Nr. t IHwnnements-Bf dlngungcn; Wbonnementä. Preis pränumerando: «ierteljährl. 8,30 SKI, Mona», 1,10 Mk„ IvSch entlich 28 Pig, frei in» HatlS. Sinzeine Kummet 6 Pfg, Sonnlag». ,.Ummer mit illustrierter Sonntag». Vellage.Di« Neue Welt" 10 Psg, Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitung». Vreibltste. Unter Kreuzband siti Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland » Marl pro Monat. 23. Jahrg. Die TnlertionS'GebQbr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel. geile oder deren Raum«0 Psg,, für politische und gewertschastliche Vereins. und Lersammlungs-SInzeigcn 25 Psg. „Kleine Hnzeigen", da» erste(seil» gedruckte) Wort>0 Psg., jede» weitere Wort 6 Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Kummer müssen bis 5 Uhr »achuittlags in der Expedition abgegeben «erben. Die Expedition ist an Wochen. tagen bi» 7 Uhr abend», an Sonn- und gesllagen bi»« Uhr vonnittag» geäfsnet OMtM Hall« lüBtt BUitau. Verlinev Volksblntk. Zcntralorgan der roztaldemokrati fehen parte» Deutfchlanda. Telegramm- Adresse: n!«tiillltw«slt»l Itlllb". Redaktion: SM. 68. I.»nd«nstr»sse 6g, Stern nirerf)««:»ml IV. Nr. Ii»»». Das britische Reich im Jahre 190S. j Das ganze öffentliche Leben Englands stand im Jahre IVOS unter dem Einflüsse der zollpolitischen Agitation und des ostasiatischen Krieges. Infolge der von Mr. Chamberlain eingeleiteten Bewegung zuin Zwecke einer Tarifreform spaltete sich die konservative Partei, die seit dem Jahre 1895 am Ruder mar. in mehrere Richtungen und verlor das Vertrauen der Wähler. Die Partei war nicht mehr regierungsfähig, konnte aber dennoch nicht abtreten, da die blutigen Ereignisse in Ostasien und die Neugestaltung der auswärtigen Be° Ziehungen Englands«inen Regierungswechsel nicht gestatteten. Diese widerspruchsvolle Lage der Regierung war für daS Gedeihen der parlamentarischen Arbeit nichts weniger als günstig. Gesetzentwürfe wurden eingebracht und zurückgezogen, und die meisten Debatten waren nichts anderes als Rede- Übungen, uni die Zeit totzuschlagen, bis eine Klärung der auswärtigen Lage eintritt, die auch den inneren Wirren ein Ende bereiten könnte. Der Entschluß der Regierung, nicht eher abzutreten, bis diese Klärung erfolgt ist. zeigte sich besonders am 29. Juli, als die Regierung bei der Abstimmung über den Etat der irischen Land- kommission in die Minderheit geriet, aber dennoch auf ihrem Posten blieb, da sie knapp vor der Unterzeichnung des neuen Vertrages mit Japan stand. Zu den wichtigsten in dieser Session angenommenen Ge- setzen gehören das Frcmdengesetz und das Arbeitslosengesetz. Das erstere soll die Einwanderung regulieren und fremden Verbrechern, Verseuchten und„Untüchtigen" die Niederlassung in England unmöglich machen. Das Arbeitslosengesetz schafft zwar die Behörden und die Maschinerie zur Behandlung der Arbeitslosen, sieht aber leider keine staatlichen Geldmittel vor, um die Maschinerie in Bewegung fetzen zu können. Die Behörden, an die sich die Arbeitslosen wenden, dürfen auch Ackerbaukolonien gründen, aber die Geldmittel hierzu sollen durch—„Wohltätigkeit" herbeigeschafft werden, um— wie die bürgerliche Logik schließt— die Arbeitslosen nicht zu pauperisieren, d. h. nicht zu Bettlern zu machen! i�taatshülfe— so sagen unsere bürgerlichen Logiker— könnte die Arbeitslosen nur„entmannen", während öffent liche Wohltätigkeit die Selbstachtung der Arbeitslosen aufrecht erhalten werde. Trotzdem lvird das Arbeitslosengesetz als ein Fortschritt betrachtet; denn man hofft, daß eine der nächsten Regierungen gezwungen sein wird, auch StaatLhülfc zu ge- »vähren.— Das Wichtigste im Gesetz ist die Anerkennung, daß Arbeitslosigkeit nicht die Schuld des Individuums, sondern der Gesellschaft sei; daher behalten auch die aus Grund dieses Gesetzes unterstützten Arbeitslosen ihre Bürgerrechte. Dagegen ist die Gewerkschaftsvorlage, die das alte Arbeiter recht wiederherstellen sollte, nicht Zum Gesetz geworden. Sie »vard in zweiter Lesung angenommen und ging in die .Kommissionsberatung, in der es den Vertretern des Kapitals gelang. Zusatzanträge durchzudrücken, die das Gesetz illusorisch machten. Die Arbeitervertretcr erklären hierauf, daß sie auf das ganze Gesetz verzichten. da es die Lage der Gewerk- schaften noch verschlechtern»vürde. Die Folge dieser Erklärung »var, daß das ganze Gesetz fallengelassen»vurde. Mitte August»vard das Parlament geschlossen und zwei Monate später brachen die alten Zollkontroversen und Gegen- sätze innerhalb der konservativen Partei mit großer Heftigkeit aus. Ein Aufschub der Entscheidung war weder möglich noch nötig. Der Premierminister Mr. Balfour, der sich gegen LebenSmittelzölle aussprach, bereitete Ende November den Regierungsrücktritt vor. der am 4. Dezember erfolgte. Ein liberales Kabinett mit Sir Hcnr») Campbell- Bannerman über- nahm am 11. Dezember die Leitung der StaatSgeschäfte, um im Januar Neuwahlen vorzunehmen. Die zurückgetretene Regierung schaut mit Befriedigung auf die Ergebnisse ihrer auswärtigen Politik: Sie hat das Ein- Verständnis mit Frankreich gestärkt, indem sie im kritischen Momente der deutsch-französischen Unterhandlungen über Marokko dem französischen Kabinett diplomatischen und militärischen Beistand zusagte und so die Dankbarkeit der französischen Nation geivann. Die Besuche der Vertreter der französischen Flotte und des Pariser Stadtrats in London gestalteten sich zu Demonstrationen der Verbrüderung der beiden Völker. Der neue, am 12. August abgeschlossene Berttag mit Japan sichert den ostasiatischcn Ländern den Frieden und befestigt die Position Englands in Mittelasien sowie seine Herrschaft in Indien. Die britisch-iudischen Beziehungen zu Afghanistan sind wieder normal, und Eduard VIL konnte bei Eröffnung� der letzten Session darauf hinlveisen, daß der Emir seinen Sohn nach Kalkutta sandte, um den brittschen Statthalter zu begrüßen! Gegenwärtig weilt der englische Kronprinz in Indien, und der Taschi-Lama, den England zum Dalai-Lama erhoben hat, wurde von Tibet nach Indien ge- sandt, um der englischen Krone zu huldigen.— Auch einen allgemeinen Ausgleich mit Rußland hat die konservattve Regierung angebahnt, ferner hat sie die englischen Beziehungen zu den Mittelmeerinächten noch enger gestaltet. Was Deutschland betrifft, so muß damit gerechnet werden, daß bei der augenblicklichen Situation in einem deutsch- französischen Konflikte England zweifellos für Frankreich ein- treten würde.— Die sozialistischen Arbeiterorganis ationea Englands haben im Berichtsjahre Fortschritte gemacht. Die Agitattonen für das Arbeitslosengesetz, für die Gewerkschaftsvorlage und für selbständige parlamentarische Vertretung wirkten aufrüttelnd. Die Arbeitslosigkeit ist nicht größer als in früheren Jahren (der Außenhandel zeigte im Berichtsjahre eine erhebliche Steigerung), aber die Arbeitslosen sind— dank der sozia- listtschen Agitation— aufgeklärter, �aufgeivcckter und wollen nicht mehr schweigend dulden. Die Sozialdemokratische Föde- ration war besonders tätig in der Agitation für die Arbeitslosen und für die Beköstigung der Schulkinder aus öffentlichen Mitteln, während die Unabhängige Arbeiterpartei im„Komitee für Arbeitervertretung" wirkte und im Parlament durch den Genossen Keir Hardie der Sache des Proletariats und des Fortschritts nützte. Ebenso verdient die Fabian-Society wegen ihrer trefflichen sozialpolittschen Broschüre Erwähnung. Ihre zahlreichen Schriften werden von vielen Vertretern der Lokal- Verwaltungen gelesen und zur Richtschnur sür ihre praktischen Arbeiten genommen. In den überseeischen Besitzungen Englands zeigt sich allenthalben ein Fortschreiten und Aufstreben zur Freiheit, zur Selbständigkeit, zur Demokratte. Transvaal erhielt das all- gemeine Wahlrecht— die Ausnahmen sind unbedeutend— ebenso erhielt es eine der deutschen ähnliche Verfassung. In Indien wird die Bewegung für eine autonome Lakalrcgierung immer stärker. Die Proteste gegen die Teilung Bengalens, die in der Boykottierung englischer Waren ihren Ausdruck fanden, können als Gradmesser der Stärke dieser Bewegung bettachtet werden. In Neuseeland ist jetzt die Arbeiter- bewegung im Begriff, sich von den Liberalen loszulösen. Im austtalischen Bundesparlanicnte befinden sich 29 Arbeiter- Vertreter, während die jetzt regierende konservattve Fraktion nur 19 Mitglieder hat und deshalb auf die Unterstützung der Arbeiter oder der Liberalen angewiesen ist. Im Parlament von Victoria gibt es 19 Arbciterv'rtreter, 89 Ministerielle. 19 Liberale. In Westaustralien: 23 Arbeiter- vertteter, 19 Ministerielle, 8 Unabhängige. In Südaustralien: 15 Zlrdeiterverttetcr gegen 17 Vertteter der anderen Parteien. In Neusüdivales: 25 Arbeitervertreter gegen 65 bürgerliche. In Queensland: 34 Arbeitervertteter gegen 38 bürgerliche. Dagegen entivickelt sich die Arbeitcrbcivegung in Kanada nach dem Muster der englischen,»vas indes nicht verhindert, daß Kanada— nebenbei bemerkt— die einzige freie Kolonie Englands ist, die jeden Beitrag zum englischen Flottenetat ablehnt, da sie sich auf den Schutz verläßt, den die ameri kanische Monroe-Dokttin ihr bietet! Auch macht sich dort jetzt ein starkes Gefühl für nationale Selbständigkeit bemerkbar; verlangt doch z. B. die kanadische Regierung gegenwärtig vom Mutterlande das Recht der selbständigen Vertragsschließung! Im gegenivärtigen Moment ist sie daher die stärkste Gegnerin der Pläne Chamberlains.— Die Revolution in Rußland. Die Straßenkämpfe in Moskau dauerten auch am Freitag und Sonnabend fort; durch die Niederlverfung der Reste der Revolutionäre soll jetzt die Ruhe in Moskau tatsächlich hergestellt sein. Ueber die letzten Kämpfe meldet die offiziöse russische Telcgraphenagentur: Freitag abend und Sonnabend früh umzingelten Truppen aller Waffengattungen in großer Zahl mit Artillerie und Maschinen- gelvehren den Stadtteil PreSna, wo sich der Rest der Revolutionäre festgesetzt hatte. Die Truppen rückten von drei Seiten vor und eröffneten ein Artilleriefeuer, das den ganzen Tag über andauerte. Die Revolutionäre flüchteten in die Häuser, wo sie verhastet wurden. Einige Gebäude wurden in Brand geschossen. In der Fabrik Prochorow, Ivo sich die Revolutionäre konzentriert hatten, richteten Geschosse große Verheerungen an. Als die Massenverhastungen begannen, entkamen einige Führer der Auf- ständischen. Am Sonnabend sind 6«) Personen verhastet worden. In den zenttalen Teilen Moskaus ist es ruhig; die Arbeit wird überall aufgenommen. Montag wird das Geschäftsleben wieder seinen normalen Charakter annehmen. Die Zeitungen sind heute erschienen. Der Eisenbahnverkehr beginnt morgen, der Straßen- bahnveriehr ist bereits in vollem Gange. Die Zahl der durch Artilleriefeuer beschädigten Häuser beträgt etwa 60. Bis 2 Uhr nachmittags ivaren im Stadtteil PreSna ein Feldwebel getötet. ein Offizier und acht Untermilitärs vom Semenow-Regunent verwundet. Im Stadtteil PreSna wurden die Barrikaden und die Fabrik Prochorow von Sonnabend früh i Uhr bis 19 Uhr vomnttags mit Kanonen beschossen. Auf mehreren Linien der elektrischen Sttaßenbahn ist der Betrieb wieder aufgenommen worden. Alle Streitkräfte der Re- volutionäre waren am Freitag im Stadtteil Presna, in dessen Straßen Barrikaden errichtet sind, konzentriert. Die Fabrik Prochorow, wo sich 19 000 Arbeiter und Ailfständische befinden, ist jetzt von Infanterie, Kavallerie und Artillerie eng eingeschlossen. DaS große fünfftöcklge Haus Kurnow wurde aus Kanonen beschossen. In der innerhalb deS Bannkreises von Moskau gelegenen Ortschaft Rotvaja Derevnia versuchten die HauSbefitzer eine Bande Aufständische zu vertreiben, die in eine Schänke geflüchtet war und von da aus auf die Einwohner schoß. Man schloß die Schänke ein und setzte sie von allen Seiten in Brand. Dann kamen Kosaken hinzu; die Expedition: SM. 68, Olndenstrssse 6g. Stern flirerfier: flml IV.«r. 1984. weitere Entwickclung ist uubekamit. Bei den letzten Zusammen« stoßen wurden 299 Aufftändische getötet, vom Semenolvskyschen Regiment fielen sieben Mann. Der Verkehr auf der Eisenbahn Moskau-Rjäsan ist nach einem für die Aufftändische» sehr Verlust- reichen Kampfe wiederhergestellt»vorden. Das Hans Kupschinski im Stadtteil PreSna, in das sich viele Aufständische geflüchtet hatten, wurde mit Sturm genommen. Eine furchtbare Kanonade begann darauf. Die Fabrik von Schmidt, in der sich das Hauptquartier der Aufständischen befand, wurde samt den Nachbarhäusern in Brand geschossen. Einige der Auf- ständischen kamen in den Flammen um. Auch andere Häuser wurden von der Artillerie in Trümmer geschossen, da die Aufständischen, die sie besetzt hatten, es ablehnten, sich zu ergeben. Viele Ver- hastungen wurden vorgenommen. 17 Offiziere und 49 Soldaten tvurden verwundet; die Zahl der getöteten und verwundeten Auf- rührer ist nicht bekannt. Großsprechereien der Reaktion. Petersburg, 2. Januar. Die Petersburger Telegraphen- Agentur meldet: In maßgebenden Kreisen sieht man als das wichtigste Ergebnis der letzten Ereignisse in Moskau, wo nunmehr der revoluttonäre Ausbruch endgülttg nieder- geworfen ist, die Tatsache an, daß die Truppen ihrer Pflicht treu geblieben sind und den Aufstand mit Ucberzeugung unterdrückt haben. Man würde übrigens, da die ttadittonelle Hingabe der russischen Truppen für den Kaiser bekannt ist, an Ungehorsam von ihrer Seite nicht glauben können, wenn nicht von den revoluttonären Blättern auf- gebauschte Fälle der Disziplinlosigkeit den Gedanken hätten keimen lassen, daß das revolutionäre Gift unter die Truppen dringen konnte. Eine Untersuchung der Militärbehörden hat festgestellt, daß in allen diesen Fällen die Auflehnung durch Gründe»virtschafilicher Natur und nicht durch revolutionäre Anschauungen veranlaßt»vor. Eine ganze Reihe von Vorgängen in Odessa, Se wastopol und Kronstadt beweist, daß die Truppen oö- gleich sie meuterten, doch dem Throne unerschütterlich treu blieben. Jetzt beweisen die Ereignisse in Moskau oben drein, daß die Truppen nicht allein tteu bleiben, sondern mit Kraft und Ueberzeugung die Empörung nicderlverfen. Bei der Unterdrückung des Aufstandes in Moskau wurden viele Revolutionäre getötet und verlvundet und eine große Zahl derselben verhaftet. Man muß an nehmen, daß Moskau für lange Zeit von der revolutionären Organisation beftcit ist. Die Organisatton ist noch an einigen Punkten in Ruß- land tattg, aber ihre Unschädlichmachung ist nur noch eine Frage der Zeit. Daß die Niederwerfung der Erhebung in Moskau nur eine Schlappe der Revolutionäre, keineswegs aber einen weittragenden Sieg der russischen Regierung bedeutet, geht auS verschiedenen Meldungen deutlich genug hervor. So berichtet der Spezial- korrespondent der Scherlpresse aus Moskau vom 80. Dezember: Gestern fielen die letzten Schüsse— weit draußen in der Vor- stadt. Volle acht Tage haben die Revolutionäre gekämpft. Gestern wandten sie sich an die Duma— die Städtvertretung— mit der Bitte, zwischen ihnen und der Regierung zu vermitteln. Sie seien bereit, ihre Waffen auszuliefern, wenn die Regierung ihnen Straffreiheit zusichere. Die Duma hat ihnen zugesagt, sich in diesem Sinne bei der Regierung für sie zu verwenden. Ich weiß nicht, wie die letztere diesen Vorschlag zur Güte auf- nehmen wird. Bettachte ich die hiesigen Verhältnisse, so scheint es mir als das klügste und als das wahrscheinlichste, daß die Re- gierung diesen Kompromiß akzeptieren wird. Die paar Waffen, die ihr die Revolutionäre aushändigen werden, machen zwar eine Wiederholung de» bewaffneten AufstandeS nicht immöglich. Aber so viel Einsehen in die Lage muß sie ja nun doch endlich gc Wonnen haben, daß sie nicht mehr glauben kann. der Revolution Herr zu werden, indem sie ein paar hundert bewaffnete Revolutionäre hängt oder festsetzt. Sic kann sie nicht einmal nach Sibirien schicken, denn sie weiß nicht, ob sie dort nicht etwa als willkommene Verstärkung der sibirischen Revoluttonäre anlangen. Die„Vossische Zeitung" vollends erhält folgenden Situationsbericht: Petersburg, l. Januar. Trotz der Niederwerfung des AufftandeS in Moskau darf die allgemeine innere Lage nicht als wesentlich günstiger bezeichnet werden. Aus den hier veröffentlichten Namen ist ersichtlich, daß in Moskau nicht die tatsächlichen Leiter der Revolution, sondern bloß deren Unterführer verhaftet worden sind. Auch die Petersburger Verhaftungen sind von vorwiegend lokalem Interesse. Die Unruhen in der Provinz dehnen sich weiter auS und verursachen der StaatSwirtschaft steigenden Schaden, besondeis im Donetzgebiet, wo die Vereinigung des städtischen mit dem ländlichen Proletariat zur Tatsache geworden ist. DaS Ver- fahren deS Ministers des Innern Durnowo steigert seine Un- beliebtheit bei allen Beamten, wodurch der durch die Zu- verlässigkeit der Armee gewonnene Trumpf a b- geschwächt wird. Der demokrattsch gesinnte Teil der Beamtenschaft bangt bor den schädlichen Folgen einer durch, Durnowo eingeleiteten Reaklion. Die demokratische Propaganda � findet somit Boden für die Vorbereitung eines Beamtenstreiks. Die mißlichen finanziellen Verhältnisse der Mehrzahl der L o k a l- Verwaltungen stellen neue Anforderungen an den FiskuS, die schon heute sür die Unterstützuug hungernder Bauern und Arbeiter eine halbe Milliarde Rubel weit überschreiten. Bei be- ginnender Frühjahrslandbestellung wird eine weitere Steigerung dieser Anforderungen erwartet. Infolge teilweiser Zerstörung der Sibirischen Bahn und der Wolgabrücken droht eine Fleischtcucrung in den Großstädten, die meist sibirisches Fleisch verbrauchen. Zu einer blutigen Straßenschlacht ist es auch in B a ch m u t(Gouvernement Jekaterinoslaw) ge- kommen. „Vorgestern trafen hier aus den Fabriken der Umgegend mit Sonderzügen Aufständische ein, die ein Gcwehrfeuer gegen die Kasernen eröffneten, in denen sich drei Kompagnien Infanterie und eine Schwadron befanden. Die Truppen erwiderten das Feuer. Um 8 Uhr früh entwickelte sich eine förmliche Schlacht, die bis 4 Uhr nachmittags dauerte. Gegen Mittag erschien plötzlich eine Sotnie Kosaken aus Wolynzcw, die die Aufständischen zwischen zwei Fever brachte, worunter hauptsächlich die Aufständischen aus Debalzcwo litten. Die Arbeiter wurden zurück- geschlagen. Die Eisenbahnstation Gorlowska ist zurückerobert worden und befindet sich in Händen der Behörden. 300 Arbeiter wurden dabei getötet. Die Truppen verloren drei Tote und sieben Verwundete. Die Station Awdjejewka hat sich ergeben. Die Truppen sollen morgen Bachmut verlassen, um die Station Debalzcwo zu nehmen. Der Aufruf zum letzten Generalstreik. Der letzte politische Generalstreik in Nußland wurde durch den unten folgenden Ausruf angekündigt. Er ist vom Petersburger Arbeiter- Deputiertenrat. der Sozialdemokratische» Arbeiterpartei Rußlands. vom Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunde in Litauen, Polen und Rußland iBund) und der Partei der Sozialisten- Revolutionäre unterzeichnet. Er lautet: An das ganze Volk! Bürgerl Die Regierung hat wiederum das Volk betrogen. Am 30. Oktober versprach sie, die Staatsgewalt in die Hände von Volksvertretern zu übergeben, aber es sind bereits mehr als sechs Wochen verflossen und die Regierung fährt fort, eigenmächtig und unverantwortlich ihre Gewaltherrschaft im Lande auszuüben. Die Selbstherrschaft, besiegt durch den allgemeinen Oktoberausstand. aber noch nicht gestürzt, sammelt ihre letzten Kräfte und führt sie offen ins Feld gegen das Volk. Sie organisiert Räuberbanden, mit Hülfe derer sie friedliche Bürger abschlachten läßt. Sie erklärt große Gebiete des Landes unter Kriegszustand und setzt an die Stelle der versprochenen Garantien der politischen Freiheiten— Maschinengewehre... Am 30. Oktober verkündete die Regierung, daß von nun an keine neuen Gesetze ohne Znstimuiung der Volksvertreter in Kraft treten werden, und dieselbe Regierung erläßt jetzt tagtäglich temporäre Maßregeln, die tatsächlich' Gesetze im' Geiste der schlimmsten Zeiten der Selbsiherrichung sind. Es gibt kein Gesetz, es gibt keine Freiheit! Die zarische Willkür herrscht im Lande! Zeilnngen werden konfisziert und sistiert, Versammlungen auseinander gejagt. Verbände aufgelöst, Streiks gesetzlich verwehrt, den Eisenbahn-, Post- und Telegraphenarbeitern lvird das Koalitionsrecht geraubt, im ganzen Lande werden Verhaftungen vorgenommen. Sie läßt die Vertreter des Volkes verhaften, das Bureau des Bauernkongresses, das Bureau der Post- und Telegraphenbeamten, den Vorsitzenden des Arbeiterdeputiertenrates Chrustalew und zum Schluß noch am 16. Dezember, die ganze Sitzung des Arbeiter- Deputiertenrates— 2S0 Mann— gewählt von mehr als 200 000 Arbeitern. Brüder, Arbeiter! Ist es denn möglich, daß wir die von uns erwählten Männer nicht schützen werden? I Sie haben unseren Auftrag erfüllt, ftir unsere Sache wurden sie gefangen genommen. Sie haben von'niemand Hülfe zu erwarten, nur von uns! Sollen wir sie in den Klanen der bestialischen Regierung lassen? I... Bürger! Wir werden bis zum letzten Tropfen Blut kämpfen! Wir werden unser ganzes Leben einsetzen, aber im Gefängnis werden wir keinen einzigen von unseren Kollegen bleiben lassen I Die Regierung wird in dem Maße frecher, in welchem sie auf keinen Widerstand von unserer Seite stößt. Ihr ganzes Bestreben geht jetzt dahin, das Selbstherrschermm wieder herzustellen. Arbeiter, Bauern, alle, denen die Freiheit teuer ist I Ihr werdet nicht zulassen, daß man Euch politisch entrechtet.... Ihr müßt Garantien für die Freiheit des Volkes schaffen und der von der Regierung herbeigebrachten Anarchie des Staatslebens ein Ende niachen. Der Petersburger Arbeiter- Deputiertenrat be- schließt daher und proklamiert für die Stadl Petersburg und deren Umgegend einen allgemeinen politischen Streik. Donnerstag, den Ll./XII. um 12 Uhr mittags muß auf allen Fabriken, Werkstätten, Handelsbetrieben, Banken, Warenhäusern usw. usw., auf allen Verkehrslinien der Stadt und deren Umgegend die Arbeit niedergelegt werden. Unsere Forderungen find folgende: Einberufung einer konstiwierenden Versammlung durch all- gemeines, direktes, gleiches und geheimes Stimmrecht. Ungültigkeitserklärung aller Maßregeln, die Aufhebung des Kriegs- und Belagerungszustandes, des außerordenllichen und des verstärkten Schutzes und aller übrigen außerordentlichen Maß- regeln. Aufhebung der Kriegsgerichte und der Todesstrafe, volle Garantie der Unverletzlichkeit der Person, Freiheit der Presse, der Rede, der Versammlungen, der Verbände und Streiks. Ausbreitung dieser Rechte auch auf die Armee und die Flotte, Abschaffung der politischen Prozesse, auch derjenigen über Preß- vergehen. Freilassung aller politisch Inhaftierten, Befriedigung spezieller Forderungen der Armee, der Flotte, der Eisenbahn-, Post- und Telegrap'henbeamten. Uebergaug des Bodens in das Eigentum des Volkes. Anerkennung des achtstündigen Arbeitstages als elemen- tares politisches Recht. Sofortige Abschaffung aller gegen einzelne Nationalitäten und Glaubensbekennwisse gerichteten Ausnahmegesetze. Bürgerl Wählet: Freiheit oder Knechtschaft! Rußland, regiert vom Volke, oder Rußland, mit der alten Raubwirtschaft einer Banditenbande... Soldaten und Matrosen! Ihr seid ein Teil des Volkes, aber man führt Euch gegen das Volk. Alle Eure Forderungen sind auch die u n s e r i g e n. aber man führt Euch gegen uns. Werdet Ihr im Blute des Volkes Eure eigene Freiheit ertränken? Schließt Euch uns an! Steht zusammen mit uns auf! Es gibt keine Kraft im Lande, die auftreten könnte gegen eine Armee, die sich mit dem Volke vereinigt bat! Der Petersburger Arbeiter-Teputierten-Rat. Die Soz.