Nr. 288. flbonnements-lkdingungtfl: •ÄSonnementä- Preis pränumerando! »ierteljährl. Z.Zll Mk., monatl. I.lv Mk.. wöchentlich LS Pfo frei ins Hauö. einzelne Rümmer 5 Pfg. SoimtagZ. Hummer mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Reue Weif 10 Psg. Post. «lbonnemcnl: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitung«. Preisliste. Unter tireuzdand sür Deutschland und Oesterreich- Ungarn 3 Marl, ffic daS übrige Ausland S Marl pro Monat. SS. Jahrg. VI« Inlertlons-eedahr beträgt sür die sechSgespaltene Uolonel- Stil« oder deren Raum«0 Psg., sür politische und gewerlschastliche Vereins. und VerlammlungS. Anzeigen 25 Psg. „Uleine Rn:-tg«n", das erste lselt. gedruckte) Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 5 Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Rümmer müssen bis 6 Uhr nachmittags in der expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen biS 7 Uhr abends, an Gönn- und Festtagen bis S Uhr dornüttagS geöffnet. CrfAtiit dg IIA äliötl Blontiai. Berliner VolKsblnkl. Zentralorgan der rozialdemokratifchen parte« Dcutfchlands. Telegramm-«dreffe: „S«ililil(iD»knt Rirlln". Redaktion: 8M. 68, Lindenetraeec 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1988. Expedition: 8M. 68, Lindenetraeee 69. Zhrrnsprecher: Zlint IV. Nr. 1984. Die Tabakstenervorlagen. Zwei sich direkt widersprechende Gesetzentwürfe haben die Verbündeten Regierungen dem Reichstage zur Tabakbestcuerung unterbreitet, zwei Vorlagen, deren Begründungen Muster geheimrätlichcr Oberflächlichkeit und fiskalischer Rücksichtslosig- keit sind; läßt doch die eine der Vorlagen auf günstige, die andere auf ungünstige Aussichten der Zigarrenindustrie schließen. Im Zigarettensteuergescßentwurf äußert sich die Regierung sehr besorgt über die Zukunft der Zigarren� industrie. Zunächst wird der schnelle Aufschwung dieser Industrie an den steigenden Produktionsziffern nach- gewiesen. Daraus folgert dann die Regierung, es scheine sich „langsam ein teilweiser Uebergang" von der Zigarre zur Zigarette zu vollziehen, wodurch„der Zigarrenindustrie eine ernste Gefahr" entstände. Der Vorgang werde von der Zigarrenindustrie mit großer Sorge verfolgt, so daß auch die Regierung Anlaß habe, demselben aus„volkswirtschaftlichen, sozialpolitischen und finan ziellen Rücksichten" ihre volle Aufmerksamkeit zuzu wenden. Die Maschinenarbeit begünstige die Zigaretten industrie vor der Zigarrenindustrie, die zurzeit 125 000 berufs genossenschaftlich angemeldete Arbeiter beschäftige„u n d zwar vielfach solche, deren Arbeitskraft für andere industrielle Berufe oder für land- wirtschaftliche Beschäftigung nicht aus- reicht e." Die Verdrängung der Zigarre durch die Zigarette müsse daher die Tabakarbeitervcrhältnisse ungünstig bc- cinflussen. deshalb fühle sich dieZ Regierung verpflichtet, helfend einzugreifen. Aber die Zigarettenindustrie übt noch andere schädliche Wirkungen aus. Der inländische Tabakbau werde. heißt es, mit ihrem Vordringen gefährdet, weil er keinen für Zigaretten geeigneten Tabak hervorbringt. Bekanntlich taugt das vaterländische Kraut, nur zu den billigsten Zigarren. Zudem bedrohe die Zigarettenindustrie den Tabak- Handel. Es würden sich tiefgreifende, für viele bo- stehende Geschäfte sehr empfindliche Aenderungen und Verschiebungen vollziehen. Und„ferner darf nicht unerwähnt bleiben, daß nach weitverbreiteter und wohl auch begründeter Ansicht" die Zigarette gesundheitsgefährlicher fiir Raucher sei, als die Zigarre. Gegen diese, die Zigarrenindustric, ja schließ. lich das ganze Volk bedrohenden Wirkungen der Zigarette muß die Regierung nach ihrer Ansicht eingreifen, selbstverständlich mit einer gepfefferten Steuer. Es ist gewiß ein großartiger geheimrätlichcr Gedanke, die Produktion resp. Konsumtion von Waren durch steuerliche Bc- Handlung so zu regeln, daß ganze Industrien sowie der Gc- schmack, überhaupt die Bedürfnisse des Volkes davon abhängig werden. Wer erkennt in diesem Gedanken nicht die mono polistischen Absichten wieder? Daß der Staat als Nachtwächter über die Bedürfnisse des Volkes gedacht ist. rückt die mono- polistischen Ausbeutungsgelüste nur in eine satirische Bc- leuchtung. Doch so liebevoll der eine Geheiinrat für die Zigarren- industrie eintritt, der andere, der den Steuerentwurf für die Zigarrenindustrie auszuarbeiten hatte, findet sie durchaus nicht so schutzbcdürstig, wie sein Herr Kollege. Zur Begründung der horrenden Zollerhöhung auf Tabak erklärt er rund und nett, es habe bei den verbündeten Regierungen nie ein Zweifel darüber bestanden,„daß der Ertrag bei weiten nicht der Be- steuerungsfähigkeit des Tabaks entspricht": und er ist über- zeugt,„daß der Tabak kein Nahrungsmittel, sondern l c d i g- lich ein entbehrliches und zudem der Gesund- h e i t wenig zuträgliches G e n u ß ni i t t e l ist", das sich vorzugsweise eigne zur Bestreitung der Geldbedürfnissc des Reiches. Darum wird der Zoll auf Tabak so erhöht, daß zirka 40000 Arbeiter der Tabakindustrie brotlos werden, worunter mindestens 30000 der Zigarrenindustrie sich befinden. Was soll man mehr bewundern: die tiefe Volkswirt- schaftliche und sozialpolitische Erkenntnis, die in solchen Hand- grciflichen Widersprüchen sich bewegt, oder die Dreislig- lcit, die sich solcher Widersprüche nicht schämt, die nur darauf ausgeht, für die„Geldbedürfnisse des Reiches" soviel wie möglich aus dem Tabak herauLzu- schlagen, und sich dabei nicht scheut, Zwietracht in das Tabakgewcrbe zu schleudern, indem sie die Zigarcttenindustrie gegen die Zigarrenindustrie ausspielt? Ob Herr v. Stengel wohl die Widersprüche in den Arbeiten seiner Geheimräte bc- merkt hat? Im Rahmen dieser kurzen Betrachtung sei nur noch auf einige andere schöne Eigenheiten der beiden Vorlagen hingewiesen. Der Entwurf der Tabaksteuer muß zugeben, daß die Erhöhung des Zolles von 85 M. pro Doppelzentner auf 125 M. eine wesentliche ist. Tie Gewichtöstener wirkt wie eine Kopfsteuer, das Pfeifchen resp. die Zigarre des armen Mannes wird verhältnismäßig am schwersten bc- steuert, d. H- am meisten verteuert. Vou diesem System sagte der ehemalige Schaysekrctär Graf v. Posadowsky bei der Verteidigung der Fabrikatsteuer am 21. Januar 1895 im Reichstage:• .Sie wissen sehr gut, daß bei demjetzigen Steuersystem cS technisch unmöglich ist. höhere Erträge aus dem Tobak herauszuschlagen, da.tz es den Tabak vor jeder Erhöhung der Steuer absolut schütz Herr v. Stengel findet, wie man sieht, keine Schwierig- keit darin, trotz dieses die Aermsten am meisten belastenden Systems der Gewichtssteuer die Armen noch mehr zu be- steuern und zirka 28 Millionen Mark jährlich aus dem Zoll und der Steuer auf Jnlandstabak herauszuschlagen. Die Wirkung dieser Erhöhung muß eine fürchterliche für die Arbeiter der Tabakbranche sein. Arbeitslosigkeit und völlige Verdrängung der Fabriken auf das platte Land werden die nächsten Folgen sein. Das kleinere Unter- nehmertum wird verzweifelte Anstrengungen machen, bei dem unausbleiblichen Rückgang der durch den Zoll vcr- teuerten Fabrikate weiter zu existieren. Durch eine wilde Konkurrenz auf Kosten der Arbeitslöhne wird jeder Untetmehmer sich zu halten suchen, eine bedeutende An- zahl wird aber trotzdem unterliegen. Arbeiterentlassungen treten ein. Was tun nun die Arbeiter,„deren Arbeits- kraft", laut Begründung des Zigaretten-Gcheimrats,„für andere indu st rielle Betriebe oder für land- wirtschaftlicheBeschäftigung nicht ausreicht?" Die Gemeinden mögen sich nur auf riesige Armenuntcr- stützungen einrichten, wenn die Mehrheit des Reichstags die Pflichtvcrgcsscnheit haben sollte, dieser fiskalischen Industrie- Zerstörung zuzustimmen. Die Regierung hat vorsichtigerweise in der Be- gründung der Vorlagen die Tabakverteuerung für die Zigarren- und Zigarrettenindustrie außer Bc- rechnung gelassen. Der rechnerische Anschlag, wonach eine Zigarre durch den Zoll von 0,5 Pf. auf rund 0,8 Pf. per- tcuert wird, stimmt nicht. Die Verteuerung steigt von 0,6 auf über 0,9 Pf. Wie sich der Aufschlag im Handel macht, ist bekannt, es wird nach oben abgerundet. Und die Folge der Verteuerung ist der Rückgang des Konsums. Gegenüber der Verteuerung der billigen Fabrikate ist die Zollerhöhung auf importierte Zigarren von 270 M. pro Doppelzentner anf 600 M. kaum beachtenswert. Die Vcr- teuerung einer iniportierten Zigarre um 3—4 Pf. hat gar keine Bedeutung für die Industrie, weil die Raucher von Import-Zigarren diese Preissteigerung wenig beachten werden. Es richtet sich also der Tabakstenerfeldzug gegen die arbeitenden Klassen als Produzenten und Konsunienten. Die gleiche Tendenz zeigt auch der Gesetzentwurf zn einer Zigarettensteucr. Zunächst sucht man die Zigarettenfabrikanten zu trösten mit einer Steigenina des Zolles auf ausländische Zigaretten von 270 Mark pro Doppelzentner auf 1200 Mark. Für diese beabsichtigte Verminderung der ausländischen Kon- kurrenz sollen sie aber durch die neue Zigarettenpapicrsteuer, die pro 1000 Blatt 3 Mark beträgt, gründlich geschröpft werden. Die Pfennigzigarctte, die Grundlage der deutschen Zigaretten- fabrikation, wird mit dieser Belastung völlig beseitigt. Daß danach der Konsum riesig� zurückgehen muß, steht außer Zweifel. Dadurch werden Tausende von Zigarettenarbeitern arbeitslos. Jndeß, die Regierung hat ein gutes Herz, den« sie will ja gerade die Zigarrenindustrie vor der Konkurrenz der Zigarette schützen! Aber die Vertreter der Zigarrenindustric werden deshalb nicht weniger solidarisch für die so bedrohte Zigarettcnindustric eintreten. Umsomehr, als das Gesetz über die Zigarettensteuer dazu ausersehen ist, monopolistische Maß- nahmen in der Tabakindustric einzuführen. Dieses Gesetz ist ein Polizeigcsctz im schlimmsten Sinne, es öffnet der Schnüffelei Tür und Tor und unterwirft die Verkäufer von Zigaretten einer permanenten steuerpolizei- lichen Aufsicht, gegen die sie bei schwerer Strafe nicht das geringste unternehmen dürfen. Sie müssen über Zu- und Abganc; von Ligarettenpapier Buch führen und haben ihn Vorräte jederzeit anf Verlangen vorzuzeigen. Ja, der Bundesrat ist befugt, den Verkauf von Zigarettenpapier Beschränkungen zu unterwerfen.(K 10.) Echt monopolistisch- polizeilich! Ferner müssen die Verkäufer von Zigarretten den Steuerbeamtcn Zutritt zu den Verkaufs- und Lagerräumen und die Prüfung der Zigarettenvorräte während der üblichen Verkaufs- stunden gestatten.(§ 11.) Behinderung des Geschäfts!— Nach§ 14 müssen allerhand Auskünfte erteilt und Geschäfts- bücher und GeschäftSpapicre auf Erfordern den Oberbcamtcn zu jeder Zeit zur Einsicht vorgelegt werden. Und dann folgen die Strafen, die für eine Defraudation niindestens 50 M. betragen. Ordnungsstrafen von 1—300 M. gibt es für diejenigen, die Beamte„an der rechtmäßigen Ausübung ihres Amtes in bezug auf die Zigarettenstcuer verhindern." Ueber- Haupt nimmt der Entwurfs sich tatsächlich wie ein Strafgesetz gegen die Zigarettcnindnstrie aus, das nicht nur die Zigarettenfabrikanten, sondern die ganze Händlcrschaft zum Kampfe gegen dieses Uebergangsgcsetz zum Monopol aufrufen wird. Hat man einmal die Zigarcttenindustrie reif für das Monopol gemacht, dann glaubt man auch bczüg- lich der Zigarrenindustrie auf keine großen Schwierigkeiten mehr zu stoßen. Es ist geradezu unerhört, mit welcher Rücksichtslosigkeit die Tabakindustrie von den verbündeten Regierungen behandelt wird. Die reguläre Entwickelung der Tabakindustrie bringt der Reichskasse jährlich eine Mchreinnahme von zirka l'/a Millionen Mark ein; jetzt schon zieht der Fiskus j" rlich 70 Millionen Mark aus dem Tabak. Wie man um der 40 Millionen Mark willen, die der Tabak mehr einbringen soll, eine große Industrie dem Ruin entgegentreibt, wäre unbegreiflich, wenn die Regierung nicht die nackteste Interessen- Politik zu gunsten der besitzenden Klassen betriebe. Es würde ein Leichtes sein, durch eine rationellere Gestaltung des Erbschaftssteuergesetzes die Mittel auf- zubringen, die„zur Bestreitung der Gcldbedürfnisse des Reiches nötig sind. Aber die Weigerung der Besitzenden, diese Last aus sich zu nehmen, ist für die Rcaicrnng maß- gebender, als das Elend, das Isie stnit �ihren Projekten für Zehntausende von Arbeitern und Kleingewerbetreibenden heraufbeschwört._ Die Revolution in Rußland. Der Streik der Post- und Telegraphenbeamten dauert fort! Die zarischc Regierung sucht zwar mit allen Mitteln dem Auslände vorzumachen, als sei der Streik„im Abflauen". Sic verbreitet das folgende Telegramm: Die bestimmte Haltung der Regierung und der Anschluß des Verbandes der Post- und Telegraphenbcainten an de» Rat der Arbeiterdeputierten, welcher eine Spaltung unter den ausständigen Post- und Telegraphenbeamten hervorrief, scheint dem Ausstand ein Ende bereiten zu wollen. Diese Meinung war auch im gestrigen Ministerrat vertreten, der bei dem Beschluß zu verharren beschloß, den Verband der Post- und Telcgraphenbeamtcn nickst zu genehmigen. Der hiesige Postdirektor ordnete chie AuS- Weisung von über 200 Postbeamten aus ihren im Postgeöäude be- findlichen Wohnungen solvie die Entlassung vou 323 Beamten der Postbureaus und 800 Briefträgern an. Die Briefträger werden ohne weiteres wieder aufgenommen, die Beamten auf Bittgesuch hin, falls eS der Grad ihrer Teilnahme am Ausstand gestattet. Gestern, am 0. Dezember, hat ein Teil der Beamten die Arbeit wieder aufgenommen.— Die finnländischen Post- und Telegraphen» beamten hüben telegraphisch den Anschluß an die russischen Arbeiter abgelehnt. Allein solche Nachrichten über das„Abflauen" des Streiks kommen ja aus Rußland bereits seit dem ersten Tage der Streikbewegung. Das„Berliner Tageblatt" bringt das folgende Privattelegramm aus Petersburg: Obgleich die Post hier arbeitet, so erscheint die ganze Arbeit mehr als Spielerei und hat nur rein lokale Bedeutung, so lange die Provinzen weiter streiken. Gestern nahm auch der Telegraph teilweise die Arbeit mit einzelnen Städten auf. Die Mehrzahl der Geschäftsleute und Banken nimmt aber nicht die Dienste der Post in Anspruch, sondern sendet ihre Sachen durch Kuriere nach der Grenze und den inneren Städten. Die Geschäftslage ist äußerst kritisch geworden. Obwohl die 4proz. Rente auf der Mittwochbörse mit 74 notierte, wird sie mit 60 gekauft, doch wird dieser Kurs nicht eingetragen. Der Streik dürfte sich immerhin noch mehrere Tage hinziehen. Gestern kehrten die Delegierten des Konseils der Arbeiter au» den verschiedenen Städten Rußlands zurück. Das Resultat ihrer Reise ist, daß ein allrussischer Streik mit dem Jahrestage des Blut- sonntags gesichert ist. An diesem Tage werden alle Betriebe auf Wochen hinaus stehen bleiben und der letzte Kampf des Proletariats mit der Negierung stattfinden. Soldateu-Nevolte«. Die„Vossische Zeitung" meldet aus Warschau: Den Mann- schaften des hier liegenden Grochow-Regiments wurde anbefohlen, ohne Waffen auf den Kasenienhof zu kommen. Dort wurden sie von Kosaken umringt. Mann für Mann wurde einer Durchsuchung unterzogen. Bei vielen soll der revolutionäre„Soldatslij Listol" gefunden worden sein. Alle diese sind verhaftet worden.— Der P 0 st a u S st a n d hat sich nun auch auf die B a h n p 0 st auS- gedehnt. Die Postwagen werden den Eisenbahnzügen nicht mehr beigegeben, da eS keine Beamten zur Sortierung der Briefe gibt. Diesen Brief nimmt ein Referendar aus Freundlichkeit mit über die Grenze. Eine„Laffan'-Meldnng besagt: Petersburg, 6. Dezember. In der gestrigen Sitzung der sozialrevolutionären Partei berichteten die aus dem Süden eingetroffenen Emissäre, die dortigen Truppen seien zur Er- Hebung gegen den Zaren bereit und warteten nur auf ein Zeichen von Petersburg.— Die Stadt Noworossisk befindet sich, hier eingetroffenen Telegrammen zufolge, in den Händen der meuternden Truppen, ebenso die Stadt K a t h e r i n 0 d a r im Kaukasus, wo die Soldaten das Arsenal besetzten und 16 000 Gewehre unter die dortigen Arbeiter und die von Noworossisk verteilten. Eine ähnliche Bewegung ist von neuem in Sewastopol ausgebrochen. Tokio, 7. Dezember. l„Laffan-Meldung".) Eine Meldung der Zeitung„Asahi" bestätigt, daß die Stadt C h a r b i n ani 30. v. M. in Flammen stand. Die Zufuhren fiir die russischen Truppen wurden abgeschnitten, die Stadt wird von Chinesen geplündert. » Warschau, 8. Dezember. Aus Lodz wird gemeldet, daß die revolutionäre Bewegung unter den Truppen bedeutend zunehme. Tagtäglich ereignen sich zahlreiche Vergehen gegen die Disziplin. Ferner liegen folgende Meldungen vor: Petersburg, 8. Dezember. Die Demission des Justiz« Ministers wird in den nächsten Tagen amtlich publiziert werden. Durch seinen Rücktritt wird die Stellung des Kabinetts nicht ge- schwächt s, nicht geschwächt" ist gut gesagt von einem„Kabinert" außer Tätigkeit!) Ein Nachfolger des Justizministers ist noch nicht bezeichnet. Warschau, 8. Dezember. Telcgramn,e aus Petersburg berichten. daß zahlreiche Privatbanken den Finanzmiuifter informiert haben, daß sie gezwungen sind, ihre Geschäfte zu schließen, wem« der Aus- stand der Postbeamten noch lange fortdauere. » Wahrscheinlich eine Ente, Petersburg, 9. Dezember. Die Führer der revolutionären Bc- wcgung haben, wie mmmehr verlautet, den Priester G a p 0 n zum Tode verurteilt, indem sie ihn beschuldigen, daß er für den Zarismus gewonnen worden sei. Die angebliche Auslandsreise Gapons sei eine regelrechte Flucht vor seinen bisherigen Genossen. Gapon soll bereits die deutsche Grenze überschritten haben, um sich nach Frankreich zu wenden. Eine lustige Meldung. Ein offiziöses Telegramm aus Petersburg lautet: Petersburg, 8. Dezember. Hier herrscht Ruhe. Alle im Auslande umgehenden Gerüchte sind unbegründet. Die Ar- beiterlchast ist des Streikes müde und nimmt überall zu den alten Bedingungen die Arbeit wieder auf. Auch das Militär kehrt zur Disziplin zurück. Witte am Ende des Lateins. Der„Frankfurter Ztg." wird berichtet: Petersburg, 8. Dezember. Witte, dessen Antwort ans die Ein- gäbe der Semstivodcputatiou das Regienmgsprogranun enthalten ivird, hat die Richtung nach dem reaktionären Lager eingeschlagen. Das bedeutet für ihn selbst den Sturz. Sein Empfmig der Seinstwo- deputativn manifestiert den endgültigen Bruch mit den Liberalen. In diesem Augenblick aber sind den Reaktionären andere Periönlich- leiten der reaktionären Richtung angenehmer und beguenrer als Mitte, dem sie mcht unbedingt vertraue». Gegenwärtig hat' die grostten Chancen Durnvwo, der erklärte, die einzigen Männer und Parteien,� mit denen die Regierung gehen könne, seien der berüchtigte Reaktivnär Graf DobrinSki lTule) und der Agrarierverband, dessen Kongretz eben in Moskau ragte. Man scheint einen größeren revo- lutionären Ausbruch hervorrufen zu wollen, um ihn unerbittlich mit Kanonen und Kartätschen zu unterdrücken. Das war ein� vorauszusehendes Ende des Eiertanzes, den der Liebling des deutschen Liberalismus mit solcher Virtuosität voll- führte. Hannibal ad portas! Im eigenen Palais findet der kleine Nikolai nicht einmal Ruhe vor dem Generalstreik. Eine russische Korrespondenz meldet: In Zarskojc-Selo ist im Palais des Zaren ein Streik unter den Bedienten, Köchen und anderen Angestellten ausgebrochen� sie verlangen Erhöhung der Gagen. Der Minister des HofeS hat alle Forderungen der Streikenden be- willigt. Preßprozcffe. Die beiden Petersburger Parteiblätter haben bereits Prcßprozcsse ausznfechten. Änr 21. Dezember findet in Petersburg der Prozcfi gegen den bekannten russischen Schriftsteller M i n 8 k i. den Herails- geber der„N o w a j a Schis it" wegen„Verbreitung revolutionärer Propaganda" statt. Diese Propaganda bestand darin, daß der ersten Nummer unseres Bruderblattes das Programm der russischen Sozialdemokratie beigelegt war. Mirski wird durch den bekannten Anwalt Grusenku.g verteidigt. Die Ver- Handlung ist öffentlich. Es ist das erstemal in Rußland, daß ein politischer Prozeß bei offenen Türen stattfindet. Im Januar 1906 findet ein analoger Prozeß gegen den Herallsgeber des anderen sozialdemokratischen Blattes „Na t s ch a l o" statt. Ei« Beispiel znm Nacheifern. Die Stadtverordneten in Posen beschlossen in ihrer letzten Sitzung, den Magistrat um die Einbringung einer Vorlage zu ersuchen, durch die für die Opfer der russischen Unruhen 2000 M. bewilligt werden. politifcke CJcbcrficbt. Berlin, den 7. Dezember. Ihr seid gewarnt! Die Erklärungen des Reichskanzlers über die aus- idärtige Politik und den Marokkokonflikt haben in der ausländischen Presse Kommentare gefunden, die zum überlviegcnden Teile alles andere als schmeichelhaft sind. Und zwar ist es nicht nur die englische und französische Presse, die Bülows Aus- lassungen sehr wenig glücklich und vor allen Dingen auch sehr wenig versöhnlich findet, sondern auch die Presse eines dem Dreibünde angehörenden Staates glaubt mit ihrer Kritik nicht zurückhalten zu sollen. So richtet die der italienischen Regierung nahestehenden T r i b u n a" einen nicht mitzzuverstehenden Wink an die deutsche Regierung. Bülow, schreibt das Blatt, verrate Furcht, datz der Dreibund nickt lebensfähig sei. Er müsse doch wissen, datz alles Menschliche dem Wechsel unterworfen sei. Sein Alarmruf entstamme der Tatsache, datz er nicht einsehe, datz andere Mächte vielleicht in der E x p a n s i o n s l u st Deutsch- l a n d S ein Eingreifen in ihre Rechte sehen könnten. Die deutsche Polisik sei wohl friedlich, aber heutige Friedenserklärungen, die„mit der Hand am Schwertgriff und hochgezogenen Brauen" erfolgten, verlören an Wert und»rächten Verbündete und Feinde mißtrauisch. Die„Tribuna" könne auf diese Gefahr hinweisen, Iveil ihre Frenndschaft für Deutschland unzweifelhaft sei. Diese Warnung an Bülow und andere Personen ist nur zu erklärlich. Man kann es einem Verbündeten nur zu gut nachfühlen, datz ihm ein Bundesgenosse, so schätzenswert er ihm immer sein mag, sehr unbequem werden kann, wenn er fortgesetzt durch weit- politische Pronunciamentos und drohendes Säbelrasseln mit der Kriegsgefahr spielt! Auch mutz man zugestehen, datz der höchst seltsame Charakter der Rede Bülows durch die„Tribuna" un- gemein treffend charakterisiert ist.„Friedensrcden mit der Hand am Schwertgriff"— und Deutschlands Friedensbeteuerungen waren seit vielen Jahren nichts anderes!