. Kommen wir zu einer solchen Macht, so können wir cS unter Umständen erleben, daß unsere Gegner angesichts dieser unserer Einigkeit und Entschlossenheit, es bis zuni Aenßersteu kommen zu lassen, es selbst nicht wagen, die Rechte des Volkes so zu vergewaltigen, wie sie eS wollten.(Bravo I) Robert Schmidt-Berlin: Bebel hat im Laufe seines Referats auch eine Bemerkung über meinen politischen Werdegang gemacht. Es ist richtig, daß ich vor fünfzehn Jahren Neigung zur unabhängigen Bewegung gehabt und das kühne Unterfangen gehabt habe, dem Genossen Bebel mehr revolutionäre Gesiimung beizubringen.(Heiterkeit.) Ich bin über den Einfluß, den ich damals ausgeübt habe, heute mehr als be- friedigt.(Große Heilerkeit.) Ich bin im Gegensatz zu den Vor- rednern der Meinung, daß die Resolution Bebel sehr klar ist. Sie bringt uns in eine ganz neue Siruation. Bebel stellt einen ganz be- stimmten Fall hin, den Raub des allgemeinen Wahlrechts, und sagt für diesen Fall den politischen Massenstreik an. Wenn aber der Massenstreik ein Mittel ist, um den Angriff der Gegner abzuwehren, dann sehe ich nicht ein, weshalb man nicht weiterhin sagen soll: er ist über- Haupt ein so vorzügliches Mittel, daß wir uns vollständig seiner be- dienen wollen. Und da gebe ich Friedeberg recht: Die Halbheit hat in diesen Dingen keinen Zweck. Wenn der Massenstreik das Koalitionsrecht, das Wahlrecht schiitzcn kann, warum soll er dann nicht in der Lage sein, die bürgerliche Ge- sellschast aus den Angeln zu heben? Bei diesen Fragen handelt es sich unter Unisländen um Sein oder Nicht- sein der bürgerlichen Gesellschaft. Deshalb hat Friedeberg durchaus konsequent diesen Weg und diese theoretische Auffassung weiter gedacht als Bebel. Nach dem Bremer Parteitage war'Vebel noch anderer Ansicht. Damals schrieb er in der„Neuen Zeit':„Das geplante oder beftirchtcte Attentat auf das NeichstagSwahlrecht zum Gegenstande einer Debatte auf dem Parteitage zu machen, wäre ein grober taktischer Fehler, den kein Politiker, am wenigsten eine Partei machen darf.... Die Art der Abwehr richtet sich nach der Art des Angriffes. Erst wenn dieser klar vorliegt, kann man die Gegen- maßregeln treffen. Es ist ganz unmöglich, die Mafien inS Feuer zu bringen gegen einen Feind, den sie noch nicht sehen.. i i Ein Attentat auf das NeichstagSwahlrecht, für das unzweifelhaft in weiten 5krcisen Neigung besteht, kann nicht von heute auf morgen durchgeführt werden.... Um einen solchen Kampf aufzunehmen und zu führen, bedarf es von unserer Seite keiner lang- wierigen Verhandlungen und Vorbereitungen, den können wir, wenn es sein muß, jeden Tag beginnen." Damit ist auch zugleich eine Antwort auf die Frage Bebels gegeben, was wir denn machen wollten, wenn uns das Wahlrecht genommen werden sollte und wir keinen Massenstreik machen. Die Situation ist heute nicht ernster als zur Zeit des UnisturzgesetzeS und der Zucht- Hausvorlage. Weshalb denn nun auf einmal dies neue Kampfes- mittel? Ich schätze den Genossen Bebel sehr als den brillanten Reitergeneral auf dem Paradefelde der politischen Partei, aber seine brillante Reiterattacke wird im Ernstfalle in tausend Atome auffliegen, und das ist das Gefährliche. Die Arbeiter haben keine Disziplin wie ein preußisches Regiment, und die Ulanen werden im Ernstfalle auch ftagen: Herr Kommandeur, wo gehen wir hin? Und wenn du uns in den Hinterhalt führst, so weigern wir den Gehorsam!— In zwei Tagen kann solch ein Generalstreik ja nicht durchgeführt werden, wenigstens in Deutschland nicht. Wenn das in Holland möglich war, so ist das für uns gleich- gültig. Ueber den belgischen Generalstreik hat Vandervelde gesagt: „Was vermochten die Tausende von Manifestanten bei all' ihrem Mute gegen die Gewehre der Gendarmerie und der Zivilgarde aus- zurichten?" So wie es da lag, wird es überall liegen. Man sagt, wir haben ja auch in Deutschland schon politische Sweiks gehabt. Das ist richtig. Wir haben sie bei sozialpolitischen Forderungen gehabt und da ist er möglich. O ja, da ist es schon denkbar, daß der Bourgeois kommt und sagt: Für die Bergarbeiter ist der Achtstundentag durchaus berechtigt. Aber, lieber Genosse Bebel, wenn es sich um die Machtfrage handelt, dann ist die Bourgeoisie einig und nicht nur das, sondern wir werden auch Ab- ttünnige bekommen. Ueberall, wo bisher Massenstreiks versucht worden sind, ist sehr schnell ein ungeheurer Aufschlag auf alle Preise erfolgt. Genosse Bebel aber hat in seinen vorzüglichen und weit ausgreifenden Ausführungen eine Frage nicht berührt, nämlich die der Durchführbarkeit. Sie(zu Bebel) sagen: wir wollen 14 Tage hungern. Das ist ja ein Wort, das schön klingt, aber die praktische Durchführung macht doch kein Mensch mit. So liegen die Dinge. Daß wir uns heute noch darüber unterhalten müssen, ob wir Gewalt anwenden wollen oder nicht, ist bedauerlich. Und darum dreht es sich. Dagegen, daß wir unser Leben einsetzen, sagt niemand etwas, aber daß wir polittschen Selbstmord begehen, dagegen erhebe ich Widerspruch. Einen Verzweiflungskampf zn beginnen im Vertrauen darauf, daß das preußische Militär nicht schießen wird, das ist eine Vertrauensseligkeit, die ich einfach nicht verstehe. Wir bekommen dann russische Zustände und sogar schlimmere, weil wir ein ganz anderes Verwalttmgssystem haben und eine viel konzentriertere Militärmacht. Bei uns würde es daher für die Bourgeoisie eine Kleinigkeit sein, uns zu Paaren zu treiben. Denen, die hier damit operieren, daß wir unser Leben einsetzen wollen, kann ich nicht besser antworten als mit den Worten, die Liebknecht in Halle sprach: „Man hatte unS durch das Sozialistengesetz außerhalb des genreinen Rechts gestellt, da mußten wir entweder uns feig ducken... oder wir mußten tun, was wir getan haben— erklären: Wir müssen der Gelvalt weichen, aber als Recht erkennen wir dies Gesetz nicht an; auf dem Boden dieses Gesetzes können wir.... nicht existieren, wir existieren aber und wollen existieren und deshalb müssen wir das Gesetz brechen und das können wir doch nicht„gesetzlich", das heißt auf dem Boden dieses Gesetzes. So lregen die Dinge auch heute noch: wir können nicht vernichtet werden. Darüber mag sich die Bourgeoisie keinen Zweifeln hingeben, daß wir, wenn sie von neuem gegen uns mit Gewalt vorgehen sollte, dann weiter wühlen würden, wie wir es unter dem Sozialistengesetz getan haben.(Beifall bei einem Teil der Versammlung.) Barenthiu-Berlin: Ich teile nicht die Ansichten Robert Schmidts. In Arbeiter- kreisen wird ganz anders über den Massenstreik geurteilt, als die Personen es tun, die nicht mehr an der Hobelbank oder am Schraubstock stehen.(Sehr richtig!> Wir müssen doch wissen, was wir zu tun haben, wenn uns das Wahlrecht ge- nommen wird. Da gilt eS die Massen zu prüfen. Mit dem allgemeinen Wahlrecht würde auch das Koalittons- recht den Arbeitern genommen werden, und deshalb ist es auch Pflicht, in den Gewerkschaftsversammlungen den Massen- streik zu diskutieren. Bömelburg sagte in Köln: Wenn uns das Wahlrecht genommen wird, dann müssen wir zu den anderen Mitteln greifen. Ja, welche Mittel sind denn das?(Sehr gut I) Es ist notwendig, dies Problem zu untersuchen und wir werden finden, daß uns dann nichts als der politische Massenstreik übrig bleibt. In Belgien, in Italien sind Er- folge erzielt worden. In Italien haben sich'nach dem Generalstreik die Stimmen verdoppelt. Im Generalstreik liegt ein revolutionäres Moment. In allen Wahlvcreinsversammlungen muß der politische Massenstreik diskutiert werden. Die Köpfe der Partei- genossen müssen revolutioniert werden. Ist unsere politische und gewerkschaftliche Organisation gestärkt, dann werden die Anschläge unserer Gegner zerschellen.(Brapo!) Rosa Luxemburg: Wenn man die bisherigen Reden in der Debatte zur Frage des politischen Mafieustrciks hier gehört hat, muß man sich wirklich an den Kopf fassen und fragen: Leben wir denn tatsächlich im Jahre der glorreichen russischen Revolution oder stehen lvir in der Zeit zehn Jahre vor ihr?(Sehr richttg!) Sie lesen tagtäglich in den Zeittingen die Berichte von der Revolution, sie lesen die Depeschen, aber es scheint, daß Sie keine Augen haben zu sehen und keine Ohren zu hören. Da verlangt man, daß ivir sagen, wie werden Ivir den Generalstreik machen, mit welchen Mitteln, zu welcher Stunde wird der Generalstreik erklärt, habt ihr schon die Magazine für die Lebensmittel? Die Massen werden verhungern. Könnt ihr es auf euer Gewissen nehmen, daß Blut fließt? Ja, alle, die solche Fragen stellen, haben nicht die geringste Fühlung mit der Masse, sonst würden sie sich nicht so weit den Kopf und das Blut der Massen zerbrechen, denn die Verantwortlichkeit ruht gerade nicht bei den Genossen, die diese Fragen stellen. Schmidt sagt, warum sollen wir auf einmal unsere alte bewährte Taktik dem Generalstreik zu Liebe aufgeben, warum sollen wir ans einmal diesen politischen Selbst- mord begehen? Ja, sieht denn Robert Schmidt nicht, daß die � Zeit gekommen ist, die unsere Großmeister Marx und Engels vorausgesehen haben, wo die Evolution in die Revolution umschlägt? Wir sehen die russi- sche Revolution und wir wären Esel, wenn wir daraus nichts lernten. Da stellt sich keiner hin und fragt Bebel, ja haben Sie auch darüber nachgedacht, daß im Fall des Generalstreiks nicht nur unsere wohl organisierten Kräfte, sondern auch die unorganisierten Massen aus dem Plan zu erscheinen haben, und haben Sie auch diese Massen im Zügel? Ans diesem einem Wort geht die ganze bllrger- liche Auffassung von Heine hervor, das ist eine Schande sür einen Sozialdemokraten.(Unruhe.) Schmidt hat sich auf das belgische Experiment und auf den Ausspruch von Vandervelde bezogen; ich"glaube, wenn irgend etwas gezeigt hat, daß man eine großartige spontane� revolutionäre Wahlbewegnng durch Kleingeisterei verwischen kann, so war es dieser Streik, und Vander- velde konnte meiner Kritik gegenüber nicht eine einzige Tatsache an- führen, sondern suchte sich durch allgemeine Redensarten heraus« zureden, als ich ihm nachwies, warum diese ganze großartige Massenstreikbelvegung zugrunde gegangen war.(Bernstein: Unwahr I) Ach, waS verstehen Sie davon?(Große Unruhe.) Heine hat das rote blutige Gespenst heraufbeschworen, und gesagt, ihm sei das Blut des deutschen Volkes teurer als— das war der Sinn seiner Worte— dem leichtsinnigen Jüngling Bebel. Ich will die persönliche Frage beiseite schieben, wer mehr berufen und mehr besähigt ist, die Verantwortung zu tragen, Bebel oder der vorsichtige rulsige Heine, aber wir sehen doch an der Geschichte, daß alle Revolutionen mit dem Blut des Volles gemacht sind. Der ganze Unterschied ist, daß bis jetzt das Blut des Volkes für die herrschenden Klassen ver» spritzt wurde, und jetzt, wo sie zum erstenmal ihr Blut sür ihre eigene Klasse lassen sollen, da kommen vorsichtige, so« genannte Sozialdemokraten und sagen, nein, dies Blut ist uns zu teuer.(Große Unruhe, in der die nächsten Worte der Rednerin verloren gehen.) Es handelt sich augenblicklich nicht darum, Revo- lutionen zu proklanricren, es handelt sich nicht einmal darum, den Massenstreik zu proklamieren. Und wenn uns Heine, Schmidt und Frohnie zurufen, organisiert die Massen und klärt sie auf, so werden wir ihnen antworten, das tun wir, aber wir wollen es nicht in Eurem Sinne!(Zuruf: Ach I ach!) nicht in dem Sinne der Verkleisterung und Vertuschung der Gegensätze, wie es alle diese Genossen seit Jahr und Tag tun. Nein, nicht die Organisation vor allem, sondern vor allem der rcvo- lutionäre Geist der Aufklärung I Das ist noch viel wichtiger. Er- innern Sie sich an die Zeit des Sozialistengesetzes! Man hat unsere Gewerkschaften zertrümmert, und sie sind wie Phönixe aus der Asche emporgestiegen. Ebenso wird es mit dem politischen Rechte sein. Es gilt vor allen, die Massen aufzuklären und da brauchen wir garnicht so vorsichtig zu sein wie die Gewerkschaftsführer in Köln es gewesen sind. Die Gewerkschaft darf nicht zu einer Last für die Bewegungsfreiheit der Arbeiter werden. Lernen Sie einmal aus der russischen Revolution I Die Massen sind in die Revolution gettieben, keine Spur von Organisation, und sie festigen jetzt Schritt für Schritt ihre Organisationen durch den Kampf. Die Organisation wird im Kampf geboren, zusammen mit der Klassenaufklärung. Gegenüber der ganzen Kleingeisterei müssen wir uns sagen, daß für uns die letzten Worte des Konimunistischen Manifestes nicht nur eine schöne Phrase für Volksversammlungen sind, sondern daß es uns blutiger Ernst ist, wenn wir den Massen zurufen: Die Arbeiter haben nichts zu verlieren als ihre Ketten, aber eine Welt zu gewinnen.