-Tcm. Arbeiterpartei Ruhlands. Der Allgem. Jud. Arbeiterbund i» Littauen, Polen und Ruhland(Ter Bund). Die Partei der Sozialisten-Rcvolutionären. politilche CUberficbt. Berlin, den 2. Januar. Hellmuth von Moltke! Die Strategen sind bekanntlich zurzeit in Deutschland mehr als dünn gesät. Seit Moltkes Tod haben nur die Namen Lentze und Haeselcr vollwertigen Klang gehabt, denen sonderbare Schwärmer noch Herrn Generalweltfeldmarschall Waldersce an die Seite stellen zu dürfen glaubten. In Preußen-Deutschland, wo Minister a la Podbielski möglich sind, versteht es sich nicht von selbst, daß gerade die fähigsten Männer auf höchst verantwortliche Posten berufen werden. Und so soll denn— wie in eingeweihten Kreisen behauptet wird— auch der Mann, den Wilhelm II. soeben zum Chef des General stabes der Armee ernannt hat, Generalleutnant Graf Hellmuth von Moltke, sich für den ihm übertragenen Posten durchaus nicht qualifizieren. Der bisherige Chef des Generalstabes, Graf von Schlieffen, ein sehr befähigter und sympathischer Mann, ist fast 73 Jahre alt, und man darf ihm die wohlverdiente Ruhe gönnen. Allerdings— Graf von Schlieffen war noch ein rüstiger Mann, und es klingt unglaublich komisch.wenn dem Kaiser der Wunsch nachgesagt wird, in vorausschauender Fürsorge darauf bedacht zu sein, für den Fall eines Krieges an der Spitze des Generalstabes einen Mann zu haben, der den Strapazen des Feld- zuges auch gewachsen wäre. Als Wilhelm 1.. der hochselige Herr Grotzvateri in den französisch-deutschen Krieg zog, war er im 74. Lebensjahre und kaum mehr so rüstig wie Schlieffen noch jetzt, womit nichts weiter gesagt sein soll, als daß man mit dem Prinzip der„Rücksicht auf das hohe Alter" sehr einverstanden sein könnte, wenn es allgemein durchgeführt würde, auch gegenüber den Monarchen. Graf Moltke ist im S8. Lebensjahre und trägt denselben Namen wie sein Onkel, der Generalstabschef Wilhelms 1. Er soll das An- erbieten Wilhelms II., die Leitung des Generalstabs zu über- nehmen, schon einige Male abgelehnt haben mit der Motivierung: er fühle sich den schweren Aufgaben dieses verantwortungsvollen Postens nicht gewachsen. Wenn dieses häufiger kolportierte Ge- rücht auf Wahrheit beruht, so würde das allerdings in gewisser Beziehung für den neuen Leiter des Generalstabes sprechen. Jenes Gerücht aber will weiter wissen: Wilhelm II. habe den Zagenden beruhigt mit der tröstlichen Zusicherung: Er(der Kaiser) werde ihm(dem Generalstabschef) schon wirksam zur Seite stehen! Sollte daraufhin Moltke das schwere Amt über- nommen haben, so spräche das hingegen wider ihn; denn er dürfte sich darüber nicht im unklaren befinden, daß der Generalstabschef allenfalls des Kaisers rechte Hand zu sein hat, nicht aber um- gekehrt. All dem sei wie ihm wolle, wir hoffen, daß Wilhelm II. nie in die Lage kommen möge, im Ernstfalle Moltke II.„wirksam zur Seite zu stehen".— Der Prozeh gegen die Antiinilitaristen. Die Bonrgeoisgeschworenen haben sich mit unerhörter Schmach beladen. Hervs und feine Genossen sind schuldig gesproclien und zu schweren Gefängnisstrafen verurleilk worden. Das Urteil wirkt förmlich belänbend. Viele hatten einen Freispruch, manche infolge der unklugen Sprackie einzelner Angeklagten einige leichte Berurleilungen erwartet. Und nun dieser barbariiche, aus der tollsten Nachgier entsprungene Spruch. Nie war ein Prozeß in seiner juristische» Grundlage lächerlicher, nie dreister auf die Verfolgung von Gesinnungen zugespitzt. Das Urteil aber ist nicht nur ein Ausfluß des Klassenhasses der Bourgeoisie, nicht nur ei» Racheakt des fanatischen Chauvinismus, der sich feige auf dem Rücken von französischen Bürgern austobt, die dem tollen patriotischen Renommistentum entgegengetreten sind und deren Energie Frankreich heute den Frieden zu danken hat, es ist im be- sonderen noch die Revanche für die Niederlage, die sich die verfolgungssüchttge Bourgeoisrepublik in diesem Prozeß selbst geholt hat. Die Angeklagten haben ihre Ankündigung: aus der Gerichts- Verhandlung einen Kongreß zu machen, verwirklicht. Eine Woche lang wurde der bürgerliche Phrasen- und Gcschäftspatriotismus von der revolutionären sozialistischen Kritik unbarmherzig in seinen faulen Wurzeln bloßgelegt, wurde die internationale Solidarität mit dem Schwung der Leidenschaft, mit der Kraft zwingender Argumente verkündigt, und die Anklage verfiel immer mehr der Lächerlichkeit. Das Bluturteil ist die Vergeltung für die Blamage des Geldsack- Patriotismus. Im französischen Proletariat wird eS zunächst einen leidenschaftlichen, gellenden Schrei der Empörung wecken, dann aber den Willen entflammen, den Kampf gegen das schmähliche Bourgeoisregiment mit verzweifelter Energie fortzusetzen. Angesichts dieses Urteils haben alle Vorbehalte zu schweigen, die man gegen diese und jene Auffassung der Angeklagten machen möchte. Das Urtel gilt nicht den einzelnen Männern, die diesmal vor Gericht standen, es gilt der revolutionären Idee des Proletariats. Und das ganze französische Proletariat wird es als ein�n Faustschlag in sein Gesicht empfinden und— vergelten. « Die PlaidoyerS begannen am Donnerstag. Der Staatsanwalt S e l i g m a n n zog alle patriotischen Register auf. Er erzählte u. a., daß es Antiinilitaristen— wie die Angeklagten— nur in kleinen Staaten wie Holland, Spanien und in der Schweiz gebe, wogegen in den„militaristischen, aggressiven Staaten"— hier wurde die Anspielung auf Deutschland deutlich— die ganze Nation patriotisch sei! Weiter behauptete er, daß noch nie ftanzösische Offiziere auf ftiedliche Streikende hätten schießen lassen. Sein kühnster Satz aber war, daß es in Frankreich keine verschiedenen Klassen gebe— eine Behauptung, die in der Bourgeoispresse Anerkennung gefunden hat. Zum Schluß appellierte Seligmann an die Geschworenen: nicht zu dulden, daß man„in diesem schönen Lande die Undankbar- keit so weit treibe, um die Eyistenz eines Vaterlandes zu gefährden, das das Erbgut aller französischen Bürger ist". Der erste Angeklagte, der das Wort erhielt, war Bousquet, der Sekretär der Gewerkschaft der Nahrungsmittelarbeiter. Er legte mit kräftiger Beredsamkeit deil Klassencharakter des Militarismus und des heutigen Staates samt seiner Justiz dar. Als er darauf hinwies, daß man vor IVq Monaten ihm die provisorische Hast- entlaffuna gegen eine Kaution von 2000 Frank angeboten habe, wohl wissend, daß ein einfacher Arbeiter über eine solche Summe nicht verfüge, wogegen der Millionendieb Jaluzot in Freiheit umher- wandele, erscholl lauter Beifall im Saale. Bousquet erinnerte an die Verwendung von Soldaten zu Streikbrecherdiensten. Bis in die jüngste Zeit hat man Soldaten zum Schaden der organisierten Arbeiter als Kellner arbeiten lassen. Was haben die Arbeiter davon gehabt, daß sie, noch unter Waldeck-Rousseau in einem kritischen Augenblick die Republik görettet haben? Der Bourgeois- staat hat die gewerkschaftliche Freiheit brutal verletzt und Militär in die Arbeitsbörse einbrechen lassen. Der Angeklagte fuhr fort:„Als wir jüngst sahen, daß man sich vielleicht um Marokko mit Deutschland schlagen werde, da ging das Beben der Empörung durch unsere Reihen. Wir wußten, daß in Marokko vor allem dunkle finanzielle Machenschaften im Spiele seien. Und wir konnten nicht zugeben, daß man Arbeiter für diese elenden Klasseninteressen auf die Schlachtbank sckicke." Bousquet schloß mit einem Appell an die Geschworenen,„Ich ver- lange von Ihnen keine Znmeffung mildernder Umstände. Wenn Sie eine Strafe über uns verhängen wollen, so tun Sie es. Wir werden sie mit stolzem Bewußtsein auf uns nehmen; denn die Geschichte wird uns recht geben. Aber wenn Sie die Freiheit der Meinung aufrechterhalten wollen, dann zeigen Sie, daß man unter der repnblikanifchen Verfassung seine Gedanken aussprechen darf." Urbain G o h i e r verteidigte sich in einer eindrucksvollen ändert- halbstündigen Rede, in der er hauptsächlich die Frage des Patrio- tismns scharfsinnig zergliederte. Gohier hat in der letzte» Zeit einige Artikel, namentlich über die russischen Vorgänge veröffentlicht, die wegen ihrer antisemitischen Tendenz bei der reaktionären Presse Beifall fanden. Umso erfreulichere Ueberraschung erregte seine Haltung im Gerichtssaal. Am Freitag kam Gustav Hervö zu Worte. Er begann mit der Schilderung, wie der Patriotismus, als eine Religion des Hasses gegen die Fremden, in die Kinderseele eingepflanzt wird.„Am Familientisch, als Knabe, hörte ich von den Grausamkeiten der Deutschen erzählen, hörte ich sagen, daß Frankreich die Znflnchts- stätte der Freiheit fei. Unsere Väter und Mütter gaben uns Bleisoldaten, Säbel und Trommeln. Wir wurden Patrioten. In der Schule bekamen wir Bücher in die Hände, die uns den französischen Soldaten als einen ewigen Kämpfer fürs Recht darstellten, selbst den Mordbrenner in der Pfalz, selbst den Soldaten der napo'eonischen Kriege! Wenn wir dann die Regimenter vorüberziehen sahen, ent- faltete sich vor uns ein theatralischer Pomp, der auf unsere Nerven wirkte wie die Orgelmusik aus die der Frommen. Wir alle liefen, um die jungen Männer mit den blinkenden Mordwaffen vorüber- marschieren zu sehen, die zu unsinnigen Schlächtereien bestimmt sind. Und Ivenn dann das an eine Stange gehestete Stück Stoff, das man Fahne nennt, vorbeigetragcn wurde, dann entblößten wir ehrfurchtsvoll das Haupt. Jawohl, ich weiß, meine Herren Geschworenen, daß ich Ihre Gefühle verletze. Aber glauben Sie, daß Voltaire keine Gefühle verletzt hat? Alle Ideen wirken zuerst ärgernis- erregend. Wir verdienen den Scheiterhaufen wie die Ketzer aller Zeilen, die eine Religion bekämpft haben.— Nun wohl, wir haben die Falten der Fahne auseinandergebreitet, um nachzusehen, was das Vaterland, was alle Vaterländer sind." Hervs zeigte dann den bürgerlichen Klassencharakter der auf den Ideen von 1789 be- gründeten Republik und sagte, gegen den Staatsanwalt polemisierend: „Es gibt zwei Klassen. Die eine ist hier, auf der Bank der An- geklagten, die andere, die B ü r g er k l a s s e, ist berufen, um zu richten. Sie. Herr Staatsanwalt, gehören zu ihr. Daß die Angehörigen Ihrer Klasse das Vaterland lieben, ist nur natürlich. Das Vaterland ist eine gute Mutier für Sie. Aber Sie wolle», daß aucb wir Patrioten seien, um, wenn Ihr Vaterland bedroht ist, wie in Fourmies und Limoges, als Wachhunde Ihre Geldschränke zu beschützen! Nun. Sie müssen es schon erlauben, daß wir dieses Vaterland nicht als Mutter betrachten. Sie sagen, wir hätten Frei- heilen! Ja, aber auch der fremde Eroberer könnte sie uns nicht nehmen. Besteht das allgemeine Wahlrecht nicht auch für den deutschen Reichstag? Gibt es drüben keine sozialistischen Zeittmgen, keine öffentlichen Versammlungen, keine Gewerkschaften? Und wenn man versuchen wollte, uns diese Rechte zu rauben, haben wir nicht die geheime Propaganda? Vielleicht würden wir eingesperrt oder gar füsiliert. Aber welcher Unterschied besteht darin, von eineni französischen oder von einem deutschen Polizisten in'S Loch gesteckt zu werden?— Nun sagt man, es könnte Frankreich der Krieg erklärt werden? Aber ist immer derjenige im Unrecht, der den Krieg erklärt? Denken Sie an die Buren, an Japan! Doch was wir wissen, ist, daß, wenn ein Krieg ausbricht, es die Kapitalisten sind, die sich um einen Knochen balgen. Und darum marschieren wir nicht! Wir werden, welcher Art der Krieg auch sei. der Mobilisierungsorder nicht gehorchen. Das einzige Gut, das wir haben, das Leben, geben wir Euch nicht her. Was hätten wir bei einem internationalen Kriege zu gewinnen? Der einzige Krieg, der nützlich sein kann, ist der B ü r g e r k r i e g. Denn wenn wir in diesem siegen, müssen Sie die Kosten bezahlen. Auch die französische Bourgeoisie hat aus dem Bürgerkriege der Revolution Nutzen gezogen. Wir wollen eine Gesellschaft organi- sieren, die besser sein wird als die jetzige, bester selbst für Sie und Ihre Kinder. Unsere deutschen Genossen teilen unsere Ideen; vor ihren Augen finden die deutschen Kapitalisten nicht mehr Gnade als die französischen vor den unseren. Und die deutsche Regierung ist ohnmächtig gegen ihre Progaganda. Auf die Erklärung Sembats in der ftanzösische» Kammer antwortete wie ein Ecbo die Erklärung Bebels im Reichstage. Der öffentliche Anwalt möge sich beruhigen. Die Bewegung ist internattonal." Hervs schloß:„Ich bin überzeugt, daß Sie uns fteisprechen werden. Es gehört Mut dazu, uns freizusprechen. Sie haben gegen Suggestionen anzukämpfen, denen Sie seit vier Jahren ausgesetzt sind, Sie haben der Furcht vor den Vorwürfen Ihrer Freunde zu widerstehen, die Ihnen sagen werden: Wie, Ihr habt den Banditen Hervs ftei- gesprochen, der„die Fahne in den Düngerhaufen pflanzen" will! Nun, Sie werden antworten: Wir haben sie freigesprochen, weil wir nicht das Recht hatten, zu verurteilen. Und Sie werden hin- zusügen: Wir haben im Interesse unserer eigenen Klaffe 'reigesprochen, um diesen Leuten nicht die Strahlenkrone der Märtyrer zu verleihen.— Uebrigens, Sie sind ja Friedensfreunde! Wir haben ein Mittel gefunden, den Frieden zu erzwingen, ohne erst d-u Friedensrichter vom Haag anzugehen." *• « Gegen 10 Uhr nachts wurde das Urteil verkündigt: Freigesprochen wurden nur zwei Angeklagte: Amilcare Cipriani, und Fräulein Teutscher-Numieska, die ihren Freispruch mit dem Rufe: „Ich protestiere gegen dieses blödsinnige Urteil!" aufnimmt. Das Publikum begleitete diesen Protest mit Beifall. Mildernde Umstände werden dem Angeklagten P e r c e a u zugebilligt. Verurteilt werden: Hervs zu vier Jahre» Gefängnis, gl v e t o t und Cibot zu drei Jahren, Grandidier zu zwei Jahren, Bousquet, Gamerh und C o u l l a i s zu 15 Monaten, Gohier und die übrigen An- geklagten zu einem Jahre Gefängnis, alle Angeklagten außerdem zu 100 Fr. Geldbuße.— Veutlckes Reick. Offiziöse Sorge um den Geldsack. Die unter landrätlicheb Kontrolle stehenden Kreisblättev bringen fortgesetzt Leitartikel über die„Neichsfinanzreform". die aus dem offiziösen Bureau stammen, das seine Instruktionen vom preußischen Ministerium erhält. Diese Artikel bekämpfen in lächerlich übertriebener Weise die Vorschläge, die Erbschafts- steuer bei den großen Vermögen auch auf die Deszendenten und Ehegatten auszudehnen. So heißt es in einem Artikel. der zunächst das Stengelsche Projekt mit dem Hinweis darauf begründet, daß in England 9,17, in Deutschland aber nur 0,48 M. Erbschaftssteuern bezahlt würden, wie folgt: „Wenn nun aber andererseits von sozialdemokratischer und gesinnungsverwandter Seite darauf gedrungen wird, die Erbschaftssteuer durch die Ausdehnung auf Deszendenten und Ehegatten, sowie durch höhere Sätze derartig zu bemessen, daß sie allein oder doch fast allein zur Deckung des dringenden Bedarfs an neuen Einnahmen ausreicht, so ist gegen solches Streben mit Entschiedenheit Front zu machen. Ans einer derartigen Steuer würde gerade in den Augen des b e st- gesinnten(!) Teils der Nation ein st a r k e ö Odium lasten. sie müßte in dem Lichte einer halb sozinlistischcn Maßnahme er- scheinen und würde den Eindruck erwecken, als-ließe sick die Steuergesetzgebung von Motiven des Haffes und Nebelwollens gegenüber dem Besitze leiten. Unsere Regierung handelt daher durchaus richtig, wenn sie in ihrem wohldurchdachten und in allen seinen Teilen organisch zusammenhängenden System von Steuer- vorschlagen der Erbschaftssteuer nur eine ergänzende Rolle zu- weist. In dieser Beschränkung aber durfte die Forderung einer Erbschaftssteuer für das Reich auch unabweisbar sein." Das preußische Ministerium hat sich also die Argumente der„Verl. Neueste Nachr.", die wir seinerzeit niedriger- hängten, so ziemlich zu eigen gemacht. Es lehnt es ab, durch eine angemessene Heranziehung der Reichen zu den Reichs- lasten„Motive des' Hasses und Uebelwollens gegenüber dem Besitz" an den Tag zu legen. Daß die nichtbesitzende Klasse in einer abermaligen Belastung mit indirekten Stenern solche Beweise des Uebelwollens sich gegenüber erblickt, ist der Regierung dagegen völlig schnuppe! Herr Stengel braucht sich übrigens keine allzu großen Sorgen zu niachen. Das Zentrum ist ja bereits vor dem Protest der rheinischen Agrarier nmtig zurückgewichen. Es will nicht nur den Agrariern eine Extrawurst braten, sondern überhaupt alle Erbteile in der Höhe bis zu 100 000 M. völlig frei lassen. Wenn also ein Kapitalist 3- bis 400 000 M. hinterläßt, dies Erbe aber in drei oder vier Teile gehr, so soll die Erbschaft nicht durch einen Pfennig Erbschaftssteuer geschmälert werden!— Die Weltpolitik des Zickzock-KurseS. Es sind erst einige Wochen her, dag Fürst Bülow sich im Reichs- tag mit sittlichem Pathos gegen die Vaterlandsverräter ins Zeug legte, die der deutschen Regierung jemals weltpolitische Eroberungs- Pläne zugetraut hätten. Die Rechte spendete damals dem Reichs- kanzler lebhaftesten Beifall. Dagegen finden wir in der Sonntags- nummer der biindlerischen„Deutschen Tageszeitung" eine Auslassung über die deutsche Weltmachtspolitik, die beweist, dag es nicht nur argwöhnische Ausländer und vaterlandslose Sozialdemo- kraten waren, die die Haltung der deutschen Regierung höchst seltsam fanden. Das Junkerorgan schreibt: „Endlich noch ein Wort zur Weltmachtspolitik I Im ab- laufenden Jahre ist das geflügelte Wort von der„öden Welt- Herrschast" geprägt worden. Wir glaubten das Wort recht zu der- stehen, wenn wir es erklärten als eine Absage an die allcrwelts- heimische Wcltmachtspolitik, die den nationalen Wurzelboden u»ter den Fügen verliert und ziellos und zwecklos überall in der Welt umhcrfährt, auch wo nichts zu hole» und nichts zu vcr- tcidigcn ist. Wir glaubten in der Absage an die öde Welt- Herrschaft ein Beleimmis zu jener nationalen Weltpolitik zu erkennen, die im Boden des deutschen Volkstunis und des deutschen Ackers wurzelt und ihren weltgeschichtlichen Beruf dadurch zu erfüllen trachtet, dafi sie den eigentlichen Auf- gaben des Volkstums gerecht wird und seine eigenartigen Be- sonderheiten wahrt. Eine solche Politik wird niemals vergessen, das; jedes Volk außer der besonderen politischen Aufgabe eine Weltmission hat; aber sie wird nicht in uullarcn und zerfahrruen Allerweltstriiumereie» den Boden preisgeben, auf dem das Volk erwachsen ist. Möge diese Absage an die öde Weltherrschaft für immer die Richtschnur unserer Politik sein! Wir können aber nicht verschweige», daß seitdem manches geschehen ist, das mit dieser Absage nicht recht vereinbart werden tonnte. Vielleicht haben wir uns in der Beurteilung der Dinge, an die wir denken, getäuscht; vielleicht sind es nur Kleinigkeiten; aber diese Kleinig- leiten machen den Eindruck eines geivissen Widerspruches, den wir lieber nicht empfunden hätten." Vielleicht verleibt der Reichskanzler auch diese Auslassung der „Deutschen Tageszeitung" seiner Zitatenmappe ein l— Eine Professorale Moralpauke. Herrn Adolf Wagner lassen die Lorbeeren des Grafen Posadowskh nicht schlafen. In der„Tägl. Rundschau" stößt dieser professorale Flottenagitator und Stöcker-Jnlnnus einen schmerz- erfüllten Wehruf aus über den„Mangel an Pflichtgefühl", den alle Schichten des deutschen Volkes gegenüber den neuen Steuer- forderungen bewiesen. Herr Adolf Wagner wehklagt: „Welches jämmerliche Beispiel bietet jetzt wieder die Be- kämpfung der Reichssleuerreform, die Bekrittelung der Reichssteuer- Pläne, ganz wie im Ib. und 16. Jahrhundert I Jede Steuer ist mangelhaft, aber dennoch muß man sie tragen, wenn es eben unvermeidlich ist.... Wian möchte verzweifeln ain deutschen Volk, am neuen Deutschen Reiche, wen» man dies Gejammere mrd Gestöhne hört, wo jeder sich scheut, Lasten zu übernehmen, während kein Anderes Volk einen wirtschaftlichen Aufschwung ge- nommen, wie das deutsche im 19. Jahrhundert, und keines — sich mehr Genüsse aller Art erlaubt, in allen seinen Klassen, von den höchsten bis zu den niedrigsten, vom Arbeiter bis zum Großkapitalisten; aber alle scheuen vor dem „dem Kaiser aber gebt, was des Kaisers ist", während die irrtümliche Parole„Haltet die Taschen zu", wenn Steuern gefordert werden, überall ertönt. Der Arbeiter lamentiert, wenn es sich um Erhöhung der indirekten Steuern auf seine Genuß- mittel,„sein Bier" und„seinen Tabak" handelt.... Der geringe Ouittungsstempel, den man anwendet lvie jede Briestnarke, soll „den Verkehr ruinieren". Und gegen die Erbschaftssteuer lehnen sich wieder die Wohlhabenden, die Reichen, die Grundbesitzer auf, die in solchen Steuern allein doch ordentlich und gebührend mit getroffen locrden. Keine dieser Klasjen erfüllt ihre Pflicht!" Warum rückt denn der Herr Professor mit seinem Busenfreunde Stöcker nicht der konservativen Partei energisch zu Leibe, damit die Herren Strohdachflickenden wenigstens das Geld, das ihnen die paar Sektpullen kosten, die sie sich— nach dem Eingeständnis aus ihren eigenen Reihen— bei ihren Abstechern in Berlin zu leisten pflegen, auf dem Altare des Vaterlandes opfern I Warum verficht der Herr Professor nicht energisch den Gedanken einer Reichs- einkommcnsteuer und einer Erbschaftssteuer, wie sie in den Nachbar- staatcn längst besteht? Statt dessen behauptet Herr Adolf Wagner, der doch als Nationalökonom wissen muß, daß das Gegenteil richtig ist. daß sich die deutschen Arbeiter mehr Genüsse aller Art leisten könnten, als die Arbeiterklasse irgend eines anderen Volkes I— Straßcndemonstrantcn vor der sächsischen Justiz. Dresden, 31. Dezember.