Nr. 239. iltionnementS'Redingungen: (Oonnemcntä- Preis vränumeranda: Sierteijährl. 3,30 Mk,.»lonall, l.IV Mk,, IvSchenilich 23 Pig. frei inä Haus, Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags. numnier mit illustrierter Sonntags- Dcllage.Die Neue Welt' III Pfg. Post» Abonnement: 1,10 Mark pro Monat, Eingelragen in die Post-ZcitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oeslerreich. Ungarn S Mark, für da! übrige AuSIsnd S Mark pro Monat. ÄÄ. Jahrs« kkltillll tZigillt Zilöir llispfii» Vevlinev VolKsbletlk. vle lnkei'Nonz-eedahl' beträgt sür die sechsgespaltene Kolonel« zeile oder deren Raum«o Psg., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und BersamnilungS. Anzeigen 2L Pfg. „KUinc anieigcn", das erste(seit» gedruckte) Wort 10 Psg., jedes weitere Wort e Pfg. Worte über IS Buchslaben zählen sür zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer niüssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vornnttags geöftnet. Telegramm. Adresse: „SHlaiiKnioiirat Btrllo". Zentralorgan der fozialdemokrati fchen Parte» Deutfcblands. Redaktion s 8Rl. 68, Llndenatraese 69, Fsernsprechcr: Ruit IV, Nr. 1983. Sonnabend, den 80. September 1905. Expedition: SSI. 68, binden Strasse 69, Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984. Sozialillusionisten mid Jndnstric- praktiker. Die diesjährige Mannheimer Generalversammlung deZ V e r e l ns für Sozialpolitik darf den Anspruch erheben, zu den be- merkenswerteste» Erscheinungen unserer Tage gerechnet zu werden. Was sich dort in interessanten Redckämpfen abspielte, war nicht mehr und nicht weniger als der völlige Zusammenbruch der kapital! st ischen Ideologie, mit der die heutige Gesell- schaft sich theoretisch zu rechtfertigen sucht. Auf der einen Seite treten die Achtel- und Viertel- und Halb- sozialisten der professoralcn Wisseilschaft auf und geben so ziemlich alles preis, womit die Herrschende Ordnung sich selbst als die beste aller Ordnungen bewies; man hat sich kritisch fast hier und da schon zur radikalen Erkenntnis durchgerungen, ohne doch den Weg zum positiven wissenschaftlichen Sozialismus zu finden oder zu wagen. Der Begriff individueller Arbeitsfreiheit wird in seinem betrügerischen Ausbeutersinn erkannt. Auch die anderen.Freiheiten" werden als durch die kapitalistische Eutwickelung längst entwertet zugestanden: Was ist schließlich noch die Gcwerbefreiheit, ja selbst die Freizügigkeit— es ist immer nur die Freiheit der Kapitalisten, den andern die»eeiheit zu nehmen! Das alles wissen die professoralen Reformer, aber die einen, wie Professor Brentano, finden sich mit löblich radikaler Anerkennung der Gewcrkschaftsforderungen ab, die anderen, wie der Freund des gegenwärtigen Reichskanzlers, Herr Schmoller, versuchen mit dem Ileinen preußischen„siaatsethischen" Geheimrat auf wahrhaft kindlich-gemütvolle Weise den Giganten- wuchs des Kapitalismus den winzigen geistigen Bedürfnissen der für das.Gesamtwohl" angestellten kleinbürgerlichen Bureaukratie anzupassen und ihn niit Aktenformnlarcn am weiteren Wachstum zu hindern. Diesen Profefforeu und ihren Anhängern treten nun die Männer der Praxis gegenüber, teils in eigener Person, teils— was minder lehrreich" und munter— durch ihre schrecklich gebildeten und gelehrt verstiegenen, znr Lieferung geistiger Waffen kontraltmäßig ver- pflichteten Angestellten sür öffentliche Memuiig. Auch diese Praktiker verschmähen jede Ideologie, sie reden kaum noch von Christentum, Monarchie, Staat, Vaterland. Gesamtwohl, sie haben gar keine theoretischen Bedürfnisse und sie pfeifen darauf, ob die.Freiheit" in irgend einem moralischen, ökonomischen, staatsrechtlicheit System begründet sei— ihre eigene Macht, ihre geschäftliche Erfahrung, ihr Profitbedürfiiis genügt ihnen vollständig als Theorie und Prinzip. Sie sprechen, fast ohne jede Verkleidung, einfach die Notwendigkeiten ihres großkapitalistischen Betriebes aus, sie vertreten nur die Moral des Hauptbuches, der Dividende und Tantieme, kurz der individuellen Bereicherung. Dermaßen prallen die beunnihigten Vertreter der bürgerlichen Gelehrsamkeit mit den selbstsicheren Führern und Agenten der privatkapitalistischen Rieseumonopole zusammen, und es ist kein Zweifel, daß die Herren von der Wissenschaft, denen jeder feste Boden unter den Füßen entrissen ist, den selbstbewußten Jndustrieherren als sehr unbeträchtliche, wenn nicht komische Persönlichkeiten vor- kommen. Wenige Jahre, nachdem auf allen„Philosophenwcgen" die lust- wandelnden Professoren die KrisiS des Marxismus dozierten, fühlten sie sich jetzt heftig erregt, daß die Entwickelung selbst offenbar Marxistin geworden ist. Die großkapitalistische Konzenwation hat jetzt auch in Deutschland so auffällige Formen angenommen, daß selbst ein deutscher Professor den Teufel zu spüren beginnt. Ja, einige geben schon alle Trostgedanken auf. und sind zu der Einsicht gelangt, daß man den Unhold stärker beschwören müsse. Andere schwanken bejammernswürdig zwischen den Furchtsamleiten ihrer kleinen, guten Seele und der unbarmherzigen Bösartigkeit der Er- scheinuugen, die sie anfangen zu begreifen, nachdem sie von ihnen ergriffen worden sind. Der Glaube an die trotz alledem immanente Weisheit des Kapitalismus ist wohl nun bei allen diesen Gelehrten gründlich erschüttert und sie Helsen sich über die Verwüstung der eigenen Anschauung und über die Rücksichten auf Amt und Würde wohl gelegentlich mit harmlosen Albernheiten wider die Bewegung, in welcher die Erkenntnis seit jeher lebt, die auch allmählich die Professoren zu ahnen anfangen: über die Sozialdemokratie. ES scheint, als ob namentlich der Ruhrstreik und der Hibernia- Handel die Gcniütcr der Universitätswissenschaft aufgeschreckt hat. Noch auf der Gencralversamniluug in Hamburg vor zwei Jahren waren die Soziaspolitiker ziemlich optimistisch. Herr S ch m 0 l l e r nahm zwar betrübt schon unliebsame Verschärfungen wahr, aber er hoffte doch noch sehr sicher aus die moralische Kraft iin Volke, die Gegensätze zu überwinden. In dem ganzen Volke müsse die Er- kcnntnis wachsen, sagte er in Hamburg, daß es ein großes Gebiet des.sozialen GotteSfricdcns" gibt, daß erst das Gefühl des Gemeinsamen gepflegt werden muß, wenn die Völker ihre Blüte erreichen sollen. Und gerade die Entwicklung der letzten zehn Jahre war ihm ein Zeichen, daß die günstigen Momente im Fortschreiten seien. Hinsichtlich der Entwickelung der Kartelle aber fand es noch vor zwei Jahren auf der Hamburger Tagung Herr Sombart sehr gemütlich, daß ihre Wirkung sowohl nach der günstigen als auch nach der ungünstigen Seite wesentlich überschätzt werde. Ganz anders heute. Im Bereich des.sozialen GotteSstredenS" tönen schrille Kampfrufe. Die Gegensätze prallen hart aneinander. Den Glauben an den Kapitalismus haben nur noch seine unniittel- baren Interessenten. Freilich, der Zweifel gebiert bei deutschen Pro- fessoren nicht die Tat der Konsequenz. Am tapfersten fand sich noch Herr Brentano mit dem Problem ab. Er stellte sich mit aller Entschiedenheit auf den gelverkschaftlichen Aod«i. Moibte immerhin ihn der Hintergedanke leiten, der Sozial- demokratie das Wasser abzugraben, seine Thesen lvaren frei von der Verschwommenheit, die seinen meisten Kollegen erbeigentümlich ist. Er bekannte sich zur unbedingten Koalitionsfreiheit, zum kollektiven Arbeitsvertrag, und was er gegen die Arbeitswilligen und die Wohl- fahrtsplage sagte, klang sogar ungewöhnlich entschieden. Wenn der selige Stumm noch lebte, so würde er es sich nicht haben nehmen lassen, sofort nach Potsdam-Berlin zu eilen und gegen diese „Schrittmacher des Umsturzes" scharf zu machen. Bereits liest man ja auch in der„Konservativen Korrespondenz", daß die Professoren in Mannheim mit den„Bannerträgern der Revolution fraternisiert" hätten: „Das große Wort und der maßgebende Einfluß ist auf der Seite der Schmollcr-Brentano-Webcrschen Richtung. Unter solchen Umständen drängt die Frage sich auf, ob es nicht geboten sei, daß die dieser Richtung nicht angehörigcn Mitglieder dem Vereine den Rücken kehren und die Professoren mit de»„Genossen" und den Krqpto-Sozialdcmokratcn„unter sich" lasicu. Ferner wird darauf hinzuwirken sein, daß einem Verein, der die gemein- und staats- gefährlichen Bcstrednngcn der notorisch revolutionären Sozialdcmo- kratie zu fördern als seine wesentlichste Aufgabe erachtet, die ihm für seine Publikationen bewilligten staatlichen Silbvcntiouen rut- zogen werden." Der arme Schmollerl Er betrachtet es als seine Lebensaufgabe, die Sozialdemokratie dadurch zu vernichten, daß er ihr die Vor- bcdingungen entzieht, den Kapitalismus, oder wie crfes nennt, die Aus- wüchse des Kapitalismus. Und nun wird er selber unter die Räuber und Mörder geworfen, was ihn aber immer noch nicht belehren wird, daß der Klassenkampf der Herrschenden keinen sozialen Gottesfrieden kennt und jeden zu ihrem Todfeind erklärt, der nicht ganz auf ihrer Seite streitet. Gerade Herrn SchmollerS Versuch, des Ungeheuers der Kartelle und Trusts mit einigen sanften Sprüchlein Herr zu werden, zeigt die vollendete Harmlosigkeit dieses maßgebenden Typs der Sozial- Politiker. Er hat heute nicht mehr den Glauben an den die Wirt- schaft ordnenden Segen der Syndikate. Aber er sträubt sich noch gegen die Vorstellung, daß auch im braven Deutschland der Kapita- liSmuS bereits amerikanisch sei. Er hält noch an der lieben Hoff- nung fest, daß unsere deutschen Syndikate noch eine Art Genossen- schaften seien, Vereine technisch und betriebsmäßig selbständig bleibender Unternehmungen, und er schreckt vor dem Eingeständnis zurück, daß die guten Kartelle bereits böse Trusts auch in Deutschland werden, d. h. zcntralistische, spekulierende, privatwirtschaftlich egoistische Gewinnorganisationen, Monopole desselben engen Kreises weniger Milliardäre. Indessen er fühlt sich nicht mehr fest in diesem Optimismus. Allzu laut treten bereits die wenigen, immer die- selben Personen auf den Markt, die auch das deutsche Wirtschafts- leben beherrschen: eine großkapitalistische Oligarchie. Und der Herr Professor hat gegen diese Gefahr aus der Hausapotheke des Schäfer Thomas ein sicheres Allheilmittel entnommen: Der Staat muß seine Vertrauensmänner in die Aufsichtsräte wählen lassen l Das ist der gloriose Einfall deS kleinpreußischen Bureaukraten, er ent- spricht ungefähr der Weisheit der Mittelständler, die Waren- Häuser mit dem Befähigungsnachweis zu bekämpfen unternehmen. Dieser Staat, der doch nur die Organisation der kapitalistischen Klassen ist, soll die Lebensbedingungen dieses Kapitalismus selbst unterbinden I Würden wirklich einmal die staatlichen Aufsichts- räte Wirklichkeit werden, sie würden keine andere Funktion ausüben, als die schon jetzt innigsten Beziehungen zwischen den Groß- kapitalisten und der staatlichen Bureaukratie noch mehr zu entwickeln und zu erleichtern. Gegenüber den Schmollerschen Harmlosigkeiten hatte Herr Kirdorf, dieser Repräsentant der deutschen Trustgewaltigeu— die nach der Professorentheorie noch nicht recht existieren— ein leichtes Spiel. Daö war der Herr im Hause, wie er nicht reiner gezüchtet werden könnte. Er kennt nur die Allmacht der Industrie- Herren und spottet des Staats, der ihnen höchstens als Gendarm gegen die Arbeiter brauchbar erscheint: Kein KoalitonSrecht ftir die Ausgebeuteten, kein Arbeiterschutz, auch keine Freizügkeitl Die Organisation der Arbeiter ist ihm Verbrechen, der Maximalarbeitstag Narretei, die Freizügigkeit Laster. Kirdorf bekannte offen, daß die Syndikate aus eigener Kraft die Freizügigkeit zerstören. Das Mittel haben die Herren allerdings dem sonst so verächtlich behandelten Staat abgeguckt, der als Arbeitgeber im Saarrevier sich längst niit der Stmnmschen Konkurrenz dahin verständigt hat, daß sie abgekehrte Arbeiter wechselseitig nicht aufnehmen. Das war das Interesse der Mannheimer Tagung: Die bürger- liche Wissenschaft versucht, nach deni Verlust der kapitalistischen Illusionen sich auf mittlerer Linie neue Illusionen zu'haschen. Die Herren der Industrie aber proklamieren die großkapitalistische Realität in all ihrer Freiheit als höchstes Gesetz. Die Illusionisten sind zur Ohnmacht verurteilt. Die Macht des JndnstrisfeudaliSmuS wird nicht durch Wohllvollen und Vermittelung, auch nicht durch radikale Doktrin überwunden, sondern lediglich durch die höhere Macht: das Proletariat, die Sozialdemokratie. politische debersickt. Berlin, den 29. September. Die Wahl in Essen. Die Tage zwischen Hauptwahl und Stichwahl bildeten im Wahl- kreise Essen Tage übermenschlicher Arbeit. Das Zentrum hat niit allen Mitteln der künstlichen Wahlmache gearbeitet, unsere Partei- genossen haben au AnfklärungZ- und AufrüttelungSarbcit geleistet, was nur möglich war. Das Zentrum hat noch einmal den Mandats- erfolg für sich, unser Gewinn aber ist dauernder. Unauf- haltsani und sicher dringt die sozialistische Aufklärung unter de» Proletariern dieses gewaltigen Industriegebietes vor und was da einmal gewonnen ist, daS bleibt unser. Der Wahlkreis Essen gehört zu den Kreisen, die, wenn sie reif sind, im ersten Anstürme geholt werden und damit sofort sicherer Besitz- stand der Partei geworden sind. Auf geistige Waffen hat daS Zentrum im Stichwahlkanipfe gänzlich verzichtet; umsomehr hat es mit geistlichen Waffen gearbeitet. „Jeder Katholik, der nicht Zentrum wählt, schädigt die Kirche!" Das war die von den Führern des Zentrums ausgegebene Parole und unter ihrem Zeichen arbeiteten die Wahlkapläne, die haufenweise herumliefen. Sie gingen von HauS zu Haus und be- arbeiteten unter Mißbrauch ihres geistlichen Ansehens und ihrer noch immer großen Macht überjdie Gemüter, unter Mißbrauch der Ncligiou die Wählers oder deren Frauen. Der Kandidat des Zentrums, Herr GieSbertS, erwies sich als waschechter ZentrumSmann: er versprach allen alles. Sehr charak- teristisch dafür waren die Erklärungen, die er in einer Versannnlung von Mittelständlern abgab. Er war besonders zu dieser Versamm- lung geladen und eine Anzahl vorher bestimmter Redner be- handelten die Forderungen der Kleingewerbetreibenden. Herr Giesberts gab„befriedigende" Erklärungen ab. Die Ver- sammlung forderte die Aufhebung aller Konsum- vereine. Herr GieSbcrts erklärte, daß er für die Aufhebung aller Konsumvereine eintreten werde. Dabei hat Herr GiesbertS zahlreiche„christliche" Arbciterkonsuinvereine gründen helfen und noch im Frühjahr dieses JahreS hat er Artikel veröffentlicht über den Nutzen der Konsumvereine. Herr GieSbcrts erklärte sich auf Wunsch der Mittelständler für energische Maßregeln zur Bekämpfung des Fleischwuchers, derselbe Herr Giesberts, der die rheinischen Zentrnmsbauern versichert hat, daß die Arbeiter„die paar Pfennige" Aufschlag auf die Lebensnüttelpreise gern zahlten. Herr GiesbertS will als Mitglied deS Zentrums das KoalittonS- recht schützen, während der Zcntrumsgraf Ballestrcm die Streikbrecher schützen will. In seinen Veröffentlichungen zur Stichwahl hat das Zentrum ausschließlich mit den Mitteln gearbeitet, die den SieichSverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie so trefflich auszeichnen: mit den Mitteln der Verleumdung und der persönlichen Verunglimpfung deS Gegners. Die„reichen" Sozialdemokraten, die kneipenden und von Arbeitergroschen prassenden Agitatoren und dergleichen dienten als Schreckmittel. Das war zwar alles sehr dumni gemacht— z. B. kommt in einem der Artikel die Behauptung vor, Lassalle habe namentlich mit seinem„System der erworbenen Rechte" viel Geld verdient—, aber die kritische Nachprüfung solcher dummen Behauptungen ist nicht Sache deS einfachen Lesers. Auf die stockkatholische. im Banne des PfaffentumS liegende Bevölkerung, die in dem K»eise noch sehr zahlreich ist, in einzelnen Bezirken des KreiseS, wie Borbeck und Steele, sogar die überlviegcnde Mehrheit bildet, wirkt jede mit der nötigen Kühn- heit vorgetragene Behauptung wie ein Dogma. So kommt auch die Mehrheit für GiesbertS aus diesen vorwiegend katholischen Bezirken, wozu übrigens auch der Terrorismus der Wahlkapläne das seinige beigetragen hat. In der Stadt Essen, insbesondere in den Arbeiter- vierteln, sowie in den nördlichen Jndustriebezirken des Kreise? haben wir bedeutende Majoritäten. Die Innungen jedoch waren von GieSberts Versprechungen befriedigt und stiinmten geschlossen für ihn, ebenso das„bessere liberale Bürgertum". Da hat sich selbst die„Rheinisch-Westfälische Zeitung", das Blatt der leitenden Scharf- macher der„nationalen" Partei, die eigentlich natioualliberal heißt, in der Beurteilung seines Anhanges getäuscht. Dieses Blatt sagte nämlich in einer Betrachtung über die„nationale" Stichwahlparole zugunsten deö Zentrums, daß nur etwa 4000 vou den rund 13 000 der Wähler Nieincyers der Stichwahlparole der Partei folgen würden. Es sind erheblich mehr gelvordcu. Die„BildungSfcindlich- keit" des Zentrums, mit der die„Nationalen" in der Hauptwahl gegen das Zentrum arbeiteten, schreckt dieses„bessere" Bürger- tum nicht mehr; wohl aber fürchtet eS das Proletariat und sucht Schutz bei der Partei der politischen Reaktion, die zugleich in der Religion ein Mittel hat. die Arbeitcrmassen noch fest im Schafstalle zu halten. Allerdings gehören zu den Wählern der nationalliberalen Partei auch Arbeiter und kleinere Beamte, bilden vielleicht sogar noch das Gros der Partei. Von denen hat sicher ein erheblicher Teil sür uns gestimmt, und es ist anzunehmen, daß wir einen Teil diefer allmählich dauernd gewinnen werden. Daß die offene Verrntcrei des Zentrums bei der Berggesetz- Novelle diesem noch keinen unmittelbaren Stimmenverlust gebracht hat, erklärt sich einmal aus den religiösen Verhältnissen des Kreises und dann aus der Tatsache, daß das Zentrum noch immer als die Partei der Opposition gegen die herrschenden Kapital- Magnaten gilt. Solche Mächte lassen sich nicht in einem kurzen kräftigen Agitationsvorstoße bewältigen, sondern nur in langer zäher Arbeit. Der Ausbau der Organisation ist daher daS wesentlichste Mittel znr Gewinnung der Massen. DaS Ergebnis der Stichwahl, die Agitationsmethode des Zentrums, die Tatsache, daß alle reaktionär interessierten BevölkerungSkreise in immer ftärlcrcm Maße im Zentrum ihre Vertretung sehen, wird mit der Zeit viel mit dazu beitragen, die Arbcitcrmassen über die lvahre Natur des Zentrums aufzuklären. Lluch die Wirkungen der Berggesetznovcllc, die positiven wie die negativen, müssen die Arbeiter erst am eigenen Leibe spüren, ehe ihnen klar wird, was das Zentrum für sie geleistet hat. Unsere Genossen haben für die AuSuützlUig dieser Umstände in einer vorzüglichen Organisation daS rechte Mutet geschaffen und sie sind sich auch bewußt, daß in deren weitcrem Ausbau die sicherste Gewähr für die fortschreitende Gewinnung der Arbcitermnsseu und damit für die endgültige Niederwerfimg des Zentrums liegt.— Veutlckes Refch. Die Koüipoitschiisscl. Die„Zukunft" verzeichnet cm angebliches Wort de? Kaisers über die deutsche Sozialpolitik und die Arbeiter. Die Zeitschrift meint, der Kaiser glaube, die Entwickelung aufhalten zu können, und habe in einem sozialpolitischen Gespräch erklärt, er habe Bülolv gesagt,„nun sei die Ksnlpottschiisscl voll und vorläufig genug für die Arbeiter geschehen". WaS Bülow erwidert hat, wird nicht erzählt. Mindestens wird ihm die Nachricht von der vollen Kompottschüssel überraschend erschienen sein. Er mag zwar nicht hören, daß dank seiner Politik die Arbeiter die unerträglichste Verteuerung der nötigsten Nahrungs- mittel erdulden müssen. Aber dafi er der Arbeiterschaft die Kompott- schllssel gefüllt habe, diese sozialpolitische Leistung war ihm selbst bisher unbekannt.—_ Der Fall NicnwcuhuiS. Domcla Nieuwenhuis ist nun endlich, wie ans Köln telegraphiert wird, am Freitag ans dem Polizeigewahrsam entlassen und nach der niederländischen Grenze„abgeschoben", nachdem die prcnszischer« seits beantragte Uebernahmeerklärung der niederländische» Regierung eingegangen ist. Man hat ihn also polizeilich bis zur Grenze geschleppt! Die Polizei in Deutschland voran I *«» Am Donnerstag schrieb unser Korrespondent auZ Köln: Der Nechtsbeistand des holländischen Staatsbürgers Nienwen- hnis hat sich wegen dessen trotz der gerichtlichen EntHaftung an- dauernder polizeilicher Gefangenhaltung telcgraphisch an den preußischen Minister deS Innern gewandt, der in diesem unerhörten Polizeistikk die eigentliche bewegende Hand ist. Der Skandal hat auch im Auslände Erregung hervorgerufen. Die„Nheiuisch-Westsälische Zeitung", das Blatt der Kohlen- und Schlotherren, also gewiß ein unverdächtiger Zeuge, läßt sich aus Amsterdam berichten, daß„die Verhaftung in Holland Aufsehen gemacht hat"; Nieuwenhuis sei„als ein höchst unschädlicher Mensch bekannt", gehöre einer angesehenen Familie an, sei früher im Haag ein vielgehörtcr lutherischer Prediger gewesen und besitze in Holland trotz seiner Eigentümlichkeiten manche Sympathien. Seine Partei habe ein großes Protestmceting angekündigt, wo die deutsche Regierung wohl einige Federn werde lassen müssen. Der„Frankfurter Zeitung" schreibt ein Korrespondent aus Amsterdam:„In Holland zerbricht man sich den Kopf darüber, WaS die weise deutsche Polizei zu diesem Tatendrang gegenüber dem alten Nieuwenhuis veranlaßt haben könne.... Die Idee, daß der ehrliche sanftmütige Domela Nienwenhuis, der sein Vermögen seinen Ueberzeugringen geopfert hat, daß diese A p o st e l g e st a l t ein Attentat begehen könne, hat in Holland ein Lächeln hervorgerufen... Die Worte dieses ehemaligen Theologen mit dem schönen, von weißen Locken umrahniten Kopf üben eine unwiderstehliche Wirkung auf die Massen aus. Zudem ist es gerade die Reinheit seines eigenen Lebens, die ihm diese Kraft verleiht..." Den so geschilderten Greis denke mau sich im dunklen Gefangenen- wagen zugleich init einer Prostituierten transportiert, dann von der Faust eine» Schutzmannes geführt und in ein Gelaß im Gerichts- saale gesperrt, in dem man sonst nur Diebe, Rausbolde, Huren und dergleichen zu sehen gewohnt ist— und man hat das Bild, wie es der preußische Büttelstaat in Köln ds* gesamten Kulturwelt geboten hat.—_ Immunität des NeichstagS-ASaeordneten und Borsühning vor Gericht. DaS Urteil des Reichsgerichts in dem am 13. September verhandelten Prozeß gegen unseren Parteigenossen Reichstags-Ab- geordneten Redakteur Adolf Thiele in Halle a. S. wurde am Freitag verkündet. Das Reichsgericht hat' die Revision deS Angeklagten aus folgenden Gründen verworfen:„Die Frage toar, ob die Vorführung des Angeklagten vor die erkennende Straf- kammer zu Recht erfolgt war oder ob sie mit Bezug auf Artikel 31 der Rcichsverfassung zu Unrecht erfolgt war. Es war zunächst zu untersuchen, wie die Strafprozeß-Ordnung sich das Verhältnis der beidm Rechtsinstitute, der Borführu n g und V c r h'a f t u n g, zucinmider gedacht hat. Begrifflich verschieden ist ohne Zweifel die Haft und die Vorführung nach der Strafprozeß-Ordnung. Dasiir spricht zunächst, daß beide Rechtsinstitute nicht an denselben Stellen behandelt werden, sondern in verschiedenen Abschnitten. Dafür spricht aber auch die Vergleichimg der§§ 134 und 229. Der§ 134, der von der Vorführung des Beschuldigten im Vorverfahren spricht, hat allerdings zur Boraussetzung, daß die Vorführung nur dann statt- finden kann, wenn ein Haftbefehl vorliegt. Im Z 229 wird aber ausdrücklich der Haftbefehl entgegengestellt der Vorführung, so daß also im Sinne des§ 229 med dem der Systematik der Strafprozeß- Ordnung Vorführung und Haftbefehl etwas Verschiedenes sind. Da- nach wird also zu sagen sein, daß die Vorführung im Gegensatz zum Haftbefehl eine Zivangsmaßregcl ist gegen einen unentschuldigt aus- gebliebenen Angeklagten. Da nun nach der Praxis des Reichsgerichts darüber kein Zweifel besteht, daß der Angeklagte Thiele im vor- liegenden Falle nicht anders stand wie jeder andere Angeklagte, so war ihm gegenüber auch das Zwangsmittel der Vorführung ebenso zulässig wie anderen Angeftagte» gegenüber. Zu einem anderen Ergebnisse kommt man auch nicht, wenn man den Artikel 31 der Reichsverfassung heranzieht. Daß sich dieser Artikel als ein Eingriff in das gemeine Recht darstellt und eine Ausnahmestellung für die Reichstags-Abgeordncten schafft, darüber kann kein Zweifel sein. Ebenso unzweifelhaft ist es, daß bei dieser Sachlage diese Ausnahmestellung strikte zu interpretieren ist, dahin, wie sie bereits nach dem Vorbemerkten nach der Strafprozeß-Ordnung zu inter- preticren war. Dmnit stimmt auch der Wortlaut des Artikels 31 überein, insofern, und das entspricht auch der Rechtsprechung des Reichsgerichts, aus dem 3. Absatz dieses Artikels eine authentische Interpretation entnommen werden kann und muß für den Ausdruck Verhaftung oder Haft im ersten Absatz, also darunter nicht zu der- stehen ist Untersuchungshaft und was der damaligen Untersuchungs- Haft gleichstand, Disziplinarhaft. Tie berufene Instanz für die Auslegung des ArtikdlS 31, die vorzugsweise in Betracht kommt, ist ja offenbar der Reichstag. In keinem Abschnitte semer Verhandlungen über die Bedeutung des Artikels 31 und die Im- munität der Abgeordneten ist ersichtlich, daß der Reichstag von der Auffassung ausgegangen wäre, daß die Vorführung im Sinne des § 220 identisch sei mit der Inhaftnahme. Im Gegenteil lassen die parlamentarischen Verhandlungen erkennen, daß da, wo man sich dieses Gegensatzes bewußt gewesen ist. man ohne Widerspruch zu der Auffassung kam, daß beides auseinander zu halten sei. Wenn schließ» lich ans die Entstehungsgeschichte eingegangen werden soll, so ist de- kanntlich die Quelle dieser Bestimmung das preußische Gesetz vom L3. Juni 1843 über die Immunität der Abgeordneten. Auch auS dieser Quelle ist nichts zu entnehmen, Iva 3 der von dem erkennenden Senate vertretenen Ansicht widerspricht. Hinzu kommt noch, daß in der Literatur, trenn diese Auffassung überhaupt einer Prüfung unterlag, die Rechtsfrage im Sinne der eben geltend gemachten Er- wägungen entschieden worden ist."— Geheime Schriftstücke des KolotiialamteS. Die„Potsdamer Korrespondenz" berichtet: „Die Verwendung von geheimen Schriftstücken der Kolonal- abteilung des AnSwä'tigen Amtes gelangte am Donnerstag in einer öffentlichen Verhandlung der R e i ch S d i 5 z i p l i n a r- kammer zu P o t s d a m zur Erörterung. Angellagt ivar der am 14. August 1807 zu Belgard in Pommern geborene Geheime SekretariatS- Assistent und Reserveoffizier Oskar Poeplan aus Berlin, wegen Verletzung der Amtsverschwiegenheit, Achtung« berletzung gegen den Reichskanzler und andere ihm vorgesetzte Reichsbeamte und Erhebung leichtfertiger, böswilliger Beschuldigungen gegen Beamte des Kolonialamtes. Der seit dem 2. Februar 1904 vom Amte suspendierte Angeklagte verteidigte sich selber; er ist ein hochgradig nervöser Mensch, der unruhig im Saale hin und her läuft und etwas schwer hört. Er stellte sofort den Antrag, das Verfahren gegen ihn ein- zustellen, weil es ungesetzlich eingeleitet sei. DaS Auswärtige Amt sei dazu nicht befugt gewesen, sondern der Reichskanzler, weil er nur als oberste Reichsbehörde zu gelten habe. Der Gerichtshof lehnte den Antrag ab, weil das Auswärtige Amt auch jetzt noch als oberste Reichsbehörde zu betrachten sei. Der Angeklagte stellte nun einen neuen Antrag auf Aushebung des Ver- fahrenS, weil der Unterstaatssekretär v. Mühlbcrg, der das Verfahren gegen ihn eingeleitet hat, nicht ausdrücklich von dem Minister und Staatssekretär v. Richthofcn mit der Führung der Geschäfte beauftragt �war. Der Vorsitzende bemerkte dazu, daß der Unter« staatssekretär v. Mühlbcrg der gesetzmäßige Vertreter des Staats» sckretärS sei. Als sich letzterer zum Studium der Handelsverträge von den Geschäften zurückgezogen habe, sei v. Mühlberg zu dem zu seiner Vertretung besonders beauftragt worden. Der Staatsanwalt wies dies später durch eine umgehend eingeholte telegraphische Beschemigung des Auswärtigen Amtes nach. Der Angeklagte beantragte indessen die eidliche Vernehmung des'Staats- sekretärS v. Richthofcn und zweifelt nach wie vor die Gesetzmäßig- kcit der Vertretung an. Der Gerichtshof lehnte eS ab, nachzuprüfen, ob der Unterstaatssekretär einen besonderen Auftrag hatte. Nun stellte der Angeklagte einen dritten Antrag auf Vertagung der Ver- Handlung, weil er in der Voruntersuchung nur vom 20. bis 24. April Zeit gehabt habe zur Abgabe einer Erklärung. Diese Frist sei un- genügend bei einer so wichtigen Sache, zumal er i n f o l g e E i n- leitung des Zwangspensionierungs-Verfahrens geistig und körperlich unfähig geworden sei, sich so schnell zu äußern. Er beantrage eine erneute Voruntersuchung. Der Gerichts- Hof lehnte auch diesen Antrag ab, weil die Frist zur Aeußerung durchaus genügend war, zunial sich Poeplan lange vorher mit der Materie beschäftigt habe und eine bestimmte Frist gesetzlich nicht festgelegt sei. Nach Ablehnung seiner drei Anträge leb nie nun- mehr der Angeklagte de» gesamten Gerichtshof wegen Befürchtung der Befangenheit ab. Er gibt der Meinung Ausdruck, daß die Richter mit dem Geheimen Lcgattonsrat v. König im Auswärtigen Amt, der die Perionalakten bearbeitet, zusammengewirkt haben und läßt sich auch hiervon durch die Er- kläruug. daß kein Mitglied der Disziplinarkammer dem Aus- wärtigen Amt angehöre und daß der Vorsitzende Herrn v. König gar nicht kenne, nicht abbringen, sondern beantragte Beschlußfassnng. Der Gerichtshof erachtete sich nicht für befangen, woraus der Angeklagte den Einwand erhob, daß darüber nur der Reichs- disziplinargerichtshof in Leipzig entscheiden könne, er deshalb um Vertagung ersuche. Der Staatsanwalt erklärte, daß der Angeklagte den Antrag wegen Ablehnung des Gerichtshofes aus Befürchtung der Befangcnheli vor Einttitt in die Verhandlung hätte stellen müssen und der Gerichtshof verkündete hiernach, dag mit der Ver- Handlung fortgefahren würde, worauf der Angeklagte ostentativ den GerichtSiiml verließ mit der Erklärung, er wiirde nun der Bcrhand- lung nicht beiwohnen. Der Gerichtshof beschloß, ohne seine An- Wesenheit zil verhandeln. Poeplau ist früher bei der Steuer an der Grenze tätig gewesen und hat dort schon durch sein exzenttisches Wesen viel von sich reden gemacht, so daß schon einmal gegen ihn ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden sollte, dem er durch seine Versetzung zum Aus- ivärtigen Amt entging. Hier glaubte er Ansprüche auf ein Gehalt für Beamte erster Klasse zu haben und führte deshalb einen Prozeß, mit dem er abgewiesen wurde. Nun wurde er ein Querulant, der in dem Geh. Legationsrat v. König seinen hefttgen Gegner sah. Dreimal wurde er deshalb im Jahre 1901/2 in Ordmmgs- strafen von 150, 100 und 220 Mark genommen, auch leitete inan gegen ihn die ZwangSpensioilierung ein, weil man glaubte, er leide an Querulanten Wahnsinn, doch wurde er nach ärztlichem Gutachten für geistig normal erachtet. Der Angeklagte setzte nun seine Tätigkeit im Beschwerdesühren fort. Er hatte sich ein Schrift- stück des Reichskanzlers v. Caprivi vom 14. April 1894 verschafft, worin dieser den Gouverneur v. Soden in Kamerun um vertrauliche Auskunft über den damaligen Landeshauptmann v. Puttkamer ersuchte. Ferner verfügte er über zwei die gleiche An- gelegenheit behandelnde Briefe des Gouverneurs v. Soden, die aus den Personalakten des Auswärtigen Amtes verschwmiden waren. Es hat darüber eine große Untersuchung geschwebt, doch ließ sich nicht feststellen, wer die Schriftstücke, die bei einer HauS- snchung bei dem Angeklagten geftmdcn wurden, entwendet hat. Außerdem hatte Poeplau eine geheime Abschrift eines Berichts des Oberleutnants Grafen Rittberg über Miß- Handlungen des Hauptmanns v. Besser in seinem Besitz, sowie«ine Mitteilung aus seinem eigenen Zwangs- pcnsionierungsverfahren, die der Dezernent Geh. LegationSrat Schmidt-Dalitz, in einer Mappe verschlossen im Bücherschrank auf- bewahrt hatte. Irgend jemand hat davon Kenntnis erhalten und den Angeklagten benachrichtigt. Dieser zeigte die Schriftstücke mehreren Personen und übergab sie schließlich dem Reichstags- Abgeordneten Roeren, damit dieser im Reichstage die Mißstände in dcn Kolonien aufdecke. Als Roeren dies ablehnte, schickte der Angeklagte das Material an den Reichstagsabgeordneten Müller(Sagau), der es dem Reichskanzler übermittelte. Von letzterem Abgeordneten ver- langte Poeplau auch, daß seine politischen Freunde ihm bei seinem Disziplinarverfahren behülflich wären, sonst müsse er sich an die Sozialdemokraten wenden. Daß sich Poeplau diese Geheimschrift- stiicke auf unrechtmäßige Weise verschafft habe, ließ sich nicht nachweisen, dagegen hat er, obgleich er mehrmals zur Amtsverschwiegenheit durch Erlasse gemahnt tvurde, diese Schrift- stücke anderen Personen ausgeliefert, um das Kolonialamt herab- zusetzen. An den Reichskanzler hat der Angeklagte am 15. Januar 1904 eine Eingabe gerichtet, worin er um Prüfung seiner An- gelegenheit binnen acht Tagen bat. sonst würde er sich an den Reichs- tag wenden, ferner telegraphierte er bald darauf an den Reichskanzler und bat um eine Audienz, sonst müsse er sich an die Presse wenden; auch am 22. November 1904 richtete er eine Eingabe an den Reichs- kanzler mit der Mitteilung über schwere Verfehlungen der Offiziere und Beamten in den Kolonien. Er verlangte Reformation der Kolonialverwaltung an Haupt und Gliedern, da der Reichskanzler bisher nur schlecht unterrichtet sei. Im Reichstage würde die Sache erörtert werden. In zwei Schriftsätzen beschuldigte der Angeklagte ferner den Geh. LegationSrat v. König, daß er als Beamter die straf- rechtliche Verfolgung des Landeshauptmanns GrandeiS von den Marschallinseln wegen Vernichtung amtlicher Urkunden miterlassen habe, und warf dem Geh. LegationSrat Schmidt-Dalitz Parteilichkeit und Rechtsbeugung in seiner Zwangspeiisionierungsangelegenheit vor. Wegen aller dieser Fälle beantragte der Slaatsanwatt die Dienstentlassung gegen den Angeklagten. Der Gerichts- Hof erkannte demgemäß. Poeplau habe die Pflichten als Reichsbeamter gröblich durch Mißbrauch amtlicher Geheimstücke, durch Unehrerbietigkeit gegen seine Vorgesetzten und haltlose Be- zichtigungen derselben verletzt und könne daher nicht mehr Beamter bleiben.