Nr. 305. Abonnements- Bedingungen: ebonnements Preis pränumerando: Bierteljährl. 8,30 mt, monatl. 1,10 m., toochentlich 28 Bfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags. tiummet mit illustrierter Sonntags. Voilage„ Die Neue Welt" 10 Big. Bost. Abonnement: 1,10 Mart pro Monat Eingetragen in die Post- Beitungs. Breisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 8 Mart pro Monat. Erideint täglich außer Montage. Vorort- Ausgabe Vorwärts Berliner Volksblaff. 22. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene tolonel. geile oder deren Raum 40 Big., für politische und gewerffchaftliche Vereins. und Bersammlungs- Anzeigen 25 Bfg. ., Kleine Anzeigen", das erfte( fettgedrudte) Wort 10 Bfg., jedes weitere Wort 5 Bfg. Borte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 1hr abends, an Sonn- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. fönnen: Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1982 Zum Meujahrstage Euer Vorwärts" hat mun 100 000 Abonnenten!! Arbeiter! Parteigenossen! Es gilt leider, die Ungeduld zu zügeln; denn wir haben Die ersten 100 000 am heutigen Tage noch nicht voll zu erreichen vermocht. An Euch wird's nun liegen, daß die Frift möglichst kurz sei, bis unser aller herzlicher Wunsch erfüllt ist. Parteigenossen von Groß- Berlin! Soeben habt Ihr das schöne Werk der brüderlichen Zusammenfassung Eurer acht Organisationen vollendet. Mit Freude fahen's die Genossen in allen Landen, mit hämischem Neide die Feinde, die Gegner. Wollt Ihr die Freunde noch mehr erfreuen, die hämischen Feinde noch ärger treffen?! Dann agitiert weiter für Guer Organ, für Euren ,, Borwärts", auf daß wir schon übermorgen, schon morgen hinausschreien können die frohe Botschaft von den ersten 100 000!! Sonntag, den 31. Dezember 1905. nach der Entdeckung Amerikas bis auf den heutigen Tag der Atlantische Ozean gespielt hat. Doch weit bedeutsamer noch für die ferneren Geschicke der europäischen Völker und besonders des Proletariats erscheint glaubten wir, Euch mit der frohen Botschaft überraschen zu der Ausbruch der Revolution in Rußland. Mit elementarer Gewalt, wie Flugfeuer im Sturm, hat sie nacheinander die verschiedenen Gegenden ergriffen, vom Newastrand bis zum Raufajus, von Bolen bis zum ÜÚral. Als am Blutsonntag des 22. Januar die streifenden Arbeiter Petersburgs unter Führung des Popen Gapon nach dem Winterpalais wallfahrteten, um die Hülfe des Baren in ihrer Not in Anspruch zu nehmen, erfüllte noch tiefes Vertrauen, stille Ehrfurcht vor dem milden Friedenszaren" die hoffenden Proletarierherzen. Doch die scharfen Salven der Barenschergen in die bittende Menge öffneten auch der großen Masse derer die Augen, die noch immer auf eine Einlenkung des Barismus in die Bahnen der politischen Reformen gehofft hatten. Der bestialische Frevel der Barenkreaturen riß das Volk aus seiner Erftarrung. Mit wilder Gewalt pacte es die Herzen, und vor Schollen unter dem russischen Eispalast. Zunächst noch schien dem Ausbruch der Volfsempörung barsten frachend die es, als würde die durch das Verbrechen des Blutsonntages aufgepeitschte Volksleidenschaft sich an der brutalen Gewalt des Barismus brechen, als werde auch das Massacre des 22. Januar nicht mehr sein, als eine erschütternde Episode in der mit Blut geschriebenen Geschichte der Romanos. Frohlockend verkündete die russische und die ihr geistesberwandte reaktionäre deutsche Presse, daß die eindringlichen Lehren der scharfen Salven dem„ aufgehetzten Bolf" für immer die Luft ausgetrieben hätten, nach Freiheit und Recht zu dürften. Und selbst jene, die das Volksleben des heiligen" Rußlands, die unter der Asche verborgenen revolutionären Gluten beffer fannten, rechneten nicht mit offenen großen Straßen- und Barrikadenkämpfen gegen die zarische Gewalt, sondern mit einem stetigen, bald hier, bald dort einfekenden, erlöschenden und wieder auffladernden jahrelangen Ringen; hieß es doch, die Zeiten der großen französischen Revolution mif ihrer heroischen Aufopferungsfähigkeit der Massen seien dahin schichtsperiode. Das Jahr 1905 hat gezeigt, wie irrig diese ein verschwundenes Moment einer überlebten GeTheorie war. Derartige heldenmütige Rämpfe gegen eine mit den modernsten Waffen ausgerüstete Truppenmacht, wie in den letzten Tagen des scheidenden Jahres fich in Moskaus Straßen abspielten, hat die französische Revolution nie gefehen. Es prahlen und prunten die Scherl, die Ulstein und wie sie sonst heißen die Arbeiterfeinde, die Meinungsvergifter, mit ihren Abonnentenzahlen, und wir beschauen mit wenig erhebenden Gefühlen die sechsstelligen Ziffern, die jene uns entgegenhalten. Frischauf denn! Hinein in die Agitation für Euer Drgan, Euren ,, Vorwärts"! Aus allen Ecken, aus allen Enden des Reiches bernehmen wir, daß unsere Parteipreffe blüht, wächst, gedeiht. Da muß das Zentralorgan ein Vorbild sein, ein Schrittmacher, der den Kleineren Bruderorganen ein frisches, ein forsches Tempo gibt. Jahre 1906! Großes erwartet das internationale Proletariat vom Da darf der größten sozialdemokratischen Partei größtes Blatt nicht träge sein. Es muß der großen Sache dienen mit aller Macht, mit allem Nachdruck, mit allem Feuer. Parteigenoffen von Groß- Berlin! Mit Eurer Hülfe rechnen wir. Die agitatorische Kraft, die Ihr so oft entfaltet habt, sie muß, sie wird uns auch dazu helfen, den ersten Absatz des Berges, den wir gemeinsam er fimmen müssen, zu überwinden, die erften 100 000 Abonnenten in fürzester Frist zu verzeichnen. Und wenn nach zwölf Monden es sich wiederum jährt, bann hoffen wir, die ewig Unzufriedenen, Euch danken zu tönnen für Eure Mühen, dann hoffen wir aber, Euch aufrufen zu dürfen zu neuen Kämpfen! zu neuen Siegen! Neues Jahr, neue Kämpfe. Alles fließt, nur der Wechsel hat Bestand. Was ist ein Jahr, wenn es nicht mit den Augen des ehrsamen Spießbürgers als Lebensabschnitt des eigenen fleinen Jchs be trachtet wird, sondern als Zeitenmaß im Entwickelungsgange der Menschheit oder auch nur eines einzelnen Volfes? Eine flüchtige Welle in der wechselnden Flut der raftlos vorüberfliehenden Erscheinungen und doch, wie viele bedeutsame Anfäße zu sozialen Neubildungen, wie viele neue Ausblicke auf den geschichtlichen Werdeprozeß hat uns das schwindende Jahr gebracht. Das Jahr 1904 hatte feine großen Entscheidungen hinter. laffen; unvollendet und unbestimmt war das politische Erbe, das es seinem Nachfolger übergab. Im fernen Often, auf den mandschurischen Schlachtfeldern, tobte noch unentschieden der Kampf. War es auch der jungen Militärmacht Japans gelungen, nach und nach die ruffischen Heere immer mehr gegen Norden zurückzudrängen, so erschien doch zu Beginn des Jahres 1905 der Ausgang des Ringens noch als ungewiß. Das vergangene Jahr hat die Entscheidung gebracht. Schon in den ersten Tagen des neuen Jahres, am 2. Januar, fapitulierte Port Arthur, und am 13. Januar zog der japanische General Nogi als Sieger in Port Arthur ein. Im März fiel nach gewaltigen Kämpfen die alte mandschurische Kaiserstadt Mufden in die Hände der japanischen Truppen, und am 28. Mai vernichtete die japanische Flotte die unter der Führung des russischen Admirals Roschdjestwensti ausgesandten baltischen Ersatges mader in der Koreastraße. Die Niederlage des russischen Roloffes war besiegelt. Ende August sah der Barenstaat sich zum Friedensschluß gezwungen, der nicht nur deshalb geschichtliche Bedeutung beansprucht, weil er Rußlands politische Machtstellung in Ostasien bricht, sondern mehr noch weil er den Anbruch einer neuen Phase im Kampf um den Stillen Ozean bedeutet, der im Wirtschaftsleben der großen Kulturvölker zu derselben Rolle berufen erscheint, die einst im Altertum und im Mittelalter das Mittelmeer, dann größte Teil der industriellen Reviere Rußlands im politischen Schon wenige Wochen nach dem Blutsonntag stand der Malsenstreif. Gleich einem Feuerbrand griff er um fich, so daß Ende März bereits an 150 Städte vom Streiffieber erfaßt waren. Inzwischen erfolgte die Hinrichtung des Senators Johnssons und des Großfürsten Sergius, dann der Ausbruch der Unruhen im Raufafus, die Bauernrevolten in Südwestrußland und in den Ostseeprovinzen, der Wiederausbruch der Unruhen in Baku, der Abfall eines Teiles der Schwarzen Meer Flotte, die Hinrichtung Schuwalows, erneute Stämpfe im Industriegebiet Russisch- Polens, die Barrikadenkämpfe bon Lodz. Ein Blutmeer brandete über die wirtschaftlich entwickelten Teile des heiligen" Rußlands, und endlich fühlte sich in seiner steigenden Angst der Friedenszar" bewogen, zur Beschwichtigung der tosenden Brandung auf ein Stüd seiner Selbstherrlichkeit zu verzichten: ein Verfassungs Ufas vom 19. Auguft verkündete die Einführung einer Reichsduma. Doch zu spät; die schwächlichen Zugeständnisse vermochten die aufgepeitschte Volksleidenschaft nicht zu beruhigen neue politische Streifs folgten, neue Straßenfämpfe, neue von der zarischen Kamarilla veranstaltete Aderlässe. Dem General ausstand der Eisenbahnbeamten, der über eine Woche den Gisenbahnverfehr faft ganz Rußlands stillegte, schloß sich der, Generalstreif der Arbeiterschaft Petersburgs, Moskaus, War schaus, Lodzs, Kiews, Charkows, Samaras und anderer Städte an. Wieder suchte Nikolaus der Blutige das tobende Meer zu berubigen, indem er sich am 30. Oftober ein neues Verfassungs- Manifest leistete, das den treuen Söhnen Rußlands" die unerschütterliche Grundlage der bürgerlichen Freiheiten" berhieß und den Grafen Witte zum Ministerpräsidenten berief. Aber bereits am nächsten Tage erklärte die sozialdemokratische Partei Rußlands, daß das zarische Minifest nicht dem Kampfe des Proletariats Stillstand zu gebieten vermöge. Anstatt eine Abschwächung zu erfahren, haben die Kämpfe gegen das zarische System eine noch weitere Ausdehnung angenommen, und den Schluß des Jahres beleuchtet das blutige Rot der Dezemberschlacht von Moskau. Der Barismus hat seine Kraft verloren. Er verwest bei lebendigem Leibe. Allerdings ist zur Errichtung eines sozialistischen Staates Rußland noch nicht reif; aber ebensowenig ist eine Fortsegung des verrotteten absolutistischen Regimes möglich dazu bat das Proletariat im Feuer der Revolution allzusehr seine Macht und seine Intereffen begreifen gelernt, dazu haben die Bestrebungen einer gründlichen Umgestaltung der Bodeneigentumsverhältnisse in der russischen Bauernwirtschaft allzu tief Wurzel geschlagen. Möglich ist nur noch ein liberal- demokratisches Regime mit einem starken sozialpolitischen Einschlag. Doch nicht nur für das russische Proletariat war das Jahr 1905 ein Jahr der Kämpfe; fast in allen europäischen Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. erniprecher: Amt IV. Nr. 1984. Kulturstaaten hat unter dem Eindruck der russischen Ereignisse die sozialdemokratische Arbeiterschaft weitere Marschstrecken zu ihrem Ziel zurückgelegt und neue Positionen genommen. In Deutschland begann das Jahr 1905 mit dem großen Bergarbeiterstreik im Ruhrrevier. An ihn schloß sich alsbald eine große Zahl anderer bedeutender Ausstände, bald in diesem, bald in jenem Teile des Reiches, bis zum Ausbruch des großen Streifs in der Berliner Elektrizitätsindustrie. In Italien eröffneten im Februar die Eisenbahnangestellten den Kampf mit einem Generalstreif. Ihm folgte zwei Monate später in Frankreich die Einigung des französischen Sozialismus, die, indem sie die zersplitterten Kräfte der französischen sozialiftischen Fraktionen zusammenfaßte, der gesamten Partei eine Position im französischen Parlament verschaffte, wie sie in den Beiten des Ministerialismus nie besessen hat. Selbst in England gewann, wie der im September abgehaltene Trades Unions- Kongreß bewiesen hat, die sozialdemokratische Behre und die selbständige Arbeiterpolitik an Einfluß. Und in Desterreich- Ungarn, dem Doppelstaat der Halbheiten, hat tariat mit verstärktem Eifer den Kampf für das allgemeine während der letzten Monate das sozialdemokratische Brolegleiche Wahlrecht aufgenommen. Neben diesen größeren Attaden aber zog sich durch das ganze Jahr ein unermüdlicher Kleinfampf, eine stetige Arbeit, den niederdrückenden Tendenzen des Kapitalismus zu wehren, zu retten und zusammenauraffen, was an Kultur und Humanität im Dienste der Broletarierschichten zu erringen war. das scheidende Jahr den Ehrennamen eines Kampfjahres" Mehr wie irgend eines seiner Vorgänger verdient deshalb eines Jahres aufreibender, opferschwerer Arbeit; aber auch des Fortschrittes, der Solidarität, der bewunderungswürdigsten Aufopferung. Allerdings hat es auch an Rückschlägen, an frampfhaften Anstrengungen der Gegner, den Vormarsch des Sozialismus aufzuhalten, nicht gefehlt; noch