(Beifall und Widerspruch.) Lcgien: Aus meinen Ausführungen auf dem internationalen Kongreß in Paris hat Bebel einen falschen Schluß gezogen, er zitiert nach dem Protokoll, aber das Protokoll ist völlig unzureichend, mein halbstündiges Referat ist in 80 Zeilen zusammengefaßt. Ich stehe noch genau auf dem damaligen Standpunkt, ich habe die Resolution von 1896 in London und auch die von 1900 in Paris ausgearbeitet; ich lasse die Frage, ob eS zu einem Generalstreik kommt, ob er wohltätig oder nützlich ist, ganz offen. Bei den intcrnattonalcn Vereinbarungen dreht es sich um etwas ganz anderes, wir haben da mit Nationen zu tun, die das Mitt»l des Generalstreiks seit langen Jahren anwenden. Dort in der Kommission saß auch Briand, der Vater des General- streikgedankens und erklärte, wir brauchen in Frankreich die General- streiksidee zur Propaganda für die Organisation. Ich halte diese Art der Propaganda für durchaus falsch. Aber das ist nicht unsere Sache. Die Ausländer können ihre Taktik so einrichten, wie sie es für geboten halten. Dagegen aber verwahren wir uns, daß die von ihnen beliebten Propagandamittel anderen Nationen bei« zubringen versucht werden, die sie nicht haben wollen. Es ist eine durchaus falsche Schlußfolgerung von Bebel, daß ich damals besonders in Paris, mich der Generalstreiksidee genähert hätte. Weiter zitiert Bebel aus der Broschüre von Bringmann. Aber es handelt sich da nicht um eine Schrift zur Massenverbreitung, sondern um das Protokoll einer Versammlung. Bebel zog aus den Worten von Bringmann den Schluß, als wolle dieser von der parlamentarischen Aktion abraten. Solche Zitate wirken ja, aber die ganze Zitiererei hat verdammt wenig Zweck. ES kommt einfach auf die Tatsache im gegebenen Moment an. In dem Bericht über die parlamentarische Tätigkeit z. V. finden sich am Schluß ganz ahn- liche Gedanken wie bei Bringmann. Es fällt mir aber gar nicht ein, irgendwelche Schlüsse auf die Stellung der Fraktion daraus zu ziehen. Die Streichung des Satzes vom Massenstreik habe ich deshalb beantragt, weil ich ihn für überflüssig halte, denn es heißt in dem vorhergehenden Satz, daß in solcher Situation die Arbeiterklasse jedes geeignete Mittel anwenden wird. Im übrigen stimme ich der Resolution Bebel vollinhaltlich zu. Ich würde in einer anderen Situatton vielleicht auch jenem Satz zu- stimmen, nicht aber in der gegenwärtigen, denn in der gegebenen Situatton ist dieser Satz nichts anderes, als ein Zugeständnis an den AnarchosozialismuS.(Zustimmung und Widerspruch.) Dieser Anarchosozialismus beschränkt sich und wird sich dauernd beschränken auf eine kleine Gruppe von Leuten. Er ist nicht her- vorgerufen durch die Rede von Friedeberg, sondern Friedcberg hat nur die in diesen lokalistischen Organisationen seit ihrem Bestehen vor- handene Tendenz in Worte gekleidet.(Sehr richttg!> Der Anarcho- sozialismus wird auf die kleine Gruppe beschränkt bleiben, sofern ihm nicht Hülfe wird aus dem Kreise der Parteigenossen. Der Satz würde eine Unterstützung des Anarchosozialismus bedeuten und dies Zugeständnis dürfen ivir nicht macheu. Aus diesem Grunde bitte ich Bebel den Satz zurückzuziehen. Im übrigen schließe ich mich im großen ganzen Robert Schmidt an. Nur noch ein Wort: Kommt der Generalstreik, oder wie man ihn sonst nennen will, dann bedeutet das für mich den Anfang der Revolution. Gehen die Massen einmal auf die Straßen, dann gibts kein„Zurück" mehr. Dann heißt es: Biegen oder brechen. Man sucht eben in der Partei nach neuen Kanipfesmitteln. weil man fälschlicherweise die Idee des gewaltsamen Widerstandes preisgegeben hat. Ich habe die Auffassung, daß Revolutionen im alten Sinne heute nicht mehr möglich sind, nie geteilt. Ich bin überzeugt: Wenn unsere Macht so gewachsen ist, daß wir der Bourgeoisie gefährlich werden, dann setzt sie das Spiel auf«ne 5karte. Dann wird sie uns vor die Bajonette treiben.(Sehr richtig I) Aber kommt dieser Zeitpunkt. dann versagen die Bajonette, dann versagt das Machtmittel, über das die Bourgeoisie verfügt.(Aus: Das ist die Frage I) Ist nicht der größte Teil unserer Leute Soldaten gewesen? Wisien sie nicht, mit den Gewehren umzugehen? Ich sage also: kommt es einmal zur Massenaktion, dann stehen wir tatsächlich vor der Revolution. Dann gibt es kein„Zurück" mehr. Man darf die Generalsireikftage nicht so wie Heine einfach von dcrJudikattir abhängig machen.(Sehr wahr l) Ebenso wenig trifft das zu, was Liebknecht gestern sagte: Die Polizei werde. die Gewerkschaften schon zum Zusammengehen mit der Sozialdemokratie zwingen. So schätze ich unsere deutsche Arbeiterklasse nicht ein. Ich denke höher von ihr. Ich bin überzeugt, die Arbeiter sind aus Erkenntnis der Dinge zn uns gekommen.(Sehr gutl) In gewisser Beziehung halte ich die Propagierung der Idee des politischen Massenstreiks für gefährlich. Ziehen Sie nicht die nöttge Schlußfolgerung, daß der Massenstreik der Anfang der Revolution ist, denn dann muten Sie der Arbeiterklasse ettvas zu, was ich ihr unter keinen Umständen zumuten möchte. Sollen sie nicht Wider- stand leisten, wenn auf ihnen herumgeprügelt wird, dann muten Sie ihnen nicht zu, auf die Straße zu gehen, denn sobald die Massen auf die Straßen gehen, wird auf sie ein- gehauen, und ich mute ihnen nicht zu, daß sie sich das gefallen lassen. Soweit müssen wir die Arbeiter erziehen, daß sie in dem Moment, wo auf sie eingehaucn wird, auch wieder hauen.(Beifall.) Es läuft ein genügend unterstützter Antrag ein, über die Reso« lution Bebel namentlich abzustimmen. (Schluß im Hauptblatt.) ?Zus der Frauenbewegung. Der gewerkschaftliche Fraucnvcrcin Berlins und Umgegen» hält am Sonntag, den 24. d. M.,. nachmittags 5 Uhr, eine Vereinsversammlung in dem Lokal von M. Damm, Schützenstr. 18/19, ab,, in welcher Genosse W. Vcrndt einen Vortrag halten wird. GDe. sind willkommen Soziales. KaufmnunLgericht. (Verhandlung vom W. September.) Erkrankung an Syphilis ein Grund zur sofortigen Entlassung. Gegen die Firma A I b r e ch t klagte ein KommiS. weil er angeblich zu Unrecht ohne Kündigung entlassen worden sei. Von dem be- klagten Chef wurde gellend gemacht, daß der junge Mann laut eigenem Geständnis geschlechtskranl gewesen ist' infolgedessen habe er ihn sofort entlassen müssen, da die Krankheit ansteckend sei und das Hantieren des Erkrankten mit den Waren zweifellos eine An- steckungsgefahr für die Kunden in sich berge, ganz abgesehen von dem Ekel, den das übrige Geschäftspersonal bei der Berührung mit dem Kläger empfunden habe. Die Klage wurde abgewiesen, da nur un- verschuldete ansteckende Krankheiten oder Unfälle nicht zur sofortigen Entlassung berechtigen. Selbstverschuldete ansteckende Krankheiten aber, zu denen auch die Syphilis gezählt werde, geben dem Arbeit- geber jedoch das Recht zur sofortigen Entlassung. Die Auffassung des Gerichts, das; es sich um eine selbstverschuldete Krankheit handelt, müßte doch erst durch Beweiserhebung gestützt werden. Auf die Lehrlingserzichung im Kilüfmanilöberuf warf eine gestrige Verhandlung ein eigenartiges Schlaglicht. Ein unterer Mnisterial- beamter klagte gegen das Deutsche Kolonialhaus Antelniann, woselbst sein als Lehrling tätiger Sohn plötzlich entlassen worden war, auf Zahlung des Lehrlingssalairs für mehrere Monate. Der Chef wandte ein, er habe im Interesse seiner Autorität als Lehrherr den jungen Mann berechtigterweise wegen Ungehorsams entlassen müssen. Den, Lehrling sei nämlich der Auftrag geworden, eine Kiste mit einer bestimmten Sorte Maccaroni einzupacken. Aus Bequemlichkeit habe er jedoch eine andere Sorte, die ihm näher zur Hand war, verpackt. Um nun den, Lehrling das Unrecht fühlbar zu Gemüte zu führen und auch gleichzeitig einen Belag für das eventuelle spätere Zeugnis in Händen zu haben, habe er dem Jüngling befohlen, selbst eine Er- klärung niederzuschreiben, worin dieser bekennen sollte, daß er die Verwechselung der Maccaroni aus Faulheit vorgenommen habe. Auf Anraten des Vaters verweigerte der Lehrling jedoch dieses schrift- liche Sündenbekenntnis in der verlangten Form; deshalb die Entlassung. Die Frage drehte sich nun darum, ob der Lehrherr be- rechligt sei, ein derartiges Ansinnen an den Lehrling zu stellen oder nicht. Es kam jedoch zu keiner gerichtlichen Entscheidung dieser Frage, da auf dringendes Anraten des Vorsitzenden sich beide Parteien dahin einigten, daß der junge Mann wieder in das Geschäft eintreten solle. Bei dem Hin und Her über die Vergleichsformalirätcn wurde aber noch zur Sprache gebracht, daß der Lehrling zeitweilig bis 10, 11, ja bei Inventur- aufnahmen sogar bis 2 Uhr nachts beschäftigt worden war und trotzdem am anderen Morgen wieder um 8 Uhr im Geschäft sein mußte. Bon 7 Uhr morgens bis 11 Uhr abends hatte der KommiS eines kleinen DestillationSgeschästs von Birkholz in der Reinickendorfer- straße täglich arbeiten müssen, was der Geschäftsinhaber auch nicht bestritt. Diese überlange Arbeitszeit wurde konstatiert bei einer Schadenersatzklage, die der KommiS gegen B. anstrengte, weil dem Kläger in, Geschäft ein Paar Stiefel abhanden gekommen waren, für die er jetzt 12 M. von dem Beklagten verlangte. Das Gericht erklärte sich jedoch für unzuständig und verwies die Sache an das Gewerbegericht, weil es den Betrieb nicht als einen kaufmännischen ansah._ Erhebungen über Arbeitsverhältnisse. München, 21. September. Die bayerischen Fabrikinspektorate wurden angewiesen, über die Lohn- und Arbeitszeitverbältnisse in der bayerischen Maschinen- In du st rie Erhebungen zu pflegen. Die Erhebungen sind wohl die Folgen der im Henrigen Frühjahre erfolgten allgemeinen Aussperrung der Metallarbelter Bayerns._ Internationaler Arbeiterversicherungs-Kongreh. lieber die Sitzung am Mittwoch, deren stürmisches Ende wir telegraphisch gemeldet haben, berichtet die„«sozialpolitische Rundschau": Ter weitaus wichtigste Programmpnukt war die Frage der Vereinfachung der Arbeiterversicherung. Dementsprechend kon- zentrierte sich das Hauptinteresse auf die Kongrctzverhandlungen vom 20. September. Dazu hatten eine ganze Reihe von Fach. lcuien Referate angemeldet. Neben den in Deutschland bekannten . Bödiker und Freund sprach Prof. Menzel von der Wiener Universität sowie Ingenieur Bellom-Paris, letzterer speziell über die Beziehung der Jnoalidenversicherung zu den anderen Zweigen der Arbeiter- Versicherung. Auffallend erscheint es, daß kein Vertreter der Krankenkassen ein Referat angemeldet hatte. Jedem der Rc- ferenten wurde eine Sprcchfrist von 20 Minuten eingeräumt; eS vergingen aber gut drei Stunden, bis die eigentliche Diskussion beginnen konnte. Die Referenten haben bei den Kongressen einen doppelten Vorteil, ersten» wird ihnen die Möglichkeit gewährt, in Fvrm von gedruckten Berichten ihre Ansichten niederzulegen, und ztoeftens können sie sich noch über diese Referate in längeren Reden verbreite». Im Gegensatz dazu hatten die Diskussionsredner einen schweren Stand. Bevor sie sich richtig bei der Versammlung ein- geführt haben, ist meistens ihre Zeit abgelaufen. Auf dem Wiener Kongreß machte sich dieser Uebelstand besonders fühlbar. Denn die Vertreter der Kranrenkassen, das heißt die Ver- treter der Versicherten, kamen iiberfynrpt kaum zum Wort. Nur der Reichstags-Abgeordncte Fräßdorf konnte in 10 Minuten für die Versicherten sprechen. Er betonte, daß die von Dr. Freund, dem Vorsitzenden der LandeSversicherungs-Anstalt Berlin, geforderte paritätische Verwaltung der Krankenkassen(bezw. hei einer Zu- sammenlegung der Arbeiterversichcrung der neuen Versicherungs- ämter) zu verwerfen sei. Das Prinzip, gleiche Anzahl von Arbeit- gebern und Arbeitnehmern unter einem unparteiischen Vor- sitzenden sei wohl bei der Rechtsprechung, nicht aber bei der Ver- waltung zu billigen. Wie auch der zweite Diskussionsredner, ReichsratS-Abgeordneter Dr. Verkauf, betonte, kommen bei der Verwaltung ganz andere Aufgaben in Betracht, als bei der Recht- sprechung. Die richterlichen Beisitzer aus Arbeiter- und Unter- nehmerkreisen haben im wesentlichen nur auf Grund der be- stehenden Versicherungsgcsetze Recht zu sprechen, während die in der Verwaltung stehenden Beamten aus dem Betriebe selbst, speziell bei den Krankenkassen, für den sozialpolitischen Fortschritt wichtige Neuerungen herausfinden müssen. Ist ein von der Re- gierung ernannter Verwaltungsbeamter an der Spitze der Kranken- kasse, so gibt es nach Frätzdorfs Ansicht keine Selbstverwaltung mehr, und ohne Selbstverwaltung keine soziale Reform. Nachdem Verkauf und Fräßdors gesprochen hatten, kam es zu einer äußerst dramatischen Szene. Der Vorsitzende, Geheimrat Werner, wollte Dr. Verkauf das Wort entziehen, nachdem die für die einzelnen Redner bestimmte Zeit— es waren insgesamt 21 gemeldet— ab- gelaufen war. Verkauf protestierte gegen die Entziehung des Wortes und appellierte an den Kongreß. Ein allgemeiner Tumult erhob sich; die anwesenden Vertreter der Krankenkassen pro- testierten unter kauten Zurufen gegen die Beschränkung der Rede- frciheit des ihnen nahestehenden Verkauf. Letzterer verließ schließ- lich die Rednerbühne und Werner mutzte den Kongreß vorzeitig schließen, da eine allgemeine Verwirrung entstand und aus dem friedlichen Arbeiterversicherungs-Kongreß ein polnischer Reichstag wurde. Der Kongreßleitung ist der Vorwurf zu machen, daß sie für kein Referat eines Kassenbemntcn gesorgt hat, sondern nur Verwaltungsbeamte als Referenten emsetzte. Nachdem dieser Fehler begangen worden war, hätte wenigstens bei einer Parität!