--- Flensburg, 29. September.(W. T. B.) Die hiesige Straf- kammer verurteilt« heute den Landtags-Abgeordneten Rodakteur H. P. Hanssen und den Redakteur A'n d e r s e n, beide in Apenrade, wegen Beleidigung des RegierungS- und Land- rates Becher« in HadcrSleben und deS Amtsvorstehers Valentin Skrhbstorb, den erste rcn zu drei Monaten Gefängnis, den letzteren zu 300 M. Geldbuße. Beiden Beleidigten wurde die PnblikalionS- besngniS zugesprochen. Beiden Beamten war in einem Artikel der „Südjütischen Jahrbücher" der Vorwurf gemacht worden, daß sie cine Sßwleitung zum Weineide versuKt hätten. DaS bayerische Budget. Münche», 29. September.(Telegramm.) Die Kammer der M« geordneten hat heute mit 130 von insgesamt 150 Stimmen von O r t e r e r(Z.) zum ersten Präsidenten wiedergewählt. Zum Vize- Präsidenten wurde Fuchs(Z.) mit 127 von insgesamt 150 Stimmen gewählt. Die Liberalen gaben bei den Präsidiumswahlen weiße Zettel ab. Zu Schriftführern wurden gewählt: Wocrle(Z.), Prieger (Freie Vgg.), Frank(Z.) und Frhr. v. Malsen(Z.). Finanz mini st er Psaff gedachte bei der Vorlage des Budgets für die 28. Finanzperiode zunächst seines Amts- Vorgängers, des Freiherrn v. Riedel. Sodann betonte der Minister die Notwendigkeit größter Sparsamkeit, wenn auch die wirtschaftliche Depression im Schwinden begriffen sei. Ans derllebersicht über die Erübrigungen der früheren Jahre, über die Maßnahmen zur Deckung eines rechnerischen Fehlbetrages ans früheren Jahren, über die Ver- Wendung der Kreditreste, insbesondere auch zur Deckung der Matrikular- beitrage gehe hervor, daß das neue Budget ganz auf sich selbst an- gewiesen sei. Im weiteren Verlauf ivieS der Minister nachdrücklich auf die dringende Notwendigkeit der Gestaltung festgeordneter finan- zicllcr Beziehungen zwischen dem Reich und den Einzelstaaten hin; das gegenwärtige Verhältnis mache die Führung eines geordneten Staatshaushaltes fiir die Einzelstaaten nahezu unmöglich. Sollten für die 23. Finanzperiode ungedeckte Mairikularbeittäge hinzu- kommen oder gar die nur gestundeten Matrikularbciträge Nachtrag- lich eingehoben werden, so würde nur die Aufnahme einer Anleihe oder die Erhöhung der direkten Steuer übrig bleiben.�„Ich möchte den dringenden Wunsch aussprechen, daß die Rcichsfinanz- rcsorm die finanziellen Beziehungen zwischen dem tzleich und den Einzelstaaten in einer Weise regelt, welche die Einzelstaaten von der Verpflichtung zur Entrichtung ungedeckter Matrikularbeittäge wenn irgend möglich ganz entbindet, jedenfalls aber für diese� Beiträge eine äußerste Grenze setzt. Ein solches Verlangen ist um so billiger, als der Reichsgesetzgebnng bereits die hauptsächlichsten ausbausähigeu Stcuerobjekte überwiesen sind". Das Budget siir die 28. Finanzperiode bilanziert mit 401332789, das sind 19 507 403 M. mehr als bei dem letzten Budget. Dieser Abschluß war möglich ohne eine Erhöhung der diretten Steuern, aber nur unter Forterhebung der zunächst nur für die 27. Finanz« Periode bewilligten Zuschläge zur Erbschaftssteuer und zu einzelnen Gebühren, zweitens unter Nichteinstellung von Mitteln� für etwaige ungedeckte Matrikularbeiträge, drittens unter Vorschlag einer Anleihe von 7 892 400 Mark für Deckung einiger ein- maliger Ausgaben, insbesondere für größere Bauten im Bereiche der Justizverwallung und des Kultusministeriums. Der Minister be- spricht sodann eingehend die drei großen Aufgdben, welche in � den nächsten Jahren an die Finanzverwaltimg gestellt worden, erstens eine durchgreifende Steuerreform, über die dem Land- tage eine Denkschrift vorgelegt werden wird, zweitens die Einführung einer regelmäßigen miSgievigen Schuldentilgung, drittens die Schaffung eines Beamlengesetzes mit höheren Bezügen fiir die staatlichen Beamten, Bediensteten und Arbeiter. Der Minister ftihrt weiter aus, daß die Schaffung eines Beamtcngesctzes zwar noch längere Jahre erfordere, immerhin aber schon für das neue Budget in allen Ressorts zahlreiche neue Stellen geschaffen werden konnten und für zahlreiche Beamte, Bedienstete und Arbeiter eine Verbesserung ihrer ökonomischen Lage in Aussicht genommen werden konnte. Im Bereiche der Zollverwaltung ergeben sich durch die Neuorganisation der Zollbehörden größere Veränderungen. Der Minister geht schließlich die einzelnen Etats durch. Nach der Rede des Finanzministers gab der Präsident Dr. Ritter v. O r t e r e r die eingelaufenen Anträge bekannt. Drei davon ver- langen ein neues Wahlgesetz, zwei Hülse gegen die Elementarschäden in der Pfalz. Weiter liegt die Interpellation Scgitz über die Fleisch- not vor. Die nächste Sitzung wird am kommenden Mittwoch stattfinden.—_ Das Zentrum auf ObstruktionSpfaden. Im Münchenerj Rathaus hat sich, wie uns geschrieben wird, am Donnerstag ein Vorgang abgespielt, der einer gewissen Pikanterie nicht entbehrt. Bei der Stadtverwaltung sind zwei Rechtsratöstellen neu zu besetzen. Nun stehen die Gemeindewahlcn vor der Tür und die Liberalen haben anscheinend einigen Grund zu der Befürckitung, daß sie beb dieser Gelegenheit ihre bisherige Majorität im Gemeindckollcgium verlieren werden. Aus diesem Grunde pressiert es es ihnen auch sehr stark mit der Besetzung der kaum frei gewordenen Stellen, die sie noch schnell zwei sicheren Liberalen zuschanzen wollen. Nmr erhebt aber das Zentrum— und zwar nicht ganz mit Unrecht— Anspruch auf einen der beiden Posten. Die Liberalen wiesen jedoch diesen Anspruch kurzer Hand ab und wollten am Donners- tag schnell die Wahl vornehmen. DaS wurde jedoch dadurch verhindert, daß von den Ultramontanen so viele der Sitzung fernblieben, daß die erforderliche Anzahl von zwei Dritteln der Gemeindebevollmächtigten nicht anwesend war. Also Obstruktion in aller Form! Das Zeiltrum gab überdies noch die schriftliche Erklärung ab, es werde der Wahl der beiden Rcchtsräte dauernd fernbleiben, denn durch das Vorgehen der Liberalen werde der Wahlakt zu einer Parteikomödie gestempelt, die mit der Würde freier Vertreter der Bürgerschaft unvereinbar sei. Die liberale Majorität suchte sich dadurch zu rächen, daß sie gegen die Stimmen der sozialdemokratischen Vertreter beschloß, zehn unentschuldigt fehlende ulttamontane Gcmeindebevollmächtigte in eine Geldstrafe von je 20 M. zu nehmen, die im Wiederholungsfalle auf 45 M. erhöht werden kann. Bei einem dritten unentschuldigten Fernbleiben können die Betreffenden sogar auS dem Geineindckollegium ausgeschlossen werden. Wie man hört, sollen sich die Zentrumsführer diesmal ihrer Leute gut versichert habe», daß sie auch standhaft in der Obstruktion aushalten. Nun wird es sich zeigen, ob die Liberalen den Mut haben werden, die ihnen durch die Gcmeindeordnung in die Hand gegebenen Machtmittel bis zur äußersten Konsequenz aus- zunützen.—_ Bon den afrikanischen Kriegsschauplätzen. Aus Windhuk wird amtlich gemeldet: Am 24. Septembev 1905 auf Patrouille bei Hardab nordwestlich Marieyhal: Gefallen Reiter Albert Stremlau, geboren am 7. 2. 62 zu Barkenfclde, Brustschuß. Verwundet: Unteroffizier Karl Rinke nberger, geboren am 4. 1. 81 zu Wächtersbach, schwer, Schuß rechten Ober- arm und Oberschenkel; Reiter Johann Pelz er, geboren am 18. 10. 83 zu Haaren, leicht, Schuß rechten Oberarm. An Typhus sind gestorben: Reiter Wilhelm Schlarb, ge- boren am 7. 2. 72 zu Merxheim, am 23. September 1905 in Dawignab; Reiter Anton Hcmeke, geboren am 7. 10. 83 zu Werl, am 24. September 1905 im Lazarett Keetmanshoop; Reiter Hermann M ä ch l e r. geboren am 20. 8. 83 zu Lissen, am 25. Scp- tember 1905 im Lazarett �Windhuk.— � Graf Götzen telegraphiert aus Dar-cs-Salaam, daß Nachrichten über eine weitere Ausbreitung des Auf- st an des nicht vorliegen und daß das Bezirksamt Lindi ein Abflauen der Bewegung meldet. In den Mattimbibergen dauert der Kleinkrieg noch an, dagegen liefern im Bezirke Mohoro unterworfene Aufständische zahlreiche Gewehre ab. Langenburg erscheint nicht nnmittelbar gefährdet, da Leutnant Klinghardt von dort mit 50 Mann ans Songea marschiert ist. Marinedetachemeuts besetzen Liwale, das Hinterland von Lindi, die Matumbiberge, Mohoro und Morogoro,— Die Verständigung über Marokko. Paris, 23. September. Die Blätter erörtern das deutsch- französische Abkommen über das Programm be- treffend die Konferenz in der Marokko-Angelegenheit in zu« stimmender Weise., Temp S" sagt: Die Bilanz deS heutigen Abkommens besteht im Hinblick ans die marokkanische Angelegen- hcit allein darin, daß in Zukunft die wettere Entwickelung einer Politik des Einvernehmens offen steht und daß in der Gegenwart die wesentlichen wichttgste» Interessen Frank- reichS an der Grenzgegend anerkannt und außerdem die von Frankreich für nolwendj, erachtete» dringenden Reformen verwirklicht werden. Die Kaltblütigkeit Noudier?, welcher durch die Festigkeit Revoils imterstützt wurde, hat an diesem Ergebnis großen Anteil. Fürst Radolin, welcher niemals an der Möglichkeit einer Verständigung gezweifelt hat. und Gesandter Dr. Rosen, welcher seit drei Wochen eifrigst tätig war, waren ihrerseits ausrichtige und versöhnliche Unterhändler. Derartige Abkommen haben, wenn sie gerecht und billig sind, auf die inter- nationalen Beziehungen immer eine erfreu- liche Rückwirkung. Man darf sagen, daß diese Rechnung sich auch hier bewahrheiten wird. Frankreich, welche? nur einen Alliierten hat und dem ein Alliierter genügt, kann in i t a l l e n M ä ch t e ic freundschaftliche Be- ai«.Hungen unterhalten, da seine Politik niemals aggressiv ist. Das soeben unterzeichnete llebereinkommen kann nach seinem inneren Werte eine Iveitere hohe Bedeutung besitzen, und man kann in dem- selben ohne die Würde und die Interessen von irgend jemand zu verletzen, eine neue Bürgschaft des europäischen Friedens erblicken. In ähnlichem Sinne äußert sich das„Journal des Döbats" und erklärt u. a., daS Uebercinkommcn sei das Ergebnis des beider- fettigen gute» Willens, und dieser Wille gestatte. Erfreuliches von der Zukunft zu erhoffen. _.Mehrere Zeitungen zitteren das Wort de? Reichskanzlers Fürsten von Bülow, daß es in dieser Angelegenheit weder Sieger nochBesiegte gebe. ,. G a u l o i s" meint, das Ab- kommen werde dazu beitragen, das Unbehagen zu zerstreuen, tt>e!ches seit einiger Zeit auf den deutsch-franzvsischen Beziehungen gelastet habe.„ S i ö c l e" sagt: Die beiden Regierungen haben Beweise gegenseitiger Courtoisie geliefert, von welchen praktische Spuren in den künftigen Beziehungen zurückbleiben werden. Ber- schiedere Blätter drücken die Ansicht aus, daß die Hauptarbeit der Konferenz zufalle, und daß noch mancherlei Schwierig- k e i t e n austreten werden. Einzelne nationalistische und anti- republikanische Organe greifen Rouvier wegen des Abkommens, welches angeblich für Frankreich eine Demütigung bilde, an.—- Ein Künstler über soziale Jugenderziehung. Der bekannte französische Maler Eugene Carrisre sende unserem Pariser Korrespondenten, der ihn in die Umfrage über „Proletariat und Weltstieden" einbezogen hatte, nachträglich folgenden Brief: „Meine Abwesenheit von Paris hat Ihren Brief zu spät in meinen Besitz kommen lassen, als daß ich rechtzeitig hätte erwidern können. Ich bedauere das unendlich, denn ich bin der Ansicht, daß es die Pflicht eines jeden Menschen ist, auf eine so schwerwiegende Frage zu antworten, wie eS diejenige ist, die Sie dem Gewissen vorlegen.— DaS wirtschaftliche Interesse reicht nicht hin, um die Gewaltsamkeit auszulöschen, die die Herrschgicr der Menschheit uns leiden läßt. ES müssen höhere Motive da sein als das materielle Interesse, das die einzelnen Individuen täglich ihren Leidenschaften opfern. Das Proletariat hat ein unmittelbar wirkendes Mittel, um für den Weltfrieden zuarbeiten: Es ist der Verzicht darauf, die Kinder brutal zu bestrafen und zu beschimpfen.„Schlaget eure Kinder nicht! Bcschimpfer sie nicht I" sollte auf allen Häusern aufgeschrieben stehen. Die Familie ist der Ort, wo der Keim der Gewalt gepflanzt wird und wo sich die Sklaverei und Knechtschaft des Proletariats vorbereitet. Es ist diese fluchwürdige Erbschaft eines schrankenlosen VaterrcchteS, die uns zum absurden Gehorsam vorbereitet, zum geduldigen Entgegennehmen von Schlügen in der Schule, in der Werkstatt, in der Kaserne, und endlich zur Blassen- schlächterci auf den Schlachtfeldern. Weil die Menschen ihre Kinder lieben wie die Tiere ihre Jungen, lassen sie sie in die Metzeleien ziehen. Sie sollten sie aber lieben und achten wie man seine eigene Zukunft. seinen höchsten Gedanken achten und lieben soll. Sic sollten sie selbst ehrfürchtig bewundern als die kommenden Gewisien eines gerechteren Zeitalters! Dann wird ihre Bereitschaft zu sterben ebenso erhabene Gründe fordern wie eZ die sind, in deren Namen sie leben. Seit Jahrhunderten zahlen die Menschen einander die Schläge heim, die sie als Kinder empfangen haben. Möge das einzelne Individuum der Brutalität und der Beschimpfung in seinem Kreise entsagen und es wird der kollektiven Vergewaltigung entgehen, die der individuellen Ungerechtigkeit entstammt. Ich sende Ihnen jedenfalls diese Zeilen in dem Wunsche, daß sie der Sache der Menschheitsverbriiderung von Nutzen sein könnten. Eugene Carriöre. Möns(Belgien), 2i. September. Hueland« Oesterreich-Ungarn. AbgedrbnetenhauS. Bei der Fortsetzung der Debatte über die ErNärung der Regierung besprechen die Abgeordneten Dcmel von Elswchr und Sommer die sprachliche» Verhältnisse in Schlesien und erheben in sehr entschiedener Weise Widerspruch gegen jedwede Vorschubleiftung an tschechische Slavisierungsbcstrebungen. Der Abgeordnete von Demcl begrüßt den von der Krone bezüglich der Rc- Vision der Gesetze vom Jahre 67 eingenommenen Standpunkt. Das Parlament müsse in dieser Frage Hinte dem Monarchen stehen. Er begrüßt ferner die Erklärung des Ministerpräsidenten, daß die Frage des allgemeinen Wahlrechtes nur auf� der Grundlage der Ordnung der nationalen Verhältnisse möglich sei.— Graf Dzieduszycki erklart, daß es ebenso im Interesse Ungarns wie der diesseitigen RcichShälfte liege, daß die Macht- stcllung der Monarchie in ihrer Vollkraft erhalten, und ihr An- sehen nicht herabgemindert werde. Die Polen würden alles tun, um den Staat zu kräftigen und seine Wehrkraft zu erhalten. Dzicduszhcki wendet sich dann gegen die Redner, die in der Debatte alte Staatseinrichtungen herabzusetzen bemüht sind, und warnt vor diesem gefährlichen Spiele. Am allcrgefährlichsten aber seien An- griffe gegen die Dynastie. Niemand dürfe vergessen, daß Oester- reich ohne das Haus Habsburg undenkbar sei. Abgeordneter Susi erste weist bezüglich der Wahlrcchtsfrage auf den von seiner Partei eingebrachten Dringlichkeitsantrag betreffend Einführung des allgemeinen Wahlrechts hin und begrüßt die im Programm der Krone in Aussicht gcuommene Revision des Ausgleichs, welche jedoch nicht unter Ausichlietzung der gesetzlichen Mitwirkung der Königreiche Kroatien, Slavonien und Dalmatien erfolgen dürfe. Abgeordneter Hofmann- Wellen Hof betont, bei der Ein- führung des allgemeinen Wahlrechts seien die eigentümliche nationale Schichtung und die ungemein großen kulturellen Unter- schiede Oesterreichs zu berücksichtigen. Die Partei des Redners müsse zunächst an der gesetzlichen Festlegung der deutschen Staats- spräche festhalten. Redner wendet sich gegen die Slavisicrung dcS Volksschulwescns, tritt für die Regelung der ungarischen Frage, beziehungsweise Revision des 1867 er Ausgleichs durch die beider- fettigen Parlamente ein und erklärt, die sofortige Trennung einer Gemeinsamkeit vorzuziehen, für welche Oesterreich stets die Kosten bezahlen müßte. Ministerpräsident Freiherr v. G a u t s ch erklärt, er wolle ans die gegen seine Person und gegen die Regierung gerichteten An- griffe des Abgeordneten Perncrstorfer nicht erwidern, er würde es aber für eine Pflichtverletzung halten, wenn die gegen die Dynastie gerichteten Angriffe unbeantwortet gelassen würden. Wenn die- selben nicht sofort einen Sturm der Entrüstung im Hause hervor- gerufen hätten, so beweise dies vielleicht, daß sie nicht ernst gc- nommcn wurden. Die Dynastie wurzele so tief in den Existenz- bedmgungcn der Monarchie wie in den Herzen der Bevölkerung. Wer die Monarchie wolle, könne sich die Monarchie ohns� Dynastie nicht denken.(Lebhafter Beifall.) Er, der Ministerpräsident, sei überzeugt, daß bei Äufrcchtcrhaltung der beiderseitigen Selbständigkeit und der Unabhängigkeit des Gcsetzgebungsrechtcs und bei gutem Willen es möglich sein werde wieder zu einer Form der Wirtschaft- lichen Koexistenz zu gelangen, Jeder Freund der Monarchie, jeder Freund Oesterreichs üsid Ungarns müsse wünschen, daß dieses Werk ein Friedenswerk sein möge, aus dem die Monarchie gekräftigt hervorgehe. Schließlich weist der Ministerpräsident das in der letzten Zeit wiederholt aufgetauchte Phantom der Kamarilla ins Gebiet der Fabel und versichert, die Regierung werde mit allen Kräften bemüht sein, die Dinge vorwärts zu bringen.(Lebhafter Beifall.) Während der folgenden Rede des Abgeordneten Schuh- m e i e r unterbricht der Vizepräsident Kaiser wegen demonstrativen Beifalls der Galerie anläßlich eines Konfliktes zwischen den Sozial- demokraten und Christlich-Sozialen die Sitzung und läßt die Galerie räumen. Nach Wiederaufnahme der Sitzung beendet Schuhmeier seine Rede. Die nächste Sitzung ist Montag. Zur ungarischen Krise. Budapest, 2g. September.(Mel- dung des Ungarischen Telcgr.-Korr.-Bureaus.) Nach Blättcrmel- düngen hat die Berufung dcS Grafen C s a k y für Sonnabend zu einer Audienz beim König nicht die Bedeutung, daß er etwa zum Ministerpräsidenten auscrsehen sei. Wahrscheinlich wird Fe jervary, dessen Demission angenommen worden ist, neuer- dings zum Ministerpräsidenten ernannt werden. Fejervary hat bezüglich des Rechtes Ungarns auf Erreichung eines selbständigen Zollgebietes, das im Programm des Königs eine sehr einschränkende Auslegung erfahren hat, eine richtigstellende Er- klärung abgegeben, was einen guten Eindruck gemacht hat. Zusammenstöße in Budapest. Zwischen den Anhängern der Kossuthianer und sozialisti- schen Arbeitern kam es in den letzten Tagen zu mehreren Zu- sainmenstößen ans der Straße. Die Organe der Koalition hatten die Arbeiter durch Artikel provoziert und für nationa- listische Ovationen Propaganda gemacht. Eine Anzahl Ar- heiter glaubte, den nationalistischen Ovationen Gegcndemon- strationen gegenüberstellen zu sollen. So zogen 130 Sozio- listen, das Arbeiterlied singend, vor das Hans der Ün- abhängigkeitspartei. Da aber die Studenten, die Schlepp- träger Knssuths, und die Bürgerschaft in großer Mehrheit waren, wurden die Arbeiter zurückgetrieben, zumal sie ganz unvorbereitet waren. Bei diesem ersten Zusammenstoß wurden mehrere Arbeiter verwundet. Am anderen Tage kam es zur Fortsetzung; doch wäre es schwerlich bei der besonnenen Haltung, die die Arbeiter Budapests zu beobachten wissen und die sich noch unlängst bei dem gewaltigen Aufzug der Arbeiter vor das Parlament so glänzend bewährt hat, zu schwereren Tätlichkeiten gekommen, wenn nicht die Anhänger Apponyis und Basanyis, letzterer Abgeordneter der Hauptstadt Budapest, eine Anzahl zweifelhafter Individuen aus den Vorstädten als agents provocateurs benutzt hätten. Die Arbeiter ent- hielten sich aller Exzesse und demonstrierten nur durch den Ruf: Hoch das allgemeine Wahlrecht! Tie Studenten jedoch, unterstützt durch das von den Nationalisten aufgebotene Ge- sindel, provozierten die Arbeiter durch die Rufe: Nieder niit den vaterlandslosen Vagabonden usw. Es ist bewiesen, daß die ersten Steine von den Nationalisten geschleudert wurden. Auch die während des Znsammenstoßes vorgekommenen De- molienmgen von Schaufenstern usw. sind auf das Konto der Nationalisten zu setzen. Bei dem entstandenen Kampf spielte leider auch das Messer eine Rolle. Schließlich kam die Polizei, die aber selbstverständlich nicht gegen die Provokateure vor- ging, sondern gegen die sozialistischen Arbeiter. Im ganzen wurden gegen 40 Personen verwundet. So traurig diese Vorkommnisse sind, die Schuld daran tragen nur die Kossuthianer. Sie hätten nur an ihren? Pro- grammpunkt des allgemeinen geheimen Wahlrechts festhalten sollen und sie hätten in der ungarischen Arbeiterschaft die festesten Stützen gefunden. Nur dem Verrat der Kossuthianer ist es zu danken, wenn das arheitende Volk gegen sie auftritt. Noch immer aber wäre es bei einigem guten Willen nicht zu spät. Die Koalition brauchte sich nur neuerdings auf den Boden des allgemeinen Wahlrechts zu stellen, so wie sie es vor den Januarwahlen tat, und die Arbeiter würdeil ihr im eigenen Interesse gegen die klerikale und Magnaten-Kamarilla jede Hülfe leisten.— � Frankreich. Tatareiinachrichteil. Das„Wolfssche Bureau" meldet aus L o n g!v y: Zwischen arbeitswilligen belgischen Arbeitern, denen belgische Gendarmerie beigegeben war, und französischen Ausständigen kam es bei Aubangc zu einem heftigen Zusammenstoß. Die Ausständigen feuerten Revolverschüsse ab, welche die Betgier mit Steinwürfen erwiderten. Die Ausständigen flüchteten, als französisches Militär bcrbeieilte, auf belgisches Gebiet, von wo sie seitens der belgischen Gendarmerie durch Schüsse vertrieben wurden. Mehrere von ihnen wurden schwer verwundet, einer angeblich getötet. Eine spätere Meldung derselben Telegraphen-Agentur lautet: Die Bedeutung'der Porfälle in der Nähe der belgischen Grenze zwischen den französischen Ausständigen und belgischen Arbeitern, ivclche in den Eisenwerken zu Moni Saint Martin arbeiten wollten, ist st a r k ü b e r t r i e b e i! worden. Bon beiden Seiten sind zwar Schüsse abgegeben worden, aber im Gegensatz zu den bisher ver- ösfentlichten Nachrichten ist niemand verletzt worden. Italien. Der Chiiiaprozcß gegen Modngm» wird binnen kurzem vor dem Kriegsgericht in Neapel stattfinden. Ein Teil der Akten des Prozesses von Perugia sind bereits von den Militärbehörden ein- gefordert worden. Modugno soll den Verhandlungen mit großer Ruhe entgegensehen. Da er sich tatsächlich in China bereichert hat, scheint er feine Verteidigung darauf zu stützen, daß dies viele andere auch getan haben.»» Niederlande. In der Debatte über die Thronrede stellten die Vertreter der Parteien eine Reihe von Anfragen an die Regierung. Genosse Troelstra wies auf die Bewegung für das allgemeine Wahl- recht hin und verlangte zu wissen, warum die Negierung eine all- gemeine VerfafsungSrevision verlangt, während doch nur eine Abänderung der Wahlrechtsparagraphen nötig sei. Eine allgemeine Verfassungsrcvision werde möglicherweise nur die Folge haben, die Revision der Wahlrechtsparagraphen zu verschleppen. Ferner verlangt Troelstra eine Enquete über die Kolonialbestialitäten, die von de» Kolonialtruppen>n Boni angerichtet worden seien. Während im russifch-japanischen Kriege auf einen Toten vier Verwundete gekommen seien, entfielen in Indien auf 366 bis 466 Tote nur etwa 12 bis 26 Verwundete, und obendrein feien die Venoundcten noch Frauen oder Kinder. Es scheint also, daßalles bestialisch hingemordet werde. Ferner wollte Genosse Troelstra wissen, wie sich die Regierung dem Matrosenbund gegenüber verhalte. Gerade in den letzten Tagen seien wieder drei Mitglieder des Zentralvorstandes des Matrosenbundes mit Entlassung bedroht worden. Die Regierung beantwortete die Frage nach der Vcrfassungs- rcvision dahin, daß, wenn die Kommission, die die allgemeine Revision vorzubereiten habe, innerhalb der vierjährigen Periode nicht fertig sei mit ihrer Arbeit, die Regierung die Revision der Wahlrechts. paragrahpen noch in dieser Periode beantragen werde. Was die Kolonialausschreitungen anlange, so versprach die Regierung eine Untersuchung anstellen zu wollen. Ferner eklärte die Regierung, daß sie der Gewerkschaftsbewegung auch der StaatSarbeiter nichts in den Weg legen und daß sie die Rechte aller, auch des Militärs, hochhalten werde. Trotz dieser schönen Worte weigerte die Rc- gicrung sich aber, die im Jahre 1663 geschaffenen Zwangsgcsetze des Ministeriums Kuhper zurückzunehmen, sie werde aber über die Lage der Elsenbghiicibeitcr hei spÄerer Mletzenheit ihre Auffassung dg» legen.'Hierbei ist zu bemerke Ii, baß der Vorsitzende ber Enqueke- kommission, Herr Beedens, der im Jahre 1663 nach dem Gene- ralstreik die Lage der Eisenbahner untersucht hat und einen für die Kompagnien so vcrnichtcndenBericht erstattete, daß dieRegierung Kuhper ihn zu veröffentlichen sich weigerte, jetzt Minister der öffent- lichen Abeiten ist. Wahrscheinlich wid sich die Regierung für die Ver- staatlichung dr Eisenbahnen aussprechen.— Norwegen. Was das norwegische Volk zu fordern hall, nachdem es am 13. August endgültig über die Unions- auflösnng entschieden und sich damit auch bereit erklärte, alle möglichen Folgen dieses Schrittes zu tragen, ist, daß es n u n auch über die zukünftige Staatss orm ent- scheide, und über diese Forderung werden die l?errschenden Parteien kaum hinweg kommen, ohne sich gründlich zu bla- mieren. Der Gedanke, daß es nicht Herren und Knechte gibt, sondern alle politisch gleichberechtigt sein sollen und darum auch mitzubestimmen haben, hat so festen Fuß gesaßt, daß alle Politiker damit rechnen müssen, zumal wenn es eine so wichtige Frage wie die der Staatssorm gilt. Wird hierbei nicht nach diesem Grundsatz und nicht nach dem Willen der Volksmehrheit entschieden, so müssen schwere innere politische Kämpfe folgen, die dem ungebetenen Gast auf dem Thron am unangenehmsten sein werden. Der erste praktische Schritt, dem Volkswillen Gehör zu verschaffen, ist nun getan. Wie bereits eine Depesche vom 27. September meldete, haben 10 Storthingsmänner einen Antrag eingebracht, wonach entweder noch vor Mitte November ein konstituierendes Stört hing einbenifen werden soll, das über die zukünftige Regiernngssorin entscheiden, die durch die Unionsauflösung notwendig gewordenen Ver- änderungen der Verfassung vornehmen und einen Staats- ch e f Wahlen soll, oder wenn dieser Vorschlag abgelehnt wird, die Entscheidung über die Regierungsform usw. dem nach den Wahlen im Jahre 1906 zusammentretenden Storthing überlassen bleiben soll. In diesem Fall soll das jetzige Storthing vorläufig einen P r ä s i d e n t e n w ä h l e n, der dann bis zur Entscheidung die nach dein Staatsgrundgesetz dem König zustehende Vollmacht auszuüben bat. Von den vier Sozialdemokraten deS Storthings hat Alfred E r i k s e n den Antrag unterzeichnet. Nach der Geschäftsordnung des Storthings ist die Zahl derer, die einen Antrag einbringen können, auf zehn beschränkt? wenn das nicht wäre, hätten voraussichtlich auch die anderen drei Partei- genossen ihre Unterschrift dazu gegeben.