— können unmöglich beruhigend auf daZ Ausland wirken. Datz Bülows Rede schlietzlich nur den Zweck hatte, im Reichstag nach dem Muster des Jahres 1887 eine Hurrastimmuug hervorzurufen, um die Flottenvorlage Hals über Kopf durchzubringen, kann natürlich im Ausland unmöglich als zureichender EntschuldigungSgrinid gelten. Die verantwortlichen und unverantwortlichen Stellen brauchen also nur die bisherige unglückliche Taktik fortzusetzen, um bald in einer Isoliertheit dazustehen, die als glänzende selbst von einem Bülow schwerlich angesehen werden dürfte. Denn die Phrase, Deutschland müsse„stark genug sein, um sich im Notfall auch ohne Bundesgenossen behhanpten zu können", mag ja unseren Chauvinisten höchst angenehm die Ohren kitzeln, sie bleibt aber nichts desto weniger eine groh sprecherische Phrase, hinter der absolut nichts steckt, zumal andere Staaten alles aufbieten, um sich ihrerseits zuverlässige Bundes- genossen zu schaffen. Das deutsche Volk kann deshalb der deutschen Industrie gar nicht eindringlich genug zu Gemüte führen, datz es jede Verantwortung für ein frivol herauf- bes chworenes Kriegsabenteuer ablehnt! Datz die englische Presse Bülows Rede abfällig beurteilt, ist zwar begreiflich, aber deshalb noch keineswegs erfreulich. So sagen die„Times", datz es kaiim als staatsmännisch zu erackten sei, die nationalen Vorurteile zu taktischen Zwecken anzurufen. Deutsch- land würde mehr Aussicht ans gutes Einvernehmen mit England haben, wenn die deutschen Staatsmänner andere Methoden als Au- griffe und Verdächtigungen gegen England ersinnen würden. Auch der konservative„Standard" erklärt, wenn Empfindlichkeit und Spannung vorhanden sei, so sei dies auf die Beharrlichkeit zurück- zuführen, mit der Deutschland England eine Eifersucht und Feindseligkeit zuschreibe, deren sich England nicht bewußt sei.' Der bis zu einem gewissen Grade regiernngsosfiziöse „Daily Telegraph" fügt noch hinzu, datz es zwar erfreulich sei, Ivenn Deutschland den Wunsch hege, den statns qua im fernen Osten nicht zu stören, datz aber trotzdem die Erklärung Büloivs, Deutsch- lands Politik in Ostaflen sei identisch mit der Englands, mit einiger Zurückhaltung aufgenommen werden müsse. Nach Deutsch- lands Begünstigung der rnssiicken Eroberungspolitik in China und dem sonstigen Auftreten Teutschlands kann England freilich keine andere Auffassung hegen! Die französische Presse schlietzlich ist wenig erbaut von den Worten und dem Ton des deutschen Reichskanzlers. Der„Tenrps" erllärt, in der Politik müsse man auch die Mittel wollen für das, was man erreichen wolle. Und um den Nachbarn Vertrauen ein- zuflötzen, welche ihm keineswegs Betveise der Versöhnlichkeit sckuldig geblieben seien, müsse Dentsckland irgend etwas tun. Frankreich sei uuch Anhänger einer aufrichtigen und endgültigen Er- ledigung der jüngsten Schwierigkeiten, aber es wünsche, datz man das in Berlin verstehe. Das„Journal d e S D o b a t S" schreibt, die Rede des Reichskanzlers lasse nicht voraussehen, was die Konferenz von Algcciras sein solle. Die französische und die deutsche Diplomatie sollten offen und gründlich an dieses Problem herantreten. ES wäre beklagenswert, wenn diese Frage bei allen dentsch-französischen Beziehungen in der Zukunft mitspielen sollte. Die öffentliche Meinung werde nachgerade glauben, datz die marolkanische Angelegenheit nur einen Porwand für Konflikte bilden solle. Eine ehrliche Politik müsse einer solchen Situation ein Ende machen. Es erübrigt sich für uns, Bebels gestrigen Aussührungen über Bülows Marokkopolitik noch etwas hinzuzufügen. Selbst wenn wir von dem„Unikum" der Marokloreise und allen übrigen bennruhigenden Aktionen absehen: Bülow leistete seinem Lande und dem internationalen Frieden einen schlechten Dienst, datz er seelenruhig abwartete, bis die Dinge sich derartig zu- gespitzt hatten, datz die gcloünschte Konzcsston Frankreichs nur durch eine empfindliche diplomatische Niederlage dieses Landes erreicht werden konnte. Eine rechtzeitige Fühlung- nähme, bei der sich die deutsche Regierung wahrhaftig nichts vergeben hätte, hätte der ganzen Affäre von vornherein ihre Schärfe genommen und mindestens� dasselbe Ergebnis gehabt, das nunmehr erreicht werden wird. Mögen Frankreich und England noch so große Fehler begangen haben— und wir Sozialdemokraten ver- kennen zu allerletzt, datz die Diplomatie aller kapitalistischen Staaten das Spiel Volks- und kiilturfeindlichcr Ränke liebt— in der Marokkoaffäre hat die deutsche Regierung durch ihre Brüskier u ngstaktik den schwersten Fehler begangen. Will die deutsche Regierung nicht endlich aus ihren Erfahrungen gründliche Lehren ziehen, so mag sie ihr verderbliches Spiel fort- setzen. Aber sie mag sich auch dessen bewußt sein, datz die Verantwortung für die Folgen ihr eigenes Haupt treffen werden!— Agrarische Steuerpolitik. Die schamlose Selbstsucht der herrschenden Klassen, bc- sonders ihres agrarischen Teils, kommt in der Stellungnahme ihrer Presse zur ErbschaftSsteuervorlagc in ekelhaftester Weise zum Ausdruck. Während das durch unsere Zoll- und Agrar- gesetzgebung auf Volkskostcn unterhaltene Junkertum sich au- schickt, den Konsum der Masse aufs schiverste zu belasten und jede Demonstratiou der Betroffenen gegen dieses Verfahren höhnisch zurückiveist, opponiert es selbst in stärkstem Maße gegen die geplante Erbschaftssteuer, die einzige Steuer in dem Stengelschen Steucrbukett, welche die Besitzenden trifft. Das Rcichserbschaftssteuergcsctz nimmt, wie wir bereits nachgewiesen haben, eine Rücksicht auf die spezicllcil Interessen und Wünsche der Agrarier, die in anderen Kulturländern, als in Prcußcu-Teutschlaitd, unmöglich wäre. Während selbst ganz kleine Erbschaften von wenigen hundert Mark zur vollen Steuer herangezogen werden, werden von land- und forstwirtschaftlichen Grundstücken, auch wenn es sich um Millionen. werte handelt, nur 73 Prozent der vollen Steuer verlaugt, und wenn solche Grundstücke in den letzten beiden vorauf- gegangenen Jahren schon einmal vererbt worden sind und Erbschaftssteuer bezahlt haben, kann der Stenerbetrag sogar auf die �Hälfte ermäßigt werden. Außerdem aber soll die Steuer nicht nach dem wirklichen Wert der Grundstücke be- rechnet werden, sondern nach dein, was in den deutschen Einzelstaateu„Rechtens ist": eine Bestimmung, die darauf hinaus läuft, daß in den meisten Fällen nur ein Teil des wirklichen Wertbetragcs zur Steuer herangezogen wird, Trotz dieser Rücksichtnahme der Regierung ans die Spezial- wünsche der Agrarier demonstrieren diese in schörffter Weise gegen das Reichserbschaftsstcuergesetz. So schreibt z. B. das Jntelligenzblatt des Bundes der Landwirte, die„Deutsche Tagcsztg.": „Im Reichstage ist bereits darauf hingewiesen' worden, datz das unbewegliche Vermögen, insbesondere der ländliche Grundbesitz, von der Erbschaftssteuer viel stärker getroffen wird, als das bewegliche Kapital, das viel mehr Möglichkeiten hat. sich ihr zu entziehen. Die Erbschaftssteuer, die von den landwirtschaftlich benutzten Grundstücken zu erheben ist, kann in der Regel nur mit Hülfe einer stärkeren Belastting dieses Grund- stückes entrichtet werden. Diese stärkere Belastung vermindert den dauernden Nutzungswert des Grundstückes in erheblichem Matze. Deshalb ist in dem Gesetzentwurfe die Bestimmung ge- troffen, daß bei land- oder forstwirtschaftlichen Grundstücken, die auf Erben der ersten Vcrwandlschastsgruppe, also auf Eltern, Schwieger- und Stiefkinder, Geschivister, Adoptivkinder und anerkannte uneheliche Kinder übergehen, ein Viertel des Steuerbetrages nicht erhoben werden soll. Wenn solche Grundstücke im Laufe der vorhergehenden zwei Jahre schon einmal mit der Erbschaftssteuer belastet worden sind, soll eine Ermäßigung ans die Hälfte eintreten. Wir meinen, datz diese Entlastung zu geringfügig sei. um die großen Ver- schiedenhcitcn in de» Verhältnissen des beweglichen und des unbeweglichen Besitzes auf diesem Gebiete auch nur einiger- maßen auszugleichen. Auch die Bestimmung, datz die Steuer gegebenenfalls gestundet und ihre Entrichtung in Teilbeträgen gestattet werden kann, reicht nicht aus, um die er- forderliche und billige Ausgleichung herbei- zuführen. Man wird, wenn man die neue Steuer einiger- maßen gerecht und schmackhaft machen will, die verhältnismäßige Entlastung des unbeiveglichen, insbesondere des landwirtschaftlichen. Grundbesitzes noch erheblich weiter führen und ausgestalten müssen. DaS sind aber alles Eventiialivünsche: grundsätzlich sind wir der Anschauung, datz eZ das Beste wäre, iveirn man überhaupt auf eine Reichserbschaftsstcuer verzichten und dafür andere Steuer- quellen crschiießc» löuiite. Weiter kann man die Unverschämtheit kaum treiben; und dieselbe Sippe, die in dieser brutalen Weise ihre Geldinteresscn verficht, entrüstet sich über die„vaterlandslosen" Arbeiter, die sich ihre bescheidenen Genußmittel nicht zugunsten der Flotten- und Kolonialpolitik verteuern lassen wollen! Uebrigens steht die„Deutsche Tagesztg." mit dieser Opposition gegen die ReichS-Erbschaftsstcner nicht allein; sie findet in dcnKaudtvirtschaftlichen Interessenvertretungen breiteste Unterstützung. Die Haiiptversamnilniig der Landwirtschaftskammer für die Rheinprovinz hat beispielsweise eine Resolution beschlossen, in der es heißt: Ganz allqemein ist zu fordern, daß den Erben landwirt- schalllich genutzter Grundstücke fiir die Entrichtung der Reichs- erbichastsstetier eine ausgedehnte Ratenzahlung nachgelaffen werde; zudem ist zu verlangen, datz für laiidivirtichasilich benutzten Grund- besitz, abgesehen nur von eigentlichen Baustellen, für die Ab- Messung der Reichscrbschaftsslencr nicht ein meist imaginärer Ver- kaufswert, wie derselbe zur schweren Schädigung und ganz un- vcrbältniSmätzigen Belastung der Landwirtschaft nach dem preußischen Ergänznngssteuergesetz für diese Steuer maßgebend, zugrunde gelegt iverde. ftudern obligatorisch der nack§ 2019 al. 2 des B. G,-B. zu berechnende Ertrags wert. Trennung von Staat und Kirche. Nachdem der französische Senat in seiner Schlußabstimmung am Mittwoch gesprochen hat, ist das Schicksal der Vorlage entschieden, und am l. Januar 1906 tritt das Gesetz in Kraft, da? Frankreich die lang ersehnte Trennung von Staat u n d K i r ch e bringt. In 11 Artikeln legt das Gesetz die Grundlagen dar. die in Zukunft fiir das Verhältnis zwischen der weltlichen Macht Frankreichs und den religiösen Gemeinschaften Geltung haben sollen. Es versteht sich von selbst, daß Nebergangsbestimmimgcn vorgesehen sind, die den Systemwechsel für die besonders Betroffenen nicht allzu hart er- scheinen lagen. So fallen die dem Staat gehörigen, kirchlichen Körperschaften überlasienen Güter und Ländereicn allmählich an den Staat zurück, das KultnS-Budget wird nicht mit einem Schlage beseitigt, sondern Jahr für Jahr verringert<1906 um etiva 8 Millionen Frank usw.), bis es schließlich anS dem Etat der französischen Republik ganz ver- schwindet.-- An die Stelle der vom Staate mit besonderen Rechten aus- gestatteten kirchlichen Institutionen treten Vereine privater Färbung, die öffentliche Generalversammlungen abzuhalten haben, ihren Mitgliedern Rechnung legen, sich die staat- liche Kontrolle gefallen lassen müssen. Buch zu führen haben über Einnahme und Ausgabe, der staatlichen Finanz« und Steuervcrwaltmig AbrechnnngS- und Inventarverzeichnisse vorzulegen haben, ihre Fonds nur in bestimmten Wertpapieren anlegen dürfen usw. Es soll nämlich verhindert werden, datz die Kirche— katholische oder welche sonst— auf Schleichwegen doch ioieder in den Besitz ihrer früheren Macht gelangt. Aus der Notwendigkeit der sich in dieser Richtung bewegenden Vorbcngungsmatzrcgeln geht immerhin hervor, datz die Gefahr, vom stets listigen Klerus irgendwie und irgendwann einmal über den Löffel barbiert zu werden, nicht aus den Augen zu lassen ist. Wenn wir uns daher fteucn, datz dieser Kampf, bei dem unsere französischen Genossen eine hervorragende Rolle gespielt haben, nicht mit dem Siege der sich Ivild lvidersetzcnden„Frommen" endete, so können wir natürlich in d i e s e r Manier, die Kirche vom Staate zu trennen, noch lange nicht den Gipfel des gerade uiff diesem Gebiete sehr wünschenswerten Radikalismus, noch lange nicht„der Weisheit letzten Schluß" erblicken. „Tic Erfahrung wird das weitere' lehren", so un- gefähr äußerte sich Combes am Schlüsse der Debatte; hoffentlich wird diese Erfahrung einem weiteren Ausbau des französischen TrcnnungSgcsetzes die Wege bahnen. Der Senator Lintilhac hat am Mittwoch da? schöne Wort gesprochen:„Das Trenmnigsgcsetz mutz der Anfang sein!"„Ecrascz i'in- färne!"(„Zermalmt den schändlichen Aberglauben I"), so hat vor etwa anderthalb Jahrhunderten der Franzose Voltaire gesprochen. Wenn die Zukunft erweisen sollte, datz das Trennungsgcsctz wirklich der Anfang zu solchem Ende war, dann werden sich unsere Nach- fahren der Errnngenschasten des 6. Dezember 1905 erst voll zu erfreuen haben.— »»» VeutlcKes Reich. Kreis- und Provinzialabgaben. Unter den Vorlagen, die die preußische Regierung beim Landtage eingebracht hat, befindet sich auch der Gesetzentwurf zu einem Kreis- und Provinzialabgabcnge setze. Die erste Lesung soll bereits am Sonnabend erfolgen. So mangelhaft die Vorlage auch ist, und so sehr sie auch die Städte zugunsten des platten Landes benachteiligt, so mutz doch anerkannt Iverdcn, datz sie nach zwei Richtungen hin einen Fortschritt bedeutet: sie gestattet den. Kreistagen die Besteuerung d c S Erwerbes von Grundstücken sowie die Einführung von Grundwert- st e u e r n. In der Begründung wird nachgewiesen, daß hauptsächlich in- folge der Belastung durch den Wegebau die Kreisabgabcn vielfach eine bedenkliche Höhe erreicht haben. Im EtatSjahr 1899 beliefen sich in 59 Landkreisen die Kreisabgaben ans 50 bis 75 Proz. der Staatssteucrn, in 33 auf 76 bis 100 Proz., in 6 sogar auf mehr als 10V Proz. Im Jahre 1904 erhoben 81 Kreise 50—75 Proz. Zuschläge, 46 76—100 Proz. und 30 mehr als 100 Proz. Hieraus zieht die Regierung den Schluß, datz einerseits eine wirksame neue Steuer- quelle den Kreisen zur Entlastung der hoch angespannten dirckten KreiSsteuern zur Verfügung gestellt, und datz andererseits diese neue Steuerquelle in eine engere Beziehung zu der durch den Wegebau geschaffenen Wcrtsteigernng des Grundbesitzes gebracht werden mutz. Beide Erfordernisse erfülle, die Steuer vom Besitzwech'el bei Grundstücken, welche namentlich in der Nähe größerer Städte und in industriell sich entwickelnden ländlichen Ortschaften Ertrag verspricht und welche die durch die Wegevcrbesserungen entstehende Wert- stcigerung des Grundbesitzes für den Kreis mit in Anspruch nimmt. Um die vorwiegend der Spcktilationstätigkeit ausgesetzten Teile eines Kreises gegenüber rein bäuerlichen zu treffen, ist eine Abstufung der Steuersätze nach KreiSteilen vorgesehen. Was die G r u n d w e r t st e u e r betrifft, so sind die Vorzüge. der Besteuerung nach dem gemeinen Wert vor der nach dem Nutzungswert in Städten bereits durch die Praxis bewiesen, aber auch für das Land verspricht sich die Regierung davon Vorteile, sie glaubt, datz insbesondere die vielfach infolge der veränderten Kultur- Verhältnisse hervorgetretenen unbilligen Unterschiede in der Belastung einzelner Kategorien von Grundbesitz. m oder einzelner Gebiete durch die Wertbestencrinig in angemessener Weise ausgeglichen werden können. Können wir uns im Prinzip auch mit diesen Vorschlägen der Regierung cinvcrstaiidcn erklären, so müssen wir doch aufs ent- schiedensle dagegen protestieren, datz die Einführung der Grundwert- stcncr und der Bcsteiiermig des GrnndstücköerwerbcZ nicht obligatorisch gemacht, soiilern inS Belieben der Kreistage gestellt werden soll. Aus den Kreistagen herrscht das Agrariertum, und dies wird die Steuer- ordtinngm schon so zuschneiden, fco6 nichts Vernünftiges fcichei herauskommt, es wird vor allein darauf bedacht scm, die Gutsherren zu schonen und den Gutsbezirken Vorteile zuzuwenden. So erweist sich auch diese Vorlage der preußischen Regierung, so be- stechend auch ihre Bestimmungen auf den ersten Blick erscheinen können, schließlich als ein Geschenk an die Agrarier auf Kosten der G e s a in t h e i t.— � Tie Volkoschnle bildete am Donnerstag das Hauptthcma der Verhandlungen der Hannoverschen L a n d e s s y n o d e. Die Stmodc erklärte es als das»nbcrrückt im Auge zu behaltende Ziel, daß der k o n f c s s i o n e l I e C h a r a k t e r der Volksschule ge- wahrt werde und daß das verfassungsmäßige Recht der Kirche auf die Leitung des R c l i g i o ni s u n t e r r i ch t c s nicht geschmälert»verde. In alle» BestallungSurkundeu evangelisch- lutherischem VoltSschullehrcr müsse die Verpflichtung ausgesprochen sein, den Religionsunterricht gemäß der kirchlichen Lehre, wie sie insbesondere im klcincn Lutherscheit Katechismus ausgesprochen sei, zu erteilen. Das Landeskonsistorium wird ersucht, darauf hinzu- wirken, daß die K i r ch c n v i s i t a t i o n sich ungehindert auf die Leitung des Religionsunterrichts in der Volksschule erstrecken könne. Ferner sprach die Synode sich für die Beibehaltung der geistlichen Schulaufsicht aus, forderte für den mit der QrtZschulaufsicht betrauten Geistlichen eine einheitliche Dienst- anweisung, ferner Schutz gegen ungehörige Angriffe seitens der Lehrer sl), sowie eine a n g c>n e s s e n c G e- f ch ä f t s v e r g ü t>> n g. Das Verlangen nach Schutz gegen die Lehrer stieß auf Widerspruch. Pastor Chappuzeau meinte, daß die Kritik der Lehrer an der geistlichen Aufsicht keine persönliche Spitze habe, sondern sich nur gegen die Sache richte, und darin seien auch viele Geistliche mit ihnen einig. Professor Bousset sagte, eine schärfere Kritik der geistlichen Schulaufsicht, als»vic diesen Schrei nach Schutz, könne eS gar nicht geben. Auch andere Redner äußerten sich in ähnlichem Sinne, blieben jedoch»nit ihrein Wider- spruch in der i» d e r h e i t. Militärjustiz. Eines Morgens, so berichtet die„Tägl. Rundschau". geriet der Gefreite Elgert vom Jnfantcrie-Rcgimcnt Nr. 68 zu Koblenz mit dein Unteroffzier Winter im Schloß-Cafe in Wort- Wechsel, wobei es auf der Straße zu Tätlichkeiten kam. Obgleich i» der Verhandlung vor dem Koblenzer Kriegsgericht fcstgcstclli wurde, daß Elgert von dem Unteroffizier Winter imgcgriffcn»vorden war, fand das Gericht, daß dennoch ein tätlicher Angriff»Nittels gefähr- lichcn Werkzeuges vorliege, da Elgert den Unteroffizier mit einem Regenschirm geschlagen habe. Das Gericht erkai»nte auf eine Strafe von zivci Jahre» Gefängnis. Was wohl der Unteroffizier Winter bekommen haben würde, wenn er. ohne angegriffen zu sein, den Gefreiten mit dem„gcsähr- lichcn Werkzeug" bearbeitet hätte?!— Gegen die neue Braustcuer will der Sächsische Gastwirts- und Saalinhaber-Verband Protest erheben; zu diesem Zwecke sollen in Leipzig, Bautzen, Chemnitz, Dresden und Plauen Protcstversamm- limgen statlfinden. Der deutsch-bulgarische Handelsvertrag soll bereits am 14. Januar in Kraft treten. Der Vertrag sieht zirka 186 Er- Mäßigungen und Bindungen des bulgarischen Gencraltarifes bor. Deutscherseits sind im wesentlichen etwa dieselben Zugeständnisse, wie gegenüber Rußland und Rumänien, gemacht worden. Aus Dcutsch-Südwcstafrika. Gouverneur v. Lindcquist meldet, daß der Kapitän der Hoachanasser Hottentotten, M anasse, nebst 23 Anhängern im Gefecht bei Gnbiionis ge- fallen sei. Kapitän Michael von Omarurir und sein Bruder Hugo hätten sich»nit acht Begleitern bei den Be- Hörden in Walfischbay g e st c l I t.— Ein Telegrainm ans Windhuk meldet: Reiter Karl Graß- hoff, geboren am 3. 9. 1881 zu Lurup, am 1. Dezember ds. Js. im Feldlazarett Hasuur an Typhus gestorben. Reiter Anton B o r u h o r st, geboren am 12>9. 82 zu Dalvers, ain 2. Dezember ds. Js. in Dawignab an T y p h u's gestorben. Ter Aufstand in Ostafrika. Gouverneur Graf Goetzen telegraphiert aus.'Tar-es-Talam: Nach Meldung der Bezirischefs von M u a n s a, T a b o r a und Kili marin de erscheint die Ruhe in ihren Bezirken gesichert. Ter englische Missionsbischof Peel in Mpapua erbat wegen der zahl- reichen Frauen Schutz gegen.etwaige Flüchtlinge aus Kilossa. Da das Hochland dort gesund ist, wurden 2v Mann Marine-Jnfanterie unter Leutnant von Engelbrecht aus Morogoro abgesandt. Tic 5. Kompagnie unter Oberleutnant Wcndland(130 Mann, ein 6 Zentimeter-Geschütz, ein Maschine ngew ehr) erreichte am 4. De- zember Morogoro und wird auch die Sicherung von Kilossa über- nehmen. Das Detachement von Wangenheim niarschicrt am 6. De- zember von Kisossa auf Mahengc. Tie 15. Kompagnie, Massaua- Leute unter Hauptmann Wunderlich, wird am 12. Dezember von Dar-eS-Salam nach Morogoro vorgeschoben. Bezirksamt Songea meldet über Kapstadt, daß die Lage wieder ernster sei, da die Station unter Le b c n s m i t t c lin a n ge l leide. Es ist anzunehmen, daß ingtvischen Major Johannes mit der 13. Kom- pagnie und Leutnant Schlüter mit 36 Askaris und einer Proviant- tolonne von Langenburg in Songea eingetroffeir sind. In den Küslenbczirkeii tritt eine merkbare Beruhigung ein. Druckfchlcr-Berichtigung. In die Notiz der gestrigen Nummer .Der W a h l r e ch t s st u r in in Sachsen" babcn sich mehrere Druckfehler eingeschlichen. Soweit der Leser diese Fehler sofort beiin Lesen selbst zu korrigieren vermag, lassen wir sie unberücksichtigt und beschränken uns auf zwei Richtigstellungen: In der sechsten Zeile von unten, erste Spalte, muß eS heißen: „Demgegenüber ist eS eine um so umverschämtere Provokation der Massen" statt:„Demgegenüber ist es um so unverschämter, Provo- kationen der Massen", ferner in der 24. Zeile von oben, zweite Spalte:„mit der überlegenen politischen Schulung der Sozial- dcmokratie" statt:„mit der überlegenen politischen Stellung". Hueland. Oesterreich-Ungarn. Die Setzer siegreich'. Da sich die Herausgeber der Budapestcr Blätter, die bisher die Arbeiter und ihre Wahlrechtsforderungen ailfs maßloseste beschimpfte», verpflichtet haben, die Beleidigmigen ein- stellen zu lassen, so»vurde der Streik an» Mittwoch für beendet er- klärt. Nur zwei Koalitionsblätter,.Budapests Hirlap" und..Pest» Hirlap",»vollen ihre Taktik nicht aufgeben; aber auch sie werden— und jetzt nm so leichter— von den ans Wahrung ihrer Arbeiter- würde in so ehrenvoller Weise bedachten ungarischen Setzern nieder- gerungen werden.-- Frankreich. Millerand! Ain Mitttvoch berieten die Genossen in Nantes über die Kandidatur Millerands. Mit 76 gegen 42 Stimmen lehnten sie eS ab, den biederen Ex-Minister für die Kammer aufzustellen und beschlossen statt seiner die Kandidatur des Genossen Brunellivre. Die französischen Genossen haben sich aljo auch von jenem berühmt gewordenen Ausspruch:„Ja, wenn wir den hätten!" emanzipiert.— England. Der König ans der Snchc. So leicht,»vie König Eduard es sich vorgestellt hatte, ein neues Kabinett zu bilden, scheint es nun doch wohl nicht zu sein; denn gleich der erste, den er»nit dein ehrenvollen Anfirage bedenken wollie, Campbell-Banfferman, hat dankend abgelehnt. Er verzichtet auf die EGre und bleibt lieber Fühier des Uilterhauses,„so lange es sein Gesundheitszustand und seine Zträfte erlauben". Es ist leicht möglich, daß Eduard sich noch ein paar Körbe holt, ehe er ein arbeitsfähiges neues Ministerium zusaimnen- bekommt.— Italien. Rom, 3. Dezember.