N-.«. H&«nnei)entS'Bedfnflungfn: (Slonnementt. Preis»rinumerand» j «erteljShrl.».so MI.. monaN. l,l0 MI, wöchentlich 23 Pfg. frei in» Hau». «inzeine Nummer S Pfg. Sonntag«, «immer mit illustrierter Sonntags» ieilage.Die Neue Welt" 10 Psg. Post» Monnemenl: 1.10 Mark pro Monat i-tngettagen w die Post- Zeitung», Preisliste. Unter Kreuzband fftt deu»Ichland und Oesterreich- Ungarn » vi«», für da« tibrige«uSIan» » Mari pro Monat. S3. Jahrg. VI« liilettlons-kZedilhr »etrSgt fitr die sechsgespaltene Kolonel. «eil« oder deren Raum«0 Pfg., für politische und gewerkschastliche Vereins- und LersammIungS.Änzeigen 2S Psg. „Uleine»„-eigen", da? erste lfetl- gedruckte) Wort 10 Psg., jede» weiter« Wort S Psg. Worte über 1K Buchstaben zahlen für zwei Worte. Inserate siir die nächste Nummer müssen bis K Uhr nachmittags in der Erpedition abgegeben werden. Die Expeditton ist»n Wochen. tagen bi» 7 Uhr-bendS, an Son». icnd Festtagen bis 3 Uhr dormittags geöffnet. CfMdat agil» auBir niontaa», Vevlinev VolKsblÄkkr relegramm-Udreffe: „Zoiiilätmoltkill»tk»»". Zcntralorqan der fozialdcmokrati fchen parte» Dcutfcblanda. Redahtion: 8M. 68, Lindcnstraeae 69. frcrnftircdier: Amt IV. Nr. IflSÄ. Dienstag, den 9. Januar 1999. Expedition: 8M. 68» �.indenstravse 69. iprriistircitirr: Amt IV. Nr. Wie wirkt das preußische j Dreiklassenwahlrecht? Ueber das Ergebnis der allgemeinen Wahlen zum preußi- scheu Abgeordnetenhaus im Jahre 1303 hat das statistische Landesamt eingehende Untersuchungen angestellt und ver- öffentlicht, aus denen man ein Bild von den Wirkungen des Dreiklassenwahlsystems, des elendesten und widersinnigsten aller Wahlsysteme, gewinnt. Die Zahl der Urwähler, d. h. der über 24 Jahre alten bcrfügungsfähigen preußischen Staatsangehörigen männlichen Geschlechts macht rund ein Flinftel der Gesamteinwohner- zahl des Staates aus. Sie belief sich 1903 auf 7 191 963. Davon entfielen auf die erste Klasse 238 845 oder 3,36 Proz., auf die zweite Klasse 856 914 oder 12,97 Proz., auf die dritte 6 996 291 oder 84 57 Proz., so daß ein Wähler erster Klasse so viel Einfluß hat wie 25 Wähler dritter Klasse. Diese zweiter Klasse so viel wie 7 Wähler dritter Klasse. Diese Zahlen gelten natürlich nur im Durchschnitt für den ganzen Staat. Da die Drittelung»n den einzelnen Wahlbezirken erfolgt, ergeben sich da stellenweise noch viel größere Unter- schiede im Verhältnis der Wahlstimmen der drei Wählerklassen zu einander. Es kommt sehr häufig vor, daß ein einziger Urwähler die erste Klasse für sich allein bildet, weil seine wirkliche oder auch nominelle Stcucrleistung ein Drittel oder mehr von der Gesamtsteuersumme des Bezirkes ausmacht. Ja, auch die zweite Klasse wird noch häufig durch einen ein- zigen Urwähler gebildet. In kleineren Fabrikorten kommt es deshalb vor. daß eine einzige Geschäftsfirma durch ihre Firineninhaber und oberen Angestellten die beiden ersten Klassen für sich monopolisiert. In den Gutsbezirken tut das der Gutsbesitzer mit seinen Angestellten so wie so durchweg. Nach amtlicher Fesistellur 1 gab es Wahlbezirke, in denen die beiden oberen Klassen lhirch je einen oder zwei Urwähler gebildet wurden: !. Klasse U. Klasse 1 Urwähler 2 Urwähler 1 Urwähler 2 Urwähler in den Städten. 473 Bezirke«34 Bezirke 9 Bezirke 1« Bezirke auf dem Lande. 168«, 1136, 70, 115, überhaupt. 2159, 1770» 79„ 131„ Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß in einigen dieser ' Abteilungen erster oder zweiter Klasse der alleinberechtigte Urwähler zwei W a h l m ä n n e r zu wählen hat, was von dw Größe des Wahlbezirkes abhängt, so daß ein solcher Ur- wählerprod dann schon in eine der niederen Klassen hinab- steigen muß, um sich da einen Wahlmannskollegen auszu- suchen. Durchschnittlich kommt ein Wahlmann auf folgende Zahlen von Ilr Wählern; in der I. Kl. in der II. Kl. in der HI. KI. in den Städten,. 4,31 17,06 142,80 auf dem Lande.. 6,80 22,06 142,23 überhaupt.... 6,67 19,87 142,52 Selbst bei den Durchschnittszahlen für den ganzen Staat tritt also das ungeheuerliche Mißverhältnis zwischen den Stimmen der drei Klassen wieder grell zutage. Die plutokratis�he Klasseneinteilung wirkt aber oben- drein in den einzelnen Wahlbezirken ganz verschiedenartig, je nach der sozialen Struktur der Einwohnerschaft. Besonders in großen Städten, wo gewisse Stadtteile als Wohnungs- quartiere von den ivohlhabenden Klassen bevorzugt werden, kann es vorkommen, daß Leute mit Hohem Einkommen in die dritte Klasse hinunterrutschen, während in anderen Stadt- gegendcn schon Proletarier niit einem wenig das Durch- schnittsnivcau gewöhnlicher Lohnarbeiter übersteigenden Ein- kommen in der zweiten oder gar ersten Klasse wählen. Bekannt ist, daß in der Wilhelmstraße in Berlin ver- schiedene Minister in der dritten Wählerktasse wählen, während- die oberen beiden Klassen von Millionären monopoli- siert werden. In einem Wahlbezirk in Altona wählen die Bordellwirte in der ersten, der Polizeipräsident in der dritten Klasse. Umgekehrt ist es der Sozialdemokratie möglich ge- wesen in Berlin und anderen großen Städten sogar eine An- zahl von Wahlmännern erster Klasse sich zu sichern, weil in einzelnen Wahlbezirken der Arbeiterviertel auch die Mehr- zahl der Urwähler erster Klasse aus Arbeitern bestand. Als Beispiel mag dienen, daß die Grenze zwischen der zweiten und ersten Klasse bei einer jährlichen Steuerleistung von 5 bis 39 M. in 481 ländlichen Bezirken und 25 städtischen UrWahlbezirken, während andererseits in 65 städtischen und 1 ländlichen UrWahlbezirk dritter Klasse die obere Grenze über 3999 M. jährliche Steuer hinausging. Solche Beispiele auffälliger Ungleich- heit sind zwar kennzeichnend für die Absurdität des ganzen Verfahrens, sie zeigen aber auch um so deutlicher, Ivas es mit der Behauptung aus sich hat. das preußische System bringe den berechtigten Einfluß von Bildung und Besitz zur Geltung. Tatsächlich ist es nur das Geldprotzentum, das darin seine Orgien feiert. Die Bildungsaneignung ist zwar in der kapitalistischen Ordnung dem Besitzenden weit eher zugänglich als dem Nichtbesitzendcn. Die tatsächliche Bildung ist aber keineswegs eine Begleiterscheinung des Besitzes, und die politische Bildung, die bei staatlichen Angelegenheiten in erster Reihe in Betracht konmit, ist unter dem klassenbelvußten Proletariat heuzutage in Deutschland als Frucht jähr- zehntelanger Klassenkämpfe weit höher entwickelt, als unter irgend welchen Schichten dpr herrschenden Klasse.>-- Ist schon den Arbeitern beinahe bis zur Entrechtung das Wahlrecht durch das plutokratische Klassensystem verkürzt worden, so wirkt ein anderer Umstand noch weiter auf die Dezimierung ihrer an sich so wie so schon kümmerlichen Rechte hin. Das ist die W a h l k r e i s e i n t e i l u n g, die ansdemJahre1869 datiert. Nach dem damaligen Be- Völkerungsstand hatten die Wahlkreise eine annähernd gleiche Einwohnerzahl. Seitdem hat sich durch das Wachstum der großen Städte und der Jndustriebezirke die Bevölkerung er- heblich verschoben, so daß jetzt bei den Landtagswahlkreisen genau wie bei den Reichstagswahlkreisen in der Einwohner- zahl klaffende Unterschiede zutage treten, die auf eine aber- malige Beeinträchtigung der Rechte der städtischen Wähler hinauslaufen. Wie diese Bevölkcrungsverschiebung gewirkt hat, mag an einigen Beispielen gezeigt werden. Dabei ist zu beachten, daß die Landtags Wahlkreise meist auf die Wahl von zwei oder drei Abgeord- n e t e n zugeschnitten sind. Um einen richtigen Maßstab für den Vergleich zu gewinnen, sind deshalb in den folgenden Daten die Einwohnerzahlen und die Wählerzahlen der ein- zelnen Wahlkreise durch die Zahl ihrer Abgeordneten dividiert worden. Es entfielen demgemäß in den zehn größten Wahlkreisen auf je einen Abgeordneten: Einwohner Urwähler 1. Berlin 3 lNorden).. 374 475 89 796 2. Teltow, Charlottenburg zc. 344 253 84 323 3. Dortmund, Bochum zc... 323 647 67 696 4. Äattowitz, Beuthen zc... 304 223 62 810 5. Essen, Duisburg zc.... 264 259 66 659 6. Stadt Stettin..... 210 702 47078 7. Verlin 4inal so viel Stimmen auf als die Gegner und blieben bei der Abgeord- netenwahl dennoch mit 1199 Wahlmannsstiminen uin 406 Stimmen hinter den bürgerlichen Parteien zurück. In einigen anderen Wahlkreisen, in denen die Sozial- demokratie ansehnliche Stimmenzahlen erhielt, ergaben sich folgende Resultate: Es erhielten Wahlmänner: die die " Sozialdemokratie anderen Parteien Oberbarnim, Niederbarnim... 327 1038 Teltow, Charlottenburg zc... 667 1845 Brandenburg....... 116 576 Stettin......... 139 578 Breslau........ 228 1300 Magdeburg..... 145 647 Altona....... 206 859 Stormarn....... 96 245 Linden bei Hannover.... 141 19» Bielefeld zc........ 136 827 Dortmund, Bochum zc..... 163 8165 Frankfurt a. M....... 84 549 Solingen, Lennep zc.... 83 831 Essen, Duisburg zc... 127 2336 Wie sehr das Dreiklafföwvuylsystem zuungunsten des klassenbewußten Proletariats auf das Endergebnis der Ab- gcordnetenwahlen einwirkt, erhellt am deutlichsten aus einem Vergleich des W a h l a us f a l le s bei den preußischen R ei ch s t a a s w a h l e n 1993 und den kurz nachher vorgenommenen Landtagswahlen. Es ist in diesem Vergleich in Betracht zu ziehen, daß a u f Preußen 236 Reich stagsabgeordncte entfallen, während es 433 Landtagsabgcordnete hat. Es erzielten also 1993 in Preußen die Parteien Abgeordnete: für den für das Reichstag preufc. Abgeordiietenh- Konservative...... 48 143 Freikonservative..... 19 60 Nationalliberale..... 26 79 Freisinnige Vereinigung.. 6 8 Freisinnige Volkspartei.. 14 25 Zentrum....... 58 97 Polen........ 16>13 Antisemiten...... 10 0 Verschiedene...... 7 8 Sozialdemokraten... 33_ 0_ Zusammen 236 433 Der reaktionäre Charakter des Abgeordnetenhauses tritt in diesen Zahlen klar zutage. Die Konservativen, Frei- konservativen und Nationalliberalen zusammen bilden dort eine entschiedene Mehrheit von 282 Stimmen, während im Reichstag von den preußischen Abgeordneten nur 83, also 35 weniger als die Hälfte zu diesen drei reaktionären Parteien gehören. Aus den anderen deutschen Staaten erhalten diese drei Parteien nur noch einen Zuwachs von 43 Stimmen, so daß sie mit insgesamt 126 Stimmen, um 73 Stimmen unter der Hälfte, in entschiedener Minderheit sich befinden. So stellt sich das Dreiklassenwahlfystem in seinen Wir- kungen dar als eine schmähliche Verhöhnung der großen Masse des Volkes. Es wird ihm als Recht ein Wahlsystem vorgegaukelt, das nur ein Trugspiel ist, eine taube Nuß, die verdient, sobald wie möglich auf den Kehrichthaufen der Ge- schichte geworfen zu werden. Gutwillig werden die herrschenden Klassen sich nicht zur Abschaffung dieses schmählichen Wahlunrechts entschließen. Was Regierung und bürgerliche Parteien dem Volke unter dem Namen einer Wahlreform bieten, werden wir in einer besonderen Betrachtung erörtern. Auch das ist nichts als Blendwerk. Nur in dem eigenen Willen, in der eigenen Tatbereitschaft hat das Volk die Gewähr für die Sicherung seines Anreötfes auf den vollen Einfluß im politischen Leben, der ihm auch in Preußen gebührt I Das Marokko-Weitzbuch. DaZ offiziöse Telegraphenbureau bringt heute einen sechs Spalten langen Auszug aus den Dokumenten, die in dem Marokko- Weißbuch enthalten sind. Dieses selbst besteht aus einem Heft von 42 Seiten und enthält 27 Nummern. Es beginnt mit einer Wieder- gäbe von englischen und französischen Zeitungsäutzerungen, aus denen die in französischen Kreisen gegenüber Marokko gehegten Monopolwünsche hervorgingen und die andererseits beweisen sollen, daß sich der französische Gesandte in Fez auf ein Mandat Europas zur Durchdrückung der Reformen berufen habe. Da die Zeitungsstimmen selbst nicht mitgeteilt werden, ist es uns un- möglich nachzuprüfen, ob ihr Inhalt wirklich richtig wieder- gegeben ist. Das erste amtliche Schriftstück, das mitgeteilt wird, ist ein Bericht des deutschen Konsuls Bassel in Fez vom 21. Februar 1905, in dem behauptet wird, daß der Sultan den Konsul gefragt habe, ob sich der französische Gesandte wirklich auf ein all- gemeines Mandat berufen könne, eine Frage, die vom Konsul für Deutschland verneint worden sei. Am 21. April berichtet derselbe Konsul, daß der Sultan sehr empört darüber gewesen sei, daß Delcasse ahr 31. März im französischen Senat behauptet habe, die marokkanische Regierung habe die Ratschläge Frankreichs erbeten und die Zusicherung gegeben, diese Ratschläge zu befolgen. Das seien Unwahrheiten, wahr dagegen sei, daß der französische Botschafter Saint Rene Taillandier sich ihm selbst gegenüber als der Beauftragte Europas aufgespielt habe. Am 15. Mai berichtete der deutsche Gesandte Graf Tattenbach, .daß der französische Gesandte in Fez im Auftrage Delcasses erklärt habe, die französische Regierung würde es für eine Beeinträchtigung ihrer Interessen ansehen, wenn die französischen Reformvorschläge den Signaturmächten zur Kenntnisnahme und Aeußcrung unter- breitet würden. Keiner anderen Macht stehe das Recht zu, in marokkanischen Angelegenheiten zu intervenieren. Die marokkanische Regierung habe sich den französischen Vorschlägen zu fügen. Daraufhin wandte sich am 22. Mai der Reichskanzler an den Bot- schafter in Paris mit der Instruktion, dem Minister Rouvier dar- zulegen, daß er unmöglich ein derartig stürmisches Vorgehen gegen- über Marokko billigen könne. Weiter wird in dem Weißbuch eine Reihe von Aktenstücken über die Verhandlungen zwischen dem deutschen Botschafter in Paris und dem damaligen Minister des Aus- wältigen, Delcasse, veröffentlicht. Auf di« Beschwerde, daß Deutschland von dem englisch-französischen Vertrag keine offizielle Kenntnis erhalten habe, erwiderte Delcasse, daß ihm ein solcher Gedanke nicht gekommen sei, da ja der Vertrag selbst seinerzeit sofort der Oeffentlichkeit übergeben worden sei. Von dem spanisch-französischen Vertrage habe er seinerzeit vor der Veröffentlichung � dem-Freiherrn von Richthofen Mitteilung zukommen lassen. Er habe geglaubt, durch die Mit- tcilung dieses aus dem englisch-französischen Abkommen e n t- springenden Vertrages alles nötige getan zu haben. Dieser Auffassung trat eine Instruktion Bülows an den deutschen Botschafter vom 1. Mai entgegen. Die deutsche Regierung habe eine offizielle und direkte Mitteilung nicht erhalten. Die Ver- öffentlichung des Vertrages im„Journal offiziel" genügte nicht, denn beide Arten der Bekanntgabe hätten einen grundverschiedenen Charakter: die direkte Mitteilung sei nicht ein bloßer Akt der Courtoisie, sondern eine Aufforderung, über den Inhalt des Ver- träges in Erörterungen einzutreten. Die Veröffentlichung im französischen Amtsblatt dagegen stelle die unbefragten Mitinteressenten einfach vor die vollendete Tatsache. Es folgen nunmehr zwei ausführliche Mitteilungen des Konsuls Bassel aus Fez über das französische Militär- Programm, wonach die marokkanische Armee vollständig unter französische Kontrolle gestellt werden sollte, sowie über die fran- zösische Finanzkontrolle, durch die eine vollständige An- gliederung Marokkos an Frankreich durchgeführt werden sollte. Diese Forderungen Frankreichs bildeten dann den näheren Inhalt eines Meinungsaustausches zwischen der deutschen und der fran- zösischen Regierung. Deutschland protestierte bekanntlich gegen eine einseitige Begünstigung Frankreichs. Sowohl an der militä- rischen wie auch an der finanziellen Kontrolle müßten alle Nationen gleichmäßig beteiligt sein, jeder Signaturmächt müsse das Recht auf Behandlung als meistbegünstigte Nation zustehen, vor allen Dingen müßte auch eine größere Garantie der v o l l st ä n- digen Unabhängigkeit des Sultans geboten werden. Diese Fragen seien auf der einzuberufenden internationalen Konferenz zu verhandeln. Bekanntlich hat dann auch Frankreich durch seine Erklärungen vom 8. Juli und vom 23. September in die Ein,- berufung dieser Konferenz gewilligt.— Auch diese Aktenstücke des deutschen Weißbuches beweisen wiederum, daß die deutsche Regierung zur Verschärfung des Konfliktes durch seine falsche Diplomatie sehr viel bei- getragen hat. Ter englisch- französische Marokkovertraz wurde bereits am 8. A p r i l 19 0 4 veröffentlicht. Aus dieser Publikation ging hervor, daß Frankreich in Marokko gleiche Rechte eingeräumt werden sollten, wie sie England in Aegypten besitzt. Schon aus diesem Vertrag und den Umständen seines Abschlusses ging deutlick> hervor, daß Frankreich in Marokko das Protektorat erstrebte. Ausdrücklich wurde in dem Vertrag auch betont, daß die Handels- freiheit in Marokko für 30 Jahre garantiert werde. Am 5. Oktober desselben Jahres wurde dann der Ver- trag zwischen Spanien und Frankreich publiziert, der ebenfalls keinen Zweifel darüber ließ, welche Rolle Frankreich in Marokko zu spielen gedachte. Wenn also Deutschland durch diese Verträge seine Rechte verletzt glaubte und sich in seinen Jnterefien bedroht fühlte, so hätte sich sofort nach dem Bekannt- werden dieser Verträge Gelegenheit geboten, in London und Paris vorstellig zu werden. Statt so zu verfahren und die Angelegenheit in ruhiger Weise zum Austrag zu bringen, legte sich die deutsche Regierung gewissermaßen in den Hinterhalt, um Frankreich erst in dem Augenblick Knüppel zwischen die Beine zu werfen, als es Anstrengungen machte, die mit England getroffenen Vereinbarungen in Marokko zu realisieren. Mit Recht konnte die französische Diplomatie annehmen, daß Deutschland gegen Frankreichs Pläne nichts einzuwenden habe, da es bis dahin, also während einer Frist von% Jahren, keinerlei Einwendungen erhoben hatte. Die französische Regierung mußte sich also brüskiert fühlen, als Deutschland durch seine Vertretung in Marokko den Sultan gegen die französischen Forderungen aufsässig machte. Fürst Bülow hat im Reichstag erklärt, und auch das Weißbuch wiederholt ja diese Behauptung, daß Deutschland eine Veranlassung zum Einspruch gegen das französische Verfahren dadurch erhalten habe, daß sich der französische Geschäftsträger als Beauftragter ganz Europas, also auch Deutsch- lands, aufgespielt habe Bekanntlich aber hatte, wie aus dem französischen Gelbbuch über die Marokko-Angelegenheit hervor- geht, der französische Gesandte in Fez energisch, bestritten, daß er sich auf ein angebliches europäisches Mandat berufen habe. Es ist in der Tat auch ebenso möglich, daß der Sultan von Marokko in diesem diplomatischen Intrigenspiel die Unwahrheit gesagt hat. Jedenfalls aber ist diese Motivierung Bülows krampfhast an den Haaren herbeigezogen. Der Reichskanzler wird sich niemals von dem Vorwurf reinigen können, daß er durch eine sträfliche Ver- schleppung der Angelegenheit und durch einen unvermuteten Ueber- fall die ftanzösische Diplomatie schwer gereizt hat. Vollends pro- vozierend wirken mußte die bekannte Kaiserreise nach Tanger/ Bekanntlich erklärte der Kaiser am 31. März ostentativ, daß er den Sultan als unabhängigen Herrscher besuche und hoffe, daß unter der Herrschaft des Sultans ein freies Marokko der fricd- lichen Konkurrenz aller Nationen ohne Monopol und Aus- schließungen eröffnet werden würde. Statt also auf dem Wege diplomatischer Auseinandersetzungen ein Einverständnis zu er- zielen, erklärte einfach der deutsche Kaiser das englisch-französische Abkommen kurzerhand vor aller Welt als null und nichtig! Die Folge dieses Vorgehens war derm auch, daß der französische Minister des Auswärtigen, Herr Delcasse, den abenteuerlichen Plan faßte, durch ein Bündnis mit England Deutschland die Spitze zu bieten und es möglicherweise zu einem Kriege zwischen den drei Nationen kommen zu lassen. Das Ministerium Rouvier war dann freilich vernünftig genug, sich auf ein solch frivoles va banque-Spiel nicht einzulassen, vielmehr Herrn Delcasse schleunigst über die Klinge springen zu lassen. Das deutsche Weißbuch vermag also die schweren Fehler der deutschen Diplomatie in keiner Weise in milderem Lichte erscheinen zu lassen; die aktenmäßige Darstellung des ganzen Konfliktes durch die deutsche und französische Regierung beweist vielmehr, zu welch verhängnisvollen Konsequenzen eine Diplomatie zu führen vermag, die von einigen wenigen Personen gemacht wird. Hätte Herr Delcasse sich nicht in eine Art Größenwahn hineingelebt und ge- wähnt, für seine eigene Person Weltgeschichte machen zu können, hätte vielmehr die französische Nation an der auswärtigen Politik teilgenommen, so wäre wohl von vornherein auch Dcuffchland in der Marokko-Angelegenheit gehört worden. Andererseits würde eine Kontrolle der deutschen. auswärtigen Politik die Regierung gezwungen haben, von vornherein eine andere Taktik einzuschlagen und sich jeder überflüssigen Provokation Frankreichs zu enthalten. Der ganze Fall lehrt also wiederum, welche Gefahren für den Böfleffriedcn aus der Geheimniskrämerei und dem törichten Ränke» spiel einer exklusiven zünftigen Diplomatie erwachsen müssen. Das Volk sowohl Frankreichs wie Deutschlands fordert deshalb mit vollem Fug, daß auch es bei jeder Aktion der auswärtigen Politik gehört wird. Mögen sich auch die derzeitigen politischen Machthaber noch so sehr gegen diese ganz selbstverständliche Forderung sträuben: das Proletariat wird sich auch dieses Recht zu erkämpfen wissen! Zu den Machthabern, die sich für die Marokko-Konfercnz „interessieren", kommt nun noch der Papst hinzu, der— eben so wie bei der Madrider Konferenz 1880— sich an Oesterreich-Ungarn und an Spanien mit der Aufforderung wendet, in Algeciras— Religionsfreiheit für Marokko zu fordern! Zum Tank für die Ge. Währung seiner Bitte will er das im Jahre 1830 aufgehobene Bischoftum Fez neu errichten. Auch Rußland rührt sich: Es wird sich nach einem Bericht der„Tribuna" auf der Konferenz durch den Grafen Cassini vertreten lassen. Einstweilen ist Witte von einem Vertreter der Petersburger Telegraphen- Agentur interviewt worden über die Frage, ob Komp ikationen im Anschluß an die Verhandlungen von Algeciras zu befürs ten seien. Graf Witte meinte, Deutschlands Friedensliebe sei ihm Bürgschaft für einen guten Verlauf der Konferenz. Seiner Me nung nach bc- ruhe die Ausstreuung gegenteiliger Befürchtungen auf einem schlauen Plane von Börsenleutcn, die auf Baisse spekulieren! Auch die Vereinigten Staaten bemühen sich, von vorn. herein einen guten Boden für die Verhandlungen zu schaffen. Sie lassen schleunigst alle Gerüchte dementieren, die dahingingen, daß Amerika in Algeciras auf seine Macht pochm wove. Davon aber, daß die Vereinigten Staaten darauf Verzicht n wollen, 4 Kriegs- schiffe in die Nähe von Algeciras zu entsenden, verlautet bis zur Stunde nichts. So ist es denn kein Wunder, daß sich das Gerücht verbreiten konnte, auch Deutschland bcabiicht'ge— gleich den anderen Großstaaten— ein Kre uzerge s chw ide r dorthin zu schicken. Dieses Gerücht wird von der„Köln. Ztg." energisch dementiert. Sie sagt, es sei„ schwer ersichtlich, welch ir Grund Deutschland haben könnte, bei Algeciras oder dessen Umgebung seine Flagge zu zeigen." Ganz unsere Meinung. Wenn andere Smatcn Dummheiten begehen, so braucht sie Deutschland noch lange nicht mit- oder nach- zumachen. Erst kürzlich, aus Anlaß der internationalen Flotten- demonstration gegen die Türkei, hat es sich gezeigt, daß Deutschland durch seine N i ch t e n t s e n d u n g von Schiffen am weisesten ge- handelt hat. Hoffen wir, daß es sich diese gute Lehre zu allseitigem Nutzen ein für allemal zu Herzen nimmt.— politifcbc Cld>cvrtcbt. Berlin, den 8. Januar. Ter Reichstag, der am 15. Dezember in die Ferien gegangen war. tritt am heutigen Dienstag wieder zusammen. Eine erdrückende Fülle von Arbeit harrt der Abgeordneten, die da kommen— sollen und von denen ein großer Teil nicht zu kommen Pflegt! Unter dem Eindruck dieser beschämenden Tatsache hören wir denn die Blätter fast aller politischen Richtungen am Vorabend des Wiederzusammentritts des deutschen Reichstages um den Strohhalm der Diätenbewilligung winseln, von der sie eine Reformation an Haupt und Gliedern erhoffen. Wichtiger als diese fiir unsere Partei bekanntlich nebensächliche Frage ist das Arbeitspensum, das der Abgeordneten harrt. Der Reichstag beginptnnt der ersten Lesung der Steuergesetze, an denen er gut eine Woche zu arbeiten haben wird. Es werden im Plenum folgen: die zwei Nachtragsetats für unsere herrlichen Kolonien, der Gesetzentwurf über die Ouarfterkostengelder, das Gesetz über den tlnterstlltzungswohnsitz, der Entwurf über die Ein- führung des Befähigungsnachweises im Baugewerbe usw. Die Hauptarbeit, das Budget, geht in zwei bis drei Tagen an die Kommission, die— wie schon früher auch— sich von der Fülle des Materials erdrückt sehen wird, so daß sich über- Haupt nicht absehen läßt, wann der Etat— reguläre Erledigung vorausgesetzt!