Ur. 243. RbonnementS'Redlngungen: AboimementZ• Preis pränumerando: «ierteljährl. 330 SKt, monatL 1,10 SKI., wöchentlich LS Pfg. frei in» Hau». Einzelne Nummer 5 Pfg. SonulagS. numiner mit illustrierter EonntagS- Bellage.Die Neue Weit" 10 Pfg. Pofl- «bonncmenl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Poft-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutfchland und Oesterreich. Ungarn Ii Marl, für da» übrig« tbiSlanfe 8 Marl pro Monat ST. Jahrg. Die Inlcrtions• Gebüftr beträgt für die fechSgefpattene Kolonel. zeile oder deren Raum.0 Pfg., für politische und gewerllchasiliche Vereins- und BerfammiungS-ilnzeigen 26 Pfg. „Kleine Hnietgen", das erste(feit- gedruckte) Wort 10 Pfg., jedes weitere kort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei«orte. Inserate für die nächste Nummer müssen biS 6 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben «erden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Eon»- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. CrlAtlnt tilgll« iuS(r montaai. Vevlinev Volksblctkk. Telegramm-«dreffe! „S«a!alö«iioke»t Stell»". Tentralorgan cter so2ialclemokratiscken Partei Veutscklanäs. K.cäaktian: 8QI. 68, �.inclensrrasse 69. ffernsprecher: Amt IV. Nr. lS«3. Friedensdienst. Das Blatt deS Reichskanzlers wendet sich in heftiger Polemik gegen den.Vorwärts", weil er in den Fragen der internationalen Politik, welche in den letzten Wochen die Oeffentlichkeit erregt haben, den widerwärtigen Kultus der auswärtigen StaatSkunst Bülows verschmäht und sozialistische Kritik am völkerverderblichen Spiel der internationalen Diplomatie übt. Der Polemik gehen einige Aeußerungen voraus über die Bei- legung des französisch-deutschen Marokkokonfliktes und über die Stellung, die England in diesem Konflikt zur Zeit Delcassös ein- genommen hat. Das offiziöse Blatt erklärt zunächst, daß den „Enthüllungen" des„Matin" jede Bedeutung für die in den letzten Monaten erzielte Gestaltung des deutsch- ftanzösischen Verhältnisses abgeht. ES bespricht dann die von uns zitierte Aeußerung des Reutcrschen Bureaus, daß Deutschland von Groß britannien informiert worden sei, daß.die Frage eines Beistands- angeboteS an Frankreich seitens Englands niemals entstanden sei, daß Frankreich niemals um Beistand nachgesucht habe und daß Eng> land niemals einen solchen angeboten habe". Hierzu erklärt die „Nordd. Allg. Ztg.": „Wir können b e st S t i g e n, daß die englische Regierung eine Mitteilung solchen Inhalts in spontaner Weise hat hierher gelangen lassen und daß sie deutscherseits ebenso loyal, wie sie gegeben wurde, entgegengenommen worden ist. Ein Zwischenfall in den diplomatischen Be Ziehungen zwischen Deutschland und England ist durch die Be- hauptungen des„Matin" nicht hervorgerufen worden, andererseits aber handelt es sich um eine von der englischen Regierung selbst ' �zeichnete Mitteilung, die im Sinne der Londoner Regierung nicht für die Oeffentlichleit bestimmt war. Wir ver- als vertraulich bez sagen es uns daher, auf diese Mitteilung näher einzugehen und mochten mir noch besonders feststellen, daß alle Behauptungen, wonach die deutsche Regierung von der englischen oder der fran- zosi scheu Regierung über die Angaben der Pariser Blätter Erklärungen verlangt hätte, unzutreffend sind. Ein solcher Schritt würde angesichts der Form, in der die Angaben gemacht sind, der diplomatischen Courtoisie nicht entsprechen. Er würde auch mit der loyalen Gesinnung nicht im Einklang stehen, die wir den Absichten der französischen wie der englischen Staats männer gern entgegenbringen." Diese offizielle Aeußerung zu den von Jaurds bestätigten Mitteilungen des„Mattn" ist allerdings ein Erzeugnis der „diplomatischen Courtoiste". Sie entspricht in reichlichem Maße dem Worte Talleyrands, daß die Sprache den Diplomaten gegeben ist, uin die Wahrheit zu verbergen. Und doch ist sie immerhin an der Grenze der„diplomattschen Courtoisie". So sehr sie zeigt, daß man für die Oeffentlichkeit die Akten der Vorgänge zur Zeit DelcasssS schließen will, so beweist sie gleich- wohl, wie gespannt auch jetzt noch das Verhältnis zwischen Berlin und London ist l Wenn das offizielle Organ deS Reichs kanzlerS schreiben darf, eine Mitteilung der englischen Regierung sei „deutscherseits ebenso loyal, wie sie gegeben wurde, angenommen worden"— so ist das d e u t l i ch I Die Erklärung der„Nordd. Allg. Ztg." bedeutet dann, unter dem Schein einer Ablehnung der Mitteilungen de«.Matin" und unseres Freunde? JaurdS, in Wirk- lichkeit eine Bestätigung deS KernS jener Mitteilungen. Es mag zweifelhaft sein, welcher Art die englisch-französischen Verein- barungen in den Einzelheiten gewesen sind und was Delcassö im Ministerrat am Tage seines Sturzes eröffnet hat, eS mag möglich sein, daß durch die Wcitertragung der ur- sprüngliche Tatbestand irgendwie verändert worden ist, darüber aber kann kein Zweifel bestehen, daß maßgebende Stellen in England den, französischen Minister deS Auswärtigen deutlich zum Ausdruck gebracht haben, England werde im Falle eines deutschen Angriffes auf Frankreich sich nicht neutral verhalten, sondern als Verbündeter Frankreichs in den Kampf eingreifen. Delcassä hätte nicht der Vertreter einer gefährlichen, verbrecherischen, zum Kriege drängenden Politik sein müssen, er hätte ein Trottel sein müssen. der er nicht ist. wenn er diese Politik ohne den gesicherten Hinterhalt englischer Hülfe verfolgt hätte. Es wäre auch, bei der heutigen Gestaltung der internationalen Berhälttiisse und dem Wesen der kapitalisttschen Diplomatie, nichts lächerlicher, als wollte man nun gegen England oder Frankreich moralische Klage erheben, daß sie eine derartige Verbindung beabsichtigten und ein- gegangen sind. Am wenigsten hätte die deutsche Diplomatie Anlaß, über Unrecht zu klagen. Vom Standpunkt des Kapitalismus sind solche Bündnisse natürlich nicht verwerflich, sondem„patriotisch". Grund zur Empörung haben allein die Völker, die auf die Schlacht- baut des Krieges geführt werden sollen, und nicht gegen die Diplo- matte dieses oder jenes Landes, sondern gegen die Diplomatie als Instrument der herrschenden Kapitalistenklassen aller Länderl Dieser Gesichtspunkt aber des Interesses der Nationen an ernsthaftem Frieden, welches zu dem„nattonalen" Interesse der kapitalistischen Klassen im schroffsten Gegensatz steht, muß dem Organ der deutschen Reichsregierung fremd sein. Woher es kommt, daß es gegen den von uns vertretenen Standpunkt ein erregtes Lamento anstimmt. Die„Nordd. Allg. Ztg." widmet uns die folgenden LiebenS- Würdigkeiten: „Daß der„Vorwärts" auch diese Gelegenheit nicht vorüber- gehen lassen werde, seiner vaterlandslosen Gesinnung Ausdruck zu verleihen, war vorherzusehen. Es verlohnt nicht, seine neueste Leistung auf deyi Gebiete schimpflichster Preisgabe jedes nattonalen Schamgefühls näher zu beleuchten. Nur auf die verwerfliche Art. wie er im Auslande Stimmung zu machen sucht gegen die maritimen Maßnahmen im Interesse der Selbsterhaltung des deutschen Volkes, wollen wir mit wenigen Worten hinweisen. Skrupellos eignet er sich die Argumente unserer ausländischen Widersacher an. Deutschlands ganze Politik laufe darauf hinaus, den gegenwärtigen Besitzstand der Mächte zu stören, und baue seine Flotte gegen England. Solche zugleich albernen und frechen Verdrehungen der Wahrheit wagt dieses Blatt seinen Lesern vorzusetzen trotz der geschichtlich fest- stehenden Tatsache, daß das Deutsche Reich nach beispiellosen militärischen Erfolgen seit einem Menschenalter seine ganze Macht in den Dienst des Friedens gestellt hat. Es versteht sich, daß dem Blatt, welches den Befehl hat, die heutige Diplomatie zu vertreten, die Stellungnahme der Sozial- demokratie durchaus mißfällt. Daß es aber feine Polemik gegen die Sozialdemokratie nur in plumpen Beschimpfungen zu führen weiß, daß es über.vaterlandslose Gesinnung", über schimpflichste Preisgabe jedes nattonalen Schamgefühls" schmäht, beweist nur, wie sehr die Bülowsche StaatSkunst in auswärtigen Angelegenheiten nicht allein eine aus kapitalistischen Gründen uns entgegengesetzte ist, sondern wie sehr sie sich durch die Krittk getroffen fühlt, welche wir an ihrem besonderen dekorattven Aufputz zu üben genöttgt sind. Die tobende Wut des offiziellen Organs hat nicht nur darin ihren Grund, daß wir die geschichtliche Wahrheit feststellen! daß wir nicht nur die Diplomatte Frankreichs und Englands, sondern auch die deuffche krittsieren, daß wir nicht gleich der bürgerlichen Presse alles unterschlagen, was im Ausland über die deuffche Politik ungünstiges gedacht wird, sondern auch darin, daß wir den Chorus der Schmeichler, der die leitenden Stellen Deuffchlands umwedelt, stören und die ebenso laute wie eitle Ruhmredigkeit, die jetzt mehr denn je in den auswärtigen Fragen betrieben wird, nach ihrem wahren Inhalt schätzen. Es ist das alte verlogene Gerede, mit dem das RegienmgS- blatt die Fehler der deuffchen Polittk drapiert. Wer nicht die ftanzösische und englische Politik der schwersten Fehler zeiht, aber die deutsche Politik als makellos und ausschließlich im Interesse deS Friedensdienstes verherrrlicht, der ist vaterlandslos, dem mangelt das„nattonale Schamgefühl". UnS dünkt es viel mehr„ n a t i 0- nale" Unverschämtheit zu fordern, daß die Handlungen anderer Staaten und ihrer Staatsmänner auf das schärffte verurteilt, dagegen die Handlungen der Staatsmänner des eigenen Landes, und feien sie auch ebenso verfehlt und gemeingefährlich wie die jener anderen, in überschwänglichen Lobeshymnen gefeiert werden. Es ist eine ebenso törichte wie erlogeneBehauptung, daß der„Vor- wärtS" sich„Argumente unserer ausländischen Widersacher" angeeignet habe, indem er erklärte, daß der Ausbau der deutschen Kriegsflotte in England den Eindruck erwecken mußte, als sei er gegen dieses Land gerichtet. Unsere Partei hat längst vor.unseren Widersachern im Auslande', schon zu der Zeit, als die außerordentliche und alles Frühere weit überschreitende Flottenvennehrung geplant wurde, die mahnende Stimme erhoben. Will die„Nordd. Allg. Ztg." etwa leugnen, daß die große Zahl derer, welche für die rapide Flottenvermehrung eingetreten find und heute neue riesige See- rüstungen fordern, ihre Forderungen mit anti-cnglischen Argumenten begründet haben und begründen? Wenn in zahllosen Broschüren und Zeitungen gegen England gehetzt wird'und wenn dann die Re- gierung den von jenen Kreisen geforderten gewalttgen Flottenausbau betreibt, dann kann es keinem objektiv Urteilenden verwundern, daß auch in England weiteste Kreise und maßgebende Stellen die deutschen Flottenrüstungen als gegen England gerichtet ansehen. Dazu kommt, daß die Reden, welche der deutsche Kaiser über deutsche Weltpolitik gehalten hat, im Auslände, insbesondere in England allerdings den Verdacht aggressiver Ueberseebestrebungen erweckt haben. Am 18. Januar 1308 sagte der Kaiser: Aus dem Deutschen Reich sei ein Weltreich geworden, überall in fernen Teilen der Erde wohnen Tausende unserer Landsleute! jetzt sei es die ernste Pflicht ihm zu helfen,„dieses Deutsche Reich auch fest an unser heimisches zu gliedern". Am 4. Juli 1000 sagte er: überall auf dem Ozean dürfe ohne Deutschland und ohne den deutschen Kaiser keine große Entscheidung mehr fallen. Am 8. August 1000 ver- sicherte der Kaiser, daß sein Arm auch bis in die entferntesten Teile der Welt reicht. Am 11. Oktober 1000 sagte er ausdrücklich, dem deuffchen Volke möge in Zukunft beschieden sein, so maßgebend zu werden, wie es einst das römische Reich war, dessen Imperator der Welt seinen Willen aufzwang. Diese und andere ähnliche Worte des Kaisers sind im Ausland sehr ernst genommen worden. Man rechnet dort weniger mit dem Temperament deS Monarchen, das sich in überschwenglichen Wort- gebilden ausspricht. Jedes Wort des deutschen Kaisers mußte im Ausland als Ausdruck eines wohl überlegten Planes gelten. Und nicht minder hat der ernste Friedensbereiter Anlaß, neben den Treibereien der englischen Diplomatie und neben den schweren Verfehlungen eines Delcassb die Sünden der deutschen Diplomatie im Marokkokonflikt festzustellen: das jähe und rauhe Eingreifen in die Marokkofrage, die zuvor als nebensächlich und deutsche Interessen nicht berührend bezeichnet war, und zwar zu einer Zeit, als Frankreich sich infolge der russischen Niederlagen in erschwerter Situation befand, dazu die Inszenierung des Neisepomps nach Tanger durch den Fürsten Bülow. ES war das hohe Verdienst der französischen Sozial- demokratte, daß nach solchem Vorgehen von deutscher Seite der durch die Polittk Delcassbs geftachelte französische Chauvinismus nicht über- mäßig emporlohte und blutiges Verderben heraufbeschwor, daß viel- mehr durch den Sturz DelcassüS zu gleicher Zeit die Fehler der deutschen Diplomatie überwunden wurden. Hätte Deutschland ernst- hafte parlamentarische Institutionen und politische Parteien, welche die auswärtige Politik nicht den dynastischen und diplomattschen Bedienten überlassen, so müßte Bülow dort sein, wo Del» c a s s ö ist I Cxp«äitlon: SM. 68, Lindenstraeac 69. kkrriikvreckier: Ilmt IV, Nr. 1984. politische UebciTicbt. Berlin, den 16. Oktober. Der„Reichsverband" i« tausend Nöten. Der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie will die Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft vor dem roten Umsturz retten; er hält aber schlechte Ordnung in seinem eigenen Bureau. Die Abwickelung seiner Geschäfte vollzieht sich daher unter ständigen Lustspielwirrungen, die ihren Höhepunkt darin fanden, daß versehentlich sozialdeino- kratische Reichstagsabgeordnete zum Anschluß an den ordnungs- retterischen Verband eingeladen wurden. Ein Versehen ähnlicher Art hat das„Echo der Gegenwart" in den Besitz eines recht interessanten Schreibens gebracht. Ein Zentrumsanhänger in Aachen, vermutlich ein nicht unbegüterter Herr— denn auf solche hat es die rührige Geschäftsstelle zunächst abgesehen— war zum Beitritt aufgefordert, hatte aber unter deutlichem Hinweis auf feine ultramontane Ge- sinnung ablehnend geantwortet. Daraufhin erhielt er versehentlich das folgende Schreiben: Sehr geehrter Herr! Aus Ihrem Schreiben vom 8. d. Mts. ersehen wir zu unserem Bedauern, daß Sie dem.Reichsverbande gegen die Sozial- demokratte" nicht glauben beitreten zu können, weil Sie in dem Ultramontanismus den Todfeind unseres deutschen Vaterlandes erblicken. Da wir großen Wert darauf legen, alle national- gesinnten Männer in unserem Verbände zu vereinigen, so wollen Sie uns gestatten, daß wir auf Ihren Brief einiges erwidern. Eine energische Bekämpfung der Sozial- demokratte ist zugleich der beste Weg. um die Macht und den Einfluß deS Ultramontanismus zu brechen. Die Reichs- regierung befindet sich bei der heutigen Stärke der verschiedenen Parteien in einer ungemein schwierigen Lage. Die nattonalen, oder in diesem Falle vielleicht richtiger, die alten Kartellparteien bieten im Reichstage der Regierung nicht diejenige Majorität, die sie nötig hat, um auf dem Gebiete der Flotten- und Heeresver- mehrung, der Kolonialpolitik usw. wirklich nationale Polittk treiben zu können. Sie ist also notgedrungen auf eine Unterstützung durch den Ultramontanismus angewiesen, soll die gesamte Gesetzgebungsmaschine nicht ganz zum Stillstand gebracht werden. Nun hat sich der„Reichsverband gegen die Sozial- demokratte" die Aufgabe gestellt, vor allem bei den Wahlen dafür zu sorgen, daß möglichst viel Wahlkreise der Sozial- demokratie wieder abgenommen werden. Die Sozialdemokratie verfügt bekanntlich über 78 Sitze im Reichstage. Unter diesen sind etwa 30 bis auf weiteres fester Besitz der Sozialdemokratie. wo die Verwendung von Kräften und Geld eine nutzlose Ver- geudung wäre. Es bleiben aber immerhin 48 Wahlkreise, unter denen mindestens 30 den Sozialdemokraten wieder abgenommen werden können, wenn alle Nichtsozialdemokraten bei den Wahlen ihre Pflicht tun und das Bürgertum es unterläßt, sich gegenseitig zu zerfleischen. Gelingt eS. was bestimmt zu hoffen ist, diese 30 Wahlkreise den Sozialdemokraten wieder abzunehmen und unter die nationalen Parteien zu verteilen. 10 würde die Regierung sofort diejenige Mehrheit im Reichstage haben, die es ihr ermöglichen würde, sich von der Rücksicht auf den Ultra- montaniSmus frei zu machen und sich auf die übrigen bürgerlichen Partcivertretungen im Reichstage bei ihren nationalen Aufgaben zu stützen. Einen besseren Weg, den aus allen Gegenden geäußerten Wünschen in bezug auf die Zurückdrängung deS UltrawontaniSmus entgegenzukommen, gibt es also nicht, als durch eine energische Bekämpfung der Sozialdemokratie. Die Reichs- regierung muß Realpolitik treiben. Würde sie den Ultramontanismus bekämpfen, ohne daß die Sozialdemokratie an ihrer Stärke im Reichstage vermindert würde, so würde die Regierung sich einfach zwischen zwei Stühle setzen, und eine solche Möglichkeit kann sie natürlich nicht riskieren. So lange also die heutige Parteikonstellation im Reichstage vorhanden ist, wird die Macht und die Bedeutung des Ultramontanismus weiter wachsen, und jeder Sozialdemokrat mehr im Reichstage bedeutet somit zugleich indirekt eine Stärkung der Macht und Bedeutung des UltrainontanismuS. Diejenigen also, die im Ultramoiitaiiismus eine Gefahr sehen, können nichts BeffereS tun, als alle Bestrebungen zur Bekämpfung der Sozialdemokratie zu unterstützen; das ist eine logisch vollständig richtige Konsequenz, die aber leider noch viel zu wenig beachtet tmrd. Wir hoffen, daß Sie nach diesen Ausführungen unsere natto- nalen Bestrebungen nunmehr doch durch Ihre Mitgliedschaft unter- stützen werden. Mit vorzüglicher Hochachtung die Geschäftsstelle deS „Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie." Dr. Bovenschen. Der Reichsverband hat also die 30 Mandate, die er der Sozial- demokratie abzujagen gedenkt, schon an die„nattonalen Parteien" verteilt, und um das Geschäft fertig zu machen, fehlt nur noch die. Kleinigkeit— daßersie hat. Wenn übrigens die.Germania" ernsthaft bemerkt, sie habe schon längst geahnt, daß der Reichs- verband es im letzten Grunde darauf abgesehen habe,„das Land vom Zentrumstyrannen zu befteien". so befindet sie sich gewiß im Irrtum. Offenbar hat zur gleichen Zeit, da der Ultra- montane in Aachen mit weitaufgerissenen Augen die selt- same BeitrittSeinladung las, irgendwo anders ein grimmer Kulturkämpfer mit nicht geringerem Erstaunen gelesen, er müsse un- bedingt dem Reichsverbande beitreten, weil der Reichsverband mit den Anschauungen des Katholizismus völlig übereinstimme und gerade daS Zentrum durch ihn die allerbeste Förderung erfahre. Was die Geschäftsstelle des Reichsverbandes tut, geschieht nur ver- sehentlich.„Versehentlich" wird sie auch zu allerletzt als ein Reichsverband für die Sozialdemokratie" nur unsere Geschäfte besorgt haben.—_ Der neue Handelsministcr. Der bisherige Oberpräsident von Westprcaßen. Herr Delbrück, soll bereits das Portefeuille des preußischen Handelsministers angenommen haben. Damit erledigt sich die Vermutung unseres Dortmunder Parteiblattes, daß Herr Schmieding ausersehen sei, den langen Möller zu ersetzen.— Der Zwcicrlki-RechtS-Minister, Herr Schönstedt, geht nun wirk- .ich. Ueber seinen Nachfolger ist nur soviel bekannt, daß er, sei es: wer immer, ebenfalls auf den„Rcchtsgrimdsatz" schwören wird Wenn zwei dasselbe tun. ist cS nicht dasselbe.— Agrarischer Schwindel. In den letzten Wochen bringen konser- oative Blätier alle paar Tage ein Schreiben irgend einer Vieh- verständigen landwirtschaftlichen Autorität, in dem behauptet wird, oa und dort seien so viele schlachtreife Schlveine vorhanden, daß die Bauern sie trotz niedriger Preisforderungen nicht los zu werden ver- mochten.� Hinterher stellt sich zwar stets heraus, daß die betreffende landwirtschaftliche Große unverschämt gelogen hat, aber da die konservativen Blätter gmndwtzlich keinerlei ihre"igen enthüllenden Richtigstellungen bringen, bleibt bei den Lesern der Ein- druck zurück, die Flcischteuerung existiere nur in der Phantasie der Großstädter, kürzlich hatte wieder der Rcichstags-Abgeordnete Held in der Nähe von Verden solche Schweine-Oasen entdeckt, wo gute Schweine zu niedrigen Preisen zu haben seien. Darauf hat die Fleischer-Jummg zu Verden eine Anzahl ihrer Mitglieder nach den genannten Orten hingeschickt, um die seltenen Borstenviecher aufzukaufen— mir welchem Erfolg, lehrt folgendes Schreiben an die Redaktion der„Allgem. Fleischcr-Ztg.": Verden, den 14. Oktober 1903. Wir können Ihnen mitteilen, daß die Angaben, die dem p. Held gemacht worden sind, meistenteils der Wirklichkeit nicht entsprechen. Wir freuten uns, daß durch den p. Held uns solche Massen schlacht- reifer Schweine angewiesen wurde», und cS fuhren sofort nach Empfang des Verzeichnisses mehrere Schlächtermeister nach den bezeichneten Orten, die in der Nähe Verdens liegen. Aber leider kehrten alle leer zurück, weil sie keins kaufen konnten.— Im Orte Oiste war nicht ein fettes Schwein versügbar. Man wies uns nach der Molkerei, die in der Nähe von Oiste liegt, ja. da waren 89 Schweine, aber höchstens 29 Schlveine schlachtreif a 299 Pfund Lebendgewicht szwcite Sorte), die übrigen sind noch nicht zu gebrauchen, auch sind welche von 199 Pfund dabei. Für sämtliche Schweine sind pro 199 Pfund Lebendgewicht 53 M. geboten. Das Gebot ist nicht an- genommen. In Jnschede, Dahlhausen, Westen, Eitzeudorf und Hustedt konnte uns keiner von den Betreffenden ein schlachtreifes Schwein nachweisen. Da hieß es, die sind schon verkauft oder ähnliches. Nach Lehmann- Brinkum haben wir uns brieflich erkundigt, der hat von tausend nur zwei fette Schweine.