(Eig. Ber.) Der Regleruugseuttvttrf für Calabricn ist gestern in der Kainincr verteilt worden. Die darin vorgesehenen Maßnahmen zerfallen in zwei Gruppen: in solche, die den Schädigungen des Erdbebens steuern sollen, und in allgemeine, die der chronischen wirtschaftlichen Depression in Ealabrien abhelfen solle». Zur ersten Gruppe gehören die Bestimmungen über den Neu- aiifbau � der Privatwohnungen und der öffentlichen Gebäude. Hier wird festgesetzt, daß die Gemeinden innerhalb sechs Monaten nach dein Inkrafttreten des Gesetzes den Straßenplan für den Nenaufbau anSzuarbeiten haben. Für alle etwa nötigen Expropriationen hat die Gemeinde den Schätzungsivert des Grundstücks,»vie er v o r dem Erdbeben war, zu zahlen. Bis jetzt hat der Staat für die erste Hiilfeleistung(Barackcnbau, Stützung der geschädigten Häuser, Berguiigsarbciten. NahrungSniittel ec.j ö1/, Millionen ausgegeben. Für den Wiedcrausbau der Häuser werde» die Klcditanstalten autorisiert, den Privatleuten Hypothekendarlehen m der Gcsamthöhe von 23 Millionen zu mache»; die Privatleute bezahlen dafür— Zinsen und Amortisationsquote— 36 Jahre hindurch 23/4 Proz. der cnt- licheiien Summe. Der Rest fällt dem Staate zur Last. Die Gemeinden und Provinzen können zur Reparierimg der Erdbebenschäden Darlehen in der Gesamthöhe von 3 Millionen von der Reichsdepositenkasse aufnehinen, die in 56 Jahren zu amortisieren sind, halb vo»»� den lKntleihern, halb vom Staate. Für den Wieder- ailfba»» der Staatsgebäude— hauptsächlich Gesängnisse— setzt der Entwurf 3 Millionen ans. Die drei vom Erdbeben be- troffcnen Provinzen werden ferner teilweise oder völlig bis zuin Jahre 1.'ö67 von der Haus- und Grundsteuer befreit; die ncuerbauten Gebäude bleiben 3 Jahre steuerfrei. Wichtiger sind die allgemeinen Maßnahinen. die die Produktion m Ealabrien heben sollen: Für öffentliche Arbeiten werden 76 Millioilen ausgeworfen, auf 13 Verwaltungsjahre zu verteilen. Hauptsächlich sollen Straßen gebaut und Land urbar gemacht werden, wobei der Staat einen Teil der Verpflichtnngen der Geineinden und Provinzen übernimmt. Für die Urbarmachung fallen'/m der Kosten dem Staat, Vio der Provinz, 2/I0 dein Besitzer des Bodens zu. Um die Landwirtschaft aus den Krallen deS Wuchers zu befreien, werden D a r l e h n s k a s s e n in den drei Provinzen ein- gerichtet, die voin Staate ein 2prozeiltiges Darlehen von 3 Millionen erhalten und � Darlehen zu 5 Proz. an kleine Besitzer, Pächler ic. geben. Es ist dies offenbar der allerkümmerlichste, am weitesten hinter den Erwartungen zurückbleibende Teil des Projekts. Zur Regelung der W a s s e r l ä u f e werden Bestimmungen über die Aufforstung gegeben, die vom Landwirtschaftsministcr auch ohne die Einwilligung der Besitzer des Bodens vorgenommen werden können; ferner werden Prämien und Steuerfreiheit für Forstanlagcn, die von Privaten geschaffen sind, festgesetzt. Sodann sieht der Ent- lvnrf die Einrichtung von landwirtschaftlichen Schulen, Versuchsstationen, Musterbetrieben solvie die Schaffung von G e»v e r b e s ch u l e n vor. Schließlich wurde zur Refor»n des Abgaben Wesens festgesetzt, daß das neue Kataster für Ealabrien bis zun» 1. Januar 1911 vollendet sein»nnß, bis zu welchem Termin keinerlei Hänsersteucr von den ländlichen Häusern erhoben wird. Es folgen Steuererlcichterliiigcn für neue Industrien»nid Bestimmniigen über die GraliSabgabe von dem Staate gehörigen Wasscrlänfen zum Zwecke der Beivässerung oder der Entwickelung elektrischer Kraft für industrielle Unter- nehinlinaen. Auf Antrag der Sozialisten Ealabricns wird die sozialistische Parlamentsfraktion ein Gegenprojekt ausarbeiten.— Schweden. Eicgcn den berüchtigten Aufruhrparngraphen. Das schwedische Strafgesetzbuch bedroht Personen, die sich an einem Tumult beteiligen, bei dem irgend ein Angriff gegen die Polizei gerichtet, z. B. ein Stein geworfen wird, mit der barbarischen Strafe von mindestens zivei Jahren Z-'chthauö, selbst dann, wenn der Angeklagte ganz unschuldig an dein Angriff ist. Gegen diesen Gesetzcsparagraphen, der selbstverständlich vor allem gegen dcnion- stricrcnde Arbeiter gerichtet ist, haben unsere Genossen im schwedischen Reichstag wiederholt Anträge eingebracht, und in vickcn Bersamm- kungen haben die Arbeiter die Abschaffung der furchtbaren Straf- bestimmung verlangt. Auch am 13. Noveutber iiahm eine Vcr- sainmlung in Stockholin eine entsprechende Resolution an. Sie »vurde mit einer ausführlichen Begründung dem Justizministerium überwiesen. Am 4. Dczeinbcr besuchte nun eine Arbciterdepntation den Staatsministcr St aas,»in zu erfahren, wie sich die neue Re- gierung zu der Frage verhält. Tcjr Minister erklärte, daß er das Vertangen der Arbeiter als bercchtsgt anerkenne und, wenn möglich, schon im nächsten Jahre dem Reichstag eine»' Rcgierungsvorschlag über die Angelegenheit vorlegen wolle, obwohl er die schroffe Form der Resolution für„weniger ansprechend" halte. Darauf erwiderte ihm einer der Deputierten, daß die Versammlung sich gerade so aus- gedrückt habe, wie die Arbeiter denken!— Durch seine entgegenkommende Antlvort auf die so berechtigte Forderung der Arbeiterschaft hat Minister Staaf sich die Feindsckaft der ganzen reaktionären Bürgcrklassc zugezogen, und man»virst ihm geradezu vckr, daß er»nit den verdammten Sozialisten» paktiere. So schreibt z. B. das Stockholmer Blatt„Aya Tagligt Allahanda": „Exzellenz Staaf strebt deutlich danach, da» keiner länger an seiner servile» Stellung zu den Sozialisten zweifeln soll.— Da Herr Staaf wissen muß, daß der Reichstag niemals darauf eingehen kmm, den ordnnngsfeindlichc»! Eleincntei» noch freieres Spiel zu gcivähren, als sie jetzt schon haben, was soll man da zu seiner Kriecherei bor den sozialistischen Deputierten sagen?"— Jim der Partei. Ein gefundenes Fressen. Die sechs aiisgescknedcilc» Redakteure des„Vorwärts" haben in» Verlage von Birk u. Co. in München eine Broschüre unter dem Titel„Der ,Vortvärts"-Konflikt. gesammelte Aktenstücke" veröffent- licht, worin sie ihren Briefwechsel nlit dein Parteivorstand und der Preßkommission, solvie ihre Repliken mit entsprechenden Einleitmigs-»»»d Schlnßglossen vorlegen. Wir werden ans diese Broschüre noch zlirückkonnncn, vorläufig sei nur folgendes konstatiert. In dem Augenblick, Ivo»vir dies schreiben, ist die gegen den Parteivorstand gerichtete Schrift in der Parteibilchhandlniig des„Vorwärts", also auch im Buchhandel über- hanpt noch nicht erhältlich. Trotzdem sind die Blätter unserer bürgerlichen Gegner, die„Berliner Volkszcitimg", das„Berliner Tageblatt" und andere in der Lage, bereits in ihren heutigen Abend- ausgaben die Broschüre ansfiibrlich zu besprechen und.»vie eS sich von selbst versteht, gegen die Sozialdemokratie miszuschlachten. So schreibt die Mossesche„Volks-Zeiwng": Der„Vorlvärts" hat uns untev der Redaktion der Herren EiSner und Genossen wiederholt in durchaus»mgercchtfertigter, nicht selten sogar in gehässiger nnd geradezu ilnanständiger Weise angegriffen. Wir haben also nicht den geringsten Grund, die sechs Bersasser des Grünbuches irgendwie zu schonen oder ihren Konflikt mit dem„Vorwärts" zu ihren Gunsten aus- zudeuten. Aber wir stehen auch gegenüber denen, die sich an»ms in verwerflicher und unanständiger Weise gerieben haben, auf dem Standpunkt: Was Recht ist, muß Recht bleiben. Ihnen gegenüber haben alle schönen sozialdemokratischen Phrasen von„menschen- ivürdiger" Behandlung der Arbeiter versagt, und sie haben ein Recht, diesen klaffenden Zwiespalt zwischen dröhnenden Phrasen nnd rauher Wirklichkeit aktenmäßig für alle Zeiten zu belegen, wie es in diesem Grünbnch geschieht, zu Nutz und Frominen derer, die n v ch belehrungsfähig sind, und zu Nutz und Fromnien der politischen Gegner der Sozial- d e in o k r a t i e. Nim, es war auch nicht anders zu erwarten, als daß die bürger- lichen Gegner für die sechs Redaktcure in ihrer Kampagne gegen den Parteivorstand und die Berliner Genossen Partei ergreifen, und mit Pater Filuzins ausrufen werden: Engelrein ist ihr Gefieder I Anerkennenswert ist dabei bloß die Offenheit,»nit der Mosse hier ausspricht, daß das ihm und seinesgleichen so prompt zugestellte GeistcSprodukt der Sechs sich vorzüglich dazu eignet...„zu Nutz und Frommen der politischen Gegner der Sozialdemokratie" vcr- wendet zu werden._ Die Organisationen und der„Borwärts"-Ko»flikt. Mit dem Vorwärtskonflikt haben sich auch die Bauhilss- a r b e i t e r von Leipzig beschäftigt, ES wurde zun» Ausdruck ge- bracht, daß das Verbandsorgan der Angelegenheit zu großes Ge- »vicht beigemessen habe; eine angenommene Resolution tadelt das Verhalten der sechs ausgeschiedenen Redakteure, Auch in einer öffentlichen V e r s a in in l n n g in Markranstädt»vurde das Verhalten der sechs Redakteure verurteilt und dem Parteivorstand nach tvie vor volles Vertrauen zugesichert.. In einer V e r s a in n» l n n g der Z a h I st e I l e d e S Bergarbeiter verbau des Brackel bei Dort-iiniiid wurde ein- stimmig folgende Resolution angenommen: „Die heutige Zahlstellcnvcrsamnilung verurteilt ganz entschieden die Schrciblvei'se der„Bergarbeiter-Zeilung" nnd namentlich die Haltung gegenüber dem„VorwärtS"-Ko>lflikt. Abgesehen davon, daß es uns gar nicht interessiert, tvie politische Parteien ihre Redaktionen besetzen, ist die Art und Weise in dem betreffenden Artikel geradezu persönlich nnd gehässig, zu Neimen und ein- spricht»iicht den Ansichten der Mitglieder. Deshalb ersucht die Zahlstelle Brackel den Vorstand, dafür zu sorgen, daß unser Organ nicht zu solchen persönlichen Zänkereien benutzt wird, da das für das Blühen nnd Gedeihen des Verbandes nicht ersprießlich ist und auch Verwirrung bei den Karneradcn hervorruft. Mögen die Herren ihre persönlichen Ansichten in anderen Zeit- schristen ausfechten. Sollte jedoch dem Verlangen der Mitglieder seitens des Vorstandes nicht Rechnung getragen»verde»», so crllärt die heutige Zahlstellenversammlung, die Beitragszahlungen solange einzustellen, bis E r k l ä r n n g r n seitens des Vor st an des erfolgen und Remedur ge- schaffen i st." In ähnlicher Weise resolviertcn die Z a h l st c l I e n Scharnhorst n n d Lindenhorst iin Rnhrgebiet, Auch in anderen Mitgliedschaften sind Proteste gegen die Haltung der„Bcrgarbcitcr-Zeituiig" im „Vorwärts"-Konflikt beschlossen worden. Das Gewer kschaftskartcll in Bromberg bcschäftigte'sich in seiner letzten Sitzung»nit der Haltung der Generalkoilrmission der Gewerkschaften Deutschlands in der„Vorwärts"- Angelegenheit. In der lebhaften Debatte, an welcher sich die Vertreter der Metall- arbeitcr, Tapezierer, Bäcker, Maurer nnd Buchbinder beteiligten, lvnrde allgemein das Verhalicn der Gcncralkoinniissio» nnd die Schreibweise„Correspondenzblattcs" geinißbilligt. Von der Annahme einer entsprechenden Resolution lvnrde indes Abstand genommen. E i n e P a r t c t b e r s a in m l n n g in Wetzlar erklärte sich in der„Vorwärts"-Angclcgenheit»nit dem Parteivorstand einverstanden. Tie Geineindeivahlen in Brün»». Aus Wien wird uns geschrieben: „Tie Boinerkungen über die gewiß nicht erfreulichen Vorgänge bei den Geineindeivahlen in der Mährischen Hauptstadt erfordern eine kleine Richtigstellung. ES ist zwar richtig, daß die deutschen und die tschechischen Sozialdemokraten nicht mit einer gemeinsamen Liste in den Wahlkampf traten, aber von„ztvei getrennten Listen" kann doch nicht recht gesprochen werden. Wie gemeldet, hatte es sich darum gehandelt, melcöc Partei sich mit vier Kandidaten(von den aufzustellenden neun) begnügen, toelcher also bei der Aufstellung die Mehrheit zukommen solle. Da darüber keine Einigung zustande kam — mi Bemühungen hierzu hat es die Gesamtpartci nicht fehlen lassen — so stellre eben jede Nationalität fünf eigene Ktandidaten aus, entnahm die vier anderen der Liste der Brudcrpartci, weshalb sich die„getrennte Liste" im Effekt auf einen Kandidaten beschränkt. Wie übrigens der Wahlausgang zeigte, waren die dcutschcn Genossen mit ihrem Begehren durchaus im Recht, de»»», obwohl die Mehrzahl der Arbeiter von Brünn tschechisch ist, ist doch die Mehrzahl der bei der Gemeinde mahl wahlberechtigten Arbeiter(die meisten Arbeiter der Textilfabriken wohnen eben nicht in der Stadtgemeinde, sondern in den benachbarten Ortschaften) deutsch. Tie deutschen Genossen brachten über zweitausend, die tschechischen nicht viel»nehr als tausend eigene Stimmen auf. Daß Brünn aber insgesamt eine überwiegend deutsche Stadt darstellt, zeigen die Wahlzifscrn der bürgerlichen Parteien: lvährciid die deutsch-oiirgerlichen über 9000 Stimmen erhielten, brachten es die tschechisch-bürgerlichcn noch nicht auf 4666 Stimmen. Irrtümlich �ist auch die Ansicht, daß die Bürgerlichen jene„Zwistigkeiten" für sich„ausnützen" wollen oder gar ausgenützt haben; daß jede bürgerliche Partei auch sozialdemo- kratischc Kandidaten auf ihre Liste nahm— selbstverständlich ganz ohne„Entgelt", denn die Sozialdemokraten stiminten nur für ihie Kandidaten— geschah ausschließlich, weil»nan die Zahl der sozial- deniokratischcu Wähler überschätzt hat, und Iveil insbesondere die Teutschbürgerlichen den Kampf nur gegen die Tschechischbürger- lichen, also rein national führten. Auf diese Weise sind, was immerhin nützlich ist, fünf Sozialdemokraten gewählt worden, und zwar mit der höchsten Stimmenzaht, die überhaupt Kandidaten er- halten haben(1t: 234 bis 12: 376 Stimmen), ein Ergebnis, über das die lschechischc Bruderpartei ganz neidlos ihre Genugtuung äußert. Bei der den Genossen eines nationalcinheitlick'eii Staates nicht leicht verständlichen Koinpliziertheit der österreichischen Ver- Hältnisse ist es eben für die Sozialdemokratie ganz unmöglich, die nationalen Fragen nnd Schwierigkeiten zu übergehen; so wunderlich dieser Briinner Kandidatenstreit auch erscheint, er war, so lange nicht durch eine Wahl die Zahlenverhältnisse klargelegt waren, nicht anders zu lösen, als durch die zwei halben Kandidatenlisten." Wir können nicht umhin, unsererseits zu bemerken, daß uns die Tatsache der zwei getrennten Listen der Sozialdemokratie in der obigen Zuschrift durchckuS nicht widerlegt zu sein scheint. Ueber ihre internen Parteifragen»nüssen natürlich unsere Freunde in Oesterreich besser Bescheid wissen, als wir. Doch sei es uns erlaubt zu sagen, daß wir die Schlutzbeincrkiiiig der Zuschrift kaum unter- schvciben könnten. Das getrennte Vorgehen im Wahlkampf mit nationalen Listen läßt sich nach unserem Empfinden bei der Sozial- dcmokratie eines nnd desselben Staates, ja, einer und derselben Stadt durch keine Zahlenverhältnisse rechtfertigen, sondern bleibt eine bedauerliche Abnormität unter allen llinständen. Agitation für die Partei nnd die Arbeiterpresse hat in um» fassendem Maße die Vcrivaltungsstelle des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes Hamburg unternonimen. Die Umfrage erstreckte sich über Hamburg- Altona- Wandsbcck- WilhelinSbnrg- Veddel und hatte folgendes vorläufige Ergebnis: Befragt wurden Personen........ 8894 Geantwortet haben........... 3934 Mitglied der Partei tvaren........ 1842 NichtMitglieder der Partei tvaren...... 2052 Für die Partei gewonnen wurden..... 506 Den Beitritt abgelehnt haben....... 1585 Leser des„Echo" bezw.„Volksblatt" waren.. 2932 Kein Parteiblatt bezw, ein gegnerisches lasen. 971 Als Abonnenten gelvonncn wurden..... 19!) Das Abouncinent abgelehnt haben..... 761 Sehr viele der Befragten antwortete»!, sie würden gerne der Partei beitreten und das„Echo", dessen Abonnenientspreis 3,60 M. beträgt, bestellen, der überaus geringe Verdienst hindere sie aber daran, diese Pflicht zu erfüllen.(Ans den Werften werden bekannt- lich bei der kurzen Arbeitszeit Stundenlöhne von 36 bis 35 Pf. gezahlt.) Die Staiistik, welche alljährlich wiederholt werden soll, zeigt, daß noch ein weites Arbeitsfeld für unsere Genossen bor» Händen ist. (3ew whfd) aftlicbee. SBcl'gaciucrfecgcrirfjte»nd VrieitrrauSschuß-Wahle». halten jetzt die Ru'irbcrglcutc»r t&wcgung. Der Termin zu den Berggcwe rbcgcrichts-Wiihlen ist ans den 12. t>. M. festgesetzt. Sowohl der'Lergarbeitcr-Verband wie auch der Christlick« Gctverkvercin gehen selbständig vor. Die Wahl- bewegung ist überall im Gange, indessen hat sie noch nicht den wilden Charakter angenommen, wie ihn die früheren Wahlen durch das Austreten des großen August Brust zeigten. Immerhin gc- bürden sich auch die hiesigen Gewerkvercinslcitcr ziemlich gereizt, und es ist Tatsache, daß sie ihre Mitglieder warnen, Beleg schasts- Versammlungen zu besuchen, die von feite» des Verbandes einberufen lv erden. Diese Gereizt- heit erklärt sich ans der blamcrblen Niederlage, die sie bei den Arbeiterausschuß-Wahlcn erleide«, indem die Bergleute f a st ein- m ü t i g die Parole des Bcrgorbcitcr-Verbandes aief Wahl- enthaltung befolgen. Am ungebärdigsten zeigt sich die Zcntrumsprcsse, welche sich nicht scheut, dem Bergarbeiter-Verband wegen der Paro/e auf Wahl- enthaltung Arbeiterverrat vorzm.xrfcn. Arbeiterveruat soll die Wahlenthaltung sein, Ivo selbst dar„Bergknappe", das Organ der Christlichen, erklärte, daß die Ausschüsse keine Arbeitervcrtrclungen, sondern U n t e r n c h m e r s chu tz br u p p e n seien, und daß ein anständiger Mensch es sich wohl überlegen müsse, ob er ein solches Amt annehmen könne. Da mit hat schon der „Bergknappe" gesagt, wo die Arbeiterverräter z u s u ch c n sind. Eine Heuchelei ist es auch, wenn die Zentrums- presse dem Verband vorwirft, durch Wahlenthaltimg mache er es möglich,' daß die Ausschüsse von„Zechcnfrcundcn" besetzt würden. Klan wende sich doch an die Christlichen, die die Ausschüsse zwar be- setzen wollen, aber völlig versagen. Entweder gehen sie mit ihren Marne raten vom Verbände, oder sie schlagen sich zu den Zechen- knechten. Bei einer solch blamablen Niederlage ist es freilich er- klärlich und verzeihlich, daß sie auf Gegner schimpfen, nur läßt sich dadurch die Niederlage weder verdecken noch beseitigen. Die Christ- lichen haben sich für diese Ausschüsse, die der„Bergknappe" Unter- iiehmerschntztruppcn nannte, ins Zeug gelegt; sie sollen die Aus- schüsse haben, sie können dann ja zeigen, ob sie für die Arbeiter ein- treten oder sich als Unternehmcrschutztruppe Gewähren tvcrde». Tie Bergleute werden sie schon zu kontrollieren wissen. Hoffentlich sind die Bergleute am 13. d. M. abermals auf dem Posten und bereiten ihren Feinden durch starke Wahlbeteiligung eine ebenso große Niederlage, wie sie es jetzt durch Wahlenthaltung getan haben. 8«Hln und(Imacgeiid. WaS in Berlin noch alles möglich ist! Tic Firma C. W. M o r i tz. Musikinstrumenten- und Trommel- sabrik, Berlin Vf., Bülowstr. 13. hat in ihrer Arbeitsordnung folgenden Passus: Es ist verboten, dem Metallarbeiter-, Holzarbeiter-Berband oder irgend einer anderen Arbeiterorganisation anzugehören, da die Zugehörigkeit zu solchen Berbänden stets zu Unzuträglich- kriten nud Streitigkeiten geführt hat. Wir glauben gern, daß es in dieser Fabrik bald zu Streitig- leiten kommt. Aber nicht wegen der Zugehörigkeit zu einer Or- ganisation, sondern wegen der vollständig unzureichenden Lohn, und Arbeitsbedingungen in diesem Betrieb. Ob der Herr Firmeninhaber weiß, daß ein derartiges Barbot ungesetzlich ist? Der Berka«id der Maurer schreibt uns: Auf die Erklärung des Vorstandes des Vereins zur Wahrung der Interessen der Maurer im gestrigen„Vorwärts" haben wir folgendes zu erwidern: Keineswegs hat der Vorstand des Vereins zur Wahrung der Jnter- essen der Maurer Berlins uns bezüglich der in der Nr. 284 des „Vorwärts" vom Verband der Maurer gebrachten Notiz, sowie der in Nr. 286 erwähnten Annonce uns der Unwahrheit überführen können. Die Erklärung, daß auf dem Bau„Kaiserhof", bevor die Difse- renz ausbrach, SO Maurer gearbeitet haben, und daß davon 52 im Verband der Maurer und im Verein zur Wahrung der Interessen der Maurer 38 organisiert waren, hätte man sich ersparen können, indem das an der Sache selbst, der Aussperrung der Verbands- manrer, nichts ändert.— Man schreibt einfach, diese wollten sieben, jene acht Stunden arbeiten und glaubt nun der Oeffcntlich- kcit gegenüber seine Schuldigkeit getan zu haben. Wir betonen nochmals, daß unsere Kollegen ausgesperrt wurden weil sie für die Vertragsbedingungen ein- getreten sind. ÄZenn wir in der Annonce darauf hingewiesen haben, daß die durch Aussperrung der Vcrbandsmaurcr entstandenen Lücken vom Verein zur Wahrung der Jnkeressen der Maurer Berlin? teilweise ausgefüllt worden sind, so trifft dies vollauf zu. Und zwar ist dies geschehen auf Anordnung des Vorstandes deS Vereins, wofür wir jederzeit in der Lage sind, den Beweis antreten zu können. Außerdem glaubt man sich damit zu rechtfertigen, wenn man schreibt, wir— die Lokalistcn— haben festgestellt, daß wohl einige Vereinstollcgcn, aber auch einige Verbandskollcgen auf dieser Ar- bcitsstelle Arbeit annahmen. Es ist wohl doch zweierlei, ob man die Kollegen ersucht, die Arbeitsstelle so lange zu meiden, bis die Differenz beigelegt ist bezw. die Instanzen gesprochen haben, oder ob man als Ersatz für die Ausgesperrten andere Kräfte besorgt. Die Behauptung, daß der Vertreter des Verbandes bei der letzten Verhandlung zwecks Beilegung der Differenz dem Vertreter der Firma den Vorschlag gemacht habe, zwei Schichten mit je neun Stunden Arbeitszeit einzuführen, ist absolut unrichtig. Das gerade Gegenteil trifft zu, indem vom Vcrbandsvcr- trcter erstens die Einstellungder Ge maßregelten und zweitens Einführung der sieben st ündigen Arbeits- zeit strikte verlangt wurde. Auf den Hinweis des Firmenvertreters, daß die Arbeit dringend sei, erklärte der Verbands- Vertreter, daß, bevor die zuständige Instanz ihr Urteil abgegeben habe, Entlassungen nicht vorgenommen werden dürfen. Die Verbandslcitnng. I. Tl.: Emil Thons. Vom Verein zur Wahrung der Interessen der Maurer erhalten wir folgende Zuschrift: Im gestrigen„Vorwärts" betreffend unser Eingesandt(Bau„Kaiserhof") macht die Redaktion angeblich zum „Verständnis" der Leser die Anmerkung, daß der Tarif der Maurer für die Zeit vom 1. Dezember bis zum 15. Januar eine sieben- stündigc Arbeitszeit vorschreibt. Zum Verständnis der Leser hätte die Redaktion, wenn sie objektiv sein wollte, noch hinzufügen müssen, daß der Tarif wohl für den„Zcntralvcrband", nicht aber für die Mitglieder des Vereins zur Wahrung der Interessen der Maurer Berlins Geltung hat, da letztgenannter Verein in einem Tarifvcrhältnis mit dem Arbeit- gcbervcrbande des Baugewerbes sich nickl befindet. Weiter hätte die Redaktion zum„Verständnis" der Leser hinzu- fügen müssen, daß unser Verein erst kürzlich beschlossen hak, daß die Arbeitszeit vom 1. November bis 15. Januar nicht über 8 Stunden betragen soll, diesen Beschluß haben die Mitglieder unseres Vereins am„Kaiserhos" strikte innegehalten. Verein zur Wahrung der Interessen der Maurer Berlins u. Umg. H. Metzle. (Wir haben jene Bestimmung des Maurertarifs, ohne Kritik nach irgend einer Seite zu üben, lediglich deswegen hinzugefügt, weil die Mehrzahl unserer Leser sich ohne Kenntnis des Maurer- tärifs kein Urteil über die Streiisrage bilden konnie. Ob der Lokalverein der Maurer den Tarif des ZcntralvcrbandcL anerkennt oder nicht, ist völlig gleichgültig gegenüber der Frage, welche Or. ganisation in diesem Falle die Interessen der Maurer wahrt durch größtmögliche Verkürzung der Arbeitszeit. Red. d, ,.Porw."tz Neues von der A. E.