— dem Plenum zur dritten Lesung unterbreitet werden kann. Die Flottenftage, die neu geplanten direkten und indirekten Steuern werden eben in allen drei Lesungen so viel Beratungs- stoff bieten, daß nach alter, schlechter Gewohnheit dem Hause für seine Anregungen, die Initiativanträge, wieder wenig oder fast gar keine Zeit verbleiben dürste. Die sozialdemokratische Fraktion muß sich nach allem auf eine überaus anstrengende Session, überreich an Arbeit, gefaßt machen.— Ein Dementi nnd seine folgen. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schrieb dieser Tage: „Zum Personenwechsel' iin Großen Gcneralstab wird in der Presse folgendes kolportiert: Ter jetzige Chef habe die Berufung auf seinen Posten zuerst erschreckt abgelehnt mit der Begründung, daß er sich den Aufgaben dieses Amtes ganz und gar nicht ge- wachsen fühle. Se. Majestät der Kaiser habe ihn darüber mit dem Hinweise beruhigt, daß er selbst ihm wirksam zur Seite stehen werde.„Im Kriege," so habe Se. Majestät bemerkt, „bin ich mein eigener Gmeralstabschef, und das bißchen Friedens- arbeit müßten Sie doch bewältigen können." Wir sind er- mächtigt, festzustellen, daß es sich bei dieser Kolpartage von A bis Z um groteske Erfindungen handelt." � Es ist erbaulich, die Aeußerungen zu lesen, die daraufhin die . Presse bringt. Die„Staatsbürger-Zeitung" heult und weint nach 'der Melodie:„Ich will's ja nie wieder tun." Sie jammert: man sei so gemein gewesen, gerade ihr die betreffende„groteske Er- sindung" zu entnehme», anstatt eine sämtlichen(?) Zeitungen zu- gehende Korrespondenz als Luclle zu bezeichnen. Der unschuldige, staatsbürgerliche, geprügelte Prügeljunge I'_ Solist liest man meist recht'erbauliche Glossen zum Dementi. So nimmt sogar der„ReichSbote" die uns gewordene Belehrung nicht kritiklos hin, sondern er sagt: „Hoffentlich entspricht dieses erwünschte Dementi wirklich den Tatsachen, denn.das Amt des Chefs des Generalstabes ist so wichtig, daß es in die Hand des tüchtigsten Offiziers gehört." Sodanii das„Berliner Tageblatt": „Ueber die Befähigung des Grafen Moltke für seinen eminent wichtigen Posten wird mit dieser Richtigstellung natür- nichts bewiesen." Und die„Freie Deutsche Presse" meint gar: „Durch dieses Dementi wird im besten Falle nur dargetan, daß sich Graf Moltke für einen fähigen Generalstabschef hält. aber nicht, daß er einer ist." Selbst die„Morgenpost" ketzert: „Erfunden mag es schon sein ber— gar nicht schlecht er- fundenl"— v Milder drückt sich dagegen die—„Berliner Volks-Zeitung" aus: „Warum die Erfindung so„grotesk" sein soll, vermögen wir nicht einzusehen Es gereicht keinem Menschen zur Schande, wenn er erklärt, er halte sich nicht für ein so schwieriges und ver- antwortliches Amt geeignet." Und die„Vossischc Zeitung" schreibt ausführlicher: „Diese offiziöse Erklärung wird die größte Ueberraschiing erregen, vermutlich in Offizierkreisen die größte. Tie Note de- zieht sich nicht nur auf die von uns l icht wiedergegebene Aeußcrung des Kaisers über das„bißchen Friedensarbeit", ein Wort, das er sicherlich nicht gesprochen har, sondern auch auf die Bc- hauptung, daß Graf Moltke zuerst das ihm angetragene Amt ab- gelehnt habe, weil er sich ihm nicht gewachsen fühlte. Dieser Teil der offiziösen Ableugnung wird kaum irgendwo Glauben finden. Uebrigens wissen vielleicht auch die Kreise, von denen die„Nordd. Allg. Ztg." ihre„Ermächtigung" erhalten hat, welche hübschen Witzworle über das Generalstabsgebäudc schon seit Jahr und Tag, seit dein ersten Gerücht, daß Gras MoUIe zum Chef aus- erschen sei, umgingen. Schließlich jedoch ist nicht die Hauptsache, ob dieses oder jenes Wort gefalle» ist, sonder» ob Graf Moltke der beste Mann im deutschen Heere ist, der für das wichtigste und vcrantwortungsschwcrste Amt gefunden werden konnte. Wir wolle» wünschen, daß die Tatsachen denen Unrecht igeben mögen, die daran zweifelten." Am schärfften haut die„Rheinisch-Westfälische Zeitung" zu, indem sie sagt: „Nun mögen die Väter des Gerüchts sprechen, das uns übrigens gar nicht„grotesk" angemutet hat, das sich vielmehr harmonisch in den„neuen Kurs" einfügen ließ." Wir können dies Tohuwabohu behaglich beschauen in der Hoff- nung, uns noch recht oft an solchen Folgen von Regierungs- dementis zu erlaben.— ••* Dcutfcbed Rdd>. Zentrumöschacher. Eine höchst interessante Charakteristik der Schacherpolitik beS Zentrums liefert die„Kreuz-Ztg." in der Besprechung-einer Aus- lassnng der altjüngferlichen, Germania" über die Stellung des Zentrums zur NeichSfinaiizresorin. Das Kropatschccksche Blatt schreibt: „In der Presse hat während der abgelaufenen Woche die Be- sprechung der Reichsfinanzreform und'des Sckniliinterhaltuiigs- gesetzes einen sehr breiten Raum eingenomme». Äiiffallend ist in beziig auf die erstere eine Kundgebung, welche die„Germania" veröffentlickt und die ihr von parlamentarischer Seite zugegangen ist. Wen» sie die Stimmung der Zentrumspartei richtig wiedergäbe, so wären die Aussichten fiir das Zustandekommen der Finanz« reform durchaus nicht so trübe, wie vielfach angenommen wird. Denn inihr wird derWert der-sölleund der Ab- gaben auf Gegenstände des M"a f s en v e r b r a u ch es offen zugegeben und auch anerkannt, daß die Ab» gaben nicht in ihrer vollen Höhe auf die Gestaltung des Einzel- Preises fiir den Verbraucher wirken. Im Zusammenhange damit wird gezeigt, wie schwierig es ist, die durchscknittliche tatsächliche Belastinig des einzelnen durch die indirekten Abgaben zahlenmäßig darzulegen. Auch wird dargelegt, daß die indirekten Abgaben des Reiches durch direkte Steuern in den Einzel st aaten und den ihnen unter- geordneten Äommunalverbänden eine Er- gänzung finden, daß also ein weitgehender Ausgleich zwischen beiden Arten der Steuern schon jetzi stattfindet. Aus dieses Ziigesländnis folgt nun zwar unveriuiltelt der Satz, daß noch eine iveitere Eiitlasluiig der schwachen Schultern erforderlich nnd deshalb nach Steuern zu suchen sei, welche die Bc- sitzenden mit höherem Einkommen in erster Linie treffen würden. Indessen dieser Satz bedeutet, wie die weiteren Aus- führiingen, doch nur eine ta.tzon de parier. Denn gegen die Erhöhung der Biersteuer und der Tabak- sofort mit r um An- also nicht n könne. nicht ohne steuer sowie gegen die Besteuerung der Kcachtbriefe und der Eisenbahnkarten zeigt der Parlamentariers der sich in der „Germania" äußert, nicht die gleich!» grundsätzliche Abneigung, wie sie die Z enirr�r-m sr e d n e r im Reichstage bekundet haben. Von-diesen unterscheidet er sich auch dadurch, daß er die Ausdehnäntg der Erbschaftssteuer auf die Abkömmlinge des Erblassers nicht«Ut�drürklich verlangt, dielmehr außer diesen— abweichend von Ker Vorlage der der- Kündeten Regierungen— sogar die Eltens l Gr oßellerit usw. von der Steuer freilassen will....;'Tbem' Nun ist diesem zwar die„Kölnische Vollazs'� der Behauptung entgegengetreten, daß es sich l.� sichten eines einzelnen Parlamentariers handle,) als Ausfluß der Stimmung in der Zentrums Das mag richtig sein. Immerhin ist die K___ Bedeutung, denn sie läßt die Hoffnung nicht völlig ausgeschlossen erscheinen, daß auch im Zentrum die Neigung, eine Verständigung mit den ver- kündeten Regierungen zu suchen, allmählich an Boden gewinnen wird." Auch die„Kreuz-Ztg.", deren Hintermänner mit dem„katho- tischen Großgrundbesitz" enge Fühlung haben, rechnet also mit der Nachgiebigkeit der Zentrumsfraktion des Reichstages in der Frage der Reichsfinanzreform, richtiger: Neichssteuervermehrung— denn auf etwas anderes laufen die Stengelschen Projekte nicht hinaus. Und das Blatt der Kanitze dürfte sich bei dieser Kalkulation kaum irren. Zwar eifert vorläufig die kleine katholische Presse in Rücksicht auf die Anhängerschaft des Zentrums in der Arbeiterschaft und den kleinbürgerlichen Kreisen noch gegen die„Belastung des notwendigen Konsums; aber der Begriff des„notwendigen Konsums" hat sich in den letzten Wochen schon recht bedenklich in den Kaplansblättern verengert, und er wird umsomehr zus am nht/zsch runrp fen, je näher die Entscheidung über die Stengelschen R«t«kWMtervorlagen heranrückt. Bisher haben bei einem Konflikt zvischrü che» Interessen der ver- schiedenen Teile der ZentrumsanhiingecschäHlsioch immer— die Zoll- tarifkämpfe liefern dafür den unwidiÄeMtrrn Beweis— die Interessen des katholischen Großgrund�e�M�nnd des in Amt und Würden sitzenden höheren Klerus da�A��j�tauptet, und sie werden auch diesmal obsiegen.— a. L erfthrchiMrsingsstcuern. Die vom Teichsschvtzan�,!»orge7chlagcnen Aenderungen der �empelstmern stoßen m ver Geschäftswelt auf starken Wider- die geplanten StempeloÄzaben auf Paketadressen eisungen. es■ Sie x mehr jede Posta von lv Pf., wobei werden fallen bekanntlich: kHücht die Höhe von 50 Pf. er« für jedes Paket, für das , eine Stempelgebühr von uS eine Stempel- eu nach dem Auslande , Ausschließende inter- 'lungsverkehr vom ®bie sich auf die beiden Abgaben stich stellen, und 17,6, die Steuer aus Post- Da ohnehin die Post seit iiKlick auf die jede nationale Uebereinkunst über de« IS. Januar 1897 stempelftei bleiben Nach der Berechnung der Reg! Postverkehrsstastik für 1963 stützt, wird sich zu erwartende Ertrag auf 25.6 Millionen Ma trägt hierzu die Steuer auf Pakete anweisungen 8 Millionen Mark bei. einen durchschnittlichen jährlichen Ueberschuß von 50 Millionen fefert, würde nach Einführung dieser beiden Verkehrssteuern hssäckel alljährlich 75—80 Millionen Mark aus dem Post- be erhalten. Di« kleine Geschäftswelt ist über diese Ausnutzung einer gnpimtion, die der Enrwlckelung des wirtschaftlichen Lebens dienen .soll, zu rein fiskalischen Zwecken höchst erbost— und mit Recht. «v«.' zu einem wesentlichen Teil trägt sie sewst die Schuld an den Stengelschen Steuerprojeften; denn gerade in ihren Kreisen findet Kjx Welt- und Flottenpolitik kräftige Unterstützung; und doch mutzte sich in Anbetracht der bekannten„Uneigennützigkeit" unsere herrschenden Klassen und ihres Einflusses auf die Regierung vornherein sagen, daß die Kosten dieser Politik in Deutschland «cht von denen übernommen werden würden, die von ihr den Vor- teöl haben, sondern daß man versuchen werde, sie als„patriotische Psficht" den ärmeren Volksschichten aufzubürden.— Die Nationalliberalen und daS Bolksschuluntcrhaltungögesetz. Die rheinischen Nattonalliberalen haben gestern in Koblenz einen Delegiertentag abgehalten, auf dem der Abgeordnete Schiffer ein Referat über den Schulgesetzentwurf hielt. Eine vom Vorstand beantragte Resolution, in welcher der nattonalliberalen Fraktion des AogeorhqetenhauseS der Dank für ihr Verhalten ausgesprochen wurde, fehnte die Versammlung ab und nahm daftir folgende Res«tutivivan: er �rheinische Delegiertentag der nattonalliberalen Partei « Vortrage des Abg. Schiffer der nattonalliberalen _____. ilbgeordnetenhauseS für ihre bisherigen Bemühungen, Bei dem Schulgesetz die von dem Zentralvorstand und dem Dresdener Dekrgiertentag eingenommene Stellung zur Geltung zu bringen.'" Dtr.Delcgiertentag hegt aber auch gegen den vor- liegenden Uebereinstimmung mit dem Referenten schwere Insbesondere verwirft er die Ueber- tragung des VoicMrs sin den ländlichen Schulvorständen an den OrtsschulinspeklovUuft Gesetzes, die beabsichtigte Zusammensetzung der Schuldepulalio» und Schulvorstände, wodurch die Geistlichkeit in unzulässiger Weise gesetzlich bevorzugt, die Mitgliedschaft anderer Männer und der Frauen aber zu sehr beschränkt wird. Der Delegiertentag beanstandet die Bestimmungen über die Verminderung der Gemeinderechte in bezug auf die Wahl und Berufung der Lehrer und Rektoren wie auch die über die Verfügung über das Schulvermögen. Der Delegiertentag spricht die bestimmte Erwartung aus, daß es der nationalliberalcn Fraktion gelingen wird, in diesen Punkten annehmbare Abänderungen herbeizuftihren und, festhaltend an der Forderung der baldigen Einführung weltlicher Aufsicht, die E n t- Wickelungsfreiheit der Simultan schule in grund- sätzlicher Gleichberechtigung mit der konfessionellen Schule im Gesetz zu sichern. Die Resolution zeugt von echt nationalliberalem Geiste und hat daher fiir denkende Menschen nur wenig Wert.„Bedenken" hat ja die nationalliberale Partei stets gegen reaktionäre Gesetze; aber die Nachhalttgkeit solcher Bedenken gehen fast nie so weit, daß ihre Fraktion im Parlament gegen jene Gesetze stimmt.— Agrarische Biehstatistik. Da« völlige Versagen der landwirtschaftlichen Zentralen für Viehvenvertung ist bekannt, die Prophezeiungen Podbiclskis nicht minder.— Den schlimmsten Neinfall haben aber kürzlich die Agrarier im Rheinlande erlebt. Der Landrat des Kreises Düren, der neue Präsident der Landwirtschaftskannner für Rheinpreußen, Herr v. Breunig, hatte in der Lolalabteilung des landwirtschaftlichen Vereins zu Dürrn von einer Feststellung berichtet, wonach im Kreise Düren zurzeit an schlachtreifein Vieh vorhanden fei: 2700 Schweine, 1624 Stück Rindvieh. 467 Kälber und 478 Schafe. Daraufhin beschloß eine von feiten der Regierung zu A a che» veranlaßte Konferenz interessierter Kreise, dieies viehreiche Gebiet durch eine unparteiische Kommission bereisen zu lassen. In die Kommission wählte man zwei Schlächtermeister, zwei Rittergutsbesitzer und den Aachener «chlachthofdirektor. Die Kommission hat jetzt einen für die Agrarier und ihre Hand- langer geradezu niederschmetternden Bericht veröffentlicht. Sie hat eine ganze Reihe bon Ortschaften und Höfen des Kreises Düren be- sucht, aber sie hat nur wenige schlachtreife Tiere kaufen können. Nach Ansicht der Kommission ist„der ganze Kreis Düren augenblicklich nicht in der Lage, die Stadt Aachen auch nur für einen einzigen Tag mit schlachtreifen: Vieh ausreichend zu ver- sorgen." Und die Kommission der Aachener Schweinemetzger- Innung, die von dem Vertrauensmann dxr Lokalabteilung Düren des landwirtschaftlichen Vereins geführt wurde und diesem die Reiseroute zu bestimmen überlassen hatte, berichtet, daß sie vierzehn Orte des Kreises besucht hat. In allen diesen Orten wurde kein einziges Schwein zum Verkauf gestellt, weil von den vorgefundenen ganzen zwanzig schlachtreifen Schweinen— der Landrat hatte von 2700 Stück geredet— die meisten für den eigenen Bedarf bestimmt. die anderen teils ver- kaust, teils zugesagt waren. Selbst der agrarische Ver- trauensmann versprach sich von der Fortsetzung der Reise nichts, weil man die viehreichste Gegend und die mit den höchsten Zahlen aufgeführten Ortschaften ausgesucht hatte. Zum Schlüsse erklärt es die Kommission als„höchst bedauerlich, daß die Vertreter der Landwirtschast ein Zahlenmaterial vorbringen, das nicht den geringsten Anspruch auf Richtig- keithat".-_ Kreuz-Zcitnngs-Patriotismus. Die„Kreuz-Ztg." fühlt sich durch die vom Pariser Schwurgericht im sogen. Antimilitaristcnprozeß gefällten Urteile hochbefriedigt. Besonders frohlockt sie über die Verurteilung des Genossen Hervs zu vier Jahren Gefängnis. Wäre daS Blatt tatsächlich so besorgt um Deutschlands Sicherung gegen ftanzösische Angriffe und Kriegs- zettelungen, wie es sich in den vergangenen Tagen des Marokko- schwindels stellte, würde seine Polittk wirklich, wie es behauptet, durch die Erhaltung der jetzigen militärischen Machtstellung des Deutschen Reiches in Europa bestimmt, es müßte die Agitation ftanzösischer Sozialisten und Friedensfreunde gegen die französischen Rüstungen und die Umtriebe der chauvinisttschen Revanchepolittker aus vollem Herzen willkommen heißen. Indes dient dem ehrsamen Organ, wie sein ganzer vorgeblicher Patriotismus, so auch seine Berufung auf die Sicherung Deutschlands gegen fremde Angriffe nur zur Ver- hüllung der von den niedrigsten Mottven diktterten Jnteressenpolitik seiner Hintermänner. Weit mehr als auf die sogen. Sicherung kommt es dem Krautjunkertum auf die Erhöhung des Präsenzstandes des deutschen Heeres an— erstens weil dadurch zugleich auch der militaristische Geist Preußen- Deutschlands gestärkt wird, und zweitens weil sich dadurch dem Offizierkorps, zu dem die von der „Kreuz-Zeiwng" vertretenen„Edelsten und Besten der Nation" das Hauptkontingent stellen, die Gelegenheit zu schnellerem Avancement bietet. Die stetige Vermehrung des Präsenzstandes läßt sich aber weit schlechter begründen und durchführen, wenn in Frankreich die Revanchepolittk abdankt, als wenn die volksfeindliche Presse vom Schlage der„Kreuz-Ztg." mit diesem Popanz zu agieren vermag. Daneben spielt noch ein anderes Motiv für die Scribifaxe der „Kreuz-Ztg." mit: die Einbildung, daß durch derartige drakonische Urteile, wie sie das Pariser Schwurgericht fällte, die EntWickelung der Sozialdemokratie gehindert wird— mahnt doch daS Blatt die deutsche Regierung gleichfalls zum Schluß, zu beweisen,„daß sie gegen die ausgesprochen v a ter l a n d s v e r- räterische Propaganda der Sozialdemokratie keineswegs ohnmächtig ist."— Gegen die Stencrpläne der Regierung. Auf Veranlassung des Deutschen Tabakvereins tagte am Sonn- abend in Köln eine zahlreich besuchte Versammlung von Inder- essenten aus dem Rheinland, der Provinz H e s s e n- N a s s a u und dem Großherzogtum Hessen. Als Referent trat der Syndikus der Handelskammer in Offenbach a. M. auf. Er schil- derte die Gefahr, die der Tabakindustrie durch die neuen Steuer- Pläne droht. Ter Konsum werde bedeutend zurückgehen. Bezüglich der Abfindung mit den geplanten Steuern habe man zuerst an Sparsamkeit in der Fabrikation gedacht, aber gefunden, daß die Verbraucher großen Wert auf die Ausstattung legen. An Ver- billigung der Rohtabake sei nicht zu denken, weil der größte Ab- nehmer, Amerika, hohe Preise zahle, wodurch man gezwungen sei, ebenfalls solche Preise anzulegen. Es bleibe daher nur übrig, an den Akkordlöhnen zu sparen. In einer einsttmmig angenommenen Resolution heißt es u. a.: „Der Entwurf eines Gesetzes wegen Aenderung des Tabak- steuergesetzes kann dem deutschen Tabakbau auf die Dauer keinen Nutzen bringen, weil geeigneter Boden für eine Erweiterung des Anbaues nicht vorhanden ist, dieser also nur auf Kosten der Qualität stattfinden könnte. Die Erhöhung des Zollschutzcs und die vorgeschlagene Mehrbelastung des Tabaks würde aber die Herstellung von Tabakfabrikaten, die gegenüber dem Werte einer deutschen Tabakernte im zehnjährigen Durchschnittsbetrage von 17� Millionen Mark jährlich für rund 400 Millionen Mark Werte erzeugt, empfindlich schädigen. Die für die Rauch-, Kau- und Schnupftabakfabrikatiou vorgesehene Mehrbelastung würde, wenn sie auch, geringer als diejenige für die Zigarren, und die Zigarettenindustrie bemessen ist, namentlich für die seit der Steuererhöhung von 1879 st ark zurückgegangene Rauchtabak, und Schnupftabakfabrikation eine geradezu ruinöse Wirkung haben. Die Erhöhung der Spannung zivischen der Steuer auf inländischen und dem Zoll auf ausländischen Tabak würde für die Zigarrenindustrie große Verschiebungen in der Fabrikation von Nord, und Mittel- deutschland nach Süddeutschland, und die vor- gesehene Mehrbelastung einen schweren Rückschlag für dieselbe mit sich bringen......" Am Sonntag nahmen die Brauereiarbeiter in Köln in einer zahlreich besuchten Versammlung einstimmia Stellung gegen die geplante Erhöhung der Bierstcuer.— Protestversammlung der Gastwirte Deutschlands. Zur Protesterhebung gegen die Brausteuer war für heute nach- mittag eine Versammlung der Gastwirte Deutschlands nach dem in der Hasenheide belegenen Etablissement„Neue Welt" einberufen. Erschienen waren Delegierte von Gastwirtsverbänden aus allen Teilen Deutschlands. Der Vorsitzende des Deutschen Gastwirteverbandes, Anton Ringel(Berlin), der die Versammlung leitete, eröffnete sie mit Worten der Begrüßung und bemerkte: Die Gastwirte seien in erster Reihe verpflichtet, gegen die Braustcucr Protest zu erheben, da diese Steuer in der Hauptsache den Gast- Wirten auferlegt werden solle. Die Gastwirte seien ohnedies mit allen möglichen Steuern so sehr belastet, daß sie unmöglich die Brausteuer noch tragen könnten. Sie seien gern bereit, wenn im Jnteressedes deutschen Vaterlandes eine starke Flotte notwendig sei, ihr Scherflein dazu beizutragen. Wenn die RcichSregicrung hierfür eine allgemeine Reichssteuer ein- gebracht hätte, die alle Staatsbürger gleichmäßig treffe, so hätten die Gastwirte nichts einzuwenden. Die Brausteuer sei aber eine einseitige Steuer, die geeignet sei, den großen Stand der Gastwirte wirtschaftlich zugrunde zu richten. Nach längerer Debatte wurde schließlich folgende Resolution angenommen: „Die am 8. Januar 1906 im großen Festsaale der„Neuen Welt" versammelten iOOC Vertreter des Gastwirtcgewcrbes, an welcher die Abgeordneten sämtlicher deutscher Gastwirtcverbände aus allen Teilen des Deutschen Reiches teilgenommen haben, er- klären, die von der Regierung geplante Erhöhung der Biersteuer ist eine so ungeheure Belastung unseres Wirtschaftslebens, daß mit ihrer Annahme nicht nur das Braugewerbe, sondern auch das Wirlegewerbe und alle damit in Verbindung stehenden Berufe der wirtschaftlichen Vereinigung preisgegeben sein würden. Schon heute ist das Wirtegewerbe mit Steuern in einer Weise über- lastet, daß es durch eine weitere Besteuerung dem sicheren Ruin entgcgengcführt werden würde. Sollte aber wirklich eine neue Belastung des Biergenusses eintreten, so würde das Wirtegewerbe genötigt sein, die Mehrkosten auf das Publikum abzuwälzen, welche um so drückender gerade auf die Minderbemittelten wirken würden, als es sich hier um einen Konsumartikel für die breitesten Volksschichten handelt. Die Gastwirte sind gern bereit, ihren An- teil an den Lasten unserer nationalen Wohlfahrt und unserer Wehrkraft beizutragen, aber sie verwahren sich gegen jede weitere Sondcrbelastung. Die Versammlung ernennt ein Aktionskomitee mit der Aufgabe, mit allen gesetzlichen Mitteln diese drohende Belastung von dem Wirtestandc abzuwehren. Sie hat das Ver- trauen zu der Weisheit des Reichstages, daß er einmütig die Zu- mutung, eine so hohe Steuerlast einem wirtschaftlich auf schwachen Füßen stehenden Beruf aufzubürden, ablehnen wird." Darauf schloß die Versammlung. Ein Opfer der„heiligen Ordnung". Bei der letzten Eisenacher Reichstags-Stichwahl befürchtete die wohllöbliche Polizei in ihrer väterlichen Sorge um das Wahl der Lutherstadt, daß es zu Ruhestörungen kommen könnte. Sie postierte deshalb vor dem antisemitischen Wahlbureau eine größere Anzahl Gendarmen, um, die„heilige Ordnung" gegen hinterlistige Umsturz- gefahren zu schützen. Dieses Aufgebot von Ordnungswächtern lockte jedoch erst recht viele Neugierige an, so daß sich alsbald vor dem Lokale eine große Meuscheumeiige einfand. Um sie zum Fortgehen zu bewegen, ließ die Polzeiverwaltung in die Menschenmasse spritzen. Ein Arbeiter, namens G i m m l e r, der keiner Organisation an- gehört, geriet über diese weisen polizeilichen Maßnahmen in ganz besondere Entrüstung und schimpfte weidlich über die WohUöbliche. Wegen Landfriedensbruchs und Aufruhrs angeklagt, wurde er am Freitag von der Strafkammer in Eisenach zu 4l/z Monaten Gefängnis verurteilt— natürlich von Rechts- wegen I—_ Wegen„Schiffhut und Degen" scheint es im Nürnberger Rat- Hause einen kleinen Krieg geben zu wollen. Des� ersten Bürger- meisters poetisch-romanttsches Gemüt hat es als mißlich empfunden, daß bei Fürstenbesuchen die Stadtväter einfach im schwarzen Rock und Zylinder einherstolzieren müssen, statt in mittelalterlicher Rats- tracht. Er hat deshalb, da bei der diesjährigen Landesausstellung wieder Fürstenempfänge in Aussicht stehen, in geheimer Sitzung des Magistrats einen Beschluß durchgesetzt, wonach die städtischen Ver- treter für festliche Gelegenheiten eine„Repräseniattonsuniform" nebst Schiffhut und Degen tragen sollen. Kaum wurde jedoch der Beschluß bekannt, als das freisinnige Rathausorgan, dessen Re- dakteur Gemeindebevollmächtigter ist, scharf dagegen Stellung nahm und die Gemeindebevollmächtigten scharf zu machen suchte, diesem Beschluß nicht zuzustimmen. Das widerstreitet aller Pietät; die Uniform würde doch den Nürnberger Nathaus'iberalen so schön passen, hauptsächlich dann, wenn sie sich dazu verstehen könnten, sie durch einen recht dicken Zopf zu vervollständigen!