— Wie groß tatsächlich der schlacht- reife Schweinebestand hier im Kreise Verden und Umgegend ist, beweist der Unistand, daß die Schlächter Tage lang Meilen weit umhcrfahren müssen, ehe sie ein Stück Schlachtvieh erhalten, und das ist dann meistens noch nicht die beste Ware. Gute schwere Schweine sind hier augeilblicklich sehr wenig zu haben. Wenn die Schweine auch nur einigermaßen schlachtreif sind, dann sind sie schon verkauft. Ohrt-GcorgShöh hat schon von den in drei Monaten ver- fügbaren welche verkauft. Wie die Angaben gemacht sind, beweist folgender Fall: Der Nademacher v. Aßen in Jnschede ivurde gefragt, ob er bei den Einwohnern im Orte angefragt und ob er die Schweine angesehen hätte, da gab er zur Antwort, nein, das hätte er und ein Bäcker im Orte schätzungsweise gemacht. Hochachtungsvoll Der Vorstand der Fleischer- Innung Verden. F. Kulpe. Daniel Oclfke. Fr. v. Uffel. Ein Kunstfcnstcr für Dtucker. In der Luther- und Wartburgstadt E i s e n a ch gibt der In- Haber einer großherzoglich sächsischen Hofkunsthandlung, Johannes Starcke, durch Inserat folgendes bekannt: Am 11. d. M. ist mir per Post nachstehendes Schreiben zu- gegangen: „Sie sind ein Jugendverdcrber— Einer sagt es, viele denken eS, Und andere handeln danach." (Auf die Auslage Bezug nehmend.) Ist mir zunächst nicht recht erklärlich, was gerade bei meiner letzten Auslage den Einsender verletzt hat, so möchte ich ihn sowie diejenigen, die laut Schreiben ebenso wie er denken, ersuchen, doch die andere Straßenseite zu benutzen, wenn meine Kunstauslagen sie stören. Gott sei dank sind wir in Eisenach doch nicht im schwarzen Köln oder München, wo eS allerdings vorgekommen ist, daß ein Kunsthändler aus seinem Fenster Böcklins„Spiel der Wellen" oder CorregioS„Büßende Magdalena" entfernen mußte. Bisher ist eS stets mein Bestreben gewesen, in Eisenach die Kunst zu heben und zu fördern, waS mir laut Zeugnis maß- gebendstcr Persönlichkeiten auch immer mehr gelingt, wie auch mein Kunstsalon und mein Kunstlager in Eisenach sich die führende Stellung errungen haben. Derartigen Kunstbanausen, die sich über in meinem Fenster ausgestellte Sachen wie:„Dorn- anszieher" oder„Ariadne" usw. aufregen, ist leider nicht zu helfen und ich verzichte gern auf dieselben. Ich aber habe mich veranlaßt gefühlt, aus Anlaß des eingegangenen Schreibens heute ein Kunftfenster für Mucker und alle die, die eS sein wollen, zu dekorieren. Diejenigen jedoch, die alles Wahre und Schöne in der Kunst lieben, bitte ich um freundliche Beachtung dieses Schaufensters. Hochachtungsvoll Großh. sächs. Hof-Kunsthandlung Johannes Starcke. Und das nennt sich sogar„ H o f Kunsthändler! Vermehrter Schutz für die Eisenbahner. sEig. Ber.) Stutt- gart, 15. Oktober. Im Anschluß an die kürzliche Meldung� von der Einführung der neunstündigen Arbeitszeit für die Werkstätten- arbeiter der württembergischen Staatseiseubahncn seien noch einige Matznahmen erwähnt, die von der Geueraldirektion nunmehr über die D i e n st- und Ruhezeit der württembergischen Eisenbahnbetriebsbeamten erlassen worden sind. Pausen von weniger als 39 Minuten Dauer, die in die Dienstzeit fallen, sollen von nun ab als Dienstzeit gerechnet werden. Die ständig. auch am Sonntag, beschäftigten Beamten, Unterbeamten, Hülfsunter- beamten und Arbeiter im StationS-, Bahnbewachungs-, Lokomotiv- und Zugbegleitungs-Dienst erhalten monatlich drei und bei regel- mäßiger Verwendung in vollen Nachtdiensten mit kurzem Wechsel monatlich vier Ruhetage. Dem Lokomotiv- und Zugbegleitungs- personal soll möglichst noch weitere dienstfreie Zeit von längerer Dauer je nach dem Maß der Inanspruchnahme eingeräumt werden. Von jetzt ab dürfen nur noch vier Nachtdienste hintereinander an- gesetzt werden, bisher durften eS 5 bis 7 sein. Diese Bestimmung gilt auch für das Lokomotiv- und Zugpersonal. Weitere Dienst- erleichterungen sollen folgen, sobald das hierfür benötigte nene Personal herangebildet ist.—_ Landtagswahl in Württemberg. Stuttgart. 14. Oktober.(Eig. Ber.) Die Landtagsnach- wähl im Kreise T u t t l i n g e n hat das als wahrscheinlich voraus- gesehene Ergebnis gezeitigt, den Kandidaten der Sozialdemokratie. Genossen M a t t u t a t, in Stichwahl mit dem Kandidaten der ver- einigten Demokraten und Nationallibcralen, RcichStagsabgeordueten Starz, zu bringen. Die Wahlbeteiligung ist bei der Nachwahl auf 73 Proz. zurückgegangen, während sie bei der letzten Hauptwahl 83 Proz. betrug. Dennoch wuchsen unsere Stimmen von 1393 auf 1714. während die vereinigten VolkSparteiler und Nationalliberalen von 2997 aus 2568, daS Zentrum von 1294 auf 1925 Stimmen zurückging. Ist daher auf einen Erwerb des Mandats durch die Sozialdemokratie auch kaum zu rechnen, so ist unser Stimmenzuwachs angesichts der geringeren Wahlbeteiligung und des Stimmcnrückgangcs der gegnerischen Parteien doch mit Genugtuung zu registrieren. Im Vordergrund der in letzter Zeit stattgefundenen Wahl- bewcgungen stand durchgängig die Frage der VerfassungS» r e f o r m, die noch in diesem Herbst im Landtag zur Entscheidung gebracht werden soll und deren Schicksal in der Zweiten Kammer von wenigen Stimmen abhängig sein wird. Da das Zentrum der grundsätzliche Gegner des gesamten Reformwerkes ist, so verdient es besonders hervorgehoben zu werden, daß die Wahlpolitik des Zentrums bei diesen Nachwahlen keine Lorbeeren geerntct, vielmehr ziemlich schlecht abgeschnitten hat. In der Bevölkerung ist die Meinung weit verbreitet, daß das Werk der Verfassungsrevision nicht nochmals scheitern, sondern dies- mal möglichst gefördert werden solle. Taraus ist auch der relative Erfolg der liberalen Kandidaturen in diesen Nachwahlen zu erklären. Würde es sich bei diesen Wahlen nicht um die Entscheidung über ein bestimmtes Gesctzgebungswerk gehandelt haben, hätte vielmehr die Wählerschaft Neigung gehabt, nach allgemeinen politischen Gesichts- punkten zu entscheiden, so wäre zweifellos die Kandidatur eines Pseudodemokratcn vom Schlage Starz' auf iveit erheblicheren Widerstand gestoßen. An diesem eigenartigen Politiker hat sicherlich die eigene Partei in der letzten Zeit keine große Freude gehabt. Der- selbe Rechtsanwalt Starz, der seinerzeit auf den Reserveleutnant ver- zichtete und den Offiziersdegen, der ihm winkte, ruhig ausschlug, um auch fernerhin seinen demokratischen Ucberzeugungen treu bleiben zu können, derselbe„Demokrat" verkündete, nachdem er die 12tägige Spritztour auf Kosten Wörmanns nach Kamerun und Togo absolviert hatte, im nationallibcralen(!)„Schwöb. Merkur" urbi et ordi seine„Begeisterung für dieses wundervolle Land" und ließ seinen Wahlaufruf in dem charakteristischen Satz gipfeln:„Die politische EntWickelung des Landes kann nur fortschreiten, wenn die bürgerlichen Kreise sich um die Forderungen der Zeit(?) gemeinsam scharen und ihre Macht zu gebrauchen lernen. Hierdurch werden auch die nationalen Ziele gefördert werden, die mir immer am Herzen läge n." Ein netter Demokrat, der sich mit den Nationalliberalen, den Mitschuldigen des Zollwuchers, den Brot- und Fleischverteuerern, um gemeinsame„Forderungen der Zeit" scharen, mit ihnen gemeinsam„die nationalen Ziele" fördern will. Wie gesagt, wenn nicht, wofür bestimmte Tatsachen vorliegen, die Wähler in erster Reihe das Schicksal der Verfassungsreform zu sichern sich bemüht hätten, so wäre dieser Erfolg gegenüber einem so entwickelungsfähigen Volksmann schon diesmal ein größerer geworden.—_ Zentrnms-Obstruktioii. München, 16. Oktober.(Priv.-Tcl.) Tie Obstruktion der Ultramontancn im Rathause dauert fort. Ein Vermittclungsversuch des Bürgermeisters wurde zurückgewiesen. Die Liberalen beschlossen, die Ultramontanen bei der Beratung über ihren Einspruch gegen Bestrafung wegen Fernbleibens von der Sitzung auszuschließen. Der Sozialdemokrat Ztaith wies darauf hin, daß die Liberalen zugleich Kläger und Richter sein wollen. Die Rede des Sozialdemokraten machte solchen Eindruck auf die Liberalen, daß diese die Vertagung über den Einspruch beschlossen und neuer- dings Vcrsöhnungsvcrsuche mit den Ultramontanen machen. Der liberale Vorstand wollte ein Vertrauensvotum haben. Er traute sich aber, dieses Votum angesichts der Lage nicht zu verlangen.— Gefechte iu Südwestafrika. Amtlich wird gemeldet: Berlin, 16. Oktober. Amttiche Meldung. Am 12. Oktober wurde durch die 39 Gewehre starke Patrouille des Oberleutnants H e r e s eine Hottentottenbande am oberen Tsiib unter Elias überrascht. Anscheinend wollte dieser die durch das Gefecht bei Nubib am 13. September völlig zersprengten Banden von neuem sammeln. Die Hottentotten räumten das Gc- fechtsfeld in völliger Panik unter Verlust von 50 Toten. Auf der Verfolgung kam eS 19 Kilometer Weiler südlich am Nachmittag noch- mals zu einem zweistündigen Gefecht, in dem noch 5 Hottentotten fielen. Deutscherseits fiel 1 Reiter. Ferner hatte am 5. Oktober eine deutsche Patrouille unter Leuwant Schulz ein siegreiches Gefecht am K u t i p. wobei sechs Hottentotten fielen, bei uns drei Reiter ver- wundet wurden. Der englische Kolonialsekretär in Kapstadt hat dem deutschen Generalkonsul mitgeteilt,„daß 159 unbewaffnete Witbois auf englisches Gebiet übergetreten sind. Sie sollen auf zwei östlich Upington gelegenen Regierungsfarmen interniert und dort polizeilich scharf überwacht werden. Morenga überfiel bei Schuitdrift einen deutschen Posten und erbeutete 15 Proviantwagen. Hierbei fielen Leutnant Surman» und 4 Mann, 8 Mann wurden verwundet und 8 Mann traten auf englisches Gebiet über. Letztere werden bei Ramans- drist wieder auf deutsches Gebiet zurückgebracht. Waffen und Munition werden dem deutschen Generalkonsul übergeben." Die Kapregierung hat den Polizeioffizier in Pella, wohin Morenga Weiber und Kinder bringen wollte, angewiesen, das Ueber- treten der Werften Morengas auf englisches Gebiet zu verhindern. Eine B e st ä t i g u n g deS Ueberfalls bei Schuitdrift liegt hier noch nicht vor. Oberstleutnant van Semmern trat am 14. Oktober mit zweiter Kompagnie Regiments 1, neunter und zehnter Kompagnie Regiments 2, Ersatzkompagnie 3s., 5 Geschützen neunter Batterie und 2 Maschinengewehren der Maschinen-Gewchr-Abteilung 2 aus der Linie Springpüts— Heiracha bis UkamaS den weiteren Vor- marsch gegen Morenga an, der in der Gegend von Ondermaitje stehen soll.— Es fällt in dem Bericht über da? Gefecht gegen den Hotten- tottenhäuptling Elias auf, daß die Hottentotten 50 Tote verloren, jedoch keine» einzigen Verwundete»! Sollte auch gegen die Hottentotten, deren Kriegsführung doch eine durchaus z i v i- l i s i e r t e ist, der derzeitige Befehl Trothas gelten, daß alle Männer einfach niederzuschießen sind? Da die deutsche Schlappe bei Schuitdrift durch eine a m t- l i ch e Meldung aus Kapstadt mitgeteilt wird, kann kaum ein Zweifel obwalten, daß dieser geglückte Uebcrfall Morengas sich in der Tat so zugettagen hat, wie er von englischer Seite dargestellt wird. Wir hätten es also mit einer zweiten Schlappe unserer Truppen gegen Morenga zu tun. Denn da die amtliche Berliner Stelle erklärt, daß ihr über diesen Ueberfall von deutscher Seite noch keine Nachricht zu- gegangen sei, kann diese Schlappe nicht identisch sein mit derjenigen, die dieser Tage bereits bekanntgegeben wurde.— Hueland. Oesterreich-Ungarn. TaS Kabinett Fejervary. Eine offiziöse Erklärung besagt, Fejervary sei durch schriftliche Betrauung mit der Kabinettsbildung und mit einem vom Kaiser unterfertigten Handschreiben bereits am Sonnabend in Budapest eingetroffen, um Minister für bisher unbesetzte Portefeuilles zu suchen. Dies werde in wenigen Tagen geschehen sein und dann so- fort die Publikation des neuen Ministeriums erfolgen. Dieses werde ein Kampfkabinett sein und Hochadel und Gentry gegenüber sich auf das Volk berufen.— Meuterei an Bord des österreichischen Kriegsschiffs„Panther". Der Korrespondent der„Tribun a" teilt aus P o l a den letzten Brief des durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Unter- offiziers G e r i ch von dem österreichischen Kreuzer„Panther" mit, in dem der Schreiber sich über schlechte Behandlung beklagt. Wenn der Brief authentisch ist— und es liegt keinerlei Grund vor, hieran zu zweifeln— so wird er eS jedenfalls der österreichischen Regierung sehr schwer machen, die Meuterei zu dementieren, wie sie es bis jetzt versucht. Der junge Gerich schreibt seiner Mutter, daß eS ihm sehr schlecht ginge, so daß er für alle Fälle einen„Strick und ein Stück Seife" bereit hielt. Die Mannschaft müsse Tag und Nacht arbeiten, hätte schlechte Verpflegung und könne sich nicht einmal aus eigener Tasche etwas kaufen, da der Koch an Bord Befehl hätte, ihnen nichts zu verkaufen und in den Häfen die Mannschaft sich nicht ausschiffen, noch mit Verkäufern unterhandeln dürfe. Der Unteroffizier klagt ferner über die vielen Strafen. Drei Unteroffiziere wären schon degradiert worden, vier unter Prozeß und zwei im Gefängnis. „Es wird nicht viel Zeit vergehen, so werden die Heizer und Matrosen nieutern. Die Schuld an allem hat der Schiffsfähnrich Slephanovie. Die anderen Offiziere sind durch ihn so böse ge- worden. Eines schönen Tages wird wohl einer von ihnen ins Meer geworfen werde n." Die posthume Zeugenschaft Gerichs dürfte der österreichischen Marineverwallung recht unangenehm sein. Der Brief, dessen Datum die„Tribuna" nicht wiedergibt, ist an der australischen Küste geschrieben worden.— Dänemark. Eine Präsidentenkrise ist Ende der vorigen Woche im Folkething ausgebrochen. Die sozialdemokratischen und radikalen Abgeordneten haben einen Antrag eingebracht, wonach der Geschäftsordnung-- Ausschutz des Things untersuchen soll, ob die Art, wie der jetzige Präsident die Verhandlunger. leite, mit dar Praxis des Folkcthings und den Rechten der Mitglieder übereinstimmt. Ter Präsident Thomson, der Anfang dieses Jahres an Stelle Triers gewählt wurde, hat öesonders in der Sitzung am Freitag Redner ver- schicdener Parteien ganz harmloser Aeutzeruugen" wegen unter- krochen. Das passierte sogar einem sehr königlich gesinnten Kon- servativen, der einige Worte über das Verhältnis"des dänischen Königs zum isländischen Volk sagen wollte.— Thomson hat nun am Sonnabend erklärt, daß der Antrag auf Untersuchung über seine Leitung der Verhandlungen nicht zur Diskussion gestellt werden könne, aber zugleich um Entbindung von seinem Präsidentenamt nachgesucht.— Tie kommunale Wahlrechtsreform, wie sie im Jahre 1993 vom Folkething beschlossen worden ist, stand am Freitag als Ne- gierungsvorschlag auf der Tagesordnung des Landsthing. Wie bereits im Frühling dieses Jahres, so zeigte die Mehrheit des dänischen Oberhauses auch jetzt keinerlei guten Willen, das Zwei- klassen-Wahlrecht der Kaufstädte und Landgemeinden, sowie das Kopenhagener Zensus-Wahlrecht zu beseitigen. Unser Partei- genösse C. C. Andersen forderte wohl die Regierung auf, etwas kräftiger als bisher für diese, bekanntlich schon bei der Ministcrkrisc des Jahres 1991 feierlichst gelobte Reform einzutreten, ob sie das aber tun wird, daran kann man mit Recht zweifeln. Der Landsthing überwies die Vorlage einem Ausschuß und/ dieser wird jedenfalls so gründliche Arbeit machen, daß nichts Brauchbares dabei heraus- kommt. Schweden. Eine Arbeiterdcmonstration für Volksabstimmung über die Re- giernngSform fand am Sonntag in Kristiania statt. Wie uns ein Privattelegramm meldet, beteiligten sich an der Kundgebung 5999 Demonstranten mit 39 Fahnen. Eine Resolution, die verlangt, daß durch Volksabstimmung über die Regierungsform entschieden wird, wurde einstimmig angenommen. Die Resolution wird dem Storthing überwiesen werden.— Ruftlaud. Großfürst Kyrill ist durch Tagesbefehl des Zaren vom 15. Ok- tober aus der Armeeliste gestrichen worden. Mau vermutet, daß der Großfürst, der seinerzeit zu den Wenigen gehörte, die sich bei dem auf eine Mine geratenen Flaggschiff„P e t r o p a w l o w s k" retten konnten, in Ungnade gefallen ist, weil er sich kürzlich in München mit der geschiedenen Großherzogin Melitta von Hessen vermählt hat.— Serbien. Eröffnung der Skupschtina. Am Montag vormsttag fand die feierliche Eröffnung der Slupschtina-Tagung durch den König statt. Die Thron» rede führt aus, der König werde im Einvernehmen mit der Rc- gierung die weitere Ausbildung des großjährig gewordenen Krön- Prinzen im Sinne der serbischen nationalen Ueberlieferungen und im Geiste der Vcrfassungsmäßigkeir fortsetzen. Die Skupschtina werde sich diesmal vorwiegend mit Gesetzesentwiirfen zur Hebung der Volkswirtschaft zu beschäftigen und die abgeschlossenen Handelsverträge zu genehmigen haben. Die K o st e n der Neubewaffnung der Armee würden durch eine Anleihe aufgebracht werden, für deren Verzinsung jedoch keine neuen Steuern erforderlich sein würden.— Japan. Der Friedeusunterh ändler Baron Komura ist am Montag in Tokio angekommen. Zum Empfang am Bahnhof waren hauptsächlich nur Beamte erschienen. Die Straßen waren scharf durch Truppen, Polizei und Gendarmerie bewacht.— Der Kriegsmini st er erließ einen Befehl an sämtliche Armeen, worin er die Kritik an den Friedens» bedingunaen verbietet, da Friede und Krieg gänzlich von dem Herrscher abhängen. DaS klingt ja äußerst autolratischl— Tie Revolution in RuMand. DaS Begräbnis des Fürsten Trnbetzkoy. Petersburg, 15. Oktober. Die Leiche des Fürsten Trnbetzkoy ist heute morgen unter großer Beteiligung, namentlich von Studenten und Arbeitern, nach dem Moskauer Bahnhofe gebracht worden, von wo sie mittels Sonderzuges nach Moskau übergeführt wird. Als die Leiche des Fürsten Trnbetzkoy bereits nach dem Bahnhof übergeführt war und sich noch eine nach Tausenden zählende Menge auf dem Platz vor dem Bahnhofsgebäude befand, sprengte plötzlich eine im Hof eines benachbarten Grundstücks bereit gehaltene Eskadron Gendarmen niit gezogenen Säbeln gegen die Volksmenge. Es entstand eine momentane Panik. Die Menge drängte nach dem Newski-Prospekt zurück; aus der Menge fiel ein Revolverschuß. Die Ruhe wurde ohne weitere Zwischenfälle bald wieder hergestellt. Einzelne Gruppe» sangen die Marsaillaisc. Als die Leute am Newski-Prospekt entlang am Admiralitätsboulevard angelaugt waren, wurden rote Fahnen entfaltet. Gendarmen nnck Kosaken zerstreuten die Demonstranten. Petersburg, 15. Oktober.(Meldung der Petersburger„Tele- graphen-Agentur".) Während der Ueberführung der Leiche des Fürsten Trnbetzkoy war der ganze Ziramenskaja-Platz mit Menschen, die nicht hatten in den Bahnhof gc- langen können, angefüllt. Ms plötzlich ein Revolverschuß fielm Jahre 1334/95 auf 5311 Betriebe im Jahre 1904/05 zurückgegangen; im Jahre 1903/04 bestanden davon noch 5495. Auch die Hausbrauereien gehen ständig zurück; es waren von 17 041 im Jahre 1834/95 im letzten Jahre nur noch 9030 vorhanden. Die Biererzengung betrug in den letzten vier Jahren(endigend am 31. März): Barrels(1 Barrel— 163,5 Liter) 1901/02 1902/03 1903/04 1904/05 in England.. 31 810 877 32 079 082 31 332 327 30 594 189 in Schottland. 2 260 759 2 164 128 2 076 515 2 021 374 in Irland.. 2 815 624 2 910 818 2 920 971 2 799 960 Zusammen 36 887 260 87 163 078 36 329 813 85 415 523 Der Bierkonsum hat in den letzten Jahren nicht unbeträchtlich abgenommen. Er betrug in den Jahren 1899/1900=° 32,28, 1900/01--- 31,48, 1901/02= 30,66, 1902/03= 80,34, 1003/04= 29,51, 1904/05== 28,44 Gallonen(1 Gallone— 4,5 Liter) pro Kopf der Bevölkerung. GewerkfebaMickes. Berlin und Cinigegciid. Allgemeiner Streik in der Berliner Wäsche-Jndustrie. Am Sonntagvormistag hielt der Verband der Wäsche- und Krawastenarbeiter Deutschlands(Filiale Berlin) eine beschließende Mitgliederversammlung im Palast-Theater ab. Die Mitglieder waren berufen, um von der zwischen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmer- kommission zustande gekommenen Einigung Kenntnis zu nehmen. Der Verbandsvorsitzende P. Keller gab bei dem Bericht über die Ver- Handlungen das von der Arbeitgeberkommiffion gestellte Ultimatum wörtlich bekannt, und empfahl, dieses unter den obwaltenden Umständen zu akzeptieren, da vorläufig nicht mehr zu erzielen sei. Allgemeine Unruhe wurde laut. In der Diskussion kam der Unwillen der Mitglieder über die Abmachungen zwischen den Kommissionen scharf zum Ausdruck, und es wurde in geheimer llbstinnnung mit 1379 gegen 33 Stimmen beschlossen, die Arbeit nicht mehr aufzunehmen und nicht eher wieder anzufangen, bis der vorgelegte Tarif von feiten der Arbeitgeber anerkannt worden ist. Lange genug hätte man unter den notdürftigsten Verhältinssei, arbeiten müssen, und sei es jetzt der feste Wille der Arbeiterschaft in der Wäsche-Jndustrie. ihre Lage zu verbessern, und zwar mit allem Ernst zu verbessern. Es wurde als Ehrenpflicht jedes Arbeiters und jeder Arbeiterin, auch der Heimarbeiterinnen und der noch in den Betrieben befindlichen bezeichnet, sich dem Beschlutz anzuschließen, jede Arbeit zurückzuweisen und sich nicht auf Versprechungen eiteiiZ der Unternehmer einzulassen. Mit Begeisterung, besonders der weiblichen Mitglieder, wurde in den Kampf hineingegangen. Als die Versammlungsbesucher den Saal verließen, verließ gleich- sallS ein Trupp von zirka 30—40 Schutzleuten, unter der Obhut dreier Leutnants, den Saal der Börse. Jedenfalls glaubte die Polizeibehörde, daß nun die Arbeiter und Arbeiterinnen der Wäsche- brauche Revolution machen und gleich nach der Versammlung alle Wäschefabrilen stürmen wollten. Köstlich war es mit anzusehen, wie die Polizeibehörde hier wieder Maßnahmen getroffen hatte, und dem Unternehmertum Dienste leistete. Als am Montag früh die Arbeiterschaft ihren übrigen Kollegen und Kolleginnen von dem Beschluß in Kenntnis setzen wollte. 'and man schon ein starkes Aufgebot von Beamten vor jeder einzelnen Fabrik vor. Die Unternehmer hatten durch ein Flugblatt an den Betrieben bekanntgegeben, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen sich nicht „betören" lassen sollen. Sie möchten ruhig an die Arbeit gehen. da der Chef mit ihnen reden wollte. Die Unternehmer scheinen aber lehr wenig Erfolg damit gehabt zu haben. Soweit wie bis Mittag 'estzustellen war, sehen die Betriebe ziemlich still aus und einige haben schon die Tore geschlossen. Parteigenossen und Genossinnen I Sorgt alle dafür, daß auch keine Heimarbeiterin sich zu Streikarbeiten verleiten läßt und die Arbeit überall zurückgewiesen wird. ' Am Montag abend tagte in Kellers Saal eine öffentliche Ver- sammliing der in der Wäschebrcmche Beschäftigten, die sich mit dem Streik befaßte. Der polizeilich abgesperrte Saal war stark über- füllt, und auf der Straße stand noch eine gleichgroße Menge, die vergebens Einlaß suchte. Die nach Tausenden zählenden Ver- sammlungsbesucher, meist Arbeiterinnen, waren von einer zu- �ersichtlichen, kampffrohen Stimmung beseelt. Der Verbands- Vorsitzende Keller schilderte die Lage. Er teilte unter anderem mit. daß die Fabrikanten noch am Montag früh alle möglichen Ver- suche machten, um die Arbeitnehmer zum Verbleiben bei der Arbeit zu bewegen, aber vergebens. Von den Zuschneidern befinden sich gegen 400 unter den Streikenden, während nur etlva 30 in den Fabriken verblieben sind. Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Ueber das Ende der Verhandlung teilte der Redner adf daß die Lohnkommission schließlich bis auf die Forderung einer Lohnerhöhung von 10 Proz. zurückgegangen war. Die Fabrikanten stellten darauf ein Ultimatum, dessen wesentlicher Passus lautet: „Um den Beweis zu liefern, daß wir die Organisation nicht hintenmyetzen, so erklären mir, daß es uns erwünscht wäre, wenn die Wahl zur unparteiischen Berufungskommission auf die in unseren Betrieben beschäftigten Mitglieder der Sechzehner- Kommission fallen würde."— Das ist das. waS die Vertreter der Fabrikanten„Zugeftändm'sse" nennen, und sie geben an, sie seien damit schon über den Nahmen dessen hinausgegangen, was ihr-. Auftraggeber als äußerste Grenze der Zugeständnisse bezeichneten. _ Die Redner und Rednerinncn, welche sich an der regen Dis- kussion beteiligten, sprachen alle für die energische Fortführimg des Streiks. Schließlich wurde nachstehende Resolution ein- stimmig angenommen: „Die Versammlung erklärt sich mit dem Referenten ein- verstanden. J3ie nimmt mit Entrüstung Kenntnis von den angeb- lichen Zugeständnissen der Fabrikanten. Die Versammelten erklären, unter keinen Umständen die Arbeit eher wieder aufzunehmen, als bis die gerechten Forderungeii bewilligt sind. Weiter erklären die Versammelten, nur dem Rufe der Streikkommission zu folgen." _ Die Forderungen sind bewilligt in den Bluienfabriken von Götz, Rojenstraße, Cobn u. Daniel, sowie in den Wäsche- fabrikcn von Blume, Neue Schönhauserstraße, sowie I. u. H. H a u s e r. Greifswalderstraße.