(Eig. Ber.) Am Sonnabend hatten sich vor der sechsten Strafkammer des Dresdener Landgerichts aber- mals zwei Teilnehmer an den aus Anlaß der Wahlrechtsbewegung in Dresden stattgefundenen Straßendemvnstrationcn zu verantworten. Der 21 jährige, aus Scharfenstein gebürtige Metall- d r ü ck e r Ernst Alwin Schreiber stand unter der Anklage des Aufruhrs, der Aufreizung, Beamtenbeleidigung, des unbefugten Waffentragens und ruhestörcnden Lärms. Ter bisher noch völlig unbestrafte Angeklagte hatte ain 16. Dezember bis abends 6 Uhr in einer Lampenfabrik auf der kleinen Plauenschengasse ge- arbeitet, da er aber diese Stelle aufgab, riahm er seine Sachen mit, darunter auch einen Dolch, den er schon längere Zeit in der Fabrik hatte, um ihn zu versilbern. Gegen 8 Uhr verließ er seine Wohnung, ohne daß er daran gedacht haben will, das Instrument aus den Kleidertafchn, herauszunehmen. Sch. hat aber weder eine Protest Versammlung besucht, noch will er mit der Sozialdemokratie in Verbindung stehen oder Arbeiterliiedeir kennen; er ist nach seiner Be- Häuptling lediglich zwecks einiger Besorgungen in die Stadt ge- gangen und dabei gegen'/eil Uhr unglücklicherweise auf dem Alt- markte unter die vom„Trianon" herkommenden Demonstranten geraten, mit denen er fortgerissen sei. Auf der Wiener- stratze angelangt, habe ein Bekannter von ihm einen Säbelhieb erhalten. Das habe ihn geärgert, weshalb er gerufen habe:„Die Saubande, so eine Gemeinheit!" Alles weitere stellte der Angeklagte entschieden in Abrede, er will weder mifreizende Reden noch den Dolch in böser Absicht bei sich geführt haben. Es wurde darauf in die Zeugenvernehmung eingetreten. Poli- zeiinspektor Schlegel, der mit einer Anzahl Gendarmen die Villa des Ministers v. Metzsch zu decken hatte, gab ein Bild von den De- monstrationcn auf der Wienerstraße. Danach war die Situation am gefährlichsten, als aus der Menge, die johlte, lärmte und die Beamten' schimpfte, der erste Schuß fiel. Die Polizei war schon nahe daran, nun von der Schußwaffe eben- falls Gebrauch zu machen, da aber eine kurze Ruhepause eintrat, habe sich dies nicht als notwendig erwiesen. Dafür ging die Gendarmerie aber mit der blanken Waffe energischer vor und zerteilte die Demonstranten in kleinere Trupps. Das Zerstreuen der Menge stieß vielfach auf Schwierig- leiten, da sich verschiedene der Tumultuanten auf die Straße lang hinlegten, um ein Zurückweichen der Demonstranten zu herhmdern. Ein Gendarm soll dabei einen Stockhieb über den Kopf erhalten haben. Ten Angeklagten Schreiber habe dieser Zeuge nicht gesehen. Sehr belastend für den Angeklagten gestaltete sich die Aussage des Gendarmen E i n e r t. Dieser Zeuge erklärt, daß die Menge nur passiven Widerstand geleistet habe, doch sei einer der Hauptschreier der Angeklagte gewesen, der immer in der vordersten Reihe gestanden und den Schutzleuten Schinipsworte wie„Saubande, Spitzbuben, Bluthunde, Achtgroschenjungen" zugerufen habe. Von einem tat- lichen Angriff der Meng- auf dix Gendarmen hat dieser Zeuge nichts bemerkt. Polizeiinspektor Born hatte den Angeklagten schor�längerc Zeit beobachtet. Als Schreiber wieder einmal rief:„Ihr Bluthunde; stecht doch die Schweinehunde nieder!" will der Zeuge vorgesprungen und Schreiber für verhaftet erklärt habm. Aus der Rkenge seien darauf zwar Rufe ertönt:„Raushaueu, nicht arretieren lassen!", doch wurde der Angeklagte mit Hülfe der Gendarmen Landgraf und Posselt über- wältigt. Aus den weiteren Zeugenaussagen ses kommen nur Gen- darme in Betracht) interessiert nur, daß, als der Schutz gefallen war, die Parole ausgegeben wurde, keine Rücksicht mehr zu üben. Gendarm Wiegand legte dem Gerichtshofe zum Beweise dafür, daß die Menge mit Gegenständen geworfen habe, ein Eisen- stück vor, das er damals aufgehoben haben will. Auf dem Transport zum Polizeigefängnis bat der Angeklagte den Beamten mehrfach, ihm die gefesselte rechte Hand freizugeben, damit er sich die Nase putzen könne. Dies wurde ihm jedoch nicht gewährt. Später einer Visitation unterzogen, wurde bei ihm der Dolch in der rechten Hosen- tasche gefunden. Ter Staatsanwalt beantragte, indem er die Anklage in vollem Matze für gedeckt hielt, eine strenge Bestrafung, weil Schreiber ein Aufrührer der gefährlichsten Sorte sei und sein Tun nahe' an Rädelsführerschaft grenze. Weinend beteuerte der Angeklagte, nichts Böses beabsichtigt zu haben. Das Urteil lautete auf 3 Jahre Gefängnis» 2 Wochen Haft und auf Einziehung des Dolches. Wegen Aufruhrs, Aufreizung, Landfriedens- b r u ch und Beamtenbeleidigung hatte sich sodann der 4S Jahre alte, aus Kleinneundorf gebürtige Bauarbeiter Ernst August Steuer zu verantworten. Dieser hatte am fraglichen Sonnabend bis Ys 5 Uhr auf dem Rathansneubau gearbeitet, sich dann zu Hause umgekleidet und war dann kneipen gegangen. In einem Lokal er- hielt er vom Wirt keine geistigen Getränke mehr, weil er schon ziem- lich betrunken war. In diesem Zustande langte St., der a n keiner der Versammlungen teilgenommen hat, sich auch nicht, wie er erklärt, um die politischen Vor- g ä n g e kümmert» in der elften Stunde aus den.'Altmarkte an. „Da war es schon ganz unheimlich", erklärte der Angeklagte. An der Ecke der Löwenapotheke hatte sich eine nach vielen Hunderten zählende Menge angesammelt, die Hochrufe auf das allgemeine Wahlrecht aus- brachte und revolutionäre Lieder sang. Eine starke Schutzmanns- kette hatte die Schloßstratze abgesperrt, verhielt sich aber zunächst passiv. Die Menge versuchte, nachdem sie einen Straßenbahnwagen zum Halten gebracht und einem anderen die Fenster eingeworfen hatte, die Gendarnwnkettc zu zersprengen. Steuer stand in der vordersten Reihe und brachte fortgesetzt Hochrufe auf das Wahlrecht aus. Er soll nach Ansicht mehrerer Zeugen einer der Hauptschreier gewesen sein. Einige umstehende Personen hoben ihn auf die Schultern und brachten auf ihn ein Hoch aus. Tann drängte er wieder vor und suchte mit den Worten„Ihr Sch... kerl, Ihr Lumpen; hier ist das beste, das Messer heraus!" die Gendarmen zurückzudrängen. Tie Riengc folgte ihm, wich jedoch zurück, als die Schutzleute ihre Schlagringe hervorzogen. Steuer aber wurde ver- haftet; er trug in seiner Rocktasche ein Tascftenmesser bei sich. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob dies alles stimme, antwortete St.: „Es kann ja sein, ich kann mich aber an die Vor- gänge nicht mehr erinnern, da ich betrunken war. 'SSi.s Gericht erkannte gegen diesen Angeklagten auf 2 Jahre 6 Monate Gefängnis. Im Anschluß hieran sei mitgeteilt, daß vom Justizministerium rm die Gerichtsbehörden die Weisung ergangen ist, so schnell als Möglich die Straßendemonstranten zur Aburteilung zu bringen. Der vtrfolgte Zweck tritt allerdings deutlich hervor. Gegen die deutsch-cnglische VcrhetzungSPolitik. Die„Scottifh Miners' Federation" hat auf ihrer am W. De- zember in Edinburg abgehaltenen Zusammenkunft folgende Rc- solution angenommen: „Die Versammlung, die 86 606 englische Bergarbeiter vertritt, sendet der deutschen Arbeiterklasse brüderlichen Gruß und spricht Bebel für seine im Reichstag gehaltene ausgezeichnete Rede über die Aufrcchterhaltung des Friedens zwischen Deutschland und Großbritannien, da sie glaubt, daß derartige Gesinnungen zur Sicherung der wirtschaftlichen Freiheit der Arbeiter und der inter- nationalen Arbeitssolidarität beitragen, ihre Sympathie aus." Die Vereinigung der schottischen Bergarbeiter spricht nur aus, was der größte Teil der englischen Arbeiterschaft denkt. Das eng- tische Proletariat will ebensowenig etwas von einer Verhetzung beider Nationalitäten wissen, als das deutsche; die Kriegs- enthusiasten rekrutieren sich hüben wie drüben aus den Kreisen der imperialistischen Kolonial- und Weltpolitiker.— Wer hetzt? DaS„Gießen er Amisblatt" bringt einen poetische» Erguß, der beweist, bis zu welchem Aberwitz sich der Chauvinismus unserer weltpolitischen Narren gesteigert hat. Das Poem schildert, wie sich zur Weihnachtszeit auf einem Bahnhof ein Grenadier und ein Seekadett treffen. Alsbald entwickelt sich folgendes Zwiegespräch: Und ernsthaft sprach die Landmacht so: „Wies geht? Ei, sonst famos, mein Lieber, Nur krieg ich nächstens ein Gallenfieber I" „Ein Gallenfieber? Du? Warum?" „Ja, Fritz, inich bringt der Aerger um, Daß lvir nicht an die Beefsteaks können, Die uns die Lebenslust nicht gvunen, Die überall gegen uns schüren und Hetzen, Mit Wollust uns wieder zerrissen in Fetzen. Ja, könnten wir»über mit Wasserstiebeln, Wir wollten die Krämer gehörig zwiebeln! Drei deutsche Korps mit Hurra drauf. Da käme Held Tommy im Dauerlauf. Hinab in die See mit dem Kriegskuechtgesiiidel, Dann hätten wir Ruh' vor dem Geittlemänschwindel! Den dicken Eduard obendrein Heimsten wir uns als Geisel ein I So aber verhöhnt uns das Krämerpack, Und wir, wir niachen die Faust im Sack!... Verdammt, so Gewehr bei Fuß zu steh'n Und alle die Schändlichkeit auzuseh'n!" Da rief der Kadett:„Du Tausendsasa, Wir blauen Jungens sind auch noch da I Du glaubst wohl, wir würden die englischen Mucken Behutsam aus sicherer Ferner begucken? Wenn sich der John solch Wagnis erfrecht, Dann kennt er die deutsche Marine schlecht! Zehn Schiffe ans eins— was liegt uns daran? Viel mehr als das Schiff gilt drinnen der Mann, Der Mann, der befiehlt, der Mann, der pariert, Begeisterter Wille, der alles regiert! Sei ganz beruhigt!. Wir halten zurzeit Schon alles zum wärmsten Empfange bereit! Der Kaiser am Rhein, der Prinz-Admiral An unserer Spitze— potz Welter und Strahl, Ganz Deutschland dahinter in Kampfzornsflammen-- Was gilts, Freund Theo, wir han'n sie zusammen! Viel lieber ruhmvoll zu Grunde geh'n, Als ehrlos gedrückt an der Wand zu steh'n I" Der Verfasser dieses Poems, Albert Klcinschmidt mit Namen, ist nicht etwa ein Studio in den ersten Semestern, sondern— Kreisschnlinspektor des Kreises Gieße nl Wenn da Bülow wieder einmal mit Zitaten aufwartet, um die Sozialdemokratie zu beschuldigen, daß sie Deutschland und England verhetzt, vergißt er neben den übrigen ihm von uns bereits empfohlenen Zitaten vielleicht auch nicht das obige Poem de-Z kriegslustigen Gießener Schulmannes. Der Reichskanzler könnte sich dann wenigstens des seltenen Falles rühmen, auch einmal richtig zitiert zu haben l— Abermals ein„Strcikvcrgehen" vor dem Kriegsgericht. Vor dem Kriegsgericht der 18. Division(Altona) hatte sich am Sonnabend ein Musketier Thieme von der 1. Kompagnie des Regiments„Ham- bürg" wegen Beleidigung und Nötigung zu verantworten. Der Angeklagte, der am 1. Oktober d. I. zum Militär eingezogen worden ist, hatte sich im Frühjahre am Streik der Marmorarbeiter beteiligt. Am 23. Juli, kurz nach Beendigung des Streiks, der für die Arbeiter resuliatlos verlief, besuchte er mit einem Freunde einen Arbeitsplatz, wo außer Leuten, die sich am Streik beteiligt hatten, sich auch einige Arbeitswillige befanden. Diese sollen die beidenBesucher singend begrüßt haben:„O, Heidelberg, du feine". Ferner soll der Angeklagte einige Schimpfivorte gebraucht und zu den Verbandskollegen auf dem Arbeitsplatze gesagt haben:„Wenn ich noch hier wäre, befänden sich diese sauf die Arbeitswilligen zeigend) nicht hier". Darin wird die Nötigung erblickt. Der Vertreter der Anklage meinte, in diesem Falle müsse scharf zugefaßt lv erden. Gegen die verhetzende Tätigkeit der unter dem sozial- demokratischen Einfluß stehenden Fachvereine und Gelverkschaften biete das Gesetz durch- aus keinen Schutz. Deshalb müßten alle Mittel angewendet werden, um den Arbeits- willigen Schutz zu gewähren, denn es sei sehr schwer für die Arbeiter, sich vor der Drang- salierung der organisierten Arbeiter zu schützen. Der Ankläger beantragte drei Wochen Gefängnis. DaS Kriegsgericht schloß sich völlig den Ansichten deS Anklägers an lind erkannte auf das beantragte Slrafmaß.— Südwcstafrikanische Berlnstt. Ein Telegramm aus Windhuk meldet: Reiter Karl Rewoh k, 7. Kompagnie Regiment 1, am 2ö. Dezember in Dorstrcviermund an E r st i ck u n g g e st o r b e n. Gefreiter Franz Hoeppner, 9. Batterie, am 26. Dezember Krankensantmelstelle Ramansdrift. Typhus g e st o r b e n. Krcmkenwärter Josef Kerf, Etappe Olvikokorero, hat sich am 2S. Dezember von Station Owikokorero entfernt und wurde am 26. Dezember im Gelände tot auf- gefunden, hat sich mit Dienstgetvehr anscheinend in geistiger Umnachtung erschossen. Reiter Friedrich Lusebrini, 5. Llolonnenabtcilnng, ivnrdc am 2ö. Dezember in Windhuk durch Eindringen eines Metallstückes des Tundungsschoners, herbeigeführt durch unvorsichtige Behandlung eines Karabiners, leicht ver- letzt. Sanitätsunteroffizier Heinrich P o e s ch e r, Pferde- depot Windhuk, früher Fußartillerie 2, am 24. Dezernber bei Probe- weiser Alarmicrung Slatiou Aredareigas durch Schuß im rechten Oberschenkel schwer verletzt, Lebensgefahr besteht nicht. Ge- frciter Karl Trantwein, Feldfignal-Abteilung, früher Dra- goner-Regiment 14. hat sich am 23. Dezember von Signalstation Persip eigenmächtig entfernt und ist bis jetzt nicht aufgefunden. Tod vermißten Unteroffiziers Luenemann bestimmt anzunehmen.— Hueland. Frankreich. Der Neujahrsrmpfaiig in, Elyssc hat unter den üblichen Zere- monien stattgesunden mit der einzigen Ausnahme, daß die Ber- treter der Geistlichkeit ihm nicht beiwolmten. Andererseits hat auch der Erzbifchof von Paris, der sonst in jedem Jahre dem Pcäsidentcn Loubet am 31. Dezember einen Besuch abzustatten pflegte, diesen Besuch gestern nichr gemacht. Paris, 2. Januar.(W. T. B.) Major Driant, welcher in- folge seines Zwistes mit dem früheren Kriegsminister Bcrtcaux in den Ruhestand getreten ist, führt in dem nationalistischen„Eclair". dessen ständiger Mitarbeiter er ist, aus, daß die freimauerischen Ofsizicrc trotz der Tenunziationsangelegenheit derartig zugenommen haben, daß die Loge 1964 766 Anfnahmegesuche zurückweisen mußte. Das feste Zusammenhalten der freimaurerischen Offiziere, welche die übrigen Offiziere durch ihre Anmaßung einzuschüchtern suchten, sei geradezu eine Gefahr für die Armee getoordcn. Major Driant regt. sodann die Gründung einer Liga der Tat an, welche vor allem die Boykottierung der freimaurcrischen Offiziere erstreben soll.— Belgien. Tie belgischen Wahlen von 1666. Im Mai dieses Jahres finden in einem Teile von Belgien Neuwahlen zur Kmnmer statt; es sind die rückständigsten Provinzen, nämlich Antwerpen, Brabant, das östliche Flandern, Luxemburg und Namur, tvelche diesmal zur Wahl berufe» werden. Insgesamt scheiden 91 Zlbgeordncte aus; diese verteilen sich wie folgt: Klerikale 58, Liberale 22, Sozialisten 16 und ein Dacnsist. Auch die Hauvtstadt Brüssel hat zu wählen; hier scheiden aus: 9 Katholiken, 6 Liberale, 5 Sozialisten und der eine Dacnsist. Hier aber, wie auch in den übrigen Wahlkreisen, hofft sowohl die soZialistischc wie auch die liberale Partei auf große Fortschritte. Die klerikale Regierung und Kammermehrheil haben sich in den letzten Jahren bei der Bevölkerung derart in Mißkredit gesetzt, daß der Wunsch auf gründliche Acnderung des ganzen Systems in weiten Kreisen lebendig geworden ist.— England. Schottische Bergleute und der Sozialismus. Ein Dank an Bebel. London, 31. Dezember.(Eig. Ber.) In den letzten Tagen des Jahres 1965 tagte in Edinburg der Jahreskongroß der Bergarbeiter- Gewerkschaften Schottlands, die durch 166 Delegierte vertreten waren. Neben reinen Gewerkschaftsfragen kamen auch politische und inier- nationale Fragen zur Besprechung. Es wurde beschlossen, an dem Prinzip der selbständigen Arbciterpolitik strikte festzuhalten und sich von den bürgerlichen Parteien nicht einfangen zu lassen. Der Kongreß nahm eine Resolution a», in der den russischen Arbeitern briider- liche Grüße gesandt wurden. In einer anderen Resolution sandte der Kongreß' seine brüderlichen Grüße an die deutsche Arbeiterklasse und einen herzlichen Dank an Bebel für seine ausgezeichnete Rede im Reichstage, da sie geeignet sei, den Frieden zwischen Deutscbland und England zu besestige». die ökonomische Befreiung und die inter- nationale Solidarität der Arbeiter zu fordern.— Tie Wahlbcwcgnng beginnt bereits hohe Wogen zu schlagen. Der geschäftsführcnde Ausschuß der Arbeiterpartei hat die endgültige Liste seiner Kandidaten, 51 an der Zahl, herausgegeben. In 15 Wahlbezirken werden Wahlkämpfe zwischen Liberalen, Arbeiterpartei und Konservativen ausgefochten werden. Man wird in den nächsten Tagen Genaueres über die Chancen des Kampfes zu hören bekommen.— Amerika. In Porto Rico sind die bisher so geduldigen Arbeiter unruhig geworden und lehnen sich gegen die unerhörte Ausbeutung von feiten der Plantagcnbesitzcr auf. Seit Jahren schon haben sich die amerikanischen Gewerkschaften bemüht, die zahlreichen Arbeiter in Porto Rico zu organisieren. Die„American Federation of Labor" sandte Agitatoren nach der Insel, denen es gelang, starke GeWerk- schaften zu bilden, trotz heftiger Opposition der Kapitalisten. Die in der Zuckerindnstrie beschäftigten Arbeiter, 70 666 an Zahl, drohen mit einem Streik, der im Monat Januar ausbrechen soll, und die Kapitalisten sind in Angst und Schrecke» geraten. Es handelt sich um bessere Löhne und kürzere Arbeitszeit. Die Plantagcnbesitzer haben sich an den Gouverneur gewandt, und dieser, ein Werkzeug der amerikanischen Kapitalisten, hat versprochen, daß er„die Ord- nung" aufrecht erhalten werde. Im Falle eines Streiks soll die Jnsularpolizei, 866 Mann, den Plantagenbesitzern zur Verfügung stehen. Die Führer der Arbeiter sind nach Washington gefahren, um dort mit den Beamten der„American Federation of Labor'" über den geplanten Streik zu konferieren. Man will auch eine Ar- beiterzeitung in englischer und spanischer Sprache herausgeben. Mit den politischen Verhältnissen sieht eS, den wirtschaftlichen eni. sprechend, noch trübe aus in Porto Rico. Der Wille der Kapira» listen dominiert überall. Von den bürgerlichen Freiheiten, die in den Vereinigten Staaten gelten, genießen die Arbeiter in Porto Rico nur sehr wenig.-Es fehlt an Aufklärung darüber in der Ar- kxitecwelt, die sich noch vielfach durch die Verhältnisse, wie sie unter der spanischen Herrschaft bestanden, gebunden glaubt.— Amerikanische Methode» zn studieren, sendet China einige Staatsmänner nach den Vereinigten Staaten, darunter den General Tuan Fang, den Gouverneur der Provinz Tunan und den in der Finanzvcrwaltung tätigen Tai Hun Tsze Der erste re ist hervor- ragend in der Reforrnbelvegung, die in China seit der Boxerrevcllion einsetzte. Tie Kommission soll die politischen Vcrhälrniffe, das klntcrrichtstvesen, Industrie und Handel in den Vereinigten Staaten einer eingehenden Prüfung unterziehen, um auszusinden, was für Chma zur Verbesserung der Verhältnisse annehmbar wäre. Man will den Japanern nacheifern, die auf demselben Wege zu grogen Fortschritten gelangt sind. Der chiiicfifchc Gesandte in Washington hat den Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten. Elihu Root, benachrichtigt, daß die Konmrission am 21. Januar nach Washington kommen wird, um dort drei Wochen zu verweilen. Eine Kommission mit dem gleichen Austrage wird auch nach Europa gehen.— Tie Untersuchung gegen die Versicherungsgesellschaften durch ein Staatskomitee der Legislatur von New flock ist beendet. Vier Monate hat die Untersuchung gedauert; ein ganzer Sumpf von Korruption wurde aufgedeckt, und viele angesehene Politiker wurden schwer tompromitticrt. ES wird erwartet, dag Gouverneur Higgins von New'Jork in seiner Botschaft an die Legislatur Vorschläge machen wird, um der schlechten Verwaltung und der matzlosen Per- schwendung von Geldern, loelchc sich die Lebensversicherungsgesell- schaften zuschulden kommen ließen, durch die Staatsgewalt entgegen- zutreten. Insbesondere gilt es, den Einfluß der Gesellschaft« n auf die Politik zu zerstören.—» Hud der Partei. Verwahrung. Unter dieser Ueberschrist schreibt»nS die frühere Redaltions- mehrheit des„Vorwärts": Wir hatte» längst nicht mehr die Absicht, auf den Konflikt zurückzukommen. Die in der letzten Sonntagsnummer des„Vor- wärtS" enthaltene, zusammenfassende Auffassimg vom Wesen dcS Konflikts zwingt uns jedoch, wenigstens über einen entscheidenden Punkt der Darstellung ein Wort zn sagen. Es wird i» der Ent- aegnmig ans Ausführungen, welche daS„Corrcspondenzblatt der Generalkonimission der Gewerkschaften" gegen gewisse in der so- genannten Denkschrift(„Vorwärts" vom 31. Oktobers aufgestellte Grundsätze gemacht hat. so dargestellt, als hätten wir durch iniscre Kündigung„eine politische Aktion" unternominen und als seien gewerkschaftliche Grundsätze gar nicht in Frage gewesen. DaS ist eine vollständige Berkennung des Tat- bestandes. Als wir unsere gcmciiischaftliche Kündigung ein- reichten, lag uns eine„politische Altion" völlig fern. Etwas Der- artiges konnte für uns gar nicht in Frage kommen, wissen doch die von der anderen Seite damals zur Entlassung Auserfehenen noch bis auf den heutigen Tag nicht, welche politischen Meinungs- differenzen ihnen angerechnet werden sollten. Die von uns s. jj. gegebene Begründung unserer Kündigung besagte vielmehr un.stvci- deutig, datz das von den Aufsichtsinstanze» bei der beabsichtigten Aenderung der Redaktionsverhältnisse zur Anwendung gebrächte Aerfahren, vor allem die fortgesetzten Geheimberatungen ohne Zuziehung und Anhörung der Redaktcure, den Grund zur solidari- scheu Einreichung unserer Kündigung gegeben haben. Mit Parteigrutz Die früheren Redakteure des„vorwärts". Wir stellen fest: 1. Die ausgeschiedenen Redakteure hatten in der früheren „Borwärts"-Rcdaktion die Mehrheit und nutzten diese aus, ihrer Ausfassung im„Vorwärts" gegen den Willen der Minderheit Geltung zu verschaffen. 2. Der Vorstand war infolgedessen ini Verein mit der Preß- kommission bemüht, die Mehrheit der Redaktion in eine Minderheit umzuwandeln, ohne irgend ein Mitglied der Mehrheit wirtschaftlich zu schädigen. 3. Gegen diesen Versuch von Vorstand und Pretzkoinmission wandte die Mehrheit der Redaktion die bekannten Mittel an, ehe Vorstand und Pretzkonimission über das Stadium der Vorberatung in bezug auf die zu ergreifenden Schritte hinaus gediehen waren. Genosse Bernstein sendet uns folgende Zuschrift: Zur Entgegnung. Der„Eine Legendenbildnng" überschriebe»? Leitartikel der heutigen Nummer deS„Vorwärts" enthält so viele fälschende Auslegungen meines ihm zugrunde gelegten Aufsatzes über politischen Massenstreik und Nevolutionsromantik, datz ich ihn unmöglich stillschweigend hin- gehen lassen kann. Da ich aber keine Neigung verspüre, die Leser des„Vorwärts" mit Richtigstellungen, die notwendigerweise lang ausfallen mühten, heimzusuchen, fordere ich die Redaktion hiermit aus, sofern sie nicht meinen Aussatz vollinhaltlich wiedergeben will. wenigstens den zweiten Teil, gegen den sich ihre Polemik vornehmlich richtet, kurzerhand abzudrucken und so ihre Leser in den Stand zu setzen, selbst zu urteilen. Das wird weniger Raum einnehmen, als ich sonst beanspruchen mühte, und von den Lesern des„Vorwärts" wohl noch überlebt Iverden. Berlin, den 30. Dezember 190S. E d. Bernstein. Wir sind leider nicht in der Lage, den» Wunsche des Genossen Bernstein zu entsprechen und seinen Artikel ganz oder zur Hälfte abzudrucken. Wir haben ans sein» Ausführungen nur insofern Bezug genommen, als eS sich um die Zurückweisung der Legende handelte, als seien die Anhänger der Revolutionsromantik im Kreise der ,.Vor>värts"-Redakt>on und ihrer Mitarbeiter zu suchen. Bernsteins persönliche Auffassung deS Generalstreiks zum Gegenstand der Er- orterung zu machen, lehnten wir bereits in unserem Artikel ab; es liegt deshalb für uns nicht der geringste Anlatz vor. nunmehr diese— im zweiten Teil des Bernsteinschen Artikels enthaltenen— Auslassungen wiederzugeben, die mit der Zerstörung der Bernsteinschen Legende nicht das geringste zu tun haben. Da wir aber selbstverständlich gar nicht daran denken. Bernstein daS Recht der Verteidigung irgendwie zu beschränken, stellen wir es ihm anheim, uns eine Entgegnung einzusenden, die sich tatsächlich mit unserer Abwehr beschäftigt. Sächsische Kommunalwahkr». In Mühlau erzielte» die sozial- demokratischen Stadtverordnetenkandidaten nur eine kleine Minorität. — Bei den GemeinderatSwahlen in Wiederitzsch siegten unsere Kandidaten in der dritten Abteilung, in der zweiten aber die bürgerlichen„Gemeinnützigen", trotzdem sie einen starken Stimmen- rückgang zu verzeichnen hatten. AuS der Vtrashast zurückgekehrt ist am vergangenen Sonnabend Genosse Redakteur Thiele-Halle, der wegen Beleidigung der Halleschen Polizei 1 Monat Gefängnis verbützt hat. GewerKscKattttcdes. BerUn und Qmgegend. Ein Streik der Töpferträger ist gestern abend beschlossen worden. Heute(Mittwoch) soll die Arbeit niedergelegt werden. Bor einiger Zeit forderten die Töpferträger eine Erhöhung ihres am 1. Januar abgelaufenen Tarifcs. Unterh-rndlungen mit den Unternehmern haben stattgefunden, von den Forderungen der Ar- beiter ist jedoch nur ein Teit bewilligt worden. Die Arbeiter sind mit den Zugeständnissen nicht zufrieden, sie bestehen auf der vollen Bewilligung ihrer Forderungen. Nach dem gefatzten Beschlutz soll l die Arbeit b'Stt heule du auf allen vaUicn ruhen und erst Scknn wieder aufgenommen werden, wenn der geforderte Tarif bewilligt ist. Wenn es zum Abschluß eines neuen Tarifcs kommt, dann soll der- selbe die gleiche Dauer haben wie der Töpfertarif. Der Streik- bcschluß wurde dahin erläutert, datz die Arbeit auch auf ien Bauten niederzulegen ist, wo bereiis Bewilligungen erfolgt sind. Ferner wurde festgestellt, daß die OrtSverlvaltung des Töpserverbandes er- klärt hat, die Töpfer würden bei der Bewegung der Träger die weit- gehcndsre Solidarität üben. Tarifabschluß der Bralicreihandwerker. Vor etwa nenn Monaten traten die in den Berliner Brauereien beschäftigten Handwerker der verschiedenen Berufsorganisationen zusammen, um die nötigen Vor- arbeiten zur Erringung eines einheitlichen Lohntarifes in die Hand zn nehmen. Nachdem eine umfassende Statistik über die Lobnverhältnisse der einzelnen Berufsgruppen in sämtlichen Brauereien aufgenommen war, fanden wiederholt Verhandlungen mit der Leitung des Vereins der Brauereien Berlins und Umgegend statt. Diese hatten nun kurz vor Jahresschlutz das Ergebnis,'daß der Verein sich bereit erklärte, mit den Verbänden der Metall- arbeiter, Schmiede, Kupferschmiede, Holzarbeiter, Maurer, Zimmerer, Maler, Sattler und Gärtner einen Tarif auf folgender Grundlage für die Dauer des laufendes Jahres abziischlietzen: Die Arbeitszeit beträgt v>,z Stunden. Der Mindest- lohn pro Woche wird unter Zugrundelegung der für die einzelnen Berufe in anderen Betrieben tariflich gültigen Durchschnittssätze fest- gesetzt für Anstreicher auf 24 M., Gärtner 2t M., Sattler 27 M.. Maler und Lackierer 27 M., Elektromontcnre 28 M.. Schlosser 20 M., Stellmacher 20 M., Schmiede 29 M. Tischler 30 M.. Klempner 30 M., Rohrleger 30 M. Dreher 30 M., Maurer 30 M., Zimmerer 30 M.