-G. Unter den kaufmännischen Angestellten der A. E.-G., namentlich in Obcr-Schöneweidc, herrscht starke Erregung. Bekannt ist die Tat- fache, daß während der letzten Aussperrung in der A. E.-G. die Handlungsgehülfen von der Direktion angehalten wurden, Streik- arbeit zu verrichten. Dieselbe« Handlungsgehülfen, die sonst in ihrem Standesdünkel mit Verachtung auf die Tätigkeit der Arbeiter hinabblicktcn, rechneten sich leider vielfach diese Tätigkeit in dem- selben Augenblick zur Ehre an, wo ihre Ausübung in den Augen der Arbeiter selbst nicht als ehrenhaft gelten konnte. Als Mildcrungs- grund für diese Handlmigsweisc kann man nur die geringe prin- zipiellc Aufklärung der Handlungsgehülfen über ihre Klassenlage und die verdummende Tätigkeit mancher Handlungsgchülfen-Organi- sationen in Betracht ziehen. War doch sogar die Tatsache zu vcr- zeichnen, daß der Vertrauensmann der Hirsch-Dunckerschcn Hand- lungsgehülfcn-Lrganisatioa, Lindenbcrg, zu jener Zeit Streikarbeit verrichtete. Deingegcnüber konnte erfreulicherweise konstatiert wer- den, daß es Mitglieder das Zentralverbandes der Hand- lungsgehülfen waren, die cS ablehnten, den ausgesperrten Arbeitern in den Rücken zu fallen. Dafür wurden sie denn auch mit den Arbeitern gemeinschaftlich ausgesperrt. Jetzt be- ginnt man noch nachträglich, diese Handlungsgehülfen zu maßregeln, indem man ihnen ihre Entlassung gibt. Wenn auch von der Verwaltung der Eindruck zu erwecken gesucht wird, als hätten die Kündigungen mit dam Streik nichts zu tun, so beweisen doch Acußcrungen des während der Aussperrung berühmt gewordenen Direktors PeierlS und verschiedener Vorsteher deutlich, daß es sich hier nur um eine Maßregelung handele. Die Handlungsgehülfen können sich gegen ein derartiges Vorgehen nur schützen, indem sie sich gemeinschaftlich im Zentrale rband organisieren. Wenn die Di- rektion sieht, daß es auch den Handlungsgehülfen mit der Wahrung ihrer Ehre und ihrer Interessen ernst ist, dann wird man auch in Zukunft die kaufmännischen Angestellten anständiger behandeln. Ikebergrisfe einzelner Vorsteher, die die Handlungsgehülfen mit Titeln wie„Kuli" zu belegen wagen, sind dann nicht mehr denkbar. Eine Versammlung in Ober-Schönrtveidc, in Ivclcher Genosse Martin Meyer vom Handlungsgehülfen-Verband sprach, nahm in dieser An- gclegcnhcit nach kurzer Diskussion mit allen gegen vier Stimmen folgende Resolution an: „Die im Restaurant Wilhelminenhof zu Ober-Schöneweidc tagende öffentliche Versammlung vernimmt mit Entrüstung die Maß- rcgelung fünf kaufmännischer Angestellter wegen ihres Verhaltens während der Aussperrung. In Anbetracht der Zusicherung der Generaldirektion bei den Einigungsverhandlungen:„Maßregelungen finden nicht st a t t" erwartet die Versammlung, daß die Vcrbandsleitung mit Nachdruck bei der Eeneraldircktion dahin vorstellig wird, daß diese ihr gegebenes Wort hält und die Kündigungen zurückzieht. Zentralverband der Handels-, Transport- und BcrkehrSarbeiter. Der von uns ausgeschlossene frühere Ortskassierer Semrau unterzeichneter Lrtsverwaltung ist im Besitze von Verbands- Material. Wir erklären hiermit öffentlich alles in Händen des S. befindliche Material für ungültig. Wir warnen in erster Linie die Arbeiter der Firma Kahlbaum. Gegen den Auslicferer des Materials sind die nötigen Schritte im Gange. Zcntralvcrband der Handels-, Transport- und Verkchrsarbeitcr. Ortsverwaltung Köpenick und Umgegend. veutklikr» RcUb. Der Streik der Arbeiter in den Gctreidelägern zu Duisburg ist zu Ungunsten der Arbeiter verlaufen. Es haben sich Streik- b r e ch e r genug gefunden, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Von den Streikenden sind etwa 60 nicht wieder eingestellt worden, doch soll dies nach und nach geschehen. Die Getrcidc-Arbcitcr selbst haben bis auf einige wenige Mann Solidarität bewiesen, doch war der Zuzug durch fremde Streikbrecher zu stark. Wiederum ein Streik im Ruhmvier. Tortmund, 8. Dezember. Sc i t Donnerstag mittag streiten auf Zeche„Wiendahlsbank" bei Annen über 160 Schlepper und Pfcrdetreiber. Den Leuten wurde sehr erheb- lich der Lohn gekürzt, gewisse Arbeiten, die sie sonst bezahlt erhielten, sollen sie jetzt gänzlich umsonst machen. Als sie bei der Zechenverwaltung um Zurücknahme der Maßregel vorstellig wurden, wurden sie brüsk zurückgewiesen. Darauf legten die Leute einmütig die Arbeit nieder. Auch heute wird weiter gestreikt. Die Zeche verlangte Polizei und Gen- darmerie, welche die Zeche bewachen. Im Martranstüdtcr Kürschnerstrcik ist eine Acnderung nicht eingetreten. Die Ausdauer der Ausständigen ist ungebrochen gc- blieben. Zur Weihnachtsfeier für sie sind bis jetzt 1700 M. eingegangen. Das außergewöhnliche Gcndarmeriekommando ist zwar endlich lvicder eingezogen worden, dafür werden aber die Ver- trauenslcute der Arbeiterschaft mit Vernehmungen und Anklagen zur Genüge beglückt. Das Resultat der letzten öffentlichen Ver- Sammlungen allein sind fünf Anklagen. Die Klempner der Firma Braun u. Co.. Würitcmbergischc Gasmesserfabrik zu Stuttgart, befinden sich seit 8 Wochen im Streik. Veranlassung hierzu war die Nichteinhaltung der tarif- lichen Vereinbarungen seitens der Firma. Die durch die Lrgani- ätion mit den Fabrikanten geführten Verhandlungen schlugen fehl. Die Firma hat nun in Murrhardt(einem ziemlich abgelegenen Städtchen in Württemberg) Räumlichkeiten gemietet, um dort Gas- messer zu fabrizieren. Auch besteht Grund zu der Annahme, daß die Firnia in anderen Gasmcsserfabriken ihren Bedarf herstellen läßt. Wir ersuchen daher sämtliche Ortsverwaltungcn unseres Verbandes, von vorstehender Notiz Kenntnis zu nehmen. Namcnt- lich in Orten mit Gasmesserfabriken bitten wir um Einleitung der eventuell nötigen Maßnahmen. Die Arbeiterpresse wird um Abdruck gebeten. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Verwaltungsstelle Stuttgart. Sämtliche Schiffbauer der..Reptun"-Werft in Rostock sind nach einem uns zugehenden P r i v a t t c l e g r a m m in den Streik getreten. Zuzug ist fernzuhalten.— Die Parteipressc wird um Abdruck gebeten. Kampf um die Sonntagsruhe. 4000 Zlngcstcllte der Zcntral-Warcnhandlung zu Paris hiel- tcn in der Arbciterbörse eine Versammlung ab, in welcher sie mit einem Ausstand drohten, falls ihnen nicht binnen kurzem die Sonn- tagsruhe bewilligt würde._ Versammlungen. Eine Anarchisteii-Vcrsammlnng. die gestern abend bei Ailke in der Bnmnensiraße stattfand, verfiel wieder einmal der üblichen polizeilichen Auflösung, obwohl eS unter den wenigen Besuchern so ruhig zuging wie in einer Kirche. Ein Herr B u e L hatte in der Versammlung etwas über eine„direkte Aktion" her- gebetet, wobei er auch beiläufig die russischen Bauern erwähnte, die gegenwärtig das Land einiger Grundherren unter sich verteilt hake i, und diese Bemerkung war dem üverwachenden Polizeileutnant Grund genug zur Auflösung. Ruhig und still wie die Anwesenden ge- kommen, verließen sie auch den Saal. Eine öffentliche Bildhauervcrsammlung, die am Donnerstag unter zahlreicher Beteiligung im großen Saale des Gciverkschafis- Hauses tagte, diskutierre die Frage des Ucbertritrs der Bildhauer in den Holzarbcitervcrdand. Der Referent S t n s ch e vom Holz- arbeiterverband vertrat die Ansicht, daß die wirtschaftliche Entwtcke- lung wie auch die Organisierung des Unternehmertums die Arbeiter dahin drängen, nicht bei den Organisationen nach einzelnen Be- rufen und Branchen stehen zu lileiben, sondern sich in großen Jndustricvcrbänden zusammenzuschließen� da diese besser als die kleineren Fachorganisationen in der Lage seien, die geivcrkschaft- lichen Aufgaben zu erfüllen. Auch für den Fall, daß die Arbeiter ge- gebenenfalls den Massenstreik als politisches Kampfmittel anwenden, sei der große Jndustricvcrband die beste Organisation. Für die Bildhauer sei es nur eine Frage der Zeit, ob sie sich dem für ihren Berus in Betracht kommenden Jndustrievcrband, dem Deutschen Holz- arbcitcrvcrband anschließen wollen. Tie Voraussetzung des An- schlusses sei natürlich, daß der Zentralverein der Bildhauer geschlossen dem Verband veitrcrc. Zersplitterung dürfe auf keinen Fall ein- treten. Wenn die Bildhauer noch nicht für den geschlossenen lieber- tritt seien, dann wäre es das beste, daß der bisherige Zustand weiter bestehe. Die Ausführungen des Referenten fanden lebhaften Beifall. Zwei Diskussionsredner stellten sich auf den von Stusche vertretenen Standpunkt. Einer derselben bemerkte, die Holzbildhauer im Osten Berlins seien fast ohne Aufnahme für Uebertritt in den Holzarbeiter- verband. In den Werkstattsitzungcn werde dies Verlangen reget- mäßig gestellt. Drei Diskussionsredner vertraten in längeren Reden den entgegengesetzten Standpunkt. Sie führten aus: Es komme nicht darauf an, ivekche Organisation den Mitgliedern am meisten biete, sondern vielmehr darauf, welche Organisation im Kampf mit den Unitcrnchmern am widerstandsfähigsten sei. Nicht die große Zahl der Mitglieder, sondern ein möglichst hoher Prozentsatz der Organisierten bestimmen die Kraft der Gewerkschaft. In dieser Hinsicht gehöre der Zentralverein der Bildhauer zu den stärksten Or- ganisarioncn. Er habe alle seine Kiämpfc aus eigenen Mitteln und mit eigenen Kräften geführt und nicht der Hülfe anderer Organi- sationen bedurft. Ein Grund zum Ilebcrtritt in den Holzarbeiter- verband liege also nicht vor. Für die Bildhauer sei ihre gegen- wärtige Organisation die beste. WaS sollten denn übrigens die Eteinbildhaucr und die Modelleure im Holzarbeitcrverband. Es sei gar nicht anzunehmen, daß diese Branchen den Uebertritt mitmachen würden. Wenn schon der Zcntralvcrcin der Bildhauer, sich auflösen sollie, dann würden die Steinbildhauer zu den Steinarbeitern, die Modellcure zu den Stukkateuren gehen, in deren Organisationen die Interessen dieser Branchen dann auch besser vertreten werden könnten als im Holzarbeitervcrband. Das beste sei, die Bildhauer aller Branchen bleiben in ihrer eigenen Organisation und diese im Kartell- Verhältnis zu den berufsverwandtcn Verbänden. Die weitere Diskussion dieser Frage wurde vertagt. Letzte Nachrichten und Depefd�en. ReichStags-Ersabwahl. Plön, 8. Dezember.(W. T. B.) Bei der heutigen Reichstags- Ersatzwahl im Wahlkreise Plön-Oldenburg(9. SchleAvig-Holstein) waren bis 11 Uhr abends gezählt für Bokel mann(fk.) 8480 Stimmen für Struve(Frs. Vg.) 3765 Stimmen und für Wein- Heber(Soz.) 3735 Stimmen. Fünf kleinere Bezirke stehen noch ans. Sozialdemokratie ein Hort des Weltfriedens. Paris, 8. Dezember.(W. T. B.) D e p u t i e r t e n k a m in e r. Nach der Vertagung der Interpellation Faure wird die Beratung der Interpellation betreffend die Arbeitsbörse wieder aufgenommen. Z e d a e s(Soz.) versichert, daß seine Partei patriotisch gesinnt und sagt:„Wir achten das Vaterland Schillers und Goethes ebenso, wie wir das Vaterland Victor Hugos, Voltaires und Pasteurs nicht unterdrücken lassen werden." Der Redner erinnert dann an die Haltung der Sozialisten im Jahre 1870 und erklärt, Desertion vor dem Feinde werde von den Sozialisten nicht gebilligt. L a s i c s (Antisemit) fragt, ob die Sozialisten nicht allein die internationale Doktrin zurückgewiesen, sondern auch die Hülfe derjenigen abgelehnt hoben, die sich zu dieser Doktrin bekennen. I a u r e s(Soz.) er- widert, das Ziel der Sozialisten sei, den Zusammenhalt und die Tätigkeit der Proletarier aller Länder zu fördern, um de» Krieg zu vermeiden und eine systematische Schiedsgerichtspolitik herbei- zuführen. Redner erinnert an die Reise des deutschen Kaisers nach Tanger, die, gegen den einstimmigen Willen aller Länder Europas, der Prolog zu dem europäischen Drama gewesen sei, tmS eine Vermehrung der Rüstungen Deutschlands, Englands und Frankreichs herbeiführen werde. Tie Arbeiterklasse werde erbrückt von so viel Lasten und suche natürlich die Gefahr zu beseitigen. Das Proletariat wolle dem Kapital und der Autokratie ihr Szepter entreißen und ihre erdrückende Macht. Die Organisation der Prolc- tarier sei eine nationale und eine internationale. Der Wille des Proletariats habe nicht die Macht gehabt, das Drama von 1870 zu verhindern, seitdem aber bilde das europäische Proletariat eine Macht des Gleichgewichts, auf die man rechnen dürfe. Das eng- tische Proletariat würde in vollem Aufruhr eine Macht des Friedens sein. Selbst das russische Proletariat beginne sein Recht zu fordern. In Oesterreich sei es ebenso. Was Deutschland anbetrifft, so ent- spreche die Macht seines Proletariats nicht der Zahl dieses Prolc- tariats. Jedesmal aber, wenn das Leben Europas in Gefahr gc- wesen sei, habe die deutsche Sozialdemolratic für den Frieden gekämpft. Jaures bespricht sodann die Politik der deutschen Sozialisten, die mehr und mehr zu einem Stadium der' Propaganda und der Tätigkeit übergehe. Auf dem Kongreß in Jena habe- man zum erstenmal von einem allgemeinen Ausstände gesprochen; in Dresden hätten die Arbeiter zum erstenmal in den Straßen das allgemeine Stimmrecht verlangt. Das ist, fährt Jaures fort, ein Hauch, der aus ganz Europa wehe. Von jetzt an organisiert sich das Prolc» tariat von einem Ende Europas bis zum anderen, von Petersburg und Moskau bis London über Berlin, und will eine Garantie für den Frieden werden. Wie groß auch die Schwierigkeiten zurzeit noch sein mögen, ich hoffe mit Ihnen allen, daß der Friede erhalten bleiben möge. Zwischen Frankreich und England waren die Be- Ziehungen vor einigen Jahren nicht weniger gespannt als sie gegen. wärtig zwischen Teutschland und England sind. Dieser Antagonis- mus ist beseitigt und vergessen. Warum sollte der Konflikt zwischen England und Deutschland nicht abgewendet werden? Der deutsche Botschafter in London, Graf Wolfs Metternich, hat crtlärt, daß ein solcher Konflikt eine verbrecherische Torheit wäre. Tie englischen und deutschen Proletarier denken ebenso.(Beifall.) Darauf wird die weitere Beratung auf Freitag vertagt. Ein schweres Schiffsnngliick. London, 3. Dezember.(B. H.) AuS Halifax wird berichtet, der Dampfer„Luxemburg" ist in der Bucht von Lorenzo auf einen Felsen anfgelanfcn u�d innerhalb weniger Minuten gcsuukc». Fünf Mann der Besatzung sind auf der Insel Magdalena gelandet. Die übrige Besatzung von 12 Mann, darunter der Kapitän, hatten sich kaum ans einem Boot vom Schiff entfernt, als das Boot sich über- schlug und alle, bis auf den Kapitän, der sich am Boot festhallen konnte und schließlich von Fischern gerettet wurde, ertranken. Rcrantw- Rsiultiun HMs Mtbkist Berlin. Jnjeratentell verantw.: Tb.GIocke.Bcrlin. Dru�k u. Perlag; Porwgrts AuMr. u. Pxrlagsgnjtalt KMäuöBkilngenu.UllteWltungsblait iit-m ZAZchWg. it KeilU des„Asmiilts" Aerlilltk Wldsdlitü. wAd.«i..s.?MwtM. Gin gewerkschaftlicher Konflikt in Oesterreich. ?US Wien wird uns tioin 7. Juni geschrieben: Am Freitag rrut in Wien ein auf drei Tage berechneter außerordent- l icher Gewerkschaft Skongre tz'znsammen, der über diee. wie die Tagesordnung sagt, Streitfrage zwischen der Prager Gewerk- schaftSkommission und der Reichsgewerkschaftskommission iWien> cnt- scheiden soll. � Es bandelt sich hier um eine der ernstesten Fragen des österreichischen Proletarials, die nicht von heute ist, aber seit dem Sommer dieses Jahres die schärfsten Formen angenommen. Um nicht weniger als um die Frage der gewerkschaftlichen Organi- Mtion selbst, die von der tschechiscken Partei— von der p o l i t i s ch e n weit mehr als von der gewerkschaftlichen— in vollständiger Ver- kennung der gewerkschaftlichen Aufgabe zu einer rein nationalen Sache gestaltet wird. Die ersten Differenzen auf gewerkschaftlichem Gebiete entstanden rm Jahre 1896, als der zweite österreichische Gewerkschaftskongreß die Forderung der tschechischen Parteigenossen ablehnte, das Sekretariat der Gcwerkschaftskommission in ein deutsches und ein tschechiiches zu teilen. Der Kongreß ging damals von der Erwägung aus, daß eine solche Zweiteilung des Reichssckretariats den gewünschten Erfolg nicht nach sich ziehen könne, da das Sekretariat in Wien bestimmte, cngbcgrcnzte Arbeiten zu verrichten habe, und eine Teilung in nationalem Sinne mehr der Repräsentanz gewidmet als im Jntcr- esse der sehr notwendig �zu bewältigenden Arbeit gelegen wäre, und brachte deshalb ein Sekretariat in Prag in Vorschlag, um im Zentrum der Masse der tschechischen Arbeiter in Böhmen für die gewerkschaftliche Organisation wirken zu können. Ter 5longreß erklärte aber auch, nicht nur in Prag ein Sekretariat zu errichten, sondern auch für Mähren, Galizicn, Trieft usw. vorzusorgen, um so den sprachlichen Bedürfnissen, insoweit es die finanziellen Mittel und Kräfte der Reichskommission zulassen, im Interesse der Ge- samtorganisation zu entsprechen. Diese Landcssekrctariate, den autonomen Landeskommissioncn mit eigenen Statuten unterstellt, unterliegen dem sogenannten Zentralismus nur insoweit, als es die Kongretzbcschlüsse erfordern und die erforderliche Verbindung mit der Reichskommission verlangt, die für deren Erhaltung zu sorgen hat. Sonst aber haben sie die Agitations- und Organisa- tionsarbcitcn nach eigenen Erfahrungen und Ermessen zu ver- richten. Mit einem Worte: die voll st e Bewcgungsfrei- heit nach sprachlichen Territorien ist den Organisationen im Reiche gesichert, mit der einzigen, sedoch natürlichen Einschränkung: der Einheitlichkeit der Organisationsform und der Zentralisation der Mittel, um den Gegnern kämpf sä hig und gerüstet gegenüberstehen zu können. Diese Vorschläge und Beschlüsse des Kongresses genügten den tschechischen Vertretern nun nicht, weshalb sie einen eigenen Kon- grch der damals noch sehr zahlreich bestehenden Landesvereine in Böhmen im Jahre 1897 in Prag abhielten. Dieser Prager Kongreß nahm als Grundlage seiner Beratungen das Programm des allge- ntcinen Kongresses an, um parallel neben den bestehenden Organi- sationen Oesterreichs tschechische Vereine zu gründen und zu verbinden. Gleichzeitig wurde die„Tschechoslawische Gewerk- schaftskommission" mit dem Sitze in Prag eingesetzt. Die Versuche der Prager Kommission, die nun unternommen wurden, Reichs- vrganisationen lVcrbändc von Vereinen) zu schassen und solche Vereine, die in Mähren, Schlesien und Nicdcrösterreich größtenteils - aus tschechischen Mitgliedern bestanden, zum Anschlüsse zu be- wegen, hatten nicht den gewünschten Erfolg, den man sich im ersten Anlauf zu erhoffen vorstellte. Diesem Umstände ist es zuzu- schreiben, daß sich die Prager Kommission mit dem Gedanken ver- traut machte, ihre Tätigkeit aus das tschechische Territorium Böhmens zu beschränken. Tie zuwartende Haltung der Reichskom- Mission und das zielbewußte Arbeiten der Zcntralverbände führten sehr bald zu der Erkenntnis, daß sich die eigentliche und wirkliche Reichsorganisation an Stelle der kraftloseren Reichsverbände(Per- bände von Vereinen) durchringen müsse, weshalb auch diese Frage für die tschechischen Fachvereine in Böhmen aktuell wurde. Diese allerdings nicht neue, sondern im Wesen der Gewerkschaftsbewegung sich als notwendig erwiesene Form der zentralen Organisation rang sich allmählich auch bei den tschechischen Vereinen durch, so daß mit wenigen Ausnahmen die Zentralisationen in Oesterreich als dominierende Form der modernen Gewerkschaftsbewegung durchgeführt werden konnten. Infolge dieser natürlichen Ent- toickelung der Gewerkschaftsorganisation und des verständnisvollen Mithelfens der Präger Kommission war das Verhältnis der Reichs- kommisfion und der Zentralvereine zu der Prager Sonderorgani- sation erträglich und zum Schlüsse sehr harmonisch. Dieses erfteuliche Zusammenwirken gestaltete sich in den nach- folgenden Jahren 11902 bis 1904) so innig, daß von Prag auS der lebhafte Wunsch geäußert tourde, eine Verschmelzung mit der R e i ch s k o m in i s s i o n herbeizuführen. Die Verhandlungen waren schon beendigt, der Tag für die letzte Vereinbarung sestgffetzt, als der Sekretär der Prager Kommission, der wackere Rouscher, erkrankte und bald danach starb. Run kamen neue Männer und bald darauf ein neuer Kurs. Auf einer in Brünn abgehaltenen Konferenz der tschechischen Organisation zu Weihnachten 1904 wurde als Endziel die Sprengung der territorialen Zentral organi- sationen,"die nationale Organisation der tschechi- scheu Arbeiterschaft auch auf gelverkschaft- lichem Gebiete proklamiert. So kam cS auch bald zu Reibereien mit der Wiener Kommission, welche die Stimmung für den letzten Vorstoß vorbereiteten. Dies sollte in Amsterdam, bei der internationalen Konferenz der Sekretäre der gewerkschaftlichen Landeszentralen unternommen werden. Die Prager Kommission richtete an Legten ein Schreiben, worin allen Ernstes der Wiener Reichskonimission, der internationalen Kommisfion, der alle österreichischen Rationalitäten angehören, nach- gesagt wird, daß sie.als ihre erste Aufgabe die gewaltsame Ger« mamsierung der tschechischen Arbeiter betrachtet" und worin die Nichtzulassung der Prager Kommission in das internationale Sekrc- tariar von vornherein'„als nationale Gehässigkeit" bezeichnet und mit den„äußersten Konsequenzen" bedroht wird. Dieser heraus- fordernde und ungerechte Ton fetzte sich dann in der„Denkschrift" fort, die der Amsterdamer Konferenz vorgelegt wurde. ES heißt darin: Das Wachstum unserer gewerkschaftlichen Organisation ist bedingt von der Arbeit und dem Einvernehmen mit den politi-� schon Organisationen und wir verwahren uns dagegen, daß unsere g c w e r k s ch a f t l i cb e n Organisationen von » i n c ni anderen Geiste beherrscht und von An- gehörigen einer anderen Nationalität ver- waltet werden. Wenn wir für eine selbständige Vertretung eintreten, schützen wir damit nur eines der sozialdemokratischen Grundprinzipien, das Prinzip dcS Sclbstbcstimmui'.gsrcchtes der Völker. Eingedenk dessen, oaß die Individualität des tschechischen Arbeiters gerade wie die Individualität eines jeden anderen selbstbewußten Arbeiters überhaupt die Oberherrschaft A n g e h ö r i- ger einer anderen Nationalität auf die Da u er nicht erträgt, wollen wir alles beseitigen, was für die Folge der ganzen EntWickelung der Gewerkschaftsbewegung und der notwendigen Solidarität und dem Einvernehmen unter allen Arbeitern in Oesterreich verhängnisvoll werden könnte. Tie Agitation unter den tschechoslawischen Arbeitern kann nur in tschechischer Sprache erfolgen. Und wie es der Staats- macht nicht gelang, mit Hülfe des starren Zcn- tralismus die Völker an das Reich anzuschmie- , den, würde es auch nicht gelingen, selbst auch dann nicht, wenn wir uns zugunsten des starren ( und unbegründeten Zentralismus, welchen [ unser e deutschen Genossen in Wien vertreten, freiwillig unserer Rechte begeben wollten. Es hatte jedoch weder die Denkschrift noch die persönliche Ver- fechtung der Forderung durch den Genossen Nemec den geringsten Erfolg. Sämtliche Redner(Legien, Mitchell-England, Olsen- Dänemark, Barris-Spanien, van Enkel-Holland, Jrozei-Ungarn, Oktons- Belgien) sprachen sich dagegen aus, in Oesterreich zwei .Landeszentralen" anzuerkennen, zu der Konferenz aus Oesterreich zwei Sekretäre zuzulassen; bei der Abstimmung wurde die For- derung der Prager Kommission e i n st i ni m i g abgelehnt. Da- mit, sollte man meinen, wäre eigentlich die Sache erledigt. Denn Hueber hatte sich an der Abstimmung nicht beteiligt, und die internationale Konferenz der Sekretäre ist doch sicherlich kompetent, die Bestimmungen ihrer Vereinigung rechtsgültig auszulegen. Da man den ausländischen Genossen nun nichts„antun" konnte, stürzte man sich in Prag auf den Wiener Sekretär, den Genossen Hueber. gegen den in ganz Böhmen ein wahres Kesseltreiben entfesselt wurde. Als sich die Wogen etwas gelegt hatten, machte die Rcichskommission einen neuen Versuch zur friedlichen Auseinandersetzung. Sie lud Mitte Oktober die tschechische Kom- Mission zu einer Konferenz nach Brünn, um für eine neue und dauerhafte Vereinbarung die Grundlage zu suchen. Die Konferenz endete völlig ergebnislos; dieTswechen legten daein rein- nationales„Gewerk schafts"- Programm vor. Sie fordern die Organisation nationaler Gewerkschaftsvereine imd Verbände; die Anerkennung und Gründung autonomer Gewerk- lchaftskommissionen mit dem WerbungSkreiS für alle Angehörigen ihrer Nationalität. Darauf erklärte die Rcichskommission, daß sich der Prager„Vorschlag"„gegen die Zentralisation der gewerk- schaftlichcn Organisationen richtet und seine Verwirklichung eine schwere Schädigung der gesamten Geiverkschastsbewegnng zur Folge haben müßte": Organisationen, die sich in Vcrkennung der Bedürfnisse des gewerkschaftlichcnKampfes durch Gründung eigener Lokal-, Landes- oder Reichsvereine von der Zentralorganisation loslösen, sollen„als außerhalb des Rahmens der Gewerkschaften Oesterreichs stehend be- trachtet" und zuGcgenseitigkcitsverträgen nicht mehr zugelassen werden. Der außerordciitlichc Gewerkschaftskongreß, der morgen hier zusammen- tritt, soll entscheiden, wer im Rechte ist: die Wiener Reichskominission, welche an der einheitlichen, aus den eigentlichsten Aufgaben der Gewerkschaftsbewegung erfließenden geschlossenen Zentral- organisation festhält, oder die Prager tschechische Kommission. die das gewerkschaftlich organisierte Proletariat in zusammen- hanglose nationale Gruppen spalten will. Gewerkschaftlich ist die Differenz, ist die Forderung der Prager Kommission schlcchihin nicht zu verstehen: sie ist nur zu begreifen als das Bedürfnis der tschechischen Brudcrpartei, sich auch innerhalb der gewerkschaftlichen Bewegung als Nation zu konstituieren. Die nationale Forderung widerspricht direkt dem Zwecke der Gewerkschaften; sie ist kein Ausfluß des gewerk- schaftlichen Lebens und widerstreitet allen seinen Bedingungen. Ein gewerkschaftlicher Kampf wäre schlechthin unmöglich, wenn die Arbeiter einer und derselben Branche und oft eines und desselben Jndustriebezirkes, ja vielleicht gar desselben Betriebes organisa- torisch getrennt werden sollten, weil sie zwei verschiedenen Nationen angehören. Die Berufung auf die Forderung der politischen Or- ganisation ist völlig schief, weil die politische Organisation als der Ausdruck der politischen und kulturellen Kraft einer Nation eine Vermischung überhaupt nicht verträgt, wogegen in der gc- wcrtschastlichcn Organisation eben nur die von jedem nationalen Moment ganz unbeeinflußte Stellung der Arbeiterschaft gegenüber dem Unternehmertum sich verkörpert, also nur die fachlichen Be- dürfnisse einer Branche erfüllt werden. Nur ein irregeleitetes Bedürfnis, die Gewerkschaftsbewegung zum Werkzeuge nationaler Macktbcdürfnissc zu machen, kann es erklären, daß von der Präger Gewerkschastskommission die Forderung gestellt wurde, die beruf- liche und territoriale Organisationsform aufzuheben und an ihre Stelle die lähmende und die ganze Gcwerkschaftsentwickelnng gc- fährdcnde einer im luftleeren Raum befindlichen„nationalen Autonomie" zu setzen. Es ist zu hoffen, daß der Kongreß der Ge- wertschaften die Einheitlichkeit der g e w e r k s ch a s t- liche n Organisation, welche allein die Aufgabe erfüllen kann, die in den proletarischen Kämpfen den Gewerkschaften ob- liegt, bejahen wird. Autzerordentlicher österreichischer Gewerkschaftskongreß. Wien, 8. Dezember 190ö. sTelegraphischer Bericht.) Erster Verhandlungstag. Zu dem Kongreß, dessen Dauer auf 3 Tage berechnet ist, haben sich über 300 Delegierte aus ganz Oesterreich eingefunden. Als Vertreter der sozialdemokratischen Reichsratssraktiou ist Dr. Victor Adler, als Vertreter der Generalkonimissioii der Gewerkschaften Deutschlands S i I b c r s ch in i d t- Berlin erschienen. NamenS der Reichsgewerkschaftskommission eröffnet Smitka den Kongreß, als dessen Aufgabe er bezeichnet, zu den Forderungen der Prager Gcwerkschaftskommission Slellung zu nehmen. Smitka wird hierauf zum Vorsitzenden des Kongresses gewählt. Die Grüße der Generalkonimission der Gewerkschaften Deutsch- landS überbrachte S i l b e r s ch m i d t; er betonte, daß man in Deutschland die Entwickelung der Verhältnisse in Oesterreich mit der lebhaftesten Aufmerksamkeit verfolge, und daß insbesondere das machtvolle Austreten des Proletariats in der letzten Zeit die größte Bewunderung hervorgerufen habe. Für die weitere EntWickelung der österreichischen Arbeiterorganisationen sprach er die wärmsten Wünsche der deutschen Genossen aus und schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß auch in dieser Tagung der Geist der Zusammengehörigkeit zum Siege kommen möge, daß diese Be- ratungen zum Nutzen der Gewerkschaften und zum Schaden der- jenigen ausgehen mögen, die die Arbeiterorganisationen vernichten wollten. Namens des Verbandes der Reichsrats-Abgeordneten begrüßte Dr. Viktor Adler den Kongreß. Er hob die großen Er- folge der gewerkschaftlichen Organisationen in Oesterreich hervor, welche sie in den letzten Jahren trotz der überaus schwierigen politischen, nationalen, kulturellen und ökonomischen Verhältnisse zu verzeichnen gehabt hätten. Gegenwärtig befände sich die öfter- reichische Arbeiterschaft in einem Kampfe, der alle ihre Kräfte aufs äußerste in Anspruch nchine und die größte Einigkeit aller Proletarier besonders geboten erscheinen lasse. Vor Eintritt in die Verhandlungen gab Delegierter I a r o s ch namens der tschechischen Gewerkschastskommission die Erklärung ab. daß sie die Beschlüsse dieses Kongresses nicht für bindend erachten könne und daß die tschechische Organisation endgültig über ihre Stellung entscheiden werde. I m gleichen Sinne sprachen noch mehrere andere tschechische Delegierte. Die eigentlichen Beratungen eröffnete der Sekretär der Reichs- Gewerkschastskommission Hueber- Wien. Er versicherte, daß von feiten der Wiener Gewerkschaftskommission alles getan worden sei, um ein weiteres Zusammenarbeiten mit den tschechischen Genossen zu ermöglichen. Aber die Prager Gewerkschastskommission habe auf ihrer Forderung nach einer nationalen Trennung der Organisationen bestanden. Die Reichs- Gewerkschaftskommission habe sich mit allem Zlachdruck gegen diese nationale Sonderbündelei erklärt. Wie die Ausbeutung international sei, müsse auch ihre Bekämpstmg international bleiben. Deshalb müsse sich auch der Kongreß mit aller Entschiedenheit gegen die autonomen nationalen Gewerkschaften aussprechen. Die Annahme des Prager Programms würde Verwirrung ohne Ende herbeiführen. Die Gewerkschaften würden ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen können, wenn nicht die Zerstückelung der gewerkschaftlichen Zentralorgani« sationen in nattonale Teile oder Gruppen verhindert werde. Jedenfalls würden die Gegner der Arbeiterschaft eine große Ent- täuschung erleben, wenn sie glaubten, daß. falls der Kongreß zu keiner Einigung komme, auch die politische Bewegung in ihrer ziel- sicheren Einigkeit davon betroffen werden würden. Die politischen Organisationen würden unter allen Umständen vollkommen einheitlich vorgehen. Delegierter Sie in er-Prag führt in czechischer Sprache auS, daß in kultureller und sozialer Hinsicht die Regelung der nationalen Fragen sehr erwünscht sei. Die Tschechen können aber nicht zu- gestehen, daß eS in den Organisationen Mitglieder mit mehr und weniger Rechten gebe. Die tschechischen Genossen hätten dasselbe Recht auf ihre eigene Vertretung, wie sie die Deutschen haben. Wenn die Verhältnisse noch nicht in diesem Sinne für die Lösung reif seien, so sei er überzeugt, daß in absehbarer Zeit uur� durch Zuerkennung der nationalen Autonomie auch in den Gewerkschafts- vrganisationen die Einigung sich werde herstellen lassen. Delegierter Nemec- Prag polemisierte gegen Hueber, dem er vorwarf, eine deutsch-nationale Rede gehalten zu haben. Er ver- wahrte die Tschechen gegen die Anklage des Chauvinismus; sie wollten neben den Deutschen, aber nicht unter den Deutschen in den Gewerkschaften mitarbeiten. Hieraus erklärte Delegierter Beer- Wien, Vertreter der Metall- arveiter-Gewerkschaften, die Tschechen hätten eigentlich auf dem Amsterdamer Sozialistenkongreß nichts zu suchen gehabt. Dort habe man keine Tschechen gekannt, aber auch keine Deutschen. Italiener und Franzosen, sondern nur Vertreter der Zentral« G e w e r k s ch a f t§ k o m m i s s i o n e n der verschiedenen Länder. Redner kritisierte sodann den Prager Programmentwurf. Derselbe bedeute eine Schädigung aller Gewerkschaften: denn Gewerkschaften, nach Nationalitäten gegliedert, bedeuten den Krieg in allen Betrieben und den Krieg der Arbeiter untereinander. lLebhafter Beifall.) In der Gewerkschaftsbewegung dürste es keine Scheidung nach Nationnli- täten geben, und die Verwirklichung des Prager Programms würde zur Vernichtung der Gewerkschaften führen. Nachdem die Tschechen erklärt hätten, daß sie keine Spaltung in den Gewerkschaften wollten und daß sie eine Verständigung zwischen den beiden Rattonen wünschten, empfehle er ihnen, ihren Programmentlvnrf zurückzuziehen. Durch das Hineintragen der nationalen Streitigkeiten in die Gewerk- schaften würde nur der ohnedies so mächtige Kapitalismus noch mehr gestärkt werden, und die Kosten hätten die Arbeiter zu tragen. (Beifall.) Die Weiterverhandlung wird auf Sonnabend vormittag vertagt. Em der frauenbewegung. Das Fraueuwahlrecht in Schweden. Das in Stockholm am 23. November gewählte Frauenkomitee hat nun der Regierung eine Petition für das Frauenwahlrecht übcrsandt und zugleich in derselben Sache dem Staats- und Justizminister einen Besuch angekündigt. Die Gelegcnhcir zur Durchführung der Forderung scheint gegen- wärtig sehr günstig zu sein. Im schwedischen Reichstage hat sich in den letzten Jahren ein wachsendes Verständnis für das Frauenwahl- recht geltend gemacht, und da» Ergebnis der Kammcrwahlen in diesem Herbst sowie das dadurch an? Ruder gekommene Ministerium, von dem ein ehrlicher Borschlag für da? allgemeine Männerwahlrccht zu erwarten ist, geben den Frauen Hoffnung, daß auch sie jetzt die Anerkennung als vollberechttgte Staatsbürger erreichen werden. In der Petitton wird auSgesiibrt: „Trotz verschiedener politischer Anschauungen macht sich auch im Lande selbst der ganz allgemeine und immer stärker hervortretende Wunsch geltend, die Wahlrechtsfrage zu einer so umfassenden Lösung zu bringen, daß das Land für eine längere Zukunft von Kämpfen um politische Bürgerrechte verschont bleibt und eine gemeinsame Arbeit für die übrigen Lebensfragen der Nation möglich gemacht werde. Aber man muß nicht glauben, daß dieser allgemeine Wunsch mit der Durchsührnng des allgemeinen Wahlrechts nur für die Männer verwirklicht wird. Solauge die Frauen des Staatsbürgerrechts nicht teilhaftig sind, ist die Wahl- rechtsfrage noch ungelöst, und die Erinnerung daran wird sich be- stündig geltend machen. Die Hoffnung auf der einen Seite und die Befürchtung auf der anderen, daß die Teilnahme der Frauen am politischen Leben ans die demokratischen Bestrebungen hindernd ein- wirken werde, schließt ja selbst die lleberzeugung in sich, daß die Erreichung des Staatsbürgerrechts der Frauen doch von Bedeutung für die Gesellschaft ist. Für die Vielen aber, die über die ängst- lichen Tagesinteresscn der Parteien hinwegsehen, enthält das Staats- bnrgerrecht der Frauen nichts Beunruhigendes, sondern einen einenden und erhebenden Zuwachs in der Arbeit für das allgemeine Beste und für Gerechtigkeit in der Gesellschaft für alle Mitbürger." Groß-Lichterfclde. Der Hierselbst kürzlich gegründete Frauen- und Mädchen-Bildungsvercin hält am Montag, den 11. Dezember. abends 8>/z Uhr. bei Reißen, Chausseestr. 104, seine Monats- Versammlung ab. Frau Dr. Gradnaucr spricht über»Literatur". Gäste willkommen. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 10. Dezember, vormittags Uhr, im Rallsause, Saal 109, Eingang Jüdenstraße: Versammlung. Freireligiöse Vorlesung.— Um 10'/, Uhr vormittags in der Schul-Aiila, KI. Franksurterstr. 6: Vortrag des ,�rl. Ida Altmann:»Schicksale einer Heiligen". Gäste, Damen und Herren, sehr willkommen.— Montag, den 1l. Dezember, abends piinkllich H'L Uhr, im großen Saale von B. Franke. Sebastianstr. 39: Belchlicßende Veffammlung. Tagesordnung: Bericht über den internationalen Fretdenkerkongreß u. a. m. Weiße Quittung legitimiert. AUgeineine Familie n-Zltcrbckasse. Heute: Zahltag Ackerstraße 123 bei Wicsenthal von 3—6 Uhr. Berein der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins und ilmgegend. Sonnabend, den 9. Dezember, abends 8 Uhr: Mitglieder« Versammlung im Restaurant Wils, Schulstraße, Ecke Christianiastraße. Allgemeine Kranken- und Dterbekasse der Metallardeiter. (IS. H. 29). Hamburg. Filiale Berlin 5. Sonnabend, den 9. Dezember, abends 9 Uhr, bei Patt. Dragonerstr. lö: Mitglieder-Bcrlammlung. Berel» der Buchdrucker und Schrtftgirftcr für Rirdörf-Brin. Sonntag, den 10. Dezember, nachmittags 2 Uhr, bei Vollmer: Versammlung. Vorttag. Bercin ehemaliger Gütergotzer zur Bekämpfung der Tnber- kulose. Sonnabend, den 9. Dezember, abends 9 Uhr, findet im Musiker- Haus, Kaiser»ilhelmstr. 1811, eine Sitzung statt, zugleich hält Herr Dr. Ehvisteller einen Vortrag über die erste Hülse bei plötzlichen Er- krankungen.___ Wasserflaud am 9. Dezember. Eibe bei Ansfig+ 0,32 Meter, bei Dresden— 1,08 Meter, bei Magdeburg-st 1,73 Meier.— Uustrut bei Straußsnrt-st 1,10 Meter.— Oder bei Ratibor-st 1,47 Meter, bei Breslau Oberpcgel 5,0Z Meter, bei Breslau Unterpegel— 0,96 Meter, bei Franlsurt-st 1.19 Meter.— Weichsel bei Brahemünde -st 3,19 Meter.- Warthe bei Posen-.-Meter.— Netze bet Usch Meter. Kur i>c» Inhalt der Jiijcrnte übernimmt die Redaktion de», Publikum gegenüber keinerlei Acrantwortniisi. 'Chcater. Sonnabend, 9. Dezember. Ansang 7'/, Uhr: Lpernhaus. Der Ring des Nibe- lungcn. 2. Tag:«iegsricd. Schauspielhaus. Wilhelm Teil. Neues Opern• Theater.@c. schlössen. Neues. Ein SommernachtZiraum. Westen. Rigolctto. Nachmittags 3 Uhr: Schlaraffenland. Deutsches. Der Kaufmann von Acnedig. Berliner. Zaza. Ansang 8 Uhr: Lessing. Zwischenspiel. Zentral. Musette. Nachmiltag 3 Uhr: Prinzeßchcn Goldtraut. Kleines. Ghetto. Schiller<». tWnllner. Thealer.) Der Traum ein Leben. Schiller»i.(Friedrich Wilhelm slädlisches Theater). Der Veilchen- sresser. Komische Oper. Hoffmanns Er- Zählungen. Residenz. Der Prinzgemahl. Trianon. Die herbe Frucht. Lnstspiclhanö. Nemesis. Nachmittags 3>/z Uhr: Das böse Prinzejzchen. Thalia. Bis früh um Fünfe! Nachmittags 4 Uhr: Hansel und Gretel. Carl Weist. Störenfried. Nachmittags 4 Uhr: Aschenbrödel. Luise». Die Mönche. Deutsch- Amerikanisches. Wer Herr Herzog! Wterropoi. Aus ins Metropol. Kasino. Das Opferlamm. Apollo. Prinzeß Rosine. Ein deli- kates Menu. Walhalla. In Lebensgefahr. Herrnfeld. Familientag im Hause Prellstein. Wintergarten. 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Schiller-Theater N.(Friedr.-WIlh. Th.) Sonnabend, abends 8Uhr: De»- Vcilelienkt-oei««!-. Lustspiel in 4 Akten von G. v. Moser. Sonntag, nach m. 3 Uhr: tli-ainquedillv. via Bäuerin. Abschied vorn Regiment. Sonntag, abends 8 Uhr: �apfeiüstz-klcl». Montag, abends 8 Uhr: ___ Zapfenstreich. Colosseum Dresdener- Straße 97. —_ Anfang 8 Uhr.— Sonntags 7 Uhr. Pöd? Lotte Selms Warditil das unerreichte kom. Duett Berlins größtes Geheimnis. Tagesgespräch Chicagos. 0. Fürst. Lütke Cnrlson. Bendir. Jnadcehm.S3,unhr? Huniorisfische Voiksvorsteliung. Jed. Platz 50 Pf.(1 Kind frei). Weihnachtspräsente. < Demnächst: Rin— Colossemn! X 3-25 5 c 1 � �- 2.o_g .2 � � �2"oi 22- — o" � Cß Cl W SaBSSOUCiJohljiiffrl!r.4a Direktion Wilhelm Reimer. Sonnt., Mont., Donnerst.: IlokTaiaiin« NarddeuiLehö 8ärrgsr und Tanzkränzchen. Sonntag Beginn 5 Uhr. Wochentags 8 Uhr. Dienstag und Mittwoch: �hoaton-�hvilll. Ganspiel des Löwe-K nscmbles. Der kleine Saal(150 Pech) ist noch einige Sonnabende zu vergeben. Täglich 8 Uhr: Das grandiose, erstklassige Spemlitäteu-Proglaiirm. 9'/- Uhr: Prinzeß Rosine von Paul Lincke. Sonnlag nachm. 3 Uhr: Frau Luna und das voltitändige Dezember Tpezialitäten-Programm. Kasiiio=Theater Lothringerstr. 37, Täglich 8 Uhr. Allabendlich ausverkauft. Großer Lachcrfolg! Das Opferlamm. Vorher daS sensation. Dezemberprogr Neu! ISaldwIn Brotb. Neu Sonnlag nachm. 4 Uhr: Arbeit idliiiihct nicht. Berliner Theater. Nachmittags 3 Uhr: Die Wunderglocke. Adcnds T'/a Uhr: Gastspiel Mme. R e j a n c: Zaxa, Sonntag nachmittag 3 Uhr: Die Wunderglocke. Abends 71/a Uhr: Gastspiel N s j a n e: La Rafale. Mme. Neues Theater. Ansang 71/j Uhr. Sin Scntmernachtstranm. Morgen und folgende Tage: Ein Sommernachtstraum. Kleines Theater. Abends 8 Uhr: Ghetto. Sonntag nachm 3 Uhr: Das vierte Gebot. Abends 8 Uhr: Nachtasyl. Zentral-Theater Nachmittag 4 Uhr Kindervorstellung. Prinzestcheu Goldtraudt. Abends 8 Uhr:««« t t e. l-nisen-Theater. Abends 8 Uhr: Die JVIöncbc. Sonntag nachm.: Othello. Abends: Die Mönche. Wontag: Die Mönche. kWiselie Oper. FrieiiriciiHtr. 104— 104a. Sonnabend, den 9. Dezember, abends 8 Uhr: Hoffmanns Erzählungen. Sonntag: Hoffmanns Erzählungen. Montag z. erslemnat: Die Behörne. Dienstag: Die Boheme._ Metropol Thealer ifang 8 Uhr. I's Lustspieihaus. Abends 8 Uhr: DI v m s s i s. Sonntag nachm.: Biederleute. Resiösiiz-Tliealer. Direhtion: RCchard Hlexandcr, Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Prinzgemahl. Satirischer Schwank in 3 Akten von L. Zcanrof und I. Chanccl. Sonntag nachm. 3 Uhr: Der Schlaf- «agenkcntrolleur. ValhallaTheater Unter dem Protektorate de-Z Herrn Professor Kclnh. Begas. IT" Heute ringen;"PiW Siegfried (Deutschland) gegen Antonitsch (Oesterre ch). Beginn oer Vorstellung 8 Uhr., Beginn der Ringkämpfe 9"/, Uhr. Rauchen in allen Räumen gestaltet. VlehHtdei- Herrnfeld- Theater. Komödie in 3 Akten mit den Autoren M und Donat Herrnfeld in den Hauptrollen. Vorverk. ll—2 Uhr.(Theaterkasse.) Große Jahresrevne mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jnl. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Rauchen in all. Räumen gestattet. Trianon-Theater. Heute und folgende Tage: Die kerbe Fruckt. Anfang 8 Uhr. Sonntag nachmittag: Das Eude der Liebe. Eugenie Fougere Pariser Excenfrique-Sängerin. C. Bornardi, Verwandlungs- künstlor. Mc. Banns, Keulenjongleur. ICoisa Xaynon, dressierte Vögel Perzina, Hundepantomime. Lene Land, Parodistin. Slegwart«ontes, Humonst. de Orey, Barfußtänzerin. Im Pcnitiionat, Ballett- divertissement. Dic3 Oly innicr, Bronzestatuen Biograph. Zirkus Albert Schumann Heute abend präziie 7'/, Uhr: Die gröfite und sensationellste Novität! Jlufübolide La belle Mlle, de Thiers. Die beliebte jugendliche Schulreiterin Frl. Dvra Schuuiauu. L imiiu'hp Maha- t lilUlülllC rttnil o lubjas von Mysori. Die ausgezeichnete I N.minglnn sechs spanische Truppe uuo IjllCll UlJo Pers. schwarze Stern �>88 76X38 Haltle. Direktor Alb. Schumanns neueste Mcnsttedressuren. 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Fsisss Lapnivv. vultapester Possen-Theater 132 Linienstr. 132■■ Ecke Friedrichstraße. Zum 83. Male: Kach dem Zapfenstreich. Vorher: Der DorfmnsHkant u. d. ausgezeichn.Spe/.ialitätenteil. Anfang 8 Uhr. Vorverkauf tägliehb. A. Wertheim und an der Theaterkasse v. 10 Uhr vormittags an._ XI. Berliner Saison. Zirkus Busch. Znni LI. Male: Die neueste und grebie Sehenswürdigkeit Berlins! Indien. Orig.- Pantomime des Zirkus Busch in 8 Bildern. Besonders hervorzuheben: G Indische Orig.-Faklre. IfSST' Eine Tlgcrjagdin den Dschungeln Indiens. Neu! O äiuportlorte Neu! arah. VoIlbluthengMte, dressiert und vorgeführt von Herrn Ernst Schumann. Persönliches Auftreten des Direktor Busch mit seinen sechs englischen Vollblütern. Hierauf: Eine Steeplc-Chaso ohne Reiter ausgeführt von engl. Voll- und Halbblutpferden.|Jlf Sprünge bis über 12 Pferde. Herr Burkhardt- Footfil, Schulreiter. Frl. Kaminska, Schulreiterin. Eine Springpferde- Konkurrenz zwischen 3 Springpferden. Die berühmt. Manege-Komiker Rappo und Ucade. Sonntag nachm. 4 Uhr: 6 ind. Original-Fakire.— Die Manege- Komiker Rappo und Reade.— Mexiko. Abends 7'JiUhr: Indien. I Passage-Theater, » i » Anfang abends 8 l'hr. I Das sensationelle Dezember-! Programm. Buddhas Tafel[ aus dem Jenseits). die berühmte (die Schrift Paquaretle,„S,giS 114 neue erstklassige Nnmuicr». __ Palast-Theater Burgslr. 24, 2 Min. v.Bh. Börse. Heute, den 9. Dezember, abcndsSUhr: Kxtrg-Vorstelluns zum Besten des zweite» Kreis- Koinmissnriats des NatioiialdankrS für Brteraurn. Austreten des Elite-Dezemhei-FMaiiim mit Carl Braun/TüÄ95- Darin iudara,„SSÄ Im Krug zuni griineB Kranze. Singspiel von O. Richter und 13 erstklassige Nummern. Deutsch-liüerikanisehes Theater. KUpenlckerstr. 67. Jeden Abend 8 Uhr! Gastsp. ADOLF PHILIPP ABER! Herr Herzog ♦ Jeden Sonnabend, nachmittags Uhr; Hansel und Gretel in Amerika. Jeden Sonntag nachm. 3 Uhr: Ueber'n großen Teich. Dienstag: Souvenir- Vorstellung ioo. Aufführung Belle-Alliancel Theator- Var/<;tc. Abends 8 Uhr: 14 sensation. Debüts. 1 Josephinc Petit Flammen- und Radium-Tanz.| Scppl Werner Charakter- Komiker. Variete Elysium Kommandnntonstraße 3/4. Täglich: Auftreten von 36 erstklassigen iuteniatiODalei} Spezialiiäteg. Restaurant„Zum Prälaten" Riimmolsburg. JnH.: F. Boragk. Sonnabend. 16. Dezember: öripal- Jfarburger Sänger Direktor C. Frick und F. Kasche-Krause. Ans. 8 Uhr. Entree 30 Ps. Vorzugskart. Hab. Gültigk. Jed. Sonntag: Spez.-Vorst. Reidtskallen. H e u l e: Stettiner Sänger. Zum Schluß! Doktor. von Meyscl. fatban Mand 120 Skalisterstr. 139. Die schönsten 53622* Herren-Winter-Paletots und Anzüge(J" cn IMonats-Garderobe 1 vonKavalieren getragene Sachen, fast neu, für jede Figur Paffend, speziell Bauchanzüge sind in großer Auswahl stets zu staunend billigen Preisen zu habe». � [athan Manci 129 Skalistcrstr. 139. �ochbahnstationKottbuserTor. Kitte ausHausnumincr zu achten. vioso 1 Wöclie [ täglich bis P. 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Dezember 1905, abends 8'/ü Uhr, im Lokale„Siiiil-Ost�, Waldemarstr. 75: = Grosse Versammlung � aller iu der Kli)raul»en-KrttNk!se beschäftigten Personen. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Kcnossen«ekiitte über:„Die Revolution oon 1bW8 im Gegensatz zu der russischen". 