— Dresdener Urteile. Die Dresdener Gerichte fahren fort, über die Teilnehmer an den Stratzendemonstrationen drakonische Straf-,�. urteile zu verhängen. Wie telegraphisch gemeldet wird, wurde heu�-� wegen Beteiligung an den Straßcndemonstiationen in der qjc> zum 17. Dezember v. I. der Kaufmann Otto Bomsdorf zu 1 Azteren 3 Monaten, der Handwerker Hugo Heinrich Bennemmm zu Z Scheu k- naten Gefängnis verurteilt. Ferner erhielt der Kohl�.-� unjj Boehmer wegen Beteiligung an den Demonstrationen aij, e r eiUC abend des 17. Dezember 1905 auf Jder Brühlsckien Ter ras' Wirtschaften verschiedenen Stellen der inneren Stadt zwei Jahre Ges Konzessionen diktiert. zlen usw. nicht Die Svnntagönummer des„Vorwärts" mit der A daß der Abonnrntcnstand das erste Hunderttausend schiedenes Ver- hat, gibt der bürgerlichen Presse Anlaß zu allerlei Ans» sie Ortsstatut unser Blatt: Ausfälle, die jedoch vielfach, vom sozialdo r up p e auf Standpunkt aus betrachtet, weit mehr einem Lob als Ln auf 181. gleichen; denn meist wird behauptet, daß der„Vorwärts!» Schenk- geschickt in der„gewissenlosen V e r he tz u n g m» t O r t»- bcitcrklasse sei. So schreiben z. B. die„Verl. Polit. Nchaft entfällt, „Die Zahl der Abonnenten des„Vorwärts" hat lOB. schritten, was dem sozialdemokratischen Hauptorgan M», ber denen zu einer Jubelnummer gegeben hat. Mit Recht. Der ,£» ein gleichist damit las weitestverbreitete Parteiblatt Teutschland�ttsstatut be- Rücksichtsloses Eintreten für die Interessen der Par�fi auf Ivelche Ausnutzung unserer verfassungsmäßigen Freiheiten u Ü f u u g der lose Verhetzung der Massen haben diesen Erfolg gezei® a si w i r t- so bedeutungsvoller ist. als der„Vorwärts" den Tonü �6».tt»i- die unzähligen kleineren sozialistischen Preßorgane, die Galtwirtlchaft Städten des Reiches für die Partei kämpfen. Die bRwfi» ivegen Parteien haben in ihrer Gesamtheit dieser gewaltigen z>nmmtt fast Sozialdemokratie nichts gegenüber zu stellen, was auch siist�urg, nähernd geeignet wäre, dem Vorwärtsdringen der foäKiIwsteren kratischcn Presse Einhalt zu tun." �tcn, acr. Huoland. Frankreich. Das Ergebnis der Senatswahleu. Paris, 7. Januar.(Eig. Ber.) Die heutigen Senatswahleu, die sich unter mäßigem Interesse abgespielt haben, sind, soweit die Nachrichten bis jetzt vorliegen, ohne Ucbcrraschnngen verlaufen. Im ganzen haben die Parteien ihren Besitzstand aufrecht erhalten. Bei dem für den Senat geltenden Wahlsystem könnte aber auch ein stärkerer Stimmmigswechsel nicht leicht im Resultat zum Ausdruck kommen, und so haben die heutigen Ergebnisse nicht die geringste Vor- bcdeuttmg für die Kammcrwahlen. Von politischer Wichtigkeit ist nur der Sieg F a l l i ö r e s im Departement Lot-et-Garoune. Von ihm hing Falliörcs Kandidatur für die Präsidentschaft der Republik ab. Die republikanischen Parteien haben also ihren Kandidaten wieder in den Senat bekommen. Es handelt sich nur noch darum, ihn in Versailles durchzubringen, was immerhin schwerer, wenn auch nicht unwahrscheinlich ist. FalliöreS siegte mit einer unerwartet großen Mehrheit, mit 513 von 662 Stimmen! In einigen Departements hatten die Sozialisten, denen die Wahlordnung keine Möglichkeit gibt, in absehbarer Zeit Kandidaten aus eigener Kraft durchzubringen, gleichivohl Zählkandidaturen aufgestellt. So für das Departement Jsere als Demonstration der sozialistischen Einigkeit die Genossen Jaurss, Gnesde, Lafargue und V a i l l a n t I Am meisten Stimmen erhielten die acht sozialistischen Kandidaten im Departement Nord: 160 von 2400.— In der Stichwahl, die dort notwendig ist, werden die Sozialisten für die Radikalen gegen die Konservativen stimmen. _ Im Departement BoucheS-du-Rhöne wird der ehemalige Bürger- meister von Marseille, F l a i s j i ö r e s, der den„unabhängigen" Sozialisten angehört, in jter Stichwahl sicher gewählt worden. Wir erhalten folgendes Pnvattelegramm: Im Departement Herault wurde im zweite» Wahlgang mit Hülfe der Radikalen Genosse Delhon zum Senator gewählt. Wie aus späteren offiziellen Telegrammen hervorgeht, ist auch Flaisfidres gewählt, so daß also 2 Sozialisten in den Senat ge- langen, in dem unsere Partei bisher überhaupt nicht vertreten war I Die Resultate der 102 Seuatswahlen werden im Augenblick noch verschieden angegeben. Doch ist sicher, daß der„Block"(Republikaner und Linke) den Löwenanteil mit ungefähr 70 Sitzen davon getragen und damit etwa 3 Sitze neu gewonnen hat. So viel steht fest: DaS von den Reaktionären erhoffte Straf- gericht über die Ketzer, die die Treunuug des Staates von der Kirche durchgesetzt habe», ist nicht erfolgt. Das geben sogar Leute ü la Drumont verärgert zu.— Belgien. Die Suche nach der Baterschaft. Ebenso wie in Frankreich ist auch in Belgien eine Untersuchung nach der Baterschaft unehelicher Kinder nicht zulässig, so daß die Erzeuger sich ihren Verpflichtungen ohne weiteres entziehen können, In Belgien liegt seit dem Jahre 1901 ein Gesetzentwurf bor, der diesem Zustand ein Ende machen soll. Aber erst vor einigen Tagen ist die Angelegenheit so weit gediehen, daß eine parlamentarische Kommission ihre Vorberatung des Enttvurfes beenden konnte. Der Gesetzentwurf hat neben kleineren Mängeln den grohen Fehler, daß die Untersuchung nach der Vaterschaft nicht zulässig sein soll, wenn .das Kind in Ehebruch oder in Blutschande erzeugt worden istl Diese Ausnahmebestimmung, die von der Kommissionsmehrheit gut- geheißen wird, sucht man durch klerikal-moralistische Scheingrunde zu rechtfertigen. Die Minderheit der Kommission hat sich jedoch einem Antrage unserer Genossen Hector Denis und Band er- Velde auf Beseitigung dieser ehebrecherischen und gewissenlosen Männern sicher sehr wünschenSIverten Ausnahmebestimmung angeschlossen. Unser Genter Bruderorgan„ V o o r u i t" spricht die Hoffnung aus, daß jetzt die Frauenorganisationen den Antrag unserer Genossen durch energische Propaganda unterstützen werden.— Italien. Sensationelle Enthüllungen über die Korruption der Polizei in Sizilien stellt der„Avanti" in Aussicht. Auf Grund einer Privat enquete hat das Blatt festgestellt, daß der Brigant V a r s a l o n a seit Monaten tot war, während die Polizei fortfuhr, große Summen für seine Verfolgung zu beziehen l Wir werden von den Enthüllungen des Parteiblattes berichten.—_ Die Vertcnmmg der Lebensmittel in Rom. Rom, 4. Januar. lEig. Ber.) In den letzten zwei Jahren sind die Lebensmittel in Rom etwa um 12 bis 25 Proz. im Preise gestiegen. Da in gleicher Zeit die Mieten auch um 30 Proz. und mehr gestiegen sind, wird dem Gros der Bevölkerung eine Lage geschaffen, deren Unerträglichkeit jetzt allen zun« Bewußtsein kommt, umsomehr, als die Mehrheit der Be- wohner Roms, kleinere und mittlere Beamte, Handwerker, und nur in der Minderzahl Lohnarbeiter, kein Mittel hat, um eine Erhöhung ihrer Einnahmen zu erzwingen.— Die lokale Presse, der„Messaggero", die„Vita" und jetzt auch der„Aanti" haben sich nun energisch mit den Ursachen dieses Not- standeS beschäftigt und machen für ihn verantwortlich: den Auf- kauf der Lebensmittel durch wenige Großhändler, den Mangel an Markthallen, der bei Regen zu einer großen Verteuerung der Produkte führt, die geringe Gemüsekultur im Agro romano, die es mitsichbringt, daß drei Viertel der in Rom verzehrten Gemüse aus der Provinz Neapel bezogen werden, und schließlich das Fehlen kommunaler Gefrieranstalten, so daß bei Südwind ungeheure Mengen Fleisch ver- derben. Eine fachmännische Arbeits die jüngst der Handelskammer vorgelegt wurde, veranschlagt den Wert der in Rom auf diese Weise alljährlich verderbenden Lebensmittel arlf 20 Millionen Lire! Beim Zwischenhändler wirkt noch für eine weitere Preissteigerung die Höhe der Mieten sowie die unzweifelhaft bestehende Verabredung, die �Preise hochzutreiben, indem man im Angebot immer etwas hinter mer Nachftage zurückbleibt! Infolge dieses Systems litt Rom im gcgrvtember 1904 schon nach zweitägiger Dauer des Generalstreiks Dar Mangel an Brot und Fleisch. Bericht W Arbeitskammer hat nun im Namen der organisierten Arbeiter 1905 jn gestellten dem Bürgermeister und dem Stadtrat folgende bobe'»b'Jen gestellt: 1. Verhinderung der Maßnahmen, durch die '• ändler den Antrieb von Vieh auf dem römischen Schlacht- �,..beschränken. 2. Einrichtung von 12 städtischen Verkaufs- Konsul für g Einrichtung von 12 anderen für Brot. 4. So- derselbe Koichiung eines neuen Marktes in Trastevere, wo den Land- daß DeIcass«tiS Verkaufsstände zu geben sind. 5. Verbesserung der die marokkar Ueberwachung auf den Märkten. erbeten Ärgermeister hat der Kommission alle möglichen Ver- b e f o l g e r gemacht. Wir glauben, daß die Bevölkerung ohne Daher die helle Entrüstung der Frauen über einen solchen Ver- treter im Senat!— Offiziell ist die Vielweiberei zwar ungesetzlich und streng verboten, aber eine Untersuchung der Verhältnisse in Utah hat ergeben, daß die Satzungen der Kirche den Gläubigen mehr gelten als die Verbote des Staates. Smoot selbst erklärt. an einer Frau genug zu haben, aber als Apostel der Kirche gilt er den amerikanischen Frauen als verantwortlich für die Mormonenbräuche, und sie haben eine rührige Agitation gegen ihn entfaltet,—_ Sewerkfcbaftlicdes. An die Tabakarbeiter Deutschlands! Angesichts der drohenden Gefahr, welche der gesamten Tabakindnstrie durch die Vorlagen der Reichs- regierung über die geplante Erhöhung des Tabak- zolles, der Tabak st euer sowie einer neu- einzuführenden Zigarettenpapier st euer er- wächst, hat die Zentralkommisfion der Tabakarbeiter Deutsch- lands beschlossen, auf Grund des ihr von demim November 1893 stattgehabten Tabakarbeiter- kongresses übertragenen Mandats zum 29. Januar 1906 einen Kongreß der Tabakarbeiter Deutschlands nach Berlin zu berufen. Nähere Mitteilungen über die provisorische Tagesordnung, das Lokal ze.«. erfolgen durch den»Tabakarbeiter" sowie durch ein schleuniges Zirkular. Kollegen allerorts! Kollegen aller Parteien! Wir fordern Euch auf zu diesem Kongreß, zu dem vor den Toren des Reichstages als letztes Mittel zu erfolgenden Versuch einer Abwehr dieser uns drohenden Gefahr. Stellung zu nehmen. Die Unterne! zehnstün für Maui stunden, H Rocht-, Feuer Unterzeichnetsstl sitzende» lokale der Zentralverbl Die in Kenntnisnahi m Jetzt, sonst vielleicht nie mehr, ist es Zeit, an dieser Abwehr v-v frnnini00!1 Konsumvereinen sich schwerlich aus der jetzigen Lag J... � ürd. Die bereits bestehenden Vereine dieser Art. die i- sn?■ ftlitare' kie wenigen katholischen Vereine wirken auch schon, 1o."f nur in minimalem Maße, als Preisregulatoren, obwohl .daß der f«e Gewohnheit, nur gegen bar zu verkaufen, einein großen habe, die fiubltkums nicht zugänglich sind. Gegen die künstliche Be- ihrer Inte der Nahrungsmittelzufuhr kann natürlich die Stadt, wenn den Signal sofort strafrechtlich vorgehen.— breitet wür. England. marokkanisch Regierung Parlaments-Aiiflösinig. �arauibi?' 8> Januar.(W. T. B.) Der König unterzeichnete heute Tis s.' i in einer Kronratssitzung die Proklamation, durch die daS fchafter(t �fgelöst wird. In, Anschluß daran wurden die Parlaments- ziuegesthsx an W�hworftehcr ausgegeben.— übc� Dänemark. Wahlersolge der Sozialdemolratie, Jeder neue Tag der dänischen Stadtratslvahlen, die bis Mitte dieses Monats dauern, bringt Nachrichten von neuen Wahlerfolgen der Sozialdemokratie. In den ersten vier Wahltagen, bis zum 5. Januar, waren bereits 8o Sozialdemokraten gewählt und außerdem 43 Radikale. Der konservative, liberale und anti- sozialistische Mischmasch hatte es bis dahin auf 139 Mandate ge- bracht. Die 82 Sozialdemokraten sind in 30 verschiedenen Städten gewählt. Bei den vorigen Stadtratswahlen der allgemeinen Wählerklasse, im Jahre 1900, wurden im ganzen 26 Sozialdemo- kraten in 22 Städten gewählt. Diese Zahl ist also schon jetzt weit überholt, und doch stehen die Wahlen in den großen Städten, wie Aarhus, Odense, Nandcrs, Aalborg usw., noch bevor. Die nächsten Tage werden also wahrscheinlich noch weit größere Fortschritte bringen.— Asten. Japans neues Kabinett. Tokio, 7. Januar.(W. T. B.) Der Kaiser hat das neue Kabinett genehmigt. Die Zusammensetzung ist folgende: Premierminister Marquis Saionyi, Auswärtiges Kalo, Marine Vizeadmiral Miroru Saito, Krieg General Terauchi, Finanzen Doshiro Sakatni, Unter- richt der bisherige Gesandte in Wien Makino. Die Politik der Re- gierung soll unverändert bleiben. Wozu' dann ein neues Kabinett?—> Amerika. Ein panamerikaiiischer Kongreß. Am 2!. Januar tritt in Rio de Janeiro ein Kongreß von Vertretern aller Republiken von Nord- und Südamerika zusammen. Neben Zwecken allgemeiner Art in Handel und Wandel und der Erhaltung des Friedens gilt es auch, die Gemeinsamkeit der Interessen gegenüber europäischen Ein- flüssen festzulegen und Einmischungen der Mächte in die Angelegen- heite» amerikanischer Republiken zu begegnen. Welche Wichtigkeit die Vereinigten Staaten diesem Kongreß beilegen, erhellt daraus, daß Elihu Root, der Staatssekretär des Auswärtigen, an der Spitze der Delegation steht, welche die Union nach Rio de Janeiro sendet. — Unter den Republiken Südamerikas ist aber auch eine Strömung vorhanden, die sich heftig gegen das Uebergewicht kehrt, welches die Vereinigten Staaten gewonnen haben; man empfindet drückend die wirtschaftliche Abhängigkeit von der Union im Norden. Die südamerikanischen Republiken wollen im Juni d. Js. einen be- sonderen Kongreß zur Beratung ihrer engeren, besonders der wirtschaftlichen Angelegenheiten abhalten. Gegen die Mormonen. Der Senat wird mit Tausenden von Petitionen aus Frauenkrciscn bestürmt, den Senator Smoot, den Vertreter des Staates Utah, auszuschließen. Smoot ist ein Apostel der Mormonenkirche, welche bekanntlich die Vielweiberei gestattet. aber auch die höchste Zeit, mitzuarbeiten. Die Zentralkommisfion der Tabakarbeiter Deutschlands. Wilhelm Börner. Karl Butry. Max Kiesel. Max Müller. Fritz Sperber. Vir ersuchen sämtliche Arbeiterblätter um gefälligen Abdruck. Serlln und tZmgegcnd. Die wahrheitsliebende„Post". Die„Post" bestätigt in ihrer krummen, der Wahrheit immer in weitem Bogen ausweichenden Weise, baß sie es abgelehnt hat, eine Kritik ihres in falschen Tönen gesungenen Lobliedes auf die Reichs- druckerei aufzunehmen. Sie schreibt: „Die Wahrheit ist die, daß ein Setzer sich mit uns wegen einer Antwort auf den genannte» Artikel in Verbindung setzte auf unser Ansuchen die Antwort schriftlich abfaßte und an uns einsandte. Da er aber die Wahrheit seiner Darstellung nach außen hin nicht vertreten wollte, so hatte, wie jeder Leser sich sagen wird. der Artikel nur den Wert einer anonymen Einsendung, die man nicht beachtet. Wir gaben dem Einsender den Artikel zurück und haben somit gehandelt, wie jeder Redakteur in unserer Lage handeln mußte." „Wie jeder„P o st"-Redakteur handeln muß", hätte die Redaktion des Scharfmacherblattes wahrheitsgemäß schreiben müssen. In anderen Redaktionen ist eS üblich. Irrtümer auch ohne Zwang richtig zu stellen. Daß der zugesandte Artikel nicht von anonymer Seite kam, beweist die„Post" selbst, indem sie erllärt, sie habe ihn dem Einsender wieder zugestellt. Im übrigen war auch die Lügenuotiz, deren Berichtigung die„Post" ablehnte, nicht gezeichnet; der Ein- sender wagte nach„Post"-Logik vermutlich nicht, die Wahrheit seiner Darstellung nach außen hin zu vertreten. Die Glasbläser und Bläserinnen bei der Firma Berliner Glüh lampenfabrik. Neue Jakobstr. 6, haben am Sonnabend sämtlich die Arbeit niedergelegt. Der Grund hierzu war folgendes: Am Freitag voriger Woche wurde einzelnen Arbeiterinnen und Arbeitern ein Lohnabzug von 22—20 Prozent angekündigt, welcher sofort in Kraft treten sollte. Dieses Ansinnen wurde seitens der organisierten Ar- beiterinnen abgelehnt und es wurde eine Kommission bei der Firma vorstellig, die Firma möge in Unterhandlung treten zwecks Aus stellnng eines Lohntarifs. Die Firma erklärte jedoch, die Abzüge nicht zurückzunehmen, wollte auch mit dem Verband nicht ver- handeln. Diese Hartnäckigkeit dürfte jedoch nicht lange dauern. Denn wenn die Arbeiterinnen die Firma streng meiden, dann werden wohl die Herren bald andere Gedanken bekommen. Wie es in diesem Musterbetrieb steht, darüber einige Beispiele: Will ein Arbeiter einmal Wasser trinken, so muß er erst eine Kollegin bitten, ihm etwas aus der Frauentoilette zu holen. Aufgewischt wird nur 4 bis 6 Wochen einmal und jede Woche einmal gekehrt. Dies ist um so gefährlicher, als viel mit Quecksilber gearbeitet wird. Es ist geradezu unglaublich, daß eS unter solchen Umständen nicht schon längst zum Kampf ge kommen ist. Ferner klagen die Arbeiterinnen über unregelmäßige Arbeit, da es oft an Rohmaterial fehlt. Es ist Ehrensache, daß sich kein Glasbläser und keine Glasbläserin dazu hergibt, bei dieser Firma in Arbeit zu treten. Bewegung der Blumengeschäfts-Angestellten. Vom„Allgemeinen deutschen Gärtnerverein" war zu Sonniagabend nach den Armin- hallen. Kommandantenstraße, eine öffentliche Versammlung der Blumengeschäfts-Angestellten Berlins und Umgegend einberufen worden, die außerordentlich zahlreich von Verkäufern, Verkäuferinnen, Bindern und Binderinnen besucht war. Es war die zweite Agitationsversammlung, die seit dem kurzen Bestehen dieser Sektion abgehalten worden ist.— Auch die Arbeitgeber haben eine Vereinigung gegründet und setzen alle Hebel in Bewegung, um möglichst sämtliche Geschäftsinhaber zu der Organisation heran- zuziehen.— Auch die Angestellten erstreben in erster Linie die Stärkung ihrer Organisation, um dann mit Aussicht auf Erfolg, die Verbesserung ihrer.wirtschaftlichen Lage in die Hand nehmen zu können. Außer Lohnregulierungen sind schon jetzt folgende Forderungen borgesehen: Einschränkung der Verkaufszeit an Sonntagen auf l'/a Stunden, wie solche bereits seit dem 1. Januar d. I. in Frankfurt a. M. zur Einführung gelangt ist. Strikte Durchführung der Sitzgelegenheit für Verkäufer und Verkäuferinnen, wie solche in der Bundesratsverordnung vorgesehen worden ist, sowie der Achtuhrladenschluß an den Wochentagen.— Eine Mitgliederversammlung wird in nächster Zeit einberufen werden, die sich insbesondere mit der weiteren Agitation und den speziell aufzustellenden Forderungen noch zu beschäftigen haben wird. Achtung! Kleber. Der Bau Simon Dachstr. 32, Unternehmer Fritz Siebe rt, Wilmersdorfist wegen Nichtinnehaltung des Tarifs gesperrt. Die Verbandsleitung. OtiitMie» RefA. Zentralverband der Handels-, Transport- und BcrkehrSarbcitcr Deutschlands. Achtung! Auf Beschluß der Gauleiter von Schlesien und Posen ist eine Zentralstelle für die in diesem Bezirk domizilierenden Gauvorstände, Bezirksleitungen, Agitations- kommissionen usw. geschaffen Ivorden. ES soll baldigst ein Adressenverzeichnis geschaffen werden, und werden deshalb alle Beteiligten gebeten, baldigst dem mett und Wohnungen der Bor» f 1 e r e r, sowie die Versammlungs- ügsstellen in Schlesien und Posen— aller steilen. Menden Parteiblätter bitten wir um gest. I. A.: Hermann Zimmer. Breslau I, Schmiedebrücke 12, Hof I. Bauhülfsarbeiter in Aachen sind an das Forderungen herangetreten. Sie verlangen eltszeit, 60 Pf. Stundenlohn für Poliere, 42 Pf. für Hülfsarbeiter, 10 Pf. Aufschlag für Ueber- al- und Tiefbauarbeit, 50 Proz. Aufschlag für und Wasserarbeit, 100 Proz. Auffchlag für Sonntags- arbeit. Der Tarif soll vorläufig ein Jahr gelten. Die einzusetzende SchlichtungSkonlmission soll ans sechs llnternehmem und sechs Arbeitern bestehen. Die Forderungen, die durch ihre Geringfügigkeit auffallen, sind formuliert von dem„christlichen" Bauhandwerker- verband. Bekanntlich ist das katholische Aachen diejenige deutsche Großstadt, die die niedrigsten Löhne hat. Das Gewerkschaftskartell in Jena hat im IV. Quartal 1902 unter den örtlichen Gewerkschaftsmitgliedern eine S t a t i st i k über die Erwerbung des Bürgerrechts, über Zeitungsabonnement und Vereinszugehörigkeit aufgenommen. An der Statistik sind 22 Ge- werkschasten beteiligt. Ausgegeben wurden 1318 Fragebogen; davon sind 1360 ausgefüllt zurückgekommen, 458 verblieben somit, ohne ihren Zweck erfüllt zu haben, in den Händen der Empfänger. Von den 1360 Gewerkschaftsmitgliedern wohnten 912 in Jena, 211 in Wenigenjena und 237 in anderen Orten der Umgegend; 860 waren verheiratet, 200 led Wenigenjena 97, i Von den Befragten blatt des Wahlkreiß andere sozialdenivkra „Jenaer Volksblatt 39 auf andere bürgerli_ Zeitung. Der Parteiö Mitglieder an, 244 anderen einen, 346 bürgerlichen V leider verunglückt, da d Weitere Einzelheiten sind Geschäftsbericht des Getverkschch Schöne Fortschritte hat die Jahre in Würzburg gemacht. Mitglieder ist von 1300 auf LSoy'gej 1000 vermehrt. Da oer Arbeitt' Gewerkschastskartells wurde eS notwendig, einen solcher wurde Genesje Er hat sein Amt ber« politischen Bewegt Bürgerrecht besaßen in Jena 227, in Orten' 72, ohne Bürgerrechte waren 931. auf das sozialdemokratische Partei- «ter„Tribüne" abonniert, 89 ans Ilgen, 893 auf das demokratische ' oualliberale„Jenaische Zeitinig". ; 303 hielten überhaupt keine gehörten 397 Gewerkschafts- inen, 41 gemeinnützigen Ver- Ii Genossenschaftsrubrik ist dtÄcklich gefragt wurde. il Wochen erscheinenden vrbehalten. rbesterbewegung " Zahl der hat sich ' ich au der I 'ekretär ai_ etzer, in Würzst angetreten. A recht erfreulich. hiflc fires 1904 Und. dänische Unternehmer. legten die Maler in Odense und dten Dänemarls die Arbeit nieder. Der Streik ein Jahr. Im April 1905 wurde zwischen der der Malermeister Dänemarks und dem Malerverband-: iMM Im Ap! mehreren an! dauerte unge Vereinigung ein für beide Parteien bindender Tarifvertrag abgeschtossell Malermeisterverein von Odense fügte sich jedoch diese, einkommen nicht und deswegen mußte dieser Verein aus der Vereinigung des Berufs und damit auch aus der all, „Dänischen Arbeitgebervereinigung" ausscheiden. Zwei meister in Odense fühlten sich jedoch verpflichte Tarifvertrag anzuerkennen und sie wurden drsh' dem Lokalverein ausgeschlossen. Sie suchten_ daraus u, nähme in die Zentraivereiiligung der Malermeister nach, aber abgewiesen. Mit dieser Abweisung tariftreuer Meister stützt die Zentralvereinigung den Vertragsbruch des ausgesch! Odenseer Meistervereins und handelte gleichzeitig gegen das der dänischen Arbeitgebervereinigung und dem Gesamtverb� Gewerkschaften im September 1399 nach der großen Ansspi getroffene Uebereinkommen, das die Organisationen beider" verpflichtet, für„ruhige, stabile und gute Arbeitsverl zu sorgen. Deswegen befaßte sich der Gesamtverband Gewerkschaften mit der Angelegenheit und verlangte,/! die Zentralvereinigung der Malermeister zu einer und zur Bezahlung der Kosten des Verfahrens vor dem perman Schiedsgericht verurteilt werde. Dieses Schiedsgericht hat nun sein Urteil gefällt und erllärt, daß die Zentralvereinignng der Malermeister bei Ablehnung der Aufnahme der beiden tariftreuen Meister nicht die direkte Absicht gehabt habe, den Meisterverein in Odense zu unterstützen, daß sie diesen aber in seiner Weigerung, den Tarif anzuerkennen, tatsächlich unterstützt habe, und daß aus diesen Gründen von einer Geldbuße abgesehen werden, die Zentralvereinigung aber zu den Kosten des Verfahrens, die auf 20 Kr. berechnet wurd, werden müsse. Einen praktischen Erfolg wird dieses Urteil woh! Der langwierige Malerstreik iu Odense. gesetzt._ hlttKch WWWW�M en. fort» Siegreicher Kutscherstreik, i Rom, den 6. Januar. Einen sie; die Kutscher der hiesigen Hotelonmib heute beendet. Während bisher diese'ij Arbeit 60 bis 00 Lire im Monat verdiente Uebereinkommen einen Minimallohn von 10?" Kutscher forderten weiter, daß ihnen die VerPflicht, mg,"das Gepäck aufzuladen, abgenommen werde, standen aber schließlich von dieser Forderung ab. Morgen nehmen alle Streikenden die Arbeit wieder auf. treik haben tägiger Dauer anstrengender rrten das heutige festgesetzt. Die Letzte IVacbrichten und Dcpcfcbcn. Eine„starke" Regierung. Budapest, 8. Januar.(B. H.) Die heutige Sitzung der Kon- gregation des Pcster Komitates nahm trotz des starken Polizei- aufgebotes einen recht stürmischen Verlauf. Die Opposition ließ den von der Regierung ernannten Obergespan Grafen Laßberg nicht zum Worte kommen, so daß dieser die Sitzung schloß. Mehrere Abgeordnete wurden, weil sie der Aufforderung der Polizei, den Saal z» verlassen, nicht nachgaben, verhastet. Nach der Sitzung hielt der Munizipalausschuß an einem anderen Orte eine Ver- sammlung ab. Hier wurde beschlossen, einen fünfprozentigen Steuerzuschlag zu erheben, der zur Fortsetzung der passiven Me- sistenz und zur Schadloshaltung der fiftietten Beamten dienen soll. Bergarbeiterbewegung in Böhmen. Prag, 8. Januar.