( Dachdecker 30 M. und Kupferschmiede 32 M.' Für Ucber- stnnden sollen gezahlt werden bei einem Wochenlohn bis zu 28 M.= 50 Pf., bis 32 M.---- 55 Pf. und über 32 M.-- 30 Pf. Bei alten resp. invaliden Arbeitern unterliegt der Lohn der freien Vereinbarung; ebenso bei Arbeitern, die freie Wohnung in den Brauereien haben. Mit diesem Angebot der Arbeitgeber befaßte sich am Sonnabend im Gewerkschaftshause eine stark besuchte Versammlung der Brauerei- handtverker. Anfänglich erhob sich gegen da« Augebot eine große Opposition, weil die Lohnhöhe hinter den ursprünglichen Forderungen um 2—3 M. zlirückblieben. Da jedoch festgestellt wurde, datz der nominierte Mindestlohn für etwa 45 Proz. der in den Brauereien beschäftigten Handwerker— und zwar gerade des bislang am schlechtesten bezahlten Teils— eine Lohnautbeffsrung bedeutet, so erklärte sich die Versanunlinig schließlich mit dem Abschluß eines Tarifvertrages auf der vorbezeichiieten Grundlage einverstanden. Nur bezüglich der lleberstundenentschädigmig soll die Tarifkominissiou noch einmal Rücksprache mit den Arbeitgebern nehmen, um einen durchschnittlichen Zuschlncj von 10 Pf. durchzusetzen. Es besteht bc- gründete Aussicht, daß die Arbeitgeber den Tarifabschlns; an diesem verhältnismäßig untergeordneten Differenzpmikt nicht scheitern lassen werden. Deutsche» Kelch. Bei der GewerbcgerichtSivahl in Wenigcujeua wurden die vom GelverkschaftSkartell in Jena aufgestellten Kandidaten nahezu ein- stimmig gewählt. Trotz der vor einigen Wochen seitens des neu- gebildeten„Kartells neutraler Arbeiterbernssvereine" veröffentlichten Kriegserklärung ist eine Gegenliste nicht aufgestellt worden. Die Leipziger Steinseher, deren Lohn- und Arbeitstaris am 31. Dezember abgelaufen ist, haben ihrer Innung einen neuen Tarif unterbreitet, in dem sie die ucunstüi'.diae Arbeitszeit, 70 Pf. Mindest- stundenlohn fiir Steinsetzer und 45 Ps. für Hülfsarbeiter, serner 25 bis 50 Proz. Zuschlag für Ueberzeitarbeit, Abschaffung der Akkordarbeit, Freigabe des 1. Mai usw. verlangen. Die Verhandlungen haben nur zu einem teilweise» Zugeständnis auf seilen der Meister geführt, beionderS wurde die erhöhte Lohnforderung nicht voll zu- gebilligt. Da in neuerdings geführten Verhandlungen die Innung erklärt hat, im Interesse der Erhaltung des Gewerbes nicht mehr bewilligen zu können, so haben die Gehülfcn beschlossen, zunächst die Vermittelung des StadtbauratS Fauze eventuell auch des Gewerbe- gerichts anzurufen, um nichts unversucht zu lassen, Ivas eine fricd- liche Lösung der Differenzen herbeiführen könnte. Zur Weihnachtsfeier der streikenden Kürschner in Markranstcdt hatte daS Programm u. a. eine Festrede eines Mitgliedes der Leipziger deutsch-katholischen Gemeinde vorgesehen. Die Polizei aber schien darin die Borbereitung zu einer staatsgefährlichen Aktion zu erblicken; sie hatte deshalb die Ansprache einfach untersagt. Der würdige Verlauf der Feierlichkeit, die am Nachmittag des 24. Dezember in« sinnig geichmückten Saale der Guten Quelle statt- fand, wurde dadurch natürlich nicht im geringsten beeinträchtigt. 340 Kinder der Streikende» hatte der GewerlschaftsauSschutz dank der Opfcrwilligkeit der Arbeiterschaft mit allerhand nützlichen Gaben bedenken können, auch einen Weihnachtsstollen fand jeoes Kind unter den beiden prächtigen Riesentannen. Namens der Markranstedter Gewerkschaften gedachte Genosse Tunger der Opfer deS Streiks, die ihr Weihnachtsfest hinter den Gittern des Gefäng- nisses begehen müssen, und«r dankte der Arbeiterschaft Deutschlands für das bewiesene Solidaritätsgefühl, das erst die Veranstaltung dieser Feier möglicb gemacht habe.— Nunmehr haben auch die Kürschnereiarbeiter der Firma Tunger die Arbeit niedergelegt, Ivcil ihnen ein neuer Lohntarif eine Redu- zierung deS Lohnes um nicht weniger als 50 Proz. zumutete. Bei der Schriftgießerei von Scheiter u. Giesccke in Leipzig ist es in der chemigraphischen Abteilimg zu Differenzen gekommen, weil die Firma sich weigert, über ihr unterbreitete Forderungen mit der Verbandsleitung des Dencfelder Bundes zu unterhandeln. 40 Arbeiter der betreffenden Abteilung habe» deshalb am 23. v. M. die Kündigung eingereicht. Fabrikschuhmacherftreik. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Schuhfabriken von BayerSdorfer und Gebrüder Regen- st e i ii e r in München haben den im vorigen Jahre niit ihren Unter- nehniern abgeschlossenen Lohutarif gekündigt und einen neuen Tarif mit erhöhten Akkordlohnsätzen eingereicht. Forderungen prinzipieller Nattir haben die beiden Finnen abgelehnt und nach einer Rücksprache mit den Fabrikanten haben diese einige Lohnsätze erhöht und auch sonst noch einige Zugeständnisse gemacht. In einer öffentlichen Schuhmachcrversammlung empfahl der Vorsitzende des Zentral- Verbandes deutscher Schuhmacher. Simon- Nürnberg, die Zu- geständnisse zu akzeptieren, aber den Vertrag über zwei Jahre hin- aus nicht abzuschließen. Nach lebhafter Diskussion nahmen die Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma Regcnsteiuer die Zugeständ- nisse an, die Arbeiter von Bayersdorfer lehnten sie dagegen mit allen gegen fünf Stimmen ab und traten ani Sonnabend in d e n A u s st a n d. Zuzug von Fabrikschuhmachern und Steppe- rinnen nach München ist fernzuhalten. HuaUnd. Im Becken von Eharleroi droht eine Bewegung. Die Delegierten der Bergarbeiterverbände, welche 25 000 Arbeiter des Beckens vertreten. hielten gestern eine Konferenz ab, in der folgende Resolution beschloffen wurde: Angesichts der dauernden Preissteigerung der Kohle und der vorhandenen geringen Vorräte ist eS notwendig, das nationale Komitee der Bergarbeiter der vier Bsrgbezirks Belgiens einzuberufen, um endgültige Maßnahmen zu treffen. Diese Resolution deutet darauf hin, daß ein Ausstand geplant ist. Gerichts Leitung. Der Komps um doS große Los der sächsischen Staotslotterie. Ein seltsamer Lotterieprozeß schwebt gegenwärtig bei der sechsten Zivilkammer des Dresdener Landgerichts. Im November d. I. fiel daS großeLosdersächsischenStaatS- l o! i e r i e auf die Nr. 7 8 4 2 0 in die Kollekte des Dresdener Kaufmanns Riedel. Glückliche Besitzerin eines Zehntel An- teilesdeSgrotzen Loses war die Geflügelhändlerin Müller in Dresden, die nach Abzug aller lliiloften 42 500 M. einheimste. Die glückliche Gewinnerin reiste, als sie die Freuden- botschaft erhielt, sofort nach Leipzig und ließ sich ihren Gewinn- anteil dort auszahlen, den sie zum Teil, der Vorsicht halber, in ihre Röcke einnähte. In Dresden halte die Kunde von dem großen Schlager sich sofort mit Windeseile verbreitet; insbesondere waren aber drei andere Personen, nämlich der Bäcker W e i ß b a ch, die Gastwirtin Frau Schütze,„Zum Altenburger Hof", und die Händlerin Schenker in Dohna ebenso erfreut über den Glücksfall als die Gcflügelhändlerin Müller, denn diese drei Personen waren cbcufalls an dem„großen Los" beteiligt, in- dem sie zusammen% Zehntel desselben mit der Gewinnerin zu- I sainmen spielten. Die letztere dachte aber gar nicht daran, ihren Mitspielern den ihnen zutommcnotn Betrag auszuzahlen. Im Gegenteil, sie soll sogar den Versuch gemacht haben, das ihr zu- gefallene Gold in Sicherheit zu bringen, angeblich mit vollem Recht, denn sie behauptet, ihre vermeintlichen Spielgenossen hätten gar kein Anrecht auf das große Los, iveit die Lose von ihnen nicht bc- zahlt worden seien, wenigstens nicht iür alle Ziehungen. Dieser Einlvaud wird indessen von den Mitspielenden energisch bestritten. Durch Eidesleistung und Vorlegung von Quirtuiizen soll der Nach- weis geführt werden, daß alle Klassen vor Beginn der Ziehungen an die Gewinnerin bezahlt worden sind. Dieser Einwand wäre auw gleickgült�i. da riu Lottcrie-rlnteilnchmcr(Gesellschafter im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches) auch dann Anspruch auf den Lotterie- gewinn hat, wenn cr nicht bezahlt hatte, es sei denn, daß eine ent- gegcnstehcni»« Abrede getroffen war. Die Gewinnerin macht aber in der Hairvtsacke geltend, daß sie zur Auszahlung der Gewinn- anteile überhaupt nicht verpflichtet sei, weil sie—-- g c i st e s- krank und infolgedessen c n t ni ü n d i g t ist. In der Tat steht auch die Gewüuuerin des großen Loses fett etwa zwei Jahren unter Vormundschaft Das ist aber den Mitspielenden völlig unbekannt geivesen, und die Entmündigte selbst, die selbständig ein Handel?- geschäft betreibt, hat gegen ihre Eiittnündigimg reklamiert. Niemand hat die Müller lxSher für geisteskrank gehalten, am wenigsten aber die Mitspielenden am großen Lose. Der Vorimmd der Gewinnerin. die auf Antrag den' übrigen Mitspieler den ihr zugefallenen M Anteil am großen Läse an Gerichtfcstelle devoiiicren mußte, stellt sich aber ebenfalls auf den Standpunkt, daß die Gewinnerin, weil sie entmündigt ist. nickst gehalten sei, die übrigen Anteils heraus- zugeben. Ter Vertrag, gemeinschaftlich! ein Viertel der sächsischen Lotterie zu spielen, sei dadurch hinfällig, weil die Inhaberin der Glücksnmitmer 73 420 entmündigt worden sei. Der Vertrag sei demnach nichtig. Wenn diese Auffassung des Vormundes aiiw seitens des Gerichts geteilt werden sollte, so ist daraus auch ohne weiteres zu folgern, daß dann auch der Vertrag, den die Gewinnerin des großen Loses mit der Lottcriedircktion in Leipzig durch Abnahme eines Viertel Loses eingegangen ist, für null und nichtig erklärt Iverden muß. Die Lotterieverwaltung könnte dann den ganzen Ge- winn zurückverlangen. Zwischen den Parteien ist es nunmehr zum Prozeß gekommen, ein Vergleich ist abgelehnt worden. Die Ent- scheidung des Gerichts erfolgt Anfang nächsten Jahres. Versammlungen. Achtung, Klnviermbeiterk Die in unserem Bericht in Str. 208 des„Vorwärts" gebrachte Resolution, die lleberstunden betreffend. halten wir vollinhaltlich aufrecht. Die von uns im selben Bericht angeführte Tatsache, daß die Ueberstimden in den Vorjahren nahezu aufgehört hatten, stellt die Kommission„als Folge ihrer Wirksamkeit" hin. Wir beruhigen uns bei dem Gedanken, unsere Pflicht getan zu haben, indem wir einen Uebelstand, dem nicht anders beizukommen war, öffentlich rügten. Im übrigen enthält die Roti,(Nr. 804 des „Vorwärts") mir Wortvcrdrehungen und Silbenstechereien. Der Vorstand des Fackvereins der Mnsikinstrumenten-Arbeiter. Letzte Nachrichten und Depefchen» Demission. Petersburg, 2. Januar.(B. H.) Der Stadthalter des Kaukasus, Fürst Woronzew, hat sein Abschiedsgesuch eingereicht. Die russische Revolution. Warschau, 2. Januar.(B. H.) Aus ganz Polen laufen zahl- reiche Rachrichten ein über Attentate, welche von Streikenden gegen Beamte und Militär ausgeführt worden find. Beendigung des Eisenbahnorstreikd. Petersburg, 2. Januar.(B. H.) Nach einer Meldung aus Riga haben die Eisenbahner nunmehr die Arbeit wieder auf- genommen._ Kämpfe in Riga. Riga, 2. Januar.(Meldung der Petersburger Telegraphen- agentur.) Heute vormittag wurde eine Abteilung Dragoner beim Pferdeputzen mierwartet von einer aus etwa 700 Arbeitern bestehen- den Menge mit Revolverschüssen und blanken Waffen angegriffen. Elf Dragoner wurden getötet und 14 schwer verwundet. Ferner wurden ein Polizist und ein Beamter getötet. Die Dragoner griffen bald zu den Waffen, erlviderten das Feuer und Zwangen die Auf- ständischen, welche acht Tote zuruckkießcii, zum Mückzuge. Andere Truppen wurden herbeigeholt, welche die Aufständischen umzingelten und die Auslieferung der Waffen forderten. Im Falle der Weigerung beschlossen sie mit äußerster Strenge vorzugchen. Ter Aufstand im Bezirk JckaterinoSlaw. Bachmut, 2. Januar.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Bei der Niederwerfung des Ausstnndes üi Gerlovka wurden 3000 Aufständische durch die Truppen getötet. Verluste der belagernden Truppen, welche 4000 Mann stark waren, beliefen aus 3 Tote und 12 Verwundete. Etwa 500 Ausständische ergaben sich und wurden in Freiheit gesetzt, nachdem sie einen Eid geleistet hatten. 7000 Patronen, 300 Lanzen, und eine große Anzahl von Gewehren, Karabinern und Revolvern, ferner Dynamit und zwei Bomben wurden weggenommen. Der Kampf dauerte sechs Stunden. Der Ausstand in Lodz. Lodz, 2. Jam(W. T. B. Von einem Privatkorrespondcnten. J, In vielen Fabriten war die Arbeit wieder aiifgeiwmmcn worden, dock, zwangen die Agiratorcn die Arbeiter, die Fabrikräume zu vcr- lassen. Ter Ausstand dauert fort. Heute vormittag wurde in Pabianice ein Setretiir des Polizcianitcs durch Revolvcrichüffc gc- tötet. Die Missetäter entkamen. Ein liebevoller Empfang. Tcbrcczin, 2. Januar.(W. T. B.) Als lieute abend der neuernannte Obergespan Gustav Kovacs hier eintraf, erwartete ihn am Bahnhof eine aufgeregte Menschenmenge, die ihn tätlich angriff und ihm unter Misihandlungc» mehrere Verletzungen beibrachte. Der Obergespau wurde schließlich in bewußtlosem Zustande fort- geschafft und in das Gebäude einer Sparlasse übergeführt, Erdbeben in Ungarn. c-gram, 2. Januar.(B. H.) Heute früh um �6 Uhr wurden die Einwohner durch ein starkes fünfzehn Sekunden andauerndes Erdbeben aus dem Schlafe geweckt. Dieses Erdbeben wird allseitig alv da» stärkste bezeichnet� welckzes sich seit dem großen von 1880 ereignet habe. In der Stadt herrscht ungeheuere Panik, der an den Häusern angerichtete Schaden ist sehr bedeutend, viele Schorn» steine sind eingestürzt, die Straßen sind voll von herabgefallenen Dachziegeln. Verantw. Redakteur: HanS Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstalt Paul Singer ScCo., Berlin 3 V7. Hierz»3Beilagenu.UnterhaftungSblatt KU. 23. 1. KkllM des Jsrroiulf fitrlintt WsdlM ,3. Ein Anslilick auf das Jahr 1906. Für die Arbeiter ist die Erörterung der Frage, wie die Wirt- schaflliche Konjunktur sich fernerhin gestalten wird, nicht weniger wichtig wie sür den Kaufmann und Gewerbetreibenden. Nicht nur dah sein Einkommen von einer Veränderung des gewerblichen Beschäftigungsgrades alsbald berührt wird, auch die gewedschast liche Tätigkeit hat sich nach den Chancen zu richten, die die Lage des Arbeitsmarktes zur Verbesserung der Arbeitsverhältniss bietet. Eine Reihe von Gründen tragen schon seit einiger Zeit dazu bei, die Stimmung der Geschäftswelt ungünstig zu beein- flussen, ja, es sind für das Jahr 1900 schon direkt pessimistische Prognosen aufgestellt worden. Die Besorgnisse, die wegen der künftigen Gestaltung des Wirtschaftslebens vorhanden sind, haben in letzter Zeit zugenommen, obwohl gerade das letzte Quartal des Jahres 1905 sich durch einen besonders flotten Geschäftsgang aus zeichnete. Worauf baneren nun diese Besorgnisse? Da i'st zunächst der kritische Monat März, in dem die Neuregelung der Zoll- Verhältnisse vor sich geht. Sie bedeutet eine Erschivernng des Exports auf der einen, eine teilweise Erhöhung der Waren preise auf der anderen Seite. Dag die Exporttätigkeit der deutschen Industrie die infolge der höheren Zölle in, Auslande ent- stehenden Schwierigkeiten überwinden wird, ist anzunehmen-, sie wird kaum einen Stillstand, sondern trotz allem eine weitere Zunahme erfahren. Aber freilich die Ucberwindung der Schwierig keiten wird sich dadurch vollziehen, dag man noch billiger als bisher den Weltmarkt bedient. Und das ist nur auf Kosten der Arbeiter möglich. Schon bisher gab es Beispiele genug, die zeigen, daß die Blüte des deutschen Exports auf überaus niedrigen Löhnen beruht. Als im Jahre 1905 die Arbeiter des sächsisch thüringischen Textilbezirkes eine minimale Erhöhung ihres niedrige» Lohnes forderten, da lebnten die Arbeitgeber diese Forderung auch mit Rücksicht auf ihre Konkurrenzfähigkeit im Auslande ab. Die deutsche Exportindustrie wird die Zollerhöhungen des Auslandes dadurch auszugleichen suchen, datz sie an den Löhnen noch mehr als bisher spart. So schlimm eine derartige Politik auf den Arbeitsmarkt mit derZeit wirkt, für den Augenblick geht der Export der Gefahr auS dem Wege. Viel eher könnte eine solche daraus hergeleitet werden, dag im Jahre 1905 die Ausfuhr besonders stark gesteigert wurde, und nun „ach dem 1. März 1906 ein Rückschlag eintritt. Auch diese Perspektive ist aber keineswegs für die Gesamtvcrfassung des deutschen Wirtschaftslebens beängstigend. Viel ernster ist die Sorge ivegen der Gestaltung des Jnlandskonsums. Wird der Verbrauch der Massen so zunehmen können, daß die steigende Erzeugung ohne Stockung auf dem Markte weiterhin untergebracht werden kann? Diese Frage ist leider nicht ohne weiteres zu bejahen.' Die Bewegung der Warenpreise einerseits, die des Einkommens der Arbeiter im Jahre 1905 andererseits ergeben soviel mit Sicherheit, daß die Verbrauchs- steigernng der Arbeiterschaft im Laufe des Jahres ein starke Hemmung erfahren hat. Die Lebensmittelpreise sind durchweg erheblich i» die Höhe gegangen. Fleisch ist sogar ausnahmsweise teuer geworden. Dabei ist die steigende Bewegung der Warenpreise noch keineswegs abgeschlossen; man muß vielmehr nach dem Ausfall der Welt roggenernte damit rechnen, daß auch Brot im Preise noch an- ziehen wird. Dieser Verteuerung der Lebensmittelpreise, die eine -irka lOprozentige Steigerung der HauShaltSkosten zur Folge hatte, steht nun zwar auch ein durchschnittlich höheres Einkommen der Arbeiter gegenüber, was schon daraus hervorgeht, daß die Arbeits- gelegenheit im Jahre 1905 reichlicher war als in den Vor- jähren. Also selbst bei gleichgebliebeneu Lohnsätzen muh dal Einkommen gestiegen sein. Da teilweise aber auch die Lohnsätze in die Höhe gegangen sind, so hat das Lohneinkommen der Arbeiter gegen 1004 eine beträchtliche Vermehrung erfahren. Aber dieses günstige Resultat wird durch zweierlei beeinträchtigt. Erstens ist das Lohnniveau der Arbeiter durchschnittlich noch immer nicht so hoch wie 1900; zweitens ist die Einkommens- steigerung durch die erhöhten Warenpreise bis zu einem gewissen Grade ausgeglichen worden, so daß die Verbrauchszunahme nicht entfernt so stark lvar, lvie eS nach der nominellen Höhe des Geld- lohneS den Anschein hat. Mit dem gleichen Betrage Geld konnte man weniger erstehen als in den Vorjahren, beträchtlich weniger aber als im Jahre 1900. Dah die Arbeiter nicht zufrieden sein können, ivenn ihre Lage heute noch hinter der deS Jahres 1900 zurückbleibt, das braucht nicht erst begründet zu iverden. Dagegen ist es wichtig, hier auf den Zusammenhang zwischen Masienkonsum und Warenerzeugung hinzuweisen. Bleibt der Ver- brauch der Arbeiterbevölkerung stabil, so ist es ganz aus- geschlossen, dah die Warenerzeugung mit Aussicht auf Absatz zunehmen kann. Geht sie trotzdem stark in die Höhe, so kommen wir in den Zustand der Uebererzeugung, die die Krise im Gefolge hat. Steigen die �Warenpreise, so müssen die Löhne noch stärker steigen, soll nicht ein für das gesamte Wirtschaftsleben verhängnisvolles MistverhältinS zwischen Konsmn und Produktion entstehen. Noch ist für den Augenblick ein solches Mißverhältnis nicht zu konstatieren; aber die Gefahr ist tatsächlich vorhanden, daß der Konsum der Arbeiterbcvölkerung die steigende Warenerzeugung nicht aufnehmen kann. DaS Jahr 1900 muh zwischen Warenpreisen und Lohnhöhe einen solchen Ausgleich schaffen, dah bedeutend mehr als 1905 verbraucht werden kann. Geschieht dies in ausreichendem Matze, so wird die günstige Lage des deutschen Wirtschaftsmarktes anhalte»; geschieht eS nicht und steigen die Warenpreise wie bisher weiter, so ist eine Stockung im Absatz und damit eine Stagnation, in weiterer Folge ein Rückgang des gewerblichen Beschäftigungsgrades unausbleiblich. Was sonst noch an dunkelen Wolken am Wirtschaft- lichen Horizonte steht, ist im Vergleiche init der eben erledigten Frage nicht so grundlegend. Gefahren können dem WirtschaftS- leben namentlich aus dem Gange� der Politik entstehen. Die russische Revolution„lmrd für weite Kreise des Kapitalistenpublikums schon aus dem Grunde ängstlich verfolgt werden, weil von ihrem weitere» Verlaufe die Höhe der Kapitalverluste auS dem Besitze russischer Werte abhängt. Weiter sind bei der gespannten Lage der deutschen aus« wältigen Politik nachteilige Wirkungen auf das wirtschaftliche Leben Deutschlands nicht ausgeschlossen. Man sieht also, dah eine Diagnose der augenblicklichen Verfassuna des WirtschaftSkörperS zwar eine Reihe Symptome autiveist, die Besorgnisse erwecke», dah aber nirgends krrscheinungcii festzustellen sind, die eine günstige Weiterentwickeluna des wirtschaftlichen Lebens ausschließen. Aus diesem Grunde ist zwar bei jeder Betätigung auf wirtschaftlichem Gebiete wohl Vorsicht am Platze, es liegt aber keine Veranlassung vor. schon mit einer ungünstigen Wendung des wirtschaftlichen Lebens in, kommenden Jahre bestimmt zu rechnen. __ Aich. C a l w e r. 8. Utlbaudstag des Uerbandes der vtreiniyten Dachdecktr und vtruiandtkn Ktrufsgenoffeu DrutsöMuds. Der Verband hatte bisher für die Zentralverwaltung nur einen fest angestelllen Beamten. Im Laufe der Zeit hat sich aber die Arbeit so sehr verniehrt, dah sie von einem einzigen Beamten nicht bewältigt Iverden kann. Der BerbandStag beschloh daher die Anstellung eines zweiten Beaniten für die Zentralverwaltung. Außerdem hatte der BerbandStag zu der Frage der Anstellung von Ganvorstehern un Hauptamte Stellung zu nehmen. Ein Teil der Delegierten trat entschieden für die Änsiellung solcher Beamten ein. Demr die Tätigkeit derselben habe sich in anderen Verbänden bewährt. Außerdem habe der Lokalbeamte der Filiale Verlin nebenbei auch die benachbarten Gaue bearbeitet und sehr günstige Erfolge gehabt. Dies beweise, daß auch für den Dachd-eckervcrband die Anstellung von Ganvorstehern praktisch sein werde. Andere Delegierte erklärten sich entschieden gegen die Anstellung, die sie znin Teil für zu kostspielig, zum Teil für unnötig halten. Schliehlich wird dem Gau Rheinland- Westfalen aus der Zenlralkasse ein Zuschuß zur Anstellung eines Gaubcamten gewährt.