— Kristinnia, 26. September. Das Spezialkomitee des Storthings beschloß mit 12 gegen 6 Stimmen zu beantragen, daß der Regierungsentwurf, betreffend das Ueberemkommen von Karlstad, gebilligt wird. Die Majorität hat ihren Antrag, welcher ganz kurz ist. fertiggestellt, während die Minorität mit ihrem Antrag noch nicht fertig ist. Amerika. Präsident Nooscvelt tritt im Oktober eine Reise durch die Südstaaten an. Nach dem„Netv Aork Herald" geht er, um die Stimmen der Vertreter der Südstaaten im Kongreß für seine Politik zu gewinnen. Er hat mit einer starken Oppo- sition unter den Republiken zu rechnen und wirbt um die Stimmen der Demokraten. Der Vertrag mit San Doniingo, den Roosevelt eigenmächtig schloß, soll die Ratifikation er- halten, und der Senat war bekanntlich dagegen? die Politik auf den Philippinen, die Vorgänge in Venezuela, die Panama- kanal-Affäre und manches andere noch gaben Anlaß zu Aus- einandersetzungen im Kongreß, und Roosevelt braucht Unter- stützung, um seiner Meinung Geltung zu verschaffen. Im ganzen Lande ist seine Popularität wieder stark gewachsen durch die erfolgreichen Friedensvermittelungcn zwischen Ruß- land und Japat� werden viele Stimmen laut, ihn ge- meinsam im" b.epublikanern und Demokraten für den nächsten Präsidcntichaftstermin als Kandidaten aufzustellen und zu er- wählen, trotz seiner bestimmten Erklärung, daß er nicht wieder kandidieren würde. Am 24. Oktober wird Roosevelt in New Orleans erwartet, wo man bis dahin hofft, das gelbe Fieber ausgerottet zu haben. Er ist eines großartigen Empfanges in dem demokratischen Süden sicher. Es fällt den Republi- kauern und Demokraten immer schwerer, noch Partei-Unter- schiede ausfindig zu mächen. Wächst die sozialistische Parter erst stärker empor, so ist die Einigung unter den alten Parteien ganz selbstverständlich.—_ Der russische Nniversitiitsstreik. Odessa, 29. September.(Offizielles Telegramm.) Die beiden Universitäten Odessa und Warschau befinden sich infolge der bewilligten akademischen Autonomie in hülfloscr Lage. Die Professoren sind bereit, ihren bereits nenn Monate andauernden Streik aufzugeben und die Vorlesungen zu be- ginnen, doch ist es unmöglich, weil die Studenten nicht zu- sammenkommcn können, um eine entsprechende Entscheidung zu fällen, da der Kriegszustand strengstens jede Versammlung verbietet. Um blutige Konflikte mit den Kosaken zu vermeiden, wer- den die Prvfcssorrn mit dem Beginn ihrer Vorlesungen hin- halten, b s die Aufhebung des Kriegszustandes erfolgt ist, was aber die Regierung systematisch ablehnt. Dem Beispiel der Petersburger Universität und des Warschauer Polytechnikinns folgend, hat das hiesige Pro- fessorcn-5kolleginnl beschlossen, die Regierung um unverzüg- liche Aufhebung der ungerechten folgenschweren Ein- schränkungcn und um Aufnahme sämtlicher jüdischen Abi- turienten, anstatt 10 Prozent wie bisher, zu ersnchm. SevveHzlcdaftUekes. Der Kampf in der Elektro-Jndustrie. Eine rasche Antwort. Am Donnerstag nachmittag 6 Uhr beschloß der Verband der Metallindustriellen, seinen Arbeitsnachweis zu sperren und stimmte prinzipiell der Schließung aller seiner Verbandsbetriebe zu, lediglich den Zeitpunkt dieser Schließimg auflassend. Am Freitag ftüh erfuhr das Zentral-StreiNomitee davon und heute morgen flatterten tausende und abcrtauscnde Flugblätter in alle Winde, welche den Arbeitern Verhaltungsmaßregeln geben. Sie lauten: An sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen der Allgemeine» Elcktrizitäts-Wcrle, der Siemens u. Halske- und der Siemens- Schnckert- Werke. Kollegen und Kolleginnc», Arteltsgenosse»! Nachdem die Direktionen der Werke den?ö berechtigten Forde- rungen der Streikenden kein Entgegenkommen gezeigt haben, nach- dem die Streikenden selbst entschieden habe. datz sie die schon «inmal abgelehnten, so dürfttgen Zllgeständnisse nicht annehmen können, nachdem fenier die ArbciteranSschiisse alles versucht haben, eine Einigung herbeizuführen, beharrtcn die Wcrklciwngcn auf ihrem ablehnenden Standpunkt. Dadurch ist die AussPerrung von zirka 30 OVO Arbeitern und Arbeiterinnen zur Tatsache geworden. Aber die Herren Unternehmer wollen nicht alle Arbeiter und Arbeiterinnen aussperren, sie wollen einen Teil, 10 Proz. der Arbeiter, in den Werken beschäftigen, um die nötigsten Arbeiten fertig stellen zu lassen. Die Herren wollen sich vor dein größten Schaden bewahren, fie wollen nicht auf alles verzichten, während sie den 30 000 Arbeitern und Arbeiterinnen alles, alles nehmen! Das kann, das darf nicht geschehen! Die zehn Prozent der Arbeiter, die in den Betrieben der- bleiben sollen, schädigen ihre ausgesperrten Kollegen und Kolleginnen auf das empfindlichste. Dir Arbeit, die sie leiste» sollen, ist gleichbedeutend mit Streik- arbeit! Kollegen und Kolleginnen I Wenn am Sonnabend Eure Kameraden die Werke verlassen müssen, so darf keiner im Werke verbleiben, einer für alle, alle für einen! Heidt eS jetzt 1 Am Montag darf sich in den Werken keine Hand regen I Wollen die Herren, daß gearbeitet wird, gut, so sollen alle arbeiten, sollen neun Zehntel feiern, kann das letzte Zehntel auch feiern I Die Solidarität ist uns heilig! Wir halten zusammen! Dieser Aufruf richtet sich an alle Kollegen und Kolleginnen nachstehender Werke: Apparatcfabrikcn, Ackcrstraße und Hnttcn ftraße, Maschinenfabrik Brumtenstraße, Turbinenfabrik Huttenstraße (91. E.-G), Dyuainowcrk, Franklinstraße, Kabelwerk, Nonncndaini», Blockwerk, Hclmholystraße, Wcrnerwcrk, Nonncndamm(S. u. H., S.-S.-W.). Zu beachten ist noch folgendes: Wenn die Kollegen und Kolleginnen am Sonnabend ihr Geld ausgezahlt erhalten, und es werden ihnen ihre Papiere dabei angeboten, so nehmen sie beides, die Papiere sind aber nicht zu fordern, sondern nur wenn angeboten, zu nehmen. Wir machen ganz besonders darauf anfmerlfam, dass niemand irgend welche Unterschrift leistet. Ueber die Lohnzahlung, die am Mittwoch stattfinden soll, sowie über die unfertigen Akkords, auch über die fernere Stellung und das Verhalten der Ausgesperrten wird in genügender Weise und zur rechten Zeit Nachricht gegeben werden. DaS Zcutral-Jtrcikkvmitee. Neue Nntcrhandlungcn. Obgleich die Arbeiter alle Vorkehrungen für den Kampf getroffen habe» und jederzeit zum Losschlagen bereit stehen, haben sie, um ihre Friedensliebe noch einmal zu dokumentieren, sich doch noch an den Vorsitzenden des Gcwcrbegerichts, Herrn MagistratSrat v. Schulz gewandt. Herr v. Schulz hat sich darauf sofort mit den drei an der Aussperrung beteiligten Firmen in Verbindung gesetzt. Diese haben zwar, getreu den Maximen des Kiihuemänner-VerbandeS, es abgelehnt, formell vor dem Einig ungSamte zu verhandeln. Die Firmen sind indessen bereit, unter dem persönlichen Vor- sitze des Magistratsrats v. Schulz, die gegenwärtige Sachlage mit den Arbeiteransschllssen, deren Mandat sie auch nach Schlieszung der Fabriken anerkennen, zu besprechen. Voraussetzung für diese Verhandlung ist natürlich, dah die für heute angekündigte weitere Aussperrung unterbleibt. Geschieht dies, so ist die selbstverständliche Folge, dah auch keine Iveitcre Ausdehnung des Streiks stattfindet. Die in dem oben veröffentlichten Flugblatt zur Niederlegung der Arbeit aufgeforderten Arbeiter werden unter diesen Umständen vorläufig in den Betrieben bleiben.— Um Ver- wirrungen zu vermeiden, erhalten sie beim Ausbleiben der Ans- sperrung vom Zeutral-Streikkomitee rcsp. durch die Vertrauensleute noch ausdrücklich Konterorder. In de» elektrischen Kraftzcntralcn liegt es gegenwärtig auf den Gemütern wie eine bleierne, drückende Schwüle. Vom obersten Direktor bis zum letzten Heizer wird jetzt einzig und allein nur die Frage ventiliert: Wie wird es mit den Kraftzentralcn, wenn die Aussperrung in ihrem ganzen angedrohten Umfange vor sich geht? Niemand von den Direktoren, Ingenieuren sc. glaubt daran, das; die Maschinisten und Heizer usw. in den Betrieben bleiben und stillschweigend zusehen werden, wie Zehn- tausende von Arbeitern brotlos auf der Straffe liegen müssen, nur tveil es dem Unternehmertum einmal so gefällt. Unter der Hand ist denn auch wiederholt bei dem Personal angefragt worden, wer wohl mit zu streiken gedächte oder wer im Betriebe bleiben würde, falls die Organisationen auf die Aussperrung mit Gegenmaffregeln antworten sollten. Ob die Fragesteller von den Antworten sonder- lich befriedigt gewesen sind— sie müssen es ja wissen. Gestern hat der Direktor Datterer von der Zentrale der B. E.-W. den Maschinisten und Heizern 2Vz Pf. Lohnzulage pro Stunde und eine Gratifikation von 80 M. nach einer bestinmiten Zeit zugesichert. Dieses Zugeständnis soll vermutlich beruhigend auf das Personal wirken. Hierbei sei gleichzeitig miterwähnt, daff die Gesellschaften vertrauliche Zirkulare an ihre Kundschaft geschickt haben, in denen sie wegen etwaiger Störungen im Betriebe ini Voraus um Nachsicht bitten. Lächelnd sehen es die Arbeiter in den Kraftzentralcn auch mit an, wie schon jetzt Schlaf- und Unterlunftsgelegenhcit für etwaige Arbeits- willige— uniformierte und nicht uniformierte— geschaffen wird. Auch Raum zur Einquartierung fliegender Polizeiwachen soll für alle Eventualitäten bereit gestellt werden. Doch besonders viel Zu- Vertrauen in die Nützlichkeit all dieser„Fürsorge-Einrichtnngen" scheinen die Leiter der Werke selbst nicht zu haben. Die kundigen Thebaner wissen nämlich alle: Sobald die alt- geschulten Llrbeiter die Brocken hinwerfen, steht die Karre ein- fach still I » Die Maschinisten und Heizer der Kraftzentrakcn werden heute abend über die von ihnen zu er- streifenden Maßnahmen endgültig Beschluß fassen. BerUn und amgegend. Der Streik in der Wäschcfabrik von Gebr. Borchardt ist beendet. In einer äuherst stark besuchten Versammlung der Wäschearbeiter und-Llrbeiterinnen, die am Donnerstag in Kellers Saal tagte, er- stattete der VcrbandSvorsitzende Keller Bericht über den Ausgang deS Streiks. Nachdem anfangs sowohl der Firmeninhnber, wie auch der Verein der Fabrikanten jede Verhandlung mit der Arbeiter- organisation abgelehnt hatten, erbot sich neuerdings der Fabrikanten- verein zu Verhandlungen mit der Organisation der Arbeiter, und da? Remltat derselben war ein durchaus befriedigendes, denn die Forderungen der Arlicüer und Arbeiterinnen wurden in vollem Ilm- fange bewilligt. In der Hauptsache handelte es sich bekanntlich um die freie Lieferung von Garn und Nadeln. Bei den Verhandlungen ' wurde denn auch diese Forderung, nachdem vorher heftig um sie ge stritten worden war, bewilligt. Damit ist der Streik bei Gebr. Borchardt beigelegt.— Nunmehr ist eine Bewegung im Gange, die auf die Verbesserung des Lohntarifs in allen Waschefabriken Berlins abzielt. Der Tarif ist bereits in einer Mitgliederversammlung des Verbandes der Wäschearbeiter und-Arbeiterinnen beraten. Die Akkord- sätze der Näherinnen sollen um 10 Proz. erhöht, der Wochenlohn der Plätterinnen auf mindestens 13 M., der Mindcstlohn der Zu- schneider auf 30 M. festgesetzt lvcrdcn. Die Arbeitszeit soll 9 Stunden betragen. Ueberstunden, die mit einem Llufschlag von 25 Proz. zu bezahlen sind, sollen nicht mehr als sechs in der Woche und zwar höchstens in 10 Wochen während des Jahres gemacht werden. Es wird voraussichtlisi zu Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Organisationen kommen, denn bei den Verhandlungen aus Anlaff deS Borchardtschen Streiks haben die Vertreter des Fabrikanten- Vereins angedeutet, daff man wohl nächstens über die Tarisforde- rangen verhandeln werde.— Die Versammlung setzte eine 16gliedrige Kommission ein, die den Auftrag erhielt, den Fabrikanten in den nächsten Tagen den Tarif— in dem lelbstverständlich auch die freie Lieferung von Garn und Nadeln in allen Betrieben gefordert wird — vorlegen und alles weitere in der Tarifbeivegnng veranlassen soll. Achtung, Schuhmacher! Die Differenzen bei der Firma Buller, Brmmenstr. S3, sind beigelegt. Die OrtSvcrwaltung Berlin des Zcntralverbandcs der Schuhmacher. Zink-, Zinn-»ud Blcigießcr! Die Wcrkstelle der Firma E. Stein, Alexandrincnstr. 33, ist gesperrt. Die Sperre über der Finna P. Trcttin u. Co.. Ritterslr. 23, ist aufgehoben, da die Differenzen zugunsten der Kollegen geregelt sind. Der Vorstand deS Vereins der Zink-, Zinn- und Bleigieffcr. Nohrer. Dem gestrigen Beschluß der öffentlichen Versammlung im„Englischen Garten", heute früh die Arbeit einmütig nicderzu- legen, ist im größten Umfange Folge geleistet worden. Obgleich noch sehr viele Kollegen heute früh auf die Bauten gegangen sind, um ihr Handwerkszeug wegzuräumen und deshalb nicht so früh erscheinen konnten, haben sich dennoch bis zum Mittag über 230 Kollegen zur Kontrolle gemeldet. Ebenfalls haben bis zum Mittag noch drei Firmen bewilligt, so daß im ganzen 33 Kollegen gleich zu den neuen Bedingungen bei 5 Firmen weiter arbeiten konnten, Von einer größeren Firma, welche sich zur Anerkennung der Forderungen bereit erklärte, holt die Kommission heute noch die Unterschrift. In Betracht kommen hier zirka 40 Kollegen. Zur Beachtung: Alle Kollegen, welche zu den neuen Bedingungen arbeiten, erhalten von der Lohnkommission Arbcitsbercchtigungskartcn und bitten wir alle Kollegen, wie sämt- liche Bauarbeiter darauf zu achten. Die Lohnkommission. Bureau: Dragoncrstr. 13. I. A.: M. Bold!. Berichtigung: In gestriger Nummer des„Vorwärts" ist ein Irrtum enthalten. Es muß anstatt der Lohnerhöhung nicht von 70 auf 30, sondern von 70 auf 85 Pf. Stundenlohn heißen. veutkcbes Releh, Vom Weberstreik in Reichcnbach i. Schl. wird uns gc- schrieben: Vier Wochen befinden sich bereits die Weber und Weberinnen der Firma Cohn Gebr. in Streik; aber alle stehen fest, kein Ab- trünniger ist zu verzeichnen. Die Arbeiterschaft der Firma Cohn Gebr. hatte es satt bekommen sich bezüglich des eingereichten Lohn- tarifs, der übrigens schon von zwei Firmen des Kreises Reichcnbach anerkannt ist, immer weiter hinziehen zu lassen; außerdem konnten und wollten die Arbeiter sich nicht mehr die ewigen Drang- salierungcn in der Fabrik gefallen lassen und deshalb hatten sie am 31. August den Streik beschlossen. Die Unternehmer antworteten, indem sie in den übrigen Textilbetrieben der Stadt Reichcnbach die Organisierten und deren Angehörige rücksichtslos aufs Straßen- Pflaster warfen; die Arbeiterschaft Neichenbachs parierte diesen Schlag und beschloß, in allen in Frage kommenden Betrieben die Arbeit niederzulegen. Bald waren reichlich 1000 Llrbeiter und Ar- beiterinncn der Textilindustrie im Streik rcsp. ausgesperrt. Diese werden aushalten bis die Unternehmer die Maßregelungen zurück- nehmen und bezüglich des Lohntarifs, der nun in allen Fabriken eingereicht ist, Konzessionen machen. Am Dienstag fand auf Veranlassung der vereinigten Weberei- besitzer eine Verhandlung statt, aber das war nur eine Komödie. Von den 14 zur Verhandlung gekommenen Arbeitern der ver- schiedcnen Fabriken lehnten die Unternehmer einen nach dem anderen ab; die Unternehmer hatten sich nämlich eine schwarze Liste zurechtgemacht und die auf dieser verzeichneten 36 Llrbeiter wollten sie nicht an den Verhandlungen teilnehmen lassen. Dabei haben sich die gemaßrcgelten Arbeiter nicht das geringste in den Betrieben zuschulden kommen lassen; ja, Leute sind dabei, von denen der Fabrikbesitzer Cohn erst kürzlich gesagt hat, daß sie seine liebsten Weber seien; andere Namen sind auf die schwarze Liste gekommen, weil sie nach Ansicht der Fabrikanten so viel verdient hätten, daß sie nicht in den Textilarbeiter-Verband zu gehen brauchten. Wunderbar sind oft die Launen der Kapitalisten! Die Streikenden lehnten es in einer Mittwoch abgehaltenen stark besuchten Ver- sammlung e i n st i m m i g ab, eine neue Kommission zu wählen, die nur aus Leuten besteht, die nicht auf der schwarzen Liste figurieren. Man wollte nicht die Zahl der von den Unternehmern durch die schwarze Liste Gekennzeichneten noch vermehren. Die Streikenden sind guten Muts und hoffen bestimmt auf einen guten Erfolg ihrer Bewegung. Zahlreiche Arbeitskräfte haben bereits den Ort verlassen, um anderweitig besser entlohnte Arbeit zu nehmen. Textilfabrikanten haben sich schon an das Streik- bureau um Arbeitskräfte gewandt, ihrem Ersuchen wird Folge gc- leistet werden, denn je mehr Streikende anderweitig untergebracht werden, desto weniger können die Unternehmer ihren Maß- rcgelungsgclüsten frönen und umsomehr werden die Unternehmer die Nutzlosigkeit ihres Widerstandes einsehen. Achtung, Metallarbeiter aller Branchen! In sehr vielen bürgerlichen Blättern suchen Solinger Stahl- warcn-Firmcn Arbeiter unter dem Versprechen hoher Löhne. Die Firma F. W. Rauh in Fache bei Solingen verspricht bei 10 ständiger Arbeitszeit„bis" 43 M. Lohn. Demgegenüber ist hervorzuheben, daß diese selben Firmen, die jetzt Arbeiter suchen, ihre alten er- fahrencn Leute aufs Pflaster geworfen haben. Etwa 600 Schlägerei- arbeitcr und Schlosser sind durch die Diktatur des Arbeitgeber-Vcr- bandes brotlos gemacht und zwar darum, weil sich die Arbeitcr der Firma Rauh erlaubten, ihre Lohnforderungen rcsp. die Erlangung eines Tarifs durch die eingereichte Kündigung zu ertrotzen! Daß Löhne„bis" 43 M. pro Woche nur eine Erfindung der Unternehmer sind, wissen die hiesigen geschulten Arbeiter am besten. Und wenn die eingearbeiteten Leute diesen Lohn gar nicht oder nur ein- oder zweimal im Jahr verdienen, dann liegt es doch nahe, daß diese Inserate nur Arbeitswillige anlocken sollen, um die Schlägerei- arbeiter zu zwingen, die Arbeit wieder aufzunehmen und zwar bedingungslos. Die organisierte Arbeiterschaft, vor allen Dingen aber die Metallarbeiter, werden aufgefordert, diesen Arbeiter- gesuchcn die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken und denselben mit allen zulässigen Mitteln entgegenzuwirken. Die Ortsverwaltung des deutschen Mctallarbeiter-Verbandcs in Solingen. I. A.: M. Sendlcr. AuS der Leipziger Posamcutiercrbcwegung. Auf die von uns gemeldeten Forderungen der Möbclposamcntiercr hat die Innung sich dahin erklärt, daß sie die 33 ständige Arbeitszeit, den Mindest- lohn von 33 bczw. 43 und 40 Pf. und den Zuschlag von 33!/& Proz. auf Ueberstunden- und 30 Proz. auf SonntagSarbeit ablehnt und sich nur mit einem Zuschlag auf Ueberstunden- und Sonniagsarbeik in Höhe von 23 bezw. 33l.b Proz. einverstanden erklärt. Die ab« lehnende Haltung wird mit der ungünstigen Geschäftslage und der Rücksicht auf die auswärtige Konkurrenz begründet. Auch den Bandposamcntierern wurde der Bescheid, daß zur Zeit eine Lohn- aufbcsscrung unmöglich sei. Die Gchülfcn haben nunmehr die Organisationslcitung beauftragt, in Verbindung mit dem Gesellen- ausschusse sofort noch einmal behufs Gewährung weiterer Zu- gcständnisse vorstellig zu werden. Im Falle der Ablehnung ist man entschlossen, den Kampf aufzunehmen. Die Weber und Weberinnen von Gera nahmen am Donners- tag in vier stark besuchten Versammlungen Stellung zu dem von den Fabrikanten angebotenen Lohntarif. In allen Versammlungen wurde von allen Rednern das Angebot der Fabrikanten als ganz unannehmbar bezeichnet. Man will jedoch noch einen letzten Ver- such machen, um zu einem gütlichen Ausgleich zu gelangen. Es wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der die Arbeiter ihren Unwillen über das geringe Entgegenkommen seitens der Fabrikanten Ausdruck geben und die Tarifkommission beauftragt wird, zu versuchen mit den Fabrikanten in erneute Verhandlungen zu treten, um diese zu höheren Zugeständnissen zu bewegen. Die Antwort soll bis 3. Oktober verlangt werden. Huslsnd. Die Post-«nd Tclcgraphcn-Uutcrvcamtc» Fraukreichs ver« handelten in Paris über die Frage der Bildung eines Syndikats. Der Delegierte für Paris, Gangicr, machte im Namen von 4000 Unterbeamten die Mitteilung, daff diese ein Syndikat bilden würden, wie auch immer der Beschluß des Kongresses lauten würde. Ein Knrschncrstrcik droht, wie die„Nene Pelzwarenzeitmig" meldet, am Montag, de» 2. Oktober in Paris auszubrechen. Nttsfifche Liebedieuerei. Berlin, 29. September. Auf Grund einer Denunziation seitens eigener Landsleute wurde heute früh 4'/z Uhr der Goldarbciter Josef Jaknboivski ans Rnssisch-Poken, der hier seit zirka vier Wochen in der Kochhannstr. 11 in Stellung war und bei seinem Vetter in der Vlninenstr. 31» nächtigte, von der Kriminalpolizei verhaftet und mit dem grünen Wagen nach dem Polizeipräsidiunr befördert. Als Grund der Verhaftung wurde angegeben, daff er sich der Militärpflicht in Rnffland entzogen hat. Da Jakubowski über 100 Rubel sein eigen nennt, so ist cS selbstverständlich, daff selbst im Fall einer Ausweisung und nach den sogar in Preuffen eingehaltenen Grundsätzen ihm die Wahl der Grenze anheimgestellt wird, wohin er sich begeben will, und daff er nicht etwa den Schergen der russischen Knute ausgeliefert wird. Entziehung der Militärpflicht ist lein Grund der Auslieferung oder Ausweisung— nach den übcrein- stimmenden Grundsätzen des Völkerrechts. Letzte JNteebriebten und Depefeben. Tic ungarische KrisiS. Budapest, 29. Septnnber.(W. T. B.) Das Regierungs- organ„Magyar Ncinzet" veröffentlicht eine authentische Dar- stellung der Audienz vom 23. September und macht eS den beim König er>chienenen Führern der Koalition zum Vorwurf, daß sie die Kennzeichnung des Standpunktes des Monarchen gegenüber ihrem Programm für die eventuelle Kabinetts- bildnng vor der Oeffentlichkeit als das Programm des Königs dargestellt, anstatt daß sie gegenüber den Mitteilungen des Königs ihre pflichtgemäßen Bemerkungen gemacht hätten, um eine Einigung über ein Negierungsprogramm zu erzielen. Baron Vauffy, einer der Teilnehmer an der Audienz, erklärt demgegenüber, daß eine Beratung mit den in Audienz erschienenen Politikern nicht gedacht worden sei. Ter König habe die Koalitivnssührer an den Grafen Goluchowski ge- wiesen und in nicht misizuvcrstclicndcr Weise das Zeichen gc- geben, daß er die Audienz als beendet ansehe, so daß es nicht möglich gewesen, Bemerkungen zu machen. Tie Repolntion in Nußland. Kiew, 23. September.(Meldung der„Petersburger Telegraphcn-Ageutur".) In der vergangenen Nacht kam es in einer sozialdemokratischen Versammlung zu einem Zu- sammeustoß mit der Polizei. Vier Personen wurden schwer und elf leicht verwundet; vierzig wurden verhaftet. Ein Polizeikommissar wurde verletzt. Moskau, 28. September.(Meldung der„Petersburger Telegraphen-Agentur".) Ter Semstwo-Kongreß nahm den Entwurf eines Wahlaufrufes an, in dem die Notwendigkeit einer Reform des Volksbildungswesens, ferner die Einführung einer Staatsarbeiter-Versicherung, die Regelung der Landpacht- Verhältnisse und die Zuteilung von Land au Ackerbautreibende betont wird. Hiermit wurde der Kongreß geschlossen. Tas von ihm organisierte Haupt-Wahlkomitee wird seinen Sitz in Petersbng haben. Hamlmrg, 29. September.(93. T. B.) Der Dampfer„Eleonore Woermann" mit den von ihrer Studienreise nach Togo und Kamerun zurückkehrenden Reichstagsabgeordneten an Bord ist heute vormittag von Southampton abgegangen. Er wird voraussichtlich Sonntag srüh ans der Elbe eintreffen. Frankfurt a. M., 29. September.(98. T. 83.) Wie der„Frankfurter Zeitung" aus K o n st a n t i n o p c l gemeldet wird, ist das vor einigen Tagen verhaftete Dienstpersonal des Grand Hotel Kröckcr wieder in Freiheit gesetzt worden; die Haussuchungen sind eingestellt worden, da sich die Verdächtigungen als grundlos er- wiesen haben. Barcelona, 29. September.(W. T. 23.) Drei katalanistische und eine anarchistische Zeitung, gegen welche Anzeige erstattet worden war, sind gestern von der Behörde beschlagnahmt worden. Die Nachforschmigen der Polizei bezüglich der Explosion in der Rambla sind bisher resnltatlos verlaufen. Es hat sich heraus- gestellt, daff die verhafteten Personen Opfer einer falschen An- schuldignng sind. Petersburg, 29. September.(Meldung der Petersburger Telegraphen-Agentur.) Der französisch-russische Handelsvertrag ist heute nachmittag unterzeichnet worden. Manila, 29. September.(Meldung des Reuterschen VnreauS.) Bei dem llntcrgang des Kanonenbootes„Leyte" sind 11 Amerikaner und 24 Eingeborene ertrunken. Während deS letzten Sturmes sind am Dienstag in Sorsogon 13 Eingeborene umS Leben gekommen. Der in den Haufplantngm angerichtete Schaden wird auf eine Million Dollar geschätzt. Ein Dampfer mit einem Truppen» transport an Bord ist bei LegaSpi gestrandet. Berantw. Redakteur: Pank Biittner, Verlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: VorwärtsBuchdr.u.VerlagsanMt Kaul Singer Lc Es., Berlin L�V. Hierzu�Beilaaen. Nr. 229. 22. JalMUg. SollNbelld, 30. Stptmbtt 1905. Die Generalverfamuilttng der Sozial- Politiker. Mannheim, 23. September. IV. DaZ Bcrhültilis der Kartelle zain Staat. In der Fortschnng der bereits tclegraphiüb skizzierten Debatte kiber die Kartellfrage nahm zunächst das LLort RegierungSrat a. D. Dr. Völtcr-Diisseldorf: Herr Geheimrat Kirdorf ist vielfach miß- verstanden worden. Wir erkennen die Bedeutung der Wifsenschaft an, wir wünschen aber, daß auch die Ansichten der Männer der Praxis die erforderliche Beachtung finden. Der Redner weist als- dann den Vorwurf zurück, daß er ans materiellen Gründen aus dem Reichsdienst geschieden sei. Wir wollen nicht Monopole, wir wünschen den freien Wettbewerb, wir bezwecken auch keine Preis- erhöhnng. fHciterkeit.) Die Kartelle find durch die Not entstanden. Wir Ivollen durchaus nicht die Gewerbcfrciheit beseitigen, obwohl diese den Kartellen viele Fesseln auferlegt hat. Es ist aber ein Unterschied, ob Bulgarien mit Serbien, oder zirci Weltmächte, wie Rußland und Japan Krieg führen, wodurch die ganze zivilisierte Welt in Erschütterung gerät. Ebenso ist es cm Unterschied, ob ein Wettbewerb zwischen kleinen Werken oder zwischen Riesenwerken geführt wird. Dieser heftige Wettbewerbskampf bat die Kartellbildung veranlaßt. Diese Kartellierung hatte durchaus nicht den Zweck der Monopolisierung, auch nicht den der Preiserhöhung, sondern nur die Festsetzung angemessener Preise, in der Hauptsache aber den Arbeitern— der rheinisch-westfälische Stahlwerksverband beschäftigt 200 000 Arbeiter— ständige Arbeit zu verschaffen. Ter Stahlwerksverband hätte jetzt bei der aussteigenden Konjunktur mit Leichtigkeit die Preise erhöhen können. Wirtschaftliche Gründe hätten die'Preis- erhöhnng vollständig gerechtfertigt, wir haben aber aus politischen Gründen davon Abstand genommen. Zur Verstaatlichung oder zum Eingriff des Staates liegt aber keine Veranlassung vor. Ich möchte mit dem Wunsche schließen: So lange noch 2 oder 3 Gerechte in den Kartellen sind, von einer Kartellgcsetzgebung Abstand zu nehmen. (Beifall.) Professor Dr. Max Wcbcr-Hcidclbcrg: Er halte die Minister für Geschäftsleute, die nicht geeignet seien, die Verstaatlichung der Bergwerke durchzuführen. Herr Möller mache gar keinen Anspruch. daß er ein Staatsmann sei.(Heiterkeit.) Er(Redner) sei im Not- falle für eine Verstaatlichung, dagegen müsse er den Vorschlag des Professor Schmoller als bedenklich bezeichnen. Eine Erweiterung der Staatsmacht auf wirtschaftlichem Gebiete halte er keineswegs fiir heilsam. Er erinnere an den Prozeß, den die königliche Berg- werksvcrwaltung in Saarbrücken gegen einen abgelegten Bergarbeiter wegen Beleidigung angestrengt hatte. Da fragte ein als Zeuge geladener Bergmann vor seiner Vereidigung: „Wenn ich hier die Wahrheit sage, werde ich alsdann abgelegt?" Der Nebenkläger Geh. Bergrat Hilger, auf den sich alle Blicke richteten, schwieg dazu. Jede reaktionäre Wirtschaftspolitik sei für die sozialdemokratischen Führer bares Geld, denn je reaktionärer die Wirtschaftspolitik, desto mehr strömen ihnen die Massen zu. Es müsse der Masse aber klar gemacht werden, daß an maßgebender Stelle die Absicht bestehe, bessere Zustände herbeizuführen. Die Arbeiter müssen Politik treiben. ES müssen aber selbständige Gcwerk- schasten geschaffen werden, die für die Rechte der Arbeiter eintreten und sich auch politisch betätigen unter Ausschaltung aller Partei- Herrschaft.(Lebhafter Beifall.) Dr. Boglstcin-Btünchcn bezeichnete ebenfalls die Vorschläge Schmollers als unausführbar. Es sei ein Irrtum, anzunehmen, daß die Monopolbildung in Amerika stärker sei als in Deutschland. Im großen Haussejahr von 1873 gab es noch keine Trusts. Es sei auch ein großer Irrtum, baß jeder amerikanische Trust ein Monopol besitze. Diese Ansicht führe zu einer vollständig falschen Ausfassnng des amerikanischen Wirtschaftslebens. Professor Dr. Lotz-Münchcn: Er sei der Ansicht, daß nur durch eine Aendenmg der Zollpolitik eine gründliche Reform herzu- stellen sei.' Geh. Rat Prof. Dr. Cohn-Göttingen: Es sei bedauerlich, daß der preußische Staat seine Monopole aufgegeben habe. Wenn er auch den Vorschlägen Schmollers nicht zustimmen könne, so sei er doch der Meinung, daß der Staat in irgend einer Weise helfend eingreifen müsse. Wir Professoren arbeiten sämtlich länger als acht Stunden. Trotzdem halte ich den Achtstundentag für die Bergwerks- arbeiter gerechtfertigt. Die amerikanischen Milliardäre haben jeden- falls ihre Verdienste durch ihre großen, der Allgemeinheit zu gute kommenden Schenkungen. Professor Dr. D,ehl-KönigSberg i. Pr.: Er würde die Beamten nicht beneiden, die in den Aufsichtsräten mitwirken müßten. Er sei aber der Meinung, daß der Staat Einfluß auf die Preisfestsetzung gewinnen müsse. Professor Dr. Wiedcnfcldt-Köln beklagte eS, daß die Qualität der Beamten immer mehr zurückgehe und daß die begabteren Be- amten oftmals sehr bald den Staatsdienst quittieren und Direktoren von Aktiengesellschaften usw. werden. Er halte es für vollständig falsch, christliche Gelvcrkschaften zu bilden. Diese Gewerkschaften täten besser, sich deutsche oder nationale Gewerkschaften zu nennen und alle Politik beiseite zu lassen. Arbeitcrsckrctär Erkclcnz-Düsseldorf: Die gestrigen Ausführungen des Herrn Geheimrat Kirdorf bedauere ich ganz unendlich. Dadurch wird der Friede im Rnhrrevier zur Unmöglichkeit gemacht. Die Bergarbeiter, die hier öffentlich derartig beleidigt und beschimpft worden sind, werden sich das merken; ich befürchte, ein neuer Berg- arbciterstreik, der nicht lang- ausbleiben dürfte, wird mit»ach größerer Heftigkeit geführt werden. Ich bestreite, daß der Verdienst des Kohlen- fyndikats zurückgegangen ist, der Verdienst hat im Gegenteil wesentlich zugenommen. Ein abgelegter Arbeiter erhält in den ersten drei Monaten auf keinem anderen Werk Anstellung. Ich kann mich nicht für eine Verstaatlichung der Eisenwerke erkläre», eine Ver- ftaatlichung der Kohlenfeldcr halte ich aber für sehr notwendig. Arbcitersckretär Fischer(Rcntlingen): Ich bedauere ebenfalls ganz unendlich die gestrige Aeußerung des Herrn Kirdorf, der sogar die Sozialdemokraten lobt und die christlichen Gewerkschaften der Heuchelei bezichtigte. Dadurch treibt man die Arbeiter mit Gewalt in die Reihen der Sozialdemokratie. Die christlichen Arbeiter sind religiös und patriotisch ans innerer Ucbcrzeugnng, sie werden des- halb oftmals von ihren sozialdemokratische» Mitarbeitern verlacht und verhöhnt. Wenn man aber die christlichen Arbeiter in dieser Weise angreift, dann werden auch die Frömmsten schließlich stutzig und Sozialdemokraten werden.