— In diesen Betrüben ist die Arbeit nicht niedergelegt worden. Der Schuhfabrikant Gros-mann, Chaussccstr. 67(nicht Schaper- straße, wie irrtümlich angegeben war), erlätzt in der Freitags- nummer des„Vorwärts" eine Berichtigung. Der Lohnabzug soll irrtümlich erfolgt sein, trotzdem der Wcrksübrer und das Kontor- personal darauf aufmerksam gemacht wurden, während der Fabrikant dem vorstellig werdenden Ausschuß den Rücken kehrte. Die Mißstände können mit etwas gutem Willen und wenigen finaiizielleii Mitteln wohl abgeschafft werden. Soweit sind die Forderuiigen der Arbeite» nicht gegangen, Mängel, toelroe in der Bauart des Grundstücks liegen, beseitigt zu sehen. Die Lohnzahlung ist innerhalb der letzten acht Wochen nur einmal pünktlich erfolgt, und.s ist schon vorgekommen, daß einzelne erst Dienstags ihr sauer verdiente- Geld erhielten. Wir ersuchen, nach wie vor den Zuzug fernzuhalten. Die Ortsverwalttmg Berlin des Zentralverbandcs der Schuhmacher. Die Fensterputzer der Firmen Otto Arnheim u. Ko., Rungestr. 9, und A. Nelken, Alte Jakobstr. 88, sind gestern in den A u s st a n d getreten. Dieselben fordern einen An- fangslohn von 22 M., Abschaffung der Abzüge für Blusen usw. und Aufschlag für Ueberswndenarbeit. Herr Arnheim hat der Lohn- kommission erklärt, nachdem diese um Verhandlungen nachsuchte. daß er auf„Scherze" nicht antworte. Bei der Firma Nelken haben sich die Verhandlungen zerschlagen, weil die den Streikenden ge- machten Zugeständnisse zu minimal waren. Die Ausständigen ge- hören sämtlich dem Handels- und Trcmsportarbeiter-Verband an. Oeurkdieo Reich. Ein neu« Tcxtikarbciterstrcik bereitet sich in Leipzig vor. Seit Jahren fordern hier die Arbeiter und Arbeiterinnen der Textil- industrie den Zehnstundentag, aber stets sind sie von den Textil- baronen brüsk abgewiesen oder mit leeren Versprechungen hin- gehalten worden. Der Hinweis auf dse Konkurrenz und andere ebensowenig stichhaltige Ausreden mußten dazu herhalten, um in der Großstadt Leipzig und in einer mit der modernsten Technik aus- gerüsteten Industrie eine Kullurforderung abzulehnen. Dieses Vor- halten der Textilindustriellen haben die Textilarbeiter jetzt gründlich satt bekommen. Sie haben, nachdem sie in den letzten Jahren eifrig an den, Ausbau ihrer Organisalion gearbeitet, die Einführtmg des Zehnstun dentagcs erneut gefordert. Eine Verhandlung mit der Leitung der Arbeiterorganisatton wurde selbswerständlich von dem Unternehmertum abgelehnt, dagegen zeigten sich die Herren„ihren" Arbeitern gegenüber insofern zu Konzeisioiren bereit, als sie dem- nächst die Arbeitszeit um eine balbe Stunde verkürzen, die Kürzung einer weiteren halben Stunde und damit die Einführung des Zehn- stundentages„später" zugestehen wollten. Die Arbetterschaft will sich auf solche Versprechungen nicht mehr einlassen, sie hat nochmals eine Kommission nebst der Verbandsleitung mit Verhandlungen be- auftragt und wird in einer weiteren Versamniluiig beschließen, ob evenwell in den Streik eingetreten werden soll. Bus!»»». Der Streik in der fraiizisislhen Staatsmünze. Man schreibt uns aus Paris: Der Streik in der Staats- münze beginnt der Regierimg, die ihn zuerst mit einer zum Teil ivohl erkünstelten Gleichgültigkeit behandelt hat, nun doch ernste Sorgen zu bereiten. Die Föderation der Staatsarbeiter hat nämlich beschlossen, wenn der Finanzminister die Forderungen der Münzarbeiter nicht erfüllt, fich mit den Streikenden ' o l i d a r i s ch zu erNären. Der Finanzmimstcr wird von diesem Beschluß in Kenntnis gesetzt. Am nächsten Sonntag halten die Organiiatioiicu der Staatsarbeiter gemeinsam eine große Ber- sammlung ab, um über die weiteren Schritte schlüssig zu werden.— Der Streik nimmt einen durchaus befriedigenden Verlauf, Streikbrecher haben sich noch nicht gefunden. Letzte JVaebnebten und Depefeben. Breslau, 16. Oktober. Ter Schlefische Städtetag nahm eine Anzahl von Leitsätzen an, welche dahin zielen, das Fluchtlinien- Gesetz vom 2. Juli 1875 zu erweitern und den Zwecken der sozialen Kommunalpolitik dienstbarer zu machen. Ferner wurde mit allen gegen 3 Stimmen eine Petition an den Landwirtschafts- minrstcr angenommen, durch welche der Minister ersucht wird, Sorge zu tragen, daß die Grenzen zur Scyweine-EinfliHr so schnell wie möglich geöffnet werde». Endlich wählte der Städte- tag eine Kommission zur Beratung eines Entwurfs zu» Herbei- sührung eines Anschlusses des Schlesischen cm den Deutschen Städtetag. Brüssel, 16. Oktober.(W. T. B.) Die zweite Sitzuugs- Periode der Internationalen Seetimferenz wurde heute unter dein Vorsitz des Staatsministers Beernaert eröffnet. Die Kon- ferenz hat die Aufgabe, den vorläufigen Entwurf eines inter- nationalen Kode zur Anwendung bei Zusammenstößen und für Hülfeleistungen zur See auszuarbeiten. Der Zusammentritt der Konferenz im letzten Februar hatte kein unmittelbares Ergebnis ezeitigt, da Teutschland, England und Oesterreich-Ungarn davon bstand genommen ljatten, sich an der Aonfcrenz zu beteiligen, während diese Mächte heute vertreten sind. Es wurde beschlossen, das Buremi vom Februar beizubehalten und ein« Kommission zu erneunen, die damit beauftragt werden soll, in die Prüfung von zwei vorläufigen Kode-Entwürfen fiir Zusammenstöße und Hülfs- lcfftungen zur See einzutreten. Die Revolution in Rußland. Lodz. 16. Oktober.(W. T. B.) Ein Teil der Arbeiter der ik Geyer legte am Sonnabend die Arbeit nieder. Heute wird in dieser Fabrik nicht gearbeitet. In der Fabrik Scheibler haben diejenigen'Arbeiter, die am Sonnabend die Arbeit niedergelegt hatten, die Arbeit wieder aufgenommen. Die Stadt ist ruhig. Petersburg, 16. Oktober.(W. T. B.) Der Wortlaut des in ortsmouth abgeschlossenen Friedensvertrages wird morgen in der esetzessaminlung veröffeni licht werden. Tokio, 15. Oktober.(Meldung des„Reuterschen BureauS".> Es heißt,„s sei ein Befehl nach dem mandschurischen Hauptquartier gesandt worden, die Räumung am 16. d. Mts. zu beginnen. Man erwartet in Japan, daß die vollständige Räumung in sechs Monaten beendet sein wird. Paul Singer LcCo., Berlin S W. Hierzu 3 Beilagen u. Nntcrhaltuugsblatt i,. 243. 22. 3mm i jjf iiiijjf des Jonirto" Kerlilltt Wllisdllltt. M-»-'--.'7 MW» lM. Partkikonferen; ftr Kerli» und die Provinz Krandenbnrg. Verlin, 15. Oktober. Die Konferenz tagt im Saale der Arminhallen, der zu diesem Zweck mit festlichem Schmuck versehen ist. Genosse B o r gm a nn als Einberufer der„öffentlichen Ver- sammhmg" eröffnet die Konferenz um 12 Uhr. Er begrüßt die Anwesenden und spricht die Erwartung aus, daß die Verhandlungen der Sache, der wir alle dienen, zum Nutzen gereichen mögen. Der Arbeitergesangverein„Freiheit- West" bringt hierauf die Lieder„Krönt den Tag" und„Dem Lenz entgegen" stimmungsvoll zum Vortrag, die mit Beifall aufgenommen werden. In das Bureau werden gewählt: Als Vorsitzende Dimmick- Berlin und Krüger- Spremberg, als Schriftführer Meie r- Lindow und Sasse- Werder. Dimmick übernimmt den Vorsitz. Er läßt die Wahl einer Mandatsprüfungskommission vornehmen, dann wird eine Geschäfts- ordnung angenommen. Die Tagesordnung lautet: 1. Bericht der Agitationskommission. 2. Die Organisation der Provinz. 3. Agitation. 4. Presse. 6. Zur Landarbeiterfrage. S. Anträge. Die Agitationskommission hat einen Kassenbericht für die Zeit vom 1. Septeniber 1804 bis 12. Oktober 1905 vorgelegt. Dcr> selbe zeigt folgende Posten: Einnahmen: Bestand vom vorigen Jahre 755,89 M., aus den Berliner Wahlkreisen 9350 M., aus Orten der Provinz 300 M., für Kalender 2512,40 M.. für Kalender- Inserate 3050,15 M.. für„Die Fackel" 2291,12 M.. Diverse 30,75 M.. zusammen 18 296,31 M.— Ausgaben: Für den Kalender 8272,45 M., Broschüren und Flugschriften 1283,70 M.,„Die Fackel" 5015,55 M., Agitation in der Provinz 1488,11 M., Referenten und Beschickung von Kreiskonferenzen 1879,05 M.. Briefe, Depeschen zc. 48,74 M., Diverse 12 M., zusammen 18 001,60 M., bleibt Bestand 294,71 M. Zum ersten Punkt der Tagesordnung Bericht der Agitationskommission erhält das Wort der Referent Davidsohn- Berlin. Er gibt einige Erläuterungen zum Kassenbericht, wobei er einen erfreulichen Fortschritt gegenüber dem Vorjahre feststellt. Auch die Korrespondenz mit den Genossen der Provinz ist eine lebhaftere geworden. Es gingen ein 478 Briefe, 113 Postkarten, 18 Telegramme, während 511 Bnefe, 143 Postkarten, 10 Telegramme ausgingen. Außerdem wurden 24 Telephon- gespräche mit auswärtigen Genoffen geführt. Die Kommission hat in der Berichtszeit 279 Referenten vermittelt, gegen 253 im Vorjahre. Die„Fackel" wurde im Vorjahre in 166 500 Exemplaren, das sind im Monatsdurchschnitt 13 875, verbreitet. In der Berichtszeit betrug die Verbreitung 217 800 Exemplare, also im monatlichen Durch- schnitt 18 120. Spezialnummern der„Fackel" wurden hergestellt und verbreitet anläßlich der Nachwahl in Oberbarnim, sowie nach der Preußenkonferenz. Unter den Schiffern ist in diesem Jahre eine be- sondere mündliche Agitation betrieben worden. Zu diesem Zwecke fanden zwei Versammlungen in Berlin und 12 in der Provinz statt, wozu die Kommission die Referenten stellte. Die Verbreitting des Agitattonskalenders„Märkischer Landbote" gestaltete sich in den letzten fünf Jahren folgendermaßen: 220 000, 235 000, 265 000, 295 000. Wir sehen also auch'hier, wie auf anderen Gebieten der Agitationsarbeit einen ständigen Fortschritt.— Die Bestrafungen wegen polizeilicher Uebertretungen bei Verbreitung von Flugblättern zc. waren in diesem Jahre bei weitem nicht so zahlreich, wie im vorigen Jahre, wo die vermehrte Agitatton zu den ReichstagSwahlen von 1903 in Frage kam. Ein Flugblatt gegen das drohende Konttaktbruchgesetz wurde in 265 000 Exemplaren verbreitet. Auch in diesem Jahre sind wieder eine Reihe kleinlicher Polizeiplackereicn zu verzeichnen gewesen und zwar selbst in solchen Kreisen, von denen man annehmen konnte, daß dort die Genossen nicht mehr mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen hättey. Auch die Abtreibung von Sälen ist ja meist auf das Betreiben der Polizei zurückzuführen. Im Kreise Ruppin- Templin haben unsere Genossen einen Wirt, der seinen Saal, den er für eine Versammlung zugesagt hatte, zurückzog, auf Schaden- ersatz verklagt. Sie haben den Prozeß zwar gewonnen, aber von dem Witt ivar nichts zu bekommen. Trotzdem ist den Genossen zu empfehlen, daß sie möglichst oft in derselben Weise vor- gehen, damit dem willkürlichen Verhalten der Wirte, die ja nicht alle zahlungsunfähig sind, Schranken gesetzt werden.— In Slrasburg-U. hatten unsere Genossen ein Lokal. Der dottige Bürgermeister ging gegen die Partei- und Gewerkschaftsorganisationen mit zahlreichen Prozessen vor, die meistens zugunsten unserer Genossen entschieden wurden. Nachdem der Bürgermeister sah, daß er auf diese Weise nichts gegen uns ausrichten konnte, ging er gegen den Wirt vor mit einer Klage auf Entziehung der Konzession, die noch beim Ober- Vcrwaltungsgettcht schwebt.— Was die Frage unserer Beteiligung an den Gemeindewahlen betttfft, so sind unsere Genossen in vielen Orten nicht in der Lage, Kandidaten zu finden. Es kann deshalb nicht unter allen Umständen verlangt werden, daß sich unsere Genossen überall an den Gemeindewahlen beteiligen. Wo es aber irgend möglich ist, da muh es geschehen, damit wir auch bei dieser Gelegenheit mit unserer Agitation einsetzen können. Nach einem von Nixdorf eingegangenen Antrage, den wir später besprechen werden, soll eine Zentralstelle für kommunale Angelegenheiten geschaffen werden, wodurch ein einheitliches Vorgehen in Gemeinde- Angelegenheiten ermöglicht werden soll. Eine Idee, die nur gebilligt werden kann.— Einen Gesamtüberblick über den Stand der Organi- sationen in der Provinz kann ich leider nicht geben, weil nicht aus allen Teilen der Provinz Berichte eingegangen sind. Eine geradezu mustergültige Aufstellung über die Parteiverhältnisse im Kre,se habe ich aus der Konferenz von Kottbus-Spremberg gesehen. Es wäre zu wünschen, daß wir derartige Uebersichten auch aus den Kreisen hätten, die keine Berichte eingesandt haben.— Als wir im vorigen Jahre tagten, galt die Agitattonskommission als Verein. Heut ist die RechtSauffassung so. daß die Kommission nicht als Verein gilt. Wer weiß, wie die Rechtslage im nächsten Jahre sein wird. Hätten wir in dieser Hinsicht einen festen Rechtsboden, so wäre das auch für unsere Arbeiten besser. Aber das ist ja bezeichnend für die Un- sicherhcit der preußischen Rechtsverhältnisse, daß wir nie sicher sind vor Störungen unserer Kulturarbeit durch Eingriffe der Behörden. Pflicht der Parteigenossen ist es, durch unermüdliche Arbeit dafür zu sorgen, daß unsere Bewegung nicht mehr durch derartige Willkürlich- leiten gestört werden kann. Auf Antrag des Delegierten Krasemann wird in der DiS- kusston der dritte Punkt der Tagesordnung: Agitation mit dem ersten Punkt gemeinsam behandelt. M a tz p s u h l. Borsigwalde spricht sich anerkennend über die Tätigkeil der Kommission aus. wünscht aber näheren Ausschluß dar- über, weshalb zu den Kosten der„Fackel" alle anderen Kreise weit hinter Niederbarnim zurückblieben. Wir rönnen aus unserem Bezirk lonstatieren, daß die Polizei mit kleinlichen Mitteln gegen unsere Partei vorgegangen ist, aber wir können mit recht annehmen, daß uns das alles ans die Dauer nicht schaden kann. Es ist notwendig, daß die Landbevölkerung für unsere Partei gewonnen wird. Sie ge- hört zum großen Teil ihrer Gesinnung nach zu uns und bedarf nur der planmäßigen Heranziehung. Das kann am besten geschehen, wenn Agitatoren aus der ländlichen Bevölkerung selbst gewonnen werden. D a v i d s o h n bemerkt dem Vorredner, über die Beteiligung der einzelnen Kreise an den Kosten der„Fackel" könne er im Augen- blick nähere Ausschlüsse nicht geben, der verschiedene Beitrag zu den Kosten werde sich»ach dem verschiedenen Bedarf und der ver- Ichiedenen Leistungsfähigkeit der Kreise richten. Eine bewußte Un- gcrechttgkeit liege natürlich nicht vor. Damit�ift die Diskussion beendet. Zum zweiten Punkt der Tagesordnung: Die Organisation in der Provinz liegt ein Statutenentwurf vor, den die von der vorjährigen Provinzial- konferenz eingesetzte Kommission ausgearbeitet hat. Der Wortlaut des Entwurfes ist in Nr. 232 des„Vorwärts" vom 3. Oktober ab- gedruckt. Seine wesentlichen Bestiminnngcn sind die: Jeder Reichs- tagswahlkrcis bildet einen Organisationsbezirk für sich. Die acht Wahlkreise von Groß-Berlin bilden einen gemeinsamen Agitations- bezirk. Für die anderen 18 Wahlkreise hat die Agitationskommission für die Provinz Brandenburg die Agitation und Organisation zu fördern. Die Agitationskommission besteht aus 11 Mitgliedern, die von den acht Berliner Wahlkreisen gewählt werden. Im übrigen setzt der Entwurf die Aufgaben der Agitationskommission fest, im wesentlichen dieselben, welche schon bisher als herkömmlicher Brauch galten. Ein zweiter Statutenentwurf ist eingereicht vom Kreise Branden- burg-Westhavelland. Er unterscheidet sich von dem KommissionS- Entwurf in der Hauptsache dadurch, daß er die Wahlkreis-Organi- sationen Berlins und der Provinz zu einem Bezirksverband gemäß § 5 des Organisationsstatuts der Gesamtpartei zusammenschließen �will. Der Bezirksverband soll geleitet werden durch einen Bezirks- vorstand, bestehend aus 11 Mitgliedern, der alljährlich durch die Provinzialkonferenz gewählt wird und seinen Sitz in Berlin hat. Dem Bezirksvorstande weist der Entwurf im allgemeinen dieselben Aufgaben zu, welche nach dem Kommissionsentwurf die Agitations- kommission hat. Referent zu diesem Punkte der Tagesordnung ist F a b e r- Frankfutt a. O.: Sehr verliebt bin ich nicht in den von der Kommission vorgelegten Entwurf, aber wir müssen doch endlich etwas schaffen, um eine feste Organisation für die Provinz zu bekommen. Einen ideellen Zustand, ivie wir ihn wünschen, bringt ja der Entwurf nicht. Berlin besteht auf einer eigenen Or- ganiiation für seine acht Wahlkreise. Das hat eine gewisse Be- rechtigung. Berlin tut finanziell und agitatorisch viel für die Pro vinz, es ist daher zu billigen, wenn die Berliner Genossen auch einen gewissen Einfluß auf die von ihnen unterstützten Kreise wünschen. Im letzten Augenblicke ist von Brandenburg ein recht glücklich ab- gefaßter Entwurf eingegangen, der sich ja von dem KommissionS- entwarf grundsätzlich unterscheidet. Es wäre zu wünschen gewesen, daß dieser Entwurf früher bekannt geworden wäre. Jedenfalls hätte sich dann ein Einverständnis finden lassen, welches alle Beteiligten befriedigen könnte. Es würde natürlich nicht gut sein, wenn wir hier ein Statut schaffen, womit nicht alle Kreise zufrieden sein können. — Der Redner geht auf die Einzelheiten des Entwurfs ein. Es wäre ja zu wünschen, daß alle Kreise ihre Arbeiten aus eigenen Kräften bettciben könnten, wie das in verschiedenen Kreisen der Fall ist. Diesen Kreisen müßte auch die Selhständigkeit in der Leitung ihrer Angelegenheiten gewahrt bleiben. Ans der anderen Seite gibt eS aber viele Kreise, wo alles von Berlin aus gemacht wird, und wo deswegen auch eine gewisse Leitung durch die Berliner Ge- nossen nicht von der Hand gewiesen werden kann. Wo der Entwur der Kommission das Recht gibt, in die Angelegenheiten der Kreise einzngreifen, da wird dies Recht in der loyalsten Weise gehandhabt werden. Den selbständigen Kreisen ist ja auch schon bisher nie etwas in den Weg gelegt worden.— Aenderungen des Ent- wurfs wünsche ich insofern, daß jeder der beiden RegierungS- bezirke(Potsdam und Frankfutt) einen besonderen Bezirks- verband bildet und daß die finanzielle Inanspruchnahme des Parteivorstandes nicht der ausdrücklichen Zustimmung der Kommission, sondern nur eine Mitteilung an dieselbe bedarf. Im übrigen meine ich, daß wir uns an den Entwurf der Kommission halten und ihn soweit ändern als er der Verbesserung bedarf. Was wir hier schaffen, das darf tticht eine Zwangsjacke sein für den einzelnen, sondern es muß ein angenehmes Verhältnis für die ganze Provinz geschaffen werden. Sollte das nicht möglich sein, sollten wir vielleicht mit Differenzen über das, was wir beschließen, auS- einandergehen, dann wäre es besser, wir ließen eS wie bisher und blieben bei unseren ungeschttebenen Grundsätzen. Ich denke aber, wir werden zu einem Einverständnis kommen. Knoche erstattet hierauf den Bericht der Mandat- Prüfungskommission. Es sind alle 26 Kreise durch 70 Delegierte vertreten, darunter 3 Frauen. Von Reichstags- Abgeordneten sind anwesend die Genossen Stadthagen, Zubeil, Ledebour, ferner die Kandidaten verschiedener Kreise, sowie Vev tretungen der„Märkischen Volksstimme" und der„Brandew burger Zeitung". Die Kommission hat keine Beanstandungen vor- zubringen. Es tritt eine Mittagspause ein. Nach der Mittagspause gedenkt der Vorsitzende Dimmick in ehrenden Worten des verstorbenen Genoffen Harm-Elberfeld. Die Versammlung ehrt das Andenken des Verschiedenen durch Erheben von den Sitzen. Die Diskussion über Punkt 2 der Tagesordnung wird eröffnet. Zu dem Organisationsstatttt liegen verschiedene Abänderung«� anträge vor. Brackwitz- Brandenburg begründet den Entwurf seines KreiseS. Dieser Entwurf konnte nicht früher erscheinen, weil erst die Ge- staltung des neuen Statuts der Gesamtpartei beschlossen sein mußte, auf das sich der Entwurf stützt. Wenn wir ein Statut beschließen, dann muß es so sein, daß es zum Nutzen der Gesamtheit gereicht. Berlin gehört doch zur Provinz Brandenburg, eS darf deshalb nicht außerhalb der Provmzialorganisation stehen. Das schließt nicht auS, daß die Berliner zur Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten sich eine geeignete Organisation schaffen. Unser Entwurf will an die Stelle der Agitattonskommission einen Bezirksvorstand setzen. Die Bezirköeinteilung, wie wir sie uns denken, ,..Hß eine einheitliche sein, und das bringt unser Entwurf besser zum Ausdruck wie der Entwurf der Kommission. Wir sind nicht der Meinung, daß unser Entwurf ohne jeden Mangel ist. Es kommt uns vor allen Dingen darauf an, daß der Selbständigkeit und dem Selbstbestimmungsrecht der Kreise Rechnung getragen wird und die Provinzkreise nicht unter die Vormundschaft der Berliner ge- stellt werden. Das soll in unserem Entwurf zum Ausdruck kommen, wenn er auch im einzelnen geändert werden kann. Ich beantrage. das gesamte Material einer Kommission zu überweisen, die der nächsten Provinzialkonferenz einen neuen Entwurf vorzulegen hat. M a r k w a l d- Forst hält diesen Anttag für sehr empfehlenS- wert, schon deshalb, weil die Kreise nicht Gelegenheit hatten, über den vorgelegten Entwurf zu diskutieren. Zur Sache selbst meint er, es müßten nicht Kreiskonferenzen, sondern Generalversammlungen die Kreisangelegenheiten regeln. Nach dem Statut der Gesamtpartei solle die Parteiorganisation die Parteigeschäfte besorgen. Das müsse auch in dem Provinzialstatut zum Ausdruck kommen. Ferner wendet er sich gegen Bestimmungen des Entwurfs, welche den Berliner Genossen bestimmende Einflüsse in den Provinzkreifen einräumen. Das sei nicht demokratisch. Praktisch werde ja der Einfluß der Berliner stets überwiegend sein, aber eine statutenmäßige Bestimmung dieser Art dürfe man nicht sestlegen. Redner empfiehlt KommissionS- beratung. Nicht schnell, sondern gründlich und gut müssen wir arbeiten. Wollermann- Schömberg hält den Entwurf der Kommission für unannehmbar. Die Kreise müssen Gelegenheit haben, dazu Stellung zu nehmen. Er begründet einen Anttag auf Einsetzung einer Kommission, die nach dem vorliegenden Material einen neuen Entwurf aufstellen soll. Vielleicht könne man die Provinz in drei Bezirksverbände gliedern: Berlin. Potsdam, Frankfurt a. O., die dann einen gemeinsamen Provinzialverband bilden könnten. S y d o w- Brandenburg tritt im Sinne des Anttages Branden- bürg für eine Provinzoraamsatton ein, die auch die Berliner Kreise mit einschließt, so daß diese nicht einen besonderen Bezirksverband blldcn. Der Entwurf der Kommission räumt den Berlinern eine Sonderstellung ein, die ihnen nicht zugebilligt werden darf. Die Provinz hat sich danach nicht um die Angelegenheiten der Berliner zu kümmern, während diese das Recht haben sollen, in allen Provinz- kreisen dreinzureden. Man mag sagen was man will, so gibt es doch keinen Grund, der dafür spricht, daß den Berlinern eine Extra- wurst gebraten wird. Berlin bringt wohl viel Geld auf. Das liegt an den günstigen Verhältnissen. Aber die Berliner Organisationen umfassen nur 14 Proz. der Reichstagsstimmen, die für uns abgegeben sind. In manchen Provinzkreisen sind die Organisationsverhältnisse bedeutend günstiger. In Westhavelland haben wir 22 Proz. Also in dieser Hinsicht hat Berlin keinen Vorzug, der einen überwiegenden Einfluß in der Provinz rechtfertigen könnte. Weber- Rathenow tritt für eine einheitliche Organisation der Provinz ein mit Einschluß Berlins. Der Redner empfiehlt Kommissions« beratung. S t a d t h a g e n: Es ist nicht richtig, daß der Entwurf den Berlinern Vorrechte einräumt. Nur Pflichten werden ihnen auf- erlegt. Wer hat denn den Entwurf vorgelegt? Es sind die 26 Kreise und die Agitationskommission. Die Kreise hatten doch Gelegenheit, ihre Ansichten zu vertreten und ihren Wünschen Geltung zu ver- schaffen. Wir sind durchaus verpflichtet, eine feste Basis zn �schaffen, auf der die Agitattonskommission arbeiten kann. Die fortwährenden Ouertteibereien müssen aufhören. Ich bitte, den Entwurf der Kom- Mission anzunehmen. Wir wollen, daß die einzelnen Kreise selbständig werden unter Mithülfe der Berliner. Das ist keine Bevormundung. Nehmen Sie den Entwurf, der die gemeinsame Arbeit der 26 Kreise ist, im Interesse einer einheitlichen Organisation an. Zubeil empfiehlt die Beratung durch eine Kommission. Welcher der vorliegenden Entwürfe der beste ist, mag dahingestellt bleiben, aber beide sind zu spät erschienen und konnten deshalb nicht von den Kreisen beraten Iverden. Da Berlin im Begriffe ist, sich eine gemeinsame Organisatton zu schaffen, so ist schon aus diesem Grunde die erneute Kommissions beratung notwendig. Im weiteren spricht der Redner über Einzelheiten des vorliegenden Entwurfs. Es ist nicht möglich, diese Angelegenheit heut zum Abschluß zu bringen, im Interesse der gesamten Provinz ersuche ich, nochmals an die Arbeit zu gehen und ein neues Stattit zu schaffen. Dabei muß berücksichtigt werden, daß die Kreisocganisatton die Grundlage bildet und die Bezirksorganisation sich derselben angliedett. Kiesel- Berlin: Die Bezirksorganisation für Berlin hat nichts zu tun mit der Organisation der Provinz. Diese kann unabhängig von der ersteren geregelt werden. Ich bin der Meinung, daß der Entwurf, der beraten ist von der Agitattonskommission auS den 26 Kreisen, angenommen werden kann. Wenn sich in der Praxis herausstellen sollte, daß Verbesserungen nötig sind, dann können wir auf der nächsten Provinzialkonferenz darüber reden. B r a ck w i tz- Brandenburg: Wir tvünschen eine straffere Or- ganisation wie die bisherige. Deshalb haben wir den Entwurf unseres KreiseS eingebracht. Die Berliner können doch nicht ver- langen, weil sie mehr Geld geben, müssen sie auch mehr zu sagen haben.