2. Diskussion. 3. Branchen-ANgelegenheiten. 168/2 4. Verschiedenes.............». _ Zahlreichen Besuch erwartet Die Ortsverwaltnns:. iiil to Htf IsU Achtung! MiHielp ollerer. r Morgtstsvrchc fm iHitlpoliftct am Sonntag, den 10. Dezember 1W5, vormittags 9'/, Uhr. •ndorserstr. 8. �ausitzcr Platz 7. .186112 Für Osten bei Franke, Zorndorserftr. 8. ,. Süd-Ost bei F eil ev,,' tie Ztgitationskoninlission der Möbelpolierer. Vsrdsnü äer Leüersrdeiter. (Clei�gerbe� färber.) Heute, Sonnabend, den 9. Dezember, jindet unsere MUgl ieder-V ersammluug italt, wozu alle Mitglieder eingeladen werden. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom 3. Quartal. 2. Borstandswahl. 3. Vereins- angelegenheitcn. 4. Verschiedenes. I. A.: Des Vorstandes: C. Weiß. Christianiastr. 11. S Sonntag bis 8 Ulir atienils s jUneT Käumungs-Ausverkaul. Üüüöü'palotol«. Sakkos (anschließend) Sakl Abendmäntel. "Oapos, Havelocks l Mark 8, 1 8, 9. 10 20, früherer Preis über das doppelte. Bä[!ie�Äia».lÄ.»Sea,"i Scn zu jelannetiiüli. Preise Enorma Auswahl 'Palowfs" Mark 8'"S 10, I c,traweit.für starke Damen.| M.Mosezyiz\{i ■ I snrfehoriiPMtP (Kein Laden), Eine Treppe, Kngros- LaÄerjerslr.'•"-°' Achten Sic jjcnnn nnf Hansnnmmer! �aim© Mark woobentheh liefero aelbstspielendo Edlusikwerke, Spreciimnsctilnen und echte Meiizcnliauer- Zitbcrn. Schönste Femihenunterhaltung. J. Kurxberg, An der JannowUzbrOcke 1, I., direkt«no ttHhnuof. v?» den nächslcn Tagen erscheint: Oer„ymärts"- Konflikt Gesammelte Akfensüicke. 114 Seiten brosch. 30 Ps- Dnrch alle Bnchhandluiigen und Kolporteure zu bezichen, sowie direkt bom Verlage K» kxrk ri. Co«3 München. 531(1.» Öo�riindet 1864.■ Pelzwaren' Fabrik S. Soblesinger Neue Königslr. 21, II (Ordononzhaus.) 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Laut Statut ist jeder Wahlverein berechtigt, drei Delegierte zu entsenden. Die Delegierten müssen mit Mandat versehen sein, Parteigenossen haben als Gäste Zutritt. Ter Vorstand. I. A.: W. Ebcrhardt. Jlt'BiBlBäciüGi'B Ächtung! üeHins und Umgegend. Sonntag, den 10. Dezember, vormittags 11 Uhr, in den Arminhallen, Kommandautenstr. 20: vekkentlieke Versammlunx. Tages-Ordnung Wie stellen wir uns zur Gründimg eines Arbeiter-Athleten-Bundes? Reserent: Genosse Redakteur N. Ströbel. Der wichtigen TageS-Ordnung halber ersuchen wir alle Sportskollegen, recht zahlreich zu erscheinen UMWtrumLntLN'ArliÄkr. Ali'»'"«' Mff" Montag, den 11. Dezember, abends 8'/z Uhr: Oeffentliche Versammlung; im Ciewerkschajtshause, Engel-User 15(großer Saal). Tages-Ordnung: 1. Ter Berlanf der partiellen Lohnbewegung i» diesem Herbst. Reserent: A. Sickfeld. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 98/4» Bei der Wichtigkeit der Tages-Ordnung ist das Erscheinen aller Miisikinsirumensen-Arbcitcr u.-Arbeiterinnen notwendig. Uie ItranehciikoiiiuiisHion des lIoizuribeitcr-VerbandeH. Mtung! Maurer, msü Tie Differenzen in betreff der Arbeitszeit auf dem Bau Kaiserhof bei der Firma L a ch m a n n«. Zauber siud noch nicht beigelegt. S4 Verbandskollegen wurden am Sonnabend ausgesperrt, weil dieselben für die vertraglichen Bestimmungen eingetreten sind. Als Ersatz für die Ausgesperrten sind vom„Verein zur Wahrung der Jntereffen der Maurer Berlins und Umgegend" die entstandene» Lücken teilweise besetzt worden. Im Verbände organisierte Kollegen, welche die Bestimmungen des Vertrags einhalten, werden dort nicht eingestellt. Wir ersuchen die Berbandskollegen, die Baustelle so lange zu meiden, bis die Differenz beigelegt ist. Die Verbandsleitung der Maurer. 159/20_ I-?l.: Emil Thöns._ Große Frankfurterstr. 106. Große Frankfurterstr. 106. Blusen-Kaiis Paul Wriske& Co. Zum Wi?' 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Dezember verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, 10. Dezember, nachm. um 3 Uhr, von der Leichenhalle der Simconsgemeinde, Marien- dorserweg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 98/5 Oie Orlsverwaltung. Verband d. baugewerblictien Hiijfsarbeiter Deutschlands. Sektion der Dachdecker- Hülfsarbeiter. Ein Opser unseres Berufes wurde am 5. d. MtS. der Kollege Robert Lüdecke, indem er infolge eines Fehltritts durch Absturz vom Dache seinen Tod sand. Die Beerdigung sindct am Sonntag, den 10. d. Mts., nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- balle des Andreas- und Markus- Kirchhoscs in Wllhelmsbcrg anö statt.' 44,18 Um rege Beteiligung ersucht Der Zweigvereins-Vorstand. Kein Luden, nur 1 Tr, Kein Laden, nur 1 Tr. Zentralverhanfl der Handels-, Transport- u. Verkehrsarheiter Deutschlands. Verwaltungsstelle Berlin I. Hierdurch diene den Kollegen zur Nachricht, dag der Kutscher, Kollege Einnsi Nickel infolge eines UnglülkssallcS verstorben ist. 72/5 Ehre seinem Andenken! �Die Beerdigung sindct am Sonntag, den 10. d. Mts., nach- mittags 3>/, Uhr, von der Leichen- balle der' Lulhergemcinde in Laiikivih aus statt. Tic Ortsverwaltung. Danksagung. Für den Beweis bcrzlicher Teil- nähme bei der Beerdigung meines lieben ManncS, unseres guten VaterS, sage ich hierdurch, be- sonders den?i!itglicdern deS Wahlvercins, sowie dem Verband der Handschuhmacher und dem Gesangverein„Lied hoch" meinen innigsten Dank. 1029b Charlotte Schön nebst Kindern. Danksagung. Da es uns nicht möglich ist, jedem einzelnen sür die vielen Beweise der Teilnahme bei der Beerdigung unserer lieben Mutter, Schwicger- und Groß- inuttcr, vcrivitwelcn Frau Klara Sichert zu danken, so sprechen wir aus diesent Wege unseren herzlichsten Dank aus. sz. A. der Hinlcrblicbencn: Ilei-nionn Siebert, Birkenst. 16. 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Dezember er. sind unsere Geschäfisrännie von 8 bis 10 und von 12 bis 8 Uhr abends geöffnet. ♦ Ausgenommen sind einige Artikel. Weihnachts- Ausstellung. I.atcrna ningion von 1.50 an. Klnpinatographen von IlHlO an, Oanipf- und llhrwerks-Eisonbahnpn von 1.50 an. Dainpf- maMcnlnen mit Pfeife 1.50. Schienen, Weichen, Kreuzungen u. sämtliche Zubehörteile, Betriebsmodelle in größter Auswahl von 0.30 an. Influenzmaschinen. Experiment lerküsten. jtotheuoujer Augengläser Echt Rathenower Brillen 1,00 Pincenez(echt Eickel) M. 1,50 ,, Double.... 5,00 „ Gold..... 12,00 Schildpatt... 4,50 Opern- und Reisegläser v. 6,00 an A. Grün, Ww. Brunnen-Straße 4 mit Kiemen 9 JL■ am Eosonthaler Tor.—• Distanzglas inkl. Ktuis i; Gewähre bis Weihwaehtew 10 yroz, Rabatt;> in 3ar oder Doppelte Marken! |; Streng reelle Bedienung in Berren-.Knalien- n. 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Die„Volkszcitung für das Muldental" hatte in ihrer Nummer vom 14. Juni unter Pegau einen Artikel gebracht, der, wie das Landgericht für erwiesen hält, anläßlich des Pcgauer Schützenfestes den Genossen einen Anhalt geben sollte, wo sie verkehren dürften. Es wurde nämlich darin eine Liste derjenigen Wirtschaften vcr? üffcntlicht, in denen die„Volkszcitung" auslicgt, ebenso wurden die Lokale namhaft gemacht, bei denen dies nicht der Fall war. Wegen dieser bloßen Veröffentlichung der Lokalliste erhielt der verantwort- lich zeichnende Redakteur, Reichstags- Abgeordneter Genosse Schöpf! in, eine Strafverfügung in Höhe von 60 Mark, weil er sich der Uebertretung einer Bekanntmachung des Stadt- rats zu Pegau vom Jahre 1897 schuldig gemacht haben sollte. Diese im schönsten Bureaukratendeutsch verfaßte Bekanntmachung lautet:„Derjenige, der den Gewerbebetrieb eines anderen dadurch zu stören oder zu bccinträch- tigen unternimmt, daß er öffentlich durch Worte oder durch Anschlag oder in anderer Weise dazu auffordert, aus einem bestimmten Geschäfts- betrieb bezw. in einem solchen keine Waren oder sonstige Leistungen zu entnehmen, oder in einem bestimmten Geschäftslokale nicht zu verkehren, wird, sofern nicht eine Bestrafung nach � 360, Ziff. 11 des Reichs-Strafgesetzbuchcs einzu- treten hat. mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder mit Haft bis zu zwei Wochen bestraf t." Schöffengericht wie Berufungsinstanz haben die ausgeworfene Strafe bestätigt. Tic hiergegen von unserem Genossen eingelegte Revision machte darauf aufmerksam, daß der Artikel weiter nichts als Bekanntgabe derjenigen Ga st wirtschaften ent- halte, in denen die„Volkszeitung" auslicge. DaS fei eine objektive Feststellung von Tatsachen und stelle nichts anderes dar als eine Empfehlung der betreffenden Lokalitäten. Die frag- liche Bekanntmachung sei auf den vorliegenden Fall unrichtig an- gewendet worden. Die in Betracht kommende Akaterie, nämlich die Regelung der öffentlichen Ordnung, fei durch Z 360, Ziff. 11 des Reichs- Strafgesetzbuches erschöpfend behandelt, Ergänzungen desselben durch Landesgesetze oder Polizci-Regulative seien deshalb unzulässig. Es müsse nach alledem die Rechtsgültigkeit der Pegauer Bekanntmachimg bestritten werden. Der Stadtrat habe eine der- meintliche Lücke der Gesetzgebung ausfüllen wollen, weil die Boykottierung der Säle infolge neuerer Entscheidung des Reichs- gcrichts nicht mehr als grober Unfug bestraft werden könne. Hierzu habe die Polizei aber keine Befugnis, ihre Strafandrohungsgcwalt erstrecke sich nur auf den äußeren Bestand der öffentlichen Ordnung. Weiter wurde ausgeführt, daß die Bekanntmachung des Pcgauer Stadtrates mit dem Gesetz gegen den unlauteren Weit- bcwerb und der Rcichs-Gcwerbe-Ordnung in Widerspruch stehe. Schließlich verstoße die Strafhöhe gegen den im§ 360, 11 des Straf- gcsctzbuchcs ausgesprochenen Grundsatz, wonach eine Geldstrafe nicht über 60 Mark hinausgehen dürfe. Gemäß dem Antrage des Oberstaatsanwalts erkannte das Oberlandesgericht auf kosten- Pflichtige Verwerfung des Rechtsmittels mit der Begründung, eine Verletzung der Bekanntmachung sei nicht eingetreten. Ein Verstoß gegen die Reichsgesetze liege nicht vor. Die Gewerbe- Ordnung komme gar nicht in Frage, denn§ 153 beziehe sich nur auf gewerbliche Verhältnisse. Das Strafgesetzbuch enthält allerdings einzelne Bestimmungen, die sich mit den Verstößen gegen die öffent- liche Ordnung beschäftigen, allein sie seien nicht vollständig, besonders was die Polizeigesetze anbelange, die bekanntlich nur «xemplifikativ seien. Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb komme gleichfalls nicht in Frage, da sich die Aufforderung lediglich aegen bestimmte Personen aus gewissen Gründen richte. Die Polizei sei zuständig, einzuschreiten, wenn ein Vorgehen gegen ein- zclne Gewerbetreibende erfolge. Was die weitere Rüge hinsichtlich der Verletzung des 8 360, 11 des Strafgesetzbuches anbelange, die darin erblickt werde, daß über die dort angekündigte Strafandrohung hinausgegangen worden sei, so sei sie ebenfalls unbegründet, denn 8 360 handele nur von Vorkommnissen auf der Straße, während hier Angriffe auf einzelne Gewerbetreibende vorlägen. Diese Entscheidung des Dresdener Oberlandesgcrichts erachtet mit Unrecht die angeführte Polizei-Verordnung für rechtsgültig. Die Polizei-Verordnung verstößt zum mindesten in der vom Ober- landesgericht gebilligten Auslegung auf das schärfste gegen die Reichsgesetzc. Das Reichs-Pressgesev sagt im Z 1: ,„Die Freiheit der Presse unterliegt nur denjenigen Bc- schränkungen, welche durch das gegenwärtige Gesetz vorgeschrieben oder zugelassen sind."§ 30 des Rcichs-Prcßgcsetzcs behält den Landesgcsctzgebungen lediglich das Recht vor, Vorschriften über das öffentliche Anschlagen, Anheften, Ausstellen, sowie die öffentliche unentgeltliche Verteilung von Bekanntmachungen, Plakaten nnd Aufrufen zu erlassen. Die Landesgcsetzgcbung oder gar die Polizei haben kein Recht, den Inhalt der Artikel einer Zeitung zu verbieten, wie es im Falle Schöpflin gcsckehen ist. Die Bestrafung der Mit- teilung, wo eine Zeitung auslicgt, ist überdies ein unzulässiger Eingriff in die Inseraten- und Gcwcrbcfreiheit, und damit in die Eiewerbe-Ordnung. Es verstößt endlich die oberlandesgerichtliche Judikatur gegen das Strafgeseybuch, welches die hier in Betracht kommende Materie völlig und ausschließlich geregelt hat. Schlüge daS sächsische Oberlandesgerichts-Urteil nicht den allcrclementarstcn Rechtsgrundsätzen des Reiches ins Gesicht, so wäre jedes Inserat, jeder Artikel von der Gnade der Polizei und des im Talar eines Richters fungierenden Zensors abhängig. Diese Knebe- lung der Presse ist mit der Reichsgesetzgebung unvereinbar. Die Freiheit der Presse und des Gewerbes ist durch das Dresdener Urteil aufs tiefste bedroht. Die bürgerlichen Parteien mögen mal annehmen, daß die Dresdener Floriane ihr Haus nicht anzünden, sondern nur da. wo es sich um den Kampf der Arbeiter handelt, zu deren Ungunsten die elementarsten Rechtsgrundsätze verbrennen. Aber ein derartiger grundsätzlicher Verstost gegen die Presifreihcit und gegen die Gcwcrbefreiheit muß und wird seiner Natur nach auch andere Parteibestrebungen treffen. Tie kritisierte Entscheidung beocutu eine Untergrabung der Grundsätze der bestehenden Gesell- schaftsordnung. Ist die Mitteilung der Lokale, in denen die Zeitung für das Muldental auslicgt, strafbar, so ist schlechterdings nicht zu ersehen, welches Inserat derjenigen Zeitungen straffrei ist, deren Inhalt die Dresdener Obcrlandesgerichtsräte lesen. Freilich kommt es ja nach Ansicht der Rechtsprechung einer untergehenden Gesell- schaftsklasse nicht auf die Tat des einzelnen, sondern auf seine Tendenz und Gesinnung an. Wenn das Amtsblatt von Dums- kirchen die Lokale mitteilt, in denen es auslicgt, so wäre danach sein Redakteur nicht strafbar:„Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe." 1 Mus Induftrie und Dandel. Der Zuckcrkonsiim in Deutschland während des Jahres 1904/05 zeigt gegenüber dem Vorjahre eine auffallende Abnahme. Infolge der Wirkungen der Brüsseler Zuckerkonvention ivar der Konsum im Jahre 1903/04 auf 1 020 620 Tonnen gestiegen, so daß auf den Kopf der Bevölkerung 17,17 Kilogramm kamen gegen 12,45 im Jahre 1902/03. Im Jahre 1904/05, also vom i. September 1904 bis 31. August 1905 betrug der Kopfverbrauch nur 14,42 Kilogramm. Nach der Statistik waren 1904/05 374 Zuckerfabriken mit Rüben- Verarbeitung im Betriebe gegen 384 im Vorjahr. Ferner haben 48 Raffinerien und 6 Melasseentzuckerungsanftalten gearbeitet. In diesen 428 Betrieben wurden im ganzen 1 605 438 Tonnen Zucker gewonnen gegen 1 921 137 Tonnen im Jahre zuvor. In 39 711 zwölf- stllndigen Ärbeitsschichten wurden 10 071212 Tonnen verarbeitet, in einer Ärbeitsschicht also 254. Zur Herstellung von 1 Doppelzenwer Zucker waren durchschnittlich 6,70 Doppelzentner Rüben erforderlich gegen 6,96 im Vorjahre. In den Verbrauch des deutschen Volkes sind insgesamt 964 014 Tonnen übergegangen gegen 1020 620 im Vorjahre. Auch die Ausfuhr hat abgenommen: mit 766 521 Tonnen war sie die geringste während der letzten zehn Jahre. Anstatt durch niedrige Preise auf eine Steigerung des JnlandSkonsums hinzu- arbeiten, sind gegenwärtig wieder Bestrebungen im Gange, die eine Erhöhung des Zuckerpreises befürchten lassen. Die Zuckerrasfinerien wollen nämlich eine Preiskonvention bilden, durch die für die Er- zeugnisse der Raffinerien Richtpreise festgesetzt werden sollen. Der deutsch-bulgarische Handelsvertrag ist soeben im Bundesrat zur Annahme gelangt und zwar wird, wie der Handelsvertrags- verein erfährt, der bulgarische neue Einfuhrtarif bereits am 14. Ja- nuar lam 1. Januar russischen Stils) in Kraft treten. Der Vertrag sieht zirka ILO Ermäßigungen und Bindungen des bulgarischen Genera ltarifes vor. Deutscherseits sind im wesentlichen etwa die- selben Zugeständnisse, wie gegenüber Rußland und Rumänien, ge- macht worden. Deutsche Bierbrauerei A.-G. Die Einnahmen der Gesellschaft belaufen sich auf 1 419 316 M. Nach Abzug der Unkosten usw. ver- bleibt ein Reingewinn von 568 807 M.— 506197 M. im vorigen Jahre— woraus 10 Proz. Dividende verteilt werden. Die in Radeburg vorgenonnnenen baulichen und maschinellen Neu- einrichtungen erforderten 224 669 M. Der Bericht gibt für die Zu- kunft ein günstiges Prognostikon. Charlottenburger Wasserwerke. Eine Dividende von 15'/« Proz. glaubt der Aufsichtsrat für das abgelaufene Geschäftsjahr in Vor- schlag bringen zu können. Anspannung des Geldmarktes. In New Jork hat die Anspannung de? Geldmarktes einen so hohen Grad erreicht, daß Schatzsekretär Shaw zur Erleichterung der Lage 20 Millionen Dollar bei den be- deutenden Banken hinterlegen will. Am Donnerstag wurden für tägliches Geld bis 22 Proz. gezahlt. Auch auf dem deutschen Geld- markt macht sich die Verleihung derart stark geltend, daß eine Herauf- setzung des Diskontosatzes auf 6 Proz. als sicher gilt. Das wird nicht ohne Einfluß auf die Industrie bleiben, jedenfalls stark hemmend auf die Sucht nach Betriebserweiterungen einwirken. DaS Eisenbahnwesen im nördlichen China. Die Peking-Tientsin- Schanhaikwan-Dinkau-Bahn/z Millionen Dollar die Beförderung von Personen und Gütern und"ungefähr 600 000 Dollar die Beförderung von Kohlen beigetragen.' Den Bruttoeinnahmen von insgesamt rund 6 Millionen Dollars stehen Ausgaben von nur 2'/, Millionen gegen- über, so daß ein Reingewinn von ungefähr 3'/, Millionen Dollar verbleibt. Amerikanische Hochofenproduktion. Die Roheisenerzeugung er- reichte nn Oktober den höchsten bisher erreichten Stand, sie beziffert sich auf 2 083 127 Tonnen. Die Stahlwerke wiesen im Oktober gegenüber ihrer September« Produktion ein Mehr von 108 000 Tonnen auf und die Roheisen für den Markt herstellenden Hochöfen ein solches von 45 000 Tonne». Ab- gesehen von der Tatsache, daß der Oktober 31 Tage zählt, ist der erzielte Rekord der intensiven Arbeit an dem größten Teil der Hoch- öfen zuzuschreiben. Wenn auch einige Hochöfen im Verlauf des Oktober ausgeblasen werden mußten, so war doch der Bestand der im Betrieb befindlichen Hochöfen am 1. November fast der gleiche wie an demselben Tage des Vormonats, nämlich 278 gegen 276. Wagenstellung. Am Donnerstag wurde im Ruhrrevier die höchste Gestellungsziffer mit 22 623 Wagen erreicht. Gefehlt haben keine Wagen, dagegen haben im Saarrevier am Mittivoch von 3026 geforderten Wagen 741 gefehlt und in Oberichlesicn von 8905 Wagen 676. Seitens der Interessenten wird die Kalamität in der Wagcnstellung zu einer energischen Agitation für bedeutende Vermehrung des Wagenparkes ausgenützt. Die Löhne sind das Karnickel. Die Zwangsinnung der Tape- zierer in Berlin macht folgendes bekannt: Auf Grund der in diesem Jahre stattgefundenen Lohnbewe- gungen im Tapezierer- und Dekorationsgewerbe, welche eine sehr erhebliche Steigerung der Löhne im Gefolge hatten, sowie der immer teurer werdenden Rohniaterialien, ist eine Preissteigerung der Pro- dukte des genannten Gewerbes durchaus notwendig geworden. Das verehrliche Berliner Publikum möge Nachsicht üben, wenn jetzt seitens der Tapezierermeister etwas erhöhte Preise gefordert werden, welche notgedrungen eintreten mutzten, durch die angeführten Gründe. Bestellungen der bayerischen StaatSbahnverwaltung. Die Ver« waltung hat zum Ersatz von 83 älteren Lokomotiven Neubeschaffungen ins Auge gefaßt. Die Kosten dafür sind auf 5 Millionen Mark veranschlagt. Weitere 5�/z Millionen Mark sollen eingestellt werden für Ncubeschafftmg von 166 Personenwagen, 644 Güter- und Gepäck- wagen, sowie 6 Postwagen. Vom Berliner Textilmarkt. Besonders in feineren Wollen herrscht trotz anziehender Preise Kauflust, auch Kämmlinge und Abfälle Iftnd gut gefragt. Die Spinner dagegen zeigen Iveniger Neigung zu Deckungen. In wollenen Geweben werden bei starken Umlätzen höhere Preise erzielt. In der Strumpf- und Wirkwareu- brauche ist der Geschäftsgang befriedigend, ebenso in der Möbel« stoff-, Teppich- und Deckeubranche. Gegenüber lebhaftem Verkehr in der Jutebranche ist das Geschäft inder Seidenindustrie dauernd schwach. Steigender Gewinn. Bei einem Umsatz von 5 164 042 M.— gegen 3 975 516 M. im vorigen Jahre, erzielte die Waggonfabrik Akt.-Ges. vorm. Herbrand u. Co. in Köln einen Reingelvinn von 417 324 M. Es gelangt eine Dividende von 10 Proz., gegen 6>/z Proz. im v. I. zur Verteilung. Soziales. Zur Anslegnng der Sonntagsruhe-Borschristen im Schlächterei. betrieb. Der Schlächtermeister Lehder, lvelcher in Charlottenburg fabrikmäßig die.Herstellung von W-urst betreibt, war lvcgen Uebertretung der Bestimmungen der Gewcrbe-Ordnung über die Sonn- tagsruhe in Fabriken angeklagt worden. In dem Betriebe waren an einem Sonntagvormittag mehrere Gesellen noch gegen 11 Uhr mit Wurstmachen beschäftigt worden, während andere die Arbeitsräume reinigten, namentlich die darin stehenden Maschinen.— Das Landgericht als Berufungsinstanz sprach den Angeklagten frei und führte unter anderem aus: Allerdings gehöre der Betrieb nach Art. Um- fang, Maschinenverivendung zu den Fabriken, wo an Sonntagen die Beschäftigung von Arbeitern an sich verboten sei. Auf Grund des 8 105» der Gewerbe-Ordnung seien jedoch durch die Verordnung des Polizeipräsidenten bezüglich des Fleischergewerbes, unter welches der Betrieb des Angeklagten ebenfalls fällt, Ausnahmen vom Ver- bot der Sonntagsruhe zugelassen. Es seien zur Befriedigung tag- licher oder an Sonn- und Festtagen hervortretender Bedürfnisse die Stunden von 5 bis 10 Uhr zur Beschäftigung freigegeben. Dafür, daß Angeklagter an jenem Tage über das an ihm hervorgetretene Bedürfnis hinaus Thüringer Blutwurst habe herstellen lassen, sei nichts festgestellt. Soweit aber die Herstellung der Wurst nach zehn Uhr noch erfolgte, sei Angeklagter dadurch geschützt, daß vom Tage vorher Blut übrig geblieben sei und dieser Rohstoff ohne Gefahr der Verderbnis nicht über den Sonntag hinaus hätte aufbewahrt werden können. Tie Reinigungsarbeiten hätte Angeklagter ohne Rücksicht auf die Zeit des Gottesdienstes vornehmen lassen können. Sie wären notwendig für die ordimngsmäßige Durchführung nnd Fortsetzung des Betriebes. Der Betrieb einer sauberen Wurstfabrik erfordere auch, daß man mit der Reinigung nicht bis zum nächsten Tage wartete. Der erste Strafsenat des Kammergerichts ver- lvarf vorgestern die Revision der Staatsanwaltschaft, soweit es sich um die Reinigung handelte, hob aber die Vorentscheidung bezüglich der Wurstherst eilung nach 10 Uhr vormittags auf. Insoweit wurde die Sache zu anderweitiger Entscheidung an das Landgericht zurückverwiesen. Bezüglich der Reinigung billigte das Kamnwrgerickt die Auffassung des Landgerichts. In der anderen Frage führte es aus, daß die Gesellen mit der Wursthcrstellung über die freigegebene» Sonntagsstunden hinaus auf keinen Fall hätten beschäftigt werden dürfen. Bei jenen freigegebenen Stunden handele es sich ja schon um Ausnahmen. Daß Blut vom vorherigen Tage übrig geblieben war, könne den Angeklagten nicht entschuldigen. Möge er Sonn- abends seine Dispositionen besser treffen. „Vater Staat" als Arbeitgeber. Zu der gestern von uns niedriger gehängten Arbeiterfürsorge des Rcichsdruckerei wird uns mitgeteilt, daß die tatsächlichen Bedingungen für die Arbeiter- einstellung noch ungünstigere sind als die den Buchdruckern durch die Jicichsdruckerei bekannt gemachten. Nach diesen durfte bei der Ein- stellung das Lebensalter 35 Jahre nicht übersteigen. Tatsächlich lvcrden aber schon alle Arbeiter zurückgewiesen, die das 30. Lebens- jähr überschritten haben. Dreistündiger Skat-Arbeitstag.