furz vor Schluß des Jahres trat Hamburgs Plutokratie mit einem neuen Wahlentrechtungsplan hervor. Aber mag auch im einzelnen manches mißglidt, manche stille Hoffnung getäuscht worden sein, so zeigt doch schon ein flüchtiger Blick wieder der Befreiungskampf des interauf die durchlaufene Bahn des scheidenden Jahres, daß nationalen Proletariats um ein gutes Stück ege 3 borwärts gefchritten ist schneller als die meisten von uns noch vor Jahresfrist hofften. -Das neubeginnende Jahr verspricht, wenn nicht alles trügt, die Anfäße, die das alte hinterlassen hat, fortzuführen. soziale Gestaltungen drängen ans Licht. Es will Neues Die Geschichte der Menschheit fiebert in Geburtswehen; neue werden. An Stürmen und Rämpfen, die ganze Hingabe, fchwere Opfer fordern, wird es also auch im Jahre 1906 nicht fehlen. Die deutsche Sozialdemokratie wird in ihnen, wie wir zuversichtlich hoffen, ihre weltgeschichtliche Pflicht als Vorkämpferin um eine neue Welt zu erfüllen wiffen- deshalb: Auf zu neuer Arbeit, zu neuen Kämpfen! Die Revolution in Rußland. Der Aufstand in Moskan. Die Rämpfe in Moskau sind noch nicht zu Ende. Die offigiösen Siegesbulletins der Regierungsfamarilla haben ebenso wenig eine Bestätigung gefunden wie die berüchtigten Siegesnachrichten aus der Mandschurei. Die Revolutionäre beweisen eine unerschütterliche Zatkraft, während auf die Truppen kein unbedingter Verlaß zu sein scheint, trok oder gerade wegen der offizösen Beteuerung ihrer Treue". Die letzten Nachrichten der amtlichen Petersburger Telegraphenagentur lauten: " Moskan, 30. Dezbr. Gegenwärtig find 3 Banden be. waffneter Revolutionäre hier tätig. Gestern verfuchten fie fich mit den Regierungsbehörden zu verständigen. Sie erboten sich, die Waffen auszuliefern und sich zu ergeben, wenn ihnen freier Abzug gewährleistet würde. Da diese Bedingungen abgelehnt wurden, verschanzten sich die Aufständischen heute in Häusern, welche, wie verlautet, von den Truppen genommen wurden. Die Haltung der Truppen zeigt, daß sie ihrem Fahneneid und der Regierung treu geblieben find. Bis heute abend wird die völlige Unterdrückung des Aufftandes erwartet. Petersburg, 30. Dezember. Die Petersburger Telegraphen- Agentur erfährt von unbedingt zuständiger Seite: Die revolutionäre Bewegung in Rußland kann gegenwärtig als gebrochen angesehen werden. Der völlige Zusammenbruch des Aufstandes ist die Frage einiger Wochen. Die revolutionäre Bewegung ist vor der Gewalt zurüdgewichen, noch mehr aber hat fie fich in den Augen der Bevölkerung in Miskredit gesent. " Heute, am 30. Dezember, wird also die völlige Niederwerfung der Revolutionäre erwartet"; gestern dagegen meldete die gleiche amtliche Agentur, daß die Ordnung wieder vollkommen hergestellt fei". Petersburg, 30. Dezember. Ueber die Vorgänge auf der Rifolaibahn bei wer wird heute gemeldet: Bewaffnete Arbeiter hatten die Gleife auf der Wolgabrücke aufgerissen. Truppen mit Maschinengewehren stellten die Ordnung wieder her, wobei 80 Arbeiter getötet beziehungsweise verwundet wurden. Die nach Mostau entsandten Abteilungen des Semenowschen Garde regiments mußten sofort bei ihrem Eintreffen dort einen Bajonettangriff gegen die Revolutionäre unternehmen, um ben Jaroslawer Bahnhof git räumen. Die Baht der Opfer aus den Moskauer Schredenstagen kann noch nicht ermittelt werden. Die„ Molwa" meldet, daß in einigen Polizeibureaus und in den Totenkammern je 500 bis 600 nicht festgestellte Leichen liegen. Ein bei Arbat stattgefundener Kampf hat nach demselben Blatte 150 Tote und gegen 700 Verivundete gefordert, auch sind die Verluste der Truppen erheblich, doch ist die Zahl der Getöteten bei diesen nur unbedeutend. Gestern wurde hier die Meldung verbreitet, daß ein Militärzug auf der Wolgabrücke bei Sheran verunglückte, wobei viele Personen das Leben einbüßten. Ein Brückenpfeiler soll durch eine Explosion beschädigt sein. Der Sturm im Reiche. Agentur verbreitet folgende Meldungen: der Arbeitslöhne, die in fünfzehn Jahren fast um das Dreifache, von 2 Milliarden 600 Millionen im Jahre 1888 auf 6 Milliarden im Jahre 1903 gestiegen sind." Wir wollen so grausam sein, auch diese schlagenden Beweise" des unsere intellektuelle Minderwertigkeit so überlegen bedauernden offiziösen Blätter einer näheren Prüfung zu unterziehen. Beginnen wir mit den preußischen Sparkasseneinlagen. Dieselben vermehrten sich im Jahre 1904 um 532 Millionen Mark. Auf 3insen entfielen davon 217 Millionen Mark, so daß die Neneinlagen annähernd 315 Millionen betrugen. Auf welche Be= völkerungsschichten entfiel nun dieser Zuwachs? Auch darüber gibt die amtliche Statistik einen interessanten Aufschluß. Von dem Zuwachs von Sparkassenbüchern entfielen 37 478 auf Konten in der Höhe von 3000 bis 10 000 Mark; 5573 auf Konten in Höhe von Petersburg, 30. Dezember.. Die Petersburger Telegraphen- mehr als 10 000 Mark. Rechnen wir nun, daß auf jedes SparMitau, 29. Dezember. Die Eisenbahnlinien Mitau- Mindan tassenbuch der ersten Kategorie ein Betrag von durchschnittlich 600 m. und Mitau- Riga haben den Betrieb wieder aufgenommen, während entfiel, so ergibt die Einlage dieser Gruppe den Betrag von der Verkehr zwischen Mitau und Libau durch eine Beschädigung der 280 Millionen Mark. Nehmen wir ferner an, daß die SparkassenStrecke erschwert ist. Jufolge der geringen Zufuhr an Rohmaterial einlagen von mehr als 10 000 M. nur je 1000 Mark betrugen, so stellten viele Fabriken den Betrieb ein. macht das eine weitere Summe von 552 Millionen Mark. Die Nowogrudol, 29. Dezember. Ueber Baranowitschi im Gouber Sparkasseneinlagen über 3000 m. betrugen danach also 280 Mill. nement Min 3f wurde der Kriegszustand verhängt. Truppen Mark! Das heißt also: die besigenden Klassen waren an dem stellten die Ordnung wieder her, ohne daß es zum Blutvergießen gesamten Zuwachs der Einlagen mit zirka neun Zehnteln beteiligt, kam. Der Bahnverkehr wurde gestern wieder aufgenommen. während für alle Einlagen unter 3000 M. von denen auch bei Petersburg, 30. Dezember. Die„ Nowoje Wremja" meldet aus weitem der größere Teil nicht auf das Proletariat entfiel So sieht es um die VerNischny Now gorod: Im Stadtteil Kunawino hat ein Straßen- ganze 34 Millionen übrig bleiben! tampf zwischen den gemäßigten und extremen Parteien stattgefunden. mehrung der Spargroschen der nichtbesitzenden Klasse in WirklichDie Sormowoterke sind von der Stadt abgeschnitten. Am Abend keit aus! schallte Kanonendonner von der Stadt herüber. Ein Ebenso windig steht es mit dem pompösen Hinweis auf die Feuerschein war weithin sichtbar. Einkommensvermehrung des Proletariats. Zunächt bePetersburg, 30. Dezember. Gestern sind aus Riga Privat- geht das offiziöse Blatt eine kleine Fälschung, wenn es behauptet, meldungen hier eingegangen, denen zufolge dort ein heftiger die Summe der Arbeitslöhne habe sich„ verdreifacht". 2,6 Milliarden Straßenfampf stattgefunden hat. Die Aufständischen mal 3 ergibt 7,8 Milliarden, während die Lohnsumme sich nur auf follen einen großen Teil der Stadt, die Stadtduma, einige 6 Milliarden vermehrt hat. Beweist aber nun diese Vermehrung der Regierungsgebäude und den Bahnhof in Besitz genommen Löhne um zirka 130 Proz. auch eine entsprechende Erhöhung des haben. Der Telegraph sei zerstört. ohnes pro Kopf? Keineswegs! Das Anwachsen der Löhne erklärt sich einfach aus dem Wachstum der Zahl der Arbeiter! Nach den amtlichen Berufszählungen wurden gezählt Arbeiter Wie die„ Nowoje Wremja" aus Kurland meldet, brannten Letten das im 13. Jahrhundert erbaute Schloß Dondangen der Barone Osten- Saden nebst allen Wirtschaftsgebäuden nieder. Warschau, 29. Dezember.( Von einem Privatkorrespondenten des„ W. T. B.") Der Verkehr nach dem Auslande ist noch unterbrochen, da die Bahnlinie zwischen Warschau und Stierniewice beschädigt ist. Heute abend wurden hier einige Barrikaden von Soldaten zerstört, ohne daß Widerstand geleistet wurde. Die Soldaten gaben dabei fünf Salven ab, getötet wurde niemand. auf Die 1882 4 096 243 727 262 Marokko. 1905 5 900 654 1 233 047 Um den 16. Januar herum soll nun endlich die Marokkobequem ist, fie möchten nach alten schlechten Rezepten der Sozialdemokratie wieder eine Ausnahmestellung im Rechte zuweisen und sie schlechthin rechtlos machen. Was aber die Sozialdemokratie hier plant, Massenfundgebungen für das Wahlrecht, das könnten ebenso gut bürgerliche Parteien veranstalten, es hat mit Zukunftsstaat und Margismus nicht das geringste zu tun. Es wäre jogar wünschenswert, daß bürgerliche Parteien ihrerseits die Wahlrechtsbewegung in Gang brächten, wie wir uns seit Jahren bemühen, die preußische Dreiklassenwahl zu Fall zu bringen. Würden nun dieselben Blätter ebenfalls nach dem Polizeibüttel rufen, wenn etwa die nationalliberale Partei der artige Massenversammlungen beschlösse? Getviẞ nicht! Das Necht muß aber für alle Parteien gleich sein und ebenso gut wie andere Richtungen kann die Sozialdemokratie ihre Anhänger„ friedlich und ohne Waffen in geschlossenen Räumen versammeln". Die Frankf. 8tg." wendet sich dann freilich auch gegen die Sozialdemokratie, der sie ein Zusammengehen mit den freiheitlich gesinnten Elementen des Bürgertums empfiehlt: die um Reine Frage wäre besser geeignet, einem gemeinsamen Vorgehen bürgerlicher und sozialdemokratischer Kräfte zum Untergrund zu dienen, als die Wahlrechtsfrage; nach Lage der Dinge scheint uns das die Vorbedingung des Enderfolges zu sein. Die Sozialdemokratie ist jedoch anderer Meinung, und in diesem Punkte begeht sie denselben Fehler wie ihre russischen Genoses. Ihre Taktik ist seit Dresden nicht auf Einigung, sondern auf Trennung gerichtet, auf die bewußte Abscheidung der ihr anhängenden Arbeitermassen von allen bürgerlichen Elementen. Sie will in die Arbeiterköpfe das Klassenbewußtsein gewaltsam hineintreiben und es dort zur rücksichtslosesten AlleinHerrschaft bringen, zu welchem Zwecke natürlich alle bürgerlichen Glentente ausnahmslos als„ verkommen“ und„ verächtlich" geschildert werden müssen. Wie sie es in den Wahlkämpfen darauf anlegt, gerade die fortgeschrittenen bürgers lichen Kräfte zu verdrängen und wie sie dadurch den Reaktionären vielfach Vorschub geleistet hat, so ist auch in der Politik ihr Ziel auf diese Abscheidung und Abtrennung gerichtet." Das liberale Bürgertum besäße ein ausgezeichnetes Mittel, angeblich falsche Taktik der Sozialdemokratie zu betämpfen: es brauchte sich nur einmal ernstlich den politischen und sozialen Kämpfen der Arbeiterklasse anzuschließen, Glaubt eine zeitweilige Waffenbrüderschaft herzustellen. denn die Franff. 3tg." wirklich, die Sozialdemokratie wäre so dumm, die ehrliche Unterstützung des liberalen Bürgertums gegen das Dreiflajsenwahlsystem a bzulehnen? Die Sache ist nur die, daß ihr nirgends Unterstützung angeboten wird! Und hat denn die Franks. Ztg." schon die schmähliche Haltung des Liberalismus bei den letzten preußischen Landtagswahlen vergessen, wo der Freisin jeden gemeinsamen Kampf feige zurüdwies? Mit ein paar unverbindlichen Zeitungsphrafen einzelner Blätter ist es nicht getan: die Arbeiterklasse will Taten sehen! Nicht die Sozialdemokratie ist es, die sich absondert, sondern die erbärmliche Haltung des Freifinns ms 3 wingt die Arbeiterklasse, den Kampf um die Volksfreiheiten aus eigener Kraft aufzunehmen! Ein lichter Augenblick. Ueber die Aussichten der russischen Revolution schreibt heute in ihrem Leitartikel die„ Kreuz- Zeitung": Die Anhäger „ Den Vorteil haben nur die Revolutionäre. in der Industrie. in Handel und Verkehr Die Zahl der in Industrie, Handel und Verkehr beschäftigten Arbeiter hatte sich also in den Jahren 1882-1905 um 2 400 000 Stöpfe, also un zirka 50 Prozent vermehrt. Zwischen 1888 und 1903 liegen 15 Jahre, also mehr als der doppelte Zeitraum, die Zahl der Die Bauernbewegung Arbeiterschaft der beiden Kategorien muß sich also da doch die dehnt sich, wie die„ Russ. Korr." mitteilt, immer weiter aus. Induſtriealiſierung der Bevölkerung seit 1895 noch raschere Fort Im Bezirke Nowgorod Ssewerst( Gouv. Tschernigoff) schritte gemacht hat seit 1888 um weit über 100 Prozent vermehrt fann man bereits ebenfalls Anzeichen nahender haben! Darauf also, nicht auf eine allgemeine Lohnerhöhung ist Agrarunruhen bemerken. Die„ Nowoje Bremja" das Wachstum der Summe der Löhne zurückzuführen. Aber selbst teilt mit, daß an der Grenze des Gouvernements Drel, wo wenn zugegeben wird, daß sich die Löhne der gelernten Arbeiter in sich sehr viele größere Gutshöfe befinden, jetzt Massen- den 15 Jahren erhöht haben die Kosten der Lebenshaltung abholzungen von Wäldern vorkommen, die auf fast keinen wuchsen freilich mindestens ebenso rasch was besagt dieser miniWiderstand seitens der Polizei und der Forstwachen male Lohnzuwachs gegenüber der Anhäufung des Besitzes der stoßen. Die Polizei ist vollständig macht- Stapitalistenklasse, deren Vermögen sich binnen sieben Jahren um mehr als 11 Milliarden vermehrt hat! I o s. Ihre Einmischung stößt bei den Bauern Trotz alles öffiziösen Zahlenschwindels läßt sich also nicht an des Alten lassen wir aus dem Spiele, da sie für eine aussichtslose scharfen Widerstand. Die Vorgänge, die sich im Dorfe Sache kämpfen. Auch in Rußland kann und wird das Swot abspielten, sind ein charakteristisches Beispiel hier- der Tatsache rütteln, daß die Tendenz des Kapitalismus dahin geht, Alte nicht mehr wiederkehren, seitdem der Damm für. Man entdeckte hier eine große Abholzung, worauf Polizei die sozialen Gegensäze zwischen Arm und Reich immer mehr zu eingeriffen ist. Aber die Roten können die Zwischen und Forstwache eine Untersuchung veranstalteten. Ein Teilberschärfen!. zeit bis zum Zusammentritt des Parlaments vortrefflich des Holzes wurde gefunden, doch erlitt das Vorgehen eine ausnüßen und sind eifrig bei der Arbeit. Das große Maß tatganz unerwartete Störung. Auf einem Hofe warf sich eine fächlicher Preßfreiheit, das seit dem 30. Oktober gewährt wurde, Bäuerin mit der Art in der Hand auf die Polizei und lehrte Konferenz wirklich und wahrhaftig und unwiderruflich in Algeciras gab und gibt ihnen die Möglichkeit, das Mißtrauen gegen die ,, bureaukratische" Regierung zu schüren. Man fann mit Trompeten sie laufen. Bald entstand eine Panik, man begann die Glocken Konferenz wirklich und wahrhaftig und unwiderruflich in Algeciras stößen immer wieder versichern, daß es der Regierung trotz allezu läuten und in kurzer Zeit hatte sich eine tausendköpfige stattfinden. Also in den Tagen, da Frankreich gerade seinen neuen dem mit der Konstitution nicht ernst sei und nur der völlige AbMenge von Bauern, denen sich die Arbeiter einer benach- Präsidenten zu wählen haben wird. Tag für Tag feit vielen Wochen hat die Presse sich mit der bruch der alten Ordnung durch gewaltsame Revolution freie Bahn barten Fabrik zugesellten, an der Kirche versammelt. für ein neues Rußland schaffen könne. Es entsteht eine sozialPolizei wurde bei ihrem Erscheinen mit dem Rufe:„ Nieder Marokko- Konferenz beschäftigt, in der letzten Zeit war es fast zum demokratische und sozialrevolutionäre Bresse, die reißenden Absatz mit der Polizei!" begrüßt. Auf die Aufforderung des Pristaws Sport bei den bürgerlichen Zeitungen geworden, neue Lesarten zu findet und auch von vielen Jntelligenten" begierig verschlungen auseinanderzugehen, erscholl als Antwort:„ Schlagt die Polizei!" bringen, besonders aber, die Chancen dieses oder jenes Herrn, dieses wird. Die Bewegung wächst sichtlich und wird bis zum Frühling zu einem bedrohlichen Strome Einige von den Wachtleuten liefen davon, wurden aber von oder jenes Monsieurs, dieses oder jenes Misters, dieses oder jenes Signore zu tippen in bezug auf seine Aussichten: von der einen angeschwollen sein. Die Folgen des von Alexander III. der Menge erwischt und grausam zugerichtet. inaugurierten 25jährigen Stillstandes und schrankenloser Herrschaft Der Pristaw wurde von einigen älteren Bauern in oder der anderen Regierung als Vertreter nach Algeciras entsandt des Selbsterhaltungstriebes machen sich in bedrohlicher Schutz genommen. Sie versteckten ihn im Gemeindehause zu werden. Diese Personalia interessieren uns weniger, und wir Weise fühlbar, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, werden und sagten dann den erregten Bauern, daß er durch das glaubten daher, unsere Leser mit ihnen verschonen zu sollen. die ersten Monate des neuen Jahres in Rußland vielleicht noch Eine zweite große ,, Sensation" hat der Marokforummel der letzten Fenster entflohen sei. Aehnliche Vorfälle ereignete sich auch Woche soeben erbracht, nämlich die Nachricht aus dem„ Temps", daß unruhiger verlaufen, als der abgelaufene ereignisreiche Herbst." in anderen Ortschaften. Ueberall zeigt sich die Hoffentlich hat die Streuz- Zeitung" noch öfter solche lichte Bauernschaft äußerst erregt, und die ansässigen Wilhelm II. auf einer Hofjagd gegenüber dem französischen MilitärGutsbesitzer machen alle Anstrengungen, ihnen zu begegnen. attaché in Berlin, Major de Laguiche, außerordentlich friedfertige Momente, so daß sie auch für die deutsche Zukunft aus ihrer und friedliebende Ansichten vertreten haben soll. Die Bauern sind fest überzeugt, daß sie in kurzer Zeit feinen Grund, uns über Friedensliebe auf dieser Seite weniger zu die nötigen Konsequenzen zicht. In Preußen haben wir ja Die Bauern sind fest überzeugt, daß sie in furzer Zeit und friedliebende Ansichten vertreten haben soll. Wir hätten Einsicht in das Verhängnisvolle des politischen Stillstandes das ganze Land erhalten werden. Dieser Erwartung leben sowohl die von der revolutionären Propaganda freuen als die bürgerliche Presse; indessen halten wir es für uns nicht nur einen 25jährigen, sondern einen mehr als 50jährigen infizierten Bauern, als auch diejenigen, die ihre Hoffnung angebracht, dem deutschen Kaiser deswegen jubelnde Dankeshymnen Stillstand! auf den Zaren setzen. Diese sind fest überzeugt, daß in du fingen; wenn der" Temps" durch den französischen Botschafter furzer Zeit ein neues kaiserliches Manifest erscheinen werde, Bihourd richtig informiert wurde, so hat er eine Tatsache erfahren, die in der gegenwärtigen Situation geradezu selbstverständlich ist; das ihren Hoffnungen Erfüllung bringen soll. Stimmung der Bauern beleuchtet auch recht gut ein Kongreß, vereint marschieren und vereint schlagen werden, das kann doch wohl denn daß Frankreich, England und Spanien auf der Konferenz der jetzt in der Stadt Krementschug( Gouvernement Poltawa) feinem Zweifel unterliegen. Und es gibt kaum etwas komischeres, stattgefunden hat. Dieser von den Semstwos einberufene Stongreß war von etwa 500 Bauern besucht, die von ihren als jemand mit Lobpreisungen zu überschütten, weil er- aus der Not eine Tugend macht. Gemeinden gewählt worden waren. Auch der Vorsitzende der Bersammlung war ein Bauer. Es wurde eine Resolution angenommen, die fordert: Die sofortige Einberufung einer konstituierenden Versammlung, Nationalisierung des Bodens und die Einsetzung gewählter Beamten an die Stelle der Polizei und der Landeshauptleute. Politifche Uebersicht. Berlin, den 30. Dezember. Offiziöser Zahlenschwindel. Die Doch ganz gleichgültig, welcher Art die Motive fein mögen, wir dürfen uns doch darüber freuen, daß die Marotto- Affäre einen großen Teil des Zunders eingebüßt zu haben scheint, den sie während der ersten Stadien ihrer Entwickelung in sich barg. Es ist für das internationale friedliebende Proletariat inmechin eine gewisse Beruhigung, ins neue Jahr eintreten zu können mit der Ueberzeugung, daß auch in gewissen anderen Kreisen augenblicklich die Friedensstimmung wieder einmal die Oberhand hat. Hoffentlich sorgt der Gang der Verhandlungen in Algeciras wenigstens dafür, daß diese Stimmung auch einmal etwas längere Zeit anhält.Deutfches Reich. Eine Kaltwasser- Douche. Es hat der, Nordd. Allg. 8tg." begreiflicherweise schweren Verdruß bereitet, daß wir an der Hand der neuesten preußischen Einkommensteuerstatistik die aufregende Tatsache festzustellen vermochten, daß der vielgepriesene wirtschaftliche Aufschwung zwar Den lärmenden Scharfmachern, die die Regierung durch eine Millionäre züchtet und einer Minderheit von einigen Hundert tausenden ein üppiges Wohlleben gestattet, aber die elende Lage der wüste Haze zu törichten Gewaltstreichen gegen die Arbeiterklasse aufübergroßen Masse des Volkes nicht im mindesten verbessert. Das putschen möchten, verabfolgt die„ Frankfurter Zeitung" folgende Kangleroffiziöse Organ entrüstet sich sehr daß Douche: wir dergestalt mit einem derartig abgestandenen Marrisinus" zu fomunen wagten, der beweise, wie tief das intellektuelle Niveau des Blattes gejunfen ist". Da es aber mit dem Schimpfen allein nicht getan ist, versucht die„ Nordd. Allg. Ztg." unsere Ausführungen durch folgende schlagende Beweise" zu entfräften: darüber, Eine noch beredtere Sprache über diese Lage der Dinge führt die Statistik über die preußischen Sparkassen, deren Einlagebestand sich in den zehn Jahren 1894 bis 1904 von vier auf nicht ganz acht Milliarden vermehrt hat. Diese Ersparnisse ver teilen sich größtenteils auf Spareinlagen von 60 bis 150 M., stellen also eine wirtschaftliche Errungenschaft der Arbeiterklasse und der mindestbemittelten Bevölkerung dar. Zu demselben Er gebnis einer stetig sich steigernden Lebenshaltung auch der unteren Massen in Deutschland tommen wir auch durch die Betrachtung " Neue Aufruhr- Prozesse in Dresden. Die sächsischen Gerichte arbeiten unheimlich schnell. Der offiziöse Telegraph übermittelt zwei weitere Schreckensurteile: Dresden, 30. Dezember. Der während der Straßendemonstration in der Nacht zum 17. Dezember verhaftete 21 jährige Metallbrücker Ernst Alwin Schreiter aus Scharfenstein wurde heute von der sechsten Straffammer wegen Aufruhr, Aufreizung zum tätlichen Angriff, schwerer Beamtenbeleidigung, Straßenlärms und unbefugten Tragens eines Dolches zu drei Jahren Gefängnis und zwei Wochen Haft verurteilt. Die Straffammer verurteilte ferner den Bauarbeiter August Steuer wegen Landfriedensbruchs, Aufruhrs, Aufforderung zu tätlichen Angriffen gegen Beamte, schwerer Beleidigung und ruhe störenden Lärms, begangen bei Gelegenheit der Straßenkund gebungen in der Nacht zum 17. Dezember, zu zwei Jahren sechs Monaten Gefängnis. Wenn die herrschende Klasse glaubt, durch solche Urteile die Erbitterung des sächsischen Volkes gegen das schnöde Wahlunrecht beschwichtigen zu können, so befindet sie sich in einem verhängnisvollen Irrtume! Wahlverwandte Seelen. Die beiden antisemitischen Parteichen, die Deutsche Reformpartei und die Deutsch- Sozialen, liegen sich wieder mal in den Haaren. Der Streit dreht sich um den ReichsHerr von Gerlach vertritt. Die Deutsch- Sozialen( Liebermanntagswahlkreis Marburg, den jetzt der ehemals nationalsoziale Raab) haben in Verbindung mit dem Bunde der Landwirte für Marburg einen Dr. Böhme- Berlin aufgestellt. Das paßt dem Abg. Zimmermann nicht, und er erklärt deshalb in seiner Deutschen Reform", daß der antisemitische Standidat des Wahlkreises vor läufig noch er, der Abg. Zimmermann, fei, daß er aber wahr scheinlich dem Rechtsanwalt Harmony- Kassel die Anwarischaft auf das Marburger Mandat überlassen werde. Art. 29 der preußischen Verfassung gibt allen Breußen das Recht, fich ohne vorgängige obrigkeitliche Erlaubnis friedlich und ohne Waffen in geschlossenen Räumen zu versammeln. Art. 27 derseiben Verfassung verleiht jedem Preußen weiter das Recht, durch Wort, Schrift, Druck und bildliche Darstellung seine Meinung frei zu äußern". An diese Verfassungsgrundsäße wird man lebhaft erinnert, wenn man die Versuche der Scharfmacherpresse liest, die Regierung„ Die jetzt erfolgenden Quertreibereien müssen wir," schreibt er, zu einem Einschreiten gegen die angekündigten sozialdemokratischen aufs lebhafteste bedauern. Aber Herr Dr. Böhme ist Beamter Demonstrationen zu veranlassen. Schon der bloße Gedanke, es des Bundes der Landwirte. Wir besorgen, der Bund der Landfönnte nun auch in Preußen wie in Sachsen eine lebhafte, vielleicht wirte wird hier für Intrigen gebraucht, die von bekannter Seite fogar eine heftige und lärmende Agitation zugunsten eines freieren ausgehen und auf eine unschöne Bekämpfung der Deutschen Reform Wahlrechtes einsetzen, steigert die der Sozialdemokratie gegenüber partei in ihrem feitherigen Arbeitsgebiete hinauslaufen. Wir era ohnehin vorhandene Nervosität gewisser Blätter bis zur Sinn- flären schon jetzt: Den Einbruch in Marburg betrachten wir Relosigkeit. Am liebsten möchten fie mit brutaler Polizeigewalt former als Striegserklärung und werden die Folgerungen daraus, unterdrückt sehen, was nicht eine fabric, fazakarn bloß un ziehen." -Der Bär ist noch nicht erlegt, aber die feindlichen Brüder der Hauptmann den Antrag stellte, S. wieder in die erste Soldaten- 1 Die Veröffentlichung dieser Wahlreform hat die Koalition und prügeln sich bereits um dessen Fell. flasse aufzunehmen. Nichtsdestoweniger war dessen Sinnen und deren Presse geradezu konsterniert; sie ist besonders erbittert über Herr Paasche als Unterstaatssekretär. Schon vor Monaten rüden. Als im September d. J. das Regiment sich im Lockstedter mangelhafte Reform dennoch eine Lanze bricht. Sie verdächtigt die Trachten darauf gerichtet, bei der ersten besten Gelegenheit auszu- die ungarländische Sozialdemokratie, weil diese für die immerhin wußten einige Blätter zu melden, daß der nationalliberale Abgeord- Lager befand, stahl er einem Reserveunteroffizier, bei dem er als Sozialdemokratie sogar, daß sie im Dienste der Regierung stehe! nete Paasche für einen wichtigen Poften in der Kolonialverwaltung Bursche fungierte, 40 M. Reisegeld und kniff aus. Am andern Welch ein Unsinn! Wenn dieser Gesezentwurf, der troß seiner ausersehen sei. Nachdem munmehr Erbprinz zu Hohenlohe zum Morgen entwendete er einem pflügenden Bauer eine Jacke und Mängel viel günstiger für die Arbeiterschaft Ungarns ist als jene Leiter des in Aussicht genommenen Reichskolonialamts beſtimmt eine Müge und entfernte sich unter Zurücklassung seiner Uniform- Reform", welche die Koalition verkündigt, so möge letztere die worden ist, versucht man Abg. Paasche wenigstens als Unterstaats- stücke, um nach Hambung zu wandern. Hier wurde er bei einem Mängel ihres Entwurfs sämtlich beseitigen, und wir garantieren, sekretär dieses Reichsamts zu empfehlen. Vielleicht gelingt es Herrn Einbruchsdiebstahl abgefaßt und vom Landgericht zu 1 Jahr daß sie sofort die Millionen der Rechtlosen hinter sich haben würde. Baasche doch noch, in das Kolonialamt einzuziehen. So sachver- 4 Monaten Gefängnis verurteilt. In der Hamburger Strafanstalt ständig, wie manche anderen Beamten des betreffenden Amtes ist er gefiel es ihm nicht besonders, weshalb er zu erkennen gab, daß zum mindesten auch. Hus der Partei. er ein Deserteur sei. Jetzt wurde er dem Militärgefängnis überwiesen. Am Weihnachtsabend machte er einen Fluchtversuch, indem er ein Stück Eisen vom Fenster abbrach und damit ein Loch in die Wand stemmte. Schon wollte er sich durch das Loch entfernen, Genosse v. Elm erinnert in einem Artikel der„ Soz. als ein Aufseher hinzukam. Am Freitag stand S. vor dem Kriegs- Monatshefte" an die Resolution des Jenaer Parteitages, in gericht der 18. Division, angeklagt wegen wiederholter Fahnen- der es heißt: flucht, Diebstahl, Entäußerung und Beschädigung von Dienstgegenständen. Das Gericht nahm an, daß der Ausbruchsversuch nur als Beschädigung von Dienstgegenständen qualifiziert werden könne, weil der Angeklagte sich noch innerhalb der Militärgefängnismauern befand. Unter Einbeziehung der vom Landgericht erkannten Strafe wurde der Angeklagte zu einer Gesamtstrafe von drei Jahren Gefängnis und abermaliger Versehung in die zweite Soldatentlasse verurteilt. Gegen den Zwischenhandel, der an manchen Schlachthöfen betrieben wird, ist endlich die städtische Behörde Dresdens eingeschritten. Sie hat verboten, daß ein gekauftes Stück Vich an demselben Markttage mehrmals veräußert wird. Zugleich sollen, um dem zweifelhaften Zwischenhandel zu steuern, städtische Vertaufsvermittler( Makler) angestellt werden. In einer Mitteilung des Oberbürgermeisters Beutler an das Stadtverordnetenkollegium heißt es: Es ist Tatsache, daß auf dem hiesigen Schlachthofe Viehstücke und insbesondere Schweine, ehe sie in die Hände dessen, der sie tatsächlich schlachtet, gelangen, wiederholt verkauft werden, was natürlich eine entsprechende Verteuerung des Verkaufspreises im Gefolge hat und damit zur Fleischteuerung beiträgt. Der Rat hat daher auf Vorschlag des Wohlfahrtspolizeiausschusses und nach erfolgter Einbernehmung mit dem Vorstand der Fleischerinnung zum Beheben dieses Mißstandes beschlossen, ein entsprechendes polizeiliches Verbot mit Strafvorschrift zu erlassen. Die günstigen Erfahrungen, die der Rat mit der Einrichtung einer städtischen Verkaufsvermittelung in der städtischen Hauptmarkthalle bisher erzielt hat, habe es empfehlenswert erscheinen lassen, den Versuch mit einer ähnlichen Einrichtung auf dem Dresdener Schlachtviehmarkt zu unternehmen. Es würde sich empfehlen, wenn auch an anderen Orten gegen den die Preise treibenden, jeglicher Berechtigung entbehrenden Zwischenhandel auf den Schlachthöfen eingeschritten würde. Husland. Frankreich. Die Trennung. Der Ministerrat beschloß, daß die Mitglieder des Klerus auf Grund des Gesetzes, betreffend die Trennung von Stirche und Staat, an den offiziellen Empfängen am 1. Januar nicht mehr teilnehmen sollen. Obwohl es sich hierbei um eine leere Formenfrage handelt, so werden die feinfühligen" Kleriker die„ neue Richtung" in ihren Anfängen doch übel vermerken. England. " Ausschluß der Oeffentlichkeit vor dem Militärgerichte. Freihandel! In einer am Freitagabend in Dunfermline gehaltenen Nede führte Premierminister Campbell- Bannerman aus, § 18 Abjazz 2 des Einführungsgesetzes zur Militärstrafgerichts- die Liberalen hätten den Freihandel als die ständige Politik des ordnung verbietet die Veröffentlichung von militärgerichtlichen Vers Landes angesehen. Niemals sei das Bestreben nach einem handlungen durch die Presse, soweit im militärgerichtlichen Verfahren Schutzzoll aufgetreten, bis Chamberlain Chamberlain sich bemüht habe, die Deffentlichkeit wegen Gefährdung der Staatssicherheit oder der das Publikum davon abzulenken, über seinen unglückseligen militärdienstlichen Interessen ausgeschlossen war". Verstöße gegen füdafrikanischen Krieg nachzudenken. Bannerman erklärte, der Freidies Verbot find mit Geldstrafe bis zu 1000 Mark oder mit Haft handel bilde bei den bevorstehenden Wahlen den Hauptstreitpunkt. bis zu 6 Monaten bedacht, Gegen diesen mit Hülfe der freisinnigen Des weiteren bemerkte der Redner, er habe nicht die Gewährung und der Zentrumspartei zum Gesetz erhobenen Preßinebel sollte die eines getrennten, unabhängigen Parlaments für Jrland begünstigt. „ Tägliche Rundschau" und die" Boffische Zeitung" durch einen Jedes Parlament, für das er jemals gestimmt habe, müsse dem Bericht über die Berufungsinstanz in dem bekannten und be- rühmten Reichsparlament untergeordnet werden. Aufruhrprozeß gegen die Kanoniere Schreier, Silz und Bitschtowski verstoßen haben. In erster Instanz war die Deffentlichkeit nicht beschränkt, wohl aber in der Berufungsinstanz Australien. einige Barlamentsfize dadurch verloren gingen oder ob die Partei an Mitgliedern Einbuße erleide. Eine fleine zuverlässige Partei, Klassenbewußt. einig und entschlossen, sei mehr wert als eine numerisch starke, die immer auf Stimmenfang ausgehe und innerlich keinen festen Halt habe. Die Haltung der Arbeiterpartei unterzieht der Queensländer wegen Gefährdung militärdienstlicher Interessen". Ueber den Prozeß Worker" einer scharfen Kritik. Er erklärt es als eine schlechte selbst hatten wir am 30. Mai berichtet. Zwei Kanoniere waren in Taktik, durch Verbindung mit anderen Parteien Einfluß und Macht erster Instanz in Frankfurt a. D. zu 5 Jahren und 7 Mo- in der Politik zu suchen. Die Arbeiterpartei könne dabei nichts naten beziehentlich zu 5 Jahren und 6 Monaten ver- gewinnen, sie würde getäuscht und betrogen.„ The Worker" urteilt, Bitschkowski war freigesprochen. Die Berufungsinstanz hatte fordert die Partei auf, alle Kompromisse und Koalitionen das Strafmaß auf 5 Monate und 14 Tage beziehentlich 5 Monate mit anderen Parteigruppen zu verwerfen; es sei gleichgültig, ob herabgesezt. Da in der Berichterstattung außer dem Urteil auch die Anträge der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung wiedergegeben tvaren, wurde gegen die Redakteure der beiden erwähnten Blätter und gegen die Berichterstatter Sauberlich und Ginsel Anflage erhoben. Das Landgericht sprach die Redakteure aus subjektiven Gründen frei, verurteilte aber jeden der Berichterstatter zu der geringsten Strafe von je 3 Mark. Das Reichsgericht Sterling fosten soll, wird Zum Denkmal der Königin Viktoria, das eine Million Pfund von Australien ein Beitrag von berwarf am 29. d. Mts. die von dem Angeklagten 25 000 fund aus dem Staatsschatz verlangt." The Worker" fragt, Säuberlich eingelegte Revision. Die Revisionsbegründung legte dar, was die Königin Viktoria getan habe, daß man ihr ein Denkmal errichten fich gar nicht einen Bericht über die nichtöffentliche wolle, und erklärt die Bewilligung der 25 000 Pfund als eine VerSizung handele, da der Sachverhalt ja aus der früheren friegsschwendung öffentlicher Gelder. Er spottet über die Anstrengungen der gerichtlichen Verhandlung in Frankfurt a. D. bekannt gewesen sei. Was die Mitteilungen über die gestellten Anträge betreffe, so handele Königstreuen, die alte Viktoria zu einer halben Heiligen zu erheben und es sich hier um unwesentliche Einzelheiten, durch deren Mitteilung einen Zweck haben, daß der monarchische Gedanke gestärkt, der eine große Frau aus ihr zu machen. Das Denkmal fönne nur den das militärdienstliche Interesse ebensowenig leide als etwa durch die englische Thron gestützt, die Anerkennung ererbter Borrechte gefestigt Angabe, daß ein Angeklagter in der Sizung ohnmächtig geworden oder gestorben sei. Das Gesetz wolle offenbar nur, daß die Deffentlichkeit über die Verhandlung als Ganzes teine Kenntnis erhalten sollte. Einen solchen Ueberblick gewähre aber die Mitteilung der Anträge nicht. baß nehmen, Iungen werde. Der ungarische WahlrechtsGesetzentwurf. " Niedriger hängen! ,, Mit aller Entschiedenheit erhebt der Parteitag Einspruch gegen eine gehässige, die persönliche und die Partei= ehre von Genossen verlegende Art der Diskussion, durch welche auch der Agitation im Lande die größten Schwierigkeiten bereitet werden." Gegen diese Resolution verstoßen zu haben, wirft Genosse v. Elm der gegenwärtigen Redaktion des„ Vorwärts" vor. Er behauptet:" Eine so gehässige, persönliche Stampfesweise, wie sie... die neue Vorwärts"-Redaktion betreibt, ist in der Partei noch nicht dagewesen." Wir waren bisher der Meinung, daß die neue„ Vorwärts" Redaktion sich gegenüber der Schlammslut von Verleumdungen und Verdächtigungen eine beinahe übermenschliche Zurückhaltung auferlegt hat doch wollen wir das Urteil hierüber den Genossen überlassen, die sowohl von den Angriffen gegen die Redaktion als von ihrer Abwehr Kenntnis genommen haben. Niedriger hängen wollen wir nur ein Musterbeispiel dessen, was Genosse von Elm für keinen Verstoß gegen die von ihm selbst angezogene Jenaer Resolution zu halten scheint. In seinem Artikel fagt er: " Genossen, die noch vor Jahresfrist den Generalstreit als Generalunsinn verhöhnten, halten diese ultimo ratio des Klassenkampfes jetzt für ein Kampfmittel von der wunderbarsten Wirkung. Sich fälschlich stützend auf den Jenaer Beschluß über den politischen Massenstreit sind sie zurzeit augenscheinlich erfolgreich bemüht, den Massen den parlamentarischen Stretinismus ebenso zu verekeln, wie die durch hohe Beiträge viel zu kostspielige und gänzlich nuzlose Gewerkschaftsspielerei, und ihnen dafür die neue Taktik der direkten Aktion der Massen zu verkünden, durch die man nicht nur, wie in Jena beschlossen, Wahl- und Koalitionsrecht schützen will, sondern auch die Diktatur des Proletariats heute oder morgen zu erringen für möglich hält. Ist das etwa nicht utopistische Revolutionsromantik? Eine Erklärung dieser Erscheinung kann man vielleicht finden in dem Milieu und dem ganzen Charakter der Berliner Bevölkernug, in der die Macht der Phrase allen, von den Spigen bis zum kleinsten Schusterjungen, Gemeincigentum ist. Wenn auch jeder sich über die gepanzerte Faust des anderen luftig macht, berauschend klingt's doch, wenn man in Wort und Schrift der herrschenden Gesellschaft den Donner der Revolution um die Ohren sausen läßt. Wer da nicht mitschreit, ist Revisionist oder verhöhnt, wie die neueste Phrase lautet, die Majestät des Proletariats. Ohne Zweifel wäre auch diese fünftlich aufgepuffte Revoluzzerci dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen und schon wieder im Sande verlaufen, wenn ihr nicht das blutige Drama in Rußland zu Hülfe gekommen wäre. Es mutet einen an, wie eine Blasphemie, wenn man da jetzt im Vorwärts" von der schönen Röte liest..." überhaupt von Revolutionsromantik" und Revoluzzerei" geNachdem wir gestern nachgewiesen haben, daß, wenir sprochen werden kann, gerade Genosse v. Elm selbst als Revolutionsromantifer und Revoluzzer par excellence gelten muß, können wir uns jede weitere Anmerkung ersparen. Wir können das umsomehr, als Genosse v. EIm in seinent blinden Wüten gegen die Windmühlenflügel einer eingebildeten Revoluzzerei und andere Schreckgebilde seiner erregten Phantasie nicht nur die Vorwärts"-Redakteure, sondern auch die Genossen ganz Berlins der hohlen Phrasendrescherei bezichtigt! Es genügt, solche Donquichotterien einfach niedriger zu hängen. Der Reichsanwalt beantragte die Verwerfung der Revision und führte in der Hauptsache folgendes aus: In der Auslegung des Da der Entwurf nebst seiner ausführlichen Begründung sehr Begriffes Bericht über Verhandlungen" wird man der Revision umfangreich ist, so feien in folgendem wenigstens die markantesten nicht folgen können. Die Revision will den Begriff ganz abstrakt Stellen wiedergegeben: auslegen ohne Rücksicht auf Tendenz und Entstehungsgeschichte des§ 1. Bei Reichstagsabgeordnetenwahlen hat jeder Mann das § 18, 2. Allerdings findet sich derselbe Ausdruck Wahlrecht, der sein 24. Lebensjahr vollendet hat, ungarischer Staatswie in jenem§ 18, 2 auch in§ 12 des Str. G.- B., wo bürger ist, schreiben und lesen kann. es heißt, daß wahrheitsgetreue Berichte über Verhandlungen eines§ 3. Zum Reichstagsabgeordneten fann gewählt werden, wer Landtages oder einer Kammer eines zum Reiche gehörigen Staates das Wahlrecht hat, wenn er von der Ausübung seines Wahlrechtes Das„ Correspondenzblatt der Generalfommission" von jeder Verantwortlichkeit frei bleiben. An diese Bestimmung hat nicht ausgeschlossen, in eine Wählerliste aufgenommen, mindestens nimmt in feiner legten Nummer noch einmal das Wort, um sein sich eine Rechtsprechung angeschlossen, in welcher in bezug auf den seit zehn Jahren ungarischer Staatsbürger und der ungarischen feltsames Eingreifen in den„ Vorwärts"-Konflikt zu rechtfertigen. Begriff„ Bericht" gefagt ist, daß die Wiedergabe einiger Sprache mächtig ist. Es kann nicht gewählt werden, wer wegen Das Blatt wundert sich, daß es nicht nur in Partei-, sondern aufunselbständiger Momente nicht dem Begriff eines eines aus Gewinnsucht entspringenden Verbrechens oder Bergehens fallenderweise selbst in Gewerkschaftskreisen Widerspruch erfuhr. Das Berichtes entspreche. Das Reichsgericht hat ausgesprochen, oder nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes wegen Aufreizung einer fallenderweise selbst in Gewerkschaftskreisen Widerspruch erfuhr. Das daß man unter einem wahrheitsgetreuen Berichte nur eine zu- Nationalität zum Haffe gegen eine andere rechtskräftig ver- liegt lediglich an seiner schiefen Auffassung, daß es in jenem Konflikt sammenhängende Darstellung der Verhandlung in ihrem wesent- urteilt war. gewertschaftliche Grundsäße zu verteidigen galt. lichen Verlaufe verstehen könne. Würde man diese De-§ 6. Die Wahl erfolgt unmittelbar und geheim durch Stimmi- Es ist niemand eingefallen, die Lohn- und Arbeitsbedingungen finition in ihrer Allgemeinheit gelten lassen, so müßte zettel. Stimmberechtigt ist derjenige, der in die Wählerliste auf- der ausgeschiedenen Redakteure verschlechtern zu wollen oder ihnen man allerdings im vorliegenden Falle angenommen ist. Das Stimmrecht kann nur persönlich ausgeübt einen ökonomischen Nachteil zuzufügen. Das haben sie selbst nicht daß ein ,, Bericht über über Verhand- werden. Zur Erwählung ist die abfolute Stimmenmehrheit notwendig. behauptet und dagegen haben sie auch nicht angekämpft. Es ist nicht vorliege, weil aus der ganzen Ver- Erhält diese keiner der Kandidaten, so hat eine neue Abstimmung niemand eingefallen, ihnen das Koalitionsrecht zur Erlangung Handlung nur die Anträge herausgegriffen sind. Tendenz und Ent- zwischen den zwei Kandidaten zu erfolgen, welche die meisten wirtschaftlicher Vorteile zu nehmen. Sie haben auch nicht gekämpft stehungsgeschichte des§ 18, 2 führen aber zu einer erheblich weiteren Stimmen erhalten haben. Im Falle der Stimmengleichheit entAuslegung des Begriffes Bericht über Verhandlungen". Die fcheidet das Los. um Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen; sie stritten Tendenz des Gesetzes sei die Einführung präventiver Maßregeln.§ 10. Diejenigen, die in eine auf Grund der früheren Gefeße für ihren politischen Einfluß. Sie traten nicht in den Streif, sondern Wenn man noch das Schweiggebot in Betracht ziehe, so fomme man im letzten Jahre angefertigte Wählerliste aufgenommen waren, be stellten die Kabinettsfrage; fie führten keinen gewerkschaftlichen Kampf, zu der Ansicht, daß die unbefugte Mitteilung irgendwelcher Einzel- halten, auch wenn sie des Schreibens und Lesens nicht kundig sind, sondern unternahmen eine politische Aktion! heit durch den§ 18, 2 mit Strafe bedroht werden soll. Andernfalls ihr Wahlrecht für die Dauer der auf das Inkrafttreten des vor- Das„ Correspondenzblatt" kann sich deswegen, so oft es will, würde einer Umgebung des Gesetzes die Tür geöffnet sein, indem liegenden Gesetzes folgenden zwei Reichstagsperioden und sind auch den Versuch abquälen, der„ Vorwärts"-Konflikt hätte auch nur das ein Blatt diese, ein anderes jene Einzelheit aus der Ver- in die neue Wählerliste auf Grund alten Rechtes aufzunehmen, geringste mit der Gewerkschaftsbewegung oder Gewerkschaftsgrundhandlung veröffentlichte, sodaß das Publikum schließlich vorausgesetzt, daß ihr früherer Wahlrechtstitel in derselben Stadt über den gesamten Verlauf der Verhandlung unterrichtet oder Gemeinde besteht, bei deren Namensliste sie bei dem Inkraft- fäßen zu tun; es wird dabei immer wieder auf Widerspruch und würde. Das Reichsgericht trat dieser die Deffentlichkeit in treten dieses Gesetzes aufgenommen sind. Kopfschütteln in weiten Kreisen der Partei und der Gewerkschaften den Gerichtsverhandlungen vor Militärgerichten schwer beeinträchtigenstoßen. den, ausdehnenden Interpretation bei. Erwähnt mag werden, daß Die umfangreiche Begründung des Regierungsentwurfs schließt uns, die dieselbe Sünde der Verbreitung der Wahrheit begangen mit folgenden Worten: hatten, vor einer Verfolgung durch den Druckfehlerteufel geschützt Die Erfahrung zeigt, daß Parlamente, welche auf Grund Der„ Arme Teufel" aus der Niederlausitz fündet in seiner ivaren. Dieser hatte nämlich die Namen der Angeklagten in Scheier, eines durch einen Vermögenszensus beschränkten Wahlzensus gewählt neuesten Nummer„ Das Ende der Revolution in RußSims und Paczkowski umgetauft.werden, in denen daher nur die vermögenderen Klassen vertreten I and" an! Die Wahlrechtsbewegung in Sachsen hat er totsind, leicht dahin neigen, sich nur die Interessen der letzterwähnten geschwiegen; gegen die russische Revolution wendet er naturgemäß Wieder ein Majestätsverbrecher. Der Tapezierer Val. Vous aus Klassen vor Augen zu halten, die entsprechende Befriedigung der schärfere Mittel an: er schreibt sie tot! dem Luxemburgischen bettelte einige Tage vor dem letzten Kaiser- Bedürfnisse der Arbeiterklasse aber zu vernachlässigen. besuch in Nürnberg, der im November stattfand, wobei er von heit dafür, daß die Volksvertretung sich mit der Pflege der wichtigen Das allgemeine Wahlrecht bietet schon deshalb mehr Sichereinem Schußmann ertappt und verhaftet wurde. Aus Aerger hierüber schimpfte er, die Deutschen seien„ lauter Lumpen und Bedürfnisse des Volkes ernstlich befaſſe, weil die verbotenen, gänzlich Spitzbuben und gehörten um einen Stopf fürzer gemacht, nur jedoch nie zu umgehenden Mittel der Beeinfluffung nicht mehr an der König Ludwig von Bayern sei ein ehrlicher Mann gewesen. gewendet werden können, und weil diejenigen, die in der VolksverWeil jetzt die Preußen fommen, fängt man die Fremden ein, damit tretung Plaz nehmen wollen, gezwungen sein werden, mit einem sich jente sicher fühlen können". Der Name des Kaisers wurde nicht den lebendigen Bedürfnissen des Volkes in Wahrheit dienenden genannt, trotzdem nahm das Gericht an, daß Bous mit den„ Preußen" Programm sich um das Vertrauen der Wähler zu bewerben. Und auch den Kaiser gemeint habe und verurteilte ihn zu zwei Monaten so kann doch mit Recht erhofft werden, daß im Parlament eine ivenu dadurch auch die Aussichten geschickter Demagogen zunehmen, Gefängnis.größere Empfänglichkeit für die ernsten Fragen des gesellschaftlichen und des wirtschaftlichen Fortschrittes bestehen wird." * Ein schwer bestrafter Deserteur. Eine unüberwindliche Abneigung gegen das Kommißleben hat der Musketier Heinrich Silge Vom sozialdemokratischen Standpunkte aus hat der ungarische von der 6. Kompagnie des in Hamburg garnisonierenden Infanterie- Wahlrechts- Gefeßentwurf selbstverständlich noch so manche Mängel, Regiments. Schon einmal ist er wegen Fahnenflucht mit 9 Monaten die mit der Zeit unbedingt beseitigt werden müssen. Es sei mur Gefängnis und Versetzung in die groeite Soldatenklasse bestraft auf die gefährliche Kautschutbestimmung im§ 3 betreffs„ Aufreizung worden. Nach verbüßter Strafe führte S. sich so musterhaft, daß einer Nationalität zum Hasse gegen eine andere" hingewiesen. ,, Wippchen" in Zittau. schreibt: Wüßte man nicht, daß der Berichterstatter des„ Armen Teufel" annehmen, unser Niederlaufiger Blatt leistete sich einen besonderen nur in Zittau fißt, wie vormals wippchen in Bernau, man müßte Revolutionsberichterstatter, der infolge seiner besseren Verbindungen alle anderen Korrespondenten Lügen strafen kann. Wippchen will sagen Edmund Fischer Ju Rußland beginnt also nun die bürgerliche Gesellschaft, mit dem Sturz der absolutistischen, bureaukratischen Regierung hatte die Revolution ihr Ziel erreicht. Was von da ab in Rußland herrschte, war keine Revolution mehr, das war die völlige Anarchie, ein fürchterliches Choas, aus dem Reaktion Vorteile ziehen konnte. Planlos zogen die Bauern, wie zur Zeit des Vauernfrieges in Deutschland, im Lande herum und brannten die Gutshöfe nieder, betrunkene Soldaten meuterten und warfen sich dann, als sie nüchtern wurden, wieder vor den Offizieren auf die Knie und baten um Verzeihung, niemals aber und nirgends ging das Herr eigentlich ganz zum Volle über, das Heer blieb in der Tat der Regierung nur die treu und kein einziger Aufstand war gegen das Militär fiegreich! Der legte Generalftreit ist min völlig gescheitert, in Peters burg ist der Ausstand völlig beseitigt, die Sievolutionäre find unterlegen, versprengt oder verhaftet, in Moskau dauert, während wir dies schreiben, der Straßenkampf möglicherweise noch fort, aber das Militär hat mit Leichtigkeit alle Barrikaden genommen und die Aufständigen niedergeschossen. Wieder Herr in Petersburg und Moskau, wird die Regierung sehr bald die fleineren Aufstände in der Provinz niedergeworfen haben und die lettische Republik hat dann ihr Ende wieder erreicht. Revolution und Reaktion rangen eben so lange miteinander, bis der Zustand erreicht wurde, der den wirklichen Machtverhältnissen entspricht. Erreicht hat aber die Revolution böllig, was sie erreichen wollte und konnte: der Absolutismus ist gestürzt und der gefeßliche Boden aufgerichtet, auf dem sich nun die weitere Entwickelung vollzieht!" Das ist zu viel und zu wenig. Die Revolution hat leider noch nicht erreicht, was sie wollte; der Absolutismus ist noch nicht gestürzt, der gesetzliche Boben noch nicht errichtet. Aber fie ist auch nicht niedergeschlagen, noch sind nicht alle Helden der Revolution erschossen, noch ist die Regierung nicht Herr-- noch herrscht nicht das Volk; aber es tampft! Wie die Revolution noch lebt, lehren ihre Taten. In Zittau weiß man nur von planlos umherziehenden Bauern zu berichten, in Zittau hat das Militär mit Leichtigkeit" alle Barrikaden genommen, in Zittau sind die meuternden Soldaten unzuverlässige Trunkenbolde! So werden die Helden der Revolution beschimpft, die mit geringen Mashtmitteln in Moskau einer militärischen Uebermacht Stand hielten. So fälscht man die„ Potemtin"-Affäre, die Erhebung von Kronstadt, die Borgänge in Odefia aus Stämpfen für die Revolution in Krawalle von Trunkenbolden um! " Wahrlich, das ist nicht beinahe" Hochverrat im Sinne irgend eines Gefeßesparagraphen, das ist vollendeter Hochberrat an der Sache des Wolles! Keine roten Senatoren. Aus Goth a meldet uns ein Private telegramm: Auch die zweite Senatorenwahl, die Wahl des sozialDemokratischen Fabrikarbeiters Jäger Waltershausen, hat die Bes stätigung des Staatsministeriums nicht erhalten. Der frühere bürgerliche Senator eine fe wurde von der Regierung als Städtischer Senator und Vertreter des Bürgermeisters bestellt. Üleber die Bestätigung der Wahl des Bürgermeisters Westphal berlautet noch nichts. Die Sozialdemokratie fann warten. Und da ihr solche fleinen Nadelstiche ein nicht zu übertreffendes Agitationsmaterial liefern, braucht sie es hoffentlich nicht allzu lange. Der Parteitag der badischen Genossen findet am 3. und 4. Februar in Karlsruhe statt. Auf der Tagesordnung stehen in der Hauptfache organisatorische Fragen. In der Berichterstattung über die Tätigkeit des Landesvorstandes wird die Landtagswahl einen breiten Raum einnehmen; sie hat mehr als die Hälfte des Berichtsjahres in Anspruch genommen. Sodann steht auf der Tagesordnung Organisation und Agitation, wobei die Organisationsänderungen, wie sie das in Jena beschlossene neue Organisationsstatut der Partei bedingt, vorgenommen werden sollen. Der Landesvorstand der badischen Partei hat vor 8 Tagen einen Entwurf zu dem neuen