— Das Fachblatt erschien bisher am 8. und 15. eines jeden Monats. Es wurde beschlossen, dah in Zukunft alle zwei Wochen am Sonnabend eine Nummer erscheinen soll, damit das Blatt den Mitgliedern regelmäßig am Sonntag durch die Bei- tragSerbeber zugestellt werden lann.— Die Beiträge, die bisher nur während der guten Gesckiäftszeit vom 1. März bis 15. Dezember zu zahlen waren, sollen in Zukunft das ganze Jahr hindurch er- hoben werden. Die arbeitslosen und arbeitsunfähigen Mitglieder sind jedoch von der Pflicht der Beitragsleistung befreit.— Von den weiteren Statuteiiänderungen sind hervorzuheben: Jedes neu auf- genommene Mitglied zahlt 1 M. Eintrittsgeld. Die Eintrittsgelder find durch Marken zu quittieren. Mitglieder, welche wegen rück- ständiger Beiträge ausgeschlossen sind und dem Verbände wieder beitreten, haben ein Eintrittsgeld von 6 M. zu entrichten. Als aus- geschlossen wird u. a. beirachtet, wer mit seinen Beiträgen 8 Wochen lang im Rückstände sich befindet, ohne um Stundung nachgesucht zu haben. Der nächste BerbandStag findet Frühjahr 1908 in Mannheim statt. Der sitz des Verbandes bleibt in Frankfurt a. M. Der Sitz des Ausschusses wurde von Bremen nach Berlin verlegt. Zum nächsten imeriwtionalen Arbeiterkongrch wurde ein Delegierter entsendet. Als Zeiiiralvorsitzcuder wurde Georg Diehl, als Redakteur des Fachblattes Gustav Hoch-Hanau wiedergewählt, als zweiter Zentralbeamte Jakob Diehl neu gewählt. Hierauf Schluß des VcrbandstageS._ Erster Verbavdstag des Verbandes der Schinninacher DenWands. Frankfurt a. M., 31. Dezember 1905 u. 1. Januar 1906. In der Branche der Schirmmacher sind ungefähr 1000 mann» liche und 5— 6000 weibliche Arbeiter beschäftigt. Dreiviertel der Arbeit wird in der Heimarbeit hergestellt. Der Lohn beträgt für männliche Arbeiter 25—27 Vi. pro Woche. Der Lohn der Arbeite- rinnen beginnt mit 10 M., oftnials auch in den kleineren Städten noch niedriger. Da im Jahre zweimal die sogenannte tote Saison eintritt, so ist das Jahreseinkommen ein recht geringes. Bisher wurden die Arbeiterinnen nicht in die Organisation auf- genommen, der diesjährige Verbandstag beschloh auch diese der Organisation zuzuführen. Bis vor einem Jahre bestanden nur in Köln. Düsseldorf und Berlin Lokalvereine. Im September 1904 beschloh ein Delegierten- tag, einen Verband zu gründen, der am 1. Januar 1905 seine Tätigkeit mit 150 Mitgliedern begann. Auf dem Verhaudstage sind 15 Delegierte und 3 Vorstandz Vertreter anwesend. Die Generaltommission ist durch den Genossen Silber schmidt- Berlin vertreten. Zurzeit bestehen 16 Zahlstellen mit 400 Mitgliedern. Der Kassen- bestand beträgt 501 Dt. Lohnbewegungen führten die Zahlstellen Köln, Düsseldorf und Elberseld-Barmen.' Die Breslauer Zahlstelle muhte, um ihre Forde- rungen durchzusetzen, in Streit treten. Sämtliche Lohnbewegungen wurden mit vollem Erfolg beendet. Dem Vorstmtdc wurde für die Geschästsfiihnmg einstimmig Decharge erteilt. Das Statut erfährt eine vollständige Umarbeitung. Der Beiwag wird von 25 auf 35 Pf. pro Woche fiir Männer erhöht. Der Beitrag für weibliche Mitglieder wird auf 10 Pf. festgesetzt, und das Eintrittsgeld bewägt 25 Pf., das der Männer ist 50 Pf. Der Verband gewährt seinen Mitgliedern unentgeltlichen Rechtsschutz. Reiseunterstüyung nach zwölfmonatlicher Mitgliedschaft pro Tag von 50 Pfennig bis zur Höhe von 18 Mark im Jahre. Streik, Aussperrung und Maßregelung nach Maßgabe der Kassenverhält- nisse, sowie unentgeltliche Zustellung des Fachoraans. Der Sitz des Verbandes ist in Düsseldorf. Als Sitz des nencinzuführenden Ausschusses wird Bremen be- stimmt und der dortigen Zahlsielle die Wahl desselben überlassen. Der Verbandstag erklärt sich für die Einführung eines Minimal- tarifs für Deutschland und beauftragt den Zenwalvorstand, dem nächsten Verbandstage einen Entwurf eines Tarifs auf Grund einer vorzunehmenden Erhebung der Verhältnisse in den Städten mit Schirmfabrikation, vorzulegen. Nachdem noch über Mißstände bei der Lehrlingszüchterei eilte eingehende Diskussion stattgefunden und der Vorstand gewählt war, hatte der Verbandstag seine Arbeit erledigt. Soziales. Fort mit§ 361 Ziffer 6 des Strafgesetzbuchs.§ 361 Ziffer 6 des Strafgesetzbuchs bedroht init Haft„eine Weibsperson, welche wegen gewerbSmätziger Unzucht einer polizeilichen Aufsicht unterstellt ist, wenn sie den in dieser Hinsicht zur Sicherung der Gesundheit, der öffentlichen Ordnung»nd des öffentlichen Anstandes erlassenen Vorschriften zuwiderhandelt oder welche johne einer solchen Anfficht unterstellt zu sein, gewerbsinähig Unzucht beweibt." Es ist in der Oeffentlichkeit wiederholt gegen diese Reglementierung und Konzessionienmg der Prostitution Stellung genommen worden. Bet dem Kampf gegen diese Gesetzesvorschrift, die zur Folge hat, dah sie die Stellung der Frau herabwürdigt und die Heuchelei und Un- sittlichkew fördert, ist it. a. wiederholt im Reichstag und von uns betont worden, daß die Art und Weise, wie in den meisten ällen eine Unterstellung unter polizeiliche Aufsicht isogenannte -ittenkonwolle) stattfindet, ungesetzlich ist. Nur die Polizeibehörde selbst oder deren gesetzlicher Vertreter. in Berlin also nur der P o l i z e i p r ä s i d e n t persönlich sei berechtigt, unter Sitte zu stellen. Insbesondere sei keinesfalls der an sich zur Ausübung der Sittcnkonwolle berechtigte Beamte befugt, sein Recht auf andere Beamte zu übertragen, da ein behördliches Recht eine Pflicht in sich schließe, und die Delegation einer Pflicht auf einen Untergebenen unzulässig sei. In demselben Sinne hat dieser Tage, wie wir dem„Hamburger Echo" entnehmen. daS Schöffen» gencht zu Altona entschieden. Nach dem Bericht ist ein Mädchen, das geständigermatzen gewerbsmäßig Unzucht gewieben hat, am 8. September von dem Kriminalpolizeiiuspektor Engel zu Altona, dem auch die Leitung der Sittenpolizei übertragen worden ist. unter Sittenpolizeikontrolle gestellt worden. Das Mädchen hat die für Altona geltenden Vorschriften über die Sitten- kontrolle unberücksichtigt gelassen. Am Abend des 22. September wurde sie wieder betroffen, als sie mit einem Seemann zusammen ein Absteigequortter aufgesucht hatte. Sie erhielt nun ein Straf- mandat über drei Tage Haft, weil sie sich nicht den Anordnungen der Polizei wegen Ausübung der Sittenkonwolle gefügt habe. Gegen diesen' Befehl beantragte die Betroffene gerichtliche Enticheidung. Der Verteidiger erhob den Einwand, daß Polizei- Inspektor Engel gar nicht berechtigt sei, die Maß- regel der Stellung unter Sittenpolizeikonwolle zu verfügen. Der Polizeiinspektor Engel bekundete als Zeuge, daß er vor vielen Jahren, wann wisse er nicht mehr, von dem Polizcichef den mündlichen Auftrag erhalten habe, die sittenpolizeilichcn Vor- schriften zu handhaben. Er handle selbständig und habe nach einer Borschrift der Regierung die Pflicht, Frauen- zimmer, die gewerbsmäßig Unzucht treiben oder sich umhertreiben oder geschlechtsfrank sind, unter Sittenkonwolle zu stellen. Es komme vor, daß er über solche Maßnahmen mit dem Polizeichef Rück- spräche nehme, wenn Eltern oder Vormünder sich beschwerten; im übrigen aber handle cr vollständig selbständig. Gegen die Stellung unter Sittenkontrolle sei daS Verwallungs- streitverfahren zulässig. Der Vorsitzende machte daraus auf- merksam, daß nach einem Urteil deS Oberverwaltungsgcrichts ein Polizeichef daS Recht habe, einen untergebenen Beamten mit der Handhabung der Sittenpolizei zu betrauen. Hierauf beantragte der Amtsanwalt die Bestätigung des polizeilichen Swafbefehls. Daß die Maßregel der Stellung unter Sittenkonwolle an sich berechtigt gewesen sei, sei klar, da die Angeklagte selbst eingeräumt habe, daß sie gewerbsmäßig Unzucht getrieben habe, und Polizeiinspektor Engel sei auch berechtigt zur Verhängung der Maßregel gewesen. Letzteres bestritt der Verteidiger. Das Urteil des Oberverwaltungs- gerichts sei unklar. Nach den gesetzlichen Bestimmungen sei es unzulässig, daß der mit der Ausübung der Polizeigewalt betraute Beamte in eine in so wichtigen Punkte einen Unterbeamten mit seiner Vertretung betrauen könne, so daß dieser selbständig zu schalten und zu walten habe. Bei der Stellung unter Sittenkonwolle handle es sich doch um einen schweren Eingriff in die persönliche Freiheit, die in strafrechtlicher Hinsicht mit allen möglichen Kautelen umgeben sei. Da könne man einem Unterbeamten, der nicht die allgemeine Bildung besitze, um nach allen Seiten hin die Sachlage würdigen zu können, nicht das Recht einräumen, mit der persönlichen Freiheit der in Betracht kommenden Personen umzuspringen, wie eS ihm beliebe. Die sozialpolitischen Gesetze, betreffend die Fürsorgeerziehung usw., brauche er bei den fügend» lichen Frauenzimmern nicht einmal zu respektieren. Das solle man auch bei Beurteilung der Sachlage bedenken. Aug den angeführten Gründen sei die Freisprechung erforderlich.— Das Schöffengericht erkannte auf F r e i s p r e ch u n g mit der Begründung, datz es das Urteil des Oberverwatwmgsgerichts nicht als richtig anerkenne. Zu der Stellung unter Sitlenkontrolle sei nur ei» durch Gesetz mit der Ausübung der Polizeigewalt betrauter Beamter befugt, nicht aber ein durch diesen ernannter Stellvertreter.— Das Kammergericht hat erst kürzlich, aus Anlaß einer anderen Strafsache, betont, daß ein Beamter nicht berechtigt ist, die ihm auferlegten Pflichten auf einen Untergebenen abzuwälzen. Danach müßte eS zu demselben Ergebnis wie das Altonaer Schöffengericht kommen.— Die Durchführung des Grundsatzes ist von erheblichster Bedeutung insbesondere für minderjährige Mädchen, weil unendlich viele Mädchen erst durch die Stellung unter Sitte fast unrettbar sinken. Würde der für die Polizeiverwaltung persönlich verantwortliche Chef — in Berlin der Polizeipräsident— die Aufsicht dem Gesetz ent- sprechend nach persönlicher Kenntnisiiahme des Falles und durch eigenhändige Unterschrift die nach§ 361 Ziffer 6 mögliche Unterstellung vornehmen, so würden wohl eine erheblich große Neihe jetzt unterKonwolle Gestellter der Prostitution entzogen werden. Freilich gebietet die Bekämpfung der Heuchelei und das Eintreten für Gerechtigkeit nicht nur eine Linderung der Möglichkeit einer Sittenkontrolle, sondern deren Beseitigung. Ist die Hauptursache der Prostitution die soziale Not, so können allein soziale Matznahmen der Prostitution wirksam entgegentreten. Teueruugszulngen nn städtische Arbeiter hat mit Rücksicht auf die anhaltende Teuerung der Rat der Stadt Stollberg im Erz- gebirge zu gewähren beschlossen.— Dagegen haben die Leipziger Stadtverordneten eine Eingabe der städtischen Gärtner wegen Ein- führung des Wochenlohnes unter gleichzeitiger Aufbesserung desselben, sowie wegen Wahl eines Arbeiterausschuffes und Aufstellung eincr Arbeitsordnung abgelehnt und nur den Rat der Stadt ersucht,„zu erwägen", ob eS angängig sei, die Stundenlöhne zu erhöhen. Zum Landarbeitereleiid. Aus Ostpreußen wird uns geschrieben: In Ostpreußen sind Landarbeiter und kleine Besitzer in ver- schiedenen Gemeinden noch heute in der„glücklichen" Lage, sogenannte Hand- und S p a n n d i e n st e leisten zu müssen. So werden z. B. im Dorfe Brödienen im Kreise SenSbnrg, die Landarbeiter und kleinen Besitzer von Jahr zu Iah zu' inimer länger dauernden unbezahlten Arbeiten, wie Wegeausbessern usw. herangezogen. Als die betreffenden sich weigerten, diese Arbeiten weiter auszuführen, wurden sie vom Amtsvorsteher mit Zahlungsbefehlen bc- droht, in denen ihnen jeder Tag, an dem sie nicht unentgeltlich gearbeitet hatten, mit zwei Mark berechnet wurde. ES fei darauf hingewiesen, daß die Tagelöhner sonst Löhne von 1,50 M. pro Tag erhalten. ES blieb den armen Arbeitern schließlich nichts weiter übrig, als zu zahlen, um der angedrohten Pfändung zu entgehen. Trotz ihrer Armut mußten die Arbeiter Beträge von sechs bis acht Mark und darüber entrichten. Noch deutlicher zeigt der folgende Fall, in welcher Weise die Junker in Preußen ihre Herrschaft ausüben. Im Dorfe P a n- n a it g e u, im Kreise Labia«, hat die Gemeinde mit dem Dorf« schullehrer einen Vertrag abgeschlossen, laut dem ihm, neben seinem Gehalt, für seine ziemlich große Wirtschaft landwirtschaftliche Arbeiten von den Einwohnern deS Dorfes unentgeltlich geleistet werden müssen. Sogar die Frauen der außerhalb des Dorfes bc- schästigten Landarbeiter und Witwen müssen dem Lehrer eine von ihm zu bestimmende Anzahl von Tagen Handdienste leisten. So mußte eine Frau für den Lehrer Kartoffeln behäufeln, andere Einwohner müssen tagelang Holz kleinmachen, Dung fahren, Ernte- arbeiten usw. verrichten. Sind die Männer als Freiarbeiter weitab vom Dorfe beschäftigt, dann müssen deren Frauen die Arbeiten für den Lehrer verrichten. In diesem Sommer weigerten sich nun drei Frauen, die Hand- dienste zu leisten. Eine der Frauen ist eine Witwe, die sich und ihre Kinder durch Handel mit Butter und Eiern ernährt, und zu diesem Zwecke öfter nach der Stadt fahren mußte. Die Gemeinde ließ nun die Arbeiten, die die Frauen als Handdienste leisten sollten, von be- zahlten Kräften ausführen und schickte den Frauen Zahlungsbefehle. in denen sie aufgefordert wurden, an Stelle der nicht gc- leistetenHanddiensteproTaglM. bis 1,50 M. und die Kosten der Mahnzettel zu zahlen. Als die drei Frauen trotzdem nicht zahlten, ließ der Amtsvorsteher bei sämtlichen drei Frauen eine Pfändung vornehmen. Die Leute waren aber so arm, daß in den Wirtschaften nichts Vorhände tt war, was gepfändet werden konnte. Der Amtsdiencr wußte sich zu helfen und nahm jeder Familie— die Stubenuhr. Die drei Frauen legten hierauf eine Beschwerde beim RegiernngZ- Präsidenten ein, auf die nach acht Wochen folgender Bescheid zurückkam: Auf obiges an die königliche Regierung gerichtete und an mich zur Erledigung abgegebene Schreiben erhallen Sie hiermit zum Be- scheide, daß nach der Matrikel ftlr die Schule Pannangen die Hand- und Spanndienste bei der Beackerung de» Schullandcs ebenso zu leisten sind, wie die übrigen Kommunal-, Hand- und Spann- vienste. Da nach dem Ortsstatut vom 7. November 1894 zu den Kommunalhanddiensten auch die Losleute heranzuziehen sind, waren Sie verpstichtet, der Aufforderung de» Gemeindevorstehers, bei der Bestellung des Schulackers Handdienste zu leisten, Folge zn geben. Da Sie der Verpflichtung nicht nachgekommen sind, war der Genieinde- Vorsteher berechtigt, die Arbeit durch dritte ausführen zu lassen und den bierfür voranslagten Betrag von Ihnen einzuziehen. Zur Vermeidung der Zwangsvollstreckung stelle ich anheim, den Betrag umgehend an den Gememdevorsteher abzuführen. Da inzwischen die Frist bis zur Versteigerung der den Frauen gepfändeten Ubren abgelaufen war, blieb den Frauen nicht» weiter ubrig, als s i ch das Geld im Dorfe zusammen zu borgen und die für jede Familie unentbehrlichen Zeitmesser einzulösen. Obendrein hatten die Frauen noch die Kosten zu bezahlen. Die Leibeigenschaft ist auf dem Papier aufgehoben. Wieweit die Junker es aber verstanden haben, die Leibeigenschaft in der Praxis aufrecht zu erhalten, beweist die vorstehende Schilderung. Vcrkürzmig de? Saunt, tgSruhe in Nürnberg. Int vorigen Sommer wollte die miitelsräntische Kreisregierung dein Personal im Nahrungsmittelhandel in Nürnberg eine verbesserte Sonntagsruhe bescheren, indem sie eine Verfügung erließ, wonach in der genannten Branche die Verkaufszeit an den Sonntagen auf die Zeit von 7 bis 1 Uhr mit einer Unterbrechung von 9 bis 11 Uhr beschränkt wurde. Ein kleiner Teil der Geschäftsleute glaubte sich dadurch dem Ruin ausgeliefert und lief gegen die Verfügung Sturm, die uuumehr von der Negierung in einer Weise abgeändert wurde, daß die Sonntagsruhe gegenüber dem früheren Zustande noch verkürzt ivird. Es dürfen nunmehr Arbeiter, Gehülfen und Lehrlinge beschäftigt lverden in den Konditoreien, Bäckereien und im Milchhandel au den drei höchsten Festtagen von ö bis 9 und von 11 bis 1 Uhr, in Bäckereien und Konditoreien an den gewöhnlichen Sonn- und Feier- tagen von 6 bis 9 Uhr früh und von 11 Uhr mittags bis 7 Uhr abends, im sonstigen Lcbensmittelhaudel von S bis 9, 11 bis 1 und 6 bis 7>/z Uhr. Die Regierung hat diese Verfügung„Sonntagsruhe im Handelsgewerbe" überschrieben; warum nicht„Aufhebung der Sonntagsruhe"? Arbeiter und Schöffengerichte. Das Gewerkschaftskartell Jena hatte vor einigen Monaten im Auftrage einer öffentlichen Versamm- lung sowohl au den zuständigen Bczirksdirektor als auch an das Amtsgericht eine Eingabe gerichtet mir dem Ersuchen, bei der Aus- wähl der Schöffen auch Angehörige des Arbeiter- stand es zu berücksichtigen. Dieser Tage ist nun die neue Schöffen- liste veröffentlicht worden. Dieselbe enthält zivar einige neue Namen und darunter auch zwei Angehörige des Arbeiterstandes, eiuschticß- lich der Werkmeister. In langer Reihe folgen wie üblich die Erb- schöffen, Rentiers, Landbürgermeister, einige Akademiker und Ge- werbetreibende. Nach„gewöhnlichen Arbeitern" sucht man vergebens. Die Petition des Gewerkschastskartells ist somit in den Papierkorb gewandert, die Peteuten hat man, wie das„Jenaer Volksblatt" mitteilt, nicht einmal einer Antwort gewürdigt. Unter solchen Um- ständen wird man an das Vertrauen der Arbeiter vergeblich appellieren._ Hua Induftrlc und Handel. Eine Lohuerhöhmig von 10 Prozent! Es geschehen Zeichen und Wunder. Kein Neujahrsscherz ist es, sondern einfache Wahrheit, daß kürzlich der Repräsentant mehrerer Wollfabriken die Direktoren zusantmcnberief und den Vorschlag unterbreitete, den Arbeitern für die eingetretene Verteuerung der Lebensmittel freiwillig eine Lohnsteigerung von 10 Proz. zu gewähren. Sämtliche Direktoren erklärten ihr Einverständnis und trat die Lohnaufbesserung mit den: 1. Januar 1906 für 700000 Arbeiter in Kraft. Die mit festem Gehalt angestellten Beamten sind von der Einkommens- steigerung ausgeschlossen. Das Vorgehe» des Textilkönigs hat auf andere Fabrikanten anfeuernd gcivirkt. In den letzten Tagen haben nochmals zirka 20 000 Arbeiter die Mitteilung entgegennehmen können, daß ihre Löhne ebenfalls um 10 Prozent heraufgesetzt worden sind. Man erwartet, daß dem gegebenen Beispiel noch viele Fabrikanten folgen werden. Um deutsche Unternehmer vor dem Verdacht, durch ein solches vernünftiges Vorgehen das Herreuprinzip verletzt zu haben, in Schutz zu nehmen, sei noch ausdrücklich hervorgehoben, daß es— amerikanische Arbeiter sind, die sich der freiwilligen Lohnerhöhung erfreuen. Präsident Wni. A. Wood, der amerikanischen Wollen-Kompagnie hat den Anfang mit der ver- NÜnftigen Lohnpolitik gemacht. Wir sini� sogar in der Lage, die Scharfmacherehre des Unternehmertums, die von jeder Sentimentalität sich weit entfernt hält, an einem konkreten Vorfall in glänzender Reine erstrahlen zu lassen. Jüngst wurden die Halleschen Metall- arbeiter mit Hinweis auf die gestiegenen Lebensmittel- preise um eine� entsprechende Lohnzulage vorstellig. Die Metallinduswiellen konnten die Teuerung natiir- lich nicht leugnen, aber sie wollten trotzdem nichts bewilligen. Und ein echtes kapitalistisches Unternehnier- herz ist um eine— Begründung seines Unrechts nicht verlegen. Der Metallarbeiterverband hatte namens der Arbeiter die erwähnte Forderung unterbreitet. Nach einem juristischen Grundsatze existiert das nicht in der Welt, was nicht in den Akten steht. Und ein Scharfmachergrundsatz be- sagt: Arbeiterorganisationen erkennen wir nicht an, darum haben hiese auch kein Recht, namens der Arbeiter zu sprechen.-- Andererseits betrachten die Unternehmer ihre Organisation als bestimmenden Fakror. So halten sie jetzt die Gewohnheit, ihren Abnehmern folgenden Ukus zugehen zu lassen: Mitteldeutsch-sächsische Gruppe des Vereins deutscher Eisen- gießereien. 