- sck)en Behandlung der Fragen ein Vertreter der versicherten Ar- beiter zu einem längeren Referat das Wort erhalten müssen. Es ist zu bedauern, daß Werner, der sonst mit Umsicht und Energie die Verhandlungen leitete, nicht diesen Weg aus dem Dilemma fand, sondern bei den ersten lebhaften Proresten von feiten der Versammlung einfach die Kongreßverhandlungen abbrach. Dazu lag absolut keine Veranlassung vor. Es wurden damit die Referate über Invaliden- und Altersversicherung, über internationale Unfall- statistik, über Unfallversicherung und Berufskrankheiten usw., die noch mrf dem Programm des Kongresses standen, noch mehr zu- sammengedrängt, sehr zum Schaden der Sozialpolitik die auS un. fruchtbaren Debatten, welche durch politische Gegensätze noch ver- schärft werden, keinerlei Gewinn ziehen kann. Sewerksckaftttedes. Rtrlln«na QmgtgenO. _ Streik in der Wäschebranche. Bei der Firma Gebr. Borchardt. Wäschefabrik, haben am Sonnabend, den 16. September zirka 80 Arbeiter und Arbeiterinnen die Arbeit niedergelegt. Sie fordern freie Lieferung von Garn und Nadeln. Alle Einigungsverhand- lungen wurden von den Inhabern der Firma brüsk abgelehnt. Selbst das von der Arbeiterschaft angerufene Einigungamt wurde ignoriert. Die Arbeiterinnen wollen nur ihren verdienten Lohn haben, sie wollen nicht länger einen Teil des Rohmaterials den Fabrilanten be- zahlen, finden aber bei denselben kein Gehör. Geradezu als Verhöhnung muß man es betrachten, daß die Unternehmer den Arbeiterinnen einen halben Pfennig zu- legen wollen. Es wird nun von feiten der Arbeitgeber alles ver- sucht, um die Ausständigen von ihrer gerechten Sache abzubringen. Selbst in eigener Person suchen die Chefs andere Arbeiter in ihrer Wohnung auf, um dieselben für ihre Fabrik als Zuschneider zu gewinnen. Aber die Ausständigen wachen, daß die Angeworbenen noch frühzeitig unterrichtet werden, wie die Verhältnisse bei der Firma liegen, worauf die meisten darauf verzichten, in Arbeit zu trete». Es sind ja nun einige der dort Beschäftigten abgefallen. Trotz- dem steht der Streik ftir die Ausständigen sehr günstig, sie hoffen auch, daß auch die noch Arbeitenden zu ihnen kommen werden. Solange die Arbeiterinnen geduldig waren, ging eS, jetzt, wo sie ihr gutes Recht verlangen, wird ihnen von dein Chef vorgeworfen, sie seien keine anständigen Mädchen mehr. Bei dieser Gelegenheit kann man wieder sehen, in welcher Weise die Polizei dem Unternehmer zur Berftigung steht. Sab man bisher in diesem Viertel der Neuen Königstraße selten einen Schutzmann, so patrouillieren jetzt Leutnant, Wachtmeister und Schutzleute auf und ab, und hindern die Streik- Posten an der Ausübung ihres gesetzlichen Rechtes. Es ist den Streikposten verboten worden, die Neue Königstraße zwischen Linien- und Meyerboerstraße zu betreten, widrigenfalls sie verhaftet werden. Wurde doch am Montagabend ein junger Mann, der ganz un- beteiligt an dem Streik ist, aber einen Freund erwartete, kurzweg verhastet. Halten die Ausständigen treu zusammen, so müssen sie ihre ge- rechten Forderungen durchbringen trotz dcS Vorgehens der Behörde. Tarifbcwegung des Malerverbandes. Kürzlich beschloß die Zentralorganisation der Maler, den jetzigen Tarif für Berlin und Umgegend zu kündigen und beauftragte die Organisationsleitung, einen neuen Tarifentwurf auszuarbeiten, der als Grundlage zu den Verhandlungen mit den Arbeitgebern dienen solle. Am Donnerstag nahm nun eine stark besuchte Versammlung der Maler, Lackierer usw. in Kellers Saal Stellung zu dem»cucn Entwurf. Derselbe sieht zunächst vor, daß der eventuelle neue Vertrag nicht wie bisher zwischen dem GehülfenauSschuß if� den Innungen«bgeschlossea werden soll, sondern von Organisation zu Organisation; also zwiscyen den Malerinnungen zu Berlin, Rixdorf, Charlottenburg, Groß- Lichterfelde und Lichtenberg-Rummelsburg einerseits, und der Ver- einigung der Maler, Lackierer, Anstreicher, Tüncher und Weißbinder Deutschlands, Filiale Berlin, andererseits. Die Arbeitszeit soll vom 1. April bis 1. Oktober 3�(jetzt 9) Stunden betragen und m den Wintermonaten auf b'ch Stunden bemessen werden. Als Mini mal lohn wird gefordert für Malergehülfen 70 Pf.(jetzt 55 Pf.) und für Anstreicher 65 Pf.(jetzt 50 Pf.) pro Stunde. Für Arbeiten an Lichtschachten, Türmen, Bahnhofshallen oder ähnlichen lebensgefährlichen Arbeiten auf Steh- und Hängcgerüsten wird ein Zuschlag von 5 Pf. pro Stunde gefordert. Der Ueberstundenzuschlag soll ein Drittel des Stundenlohnes, bei Nacht- und Sonntagsarbeit den doppelten Stundenlohn betragen. Außerdem sind neue Fahrgeld- Bestimmungen und eine paritätische Tariftommission vorgesehen. Der Vertrag soll vom 1. April 1906 bis 1. April 1907 Gültigkeit haben und außer Berlin noch für folgende Orte gelten: Adlershof, Baumschulenwcg, Borsigwalde, Britz, Charlottenburg, Köpenick, Dahlem, Dalldorf, Friedenau, Friedrichsberg, Friedrichsfclde, Fricdrichshagen, Groß-Lichtcrfelde, Grünau, Grunewald, Haselhorst, HeinerLdorf, Hohen-Schönhausen, Johannistal, Jungfcrnheide, Karlshorst, Lankwitz, Liclitenberg. Mariendorf, Marienfelde, Nieder- Schöncweide, Pankow, Plötzensee, Reinickendorf, Rixdorf, Rudow, Rummelsburg, Schmargendorf, Schöncbcrg, Schönholz, Steglitz, Stralau. Südcnde, Tegel, Tempelbof, Treptow, Weißensee, Wilmersdorf, Westend, Wannsee und Zehlendorf. Nach lebhafter Debatte wurde dieser Tarifcntwurf in seinen Hauptpunkten angenommen, und soll den betreffenden JnnungSvor- ständen zwecks Verhandlung darüber zugestellt werden. An die organisierte Arbeiterschaft Berlins und der Umgegend! Da die Arbeitgeber behaupten, die Arbeiterschaft achtet nicht mehr auf die Kontrollkarte, so versucht ein Teil der Arbeitgeber, die ge- machten Bewilligungen zurückzuziehen. Es ist daher dringend not- wendig, daß man bei Inanspruchnahme von Barbiergeschäften darauf achtet, daß die weißgrüne Kontrollkarte am Spiegel steckt. Dieselbe wird nur an denjenigen Gehülfen ausgehändigt, der zu den von der Organisation aufgestellten Bedingungen beschäftigt wird und organisiert ist. Verband der Friseurgehülfen, Zweigverem Berlin. Die Hülfsarbciter de? Baugeschäfts B ä s e l l hielten am Mitt- woch eine Sitzung ab, in der folgender Antrag angenommen wurde: Der Zweigvereins-Vorstand des Verbandes der baugewerblichen Hülfsarbeitcr wird beauftragt, der Firma Bäscll folgende Forde- rungen zu unterbreiten: Der Lohn beträgt für alle beim Decken- bau beschäftigten Hülfsarbciter vom 1. Oktober d. I. ab pro Stunde 65 Pf. und vom 1. April nächsten Jahres ab 68 Pf. Die Arbeitszeit beträgt wie bei den Maurern 9 Stunden täglich mit der üblichen Verkürzung in den Wintermonaten. Die Kollegen wünschen bis Montag, den 25. d. M., von der Firma eine Antwort.— Am Mittwoch, den 27. d. M. findet eine Versammlung statt, in der die Ant- wort der Firma entgegengenommen wird. Nach dem Versammlungsbericht des Vereins zur Wahrung der Interessen der Maurer Berlins im gestrigen„Vorwärts", ist der Bau Lindowerstratze im Einverständnis mit dem Vorstand des Zweig- Vereins Berlin, Zentralverband der Maurer, gesperrt. Wir erklären dazu, daß dies nicht zutrifft. Der Vorstand des Zentralverbandes der Maurer Zweigverem Berlin. DeulMtr» Reich. Zum Streik der Weber in Reichenbach in Schlesien. In einem Schreiben hatten die vereinigten Textilbarone die Wiederaufnahm- der Arbeit zu den alten Bedingungen verlangt; die Streikenden lehnten diese Zumutung in geheimer Abstimmung mit 862 gegen 2 Stimmen ab. Die„Christlichen" bewähren sich auch hier als Streikbrecher- agenten; der„christliche" Arbeitersekretär Müller-W-aldenburg rät in Versammlungen seinen Schäslein zum Weiterarbeiten. Das ver- räterische Verhalten der„Christlichen" kann an dem günstigen Stand des Streiks nichts ändern. Die städtischen Arbeiter in Fürth i. B. haben an die bckiden Kollegien eine Eingabe gerichtet, in der sie verlangen, daß an Stelle der bereits für vier Betriebe bestehenden Arbeitsordnungen eine all- gemeine Arbeitsordnung eingeführt werde auf folgender Grund- läge: 54 stündige Arbeitszeit, Minimallohn von 4 M. für quali- fizierte Arbeiter, von 3 50 M. für Helfer usw. und von 3 M. für Taglöhner. Die Löhne sollen zehn Fuhr« lang jedes Jabr um 10 Pf. pro Tag erhöht werden. Nach dreijähriger Dienstzeit ist ein Urlaub von einer Woche zu gewähren, für Schichtarbeiter deS GaS- und Wasserwerks schon nach einjähriger Dienstzeit; Errichtung eines Ar- beiterausschnsses für sämtliche Betriebe; Errichtung eines Arbeits- Nachweises für die städtischen Arbeiter; Bezahlung der Ueberstunden mit 33Vb Proz., der Nachtarbeit mit 50 Proz. und der Feiertag?- und Sonntagsarbeit mit 75 Proz. Zuschlag. Für die Laternen- Wärter wird ein Mindestlohn von 60 M. monatlich verlangt, der jährlich um 3 M. bis zum Höchstbetrage von 75 M. steigen soll. Die Tabakarbeiter in Neumünster beschlossen, von ihren Unter- nehmern eine Lohnerhöhung von 50 Pf. pro Mille zu fordern. Di- Forderung soll sofort eingereicht werden mit dem Ersuchen, bis zum 1. Oktober Antwort zu erteilen. Bei der elektrischen Straßenbahn in AngSburg find Differenzen ausgebrochen. Seitens des Handels- und TranSportarbc!lec..V:r- bandes ist über den gesamten Betrieb die Sperre verhängt. Tere Fleisch- billige Seelische!! Bester Fleischersatz, schmackhaft aad durch hoben Ndhrgebalt sich auszeichnend! Große Fänge in lebendfriselier Ware sind soeben einpiroffen! ms Ein Versuch mit diesen äoBerst schmackhatten Fischen Ist jeder Haustrao zu tmpkehlen. Seefisch-Kocbbiicber gratis. 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VerlagSanstalt Paul Singer Le Co., Berlin SV/T km.&M,m. 3, KcilU Hcs Amürls" Sttliiin NMIM SsNllbend, 23. Septklnber 1905. Die Stichwahl in Effen. Die Parteien treffen ihre Vorbereitungen� Dem Essener sozial- demokratischen Wahlbureau ist aus Jena folgendes Telegramm zugegangen: „Hurra den Kämpfern, Parteitag sendet Gruß und An- erlennung. Bebel hilft in der Stichwahl. Antwort wann und wo? Singer. Auch die Reaktion rührt sich natürlich.„Kölnische Zeitung", „Hann. Courier",„National-Zeitung",„Kreuz-Zeitung" und„Post" fordern die nationalliberalen Wähler auf, in der Stichwahl für das Zentrum zu stimmen. Die katholische„Kölnische Volkszeitung" jammert: „Die Sozialdemokraten erhielten vor zwei Jahren in der Stichwahl einen Zuwachs von rund 10 000 Stimmen, die im ersten Wahlgange offenbar größtenteils für den„nationalen" Kandidaten Superintendent Klingeinann abgegeben waren. Es liegt schwerlich im Interesse der Statwnalliberalen, wenn sich jetzt etwas ähnliches wiederholen sollte." Die„Nationalliberale Korrespondenz" kommt denn auch schon mit dem Bruderschmatz und fordert zur Wahl des Zentrums- kandidaten auf: „Die Wähler des Dr. Niemeyer tragen für ihre Organi- sation den Namen einer nationalen Partei— es kann, trotz aller Kränkungen und Beleidigungen, denen sie ausgesetzt waren, bei der Stichwahl nur einen Weg geben. Auf dem sozialdemokratischen Parteitage rühmten sich die Genossen wiederum ihrer Vaterlandslosigkeit—— für sie existiere keine nationale Frage! Eine solche antinationale Partei darf nicht zum Siege gelangen I" Unsere Genossen sind also ganz auf sich selbst angewiesen.