(Stadthagen: Wo steht denn davon etwas im Statut?) Ja, der Entwurf gibt doch den Berlinern ein Vorrecht. Ich denke, wir werden uns trotz der verschiedenen Ansichten über eine feste Organisation einigen können. " Markwald- Forst: Stadthagen fragte, wo find denn die Rechte, welche die Berliner in Anspruch nehmen? Redner weist auf einzelne Bestimmungen des Entwurfes hin, welche seiner Meinung nach der Agitattonskommission, die doch von den Berlinern gewählt ist, besondere Rechte gegenüber den Provinzkreisen einräumen. So die Bestimmung, daß jede finanzielle Inanspruchnahme des Partei- Vorstandes der Zustimmung der Agitattonskommission bedarf.— Nur die Berliner, nicht die Genossen in der Provinz haben Einfluß auf die Zusammensetzung der AgitationSkommissionen. Man sagt, alle Kreise haben an dem Entwurf mitgearbeitet. DaS waren aber nur die Vorstände der Organisationen, die Genossen selbst hatten nicht Gelegenheit, Stellung zur Frage der Organisation zu nehmen.— Wir können befriedigt auseinandergehen, wenn die ganze Angelegen- heit nochmals in aller Ruhe beraten wird. Stadthagen: Wir haben durchaus nicht, wie Markwald meinte, eilig gearbeitet. Seit 1902 wird die Angelegenheit bereits behandelt. Es ist nun Zeit, daß wir zu einer befriedigenden Organi- sation kommen. Was Mattwald als Rechte der Berliner bezeichnete, ist nichts anderes als was schon seit Jahren herrschende Praxis ist und zwar nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Provinzen. Der Redner empfiehlt einen von ihm gestellten Anttag, der die An- nähme des Entwurfes vorschlägt und die Ausarbeitung eines der nächsten Provinzialkonferenz vorzulegenden Entwurfes befürwortet, der einen Bezirksverband der Provinz mit Einschluß von Berlin vorsieht. Wollermann- Schöneberg ttitt für die Ablehnung de? An- ttages Stadthagen ein und führt aus, daß auch der Entwurf der Kommission nicht angenommen werden könne. Ein von Wels gestellter Anttag auf Schluß der Debatte, den Silberschmidt bekämpft, wird angenommen. Die Versammlung erklärt sich mit dem Vorschlage des Vor- sitzenden einverstanden, daß zunächst über den Antrag Stadthagen abgestimmt und, falls derselbe angenommen wird, alle anderen zu diesem Punkt der Tagesordnung vorliegenden Anträge als erledigt erachtet werden. Der Anttag Stadthagen wird hierauf angenommen. Er lautet: Die Provinzialkonferenz wolle beschließen: 1. den von der im Vorjahre eingesetzten Kommission ein- gebrachten Entwurf anzunehmen; 2. die Agitationskommission zu beauftragen: a) mit Vertretern aller 26 Kreise in Verbindung dahin zu treten, daß ein Bezirksverband der Provinz Brandenburg (einschließlich Berlin) geschaffen und ein diesbezüglicher Ent- Wurf der nächsten Provinzialkonferenz vorgelegt werde. b. Den Anttag Brandenburg und die dazu gestellten Unter- anttäge als Matena! der Agitattonskommission zu überweisen. Der nun folgende Punkt der Tagesordnung ist Die Presse. Hierzu liegt der Konferenz eine Ausstellung des Abonnenten- standeS der Parteip reffe in neun Wahlkreisen vor. Zum Vergleich mit der Verbreitung der Presse wird die Zahl der bei der Reichstags- wähl 1903 abgegebenen sozialdemokratischen Stimmen angeführt. Danach waren am 10. Oktober dS. Js. im Wahlkreise Sorau-Forst 2942 Abonnenten gegen 10 604 Reichstagsivahl-Stiminen, in Kottbus- Spremberg 2125 Aboimenten, 9146 Stimmen, in Kalau-Luckau 862 Abonnenten, 9163 Stimmen, in Guben-Lübben 834 Abonnenten, 5940 Stimmen, in Frankfurt-LebuS 1114 Abonnenten, 12 817 Stim- men, in Schwiebus-Kroffen 204 Abonnenten, 3742 Stimmen, in Landsberg-Soldin 133 Abonnenten, 6985 Stimmen, in Königsberg- Neumark 73 Aboimenten. 5233 Stimmen, Arnswalde-Friedebcrg 36 Abonnenten, 3170 Stimmen. DaS Wort erhält der Referent S y d o w» Brandenburg: lieber die Bedeutung der Presse an dieser Stelle zu reden, würde überflüssig sein. Ich halte es für zweckmäßig, den Entwickelungsgang der märkischen Parteipresse dar- zulegen. Beide Organe unserer Provinz haben sich vorzüglich ent« wickelt und können sehr gut anderen Parteiblätiern an die Seite gestellt werden. Die„Märkische Volksstimme" hat einen Abonnenten» iand von 8600. die„Brandenburger Zeitung" einen solchen von 10000. Beide Organe haben ein gleiches Alter, sowie einen gleich- artig liegenden Vcrbreitungsbezirk. Beide sind aus Mitteln ihrer Kreise entstanden, ohne daß ihnen der Parteivorstand oder eine andere Instanz unter die Arme greifen brauchte. Die„Märkische Voltsstiimne" hat eine Einnahme von 71 200 M. und ein Bar- vermögen von 20 000 M., die„Brandenburger Zeitung" hat eine Ein- nähme von 63 000 M., ein Vermöge» von 52 700 M. Die Blätter haben sich aus kleinen Anfängen entwickelt und hatten anfangs unter schwierigen Verhältnissen zu arbeiten.— In einzelnen Drten totrb der Wunsch nach eigenen Organen laut. Dabei vergißt man. wie schwer es heute ist. Parteiblätter in die Höhe zu bringen und auf der Höhe zu erhalten. Solche Wünsche sind also nicht ausführbar.— Redner legt im einzelnen dar. Ivie sich die beiden Organe der Provinz nach und nach entwiekelt haben. Jetzt ist eine Erhöhung der Einnahmen not- wendig infolge der Vergrößerung der Blätter. Der Abschluß ist nicht mehr so günstig wie früher. Da aber die Genossen von einer Erhöhung der Abonnementsgelder nichts wissen wollen, so ist eine rege Agitation zwecks weiterer Verbreitung der Blätter erforderlich. In verschiedenen Kreisen ist ja die Verbreitung schon jetzt be- fricdigend, in anderen dagegen ist sie ganz unzulänglich. Wo das der Fall ist, da muß für Abhülfe gesorgt werden, denn ohne eine möglichst weit verbreitete Presse ist auch eine erfolgreiche Agitation nicht möglich. Die Agitationskoinmission müßte auch für größere Verbreitung der Presse mit ihren Mitteln eintreten. Man kann mcht verlangen, daß der Verlag des Blattes allein die Agitation für die Verbreitung betreibt. Mit Rücksicht auf den hohen Wert der Presse bitte ich, für deren Verbreitung zu sorgen und meine Re- solution, die ich zu diesem Punkte gestclll habe, anzunehmen. Aus Antrag von Zubeil wird von einer Diskussion abgesehen. Die Resolution Sydow wird angenommen. Sie lautet: Mit Rücksicht darauf, daß in einzelnen Kreisen der Provinz Brandenburg die Verbreitung der in Betracht kommenden Partei- organe„Märkische Volksstiinme" und„Brandenburger Zeitung' recht sehr zil wünschen übrig läßt, die betreffenden Kreise aus eigenen Mitteln und Kräften� aber wenig in der Lage sind, eine erfolgreiche Agitation in Angriff zu nehmen, den Verlagen der Parteiorgane aber auch nicht zugemutet werden kann, die Kosten einer solchen Agitation allein zu tragen, die größere Verbreitung der Parteipresse aber im unabwcislichen Partciinteresse liegt, beschließt die Provinzial« konferenz, daß die Agitationskommission ihr Augenmerk mehr als bisher auf diese Kreise lenken und die Agitation daselbst durch organisatorische Anleitung und Hergabe von Mitteln unter- stützen soll. Zum nächsten Punkt der Tagesordnung: Zur Landarbcitrrfrage referiert Stadthagen: Wegen der vorgerückten Zeit will ich mich auf die Erörterung der rechtlichen Lage der Landarbeiter beschränken. Notwendig ist, daß wir die Landarbeiter über ihre Lage aufklären. Das geplante Ausnahmegesetz gegen die ländlichen Arbeiter ist ja gefallen, wozu die Agitation von unserer Seite mit beigetragen hat. Notwendig ist ein Reichsgesetz, welches die Verhältnisse der Land- arbeiter regelt und deren Recht der Bestimmung dcS Landtages entzieht. Bei unserer Agitation nillssen wir inimcr darauf hinweisen, daß das Gesetz die natürlichsten Rechte der ländlichen Arbeiter mißachtet Sie befinden sich tatsächlich gegenüber anderen Ar- bcitern in einer Ausnahmestellung. Die Rcichsgesctze über die_ Kranken-, Unfall- und Invaliden- Versicherung sind in ihrer Anwendung auf die Landarbeiter ungünstiger wie sonst. Das JnvalidenvcrsichcrungS-Gesetz benachteiligt den Landarbeiter insofern, als ihm die Rente in Naturalien ausgezahlt werden kann, auch ist die Rente schon so wie so für den Landarbeiter besonders niedrig. Eine reichsgcsetzliche Krankenversicherung für Landarbeiter haben wir noch nicht. Wir müssen ini Reichstage einen Vorstoß dahin unternehmen, daß die Landarbeiter ebenfalls unter das Krankenversicherungsgesetz fallen. Die Unfälle der ländlichen Arbeiter häufen sich von Jahr zu Jahr in erschreckender Weise. Die Groß- grundbesitzer haben Unfallverhiitungsvorschriften erlassen, welche durchaus unzulänglich sind. Hinsichtlich der Unfallversicherung steht sich der Landarbeiter insofern schlechter als der Industriearbeiter, weil er keinen Unfallzuschuß bekommt. Die Rente, die sich nach dem durchschnittlichen B«ft>icnst richtet, ist jämmerlich niedrig. Ist doch der durchschnittliche Jahresverdienst ini Regierungsbezirk Pots- dam für erwachsene männliche Arbeiter auf 4I0— 7o0 M., und für erwachsene weibliche Arbeiterinnen auf 300—450 M. festgesetzt. Demnach beträgt die Vollrente im höchsten Falle für Männer 280— 500 M., für Frauen 200—300 M. Das sind Bettelgroschen.— Es gibt aber noch andere Ausnahmegesetze gegen die ländlichen Arbeiter in unserer Provinz. Das Gesetz vom 24. April 1854, welches immer noch als rechtsgültig anerkannt wird, bedroht nicht nur das Gesinde, sonder» alle ländlichen Arbeiter mit Strafe im Falle von Ungehorsam oder Widerspenstigkeit gegen den Arbeitgeber. Auch das unberechtigte Verlassen des Arbeitsverhältnisses ist unter Strafe gestellt. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch kann der Arbeiter das Arbeitsverhältnis sofort lösen, wen» ausreichende Gründe vorhanden sind, aber wir haben Fälle gehabt, wo das Gericht die elendste und unbrauchbarste Wohnung nicht als ausreichenden Grund für die Lösung dcS Arbeitsverhältnisses ansah. Es ist notwendig, daß wir die Landarbeiter, die in ihren Rechten benachteiligt werden, auf den Rechtsweg hin- weisen und daß die Organisationen die Mittel dazu beschaffen. Ein weiterer Beweis für die Rechtlosigkeit der Landarbeiter ist eS, daß die gemeinsame Arbeitsniederlegung sowie die Verabredung dazu mit einem Jahre Gefängnis bestraft werden kann. Außerdem gibt eS in der Gesindeordnung noch ein Spezial- gesetz gegen die ländlichen Arbeiter. Auf der anderen Seite fehlen für die landwirtschaftlichen Betriebe Aufsichtsbeamte nach Art der Gcwerbe-Jnspektoren. es fehlen Gerichte nach Art der Gewerbe- gcrichte, es fehlt überhaupt eine Gesetzgebung, zu der der Land- arbeiter Vertrauen haben kann.— Auf dem Papier ist der Land- arbeiter schon rechtlos, noch schlimmer aber ist ferne Rechtlosigkeit in Wirklichkeit.— Wenn erst die neuen Handelsverträge am 1. März nächsten Jahres in Kraft treten, dann wird die Lage der Land- arbeiter noch schlimmer tverden, als sie bisher schon war. Doppelt werden die Landarbeiter dann das drückende ihrer Verhältnisse empfinden. Das ist die Zeit, wo unsere Agitation, mit erneuter Kraft einzusetzen hat.— Der Parteitag in Jena hat als neues Kampfmittel unserer Partei den Massenstreik anerkannt. Es ist ja schwer, zu sagen, was in der Zukunft geschehen wird. Aber die elende Lage der Landarbeiter in unserer Provinz sowie überhaupt in den östlichen Provinzen Preußens kann vielleicht Anlaß geben, daß der erste Massenstreik zur Erringung politischer Rechte ein Streik der Landarbeiter sein wird. Nach Berichten aus Mecklenburg und aus unserer Provinz kann angenommen «verde», daß die ländlichen Arbeiter ihr Elend und ihre Unterdrückung lebhaft fühlen. Unsere Sache wirb es sein, das übrige zu tun, die Landarbeiter zur klaren Erkenntnis ihrer Lage zu bringen und ihnen den Weg zu zeigen, der sie aus ihrem Elend hinausführt. Massen- streiks der ländlichen Arbeiter müssen wir mit allen Kräften unter- stützen. In den kommenden Monaten müssen«vir unter den Land- arbeitern wiihlen, wir müssen sie aufrütteln ohne zu rasten. Sind die Landarbeiter erst zum politischen Bewußtsein erwacht, dann sind sie unsere besten Genosse««. Bei all unserer Agitation aber müssen wir nicht zuletzt immer lvicder hinweisen auf die bestehenden Aus- nahmegesetze gegen das ländliche Proletariat.(Beifall.) Schmidt- Sonnenburg schildert an Einzelfällen auS seiner Erfahrung das traurige Los der Landarbeiter. Schlverste Arbeit vom frühen Morgen bis zun« späten Abend. Die Tagelöhne gehen hinunter bis zu 70 Pf. Ja, es kommt sogar vor, daß Kinder von früh bis spät gegen einen Tagelohn von 30 Pf. auf dem Felde arbeiten müssen. Jetzt, wo auf dem Rittergut Stolpe die Cholera ausgebrochen ist, heißt es in den Zeitungei«, die Regierung habe sich bemüht, den Herd der Krankheit unschädlich zu machen. Der eigeirtliche Herd der Krankheit sind die erbärmlichen Wohnungen der Landarbeiter. Daran«oird die Regierung aber nichts ändern. Man stelle sich vor: In einem elenden Loche hausen 20 Arbeiter, sie koinmen bei dem jetzigen Wetter mit durchnäßten Kleidern heim, haben keine Gelegenheit, dieselben zu trocknen und strecken sich des- halb mit den nassen Kleidern auf das dürftige Lager. Ich habe gesehen, daß Arbeiter auf dem Boden, wo fast kein Stein mehr ganz ist, mit durchnäßten Kleiden«, nur»nit einer Pferdedecke zu- gedeckt, schlafen mußren. Das sind Krankheitsherde. Diese Ver- hältnisse sollte die Regierung bessern.— Die Gutsbesitzer behaupten, sie leiden unter einem Mangel an Arbeitern und müßten deshalb Arbeitskräfte vom Auslande heranziehe««. Als ich im März dieses Jahres an der russischen Gre>«ze war, hatten schon in demselben Frühjahr 25 000 russische Arbeiter die Grenze überschritten. Der Arbeitermangel ist durch- aus nicht so groß. Die Landwirtschaft könnte einheimische Arbeiter genug haben, wenn sie auskömmliche Löhne und gute Wohnungen bekomme««� würden.— Die Unzufriedenheit unter den Landarbeitern ist sehr groß. Damit sie keinen Generalstreik machen können, wird die Gesinde-Ordnung aufrecht erhalten.— Es ist nicht möglich, die ländlichen Arbeiter dem Verbände der Fabrik-«n«d Landarbeiter zuzusllhrci«, denn der Beitrag ist für ihre Verhältnisse zu hoch. Die Gesinde-Ordnung muß fallen und dann ein eigener Verband für die Landarbeiter gegründet werden.— Das neue Organisationsstatut wird«ins die Möglichkeit gebe««, nähere Fühlung mit den Landarbeitern zu bekommen, die jetzt schon auf unserer Seite stehen. Aufgeweckt sind die Landarbeiter schon z«lm großen Teil. ES ist nicht schwer, sie ganz für uns zu gewinnen. Die Agitations- koinmission möge sich die Landarbeitcrfrage besonders angelegen sein lassen,«nid unsere Reichstagsabgcordneten sollten mit aller Macht dahin jvirken, daß die Gesinde-Ordnung fällt.(Beifall.) Eine weitere Diskussion findet nicht statt. Es folgt der letzte Punkt der Tagesordnung: Anträge. Nach kurzer Begründung durch die Antragsteller werden folgende Anträge angenomnien: Wahlkreis Landsberg-Soldin: Die Agitationskoinmission zu beauftragen, eine Äonserenz der Vertreter ans den Kreisen der Neuinark einzuberufen, um über eine durchgreifende Agitation für die Presse und gegenseitige Unterstützung bei der Landagitation zu beraten. Kiesel-Berlin und sechs Genossen: Die Pro- vinzialkonserenz beschließt: Die Vertreter der Partei(Wahlvereins- vorstände, Vertrauensleute) haben der Llgitationskommission halb- jährlich eine Statistik einzureichen, die Aufschluß gibt über den jeweiligen Stand der Organisation— sowohl der politischen wie der gewerkschaftlichen— und über die Abonnentenzahl der in den Orten gelesenen Parteiorgane(„Märk. Volksstimme",«Brandenb. Zeitung",„Vorwärts"). Nicht genügend unterstützt wird ein von der sozialdemokratischen Stadtverordnetcn-Fraktion in Ripdorf gestellter Antrag, eine Zentral- stelle für kommunale Angelegenheiten zu schaffen. Damit ist die Tagesordirung der Konferenz erledigt. Der Vor- sitzende D i m m i ck schließt dieselbe mit einen« Hoch auf die Sozial- demokratie._ Unter den in der 3ir. 340 des„Vorwärts" vom 13. d. M. für die Opfer des russischen BefreinilgskaniPfeS quittierten 1000,— M. des 4. Berliner Wahlkreises Südost, befinden sich auf Listen folgende Einzelbeiträge: 12102 5.55:«2103 2,80; 12104«,40: 12108 1,60; 12113 2,70; 12124 10,30; 12133 6,25; 12135 4,—; 12137 8,20; 12140 3,15; 12141 4,20; 12142 5,20; 12143 3,55; 12161 3,—; 12165 2,25; 12166 6,82; 12175 4,55; 12192 11,80; 12196 1,25; 12197 5,—; 12200 6,45; 12203 0,50; 12204 1,90; 12205 5,—; 12214 1,50; 12215 0,25; 12233 7,60; 12256 5,40; 12258 4,85; 12259 2.—; 12260 3,95; 12310, durch Jonekeit 2,10; 12405 5,30; 12406 4,05; 12432 4,95112442 1.20; 12468 5.20; 12469 7,20; 12470 4,80; 12402, gcs. in der Werkstatt v. Lüdkc, Britzerstr. 8 10,70; 12316, durch Holzwarth 5,25; 12331 3,85; 12341 3,20; 12344 3,95; 12346 8,10; 12348 3,10; 12352 0,60; 12373 1,70; 12377 6,60; 12515 7.75; 12517 2,10; 12547 1,80; 12548 5,50; 12602 5.20; 12603 3,60; 12629 4,30; 12632 11,80; 12635 10,90; 12646 5,80; 12647 9.50; 12651 2,45; 12662 2,20; 12704 9,20; 12719 3,—; 12724 0,60; 12726 3,80; 12727 Tischlerei v. Oelschlägel. Gneisenaustr. 41 16.—; 12728 1,90; 12729 2,60; 12732 2,10; 12733 Gummidrahwbt. Saal 21 K.-W. O. 10,05; 12734 3,95; 12735 8,—; 12765 6,50; 12771 15,95; 12782 1,60; 12783 9,50; 12786 2,85; 12788 9,15; 12791 2,30; 12810 6,40; 12813 7,30; 12826 2,35; 12840 6,65; 12847 8,70; 12850 6,35; 12851 7,50; 12853 9,05; 12854 3,—; 12855 2,25; 12856 3,55; 12914 8,50; 12926 1,75; 12929 3,10; 12930 7,65; 12931 2,—; 12932 4,15; 12936 3,40; 12937 4,95; 12939 durch Adolf Reich. Waldemarflr. 14 4,65; 12949 0,75; 12968 1,10; 12971 2,05; 12982 4,35; 12984 1,55; 12986 1,90; 12990 3,15; 12991 7,45; 12992 7,80; 12994 3,25; 13006 4.45; 13016 2,40; 13103 2.20; 13105 1,95; 13106 gesammelt bei Gäbert, Sophienslraße 7,90; 13195 desgleichen 6,40; 13213 desgleichen 7,90; 13109 3,75; 13127 1,65; 13136 2.05; 13142 1,20; 13143 2,90; 13145 2,40; 13147 0,25; 13186 2,85; 131914,60; 13201 1,15; 13203 4,50; 13204 0,25; 13206 3,70; 13207 6,10; 13208 7,50; 13212 3,30; 13301 6,75; 13306, Chemigraphcn von H. S. Hennann 9,55' 13310 5,25; 13318 2,60; 13323 3,30; 13328 6,75; 13332 15,45; 13338 5,80: 13340 2,60: 13344 0,50: 13345 3,95: 13346 2,95: 13349 3,50: 13377 1,45: 13379 2,60; 13380 1,30; 13385 7,10; 13405 7.25; 13406 13,05; 13407 5,90; 13502 13,80; 13503 9,55; 13510 5,40; 13519 3,65; 13520 5,05; 13523 7,80; 13530 4,75; 13537 4.—; 13538 5,30; 13545 15.—; 13552 5,65; 13556 3,30; 13569 5,—; 13616 4,30; 13622 1,35; 13627 3,75; 13628 2,20; 13632 3,—; 13636 2,55; 13641 3.—; 13642 0,50; 13643 8,15; 13651 5,45; 13652 0,50; 13655 1,60; 13657 6,95; 13659 2,65; 13661 6,40; 13662 0,80; 13663 2,50; 13666 1,80; 13671 1,70; 13676 0,25; 12038 7,58; 12039 12,45; 12813 4.15; 13701 3,75; Tischlerei v. Dübbclt u. Rothe, Zeughosslr. 20, d. Gläser 8,40. Berlin, den 16. Oktober 1905. A. G e r i s ch, Lindenstr. 69. Die Ehescheidung der Coburgerin vor Gericht. Gotha, IS. Oktober.