(B. H.) Vier große Bergarbeiterversamm- lungen des nordwestböhmischen BraunkoHlenreviers beschlossen, den Leitern ihre Forderungen zu überreichen, insbesondere aber eine LSprozentige Lohnerhöhung zu verlangen. Verhaftungen. Petersburg, 8. Januar.(Meldung der Petersburger Tele- graphen-Agenwr.) Ein Telegramm des Generalgouverneurs Sollohub aus Riga an das Ministerkomitee besagt: Eine Abteilung Truppen, die nach Windau geschickt wurde, verhaftete daS dortige sozialdemokratische Lokalkomitee. Von den 16 Haupträdelsführern wurden bei dem Lerjuchc, zu fliehen, drei getötet und einer schwer verwundet. Vepantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin, Jnsexatelltest verantw.: Th.Glöcke, Berlin. Druck u. Verlag: PFlwäctZBuAdr.u. Berlagsgustgst Paul Singer L-Eo,, Berlin 8 W. Hierzu öBeilagen u, Unterhaltiingstlatt Nr. 6. 23. Jahrgang. l. Dkiliff des.Amsck" Kerlim NslKsM Dienstag, 9. Jannar 1996. Die Revolution in Rußland. Die russische Sozialdemokratie über Moskau. Das neue Organ der russischen Sozialdemokratie„N a sch $ o I o s", zu dem sich die beiden bisherigen Blätter„N o r o j e S ch i s n j"(Organ der Ljenjinisten) und„Natschalo" (Organ der Jskra-Richtung, der Genossen Plechanow, Axelrod und Parvus) verschmolzen haben, bringt in seiner ersten Nummer einen interessanten Artikel über die Barrikaden- schlacht in Moskau. In demselben heißt es nach dem „Hamb. Echo": „Die Revolution hat von neuem ihre Kräfte verstärkt und neue Scharen von Rekruten seit den Tagen des Oktober ihren Reihen angeschlossen. Hätte die neue Erhebung des Proletariats nur dieses Ergebnis gezeitigt, es würde das die Opfer wert sein, die sie dem Proletariat verursacht hat. Doch dies ist nicht die einzige Frucht der Moskauer Ereignisse. Sie haben vielmehr eine entschiedene, kategorische und unzweideutige Antwort auf die Frage erteilt. ob ein bewaffneter Auf st and möglich i st. Die biirgerlich-demokratische Presse muß dies selbst zugestehen. Von heute ab ist alles Gerede von der Unmöglichkeit eines offenen Kampfes gegen die nach moderner Waffentechnik aus gerüsteten Truppen abgetan. Die Möglichkeit des Kampfes— und zwar eines lange dauernden Kampfes— ist nun eine erwiesene Sache, und da, wo die Möglichkeit besteht, zu kämpfen, besteht auch die Möglichkeit, zu siegen. „Die Moskauer Ereigniffe haben die ungeheuere potenzielle Kraft der russischen Revolution geoffenbart. Wenn die leitenden Schichten der liberalen Bourgeoisie sich durch Wittes Politik haben irreführen lassen und darum zur Seite getreten sind, so hat dies keine Spaltung in der arbeitenden Klaffe bewirkt und die Tamm lung der Volksmassen im revolutionären Kampfe nicht aufgehalten. Alles, was die Liberalen mit ihrer Politikasterei erreichen konnten. war dies— daß sie einen Teil der von ihnen geführten Volks- massen in das Lager der Reaktionäre versprengt haben: die Ent- stehung aller dieser Organisationen der„Rechtsordnung", des „Verbandes vom 17. Oktober" usf. sind des Zeugnis. Die revo- lutionären Kräfte aber wachsen ununterbrochen, wiewohl sie bei jedem Schritte gehemmt werden, und haben sich jetzt schon fähig gezeigt, der sterbenden Selbstherrschaft einen neuen Schlag zu versetzen. „Ob dies der letzte Schlag ist, den wir gegen den jetzigen Feind führen, wissen wir nicht. Wir kennen den Ausgang der Kämpfe in den Provinzen nicht, wissen nicht, ob die„Wieder Herstellung der Ruhe" in Moskau und Petersburg tatsächlich den Abschluß der akuten Phase des Kampfes oder bloß eine kurze Pause bedeutet. Wir können deshalb auch nicht sagen, ob die Bewegung im gegebenen Moment über den Kulminationspunkt wird hinausgeführt werden können, den sie in Moskau erreicht hat, zu dem Punkte, der den völligen und dauernden Sieg der Revolution bezeichnet. Wir sehen bloß, daß die Revolution die Grenze überschritten hat, an der sie im Oktober stand— und sollte selbst jetzt die Ruhe eintreten, so würde die Revolution einen neuen Angriff in weit günstigerer Position unternehmen. „Die Revolution wächst in ihrer Kraft, sie mobilisiert ihre Streiter, erfüllt sie mit Wagemut und mit tätiger Initiative: die Masse der Kleinbürger schließt sich der Revolution an: der Verrat und die Kleinmütigkeit der liberalen Parteien vermögen diese Mobilisierung nicht zu stören. Die Regierung ist nicht in der Lage, ihre gesamten Streitkräfte zu verwenden und genötigt, jeden neuen „Aufruhr" zur Ursache eines neuen Wachstums der Revolution zu machen. Das Heer ist seiner Masse nach nicht willig, auf das Boll zu schießen— das sind die Ergebnisse des Dezemberkampfes...." Die Regierungsverluste in Moskau. Moskau. Die Zahl der gefalle uen Polizei- beamten i« Moskau. Die Zahl der in Moskau durch die Revolution erniordeteu und erschossenen Beamten ist nun offiziell festgestellt. Es wurden 26 Schuvlente, 14 Dworniks, 7 Polizeileutnants, 2 Pristaws, ein Gehülfe des PristawS, 12 Geheimpolizisten und 4 Gendarmen ermordet. Von den Soldaten sind etwa tausend Personen getötet und verwundet worden. Bauernaufstand im Gouvernement Grodno. Im Gouvernement Grodno ist in dem Bezirke Kobrhn ein Bauern aus st and ausgebrochen. Als 600 Bewaffnete der Bande OpoleS das Palais des Gutsbesitzers JelenSktz belagerte, eilte eine ESkadron Dragoner herbei, feuerte und tötete 20 Männer und Frauen. Dasselbe ereignete sich im benachbarten Slirmunts und Molodowo. Hier wurden viele Personen getötet oder verletzt. Die Gutsbesitzer flüchten vor den bewaffneten Bauernbanden. JnRadom, im Römischen Hotel, entdeckte die Polizei Flugschriften in einer Gehcimdruckerei. In den Waffenläden wurden große Dynamitvorräte. Bombenkapseln und chenusche Utensilien und Revolver beschlagnahmt. Aus den Ostsceprovinzen. Petersburg, 8. Januar. Die„Nowoje Wremja" meldet aus Mitau: Viele Führer der Letten find in dem Kample mit den Truppen umgekommen. Die aufftändischcn Komitees hoben alle Privilegien auf, ließen vorläufig noch das Eigentumsrecht be- stehen, konfiszierten aber die Güter und führen eine Einkommen« st euer und die Zivilehe ein. Die Komitees haben eine eigene Post und sind mit dem ganzen Lande teleponisch verbunden. Aus Lib a u wird der„Nowaje Wremja" gedrahtet, daß daS sogenannte vereinigte sozialdemokratische Komitee den Börsen- ausschuß und die Stadtduma aufgefordert habe, die für den Unter- hall der darbenden Arbeiter nötigen Summen anzuweisen, widrigen- salls die Fabriken demoliert und eingeäschert werden würden. Zehn Kilometer von Wenden in Livland brennt der Landsitz des Obcrhofmeisters Grafen Sievers. Die dorthin entsandte Kosakenabteilung mußte unverrichteter Sache zurückkehren, weil ihr eine nach Tausenden zählende bewaffnete Bande im Walde den Weg verlegte. London, 8. Januar.(„Bureau Laffan.") Alle RegierungS- Branntweinschenken in Kurland sind. Meldungen aus Petersburg zufolge, zerstört. General Madaroff droht allen Post- und Telegraphenbeamten, die weiter zu den Revolutionären halten, den Tod an. Ueber 800 Beamte ist bereits daS Todesurteil verhängt worden, doch haben die Behörden nicht die Macht. die Verurteilten festzunehmen. Revolutionäre Geistliche. Petersburg, 7. Januar. Der Heilige Synod ordnete an, die Geistlichen, welche während der Unruhen die Regierungsmaßnahmen ihren Gemeindemitgliedern gegenüber in gesetzwidriger Weise be- leuchteten, auS dem Amte zu entfernen und gerichtlich zu verfolgen. Nach Moskauer Meldungen ist festgestellt worden, daß sich einige Geistliche an der revolutionären Be- weguug der Fabrik- und Bahnarbeitcr direkt be- teiligt habeli. Eue der Partei. Achtung! Richard Hamm, auch Stern genannt, ist wieder in Berlin. Wer ist� Richard Hamm, alias Stern? Die älteren Genossen werden sich seiner noch entsinnen. In den 80 er Jahren tauchte der Metallarbeiter(Gürtler) Richard Hamm in Berlin auf. Im Jahre 1889 fiel es auf, daß Richard Hamm, damals in Friedrichsberg wohnhaft, sich unter den im Prozeß gegen Hausotter und Genossen wegen Verbreitung eines Flugblattes Angeklagten befand. Von niemand hatte er einen Auftrag zur Verbreitung erhalten. Er hatte in sehr auffälliger Weise in einem Lokale das Flugblatt verbreitet und wurde wegen Verstoßes gegen das Sozialistengesetz und dergleichen zu einigen Tagen Gefängnis verurteilt. Unmittelbar darauf präsentierte er einen gegen ihn erlassenen polizeilichen Ausweisungsbefehl aus Preußen als„lästiger Ausländer"— er ist Oesterreicher—: der Ausweisungsbefehl ist niemals zur Vollstreckung gebracht. Auf kurze Zeit verreiste er dann nach Riesa i. S., wo er als Gürtler arbeitete. Bald kehrte er zurück, gab sich auch abermals als Sozial demokrat aus. Seine Versuche beim Parteivorstand Geld für sich locker zu machen, mißlangen. Er suchte und fand dann Zutritt bei den„Unabhängigen". In den Leseklubs„Spinoza" und „ L a s s a l l e" agitierte er eifrigst gegen die korrumpierte „fraktionelle Partei" und schimpfte weidlichst auf sie. Zlvischen durch schrieb er„Berichte" über„Berichte" über„Unabhängige" „Fraktionelle" und„Anarchisten" an die Polizei. Da er noch immer auf Allordlohn gesetzt war. so log er. natürlich in den Be richten um so unverschämter, um sein„Honorar" zu steigem. Ende Februar 1892 fanden in Berlin die Februarkrawalle statt. Um diese Zeit legte Herr Hamm, wie er in seinen Memoiren erzählt— unser Held hat nämlich selbst Memoiren geschrieben: ihr Inhalt ist im „Vorwärts" vom 13. November 1892, erste Beilage, veröffentlicht auf dem Polizeipräsidium dem Polizeikommissar v. Bodungen einen Brief seines Spitzelkollegcn Simon, des Berliner Korrespondenten der Londoner„Autonomie", vor, den dieser an die Macher der «Autonomie" mit der Bitte richten wollte: „sie sollen doch jetzt Dynamit nach Berlin schicken". Der Brief ist nach den Memoiren Hamms auch nach London gesendet worden. Im April 1892 wurde Hamm von der Polizei nach London versendet. Das Meifterstücklein, wie sich Hamm doppeltes Reisegeld verschaffte, entbehrt nicht des Humors. Scheinbar aufgeregt stürzte er in die Redaktion des„Sozialist", behauptet, die Polizei sei ihm auf den Fersen, er müsse schleunigst»ach London. Der gerade auf der Redaktion anwesende Dr. Benedikt Friedländer gab dem»ach London entsendeten Polizeispitzel 193 Mark zur Flucht vor der Polizei— und zum Verrat der Arbeiter an die Polizei. In London leistete Hamm-Steru. dort Wilson genannt, der Berliner und der Londoner Polizei Vigilauten- und Lockspitzeldienste — er war eifriges tviitglicd des Anarchistenklubs„Autonomie". Der Berliner Polizei berichtete er andauernd über Berliner und Londoner Anarchisten und Sozialisten, log dabei natürlich, daß die Balken brachen. Seine Berliner Gönner suchte er durch möglichst grauliche Berichte etwas geldgebefreudiger zu machen— er„arbeitete" immer noch im Akkord. Eine seiner letzten Schauermärchen war die, daß die Londoner Anarchisten gelegentlich einer Arbeitslosen Versammlung in London am 11. November 1892 einen massenhaften Bombenwurf in Szene setzen würden. Hin und wieder inszenierte er auch selbst Schauer- taten, über die er dann dem Herm„Perkins" oder„Nelson"— das ist die Deckadresse der Berliner Vertrauensleute— den Polizeiadressaten manchmal so dumm berichtete, daß diese den Braten merkten. Auch für den Londoner Polizeiinspektor Melville arbeitete er. Aufs innigste suchte er einige Leute zu überreden: bei der Fabrikation von Bomben behülflich zu sei»— er werde alles bezahlen. Hamm arbeitete in London in Gemeinschaft mit einigen anderen preußischen Polizeil— icblingen, z. B. Wübbeler, Simon, B e r g e r(auch Bogel genannt). Er war auch geistiger Chef eines Polizeihetzblattes„Rache", das später durch Simon und Berger während des englischen großen Streiks im Stteikrevier verbreitet wurde. Seine wiederholten Ansuchen an seine Berliner Polizei- gönner um höheren Lohn wurden unter dem Hinweis abgelehnt, daß er mehr und bedeutenderes leisten müsse. Wenige Wochen nach der Veröffentlichung im„Vorwärts" über Hamms Tätigkeil verduftete Wilson-Stern-Hamm aus London. Er tauchte dann in Budapest auf und suchte in die Reihen der organisierten Metallarbeiter einzuschleichen. Es gelang ihm sogar, Mitglied des Aktionskomitees der Metall- arbeiterschaft in Budapest zu werden. In Budapest »rächte er sich durch Anpreisung der Ermordung Carnots und andere provozierende Reden auffällig bemerkbar. Um sich von dem Verdachte der Spitzelei zu reinigen, schwindelte er einem Gastwirt Sindermann vor, er habe für 3000 M. jährlich Anarchistenfang für die Berliner Polizei getrieben, sei jedoch hennlich im Interesse der Arbeiterschaft vorgegangen und habe so die Berliner Polizei zum Narren ge- halten. Im Jahre 1897 wurde Hamms Vergangenheit vor dem Ottak- ringcr Bezirksgericht wieder aufgerollt. Schuld daran war Hamms eigene Unvorsichttgkeit. Diese hatte ihn zu einer EhrenbeleidigungS- klage gegen den Genossen O r e n d i verleitet, der ihn Schuft und Lockspitzel genannt hatte. Vorstehendes genüge zur Kennzeichnung. Also: Achtung vor dem kaiserlich österreichischen, königlich preußisch-englischen„lästigen Ausländer" und Polizei-Akkordarbeiter Gürtler Richard Hamm. Zu den Wahlrcchtsdemonstrationen im Großherzogtum Sachsen- Weimar ist zu berichten, daß sich der LandeSa'usschuß bereits am 17. Dezember in Weimar init dieser Frage beschäftigt hat und den Beschluß faßte, auS taktischen Gründen zu einer für das Groß- Herzogtum gelegeneren Zeit init der Agitation für daS gleiche ae- heiine Wohlrecht cinheitttch im Lande vorzugehen. Wie bereits ve- kannt, hat die Regierung einen AbänderungScntiourf zun« Landtags- Wahlgesetze dem Landtage unterbreitet. Nach der ersten Lesung ,m Landtage wird die Oeffentlichkeit mehr auf diese Frage gerichtet sein und die Kräfte, die jetzt bei den Demonstrationen anderwärts in Au- spruch genommen sind, stehen dann hier zur Verfügung. Ein Jubiläum in der schweizerischen Parteipresse. Die soeben erschienene Nummer der Bcrner„Arbciterstimme" ist in einem Festgewande erschienen. Es ist die Nr. 1 des 26. Jahr- gangeS, sie feiert also das Jubiläum ihres 2Sjährigeu Bestandes, mit ihr zugleich der Schweizerische Gewerkschaftsbund. Der All- gemeine Schweizerische Gewerkschaftsbund wurde von 25 Jahren in Ölten gegründer: er ging hervor auS dem Schweizerischen Arbeiterbunde. In den ersten vier Jahren war der Sitz des Bundes in Genf; sodann wurde die Leitung an Zürich abgegeben, wo sie 18 Jahre verblieb, um dann an Ben, überzugehen. Die EntWickelung des Bundes war namentlich in der ersten Zeit eine recht langsame; im Jahre 1882 wurde die Zahl der Sektionen auf 17 und die der Mitglieder aus 450 angegeben. Die Delegiertenversammlung von 1891 jedoch vereinigte schon 173 Delegierte und die Zahl der Sektionen be- trug 196 init 6950 Mitgliedern. Im Dezember 1905 waren 618 Sektionen mit 48 000 Mitgliedern vorhanden. Im Laufe der Zeit haben sich die Berufsverbände mehr und mehr entwickelt und forderten mehr Bewegungsfreiheit innerhalb des Bundes; dieser Strömung hat man Rechnung tragen müssen; das anfangs streng zentralistische System hat mehr einen, föderalistischen weichen müssen.— Die Jubiläums- nummer bringt auch einen sehr interessanten Artikel des alten be- kannten Genossen Hermann Greulich. Er erzählt dort einiges über das Schicksal der„Tagwacht", der Vorgängerin der„Arbeiterstimme". Die erste Probenummer dieses Blattes war am 11. Dezember 1369 erschienen. Das vorher gesammelte Geld langte gerade für eine Auflage von 500.„Die Probenmumer war von mir redigiert und wurde auch von mir verhausiert und mit dem dadurch gesammelten Gelde eine 2. Auflage von 500 zur Agitation gedruckt.... Wir fingen an mit etwas über 200 Abonnenten, das Blättlein erschien im 1. Vierteljahr zweimal monat- lich. Am Schlüsse des 1. Vierteljahres hatten wir 634 Abonnenten und— da alle Arbeit gratis geliefert wurde— einen Ueberschuß von 4 Frank 79 Rappen. Von nun an erschien die„Tagwacht" wöchentlich, Redaltion und Expedition wurden von mir für monatlich 40 Frank besorgt. Schon in Nummer 10 mußte mit den Anarchisten angebunden werden, die, von Bakunin geführt, an einem Kongreß in Chaux-de-Fonds unter den romanischen Sektionen der Jnter- nationale eine kleine Mehrheit von Delegierte» aufgewiesen hatten." — In dieser Weise plaudert Greulich weiter über die Leiden und Freuden seiner Redakteurtätigkeit und schildert dann in kurzen Um- rissen die Zeit bis zur Gründung des neuen Blattes. potiieUUbes. OcricbtUches ukw. Genosse Redakteur Artur Molkcnbuhr war vom Schöffengericht Wittenberg von der Anklage, einen Schlosser Repke beleidigt zu haben, fteigesprochen worden. Gegen dieses Urteil hatte Repke bei der Straskammer Berufung eingelegt, um sich von den, ihm ge- machten Vorwurf, er habe seinen Stiefsohn brutal behandelt, zu reinigen. Als der Privatkläger aber merkte, daß die Sache wieder schief ging, nahm er seine Berufung bedingungslos zurück. Die nicht unerheblichen Kosten trägt der angeblich Beleidigte, Herr- Repke. Soziales. Wirtschaften und Kleinhaudlungen mit Branntwein in deutschen Großstädten. Zur Feststellung der Anzahl der Wirtschaften und Klein- Handlungen mit Braimtweiii in deutschen Großstädten am I.Januar 1905 wurde vom Stadtausschuß in Köln ein Fragebogen versandt, der von allen Städten beantwortet wurde. Die Festfiellungen wurden dadurch erleichtert, daß die Erteilung der Erlaubnis zur Schank-- wirtschaft(Ausschank von Branntwein) und zum Kleinverkauf von Branntwein allgemein von dem Nachweis eines vorhandenen Be- dürfnisses abhängig zu machen ist, zur Gastwirtschaft und zur beschränkten Schankwirtschaft aber nur dann, wenn die be- treffenden Städte dies besonders durch Ortsstatut bestimmt haben. Von de» 40 deutschen Großstädten, die am Stichtage insgesamt eine Einwohnerzahl von 10 917 171 Personen besaßen, haben 27 ein Orts- statut) die 13 Großstädte ohne Ortsstatut(darunter Berlin) entfallen im wesentlichen auf das östliche und südliche Deutschland. In allen 40 Großstädten wurden 4663 Gastwirtschaften(Fremden- beherbungen init und ohne Ausschank), 27 805 unbeschränkte Schenk- wirtschaften(Ausschank geistiger Getränke einschließlich Branntwein) und 14 014 beschränkte Schenkwirtschaften(Ausschank geistiger Ge- tränke ohne Branntwein ermittelt. Auf Dresden, das die letzteren beiden Kategorien nicht getrennt hatte, entfielen 1488 Schenk- ivirtschaftcn. In allen 40 Großstädten gab es also 47 970 Gast- und Schenkivirtschafle», so daß aus je 227 Einwohner eine Wirtschaft kani. Dabei sind die Militärkanttnen, die Wirtschaften auf Schiffen, die Trinkballen, vorübergehend erteilte Konzessionen gelegentlich von Schützenfesten, des Umbaues von Lokalen usw. nicht mit eingerechnet. Natürlich zeigen die einzelnen Städte ein sehr verschiedenes Ver- halten; gruppiert man sie nach dem Gesichtspunlte, ob sie Ortsstatut habe» oder nicht, so kommt in der elfteren Gruppe auf 311 Bewohner eine Wirtschaft, in der zweiten auf 181. Der Hauptunterschied stellt sich bei den b e s ch r ä n k t e n Schenk- wirtschaften heraus. Während in Städten mit Orts- statut auf 3395 Bewohner eine derartige Wirtschaft entfällt, ist diese Zahl in Städten ohne OrtSstatut 443. Die unbeschränkten Schenk lvirtschaften, beidenen in allen Städten die BedürfniSfrage zu prüfen ist, zeigen ein gleich- mäßigeres Verhalten. Für die deutschen Städte mit Ortsstatut be- trägt der Durchschnitt 422, ohne solches 493 Bewohner, auf welche solche Schcnkwirtschaft entfällt. Wo eine Prüfung der BedürfniSfrage stattfindet, sind die Gastwirt- s ch a f t e u zahlreicher, während man eigentlich das Um- gekehrte erwarten sollte. In den erstercn kommt eine Gastwirtschaft auf 1958, in den letzterem erst ans 2459. Dabei ist Berlin wegen seiner besonderen Verhältnisse weggelassen. Diese Stadt nimmt fast den ganzen Logierverkehr der großen Vorstädte Charlottcnburg, Rixdorf und Schöneberg auf. Infolgedessen sind diese letzteren Städte bei den Gasttvirtichaften mit sehr geringen Zahlen vertreten, auf eine Wirtschaft kaum 7001 bezw. 17 544 und 32 620 Einwohner. Die ermittelten Zahlen zeigen den unverkennbaren Einfluß des Orts- statuts, sodann auch eine Wechselivirkung zwischen einzelne» WirtschaftS- arten: je größer die Zahl der beschränkten, desto kleiner ist die Zahl der unbeschränkten Schenkwirtschaften und der Gastwirtschastcn. Da- bei ist natürlich zu beachten, daß hinsichtlich der Häufigkeit von Wirtschaften örtliche Besoildcrheiten— viel Fremdenverkehr, mehr oder weniger berechtigte Vorliebe für Branntwein usw.— schließ- lich auch die Praxis der Genehmigungsbehörden eine wesentliche Rolle spielen. Besonders der letztere Punkt ist eine recht wunde Stelle des KonzessionSunlvcscnS. das der Schikane und auch kvrrum- pierenden Einflüssen Tür und Tor öffnet. Die Anzahl der Personen, auf welche eine Gast- oder Schenk- Wirtschaft entsällt, ist verhältnismüßig niedrig in Kiel(631), Braun- schweig(570), Essen(549), Gelsenkirchen(488), Dorttnund(438) usiv., hoch dagegen in Frankfurt(161). Mannheim(164), Stettin(164), Berlin(165), Nürnberg(167) usw. Allgemein sind die wenigsten in den Städten mit Ortsstatut vorhanden. Die einzelnen Wirtschastsarten weisen noch größere Unterschiede auf. Bannen. Plauen, Bochum. Chemnitz, Duisburg, Gelscnkirchen, Kiel und Rixdorf haben gar keine oder nur wenig beschränkte Wirtschaften, während in Nürnberg auf 183, in Mannheim auf 258, in Frankfurt auf 272 und in München auf 202 Einwohner— alles süddeutsche Städte ohne Ortsstatut— eine beschränkte Wirtschaft entsällt. Die welligsten Schenk- lvirtschaften mit BranntweinanSschank besitzen Nürnberg(ans 132'/» Bewohner lomint eine solche). Braunschweig(1031), Kiel(055). München(924) und Halle(851), die meisten dagegen Bremen(211), Berlin(220), Rixdorf(246), Stettin(251), Straßinag(281) und Stuttgart(290). Die Zahl der alkoholfreien Wirtschaften(Kaffee- stuben usw.), bei denen die Bedürfnisfrage incht geprüft werden kann. bettägt in den deutschen Großstädten mit Ausnahnle von Berlin und Breslau, für die leider keine Angaben vorliegen, 1933, und zwar entfällt eine solche Wirtschaft in den Städten mit Ortsstatut auf 4176, ohne Ortsstatut auf 4762. Läßt man München mit 358 alkoholfreien Wirtschaften außer Betracht, so ist die Durchschnitts- zahl an Bewohnern auf eine solche Wirtschaft in den Städten ohne Ortsstatut 8029. Diese Art der Wirtschaften sind also in den Städten mit Ortsstatut häufiger als in denen ohne Statut. Das hat wohl seinen Grund darin, daß in den letzteren Städten bei beschränkten Wirtschaften die Bedürfuisfrage nicht geprüft werden kann, so daß die Errichtung derartiger Betriebe ebenso leicht ist, wie die von alkoholfreien Wirtschaften. Diese Statistik läßt irgendwelche sicheren Rückschlüsse auf das soziale Bedürfnis nach Gastwirtschaften keineswegs zu, weil ihr wichtige Unterlagen fehlem So fehlt vor allem die wirkliche �requenzzahl für die einzelnen Lokale: nicht darauf kommt es a», wieviel Einwohner(einschließlich Säuglinge) eine Wirtschaft be- nutzen könnten, wenn diese hinreichendeii Raum böte, sondern wie- Mel Mnb wer(ledig? männliche, weibliche Personen? Kinder? an welchen Tagen und Tageszeiten?) tatsächlich die Wirtschaften aufsuchten. Von Erheblichkeit ist ferner die Erfassung der Gründe des Besuchs der Wirtschaften. Dahin gehörte die genaue statistische Er« fassung der Wohnungsverhältnisse, des Vorhandenseins allgemeiner und gemeinnütziger Erholungs- und Bildungsstätten, der Erwerbs- Verhältnisse, der Länge und der Art der Arbeitszeit, der Feststellung. wieviel Vereins- und Versammlungsbesucher als Gäste mitgerechnet sind usw. Die aufgestellte Statistik, über deren Ergebnisse wir berichten, hätte auch dann etwas mehr Wert, wenn sie die Grund- s ä tz e mitangegeben hätte, die den Stadtausschüssen bei der Bejahung oder Verneinung der Bedllrstusftage vorgelegen. Nach den viel- fältigen Klagen der Interessenten wird die Prüfung der Bedürfnis- frage in der Regel durch rein mechanische Grundsätze be- herrscht, verschärft durch polizeiliches„ pflichtmästiges Er- messen", durch Zufall sowie durch Laune und politische Ansichten der ausschlaggebenden Personen. Eine Statistik, wie die vom Kölner Stadtausschutz angeregte, bedarf u. a. zu ihrer Verwertbarkeit auch die Erfassung emer Reihe anderer Fragen, z. B.: Besteht Polizei» st u n d e? Für welche Lokale? Nach welchen Grundsätzen wird die Polizeistunde gesetzt? Welche Grundsätze beherrschen die Erteilung der polizeistaatlichen Genehmignng öffentlicher Lust bar- leiten? Würde eine, nicht nur auf Großstädte beschränkte, Statistik über die Gründe für ein Bedürfnis nach Wirtschaften und über die Be- Handlung der Bedürfnisfrage durch Polizei, Stadt- und Bezirks- ausschiiste aufgenommen, so würde wohl auch aus diesem Gebiet ziffernmäßig der Beweis für den Widerspruch zwischen de» sozialen Bedürfnissen und.der obrigkeitlichen Reglementierung erbracht werden. Ländliche Zustände in Bayern. Eine niedliche Schilderung länd- licher Zustände in Bayern entwirft ein Zentrumsorgan, das„Regens- burger Morgenblatt". Es bringt einen längeren Artikel über die Sicherheitsverhältnisse auf dem Laude, besonders über den vielen Waldfrevel. Von einem polizeilichen Schutz könne man gar nicht reden, weil die gemeindlichen Flurwächter wegen ihrer meist nüse- rabelen Bezahlung gezwungen seien, selbst mitznfrevcln. Ein Flur- Wächter, der jetzt noch im Amte sei, habe, als sein Haus zwangs- weise versteigert werden sollte, vorher die stärksten Dachbalken heraus- geschnitten, so daß das Haus einzufallen drohte. Zu einem Bürger- ineister sei einmal nachts die Gendarmerie gekommen, um etwas unter- schreiben zu lassen. Er sei aber nicht daheim gewesen und seine Frau habe seine Abwesenheit mit der Bemerkung entschuldigt, er hole im nahe gelegenen Walde, der aber nicht ihm gehöre, Holz zum Backen I Auch in bezug auf die Wirtshauspolizei sehe es sehr schlecht aus. Seien doch schon Frauen von Bürgernreistern und von Polizeidienern auf das Bezirksamt gekommen und hätten sich beschwert, daß ihre Männer früh und spät im Wirtshans sitzen und keine Polizeistunde einhalten.