16. Dezember 1993. ?. R Unter Hinweis auf die weiter fortschreitende Verteuerung aller Rohstoffe sehen wir uns genötigt, eine vom 1. Januar 1999 ab geltende Erhöhung unserer Verkaufspreise anzu- zeigen. Es werden die bisherigen Preise für Bauguß, Maschinenauß, Massenartikel sowie für sämtliche Handelsgußwaren um eine Mark pro 190 Kilogramm erhöht werden. Für Stückpreise tritt gleichzeitig ein entsprechender Auf- schlag ein. Hochachtungsvoll Mitteldeutsch-sächsische Gruppe des Vereins deutscher Eisengießereien. Das Schreiben ist von 20 größeren Firmeninhabern aus Halle, Gera. Gößnitz, Mühlhausen, Ilmenau, Erfurt und Zeulenroda unterzeichnet und besagt, daß sich die nicht de in Jnd u st riellen- Verbände angehörigen Firmen der Preiserhöhung angeschlossen haben. Die organisierten Industriellen treten hier als„legitime Vertreter" der Firmeninhaber aus, die nicht dem Verbände an- gehören rmd nehmen sich heraus, einfach Preisaufschläge anzuzeigen. Handeln aber die organisierten Metallarbeiter ini Interesse der Nichtorganisierten, so spielt man den Herrn im Hause und bezeichnet die Organisation als „nicht legitim". So diktiert man Preisaufschläge und verweigert Lohn- aufbesserung._ Zum JohreSnli schied. Die Vereinigung Rheiuisch-Wesrsälischer Baudeisenwalzwerke hat noch kurz vor Jahresschluß die Baudeisen- preise für das Inland uni 2,69 M. für 1999 Kilogramm erhöht. Dieselben betrage» heute 139,99—132.69 M. je nach Abschlußmenge, Frachtgrundloge Köln oder Dortmund, mit 25 Proz. Rabatt auf Kaliberüberpreise. Auch das Syndikat deutscher Holzschrauben- fabrikante» hat noch eine Preiserhöhung beschlossen. Die in Mannheim domizilierenden Aktieubrauereien erhöhten die Treberpreise um 19 bis 15 Proz. und begründen diese Maßnahme mit den ge- stiegenen Preien der Futterartikel. ' So gehtls slustig lvciter, bis die Preisschraube knackt. (Wiederholt, weil nur in einem Teil der Auflage.) Deutschlands Eisenindustrie im Außenhandel. Obwohl iin No- oember die Einfuhr an Roheisen noch etwas zunahm, ist doch der Ausfuhrüberschuß gegen den Vormonat um über 699 999 Tonneu gestiegen. Für die ersten 11 Monate stellt sich die Einfuhr auf 295 391 Tonnen gegen 391493 Tonnen im Vorjahre und 289159 Tonnen im Jahre 1993 und die Aussuhr aus 2 985 996 Tonnen (gegen 2 539 999 Tonnen bezw. 3 216 290 Tonnen). Der Ausfuhrliberschuß übertrifft daher den vorjährigen um rund 473 999 Tonnen und kommt dem für die Ausfuhr günstigsten Jahre 1993 in dem der Neberschuß sich auf 2 939 116 Tonnen bezifferte wieder ziemlich nahe. Für 1994 verzeichnete die Statistik einen Ueberschuß von 2 214 396 Tonnen und für 1993 fast 2 799999 Tonnen. Dcntsch-auicrikanischc Handelsbeziehungen. Bei Erörierung der Vertragsverhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland hat sich ein Exporteur in New Dork>vie folgt geäußert: „Die von ieiten Deutschlands geführte Klage, daß es sich in seinem Warenaustausch mit den Bereinigten Staaten im Nachteil befindet, ist wert näherer Beleuchtung. Allerdings hat Deutschland im Fiskal- jähre 1994 für 236 Mill. Dollar amerikanische Produkte importiert und nur für 124 Mill. Dollar Waren hierher geliefert. Von dem ersteren Betrage entfallen jedoch 139 Mill. Dollar auf auch in dein neuen deutschen Tarif zollfreie Artikel und 33 Mill. Dollar auf Nahrungsmittel. Zollpflichtige Fertigerzeugnisse hat Deutschland im letzten Jahre von uns nur für 13 Mill. Dollar erhallen, lvogegeu wir für 72 Mill. Dollar deutsche Fabrikate gekauft haben. Selbst au solch beschränkter Absatzgelegenheit nach Deutschland mögen natürlich jedoch unsere Fabrikanten keine Einbuße erleiden, und sie sind daher der Meinung, daß die Bundesregicrung den Wünschen Deutschlands betreffs Aufrechterhaltung der bisherigen guten Be- Ziehungen solveit als möglich Rechnung tragen sollte. Kampf gegen Opium. Die sechs Staaten des australischen Bundes haben das Ilebereinkommen getroffen, die Produktion von Opium zu verhindern. Ausgenommen für medizinische Zwecke, ist der Verkauf und die Herstellung von Opium verboten innerhalb der sechs Staaten, und die Bnudesregierung hat den Import von Opium verboten. Finanziell werden alle Staaten durch diese Maßregel sehr geschädigt; Queensland allein behauptet, jährlich 16 999 Pfund Sterling an Einnahmen zu verlieren. Umsomehr ist zu erwarten. daß das Volkswohl durch die Einschränkung, wenn nicht Ausrottung dieses Lasters gefördert Ivird. Ein Mittclmecrkanal. Der französische Bautenminister hat eine Kommission ernannt, welche ein Projekt für einen Kanal ausarbeiten soll, der den atlantischen Ozean mit dein Mittelmeer verbindet. Der Minister will das Projekt baldmöglichst der Kammer unterbreiten. Teurer Damm. Aus Kairo wird gemeldet, die englische Regie- rimg beabsichtige im Einverständnis mit den ägyptischen Behörden einen zweiten Nildamm zu errichten. Dieser soll oberhalb von Luxor in der Nähe von Esnieh gebaut lverden. Die Kosten sind auf 23 Millionen veranschlagt. Der Damm soll von englischen Unternehmern hergestellt werden. Von der Konzentration des Kapitals. Im Bericht des schweizerischen Handels- und Jndustrievereins ist über die Entwickelung.der Brauereiindustrie folgendes zu lesen: „Die Zahl der kleinen Brauereien, welche weniger als 3999 Hektoliter produzieren, ist von 1882 bis 1992 von 348 ans 147 zurück- gegangen. Die Brauereien bis 19 999 Hektoliter mit 43(43), die- jeuigen bis zu 29 999 Hektoliter 24(29) und diejenigen bis zu 49 999 Hektoliter 19(3) bleiben ungefähr gleich an der Zahl. Brauereien mit über 49 999 Hektoliter Jahresproduktion gab es 1882 noch nicht, im Jahre 1392 6 und 1992 gab es deren 12." Dazu bemerkt dann der Bericht des obengenannten Vereins, daß in bezug auf die EntWickelung der Brauereiindustrie„das marxistische Dogma ausnahmsweise(?) recht" behalte. Nun, wenn die Herren vom Jndustrieverein Untersuchungen auch in anderen Industrien vor- nehmen, und wenn sie noch Gelegenheit behalten, der EntWickelung noch eine Weile zuzusehen, dann finden sie vielleicht auch noch heraus, daß das„marxistische Dogma" in anderen Industriezweigen zum Teil schon viel mehr recht behalten hat, als in der Brauerei- Industrie._ Ein Welt-Trust für die Lieferung wilder Tiere an Menagerien, Zirkusse usw. ist die jüngste Gründung im amerikanischen Kartell- Wesen. Der neue Trust glaubt, den Tierhändlern in Hamburg, Liverpool und den anderen Hauptplätzen der Branche das Geschäft wegnehmen zu können. Er will eigene Expeditionen nach Afrika, Indien und anderen Lieferungsländern entsenden. VerrniscKres. „Dumme Jungs".„Keen Seeräuber bin ick nich, un uff unserem Aeppelkahn passiert ooch nischt unrechtes, det jlooben Se man sicher!" Es ist eine ehrwürdige Greisengestalt, der Schiffer Christoph Ehregott Weyland, der sich mit diesen Worten vor dem Schöffengericht verteidigt, weil ihm eine stronivolizeiliche Strafverfügung über 3 M. geworden war und überdies noch Anzeige wegen Beamtenbeleidigung vorlag. Weylnud erhebt sich in fast 2 Meter Leibeslänge aus der Schranke der Anklagebank; ein weißer Schifferbarl umrahmt ihm Ohr und Kehle, wie die stattliche Krause des Königstigers; mehrere Dienstauszeichnungen bedecken die Brust des Veteranen, er erweckt in jeder Hinsicht, auch vor den Richtern einen achtungs- gebietenden Eindruck. Vors.: Es ist festgestellt, daß am Abend des 24. Oktober die Laterne auf Ihrem Schiffe nicht brannte. Den revidierenden Beamten der Strompolizei sind Sie grob ge- kommen und sollen ausgerufen haben:„Dumme Jungens I" Wie verhält sich das?— Weyland; Selbstredend janz änderst, Herr Richter! Denn sehen Se mal hier! stiinmungen des alten Vertrages sind insolge Ihrer ausdrücklichen Abrede binsällig. 2. Eine Direktrice kann als HandlungSgchülsm erachtet werden. So hat z. B. in einem bestimmten' Fall das Oberland eSgericht Braunschwcig am 29 Februar tS9J entschieden. In der Regel wird lic(falls sie kans- inännische Arbeiten nicht oder nicht überivicgcnd zu leisten hat) als Ge- werbrgchülsin anzusprechen und rechtlich einem Werkmeister gleichzustellen sein. Die vierzchntägigc KündigungSsrist ist. mag man sie als HandluiigS- gchülsin oder ats Werkmeister erachten, in beiden Fällen nichtig. An ihre Stelle lritt die gesetzliche(6 Wochen zum Ouartalscrsten).— Streitende, Baumschuleuweg. 1. Ja. 2. Wie der Beweis geführt wird, ist gleich- gültig. Zu cinpschlcn ist ein Ehevcrtrag.— SP. 1, lt., Rixdors. Nein. Für bei Jiibalt der Jnjerate iibmiimnit die Nedaktion dem Pttblikiiin gcgciiüdcr keinerlei Acrantwort» ug. HKeater. Mittwoch, 3. Januar, Anfang 7'/, Uhr: Lpcrnhaus. Tannhäuser, Schauspielhaus. Der Schwur der Treue, Deutsches. Der Kaufmann von Venedig. Neues. Ein Iommernachlstraum, Westen. Schiitzenliesel. Nachm. 3 Uhr: Schlarassenland, Berliner. Gastspiel des Thealers des Westens. Ansang 8 Uhr: Lessing. Stein unter Steinen. SMiller O. iWaguci-Theater.) Zwei glückliche Tage. Schiller>i. sFricdrich Wilhelm- städtisches Tdealert. Hans. Kleines. Slilpe-Komödien. Koniische Lpcr. Die Boheme. stiesidenz. Der Prinzgemahl. T> iniion. Die Kerbe Frucht. Lustspiclhaus. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis früh um Fünsc. Nachm. 4 Uhr: Max und Moritz. (5arl Weist. Die lebende Brücke aus Kuba.(Ans. T'/j Uhr.) Zentral. Musette.(Ans. 7 Uhr.) Nachm. 4 Uhr: Prmzesjchen Gold» traut. Luisen. Der Kaufmann v. Venedig. Deutsch-Amerikauisches. Er und Jch- Metropol. Aus ins Metropol. Kasino. Das Opferlamm. Slpollo. Prinzetz Rosine. Speziali« täten. Herrnfeld. Familientag im Hause Prellstein. Walhalla. Nach Afrika, nach Ka- merun. Wintergarten. Otto Remter.— Spezialitäten. Folies CnpriceS. Soll und Haben. Nach dem Zapsenstreich. Rcichshallen. Stettiner Sänger. Passage. Spezialitäten. Urania. Tauvensiraste 48/4it. Nachmittag? 4 Uhr: Tierleben in der Wildnis. Abends 8 Uhr: Am Gols von Neapel. Sternwarte, Jnvalidenstr. 157/82. Täglild geöstnei non 7 bis I Uhr. Berliner Theater. Ansang 71/a Uhr. Edles Blnt. Donnerstag: Edlea Blnt. Freitag: Edlea Blnt. Sonnabend: Gastspiel der Oper des Theater d. Westens: vis Fledermaus. Heues Theater. Ansang 7>/, Uhr. Sin Sctnmernachtstraum. Donnerstag, Freitag: Liebesteute (Amaiits). Sonnabend: Ein Sommernachts- träum. Kleines Theater. Ansang 8 Uhr. Zwei Stilpe-Komödien. Donnerstag: Zwei Stilpe-KomSdien. Zentral-Theater (Operette). Nachmittag 3 Uhr: Prinzestchen Goldtraudt. Abends 8 Uhr: Riiaette. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: !». Donnerstag: DaS Gefängnis. Freitag zum erstenmal: Der Gold» bauer. Sonnabend: Der neue Herr. Sonntag nachm.: Der Kausmann von Venedig. Abends: Der Goldbauer. Montag: Da? Gefängnis._ Komische Oper. Friedrichstr. 104/10ia. Mittwoch, 3. Januar, abends 8 Uhr: IMe Boheme. Donnerstag: Die Bohbme. Freitag u. Sonnabend: Hoffmanns Erzählungen. H Gebrüder errnfeld- Theater. Heute abends 8 Uhr: Familieiitag im Hause Preiistein. Komödie in Allen mit den'Autoren Anton und Donat Herrnfeld in den Hauptrollen. Morgen abends 8 Uhr: Familientag im Hause Prellstein. erllnki'l i!k-Irio. Urania I.: Im Theator nachm. 4 Uhr; Im Laiiiis der llteniaetoaiie. Abends 8 Uhr: Äm Golf von Neapel. Stern wa rte Täglich; Tie glänzenden erstklassig, neue» Spezialitäten mit XsiLuKums Atigssw Meister der Eelbiboerteidigungslehre «Sm'.rl St Sil die Ouclle japanischer Kraft! , Vorher:' Prinzeß Rosine von Paul Lincke. Metropol-theläer Anfang 8 Uhr. Große Jahresrevue mit Gesang u. Tauz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Rauchen in all. Räumen gestattet, Sonnabend, den 6. Januar er.: 1. groSer Metropol- Tbeater-Ball. T rianon=Theater. Die herbe Frucht. Ansang 8 Uhr. Freitag, den 5. Januar zum ersten- mal i Die Wetterfahne. l-us-tspZvßhsus. Täglich 8 Uhr: Der Weg]\\t Hölle. KasinosTheater Lothringmstr. 37. Täglich 8 Uhr. Zum vorletzteir Male: Das Opferlamen. Freitag zum erstenmal: Die«xoldene Brücke. Soinjtag nachmittag 3 Uhr: Hotel Klingebusch. Deutsch-Ämerikanisefies toter. Köpr.nickerstr 67/68. lod, Äbd, 8 Uhr: STjf Gastsolel Ad. Philino EPPICH t>oxmtaf< nacji iiKL tag 3 Ulli': Halbe Preise! „Uebcr'n großen Teich". Residenz-Theater. Direktion: Richard Hlcxandcr. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Prinzgemahl. Satirischer Schwant in 3 Alten von S. Innios und I. Chance!. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Der HilüenhesIIzer. Folies Caprice. Budapestcr Possen-Theater 132 linienstr. 132, Ecke Friedrichstr. Zum 104. Male: Xnch dem Xapfcnstreicta. Vorher: 8oll und Haben u. d. ausgezeichnete Spezialilälentcil. Anlang 7'iz llbr. Vorvcrt. tägl. b. V/ertdeim u. an der Theaterkasse v. lt) Uhr vormitwas an. V. Noscli8 l\miw. Dlrettton: stob. Dill. Brunnciillr. IS. Die drei Tränen oder: Das«äroben vom König Astgold Dramat. Märchen m.Ges. V. R.Kneisel. Ansang 8 Uhr. Enlree 30 Ps. Donnerstag: Elite-Vorst.: ISarla Stuart. Schauspiel von Schiller. Csrl Weiß-Theater. Gr. Franksnrlcrstr. 132. Täglich abends 8 Uhr: Die lebende Briicke anf Kuba. Sensationelles amcrik. AusstattungZ- stück mit Ges. u. Ballett in 7 Bildern von James gor. Sonnabend nachm. 4 Uhr Kinder- Vorstellung, kl. Preise: Max u. Moritz. Stadt-Theater Moabit Alt-Moabit 47/49. Up. des IM. bse-TMers. IS Grotze Posse mit Gesang und Tanz in 6 Bildern von Weihrauch. Ans. 8 Uhr. Kasscnerössnung 7 Uhr. In Vorbereitung: kümel! Hcosta. Felix Scheuer U Strslnoseritr. 1. Sanssouci. lÄÄS: Heute Mittwoch; Mutter und Soll«. Schauspiel in 5.'Allen von Cbarl. Birch-Pjciftcr. Sonnt. Bg.b, Wochenl.8Uhr Jod. Dienstag». Ästittwoch: Thoater-Abende. Sonnt., Mont., Donnerst.: llolTinann» ßoillllsutselis Säuget und Tanzkrinzchen. fS cliiller-Theater. Schillcr-Theator 0.(Wallucr-Theater). Mittwoch, abends 8 U b r: �'�'el Allleklleke Taxe. Schtvank in 4 Alien von Franz v. Schönthan und Gustav Kadelburg. Doiiiicrstag.abendS8Udr: lklnei xliieklleke Taze. Freitag, abends 8 Uhr: Hotgaiz».!. Schiller-Theater N.(Frlcdr.-Wilh. Th.) Mittwoch, abends 8 Uhr: Bans. Drama in 3 Ausz. von Max Dreher. DonnerStag,abendZ8Uhr: Xorw. Freitag, abends 8 Uhr: Ein Vk'interniürchen. Friedrichsberg.;i' Frankfnrter- . Fernsprecher Nr. 3. Okanssee ö. jredea 8«antaA: KU. SOZI unter�cliung Q •p:.Jeden Bittnocb: �Humoristische Soiree der Willy Waide-Sänger. Vollung- Faniillen-Kränzelien. x®aÄu 6638?»(iiebr. Arnhold. Zirkus Albert Schumann Heute M i t l w o ch, den 3. d. Mts., abends präzise 7'/, Uhr: Grande Soiree hquesfrer Elile-Pro- gramm. U. a.: 8enftitti»netle IVovitfltf Jfürza- Golem- Truppe in ihren hier noch nie gesehenen Leistungen. Ferner: die neuen Januar- Speziatitätcn. Zinn Schlug: Nicsen- crsolg I Die diesjährige grolle Ausstattungspantemime in 7 Allen: FemZna, das neue Trauenreich. Entworfen und auf das glänzendste inszeniert von Dir. Albert Sobmnann. Besonders hcrvoiznheben: Im 3. Akt: Im Palast der Präsidentin. Im 5. Att: Das Sporlsest der Damen.— Ferner: Die märcheuhnst schöne Schluß- Apotheose! Valhalla Theater Täglich 8 Uhr: Nach Afrika nach Kamerun! Ansst.-Posse mit Ges. u.Tanz in 6Bild. Bsuiisn. Kldtll-kWlÜR, Kunstradfahrer. Ernst Perzina, Kunäopantomrmo. Lola Hawthorne, Amsl�erin?he Elmo u. Racco, Yulian Familie, Akrobaten. Die drei Holloways, t�uer Gebrüder Schwarz, Parodiston. ,,ii1 SChOttiand", Divertissement Burke, Andrus u. Frisco'I�T Der Biograph.„R&ckkelirvamBall" palast-Theater Burgstr. 24, Süfiin. B.Blj.Sövsc. Täglich 8 Uhr. Enlree 50 Pf. DaS Jtiesendanuar-frogramm. -». 8 Härders, ÄS,, Ehemal. Mitgl. d. Hegclmann-Truppe. I'ke Baretts, urkomische Pantomimistcn. Paulas Beichte. Burleske von W. Gerlcke. 12 erstklassige Nttiiiiiicrn. Familientarlen in allen Barbier-, Friseur- u. Zigarrcngeschästen sowie im Thcatcrburcau unentgeltlich zu haben. frödels Allerlel-Thealer Srhonhonier Allee Sir. 148. Jeden Sonntag und Mittwoch: ZM- Homert"TSUJ Theater X Spezialitäten. Stets wechselnde Spiellolgc. Nach der Vorstellung:<»e.'Onnai. Ans. Sonnt. 6 Uhr, Mittwochs 8 Uhr. Variete Elysium KommnndantcnHtraße 3/4. Täglich: Auftreten von 36 crstklnssigcn ietkTiiatilmlLN Speziaiitäteo. Belle-Alliancel Thcatcr-Taxd.Stö. Anfang 8 Uhr. prr yiintf Ccufti. 14 hervorragende Sciisalionc». I XI. Berliner Saison. Zirkus Uuseh. Zum 43, Male: � Indien.+ Orig.- Pantoniirne des Zirkus Busch in 8 Bildern. Besonders hervorzuheben: SPOT* Eine Tlgerjngd in den Dschungeln Indiens. Ferner: Eine Wrtwen*erbrenmin|. 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Aiitzerdcm eiithiilt dcrttnlen- der einvorzüglich hergestctl. tes Lichtdruckbild: rellnelimcr sm einlgung!- :: ttongreli in Gotha 1875:: Zu beziehen ist der Kniender durch jede Pnrteiduchhnndluiig. Ter Prriag: ßudrtandlung Vorwärts Rcrlln Süf. 62, Clndcnltr. 69. SoziaIileiiiokratiseli.Wa!iIvereiD für den Todes.AnKeige. Am 31. Dezember verstarb unser Mitglied, der Kohlenhändler »lottkinn Ldimidt Gerichtstr. 79. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Januar, nachmittags 3 Uhr. von der Halle des Dankes- Friedhoses, Blanke- stratze, aus statt. Um zahlreiche Beteitigung ersucht 246/1 Der Borftand. lerW der M- und Mdrucwe!-Wtmeiteru.I irlieiterinnen Deutsclilaiids. 1 OrtwvcrwRltungr Berlin. Zahlstella II(HUIfsarheiter). Am 31. Dezember starb plötzlich und unerwartet unser Mitglied und Kollege Ricliard Bensch im eben vollendeten 44. Lebens- jähre. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am >3. Januar, nachmittags 3 Uhr, aus dem Kirchhos der� Zions-Gc I nicinde in Nieder-Schönhausen I Nordend statt. 36/1 hDi�Ortsue�altrni��oG�G� Verein der Umim Berlins und Umgegend. Todes- Anzelfc. Am 31. Dezember v. I. starb unser langjähriges Mitglied rMneh Herholdt. Ehre seinem Nndenkeu l Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Janiiar, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des alten Georgen- Kirchhofs in der Landsberger Allee aus statt. Rege Beteiligung erwartet 237/1„ Der Vorstand. Allen Verwandten und Bc- kannten die traurige Nachricht, datz meine liebe Frau vors Ältendorf geb. Frank am 31. Dezember nach schwerem, kurzen Leiden verstorben fit. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Januar, nach- mittags 2>/g Uhr, von der Leichen- hallendes Kentval-FriedhoseS in FviedvichSsclde aus statt. 1443b Die trauernden Hinterbliebenen. Allen Verwandten, Freunden, Bekannten und Kollegen hiermit die traurige Nachricht, datz meine iicbe-Frau Klara Hegel nach langen schweren Leiden am l. Januar, früh 6 Uhr, sanft cnt- schlafen ist.> 1639b Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittags SV* Uhr, vom Trauerhause Swinemündcr- stratze 78, vorn III, aus nach dem HcdwigS-Kilchhoj in Wcitzcnsee statt. Dtcs zeigen schmerzersüllt an Huxo Flcarcl und Sohn. Für: die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigmig meines lieben unvcr- geblichen ManncS, des Maurers Joseph Binke sage ich allen meinen herzlichen Dank. Die trauernde Witwe BinkBi Schöneberger Wintergarten Goltzstratzc 9. Täglich Theater- und Spezinli- tätcnvorstcUung. Sonntags 2 Vorstellungen. Nachmittags 4 Uhr zu halben Preisen. Jede erwachsene Person bat ein Kind frei.— Abends 7 fi,Uhr Große Gala- Vorstellung. Die Direktion. Gustav Behrens Spezialitäten- Tfieatep Frankfurter* ___ Allee 85. Vollständig neues Januar-Programm. " Willy Fernando, der berühmte Doppel-Knnstbläscr. Ur Ginley mit seinem Wunder- bimd. L'Jtss'-Wallzf» IllUUl Posse mit Gesang. 25 8Me-8pemUtäf6tt. 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Allen Verwandten, Bekannten I und Kollegen die traurige Nach- richt, datz unser lieber Sobn, I Bruder, Schwager und Bräutigam, | der Putzer 16491* RttJolk Radioff nach kurzem, abc*. Ichw'. ein Leiden im 24. Lebensjahre sanft ent- sch lasen ist. Um stille Teilnahme bitten die trauernden Hinterhliehenen. Die Beerdigung findet am DonncrStagnachniittag von der Leichenhalle der HimmelsahrtS. Gemeinde in Nordend ans statt. Zentral-ferliand der Maurer DeoMlands. Ewclgvereln Berlin. Sektion der Putzer. Unseren sowie den Mitgliedern des Gesangvereins der Putzer zur Nachricht, datz unser Mitglied Rudolf Radlolf am I. Januar plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am DoimcrStaa, den 4. Januar, nach- mittags 3 Uhr von der Leichen- Halle der Himmelsahrts-Gemeindc in Nicder-Schönhauscn statt. Um rege Beteiligung ersucht Die örtliche Berwaltung I. A.: H. Allen Kollegen und Bekannten hierdurch die traurige Nachricht, datz mein lieber Mann, der Album- arbeiter 1602b Edmund Kirchner nach langem schweren Letden im Alter von 45 Jahren am 31. v. Monats verstorben ist. Mit der Bitte um stille Teilname Die trauernde Witwe t?l«r» lilrclmcr geb. Jahn. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. d. Mts., nach- mittags 3 Uhr. aus dem St. Michael- Kirchhos, Nixdorf, Hermannstratzc, statt. Beuteciies Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes-Auzeige. Den Kollegen zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Klempner Brnst Conrad gestorben ist. Ehre feinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 4. Januar, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle des Gemcinde-KirchhoscS in Lichtenberg, Krug-Stege, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 110/1 Die Ortsverwaltung. Tanksagung. Für die zahlreiche Beteiligung bei der Beerdigung unseres Vaters und Stiefvaters A.doll' Gntschow, insbesondere dem Vertreter und den Kollegen der Firma Struwe u. Salt- mann, Sclterwassersabrik, sowie dem Verein der Unsehlbaren sagen wir unseren herzlichsten Dank. 163Sb I. A.: Ott« Kriiker. Danksagung. Für die liebevolle Teilnahme und reiche Kranzspende bei der Beerdigung meiner lieben Frau, unserer guten Mutter sagen wir allen Verwandten, Freunden und Bekannten unseren herzlichsten Dank. 161gb Jdnsnft netzenthln und Söhne._ Zur Außkdetmrg auf dem Laude! Eine 19 Morgen grdtze Obst- Plantage ist für 6999 M. bei geringer Anzahlung z. verk., hat in 5 Jahren den drcis. Wert. Otto Trentcpohl. Wensickendorf. Kreis Niedcr-Barnim. 1444b» WWUUW iteiim-Vtrein Mm (gröbere zum Heiden), Schlachtfedern, nie sie t>. d.«uns, f jUen, mit allen Daunen OT. 1.50, 1 fuUfcrtigcr Gänseruxf M. 8.00,! btjjere«önjebnlbbaantn M. 2.50, i 3.00 b-sie schnerwrisie m. 3.50,! rnistfche Dannen M. 3.50, weiße bvhm. 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Zeder Delegierte muß sofort nach erfolgter Wahl bei Herrn E. Simanowski, Berlin LO. 16, Engel-Ufer 15, III, angemeldet werden, wobei anzugeben ist, welche Kasse derselbe vertritt und wieviel Mitglieder dieselbe zählt. Soll Quartier besorgt werden, so ist auch dieses zu bemerken. Ferner hat sich jeder Delegierte am Montag, den 15. Januar 1906, in der Zeit von 2 Uhr nachmittags bis 12 Uhr nachts im Gewerkschaftshause, Engel-Ufer 15, ein- zufinden, um gegen Abgabe seines Mandats seine weitere Legimation in Empfang zu nehmen. Hamburg, den 30. Dezember 1905. Die Kongreßkommisfion. Die arbeiterfreundlichen Blätter sämtlicher Parteien werden UM Abdruck vorstehender Bekanntmachung ersucht. Momentbilder aus der Berliner Arbeiterbewegung des Jahres 1005. Der Monat April brachte den in den Vororten wohnenden Lesern unseres Blattes eine Neuerung in Gestalt der V o r o r t b e i l a g e. Als bemerkenswertes Ereignis auf gewerkschaftlichem Gebiet ist zu verzeichnen, daß am 1. April der nach längeren Vorbcratungen aufs neue zustandegekommene Tarifvertrag für die Maurer und die Zimmerer in Kraft trat, wodurch den Arbeitern dieser Berufe unter anderem eine Erhöhung des Stunden- lohnes zuteil wurde.— Auch für die Schlosser trat ein Tarifvertrag in Kraft. Am 10. nahmen die Gürtel- und Galanteriesattler einen unter Mitwirkung des Einigungsamtes abgeschlossenen Vertrag an. Gegen den„Kinderhülfstag", einen von bürgerlichen Frauen- gruppen ins Werk gesetzten WohltätigkeitsrumMel legte am 10. eine Versammlung der sozialdemokratischen Frauen Protest ein. Am 13. spielte sich wieder einer sener Prozesse ab. die dem Schutz der Arbeitswilligen und der Eindämmung der gewerkschast- licken Bewegung dienen sollen. Genosse Cohen voni Metallarbeiter- Verband sollte einen Menschen, der unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Streikbrecher nach Berlin gekorkt hatte, beleidigt, räuberisch überfallen, der Freiheit beraubt und Erpressung gegen ihn begangen haben. Die aus Betreiben von Angestellten des Kühnemänncr-Ber- bandeS angezettelte Anklage brach aber völlig zusammen. Cohen wurde freigesprochen. Bei den am IS. stattgehabten Gewerbegerichts- Wahlen in Nummelsburg wurden die von unseren Ge- nassen aufgestellten Kandidaten gewählt. Am 20. nahmen die Bauhülfsarbeiter einen Tarif- vertrag an, der ihnen eine Erhöhung des Stundenlohnes brachte. Am 21. und den folgenden Tagen(Osterwoche) fanden in Berlin die Generalversammlungen des Verbandes der Lithographen und Steindrucker, sowie des Scnefelder Bundes statt. Auf einem darauf folgenden gemeinsamen Kongreß wurde die Verschmelzung der beiden Organisationen vollzogen.