badischen Statut veröffentlicht; die grundlegende Bestimmung hat folgenden Wortlaut: Die Sozialdemokratie Badens bildet eine geschlossene Organifation, die fich gliedert in Landesverband, Reichstagswahlkreisver bände, Ortsvereine und Einzelmitglieder.. Sämtliche Sozialdemokratischen Vereine eines Reichstagswahl freises haben sich zu einem Wahlfreisverband zusammenzuschließen; fie unterstehen in allen Angelegenheiten der gemeinsamen Organisation, Agitation und sonstigen Parteibetätigung des Wahlkreises der Verwaltung des Wahlkreisverbandes. In Orten, wo noch kein sozialdemokratischer Ortsverein besteht, hat die Leitung des Wahlkreisverbandes Vertrauensmänner zu ernennen, welche innerhalb ihres Bezirkes für die Partei zu wirken, Einzelmitglieder anzuwerben und Beiträge von diesen einzuziehen haben. Ein engerer Die Verwaltung des Kreisverbandes besteht aus den Vorsitzenden der Ortsvereine und den Vokalvertrauensmännern. Vorstand( Ausschuß, Agitationskomitee) besorgt die laufenden Geschäfte. Der Monatsbeitrag wird für das ganze Land auf 30 f. festgefegt, wovon 6 Pf. an den Parteivorstand in Berlin, 8 Pf. an den Landesvorstand und 4 Pf. an die Kaffe des Wahlkreisvereins abzuführen sind, während 12 f. den Ortsvereinen verbleiben follen. Die Einzelmitglieder follen nur 20 f. monatlich zahlen. Eine weitere Bestimmung will, daß die Abführung der Beiträge an den Parteivorstand in Berlin sowie die regelmäßige Berichterstattung durch Vermittelung des Landesvorstands erfolgt. Die Bestimmung über die Höhe des Monatsbeitrags dürfte auf den meisten Widerstand stoßen, denn in sozialdemokratischen Vereinen der Landorte in Baden ist der Monatsbeitrag häufig noch fehr niedrig, felbst Mannheim hat nur 25 Pf. Monatsbeitrag. Neben diesen Organisationsfragen wird sich der Parteitag mit der Volksschule, mit den Kreistagswahlen und der Presse beschäftigen. Schwindler. Ein gewiffer Jar of ch fucht Genoffen zu brandschatzen unter der Vorgabe, daß er gemaßregelter öfter reichischer Eisenbahner sei. Er versuchte zunächst in Schlesien sein Heil. Auf Erkundigung teilte die Redaktion der Wiener Arbeiter Zeitung" mit, daß die flotten Erzählungen Jarosche frecher Schwindel sind. Vor dem Burschen sei gewarnt. Aus Industrie und Dandel. Aus dem Jahresbericht der Handelskammer Berlin. Die Handelstammer Berlin hat bor Fertigstellung des ab geschlossenen Berichtes foeben bereits einen„ lleberblick über bas Wirtschaftsjahr 1905" herausgegeben, dem wir folgendes ent nehmen: Der Rückblick auf das Wirtschaftsjahr 1905 zeigt alle Gebiete der Industrie und des Handels in reger, oft bis zu den äußersten Grenzen angespannter Arbeit, die größtenteils befriedigenden Ertrag einbrachte... In stärkerem Verhältnisse als die Menge der umgesetzten Güter wuchs bei diesem Prozesse deren Wert. Aus dem ganzen weiten Gebiete des wirtschaftlichen Lebens fommen die Berichte über das Steigen der Preise der Rohstoffe und Halbfabrikate, im Auslande erworbene Kundschaft sich zu erhalten, daselbst zuführen. Es wird vertraulich verbreitet und enthält die Zweigniederlaffungen begründen oder sich an ausländischen wüsteten Angriffe auf die organisierte Arbeiterschaft. Besonders Unternehmungen ihrer Branche mit Kapital und durch Einfluß wird darin auch geflagt über die„ Unverfrorenheit", den nahme auf die allgemeine geschäftliche Disposition beteiligen Streifterrorismus und dergleichen mehr. Dabei aber kennmußten; unter den fünftigen Zollverhältnissen werden derartige Fälle wohl noch zahlreicher werben. Sie sind im Intereffe der zeichnet sich das Machwert selber als ein Erzeugnis unheimischen Arbeiterschaft, sowie auch unserer heimischen Unter- verschämter Heuchelet. Denn es findet sich in dem Flugblatt nehmungen zu beklagen, aber häufig nach Lage der Dinge das die folgende Stelle: einzige Mittel, um überhaupt noch einen Anteil an der bea treffenden wirtschaftlichen Arbeit im Auslande für Deutsche zu retten. Der Grad der Lebensmittelverteuerung erhält folgende Bewertung: Es leuchtet ein, daß eine starfe Vereinigung der Arbeitgeber sehr wohl imstande ist, die wirtschaftlich doch auf sie angewiesenen Händler zum Beitritt zu den Verbänden und zur Unterstigung bei den Lohnfämpfen zu veranlaffen. Eine von den Arbeitgebern bei Streits oder Aussperrungen erhängte Materialiensperre ist aber das beste Mittel, um auch die Arbeitgeber indirekt zum Anschluß zu zwingen, die aus Eigenfinn, Berständnislosigkeit oder in Berfolg fleinlicher Sonderinteressen der gemeinsamen Sache fernbleiben und die Gebundenheit ihrer Kollegen benutzen wollen, um ihnen in den Rücken zu fallen." 11 Die ungeheure Last dieser Teuerung traf zwar den Konsum im allgemeinen, aber die für jedermann sichtbaren Erhöhungen der Detailpreise gaben doch noch kein zutreffendes Bild von der Verteuerung des Rohmaterials. Es ist uns glaubhaft nachgewiesen worden, daß Viehhändler, Schlächter, Fleischhändler ( Detailschlächter) und Fleischwarenfabrikanten in ihren Verkaufspreisen die Steigerung ihrer Einstandspreise nicht wieder Der Verband hat durch derartige Drohungen, wie ein einzubringen vermochten. In derselben Lage befand sich auch Begleitschreiben zu dem Flugblatt versichert, bereits die Mehrzahl" das große und vielgliedrige Gastwirtsgewerbe." Alle diefe der Lieferanten und Banmaterialienhändler zur Mitgliedschaft Erwerbszweige hatten unter der Vichteuerung schwer zu leiden. veranlaßt". Die Argumente, die er für seine Maßnahmen Die neuen Handelsverträge werden u. a. also eingeschätzt: Die Gefahr, daß an die Stelle des bisherigen Erportes von anführt, lassen sich genau mit dem nämlichen Fug für die Sobald aber die organisierte Erzeugnissen deutscher Arbeit in starkem Maße die Verlegung Arbeiter geltend machen. von Betrieben ins Ausland und die Auswanderung von Arbeitern Arbeiterschaft zu solchen Maßregeln greift, heulen die Untertreten wird, erscheint daher in bedrohliche Nähe gerückt. Wie nehmer über Ünverschämtheit und Terrorismus, die Polizei weit sie sich verwirklichen, ober wie weit doch noch eine Waren- verfolgt sie und die Gerichte schreiten mit harten Beausfuhr aufrecht zu erhalten sein mag, wird man erst beurteilen strafungen ein. fönnen, wenn längere Erfahrungen mit den neuen Vertragstarifen vorliegen werden; einstweilen lassen sich nur die höchst trüben Aussichten fonstatieren. Nach einem recht pessimistischen Ausblick auf das Jahr 1906 flingt der Bericht schließlich in folgenden Hoffnungstonen aus: Der Ausblick in das Jahr 1906 ist indeffen nicht nur Befürchtungen, sondern auch Hoffnungen au toeden geeignet. Sie fnüpfen sich an die Beobachtung der starken Stauffraft der deute schen Bevölkerung, welche im Jahre 1905 so deutlich hervortrat, und welche auch im neuen Jahre sich noch betätigen und Aufträge und Umsäße auf ansehnlichem Umfange erhalten dürfte. Bei der erprobten Umficht und Tatkraft der Leiter unserer Industrie- und Handelsunternehmungen darf man wohl die Hoffnung hegen, daß es ihnen vielfach gelingen werde, den neuen Schwierigkeiten auch neue Abwehrmaßregeln entgegenzusehen, die Untoften der Produktion und des Absatzes mit allen tech nischen und organisatorischen Mitteln zu berbilligen, die Abfah gelegenheiten überall im In- und Auslande auf das sorgfältigste aufzuspüren, und so schließlich trot allem fich doch weiter zu behaupten, wie sie sich bisher gegen vielerlei Ungunit der Verhältnisse behauptet haben. Die Silvesterstimmung ist nun ja wohl gerettet, wenn nur nicht der Neujahrskater all zu sehr die Stimmung wieder verdirbt. Friedens- und Freundschafts- Kundgebung. Berlin und amgegend. Achtung, Rohrleger und Helfer! Die Differenzen bei der Firma Straffelt, Königgrägerstraße, sind durch Verhandlungen beigelegt. Die Kollegen nehmen die Arbeit am 2. Januar wieder auf. Die Sperre wird hiermit aufgehoben. Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Metallarbeiter Verbandes. Husland. " Von der niederländischen Gewerkschaftsbewegung. Während der Weihnachtsfeiertage bielten mehrere niederländische Gewerkschaften ihre Jahresversammlungen ab. Hierbei tam teilweise auch die Frage zur Entscheidung, ob man sich dem neuen Verband der Gewerkhaften anschließen solle, der bekanntlich von fozialdemokratischen Gewerkschaftsvertretern im Gegenfag zu dem Rationalen Arbeitersekretariat", der alten Zentrale der niederländischen Gewerkschaften, gegründet worden ist. Die Jahresversammlung des Verbandes fich dem Berband der Gewerkschaften anzufchließen. der Handels- und Kontorgehülfen befchloß einstimmig, Denselben Beschluß faßte ebenfalls einstimmig die Jahresber Auf ſammlung des Verbandes der Malergesellen. der Jahresversammlung des Tapeziererberbandes waren die Meinungen über diese Frage sehr geteilt; hier wurde mit 8 gegen 5 Stimmen und 3 Stimmenthaltungen eine Das durch Säbelraffeln und dunkler Rede Sinn stark getrübte Sympathieerklärung für den neuen Gewerkschaftsverband angenommen. Verhältnis zwischen Deutschland und England suchen verschiedene Dagegen wurde auf der Jahresversammlung der Föderation der Sandelskammern nun durch Freundschafts- Kundgebungen wieder Bimmerer", die in einem Gegensatz zum„ Zimmererverband" fteht, harmonischer zu gestalten. Die Handelstammer in Frankfurt a. M. erklärt, daß man den Kampf jetzt nach ztvei Seiten zu führen habe: beschloß in ihrer Sigung am 30. Dezember einstimmig folgende gegen die Unternehmer und gegen den neuen Verband der Gewerkschaften. Resolution: Die Jahresversammlung des Landarbeiterverbandes beDie Handelskammer begrüßt freudig die Kundgebungen zur Schloß, sich wiederum dem Nationalen Arbeiterfekretariat anzuschließen. Förderung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen England Auf ber Jahresversammlung des Maschinisten und und Deutschland und schließt sich denselben in aufrichtigster Beife eizerverbandes wurde, teils aus prinzipiellen, teils aus an. Im beiderseitigen wirtschaftlichen Jutereffe wie im Intereffe finanziellen Gründen, ein Antrag zum Austritt aus dem Nationalen des Fortschritts und der Kultur ist ein gutes freundschaft- Arbeiterfekretariat angenommen. liches Verhältnis Deutschlands zu England unbedingtes Erfordernis. Die Handelskammer erachtet es als ihre Aufgabe Lohnbewegung der Schuharbeiter Kopenhagens. Der in den für die Verbreitung und Vertiefung dieser Erkenntnis zu wirken, Schuhwarenfabriten von Kopenhagen geltende Tarifvertrag endet am fie hofft, daß alle in jüngster Beit entstandenen Mißverständnisse, 15. Januar. Schon seit längerer Zeit ist zwischen dem dänischen die den breiten Schichten des deutschen Volkes ohnehin unverständ- Schubarbeiterverband und dem Verein der Schuhwarenfabrikanten lich geblieben find, mit dem alten Jahre endgültig ihren Abschluß über einen neuen Tarif verhandelt worden, aber ohne Erfolg. Die gefunden haben und daß das neue Jahr das gegenseitige Vers Verhandlungen sind zwar noch nicht endgültig abgebrochen, doch ständnis, die gegenseitige Freundschaft und Sympathie der beiden haben die Fabrikanten bisher so wenig Entgegenkommen gezeigt, baß es vielleicht zu einem harten Lohnkampf fommen wird. berwandten Nationen dauernd befestigen möge." Den gewerbsmäßigen Agitatoren des Flottenvereins werden folche Kundgebungen wohl wenig in ihren Kram paffen, aber öffent lich dürfen sie dagegen nicht demonstrieren. Graf Bülow wird nur unter Ausschluß der Deffentlichkeit desabouiert. Letzte Nachrichten und Depefchen. Eine Stadt ohne Waffer. Bereinfachtes Berfahren. Auch die diesjährige Schlußfizung Eines Ehrbaren Kaufmanns gestaltete fich zu einer Rundgebung zugunsten der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und England. Der Vorsitzende Trieft, 80. Dezember.( B. H.) Infolge Bruches des Haupt der Handelskammer H. A. Michahelles führte im Anschlusse an die rohres der städtischen Wasserleitung ist die Stadt gänzlich ohne Vorlegung des Jahresberichtes der Handelskammer u. a. folgendes Waffer. aus: Ich darf der lebhaften Freude darüber Ausdrud geben, daß die Anzeichen fich mehren, daß jenseits wie diesseits der Budapest, 30. Dezember.