Nr. aas. fl&onnementS'Bedingungen: Utomiements- Preis pränumerando! «ierteljährl. 3,30 Mk„ monall. I.lv Mä, wöchentlich 23 Pfg, frei ins HauZ, Einzelne Numnier S Pfg, Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags, Beilage„Die Neue Welt' 10 Pfg, Post, klbonncment: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS« Preisliste. Unter Kreuzband sür Denlschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. ÄS. Jahrg. Criittlnt täglich auütr[Hontagi, Vevlinev VolksblAkk. Die Tntertions'Gcbüftr beträgt für die sechSgespaltene Kolonel, zeile oder deren Raum 40 Psg„ sür politische und gewerlschastliche Vereins- und BersammlungS-Anzeigen SS Pfg. „Kleine»n-eigcn". das erste lseU- gedruckte) Wort 10 Pfg,, jedeS weitere Wort s Pfg, Worte über lS Buchstaben zählen sür zwei Worte, Inserate sür die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags i» dcrExpeditionabgcgcbcn werden. Die Expedition ist an Wochen» tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festlagen bis 3 Uhr vormittags geössne». Telegramm-Adresse: „SoaialiieinoKrat Benin". Zentralorgan der foztaldemokrattfcben parte» Deutfchlands. sam Redaktion: 8Äl. 68, Lindenetraese 69. acrnfpreriirr: Amt IV Nr. titelt. Expedition: 8LI. 68» �.indenstrasse 69. Fsernipreckier: Amt I V Nr. I!t84. Neue Steuerpläue. EL Die Erhöhung der Tnbak-, Bier- und Branntweiustcner. Die vielgerühmte Reichsfinanzrefortn läuft also schließlich, wie im Artikel der Sonntagsnunlmer dargelegt wurde, auf eine bloße stärkere Belastung des Lebensunterhaltes der breiten Volksmasse durch Erhöhung der Steuern auf Tabak, Bier und Branntwein hinaus, und zwar soll daraus allem Anschein nach ein Mehrertrag von über 20V Millionen Mark herausgeschlagen werden. Außer diesen drei Steuern wurde in Blättern, die gute Beziehungen zu den Regierungskreisen haben, wie z. B. der„Köln, Itg," und dem Scherlschen„Lokal- Anzeiger", auch die Wehrsteuer genannt und der aus dieser zu erwartende Ertrag bereits mit 30 Millionen Mark eingeschätzt, doch scheint man neuerdings dieses Projekt wieder fallen gelassen zu haben, wenigstens brachte dieser Tage die„Köln. Ztg." die offiziöse Notiz, daß unter den Steuervorlagen, die demnächst� dem Bundesrat zugehen werden, sich die Wehrsteuer nicht befindet. Die Regierung scheint also nachträg- lich zum Entschluß gelaugt zu sei», vorläufig noch die Wehrsteuer- Vorlage zurückzuhalten und mit ihr erst dann herauszurücken, wenn der Reichstag die geplanten Verbrauchssteuer-Erhöhungen nicht bewilligen oder sie in einem Maße einschränken sollte, daß- die Erträge aus ihnen weit hinter den erhofften Summen zurück- bleiben. Sicher ist dagegen, daß der Tabak bluten soll. Er ist seit Jahr- zehnten ein Objekt, das fast jedesmal, wenn es gilt, neue Steuer- quellen zu erschließen, an erster Stelle zum Angriff ausersehen wird. Als sich nach Entstehung des neuen Deutschen Reiches infolge der steigenden Heereslasten die Notwendigkeit weiterer Vermehrung der Reichseinnahmen ergab, war unter den ersten Verbrauchsgegen- ständen, die zu weiterer Belastung herangezogen wurden, der Tabak. Durch das Gesetz vom 16, Juli 1379 wurde die bisherige Be- fieueruug des Tabaks grundsätzlich geändert. An die Stelle der Flächensteuer trat die Materialsteuer snur für kleine Tabak- Pflanzungen unter 4 Ar blieb die Flächensteuer bestehen) und zu- gleich eine beträchtliche Erhöhung der Steuer- und Zollsätze. Die Höhe der neuen inneren Steuer wurde nach dem Gewicht auf 42 M. pro Doppelzentner, für Surrogate auf 03 M, erhöht, der Zollsatz für Tabakblätter aber aus 83 M,. fiir Zigarren und Zigaretten auf 270 M. Doch genügte diese Besteuerung der Regierung keines- Wegs. Schon drei Jahre später legte sie dem Reichstage den Entwurf zu einem ReichS-TabakSmonopol vor, der aber, wie bekannt, keine Annahme fand. Doch dieser Mißerfolg ent- mutigte unsere Steuerstratcgcn nicht. 1893 trat die Regierung an den Reichstag mit dem Vorschlage einer Fabrikatsteuer heran. Alle Tabakfabrikate sollten danach beim Ausgange aus der Fabrik, je nach dem Werte der betreffenden Fakturen, bestiinmte Wert- abgaben entrichten, und zwar sollte diese Steuer bei Zigarren und Zigaretten 83l/3' Proz,, bei Kau- und Schnupftabak 50 Proz., llei Rauchtabak 66% Proz, betragen. Es wurde also von den billigeren Tabakfabrikaten eine prozentuell weit höhere Steuer gefordert als von den feineren. Da jedoch für diesen schönen Steuermodus nur die Konservativen beider Fraktionen und die Nationalliberalen zu haben waren, fiel auch dieser Vorschlag ab. Schon im nächsten Jahre legte aber die Regierung in ihrer Versteifung aus die Idee, laß der Tabak unter allen Umständen höhere Erträge bringen müsse, einen neue» Steuervorschlag vor, der die Sätze auf 23 und 40 Proz. vom Werte ermäßigte. In den Konimissionsverhandlungen wurden die Ereuersätze noch weiter herabgesetzt: für Zigarren je nach dem Wert auf 13—18 Proz,, für alle übrigen Tabakfabrikate auf 30 Proz. des Wertes; doch fand der Vorschlag auch in dieser Forni keine Annahme, trotz der Versicherung der Regierung, daß sie zur Deckung der steigenden RcichsauSgaben auf eine höhere Besteuerung des Tabaks nicht verzichten werde und könne. Wie weit jetzt die Stcuerpläne greifen, ist noch nicht zu er- kennen. Zuverlässiges wird nian darüber erst erfahren, wenn die neuen Steuervorlagcn in: Bundesrate zur Beratung gelangen. Nach offiziösen Mitteilungen einiger Blätter soll es sich in der Hauptsache nur um eine besondere Zigarettensteuer handeln. Doch ist diese Mitteilung im höchsten Grade unwahrickieinlich, denn der jährliche Fabrikationswert der in Deutschland hergestellten Zigaretten stellt sich nur auf ungefähr 22 Millionen Mark, zu denen noch für etwa 12 Millionen Mark eingesührte Zigaretten, die jährlich 1% Millionen Mark an Zoll abwerfen, hinzukommen. Selbst bei starker Mehrbelastung der deutschen Zigarettenfabrikatiön und Verdoppelung, sogar Verdreifachung des Zolles würde also der Mehrertrag sür den Reichssäckel sich nur auf iveuige Millionen Mark stellen— und damit ist dem Reichsschatzamt nicht gedient. Es ist demnach ziemlich sicher, daß die Regierung zu ihren Vor- sch lägen aus den neunziger Jahren zurückkehren und eine Fabrikatsteuer verlangen wird. Ob dabei die Steuer nach dem Wcrtbetrag oder nach der Gewichtsmcuge bemessen wird — vielleicht hat die Regierung sogar eine Banderolen-(Stempel- bändchen-) Steuer nach russischem Muster in petto— ist, wenn auch nicht für die Steuertechnik, so doch für die Belastung des Konsums ziemlich nebensächlich. In jedem Falle steht eine ganz bettächtliche Mehrbelastung in Aussicht. Die Gesamtzoll- und Etcucreinnahmen vom Tabak erbrachten in den letzten fünf Jahren: 1900—.67, 1901= 67, 1902= 68, 1903--- 70, 1904= 71 Millionen Mark, wovon im Durchschnitt ungefähr 12 Millionen auf die Ein- nahmen aus der Jnlaudssteuer, der übrige Betrag auf Zollerträge kommt. Soll also tatsächlich— und daran ist nicht zu zweifeln— aus dem Tabak ein für den Reichssäckel ins Gewicht fallender Mehr- betrag herausgeholt iverden, dann muß die Belastung,'zumal mit einer starken Abnahme deS Konsums zu rechnen ist, wesentlich ver- »größert, vielleicht verdoppelt werden. Das sind schöne Aussichten » für die Raucher, besonders die ärmeren, die sich höchstens eine Fünf- I Pfennigzigarre leisten können I Aber es kommt bei der Beurteilung der von der Regierung aus- geheckten Pläne nicht nur die Verteuerung eines für viele unentbehr- lichen Genußinittels in Betracht, sondern mehr noch die Schädigung eines Industriezweiges, der in Deutschland, wenn man die Hülfs- betriebe, Händler. Agenten-c. hinzurechnet, über eine Million Menschen beschäftigt. Viele der Arbeiter, die in diesem Industriezweig ihr Brot finden, wenn auch meist nur ein recht knappes Brot, würden sich, wenn die hohe Regierung mit ihren weisen Projekten durchdringen sollte, gezwungen sehen, ihre bisherige Berufsarbeit aufzugeben und sich andere Arbeit zu suche»; denn es ist nach den bisherigen Erfahrungen ganz zweifellos, daß die Erhöhung der Tabaksteuer, speziell aber die Einführung der Fabrikat- steuer, eine starke Abnahme des Konsums und damit auch des Ab- satzes zur Folge haben würde. Außer beim Tabak soll auch beim Bier die Steuerschraube an- gesetzt werden. Zurzeit beträgt im Brausteuergebiet(d. h. dem deutschen Zollgebiet mit Ausnahme von Bayern, Württemberg, Baden und Elsaß-Lothringen) der Steuersatz für den Doppelzentner Malz 4 M. Nach den Vorschlägen der Regierung soll, wie die „Köln. Volksztg." dieser Tage zu berichten wußte, der niedrigste Satz auf 7 M. erhöht werden. Er soll von Bettieben erhoben werden, welche nicht mehr als 230 Doppelzentner Malz im Jahre verbrauchen; steigt dann jedoch in drei Stufen bis auf 10 M., wenn im Jahre mehr als 230 Doppelzentner, aber nicht mehr als 1000 Doppel- zentuer Malz verarbeitet werden, Brauereien, die über 1000 bis 3000 Doppelzentner Malz verbrauchen, sollen 11 M., solche von über 3000 bis 5000 Doppelzentner 12 M. und bei mehr als 3000 Doppel- zentuer Malzvcrbrauch im Jahre 12,50 für den Doppelzentner ent- richten. Das sind weit höhere Sätze, als sie der 1892 dem Reichstag Vorgelegte und von diesem abgelehnte Gesetzentwurf enthielt, denn dieser forderte nur die Erhöhung der Malzsteuer von 4 auf 8 M., ließ aber für die kleinereu Brauereien bis zu einem Jahresverbrauch im Höchstbctrage von 500 Doppelzentnern verschiedene Ermäßigungen zu und ging in der Staffelung der Steuer nur bis zum Satz von 9 M. pro Doppclzentner. Die neuen Sätze würden für große Brauereien mit einem jährlichen Verbrauch von mehr als 10 000 Doppelzentnern Malz den Steuer betrag fast verdreifachen, wie nachstehende Rechnung zeigt: Für die ersten 230 D,-Z. 7X230 M.— 1 750 M. „, weiteren 750„ 750X{8-10)M.---- 6 750 M. ,.„ 2000. 2000X11 M.= 22 000 M, „„„ 2000„ 2(100X12 M.= 24 000 M. „ den Rest von 3000„ 3000X12% M,— 62 500 M, zusammen für 10000 D.-Z. 117 000 M. Bisher bezahlt eine solche Brauerei 40 000 M,; mithin würde für sie die neue Vorlage eine Mehrbelastung unz 77 000 M. oder um 192 Proz. bedeuten. In ihrer Gesamtheit würden, vorausgesetzt, daß der Malz- verbrauch sich auf gleicher Höhe hielte, wie in den letzten Jahren, die Steuererlräge sich, wenn die Vorschläge der Regierung Annahme fänden, weit mehr als verdoppeln. Im Jahre 1903/04 betrug die Eiunahine deS Bransteucrgebiets ohne die UebergangSabgaben und Zolleinkünfte aus Bier 31% Millionen Mark. Da nun aber zweifellos auch die Uebergangsabgaben und der Bicrzoll entsprechend erhöht werden und ferner die nicht der Brausteuergemeinschaft augehörenden süddeutschen Staaten eine entsprechend höhere Ausgleichssumme an die Reichskasse zahlen müßten, so würde der Mehrertrag der Einnahme� aus der Bierde st euerug sich auf etwa 40— 43 Millionen Mark stellen. Indes ist bei einer so bedeutenden Erhöhung der Steuer kaum darauf zu rechnen, daß der Bierverbrauch in Norddeutschland sich auf der jetzigen Höhe halten würde, zumal ohnehin schon die am 1, März nächsten Jahres in Kraft tretenden neuen Handelsverträge eine bedeutende Mehrbelastung mit sich bringen werden: eine Mehrbelastung, die sich nach der Berechnung des Wirtschaftlichen Aussckuisses der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin auf mindestens 47 Pfennige pro Hektoliter beläuft. Und zu dieser keineswegs gering zu veranschlagenden Schädigung einer Industrie, deren Erzeugung im letzten Jahre mehr als 900 Millionen Mark betnig, während z, B. der Gesamtwert der Steinkohlen- förderung sich nur auf 800 Millionen Mark stellte, tritt die Ver- tcuerung eines der wichtigsten VolkSnahrungsmiltel; denn es ist der reine Blödsinn, wenn behauptet wird, das Braugewerbe werde die neuen Mtllioneulasten auf sich nehmen, und das Bier deshalb nicht teurer werden, als bisher. Am wenigsten ist bisher über die Absichten der Regierung be- züglich der Branntweinsteuer bekannt geworden. Leicht ließen sich aus dieser, ohne Belastung deS Konsums, erhöhte Erträge herausholen, wenn die Regierung die Erportvergütung von 16 M. pro Hektoliter der erhobenen Maischbottichsteuer, die sich nur auf 13 bis 13% M, stellt, anpassen lvollle, und wenn sie ferner den Schnapsbrennern die ihnen alljährlich geschenkte Liebesgabe von zirka 43 Millionen Mark entzöge, die dadurch entsteht, daß für das bis zu 236 Millionen Liter betragende Kon- tingent nicht die volle Verbrauchs st euer von 70 Mark pro Hektoliter erhoben wird, sondern nur eine ermäßigte Abgabe von 30 Mark. Aber zu solcher Steuerpolitik lvird sich die Regierung schwerlich herbeilassen; auch die„Reform" der Branntweinsteuer wird sicherlich auf nichts anderes als eine bloße höhere Belastung des Konsums hinauslaufen. Nach der kuriosen Logik der Regierung sind nicht etwa die Arbeiter die wirklich Notleidenden, sondern die großen Schnaps« brenner, und demgemäß faßt sie ihre Aufgabe als Ver- treterin des„sozialpolitischen" Kurses denn auch nicht so auf, die sogenannten unteren Volksschichten zu entlasten, sondern aus diesen immer höhere Stenererträge herauszuquetschen und dafür durch Millionen-Dotationcn den Agrariern ihres Lebens schwere Bürde zu erleichtern. So etwas nennt man in Preußen soziales Königtum! Daß die Konservativen und Nationalliberalen für die neuen Steuerprojekte zu haben sind, ist selbstverständlich. Welche Haltung wird aber das Zenttum einnehmen? Wird es sich nach allerlei Protesten und Verwahrungen schließlich doch dazu verstehen, neben den Lebensnrittelverteueruugen, die eS dem arbeitenden Volke durch seine Haltung bei der Beratung über die Zoll- und Handelspolitik im Reichstage aufgeladen hat, nun auch noch den Tabak und das Vier zu belasten,— nur damit die Besitzenden ja nicht in die Lage kommen, Reichs-Erbschaftssteuern und Reichs- Einkommensteuern zahlen zu müssen? Der Kampf in der Elektro-Industrie. Das„Berliner Tageblatt" hat seinen Lohn dahin. Die„Po st" zollt ihm BeifallI„Wird es endlich Licht?" überschreibt das Scharfmacherorgan einen Artikel, in dem es dem„Tageblatt" folgende wohlgemeinten, aber recht schmerzhaften Bruderklappse verabreicht: „DerArtikelist so beschaffen, daß wennz. B. die„Po st" bei einem anderen unter ganz ähn- lichen Um st ä» den insLeben gerufenen Wirtschaft- lichen Kampfe derartige Ausführungen gebracht hätte, wahrscheinlich das„Berliner Tageblatt" an er st er Stelle st ehe» würde unter denen, die das abgedroschene Geschrei über„Scharf- ni a ch e r e i" erheben würden. Wir bemerken das nur, um hier eininal deutlich zu kennzeichnen, wie töricht, albern und gedankenlos das immer wieder angestimmte alte Lied von der „Scharsmacherei" ist. Es handelt sich wahrlich um viel zu ernste und wichtige Dinge, als daß mit derartigen, lediglich sozial- demokratischen Zwecken förderlichen Mätzchen und Kindereien weite Kreise des Bürgertums über den schweren Ernst der ganzen Situation hinweggetäuscht werden dürsten. Es ist ein wahrer Segen, daß durch solche Darlegungen auch in linksstehenden bürgerlichen Preßorganen weite Kreise des Bürgertums, die sonst mit einseitig gefärbten Tendeuzartikeln zu- guusten der immer hcrausforderilder aiiftreteuden Arbeiterschaft abgespeist werden, endlich einmal eine Anschauung von der wahren Sactilage erhalten." Und an anderer Stelle: „Unzählige male Habeul wir ähnliches ausgeführt bei anderen Gelegenheiten. Dann war es natürlich immer nur„Scharfmacherei". Jetzt scheinen sich endlich auch solche bürgerlichen Organe, die sonst bei Streiks nichts weiter wußten, als diesen Ruf immer wieder zu erheben, überzeugt zu haben, daß es doch in Wahrheit ernster aussieht, als sie ihre Leser sonst glauben zu machen suchten." In ihrem Urteil über den vorliegenden Artikel des„Tage- blatt" können wir der„Post" nur recht geben. Aber in ihrem allgemeinen Urteil tut die„Post" dem Mosse-Organ bitter nn- recht. Das„Tageblatt" vertritt die kapitalistischen Interessen mit derselben Verve wie die„Post"; der Faden ist derselbe, nur eine andere Nummer. Wenn im„Tageblatt" sich auch hin und wieder einmal irgend ein obdachloser National- sozialer verirrt und da gesündigt hat; die Firma Mosse hat hinterher jeden Frevel an deni heiligen Geist des Kapitalis- mus wieder gut gemacht. *** Die Meldungen von Arbeitswilligen sollen nach der bürgerlichen Presse einen derartigen Umfang au- genommen haben, daß die Leute teilweise zurückgewiesen werden müßten. Die offiziöse Magistratökorrespondenz gesteht ehrlicherweise zu, daß nur ein Teil der Arbeitswilligen für die Betriebe brauch- bar sei. Es muß in den Zentralen also noch böse aussehen. Sonst wäre auch nicht erklärlich, daß die » Feuerwehrleute noch immer in den Betrieben behalten werden. Ja, die Verwendung von Feuerwehrleuten hat eine weitere Ausdehnung erfahren! Es sind 13 Mann derselben nach der Zentrale in Ober-Schöne weide geschickt worden. Für diese Leute werden in den Feuerwachen dienstfreie Leute herangezogen. Das sind geradezu skandalöse Zustände! Im Juteresse einer Anzahl Kapita- listen muß die Stadt des notivendigcn Feuerschutzes, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, entbehren. Das Interesse einiger weniger geht über das Interesse der Allgemeinheit. In Ober-Schönewcide scheinen überhaupt die Zustände für die Gesellschaft am auSsichts- losesten zu sein. Allen offiziöfeu Dementis zum Trotz erhält sich das Gerücht aufrecht, daß dort auch Militär in Zivil- k l e i d e r n tätig sei. Die„durchgeschmorten" Maschinen sollen nun wieder instand gesetzt werden. Aus Elbing ist ein Monteur der Firina S ch i ch a u unterwegs, welche die in Frage kommenden Maschinen geliefert hat. Ob man noch den Mut haben wird, das Niederbrechen der Maschinen zu bestreiten? Die Sammellisten für die Ausgesperrten finden einen geradezu reißenden Absatz. So sind innerhalb der letzten beiden Tage aus dem Bureau der GewerkschastSkoinmisston zirka 7000 Listen abgeholt worden. Die Gewerkschaftskommission toelft darauf hl», daß die vereinnahmten Gelder, um einen zu Plötz- lichen Andrang zu verhüten, am heutigen Sonnabend von 4 bis 8 Uhr nachmittags im Saal» des Gcivcrlschaftshanses abgenommen werden, woselbst mehrere Kassen aufgestellt fmfc. Eine möglichst schnelle Ablieferung der Gelder ist dringend erwünscht. Der Handels- und Transportarbeiter-Verband, der mit zirka 3000 Mitgliedern an der Aussperrung in der Elektro- industrie beteiligt ist, faßte in seiner Generalversammlung am Donnerstag den Veschluß,„daß angesichts der Massenaussperrung nnd der dadurch benötigten llntcrstützungssnnnnen auf die Daner von vier Woche» und zwar von der 4t. bis zur 44. Beitragswoche inklusive von der Berliner Mitgliedschaft ein doppelter Beitrag er- hoben wird." Streikbrecher- Verntittelung. Auf dem Bureau des TranSportarbciter-VerbandeS meldete sich gestern eine Anzahl Mitglieder, die sich von dem Stellenvermittler G r y tz in der L a n g e st r a ß e hatten Arbeit nachweisen lassen. Sie berichteten, daß sie pro Person 0 M. Vermittelnngsgcbühr für die angeblich„feine Arbeit" hatten zahlen müssen. Darauf sind sie von Grytz an die Speditionsfirma Matthe y u. Mar kg raff verwiesen worden. Dort angelangt, sei an sie das Ansinnen gestellt worden, bei der Finna Siemens- S ch u ck e r t zu arbeiten. Noch che aber die llcbcrwcisinigcn an die einzelnen Abteilungen der SicmenSwcrke erfolgt seien, wurden die Arbeiter gewahr, daß man sie zu S tr e i k b r c ch e r d i e n st e n verwenden wollte, weshalb sie entrüstet davongegangen sind. Sie begaben sich darauf sofort zu ihrer OrganisationSlcitnng nnd teilten mit, in welcher Weise man sie zn beschwindeln versucht habe. Denn daß sie für ihre 6 M. als Streikbrecher verwendet werden sollten, das hatte ihnen der Stellenvcrmittlcr wohlweislich verschwiegen. Die Tätigkeit der Polizeibehörde scheint sich jetzt fast ausschließlich auf die Aussperrung und alles ivas nach Polizeibegriffen auch nur ganz entfernt damit im Zu- sannncnhange stehen könnte, zu konzentrieren. Hatten da die Drahtarbeiter im Gcwerkschaftshause eine kleine Branchen- Versammlung. In der„Vorwärts"-Annonce hierzu hieß cS wie schon häufig:„Die Tagesordnung lvird in der Versammlung bekannt gemacht." Dieser Passus muß der Polizeibehörde außerordentlich verdächtig vorgekomnren fein, denn was bei dieser Branche noch nie der Fall gewesen war, dies- mal wurde es Tatsache: Ein Polizeilcutnant nebst Schutzmann rückte heran, um die womöglich höchst staatsgefährliche Versammlung persönlich zu überwachen. Was der Polizeioffizier dann alles für wichtige Dinge notiert hat— der Himmel mag es wissen. Be- sprachen wurde lediglich, daß die Firma W o l f f u. F r i e d r i ch in Friedrichshagen ihre Spinner entlassen hat, weil diese den tarifmäßigen Lohn forderten, der ihnen verweigert worden ivar. Beschlossen wurde, die Angelegenheit der SchlichtnngSkommission zu unterbreiten. poUtiscKe CUbciTicbt. Berlin, den 6. Oktober. Christliche Schwindler. In einer AuseinairderselZting mit der übrigen bürger- lichen, insbesondere der liberalen Presse, stellt die„Germania" aufs neue die Behauptung auf, es seien Gelder, die für die R u h r b e r g l c u t e b e st i m m t waren, nach Ruß- land gegeben worden. Tas ist ein ganz dreister Schwindel. Um ihm ein für allemal den Boden abzugraben, stellen wir folgendes fest: Am 21. Februar beschloß die Sicbener-Uom- Mission, die gemeinsame Kasse aufzuheben, während der Streik am 9. Februar abgebrochen worden war.. Ende Februar teilte der Vorstand des Bergarbeitcr-Vcrbandes so- lvohl der Generalkommission der Gewerkschaften wie dem Nor- stände unserer Partei mit, daß er in der Lage sei, auf weitere Sammlungen zu verzichten und ersuchte um Schließung der Sammlungen. Im„Vorwärts" Nr. 33 vom 3. März d. I. guittierte unser Hauptkassierer Gerisch über eine Gesamt- summe von 277 91)8,16 M. für die Bergarbeiter. Daran schloß sich folgende Erklärung: Indem wir hiermit, im Einverständnis mit der Leitung des Deutschen BcrgarbeitervcrbandeS, die Sammlung schließen, sagen wir namens der Bergleute des Ruhrgebictes allen Gebern für die .bewiesene Lpferwilligkeit herzlichen Tank. Etwaige weitere Ein- gänge werden wir. fosern die Geber nicht andere Verfügung treffen, dem UnterstützungSfonds der sozialdemokratischen Partei Teutschlands überweisen. Am 3. März ging zugleich ein Restbetrag von etlichen hundert Mark an den Kassierer des Bergarbeiter-Verbandes, Genossen Horn, ab, womit dieser die genannte Summe von 277 908,16 M. empfangen hatte. Das bestätigen die Bücher des Bergarbcitcr-VerbandeS und bestätigt die„Bergarbeiter- Zeitung" durch eine öffentliche E.Klärung. Von den nach Veröffentlichung der abgedruckten Erklärung unseres Partei- tassierers eingegangenen Geldern bestimmten noch in drei Fällen die Geber, daß sie den Bergarbeitern zu überweisen seien und dementsprechend sind sie den Bergarbeitern über- wiesen worden. Ein Posten von 290 M. ist quittiert in der „Bergarbeiter-Zeituug" vom 23. März und zwei Posten von 90 Bt. und 20,23 M. sind quittiert in der Bergarbeiter- Zeitung" vom 2. April. In allen übrigen Fällen erklärten sich die Geber der nach dem 3. März eingegangenen Gelder mit der Ucberweisung an den Unterstützungsfonds unserer Partei einverstanden. All diesem Verfahren kann niemand etwas aussetzen. Die Bergarbeiter hatten verzichtet und die Geber hatten über andcrwcite Verivendung ihrer Gaben verfügt. Da aber die klerikale Presse Wert darauf legt, daß die für die streikende» Bergarbeiter eingegangenen Gaben de- stimmungsgemäß verwendet werden, so hätte sie an dem christ- lichen Verbände ein geeignetes Objekt zur Kritik. Die„Berg- arbeiter-Zeitung" stellt jetzt fest, daß der christliche Verband 3000 Kilo Margarine b e st i m in u n g S w i d r i g verwendet hat. Ter alte Verband hat alle an ihn gelangten Gaben ohne weiteres ohne Rücksicht auf die OrganisationS- Zugehörigkeit der Streikenden verteilt unter Aufsicht vo» Mitgliedern deS christlichen Verbandes. Ter christliche Verband bat dagegen 10 000 Anweisungen auf je% Kilo Margarine von der Finna van den Bergh in Cleve erhalten mit der aus- drücklichen Anweisung, sie ohne Unterschied der Organisationszugehörigkeit zu verteilen. Der christliche Verband hat jedoch die Scheine ausschließlich a n seine Mitglieder verteilt. Die Ramenchristen waren eS also, die unrechtmäßig an- statt nach der Bedürftigkeit nach dem Bekenntnis unterstützt haben; bei den„unchristlichen" Sozialdemokraten ist alles ehrlich zugegangen und— christlich.— Von Herr» Giesberts erhalten wir folgende Berichtigung: „In der Nummer 229 des„Vorwärts" vom 30. September wird in einem Rückblick auf die ReichstagScrsatzwahl in Essen mit Bezug auf eine Versammlung der JiinungSvorstände. der ich an wohnte gesagt: „Die Versammlung forderte die Aufhebung aller Konsumvereine. Herr GieSbertS erklärte, daß er für die Auf- Hebung aller Konsumvereine cintreteu werde." Diese Darstellung ist u n lv a h r. Ich habe im Gegenteil in der erwähnten Versammlung meine gegenteiligen Ansichten über die Konsmuvereine dargelegt und mich entschieden gegen jede direkten oder indirekten gesetzlichen Maßnahmen gegen das Konsumvereins wesen ausgesprochen. I. GieSbertS, Arbeitersekretär." DaS ist eine kehr wunderbare Berichtigung. In dein in Essen erscheinenden„Rheinisch- Westfälischen Anzeiger", einem„patriotischen" Blatte, ist in der Nummer vom 2«>. September ein VersammlnngSbericht enthalten mit dieser Uebcrschrift: RcichStagSknndidat GieSbertS spricht sich für die Beseitigung aller Konsuinanstalten aus. Der Bericht besaßt sich mit der Versammlung der Vertreter sämtlicher Innungen des Wahlkreises Essen, die zusammengekomme» waren, um die Ansichten des besonders geladenen Herrn GieSbertS über die Handwerker- und MirtelstandSfordernngeii zn hören. Darin heißt eS: „Der Vorsitzende bezeichnete in seinen einleitenden AuSführimgen als Forderungen des MiUelstandes:... 