— Dafür, daß die Sicherheit selbst unter den geschilderten Zuständen Schaden leide, führt das Zentrums- blatt weitere Tatsachen nicht an. Der„Waldfrevel" nicht nur in Bayern beruht auf der Anschauung, daß der Wald und seine Er« zeugnisse als Gemeineigentum nützlichere Dienste leiste wie als un» benutztes Privateigentum._* Hus InduFtric und Dandel. Gründung von Aktiengesellschaften im Jahre lWö. Nach den statistischen Zusammenstellungen des„D. Oek." sind ini ersten Halbjahre 1Ü05 87 Gesellschaften mit 200,67 Millionen Mark Aktienkapital gegründet worden, und für das ganze Jahr l90ö ergibt sich eine Zahl von löl Gesellschaften mit 336 Millionen Mark Kapital, sodaß auf das zweite Halbjahr l0i Gesellschaften mit 185,33 Millionen Mark Kapital entfallen. Im Jahre 1901 waren insgesamt 104 Gesellschaften mit 140,65 Millionen Mark, im Jahre 1903 84 Gesellschaften mit 300,04 Millionen Mark Aktien- kapital gegründet worden. Bezüglich der relativ hohen Kapital- summe des Jahres 1903 ist daran zu erinnern, daß damals das Kruppsche Unternehmen in eine Aktiengesellschaft mit 160 Millionen Mark Kapital umgewandelt worden ist. Was die einzelnen Branchen angeht, so haben im Jahre 1905 den Haupt- anteil an den Neugründunzen die Kategorien„Bergbau, Hütten. Salinen" mit 63,23 Millionen Mark,„Industrie der Steine und Erden" mit 20.78 Millionen Mark,„Metallverarbeitung, Maschinen- bau" mit 25,65 Millionen Mark,„Chemische Jndustne, Heiz- und Leuchtstoffe" mit 29,92 Millionen Mark,„Baugewerbe" mit 49,13 Millionen Mark,„Banken" mit 75,40 Millionen Mark, „Sonstige Transportanstalten" mit 23,56 Millionen Mark und„Diverse" mit 29.81 Millionen Mark.• Von größeren Gesellschaften, die im ersten Semester 1905 gegründet worden sind, rekapitulieren wir die Hohenlohe- Werke mit 40 Millionen Mark Kapital, die Süd- deutsche Diskontogesellschaft mit 20 Millionen Mark, die Allgemeine Petroleum-Jndustrie, Aktien-Gesellschaft mit 12 Millionen Mark, die Boden-Aktien-Gesellschaft Berlin- Nord mit 10 Millionen Mark und die Aktien-Gescllschast Leonhard Tietz in Köln>nit 10 Millionen Mark Kapital. Bezüglich des zweiten Halbjahres verweisen wir auf die unten folgenden speziellen Nachweisnngen. Bemerkenswert ist die relativ starke Gründungstätigkeit auf dem Gebiete der Banken. Diese Erscheinung steht' scheinbar im Widerspruche zu dem fort- schreitenden Konzentrationsprozesse im Bankwesen, in Wirklichkeit hängt sie jedoch direkt damit zusammen: denn bei den neu ge- gründeten Banken handelt es sich zum größten Teile um Annex- Institute irgend einer der führenden Großbanken. In dieser Hinsicht erwähnen wir aus dem ersten Semester die Süddentsche-Diskonto-Ges. A.-G. in Mannheim mit 20 Millionen Mark Kapital und aus dem zweiten Semester 1905 die Bayerische Diskonto- und Wechselbank in Nürnberg mit 12 Millionen Mark, die Bank für Thüringen B. M. Strupp in Meiningen mit 10 Millionen Mark, die Zentral- amerika-Bank in Berlin mit 10 Millionen Mark und die Treuhand- Vereinigung sowie die RevisionS- und VermögenSverwaltungs-A.-G. mit je 1 Million Mark Kapital. Lebhafte Kohlcnproduktion. Mit welchem Hochdruck zurzeit die Kohlenförderung betrieben wird, zeigen die jetzigen ProduktionS- ziffern. In der ersten Januarwoche wurden im Ruhrrevier täglich 19 000 Wagen Kohlen versandt, gegen 17 600 Wagen in der ersten Woche deS Januar 1904. Im mitteldeutschen Braunkohlcnrevier lvurden in der letzten Hälfte Dezember vorigen Jahres täglich 5920 Wagen gestellt, gegen nur 3947 Wagen in der gleichen Zeit des Vorjahres. Dabei wird noch darüber geklagt, daß die Wagen- stellung nicht den Anforderungen genügt. Riesenbetriebe. Die rechnungsmäßige Beteiligungsziffer der dem Rheinisch-West- sälischen Kohlensyndikat angeschlossenen Werke ist seit 1906 auf 76 275 834 Tonnen gestiegen, sie ist damit seit 1893, wo sich die Be- teiligung auf 35 371 917 Tonneil bclief, um mehr als 100 Prozent hinaufgeschnellt; angeschlosien sind S5 Werke. Darunter sind 21 Werke mit einer Beteiligung von mehr als einer Million Tonnen. Fünf Werke verfügen allein über mehr als ein Drittel der Gesamt- beteiligung. Es sind dies Gelsenkirchen.. mit 7 693 000 Tonnen Beteiligung Harpener Bergbau„ 7 240 000„„ Hibernia....„ 5 416 500„„ Rheinpreußen..„ 2 999 493„„ Nordstern...„ 2740000„„ Von der 12 258 200 Tonnen betragenden Beteiligungsziffer für Koks, beherrschen die fünf Werke ebenfalls über ein Drittel, nämlich 4 633 520 Tonnen. Gelsenkirchen ist kombiniert mit dem Schalker Gruben- und Hüttenverein, der auch noch mit 1 Million Tgnnen Kohlen und mit 222 150 Tonnen Koks beim Syndikat beteiligt ist, ferner niit de»,.Hüttenwerk Rote Erde, Aachen. Außerdem sind einzelne Gesellschaften noch wieder bei anderen durch Aktienbesitz beteiligt, so daß nicht nur die Kohlenindustrie, sondern auch die Eisenerzeugung zu einein erheblichen Teile von nur einigen Gesell- schaften beherrscht wird. Sie ramschen! Dem Beispiel deS Kohlensyndikats, Nachlieferungen zu verweigern, damit die Abnehmer die demnächst in Kraft tretenden höheren Preise zahlen müssen, folgt auch der Walz- drahtverband. Nach der„Köln. Volksztg." hat der Verband seinen Abnehinern mitgeteilt, daß wegen stärkster Beschäftigung mit 6 bis 8 Wochen Lieferfristen zu rechnen sei. Sortenaufgaben, deren Ausführung bis 31. März sicher geschehen soll, sind bis spätestens 15. Februar aufzugeben. Die bis 31. März nicht gelieferten Mengen zahlen den höheren Preis des zweiten Quartals.— Die Kleineisen- industriellen in Halver und Umgegend haben eine Preiserhöhung um mindestens 10 Proz. vorgenommen. Die Preise für belgischen Koks erftihren eine weitere Steigerung um 3 Fr. GericKts-Leitung. Der Kampf um das große Los der sächsischen Staatslotterie, über den wir in Nr. 1 unserer Zeitung berichteten, ist in erster Instanz von dem Dresdener Landgericht durch Abweisung der Mit spieler an dem Zehntel abgewiesen. Die Abweisung erfolgte, weil die Beklagte, Geflügelhändlerin Müller, bereits bei der Abrede des gemeinsamen SpielenS wegen Geisteskrankheit entmündigt war, mithin einen gülligen Vertrag nicht schließen konnte. Folgerichtig ist auch der Vertrag, den die Beklagte mit dem sächsischen Fiskus geschloffen hatte, nichtig. Ob der Fiskus mit einer Klage auf Herausgabe der gezahlten 42 500 M. Erfolg haben würde, ist, wenn auch eine Klage zu seinen Gunsten entschieden werden sollte, recht zweifelhaft, da die Beklagte so geisteskrank schwerlich ist, daß sie dem Fiskus den Zugriff ermöglichen würde. Um die Gültigkeit einer Polizeivorschrift. Die Verabfolgung geistiger Getränke an Personen unter 16 Jahren, an Betrunkene und an polizeilich als Trunkenbolde bezeichnete Personen wird den Gast- und Schankwirten der Provinz Brandenburg durch Ober- präsidial-Polizeiverordnung vom 7. März 1903(oder 1904) verboten. Die Verordnung gibt ferner den Gast- und Schankwirten aus, beut- lich lesbare Abdrucke der Bestimmungen der Verordnung an ins Auge springenden Stellen aufzuhängen. Wegen Nichtaushang der Verordnung war der Gastwirt Sch. in Weißensee mit einer Geld- strafe belegt. Der Gastwirt bestritt die Rechtsgültigkeit des Aushanggebotes. Sein Einwand wurde jedoch dieser Tage auch vom Kammergericht zurückgewiesen. Für die Gültigkeit des Gebotes führte das Kammergericht aus: Die Vorschrift sei bestimmt, der Möglichkeit von Exzessen vorzubeugen. Angetrunkene und ihre etwaigen Begleiter könnten sich leicht mit dem Wirt reiben, wenn sie annähmen, die Weigerung, ihnen etwas zu verabreichen, entspringe lediglich privater Absicht des Wirtes. Dadurch liege die Möglichkeit von Exzessen wegen NichtanSschänkens nahe. Der sichtbare Aushang, auf den der Wirt hinweisen könne. erleichtere ei» ftiedfertigeres Auftreten. Auch der Einwand des Angeklagten, daß er nicht verpflichtet sein könne, die Kosten eines im polizeilichen Interesse verlangten Aushanges zu tragen, sei unbegründet. Die Polizei könne zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung Auslagen machen, ohne die Mittel dazu her- zugeben. So könne sie z. B. verlangen, daß ihr die Meldungen von zu- und abziehenden Personen aus bestimmten Formularen zu- gingen, ohne daß sie den Meldepflichtigen die Formulare verabfolge. Auch im vorliegenden Streitsalle, wo es sich um minimale Kosten bandele, könne nicht von einem unbefugten Eingriffe in das Eigentumsrecht geredet werden. KiiidcSniord? Am Kaisers Geburtstag ließ sich daS 21 jährige Dicnstntädchcn A u g u st e B. mit einem Soldaten ein. Am 11. Oktober soll sie ihr neugeborenes Kind sofort im Bett erstickt, dann später, init einer Zuckerschnur um den Hals versehen, in dem Backofen versteckt haben. Der Vorgang wurde bald von der Herr- schaft bemerkt, die Anzeige bei der Kriminalpolizei erstattete. Diese nahm, nachdem die Leiche des unglücklichen kleinen Wesens aus dem Backofen entfernt worden war, die Angeklagten fest, die. als ob nichts geschehen sei, ihren häuslichen Verrichtungen nachgegangev war.— Vor Gericht behauptete die Angeklagte, sie fei von dem Geburtsakt völlig überrascht worden, sie wve ohnmächtig geworden und hätte erst später, als sie wieder erwacht sei. das Krnd bereits tot aufgefunden. Aus Furcht und Scham habe sie dann die Leiche in dem Backofen vwsteckt.— Nach dem Gutachten des als Sachverständiger geladenen Professors Dr. Straßmann und de§ GerichtSarztcsDr. Strau ch ist die Möglichkeit vorhanden, daß das neugeborene Kind auch infolge eines bei der Sektion konstatierten Schädelbruches verstorben sei und die Angeklagte erst die früher eingeräumte vorsätzliche Erstickung versucht habe.— Staats- anwalt L i e b e n o w wies auf die geradezu erschreckende Zu- nähme derartiger Morde von unschuldigen Kindern hin, die für die Verfehlungen der Mutter büßen müssen. Die Angeklagte habe die Tat früher zwar zugestanden, immerhin könne es sich nach dem Gutachten der Sachverständigen um einen Versuch am untauglichen Objekt handeln, welcher nach der Judikatur des Reichsgerichts eben- falls strafbar sei! Der Verteidiger hielt weder eiue vollendete noch versuchte Tötung für vorliegend und beantragte die Freisprechung der Angeklagten. Die Geschworenen verneinten beide Schuldfragen, worauf die Angeschuldigte freigesprochen wurde. Tod des Gastwirts Thürling vor dem Schwurgericht. Das Schwurgerichi am Landgericht II begann gestern eine neue Tagung mit der Verhandlung gegen Karl Otto Engel. Dieser ist be- schuldigt, am Abend' des 16. Oktober v. I. den Gastwirt August T h ü r l i u g in Pankow-Heinersdorf durch einen Messerstich g e- tötet zu haben. Der schon mehrmals vorbestrafte Angeklagte war zur kritischen Zeit Handelsmann, verkehrte in Kaschemmen und besaß >ehr viel Geld. Am 16. Oktober abends fuhr er mit mehreren Be- kannten nach Französisch- Buchholz, warf dort mit dem Gelde um sich, trmik sehr viel und gab viel zum Besten. Von Fran- züsisch- Buchholz begab er sich mit seinen Bekannten mit der Pferdebahn nach der Station Pankow-HeinerSdors. Dort kam es zu Streitereien mit anderen Personen, so daß schließlich die lärmenden, angetrunkenen Menschen vom Bahnhos gewiesen werden mußten. Der Streit artete in Tätlichkeiten aus. durch die der Gastwirt Thürling, dessen Gasthaus direkt am Bahnkörper liegt, aufmerksam ivurde. Er trat vor die Tür und wollte Ruhe gebieten, wurde aber in den Streit hineingezogen und mußte sich mit einem Gummischlauche seiner Haut wehren. Plötzlich erhielt er von einem der Exzcdenten mit einem dolchartigen Messer einen Stich in die Brust, so daß er blutüberströmt zu Boden sank. Er konnte noch einen gerade in die Station einlaufenden Zug nach Berlin besteigen, um hier ärztliche Hilfe aufzusuchen; während der Fahrt verstarb er. Der Angeklagte ist der Messerstecher gewesen; er soll sich seiner That noch gerühmt haben. Er hat sich nach der- selben einige Tage verborge» gehalten. Als er aber merkte, daß ihm die Polizei auf den Fersen war, hat er sich selbst gestellt. Im gestrigen Termin gab er zu. das Messer. welches er zufällig an jenem Tage gefunden haben will, in Anwendung gebracht zu haben, er behauptete aber, daß er sich in der Notwehr befunden habe. Der Versuch. dies glaubhaft zu machen, mißlang aber. Die Geschworenen sprachen den An- geklagten der Körperverletzung mit tödlichem Aus- gange schuldig. Der Staatsanwalt beantragte fünf Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust. Der Gerichtshof erkannte mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte bei Ausübung der Tat etwas angetrunken gewesen, auf f ü n f I a h r e G e f ä n g n i s und Ehrverlust auf gleiche Dauer. Seine Neigung zum Don Juan mußte der Tapezierer Wilhelm Schulz mit einer Anklage wegen Betruges und Beleidigung büßen, die gestern vor dem Schöffengericht I zur Verhandlung kam.— Im Frühjahr v.J.,„als die Vöglein sangen und die Knospen sprangen", lernte die Tochter eines Handwerksmeisters in Lichtenberg den Angeklagten kennen. Aus der oberflächlichen Bekannt- schaft entwickelte sich bald ein zartes Liebesverhältnis, welches schließlich zu einer Verlobung führte. Als man schon den Termin der Hochzeit besprach, erhielten die Eltern der„glück- lichen" Braut eine Nachricht, die sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf. Sie erfuhren, daß der neugebackene Bräuti- gam seit drei Jahren verheiratet und Vater mehrerer Kinder ist. Der Vater erstattete eine Anzeige wegen Betruges gegen den Angeklagten, während die ehemalige Braut eine Anzeige wegen Beleidigung erstattete. Der Betrug sollte darin bestehen, daß der Schwiegervater in sps in seinem Vermögen dadurch beschädigt worden sei, daß er den Verlobungsichmaus und wiederholt„warm Abendbrot" aus seiner Tasche bezahlt hatte. Der Gerichtshof erkannte bezüglich deS Betruges auf Freisprechung, wegen Be- leidignng auf 50 Mark Geldstrafe. Lriekkaften der Redabtion. Juriftifcher Ce«. K. 100. 1. Ja, eS sei denn, die Forderung ist bereits ausgeklagt. 2. u. 3. New.— O. K. t Darüber hat die Mehrheit der Mitglieder zu entscheiden. 2. Das Wort kann nicht während der Rede eines anderen er- teilt werden.— Tiegfriedftr. Z. Da Ihr Vertrag die sonst übliche Klausel nicht enthält, daß für den Fall einer Nichtkündigung der Vertrag aus... Jahre verlängert gilt, so ist leider die Kündigung des Wirtes zum 1. April gülsig. — F. K. 100. Nein.— G. E. 36. Sic müssen das Ehren- a m t einesSchössen ausüben, d a S i e ke i n e r l e i g e s e tz- liche Ablehnungsgründe haben Es ist auch JhrWunsch, diese Ehrenpsiicht nicht auszuüben, nichts weniger als berechtigt. Gegen die bestehende Praxis, Arbeiter nicht als Schöffen einzuberusen, kämpft die Arbeiterklasse seit Jahren, und nicht ganz ohne Erfolg, um die Klassenjustiz in etwas zu biegen. Wir wünschen Ihrer Tätigkeit den besten Erfolg Durch Teilnahme an einer einzigen Sitzung werden Sie ersehen, wie viel Gutes Sie als Schösienrichter leisten können. Selbst wenn Ihnen durch Wahrnehmung der schössengerichtlichen Tätigkeit materielle Nachteile erwachsen winden, ständen diese in keinerlei Verhältnis zu dem Bewuhtsein. in der Stellung, die Ihnen durch die vielen opservollcn Bemühungen der Arbeiter- kiassc errungen sind, für Gerechtigkeit zu wirken und vielleicht io manchen vor den Nachteilen bewahrt zu haben, die dem einzelnen strafrechtlichen Opjcr der bcslchcnden Zustände vor Gericht drohen. Uiiterichätzen Sie auch den Einfluß nicht, den übcrzeugungstreue Laien aus die richterliche Tätigkeit des gelehrten Juristen ausüben können. Ueberdies erwüchse Ihnen ein materieller Schaden nicht. Nach§ 616 B. G.-B. ist Ihnen der Lohn für die Zeil der Ausübung Ihrer richterlichen Ehren- sunktion zu zahlen. Liegen besondere Verhälwisse vor. so werden diese sicher von dem Wahlverein, dem Sie angehören, berücksichtigt werden. —' F. M. 78. Ihr Wirt ist zu den Maßnahmen nicht berechtigt, wohl aber Sie. Die Fortnahme ist nur gestattet, wenn Sie den früheren Zustand wiederherstellen. Uir den 8. Berliner Reiclislags-Walilkrels. Todes- Anzeige. Am 7. d. M. verstarb unser Mitglied, der Schankwirt Seioried Müller Gartcnstr. 48. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den tl. d. M., nachmittags 3 Uhr, vom Trauerhaufe aus nach dem Golgalha-Kirchhoj, Barfusstraße, statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 24615 Wer Vorstand. für den B.BerlinepReielisiapalilkreis. Todes-Anzeige. Hiermit zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schuhmacher Herrnsrm Meyer, Zwinglistr. 23, verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute, Dienstag, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Heilands- Kirchhofs in Plötzcnsee statt. Um zahlreiche Beteiliaimg ersucht Der Vorstand. Zentral-Kranlieiikasse der Tapezierer Filiale Berlin I. Am 6. Januar starb nach langem Leiden unser Mitglied, der Tapezierer Lmii Faber BDlawatraBe 63. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 9. Januar, nachm. 3 Uhr, von der Halle deS Luther. Kicchhoses in Lauklvitz aus statt. Um rege Beteiligung ersucht t746b Die Ortsverwaltung. Stukkateure. Am Freitag, den 5. d. M., ver- starb unser langjähriges Mitglied Kollege Fritz Müller (Caputh bei Potsdam) im 26. Lebensjahre. Ehre seinem Andenken! Umständehalber konnte die Be. erdigung. weiche gestern, nach- mittags 3 Uhr, slattsand, nicht jrühcr bekannt gegeben werden. Die Ortsverwaltung Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure 172/2 Deutschlands. ZeDtral-Kpaflken- uutl Sterlie- kasse der Tisctiter. Ortsverwaltung Berlin H. Hierdurch zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schneider W\Mm Lehmann I am Freitag, den 5. Januar, ge- slorbcn ist. Die Beerdigung findet am Dienstag, den 9. d. M., nach- mittags 2 Uhr, von der Hall- des Emmaus-Kirchhoss aus statt. s lS«,l Die Ortaverwaltnn«. Gestern abend 11 Uhr verschied plötzlich und unerwartet mein innigst geliebter Mann, unser guter Schwager und Onkel, Herr Rentier Heiiiried Franck im 63. Lebensjahre. Berlin N., den 8. Januar 1906. (Brunnenstr.t85.) 17706 Im Namen der trauernden Hinterbliebenen Natalie Franck geb. Sohlelp. Die Beerdigung findet Donners- tag. den lt. d. M., nachmittags 4 Ubr, von der Halle deS Elisabeth- Kirchhoses(Ackcrstraße) aus statt. Metier Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Dodks-Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Arbeiter l(srl Stecker am 6. Januar an Gehirnschlag gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Dienstag, den 9. Januar, nach- mittags 9,4 Uhr, von der Leichen- Halle des Genieindesriedhojcs in Oberschönewcidc aus statt. Rege Beteiligung erwartet 110/7 Die Ortsverwaltung. Treffpunkt der Kollegen: Rest. Matz, Wilhellninenhosstr. 48. MtratveM der Handels-, Transport- li. Verketirsarbeiter Deutsehlands. Verwaltungsstelle Berlin I. Hierdurch diene den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kollege, Hausdiener Max Zerbe gestorben ist. Die Beerdigung findet heute, Dienstag, den 9. d. Mt§..nach. mittags 3 Uhr, von der Leichen- halle desRuinmelsburger Ostsried- hoses, Friedrichsseldc, auS statt. �Umrecht zahlreiche Beteiligung Tie Ortsvcrtvaltung. Danksagung. Für die innigen Beweise der Teil» nähme bei der Bcerdigung mcmeS lieben Mannes. des Bohrer» « Nliokn,«ein-«, s°gc" � allen Freunden. Bekannten und Kollegen der Schwartzkopfischen Fabrik sowie den Freunden vom stamm- tische und dem Vertreter der Wagen- bauer-Krankenkassc. Bezirk 8(Gesund. brunnen). unseren herzlichsten Dank. 1700b Witwe Hein« nebst Kindern. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnabme und die Kranzlpcnden bei dcrBeerdigung unseres liebenBruderS und Schwagers Hermann Sehuw, sagen wir allen Freunden und Be- kannten, insbesondere de» Rollegen der Firma R. Krüger und W. Gurlt. unseren innigsten Dank. 1765b iftml San-ach und Frau geb. Schulz. Danksagung. Für die viclcn Bciveije herzlichster Teilnahme bei der Beerdigung unseres lieben, unvergeßlichen Sohnes und Bruders Karl Bahr sagen wir hiermit allen Verwandten, Freunden und Bekannten unseren innigsten Dank. 17ö9b Familie J. Bahr. iyiic den Jttftalt der Inicrnte übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Vcrantwortling. UKeater. DienSiag, S. Januar. Ansang VI, Uhr: Opernhaus. Der Barbier von Bagdad. Die Rose von«chiras. Schauspielhaus. Der Damcnkricg. Die Dienstboten. Neues Opern- Theater. Doktor Deutsches. Der Äausmann von Venedig. Berliner. EdleZ Blut. Neues. Liebcsleutc. Ansang 8 Uhr: Westen. Schtchenlicsel. Lessing. Ein VollSseind. Schilter O.(Wallner-Theater.) Hans. Schiller X.(Friedrich Wilhelm- städtisches Theater). Zwei glück- liche Tage. Kleines. Marquis v. Kcith. Komische Oper. HoffmannS Er» zählunglui. Residenz. Der Prinzgemahl. Trianon. Die Wettersahnc. Lttstspiclhaus. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis srüh um Fünse. Carl Weist. Die lebende Brücke aus Kuba. Zentral. Der Bettelstudent. Luisen. Maria Stuart. Dentsch-Amerikanisches. Er und Ich. Mctropol. Aus WS Metropol. Kasino. Die goldene Brücke. Apollo. PrinzeB Rosine. Spezialitäten. Herrnfeld. Famtlientag im Hause Prellstein. Wintergarten. Otto Remter.— Spezialitäten. Belle-Alliance. Der grüne Teusel. Spezialitäten. Walhalla. Nach Asrika, nach Ka« merun. Folies Caprice. Soll und Haben. Nach dem Zapsenstreich. Retchshallen. Stettiner Sänger. Passage. Spezialitäten. Urania. Taiivenstraste 48/40. Abends 8 Uhr: Am Gols von Neapel. Im Hörsaal um 8 Uhr: Dr. M. v. Unruh: Grundlagen der Chemie. Sternwarte, Jnvalidenstr. lS7/K2. Täglich geöflnel von 7 bis l Uhr. Berliner Tdester. Ansang VI, Uhr. Edles Blut. Mittwoch nachm. 3 Uhr: Schülervorstellung zu ermäßigten Preisen: Wlhelw Teil. Abends?>/, Uhr: Gastspiel derOper chcs Theater des Westens._ Neues Theater. Ansang VI, Uhr. Liebcsleutc (Arnants). Mittwoch, Tonnerstag: Ein Sommer nachtstraum. Freitag: Liehesleute._ Kleines Theater. Abends 8 Uhr: Marquis von Keith. Mittwoch: Nachtasyl» Zentral-Theater (Operette). Abends 8 Uhr: Der Bettelftudent. l-uisen-Theater. Abends 8 Uhr: UlaR'la Stuart. Mittwoch: So find sie alle. Donnerstag: Der Äoldbauer. Freitag z. erstenmal: Die lustigen Weiber von Windsor. Sonnabend: Die lustigen Weiber von Windsor. Sonntag nachm.: Die Waise auS Lowood. AbendS: Die lustigen Weiber von Windsor. Montag: Der Kausmann v. Venedig. Trianon-T'keater. Ansang 8 Uhr. Die Wetterfahne. Sonntag nachm.: Die herbe Frucht. LustspieSSiaus. AbendS 8 Uhr: Der Weg M Hölle. Lothrliigrrstr. 37. Däistich 8 Uhr. Die goldene Brücke. Schausp.'in Ö Sllt. v. R. Stcrowonnack. Im Nene» Theater z. Z. m. sensation. Erfolg gegeben! Vorher: Das hrill. bunte Programm. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Hotel Klingebuscw__ Resiöenz-Tliealer. Duehtton: Richard Hlc�andcr Ansang 8 Uhr. Heute zum Besten der notleideuden Deutschen in Rußland, z. 71. Male: Der Prinzgemahl. Sonntag nachm. 3 Uhr: Horlmloo- pillen, Urania a«: Abends 8 Uhr; Ära Golf ¥011 Neapel. Hörsaal 8 Uhr Dr. M. v. Unruh: Grundlagen der Chemie. Sternwarte TS?Z'. Komische Oper. Fricdrichstr. 104/t0ia. Dienstag, 9. Januar, abends 8 Uhr: Hoffmanns Erzählungen. Mittwoch, Donnerstag: Hoffmanns Erzählungen. Freitag z. erstenmal: Der� Corregidor. Sonnabend: Die Sohime. Abends 8 Uhr: Prinzest Rosine. Hieraus: Die erstklassigen Spezialitäten mit Xst8uknms ItigÄLki Meister der Sclbstvertcidigungslehre «fin-Jitsii. Sonntag nachm. 