(Eig. Der.) Die kleine Residenzstadt Gotha ist heute der Schauplatz des Ehe- scheidungsprozesses des Prinzen Ferdinand Philipp von Coburg und der Prinzessin Luise von Coburg, der die un- mittelbare Folgeerscheinung der Flucht der Prinzessin Luise aus Bad Elster in der Nacht vom 3V. zum 31. August v. I. ist. Die Be- Handlung des Prozesses findet vor der 1. Zivilkammer dcS hiesigen Herzog!. Landgerichtes in eine«» nur wenigen-Personen Platz bietenden Rauine statt. Der Gerichtshof. Den Vorsitz im Gerichtshofe führt der frühere Erste Gothaer Staatsanwalt, jetzige Landgerichtspräsident Jmmler. Für den zur- ;eit auf seinem Schlosse Ebenthal in Nicdcrösterrcich weilenden grinzen P h i l i p p ist der Wiener Hof- und Gerichtsrat Regierungs- rat Dr. Adolf B a ch r a ch- Wien, der seit Jahren juridischer Beirat des Prinzen ist, und der hiesige Rechtsanwalt Justizrat Dr. Heinrich Kunreuther erschienen, während die Prinzessin das bekannte Mitglied der Kossuth-Partei im ungarischen Parlament, Reichstags- abgeordneter und Advokat Dr. Soma V i s o n t a i- Budapest und Rechtsanwalt Dr. Rudolf Müller- Gotha vertreten wird. Auch der vielgenannte ehemalige österreichische Ulanen-Oberleutnant Gcza M a t t a ch i ch. der die Flucht der Prinzessin aus dem Jrrenhause in. Szene gesetzt hat und seitdem ständig in ihrer Gesellschaft weilt, ist zu dem Prozeß in Gotha eingetroffen. Ferner sind aus Berlin, rankfurt a. M., Wien, Budapest. Brüssel und Paris zahlreiche ournalisten zu dem Prozesse erschienen. Namens des Prinzen Philipp überreichten dessen Anwälte dem Gericht eine umfangreiche Klageschrift. Es wird darin gegen die Prinzessin der Vorwurf des Ehebruchs er- hoben und der Antrag gestellt: Das Landgericht möge als die in Streitigkeiten der Mitglieder des Herzog!. Coburg-Gothaischen Fürstenhauses zuständige Behörde die am 4. Februar 1875 vor dem Bürgermeister Julius Anspach in Brüssel laut Zivilrcgister Nr. 146 vorgenommene Trauung des prinzlichen Paares nach dem Bande scheiden, die Beklagte als den allein schuldigen Teil erklären und ihr die Kosten des Verfahrens auferlegen. In der vom Regierungs- rat Dr. B a ch r a ch gegebenen Begründung wird zunächst der Braut- stand des prinzlichcn Paares geschildert und die Behauptung auf- gestellt, daß eine innige, tiefgehende Neigung die beiden zusammen- geführt habe. Namentlich die Prinzessin habe große Sympathien sür Prinz Philipp an den Tag gelegt, sodaß Konig Leopold II. und seine inzwischen verstorbene Gemahlin, die Königin Marie Christine Die Werbung des Prinzen in. jeder Weise begünstigt hätten. In �ausführlicher Weise legt Dr. Bachrach dar, daß auch die Ehe zunächst eine durchaus harmonische«var, wofür er zuin Beweise eine große Reihe zärtlicher Briefe der Prinzessin an ihren Gemahl vor- legt, in denen Luise von Coburg u. a. schreibt, sie sei nur einen« Herzensbedürfnis gefolgt, als sie ihm ihre Hand zum Ehcbunde reichte. Ein Jahr nach der Eheschließung wurde Prinz Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha, 2 Jahre später die Prinzessm Dorothea, bie jetzige Gemahlin des Herzogs Ernst Günther von Schleswig-Holstein, geboren, durch deren Verheiratung Prinzessin Luise die Schwiegcr- niutter des Bruders der deutschen Kaiserin geworden ist. Bald nach der Geburt des zweiten Kindes, so führt Bachrach weiter aus, machten sich in der bis dahin äußerst glücklichen Ehe verschiedene Mißverständnisse und Zwistigkeiten bemerkbar. Der Anwalt weist zur Erklärung zunächst auf eine vierwöckientliche T«)phuserkrankung der Prinzessin hin. nach der Luise von Coburg eine auffallende Reiz- barkcit und andere anormale psychische Erscheinungen gezeigt habe, die aber später zum Teil wieder verschwanden. Im Sommer 1882 übersiedelte das Ehepaar zu kurzem Auf. enthalt nach Schladming in Lbersteiermark, wo der Bruder des Prinzen ein Jagdschloß besitzt. Tort verunglückte die Prinzessin eines Tages, während der Prinz auf der Jagd war, dadurch, daß sie bei der zeichnerischen Aufnahme der gebirgigen Gegend 20 bis 30 Meter tief über einen Felsen abstürzte. Sie wurde von Treibern des Prinzen aufgefundci' und nach Schloß Morna gebracht, wo es dem Leibarzt der Prinzessin gelang, sie nach fünfstündiger Bewußt- Icsigkeit wieder ins Leben zurückzurufen. Sie hatte sich aber durch den Sturz ein schweres Leiden zugezogen, war eine Woche hindurch unfähig, allein auszugehen und es machte sich die schon früher be- obachtcte nervöse Reizbarkeit in erhöhtem Maße bemerkbar. Auch das Sprachvermöge» hatte gelitten und heute noch, so behauptet Rcgierungsrat Bachrach, erinnere eine etwas schiefe Kopfstellung der Prinzessin an diesen vor mehr als 20 Jahren erlittenen Unfall. Er beschäftigt sich dann in ausführlicher Weise mit dem Benehmen der Prinzessin nach dem Unfall. Sie sei Prinz Philipp gegenüber immer reizbarer geworden und obwohl der Prinz alles getan habe, uin jede Aufregung von ihr fernzuhalten, und obwohl er ihr in unveränderter Liebe zugetan gewesen sei. sei die anfängliche Abneigung schließlich in einen ausgesprochenen Widerwillen umgeschlagen und tatsächlich hat seit nahezu 15 Jahren jeder eheliche Verkehr zioischcn dem prinzlichcn Paar aufgehört. Um die Zeit, als die nervöse Reizbarkeit der Prinzessin den höchsten Grad erreicht hatte, begann sie große Reisen mit großem Gepäck und noch größerem Gefolge zu unternehmen. Die� auffallende Verschwendungssucht der Prinzessin hatte den Prinzen schon früher große Opfer gekostet und obwohl Luise von Coburg in ihrem Verfügungsrecht keineswegs beschränkt war, machte sie doch schließlich Schulden über Schulden. Sie bezog außer den Kosten, die die Hofhaltung erforderte, und die vom Prinzen gedeckt wurden, für ihren rein persönlichen Gebrauch, folgende Summen: Vom Prinzen als sogenanntes„Nadelgeld" jährlich 72 000 Kronen, von ihrem Vater, dem König Leopold II., jährlich 30 000 Frank bezw. 28 000 Kronen, und außerdem zahlte der Prinz, dem seine Gemahlin eines Tages erklärt hatte, sie wolle sich einen eigenen Rennstall zu- legen, 12 000 Kronen pro Jahr für die Unterhaltung dieses Stalles. Dazu kamen noch verschiedene kleinere Beträge, sodaß die Prinzessin für ihre persönlichen Bedürfnisse pro Jahr 120 000 Kronen zur Verfügung hatte. Trotzdcin schwollen ihre Schulden von Jahr zu Jahr immer «nchr an. In diese Zeit— Mitte der 90er Jahre— fällt die Bekanntschaft der Prinzessin mit dem vielgenannten ehemaligen K. u. K. Oberleutnant Geza von Mattachich— Keglevich. In der Folge entbrannte sie dann in heißer Liebe zu Mattachich und in Abbazia, wohin er ihr zu diesem Zwecke nachgereist sei, habe er„das Ziel seiner Liebeswünsche erreicht". Prinz Philipp erhielt, wie der Regierungsrat Bachrach weiterhin ausführt, von diesen Beziehungen feiner Frau zu Mattachich erst in sehr vorgerücktem Stadium Kennt- nis; er sandte den soeben abermals zum ungarischen Minister, Präsidenten ernannten Herrn von Fejervary und den FellD- marschallleutnant Grafen Hugo von Wurmbrand dem Mattachich als seine Zeugen und am 9. Februar 1893 fand in der Wiener Militär-Reitschule ein Duell zwischen dem Prinzen«ind dem Verführer seiner Frau statt, das jedoch unblutig verlief. Die Prin» zessin reiste bald darauf nach Nizza, Mattachich als ihr„Reitlehrer� in ihrer steten Begleitung. In Nizza setzte die Prinzessin ihre un- geheure Verschwendungssucht fort, bis sie plötzlich samt Mattachich aus dem Kurort verschwand, Leiblväsche, Kleider und den größten Teil ihres Reisegepäcks und noch mehr Schulden, wie Regierungsrat Bachrach witzig bemerkt, zurücklassend. Von feiten des Prinzen wurden sofort durch seinen damaligen, inzwischen verstorbenen An- walt Franz Ritter von Haberler die umfassendsten Recherchen nach dem Verbleib des PaarcS eingeleitet, jedoch ohne jeden Erfolg. In- zwischen wuchs die Affäre der Prinzessin sich, wie Regierungsrat Bachrach sagt, zu einem europäischen Skandal aus. Die Dienerschaft «nid die Geschäftsleute in Nizza verlangten ihr Geld, und da sie die Bezahlung ihrer Forderungen von keiner Seite erzielen konnten, ordnete das Gericht in Nizza die Zwangsversteigeriing der zurück. gelassenen Effekten der Prinzessin an. Um zu verhüten, daß Leib- Wäsche mit dem prinzlichen Monogramm in fremde Hände gelange. ließ Prinz Philipp durch einen Mittelsmann diese Sachen sämtlich aufkaufen. Dabei stellte es sich heraus, daß die Prinzessin 120 Paar Stiefel, 75 Paar seidene Schuhe, 60 Sonnenschirme und 164 Feder- hüte besaß. Bei den Nachforschungen nach dem Aufenthalt der vcrschwun- denen Prinzessin kam nun die sensationelle Wechselfälschungsaffäre an den Tag, die später die Verurteilung des Mattachich zu sechs Jahren schweren Kerkers zur Folge hatte. Die Wiener Kaufleute Markus Spitzer und Friederich Reicher, die sich hauptsächlich mit Wuchergeschäften befaßten, schrieben eines Tages an den Oberhof- meister Grafen Choloniewski der damaligen Kronprinzessin-Witwe Stephanie, einer Schwester der Geflohenen, sie besäßen Wechsel der Prinzessin Luise im Betrage von IVi Millionen Kronen, und diese Wechsel trügen als Giro die Unterschrift der Kronprinzessin. Mit Rücksicht darauf, daß diese zu damaliger Zeit sehr schwer krank dar- niederlag, wünschte» die Geldgeber für alle Fälle die Agnoszierung der Unterschrift. Graf Choloniewski versuchte zunächst auf vertrau- lichem Wege festzustellen, ob die Kronprinzessin Wechsel für ihre Schwester unterschrieben hatte, und da diese, sobald sie vernchmungs- fähig geworden war, dies entschieden in Abrede stellte, erstattete der Oberhofmeistcr die Anzeige an den Wiener Polizeipräsidenten Johann Ritter Habrda, daß augenscheinlich eine Fälschung vorliege. Der Polizeipräsident ließ die beiden Kauflcute vorlade», und diese präsentierten Wechsel auf den Betrag von 1 115 000 Kronen lautend, Der Mehrbetrag in Appoint war bei dem damaligen Vertrauens- mann des Mattachich, dem Hof- und Gcrichtsadvokatcn Dr. B a r b e r, deponiert und««och nicht abgehoben. Der Polizei- Präsident beschlagnahmte zunächst die beiden Wechsel als Corpora delicti, und als die Kronprinzesfin-Witwe bei dem Wiener Oberhof- marschallamt, der für Mitglieder des österreichischen Kaiserhauses zuständigen Gerichtsstelle einvernommen wurde, erklärte sie«iiit aller Bestimmtheit, ihre Unterschrift auf den vorgezeigten Wechseln sei falsch. Regicrungsrat Bachrach legt dann eingehend die finanziellen Verhältnisse des Prinzen Philipp dar und hebt hervor, daß dieser im Laufe der letzten Jahre außer der Appanagc von rund 85 000 Kronen, die er seiner Geinahlin gewährte, für sie Schulden im Be- trage von niehr als V/i Millionen Kronen bezahlt hatte, daß er ihr ferner auf ihren Wunsch sukzessive ihr Hciratsgut von 250 000 Frank zurückerstattet hatte er daß er, teils um die Rizzacr Schulden zu decken, teils um die auf 3 705 000 Kronen sich beziffernden For- derungen sämtlicher Gläubiger der Prinzessin— 163 an der Zahl — befriedigen zu können, sein ungarisches Fideikommiß in Kis- Karoly mit Zustiminung der kompetenten Behörde bis zur höchst- möglichen Grenze— etwas mehr als 3 Millionen— belehnt habe. Damit zahlte der Prinz den größeren Teil der Schulden(rund 700 000 Kronen wurden von der gesamten Gläubigerschaft nach- gelassen) und bezüglich des Restes von 1% Millionen Kronen traf man die Vereinbarung, daß diese Schulden von der Prinzessin zu zahlen seien, sobald sie durch Erbschaft oder Schenkung in den Besitz von Geld gelange. Alle diese Zahlungen hat jedoch der Prinz unter Protest und ohne seine Zahlungsverpflichtung anzuerkennen, geleistet. Inzwischen war der frühere Rechtsvertreter des Prinzen, Dr. o. Habcrler, gestorben und Rcgierungsrat Dr. Bachrach übernahm die Vertretung. Wie er mitteilt, gelang es ihm nach einiger Zeit ausfindig zu machen, daß sich Prinzessin Luise mit Mattachich azzL das Schloß Labor bei Agram in Kroatien, einem Besitztum des Stief- daters Mattachichs, des Grafen Keglevich, zurückgezogen hatte. Graf Kegledich selbst fand das Treiben des Paares derart anstößig, daß er sich in ein Hotel in Agram eingemietet hatte, um die Vorgänge in dem Schloß nicht mit ansehen zu müssen. Prinzessin Luise war nach ihrem Verschwinden aus Nizza von der österreichischen Re- gierung aus den im Ncichsratc vertretenen Ländern ausgewiesen worden, und diese Verfügung wurde erst später aufgehoben, als es sich darum handelte, die vorläufige Unterbringung der Prinzessin in eine österreichische Irrenanstalt zu ermöglichen. Am ü. Mai 1Lg8 erschien Bachrach im Auftrage des Prinzen Philipp in Agram, wo sich die Prinzessin an diesem Tage zufällig mit Mattachich in einem Hotel aufhielt. Es gelang ihm, die Prinzessin von Mattachich zu trennen und in einem Scparatzuge nach Wien zu bringen, wo sie in Purkersdorf in der Heilanstalt des Universitätsprofessors Dr. Obersteiner untergebracht wurde. Mattachich wurde im Auftrage des 5torpskoinmandos in Agram verhaftet, dem Garnisongericht ein- geliefert und bald darauf wegen Fälschung der Unterschrift der Krön- Prinzessin-Witwe Stephanie auf den mehrfach erwähnten Wechseln zu sechs Jahren schweren Kerkers verurteilt. Von dieser Strafe verbüßte er zirka 4 Jahre in der Militärstraf- anstalt Möllcrsdorf bei Wien, worauf ihn' Kaiser Franz Josef im Sommer 1903 begnadigte. Die weiteren Schicksale des Paares sind bekannt. Die Prin- zessin kam von Purkersdorf für kurze Zeit in das Sanatorium des Dr. Rudinger in Ober-Döbling und später, als ein Gutachten des Wiener Universitätsprofcssors Wagner von Jauregg und des Wiener Gerichtspsychiaters Dr. H i n t e r st o i ß e r sie für geistig nicht normal erklärte, ein Gutachten, das von der medizinischen Fakultät der Universität in aller Form gutgeheißen und wiederholt wurde, in die Anstalt„Lindenhof" in Coswig bei Dresden. Bachrach hebt hervor, daß auch während des mehrjährigen Aufenthalts der Prinzessin in„Lindcnhof" der Prinz Philipp die Appanage bezahlte, König Leopold das Nadelgeld beisteuerte, das inzwischen auf Betreiben des Prinzen auf 50 000 Frank gesteigert worden war. und daß während des Aufenthalts der Prinzessin in Coswig ein neuerliches Gutachten von vier inter- nationalen psychiatrischen Kapazitäten in Wie». Brüssel, Berlin und Wien eingeholt worden sei, das erklärte, die Prinzessin sei nach wie vor geistesschwach und unfähig, ihre eigenen Angelegenheiten zu besorgen. Als ein weiteres charakteristisches Moment hebt Bachrach es hervor, daß Prinzessin Luise für ihre Kinder absolut kein Interesse an den Tag legte, obwohl speziell ihre Tochter, die jetzige Herzogin Dorothea von Schlcswig-Holstein, sich vielfach um sie bemüht und sie auch einige Male in der Gesellschaft der Gräfin von Flandern in Coswig aufgesucht habe. Ebenso habe sie ihres Sohnes in den ganzen 15 Jahren, seit sie die Gemeinschaft mit ihrem Gatten auf- gegeben hatte, auch nicht mit einem Sterbenswörtchen gedacht. Bachrach weist dann noch darauf hin, daß die Prinzessin von Coswig aus alljährlich nach Ober-Jtalien. Schandau und Bad Elster reisen durfte, und betont, daß für alle Bedürfnisse der Prinzessin in aus- giebigstcr Weise gesorgt war, daß also von einer Zwangshaft, wie die Prinzessin ihren Aufenthalt in Coswig nach ihrer Flucht dargestellt habe, keine Rede sein könne. Die Flucht der Prinzessin aus Bad Elster erwähnt Bachrach nur ganz kurz, beschäftigt sich dann aber um so eingehender mit der Einsetzung der Pariser Gcrichtspsychiater Magna» und Dr. D u b u i s s o n als psychiatrische Gutachter über den Geisteszustand der Prinzessin sowie mit der auf Grund des Pariser Gutachtens erfolgten Aufhebung der Kuratel der Prinzessin, die den Prinzen, der auf dem Standpunkt stehe, daß seine Gemahlin nunmehr für geistesgejund erklärt sei und für ihre Handlungen ein- stehen könne, zur Einrcichung der Scheidungsklage veranlassen müsse. Im Zusammenhang mit dieser Klagcbcgründung überreicht Rc- gierungsrat Bachrach nicht weniger als 54 Anlagen» welche die ein- zelnen in der Klage aufgeführten Behauptungen unterstützen sollen. Hiervon sind zwei von Interesse. Die erste ist eine Eingabe des Prinzen an die kroatisch-slavonischc Landesregierung in Agram, wo- rin gebeten wird, die Prinzessin zur Rückkehr in ihr eheliches Domizil zu ermahnen und wodurch der seinerzeit insbesondere von sozia- listischer Seite im österreichischen Abgeordnetenhaus gegen Bachrach erhobene Vorwurf widerlegt werden soll, daß sich dieser bei Zurück- führung der Prinzessin von Schloß Lobor nach Wien fälschlich einer Vollmacht des Kaisers Franz Josef gerühmt habe. Die zweite An- läge stellt einen Beschluß des Oberhofmarschallamtes in Wien vom 7. September 1904 dar, also sieben Tage nach der Flucht der Prin- zessin aus Bad Elster, in dem sowohl ihrem Kurator Dr. Ritter v. Fcistmantel als auch Bachrach in seiner Eigenschaft als Vertreter des Prinzen die Befugnis erteilt wird, die Prinzessin in ihr Domizil — Lindenhof bei Coswig— oder in ein anderes Gewahrsam zu bringen und in dem ferner den Gerichten des In- und Auslandes aufgetragen wird, jede zulässige Assistenz hierbei zu leisten. Von dieser Vollmacht hat der Prinz jedoch keinen Gebrauch gemacht. Eine weitere Anlage bilden die bekannten Memoiren MattachichS, aus deren Inhalt die Klage die ehebrecherische Intimität des Verhält- nisscs zwischen Mattachich und der Prinzessin ableitet. Ter Einwand der beklagten Prinzessin. den in ihrem Namen ReichStagSabgeordnctcr Vinsontai geltend macht, ist zunächst rein rechtlicher Natur. Er bestreitet die Zu- ständigkeit deS Clothaifchen Gerichts und will die Klage vor einem ungarischen Gericht zum Austrag gebracht wissen, weil Prinz Philipp als ungarischer Fideikommißherr eine Trennung seiner Ehe nur vor einem ungarischen Gerichtshofe mit Rcchtswirkung für dieses Land anstreben könne, da Ungarn die Rechtsansprüche der beiden anderen in Betracht kommenden Staaten gegen seine Staatsangehörigen nicht anerkenne. « Kurz vor Beginn der Verhandlung wurde mit Rücksicht auf den großen Andrang von Publikum und Pressevertretern der ge- räumige Schwurgerichtssaal des Landgerichts zum Sitzungssaal be- stimmt. Am Berichterstattertisch nimmt auch der aus Paris herüber- gekommene Beistand der Prinzessin Luise, B o r o n k a y. Platz. Ter Vorsitzende, Landgcrichtspräsident I m m I e r, leitete die Verhandlung mit dem üblichen Bcrgleichsvorschlag ein. Der Versuch zu einer Einigung der Parteien sei gesetzlich bor- geschrieben in den Fällen, wo beide Parteien im Jnlande wohnten. Im vorliegenden Falle hätten nun beide Parteien ihr Domizil im Auslande und desl)alb hätten bisher Vcrgleichsvcrhandlungen nicht stattfinden können. Er wolle gleich betonen, daß es wohl nicht darauf ankomme, wieder ein vollständiges Zusammenleben deS Prinzen und der Prinzessin herbeizuführen. In erster Linie könne es sich nur darum handeln, eine glückliche Einigung über ein fried- liches Getrenntlebcn und über die vermögensrechtlichen Verhältnisse zu erzielen. Wie ihm mitgeteilt sei, habe das Hosmarschallamt in Wien Verhandlungen zwischen den Parteien angebahnt. Er rege an, daß beide Ehegatten sich über die Vermögensverhältnisse einigen. Die Herbeiführung eines solchen Abkommens sei ja eigentlich nicht der Zweck eines Sühneversuchs. Im vorliegenden Falle aber lieg« die Verhältnisse etwas anders. Einmal deshalb, weil beide Parteien katholisch sind und andererseits, weil die österreick)-ungarischen Ge- setze zu berücksichtigen seien. Die Frage sei ja noch gar nicht ent- schieden, ob der vorliegende Prozeß nach dem deutschen Strafgesetz zu entscheiden sei, weil der Prinz ungarischer Staatsbürger ist. Die katholische Kirche erkenne bekanntlich eine Scheidung der Ehe nicht an. Eine bürgerliche Scheidung gilt nach der katholischen Kirche nicht als vollzogen. Die zweite Frage, die Berücksichtigung der ungarischen Gesetze, sei insofern von Bedeutung, als Ungarn nur eine Scheidung von Tisch und Bett, nicht aber die im deutschen Gesetz vorgcsel>ene Trennung der Ehegatten nach dem Bande kenne. Er empfehle deshalb, die Verhandlung etwa auf eine Stunde aus- zusetzen uird hoffe, daß die Parteien in dieser Zeit sich über die der- mögensrcchtlichen Verhältnisse und über ein friedliches Getrennt- leben einigen lverden. Dr. Bachrach erklärt, er wolle alles tun, um sich in Güte auseinander zu setzen und Intimitäten nicht zu verraten. Es handelte sich bei den Vorverhandlungen vor dem Oberhofmarschall-Amt um folgendes: 1. Wir haben die Scheidung der Ehe nach dem Bande beantragt, weil wir die Trennung der Gatten wünschen. 2. Der Prinz hat sich zur Zahlung von 72 000 Kronen jährlich bereit er- klärt. Diese sind auch fortgczahlt worden zu einer Zeit, wo die Kuratel der Prinzessin noch nicht aufgehoben war und trotzdem die Prinzessin damals in Verhältnissen lebte, die ich, um keine Ver- stimmung zu erzeugen, nicht näher bezeichnen will. Diese Summe soll auch weiter gezahlt werden und der Prinz hat die Selbstüber- Windung, keinerlei einschränkende Bedingungen daran zu knüpfen. 3. Es wurde von dem Heiratsgut der Prinzessin im Betrage von 250 000 Frank gesprochen. Obwohl der Prinz diese Summe der Prinzessin nach und nach ausgezahlt hat und ein Heiratsgut nicht zweimal ausgezahlt zu werden braucht, hat mein Klient sich bereit erklärt, 120 000 Kronen unter irgend einem Rechtstitel zu zahlen, und zwar unter der ausdrücklichen Bestimmung, daß die Prinzessin die hohen Kosten zahlt, die ihr durch ihre Flucht aus Bad Elster ent- standen sein dürften. 4. Außerdem hat die Prinzessin vom 11. No- vembcr 1904 bis jetzt den Betrag von 122 537 jlronen für ihre Bedürfnisse vom Prinzen bekommen und dazu die vom König der Belgier Leopold II. bewilligte Jahrcs-Apanage von 50 000 Frank. Es werde nicht gesagt werden können, daß auf feiten des Prinzen irgend eine Engherzigkeit obwalte. 5. In bezug auf den Namen werde Wohl schnell eine Einigung zustande kommen. Tie Prinzessin perhorrcsziere fortgesetzt ihren Namen, indem sie sich einfach Prin- zessin Luise von Coburg nenne. Die einzige strittige Frage sei die der Verschuldung, lind da könne er erklären, daß der Prinz sich unter allen Ilmständen zur Kostentragung bereit erklärt habe. Im übrigen habe er sich mit dem Reichstagsabgcordncten Dr. Visontai dahin geeinigt, über die Verschuldungsfrage sich überhaupt nicht auszulassen, um peinliche Erörterungen zu vermeiden. (Schluß im Hauptblatt.) Sozialdemokratischer Zentral-BSahlverein für den Reichstags- Wahlkreis Kalail'Lnckau. O r tS v e r e i n B e rli n. Donnerstag, den IV. Ollober, abends 8 Uhr: Versammlung bei Georg Weihnacht, Örünstr. 21. Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Parteitag in Jena. 3. Vereins- angelegenhciten. ES ist Pflicht eines jeden Genossen, zu erscheinen. Gäste willkommen. Für den Juhali orr Juicrnie übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Zteraiitwortiing._ Zheater. Dienstag, 17. Oktober. Ansang 7'/, Uhr: Opernhaus. Manon. Schauspielhaus. Wilhelm Tell. Neues. Ein Sommeniachtstraum. Westen. Die Zauberjlöle. Deutsches. Donnerstag: Käthchcn von Heikbronn. Anfang 8 Uhr: Schiller O. �Wallner- Theater.) Der G'wissenswurm. Schiller M.(Friedrich Wilhelm- städtilchc» Theater). Flachsmann als Erzieher. Lessing. Elga. Berliner. Andalosia. Zentral. Zur indischen Witwe. Residenz. Die Höhle des Löwen. Älirtropol. Ans— WS Metropol I Kleines. Hidalla. Triano». Madame Torera. Lnftipiclhaus. Der Herr Haushof- meister. Thalia. Bis früh um Fünse I Carl Weiss. Der Weliumsegler wider Willen. Luise». Pcchschulze. Deutsch- ZlinerikanischcS. Aber, Herr Herzog I Der AdclSnarr. Frau Luna.— Speziali- Kasino. lllpollo. täten. Walhalla. Eine tolle Nacht. Herrnfeld. Die MeyerhaiiiS. Wintergarten. Ein Abend in einem amcrckauischcn Tingel-Tangel.— Spczialitälcn. Bellc-jlUiaiice. Spezialitäten. Folies EapriccS. Nach dem Zapfen- streich. Soll und Haben.— Spczialitälcn. NcichohaUc». Stcttiiier Sänger. Passage. Robert Koppel. Marshall. der Mann mit den Hüten. Georg und Gusti Edler. Urania. Tanbrnstralse 48/40. 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''(gröbere zum" pr.*piunb � 2d)Irtditfffcern,«ie'si» o. b. Reißen). ■v aap a«aasz a i w vaa•«» iviw jj»«r. w. uzan» tagen, mit allen Daunen m. 1.50, (ngfurioet iSdnferapf M. S.OO, hrfffre GdnfehalbdariNkN m. 2.50, 3.00, behc ichneew.it» m. 3.50, ruf fische taunen m. 3.50, wrigr bohui. Daunen öl. 5.00, risfene Federn m. 1.5«, 2.00, 2.50. Prima gerissen« IN. 3.00, 3.50. Versand gegen Nachnahme. üiista* Lustig, pr�Ä"« €rfi» Bettfedernfabrik m electr. nstrave 4Ga. I___'tk m. Betriebe. Piele Anerkenn unqsschreib. gardes Vereins-�äle. Zieue Ronigsirassc 7. Fahrverbindungen nach allen Stadt- teilen. Empsehle meine isäle für Per- sammlungen, Gewerlschastssitzungen und sür VereinSsestlich feilen. Iknlante Adolf Barde. Bedienung. Käufer-kutzfilz techn. Filze jeder«rt. 46698» E. Htz'eat»«!. Brunnenetr. 