„Wenn die Arbeiter eine Ver- kürzung des Arbeitstages erreichen, mißbrauchen sie das doch nur, um länger in der Schenke zu sitzen." Das ist bekanntlich der stete Einwand der oberen Zehntausend gegen die Bestrebungen der Ar- beiterklasse auf Erringung einer incnfchcnwiirdigcn Arbeitszeit. In wie unvergleichlich edlerer Weise die Vertreter von Bildung und Besitz ihre Muße zum Segen der Allgemeinheit zu benutzen wissen, zeigt u. a. ein Inserat in der„Schlesischen Zeitung", dem Organ der Großgrundbesitzer und Großindnstriclleu sowie ihrer ärztlichen Trabanten vom 7. d. M.(Nr. 859, fünfter Bogen, Spalte 2). Es lautet: „In einem geselligen Verein von Herren aus besseren Ständen, in wclch'm täglich Skat von 5 bis 8 Uhr gespielt wird, sind neue Mitglieder willkommen. Meldungen unt. G. 28 an die Geschst. d. Schles. Ztg." Täglich drei Stunden! Das sind im Jahre 137 volle Arbeitstage zu acht Stunden, die von diesen Säulen der gesellschaftlich'» Ordnung in der geistvollen und nützlichen Tätig- keit des Skatspiels angelegt werden. Als Unterhaltnngsstoff die»! dabei vermutlich die Faulheit und Begehrlichkeit des Proletariats und die entsetzliche Last der sozialen Gesetzgebung. Die„Schlesijche Zeitung" ist Führerin für die Bestrebungen derjenigen sozial nnd beruflich minderwertigen Aerztcschaft, die gegen die soziale Gesetz- gclmng Sturm läuft, weil sie den Charakter der Arbeiter und das Einkommen der Aerztc verschlechtern. Teures Fleisch— billige Seefische!! Bester Fleischersatz, schmackhaft and durch hoben Nihrgcbalt sich auszeichnend! Große Fänge in lebendfrischer Ware sind soeben eingetrcllen! Ein Versuch mit diesen äuflerst schmackhatten Fischen Ist jeder Haustrau zn empfehlen. öecfiscb-Rocbbücbcr gratis. Deutsche llaiiipffischerei-Gesellschaft„Nordsee" Pt. pr. Pfd. Filiale: Berlin C. 2, Bahnhof Börse, 8-10. � Zentral-Fernsprecher: Amt III, 8804. � Verkanfe-yiederlagen; Prinzenstraße 30 Madaislraße 22 Landsbergerstraße 52-53 (am Moritzplatz). (im Schlesischen Bahnhof),(der Kurzenstr. gegenüber). Seelachs M W 21 Gr. Schellfisch s« 33.. Kabeljau m 33... Alle übrigen Sorten Seefische zu billigsten Tagespreisen. geben wir Heute| Morgen ü, Sei 9. 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Dezember 1905, nach- mittags 3 Uhr, im Volkshause, Charlottenburg, Siosinenstr. 3: Generalversammlung: Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes. 2. Bericht der Funktionäre. 3, Wahl des Vorstandes und der Funktionäre. 4. Wahl der Delegierten zur Generalversammlung Groß-Berlin. 5. Statutenberatung und Anträge. 6. Verschiedenes. Laut Statut ist jeder Wahlverein berechtigt, drei Delegierte zu entsenden. Die Delegierten müssen mit Mandat versehen sein. Parteigenossen haben als Gäste Zutritt. Der Vorstand. I. A.: W. Eberhardt. Pankow. Die Parteigenossen werden auf den am Mittwoch, den 13. Dezember er. stattfindenden Zahlabend aufmerksam gemacht. Gruppe I. bei Griffel. Kaiser Fnedrichstr. 15: II. Abendroth. Mühlenstr. 25; III. Clemeu, Wollankstr. 122; IV. Buge. Schulze- slraße 28; V.Wolf, Wollankstr. 23. Genossen! Erscheint zahlreich und führt dem Verein neue Mitglieder zu. Der Vorstand. Weißensee. Sonntag, den 10. d. M.. findet vom Lokal des Genossen Wilhelm Schmutz, Königchaussce 33 aus. die diesjährige Kalenderverbreitung statt. Die Genossen werden im Interesse der Sache ersucht, sich zahlreich zu beteiligen. Zeit des Abmarsches Vzß Uhr. Die Genoffen werden ersucht, recht pünktlich zu sein. Der Vertratlensmann. Neuenhage» a.b. Ostbahu. Am Sonntag, den 10. d. Mts., nachm. 4 Uhr findet im Lokale von A u g u st W ü n s ch e, Bahnhofstratze, eine außerordentliche Generalversammlung des sozialdemokratischen Vereins für Neuenhagen und Umgegend statt. Tagesordnung: 1. Die Reorganisation des Vereins. 2. Bericht von der Kreiskonferenz. 3. Vereinsangelegenheiten. Erscheinen aller ist Ehrensache. Vorort- l�admcbteu. BolkSzählungSresultate aus den Berliner Bororten. In Lichtenberg wurden gezählt 55 293 Einwohner gegen 43 371 im Jahre 1900. Im Jahre 1905 allein hat Lichtenberg- Fricdrichsberg um zirka 5000 Einwohner zugenommen. Die Ein- wohnerzahl von Charlottenburg beträgt nach der vorläufigen Feststellung 230 634 gegen 188 531 im Jahre 1900. In Klein- Glienicke bei Potsdam(einschließlich Teile der Kolonie Neu- Babclsberg) wurden ermittelt 1105 Einwohner gegen 990 bei der vorhergehenden Zählung. Interessant ist das Ergebnis der Zählung in Rixdorf, woselbst 152 858 Einwohner ermittelt wurden gegen 90 422 im Jahre 1900. Bis 1990 war Rixdorf stets größer wie die Nachbarxxmcinde Schöncbcrg, ivelche letztere bei der Zählung im Jahre 1900 Rixdorf um zirka 4000 Seelen überflügelte. Jetzt wiederum ist Schöuebcrg gegen Rixdorf zurückgeblieben, da dort nur 140 932 Einwohner festgestellt wurden. Es hat also nach der diesmaligen Zählung 12 000 Seelen weniger aufzuweisen wie sein südlicher„Rivale", Schöneberg. Die Wahl des zweiten Bürgermeisters und de? Kämmerers der Stadt Schönekwrg wird am Montag, den 18. Dezember, abends 7 Uhr, von der Stadtverordnetenversammlung vorgenommen. Von den 150 Bewerbern um diese beiden Aemter sind nur acht von dem Ausschuß zur engeren Wahl gestellt, und zwar für die Bürger. meisteritelle folgende sechs Herren: Syndikus Blankenstein-Schöne- l>crg, Stadtrat Damter-Charlottenburg, Stadtrat Dr. Beil-Danzig, Stadtrat Berg-Königsberg und Bürgermeister Kuhr-Burg. Außer- dem wird in bürgerlichen Kreisen noch Stimmung gemacht für den früheren Schöneberger Stadtrat Dr. Wölck, der erst vor kurzer Zeit das:Gemeiiidevorsteheramt in Weißensee übernommen hat.— Für das Kämmercramt kommen nur zwei Bewerber in Betracht, Herr Rechnungsdirektor Machowicz-Schöneberg und Stadtrat Deichen- Graudenz. Der städtische Arbeitsnachweis wies im November wieder einen Ucberstand der Arbeitsuchenden gegenüber dem Angebot auf. Das letztere betrug 1044(männliche 316. weibliche 494. Dienstboten 279>; Arbeitsuchende waren eingeschrieben 1139(männliche 494, weib- liche 466, Dienstboten 178). Die Zahl der besetzten Stellen bclicf sicki auf 928(männliche 340. weibliche 422, Dienstboten 166). An letzteren scheint ein stetiger Mangel vorhanden zu sein, die Nachfrage übersteigt denn auch meistens das Stellenangebot. Dieser Umstand läßt darauf schließen, daß es mit dem hcrrschafllicherseitS gerühmten „Dicnsibvten-Jdyll" nicht weit her ist. Tie Jugendliteratur-Ausstelluiig des Wahlvereins kann nur noch am heutigen Sonnabend, von 7% Uhr abends ab, und morgen, Sonntag, von 11 Uhr vormittags bis 2 Uhr nach- mittags, im Ob fischen Lokale, Meiningerstraße 8(Tunnel), be- sichtigt werden. Wer es Kisker versäumt l)at, hiervon Gebrauch zu mache», der benutze noch diese Gelegenheit. Charlottenburg. Städtische Verkehrspolitik. In welche Abhängigkeit sich eine Kommune begibt, die privaten Verkehrsgefellschaften die Ausnutzung ihrer Straßen überläßt, dafür bietet Charlottenburg ein charaktc. ristisches Beispiel. Tie Vcrkehrsverhältnisse in Charlotteuburg sind so mangelhaft wie kaum in einer anderen Gemeinde. Nicht nur, daß wichrige Verbindungen überhauvt fehlen, folgen sich auch die Wagen selbst zu berkchrsreicheu Zeiten und in verkehrsreichen Gegenden in so langen Abständen, daß gewöhnlich scbon an der ersten Haltestelle alles besetzt ist. Dazu kommt, daß Charlottenburg die einzige Berliner Vorort gemeinde ist, die den Zchupfcn>>igtaris nicht tonnt. Seit Jahren wird im Publikum und in der Stadtverordneten- Versammlung über diese Verlehrspolitik geklagt. Nach langwierigen Verhandlungen ist nun endlich zwischen den Straßenbahngoscll,chasten und dem Magistrat ein Vertrag züstairde gekommen, der zwar große Mängel enthält und den berechtigten Anforderungen der Bevölkerung in keiner Weise entspricht, aber doch wenigstens für einige Strecken Verbesserungen ausweist. An diesem Vertrag hat der zur Prüfung desselben eingesetzte Ausschuß der Stadrverordnelenvcrsammluiig iinr Arnderung vorgenommen, er hat die Bestimmung, wonach die Berlin- Charlottenburger Straßenbahn vis zum 1. Januar 1919 ein Nachlaß von jährlich 4000 M. dafür gewährt wird, daß sie gegeil den Bau der Unrergrundbahn Knie— Wilhelmsplatz keiner» Widerspruch erhebt, gestrichen. Ter Ausschuß sollte am Mittwoch über seine Tätigkeit Bericht erstatten, doch wurde dieser Gegenstand von der Tagesordnung ab- gesetzt. Die Straßenbahngesclljchaften, die von dem Beschluß des Ausschusses Kenntnis erlangt hatten, benutzten nämlich die vom Ausschuß getroffene Aenderung als Anlaß, um von dem neuen Ver- trage überhaupt zurückzutreten. Sie erklärten, daß ihre Interessen ein Hinausgehen über die im Lause der Verhandlungen immer weiter ausgedehnten Zugestäiidnisse(!) nicht gestatten. Dazu kommen, daß die tatsächlichen Verhältnisse, auf Ivelche sich die bisherigen Ver- tragSverhandlungen gründeten, durch die inzwischen gereiften Pläne der Erbauung von Untergrundbahnen in der Leipzigerstraße und der Straße Unter den Linden eine wesentliche Veränderung er- fahren haben. Durch die hiernach bevorstehenden neuen Betriebs- cinrichtungcn würden auch die Verkehrsvcrhältnisse der Stadt Char- lottenburg erheblich beeinflußt, so daß mit Rücksicht hierauf din Gesellschaften zurzeit nicht zu übersehen vermögen, inwieweit durch die geplanten Verkehrseinrichtungen eine Aenderung der im Ver- tragsentwurfc festgelegten Fahrplan- und Tarifbestimmungen im Anschlußverkehr bedingt werde. Unter diesen Umständen sehen sich die Gesellschaften zu ihrem Bedauern gezwungen, ihre bisherige Be- rcitschaft zum Abschlüsse eines Nachtragsvertrages hiermit zurück- zuziehen, sie wollen jedoch, sobald die bezüglich der geplanten Unter- grundbahnen noch schwebenden Fragen eine genügende Klärung er- fahren haben, mit der Stadtgemeinde ivegen Abschlusses eines Nach- tragsvertragcs gern in erneute Unterhandlungen trete». Es ist klar, daß die Gesellschaften die Stellung, die ihnen durch den früheren, für die Stadt ungünstigen Vertrag, eingeräumt ist, be- nutzen wollen, um die Stadt zu zwingen, sich ihren Privatintereffen zu fügen. Vor allem wollen sie sich in ihre Tarifpolitik mcht hinein- reden" lassen. Hoffentlich wird die Stadt Charlottenbnrg das Spiel der Straßenbahngesellschaften durchschauen, ihre Absichten durch- kreuzen und aus andere Weise für die Befriedigung des Verkehrs- bcdürfniffcs der Bevölkerung sorgen. Wilhelmsruh. Neue Straßenbahnlinie. Wegen der Führung einer Straßenbahn vom Norden Berlins nach Wilhelmsruh an der Nordbahn schweben zwischen de» Vorortsgemeinde und der Siraßenbahugesellschaft Ver- Handlungen. Die Direktion der Großen Berliner Straßenbahn hat sich bereit erklärt, eine der in Reinickendorf endenden Linien nach Wilhelmsruh weiterzuführen, sofern die Gemeinde die üblichen Vor- bedinqungen erfüllt. Der Gemeindcvorstand ist dazu nicht abgeneigt und hat die Vorarbeiten für die Verbreiterung der in Bettacht kommenden Straßen bereits eingeleitet. Tegel. Der Tegeler Gemeindevorstand ist an die Direktton der Großen Berliner Straßenbahn mit den, Ersuchen herangetreten, auf der Strecke Berlin— Tegel den Fünfminutenverkehr einzuführen. Das rapide Wachstum des Ortes habe den jetzt bestehenden Minutenverkehr, ivelcher abends in einen viertelstündigen zurückfällt, über- holt.— Die Wagen seien fast den ganzen Tag über voll besetzt; zu den Hauptverkehrszeiten sei häufig überhaupt nicht mitzukommen, so daß besonders die hier beschäftigten Fabrikarbeiter nicht selten länger als eine halbe Stunde warten müßten, ehe sie in einem weniger besetzten Wagen Platz fänden. Fricdrichsfclde. Bom-Bertraucnsmann in Fricdrichsfelde erhalten wir folgende Zuschrift: In dem Bericht über die Krciskonferenz von Nieder- Barnim lassen Sie dem Genossen Freiwaldt nach der Abstimmung über die Resolution sagen:„Welcher Ansicht die Friedrichsfeldcr Genossen seien, von denen vier dagegen gestimmt hätten, sei nicht bekannt." Tatsächlich hat Freiwaldt gesagt: Welcher Ansicht die Fried- richsselder Genossen seien, von denen einige dagegen gestimmt haben, darüber wird wohl der Vertrauensmann Auskunft geben können.. m Gegen die Resolution haben nur die Delegierten vom Bezirk Karlshorst und der vom Bezirk Mahlsdorf gestimmt. Allen Genossen zur Nachricht, daß am Sonntag früh 8 Uhr Kalenderverbreitung ist. Treffpunkt an den bekannte, Stellen. Der Vertrauensmann. Wilmersdorf. An» Mittwoch tagte im Volksgarten eine gutbesuchte General- Versammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsitzende dem verstorbenen Ge. uossen Auaust Müller einen warmempfundenen Nachruf; die Ver- sammluna ehrte das Andenken durch Erheben von den Platzen. Zur Generalversammlung des Kreises wurden die Genossen Giebler, Henkel und Kiefer delegiert. Alsdann stand die Neuorganisation Groß-Berlms zur Be- ratuua Die Delegierten Murrer, Radtkc, Kiefer, Mcuser, Henkel und Giebler wurden bestätigt, und beauftragt, dafür einzutreten, daß die Generalversammlungen des Verbandes sechs Wochen vorher bekannt gegeben ioerden. Im Anschluß daran kam eine Angelegenheit Gicbler-Südekum in sachlicher Form zur Verhandlung. Gleichzeitig wurde auf die zur Zeit in der Spedition ausgestellte Jugendliteratur hingewiesen. Teltow. Gestern wurde der Arbeiter Rosenstok aus Groß-Lichtcrfelde von der Tampfstraßenbahn Stahnsdorf— Groß-Lichterfelde daselbst überfahren un-d schwer verletzt. Potsdam. Heber den„Einfluß der industrielle» Entwickelung auf das Familienleben" hat hier die Genossin K i e s e l- Berlin im Zweig- verein der Maler einen instruktiven Vortrag gehalten, der all- fettigen Beifall gefunden hat. Tie Beispiele, die die Rcdnerin ans dem Arbeiterleben anführte, gaben ein recht anschauliches Bild des unheilvollen und demoralisierenden Einflusses, den die moderne kapitalistische Jndustrie-Entwickelung auf das Leben des Arbeiters, das Verhältnis zwischen Mann und Frau und schließlich das Familienleben ausübt. Diele menschenunwürdigen Zustände könnten aber nur gehoben werden, wenn Mann und Frau g e- m einsam gegen die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und gegen jede Beschränkung ihrer menschlichen Rechte Front machen würden, statt sich gegenseitig zu bekämpfen. Es sei daher mit eine der Hauptaufgaben der organisierten Arbeiterschaft, dafür zu sorgen, daß die Frauen mehr als bisher aufgeklärt würden. Dann würden viele Frauen nicht mehr so verständnislos oder gleichgültig den Kämpfen der Männer um bessere ökonomische und freie politische Verhältnisse gegenüberstehen, wie es leider noch vielfach gerade in Potsdam der Fall ist. Die aufgeklärte Frau ivird dann nicht bloß die Gattin sein, sondern sie wird die mitkämpfende Gefährtin, die Genossin des modernen Arbeiters in jeder Beziehung werden. Für die Opfer der russischen Freiheitskämpfe haben die Pots- damer zentralorganisiertcn Maurer neuerdings wieder einen Bei- trag bewilligt, und zwar 100 M. aus der Lokalkasie. Damit haben die hiesigen Gewerkschaften ein gutes Beispiel bekommen« Berliner JVacbrlcbten» Polizeiweisheit hält sich sonst gern für unfehlbar, aber heute haben wir einmal zu melden, daß sie selber bekemii, geirrt zu habe». Vor mehreren Wochen hatten wir über eine V e r in i ß t c n s n ch e berichtet, deren Ausgang nicht sehr rühmlich für die suchende Polizei gewesen war. Die Polizei hätte einen in der Gleimstraße wohnenden Schuhmacher Wilkc, der auf der Straße bewußtlos umgefallen war, nach dem Krankenh�uft geschafft und hatte dann für die Angehörigen, die ihn als vermißt meldeten, nach ihm gesucht. Schließlich wurde sein Verbleib von ihr ermittelt, als er längst im Krankenhause ge- storben war und als unbekannt beerdigt worden war. Auf die Be- schwcrdc der Witwe hat nunmehr das Polizeipräsidium erwidert, die Nachforschungen nach dem Namen des bewußtlos Aufgefundenen seien zunächst in einer falschen Richtung angestellt worden, weil in Wittes Uhr ein anderer Name eingraviert war; erst nachher seien allgemeine Nachforschungen vorgenommen worden, die dann zu der verspäteten Rekognoszierung führten. Der Polizeipräsident fügt hinzu, er habe dieses Verfahren als„u n g c e i g n e t" gerügt und spreche der Witwe über die dadurch verursachte Verzögerung sein Be- dauern aus. Das ist nett von dem Herrn Polizeipräsidenten. Hoffentlich läßt er sich aber nicht an dem bloßen Bedauern genügen, sondern überlegt sich'» mal, ob nicht das für Vermißiesncheti zu beobachtende Verfahren überhaupt von Grund aus umgestaltet werden muh. Daß bei der Polizei zunächst kein Mensch auf die Idee verfiel, eine bei einem Unbekannten vorgefundene Uhr könne vielleicht alt gekauft worden sein, das ist schlimm, aber das schlimmste ist eö noch nicht. Wir haben über Vermitztensuchen zu berichten gehabt, bei denen noch Aergeres vorgekommen ivar. Auch diese Vermißten suche scheint noch ihren besonderen Haken zu haben, dem es zu danken ist, daß sie hängen blieb. Verdächtig ist, daß der Herr Polizei- Präsident sich nur darüber äußert, warum die Polizei den Namen des von ihr selber aufgefundenen Unbekannten erst so spät heraus- bekam. Ter Witlve war es doch wohl darum zu tun, Aufklärung darüber zu erhalten, warum die Polizei den Aufenthalt des ihr als vermißt gemeldeten Mannes erst so spät ermittelte. Für eine etwa vom Polizeipräsidium beabsichtigte Reform des Verfahrens, das bei Vermißtmeldungcn einzuschlagen ist, enipfehlen wir als Hauptgrundsatz diesen: wenn der Polizei jemand als vermißt gemeldet wird, so frage sie zu allererst bei sich selber an, ob sie nicht einen Unbekannten aufgefunden hat; und Ivcnn sie cincu Unbekannten auffindet, so sehe sie zu allererst in ihren eigenen Büchern nach, ob ihr nicht jemand als vermißt gemeldet worden ist. Tie Wcihnlichtsansstellungen von Jugendschriften usw.» die von der Literarischen Vereinigung des Berliner Lehrervereins veranstaltet worden sind, können im Schulhause Neue Königstratzc 35 sowie im Schulhause Artilleriestraße 12 noch am 9. und 10. Dezember von 4 bis 8 Uhr, im Schulhause.Kleinbeerensiraße 10/19 nur noch am 10. Dezember von 4 bis 8 Uhr, im„Dürer-Haus", Kronen- st reiße 13, noch bis Weihnachten täglich in der üblichen Geschäftszeit besichtigt werden. Der Zutritt ist überall unentgeltlich, Kinder werden nur in Begleitung Erivackscner zugelassen. Wir machen noch einmal aufmerksam aus diese Ausstellungen, die es den Eltern ermöglichen, selber zu prüfen. Zu solcher Prüfung anzuleiten, ist der Hauptzlvcck dieser Ausstellungen. Wir ivollen hier ausdrücklich hervorheben, daß man auch gegenüber den Büchern, die dort ansgestcllt sind, der Pflicht selbständiger und sorg- fältiger Prüfimg noch keineswegs überhoben ist, Tie deutsche Lehrerschaft bezw. ihre PrüfungsauSschilsse sur Jugendschriften haben ihre Auswahl sicherlich nach"bester Uebcrzeugung gettoffen, aber man braucht deshalb noch lange nicht alles, Ivas sie empfehlen, u n- besehen hinzunehmen. Die Literarische Vereinigung des Berliner Lehrervereins hat übrigens selber nicht diesen Grundsatz aufstellen wollen. Sie hat manches Buch ausgeschlossen, das im Ver- zeichniS der vereinigten Prüfungsansschüsse empfohlen wird, und hat dafür hier und da ein Buch eingefügt, das den Beifall jener Prüfungsausschüsse nicht gefunden hat. Womit nicht gesagt sein soll, daß das Berliner Verzeichnis uns das bessere wäre. Aus welchem Holze die arbeitswilligen Elemente geschnitzt sind, beweist wieder emmal ein Vorgang, der sich dieser Tage in der Drontheimerstraße abgespielt hat. In dieser Straße befindet sich eine Lederfabrik, in der kürzlich die Arbeiter mehrere Wochen aus- gesperrt waren, aber nach einer Verstäiidipiiiig mit dem'Arbeitgeber die Arbeit lvieder aufgeiiommen haben. Während der Aussperrung hatten einige Arbeitswillige die Plätze der Ausgesperrten ein- genommeii und schienen es nun recht übel zu vermerken, daß die organisierten Arbeiter nach der Ansiiahme der Arbeit sie, die Ransreißer, nicht mit der ausgesuchten Höflichkeit behandelten, wie sie es sonst von Unlernehmer und Polizei gewöhnt sind. Man ließ sie einfach links liegen, ohne sich weiter um sie zu kümmern; ließ sie ruhig ihres Weges gehen, denn welcher organisierte Arbeiter wollte mit solchen Elementen noch Gemeinschaft haben. Am Montag nun soll, so be- hauplet eins dieser„nützlichen Elemente", ein in Arbeit Stehender und Organisierter einem der Ransreißer in einem Lokale eine Ohr- feige verabfolgl haben und, um sich zu rächen, lauerten am Dienstag- abend drei dieser Helden den augeblich Verdächtigen auf. Mir Messern gingen die sich wie Sttaßenräuber gebürdenden einigen Arbeitern zu Leibe und verleyleu einen durch zwei, einen anderen durch einen Messerstich in den Kopf. Die organisierten Arbeiter hatten natürlich keine Lust, mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten, und erklärten das auch rund heraus dem Arbeitgeber. Eine ein- geleitete Untersuchung ergab zum Ueberfluß, daß nüter den Orgaui- sicrten keiner war, der sich den Arbeitswilligen genähert hatte. Die Folge war schließlich die Entlassung dieser Rowdys, für die auch die Arbeitgeber nichts mehr übrig haben. ivenn sie ihre alten ein- gearbeiteten Leute wieder beschäftigen können. Zu erregten Austritten kam es bei einer Exmission, welche am gestrigen Tage in der Friedrichstraße stattfand. Die Inhaberin einer Pension) in welcher auch häusig Berliner„Ehepaare" für eine Nacht derweiltsn, war wegen dieser Umstände, sowie auch wegen MieiS- rückstände auf Räumung ihrer Wohnung verklagt und verurteilt worden. Ein Gerichtsvollzieher war beauftragt, die Exmission zu vollziehen, doch weigerte sich die PensionZinhaberin die Wohnung zu verlassen. Als zur Unterstützung des Beamten der Hausverwalter die Mietsräumc betrat, geriet die Wohnungsinhabcrin in eine der- artige Erregung, daß sie den Mann tätlich angriff und ihm eine Petroleumlampe an den Kopf warf. Sie versuchte sich auch an den Gerichtsvollzieher zu vergreifen, der polizeiliche Hülfe in Anspruch nahm. Schutzleute brachten die Frau gefesselt nach der Polizeiwache. Durch den Knall eines Schusses wurden gestern abend Passanten der Treptower Chaussee erschreckt. Dem Schalle nachgehend, fanden sie in der Nähe des Spielplatzes im Treptower Park einen etwa SOjährigen Mann, welcher aus einer Kopfwunde blutete. Neben ihm lag ein noch rauchender Revolver. Der Selbstmörder, welcher noch schwache Lebenszeichen von sich gab, wurde nach einem in Treptow belegenen Restaurant gebracht und von dort, nachdem ihm durch einen Arzt ein Notverband angelegt worden, nach dem Krankenhause am Urban überführt, wo er wenige Minuten nach seiner Einlicferung starb. Uebcr die Personalien des Toten, sowie über die Motive zur Tat konnte nichts ermittelt werden. Ein Berliner Hochstapler, der sich als Regierungsbaumcister A. Reichhelm aus Berlin bezeichnet, gibt gegenwärtig, wie der hiesigen Kriminalpolizei mitgeteilt wird, in der Provinz Gastrollen. Ter Schwindler besucht hauptsächlich grösiere Provinzialstädte, wo er in ersten Hotels. logiert und durch sein sicheres Auftreten Hoteliers und Geschäftsleute zur Kreditlcistung zu veranlassen weiß. Er kauft Schmuckgegenständc, die er sich in das Hotel schicken läßt, natürlich ohne Zahlung zu leisten, und versteht es selbst die Hotel- Wirte hineinzulegen, indem er sie unter dem Vorgeben, daß ein aus Berlin erwarteter größerer Geldbetrag ausgeblieben sei, veranlaßt, ihm Darlehen zu gewähren. Ueber den empfangenden Betrag stellt er dem Betrogenen einen Schuldschein aus, der natürlich vollständig wertlos ist. Der Hochstapler trat Ende vorigen Monats in Olden- bürg auf, wo er in der geschilderten Weise nicht unbeträchtliche Beute inachte und ist von dort in der Richtung nach Berlin abgereist. Der Betrüger ist etwa 30— 35 Jahre alt und hochelegant gekleidet. Als Gepäck führt er nur einen Handkoffer bei sich. Selbstmord eines Schulkindes. Das traurige Kapitel von den Selbstmorden jugendlicher Menschenkinder ist um ein erschütterndes Beispiel bereichert worden. Gestern abend hat sich die noch nicht 14 Jahre alte Tochter Betty des Monteurs A. aus der Kameruner- straße mit Lysol das Leben genommen. Trotz seines jugendlichen Alters hatte sich das Mädchen, das noch die Gemeindcschule besuchte, in weit vorgeschrittenem Schwangerzustaude befunden. Die Eltern, sehr achtbare Leute, hatten von dem Zustand ihrer Tochter keine Ahnung. Ob das Mädchen gewaltsam gebraucht worven ist oder ob cS sich hingegeben, konnte nicht festgestellt werden, da es den An- gehörigen gegenüber stets alles geheim hielt. Als es gestern abend zum Essen kommen sollte, suchte man lange vergeblich nach ihm. Im Keller wurde schließlich die Vermißte tot aufgefunden. Neben der dahiiigcstrccktcn Leiche lag der entleerte Giftbehälter. Als die ahnungslose Mutter die Kunde von dem unseligen Ende ihres Kindes erhielt, brach sie bewußtlos zusammen. In allernächster Zeit sollte die Unglückliche konfirmiert werden. Wegen Heiniweh in den Tod gegangen ist gestern das Sljährige Dienstmädchen Marie Lanze, welches bei einem Kaufmann I. in der Elßholzstr. 