(Beifall.) Landtags-Abgeordnctcr Fabrikant Franke»(Gelsenkirchen): Herr Geheimrat Kirdorf ist zweifellos mißverstanden lvorden. Er hat sich nicht gegen die Arbeiter, sondern gegen die Führe r gewandt. Es ist unwahr, daß ein Arbeiter, der irgendwo abgelegt sei, in den ersten drei Monaten auf keinem anderen Werk angenommen iverde. Die Arbeitgeber suchen sich nur gegen die Hetzer und Aufwiegler zu schützen. Die Arbeitgeber werden es sich merken, daß die Arbeiter im Rnhrrevier von neuem in den Ausstand treten wollen. Das Syndikat ist auch für die Arbeiter von Segen geivesen. In früheren Jahren wurden, sobald der Kohlenabsatz nachließ, tausende von Arbeitern entlassen und erst wieder angenommen, wenn die Hoch- öfen von neuem angeblasen wurden. Das ist seit dem Bestehen des Kohlensyndikats anders geworden. Die christlichen Gewerkschaften treiben doch zweifellos ZentrnmSpolitik.(Widerspruch.) Wenn sie unparteiisch sein wollen, so können sie sich deutsche oder gulionale Gewerkschaften nennen. Schlußwort des Berichterstatters. Profeffor Dr. Schmoller-Berlin: Die Debatte hat im großen und ganzen eine Uebcreinslimniung ergeben. Fast alle Redner haben anerkannt, daß die Kartelle eine wirtschaftliche Macht bilden, die nicht mißbraucht werden darf. Es herrscht auch Ucbereinstiminung, daß an die Spitze von Jndustriegesellschafteii nicht Leute gehören. die nur eine Kurstreiberei und Dividendenerhöhnng im Auge haben. Ehe ich weiter auf die Sache eingehe, bin ich g'c- nötigt, zwei persönliche Bemerkungen zu machen,' Herr Geheimrat Kirdorf hatte sich, mit Rücksicht auf seine Gcschäftslast und seine Gesundheit lange geweigert, das Korreferat zu übernehmen. Als er sich endlich dazu entschloß, sagte er: er könne keine gelehrte Abhandlung geben, sondern nur einiges aus seinem praktischen Leben mitteilen. Ich habe ihm erwidert, daß wir etwas anderes von ihm nicht erwarten und auch nicht wünschen. Wenn wir auch nicht mit allem, was uns Herr Kirdorf gesagt hat, einverstanden sein können, so können lvir ihin doch jedenfalls dankbar sein, daß er trotz seiner Gcschästslast und seiner mangelhaften Gesundheit das, was er ver- sprachen, gehalten hat. Ich glaube, Sie werden mir beistimmen, daß der persönliche Eindruck des Herrn Geheimrat Kirdorf ein sehr guter war: er steht jedenfalls turmhoch über denjenigen seiner Kollegen, die ich bei der Kartell-Enqucte kennen gelernt habe. Ich erachte es für meine Pflicht, dies hier hervorzuheben. Es ist mir peinlich, noch etwas gegen Herrn D. N an m a n n zu sagen, Herr Naumann hat in seiner gestrigen Rede einen Angriff auf mich gemacht, ohne mich zu nennen. Ich liebe Herrn Pfarrer Naumann als Menschen und Christen, den Patrioten und habe be- sonders gern viele seiner Schriften gelesen. Aber ich hatte nämlich gestern das Gefühl, daß hier nnr der Demagoge spricht(Gr. Bclveg.), ohne Sachkeiintuis die alte» Marxistischen Phrasen vorbringt, gestützt durch schrknmmcrlicheBcweismittel. Was er vorbrachte, istabsolntfalsch. Ich fühle mich verpflichtet, als Leiter dieses Vereins anszusprechen, was viele Mitglieder mit mir gefühlt haben und daß eS meine Pflicht sei, ein Wort der Reserve im Schlußwort anzubringen. Wenn ich dies nicht angebracht hätte, wäre ich nicht imstande gewesen, nach dieser Rede und nach dem frenetischen Beifall— ich nehme an, hervor- gerufen infolge des ästhetische» Charakters der Rede(btufe: Jawohl I) — an der Spitze dieses Ausschiiffcs zu bleiben und mich damit gleichsam einverstanden zu erklären. Herr Naumann berauscht sich in dem ihm gespendeten Beifall, ich muß aber ausdrücklich erklären, daß diese Art des Auftretens nicht in unsere Versammlung gehört. Zur Sache selbst bemerke ich, daß ich gegen die Trusts nur aufgetreten bin, weil ich in diesen Gesellschaften sehe, die nicht Selbstzweck sind, sondern nnr das Bestreben habe», durch allerhand künstliche Mittel hohe Kurse und hohe Dividenden zu erziele». Es kommt ja aller- diugS sehr darauf an, wer an der Spitze einer Gesellschaft steht. Mein Bruder stand längere Zeit an der Spitze der Darmstädter Bank. Von diesem habe ich vieles erfahren. Es gibt allerdings Direktoren, die dem Aufsichtsrat imponieren, aber in den meisten Fällen ist doch der Präsident des NufsichtsrateS der uneingeschränkte Herrscher einer Aktiengesellschaft. Es ist doch ein offenes Geheimnis, daß die große Mehrheit der Anfsichtsräte nnr das Bestreben haben, für ihren Aktien- besitz hohe Kurse und hohe Dividenden zu erzielen. Es besteht doch auch kein Zweifel, daß die Großbanken zumeist ini AufsichtSrat der Jndustriegcsellschaften sitzen. Daß die Kartelle sich auf die Regierung stützen, mag die Regierung schlecht oder gut sein, ist selbstverständlich. Es mutz zwischen Regierung und den Industrie- kartetleu eine Verständigung herrschen. Die Hamburg-Amerika-Linie hätte niemals so groß werden können, wenn sie nicht in Fühlimg mit der Regierung gestanden hätte. Herr Professor Wiedenfeldt klagte über das Schlechtwerden des Beamtcnmatenals. In einem konstitutionellen Staat ist das Beamtenmatcrial naturgemäß nicht so czut Ivie in einem absoluten. Und was die Qualität der Minister anlangt, so kommt eS nicht auf die Gcistesqnalitnt des jeweiligen ReffortministerS an. Minister kommen und gehen. Die Hanpffache ist und bleibt der alle Stamm von Ministerialdirektoren und Gcheimrätcn. Ein alter Kanzleidirektor im Landivirtichaftöminislerulm sagte einmal: Nun habe ich schon den sechsten Minister angepumpt.(Heiterkeit.) Ein Miiiisterial- direktor, nicht vom KultnSmiilisieriiim(Heiterkeit), sagte mir einmal: Der neue Miiiistcr ist ein rechter Reaktionär, aber in zwei Monaten habe er ihn dort, wo er ihn haben wolle.(Heiterkeii.) Es komint wirklich wenig auf den Minister an, der zufällig ein Gesetz mit seiner Flagge deckt. Allerdings kommt es auch sehr wesentlich darauf an, einen tüchtigen Reichskanzler und tüchtige Staatssekretäre zu haben. Daß meine Vorschläge diskutabel sind, ist selbstverständlich. Ich verlange keineswegs, daß der Staat Beamte in den Auffichts- rat schicken soll. Er soll solche Leute als Beirat in den Aufsichtsrat schicken, zu denen er das Vertrauen hat, daß sie das Interesse des Staates und das Interesse der Gesellschaft gleich- mäßig wahrnehmen werden. Dadurch würde auch am ehesten eine Verständigung zwischen den kartellierten Verbänden uiid dem Staat erzielt. Ich habe stets die Beobachtung gemacht, daß in kleinem Kreise sich bedeutend eher eine Verständigung erzielen läßt, als in einem großen. Daß mein Vorschlag aus Bedenken stößt, finde ich ganz naturgemäß. Ein Vorschlag ohne Bedenken gibt es in der Welt nicht. Der Redner wandte sich im weiteren Verlauf gegen die Verstaatlichung. Es folgen: Persönliche Bculcrkiingcii. Professor Dr, Dichl-Königsbcrg i. Pr.: Ich glaube berechtigt zu sein, einige Worte zugunsten incines abwesenden Freundes Naumann zu sagen.(Rufe: Jawohl!) Ich muß erklären, eS widerspricht dem ganzen Charakter Naumanns, jemand anzugreifen, ohne den Namen zu nenncll. Ich muß es als unbegründet bezeichiien, daß Naumann eine demagogische Rede gehalten hat.(Lebhafter Beifall.) Aber selbst wenn Namnann Herrn Professor Schmoller an- gegriffen haben sollte— ich konnte das ans seiner Rede nicht ent- nehmen so hat er eS doch getan gegenüber dem Referenten und nicht gegenüber dem Leiter dieses Vereins. Herr Professor Schmoller würde also niemals Veranlassung haben, seine Stellung als Leiter dcS Vereins niederzulegen. Professor Dr. Schmollcr: Ich bemerke, daß ich das Wort Demagoge im guten Sinne gebraucht habe. Ich bemerke auSdrnck- lich, daß ich Herrn Naumanns Charaktereigenschaften außerordentlich hoch schätze. Herr Dr. Naumann hat also keine Ursache, unseren Ver- sammlungen in Zukunft fernzubleiben. Ich würde das sehr be- dauern. Ich hielt es aber andererseits für erforderlich, meine ernsten Bedenken gegen das Auftreten Naumanns nicht zu unterdrücken. Ich habe eS für meine Pflicht gehalten, Herrn Dr. Naumann gegenüber offen Farbe zu bekennen. Ich halte dannt den Streir für er- ledigt. Hätte ich mich nicht offen aussprechen können, dann wäre ich genötigt gewesen, von meinem Posten als Leiter des Vereins zurückzutreten. Danach tvurde die Gencralversammlimg geschlossen. Eue der Partei. Vom Vorstände dcS Deutschen Holzarbcitcr-VcrvtindkS erhalten wir folgende Erklär nng: Auf dem Parteitag in Jena hat der Kollege Stubbe-Hambnrg in bczug auf unseren Verband folgende Behauptung aufgestellt: 1. Ter Vorstand des Holzarbeiter-Verbandc» habe es dem Kollegen Kloß außerordentlich schwer gemacht, sein ReichStagSmandat beizubehalten, er habe von Kloß die Niederlegung seines Mandats verlangt. 2. Das Regulativ dcS Hokzarbeiter-Verbandes bestimme, die Gauvorsteher hätten ihre volle Arbeitskraft nnr dem Verband zu widmen. TaS bedeute eben, daß sie sich an anderen Tingen nicht beteiligen dürfen. Schwarz auf weiß stehe es freilich nicht so, aber doch sei es so. Tics: Behauptungen haben, wie die in den Preßberichten ber- merkten Zurufe erkennen lassen, auf dem Parteitao Eindruck gemacht. Aber beide Behauptungen sind unwahr. In Abwesenheit des Kollegen Klotz, der zurzeit in Amerika weilt, erklären wir zu der ersten Behauptung folgendes: ack 1) Niemals ist im Vorstand auch nur mit einem Worte der Versuch gemacht lvorden, Klotz in seiner politischen Betätigung zu hindern. Niemals hat der Vorstand auch nur daran gedacht, von Klotz die Niederlegung seines Mandats zu verlangen. Wahr ist nur, daß Kloß seit langen Jahren durch Ausübung seiner�Partei- tätigkcit den Geschäften der Verbandsleiiung zum großen Teil ent- zogen ist, trotzdem aber würde der Vorstand auch in Zukunft etwaigen Versuchen, dem Kollegen Klotz oder einem anderen Verbandsbeamten das selbständige Recht der politischen Betätigung zu beschneiden oder ihn auch nur von der diesbezüglichen Pflicht zu entbinden, ent- schieden entgegentreten. Bisher sind in unserem Verband solche Versuche noch nicht gemacht worden. ack 2) Die zweite Behauptung Stubbes stützt sich wahrscheinlich auf folgende Bestimmung in dem vom Vorstand aufgestellten»Ar- beitsplan für die besoldeten Gauvorsteher": „Im allgemeinen sind die Aufgaben und Pflichten des be- soldcten Gauvorstehers in der„Geschäftsanweisung für die Gau- vorstände" niedergelegt. Mit der erfolgten Anstellung hat er die Erfüllung aller in der Geschäftsanweisnng bezeichneten Aufgaben als seinen nunmehrigen Berus anzusehen und ihr seine ganze Zeit und Tätigkeit zu lvidmen. Zu diesen allgemeinen Aufgaben treten für den besoldeten Gauvorstehcr noch die im folgenden an- geführten besonderen Pflichten hinzu." Die hier erwähnte„Geschäftsanweisung für die Gauvorsteher" ist zu einer Zeit herausgegeben worden, als der Verband noch keine besoldeten Gauvorsteher hatte. Zu jener Zeit verrichteten die Gau- Vorsteher ihre Tätigkeit chreuamilich nach Feierabend. Als später' mit der Anstellung'besoldeter Gauvorsteher begonnen wurde, wurde für diese als Ergänzung der seitherigen„Geschäftsanweisung" noch' der besondere„Arbeitsplan" herausgegeben und darin ausgesprochen, wie vorstehend zitiert, daß der besoldete Gauvorsteher— im Gegensatz� zu dem nichtbesoldetenl— die Erfüllung aller in der Geschäftsan-'. Weisung bezeichneten Aufgaben nunmehr als seinen Beruf anzusehen! und ihr seine ganze Zeit und Tätigkcit zu widmen habe. Nach unserer Meinung kann nur boshafter Wille diesem Satz* unterstellen, daß damit den besoldeten Gauvorstehern die Freiheit der! politischen Betätigung genommen oder zu nehmen beabsichtigt sei.! Wir verwahren uns dagegen, daß wir zu besoldeten Gauvor-! sichern etwa Mamelucken wählen, oder daß sich unter den Betverbern! um die vom Verband zu vergebenden Posten überhaupt Kollegen? finden würden, die sich um den Preis der Anstellung ihrer staats-i bürgerlichen Rechte und Pflichten begeben würden. Wir halten! uns' verpflichtet, eine solche Unterstellung im Namen aller Beamten' unseres Verbandes zurückzuweisen. Stuttgart, 27. September 1003. Der Vcrbandsvorstand. Das Hamburger Gewerkschastskartcll nahm am Mittwochabend zu einer Aeußerung des Genossen Bebel in seinem Oteferat über den M a s s e u st r e i k Stellung. Der Vorsitzende Genosse Grosse verlas folgende Stelle aus dem Referat: .. Weiter mache ich Sie darauf aufmerksam, daß, während' der Kongreß in Köln die Frage des Massenstreiks behandelte,� in einer Konferenz, die wir mit den Vorständen der sozialdemokratischen Vereine mit der Gctvcrkschaftskommission in Hamburg hatten, wo beraten werden sollte, was eventuell gegen die Wahlrechtsverschlcch- terungspläne des Hamburger Senats zu tun sei— daß da von alten Parteigenossen und Gewerkschaftlern gesagt wurde: Ihr wißt ja gar nicht, wie böse es bei einem Teil unserer jüngeren Gcwcrlschafts- führcr aussieht, die höhnen ja über die Partei(Hörtl hört!), über den Sozialismus(Hört! hörtl), über den Zukunftsstaat; die be- streiten sogar, daß wir einen Klassenkampf führen,(Hört! hörtl) Un- ruhe.) Werte Genossen, ich referiere ja nur, daß das gesagt wurde, und es waren alte, brave Genossen von der Gewerkschaftskommission,. die das gesagt haben. Ich bin einfach starr geivesen, als ich das hörte, Ilnd es wurde dann von Redaktenren des„Echo" bestätigt." Genosse Grosse bemerkte hierzu, daß von feiten der Kartcllkom- Mission eine derartige Aeußerung, über die sich viele jüngere GeWerk- scbaftsführcr beschwert hätten, nicht gefallen sei. Die Kommission habe in einer Sitzung beschlossen, daß beantragt werden solle, daß in das ParteitagLprotoioll eine Richtigstellung aufgenommen werde. In der Debatte wurde bestätigt, daß in der betreffenden Sitzung, die einen vertraulichen Charakter trug, die in der zitierten Stelle enthaltenen Aeußcrungen gefallen seien, doch konnte nicht festgestellt werden, wer sie getan hat. Mehrere Delegierte, die an der fraglichem Besprechung teilgenommen haben, sind der Meinung, daß es sich nur um Zurufe und Zwischenbemerkungen gehandelt habe. � Die Kartell-. kommission wurde beauftragt, die Angelegenheit im Sinne der Aus- führuugcn Grosses richtig zu stellen. TaS in Jena angenommene OrganisationSstatut gibt der „Pfälzischen Po st" in Ludwigshafen Veranlassung, in einem Artikel über den Jenaer Parteitag sich eingehender damit zu be- fchäftigen. Da in Jena eine Debatte über diesen Gegenstand nicht stattgefunden, glauben wir, die dort ausgesprochene Anschauung zur Information registrieren zu sollen. Es heißt da: „Der Parteitag hat der Partei die lange ersehnte neue Ver- fassung gegeben. Wir können nicht verhehlen, daß wir das neu« Parteistatut nicht als die glücklichste Lösung der schwierigen Or» ganisationsfrage ansehen. Die Einschachtelung in Reichstags- Wahlkreisvereine, die direkt dem Berliner Partivorstemd, aber auch! den Bezirks- oder Landcsorganisationcn unterstellt sind, bedingt' trotz der Durchführung des zentralistischen Gedankens mit ihrcupj Dualismus zugleich keine größere Beweglichkeit, sondern eher cicke' Schwerfälligkeit in der Aktion. Man darf nicht vergessen, datzi unsere Organisationen neben der Aufklärungsarbeit nicht aus-' schließlich die Agitation zu Rcichstagswahlcn zu leisten haben.. Wäre das ihr einziger Zweck, dann könnte die neue Organisationi genügen. Aber wir haben Gemcindewahlen und Landtagswahlen, die für bestimmte Territorien unserer Rcichsparteiorgcmisation volle Selbständigkeit und leichte Beweglichkeit der Partciglieder' verlangen, und da schieben sich überall in Baden. Württemberg, Sachsen, Bayern usw. zwischen die bis jetzt bestehenden strategischen' Leitungen die Landes- oder die Bezirksorganisation, mid die aus- führenden Truppcnkörpcr, die Ortsvereine, die ReichStagS-Wahl- kreisvereine als neue und zwar selbständige Elemente dazwischen., Sie sind nur ein schleppendes, hinderndes Glied, und nicht zum letzten ein kostspieliges. Bisher wurden nämlich die Finanzen verteilt zwischen Orts-, Landes- und Reichslcitung. Nunmeho tritt hinzu die Kreisleitung, die doch auch Mittel in der Hand haben muß, wenn sie überhaupt etlvaS leisten will. Also eine weitere Erhöhung der Beiträge wird die Folge sein, und jede Erhebung von Extrabeiträgen für bestimmte Ztvecke(z. B, Partei- sekretariat) ist nun noch schwieriger. Die praktische Anwendung des neuen Statuts wird bald ergeben, daß hier Schwierigkeiten im Wege liegen, die kaum anders zu beseitigen sein dürften, wie — durch Statutenänderung. Das Gefühl dieser Notwendigkeit' scheint auch den Parteitag beherrscht zu haben, der keine Dis- knssion über den Kommissionsentwurf erst eröffnen wollte, um nicht die ganze Geschichte aufzurühren, sondern ihn schnell an- nahm, damit einmal der Versuch gemacht würde. In der Hast dieser Absicht hat man sogar vergessen, für Uebcrgangsbcstim- mungen zu sorgen und— den Zeitpunkt de» Inkrafttretens fest- zusetzen. Solche Umwälzungen können doch nicht mit dem Tage der Beschlußfassung, von heute bis morgen, vorgenommen werden, und es wird sich darum vielleicht empfehlen, wenn der Partei- vorstand hier das Versäumte nachholt. Für uns in der Pfalz ist es Sache des Landesparteitages und des Gautagcs, die neue Organisation in sinngemäße Ausführung zu bringen. Jndesien hat das neue Organisationsstatut auch unbcuzbare Vorteile mit sich gebracht. Die Abschaffung des Vertrauensmänner- systems, die Entscheidung durch den Parteivorstand in letzter Instanz über Reichstagstandidaturen, die festen Bestiminungeu 1515 et ten AuZWuß«Tri»!!e SBteleraufnaTjine sind Fortschritt«, die sicher dem Besten der Partei dienen werben." Tie Genossen dcS Wahlkreises Bielefeld suchen sich mit dem treuen Orgairisationsstatut abzufinden, indem sie die darin geforderte 5k r e i s o r g a n i s a ti o n, die noch nicht bestand, schaffen. Die Bielefelder„Volkswacht" bcröffcntlicht am Donnerstag bereits ein Statut für den Wahlkreis Bielefeld-Wieden brück und bemerkt dazu, daß durch diese Form der Organisation die Ein- heitlichkeit der Altion deS Wahlkreises garantiert ivcrden soll. An Stelle der Krciskonferenzen tritt nunmehr die Generalversammlung des KreiswahlvcreinS. � Mit den Beschlüssen des Parteitages in Jena beschäftigte sich «me Versammlung des sozialdemokratischen Volksvereins in Bern- kmrg. Die Versammlung erklärte sich mit den Beschlüssen des Parteitags einverstanden, und sprach ausdrücklich ihre Befriedigung über die streng sachlichen Verhandlungen auf dem Jenaer Parteitage auS. — Die gleiche Meinung kam in einer Versammlung der E l b e r- selber Genossen zum Ausdruck.— Der sozialdcmokralische Verein in Nürnberg nahm am Mittwoch den Bericht der Delegierten entgegen. In der Diskussion suchte ein Lokalorganisierter darzutun, daß die Anarchosozialisten nickst auf jede Kleinarbeit verzichten und den Generalstreik als Allheilmittel propagieren. Von einem anderen Redner wurde die Klage erhoben, daß die GcwerkschaftSangestellten zur Arbeit für die Partei nicht zu haben sind. Von allen Rednern wurde die vollste Zufriedenheit mit dem Ergebnis des Parteitages zum Ausdruck gebracht. Der Kassierer der Nürnberger Partei- Organisation erklärte, daß man mit den Beschlüssen, so weit sie das Kassenwesen betreffen, vollständig zufrieden sein könne. Die Diskussion wurde schließlich abgebrochen; über die silrage des Generalstreiks soll in einer späteren Versammlung diskutiert werden. Folgender Antrag wurde angenommen: Die Versammlung hält es mit Riicksicht auf die Beschlüsse deS Parteitage» bezüglich des OrganisationSstatutS für notwendig, den bayerischen Parteitag, wenn irgend möglich, noch in diesem Jahre abzuhalten, und ersucht den Landesvorstand, so bald alö möglich die Vorbereitungen zu dessen Einberufung zu treffen. Als Parteisekretär für den Wahlkreis Bochum-Gelsenkirchcn ist der Genosse Paul Runge- Gclsenkirchen gewählt worden. Bor einem Schwindler gewarnt werden die Parteigenossen vom Vorstand des Sozialdemokratischen WahlvercinS Adlershof. Es handelt sich um den seit vier Wochen von hier lvegen einer Reihe strafbarer Vergehen flüchtig gewordenen Kaufmann Berthold Löwenthal. Der- selbe hielt sich zuletzt im GclverkscbaftShause in Stuttgart auf und erschwindelte sich in Turner- und Partcikreisen unter Berufung auf seine AdlerShofer Partcitätigkeit Geldbeträge. Er beruft sich be- sonders auf ein vom Vorstand des Wahlvcreins ausgesiellteS Schrift- ftück, das über die Dauer seiner Mitgliedschaft und seine Tätigkeit Auskunft gibt. Der Vorstand des obengenannten WahlvercinS er- sucht die Parteipresse um Weiterverbrcitung dieser Warnung. /üus Induftric und Handel 100 Prozent Dividende. DnS Bohr- und MutungSgeschäft er- weist sich unter dem„liberalen" Berggesetz von ISSö, das die in der Erde lagernden Kohlenschntze völlig der privaten Aneigmmg und Ausbeutung überläßt, als ein seines Geschäft. Gestern fand im Geschäftslokal deS A. Schaaffhausenschen Bankvereins die diesjährige ordentliche Generalversammlung der Internationalen Bohrgrsellschaft in Erkelenz statt. Die vorgelesene Bilanz sowie Gewinn- und Vcrlustrechnung vom LI. März 190ö wurden genehmigt und beschlossen, von dem sich nach Vornahme der Abschreibmigen in Höhe von 430 753 M. ergebenden Rcingeivinn von 1332 785 M. eine sofort zahlbare Dividende von 100 P r o z. auszuschütten und den nach Abrechnung der statnten- und vertragsmäßigen Tantiemen sowie nach Abzug eines siir Bcamteiigratifikätroneii bestimmten Betrages von 50 000 M. verbleibenden Rest von 57 839,82 M. auf neue Rechnung vorzutragen. Außer den der rheinisch-lvestfälischen BergwerlSgcscllschaft in Köln zum Preise von rund 35 Millionen Mark abgetretenen West- fälischen und niederrheinischen Kohlenfeldern seien bis jetzt für rund weitere 10 Millionen Kohlen- und Kalifelderverläufe mit einem erheblichen Nutzen für die Gesellschaft abgeschlossen worden. Rohciscnsyndikat u»d„Kraft"-Werk. Ans Köln wird telegraphisch gemeldet, daß zwischen dein Roheisensyndikat in Düsseldorf und dem außerhalb des Syndikats stehenden Eisenwerk„Kraft" in Kratzwieck bei Stettin, dessen Hauptinteressent der Fürst Hcnckcl v. Donners- marck ist, eine Einigung zustande gekommen ist. Noch bis vor wenigen Wochen bestand zivischen dem Syndikat und dem ,.Kraft"-Werk bittere Feind, chaft, da letzteres mehrfach die Preisnotierungen des RoheisensyndikatS für Gießerei- Roheisen unterboten hatte. Nachdenr aber der Projekt der Anlage eines größeren Hochofenwcrks bei Lübeck gesichert erschien, schränkte da?„straft"* Werk seine Konkurrenz ein, das jetzt der Meldung nach eine„Ver- ständigung", d. h. Ivolst eine Vereinbarung über Preiöfordernng und gegenseitige Absatzgebiete gefolgt ist. Allem Anschein nach fürchtet das.Kraft"-Werk von dem neuen Hochofenwerk, das an der Trave errichtet werden soll, eine ernstliche Konkurrenz und hat sich deshalb mit dem alten Gegner ausgesöhnt, um gegen den neuen um so schärfer den Kampf aufnehmen zu können, Fusionspläur. Von den Kohlen- und Eisenbaronen werden hinter den Kulissen allem Anschein nach wieder allerlei Ver- schmelzungSpläne betrieben. An der Börse trat heute wieder eine starke Nachfrage nach den Aktien der Gclscnkirchener Bergiverks- gesellschaft hervor, durch die sich der KurS um mehrere Prozent er- höhte. Wie gerüchtweise verlautet, wird die Jlseder Hütte sich der Jnteressengeincinschaft Gelsenkirchen-Schalkc-Rote Erde anschließen, um sich eine billigere und bessere Versorgung mit Kohlen und Koks zu sicher». Eine neue Bankvereinigung. Zwischen der Nordwestdentschen Bank, Kommanditgesellschaft aus Aktien in Bremen und der Oldenburger Bank in Oldenburg ist vorbehaltlich der Genehmigung der beiderseitigen Generalversammlungen folgender Verlrag geschlossen worden: Die Oldenburger Bank geht als Ganzes an die Nordwest- deutsche Bank gegen Gewährung von Aktien der letzteren über. ES sollen nach diesem Vertrage gegen je nominell 4000 Mark Olden« burgcr Aktien nominell 3000 Mark Nordlvestdeutsche Bankaktien mit Divrdendenberechtigung ab 1. Januar 1906 gewährt und der Dividendenschein für 1905 der Oldenburger Bank mit 10 Mark per Aktie beim Umtausch eingelöst werden. Die Beschäftigung der Elektrizitätsbranche. Der Konflikt, der in der Berliner Elektrizitätsindustrie ausgebrochen ist, fällt in eine Zeit regen Geschäftsganges. Fast von Monat zn Monat erfuhr der Be- schäftigungSarad im laufenden Jahre eine Steigerung. Dre Aufträge fließen der Elektrizitätsindustrie sowohl auS dem Jnlande als auch aus dem Auslände wieder in einem Umfange zu, wie in den Jahren der letzten Aufschwungsperiode. Aber im Gegensatz zu damals. Ivo es sich hauptsächlich zur AuS- riistnng elektrischer Bahnen und um Anlage von ElektrizitätS- Werken für Beleuchtnngszwecke handelte,� sind diesmal, wie die „Arbeitsmarkt-Korrcspondcirz" berichtet, die Großindustrie und die Landwirtschast die Hauptauftraggeber. Vor allem zeigt sich in der Kohlen- und Eisenindustrie, daß die Verwendung von elektrischer Kraft immer stärkeren Eingang findet. Auch in der Landwirtschaft nimmt die Verlvendung elektrischer Kraft rn letzter Zeit wieder mehr zu, nachdem die guten Ernten der letzten Jahre für Betriebs- Verbesserungen reichliche Mittel übrig gelassen haben. Aber nicht nur das Inland tritt mit erhöhten Bestellungen an die Elektrizitätöindnftrie heran, auch der Absatz im Auslände ist in bcinerkcnSlverter Znnahmc begriffen. Hier handelt es sich meist um bei» Bau von Bahnen und die Anlage von ElektrizitatSwerlen zu Belcuchtungszlvecten. Die großen Finnen haben in Erkenntnis dieses Aufschwunges schon im Vorfahre ihre Lorbereitungen getroffen, um die Gunst der Konjunktur auszunützen. So vermehrten die Allgemeine ElektrizitätSgeseUschaft sowie die SienrenS-Schuckerstverke ihre tilialen im Auslände. Die Zahl der Beschäftigten ist seit etwa tai in starker Zunahme begriffen, während rn den ersten Monaten des Jahres eine Abnahme der Beschäftigten konstatiert werden mußte. In der Fabrikation von Dynamos, Elektromotoren, Transformatoren und Akkumulatoren hat der Auftragsbestand im Juni eine so starke Vermehrung erfahren, daß die Zahl der Arbeiter erhöht werden mußte. Im Juli schon war die Nachfrage nach Arbeitern lebhaft. Da indessen die erhöhte Beschäftigungsziffer noch immer nicht ausreichend war, wurde auf vielen Werken mit Nachtschichten und Ueberstunden gearbeitet. In der Fabrikation elektrischer Meßinstrumente sowie in der Telephonie, Telegravhie und Schwach- stromindlistrie ist reichliche Arbeitsgelegenheit vorhanden. Dem Geschäftsbericht der Telephon- und Telegraphenwerke Mix it. Genest ist z. B. zu entnehmen, daß diese Fabrik stark mit Aufträgen versehen ist. Den lebhaften Vefchäfligniigsgrad in der Kabelfabnkation beleuchtet die Tatsache, daß die Betriebe nicht mir unter Ausnutzung ihrer vollen Leistungsfähigkeit, sondern sogar vielfach mit Nacht- schichten und lleberstuirden arbeiten müssen. Der Arbeitcrbegchr in der Blrikabelfabrikation war schon im Juli so stark, daß teilweise Lohnerhöhungen bewilligt wurden, um die nötiatn Arbeitskräfte zu erhalten. Der Absatz von Jsoliermaterial, der im Juli eine kleine Ermattrmg erfahren hatte, wies im August eine bedeutende Besserung auf. Besonders das Inland trat als stärkerer Abnehmer auf, vom Auslände gingen die Aufträge nur langsam ein. Der auicrikanische Stahl- und Eiscinnarkt zeigt einen sehr günstigen Stand. Der Stahltrust vergrößert die Carncgic-Werke in Homestcad und hat angeordnet, daß fast alle Hochofen in Betrieb gesetzt werden sollen. Nach der„Iran Trade Review" haben alle großen Finneil mehr Bestellungen als sie ausführen können. Für Lieserung im Jahre 1906 liegen Orders vor über miirdesteils 1 300 000 Tonnen Stahlschirnen. Dazu komme» noch diesjährige Bestellungen im Umfange von 200 000 Tonnen, die erst im nächsten Jahre ihre Erledigung finden können. Die Produktion im Jahre l90Z wird 2 500 000 Tonnen übersteigen und im Jahre 1906 iverden mindestens 3 600 000 Toimcn produziert werden. Die Nachfrage nach Strulturstahl ist infolge der erhöhten Bautätigkeit stark gewachsen. Die Departements für Voranschläge Iverden in den einzelnen Werken weit stärker als sonst in Anspruch genommen. Die Bautätigkeit zeigt eine Zunahme von 43 Proz. im Vergleich zum vorigen Jahre. Soziales. Krankheit und Beruf. Eine für die Gewerbchygiene sehr wichtige Statistik über die Erkrankungsgefahren der verschiedenen Berufe hat die Ortskranken- lasse Dresden Egde 1809 begonnen und bis Ende 1003 fort- geführt. Im ganzen waren hierbei, wie wir einer Besprechung der Arbeit in der„Sozialp. Rundschau" entnehmen, 551 010 Zählkarten zu bearbeiten, so daß eine ganz riesige Arbeit zu bewältigen war, die von mehreren ständigen Beamten und einigen Hülfsarbeitern ausgeführt wurde. Als ungünstiger Umstand muß eS angesehen werden, daß in Dresden außer den freien Hülfslasscn noch 53 Bctriebs-Krankcnkassen und neun Jnnungs-Krankenkassen bestehen, die in die Statistik nicht einbezogen werden konnten; immerhin ist die Ortskrankcnkasse über das ganze Stadtgebiet ausgebreitet und umfaßt 00 Proz. aller krankenversichcrungSpflichtigen Arbeiter. Insgesamt wurden während der BcobachinngSzeit an KrankheitS- fällen, die mit Erwerbsunfähigkeit verbunden waren, gezählt bei den männlichen Mitgliedern 80 701 Fälle mit 1 579 735 Kranken- tagen und bei den weiblichen Mitgliedern 41 853 Fälle mit 998 354 Tagen. Nach dem ermittelten Durchschnitt des Mitglicdsbcstandes entfielen auf 103 Männer 104 Krankheitsfälle, auf 100 Frauen 153 Krankheitsfälle, im allgemeinen Durchschnitt auf 100 Mitglieder 102 Krankheitsfälle. Es ist sehr schwierig, in kurzen Umrissen eine Uebersicht über die gewonnenen Resultate zu geben. Im einzelnen geht die Höhe der Erkrankung in den verschiedenen Bcrufsgruppcir weit aus- eirrarrder. Während nach dem ermittelten Durchschnitt auf 100 männliche Mitglieder 104 Krankheitsfälle kommen, war der durch- schnittliche Satz in der Bekleidungsindustrie, bei Schuhmachern, Schneidern, Handschuhmachern usw. nur 108, dagegen wuchs er in der Nahrungsmittelindustrie(Bäcker, Konditoren, Müller, Fleischer usw.) auf 105, im Baugewerbe auf 225, in der Bearbeitung von Steinen und Erden(Steinmetzen, Porzellan- und Glas-Maler, Stein- und Glas-Schlcifer) auf 245, in der Maschinenfabrikation auf 298 und in der Industrie der Reinigung sogar aus 417 pro 100 Versicherte. Aber auch in den einzelnen Berufsgruppen sind wieder solche Unterschiede zu beobachten, daß nur eine genaue Unter- suchung ein klares Bild ergeben kann. Unter dem Rubrum„HülfS- gcwerbe" kommen z. B. auf die Steinsetzer drei Mal höhere Prozent- zahlen wie ans die Schornsteinfeger; ungefähr dasselbe Verhältnis besteht in der Rubrik„Handclsgewcrbe" zwischen den Kontoristen und den in den kaufmännischen Betrieben angestellten Arbeitern. Als auffälliges Merkzeichen tritt in allen BerufSgruppiernngen hervor, daß die ungelernten Arbeiter die höchsten Erkrankungs- ziffern stellen. Genau dasselbe Merkmal tritt auch bei den Frauen hervor. So kommen auf die Strickerinnen, Wirkerinnen, Sticke- rinnen usw. in der Textilindustrie weniger als 100 Krankheitsfälle auf 100 Versicherungspflichtige, während der Durchschnittssatz der erkrankten Arbeiterinnen ungefähr 700 betrug. In der Metall- industrie erkrankten die Arbeiterinnen ungefähr achtmal so oft wie die Goldschlägerinnen. Von großem Interesse ist weiter eine graphische Darstellung, welche die Verteilung der einzelnen Krankheiten in den ver- schiedenen Berufen anzeigt. Auch hier zeigen sich bedeutende Unter» schiede. So fällt der Prozentsatz der Infektionskrankheiten in ver- schiedenen Berufen, bei den Müllern, Feilenhauern, Klempnern, Stukkateuren, Dachdeckern und bei den Küfern und BaggereNn auf 10 und noch tiefer, während er bei den Handschuhmachern auf weit über 30 steigt. Die Hautkrankheiten bleiben überall unter 10 Proz. mit Ausnahme der Köche, welche diese Grenze übersteigen. Der MuSkelrheumatismus war am wenigsten anzutreffen bei den Uhrmachern, Seifensiedern, Holzbildhauern und bei den Glas- und Porzellan-Malern, am meisten waren davon befallen die Baggcrer mit 20 und die Gerber mit über 20 Proz. Große Unterschiede zeigen auch die Erkrankungen der AtmungSorgane in den einzelnen Gewerben; blieben diese bei den Boots- und Steuerleuten, bei Klempnern und Fleischern unter 10 Proz., so stiegen sie anderer- seitS bei den Müllern und Vergoldern auf beinahe 40 Proz. und noch größere Differenzen zeigten sich in den verschiedenen Berufen bei den Verletzungen und Unglücksfällen. So sind 40 Proz. aller Krankheiten bei den Fleischern auf Verletzurrgen zurückzuführen und ähnlich ist der Prozentsatz auch bei den Kutschern. Die Giftkrankheiten fehlen in einigen Berufen gänzlich, dafür machen sie aber in drei Berufen einen hohen Prozentsatz aus, bei den Lackierern, Anstreichern und Dekorationsmalern 20— 30 Proz. und bei den Schriftgicßern weit über 30 Proz. Die großen Abweichungen— soweit sie nicht elwa zurückzu- führen sind auf zu große Ungleichmäßigkeit in der Zahl der in den einzelnen Gewerben in Frage kommenden Personen, so daß Zu- fälligkciten nrcht weit genug ausgeschieden werden konnten und daher ihre Ausgleichung nur finden könnten auf breiterer Grund- läge— dürften darauf hinweisen, daß die Untersuchung sich auch noch auf andere Faktoren erstrecken mühte, um die Wirkung der BcrufSgefahren rein beurteilen zu können. ES müßten Arbeits- zeit, Löhne, Wohnung, Alter und dergleichen mit in den KreiS der Untersuchung gezogen und danach innerhalb der Berufe Vergleichs- sähige Gruppen gebildet werden. Wer ist haftpflichtig bei Unfällen ans GchaiispiclhLhnen. Eine Zivilklage, angestrengt von der Hamburger Schauspielerin Neuschillina gegen den Direktor, den Theatermeistcr und den Regisseur des Ernst Drucler-TheaterS w Hamburg, auf Zahlung eines Schadenersätze» von 2473 M., hat nunmehr alle Instanzen durchlaufen und ist zilgunsten der Klägerin entschieden worden. Der Schadenersatz- ansprach basiert auf folgendem Vorfall: Auf der Bühne des ge- nannten Theaters berunglückte vor Jahresfrist während� der Vor- stellung die Schauspielerin N., indem sie in eine Podestöffnung trat und den Fuß brach. An den Folgen des Unfalles hatte die Künstlerin längere Zeit zu leiden, weshalb sie die Zivilklage gegen die erwähnten Personen anhängig machte. Tie Zivilkammer II des Landgerichts zu Hamburg erkannte den Anspruch seinem Grunde nach für berechtigt an, weil der Sachverständige das Vorhandensein der Lücke in dem Podestaufbau als einen groben Fehler bezeichnet habe; sämtliche Beklagte wurden als haftpflichtig erklärt. Das Hanseatische Oberlandesgericht als Berufsinstanz schloß sich den umfairgreichen Urteilsgründe» der ersten Instanz an. Gegen dieses Urteil legten die Beklagten Revision ein, die vom Reichs« gericht verworfen wurde. In der Urteilsbegründung heißt es u. a.: Mit Unrecht rügen die Beklagten, daß das Oberlandesgericht jede Würdigung deS eigenen Verschuldens der Klägerin unterlassen habe. Allerdings habe das VerufüugSgericht in feinem Urteil das Vor- bringen der Beklagten, die Klägerin hatte bei den beschränkten Räumlichkeiten des Theaters besondere Vorsicht verwenden müssen, nicht ausdrücklich gewürdigt. Ans dem Urteil des Oberlandesgerichts gehe aber hervor, daß es in dieser Beziehung den� landgerichtlichen Urteil beitreten wollte, daß nämlich von einem Schauspieler nicht verlangt werden könne, daß er im Eifer des Spiels auf solche Oeffunngen, wie die in Rede stehende, achten müsse. Wenn schließlich für den Regisseur geltend gemacht werde, die Erstreckung seiner Ob- liegeuheiten ans die Sorge für die ordnungsmäßige Art der Auf- stellung der Kulissen:c. sinde in der regelmäßigen Tätigkeit eines Regisseurs keine Grundlage und besonders Umstände, die im vor» liegenden Falle einen weiteren Kreis seiner Tätigkeit annehmen ließen, seien nicht festgestellt, so werde damit lediglich die tatsächliche Festsicllmig des Berufungsgerichts in prozessual unznlässiger Wesse belämpft._ Gegen die Zivilmnsikcr richtet sich eine Bewegung, die von An- gehörigen des Gastwirtsslandcs hervorgerufen worden ist. Zur Ver- anstaltnng eines Kongresses der„Militärmusiker-Jntcressenten Deutschlands", der am 25. Oktober d. I. in Berlin tagen wird, hat sich ein Komitee gebildet, dem zum großen Teile die Vertreter von GastwirtSorganisationcn angehören, weil„die Saal- und Konzertlokal-Jnhaber am meisten unter dem Vorgehen der Zivil- musiker gegen die Militärmusiker zu leiden" haben. In dem von dem Komitee erlassenen Aufruf heißt cS u. a.:„Würde der Kriegs- minister dem Drängen der Zivilmusiker nachgeben und das gcwerb- liche Musizieren der Militärkapellen untersagen, so hätten viele Konzertetablissemcnts und-Gärten den größten Schaden davon. Viele Existenzen würden vernichtet werden, und es würde vieler Jahre bedürfen, che die Zivilorchestcr so weit geschult seien, die ent- standene Lücke ausfüllen zu können." Der Kongreß soll daher Maß- nahmen beraten, durch die die Lokalinhaber und daS Publikum vor dem Vorgehen der Zivilmusiker geschützt werden können. Die Acußerung, daß die Zivilmusiker weniger geschult seien als die Militärmusiker, kennzeichnet die Oberflächlichkeit, mit der der er- wähnte Aufruf abgefaßt worden ist. Noch beachtenswerter ist aber die Tatsache, daß es Gastwirte sind, die hier gegen die Angehörigen eines Bcrufszwcigcs zum Kampfe aufrufen, von denen alle Welt weiß, daß sie unter der Konkurrenz der Militärmusiker ganz empfindlich zu leiden haben und daß ihre Lage keine beneidenswert» ist. Dieselben Gastwirte, die sich mit Vorliebe zum Mittelstand zählen, stimmen fortgesetzt Klagen an über die Konkurrenz, die den Mittelständlern in dieser ober jener Weise gemacht wird. Sie halten es für höchst rücksichtslos und werden nicht müde zu pro- testieren, wenn wieder einmal ein Automaten-Restaurant, ein Warenhaus-Eafs oder etwas ähnliches errichtet wird. Wo es sich aber um die weit empfindlichere Konkurrenz der Militärmusiker gegenüber den Zivilmusikern handelt, da finden die Herren Gast- Wirte einen solchen Zustand nicht nur höchst angenehm, sondern sie leiten auch noch große Proteftbewegnngen dagegen ein, daß sich die Unterdrückten und in ihrer Existenz Geschädigten zur Wehr setzen. Kmft und Millen sckaft. Trwnon-Theater. Madame Torer a. Schwank in drei Akten von JuleS C h a n c« l.— Der französische Schwank des Herrn Chance! hat in der Anlage etwas von den Dutzendfabrikaten dieses Genres voraus. Abseits von der ausgetretenen Heerstraße, .un dem Schwärm der immer verzwickter ausgeklügelten bei aller Frivolität meist so langweilig schablonenhaften Ehebruchsfarcen, er- wischte der Verfasser auf der Jagd nach neuen verblüffenden Ver- rücktheitcn eine noch nicht ausgebeutete, sozusagen jungfräulich un- berührte Situation, die eine Fülle toller Posseneffckte versprach. Ein Offiziersbursche wird Schwiegervater seines Offiziers! Madame Pepita von Olivarez, Schwiegermutter eines Leutnarrts, schwärmt als Spanierin für Stierkämpfe und kühne Toreros. Während das junge Ehepaar eine verspätete Hochzeitsreise macht, hat sie dem hübschen, psiffig-dummen Burschen Victorin, der, wie sie später mit Schrecken erlebt, sich nicht einmal an eine wildgcwordene Kuh heranwagt, eine enthusiastische Heroenverrhrung geweiht und zur Steigerung der Romantik eine heimliche Ehe mit ihm geschlossen. Höchst humoristisch brachte Junker mann die Mischung von Verlegenheit und Stolz, mit welcher der Erwählte sich in die Hcldenrolle findet, die Angst vor der Enthüllung und dann, nachdem das erste Ungewitter vorbei, den schadenfrohen, patronisiercndcn Schwiegervatcrton gegenüber dem Leutnant heraus. Doch leider schon vor der Mite war daS Pulver verschossen, die Schwankeinfälle wurden matter und immer matter. Ganz hübsch ist noch das Abenteuer mit der wilden Kuh, die Ent- rüstung Madains, als ihr Toreroideal sich so schmählich blamiert und ihre jäh aufflammende Liebesbegeisterung für den alten Trottel von Oberst, der das Tier mit seinem Säbel aufspießt. Die Späße mit Victorins bäuerlichen Eltern wirken direkt peinlich; der dritte Akt, Victorins Entthronung und Rückkehr zu dem Dienstmädchen, der nächtliche Besuch des Oberst bei Madame— fristet sich mit recht gequälten Scherzen kümmerlich hin. In den Beifall klang ein ziemlich vernehmliches Zischen, das man sonst auch bei im ganzen viel schlechteren Pariser Possen nicht gehört. Außer dem, wie gesagt, brillanten Herrn Junkermann verdient Herr Sachs in der Rolle des idiotischen Oberst Er« tvähnung. Die Torcra der Frau Brandt-Schüle war ziemlich farblos. Der Figur hätten sich Wohl sehr viel reichere komische Wirkungen abgewinnen lassen. 6t. bt. Die 77. Versammlung deutscher Naturforscher und Acrzte nahm am Mittwoch den Bericht der Unterrichtskommission entgegen, die auf der vorjährigen Versammlung in Breslau zur Beratung der Frage der Reform deS mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts an den höheren Schulen gewählt worden war. Die Kommission hat sich, um ihre Beratungen nicht übermäßig auszudehnen, vorläufig auf die in Preußen bestehenden drei Arten von höheren Schulen (Gymnasien, Realghurnasien, Oberrealschuleu) beschränkt und die Beratung der anderen Fragen noch vertagt. In bezug auf Preußen stellt die Kommission drei Leitsätze auf: 1. Tie Kommission wünscht, daß auf den höheren Lehran- stalten weder eine einseitig sprachlich-yeschichtliche, noch eine einseitig mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung gegeben werde. 2. Die Kommission erkennt die Mathematik und die Natur» Wissenschaften alö den Sprachen durchaus gleichwertige MldungSmittel an und hält zugleich fest an dem Prinzip der spezifischen Allgemein» bildung der höheren Schulen. 3. Die Kommission erklärt dietatsächlicheGleichbercch» t i g rr n g der höheren Schulen für durchaus notwendig und wünsch/ deren vollständige Dnrchführmig. Der Bericht der Kommission begegnete allgemeiner Zustimmunq; die Leitsätze sind in ihr— sie besteht«uS 12 Mitgliedern—«ir* stimmig flirgenommcn worden.— Nr. 229. 22. IahrMg. 2. Stilnjt des„lioriiiätls" Krim KlbUntt. SottNlltUd, 80. September 1905. Die Bentemacher an der Arbeit. Auf dem Rathaustimne könnte die Stnnnfahne gezogen werden, denn die ganze kapitalistische Preßmeute umheult das rote Haus. Aber nicht erst gestern und heute, sondern von langer Hand ist diese Hetze und zwar systematisch vorbereitet worden. Jetzt aber, nachdem das Stichwort gegeben ist, brüllt der ganze Chor wie auf Kommando, daß die städtische Ver- waltung unfähig sei, die großen, umfassenden Verkehrspläne durchzuführen, und dies nur allein die„mit weitem Blick begabte Privatgesellschaft" könne. Die Haltung, welche die bürgerliche Presse in dieser Frage einnimmt, ist erbärmlich, ist geradezu infam, denn alles, was gegen die städtische Ver- waltung zutage gefördert wird, besteht in Behauptungen, die Wider besseres Wissen aufgestellt sind. Die Herrschaften wissen ganz genau, daß die Schuld nicht bei der städtischen Ver- waltung liegt, sondern einzig und allein bei der Re- g i e r u n g. Das muß hier einmal wieder deutlich aus- gesprochen werden. Schon vor drei Jahren hat der „Vorwärts" diesen Standpunkt in Nr. 235 im Jahre 1902 vertreten, und zwar in einer umfassenden Darstellung der wirklichen Vorgänge; und wenn damals in dem Artikel gesagt wurde,„daß gegenüber diesen Machenschaften nichts anderes übrig bliebe als die Flucht in die Oeffcntlichkeit", so muß konstatiert werden, daß die bürgerliche Presse nur teilweise von diesen auf aktcnmäßigen Unterlagen beruhenden Darlegungen Notiz genommen hat; die meisten Blätter aber haben, weil es ihnen unbequem war, darüber geschwiegen. Ja, es muß ausgesprochen werden, daß, wenn die Mißachtung, welche die städtischen Verkehrspläne bei der Negierung finden, nur zum zehnten Teil in Wohlwollen für diese umgewandelt würden, wir in Berlin sehr rasch die Misere in unserem Ver- kehrswesen beseitigt sehen würden. Alles dies ist der bürger- lichen Presse bekannt und trotzdem wagt das„Berliner Tageblatt" zu schreiben: ES ist längst kein Geheimnis mehr, daß im Ministerium des Innern ein sehr beschleunigtes Tempo in pnnoto Verkehr dringend gewünscht wird. Die Verwaltung der Stadt Berlin darf sich da- her heute darüber nicht mehr beschweren, lvenn sie übergangen wird; der Zustand ist zwar zu beklage», aber nicht zu ändern, so- lange nicht ein frischer Hauch in unserer städtischen Verkehrspolitik weht. Mit den fünf städtischen Staßenbahnlinien ist es wirklich nicht getan. Potsdamerstraße, Potsdamerplatz, Leipzigcrstraße und Spittelmarkt müssen vom Verkehr entlastet werden; diese Binsen- Wahrheit steht seit Jahren fest. Wer diese Entlastung herbeiführt, kann der Bevölkerung an sich gleich sein; traurig aber bleibt es trotzdem, daß das Prinzip der Selbstverwaltung, das immer mit einem so tiefen Brustton der Ueberzengung im Roten Hause proklamiert wird, durch die von der Bürgerschaft Gewählten immer von neuem infolge der vollkommen unzulänglichen Vcrkehrspolitik erschüttert wird. Und wie das„Tageblatt" machen es eine große Zahl anderer Blätter. Mit Ekel muß man sich von diesem Treiben abwenden; passierten solche Dinge in England, Frankreich oder Amerika, so würden dieselben deutschen Blätter sie als die gemeinste Korruption brandmarken. Zuttächst müssen wir den Lesern des„Vorwärts" noch einmal vorführen, wie die Vorgänge in der Frage der Weiter- führung der Untergrundbahn vom Potsdamerplatz nach dem Spittelmarkt sich abgespielt haben. Die städtische Verwaltung beabsichtigte diese Bahn selbst zu bauen imd kommt deswegen bei der zuständigen Stelle um Konzession ein. Sie erhält die Antwort, daß diese Linie der Firma Siemens u. Halske vorbehalten bleiben müsse. Die Firma arbeitet dann das Projekt aus, fordert aber für die Durchführung von der städtischen Verwaltung einen Zuschuß von rund 15 Millionen Mark. Also selber bauen darf die Stadt nicht, aber bezahlen soll sie. Und die bürgerliche Presse heißt dies Verfahren gut, indeni sie treuherzig schreibt,„an den Kosten dürste doch ein solches Projekt nicht scheitern". Kann man sich etwas Gewissenloseres denken? Kann man einem Vertreter der Bürgerschaft zumuten, daß er solchem Verlangen zustimmt? Würde man nicht mit Recht den Porwurf erheben können, daß hier das Geld der Steuerzahler verschleudert würde? Möge doch die Regierung der Stadt die nachgesuchte Konzession erteilen, die Linie wird dann sofort gebaut und die Verkehrsmisere für diesen Teil der Stadt ist beseitigt. Die Stadt aber für die Verzögerung verantwortlich machen, heißt einfach die Dinge auf den Kopf stellen. Weshalb aber dies Treiben? Weil die bürgerliche Presse zu feig ist, die Wahrheit zu sagen, weil sie es zuläßt, daß die Mittel der Stadt den Beutemachern in die Taschen gejagt werden. Und nun das Sechzig-Millionen-Projekt der„Großen". Wie niedrig schätzen die bürgerlichen Blätter ihre Leser ein, indem sie wagen, das Projekt zur Annahme zu empfehleu. Die un- fähige Stadtverwaltung würde mit einem Male zu einem Muster von Einsicht und Sachkenntnis, wenn sie das ihr hin- geworfene Projekt apportierte, wenn sie die Verlängerung der Konzession der„Großen" auf die Kleinigkeit von 90 Jahren gewährte I Diese Konzession ist des Pudels Kern, doch davon ist in den Artikeln der bürgerlichen Presse wenig oder gar nichts zu lesen, diese unerhörte Forderung wird den Spieß- bürgern verschwiegen. Ihnen wird nur vor Augen geführt, wie herrlich sich die Potsdamer, die Leipziger und die König- grätzer Straße ohne Straßenbahn ausnehmen würde, da aber das Projekt bereits die kaiserliche Approbation erhalten habe, sei alles ivohl geordnet. Mit Nichten; wir sind vielmehr der Meinung, daß die städtische Verwaltung dies Projekt auf keinen Fall annehmen darf, will sie nicht die schlimmsten Zustände auf dem Gebiete des öffentlichen Verkehrsivcsen hervorrufen, und die Stadt in schwere finanzielle Gefahren bringen. Sind denn, so fragen wir, die Leipziger-, die Potsdamer- und die KSniggrätzerstraße die einzigen Stellen, wo eine Verkehrsmisere besteht? Liegen nicht am Moritzplatz, am Alexanderplatz, in der Königstraße, am Rosenthaler Tor. am Oranienburger Tor usw. dieselben Zustände vor? Ist die EntWickelung dieser Gegenden etwa abgeschlossen, ist nicht vielmehr mit Sicherheit darauf zu rechnen. daß durch die jetzige rapide Bebauung der nördlichen und östlichen Vororte der Verkehr weiter und weiter anschwellen wird? Was aber dann, wenn erst„die Große" wegen des Linsengerichts der Verkehrsverbcsserung der Leipzigerstraße die Konzessionsvcrlängerung auf 90 Jahre in der Tasche hat? Glaubt jemand, diese Gesellschaft würde sich noch zu irgend welchen anderen Verbesserungen herbeilassen? O nein I Aber die städtische Verlvaltung würde dann mit Millionen- opfern eingreifen müssen, um den dringendsten Ve- dürfnissen abzuhelfen. Das sind alles Perspektiven, die klar vor Augen liegen. Wir haben ja Beispiele. Als seinerzeit mit der Großen wegen Umwandlung des Pferdebahnbetriebs in elektrischen Betrieb verhandelt wurde, erklärte die Gesellschaft, daß, wenn ihr nicht die Konzession bis 1919 verlängert würde, der Pfcrdebetrieb zum Spott der ganzen Welt bis 1911 aufrecht erhalten bliebe. Darüber herrscht heute völlige Klarheit, daß einer Privatgesellschaft die öffentlichen Straßen und Plätze nicht mehr zur Aus- beutung überlassen werden dürfen. Die Bürger- schaft ist nur dann sicher, daß den öffentlichen Verkehrs- bedürfnissen wirklich Rechnung getragen wird, wenn die Stadt- verlvaltung Herr auf ihren Straßen und Plätzen bleibt. Und in dieser Richtung hätte eine Pflicht- bewußte Regierung die Stadt zu unterstützen, unbekümmert darum, daß in noch so hohen Kreisen Aktionäre der „Großen Berliner" säßen. Wir hatten vorhin behauptet, daß der jetzige Coup von langer Hand vorbereitet sei. Die Macher wissen sehr gut, warum die Sache mit solchem Tamtam in Szene gesetzt werden mußte, der Kurszettel gibt Auskunft. Langsam, aber unaufhaltsam ist der Kurs der Straßeubahnaktien heruntergegangen: bis auf 180 war er gesunken und mit Recht. Die Abschreibungen der Großen sind unzulänglich, ihre Reservefonds sind anstatt mit guten, leicht realisierbaren Werten, mit faulen Aktien ihrer Tochtergesellschaften gefüllt. Das Aktienkapital war aber nach und nach verwässert worden, indem den Akttonären die neuen Aktten immer zum Nominal- wert überlassen wurden(zu zirka 103 Proz.). Diese jungen Aktien lagerten in den Geldschränken der Großaktionäre; sie waren nicht an den Mann zu bringen. Es mußte also etwas in Szene gesetzt werden, damit die Aktien Abnehmer fanden, es waren Dumme zu suchen, die den hohen Kurs bezahlten. Gelang solcher Fischzug, dann waren die Macher um 20, 30 Millionen reicher, indeni sie die Kursdifferenz in die Tasche steckten. Das ist der zweite Raub, der hier mit Hülfe der bürgerlichen Presse in Szene gesetzt wird. Die Stadtverordnetenwahlen stehen vor der Tür. Soweit die Arbeiterklasse in Frage kommt, wird alles geschehen, um Männer in das rote Haus zu senden, die sowohl der Regie- rung als auch den Beutemachern gegenüber rücksichtslos ihren Mann stehen._ Eine Frucht der Priigelpädagogik. Ein typischer Fall, der den Unwert der Prügelpädagogik in den öffentlichen Erziehungsanstalten charakterisiert, lag gestern dem Schwurgericht zur Aburteilung bor. Der mörderische Ueberfall auf die 68jährige Frau Krüger, Stralauer Platz 21, gelangte gestern vor dem Schwurgericht des Landgerichts 1 zur Verhandlung. Wegen schweren Raubes wurde der aus der Untersuchungshaft vorgeführte Arbeiter Paul Schulze zur Verantwortung gezogen. Den Vorsitz im Gerichtshöfe führt Landgerichtsrat Röchling, die Anklage vertritt Staatsanwalt Lindow, die Verteidigung führt Rechtsanwalt Bahn. Der jetzt 21jährige Angeklagte ist von jeher ein Taugenichts gewesen. Er ist zur Fürsorgeerziehung in eine Anstalt in Strausberg gebracht ivorden, nachdem er schon mehrere Strafen wegen Diebstahls, Unterschlagung und Sachbeschädigung erlitten hatte. Aus der Anstalt wurde er zu einem Bauer in Arbeit ge- schickt, rückte dort aber nach kurzer Zeit aus und ging nach Berlin, wo er einige Monate in einer Schlächterei geholfen hat. Dann ging er lvieder kurze Zeit zu einem Bauer, ritz aber auch dort wieder ans und buminelte dann in Berlin herum. Am 12. April hatte er mit einem Gelbgietzer Ramin, den er zufällig kennen gelernt hatte, in einigen Lokalen Billard gespielt und war dann mit ihm in das Schanklokal von Krüger, Stralauer Platz 21, gegangen, wo sie abermals Billard spielten und mehrere Glas Bier tranken. An jenem Abend verttat die 63jährige Mutter des Herrn Krüger ihren Sohn und war allein in dem Lokal. Als Ramin sich entfernt hatte, blieb der Angeklagte als einziger Gast zurück. Er verlangte von der alten Frau eine Tasse Kaffee, das Verlangen wurde aber zunächst abgelehnt. Dann suchte er verschiedene Male hinter den Ladentisch zu kommen, indem er sich plötzlich sehr für einen dort hängenden Vogel interessierte. Er wurde jedoch von der alten Frau von dort verwiesen und sah, datz diese den in dem Schlotz der Ladenkasse steckenden Schlüssel herumdrehte und in die Tasche steckte. Auf seine wiederholten Bitten ging die alte Frau Krüger in die Küche, um ihm doch eine Tasse Kaffee zu kochen. Plötzlich war der Angeklagte hinter ihr, packte sie an der Brust, warf sie'mit aller Wucht auf den Stcinsiitzboden der Küche und versetzte ihr mit einem harten Gegenstand einen heftigen Schlag ins Gesicht, datz sie sofort besinnungslos wurde. Dann soll er ihr das Portemonnaie geraubt und die Ladenkasse geöffnet haben. Als die alte Frau zur Erde geworfen wurde, stietz sie laute Hülferufe aus. Gerade als der Angeklagte bei der Kasse beschäftigt war, kam eine Nachbari», um die junge Frau Krüger zu besuchen. Da sprang der Angeklagte hinter dem Ladentisch hervor, stürmte auf die Stratze hinaus und war verschwunden. Aus dem Nebenzimmer hörte die Frau ein Röcheln und Stöhnen und als sie die Küchentür öffnete, fand sie die alte Frau Krüger in jämmerlichem Znstande in ihrem Blute schwimmend vor. Die Schwerverletzte hatte erhebliche Wunden im Gesicht und mutzte schleunigst nach der Unfallstation und von da nach Bethanien gebracht werden. Als Ramin von dem Ueberfall hörte, kam ihm sofort der Gedanke, datz der Angeklagte, den er als den Sohn des Waschanstaltsbcsitzers Schulze in Köpenick kennen gelernt hatte, der räuberische Bursche gewesen sein könnte; die Polizei verfolgte dessen Spuren und es gelang ihr seine Festnahme.— Der Angeklagte gab im allgemeinen die Tat zu. Während er aus der Untersuchungshaft in rührenden Briefen geschildert hat, wie wunder- schön er es in der Strausbcrger Anstalt gehabt habe und wie er sich dorthin zurücksehne, behauptet er jetzt, datz er von dort entflohen sei, weil er schlechtes Essen und Prügel dort bekommen habe. Beispielsweise sei dekretiert worden, datz er 25 Schläge „von der besten Sorte" bekommen solle. Er habe sich die Hosen ausziehen müssen und dann statt der 25 Stockschläge deren 23 erhalten. so datz das Blut nur so gespritzt habe. Ans diesem Grunde habe er um alles in der Welt nicht wieder in die Anstalt zurück gewollt. Er be- streitet, datz er auch nur die geringste Beute bei der Freveltnt gemacht habe, und will die Hauptschuld auf Ramin schieben, der ihn angeblich verführt habe. Die Zeugenvernehmung brachte nichts be« sonders Bemerkenswertes. Eine Zeugin Frau Ludwig, in deren Schanklokal der Angeklagte mehrfach verkehrte, behauptet, datz dieser gelegentlich gesagt'habe:„Arbeit stinkt": er arbeite nicht und be- komme das Geld, welches er besitze, von seinen Eltern. Der Zeuge Ramin, gegen den der Verteidiger verschiedene Momente vor- bringt, die ihn der Mittäterschaft verdächtigen sollen, wird vom Gerichtshofe vereidigt. Nach der Bekundung des Geistlichen der Sttausberger Anstalt hat Schulze auf diesen innerhalb der Anstalt einen autzerordentlich guten Eindruck gemacht; er sei ruhig, fleißig, ordnungsliebend und bescheiden gewesen, so datz er zu den Besten der Anstalt zu rechnen war und das Amt des Stubenältesten bekleidete. Außerhalb der Anstalt habe er sich auch ganz gut betragen, sei aber mehrfach ausgerückt. Richtig sei es, datz der Angeklagte, als er wieder in die Anstalt zurückgebracht wurde, unter des Zeugen Aufsicht 35 Stockschläge erhalten. Als e- das zweite Mal ausgerückt war, habe er sich ein Vierteljahr verborgen gehalten und mit einem Mädchen Verkehr gehabt. Nachdem die Geschworenen die Schuldfrage bejaht hatten, be- antragte der Vertreter der Staatsanwaltschaft gegen den Angeklagten eine Zuchthausstrafe von sieben Jahren. Der Gerichtshof erkannte dahin: Der Arbeiter Paul Schulze wird wegen schweren Raubes zu einer Zuchthaus st rafe von sechs Jahren und zehn- jährigem Ehrverlust verurteilt. Wenn je, so haben sich in diesem Falle die Früchte jenes Er« zichungSshstems gezeigt, das heute noch in Preutzens öffentlichen Besserungsanstalten sonder Scheu betrieben wird. Ein junger Mann von 18 Jahren entflieht, was nur zu begreiflich und verzeihlich ist, dem Zwange, der ihn in einer solchen Anstalt gleichwie in einem Ge« fängnis bei jedem Schritt umgibt. Der Pastor, der die Anwendung der Prügelstrafe anscheinend selbstverständlich findet, stellt dem Ver- halten des jetzigen Totschlägers das denkbar beste Zeugnis aus, nennt ihn fleißig, ordnungsliebend und bescheiden und rechnet ihn zu den Besten der Anstalt. Ja, sieht denn dieser Vertreter der christ- lichen Liebe gar nicht, datz die Anwendung der Prügelstrafe auch den sanftesten Menschen zum lvilden Tiere»rächen mutz, datz es nur ganz naturgemäß ist, lvenn in einem halberwachsenen Manne nach Erduldnng der brutalen Prozedur nur noch e i n Gedanke keimt, nämlich der, sich r ü ck s i ch t s l o s an d e r m e>r s ch l i ch e n G e- s e l l s ch a f t z u rächen, die ihn derart mit dem Stockprügcl be- handelt? Fühlt dieser Geistliche nicht die furchtbare Wahrheit jenes Bibelwortes: Was ihr diesenr geringsten einen getan habt, das habt ihr mir getan? Den Totschlag an der bedauernswerten alten Frau hat jenes System auf dem Gewissen, das fromme Worte im Munde und den Prügelstock in der Hand führt. Wann wird in Preutzen endlich die Zeit kommen, wo man erkennt, datz dieser Stock nicht minder ein Instrument der Verrohung ist wie die Folterwerkzeuge des Mittelalters? Wie lange werden noch Männer wie Agahd und einige»venige andere als Prediger in der Wüste wirken? Gerichts-Leitung. Zur Ausleguna des Kollcktcnverbots. Freiwillige Beiträge zur Unterstützung der streikenden Bergleute des Ruhrrcvicrs hatten ver» schiedcne Bergleute zu Brackel von ihnen bekannten Landwirten eingeholt. Da sie(Hordig und Genossen) eine behördliche Erlaubnis zun: Kollektieren nicht hatten, wurden sie auf Grund der Regierungs- Polizeiverordnung vom 27. Mai 1838 angeklagt, die eine solche Er- laubnis vorschreibt. Das Landgericht zu Dortmund als Berufungs- instanz verurteilte sie auch zu Geldstrafen. Der erste Strafsenat deS Kammergerichts hob jedoch am 28. September das Urteil wieder auf und verwies die Sache zur nochmaligen Verhandlung und Entscheidung an das Landgericht zurück. Begründend wurde aus- geführt: Verordnungen, die das Kollektieren verbieten bezw. von einer Genehmigung abhängig machten, lietzen sich nicht auf das Polizeivcrwaltungsgcsetz stützen, sondern nur auf§ 244 II 26 Allge- meinen Landrechts in Verbindung mit der Oberpräsidialinstruktion von 1825. Danach aber könnten nur Hauskollektionen verboten bezw. von einer Erlaubnis abhängig gemacht werden, das heißt ein Kollektieren von Haus zu Haus, wobei in die Häuser ein» gedrungen werde. Soweit Polizeiverordnungen m ehr be- sagten, seien sie nicht gültig. Im vorliegenden Falle sei aber nicht ausreichend festgestellt, ob es sich um eine Hauskollckte in jenem Sinne hangelte, deshalb die Zurückverweisung der Sache an die Vor- instanz. Artistenscherze. Durch eine Karikatur in Form eines Inserats hat sich der Artist Paul Conchas eine Anklage wegen Belei- digung zugezogen, die gestern vor der Schöffenabtcilung des Land- gcrichts I zur Verhandlung kam. Als Kläger trat der zurzeit im„Wintergarten" engagierte Artist Paul Schradoni auf, der durch Rechtsanwalt Dr. Rosen st ock vertreten wurde. Der Beklagte Conchas, der zurzeit eine Turnee durch Nordamerika unter- nimmt, hält sich gegenwärtig in New Uork auf und läßt sich an Gerichtöstclle durch den Rechtsanwalt Dr. S k o l n y vertreten. Gegenstand der Anklage ist ein die ganze Textseite einnehmendes Inserat der artistischen Zeitschrift„Das Programm". Ein in dem Inserat enthaltenes Klischee stellt eins jener langohrigen Grautiere, die man gewöhnlich nicht als die allerschlauesten der Gattung„Horn- hufer"'bezeichnet. Das Eselein toar außerdem noch mit einem in riesigen Dimensionen bemessenen Riechorgan ausgestattet, nnt dem es anscheinend soeben eine in Form einer Kanone aufgeblasene Schwcinsblase in die Luft geschleudert hatte. In dem Text wurde von dem Verfasser, dem jetzigen Beklagten Conchas, darauf auf- merksam gemacht, daß er das Recht der Originalität seines Tricks, das Schleudern von einem Kanonenrohr und mehreren Kanonenkugeln für sich in Anspruch nehme; alles andere sei nur kopiert. Die ganze Anzeige war die Karikatur eines Inserats, welches der„Kanonenkönig" Schradoni in der vorherigen Nummer des„Programms" erlassen hatte. In diesem ist der Kläger, der sich ebenfalls eines über daS Maß des Normalen hinausgehenden Gcsichtserkers erfreut, abgebildet, wie er eine schwere eiserne Kanone in die Luft schleudert und wieder auffängt. Da in der von dem Beklagten verfaßten Karikatur verschiedene deutlich erkennbare An- spielungcn auf die Person des Klägers und auf sein Inserat vor- handen waren, stellte Schradoni Strafantrag wegen Beleidigung. Por Gericht machte Rechtsanwalt Skolny geltend, daß unmöglich eine Beleidigung darin zu finden sei, wenn einem Artisten der Vor- Wurf gemacht würde, er kopiere alte Tricks. Noch heute könne man in jedem ZirkuS Dressuren und Akrobatenstücke sehen, die bereits vor Jahrzehnten im alten Zirkus Renz vorgeführt wurden. Ben Akibas Spruch bewahrheite sich gerade auf dem Gebiete des Ar- tistcnwesens. Der Vertreter des Klägers, Rechtsanwalt Dr. Rosen- stock hielt dagegen in der ganzen karikierenden Form des Inserats schon eine Beleidigung für vorliegend. Der Gerichtshof glaubte ebenfalls in der Form des Inserats eine Absicht und das Vorhanden- sein einer Beleidigung zu erkennen. Das Urteil lautete deshalb gegen Conchas auf 306 M. Geld st rafe, auch wurde dem be- lcidigten„.Kanorienkönig" das Recht der Publikation in dem„Pro- gramm" zugesprochen. Ein Anfruhrprozeß und dessen Ursachen. Vor dem H a m« burger Schwurgericht gelangte gestern ein Vorfall zur Ver- Handlung, über den wir in unserer Nummer vom 5. Mai dS. Js. berichtet haben. Die Sensationsprcsse hatte den„Aufruhr an der Wasserkante" stark aufgebauscht. Des Aufruhrs und der öffentlichen Beamtenbeleidignng sind angeklagt der ggjährige Hafenarbeiter Joh. Franz Michael Lüdtke und der 27jährige Hafenarbeiter Fricdr. Wilhelm Mahncke; elfterer soll Rädelsführer gewesen sein, während der Haupt- rädelsführer, der Schauermann Koge, im Untersuchungsgefängnis Selbstmord begangen hat. Schuld an dem Vorgang ist die am Hafen beliebte Methode, die Leute stundenlang auf ihren sauer verdienten Lohn warten zu lassen, welchen Mißstand aus der Welt zu schaffen sich die Arbeiterorganisationen bislang vergeblich bemüht haben. Am Abend deS 3. Mai hatten sich vor dem Geschästslokal des Stauers Blohm am Stubbenhuk 23 viele Arbeiter angesammelt, um den Lohn in Empfang zu nehmen. Da die Arbeiter danach trachteten, möglichst schnell abgefertigt zu werden, so ist eS erflärlich, datz sich ein Teil auf den Haus« flur begab, um schnell in das Bureau zu gelangen. Dem in dem« selben Hause wohnenden Schiffsprovianthändler M i ch a e l s e n patzte die Ansammlung im Hausflur nicht, weshalb er die Auf- sorderung an die Hafenarbeiter erließ, sich zu entfernen. Als die Arbeiter hierauf nicht reagierten, requirierte er Polizei» Mannschaften, worauf sich in schneller Reihenfolge die Borgnnge nbspielten. wcgsn deren die Angeklagte» bor de» Geschworenen stehen. Unter Anführung von dem verstorbenen Kogc und Liidtke soll sich die inzwischen auf etwa 100 Personen angeschwollene Menschenmenge auf die Beamten gestürzt, diese zu Boden gestosten. mit Kafseeflaschen:c. geschlagen und mit Füstcn getreten haben. Lüdtkc soll in bezng auf den Schutzmann Otto, der einen Unbekannten festhielt, gesagt haben: „Schlagt doch den Hund tot und nehmt ihm die Plempe fort!", während Mahncke etwas später gesagt thaben soll:„Haut doch. den Hund nieder, denn er hat unsere Kollegen verletzt!" Durch diese Redensarten soll die Menge zu ihrem weiteren Tun angestachelt worden sein, wodurch es dem von dem Schutz- mann Otto festgehaltenen Mann ermöglicht wurde. sich seiner Verhaftung zu entziehen. Mehrmals wurden die Polizei- beamten, vier an der Zahl, angefnvt, am Halse gewürgt, zu Boden gestoßen und mißhandelt. Der eine Beamte will noch hente an den folgen der Mißhandlung leiden. Der Angeklagte Lüdtke be- streitet, sich im Sinne der Anklage schuldig gemacht zu haben; er habe nur dem einen Beamten den Säbel festgehalten, damit er nicht noch Iveitere Kollegen verletze, weil schon nichrere bluteten. Der Angeklagte Mahncke stellt jede aktive Mitwirkung in Abrede; als er auf die Strage kam, habe er einen Schutzmann bemerkt, der auf dem blutenden Koge kniete. Er habe dem Polizisten zugerufen: „Lassen Sie de» Mann loS, der blutet schon genug!" Etwas weiter, in einem anderen Mcnschcnknäuel, kniete ein anderer Beamter auf einem Mann, der völlig unbeteiligt gewesen sei. Er, der Angeklagte, und andere hätten zu dem Schutzmann gesagt, daß er sich irre. Darauf sei er selbst in Haft geraten, ohne irgend etwas getan zu haben. Der Stauer Blohm bekundet, daß cS stets bei der Aus- zahlung sehr ruhig zugehe; er habe gehört, wie Michaelsen den Leuten zurief, sie sollten sich entfernen, Ivcil M., dem daö Haus gehört, eine GeschästSstörung stirchtete. Die Beweisaufnahme ergibt den geschilderten Tatbestand. Ter sogenannte„NädelSführer" Lüdtkc wurde unter Zu- billigung mildernder Umstände zu acht Monaten Gefängnis ver- urteilt. M o h n k e erhielt wegen einfachen Widerstandes zwei Monats Gefängnis. Versammlungen. Tie Formen der Revolution i» der deutschen Geschichte. DicS war das Thema, worüber Genosse Dr. M a u r e n b r e ch e r am Dienstag vor einer zahlreich besuchten Versammlung deS Wahlvereins für den vierten Wahltreis(Osten, Frankfurter Viertel) in VoekerS GcscllschaftshauS sprach. Der Redner, der als politische Revolution diejenigen Borgänge be- zeichnete, durch die sich eine neue Klasse de: Staatsgewalt bc- mächtigte, unterschied vier derartige mit Erfolg durchgeführte Revolutionen in der deutschen Geschichte. Die erste, in der die deutschen Fürsten die Souveränität des deutschen Kaisers zurückdrängten, sich also gegen„die von Gott eingesetzte Obrigkeit" auflehnten, begann nach dem Tode Karls des Großen und endete im 13. Jahrhundert, als der Letzte der Hohenstaufen den deutschen Boden verließ. Die zweite ist die der'Adeligen und Junker gegen die Fürsten, vom 13. bis in das 1ö. Jahrhundert dauernd, in der diese ihre Souveränität einbüßte» und die alten aristokratischen Landtage die Gewalt an sich rissen. Als die dritte Revolution bezeichnete der Redner diejenigen Matznahmen, wodurch die Fürsten die Landtage beiseite schoben und die absolute Gewalt an sich rissen, und schließ- lich als vierte die Revolution des Bürgertums, die in den Barri» kadenkämpfcn von 13-18 und den VerfassungSkonfliktcn ihren Höhe. Punkt erreichte. Ter Redner ivarf sodann die Frage ans, welche gesellschaftlichen Kräfte diese Machtverschiebungcn bewirkt haben und in welchen Formen die Revolutionen sich abspielten, und kam zu dem Resultat, daß cS im wesentlichen immer der Umstand war, daß die neue aufstrebende Klasse die finanzielle und in i l i- tärische Macht in die Hände bekam, der sie siegen ließ; bei der letzten Revolution, der des Bürgertums, war cS allerdings nur die finanzielle, und darum endete diese Revolution auch nur mit einem halben Erfolg. WaS die Formen anbelangt, in denen die Rc- volutioncn sich abspielten, wicS der Redner an mehreren Beispielen nach, daß die neue Klasse in manchen Fällen ohne Blutvergießen, in anderen allerdings nicht ohne blutige Kämpfe zur Herrschaft gelangte. Zum Schluß erörterte der Redner die Frage: Wie g e- winnt das Proletariat die politische Macht? und bemerkte hierzu der Hauptsache nach folgendes: Ter moderne kapitalistisch: Staat hat naturgemäß ein wachsendes Bedürfnis nach erhöhten Einnahmen und iaiili es auf die Dauer nicht bc- friedigen, wenn die Masse dcS Volkes nicht im Parlainent vertreten ist. Denn eine herrschende, begüterte Klasse sucht stets die Steuern von sich auf die untere.Klasse abzuwälzen, vor allem durch das in- direkte Steuersystem. Die Steuerquellen, die sie auszubeuten trachtet, müssen aber nach und nach versiegen oder können auf die Tauer nicht mehr genügen. Darum bedarf der moderne Staat, soll er nicht dem finanziellen Ruin verfallen, der Vertretung der breiten Masse des Volkes im Parlament, so dag der Staat finanziell abhängig von der Arbeiterschaft wird. Daß aber auch die mili- tärische Macht in die Hände des Volkes übergehen muß, ergibt sich aus dem System der allgemeinen Wehrpflicht. Mit absoluter Sicherheit muß die Zeit kommen, wo die Armee nicht gegen, sondern für das Proletariat ist. Dazu ist allerdings Aufklärung der Masse des Volkes notwendig. Man muß mit der Tatsache rechnen, daß der Mensch nicht nur von den heutigen Verhältnissen, sondern auch von der Vergangenheit, von den überlieferten Abhängigkcits- Befühlen beherrscht wird. Diese gilt es zu überwinden, Selbst- gefühl, Gefühl der Menschenwürde an ihre Stelle zu setzen. Darum ist das erste und wichtigste die Aufklärung und Organisierung der Massen, die uns heute noch fernstehen. Die lehrreichen und intercssanteil Ausführungen fanden leb- haften Beifall. Zur Diskussion verlangte niemand das Wort.— Der Vorsitzende machte auf die am 17. Oktober stattfindende Generalversammlung des Wahlvcreins, wo über das Organisations- statut beraten werden soll, sowie auf die acht Tage vordem statt- findende Versammlung zur Berichterstattung vom Parteitage aus- merksam und lud ftrncr zur Teilnahme an den Kursen der Ar- beiterbilduiigsschule ein. Genosse Büchner forderte zu eifriger Beteiligung an der Agitationsarbeit für die Stadtverordneten« Wahlen auf. Zentrnlverblind deutscher Brauerciarbciter. Am 17. September fand eine Versammlung im Gewcrkschaftshaus statt. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsitzende dem dahingeschiedenen Gründer und langjährigen Vorsitzenden des Zwcigvereins Berlin, späteren Gastwirt Paul Hilpert ciiien warmen Nachruf. Sodann sprach Ritter über„Die kilkturelle Bedeutung der Arbeiter- bcwegung". Der Vortrag wurde mit großem Beifall aufßcnommcn. Unter„Innere Vcrcinsangelcgenheitcn" berichtete Träger als Revisor über die Richtigkeit des in voriger Versammlung gegebenen Kassenberichts, worauf die beantragte Teckarge dem Kassierer er- teilt wurde. Ein Kollege schildert nunmehr die geradezu mittel- alterlichen Zustände in der Brauerei Wusterhausen, eine überlange Arbeitszeit und geringe Lohnzahlung ist an der Tagesordnung; von einer Sonntagsruhe keine Spur. Da nun die betreffende Brauerei einen großen Teil ihres Bieres in Berlin absetzt, wird sich die Agitationskommission mit der Angelegenheit bcfasscii, um auch dort bessere Zustände zu schaffen. Vermilckteg. Die Cholera. Ein Cholerafall wird aus dem Kreise Westhabtzk« land gemeldet. Der Schiffer Schälke aus Weseram ist vorgestern als dringend choleraverdächtig in die Isolierbaracken des Krankenhauses Brandeiiblirg a. H. eingeliefert worden. Die Besatzung sowie die Mannschaften eine® Dampfers, die mit dem Kranken in Berührung gekommen, sind unter Beobachtung gestellt worden. Der Bootöniann Horn vom Schülkeschen Fahrzeuge hatte versucht, sich der Isolierung zu entziehen, er wnrda jedoch, bevor er mit anderen Personen in Berührung kam, ermittelt und ebenfalls unter Beobach- tung gestellt. Es sind olle Matznahmen getroffen worden. Als choleravcrdächtig wurde gesieiii. wie wir bereits gemeldet haben, in die für diese Zwecke zur Verfügung gestellte Villa deS Dr. Jatobi in Friedrichshagen der Arbeiter Kropsch von den städtischen Wasser- werken am Müggelsee eingeliefert. Nach den bisherigen Fest« stellungen handelt es sich jedoch nur um eine schwere Erkrankung an Brechdurchfall. Infolge deS starken Schiffahrtverkehrs auf der Havel ist für die BcobachtungSstatio» bei Oranienburg die Einstellung eines zweiten KontrolldampferS notwendig geworden. Der zweite Dampfer, der am henligen Tage seine Täligkeit aufgenommen hat. ist ebenso wie der erste niit einem Arzte, einen Gendarmen und mit DeSinfekiionSarbeitern besetzt. Die an der Beobachtungsstelle er- richteten Eholerabaracken haben direkten Fernanschluß nach Oranien- bürg erhallen. Im Bromberger Bezirk ist, lvie die„Ostdeutsche Rundschau� meldet, auch in de» LI Stunden von gestern auf heute früh kein Eholerafall aiigcmeldet worden. Di« Bromberger Stadtverordneten haben für die Maßnahmen gegen die Choleragefahr IL 000 M. be- willigt. Seit vier Tagen ist kein choleravcrdächtiger Fall im Regierungsbezirke gemeldet worden. Der ständige Ausschuß deS Komitees für öffentliche Gesimdheits- pflege in Frankreich hat, wie aus Paris gemeldet wird, folgenden Beschluß gefaßt: In Erwägung, daß alle Matznahmen an der Grenze bestens getroffen sind, um ein Uebergreifen der Cholera von Deutschland nach Frankreich zu verhindern, und in Erwägung der gegenwärtigen Jahreszeit, des langsamen Fortschreitens der Seuche, der mäßigen Zahl von Erkrankungen und Todesfällen, der von Deutschland getroffenen Maßnahmen und schließlich der weiten Eni- fermmg dcS Seuchenherdes, erachtet der Ausschuß die Zeit nicht für gekommen, um den auS Deutschland eintreffenden Reisenden und Waren diejenigen Beschränkungen aufzuerlegen, die mit sanitär«? Posten verbunden sind. lieber ein BootSungliick wird aus S i in b a ch berichtet: Bei der i.......■ m mM'»MMM■"*»t M* Ucberfahrt über den Inn bei Ering schlug ein Boor um, wobei sechs Personen ertranken; eine wurde gerettet. Fcncrsbriinst. Aus Geestemünde wird gemeldet: Im Bremerhavcner Hnfengebiet sind drei große Lagerschuppen nieder- gebrannt. Ter bedeutende Schaden ist durch Versicherung gedeckt. Bei der Sprengung des Tanipfcrs„Chatam" im Suezkonal ist. wie an« Port Said gemeldet wird, das Ostnfer des SueztanalS aus eine Strecke von 600 Fuß beschädigt worden. Durch einen Zyklon zerstört wurde in der vergangenen Nacht die Stadt RalmeSbury(Kapkolonie). Eine Anzahl Menschen ist hierbei inns Leben gekommen. Eine Millionärin mit vernünftigen Ansichten. AuS New Aork wird berichtet: Die kleine Katherine Mackah, eine achtjährige Erbin von wenigstens 200 Millionen Mark, ist m eine der öffentlichen Schulen Ncwcastles gekommen. Ihre Mutter. MrS. Clarence Mackay, besitzt ei» prächtiges HauS in New Jork und eine stattliche Besitzung auf Long-Jsland. Sie hält es für richtiger, daß reiche Leute ihr Geld für die Verbesserung der öffentlichen Schulen statt für Privat- schulen ausgeben. FMtr den Inhal» der Inserat« übeniiiiimt die Redaktion de», Publikum gegenülicr keinerlei Berannvortung. Zheater. Gounabend, 30. September. Anfang T/, Uhr: Opernhaus. Der Ring deS Nlbe- luiigen. Vorabend: Da» Rhein- gold. Schauspielhaus. Der Schwur der Treue. Neue». Ein Sommern ciihiStramn. Westen. Der Opernball. Nachmltt. 3 Uhr: Minna von Barn- Helm. Kleines. Hidalla. Llnfang S Uhr: Schiller v.(Wallncr-Theater.) Nora. Schiller bk.(Friedrich Wilhelm. ftädlifche» Thealer). Der Elvissen»- wurm. Lcsiing. Erziehung zur Ehe. DI« sitlllche Forderung. Berliner. Andalofia. Residenz. Die Höhle des Löwen. Triano». Madame Torcra. Thalin. BIS früh um Fünft l lc Zc»nl»crgelge von Osienbach. Original RKmbler Compagnl« zum 1. Male in Berlin Ouo Sorilan. sonnt. 4 Uhr: Sohn des Volke*. Luisen-Theater. Abends 6 Uhr: Fiesco. Sonntag nachm.: Wilhelm Test. Abend»: Der Mann im Monde. Montag: Der Mann lm Monde. Walhalla Theater Weinbergtweg 10/20. Direktion: Bichard Hchnlte. Sonntag, den 1. Oktober er.: GröffnungS« Vorstellung: Sine tolle Vorher: Gr. Spezialit&ten-Programm. Ans,'/,S Uhr Rauchen überall gestattet. r: Täglich- Ein Aiiend in einem Vorb.: Hochzcilsabond, Spszlalitäten. Sonntag, den t. Oktober cr.: llrelo tlaohm!l:sgo-Vor»tellung mit amorik. Tingol-Tangel tl. Liistballelt Qrlgolatis zu bedeutend ermäktatc» Prcilen l Ansang S Uhr. TI» Tatiben- l UNS»MST str. 48 49. 8 Uhr: Im Lande der MiilernaeiilssoiiDe. Nachmittagä 4 Uhr: Ticrleben in der Wildnis. Sternwarte ,nva,iden- «,r. 67/02, ) CASTAN S ÄNOPTICUM. Fritdriohttr. 166. Neu! Ttidätre lumiöre! Pariser Schattenspiclszenen m. Musik u. GesangbegleitunK. Kinematograph-Theater; Wanderung durch Pompeji. Sturm auf Port Arthur u. a. ra. Konzertsaal; Oberbayr. Sänger „die Koohelses'r". ZOOWCISCHER GARTEN Täglich ab nachmittags 4 Uhr: (Zroßes Militär-Konzert Eintrittspreis 1 M.; ab 6 Uhr 50 Pf. Kinder unter 10 Jahren die Hähtc. Trianon-Theater. Heute und folgende Tage: /Nsäsme l'orera tMadame L'ordounanoe). Schwank in 2 Alien v. Julet Chancel. Deutsch von Max Schoenau. Ansang 8 Uhr._ Eröffnungs-Programm. Loie Füller die berühmte Phantasietänzerin. Louise Bio! Pariser Sängerin. 4 Luckens amerik. Gymnastikor. Sistors Gasch Akrobatinnen. Kapitän Woodward dress. Seehunde u. Seelöwen. Bedini und Artur amerikanische Eszentriks. Di* mysteriösen Husaren. Die Trombettae italien Duett. Paul Spaden! Kraft-Jongleur. „In Japan" BaUettdivertissomont. Tina Ciemanta Pferd- und Hundedressux. HT* vor Biograph. Belle-Alliance Theater. Variete! w Eröffnungs- 1 Programm» Sensation Berlins.! Heute abends 8 Uhr: The belle Astoria.1 Liane Leischner. Edi Blum. Renards russische Hunde-Moute.| Leo Biliward. The 3 Onleys. Rose und Jehan. Sol-Oo. Hai Opern-Parodleten.| Fidelio-Quartett. Geschw. Mertens. James und Maud Thomas. Wchlfried'Scxtett. 37/3 1 Billetts sind an der Theater- 1 Kassa vorm. 10— 2 Uhr u. bei| A. Wcrlhcim ztt haben. Sonntags 2 Vorstellungen| Nachmittags 3 Uhr: Halbe Preise.) Gustav Behrens Spalilüten- Theater Frankfurter- Allee 85. Neues Programm. Kolossaler Erfolg von Sine Serliuer Bonge. Posse mit Gesang. 10 ßpesia�täten-�ammern. 'XI. Berliner Saison. Zirkus Ensch. Prunk- und Parade-Abend. JM?' ZnmlO. Male:'~9Kt lexiho. Große Ausstattunes- Pantomime aus dem mexikanisohen Pfianzerleben. Inszeniert vom Kommissions- rat Busch. Verfaßt und einstudiert von Herrn Burkhardi- Foottit, T&nze vom italienisch. Hofballettmstr. Ottavi. Musik vom Kapellmstr. Taubert. Die Helden vom Yalu u.Port Arthur in ihren miiit. Infanterie-Exerzitien. .fapaniHchu Infantorlo. Ausgesuchte Repräsentanten der Armee des Mikado. VIci* Socnr« Atlct»s. Avis I Sonntag zwei Vorst. nachm. 4 Uhr u. ab. 71/, Uhr. «B Cicbrüdcp Herrnfeld-Theater. Zum 160. Male: Vis «5 NP Ktzf*' Kcmödie iu drei Akten mit den Autoren Anton und Donat Herrnfeld in den Hauptrollen. Anfang 8 Uhr. Vorveri. 11-2 Uhr. In Vorbereitung: Ida»» Famlllcntag. Eine ErbschaftSkomödie von Anton und Donai Herrnfeld. Bndapesiei* Possen-Theater 132 Linienstr. ,32 Ecke Friedrichstraße. Kaeh dem Zapfenstreich. Milittu-Humoroske von Satyr. Vorher: Soll und Haben und der ausgezeichnete Spezialitätenteil. Kasscneroffnung 7 Uhr. Anfang 8 Uhr. Ab 1. Oktober: Sonntag nachmittag 3 Uhr Vorst, zu halb. Pr. Hetropol-Theater Präzise 8 Uhr zum 22. Male: Große Jahresrevue mit Gesang u. Tunz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Dirigent Kapellmeister Max Roth. In Szene gesetzt vom Direktor Hicnard Schultz. Waiden a. D.x Miß Clitford a.D. Bender x ßiampietro Josephl x Massary x Frid-Frld Steidl x Lilly Walter. Rauchen in aU. Räumen gestattet Anfang 8 Uhr. Residenz-Theater. Oirthtion. Richard HUxandcr« Heute und solgende Tag» Anfang 8 Uhr: Hie Beide des Löwen. Schwant in 3 Akten v- M. Hennequll» und P. BUhand. Sonntag nachm. 3 Uhr: itorluile». plllen. Carl Velß-Tliealer. Gr. Frankfurterstr. 182. Nachm. 4 Uhr: Kinder• Vorstellung, Keine Preise: Die sieben Raben. Abends 3 Uhr: V e b o r a Ii. Sonntag mid solgende Tage: vor Aettumooglor Wider Willen. V. Roacks Thealer. Direktion: Rcb. Dill. Bruimenllr. 18. Extra-EIite-Borstellung. Der Kttttlstudttli v. Kerlm. VollSstück mit Gesang in 3 Akten von H. Busse. Ans. 8 Uhr. Entree 30 Pf. Ball. eountag: Dieselbe Vorstellung. r. Heute Jeden Abend 8 Uhr! zum Gastspiel Ad. Philipp 29. ABER! Male: Hepp II p r z o e Jeden Sonntagnachmittag 3 Uhr: Halbe Preise! .Ucbcr'n großen LelolR." Hr. 229. 22. 3. Ktillige des Jormiitts" f erliiier Wldsdlstt. Versammlungen. Tarifgcmeinschaften und Klassenkampf. Ue?er dieses Then,a sprach Eduard B e r n st e i n an, Montag in einer bei Buggenhagen abgehaltenen stark besuchten Schlosser- Versammlung. Redner äußerte sich dabei etwa folgendermaßen: Die Tarifgemcinschasten seien bisher in Arbeiterkreisen vielfach noch mit Geringschätzung behandelt worden. Jedoch zeige sich die Tat- fache, daß von Jahr zu Jahr mehr Tarifverträge zwischen Arbeiter- und Unternehmcrorganisationen abgeschlossen würden. Es sei die? ganz erklärlich, denn Tarifverträge müßten gewissermaßen als eine notwendige Folge des proletarischen Klassenkampfes um Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung des Lohnes be- trachtet werden. Die Tarifverträge seien vornehmlich auf der Grundlage der Stücklöhne aufgebaut. Durch die Stücklöhne werde die Konkurrenz in die Werkstatt hineingetragen. Ein Arbeiter suche mit seiner Arbeit imnier schneller fertig zu werden und mehr zu verdienen wie der andere. Habe der Verdienst aber eine gewisse Höhe erreicht, so konime der Unternehmer mit Reduktionen der Akkordsätze und der Arbeiter«verde zu noch intensiverer Anstrengung gezwungen, als es schon vorher der Fall war. In diesem Sinne ei dann auch unbedingt das Wort wahr: Akkordarbeit ist Mord- arbeit, oder: Stücklohn ist Schwitzlohn. Trotz alledem aber habe ?. es sich gezeigt, daß die Akkordarbeit eher zu-«vie abgenommen habe. Ja eS gäbe ziveifelloS eine ganze Anzahl Arbeiten, die tatsächlich bester in Akkord als in Zeitlohn auszuführen feien. Hiervon seien auch ganze Arbeilerkatcgvrien überzeugt. Daher gestalte sich der Kampf gegen die Akkordarbeit, wie er 1891 auf dem internationalen Kongreß zwar beschlossen, aber nicht durchgeführt worden ist, einfach als eine SvsiphuSarbeit. D a S einzige Mittel, um dem Akkord sy st enr den Giftzahn auszuziehen, sei der Tarifvertrag. DicS hätten die vorgeschrittenen Gewerkschaften aller Länder auch ziveifelloS erkannt, und daher auch die Zunahme der Tarifgemeinschasten. Nun würden ja noch iminer eine Reihe von Bedenken gegen den Abschluß von Tarifverträgen vorgebracht. So z. B. werde gesagt, Arbeiter, die sich durch Verträge auf Jahre hinaus gebunden hätten, könnten eine gute Konjunktur während der Vertragsdauer niemals zur Durchsetzung von Lohnerhöhungen aus- nützen. Untätig müßten sie die guten GeschäftSperiodcn verstreichen lasten, wenn sie nicht das Odin«» des Tarifsbruchs auf sich laden wollen. Dadurch hätten aber nur die Unternehmer Vorteil. Demgegenüber sei jedoch in Bettacht zu ziehen, daß auch die Unternehmer während der Dauer ungünstiger Perioden an den Vertrag gebunden seien; sie also dann nicht ohne weiteres die Löhne herabsetzen könnten, wie sie eS ohne Verttagsbindnng meistens tun würden. Wenn trotzdem bei schlechter Konjunktur hin und wieder Vertrags- bruch von den Unternehmern verübt werde, so liege das nieistenS an den Arbeitern selbst, weil sie ihre Organisatron nicht stark genug ausgebaut hätten. Sobald das Unternehinertuin mit einer starken Organisation der Arbeiter rechnen müsse, würde eS sich schon wegen der späteren Folgen vor Vertragsbruch hüten. Nun werde aber femer gesagt, die Tarifgemeinschaften führen zur Verflachuicg des KlastenkampfcS, weil die Arbeiter, in dem Glauben, sie seien durch ihren Tarifvertrag vor allen wirtschaftlichen Fähr- nisten geschützt, sich um nichts nielzr kümmern. Doch auch diese Behauptung sei nicht absolut richtig. Fest stehe, daß die»leisten Organisationen, die Tarifverträge abgeschlossen haben, an Mit- gliedern zu- und nicht abgenommen haben. Nur ganz vereinzelt lasse sich von einem Verlust an Mitgliedern reden. Daß die Arbeiter im Klassenkampf aber nicht erschlaffen, dafür sorgten schon unsere ganzen Verhältnisse. Die Konkurrenz der Unternehmer unter einander, die andauernden technischen Fortschritte im Pro- dukttonSprozetz, kurz die ganze heutige Staats- und Gesellschafts- ordnung laste es in allen ihren Einrichtungen nicht zu, daß sich die Arbeiterschaft einer faulen Ruhe hingeben könne. Es möge doch auch hierbei bedacht werden, daß nicht der Mensch des Klassen- kampfes wegen da sei, sondern der Klassenkampf des Menschen wegen. Je höhere Formen der Klassenkampf aber annehme, desto scharfer spiele er sich ab. Das beste Beispiel gebe uns ein Vergleich zwischen den zahlreichen kleinen„wilden* Streiks,«vie sie in früheren Jahren fast regellos geführt wurden, und den jetzigen gewaltigen WirtschaftS- kämpfen, bei denen beiderseits starke Organisationen und eine wohl- überlegte Taktik in Frage kämen. Bei vernünftiger Beurteilung der Dinge könne man also durchaus nicht von einer Verflachung des Klassenkampfes sprechen. Es sei auch falsch, in dieser Hinsicht stets auf die englischen Arbeiter zu exemplifizieren. Daß die englischen Arbeiter so seien, wie sie sind, habe«eine eigenen„ökonomiich- historischen* Ursachen. Auch die englischen Verhältnisse«vürdcn sich einst ändem, und dann würden die englischen Organisationen der allgemeinen internationalen Arbeiterbelvegung noch große Dienste leisten. Jetzt sei eS allerdings bis zu einem gelvissen Grade richtig, daß durch die Tarifverträge bei einigen Organisationen eine Art Zunftgeist und BerufscgoiSmus großgezogen tvorden ist. So bei den englischen und belgischen Kohlenarbeitcm, die sich von den Unternehmern haben Vorreden lassen, je höher die Kohlenpreise, desto höhere Löhne würden gezahlt. Tatsächlich seien dort Tarifverttäge zustande gekommen unter der beiderseitigen ausdrücklichen Absicht, die Kohlenpreise zu erhöhen. Den Arbeitern wurde dann in Gestalt einer Lohnerhöhung ein kleiner Brocken von den durch die Preis- erhöhung erwucherten Verdiensten hingeworfen, während die Unternehmer den Löwenanteil einstreichen. Doch auch die hierin liegende Gefahr der Tarifverträge sei verhältnismäßig gc- ring, weil ihr durch eine Reihe gesellschaftlicher Kräfte natur- geinäß entgegen gewirkt werde. Andere Arbeiterkatcgoricn lehnen sich ganz von selbst gegen solche Verein- barungen auf und veranlassen kurzsichtige Organisationen schließlich zu einer Modifikation im Sinne der Gesamtarbeiterinteressen. Alles in allem genommen lasse sich also mit gutem Ge- wissen behaupten: die Vorteile der Tarifgemeinschasten seien für die Arbeiter grüßer«vie deren Nachteile. Durch die Tarifverträge «verde die ausbeutende Wirkung der Akkordarbeit eingeschränkt; es erfolgt die Festlegung eines MindestlohneS, wodurch gleichzeitig eine Lohnerhöhung im allgemeinen und eine geiviste Stabilität der Lohn- höhe eintritt. Tarifverträge machen die Gewerkschaft aber nur leistungsfähig, weil während der Dauer des Vertrages Geld auf- gespart«verden kann, um bei Ablauf desselben bester für einen eveirtucllen Kampf gerüstet darzustehen. Die Zeit des Tarif- Vertrages gibt den Geiverkschafleu überdies Gelegenheit, für eine umfassende Aufklärung und Durchbildung ihrer Mit- glieder auf allen Gebieten des«virtschastlicheu und poliUchen Lebens zu wirken. Sie können und werden dies auch naturgemäß unisomehr tun, als die Erfahrung lehrt, daß die Lohlxrhvhungeu zum größten Teil Ivieder wett gemacht«verden durch die Verteuerung der Lebensmittel und der Wohnungsmieten. Hierin liege auch die ganz natürliche Ursache, daß die Mitglieder der GelverkschaftS- orgaisisationen in steigenden« Maße zur Erkenntnis koinmcn, sich nicht nur geiverkschaftlich, sondern auch politisch zu betätigen. Da aber jeder Arbeiter, der mir einigermaßen die Vorgänge auf politischein Gebiete betrachtet, bald die ausschließlich im Arbeiter- und damit auch im Gesamtmteresse allSgeiibte politische Tätigkeit der Sozialdemokratie würdigen lerirt, so wird er in mehr oder ininder kurzer Zeit auch sicher seinen politischen Anschluß an die Sozialdemokratie suchen und finden. In diesen« Sinne seien die Tarifgemeinschasten also nicht nur ein Mittel zur Einführung der Fabrikkonstitution, sondern sie äußerten ihre Wirkung auch in der Vertiefung des de>nokratischen Einpfindens der Arbeiterklasse. sGroßer Beifall.) An der lebhaften Debatte beteiligten sich Eggert, Schreiber, Büchner, Hetz und L u b a t s ch. Nur Schreiber bekannte sich als strikter Gegner der Tarifverträge aus de«« Gründen, die schon Bernstein ii« seinen« Referat erwähnt hatte. Er ist der Ansicht, daß ein Mindestlohn und eine Maxiinalarbeitszeit am besten auf gesetz- lichcn« Wege festgelegt werden niüßten. Die übrigen Redner Pflich- teten dem Referenten«nehr oder«nindcr bei, erklärten sich jedoch alle für«nöglichst kurzfristige Verträge mit der Maßgabe, daß, lvenn ein günstiger Vertrag nicht zu erzielen«väre, dann ein vcrtragsloseS Verhältnis einen« schlechten Vertrage vorzuziehen sei. Sämtliche Redner betonten außerdem besonders die Notwendigkeit des An- schlustes an die politische Organisattou und daS Lesen der sozial- deinokratischen Parteipresse. Bern st ein bestätigte in seinem Schlußlvort, daß er den Ab- sckiluß von Tarifverträgen ebenfalls nicht unter alle«« Umständen be« fürlvorten wolle. ES könnte«« sehr«vohl Verhältnisse eintrete««. die es den Arbeitern rätlich erscheinen ließe««, für eine Zeitlang auf eine«, Vertrag zu verzichten. Das ändere aber nichts an der all- gemeinen Beurteilung der Tarifgemeinschasten. Die Frage, ob lang- oder kurzfristige Verträge den Vorzug verdienen, sei natürlich von Fall zu Fall zu prüfen. Hier komnie eS auf die einzelne Berufs- gruppe selbst an. Was nun die gesetzliche Festlegung des Minimallohnes betreffe, so sage er: Wenn wir erst die politische Macht haben, dann werden«vir noch ga««z lvas anderes festlegen wie den Mininiallohn. Vorläufig aber handele eS sich für uns erst iioch darum,«vie wir die politische Macht am eheste«« bckon>n«en. Bis dahin aber müsse auf allen Gebieten geivirkt«verden,««»« der Arbeiterklasse Vorteile zu verschaffen,««nd dazu«viirden auch die Tarif- gemeinschaften dienen._ In einer Brancheuversaiumlung der Möbclpolicrcr, die an« Montag abgehalten Ivurde, hielt Genosse P ö tz s ch einen Vortrag über Partei und Gewerkschaft. Von der Entwickclung dcS Getocrl- fchaftSivcsenS ausgehend, besprach er die Aufgaben,«velche sich die Gewerkschaften gestellt haben. Unter anderein vertrat der Redner die Ansicht, daß Tarifverträge und UnterstützungScinrichtungei« zlvar die Gefahr der Verflachung der GewerkschastSbewegmrg in sich bergen, diese Gefahr aber nicht eintrete,«venu die GelverkschaftS- führer von sozialistischem Geiste erfüllt«eien, wie das ja iir unseren Geiverkschaften der Fall sei. Wei«>« auch die Geiverk« schaften nicht dieselben Aufgaben erfüllen könnten, wie die politischen Organisationen— die ja sonst überflüssig ivüren— so«««üsse doch in den Gelvcrkschaftcn Aufklärung iin sozialistischen Sinne verbreitet «verde««. Hinsichtlich der Aufklärimg sei noch viel zu t«>n, denn die Massen der Arbeiter seien noch viel«veiter zurück, als manche Partei- führer, die nicht in so mniger Berührung mit den Massen koinnlen «vie die Getverlschaftsführer, glrniben. An der Aufklärung der Massei««nitzuarbeiten, das gehöre auch zu den Aufgaben der Ge- werkschaften.