4L. Soeben Ist erschienen: Protokoll des Parteitages in Jena. Die Verhandlungen de« diesjährigen Parteitage« haben In weitesten Kreisen lebhafte Ausmerlsamleit erregt. Waren doch diese Perhandtungen von grund- legender Bedeutung sür unsere Partei. Die Referate und die Debatte über die Organisation, die Maifeier, den Massenstreik find im Protokoll ausführlich eni- halten. Ferner enthält es die Be< richte de« Parteivorfiandc» und der Reichstagsfraftio». Ein um- fassende« Sachregister und ein Sprech- regifter erieichtern das Nachschlagen. Preis 70 Pfg., gebunden Porto 2G Ps. 235/16 1 Marl. Buchhandlung Vorwärts, Serlin SW. 68, Linde, istr. 69. Rauchet Rist S Isis beste 2-Pfennig-Zigarette ans der Fabrik �ist§ COaf JUlWlICtlSIla Sozialdemokratischer Wahlvereinl.dlBerlMbstags- Wablkreis. Nachruf! Den Genossen zur Nachricht, daß die Mitglieder WÜKelm Piesker Lulsen-User 53. Tischler, Gustav Hoffmann Adalbertstr. 24, Restauraieur Im Septeniber verstorben sind. Ehre ihrem Andenke»! 241/5 Ber Torstand. Seinen Freunden und Kollegen I die traurige Nachricht, daß der Zuilgieger Eaul Irrgung nach langen, schweren Leiden am 14. d M. gestorben ist. Die Becrdi- gu»g findet Mitiwochnnchmiltag 4 Uhr in Balz bei Pietz(Osibahn) von der Villa Stumpf aus statt. 266!b V/we. Anna UnverdruB. Hiermit allen Verwandten und I Bekannten die traurige Nachricht. I dag mein lieber Mann, unser s guter Vater, der Tischler Wilbeim StQdemano nach langem Leiden am 14. d. M. saust verstorben ist. Die Beerdigung findet Mitt- woch. den 18. o. M., nachmittags! 4 Uhr, von der Leichenhalle des I Zentral- Friedhofes, Friedrich«- selbe, aus statt. 47458 1 Witwe Johanna Stfldemann nebst Kindern. Am Sonnabend, den 14. d. M., früh 7«/, Uhr, entschlief nach ianaem, schwerem Leiden mein inmgstgeliebtcr Mann, unser guter Bruder, Schwager und Onlel, der Tischlermeister Xdotf Riemer im 37. Lebensjahre. 47468 Die Beerdigung findet heute, Dienstag, den 17. d. M.. nach- mittag» 3 Uhr, von der Leichen- halle des Zentral- Friedhofes, Friedrichsfelde. aus statt. Um stilles Beileid bittet Wws. Auguste Rieger geb. Janz. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, dafi meine liebe Frau, unsere gute Mutter Alma Kappelt nach kurzen sch 14. Oktober in weren Leiden am der Charttg ver- starben ist. Die trauernden Hinterbliebenen Theodor Kappelt und Kinder. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 17. Oktober, nach- mittags 2 Uhr, von der Charit« aus nach dem Charitö-Kirchhose statt. 2656b Ysm Sonntag, den 15. Ottober' vormittags IG/, Uhr, verstarb nach schweren Leiden meine innigstgeliebte Frau K\ara Dresp verwitwete Rosansky geb. Böhm im 47. Lebensjahre. 4744b Die Beerdigung finoet am Mittwoch, den 18. d. M., nach. mittags 3 Ubr von der Leicben- balle Bethanien auS aus dem ThomaS-Kirchhos, Hennannstratze statt. Der trauernde Gatte keruii. Dresp Adalbertstr. 96. Nachruf» Am 14. d. MiS. verschied nach kurzem, schwerem Leiden die Lebensgefährtin unseres lang- jährigen Mitarbeiters Theodor Kappott. Ihr Andenken werden wir stet» in Ehren hallen. 128/9 Herl. CcBossEiscfcallsMrtereL Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung unseres lieben Sohnes sprechen wir allen Freunden, Ver- wandten und Bekannten sowie den Kollegen und Kolleginnen unieren ttesgesühlten Dank au«. 47478 Richard Bendin nebst Frau. 4469L* jßetantto. Redakteur: Paul Büttner, Berlin. 2ür den Lnseratentell verautw.: Tb. Gl»cke« Perluk Druck u. Verlag: Borwärt» Buchdruckerei u. VerlagSanstait Paul Singer& Co, Danksagnng. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Manne« sowie der Kranzspende» sagen wir allen Freunden, Kollegen, dem Polier Krüger sowie dem Zenttalverbande der Maurer Deutschland» Miseren tiefsten Dank.._ tl27 Familie Scliwnchow._ Bier her! Culmbacher..•• J*- Deutsch Porter.. 1»-%<• l Märien-Versand.•«-• | Ia(tl-Malzb.,ar*tLen�|.dO.. (!. WeiBjier(5 Landrä) 30. 2,25. 1 V¥aUea»alzb.(a««™)30- 2.25. Talclb It.(Gulmb. tlrt) 30, 50. 1 Äerlstätt. gewähre ErmaP, �'reu > Oiorkellarai Alera»�'„J. I, Teiephon lV SJwlvn SW. st. m 22. 2. Ktilllge des„Dmiirts" Ktrlim DgldsdlM. cvt I artige Ausbrüche I— Angekl.: Herr Präsident, eS kocht Ramm vor den Gefchmorenen. �ochl- Präs.: Es kocht bei anderen Leuten!— An }) MV vllvll* GewiK ßcrr SBröfibent. i ck bin i a ein S ck e u s a l. Alfred Ramm, der am lt. März die Bluttat an den Zlnidern des Schankwirts Grabow in der Schönhauser Allee 63 verübt hat, stand heute vor dem Schwurgericht des Landgerichts I. Den Borsch führt LandgerichtS-Direktor Schmidts, die Anklage vertritt Staatsanwalt Goedicke, die Verteidigung führt Rechts- anwalt Dr. Karl Löwenthal. Als Sachverständige sind Ac- richtsarzt Dr. Stürmer, pratt. Arzt Dr. Fehde und Privat- dozent Dr. Strauch zur Stelle. Der Angeklagte, Hausdiener rtii. trÜCt?®u00 Pamm steht unter der Anklage des schtoeren Diebstahls imd des Totschlages. Er ist der Sohn eines Kaufmanns rn Berlin, im Jahre 187t) geboren und hat schon zahlreiche Vor- strafen erlitten, darunter solche von 1 Jahr. 2 Jahren Gefängnis. 4 Jahren 6 Rionaten Zuchthaus. 6 Jahren Zuchthaus. Die Strafen sind ihm zumeist wegen schweren Diebstahls auserlegt worden. Zur« zeit verdutzt er in der Moabiter Strafanstalt eine zweijährige ZuchlhaiiSitrafe wegen Sittlichkeitsverbrechens. Der Angeklagte ist, Nnc sich aus setner Vernehmung ergibt, kurz nach seiner Entlassung aus dem Zuchthause bei dem Schankwirt Fritz Grabow als Hausdiener in Dienst getreten und dort kurze Zeit in Stellung geblieben. Als er wieder entlassen war, hat er, wie er sagt, sich auf alle mögliche Weise durchzudringen gesucht: als Arbeiter, Kolporteur. Zigarettenverkäufcr. Bauarbeiter und als Laufbursche bei einem Fabrikanten in der Kaiserstratze, wo er verschwand, nach- dem er 300 M. gestohlen hatte.„Als das Geld zu Ende war. m u h t e ich den Entschlutz fassen, zu stehlen; ich dachte aber gar nicht daran, ein grötzeres Verbrechen zu begehen, denn HanS Grabow war ja ein lieber Bengel, dem ich nichts antun wollte. In der Nacht vom 10. zum 11. März schlich ich mich in!xn Hof deS HauseS Schönhauser Allee 63, hielt mich im Ouergcbäude bis gegen 1 llhr auf und stieg dann durch das Fenster in das Bereinszimmer."— Präs.: Was haben Sie da zunächst gemacht?— Angekl.: Ich Ivollte eigentlich nur etwas Wäsche stehlen und mich dann so schnell wie möglich auf demselben Wege wieder entfernen. Ich packte etwas Waiche zusammen, sowie die Tischdecken und packte alles in einen Kinderwagen, der gerade da stand. Der Kinderwagen hat mich veranlatzt. mehr zu stehlenl— Präs.: Was haben Sie mit dem Kinderwagen angefangen?— Angekl.: Ich ging damit nach vorn«; natürlich ganz leise, das kann man mir doch wohl nicht verdenken, darin bin ich sehr vor- lichtig l Ich wollte dann auf demselben Wege wieder zurückgehen, nicht eine Stunde wollte ich bleiben!— Präs.: Als Sie im Schanklokal waren, haben Sie sich zunächst Portwein eingeschenkt?— Angekl.; Aber nicht zu knapp I— Präs.: Äch so, Sic wollen darauf hinaus!— Auge kl.: Nein, ich will gar nicht daraus hinaus, aber ich weih, datz ich die Tat nur vollbracht habe, weil 'ch'"Wut und Bestürzung war!— Präs.: Sie haben sich im schanklotal sehr viel Zeit gelasien und unter anderem ein Butter- brch sich zurecht gemacht?— Angekl.: Ach, das habe ich ja gar nicht gegessen. Ich habe aber noch einen Eicrkognak getrunken.— Präs.: Sie haben dann eine ganze MenjM Sachen zusammen- 16 Flaschen Wein, Zigarren, etwas Schweinefleisch, Wurst, Pökelfleisch, Billardbälle, eine Arbeitshose. Kopfkifsenbezüg«, Schürze, Blusen, Unterhosen, aus der Ladenkasse mehrere Pfennige.— Angel l.: Das stimmt alles; ich habe stundenlang mich dort auf- gehalten. Ich habe ja noch geraucht und vor mich hingestarrt. Aber angine Bluttat habe ich nicht gedacht— nicht zumachenl — Präs.: Nachdem Sic im Schankraum den Diebstahl verübt hatten, kamen Sie wohl auf den Gedanken, nach der Küche zu gehen? Bermuteten Sie denn in der Küche Geld?— Angekl.: Aawvhl, ich wußte, datz Frau Grabow auf Tellern und in Tassen- köpfen im KüchenschrcrnL X&eld aufbewahrte.— Präs.: Sie waren wohl freudig erstaunt, als Sie im 5Mchenschrank die Kasiette mit der Tageseinnahme fanden?— Angekl.: Jawohl, ich habe erst oben, dann unten nachgesehen und dabei schlichlich die Kassette ge- gefunden.— Präs.: Weshalb begnügten Sie sich nun nickst damit, sondern traten noch an die schlafenden Kinder heran?— Angekl.: Ich wollt« die Kleider der Margarete Grabow durchsuchen, weil ich wußte, datz Margarete, die in einem Blumengeschäft war, stets Geld im Portemonnaie hatte. So kommt eben eins nach dem anderen, Herr P>räsidentl— Präs.: Sie durchs suchten die Kleider der schlafenden Margarete und fanden bloh 30 Pf. in ihrem Portemonnaie. Sie gingen dann nochmals in den Schankraum und stellten dort die Kassette auf den Tisch. Weshalb gingen Sie nun aber nochmals in die Küche?— Angekl.: Ich ivollte bloß horchen, ob die Kinder schlafen, um mich uugestött fort- schleichen zu können, AlS ich in die Küche kam, sah ich. wie Margarete sich bewegte. Ich versteckte mich hinter dem Schrank. damit m,ch die Grete nicht sehen sollte. Sie hatte mich auch nicht gesehen, da sie noch halb schlief. In demselben Moment klopfte es an der Korridortür. ES mar. wie ich später hörte, der Maurer Karl K. Hierdurch wurde Margarete ganz wach; wir starrten uns beide erst ein« Weile an. dann wollte sie aus dem Bette springen und schrie zugleich los. Nun wußte ich nicht mehr, was ich taü Ich nahm ein Messer vom Küchetcherd und stach immer aus Margarete drauflos, weil sie so furchtbar schrie. Ich wollte sie still machen.— Präs.: Sie müssen aber wie toll drauflos g«stocki-n haben, denn Margarete hatte allein sieben Stiche in den Kopf erhalten. Glaubten Sie nicht daran, daß Sie einen Menschen hierdurch töten konnten?— An gell.: Nein, Herr Präsident, daran habe ick nicht gedacht; ich glaubte nicht, daß ich solche Verheerungen anrichten würde. Weil die Margarete so furchtbar schrie, packte mich die Wut und ich stach immer wütender auf die Kinder ein. Ich wollt« auf keinen Fall, datz sie mich wieder fassen und inS Zuchthaus stecken sollten. Präs.: Sie bezweckten doch mit dein Stechen, daß die Kinder aufhören sollten, zu schreien? Angekl.: Gott ja, ich wollte, sie sollten still sein.(Mit er- Hobcmr Stimme): Aber Herr Rat. von töten kann keine Rede sein, das kann nicht fein, das wollte ich nicht.— Präs.:©ie haben doch aber gesehen, was Sie angerichtet haben.— Angekl.: Jawohl, ,ch habe es gesehen, es liest sich schauderhaft.— Präs.: Sie sollten ja sogar das Messer in der Wunde umgedreht haben. Sie hatten wohl doch die Absicht, die Kinder„stumm" zu machen?— Angekl.: Herr Präsident, nein und wieder nein. das wollte ich nicht; mich packte die Wut, ich stach immer nur drauflos, wen ,ch traf, wchtz jch nicht Wenn ick, die Absicht gehabt hätte, zu toten, so hätte ich ja das große, spitze Messer nehmen können, das ja auch in der Küche lag.— Präs.: Was hätten Sie denn zum Beispiel unternommen, wenn Sie nun kein Messer gehabt hätten?— Angeklagter: Dann hätte ich ledcnfalls die Kinder mit der Faust stille ge- macht. Ich mutzte die Kinder zum Stillscheigen bringen, ich wollte ni»t wieder in« Gefängnis. Mögen die Herren denken wie sie wollen, wir'st alles egal, und wenn es den Kopf kostet! sMit erregter Stimme, weinend.) Daran ist nur das ver- wünschte Klopfen dieses Schnapsbruders, dieses Vagabunden schuld, der allein hat die Schuld! Wenn der nicht geklopft hätte, wäre eS nicht so weit gekommen. wnino) nicht. Es tut mir selbst so bitter leid um den h e r r l i che n K na be n, ich wollte den Hans nicht töten! — Präs.: Sie sind dann durch das Fenster entsprungen und ver- folgt worden.— A n g e k l.: In der Anklage steht manches, ivaS aar nicht wahr ist. Es heißt auch: das Blut sei bloß so gespritzt. Ich habe keinen Tropfen gesehen.— Präs.: Sie haben, als Sie entflohen, doch immerhin etwa« mitgenommen, beispielsweise da? Geld.— Angekl.: Jawohl; als ich zu Hause aiikam, sah ich, haß ich außer dem Geld auch noch ein Gedichtbuch und ein Strumpf- band mitgenommen hatte. Wo st eckt denn da bloß Ver- ü a n d drin? DaS tut doch kein vernünftiger Mensch! Donner wetter noch mall Präs.: Unterlassen Sie der- einem gekl.: Gewiß Herr Präsident, ich bin ja ein Scheusal, eS tut mir ja auch leid, was ich getan aber ich habe es nicht gewollt I Nicht zu machenl— Präs.: Als Sie nach Ihrer Flucht glücklich zu Hause ankamen, sollen Sie mit Ihrem Geld renommiert haben. Abends haben Sic sich in eine Schankwirtschaft begeben und ein Beefsteak sich bestellt.— Angekl.: Jawohl. Aber als ich dann in der Zeitung las, daß der kleine Hans gestorben sei, blieb mir der Bissen im Munde stecken!— Präs.: Sie hatten auch das Gefühl, datz der Wirt Sie verdächtig ansah? — Angekl.: Ja, das bildet man sich in solchen Fällen immer ein. — Präs.: Sie haben sich dann schleunigst aus der Schankwirtschaft entfernt.— Angekl.: Gewiß. So etwas regt einen doch aufl — Präs.: Na, Ihre angebliche Neue schien doch nicht sehr groß gewesen zu sein. Sie gaben Ihre bisherige Schlafstelle, wo sie unter falschem Namen logierten, auf, zogen unter falschem Namen in eine andere Schlafstelle und benutzten die erste Gelegenheit, um einen Hausgenossen zu bestehlcn.—Angekl.: Nein, Herr Präsident. Der Mann hatte viel Geld, was ich auch hätte nehmen können. Mir ging es so nahe, daß ich solches Unheil angerichtet hatte, und ich habe mich vor dem Manne immer sehr geduckt.— Präs.: Kurz und gut, Sie haben dem Mann seine Hose, seinen Ueber- zieher und seine Papiere gestohlen.— Angekl.: Na ja, Herr Präsident, soll man sich denn freiwillig stellen? Jch muhte doch stehlen, ich hatte doch nichts mehr!— Präs.: Sie hatten doch zuletzt bei dem Fabrikanten 300 M. gestohlen.— Angekl.: Herrgott, Herr Präsident, davon hatte ich doch nichts mehrl Wie gewonnen, so zerronnen!— Präs.: Sie wechselten dann bald wieder Ihre Wohnungen. Dann nächtigten Sie etwa 14 Tage auf Hausböden im Süden und Südosten der Stadt und stillten Ihren Hunger und Durst dadurch, datz Sie die vor den Wohnungstüren stehenden Milchkannen und Frühstücksbeutel stahlen. — Angekl.: Ja, ich war schließlich zufrieden ,datz ich bei einem solchen Kannendicbstabl gefaßt wurde.— Präs.: DaS stimmt doch nicht genau, denn sonst hätten Sie sich doch nicht zunächst Michaelis genannt, als Sie gefaßt worden waren.— Angekl.: Verlassen Sie sich darauf, Herr Präsident, daß ich froh war, als man mich fest hatte.— Präs.: Mit diesem Frohsinn und mit der Reue war es doch nicht weit her. denn Sie haben doch zuerst die ganze Sache bei Ihrer Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter geleugnet und erst als die Familie Grabow die bei Ihnen vorgefundenen Sachen als ihr Eigentum rekognoszierte, haben Sie ein Geständnis abgelegt.— Angekl.: Na, so kommts doch in der Regell Das ist so ein menschlicher Fehlerl Man ist dann doch etwas feige I Sehen Sie, Herr Präsident, man hat schon so viele Vorstrafen und nun soll man wieder'rein in» Loch! Lieber tot! Mein Großvater war selbst 25 Jahre lang Straf. anstaltsinspeltor, und ich soll immer'rin ins Loch! Das ist doch furchibarl Damit ist die Vernehmung des Angeklagten beendet. Auf Be- fragen des Verteidigers erklärt der Angeklagte noch, datz er seinen ersten Diebstahl schon als kleiner Junge verübt habe und dazu von einem anderen Jungen verleitet worden sei. Sein Vater sei schon 1871 gestorben, er habe ihn nie gekannt. Er habe den ver- storbenen Hans sehr lieb gehabt und dieser habe ihn auch noch, als er ihn eines Tages bei der Arbeit aus dem Bau sah, zugerufen: „Ach. lieber Alfted l" Als erste Zeugin wir die Ibjährige Margarete G r a b o w vernommen. Früher hatte sie die Küchentür immer zugeschlossen, wenn sie schlafen gingen, aber gerade in der Nacht zum 11. März nicht. Frühmorgens, als es schon hell war, habe sie ein Husten oder Schurren zu vernehmen geglaubt. Sie habe erst geglaubt, daß es Einbildung von ihr sei; sie schlug dann die Augen aus und sah einen Mann in der Küche. Sie richtete sich im Bett auf und sah nun, daß sie sich nicht getäuscht habe. Der Mann wendete zunächst sein Gesicht ab, dann trat er auf sie zu und stieß mit einem Messer auf sie ein— immer inS Gesicht. Dann stieß er auf den Bruder loS und abwechselnd wieder auf sie. Sie hat sieben Stiche in den Kops erhalten. Sie kletterte aus dem Bett heraus, rief laut um Sülfe und stieg auf das Fenstersims um durch ihre Sülferufe Leute herbeizulocken. Dann kam ein Mann zur Hülfe, den sie obet für einen Complicen hielt und des�ald dor ihm dns Fenster schloß. Ter Angeklagte flüchtete schleunigst und der hin- zugekommene Mann verfolgte ihn. Der Bruder, der ebenso stark blutete, wie sie selber, schrie gleichfalls gellend um Hülfe. Die nächste Zeugin ist die Mutter des getöteten HanS Grabow, die 57jährige Frau Elise Grabow. Vors.: Was haben Ihnen denn Ihre Kinder erzählt, als Sie sie am Morgen nach der Tat zuerst sahen?— Zeugin: Als ich rn die Kuche tam, sah ich die Kinder aus mehreren Wunden blutend vor mir stehen Beide waren bei voller Besinnung. Die Wände, das Bett, die Gardinen, alles war voll Blut; wo die Kinder standen und gingen, bildete sich sofort eine große Blutlache. DaS Bett war von mehreren Stichen durchbohrt, so dnh die Federn lunherslogen. Ter Hans erzählte mir sosort auf meine Frage, wer ihn gestochen habt: DaS war unser zweiter Hausdiener, der Ramm. Als ich ihn nochmals fragte, wiederholte der Knabe: Ja, ja Mama, es war Ramm, ich weih eS ganz genau. Zeuge Maurer Kahl ist von dem ,n der Nahe befindlichen Bau am 11. März, früh gegen W Uhr. zu dem Grabowschen Schanklokale gegangen, um etwas Branntwein herbeizuholen. Da das Grabowsche Geschäft noch geschlossen war. ist er durch den Haus- stur aeqanyen und hat an die Korridortür geNopft. Da er da» erste Mal kein« Antwort erhielt, habe er nochmals kräftiger geklopft. demselben Augenblick ertönt« auS der Wohnung gellendes Hülfe- aeschrei. Der Zeuge wußte zuerst nicht recht, was er ansangen sollte, ging dann aver nach dem Küchenfenster auf dem Hof, da daS Hülfegeschrei nicht aufhörte. Er ist dann auf das Fenstersims ge- stiegen um in die Küche sehen zu können. Auf sein Klopfen hat die Margarete Grabow mit völlig blutüberströmtem Gesicht das obere Küchenfenster geöffnet aber sofort wieder zugeschlageit, da' sie wähl' in ihm einen Gehülfen des Ramm vermutete. In demselben Moment sprang der Angeklagte aus dem Fenster des Vereins- zimmers heraus und ergriff die Flucht. Der Zeuge lief hinterher. stolperte aber über einen Drahtzaun und mußte deshalb die weitere Verfolgung des Ramm aufgeben. Der Zeuge ist dann zur Wohnung des prakt. ArzteS Dr. Fehde gerannt und dieser ist dann an Ort und Stelle erschienen. Zeuge Grabow, der Vater des getöteten Knaben, bestätigt, daß er den Angeklagten, der ein lichtscheues Wesen hatte, hatte ent- lassen müssen, weil er die Arbeit verweigerte. Der Angeklagte hat darauf gelegentlich geäußert, daß er es dem Zeugen„ordentlich be-- sorgcn" würde.»Und er hat es mir wirklich ordentlich besorgt" setzt der Zeuge traurig hinzu. Hieran schließt sük» die Vernehmung der S a ch v e r- ständigen. Dr. med. Fehde bekundet, daß zwischen der Tat selbst und seinem ganz beschleunigten Erscheinen bei den Kindern etwa 40 Mnnten vergangen fein mögen. Er hat sofort die Wunden verbunden, wobei der Knabe ohnmächtig wurde. Die Wunde, die der Knabe an der Hand hatte, war äusserst bedenklich, denn es war die grosse Schlagader getroffen worden. Nach Ansicht deS Sach- verständigen erscheint eS ausgeschlossen, dah das kleine Kuchenmesser zur Tat gebraucht worden ist, denn die Verletzung sel so schwer ge- ioesen, daß«in anderes Messer verivendet sein müsse. �Die Sachverständigen Tr. Strauch und Gerichtsarzt Dr. Stornier bekunden, dass der Tod des Knaben durch Verblutung erfolgt sei. Nach Ansicht dieser Sachverständigen hat der Angeklagte doch das Küchenmeffer zur Tat gebraucht. Die den Geschworenen vorgelegten Fragen lauten auf schweren Diebstahl, versuchten und vollendeten Totschlages. Auf Antrag des Rechtsanwalts D):. Karl Löventhal werden noch Kragen nach Körperverletzung mit tödlichem Ausgange sowie wegen schwerer Körper- Verletzung und nach mildernden Umständen hinzugefügt. Staatsanwalt Goedicke hält den Angeklagten für überführt, sich des schweren Diebstahls und des Totschlages im Sinne der An- klage schuldig gemacht zu haben. Insbesondere liege der Tatbestand des§ 214 vor, da er bei der Unternehmung seines Verbrechens, um ein der Ausführung entgegen tretendes Hindernis zu beseitigen' oder um sich der Ergreifung auf frischer Tat zu entziehen, vorsätzlich einen Menschen getötet habe. Eine derartig schwere Bluttat ver- diene jedenfalls die nach dem Gesetz zulässige schwerste Bestrafung. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Karl Löwenthal, trat für Bejahung der von ihm gestellten Nebenfrage nach Körperver- letzung mit tödlichem Ausgange ein. Ueber die Persönlichkeit des Angeklagten sei nmn wohl kaum im unklaren, er ist ein Verbrecher, wie er im Buche steht, aber nicht ein Gewohnheits- und Kapital- Verbrecher, sondern ein Eigentumsverbrecher, wie auch seine zahl- reichen Vorstrafen beweisen. Der erste Diebstahl als Schuljunge hat ihn auf den Weg des Verbrechens gebracht. Als Verstössen«! und Geächteter habe er, kaum aus dem Zuchthaus entlassen, wieder gestohlen, um eine Unterkunft zu erlangen, denn ihm, dem Zuchthäusler gab niemand gern Arbeit. In der Absicht zu stehlen, sei der Angeklagte in der fraglichen Nacht in die Wohnräume des Schankwirts Grabow eingedrungen. Hier sei er durch die aufwachenden Kinder gestört worden und habe nun auf irgend eine Weise versucht, sie am Schreien zu hindern. Hierbei siel ihm leider ein Messer in die Hand, mit dem er die Tat ver- übte. Man könne sehr leicht zu dem Schluß kommen, daß der An- geklagte nur die Absicht gehabt hat, die Kinder so zu verletzen, daß sie unschädlich dadurch würden. Durch die erlittenen Verätzungen sei später allerdings der Tod des Knaben erfolgt,«ine vorsätzliche Tötungsabsicht lasse sich hieraus keineswegs folgern.— Ter.Verteidiger bat deshalb die Schuldfragen nach Diebstahl und Körper- Verletzung mit tödlichem Ausgange zu bejahen. Die Geschworenen berieten nur kurze Zeit. Sie erklärten den Angeklagten des schweren Diebstahls und des versuchten, sowie des vollendeten Verbrechens gegen§ 214 schuldig. Staatsanwalt Goedicke: Ter Angeklagte ist ein außer- ordentlich gemeingefährlicher Mensch, der sich nicht besonnen hat, in sehr brutaler Weise ein unschuldiges Menschenleben hinzuopfern und eine ehrenwerte Familie ihres Stolzes und ihrer Freude zu berauben. Der Angeklagte ist eine Geißel für die Menschheit und eS ist geboten, diese von ihm zu befreien.