3 Uhr: Berliner Luft und Spezialitäten._ Metropol-Theater Anfang 8 Uhr. - iü's Große Jahresrevue mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Hauchen in all. Räumen gestattet. WalhaliaTheater Nach Afrika nach Kamerun! Ausst.»Posse mit Ges. u.Tanz in 6 Bild. Ans. 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. heckeh-tei!l«he8 Theater. Köpenickerstr 67/63. Jed. Abd. 8 Uhr: Gastspiel Ad. Philipp. ERxndlCH Sonntag nachinictag 3 ülir: Halbe Preise! „fJeber'n groBen Teich4*« i Passage-Theater. Anfang d, Abendvorstellung 8 Uhr. Waller Steiner Humorist. Acosta Krast-Jongleur. Rnddhas. Tafel prolongiert. j 14 neue erstklassige Nummern. J GebrUder Herrnfeld- Theater. Heute abend 8 Uhr: Familientag im Hause Prellstein. Komödie in 3 Akten mit den Autoren Anton und Dona! Herrnfeld in den Hauptrolle». Morgen abend 8 Uhr: Familientag im Hause Prellstein. Folies CapHce. Budapester Possen-Theater 132 linienstr. 132, Ecke Friedriehstr. Zum 110. Male: Illach dem Zupfcnslrelcta. Vorher; Soll und Haben u. d. ausgezeichnete Spezialität enteil. Anlnng 7'/» Uhr. Vorveri. tägl. b Vfe'rthelm u. an der Theaterkasse v. 10 Uhr vormittags an. M Weiß-Theater. Gr. Franksurterstr. 132. Täglich abends 8 Uhr Die lebende Brücke auf Kuba. Sensationelles amerik. AusstallungS- stück mit Ges. u. Ballett in 7 Bildern von JamcS Fox. Sonnabend nachm. 4 Uhr Kinder- Vorstellung, tl. Pr.: Hänsal u. Gretel. Gustav Bebrens Speziaiitäten- föeater Frankfurter' _____ Allee 85. Vollständig neues Januar-Programm. * Willy Fernando, der berühmte Doppel-Kunstbläser. Mr. Ginley mit seinem Wundcr- ______ Hund. Mpii! EieB«- Wally. llUUl Posse mit Geiaiig. SS SUte-SpeziaUtäten. �clilUer Schiller-Theater 0.(Wallner-Tchcater). DienStag, abends 8 Uhr: Hang. Drama in 3 Ausz. von Max Dreher. Mittwoch. abendS 8 Uhr: SBwcl glückliche Tage. Donnerstag, abendS8Uhr: Hans. Theater. Schiller-Theater N.(Frledr.-Wilh. Th.) Dienstag, abendS 8 Uhr: Zwei glttckllche Tage. 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Wenn Ueberstundcn an verschie- denen Tagen hintereinander gc- arbeitet werden sollten, so hätte Herr Wagenknecht gemäß Z 5 des Tarisvertrages vom 20. November 1305 die«schlichtungskonimission davon in Kenntnis setzen müssen. 2. Die Arbeiter haben, als sie aus dem Bau Fischcrstraße die Arbeit niederlegten, nachdem Herr Wagen- knecht geäußert, daß jeder Arbeiter, welcher wolle, dort aushören könne, gegen den unter 1 genannten Tarisvertrag nicht verstoßen. 3. Die Arbeiter, welche aus anderen Bauten von Herrn Wagenknecht beschästtgt wurden, hatten aber nicht das Recht, geschlossen die Aibeit niederzulegen, da sie ver- pflichtet gewesen wären, vorher eine Entscheidung der Schlichtungs- kommission bezw. des Einigungs- amtes einzuholen. 4. Das EinigungSamt bemerkt aus- drücklich, daß beide Parteien bei der Handhabung des Tarisvertrages nicht strikte vorgegangen sind. gez. v. Schulz. L. Nasse. G. Henning. A. Karsten. Rod. Ahrens. Vorstehendem Schiedssprüche haben die Parteien sich unterworsen. Berlin, den 4. Januar 1306. Der Vorsiticnde des Eiuignugs- amtes. gez. v. Schulz. Verlag 6. Birk& Co., Miinchen. Neu erschienen: k!l!.Rerll8lem: Die heutige SoMtdemokratie iu Theorie und JJrmis. Preis i Dr. med. G. Zepler: Radikalismus und Taktik. A. wert zum„Vorwärts"-Konflikt als Mahnwort an die Genossen. Preis«0 Pf. Ferner: Der„Vorwärts"- Koußikt. Gesammelte Aktenstücke. 57082* Preis 30 Pf. Durch alle Buchhandlungen und Kolporteure sowie direkt vom Ver- läge zu beziehen. mngü! Ausschneiden!!! Kleinste Wochenraten. Große Auswahl in Herren' u- Damenuhren, Standuhren, Freischwinger, Rcgnlatenre, Broschen, Ringe, Ketten, Stöcke, echte Menzenhauer Zithern, W Phonographen Plattensprechmasch inen. Polyphons, Harmonikas, Mandolinen, Geigen etc. Verkanf von Platten, echten Edison- und pa. 1 Mk.-Walason. 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Ueber die allgemein interessierende Mankogeldfrage läßt sich das Urteil folgendermaßen aus: 88 2 und 8 des Lagerhalter-Vertrages bestimmen in den hier interessierenden Punkten: „Herr... hat dem Verein eine Kaution in der Höhe von... Mark zu stellen... Er haftet für allen durch seineSchuld dem Berein zugefügten Schaden. Die Kausion wird mit Aufhebung des Vertrages zurückgezahlt, sobald festgestellt ist, daß der Verein Ansprüche an Herrn... nicht niehr zu stellen hat.... Durch Beschluß der Verwaltung kann der Fehlbetrag von der Kaution des Lagerhalters gekürzt werden".... Die Urteilsgründe führen nun aus: „Wenn auch in 8 8 des Vertrages bedungen ist, daß ein sich bei der Inventur ergebender Fehlbetrag durch Beschluß der Ver- waltung von der Kaution des Lagerhalters gekürzt werden kann, so ist doch hierin nicht mit Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht, daß Kläger mit der Kaution über eine in 8 2 des Ver- träges nur für den Fall eines Verschuldens festgesetzte Ersatzpflicht hinaus hasten sollte. Ein Widerspruch zwischen beiden Bestimmungen besteht nicht. Denn nach dem Inhalt des Vertrages ist der Auslegung des 8 8 kein Zwang angetan, wenn die Beklagte hiernach eS dem Beschluß der Verwaltung überlassen wollte, ein Verschulden des Lagerhalters im Falle eines Mankos bei der Inventur nach den Talumständen angenommen und je nachdem, ob ein solches als vor- liegend erachtet würde oder nicht, die Kaution zu kürzen oder sie auf der bisherigen Höhe zu belassen". Beklagte hatte eingewendet,„Kläger sei auch aus dem Gesichts- punste des Verschuldens haftbar, da er infolge vieler Ehrenämter als Stadtverordneter, Vor lt eher der Krankenkasse n. a. die Kontrolle über den Eingang der Waren lässig gehandhabt habe". Einen Beweis hierfür hat die Beklagte trotz richterlichen Befragens nicht angetreten. Die Entscheidungs- gründe lauten:„ein Verschulden des Klägers hat die Beklagte mit den nach dieser Richtung vorgebrachten Tatsachen nicht genügend zu begründen vermocht." Das Urteil scheint hiernach die Frage offen zu lassen, ob ein aus der Ausübung von Ehrenänitern entnommener Einwand überhaupt begründe! sein kau n. Diese Frage dürfte entschieden zu verneinen sein. Die Ausübung von Ehrenänitern kann niemals als ein Verschulden angesehen werden, im Gegenteil ist nach 8 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches auch für die Zeit Ge- halt zu zahlen, in der ein Angestellter durch Wahrnehmung von Ehrenämtern an der Arbeitsleistung verhindert war. Daß ein Konsumverein, der auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehen will, solche Einrede erhebt, beweist, wie notwendig es für die Genossen in Konsumvereinen ist, dem unbewußten Herrentum und engherzigen Krämergeist in der Verwaltung entschieden entgegenzutreten. Die Abrede, daß ein Manko dem Ange st eilten stets in Abzug gebracht werden solle, ist wiederholt als gegen die guten Sitten verstoßend und deshalb ungültig erachtet; es ver- stößt gegen die guten Sitten, dem sozial schlechter ge- st elltenAnge st eilten daSRisiko desUnternehmers durch eine solche Abrede aufzubürden. In dem unten mitgeteilten Fall der Filialleiterinnen gegen Herrn Seiffert ist dieser Grundsatz auch betätigt. Zweifelhaft kann es sein, ob auch eine nach Feststellung des Mankos getroffene Berein- baruug, daß das Manko dem Angestellten zur Last falle, ungültig ist. In der Klagesache des Genoffen Küter ist die Zuläsfigkeit solchen Ernwandes angenommen und deshalb, soweit der Einwand solcher nachträglichen Abrede er- hoben war, die Entscheidung von einem Eide des Geschäftsführers Menzel darüber abhängig gemacht, ob solche Abrede getroffen war. 2. Die Mankogeldfrage spielte auch in der letzten Sitzung des Berliner Kaufmannsgerichts wieder eine erhebliche Rolle. Der Inhaber von mehr als zehn Konfitürengeschäften, Erich Seiffert, war gleich von zwei F i l i a l l e i t e r i n n e n, die die Filialen Königstr. 7 und Nixdorf, Bergstr. 51 verwaltet hatten, gemein- sam wegen Herausgabe der einbehaltenen Kaution und Zahlung des letzten Monatsgehalts verklagt ivorden. Wie der Vorsitzende des Kaufmannsgerichts mitteilte, hat auch vor einiger Zeit die Leiterin einer dritten Filiale einen Prozeß gegen den Beklagten wegen Rückzahlung der einbehaltenen Kaution gewonnen. Die Einbehaltung der Kautionen begründete der Beklagte jedesmal durch den gleichlautenden A n st e l l u n g s- vertrag, der so bezeichnend ist, daß wir ihn der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten wollen. Das Prachtexemplar eines Musters un- gültiger Verträge lautet: „Zwischen dem Kaufmann Erich Seiffert und der Ver- käuferin... ist folgender Vertrag geschlossen worden: Erich Seiffert engagiert Fräulein... für seine' Filiale.... versetzt sie aber eventuell anderweitig. Derselbe liefert die Waren direkt oder in- direkt zum Verkaufspreise und kann jederzeit Inventur abhalten. deren Richtigkeit Fräulein... durch ihre Unterschrist bestätigen muß. Wird in der Jnventuraufnahme ein Fehl- betrag von über 2 Proz. vom Warenlager fe st ge- stellt, so hat sie den Fehlbetrag in bar zu er- setzen. Zu diesem Zwecke hinterlegt Fräulein... bar 200 M. Kaution, welche dieselbe mit 5 Proz. bei Ricbtigbefund der letzten Jnventuraufnahme bei ihrem Austritt zurück erhält. Fehlende Zeit wird nickt bezahlt. Die Verkäuferin muß daS Geschäft um Ve8 Uhr morgens öffnen und darf es nicht vor 9 bezw. 19 Uhr abends schließen, widrigenfalls sofortige Entlassung eintritt. Mittagszeit kann einer Filialleiterin nicht ge- währt werden. Romane und fesselnde Schrift- stücke dürfen während der Geschäftszeit nicht gelesen werden. sonst ist ebenfalls eine sofortige Entlassung am Platze. Für Sauber- keit und Ordnung sorgt die Verkäuferin. Unnötige Unterhaltungen mit der Kundschaft oder Ver- käuferinnen nebenliegender Geschäfte, solvie unnötiger Aufenthalt in und vor der Ladentür ist untersagt. Im übrigen ist es selbstverständlich, daß die Ver- käuserin das Geschäftsinteresse jederzeit zu wahren hat. Für g e- slelltes Aushülfspersonal hat Fräulein... eben- falls zu haften und hat das Recht, dasselbe auf seine Ehrlich- keit zu prüfen. An Gehalt erhält Fräulein 59 Mark und freie Wohnung. Die Wohnung muß beim Austritt aus dein Geschäft sofort geräumt werden. Es tritt eine monatliche Kündigungsfrist in Kraft.(Unterschrift)." Auf Grund dieser famosen Verträge sind nun in den zur VerHand- lung stehenden Fällen den Filialleiierinnen bei ihrer Entlassung die Kautionen und das letzte Monatsgehalt vom Beklagten einbehalteu worden. Sein Bruder, ein nicht kaufmänisch gebildeter Lehrer, hatte bei einer plötzlich abgehaltenen Inventur so hohe Mankos festgestellt. daß die ganze Kaution und das letzte Monatsgehalt Vertrags- gemäß zur �Deckung herangezogen werden mußte. Ein anderes Bild bekam die Sache freilich durch die Vernehmung eines vereidigten Sachverständigen, der vor dem Kaufmännsgericht sein Gutachten dahin abgab, daß die Führung der Bücher und' die Jnventuraufnahme so inkorrekt erfolgt sei, daß sich ein Verschulden der Klägerinnen an dem Manko nicht feststellen lasse. Das Kaufmannsgericht verurteilte den Beklagten in beiden Fällen zur Rückzahlung der Kaution und des Gehaltes mit folgdnder Das Gericht steht auf dem Standpunkt, daß die vom Beklagten mit den Klägerinnen abgeschlossenen Verträge(jegen d i e guten Sitten verstoßen und daher nichtig sind. Die Leistungen und Gegenleistungen in den Verträgen stehen in einem auffallenden Gegensatz zu einander. Bei dem nicht hohen Gehalt von 59—79 M. wird den Filialleiterinnen eine Haftung für jedes Manko auferlegt. Dann enthält der Vertrag auch Bestimmungen, welche die persönliche Freiheit der An- gestellten in unzulässiger Weise beschränken. Es wird ihnen zugemutet, daß sie von morgens 8 bis abends 9 Uhr ununterbrochen für das Geschäft tätig zu sein haben und eS wird ihnen keine Mittagspause gewährt. Das ist eine Bestimmung, welche sich in Widerspruch setzt mit 8 62 des Handelsgesetzbuchs. Auch die übrigen Bestimmungen lassen eine starke Einschränkung der persönlichen Freiheit erkennen. Die Verträge sind deshalb nichtig und alle aus ihnen herrührenden Leistungen und Gegenleistungen müssen zurückerstattet werden. Der Beklagte muß deshalb den Klägerinnen die Kausion zurückzahlen und sie für die geleistete Arbeit ensichädigen." Mit ehrlicher Entrüstung nahm Herr Seiffert das Urteil auf, nach dem nun mit einemmal alle feine Kontrakte nichtig sein sollten. „Was soll man denn dann gegen die Angestellten machen?" meinte er kopfschüttelnd beim Verlassen des Gerichtssaales.— Wie viele andere Handelsangestellte, insbesondere Filialleiter, mögen ähnliche Verträge, die als Wucherverträge mit Recht bezeichnet werden, ab- geschlossen haben! Würden die Handlungsgehülfen beiderlei Ge- schlechts ihre Pflicht gegen sich selbst dadurch erfüllen, daß sie ihrer Gewerkschaft beisieten, so könnten derartige, an Hörigkeitsverhältniffe erinnernde Verträge nicht fast Woche für Woche Gegenstand einer Gerichtsverhandlung bilden. ßus der frauenbewegunq. Her mit dem Zehnstundentag! Wie früher bei Erscheinen eines Kometen die Dorfältesten und Medizinmänner zufammentraten, um in würdevollen Be- ratungen des Volkes Heil vor drohenden Gefahren zu schützen, so sehen auch bei jeder auftauchenden sozialen Frage die Scharfmacher den Himmel der— Älaflenherrschaft und Ausbeutungsfreiheit ein- stürzen. Mit Hieb und Stich und Zaubersprüchlein sucht man die Gefahren zu beme istern. Aber die Kometen haben sich noch nie beirren lassen; sie erschienen und zogen ihre Bahn, trotz Waffen- getöse und Brandopfcrgestank. Unter heftigen Kämpfen zwar, der Komet am sozialen Himmel, der Achtstundentag, allmählich tritt auch er in die Erscheinung. In Deutschland allerdings, im Lande der„besten Sozial- reform", haben wir noch nicht mal den Zehnstundentag errungen. Ja selbst die Forderung des gesetzlichen Zehnstundentages für die weiblichen Lohnsklaven findet in dem Verein der Industrie- gewaltigen noch den allerheftigsten Widerspruch. Sämtliche Mann- schaften hat man zum Kreuzzuge wider die soziale Forderung auf- gerufen. Handelskammern, Unternehmerverbände, Kongresse, Aus- schüsse und wie sich die Korporationen alle nennen mögen, sie fchlugen mit geharnischten Resolutionen und tiefgriindlichcn Unter- fuchungen den Zehnftundentag tot. Aber merkwürdig, bei jedem Totschlag gewinnt das hartnäckige Ding an Lebenskrast und Be- tätigungsmut. Dessen mußten zu ihren Schmerz sich auch die Jndustriegewaltigen— aus den eigenen Reihen belehren lassen. Auf ihrem Ausschuh- und Delegiertentag im Mai 1995 hatten hatten- die Zentralverbändler wieder mal gründlich die Unzweck- Mäßigkeit. Staatsgefährlichkeit und Arbeiterfeindlichkeit des gesetz- liehen Zehnstundentages für Arbeiterinnen dargetan. Nun hatte man das aus sozialem Empfinden und modernem Verständnis geborene Kind doch endgültig umgebracht. Aber, o Graus, nach wenigen Wochen hatten mehrere von den Protestlern aus prakti- sehen Gründen in ihren eigenen Fabriken den Zchnstundentag ein- geführt. Das ist eigentlich zum Sozialreformerischwerden, aber die Medizinmänner der vereinigten Herren-im-Hause drohten mit dem Zorn der Götter, wenn man den begonnenen Kampf nicht energisch fortsetzte. Obermedizinmann Bueck forderte von verschiedenen Korporationen, unter Hinweis auf die in letzter Zeit vcrschiedent- lich cingefiihrte Zchnstundcnschicht, erneut ein Glaubensbekenntnis. Auf Grund der Bekenntnisse betrat der hohe Rat, genannt Aus- schuß des Zentralverbandes deutscher Industrieller, durch Annahme einer Resolutton erneut den Kriegspfad. In der in einer mn 5. November v. I. angenommenen Entschließung heißt es: 'Der Zentralverband Deutscher Industrieller hat sich mit Entschiedenheit gegen jede weitere Verkürzung der gegenwärtig zulässigen Arbeitszeit der Arbeiterinnen durch Gesetz aus- gesprochen, in voller Uebereinstimmung mit allen seinen Mit- gliedern, insbesondere mit den Vertretern der Industrien, die weibliche Personen in großem Umfange beschäftigen. Diese Stellungnahme des Zentralverbandes kann dadurch nicht in Frage gestellt werden, daß der Kreis der Arbeitgeber sich erweitert, die aus freier Entschließung zu einer kürzeren als gegenwärtig zulässigen elfstündigen Beschafttgung der weiblichen Personen bezw. zu der zehnstündigen Arbeitszeit überhaupt über- gehen; denn der Zentralverband hat sich in dem vorerwähnten Beschlüsse der Delegiertcnversammlung weder für die Beibehaltung der elfstündigen noch gegen die Einführung einer kürzeren Arbeitszeit ausgesprochen, insofern sie freiwillig von dem Arbeit- gebcr eingeführt wird. Wie diese Auslassungen besagen, haben die Kreuzritter wider den Zehnstundentag sachliche Gründe für ihre Feindschaft kaum anzugeben; was sie nach dieser Richtung vorbringen, sind nur Scheingründe; sie kämpfen für Unverletzlichkeit des Manchester- Prinzips. Sie weisen auf die schrecklichen— Konsequenzen hin. Der gesetzliche Zehnstundentag für Arbeiterinnen sei der Vorläufer für den zehnstündigen Maximalarbeitstag überhaupt, so künden sie warnend und beschwörend an. Wie kurzsichtig die Leute sind. Wir sehen hier nicht nur den Vorläufer des allgemeinen Zehn- stundentages, sondern sogar den des Achtstundentages. Aber das spricht doch nur zu seinen Gunstem Und wie wenig die VerHand- lungen aus dem erwähnten Delegiertentag von Sachlichkeit belastet waren, beweist die ernsthaft vorgetragene und ernsthast auf- genommene Bemerkung eines Redners: wenn das so tvcitcr gehe, „so erleben wir auf diese Weise die Lösung eines der inter- essantesten physiologischen Probleme, daß man nämlich schließlich in fünf Minuten dasselbe Maß von Arbeit leisten kann wie in zwölf Stunden". Also sprach ein— Regierungsrat als Referent über das Thema I-- Ein anderer Redner erklärte pathetisch: In dem Moment, wo Sie den intelligenten, vorwärts strebenden Arbeiter, der sich vorwärts bringen will, gesetzlich ver- hindern, mehr zu leisten als den Durchschnitt, wird die Leistung immer weiter heruntergehen. Dann haben wir zunächst nur noch Durchschnittsleistungen, und schließlich kommen wir mit dem Durchschnitt immer weiter herunter. Man kann die Forderung des ZehnstundentageS kaum besser begründen, als wenn man solche gegnerischen Argumente— für die Forderung registriert. Daß z. B. die Qualität des geschickteren Arbeiters durch Verkürzung der Arbeitszeit auf das Durchschnitts- Niveau herabgeht, ist eine funkelnagelneue Erfindung, die sehr neu ist, weil sie aller Erfahrung widerspricht. In der Praxis ist es heute so, daß der minder geschickte Arbeiter versucht, durch Ver- längcrung der Arbeitszeit an die Leistung des geschickteren Kollegen heranzukommen. Bei einer gleichen Arbeitszeit für alle würde gxrchde hie gröbere Produksivitgt de« KeMcktM» zur Geltung kommen. Daß aber auch die Leistungsfähigkeit aller Arbeiter bei Verkürzung der Arbeitszeit sich steigert, daS wurde zum Aerger und Zorn verschiedener„Schleifer" sogar auf dem Delegiertentage der Zentralverbändler offen ausgesprochen. Wenn verschiedene Leute nicht vor dem Terrorismus des Verbandes zurückschreckten, würde die Forderung des Zehnstundentages wohl noch nmnche offenen Freunde aus dem feindlichen Lager gewinnen. Geradezu charakteristisch sind die bezüglichen Bemerkungen des Herrn Kam- merzienrats Sartorius-Bielefeld. Der Herr sagte nach dem amt- lichen Protokoll: Meine Herren, ich bin heute hier als Delegierter des Ver» bandes Deutscher Leinentndustrieller, und als solcher muß ich mich für den Antrag aussprechen, wie er vom Zentralverbande gestellt ist. Ich bin aber auch hier als Direktor der Ravens- berger Flachsspinnerei in Bielefeld, und als solcher muß ich mich auf das entschiedenste für den zehnstündigen Arbeitstag aus- sprechen, und ich wünsche, daß derselbe möglichst bald gesetzlich eingeführt wird.... Ich bin jetzt 34 Jahre in meiner Stellung bei der Ravens- berger Spinnerei. In diesen 34 Jahren ist die Arbeitszeit schon zweimal reduziert worden, und unsere Produktion ist heute um 59 Proz. höher, als ich sie angetroffen habe bei dem Eintritt in meine Stellung, und über jede vorübergehend durch Reduktion der Arbeitszeit verminderte Produttion bin ich allemal wieder hinweggekommen.... Aber, meine Herren, ich kann auch nicht umhin, zu sagen, daß eine Verminderung der Arbeitszeit auch die Leistung des Menschen steigert.(Konimcrzienrat Schlumbcrger: Nein l) Die Erfahrung habe ich immer gemacht. Ich habe sie durch lange Jahre gemacht und muß dabei bleiben.... Ganz anders verhält es sich aber bei unseren männlichen Arbeitern. Wir haben nämlich ganze Abteilungen, worin wir nur männliche Arbeiter beschäftigen. Das ist vorzugsweise die Handhechelei. Da haben wir nur männliche Arbefter, und zwar nur erwachsene männliche Arbeiter. Ja, die könnten viel mehr leisten, als sie leisten.(Heiterkeit.) DaS ist gar keine Frage, und wenn die eine kürzere Arbeitszeit haben, so bringen sie gerade soviel fertig. Die halbe Stunde werden sie gar nicht spüren.... Also der Prattiker, der aus Erfahrung spricht, konstatiert eine Steigerung der Leistungsfähigkeit. Was haben dagegen die Feinde des Zehnstundentages zu sagen? Der bekannte Herr Schlumbergcr meinte gutherzig und freiheitsbegeistert: Wenn eine gesunde, starke Frau es für richtig hält, elf Stunden zu arbeiten, so sollte es ihr auch erlaubt werden, elf Stunden zu arbeiten.... Das Prinzip, das für uns maßgebend sein muß, ist die Freiheit in der Betätigung der eigenen, menschlichen Kraft.... Und als sehr edler Menschenfreund stellte sich Herr Porgcs- Hamburg vor; er bemertte unter anderem: Wenn ich nun in der Zeit gesteigerter Arbeitstättgkeit die Frauen 13 Stunden arbeiten lassen will— und das muß ich, um die vielen Aufträge, die beim Eintreten der besseren Jahres- zeit von der Kundschaft einlaufen, ausführen zu können... Aber alles Donnern und Wettern hilft doch nicht. Immer mehr kommen die Unternehmer zur Einsicht, daß sie mit vernünftiger Einschränkung der Arbeitszeit ihrem Interesse selbst am besten dienen. Selbst im Ausschuß des Zentralverbandes fanden sich bereits zwei Sttmmen gegen die oben angezogene Protest- resolution. Die Elemente, welche einer vernünftigen Sozialpolitik lediglich aus dem rückständigen Prinzip des Herrenrechtes sich cnt- gegenstemmen, werden schließlich den Wagen doch über sich hinweg- rollen sehen; dazu ist allerdings notwendig, daß die Arbeiterschaft und tu der vorliegenden Frage speziell die Frauen durch An- spannung aller Zug- und Treibkräfte dem Wagen einen kräftigen Antrieb geben._ eingegangene DruckFchnftcn. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben das 15. Hest des 24. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalt des Heftes heben wir hervor: Revolutionsphilister.— Die Ursachen des GotteSglaubens. Von Paul Lasargue.— Der englische Regierungswechsel. Von M. Beer.— Reaktionäre WahIrcchtSkuiiststücke. Von Otto Stalten(Hamburg).— Statistisches zum„Recht aus Mutterschaft". Von Franz Workman.— Heinrich Heine und die Ideologie vom„Pöbel". Von Janus. Eine russische Armeerevoltc. Literarische Rundschau: Versassungs- und Ver- Wallungsorganisationen der Städte. Von eck. br. A. Heikler, Das europäische Rußland. Von Ki. K. Die„Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- Handlungen. Poslanstalicn und Kolporteure zum Preise von 3,25 M. pro Ouarial zu beziehen; jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Ouartal abonniert werden. Das einzelne Hest kostet 25 Ps. Probcnummern stehen jederzeit zur Versügung. Von der„Gleichheit". Zeitschrist sür die Interessen der Arbeiterinnen (Stuttgart, Verlag von Paul Singer), ist uns soeben Nr. 1 des IS. Jahr- gangeS zugegangen. Aus dem Inhalt dieser Nummer heben wir hernor: Einladung zuni Abonnement.— NeujahrSbettachtung. Von A. Bebel.— Das Attentat aus die preußische Volksschule. Von Heinrich Schulz.— Die Konserenz der Bürsten- und Pinsclarbeiter und-Arbeiterinnen.— Noch- mals die„Zehn Gebote für die Männer". Von Heinrich Schulz.— Ans der Bewegung: Von der Agitation.— Von den Organisationen.— Be- strebungen zur Förderung der proletarischen Jugenderziehung.— Die Behörden im Kampfe gegen die proletarischen Frauen.— Polstische Rund- schau. Von GK L.— Gewcrlschastliche Rundschau.— Nottzentest: Sozialistische Frauenbewegung im Auslände.— Arbeitsbedingungen der Arbeite- rinnen.— Soziale Gesetzgebung.— Feuilleton: Silvesiernacht. Von Otto Krille.