— Gleichzeitig tagte auch eine Konferenz der Freien Vereinigung der Bauhülfs- arbeiter Deutschlands. Bei den Wahlen zum Kaufmannsgericht in W e i ß e n s e e, die am 30. vollzogen wurden, erhielt der Zentral- verband der Handlungsgehülfen einen der sechs Beisitzer. Mai. Der Weltfeiertag des Proletariats führte die Berliner Ar- bester zu Demonstrations- und Festversammlungen zusammen, die stärker besucht waren als je zuvor. Am 7. konnte ein kleiner Kreis von Parteigenossen eine Feier anderer Art abhalten. An diesem Tage kehrte unser Redaktions- kollege Leid, nachdem er ein volles Jahr wegen Preßvergehen im Gefängnis zubringen mußt«, wieder in die Freiheit und in den Kreis seiner Freunde und Genossen zurück. Am 7. fanden die Wahlen zum Berliner Kaufmanns. gcricht statt. Die Wahlbewcgung war ungewöhnlich lebhaft. Tor Zentralverbaiw der Handlungsgehülfen erhielt von 100 Bei- sitzern 21. lim den 0. herum erging sich die bürgerliche Welt in Schiller- feiern. Auch die Berliner Arbester gedachten des Geistesheroen in würdiger Weise in verschiedenen Versammlungen. Eine besonders gelungene künstlerische Feier hielt die„Freie Volksbühne" ab. Etwa um dieselbe Zeit kam eine erfolgreiche Tarifbewegung der Hcrren-Maßschneidcr zum Abschluß. Am 15. begannen wieder die Verhandlungen des Plötzen- s e e- P r o z e s s e s. die für die folgenden Wochen das Interesse der weitesten Ocffentlichkeit wach hielten und manches grelle Schlag- licht sowohl auf den Strafvollzug in Plötzensee als auch auf die Gcrichtspraris der vieriÄt Strafkammer warfen. Um diese Zeit beschäftigten sich verschiedene gewerkschaftliche Versammlungen mit dem zum 22. nach Köln einberufenen Ge- verkschastskongrcß.. Am 25. beendeten die Stukkateure emen kurzen, erfolg- reichen Streik.— Die Gasanstaltsarbeiter leiteten eine Bewegung zur Erlangung des Achtstunden-Tages ein.— Der Monat Juni zeigte endlich das Berliner Kaufmannsgericht, auf das die Handlungsgehülfen so lange hatten warten müssen, in Tatig. feit. Am 2. wurde das Gericht eröffnet, am S. fanden die ersten Sitzungen statt....„ Am 3. legten die Berliner Maßschneider zugunsten eines auswärtigen Konflikt), der von den Unternehmern zu einem Vor- stoß gegen die Organisation benutzt werden sollte, die Arbeit nieder, die aber schon am 6. wieder aufgenommen werden konnte, nachdem der Konflikt beigelegt war. Am g. wurhe in Schoncberg Genosse Fritzsch als Stadtverord- ncter und in Herzfelde die Genossen Stoff und Schröder als Ge- meindebcrvrdnete gewählt. Der Plötzcnsce-Prozeß fand am 0. ein unerwartetes Ende. Das Gericht stellte das Verfahren gegen die Angeklagten ein, da der Ober-Staatsainvalt am Kammergericht nach einer Erklärung der Angeklagt«, den Strafantrag zurückgezogen hatte. Wegen der über die Arbeiterinnen von 25 Dresdener Zigarettenfabriken verhängten Anßsperruiig forderte die Berliner <>>cwerkschaftskoin-,>isslon gemeinsam mit den Vcrtrauenspersonen der Pariei zum Boykott der Fabrikate der betreffenden Firmen aus, der auch in der Folgezeit die gewünscht« Wirkung hatte. Wshrend der Pfipgjstppche, vm 10, an, tosten is Berlin die Generalversammlungen des Bergarbeiter-Verbandes, des Porzellanarbeite r-Verbandes, des Arbeiter-Abstinentenbundes, eine Konferenz der Stockarbe-iter Deutschlands und der Bundestag des Arbciter-TurnerbundeS. Die erste Berliner Versammlung, welche über den im April veröffentlichten Entwurf des neuen Organisationsstatuts der Partei dislutierte, fand am 20. im zweiten Wahlkreise statt. Genosse Pfanntuch referierte über das Zustandekommen des Entwurfes in der Kommission. Im Laufe des Monats wurden die Verhandlungen und Be- schlüsse des Gewerkschaslskongresses, besonders hinsichtlich der Mai- fcier und des politischen Ndassenstreiks in Versammlungen und in der Presse lebhaft erörtert. In den ersten Tagen des Juli erregte ein Parteiereignis in Verbindung mit einer diplomatischen Aktion des Reichskanzlers das lebhafteste Interesse nicht nur unserer Genossen, sondern auch der gesamten bürgerlichen Presse des In- und Auslandes.— Am 1. kündigte der„Vorwärts" an, daß Genosse Jaures, einer Einladung der Berliner Parteigenossen folgend, am S. in der„Neuen Welt" einen Vortrag halten werde. Eine Demon- stration für den internationalen Frieden sollte diese Veranstaltung sein. Am 7. erfuhren die Leser des„Vorwärts", daß der deutsche Reichskanzler auf diplomatischem Wege die Rede des Genossen Jaures verhindert hatte. Trotzdem fand die Fricdensdemonstrations- Versammlung am S. statt. Tausende von Zuhörern hatten sich ein- gefunden. Anstatt des Genossen Jaures sprach Richard Fischer. Die Friedensdemonstration war vollkommen gelungen. Die Rede, welche Jaures in Berlin zu halten verhindert war, konnten unsere Genossen am selben Tage im„Vorwärts" lesen. Die diplomatische Aktion des Reichskanzlers war ein Schlag ins Wasser. Im Laufe des Monats wurde der Entwurf des Organisations- statuts der Partei in den Parteiorganisationen der Vororte be- fprochen. An gewerkschaftlichen Ereignissen ist zu nennen die nach einer Dauer von 15 Wochen am 23. erfolgte Beendigung des Streiks der Teppichweber, der einen teilweisen Erfolg hatte.— Am 27. endete die Lohnbewegung der Fahrstuhlarbeiter(Banhülfsarbeiter) mit der Anerkennung des aufgestellten Tarifs.— Die Lohnbewegung der Barbier- und Friseurgehülfen, welche längere Zeit dauerte, wurde am 30. beendet, nachdem ein großer Teil der Arbeitgeber die Forde» rungen der Gehülfen bewilligt hatte. August. Eine von den Rohrlegern geführte Tarifbewegung kam mit der Annahme des Tarifs durch die Unternehmer am 6. zum Abschluß. Am 8. fanden in Berlin und den Vororten 26 Volks- Versammlungen statt welche sich mit der seit Wochen drückend fühlbar gewordenen Fleischteuerung und Fleischnot be- schäftigten und die Aufhebung der für ausländisches Vieh und Fleisch bestehenden Grenzsperren forderten. Die Arbeiter bei den Revier-Jnspektionen der städtischen Gas- anstaltcn hatten Lohnaufbesserungen gefordert, die am 12. abschlägig beschieden wurden.. Am 13. kam eine Episode des polizeilichen Vorgehens gegen die Agitntionskvm Mission für die Pro- vinz Brandenburg zur gerichtlichen Verhandlung. Genosse Stadthagen, der als angeblicher Letter der Kommission sich der Nicht- anmeldung von Mitgliedern derselben schuldig gemacht haben sollte und deswegen mit einem polizeilichen Strasbefehl bedacht worden war, wurde vom Schösfengerichl freigesprochen, weil die Agitations- kommission ntdigung von sechs früheren Redakteuren des„Vorwärts" nahm die Angelegen- heit ihren Anfang, welche unter der Bezeichnung„V o r>v ä r t s"- Affäre während der folgenden Wochen viel Stoff zu Versamm- lungsdebatten und Preßpolemiken bot. Am 27. wurde der große Streik in der Wäsche-Jn- dustrie beendet, durch die Annahme eines vom Einigungsamt gefällten Schiedsspruches, der einen wesentlichen Teil der von den Streikenden aufgestellten Forderungen anerkennt. Im Monat November wurde das Interesse der Parteigenossen vorwiegend durch die Stadtverordneten-Wahlen in Anspruch genommen. Die am 2. in Schöneberg, am 6. in Charlottenburg und am 8. in Berlin erfolgten Wahlen endeten mit erfreulichen Erfolgen unserer Partei. Sowohl unsere Mandate, als auch die für unsere Kandi- baten abgegebenen Stimmen zeigten eine lvesentliche Vermehrung. Die von der Regierung beabsichtigte Erhöhung der Tabaksteuer veranlaßt« die Tabakarbeiter, am 3. eine Protest- Versammlung gegen die Steucrerhöhung abzuhalten. Am 14. stand der„V o r Iv ä r t s" v o r G e r i ch t. In einein Gerichtsbericht aus Osfenbach sollte ein Unteroffizier und ein Haupt- mann beleidigt sein. Es handelte sich um Soldatenquälereien. Daß solche im vorliegenden Falle reichlich vorgekommen waren, wurde erwiesen, trotzdem erfolgte eine Verurteilung zu 50 M. tvegen Be- leidigung des Hauptmannes. Für Ausdehnung des Arbeiters chutzesimGa st wirtS- betriebe trat am 21. eine große Versammlung der Gastwirts- gehülfen ein. Dem Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie wurde am 27. durch die organisierten Schneider eine Niederlage bereitet. Der Reichsvcrband hatte durch seine bekannten lichtscheuen Prakttken seine Schützlinge in die Leitung der O r t s- K r a n k e n- lasse der Schneider gebracht. Wegen verschiedener Unregel- mäßigketten wurden die vom Reichsverband protegierten Delegierten- wählen umgestoßen. Bei der Neuwahl siegte die Liste des Schneiderverbandes. Am 29. forderten die Gemeinde-Arbeiter in einer großen Versammlung Teuerungszulagen, beziehungsweise generelle Lohnerhöhung.---- Der Dezember brachte für die Parteigenossen von Groß-Berlin eine N e u- O r g a- nisation, welch« die Wahlvereine der einzelnen Kreise zu einem einheitlichen Verbände zusammenschließt. Um der geplanten Neu- Organisation gerecht zu werden, beschloß am 3. eine Konferenz des Wahlkreises Niederbarnim die Gründung eines Kreiswahlvereino. Am 5. wählten die Berliner Wahlvereine ihre Delegierten für die konstituierende Versammlung des Berliner Verbandes. Am 16. beschlossen, ebenfalls mit Rücksicht auf die Neu-Organisation, die beiden Wahlvereine des vierten Berliner Kreises, sich zu verschmehen. Am 17. erfolgte durch die konstituierende Versammlung die GriinJjinm des Verbandes der sozialdemokratischen Wahlvereinc von Groß- Berlin und die Anstellung von zwei besoldeten Verbandsbeamten. Am 12. wurde wieder vor Gericht eine Anklage gegen den „Vorwärts" verhandelt. Anlaß dazu bot die bekannte Notiz über Gehcimkonten, welche zwei hochgestellte Persönlichkeiten bei einer Mlttäreffekten-Firma ljaben sollten. Nur eine der beiden Per- sönlichkeiten fühlte sich beleidigt. Sie hat die Genugtuung, daß der „Vorwärts" zu 1000 M. verurteilt wurde. Am 17. hielten die Brauerei-Arbeiter eine Proteftversammlung gegen die Erhöhung der Brausteuer ab. Die Töpfer, welche seit Wochen über die Erhöhung ihreS Tarifes verhandeln, wurden am Jahresschluß durch ihre Verbands- leitung benachrichtigt, daß der Tarif fertiggestellt und die Vcr- Handlungen zum befriedigenden Abschluß gelangt sind. So haben unsere Parteigenossen aus politischem und geWerl- schastlichem Gebiete mit Erfolg für die Interessen des Proletariats gearbeitet. Auch das neue Jahr wird sie auf dem Posten finden. um den Weg zu unseren hohen Zielen unbeirrt weiter zu verfolgen, Berliner Marktpreise. AuS dem amtlichen Bericht der städtischeii Mmlthallcn-Direktion. Rindfleisch la 64—68 pr. 100 Psund, IIa 56—64, lila 50-55, IVa 40-48. Kalbsleisch la 84-92, IIa 72-83, lila 58-70, Hammelfleisch la 62—72, IIa 50—60. Schweinefleisch! 67—72. Notwild Pfund 50-55 Ps. Hasen Stück 3,40-3.70, mittel 2,75-3,00. Kaninchen Stück 0,80—0,20. Hühner pro Stück, alte 1,30—1.75, junge la 0,80-1,30, do. IIa 0,00—0,00. Tauben, junge 0,00—0,00, alle 0,40-0,45. Ente» junge 1,75— 2,50. Gänse pro Stück la 0.00-0,00. Na 3.00—3,50. pro Psd. la 0,58-0,62. IIa 0,00-0,00. Schellsischc 26-27 M.. Flunder 00,00 M. pro 100 Psd. Hechte 72-74 M.. Schleie, mittel 00-00 M. Aale, grob 0.00. mittel 0,00, klein 0,00, Plötzen 00— 00 M., Karpsen uns. 57—58 M., Lachs 00,00. Schottische Vollhcnnge(gesalzen) 36—38 M Eier, Schock 5,00. Butter pro 100 Psund la 118-120, IIa 114-118, lila 110-114, absallciidc 00-000. Kartoffeln pr. 100 Psd. rote 2,00—2,20, Rosen 0,00-0,00, blaue 0,00—0,00, runde weihe 1,80— 2,00. Wirsingkohl pr. Schock 6.00-10,00, Weihkohl 6.00-8.00. Rotkohl 5,00-10.00, Holl. 12-17 M. Saure Gurken, Schock 2,00 M., Pscstergurken 2,00 M. eMrirninflPubcrftrtit vom 2. Januar ISN«, niorgeuo««l,». Stationen II 776 SSO 77» OSO 776 NO 771 NO 771 O 773 NW »euer 4 wölken! 5 bedeckt Lwotkenl 1 wölken! 5 wölken! 2 heiter 765 Still 778 SW 747 E 757 SSO 762 SO — wolkig 1 bedeckt Shalbbd. 7 bedeckt Äbcdeckt — 0 0 S » Swlnenidc Hainburg Berit,, Franks a.M München Wien Wettcr-Prognose für Mittwoch, de» 3. Januar 1006. Zunächst meist heiter und trocken bei ziemlich strengem Frost und frischen östlichen Winden: später zunehmende Bewölkung und gelinder. Berliner wette-bnreou. c= i« Wetter ea -4» H?a Neuestes Unternehmen der Gegenwart! i Beachten Sie unsere Annonce am Jreitag, den 12. Januar 1906."WD Beoos intennatBowales KomiwissioiiS" und Lagerhaus. I M ü □1 1649: 1789: 1905!□ ein rcid) illustriertes 6cdcnkblatt ist soeben erschienen! preis 20 Pfg. 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Eine mit den modernsten Ein- richtungcn versehene Fabrik plan- geschliffener Kupfer- und Zink- platten sucht sür sosort einen in allen vorkommen- den Arbeiten crsahrcncn 71/6* Nteister. Derselbe musi in der Lage sein, die Fabrikation vollkommen selbständig zu leiten, und ist die Stellung angenehm upd dauernd. Ebendaselbst finden noch Polierer uns Abzieher Arbeit. Offerten mit Angabe der bisherigen Tätigkeit und GehallSansPrüchen er- beten unter I(. P. 6789 an Rudolf Messe, Köln._ Für das „VolkSblatt" in Cassel wird zum baldigen Eintritt ein zweiter Redakteur gesucht. Derselbe musi in allen RedaktionSarbeiten bewandert sein. Bevorzugt wird ein Genosse, der auch rednerisch tätig sein kann. AnstellungS- vertrag nach den Bestimmungen des Vereins Arbeiterpresse. Offerten an A. Jordan, Cassel, Graben 32. Arbeiter' Sekretär. Für Köln a. Rh. wird zum 1. März ein Gewerkschasts- und Arbeiter- sekretär gesucht. Meldungen mit An- gäbe der GehaltSansprüche und ge- drängte schristliche Bearbeitung der Thätigkeit eines Gewerkschasts- und ArbeitersekretärS sind bis spätestens 1. Februar 1906 mit der Ausschrist „Arbeitersekretär* an die Fünser- kommission des GewerkichaftStartellS, Severinswasie 201 zu richten. 284/3* Koliiidiriitt! Berlin. Druck u, Verlag: Borwärtt In der Treppengeländer- Fabrik Jo». Drechsler, Gubenerstraste 33, sind sämtliche Arbeiter ausgesperrt. 47/2 Zuzug ist fernzuhalten._____________ vMdruclerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Li Co., Berlin LIV. Aräser Feiler, Schleifer, Bieger_ verlangt Stockfabrik Ritterstr. 59. kPSUVU zum Austragen von Zeitungen finden dauernde und lohnende Beschäftigung: Schübe, lstr. 22/23, Sorauerftr. 20, Grone Frankfurterstr. 33, Königsir. 50/57, Gerich tstr. Ii, Alt-Moabit 138, Mittenwalderstr. 6, Potsdamerstr. 33, Schiffbau erdainiu 1, 71/10* Charlottenburg, Kantstr. 34. Achtnns;! Aclitnii�! JJidM- Mechamk- Arbeiter lllid Arbeitelllllien! Die Firma Getix& Co., Blnmenstraste 77, ist für alle Brauchen bis auf tveitereö gesperrt! DeutscherHolzarbeiter-Verband (Branche 98/15* der Musikinstrumenten- Arbeiter). Stock- und Zellttloid- Arbeiter! Bei der Firma kleUltelSCti» n Leipzig find sämtliche Kollegen und Kolleginnen wegen Zugehörigkeit zur Organisation ausgesperrt worden. Zuzug nach Leipzig ist deshalb streng jcrnzuhaltcn. 98.9 Die Kommission. Knnakme-SteUen für„kleine Anzeigen". Aistei»: Wengelö, Franksnrtcr Allee 79. Gustav Bogel, Koppcnstr. 83. Xordaute»: L. Zucht, Kcibclslr. 42. I. Reul, Barnimitr. 42. Verden: H. Raschle, Rügencr/lr. 24. Karl MarS. Lpchcnerstr. 123. Karl Büeiste, Wicsciistr. 41/42, L. Dechaud, Ruhcplatzstr. 24. H. Bogel, Demminerstr. 32. A. Tieti, Jnvalidcnstr. 124. Iii»rdne«te ri: Karl Anberö, Salzwcdclerstr. 8. 8ild«'e«tQi>: H. Weruer, Mittenwalderstr. 30. H. Schröder. Krcuzbcrgstr. 15. 8ti�en: St. Fritt, Prinzcnstr. 3l. F. Gutschmidt. Kottbuser Tamm 8. 80, legten: Paul Böhm, Lausitzer Platz 14/15. P. Harsch, Engcl-Uscr 15. Charlottonbnrg: G. Dcharnberg, Sesenheimerstr. 1. t'rledrielnilierx: C. Seikel, Kronprinzcnftr. 50. Rixdorf: 031. Heinrich, Prinz Handjcrhstr. 7. Conrad, Hermannstr. 50. Kcliöneberft-: Wilh.Bäuuiler, MartinLnthersir. 51. "WelOensee: a». ReSke, Sedanstr. 105. Jul. Schillert, König-Chauffee 39». Reinlekendorf: P. Gursch, Provinzstr. 108. partei-Hngclcgcnbeitcn. Verband der sozialdemokratischen Wahlvereine von Berlin und Umgegend. Das Verbandsbureau befindet sich im Vorwärts- Hause. Lindenstr. 69. 3. Hof links, 3 Treppen. Das Bureau wird am 2. Januar 1906 eröffnet und ist werk- täglich ununterbrochen von 10 Uhr morgens bis 8 Uhr abends geöffnet. Mitteilungen und Briefe sind zu richten an l Leopold Lievmaun(Berliner Verbandsbureau), LW. 68, Lindenstr. 69, Geld- und Wertsendungen an Ennl Locske(Berliner Verbandsbureau), SW. 68, Lindenstr. 69. Mit dem 1. Januar 1906 treten die Beitragsmarken des Verbandes in Gültigkeit; alte Beitragsmarken der Wahl- vereine dürfen, nach Beschlutz des Zentralvorstandcs, nicht .nehr benutzt werden, auch für re stierende Beiträge sind die neuen Marken zu verwenden. Ebenso bitten wir dringend, alle alten Rückstände an die Kassierer der Einzelkreise abzurechnen, damit ani 1. Januar möglichst gar keine Reste verbleiben. Der Vor st and des Verbandes. An die Parteigenossen von Berlin. Teltow-BecSkow, Nieder- barnim und Potsdam-Osthavelland! Zu der im Januar erscheinenden Lokalliste ersucht die Lokalkommission, alle Aenderungen resp. Neuaufnahmen an die nnchberzeichneten KommissionSmitglieder bis spätestens Freitag, den 5. Januar er., gelangen zu lassen: Für den I. Wahlkreis an den Genossen Jakob Ege, Roß- straße 23. Für den H Wahlkreis an den Genossen Heinrich Schröder, Krcuzbergstr. IS. Für den III. Wahlkreis an den Genossen Karl König, Jahnstr. 24. Für den IV. Wahlkreis an den Genossen Karl Rott, Straß- mannstraße 29. Für den V. Wahlkreis an den Genossen Friedrich Rausch. sinsstr. 12. Für den VI. Wahlkreis an den Genossen Richard H e n s ch e l' ilinerstr. 51. Für Teltow-BecSkow an den Genossen Karl Rohr. Rixdorf, Thomasstr. 27. Für Niederbarnim an den Genossen Robert R i e ck. Rummels- bürg, Kantstr. 22. Für Potsdam-Osthavelland an den Genossen Karl Linz, Spandau, Mittelstr. 13. Für diverse Orte an den Genossen G, N o w a g, Strausberg (Stadt), Wallmiihlenstraße. Besonders muß darauf hingewiesen werden, daß nach dem 5. Januar einlaufende Meldungen für die Lolalliste nicht mehr berücksichtigt werden können. Alle Zuschriften, Mitteilungen 2C. aus den einzelnen Kreisen sind stets durch die oben angegebenen Kommissionsmitglieder an den Obmann der Kommission zu senden und nicht direkt an die Redaktion des„Vorwärts", da hierdurch nur unnötig Verzögerungen eintteten. Alle im Verbreitungsgebiet der Lokalliste erscheinenden Parteiblätter lverden um Abdruck ersucht. Der Obmann der Lokalkommission Richard Henschel. N. 28, Wollinerstraße 51 H. Charlottendurg, VI. Bezirk. Mittwoch, den 3. Januar, abends $l/2 Uhr, Zahlabend bei Grafunder, Wielandstraße. Steglitz. Die Tagesordnung der Mitgliederversammlung am 3. Januar ist folgende: 1. Vortrag des Genossen P. Dupont:„Das »eue Jahr im Zeichen der Revolutton." 2. Diskussion. Z.Abrechnung vom 1. Quartal. 4. Berichte von der Kreisgeneralversammlung und der Generalversammlung von Groß-Berlin. ö. Wahl einer Gemeinde- ivahlkommission. 6. Verschiedenes. Guter Besuch wird bestimmt erwartet. Mariendorf und Umgegend. Der Wahlverein hält am Mittwoch. den 3. d. M., abends 8 Uhr, im Lokale des Genossen Reichardt, Mariendorf, Chausseestr. 16, seine regelmäßige Mitgliederversammlung ob. Da außer dem Vortrag des Genossen Groger und Bericht der Delegierten unter Vereinsangelegenheiten sehr wichtige Punkte zu erledigen sind, werden die M'.tglieder ersucht, recht zahlreich zu er- scheinen. Gäste, auch Frauen, haben Zuttitt. Reinickendorf und Umgcgegend. Am Donnerstag, den 4. Januar, abends 8Vjj Uhr, findet bei.Meinhardt, Reinickendorf- Ost, Haüptstr. 50/ 51, eine kombinierte Versammlung der drei Wahlvereine Reinickendorf-Ost, Reinickendorf- West und Wilhelmsruh statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Vertrauensmannes. 2. Neuorganisation des Bezirks. Referent: Genosse Kemnitz 3. Neuwahl der Funktionäre. 4. Verschiedenes. Genossen! Diese wichtige Tagesordnung verpflichtet Euch, alle zu erscheinen.-Ker Vertrauensmann. Vorort- I�admcbten. Lhnrkottcnburg. Die zu Donnerstag, den 28. Dezember einberufene Sitzung der Gcwerkschafts-Delegicrtcn und-Vorstände hatte zunächst die Auf- .gäbe, die Propaganda für die von der hiesigen Ortskrankenkasse arrangierten voltstümlichen Vorträge über Gesundheitspflege vor- zubereiten. Es wurden zu diesem Zweck den einzelnen Gewert- schaften Handzettel in genügender Anzahl zur Verbreitung über- geben, außerdem wurde jedem T-ilnehmer zur Pflicht gemacht, in den Versammlungen auf die Zweckmäßigkeit der Vorträge hinzu- weisen. Der Vorstand(zenanntcr Kasse beabsichtigt, noch neben diesen Vorträgen praktische Kurse für erste Hülfelcistung bei IluglückSfällen abzuhalten und wurde, da die Notwendigkeit für jeden Beruf außer Frapze steht, zu'' regen Teilnahme aufgefordert. Anschließend hieran stand das Ergebnis der letzten Delegierten- und Vorstandswahlen zur Qrtskrankcnkajse zur Diskussion. Allseitig wurde die Tatsache konstatiert, daß die Teilnahme an den Wahlen unsererseits nicht die gewesen ist, wie es die Bedeutung derselben erfordert. Ueber die zukünftige Taktik auf Grund�der letzten Vor- kommnisse wird eine spätere Sitzung beschließen. Sodann gab Gen. Pocscnecker den Bericht der am 17. Dezember stattgehabten Sitzung der Kartelle der Provinz Brandenburg. Der Belastung der 5lar- telle von 4 Pf. pro Mitglied und Jahr zur Durchführung des auf der Konferenz gefaßten Beschlusses wurde zugestimmt. Zu den Gewerbegerichtswahlen, auf deren Bedeutung Gen. Flemming nochmals hinwies, lag ein Antrag der lokalorganisierten Gewerkschaften vor, bei der diesmaligen Aufstellung der Kandidaten berücksichtigt zu werden. Nach kurzer Diskussion wurde � der Antrag abgelehnt. Die Kommission für Beseitigung des Kost- und Logiswesens wird im neuen Jahr, nachdem die Neuwahlen der Delegierten statt- gefunden haben, ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Ueber die An- rcgung des Gen. Jost, das eventuell zu gründende Lokalparteiblatt rege zu unterstützen, entspann sich eine lebhafte Diskussion. Von allen Rednern wurde darüber 5ilage geführt, daß der„Vorwärts" trotz der ominösen„Vorortsbeilage" nicht den Bedürfnissen der Vororte auf politischem und gewerkschaftlichem Gebiete Rechnung getragen habe. Den Höhepunkt erreichte die Entrüstung, als vom Ausschuß mitgeteilt wurde, daß sogar die Veröffentlichung der Sammlungen für die ausgesperrten Elektro-Arbeiter trotz wieder- holten Gesuches zurückgewiesen wurde. Im Hinblick auf alle diese Tatsachen und auf den letzten Wahlkampf herrschte über die Not- wendigkcit eines Lokalblattes in Rücksicht auf die EntWickelung des politischen und gewerkschaftlichen Lebens nur eine Meinung. Bei vorgerückter Stunde wurde auf Antrag dieser Punkt zur nächsten Sitzung vertagt. Zu diesem Berichte möchten wir folgendes bemerken: 1. Die Veröffentlichung der Ouittung über Sammelgelder für de» Elcktrostreik wurde nicht nur der Gewerkschaftskommission in Charlottenburg, sondern denen aller Vororte abgelehnt, weil die Berliner Gewerkschaftskommission, die allein von der Gcneralkommission Ermächtigung zur Herausgabe von Sammel- listen hatte, gegen diese Veröffentlichungen Ein» spruch erhob. Das hätte der Ausschuß loyalerweise auch mit- teilen sollen. Auch wäre es Wohl sachdienlich gewesen, wenn der GenosseJost und die Redner bestimmte Fälle angeführt und erklärt hälten, ob die Fälle, über die sie glaubten Beschwerde führen zu müssen, jemals der zuständigen Jilstanz, der Preßkommission, unterbreitet sind. Unseres Wissens ist seit Jahr und Tag keine Beschwerde aus Charlottenburg an die Preßkommission ge- richtet worden. Haben die Genossen Beschwerde zu führen, so sind sie als Demokraten so berechtigt wie verpflichtet, die Be- schwerden den zuständigen, von ihnen selbst eingesetzten Instanzen zu unterbreiten. Wird statt dieses WegcS der von einigen Gcwerkschafts- delegierten jetzt gewählte Weg eingeschlagen, so richtet sich das Per- halten selbst. Das Vorgehen der GewerkschaftSdclegierten ist umso auffälliger, als den Parteigenossen kaum unbekannt sein kann, daß die zuständigen Instanzen(Preßkommiffion und Parteivolstand) einen Antrag be- raten, der aus umfassendere Ausgestaltimg des Borortteiles(unter Fortfall der