— An der Diskussion beteiligten sich nur zwei Redner, die aus den Ausführungen des Referenten Nlltzaiiwendui«ge>« für die eigene Organisation zogen.— Hieraus kamen Branchenangclege««- heiten zrir Sprache, unter anderem ein Antrag, welcher verlangt, daß Vorarbeiter nicht Prozente vom Unternehmcr beziehen dürfen. Die Angelegenheit wurde der Branchenkommission übcrwiefen. Extra-Preise ArtiKel zumUrnztig gültig bis 10. Oktober, soweit die Vorräte reichen. Gardinen 48, 84 Pf. 8.80, 1.63 2.70, 1.80 6.85, 4.65 58, 48 Pf. 3.85, 1.93 8.10, i.55 2.85, 2.35 Eilgl. TAU, weis« od. creme.... Mtr, 58, Engl. TAU, abgepasst, 2 Shawls. 3.93, Stores, engl. Tüll, weiss od. creme St. 3.65, Stores, Erbstüll........ 8.75, Kongressotoff, glatt od. gestreilt. Mtr. 70, TOIIbettdeeken, tür l und 2 Betten 4.85, Köper, Rouleaux, creme u. weiss, einteilig. 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S an die Er- pedilion des.Vorwärts'._ 21296 TiiAMMem für die Strafzburgcr„Freie Presse" gesucht. Bewerbungen sind an 44182* Otto Sfeimish, Strasburg, Fiukiiinttstaden 2, zu richten. EgSgSgTZESi UM Pffiliiüp! Der Bau tSrniian in Steglitz. Derlinileslraße 14/15, ist gesperrt. Die Bcttvattnng 93/3* doS Holzarbeitrr-Berbaiidcs. zedtullg! üelzluiig! fu a In der X o!•«1<1 e n t» c h c a TI um in Ta b ri k, Köpenicker- strafte 128(Kubisch it Redlich), bestehen Differenzen. 93/10 Zuzug ist feellzuhastcu. üöUjLlZisösiioiigl'iiöitLs-VLsdZtil! Äuiil.tol!« llorllti. IcdtW! Wie!' u. imiml Die Baiitiichlcrci Schneider, Görlitzer Ufer, und der Bau Schneider, Lichicrsclderstratzc. Ecke Boisdamuffirage, sind wegen Differenzen gesperrt. 93/14 0ie Crlsvorv/allung. Sr.229. 22. laljtpts. 4. DtÜM i)f6„Pötllllittö" PölllöMlltt. S(IIMl"nl1 3°. Stpltmkt 1905. partei-)Znge!egenkeiten. Tie Parteikonferenz für Berlin und die Provinz Brandenburg findet statt am Sonntag, de» 13. Oktober 1903, vormittags 19 Uhr, zu Berlin in den Arminhallen, Konunandantenstraße 20. Die Tagesordnung lautet: 1. Bericht der Ägitationskommission. 2. Organisation und Agitation. 8. Presse. 4. Zur Landarbeitcrsrage. 5. Anträge. Anträge, welche auf der diesjährigen Parteikonferenz be- raten werden sollen, sind spätestens bis zum 9. Oktober bei dem Unterzeichneten einzureichen. Der Einberufer: Borgmann, Königsgrabcn 7. Zur Lokal-Liste.„Nrion*, Zitherklub, Türkisches Zelt, hält am 14. Oktober in C h a r l o t t c n b u r g, Wilmeredorferstr. 125, ein Bergungen ab. Da das Lokal gesperrt ist und versucht wird, in Arbeiterkreisen Billetts umzusehen, so weise man diese zurück. Die Lokalkommission. Serlmer l�admcdtm Vom Kampf der Arbeiter gegen den Alkohol. Die Berliner Ortsgruppe des Deutschen Arbeiter- A b st i n c n t e n- B n n d e S hatte am Mittwoch nnt drei östent- lichcn Versammlungen vor die Arbeiter und Parteigenossen Berlins hintreten wollen, um einen Meinungsaustausch über die Stellung der Arbeiterklasse zur Alkoholfrage herbeizuführen. Diese drei Versammlungen an ein und demselben Abend hätten zeigen können, wie stark oder gering noch da§ Jntcr- esse für die Alkoholfrage bei den Berliner Arbeitern ist. Leider läfit sich aber nichts darüber sagen, ob die Probe geglückt ist oder nicht. Die Versammlungen waren schwach besucht, doch wäre es unrecht, aus diesem Ergebnis ohne weiteres auf Gleichgültigkeit unserer Ar- beiterbevölkerung schließen zu wollen. Der wolkcnbruchartige Regen, der vor Beginn der Versammlungszeit einsetzte und dann ein paar Stunden hindurch fast ohne Unterbrechung heruiedcrprasselte, dürfte manchen, der ganz gern einmal bei den abslincntcn Parteigenossen zu Gaste gcwesenwäre, inscinevicrPfähleznrückgcschweinmthaben. Regen- güsse von dieser Stärke und solcher Ausdauer haben schon ganz anderen Leuten die schönsten Versammlungen verdorben. Im Südosten, bei Graumann in der Naunynstraße, war der Besuch so schwach, daß cS vorgezogen wurde, die Versammlung gar nicht abzuhalten. Im O st e n, bei Keller in der Koppenstraße, be- gnügte man sich mit dem Häuflein der Mutigen, die trotz Wolken- bruch gekommen waren. Hier zeigte Genosse Stürmer in seinem Referate, von wie großer Bedeutung die Alkoholfrage für die klrbeiterklasse sei, welchen Gelvinn an Kraft die Enthaltung voni Alkohol den Proletariern im Klassenkampfe bringe, welchen Schaden der Alkoholgcnuß beispielsweise bei Streiks und Aussperrungen stiften könne. Zu dem oft gehörten Einwand� nicht völlige Enthaltung sei nötig, sondern bloße Mäßigkeit genüge, sagte Störmer, es halte eben jeder sich selber iür mäßig, und für diese„Mäßigkeit" gebe dann das deutsche Volk jährlich über drei Milliarden Mark aus. Die Besprechung des Referats drehte sich hauptsächlich um die Frage, ob ein Arbeiter den Verzicht auf alkoholische Getränke überhaupt durchführen könne. Man könne doch nicht iimirerzu Selterwasser oder dergleichen trinken, und übrigens werde ein Verächter des Alkohols oft von seinen Arbeitskollegen geuzt. Von Abstinenten wurde erwidert, bei völliger Enthaltung vom Alkohol werde daS Dnrstgesiihl überhaupt geringer, und konsequente Durchführung der Alkvholenthaltung nötige den Spöttern gewöhnlich sehr bald Achtung ab. Geklagt lvurde von verschiedenen Rednern, auch von einem Mitgliede des Vereins der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter, über die veriverfliche Unsitte mancher Gchülfcn, die Lehrlinge und Arbeitsbnrschen förmlich zum Trinken zu erziehen:„Trink', oder Du bist kein Mann!" Achnlich verlief die Versammlung für den Norden, bei Wicsenthal in der Ackerstraße. Frau Wegscheider-Ziegler, die hier das Referat übernommen hatte, legte dar, daß der Arbeiter selber den Bestand der kapitalistischen Gescbschaft desto mehr schütze, je mehr er sich durch Alkohol betäube und sich hinwegtäusche Über sein Elend. Die Gefahren des Bier- oder SchnapSgenusseS für die Durchführnng von Streiks hob auch sie mit Nachdruck hervor. In der Diskussion wurde auf den Gegensatz hingewiesen, der zwischen dem Arbeiter-Abstiuentenbund und dem Gutiemplcr-Orden besteht. Den Arbeiter-Abslinenten ist die Abstinenz Mittel zu dem Zwecke, den Klassenkampf noch wirkungsvoller als bisher führen zu können. Aus diesem Grunde ist schon mancher frühere Guttemplcr in den Arbeiter-Abstinentenbund übergetreten. Zu dcu Stadtvcrordnetcn-Wahlcn rüstet sich wieder auch die B ü r g e r p a r t e i, diese? wunderliche Gemisch aus allen möglichen Elementen, die sich konservativ, antisemitisch, national, mittelstandsfreundlich usw. nennen. Eine be- stimmte Kandidatur wird bereits ans dem 3 0. Bezirk dritter Abteilung gemeldet, wo die Bürgcrpartei im vorigen Herbst in der dort notwendig gewordenen Ersatzwahl ihren Fabrikanten Prötzel nicht mal mehr in die Stichwahl zu bringen vermochte. Diesmal ist Rechtsanwalt Ulrich auf- gestellt worden. Voraussichtlich wird die Biirgerpartei mit ihm nicht besser abschneiden, als es ihr im vorigen Jahre init ihrem Pretzel beschieden war. Im vorigen Jahre schlug sie sich in der Stichwahl auf die Seite des Freisinns. Will sie auch diesmal wieder Herrn Cassel und seinen Leuten H a n d l a n g e r d i e n st e l e i st e n? In der bürgerparteilichcn Wählcrversammlung, die Herrn Ulrich als Kandidaten proklamierte, wies dieser darauf hin, daß bei den Reichstagswahlen von 1903 die gesanite nationale Wähler- schaft Berlins noch 44 000 Stimmen aufgebracht habe, vier Fünftel der für den Freisinn abgegebenen Stimmen. Da sei es eine Ungerechtigkeit, daß sie im roten Hause jetzt keinen einzigen Vertreter mehr habe. Herr Ulrich hat nicht so ganz unrecht. Er hätte aber hinzufügen sollen, daß in Berlin bei der Reichstagswahl von 1903 die Sozialdemokratie weit über doppelt so viel Stimmen aufgebracht hat wie der Freisinn samt den„nationalen" Parteien. Will man da? Er- gebnis jener Reichstagswahl maßgebend sein lassen, so käme der Sozialdemokratie im Berliner Stadtparlament längst die Zweidrittel-Mehrheit zu. Na, Herr Ulrich, wie wär'S mit diesem Vorschlag? Wie wär's mit dem Reichstags- Wahlrecht für die Kommunalwahleji?! Oder machen Sie da lieber doch nicht mit? Der Wasserveri rasch Berlins. Der Bericht über die Ver- lvakiuug der städtischen Wasserwerke für daS Etatsjahr 1954, wie er soeben der zuständigen Deputation erstattet lvird, bietet eine Reihe interessanter Daten. Der Wasserverbrauch, welcher nach dem vorübergehenden Rückgang im Jahre 1002 im Jahre 1903 bereit» wieder zugenommen hatte, hat sich im Berichtsjahre wiederum ge- steigert und den Voranschlag»m rund 2 000 000 Kubikmeter überschritten. Da auch im Laufe des Sommers 1905 eine weitere erhebliche Steigerung eingetreten ist, werden die Wasserwerke in nicht allzu ferner Zeit an der Grenze ihrer Leistungs- fähigkcit angelangt sein und eS werden deshalb noch im Läufe dieses Jahres Vorarbeiten fiirErweiterungSbauteii in Angriff genommen werden müssen. Die Zahl der an das Rohrsystem der Berliner Wasserwerke angeschlossenen Zuleitungen betrug am 31. März 1905 27 800 gegen 27 083 am gleichen Tage 1904. Die Anzahl der städtisches Leitlliigswaffer benutzenden Personen betrug für Berlin im Jahresdurchschnitt im VetriebSjahr 1904 1 981 200. Da inr Durch- schnitt des vorhergegangenen EtatSjahreS 1 939 088 Personen städtisches Leitungswasser benutzt haben, so hat sich die Zahl der Konsumenten um 42 112 Personen, das sind 2,12 Proz. vermehrt. Von den 27 800 angeschloffenen Zuleitungen entnahmen Wasser gegen Zahlung 27 049, Wasser unentgeltlich(Park- und Garten- anlagen, Springbrunnen, Denkmäler, Bedürfnisanstalten) 477, kein Wasser entnahmen— Neubauten, Feuerlöschleitnngen— 280. In Prozenten ausgedrückt wurden von den während des Betriebs- jahres geförderten Wasser durch Wassermesser oder durch Gefäße von bestimmtem Inhalt rund 93 Proz. gemessen; nicht nachgewiesen wurden 7 Proz. Die nicht nachgewiesene Menge deS geförderten WasserS ist teils durch undichte Schieber, Hydranten und Straßen- röhre verloren gegangen, teils durch Unempfindlichkeit der Wasser- messer gegen geringe Defekte der Hausleitungcn bedingt. Eine Zusammenstellung der in der Zeit vom 1. April 1904 bis 31. März 1905 geförderten Wassermengen zeigt»ns. daß von den Werken Charlottenburg und Lichtenberg 00 801 335 Kubikmeter in die Stadt gefördert wurden; dies i st der Gesa m t verbrauch der ganzen Stadtj von den Werken Müggelsee und Tegel werden dann noch, ohne in das städtische Röhrennetz übergeführt� zu werden, 319 394 Kubikmeter gefördert für die außerhalb des Weich- bildes Berlin belegenen Vororte und Anstalten. Der Maximalverbranch fand statt am 16. Juli mit 252 491 Kubikmeter— 127,57 Liter pro Kopf und Tag; der Minimalverbrauch am 20. Dezember mit 11 030 Kubikmeter— 54,88 Liter pro Kopf und Tag. Ucber den Wasserverbrauch im Jahresdurchschnitt für den Kon- snmcnten und Tag während der letzten vier Jahre geben nach- stehende Zahlen Llnfschluß: 1901— 79,30 Liter, 1902— 79,13; 1903— 81,24 und 1904— 84,17 Liter sür den Kopf und Tag. Durch das hydrologische Institut wird täglich das durch die beiden Werke am Tegeler See und am Müggelsee geförderte Wasser auf seinen Keimgehalt sorgfältig nntersucht: eS hat sich bisher stets als völlig einwandsfrei erwiesen. Zur Beseitigung deS Schennenviertels sind von der g e- mischten Deputation, die den Ankauf der erforder- lichen Grundstücke übernommen hat, bis jetzt 28 Grundstücke erworben worden. Der Preis hierfür stellt sich auf zusammen etwa 3V- Millionen Mark. DaS mag wenig erscheinen, aber es befinden sich darunter eine ganze Anzahl Grundstücke, die nur geringen Flächeninhalt haben. Zu kurz kommt gewiß kein einziger der Hausbesitzer des Scheunenviertels. Dafür werden diese Herrschaften, die im Fordern niemals allzu bescheiden waren, schon zu sorgen wissen. Für manche der 117 Grund- stücke, die überhaupt gebraucht werden, sind vorerst so hohe Preise verlangt worden, daß die Deputation noch keine große Lust hat, sie zu kaufen. Tie Deputation verhandelt jetzt durch ihre einzelnen Mtglieder direkt mit den Hausbesitzern, nicht durch Agente». Sie>uill zunächst mal sehen, ob dieses Ver- fahren sich bewährt. Tie Verwaltung der angekauften Häuser bis zum Zeitpunkt ihres Abbruches wird nicht der Grund- eigentums-Tcputation übertragen, die ohnedies so viel Grund- stücke zu verwalten hat, daß sie sie kaum olle zu übersehen vermag, sondern bleibt bei der Scheunenviertel-Dcputation selber. Einzelne Häuser, in denen die Kontrakte zu Ostern ablaufen, sollen dann baldigst abgebrochen werden, weil sie in so schlechtem baulichen Zustande sind, daß es sich nicht lohnt, sie zu reparieren und noch einmal zu vermieten. Die elektrische Oberleitung ans der Militärbahnstrecke Schöne- bcrg— Zossen ist vor einigen Tagen abgebaut worden. Eine Arbeiter- kolonne entfernte, in Zossen beginnend, die ziemlict, starken, ans hohen Masten befestigten Kabel, hob dann diese selbst auS: ein Giilerzng der Militärbahn nabni das Material ans und in wenigen Tagen war daS charakteristische Bild, das die ganze Bahnstrecke mit ihren hochragenden, e-förmigen Kabelträgern bot, geändert. An eine Wiederaufnahme der Probefahrten ist also ivohl nicht zu denken, und bei der Einführung eickirischen Eisen- bahnbetricbcS im Vorortverkehr ist die Krastnbertrngnng durch hochliegende Kabelleitungen nach dem augenblicklichen Stande der Elektrotechnik ebenfalls nicht wahrscheinlich. Allein in den Vorortgemcinden hatte man doch mit einer schnelleren Ver- Wertung der bei den Probefahrten gesaminclten Erfahrungen ge- rechnet. Vor etwa zwei Jahren schon ivar die Rede von einer Ein- fllhrung des elektrischen Betriebes auf der Stadt- und Ringbahn; damals machte sich aber auch bereit? die kühne Behauptung geltend, in unserer Eiscnbahnvcrwaltung herrsche eine so unüberwindliche Abneigung gegen jede Art elektrischer Einrichtungen, daß. an eine Ausführung derartiger Projekte nicht zu denken sei. Als dann ans der neuen VcrsuchSstrccke Potsdamer Bahn- Hof— Lichterfelde- Ost wirklich ein paarinal in der ersten Zeit ein elektrischer Zug versagte, wurden von den Herren Beamten so begeisterte Loblieder auf die„olle, ehrliche Lokomotive" gesungen, dav man schon damals an einem schnellen Vorwärtskommen des elektrischen Betriebes zweifeln mußte. Nun funktioniert der Betrieb auf dieser Strecke seit länger als einem Jahre tadellos. Nur ein- mal, im September v.' I.. wurde er durch den Eisenbahn- Unfall bei Station Papestraße unterbrochen, als dort um- gestürzte Güterwagen die Leitung zerstörten. Aber von einer iucitcren Ausdehnung de? elektrischen Betriebes ist keine Rede mehr. Das Publikum freut sich, wenn auf dem Potsdamer Bahnhofe jede?- mal zwei Züge zu gleicher Zeit abfahren und der elektrische längst den Blicken entschwunden ist, wenn der andere mit der keuchenden Lokomotive immer weiter und weiter hinter den, elektrischen zurück- bleibend, davonfährt. In fachmännischen Kreisen hört man, die neuen Versuche mit elektrischem Betriebe ergäben keine nennenS- werten wirtschaftlichen Vorteile. DaS mag bei dem Versuche in so beschränktem Umfange, wie er auf der einzigen kleinen Strecke jetzt stattfindet, richtig sein; aber gilt denn die größere Schnelligkeit, die Beseitigung des LokomotivenraucheS und-Qualmes auf der ganzen Strecke nichts? Wer schneller fährt, als Fahrgast natürlich, hat auch einen Wirt- schastlichen Vorteil. Zeit ist Geld I Und daß die Eisenbahn auch bei elektrischem Betriebe ans ihre Rechnung kommt, daran ist doch wohl nicht zu zweifeln angesichts der BctriebSergebnisse auf oildercn elektrischen VerkehrSureckeu. Die Hoch- und llntcrgrnndbahn hat doch ganz andere Kapitalien anlegen müssen, als sie jetzt für eine BetricbSumwandelung auf der Stadt- und Ringbahn und den Vor- ortsbahnen nötig sein würde und sie rentiert auch l Auf die neuen Lestiiiimuiigen über die Entwertung v»n QnittnngS. marken wollen wir nochmals hinweisen. Am 1. Oktober d. I. tritt die Bekanntmachung de? Reichskanzlers vom 3. Juli d. I. in Kraft, die eine wichtige Aendenmg in der Entwertung der OnitstmaS- marken enthält.' Nach den bisher geltenden Vorschriften besteht eine Verpflichtung zur Entwertung der Marken auf den OuittungSkarten nur. soweit die Marlen für mehr als eine Woche gelten. Hinsichtlich der übrigen Marken find die Arbeitgeber und Versicherten, welche Marlen in die Kartei, einkleben, zur Entwertung der Marken befugt, aber nicht verpflichtet. Vom 1. Oktober ab sind dagegen alle Arbeitgeber und Versicherten, welche Marken einkleben, zur Entwertung der Marken verpflichtet. Die Entwertung darf wie bisher nur in der Weise geschehen, daß auf den einzelnen Marken handschriftlich oder durch Stempel der Entwertungstag in Ziffern, z. B. für den 15. November 1905„16. 11. 05" oder für den 5. Dezember 1900„6. 12. 06" deutlich angegeben wird. Zur Eni- Wertung ist Tinte oder ein ähnlicher festhaltender Farbstoff zu ver- wenden. Andere EntwertungSzeichen sind unzulässig. Bei der Eni- Wertung dürfen die Marken nicht unkenntlich gemacht werden, insbesondere müssen der Geldwert, die Lohnklasse und der Name der Versicherungsanstalt ersichtlich bleiben. Die Eni- Wertung muß alsbald nach der Einklebung der Marke geschehen. Wer diesen Anordnungen zuwiderhandelt, kann für jeden Fall, sofern nicht„ach anderen Borsch, ifien eine höhere Strafe verwirkt ist, von der unteren Verwaltungsbehörde mit einer Ordnungsstrafe bis zu 20 Mark belegt werden. Fernct wird am 1. Oktober ein neues OuittiingSkarteii-Formnlar eingeführt; es unterscheidet sich von dem bisher gebrauchten dadurch, daß es einen Aufdruck enthält, wonach jeder Anspruch aus der Karte und allen früheren Karten verloren geht, wenn nicht für die zwei Jahre nach der Ausstellung der Karte mindestens für 20 BeitragSwochen Beiträge entrichtet werden. OuittungSkarten des bisherigen Musters dürfen nach dem 1. Oktober nicht mehr ausgegeben oder verlängert werden. In Angelegenheit der Wahl des in Wilmersdorf wohnenden königl. Banrats Herzberg zum Berliner Stadtverordneten, die von der Stadtverordneten-Versammlung für gültig erklärt worden ist. hat der Hansbesitzervcrein Süden, nachdem sein Einspruch beim Obc, Präsidenten fruchtlos geblieben ist.„ach der„Voss. Ztg." beschlossen, eine Beschwerde an den Minister des Innern zu richten Der Fall Gehlsen vor Gericht. Zu dem am 10. Oktober an- stehenden HanptverhandlungSternnn in dein gegen den Schriftsteller Joachim Gehlsen in Charlottenburg schwebenden Prozeß wegen Beleidigung de? Medizinalrates Dr. Klein hat das Gericht ans Antrag des Angellag, ei, eine umfangreiche Bewcisaiffnahme an- geordnet, obwohl die Anklage nur auf 8 185 gestützt ist. Es soll namentlich eine ganze Anzahl von Aerzlen und höheren Polizei« bcamten vernommen werden. lieber den Mordversuch in der Forste, str>, sie wurde gestern die schwerverletzte Elisabeth Radloff im Krankenhaus am Urban durch die Kriminalpolizei vernommen. Nach ihren Aussagen hatte Trißler ihr wiederholt gedroht, daß er sie niederschießen werde, sobald er sie mit einem anderen sehe. Auf dem letzten Spaziergang durch die Straße,, zankten und stritten sich d,e beide», bis sie nach dem Hause Forsterstraße Nr. 2l zurückkanie». Hier sagte das Mädchen:„Wir wollen uns trennen, von Heiraten kann keine Rede mehr sein, aber gute Freunde können wir doch bleiben." Trihlcr gab der Almungs- losen statt der Antwort einen Kuß. Diesen verräterischen Kuß aber benutzte er, mn heimlich das Rasiermesser aus der Tasche zu ziehen, mit dem er ibr den Hals abschneiden wollte. Die Verletzte befindet sich auf dem Wege der Besserung, Trißler wird noch immer ver- geblich gesucht. Wahrscheinlich hat er sich das Leben genommen. Der Verfolgte ist eine untersetzte Mittelgestalt, hat dunkelblondes Haar und'Schnurrbart, eine niedrige Stirn, ein rundes blasses Gesicht und etwas O-Beine und trägt einen schwarzen steifen Filzhut und einen dunkelmelierten Jackcttanzug(Pfeffer und Salz). Zur Cholcragcfahr. Von der Oberpostdirektion in Berlin sind dem Verbände für erste Hülfe zur Beförderung von Cholerakranken und Verdächtigen neuerdings 15 Wagen zur Verfügung gestellt worden, wie dies kürzlich auch seitens des königl. Kriegsministeriums mit 20 Wagen auS den Beständen der Feldsanitätsformationen ge- schehen war. Ans Wunsch deS Polizeipräsidenten Grafen v. Westarp in Schöncberg hat der Verband die AuSsiihrung der Cholera- Transporte übernommen. Aufgespießt. Schwer verletzt hat sich in der Nacht zu gestern ein Soldat vom 1. Bataillon deS 2. Gardereginients zu Fuß, das in der Friedrichstraße, Ecke der Ziegelstraßc. kaserniert ist. Aus irgend einem Grunde war dem Bataillon der Urlaub versagt worden. Ein Soldat, der über die Zeit ausgeblieben war, versuchte nun die Einfriedigung zu überklettern, stürzte dabei ab und fiel aus die Spitzen eines eisernen Gitters. In einem lebensgefährlichen Zustande wurde der Unglückliche aufgefunden und ins Lazarett gebracht. Man zweifelt an seinen. Aufkomme,,. Eine traurige Aufklärung hat, wie zu erwarten war, das Ver« schwinden de« Schuhmachers Bernhardt und des Dienstmädchens Agnes Lüdecke gefunden. DaS Liebespaar wurde gestern„ach- »nttng in der Jnngfernheide im Jagen 25 tot aufgefnnden. Allem Anschein nach haben die jungen Leute Gift genoimnen. Die Eltern des Mädchens wäre,, vorgestern nach vergeblichem Suchen wieder nach ihrer Heimat Wittstock zurückgefahren. Schon wieder ein böswilliger Alarm. Die frevelhaften Alar- nticrungen der Feuerwehr wollen kein Ende nehmen. Nachdem, wie wir berichtete», in dieser Woche bereits zwei derartige Fälle zu ver- zeichnen waren, wurde die Wehr in der Nacht zum Freitag wiederum böswillig alarmiert und zwar nach der G r e i f s w a l d e r st r. 33. ES gelang leider nicht, den Täter zu ermitteln. Obgleich die Gerichte schon heute gegen derartige Uevcltäter mit recht empfindlichen Strafen vorgehen, finden sich doch immer wieder noch Menschen, die solchen Unfug verüben und die viel geplagte Feuerwehr unnütz in der Nachtruhe stören.— In, übrigen mußte die Wehr in der Nacht noch nock, Waldemar st r. 10g. und„ach der F i sch e r st r. 29 aus« rücken. Im erste» Falle handelte eS sich um einen Keller- und im anderen um cinen Küchenbrand. AuS der Armenpflege der Bororte. Eine Gemeinde, die sich bewußt wäre, soziale Gemeinschaft zu sein, könnte ihre soziale» Aufgaben nicht als Last empfinden. Die Förderung des Schulwesens, die Ausgestaltung des Krankenpflege- wcsens, die Zulassung fortgeschrittener Anschauungen und Grund« iätze im Aruienfürsorgeweseu müßten ihr als eine Pflicht gelten, deren Erfüllung etwas ganz Selbstperständliches ist. Doch die Ver- tretcr der besitzenden Klasse, denen eine vorsichtige Gesetzgebung die Herrschaft in den Gemeinden gesichert hat, denken anders. Die Fürsorge für die Armen ist den Gemeinden die lästigste ihrer sozialen Pflichten. Daß m Berlin die Armenpflege nicht mehr als allerdiirftigsier Notbehelf ist und oft sogar gänzlich versagt, ist im„Vorwärts" durch zahlreiche Beispiele nachgewiesen worden. Wie mangelhaft sie in den Vororten ist, das wird leider selten über die engen Grenzen der einzelnen Gemeinden hinaus bekannt. Vielleicht kommen wir einmal in die Lage, die in den Vororten herrschenden Armenpflegezustände in einer zusammenfassenden Betrachtung zu beleuchten. Heute möchten wir an einem Einzelfall zeigen, wie trefflich man sich darauf versteht, negative Annenpflege zu üben, wie entschlossen man vorzugehen weiß, wenn ans der Gemeinde ein lästiger Armer abgeschoben werden soll. An dem BorkoniiirniS sind zwei Gemeinden beteiligt, die beide nicht zu den mittellosen gehören: Wilmersdorf und Friedenau. Ein Armer mehr kann hier wie dort die Gemeinde nicht sehr belasten. Doch— der Arme denkt, und der Armenvorsteher lenkt. In Friedenau erhängte sich im September v. I. der Maurer R. und ließ seine Frau mit fünf Kindern zurück. Die Witwe wollte daraufhin die zum Oktober gemietete neue Wohnung nickt be- ziehen, da sie die hohe Miete nicht aufbringen konnte. Sie lief zum Amt und bat dort um Rat und Beistand. Als sie durchblicken ließ, daß man sie bei Beschaffung einer anderen Wohnung unter- stützen möge, bekam sie zur Antwort:.Suchen Sie Wohnung, wo Etc Wolken, melneilvegen In WibnerSdorf.' Die Frau befolgte diesei, freundlichen Wink und mietete in Wilmersdorf. Friedenau stellte ikjr dann noch einen Wagen, damit sie umziehen konnte. Das war nett von den Friedenauern, doch auch die WilmerSdorfcr ließen sich nicht lumpen. Frau N. war in dein neuen Wohnort kaum warm geworden, da wurde sie vor die Polizei sistiert und gefragt, wovon sie mit ihren fünf Kindern lebe. Natürlich von ihrer Hände Arbeit. Was für Arbeit das sei? Was sich gerade so bietet. Da werden sie doch wohl Unterstützung brauchen. Das meinte die Frau auch, und so unterschrieb sie das ihr vorgelegte Protokoll. Schon am 1. November hatte sie ihre Unterstützung weg, 20 Mark pro Monat. Man sieht, wie exakt die Wilmersdorfer Armenpflege funktioniert. Die 20 Mark gab es Monat für Monat, den ganzen Winter hin durch. Im März aber wurde Frau R. nach dem Rathaus gemfen, und cS wurde ihr eröffnet, sieiuüsse nachFriedenauzurück. Das Warum war der überraschten Frau im ersten Augenblick nicht recht klar. Aber man belehrte sie, sie sei vorerst noch in Friedenau heimatberechtigt, Wilmersdorf dürfe die gezahlte Unterstützung von Friedenau zurückfordern, und Friedenau könne ihre Rückkehr und eventuelle Unterbringung im dortigen Armcnhause erzwingen. Sie wandte sich an Friedenau und bat, sie in Wilmersdorf zu belassen, weil sie hier ihren Erwerb habe. Zunächst erwiderte man ihr, man wisse von gar nichts. Im April antwortete dann der Friedcitancr Genrcindevorstand schriftlich, er nehme vorläufig Abstand von der Ucbernahme in eigene Fürsorge und sei einstweilen ein- verstanden, daß Wilmersdorf die Unterstützung weiterzahle. Im Mai aber forderte er Rückkehr nach Friedenau und bot Freiquartier im Armenhause an. Frau St. dankte und blieb in Wilmers- d o r f, wo sie als Z e i t u n g s a u s t r ä g e r i n, Aufwartefrau:c. beschäftigt war. Die Unterstützung wurde»och bis Juni gezahlt. Ende Juni schrieb ihr der Wilmersdorfer Gcmeindevorstand, die Unterstützimg höre aus, und Frau R. habe den Ort bis 1. Juli zu verlassen, sonst werde Zwang angewendet. _ Frau R. blieb. Sie trug nach wie vor ihre Zeitungen aus, versah ihre Aufwartestellen usw. Wie sollte sie das alles vom Friedenrnier Armenhause ans tun? Und hatte Wilmersdorf ein Recht, ihre E x i st e n z zu untergraben? Leider ja. Die Frau sab nicht ein, daß sie durch Annahme der Unter- stützung,>?ie Wilmersdorf ihr erst so bereitwillig gewährt hatte, ihre Hrlfsbedürftigkeit erwiesen hatte. Ja, ivenn sie damit gelvartet hätte, bis sie in Wilmersdorf den Unterstütznugs- Wohnsitz erwarb! So aber konnte sie auf den Schub gebracht und über die Grenze nach ihrem Heimatort Friedenau zurückgeschafft werden. Und dazu kam es in der Tat. Zwei volle Monate ließ man noch hingehen, dann fuhr eines Tages vor ihrer Wohnung in der Bruchsalstraße ein Möbelwagen vor. ein paar Polizisten nebst einigen Arbeitern traten bei ihr ein, rasch wurde das bißchen Kram auf den Wagen geworfen, und los ging die Fahrt nach dem Friedenauer Armenhause. Frau R. flüchtete sich mit ihren fünf Kindern zu einer Frau H., die mit ihren drei Kindern an der Wilhelmsaue eine Wohnung ans Stube und Küche bewohnte. Dieser Zuwachs scheint aber der Besitzerin des Hanfes oder ihrem Vertreter nicht lieb gewesen zu sein. Nach- dem die zehn Personen da ein paar Wochen gehaust hatten, ver- schaffte man sich Zutritt zur Wohnung, hob Türen und Feit st er aus ii ii b schleppte die Möbel, Betten ustv. in den Keller. Die nächsten beiden Nächte lagen die zehn Menschen in der leeren, ihrer Türen und Fenster beraubten Wohnung auf alten Sachen, die ihnen mit- leidige Nachbarn gegeben hatten. Dann aber wurde schließlich Frau N. von ihrem Schicksal ereilt. Am frühen Morgen. als sie Zeitungen austrug, wurde sie von der Polizei auf der Straße festgenommen, wobei man sie so kräftig vorwärtsschob, daß ihr sie begleitender siebenjähriger Junge heftig aufs Pflaster hin- schlug. Darauf wurde sie im G e f a n g e» e n w a g e n samt ihren Kindern über die Grenze nach Friedenau zurücktranSporticrt. Hiermit tvar dem Gesetze Genüge getan. Denn natürlich ist bei all' diesen Maßregeln immer nach Vorschrift verfahren worden, und auch das Landratsamt, dessen Hülfe die nun im Friedenauer Amienhause untergebrachte Frau R. angerufen hat, dürfte weder den Wilmersdorfern noch den Friedenauern nachweisen können, daß sie irgendwie ungesetzlich gehandelt haben. Trotzdem wird sich mancher über diese zielbewußte Abschiebung einer Armen doch seine eigenen Gedanken machen. Wäre die Sache nicht so traurig, so könnte man es beinahe komisch finden, daß hier durch das Znsammenivirken zweier Gemeindeverwaltungen eine Familie erst recht in den Zustand der Hülfsbedürftigkeit versetzt worden i st. Die Frau hat durch Abschiebung einen Teil ihres Erwerbes eingebüßt, so daß sie mit ihren Kindern jetzt hülfsbedürftiger als zuvor ist. Volkstümlicher Vortragsabend im Gcwcrkschaftshausc. Auf dem von Maria Holgers veranstalteten?. volkstümlichen Vortragsabend im Gewcrkschaftshaus, SO., Engcl-Ufer 15. sei hiennit nochmals hin- gewiesen. Zum Vortrag gelangen Puschkin. A. Tolstoi, Kolzow u. a. Russische Volksweisen singt Betfy Schot. Eintrittskarten zu 30 Pfg. heute Abend an der Kasse. Theater. Im Luisen- Theater findet Montag, 2. Oktober, die erste Opernvorstellung vom Theater des Westens statt. Zur Aufführung gelangt Lortzings„Undine". Donnerstag, den 5. Oktober, geht Philippis„Das Erbe' zum erstenmal in Szene.— Im Lessing-Theater sind die Proben zu Hermann Sudermanns neuem Schauspiel„Stein unter Steinen' unter Teilnahme des Autors soweit vorgeschritten, daß die Erstaufführung endgültig aus Sonnabend, den 7. Oktober, festgesetzt wurde: die Regie führt Emil Lessing.