(Gedicht.)— Trommelklang. Skizze von Heinz Tovote.— Vom Baal zu Babel. Von Otto Erich Hartleben.(Gedicht.) Frauen- Beilage: Neujahr. Bon Cäsar Ftaischlen.(Gedicht.)— Leon Frapiös Ktnderschule. Von Franz Diedettch.— Abendlied. Von Gottstted Keller.(Gedicht.)— Unser Heim. Bon H. O.— Die Mutter als Erzieherin. Von h. seh.— Frühlingsglaube. Von Gottstted Keller. (Gedicht.) Die„Gleichheit" erfchewt alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 19 Ps., durch die Post bezogen beträgt der Abonnementspreis vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Ps., unter Kreuzband 85 Ps. Jahresabonnement 2,60 M. Der„Wahre Jacob" hat soeben die erste Nummer seines 23. Jahr- ganges erscheinen lassen. Wir erwähnen aus derselben die beiden farbigen Bilder„Die NeujahrSsee" und„Im Reichstag", sowie die Jllustrattonen „Aus der Zentrumsbäckerei",„Russische Großfürsten".„Der friedliebende Deutsche",„Der Sultan und die Mächte".„Freundschaft",„Ktttik",„Im neuen Kampscsjahr",„Ein Wintertag" von O. E. Lau, mit Gedicht von Ludwig Lessen,„Det scheenste Spielzeug" und„Eine schreckliche Begeben- heit". Der lextliche Teil bringt die Gedichte„Spießbürgers Klage über die neuen Zeitläuste",„Die Bußpredigt",„Dresden",„Bange Fragen an das Schicksal",„Der größte Staatsmann",„Prognose", sowie außer zahlreichen keinen Beiträgen die satirischen Feuilletons„Bülows Zimmergvmnastil", „Zur Flottenpolstik", die regelmäßige Epistel von„Jotthits Rauke" und eine „Neujahrsrede des MetzgermeisterS a. D. Wurstler in München". Der Preis der 12 seilen starken Nummer ist 10 Ps. SN. Witt. Deutschland und Frankreich. 24 Seiten. Selbstverlag, Hamburg VII. Dr. R. Ledermann. Reichen die biShettgen Bestimmungen des KrankenversicherungsgesctzcS zur Heilung von Geschlechtskranken aus? Verlag I. A. Barth, Leipzig. Wasserstand an, 6. Januar. Elbe bei Slusfig 0,20 Meier, bei Dresden— 1.6S Meter, bei Magdeburg-j- 1,21 Meter.— Unitcut bei Stranßsurt+ 1,10 Meter— Oder bei Ratibor+ 1,36 Meter, bei Breslau Oberpegel+ 4,78 Meter, bei Breslau Unterpegel—1,62 Meter, bei Frankfurt+ 1,50 Meter.— Weichsel bei Brahemünd« 4-3,16 Meter.— Warthe bei Posen— Meter.— Netze bei Usch Meter._ BnefhaCten der Kedahtion. R. A. 5. Erfahren Sie beim Bogelhändler. ZedtuU! 75pf@rfräi@r! jlel'tMti8! Dienstag, den S. Januar ISOV, abends 6 Uhr, im„Rosenthaler Hof". Rosenthalerftr. ll/IS: Knuppenvvi'ssmmlung. TageS-Ordnung: 32/4 1. Das Ergebnis der nochmaligen Verhandlungen mit der Meistervertretung, eventuell Abschluß deS Vertrages. 2. Verschiedenes. HR» Das Erscheinen aller bei Töpfern beschäftigten Kollegen ist dringend notwendig! BlCWBl _ Der Zweigvereins-Vorstand. A""»»«! Sanatbeiter. Bezugnehmend auf die Annonce in Nr. 4 des„Vorwärts" vom 6. d. S?., unterzeichnet:„Die Verbandsleitung", wonach die Töpferträger, die ohne die rote Karte angetroffen werden, nicht zu den neuen Bedingungen arbeiten, teilen wir mit, daß diejeuigc» Töpfcrträger, die in der Freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und Umgegend organisiert sind, eine grüne Arbeitsberechtigungslarte— welche mit dem Vertrauensmännerstempel versehen ist— vorzuzeigen haben. Der Vorstand der Freien Verewigung der Kauarbeiter Serlins n. Umgegend. I.iopiivnscKe Sterlie- ii.Kranke0-üßterstütziiöis- ftasse No. 29. Mittwoch, den 17. Januar 1906, abends 8 Uhr, im Kassenlokal, Linienstr. 19: General-Versammlung. TageS-Ordnung: I. Rechenschaftsbericht der Revisoren. 2. Neuwahl deS ausscheidenden Vor- stchcrs. 3. Neuwahl des ausscheidenden Revisors. 3. Verschiedenes. 17SSb vor Vorstand. Kmn-Vri Mein und L'nigobnnc E. G. m. b. H. Donnerstag, den 11. Januar. abends 8 Uhr: General-Yersamniluni} im Gesellschaftshaus. Nheinstr. 14. Tagesordnung: Geschäjtsbericht. Der AufsichtSrat. 105/1 I.»l.: Xael Tkleliles. Arbkitervertretkr-Nkrein Serlin. Donnerstag, den 11. Januar, abends 8Vs Uhr, im LeverliscdZltsdallse, Engcl-Ufcr 15 sSaal 3): Nerews-Uersammlung. Tagcs-Ordnung: 53/1 1. Bortrag deö Rctchstags-Zlbgeordneteii Hodert iSrKinidt: „Die Mitwirkung der Arbeiter t» der Ausführung der soziale» Gesetze." 2. Dislussion. 3. Wahl von drei Revisoren. 4. Verschiedenes. Die Beisitzer des Schiedsgerichts sür Zlrbcilcrvcrsichcrung sowie der Ulltcren Verivaltimgsbchördc sind hierdurch sicundlichst cingeladen. - Uäste wlllkomnicn.- Der Vorstand. I. A.: Demi», dost, stellvertretender _ Vorsitzender. a£ Stumpe, Kassierer, Tchwedterstr. 51. Konsum-Verein für Tegel und Umgegend. (Eingetragene Gcnossenschast mit beschränkter Haftpflicht.) Donnerstag, den 18. Januar 1906, abends 8 Uhr: Ordentliche General- Versammlnng bei Vrapp. Bahnhosstrasie. TagcSordung: 1. Geschäftsbericht. 3. Vereinsangclegenheiten. 105/4 2. Ergänzung des Vorstandes Ter AufsichtSrat. _ Ernst Engelhardt MI. ßcrUn-pankow, (iröjite JKalz-Bier-Sranerei in fleufseltland. Hochfeines Spezialbräu: 52789" vom gebraut aus echt Münchener Salvator-Malz. jSf" Gesetzlich geschützte Marke 54040. ,/4-HektolileF- Gebinden. I, 1/. 1/4 / 1 /S,/ Zentralverband to Schmiede. Zahlstelle Serlin. Bureau: Swalauerstr. 43. Telephon: Amt I 7779. Donnerstag, den 11. Januar er., abends«>/, Uhr, bei Drhsel, Neue Friedrichftr. 35: Große anßerordentliche Mitglieder- Uerjammlimg. TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Stadtv. Genossen l'ranz liotzke über:„Was will die Sozialdemokratie?" 2. Unser diesjähriger Berbandstag. 3. Anträge. 4. Verschiedenes. Es ist unbedingt Pflicht eines jeden Kollegen, in dieser Versammlung zu erscheinen. 176/1» IM IDL (Zahlstelle Berlin.) Wwng! PiWiMchWilmbklikr und Arbeiterinnen Berlins. Mittwoch, den 10. d. Mts., abends 8>/„ Uhr, im Gewrrkschaftshanse, Engcl-User 15(Saal 1): Versammlung sänitlichrr in der Pinmedjfittilüudiiline dtsihäfi. Nerssuk« TageS-Ordnung: 1. Ter Streik bei der Firma Genz. Referent: F. Leopold. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Kollegen u. Kolleginnen! Niemand darf in dieser wichtigen Versamnilung fehlen. 77/14 Tie Branchen. Kommission des Holzorbcitcrvcrbaiides. Donnerstag, den 11. Januar, abends 8'/, Uhr: Genevai»\Set*sammlung der Sektion der Lackierer der Filiale Berlin der Bereinigung der Maler, Lackierer?c. in BrilselA Festsillcn, Neue Friedrichftratze 35. Tag es-Ordnung: 1. Geschäfts- und Kassenbericht des SeltionSvorstandeS. 2. Anträge desselben. 3. Neuwahl der gesamten Seltionsleitung. 4. Verschiedenes. 107/1 In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung musi jeder Kollege erscheinen! Die Versammlung wird pünktlich eröffnet I Tic Sektionölcitung. Pfennig. Das erst» tsttgedrackte Worte mit mehr als 15 ßuehstdhen zählen doppelt. Jedes Wort: • o,. Wort 10 P/r. ib e kleine ßn Anzeigen In den AnnaJimestellen für Berlin bist Uhr, für die Vororte bis 1 2Ubrl in der Hauptexpedition Linden- Strasse 69 bis S Ubr angenommen. shsto r erden '.rlln "M Verkäufe. Gardinen, Stores, Bettdecken. enorm billig. Reste 1 bis 3 Fenster Extracrmäfflgnlig. Gardinen-Versand- haus Jcrnsalemerslratze 11/12. 11041t* GardinenhanS GrojieFroiikjiirler. straffe 9, parterre. Isi Teppiche!(schlcrhasle) in allen Gröffe» für die Hälfte deS WcrlcS im Teppichlngcr Brün», Hackcscher Markt 4. Sahnhos Börse. 254/12* Musikwerke, Teilzahlungen. Jio validenfiraffc 148(Eingang Berg straffe), Skalitzerstraffe 40, Olroße Franksnrtcrstraffe 56. 1105K* Ein großer Posten Trunieaus, Mahagoni, nuffbaum, zu staunend billigen Preisen sür WeihnachtS- präsente. Taschensosa 52,00, Chaise- longue, Schlaftofa. Muschelbettstelle 17.00, Tisch, X-Vcrbindung. Lazarus, Andreassiraffe 57, an der Markthalle. 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In der Rahmenfabrik Boclc& Wolf, Neanderstr. 4 und schlesifchestr. 42, von, parterre, beiinden sich die Kollegen im Streik. Zuzug von Rahmeumachern, Kreissägen- schueider». Tischlern»nd Po- lterern ist streng fernzuhalten. Die Koninilssloii. Achtuug, Kauhandwerber! Die Bauten der Firma Louis Deine, Breslau, Bau Witt, Kur- fürstendamm 1IÄ. Bau Dtto, Eisenacherstr., E-cke Lindanerftr., sindfürparkrttbodtuleger esperrt, well sich die Firma weigert, en Tarif zu zahlen. _ Die Ortsverwaltung. Maurer! Der Bau des Unternehmers Ruehech, aus dem Grundstück Pichelsdorfer- und Wilhelmftraften-Gcke, Span- bau. ist wegen Nichtinnchaltung der Tarifbestimmungen gesperrt. 133/5 Der Forstnnd des ZwelgvereinS Spandau. �chtnnx! �.ehtnns k Glasbläser und Bläserinnen! Bei der Firma Berliner Glüh- lampen-Fabrik, Neue Jakobflr. 6, sind sämtliche Kollege» u. Kolleginnen in Streik getreten. Zuzug ist streng fernzuhalten. Dic Orrsvcrwaltuiig des Zentral» Verbandes der Glasarbeiter und Zlrbeitcrtnnen. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw..- Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u. Vcrlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin S\V. Redaktion und Expedition: Berlin, Cindcnltr. 69. Fcrnlprcdjcr: Bmt If, 1935. Nr. 6. Dienstag, den 9. Januar 1906. Inserate Sedisgelpaltene Kolonelzeile 20 Pfg. Bei größeren Butträgcn entlpredjenden Rabatt. Der Zablabend für Berlin und Vororte findet am Mitwoch statt. Pavtei-)Zngelegenkeiten. Genoffen nnd Genossinnen! A m Sonntag, den 21. Jannar, 12 Uhr mittags, finden in Berlin und den Vororten die Protest- Versammlungen gegen das Dreiklassen- i Wahlrecht zum preußischen Landtage statt. Wir bitten Partei und Gewerkschaften z« diesem Zeit- Punkt keinerlei andere Veranstaltmigen vorznnehmen, da- mit die E i n h e i t l i ch k e i t der Aktion gewahrt bleibt und ein Massenbesuch dieser Versammlungen ermöglicht wird. _ Der Aktions Ausschuß. Zur Lokalliste. Grünau. Am 13. d. M. hält die freiwillige Feuerwehr ihr Stiftungsfest im Buchholzschen Lokal ab, desgleichen veranstaltet am 20. d. M. der Verband der Eisenbahner im Restaurant.Jägerhaus" einen Maskenball. Beide Lokale stehen der Arbeiterschaft nicht zur Verfügung, es sind deshalb etwa an- gebotene Billetts zu obigen Vergnügen entschieden zurückzuweisen. Die Lokalkominission. Charlottcuburg. Heute Dienstag, abends 8l/2 Uhr: Generalversammlung des Wahlvereins im Volkshanse. Rosinenstr. 3. Auf der Tagesordnung steht: Berichterstattung des Vorstandes und der Funktionäre und Neuwahl derselben; ferner findet die Diskussion über die letzte Stadtverordnetenwahl vom November 1905 statt. Zu der am 17. Januar stattfindenden Vorstellimg„Nachtasyl" sind Billetts für die Mitglieder in den Bezirkslokalen sowie in den Zahl- stellen der hiesigen Freien Volksbühne zu haben. Wilhelmsruh. Heute abend 8>/z Uhr: Mitgliederversammlung des Wahlvereins bei Baader, Kroiiprinzenstr. 11. Tagesordnung: 1. Die Geineindcwahlen; Wahl eines Komitees. 2. Vereins- angclcgenheiten. Nordend. Mittlvoch, den 10. Januar, abends 8>/z Uhr: Tagung deS Wahlvereins bei Krieg, Kastanien-Allee. Tagesordnung: 1. Die Gememdcwahlcn. 2. Vercinsangelegenheiten. Spandau. Am Mittlvoch, den 10. Januar, abends 8 Uhr, findet bei Knmke, Sckiönwalderstr. 80. eine öffentliche Protestversammlung gegen die Erhöhung der Tabaksteuer statt. Das Erscheinen sämtlicher Jnteressenteir sowie Arbeiter ist dringend notwendig. Tempclhof. Zu der morgigen Generalversammlung des Wahl- Vereins bei Müller, Bcrlinerstr. 41/42, zu erscheinen, ist Pflicht eines jeden Mitglieds. Da wichtige Mitteilungen gemacht werden, sei jeder pünktlich abends 8 Uhr zur Stelle. Treptow-Baumschulenwcg. Die Mitglieder werden dringend er- sucht, zu dem niorgen Mittwoch in den bekannten Lokalen statt- findenden Zahlabcnde mit ihren Mitgliedsbüchern zu erscheinen. Der Vorstand. Sozialdemokratischer Wahlvcrcin Groß- Lichtcrfclde- Lankwitz. Morgen abend 3 Uhr bei Reisen, Ehausseestr. 104: Vereins- Versammlung. Tagesordnung: Vortrag des Genossen Dittmer über„Darwinismus und Arbeiterschaft". Vereinsangelegenheiten. _ Der Vorstand. Vorort- l�acdrlckten. Wahlen zu den Gemeindevertretungen finden im März dieses Jahres in vielen Gemeinden der beiden Kreise Niedcrbarnim nnd Tcltow-Beeskow statt. Wollen wir bei diesen Wahlen Erfolge erzielen, so müssen rechtzeitig die Vorbereitungen dazu getroffen werden. Zu diesen Vor- bcreitttugen gehört in erster Linie, daß sich jeder Wähler der- gewisser!, daß er in die Wählerliste eingetragen ist. Wer nicht in der Wählerliste steht, darf nicht wählen. Das Wahlrecht, das der besitzlosen Klasse zusteht, ist ein Klassenwahlrecht. Die Wähler sind in Abteilungen eingeteilt. Bei dieser Einteilung entscheidet das Einkommen. Die arbeitende Klasse gehört der dritten Abteilung an und hat nur in dieser Klasse Einfluß. Diesen bedingten Einfluß aus die Zusammensetzung der Gc- meindevertretungen mit aller Entschiedenheit geltend zu machen, ist eine heilige Pflicht der Arbeiterschaft. Das kann aber nur geschehen, wenn dafür Sorge getragen wird, daß jeder Wähler in der Wählerliste steht. Keine Stimme darf uns durch Nachlässigkeit verloren gehen. Die Wählerlisten liegen in der Zeit vom 15. bis 30. Januar aus. In Pankow liegen die Wählerlisten von 8— 3 Uhr im Rathause zur Einsicht aus. Listen zum Einzeichnen der Wähler werden in folgenden Lokalen ausgelegt werden: Restaurant Griffel, Kaiser Fried- richstr. 15; Restaurant Müller. Berlinerstr. 86; Restaurant Abendroth, Mühlenstr. 25; Restaurant Clemcn, Wollank- straße 122; Restaurant Buge, Schulzestr. 23; Restaurant Wolf, Wollankstr. 23; Porwärtsspedition von Georg Freiwald t, Florastr. 660 Neinickeudorf. Genossen! Auch in unserem Ort finden im März Gemeinderatswahlen statt. Es versäume daher niemand, die vom 15.— 30. Januar i m Rathaus auslieg�mde Gemeinde- Wählerliste einzusehen. Wer nicht in der Wählerliste steht, geht seines Wahlrechts verlustig. Für diejenigen, welche die Listen nicht Persönlich einsehen können, haben sich die Nachfolgenden bereit er- klärt, die Listen einzusehen: W. Bohn, Gesdllschaftsstr. 33; F. Bolien, Gesellschaftsstr. 42; H. Scholz, Provinzstr. 7; E. Hohmuth, Provinzstr. 108; E. Kirsch, Markstr. 1/2; Klähn, Residenzstr. 31; Nicolai, Residenzstr. 137; Mein- Hardt, Hauptstr. 50/51; Brückner, Provinzstr. 82; S ch i l l e r/ Provinzstr. 79; Wolffram, Hausottcrstr. 43; Petrat, Probinzstraße Ecke Bürgerstraße; Gründer, Hoppe- straße 24; Gehrke, Nordbahnstr. 11. Ter Vorstand. Groß-Lichterfelde. Die Wählerliste für die Wahlen zur Ge- meindevertretmig in Groß-Lichterfelde liegt vom 15. bis einschließlich 30. Januar 1906 im hiesigen Gcmeindebureau(Schiller- straße 32), Zimmer 3, zur öffentlichen Kenntnis aus. Während dieser Zeit kann jeder Stimmberechtigte gegen die Richtigkeit dieser Liste bei dem Gemeindevorsteher Einspruch erheben. Schöneberg. Die Stadtverordneten-Nachwahlen im zweiten, sechsten und achten Bezirk der dritten Abteilung in Schöneberg finden am kommenden Donners- tag» den 11. Januar, von vormittags 11 Uhr bis abends 8 Uhr statt. Es sind also nur noch wenige Tage, die von den Parteigenossen voll ausgenützt werden müssen, damit die Niederlage der bürgerlichen Parteien eine noch größere werde, wie bei den Hauptwahlen am 2. November vorigen Jahres. Die„Bürgerlichen" werden nichts unversucht lassen, um die damalige Schlappe wieder weit zu machen. Die Mittelstandsvereinler, die Katholiken, kurz alles Mögliche wird in Bewegung gesetzt, um den Sieg den bürgerlichen Par- teien zuzuschanzen. Die tonangebende Nolle spielt wie immer der Haus- und Grundbesitzerverein. Unsere Parteigenossen werden gewiß alles daran setzen, um den„Brügerlichen" alle Aussichten auf einen Erfolg zu verderben. Man hofft ferner, daß die Arbeiterschaft durch öfteres Wähleil erlahmen werde; zeigen wir aber, daß das Gegenteil der Fall ist, zeigen wir auch durch eine weitere Erhöhung unserer Stiinmenzahl, daß die dritte Abteilung nur der Sozialdemokratie gehört. Jeder Wähler, der bisher der Wahl teilnahmslos gegenüberstand muß aufgerüttelt und an feine Pflichten erinnert werden. Tue also ein jeder seine Schuldig- keit, dann werden am 11. Januar wir die Sieger sein. Wahlberechtigt sind alle diejenigen, die bis zum August vorigen Jahres in einem der drei Bezirke gewohnt haben und in die Wählerliste eingetragen sind, auch wenn sie nach dieser aus de in Bezirk verzogen sind. Die Mitgliederversammlung des sozialdemolratischcn Wahl- Vereins Schöncberg am 5. Januar beschäftigte sich mit den am 11. Januar stattfindenden Swdtverondnctennachwahlcn im 2., 6.. und 8. Bezirk. Stadtverordneter Genosse Obst referierte über: „Unsere Aufgaben im Stadtparlament". Rückblickend auf die letzten Wahlen konstatierte Redner, daß eS uns trotz des erfreulichen Stimmenzuwachses nicht möglich gewesen war, unseren Besitzstand im„roten Hause" zu erhöhen. Ter Grund hierfür ergebe sich aus der Hausbesitzerkalämität, jenem Zustande, der seine Ursache in der Wahlgesetzbestinimung habe, durch welche die Vertretung des Geld- sackes in den Kommunen privilegiert werde. Referent unterzog dieses Wahlsystem einer scharfen Kritik und ging dann auf die Tättgkeit des Stadtverordnetenkollegiums im vergangenen Jahre ein. Durch die Art der Behandlung wichtiger Angelegenheiten, als Krankenhausbau. Badeanstalten ustv., wies er die Unzuverlässigkeit der bürgerlichen Stadtväter auf allen Gebieten der Stadtverwaltung nach Hieraus ergebe sich für die Schönebergcr Arbeiterschaft die Notwendigkeit, mit aller Energie zu versuchen, durch eine möglichst große Zahl ihrer Vertreter Einfluß im Stadtparlament zu er- langen. Sache der Genossen sei es, durch eifriges Mithelsen an den Wahlarbeiten sowie durch unermüdliche Agitation von Mund zu Mund dafür zu sorgen, daß der 11. Januar ein Siegestag werde. An der Diskussion beteiligten sich die Genossen Klinke, Klein, Küter, Hoffmann. Sodann wurden einstimmig als Kandidaten aufgestellt für den 2. B e z i r k Genosse Obst, für den 6. Bezirk Genosse Magnan. für den 3. Bezirk Genosse Wolfram. Der Vorsitzende machte auf die beiden Flugblattverbreitungen zur Wahl aufmerksam. Am Mittwoch, den 10. Januar findet noch eine solche statt.— Ferner wies er auf die beiden Demon- strationsversammkungen in Schöneberg bei Obst und im„Klub- bans" am 21. Januar hin, sowie auf die Flugblattverbreitung hier- zu am 14. Januar.— Aufgenommen in den Verein wurden 70 Genossen, zur Abmeldung gelangten 16. Storkow. Tie Drohung mit einem Maffenaustritt aus der evangelischen Landeskirche, welche kürzlich von Einwohnern des Dorfes Rieplos bei Storkow(Mark) erfolgte, um die Versetzung des dortigen Lehrers Scholz, der fast mit der gesamten Gemeinde auf gespann- tem Fuße lebt, zu ermöglichen, hat bereits einen Erfolg gezeitigt. Die königliche Regierung zu Potsdam hatte am Freitag den Ge- Heimen Regierungs. und Schulrat Böckler nach Rieplos entsandt, um mit den Ortsbewohnern zu verhandeln. Im Schulhaus« fand eine von dem Superintendenten von Hoff aus Storkow geleitete Versammlung statt, welcher aber der Lehrer Scholz nicht beiwohnen konnte, weil er in Frankfurt a. O. vor der Strafkamnier einen Termin wahrnehmen mutzte, gegen den Kutscher Baschin aus Rieplos, den er wegen Beleidigung verklagt hatte, weil dieser, als er den Lehrer während der Schulzeit an seiner Scheune getroffen, geäußert hatte:„Hier steht er nun schon zehn Minuten. Das ist eine schöne Zucht." Es war der 13. Termin, den Scholz während der kurzen Zeit, wo er in Rieplos ist, wahrzunehmen hatte. Von den in der Äersamuilung Anwesenden wollte sich niemand auch nur zu dem geringsten Entgegenkommen gegen den Lehrer verstehen. alle baten um dessen Versetzung. Die Frage, ob sie wirklich aus der Landeskirche ausscheiden wollten, beantworteten alle, mit Ausnahme eines Einwohners, mit„Ja". Dem Lehrer Scholz wurde vorläufig 1 die Strafgerechtsame entzogen, auch soll er gegen Gemeindemit- glieder fortan nicht eher eine Anzeige erstatten dürfen, ehe er den Sachverhalt nicht dem Ortsschulinspektor unterbreitet hat. Lichtenberg. Die hiesigen Verkaufsstellen deS Berliner Konsumvereins in der K r on p r i n zen st r. 1 und Frankfurter Chaussee 103 leiden immer noch sehr unter zu schwacher Beteiligung der in Bc- tracht kommenden Bevölkerung. So hat die letztere Verkaufsstelle nicht einmal im Weihnachtsmonat einen Umsatz von 3000 M. erreicht, während die erstere es auf knapp 3800 M. brachte. Allerdings muß zugegeben werden, daß die Umsatzsteigerung in der Krön- prinzenstratze beträchtlicher ist als früher in der Mainzcrstratzc, aber bei der fast ausschließlichen Arbciterbevölkerung Lichtenbergs müßten die Mitglieder- und Umsatzziffern im Konsumverein ganz bedeutend höhere sein, zumal doch die Beitrittsbedingungen äußerst bequem und mit keinerlei Risiko verbunden sind. Spandau. Aufsehen erregende Haussuchungen hat die Kriminalpolizei in Spandau in der vorigen Woche auf Anordnung des UntersuchungS- richters am Landgericht Posen bei mehreren durchweg unbescholtenen Einwohnern vorgenommen. Es wurde von den Beamten nach Ge- wehren. Gewehrteilen und Pattonen geforscht sowie nach Brief- schaftcn, die sich auf den Erwerb dieser Gegenstände bezogen. Was von diesen Dingen in den Wohnungen der von der auffälligen Maßregel betroffenen Leute vorgefunden wurde, ist beschlagnahmt worden. Die fraglichen Waffen nebst Munitton waren früher militärfiskalisches Ergentum und sind außer Dienst gestellt worden; die Untersuchung der Gerichtsbehörde bezweckt dem Vernehmen nach festzustellen, ob bei Veräußerung der Gegenstände korrekt verfahren worden ist. Rixdorf. Der letzte AuSweg. Wegen Arbeitslosigkeit Selbst»- m o r d verübt hat gestern der 61 jährige Maurer Eduard Richter, welcher bei einer Familie F. in der Pannierstr. 31 in Schlafstelle wohnte. Seit etwa vier Wochen war R. arbeitslos gewesen und trotz aller Bemühungen gelang es ihm nicht, wieder Beschäftigung zu finden. Der Acrmste war schließlich vollständig mittellos und mußte die größte Not leiden. Gestern machte R. seinem ttaurigen Dasein gewaltsam ein Ende. Er erhängte sich im Hausflur an der zum Keller führenden Treppe. Hausbewohner fanden ihn später als Leiche vor. Potsdam. Zu den unerfreulichen Reujahrsüberraschungen gehörten für eine ganze Reihe der Mieter von kleinen Wohnungen in Potsdam die. Steigerung der Mieten. Bei dem Mangel an einigermaßen brauchbaren Wohnungen für die arbeitende Bevölkerung ziehen es die mit dem hauswirtlichen Neujahrsgrutz Bedachten notgedrungen vor, die verlangte Erhöhung des schon bisher durchaus nicht niedrigen Mietzinses zu zahlen, um der Sorge um eine neue Wohnung eut- hoben zu sein. Daß durch diese Steigerung der Wohnungsmiete eine abermalige Einschränkung der schon an und für sich niedrigen Lebenshaltung der Potsdamer Arbeiterschaft notwendig wird, ist eine Tatsache, die bei den teuren Lebensverhältnissen infolge der Schlachisteucr usw. keines besonderen Beweises bedarf. Und daß die Hauswirte durchaus nicht„kleinlich" bei der Erhöhung ihrer Ein- nahmen vorgegangen sind, geht daraus hervor, daß die Mieten in einzelnen Fällen bis zu 20 Proj. gesteigert wurden.— Erheiternd wirkt es dabei, wenn diese großstädtische Steigerung der Mieten den—„hohen" Löhnen der Arbeiter in die Schuhe geschoben wird. KerUner I�acfmckten. Wie man in Berlin die KrankenhanSnot„beseitigt", das wird wieder einmal verraten in dem daS Etatsjahr 1904 behandelnden Bericht über daS städtische Krankenhaus am Urban, den jetzt der Magistrat durch das„Gemeindeblatt" veröffentlicht. In den Erläuterungen zu den Tabellen der inneren Abteilung ll hebt der dirigierende Amt Dr. Plehn hervor, daß im Spätsommer und Herbst 1904 die Scharlacherlranknngen eine beträchtliche Vermehrung erfuhren und in schweren Formen austraten. Das komme in den Tabellen über die Aufnahmen nur deshalb weniger zum Ausdruck, „weil die betreffende Abteilung zu jener Zeit so stark belegt war. daß nur Schlv erkranke aufgenommen werden konnten". Daraus erklärt Pl. auch die ungewöhnlich hohe Mortalität: es starben bei ihm 49 von 195 in Abgang gekommenen Scharlachkrankcn, also rund 25 Proz. 13 Kranke starben noch am Ans« nahmeiage, 6 andere am Tage nach der Aufnahme. Derselbe Dr. Plehn hatte in seinem Bericht über das Etatsjahr 1903 gesagt, die Erzielnng besserer Heilungsergebnisse werde dadurch sehr erschwert, daß„ein großer Teil der Kranken erst in den letzten Stadien— man könnte fast sagen: nur zun» Sterben— ins Krankenhaus gebracht wird". In dem Bericht über 1904 enthält diesmal auch der Abschnitt über die äußere Abteilung, die Vom Direktor Professor Körte und dem Oberarzt Dr. Brentano versorgt wird, einen Hinweis auf die„andauernd starte" Belegung. Um für Schwerkranke und Verletzte stets Betten ftei zu bekommen, habe man auch in diesem Jahre vielfach dazu greifen müssen, Patienten vorzeitig nach Hause zu entlassen nnd sie mir noch zum Verbinden ins KrankenhaliS zu bestellen. Wenn in der Stodtverordnelcn-Versaminliing von unseren Genossen auf diese Zustände und die hier augedeutete Art der„Abhülfe" hin- gewiesen wird, dann erklärt man drüben bei den Freisinnigen, das sei Ucbertreibung. Es ist nur gut. daß wenigstens die A e r z t e nicht verlernt haben, die Wahrheit zu sagen. Ein tragischer Unglücksfall hat sich am Sonnabend spät abends auf dem Neitelbeckplatz ereignet. Der 46jährige Rollkutscher Wilhelm Rowalk, Kolbergerstraße 14 wohnhaft, hatte auf seinem Wagen, mit dem er den Nettelbeckplatz kreuzie, ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau, das er ihr noch am Abend überreichen wollte, zu liegen. Als er mit dem Gefährt in die Reinickendorferstraße einbiegen wollte, stieß der Straßenbahnwagen Nr. 1570 der Linie 34, von der Halte- stelle abfahrend, mit dem Fuhrwerk zusammen, R. wurde vom Bock heruntergeschleudert und geriet unter den eigenen Wagen, dessen Räder»hm von der rechten Hand vier Fmaer abfuhren. Der Bedauernswerte wurde nach dem Krankenhmlse in Moabit gebracht, wo sofort ein operativer Eingriff vorgenommen werden mußte. Mit dem Ueberreichen des Geburtstagsgeschenkes war es nun nicht». Durch einen Omnibus totgefahren nmrde in der Nacht zum gestrigen Möntag der sechzigjährige Droschkeilkutscher Max Deßke aus der Kreuzbergstr. 