( W. T. B.) Der„ Magyar Nemzet" Nordsee und zwar unter den besten Streifen der beiden Völker die Erkenntnis sich Bahn bricht, daß es die eigentlichste Aufgabe zweier meldet, bie Regierung werde, da der ganze Kompleg der inter Länder wie England und Deutschland ist, in freiem und friedlichem nationalen Handelsverträge bisher vom Parlamente nicht erledigt Wettbewerb um die Palme des Handels zu ringen und gemeinsam werden konnte, diefelben zu geeigneter Zeit im Berordnungswege die heimische Kultur hinauszutragen in die Ferne, daß fie aber nicht ins Leben treten lassen gleichzeitig mit dem autonomen Bolltarif. Verstimmungen die Macht über fich gewinnen lassen dürfen, wie fie Eine andere Lösung gebe es heute nicht. im letzten Jahre emporgewuchert waren. Wir haben uns diese Als ein erfreuliches Anschauung stets zur Richtschnur genommen. Symptom der gleichen Gesinnung in England dürfen wir die Tatfache verzeichnen, daß uns die hochangesehene Londoner Handelsfammer in der liebenswürdigsten Form eine Einladung gesandt hat, der wir entsprechen werden. Diese und weitere Sympathie äußerungen fanden lebhafte Bustimmung. Aus England liegt ebenfalls bereits eine offizielle Rundgebung Oberbürgermeister Kirschner erhielt aus London folgendes Schreiben: Die Schwarzen geben flein bei. " Baris, 30. Dezember.( W. T. B.) Die fünf franzöfifchen Stardinäle übermittelten einer Melbung bes Journals des Débats aufolge dem Papste ihren Beschluß, bem Geset betreffend die Trennung des Staates von der Kirche keinen Widerstand zu leisten, falls das Gefeß dem Geifte und Buchstaben entsprechend angewendet wird. Bäterchen hat's eilig. Petersburg, 30. Dezember.( Meldung der Petersburger Tele. Sehr geehrter Herr! graphen- Agentur.) Die Regierung trifft energifche Maßregeln, um Als Ehrensekretär des Ausschusses zur Anbahming freundschaft bas 23ahlgefes fo bald als möglich zur Ausführung zu bringen. licher Beziehungen zwischen England und Deutschland Präsident Bur Durchführung des Ufases vom 25. Dezember sind Instruktionen Lord Rosebury bitte ich Sie, 3bnen meinen herzlichsten Dank für über den Wahlmodus ausgearbeitet und werden wahrscheinlich die große Freundlichkeit aussprechen zu dürfen, mit der Sie und morgen veröffentlicht werden. Die Lokalbehörden werden anIhre Berliner Mitbürger auf das Auerbieten unserer Freundschaft gewiesen, die Wahllisten zur Vornahme der Wahlen so rasch als geantwortet haben, das in unserer Versammlung vom 1. Dezember möglich aufzustellen. b. 3. im Carton Hotel verkündet worden ist. Ich füge eine Nummer der Times" bei; sie enthält über unsere Versammlung einen Bericht, der Sie und Ihre Freunde interessieren wird. Ihr sehr ergebener ( gea.) Francis Wm. For. Die ruffifche Revolution. Petersburg, 30. Dezember. Der Petersburger Telegraphen Agentur find folgende Meldungen zugegangen Badmut, 28. De zember. Die revolutionäre Bewegung im Zuge der Jekaterin- Bahn konzentriert sich auf die Stadt Bachmut. Die Stationen längs der Der Suderverbrauch der Amerikaner pro Jahr beträgt Bahnlinie sind in den Händen der Aufrührer, denen sich die Landder Löhne, der Zinssäge und der Preise der fertigen Waren. 300 Millionen Dollar. Der Jahrestonfum ist 75 Pfund pro Stopf. leute aus mehreren nahe der Bahn gelegenen Dörfern angeschlossen Freilich sind diese Kategorien in verschiedenem Maße an der Das ergibt für 80 Millionen Köpfe einen Verbrauch von haben. Ueber Bachmut ist der Belagerungszustand verhängt und Steigerung beteiligt. Durchgängig trifft sie zu bei den Roh- 6000 stoffen: die Erzeugnisse des Ackerbaues, der Viehzucht und der 6000 Millionen Pfund. Im Kleinhandel wird der Zucker mit General Sandepth ist zum Gouverneur ernannt worden. Die in stoffen: die Erzeugnisse des Ackerbaues, der Viehzucht und der 5 Cent pro Bfund verfauft; somit ergibt die Rechnung 300 Millionen das Aufstandsgebiet entfandten Truppen haben den Befehl erhalten, Forstwirtschaft, einheimische und fremde, darunter namentlich auch die wichtigen industriellen Rohstoffe Wolle, Baumwolle, Dollar. In den Vereinigten Staaten wird meist Rohrzucker fich unverzüglich und mit Gewalt der Stationen Grischino, Awauch die wichtigen industriellen Rohstoffe Wolle, Baumwolle, tonsumiert, der von Porto Rico, Hawaii und Kuba eingeführt wird. deewka, Jacinowataja, Gorlowka, Konstantinomka und StramatorsFlachs, Jute, Seide, Häute und Felle, Holz, Kautschuk und viele Die Buderpreise find etwas gefallen, weil die Ernte eine bedeutent taja zu bemächtigen und die Komitees und Delegierten der Aufausländische Drogen; ebenso, mit der wichtigen Ausnahme der Steinkohle, die der unorganischen Natur abgewonnenen Erzeug- beffere war als im Jahre vorher. Der Verbrauch an Rohrzucker ständischen festzunehmen. nisse wie Eisen und andere Metalle, Kots, Braunkohlenbrifetts, in den Vereinigten Staaten beträgt 90 Prozent des gesamten fie alle erhöhten im Laufe des Jahres ihren Preisstand, die Konsums. einen mehr, die anderen minder, die einen infolge knapper Ernten, die anderen infolge planmäßig regulierter Menge der Erzeugung und des Angebotes, sämtliche aber zugleich unter der Gunst einer dringenden, oft stürmischen Nachfrage, welche die berlangten Preise schließlich bewilligen mußte. Gewerkschaftliches. Scharfmacher- Konsequenz. Kaluga, 29. Dezember. Für Stadt und Provinz Kaluga ist der verstärkte Schuß erklärt worden. Chartow, 30. Dezember. Der heutige Tag ist ruhig verlaufen. Ein Teil der Delegierten der Eisenbahner, welche die Abfahrt der Büge leiteten, wurden auf der Station Lubotin verhaftet. Die Die Büge werden unter militärischer, Bewachung abgefertigt. Der Deutsche Arbeitgeberverband für das Baugewerbe", Eisenbahnangestellten, welche sich am Ausstand beteiligten, sind zur Abhebung ihres Lohnes aufgefordert worden. Diejenigen, welche Ueber die Flucht deutschen Kapitals in das Ausland sagt der der in Köln seinen Siz hat und seinen Wirkungskreis auf nicht imftande sind, zulässige Gründe für ihr Fernbleiben von der Bericht: Diese Entwickelung zu unterstützen, sind bisher schon viele das dortige Gebiet beschränkt, hat ein Flugblatt herausgegeben, Arbeit anzugeben, sollen entlassen werden. Wladimir, 29. Dezember. Für die Stadt und den Distrikt deutsche Betriebe durch die früheren Zollerhöhungen des Aus- um im Hinblick auf die im Frühjahr stattfindenden Lohnlandes genötigt gewesen, indem sie, um ihre zu günstigerer Zeit bewegungen den Zusammenschluß aller Unternehmer herbei- Kownom ist der verstärkte Schuß erklärt worden. Berantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glode, Berlin. Drud u. Verlag: Vorwärts Buchbr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, Hierzu 4 Beilagen. ». 305. 22. wr«. 1. Dtüllgt öcs„Uljmälts" Kttlim{jolliolilalt S""" 31 1905 Frankreich im Jahre 1905» Das verflossene Jahr bedeutet für Frankreich eine fort- schreitende Klärung des Schlachtbildcs der ihrem Ende ent- gegengehcuden Klassengesellschaft. Von der Schwindelblüte der„sittlichen Wiedergeburt" des Bürgertums, die wohl- meinende Humanitätsprcdiger und geriebene Geschäftemacher als Wundergewächs in der Hitze des Dreyfus-Radaus prüfen- tierten, fällt ein Blatt nach dem anderen ab. Was ist von der „demokratischen Energie", der„sozialpolitischen Einsicht", der „humanitären Gesinnung" der Bourgeoisie übrig geblieben? Nicht einmal die Einigkeit der republikanischen Kammer- Parteien hat den Interessen der Cliquen, den ehrgeizigen Um- trieben der einzelnen standgehalten. Das tatkräftigste, ge- sinnuligscchteste Ministerium der letzten zwanzig Jahre, das Kabinett C o m b e s, ist der Verräterei der Bourgeois-Radi- kalen zum Opfer gefallen, und in der Person R o u v i e r s wurde die Zweideutigkeit, das überzeugungslose politische Spekulantenrum in die Regierung eingesetzt. Die„sozial- politische Einsicht" aber? Man denke nur an den Stillstand der Arbeiterschutz- Gesetzgebung, an die parlamentarische Komödie ergebnisloser sozialpolitischer Debatten. Der „Hunianitarismus" endlich ist durch das Wiederaufslammen des Chauvinisnius illustriert, durch das Säbelrafseln in fast der ganzen republikanischen Presse, durch die eifervolle Unter- stützung des Militarismus und Marinismus. Tiefe Wendung der republikanischen Politik wir?! nie- mand wundernehmen, der die wirtschaftlichen Grundlagen der französischen Gesellschaft kennt. Die langsainc EntWickelung der Großindustrie, die nicht ohne Zusammenhang mit der geringen Bevölkerungsvermehrung ist, läßt das Kleinbürger- tum und das Agrariertum seinen sozialen und politischen Ein- fluß behaupten. Eigentlich sind alle Parteien der Herr- schenden Klasse agrarisch. Dies ist auch der Grund, daß die Versuche zur politischen Sonderorganisation des Bauerntums ohne bemerkenswerten Erfolg geblieben sind. Die französische Industrie sucht ihren Mangel an Unternehmungssinn durch allerhand schmutzige Profitmacherei wettzumachen. Der lang- wierige Streik im Becken von Longwy hat zur Aufdeckung des Unternehmerbrauches geführt, die Arbeiter durch Ver- Wendung von falschen Maßen zu betrügen. Der natürliche Ausdruck der rückständigen Betriebsweise ist eine beschränkte Schutzzöllnerei und ein brutaler Widerstand gegen den Ar- beiterschutz. Für einen großen Teil der Arbeiterschaft steht die Sonntagsruhe noch nicht einmal auf dem Papier, gegen das Zehnstunden-Gesetz für die gemischten Betriebe wenden die Ausbeuter die gehässigsten Kniffe an. die Altersversorgung läßt man über das Stadium akademifcher Kammerdebatten nicht hinauskommen. Dazu ist die Großindustrie und auch der Großhandel noch mehr als im Deutschen Reiche mit dem konservativen Klüngel versippt. So befindet sich zum Beispiel die bedeutendste französische Exportindustrie, die Automobil- fabrikation, zum großen Teil in den Händen von feudalen, klerikalen Familien. —..... Dia, Qfrinaa Cxponfion iwr arehmbufttieUen Produktion hat den Gegensatz zwischen dem Kapitalisinus und dem Klein- bürgertum nicht ganz so scharf wie in den n, eisten anderen Ländern entwickelt. Die politische Einflußlosigkeit der wirtschaftlich alles überragenden Hauptstadt mag sich aber zum guten Teil davon herschreiben, daß das Pariser Kleinbürgertum in sehr bedeutendem Maße am Profit der Kapitalisten mitschmarotzt, und so eher eine Interessen- solidarität mit ihnen als einen Widcrfpruch der Jnteresfen fühlt. Die Kleinbllrgerseele findet nun die notwendige Er- gänzung für ihre duckmäuserische Willenlosigkeit in einem großmäuligen Phrasentum. Der Spießbürger, der gegen die raffgierigen, mit allen Mitteln der Korruption arbeitenden Kapitalistencliquen und gegen die Mißbräuche einer ebenso tyrannischen wie verrotteten Verwaltung nicht aufzumucken wagt, will sich— als Teil der Nation— dem Ausland gegen- über groß fühlen. Er bringt daher dem Militarismus ohne Zögern immer � neue Opfer dar. Die den Kleinbürger- instinkten schmeichelnde, großmannssüchtige Auslandspolitik brachte Frankreich im verflossenen Jahre an den Rand eines Krieges. Sicher bat die deutfche Politik an der gefährlichen Zuspitzung des Marokko- Konfliktes ihren wohlgemessenen Anteil. Aber mag man auch insbesondere die famose Fahrt nach Tanger gebührend veranschlagen, so bleibt doch die Tat- fache bestehen, daß Delcasss sein Land leichtfertig in eine Situation gebracht hat, in der nur seine schleunige Ent- fernung das Unheil abwenden konnte. Mit Telcasiäs Sturz am 6. Juni trat eine Wendung in den deutsch-französischen Verhandlungen ein, die nach manchen Schwierigkeiten und nach den von zwei Spezialgesandten gepflogenen Beratungen zur Vereinbarung einer internationalen Konferenz in Algcciras und zur Feststellung einiger von den beiden Staaten dort einzuhaltender gemeinsamer Grundsätze führten. Man kann Rouvier das Verdienst nicht absprechen, im gefähr- lickisten Augenblicke nüt der notwendigen Energie gehandelt und den auf mehr oder minder verbindliche Zusagen Eng- landS bauenden Hasardeur Delcassä unschädlich gemacht zu haben. Aber die Erhaltung des Friedens in jenem kritischesten Moment ist in hohein Maße auch den französischen Sozialisten zu danken, die alle Kräfte anspannten, uni dem ausgeregten Lande die Besinnung, die Erkenntnis der wirklichen Lage wiederzugeben und im Parlament der politischen Vernunft den Weg � freizumachen. Scheint die Kriegsgefahr in der letzten Zeit auch weniger drohend, so bleibt allerdings die Tatsache eines Interessengegensatzes in Marokko bestehen, und wenn auch der von Rouvier in seiner jüngsten Erklärung an- gedeutete Anspruch auf besondere Vorrechte Frankreichs von f>em DelcaMchen Programm des„friedlichen Eindringens" verschieden sein mag, so kann man doch nur mit einiger Unruhe der Konferenz entgegensehen, die von der deutschen Diplomatie de? besonderen, jedenfalls weniger schwierigen Vereinbarung mit Frankreich hartnäckig vorgezogen worden ist. Ein bedauerliches Resultat dieses Konfliktes wird sich jedenfalls in Frankreich nicht so bald aus der Welt schaffen lassen: das verstärkte Mißtrauen gegen Deutschland und im Zusammenhange damit das Wiederaufleben der schon fast erloschenen deutschfeindlichen Stimmung in großen Schichten des Volkes und ein erneuter Widerstand gegen die Aufnahme deutscher Kulturelemente. Von den übrigen Bewegungen in den internationalen Beziehungen