jetzigen Vorortbeilage) abzielt und der von der Redaktion des„Vorwärts" diesen Instanzen unterbreitet ist. 2. Davon, daß die Gründung eines Lokal- blatteS für Charlotten bürg seitens der politi- schenPartei beabsichtigt worden, ist derRedaktion nichts mitgeteilt. Auch im Verband der sozialdemokratischen Bereine von Groß- Berlin ist ein derartiger Plan nicht zur Sprache gekommen, so daß angenommen werden muß, daß die Sondergründung eines Partei- lokalblatteS für Charlottenburg von den zuständigen Organisattonen noch beraten weder gar befürwortet ist. Aehnliche Pläne waren ja vor Jahren für Charlottenburg, Köpenick, Schöneberg, Weißensee, Friedrichshagen usw. von einigen Seiten geplant. Nach eingehender Besprechung der Sachlage wurde von allen zuständigen Parteiinstanzen seinerzeit anerkannt, daß die Herausgabe solcher Lokalblätter nicht dem Interesse der Partei dienen kann, vielmehr einer Verflachung der Agitation und der Aufklärung Borschub l e i st e n müsse. Die Sachlage ist heute dieselbe wie damals. In der Lehrlingsvermittelung des städtischen Arbeitsnachweises Eharlottcnburg, der mit dem freiwilligen Erziehnngsbeirat in ständiger Beziehung ist, ist im'Interesse einer sachgemäßen Auswahl von Lehrlingen die Einrichtung getroffen, daß die zur Entlassung gelangenden Schulkinder zur frühzeitigen Angabe ihres Berufes ver- anlaßt werden. So sind schon jetzt Knaben angemeldet, die für Ostern 1906 eine Lehrstelle suchen, und zwar nicht nur in den stets begehrten Metallgewerben(als Mechaniker, Maschinenbauer, Schlosser. Dreher, Graveur), sondern auch im Baugewerbe(als Maurer. Zimmerer, Maler, Töpfer, Stukkateure, Steinsetzer) sowie als Tischler, Tapezier, Bäcker. Barbier. Bild- Hauer, S t e i n d r u ck e r, Schuhmacher, Gärtner. endlich als Kauftnann, Buchhalter und Schreiber usw. Auch habe» sich eine Anzahl Mädchen gemeldet, die eine Lehrstelle als Schneiderin, Putzmacherin. Verkäuferin und Buch- h alterin suchen und endlich solche, die bereit sind, Dienst- boten stellen anzunehmen, in denen sie für den häuslichen Beruf ausgebildet werden. Die Vermittelung im städtischen Arbeits- Nachweis Charlottenburg, Kirchstraße 5, in der Nähe der Luisenkirche, sowie in der Zweigstelle für weibliches Hauspersonal am Witten» bergplatz 4, Ecke Bayreutherstraße. ist für beide Teile kostenlos. Soziales Elend. Auf dem noch unbebauten Terrain der ehe- maligcn Flora in Charlottenburg hat man kürzlich ein„Heim" von Höhlenbewohnern entdeckt. Es ist ein uraltes verfallenes Keller- acwölbc, in welchem es sich mehrere galizische Arbeiter„bequem" gemacht hatten. Durch ein großes Loch mußten die Höhlenbewohner in die Tiefe hinabsteigen. Die Nachtlager bestanden aus Heu und Stroh. Kamen die Arbeiter morgens ans Tageslicht, so wurden sie von den in der Nähe vor Anker liegenden Schiffern mit Früh- stück versehen. Die unfreundliche Witterung hat jetzt die Höhlen- bewohner aus ihrer unterirdischen Behausung vertrieben. Tchöneberg. Dem Protest der Stadtvcrordnctcn-Bcrsammlung gegen das Schul- unterhaliungsgcsctz hat sich auch der Schöneberger Magistrat an- geschlossen. In seiner letzten Sitzung ist er dem betreffenden Be- schlusse der Stadtverordneten-Versammlung beigetreten, in gemischter Deputation über Mittel und Wege zu beraten, um den durch das Schulunterhaltungsgesetz der Gemeinde drohenden Schäden und Ge- fahren wirksam entgegenzutreten. Z�riedrichsfelde. Tot aufgefunden wurde auf den Gleisen der Ostbahn zwischen Friedrichsfelde und Lichtenberg am Sonntagmorgen ein anscheinend dem Arbeiterstande angehörender Mann. Er war vom Eisenbahn- znge überfahren lvorden. Legitimationspapicre führte er nicht bei sich, so daß sich die Persönlichkeit des Toten nicht feststellen ließ. Ein Portemonnaie mit ca. 9 M. Inhalt wurde in den Taschen vor- gefunden. Die Recherchen der Polizei über die Persönlichkeit des Toten hatten bisher keinen Erfolg. Steglitz. Ei» Sttaßenbahnwagen in Brand. Sonnabendabend ll3/4 Uhr geriet auf der Straßcnbahiistrecke Groß-Lichtcrfelde-Ost— Steglitz der Wagen 6 der betreffenden Strecke in der Albrechtstraße in Steglitz vor der Gärtnerei I. C. Schmidt durch Kurzschluß in Brand. Im Nu stand der ganze Wagen in Flammen und wurde von diesen bis auf den Unterteil und den Vorderperron verzehrt. Glücklicherweise befanden sich keine Personen im Wagen. Die herbeigerufene Feuer- wehr löschte bald darauf das Feuer. Potsdam. Mit dem Brande eines großen Geschäftshauses hat in Potsdam das alte Jahr abgeschlossen. Am Silvestermorgen 9 Uhr 45 Min. wurde die Feuerwehr telephonisch nach der Hohenzollernstr. 3, wo- selbst sich die bekannte Verlags- und Versandbuchhandlung von B o n n e ß u. H a ch f e l d, zu welcher auch das Warenversandhaus I. Emil Andrae, G. m. b. H. gehört, befindet, gerufen. In dem Packraum war aus noch nicht ermittelter Veranlassung Feuer aus» gekommen. In der oberen Etage des MittelgebäudcS war der Brandherd, doch fand die Feuerwehr, als sie auf der Brandstätte erschien, bereits die ganzen Gebäude von so dichtem Qualm erfüllt, daß sie sich, unter Leitung des Brandmeisters Edel, genötigt sah, überall in den Arbeitssälen zc. die Fenster einzuschlagen, um den, Ranch Abzug zu verschaffen. Ueber Haken- und Steckleitern wurde dann von zwei Seiten mit drei Schlauchleitungen dem Feuer, das nach oben und unten und auch nach vorn und den Arbeitssälen durchbrannte, zu Leibe gegangen, wobei auch die frei- willige Feuerwehr mitwirkte. Das alte Seitengebäude brannte voll- ständig aus, doch gelang es, das Vorderhaus und das neue Hinter- gebäude zureiten. Die darin lagernden Bücher, Waren.Skripturenzc. sind aber durch den Qualm größtenteils unbrauchbar geworden. Die bisher lveißen Wände der Räume sehen mit dem ganzen Inventar vollständig schwarz ans. Der Schaden der Firma wird auf mindestens 50 000 M. geschätzt. Ihn hat die Magdeburger Feuer- Versicherungsgesellschaft zu tragen. Durch Einsturz einer Decke erlitt der Oberfeuerwehrmann Welack im Rücken leichte Kontusionen, der Feuerwehrmann Böttche eine nicht unerhebliche Kopfwunde..Ber- schiedene Feuerwehrleute wurden durch Glassplitter verletzt. Storkoiv. Ein MasscnauStritt aus der evangelischen Landeskirche steht in dem Dorfe Rieplos bei Storkow(Mark) bevor. Die Veranlassung dazu bilden nicht etwa Glaubensangelegenheiten, sondern ist in einer Demonstration gegen den dortigen Lehrer Scholz zu suchen, der fast mit der ganzen Gemeinde schon seit längerer Zeit aus gespanntem Fuß lebt. Man hofft dadurch einen Druck auf die Regierung in Potsdam resp. das Provinzial-Schulkollegium auszu- üben, damit der Lehrer aus dem Ort versetzt wird. Es vergeht fast keine Woche, wo nicht irgend einer Kleinigkeit wegen auf Grund einer Anzeige des Lehrers Rieploser Einwohner, darunter auch Schulkinder, vor dem Storkower Schöffengericht zu erscheinen haben. Als der Redakteur und Herausgeber des„Storkower Lokal- Anzeiger", Herr Kruse, vor einiger Zeit die Zustände in Rieplos in freimütiger Weise öffentlich zur Sprache brachte, strengte der Lehrer auch gegen ihn die Beleidigungsklage an und erzielte dessen Verurteilung zu einer geringen Geldstrafe. Welcher Art die Be- leidigungsprozesse sind, lehrt der Umstand, daß mehrere Schul- linder angeklagt waren, weil sie hinter dem Lehrer die Worte: „Lehrer pumpehrcr" und„Küster pumpüster" hergerufen haben sollten. Kürzlich hatte sich der Kossäth Baschin wegen Beleidigung des Lehrers Scholz zu verantworten, weil er demselben den Vor- wurf gemacht hatte, er halte vor seiner Scheune die Schule ab. Tatsächlich wurde festgestellt, daß der Lehrer während der Schul- zeit vor Baschins Scheune gestanden und einem Fuhrmann Auf- träge erteilt hatte. Baschin wurde daher freigesprochen. Sein Ver- tcidiger warf dabei die Frage auf:„O Eatilina, wie lange wirst du unsere Geduld mißbrauchen?" Köpenick. Ein mutmaßlicher Mord beschäftigt die Polizeibehörde in Köpenick. Am Nenjahrsmorgen in frühester Stunde wurde der 34 Jahre alte Holzarbeiter May Leopold in seiner Wohnung in der Müggelheimer- straße 49 mit einer Schußwunde in der rechten Schläfe bewußtlos aufgefunden. Ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben, starb L. bald darauf. Eine ganze Reihe von Begleitumständen deuten darauf hin, daß der Arbeiter sich nicht selbst die Kugel beigebracht hat, sondern daß hier ein schweres Verbrechen vorliegt. Die Polizei- behörde, welche die Angelegenheit als mutmaßlichen Mord behandelt, hat sofort die weitgehendsten Untersuchungen angestellt und die Leiche ist von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden. berliner JVachrlcbtm Die Silvesternacht hat wohl kaum in einem Vorjahre in Berlin einen solch geregelten Verlauf genommen, als diesmal. Natürlich erreichte der Neujahrstrubel wieder in der Friedrichstadt seinen Höhe- Punkt. Das prächtige Frostwetter ließ ungezählte Tausende nach der Friedrichstraße wandern und Kopf an Kops drängten sich dort die Mcnscheilinasien auf Bürgersteig und Fahrdamm. Als dann in der zwölften Stunde der erste Glvckenschlag ertönte, brauste ein viel- tausendstimmiges„Prosit Neujahr" durch die Nacht. Nun folgte der übliche Silvesterruinmel, Passanten schüttelten sich die Hände und fielen sich in die Arme, Küsse wurden ausgeteilt und geraubt und hin und wieder lvurden durch zarte Frauenhände kräftige Ohrfeigen an allzu feurige„Gratulanten" ausgeteilt. Natür- lich lenkten die„Wichstöpse" die allgemeine„Aufmerksamkeit" auf sich. Ausschreitinigeii gab es jedoch nur vereinzelt, und die Verhaftungen beschränkten sich auf lvenige Fälle. Die fest- genommenen Eyzedeittcn wurden nach der„fliegenden Polizeiwache" Unter den Linden zitiert und zumeist nach Ausnahme der Personalien wieder fceigelasseir. Durch die polizeiliche Anordnung, daß alles rechts gehen muhte, wurde der Verkehr nach Tköglichkeit geregelt. Als gegen zwei Uhr der gröhte Teil der Schutzinaiiusposten ein- gezogen wurde, marschierten Tauseude von jungen Burschen rotten- weise durch die Friedrichstrahe und veranlahten die Polizei wieder- holt zu», Einschreiten. Verletzt wurde jedoch während des ganzen Trubels fast niemand. Der Verband für erste Hülfe lieh Kraukenwagen kursieren, die jedoch nicht in Tätigkeit zn treten brauchten. Die Unfall- statlon in der Kronenslrahe, welche auf Grund der Erfahrungen früherer Ncujahrsuächte grohc Vorbereitungen getroffen, hatte nur einige letztere Fälle zu behandeln. Im Gegensatz zur Friedrichstadt Herrschte in den östlichen und nördlichen Stadtteilen tiefe Ruhe.— Im Silvestertrnbel vom Tode überrascht. Jnniitten des Neujahrstreibens in der Friedrichstrahe hat sich in der betreffenden Nacht ein tragisches Zwischenspiel ereignet. Der Hausdiener I., Besselstrahe wohnhaft, war mit seiner Ehefrau nach der Friedrich- straffe gegangen, um sich dort den Silvestertrnbel anzusehen. Plötz« lich, es war gerade zur zwölften Stunde, brach Frau I. in dem wogenden Menschenciedränge zusammen. Sie wurde sofort nach der nahen Unfallstation in der Kronenstraffe gebracht, do/» Uhr statt. Es werden mitwirken Frau Dr. Emmy Eollin-Haberlandt'sSopran), Frl. Frida Schroedcr(Alt), Frau Elsa Barlowska- Fischer lVioline) und Herr Richter« Austin(Orgel). Musikdirektor Jrrgang spielt u. a. Phantasie und Fuge über Bach. Der Eintrilt ist frei I__ Gerichts-Zcitimcf. Gefailgcnenbefrriung. Die Flucht eines Gefangenen gab Anlaß zu einer gestern vor der ersten Strafkammer des Landgerichts II verhandelten Anklage gegen den Kutscher Max Prüfer und gegen den Schutzmann B o r s z i n wegen Gefangenenbefreiung. Am 19. September mittags wurde der Handelsmann Kleinschmidt in R i x d o r f von einem Kriminalschutzmann sistiert und auf die Polizeiwache in der Bergstraße gebracht. Der den Arrestantendienst versehende Schutzmann B. sperrte den Sistierten in die Arrestanten- zelle, in welche die auf dem Korridor gelegene ehemalige Küche der zu polizeilichen Bureau- und Wachträumen benutzten früheren Privat- Wohnung umgewandelt worden ist. Der Schutzmann B., der der jüngste Schutzmann in dem betreffenden Revier war, beging nun die auch von seinen älteren Kollegen vielfach begangene Unvorsichtig- keit, die Zelle von außen zwar zuzuschließen, den Schlüssel aber im Trückerschloß stecken zu lassen, weil die ehemalige Küche manchmal auch von den Schutzleuten zum Händcwaschen usw. aufgesucht wird. Diesen Umstand machte sich der dem Sistierten befreundete Angeklagte Prüfer zunutze. Er hatte das Terrain zunächst in der Weise sondiert, daß er auf bet Polizeiwache erschien und dorthin für de» Sistierten etwas Mittagbrot, das er aus einer nahe gelegenen Restauration besorgt hatte, überbrachte. Bei dieser Gelegenheit hatte er die Situation verständnisinnig überblickt? Er hatte es später verstanden, sich unbemerkt in den Korridor zu schleichen, hatte das Schloß mit dem im Schlüsselloch steckenden Schlüssel aufgeschlossen, den Riegel zurückgeschoben und dem Kleiuschmidt zugerufen, daß er heraus- kommen könne. Dann hat er sich eiligst entfernt. Als Schutzmann Borszin, der außer mit der Ueberivachung der Arrestzelle auch noch mit anderen Obliegenheiten zu tun hatte, nach einer Weile auf den Korridor hinaustrat, fand er die Tür der Zelle geöffnet und den Vogel ausgeflogen. Der Zusammenhang der Tinge konnte bald fest- gestellt werden. Ter Angeklagte Prüfer bestritt zunächst, von"der ganzen Sache etwas zu wissen. Er ist jedoch gesehen worden, wie er eüigen Laufes die Polizeiräume verließ. Auch Kleinschmidt wollte seinen Befreier zunächst herausreden, indem er behauptete, nicht zu wissen, wer die Tür geöffnet habe. Er sei in angetrunkenem Zu- lande gewesen und in der nur halbhellen Zelle schlaftrunken mit dem Kopf an die Tür gekommen, und da habe er sich gewundert, daß diese plötzlich sich öffnete. Als ihm aber der Eid abgenommen werden 'ollte, gab er zögernd zu, daß er plötzlich seinen Namen rufen gehört und beim Oesfnen der Tür den Angeklagten Prüfer davoneilen gc- 'ehen habe. Der Staatsanwalt beantragte gegen Prüfer— sechs Monate Gefängnis, gegen Borszin aber die Frei- 'prechung, da eine Fahrlässigkeit desselben nicht erwiesen sei.— Der Gerichtshof erblickte aber doch eine Fahrlässigkeit des Schutz- manns darin, daß er den Schlüssel in der Zellentür hatte stecken lassen. Er verurteilte ihn zu 5 M. Geldstrafe, den Angeklagten Prüfer dagegen zu der hohen Strafe von einem Monat Gefängnis. Störung des Gottesdienstes. Mit plötzlichem Ausbruch religiösen Wahnsinns entschuldigte der Augeklagte M a t t i ck seine Handlungsweise, die ihn gestern unter der An- chuldigung der Störung eines Gottesdienstes und der Beleidigung vor die erste Strafkammer des Landgerichis II führte Als am 22. Oktober v. I. in der Pauluskirche in Groß-Lichterfelde Gottesdienst abgehalten wurde, erschien in der Kirch: der Angeklagte in angetrunkenem Zustande und verursachte durch sein Austreten un- liebsames Aufsehen. Als der Küster Richter ihn zur Ruhe verwies, (1904 u. 1905.) 211 Selten. __________________ und Leipzig._______ Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber» Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Luchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Smge� ac To.» Berlin SW, wurde der Angeklagte rabiat und schrie ihn Iviederholi an:„Du Heuchler I Spitzbube I Verbrecher! Blauer Kreuzbruder l" u. dergl. Er mußte mit' Gewalt aus der Kirche entfernt werden. Der An- geklagte gab gestern eine rührsame Geschichte zum bestm. Er der- sicherte wiederholt, daß er ein sehr gläubiger Christ und Besucher des Missionshauses„Blaues Kreuz" sei. Er wisse von dem ganzen Vorgange gar nichts und könne nur annehmen, daß er plötzlich in religiösen Wahnsinn verfallen sei, oder daß ihn böse Menschen betrnnkc» gemacht und sich einen Ulk daraus gemacht haben, ihn in diesem Zustande in die Kirche zu bugsieren. Da nach Aussage der Zeugen der Grad der Angetrunkenheit des Angeklagten nicht sehr hoch war, so verurteilte der Gerichtshof den letzteren zu drei Monaten und zwei Wochen Gefängnis. Strafverfahren wegen Windstreichcns. Aus Bismark in der Alt- mark berichtet„Der Altmärker" über ein gar wunderlich duftendes Strafverfahren: Am 17. Mai d. I. nachts gegen 12'/,, Uhr unterhielt sich der Schlossergeselle Max Meinecke mit seinem Freunde in Bismark am KreuzungSpnnkte der Breite- und Altenstraße. Zu derselben Zeit kani der P o l i z e i s e r g e a n t der Stadt Bismark an ihnen vorüber. In diesem Augenblick muffte eS dem Meinecke passieren, daff sein hinleres«prachrohr einmal kräftig ein- setzte. Hierin erblickte der Polizeibeamte eine strafbare Uebertretnng und forderte den Meinecke, um derartiges nicht wiederholen zu können, auf, sich zu enlsernen, welcher Ailfforderung dieser jedoch, da er sich nichts Böses bewufft war, nickt sofort nachkam. Die Polizeiverwaltung in Bismark hielt Meinecke des groben Unfugs und der Uebertretnng der§Z 35, 145 und 147 der Polizeiverordnnng für die Stadt Vismark vom 4. Dezember 1894 für schuldig und v..hängte über ihn eine Geld st rase von 5 Mark. Das Schöffengericht in BiSmark trat dieser Ansicht jedoch nicht bei und sprach Meinecke aus den von ihm eingelegten Einspruch frei. Der AintSanwalt Bürgermeister F r o e l i ch legte hiergegen Berufung ein.— Die Stcndaler Strafkammer konnte jedoch in dem Ver- halten de? Meinecke, zumal dieser bei dein„schrecklichen Ereignis" keine unflätigen Gebärden hatte bemerkbar werden lassen, ein strafbares Tun nicht erblicken und schloff sich daher der frei- sprechenden Entscheidung des Vorderrichters an. Bislang sind also, abgesehen von dem Polizeibeamten, der die Anzeige erstattete, drei polizeiliche oder slaotsanwalrliche Beamte, vier gelehrte Richter und zwei Schössen mit der anrüchigen Sache befaffr. Geht das Glück gut, so werden auck noch fünf Richter des Kaminergerichts hochnotpeinlich zu untersuchen haben, ob das Allzumenschliche als strafbare Handlung zu erachten ist, wenn ein Polizeibeamter„im Interesse der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit des PnblikninS" sich gegen feine eventuelle Erlösung wendet. Beharrt das Kammergericht auf dein in vielen Streit- Prozessen betätigten Irrtum, da'ff allein, der Schutzmann, nicht das Gericht, darüber zu befinden habe, ob die polizeiliche Aufforderung im Interesse der öffenllichen Ruhe usw» ergeht, so wird es zur Auf- Hebung des landgerichtlichen Urteils gelangen müssen. Es ist aber zu hoffen, daff im vorliegenden Falle der Strafsenat sich nicht auf den guten Polizeiriecher verlassen, sondern seine Nase in die Sache selbst stecken und zu einer Freisprechung gelangen wird. Ei» ReichStagsabgeordnetcr Weinpantscher? Die Strafkammer des Landgerichts Frankenthal(Pfalz) hat die neuntägige VerHand- lung— über den Beginn deS Prozesses berichteten wir in dem „Vorwärts" vom 21. Dezember— gegen den Weingutsbesitzer und Reichstagsabgeordneten Sartori ns(freis. Vp.) nachts um 2 Uhr des Sylvestertages beendet. Das Urteil gegen den wegen Ver- fälschung von Wein durch Zusatz von Wasser und Chemikalien An- geklagten kantet auf Geldstrafe von 3000 Mark, eventuell 100 Tagen Gefängnis. Das Gericht nimmt an, daß ver Angeklugtc gegen das alte und neue Weingesetz und gegen das NahrungSmittelgeietz in den letzten 5 Jahren dadurch fortgesetzt vörstoffen habe, daff er nicht- gesliudheitsschädliche Stoffe dem Wein beigesetzt, ihn übermäßig ge- sireckt habe. Der Staatsanwalt hatte 3 Monate Gesäugnis und 3000 Mark Geldstrafe beantragt. Die Gutachten lauteten sehr ver- schiedenartig. Der Angeklagte hat Revision einlegen lassen. In dem Prozeß wegen des Spremberger Eisenbahnunglücks hat der verurteilte Stationsajsistent Stullghs auf Einlegung der Revision verzichtet. Der Hausscgeiischwindcl vor de.« Reichsgericht. Wegen voll« endeten und versuchten Betruges ist am 18. April 1905 vom Land- gerichte Hannover der Kunsthäudler K o n r a d G e w e ck e zu vier Monaten Gefängnis und 600 M. Geldstrafe verurteilt worden. sein Reisender Dietrich ist derselben Straftat schuldig erachtet. Gewecke war Inhaber der Hannoverschen Kuustanstalt und Wieb Handel mit Haussegen usw. Die Reisenden bekamen gedruckte Pro- spckte mit, die sie in den einzelnen Ortschaften verteilen liehen. Später holten sie die Prospekte wieder ab und nahmen Bestellungen enlgege». Der Umsatz eines Jahres betrug etwa 18000 M. Im Jahre 1904 wurde bei einem Umsatz von 17 000 M. ein Rein- gewinn von 15 000 M. erzielt. Den groffarttgen Erfolg seines Unternehmens hatte Gewecke seinen Prospeklen zu verdanken, in denen es hieh. daff der Erlös zum Teil für arme Krüppel- linder bestimmt fei. Tatsäcklick hat G. 600 M. jährlich an zu- sammen fünf Krüppelkinder ausgezahlt, die er durch Inserat kennen gelernt hatte. Der Prospekt begann: Die Hannoversche Kunst- anstatt ist eine wohltätige Anstalt. Sie kann aber nicht allen An- forderungen genügen und wendet sich an weitere Kreise zur Be- schaffung der Mittel dazu usw. Dies« und noch andere Angaben des Prvspekles sind nach der Feststellung des Gerichtes unwahr und zur Täuschung über das Wesen der genannten Knnstanstalt geeignet. Dietrich hat die ihm zur Last gelegten Handlungen dadurch be- gangen, daß er die Hanssegen veri rieb.— Die Revision der beiden Angeklagten wurde vom Reichsgericht am 30. Dezeinbcr verworfen. Hiiö der frauenbewegung. Treptow-Baumschulcuwcg. Der hiesige Franenbildungsverein hält am DoinierSiag, de» 4. d. M., abends 3'/« Uhr, im Lokale von Schmidt, Treptow, Kiefholistr. 22,«üne Mitglicderversannnlung ab, in der eine Vorlesung slatlfinden wird. Gäste willkommen. Regen Besuch erwartet__ Der Vorstand. eingegangene Driichrcbriften. „Die Neue Gesellschaft". Sozialistische Wochcnlchrist. Heraus. geber: Dr. Heinrich Braun und Vit) Sraiün. Verlag: Berlin W. 15. Preis für das Einzelheit 10 Pf., pro Monat 40 Pf., pro Vierteljahr 1,20 M. Das 1. Heft des 2. Bandes ist erschienen. Ed. Bernstein. Die.hculige Iozialdemokratie in Theorie nnd Praxis. Unter diesem Titel ist soeben im Verlage no» G. Birk u. Co. in München eine Antwort Bernsteins auf die Artikelserie der„Kölniidcn Zeitung"! „Die heutige«ozialdrmokratic" erschienen,(öl Seiten. Preis t M.) Protokoll der vietten ordentlichen Generalversammlung des Zentral- oercms der Formstecher und deren Hülssarbeiter Deutschlands. 114 seilen. Selbstverlag. »Das Gewerbe- und Kanfmannsqe'richt". Monalsschrist des Per- bandes Dcutlchcr G-wcrbe- und KaitfmannZgerichte. Herausgeber: Dr. I. Jastrow(Professor, Stadwat), Chnrivltenburg-Berlin. Dr. K. Flcsch (Stadtrat), Franks ml a. M.—„Der Arbeitsmarkt". Halbmonatsschrist der Zentralstelle fir ArbeltSmarkt-Berichte.(Herausgeber Prof. Dr. Jastrow, Berlin. Verlag beider Schrisien: Georg Reimer, Berlin W. 35.) „Report of the librarian of Congreß anil roport of tho Superintendent of the library building and grounds"(for tho fiscal yenr ending juno 30, 1905) Washington 1905(Governement printing Office). Dlatlstische Erhebungen über die Erwerbsverhälkisse der Sattler Deutschlands im Jahre 1905. 52 Seiten..H erausgegeben vom Vorstand des Verbandes der Sattler. Bearbeitet von P Blum. Adalbcrtsw. 56. 5t. v. Pjartcnberg. Cetorora cansoo! Militärische Bedenken. Preis 3 M. Vorlag, H. Minden, Dresden