54. Am Halleschen Tor war D. vom Bock berabgestiegen, um an dem Pferdegeschirr etwas in Ordnung zu bringen. Er geriet dabei an einen voriiberfahrenden Omnibus heran, wurde zu Boden geworfen und überfahren. D. erlitt einen schweren Schädelbruch und starb auf dein Transport nach dem Krankenhanfe. Em Skandal aus der Lcbcwelt. Ein Kaufmann Karl Christ, der in Zossen lebt, hatte vom 1. Juni v. I. an in dein Hause Tempel- hofer Ufer Nr. 3S im Erdgeschoß eine Wohnung von fünf Zimmern, für die er das Jahr 1600 M. zahlte. Er selbst bemitzte sie nicht, kam vielmehr nur an jedem Monatsersten hierher und bezahlte die Miete. Seine 32 Jahre alte Frau Erna, eine stattliche blonde Schönheit, teilte die Räume mit dem 31 Jahre alten früheren Studenten der Chemie, Eugen v. Steuben, der früher«inmal l'/a Jahre in einer Irrenanstalt war. v. Steuben ist verheiratet und steht unter Kuratel. Seine Frau wohnt in London. Frau Christ, mit der er schon länger ein Verhältnis hatte, meldete ihn bei dem Hausverwalter als Kaufmann Fischer an. Die schöne Frau empfing in ihrer Wohnung, deren Einrichtung 16 000 Mark kostete, sehr viele Herren aus den„feinsten" Kreisen. In der letzten Zeit hatte Herr v. Steuben wohl das Gefühl, daß seine Geliebte seiner überdrüssig sei, während sie früher mit ihm schöne Reisen, besonders nach Monte Carlo, gemacht und die ersten Berliners Restaurants besucht hatte. Das erregte seine Eifersucht. Sie steigerte sich zur Tobsucht, als Frau Christ große Einkäufe machte, die auf Ncise-Absichten schließen ließen, von denen sie ihm nichts sagte. In der Nacht zum 2. Januar kam bei dem Geliebten der schönen Frau die Wut zum Ausbruch. Morgens um 4 Uhr stand er auf und schlug alles kurz und klein. Kostbare Uhren und andere Kunstgegenstände gingen in Scherben, schöne Gobelins und Bilder zerschnitt der Tobsüchtige mit seinem Rasiermesser, ebenso die Möbel- beziige und Betten. Nichts blieb ganz. Als v. Steuben mit der Zerstörung fertig war, ließ er den dicken Stock, mit dem er alles Zerbrechliche zertrümmert hatte, auf seine Geliebte niedersausen. Laut schrie er dabei, er sei nicht Kaufmann Fischer, sondern Baron v. Steuben. Endlich sprang er auf die Mißhandelte, die er schwer beschimpfte, zu. um ihr mit dem Rasiermesser den Hals abzuschneiden. Frau Christ entfloh durch ein Fenster und holte mit den, Psörtner, den der Lärm geweckt hatte, die Polizei. Drei Schutzmänner hatten Mühe, den Wütenden zu bändigen und nach der Wache zu bringen. Dort beschuldigte v. Steuben Frau Christ, daß sie mit vielen Herren der Gesellschaft Unzucht und außerdem gewerbs mäßig Kuppelei betrieben habe. Frau Christ, die ebenfalls in Gfr wahrsam genommen wurde, erklärte alle Anschuldigungen gegen sie. soweit sie die Kuppelei betreffen, für unbegründet. Daß sie auch Herrenbesuche, auch aus sehr hohen Kreisen, empfangen hat, kann sie nicht bestreiten. Das wüßte man auch im Hause, während Damen besuch nicht aufgefallen ist. Einstweilen wurde die Angeschuldigte wieder auf freien Fuß gesetzt. Sie verließ Berlin und wird schwer- lich wieder zuriickkehren. v. Steuben wurde als gemeingefährlich nach der Irrenanstalt Herzberge gebracht. Die Verhaftung eines KreditschwindlerS, welcher zahlreiche Firmen geschädigt hat, ist der Kriminalpolizei gelungen. Der gefährliche Bursche war früher einmal bei dem Spediteur N. als Kutscher an- gestellt gewesen. Die Erfahrungen, welche er in dieser Stellung er- warb, machte er sich bei seinen betrügerischen Manipulationen zu nutze. Er lockte Geschäftsleuten unter der Borspiegelung, für seinen Chef Waren auf dem Güterbahnhof auslösen zu müssen, teilweise recht erhebliche Geldbeträge ab. Festgestellt sind bereits 12 der artige Betrugsfälle. Der Schwindler ist jetzt von der Polizei in der Person des arbeitslosen Kutschers Nambo! ermittelt und verhallet worden. Der Nenonimierarbeiter Friedrich Weißeuboru, der zum vir- gangcnen Sonnabend nach den Arminhallen mit großen Worten eine„Große öffentliche Volksversammlung" angekündigt hatte, in der er für 20 Pfennig Eintrittsgeld kämpfen wollte gegen die „revolutionären Maulhelden Bebel-Singer-Mehring, die Hetzer und Verführer der deutschen Arbeiter", hat es in seinem Mute vor- gezogen, sich von der so pomphaft angekündigten Versammlung am Sonnabend zu drücken und lieber zu Hause zu bleiben. Ein Besucher dieser Versammlung, der unsere Sonnabenönotiz noch nicht gelesen hatte und auf den ihm in die Hand gedrückten Reklamezottel hineinfiel, schickt uns über den Verlauf dieser Versammlung eine Zuschrift, der wir folgendes entnehmen: Es waren eKca 100 Personen anwesend. Als uni ffzlO Uhr die Versammlung iu>ch nicht begann, machte sich starke Unruhe benierkbar und einige junge Herrchen mit riesig hohen Stehkragen nahmen auf dem Podium Platz. Einer derselben eröffnete die„Fest"-Versammlung— so drückte er sich aus— und erteilte gleich dem„Referenten" das Wort. Weil keine Bureaulvahl stattgefunden, erhob sich lautes Verlangen danach,- schließlich aber ließ man den Mann reden. Zunächst teilte er mit. daß Herr Friedrich Weißenborn einen Brief geschrieben habe, „er schäme sich in die Versammlung zu kommen, weil der „Vorwärts" ihn in einem Artikel am Sonnabend verleumdet habe. (Große Heiterkeit.) Die Versammelten verlangten nun nach dem Referenten B e r g e r- Dresden, der als Redner angekündigt war, erhielten aber keine Auskunst. Alles schrie:„Den gibt's ja gar nicht I"„Ist ja nur Reklame"' usw. Der Redner erklärte, daß er über Punkt 1 nicht spielen werde, auch nicht über den zweiten und ebensowenig über den dritten Punkt. Darauf entstand großer Tumult. Alles verlangte das Eintrittsgeld zurück. Das war aber schon in Sicherheit gebracht. Die Anwesenden schrien: Hochstapler, Betrüger, Schwindler, aber die Arrangeure schienen sich auf die Polizei zu verlassen. Der„Redner" wollte nun das Thema:„Das schlafende Berlin" behandeln und erzählte das blödsinnigste Zeug unter dem größten Gelächter der Ver- fannnlungsbesucher. An allem sind die Juden schuld, an der russischen Revolution, an den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen usw. Ein Ochse versteht mehr von der Elek- trizität als dieser junge Mensch von der Politik. Ein solch' wirres Zeug habe ich in Berlin noch nicht gehört. Ein Viertel- ftündchen ließen wir uns diesen Mumpitz gefallen, dann aber ging die Geduld aus. der„Redner" mußte aufhören zu reden. Ein Herr ' nannte die jungen Herrchen dum'me Jungen, Schwindler; Polizei und Gericht müßten da einschreiten, das sei unlauterer Wett- bewerb. Für die 20 Pfennig sollten sich die Veranstalter Wurst kaufen und ihren grünen Schnabel damit stopfen. Ein anderer rückte die Person Friedrich Weißenborns ins rechte Licht und hielt eS für unverzeihlich, solches Blech anzuhören, er forderte zum Verlassen des Saales auf, zunächst aber das Geld zurückzuverlangen. Damit stürmte alles nach der Bühne und nahm eine drohende Haltung an. Jeder fühlte sich betrogen. Es entstand ein großer Radau, dazwischen hörte man Rufe wie: Pücklergesindel, Schivindler, Euch gehören Ohrfeigen usw. Schließlich machte der Wirt unter Hinweis auf den Hausfriedensbruchparagraphen der Sache ein Ende. Borher war noch eine Resolution angenommen worden, in der die Veranstalter als Schwindler und Betruger gekennzeichnet wurden. Aus dieser Darstellung des Verlaufs dieser Versammlung erhellt aufs klarste, wie recht wir die Leutchen eingeschätzt hatten, als wir sagten, daß es ihnen nur um die zwanzig Pfemüge Eintrittsgeld zu tun sei. Charakteristisch für die Beurteilung des Renommierarbeiters Friedrich Weißeuborn dürfte noch sein, daß er, der frühere Banner- träger des Grafen Pückler, seinerzeit der Redaktton der„Mit- tcilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" Material gegen Antisemiten anbot. Natürlich wurde er keiner Ant- ivort gewürdigt. So sehen diese Netter des Vaterlandes aus. Für Geld ist ihnen alles feil. 100 000 Mark Schulde» hat der flüchtige Inhaber des Restaurants „Regenspurger" in der Potsdamerstraße hinterlaffen. Unter den Geschädigten befinden sich außer den diversen Lieferanten auch die- jenigen Angestellten, die auf Monatsgehalt beschäftigt werden. Hans RegenSpnrger ist bereits seit sechs Tagen spurlos verschwunden und konnte bis jetzt trotz der eiftigsten Nachforschungen nicht ermittelt werden. Wohin sich der Flüchtige gewandt hat. ob er Berlin ver- lassen oder sich noch in der Metropole befindet, ist— wie gesagt— Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin, Entgleisen zu durch das gefähr- die gefahrdrohenden durch den Lokomotiv- unbekannt. Die Motive der Flucht de? in Berlin W. und NW. sehr bekannten Restaurateurs find auf finanzielle Schivierigkeiten zurückzuführen. R. hatte seinerzeit das Restaurant„Spatenbräu" käuflich übernommen und baute das Lokal, der modernen Neuzeit entsprechend, vollkommen um. Der Umbau des Lokals verschlang Unsummen, und da das Geschäft nicht so ging, wie es sein sollte, so hatte Regenspurger schwere Kämpfe durchzumachen. Geld zur Be- Zahlung der Miete soll er besessen haben. Der Betrieb wird nun von den Gläubigern provisorisch fortgesetzt. Ob später die Verwaltung des Restaurants eine Konkursverwaltung übernimmt, oder ob eS verkauft wird, kann man jetzt noch nicht lvissen. Baupolizeiliche Revisionen der älteren Gebäude des Scheunen- Viertels find anläßlich des Stalleinsturzes in der Lothringerstraße von der Aufsichtsbehörde angeordnet worden. Es hat sich herausgestellt, daß bei den in jener Gegend noch zahlreich vertretenen Fachwerk- gebäuden die Balkenlagen teilweife durch und durch morsch sind. Jedenfalls werden diese Gebäude durch behördliche Anordnungen der Benutzung entzogen und, soweit eine Gefährdung für Hausbewohner und Straßenpassanteu vorhanden ist, die alsbaldige Abtragung der Gebäude verfügt werden. DaS Lefsinghaus am Königsgraben soll geopfert werden. Der Vorsteher der städtischen Stiftungskommission hat sich einem Korrespondenten gegenüber in folgender sonderbaren Weise über den Plan ausgelassen: Auf die Frage nach den Gründen der Preisgabe des Dichter- Hauses erfolgte seitens des Vorstehers die Darstellung der Sachlage dahingehend, daß die Sttstungsdeputation als Verwalterin des Hauses, das der Karoline Silberschen Stiftung gehört, im Sinne der Slifterin bemüht sein müsse, zu Untcrstützungszwecken möglichst viel Geld aus dem Grundstück herauszuwirtschaften, auf dem das Lessing- Haus sich befindet. Für dieses Grundstück seien nun 429 999 Mark ge- boten und es liege im Interesse der Stiftung, dieses Angebot zu akzep- tieren. Der Berliner Magistrat könne für die Erhaltung des LessinghauseS garnichts mehr tun, denn es gehöre ja nicht ihm, sondern der Stiftung. Der Magistrat könne nicht 429 999 M. für ein Gnnidftück ausgeben, aus dem er soviel nie herauswirtschaften würde. Nach der Grund- bucheintragung sei auch nicht die Trennung des Lessinghauses von dem übrigen Grundstück möglich, wenigstens nicht ohne Ge nehmigung des Polizeipräsidenten. Auf die Frage, daß doch der Magistrat das Haus, das nach seiner Lage am Königsgraben für Geschäftszwecke kaum geeignet sei, ankaufen könne, erwiderte der Vorsteher der StiftungSdeputation, daß der Magistrat so etwas nicht tun könne. Was habe er denn hier für eine„Frage" zu lösen? Hoffentlich finden sich Mittel und Wege, das vom kulturhistorischen Standpunkte wertvolle HauS der Nachwelt zu erhalten. Tragisches Ende eines ProvinzialschulrateS. Die Selbstmord chronik Berlins ist um einen sensattonellen Fall reicher. Der 70 Jahre alte Provinzialschulrat. Geheime Regierungsrat Dr. Robert Pilger aus der Hohenzollcrnstr 19, hat sich gestern abend in einem Hotel in der Kraufenstraße erschossen. Kurz nach 8 Uhr hörten Haus- angestellte einen Schuß fallen. Sie fanden dm betagten Gast regungslos in seinem Blute liegen. Er hatte sich eine Revolver- kugel in die rechte Schläfe geschossen. Die Waffe lag neben ihm. Ein Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Weitere Ermittelungen ergaben, daß der Verstorbene unter einem falschen Namen ein- gekehrt war. In größter Lebensgefahr schwebten in der gestrigen Nacht die Passagiere der Vorortzüge auf der Schlesischen Bahn durch das ver- brecherische Treiben von Bubenhänden. Mehrere Burschen hatten in der Nähe der Station Köpenick zahlreiche Holzschwellen, die sie aus dem angrenzenden Wald herbeischleppten, über beide Schienenstränge hinweggelegt, um auf diese Weise die von und nach Berlin fahrenden Vorortzüge zum bringen. Unübersehbares Unheil hätte liche Treiben entstehen können, wenn ??inder»isse nicht noch im letzten Augenblick iihrer eines nach Berlin fahrenden Zuges bemerkt worden wären. Noch in derselben Nacht haben die Attentäter auf dem Bahnhof Köpenick wie die Vandalen gehaust. Sie drangen in die auf dem abseits liegenden Gleise leerstehenden Wagen zweiter Klasse ein, zer schnitten in den Coupes die Polster, rissen die Riemen entzwei, zer- trümuwelsn die Fensterscheiben und richteten in den einzelnen Ab- teilen heillose Verwüstungen an. Die rohen Gesellen sind ungehmdert entkommen. Ein großes Eisenbahnunglück ist auf der gleichen Strecke durch die Umsicht eines Bahnwärters verhütet worden. Zwischen den Stationen Erkner und Fürstenwalde war auf den Keifen der Fernbahn ein Schienenbruch entstanden, durch welchen mit Leichtigkeit eine Entgleisung herbeigeführt werden konnte. Der Bahnwärter setzte sofort auf telegraphischem Wege die beiden Stattonen von dem Vorfall in Kenntnis. Der Verkehr wurde darauf in auf dem gefährdeten Gleis eingestellt und so lange eingleisig is nach Frankfurt a. O. aufrecht erhalten, bis jede Gefahr beseitigt war. Einzelne Züge trafen infolge dessen mit Verspätungen an ihren Bestimmungsorten ein. Selbstmord eines Restaurateurs im Kreise seiner Gäste. Großes Aussehen erregt auf dem Gesundbrunnen der Selbstmord des Gast- Wirts Gustav Falkenstein, der in der Wiesenstr. 33 ein Lokal besaß. In Gegenwart seiner Gäste versuchte er sich am Sonnabend nach- mittag im Ncstaurationözimmer zu erschießen. Der Revolver wurde dem Lebensmüden jedoch noch rechtzeitig entriffen und beseitigt. Abends kaufte sich F. unbemerkt eine zweite Waffe. Als er dann egen Mitternacht im Kreise der ahnungslosen Gäste saß, zog er litzschnell den neueu Revolver hervor und schoß sich, ehe man ihn diesmal daran hindern konnte, eine Kugel durch den Kopf. Im Krankenhause Moabit ist der hartnäckige Selbstmordkandidat gestern Mittag gestorben. Familienstreittgkeiten sollen das Motiv zur Tat sein. Die Konstanttn Meunier-Gcdächtnis-AuSstellung wird Mittwoch von 2 Uhr an allgemein zugängig fein bei Keller u. Reiner, Berlin W., Potsdamerstr. 122. Um 12 Uhr findet vor geladenem Publikum ein eierlicher Eröffnungsfestakt statt. Die Festnummer der„Arbeitenden Jugend", die im September vorigen Jahres anläßlich des einjährigen Bestehens der Berliner Jugendorganisatton von dieser herausgegeben ward, hatte derartige Beliebtheit gefunden, daß jetzt die Januarnummer der„Arbeitenden Jugend" ebenfalls als Festnummer erschienen ist. Sie ist bedeutend reichhaltiger ausgestaltet als die erstere. Die Titelseite schmückt ein Gedicht von Robert Seidel:„Das ungerechte Jahr I" Neben den interessanten Artikeln, die die Organisattou betreffen, enthält die Zeitschrift noch Beiträge von Dr. Max Maurenbrecher, j. van der Smissen, Josef Petersilka- Wien und eine eigens für die„Arbeitende Jugend" aus dem Russischen übersetzte Skizze von K 0 r n e f f. Der Preis dieser Festschrift beträgt agitations- halber mir 10 Pf. und ist zu beziehen durch die Expedition I. W a ch s n e r, N., Veteranenstr. 8. Wegen einer Gasvergiftung wurde am Sonntag früh um 8 Uhr die Berliner Feuerwehr nach der Boxhagenerstraße 41 gerufen. Dort wurde der Schuhmachermeister Albert Winter bewußtlos angettoffen. Alle Bemühungen, den Bewußtlosen durch Einflößen von Sauer- stoff zc. wieder ins Leben zu rufen, waren vergeblich. Die Leiche wurde von der Polizei beschlagnahmt. Vermißt. Seit dem 6. Dezember 1906 wird der Tischler Hugo Karl, am 19. April 1886 zu Belgern geboren, hier, Christburger-! straße 33 bei den Eltern wohnhaft gewesen, vermißt. Beschreibung: Gestalt kräftig. Grüße 1,60 Meter. Haare dunkelblond, struppig, Augen blau, Nase dick, stumpf, Zähne gut, Anflug von Schnurrbart. Bei seinem Verschwinden war derselbe bekleidet mit schwarzem Hut, dunklem weißdurchwirkten Jackettanzug, schwarzen Schnürschuhen, grauwollenen Strümpfen und Barchendhemd. Alle diejenigen, welche Angaben zur Sache machen können. werden gebeten, dies der Kriminalpolizei, Zimmer 326 El, oder einem Polizeirevier zu den Akten 9036 IV 2. 06 mitzuteilen. Tragödie emes Brautpaares. In der vierten Etage der Trist- straße 2 wohnt seit längerer Zeit der Maschinenheizer Martin Breasnack, dessen Sohn, ein Arbeiter von Beruf, schon Jahre hin- durch lungenleidend war. Der junge Mann war mit einem Mädchen verlobt. Wegen seines Krankheitsznstandes bekam er jedoch plötzlich Bedenken, seine Braut für immer an sich zu fesseln. Gestern nachmittag kam die Braut in die Wohnung der Eltern des B. und trank dort den Kaffee. Später entfernten sich die zwei jungen Leute aus dem Wohnzimmer und begaben sich in das anstoßende Gemach des Bräutigams. Vergeblich warteten die Eltern darauf. daß die beiden wieder aus dem Zimmer herauskämen. Es wurde schließlich V36 Uhr, und als man auch jetzt noch nichts vernahm, schöpfte man Verdacht. Der alte B. rüttelte an der Türe des von innen verriegelten Zimmers, doch vergeblich. Nun wurde die Polizei gerufen, welche das Schloß gewaltsam öffnen ließ. Die Befürch- tungen, die man gehegt hatte, wurden beim Eintritt in die Stube nur zu schrecklich bewahrheitet. Die beiden Brautleute hatten ge- meinsam Gift genommen und waren bereits tot. Auf dem Tische stand der leere Giftbehälter. Es ist zweifellos, daß die beiden in gegenseitigem Einverständnis gemeinsam in den Tod gegangen sind. Die Leichen wurden polizeilich beschalgnahmt und in das Schauhaus eingeliefert. Das Leben genommen hat sich dieser Tage die Frau eines im Westen Berlins sehr bekannten Baumeisters. Das Motiv zur That soll zu suchen sein, daß ihr pervers veranlagter Ehemann sie infolge seiner Neigungen derart gequält habe, daß sie das Opfer desselben geworden sei. Schließlich habe sie einen solchen Abscheu vor sich selber und ihrer Umgebung empfunden, daß ihr das Leben unerträg- lich geworden sei. Durch eine Hutnadel ein Auge verloren hat Sonntag nachmittag eine Frau Becker aus Rixdorf. Dieselbe wollte die Nachmittags- Vorstellung des Zirkus Schumann besuchen und stand im dichten Ge- dränge auf der Treppe zum Zirkus vor der Eröffnung. Beim Oeffnen der Türen drehte sich eine vor ihr stehende Frau plötzlich un, und stach Frau B. mit ihrer spitzen Hutnadel direkt in das rechte Auge. Sie schrie laut auf und lief nach einer in der Nähe liegende Augenklinik. Hier fand der Arzt, daß das Auge bereits aus- gelaufen war. Im Arbeiterinnenheim II, Usedomstraße 7, beginnt jetzt ein neuer Abend-Kochkursus. Monat 1 Mark. Teilnehmerinnen können sich im Heim melden. Vmrnlcdres. In den Flammen umgekommen. Gestern abend brannte ktaS Wohnhaus des Ackerbürgers Wormann in der Mühlenstraße in Friedland(Mecklenburg) vollständig nieder. Die im ersten Stock- werk schlafenden vier und sechs Jahre alten Kinder des Arbeiters Schröder verbrannten. Die Eltern wurden, wie die„Friedländer Zeitung" meldet, als der Brandstiftung verdächtig, verhaftet. 101 Menschen verbrannt. Nach einer Meldung aus Tokio hat jüngst auf den Mita-Gruben in der Provinz Jnnoi eine Explosion stattgefunden, durch welche die Werke in Brand gerieten. Von 2000! darin beschäftigten Personen sind 101 dabei umgekommen. Ueberbürdete Postbeamte. Gestern vormittag wurde in das Wiener Postsparkassenamt die Rettungsgesellschaft gerufen, wo 13 Beamte von Aufregungszuständen, Ohlmiachten und Krämpfen be- fallen waren. Die Kränken sagten aus, daß sie infolge Ueber- bürdung in 10— 11 stündigem Dienst in diese Zustände geraten seien. Die Rettungsgesellschaft leistete ihnen die erste Hülfe. Außerdem wurden noch fünf Personen von Aufregungszuständen und Weinkrämpfen befallen. Mädchenhandel.„Es ist erschreckend, welchen Umfang der Handel mit Mädchen zu unmoralischen Zwecken in New Jork an- genommen hat!" so erklärte der Chef des Einwanderungsbureaus auf der Landungsstatton Ellis Island von New Jork, gelegentlich der jüngst erfolgten Verurteilung eines französischen Mädchen- Händlers. Watchhorn, so heißt der Beamte, fügte hinzu, daß mit jedem Schiffe viele Mädchen kommen, die direkt nach öffentlichen Häusern gehen. Oft ahnungslos und unschuldig, von falschen Vor- spicgelungcn geblendet, laufen sie den Händlern ins Garn. Diese Händler sind so schlau und geschickt, daß sie von den Behörden selten abgefaßt werden. Von Männern, die als Brüder und andere Verwandte sich vorstellen, werden die Mädchen, die darauf vor- bereitet sind, in Empfang genommen und fortgebracht.— In letzter Zeit wurde die Aufmerksamkeit der Regierung vielfach darauf ge» richtet, daß ein lebhafter Handel mit Mädchen nach Panama aus Anlaß des K'cmalbaus stattfindet. Berliner Marktpreise. Aus dem amtlichen Bericht der städtischen Marlthallcn-Direltion. Rindfleisch la 64—63 pr. 199 Psund, IIa 56—64, lila 59-55, IVa 49—48. Kalbfleisch la 86—95, Ha 74—85, IITa 69—72, ammclfleisch la 64—74, Na 52-62. Schweinefleisch 74—78. Rotwild flind 48-59 Ps. Hasen Stück 3.99-3.59, mittel 1.85-2.89. Kaninchen stück 9,89—1,99. Huhner pro Stück, alte 1,39— 1,85, junge la 9,89—1,39, do. IIa 9,99—9,99. Tauben, junge 9,69 alte 9,59. Enten junge 1,69—2,49. Gänse pro Stück la 9,99—9,99. Na 9,99—9,99, pro Psd. la 9,55-9,58, Na 9,99—9,99. Schellsischc 29—24 M.. Flunder 28 M. pro 199 Psd. Hechte 99—99 M., Schleie, mittel 99—99 M. Aale, groß 9,99, mittel 199—119, klein 9,99, Plötzen 99-99 M.. Karpfen uns. 99 M.. Lachs 99,99. Schottische Vollheringe(gesalzen) 36—38 M Eier, Schock 5,99. Butter pro 199 Psund la 117-129, Na 114-117, INa 119-114, abfallende 90-999. Kartoffeln pr. 100 Psd. rot« 2,00—2,20, Rosen 9,00—0,00. blaue 0,00—9,00, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl pr. Schock 7.99-12.99, Weißkohl 7,99-19.99, Rotkohl 6,99—19.99. Holl. 14—17 M. Saure Gurken, Schock 2,00 M., Pfeffergurken 2,00 M. «vttteruugStiderflcht vom 8. Januar IS0S, morgen»« Uhr. Swweindi. erlin Franrs.a.M. München Wien 747! SSO 742 SO 748 SSW 753 SW 3 wolkig liRcgen 2 wollig 2 Regen 2 bedeckt 1 heiter 1 8 1. —9 Haparanda Petersburg Scllly Aberdeeo Patt, 757 S 748 WNW 743 WNW 746 W Abedeckt 5 wolkig 2 bedeckt 3 bedeckt ZLctter-Prognose für Dienstag, den S. Januar 1!)06. Ein wenig kälter, veränderlich, vorherrjchend wolkig mit Niederschlägen und ziemlich sttschcn südöstlichen Winde». Berliner W e t t e r b u r e a u. ALltestes kons. I.eililim Charlottenbnrg, WilmersilorferstF. 40 1. Hohe Belaihung. Dislir. Sprechrimmer Leih-Haus Charlottenburg, Friedrich> Karl- Platt IS, Berlin, Anklamer-Strastr S. Bclcihung von Brillanten, Gold- und Silbcrsachcn, Uhren, Büchern, Wäsche, Kleidungsstücken-c. 396V Rixdorf. 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