— Der Kampf wird als reiner Klassenkampf zu Ende geführt. Bürgerliche Preßstimme» geben wir noch folgende: „National-Zeitung": „Ein Erfolg, wie ihn die Sozialdemokratie nach so viel Niederlagen bei Ersatzwahlen jetzt in Essen zu verzeichnen hat, wird sie erst recht in t*m Entschluß bestärken, auf dem revo» lutionären Wege nach dem Endziel zu beharren und den Mauserungspolitikern im eigenen Lager sich zu verschließen. Dem gegenüber müssen die monarchischen und die wirtschaftliche Ordnung verteidigenden Kräfte im Staate ebenso geschlossen zusammen- stehen. DieS in dem Riesenwahlkreis Essen um so mehr, als die nahezu b6 000 Stimmen, die für das Zentrum und die nationalen Parteien abgegeben sind, ganz überwiegend dem Arbeiterstande angehören. Diese staatstreuen Massen von Arbeitern haben allen Anspruch an die Führer, denen sie bisher gefolgt sind, in einer klaren und scharfen Kampfesstellung gegen die Umswrzpartei er- halten zu werden, wie der Staat denselben Anspruch an dieselben Führer erheben darf, daß sie so große Massen mcht-sozialdemo- kratischer Arbeiter in gar keiner Weise mit der Sozialdemokratie in Verbindung kommen lassen." Also Scharsmacherpolitik in aller Form lediglich au« Wut darüber, daß in Effen die Nationalliberaleu so jämmerlich, aus- gefallen sind. „Kilo. Zeitung": „Der Sozialdemokrestie wird da« Ergebnis gerade im gegen. wärtigen Augenblick, wo sie eine Bilanz ihrer Entwickelung auf- nimmt, hochwillkommen sein, ist doch der feit Dresden bei jeder Nachwahl programmäßig«intretende Rückgang ihrer Stimmen diesmal von einem stattlichen Stimmenzuwachs abgelöst worden Der Grund liegt aber keineswegs in einer allgemeinen Aenderung unserer Partei konstellation, sondern allein in den besonderen Ver- Hältnissen des Essener Wahlkreises. Diese Verhältnisse sind aller dings von allgemein politischer Bedeutung. Wenn der Kreis in so bedenklicher Weise radikaler geworden ist, so kann die Schuld hierfür nur in dem großen Bergarbeiterstreik dieses Frühjahrs und in seiner geschicktm Ausnutzung durch die Sozialdemokratie gefunden werden. Diese Ausnutzung hätte nicht mit solcher politischen Wirkung, wie sie die gestrige Wahlschlacht gezeigt hat, getrieben tverden können, wenn die von uns seinerzeit gerügten Fehler gegenüber den Ausständigen nicht begangen worden wären." Im Gegensatze dazu führte viel verständiger nach demselben Blatte der Abgeordnete Bas fer mann aus: „Wir wollen uns keinen Täuschungen hingeben über den Rückgang der sozialdemokratischen Stimmen bei den bisherigen Nachwahlen. Nachwahlen pflegen nicht überall die richtige Stimmung im Lande zu geben. Es ist nicht überall wie hier in Essen, wo das politische Interesse so hochgespannt ist. Wir müssen damit rechnen, daß bei den nächsten Hauptwahlen den Sozialdemokraten wieder ein Stimmenzuwachs zufällt." » Ueber die politische Bedentuug des Wahlausfalles sagt die„Leipziger Vollszeitung": „Es ist oft gesagt worden, daß in demselb-n Augenblick, wo das Zentrum mehrere bis dahin sichere Wahlkreise an die Sozial- demokratie verliert, es bereit ist zur Aenderung des allgemeinen Wahlrechts. Das ist auch ganz und gar nicht ausgeschlossen, denn für die Zentrumspartei bedeutet das bestehende Wahlrecht nicht etwa ein Mittel, um die Massen zum Wort kommen zu lassen, wie für die Sozialdemokratie, sondern im Gegenteil, um ihnen den Mund zu stopfen, um die Klassenherrschaft noch fester zu be- gründen. Versagt dieses Mittel, beginnen die katholischen Arbeiter sich von der Bevormundung des Zentrums zu befreien, so hat der Klerikalismus jedes Interesse am allgemeinen Wahlrecht ver- loren, und ist bereit, im Verein mit den Kraut- und Schlotjunkern Ost- und Westelbiens zur politischen Beraubung der deutschen Arbeiterklasse zu konspirieren. Daß unsere gegenwärtigen und zukünftigen Erfolge in den klerikalen Bezirken des Ruhrgebietes derartige Konsequenzen zeitigen werden, derstcht sich von selbst, und es ist gut, wenn man sich auch in unseren Reihen darüber klar wird."__ Huö der Partei. Polizeilichce. öerlchtUchee ufw. Die Auflösung einer Versammlung kann auch durch die Worte des überwachenden Beamten:„Ich schließe die Versammlung", ausgesprochen werden. So hat das Kammergericht in einem Straf- verfahren wider Lübbring entschieden. Der überwachende Beamte hatte eine Maurerversammlung, in der Lübbring referierte, für „geschlossen" erklärt, weil ihm die Kritik nicht gefiel, welche L. an der Baupolizei in Rotthausen übte. L. war dann auf Grund der §§ 6 und 15 des Vereinsgesetzes verurteilt worden, weil er nicht sofort den Saal verlassen habe. Da« Kammergericht verwarf am 18. September die hiergegen eingelegte Revision und führte aus: Die Worte„Ich schließe die Versammlung" dokumentierten genügend die Auslösung im Sinne des Vereinsgesetzes. Dieses habe in keiner Weise ausgedrückt, durch welche Worte die Auslösung einer Ver- sammlung ausgesprochen werden müsse. Unerheblich wäre, ob die Auflösung berecktigt gewesen sei oder nicht. Ohne Rücksicht daraus müsse nach Auflösung einer Versammlung jeder Teilnehmer alsbald den Saal verlassen._ ßriefhaften der Redafetfon. Koch 0.34. ES ist wohl angebracht, daß Sie über die geschilderten Zustöndc Ihre Gewerkschast unterrichten.— Friedenau. Keine Berichte mit Bleislist schreiben.— Frau M. Richten Sie eine Beschwerde an die Eisenbahndireltion. JuriXtxTther CeiU »t« suristtsche«prechftimde findet täglick, mit SluSnahmedeS SonnadeudS von?>,,»IS»>/, Itbr statt. Geöffnet: abend» 7 Nbr. ®.(£. 26. 1. 2. In je 2 Jahren müssen mindestens 40 Marken geklebt sein. 8. Ja.—®. L., Weinensee. I. Nein. 2. Sie können einen Antrag an die VersicheningSanstalt richten. Sie ist berechtigt, nicht verpflichtet dem Antrage zu entsprechen. 3. Ja, vorausgesetzt, daß wohl nachträglich Invalidität eintritt. 4. 200 Marken müssen geklebt sein.— H. in K. Verjährung liegt nicht vor.— A. B. 100. Die Polizei hat sich um die Privatsache nicht zu kümmern. Im übrigen entscheidet der In- halt des nicht mitgeteilten Vertrages.— Kräh». Demmziaiionen sollte ein Verein unterlassen.—®. 40. 1. und 2. Die Höhe der Unterstützung hängt von einer Unzahl stets zu pulsender Umstände des Einzelsalls ab. Eventuell ist Beschwerde einzulegen. 3. Nathans.— H. T. 10. Alles, falls es als unentbehrlich erachtet wird. — E. P. 6. Ob Sie zu zahlen haben oder nicht, hängt schließlich von dem Gutachten des Sachverständigen ab, dessen Inhalt wir nicht vorausahnen können.— Krohnberg. Ihre Fragen sind zu bejahen.— R. M. Ihre Fragen sind ohne Kenntnis der Verträge nicht zu beantworten.— A. F. 100. 1. Nein. 2. und 3. Ja, wenden Sie sich an das Vormund- schastsgcricht.— Marke Iis. ES ist ganz zutreffend geklebt.— K. G. 72. Ihr Bruder kann mit Aussicht aus Erjoig aus Herausgabe der Urkunde klagen.— Isegriinm 1005. 1. und 3. DaS geht nicht an. 2. Nein.— ®. Ohne Einsicht in Ihren Vertrag ist Ihre Frage, welches Recht oder welche Pflicht sür Sic aus seinem Inhalt solgt, unmöglich zu beantworten. — Fricdrtchshagen. Lassen Sie sich Abschrift des Protokolls geben oder erkundigen Sie sich aus der Geuchtsschreiberei nach der Lage der Sache, — Architekt E. und 300 Höchstcstrahe. Schließen Sie notariell vorder Ehe einen Vertrag ab, tpie Sie ihn Seite 222 Nr. 25 des dem Arbeiter- recht beigefügten Führers vorfinden. Kosten etwa 20 M. Das Buch liegt in den öffentlichen Lesehallen aus.— O. K. 40. Sie können Pfändung und eventuell Lohubeschlagnahme heranlassen.— K. Kl. 78. Nein. — A. S. 10, Eharlottenburg. Sie müssen zahlen.— Rixdorf 100. Hinterlegen Sie die Miete.— Wcndt. Den Antrag müßte Ihr Vater an die VersjchcrungSanstalt richten.— 253. Sie müßten beim Amtsgericht aus Anerkennung der Ungültigkeit des Vertrages und aus Schadenersatz klagen.— 100. 6 bis 20 Mark sür die Entbindung, 50 Pfemiig bis 3 Mark für einen Besuch können als angemessen erachtet werden.— Schau mburg. Werden Sie als Zeuge nach Strafen befragt, so haben Sie alle Strasen, auch die 20 Jahre zurückliegenden, anzugeben. Wollen Sie, daß Sie danach sicher nicht befragt werden, so richten Sie vor dem Termin ein dahin gehendes Gesuch an das Gericht.— Ct. V. 88. Nein.— F. P. 99. Sie brauchen nur an das Polizeipräsidium das Gesuch zu richten, wieder in den Staatsvcrband ausgenommen zu werden.— 9c, D. 100. Nein. — P. K. 1. 1. Nein. 2. In den Alten betreffend Kirchenspenden.-- B. 53. Wenden Sie sich an die StaatSanwaltschast.— H. 10. Soweit ersichtlich, liegt eine Pflicht ans Erstatlung auf Ihrer Seite nicht vor.—- Louis Leiftuer. Nein.— Jungnick. Interessiert Sie die Frage, ob und wann ein Schutzmann trinken darf, so ersuchen Sie um Aufklärung einen Schutzmann.— H. G. 28. Wenn ein Verschulden vorliegt: ja.— E. K. 10, M. Ä. 3, O. K. 14. Ja.— K. K. K. 1. Sie müssen vorher ein Gesuch einreichen. 2. 5 Jahre.— R. Zenner. Die juristische Sprech- stunde steht jedem Abonnenten jrei. Schriftliche Antwort wird grundsätzlich nicht ertcUt.— B. 0001. Zwei Jahre.— Mainz A. 20. Die Ver« solgung von Unlerschtagung verjährt in der Regel in 5 Jahren. Bevor etwa einen Strasantrag stellen, sollten�Sie sich überzeugen, ob ein «n Sie solcher für die Organisation in der That einen Zweck hat.— WttternngSüberstckit vom 22. September 1905, morge»» 8 Uhr. Stationen Q-2 85 m— Ii se Welte: I 768 NO 769 NNO 767 NO 765 N 764 SO 762 NW 3>wolkig 3bedkckt 2 wollig 4 halb bd 3 Regen 2 bedeckt e» k =%■ » II i W& Stationen § »■= l bavaronda!773 N Petersburg 762 NO Scilly Aberdeen Paris 761 OSO 769 SO 764 NO Wetter 2 wölken! 1 Nebel 4 bedeckt 2 wollig 1 wolkig täs 2u I? 7 8 14 12 13 Swinemde. Hamburg Berlin Franks.a.M München Wien «Vetter-Proguoie für Sonnabend, den 23. September 1905. Kühl, vielfach heiter, zeitweise wolkig bei mäßigen östlichen Winden- keine oder unerhebliche Niederschläge. Berliner Wetterbureau «Wasserstand am 21. September. Elbe bei Autstg— 0,08 Meter, bei Dresden— 1,43 Meter, bei Magdeburg 4- 1,10 Meter.— U» st r u t bei Stralißsurt-st l,20 Meter.— Oder bei Ratibor 4- 0,80 Meter, bei Breslau Oberpegel— 4,67 Meter, bei Breslau Unterpegel 4- 1,72 Meter, bei Frankfurt 4- 1.14 Meter.— Weichsel bei Braheinüude Meter. W arth» bei Posen Meter.— Netze bei Usch — Meter. vXv.v In dieser imposanten, in Mannheim, Baden, gelegenen Fabrik- anlage wird die weltberühmte hergestellt; ihre Aabrikation geschieht auf Grund der höchsten Errungen- schalten der chemischen und tech, Sr� W ü ir�- titschen Wissenschaft. Der beste Be« Hy ü weis für die unanfechtbare Güte bleibt der unerreicht hohe Absatz über die ganze Welt. In allen zivilisierten Ländern, auf dem ganzen Ero..lrun0 bringt sie Reinlichlleit, Gesundheit und Glück in Millionen von Haushaltungen, in den Palast wie in die �ütte. Sunlight Seife ist die vorkämpferin der Zivilifatiom Die Marke„Sunlight" kann sich des größten Absatzes von irgend einer Seife der Welt rühmen» Für den Jnkmlt de« Inserate überniunnt die Nedaktio» de», vnblitm» gegenüber keinerlei BeraiiNvortliug. Zhcaur. Eonnabend, 23. September Ansang VI, Uhr: Opernhaus. Das Fest aus Sol- haug. Schauspielhaus. Der Schwur der Treue. Neues. Ein SommernachlZtraum. Westen. Der Opernball. Nachmittags 3 Uhr: Weh' dem, der lügt. Ansang 8 Uhr: Schiller O.(Walluer-Theater.) Der Leibalte. Schiller».(Friedrich Wilhelm- städtische» Theater). Ein Winter- märchen. Lesfing. Die Erziehung zur Ehe. Die si Wiche Forderung. Zlentral. Die Geisha. Kleines. Hidalla. »tefidenz. Die Höhle des Löwen. rriaiio». Das Ende der Liebe. gphalia. vis früh um Fünfe I Tarl Weist. Kabale und Liebe. Velie-Sltlianee. vcn Ali Ach. Luisen. Die Kinder der Exzellenz. Deutsch> Amerikanisches. Aber, Herr Herzog I Kafiuo. Der AdelSnarr. Metropal. Aus— inS Mctropol 1 Apollo. 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Male in Berlin Duo üorlian. Sonnt. 4 Ulir: Ein Sahn das Volkes. Luisen-Theater. Abend» 8 Uhr: vis Kinder der Exzellenz. Sonntag nach«.: FleSco. Abend»: Lumpengesindel. Mont»,: Der jüngste Leuwant Täglich: eis UM in einem . gmeUfei-Tangei Varh.: NaitlraNaadanll, Spailnlltüten. Sonntag, den 1. Oktober er.: Erste ktaehmIttags-rorstoNnng mit amerik. Tingel-Taage! u. Lustballett Qrlgolatls «u bedeutend ermäßigten Preise»! Anfang> Uhr. vetropoi-Theater prsxise S tram 15. Mal«: » Groß» Jahresrevue mit Gesang u. Tone in t Büdam t. Jul. Fraund. Ifusik Tiktar Hollaaniai. Diricent Kcpailmaiatar MaxKath. In Lra»a reaalat von Diraktor Biekud Schulu. Waldes a.D.xMißGlitford a.D. Bender x Giampietro Joseph! x Massary x Frid-Frid Steidl x Lilly Walter. Raucham in aU. Räumen gestattet. _ Aaiang 8 Uhr._ Lus�epieShaus. Abmd» S'l, Uhr: Dcv f amiUentacj. Uranfa Tauben. str. 48/49- 8 Uhr; Im laniiB der Milternaclitssoie. Sternwarte"m. Friodrichstr. 165. 