— Der Staatsanlvalt beantragte wegen de» sckiweren Diebstahls 2 Jahre Zuchthaus, wegen des versuchten Verbrechens gegen K 214 5 Jahre Zuchthaus und wegen des vollendeten Verbrechens gegen ß 214 l e b e n s- längliches Zuchthaus. Rechtsanwalt Dr, Löwenthal beantragte auf eine zeitlich« Zuchthausstrafe, deren Höhe er dem Ermessen des Gerichts anheim- stellte, zu erkennen. Zum letzten Wort verstattet, erklärte der Angeklagte:„Jch bin ein Scheusal; ich gebe es zu, ich habe scheußlich gehandelt!" Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten wegen schweren Diebstahls und wegen je eines vollendeten und eines versuchten Verbrechens gegen§ 214 unter Einbeziehung der zuletzt gegen ihn erkannten Zuchthausstrafen zu 12 Jahren Zuchthaus und zu lebenslänglichem Zuchthaus, sowie Ehrverlnst auf Lebenszeit. Eins der fraucnbcwcgimcf. Mariendorf. Der Frauen- und Mädchen-Bildungsverein für Mariendorf und Umgegend hielt am 13. Oktober seine erste Mit- gliedeiversammlnng in Mariedorf bei Reichert, Chausseestr. 16, ab. Eine Genossin hielt eine kurze Ansprache über den Zweck des Vereins. Die Rednerin empfahl den Frauen, rege für de» Verein zu agitieren und für sein Blühen und Gedeihen Sorge zu tragen, dann werde er sicher gute Früchte bringen. Nach Annahme des Statuts erfolgte die Wahl des Vorstandes. Als erste Vorsitzende wurde Frau Keßen- Temvelhof, als Kassiererin Frau Lehman n- Mariendorf, als Schriftführerin Frau K l a u ck- Mariendorf'gewählt. CS ließen sich 40 Mitglieder anfnehmen. Dann wurde bekannt gemacht, daß die nächste Versammlung am Mittwoch, den 22. November tu Tempelhoi bei Marlin Miiller, Berlinerstr. 41 stattstiidet. Nach einem dreifache» Hoch auf die Frauenbewegung schloß die Vorsitzende die gutbesuchte Versammlung. Treptow-Vaumschulenweg. Mittwoch, den IS. Oktober, abends 8'/, Uhr, hält der hiesige Bildnngsvercin für Frauen und Mädchen tm Lokal des Herrn Julius Schinidt, Treptow, KiefholKtr. 22, seine Mitgliederversammlung ab, in welcher Frau Je eye iiver„Moderne Weltanschauung und uiisere Volksschule" spricht. Gäste willkomiileiil Ilm pünktliches Erscheinen bittet Der Vorstand. Verrmlcbtes. Die Ehokera. AuS S t r a ß b u r g i. E. wird gemeldet: Unter den aus Thorn eingezogenen Rekruten de« 172. Regiments in Strassburg, sind Cholerabazillenträger aufgefuiid!!!' worden.— Ein cholern- verdächtiger Todessall. der sich in der Schleiermacherstr. 11 in Berlin ereignete und den Strassenreiniger Adolf Conrad betraf, hat sich bisher in keiner Weise bestätigt. Die Altgehörigen Conrads, die sich in den Isolierbaracken de» Krankenhauses Moabit befinden, werden wahrscheinlich bald entlassen werden. Der seit gestern herrschende, mit Regen und Gewittererscheinungen verbundene starke Sturm hat an Land und auf See vielfache» Schaden angerichtet. In« l l e n st e i n stürzte ein Zeltzirkns ein. Menschen und Tiere wurden gerettet, jedoch ist ein bedeutender Material- schaden verursacht. Auf � dem Haff sind, den Abend- blättern zufolge, zwei Kähne gesunken; von der vesatzuiig fehlt jede Spur. Die Mannschaft eines dritten gesunkenen Kahnes konnte sich retten. Bei K a h l h o l z ist, wie die„Königs- bcrger Allgemeine Zeitung" meldet, ein mit Ziegeln beladen« Kahn des Schiffers Schiclke»»tcraegangen. Schiclre, seine Frau und vier Kinder ertranken.— Herford, 16. Oktober. Die Werre und die Aare sind über die Ufer getreten. Der Pegel, der gestern 0,60 Meter zeigt«, zeigt heute 3.70»teter. Neberschwemmung. In der Nacht zum Montag ist die Innerste mit ihren Nebenflüssen über die Ufer getreten und hat das ge- samte Jnnerste-Tal unter Wasser gesetzt. Der Bahn- und Post- verkehr zwischen RingelheliN und Baddeckenstedt mußte wegen Ueber- schwewntuNg des Bahndammes eingestellt werden. Schneefälle in Bayern. Nach einer Drahtmeldung aus München ist Sonntagnacht in tzof, Bayreuth und Würzburg Schnee gefallen. Eine gewaltige Fenersbrimst äscherte in Elsig bei Euskirchen eine Anzahl mit Getreide gefüllter Scheunen, mehrere Ställe und einen Tanzsaal ein. Gattenmsrd. In Grotz-Hartmannsdorf bei Bunzlau erstach äestern der frühere Gastwirt und jetzige Arbeiter Katzmanu seine 'ran. Brandkatafirophe. In einer Seidcnfabrik in S a r v a r< Ungarn) fand eine Explosion statt, durch welche die Geschäftsgebäude in Brand gesetzt wurden. Eick Teil derselben stürzte ein und begrub zahlreiche Personen. Bis gegen Mitternacht wurden sechs Tot» und ein« groß« Anzahl Verwundete aus den Trümmern hervorgezogen, viele werden noch vermißt. Offenviirg, 16. Oktober. Wie die„Mittelbadischcn Nachrichten" ckus Kdppelöodtck' melden, belauft sich die durch den Bürgermeister Hermann Haa» unterschlagene Summe nach den bisherig«, Fest- fieVungen auf 725 000 SW., wird aber wahrscheinlich die Höhe von 800000 M. erreichen. Der Aufsichtsrat des Vorschußvereins hat sich bereit erklärt, 100 000 M. zur Verfügung zu stellen. Infolge Genusses von Paradiesäpfeln erkrankten in Erfurt drei Zlinder im Alter von sieben bis neun Jahren. Das älteste, ein neunjähriges Mädchen, ist nachts unter unsäglichen Schmerzen g e- st o r b e n. Liebestragödie. Der verheiratete fünfzigjährige Kaufmann Frauendorf in Dessau erschoß die dreißigjährige Frau des Gärtners Hoppe und sich selbst. Beide hatten ein Liebesverhältnis mit einander. Das Opfer eines Automobilunfallcs bei Rambouillet wurde der Prinz Ferdinand von Orleans, Bruder des Herzogs von Orleans. Der Kraftwagen stürzte an einer scharfen Kurve um und der Herzog und zwei weitere Insassen wurden herausgeschleudert. Der Prinz erlitt schwere Verletzungen. Ein Dachstuhlbrand infolge einer Kcsselexplosion entstand in der Gasfabrik auf der Margareteninsel sBudapest). Nur durch das energische Einschreiten der Feuerwehr konnte eine Katastrophe ver- hütet loerden. Mcnschenverluste sind nicht zu beklagen. KnefKalten der Redahtion. H. 3.„Nealschulzeugnis" und �Besuch einer.vochjchule",„praktische Arbeit zum Zweck des Broterwerbs" und„theoretisches Studium in den Abendstunden"— bei all dem kommt selten viel heraus. Verstehen wir�Sie recht, so dürste für den Berus Ihres Sohnes der Kursus in Chemie, den die städtischen Handwerkcrschulen bieten, genügen.— B. Wenn Sie erst um '/z8 Uhr aus dem Geschäft abkommen können, so ist wenig zu machen Die Englisch-Knrse beginnen überall um 7, um'/,8, spätestens um'IS Uhr. Zeichnen können Sic am Sonntag in den Vormittagsstunden mitnehmen. Mit Mittelschulzeugnis lönnen Sic übrigens statt einer„Fortbildungsschule" auch eine der„Fortbiidungsanslalten" besuchen; die nächste für Sic wäre im Frieörichs-Gynniasium. Friedrichftr. 126.— H. B. Bau der Zions- Kirche, 1866 begonnen, 1876 beendet.— F. H. Nein.— D. B. Seit 1878.- R. 101. Ja. Ilurislikebei' Oeil. Stukkateur P. M. Sie müssen durch de» Staatsanwalt innerhalb einer Woche, also bis spätestens am 17. Oktober, Berufung einlegen lassen, oder falls Sic oder Ihre Frau Nebenkläger war, selbst Berufung einlegen. — E. K. Z8. Ein jeder hat solchen Anspruch.— A. G. 1000. 1. Im Herbst 1927. 2. Ja.— W. lt. 77. Zur Zahlung der Kosten sind Sie verpflichtet. Strafbar ist die Nichtzahlung nicht.— C. 2 P. 1. Ja. 2. Nein. Sie müssten Ihren Anspruch gegen die Kasse bei der Aussichts- behörde, eventuell im Klagewege, geltend machen.— E. T. Den Be- treffenden könnten Sie mit Aussicht auf Erfolg wegen Beleidigung ver» klagen.— R. Sch. 13. An die Berussgcnossenschafl müssen Sie einen Antrag aus Bewilligung der Unsallrente richten.— M. 3. Schon erledigt. Berliner Marktpreise. Aus dem amtlichen Bericht der städtischen Markthallen-Direktion. Rindfleisch la 65—71 pr. 100 Pfund, IIa 58—63. lila 52-57, IVa 43-50. Kalbfleisch la 86-93, Na 75-85, INa 62-72, Hammelfleisch la 65—75, Na 50—60. Schweinefleisch 69—76. Rotwild Pfund 33—48 Pf. Hasen Stück 3,00—3,80, klein 1,25—2,50. Kaninchen Stück 0,35—0,90 Krammctsvögel 17—22 Ps. Rebhühner, junge la 1,00 bis 1,30, junge IIa 0,60-0,90, junge klein- 0,00— 0,00,' alte la 0,70-0,30, alte IIa 0,00—0,00. Hühner, alte 1,40—1,80, junge 1,00—1,40 das Stück. Tauben, junge 0,35—0,50, alte 0,00—0,00. Enten, junge 1,40—2,00. Gänse junge la, 3,30—4,20, IIa 2,50—3,00 per Stück, la 0,55—0,60, IIa 0,40—0,55 per Psund. Hechle 91 M., Schleie, uns ort 00—00, Aale, groß 00,00, mittel 00,00 M Plötzen 00-00 M. Karpfen 00-00, Lachs 00,00, Schellfische 25—29, Flunder 18 M. pro 100 Psund. Schottische Vollhennge sgesalzen) 36—33 M Krebse, kleine. Schock 00—00, unsortiert 4 M. Eier, Schock 4,00. Butter pro 100 Psund la 120—124, Ha 115-120, lila 110-115, abfallende 100—108. Kartoffeln pr. 100 Psd. rote 1,80-2.00, Rosen 1,50-1,75, blaue 0,00— 0,00, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl pr. Schock 4,00—7,00, Weißkohl 4,00—6,00, Rotkohl 4,00—6,00, Saure Gurken, neue Schock 2,—. □manbibliaHieK ist eine Sammlung Hervorrageuder Schöpfungen auf dem Gebiete oolfstumllchcr komandlchtungen. Griginalwerfe unserer ersten vomaufchriftsteller. wie Maximilian Böttcher. Ernst Georgi. Carola von Eynatten. Otto Höcker bilden den Anfang der vibliothekz welche forttaufend erscheinen wird, vie Liefernngsbändchen werden lofteuloz und gratis den ttonsnmenten der Sunlicht Seife zi» gepellt. Bezugsbedingungen find jedem palet Sunlicht Seife beigefügt. Vie Seife ist in allen einschlägigen Geschäften erhältlich, Neuheiten in Herbst- und Winter-Damenkleiderstoffen. Nach auswärts bitte Proben zu verlangen. Wolle, Seide, Baumwolle. Hervorragend billiges Sonderangebot. KOStUlüStOtte ia iietmutettzeeeliiiieelt, servsrs uo em brsit Uotsr Ii Double faCBS schweres Hafte-Gewebe, Mit 00 cm droit dlster Ii Kurierte well. Lupstoffe tÄ?- I,15 Gestreifte wollene Blusenflanelle»— O.95 Einfarbige Satintuche u. 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Oktober, abends S'/a Uhr: General» Versammlung im Gewerkschaftshause, Engel-Ufer IS(Grofter Saal). 241/4' Tages-Ordnung: 1> Vortrag des Reichstags- Abgeordneten Vtolfgaog iieino: �Der Strafprozeß im bureankratischen Staat". 2. Diskussion. 3. Vor- schlage event. Aufstellung von Kandidaten für den 17. Bezirk und IS. Kommunal-Wnhlbezirk. 4. Bericht und Abrechnung' vom dritten Quartal. 5. Antrag auf Ausschluh, wegen Streikbruch. Verschiedenes. ZM" Mitgliedsbuch legitimiert. Mitglieder werden in der Versammlung, auf dem Zahlabend und in folgenden Zahlstellen aufgenommen: Gottfried Schulz, Admiralstr. 40a.| 0. Blume, Alte Jakob str. 119. Wilh. Börner, Ritterstr. 15. Franz Krüger, Naunhitstr. 54. Emil Götte, Brandenburgstr. 18. I • Es ist Pflicht jedes Mitgliedes, in der Versammlung anwesend zu sein. Der Vor-itur»cl. Sozialdemokratischer Wahiverein für Weljtettsee und Umgegend. Heute Dienstag, den 17. Oktober ISOZ. abends Sll2 Uhr, bei Tzschcntschler, Langhansstraste 106; General-Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Bericht über den Jenaer Parteitag. Berichterstatter: Genosse KiiM»cI».Panl(0«. 2. Diskussion. 3. Vierteljahresbericht des Kassierers. 4. Jahresbericht des Vertrauensmannes. 5. Bericht der Zeitungskommission und Neuwahl derselben. 6. Bericht des Vergnügungskoinitecs. 7. Bericht der Revisoren und Neuwahl derselben. 8. Bericht der Lokallommission und Neuwahl derselben. 9. Vereinsangelegenheitcn. LW-- Mitgliedsbuch legitimiert, 18/12 Der Torstand. ttr EacMi (Zahlstelle Berlin.) DienStag, den 17. d. M.. abends 8 Uhr, in den„Arminhallen", Kommaudantenstr. 20: Branchen-Versammlung der Suchbivder und Kuchliittderti- Arbeiterinnen. TageS-Ordnung: 1. Bericht der Tarifkommission. 2. Bericht der Agitationskommission. S. Ersatzwahl zur Taris- und Agitationskommission. 4. Verbands. angelcgenheUen._ Dienstag den 17. d. M.. abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshanse, Engel-Ufer IS(Saal VII): Krancken-Uersammlung der Albumlirbriter und Album- Arbeiterinnen. 1. Bericht der Vcrtrauenspersonen. 2. Neuwahl der Vertrauens» Personen. 3. Verbandsangelegenheiten. Mittwoch, den 18. d. M., abends 8 Uhr, in der»Ressource", Kommandantenstr. S7: Branchen-TerfamtnUmg der Furuspapier- Arbeiter und-Arbeiterinnen. TageS-Ordnung: 1. Bericht der Vertrauensperionen. 2. Neuwahl der Vertrauens- Personen. 3. Verbandsangelegenheiten. Mittwoch, de» 18. d. M.. abends 8 Uhr, bei G. Manzey, Reichenbergerstr. 16: SrsnekeN'Verssmmwng der GotbschnMmacher. TageS-Ordnung: 25/14 1. Bericht der Vertrauenspersonen. 2. Neuwahl der Vertrauenspersonen. 3. Verbandsangelegenheiten. Donnerstag, den IS. d. M., abends 8 Uhr, im„Englischen Garte«", Alexanderstr. 27 c: Branchen- Versammlung der Kurtouarbeiter und-Arbeiterinnen. Tages-Ordnung: 1. Bericht der Vcrtrauenspersonen. 2. Neuwahl der Vertrauens- Personen. 3. Verbandsangelegenheiten. Freitag, den 80. d. M., abends 8 Uhr, im GewerkschaftShause, Engel-Ufer IS(Saal VII): Arbeiterinnen-NtksiiUlilltiW. Tages-Ordnung: 1..Teiches Interesse hat die Arbeiterin an der wirtschaftlichen Eni- Wickelung?- Reserentin: Frau Wally Zepter. 2. Verbandsangelegenheiten. IM" Listen zur Ausstellung der Kandidaten zur Delegiertenwahl der Ortskrankenkasse der Buchbinder können in den Versammlungen entgegen» genommen und abgeliefert werden. Zahlreichen Besuch der Versammlungen erwartet 01» Ortsverwaltung. Aehiung! LackiereB*� ltdlllllg l der Mittwoch, dcn 18. d. M., abends S'U Uhr, in„Dräsels Festsalcn", Reue Friedrichstr. SS: W&F*"Versammlung"WD der Sektion der Lackierer Berlins der Vereinigung der Maler, Lackierer:c. TageS-Ordnung: 1. Diskussion über dcn Vortrag des Genossen Johann Sassenbach vom 20. September:„Die christliche GewerkschastSbewegung in Deutschland". 2. Bereinsangelegenhciten. In Anbetracht der wichtigen TageS-Ordnung wünscht zahlreiches und pünktliches Erscheinen Die Sehtleasleltaas. ne-i Zahlstelle Setiin. Mittwoch, den 18. Oktober, abends 81/, Uhr, bei Graumann, Naunhnstr. 27: General- Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Bericht der OrtSverwatlung, des Kassierers, der Arbeitsnachweis- und Agilations-Kommission. 2. Wahl eincs Schriftführers. 3. Vcrbands-An- gelegenheitcn und Verschiedenes. Das bestimmte Erscheinen aller MifgUeder erwartet 109/19 Dlv Ortaveriraltoiip. Dienstag, 1�. Oktober, abends 87-- Uhr: General-Versammlung mliniWil lUolilütifiiit Derlws. Tages-Ordnung: 209;12* tami In Mg v ta-Sriuiiiii M-IA. Arminhallen. Koiiiiillliidmittustrußk 20. Hofjiigrr Palast» Hnffiilcik 52/53. idflst): Graumann, stingidr. 27. 4.„ lOch! Königsbank, Gr. Froulisiirttrstr. 117. (2. Pmift: Antrag des Vorstandes«nd der Bezirksführer auf Besoldung des Kassierers und Wahl desselben.) Altes Schützenhans» Knirußrnßt 5. Germania-Säle, Chliiilskcjtrllßc 103. MgUTäsbueU legitimiert. Zahlreichen Besuch erwarten Die Vorstände. Lecks populäre Volks Verträge frei nach Ernst Häckel(jedesmal derselbe Vortrag) über Die Abstammung: des Menschen mit 49 künstlerischen Sichibildent gehalten von Herrn.August Kahl s Jena. Diese sechs Vorträge werden im Interesse der Volksaufklärung von der Berliner Frrireltgtösen Gemeinde arrangiert. Die Disposition des Vortrags deS Herrn Kahl und die Anordnung der dazu gehörigen Lichtbilder sind von Herrn Drstossor Ernst Utlckel geprüft und beides mit dem Prädikat vortrrflUcli belegt worden. Zutritt für jedermann. Sntree nnr 20?J.(Abendkasse.) Die Vorträge finden statt abends Puukt 9 Uhr und zwar:«2/2» Donnerstag, dtv 19.©hiobft, bei Keller(Großer Saal), Koppenstr. 39. Freitag, den 39. Oktober» bei Ballschmieder, Gksutldbrunnen. Sonntag, den 33. Oktober, nachm. 9 sthr, Spandau, Montag, den 33. Oktober, im Volkshans, Charlottenbnrg. Dienstag, den 34. Oktober, im Gewerkschaftshaus, Ongel-Uer 15. Mittwoch, den 35. Oktober, Berliner Bockbrauerei, Tempelhoftrberg. 8s finden nnr diese seeks Vorträge statt. V ereint, vorstünde werden ganz besonders anf diese Vortrüge aufmerksam gemacht. Billetts im Vorverkaus an den Billettstellen der Freireligiösen Gemeinde und bei A. HoiT- mann, Blumenftr. 141, W. Mohs, Dilsiterstr. 7011, B. Schröder, Passauerstr. 3, Laden, Spandan, Spedition des„Vorwärts". Gegen Einsendung des Betrages nebst Porto auch brieflich�_ Zur Beachtung für die Berliner Jlrbeitersekalt! Seit fünf Wochen stehen die Arbeiter und Arbeiterinnen der Liegnttzer Hutfabrik vormals Klein«. Co., G. m. b. H., im Streit, um eine Lohnkürzung bis zu 50 Prozent abzuwehren. Die Firma verkauft ihre Pro- dukte in eigenen Verkaufsstellen und befinden sich ihre Läden in Berlin: 294/«» Wilsnackerstraße 63, Ritterstraße 19 a, Friedrichsipaße 250, Große Frankfurterstraße 94. Die Firma rechnet besonders mit der Arbeiierkundschasi. Die Streikenden appellieren an baS SolidaritiiS- gefühl der Berliner Arbeiterschaft und erwarten, dag sie nicht eine Firma unterstützt, die wöchentliche Durchschnitts- löhne von ö Marl sür Arbeiterinnen und 12—1« Mark für Arbeiter bis zu SO Prozent herabdrücken will. Der Zeutralvereiu für Hutarbtitcr imd Arbeitemnea. Filiale Berlin. Achtung! Weißgerber u. Färber. Die Fabrikanten suchen für einen erhöhten Lohnsah Leute aller Art zu bekommen. t09/20» Nachstehende Firmen haben ausgesperrt»nd find zu meiden: Leders, lliek& Strassen, A.-G., Drontheimerstr. 32—34. , Hegermann, Koloniestr. 18/19. „ Mayer, Soldinerstr. 78—82. „ Karplus& Herzberger, Prinzen-Allee 60. „ Schneider, Prinzen-Allee 59. „ Schubert. Wollankstr. 59. „ Schwarzmann, Prinzen- Allee Nr. 78. , Leuchter ü Böhm, Gerichi- ftvnfje 23. Sekanntmaehung. Berlin, den 12. Oktober 1905. Die heute, am 12. Oktober, bei E. Patt, Dragonerftr. 15, tagende Gene- rat-VersammIung der Gesellschafter der Firma 2K53b LZWä.liezellzelisltMiüMi'üüg Ffl!! DcppeWrileekeii auf Leisisa, Sitz Berlin NW, Quitzowstr. 103, beschließt, die Gesellschaft anfzn- lüsen und erklären sich allen Ver« pflichtungen gegenüber der Firma C. Woina, Ouitzowsir. 103, sür ent- hoben. Unterschrist der Gesellschafter: Will)' Strnmpf, Romintcner- straße 17. nichacl Boldt, Reinickendorf- West, Antonicnstr. 65. Gustav Kowald, Friedenau, Odenwaldstr. 5. Beinhold Hlüllcr, Nixdorf, _ Hermannsir. 178._ teppdeeteen Qelegenheltskag! Ersatz 1 Deckbett MMM in den Farben rot, blau, oliv 48§(jI5 J2äJ50 sÄffinPW ganz dick 900 IM fehlerhaft d 4 Spezial- II 15t.'"5"" �_ Baustellen._ Reimckendors an der Berlin. Gemar- kung, beste Vermietsgegend, wenig Ausschacht, best. Bod., verkauf, wir mir genehmigt. Zeichnung, Baugeld, hoher Priorität, fester 1. und 2. Hypothek an solid, strebsam. Mann event. ohne Anzahlung. Off. diu«47 Daube u. Co. 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Kassenbericht des Kassierers vom dritten Quartal. 2. Bericht der Kontrolltommission. 3. Verbandsangclegenheiten. 94/14 lElnLblj. Wir empfehlen der Arbeiterschast Deutschlands folgende Marken: sowie als Spezialität: Uderts, a Pf. 3„ 3Pi. Egalits I Fraternits Oualität hochfein und garantieren wir einerseits sür reine Handarbeit, sowie andererseits, daß unsere Fabrikate aus ff. rein türkische« Tabaken her- Sestellt werden.— Generalvertreter sür Berlin u. Unigcbung ist Herr J. Stangenberg, Berlin SO. 33, KSpenickerstr. 208. 47302» Durch ui. außerordentlich geschickte Mischung d.r 1 feinsten türkischen Tabake d.-. 47422* Kapitän- Cigarette ftraße 38. Pommers�s bett, Unterbett, Großes Laken, Andreasstraße 88. überall. «stretsteS Deckbett, Unter- Gen. 18.00. Andreas. _ 817K' Banernbett, Deck- 27,00. zwei Kissen, Stück 1,00. Psan bleibe Elektrische nach 8t8K* Bcttenlagerei. Brautleute, Privatleute, Ausnahmcprcise. 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Der Gerichts- hos konnte gegen einen der Angeklagten nicht verhandeln, weil er abwesend war. ein anderer wurde freigesprochen. Ein dritter erhielt drei Tage Gefängnis; gegen die Frau Tietz« wurde die Verhandlung aber ausgesetzt, da noch weitere Erhebungen veranstaltet werden sollen. Hoffentlich hat das junge Paar eingesehen, daß es auch ohne Pastorensegen eine giückliche Ehe geben kann. Bürgermeister Dr. Reickc ist von einem sehr herben Verlust be- troffen worden. Sein Vater, der Bibliothekar' Professor Reicke, ein bekannter Kantfoccscher, ist in Königsberg i. Pr. im Alter von 80 Jahren gestern gestorben. Das soll er mir mache«. Anti- Sozialdemokratische Volks-ver- fammlungen in den Berliner Vororten will der Reichs- verband zur Velirmpsung der Sozialdemokratie mit Unterstützung der örtlichen bürgcvlichen Vereine abhalten. Der Zweck der Ver- anstaltung ist, wie berichtet witd, die Gleichgültigen aufzurütteln. die Arbeiter von der Sozialdemokratie abzuziehen und die bürger- lichen Parteien, unbeschadet ihrer politischen Anschauung, einander näher zu bringen. Dieser Kampf gegen die Sozialdemokratie ist ein Wagestück vom Reichsverband, das er sich gewiß zweimal überlegen wird. In dunklen Gegenden Deutschlands, hinter verschlossenen Türen und in den Redaktionen der reaktionären Presse mag diese Gesellschaft ihren Schmutz zusammentrugen. Ganz etwas, anderes ist es aber, in einer Volksversammtnug, zu der jeder Zutritt hat. Rede und Ant- wort zu stehen. Berlin in neuer Beleuchtung. Die Deputation der städti- schen Gaswerke hat am Montag unter dem Vorsitze des StadttatS N a m s l a u beschloffen, die elektrische Beleuchtung am Moltkedenkmal (KönigSplatz), in der FricdcnSallee und Sommerstraße gegenüber dem Reichstage zu verstärken. In folgenden Straßen soll die Gasbeleuchtung entweder neu eingerichtet oder verbessert werden: in der Pasteurstrcrße, Schönhauser Allee zwischen Bornholmer- straße und Weichbildgrenze, Rigaer- und Voigtstraße, Prinzessinnen- sttaße, in der Umgebung des BahnhoscS Tiergarten und der Malinverstraße. Die bisher in der Friedrichstraße von der Leipziger- straße bis Behrenstmße benutzten 22 Lukaslampen sollen nunmehr in dem breiteren Teil der Sttaße Alt-Moabit, zwischen der Moltke« Brücke und der Stadtbahn iKuuslausstellungsparkj aufgestellt werden. Außerdem wurde beschtossen, den Tiergartenwcg am Zoologischen Garten zwischen der Lichtensteiner Brücke und dem Bahnhof Zoologischen Garten statt mit Petroleum« mit Spiritusglühlichtlampen beleuchten zu lassen. Das Gesetz betreffend die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten tritt einer Bekanntmachung im„Reichs-Anzeiger" zufolge am 20. Oktober in Kraft. Es lautet in seinen wesentlichen Bestimmungen: Z 1. Außer den in dem§ 1 des Reichsgesetzes betreffend die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten vom 80. Juni 1900 (Neichsgesetzbl. S. 306 ff.) aufgeführten Fällen der Anzeigepflicht— bei Aussatz(Lepra), Cholera(asiatischer), Fleckfieber(Flecktyphus), Gelbfieber, Pest(orientalischer Beulenpest), Pocken(Blattern)— ist jede Erkrankung und jeder Todesfall an: Diphtherie(Rachen- bräune), Genickstarre, übertragbarer, Kindbettfieoer(Wochen- bett-, Puerperalfieber). Körnerkrankheit(Granulöse, Trachom), Riickfallfieber(Febris recurrens), Ruhr, übertragbarer(Dysenterie), Scharlach(Scharlachfieber), Typhus(Unterleibstyphus), Mlzbrand, Rotz, Tollwut(I�ssa) sowie Bißverletzungen durch tolle oder der Tollwut verdächtige Tiere, Fleisch-, Fisch- und Wurstvergiftung, der Erkrankte die Wohnung oder den Aufenthaltsort, so ist dies innerhalb vierundzwanzig Stunden nach erlangter Kenntnis bei der Polizeibehörde, bei einem Wechsel des Aufenthaltsortes auch bei derjenigen des neuen Aufenthaltsortes, Kur Anzeige zu bringen. In Gernaßheit der Bestimmung des Abs. 1 rst auch jeder Todesfall an Lungen- und Kehlkopftuberkulose anzuzeigen. § 2. Zur Anzeige sind verpflichtet: 1. der zugezogene Arzt, 2. der HaushnltungSvorstand, 3. jede sonst mit der Behandlung oder Pflege des Erkrantten beschäftigte Person, 4. derjenige, in dessen Wohnung oder Behausung der Erkrankungs- oder Todesfall sich er- eignet hat, ö. der Leichenschauer. Die Verpflichtung der unter Nr. 2 bis 5 genannten Personen tritt nur dann ein, wenn ein früher ge- nannter Verpflichteter nicht vorhanden ist. Fürsten i« Reiche der Wissenschaft. Das aeronautische Observatorium in Lindenberg, Kreis Beeskow-Storkow, ist am Montag in Gegenwart des Kaisers, des Fürsten von Monaco, des Ministers für geistliche pp. Angelegenheiten, des Kriegsministers und vieler Gäste eingeweiht worden. Kriegervereinler und Schulkinder bildeten Spalier. Minister S t u d t sagte, daß die junge Wissenschaft der Aerouautik nie einen so raschen Aufschwung hätte nehmen können ohne die tatkräftige Hülfe des Herrschers. Der Kaiser antwortete nach dem„Lokal-Anzeiger": „Meine Herren, ich möchte Ihnen meine vollste Freude aus- sprechen, daß«vir nun endlich zur Weihe dieses Instituts schreiten können. Was der Herr Kultusminister eben erwähnt hat bezüglich meiner Verdienste, kann ich mir nicht zurechnen. Es wäre nicht möglich gewesen, verständnisvolle Unterstützung Ihren Bestrebungen leisten zu können, wenn ich nicht von hoher Seite in ganz hervorragendem Maße belehrt mid angeleitet worden»väre. ES liegt mir daran, vor diesem gelehrten Publikum Seiner Durchlaucht dem Fürsten von Monaco meiner Dankbarkeit Ausdruck zu geben für die anregenden Gedanken, die er m i r in bezug auf die Erforschung des Luftmeeres hat zuteil werde» lassen, und für die rührige Arbeit, die er selbst dazu geleistet hat. Ihnen allen ist es bekannt, wie der Fürst sein ganzes Leben lang sein Wissen und Können in den Dienst der Wisienschast gestellt hat, und ich glaube darum in Ihrer aller Siime zu handeln, wenn ich diese Gelegenheit ergreife, um dem Fürsten von Monaco als ein Zeichen besonderer Anerkennung die große goldene Medaille für Wissenschaft zu verleihen. Ich freue mich, dieS in Gegenwart so großer Gelehrter tun zu können." Eine Kupplerin. Eine empfindliche aber verdiente Strafe erhielt am Sonnabend eine gewisse Elisabeth H. aus der Lützowstr. 