Frankreichs ist vor allem das englisch-französische Sinvernthmen zu nennen, das in der ersten Hälfte des Jahres eine demonstrative Befestigung erhalten hat und mit seiner Spitze gegen Deutschland weiterbesteht, wenn es auch den aggressiven Charakter, den ihm sein Schöpfer Delcassü ver- leihen wollte, nicht angenommen hat. Die Allianz mit dem zarischen Rußland dagegen hat— trotz der offiziellen Ver- kündigungcn ihrer Fortdauer— an politischer Bedeutung ein- gebüßt. Ter Kampf zwischen der Autokratie und dem russischen Volke findet die Sympathie der ganzen französischen Nation(die unbedeutenden Reste der legitimistischen Partei ausgenommen) auf Seite der Revolution. Und die offiziellen Kundgebungen können auch an der Tatsache nichts ändern, daß der Widerstand des vorsichtigen Rouvier gegen die ge- plante neue russische Anleihe die Regierung des Zaren arg verstimmt hat. Die innere Politik Frankreichs im vergangenen Jahre wird durch eine Schwenkung nach rechts charakterisiert. Am 23. Januar mußte Combes, von„Demokraten" und„Radi- kalen" verlassen, demissionieren, und am 27. hatte Rouvier sein Kabinett gebildet, dessen Zusammensetzung scheinbar eine noch„radikalere" Note aufwies. Das politische Programm des neuen Kabinetts war die Durchführung der von Combes begonnenen oder vorbereiteten gesetzgeberischen Aktionen, aber in Wirklichkeit zeigte es sich sehr bald, daß dem alten Jntri- ganten und Geschäftspolitiker Rouvier nichts ferner lag als prinzipielle radikale Politik. Der„Block" der Republikaner, von dem sich unterdes auch die Sozialisten— einige streberische Leisetreter ausgenommen � losgelöst hatten, fiel bald voll- ständig auseinander. Rouvier zeigte seinen Entschluß, mit zwei Majoritäten zu regieren, wie es gelegentlich schon Waldeck- Rousseau versucht hatte, nämlich mit einer Ver- einigung der ganzen Linken— gegen die Nationalisten und die klerikale Rechte— unh mit einer Konzentration der Mittelparteien— gegen die Sozialisten! Die radikale Partei war nicht imstande, dieser zweideutigen Politik Widerstand zu leisten. Sie fiel rasch völliger Desorganisation anheim. Manche wurden zu stillen Helfern des Renegaten Doumer, andere ließen sich ihren demokratischen Zorn mit gutdotierten Stellen abkaufen. Trotz dieses unrühnilichen Auflösungs- Prozesses gelang es noch, das bisher wichtigste gesetzgeberische Werk der dritten Republik: die Trennung von Kirche und Staat unter Dach zu bringen. Nach langwierigen VerHand- lungen und vergeblichen Obstruktionsversuchen der Rechten nahm die Deputiertenkammer im Juli die von Briand aus- gearbeitete Vorlage an, und der Senat beschloß das Gesetz im Dezember ohne Abänderung. Am 1. Januar 1906 beginnt seine Wirksamkeit. Eine neue Ordnung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat ist hiermit begründet. Die Haltung der katholischen Kirche gegenüber dem neuen Gesetz ist noch nicht entschieden, es scheint indes, daß die versöhnlichere, einer Anpassung an das Gesetz zugeneigte Anschauung den Sieg über die Tendenz des„Widerstandes mit allen Mitteln" davontragen wird. Gerade darum aber sind die Verfechter der Reform zu dauernder Wachsamkeit genötigt, damit nicht in der Gestalt eines„modus vivendi" eine neue Botmäßigkeit des Staates hergestellt werde. Die Poluik des aussehenden Lahres war vor- nehmlich durch zwei hervorstechende Ereignisse beherrscht: die Präsidentenwahl und die Kammerwahlen. Die Desorgani- sation der bürgerlichen Linken läßt die ehrgeizigen Pläne Doumers keineswegs aussichtslos erscheinen. Die Manöver für die Deputiertenwahlen begannen mit einer erkünstelten Kampagne gegen den„AntiPatriotismus". Bei der von den bürgerlichen Parteien provozierten Debatte haben die Sozia- listen glänzend abgeschnitten, was nicht verhinderte, daß die Kammer zum Schluß die faden Phrasen Deschanels als eine Art antisozialistischer Proklamation in ganz Frankreich zu plakatieren beschloß. Der Kampf gegen den Sozialismus ist überhaupt die einzige feste Tendenz in der dekadenten ratlosen Bourgeois- Politik. Das starke Anwachsen der sozialistischen Bewegung im letzten Jahre ist unverkennbar, wenn es sich auch nicht in dem Maße vollzogen haben mag, wie es manche reaktionäre Angstmacher darstellen, die die schwankenden Republikaner in ihre Hürde treiben möchten. Die politische Organisation der französischen Sozialdemokratie hat endlich die so lange ersehnte und versuchte Einigkeit gefunden. Der Einigungs- kongreß zu Ostern vollzog die Verschmelzung der alten Sonderorganisationcn, der Kongreß zu Chalon, der Ende September tagte und die Wahltaktik festsetzte, zeigte die Gemeinsamkeit der Grundanschauungen, die die beste Bürg- schaft für die Dauer des neuen Parteiverbandes gibt. Von den alten Organisationen sind nur unbedeutende Gebilde der geeinigten Partei ferngeblieben, welcher allerdings die Ab- rechnung mit einzelnen unzuverlässigen Elementen nicht er- spart bleiben wird. Die Einigung hat überall eine erfreuliche Auffrischung der Parteitätigkeit zur Folge gehabt. Einige Nachwahlen zeugen vom Vordringen der sozialistischen Idee. Namentlich die radikal-sozialistifchen Wähler aus der Arbeiterklasse geben der bürgerlichen Demokratie, die sie so oft betrogen hat, den Abschied. Ein Mandat in Nidvre wurde vom Genossen Roblin erobert. Seine Wähler sind zum großen Teil Holzfällerl— Einen starken Aufschwung zeigt die gewerkschaftliche Br- wegung. Die meisten der in der„Conföderation der Arbeit" vereinigten Gewerkschaften hängen dem Programm der „direkten Aktion" an und stehen zur politischen Organi- sation in wenig freundlichen Beziehungen. Indessen ist auch hierin da und dort eine Besserung zu verzeichnen. Sehr bemerkenswert ist das Entstehen einer energischen GeWerk- schaftsbewegung bei den Staatsangestellten, namentlich bei den Unterbeamten der Post und bei den Lehrern. Die brutalen Unterdrückungsversuche der Regierung diesen Or- ganisationsanfängen gegenüber sind erfolglos geblieben. Auch sonst hat die Regierung gegen die Arbeiterorganisationen die Gewaltmittel des Klassenstaates rücksichtslos angewendet: Die Autonomie der Arbeitsbörsen wurde dreist vernichtet. Die blutigen Ereignisse von Limoges, wo es am 17. April zu einem gräßlichen Arbeitermord kam, sind noch in lebhafter Erinnerung. Der Streik von Longwy qab dem radikal- sozialistischen Kriegsminister Berteaux Veranlassung. An- ordnungen zu treffen, die die Unparteilichkeit der Truppen bei Streikinterventionen sichern sollten, aber Rouvier schiffte den unbequemen Gerechtigkeitsprcdiger bald aus, um den Urrcaktionär Etienne an seine Stelle zu setzen. Für die wirtschaftliche Hebung der Arbeiterklasse hat die in Frankreich regierende Bourgeoisie im ganzen Jahre nichts getan. Das Problem der Altersversorgung war für sie gerade gut genug, um in der Kammer etliche Sitzungen mit Dekla- mationen zu verbringen, von denen von vornherein feststand, daß sie ergebnislos bleiben müßten. Unter solchen Umständen tut die Fortsetzung des Einigungswerkes dem französischen Proletariat dringend not. Wie zwischen den Fraktionen der politischen Organisationen, so müßte wohl auch zwischen der geeinigten Partei und den Gewerkschaften ein billiger Frieden zu finden sein. Hoffen wir, daß das neue Jahr helfen wird, den vom Proletariat so schmerzlich empfundenen Bruch zu heilen. Jnr Rechtsprechiing des Kklchsvttfllhmmgsllmts. Die Rechtsprechung des Reichsgerichts auS Anlaß des Haftpflicht« gesetzeS hatte gcivitz in sehr vielen Fällen das Rechtsbewntztsein deS Verletzten und seiner Hinterl'liebenen nicht befriedigt. Indessen beruhten die Klagen, die sich gegen abweisende Urteile richteten, in der Überwiegenden Mehrheil ans den Mängeln des Haftpflicht- gesetzeS selbst, das bei einem Verschulden deS Arbeiters, ja schon bei einem Mitverschulden, die Haftpflicht ausschloß. Nach dem Hast« Pflichtgesetz blieben alle Fälle unberücksichtigt, in denen es dem Arbeiter nicht gelaug, ein Verschulden deS Unternehmers oder seiner Angestellten nachzuweisen oder in denen der Unternehmer einen Zufall, eine Schuld deS Verletzten oder Dritter nachweisen konnte. Schon bei Beratung des Haftpflichtgesetzes wurde von sozialdemokratischer Seite die Forderung erhoben, daßjederUuteruchmer, der aus derfremdcn Arbeitskraft Vorteil zieht, für jeden Unfall, der nicht auf absicht- liches Verschulden des Verunglückten beruht, Schadenersatz in vollein Umfange leisten und daß zur Deckung der Ansprüche eine Unfall- Versicherung eintreten solle. Die Uufallversichcrungsgesetzgebung hat im Prinzip dies Verlangen als berechtigt anerkannt, hat aber gleichzeitig eine Reihe Nachteile zuungunsten des Arbeiter« ein- geführt, die als ausiiahmerechlliche zu bezeichnen sind, so die Organi- sation der Unternehmer in Berufsgenossenschaften, die als Richter in eigener Sache zu fungieren und die Rechtsprechung zu becinslusien gesetzlich berechtigt sind, so die Allmacht der Bcrufsgenosseiischaften während des Heilverfahrens, so endlich die Herabsetzung des Schaden- ersotze« auf höchstens zwei Drittel des Schaden«. Diese und andere Benachteiligungen der Arbeiterklasse sind mit Schuld an der von Jahr zu Jahr absolut und relativ steigende» enormen Zahl der Un- glückssälle im Betriebe. Sie beruhen aber auf dem<Ä e s e tz und können der Rechtsprechung nicht zum Vorwurf gemacht werden. Ander? liegt es mit den Benachteiligungen, die die Recht- s p r e ch u n g aus dem Gebiete der Unfallentschädiguug durch immer engere Auslegungen der zugunsten der Arbeiterklasse angeblich ge- schaffenen Gesetzesvorschriften der Arbeiterklasse zufügt. In den erste» Jahren nach Errichtung de« ReichSversicherungSamteS wurde. betont, es sei ein Vorzug dieser Einrichtung, daß die Beweislast nicht unter die strengen juristischen Regeln falle. Und in der Tat sind in den ersten Jahren nach Errichtung des ReichSversicherungSamteS Ent- scheidungen ergangen, die von den siegreichen Bestrebungen deS Präsidenten Bödiker in anerkenntniswerter Weise Zeugnis ablegten, unter freier Beweiswürdigung den angeblichen Zweck des Gesetze« zu erfüllen. Schon damals wurden aber insbesondere auf sozial- demokratischer Seite Stimmen laut, die bei aller Anerkennung der persönlichen Verdienste deS Präsidenten Bödiker darauf hinwiesen, daß ein RechtsprcchungSorganismuS, der mit dem Leiden des Berufs- genossenschaftSkrebseS durchsetzt ist. notwendig über kurz oder lang M I durch dieS Krebsleiden zu schweren Erkrankungen deS Organismus führen»iiisse. Diese Voraussage hat sich in I � vollstem Maße. insbesondere seit der Ersetzung deS Herrn Bödiker durch den Präsidenten Gäbet erfüllt, dessen soziales Streben durch seine Empfehlung der bekannten Lügcn-Hülle-Broschücn charakterisiert tvird. Wir behalten uns vor, die jetzige Rechtsprechung deS ReichsverstcherungsamteS bei Gelegenheit eingehender zu bc- leuchten. Für heule führen wir eine Entscheidung an, die besonders geeignet ist, zu illustrieren, wie sehr im Gegensatz selbst zu reichsgerichtlichen Erkenntnissen der Begriff des Unfalles und de.« ursächlichen Zusammen- hange« zwischen der Betriebötätigkeit und der Berunglückung vomReichsbcrsicherungsamt ein« geengt wird und wie wenig Gewicht jetzt auf ärzt- liche Gutachten gelegt wird, wenn sie einmal ausnahmS- weise üdcreinstimmrnd zugunsten des Arbeiters oder seiner Hinter- bliebenen lauten. Der jetzt vom ReichSbersicherungSamt abgeurteilte Fall betrifft den Unfallrentenanfpruch der Witwe und Kinder des Arbeiters Rudolf R. Der Arbeiter Rudolf R. war in der Bnchdruckerei und Kontobücher« fabrik von F. Ash. zirka 1b Jahre als Arbeiter beschäftigt. Seine Tätigkeit bestand vornehmlich in Materialausgabe und im Reinigen der Formen in den Arbcitssälen. Indessen lag eS ihm auch ob. vorkommenden Falles die Walzen zu gießen. Diese letztere Arbeit währte zwischen 6 bis 14 Tagen und kam etwa 6—8 mal im Jahre vor. Bei dieser letzten Arbeit ist R. am 2l. April 1903 vormittags umgefallen und bald darauf verstorben. Der von der Unfallstation herbeigeholte Arzt Dr. L- bescheinigte, ohne die erforderlichen Untersuchungen vorzunehmen„Schlagflnß" als Todesursache. Die Witwe mit ihren zwei unter 14 Jahre alten Kindern erhob bei der Buchdrucker-BerufSgenofsenschaft Anspruch auf Unfallrentenentschädigung wurde indessen bannt abgewiesen, da der Tod nicht infolge eines Betriebsunfalles eingetreten fei, sondern durch„Schlaganfall". Dieser sei auch nicht durch außergewöhnliche Anstrengung, welche eine über die sonstige Bctriebstätigkeit hinaus« gehende gewesen wäre, hervorgerufen. Da R, die Arbeit dcS WalzengießenS schon jahrelang verrichtet hat, handle eS sich um eine allmählich entstandene Erkrankung