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Späte Einsicht des Frcisiims? »D i e Teilung des Unterrichts in den achten Klaffen der Berliner Ge in eindeschulen ist", so steht in der.Freien Deutsche» Presse" zu lesen,„den Rektoren gestattet, wenn sich an einer Schule sogenannte Unterstunden ergeben, das heitzt ivenn die Lehrer und Lehrerinnen mehr Unterrichtsstunden er- teilen müssen, als nach dem Lektionsplan herauskommen. Gegen- über dem Hinweis auf die hohen Besuchszahlen in den achten Klassen wurde vom Magistrat gewöhnlich darauf hingewiesen, daß durch die Einrichtung der geteilten Klassen der Uebelstand bedeutend gemildert worden sei. Jetzt sind zum erstenmal die betreffenden Zahlen veröffentlicht worden. Danach erstreckt sich die Teilung im laufenden Halbjahr auf 178 Klassen niit 727 Stunden." Diese Notiz, der wir auch in der„Vossischen Zeitung" begegneten, ist cnt- nonunen der„Pädagogischen Zeitung" vom 14. September. Dafi sie den Weg in die„Freie Deutsche Presse" finden konnte, hat uns einigermaßen überrascht. Die„Freie Deutsche Presse", früher„Freisinnige Zeitung" genannt, hat noch im vorigen Herbste dieselbe Aus- rede, deren Gebrauch da dem Magistrat vorgehalten wird, gegen- über dem„Vorwärts" gebraucht, als wir wieder mal die hohe Frequenz achter Klaffen unserer Gemeindeschulen besprachen. Da- mals baten wir das Blatt, uns doch anzugeben, in wie vielen Klassen denn die Teilung tatsächlich durchgeführt werde. Die Ant- wort blieb zunächst aus. Für den diesjährigen Sommer kamen wir dann durch die Frequenzübersicht, die der Magistrat halbjährlich veröffentlicht, endlich zun, erstennial in die Lage, selber die Antwort zu geben. Sie lautete, wie oben: In nur 178 Klaffen und für nur 727 Stunden I Diese Zahlen veröffentlichte der„Vorwärts" im Juni, aber vergeblich warteten wir darauf, baß die„Fr. D. Pr." sich dazu äußern sollte. Erst im September, drei Monate später, plagt der Teufel die Redaktion der„Pädag. Ztg.", nun gleichfalls noch diese Zahlen mitzuteilen. Und von dort aus gelangt dann die Nachricht in die kommnnalfreisinnige Presse Berlins. Hierbei ist jedoch die Vorsicht gebraucht worden, ein paar nicht ganz kommunalfromme Sätze, die die„Pädag. Ztg." mit veröffent- licht hatte, zu unterdrücken. Dort heißt es z. B.:„Erst dem wieder- holten Drängen einzelner Stadtverordneter ist es gelungen, daß jetzt zum erstenmal die betreffenden Zahlen veröffentlicht worden find." Die„einzelnen" Stadtverordneten sind, nebenbei bemerkt, sozialdemokratische Stadtverordnete, die wiederholt diese Aufforderung an den Magistrat gerichtet haben. In der„Fr. D. Pr." steht natürlich kein Wort davon, daß der Magistrat erst durch Stadt- verordnete dazu gedrängt werden mußte, die Tatsachen mitzuteilen. Dafür spricht aber das Freisinnsblatt dem Lehrerblatt die folgenden Ausführungen nach:„Berlin hat 668 achte Klassen. Diese können im Deutsch- und Rechenunterricht geteilt werden, das ist in zwölf Wochenstunden. Im ganzen ergibt das 7956 Stunden in der Woche, so daß also erst mit einem bescheidenen Bruchteil der Anfang gemacht worden ist." Offen gestanden, so weit wagen selbst wir unsere Wünsche nicht zu erstrecken. Es gibt nämlich neben den achten Klaffen mit Frequenzen von 50, 66 und mehr Kindern auch eine Anzahl achter Klaffen, die aus äußeren Gründen, z. B. wenn sie in den erbärmlich kleinen Räumen gemieteter Schulhäuser untergebracht sind, eine so niedrige Frequenz sunter 40 und gelegentlich sogar unter 30) haben, daß man uns wahrscheinlich für„geradezu verrückt" erklärt hätte, wenn wir für alle achten Klaffen Teilung verlangt hätten. Daß man nun sogar in der„Fr. D. Pr." diesem Gedanken begegnen muß, das ist der Humor von der Sache. Will das kommunalfreisinnige Organ endlich zur Einsicht kommen, oder hat das verspätete Kuckucksei aus Lehrerkreisen nur infolge eines Versehens Aufnahme im Freisinnsnest gefunden?_ Bolle und die Milchzentrale. Der Geheimverttag zwischen der Milchzentrale und der Meierei Bolle sowie die bisher immer mit Erfolg bestrittene Verpflichtung dieser Firma, Auskunft über den Inhalt des Vertrages zu geben, bildeten den Gegenstand einer Ver- Handlung vor dem 5. Zivilsenat des Kammergerichts unter dem Vor- sitz des Senatspräsidenten Coing. Seitens des Herrn Dr. Bolle, Mitinhabers der Meierei, war die Zeugnisvcrweiaerung im Verlaufe eines jener Prozesse ausgesprochen worden, die bekanntlich zwischen der Milchzetitrale und einzelnen Nntergenossenschaften bäuerlicher Milchproduzenten schweben. In dem nur zur Entscheidung dieses „Zwischenstreites" angesetzten Termin wurde zunächst die Sachlage von dem Referenten vorgetragen. Demnächst erklärte der Zeuge, daß er seine Weigerung mit Rücksicht ans die seiner Firma durch einen § 8 des Geheimvertrages mit der Milchzentrale auferlegte Pflicht, den Vertragsinhalt vor jedem Dritten geheim zu halten, nachdrücklichst wiederholen müsse. Namens der beklagten bäuerlichen Genoffenschast verlangte Rechtsanwalt Dr. Fla ran von dem Zeugen eine bestimmte Erklärung, ob die Meierei Bolle, unabhängig von"dieser Vertragspflichl gegenüber der Milchzentrale, ein eigenes gewerbliches Interesse an der Geheimhaltung dieser Abmachungen habe. Der Zeuge gab hieraus zu, daß allerdings zurzeit nicht die Meierei Bolle, sondern ausschließlich die Milchzeutrale ein geschäst- liches Interesse an der Geheimhaltung habe: für ihn sei trotzdem die vertragliche Pflicht gcgen die Milchzentrale entschr'.deud.— Mit Rücksicht auf dieses Zugeständnis beantragte Dr. Flatau, die Zeugnisverweigerung für unbegriindet zu erklären, da nicht ein eigenes Gewerbegeheimnis des Zeugen, sondern höchstens das Geschäftsgeheimnis seines Gegeukoutrahentcn. nämlich der Milchzeutrale, also einer dritten Person in Frage stehe. Auf eine Anregung deS Präsidenten an den Rechts- anwalt E s ch e n b a ch. der die Rechte der Milchzentrale vertrat, ob diese nicht ihren Widerspruch gegen die Zeugnisablegung durch Herr» Dr. Bolle fallen lassen wolle, erklärte dieser. Mangels Anweisung seiner Mandantin auf der richterlichen Entscheidung bestehen zu müssen. Das Urteil des Senats erging dann dahin, daß die Zeugnisverweigerung für unbegründet zu erachten, da nach der gesetzlichen Vorschrift nur ein eigenes Geschästsgcheimnis den Zeugen zur Verweigerung der Auskunft berechtigen würde, ein solches hier aber nicht vorliege. Die vertragliche Verpflichtung des Zeugen gegen- über der Milchzentrale sei kein ausreichender Grund. Die beteiligten Kreise erwarten hiernach demnächst den Inhalt des so viel erwähnten Geheimvertrages zu erfahren. Der Sommer, den der Meteorologe und auch der Hygieniker, abweichend von den Vorschriften des Kalenders, vom 1. Juni bis zum 1. September zählt, hat in Berlin diesmal mit einer höheren Zahl von Sterbefällen abgeschlossen, als im vorigen Jahre. Aus den Monaten Juni, Juli. August waren im Jahre 1904 nmö 9100 Sterbefälle gemeldet worden, im Jahre 1905 aber haben Mse drei Monate uns rund 9700 Sterbefällc gebracht. � DaS Mehr von 600 Sterbcfällen gegenüber dem Vorjahr bedeutet eine Zunahme um 6% v. H., während die Zunahme der Bevölkerungszahl sich auf höchstens 2i4 v. H. stellt. Uebrigens war auch im Frühjahr und im Winter die Sterblichkeit schon beträchtlich größer gewesen, als im vorhergehenden Jahre. Aus den fünf Monaten Januar bis Mai waren im vorigen Jahre nur rund 13 600 Sterbefälle gemeldet worden, in diesem Jahre dagegen wurden rund 14 400 gemeldet. Das Mehr gegenüber dem Vorjahr beträgt hier 800 Fälle. In den ersten acht Monaten von 1905 sind mithin hereits 1400 Sterbefälle mehr vorgekommen als in demselben Zeitraum von 1904. Die Ver- gleichung mit der durchschnittlichen Bevölkerungszahl jedes Monats ergibt, daß in diesem Jahre fast sämtliche Monate, mit alleiniger Ausnahme des März, eine höhere Sterblichleitsziffer als im vorigen Jahre hatten. Die Deminzilisionspest. Anonyme Anzeigen gegen Beamte sind in letzter Zeit bei der hiesigen Eisenbahudircktion in größerer Anzahl eingegangen. Die Direktion hat infolgedessen sämtlichen Dienst- stellen folgende Verfügung zugehen lassen:„In der letzten Zeit ist zu unserem Bedauern ein aliffallend starker Eingang anonymer An- zeigen gegen Beamte festgestellt worden. Wir vermuten, daß häufig Angestellte der eigenen Verwaltung die Urheber der Anzeigen sind, und sehen uns deshalb veranlaßt, an dieser Stelle unserer Ver- urteilung einer derartige» Handlungsweise Ausdruck zu geben. Die Verdächtigungen anderer Personen aus dem Hinterhalt, ohne mit dem eigenen Namen für die aufgestellten Behauptungen eintreten zu wollen, verrät eine derarsig niedrige und verwerfliche Gesinnung, daß solche Anschuldigungen auf Berücksichtigung keinerlei Anspruch erheben können. Wir weisen deshalb erneut darauf hin, daß anonyme Eingaben ohne irgendwelche Behandlnng der Vernichtung anheimfallen." Hoffentlich handeln auch andere Behörden mehr und mehr nach diesem löblichen Grundsätze. Empörte Hausbesitzer. Ein Mißtrauensvotum gegen einen Stadtverordneten ist im Grundbesitzer-Verein Frankfurter Torbezirk beschlossen worden. Gcgen den in der II. Abteilung des 12. Koni- munalwahlbezirkes gewählten Stadtverordneten Rechtsanwalt Galland wurden in der Versammlung heftige Angriffe gerichtet, weil er für die Erhöhung der Umsatzsteuer und die Besteuerung der Grundstücke nbch dem gemeinen Wert gestimmt haben soll. Schließ- lich wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Der Verein ist der Ucberzeugung, daß ein Eintreten seiner Mil glieder für die Wiederwahl des bisherigen Vertreters, Rechtsanwalt Galland, infolge seines Verhaltens gegenüber den berechtigten Jnter, essen der Hausbesitzer ausgeschlossen ist." Wie kann man auch nurl Kaplan Dasbach. Der in vielen Kreisen mit so großer Spannung erwartete VeleidigungSprozeß, den der Reichs- und Landtags abgeordnete Kaplan Dasbach aus Trier gegen den Schriftsteller Adolf Brandt und den Redakteur Karl S ch n e i d t augestrengt hat und für deren Hauptverhandlung nach mancherlei Vertagungen Termin am 27. d. M. anstand, ist durch außergerichtlichen Vergleich erledigt worden. Herr Brandt hatte bekanntlich Herrn Dasbach gewisser unnatürlicher Neigungen zc. verdächtigt, Herr Schneidt hatte nur auf Grund der Brandtschen Publikationen in Schrift und Wort Reflexionen in der Presse veröffentlicht, welche ihm gleichfalls die Anklage zuzogen. Nun hatte Brandt den Beweis der Wahrheit angetreten und eine Anzahl junger Leute laden lassen: auf Grund der Vernehmungen dieser Zeugen hatte er sich indessen überzeugt, daß er s eine Behauptungen nicht werde beweisen können. Namentlich versagte ein Kellner Pohl, den Herr Dasbach schon in Köln wegen Erpressung hat bestrafen lassen. Brandt hat darauf sich zu Er klärungen verstanden, welche Herrn Dasbach befriedigten, so daß dieser die Strafanzeige zurückgezogen hat. Herr Schneidt hatte bereits im Einverständnis mit Brandt in der„Z. a. M." vom 4. September, da er aus eigener Wissenschast nichts bezeugen konnte, revoziert und so ist die Angelegenheit begraben worden. Ein Barictrtheatcr größeren Stils soll in der Luisenstadt und zwar im Hause DrcSdenerstraße 97 errichtet werden. Leiter sind die Herren Alfred Berg und Emil Riwi; das Theater erhält den Namen Kolosseum. Doch ein Cholerafall? In der Cholerabaracke des Moabitcr Krankenhauses ist gestern morgen der Schiffer Wilhelm Lehmann gestorben, und zwar unter Umständen, die es wahrscheinlich erscheinen lassen, daß er der Cholera erlegen ist. Lehmann war vor zwei Tagen auf seinem im Urbanhafen ankernden Kahn erkrankt und wurde als choleraverdächtig nach dem Moabiter Krankenhause gebracht. Mehrere Personen, die auf dem Lchinannschen Kahne beschäfttgt waren, sind zur Beobachtung im städtischen Krankenhause eingeliefert worden. Darunter befinden sich die Frau Lehmanns, die'Kinder des Ehepaares und der Bootsmann und dessen Familie. Diese Leute erfreuen sich vorläufig des besten Wohlseins. Die Behörden haben alle erforderlichen Matznahmen getroffen, um jede etwaige Ansteckimgsgefahr im Keime zu ersticken und eine Per- schärfung der Ueberwachung der Schiffer auf der Spree und ihren Zuflüssen ist in die Wege geleitet. Mit Rücksicht auf die Gefahr der Einschleppung der Cholera ist die Meldepflicht der Schiffer durch eme soeben veröffent- lichte Landespolizeiverordnung, welche heute in Kraft ttitt, dahin erweitert worden, daß jeder Schiffer oder Flößer, der bis zu sechs Tagen vor seiner Anluiift im Landespolizeibezirk Berlin sich an Ortschaften oder in Bezirken aufgehalten hat, in denen Cholerafälle vorgekommen sind, sich, falls er länger als 24 Stunden hier sich aufhalten will, binnen sechs Stunden nach seiner Ankunft polizeilich melden muß. Für die Berliner und Rixdorfer Gewässer hat diese Meldung auf dem Polizeischiffahrtsburean, Probststr. 8, für die Charlottenburger Gewässer beim dortigen Schiffahrtsbureau, Berlinerstr. 92, zu erfolgen. Uebertretungen dieser Verordnung werden mit Geldstrafe bis zu 60 M. oder entsprechender Haft be- straft. Zu dem Zeuthcner Morde wird gemeldet, daß zwei Personen verhaftet wurden, die der Tat, welche sich als versuchter Lustniord herausgestellt hat, dringend verdächtig sind. Die eine ist der Geistes- kranke, der, wie von uns berichtet, einen Gendarm töten wollte und am Mordtage unweit der Mordstätte gesehen lourde. Es ist der 26 Jahre alte Arbeiter Wilhelm Stöpper, den ein Berliner Kriminal- kommissar in Senfteuberg ermittelte. Da Stöpper in Tobsucht verfallen war, mußte er vorläufig in die Irrenanstalt zu Neu- Ruppin gebracht werden. Der andere Verhaftete ist der 31 Jahre alte Fleischer Rudolf Teichmann, der nach der Ermordung der Schiffersfrau Graßnick monatelang in Unter- suchungshaft ivar, aber freigelassen werden mußte. Auch Teich- mann war zur Zeit des Mordes unweit von Wusterhausen ge- sehen worden. Er war tags darauf mit befleckten Kleidern in Rix- dorf gesehen worden und wurde jetzt von dem Knminalkominissar in einer Fabrik in Köpenick ermittelt. Die Farbe seiner Haare soll mit der des Haarbüschels, den man in der Hand der Ermordeten fand, übereinstimmen. Auffallend erscheint, daß Teichmann seine bis dahin langen Haare zwei Tage nach dem Morde kurz schneiden ließ, und daß er einen verunglückten Alibibeweis unternahm. Er befindet sich im AmtSgerichtSgefangnis zu Wusterhausen. Manchen Zeugen- angaben, die Teichmaun schwer belasten, steht der Kommissar sehr ungläubig gegenüber. Der plötzliche Tod eineS russischen ArzteS beschäftigt die hiesigen Behörden. Ein Arzt namens Maschin auS Moskau begleitete einen seiner Kranken, der hiesige Acrzte konsultieren will, nach Berlin und ivollte sich noch einige Zeit hier aufhalten. DounerStag nachmittag er- krankte er in feiner Wohnung in der Friedrichstraße plötzlich selbst unter Anzeichen der schwersten Gelbsucht und ließ sich nach einer Privatklinik bringen. Dort starb er alsbald nach der Aufnahme. Nach deni Gutachten der Acrzte der Klinik ist es wahrscheinlich, daß er sich die Krankheit durch den Genuß von irgend welchen giftigen Speisen zugezogen hat. Gewißheit kann darüber jedoch erst die Leicheiiöffnuilg bringen. Die Revierpolizei beschlagnahmte daher die Leiche und ließ sie nach dem Schauhause überführen. Straßensperrung. Die Brombergerstraße. von der Rüdersdorfer bis zur Memclerstraße wird wegen Neupflasterung vom 25. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Unter dem Verdachte des Kautionsschwindcls wurde ein Kauf» mann Wilhelm Lege in Sonnenburg von der Kriminalpolizei fest» geuoninien. Der Mann ist wegen Kautionsschwindelei und Unter- schlagung schon oft vorbestraft. Zuletzt betrieb er in Moabit eine Fabrik unter der Firma„Oxydationsapparat zur Reinigung, Eni- suselung, Alterung und Veredelung von Wein, Bieren, Oelen und Spirituosen". Nach den bisherigen Ermittelungen scheint sich aber der Betrieb im wesentlichen darauf beschränkt zu haben, daß Lege Leute suchte und fand, denen er in irgend einer Form Bürgschaften und Einlagen abnahm. Beim Waschen erttunken ist der 49 Jahre alte Arbeiter Fritz Dänigkeit aus der Hochmeisterstr. 28. Der unverheiratete Mann half als Stundenarbciter beim Verladen von Heu auf Kähnen und Böden. Wenn er morgens früh zu tun hatte, so ging er abends nicht erst nach seiner vom Humboldthafen und dem Schiffbauer- dämm weit entfernten Wohnung, sondern blieb auf seiner Arbeits- stelle und übernachtete auf einem Heuboden. Morgens wusch er sich dann am Ufer. Bei einer solchen Gelegenheit fiel er in der vergangenen Woche ins Wasser und ertrank. Vorgestern wurde seine Leiche am Holsteiner Ufer gelandet. Gerade vor dem Unglücks- morgen hatte er erzählt, wie sehr er sich auf die bevorstehende Ein» segnung seiner Nichte freue. Ein schwerer Autvmodilunfall hat sich gestern-chenl vor dem Schöneberger Rathause ereignet. Als dort der 61 Jahre alte Kutscher Joseph Brumke aus der Gubenerstr. 19 den Fahrdamm überschreiten wollte, kam von beiden Seiten her ein Straßenbahn- ivagen und ein Automobil herangefahren. Auf beiden Gefährten wurden Warnungssignale gegeben und hierdurch wurde B. so ver- wirrt, daß er blindlings in das Automobil hineinlief. Er wurde zu Boden gerissen, überfahren und noch eine Strecke mitgeschleift. Auf der nahen Unfallstaiion in der Herbcrtstraße, wo dem Ver- unglückten die erste Hülfe zuteil ward, wurde außer schweren inneren Verletzungen ein doppelter Nasenbeinbruch und eine Zersplitterung des Daumens festgestellt. Sttaßenmisall. Im Hausflur des Grundstückes Köpenicker» straße 3a wurde der 6 jährige Walter Reinhold von einem Mörtel» wagen der Firma Hermann Buckenhagen überfahren. Es wurde ihm der rechte Fuß zerquetscht. Er wurde nach der Unfallstation Görlitzer Bahnhof und von dort mach Bethanien gebracht. Der Fuß wird jedenfalls amputiert werden müssen. Die Feuerwehr als Mädchen für alles. Zwei verunglückte Pferde hatte die Wehr am gestrigen Tage zu retten, und zwar ain U r b a n- Hafen und in der W a l d e m a r st r a tz e 32. Am schwierigsten gestaltete sich das Rettungswerk an der ersten Stelle. Dort war ein Pferd über die Ouaimauer hinweg in den Hafen gestürzt und konnte trotz der größten Anstrengungen nicht herausgeholt werden. Schon war das Tier dem Verenden nahe, als die Feuerwehr eintraf. Sie umgürtete im Wasser das Pferd und zog es schließlich mit Fang- leinen aus den Fluten— eine Arbeit, die viel Mühe machte. Im zweiten Falle handelte es sich um einen in eine Grube gefallenen Gaul. Wenn es auch hier gelang, das Tier schnell herauszuholen, so verendete es doch bald darauf. ZirkuS Busch ist Donnerstagabend schon mit einer AusstattungS- Pantomime herausgekommen; nur acht Tage hat dort die dramenlose Zeit gedauert.„Mexiko" heißt das neue Stück. Es ist das schöne an den Zirkusdramen, daß die Handlung gleich in dem Namen liegt und die Phantasie nie fehl geht, tvenii sie sich ein Nordpolstück mit Eisbären, ein Stück, das Katharina II. heißt, mit russischen Bojaren, ein Stück namens Mexiko aber mit Indianern bevölkert vorstellt. Gleich am Beginn treten die Rothäute in die Erscheinung, darunter einer mit schauerlich wildem Augenplinkern. Das ist der Häuptling der Comanches, der es auf die schöne Tochter eines reichen Pflanzers abgesehen hat. Die„große Schlange" wird der unheimliche Häupt» ling genannt und das mit vollem Recht, denn er ist ein sehr gefähr- sicher Kerl. Aber die beängstigende Wirkung, die er mit seinen Kum- pancn ausübt, wird gemildert durch den weiblichen Anhang, den die Rothäute mit in die Manege bringen. Diese Indianerinnen sind liebreizend und unleugbar mit den Ursprüngen einer gewissen Kultur behaftet, denn sie tanzen Ballett nach europäischem Muster. Das Idyll, das sich nun beim fröhlichen Picknick entwickelt, dauert leider nicht lange, die Freundschaft zwischen Blaßgesichtern und Rot- häuten geht in die Brüche; es erfolgt ein Ueberfall mit Tomahawks und anderen indianischen Objekten, und am Schluß des ersten Aktes wird der Postwagen, worin die schöne Pflanzertochter sitzt, von den Indianern erobert und mit Hurra einen steilen Berg hinaufgezogen. Das läßt der Haziendero als Besitzer riesiger Ranchos— man behalte diese spanischen Namen— sich natürlich nicht gefallen; es kommt zum männermordendon Kampf, und zwar nach alter Zirkus- geivohnheit im Wasser. Aufregend sieht es aus, wenn den steilen Abhang Landhecr und Marine der Indianer, untermischt mit riesigen Grizzlybären, hinabrutschen; noch aufregender macht sich aber der Kampf zwischen Weißen und Rothäuten, der zu Pferde im Wasser ausgefochten wird und damit endet, daß Don Ricardo mit seiner gefürchteten Macheta den Indianerhäuptling mitten ins Herze trifft. So hat das Publikum ein an Aufregungen und Kostümpracht reiches Bild genossen und ist durch diesen Anschauungsunterricht über die wahren Sitten und Gebräuche des wilden Westens mindestens ebenso gewissenhaft aufgeklärt worden als durch Karl Mays berühmte Jndianerbücher. Das glanzvoll ausgestattete Stück wird bei Alt und Jung gebührende Bewunderung finden und dem Zirkus Busch un- gezählte neue Freunde werben. DaS Winterhalbjahr der städtischen Kochschule in der Duncker- straße 65/66 beginnt am 11. Oktober 1905. Das Schulgeld beträgt für'/z Jahr 4 M. Nähere Auskunft wird erteilt und Anmeldungen iverden bis zum 29. September Montags, Mittwochs, Donnerstags und Sonnabends von 2—3 Uhr in der Dunckerstr. 65/66 entgegen« genommen. Theater. Im Trianon-Theater findet die Erstaufführung von„Piadame Torera" Freitag, den 29. d. M., statt.— In dem dramatischen Märchen„Der Traum ein Leben" von Franz Grill« parzer, das am Montag ncueinstudiert auf der Bühne deS Schiller-Theaters t).(Wallner-Theater) erscheint, wird Georg Paeschke den Rustan, Franz Rolan den Zanga, Gusti Becker die Mirza spielen. Den König gibt Max Pategg, die Gülnare Paula Eilten, den Mann vom Felsen Heinz Bernccker. Die Regie deS Stückes führt Willy Wertmann.— Im Carl Weiß-Theater bringt die Spielleitung Klär-Kleyn als dritte Vorstellung im Volks» und SchauspielzykluS„Kabale und Liebe". Als Gäste wirken: Frau Dir. Corneck als Lady Milford und Fr. Paula Klär als Luise._ Vorort-JMachrichteii. Charlottenbnrg. Der Magistrat ersucht uns, folgendes mitzuteilen: Am heuttgen Tage eröffnete die Stadt Charlottenburg ihre zweite kosten- lose Stellenvermittelung für weibliches HauS» personal. Die Geschäftsstelle, welche werktäglich von 9—12 und 3—7 Uhr geöffnet ist, befindet sich Wittenberg Platz 4 sEcke Bay- reutherstraße) an einem Hauptveikehrspunkte von Berlin W., dessen größter Teil zum Gemeindebezirk Charlottenburg gehört. Die siäume, welche sich im Erdgeschoß des genannten Hauses befinden, ind zweckeiltjprcchend und freundlich eingerichtet. Es ist ein An» ntcftcjimmer vorhanden, an welches ffch zwei Earteräume, für Stellung�eber und Stellungsuchcude getrennt, sowie ein Garderobe» räum auschliehen. Durch die Einrichtung besonderer kleinerer B e s p r e ch u n g s z i m m e r ist die Möglichkeit geboten, dnh Unter» Handlungen von Dienstherrschaften mit Stellung suchenden an Ort und Stelle und ungestört stattfinden können.— Fcrnsprcchanschluß und zwar Amt Charlottenburg Nr. SSS3 ist gleichfalls vorhanden. Schöneberg. Der Stadtvcrortiietenbeschluß gegen die Fleischteuerung wird auch in Scdöneberg, wie in anderen Gemeinden, recht in die Länge gezogen. Nachdem am 4. September die bekannten Resolutionen tn Sachen der Fleijchnot als dringliche behandelt und in der Sitzung auch als solche ohne weiteres angenommen wurden, steht jetzt am 25. Sepieniber, also nach drei Wochen, endlich die Wahl der gemischten Deputation aus der Tagesordnung, nachdem bereits am 8. September der Magistrat dem„dringlichen" Beschlüsse beigetreten war. Man kann danach ermeiseu, wie es in jenen 5treisc» um die so oft betonte Arbeiterfreundlichleit aussieht. Der Besetzung der zweiten Biirgcvnieister- und der Kämmerer» stelle ist der Magistrat, nachdem die Stadiverordiietenvclsnuunlung eine Ausschreibung beider Aemter, entgegen der Absicht des ersleren durchgesetzt haite, beigetreten. Nach Einholung der Ge- nehmigung durch den BezirlSauSjchuh dürfte jedenfalls die Aus» schreibung bald erfolgen.— Mit den„vorb. reitenden' Schritten zur Stadtratwahl— es sollen noch zwei unbesoldete den Magistrat verstärken— scheint man m gewissen Kreisen noch keine Emigung erzielt zu haben. Abgelehnt hat der hierzu eingesetzte Ausschuß das verlangen des Stadtverordneten Polenz, ihm sogenannte Rcservatrechtc für sein Grundstück in der Akazienstrajze zu gewähren. Seinen bürger- liehen Freunden selbst schien eine solche Forderung, womit be- zeichnenderweise sogar schon der Magistrat einverstanden war, zu weit zu gehen. Herrn Polenz dürfte dadurch freilich ei» schönes Geschäft entgange» sein. Wilmersdorf. Am Mittwoch tagte eine gut besuchte außerordentliche Versammlung des Wahlvcreins in Wilmersdorf. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsitzende dem in Lltenburg verstorbenen Genossen Hilpert einen warm empfundenen Nachruf. Die Ver» sammlung ehrte das Andenken des Verstorbenen durch Erheben von den Plätzen. Alsdann wurde die Diskussion der Lokalfrage fortgesetzt. Wie brennend die Lokalfrage ist, geht daraus hervor,'daß 40 Redner an der Diskussion teilnahmen. Eine Resolution, die besagt, daß der Vorstand des Wahlvcreins beauftragt wird, da der Partei am Orte nur ein veraltetes, un- geeignetes Lokal zur Verjügung steht, die Erlangung eines den jetzigen Anforderungen entsprechenden Lokales herbeizuführen, fand einstimmige Annahme. Sämtliche Vereine und Gewerkschaften unseres Ortes sowie die gesanite arbeitende Bevölkerung werden verpflichtet, den Kamps in wirlsamsler Weise zu unterstütze». Je energischer und geschlossener ein Kampf, desto schneller und sicherer der Sieg. Im Interesse einer schleunigen Durchführung dieses Beschlusses muß der Kampf gegen das Lokal„Louisenpark' mit Nachdruck geführt werden. Nach Zu« stimmung des Zeutralvorstandes werden die nötigen Maßnahmen eingeleitet werden. Hierauf gaben die Delegierten einen Bericht von der General» Versammlung, an den sich eine rege Debatte knüpfte. Feiner wurde beschlossen, falls ein Mitglied de§ Vereins außer- halb des Ortes stirbt, ist der Vorstand verpflichtet, am Begräbnis offiziell durch Delegation teilzunehmen. �riedrichshagen. I» der letzten MoaatStzersanimlung des Wahlvereins von triedrichShagcn und Umgegend hielt Dr. Bruno Wille einen Ertrag über das Thema:„Hat ChristuS gelebt?' Der Vortrag fand großen Beifall. Ohne Diskussion wurde in der Tagesordnung fortgefahren. Als Delegierte zur Kreiskanferenz wurden die Genossen Rüyl, Werkmanu, Köhler, Korsing und Schulze gewählt. Unier Verschiedenes erfolgte auf Anregung des Vorsitzenden deS Gewerkschaftskartells eine Aueiprache über das Verhalten der hiesigen Barbierherren gegen ihre Gehülfen, welche wegen Lohnerhöhung bei den Barbierherren vorstellig wurden. Friedenau. Am Dienstag hielt der Wahlverein seine Generalversammlung ab. Nach dem Bericht des Genossen Thiel über die Kreisgeneral- Versammlung leitete Genosse Thielicke den Bericht über die Tätigkeit des Vorstandes mit der Auffordernng ein, sich zur Ehrung der im verflossenen Jahr verstorbenen drei Genossen Brunzel, Heyn und Richter von den Plätzen zu erheben. Sodann gab er einen all» geineinen Uebcrblick über die Entwickelung deS Vereins. Der Bericht klang in den Appell aus, die Genossen von Friedenan möchten im neuen Vereinsjahr unter Zurücksetzung aller persönlichen Streitig- leiten ihre Pflicht dem Verein und der Partei gegenüber voll er» füllen und dadurch wirksam an der Erripgung unseres hohen Zieles mitarbeiten. Sodann erstatteten alle anderen Funktionäre mit Ausnahme des Kassierers Bericht über ihre Tätigkeit. Der Kassierer wird, da daS Geschäftsjahr erst mit dem 30. September abläuft, den Bericht in der Oktoberversammlung geben. Die Vorstandswahl zeitigte folgendes Resultat: Als erster Borsitzender wurde gewählt: Thielicke, als zlveiler Vorsitzender MarowSky, als Schriftführer Kleemann, als Kassierer Döring, als Beisitzer Emil Schulz, als Bczirksfiihrer für den 1. Bezirk Bank und Träder, für den 2. Bezirk Budraß und Angermüller, für den 3. Bezirk Keßler und Wcsiphal, für den 4. Bezirk Limp und Hille, als Revisoren Angermüller, Fliep und Clement?, als Bibliothekar Westphal und als Stellvertreter des zur- zeit tranken Bibliothekars Hirsch Gülde. Die Beratung des Statuten» entwurfs für die Zentralisation der Wahlvercine von Groß-Berlin wurde bis zur Oktoberversammlung zurückgestellt. Nowawes.' Einen wichtigen Beschkuß des Gemcindevorstandes in bezug auf die zukünftigen Gemeindeverordnetenwahlcn teilte der AmtSvorsiehcr in der am Mittiooch abgehaltenen Gemcindevertretersitzung mit. Danach soll in Zukunft die Wahl der Vertreter der dritten Klasse in Nolvawes nicht mehr wie bisher in einem Bezirk, sondern in zwei Bezirken stattfinden, und zwar soll die Mitte der Priester- straße die Trennungslinie für beide Bezirke bilden. Der Amts- Vorsteher begründete dies damit, daß bei der letzten Wahl der An- drang der Wähler und ihr Verhalten derartig gelvcscn wären, daß es ihm nur mitcr großen Schwicrigleiteii möglich gewesen wäre, die Wahl zu leiten. Außerdem soll die Zahl der Vertreter von IS auf 18, die der Schöffen von 4 aus S erhöht werden. In der Diskussion hierüber erklärte Genosse Hähnchen, daß sich die Schwierigleiten bei der vorigen Verlreterwahl hauptsächlich daraus ergeben hätten, daß der Wahltisch dicht am Eingänge zum Wahl- lokal und in der Nähe des Büfetts gestanden habe. Bei einer besseren Placierung des Wahlbureau» wäre die Wahlhandlung ohne Störung verlaufen.