8S. die ein Atelier für„Manicure" unterhielt, dort auch Lehrmädchen lwe unterhielt, dort auch Lehrmädchen be- daß mit diesen unzüchtige Handlungen vor- DaS Landgericht l verurteilte sie zu einem schäftigte und duldete. zenoimnen wurden, xoao rwnogericyi j. verurteilte sie zu Zahr Gefängnis bei sofortiger Verhaftung und Polizei-Aufsrcht. Uebcr einen schweren Betriebsunfall schreibt unö der Deutsche �binderverband: Am Mittwoch verunglückte in der Buch.....__________ 7_____ Fabrik von Priester u. Co� die LuxuSpapierarbeitcnn Elfe Fauth, welche an der Knichebelprefle beschäftigt war. Der Werkführer" hatte die Presse unter schweren Druck(Mattitzendruck) am Abend vorher gestellt. Die Arbeiterin stolperte über den horizontal befindlichen �ebel. Sie wollte diesen, damit nicht noch andere Schaben er- leiden, aufheben, dabei schnellte der Hebel hoch und zerttümmerte der Arbeiterin den Schädel. Der Arzt stellte einen doppelten Schädelbruch fest. An die Wiederherstellung der Verunglückten ist kaum zu denken. In dem Betrieb fehlen Schutzvorrichtung und Anschlußketten, welch« unerläßlich sind, wenn die Pressen unter Druck gestellt werden. Schon im Vorjahre wurde von der O r g a- nisation auf die Unzulässigkeit der Beschäftigung von Arbeiterinnen an der Kinchebelpresse hingewiesen. Wann wird seitens der Gewerbe-Jnspektion hier Abhülfe geschaffen? Der des Mordes an der Schiffersfrau Graßnick verdächtige Fleischcrgeselle Teichmann ist gestern, dem„Telt. Kreisbl." zufolge, nach dreiwöcheullicher Haft im AmtsgerichtsgefängniS zu Königs- Wusterhausen in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit ein- geliefert worden. Teichmami gilt also als der Tat überführt; seine Verhaftung erfolgte auf Veranlassung des Kriminallommissars WannowSki. Prügelhcldcn. Ein Duell gab eS. wie das„Berk. Tgbl." meldet, Sonntag früh zur Heiligung des Tages im Grunewald. Die Gegner waren ein Assessor B. aus Berlin und ein Archttekt E. aus Posen. Der erste Gang verlief unblutig. Im zweiten wurde Assessor B. in die linke Achsel getroffen, so daß cr in eine Privatklinik übergeführt werden mußte. Der Grund zu dem Zwei- kämpf ähnelt der Veranlassung zu dem Duell, dem jüngst der Farmer Zipplit.zum Opfer fiel. G. saß vor etwa vier Wochen in einem Weinrestaurant in der Friedrichstraße. An den- elbcn Tisch setzten sich zwei Berliner, der Asteffor B. und ein Herr E. heran. Die drei gerieten bei dem Gespräch über eine junge Stettiner Dame in Streit. G. ging heraus, ließ B. rufen und ersuchte ihn zu revozieken. Im Lause der ziemlich erregt geführten Unterhaltung ohrfeigten sich die Gegner. Der Portier machte schließlich dem Kampfe ein Ende. Die Folge dieser Aussprache war das gestrige Duell. ES steht nun noch ein zweites Duell zwischen G. und E. in Aussicht. Die Verwundung des Assessors ist nicht lebensgefährlich. Bei der Arbeit erschlagen. Ein tödlicher Bauunfall ereignete sich gestern gegen Abend auf dem Ricsenneubau in der Warschauer- traße 44, dicht neben dem Bahnhof Warschauerstrabe. Dort waren Arbeiter der Eisenlager- und Trägerfabrik von Steffens u. iölle damit beschäftigt, einen großen Mastbaum, der zum Auf- vinden von Eisenträgern dienen sollte, emporzurichten. Kaum war .>er schwere Baum einige Meter vom Erdboden aufgehoben, als er ilötzlich wieder niedersauste und den 2t) jährigen Arbeiter Heinrich o w i a ck von der Aktiengesellschaft für Beton- und Monierbau, der zerade mit einem Schubkarren vorüberfuhr, erfaßte. Ein kurzer Aufschrei— und der junge Mann war auf der Stelle tot. Einige andere Arbeiter konnten sich nur durch einen rechtzeitigen Sprung zur Seite retten und kamen mit dem bloßen Schreck davon. Sie Leiche des Verunglückten wurde alsbald fortgeschafft; der Schädel war völlig zerschlagen. Bon einem bösen Burschen weiß eine Lokalkorrespondenz zn er- zählen: Der Waffclbäckereibesitzer Hermann Lorenz in der Großen Hamburgerswaße machte schon lange Zeit den Behörden zu schaffen. Sein Gebaren erinnert an die Ausbeutung der armen Slowaken- jungen dnrch gewissenlose Unternehmer. Lorenz, dessen Geschäft sehr einträglich war, holte aus den Herbergen nnd dem Obdach Leute zu- sammen, die unter jeder Bedingung arbeiteten, wenn sie nur über- Haupt Beschäftigung fanden. Er versah sie mit weißer Mütze, Jacke und Schürze, gab ihnen ein Brett mit Waffeln und. schickte sie auf den Handel. Festen Lohn bewilligte er ihnen nicht einen Pfenning, nur einen gewissen Prozentsatz vom Erlös für die verkaufte Ware. Wenn die halbverhungerten Menschen den ersten Tag etwas genießen wollten, so mußten sie schon im Boraus die Provision verwenden, die ihnen erst abends nach Geschäftsschluß zustand. Ost aber reichte ihr Anteil am Ertrage nicht einmal aus, die geringen Ausgaben zu decken, die sie.für das Allernotwendigste aufwenden mußten, Dann gab es abends Prügel, ganz wie bei den Slowakenjungcn. Und der Waffelbäckermeister, der früher Artist nnd Degenschluckcr war, schlug unmenschlich. Unter allen möglichen Vorwänden behielt er seinen Verkäufern bald auch die Provision ein, pfändete ihnen noch dazu Ueberzieher und andere Kleidungsstücke ab, um sie zu Geld zu machen. Die geprügelten Leute liefen in der Regel davon und ließen ihre Sachen im Stich, wenn sie sie auch noch so notwendig brauchten. Lorenz aber fand immer neue Verkäufer. Sein Treiben erregte Anstoß in der ganzen Nachbarschaft. Dazu kamen Anzeigen wegen Betruges und Unterschlagung. Der saubere Geschäftsmann stellte Geschäfts- führer an, um ihnen die Bürgschaft abzunehmen, und wenn sie keine Arbeit bekamen und ihn an ihr Guthaben erinnerten, so erhielten mich sie statt des Geldes nur Prügel. Zuletzt betrog er auch noch seine Lieferanten. Endlich verkaufte er sein Geschäft mit der ganzen Einrichtung und steckte dafür 1700 Mark ein. Er hatte ausdrücklich versichert, die Einrichtung sei sein Eigentum, eS ergab sich aber, daß ihm auch nicht ein Stück davon gehörte. Sein Käufer hatte das Nach- sehen, als der Tischler alles wieder abholte. Mit dem Erlös für die alte richtete Lorenz seiner jungen Frau in Pankow eine neue Waffelbäckerei ein; er selbst wollte nach London gehen, um wieder als Artist aufzutreten. Zwei Schwestern seiner Frau überredete er, mit ihm nach London überzusiedeln, wo er ihnen ein sorgenfreies Leben in Aussicht stellte. Was er mit ihnen vorhatte, bedarf noch der Aufklärung. Auch einen jungen Bruder seiner Frau wollte er mitnehmen. Dieser Knabe war im Militärwaisenhause in Potsdam. Auf Veranlassung seiner Frau mußte er Lorenz so oft als möglich besuchen, und dieser hetzte ihn im Laufe der Zeit so auf, daß er widerspenstig wurde und schließlich aus der Anstalt entfloh, um auch mit nach London zu fahren, wo er eine glänzende Zukunft haben sollte. An einem verabredeten Abend, an dem Lorenz die Flucht über den Kanal antreten wollte, entwich der Junge aus dem Schlafsaal und fand sich an einer bezeichneten Stelle in einem Gebüsch ein. Hier holten ihn Lorenz und Frau mit einer Droschke ab und brachten ihn nach Groß-Lichterfelde in eine Laube, wo man die Schwestern der Frau Lorenz bereits anttaf. Von Lichterfelde fuhren die Mädchen und der Knabe nach dem Lehrter Bahnhofe und von dort nach Hamburg, wohin Lorenz nachkommen wollte. Während sie dort von der Polizei aufgegriffen wurden, un> nach Berlin zurück- gebracht zu werden, löste stch Lorenz vorgestern mittag auf dem Lehrter Bahnhofe eine Fahrkarte nach London. In demselben Augenblicke aber wurde er von Kriminalbeamten verhaftet, nach dem Polizeipräsidium und dann nach dem Untersuchungsgefängnis ge- bracht. Außer wegen Betrugs, Unterschlagung und Mißhandlung wegen ten ist ihn eingeleitet worden. seiner Angestellten fft auch noch wegen Notzucht ein Verfahren gegen Je Der Deutsche Sencfelder-Bund ersucht uns, folgendes bekannt zu geben: Sonnabend morgen ist ein kleines Paket in Zeitungs- papicr, enthaltend sechs Verbandsbücher und sechs Sammellisten, lOSO— öS, für die Ausgesperrten der Elektro-Jndustrie verloren gegangen. Es wird gebeten, den Fund an Max Bülow, Soldiner- strahe M II, zu senden. Die Deutsche Metallarbeiter-Ge werkschaft teilt uns mit, daß die Sammelliste des Gcwerkschaftskartells Nr. 837 abhanden gekommen ist. Es wird gebeten, den Besitzer festzustellen und dem Bureau, Roscnthalerstr. ö7, Mitteilung zu machen. Der Bezirksführer des 89. Bezirks im vierten Wahlkreise SO. meldet uns, daß das Wahlvcreinsmitglicd Zigarrenarbeiter Berthold Gerlach bei einem Radunfall zwischen Großenhain und Släsgen u. a. das Mitgliedsbuch Nr. 2806 verloren habe. Es wird gebeten, die gefundenen Sachen dem Verlierer, Skalitzerstr. 132 in Berlin, unfrankiert zuzusenden. Ein tödliches Brandunglück hat sich Sonntagabend ist Tcmpelhof ereignet. Die in der Berlinerstr. 71 wohnende 82jährige Polizei- beamtentvitwe Emilie Pflumm wollte sich gegen 7 Uhr mit der brennenden Petroleumlampe von dem Wohnzimmer nach der Küche begeben, glitt jedoch aus und die Lampe entfiel ihren Händen. Das aus dem Bassin auslaufende Petroleum entzündete sich und setzte die Kleidung der Greisin in Flammen. Die Hülferufe der Unglück- lichen wurden von Hausbewohnern vernommen, welche hinzukamen und das Feuer durch Aufwerfen von Decken erstickten. Frau P. hatte jedoch bereits am ganzen Körper schwere Brandwunden er- litten. Auf Veranlassung eines hinzugcrufenen Arztes wurde� die Witwe nach dem Kreiskrankenhanse in Britz übergeführt, wo sie gesterir früh, ohne die Besinnung wiedererlangt zu haben, den schweren Verletzungen erlag. Der Herr„Kollege". Ein Leser unseres Blattes schreibt uns: „Am vergangenen Sonnabend, früh 7 Uhr, bestieg ich am Bahnhof Wedding den Vorderperron eines Wagens der Straßenbahn auf der Linie Rixdorf-Tegel. Mit mir führte ich eine neue Handsäge mit eisernen Armen und eiserner Spannschnur, deren Blatt durch eine blaue Schürze umbunden war. Kaum hatte sich der Wagen in Be- wegung gesetzt, als der Wind mir meine Mütze entriß. Ich stieg ab, leider ohne die Säge mitzunehmen. Ein Fahrgast, der sich dem Wagensührer als„mein Kollege" vorstellte, nahm die Säge in- zwischen in Empfang und verließ den Wagen an der Seestraße. Viel- leicht interessiert es den gefälligen Fcchrgast. daß der Tischler Karl Marzilger, Spandau. Kurstr. 5 III, seiner Säge harrt und bereit ist, dem Uebcrbringer seines Werkzeugs für alle Bemühungen aufrichtig zu danken. Ein raffinierter Einbruchsdiebstahl wurde in der Nacht zum Montag in dem Goldwarengeschäft von O. D i t t r i ch in der Mark- grafcnstraße 20 verübt. Gold- und SilDerwaren im Werte von über 10 000 M. sind entwendet worden. Die Diebe überstiegen �cin eisernes Vorgitter, schnitten aus der heruntergelassenen Türjalousie ein Stück heraus und drückten die Scheibe an einer Ecke ein. Wider Erwarten fanden sie aber noch hinter der Scheibe starke Eisenläden, doch war dies kein Hindernngsgrund für sie. Mit Stemmeisen wurde vielmehr ein Fensterladen verbogen unddann durch Zurückschieben des Riegels die Tür geöffnet. Mit wahrer Sachkenntnis hielten imn die Einbrecher eine treffliche Auswahl unter den ausgelegten Waren im Schaufenster. Goldene und silbenre Ilbren, Ringe, Ketten, Armbänder:c. hießen sie mit sich gehen, doch fehlt bis jetzt von den Tätern noch jede Spur. Der Einbruch ist für den Beslohlencn um so tragischer, als er gerade an seinem Geburtstage ausgeführt wurde. Im übrigen hatten Diebe vor Jahresfrist schon einmal dem Geschäft einen Besuch abgestattet. Damals drangen sie durch eine Hintertür vor. Seit der Zeit liegen nachts vor dieser Tür Riesenschlösser— und das scheinen die Spitz- buben gewußt zu haben, sonst wären sie sicher nicht von der Straße aus eingedrungen. Bei einer Benzinexplosion schwer zu Schaden gekommen ist gestern sMontag) gegen Mittag der S3j ährige AbteilungSvorsteher W u n d r a ck vom Versuchslaboratorium der Prof. Seger und Cramcr in der Drehsestr. 4. Der Mann machte sich in dem Labora- torium mit einem Benzinbehälter zu schaffien, als plötzlich die Flüssig- keit an einer brennenden Flamme Feuer fing und explodierte. Stich- flammen trafen den W. und brachten ihm schwere Brandwunden im Gesicht, am Kopf und an den Händen bei. Die alarmierte Feuer- wehr schaffte den Verunglückten sofort nach dem Moabiter Kranken- hause, wo er recht bedenklich daniederliegt. Der entstandene Material- schaden ist nicht bedeutend. Ein eigenartiges Schauspiel konnte nmn Sonntag gegen Abend in der Leipzigerstratze vor dem Warenhause Tietz beobachten. Dort war beim Einschalten der großen elektrischem Bogenlampen, die über der Mitte der Straße hängen, Kurzschluß in einer Lampe ent- standen, der sofort einen bläulichen Funkenregen im Gefolge hatte. Im nächsten Augenblick stürzte die Bogenlampe mit lautem Knall auf die Straße hinab, ohne indes glücklicherweise Passanten zu treffen. Die große Kapsel hing aber noch an einem Draht, der auf die Starkstromleitung der Sttaßenhahn gefallen war, und gefährdete infolge der elektrischen Ladung die Sicherheit von Mensch und Tier. Es wurde daher die Feuerwehr schleunigst zu Hülfe gerufen. Diese richtete eine große mechanische Leiter auf, und ein mit Gummihandschuhen versehener Feuermann schnitt den Draht durch. Die beiden Ver- bindungsmaste sind stark beschädigt. Der Vorgang hatte in der Leipzigerstratze in der Richtung zum Potsdamer Platz auch eine Verkehrsstockung zur Folge. Bei der Arbeit tödlich verunglückt ist geistern, Montagnachmittag der 31 Jahre alte Fensterputzer Ernst Schulze aus der Forsterstr. 7, der bei der Glaserinnung beschäftigt war. Schulze putzte die Fenster der Gravieranstalt von Hepner im zweiten Stock der Handelsstätte Bellcalliance. Statt nun durch das Innere eines Raumes von einem Fenster zum anderen zu gehen, wollte er sich den Weg noch leichter machen und über den schmalen Sims der Außenwand an sein Ziel gelangen. Plötzlich glitt er aus oder verlor das Gleichgewicht, stürzte kopfüber auf das Asphaltpflastcr der Durchfahrt hinab und blieb mit zerschmettertem Schädel tot liegen. Die Leiche wurde von der Polizei beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Der Verunglückte war nicht verheiratet. Zeugengesuch. Die Personen, welche Sonntag. 20. August, mittags 12'/4 Uhr, beobachtet haben, wie vor dem Hause Koppen- straße 16/17 Auseinandersetzungen zwischen einer Kleiderhändlerin und einem Mann erfolgten, werden gebeten, sich bei Hankel, Koppen- straße 17, 2 Tr., zu melden. Straßensperrung. Die Neue Roßstraße von der Wallsttaße bis zur Roßstraßcn-Brücke wird behufs Umpflasterung vom 18. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Der Verein zur Förderung der Kunst hat am Senntag seine Wirksamkeit wieder aufgenomnlen. Im Festsaal des Gymnasiums am Savignyplatz begann er die diesjährigeu Abende niit der Veranstaltung „Charlottenbrirg, seine Geschichte, seine Kunst in Wort und Ton". Der Abend war gedacht als nachrägliche künstlerische Huldigung aus Anlaß der Zweihundertjahresfeier dieser Stadt; und hervorragende Menschen, die in dem größten der Berliner Vororte gehaust haben, sollten zu Worte kommen. Das war nach der Versicherung des Vereinsleiters so gedacht, daß nicht nur die Werke berühmter Männer, welche Charlottenburger Pflaster betreten hatten, bruchstückweise vorgetragen lverden sollten; dem Festabend sollte dadurch ein besonders intimes Gepräge verliehen werden, daß diese Werke von Leuten zu Gehör gebracht würden, welche entweder geborene Charlottenburger sind oder doch in Char- lottenburg Steuern zahlen. Das streift ans Unfreiwillig-Komische; mit kaum minderen! Recht könnte man bei einem etwaigen Jubiläum der Mulackstraße die künstleriswen Befähigungen der Bewohner dieser Straße Revue passieren lassen. Auch sonst wurde der Abend insoweil nicht besonders glücklich eingeleitet, als der Vorsitzende pikiert von einem Unternehmen sprach, das nicht minder wie der Verein zur Förderung der Kunst unter dem Schutz des Charlotten- burger Magistrats steht und gar im dortigen Rathause seine Zelte aufgeschlagen hat. Was sollen solche Geschichten vor einem Publikum, dem an weiter nichts gelegen ist als an einem wohltemperierten künstlerischen Abend? Ein Glück, daß die Darbietungen selbst den Krähwinkelstandpmikt des Veranstalters vergessen ließen. Herr Kapellmeister Fritz Otto am Flügel, Herr Max Schulz-Fürstenberg am Cello, die Sopranistin Frl. Schmidt, der Bariton Sydney Biden und nicht zu vergessen Herr Gustav Manz als Rezitator gaben Herzerquickendes und ließen der Hoffnung Raum, daß der Verein zur Förderung der Kunst trotz der unglücklichen Einleitung auch in diesem Winter in Berlin uif den Vororten tüchstges leisten wird. Die Radrennen zu Steglitz, die neben einigen Fliegerrennen den „Großen Preis von Berlin", ein von Oiobl, D e m k e, H u b e r, D i ck c n t in a n n und dem Franzosen G u i g n a r d zu bestreitendes 100 Kilometer-Fahren mit Motorführung, bringen� sollten, mußten des am Sonntag anhaltenden Liegens wegen ausfallen. Die Ver- anstaltung ist auf den nächsten Sonntag verschoben worden. Im Verein für volkstümliche Kurse von Berliner Hochschullehrern beginnt am Mttwoch, den 18. d. M., abends 8>/z Uhr, Herr Professor Dr. Börnstcin seinen Vortragskursns über„Die Lehre von der Wärme" im Hörsaale der landwirtschaftlichen Hochschule, dl. In- validenstr. 42. Eintrittskarten zum Preise von 1 M. sfür alle 6 Abendej sind zu haben bei: Georg Bclling, Leipzigcrstr. 123; A. Schütz, Holzmarktstr. 60; Chr. Tischendörfer, 0. Sophienstr. 10; F. E. Lederer, Knrfürftenstr. 70; Bernhard Staar, Friedrichstr. ö; Zentralstelle für Arbeiter-Wohlfahrtscinrichtungen, Dessauerstr. 14 (8 bis 3 Uhr). Theater. Im Lessing-Theater übernimmt Herr Rudolf Rittner in der heute, Dienstag, stattfindenden Vorstellung von „Elga" wieder die von ihm kreierte Rolle des Grafen Starschenski; die Titelrolle spielt Frau Irene Triesch.— Im Schiller- Theater 0.(Wallner-Theaker) geht heute, Dienstag, Anzengrubcrs Bauernkomödie„Der G'wissenSwurm" in Szene. Auf dem Spiel- plan des Schiller-Theaters dl.(Friedrich Wilhelmstädtischeri Theaters) erscheint morgen, Mittwoch, zum erstenmal das dramatische Märchen„Der Traum ein Leben" von Franz Grillparzer unö wird am Donnerstag aus der gleichen Bühne wiederholt.—. Im Lu st spielhaus findet heute die Erstaufführung von„Dex Herr Haushofmeister"(Tho edmirable Crichton), Komödie in vier Akten von I. M. Barrie, statt. Die Besetzung ist folgende: Der Earl von Loem, Lord Lasemby— Willi Walter, Mary Lasemby Tilly Waldegg, Katharina Lasemby— seine Tochter, Hedwig Gerne, Agathe Lasemby— Mari Hallinger, Lord Brocklehurst— JaqueZ Burg, Ernst Wolley, Loems Neffe— Ernst Bach, Robert Trohernc, Geistlicher— Max Marx, John Crichton, Haushofmeister— Franz Schönfeld, Eliza, Dienstmädchen— Marie Mendt.— Im Kleinen Theater ist die auf nächsten Donnerstag angesetzte Erstaufführung von Anzcngrubers„Das vierte Gebot" aus Sonnabend den 21. d. M. verschoben worden. Infolgedessen wird im Kleinen Theater vor Dienstag bis einschließlich Freitag allabendlich Frank Wedekinds „Hidalla", mit dem Autor in der Hauptrolle, gegeben. rSitternnftSüberücht vom IS. Oktober Ivos, morgen» 8 N h». Stationen Sivtnemde M »s: ga «& Stationen c a s>— cwaranda etersbura Scillh Äbcrdcen Pari» 739 733 759 759 756 « 5 £ 5 �-c W ONO WNW N Wette, 2 wolkig 3 Regen sbcdcckt 3 heiter 2bedeckt v» st = s, H S; l 3 11 erlin Franki.a Münlher Wien ivetter.Prognole für Dienstag, den 17. Oktober IVOS. Vielfach heiter, aber noch kühl und veränderlich mit geringen Nieder- schlägen und ftifchen nordwestlichen Winden. Berliner W e tl e r b u re a«. Wasserstand am 14. Oktober. Elbe bei Aussig— Meter, bei Dresden—,— Meter, bei Magdeburg— ,— Meter.— II n st r u t bei Straußsurt— Meter.— Oder bei Ratibor+ 1,48 Meter-, bei Breslau Oberpegel-ff 5.03 Meter, bei Breslau Unterpegcl— 0,98 Meter, bei Kranksurt-ff 1,38 Meter.— Weichsel bei Brahemünde -ff 2,38 Meter.— W a r I h e bei Posen Meter.— Netze bei Usch— Meter. Oskar Qöldner Nachfolger Inhaber: Willy Keim ------- RIX DO RF— Bergstr. 132 ♦ Bergstr. 163 ♦ Berlinerstr. 13. Spezial'Bntter-Kandlung ff. Braunschweiger u. Thüringer Fleischwaren. 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