3. Beseitigimg der Konsnm- anstalten I... Herr GieSbertS beantwortete dann in seinen Ans- fübrnngen die ihm vorgelegten Fragen den Wünschen der Versammlung entsprechend. Der Vorsitzende dankte Herrn GieSbertS und empfahl dessen Wahl." Die Versainmlnng beschloß danach einstimmig, daß sie von den Erklärungen des Herrn GieSbertS befriedigt sei. und empfahl allen Handwerkern nnd Gewerbetreibenden, für ihn eiiizntreten. Dieser Bericht des Essener BlattcS spielte dann in den letzten Tagen des SlichivahlkanipfcS in allen Versammlungen eine Rolle. Daß er Herrn GieSbertS nicht sollte bekannt geivorden sein, ist kaum anzunehmen. Soll dieser Bericht erfunden sein? Von einer Nichtig- stellnng des Berichts des Essener Blatte? durch Herrn GieSbertS ist nnS nichts bekannt geworden._ Ein Prozef, um de» lübische» Wahlrechtsraub. In der Be- gründnng der nichtswürdigen lübischen Wahlrcchtsvorlage mußte eine angebliche Acußcrung Bebels herhalten, daß die Sozialdemokratie durch die Hansestädte in den Bundesrat kommen wolle. Einer berief sich immer ans den anderen, um die Authentizität der Acußcrung zu beweisen. Tie Sache wurde mit der Zeit absolut authentisch, geradezu„amtlich". Aus diesem Anlaß kam es zu einem Prozeß gegen de» Ncdaktcur des„Lübecker Volksboten", der den Kläger, den Ehefredakteur des lübischen Amtsblattes, Tr. Ludwig, beleidigt haben soll. Tr. Ludwig, der sich, wie er sagte,„infolge iiationalökonomischer Studien" vom Demokraten zum Rcchts-Nationalliberalcii gemausert hat. verzichtete aber auf einen Wahrheitsbeweis über die Bebelsche Aeußcrung und verschanzte sich hinter formale Beleidigungen. Im Laufe der Verhandlung wurde folgender Brief Bebels verlesen: „Werter Parteigenosse! Es ist kaum glaublich, mit welcher Hartnäckigkeit die Lüge aufrecht zu erhaltei, versucht wird, ich hätte gesagt: Durch die Hansestädte wollen wir in den Bundesrat gelangen. Weder habe ich diesen noch dem L>innc nach einen ähnlichen Satz jemals irgendwo und gegen irgendwen ausgesprochen. Ter Gedanke ist so widersinnig und dumm, daß es eine per- sönliche Beleidigung für mich ist, wenn jemand mir imputiert, einen solchen je irgendwo und gegen irgendwen ausgesprochen zu haben. Da man diesen Satz sogar offiziell mir zugesprochen haben soll, um den WahlrechtSraub in den Hansestädten damit zu recht- fertigen, so muß ich erklären, daß ich diejenigen aufrichtig be- dauere, deren Geistesarmut sie zu solchen Mitteln greife» läßt. Ter Satz ist eine elende Erfindung, und derjenige ei» Lügner/ der ihn erfunden hat. A. Bebel. Tr. Ludwigs Ehre wurde schließlich dadurch repariert, daß der Redakteur des„Volksboten" zu 100 Mark venirtcilt wurde.— Em Nachspiel vom Bergarbeitcrstrcik. Tie Bergleute Jatzmcier und Jablonski hatten auf der Chaussee etwa 300 Meter vo» einer Zecke entfernt Streikposten gestanden und waren in zweiter Instanz zu Geldstrafen von je 3 Mark verurteilt worde», weil sie den Aufforderungen zweier Zecheiipolizeibeamten und eines Polizeisergcanten, sich zu' entfernen, nicht Folge geleistet hätten. Es wurde eine Uebertrcluug der Regieruiigö-Polizeivcrorduuug vom 8. Februar 1900 angenommen. Diese bedroht gleich den Straßen- Polizeiverordnuugen- in den Städten denjenigen mit Strafe, der einer zur Erhaltung der Sicherheit und Bequemlichkeit auf öffent- lichen Straßen ergangenen Aufforderung der AufsichtSbeamtcn nicht Folge leistet. Auf die Revision der Angeklagten, die R.-A. Th. Liebknecht vertrat, hob das Kammergericht am ö. Oktober dir Vorcutscheidnng auf und verwies die Sache noch einmal an das Landgericht zurück. Begründend wurde ausgeführt: Die Verordnung sei gültig. Was aber ihre Anwendung angehe, so sprächen dagegen mannigfache Bedenke». Zunächst sage das Urteil, daß die Angeklagten den Aufforderungen der Zecheiipolizeibeamten nicht gefolgt scie». ES sei aber gar nicht zu crkeiiiieii, ivieso denn hier Zechen polizeibeamte zujtäildig fem ollten. Bei der neuen Verhandlmig müsse festgestellt werden, lvaS die Zecheiipolizeibeamten außerhalb des Rahmens der Zeche auf der öffentlichen Chausjce zu tun hätten. Auch ein Polizeisergeaut, ein konimunaler Polizeibeamter pflege nicht berufe» zu sein, außerhalb des DrteS auf der Chaussee die Ruhe und Ordnung ausrecht zu erhalte». Darüber bedürfe eSebenfallS nähererFeftstelluiigeu. Und schließlich greife der vom Anwalt erhobene Einwand durch, daß das kurze Urteil nicht im geringsten erkennen lasse, welchen Zweck die Aufforderniigen an die Angeklagten verfolgten. Nur wenn sie vcrkehrSpolizeilichen Eharaktcr trügen, und' lven» sie ergangen feien zur Erhaltung der Sicherheit und Bequemlichkeit des' Verkehrs auf der öffentlichen Straße, könnten die lviderspenstigen Angeklagten bestraft werden.— A«S dein Wahlkreise flattowih-Zabrze wird uns geschrieben: Am 12. Oktober soll es sich entscheiden, iver für den Rest der Legislaturperiode des Reichstags das Mandat unseres an der russischen Grenze liegenden Wahlkreises erhalten wird. DaS Zentrum macht gewaltige Anstrengungen, das bei den letzten allgemeinen Wahlen an die Polen verlorene Mandat zurückzugewinnen. Ganz so ungeniert wie früher ivagcn die Zcntriiinsgeistlichen diesmal allerdings nicht, die Kanzel und den Beichtstuhl für ihre politische Agitation zu benutzen. Ter Kar- d i n a I Kopp-Prozeß mit seinen geradezu zerschmetternden Enthüllungen über den WahltcrroriSmus der Pfaffen hat doch abschreckend aus die Herren gewirkt, und vielleicht hat auch eine Anordnung von oben, wahrscheinlich vom Kardinal selbst, jenem un- erhörten Treiben ein gewisses Ziel gesetzt. Dafür agitieren die Pfarrer und Kaplänc, an der Spitze der Kandidat. Pfarrer Kapitza, selbst, um so eifriger in den zahlreich hier noch be- stehende» christlichen Arbeiter-, Gesellen-, Männer- usw. Vereinen. Da Herr Kapitza ein eifriger Abstliicuz-Propagandist war und deshalb sehr die Abneigung der zahlreichen obcrschlcsische» Gastwirte zu fürchten hat, ließ er sich in einer„öffentlichen Erklärung" fol- gendcrmaßen über die Gastwirte aus:„Im Gastwirtsgcwerbe sehe ich einen notwendigen und wichtigen Stand für den Verkehr und das wirtschaftliche Leben. DaS solide Gastwirtögewerbe muß vor jeder unreellen Konkurrenz geschützt werben." Viel helfen wird ihm diese eigenartige Abstinenz von den bisherigen Grundsätzen bei den Gastwirten allerdings nicht. Ter Zentrumskandidat Kapitza ist polnischer Nationalität und war als Student und als Kaplan ein eifriger Parteigänger der Polen. Er hat es jedoch später, als das Verhältnis zwischen dem radikaleren Teil der Polen und dem Zentrum sich trübte, vor- gezogen, beim Zentrum zu bleiben und seinen Polonismuö recht müßig zu betonen. Dafür gilt er jetzt den Radikalpolen als Vaterlandsverräter und wird wütend bekämpft. Auf der anderen Seite aber, bei den zahlreichen deutsche» Zcntrumsleutcn, die immer „patriotischer" werden, wird eben der Pole Kapitza mit Miß- trauen betrachtet. Im rechten Flügel deS Polenlagers, in der unter Napieralskis Führung stehenden ,�Katolik"-Gruppe, hat dagegen der jetzige Zcntrumskaudidat viele Sympathien, viel mehr wie der radikalpolnische Kandidat K o r f a n t y. Man ist nach der „Einigung" der beiden Gruppen im polnischen Wahlkomitcc aller- dings'verpflichtet, offiziell für den von diesem Komitee aufgestellten Korfanty einzutreten, erfüllt diese Pflicht aber nur unzureichend und sehr widerwillig, nicist lediglich durch Abdruck der Aufrufe des WahlkomiteeS, was die Ursache fortwährender Zänkereien zwischen den verschiedenen polnischen Blättern ist. Zwischen polnischen Führern gemäßigter Observanz und Zentnimsgeistlichcn finden neuerdings Verhandlungen statt über ein W i e d e rz u s a in m e ng c h c n beider Teile in Ober» schlcsicn. Tie Einigung soll nach zuverlässigen, dem Zentrum aber gegenwärtig sehr unangenehmen Iiidiskrc- lionen Eingewcibcer in der Weise erfolgen, daß man sich über eine Verteilung sowohl der oberschlesischen Rcichslagsmaiidate wie der Landtagsmaudatc verständigt derart, daß ein Teil derselben vom Zentrum den Polen garantiert wird. Da daS Zentrum unter den gegenwärtigen Verhältnissen schon vier Landiagsmandate und ein Reickstagsmandat in Obcrschlesien verloren hat und bei Fortdauer dieser Verhältnisse sicher bei den nächsten allgemeinen Wahlen noch erheblich größere Verluste in Aussicht stehen, dürfte eine solche„Ver- ständigung" mit den getreuen polnischen Söhnen der katholischen Kirche für das Zentrum allerdings von Vorteil sein. Vielleicht werden aber die radikalen polnischen Elemente ebenso wie gewisse ausgesprochen„deutsch gesinnte" Kreise des Zentrums doch einen dicken Strich durch diesen Kuhhandel macheu. Auch die erstartende sozialdemokratische Bewegung wird den Herren wenigstens im Jndujtricbezirk das Spiel verderben. Die Mitteilung bürger- sicher Blätter, daß solche Abmachungen zwischen Zentrum und Polen schon für die jetzige Nachwahl in Kattowitz-Zabrze gelten sollen, dergestalt, daß an Stelle Korsaniys und Kapitzas ein gemeinsamer Kandidat der beiden Parteien ausgestellt werde, ist freilich falsch. Für diesmal bleibt es bei den beiden Kandidaten und damit beim „Bruderkrieg". Tic„Liberale u" haben richtig nach einigem Zieren und pcrrcn den Kandidaten der Grubcnbarone, Generalsekretär Dr. Voltz, akzeptiert, nachdem dieser in einer unglaublich nichts- sagenden Rede die Herren von seiner„Liberalität"„überzeugt" t at. Der abgesägte Saargcwaltige, Gcheimrat Hilger, der jetzt hier sein Zepter schwingt, hat nunmehr freie Bahn, und schon wird von den verschiedensten Seiten mitgeteilt, daß seitens der Werks- vcrwalluiigcn bei den letzten Lohnzahlungen ein mehr oder minder a n f t c r Druck" aus die Arbeiter ausgeübt wurde, bei der kommenden Wahl doch ja dem einzigen wirklichen Vertreter der Arbciterintereffen. dem Herrn Dr. Voltz, die Stimme zu geben. Ein Wahlaufruf für Tr. Voltz in den„gutgesinnten" oberschlesischen Zeitungen, unterzeichnet nicht nur von den Leitern aller großindustrielleu Werke, sondern auch von Regie rungsräten, Richtern, Bürgermeistern und A m t s v o r st e h e r n, Postdircktorcn usw., unter audsrücklicher Bezeichnung des Amts- charakterS der Unterzeichner, verstärkt diesen sanften Druck auch für die übrigen Wählerkatcgoricn gehörig, und so ist wohl anzunehmen, daß der Kandidat der„deutschen" Großkapitalisten eine recht bedeutende Stimmcpzahl auf seinen Namen vereinigen wird. Der radikalpolnischc Kandidat Korfanty sieht nach wie vor seine besondere Aufgabe darin, die Sozialdemokratie in seinen Wahlflugblättern wie in seiner Zeitung zu bekämpfen, bei- läufig ein Beweis dafür, wie sehr er fürchtet, daß die ihm bisher blind" folgenden polnischen Arbeiter in großer Zahl in das Lager der Sozialdemokratie übergehen könnten. Bei dieser Bekämpfung, gegen die a» sich ja gar nichts einzuwenden wäre, bedient Herr Korfanty sich jedoch der uiedrigstcu und unsaubersten Mittel. So schwindelt er i» ebenso frecher wie dummer Weise, die Sozial- demokraten seien Schuld an der gegenwärtigen Flcischnot, weil sie im Reichstage wie ein Mann für Ucbergang zur Tagesordnung über eine Petition obcrschlesischer Fleischermcister gestimmt hätten, welche eine Erhöhung der Einfuhr russischer Schweine forderte. Und all die ärgsten Lügen der schäbigsten Gegner der Sozialdemokratie, z. B. die, daß die Sozialdemokratie eifrig bemüht sei, das Volt ins Elend zu führen, um dann um so erfolgreicher agitieren zu können, feiern in den Korsantyschcn Flugblättern ihre fröhliche Auf- crstehung. Um den nationalen Haß zwischen den Arbeitern zu chüren, kehrt in seinen Flugblättern und Artikeln stets die Be- hauptung wieder, die deutsche Sozialdemokratie spreche mit Haß und Verachtung vom polnischen Volke. Daß eine derartige unwürdige KampfeSwcise die Erbitterung gegen Korfanty bei den deutschen wie polnischen Sozialdemokraten gewaltig steigert, ist erklärlich, urkd allgemein ist jetzt die Ueber- zeugung in beiden sozialdemokratischen Lagern, daß bei einer etwaigen Stichwahl zwischen Korfanty und dem Zentrum dieSm. l r i k t e Wahlcnthaltung geübt werden müsse, womit alle. dings Korfantys Niederlage unabwendbar wäre. Vorläufig ist es ja noch nicht so weit nnd die Genossen beider Zungen sind eifrig an der Arbeit, an Stelle Korfantys ihren Kandidaten, den alten Genossen M o r a w s k i, in die Stichwahl zu bringen. An Auf« tlärung des Proletariats über die Volksfeindlichkcit des Zentrums und der Hüttenpartei, wie nicht minder auch der verjunkcrten Polen- naktiou haben sie es in den beiden bis jetzt in hunderttausend Exemplaren verbreiteten Flugblättern nicht fehlen lassen und werden ie es auch in den nächsten kampsreichcn Tagen nicht fehlen lassen. Allerdings sind die Schwierigkeiten, die der kleinen Ellar in diesem Kampfe hier erwachsen, ganz gewaltige. Von einer mündlichen Agitation kann fait gar keine Rede sein, steht doch in dem ganzen ausgedehnten Wahlkreise mit seinen in mehreren hundert Jiidustrieortcu verteilten Ivcit über 300 000 Bewohnern nur ei» ruizigeS, tlcines, 300 Pcrsoiren fassendes Versammlungslokal zur Verfügung. Der furchtbare wirtschaftliche Druck, der auf dem oberschlesischen Proletariat lastet, macht eine mündliche Agitation in den Betrieben selbst zur Unmöglichkeit. Nnd welche Hindernisse der Verbreitung der Flugschriften durch Be. Hörden, Geistliche, Unternehmer, ja durch die irregeleiteten Arbeiter clbst und besonders durch die in den Fesseln der Kirche liegende» anatifierteii Arbeiterfrauen bereitet werden, kam, hier nicht gc- childert, sondern nur angedeutet werden. Nimmt man dazu die nationalen Gegensätze, die sprachlichen Schwierigkeiten, die Armut und wirtschaftliche Abhängigkeit der schoit für die Sozialdemokratie gewonnenen Arbeiter, so kann man sich ein, wenn auch schwaches Bild von der der Sozialdemokratie erwachsenden Schwierigkeit des Wahlkampfcs in dieser Hochburg deS Pfafscntums und des Großkapitals machen.—__ Stuttgart. 5. Oktober.(Eig. Ben) Landtagswahlen. Gestern fand im Oberamt Freude n st a d t die Nachwahl für den verstorbenen volkSparlcilichcn Abgeordneten Gallcr statt. In de: 'clbcn wurde der Kandidat der Volkspartei, Schmid, wie borauSzn- chen war, gewählt. Bemerkenswert ist aber, daß von drei in Betracht kommenden Parlcici! die Volkspartei gegen die vorige Wahl um 480 Stimmen abnahm, die natioiialliberale Partei nahm sogar um 031 Stimmen ab. während die Sozialdcmokrarie trotz der bei Nachwahlen stets geringeren allgemeinen Wahlbeteiligung um 7 0 0 S t i ni in c ii zugenommen hat. Dieses Ergebnis hat in den hiesigen Parteikreisen lebhafte Freude erregt, da es als ein gutes Vorzeichen für den Ausfall der im übernächsten Winter stattfindenden allgemeinen Landtagswahlen bezeichnet werden kann. Es bestätigt im übrigen die schon früher von uns an dieser Stelle gemachte Feststellung, daß die Sozial- demokratie aus der immer schwächlicher werdenden Hallung der beiden sich-liberal iiennciiden schwäbischen Parteien reiche Früchte ernten lvird. Aus Furcht vor dem Anwachsen der Sozialdemokratie suchen die Volkspartci und die nationalliberale Partei möglichst enge Fühlung miteinander zu gewinnen und sich durch gemeinsame Verständigung bei den Wahlen den beiderseitigen parlamentarischen Besitzstand zu garantieren und vor dem Ansturm der Gegner zu ver- tcidigen. Sie sehen nicht ein, und das wird sich vornehmlich für die Volkspartei als politischer Fehler ersten Ranges erweisen, daß sie dabei die Rechnung ohne die Wählermassen machen. Es ist allgemein bekannt, welche eklatante Niederlage ihr gemeinsames Vorgehen den beiden Parteien bei der Landtagsnachwahl in Eßlingen zu- gezogen hat, wo unser Genosse Schlegel gleich im ersten Wahlgang den bisher liberal vertretenen Kreis mit einer ungeahnten Mehrheit eroberte. Trotz dieser Erfahrungen setzen die beiden Parteien, worüber wir ihnen nicht gram zu sein brauchen, diese Taktik weiter fort. Am 13. Oktober wird eine wcüerc Nachwahl in Tuttlingen stattzufinden haben, wo sich die beiden Parteien auch wieder jedes lundsätzlichen Kampfes der Meinungen begeben und einen gemein- ,amen Kandidaten aufgestellt haben. Ihr Erkorener ist diesmal der volksparteiliche Rcichstags�Abgeordnete S t o r z, seines Zeichens .Handelskammersekretär in Heidenheim, und im besonderen Kolonial- Enthusiast von Wörmanns Gnaden. Er ist einer jener Reichstags- Abgeordneten, die auf Grund eines.zehntägigen Aufenthaltes' in Kamerun und Togo nack ihrer Rückkehr an den Hcr-v' Johann Albrecht zu Mecklenburg das Telegramm mit der„zuversichtlichen" Prophezeiung richteten, daß diese Kolonien„im Beginn einer glänzenden Entfaltung stehen". Nachdem sich die liberal-demokratische Einigung nach Ach und Krach auf diese etwas eigentümliche Spezies von„Volksparteiler" festgelegt hat, wird die bisher schon rege Agitation unserer Partei im Kreise noch um so lebhafter werden, um entsprechend den bisher in gleichartigen Fällen gemachten Erfahrungen alle diejenigen an nns zu ketten, denen die demo- kratifchen Forderungen nicht nur ein papierenes, um den Preis der nationalliberalen Freundschaft leichtfertig hinaeopfertcs Programm sind. Unter der Anklage, den deutschen Kaiser beleidigt zu haben, stand vor der Strafkammer in K ö l n ein Schuhmacher- meister aus dem benachbarten Mülheim. Er soll öfter Bemerkungen haben fallen lassen, die von der Umgebung als Majestätsbeleidigung ausgelegt wurden. Eines Tages tat er auch zu niit ihm im näm- lichen Hause wohnenden Leuten eine Aeußerung, die diese später, als sie mit dem Schuster einen Zank gehabt hatten, aus Rache der Polizei denunzierten. Ter Angeklagte bestritt, daß sich die Worte auf den Kaiser Wilhelm bezogen hätten. Tie Aeußerung habe er nach Empfang eines StcuerzettelS getan. Er habe mit den Worten zwei„Kaiser" beleidigen wollen, den Anton und den Christian Kaiser, die ihm beide Geld schuldeten, ihn aber nicht bezahlten, wogegen er seine Rechnungen stctS pünktlich bezahlen müsse. So oft von ihm Geld verlangt würde, fielen ihm diese beiden Kaiser ein und er schimpfe dann auf sie. Tie Zeugenvernehmung ergibt, daß der angeklagte Schuster ein entschiedener„Antiallohol- gegner" ist; er betrinkt sich vielfach und redet dann das wüsteste Zeug. Das Gericht nahm an, daß der Angeklagte bei seinen Redereien eine Majestätsbeleidigung nicht beabsichtigt habe und er- kannte auf Freisprechung. Zu der angeblichen Burcnvcrschwörmig in Windhoek äußerte nach einer Laffan-Meldung der d e u t s ch e K o n s u l i n K a p st a d t in einer Unterredung mit dem Vertreter des„ S t a n d a r d er habe nur die Nachricht erhalten, daß etwa sieben Personen in dieser An- gelegenheit verhaftet worden seien. Es gelang den Verhasteten zu entfliehen, sie wurden jedoch wieder eingebracht. Der Kousul legt dem Vorkommnis eine gewisse Bedeutung bei, da er die „Windhoeler Nachrichten", tvelche die Meldung gebracht hatten, für zuverlässig hält. Die»South African News" dagegen ziehen die Sache ins Lächerliche und behaupten, es handle sich lediglich darum, daß ein paar Leute in einem Privathotel verhaftet worden seien. Das Blatt veröffentlicht anschließend daran eine Unterredung mit Andries Dewet, tvorin erklärt wird, eS seien bei der Haussuchung im ganzen zwei Revolver und ein wenig Munition gefunden worden.—_ Aus Ostafrika. Gouverneur Graf Götzen telegraphiert unter dem 5. Oktobers daß einige Dörfer zwei Tage südlich von Dar es Salam durch Räuberbanden geplündert worden seien, die auch eine Polizciabtcilung angegriffen haben. Die 8. Kompagnie von Kleist ist heute dorthin abgerückt. Morogoro ist am 30. September durch Hauptmann Freiherr» v. Wangenheim und ein Tetachement Marine-Infanterie und Kibuta in den Matumbi-Bergcn von einem anderen Tetachement Marine- Infanterie besetzt worden. Das Tetachement Wangenheim ist beauftragt, den Bezirk zwischen Kilossa und Ruaha zu beruhigen und die Verbindung mit Mahcnge herzustellen. /Zuslancl. Oesterreich-lliigarn. Eine Entschleierung der Kossuthiancr. In Ungarn ist die Empörung gegen Kossuth und Apponhi eine enorme geworden durch das sich Verplauschcn Geza Polonhis, des Vizepräsidenten der Kossuthpartei. Der Sachverhalt ist der fol- gende: Am 3. d. M. sollten 2 Fackelzüge in Budapest stattfinden, der eine Kossuth zu Ehren, der andere aber gegen Kossuth und für die Redaktion des sozialdemokratischen Zentralblattcs„Nepszava". Tic Behörde hat aber beide verboten wegen der erst unlängst vor- gekommenen Straßenexzesse. Nun kam es aber auf Grund dieses Vorfalles und zur Erörterung anderer dringender Fragen zu einer Konferenz der Führer der sozialdemokratischen Partei Botanhi und Dr. G o l d n c r mit dem Vizepräsidenten der Kossuthpartei P o l o n Y i. Bei dieser Zusammenkunft warf Gen. Botanyi Polonyi und seiner Partei den Betrug des Volkes vor. denn das allgemeine geheime Wahlrecht stand im Programm der Kossuthpartei, und erst nach der allgemeinen Wahlkampagne ließen die Kossuthiancr diesen Punkt fallen. Genosse Botänhi mahnte wiederholt Polonyi, die Kossuthiancr sollten ihrcin gegebenen Worte Genüge tun. Da sprang Polonyi vom Stuhl und sagte:„Meine Herren, ich kann nicht dafür. Ja. es ist wahr, die Wahlrcform.und zwar die allgemeine, lv a r in unserem Programme, jedoch als die Koalition z u st a n d e k a in, mußten t o r r sie fallen lassen, denn nur unter dieser Bc- dingung wollte Graf Andrässy mit den Dissidenten der Koalition beitreten. Nicht nur das, sondern er nahm uns das Ehrenwort ab. daß ivir diesen Punkt auch nicht in ehr aufnehmen lv c r d c n. Wir wollten ja beinahe alle dafür kämpfen, aber das Wort bindet uns. Geht zu Andrässy. er soll uns von unserem Wort cnt- binden...." Tarauf meinte Botänhi:„Nein, wir gehen zu niemand, aber Ihr täuscht Euch, wenn Ihr glaubt, daß wir das- Opfer Eurer perversen Freundschaft und Verbindungen bleiben werden...." Damit war die Besprechung zu Ende und heute ist dies schon überall verbreitet, sogar der radikale Abgeordnete Joses VeSzi, Redakteur der„Budapesti Maplö". greift die Kossuthiancr heftig an. am meisten aber Kossuth. oaß er sich dem Junker Andr-.ny und seiner Handvoll Magnaten total auslieferte, obwohl die 5losjuthianer im Parlament heute mehr als 180 sind.— Man lieht also, daß die Magnaten, Konservativen, Klerikalen, Nationalisten sich vereint haben gegen das Volk, gegen die internationale«ozial- demokratische Partei. Es ist aber zu hoffen, daß durch dieses sensationelle Verplauschcn PolonyiS das Volk nunmehr einsehen wird, wo man fürs Wohl und Recht des Volkes ist: bei Kossuth und Graf Apponyi, oder bei der internationalen, revolutionären sozial- demokratischen Partei.— Wien, 6. Oktober. Abgeordnetenhaus. In der fortgesetzten Verhandlung der Dringlichkcitsanträge betreffend das all- gemeine Wahlrecht tritt Abgeordneter Romanczuk sRuthenc) für eine rasche Wahlreform ein. während Abgeordneter E b e n h o ch (Zentr.s seinen gestern eingebrachten Antrag eingehend begründet unter Hinweis darauf, daß die Einführung �cs allgemeinen Wahlrechts ohne vorherige Feststellung der unbedingt unerläßlichen Grund- lagen eine große Gefähr bedeuten würde. Ministerpräsident Frei- Herr von Gautsch erklärt, die vorgebrachten Reden hätten ihn von seinem bereits gekennzeichneten Standpunkt hinsichtlich der Wahl- rechtsfrage, den er unverändert aufrecht halte, nicht abzubringen vermocht. Gegenüber der Behauptung, daß die nationale Vcr- ständigung aus Grund des allgemeinen Wahlrechts erleichtert würde. erklärt der Ministerpräsident, hierfür bestehe keinerlei Gewißheit; wäre es der Fall, so würde die Regierung selbst di- Wahlreform begrüßen. Redner weist auf Frankreich und Deutschland hin, wo das allgemeine'Wahlrecht auch erst nach Passierung von Zwischen- stufen eingeführt worden sei, und betont, die nationalen»nd politi- schcn Verhältnisse Oesterreichs ließen keine schablonenhafte BeHand» lung dieser �Frage zu, bei deren Entscheidung ausschließlich die Interessen Oesterreichs bestimmend sein müßten. Er könne dem Hause bei der Abstimmung nur diese Interessen und keinen theoreti- scheu Grundsatz als Richtschnur empfehlen. sLcbhaftcr Beifall; Widerspruch bei den Tschechisch-Radikalen.) Frankreich. Ein sozialistischer Bürgcrmeistcr gegen eine Arbeitsbörse. Aus Paris meldet man uns: Schon seit längerer Zeit schwebt ein Konflikt zwischen der A r b e i t s b ö r s e von L y o n und dcni Gemeindcrat dieser Stadt, dessen Mehrheit der sozialistischen Fraktion des blocklreuen Bürgermeisters Angagnenr angehört. Als der VerwaltungSaiisscklnß der Arbeitsbörse einigen Gewerkschaften den Zutritt in daS Gebäude versagte, entzog Augagnenr dem Institut die kommunale Subvention. Der Zwist wurde tvohl für einige Zeit beigelegt, brach aber bald wieder von neuem aus. Als ein heftiger Aufruf gegen den Gemciiidcrat in der Arbeitsbörse an- geschlagen wurde, unterdrückte der Bürgermeister wiederum die Subvention. Am Mittwoch ivnrde die Angelegenheit iin Lhoner Gcniemderat zur Sprache gebracht. Angagnenr verteidigte sein Ver- halten mit der Bernnrng auf das Reglement der Arbeitsbörse und der Gemeinderat gab ihm mit 44 gegen eine Stimme recht. Zwei revolutionäre Sozialisten enthielten sich der Abstimmnng. In dein Vertrauensvotum heißt es. daß die Subvention, soweit sie den G e iv e r k s ch a f t e n und den auf der Arbeitsbörse lehrenden Professoren zugute komme, ebenso wenig>vie die Unabhängig- keil d e v Gewerkschaften i» Zweifel gestellt werde. Der Beschluß richtet sich gegen den VerwaltungSansschnß und die Sekretäre der revolutionären Gewerkschaften.