— Wegen Erweiterung des S ch u I h a u s e s wurde die Remuneration der Schuldiencrin von Lö4 auf 3(30 M. pro Jahr erhöht.— Einem Antrage des Amtsvorstchers auf Beschlußfassung wegen Uebernahme der Mittetöusch-Ländereien in den Amt»- bezirl Nowawes-Neuendorf gab die Vertretung ihre Zustimmung. Diese Ländereien, welche über 80 Morgen groß und hinter dem Bahnhof Drewitz gelegen find, gehören dem Fiökus und sind anfangs der fünfziger Jahre vorigen Jahrhunderts zur Bewirtschaftung durch die Nowaweser Gemeindeangehörigen gegen eine mäßige Pacht freigegeben worden. Die Verpachtung geschieht durch die Gemeindevertretung, jedoch stand der Gemeinde- resp. Amtsbehörde bisher keine Polizcigewalt über den Mittelbusch zu, sondern dein Forstamt in Potsdam, so daß es gar nicht zur Kenntnis des Amts-- Verantw. Redakteur: Heinrich Wetzk'r, Groß-Lichterfelde-?ür de Vorstehers kam, wenn von den Pächtern rechtswidrige Handlungen auf den Grundstücken begangen wurden, sondern alle Anzeigen an den Forstmeister in Potsdam gingen. Dies führte zu vielen Un- annehmlichkeiten, die durch den erwähnten Beschluß beseitigt werden sollen. Natürlich ist hierzu außer der Zustimmung der anderen Gemeinden des Amtsbezirks, denen dieser Antrag demnächst zugehen wird, auch das Einverständnis der Regierung nötig.— In der nicht- öffentlichen Sitzung kam u. a. folgende Sache zur Verhandlung: Vor zirka zwei Jahren beantragie ei» Gemeindebeamtcr eine Gehalts- erhöhung. Da nun die Gehälter durch Statut geregelt sind, konnte die Vertretung diese Forderung nicht bewilligen, ohne die übrigen Beamten zurückzusetzen. In Anbetracht, daß es sich um einen tüchiigen Beamten handelte, der eine fünfköpfige Familie zu ernähre» hatte, beschloß die Versammlung, diesen Beamten zum Sekretär zu ernennen, obwohl er noch lange nicht die nötige Anzahl Dienstjahre hinter sich hatte. Man will ihm dadurch eine Gehaltserhöhung zu- komme» lassen, da sein Gehalt 300 M. weniger als das der voll- berechtigten Sekretäre betrug. Trotzdem der Beamte sich damals damit zufrieden erklärt hat, hat er jetzt gegen die Gemeinde eine Klage aus Zahlung des vollen Sekretärgehalts vom 1. April ab an- hängig gemacht. Da die Gemeinde bei dieser Klage zweisellos der verlierende Teil sein wurde, gab die Vertretung ihre Zustimiimng zur Zahlung de» vollen Selrecärgehalts für diesen Beaiulen. Köpenick. Zur Lohnbewegung der Frisenrgehülfen ist zu berichten, daß der Stand derselbe» uiivcräiiderl ist. Der Jnnungsvorsland bemüht sich nach wie vor. seinen Einfluß auf die Jnnungsmitgliedcr dahingehend Geltung z» verschaffen, daß sie die Forderungen nicht anerkennen. Der Kampf der Friseurgehnlien ist unter diesen Umständen ein äußerst schwieriger, die Unterstützung der organisierten Arbeiterschaft daher erforderlich. Die bewilligten Geschäfte sind keiiullich durch ein rotes mit weißem Kreuz versehenes Plakat. Die Gehülfen müssen im Besitz einer weißgrünen Kontrollkarte sein. Die Karle ist nur gllltig. wenn sie laufend gestempelt ist. Alle anderen Plakate sind täuschende Nachahmungen. Bewilligt haben die Arbeitgeber: Roter, Griinalterstraße; Schwarz, Muggelheimerstratze; Kerber, Rudowersiraße; Kubisch, Kaiserin Auguste Viktoriastraße, und Wescner, Hvhcnzollernplatz. Von neuem bewilligt habe» die Arbeit- geber: Pohl, Müggelheimerstraße; Fädicke. Elffabethsiraße. Die Lohnkommission der Friseul geHülsen. Lichtenberg. Unsere Parteigenossen haben wiederholt angeregt, den Land- streifen an der Frankfurter Chaussee und der Ostbahndrücke, der mit sonst am Orte io spärlich vertretenen gärtneriscken Anlagen versehen ist, in de» Besitz der Gemeinde zu bringen. Ein spekulativer Kops hat nun diesen Streifen Landes an sich gebracht, und— nun ge- uehmigte die Geineindeverlretung die Aufnahme dieses Streifen Landes als öffentlichen Platz in den Bebauungsplan. Die Ge- meindevertretung beschloß die Aufnahme zweier Anleihen für Zwecke der Kanalisation auf Rechnung deS Zwcckverbandes im Betrage von 86 000 und l1/» Millionen Mark. Die Pflasterung der ZufahrtS- straße zu dem' Kranlenhansbauplatz an der Frankfurter Chaussee wurde beschlossen, ohne daß die Frage des Krankenhausbaucs über- Haupt Erwähnung fand. Ein Abänderungsantrag zu einem erteilten PflasterkonsenS erfuhr Ablehnung. Dir GeneriUversiiMmlnng des sozialdemokratischen Wahlvereins nahm in ihrer Sitzung am lv. September zunächst den beifällig auf- genommenen Bericht des Genosten Karl Liesegang über die Kreiskonferenz entgegen. Eine Debatte wurde nicht beliebt.— Zu der im Oktober stattfindenden Kreiskonferenz wurden dann durch Zuruf die Genossen Linke, Kopenhagen, Liepe, B ach- huß, Zimmermann, Hafner, Schulze, Otto Liese« gang, Liebermann, Redke und als Ersatzmann Hagel gewählt. Genosie Seikel brachte den Entwurf zu einer Partei- organisation über Groß-Berlin zur Verlesung. In der außerordentlich lebhast geführten Debatte machten die Genossen Welk. Liepe, Kühler und Liebermann einige Bedenken geltend, erklärten sich aber mit der Tendenz des Entwurf» einverstanden. Die Genossen O. Grauer und K. L i e s e g a n g bemühten sich, die gemachten Bedenken zu zerstreuen und traten für unveränderte Amiahme des Entwurfes ern. Gegen nur wenige Stimmen erllärke sich die gut besuchte Versammlung unter Ablehnung der AbänderungSanträge für den Entwurf.— Der Genosse Karl Liesegang wurde zum Abteilungsführer(3. Abt.) und Genosse Alf. Busse zum Bezirisführer gewählt. Der Bibliothekkommission wurden debatteloS ISO M. bewilligt, um die Bücher, ammlung mit neueren Erscheinungen der Partei- literatur auszusiatten. Ebenso fand ein Antrag Annahme, den sozialdemokratij.ven Gemeindeverlrctern die„Kornmimale Praxis' auf Kosten deS Wahlvcreins zu liefern. Genosse Grauer gab den Wortlaut der Anträge an die Gemeindevertretung in Sachen der Fleischnot und der Errichtung eines Relonvalescentenheimes auf dein_ Rittergute Tasdorf bekannt. Die Beranstaltiing eines Kunstabends am 2l. Oktober fand die Zustimmung der Versammlung.— Der Wunsch deS Genossen B.. daß die Versammlung entscheiden möge, ob er der geeignete Vorsitzende deS WahlvereiuS sei, wurde auf Antrag Grauer durch Uebergang zur Tagesordnung debattelos erledigt.— Die Neuwahlen der Vereinsfunktionäre sollen nach Beschlutz der Versammlung nicht im Oktober vorgenommen werden, sondern erst im Anschluß an die bevorstehende OrganisaiionS- änderung stattfinden. Französisch-Buchholz. In einer Mitgliederversammlung deS WahlvereiuS sprach Genoffe Adolf Stern-Berlin am Dienstag über die Entstehung der Bibel. Der Lehrer König trat dem Referenten entgegen, doch wußten die Genossen Stern und Sonntag dem Herrn gebührend zu antworten. Am 17. Oktober ist die Generalversammlung des Bezirks Französisch- Buchholz. Nachdem die Aufforderung zum Abonnement auf den „Vorwärts" ergangen war und die Versammlung mehrere Mitglieder anfgenommen hatte, erfolgte Schluß der Versammlung. Sericbts-Leitung. Einen ErpressungSfeldzng unternahm der Monteur Karl Grund mann, welcher sich gestern unter der Anklage der fort- gesetzten versuchten Erpceffung vor der Strafkammer verantworten muhte. Der bisher unbescholtene G. wurde beschuldigt, eine Anzahl Briefe an das Korps„Normannia" gerichtet zu laben, in welchen er die Zahlung der Summe von 2000 M. forderte. An diese Forderung knüpfte er Drohungen, daß er Mitglieder deö Korps bloßstellen würde. Am S. Mai ging in dem Heim der Verbindung in der Großen Harn- bürge rstraße wiederum ein Erpresserbrief ein, in lvclchem er 2000 M. binnen drei Tagen verlangte. Anderenfalls würde es bald zu einem „großen Krach" kommen, da ja verschiedene Mitglieder der Ver. bindung wissen müßten, welche Beziehungen sie zu der Frau eines Rektors unterhielten. Auch würden durch seine„Enihüllungen" ver- schieden? junge Damen, die mit Mitgliedern der Verbindung in Be- Ziehungen stehen, arg lompromittiert: er selbst störe auch nicht gern junge Ehen. Diese Briefe wurden von de:„Normannia" der Staatsanwaltschaft übergeben, die daS jetzige Strafverfahren an- hängig»rächte. Bor Gericht erklärte der Angeklagte, daß ihm von einem Fräulein Jonas, die wohl gewisse Erfahrungen mit den„Nor- mannen' gemacht habe, verschiedene heikle Dinge über das Korps er. zählt worden seien, die er sich selbst zunutze machen wallte. Mit dem Gelde beabsichtigte er, sich ein Geschäft zu kaufen, k�er Staatsanwalt beantragte mit Rücksicht darauf, daff der Angeklagte in frivolster Weise infolge der Klatschsucht einer jungen Dame Borteile heraus. zuschlagen suchte, eine G e f ä n g n i s st r a s c von 3 Monaten. Das Urteil lautete auf 2 M o na te Gefängn i�._ Inseratenteil veralstw.g T-fi. Glocke, Berlin. Druck u. Verlan: Vorwärts Einen verzwickten Rechtsfall stellte eine Anklage wegen fahr» lässigen Falscheides dar, welche den Privatier F. aus WilmerS» darf gestern vor di? Strafkammer des Landgerichts II führte. Di« 20 jährige Tochter deS F. hatte für ihren Vater, der Hausbesitzer ist, als Vertreterin einen Jnterventionsprozeß geführt und verloren. Sie hatte infolgedessen Gerichtskostcn in Höhe von 38 M. zu zahlen. Die Zahlung wurde indessen venveigert. Die Kosten sollten deshalb durch die GcrichtSkafie auf dem Zwangöwcge beigetrieben werden. Eine Pfändung blieb bei Fräulein F. fruchtlos. Nach den Vor- schriften der Zivilprozeßordnung wurde nunmehr der Angeklagte als zur Ableistung des Offenbarungseides geladen. F. leistete auch für seine Tochter den Offenbarungseid. Hierbei soll er unterlassen haben, anzugeben, daß seine Tochter eine Lebensversicherungspolice der..Viktoria" über 200 M. besitzt. Die Folge war die vorliegende Anklage wegen Verletzung der Eidcspflicht. Vor Gericht behauptete F., daß seine Tochter gar nicht Besitzerin der Police sei,'obwohl diese auf ihren Namen lautete. Seine Frau habe ohne Wissen der Tochter die Versicherung aufgenommen und auch die» Prämie bezahlt. Rechtsanwalt Dr. Werthauer erklärte dies damit, daß es in den weitesten Volkskreisen üblich sei, daß die Eltern sich eine Sparbüchse anlegen, indem sie für mitunter gor nicht existierende Kinder Lebensversicherungen und Sparkassenbücher aufnehmen. Der Gerichtshof hielt für festgestellt, baß jene Lebensversicherung taisächlich nicht zu den Vermögensstücken der Tockster gehörte, der Augeklagte also den Offenbarungseid für seine Tochter richtig geleistet hatte. Der Gerichtshof erkannte deshalb auf Freisprechung. Der Staatsanwalt hatte zwei Wochen Gesängnis beantragt. Vermilcdres. Rudolf Vlnimbach, ein Liebling der deutschen Bildungs-Philister, ist am Donnerstag in Meiiiingen kurz vor seinem SS. Geburtslage gestorben. Bekannt ivurde er durch sein Epos„Zlatnrog", das einer slovenischen Alpensage sein Entstehen verdankt. Baumbach lebte damals als Lehrer in Trieft. In den nächsten Jahren er- schienen mehrere Liedersammlungen. Die leichten.