— Z e il t r a l- T h e a t e r. In der heute stattfindenden ersten Aufführung von„Zur indischen Witwe",. Operette von Oskar Straus, sind die ersten Partien in den Händen der Damen Alma Saccur, Poldi Sakolczap und Hanna Simon, der Herren Rudolf Ander, Emil Albes. Oskar Braun, Karl Schulz, Rudolf SeniuS und Otto Stellen. Die Vorstellung beginnt ausnahmsweise um 71/, Uhr. Vorort- IVachncbtcn» Charlotteuburg. Stadtverordneten-Wahlen. Ter Magistrat hat in seiner Sitzung vom Donnerstag beschlossen, daß die Stadt- verordneten-Wahlcn in Charlottenburg für die dritte Ab- teilnng am 6. November, für die zweite Abteilung am 8. No- vcmber und für die erste Abteilung am 9. November statt- finden sollen. Charlottenburger Schiller-Thcatcr. Der BauouSschuß für das Schiller- Theater, bestehend au? fünf Vertretern der Stadt Charlotten- bürg, und zwar den Herren Oberbürgermeister SchustehruS, Stadtbaurat Bralriug. Sradtverordnctenvorsteher-Stcllvertteter Kaufmann, den Archiickten Stadtrat Schliemau» und Lingner, und fünf Ver- trcter» der Schillertheater-Aktiengesellschast, imd zwar den Herren Schimmelpfeng, Dr. Bieber, Mar Grube, Stadtverordneten Hugo Hennann und Direltor Dr. Löwenfeld. hat gestern abend einstimmig beschlossen, die Erbauung des Charlottenburger Schiller-Theaters Herrn Professor Littniann(in Firma Heilmaim u. Littmann) in Generalentrcprise zu geben. Nixdorf. In geuieinsaiucr Sitzung nahmen Stadtverordnete und Magistrat in Rixdorf am Donnerstag abend die Wahlen zum Provinzial- landtag vor. Aus den Wahlen gingen als gewählt hervor: Ober- bürgerineister Boddin, Stadttat Burlner und der Stadtverordneten- Vorsteher Sander. Die sozialdemokratische Fraktion stimmte für den Staotv. Jden, der jedoch in der Mnorität blieb. Anschließend fand eine Sitzung der Stadtverordnetenversammlung statt. Ter projektierten Fortsühnmg des Rixdorfer Stichkanals bis zum Teltowkaual wird einhellig zugestimint. Ebenso einstimmig wird die Einrichtung eiues zweiten Standes- amtes in der Nähe des NeuterplatzeS beschlossen. Mit der Verpachtung der Ländereicn der zu Rieselzwcckeii an- gelanften Güter Brusendorf und Groß-Machnow erklärt sich die Versammlung einverstanden. Eine lebhaste Debatte ruft der Antrag deS Magistrats, am Maricndorfcr Wege ein neues 40 Ilassiges Schulgebäude mit Turnhalle zu erbauen, hervor. In der Begriindung wird gesagt. daß die Schülerzahl in jedem Jahre um 1500 bis 2000 steigt und daß— ein bemerkenswertes Zugestäudiüs— die Zahl der fliegenden Klassen in den letzten Jahren nicht unerheblich angewachsen ist. Die Gesamtzahl betrug im Mai d. I. 20 650 Schüler. Trotzdem nun die Vorlage einen die sozialdemokratische Kritik stets Herausfordern- den Mißstand unumwunden zugesteht, brachte eS der Stadtverordnete Abraham fertig, sich wegen eben dieser Kritik pathetisch gegen die sozialdemokratische Fraktion zu wenden, die stets nie genug die Rixdorfer Volksschule herabsetzen köime. Das vorliegende Projekt beweise, daß dies zu Unrecht geschehe und daß man bestrebt sei, dem Ideal der VolkSschnle möglichst nahezukommen. — Stadtv. S i l b e r st e i n(Soz.) trat diesen AuofüHningen entgegem Daß die Rixdorfer Schiilzustände noch lange keine idealen sind, das sei von seinen(Redliers) Freunden und ihm schon so oft ausgeführt und durch Tatsachen bewiesen worden imd werde auch in manchen Stücken durch die MagistratSvorlage bestätigt. Oder sei etwa die darin als anzustreben genannte Durchschnittsschülerzahl von 55 Kindern als ein ideales Ziel zu bezeichnen? Er meine, diese Zahl sei doch mehr als bescheiden zu nennen. Er frage deshalb den Magistrat, ob dies etwa sein Endziel in der Klassenfreqnenz sei; auch spreche die Begründung von einem.Normalinaß' der fliegenden Klaffen; waS ist darunter zu verstehen? Im übrigen meine er, daß das vom Stadtv. Abraham dem Magistrat gesungene Loblied zum mindesten überflüssig war.— Stadtrat Weinreich teilte mit. daß die von Berlin in dem bekannten Schulunterhaltungs-Prozeß eforderte Summe jetzt zirka 800 000 M. betrage. Er glaubt, daß die fache in letzter Instanz durch einen Vergleich beendet werden wird, der in der Abfindung mit der Hälfte der genannten Summe bestehen dürfte. Ans die Fragen des Stadtv. Silberstein erkläre er, daß allerdings die Durchschnittsschülerzahl von 55 als zunächst„erreichbares' Ziel in Aussicht genommen sei. Als normal bezeichne er es, wenn die Zahl der fliegenden diejenige der sechsten und siebenten Klasse nicht über- steige. Trotz dieser aus dem Munde eines Schuldezernenten doppelt seltsamen Anschauungen meinte der Herr Stadtrat, daß Rixdorf für die Schule vollauf seine Schuldigkeit tue. Nach längeren Ans- einaudersetzungen über einen Vorschlag, der die neue Schule in der Emserstraße beim Bahnhof Hermannslraße— weil dort nötiger— erbaut wissen will— wird schließlich der MagisiratSanlrag mit Majorität angenommen. In einer weiteren Vorlage ersucht der Magistrat um Eiusetzung einer gemischten Deputation zur Beratung über Regelung der Relikten Versorgung der st ädti scheu Arbeiter. Stadtv. Schmidt wandte sich gegen die Vorlage, weil sie noch verfrüht sei. Natürlich betonte auch dieser Stadtvarcr, daß er„ein warmes Herz" für die Arbeiter habe: das hinderte ihn jedoch nicht, zu erkläre»: so lange Nixdorf seilten Eiiikommcnsleucr- Zuschlag nicht auf 100 Proz. heruntergedrückt habe, sei er für eine lolche Vorlage nicht zu haben.— Sowohl dem Stadtrat Hoff- m a n n �vie u. a. den Stadtvv. G r o g e r(Soz.) und Dr. Silber- stein(Soz.) war es ein leichtes, diese„Gründe" ins rechte Licht zu rücken. Die beiden letztgenannten wiesen nach, daß Städte mit wesentlich höheren, ja teils doppelt so hohen Steuerzuschlägen— z. B. Spandan und viele rheinische Städte— schon lange die in der Vorlage endlich auch für Rixdorf angestrebte soziale Pflicht erfüllt hätten. Auch wir haben die Pflicht, durch solche und ähnliche Maßnahmen einerseits unsere städtischen Arbeiter für ihr Alter einigermaßen sicherzustellen, andererseits aber auch der Stadt einen Stamm guter, tüchtiger Arbeiter zu erhalten.— Fast einstimmig wurde im Sinne der Vorlage beschlossen und eine Deputatton gewählt, der u. a. auch die Stadtvv. G e r i ck e(Soz.), Gregor(Soz.) und Dr. S i l b e r st c i n(Soz.) angehören. In geheimer Sitzung wurde dann ein Magistratsantrag be raten, der aus Anlaß der Silberhochzeit des Kaisers und der Kaiserin eine wohltätige gemeinnützige Stiftung begründet missen will und hierzu die Einsetzung einer Deputation fordert. Die Bemühungen der sozialdemolratischen Stadtverordneten, die Angelegen heit in die öffentliche Sitzung zu bringen, waren bei der bekannten Angst imserer Pattiotcn vor öffentlicher Besprechung solcher Dinge natürlich erfolglos. So wurde denn hinter verschlossenen Türen nach teils recht stürmischer Debatte gegen die Stimmen imserer Genossen der Magistratsvorschlag in Sicherheit gebracht. Ilm aber auch bei der weiteren Behandlung der Augelegeuheit hübsch ungestört und unter sich zu sein, ließ die bürgerliche Mehrheit bei der Wahl der Deputation die vorgeschlagenen Sozialdemokraten unberücksichtigt. Man kann daher aus die„gemeinnützige" Stistung gespannt sein. DaS Opfer eines nächtlichen UeberfallS ist der Schlosser Eduard Schmidt aus der Kaiser Friedrichstraße 86 in Rixdorf geworden, als er auf dem Nachhausewege die Hertzbcrgstraße passierte. AuS dem Dunkel traten ihm plötzlich zwei junge Burschen entgegen, die ohne jede Veranlassung über ihn herfielen, ihni die Taschenuhr entrissen und ihn dann durch einige wohlgezielte Hiebe ins Gesicht zu Boden streckten. Schmidt verlor dabei die Besinnung. Als er wieder zu sich kam, waren die Räuber natürlich längst verschwunden. Außer der Uhr hatten sie ihm auch einen kleinen Geldbetrag enllveitdei. Sch. ist so arg zugerichtet, daß er vorläufig arbeitsunfähig ist. Die Knminalpolizei ist bemüht, die Täter zu ermitteln, bisher fehlt aber von denselben noch jede Spur. Friedrichshagcn. Das GewcrkschliftSkartell in Friedrichshagen hatte zum 26. Sep- tember die selbständigen Barbiere am Orte zu einer Aus- spräche mit der L o h n k o m m i s s i o n eingeladen. Liere- Berlin begründete eingehend die schon bekannten Forderungen der Gehülfen und wies nach, daß sie leicht durchzuführen seien. Die Arbeitgeber erklärten, daß sie nicht gesonnen seien, die Forderungen zu be- willigen, sie hielten die Gewährung einer v i e r z e h n st ü n d i g e n Arbeitszeit und einer Mittagspause für undurchführbar. Nachdem Herr S ch o n e ck in nicht wiederzugebenden Worten die Arbeiter bcsibimpft hatte, verließen die Arbeitgeber bis auf drei demonstrativ den Saal. Die zurückgebliebeiilli Aarbierherren Besser, Klock und Fischer erkannten darauf iNirch Unterschrift die Forderungen der Gchülfen an; die Arbeiterschaft hielt ihren Be- schluß aufrecht, nur solche Barbiergeschäfte zu besuchen. die ein von der Organisation abgestempeltes rotes Plakat mit weißem Kreuz aufweisen können. Die Arbeiterfreundlichkeit der drei Barbierherren Besser, Klock und Fischer dauerte aber nicht lange; bereits in der Sitzung der Kartelldelcgierten am 23. d. M. wurde bekannt gegeben, daß die drei Herren ihre vor zwei Tagen abgegebene U n t e r 1 ch r i s t f ü r n u l I und n i ch t i g er- klärt haben. Als Antwort hierauf wurde der Beschluß gefaßt, im Hause Seestraße 36 bei Schnorre eine fliegende Barbier- stube zu errichten. Diese Barbierstube wird heute, Soimabcudmittag, eröffnet. Jeder Arbeiter in Friedrichshagen hat die Geschäfte der selbständigen Barbiere am Orte zu meiden. Bemerkt sei noch, daß die Barbiere Paul Graetz und Paul Klock aus dem Wahlvcrein ausgeschiedeu sind; als Vorwand diente ihnen, daß sie in der Kartellsitznng, diemiil dem Wahlverein nichts zu tun hat, angegriffen seien. Der Wahlverein wird auch ohne die beiden Herren fertig lverden. Steglitz. Die Dicustboten-BermittelungSstelle, welche von der Gemeinde am 1. September d. I. eingerichtet worden ist, erfreut sich einer über Erlvarten starken Inanspruchnahme. Dabei zeigt sich, daß die Nachfrage bei weitem daS Angebot übersteigt. Dies dürste indessen damit zu erklären sein, daß einmal die Einrichtung unter den Stelle» suchenden noch wenig belannt ist, und dann auch viele Mädchen aus mancherlei Gründen die private Vermittelung borziehen. Ver« langt wurden seit 1. September bis jetzt 203 Dienstmädchen, während nur 47 Stellesuchende vorhanden waren, von denen 30 unter- gebracht wurden. Die Vermittelung geschieht in der Weise, daß sowohl die Namen der Herrschaften wie die der Mädchen in Listen eingetragen werden, die gleichzeitig nähere Angaben über die Art der Stellung, Höhe des Lohnes, Zimmerzahl der Wohnungen und Größe der Familie enthalten. Auf Grund dieser Angaben erfolgt dann die lleberweisimg. Es sei noch bemerkt, daß für die Dienst- suchenden die Vermittelung kostenlos erfolgt, während hiesige Herr- schaffen 2 M.. auswärtige 4 M. Vcrmitteliingsgebühr zu zahlen haben. Der Nachweis befindet sich im Rathaus, Zimmer Nr. 11, und ist an allen Wochentagen von 4—7 Uhr nachmittags geöffnet. Potsdam. Durch eine Gasexplosion wurden am DomierStagnachmittag in Potsdam die Ehefrau des Pfarrers Noll, welcher Hausgeistlichcr und Zivilerzieher bei dein Prinzen Friedrich Leopold in Schloß Glienicke ist. und daS Dienstmädchen Helene Mnschke schwer, wenn mich nicht lebensgefährlich verletzt. Frän Noll befand sich mit dem Mädchen in der Küche ihrer Wohnung des HauseS Wollnerstr. 1a, die im ersten Stockwerk belegen ist. Hier hatten Arbeiter der Gasanstalt einen GaSautou,aten aufgestellt. dessen Rohrleitung sie gegen Uhr ableuchteten. Der Automat war aber undicht, so daß eine ganze Menge Gas entwichen war, das sich mm mit gewaltigem Knall entzündete und Frau Noll sowie die Muschke zur Erde riß. Beide erlitten ganz erhebliche Brandwunden im Gesicht und an den Händen, lvährend die GaSarbeitcr gänzlich unverletzt blieben. Namentlich das Dienstmädchen Muschke ist arg mitgenommen worden und wurde später nach dem städtischen Kranken- haute gebracht, während Frau Prediger Noll in der Wohnung ver- blieb. Die Feuerwehr lvar nach der Erplosion in kurzer Zeit zur Stelle und legte zunächst den Verletzten Notverbände an. Der durch die Explosion entfachte Brand war nur gering und wurde bald abgelöscht. Dagegen war sonst die Wirknng der Explosion eine ge- wältige. Alle Mobilien wurden demoliert, Türen und Fenster herausgerissen, selbst in der unteren Wohnung war der Lustdruck so stark, daß ein dort stehendes Büfett zertrümmert wurde. Die Feuerwehr hatte bis 6>/z Uhr mit den Aufräumungsarbcitcu zu tun. Pankow. Zu welchen Zwecke» die Gemeinde Pankow die Schulhöfe miß- braucht, können wir an dem Schulhof der II. Gcmeindeschulc in der Schulstraße konstatiereu. Dort befindet sich der UebungSturm der Feuerwehr nebst dem Spritzenhause und Stallung für die Pferde. lowie die Straßenkehrmaschine und mehrere Sprengwagen. Auch die Privatwohnung des Brandmeisters ist daselbst untergebracht. Bildet diese Einrichtung schon eine indirekte Gefahr für die Kinder, so scheint nach Ansicht einzelner Gemeindcvcrttcter der Schulhof noch zu groß zu sein, denn drei der Herren faßten vor ein paar Tagen den Beschluß, dem Herrn Brandmeister eine Tapezier- Werkstatt aus dem Schulhofe zu errichten_— natürlich auf Kosten der Gemeinde und ohne diese zu befragen. Auf Einspruch unserer Vertreter lvird die Angelegenheit in der Bau- kommission besprochen werden.— In der Gemcindeschule in der Schmidtstraße wurden in diesem Jahre zwei langgestreckte Seiten- flügel angebaut; die Regierung verlangte in jedem Flügel eine Treppe, die Gemeinde kam diesem Verlangen nicht nach. Bei der Abnahme des SchulbaueS bestand die Regierung auf ihr Verlangen im Interesse der Sicherheit der Schulkinder. Das Fazit? Anbau der beiden Treppen, Störung des Unterrichtes, doppelte Unkosten und die Blamage obendrein! In der humanistischen Gemeinde, Niedcrwallstr. 12. in der Aula der Friedrichwerdcrscheu Oberrealschule, hält am Soimtagvormittag 10'/, Uhr Herr Dr. Nudols Pcnzig eine» Vortrag über:„flilr Ethil der Arbeit. II. DaS Recht aus Arbeit'. Damen und Herren haben freien Zutritt. Brfcfhartcn der Redahtion. juristischer Cell. Tie snristisihe Tprcchftiiiidc findet täglich mii>A»?»ahniedci««»»adeudS bo»?-/ bis O'l, Uli» statt, öicöifuct: abends 7 Mir. H. U. LS. 9. Die Mitglieder in ihrer Gesamtheit müßten eventuell Nagen, falls das Statut nicht einen leichteren Weg zuläßt.— Zl. B. 11. Nein.— A. B.» Garteustr. 39. Wird das Flugblatt als Aufruf, Plakat oder Bekanntmachung erachtet, so ist die Verbreilung auf der Straße— solche liegt in der Abgabe an den vor feiner Ladentür Stehenden— straf- bar.— M. P.!»v. Ihnen steht ein Retentionsrecht(Zurückbehaltungsrecht) an den Sachen sür Ihre MietSsorderung zu. Ersuchen Sie das Gericht um Beseitigung der Siegelung und fragen an(schriftlich oder aus der Gerichtsschreiberci), ob Erben ermittelt sind oder ob ein Nachlaßpfleger ein- gesetzt ist. Mit diesem setzen Sie sich in Verbindung.— H. W. Am Sonnabend.— V. S. 5. 1. Geringe körperliche Fehler, die die Tauglichkeit zum Waffendienst nicht ausschließen. 2. Geletzliche Hinderungsgründe bestehen nicht: zu Offizieren ernannte Mitbürger jüdischen Glaubens kennen wir nicht. — Kadi. l. Etwa 5 bis 20 M. 2. Haben tote anerkannt, so würden Sie im Prozeßwege verlieren. 3. Die Beantwortung hängt davon ab, ob Sie zuerkannt haben und ob Sie Erbe werden oder enliagen.— F. LS. 000. Der betreffende wird eine Klage, nicht aber eine Kostenrechnung erhalten haben. Ohne Einsicht in das Aktenstück ist eine Antwort unmöglich. Die juristische Sprechstunde steht jedem Abonnenten frei.— M. F. 777. Die Praxis schwankt, würde voraussichllich aber die dem Ehemann gegenüber erklarte Kündigung als auch sür die Ehesrau gültig erachten.— 3830. 1. Wegen der Regelung des Erziehungsrechtes und der Nlimenlaffonspsticht müssen Sie sich an das Vorniundschaslsgericht wenden, ebenso wegen de» Besuchsrechtes, falls in der Tat eine außergerichtliche Regelung unmöglich ist. 2. Sie wie Ihr Mann sind zur Alinieniation verpflichtet. 3. Im Fall erheblicher Vernachlässigung der Erziehungspslicht kann Fürsorgeerziehung eintreten. 4. Der Arnicnunterstützungswohiisitz des Ehemannes ist auch der der Kinder._ Berliner Marktpreise. Aus dem amtlichen Bericht der städtischen Markthallen-Direktion. Rindfleisch la 63—70 pr. 100 Psund, IIa 56—62, lila 50—56, IVa 40-48. Kalbfleisch la 84-80. IIa 72—84. lila 60—70. Hammelfleisch Ja 68—76, IIa 56— Oa. Schweinefleisch 05—71. Kaninchen Stück 60—90 Ps. Rotwild, Pfund 35—46 Pf. Rebhühner, junge la 0,80 bis 1,10, junge IIa 0,50—0,88, junge kleine 0,00—0,09, alte la 0,70—0,80, alte IIa 0,50—0,60. Hühner, alte 1,20—2,75, junge 0,50—1,20 das Stück. Tauben, junge 0,40—0,56, alte 0,00—0,00. Enten, junge 1,50—2,50. Gänse junge la, 3,50— 4,20, IIa 2,50—3,00, Ia0,53— 0,60, IIa 0,40—0,52 das Pfd. Hechle 108—133 M., Schleie, 102—103 M., Aale, groß 87, mittel 83—84. dänische 69, Karpfen 73—76, Lachs 121, Schellfische 00—00, Flunder 00—00, Plötzen 25—37 M. pro 100 Psund. schottische Vollberinge(gesalzen) 40—44 M. Krebse, kleine. Schock 3,50, unsortiert 0,00—0,01. Eier, Schock 3,50 bis 4,00. Butter, pro 100 Pfund la 120-124, IIa 115-120, lila 110 bis 115, abstillende 100—103. Kartoffeln, pr. 100 Pfd. rote 1,60—2,00, Rosen 1,50— 1,75, blaue 0,00—0,00, runde weiße 1,50—1,75. Wirsingkohl, pr. Schock 3,00—6,00, Weißkohl 2,00—5,00, Rotkohl 3,00—6,00, saure Gurken, neue Schock 2,—.__ «aitternnfiStiberflcht vom 39. September 1905, morgens s Uhr. Stationen 85= Lwinnnde. Hamburg Berlin Frantl.a.M. München Wie» B Z 760 SD 761 SO 760 Still 758 N 759 SO 1757 Still Bellet IDunft 1 Nebel -Nebel 2 Regen 2 bedeckt -Nebel c a» W& Stationen �aparanda 760 D Petersburg 763 ONO cillt) Aberdeen Paris 758 NNO 768 NNW ,756 OSO Wetter 2 halb bd. t bedeckt 5 bedeckt 2 wolkig 1 bedeckt SÄ a% -» I) 5� HS S 6 13 10 10 itSetter-Progii-le für Tomiabend, den 30. September 1905. Mild und zeitweise heiter, oielfach nebelig bei schwachen südöstlichen Winde»; keine erheblichen Niederschläge. Wafferftand am 23. September. Elbe bei Aussig— 0.21 Meter, bei Dresden— 1,62 Nieter, bei Magdeburg-st 0.88 Meter.— U n st r u t bei Sttaußsurt-st 1,25 Meter.— O d e r bei Natibor-st 1,32 Meter, bei Breslau Oberpegel-st 4,64 Meter, bei Breslau Nnterpcael— 1,80 Meter, bei Franffurt-st 0.84 Meter.— Weichsel bei Brahemünde 2,28 Meter.— Warthe bei Posen— Meter.— Netze bei Usch 0,76 Meter. Lttmitw. Nedatteur: Paul Büttner« Beilin. ßiit ia Lvleratevteil verautw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts BuSsdrucknei u. Bellflasanstaft Paul Swger Sc Co., BeUm SW. Scliiller-Tlieater. Schiller-Theater 0.(Wallner-Thealcr). Sonnabend, abends 8 Uhr: X ora. Schauspiel In!> Nuf». v. Henrik Qbsen, Deutsch von Wllhelni Lange, Sonntag, nachm. 8 Uhr: Der Traum ein Leben. Sonntag, abends 8 U h r: Ein Wintcrmttrchcn. Montag, abends 8 Uhr: Der G'wlMcnfswnrni. Schiller-Theator N.(Friedr.-Wilh. Th.) Sonnabend, abends 8Uhr: Der/z Uhr: Zweite Grand Soiree High Life. Gala-Programm. Zum Schluß zum erstenmal; Der Tag dos Engüsehen Derby. Das Leben und Treiben nach dem Original, inszeniert von Direktor Albert Schumann, einstudiert vom Ballettmeister Signor Ciiovnnni Pratesl. t Bild: ImRennstali d. LordWheaterdon. ü. Bild- 1. Der Favorit. 2. DaS RLNNLN. def Sieger� m. Büd: Auf dem Heimweg. Vorher; Sämtliche Spezialitäten, ü.: Xur noch kurze Zeit! Nadina Slawianskas 40 Kmtacn.— Neu! Die phlinomenalcn John und Loni« Koller mit ihren sensationellen Vor= und Rückwärts-- Saltomortale mit dem Zwclrad.— Xou! Die höchst originellen DamensLuftsRingkämpfe 12 Engländerinnen und Amerikanerinnen.— Ferner die besten Kunst- iräfto und Dir. Alb. Gehnmann« neue und moderne Dressuren. Sonntag, den 1. Oktober, nachm. 31/» Uhr(l Kind frei) und abends 7'/, Uhr; Zwei grolle brillante VorstcIInnffcn. Colosseum —— Dresdenerstraße 07. O Heute präz. 8 Uhr abends: Premiere des einzig dastehenden, nur humoristischen Programms, 16 jSpeziRlitäten: der urkomische Bendix, Littken Varizen, IVfllllJ WalijOfg, der„gemütliche Sachse" Hochgemuth etc. etc. 4364fc* Lustspielhaus. StBcnbS 8V« Uhr: Jahrmarkt in Pulsnitz. f Passage-Theater. Anfang der Abendvorstell. 8 Uhr, nachm. SonnL 3, Wochent. ö Uhr. Peldi Augustin die fesche Soubrette. Herr TaCiailU Dame« Imitator. Das glänzende September-Programm. Www. Frbbels Älleriei-Theater Schönhanscr Allee Str. 148. Sonntag, Montag. Mittwoch: Konzert, Theater, Spezialitäten. Nach der Vorstellung: vir. Tanz. Ainang Sonntags C> Uhr abends. Ansang wochentags 8 Uhr abends. Nächste Vorstellung: Sonntag, den l. Oktober. Reichshallen. Täglich: Stettiner Sänger. ÄSags Sonnabend, 30. September u. Sonntag, 1, Oktober, bleibt mein Kaufhaus für Herren- u. Knabenbekleidung geschlossen.— Jftontag und Dienstag gewähre ich auf meine billigen streng festen Preise 10 Prozent Rabatt. Moritz Groß, Kasluien-illee 42. Palast-Theater Burg str. 14, 2 Min. v. Bh Börse. Anfang 8 Uhr. Entrre SV Pf. M brill&Dte Seplemher-Programai, Les Hiltons Reckpantomime Fred Steffl Ueberzirkus Per Rohrpost Schwank und 9 weitere Spezialitäten. Familicnkartc» sind in alle» Barbier-, Friseur- u. Zigarren- grschäfte» sowie im Theater- bnreau»»entgeltlich z« haben. kernhasdUnseTheales Gclundbnumen, Badstrafje 68. Heute: Oc.chlo.acn. Morgen Sonntag: Erste Nachmittags» Vorstellung- Familie Bnchholz. Ansang 3 Uhr. Kasseneräffn. 2 Uhr. Abends 7 Uhr. Die beide» Ikidjftittinüer. Borv erkauf Sonntag vormittag von 19—1 an der Theaterlasse. .Otto Pritzkows. Berliner DUnzstr. 16. Skelett-Mensch ; der einzig eri|licrcnbc, ohne Kon- I tiUTcnj, 22 s,ahre alt. HSPsd.schwer. Mne-Mno-Mni??? �ntroe LU Dt. Fvenenerv w w vw vwwKer�re___ P66666666666»66666>g ELYSIUM. Komnandanlonstr. 3-4. iv VollstSndig neu renoviert, iv Auftreten v. 36 erstklassigen intern. Spezialitäten. Geöffnet von 10 Uhr früh bis 12 Uhr nachts. IHnritspIntz. Täglich fr in bcn untere» Sälen fr Gottschalk-Konzert. Kegelbahn noch frei.—— Gewerkschaftshaus, SO., Engel-Ufer IS. Sonntag, 1. Oktober, abdS.TUHr: \l Volksllimlielier Vortragsalieod von Maria Holgers. Russische Dichtungen in Wort und Lied. Misilnlische Mitwirkung: Kols/ Sedet, EinlrittSkarlen z» 30 Pf. bei Horsch, Zigarreiihandlung, Engel-User 16, und abend! an der Kasse. 2S6/10 VereinssäSe (Bühne), 200 Personen, sind Soiiu- abcnd, 11., resp. 18. November, Tolensomiiag, noch zu vergeben. 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Austreten von Komiker» und Humoristen unter der artistische» Leitung des Herrn Schulte vom Schweizer-Garten. Nach dem Konzert: Großer Ball. Herren, welche daran teilnehmen, zahlen 50 Pf. nach. Billetts«26 Pf. Ansang 8'/, Uhr. Billetts find in den bekannten Zahlstellen zu haben. Mittwoch, den 4. Oktober: Bezirks- VertrauensmäDner-Versammlung für Osten Bei Kubat, Blumcnstr. 88; für Südosten bei Schulz, Skaliher. strahe 22: für Norden bei Maajz, Brunnenstrahe 00.'"> muh vertreten sein. Jede Werlstclle 93/16 Verein der Rohrer Berlins und Umgegend. Montag, den 8. Oktober, vormittags 11 Uhr, bei F. WUkc, Brunmmstratze 188: Oeffentliche Versammlung. TageS-Ordnung: Der Stand»nserer Lohnbewegung. Die Lohiikommiisiou. NB. DiciiStagabend 8 Uhr im„Englijchen Garten", Zllexanderstr. 27c: VereinsvcDannnlung. Tagesordnung wird in der Versammlung belannt gegeben. ES ist Pflicht aller Kollegen, in dieser Versammlung zu erscheinen. '5/8 Der Vorstand. Nerlmnd der Kmi-z Grd-«. gewerbliche« HiUfsardeiter Deutschlands. > Sabl»tette»erlin nnd Umgegend.—— Verbandsburcau: Engel-Ufer 15, Zimm. 8. Telephon: Amt IV, Nr. 4493. Mtmüi! Flicscnlkgtt-Hiitssnrlieittt Berlins und vmgegend. Montag, de» 8. Oktober 1905, abends 8 Uhr, in den Industrie» Festsälen, Brntystr. 19/80: Allgemeine Uersammlnng kilkr Fiiesenleger-Hnlfsarbeiter Kerlius u. Umg. TageS-Ordnung: 1..Ter Verlans deS Streiks der Hülssarveitcr, der Vertrags- abschlust und daö Verhalten der Aliesenleger." Referent: Kollege lt. llchlcinain,. 2. DiSlusfion. 3. Verschiedenes. 43/20 Zu dieser Versanmrlung sind Vorstände und Mitglieder der beide» bestehenden Uiesenlcgcr-Organisationen freundlichst eingeladen. DaS Er. scheinen der am Streit beteiligt gewesenen HülsSarbeiter ist ganz besonders erwünscht._ Die Beroandölcitung. I. A.: Karl Heiilcmann. Dcatachlands. Verwaltungsstelle Berlin n. Uiiigogcnd. Sonntag, de» 1. Oktober, nachmittags 4 Uhr, bei Voigt, Ritterswatzc 75: Versammlung. Tagesordnung wird in der Vcrsaimnlung bekannt gegeben. 139/S 139/6___ Die Optsverwaltunar- Ächtung! �lchtttug! Jeder zu tarifmäßigen Preise» arbeitende Kleber muß für die Zeit vom 1.— 15. Oktober im Besitz einer grünen Kontrollmarke sei», gleichviel ob die Arbeit auf Bau oder Privat ist; dieselbe muß sich im 8. Felde der Karte befinde». Die Marken werde» Sonntag, den 1. Oktober, vormittags 9—12 Uhr, in folgenden Lokalen verabfolgt: IKpllgep, Lychcuerstr. 7; Stephan, Wicncrstr. 31; Pade, Kunkelstr. 6; Rickert, Steinmctzstr. 35; Pankow, Perlcbcrgerstr. 82;— ferner Sonnabend und Sonntag bei llerkcr, Berg str. 10, und Baik, Char- lottenburg, Göthestr. 28/29, sowie wochentags von 7—9 Uhr im Arbeitsnachweis, Rtickerstr. 9. Achtung! Mittwoch, den 3. Oktober, bei Angnstin, Achtung! Oranienstrahe 103: 179/17 pfp" B e r s a m m l n g.'HW Siehe Annonce am Sonntag._ Die VerbaudSleitung. Partei- Sp editionen: Keplin �wettep IVahlhpels: Herniann Werner, Mittenwalder» strage 30, v.part.— Dplttvp Wahlkpcl»: St. Frltz, Prlnzenstr. 31, Hos rechts Part.— Vicptcp IVahlkvcis O.: Zlobert W e n g e l s, Frankfurter Allee 79.— SD.: Paul Böhm, Lausitzerplatz 14/16 (Laden). VUnttcp Wahlkpci«: Leo Zucht, Keibelsirahe 42 (Lade»).— ScchstcP IVahlltPels(Zlnahlt): Karl Anders, Salzwedelerstr. 3, im Laden.— IVetldlng und Opanlenbnpgor Vopstadt: Karl Weiße, Wiesenstratze 41/42.— Koson» thalcp Vopstadt, Dcsaadhpannca: Hermann Raschle, Rügenerstr. 24, vorn Part. links.— SchOnhaasep Vopstadt: Karl MärS, Lvchenerstrab» 123.— Alt- DUcntoke: R e i n h o 1 h Schulz, Rudowerstr. 72.— Chaplottenhapg: Gustav Scharnberg, SesenHeimersw. 1, Ecke Goethestrasie, vom I.— Deatsch-WUnieps- Hort: W. Nickel, Braudenburglschestr. 110, Dir.— Lichtenberg, Friedplcfasfcldc,>ViIhclnisberg. Boxhagcn. Stralau. und Kuinuielsbarg: Otto S eitel, O. 112, Krouvrinzenstr. 60, I. — Gpltnaa: tz. B I u H m e, Viktorlastr. 2.— Kixdopf: M. Heinrich, Prinz Handjervstratze 7, im Laden..— Schinapgca» dopf: Gustav Kamins kh, Euuostrasie 2.— SehOachcpg: Wilhelm B S u ml er, Martin Luthersir. 61, im Laden.— Dhep» Schftnowcido: Otto M ü n z e r, Deusstrahe 4, II.— Vlcdcp» Schiinewelde: B o n a 1 o w S k N, Hasselwcrderstr. 1 d.—.Tohannis. thal: Franz H ü u o t d, BiSmarckstr. 7.— A dlepsliof: P. Schmidt. Bis» maickstv. 32,1.— KUnlgs-Wnsterhanecn: Körle, Bcrlinerstr. 19. — Köpenick: Friedrich W o t ck, Grünstr. 4.— Vpledenaa» Steglitz: H. Berns ee, Schtosistratzc 115, Gartenbau« I, in StegRt. Bestellungen nehmen entgegen in Stegltt«: H. Mohr, Düppelstrasie 8, und Fr. Schellhase, Ahornstratzc 16a.— Rapfen- dopf: Hermann Dlcicharbt, Ehausseestrasic 18.— Baamschnlea- weg: Stock, Emststr. 2,11.— Treptow: R. Voigt, Elscnslr. 37, vorn DI 1.— Von- WciOenscc: W. 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Sonntag» 10-12, 2-4. Grand Cafe Braun Potsdamer Straße 74 am ßoramfeben Garten SS/t* Bröffmmg am so. September abends 6 übr. Täglich Elite>Konzerte bis 1 Ohr nachts unter persönlicher Leitung des Kapollmeistors BtßffjbSUtfl aus Wien. Tag und Nacht warme Küche. D!e herzlichsten(Mckwilnsche zum 50. Geburtstag dem alten 21S0b lsngen �.dolS von seinen Genossen und Freunden des 179. Stadtbezirks. Adolf, nu aber rin in MLglln. Daß Du aber auch kommst!_ Beerdipuptrereiii| I Berliner ZmmierieiUe.l Am 27. d. M. starb, unerwartet, l an den Folgen der Zuckerkrankheit im Alter von 5V Jahren unser langjähriger zweiler Vorsitzender, ; das Mitglied Wilbeim Bandelow. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am Sonnabend, den SO. d. M., nachmittags N/. Uhr, von der Leichen- halle des Georgen-Kirchhoses, Landsberger Allee, aus statt. Wir verlieren in dem Wer- ftorbenen nicht nur einen treuen Kameraden, sondern auch opser- freudiges Mitglied, welches bestrebt war, die Interessen des Vereins stets vor die eigenen zu stellen. Leicht sei ihm die Erde. Um rege Beteiligung ersucht l 2177b Ter Borstand. Deutccbös Mefallarbcifer-Verbandl Verwaltungsstelle Berlin. Nachruf, Den Kollegen zur Nachricht, datz k unser Mitglied, der Gelbgießer gestorben ist. Ehre seinem Andenken! 152/4 vis Ortsverwaltung. Deutscher Metaliarbeiter-Verband Verwaltungssielle Berlin. Todes- Anaeigc. Den Kollegen zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Schlosser Wilhelm FssLdi gestorben ist. «Shre seinem Andenkeu k Di« Beerdigung findet nm Sonnabend, den Ä>. September, nachm. 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Krankenhauses Friedrichs- > Hain aus nach dem Georgen- I Kirchhos, Landsberger Allee, statt. Nege Beteiligung erwartet 1 152/5 Oia Orisverwaltung. -« Zentralvcrbaiül der Handels-, Transport- n. Verkehrsarbeiter Dectsehianäs. Verwaltungsstelle Berlin I Hierdurch diene den Kollegen zur Nachricht, datz unser lang- jähriges Mitglied, der Hausdiener Friedrieh Krampe verstorben ist. Ghre feinem Andenken k Die Beerdigung findet am Sonntag, den 1. Okiober, nach mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Zions-KirchhoseS, Nieder- 1 Schönhausen, aus statt. Um recht zahlreiche Beteiligung! ersucht 71/10 f Die OrtSverwaktung. Verein der Rohrer Berlins und Umgegend. Am Donnerstag, den 28. Sep- tember»erstarb infolge eineS Un- salleS unser langjähriges Mit- glied, der Rohrer 295/9 Hermann Krebs Ehre(einem Andenken I Die Beerdigung iindet am Sonntagnachmittag statt. Treff- Punkt der Kollegen bei Patt, Dragonerfwatze 15, mittags 1 Uhr. Um zahlreiche Deteiligung er- sucht Der Vorntand. Orts-Krankenkasse für da» n zu Berlin. Das Kassenlokal wird am Menlag, den 2. Oktober 1905 ins Gewerk- schastshauö vorn 1 Treppe, Zimmer S, verlegt. Das Kassenlokal bleibt am Montag, den 2. Oitvber 1905 wegen Umzug» geschioss«!!. 275/S'» Ter Borstand. krnzl Osvidsbiiuser, Vorfitzender. -z Zigarren! � RUIigstc IZc�nssnncNc kstr Riiiidicc: »d Mir.!«.-«/„. Bell& Co. Kosenstraße 18, 1. ssa o Die Eröffnung o des Verkaufes zur Herbst- u. Winter-Saison Filz-Schnallenstierel mit Friosfutter, Filz- und starker Ledersohio, das Beste und Bequemste fürs Haus Damen 3,30. oft Herren S,vv Herren-Hausschuhe rot und schwarz Leder, warm gefüttort,sehr beliebt Z M. la feinfarb. Molton, mit Filz- und Ledersohle, fein A mn Melton-Futtor, ver-■*/ U zierte Lasche, Neuheit U �L hat begonnen und bringen wir zur gefälligen Kenntnis, daß unsere v fabrihcn v m Burg bei Magdeburg unseren Verkaufs-Geschäften eine hervorragende Kollektion zeitgemäßer Hl Neuheiten m überwiesen, deren Besichtigung wir unserer verehrl. Kundschaft— ohne Kaufzwang— gern gestatten I aus prima Kamelhaar- Stoff mit Filz- u. 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