— Unmittelbar nach der Gemeinderatssitzniig wurde die A r b e i t S b ö r s e von den Sekretären und vom BerwaltnugSausschuß ohne W i d e r st a n d geräumt. Ein Polizeikordon sperrte daS Gebäude ab. Doch wurde den Sekretären gestattet, ihre Archive in ein nahes Cafö zu bringeil, das sie zu ihrem provisorischen Sitz be- stimmt haben.— Der reaktionäre„Tempo" ist für den Bürger- ineister von Lyon ganz begeistert und widmet ihm unter dem Titel: „Ein Beispiel" einen Leitartikel. Für die geeinigte fozialialistische Partei ist der Porsall ohne Bedeutung. Ihre Organisationen in Lyon, die allerdings noch recht schlvach sind, gehören einer neu- gegründeten Föderation an und stehen in offener Gegnerschaft zu Angagnenr, der erst am letzten Sonntag beim republikanischen Bankett in St. E t i e n n e mit Brian d, Gvrautt-Richard, Z ö v a ö s und einigen anderen die Fronde gegen die Parteieinigimg repräsentiert hat.__ Koloiiialiestien. In einem Punkte können sich die allerchristlichen Staaten Europas gegenseitig keinerlei Vorwürfe machen. Ob gut katholisch oder orth'od'ox-protestantisch, ob Monarchie oder Republik, alle die überseeische Kolonien haben, hatten auch schon ihre Kolonialskandale zu verzeichnen, ihre Henker und Würger, die den Namen der europäischen Kultur bei den„Wilden" geschändet. Die Koloninlgeschichte aller Länder ist mit Blut geschrieben. Erst kürzlich haben wir die Bestialitäten der belgischen Kulturträger im Kongo geschildert und zwar nach den Akten der citglischen„Congo-Reform-Association", deren Glaubwürdigkeit nnanfechtbar ist. Zurzeit hat das republikanische Frankreich seine Kolonial- Verbrecher. ES ist überall dasselbe Bild: Leute zweifelhaften Charakters, Abenteurer aller Art ziehen nach dem„schwarzen Erdteil", um sich zu bereichern. Dieses Ziel zu erreichen ist ihnen jedeS Mittel recht, kein Verbrechen zu scheusälig. Vor kurzem wurden zwei dieser Kulturträger, Gand und Tagne, wegen ihrer Greueltaten, begangen an den„Wilden", bestraft, allerdings sehr milde. Jetzt aber wird durch die UntersuchnngSkommission de Brazza bekannt, daß der französische Gcncralkoinmissar. Gentil nicht weniger schlimm gehaust hat, als die Gand, Tagnv und Konsorteil, daß er ihnen erst daS Beispiel Ivildcr Grausamkeit gegeben. Die Untersuchungsakten befinden sich im Kolonial- Ministerium und werden wohl später der Kammer vorgelegt werden. Mitlerweile aber veröffentlicht der Genosse Rouanet in der„Humanitv" die wesentlichsten Punkte aus den Berichten. Danach hat Gentil selbst Eingeborene wegen der geringsten Vergeben auspeitschen oder erschießen lassen. Das administrative Joch lastete so schwer auf den Schlvarzen, daß sie die ihnen auferlegten Steuern nicht aufbringe» konnten. So wurden Lager errichtet, in denen Geiseln zurück- behalten wurden, bis die Zahlung erfolgt war. Den Ein- geborenen wurden so schwere Dienste auferlegt, namentlich wurden sie zum Transport schwerer Lasten verwandt, daß -iflauze große Gebiete nahezu entvölkert sind. Festgestellt ist ferner, daß in den von Gentil verwalteten Gebieten die Sklaverei vans phrase wieder eingeführt ist; nicht bloß zu Nutzen der Republik, sondern auch die kolonialen Gesellschaften durften sich der Sklaverei bedienen, mn Schätze zu sammeln. In einem Rund- schreiben an seine Untergebenen feuerte er diese an, vor allem siir Eintreibung der Steuern zu sorge». Um sich bei ihrem Chef beliebt zu machen', ließen es diese an Eifer nicht fehlen, hing doch ihr Avancement hiervon ab. So entstanden die„Konzentrationslager", in denen die Frauen und Kinder ganzer Dörfer, von Ivo die Stenern nicht eingegangen lvaren, interniert wurden. In vielen Fällen hatten die Männer wohl die Steuern bezahlt, die Beamten wandten aber Gewalt an, um noch mehr heraus zu presse». Der Inspektor Sanrin fand ein derartiges Lager mit 110 Frauen und Kindern vor, die von den rohen Wächtern ver- gewaltigt und mißhandelt worden waren. Ans den detaillierten Berichten werden wir noch Einzelheiten folgen lasten, welche ein grelles Licht werfen auf die grauenvolle Berwildernng dieser fran- zösischen Kulturträger in Afrika. Gegen Rouanet führen„Tempö" und andere Blätter eine heftige Fehde; man sucht abzuleugnen lind zu cntschnldigen, spricht von Uebcrtmbnngen usw. Es ist die alt- bekannte 5lmnpfeSmethode der kapitalistischen Presse. Nicht die Un- Menschlichkeiten ihrer Zivilisatoren bringen sie in Aufregung, ihr Zorn wird nur erweckt, wenn diese an die Oeffcntlichkeit dringen. Dänemark. Die Stlnitsfinaiizen. Die Abrechnung über die Staatseinnahmen und-Ausgaben des verflossenen Finanzjahres hat statt der voraus- berechneten Unterbilanz von 9 370 000 Sir. nur eine Untcrbilcmz von l 77l 000 Kr. ergeben. Dieser Gewinn von beinahe 8 Millionen ist wesentlich aus eine über Erlvarten große Steigerung verschiedener Einnahmeposten zurückzusühren. So haben zum Beispiel die direkten Steuern statt 12 250 000 Kr. 13 500 090 Kr. ergeben, die Staaisbabnen statt 4 750 000 Kr. Ueberschuß 0 259 000 Kronen, daS Postwesen statt einer halben über eine ganze Million. Die Einnahmen aus den indirekten Steuern sind um zirka 1750 090 Kr. höher als vorausberechnet. Die Zölle allein haben 47 230 000 Kr. eingebracht. Tie Brannrivcin- sowohl wie die Bier- stencr wiesen jedoch einen kleinen Rückgang auf.— Tie Aktiva des Staates beliefen sich am Schluß des Finanzjahres auf 323 Millionen, die Staatsschulden auf 241 Millionen,>0 daß also ein Staats- vermögen von 82 Millionen Kronei« zu verzeichnen ist. Im Finanz« jähr 1901—1902 war ein Verlust an Staatsvermögen von 3,1 Millionen zu verzeichnen, im folgenden Jahre ein Gewinn von 0.5 Millionen, im Jahre 1903—1904 ein Gewinn von 5,3 Millionen und für das verflossene Finanzjahr wird der Gewinn auf 17,9 Millionen berechnet.— Norwegen. DaS Karlstader Uehcrciukommeil soll heute, Sonnabend, im Storthing zur Verhandlung kommen. DaS Spezialkomitee hat seine Vorschläge fertig. Die Mehrheit des Komitees, deren Wortführer Berner ist, schlägt ohne weitere Motivierung die Annahme des Ueberein- kontineiiS vor. Die Minderheit mit Konow als Wortführer empfiehlt, daß das Storthing seine Entscheidung aussetze und den Wählern Gelegenheit gebe, sich durch eine V o l k s a b st i m in n n g zu äußern. Wird dieser Antrag abgelehnt, so schlägt die Minderheit vor, das Uebereinkoinineii nicht gutzuheißen, aber die Regierung zu be- auftragen, Schwede» einen u»kündbaren Schiedsgerichts- verlrag anzubieten. Vier Mitglieder der Minderheit haben sich jedoch'das Recht vorbehalten, einen Antrag zu stellen, wonach das Uebcreinkommen einem unparteiischen Schiedsgericht vorgelegt werden soll. Keine Ueberrumpelimg in der Frage der zllkiiilftigen Staatsform wird von der norwegischen Regierung beabsichtigt, so behauptete wenigstens„Dogbladet" in seiner Mittwochabendausgabe. Wenn Schweden seinerieits die Aushebung der Reichsakte beschlossen habe und damit die Bernadottesche Kandidatur auch fonnell fortgefallen sei, werde die Regierung über die weiteren Maßnahmen mit dem Storthing in Verhändlung treten, das dann nach allen Seiten voll- kommen ungebunden dastehe. Das Blatt fügt hinzu, es glaube mit Sicherheit behaupten zu können, daß die Regierung in dieser Frage einmütig sei.— Asien. Gärung unter der indischen Bevölkerung. London, 5. Oktober. sBnrcau Lassan.) Unter der Bevölkc- rung Bengalen s werden im Zusammenhang mit der Agitation gegen die Teilung dieser Provinz aufrührerische Flugschriften verteilt, die eine sehr bedenkliche Sprache gegen die Eng- länder führen. Es heißt da u. a.:„Wir haben keinen König. Wenn tvir einen König hätten, brauchten wir nicht in solchem Elend zu sein. Wir haben einen Irrtum begangen, als wir eine grau- same, herzlose, trügerische und lügnerische Nation unseren König nannten... Wir wollen doch sehen, ob wir das nicht ändern können. Von unserem Gcldc mästen sie sich, und unser Blut saugen sie. Warum also sollten wir uns unterwerfen? Diese Schweincsöhnc haben, da sie Hindu und Mo- hammedaner geeinigt finden, es sich zur Regel gemacht, die Aemter bei den Hindu, den Mohammedanern und den Sikhs in einer Weise zu besetzen, daß Ruhestörungen entstehen müssen... Brüder. Hindu und Mohammedaner, diese Tcufelsrafsc ist über die sieben Seen und die dreizehn Flüsse gekommen und entehrt jetzt unsere teure goldene Mutter Bengalen. Warum greifen wir nicht zur Keule und schützen die Ehre unserer Mutter?" Amerika. Die sozialistische Agitation macht stetige gute Fortschritte. In einer Reihe von Staaten finden im nächsten Monat Wahlen statt und die sozialdemokratische Partei beteiligt sich daran in sehr reger Weise. Vor einigen Wochen hat die Partei einen Kampf um die Rede- und Versammlungsfreiheit geführt und auch gewonnen. Sie machte von ihrem Rechte Gebrauch, Straßenversammlungen abzuhalten. Eine Reihe von Rednern wurde verhaftet unter den verschiedensten Gründen, und sonderbarer Weise ging die Polizei in den Staaten im Osten wie im Westen zu gleicher Zeit gegen die sozialistischen Versammlungen vor. Man glaubt daher, daß von Washington aus ein Druck ausgeübt wurde. Die Partei rief die Gerichte an, und es fanden sich noch überall Richter, welche in unzweifelhaften Fällen gegen die Polizei entschieden.— Die neuesten Enthüllungen in der ainttichen Untersuchung gegen die Netv Dorker LebensversicherungS- gefellschasten liefern der Partei sehr wirksamen Stoff zur Agitation. Da werden die Beiträge festgestellt, welche die reichen Gesellschaften zu den Wahlfonds der alten Parteien beizusteuern halten. Die Gesellschaften dagegen denunzieren die Politiker, die in den Legis- laturen mit Gesetzentwürfen drohen, um Gelder zu erpressen. Unter den amerikanischen Studenten hat der Sozialismus neuer- dings viele Anhänger gewonnen. Jack London, der bekannte Schrift- steller, hat sich durch seine Agitation in Studentcnkreisen hervorgetan und durch Vorträge und Schriften zugulisten sozialistischer Ideen gewirkt, In New Dork hat sich eine Organisation von Studenten unter dem Namen„Iirter-CalleAiaw Socialist Society" gebildet. Die Aufklärung war i» Slndentenkreisen notwendig, denn es kam bei verschiedenen Gelegenheiten vor, daß sich Studenten als Streikbrecher anwerben ließen und dumm genug waren, zu glauben, daß sie die„Freiheit der Arbeit" wahren helfen.— Bei den einzelnen StaatSwahlen ist die Beteiligung der Bürger gewöhnlich nicht so stark als bei den Nationalwahlen, trotzdem hofft die Partei, ihren außerordentlichen Stimmenzuwachs vom letzten November noch zu vermehren. Tie Revolution in Rußland. Die AnSstaiidsbewegung. MoSkau, 0. Oktober.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Infolge einer bei den Arbeitern der städtischen Wasser- leitung beginnenden Ausstandsbewcgung iverden die Wasserwerks- stationen jetzt von Truppen bewacht. il-» » Tic Schlicfiitng der Moskauer Ilnibersität. Moskau, 6. Oktober.(Meldung der Petersburger Telegraphen-Agentur.) Die Vorgänge, die zur zeitweiligen Schließung der Moskauer Universität führten, waren folgende: Zu einer Versammlung, für welche den Studenten behördliche Erlaubnis erteilt war, erschiene» viele fremde Elemente, als ausständige Buchdrucker und andere Arbeiter, Hoch- schülerinnen usw. Im ganzen erzwang eine Menge von etwa ZOOO Personen den Eintritt in die Hörsäle, die, als sie dicht gefüllt waren, geschlossen wurden. Der Rektor berief, da er für die Sicherheit im Universitätsgehände fürchtetck und auch ein Einschreiten der in der Nähe aufgestellten Polizei zu gc- wärtigen war, den Ausschuß des Ilniversitätsrats. Der Ausschuß, der auch von der vorgesetzten Behörde ersucht worden war, die Anwesenheit Unberufener bei den Versammlungen und Kundgebungen nicht zu dulden, beschloß die Schließung der Universität. Heute früh hielten 1500 Studenten mit Gc- nehmignng des Rektors eine Versammlung ab; der Rektor wohnte dieser bei und erklärte den Studierenden, sie sollten künftig keine Fremden mehr ins Universitätsgebäude ein- dringen lassen, dann tonne die Universität bald wieder ae- öffnet werden. Der Universitütsrat wird die Frage der Wiedereröffnung bereits heute beraten.— ** Die Polizcilvahlen. Petersburg, si. Oktober.(Meldung der Petersburger Telegraphen-Agentur.) Ter Minister des Innern hat die Gouverneure durch ein Zirkular vom 5. d. Mts. beauftragt, dafür Sorge zu tragen, daß di? Veröffentlichung der Wahl- listen nicht später als am 28. Oktober erfolgen und die Be- Hörden inid Amtspersonen, besonders die Landeshauptleute und di? Landpolizei, sich jeder Einmischung bei den Wahlen enthalten sollen. Einmischen braucht sich die Polizei allerdings nicht ftl die Wahlen, da sie ja von ihr gemacht werden. � Eine sozialdemokratische Zeitung in Rußland. In einer Geheimdruckerei des Zentralkomitees der Sozialdemo- kratischen Partei Rußlands(Fraktion der Majorität) ist die erste Nummer einer Arbeiterzeitung„Robotschi" erschienen. Visher war es nur dem Bund, der l e t t i s ch e n Sozialdemokratie und der P. P. S. gelungen, in Rußland selbst Zeitungen heraus- zugeben. � � Kunitzer. Man schreibt uns: Kunitzer, der setzt einem Attentat zum Opfer gefallen ist, war in Wirkl.'chkeit, während er in der deutschen bürgerlichen Presse als „wohltätiger" Mann verherrlicht wird, den Lodzer Proletariern seit Jahren als hartherziger Ausbeuter und Unterdrücker, der schlimmste von den großen Unternehmern in Lodz, in den Tod verhaßt. Schon 1392 wurde ein Dynamitanschlag auf sein Palais verübt. Fünf Arbeiter wurden als Täter zum Tode verurteilt, aber zu lebens- länglicher Katorga„begnadigt". In den letzten Jahren streikten die Arbeiter Kunitzers und einiger anderer Großfabrikanten wiederholt. oft Wochen- und monatelang. In dieser Zeit taten die Fabrikanten olles Mögliche, um den Rachedurst der Arbeiter auf das höchste zu steigern. Im Mai dieses JahreS hatten die Fabrikanten unter Führung Kunitzers wiederholt Sitzungen mit den Spitzen der Behörden, um über Maßnahmen gegen die Arbeiter zu beraten. Die Fabrikanten brachten einen Plan der Stadt, auf dem genau die Stellen bezeichnet waren, an welchen man Militär auf- stellen und verwenden könne, um den Streik gewaltsam zu unterdrücke». Dabei äußerte einer der Herren, so lange in Lodz nicht 2000 Arbeiter erschossen seien, werde es nicht möglich sein, die Arbeit in den Fabriken wiederaufzunehmen. Ein anderer wollte die Arbeitnur wiederaufnehmen lassen, wenn die Fabriken von Militär besetzt seien. K. selbst hatte diesen Jdealzustand in seinen Fabriken längst eingeführt. Seit Januar dieses Jahres ivaren dieselben vollständig von Kosaken besetzt, die Tag und Nacht in dazu bestimmten Fabrikräumen kampierten und die ganzen Arbeitsräume mit ihren Insassen überwachten. Die Fabriken KniiitzerS machten so in der Tat den Eindruk von Kasernen. Seit acht Monaten lieferte Kunitzer zahlreiche Arbeiter und Genossen in die Hände der russischen Schergen. Die Lodzer Arbeiter waren zudem der festen Ueberzeugnng, daß Kunitzer und seine Kumpane die Behörden zu der furchtbaren Junimetzelei in Lodz provozierten. Nun hat den Verbrecher am Volke die Rache der Mißhandelten getroffen.— Soziales* Kaufmannsgericht. Sitzung vom 6. Oktober. Kulanz oder Recht? Ein Dekorateur klagte gegen die Firma I a n d o r f u. Co. auf Zahlung einer Entschädigung als Ersatz für verloren gegangene Zeugnisse. Der Kläger war sechs Jahre bei der Firma Jandorf beschäftigt gewesen. Beim Antritt seiner Stellung hatte er zwei seiner früheren wertvollen Zeugnisse, wie es vom Cbef verlangt worden war, der Finna in Verwahrung gegeben. (Nach Ansicht des Gcrichtsvorsitzenden allerdings ein etivas merk- würdiger Brauch.) Als nun das Stellungsverhältnis gelöst wurde, tonnten dem Kläger die Zeugnisse nicht mehr ausgehändigt werden. Sie waren einfach verschwunden. Man konnte sich auch nicht mehr an den Angestellten halten, dein die Aufbewahrung solcher Papiere oblag, denn der lvar inztvischen verstorben. Die Firma hatte sich darauf an die früheren Arbeitgeber des Klägers, das Warenhaus Wertheiin und ein englisches Handelshaus, gewandt, um dem Kläger wenigstens beglaubigte Abschristen seiner verlorengegangenen Originalzcngnisie zu beschaffen. Sie bekam eine solche jedoch nur von der Firma Wertheim. Das englische Haus konnte eine Abschrift nicht mehr liefern, sondern bestätigte brieflich, daß der Kläger eben- falls sechs Jahre daselbst konditioniert hatte. Mit diesen Bc- scheinignngen war der Kläger aber nicht zufrieden, er verlangte eben seine Originalzeugnisse und behauptete, ohne diese bis jetzt noch zn keiner neuen Stellung gekommen zu sein, obwohl er sich darum bemüht habe. Einen Beweis für diese Behauptung konnte er allerdings nicht erbringen. Auch gab er vor, wegen der vertraglichen Konkurrenz- klauiel vor Ablauf eines Jahres keine ähnliche Stellung annehmen zu dürfen. Aus diesen Gründen verlangte er für mehrere Monate je 22S M. Entschädigung. Bon der Firma Jandorf wurde hiergegen nachgewiesen, daß die Konkurrenzklauscl in diesem Falle nicht mehr in Frage kam. Die Firma bestritt aber auch, überhaupt regreß- pflichtig zu sein, weil sie keine Schuld an dem Verschwinden der Zeugnisse trage, sondern der erwähnte verstorbene Angestellte. Auch hielt sie es für sicher, daß der 5llägcr mit der Zeugnis- abschrift von Wertheim resp. der englischen Stellungsbeschcini- gung mitsamt dem letzten Zeugnis von der Firma Jandorf neue Stellung bekommen haben würde, wenn er sich nur genügend darum gekümmert haben würde. Letzteres fei aber nicht geschehen; vielmehr habe der Kläger noch eine Zeitlang untätig auf Kosten der Firma Jandorf leben wollen, weil er wohl der Meinung sei, die Firma habe ihm unter allen Umständen Schadenersatz für die ab- banden gekommenen Zeugnisse zu leisten.— Zu einer gerichtlichen Ent'cheidung dieser zweifelhaften Rechtslage kam es allerdings nicht. Vielmehr erklärte sich der Vertreter der Firma Jandorf infolge der wiederholten Bemühungen des Vorsitzenden bereit, dem Kläger aus Kulanz' 150 M. zu zahlen, worauf dieser denn auch einging und weiteren Ansprüchen an die Firma entsagte. Akademische Zustände in der„Handelsakademie." Zeitweilig recht humoristisch gestaltete sich die Verhandlung der Klage einer jungeil Kontoristin gegen den„Chef" eines Instituts, das den vielverheißcudcn Namen„Berliner Handelsakademie G. m. b. H." führt und in der N i e d e r w a l l st r a ß e sein anscheinend nur sehr fragwürdiges Dasein fristet. Die Klägerin ist mit einer Einlage von 2000 M. an dieser„Gesellschaft mit beschränkter Haft- Pflicht" beteiligt und sollte als Kontoristin 75 M. pro Monat bekommen. Eines guten Tages hatte sie der Chef aber Knall und Fall entlassen, weswegen sie auf Zahlung von 300 M. lvegen unberechtigter Entlassung ohne Jnnehaltung dergesctzlichenKündigungSfristklagte. Zu seiner Rechtfertigung machte der Beklagte geltend, er habe das Fräulein entlassen, weil es sich nicht so führte, wie es der„Würde einer solchen Lehranstalt" entspreche. So habe er die Klägerin vielfach dabei betroffen, wie sie mit ihrem Bräutigam im Kontor beisammen war. Dort hätten die beiden ungeniert und höchst fidel gelebt, Kaffee getrunken, Kuchen gepräpelt und Allotria getrieben. Ans dem Tische habe dann die dampfende Kaffeekasserolle auf den, Spiritus- kocher gestanden; Berge von Kuchen und sonstigen Genüssen seieir dort aufgehäuft gewesen, kurz, es habe dort bisiveilen nur zu akademisch ausgesehen. Mehrfachen Ermahnungen„des ziveiten Chefs", dieses Bc- nehmen zu unterlassen, sei das Fräulein nicht nachgekommen, und so habe er sie schließlich„hinausgeworfen". Hiergegen macht die Klägerin geltend, daß sie sich notgedrungen im Kontor habe Kaffee kochen müssen, da sie meistens von 3 llhr morgens bis 10 Uhr abends tätig gewesen sei. Wenn hin und wieder mal ihr Bräutigam mitgegeslen habe, so sei das doch nicht, so schlimm; Schüler seien doch nicht dabei gelvesen. Sie teilte dann weiter mit, daß sie so- zusagen das ganze Unternehmen gehalten habe. Von ihren 2000 M., die sie nicht wieder erhalten könne, sei Gehalt gezahlt lvorden. Auch habe sie gegen den Chef geschäftlicher Dinge wegen Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstaltet. Wenn man sie aber schon einmal habe los sein wollen, so hätte der Chef wenigstens die gesetzliche Kündigimgsfrist innehalten müssen, denn einen berechtigten Anlaß, sie ohne weiteres herauszusetzen, habe sie ihren beiden Mitgesellschaftern nicht gegeben. Auf diesen Stand- Punkt stellte sich auch das Gericht, und da der Beklagte auf einen gütlichen Vergleich nicht eingehen wollte, wurde er zur Zahlung der 300 M. verurteilt. 15 M. pro Woche„Gehalt" nebst geringer Provision. Das war das vertragsmäßige„Einkommen" eines Reisenden der Firma G o e l i ch, Frankfurter Allee 40. Der Aermste klagte auf Zahlung eines resticrendcn Provisionsbetrages von 24 M., begnügte sich im Vergleichswege aber schließlich mit 15 M. Juristische Winkelzüge können selbst die beschleunigte Recht- sprechung des Kaufmannsgerichts illusorisch machen. Dies mußte gestern ein armer Handlungsgehülfe zu seinem schweren Nachteil er- fahren. Der junge Mann hatte eine Forderung an eine Firma, die früher am Spandauer Schiffahrtskaual hauste, später aber in andere Hände übergegangen war. Der jetzige Chef wohnt in Treptow. Er hatte im früheren Termin anerkannt, daß er als rechtmäßig Beklagter zu be- trachten sei, auch hatte er gegen die Zuständigkeit des Berliner Kaufmanns- gerichts nichts einzuwenden gehabt. Jetzt aber, da der Kläger glaubte, in diesem Termin rasch zu seinem lllechte zu kommen, da erhob der Beklagte den Einwand der örtlichen Zuständigkeit. Infolge- dessen mußte der Kläger an das zuständige Amtsgericht verwiesen werden. Ganz niedergeschlagen verivies er auf seine vielen bis- herigen Versäumnisse wegen der Sache und bemerkte, daß er jetzt wohl noch lange warten könne, ehe die Angelegenheit gerichtlich erledigt werde. Der Beklagte könne eine endlose Prozessiererei schon aushalten, aber nicht er als armer mittelloser Kommis. Die Ausländer in Berlin. Unter den 823 597 am 1. Dezember 1900 in Deutschtand ge- zählten Fremdgebürtigen(d. h. im Auslände geborenen) befanden sich in Berlin 37 684— 4,6 Proz. In Anbetracht des Umstandes, daß Berlin allein schon rund 3 Proz. der Reichsbevölkerung in seinen Mauern zählt, erscheint dieser Anteil der Fremden nicht sehr hoch. In der Tat ist denn auch die große Mehrzahl der in der Provinz Brandenburg gezählten Fremden, die im ganzen 26 080 Personen ausmachen, in den Vororten Berlins, in den großen Vorstädten Charlottenbnrg(5379), Schöneberg, Wilmersdorf, Rixdorf, Steglitz- Friedenau uslv. anioesend und gehört damit eigentlich zu dein Zentralpunkt, der sie aus allen Ländern herangezogen hat. In Berlin wohnen naturgemäß Angehörige aller Kulturländer, schon, weil ihre amtlichen Vertreter dort wohnen. Das größte Kon- tingent dazu stellen die Oesterreicher(15 624), außerdem Rußland (6991), Ungarn(2923), Großbritannien(1521), Italien(1161), Schweiz (1419), Dänemark(1069) und die Vereinigten Staaten von Amerika (1349). Charlottenburg beherbergte außerdem noch eine große An- zahl voil Oesterreichern(1342), Russen(1334), Nordamerikaueni(522), Engländern(389), Ungarn(304), Schweizern(271) zc. Als Fremdenstädte könnte man noch München mit 23 394, Dresden mit 19 852, Hamburg mit 16 573 und Leipzig mit 11 551 in fremden Ländern Geborenen bezeichnen, die wegen ihrer Bildungsgclegenheiten und sonstigen Annehmlichkeiten eine große Zahl Fremder selbst aus den entferntesten Erdenwinkeln heranziehen. Andererseits sind auch im hervorragenden Maße wirtschaftliche Gründe maßgebend für das Hinzuströmen von Fremden, denn eine Weltstadt wie Berlin bietet in den mannigfaltigsten möglichen und unmöglichen Erwerben gewandten Leuten natürlich viel mehr Raum als das flache Land. Von den 37 684 in Berlin am 1. Dezember 1900 anwesenden Fremde» ivaren 27 276 oder 72,2 Proz. erwerbstätig oder lebten von eigenem Vermögen, Pensionen oder Renten, 10 408= 27,7 Proz. waren Angehörige dieser Personen oder lebten ohne Beruf oder hatten keine Angabe über ihren Beruf gemacht. An den einzelnen großen Berufsabteilniigen waren sie mit folgenden Zahlen beteiligt: In der Land- und Forstwirtschaft, Gärtnerei und Fischerei waren nur 165 Fremde erwerbstätig, im Handelsgeivcrbe, einschließlich dem Versicherungswesen, der Gast- und der Sckank- Wirtschaft 6145, im Verkehrsgewerbe 281, in lvechselnder Lohn- aibeit und häuslichen Dienstleistungen 1053. im öffentlichen Dienst und den sogenannten freien Berussarten 2931 und als Dienende, in häuslichen Diensten, im Haushalte der Herrschaft lebend 1097. Den Hauptanteil mit 12 402 Personen oder 45,5 Proz. nahm die Industrie auf.