22 in Stellung gewesen war. Das junge Mädchen war vor noch nicht allzu langer Zeit nach Berlin gekommen und wollte sich dem Großstadtleben nicht so recht anpassen. Es bekam bald Heimweh, genierte sich jedoch, ihren Verwandten und ihrer Herrschaft gegenüber etwas davon zu äußern. Gestern wurde die il. kurze Zeit vermißt und als man nach ihr forschte, entdeckte man sie in ihrem Zimmer als Leiche. Die Unglückliche hatte aus Heim- weg zu der Lysolflasche gegriffen. Gestohlen wurde am Mittwoch von einem Rollwagen, der Speditionsfirma Bartz u. Co. gehörig, ein in Leinlvand eingepackter Ballen, der Kleidungsstücke(Joppen) enthielt. Der Diebstahl wurde verübt in der Zeit von ll2ö—6, als der Wagen vor dem Schlesischen Bahnhof hielt. Wie uns initgeteilt wird, müssen die Kutscher für die gestohlenen Gegenstände Ersatz leisten, obwohl der Unternehmer auch von der Versicherung schadlos gehalten wird. Aber nicht nur Ersatz müssen die Kutscher leisten, sondern haben außerdem noch End lassung zu'gewärtigen, die im vorliegenden Falle auch ein- getreten ist. Vermißt wird seit dem 28. April d. I. die unv. Magdalene Makolviak, 6. Juli 1379 zu Zakszcwo geboren. Dieselbe ist 1,50 Meter groß, hatte blonde Haare und Augenbrauen, blaue Augen gesunde Gesichtsfarbe, nachlässige Körperhaltung, schwaches Kopsi haar und sprach polnisch und gebrochen deutsch. Die Bekleidung kann nicht angegeben werden. Die Makowiak ist angeblich geistig nicht normal, auch wird vermutet, daß sich dieselbe in ein Kloster begeben hat. Etwaige Nachricht unter 8104 IV. 27. 05 wird von der Kriminalpolizei und sämtlichen Polizeirevieren entgegen- genommen. Massencinbrüche in' Moabit. Durch eine größere Reihe von Einbruchsdiebstählen ist die Bevölkerung des Stadtteiles Moabit in den letzten Tagen beunruhigt worden. In der vorgestrigen Nacht drangen die Diebe in die Verkaufshalle des Fischhändlers Graste, Gotzkowskystr. 10, woselbst sie aus der Ladenkasse 17 Mark Wechsel- geld stahlen. Zwei weitere Diebstähle wurden anscheinend von derselben Bande am gestrigen Tage ebenfalls in der Gotzkowsky- straße verübt. Nachmittags drangen sie in die in der zweiten Etage des Hauses Gotzkowskystr. 30 belegene Wohnung des Kaufmanns C., wo sie verschiedene Schmucksachen und Kleidungsstücke erbeuteten. Im Nachbarhause stahlen sie von dem Boden einen Posten Wäsche. Die Einbrecher sind vermutlich identisch mit vier Personen, welche als Bettler verkleidet in die Wohnungen eindringen, um hierbei Diebstahlsgelcgcnheit auszubaldowern. Der Abbruch des Scheunenviertels soll nun im Januar be- ginnen. Niedergelegt werden aber zunächst nur sechs Häuser, weil nur sie bereits jetzt geräumt werden können. Für eine zweite Gruppe von Häusern laufen zum 1. April die Kontrakte ab, und auch sie werden dann in Trümmer sinken. Die durch die Stadt angekauften, aber noch nicht abbruchfcrtigcn Häuser sind im Wege der Submission an einen Generalpächtcr vergeben worden. Den Zuschlag erhielt der Mindestfordernde, der sich mit 20 Proz. der cinkommenden Mieten begnügen wird und daraus noch die Repara- turkosten, Nebenabgabcn usw. decken will. Freihändig erworben sind bis jetzt 53 Grundstücke für rund 5lh Millionen Mark, und für 27 andere Grundstücke Enteignung beschlossen. Es bleiben dann noch 47 Grundstücke, über die die„gemischte Deputation zum An- kauf des Scheunenviertcls" sich noch mit den Besitzern einigen mutz. Der Ankauf wird teilweise durch übertriebene Forderungen, namentlich von außerhalb wohnenden Erben, erschwert. Ans der Treptow-Sternwarte spricht Herr Direktor Archenhold zum letzten Mal vor den Weihnachtsferien in einem öffentlichen Licht- bilde r-Boctrag am Sonntag, den 10. Dezember, nachmittags 5 Uhr. über:„Tie Bewohnbarkeit der Welten" und um 7 Uhr über:„Die Photographie im Dienste der Himmelskunde", am Montag, den 41. Dezember, abends 9 Uhr. über:„Moderne Ricscnfcrnrohre und ihre Leistungen".— Mit dem großen Fernrohr wird an? Tage Venus und die Sonne und abends Saturn und Mond beobachtet.— Die Jnstitutsferien dauern wie alljährlich von Dienstag, den 12. De- zemver, bis Montag, den 25. Dezember. Am 2. Weihnachtsfciertage nachmittags 2 Uhr wird die Sternwarte wieder geöffnet. Der Aschingcrsche Unglücksbau. Das Unheil, das durch den Aschingerschen Neubau in der Bellevuestratze auf seine Umgebung hervorgerufen wird, zieht immer weitere Kreise. Wie wir wieder- holt berichteten, sind die Häuser Potsdamerstraße 1— 4 durch die sie wegen Einsturzgefahr teilweise geräumt werden mußten. Die Gefahr ist dadurch in den letzten vicrundzwanzig Stunden vergrößert worden, da die Pumpwerke, die das Grundwasser zurück- drängen sollen, versagten. Infolgedessen haben sich ganz cliorme Wassermcngen in dein ausgeschachteten Grundstück angesammelt. Während nun bisher nur die oben angeführten Häuser in der Potsdamerstraße gefährdet waren, sind seit gestern auch in der Bellevue straße die Grundstücke 18a(Klub von 1900) und 21/22(Konditorei Josty) in Mitleidenschaft gezogen worden. Das Gebäude von dem Klub 1900 zeigt vielfache Risse und hat an verschiedenen Stellen gestützt werden müssen, um das Zusammenbrechen des Mauerwerks zu verhindern. Auch an den Hintergebäuden der Jostyfchen Konditorei hat man ähnliche Vor- sichtsmaßrcgeln treffen müssen. Der in der Nacht vom Montag zum Dienstag auf dem Potz- damer Platz von eincin Automobil überfahrcnc Kutscher Georg (nicht Alfred) Willibald, Friedcustr. 100 wohnhaft, ist seinen Per- lctzungen im Krankenhause Moabit erlegen. Gerichts-Leitung. Ein Steglitzer Eisenbahnunfall» der glücklicherweise nur einen Materialschaden in Höhe von mehreren tausend Mark zur Folge hatte, lag einer Anklage zugrunde, die gestern vor der vierten Strafe kaminer des Landgerichts II zur Verhandlung kam. Wegen fahr lässiger Eisenbahntransportgefährdung war der Stationsassistent Rudolf K i s s i r i g angeklagt. Der Angeschuldigte ist seit 23 Jahren im Eisenbahndienst tätig und hat von der Pike auf gedient. Seine besonders gute Führung brachte ihm schließlich zu der Stellung eines Stationsassistenicn. Als solcher war er im Sommer d. I. auf der Station Steglitz tätig. Am 23. Mai d. I. entgleiste aus unbe- kannten Ursachen dicht hinter der Station Steglitz der Berlin- Potsdamer Schnellzug. Es entstand ein größerer Älaterialschaden. Ter entgleiste Zug zertrümmerte verschiedene Weichen und riß die am Ende der Station ausgestellte Signalstange E um, durch vjtlchc das Ausfahrtssignal für die in Steglitz haltenden Züge gegeben wurde. Einige Tage später, am Morgen des 2. Juni, ereignete sich an derselben Stelle ein zweiter Unfall, der nunmehr Gegenstand der vorliegenden Anklage ist. Kurz nach 7 Uhr morgens wurde vom Rangicrbahnhof Schöneberg ein nach Satzkorn bestimmter Kieszug abgelasseu, der von dem Lokomotivführer Paasch geführt wurde. Um 7,10 Uhr gelangte der Zug auf der Station Steglitz an. Das Ein- fabrtssignal war auf„Frei" gestellt, weshalb der Lokomotivführer mit unverminderter Geschwindigfcit durch die Station fahren wollte. Zu seinem Schrecken bemerkte er plötzlich, daß das Ausfahrtssignal fehlte. Er gab durch drei Pfiffe mit der Dampfpfcife das Signal „Bremsen fest", spürte aber trotzdem keine Bremswirkung. Mit Enlsetzen sah er, daß sich der Zug auf einem„toten Gleis" befand, welches in einem Prellbock endigte. Ter Lokomotivführer gab so- fort das Notsignal, warf die Steuerung herum und gab Konterdampf. Ter schwere, 83 Achsen zählende Zug war indessen auch hierdurch nicht mehr zum Halten zu bringen. Er raste mit unverminderter Geschwindigkeit auf den Prellbock zu. Um sein Leben zu retten, sprang Paasch ab, mit ihm der begleitende Zugführer. Einige Se- künden später erfolgte der Anprall mit donncrähnlichcm Getöse, so daß die in der Nähe des Bahnhofs wohnenden Einwohner von Steglitz aus den Betten gejagt wurden. Ter Schauplatz des Unfalls bot nur das Bild eines großen Trümmerhaufens, der aus Bretter- stücken, Eiscnteilen und aufgewühltem Erdreich bestand. Die Loko- motive war aus dem Gleis gehoben und schwer beschädigt, die da- hinter laufenden Wagen waren ebenfalls entgleist und ineinander- geschoben. Ter Prellbock besaß genügend Widerstandskraft, den Zug aufzuhalten. Sonst wäre dieser über die Böschung hinweg in die Kieler- bezlv. Bergstraße gestürzt, wo er unabsehbares Unglück an- gerichtet hätte, da zur Zeit des Unfalls zahlreiche Arbeiter und An- gestellte die Unterführung passierten. Für diesen Unfall wird der Angeklagte verantwortlich gemacht, weil er nicht das provisorisch errichtete Ausfahrtssignal in Tätigkeit gesetzt bezw. die betreffende Weiche umgestellt hatte, so daß der Zug nicht auf das tote Gleis fahren konnte. Vor Gericht hatte Kissirig durch Rechtsanwalt Leonh. Fried mann einen umfangreichen Entlastungsbelveis dafür an- getreten, daß er lediglich nach seinem Dienstreglement gehandelt und keinesfalls fahrlässig gehandelt habe. Der verunglückte Zug wäre außerhalb des Fahrplans gefahren und hätte deshalb in der Station Steglitz halten müssen. In dieser Annahme habe er das Einfahrtssignal auf dem Güterbahnhof auf„Frei" gestellt. In der Zeit, während welcher der Zug hätte halten müssen, habe er beab- sichtigt, das Ausfahrtssignal in der provisorisch ausgeübten W«l,e zu geben und zugleich die Ausfahrtsweiche zu stellen. Seitens der Anklagcbehörde wird indessen behauptet, daß der Angeklagte sehr wohl gewußt habe, daß der Zug auf der Station Steglitz nicht halten und er nur fahrlässigerweise versäumt habe, die Weiche richtig zu stellen.>— In der gestrigen Verhandlung beantragte Rechtsanwalt Leonh. Friedman u, die sämtlichen amtlichen Papiekd herbei- zuholen, durch welche festgestellt werden könne, daß dem Angeklagten die amtliche Mitteilung nickst gemacht sei, daß es sich um einen durch- gehenden Zug handele. Dies machte eine zweistündige Aussetzung der Verhandlung erforderlich. Der als Sachverständiger geladene Königliche Bau- und Regierungsrat Gambswams holte die be- treffenden Schriftstücke herbei und stellte fest, daß dem Au- geklagten diese höcbst wichtige Mitteilung nicht gemacht war. Der Verteidiger hielt deshalb die kostenlose Freisprechung für geboten, da die eigentliche Ursache des Unfalls in gewissen, t e ch n 1 1 ch e n Mängeln zu suchen sei, die dem als pflichttreuen Beamten be- kannten Angeklagten nicht zur Last gelegt werden können. Auch der Staatsanwalt beantragte Freisprechung. Ter Gerichtshof ver- kündete Freisprechung des Angeklagten, da diesen keinerlei Schuld an dem Unfall treffe.— Wenn unser Strafverfabren sich nicht lediglich gegen den Angeschuldigten richtete, hätte bereits in der Boruntersuchung die Ablehnung der Anklage erfolgen müssen. Mißglückter staatsanwaltlicher Feldzug gegen das Tanzen von Arbeitern. Die Einzelmitglieder des Verbandes der Fabrik-, Land- und Hülfsarbeiter und Arbeiterinnen(Sitz Hannover) in Köslin hatten eine Versammlung abgehalten, und im Anschluß daran>var von ihnen nach den Klängen einer Harmonika getanzt worden. Der Vertrauensmann Müller wurde ivcgen Veranstaltung einer öfsciit- lichen Tanzliistbarkeit ohne polizeiliche Erlaubnis angeklagt. Nach- dem die Sacbe bereits einmal das Kammcrgericht beschäftigt hatte, sprach ihn das Landgericht frei. Es nahm an, daß alle Merkmale einer geschlossenen Gesellschaft vorgelegen hätten. Es sei die Tanzgcsellschaft ein nach außen hin begrenzter Kreis von innerlich init einander verbundenen Personen gewesen, wie die tatsächlicben Feststellungen ergeben hätten.— Die Staatsanwaltschaft legte Re- Vision ein und betonte, daß an jenem Tage der frühere Ortsvcrein beziehungsweise die Zahlstelle nicht mehr bestanden habe. Wenn die Leute auch noch Einzelmitglieder des Perbandes mit dem Sitz in Hannover gewesen seien, so habe sie doch kein örtliches Vereins- band mehr umschlungen. Das Kammergericht verwarf dieser Tage die Revision mit folgender Begründung: Die Ausführungen der Staatsmiwaltschafi seien deshalb verfehlt, weil sich der Begriff des Vereins mit dem der geschlossenen Gesellschaft nickt decke. Vereinsvergniigungen brauchten nicht ohne tveiteres als Vergnügim.gen von„geschlossenen Gesellschaften" im Sinne der Judikatur gelten. Es gäbe Vereins- Vergnügungen, die dies nicht seien. Und auf der anderen Seite könne ein Vergnügen, das nicht das eines Vereins sei, unter Um- ständen als ein Vergnügen einer geschlossenen Gesellschaft anerkannt werden. Im hier strittigen Falle habe das Landgericht in richtiger Würdigung des Begriffes der geschlossenen Gesellschaft eine solche festgestellt. Daran scheitere die Revision.— Daß sckutdlose Tänzer durch fünf Instanzen unter Aufgebot von fünf Staatsanwälten, 17 gelehrten und zwei Laien-Richtern toegen des harmlosen Tanzcus sich strafrechtlich verantworten müssen und daß die Anklagebehörde rechtlich zu hasten hat, ist ein boller Belveis für die vollendetsten Rechtsgarantien, deren sich die Arbeiter in Preußen-Teutschland zu erfreuen haben. Die Möglichkeit einer solchen Anklage legt auch davon Zeugnis ab, daß nach Ansicht der herrschenden Klassen der Arbeiter die Verpflichtung hat, nur arbeiten zu sollen. Er soll nicht arbeiten um leben zu können, sondern nur um zu arbeiten leben dürfen. Ter Fiskus ans der Anklagebank. Vor der Duisburger Strafkammer stand am Donnerstag der Statiousassistent Emil Bäumer unter Anklage, durch Fahrlässigkeit ein Eisenbahnunglück herbeigeführt zu haben. Es handelte sich um das Unglück aus dem Hauptbahnhof in Duisburg am 29. Oktober d. I., bei dem zwei Passagiere getötet wurden und 7 Personen schwere Verletzungen erlitten. Tie Verteidigung des Angeklagten war eine schwere Anklage gegen den Fiskus. Angeklagter hat bei der Gleisstellung die richtige Kurbel gedreht, aber einen falschen Knopf gedrückt. Dadurch wurde statt des Gleises 3n West das Gleis 2 West frei und der Hamburg-Kölner Schnellzug lies statt in das Gleis 3o in das 2 West. Als Angeklagter falsch tastiert hatte, machte ihn der Telegraphist Peters aus den Irrtum aufmerksam. Bäumer suchte sofort, aber vergeblich, das Unglück durch telephonischen Anruf des Stellwerks zu verhüten. Ter Angeklagte ist seit 29 Jahren im Dienste. Er legte dar, gerade in jenen Morgenstunden sei der Dienst ein ganz besonders anstrengender. Er habe abwechselnd 7 bis 9 Stunden täglich Dienst gehabt. In der Woche, in der das Unglück passiert sei, habe er von 10 Uhr abends bis 7 Uhr morgens Dienst gehabt. In dieser Nacht hatte er 147 Züge zu beobachten. Der Dienst war in der Nacht vom 20. zum 27. Oktober infolge eines ganz furchtbaren Nebels ein außergewöhnlich schwerer. Von 129 sah. planmäßigen Zügen kamen 104 mit 3098 Minuten Verspätung an. Die Beweisaufnahme b e st ä t i g t e die Angaben des Angc- klagten. Dieser hatte lvcgen der Ucberbürdung, aber vergeblich, gebeten, ihm einen zweiten Beamten beizugeben. Die Sachver- ständigen(höhere Beamte der Eisenbahndirektion) schilderten den Dienst als„allerdings anstrengend, aber keineswegs überan- strengend". Die medizinischen Gutachter meinten, daß man nach achtstündiger so angestrengter Dienstzeit nicht mehr ganz frisch sein könne. Der Staatsanwalt Dr. W c i ß m a n n behauptete, der Angeklagte sei nicht überanstrengt gewesen. Die Artikel- schreiber, die über die Unzulänglichkeit der Bahnhofseinrichtungen zetern, vergessen— daß Verbesserungen viel Geld kosten. Verteidiger Rechtsanwalt Konwit: Ich beantrage die Freisprechung meines Klienten. Daß der Angeklagte bis aufs Aeußerste angestrengt war. wird man zugeben müssen, wenn man erwägt, daß er schon 12 Nächte lang nicht geschlafen hatte. Wenn auch der Angeklagte bei Tag frei hatte, so ist doch der Tagschlaf niemals 'so kräftigend wie der Nachtschlaf. Der Angeklagte hat nun in der letzten halben Stunde seines achtstündigen Nachtdienstes ledig- lich das mechanische Versehen begangen, daß er wohl die richtige Kurbel gedreht, aber eine falsche Taste gedrückt habe. Das Urteil geht dahin: Der Gerichtshof hat es als Zweifel» los erachtet, daß das Unglück lediglich durch die Unachtsamkeit des Angeklagten entstanden ist. Der Angeklagte war zu größter Sorg- sali verpflichtet, er hat diese aber autzeracht gelassen. Der Gerichts- hos hat loohl die Ueberzcugung erlangt, daß der Angeklagte sehr nervös ist, seine freie WiUcnsbestimmung im Sinne des§ 51 des Strafgesetzbuches war aber nicht ausgeschlossen. Bei der Straf- zumessung hat der Gerichtshof einmal das furchbare Unglück, andererseits den Umstand erwogen, daß der Angeklagte einen sehr anstrengenden Dienst hatte und daß, nachdem er von dem Telegraphisten Peters aus sein Versehen aufmerksam gemacht war, er alles tat, um das Unglück abzuwenden. Mit Rücksicht hierauf hat der Gerichtshof aus vier Monate Gefängnis erkannt.— Eine Anklage gegen diejenigen, die aus Scheu vor Kosten, wie ja die Staatsanwaltschaft hervorhob, bessere Einrich- tungen unterlassen haben und an der Ucberbürdung des Beamten Schuld sind, hätte mehr als dieses Urteil dem Rechtsbewußtsein und der Verkehrssicherheit gedient. Vermiscktes. Wegen Verdachts des Diebstahls von Goethemanuskriptcn wurde gestern in Weimar der Antiquar Bach verhaftet. Dazu wird im einzelnen noch berichtet: Vor etwa zwei Wochen wurden von Berlin aus dem Weimarer Goethe- und Schillerarchiv eine Reihe von Goethemanuskripten zum Kaufe angeboten. Eine Prüfung der Urkunden ergab, daß sie ehedem Eigentum des Archivs waren, also vorher von dritter Hand aus dem Institut entwendet sein mußten. Vom Archiv aus wurden die weiteren Ermittelungen in diesem eigenartigen Falle den hiesigen Kriminalbehörden übertragen, und auf Grund eingehendster Nachforschungen wurde festgestellt, daß der Antiquar Bach die Manuskripte einem Berliner Kommissionär über- sandt hatte, damit dieser sie möglichst preiswert verkaufe. Daß der Berliner Kunsthändler in gutem Glauben gehandelt hat, wird daraus entnommen, daß er die Manuskripte wieder nach Weimar zum Kauf anbot. Wohl aber fiel auf Bach der Verdacht der Hehlerei, und so wurde er auf Requisition der Staatsantvaltschaft vorhaftet. Bei seiner ersten Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter bestritt Bach jede Schuld; er behauptete, nicht gewußt zu haben, daß die Manuskripteaus rechtswidrige Weiscaus dem Goethe- nnd Schillerarchiv abhanden gekommen seien. Er selbst habe die wertvollen Schriftstücke von einem inzwischen verstorbenen grotzherzoglichcn Küchenmeister zu angemessenen Preisen käuflich erworben. Die Behörde steht diesen Angaben sehr skeptisch gegenüber. Ein Antrag Bachs auf Haft- cntlassuug wurde vorläufig abgelehnt; die Ermittelungen in der An- gclegenhcit, die in Weimar das größte Aufsehen erregt hat, werden weiter fortgeführt. Eine Haussuchung bei dem Verhafteten förderte verschiedene andere Manuskripte zutage, die ebenfalls dem Goethe- Schillcrarchiv gehören.__ Berliner Marktpreise. AuS dem amtlichen Bericht der städtischen Markthallen-Direktion. Rindfleisch la 64—68 pr. 100 Pfund, IIa 56-64, lila 50—55, IVa 40—48. Kalbfleisch la 84-88, IIa 72-82, Illa 54—68, Hammelfleisch la 63—73, IIa 48—58. Schweinefleisch 67—74. Rotwild Psuud 40— 53 Pf. Hasen Stück 3,40—3,65, klein 1.50—2,00. Kaninchen Stück 0,80—1,00. Hühner pro Stück, alte 1,30—1,85, junge la 0,80—1,20. do. IIa 0,60— 0,80. Tauben, junge 0,55— 0,61, alte 0,40— 0,45. Enten junge 2,00— 2,40. Gänse pro Stück, la 3,50— 3,80, IIa 0,00—0,00, pro Psd. la 0,58—0,63, IIa 0,50—0,56. Schellfische 15—21 M., Flunder 17—23 M. pro 100 Psd. Hechte 68 M., Schleie, unsortiert 00 M. Aale, groß 0,00, mittel 0.00, Nein 0,00, Plötzen 22-25. Karpfen uns. 00,00 M., Lachs 0,00. Schottische Vollheringe(gesalzen) 40—44 M Eier, Schock 5,00. Butler pro tOO Pfund la 124—126, IIa 118—124, lila 115—118, abfallende 95—110. Kartoffeln pr. 100 Psd. rote 2,00—3,20, Rosen 0,03-0,00, blaue 0,00—0,00, runde weisse 1,60—2,00. Wirsingkohl pr. schock 4.00—8,00, Welsskohl 6.00—8,00, Rotkohl 4,00-8,00, Holl. 12—1« M. Saure Gurken, Schock 2,00 M. kRltteriingSlidcrstcht vom 8. Dezember 1903, morgens 8»Hr. Skalionen Swinemdc. Hamburg Berlin Frankf.a.M München Wie» L e L s « a R- 764 763 SSW 766 SW 769 SW 773 SW 77siWSW Detter 3 bedeckt 2Regen 2wolkig 1 bedeckt 2 wolkig 4 bedeckt iST Mfo Stationen Hapnranda Warschau Scilly itlberdcen Pari» = 5 i« 741 ANW Weiter 765 WNW 753 SW i 770 SW! 2 bedeckt 2 Regen 3>ooUeiiI 3 bedeckt s l M fn 11 5 11 Wetter-Prognose für Sonnabend, den g. Dezember 1995. Mild, jedoch ziemlich trübe und regnerisch bei mässigcn südwestlichen Winden. Berliner Ä e I>« r b n r e a m tiefe Ausschachtung aus dem Neubau derart beschädigt worden, daß! wegen dieser staatsretterischen Tat weder zivilrcchtlich noch straf Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts lvuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW,