Ur. 8. nbonnementS'Redingunjen: Abonnement;- Preis prünumeranbo: Sierteljührl. 3�0 MI., monatl, I,l0 MI., möchenllich 28 Psg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Psg. Sonntags« Nummer mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt' lv Psg. Post- klboimcmenl: 1.10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post, ZcitungS, Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn ■i Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. 33. Jahrg. CrMclat tsgiiA aus» DUntaat. Berliner Volksblnkk. Zentralorgan der roziatdemohratirchen parte! Deutfcblands. Die TnrertionS'GebODr detrigt für die sechsgespaltene Koloitel« zeit- oder deren Raun, 40 Psg., für politische und gewerlschasUiche Vereins- und VersammInngS. Anzeigen 2ä Psg. „Ilteine Hnreigen". das erste(fett- gedruckte)«ort 10 Psg., jedes weitere «ort ö Pfg.«orte über 15 Buchstaben zühlen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- lagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtaaen bis S Uhr doruiMagS geSfsnct. Telegramm-Adresse: „S«ilaM(D»knt Itril»". Redaktion: 831. 68, Ltndcnatrassc 69. irerniUredicr: Amt IV. Str. I»K2 Expedition: 831. 68, Lindenstraese 69. fffriiiltrrrttrr; Ruit IV. Str. Quittung. Im Monat Dezember gingen bei dem Unterzeichneten folgende Parteibeiträge ein: Augsburg, iozialdemokr. Verein 4. Quartal l)ö 10,—. Alt-Cosel, von Parteigenossen 5,—. Berlin, Beiträge der Wahlkreise: 2. Krei 1976,30. 3. Kreis 500,—. 4. Kreis(Eft) 1500,—(danmter Ucbersch v. Vergnügen des 184., 185. u. 186. Stadtbezirkes 25,—, desgl. v 160. u. 161. Stadtbezirk 40,90.) 6. Kreis 2000,—(darunter Kamin Fehmarnstr., 1,80, Hamburger Sänger 10,—, Lotterieverein„Glück auf" 10,—, Geburtstagsfeier Keplerstr. 41 1,—, A. B. Mister 1,—. Berlin. diverse Beiträge: C. L. 1,—, M. B. 50,—. B. L. 3, Tr. L. 91, 100,—. Junggesellen 10,—. In der BeleidigungSsache Türk wider Welcher der Parteikasse zur Sühne überwiesen 10,—. Krankenunterstützung zu Weihnachten dankend angenommen, Barteidt 10,—. Jule, Ritterstr. 85, 4. Quartal 05 22,10. Machetes 5.— Hamster, Andreasstratze 13,—. Guteuberg 84.90. Kontobuch nrbeiter vom Wedding 5,—. 81. Qu., Dieffenbachstras'.e 3,—. Ch., 4. it. 1. 50,—. Munition zum Kampfe für Recht und Wahrheit 5, P. S. 50.—. A. B. 50,—. G. Röhn, Varou 4.60. G. D.. Guhrau 1,—. Sechs Hutmacher. Königstr. 25 13,—. Dem Andenken von Dr. C. F. 100,—. Sparverein„Namenlos", Gasmesserfabrik Mariendorf 20,—. Sangesbruder Hottenroth 2,—. Wilhelm Gieshoit 100,—. Butzbach i. H., G. K. 4,—. Braunschweig, Theater verein„Freie Bühne" 100,—. Bern 50.—. Buxtehude, v. d. Alten durch Weber 2,—. Bremen, von den Parteigenossen 500,— Breslau, fozialdemokr. Berein 150,—. Cassel, Wahlkreis Gasse! Melsungen 50,—. Dresden, die fozialdemokr. Vereine des 4., 5. und 6. sächs. Reichstagswahlkr. 10 090,—. Erfurt, Gen. D. E., Partei beitr. f. 4. Quart. 05 2,—. Aalkenberg(Oberschl.) 3.—. Fürth, fozialdemokr. Verein Qktob.— Nov. 60,—. Gotha, durch den Ver- traucnsmann 30,—. Gera(Reich) v. fozialdemokr. Verein für Reich j. L. 150,—. Hartha, Parteibeitrag v. 10. sächs. Reichstags Ivahllrcis 400,—. Hamburg, im Monat Dezember in der Erped. des „Hamburger Echo" eingegangen 147,50. Kattowitz, vom fozialdemokr. Verein 5,—. Lengenfcl'd i. V., R. G. 1,—. Lyck, G. H. 20, Lübeck, fozialdemokr. Verein, 4. Quartal 05 350,—. Limbach i. S., Parteibeitr. des 15. sächsischen ReichStags-Wahlkreises 500.—. Leipzig, 12. und 13. sächsischer Reichstags-WahlkreiS 2000,—. Luckcnwaldc, Rufus 5,—. Magdeburg, vom sozialdemokratischen Verein 200,— München, Waldläufer 5,—. Nosiwitz bei Glogau, vom Llrbeitev verein 15,—. Rirdorf, die Parteikasse der Nrbeiter von Pardemann u. Go. 25,—. Nochester, I. Reuter 2,30. Schwerin i. M., Annonce zum Herbstvcrgnügcn 6,—. Solingen, 25 Prozent freiwillig ge zahlter Partcibciträge der Genossinnen des Kreises S. 12,50. Schwarzen- Vach a. S., fozialdemokr. Verein 5,—. Stuttgart, G. U. 10,—. Echwcinfurt, fozialdemokr. Verein 10,—. Sachscn-Weimarfche Landes organisation 150,—. Schmiedeberg i. Ricsengeb., von Parteigenossen 30,—. Trier, fozialdemokr. Verein 10,—. DeSgl. 3. Quartal 16,—. Teltow-Becskoiv-Gharlottenburg, sozialdcm.Zenträlwahlverein3000.—. Desgleichen Monatsbeitrag 250,—,(darunter Allgemeine Kranken- und Sterbekasie, Zahlstelle Gharlottcnburg 20.—. Geburtstagsfeier der B-tzer, Bau Hardenbcrgstr. 27 4,75). Wunsiedel, sozialdemokr. Bere.n 10,—.„Wahrer Jakob" 3000,—. Württemberg 100,—. Zeitz. Wahlkreis Zeitz-WeitzenfclS-Naumburg 300,—. Berlin, den 10. Januar 1906. Für den Parteivorstand: A. G e r i s ch, Lindenstr. 69. leine schwache Aussicht, ganz für sich allein eine hinreichende .Anzahl von Wahlmännern auch in der zweiten und ersten Klasse zu gewinnen, um ein Mandat erobern zu können. Zwingender noch als je zuvor drängt uns diese Erfahrung dazu, für die Beseitigung des Dreiklassenwahlrechts zu kämpfen, wenn wir in Preusien den berechtigten Ansprüchen des Pro- letariats auf die Selbstbestimmung über seine Geschicke Geltung verschast'en wollen. Haben wir denn eine gründliche R e f 0 r m des preußischen Wahlrechts von den bürgerlichen Parteien und der Regierung zu erwarten? Die Frage aufgeworfen, heißt sie verneinen. 54 Jahre lang ist es int lvesentlichen bei den Bestimmungen des oktroyierten Dreiklassenwahlrechts geblieben. Aendcrungcn geringfügiger Art wurden wohl vorgenommen. Grundlegende Aenderuugen betreiben heute selbst nicht einmal mehr die liberalen Parteien. Eine Probe davon, was wir zu erwarten haben von dem honetten Bürgertum, liefern die Verhandlungen des preußi- scheu Abgeordnetenhauses über den Antrag Barth- W i e m e r, der als Köder für die Wahlagitation im Jahre 1903 vor den Landtagswahlen zur Verhandlung gebracht wurde. Die freisinnigen Reformer hatten sich selbst damals beileibe nicht zu der Forderung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts nach dem Vorbild des Reichstagswahl- rechtes aufgeschtvungen. Nur die geheime Abstimmung wollten sie herbeigeführt und die Wahlkreise nach der Bevölkerungs- zahl neu eingeteilt haben. Nicht einmal dieses schwächliche Begehren fand Gnade vor den Augen der Geldsacksmajorität. Auch das Zentrum, das sich hin und wieder, wo Word genügen, als Nolkspartei aufzuspielen versteht, ließ durch de Mund seines Führers Dr. Porsch erklären:„F ü r uns i si es ziemlich gleichgültig, nach welche in System gewählt wird." Der Anspruch der arbeitenden Klass� auf Gleichberechtigung wurde mit einem Achselzucken von der Schutztruppe des Papsttums abgewiesen. Die katholischen Ar- Fort mit dem Dreiklassenwahlrecht! Als die Sozialdemokratie Preußens sich an den Landtags- Wahlen iin Jahre 1903 beteiligte, geschah das unter der Vor aussetzung, daß es niöglich sein würde, durch ein Wahlbündnis mit den Liberalen ein paar Mandate zu gewinnen. Der Ver lauf der Wahlen hat diese Auffassung korrigiert. Wohl stellte sich in einigen Wahlkreisen das Ergebnis heraus, daß die frei- sinnigen und sozialdemokratischen Wahlmänner zusammen gegen die anderen Parteien eine Mehrheit bilden konnten. Sie hätten somit die Mandate erobern und unter sich verteilen können. So in Tcltow-Eharlottcnburg und in Breslau. Die Sozialdemokratie war auch zum Abschluß eines solchen Kom- promisscs auf Grund der voraufgegangenen Parteitagsbeschlüsse bereit. Sie verlangte von drei oder zwei Mandaten je eins. Die Freisinnigen hätten also den Löwenanteil bei diesem Ab- komnien davoiigetrageii. Trotzdem ist es in keinem Falle zu einem solchen Wahlbündnis gekommen. Einzelne freisinnige Führer wie Barth rieten zwar dazu, aber die Masse der frei- sinnigen Partei war nicht dahin zu bringen. Sie ließ in ihrem philisterhaften Grauen vor den Umstürzlern die Mandate lieber in die Hände der Konservativen oder Nationalliberalen übergehen, als daß sie den Sozialdemokraten einen Anteil an dem sicheren Siegcspreis zugestanden hätte. Damit ist die Bündnisunfähigkeit des Liberalismus für die Sozialdemokratie in Preußen erwiesen. Dem klassenbewußten Proletariat gegenüber verschwinden die Interessengegensätze unter den bürgerlichen Parteien. Die preußischen Liberalen selbst haben den Beweis dafür geliefert, daß auch für sie ein hüben, ein drüben nur gilt. Dem reaktionärsten Jllnkcr, dem aufklärungsfcindlichsten Ultramontanen fühlen sich diese sogenannten bürgerlichen Demokraten immer noch näher verwandt als der wahrhaft demokratischen Volkspartei, die die Interessen der ausgebeuteten Massen des Volkes vertritt. So hat die Wahl von 1903 für uns nur einen agitatorischen und aufklärenden Wert gehabt. Sie hat den sozialdemokratischen Proletariern die Lehre eingeprägt, daß sie auch im politischen Leben Preußens nur angeiviesen sind auf die eigene Kraft. Unter der Herrschaft des elenden Dreiklassenwahl- rechts ist ihnen der Weg in das Geldsacksparlament versperrt. 3!ur ganz besondere Verhältnisse in einigen Wahlkreisen mit nahezu ausschließlich proletarischer Bevölkerung eröffnen ihr je je w st R beiter sollten aber aus dieser und ähnlichen Aeußerungen der! Knechtung und wirtschaftlichen Ausbeutung nur das Werk der ZcntrumSdemagogcn erkennen, wie sehr sie sich selbst ins Fleisch schneiden, wenn sie diesen Arbeiterseinden, denen ihre Rechte gleichgültig sind, noch ferner gedankenlos Gefolg' schaft leisten. Auf den Regierungsbänken fanden die rück' ständigsten Anschauungen des Junkertums über das Wahlrecht verständnisinnigen Widerhall. Der jetzt verstorbene Minister v. H a m m e r st e i n feierte das Drciklassenwahlsystem als das Ideal eines Wahlverfahrens und schwelgte in den Schönheiten der öffentlichen Abstimmung, die allein würdig sei des freien Mannes. Das sagte er als Mitglied einer Regierung, die die Maßregelung ihrer Bcaniten wegen oppositioneller Gesinnung um System erhoben hat. So wird das Unrecht durch bitteren "ohii verschlimmert. Eine geringfügige Aenderung wurde indes, widerrechtlich obendrein, noch vor den letzten Wahlen durch Verordnung eingeführt. Das Gesetz sieht für die ländlichen Wahlkreise einen bestimmten Ort als Schauplatz der Abgeordnetenwahl vor. Das Anwachsen einzelner Wahlkreise macht aber die Aus führung dieser Bestimmung schwierig, weil in dem Orte der Wahlhandlung kein genügend großes Lokal vorhanden ist. Dieser Umstand machte sich besonders geltend in dem Wahlkreise Te ltow-Charlottenburg, dessen gesetz licher Wahlort die kleine Stadt Köpenick ist. Die Zahl der Wahlmänner war auf etwa 2600 angewachsen. In keinem Köpenicker Saal ließ sich eine solch große Zahl von Menschen unterbringen. Da verlegte die Verwaltung, dem Wortlaute des Gesetzes zuwider, die Abgeordnetcnwahl kurzer Hand nach einem großen Saale Rixdorss. Sachlich wäre gar nichts gegen diese Verlegung einzuwenden. Bezeichnend ist nur, daß die Regierung selbst sich ungeniert über das Gesetz hintveg setzte, als ihr dessen Bestimmungen nicht in den Kram paßten. Bei der Regierung sowohl wie bei den bürgerlichen Parteien besteht nuninehr Neigung, die großen Wahl- kreise zu teilen, also wo jetzt in einem unsicher ge- wordenen Wahlkreise zwei oder drei Abgeordnete zu wählen sind, daraus zwei oder drei besondere Wahlkreise mit je einem Abgeordneten zurechtzuschneiden. Man will die Unbequemlich- keilen einer Wahlhandlung durch Tausende von Wahlniännern beseitigen und gleichzeitig eine etwaige Ausnutzung dieser ungefügen Wahlhandlung durch die Sozialdemokraten zur Demonstrierung der Fehlerhaftigkeit des Wahlsystems nach Kräften verhindern. Tarauf zielt ein dem Abgeordnetcnhause in der letzten Session vorgelegter Antrag des Freikonfervativen D r. A r e n d t ab. Natürlich denkt dieser Menschenfreund nicht daran, auch die Zahl der großstädtischen Abgeordneten zu vermehren, wie es die Bevölkerungszahl verlangen würde. Außerdem will er aber noch die Klasseneinteilung innerhalb der Gemeinde vornehmen lassen, wie das rüher der Fall war. Die gegenwärtige Einteilung der Wähler in die drei Steuerklassen innerhalb des Wahlbezirkes führt allerdings zu den absurdesten Konsequenzen. Es hängt jetzt häufig von dem Wohnsitz ab. ob jemand als Wähler erster. zweiter oder dritter Klasse rubriziert wird. In dieser Absur- dität liegt aber gleichzeitig eine, wenn auch schwächliche Kor- rektur des plutokratischen Charakters des Wahlrechtes. Dieser Bestimmung, durch die unter Uniständen Proletarier in die zweite oder gar erste Klasse hineinkommen, ist es nämlich zu danken, daß wir in einzelnen Wahlkreisen eine größere Zahl von Wahlmännern ersterund zweiter Abteilunguns sichern konnten. So gewannen wir in den drei Wahlkreisen Berlin Hl (Norden), Altona und Linden über ein Drittel aller Wahlmänner, kamen also der Eroberung jener Wahlkreise aus eigener Kraft ziemlich nahe. Wird die Klasseneinteilung innerhalb der ganzen Gemeinde einheitlich vorgenommen, so wird die Möglichkeit der Sicherung von Wahl- niännern erster oder zweiter Abteilung für die Sozialdemokratie bis auf ein Minimum reduziert. Daher der Eifer der bürger- lichen Staatsretter für dieses Stückchen Reform. Bezeichnend ist es nun, daß die drei liberalen Fraktionen, die sich auf einen Verbesserungsantrag zu dem Antrag Arendt geeint haben, für die Klasseneinteilung über die ganze Ge- meinde sich gleichfalls erklärten. Außerdem wollten sie im Parteiinteresse noch die Zwölftclung nach dem Vor- schlage der Regierung von 1893 sowie eine Neu- einteilung der Wahlkreise nach der Be- Völkerungszahl, den 5iern des Uebels, die Dreiklassen- einteilung an sich tasteten sie aber nicht an. Sie blieben sich darin nur getreu, haben die Liberalen aller Schattierungen doch auch sonst, wo sie das Heft in Händen haben, in den Gemeinde- Vertretungen, in den einzelnen Staatsparlamenten, nicht zum wenigsten in Sachsen, nach Möglichkeit zur Verkümmerung des Wahlrechts beigetragen. Es ist auch nicht zu erwarten, daß die vor einigen Tagen erwähnten Bemühungen des Dr. Barth, die Freisinnigen zum unbedingten Eintreten für das allgemeine gleiche direkte und öffentliche Wahlrecht zu beivegen, jetzt mehr Erfolg haben werden, als früher. Auch Herr Barth wird sich schließlich überzeugen müssen, daß es vergeudete Mühe ist, einen bleiernen Säbel zu schleifen. Was also hat das Proletariat von dem Wohlwollen der egieruna und der bürgerlichen Parteien zu erwarten?— Nichts! Was aber kann es aus eigener Kraft gewinnen?— Alles! Wie die Befreiung des Volkes vom Druck der politischen Arbeiterklasse selbst sein kann, so wird sie auch die Eroberung dieses einen wichtigen Machtmittels, des allgemeinen gleichen Wahlrechts in allen deutschen Einzelstaaten nur sich selbst. ihrer zielbewußten Agitation, ihrer Kampfbereitschaft und Opferwilligkeit zu danken haben. Nichts ist verkehrter, nichts entnervender, als der Arbeiter- schaft einzureden, sie habe zu hoffen und zu harren auf Akte des Wohlwollens seitens der bürgerlichen Parteien, seitens der herrschenden Klassen. Wollte die Arbeiterschaft Deutsch- lands, wollte die Sozialdemokratie sich darauf verlassen, so wäre sie wahrlich verlassen genug. Nur klassenbewußte Agitation gegen das entehrende, widerrechtlich eingeführte Dreiklassen- ivahlrecht kann zum Ziele führen. Der Preis ist auch höchster Anstrengung wert. Es handelt sich doch nicht dabei bloß um die Eroberung eines natürlichen Rechtes an sich, nicht bloß um die Befriedigung des allgemein im Volke empfundenen Anspruchs auf Gleichberechtigung. Höchst wichtige Angelegen- heitcn des ganzen Volkes sind von dem preußischen Landtag zu entscheiden und werden jetzt durch eine Geldsackvcrtretung und eine herrenhäuslerisch eingekapselte Junkerklique cnt- schieden ohne Mitwirkung der größten Partei in Preußen. Die gesamte Landesverwaltung untersteht der Kontrolle des Landtags. Alle die politischen Beamten, Regiernngs- Präsidenten, Polizeipräsidenten, Landräte, Amtsvorsteher, Gendarmen und Polizeibeamte aller Art ressortieren von dem preußischen Ministeriiim und unterstehen der Landtagskontrolle. Selbst die schimpflichen Answeisungsbefuginsse, mit denen unsere fremdländischen Gesinnungsgenossen aus Preußen hinausdrangsaliert werden, sind Landesangelcgenheit. Im engsten Zusammenhange mit der Landesverwaltung stehen die wirtschaftlichen und Verkehrsbetriebe des preußischen Staates. Nach Hunderttausenden zählen die Beamten und Arbeiter, die im Eisenbahnwesen, in den fiskalischen Berg- werken und Forsten ihre Arbeitskraft verbrauchen. Die amtierende Bureaukratie bringt gegen sie alle die Prakttken zur Anwendung, mit denen die Unternehmer die Ausbeutung der Proletarier zu einem möglichst ertragreichen Geschäft zu machen suchen. Im politischen Leben kann sich aber der Staats- ardeitcr noch weit iveniger frei bewegen als irgend eine andere Arbeiterkategorie, denn der preußischen Bureaukratie gilt das patriarchalische Verhältnis als Ideal der Beziehungen zwischen Unternehmer und Arbeiter. Sie sträubt sich mit Händen und Füßen dagegen, den Arbeiter als gleichberechtigten Staats- bürger anzuerkennen. Kein Sozialdemokrat ist jetzt im Land- tage zur Stelle, um die drückenden Mißstände, die sich in den Staatsbetrieben entwickelt haben, mit flammenden Worten zu brandmarken als Vorkämpfer der preußischen Staatsarbeiter für Menschenwürde, Freiheit und Bürgerrecht. Ebenso harren die Landarbeiter Preußens einer Vertretung im Abgeordnetenhause. In ihrem Geschick, in dem Zustande der Halbhörigkcit, in die sie durch das modrige Gesinderecht Preußens gebannt sind, prägt sich der halbfeudale Charakter dieses Junkerstaatcs aus. Schlimmer ausgebeutet als die Industriearbeiter und doppelt entrechtet, rütteln die Land- arbeiter hin und wieder an ihren Ketten; aber erst im Bunde mit den klassenbewußten Industriearbeitern, erst als Glieder des großen Emanzipationshceres des Proletariats, als ziel- bewußte Sozialdemokraten werden sie dazu kommen, diese Ketten zu brechen. Umso schneller und wuchtiger wird die Aufrüttelung der Landarbeiter sich vollziehen, je früher sie Mc sozwldemokratischen Mahnworte von der Tribüne des Abgeordnetenhauses vernehmen. Der sozialdemokratischen Kritik bedarf anch die Vergeudung von Geldern für die obrigkeitliche Licbesgabcnpolitik, die insbesondere in der Handhabung der ungeheuerlichen An- siedclungsgesetze zu Tage tritt. An sich schon durchbrechen diese Gesetze mit ihrer gegen die polnische Bevölkerung gerichteten Tendenz den Versassungsgrundsatz der Gleich- bcrcchtigung. wie sie auch niit den Reichsgesetzen nicht in Einklang zu bringen sind. Aber die Durchführung schüttet obendrein einer Anzahl halbverkrachter grundherrlichcr Existenzen infolge der künstlichen Preissteigerung der Güter Millionen und aber Millionen aus den Taschen des arbeitenden Volkes in den Schoß. Auch dies Gesetz war nur möglich in dem ver- junkcrtcn Gcldsacksparlament des Drciklassenrechts. Und schließlich handelt es sich im Landtage um die �chulgesetzgebung. um die Bildung der Kinder des Volkes, die jetzt einem verknöcherten System pfäfsischcr und bureau- kratischer Verdummung preiZgegeben sind. Ueberall gilt es gn bessern, überall die Interessen des Volkes wahrzuuchmcn. lind zwar des ganzen Volkes, nicht nur das Interesse der Männer, sondern auch der Frauen, denen heute noch die politischen Rechte vorenthalten werden. wie zu den Zeiten der völligen Versklavung des weiblichen Geschlechts. Die Frauen haben umsomchr die Ver- tretung durch die Sozialdemokratie nötig, da wir die einzige Partei sind, die anch die Gleichberechtigung der Frau, das volle Wahlrecht für beide Gesdilechter anch in Preußen auf ihr Banner geschrieben hat. Eine Fülle von Unrecht, Jahrzehnte schmachvoller Entrechtung gilt es zu sühnen. Wahrlich Grund genug für die Sozialdemokratie Preußens, mit aller Kraft den Kampf gegen die preußische Reattion auf- zunehmen und durchzuführen mit dem Ruf: ?! i e d e r mit dem Dreiklassenwahlrecht! Hoch das allgemeine, gleiche, direkte und öffentliche Wahlrecht! poUtiscKe Ueberfiebt. Berlin, den 10. Januar. Vor den Kulissen. Als ob das Zentrum einen Diätenstreik in Szene gesetzt hätte, so gähnt die Leere der Zentrumsbänke den Rednern entgegen, die ihre parlamentarische Beredsamkeit an den Steuer- vorlagen der Regierung versuchen. Rur Herr Müller- Fulda, der Steuerpolitiker des Zentrums, hält auf einer der vorderen Bänke die Wacht für seine Fraktion. Dann und wann leistet ihm ein Abgeordneter der Nachbarfraktioncn Gesellschaft. Indessen, auch die Bänke der anderen Fraktionen sind äußerst lückenhaft— gegenüber der Wichtigkeit der Stenervorlagcn eine gravierende Beschlußunfähigkeit des Reichstags! Diese Interesselosigkeit suchen die Redner der Rechten noch zu steigern durch die Mahnung an die Redner der Opposition, Einzelheiten der Vorlagen im Plenrrm nicht zu besprechen; dazu sei in der Kommission bessere Gelegenheit.— Rettich und v. Kardorff erzielten mit dieser Mahnung, die gestern schon dem Schatzsekretär Freiherrn v. Stengel ein ironisches Lachen eintrug, keinen Eindruck. Es ist nur die Scheu vor der Oesfentlichkcit, die den Wunsch nach disknssions- loser Verweisung der Vorlagen an eine Kommission hervor- ruft. AuS diesem Grunde unterließen es natürlich diese Redner, sachliche Ausführungen über die die Massen be- drohenden Vorlagen zur Bier- und Tabaksteuer zu machen. Zwar hoffen die unentwegten Stützen fiskalischer Volks- auspowerung, in der Kommission werde sich manches von den im Volke so lebhast bekämpften Vorlagen retten lassen. Llber sie schließen auch aus der Interesselosigkeit der Zentrums- sraktion an den Beratungen im Plenum auf geringe Aussichten eines Erfolges für die Regierung in der Kommission. Einen tröstlichen Ausblick eröffnet ihnen einzig die notorische Bereit- Willigkeit des Zentrums, Verständigungspunkte mit der Regierung zu finden. Mit vielen tönenden Worten besprach der Antisemit Raab die Steuervorlagen. Neben seiner Absage bezüglich der Tabaksteuervorlage empfahl er dem Schatzsekretär ein Bündel anderer Steuern: Wehrsteuer, Luxussteuern usw., und erwies damit die Ucberflüssigkcit seines antisemistschen Wort- gedröhnes, das die Hörigkeit der Antisemiten gegenüber der Rechten ja doch nicht verdeckt. Die Llbgg. W i e m e r und P a ch n i ck e gaben der Stellung der freisinnigen� Parteien Ausdruck, die zur Ablehnung der Verkehrs- und Verzehrssteuern führt. Beide Redner sind für eine Erweiterung der Erbschaftssteuer. Genosse S ü d e k u m ironisierte als letzter Redner des heutigen Tages die Art, wie die Redner der Regierungs- Parteien vorsichtig eine gründliche Besprechung der Vorlagen zur Bier- und Tabaksteuer vermieden. Er selbst unterwarf die geforderte Biersteuer einer eingehenden Untersuchung und wies ihre technischen, volkswirtschaftlichen und sozialpolitischen Schäden schlagend nach. Donnerstag Fortsetzung der Debatte.— Aufreizung zu Gewalttätigkeiten! Aus Breslau erhalteu wir folgende Privatdepesche: Redakteur Genosse Löbe von der„Boltsrnaiht" wurde soeben wegen Aufreizung zu Gcwalttiitigkriten, die in dem Aufruf an die preußischen Proletarier, in den Kampf um Er- ringung des allgemeinen gleichen Wahlrechts fiir den Landtag einzutreten, gesunden wurde, zu einem Jahre Gefängnis und sofortiger Berhaftung verurteilt. Gegen eine Kaution von 10000 M. wurde Genoffr Lobe vorläufig aus steten Fnß gesetzt. Dies Breslauer Urteil übertrifft beinahe noch die Schreckens- urteile, die in den letzten Tagen von den sächsischen Gerichten gegen wirkliche und vermeintliche Wahlrechtsdeinonstranten gefällt worden sind. Der Aufruf, in dem das Breslauer Gericht eine Aufreizung zu Gewalttätigkeiten erblickte, liegt vor uns. Es ist uns vollständig rätselhaft, wie das Richter- kollegium in diesem Aufruf ein derartiges Delikt zu entdecken dernwchte. Der Aufruf enthält zum größten Teil eine scharfe, aber sich strengstens an die allerdings aufreizenden Tatsachen haltende Darstellung des preußischen Drciklassenwahlrechtes und der sich daraus ergebenden absoluten Rechtlosigkeit der Arbeiterklasse. Es wird besonders darauf hingewiesen. daß bei der letzten preußischen Landtagswahl im Jahre 1903 weit über dreimalhunderttausend sozial- demokratische Stimmen abgegeben wurden und trotzdem nicht ein einziger Vertreter der Arbeiterklasse in den Landtag entsendet werden konnte, während die konservativen Volksausbeuter mit annähernd gleicher Stimmenzahl 143?lb- geordnete in den Landtag zu entsenden vennochteu! Es wird alsdann die Reaktionspolitik des preußischen Landtages � gegeißelt und speziell das Bergarbciterschutz-Gcsetz als Beispiel jener Sozialreform zitiert, die das Geldsackparlament für die Arbeiterklasse übrig hat. Auch die übrigen Reakttonstaten auf dem Gebiete des Bolksschulwesens, des Polizeiwesens, der Rechtspflege, des Eisenbahnwesens und der Arbeiterfragen werden kurz charakterisiert. Es wird alsdann die?iot. wendigkeit betont, daß dieser Zustand endlich abgeändert werden müsse. Ter Wille des Volkes müsse das oberste Gesetz sein, dann erst könnte Freiheit und Wohlergehen herrschen.' Der Ausruf schließt mit einem Hinweis auf die Freiheitskämpfe in Rußland und Oesterreich. Jetzt sei auch die Reihe, den Kampf um die Erringuug des gleichen Wahlrechts aufzunehmen, an die deutschen Arbeiter gekommen. Der Kampf dürfe nicht eher enden, bis der Sieg errungen, bis das Unrecht zer- trümmcrt sei. Das deutsche Proletariat habe zu zeigen, daß es in Ehren den Ruf genieße, der Pionier der internastonalen Arbeitcrarmee zu sein. Wir halten es geradezu für eine juristische Ungeheuerlich- keit, in diesem Llufruf eine Ilufreizung zu Gewalttätig- keiten zu erblicken. Die Richter, die diesen Urteilsspruch fällten. müssen eine unbegreifliche Unkenntnis der sozialdemokratischen Anschauungen und der sozialdemokratischen Taktik besitzen, um aus einzelnen mißverstandenen rhetonschen Wendungen auf die Slbsicht oder auf die Wirkung einer Aufreizung zu Gewalttätigkeiten schließen zu können. Offenbar haben sie die Wendungen:„Proletarier Preußens macht Euch kanipfbereit" oder:„Das Proletariat stellt die Waffen nicht mehr aus der Hand", so aufgefaßt, daß es sich um einen physischen Kampf im Heugabelsinne handele. Eine auch nur geringfügige Kenntnis der deutschen Sozialdemokratie hätte aber die Richter davon überzeugen müssen, daß diese Wendungen nicht nur bildlich gemeint waren, sondern von den Lesern auch unter keinen Umständen anders verstanden werden konnten. Diese rhetorischen Wendungen erhalten auch keinerlei andere Bedeutung durch den Hinweis auf Rußland, wo ein unterdrücktes Volk im Kanipf um seine Menschenrechte sein Blut vergieße. Ein solcher Hinweis war angenchts der gegenwärtigen Situation ganz selbstverständlich. Daß es sich nicht darum handeln konnte, die Preußische Ist- beiterschaft ebenfalls zum Blutvergießen aufzufordern, ergab sich ja schon daraus, daß diesem Passus unmittelbar der Hin- »veis � auf O e st e r r e i ch folgte, Ivo der Kampf ja aus- schließlich in Gestalt von friedlichen Kundgebungen ge- führt wurde. Daß man den Aufruf trotzdem als Ans- reizung zur Gewalttätigkeit betrachtete, während die Gerichte blnstünstige Aufreizungen des Dreschgrafen Piickler als harm- lose Bildersprache anzusehen pflegten, das macht das Breslaucr Urteil noch unverständlicher. Die Wirkung solcher Urteile kann nur die sein, die Er- bitteruug der Arbeiterklasse zu steigern und die der Sozial- demostatie noch indifferent gegenüberstehenden Schichten für die sozialdemokratischen Lehren nur empfänglicher zu machen. Da nian aber nur Einzelne, nicht aber Millionen einkerkern kann, wird der Wahirechtskampf des Proletariates unwiderstehlich sein!—(Den ausführlichen Bericht der Gerichts- Verhandlung geben wir an anderer Stelle der heutigen ?!ummer. R. d. V.) ### veullcstes Reich. Bolksparteilichcr Parteitag. Stuttgart, 8. Januar.(Eig. Ber.) Am Dreikönigstag fand wie alljährlich die Landcsversammlung der bürgerlichen Demokratie Württembergs statt. Ihr Verlauf entsprach den Erwartungen. Es wurde nichts gesagt über die Ab- sichten, welche die Voltspartei für die bevorstehenden Landtags- Wahlen hegt; es wurde kein kritisches Wort geäußert über die jüngsten politischen Ereignisse(Stuttgarter Gemeindewahl usw.), durch welche nach der Annahme mancher das Verhältnis der politi- schen Parteien Württembergs eine Veränderung erfahren haben sollte.?!ach einer von reaktionärer Seite geflissentlich verbreiteten Meinung sollte sich nämlich das Zusammenarbeiten von Vouspartci und Nationalliberalen seit der vorjährigen Protestvewegung gegen die Adelskammern zu einem Ordnungskartell gegen die Sozial- demokratie ausgewachsen haben. Es mag sein, daß ein solches Ordnungskartcll von gewissen Politikern, denen der demokratische Abg. Conrad Hautzmann durch seine törichte Rede vom„Kampf gegen zwei Fronten" Nahrung gegeben hatte, herbeigesehnt worden ist. Die Stuttgarter Nationalliberalen haben ihrem Erstaunen, ja ihrer Bestürzung darüber, daß die Volkspartei bei der Stutt- garter Gemeindewahl nicht mit ihnen, sondern mit der sozial« demokratie marschierte, unverhohlenen Ausdruck gegeben und der „Schwäb. Merkur" verlangt seitdem alle paar Tage, daß die Volks» Partei hierfür poter peccavi sagt. So etwas ist nun auf der Dreikönigsversammlung der VolkSpartci nicht geschehen. Vielmehr wurden nur einige politische Reden gehalten, die auf die Frage der Parteikonstellation bei den nächsten Wahlen keinen Bc° zug hatten. Damit ist erwiesen, was wir immer annahmen und lvas auch in dem Verlauf der letzten Landtagswahlen seine Bc- stätigung fand, daß sich die Parteien in den einzelnen Kreisen so gruppieren werden, wie es ihren jeweiligen Stärkeverhältnissen cnt- spricht. Wo Volkspartei und Iiationalliberale ihre Gegner nur mit vereinten Kräften besiegen können, werden sie sich zusammen- tun, wie es in Mergcntheim geschah, und wo dicS nicht der Fall ist, werden sie gegeneinander kämpfen, wie in Freudenstadt. An die vielfach gehegte Auffassung, daß die bevorstehenden Landtagswahlen den Abschluß eines sich abspielenden Verschmel- zungsprozesses zwischen Polkspartci und Nationalliberalen bilden würden, glauben wir nicht, am allerwenigsten, nachdem wir auf diesem LandcSparteitag wiederum gesehen haben, wie wesentlich verschieden doch in sozialer Beziehung das Milieu des Volkspartei- lichcn Anhangs von dem der nationalliberalcn Gefolgschaft ist.— War somit das interessanteste an diesem volkspartcilichcn Par- teitag dasjenige, was nicht ausgesprochen wurde, so bleibt noch übrig zu erwähnen, daß auf demselben einer Resolution gegen die Haltung der Regierung in betreff der Fleischnot zugestimmt wurde, daß der Reichstagsabge- ordnete Starz ein Referat gegen die neuen Rcichsstcuern hielt, daß H u m m e l- Karlsruhe am Schluß seiner Ausführungen über süddeutsche Eisenbahnpolitik erklärte, daß allen von Süddcutschland mit Preußen getroffenen Vereinbarungen so lange mit größtem Mißtrauen zu begegnen sei, als in Preußen das Dreiklassenparla- mcnt bestehe, und daß Conrad Haußmann Kritik an der aus- wältigen Politik Deutschlands übte. Als Stimmungssymptom möchte ich noch hinzufügen, daß der Parteivorsitzende Dr. Elsas in seiner Eröffnungsrede den mit Beifall aufgenommenen Ausspruch tat: In Frankreich habe die Republik die Trennung von Kirche und Schule fertig gebracht. Zugleich habe sich in Rußland ein Weltgericht am A b s o l u t i s mu s vollzogen. Daraus gehe hervor, daß a u f d i e Dauer kein Staat gegen das Volk und ohne das Volk regiert werden könne. Gegen die Mehrbelastung des Tabaks. Der Verein der Tabakinteressenten Berlins, der Verein deutscher Tabakfabrikanten und Händler, der Verein deutscher Zigaretten- fabrikanten und die Bereinigung der Zigarcttenhändler Berlin? unter- breiten gemeinsam dem Reichstage eine Petition, die sich gegen die verschiedenen Erhöhungen der bisherigen Steuersätze, besonders gegen die Soitderbesteuerung der Zigaretten wendet Bezüglich der Wirkung der Steuererhöhungen auf den Konsum und die Lage der in der Tabakindustrie beschäftigten Arbeiter wird ausgeführt: „Sie(die Arbeiter) würden wohl in erster Linie die Leid- tragenden sein, weil erfahrungsgemäß eine Erhöhung der Betriebs- Unkosten bei gleichzeitiger unausbleiblicher Hcrobminderung des Konsums einen Druck auf die Punkte geringsten Widerstandes ans- üben muß. Hierzu zählen in vorderster Reihe die Lohnsätze. Nach unseren Feststellungen leben in Deutschland in i n d e st e ii s 200 000 Arbeiter von der Ber- arbeitung des Tabaks und von der Herstellung von Tabakfabrikaten. Wie die Mehrbelastung der Tabakindustrie auf diesen Teil unserer Volksgenossen, die mit den Ihrigen etwa 1 Million Deutscher darstellen, lvirken würde. daZ hat unsere Industrie nur allzu gründlich am eigenen Leibe bereits zu erfahren Gelegenheit gehabt. Ist es doch eine unmittelbar statistisch nachweisbare Folge der letzten Steuererhöhung aus dem Jahre 1879 gewesen, daß sofort die ohnedies verhältnismäßig nicht übertrieben hohen Löhne mit solcher inneren Zähigkeit sanken, daß sie Jahre und Jahrzehnte lang sich kaum davon erholer konnten. Noch heute, 26 Jahre nach jener ersten Zoll- erhöhung. sind die Löhne in der Tabakfabrikation trotz der all- gemeinen Hebung des Lohnniveaus in Deutschland, trotz besserer Organisation der Arbeitnehmer und trotz Steigerung der Lebens- bedürfnisse und Lebeiismiiorderuiigen kaum wesentlich und nur ganz allmählich über denjenigen Stand hin ausgekommen, den sie vor dem Jahre 1879 bereit? innehatten.. Gerade die körperlich Schwachen unter den Arbeitern und Arbeiterinnen werden, wie keiner näheren RiiSsühruiig bedarf, die ersten sein müssen, die bei einer Konsuinberab- Minderung brotlos werden. Die Regicriing selbst(vergl. S. 18 und 19 der amtlichen Ausgabe des Gesetzes wegen Aenderung der Tabaksteuer, Spalte 0 und 9) rechnet aus, daß die Einfuhr von unbearbeiteten Tabakblättern, die zur Herstellung aller Tabak- fabrikate, für Rauch-, Kau- und Schnnpftabal dienen sollen, unter der erhöbten Zollbeiastung nur 430 000 cU betragen wird, d. h. rund 14 000 ckü weniger als bisher zur Einfuhr gelangten. Demnach müssen bereits nach dem Zugeständnis d e r R e- g i e r u n g 5—6000 Arbeiter brotlos werden, 5 bis 6000 solcher deutscher Männer und Frauen, von denen ganz sicher kein einziger in einem anderen Erwerbszweige ein Unterkommen wird finden können."—__ Durch eine alberne Ausrede sucht das„Berliner Tageblatt" seine schanilose Beschimpfung des proletarischen Wahlrechtskainpfcs abzu« schwächen. Es sei selbstverständlich, daß auch der Mosiejche Freisinn „für eine gründliche Reform des verrolle ten Drei« klasienwahlrechls in Preußen" eintrete. Er Habs„auch nicht das geringste dagegen ciilziiwcndcn. wenn die Sozialdemokratie mit g e s c v l i cti c n Miltein, diu ck Verteilung von Flugblättern lind durch Masieiiversaiiunlungen" gegen das Treillassciüvablrccht kämpfe: „Was tvir allein bekämpfen, das ist das Spielen mit dein Gednukeit von S t r a ß e ii d c m o n st r a t i o ii c ii nach ruf fisch ein M u st e r. wie cS in Dresden schon in die Praxis übertragen worden ist." Diese Art der Verteidigung ist fast noch schlimmer als die gestrige Schmähung, die dadurch gemildert werden soll.„Straßen- denionstrationcn nach russischem Muster"— das ist eine geradezu infame Deiiunziation der deutschen Sozialdemokratie an die Adresse der Scharfmacher! Russisch waren die Deinonstralioneu in Dresden höchstens insoserit, als mau auch dort einer friedlichen Demonstration mit dem Polizeisäbel zuleide ging!«tatt für daZ Recht der Straßendenionstratione», das den Bürgern eines wahrhaft liberalen Staates, wie England, als etwas Selbstverständliches zusteht, mit Entschiedenheit einzutreten, reizt das„ireisinnige" Masse« Blatt die Gewalthaber direkt dazu auf, den Arbeitern„russisch" zu kommen. So hilft das„Verl. Tagebl." dem Proletariat, Volksrechie zu erkämpfen! Thiele». Ein Wolsfsches Telegramm meldet, daß der frühere Minister der öffentlichen Arbeiten v. Thielen heute nachmittag gegen 1 Uhr verstorben ist. Ter Verstorbene lvurde 1832 geboren, hat also ein Alter von fast 74 Jahren erreicht. Bon Haus aus Jurist, trat Thielen 1861 zur Eisenbahnverwaltung über, wo er rasch Karriere machte. Im Jahre 188l wurde er Präsident der Eiseubahudirektion Elberfeld und 1887 Präsident der Eisenbahn- dircktion Hannover. Im Jahre 1891 lvurde er dann als Nachfolger Maybachs zum Minister der öffentlichen Arbeiten ernannt. Sein Ministeramt bekleidete er 11 Jahre lang bis zum 24. Juni 1902. Als Grund seines Rücktritts betrachtete man den kläglichen Rückzug der Regierung in der Kanalfragc. Dem Verstorbenen wird in der bürgerlichen Presse nach- gerühmt, daß er in seinem Fach ein überaus tüchtiger Mann gewesen sei und sich um die Verstanilichung der Eisenbahn erhebliche Verdienste erworben habe. Der Umfang des Eisenbahnnetzes er- weitcrte sich während seiner Leitung ganz beträchtlich. Die Zahl der Beamten und Arbeiter im Eisenbahnbetrieb stieg während der 11 Jahre von 250 000 auf 400 000. Leider kann Herrn v. Thielen nicht nachgerühmt werden, daß er in s o z i a l r e fo r m e r i s che r Beziehung den preußischen Eisenbahnbetrieb zu einem Musterbetrieb ausgestaltet habe. Wie es immer um den guten Willen v. Thielcuö gestanden haben mag. sicher ist, daß er nicht die Energie besaß, mit dem System der fiskalischen P l u S m a ch c r e i zu brechen, daß im Gegenteil die Tendenz i m m e r m e h r hervortrat. durch die Herauswirtschaftung recht hoher Eisenbahnüberschüsse der besitzenden Klasse in Preußen das Zahlen von direkten Steuern nach Möglichkeit zu ersparen, selbstverständlich konnte es bei einem solcken System nicht ausbleiben, daß die Unterbcamten und Arbeiter über eine überlange Arbeitszeit und ungenügende Löhne zu klagen hatten. Unter Thielens Nachfolger Budde ist es freilich nicht besser geworden.—_ Eine Tcucrungsznlage für Lncanus. Eine Gehaltserhöhung fiir Herrn v. LucanuS ist in dem neuen preußischen Etat vorgesehen. Sie hat die Form einer persönlichen pensionSfähigcn Zulage von 10 000 Mark und einer Dienstaltersznlage von 900 Mark. Der Ge- Heime KabinettSrat. wie der amtliche Titel sür den Kabinettschef lauter, erhielt bisher 20 000 Mark nebst freier Dienst- w o h n n n g. Das ist also eine Gehaltsaufbesserung von 50 Proz. Die Ge- haltsaufbesserungen fiir U n t e r b e a m t e pflegen in Preußen weniger glänzend auszufallen.— Das Zentrum und die RcichSsteuervorlagen. Auf dem dieser Tage abgehaltcuen Parteitage der nassanischcn Zentrumspartei soll nach den Berichte» bürgerlicher Blätter der Abgeordnete Triniborn-Köln erklärt haben: „Bon den neuen Rcichsstcuern hält die Partei eine Staffelung der Brausteuer, eine höhere Zigarettcnsteucr und einen höheren Wertzoll für feinere Tabake, die Fahrkartcnstcucr und die Erb- schaftssteuer für diskutabel. Unbedingt ablehnend steht sie der Quittungssteuer gegenüber. Die Finanz- reform darf das Reich nicht von den Einzelstaaten unabhängig machen, damit diese nicht das Interesse an einer sparsamen Wirt- schaft verlieren." Es wird von dem abhängig sein, was die Regierung aus kirchenpolitischem Gebiet bietet, ob Herr Trimborn mannhaft an dieser Absicht festhält, oder sich schließlich zu einer milderen Auf. fassung belehrt.—_ Landtagswahl in Schanmburg-Lippe. AuS dem Fürstentum Schaurnburg-Lippe wird uns geschrieben: Hier finden am Freitag, den 12. d. M,, die Ncmvahlen zum Landlag statt, in dem die Sozialdemokratie bis jetzt noch nicht ver» treten gewesen ist. Unsere Genossen beteiligen sich mit eigenen Äaubibaicit tu 0 von bon 10 Kreisen. Die bürgerliche» Parteien gehen rücksichtslos gegen unsere Kmibibateit vor, hauptsächlich im 3. unb 8. Wahlkreise, ba hier bic Aussichten für die Sozialdemokratie die günstigsten sind. Wenn auch hier die Wahl eine direkte unb geheime ist und nicht, wie in Preußen eine Dreiklassenwahl, so ist es doch dem Arbeiter recht schwer gemacht, sein Wahlrecht aus- zuübeu, denn in jedem Wahlkreise befindet sich nur ein Wahl- lokal, so dah die Wähler stundenweite Wege bis zu diesem machen müssen. Außerdem dauert die Wahl nur von 10 bis 1 Uhr mittags. Doch unsere Genossen haben an alle Landtagslvähler die Auf- forderung gerichtet, sich hierdurch nicht von der Wahl abhalten zu lassen, sondern in jedem Falle ihr Wahlrecht auszuüben. Es ist durchaus nötig, daß die Sozialdemokratie auch in den Schaumbnrg- Lippischcn Landtag einzieht, haben wir doch nicht einmal das Recht, uns zu einem Berein zusammenzuschließen, und außerdem müssen Bersammlimgen dreimal 24 Stunden vorher angemeldet werden.— Tie„Freie Bereinigung der Berliner Weisibierbrauercibesiver und Direktoren" hat an den Reichstag eine Eingabe gerichtet, in der sie um Ablehnung der Brausteuercrhöhung und zugleich um das Verbot der Verwendung von Nialzsurrogatcn zur Bierbercitung bittet. Zur Begründung heißt cS in dem Schriftstück: „Die unveränderte Erhaltung der Eigenart ihres Erzeug- nisses ist für die Berliner Weißbierbrauereien geradezu eine Lebensfrage. Wir glaubten daher mit gutem Grunde den An- spruch an die Gesehgebung stellen zu dürfen, daß dieselbe nicht etwa dahin führt, durch bedingungslose Zulassung von Malzersatz- stoffen für besti-ninte Brauereien diesen eine ungerechtfertigte Bevorzugung zuteil werden zu lassen und damit womöglich die Wcißbierbrauercicn dem Zwange auszusetzen, infolge des un- gleichen Wettbewerbes die Eigenart ihres Produktes früher oder später preiszugeben und ebenfalls Malzersatzstosfe zu verwenden. Bier ist nach unserer Ansicht ein Produkt, welches nur aus Malz. Hopfen, Hefe und Wasser hergestellt werden sollte,«sollte jedoch der hohe Reichstag beschließen, als Malzersatzstosfe„technisch reinen Zucker" für bestimmte obcrgärige Brauereien zuzulassen, so ist es unbedingt notwendig, daß Bicre, welche unter Per- Wendung dieses Malzersatzstoffes hergestellt sind, auch nur unter einer, diese Verwendung kenntlich machenden Bezeichnung in den Verkehr gebracht und feilgeboten werden dürfen."— Tie Nimmersatten Agrarier, denen die durch den neuen Zoll- tarif in Aussicht gestellte, zum Teil jetzt schon eingetretene Preis- steigerung der landwirtschaftlichen Produkte noch nicht weit genug geht, kommen jetzt schon mit Abänderungsvorschlägen zum neuen Zolltarifgesetz, obwohl dieses Gesetz noch gar nicht in Kraft ge» treten ist. So ist dem Reichstage von dem Grafen Rantzau, namens des Vorstandes der Landwirtschaftskammer für die Pro- vinz Schlcswig-Holstein eine Petition zugegangen, welche die For- dcrung stellt: durch eine Novelle zum Zolltarifgesetz die dort vor- geschriebene Zollfreiheit für Milch und Rahm zu be- fettigen und in den handelspolitischen Verhandlungen mit Dänemark, Schweden, Norwegen und Holland für Milch und Rahm Zollsätze zu vereinbaren, die für Milch lfrisch und peptonisicrt) mindestens 4 M. pro Doppelzentner und für Rahm mindestens 10 M. pro Doppelzentner betragen sollen.—» Hueland. Frankreich. Sozialistische Senatoren. Paris, 8. Januar.(Eig. Ber.) Zum erstenmal ziehen in den Senat der dritten Republik zwei Sozialisten ein. Unter den wenig bedeutenden Resultaten der gestrigen Wahlen ist dieses sicher eines der bedeutendsten. Indes mag die Prüfung der näheren Umstände am Platze sein, um eine Ueberschätzung dieser Tatsache hintanzuhalten. Er ist nämlich nicht zu leugnen, daß die zwei Mandate nicht der Stärke der proletarischen Klassenorganisation zu danken sind. Der eine Gewählte, der ehe- malige Marseiller Bürgermeister JlaissiöreS, gehört der geeinigten Partei überhanpt nicht an und ist hauptsächlich mit radikalen Stimmen gewählt worden. Schon im ersten Wahlgange stimmten vorwiegend Bürgerlich-Radikale für ihn, trotzdem er auch einen radikalsozialistischen Gegenkandidaten hatte! Immerhin ist zu hosten, daß Flaissisres, der vor der Wahl ein Bekenntnis zum Kollektivismus veröffentlicht hat. seiner rühmlichen Vergangenheit lveniger Schande machen wird als die bekannten Zierden des„Paria- mentarischen Sozialismus". Wenn mau der politische» Eutwickelnng dieses einen„fozialisti- schon" Senators mit Gleichmut entgegensehen darf, so kommen beim zweiten die Parteiinteresseii ins Spiel. Die Wahl im Departement H ö r a u l t weist manches Merkwürdige ans. Der dort im zweiten Wahl- gange gewählte soziatistische Generalrat D e l h o n ist eingeschriebenes Mitglied der geeinigten Partei, und er hat von seiner Wahl— als „diszipliniertes Mitglied"— der„Humanito" sofort Meldung er- stattet. Darum bleibt es doch unbestreitbar, daß seine Wahl nur infolge eines D i s z i p l i n b r u ch e s erfolgt ist. Die Föderation von Hörault hat in Chälon nicht nur für den Antrag C a ch i n gc- stimmt, der für den ersten Wahlgang die Ausstellung von Klassen- kandidaten vorschreibt, sondern sogar gefordert, daß die Klassen- Kandidaturen, auch für die weiteren Wahlgänge, aufrecht erhalten lverdeit sollen. Und»un hat dieselbe Föderation nach einem mit knapper Mehrheit gefaßten Beschlüsse ein Kompromiß mit den Radikalen schon für den e r st e n Wahlgang abgeschlossen! Delhon erhielt sofort 300 Stimmen, während die von der geeinigten Partei aufgestellten Zählkandidaten etiva 30 Stimmen bekäme». In der Stichwahl wurde er dann mit 503 Stimmen gewählt. Er verdrängt einen Senator von der demokratischen Linken, der eS nur auf 341 Stimmen brachte. In der„Humanilv" legt I a u r ö S entschieden Verwahrung gegen die opportunistische Kompromißlerei ein. die auf Parteitagen einen dekorativen Radikalismus zur Schau trägt. Jedenfalls sind die Umstände der Wahl in Hörault eine nützliche Erinnerung daran, welche Arbeit noch not tut, um in die ofstziell geeinigte Partei die unumgängliche proletarisch- sozialisttsche Disziplin und politische Konsequenz zu bringen.