— Einen bedeutenden Anteil an Frauen wiesen nur die im Haushalte der Herrschaft dienenden Frauen<93,1 Proz.) und die von eigenem Vermögen usw. Lebenden(48,5 Proz.) auf. Ihrer sozialen Stellung nach waren die meisten in Berlin er- werbstätigen Frauen Arbeiter bezw. gehörten der arbeitenden Klasse an. Die in wechselnder Lohnarbeir und in häuslichen Diensten Erwerbstätigen gehören Wohl alle dieser Kategorie an, ebenso die Mehrzahl der in der Industrie und im VerkchrSgewerbe Tätigen; nur im Handelsgelverbe überwogen die Klassen der Selbständigen (2159= 35,1 Proz. aller im Handelsgelverbe Erwerbstätigen) und der Angestellten(1820= 29,6 Proz.) die der Arbeiter(2166= 35,3 Proz.). In der Industrie ivaren erloerbslätig als Männer Frauen �.sammen� Selbständige usw... 1 570 449 2 0l9 16,3 Altgestellte usw.... 1 057 67 1 124 9.1 Arbeiter usw..... 8 114 1145_ 9 259_ 74,6 / avs. 10 741 1661 12 402 Ueberhaupt| 80;G ig.4 100,0 100,0 Unter den in der Industrie erwerbstätigen Fremden ivaren also nur 13,4 Proz. Frauen.— Der sozialen Stellung nach hatten die Arbeiter die erdrückende Mehrheit; fast ili aller waren Arbeiter, noch nicht Vg waren selbständig und Vn als Angestellte tätig. Bon den industriellen Bcrufszwcigeit beschäftigen besonders die folgenden namhafte Mengen von Ausländern: die Industrie der Bekleidung und Reinigung 3733, der Metallverarbeitung 1558, die Industrie der Maschinen, Werkzeuge, Instrumente und Apparate 1384, der Holz- und Schnitzstoffe 1243, der Nahrung s- und Geuutzmittel 1120, das Baugewerbe 923 usf. Von allen diesen Industrien be- schästigt nur das Vekleidungs- und Reinigungsgewerbe eine größere Anzahl Frauen(1302= 34,8 Proz.). Dieses Gewerbe ist auch das einzige, in dem aus begreiflichen Gründen verhältnisinätzig viele Ausländer selbständig sind(1107= 29,6 Proz.). Bon den 6991 hier anweseudeir Russen waren 4741 erwerbs- tätig. Sie hatten sich zumeist der Industrie zugewandt (2006= 42,3 Proz. aller von ihnen Erwerbstätigen), 984= 20,7 Proz. waren im Handelsgelverbe tätig, 484= 10,2 Proz. im öffentlichen Dienst und den sogenannten freien Berufen, 831= 17,5 Proz. lebten von eigenem Vermögen, Renten und Pensionen. 11 776 der 15 624 Oesterreicher in Berlin waren erwerbstätige davon über die Hälfte, 6036= 51,2 Proz., in der Industrie, 3162= 26,8 Proz. im Handelsgelverbe, 688= 5,8 Proz. im öffentlichen Dienst und den freien Berufen, 597= 5,1 Proz. lebten von eigenem Vermögen usw. — Auch die Ungarn, Schweizer usw. sind zumeist in der Industrie und im Handel tätig, während bei den Engländern und Amerikanern diese Beschäftigungen zurücktreten; sie sind größtenteils in öffcnt- lichen Dieuslen und den freien Berufen hier tätig, und eine be- deutende Anzahl hält sich offenbar zum Vergnügen, Studien halder hier auf oder verzehren in Berlin ihre Renten.?. W. GcwerkrchaftUches. (Siehe auch 1. Beilage). Tarifbewcgun-v in der Wäschcbranche. Daß es den Arbeitern und Arbeiterinnen der Wäsche-Jndustrie bitterer Ernst mit der Durchsetzung ihres Tarifcs ist, das bewies die imposante Versammlung, die am Freitagabend in Kellers Saal tagte, schon durch ihren ungewöhnlich starken Besuch. Parterre und Galerien waren überfüllt.— Bekanntlich ist den Wäschefabrikanten! ein Tarif eingereicht worden, der die traurigen Löhne der Arbeiter und Arbeiterinnen ein wenig aufbessern will, so daß ihnen wenigstens ein einigermaßen erträgliches Dasein ermöglicht wird. Wie der Referent Keller unter anderen: ausführte, liegen die Verhältnisse in der Wäsche-Jndustrie gegenwärtig so, daß meist 12 Stunden und darüber gearbeitet wird. Junge Mädchen an der Plättmaschine ver- dienen oft nicht mehr als 5 bis 6 M. und Näherinnen 12 bis 13 M- in der Woche. Die im Tarif aufgestellten Forderungen sind so maß- voll, daß sie von vielen Arbeiterinnen der Branche als zu niedrig bezeichnet werden.— Ten Fabrikanten ist eine Frist zur Eni- scheidung über den Tarif gesetzt, die heut(Sonnabend) mittags 12 Uhr"abläuft. In allen Fabriken, wo den Arbeitern, bezw. ihrer Vertretung bis zu diesem Zeitpunkt keine befriedigende Antwort er- teilt ist, wird heut abend die Arbeit niedergelegt. An 68 Firmen ist der Tarif gesandt worden, davon haben bis jetzt 3 außerhalb des Fabrikanten-Verbandes bewilligt, die übrigen haben sich bisher noch nicht geäußert. Wenn sich die Unternehmer nicht im letzten Augen- blick noch eines Besseren besinnen, so bricht heute abend in der Wäschebranche ein Lohnlampf aus, an dem zunächst wenigstens 5000 Arbeiter und Arbeiterinnen beteiligt sind. Das hat die imposante Versammlung gestern durch Beschluß ausdrücklich be- kündet. Versammlungen. Tie Troschkcnführer Berlins und Umgegend beschlossen gestern abend in einer außerordentlich zahlreich besuchten Vertrauens- männcr- Versammlung, den bestehenden Tarifvertrag, der am 30. November d. I. abläuft, zu kündigen. Das Bureau wurde beauftragt, diesen Beschluß den Arbeitgebern zu unterbreiten und Verhandlungen zum Abschlüsse eines neuen Vertrages auf folgender Grundlage anzubahnen: Der Tarameterkutscher erhält entweder bei 10 Mark Einnahme 2 Mark Grundlohn und 25 Proz. und besorgt die Wagenwäsche oder er erhält bei 12 Mark Einnahme 2 Mark Grundlohn und 25 Proz. ohne Wagenwäsche. Außerdem werden verschließbare Räume zur Aufbewahrung der Sachen verlangt usw. Der Vertrag soll nur für ein Jahr abgeschlossen werden. Zentralverbnnd der Töpfer. Eine sehr zahlreich besuchte Mit- gliederversammlung der Filiale Berlin fand am Freitag im Ge- iverkfchaftshause statt und befaßte sich zunächst mit dem bevor- stehenden Gautag, der am 22. Oktober in Fürstenwalde abgehalten Ivird. Als Delegierte zum Gautag wurden gewählt: Rudolf Schmidt, Hans Sorg, Cronfeld, Wilh. Haase, Max Kemnitz, Otto Taubert und Paul Kalve.— Eine lange und recht lebhafte Debatte wurde sodann über den zweiten Punkt der Tagesordnung geführt. über die Frage: Wie hat sich nach dem 1. Oktober der Arbeitsnachweis zu ge st alten? An diesem Tage treten nämlich die Beschlüsse der Münchener Generalversammlung des Töpferverbandes in Kraft und damit auch der Beschluß, wonach an Orten, wo einseitige, das heißt nichtparitätische Arbeits- nachweise bestehen, das Umschauen gestattet sein soll.— Gegen ungefähr 100 Stimmen nahm die Versammlung folgende Resolution an, und lehnte es damit ab, sich dem Beschluß des Verbandstages zu fügen. „Da durch die bisherige Durchführung des obligatorischen Arbeitsnachlveises das entwürdigende Umschauen nach Arbeit vermieden wird und die Regelung von Angebot und Nachfrage sich zum Vorteil nicht nur einzelner, sondern aller Kollegen voll- zogen hat, und nian auch nur dadurch eine genaue Uebersicht über die Lage des Arbeitsmarktes erhält; da es ferner nur durch den Arbeitsnachweis möglich ist, bei Eintreten einer schlechten Kon- junktur eine genaue Kontrolle darüber zu führen, ob der Tarif innegehalten wird, beschließt die heutige von zirka 1200 Kollegen besuchle Versammlung: der obligatorische Arbeitsnachweis bleibt bestehen; jedes Umschauen ist verboten. Zur Ausarbeitung eines neuen Reglements oder einer neuen Geschäftsordnung ist ein aus 7 Personen zu bildendes Kuratorium zu wählen, das zugleich als Schiedsgericht zu fungieren hat. Ter Entwurf des Reglements ist einer der demnächst statt- findenden Mitgliederversammlungen vorzulegen." Nachdem diese Resolution angenommen war, legten Froberg und Hein ihre Aemtcr als Mitglieder des Arbeitsnachweis- Kuratoriums nieder, und Bartsch protestierte als Vertreter des Verbandsvorstarpes gegen den VcrsanrmlungSbeschluß. Hierauf wurde die erwähnte siebengliedrige Kommission gewählt. Sodann wurde über die F c n st e r f r a g e beraten und dazu wieder die bereits im vorigen Jahre durchgeführte Resolution an- genmumen, wonach vom 15. Oktober ab auf den Bauten, nur dann weiter gearbeitet werden soll, wenn jeder Töpfer durch genügende Verglasung oder Verschalung der Fenster vor Zugluft geschützt ist. Die Resolution soll den Bauherren und Arbeitgebern zugestellt werden. Jeder Kollege hat sich streng danach zu richten. Bei Ar- beitsniederlcgung wegen der Fenstcrfrage wird vom vierten Tage der Arbeitslosigkeit an Unterstützung gezahlt. Letzte Nachrichten und Depefchea Wie», 6. Oktober.(W. T. B.) Abgeordnetenhaus.(Fort- setzung.) In seiner Rede führt der Ministerpräsident Freiherr v. Gautsch weiter folgendes aus: Die Einführung des all- gemeinen gleichea, direkten, geheimen Stimmrechts sei eine Frage von so überaus weitgehender, ja grundstürzender Be- deutung für alle öffentlichen Angelegenheiten, daß sie seines Erachtens nur mit großem Ernste, mit der größten Objektivität und nur nach reiflicher Prüfung aller Argumente für und wider gelöst werden könne. Deshalb werde er auch nicht unterlassen, heute von dieser Stelle auf alles dasjenige zn erwidern, was in der gestrigen Rede des Sprechers der Sozialdemokratie an Hohn, Spott und an persönlichen Angriffen enthalten ge- Wesen sei.(Bravorufe.) Es wäre keine glückliche Lösung, wenn irgend eine Nationalität des Reiches durch das allgemeine Slimmrecht um jene Vertretung im Abgeordnetenhause käme, die sie nach ihrer kulturellen und geschichtlichen Bedeutung zu beanspruchen berufen sei. Ju solchem Falle bilde das allgemeine Stimmrecht nicht nur ein gefährliches, sondern ein sehr kurz- lebiges Experünent. Das österreichische Parlament sei nicht nur die Vertretung der Parteien und einzelner politischer Anschauungen, sondern auch die Vertretung der Nationalitäten. In England bc- stehe bisher das allgemeine gleiche Stimmrecht nicht, Deutschland habe es zwar für den Reichstag als Erbschaft der Eiuhcits- bestccbungen des Jahres 1843 übernommen, doch fehle es auch hier nicht au Versuchen, die nivellierende Macht des allgemeinen Stimm- rechts abzuschwächen. Das allgemeine Wahlrecht bestehe eigentlich nur in Deutschland und Frankreich, zwei Staaten, die auf einheit- licher nationaler Grundlage beruhen. Oesterreich sei am wenigsten geeignet, nach irgend einer Schablone regieUzu werden. Abg. DzieduSzycki(Pole): Die Polen verschließen sich nicht der Notwendigkeit der Ausdehnung des Wahlrechts, doch könne diese Angelegenheit nicht im Wege der Dringlichkeitsanträge und ohne Rücksicht darauf gelöst werden, daß dieses Parlament ein Länderparlament sei.— H 0 r t i s(italien. Vereinigung) glaubt, die durch das allgemeine Wahlrecht ins Haus entsandten/Vertreter würden einen noch stärkeren Rückhalt im Volke haben und ihre Stimmen könnten dann in. Parlamente nicht ignoriert werden.— Dr. Menger(deutsche Fortschrittv.) erklärt, er könne nicht für die Anträge stimmen, solange nicht für eine gebührende Vertretung aller Nationalitäten Garantie geschaffen sei.— O f n e r(bei keiner Partei) appelliert an die Deutschen sowie die Fortschrittsparteien, ohne Furcht für das allgemeine Wahlrecht einzutreten.— S t e i n (alldeutsche Vereinigung) erklärt, die Alldeutschen würden für die Dringlichkeit stimmen und den Antrag, die Festlegung der deutschen Staatssprache betreffend, hierbei erneuern.— Lecher(deutsche Fortschrittspartei) tritt gleichfalls für das allgemeine gleiche Wahl- recht unter Wahrung der nationalen Autonomie ein.— Auch De rschatta(deutsche Volkspartei) spricht sich für die Dring- lichkeitsanträge aus.— Schöpfer(christl.-soz. Vereinigung) tritt gleichfalls für das allgemeine Wahlrecht ein. Bei der dann folgenden Abstimmung wird die Dringlichkeit sämtlicher Anträge abgelebnt. Nach Verlesung des Vertagungs- Reskriptes wird die Sitzung sodann unter großem Lärm geschlossen._ Verantw. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts B'�dr.u. Verlags Paul Singer Lc Co., Berlin S W. Hierzu 3 Beilagen. 235. 22. 1. MlM des„UllMlirts" Kerlilltt Alllksdllltt. b'«mde-d. 7. Sdt.w M5. Parteigenossen! Hm Sonntag ist flugblattverbreitung in gan2 Kerlin! Der zweite Tag des Kolonial- Kongresses. Verhandlungen deS Kolonial- Generalleutnants z. D. Im Mittelpunkt der heutigen kongresses stand ein Vortrag des v. Liebert- Berlin über die politische, militärische und volkswirtschaftliche Bedeutung einer starken Scciuacht. Der Redner, bekanntlich einer der Hauptmatadore des Flotten Vereins, erklärte zunächst eine starke Flotte für eine Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens und die Machtstellung des deutschen Volkes. Die Sozialdemokratie habe neben dein Worte Militarismus noch den Begriff Marinismus aufgestellt, um der grasten Belastung des steuerzahlenden Volkes Ausdruck zu geben. Dem gegenüber falle es nicht schwer nachzinvcisen. dast die Kriegsflotte die beste Stütze und Sicherheit für den Volksivohlstand, für das An- wachsen des Reichtum? und für die Machtstellung der Nation sei. Zunächst bedürfe Deuischland einer st a r k e n Seemacht zur Verteidigung seiner Küsten gegen eine Blockade, zun, Schutze des Neberscehandels, der zurzeit einen Wert von 8 Milliarden Mark habe. Der deutsche Handel habe sich erst zu dieser bedeutenden Ziffer erhoben, seitdem er unter der deutschen National- flagge gehe. Vor allem bedürfe die gewaltig angewachsene In dustrie der stetig und gleichmäßig gesicherten Zufuhr der Rohstoffe und des ebenso gesicherten Exports ihrer Erzeugnisse. Es komme aber auch speziell in Betracht, daß vielmal Zehiitansende von Arbeiter» mit ihren Familien vom Schiffbau lebten. Ans den kaiserlichen Wersten seien 1898 nur 12 000, 1905 aber 17 000 Arbeiter beschäftigt gewesen. Damals habe das Durchschnittseiickoinmen des erwachsenen Arbeiters 1200 M. betragen, gegenwärtig betrage es 1854 M. Ein großerTeil des Marinebudgets fließe in die Taschen der Arbeiter. Der Unternehmergewinn falle hier fort. Die deutsche Arbeiterbevölkerung sei daher an dem Aus- bau der deutschen Flotte außerordentlich interessiert. Wenn Bebel es durchsetzte, daß keine Kriegsschiffe mehr gebaut werden so wäre das für die Arbeiter eine so folgenschwere und verhängnisvolle Maßregel, daß di'e Arbeiter voraus- sichtlich mit der Revolution antworten würden. Daß Deutschland ohne Kriegsflotte keine Kolonien zu erwerben ver- möchte und daß es ohne Kolonialbesitz für die ZiikunftSvvlk-?win- schaft lahm gelegt und in die traurige Rolle Oesterreichs herab- gedrückt werden würde, brauche er vor der versammelten Zuhörer- schaft wohl nur zu erwähnen, ohne es näher begründen zu müssen. Preußen sei durch die gewaltige Arbeit an seiner Armee nicht ver- armt, sondern groß und mächtig geworden. DasDeutsche Reich habe die gleiche Aufgabe an seiner Marine zu er- füllen. Es dürfe sich nicht durch abgedroschene Redensarten wie unproduktive Ausgaben und Ueberlastnng der Steuerzahler abschrecken lassen. Fahre es fort an dem Ausbau seiner Flotre, werde es erst zu Lande und zur See machtgebietend dastehen, dann iverde sich das Wort bewahrheiten, das 20. Jahrhundert gehöre den Deutschen. Daß diesen Ausführungen stürmischer Beifall folgte, ist ein Zeichen für den geistigen Tiefstand einer Zuhörerschaft, die die un- glaublichsten Behauptungen ohne Prüfung in den Kauf nimmt, ohne auch nur einen Versuch eines Beweises zu verlangen. Der Auf- fasslmg, daß eine starke Flotte in, Interesse der industriellen und handelspolitischen Entwickelnng Deutschlands notwendig sei, sind wir bereits gestern in unseren Randglossen zu dem Vortrag des Dr.Helfferich entgegengetreten. Ebenso schlecht ist es um die Behauptung bestellt, daß eine starke Flotte Bürgschaft des Friedens sei. Gerade das Gegenteil ist richlig. Je stärker Deutschlands Flotte wird, mit desto stärkerem Mißtrauen werden die ausländischen Mächte, in erster Linie England, dann aber auch Amerika, die deutsche Politik verfolgen. Schon die bekannten Drohnngen der englischen Admiräle und Politiker gegen Deutschland beweisen, welchen intensiven Grad das Mißtrauen in England bereits erreicht hat. Auch ist eS gar nicht möglich, unsere Flotte so stark zu machen, daß sie der englischen oder auch nur der amerikanischen die Wage halten könnte. Gerade in dem neuesten Flottenjahrbuch wird ja darauf hingewiesen, daß England auch nach dem Ablauf des FlottcngefetzeS noch zirka die dreifache Stärke an Linien- schiffen und großen Kreuzern besitzen wird wie Deutschland. Auch Amerika, das sich erst in letzter Zeit auf die Weltpolitik geworfen hat und der fehlenden Notwendigkeit wegen, gleichzeitig eine starke Landarinee zu unterhalten, in der Lage ist, Deutschlands selbst forcierteste Flottcnrüstungen jederzeit weit zu überflügeln. Gegen diese beiden Gegner kann also Deutschlands Flotte niemals auf- kommen. Aber gerade diese beiden Länder kämen als eventuelle Gegner Teutschlands überhaupt nur in Frage. Ein Krieg gegen Frankreich oder Rußland würde nicht zur See, sondern zu Lande entschieden werden. Man sieht also, wie sinnlos die Behauptung ist, daß gesteigerte Flottenrüstungen Deutschland irgend eine Garantie für die Erhaltung des Friedens böten. AuchzueinerVerteidigung der deutschen Küsten gegen eine Blockade würde, sofern England und Amerika als gegnerische Mächte in Frage kämen, eine noch so starke deutsche Kriegsflotte nicht ausreichen. England brauchte nur einen Kaperkrieg gegen die deutsche Handels- flotte zu führen und die deutsche Schiffahrt wäre vollständig lahm- gelegt. Durch eine Trutzpolitik vermag also Deutschland gegen die überseeischen Nastonen nichts auszurichten, sondern nur durch eine verständige Friedenspolitik, die alles vermeidet, was das Mißtrauen und die Eifersucht Englands und Amerikas hervorrufen könnte. Geradezu abgeschmackt aber ist der Versuch, nachzuweisen, daß die deutsche Arbeiterschaft aus wirtschaftlichem Interesse für Flotten- bauten eintreten müsse. Ganz unrichtig ist eS namentlich, daß der größte Teil der Flottenausgaben in Gestalt von Arbeitslöhnen in die Tasche der Arbeiter zerflössen. Von den fünf Milliarden, die nach dem Flottengesetz bis zum Jahre 1917 für unsere Flotte ausgeworfen sind, entfallen nur 1759 Millionen auf Schiffsbanten und Armierungen, sowie Werft- und Hafenbantcn. Die übrige Summe entfällt auf fortdauernde Ausgaben. Jndiensthaltungen, Unterhaltung des Marincpersonals, Anleihezinsen(nicht weniger als 406 Millionen Mark I) und den Mckrinepensionsetat. Zwei Drittel der Ausgaben für die Flotte kommen also für die Arbeiterschaft gar nicht in Frage. Aber auch von den 1700 Mill. entfällt nur ein kleiner Teil auf die im Kriegsschiffbau beschäfligten Arbeiter. So wurden im Jahre 1902 an Löhnen auf den kaiserlichen Werften nur 20'/z Millionen bezahlt, während die Ausgaben für die Flotte über 233 Millionen betrugen I Unfinnig ist auch die Behauptung, daß im Schiffsbau der Unternehmergewinn fortfalle. Es ist oft nachgewiesen worden, daß! I gerade die Werftaktionäre und die Panzerplattenpatrioten a la Krupp I und Stumm den Löwenanteil in ihre Tasche stecken. Aber ab- gesehe» von diesen Einzelheiten: Dem Rechencxempel des Herrn Liebert liegt eben die sinnlose Annahme zugrunde, daß die Milliarden, die für die Flotte aus den Taschen der Arbeiter in Gestalt in- direkter Steuern herausgepreßt werden, überhaupt nicht kon- sumiert werden würden. wenn keine Kriegsschiffe gebaut wurden. Diese Milliarden würden aber selbstverständlich ebenso gut konsumiert werden, ja noch viel besser, da sie von den Arbeitern in Lebens- mittel» und anderen Verbranchsartikeln angelegt werden ivürden. Die Arbeiterklasse hat also durch den Kriegsschiffbau nicht nur keinen Vorteil, sondern einen ganz erheblichen Nachreil. Ganz albern aber ist die Behauptung, daß Deutschlands Handel sich erst dann entwickelt habe, als der deutsche Export unter der deutschen Flagge habe gehen können.- Die Entwickelung unserer Industrie hat mit der Vergrößerung unserer Kriegsflotte auch nicht das allermindcste zu tun. DaS„seegewaltige" Deutsche Sieich bat sich noch in den letzten Jahren— man denke arr den bekannten Vorfall bei Mauila, an die Brüskierung eines deutschen Kriegs- schiffcs in einem russischen Schrvarzeu Mccr-Hafcn und an das Nordseeabenteuer des Adinirals Roscbdjestwcnsky— von größeren Mächten alles bieten lassen. Lediglich der Haitianischen Neger- republik und dem Präsidenten Castro von Venezuela hat»ran die „gepanzerte Faust" gezeigt. Ebenso sinnlos ist die Behauptung, daß Deutschland ohne Kolonialbesitz für die Zukunft zu der traurigen Rolle Oesterreich-Nugarns verurteilt sein werde. Oesterreichs in- dnstrielle und merkantile Rückständigkeit bar mit der Kolouialpolnik auch nicht das geringste zu tun. Auch wenn ivir heute unsere sämtlichen Kolouieu au Oesterreich verschenken würden, würde die Eulwickelung Oesterreichs nicht im mindeste» beschleunigt werden! Der dröhnende Schlußsatz deS Herrn v. Liebert, daß dem zur See machtgebielenden Deutschland das 20. Jahrhundert gehören iverde, ist nichts als eine lächerliche Phrase nud eine kindische Provokation gegenüber den anderen Mächten. Was sonst noch verhandelt wnrde, war belanglos. Höchstdns war noch zu bemerken, daß Kaufmann Vietor-Bremen über den Handel der deutsche» Kolouicu sprach und vor einer lieber stiirzung in der EntWickelung unserer Kolonien warnte. Es sei nicht rickitig, daß es in den Kolonien an Kapital fehle. Es sei im Gegen- teil für alle Unternehmungen Geld genug vorhanden. Nötig sei allerdings, daß das Reich in den Kolonien Bahnen baue. Diese Bemerkungen sind insofern interessant, als siebe weisen, daß die Uncrgiebigkeit unserer Kolonien durchaus nicht auf den Mangel an Kapital zurückzuführen ist. An Kapital fehlt es nicht, wohl aber an der Möglichkeit einer gewinnenden Anlegung desselben. Nicht einmal für die gewünschten Bahnbauten will das Kapital das Risiko übernehmen. Der Staat soll die Kosten tragen! DaS deutsche Volk bedankt sich aber für Kapital- anlagen, die dem Privarkapitalistcn zu riskant erscheinen! Ferner sprach Pfarrer Richter- Schönebeck bei Belzig über:„Der Islam, eine Gefahr für unsere afrikanischen Kolonien". Er führte aus, daß unter keinen ttniständen die Jslannsierung der Eingeborenen in unseren Kolonien begünstigt werden dürfe. Dem Vordringen der arabischen Sprache und des arabischen Kultus müsse überall entgegengearbeitet werden. Schließlich müsse den Sultanaten im Hinterlande von Kamerun gegenüber eine feste Politik eingeschlagen werden, die sich bewußt bleibe, daß ein schwer zu überbrückender Gegensatz der Interessen zwischen der deutschen Kolonialpolitik und ihnen bestehe. Diese Andeutungen beweisen, welche Gefahre» für unsere Kolouialpolitik in dem Islam und den arabischen Sultanate» ZeniralafrikaS bestehen. Nach den Ausführungen des Referenten erscheint eS durchaus nicht ausgeschlossen, daß wir eine jönen Tages auch noch in einen ungeheueren kostspieligen und opferreichen Krieg mit dem I s l a ni v e r w i ck e l t w e r d e n. Zu allen den unseligen anderen Gründen ist das ein neuer Grund, unsere abenteuerliche Volks ausbcuteudc Kolouialpolitik mit aller Macht zu bekämpfe»! Hm der Partei. Die Berichterstattung vom Parteitage in Jena nimmt in allen von den in Betracht kommenden Organisationen einberufenen Ver- sammlungen einen glatten Verlauf. Wie dies schon in der Partei- presse zum Ausdruck gekommen ist, so finden die Verhandlungen und Beschlüsse der Jenaer Tagung auch in den Versammlungen überall Befriedigung und die Zustimmung der Parteigenossen. Am Mittwoch nahmen, wie uns geschrieben wird, die Stuttgarter Parteigenossen in gutbesuchter Versammlung den Bericht ihrer beiden Parteitagsdelcgiertcn Wasncr und Schuhmacher entgegen. Die von letzterem in Jena getane Aeußeruug, wonach„die Strömung gegen die Maifeier in gewissem Grade ihren Ursprung in Stuttgart" habe, führte zu einer lebhaften Auseinandersetzung, an der sich auch der zweite Vorsitzende des Holz- arbeilerverbandes Genosse Leipart, der Redakteur der„Holzarbeiter- Zeitung" Genosse Deinhardt. und vom Bureau des Metallarbeiter- Vorstandes die Genossen Massatsch und Lauterbach beteiligten. Die genannten verwahrten sich und ihre Vorstände anfS enischiedeuste dagegen, die Maifeier gehindert oder ihre Beamten von der agitatorischen Tätigkeit für die Partei zurückgehalte» zu haben. Leipart wies nach, daß der folgenschwere Beschluß des Stuttgarter Gewerkschastskartells, den bisher alljährlich veranstalteten Maiumzug fortfallen zu lassen, wodurch der Eindruck der diesjährigen Maifeier wesentlich gelitten hat, auf das eigene Verschulden der Stuttgarter Arbeiter und keineswegs auf das Betreiben der söge- nannten Gewerkschaftsführer zurückzuführen sei. Die Beteiligung sei eben von Jahr zu Jahr schwächer geworden, so daß sich das Kartell fragen mußte, ob unter diesen Umständen der Umzug noch als Demonstration gelten könne. Im Verlaufe dieser Erwägungen habe man dann den Beschluß auf Fortfall des Umzuges gefaßt. Zweifellos habe in diesem Jahre die Maifeier auch durch die Schillerleier gelitten, die ja in Stuttgart die größte» Wellen schlug und gewiß nicht auf das Schuldkonto der Gewerkschaftsführer zu setzen sei. Die Parteigenossen in ihrer großen Masse sollten die Schuld für das Abflauen der Maifeier in ihrer eigenen Lauheit und Gleich- gültigkeit suchen, nicht aber einzelne Personen zu Sündenböcken stempeln wollen. Diese Erörterung, an welche sich eine Beschlußfassung nicht knüpfte, wird hoffentlich die Folge haben, daß in Zukunft auch in Stuttgart die Parteitagsbeschlttsse über die Maifeier zu möglichst wirksamer Durchführung gelangen.