� launigen Sachen, die von Wein und Wandern erzählten, gefiele» besonders den Jung- bürgern. Das Lied von der Linden wirlin wird heute noch gesungen. Auch Erzählungen. Heldenlieder. Märchen hat Baumbach gelchrieben. Seine Bücher erlebten sehr hohe Auflagen. Der RaturalismnS machte dann der Spielerei ein Ende. Baumbach ist als Hofrat gestorben. Eisendahnunfall. Aus St. Wendel sRheinprovinz) wird amtlich gemeldet: Am 20. d. M., 9 Uhr 32 Min. nnchmittags, fuhren auf dem Bahnhof Martinstein infolge UeberfahrenS de? Einfahrtssignals zwei Güterzüge auseinander. Entgleist sind sieben Gitterwagen, davon wurden drei stark beschädigt. Menschen wurden nicht ver- letzt. Der Verkehr wurde durch Umsteigen an der Unfallstelle auf- recht erhalten. Auf der Statton Bischofstein(Ostpreußen) fuhr gestern früh, wie aus Heilsberg gemeldet wird, ans noch nicht aufgeklärter Ursache ein Personenzug in ein LadegeleiS, auf dem einige Güterwagen standen. Bei dem Anprall wurde der erste Wagen aus den Schienen gehoben. Ein Händler aus Allenstcin wurde leicht verletzt. Aus der alten neuen Welt.„Regen-inS-Gesicht", der letzte der großen Siouxhänptlinge, die Mitte der siebziger Jahre ihre Stämme zum letzten Verzweiflungskampfe gegen die Truppen der Vereinigten Staaten führten, ist in der Jndianareservation in Süddalota im Alter von 62 Jahren gestorben. Er war ein reinblütiger Sioux, eine typische Rothaut, wie Cooper sie zu schildern liebte. Bis zu seinem letzten Atemzugs bewahne er seinen unversöhnlichen Haß und seine Verachtung gegen die Weißen, und kein Gold konnte ihn verlocken, sich, lvi« es sein Kampfgenosse Eitting Bull getan hatte, der Wildwestschau Buffalo Bills an- zuschließen, da er dies mit der Würde eines indianischen Häupling« für unvereinbar erachtete.„Regen« ins- Gesicht' war der Führer bei dem großen Gemetzel im Jahre 1876 in den Black Hills, wo General Custer mit 300 Soldaten bis auf den letzten »kann niedergemacht wurden. Er schnitt mit eigener Hand dem General das Herz aus dem Leibe. Er war im Westen seinerzeit der aefürchtetste Pferdedieb und Skalpjäger, und wen» er auch in den letzten Jahren in Süddakota das Entgegenkommen der UnionS- regierung mcht mehr zurückwies und logar die Uniform der Juoianerpolizet trug, so hat er sich doch niemals völlig mit ihr aus- gesöhnt. Er hatte siebe» Frauen und bedauerte immer nur. daß seine Mittel ihm keinen größeren Aufwand in dieser Beziehung ge- statteten, lim für seine jüngste Frau Platz zu schaffen, soll er die älteste umgebracht haben. Man fand sie eines TageS mit durch- schniltener Kehle im Zelt liegen, jedoch konnte.Regen-ins-Gesicht' niemals etwas bewiesen werden. Eine ganze Stadt verschüttet? Ans Rom wird gemeldet: Infolge ausgedehnten Schwefelbergbaues unter dem San Paolino- Berge bei Sutera(Sizilien) stürzte heute der Berg in sich zusammen, wobei er die an seinem Fuße liegende Stadt unter sich begrub. Eine große Anzahl Menschen sollen umgekommen sein, doch soll es der Mehrzahl der Einwohner gelungen sein, sich unter Zurücklassung ihrer Habseligkeiten zu retten. Von Palermo ans ist eine HülsS- aknon eingeleitet worden. Bon der Cholera. In den letzten 24 Stunden ist nur ein choleraverdächtiger Fall im Bromberger Bezirl gemeldet worden; ein Gefangener, der in der Glashütte in Usch arbeitete, ist erkrankt. Bei einer choleraverdächtig erkrankten Person in Karlsdorf ist Cholera festgestellt worden, desgleichen bei der unter Beobachtung stehenden Arbeiterin i» Graudenz. Der Verdacht, daß Cholera die Ursache bei dem in Mysloimtz verstorbenen Fleischermeister Rümpel gewesen sei. hat sich nicht bestätigt. Zwei Aerzte haben vielmehr Herzschlag als Todesursache festgestellt. Auch bei in Beuthen vorgenommenen bakteriologischen Untersuchungen wurden Bakterien nicht vorgefunden. Ueber ewen Aufsehen erregenden Raubmord wird aus Heidel- berg gemeft; Unter dem Verdachte, den seit dem 30. Juli ver- mißten und kürzlich mit einer Schußwunde am Kopfe verscharrt aufgefundenen Engländer ermordet z» haben, wurden ein Hausknecht deö Gasthofes„Rhcingold" und der Wirt vom„Bierhelder Hof' verhastet. Der Ermordete, der 42 Jahre alte Eirgländer Thomas Reid aus PaiSley, wohnte zuletzt im„Rheingold'. Er unternahm von da einen Ausflug, von dem er nicht mehr zurückkehrte. Der Bruder deS Ermordeten war mit zwei Gcheimschutzleuten von England nach Heidelberg gekommen, um die Nachforschungen selbst zu leiten. Selbstmord. Der polnische Bankdirelior, ehemalige Referendar Dr. jur. Karas, bekannt aus dem polnischen akademischen Geheim- bundprozesse, der infolgedessen aus dem Justizdienst entlassen wurde, ist gestern bei Posen vom BreZlau-Poiener Frühzuge überfahren und getötet worden. Allem Anschein nach liegt Selbstmord vor. Oesscntllche Blbliotbek und Lesehalle zu unentgeltlicher Be> Nutzung für jedermann, SW., Lllerandrinenstr. 28. Geössnci läglich von 5'/,— 10 Uhr abends, an Sonn- und Feierlagen von 9— t und 3—8 Uhr. In' den Lesesälen liegen zurzeit SIS Zeitungen und Zeitschrtficn jeder Art und Richtung ans. Frelreligtaie Gemeinde. Sonntag, den 24. Seplb., vorm. 100, Uhr. in Keller« großem Festsaal, Koppenstr. 2g:„Feier der Jugendweihe" (Konsirmationj. Die Festrede hält Frl. Ida Altmann. Gäste, Damen und Herren, sehr willkommen. Nach B-iifiel reijende Genossen! Deutscher Arbeiterverein Brüssel. Versammlung alle 14 Tage Montags, abends 8'/, Uhr, im VcreinSIokale Memon du pcuplo, 3iuc Joses Stevens. Unterstützung, Beistand durch Rat und Tat, reichliutlige Bibliothek, französischer Unlerricht. Auskunft jeden Tag abends von 3—10 ebendaselbst. Rescrenten. welche durchreisen oder einen Abstecher nach Brüssel machen wollen, find stets willkommen. Vr�druckeui u. VerlngSanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, Achtung! Arbeiter Achtung! der Slektrizitäts- Gesellschaften! Am Sonntag, den 24. September er., vormittags 11 Uhr: 14 Versammlungen aller Hrbeiter und Arbeiterinnen I. iiigemeine Elektrizitäts-Gesellsehaft: nacbftebender fabriken und Merke: II. Siemens£ HalskeMSiemens-Scliiiekert- Werke: Kabelwerk Ober-Schöneweide, Elektrizitätswerk„„ Automobilba«!„„ Abteil. 2., Schiffbanerdamm, Werk Ackerstraße» „ Srunnenstraße, „ Schlegelstraße, berliner Elektrizitätswerke. Werk Franklinstraße, Glühlampenwerk Kelmholtzstr. Wernerwerk Nonnendamm» Kabelwerk Nonnendamm» Gießerei Pankow, Persandt-Abt. Schönebergerstr. Tages-Orönung: OZe Aussperrung! Die Versammlungslokale sind nachstehende: Germaniasäle, Chausseestr. 103; Kolberger Salon, Kolbergerstr. 23; Ballschmieders Salon, Badstr. 16; Wernau, Schwedterstr. 23; Kronen-Brauerei, Alt-Moabit 47/48; Peters Gesellschaftshans, Wiclefstr. 24; Boekers Gesettschaftshaus, Weberstr. 17; Buggenhagen, Oranienstr. 147; Andreas-Festsäle, Andreasstr. 21; Sanssouci, Kottbuserstr. 4g; Vietoria-Branerei, Lützowstr. 112; Rirdorf: Thiel, Bergstr. 152; Ober-Schöneweide: Restaurant Wilhelminenhof; Eharlottenbnrg: Volkshans, Rosinenstt. 3. Kollegen rnid Mitarbeiter! Da eS sich um die Aussperrung von zirka 30000 Arbeitern und Arbeiterinnen handelt, welche durch ein Machtgebot der Unternehmer brotlos gemacht werden sollen und kein einziger von Euch weitz, ob er noch morgen in den Betrieb hineinkommt, und da die Sache der Ausgesperrten Eure eigene Sache ist. ist es unabweisbare Pflicht, daß auch kein einziger und keine einzige der in genannten Betrieben beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen fehle. Die Verwaltungen vom Dentschen Metallarbeiter-Verband; Gewerkverein der Metallarbeiter and Maschinenbauer; Deutsche Metallarbeiter-Gewerkschaft; Verband der Fabrik-, Land- and Hälfsarbeiter; Verband der Handels- and Transportarbeiter; Deutscher Holzarbeiter- Verband; Verband der Maler and Lackierer. vor Wünborufer: Ad. Cohen. Mtr K Zahlütelle Berlin. Krunche der MiMinjiriimilleimbeiler. Montag, den 25. September, abends 8>/»Nhr, im Gewerlschaftöhause, Engel-Nser 15(Saal l): Branchen-Mitgliederversammlnng. Tagesordnung: 1. Vortrag des Schriftstellers M. H. Barge über: .Die Entstehung und Abstammung des Menschen. 2. Branchenangelegen« heitern 3. Verschiedenes. Zahlreiches Erscheinen wird erwartet. Die DerNauenSmänner haben in ihren Betrieben auf diese Versammlung die Kollegen noch besonders aus- merksam zu machen. Mitgliedsbuch legitimiert. Gäste willkommen. Die Branchenkommisston. = Möbelpolierer.— Montag, den 23. September, abends H'l, Uhr, im KOnigstadt Kasino, Alexander- und Hoizmarktit raste: lll'smvkvn-- VvR'SKSAHMlung. TageS-Ordnnng: 1. Vortrag des Genossen H. Pöstsch:»Partei und Gewerkschaft� L: Diskussion. 3, Branchenangelegenheiten. Die Kollegen werden ersucht, die Adressen von Heimarbeitern und Heimarbeiterinnen dem Kollegen A. Niese, Landsberger Allee 151,1 mitzu» teilen. Mittwoch, den L7. September, abends 8�/, Uhr: BrancSien-EComBnissionssiizung bei Kubat, Bluniensir. 38. Sonnabend, den so. September: Großes Hertst-ferpüfjen im Lokale Jlönigsbank, Gr. Frankfnrterftr. 117! Allgemeine 6rts- Krankenkasse für Spandan. Zu der am Montag, den 2. Oktober d. I., abends 8 Uhr, im Biktoria-Garten stattfindenden General-Versammlung werden die Herren Vertreter hierdurch eingeladen. Tage«. Ordnung: Beschlutzsassung über Mietung eines nenen Kassenlokals und Festsetzung der neuen Beamten-Verhältnisse. Bericht über die Verschmelzung der hiesigen Orts-Mankenkajse. Bericht über den Krankenkassen« Kongreg in Dresden. Verschiedenes. Der Borftand. 275/2 A. K l e i» e r t, Vorsitzender. Urcr MT Auftreten von ©ralks Konzert. lftreten von Komikern und Humoristen unter der artistischen Leitung deS Herrn Sicbnltc vom Schweizergarten. Nach dem Konzert: SÜ A L La Herren, welche daran teilnehmen, zahlen 50 Ps. nach. ÄillettS a 23 Pl. sind bei den Kollegen H. Schulz, Zorndoiler- he 57, und R. Niese, Landsberger Allee 151, zu habe». Für regen Zerlrieb der Billetts haben die Kollegen zu sorgen. ö3/2» Der Obmann. W. Lgpgh llut-labrik Glralükerslr. IZI. kür Leiden- und �il?-tiüte. Lager In Schirmen nnd Htttaen."VQ(3L44L' In ff. Lage v. IVlttcnberg bürg. Restaurant bei 8-it>«<>0 M. Anz. zu ver« kaufen. HauS u. Inventar tabel-. los, IV Jahre im Besitz, goldsich. Geschäft, mir eine Hypothek. Brauerei-lliiterst. sicher. Bier- Umsatz 310 Hkl., viel and. Getr. Varl Brlnch, Dessau i. Anh. 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Kollegen I Indem wir nun in der dritten Woche seit Jnkrasltreten des Tariss sind, ist es notwendig, dast alle Kollegen erscheinen, um unS mib zuteilen, wo noch nicht bewilligt ist. Wohlfahrls- -Mßriß.i üeld Ziehung: 27-30.Sepllir. I Aewns! Sehtosser. Mtangl Montag, den 25. September, abends S'/z llhr, bei Buggenhagen, Moritzplatz, Oranienstr. 147(großer Saal): Allgeiiicilie Ailolscr- Uersemiilluug. TageS-Ordnung: 1. Vortrag des ReichStags-Abgeordiieten Ednnrd Bernstein Qbei': »Darifgcmcinschafteii und Klassenkampf-. 2. Bericht über die ein- gelnuseuen Fragebogen. 3. Wahl der Branchenkommission und deS VraiichciivertrclcrS. 4. Verschiedenes. Zahlreiches Erscheinen aller Kollegen ist notwendig. Montag, 25. September, abends 7 llhr, im Gewerkschaftshanse, (Lngel-llfer 15(groster Saal): VersaiiiBiiIiiiBg der Metallformer«üb Giestereiarbeiter. Tages-Ordnung: 1.»Die kulturelle Bedeutung der Zlrbcltcrbewegiing-. Referent: Genosse Sl. Ritter. 2. Diskussion. 3. Verbands- und Branchen- aiigelegcnheiten. Zahlreichen Besuch erwartet Ble Ortsverwaltnng. Hüte„na Mützen für Herren und ktnnbcn. Einzelverkauf zu Fabrikpreisen. Treppe rechts. LinzuivorKaui au raui mpi üidsierprslr. 20, ®00®0®0©©9®©0®©®00®©®®®©«©®®«>000©000®®®0© iKektung! Vereine! Gewerksebaften! Hiermit zur Kenntnis, dast der Gastwirt Herr H. Peters. Moabitcr Gesellschaftshans, Wiclesstr. 21, einer von uns zu- gesandten Kommissivu gegenüber erklärt hat, Musiker unserer Organi- � sation zu beschäftigen, nachträglich aber sein Wort zurückgezogen hat. ' Die dort beschäftigten Musiker gehören keiner Musilcrorganisili AI an. s Wir bitten, dast die verehrlichcn Vereine ic, im BcdarsSsalle Musiker, bei unserem Nachweis, Drunnenslr. 183, Rest. Wilke, bestellen. 50/1 -_ Börscuzcit 11—1 llhr.—=-_< Zcntraiverband der Zivilmusikcr Deutschlands(Ortsverw. Berlin).| ?»cg>s)oneoo«>c»oo—«g>o>an»>nnonnannc Wcidcnwcg 12 frei kl. Wohn. d. Berw. L Et. ta,»77 Ueldgewlnne bar i ohne j°«cn ibzug zahiliar von Mk 4900011 75 iü Originallosa ä IHK. 3.30. Fllr foito und Lioto 30 Pf«xtrn Oscar ßräuer& Co. U.l G. m. b. H.. Bank-OosoliUfc BerlinU'., b'rledvlchHtr.181 und AutzeeussitrutJo 1tSa.| Köpenick. Einer werten Einwohnerschaft zeige hierdurch gan) ergebenst an, dast ich mit dem heutigen Tage mein Blumengeschäft von Schloststraste 9 nach ZtiideursueliZtrsD l Ecke Bahnhosstraste, verlege und bitte, das mir bisher geschenkte Vertrauen auch nach dort übertragen zu wollen. Bestellungen per Post oder per Fernsprecher werden pünktlich nach Wunsch srci iuS Haus gesandt. Hochachtungsvoll KusÄsv IfaBter, Kunst- und HandelSgärtncr. Fernsprecher: Amt Köpenick Nr. IIS. H- Eine Mark 8 luöchciiU.Teilzahliingiicscrc Bieg, lertige Herren-Mollen Bestellung n. Mast, tadellose Ausführung In eigener Werkstatt. Spezialgeschäft für Hrrml-Stitleidliiig. Kein Waron-Krcdithaus. Z. Kwrzfeercj, An d. 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