— I m 10. hannoverschen Wahlkreis erstattete in einer Versammlung des sozialdemokratischen WahlvereiuS in Hildesheim Genosse Rauch Bericht. Was die Bebelsche Resolution zum politischen Masjeustreik betreffe, so sei der Inhalt ganz gut, eine ganze Anzahl von Sätzen könne von jedem unterschrieben werden, jedoch habe er. Redner, ihr nicht zustimmen können, nachdem ein Antrag Legien, der die ausdrückliche Hervorhebung des Massenstreiks in der Resolution gestrichen haben wollte, abgelehnt worden sei. In der Diskussion kam allgemein die Zustimmung zn der Re- solution Bebel zum Ausdruck. Einstimmig gelangte folgende Re- solution zur Annahme:„Die heute im Gewcvkschaftshause tagende, gut besuchte Versammlung des sozialdemokratischen Wahlvcreins erklärt sich mit den Beschlüssen des Parteitages voll und ganz ein- verstanden, ohne dem Delegierten des Wahlkreises über seine Ab- stimnmng bei der Resolution Bebel einen. besonderen Vorwurf zu macheu."— In der Versammlung des sozialdemokratischen Vereins in Kassel gelangte nach der Berichterstattung folgender von Scheide- mann gestellter Antrag zur Annahme: „Der sozialdemokratische Verein Kassel beschafft sofort nach dem Erscheinen der Bebelsche» Broschüre über den Massen- st r e i t mehrere Hunderl Exemplare zur Gratisverteilung an die in einer bestimmten Versammlung erscheinenden Mitglieder." Ei» neuer Streiter im proletarischen Klassenkampfe ist am 1. Oktober in Gestalt der„ R e m s ch e i d e r Arbeiterzeitung" auf den Plan getreten. Hoffen wir, daß sich das Blatt günstig ent- wickele und das Streben, Remscheid zu einer Hochburg des SozialiS- mus zn machen, von Erfolg gekrönt werde. polireilicbeo, GmebtHehes utw. Sächsisches. Der Redakteur Genosse Ernst Schubert in Zwickau, der gegenwärtig eine achtmonatige Gefängnisstrafe verbüßt, hatte sich am Montag vor dem Zwickauer Schöffengericht wegen an- geblicher Beleidigung und Verrufserkläruug des Gastwirts Hager in Plauen zu verantworten. Im Juni dieses Jahres er- schien im„Sächsischen Volksblatt" eine Notiz, worin darauf hingewiesen wurde, daß Hager gelegentlich des Weidaer Maurerstreiks Arbeitswillige gegen Entschädigung nach Weida ver- mittelt hätte. Der Arbeiterschaft Plauens wurde diescrhalb empfohlen, sich diesen Mann genauer anzusehen. Gegen diese Notiz strengte Hager Ptivaiklage gegen unferen Genossen Schubert an. Vor Eintritt in die Verhandlung wandte sich Schubert gegen die Anklageschrift selbst, die eine Beleidigung enthalte, indem die Führer der Sozialdemokratie als Zuhälter der Partei bezeichnet werden, die geiverbsmäßig die Ehre anderer herabsetzten. Der Vorsitzende erklärte, daß das Wort„Zuhälter" in Anwendung auf eine Partei als nicht beleidigend aufzufassen sei.(?) Die Bc- hauptung Schuberts wird von einem vernommene» Zeugen bestätigt. Der Rechtsbeistaud des Klägers entwickelte eigenartige Ansichten über den Streik, indem er erklärte, der Streik, wie er von der Arbeiterschaft geführt werde, sei kein gesetzlich erlaubtes Mittel, folglich könne dem Kläger kein Vorwurf aus der Streikbrecher- vermittelnng gemacht werden: eS gäbe keinen Gesetzesparagraphen, welcher vom Streik spreche. Trotzdem kam das Gericht zur Frei- sprechung unteres Genossen, indem es ihm den ß 193, Wahrung berechtigter Interessen, zusprach, und legte dem Kläger sämtliche ent- staudeneil Kosten auf. Interessant ist die Ansicht des Vorsitzenden, das Wort Zuhälter bedeute im vorliegenden Falle keine Beleidigung. Uns lassen natür- lich die plumpen Geschmacklosigkeiten irgend eines Assessors völlig gleichgültig. Interessant ist aber, zu beobachten, wie Herren, die sich zur Aufgabe gemacht haben, angebliche Beleidigungen in der Presse zu emdeckeii, selbst mit ausgesuchten Beleidigungen operieren. Der neueste Zwickauer Fall steht nicht vereinzelt da. Bemerkenswert ist auch, daß Schöffenaerichlsvorsitzende der Ansicht zu sein scheinen, die Sozialdemolratie sei vogelfrei. Das aufreizende Plakat. Am nächsten Sonntag soll in P f a f f e n b e r g in Bayern eine Volksversammlung staitfinden. für die auch eine Abrechnung mit bezirlsamtlichen Allüren in Mallersdorf vorgesehen ist. Gegen ein solches— Staat. Gesellschaft und— Bczirksanttmänner vernichtendes Vorhaben muß rechtzeitig eingeschritten werden, sagte sich der Bezirks- amimaim Pracher. Und so ließ er au alle OrtSpolizcibehvrden seines Paschaliks folgenden vertraulichen Erlaß ergehen: Nr. 5317. Mallersdorf, 27. September 1903. K. Bezirksamt MallerSdorf. An sämtliche Ortspolizeibehörden. Beireff: Vertraulich. Aufreizung zum Klassenhaß. In den letzten Tagen ist versucht worden, im Amtsbezirk ein Plakat zu verbreiten, in welchem zu einer sozialdemokratischen Ver- sammlung aufgefordert wird, in welcher gegen die Paschawirtschaft und das herrische Benehmen der Beamten in MallerSdorf protestiert werden soll. Die Bürgermeister deS Amtsbezirks werden darauf auftnerksan, gemacht, daß zum Anschlag, zur Anheftung und Ver- teilung dieses Plakates geinäß§ 30, Abs. 2 des ReichSgesctzcS vom 7. April 1874 und gemäß Art. 12 des Ausf.-GesetzeS zur Reichs- Str.-Pr.-O. polizeiliche Genehmigung erforderlich ist. Da dieser Aufruf der öffentlichen Ordnung zuwiderläuft und persönliche Angriffe strafbarer Natur einerseits, andererseits die nach Art. 2 und 16 des Vereinsgesetzes vorgeschriebene Anzeige der be- treffenden Versammlung nicht erstattet ist(ck. Gemeindezeitung 1900 Nr. 6 S. 82/83), erhalten die Herren Bürgermeister hiermit den Aufttag: 1. Die polizeiliche Genehmigung zur Verteilung bezw. zum Anschlag deS Plakates zu versagen bezw. die Plakate nicht abzu- stenipeln. 2. Etwa vorhandene Exemplare der Plakate vorläufig zn beschlag- nahmen. 3. Denjenigen, der die Plakate unbefugt verteilt, nach Art. 12 deS AuSf.-GefetzeS zur Reichs-Strafprozeßordnung der Amtsanwalt- schaft zur Anzeige zu bringen. Gegebenenfalls ist sofort anher zu berichten. Pracher. Doch:„Boshaft ist der Sozialist". Und so macht sich die „Münch. Post" daran, dem Herrn Bezirksamtmann, der durchaus gar nicht ein Pascha sein will, fehr hübsch belehrend und »och dazu gratis nachzuweisen, daß er gerade ein Pascha ist. Sintemalen er sich souverän über die Bestimmungen des Verfamni- lnngsgesetzeS huuvegsetzt, alles zu dem Ziveck, sein Bezirksamt vor dem Vergleiche mit einem Paschatunr zu bewahren. Der über- mäßige Eifer des Herrn ist sehr verdächtig. Und so kann man gc- spannt sein, was in der Versammlung sonst noch paschamäßiges zur Sprache kommt._ Hus Industrie und Kandel. Strigerimg der Warenpreise. Während im September vorigen Jahres die Preishöhe vieler Waren einen Rückgang erfuhr, sind im September des laufenden Jahres die Preise'der ivichtigsten Nah- rungsniittel weiter über das Augustniveau hinaus gestiegen. Zivar fehlt es auch diesmal nicht an vereinzelte» Rückgängen, jedoch über« wiegen die Preissteigerungen. Eine sehr wichtige Verbilligung, die für die Ernährung der arbeitenden Bevölkerung von nicht zu unter- schätzender Bedeutung ist, weiscnKartoffeln auf. Im September 1904 kostete der Doppelzentner 4.00— 10,00 M., im September laufenden Jahres 2,30—5,00 M. Dieser Preis wird aber noch vielfach unter- boten. Getreide ist, ivie das nach der Ernte regelmäßig zu ge- schehen pflegt, gleichfalls im Preise gesunken, aber weniger stark als 1904. Dabei notiert Weizen niedriger als im Vorjahre, Roggen, die hauptsächlichste Brvtfrncht, nicht unbeträchtlich höher. Der Doppelzentner kostete nämlich im September Mark: 1003 1901 1905, Weizen.... 1S0 178 172 Roggen... 129 140 1o4 Hafer.... 132 150 156 ©cgcn 1903 sieht Roggen um 23 M. oder um rund 20 Proz. höher. Die Steigerung hat auch auf die Mehlprcisc eingewirkt; Roggen- ine hl notierte im Vorjahre 17,20— 18.50, dagegen im September dieses Jahres 19,30—20,80. Weizclimchl ist entsprechend der Be- wegung des Getreidepreises zurückgegangen. Butter und Eier sind dieses Jahr um ein Geringes billiger als im Vorjahre. Höher stehen Erbsen, Bohnen und Linsen, von denen namentlich letztere im September merklich angezogen haben. Vieh und Fleisch zeigen noch Jmmci- den ungewöhnlich hohen Preisstand. Star! angezogen haben infolge der Verteuerung des Schlacht- viehfleisches mich die Fischpreisc. Namentlich die besseren Qualitäten werden höher gehandelt. Diese Steigerung weist aus eine starke Zunahme des Fischkonsums in Kreisen hin. die in Zeiten normaler Schlachtvieh- Fleischpreise Fische Ivenig oder gar nicht konsumieren. Von andercir Waren, die für den Haushalt der minder bemittelten Bevölkerung noch eine tvichtige Rolle spielen, sind noch Kaffee, Zucker und Petroleum wegen eingetretener Preisänderungen zu nennen. Kaffee ist gegen August gesunken, steht aber höher als im Vorjahre. Zucker ist nicht nur gegen den Vormonat, sondern auch gegen 1904 wesentlich billiger geworden. Dagegen hat Petroleum infolge der ProduktionS- unterbindnng im russischen Naphthagebiet eine kräftige Steigerung erfahren. Noch im August stand es mit 5,80 M. niedriger als im August und September 1904. Im September laufenden Jahres ist es dagegen bis auf 6,90 M. gestiegen. Für Brennstoffe sind im September die höheren Wintcrprcise eingetreten. Dem arbeitenden Volke eröffnen diese stetigen Preissteigerungen recht trübe Aussichten auf den Winter. Alles wird teurer; stellen aber die Arbeiter entsprechend der zunehmenden Verteuerung ihrer Lebensbedürfnisse höhere Lohnforderungen, fällt die ganze Ordmmgs- presse vom konservativen Kreisblatt bis zum demokratischen Börsen- blatt wütend über sie her. Bodrnprcistrcibcrcicn im hmmoverscheu Erdölgcbiet. In letzter Zeit wird von Agenten und Unternehmern mehrfach der Versuch unternommen, Grundbesitzer und Gemeinden, die sich bereits durch den Abschluß von Verträgen der ihnen nach dem hannoverschen Bergrecht �stehenden Eigentumsrechte am Bergbau begeben haben, zu dem Eintritt in neue Verträge zu veranlassen, indem ihnen aller- Hand verlockende Versprechungen gemacht werden. Hiergegen richtet sich, wie die„Natioual-Zeituug" mitteilt, eine Warnung dos Rechtsanwalts Schneider in Celle, der auf einen ganz speziellen Fall Bezug nimmt, und zwar auf die Ortschaften Jeversen. Bannetze. Meißendorf und Hornbostel. Diese Genicinden haben seinerzeit mit Herrn Koffrö in Hannover Bohrverträge abgeschlossen; hier sind nun inzwischen andere Unter- nehmer tätig gewesen, um die Gemeinden und Grundbesitzer zu Grundstücksverkäufen und neuen Verträgen zu verlocken. Gegen diese geschäftlichen Manöver richtet sich die Warnung des Rechts- anwalts, die gleichzeitig auch an die Adresse der Unternehmer ge- richtet ist, welche mit den juristisch gebundenen Grundbesitzern Bohr-, Ausbeutungs- oder Berkaufsverträge abschließen wollen. Die Grund- besitzer wollen nämlich durchaus über Nacht reich werden, fordern, trotzdem für sonst fast wertlose Oedländereien in der Heide von den industriellen Unternehmern bereits sehr hohe Preise geboten werden. neuerdings Pacht- oder Kaussummen, die einem industriellen Werk bei einer eventuellen Produktion, deren Vorhandensein doch erst festgestellt werden muß, keinen Nutzen mehr lassen würden. Die Summen, die die junge Erdölindustrie der Lüncburger Heide den Heidebauern gebracht und sie zu reichen Leuten gemacht hat— in Wietze gibt es sogar Millionäre—, liegen bei den Bauern fest und sind dadurch dein allgemeinen Verkehr entzogen. Der Heidebaner sitzt auf seinem Geldsack und hat weiter kein industrielles Interesse, ohne zu bedenken, daß die Industrie es war, die ihn zum reichen Mann gemacht hat. Herr Schneider hat nicht unrecht, wenn er die starre, sich über alle Verträge hinwegsetzende Gcwmnsucht der Heidebaucrn rügt. nur sind die Bohrunternehmer um keinen Deut besser, sondern eher noch einige Grade vrofitsüchtigcr, Sie suchen die Bauern nach allen Regeln der Kunst zu prellen und sich gegenseitig die besten Terrains abzujagen. Wie früher in den amerikanischen Petroleumgebieten, so hat sich auch in dem hannoverschen Erdölgebiet der widerlichste kapitalistische Jntcressenkampf eingestellt, in dem jeder den anderen ohne irgend welche Rücksichtnahmen zu übervorteilen sucht. Das ist kapitalistische Moral. Die Jnterimtionale Bohrgesellschaft z» Erkelenz, die, wie wir bereits mitteilten, für das letzte Geschäftsjahr 100 Prozent Dividende zahlt, kündigt in ihrem letzten Geschäftsbericht an, daß sie den ihr durch das lächerliche Gampsche MutiingSeinschränkungsgesetz gebotenen Borteil voll auszunutzen gedenkt. Sie Iveist in ihrem Bericht darauf hin, daß man wieder in erster Linie auf die weitere Sicherstellung der für eigene Rechnung erbohrtcn Feldcrtomplexe Bedacht genommen habe, ein Verfahren, dessen Zweckniäßigkeit insbesondere im Hinblick auf die inzwischen im Landtage angenommene Lex Gamp durchaus gerechtfertigt erscheine. Die Gesellschaft werde auch weiter- h i n i h r e Tätigkeit daraus zu richten haben, die ihr nach dem genannten Gesetz offen gelassenen Mutungs- bezirke innerhalb der ihr zur Verfügung stehenden Frist durch Niederbringe>t der erforderlichen lv e i t e r e n B o h r u it g e n v o l l st ä n d i g znr Einmutung zu bringen. Die Gesellschaft sei hierzu imiso mehr in der Lage, als sie die Kohlenfclder in Westfalen und am Niederrhein zu günstigen Bedingungen an die Rheinisch-Westfälische Bergwerks- Gesellschaft in. b. H. verkauft habe und ihr die aus diesem Geschäft sowie aus einigen weiteren Verkäufen zu leistenden Anzahlungs- betrüge die Möglichkeit böten, über erhebliche Geldbeträge zu ver- fügen. Differenzeinwand. Die vierte Strafkammer deS Hamburger Landgerichts hatte sich gestern mit der Frage zu beschäftigen, ob sich die Erteilung von Börsenaufträgen mit der deutlich zum Ausdruck gebrachten Absicht, im Aerlustfalle regelmäßig den Differenzeinwand zu erheben, strafrechtlich als Bctru'gsversuch charattcrisiere. Das Gericht kam zu einer verneinenden Entscheidung. GewerKscKaftlieKes. Kapitalisten in der„Notwehr". In Hannober findet, wie wir schon gemeldet haben, ein ähnlicher Vorgang wie der in der Berliner Elektroindustrie, eine Aussperrung, wenn auch nicht in dem Riesen- umfange statt. Dort ist in der Maschinenfabrik bon Georg Egestorf A.- G. das gesamte Personal ausgesperrt. weil die Fräser mit einem Lohnabzug nicht zufrieden waren. Gewiß werden auch hier die Soldschreiber des Unternehmer- tumL von der Unmöglichkeit faseln, die Anspräche der Arbeiter zu befriedigen und werden den Gewaltakt in einen Akt der Notwehr umliigen. Da ist eS denn interessant zu wissen, daß fast um dieselbe Stunde. in der den Fräsern in Hannover gesagt ivurde:„Wenn Ihr für das Geld nicht arbeiten wollt,' dann seid Ihr entlassen", der Aufsichtsrat in einer Sitzung in Berlin den Aktionären bekannt� gab, daß der Bruttogewinn der Fabrik in diesem Jahre 2 Iii 901 ,98 M. beträgt, gegen 2 IM 220,83 M. im Vorjahre— 27 000 M. mehr. Für Abschreibungen. Reserve- stellungen i».d Gewinnanteile werden 978418 M. gegen 951 860,07 M. verwandt; 25 Proz. Dividende sollen, wie im Borjahre, verteilt und 33 733,08 M. gegen 33024,10 M. auf neue Rechnung vorgetragen werden.— Den auf die Straße geworfenen 10 Arbeitern wollte man den Lohn um 10 Proz. kürzen. In dem Betriebe arbeiten etwa 2000 Arbeiter. Zwei Millionen Mark haben sie mehr erarbeitet, als ihnen an Lohn ausgezahlt ist, das macht für jeden Arbeiter rund 1000 Mark! Diesen Mehrwert stecken Kapitalisten ver- gnügt in die Tasche, Kapitalisten, die nie einen Finger krumm machen beim Bau einer Lokomotive. Mit aufreizender Deutlichkeit wird hier den Arbeitern die Brutalität der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zum Bewußtsein gebracht. Die Direktion der Fabrik sorgt nun nicht etwa dafür, daß die Arbeiter, die den Gewinn schaffen, daran einen Anteil haben, sie will im Gegenteil den Arbeitern den Lohn kürzen, um den Aktionären die Taschen noch mehr mit Gold zu füllen.__ Berlin una Qmcycgcnd. Lohiibcwcguiig der Straßenbahner. Zu der Straßenbahnerversammluiig, die im Gelverkickmstshaase jene von uns bereits mitgeteilte Spmpathieresolntiou zugunsten der Ausgesperrten annahm, wurden auch die Lohnverhaitnisse der An- gestellten einer kritischen Besprechung unterzogen. Außer dem Or- ganisatiouSvertretcr R a t h m a n n sprachen noch eine ganze Anzahl Fahrer und Schaffner zu der Angelegenheit. Sämtliche Redner sprachen sich unter dem Beifall der Anwesenden einmütig dahin ans, daß angesichts der teuren Fteischprcise und der noch weiter zu er- wartenden Lebensmittelverteuerung mit den jetzigen Löhnen nicht auszukommen sei. Erhalten doch beispielsweise die Ersatzfahrcr und-Schaffner nur Löhne von 2,85 M. pro Tag; sie werden also noch unter dem ortsüblichen Tagelohn bezahlt. Im Hinblick ans die stetig wachsenden Einnahmen der„Großen Berliner" könne es Wohl niemand den Angestellten verargen, Ivenn sie eine bessere Entlohnung verlangten. Die Forderungen sollen noch erst im engeren Kreise spezialisiert ausgearbeitet werden. Wie die Redner ausführten, genüge es vorläufig, wenn sich die Versammlung im Prinzip mit einem Vorgehen in dieser Hinsicht einverstanden erkläre. Im übrigen könne man es nur machen, ivie bisher, daß man mit Forderungen einfach über Nacht an die Direktion herantrete. Den Vorschlägen wurde zugestimmt.— Nathmauu ging außerdem auch auf das Ergebnis der letzten Vertrauens in ännerwahlen ein, die in den letzten Tagen des September stattgefunden und mit einein nainbasten Erfolge der Organisation geendct hatten. So wurden für die Kandidaten des Verbandes 2905 Stimmen abgegeben, während auf die Kandidaten des von der Direktion protegierten Straßen- bahnervereins nur 1838 Stimmen emsielen. Der Verband stellte denn auch 26, der Verein dagegen nur 14 Vertrauensmänner. Bei einem derartig erfreulichen Ergebnis will es nichts besagen, daß die Mehrheit der Angestellten dem„Verein" angehört. Die Zugehörig- keil äst eben nur eine nominelle, weil der Eintritt in den„Verein" „von oben" so sehr„gewünscht" wird. Würde man cS jedem Straßenbahner wirklich freistellen, ob er dem Verein angehören wolle oder nicht, so dürfte aus dem Verein bald nur ein winziges Vereinchen werden. Innerlich fühlt sich die große Mehr- heit der Straßenbahner zweifellos nach dem Verbände hin- gezogen; schon deshalb, weil vom Verbände aus noch stets die Initiative zu Verbesserungen der Lohn- und Dienstverhältnisse der Angestellten ergriffen worden ist und freimütig alles gesagt wird, was sich die protegierten Vereinsmeicr nicht zu sagen ge- trauen. Zur Aiiöspernmg der Lederarbeiter sWeißgcrber, Färber) ist zu berichten, daß die HülsSarbeiter und Arbeiterinnen sich mit den Aus- gesperrten solidarisch erklärt und die Arbeit niedergelegt haben. Der Geist unter den Ausgesperrten ist ein vorzüglicher. Der Streik der Rohrcr hat bis jetzt einen glänzenden Verlauf genommen. 15 Firmen haben sich zu einem Verband zusammen- geschlossen und ein Flugblatt herausgegeben, in welchem sie ver- suchen, ihre Auftraggeber zur Nachsicht zu bewegen. Einer von diesen 15 Unternehnier» hat gleich am Tage darauf, nachdem er das Flugblatt seiner„Kollegen"»nterschrieben halte, die Forderungen an- erkannt. Die Baumeister und Bauunternehmer haben sich schon in großer Zahl an das Bureau gewandt, um Rohrer zubekommen. Sie wollen gerne noch mehr zahlen, als im Tarif verlangt wird, und haben die Firmen, welche bewilligt haben, schon sehr viele Auftrüge erhalten, so daß täglich eine Anzahl der Streikenden in Arbeit gehen. Die koalierten Rohrdcckcnfabrikautcn versuchen nun mit aller straft, den Firmen die bewilligt haben, das Maierial abzuschneiden. Dadurch aber ichneiden sie sich ins eigene Fleisch. Es entstehen täglich neue Firmen, welche die Forderungen anerkennen und auch so kapital- kräftig sind, daS Material von etwas weiter her in genügender Menge beziehen zu können, zum Teil sogar zu billigere» Preisen. Die Lohnkonimission steht diesen Firmen mit Vorschlägen und Auskünften in dieser Beziehung mit fachmännischem Rate bereit- willigst zur Seite, so daß manche von den halsstarrigen Herren überhaupt nicht mehr zu bewilligen brauchen, weil sie über- flüssig werden.— Mit großer Mühe suchen die Herren in Stettin Arbeitswillige. Doch vergebens. Einer der nach hier verlockten„Arbeitswilligen", der gestern angekommen ist, erschien im Streikbureau und warnte von hier ans selbst seine Kollegen, welche am Sonntag nachkommen wollten, durch ein Schreiben. Er selbst fährt heute noch nach Stettin zurück, ohne auf da? Reisegeld zu warten, welches ihm die Firma JulinSberg nach 14 tagiger Arbeit zurückerstatten wollte. DeutMies Reich. Die„rrhobcuc Haut»". In der Fahrradfabrik Brandenburgia zu Brandenburg hatten seinerzeit die Arbeiter geincinschastlich die Ueberstunden verweigert, weil ein Aufschlag von 30 Prozent für Ueberstundcn nicht zugestanden wurde. Darauf wurden die Arbeiter ausgesperrt. Als dann mit einer Anzahl älterer Arbeiter und der Lehrlinge der Betrieb unregelmäßig fortgeführt wurde, versuchten die Ausgesperrten, jene Leute zur Arbeitsniederlegung zu bewegen. Infolge einiger Szene», die sich dabei abspielten, wurde der Arbeiter B. in zweiter Instanz wegen Uebertretung des Z 153 der Gewerbeordnung und wegen Körperverletzung zu insgesamt 4 Tagen Gefängnis verurteilt. Im Stile unserer Schancrromantik schilderte das landgerichtliche Urteil, daß die Streikposten in drohender Haltung die lieben ArbeitslviUigcn von Straße zu Straße verfolgt hätten, bis der moralische Widerstand der Arbeitswilligen zu einer Schlägerei geführt habe, bei der man mich den Angeklagten B. habe die Hand erheben sehe».— Auf die vom Rechtsanw Dr. Heinemann ein- gelegte und vom Rechtsanw. Ruhm am 5. Oktober vor dem Kammer- gerächt vertretene Revision hob der erste Strafsenat das Urteil hin- sichtlich der Anlvendung des 8 lö3 der Gewerbeordnung ans und verwies die Sache noch einmal au daS Landgericht. Begründet seien die Rügen der Revision nur insofern, als der au sich schwerere 8 240 des Strafgesetzbuches iNötiguug) in Betracht käme, dessen Nichiberiickiichtigimg den Angeklagten deshalb beschwere, weil er im Gegensatz zum ß 153 der Gewerbe-Orduung auch Geldstrafe zulasse. Im übrigen seien aber die Tatbestandsmerkmale des 8 123 der Gewerbe-Ordnung richtig festgestellt, insbesondere sei mit Recht eine Vereinigung zwecks Erreichung günstigererLo h n- u n d Arbeitsbedingungen angenommen toorden, da feststände, daß die Arbeiter die Wiederaufnahme der Arbeit von der Bedingung eines 3vprozcntigen Lohnzuschlages für Ueberstunden abhängig machten.— Gegen die Feststellung einer Körperverletzung durch B. lasse sich nichts einwenden. Es genüge die„Feststellung", daß B. bei der ganzen, in einer Schlägerei endenden Affäre„bewußt mitwirkte" und daß ein Zeuge sah, daß B. die Hand erhob und nieder- fallen ließ. Zum Kampf im Bangewerbc in Königsberg. Kürzlich meldeten wir, daß der Zentralverband der Mamcr, um endlich den Frieden im Baugewerbe herbeizuführen, an den Arbeitgcberverbaud für das Baugewerbe ein Schreiben gerichtet hat, in dem er sich mit der Bildung einer Kommission zur Schlichtimg von Streitigkeiten ein- verständen erklärt und nun— nachdem der Streitpunkt beseitigt ist, den Vertrag auf fünf Jahre schließen wollte. Der Arbeitgeber- verband ist aber jetzt auch darauf nicht eingegaugeli. da er das so späte Einlenken als nicht ganz einwandsfrei ansah. So geht der Kampf weiter. Daß diese Eiuiguiig nicht zustande gekommen, daran sind am meisten die„christlich" organisierten Maurer schuld. Diese haben dem Arbeitgcberverbaud, ihrem Vormund und Be- schützer abgeraten, auf die Einigung einzugehen, da sie bei der gegenwärtigen Situation am meisten profitieren. Der Verein zur Wahrung der Interessen der Maurer Königsbergs hat auch in einer Versammlung Stellung zu dem Vorgehen des Zentralverbaudes genommen und dasselbe scharf verurteilt. Wie zerfahren die Bewegung der Maurer in Königsberg ist, kann man am besten an der Resolution sehen, die der Verein zur Wahrung der Interessen der Maurer angenommen hat. Sie taulet: „Die heutige Versammlung protestiert gegen daS arbeiterverräterische Vorgehen des Zentralverbandes der Maurer Deutschlands(Zweigverein Königsberg) und erblickt hierin eine die Arbeiter! nteressen schädigende Erniedrigung vor dem Arbeitgeberverbande. Sie erklärt ferner, von einem Zu- sammengehen mit dem christlichen Verbände nach wie vor Abstand zu nehmen." Wenn sich die Druderorganisationen so zerfleischen, dann muß ja das Unternehmentum davon nur gewinnen. Der Konflikt in der thüringischen Textilindustrie. Gera, 5. Oktober.(Eig. Ber.) Die Geraer Weber und Webe- rinnen batten vorige Woche beschlossen, die Fabrikanten um erneute Verhandlungen über den Lohntaris zu ersuckieu, was diese mit dem Bemerken ablehnten, wenn die Weber daS Gebotene nicht annähmen, sie gar nichts zugelegt bekämen. Das hat große Erregung hervor- gerufen. Heute wurde in einer Versammlung der Streik im Prinzip fast einstimmig beschlossen. Morgen, Freilag, sollen die Arbeiter der drei Firmen Weißflog. Münch sowie Bardzki u. Oeser die Kündigung auf 20. Oktober einreichen. Die Kündignngsscheine wurden von fast allen Anwesenden unlerschrieben. Die fehlenden Arbeiter sollen um ihre Unterschrift zur Kündigung morgen vormittag ersucht werden. ES soll dann von der Berbandsleitung geprüft werden, ob die Be- teiligung genügt, um die Kündigung tatsächlich einzureichen und dann ani 21. Oktober den Streik zu beginnen. Der anwesende Ver- treter des Zeutralvorstaiides des deutschen Textilarbeiter-Vcrbaudes erklärte zu diesem Vorgehen und zu dem Streik das Einverständnis des Vorstandes, loas jubelnd begrüßt wurde. Die Arbeiter der übrigen Fabriken werden vorläufig eine abwartende Stellung ein- nehmen. Eine Privatdepcsche meldet uns: Gera(Reuß), 6. Oktober. In vier Webereien kündigte» Von 1005 beschäftigten Arbeitern und Arbeiterinnen 017. Damit hat der Kampf begonnen! Huq der frauenbexvegung. Deutscher Verband für Fraucnstimmrccht. L. H. D. Mit der öffentlichen Abcndvcrsanimlung am 5. Oktober erreichten die Veranstaltungen der bürgerlichen Frauen ihren Abschluß. Der geräumige Saal in der„Ressource" war überfüllt, aber die Leiteriunen der Versammlungen waren übermüdet, abgespannt; Frl. Heymann, die als dritte Rcdnerin vorgesehen war,' konnte wegen Erkrankung gar nicht erscheinen. Die Tagesordnung sollte lauten: „Männerpolitik und Frauen kritik." Fräulein Dr. Schirrmacher sprach alS erste Rednerin über die ganz spezielle Erscheinung der O st markenpolitik und zog den Schluß, daß die EinsichtSlosigkeit der deutschen Männer, die im Gegensatz zu den Polen ihre Frauen von der Arbeit für die nationalen Interessen engherzig fernhalten, während jede Polin eine feurige Agitatorin ist, in den Ostmarken eine Quelle der nationalen Schwäcke für uns wird.— Ilm unsere Meinung zu diesem Referat zu sagen, genügt es, hier zu bemerken, daß Fräulein Schirrmachcr ihr gesamtes Material nur vom Ostmarkenverein be- zogen und ihre Meinung ganz den Hakatistenbestrcbungen angepaßt hatte. Was Fräulein Dr. Schirrmachcr im radikalen Flügel der deutschen Frauenbewegung noch will und soll, ist uns unverständlich. Im Gegensatz zu Fräulein Lischnewska, in deren Kopfe zuweilen radikale neben viel reaktionären Ideen friedlich beieinanderhausen, ist Schirrmachcr durch- aus und konsequent reaktionär in allen ihren Anschauungen und Aeußerungen. Wie sie vor zwei Jahren im Falle der Einführung des Stimmrechts für die Frauen dies nur beanspruchte für die be- sitzenden und gebildeten Frauen, also ein nnverhülltes Klassenwahl- recht, so bekannte sie sich gestern rückhaltlos zu der von allen Seiten als verfehlt beurteilten Ausnahmepolittk gegen die Polen. Und als Herr v. G e r l a ch in der Diskussion sich bemühte, ihr das einseilige Moment nachzuweisen, das darin liegt, daß sie ihre Meinung nach der osfizielleu Parole des Oftinarkenvereins sich gebildet habe trotz all den, eklatanten Mißerfolge dieser Politik, berief sie sich in ihrem Schlußwort auf— Bismarck und war unartig genug, dem besten und geduldigsten, unermüdlichen Freunde der bürgerlichen Frauenbewegung zu sagen:„Herr v. Gerlach ist ein großer Mann, aber Bismarck war gröyer!" Irl. Dr. Augsburg als zweite Rednerin des Abends wollte das allgemeine Gebiet der Männerpolirik behandeln und Frauenkritik daran üben. Es sei aber im voraus gesagt, daß ihr dies in keiner Weise gelungen ist. Sie unterzog das Schulwesen eingehender Betrachtung, die Nechtszustände, das Kultuswesen, die Wirtschaftspolitik, die auswärtigen Be- ziehungen, und übte daran Kritik. Aber sie brachte da- gegen nicht? vor, was nicht schon von unseren Politikern in tausend Zeitungsartikeln, Broschüren, öffentlichen und parla- inentarischcu Verhandlungen viel besser und viel schärfer gesagt worden wäre und was namentlich von der Sozialdemokratie jeden Tag und jede Stunde besser und einsichtsvoller in allen seinen wechselseitigen Beziehungen und Verkettungen dargelegt wird. Daß unsere Schule eine Klassen schule ist, erfahren wir fortgesetzt am eigenen Leibe; daß sie nicht imstande ist, selbständige, geistig ftcie Menschen für das Leben zu bilden, wird von keinem Einsichtigen bestritten; daß die Verquickung von Staat und Kirche eine Vergewaltigung des Geistes ist, darunter seufzen wir seit Jahrhunderten; daß unsere Flottenpolitik das Volk wie eine Zitrone ausgepreßt, daß unsereKolonial- Politik eine nnftnchtbare, zwecklose, kultiirschänderische ist, dagegen lämpfcn unausgesetzt alle unsere Poliiiker, die sich ihre unabhängige Meinung bewahren konnte»; daß unsere auswärtige Politik von Grund auS verpsuscht ist und der östlichen Barbarei Lalaiendienste leistet, während sie sich konsequent mit der Zioilisalion des Westens verfeindet, wissen wir alle nicht erst seit Marokko. Und geradezu gcökesk wirkten in der Versammlung nach dem hier angedeuteten Aufbau des Referats die von Dr. Angspurg gezogenen Schlußfolgerimgen. Sie erinnerte daran, daß wir eine Volksvertretung, daß wir Parteien hätten und daß die Frauen, wenn sie in der Politik Wandel schaffen wollten. sich auch mit den Parteien beschäftigen müßten. Konservative und Zentrum lehnte sie glatt ab, ebenso die Sozialdemokratie, trotzdem „wir" dieser Partei Großes verdanken und es eigentlich nur ihr schulden, wenn wir als Nation nicht noch tiefer gesunken seien, � alS es der Fall ist; aber sie treibe eine nnverhüllte Klassenpolttik, mit der die Frauen unmöglich übereiiisiimmeu könnten. Da sei dann noch der Liberalismus von all ocn Nebeln das kleinste(schallende Heiterkeit aus dem Publikum, das diesmal auch eine ansehnliche Zahl von Mämient enthielt), wenn er auch immer noch ein großes Uebel sei. Wohl sei der Liberalismus nicht mehr liberal, ivohl habe er alle freiheitlichen Ideale verleugnet, alle seine Verjprechungen konsequent nicht ge- halten, reine Jnterejsenpolitil zu treiben begonnen, seine Aufgabe ganz vergessen— aber die Frauen müßten hier ihre Ideale hoch- halten, sie keinen Konzessionen opfern i'i, sich hüten, in die alten Fehler der Männcrpolilik zu verfallen, dann lverden sie ihrer lieber« zeugung nach wirklich dazu beitragen können, den Liberalismus zu regenerieren und seinen ursprünglichen, kulturellen Bestrebungen wieder zuzuführen. 5fit der Diskussion verteidigte Fräulein Schnee- Bromdcrg die Zollpolitik, die ihre Berechtigung habe, verteidigte dns Schulwesen, das nicht so sehr am System als an den Persönlichkeiten kranke, und wendete sich gegen den von Dr. Augspurg ausgesprochenen Ge- danken einer Muttcrschasts r ent e statt der gewünschten Mutter- schaftsversicherung. Gerade dagegen, daß die Frauen nur in ihren Funktionen als Mütter eingeschätzt würden, kämpfe doch die Frauen- bewegung, und deshalb sei der Gedanke der Mutterschaftsrente verfehlt, Herr v, G e r l a ch bemühte sich wieder mit viel Geduld, au? dem bisher Gesagten das Positive herauszuschälen, ins richtige Licht zu setzen und zu ergänzen. Er erhofft speziell von der Beteiligung der Frauen am Strasivesen, von der Nutzvarmachung ihrer pflege- rischen und pädagogischeu Talente reformierende Wirkungen. Schlich- lich warnt er noch vor einem Bündnis mir dem Liberalismus schlechthin und empfahl als einzig mögliche Parole für die Frauen: Mit der Linken gegen die Linke. Nach verschiedenen anderen Diskussionsrednern übte Frau Wegscheider-Ziegler priu- zipielle, aber durchaus wohlwollende Kritik an dem verfehlten System der Referate, die durchaus keine spezifische, bc- sondere Frauenkritik an Mänuerpolitik zutage gefördert hätten. Eine solche Franenkritik sei aber ivohl' möglich und könnte nur Nutzen stiften. Die Frauen, nicht gebunden an die historische Entwickelung des geltenden politischen Lebens, könnten diesem neues Blut zuführen, sie könnten den Wahrspruch: „Die Politik verdirbt den Charakter" zuichande» machen, sie könnten für die gestaltende Politik neue Nichtmigslinien zeigen, aber sie dürsten nicht in de» Fehler verfallen, die bisherigen aus- gefahrenen Gleise der Politik mit zu betrete», sonderii inühten von Grund aus neue Wege bahne». Leider wurde diese Kritik von Fräulein Martha Z i c tz- Hamburg sehr schroff und hochmütig zurückgewiesen, womit sich im Schluß- wort Anita Augspurg ausdrücklich identifizierte— ein neuer Beweis für unsere stets vertretcue Anschauung, daß es unmöglich. ja zwecklos<�'t, die bürgerliche Frauenbewegung auf ihre fort- währenden Inkonsequenzen und die sich, daraus ergebenden Fehler hinzuweisen, Fehler, die umso vethängnisvoller für sie werden tnüssen, je mehr und je ernster sie sich in die politische» Kämpfe ein- mischen. Wcißensce. Der hiesige Frauen-VildungSverein hielt Montag, den 2. Oktober, eine außerordentlich gut besuchte Mitgliedervcrsnimn- lung ab. Herr Schmutz hielt einen Vortrag über das Interesse der Frauen an der Armen- und Waisenpflege. Referent erklärte in kurzen Umrissen die Armen- und Waiscnpflcgc in der Genlcinde und führte unter anderem an. daß durch Krankheit und Todesfall in der Familie des Arbeiters sehr leicht die Not einkehren kann, und daß gerade hier die Frau am besten geeignet ist, tröstend und helfend einzugreifen. Redner begrüßte es mit Freuden, daß in der letzten Gemeinde- vertrcter-Sitzung in Anregung gebracht wurde, von jetzt ab auch Frauen als Armenpflegcr zu verwenden, bemängelte aber, daß die Frau nur mit beschränktem Recht als Beihülfe fungieren soll. Es lvurden 14 Deputiertinnen in Vorschlag gebracht. Gleichzeitig lvird noch bekannt gegeben, daß an, 16. Oktober eine Wanderversammlung im Cafö Rettig, Berlincrstr. 11, stattfindet. Herr Dr. Maurenbrechcr spricht über Frauenglück. Der Lorstand. Ein Sittenbild ans dem Gegenwartsstaat. Aus Offenbach a. M. schreibt man uns: In O f s e n b a ch am Main ereignete sich am 23. Mai eine furchtbare Tat: beini Ein- holen von Beiträgen für den Verein„Ceres", eine Organisation zum gemeinsanien Kohlenbczug, wurde ein zwölfjähriges Mädchen namens Rosa Lückert ermordet. Als Täterin wurde noch am selben Tage die Ehefrau des Glasergehülfen Lötz verhaftet, die auch alsbald die Tat eingestand. Am Dienstag ist das Weib von den Geschworenen in Darmstadt z u m T o d e verurteilt worden, die Ergebnisse der Prozeßverhandlung haben aber einen jähen Umschwung der Stimmung gebracht, die im Publikum gegen die Mörderin herrschte; wurde das Weib erst als B c st i e verflucht, so gilt sie jetzt mehr als Opfer, als Opfer der Brutalität und Geldsucht ihres Gatten! Die Ehe der zwei ist seinerzeit durch den Knppelmarkt der bürgerlichen Presse zustande gekommen. Lötz war Witwer und brachte aus erster Ehe drei Kinder mit, drei gebar ihm auch die zweite Frau, alle leben, das jüngste ist ein Säugling. Die Frau war als Mädchen immer„in besseren Häusern" bcdienstot, mit dem kleinen Einkommen dcS Arbeiters verstand sie schwer zu wirtschaften. Der Mann hielt aber auch die Frau knapp: er verdiente wöchcnt- lich 25 bis 30 Mark, davon erhielt die Frau 10,50 Mark für Fleisch, Gemüse und Materialwaren: Brot, Kohle, Miere, überhaupt fast alles andere bezahlte der Manu. Immerhin: mit 10,50 M. bei acht Köpfen auskommen, ist in der teuren Stadt Offen- bach ein Kunststück, zwar viele Arbeiterfamilien haben noch weniger, doch die Lötz kam nicht aus und machte Schulden. Deswegen und aus anderen Anlässen Zerwürfnisse, schließlich Drohung des Mannes: wenn die Frau nicht binnen drei Tage» eine Schuld von 10 M. be- zahlt, gibt eS Prügel. Am Ernst der Drohung konnte die Frau nicht zweifeln, sie ist von ihrem Gatten wiederholt mißhandelt worden, hat allerdings auch selbst schon eine gerichtliche Bestrafung lvegen Mißhandlung eines ihrer Stiefkinder erlitten. In ihrer Ratlosigkeit, woher das Geld nehmen, wurde das Weib Mörderin. Als die kleine Lückert kassieren kam, hat die Lötz sie abgewürgt, hat die Geldtasche mit 81 M. Inhalt ihr abgenommen und dann die Leiche in eine Bodenkammer geschafft. Unmittelbar vor der Tat hatte das Weib noch den eigenen Säugling getränkt! Die Tat wurde, wie gesagt, sofort entdeckt, und die Mörderin gestand alles. Zur Verhandlung gewaltiger Andrang des Publikums, elegante Damen hielten auf den Tribünen vom Morgen bis zum Abend aus—, iu demselben Darmftadt, dessen Theater so schlechten Besuch hat� daß es sich kaum halten kann. Die Sensationssucht war aber auch �von der bürgerlichen Presse vorher zum höchsten Punkt getrieben worden: brachte doch die„Kleine Presse" in Frankfurt. ein Ableger der großen„Frankfurter Zeitung", Bilder des Opfer?, der Mörderin mit ihrem Kinde und ein Bild von der Mord- statte. Die Bilder der Mörderin mid ihres KtndeS hat der Gatte der Mörderin der„Kleinen Presse" unmittelbar nach der Tat verkauft, und er hat demselben Blatte gegen Be« z a h I u n g erlaubt, eine Photographie der Mordstätte f.Küche der Lötzschen Wohnung) aufzuuehmen und zu publizieren. Geschäftig stürzte sich auch die Ansichtskarten- Industrie über den Stoff her und vervielfältigte die Bilder der„Kleinen Presse" nochmals als „Gruß aus Offen bach!" Die große„Frankfurter Zeitung" reißt nun den armen Teufel Lötz inoralisch herrmter, daß aber die Schuld des Ablegers der„Fraiikf. Ztg." viel schwerer wiegt. lvird nickt gesagt. Und doch, der Lötz hat ein Paar Mark gekriegt, mit den Bildern aber ivurde in der„Kleinen Presse" auf schändliche Manier Sensation gemacht, der Mehrung d e S Verlags- kapitals zu lieb! Allerdings weist der Charakter dcS Lötz noch andere glercharttge Züge auf. Hat der Mann eS doch fertig gebracht, am Tage nach der Mordtat zum Bureau eines VcrsicherungsvcrcinS zu rennen und besorgt zu fragen, ob er die Summt, mit der das Leben seiner Frau versichert ist. e r h a lt e n w i r d. sobald seine Frau geköpft sei! Es unterliegt nicht den, leisesten Zweifel, daß dte Frau n i ch t zur Mörderin geworden wäre, hätte sie in günstigeren sozialen Verhältnissen gelebt. Die kleinlich-aufreibende Sorge, die völlige Aussichtslosigkeit, zurecht zu kommen, hat sie zur Verbrccherin gemacht. Freilich wäre die Tat doch nicht gc- schehen. hätte nicht der Ehegatte die Misere durch seine Knauseret der Fruit gegenüber verschlimmert und ihr auf maitcherlei We,,- das Leben erschwert. DaS hat der Verteidiger der Mörderin, Rechtsanwalt Dr. Bopp- Darntstadt, sich nicht entgehen lassen— und er ging noch ein Stück weiter und appellierte gleichsam an den poli« tischen„Ordnungssinn' der Geschworenen. Wörtlich heißt es in seiner Rede: „Die Angeklagte ist sittlich makellos in die Ehe gekoinmen, und sie hat viele Beweise von Herzensgüte gegeben. Mit ihrer Ehe begann für sie eine Leidenszeit; sie wurde die Magd, die Sklavin ihres ManiieS, Immer die Sorgen um die Kinder, um den Haushalt, und das alles mit 10 M. in der Woche! Was hat sie ailsstehen müssen! Was ist von de» Frauen rechten, welche die Genossen des Herrn Lötz so viel im Munde führen, für diese Frau übrig geblieben? Ihr hat er alle Sorgen überlassen, Er hat sie nicht im miildesum geachtet, sondern auf den Klatsck anderer mehr gegeben als auf sie. Dazu kommen die Mein u u g s- v e r s ch i e d e n h e i t e it in p o l i t i s ch e r il n d religiöser Beziehung, die häufigen Mißhandlungen nicht mir körpcr- licher, sondern auch moralischer Art, und sckließlich die fortwährenden Onälereien mit der Ersetzung der 10 M., die sie sich von der „Forluna" entliehen hatte, nicht um sich Näschereicu zu verschaffen, sondern um Anschaffungen für die Familie zu machen," „Die Genossen des Herrn Lötz", lind bürgerliche Blätter schmieden schnell einen Angriff ans die S o z i a l d e m o k r a t i e daraus: Seht den Sozialdemokraten Lötz, der moralisch die Schuld an der Moidtat trägt! Die„Fraiikimler Ztg." allerdings verfährt anständiger, iveim sie sagt, dieser Man», der moralische Henkersknecht seiner Frau, erdreiste sich,„ciue Rolle iu derjenigeii folitischen Bewegung zu spielen,"die sür sich in Anspruch nimmt, die Vefreiliiig der ganzen Menschheit von lluterdnickuug und Ausbeutung jedweder Art zu erstrebe»". Null denn: das„Offen bachcr Abendblatt" hat jetzt gesagt, wcS Geistes Kind dieser Henkersknecht seiner Frau ist. Es stellt fest: Lötz ist eines der u n e n t b c h r l i ch e n, für den Staat s o nützlichen Elemente, die in Reden hoher Persönlichkeiten gefeiert worden sind nnd deiicil der Schutz und das Lob der„Ordimngsparleien" gilt, denen zuliebe ein Zuchthaiisgesetz gegen Arbeiterorganisationen et lassen werden sollte. Er ist ehe- maliger Arbeitswilliger. Leim Offcnbachcr Glaserstreik vor drei Jahren ivurde Lötz Streikbrecher und er ist damals lvcgeu dieicr Handlung aus der O r g a n i s a t i o n a u s g e s ch l o s s en worden. Neuerdings hat man lvohl geduldet, daß er wieder in Genossen- kreise sich mischte: malt hoffte, er loerde unter sozialdemokratischem Eilifluß allmählich einen Begriff bekommen von dein, ivas sich für ehrenhafte Arbeiter geziemt; doch zeigte sich: der Streikbrecher ist und er bleibt fast immer ein moralisch brüchiges Subjekt, er ist wie zum Verrat der Kameraden so zu aiidereu Schandtaten bereit, wenn cd G e l d l> r i n g t. Dieser Lötz ist Fleisch von der bürgerlichen Gesellschaft und zu allerletzt ist die Sensationspresse berechtigt, ihm Vorwürfe zu machen, diese selbe Presse, die um schnöd'eu Geld gewinnst alle Bruuueii des Volksgeisies vergiftet! So ist diese traurige Sache, dieses furcklbare Drama in allen Eiitzelerscheimniaen ein getreues Abbild der V e r d e r b ni s, die der Kapitalismus im sittlichen Empfinden anrichtet. Gericdts-Leitung. Ei» Bimschwindcl. bei welchem u:chrcre kleine Handwerksmeister ihr sauer erworbenes Geld verloren, bildete gestern den Gegenstand einer Anklage wegen Betruges, die sich gegen den Mauerp olier Richard Becker richtete. Mit ihm mußte sich der EugroSschlächtcr Max Gesckefsky wegen Beihlllfe vor der Strafkammer verantworten.— Der Erstaugeklagte, Becker, der bisher einfacher Mauer- polier gewesen war und sich schlecht mid recht ernährte, fühlte plötzlich den Drang in sich,„Bauuiiternehiner" zn werden. Die Tatsache, daß er selbst über kein Vermögen verfügte, konnte ihn nicht von seinem Entschluß abbringen. Mit Hülfe der Rheinischen Bank, die die Baugelder vorstreckte, avancierte Becker plötzlich zum Baumeister und baute auf dem Grundstück Mirbachstr. 12 nun mit einem ivahreu Feuereifer drauflos. Die Handwerker wurden an- fänglich auch prompt bezahlt. Als aber die Baugeldrateu immer geringer wurden und schließlich die von der Bank vorzustreckende Summe erreicht war, blieb der Angeklagte den Handwerkern das Geld schuldig, ließ aber trotzdem ruhig weiter arbeiten. Die Bauhandwerks- meister vertrösteten sich auch auf die unwahren Angabe» deS B. hin und bezahlten aus ihrer Tasche Arbeiter und Material. DaS Haus war schließlich fertig. Die Forderungen dcrMeistcr beliefcn sich aufTausende. Als sie den Angeklagten energisch mahnten, vertröstete sie dieser vor- läufig damit, daß er daS Grundstück verkaufen wolle und dann am Tage der Auflassung den Handwerkern 14 000 M. zur Verfügung stellen werde. Becker suchte i» aller Heimlichkeit einen Käufer und fand diesen auch in der Person des jetzigen Mitangeklagten Geschefsky. Ter Kauf wurde perfekt; Gcschefsky zahlte am Tage der Auflassung a» Becker den Rest des Kaufgeldes, das dieser schleunigst beiseite brachte und andere Schulden, die ihm beim Bau eines Hauses in der Kaiser Friedrichstraße in Nixdorf entstanden waren, damit bezahlte. Die Handwerksmeister gingen vollständig leer aus. Eilt Zimmcrmeister hatte allein 6000 M. zu fordern.— Vor Gericht bestrittcu beide Augeklogte jede Schuld. Der Vertreter der Anklagebehörde hielt indessen Becker des Betruges, Geschcfsly der Bcihülfe dazu sür überführt und beantragte gegen B. n e u n Monate, gegen letztgeuaunten sechs Monate Gefängnis. Justizrat W r o n I e r hielt bezüglich des Anaeklagten Gefchefskh einen Verdacht der Beihülfe keinesfalls für festgestellt und beantragte dessen Freisprechung. Der Gerichtshof schloß sich auch den längeren Ausführungen de? Verteidigers an nnd erkannte auf Freisprechung bezüglich GeichefskyS. Gegen Becker lautete daS Urieil auf sechs Monate Gefängnis. Es geht hier wie in ähnlichen Fällen, daß die Bank, dte den Mauerpolier zum Bauschwindel verleitet har, nicht gefaßt wird und gar ihr glänzendes Geschäft macht, während der arme Teufel im Gefängnis büßen muß, Uiiangenchuie Erfahrungen mit Berliner„Zieh teilten" mußte der Rentier Duwitz macheu, der am 1. Oktober v. I. von außerhalb nach Berlin verzogen war. Schweren Herzens und nur dem Drängen seiner„besseren Hälfte" folgend, hatte es D. über sich ge- bracht, sein trauliches und ruhiges Heim weit draußen in der Mark zu verlassen und fortan in der Großstadt zu leben. Am», eisten fürchtete sich D, vor dem Umzüge: dreimal umgezogen, gleich ein- mal abgebrannt, sagte er mehr wie einmal. Inmitten des furcht- baren Wirrwarrs, den jeder Umzug mit sich bringt, äußerte D. schon wiederholt SchwermutSgedanken, die wohl daraus entstanden, daß er zwar den wohlgefüllten Tabaksbeutel, nicht aber seine schöne Meer- schamnpfeife belaß, die nach dem Umzüge vielleicht in dem Topf mit eingemachten Preißetbeeren wiedergefunden wurde,— Endlich waren alle Sachen in Berlin auf dem Nordbahnhofe angelanat, Um ganz sicher zu gehen, hatte D. bei einer der best- renommiertesten Speditionsfirmen Berlins einen Möbelwagen bestellt, der seine Sacken vom Bahnhof nach der Klopstockstraße schaffen sollte. Nicht wenig erstaunt war D., als statt der ver- abredeten vier„Ziehleute" deren acht anrückten, die anscheinend schon genügend für des Leibes Nahrung und Notdurft in der nächsten Destillation gesorgt kalten. Der llmzng ging auch glatt voiistatlen, Die Möbel wurden wieder abgeladen nnd ciiiitwellcn teils im Hans- fllir, teils aus der Straße unter freiem Himmel aufgestellt. Duwitz glaubte schon erleichtert aufatmen zu können, als ihm eine neue un- angenehme Ueberraschung bereitet wurde. Der Borarbeiter der Zieh- leme trat plötzlich an D. heran und fragte mit einer nicht miß- zuverstehendeii reibenden Bewegung des DanmenS und Zeigefingers, wie es mit dem Trinkgeld stehe. Als D. ihm die vorher verabredeten fünf Mark anohüildige» wollte, wies er das Geld zurück nnd ver- langte zwölf Mark Trinkgeld, anderenfalls sie alles stehe» lassen und nach Hause gehen würden. Da es zu alledem auch noch zu regnen anfing, so daß die auf der Straße stehenden Möbel vollständig nimiert worden wären, zahlte D,, dem Zwange gehorchend, die ver- langten zwölf Mark. Zugleich aber erstattete er gegen den Vor- arbciter. der daS Geld von ihm erpreßt hatte, Strafanzeige. Unter der Anklage der Erpressung mußte sich der Vorarbeiter Georg Klunker numnehr gestern vor der 3. Strafkanmicr ver- antworten. Der Gerichtshof hielt mit Rücksicht darauf, daß der- artige Erpressungen angetrunkener Ziehleute'N letzter Zeit ziemlich überhandnehmen, eine exemplarische Strafe für angemessen und er- kannte auf sechs Wochen Gefängnis. Vermifckres. Perückenuiacherzunft und Pernckenträgerzunft. Die zünftigen Barbiere in Königshütte lind Umgegend wollten sich gegen die Konkurrenz der(Kur-IPfuscher schützen und zugleich gegen die Nassauer, die einen Wocheubart noch keinen Groschen wert halten. Sie erließen ein Inserat, in dem es hieß: „Vom l. April 1905 bis zum 1. April 19l0 kostet bei UNS das Rasieren von Personen, die länger als eine Woche nicht rasiert sind, 20 Pfennige." Am Schlüsse aber hieß es, daß alle Personen, die ohne polizeiliche Anmeldung das Barbiergelverbe ausübten oder auch dadurch pfuschten, daß sie eitler den anderen rasierten oder ihm die Haare ichuitteu, sei es auch gratis und selbst in der eigenen Fmnilie, st raf rechtlich verfolgt.werden würden." Diese radikale zünsilerische Strafandrohung, die selbst vor der haatichiieioeiiden Mutter nicht Halt macht, regte nicht bloß das Knltowitzer Publikum auf. sondern auch die zünstigen Juristen. Ein Prozeß entslaud gegen den Führer der zünsligen Barbiere und gegen den Redakteur der Zeitung, die das Inserat aufgenommen. Das Publikum soll durch das Inserat belästigt und somit grober Unfug verübt worden sein. Der Redakteur war witzig genug, zu behaupten, das Publikum sei nicht belästigt, sondern belustigt worden. Darüber haben sich nun schon Schöffengericht, Landgericht und Oberlandes- gericht die gelehrten Köpfe zerbrochen und noch ist das zünftige Stück nicht aus. Das Oberlandesgericht fand zwar die verhängte Bestrafimg noch nicht genügend begrüildet,- erkannte aber nicht einfach auf Freisprechung, sondern auf Zurückverweisung an das Landgericht iu der Erwartung, daß eS noch bessere Gründe beibringen könne. Mau soll also die zünstigen Perücken macher nicht tadeln, sie haben an den zünftigen Perücken t r ä g e r n würdige Brüder. Unterschlagungen eines Bürgermeisters. Aus Offeuburg wird berichtet: Der Bürgermeister in Kappelrodeck, Hermann Haas, hat sich gestern abend der Staatsanwaltschaft mit Selbst- a ii s ch u l d i g u n g gestellt, daß er als Kassierer des Vorschuß- Vereins etwa 30 000 M. linterschlagen und für etwa 60 000 M. Wechsel gefälscht habe. Die Unterschlagungen habe er seit etwa 15 Jahren betrieben. Das Eisenbahnnetz der Erde hat in Jahresfrist wiederum 21 139 Kilometer zugenommen, eS umfaßte am Schlüsse des letzten Jahres nicht weniger als 859 355 Kilometer. Die meisten Eisen- bahnen hat Amerika(432 618 Kilometer), Europa besitzt„nur" 300 429 Kilometer, Asien 74 546, Australien 26 723 und Afrika 25 039 Kilometer. Die Reihenfolge der wichttgeren Staaten nach der AuSdehiiuilg des Eisenbahnnetzes ist folgende: Vereinigte Staaten von A m e r i k a 334 634 Kilometer, Deutsches Reich 54 426, europäisches Rußland 53 258, Frankreich 45 226, Britisch- Ostindien 43 372, Oesterreich- Ungarn 33 318, Großbritannien 36 143 Kilometer zc. In der Dichtigkeit des Eisenbahnnetzes, d. h. dem Verhältnisse der Eisenbahnlänge zur Flächengröße der Länder, steht das industriereiche und dichtbevölkerte Belgien von jeher obenan; ihm folgen das Königreich Sachsen, Baden und Elsaß-Lothringen. DaS„Archiv für Eisenbahnwesen" hat sich auch der Mühe unterzogen, die A n l a g e k o st e n aller Eisenbahnen der Erde auszurechnen. Danach stellt sich der Kilometer Bahnlänge in Europa durchschnittlich auf 292 938 M., in den übrigen Erdteilen auf nur 149 206 M, Unter Zugrundelegung dieser Werte ergeben sich als Anlagekapital für die Eisenbahnen Europas 38,01 Milliarden, für die übrigen Erdteile 83,39, insgesamt für das ganze Eisenbahnnetz der Erde nmd 171 Va Milliarden Mark. 11 Pcrsoncn rrtrunke». Laut Meldung aus Reykjavik(Island), ist am 16. September bei Akranes ein Segelboot gekentert und die ganze ans 11 Personen bestehende Besatzung ertrunken. Pctroleumquellcn in Afrika. Wie die„Times" aus Kapstadt berichten, ist in: Nordwesten der Hochebene Karroo Erdöl entdeckt worden. Ein einheimisches Syndikat hat die Option auf drei Millionen Acres Land in diesem Distrikte erhalten, wo eS weitere Nachforschungen vornehmen will. Die Pest in Oftafrika. Das„Neutersche Bureau" meldet aus Bantyre von gestern: Die Bubonenpest ist in Chinde(Port.-Ost afrika) ausgebrochen. Mehrere Personen sind bereits der Krank- heit erlegen. 100 Arbeiter verschüttet. Aus Petersburg kommt folgende entsetzliche Meldung: Freitag morgen ist in der Mesch- tschankaja ein im Bau befindliches fünfstöckiges Gebäude ein- gestürzt. Unter den Trünlmern sind IVO Arbeiter begraben; bisher sind nur sieben schwerverletzt geborgen worden. Lrlefkaften der Redahtfon. Abstinenz. Alkohol ist— entschuldigen Sic die Härte des Ausdrucks— eine Wetterfahne: zuerst Freund, dann Feind,— O.uadratmeter. Erst Ouittuliq. Frage wiederholen.— Weiftcnfee. Sache der Gewerkschafts- kommistion, Engel-Ufer tS Wo Quittung?— Bierlachs. Spiclsragen müssen grundsätzlich uuerledigt bleiben.— Spiritismus. Wissen wir nicht. Halten Sie sich davon fern. Beste Auskunft erteilt immer noch der gesunde Barstand.— H. H. Nein.— 31. B. 100. 1. Ja, auch Berliner. L, 3 Prozent. 3. Friedrich Karl-User 5.— K. F. 1. Ja. 2. Karl der so- genannte Große.— Pankow. B. F.„Ungesähr", also ohne Gefahr zc.— Steglitz. W. II. Der letzte Teil der Frage ist unklar. Einnahme von Preußen 16—17 Millionen Mark. Andere sehr erhebliche Revcnüen u» kontrollierbar.— Küche. Näheres durch die Koch« und Haushalt- schule hier, Zkreuzbergsttahe 77.— Rieb, Danzigcrstraß«. Kalender Sache der Geschäftsstelle. nicht der Redaktion.— N. Er- langen.„Tagebuch einer Verlorenen" von Margarete Böhme. Verlag F. Foniane u, Co., Berlin- Gruncivald, Näheres über Preis, Bezug usw. durch jede Buchhandlung.— S. Spandau. Die Nummer kann leider jetzt nicht sestgcslellt werden.— W. SSS. Solche Empsehlungcn vermeidet die Redaktion grundsätzlich. Wenden Sie sich an eine reelle Buch- Handlung.— K. G. Gold darin bei weitem überwiegend.— Rehling. Das Alter ist uns unbekannt. Fragen Sic daher direkt an.— N. P. 101. Dem Intendanten, Direktor oder Regisseur ciucS Theaters mit einem ge- eigneten Begleitschreiben zu übersenden: vielleicht auch persönlich zu über- geben. Wo Quittung?— 1835. Näheres durch Herrn Lamme, Bor- sitzender der Arbeiter-Bildungsschulc, Kreuzbergstr. 36,— O. New. Braunschweig. 1. Der preußische Staat. 2. Durch die Berliner Ober- staatsanwaltschast zu erfahren. 3 Wenden Sic sich selbst an den Herrn Grasen Hektar. 4. Richtig. Die Zeche zahlt bei solchen Gelegenheiten immer der Steuerzahler.— Gabel. Andrce stieg im Ballon mit Sirindberg am 11. Juli 1837 aus; seitdem verschollen.— A.?)!. 8. Führen Sie eine Beschwerde ruhig und sachlich durch: Zunächst bei dem Rektorat, sodann bei dem Schulinspektor und schulrat; fchiießlich bei der Schuldeputation. Not- falls geht man energisch weiter.— P. T., Kolbergcrstratze. Wir bitten Sie, die Angelegenheit zunächst der Gewerkschast zu unterbreiten. Zlirikttk-ber Qeii. Tic I»r!ftlsche Sprech stiiiidc findet täglich mit AilSiiahme dcK Sonnabends Hon?>/, bis O'/j Mir statt. W-öfine» l abends 7 Ubr. I. B. LI. Das Mädchen könnte sich nur beschwerdeführend an das Gericht wenden,— W. B. 34. Vor Eingehung der zweiten Ehe mutz eine Auseinandersetzung mit den minderjährigen Kindern statlsinden. Ein Beispiel sür solchen Antrag finden Sic S. 224 Nr. 19 des dem„Arbeiter- recht" beigcsüglcn Führers, Mastgebend ist der Nachlaßstand(zur Zeit des Todes des ersten Ehemannes) nnd daS damals gültige Geseb. Für die Ehe bestand Güiergemcinschast, und zwar, wie es scheint, nach Stcttwer Statute», vielleicht auch nach lübiichem Recht oder der Bauern orduung, er- gänzt durch die(Äütergcmeillschajt dcS LandrechtS. Welche Art Güter- aemeinichast bestand, hängt von dem ersten nach dem Eheichlug genommenen Wohnsitz ab, DaS Gericht berücksichtigt bei der Auseinandersetzung von Amts wegen das in Betracht kommende Recht. Soweit Ihre Angaben er- kennen lassen, steht der Witwe das Recht aus die Hälfte der Gütergemcm- schaslSmasse zu. Die Kosten sür Erziehung und Unterhalt der Kinder kann die Mutter keineswegs anrechnen.— Z. 1117. 1. Kinder sind ihren Estern gegenüber gesetzlich nur soweit«nterbaltspslichtlg, als sie bei Berücksichtigung ihrer sonstigen Verpflichtungen durch die Ilnlc: hastSgetpähning Ihren und der Ihrigen standesmüßigen Unterhalt nicht gejqhrd«». ii Eine Frist besteht nicht. Sie können nur Ihre Forderung einklagen und dann Verkauf des Kleides vornehmen lassen.— A. R.»18. Trotz des Ausschlusses der Gewährleistung und der leichtsinnigen Zustimmung zu diesem Ausschluß ist eine Anfechtung des Kaufs nicht' völlig aussichtslos, salls bewiesen wird, daß das Vorhandensein des Schwammcs dolosc verschwiegen und etwa vertuscht ist. — F. Sch. Ihre Schwester könnte nur versuchen, Beschlagnahme des Lohnes bei dem Amtsgerichte zu erwirken, in dessen Bezirk der Beklagte wohnt. Diesem ist aber, da er als Vater eines außerehelichen Kindes in Anspruch genommen wird, soviel zu belassen, als zu seincnr notdürstigcn und zuni slandesmäßigen Unterhalt seiner Familie ersorderlich ist. Wieviel dies ist, ist von Fall zu Fall vom Gericht zu entscheiden. — l8ßK-Wien. Sie bedürfen neben Ihrer Geburtsurkunde der Be- schcinigung, daß nach den Gesetzen Ihrer Heimat der Heirat keine Hinder- niss« im'Wege stehen. Welche Behörde zur Ausstellung dieses Zeugnisses zuiiändig ist, erfahren Sie aus Ihrer Botschast.— W. 18. Sie können zunächst bei dem Amtsgericht, in dessen Bezirk Sie wohnen. Sühnetermin beantragen. Zllsdann können Sie aber(beim Landgericht) lediglich aus Wiederherstellung des ehelichen Lebens, noch nicht auf Scheidung klagen. Schcidungsgrund liegt erst vor, wenn innerhalb eines Jahres nach Erlaß des auf Herstellung des ehelichen Lebens ergehenden Urteils Rückkehr nicht ersolgt. — E. N. Wenn Berlöbnis vorlag: ja.— E. B. W. 2. Wiederholen Sie Ihre Anfrage unter Darlegung de? Inhalts Ihres Prospektes und Ihrer Antwort.— E. M. 16,<5. B. 13. Cime Einsicht in den Vertrag sind Fragen, die wsssen wollen, welche Rechte oder Pflichten aus dem Vertrage folgen, nicht zu beantworten.— Bristerstr. Ü'Z. Leider könnte da nur die Armcnverwaltnng eingreise».—(f. K. 26. Nein, Sie könnten nur aus Einräumung des vereinbarten Kellers und aus Schadenersatz klagen.— P, Z. 30. Sic könnten lediglich Ihre Forderung einklagen und dann in die Wäsche Psäudung vornehmen lassen.— X. Z). Z. 100. Nein. Für de» Intiulr der Jinerale uberiiiimnt die Redaktion drin lpublitnin gegenüber keinerlei Reranttvortnng. UKeater. Sonnabend, 7. Oktober. Ansang T'/j Uhr: Opernhaus. Der Barbier von Sevilla.— Coppclia. Schauspielhaus. Götz von Ber- lichingen. mit der eisernen Hand. Neues. Ein Sommernachtslrauni. Weste». Nachm. t! Uhr: Iphigenie aus Tauris.— Abends: Der Opernball. Walhalla. Eine tolle Nacht. Ansang 8 Uhr: Schiller O. tWnllncr-Theater.) Flachsmann als Erzieher. Schiller Si.(Friedrich Wilhelm- städtisches Tbenter). Zum Ein- siedler.— Augen rechts. Zentral. Nachmittags 8 Uhr: Die Räuber.— Abends: Zur rndischen Witwe. Lessing. Stein unter Steinen. Nesidenz. Die Höhle des Löwen. Kleines. Hidalla. Triano». Madame Torera. Lnftspielhaus. Der Familientag. Thalia. Bis früh um Fünse I Carl Weist. Das Käthchen'von Heilbronn. Belle-Zllliance. Spezialitäten. Luisen. Wilhelm Tell. Deutsch- Amerikanisches. Aber, Herr Herzog I Kasino. Der AdelSnarr. Apollo. Ein Abend in einem amerika. Nischen Tingcl-Tangel.— Am Hochzcitsabcnd.— Spezialitäten. Metropol. Ans— ins Metropoll Herrnfeld. Die Meyerhains. Wintergarten. Rosario Guerrcro. Spezialitäten. Nolles Capricrs. Nach dcm Zapsen- streich. Soll und Haben.— Spezialitäten. Meichshnlicn. Stettincr Sänger. Passage. Robert Koppel. Marschall, der Mann mit den Hüten. Georg und Gusti Edler. Urania. Tanbenstraste 18/10. Nachm. 4 Uhr: Tierleben in der Wildnis. Abends 8 Uhr: Im Lande der Mitternachtssonne. Jnvalidenstraste 67/62. Stern- warte. Täglich geöffnet vo» 7 bis>t Uhr. Heues Theater. Ansang 7,/i Uhr. Sin Somtnernachtstranin. Morgen u. solgende Tage: Ein Sommernachtstraum. Kleines Theater. Abends 8 U hr: Hidalla. Sonntag nachm. 3 Uhr: Die Lore. Hierauf: Der zerbrochene Krug. Abends 8 Uhr: Hidalla. Montag: Nachtasyl._ Berliner Theater. Sonnabend, den 7. Oktober ISOo, abends 71/, Uhr: Eröffnungs- Vorstellung Andalosia. Dramatisches Gedicht in 5 Akten von Florian Endli. Sonntag nachm. u. abends: /imislosia. Theater des Westens. Sonnabendnachm. 3 Uhr, kl. Preise: Iphigenie auf Tanris. Abends 7>/, Uhr: Ter Opernball. Sonntagnachm. 3 Uhr, halbe Preise: Undine. Abends VI, Uhr: Der Opernball. Montag: Der Opernball. Dienstag: 4. Vorstellung im Diens- tags- Abonnement: Die Regt- mrntötochter. Mittwoch: Die lustigen Weiber von Windsor. Trianon-Theater. Heute und solgende Tage: Macteme Torera (Madame L'ordonnance). Schwank in 3 Akten v. Jules Chance!. Deutsch von Max Schoenau. Ansang 8 Uhr. Sonntag nachm.:. Da» Ende der litcbe. KasinosTheater Lotdringerstr. 37. Täglich 8 Uhr. Kiänzenlier Lrkolg! „Ner Aüeisnsrr." Neu! Kiicin(;old-Trio. Ast» mit dressiertem Pfau re.». Sonntag nachmittags 4 Uhr: „Ein Sohn des Volkes." Tauben- str. 48/49. 8 Ulli-; lin Lanile der MitternaeMssoniie. Nachmittags 4 Uhr: Tieriebcn in der Wildnis. Sternwarte Invaliden- str. 57/62. Frledrichstr. 185. Traum. !! Pompeji!! Die Elire de» Vaters! Restaurant: Dresdener Sänger. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr. Wilhelm Teil. Sonntag nachm.: Maria Stuart. Abends: Das Erbe. Montag: Der Mann im Monde. Walhalla Theater V/einbergsWeg 19/20. Direktion: Itichard Mellnitz. Heute und folgende Tage: Sine rotte j�ackt. Vorher: Dr. Spezialitäten- Programm. Ans. 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. DeM-ierilii Mr. Heute Jeden Abend 8 Uhr I zum Gastspiel Ad. Philipp 86. ABER' Male: Herr Mei-zoi; Joden Sonntagnachmittag 3 Uhr: Halbe Preise! „Uebcr'n großen Teich." Debüts der Oktobcr-Süpezlallttttcn mit: Daisy Jerome Amerikas bester weiblicher Komiker, der Liebling Amerikas! Dazu: Ein Abend in einem amerikanischen SV Tingel-Tangel.~3H1 Hochzeitsabend und die Oktober- Speziali ttiten. Nächste Nachmittags- Vorstellung: Sonntag, 8 Oktober, nachm. 3 Uhr: Bedeutend ermäßigte Preise. Metropol-Theater Präzise 8 Uhr zum 29. Male: Große Jahresrevue mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Dirigent Kapellmeister Max Roth. In Szene gesetzt vom Direktor Richard Schultz. Waiden a.D,xMißGIM a.D. Bender x Giampietro Josephi x Massary x Frid-Frid Steidl x Lilly Walter. Rauchen in all. Räumen gestattet. _ Anfang 8 Uhr._ Bernhanl Rose-Theater Gesimdbruinieii, Badstraffe 58. Hellte: M Geschlossen. � Morgen Sonntag, nachmittags 3 Uhr: Der Falschmünzer oder: Stacht und Morgen. Entree 30 Ps., numcr. Platz 30 Pf. Abends 7 Uhr: Der JVIUUoiicnbaucv. Entree 40 Ps., reservierter Pl. 50 Pj. Parkett 75 Ps., Sperrsitz t M. Sanssouci Koltbnlei str. 4». Direkt.: W. Reimst. Sonnt., Moni., Donnerst.: Im glänzend renov. und elcltr. bcleucht. Etablissem. Hotlman»)« Norddeutsche Sänger und Danzkränzche». Sonntag Beginn 5 Uhr, wochentags 8 Uhr. Dienstag und Mittwoch: Gastsp. d. Loewe-Ensemhl. Der grobe Festsaal ist noch einige Sonnabende zu vergeben. Ü*« Ii U I«i'-TlR«»tvR'. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theatcr). Sonnabend, abends 8Uhr: Flachsinann als Erzieher. Komödie in drei Auszügen von Otto Ernst. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Der Tranin ein I,ehen. Sonntag, abends 8 Uhr: Flachsniann als Erzieher. Montag, abends 8 Uhr: Elaeh«niann als Erzieher. Schiller- Theater N.(Friedr.-Wilh. Th.) Sonnabend, abends 8 Uhr: Zum erstenmal: Xum Einsiedler. Lustspiel in 1 Aufz. v. Benno Jacobson. Hieraus:.Injgen rechts. Komödie in 3 Akten v. Jon Lehmann. Sonntag, nach in. 3 Uhr: Die Ehre. Sonntag, abends 8 Uhr: Xnm Einsiedler. Hieraus: Augen rechts. Montag, abends 8 Uhr: Xum Einsiedler. Hieraus: Augen rechts. Gr.!! BALL Lindengarten Kieder- Schönhausen Bio. 43 ElndenstraUo Bio. 48 am Sonntag, den 8. d. M. Achtung! Achtnng! Sämtliches Entree wird dem Streikfonds der EIcktrizitiits-Arbclter Überwiesen. 46312* i Sonntag, den 8. Oktober: fftFr- Wurst-»ä Wellfleisch- ßs» Lin allbekannter Güte, wozu ganz besonders einladet Der alte Freund. W. Zapel, Hut-Fabrik, Skalitzerstr. 131. = GröBtES Spezial-Gesctiätt= für Seiden- und Filz-Hüte. «gcr in Schirmen und /Hiitzen. XI. Berliner Saison. Zirkus Busch. Mexiko. Große Ausstattungs- Pantomime aus dem mexikanisohen Ptlanzerleben. Inszeniert vom Kommissionsrat Busch. Verfaßt und einstudiert von Herrn Burkhardt- Foottit. Tänze vom italienisch. Hofballettmstr. Ottavi. Musik vom Kapellmstr. Taubert. Die Helden vom Yalu n. Port ÄrthüP in ihren mllit. Infanterie-Exerzitien. Japanische Infanterie. Ausgesuchte Repräsentanten der Armee des Mikado. Vier Soeurs Atletas. Zum erstenmal: Noapolitano Soja, Lippizaner Hengst von Neapolitano Trompeta aus der Soja von Pluto, in der hohen Schule geritten von Herrn Burkhardl-Foottit. Avis! Sonntag zwei Vorst. nachm. 4 Uhr u. ab. 7'/, Uhr. 138442« Residenz-Theater. Direktion: Richard Hlexander. Heute und solgende Tage: Ansang 8 Uhr: Die Hehle des Löwen. Schwank in 3 Akten v. M. Hennequin und P. Bilhaud. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Seine Kammerzofe. W. Noacks Theater. Direktion: Rod. Olli. Bruiineustr. 16. Heute wegen Privatsestlichkeit geschlossen. Sonntag: Mnttersegen. Ans. 7 Uhr. Enttee 39 Ps. bis 1 M. Nach der Vorsteanng: Hall. frohets Allerlei-Theater Schönhauser Allee Nr. 148. Tonntag. Montag, Mittwoch: Konzert, Theater, Spezialitäten. «tets wechselnde Spielsolge. Ans. Sonntags 6 Uhr. Eintr. 49 Ps. , wochent. 8 Uhr.. 30„ Nach der Vorstellung: Vanz. Passage-Theater. llnsang der Abendvorstell. 8 Uhr Heute erstes Auftreten Robert Koppel in seinem neuen Repertoire. R/tansksH der Mann mit den Hüten. tZeorg u. Gusti Edler Tyroler. U erstklassige Niimmem. Lustspielhaus. Abends«>/, Uhr: Der f atmUentag. verantw. Redakteur: Paul Büttner» Berlin. Für den Inseratenteil verantwuTh. Glocke» Berlin. Druck».Verlag: BorwSrt« Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin oW, Zirkus ilbert Schumann Heute abend präzise 7'/, Uhr: III. Brande Soiröe High Life. Gala- Progr. U.a.:, Die beliebte jugendliche Schulreiterin Frl. Bora Schumann. Sensation I Neu I Das einen hallen MOlMsetlapileM. Die phänomenalen John nnd I-oni. Boller mit ihren noch nie gesehenen for-uniFMwärts-Saltomortalei! aus dem Zweirad. Zum Schluff zum 8. Male: Die größte Novität! Der Tag des Einxliscken Derby. Das Leben und Treiben nach dem Original aus daS glänzendste in- szeniert vom Dir. Alb. Schumann. Besonders hervorzuheben im 2. Akt: Bau Rennen. Sonntag: 2 Vorst., nachm. 3'/, Uhr (ein Kind frei) und abends 7'/» Uhr. MMwu Budapester Possen-Theater 132 Linienstr. 132- Ecke Friedrichstraße. Kach dem Zapfenstreich. Militär-Humoresko von Satyr. Vorher: Soll und Haben und der ausgezeichnete Spezialitätenteil. Kasseneröffnung 7 Uhr. Anfang 8 Uhr. 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ZtiiikiOrmchc. Sonntag, den 8. Oktober, vormittags 10 Uhr, Neue Welt, Hasenhcide (groger Saal): General- Versammlung. TageS-Ordnung: Berichterstattung über die mit dem Berliner Betonverein gepflogenen Verhandlungen. Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. ■ Nr. 335. 22. 2. Kilagt des.Ärmels" Serliser VslksdlM Sonnabend, 7. Oktober IM. Iwölste Generalversammlung des Tabakarbeiter- Nerbandes. Dicnstagnachmittag-Sitzung. Heising gibt zunächst noch einige Aufklärungen über die Sortiererfrage, aus denen er folgert, daß die Schuld doch bei den leitenden Personen der Sortierer liege. v. Elm halp solchen Einfluß bei den Sortierern, daß er die Verschmelzung sehr wohl herbeiführen könnte. Sektionen, aber ohne besondere Leitung, könnten den Sortierern sehr gut zugestanden werden. C l e m e n t- Dresden: Wenn in Dresden von den Zigaretten- arbeiterinnen die Lohnforderungen nicht gestellt worden wären, so hätte der Trust eben eine andere Gelegenheit zur Erprobung der Macht gesucht. Etwas sei bei dem Kampfe schließlich doch erzielt worden, vor allem sei der Organisationsgedanke unter die Zigarettcnarbciterinnen getragen worden, auch außerhalb Dresdens. Eine Sektion wollen die Dresdener Kolleginnen gar nicht haben, sie sehen ihre Interessen im allgemeinen Verbände gut vertreten. Auch eine weibliche Delegierte aus Dresden tritt der Sektions- bildung entgegen. Die Fabrikanten wollten bloß die Sektion, ivcil sie glauben, in der Sektion mit den noch unerfahrenen, zu wenig vorgebildeten Arbeiterinnen allein besser fertig zu werden. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen. In seinem Schlußworte bespricht Deichmann zunächst die einzelnen zum Vorstandsbericht gestellten Anträge. Dann kommt er noch einmal auf die Zentral-Krankenkasse, die in einigen Gc- genden ein großes Hindernis für den Verband sei. Für die Agitation selbst in den zurückgebliebensten Bezirken schade es nach seinen Erfahrungen gar nichts, wenn man den Sozialdemokraten hervorkehre; tun wir das nicht, dann werden die Leute uns Heuchler nennen, und das schade mehr als völlige Offenheit. Dem Vor- stände sei indirekt der Vorwurf gemacht worden, daß er nicht energisch genug für Geldsammlungen zugunsten der Dresdener eingetreten sei; der Vorstand habe alles getan, aber es sei zu wenig erreicht worden, wahrscheinlich wegen des Ausganges der Crimmit- schauer Bewegung. Den Sortierern wolle er für seinen Teil Sektionen gern zugestehen, aber er sei überzeugt, daß sie selbst sich bald von deren Zwecklosigkeit überzeugen würden. Wenn er Minimallöhnc fordere, so solle das keine bloße Prinzipicncrklärung sein; diese Sätze sollen unter Berücksichtigung aller Verhältnisse mit Zuschlägen für größere Orte festgesetzt und mit aller Kraft zur Anerkennung gebracht werden. Meister will in seinem Schlußworte der irrigen Auffassung vorbeugen, daß er der Meinung sei, durch die faulen Elemente, die dem Verbände nur der Unterstützungen wegen beitreten, sei das Anwachsen des Verbandes zu erklären. Im übrigen halte er an seinen Ansichten fest. Das Ideal müsse es sein, allgemeine Arbeiter- verbände, zunächst Branchen- und dann Jndustrieorganisationen, zu schaffen. Unter den Unterstützungseinrichtungen, die er aner- kenne, dürfe der Kampffonds in keinem Falle leiden. Nach dem Austausch von persönlichen Bemerkungen wird zur Abstimmung über die Anträge 1— 24 geschritten. Als von all- gemeinerem Interesse seien aufgeführt: Antrag 2, die Herausgabe einer Jnformationsschrift für die Zahlstellen, wird angenommen; Antrag 9 und 19 wird durch einstimmige Annahme der Resolution Henke erledigt, die besagt, daß die Generalversammlung in der Resolution der Sortierer, nach der die Tabakarbeiter alle ihrem Verbände angehörenden Sortierer dem Sortierer-Verbande zti- führen sollen, eine Animosität gegen die dem Tabakarbeiter- Verbände angehörenden Sortierer erblickt; dieser einseitige Stand- Punkt sei um so mehr zu bedauern, da der Vorstand der Tabak- arbeiter bereits damals Schritte zur Einigung getan hätte, so daß gemeinsame Interessen gefährdet worden seien; um dieser gemein- samen Interessen willen beauftragt die Generalversammlung der Tabakarbeiter ihren Vorstand, eine gemeinsame Aussprache mit den Sortierern herbeizuführen, die klipp und klar erklären sollen, was sie an dem Uebcrtritt hindere; das Resultat soll sofort im„Tabak- arbeiter" und„Organisator" veröffentlicht werden. Antrag 11, der den Zigarettcnarbeitern die Sektionsbildung versagt, wird angenommen; Antrag 13. Erhebungen zu veranstalten, an wie viele Invalide Krankengeld gezahlt wird und ob die Ein- führung eines besonderen Jnvalidengeldes nötig ist, dem Vorstande überwiesen; Antrag 14, ein einheitliches Untcrstützungsrccht gegen- über ausländischen Verbänden durch Verträge zu schaffen, der Sicbenerkommission überwiesen; Antrag 15, ein Verzeichnis der Minimallohn zahlenden Fabriken allen Konsumvereinen zuzustellen, wird ebenfalls dem Vorstände überwiesen; der Antrag 16, der den Vorstand mit dem Ausbau des Arbeitsnachweises beauftragt, und 17, der den Arbeitsnachweis so organisiert wissen will, daß alle Zahlstellen am Schluß der Woche dem Vorstände ihre Mitteilungen zugehen lassen, werden angenommen, dagegen die Anträge 18— 24, welche die Wiederaufnahme von Arbeitsgesuchen in den„Tabak- arbeiter" fordern, abgelehnt. Darauf wird die Sitzung auf Mittwoch vormittag vertagt. Mittwochvormittag-Sitzung. Da Punkt 2: Beratung der auf Statutenänderung abzielenden Anträge einer Siebenerkommission überwiesen wurde, so geht die Generalversammlung zu Punkt 3 über: Vorortskommis- s i o n e n oder Gauleiter. Referent D e i ch m a n n: Wenn der Verband mit Erfolg die Lage der Tabakarbeiter verbessern wolle, dann müsse die Organi- sation eine andere werden. Unter den 195 999 Organisationsfähigcn nach der Gewerbezählung von 1895 seien im Verbände nur 25 999 organisiert, dazu 1599 bei den Sortierern; rechne man noch die 2999 Christlichen und 1599 Hirsch-Dunckcrschcn hinzu, so kommen doch nur 39 999 Organisierte heraus, wobei zu berücksichtigen, daß die Zahl der Tabakarbeiter seit 1895 noch gestiegen ist. In einzelnen Distrikten gebe es allerdings gute Organisationen, wie in Hamburg und Bremen, aber der Einfluß des Verbandes sei doch nicht groß, weil die dortigen Unternehmer auch in anderen Gegenden Fabriken haben, in denen Unorganisierte beschäftigt werden. Wenn daher in guten Bezirken etwas unternommen wird, so halten im Reiche viele Kollegen nicht zum Verbände, und da die Unternehmer meist vorgeschobene Kommissionäre haben, so verrichten oft selbst Organi- sierte Strcikarbeit, ohne es zu wissen. Deshalb muß der Tabak- arbeitcrvcrband intensiver agitieren als andere Gewerkschaften. Seit 1394 habe man Vorortskommissionen; aber diese haben in den wenigsten Fällen ihre Aufgabe erfüllt, locil sie keine Verantwortung hätten. Es müßten also Personen angestellt werden, von denen ver- langt wird, daß sie am Schlüsse eines Jahres Rede und Antwort stehen über ihre Tätigkeit: das sind die Gauleiter. Freilich kommt der Kostenpunkt in Frage. Man werde sich für den Zlnfang wohl auf drei Beamte beschränken müssen, zwei für Baden und Elsaß- Lothringen, und einer für Westfalen oder Schlesien. Da der Bor- stand 13 Gaue vorgesehen habe, so müßten die übrigen vorläufig unbesoldet bleiben, einige würden es immer bleiben, weil in den betreffenden Bezirke» nicht genug Arbeit für eine volle Kraft da sein werde. Die Gauleiter seien unbedingt nötig, um den Vor- stand in den Stand zu setzen, daß er alle Tabakarbeitcr Deutsch- lands in die Hand bekomme. Frau Jähnichen: Von 79 999 Arbeiterinnen der Tabak- induftric seien nur 12 999 organisiert. Das sei der Grund der Schmutzkonkurrenz, die gerade in der Tabakindustrie von der Frau dem Manne bereitet werde. Daher müssen die Männer mehr über den Wert der Agitation unter den Frauen aufgeklärt Iverden. B i e ter- Herxheim: Die Agitation muß intensievcr werden, deshalb sei er für Gauleiter, nicht nur in Baden, sondern in ganz Süddcutschland. Den Vorortskommissionen fehle dazu die Zeit und die Unabhängigkeit. Die Gauleiter lverden besonders pon Erfolg sein im Kampfe gegen die Christlichen, die ihren Kampf mit Verdächtigungen und Verleumdungen führen; und die unaufgeklärte Masse glaube das alles, besonders tvcnn es von der Kanzel kommt. Eberle: Die Kautabakarbcitcr sind für Gauleiter in den zurückgebliebenen Gegenden, vor allem in Westfalen. Die Kosten Iverden durch die Erfolge aufgewogen werden, wenn diese Erfolge auch nicht sofort sich zeigen werden. Tie Gauleiter werden auch den Abschluß von Tarifverträgen und den günstigen Verlauf von Lohnbewegungen fördern können. Krause- Finsterwalde kann die Gauorganisationen nicht alK das Allheilmittel anerkennen. Höhere Beiträge würden sich durchaus nötig machen, und die schwächeren Zahlstellen würden diese nicht tragen können. Auch würde die Anstellung der Gauleiter das Jntcr- esse der einzelnen Mitglieder für die Teilnahme an der Agitation einschläfern, sie würden sich auf die Gauleiter verlassen. A n n e: In Speyer sei man ursprünglich gegen besoldete Gauleiter gewesen, ebenso in Mannheim, weil ihnen die Kosten zu hoch erscheinen! und weil eine Beitragserhöhung unvermeidlich sei. Die Vorortskommissionen müßten für die Agitation unbedingt bleiben. U h l i g: Mit den Gauleitern Iverdc die Planlosigkeit der Agitation verschwinden. Auch zwecklose Streiks können durch sie vermieden werden. Gerade Sachsen und Schlesien könnten einen Gauleiter sehr gut gebrauchen. Eine Erhöhung der Beiträge werde nicht nötig sein, da die Kosten für zwecklose Streiks durch sie gc- ringer werden. Esser- Minden: JnWestfalcn verlangt man dringend besoldete Agitatoren, damit die sprunghafte Agitation stetiger werde. Auch für den Ausbau des Arbeitsnachweises seien die Gauleiter nötig. Se ibt- Görlitz tritt für einen schlesischen Gauleiter ein. da in Schlesien, selbst in Breslau, die Verhältnisse ebenso schlechte sind wie in Süddcutschland. Müller- Dresden kann sich für versuchsweise Anstellung von Gauleitern nicht erwärmen, da man dann keine tüchtigen Kräfte bekommen werde. Für die Zigarettenindustric wären die Gauleiter von größter Bedeutung. In Breslau z. B. sehe es in der Zigarcttenindustrie wegen der Heimarbeit ganz schlimm aus, da wäre ein Gauleiter für Schlesien und Sachsen sehr am Platze. Lehmann- Leipzig: Die unbesoldeten Gauleiter würden unter der gleichen Abhängigkeit und dem gleichen Zeitmangel leiden wie die Vorortkommissioncn. Es wäre vielleicht besser, nur 8 Gaue zu schaffen und alle mit besoldeten Beamten zu besetzen. Wenn höhere Beiträge dabei sich nötig machten, so würden die Tabak- arbeiter auch diese ertragen können. B u t h- Zwickau empfiehlt die Verlegung des Vorstandes nach Süddeutschland, weil auch die Fabrikanten Neigung haben, dorthin zu gehen. Banz- Lübeck hält 3 bis 4 Gauleiter für genug. Es sei zweifelhaft, ob bei Lohnbewegungen die Unternehmer mit den Gau- leitern werden verhandeln wollen. D i e k e- Frankcnberg glaubt nicht, daß die Gauleiter daS, was sie kosten, einbringen werden. Höhere Beiträge werden die Mit- gliedcr in Baden und Schlesien sicher nicht leisten können. Schmidt- Nauen und Lenz- Hamburg empfehlen den Vor- standsvorschlag. Wilde mann empfiehlt, an Stelle der Vorortskommissionen einzelne Personen zu setzen, die eine größere Verantwortlichkeit hätten. Daneben empfehle er die Anstellung von 3 besoldeten Gau- leitern für Baden und Hessen. Damit erübrige sich die Verlegung des Vorstandes nach Süddeutschland. Es tritt die Mittagspause ein. Mittwoch na chmittags-Sitzung. Kraus- Lippstadt ist der Uebcrzcugung, daß die Tabakarbeiter in erster Linie der Gaulciterorganisation bedürfen. H o f m a n n- Leipzig: Die Vorortskommissionen taugen nichts. weil sie Zufallswahlen unterliegen. Aber für Gauleiter könne er nur stimmen, wenn dadurch eine Beitragserhöhung nicht nötig werde. H a b e r e r-Offenburg will, wenn eine Verlegung des Vor- standes nach Süddeutschland unmöglich sei, für Gauleiter nach Süddeutschland und Schlesien stimmen., Höhere Beiträge seien aber nicht zu empfehlen. Meister: Die Frage der Anstellung von Gauleitern sei eine drängende. Obgleich ähnliche Versuche schon unter Fritzsche immer fehlgeschlagen seien, müsse man es doch wieder mit besoldeten Agitatoren versuchen. Auch weibliche Gauleiter würde er empfehlen. Tie Personen müssen natürlich vor allem organisatorisch qualifi- ziert sein. Außer Süddeutschland sei vor allem Westfalen! zu bc- rücksichtigen, für das er, reichen die Mittel dazu aus, am liebsten auch zwei Gauleiter hätte. Aber erkenne man die Notwendigkeit von Gauleitern an, dann müsse man auch für eine Beitragserhöhung stimmen, die eben trotz aller schlechten wirtschaftlichen Lage getragen werden müsse. Hauptkassiercr N. i c d c r- W e k l a n d hält die Verlegung des Vorstandes nicht für nötig, wenn dort Gauleiter angestellt werden. Nückel- Achim ist auch nur für Gauleiter ohne Beitrags- erhöhung. Es möge Kollegen geben, die höhere Beiträge zahlen können, aber man'müßte auf die Gegenden mit den erbärmlichsten Löhnen Rücksicht nehmen. Nieder-Welland: Auch früher habe man sich mit Bei- tragserhöhungcn gut abgeftmde», das werde wohl auch jetzt der Fall sein, wenn sich eine solche nötig mache. Vogel- Kottbus hat bei einer Lohnbewegung in seiner Gegend gefnndcn, daß die Kollegen ganz unvorbereitet in eine solche ein- traten. So etwas könne der Gauleiter verhüten. Eine Beitrags- erhöhung sei unmöglich. Frau B eh nert: Die Fabrikanten, besonders in Dresden, ver- legen ihre Filialen immer mehr in Gegenden mit billigen Löhnen. Da wären Gauleiter von Nutzen. Auch weibliche Gauleiter werden sich nötig machen. G r ä b n e r- Hanau: Die Vorortskommissionen geben zwar oft zu Eifersüchteleien Anlaß, trotzdem werden auch die Gauleiter ohne sie nicht auskommen. Beide müßten zusammen wirken. An Stelle der Beitragserhöhung empfehle er Reduzierung des Krankenzuschusses. Nieder-Welland hält die VorortSkomnnssionen für überflüssig, wenn die Gauleiter ihre Schuldigkeit tun. H a r t m a n n- Delitzsch zweifelt daran, daß durch die Gauleiter die Agitation besser werden werde. Auch mit der Gaueinteilung ist er nicht einverstanden. Provinz Sachsen und der ganze Leipziger Bezirk gehören wegen der Hausarbeit unbedingt zusammen. Kunze- PeterSwaldau kann nicht für Gauleiter stimmen, da der Hnuplkassierer erklärt habe, eS gehe nicht ohne Beitragserhöhung. Wodzicka- Breslau: In Schlesien sind die Lohn- und Arbeitsverhältnisse aller Arbeitcrkategorien sehr schlechte, weshalb so viele Frauen zu Hause durch Zigarrenmachen den Ver- dienst des Mannes zu erhöhen suchen. Dabei fehle daS Interesse am Verbände. In Breslau sei es oft nicht möglich gewesen, einen Bevollmächtigten zu finden Mit der Agitation bei denBreslauerZigaretten- arbeiterinnen sei trotz allerMühe ein Resultat nicht zu erzielen gewesen. Er befürworte einen Gauleiter für Schlesien und einen für Süd- deutschland, aber ohne Beitragserhöhung. Zu der Zigaretten- arbeiierinnen-Agitation bemerke er noch, daß auch der Tabakarbeiter- Verband sich vergeblich bemüht habe, Erfolge zu erzielen. Aus der weiteren Debatte, die wesentlich neue Momente nicht mehr zutage fordert, ist zu bemerken. daß die Notwendigkeit von Gauleitern im allgemeinen anerkannt wird, daß aber eine Beitrags- erhöhung wenig Beifall findet. W i e s e n- Erfnrr meint, man solle lieber noch zwei neue Beamte im Vorstande anstellen, dann lverden die Gauleiter sich erübrigen. W i l d e m a n n- Stuttgart gibt nun einen Rückblick auf die ganze Debatte. Er empfiehlt noch einmal die Anstellung von drei Gauleitern. Dem Breslauer Delegierten empfehle er, wegen des Verhaltens des Fabrikarbeitervcrbandes an das dortige Kartell heranzutreten, helfe das nichts, dann an die Generalkommission. Vorsitzender D e i ch m a n n empfiehlt im Namen der Siebener- Kommission folgende Resolution: Die XII. Generalversammlung erklärt sich mit der vom Vor- stände beantragten Gaueinteilung mit Gauleitern einverstanden und gibt der Verbandsleitung die Befugnis, in Gegenden mit hervor- ragender Tabakindustrie, vor allem in Baden, Schlesien und West- falen, besoldete Gauleiter anzustellen; die Anstellung hat nach er- folgter Ausschreibung im Verbandsorgan durch die Verbandsleitung zu geschehen. M e i st c r ist der Ansicht, daß diese Resolution die ganze Debatte des Nachmittags überflüssig gemacht habe, ihr könnten alle zu- stimmen, höchstens die nicht, die eine recht baldige Einstellung von Gauleitern wollen; denn ohne Beitragserhöhung werde mit dieser Resolution die Anstellung von besoldeten Gauleitern auf den Nimmerleinstag vertagt. Die namentliche Abstimmung über die Resolution ergab, daß 59 Stimmen für, 19 gegen den Antrag waren bei einer Stimm- enthaltung. Damit ist die Gauorganisation im Prinzip angenommen, mit der Maßgabe, daß damit die Vorortkommissionen wegfallen. Darauf werden die Verhandlungen auf Donnerstag früh vertagt. TOMqöI AÄA □ )OOZ'W° □ Sonnabend V Montag V Dienstag Extra-Angebot 7. Oktober O. Oktober 10. Oktober solange Vorrat. Fleischwaren. Thüringer Landleberwurst... m 85 h. ff. Leberwurst.........., 95 pf Pom. Zwiebelleberwurst..... 48 pi Pom. Rotwurst........... 48 n. * Verkauf an Wiederverkäufer findet niebt statt. Prima Zungenwurst...... 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M. starb nach kurzem Krankenlager unser Mitglied, der Möbelpoliercr Franz Sonnenberger. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Sonn- tag, den 8. d. M., nachm. 3 Uhr, von der Leichenhalle des Gemeinde. Friedhofes, Rölkesw. 43, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 18/10 Der Vorstand. veutseker Holzarbeiter-Verband. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Lkollege, Tischler Willielm Reinack am 2. Oktober plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 7. d. M., nach- mittags 6 Uhr, von der Leichen- balle des Heiligen Kreuz-Kirch- hoses in Mariendorj aus statt. Um rege Beieillgung ersucht 94/6 Die Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwattungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Rohrleger Max Langner gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonntag, den 8. Oktober, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle deS Schöncbergcr Kirchhofes aus statt. Rege Beteiligung erwartet 152/14 OIo Ortsverwaltung. m 5. Oktober starb nach langem, ■>4 schwerem Leiden unsere liebe Tochter 2389b Hedwig im Alter von 27 Jahren. Die Beerdigung findet am Sonntag, nachmittags ill, Uhr, von der Halle des Luther-Fried» hojcS in Lankwitz aus statt. Franz Treder und Frau. 33ci. unserer Abreise nach dem Riesengcbirge sagen wir allen Freunden und Bekannten 2356b ein hersiidles Lebtiuohl! Karl Thomau und Frau. dem vestcn 8,502». an 9,50., !>.-.. 5,-.. Greift zu! «onats-Anzügo.... Abonnements-i'tnjügc, Monats-Paletots.,. Joppen....... Partie-Zlnzüge, teils mit unmerkbaren Fehlern„ 10,50,„ Anzüge, Ersatz für Maß„ 20,—„, Kammg..Hos.od.Jackctts„ 3,—„, Getragene Kleidungsstücke von Ka- valiercn, Reisenden, aus den seinsten Werkstätten Berlins, teils von Hos. llcserantcn, kolossal billig. 42/18» Straßenbahn-Vergülung! �,Zenlra!-Keller, Berlin. 35 Neanderstr. 35, rfn&r. 3Minut. o. 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Redaktion und Expedition: Berlin, Cindenltr. 69. fernfpredjer: Amt II, 1983. | Nr. 335. Sonnabend, den 7. Oktober 1905.| Inserate Secfisgcfpaltene Kolonelzeile 20 Pfg. Bei größeren Butträgen entsprechenden Rabatt partei-Hngclegcnbcitcn. Charlottenburg. Sonntag, 8 Uhr vormittags, Flugblatt Verbreitung. Die Genossen werden ersucht. Pünktlich zu er- scheinen, damit um g Uhr die Arbeit vollendet ist. Es tteffen sich die Genossen des 1. Bezirks bei Pasche, Potsdamerstr. 44 j für den 2a. Bezirk bei Bade, Rehringstr. 2S; für den 2b. Bezirk bei Fuhr- mann, Kaiser Friedrichstraße, Ecke Pestalozzistratze; für den 3a. Be- zirk bei Miller, Rosinenstraße 3; für den 3b. Bezirk bei Kei Osnahrückerstraße 4;. für den 3o. Bezirk bei Lindstedt, Erasmus- straße S; für den 4. Bezirk bei Dörre, Wallstraße 3l>: für den S. Bezirk bei Bartsch, Sesenheimcrstr. 11! für den 6. Bezirk bei Sellin, Krummestr. 46; für den 7. Bezirk bei Grafunder, Weimarer straße 4; für den 8. Bezirk bei Hofstnann, Kleiststr. 15. Ganz be sonders werden die neu hinzugezogenen Genossen ersucht, sich in eins dieser Lokale pünktlich einzufinden. Dienstag den 16. Ottober: Mitgliederversammlung. Schöneberg. Am kommenden Sonntag beginnt die Wahl arbeit zu den bevorstehenden Stadtverordneten Mahlen. Die Mitglieder werden ersucht, sich zahlreich früh 8 Nhr in folgenden Lokalen einzufinden: der 1., 2. und 3. Bezirk bei Krüger, Vorbergstr. 8, der 4. und 5. Bezirk bei Obst, Meiningerstr. 8, der 6. und 8b. Bezirk bei Horlemann, Kaiser Friedrichstr. 8, der 7. und 8a. Bezirk bei Reimer, Hohcnfriedbergstr. 26, der 9. und 19. Bezirk bei M a h r o w, Menzelstr. 4. Die allgemeine Flugblatt-Verbreitung betr. die Fleischverteuerung findet in Schöneberg am Dienstagabend von den bekannten Bezirkslokalen aus statt. Tempelhof. Sonntag früh 8 Uhr findet eine Flugblatt- Verbreitung statt; für das Dorf versammeln sich die Genosse» bei Noack, Berlinerstr. 9, für Neu-Tempelhof bei Müller, Berliner- straße 41/42. Die Patteigenossen werden ersucht, vollzählig zu er- scheinen. Mariendorf- Marieufelde. Sonntag ist Flugblatt-Ber- b r e i t u n g. Treffpunkt für Mariendorf nni 7 Uhr bei Reichardt, Ehausseestr. 16; für Marienfelde 8 Uhr bei Dittmann, Berlinerstr. 48 Die Genossen werden ersucht, zahlreich zu erscheinen. Schmargendorf. Den Genossen zur Kennwis, daß am Sonntag früh 7 Uhr eine Flngblatt-Verbreitung vom Restaurant Sanssouci, Ruhlaerstr. 26/21, aus stattfindet. Des weiteren findet die nächste M l t g l i e d e r- V e r s a nr m l u n g am 16. Oktober. abends 8'/z Uhr, im Cafe Pein, Hubertusbaderstr. 8, statt. Tages- ordnung: 1. Vortrag über Unfall-, Alters- und Jnvalidengesetz, Genosse Brückner-Berlin. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 4. Auf- nähme neuer Mitglieder. Gäste willkommen. Alt-Glienickc. Sonntag früh 7>/z Uhr ist Flugblattverbreitung Trefipuntt bei Saß. Die Genossen werden ersucht, sich recht zahl- reich daran zu beteilige». Die Generalversammlung findet umstände- halber erst am 29. Oktober statt. Pankow-Nieder-Schönhausen. Die Parteigenossen werden ersucht, sich zahlreich an der Flugblattverbreitung am Sonntag zu beteiligen. Treffpunkt früh 7 Uhr bei Abendroth. Pankow, Mühlenstr. 25. Lichtcnbcrg-Wilhelmsberg. Sonntag findet eine Flugblatt- Verbreitung statt. Die Genossen werden ersucht, sich vollzählig in den bekannten Bezirkslokalen einzufinden. Groß-Lichterfelde. Am Sonntag, den 8. Oktober, findet eine Flugblatt-Verbreitung statt. Treffpunkt: R e st a u r a n t Reisen, C h a u s s e e st r. 164, 8 Uhr morgens. Teltow. Sonntag nachmittag 3 Uhr findet in Teltow bei Pickew Hagen eine öffentliche Versammlung des Wahlvereins statt. Genosse Boxheimer- Groß-Lichterfelde erstattet den Bericht vom Parteitage. Zahlreiche Beteiligung erwartet Der Vorstand. Spandau. Sonntag findet bei Kumke, Schönwalderftr. 86, eine öffentliche Versammlung statt, in der Schriftsteller A. Stern einen Vortrag über.Das Recht auf Glück" hält. Arbeiter, Partei- genossen, erscheint zahlreich zu dieser Versammlung. Stegliü. Zur Flugblattverbreitung am Sonntag früh 8 Uhr von samtlichen Bezirkslokalen aus werden die Genossen um rege Beteiligung ersucht. Waidmannslust. Sonntag früh 8 Uhr in allen Ottschaften Flug.blattverbreitung. Nowawes-Neuendorf. Eine öffentliche WahlvereinSver- s a m m l u n g findet Donnerstag bei Junger, Neuendorf, Großbeeren- straße 166, statt. Gen. K ü t e r- Schöneberg spricht über die Sozial- demokratie in den Genieindevertrewngen. Weißensee. Der Sonntag früh stattfindenden Flugblatt» Verbreitung ivegen werden die Parteigenoffen ersucht, sich pünttlich 7l/z Uhr in den bekannten Zahlstellen einzufinden. Der Parteispediteur für Tegel, Borsigwalde, WaidmannSlust, Hermsdorf, Wittenau und Westreinickendors fft Paul Kienast, Borsig- walde, Schubatthstr. 43. Vorort- l�ackricbten. Charlottenburg. Freie Volksbühne Charlottenburg. Durch neuere Berein- bannigen ist es zu unserer Freude ermöglicht, den Mitgliedern noch in diesem Monat<27. Oktober) anstelle des zunächst in Aussicht ge- nommenen Dramas„RosmerSholm" von Ibsen Gorkis viel ge- rühmtes Werk„Nachtasyl" bieten zu können. Da zu erwarten steht, daß viele die willkommene Gelegenheit ergreifen werden, die eindrucksvolle Dichtung des russischen Poeten durch die Hülfe des Vereins kennen zu lernen, wolle man seine Mitgliedschaft baldigst bei einer der nachstehenden Zahlstellen anmelden: E. Müller, Rosinenstr. 3, Volkshaus. A. Wilk, Kirchstr. 36. Paesler, Schlüter« straße 8. F. Schmidt, Wilmersdorferstr. 136. Konsumverein, Wilmers- dorferstr. 27. Bigalke, Schloßstr. 26a. Wilmersdorf: Murrer, Eislebenerstr. 14, und Käsler, Lauenburgerstr. 26. Zu den Stadtvcrordnetenwahle» machen die bürgerlichen Parteien mobil, sie rufen zum„Kampfe", allerdings zu einer Art des Kampfes, wie sie bisher einzig dastehen dürfte. Zum Verständnis der Situation sei vorausgeschickt, daß bis vor zwei Jahren die sogenannten Unpolitüchen die absolute Mehrheit im Stadtparlament bildeten. Im Jahre 1963 gelang es den Liberalen, den Unpolitischen eine Anzahl von Mandaten in der ersten und zweiten Klasse abzuringen, so daß nunmehr beide Fraktionen etwa gleich stark waren. Durch diesen Erfolg, der nicht zum wenigsten durch die bekannte Ströhler-Affäre herbeigeführt war, ist den Liberalen der Kamm gewaltig geschwollen. Nicht nur. daß sie im Stadtparlament sich völlig als Herren fühlen, die nur den Magistrat als ihren Gebieter anerkennen, die. Wünsche der Bevölkerung aber mit Füßen treten, haben sie auch vor einigen Monaten den feierlichen Eid geleistet, in diesem Herbst der Sozialdemokratie und den Unpolitischen vollends den Garaus zu machen. In einem von vier liberalen Vereinen und der gesamten liberalen Fraktion unterzeichneten Flugblatt heißt es: „Wir werden bei den bevorstehenden Wahlen daran festhalten: Wahlen unter„unpolitischer" Parole zu bekämpfen, denn für uns gilt nach wie vor die Auffassung: unpolitisch ist insofern unaufrichtig, als unter dieser Flagge das offene Bekenntnis der Zugehörigkeit zu irgend einer Partei verdeckt wird.... Die Wahlen von 1963 waren nur ein Vorspiel, welches keinen sicheren Rückschluß auf den diesmaligen Erfolg zuläßt, denn gerade die damalige Niederlage unserer Gegner lgemeint sind die Unpolitischen) wird sie diesmal um so energischer in den Wahlkampf führen. Der eigentliche Entscheidungskampf wird daher bei den Wahlen im kommenden Herbst geschlagen werden. Größere Bedeutung hat deshalb der bevorstehende Wahlkampf als irgend einer seiner Vor- gänger. Größerer Anstrengungen bedarf es diesmal als je zuvor." In den wenigen Monaten, die seit Veröffentlichung dieses Flug- blattes verflossen sind, ist nun den liberalen Mannesseelen das Her; in die Hosen gefallen. Sie haben es sich überlegt, daß ein Kamp Opfer erfordert, die zu bringen sie nicht fähig und willens sind und daß cS eine bequemere Art gibt, Mandate zu ergattern. Mit den- selben Leuten, denen sie vor wenigen Monaten den Krieg erklärt, denen sie den Entscheidungskampf angedroht haben, haben sie jetzt ein schimpfliches Schachergeschäft abgeschlossen. Am 2. Oktober fand nämlich eine Konferenz statt, an der als Vertreter der„Unpolitischen" Delegierte des Kommunalvereins für die östlichen Charlottenburger Stadtbezirke und des Nationalliberalen Ortsvereins, als Vertteter der„Liberalen" Delegierte des Liberalen Vereins und zweier freisinnigen Bezirksvereine teilnahmen. Es wurde vereinbart, daß diese fünf Vereine als zwei Gruppen zu betrachten seien, von denen die eine aus dem Kommunalverein und dem Nationalliberalen Verein, die andere aus den drei übrigen Vereinen gebildet wird. Von den 29 zu besetzenden Mandaten sollen auf die erste Gruppe 9, auf die zweite 15 entfallen, während die übrigbleibenden fünf Mandate zunächst freibleiben und später weitere Bestimmungen darüber getroffen werden sollen. Die fünf Ber- eine haben sich verpflichtet, ihre� Kandidaten gegenseitig zu unterstützen. Das ist die Art, wie die Bourgeoisie den„Entscheidungskampf" führt. Begreifen denn die Herren, die erst em solches Flug- blatt erlassen und hinterher dies Schachcrgeschäft abschließen, gar nicht, wie lächerlich sie sich dadurch in den Augen der Bevölkerung machen? Sehen sie nicht ein, daß sie dadurch den letzten Rest ihrer politischen Ehre aufs Spiel setzen? Freilich, was gill dieser Ge- sellschaft politische Ehre, was gilt ihr die Achtung ihrer Mitmensche»? Um ein Stadtverordnetenmandat üben sie den schimpflichsten Verrat. Nebenbei bemerkt entfallen von den 29 Mandaten 16 auf die dritte Wählerklasse. Auch diese Mandate scheinen die Herren bereits verteilt zu haben, sie haben aber die Rechnung ohne die Sozialdemokratie gemacht. Noch fühlt sich die Sozial- demokratie kräftig genug, um die Mandate der dritten Klasse zu behaupten und neue hinzuzuerobern. Im Gegensatz zu den bürgerlichen Schacherfritzen haben die Sozialdemokraten durch Kampf in wenigen Jahren die Zahl ihrer Sitze im Stadt- Parlament von 2 auf 12 vermehrt, und sie werden auch aus dem diesmaligen Wahlkampf wieder gestärkt hervorgehen. Erleichtert wird ihnen der Kampf dadurch, daß sie nun statt mehrerer Gegner einen geeinigten Gegner zu bekämpfen haben, der die Waffen zu seiner Vernichtung selbst geschmiedet hat. Mögen die Privilegierten der beiden ersten Klassen schachern, so viel sie wollen, in der dritten Klasse wird gekämpft werden. Die Charlottenburger Voltsvcrsauimluug zugunsten der Aus gesperrten in der Elektro-Jndusttie erfreute sich eines enormen Besuches. Schon lange vor Beginn der Versammlung mußten die Tiscke entfernt werden, um den zuströmenden Massen Platz zu schaffen. Referent war der Genosse S i e r i n g vom Schmiede- verband, der den Versammelten eine genaue Schilderung des ge- waltigen Kampfes gab. Die Machenschaften der Polizeibehörde und namentlich die der Charlottenburger, die sich in besonderer Schärfe erkenntlich macht, unterzog der Referent der gebührenden Kritik. Mit der Aufforderung, die Ausgesperrten in jeder Weise zu unter- stützen, schloß Redner unter stürmischem Beifall. An der Diskussion beteiligten sich die Genossen Brandt. Habicht und Flemming. Auch diese traten in beredten Worten für die Ausgesperrten em. Die Resolutton der Streikleitung wurde einstimmig angenommen und die Tellersammlung den Ausgesperrten überwiesen. S a m m e l l i st e n find, wie der Ausschuß der Gewerkschafts- kommission mitteilt, bei Franz Jost. Griiiistr. 23, vorn 3 Tr., zu haben. Ichöneverg. Nach lange» Erwägungen und Beratungen hat der Magistrat von Schöneberg endlich dem Stadtverordnetenbeschlnß vom 3. Juli d. Js. betr. die auf Antrag unseres Genossen Kütcr vorgeschla« genen Lohnerhöhungen der städtischen Arbeiter zugestimmt. Ohne vcrschiedentliche Aenderungen und Strei- chungen ist es hierbei natürlich nicht abgegangen. Eigentümlicher- weife hat sich der Magistrat plötzlich auf den ihm scheinbar lieb- gewordenen„gerechten Ausgleich" berufen. Da er selbst zugibt, daß die Verhandlungen vom 3. Juli keine Schlüsse über die Gründe/z Uhr starb sie, bevor noch ein Arzt zu Rate gezogen war. Auf Anordnung deS Kreisarztes wurde die Leiche beschlagnahmt und nach den, Schau- hause gebracht, weil Choleraverdacht, vielleicht aber auch Obstvergiftung Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» lvuchdruckerei ii. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Bellst» SW, von Bei einem Gewittersturm, der seit 24 Stunden in der Umgebung Bamberg herrschte, wurden, wie von dort gemeldet wird. zwei Personen vom Blitze erschlagen und eine Person betäubt. Ein entwischter Tittlichkeitsverbrecher. Ein reicher Engländer, der seit einiger Zeit zur K u r in A a-ch c n weilte, wurde kürzlich wegen verschiedener an kleinen Mädchen und Knaben verübten Sittlichkeitsvcrbrechen verhaftet, jedoch nach Hinterlegung emer Kaution in Höhe von 3000 M, vorläufig wieder auf freien gu� gesetzt. Ter Verbrecher, ein schon bejahrter Mann, hat jetzt die Kaution im Stich gelassen und das Weite gesucht. Ein heftiger Erdstoß wurde, wie aus Bologna gemeldet wird. heute früh 2 Uhr 26 Minuten dort verspürt. Die Erschütterung. die zwei Sekunden dauerte, war von starkem Getöse begleitet. Freireligiöse Gemeinde. Sonnlag. den 8. Oktober, vorm. 8°/, Uhr, im Bürgersaale des Rathauses, Eingang Königstr. 16—13: Versammlung. Freireligiöse Vorlesiing.— Um 10'/, Uhr vormittags in der SchuI.Aula, Kleine Franksurterstr. 6: Vortrag de» Herrn Pros. Dr. Albert Gehrke: Das Sittliche in den Religionen". Gäste, Dame» und Herren, sehr will- kommen.— Montag, den 9. Oktober, abends 8'/, Uhr. pünktlich im großen Saale von B. Franke, Sebastianstr. 39: Beschließende Versammlung. Wich- tige Tagesordnung. Das Erscheinen sämtlicher vollberechtigter Mitglieder ist dringend notwendig..._ Oefsentliche Bibliothek und Lesehalle zu unentgeltlicher«e- Nutzung sür jedermann. 8W., Alexandrinenstr. 26. Geöffnet täglich von 5'/,— 10 Uhr abends, an Sonn- und Feiertagen von 9—1 und 3—6 Uhr. In den Lesesälen liegen zurzeit 616 Zeitungen und Zeitschristen jeder Art und Richtung aus.___ Berliner Marktpreise. Aus dem amllichen Bericht der städlischen Markthallcn-Direktion. Rindfleisch I» 65-71 pr. 100 Psund, IIa 58-63, Ula 52—57, IVa 43—50. Kalbfleisch la 86—93, IIa 75—85, lila 62—72. Hammelfleisch la 66—76, IIa 52—64. Schweinefleisch 68—75. Kaninchen Ztuck 60—80 Ps. Rotwild Pfund 40—47 Ps. Rebhühner, junge la 1,00 bis 1,30, junge IIa 0,60—0,90, junge kleine 0,00—0,00, alte la 0,70—0,80, alte IIa 0,00—0,00.• Hühner, alte 1,25—1,50, junge 0,50—1,20 das Stück. Tauben junge 0.35—0.40, alte 0,00—0,00. Enten, junge 1,20—2,50. Gänie junge la, 3,50—4,20, IIa 2,50—3,00 per Stuck, la 0,55—0,62, IIa 048—0,52 per Pfund. Hechte 100—113 M., Schleie 110—126 M., Aale.' groß 80—82, mittel"73 M. Plötzen 51 M. Karpjcn 72—74, Lachs—, Schellfische 24—33, Flunder 29 M. pro 100 Psund. Schottische Vollheringe(gesalzen) 40—44 M Krebse, Nein«, Schock 2 80 unsortiert—. Eier, Schock 3,50—4,00. Butter pro 100 Psund la 120-124, IIa 115—120, lila 110-115, abfallende 100—108. Kartoffeln pr. 100 Pfd. rote 1,60—2,00. Rosen 1,50—1.75, blaue 0,00—0,00, runde weiße 1,50—1,75. Wirfingkohl pr. Schock �OQ— 8,00, Weißkohl 2,00—5,00, Rotkohl 4,00—6,00, Saure Gurken, neue Schock 2,—. iOctier-Proguoir Für Sonnabend, den 7. Oktober 1905. Kühl und veränderlich, vorwiegend»och trübe mit geringeren Niederschlägen und frischen nordwestlichen Winden. Berliner Welte rbureau. Svaslerstand am 5. Oktober. Elbe bei Aussig— 0.14 Meier, bei Dresden— 1,58 Meter, bei Magdeburg+ 1,20 Meter.— U u ft r u t bei Straußsurl+ 1,20 Meter.- Oder bei Ratlbor-s- 0,96 Meter, bei Breslau Oberpcgcl-ff 4,84 Meier, bei Breslau Unterpegel-» 1,60 Meter, bei Frankslirl-ff 0,98 Meier.— Weichsel bei Brahemünde -f 2,34 Meter.— Warthe bei Posen-ff 0,20 Meter.— Netze bei Usch -ff 0,99 Meter._