—_ Dir Wiederwahl DoumerS. Paris, 0. Januar.(Eig. Ber.) Die Wieberwahl Donmers zum Präsidenten der Kammer kam ..icht überraschend. Ungewißheit herrschte nur wegen der Größe seiner Mehrheit, und von diesem Gesichtspunkte kann das heutige Resultat nicht als schlecht bezeichnet werden. Im vorigen Jahre siegte Domuer mit J?65 gegen 240 Stimmen. Damals betrug seine Majorität also 25 Stimmen. Diesmal hatte er mit 287 Stimmen nur 18 Sliniiiieu mehr als sein republikanischer Gegner. Diesmal lvar eben die Wahlbeteiligung erheblich größer. Wenn die Rechte alle An- streiigungen machte, um ihren Kandidaten durchzubringen, so belam der zahme Radikale Sarrien einen noch größeren Zuwachs vo» Sttinmeu, die im Vorjahre für den Jakobiner B r i f s o n nicht zu haben waren. Das Resultat ergibt— mit dein Ergebnis der Scnatorenwahlen zusammengehalten— den notwendigen Durchfall Douiners bei der Wahl in Versailles, vorausgesetzt, daß sich nicht unberechenbare Verrütereien ereignen. Die republikanische Mehrheit im Senat, durch die vorgestrigen Wahlen noch verstärkt, überivicgt die Doumersche Mehrheit ausreichend; denn man kau» nicht gut an- nehmen, daß Abgeordnete, die dem wenigstens offiziell radikalen Sarrien ihre Stimme gegeben haben, sie. ohne direkt bestochen zu sein, dem gemäßigten Republikaner F a l l i ö r e s entziehen werden.— Jtalieu. Ein Kaiscr-Dcpeschchen. Rom, 10. Januar. erkannt habe. Als der genannte Verein /ich von Herrn Cranz ge- täuscht sah, kam es zu Auseinandersetzung ei.l, und fchließlicki erklärte sich Herr Cranz bereit, den Lohntarif des Gastwirtsgehülfen-Ver- bandcs unterschriftlich anzuerkennen. DieS war in der Nacht vom Sonnabend zu Sonntag; der Verband Deutsch er Gastwirtsgehülfen glaubte nunmehr alles in Ordnung und entsandte am Montagabend nochmals einen Vertreter zu Herrn Cranz, lediglich zu dem Zwecke, einen Vertrag zur gegenseitigen Unterschrift zu' unterbreiten, der in redaktioneller Ausarbeitung aber anderes nicht cntbiclt als das, was Herr Cranz am Sonnabendnacht durcsi seine Unterschrift anerkannt hatte. Herr Cranz war aber jetzt, nachdem das oben bezeichnete Fest vorüber, wieder der hartnäckige /Intcrnehmer von vorher; er wollte von der Anerkennung der Forderungen des Ver- bandes nichts mehr wissen und riß dem Vertreter pcs Verbandes seine von ihm(Herrn Cranz) unterzeichnete Erklärung und die übrigen Schriftstücke gewaltsam aus der Hand. Herr- Cranz hat also dem Verband gegenüber nicht bloß Wortbruch getrieben, son- dern hat sich auch in gewalttätiger Weise wieder in den Besitz seiner von ihm unterschriebenen Erklärung gesetzt. Damit sind alle Unterhandlungen auf einem toten P)unktc an- gelangt und der Verband Deutscher Gastwirtsgehülfen wird den Betrieb des fierrn Cranz für seine Mitglieder so lange sperren, bis dort die Forderungen in vollem Umfange anerkannt si.nd. Tie Pianomechanitarbciter der Firma Genz u. Ko. be.stndcn sich seit Weihnachten im Streik. Die Ursache des Ausstände» lag in der Verweigerung von Ucbcrstundcn und der daraufhin er- folgten Entlassung mehrerer Arbeiter. Verhandlungen mit iiwn Unternehmer waren bisher rcsultatloS, weil dieser sich auf-Vn Standpunkt des Herrn im Hause stellte. Mit dem Streik befaßte sich gestern abend eine gut besuchte Versammlung der Mechanik, arbeitcr aus allen Betrieben der Branche. ES wurde mitgeteilt, � daß sich zwar einige Arbeitswillige gesunden haben, im allgemeinen.„„ aber der Stand des Streiks als nicht ungünstig bezeichnet»verde» Lohnforderungen statt. könne. Um den Ausständigen eine bessere Rückcnfiärke zu sichern. Achtung, Schuhmacher! Anläßlich des Ausstände-? der Arbeiter der Schuhfabrik von Hammer-Dresdeu versucht der hiesige jüdische Arbeitsnachweis, Gr. Hamburgerstr. 13—11, Arbeitswillige für genannte Firma zu werben. Besonders russische Flüchtlinge, die bar aller Existenzmittel, sollen zu diesem Zwecke mißbraucht iverdcn. Die OrtSverwaltung Berlin des Schuhmacher-VerbandeS. Deutldiee Reick). Bcrgarbeitcr-Bewcgmig. Bochum, 10. Januar.(Privatdepesche des.Vorwärts".) Die Siebener-Kommission beruft für den 11. und 12. Februar eine Konferenz der preußischen organisierten Bergarbeiter ein. Dieselbe findet vom 11. Februar, vormittags 9 Uhr ab im van de Looschen Lokal in Essen statt. Als provisorische Tagesordnung ist festgestellt: 1. Stellungnahme zu dem neuen KnappschaftZ-Gesetzentwnrs. 2. Forderung reichsgesetzlicher Regelung deS Bergarbeitcr- schutzes und des KiiappschaftSlasseiiwesens. g. Stellungnahme zu einer Lohnerhöhung in Anbetracht der allgemeinen Teuerung. Die Bergleute der Kruppschen Zeche„Glücksbrmmen" sind in den Ausstand getreten. Die Ursache ist in einer Gcdingeänderuiig zu suchen. Die Arbeiter haben sich geweigert das neue Gedinge zu uuterzeichnen und sind wider die Arbeitsordnung nach Hanse ge- schickt worden. Der Arbeiterausschuß ist bcschiverdeführend bei Bcrgrat Brölinghaus vorstellig geworden. Der Streik dauert an. Die Arbeiter der Trcibrirmenfabrik von Joh. Bicrh zu Viersen sind in den Ausstand getreten. Der Anlaß war die Maßregelung des Kassierers.— Zuzug ist streng fernzuhalten.— Alle Anfragen sind zu richten an Peter Baumanns, Viersen(Rhl.), Krcfcldcrstr. 70. HusUBdU Die Banarbciterorganisationcn von Zürich haben sich dahin geeinigt, von den Unternehmern die Einführung des Neunstimdcu- tages'mit möglichst gleichmäßiger Tageseinteilung und einen Lohn- ausatz, der wenigstens dem bisherigen Soiiimertagsverdienft cnc- spricht, zu fordern. VergarbeUerbewegnng. Am 14. Januar findet in WaSmeS eine Konferenz der Bergleute im Borinage-Bccken zur Beratung der habeir jetzt die organisierten Zusammensctzcr mehrerer Klavier sabriken, loa Genzsche Mechanik verarbeitet wird, den Beschluß gefaßt, die Verarbeitung der Genzfchen Erzeugnisse während der Tauer des Streiks zu verweigern. Auch in Kopenhagen, wohin die Firma Genz Produkte liefert, sind die Klavierarbeiter von dem Streik unterrichtet worden, und es steht zu hoffen, daß auch diese die Verweigerung von Strcikarbcit aussprechen werden. Wie nicht anders zu erwarten, bekunden die übrigen Mechanikfirmen das lebhafteste Interesse an dem Genzschen Streik, denn falls� dieser für die Arbeiter verloren ginge, dürften die Arbeitsverhältnisse überall eine Verschlechterung erfahren. Deshalb erklärte sich die Versammlung auch einmütig mit dem Vorgehen der Genzschen Kollegen und Kolleginnen, soweit diese am Streik teilnehmen, ein- verstanden, und sprach ihnen ihre volle Sympathie aus. Lohubcivegung der Treppengeländcr-Arbeiter. Vor ungefähr einem Jahre wurde in der Treppengeländerbranche ein Lohntarif ab geschlossen, der nun, nachdem er von den Arbeitern gekündigt worden ist, am 1. Februar sei» Ende erreicht. Die Arbeiter verlangen geringe Lohnerhöhungen und ivünschen vor allem, daß der neue Tarif so gründlich beraten»verde, daß in Zu kuuft Streitigkeiten»über einzelne Bestimmungen so viel lvie möglich vermieden Iverdeu. Inzwischen haben Verhandlungen mit den Vertretern der Vereinigung der Trcppengeländer-Fabrikantcn stattgesimden, obwohl die Fabrikanten sich anfänglich ganz entrüstet über die«exorbitanten Forderimgen" gebürdeten. Das Ergebnis ist freilich gleich null, wie aus dem Bericht hervorging, den der Branchenvertreter D a h l k e am Montag einer fast vollzählig von den Arbeitern der Branche— Tischlern, Drechslern, Stellmachern, Bildhauer», Maschinenarbcitern»islv.— besuchten Versammlung, die im Königstadt- Kasino stattfand, gab. Die Fabrikanten wollen nicht auf die Erhöhung deS MindestlohucS von 5ö auf 60 Pf., und für Arbeiter, die schon in der Branche tätig tvaren, auf 65 Pf. eingehen und als Zulage auf die bestcheudeii Löhne wollten sie höchstens 2'/z Proz. statt der geforderten 7>/z Proz. bewilligen. Ebenso lehnten sie die Erhöhimg des Zuschlages für Montagearbeit ab und in der Fahrgeldvergütung ivolllen sie sogar eine Ver' schlechtcrung durchsetzen und sie nur für die Fälle bestehen lassen, wo das Fahrgeld über 40 Pf. beträgt. Im Akkordtarif wollten ie einige Positionen verbessern, i'~d zwar für solche Arbeiten, die auswärts billiger angefertigt und von auswärts bezogen werden können.— Tie Versammlung verhielt sich diesen.Zugeständnissen" der Fabrikanten gegenüber durchaus ablehnend; sowohl der Referent wie sämtliche Diskussionsredner sprachen sich entschieden im Sinne der folgenden Resolution anS, die danach einstimmig angenommen wurde: „Die Versammlung nimmt Kenntnis von dem resultatloscn Berlauf der Verhandlungen mit der Vereinigung der Treppengeländer- Fabrikanten und beauftragt die Kommission, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, damit die Forderungen zu geeigneter Zeit zur Durchführung gebracht Iverdcn können." Da die Arbeiter der Branche, die noch vor drei Jahren größten teils dem Organisationsgedanken verständnislos gegenüberstanden, jetzt beinahe bis auf den letzten Mann organisiert sind, ist es um so mehr verständlich, daß sie jetzt mit aller Macht eine annehmbare Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsbedingungen anstreben. Sodann befaßte sich die Versammlung mit dem Thema:«Die lieber stunden- und Sonntagsarbeit". Obgleich fich in dieser Hinsicht mit den: Wachstiini der Organisation vieles ge- bessert hat, kommt es innner noch vor, daß hier und da Ueber- stunden gemacht werden und Sonntags gearbeitet wird, was übrigens auch gegen den jetzt noch geltenden Tarif verstößt, wie gegen einen einstimmig gefaßten VersammlungLbeschluß. Hierzu wurde folgende Resolution angenommen: «In Erwägung, daß trotz deS einstiinmigen Versammlungs- beschlusses immer noch einige Kollegen Ueberstunden- und Sonntags- arbeit leisten, beschließt die Versammlung, daß gegen diese Kollegen entschieden Stellung genommen wird." Tie Aussperrung bei der Firma Joseph Drechsler war der letzte Punkt der Tagesordnung. Dieser fromme katholische Arbeitgeber hat es für zweckmäßig um christlich erachtet, trotz schriftlicher Vereinbarung seine alten Arbeiter kurz vor Neujahr zu öietlasscn, angeblich wegen Arbeitsmangel, und sich neue vom katholischer: Gcsellcnvercin zu verschaffen, der mich bereitwilligst für die nötig- Anzahl von Streikbrechern sorgte. Vermutlich ist auch der christliche Holzarbeitrrverbaiid an dieser Streikbrecherlieferung beteiligt, obgleich dieser, wie behauptet wird, auch die Werkstatt siir gcsperrt erklärt hat. Der Zahl nach sind nun wohl die allen Arbeiter ersetzt, aber mit den Fähigkeiten der Streikbrecher soll es sehr schlecht bestellt sein, so dasi Herr Drechsler sich bemüht, einige von den „Roten" wiederzugewinnen, damit sie die Streikbrecher anlernen, und er schließlich iiur noch gut christliche, folgsame Leute in der Werkstatt hat, die sich jeden Tarifbruch ohne weiteres gefallen lassen. Die Ausgesperrten sind jedoch keiuesiocgs gewillt, ihn in diesem Bestreben zu unterstützeir. und ebensoivenig wird sich einer von den übrigen tüchtigen Arbeitern der Brauche dazu verleiten lasse». Im übrigen werden sämtliche Bauarbeiter auf Die Bauhandwerker von New Jork arbeiten voin t. Jairnar an zuen großen Teil unter netten Verträgen, nach denen sich etlva 60 000 Arbeiter richten werden. Die Maurer-Uition hat einen Ver- trag auf zwei Jahre, die Marmorarbeitcr haben einen Vertrag auf drei Jahre abgeschlossen. Früher galten die Verträge immer bis zum 1. N!ai, aber auf Wunsch vieler Arbeitgeber fand eine Aenderung statt. Die Löhne der Bauhandwerler sind relativ gute und betragen etwa 4—6 Dollar pro Tag bei achtstündiger Arbeitszeit. Zimmer- leute erhalten z. B. 4,50—5 Dollar, Gipser 5,50—6 Dollar Tage- lohn.— Einen Fortschritt kann man jedoch den Tarifablans am 1. Jxiniiar für die Arbeiterschaft nicht nennen. Eingegangene Druckrdmften. W. Troeltsch u. P. Htrschfeld. Die deutflhcn sozialdemokratischen Gewertichasten. llntersuchunqen und Materialien über ihre geographische Verbreitung 1SSS— 1903. Preis- M. 12,—. Karl HeymannS Verlag. Berlin,\V. 8. Dr. Jenny Herzmark. Die Odyssee des«KnjäS Potemkin'. 298 3" Wiener Vollsbuch Handlung I. Brand, Wien VI. Stenographischer Bericht über die große Proteswersammlung der Berliner Tabalintcresscnten. 27 Seiten. Druck tz. S. Hermann, Berlin. LVl. 19. Die Lage der Schmiede, Kesselschmiede und deren HüIsSarbeitcr in Deutschland. Nach statistischen Erbebnngcn. 116 S. Preis für Mitglieder 56 Pf., sür Nlchtinitgliedcr 1 W. Selbstverlag des Vorstandes deS Zentral- Verbandes aller in der Schmiede«! beschästigtm Personen, F. Lange, Hanl- bm'g, Herderstr. 2._ Letzte Nachrichten und Depefchen. Nene Opfer der Wahlrechtödcmonstrationen. Plauen(Vogtland), 10. Januar.(B. H.) Die Staats- anwaltschaft hat gegen fünfzehn Veranstalter' von Wahlrechts- dcmonstrationen, begangen am 3. Dezember 1905, Anklage wegen Landfriedensbruch» Aufruhr, Majestätsbeleidigung erhoben. Unter den 15 Angeklagten befinden sich auch der Vorsitzende des Gewerk- schaftskartclls und der Vorsitzende des Mietervereins.. Und noch ein Opfer! Wien, 10. Januar.(B. H.) Wegen Beteiligung an ani 2. Januar d. I. stattgcfundenen Wahlrechtödemonstrationcn wurde der Redakteur der„Arbeiterzeitung", Tacnbler, zu einer Woche ver- schürftem Arrest verurteilt._ Die Revolution in den Ostseeprovinzen. Riga, 10. Januar.(B. H.) Revolutionäre Banden haben in den letzten Tagen einen der ältesten Herrensitze in Kurland, das dem Herrn von der Recke gehörige Schloß Neubnrg und das dem Grafen Mcdem gehörige Gut Lautk, trotzdem eine größere Anzahl Truppen fich zum Schutze auf den Gütern befanden,' vollständig niedergebrannt._ „Es herrscht Wiche." Odessa, 10. Januar.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Nachdem über das Gouvernement Charson der Kriegs- zustand verhängt worden war. ist dort die Ruhe wieder eingelehrt. An verschiedenen Orten geben die Bauern das geraubte Gut zurück. Die Eisenbahnen sind in regelmäßigem Betrieb. Eine Dynamitniederlage wurde hier entdeckt, viele Waffen wurden bc- schlagnahmt und eine Anzahl Aufständische verhaftet. Im Kohlen- bezirk verkehren die Züge ebenfalls. Die Uankccs und die Maroklokonferenz. New Dort, 10. Januar.(B. H.) Der Senat erörterte heute in geheimer Sitzung die Frage der Entsendung der amerikanischen De cgiertrn zur Marokkokonferenz. Bacon sprach in heftiger Weise 'einen Tadel miS, da dies gegen die Tradition amerikanischer Politik ei und wies darauf hin, wie unangenehm es sein müsse, wem: die amerikanischen Delegierten für Deutschland oder Frankreich Partei nehmen müßten. Spooner. der vorher mit Rood eine Unterredung hatte, erwiderte, die Amerikaner würden an einer Abstimmung nicht teilnehmen und mir Zuhörer sein. Die Entsendung der Delegierte» ei lediglich ein Höftichkeitsakt de» europäischen Nationen gegenüber. Der Senat ist von dieser Erklärimg wenig befriedigt und wird die Sache weiter erörtern. Hoteldrand. MinneapoliS, 10. Januar.: Herr v. Kardorff würde, glaube ich, sich die ganze erste Lesung am liebsten ersparen und den Schwer- Punkt in die Kommission verlegen.(Abg. G.a m p(Rp.): Sehr richtig I) Sehr richtig I ruft Herr Gamp und schätzt damit den Wert seiner eigenen Ausführungen— er ist ja zum Wort gemeldet— sehr gering ein. Wir sprechen aber nicht bloß für das Haus, sondern auch für die Oefientlichleit, die über Weihnachten Gelegenheit hatte, sich mit dem Gegenstande vertraut zu machen. Die Regierung hat uns in der Budgetkoinmission im vorigen Jahre Andeutungen gemacht, aus denen wir ganz andere Schlüsse ziehen mußten. ES handelt sich dabei um eine, wenn auch nicht gewollte, so doch tatsächliche Irreführung des Reichstags. Denn die Regierung fordert jetzt ein Mehrfaches von dem, was sie damals andeutete. Auch Profesior Adolf Wagner und der preußische Finanzminister be- klagen die Jnteressenpolilik und fordern die Opferwilligkeit, aber sie vergessen dabei die Schultern derjenigen, die jetzt in erster Linie berufen wären, ihre Opferwilligkeit auszusprechen. Ich weise besonders auf die Großbrennereien hin, die doch endlich die Liebesgaben, die ein unverdientes Staatsgeschenk darstellen, herausgeben sollten. Es handelt sich dabei um einen finanziellen Effekt, der wahrlich nicht unterschätzt werden darf. Von den Nationalliberalen hat Abg. Dr. Paaschs früher auch einen Antrag in der Richtung eingebracht, wie wir ihn jetzt wünschen. Leider hat der diesjährige Redner der Nationalliberalen nicht die Absicht ausgesprochen, uns in dieser Aktion gegen die Liebesgaben zu unterstützen. Hoffentlich findet sich ein anderer nationalliberaler Abgeordneter, der einen solchen Antrag einbringt. Abg. Büsing hätte gestern noch anführen sollen, daß die Brau- steuer entweder von den Brauereien getragen werden mnß, dann ist sie eine ungerechte Sondersteucr. oder der Verbraucher trägt sie, dann bedeutet sie eine ungerechte Konsumsteuer. Drei Millionen Mark Nationalvennögen werden dadurch entwertet werden. Da müssen doch die Brauereien Abwehrversuche machen. Ob das aber in allen Fällen gelingen wird, darüber sind gerade die Männer der Praxis sehr verschiedener Meinung. Es ist das eine merkwürdige„Mittelstandspolitik", die das Gast- Wirtsgewerbe und die Tabakindustrie in dieser Weise bedroht! Die Ansicht darüber ist geteilt, ob es möglich ist, die Mehrbelastung auf das Publikum abzuwälzen. Eine solche Abwälzung kann sich in sehr verschiedener Weise zeigen: die Speisen können schlechter werden, es kann eine Berechnung für das Zubrot, das bisher in Norddeutsch- laud kostenftei ist, eintreten usw. Gesetzt aber, die Abwälzung ge- lingt in irgend einer Weise, so handelt eS sich um eine Konsum- belastung, die wir ebenso bekämpfen, als eS Herr Adolf Wagner— im Prinzip— tut. Sie meinen: Was will eine Mehrbelaswng von 1,24 Pf. auf das Liter sagen? Aber eine solche macht pro Jahr schon 1 M. 24 Ps. ans den Kopf der Bevölkerung aus. Und das ist der berühmte„statistische Kopf".(Heiterkeit.) Auf die Familie macht eS schon 6 M. 20 Pf. auf das Jahr. Eine solche Belastung der Minder- bemittelten ist durchaus verwerflich. Die Hinweise auf die indirekten Steuern des Auslandes passen ganz und gar nicht. Denn man vergißt bei solchen Vergleichen regelmäßig die Hunderte von Mllionen, die unsere Lebensmittel dem Volke kosten und die in keiner Statistik erscheinen. Bei der Schaffung der SteichSverfassung ist durchaus nicht jener Grundsatz, daß das Reich nur auf indirekte Steuern angewiesen werden soll, aufgestellt worden, wie man jetzt allgemein glaubt. Ich führe den Beweis:„Ausdrücklich ist damals das Wort„indirekt" vor:„Steuern, die das Reich erheben dürfe", in namentlicher Ab- stimmung mit 125 gegen 122 Stimmen gestrichen und dadurch dem Reiche das Recht gewahrt worden, auch direkte Steuern zu erheben. — Dem Surrogatverbot können w i r ungefähr in der vorgeschlagenen Form zustimmen. Herr Büfing hat in seinem temperamentvollen Austreten für die Brausteucr sogar unseren steuerfreudigsten Finanztheoretiker, den ehemaligen Unterstaatssekretär v. Mayr, übertroffen. Es ist merk- würdig: In der Handelspolitik betrachtet man Deutschland als einen Agrarstaat, in der Steuerpolitik aber als einen Industriestaat.(Sehr richtig! links.) Dort wird die Industrie unberücksichtigt gelassen, hier aber muß sie immer die Hauptsache zahlen.(Leb- Haster Beifall linls.)— Die Rohtabaksteuer tst wohl verloren, da auch die nationalliberale Partei sie verwirft. Der Rückgang der Produktion würde von den 200 000 Arbeitern, die die Tabakindustrie— ungerechnet die Hülfsarbeiter— beschäftigt, mindestens 100 000 arbeitslos machen. Run gibt aber die Regierung selbst zu. daß die große Mehrzahl der Tabakarbeiter viel zu schwächlich ist, als daß sie noch zu einem anderen Beruf übergehen könnte, zumal da es den Tabakarbeitxrn schon jetzt recht schlecht geht. jedenfalls viel schlechter, als den Arbeitern vieler anderer Industrien. Daß wir die Ouittungssteuer ebenso wenig wünschen wie Sie alle. am wenigsten die Steuer auf Postpakete und Postanweisungen, ist selbstverständlich. Am unsympathischsten ist uns die Fahrlartensteuer; sie steht mit allen Bestrebungen aus Berbilligung der Tarife in Widerspruch.(Sehr richtig! links.) Die beste der vorgeschlagenen Steuern ist zweifellos die Erbschaftssteuer, deren Vorlegung dem Bundesrat am schwersten geworden ist. Sie hat den Vorteil, daß sie die Besitzenden heranzieht und daß sie noch wesentlich erhöht werden kann, ohne unerträglich zu werden. Zu erwägen wäre, ob man nicht bei gewiffen entfernten Verwandtschaftsgraden, bei denen ein Zu- sammcngchörigkcitSgefnhl nicht mehr in Betracht kommt, das Erbrecht überhaupt anfliörcn läßt. Wir sind der Meinung, daß durch eine kräftige Erbschaftssteuer und eine veränderte Branntweinsteuer der Bedarf des Reiches einstweilen zu decken ist. Man jammert jetzt so entsetzlich über die Finanznot. Unsere Schuld ist es ja nicht, daß die Reichsschiilden ans 2>/, Milliarden angewachsen sind. Aber so verzweifelt, wie man sie jetzt darstellt, ist misere Finanzlage denn doch nicht. Die Regierung hat nun bei der ersten Lesung des Etats feierlich erklärt, ihre Neu- vorlagen seien ein einheitliches Ganzes. Hier aber hat auf die nach- driicklich gestellte Frage nach dem Sinne jener Erklärung der Reichs- schatzsekretär sich auSgeschwiegen. Der Reichstag hat ein Recht darauf, zu wiffen, was der Bundesrat sich bei seiner feierlichen Er- klärung gedacht hat.(Sehr wahr! links.) Abg. Raab(Anffs.): Wir sind mit der Ueberweffung der Bor- lagen an eine Kömmission einverstanden. Uns liegt vor allem an einer wirlfamen Schuldentilgung.(Sehr richtig I bei den A»ti- femiten.) An neue indirekte'Stenern ist unter der Herrschaft des allgemeinen Wahlrechts nicht zu denken. Die Regierung unterschätzt offenbar den aufrührerischen Charakter solcher indirekten Steuern. In einer Zeit, wo wir nicht nur die Bourgeoisie, sondern auch eine Plutolratie haben, da soll man nicht mit indirekten Steuern kommen, die vielleicht zeitgemäß waren, als wir noch arm waren. Die große» Rcichlümer der Spekulalion sollen nicht angegriffen werden, wohl aber soll Konsum und Produktion wieder herhalten. Willkommen ist uns das Surrogatverbot und die Zollerhöhnng auf ausländische Biere. Der Erhöhung der Biersteuer und Tabaksteuer insgesamt können wir aber keinen Geschmack abgewinnen. Die Fahrkanensteiier ist eine Gewerbesteuer. Wir freuen uns, daß mit der Erbschaftssteuer endlich einmal ein Loch in die Wand gestoßen ist. Ist es dem Schatzsekretär gelungen, dem Bundesrat die Erdschafts- ftener abzuringen, möge er weiter streben: dann wird es ihm auch gelingen, dem Bundesrat die ReichScinkommensteuer abzuringen. Gehe man auch zu Lux,,«steuern, zu einer Reichsivarcnhaussteuer. einer höheren Börsensteuer, einer einheitlichen, allem dem Reich zu- stehenden Stempelsteuer über l Vermehre man auch die staatlichen Anstalten und Unteruehmungen. Mit einem Kalizoll können wir, da wir hier eine Monopolstellung haben, auch unbedenklich vor- gehen. Können nicht auch die Hausagrarier und Millionenbauer noch etwas zahlen? Welche Steigerung der Bodeiipreise ist ein- getreten I Ich erinnere Sie nur an den Preis des Rotheschen Stifts am Halleschen Tor in Berlin. Haben etwa die alten Damen diesen Gewinn verdient? Abg. Dr. Südrkiim(Soz.): Ich gedenke mich ausschließlich mit der Brausteuer zu befasse». Auf diese Novelle trifft in allererster Linie das zu. was der Ab- geordnete Fritzen im Anfang der ersten Lesung des Etats aus- gesprochen hat, daß sie dem§ 6 des Flottengesetzes dirett wider- spricht und daher eigentlich vom Reichstag a limine zurückgewiesen werden müßte. Es ist der Versuch gemacht worden, die Bedeutung dieses Paragraphen dahin einzuengen, als ob er sich nur auf ver- mehrte Ausgaben für die Neichsmarine bezöge. Aber der Herr Abg. Fritzen hat schon darauf hingewiesen, daß diese Einengung der Auslegung unzulässig ist, und er muß es am allerbesten wissen; denn er gehört der Partei an. die diesen Paragraphen vorgeschlagen und in das Gesetz hineingebracht hat. Herr Fritzen hat ausdrücklich betont, daß dieser Paragraph die Bedeutung eines politischen Pro- gramms habe und daß die Zentrumspartei von diesem Programm nicht abgehen wolle. Ich hoffe, daß diese Stimmung seiner Freunde so lange anhalten wird, wie wir uns mit diesen Steuervorlagen zu beschäftigen haben werden, also etwa bis zum— August dieses Jahres.(Heiterkeit. Zuruf rechts.) Wir würden gerne alle Reden ungehalten lasten, wenn man uns zugestände, daß zum Beispiel die Brausteuer gegen den§ 6 des Flottengesetzes verstößt und deshalb für den Reichstag unannehmbar ist. Aber die Mehrheit des Reichstages hat sich ja entschlossen, die Höflichkeit gegen den Bundesrat so weit zu treiben, daß sie sich sogar mit einer Steuer wie der Brausteuer methodisch befassen will. Abgesehen von unserem prinzipiellen Standpunkt, der sich in den Worten zusammenfassen läßt: diesem System keinen Mann und keinen Groschen! lehnen wir auch auS steuertechnischen und aus sozialpolitischen Gründen diese Steuer ab. Die Regierung be- hauptet, daß die Biersteuer eigentlich die notwendigste und beste Steuer sei, die sie zurzeit fordern könne, und sie glaubt, daß der Brausteuer die geringsten volkswirtschaftlichen und sozialen Bedenken entgegenstehen. Ich glaube, daß um- gekehrt gegen kaum eine Steuer, abgesehen von der Tabaksteuer, so ernste volkswirtschaftliche und soziale Gründe sprechen wie gerade gegen diese Brausteuer. Die Regierung weist darauf hin, daß die Biersteuer seit langer Zeit nicht erhöht sei. Das mag vielleicht in den Augen eines eifrigen FiiianzministorS eine Art Schande sein. Für uns ist es noch lange kein Grund, eine solche Erhöhung zu bewilligen. Dann spricht die Regierung von der Rentabilität der Brauereien. Sic muß aber selbst zugeben, daß im Vergleich zur Rentabilität anderer industrieller Be- triebe die Brauereien erst an siebenter Stelle stehen. Wenn also die Rentabilität der Grund ist. warum besteuert man nicht diejenigen sechs Industrien zuerst, deren Rentabilität noch höher ist als die der Brauereien? Ernster zu nehmen ist schon der Grund, daß in Süddeutschland die Bicrsteuer jetzt höher ist als im norddeutschen Brausteucrgebiet. Dennoch ist die Begründung der Borlage in diesem Punkte unrichtig. Es heißt in der Begründung nämlich:„Es ist kein Grund vorhanden. daß nicht im norddeutschen Brausteuergebiet dieselbe hohe Steuer beznhlt werden soll, als in Süddeutschland." Das ist einfach nicht wahr, daß dafür kein Grund vorhanden sein soll. Die Regierung hätte einfach die Pflicht gehabt, diesen Unterschied zwischen Norddeutschland und Süddeutschland ans feine Gründe hin zu untersuchen. Nun wollen wir einmal nachholen, was die Re- gierimg hier versäumt hat: In Bayern wird 1 Liter Bier mit 2,28 Pf., bei uns in Norddeutschland mit 0,68 Pf. besteuert. Der Verkaufspreis der Brauereien an die Gastwirte ist annähernd der gleiche hier und im Süden; unter sonst gleichen Umständen niüßte also der Profit pro Liter um etwa 1,4 Pf. höher sein. Nim ist aber die Durchschnittsprofitrate im Norden und Süden fast genau die gleiche, wie sie überhaupt in unserer Volkswirtschaft die Tendenz hat, sich auszugleichen, nicht nur regional, sondern auch zwischen den verschiedenen Branchen, und innerhalb der Branche zwischen den verschiedenen Geschäften. Die norddeutschen Aktien- brauereien haben in den Jahren 1901—1903 eine Durchschnitts- dividende von 7,23, 7,57 und 7,66 Proz. bezahlt, die bayerischen eine solche von 7,64, 7,81 und 7,98 Proz. Die Dividende ist also im Süden sogar ein lvenig höher als im Norden, während sie nach der Ansicht der Regierung im Norden um die Differenz der Steuerqnote höher sein müßte. Nur die Verschiedenheit der Verhältnisse kann dies er- klären Ausschlaggebend ist vor allem der sehr viel höhere Konsum im Süden. Es gibt in Bayern Leute, die fast ihr gesamtes physiologisches Flnssigkeitsbedürfnis durch das Bier befriedigen, die das Wasser nur zum Waschen benutzen— eS soll(zur Freisinnigen Volkspartei gewandt) dort freilich auch Leute geben, die das Walser noch zu anderen Zwecken benutzen.(Heiterkeit.) Dazu kommt etwa« anderes: Die AuSschankverliältnisse sind im Süden doch wesentlich primitiver als im Norden. Die Wirte haben also geringere Spesen. Und auch die Brauereien haben weniger Unkosten, da sie nicht so viel für den Transport auszugeben haben, weil ein großer Teil des Biere» in der Brauerei selbst getrunken wird. Ferner erhalten sie ftir das exportierte Bier die Steuer zurück. Auch haben sie weniger unter der Konkurrenz des Schnapses zu leiden. Gewiß trägt nn letzten Grunde auch in Süddeutschland die hohe Brausteuer zur Verteuerung des Bieres bei. Aber die Einschränkung des Konsums scheitert dort eben an dem unergründlichen Durst der Bayern.(Heiterkeit.) Sicher ist jedenfalls, daß in'Norddeutschland die Brauereien die Steuererhöhung nicht tragen können; ob die Wirte, das ist eine andere Frage. Die Regierung beruft sich in ihrer Denkschrift darauf, daß die Gcmeindezuschläge zur Brausteuer nirgends ein Anziehen der Schankpreise nach sich gezogen hätten. Das ist nicht richtig. In einer kleineren norddeutschen Stadt, deren Verhältnisse ich gena» kenne, wurde ein lokaler Bierzuschlag, natürlich wie üblich in der höchsten zulässigen Höhe von 65 Pf. pro Hektoliter. eingeführt. Darauf zwangen die großen Wirte die Brauereien, dielen Steuerzuschlag zu tragen, schenkten aber, da das konsumierende Publikum doch einmal eine Erhöhung des Bierpreises erwartete, bei Vergnügungen künftig nur noch zwei Zehntel statt zweieinhalb Zehntel für 10 Pf. aus! Die kleineren Wirte mußten die neue Steuer auf ihre Tasche übernehmen, so daß die Folge des GemeindesteuerzuschlagcS eine Katastrophe unter den konkurrenzunfähig gewordenen Kleinwirten und eine erhebliche Belastung des Publikums war. Genau so würden die Folgen der Biersteuererhöhung im großen sein.(Sehr richtig! links.) Die Staffelung ist das Feigenblatt dieser Vorlage; mit ihr soll das Publikum und der Reichstag geködert werden. Aber die furcht- baren Verwüstungen, die die Konkurrenz der Großbetriebe unter den kleineren Brauereien angerichtet haben soll, existieren nur in der politischen Phraseologie und in der Phantasie des Herrn Raab. Diese furchtbaren„Verwüstungen" reduzieren sich auf die Er- schciiinngen jedes großen UinwandliingSprozeffes der Volkswirtschaft. „Furchtbare Verwüstungen" bat auch die Einführung der Eisenbahn unter den Postkutscve»n und Fuhrknechten hervorgerufen. Die„Ver- Wüstungen" im Branereigelverbe sind weder besonders stark noch besonders bedenklich. Nenn Zehntel aller zugrunde gegangenen Kleinbetriebe sind Zwergbetriebe und obergäriae Brauereien, die einer naturgemäßen Wandlung des Volksgeschmackes zum Opfer fielen. Die Geschmackswandlung des Publikums hat das statistische Phänomen gezeitigt, daß wir seit langer Zeit jede Woche 5 oder 6 Brauereien haben eingehen sehen. Von den 7347 Brauereien in Norddeutschland entfallen nahezu 6000 Betriebe auf die Zwerg- betriebe mit einer Steuerleistung von weniger als 300 M. im Jahre. In Würtlemberg hol man 1893 eine Staffelung der Brausteuer ein- geführt mit der Absicht, die kleinen Brauereien gegen die Konkurrenz der Großbetriebe zu schützen. Aber nach 6 Jahren mußte man zugeben. daß der Effekt nicht erzielt worden ist. ,»ld dasJahrl900 brachte finenene Staffelung, die auch ganz und gar nicht der an sie geknüpften Erwartungen entsprochen hat. 1399 bestanden in Württemberg noch 1631 gcwcrb- ffctje Brauereien, deren Zahl 1902/.? ans 1385 zurückgegangen ist. Trotz der außerordentlich hohen Staffelung von 78,5 Proz. ist der Rückgang der kleinen Brauereien in Württemberg nicht aufgehalten worden, und die hohe Staffelung hat auch dort nicht verhindert, daß die Konzentration des Kapitals sehr rasch zunahm. Die Zahl der Aktienbrauereien in Württemberg ist von 9 im Jahre 1895 auf 19 im Jahre 1902/3 gestiegen, das Aktienkapital in derselben Zeit von 790 000 auf 1 153 000 M., und die letzte Eßlinger Brauerei ist von zwei Stuttgarter Großbrauereien aufgekauft worden. Deshalb muß der Versuch, uns durch die Staffelimg über die Wirkung der Steuer hinwegzutäuschen, entschieden zurückgewiesen werden. Wer trotz dieser Aufklärung noch dafür eintritt, treibt ein sehr gewagtes Spiel, das zu charakterisieren parlamentarisch nicht möglich ist. Die Erhöhung der Brausteuer muß zu einer Erhöhung des Schnaps« genusses führen. Der Biertrinker, dem das Bier zu teuer wird, wird nicht Abstinent, sondern Schnapstrinker. Die konservative Partei repräsentiert in sich die Vertretung der deutschen Sclniapsindustrie; darum kann ich es wohl begreifen, daß sie für die Biersteuer ein- tritt. Daß die Braustener eine Wirkung, wie ich schilderte, haben wird, kann ich Ihnen an Dutzenden von Arbeitcrbndgets darlegen. In Schmollers Jahrbuch, Band 11, finden Sie eine Schilderung des Budgets eines Arbeiters in Leipzig. Dort ist beschrieben, wie der Mann den Schwamm, den er sonst am Munde führt, zurück- nimmt und für 0 Pf. Bier trinkt.„Er muß etwas trinken," heißt es dort,„weil er sonst trotz des Schwammes den ganzen Hals voll Staub hat." Manchmal muß er aber statt des Bieres einen Schnaps trinken; er zieht das Bier vor, oft sieht er sich aber gezwungen. sich mit einem Schnaps zu begnügen mit Rücksicht ans den um 1 Pf. niedrigeren Preis des Schnapses.(Bewegung. Gelächter rechts.) Uns leitet weiter der Gedanke, daß lvir es der sittlichen und körperlichen Gesundheit des Volkes schuldig sind, es den Klanen des Alkoholismus zu entreißen. Wer freilich sich leichten Herzens damit zufrieden gibt, daß den über die Grenzen des Gesetzes Hinweg- gedrängten das Zuchthaus aufnimmt, und daß für den, der sich in der Not des Lebens nicht mehr zurechtfindet, dos Irrenhaus oder der Strick übrig bleibt, der mag wie er dem Zolltarif zugestimmt hat, auch dieser Erhöhung der Konsnmsteucrn zustimnicn. Wir aber lehnen das aufs entschiedenste ab und glauben, damit am besten die Interessen unseres Volkes zu wahren.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Hierauf vertagt das HauS die Weiterbcratung auf Donners- tag 1 Uhr. Schluß 6 Uhr._ parlamcntanfches. Die Budgetkommission des Reichstages begann gestern mit der Beratung des Etats der Reichspost, aus dem als bemerkenswert hervorzuheben ist, daß 7 Millionen Mark zur Entschädigung an Landbriefträger, infolge starker Erhöhung des Verkehrs mit schweren Paketen, und serner 3-1 Millionen Mark für Verbesserung und Ren- anlagen des Fernsprechivesens gefordert werden. Durch die Preis- steigernng des Kupfers werden allein für Leitungsdrähte 2 Millionen Mark gebraucht. Klagen über den mangelnden Ans- bau des Fernsprechnetzes bczw. Vermehrung direkter Verbindungen zwischen großen Städten und Jnduslriebezirken, beantwortete ein .Kommissar mit dem Hinweis auf den Mangel an Mitteln. Staatssekretär K r a e t k e legte dar, daß nur der Posiverkchr, viel- leicht auch noch das Fernsprechwesen rentieren, nicht aber die Tele- graphie, die mit dem Telephonwcscn zusammen 15 Millionen Mark Zuschuß bedürfe. Das Zentrum fordert in einein Antrag Porto- freihcit für alle bis 5 Kilogramm schweren Pakete, die an Soldaten oder'von diesen zwecks des eigenen Bedarfs cnt- bczw. gesandt werden. Von den Sozialdemokraten wurde folgende Re- solution gestellt: „Der Reichstag wolle beschließen: Die Reichspostverwalwng aufzufordern, zur' Verbilligung des Paket- und Postanweisungs- Verkehrs die Abschaffung des Bestellgeldes vorzubereiten und dem Reichstag für die nächste Session eine Uebersicht über die voraus- sichtlichen Wirkungen dieser Maßregel zu unterbreiten." Weiter wurde auch angeregt, darauf hin zu arbeiten, daß das km Vorortverkehr bestehende Fünfpfennig-Porto allgemein zur Ein- führung gelange und den ländlichen Bezirken im Fcrnsprechwesen durch Verbilligung der Anlagen und Gebühren mehr Rechnung ge- tragen werden solle.— Die Reichspost- Exzellenz setzte allen diesen Anregungen Bedenken, auch mehr oder minder große Abneigung entgegen, will jedoch auf keinen Fall in den Verdacht der Verkehrs- feindlichkeit kommen. Aber die Finanzen müssen»eben(soll heißen in er st er Linie neben) dem Verkehrsinteresse berücksichtigt werden beini heutigen Stande der Reichsfinanzen, wo lleberfchüsse aus der Reichspost dringend notwendig seien. Daß die Bestellgelder sehr häßlich sind, gab der Staatssekretär zu, aber— sie bringen 22 Millionen ein, und d a S ist die Hauptsache, sintemalen die Reichspost ein— Berkel) r S- institut ist! Gemütlich meinte der Herr Staatssekretär, den Schön- heitSfehler des Bestellgeldes könnte man vielleicht durch eine Er- höhung des Portos beseitigen. Abg. S ü d e k n m charakterisierte den Zustand mit dem Bestellgelde sehr scharf und treffend, ebenso, daß die Reichstelegraphie in bezug auf Schnelligkeit den An- forderungen der Zeit nicht entspreche, hinter England z. B. weit zurückstehe. Notwendig sei auch, daß im Verkehr mit Holland und der Schweiz dieselben Portosätze wie mit Oesterreich-Ungarn zur Einführung gelangten. Erleichterung des Verkehrs durch Verbilligung. nicht Erschiverung durch Verteuerung müsse angestrebt werden. Die Postvcrwaltung werde es wahrscheinlich noch einmal übel empfinden, daß sie den vorgeschlagenen neuen VerkehrSsteuern keinen Widerstand entgegensetzte.— Von allen Seiten wurde eS scharf gerügt, daß einzelne fürstliche Hofvcrwaltungen mit der den Landesfllrsten ge- währten. Portofreiheit schweren Mißbrauch treiben. Gewerbliche Prospekte, Lebcnsinittel und viele andere Dinge werden portofrei verschickt. Die Debatte zeitigte auch einen Antrag des Zentrums: der Reichskanzler solle untersuchen, ob und inwieweit eine Ein- schränkung der Portofrcihcit der Fürsten vorgenommen werden könne. — Donnerstag. Forlsetzung der Beratung. Die Revolution in Rntzland. » Die Lage im Kaukasus. Petersburg, 9. Januar.(Meldung der Petersburger- Telegraphen- Agentur.) Der Statthalter im Kaukasus Graf Woronzow-Daschkow telegraphierte am 7. d. M. an den Kaiser: Infolge der Unterbrechung jeder Verbindung zlvischen Rußland und dem Kaukasus und falscher von den Revolutionären verbreiteten Gerüchte wurde die revolutionäre Be- w e g U n g stärke r. Nachdem sich die Revolutionäre der Eisen- bahnen bemächtigt hatten, leiteten sie den Dienst nach ihrem Gefallen und veranstalteten allgemeine Ausstände, in die sie die Regierungsbeamten hineinzuziehen versuchten. Ich erklärte TifliS famt den» Bezirke und der Eisenbahn in Kriegszustand. Es wurden mehrere Boinbenniedcrlagen eindeckt und viele Agitatoren verhastet. Militärzüge verkehren. Die Agrarbelvegung in den Bezirken Gori und Duschet hat wieder begonnen; auch diese Bezirke sind in Kriegszustand erklärt worden. Verhältnismäßige Ruhe herrscht in Daghesian, Baku, Erilvan und Kars. Die Kämpfe zwischen Armeniern und Tataren im Gouvernement Elisabethpol dauern fort. Die Ausstände der Post- und TelegraphenbeanNen sind beendet. Die Bureaus der Ausständigen sind geschlossen worden. Im nördlichen Kaukasus sind die Bahnhöfe von Rostow bis Bchlan militärisch besetzt; die meisten Anführer der Aus- ständigen wurden verhaftet. Von Rostow gehen Züge ab, die in Tifliö eintreffen. Sonstautinopel,-9. Januar.(Laffan-Meldimg.) Die Lage in Tiflis hat sich wieder äußerst ernst gestaltet. Russische Artillerie beschoß die Stadt. Die Aufständischen warfen Bomben gegen die Kosaken. In Elisabethpol herrscht völlige Anarchie. Armenier und Tataren wüten in entsetzlichen Metzeleien gegen einander. Standrecht in Moskau. London, Ist. Januar.(Bureau Laffan.) Die„Times" melden aus Moskau: Achtzehn Revolutionäre, darunter ein Deutscher, namens Schmidt, der Eigentümer einer bekannten Möbelfabrik im Moskauer Stadtteil Presnja, sollen am 6. d.M. in Moskau hingerichtet worden sein. Die Duma-Posse. Petersburg, 10k Januar.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Miuisterpräsideut Graf Milte äußerte beim Empfange einer Abordnung des„Verbandes vom 30. Oktober", die um Auf- Hebung des Versanuiilungsverbo.es nachsuchte, unter anderein, es sei schwierig, die Zeit des Zusammentrittes der R e i ch S d n m a zu bestimmen. Viel hänge dabei von der Tätigkeit der Semstwos und der Städte ab. Als Termin sei ihm der 28. April in Vorschlag gebracht worden. Der Kaiser be- stehe auf möglichst schleuniger Einberufung. Ferner teilte Gras Milte mit, daß ein neues Gesetz, welches das Verhältnis der Reichs- duma zum Reichsrat regele, wahi scheinlich bald fertiggcstelll sein werde. Der Reichsrat iverde 176 Mitglieder zählen, von denen die Hälfte vom Semstwo, dem Adel, der Känsmannschaft und den Industriellen gewählt werden solle. Die„Beendigung" der Revolution. Der„Tag" erhält von seinem Moskauer Korrespondenten einen Bericht, dem wir folgende Stellen entnehmen: „Am Tage bevor ich Moskau verließ, las ich in der Moskauer „Deutschen Zeitung" ein Berliner Telegramm:„Die Berliner Zeitungen beglückwünschen Rußland zur Beendigung der R e V o l u t i o n." Die Redaktion der„Deutschen Zeiwng" brachte das Telegramm ohne Kommentar. Ich aber, der ich der Meinung bin, daß der Moskauer Aufstand in der Geschichte der russischen Revolution einmal so viel bedeuten wird, wie das erste Z u- sammentreffcn der Vortrupps im Verlauf eines großen Krieges, bersuchte mir zu erklären, was wohl in Berlin Veranlassung zu meiner Meinung nach so ganz irr- tü ml icher und vielleicht verhängnisvoller Anschauung geben könnte. Ich kann mir nur denken, daß der Name Moskau meine Berliner Kollegen getäuscht hat. Sie werden sich gejagt haben, wenn im historischen Moskau die offene Revolution ausbricht, so muh hier das Zentrum und der Höhepunkt der Revolution sein, und wenn hier die Revolution niedergeschlagen ist, so muß sie übcrb�upt niedergeschlagen sein. Eine solche Hochschätzung der alten Zarenstadt, in der noch heute das Herz Rußlands schlägt, wäre nicht übertrieben und der daran anknüpfende Gedankengang nicht ohne Logik. Nur bedeutete der Moskauer Aufstand nicht den Höhepunkt der Revolution. Er lag für jetzt noch gar nicht in der Ab- ficht der Revolutionsleitung, sondern er brach, durch unvorhergesehene Ereignisse beschleunigt, verfrüht aus. Das einzig Tröstliche— bescheiden genug—, was sich die russische Re- gierung aus den Ereignissen herausziehen kann, ist das, daß es ab und zu auch in den Reihen der russischen Revolutionäre einen Mangel an Disziplin gibt.... In der durch einen totalen Vorgang erregten Stadt traf am Sonntag vor Beginn des Ausstandcs der neue Generalgouvcrncur von Moskau, Vizeadmiral Dubassow, ein. Ein Mann wie ge- schaffen für diesen Posten, solange die russische Regierung an dem Irrtum festhält, daß die revolutionäre Bewegung sich heute noch mit Gewalt ersticken ließe. Schon am Montag morgen, am Tage vor dem kaiserlichen Namenstag, brachten alle Moskauer Zeitungen an der Spitze einen Erlaß von ihm, in dem er alle Spitzen der Behörden, der Stadt, des Militärs, des Adels und der Kaufmannschaft„ersuchte", am nächsten Tage zum Festgoltesdienst in der Usspanskij-Kathedrale zu erscheinen. Schon am Montag mittag versammelte er dieselben Stützen der Regierung im Gouverncmentspalais und hielt ihnen eine Ansprache: Moskau sei zu einem Herd der Revolution ge- worden, er betrachte sich daher als auf einen Kampfpostcn gestellt, er werde mit den kräftigsten Mitteln vorgehen, und er erwarte von ihnen allen energische Unterstützung.— Am Dienstag hatten 60 000 Männer für den Zaren demonstriert, mindestens zehnmal soviel Gleichgesinnte hatten sich nicht angeschlossen, weil sie cnt- weder ein Wiederaufleben des alten Systems fürchteten, oder weil sie sich ungern in die Volksmenge mischten, oder weil sie die Re- volutionärc fürchteten, die gedroht hatten, zu dem Festgottesdienst auf dem Roten Platz auch zu erscheiuen— aber mit Bomben in der Paletottasche. Am Mittwoch befahlen die Revolutionäre: „Morgen, am Donnerstag mittag 12 Uhr, beginnt der General- ausstand." Und am Donnerstag mittag 12 Uhr schloß in Moskau jeder Ladenbcsitzer seinen Laden, vernagelte schleunigst Schaufenster und Eiugangstür mit bercitgehaltcucn Brettern und ging in zitternder Furcht nach Hause. Jeder I Nur die Händler mit Lebensmitteln nicht, da sie vom Revolutionskomitce die Erlaubnis erhalten hatten, täglich zwei Stunden lang ihre Läden offen zu halten.... Den durch die Petersburger Massenverhastiingen, durch die Disziplinlosigkeit des Rostowsckien Regiments, durch das energische Auftreten DubassowS und die zarentreue Volksdemonstration auf dem Roten Platz und vor dem GoiivernementspalaiS erregten Moskauer Revolutionären aber stieg die absolute WiderstandSlosigkeit, die der Moskauer Bürger bei der Ankündigung des Generalansstandes be- wies, zu Kopf— sie brachen vorzeitig los, gegen den aus- driicklichen Befehl der Revolutionsleitung, und sie kämpften weiter, trotzdem die Revolutionszentrale schon am zweiten Tage sie aufforderte, den jetzt ganz nutzlosen Kampf auf- zugeben. UebrigenS war eS in de» ersten Tagen durchaus nicht ganz sicher, ob die Revolutionäre nicht, wenn auch nur vorübergehend, die Herren in Moskau sein würden. Wenn die Eisenbahnbrücken gesprengt worden und die von Petersburg, Warschau und Klein- rnßland gesandten Regimenter nicht rechtzeitig eingetroffen wären, hätte sich höchst wahrscheinlich die kleine Moskauer Garnison aus der Stadt zurückziehen müssen. Und alle Anstalten zur Sprengung der Brücken war getroffen, sie konnten nur nicht rechtzeitig ausgeführt Iverden. Auch das hätte nur ein kurzer und lokaler Erfolg der Moskauer Revolutionäre werden können. Die russische Regierung hat also nicht viel Ursache, auf den Moskauer Sieg mitBeruhigung zu blicken. Er hat nicht einmal d i e M o s t a u c r R e v o l n t i o n ä r e entmutigt, viel weniger die revolutionärePartei, die mit diesem lokalen Ausstand gar nicht cinverstaiiden war. Eine eben- falls ganz lokale Gefahr ist für den Augenblick beseitigt— das ist alles. Das ist freilich aucki alles, was sich mit Maschinen- gewehrcn und Bajonetten erreichen läßt." )Zus cler Partei. 6 Monate wegen Pod- und Stncbel-Bclcidiguiig. Der Telegraph berichtet aus Frankfurt a. M.: Die Strafkammer verurteilte den Rcdatieur der„Frantfurtcr Volköstiinine" Oskar Quint wegen Beleidigung des früheren Kolonialdircktors Dr. Stuebel und des Ministers v. PodbielSki zu 6 Monaten Gefängnis. Die Beleidigung wurde in einem vom „Vorwärts" übernommenen Artikel über die angebliche Beteiligung der' Genannten an der Firma v. Tippelskirch n. Co. gestinden. Der„Vorwärts", dem die Notiz entnommen ivar, wurde bekanntlich in derselben Sache nur zu 1000 M. Geldstrafe verurteilt. Die Schwere der Beleidigung ist in diesem Falle also anscheinend mit dem Quadrat der Entfernung vom ersten Tatorte gewachsen. Der vierte sozialdemokratische Provinzialparteitag für die Provinz Posen fand am 7. Januar 1906 zu B r o in b e r g im festlich gc- schmückten Verkchrslokal der freien Gewerkschaften mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht der Agitationskommission. 2. Or- ganisation. 3. Agitation und Presse. 1. Beratung sonstiger An- träge. Vertreten waren auf dem Parteitage 10 Orte durch 22 Dele- gierte, darunter 3 Frauen— aus Bromberg zwei, aus Schönlanke eine.— Ferner waren erschienen die Zentralvertmuensperson der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands, Genossin Baader- Berlin, der Parteisekretär von Ostpreußen, der Parteivertrancnsmann von Westpreußen und mehrere Gauleiter verschiedener Gewerk- schaffen. Zunächst gedachte der Vorsitzende des Parteitages in einem warmen Nachruf des durch russische Schergenhand ermordeten Ge- nossen K a s p r z a k, welcher auf dem letzten Parteitage als Dele- gierler anwesend war. S r e m s k i- Poien, der den Bericht von der Agitations- komniission gab, schilderte in kurzen Zügen die der Aufklärungsarbeit in dieser Provinz sich entgegenstellenden Hindernisse. Von einer stärkeren Bewegung kann nur in Posen und Bromberg gesprochen werden, in den anderen Orten, wo es an Ärästen fehlt, ist die Be- wegnng nicht die. welche sie sein sollte. In der dem Bericht folgen- den Diskussion wurde von den weiblichen Delegierten eine regere Anteil- nähme der Genossen an der Frauenbewegung gewünscht. Bezüglich der zum Punkt„Organisation" gestellten Anträge, welche mit kleineren Abweichungen verlangen, daß der Parteivorsland die öst- lichen Provinzen Posen, Ost- und Wesipreußen in zwei Agitations- bezirke einteilen>oll. so daß die im südlichen Teil der Provinz West- Preußen liegenden Wahlkreise mit der Provinz Polen einen einhcit- lichen Agitalionsbezirk bilden, wurde der Wahlvereiii Bromberg er- mächtigl, sich mit dem Parteivorstand und den maßgebenden Agitations- koinmiifionen in Verbindung zu setzen, um über die ein- zuschlagenden Wege eine Verständigung herbeizuführen. In dem hierauf zur Annahme gelangten Organisationsstatut, nach welchem die sozialdemokratischen Wahlvercine der fünfzehn Poiener und der durch die Verständigung noch hinzukommenden westpreußischen Wahlkreise einen gemeinsamen Verband unter dem Namen„Bezirksverband der sozialdemokratischen Wahlvereine Posens und des südlichen Teils der Provinz Wesipreußen" bilde», werden die Ausgaben des. Bezirksverbundes und der Sitz des Bezirks- Vorstandes festgelegt. Ferner wird in demselben bestimmt, daß alljährlich ein Provinzialvarteitag slaltfinden soll, zu ivelchem jeder Wahlkreis nicht mehr wie sieben Delegierte zu entsenden hat. Weiter, daß auf dem Parteitag außer den Delegierten die Mitglieder des Vor- standes, die Revisoren, die Reichslagskandidaten resp. Abgeordneten des Bezirksverbandes und je ein Vertreter der Redaktion und des Verlages des zuständigen Parteiorgans teilnehmen dürfen. Weiter sind in demselben Beslimmnngen über die Einberufung von Partei- tagen sowie die zu erledigenden Aufgaben auf denselben festgelegt. Das in den KreiSwahlvereinen zu erhebende Eintrittsgeld wird auf 10 Pf. und der monatliche Beitrag ans 20 Pf. festgesetzt. Von den in den Kreisen vereinnahmten Geldern müssen 20 Proz. an den Parteivorstand und 20 Proz. an den Bezirksvorstand abgeführt werden. Als Ort, in welchem der VezirkSborstand seinen Sitz hat, wurde Bromberg bestimmt. Das dem Parteitage vorgelegte Statut, welches fiir sämtliche Wahlvereine des Bezirksverbandes gilt, wurde angenommen. In dem hierauf folgenden Vortrage des Genossen Schulz über„Agitation und Presse" ging derselbe näher auf die hierzu gestellten Anträge ein und wurde darauf folgender Antrag an- genommen: „In Anbetracht der Schwierigkeiten der Agitation in den zum Gau gehörigen Wahlkreisen, erachtet der Parteitag die Anstellung eines Parteisekretärs für unbedingt notwendig. Derselbe leitet in Gemeinschaft mit der Bezirksleitung die ganze Agitation in dem AuSbreitnngsbezirk des Verbandes." Ferner beschloß der Parteitag. den Parteivorstand zu beanf- tragen, eine Verbesserung der Presse, für deren Ausbrcitungsbezirk die Provinz Posen-Westpreußen gilt, zu schaffen. In einer von den Frauen eingebrachten Resolution erhebt der Parteitag entschieden Protest gegen die reichsgesctzlichen Bestimmungen, die den Frauen das politische Vereinsrccht nehmen. In einer anderen tvird bc- schlössen, den Parteivorstand um Bewilligung derjenigen Mittel an- zugehen, die im Kampfe gegen die im Bezirk besonders geübte Unterdrückung seitens der Kapitalmacht und Junkersippe notwendig sind, im besonderen aber dauernde Einrichtungen zu schaffen, die die Partei des Bezirks in den Stand setzt, ihren Gegnern zu jeder Zeit und erfolgreich entgegenzutreten. Eine dritte Resolution, die angenommen lvurde, ist eine Sympathic-Resolution, in welcher den russischen Freiheitskämpfern für ihr mutiges Vorgehen die vollste Anerkennung gezollt wird._ Ein sozialdemokratischer Arbeiter als Richter in Preußen- Deutschland. In Mülhausen i. Elf., d. h. im Reiche des Herrn v. Kölker, vollzog sich soeben das merkwürdige Ereignis, daß ein bekannter sozialdemokratischer Arbeiter und Agitator zum Schöffen beim kaiserlichen Amtsgericht berufen wurde. Genosse Josef Gsell, Gau- Vorsitzender des deutschen Textilarbeiter- Verbandes und sozial- demokratisches Mitglied des Gemeinderates in Mülhausen, erhielt vor einigen Tagen diese Mitteilung von dem dortigen Amtsrichter. Genosse Josef Gsell ist, was die Franzosen einen Militant und lvir einen Agitator nennen, im vollsten Sinne des Wortes. Er war bis vor wenigen Monaten, seit über einem Jahrzehnt, in der Fabrik der Wellfirma Dollfns, Mieg u. Cie beschäftigt, Ivo man ihn ivegen seiner öffentlichen Anteilnahme an der geiverkschaftlichen Agitation und ivegc i Veröffentlichung von Fabrikmißständen schließlich gemäß- regelt hat. Seither ist er Angestellter des deutschen Textilarbeiter- Verbandes. Bei der ReickistagSwahl von 1903 war er Kandidat unserer Partei in dem politisch noch sehr rückständigen Wahlkreise Altkirch-Thnnn, den bis dahin der Laildesaiisschnß-Abgeordncte Pfarrer Winter er im Reichstag vertrat und rrug vcgen dessen Nachfolger, dem heutigen klerikalen Abg. Dr. R i ck l i n, 1000 Stimmen davon. Sollte die Bekehrung, welche der an der Spitze des Ministeriums für Elsaß-Lothringen stehende Staatssekretär Frhr. v. Kölker seit den Zeiten der seligen Uiiistnrzvorlagc durchgemacht hat, durch diese Wahl der deutschen Arbeiterklasse exemplarisch vor Augen geführt iverden, damit die Sticheleien, die dem alten, im Verkehr mit den Notabcln des reichsländischcn Landesausschusses gemütlich gewordenen Herrn in der sozialdcniokratischen Presse aus alter Anbänglichkeit immer noch bisweilen zuteil werden, endlich einmal aufhören? Wer weiß? ... Im Musterparlament zu Straßburg hat sich Herr v. Köller neulich mit so auffälliger Rücksichtiiahiiie und Anerkennung über die „siebente Großiiiacht" geäußert und seine Empfiiidlichkeit gegenüber Angriffen der Arbeiterpresse ist so bekannt, daß diese Deutung manches für sich hat. Lieber würden wir sehen, daß nicht mir Herr v. Köller. sondern das ganze Rcaierungsst, stein in Preußen- Deutschland sich auf dem Wege der Besserung' befindet. Ein königlich bayerischer Sozialdemokrat. Aus M ü n ch e n meldet man uns folgenden originellen Fall: Vom Gcsailitaiieschnß des sozialdemokratischen Vereins München wurde der Vorsitzende der Freien Vereinigung der Schuhmacher- meister Münchens, Johann Hierhager, im Hinblick auf§ 2 des OrganisationsstatntS der sozialdeinokratilchen Partei und§ 3 des Statuts des sozialdemokratischen Vereins München e i n st i in m i g ans der Partei ausgeschlossen. Hierhager hatte eine Reihe von Arbeileiil der Münchener Zentral- nnd Betriebswerkstätte dem Beikchrsmiiiisterium demn, ziert, daß diese zu Hanse für Kundschastcn aibeitc» und dadurch den Schuhniachermeiftern Konknrrcnz machen. Unter den Denunzierten befand sich auch ein Arbeiter der Zeiitrallverkstätte, der schon seit 1900 keinerlei Pfuscharbeiten mehr verrichtete und infolge dieser Dcnnnzialion Hier- Hägers eine hochnolpeinliche Untersuchung über sich� ergehen lassen mußte. Ein von der Partei eingesetztes Schiedsgericht stellte den Sachverhalt fest, eine Entscheidung konnte jedoch nicht ßefäHt werden, da der Vorsitzende des Schiedsgerichts durch das Ver� tzalten des Hiertzagcr sich veranlaßt sah, den Vorsitz niederzulegen. Ter Gefaiutansschuß des sozialdeinokratischen Vereins hat unterm 11. August auf Grund des über die schiedsgerichtliche Vcrhaiidlnng aufgeiiviiimencu Protokolls Hierhager einstimmig aus der sozial- demokratischen Partei ausgeschlossen. Der Beschluß wurde von einer Generalversammlung bestätigt. Gegeil diesen Beschluß ließ nun Hierhager durch den jungliberaleu Rechtsanwalt Dr. Fr. Goldschmidt ll Klage beim Landgericht München I erheben mit dem Antrage: Das Landgericht wolle erkennen: Der Beschluß des Gesamlauskchustes und der Generalversammlung des sozialdemokratischen Vereins vom 11. bezw. 18 August auf Ausschließung des Klägers wird für rechts- ungültig erklärt. Die Klage wird damit begründet, daß der Aus- schlich Hierhagers aus der soziaidemokeatischen Partei aus Ginnd des §2 des Organisationsstatuts der sozialdemokratischen Partei erfolgt sei. Diese Behauptung stehe mit den Tarsachen in Widerspruch, denn nach den Satzungen entscheide über den Ausschluß ein im Statut vorgesehenes Schiedsgericht. Ein solches Schiedsgericht habe auch getagt, olme jedoch zu einem Ausscklnßbeschluß gekommen zu sein. Für das Ver- fahren im Gesamtausschuß und in der Geileralveriamyrlung fehle jede satzungsgemäße Grundlage.— Die Verhandlung wurde auf acht Tage vertagt.— Herr Johann Hierhager hat außerdem gegen den Vorsitzenden des sozialdemo- lratischen Vereins, Landtags- Abgeordneten Franz Schmitt Klage wegen Beleidigung gestellt, weil dieser es nntcrnonrme» hatte, den Ausschluß Hierhager und die Begründung auftragsgemäß in der „Münchener Post" zu veröffentlichen. Dieie Klage kommt am 14. Februar vor dem Schöffengericht München zum Aufruf. Solveit unser Berichterstatter. Gelingt dem Kläger sein originelles Vorgehen, d. h. geben ihm die Gerichte recht, dann wird er„im Namen des Königs" zum Sozialdemokraten erklärt. Huö InduFtric und Handel. Kapitalismus in der Mandschurei. Kaum hat der Kapitalismus seinen Einzug in die Mandschurei gehalten, und schon beginnt er in seinen kulturwidrigen Wirkungen sich unangenehm fühlbar zu machen. Naturgemäß zeigt er sich dgrt am ersten, wo der Rmibcharakter des Mehrwerts am sinnenfälligsten in Erscheinung tritt, bei der Grundrente. Der Kapitalismus beginnt seinen PlünderungS- und Siegeszug mit Steigerung der Boden- und Mietspreise. Im Konsulatsberichte aus Niutschwaug werden darüber folgeitde Angaben gemacht: In den Bodeupreisen ist während der Kriegsjahre ein starker Aufschwung zu bemerken gewesen. Kleine Besitztümer, die vor wenigen Jahren siir geringe Summen erworben wurden, bringen nun beiin Verkauf kleine Vermögen ein. Gutgelcgene Baustellen in dem Fremdenviertel werden pro Acre(40,5 Ar) mit 8000 bis 9000 amerikanischen Dollar bezahlt. Der Preis eines englischen Duadrntfußes Land in der Fremdenniederlasinng erhob sich nach mäßiger Schätzung im Jahre 1905 auf 3,35 Dollar, lvährcnd er 1902 nur 1,15 Dollar betragen hatte und nach dem Boxer- Aufstand 1903 auf 75 Cents. 1904 sogar auf 60 Cents herunter- gegangeit war. Eine zum WohnbauSbau gut geeignete Parzelle. die vor drei Jahren mit 2100 Dollar erworben worden war, winde_ kürzlich mit 15 400 Dollar bezahlt.— Die be- dcnteudste Steigerung der Bodenpreise trat nach der Schlacht bei Mulden ein. Eine außerordentliche Erhöhung wiesen auch die geforderten Mietspreise auf, und da die Nachfrage weit stärker war als das Angebot, wurden die höchsten Mieten meist auch bewilligt. Einer der ältesten Fremden in Niutschwaug bezahlte seit langen Jahren für ein kleines einstöckiges Haus eine Monatsmiete von 17 Dollar: im letzten Sommer bot ein unternehmender japanischer Kaufmanu für dasselbe Gebäude 200 Dollar pro Monat. Eine japanische llteederfirma zahlt gegenwärtig für ein ganz gewöhnliches Gebäude mit Laden- und Bureauräumen am Kai. mit einem Flächenraum von 40 zu 100 engl. Fuß und entsprechendem dahinter liegenden Platz mehr als 200 Dollar pro Monat, nachdem in den vorher- gehenden zehn Jahren der Besitzer kaum 15 Dollar pro Monat für dasselbe Mictsobjekt erhalten hatte. Daß die Grund- und Hausbesitzer irgend ein Verdienst reklamieren können, wodurch ihr Besitz einen höheren Nutzungswert erhalten hat, ivird kein Agrarier behaupten können, sie belegen aber die sich ent- tvickclude industrielle Betätigung vorweg mit einer Steuer, sie be- lasten die Produktion. So gelangen sie zu den„wohlerworbenen", „sauer verdienten",„ersparten" Reichtümern. Vom Berliner Baumarkt. Niesige Steigerung der Grundrente und Konsolidierung im Haus- und Grundbesitz konstatiert der neue Jahresbericht des Vereins Berliner Grundstücks- und Hhpothekenmatler. Es heißt da unter anderem: Tie Umsätze auf dem Jmmobilienmarkte in allen seinen Einzel- brauchen hat dieses Jahr eine Ausdehnung erfahren, die alles bisher in Groß-Bcrli» Dagewesene in Schatten stellt. Schon in den Vorjahren konnten wir von einer gesunden Entwickeluug des Gesamtmarktes berichten, welche im vergangenen Jahre einen etwas stürmischen Charakter aunahin, doch im vorliegenden Berichtsjahre noch um ein Bedeutendes übertroffen wurde. Es läßt sich nur schwer beurteilen, ob die steigenden Bodenpreise in allen Stadtlagen sowie die enorme Bautätigkeit nicht den Bedürfnissen vorausgeeilt, und Rückschläge zu erwarten sind. Die gesteigerte Zahl der leerstehenden Wohnungen in Berlin sollte eigentlich' zu Bedenken Veranlassung geben, doch hängt dies auch damit zusammen, daß ein Teil auf Rechnung des Zuges nach den westlichen Vororlen zu stellen ist. Im Stadtinuer» hat das im Borjahre geschilderte Bestreben großer Institute, Pracht- bauten zu besitzen und die bestehenden zu erweitern, weitere Fortschritte gemacht. Hierzu treten noch zahlreiche Umsätze, welche viele Millionen umfassen, die sich in den innner mehr in Aufnahnie kommenden Seiten- straßen der Friedrich- und� Leipzigerstraße vollzogen haben. Die Straße klutcr den Linden ist auf der Südseite ausverkauft, deshalb sahen sich einige große Firmen genötigt, Erwerbungen auf der Nordscite zu machen und Preise anzulegen, welche die kühnsten Er- Ivartungeisi übertrafen. In der Lcipzigerstraße dauert die Preiserhöhung fort, und find bei den erfolgten Verkäufen, welche dort- selbst immer seltener aus dauerndem Besitz erfolgen, ungeahnte Summen erzielt worden. Die Konsolidierung des Besitzes der Innenstadt geht ganz deutlich aus dem Bilde hervor, welches die bis jetzt von uns festgestellte Subhastationstabelle zeigt. Während die Zwangsversteigerungen in der Innenstadt gegen das Vorjahr ungefähr die gleichen geblieben, ja eher etwas zurückgegangen sind, so sind dieselben in den Baudistrikten erheblich gestiegen. Es wurden subhastiert 1903 1904 1905 Amtsgericht I Berlin 171 207 246 Charlottenburg.. 40 50 66 Nixdorf..... 81 74 96 Die Subhastationen bedeuten/ daß Grundstücke und Häuser immer mehr in den Besitz weniger Hände übergehen, die kleinen Besitzer ausgeschaltet werden. Teilweise werden die Zivangsverkäufe aber auch eine Folge des bekannten Schwindels im Bangewerbe mit Vorgeschobenen Strohmännern usw. sein. Bclcihung offener Bnchfordmiiigeii. Im Zentralausschuß hiesiger kaufuiännischer, gewerblicher und industrieller Vereine wurde Montag ciugchnid über die von verschiedeneu Seiten augeregte Frage der Beleih n ii g offener Buchforder u n g e n verhandelt. Von •»eil Referenten wur�e zur Begründung dieser in Oesterreich ein- gcsiihrieii Einrichtung darauf hingewiesen, daß besonders die Inhaber von Spezial- und mittleren EngroSgeschnslen ihrer Kundschaft sehr langfristige Kredite gewähren müssen, während sie selbst mir gegen kurzfristige Kredite kaufen können, wenn sie leistungS- fähig sein wollen. Der so entstehende Mangel an barem Gelde behindert den Kaufmann häufig iii seiner Bewsgungssreiheif nnd führt zuweilen sogar seinen Nuiii herbei. Wenn ihm nun ermöglicht würde, die in ssinein Buche stehenden Außenstände die oft viele Tausende ausmachen, sofort zu realisieren, wäre ihm vielfach ge- Holsen. Zu diesem Zwecke haben sich in Oesterreich zahlreiche Genossenschaften gebildet, welche uiuer bestimmten Bedingungen offene Bnchfordernngen beleihen. Die von diesen Genossen- schafte» heransgegebencn Rechenschaftsberichte lassen erkemicn, daß die neue Einrichtung sich bclvährt hat und in zu- nehmendem Maße Autlang findet. Nach eingehender Dis- knssion. in welcher auch warnende Stimmen gegen die Einführimg derartiger Institute erhoben wurden, wurde eine Kommission damit beaiisiragt, nach Einziehung von Eikimdigungen in Oesterreich die Angelegenheit daraufbin zu prüfen, ob die Gründung solcher Ge- nossenschaften sich für hiesige Verhältnisse empfiehlt. ES soll dann in einer späteren Vollversammlung des Zentralausschuss es hierüber Bericht erstattet werden. Steigerung der Eise»- und Kupfcrproduktiou in Amerika. In der Periode von 1355 dis 1905 ist die Knpferproduktion der Ver- einigten Staaien von 6 000 000 Pfund auf 834 000 000 Pfund und die Rohciscuerzeiigimg ist in der gleichen Zeit von 563 000 auf 22 000 000 Tomu-u gestiegen. Die Schwaulimgen im Preise von Kupscr während der letzten zehn Jahre waren zeitweilig heftig. Fachleute der Elsen- und Stahibranche behaupten, daß innerhalb von 10 bis 15 Jahren die Roheifenerzeiigmig unseres Landes einen Umfang von 40 000 000 Tonnen per Jahr erreicht haben wird, was mit einem großartigen Aufschwung der industriellen Aktivität Hand in Hand gehe» würde. Es scheint fraglich zu sein, ob die Produktion der Kupferminen mit dieser voraussichilichen. außerordeiilicheu Ent- Wickelung der Eisen- und Stahlindustrie Schritt zu halten iiustaiide sein wird._ Soziales* Vohkottsrcics Bier vom Kammergericht gcboykottet. Die Gastwirte Boiuien, Kretz und Vorstmann in Herne hatten zur Zeit des B.eibc'ykotls in Westfalen inid Nheinland im Mai und Juni i n ihren Gasträumen Plakate mit folgender Aufschrift aus- hänge»:„Hier wird boykottheies Bier verzapft. Die lokale Koiiimisfion." Eine polizeiliche Erlaubnis war nicht eingeholt ivorden. Bonnen, Krey und Vorstmann wurde» wegen Uebertretimg der KZ 9 nnd 41 deö preußische» Preßgesetzes voin 12. Mai 1851 angeklagt, die noch als zu Recht bestehend gelten. K 9 bestimmt im Absatz I:„Anschlagzettel und Plakate, welche einen anderen Inhalt haben als Aiiiüiwignugeu über gesetzlich nicht verbotene Versammlungen, über öffentliche Vcrgniigiliigen, über gestohlene, verlorene oder gcfuudcue Sachen, über Verkäufe, oder andere Nachrichten für den gelo erblichen Verkehr dürfen nicht angeschlagen. angeheftet oder in sonstiger Weiie öffentlich' ausgestellt werden. Und durch K 10 i» der durch K 30 des ReichSprcßgesetzes veränderten Fassung wird vorgeschrieben, daß niemand auf öffentlichen Wegen, Straße», Plätzen oder an anderen öfseiitlichen Orten Bekannt- machliiigen, Plakate und Ausrufe u. a. verteilen, anheften oder anschlagen darf, ohne daß er dazu die Erlaubnis der Ortspo'lizeibehörde erlangt hat.§41 enthält die Straf- bestimmnng. Die Angeklagten bestritten strafbar zu sein und betonten, daß die Plakate lediglich„Nachrichten für den geiverblichcn Verkehr" ent- holten hätte», so daß sie durch K 9 des preußischen Prcßgesetzes gedeckt seien, wonach ja Plakate solchen Inhalts freigegeben seien. Das Schöffengericht verurteilte jedoch die Angeklagten zu Gcldslrafen und das Landgericht Bochum vcrivarf ihre Berusmig. Begründend wurde ausgeführt: Der Aushang sei ein öffentlicher getvesen, da das Gastzimmer jedem Gaste zugänglich sei. Die Angeklagten hätten sich einer Uebertretimg des Gesetzes schuldig gemacht, indem sie Plakaic öffentlich ausgehängt halte», die nicht zu denen gehörten, welche nach K 9 des Gesetzes vom 12. Mai 1351 angeschlagen, angehestet oder in sonstiger Weise öffentlich ausgestellt werden dürften. Ihre An- gäbe, daß es sich hier lediglich um Nachrichten für den gewerblichen Verkehr gemäß Z 9 handele, sei verfehlt. Das Gericht habe die Ucbcrzeilgnng erlangt, daß die Plakate in erster Linie den poli- tischen Zwecken des Verbandes der Braucrciarbeiter hätten dienen sollen. Die vereinigten Brauereiarbciter hätten über einige Brauereien den Boykott verhängt zu dem Zweck. die Branercicn, die den politischen(!?) Zielen des Verbandes entgegen- strebten, zu schädigen und sie eventuell den Wünschen der Brauerei- arbeiter geneigt zu machen. Wenn nun jene Plakate mit der Auf- schrift:„Hier wird boykottfreies Bier verzapft. Die lokale Korn- Mission" ausgehängt wurden, so sei, wie die Unterschrift ergebe, nichts anderes bezweckt worden, als aus die dem Ver- bände clitaegciistrcbenden Brailereien einen Druck auszuüben und sie zu schädigen. Sie seien also nicht zum Aushang gebracht worden lediglich de? gewerblichen Verkehrs halber, wenn sie auch Mitteilung machten über den Bezug des Bieres und sodann den gc- werblichen Interessen des Wirts mit dienten. Dieftr Umstand könne den politischen Zweck des Plakats nicht aufheben. Die angeklagten Wirte scicn für den Aushang der Plakate in ihren Gasträumen ver- antwortlich. Die Angeklagten legten Revision ein. Sie wurden durch R.-A. Dr. H. Heine mann vor dem Kammergericht vertreten, welcher geltend machte, daß cS gar nicht darauf aiikoininen könne, ivelchen Zweck die Herauögederin der Plakate, die lokale Kommission, verfolgte, sondern daß entscheidend wäre, ob der Äuöba'.ig in dem Naume unter den bestimmten Umständen einem gewerblichen Zioeck diente. Offenbar sei die Tendenz geblieben, auf den Bicrkonsnm in den Wirtschaften der Angeklagten, also ans den gewerblichen Verkehr eiiicn Einfluß ansznübcn, so daß man es hier mit einer„Nachricht für den ge- werblichen Verkehr" im Sinne des§ 9 zu tun habe. Das Kammergericht verwarf indessen am Montag die Re Vision des Angeklagten und führte aus: Bei den Plakaten komme es nicht auf den Zweck des Anschlags an, sondern a i; f den Inhalt. Hier handele cS sich um eine Betalliit- niachulig der lokalcir Kommission, denn sie mache bekannt: es gibt hier boykottfreies Bier. DaS gehe über eine Mitteilung, daß Bier zu haben fei, hinanS. Diese Bckanntmachnng der lokalen Kommission sei nach ihrem Inhalte nicht ohne polizeiliche Genehmigung anzubringen gewesen. Die Begründung des Urteils fällt nach mchrereit Richtungen hin auf. Unverständlich ist, weshalb die Anzeige, daß boykottfreies Bier zu haben ist. keine„Nachricht für den gciverblichen Verkehr" sein soll. Die Anzeige teilt denjenigen, die ans bestimmten Brauereien Bier nicht trinken lvollen, mit, daß sie in dem Lokal Bier auS anderen Braucreien erhalten. Diese Nachricht erfolgt, damit das alisgebolciie Bier getrimken wird. Das ist genau so gut eine Nachricht für den gewerblichen Verkehr lvie die Mitteilung, daß ctlva„Pilscncr Bier" zu haben ist oder Stoffe ans englischen Fabriken zu kaufen sind. Der vpm Kammergericht durch Hineintragen„politischer" Gesichtspunkte erfolgte Boykott des Plakats ist weder mit§§ 9, 43 des altprenßischen Preßgeseyes noch mit den Grundsätzen der Gewerbefreiheit vereinbar. Das Urteil des Kamniergerichts fällt durch seine weitere irrige AnSlegnng der §§ 9, 41 auf. Es behauptet, Plakate, die nicht nur Nachrichten für den gciverblichen Verkehr enthalten, seien„mit polizeilicher Genehmigung" zulässig. Dem ist nach§ 9, den mir oben dem Wortlaut nach anführten, nicht so. Solche Plakate sind nach dem veralteten Zopf des 1851er Gesetzes überhaupt nicht zulässig. Da die preußische Polizei trotz der kannnergcrichtlichen Hochschätzung vor dem Schutz- mann des als Verhinderer des gesetzlich gewährleisteten Streikposten- stehenS noch iinincr— nach den! Gesetz— nicht mehr als das Gesetz gilt, so hat auch sie ein Recht für Genehmigung solcher Plakate nicht. Die Art ausgleichender Gerechtigkeit, dem Arbeiter und Mittelstand Rechte, die das Gesetz ihm gibt, zu nehmen nnd dafür der Polizei Rechte zu geben, die sie' nach dem Gesetze nicht hat, mag Klassenjustiz oder absolutistischer Polizeilvirtschaft entsprechen, paßt aber nicht in den Wortlaut preußisch- deutscher Gesetze. Wiewohl nach§ 9, 41 andere Plakate als solche mitNachrichten für den gewerblichen Verkehr nicht zulässig sind, sieht man in jeder Straße derartige unzulässige Plakate. Wie kommt es, daß eine Verfolgung fast nur eintritt, lvenn die Verfolgimg als dem Interesse der Unternehmerklasse dienlich erachtet werden kann? Das Plakatgesetz von 1851 gehört zu jenen Polizeigesetzen, deren Ueberlebtheit selbst Graf von Posadowsky und Graf von Stolberg kürzlich im Reichstag anerkannten. Der Bescitigmig dieses und ähnlicher Polizeigeistgesetze mag von»lauchem ans der Annahme widersprochen lvcrden, sie seien für Appli- zierniig kleinlicher Nadelstiche gegen Arbeiter noch brauch- bar. Die so denken, vergessen die ausriittelnde Wirkung, die solche Gesetze und die Rechtsprechung ans Grund solcher Gesetze ans Personen ausübt, tvelche»och in der Illusion leben, Gesetz und Gericht seien keine Jnstrntnente der herrschenden Klasse, sondern dienten der Ver- tvirklichnng der Gerechtigkeit. Hus der Frauenbewegung. Fraucnintercssen und Parlamente. Im größten deutschen Bundesstaate, in Preußen, rüstet das klassenbewußte Proletariat zu einer wuchtigen Demonstration gegen das Dreiklasseiiwahlgesetz. Nieder mit dem Jnnkcrparlamentl wird es laut und viel- tausciidstimmig in Versammlungen und Flugblättern widerhallen. Bei dieser ivuchtigcn Kundgebung, die Zeugnis von der politi- scheu Reife des Proletariats ablegt, dürfen auch die Frauen nicht fehlen; ruht doch in de» Händen der prcußisch-deutschen Geldsacks- Parlamente die Lösung so vieler, die große Masse des Proletariats und vor allen Dingen auch die Frauen interessierenden Fragen. Lassen wir zunächst einmal das Vereins- und Versammluiigsrecht Revue passieren.§ 8 Abs. 3 des preußischen Vereins- und Ver- samn'i»itgSgcfetzcs lautet:„Frauenspersonen, Schüler und Lehr- lingc dürfen den Versammlungen und Sitzungen der politischen Vereine nicht bciloohncn." Auf diesem Gebiete marschiert das reaktionäre Preußen in Deutschland wirklich voran. Man glaubte allerdings, daß nach der Zirkus Vusch-Asfäre den Frauen etwas mehr Spielraum gewährt werde, doch man täuschte sich; denn wenige Tage nach der bekannten„>-scgmcntrcde" gab Minister Freiherr von Haminerstein seine Weisheit kund, indem er erklärte, seit dein nunmehrigen bOjährigen Bestehen des Vereins- und'Ver- sammlungsrechts sei nichts geschehen, was eine Aendcrung dieser Materie nötig mache.— Der Minister ivill nicht, daß Frauen in politischen Versammlungen mitreden.„Es soll deshalb der Polizei immer die Befugnis(Frauen von politischen Versammlungen aus- zuschließen) bleiben und sie soll scharf eintreten, sobald die Frauen versuchen, auch politisch tätig zu sein." Die gleiche Ansicht äußerte mit ähnlichen Worten Staatssekretär Graf Posadowsky. Die braunschweigische Regierung hat aus den gleichen Motiven eine Aendcrung des Vereins- und Versammlungsrechts abgelehnt. Frauen und volljährige Mädchen, die fortwährend durch ihre Arbeitsleistung Mehrwert hervorbringen, die für andere Wohl- leben schassen, die recht häufig als Ernährerinnen ihrer Familien in Betracht kommen, werden durch diesen famosen Paragraphen mit Kindern und unmündigen Personen auf eine Stufe gestellt. Täglich bestätigen uns persönliche Erfahrungen und auch die Presse, daß dieser Paragraph in fast gemeingefährlicher Weise von einzelnen Beamten gehandhabt wird. Die Aendcrung des Percins- und Versammlungsrechts ist Sache des Landtags. Da gilt es nun zu kämpfen für die Forderung der Sozialdemokratie: Abschaffung aller Gesetze, die die Frauen in ösfcntlichcr und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne benachteiligen. Ebenso großes Interesse dürfte die Mutter an der Gcstal- tung der Volksschule haben, denn w,lche Mutter hegte nicht den sehnlichsten Wunsch, daß ihre Kinder beim Eintritt ins öffcnt- liche Leben so viel Wissen aufgenommen haben, daß sie damit im Leben vorwärts kommen. Wie sieht es aber damit aus? Ter Kopf des Kindes wird in der Volksschule schematisch mit allem möglichen vollgepfropft, leider aber fehlen zumeist die Kenntnisse. die im späteren Leben notwendig gebraucht werden, so daß man auf das junge Menschenkind mit voller Berechtigung das Goethe- wort anwenden kann: „Was man nicht weiß, das eben brauchte man, und was man weiß, kann man nicht brauchen." Schuld an diesem Zustand ist zunächst der Mangcl an Schulen in Preußen und in anderen Bundesstaaten, wodurch an die ein- zelnen Lchrträftc unmenschlich hohe Anforderungen gestellt werden. Wenn 70 bis 80 Schüler auf eine Lehrkraft entfallen, kann von einer individuellen Ausbildung keine Rede sein. Dazu kommt noch die meist jammervolle Besoldung der Lehrkräfte. Es gibt noch eine große Anzahl Lehrer, die ein Gehalt von 900 M. und daruifter beziehen. Da es zum Leben nicht reicht, sind diese Jugcndbildncr gezwungen, noch Nebenbeschäftigung zu suchen. Daß solche Er- scheinungen ungünstig auf die ganze Institution der öffentlichen Jugenderziehung wirken und schwere Anklagen gegen den Staat erheben, braucht nicht besonders betont zu werden. Tic Schule ist den Einzcllandtagcn unterstellt, und daher kann es den Frauen nicht gleichgültig sein, wie sie zusammengesetzt sind, ob Junker und Pfaffen darin die Herrschaft führen oder ob dort freiheitliche Ideen im Interesse der Gcsamtbcvölkerung zur Geltung lommen. Auch die Arbeiterschutzgesctzgeüung muß die Aufmerksamkeit der Frauen wachrufen. Diese Materie ist toohl reichsgcsetzlich gc- regelt, aber die Uebertvachnng der Verordnungen untersteht der Landesgcsctzgcbnng, und da ist es für die Arbeiterinnen und Mütter besonders wertvoll, zu sehen, in welcher Weise die Gewerbe- Inspektion ausgestattet ist nnd in welchem Geiste die Maßnahmen der Gesetzgebung befolgt werden. Alljährlich vergrößert sich die Zahl der Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeiter, in deren Interesse eine wirtsame Arbeiter- schutzgcsctzgcbung liegt. Heute entspricht leider die ganze Arbeiter- schutzgesctzgcbung noch bei weitem nicht den berechtigten Forde- rungen der Arbeiterschaft. Daher gilt cS für das Proletariat: Einzug in das Parlament zu halten, wo derartige Gesetze ge- schmiedet und überwacht werden. Und noch eine lvichtigc Angelegenheit, die häufig geeignet ist, das mütterliche Gefühl zu verletzen, soll nicht unerwähnt bleiben. Die Gesindcordnung, die aus dem Jahre 1854 ftanijsit und eigentlich längst schon in die Rumpelkammer gehörte, hat zum Teil noch heute Gesetzeskraft; und unter solcher Fuchtel seufzen allein die Kinder des Proletariats. Wer erinnerte sich nicht der Zustände in Ostelbicn, wo die Dienstboten(beiderlei Geschlechts) noch mit der Reitpeitsche des gnädigen Herrn Bekanntschaft zu machen Gelegenheit haben. Ist es doch schon vorgekommen, daß junge Mädchen auf den entblößten Körper geschlagen wurden. Aber auch bei städtischen Herrschaften haben die Dienstmädchen nicht selten unter Handgreiflichkeiten der„Gnädigen" zu leiden. Ohrfeigen und Rippenstöße berechtigen nicht zum Verlassen des Dienstes, und sehr selten ziehen solche „Liebenswürdigkeiten" Bestrafung nach sich. Ucbcr alle genannten Einrichtungen beschließt der Landtag. Im Dreiklassenparlament herrscht aber zurzeit unumschränkt die Junkersippe, der Großindustrielle und der Pfaffe. Da eine solche Vertretung ängstlich bemüht ist, nur ihre eigenen Klasseninteressen im Landtage zu wahren, kann von jenem Klee- blatt der„Ordnungsstützcn" nichts Gutes für die Arbeiterklasse hcrauskommcii. Die Tatsache zeigt den Männern und Frauen, daß sie nicht ruhen und rasten dürfen, um für sich das� allgemeine, gleiche. direkte Wahl- und Stimmrecht mit geheimer Stimmenabgabe aller über 20 Jahre alten Reichsangchörigen ohne Unterschied des Gc- schlcchts für alle Wahlen und Abstimmungen zu erobern, damit endlich das Privileg des Geldsacks gestürzt wird und die Stimme des Volkes zur Geltung kommt. l<. Lriefkakten der Kedalition. Adebar 100. Paul Schäfte, Berlin KO. 18, Pallisadenstr. 41. 7?� x-n Durch Befragen von Bekannten und bei einer Prüfung aller Urteile über türkische Ligaretten müsste man sich beinahe von der Unmöglichkeit überzeugen, alle Cigaretten=Raucher zu befriedigen. Allerdings ist es fast unmöglich. Nur die in einer Lebenszeit gesammelten Erfahrungen können dies ganz er« möglichen. JOSETTI CIGARE.TTEN stellen das Resultat langjähriger Versuche dar, dem Geschmack der besten deutschen und ausländischen Kenner gerecht zu werden. Nach einer langen Reihe von Versuchen ist es uns geglückt, eine Anzahl Marken herzustellen, welche den verschiedenen Geschmacksrichtungen angepasst, an Güte den höchsten Anforderungen entsprechen. Alle diese Marken sind sich darin gleich, dass sich bei sämtlichen alle Erfordernisse einer guten Cigarette vereinigen und haben sie sich hierdurch die höchste Gunst des Publikums erworben. Josetti Juno 10 St. 20 Pfg. A/v 7713 •tv/ •*•»*«••«• 5223..t-J — Das Verpacken tOrk»scher Biauertnbakc in : Ballen. Dim aus�ewShUen BiAtter wcrtlen na«h Qualität sortirt und kommen aum Versand iu ffeiicfi. 4 V ,0097 Holz-, Stein-, Gipsbildhauer u. Modelleure! Die Kollegen werden ersucht, die zur Bersendung gelangten persönlichen Fragebogen so bald als möglich ausgefüllt nach dem Bureau, Engcl-Ufer 15, Zimmer 26, zu senden. Fehlende Formulare dort zu haben. 26/2 Am TonnerStag, den 11. Januar, abends 8V, Uhr, im großen Saale des Gewcrkschaftshauses Versammlung. Fortschung der Diskussion über: Die Entwickelung der Gewerkschaften zu Berufsorganisationen und Jndustrieverbändrn. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet und ist jeder Kollege verpflichtet zu erscheinen. IM« AgltntlonHkomtnia.ioncn aller Branchen. ftarmor-Arbeiter. Sonntag, den 14. Januar 1906, vormittag» 10 Uhr: General-Versammlung im(Englischen Garten, Alexanderftrafte!S7c. Tage«. Ordnung: 172/1 t. Vierteljahres- und Jahresabrechnung. 2. Bericht des Vorstandes. I. Neuwahl bei Gesamtvorslandes 4. Gewerlschastlichcs. Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung ist cS Pflicht emeS jeden Kollegen, pünktlich zu erscheinen.___ Der Vor.tnnd. Achtung, Nohrer! Sonntag, den 14. Januar, vormittags 10 Uhr: Mitglieckei'-Verlamwllllig des Vereins der Rohrer Berlins u. Umgegend. Tagesordnung: t. Vortrag. 2. Wahl des zweiten Vorsitzenden, der Fachkommission und dcS Kartclldclcgiertcn. 3. Abrechnung vom vierien Quartal. 4. Vereinsangelegcnheiicn. Zluch werden In der Versammlung die neuen Bücher ausgegeben. 14.1/1 CuHtav KoivnUI. Vorsitzender. von 55992* Carl Ernst, Köpenickerstr. 128, 1 Tr. Grösite Auswahl! villigstc Preise! Vorzeiger dicier Annonce erhält 19 0lö PreiSerinäsiig. falle Sein Satt mit neuen Gänsefedern! Ungerissen mit allen Daunen von 1,39 M. an . gleich süllfertig. 1,75,. Gerissene Federn.., 2,99., Reelle Bedienung! Umtausch gestattet! Paul Paegelov. Bcttfedern-fcicoOliainIlnng BSrtezen, Overbruch Verlag 6. Birk& Co., Mönchen. Neu erschienen: LOerusleiuiDithtuftge SoMfllhrmohratif in Thtorie und|Jr0li$. Preis 1 Mk. Dr. med. G. Zepler: Radi- knlismns und Enktik.£X wort zum ,Vor>värts". 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Januar, nachmittags 3 Uhr, von der 2eichenhalle dcS Geth- seinane° Kirchhofes in Nieder- Schönhauten aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 259/1 Der Vorstand. Am 9. verstarb mein lieber Viann, unser guter eaohn und Bruder, der Bauarbeiter Hermanu Holzkamm. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 14. Jamiar, nach- mittags 3 Ubr, vom Trmierbause Psarrstr. 84 nach dem Gemeinde- 2ichtenbcrg, Krugstegc, 1818b Todes-Anzeige. Allen Freunden, Bekannten und Verwandten die traurige Nachricht, dasi am 9. Januar, vormittags 9 Uhr, nach langen schweren 2cidcn unsere gute Tochter und Schwester Anna Bathe im Zllter von 24 Jahren ver- storben ist. Um stilles Beileid bitten die Eltern Hugo Bathe. Ang/nste Bathe. Hngo Bathe, Bruder. Die Beerdigung findet am Frei- tag. den 12. Januar, nachmittags 2 Uhr, vom Trauerhause. Neu- Lichtenberg, Margarctcnstrafie 9, nach dem Gemeinde- Friedhof, Krugftcge. statt. t815b Rauclikliil„Frohes Lehen". Den Mitgliedern zur Nachricht, daß die E h c s r a u des Bundes- brudcrs .lacob verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet heute, nachmittags 4 Uhr, in A d I c r S< h o sJIatt. 285/9 Der Vorstand. DaukBaguu! png. Beweise ,lür die stinigstcn Beweise der Teil- nabme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, VaterS und Schwieger- vaters, deS Putzers Xugust prütz sagen wir allen Freunden, Bekannten und Kollegen, insbesondere dem Gesangverein der Putzer, den Ke« uosscn des 798. Bezirks, sowie dem Lottericverein.Fortuna 1991* unseren herzlichsten Dank. 1317b Witwe lustine prllw liebst Kindern. Für die innige Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben ManncS und Vaters, des Tischlers Friedrich Thomas sagen wir allen, insbesondere den Kollegen der Firmen Rösickc, Qpper- mann. Zlltendorf sowie der Ehar- lottcnburgcr Tischlerkasfe unseren herzlichsten Dank. Witwe Thomas 57362_ nebst Kind._ Tanksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben ManncS Wilhelm Lehmann sage ich allen Freunden, Bekannten und Verwandten meinen innigsten Tank. Emma Eehmann . 18146 und Kinder. verantwortlicher Redakteur: HanS Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.:TH.Gl»ckr. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruderei u. Verlagsanjialt Paul E-inger& Co.. Berlin SW. Hr. 8. 23. Jahrgang. 2. KcilM Ks JormW Kcrlim WHisdlsIt. Donnerstag, 11. Januar IM. Revolutionsphilifter. Unter diesem Titel schreibt Genosse Mehring in der soeben erschienenen Nummer der„Neuen Zeit": „Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein." Ein solches Wort ist die Phrase von der Re- volutionsromantik, die augenblicklich grassiert, nicht nur in der feudal- oder bürgerlich-reaktionären Presse, sondern ihr gerade apportiert von dieser oder jener Seite, von der man wirklich Ver- nünstigeres hätte erwarten können. Freilich kann man sagen, datz dies Wort auch einen Begriff hat oder doch gehabt hat. Um uns nur auf deutsche Verhältnisse zu beschränken, so gehören zum Beispiel Klopstocks Oden auf die französische Nevolution oder Schillers„Räuber" zur Revolutions- romantik. Sie redeten rein ins Blaue hinein und warfen mit gc- waltigen Phrasen um sich, hinter denen auch nicht die Spur einer greisbaren Wirklichkeit stand. Sie waren nur geeignet, die re- aktionären Scharfmacher zu reizen und alle besonnen-staatsmänni- schen Bestrebungen für eine gründliche Reform an Haupt und Gliedern zu durchkreuzen. Wie tief durchdacht waren dagegen Goethes Urteile über die französische Revolution, wie grundlich fertigte sein„Bürgergeneral" alle unreifen Empörungs- und Tcilungsgelüste abl Eines dabei ist nun freilich wunderbar. Man kann nicht ein- mal die philiströseste Literaturgeschichte aufschlagen, ohne Älopstocks Oden aus die französische Revolution und Schillers„Räuber" ehren- voll erwähnt zu finden, während der„Bürgergeneral" und ähn- licher Gallimathias dem Genius Goethes im günstigsten Falle gerade nur noch verziehen sind. Das historische Urteil hat schließlich eine Macht, der sich selbst der Philister beugt. Aber deshalb hört der Philister nicht auf, Philister zu sein, und der werdenden Geschichte redet er ebenso dummdreist drein, wie er sich schließlich in die gewordene Geschichte fügt. Erweckt heute die russische Re- bolution in den deutschen Zlrbcitermassen eine Begeisterung, wie cinst die französische Revolution in den erlauchtesten Geistern der deutschen Dichtung, so ist ihm das eitel Torheit und Verbrechen, so ist ihm das eine„Revolutionsromantik", vor der sich jeder echte und gerechte Staatsmann dreimal bekreuzigen muß. Tatsächlich steckt in solcher Staatsmänncrei aber nichts als das reine und unverfälschte Philistertum, als die kurzsichtige Spieß- bürgerci, die den Deutschen durch eine dreihundcrtjährige Knecht- schaft eingeprägt worden ist. Unsere klassische Literatur war der erste Versuch, sich aus diesem intellektuellen und moralischen Elend zu erheben, und hätte sie nicht ihre„Revolutionsromantit" gehabt, so würde heute das unbestechliche Urteil der Geschichte lauten: so tief war am Ende des achtzehnten Jahrhunderts die deutsche Nation gesunken, daß nicht einmal ein Funken aus dem Flammenmeere die Revolution in ihr zu zünden vermochte. Nach der Absicht der Philister, die jetzt über die„Rcvolutionsromantil" das Blaue vom Himmel hcruntcrzuredcn versuchen, soll dermaleinst über die deutsche Arbeiterklasse im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts das historische Urteil lauten: Mit vollendeten� Stumpfsinn sah sie dem Hcldenkampf ihrer russischen Brüder zu und hütete sich vor jedem kecken Worte, das die verrottete Bande der Scharsmacher hätte reizen können. Es kann und eS wird dahin ja gewiß nicht kommen. Aber eine häßliche Erscheinung bleibt deshalb doch dies Gefasel von der „Rcvolutionsromantik", das nichts hinter sich hat als ein voll- ständiges Lexikon sämtlicher Philistcrphrasen. Daß deutsche Zu- stände nicht russische Zustände sind, daß man den Kopf nicht an der Mauer einrennen solle, daß Bürgerblut nicht ohne Slot ver- noffen werden dürfe, daß die Hunde, die am lautesten bellen, am t schlechtesten beißen— die beseligende Gewißheit solcher Binsen- tvahrheiten spricht aus den empörten Reden der erhabenen Denker, die von der„Rcvolutionsroniantii" ein für allemal nichts wissen wollen. Daß alle diese Redensarten wie die Faust aufs Auge passen, daß kein Mensch daran denkt, deutsche Zustände mit russischen Zuständen zu verwechseln oder nüt dem Kopse gegen die Mauer zu rennen usw.— kümmert sie weiter nicht. So sinnlose Absichten werden ohne alles Federlesen denen unterstellt, die in der glück- liehen Lage sind, gegenüber einer weltgeschichtlichen Erscheinung, lvie der russischen, noch andere Empfindungen und Gedanken zu haben, als in den leeren Lamentationen des Spießbürgertums ent- halten zu fein pflegen. Irren wir nicht, so war es Lassalle, der einmal sagte, das ganze Unrecht der Philister bestehe darin, recht zu haben. Mit anderen Worten: der Philister vermag nur die platteste Wahrheit zu erkennen, die dem oberflächlichsten Blicke offen liegt, und eben deshalb begreist er niemals den wirklichen Zusammenhang der Dinge, weil dieser Zusammenhang niemals auf der Oberfläche zu finden ist. Er beweist euch mit der dürstigen Weisheit des Ein- maleins, daß man niemals eine stärkere Macht angreifen dürfe, wenn man sich nicht einer Niederlage aussetzen wolle, aber er be- greift nie, er kann und wird nie begreifen, daß damit das Kapitel der revolutionären Strategie und Taktik nicht erschöpft ist. Ge- blendet durch den äußeren Schein der Dinge, fragt er sich nie, ob sich unter diesem äußeren Scheine das wirkliche Machtvcrhältnis nicht völlig umgclvälzt haben kann, sieht er nie ein, daß die re- volusionäre Entladung ebenso die Wirkung, wie die öffentliche Proklamation eines solchen Umschvungcs sein kann. Jede re- volutionärc Erhebung greift eine Macht an, die ihr nach allen äußeren Merkmalen überlegen ist! soll der Grundsatz entscheiden, den die Revoluttonsphilistcr jetzt mit so gewaltigem Pathos predigen, dann wäre es nie zu einer revolutionären Bewegung ge- kommen, dann säßen wir heute noch in den germanischen Ur- Wäldern und äßen Eicheln. Und was ist denn nun an„RebolutionSromantik" in Deutsch- land passiert, um die Revolutionsphilister auf die Schanzen zu rufen? Die deutschen Arbeiter haben ihren russischen Brüdern ihre Sympathie bekundet; sie haben die mächtige Waffe der russischen Revolution, den politischen Massenstreik, einer eingehenden, aber rein theoretischen Betrachtung unterzogen; sie haben in einigen sächsischen Städten gegen den an ihrem Wahlrechte begangenen Raub durch friedliche Straßenkundgebungen demonstriert. Das ist alles, und man könnte danack höchstens nur fragen, ob es genug sei. Aber den Revolutionsphilistern ist es schon viel zu viel. Sie rufen: Stille, stille, kein Geräusch gemacht! Die deutsche Sozial- demokratic soll nach ihnen gar kein Gelüste verraten, auch einmal den Pfad ihrer russischen Brüder zu gehen; sie soll immer nur. zur Besänftigung aller Scharfmacher, erklären: Deutsche Zustände sind keine russischen Zustände; wir denken nicht daran, uns den Kopf an der Mauer zu zerschellen; wir verabscheuen jeden gewalt- samen Aufftand, wir wollen auch nichts vom politischen Massen- streik wissen, bei dem die Arbeiterklasse niemals Seide spinnen kann. Sehen wir selbst von der Würde dieser Taktik ab, so ist es nicht einmal um ihre Pfiffigkeit gut bestellt. Die herrschenden Klassen wissen sehr gut, woran sie mit der deutschen Arbeiterklasse sind, und lassen sich kein Z für ein IT machen. Den neuesten Beweis dafür liefern die empörenden Strafen, die über einzelne Teilnehmer an den Dresdener Straßcnkundgebungen verhängt worden, Strafen. die da» landläufige Gerede von den deutschen Zuständen, die nicht russische Zustände seien, zu einer sehr fragwürdigen Phrase machen, wie denn die Aehnlichkeit dadurch noch wächst, daß gleichzeitig der Gros Pückler für seine Aufforderung, die Juden totzuschlagen und zu berauben, zum Vergnügen einer kurzen Festungshaft begnadigt wird. Aber man kann den Dresdener Richtern nicht bestreiten, daß sie die getreuen Dolmetscher ihrer Klasse sind, und dieser Klassen- justiz durch eine demütig-vorsichtige Taktik ausweichen zu sollen, das wäre nicht nur die entwürdigendste, sondern auch die törichteste piolitik- die der deutschen Arbeiterklasse zugemutet werden könnte. I Würde sie befolgt, so würden die Scharfmacher nicht eher ruhen. ' bis sich das oeutsche Proletariat zu einer völligen Hammelherbe entmannt hätte, und über diese Hammelherbe würden sie dann erst recht ihre Peitsche knallen lassen. Erzogen durch die Lehre großer Denker, hat die deutsche Arbeiterklasse seit vierzig Jahren niemals eine tollkühne Politik getrieben, die mehr aufs Spiel gesetzt hätte, als sich nach reiflicher Erwägung ihrer Interessen rechtfertigen ließ. Es liegt auch nicht der geringste Anlaß zu der Befürchtung vor, daß sie, nachdem sie nunmehr das Schwabenalter hinter sich hat, sich auf politischen Leichtfertigkeiten ertappen lassen wird. Aber deshalb hat sie doch niemals eine Politik getrieben, die aus ängstlicher Vorsicht sich die Gelegenheiten entschlüpfen ließ, die sie ergreifen konnte, um ihre Sache zu fördern. Solche Gelegenheiten warten im Kriege nicht, wie schon Perikles den Athenern auseinandergesetzt hat; sie wollen beim Schöpfe ergriffen sein, und von ihnen gilt das Dichterwort: Was du von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück. Wie wir vor acht Tagen an dieser Stelle ausführten, so gibt es für die deutsche Arbeiterklasse im gegenwärtigen Augenblick keine andere und keine höhere Politik/ als sich zu rüsten, um jeder Lage gewachsen zu sein, die der revolutionäre Lauf der Dinge schaffen mag. Das ist keine„Revolutionsromantik", sondern eS ist die revolutionäre Politik, die, seit dem ersten Tage ihres Daseins, die deutsche Sozialdemokratie getrieben hat. Rcvolutionsromantik im wirk- lichcn, im historischen Sinne des Wortes ist in deutschen Arbeiter- kreisen nirgends zu finden, es sei denn bei den Revolutions- Philistern, die sich, in gemütlicher Abgeschiedenheit von der revolu- tionären Entwickclung der Dinge selbst, eine revolutionäre Macht sammeln wollen, die stark genug sei, um von vornherein jeden Widerstand zu brechen. Diese Politik mag man, wenn man sonst höflich sein will, eine revolutionsromantische Schrulle nennen. Die städtische Verkehrsdeputation beschäftigte sich in ihrer gestrigen Sitzung zunächst mit der dritten Lesung des Vertrages betr. Fortführung der elektrischen Hoch- und Untergrundbahn vom Potsdamer Platz über den Spittelmarkt und den A l e x a n d e r p l a tz bis jenseits des Ringbahnhofs Schön- hauscr Allee. Der Vertrag zerfällt in 3 Teile: den eigentlichen Vertrag, ein Angebot der Hochbahn-Gescllschaft an die Stadtgemcinde Berlin betreffend den Bahncrwcrb und einen Tapsch- und Kaufvertrag zwischen der Stadtgemcinde Berlin und der Hochbahn-Gcsellschaft über ein südlich der Rudolfstraße belegenes Terrain von ungefähr 18 l)(X1 Quadratmeter. Bei mehreren Paragraphen entspannen sich lange und lebhafte Debatten, doch wurden von der Deputation keine größeren Acnderungcn sachlicher Natur mehr genehmigt. Tie beschlossenen Nenderungcn bezwecken nur, die zum Teil sehr schwierigen Be- stimmungen klarer und präziser zu fassen. In der Schlußabstimmung wurden die Verträge mit allen gegen die zwei sozialdemokratischen Stimmen genehmigt und be- schloffen, den städtischen Behörden die Verträge in der nunmehr vorliegenden Fassung zur Annahme zu empfehlen. Die beiden sozialdemokratischen Mitglieder mutzten ihre Zu- stimmung versagen, weil sie die beschlossene Konzession für das ganze neue Unternehmen bis zum Jahre 19 8 7 nicht gewähren konnten. Bekanntlich hatten die städtischen Behörden ursprünglich den Plan, diese wichtigste Schnellbahnverbindung am Potsdamer Platz nach dein Spittelmarkt bezw. dem Alexanderplatz als städtische Bahn auszuführen. Dieser Plan fand aber nicht die Zustimmung der Staatsbehörden, die vielmehr die Ausführung und den Betrieb dieser Strecke der Firma Siemens und Halske bezw. der Rechts- nachsolgerin derselben, der„Gesellschaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen" zuwiesen. Es muß daher anerkannt werden. daß die Stadtgemeinde bezüglich der Fortführung der Babn vom Potsdamer Platz nach dem Spittelmarkt bezw. dem Alexanderplatz sich in einer Zwangslage befindet und suchen mußte, mit der ge- nannten Gesellschaft wegen des Baues und Betriebs dieser Strecke zu einer Verständigung zu gelangen. Keine Veranlassung oder gar Nötigung lag aber für die Deputation vor, der Gesellschaft auch gleich die Strecke Alexanderplatz— Schönhauser Allee zu übertragen und ihr damit das ganze ungeheure Gebiet des Nordens und Ostens Berlins zur wirtschaftlichen Ausnutzung zu überweisen. An diese Strecke ist in den damaligen Verhandlungen mit den Staats- behördcn gar nicht gedacht worden, wie denn auch niemand wird behaupten können, daß diese Linie als Fortsetzung des jetzt schon bestehenden Hochbahn-Unternehmens anzusehen ist. Die Linien vom Alexanderplatz nach Norden und Osten bilden ein ganz neues Ver- kehrsgebict, das die Stadtgemeinde unbedingt sich selber hätte vor- behalten müssen und es wäre ein leichtes gewesen, dem reisenden Publikum durch Anschlutzbetriebe ab Alcxandcrplatz dieselben Be qucmlichkciten zu bieten, wie durch das jetzt konzessionierte Unter nehmen. Die wichtigsten Bestimmungen des Vertrages sind nun die fob genden: Die Bahn wird unter dem Leipzigerplatz und der Voß stratze nach dem Wilhelmsplatz und unter der Mohrenstraße, dem Gendarmenmarkt, der Taubcnstraße, der Niederwallstraße zum Spittelmarkt geführt(1. Teilstrecke). Sie läuft dann unter der Wallstraße bis zur Jnselstratze und nach Unterfahrung der Spree unter der Kloster- und Grunerstraße zum Alexanderplatz(2. Teil strecke). Der Bahnhof Alexanderplatz wird die Möglichkeit des Um steigens an andere cvent. anzugliedernde Untergrundbahnen ge- währen. Vom Alexanderplatz aus wird die Bahn unter der Kaiser Wilhelrnstratze bis zum Schönhauser Tor und von hier aus durch die Schönhauser Zlllee zum Nordring geführt. Bei der Fransecki- stratze steigt die Bahn zur Hochbahn auf und wird als solche bis lsib Meter hinter die Stolpffchestraße ausgeführt(3. Teilstrecke). Die Dauer der städtischen Zustimmung beginnt mit dem Taze der Erteilung der staatlichen Genehmigung und wird ebenso wie die Zustimmung für die bestehende elektrische Hoch- und Untergrund- bahn bis zum S. November 1987 erstreckt. Die Hochbahngesellschaft verpflichtet sich, für die Bahn und alle späteren Erweiterungen, die zur Bahncinheit gehören, ohne vorherige Zustimmung der Stadt- gemeinde keine Anträge auf Ausdehnung der staatsbehördlichen Genehmigung über den b. November 1937 hinaus zu stellen oder den Betrieb über diesen Zeitpunkt hinaus fortzusetzen. Di« Hochbahngesellschaft zahlt während der Dauer der Zu- stimmung alljährlich ein Entgelt, welche? sich von der gesamten jähr- lichen Bruttoeinnahme der Bahn berechnet. Das Entgelt beträgt bei einer jährlichen Bruttoeinnahme bis zu einer Million Mark für das Äahnkilometer 2 Proz. dieser Bruttoeinnahme; bei einer Bruttoeinnahme von 1 bis IV» Millionen Mark für das Bahn- kilometer 2% Proz. u. s. f. steigend. Die Hochbahn-Gesellschaft zahlt außer dem Entgelt an die Stadtgemeinde in denjenigen Jahren, in welchen der Reinertrag der Bahn 6 Proz. des Anlagekapitals übersteigt, öll Proz. des überschießenden Betrages als Gewinnanteil. Die Fertigstellung der Bahn erfolgt in folgenden Zeit- abschnitten: 1. die Bahnstrecke vom Potsdamerplatz bis zum Spittelmarkt ist innerhalb dreier Jahre fertigzustellen; 2. die Strecke vom Spittelmarkt bis Alexanderplatz ist spätestens bis zum Ablauf des Jahres 1912, und 3. diejenige vom Alexanderplatz bis zum Ringbahnhof Schön» hauser Allee spätestens bis zum Ablauf des JahreS 19 IS fertig. zustellen. In dem Falle der Rücknahme der städtischen Zustimmung oder deS Erlöschens der staatsbehördlichcn Genehmigung steht der Stadt- gemeinde das Recht zu, von der Hochbahn-Gesellschaft zum Zweck des eigenen Betriebes die Abtretung aller der Gesellschaft aus der staatlichen Genehmigung zustehenden Rechte zu verlangen dein Angebot betreffend den Bahncrwerb finden sich aus- führliche Bestimmungen über die Grundsätze, welche für den Er- werb der Bahn seitens der Stadtgemcinde und der Gesamtheit der WcgeunterhaltungSpflichtigcn maßgebend sein sollen, des ferneren Bestimmungen über die Fristen für die Ausübung des Erwerbs- rechtes und die Grundsätze zur Ermittelung des ErwcrbSprcises sowie schließlich Bestimmungen über die Rechtsverhältnisse beim Erlöschen der von der Stadtgemeinde erteilten Zustimmung oder beim Aufhören der staatlichen Genehmigung.— Kouftren; der Klaliierarbeiter Deutschlands. Die im Holzarbeiterverband organisierten Klaviermacher hielten zu Zeitz eine Konferenz ab, die besucht war von 38 Delegierten. Die Delegierten bertraten in 26 Orten 16 26S Klavierarbeiter in etwa 389 Betrieben. Im Holzarbeiterverband sind davon 6966 als Mitglieder. Außerdem waren anwesend der 2. Vorsitzende des Holz- arbeiterverbandcs Lcipart, der Redakteur der„Holzarbeiter- Zeitung" Deinhardt und der Gauvorsteher Thiele mann- Chemnitz. Der Verbandsvorsitzende Lcipart begrüßt die Delegierten namens des Vorstandes. Es ist das erstemal, daß die Klavier- macher eine Konferenz im Verbände veranstalten. Früher habe man im Vorstande für die Bestrebungen der einzelnen Branchen in dieser Beziehung keine Freude empfunden, da man darin eine Gefahr für die Geschlossenheit des Gesanitverbandcs fürchtete. Mit dem Wachsen des Verbandes ist man von jener Ansicht abgekommen, der Verband leidet unter der Abhaltung der Branchenkonfercnzcn nicht. Leipart wünscht den Verhandlungen besten Erfolg. Schon im Jahre 1892 hat eine Konferenz von K'lavicrarbeitern in Gera stattgefunden, das Unternehmen ging damals von Lokalorganisicrtcn aus, die vom Verbände nichts wissen wollten. Das ist jetzt anders geworden. Im Jahre 1994 sind im Holzarbeitcrverband bereits 5189 organisiert, 1995 ist diese Zahl bedeutend gewachsen. Es ist aber noch eine große Zahl unorganisiert. Die Aufgaben der Kon- ferenz, die auch hierzu Stellung nehmen soll, seien also sehr große. Ueber die Lohn- und Zlrbcitsverhältnisse der Klavierarbeiter referiert S ch u l z- Leipzig: Trotz aller Aufforderung haben nur 12 Orte Material gesandt, in diesen gibt es 73 Fabriken mit 4364 Beschäftigten, von denen 2392 organisiert sind. Die Lohnverhäl t nisse lassen alles zu wünschen. Es sind Löhne angegeben von 15— 18 M., denen solche von 22—39 M. gegenüberstehen bis zum Höchstlohn von 44 M. in vereinzelten Fällen. Gearbeitet wird zumeist in Akkord; die Sätze für dieselben Akkordarbeiten sind aber nicht nur von Stadt zu Stadt sehr verschieden, sondern sogar schon von Betrieb zu Betrieb. Die Arbeitszeiten sind höchst ungeregelte. Es soll in der Mehr- zahl die 9— 19stündige Arbeitszeit bestehen, in Wirklichkeit ist sie aber viel länger. 15 und 16 Stunden sind gar nicht ungewöhnlich. Ueberstunden sind an der Tagesordnung, besonders von Oktober bis Dezember. Wie die Arbeitszeit, so auch die Behandlung, über die man vielfach zu klagen habe. Nun herrscht in vielen Fabriken der Klavierbranche ein Um- stand, der die Organisation sehr erschwert. Während man in anderen Betrieben die älteren Arbeiter abschiebt, begegnet man in der Klavierbranche sehr vielen Leuten, die 36, 49 und noch mehr Jahre in demselben Betriebe tätig sind und oft schon mehrere Jubiläen gefeiert haben. Die Arbeitsverhältnisse sind also größten- teils stabil, ein Wechsel findet selten statt. Das erschwert die Agitation. Diese Leute, die so fest sitzen, sind selten in den Ver- band zu bringen. Die Leute arbeiten lieber billiger, als daß sie die Arbeit wechseln. In der Klaviaturbranche sind die Verhältnisse ähnliche wie bei den Klaviermachern. Am schlimmsten steht es in der M e ch a n i k e n b r a n ch e. Hier ist bald ausgeschlossen, bessere Verhältnisse zu schaffen. Der Wechsel ist hier ein fortwährender; vielfach werden jugendliche und weibliche Personen beschäftigt. In Leipzig sind z. B. die letzteren zu 59 Proz. vertreten. Die vervollkommnete Arbeitsmethode gestattet. daß jedermann beschäftigt werden kann. Das Organisieren geht hier sehr langsam vor sich. Oft hat man nur 5— 6 Organisierte. selbst in größeren Betrieben. Die Arbeitsverhältnisse sind sehr traurige, die Ausbeutung ist grenzenlos. Löhne in der Höhe von 7 M. pro Woche sind selbst in Leipzig nichts seltenes. Dazu herrscht ein raffiniertes Strafsystem, das die elenden Löhne noch auf jede Art zu kürzen sucht. Alle Feiertage werden selbst bei Wochcnlöhnen abgezogen. Hier muß man vor allen Dingen zu organisieren suchen, so schwer es auch wird, doch ist eine durch- greifende Besserung dieser Verhältnisse nur bei einem allgemeinen Fortschritt der gesamten Ilrbeitcrschaft zu erhoffen.(Beifall.) Vor Beginn der Diskussion erstattet die Äandatsprüfungs- Kommission Bericht. Dabei wird festgestellt, daß aus Berlin zwei Lokalorganisicrte als Gäste sich gemeldet haben. Es folgt die Berichterstattung der Delegierten, welche die vom Referenten gerügten Zustände durch Einzelmatcrial bestätigen. Der Berliner Delegierte berichtet: Es gibt in Berlin 299 Be- triebe mit 6778 Arbeitern. Organisiert sind davon nur 1749 im Verband. Die Statistik ist allerdings nie genau, da von anderen Organisationen sogar dahin gearbeitet wird, daß Fragebogen nicht ausgefüllt werden. Der Fachverein hat die Parole ausgegeben, daß seine Mitglieder unsere Fragebogen nicht ausfüllen dürfen. Es hat da noch eine Vcrmittelung durch die Vertrauensmänner statt- gefunden. In Berlin sind leider noch Tausende indifferent. Für uns kommen in der Hauptsache 129 Klavierfabriken in Betracht mit 8349 Kollegen, von denen 1131 organisiert sind, aber nicht aus- schließlich im Verbände. Man wollte auch in Berlin weibliche Per- soncn einstellen, es hat sich aber nicht als vorteilhaft erwiesen. Be- schäftigt sind nur 23 weibliche Arbeitskräfte. Die Arbeitszeit ist zwischen 51— 54 Stunden, eine Fabrik hat 56 Stunden, einige aber auch unter 51 Stunden. Ueberstunden wurden bis in die letzte Zeit hinein gemacht, jetzt aber weniger, denn wir weigern uns ent- schieden, welche zu machen. Wir sind auch der Ansicht, daß es nicht konsequent ist, Aufschlag für Ueberstunden zu verlangen, da man sie dadurch nur schmackhaft macht. Man soll die Ueberstunden einfach verbieten. 1896 hat in unserer Branche eine allgemeine Lohnbewegung stattgefunden; der Streik ging verloren. Dagegen hat uns der letzte partielle Streik vorwärts gebracht. Diese Be- wegung dauerte 13— 15 Wochen, in einem Betriebe sogar 39 Wochen. In% der Betriebe war der Erfolg ganz oder teilweise, in% nicht. Auch die Zwischenmeisterbctriebe haben wir, sie arbeiten für die großen Fabriken. Es ist das mehr Hausindustrie. Bei ihnen sind teilweise leidliche Verhältnisse durch gute Organisation geschaffen. Wir haben ferner noch 6 Selbstspielapparatc-Fabriken. In diesen ist die Arbeitszeit lang und die Organisation schwach. G e i l i n g- Berlin berichtet für die Klaviaturbranche. ES gibt darin 12 Fabriken mit 413 erwachsenen, 5 jugendlichen und 5 wcib- lichcn Arbeitern. Organisiert sind davon im Verbände 138, in anderen Organisationen 96, insgesamt 234 Personen. Es ist nur Akkordarbeit üblich. Die Arbeitszeit beträgt 59 Stunden im Durch- schnitt. Bei Einführung des Galalith an Stelle des Elfenbeins wurde eine Zeitlang weniger verdient, bis man sich hineingearbeitet hatte. Jetzt werden die alten Löhne wieder erreicht.» Haupt. Berlin vertritt die Mechanikenbrauche. ES gibt in Berlin 11 Betriebe mit 1699 Arbeitern, nur 349 sind organisiert im Verbände. Hier sind beschäftigt 699 weibliche und 37 jugend- liche Arbeiter. Die Arbeitszeit ist im Durchschnitt 53!4 Stunden. der Durchschnittslohn für männliche Erwachsene beträgt 23,49 M., für weibliche 19,69 M. Der letzte Streik hat etwas Nutzen gebracht. Man versucht aber, möglichst die männlichen Arbeiter zu verdrängen und jugendliche und weibliche Personen an ihre Stelle zu bringen. Sogar an die gefährlichsten Maschinen stellt mau schwache, unbrauchbare Leute, Die Organisation ist schwer einzu, führen. Viele scheuen sich, die allergeringsten Angaben zu machen. Für verlangte Ucberstundcn wurden aber doch 25 und 50 Proz. Aufschlag verlangt, da liehen die Fabrikanten keine machen. lRufc: So wollen wir es ja!) Redner verbreitet sich noch über die Art der Arbeit an den automatischen Tourenmaschincn, die den Arbeiter vollständig zum stumpfsinnigen Sklaven machen. � Schulz- Leipzig betont in seinem Schlußwort, daß sein Referat ganz anders ausgefallen wäre, wenn man ihm das 5t>!atcrial überliefert haben würde, das in der Diskussion zutage getreten sei. Jedenfalls würde eine zu wählende Kommission mehr schaffen können. Es folgt die B c r a t u n g der A n t r ä g c, die zum l. Punkt gestellt sind. Nach sehr lebhaft geführter Debatte werden folgende Anträge a n g e n o m m e n: 1. Antrag Hannover: Die Konferenz beschließt, in Zukunft Mittel und Wege zu suchen, um die Akkordarbeit abzu- schaffen oder die Beseitigung der Schäden derselben durch Akkordtarife anzustreben. Es soll darauf hingewirkt werden, daß Lohn und Arbeitszeit überall möglichst einheitlich gestaltet werden, um auf diese Weise der Schmuhkonkurrenz Einhalt zu tun. Zu dem gleichen Zweck verpflichtet die Konferenz alle Kollegen, mit vereinten Kräften in die Agitation einzutreten, um die unorgani- sieden Kollegen aufzurütteln und sie der Organisation zuzuführen. 2. Antrag Hannover und Hamburg: Tie Kon- ferenz verpflichtet alle Kollegen, ein ganz besonderes Augenmerk auf die Ueberstunden zu richten und nach Möglichkeit dahin zu wirken, daß dieselben beseitigt werden. In ganz dringenden Fällen dürfen Ueberstunden nur gegen einen entsprechenden Lohn- Anschlag geleistet werden. Wo die Ueberzeitarbcit länger als eine Woche dauert, ist die Einwilligung der Zahlstcllenvcrwaltung ein- zuholcn. 3. Antrag Berlin: Die Konferenz steht auf dem Stand- Punkt: Es mutz überall da, wo es noch nicht besteht, hingewirkt werden, daß die wöchentliche Abschlagszahlung dem im Akkord er- zielten Verdienst entspricht. 4. Antrag S t u t t g a r t: Es ist dahin zu wirken, daß jedem Arbeiter der den Verhältnissen entsprechende Lohn garantiert wird. Des weiteren beantragt die Zahlstelle Stuttgart, Er- bedungen anzustellen über das Zwischcnmcistersbftcm, das der Selbständigkeit und dem Vorwärtskommen der Arbeiter bezüglich der Lohnvcrhältnissc höchst hinderlich ist. Die Konferenz soll dahin arbeiten, daß auch mit diesem unwürdigen, nicht mehr der Zeit entsprechenden Verhältnis aufgeräumt wird. Am zweiten Konferenztagc referierte S i ck f e l d- Berlin über: Stellung zur Unternehnrerorganisation; wie betreiben wir die Organisation in unserer Branche. Redner geht auf die Mißstände, die sich in der Piano- fortebranche eingenistet haben, eingehend ein und bespricht dieselben einzeln und eingehend. Wie soll nun gearbeitet werden, damit es besser werde. Neues läßt sich da nicht vorschlagen, es müssen viel- mehr die alten Agitatiousmittcl nur mehr gebraucht werden. Zu empfehlen sind da die Hausagitation, das Vertrauensmännersystcm, die regelmäßigen Sitzungen mit diesen, die Werkstattvcrsammlungen, die Sektionsbildungen, wo sie nötig sind. Wenn alle diese Ein- richtungen gehörig benutzt werden, dann schaffen sie unendlich viel Gutes. Vor allem ist aber die Einsetzung einer Zcntralkommission erforderlich, die alle Fäden unter den Kollegen in der Hand hat. Was die Arbeitgeber anbetrifft, so wird oft behauptet, die Klavier- arbciter ständen zu ihnen in im besseren- Verhältnis wie andere Arbeiter zu ihren Arbeitgebern. Das ist grundfalsch und die Kämpfe, die mit den Scharfmachern in der Pianofortebranche geführt sind, haben das Gegenteil bewiesen. Wir müssen eine starke Organisation schaffen, die der der Arbeitgeber gewachsen ist. Redner hofft, daß die Zersplitterung unter den Arbeitern keine größere Dimensionen annehmen, sondern eingestellt wird zum Nutzen der Arbeiter selbst. lLebhaftcr Beifall.) In der Diskussion führt u. a. De inHardt aus: Mit der Organisation sieht es noch schlecht aus. Wir haben es mit 20 bis 21 000 Arbeitern zu tun, von denen höchstens 7g00 organisiert sind. Sind die alten nicht zugänglich, dann muß bei den anderen Ar- bcitcrn und Arbeiterinnen die Agitation einsetzen. Es wird eine Aoschüre über die Pianofortebranche erscheinen; die soll jedem in die Hand gegeben werden. Von den Bau- und Möbeltischlern weiß'man, daß sie bestrebt sind, vorwärts zu kommen. Es ist des- halb auch zu erwarten, daß mit der Zeit die unzufriedenen Elemente in die Klavierfabriken kommen, wcvn dort neue Kräfte gebraucht werden. Die Unternehmer in den Pianofortcfabrikcn sind die scharfmacherischsten in der Holzdranche; die treiben selber» zu Konflikten. Man braucht nur an die Kommerzienräte Schied- meyer und Späthc zu erinnern; die sorgen schon durch ihr Verhalten dafür, daß über kurz oder lang der letzte Klavier- macher in den Verband kommt. Auch die Aussperrungen nutzen uns; sie klären die Arbeiter auf und treiben sie in hellen Haufen in die Organisationen. Ein trüber Punkt ist allerdings die Lokalorganisation. Nicht an sich ist es trübe, daß es noch eine andere Organisation gibt. sondern es ist bedauerlich, daß diese Organisation uns Knüttel in den Weg wirft. Jedenfalls wird aber die Arbeiterschaft auch in dieser Beziehung nachdenklicher und kommt dann in die Ver- bände. Bauen wir also mit allen Kräften unseren Verband aus; dann kommen wir vorwärts. Leopold- Berlin stellt durch einen verlesenen Artikel fest, wie gering die Unternehmer über Tarifabmachungen denken. Hier setzt kein Staatsanwalt ein, trotzdem der Terrorismus der Unter- nehmcr klar zutage liegt. Allerdings sind auch die Unternehmer unter sich selbst nicht einig. Ihren Arbeitsnachweis in Berlin hat nur ein Unternehmer benutzt: Bcchstein.«schließlich hat auch er seinen Meistern den Auftrag gegeben, sich die Leute herzunehmen, von wo sie zu bekommen sind. Was die beantragte Zentralkommission anbetrifft, so führt L e i p a r t noch aus, der Vorstand habe auch dazu Stellung ge- nommen. Er ist nicht gegen die Bildung der Kommission, aber er stellt die Bedingung, daß die Geschlossenheit des Verbandes nicht dadurch beeinträchtigt wird, und daß die Kommission sich stets erinnert, daß sie zu allen Unternehmungen immer das Einvcrständ- nis des Vorstandes einholen muß. Die Leitung kann nur der Verbandsvorstand haben. Bei den Scktionsbildungcn soll das Ver- bandslcben nicht leiden, die üblichen Verbandsvcrsammlungcn sollen immer besucht werden. Redner hofft, daß die Erwartungen, die auf diese Konferenz gesetzt sind, sich auch erfüllen. Die Konferenz soll nicht Selbstzweck sein, fondern Mittel zum Zweck. Die Agitation soll neu beginnen und fördern, und jeder soll die Verpflichtung mit sich nehmen, mit allen Kräften unermüdlich zu agitieren. Nach dem Schlußwort S i ck f e l d s werden die zu diesem Punkt gestellten Anträge diskutiert. Angenommen werden die folgenden: Antrag Dresden: In Erwägung, daß die Unternehmer der Musikindustrie sich immer enger in Vereine und Industrie- verbände zur Bekämpfung unserer Organisation, sowie der sich notwendig machenden Forderungen betreffs Verbesserungen der Ar- beits- und Lohnverhältnisse zusammenschließen; In weiterer Erwägung, daß die Kollegen der Klavierbranche keine derartige geschlossene und gut geschulte Masse darstellen, als es zur Erringung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen erfordcr- lich ist, beantragen die Klavierarbeiter Dresdens: die Konferenz wolle für ganz Deutschland eine Zentralkommission wählen, deren Aufgabe es sein muß, eine enge Verbindung der Musikinstru- mentenbranche herzustellen, die Agitation zu überwachen und durch Material zu unterstützen; eventuell auch dort, wo ein Fortschritt nicht zu verzeichnen ist. direkt oder indirekt das Nötige zu ver- anlassen. Damit die Zcntralkommission fortgesetzt über den Stand und den Fortschritt der Organisation innerhalb unserer Branche unter- richtet ist, sind die Vertrauensmänner resp. die Scktionsleitungen verpflichtet, am Schluß eines jeden Quartals Bericht über die Zahl der Beschäftigten sowie der Organisierten einzusenden. Ebenso ist über eventuelle Lohnbewegungen oder sonstige wichtige Vorkomm- nisse sofort zu berichten. Das gesammelte Material ist von der Zentralkommission in geeigneter Weise zu verarbeiten und den Vertrauensleuten resp. Sektionsleitungen als Agitationsmaterial zuzustellen. Damit die Agitation sowie die obigen Bestimmungen in Bezug auf die Be- richte an die Zentralkommission in Zukunft recht eifrig und exakt durchgeführt werden, sind die organisierten Klavicrarbeiter in den einzelnen Zahlstellen verpflichtet, Sektionsleitungen oder Ver- traucnsmänncr zu wählen, deren Adresse sofort nach der Wahl der Zcntralkommission mitgeteilt werden muß. Die Wahl der Zcntralkommission erfolgt durch die Branchen- Versammlung derjenigen Zahlstelle, die von der Konferenz als Por- ort bezeichnet wird. Tie durch die Tätigkeit der Kommission ent- stehenden Kosten und Ausgaben sind von der Hauptkasse zu decken. Antrag 2: Bei Einführung von neuem Belegmaterial swie jetzt das künstliche Elfenbein, genannt Galalith) sind die betreffen- den Arbeiten bis auf weiteres in Lohn zu machen. Nachdem die Kollegen von den Vorteilen und Nachteilen der Masse unterrichtet sind und die Zeit kennen, die zur Verarbeitung derselben not- wendig ist. haben sie sofort Bericht an die Zcntralkommission zu er- statten, die dann nach überall einen einheitlichen Akkordsatz vor- zuschlagen hat. Antrag Berlin: Die Konferenz verpflichtet die Kollegen, an allen Orten, wo Mcchanikfabriken bestehen, besonders energische Organisationstätigkeit zu entfalten. Die Kollegen sollen besonders auf das schädliche und geistcstötcnde Akkordunwescn an den auto- matischcn Maschinen(sogen. Tourenmaschincn) aufmerksam ge- macht werden. Abgelehnt wurde ein Antrag, der die Schaffung eines Zcn- tralarbeitsnachwciscs verlangt. Dabei wurde ausgeführt, daß man überall örtliche Arbeitsnachweise von der Zahlstelle aus einrichten soll. Die Unternehmer müssen veranlaßt werden, dieselben zu benutzen. Eine Broschüre über die Lage der Klavicrarbeiter soll später allen Kollegen in genügender Anzahl zur Verfügung gestellt werden. Als Vorort für die Zentralkommission werden Leipzig, Berlin, Dresden und Hamburg vorgeschlagen. Leih- z i g und Dresden lehnen ab. Bei der Abstimmung erhält Berlin 14, Hamburg 21 Stimmen, letzterer Ort ist also als Sitz der Kommission bestimmt. Versammlungen. Mafircgelungcn in de» Strafienliahn-Hauptwcrkslättcn(Bad- und Uferstraße) beschäftigten am Dienstag in den Räumen des Bernhard Rosc-Theaiers eine Versammlung der Arbeiter dieses Betriebes. Bekanntlich gelten die Werkstätten der Großen Berliner Straßenbahn schon seil langem als die schlechtesten Arbeitsplätze Berlins für Metallarbeiter, Lackierer usw. Nur dem starken Zuzug dieser Arbeitcrkatcgorien aus der Provinz nach der Hauptstadt und dem dadurch bedingten großen Angebot von Arbeitskräften verdankt es die Große Berliner, daß sie für ihre Werkstätten unter den daselbst herrschenden miserablen Lohn- und Arbeitsverhältnissen noch immer die genügende Anzahl Arbeiter bekommt. Und diesen Umstand machen sich die Werkstättcnvorstcher denn auch nach Kräften zu Nutze, um die Arbeiter in einem Abhängigkeitsverhältnis zu er» halten, wie man es sonst nur selten in Berlin findet. Selbst in den Staatsbetrieben herrscht nicht eine solche Furcht der Arbeiter vor ihren Vorgesetzten wie hier. Vor zwei Jahren kam es in diesen Werkstätten wegen der elenden Löhne und der schlechten Behandlung ja zu einem Streik, der jedoch infolge der ungenügenden Organi- faticrn der Arbeiter verloren ging. Seitdem ist es in dem Betriebe noch schlechter geworden, als es vorher schon war. Tie Betriebs- lcitung hat es meisterhaft verstanden, das Gros der damals an- geworbenen Arbeitswilligen in ständiger Furcht vor Entlassung zu halten. Eine Lohnreduktion folgte der anderen. Sobald aber aus der oder jener Abteilung sich einer ein Herz faßte und untertänig um eine Lohnzulagc bat, drohte die Lcitung mit Entlassung. Um diesen Drohungen auch den nötigen Nachdruck zu verleihen, wurden zeitweise reichlich neue Leute eingestellt, und dann folgten plötzlich haufenweise Entlassungen aus denjenigen Abteilungen, wo die Unzufriedenheit am größten erschien. Natürlich hielt man sich stets einen Stamm von willfährigen Elementen, die als Mitglieder des sogenannten„Aschervereins" etwas bevorzugt wurden und dann auf die übrigen Arbeiter einwirken sollten, doch um Himmelswillen nicht einer Gewerkschaftsorganisation beizutreten, weil diese„oben" nicht gern gesehen sei. In letzter Zeit lernten aber auch die früheren Arbeitswilligen einschen, daß, wenn sie sich auch noch so lammfromm benahmen, sie doch niemals samt und sonders„Bevor- zugte" werden können. Stets hieß es, wenn dies und jenes Quantum Arbeit nicht fertiggestellt wird, erfolgen Entlassungen. Bitten um Aufbesserung der Löhne wurden abgelehnt mit dem geistvollen Hin- weis darauf, daß, wenn die Arbeiter mehr Lohn bekämen, sie auch so viel Steuern mehr zu bezahlen hätten, und was derartiger Mätzchen mehr sind. So kam es dann, daß sich die allgemeine Unzufriedenheit der Arbeiter bei der Delcgiertenwahl zur Bctriebskrankenkasse in einer für die Werks- lcitung nicht erwarteten Weise äußerte. Zu diesen Wahlen hatten die„Bevorzugten" der Direktion eine Kandidatenliste aufgestellt, in der sicbcrcn Hoffnung, daß dieselbe glatt gewählt werde. Doch auch die Organisationen der Metallarbeiter und Lackierer präsen- tierten eine Liste. Und nun trat das Unerwartete ein: Die Verbandskandidaten wurden gewählt, und die Direktionskandidaten unterlagen. Dieses Wahl- ergebnis fiel der Betriebsleitung schwer auf die Nieren; hatte sie doch geglaubt, durch ihre einschüchternden Maßnahmen nach dem verloren gegangenen Streik jedes Sympatisieren„ihrer" Arbeiter mit den gehaßten Organisationen ein für allemal ausgerottet zu haben. Sie pflog daher weisen Rats, wie der drohende Geist der Unzufriedenheit jetzt am besten zu bannen sei. Das Resultat war, daß sie sämtliche 12 Delegierten und 3 Ersatz- männcr einfach entließ. Dabei verfuhr sie auf folgende Weise: Es ist in dem Betriebe„Usus", daß die Krankenkassen- delegierten gleichzeitig den Arbeiterausschuß bilden. Hierzu wählen. die Delegierten aus sich einen Unterausschuß von vier Mann. Diese vier Mann ließ nun der Bctricbsvorsteher zu sich kommen und erklärte ihnen kurz und bündig, daß er sie nicht anerkenne, und um jede weitere Opposition unmöglich zu machen, gab er ihnen ihre Entlassung. Zum Hohn der übrigen Arbeiter und als beredtes Wahrzeichen dafür, was der Großen Berliner das ihren An» gestellten„garantierte" freie Wahlrecht gilt, ernannte der.Herr dann aus den Reihen seiner getreuen„Bevorzugten" so viel Aus- schußmitglieder, wie ihm paßten. Natürlich war die Masse der Arbeiter und besonders die organisierten mit einem derartig selbst- herrlichen Vorgehen nicht einverstanden. Sic beschlossen Protest zu erheben und verbreiteten zu diesem Zweck Handzettel, mittelst deren sie zu der am Dienstag anberaumten Versammlung einluden. Als nun der Herr Betriebsvorsteher ebenfalls einen solchen Handzettel zu Gesicht bekam, wußte er seiner Wut keinen besseren Ausdruck zu verleihen, als daß er am Montag auch die übrigen 8 Delegierten und 3 Ersatzmänner entließ. So also achtet die Große Berliner das Koalitionsrecht ihrer Arbeiter! Und das. obwohl der Herr Direktor Micke erst jüngst in derber- trauensmännerkonfercnz der Angestellten wiederholt ausdrücklich be- tonte, von der Direktion werde niemandem wegen seiner Organisationszugehörigkeit etwas in den Weg gelegt, denn keinem sei es zu verargen, wenn er im Anschluß an eine Arbcitervercinigung seine Lebenslage zu verbessern suche. In der Versammlung wurde überdies festgestellt, daß auch bereits einige Delegierte aus dem Fahrpcrsonal auf ähnliche Art gemaßregelt worden sind. Die Anwesenden waren sich darin einig. daß in diesem rigorosen Vorgehen gewissermaßen der Anfang zu einem größeren Vorstoß gegen die Organisation der Arbeiter und Angestellten zu erblicken sei und legten es in die Hand der Organisationsleitungen. rechtzeitig entsprechende Gegenmaß- nahmen vorzubereiten. Vielleicht wird die Große Berliner von einem Streik überrascht, ehe sie es ahnt; denn Druck erzeugt natur- gemäß Gegendruck._ Arbciter-Inmaritcr Kolonne. Heute abend 9 Uhr: in. Abteilung in Schöueberg bei Obst, Mciningerstratzc 8. Vortrag des Zahntechnikers .»'•»mit Gedicke über Zahn- und ZSiindlranIheiteu. Gäste willkommen. Neue Mitglieder können jederzeit eintreten, ttinschrcibegeld'25 Ps. Monatsbeilrag 25 Pf. Bibliolhel steht den Mitgliedern zur Verfügung. Auf Veronlafsung des Deutschen Beretns für Volkshygicne, Ortsgruppe Berlin e. V.. spricht Freitag, den 12. Januar, abends 8 Uhr, im Bürgersaale des Rathauses Herr Geh. Medizinalrat Proscssor Dr. Orth über„Entstehung und Verhütung der Tuberkulose". Der Zutritt steht jedermann unentgeltlich frei. Für de» Jnlial« der Jnicrate «berniumt die Redattto» dein Pnblitiim gegciinlier keinerlei Veraiitworrnng. Ukearer. D o n c r S t a g, lt. Januar. Ansang VI, Uhr: Opernhaus. Tristan und Isolde. Ansang 7 Uhr. Schanspiethaus. Ghges und sein Ring. Neneö Opern- Theater. Ge- schlössen. Dentsches. Der Kausnian» von Venedig. berliner. Der Meincidbauer. Neues. Ein SommcrnachlSwaum. Ansaiig 8 Uhr: Schüpeiilicsel. Die ZiMldcntc. O.(Wallner-Thealer.) Lesten. Hessing. Schiller Hans. Schiller As.(Friedrich Wilhelm- slädlilches Thcaler). Zivei glück- liche Tage. Kleines. Ghetto. iomiiche Oper. HossnurnnS Er- zähltingcn. -reiidenz. Der Prinzgemahl. frfniiuii. Die Wettersahne. �„stspielhaus. Der Weg zur Hölle. thalia. Bis früh um Fünfe. �arl BSeiss. Die lebende Brücke aus Kuba. Zentral. Der Zigcuncrbaron. »uiic». Der Goldbauer. Den tsch-Aiiicri konisches. Er mid Ich. Nctropol. Aus Ins Metropol. afino. Die goldene Brücke. «pollo. Prinzeß Rosine. Speziali- täten. Herrnfeld. Familientag im Hause Prellstein. Wintergarten. Spezialitäten. Belle-Alliauce. Spezialitäten. Walhalla. Nach merun. Folie» Gaprice. Otto Reutler.— Der grüne Teufel. Afrika, nach Ka- ____ Soll und Haben. Nach dem Zapfenstreich. Reichshallcu. Steltiner Sänger. Passage. Spezialitäten. Ilniiiin. Taiideiistraste 4S/4!>. Abends 8 Nbr: Am Golf von Neapel. Im Hörsaal um ki Uhr: Dr. Thesiug: Die Entwickeluug der AbstammuiigSIebre.._ Sternwarte, gnoalidenstr. 157/62. Täglich geöstnei von 7 bis 1 Uhr. Berliner Thealer. Z n m c r st e n mal: Oer /Neineiäb3uer. Ansang 7st. U h r. Freitag: lllllos Blut. Sonnabend Gastspiel der Oper des Theater des Westens: Der OpemdsII. Sonntag nachm. 21,1, Uhr: Hamlet. Abends'?'/, Uhr Gastspiel der Oper des Theater des Westens: Die ssleöer- Heues Thealer. Ansang VI, Uhr. Ein Scnuneniachtslrautn. Freitag: Liebesleute(Araants). Sonnabend, Sonntag: Ein Sommernachistraum. Kleines Theater. Abends 8 Uhr: tIZ liaHa. Freitag: Ghetto. ZentralTheater (Operette). 8 Uhr: Zigeunerbaron. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr; Der Goldbauer. Freitag z. erstenmal: Die lustigen Weiber von Windsar. Sonnabend: Die lustigen Weiber von Windsor. Som:tag nachm.: Die Waise nuS Lowood. Abends: Die lustigen Weiber von Windsor. Montagl Der Kausmann v. Venedig. ft-ustspasAhaus. Abend? 8 Uhr: Stl iürg m We. W. Noacks Theater. Direktion: Hob. Dill, Brumienstr. 16. Sxtra-Elite-Borstcllong. Zum erstenmal:. Der Lßilst' vom LiniamstM Ländliches Charaktergemälde in 4 Akten von Wexcl. Ans. 8 Uhr. Cn tue 30 Ps. Ball. Melronol-Theater !i Anfang 8 Uhr. Grolle Jnhrcsrevue mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Hauchen in all. Räumen gestattet. Nach Afrika nach Kamerun! AuSst-Possc mit Ges. u.Tanz in 6Bild. A»s. 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. FoSies CapHce. Budapestcr Lossen Idealer 132 Linierstr. 132, Ecke Friedrichstr. Zum 116. Male: Xach dem Zapfenstreich. Vorher:.8ell und Ifaben u. d. ausgezcichiicic �pezialitätenleil. änlsng S Uhr. Borverk. tägl. l>. WerUieim u. oh der Theaterkasse r. 10 Uhr vormittags an. In Vorbereitung: Der geherne. Carl Wein-Thealer. (8c. Frauksurterstr. 132. Täglich abends 8 Uhr Die lebende Brück« anf Kuba. Sensationelles amerik. AusstattungS- stück mit Ges. in Ballett in 7 Bildern von James Fop. Sonnabend nachm. 4 Uhr Kinder- Vorstellung, kl. Pr.: Hantel u. Grete). Komische Oper. Friedrichstr. 104/ 104a. Donnerstag, 11. Jan., abends 8 Uhr: Hcffmanns Erzählungen. Freitag: Hoffmanns Erzählungen. Sonnabend: Die Bohömo. Soiintna nachmittag 3 Uhr bei er« mätzigten Preisen: Die Behdme. Abends 8 Uhr: Hotfmaim Erzählungen. ögikcHMaraes Theater. Käpenickerslr 67,63. Jod. Abd. 8 Uhr: itrsr Gastsoiel Ad. Philipn.-4S»|D BsirlMMSM tJonnoag iiacuimctag 3 Uhr: Halbe Preise! „Ucber'n großen Teich". Trianon=Theater. Ansang 8 Uhr. Die Wetterfahne. Senntag nachm.: Die berde Frucht. KasinosTheater Lothringrrftr. 37. Täglich 8 Uhr. Tie goldene Brücke. Schauspiel in 3 Akt. v. R. Skowronncck. Im Neuen Theater z. Z. m. lensation. Ersolg gegeben! Vorher: Das drill, duale Programm. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Das Opferlamm. Stadt-Tlieater Moabit Alt-Moabit 47/49. Heute Donnerstag, den 14. Januar: Gastspiel des Bernh. Rose-Theatcre UrieS Acosta. Trauerspiel in 5 Ausz. v. K. Gutzloio. Ans. 3 Uhr. Kassencröffiiung 7 Uhr. Preise der Pläbc: Entrce 30 Pf., numerierter Pl. 50 Ps. Vorzugslarten haben Gültigkeit. Voranzeige I Sonntag, 14. Januar: Berliner Drescbkenkuts�ber. Sanssouci. Sonnt. Mont., Donnerst.: lloiTmanns Norddeutsche Sänger und Tanzkränzclien. Sonnt. Bz.b.TockieiitRUhc Dienstag und Mittwoch: Viienter-�bcnde. Gasttp. d. LSwe-Ensombles. Anw. s. d. gr.Theatersaal u. d. kleineren Säle zur nächst. Saison werden schon jetzt entgegengenommen. Variete Eiysium Kominandantcnatraße 3/4. Um 9'/, Uhr: Austreten des berühmten Stegreifdichters Paul SteinitT. Urania SSSSK Abends 8 Uhr: Am Golf von Neapel. Hörsaal Dr. T h e s i n g: Die Ent- wickelung der Abstammungslehre. Sternwarte!nvalid8n- str. 57/62. Schiller- Schiller-Theater 0.(Wallner-Theater). Donnerstag, abendS8 Uhr: Hans. Drama in 3 Zluiz. von Max Dreher. Freitag, abends 8 Uhr: Xwci glückliche Tage. Sonnabend, a b e» d s 8 U h r: Ceber unsere Kraft. �.WWWWWWWW� Lekiller-Iheater tt.(Zriedr.-WilH. Th. DonnerStag.abendS8Uhr: � lL«ei glückliche Vage. Schwant in 4 Akten von Franz v. SchöntHan und Gustav Kadelburg. Freitag, a b e n d s 8 U h r: Hans. Sonnabend, abend» 8 Uhr: Hans. Ztbends 8 Uhr: Prinzeft Hieraus: Die erstklassigen Spezialitäten mit Xstentuims Xigashi Meister der Selbstverteidigungslehre Sonntag nachm. 3 Uhr: Berliner Luft und Spezialitäten. kreis Volksbiilme. Sonnabend, den 13. Januar, abends 9 I hr, im Gewerkschaft-shause: Ordner-Sitznng. Sonntag, 14. Jannar 1006. Anfang 81/. Uhr: Metropol-Theater. Carl Weiß-Theater, 5.16. Abteilung. l4./1S. Abteilung «m« Auspliitry on Msriü und X r Ja JL Ja• j Die Frage an das Magdalene. Schicksal. 12. Kunst-Hbend im Rathaus den 16. Jannar, abends 8'/. Uhr: Mozart. «>ff um r.- HeiT Kapellmeister 6«1 11 dg Albert Ritter. . Herr Benno Schuch. , Herr Heinz Beyer. > Frau Johanna Richter-Burchardt. . Herr Kapellmeister Hochapfel. Billetts a 30 Pf. in den bekannten neun Zahlstellen. 228/2 Der Torstand. I.A.: 6. Winkler. cusiat Palast-Theater a*, b. t%A o cm;..», enr, Behrens SpezialitäteD- Theater Frankfurter- Allee 85. Vollständig neues Januar-Programm. "| Willy Fernando, der berühmte Doppel-.stunftbläser. 8r. Ginley mit seinem Wunderhund. Eier-Wally. Posse mit Gesang. 25 Slife-SpeziaUtäten. Burgstr. 24, 2Mili. v.Bb.Börse. Heute 8 Uhr. Entree SO Ps. Benefiz für den Regisseur Hang Reitz. Mit bes. Erlaubnis de�r tgl. Intendanz: Lustspiel in 4 Akten von F. Stahl. Rebus, Bankier... Dir. Winkler. Dr. Müller.... HanS Reitz. Dazu: Das� jHesen-Jannar-frogratnin. Di- 3 Härders, Ä™, ehemal. Mitgl. d. Hegelmann-Tnippe. Hach d. Vorst.: Tanz ohne Nachz. Sciiöneberger Wintergarten Goltzsirage 9. Täglich Theater- und Speziali- tätenvoritellung. Sonntags 2 Vorstellungen. Nachmittags 4 Uhr zu halben Preisen. Jede erwachsene Person hat ein Kind srei.— Abends 7>/zUhr Grof/e Gala- Vorstellung.' Tie Tirektion. Horltzplatz. Täglich � in den unteren Sälen � Gottschalk-Konzert. 2. Ziehung I. KI. 214. Kgl. Preuss. Lotterie. Ziehung vom 10. Januar 1906, Tormittags Kur die Gewinne über SO Mark sind den betreffenden Nummern In Klammern beigefügt. (Ohne Gewähr.) Nachdruck verboten. 117 80 361 438 639 763 1 040 434 902 2161 287 327 1100] 88 1500] 449 502 787 864 3031 1100 1 69 139 542 4099 164 449 521 905 5230 33 43 651 746 6345 74 403 6 748|100| 7651 615 736 90 827 63 8038 41 169 79 260 1100] 65 586 621 88 846 9264 380 1300 1 442 525 640 827 918 28 10250 671 834 42 1100] 57 11217 94 638 1 2141 202 517 77 636 775 894 1 3273 86 365 488 756 14205 340 666 78 777 810 92 95 1 5434 517 618 845 1 6629 17072 HO 338 70 504 13 834 916 56 1 8101 37 290 779 974 1 9686 904 16 20142 443[100] 548 848 2 1 059 186 416 42 503 818 1200] 21 22134 52 609 86 779 849[4001 23023 205 406 27 1 400 1 545 757 89 947 2 4021 606 817 79 935 81. 25069 114 86 307 417 507 21 69 602 907 81 2t 39 378 405 562 906 83 27133 327 548 765 899 28151 330 86 400 529 31 651 830 63 1100] 926 72 [1001 29204 40 507 689 836 67 30217 301 523 63 31154 72 225 429 66 751 949 3 2358 11001 59 431 40 ,600 765 3 3086 143 205 315 62 72 587 673 92 871 909 3 4035 59 129 91[100] 249 539 688 1200] 703 18 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Mts., abends präzise T/s Uhr: Elite-Abend. Gala-Programm. H.a.: Sensationeile Äovltttt! Stürza- Golem- Truppe as«r- 9 Personen.-iWfZ Phänomenale, hier noch nie gesehene Leistungen.— Ferner: Tie groft- artigen Januar- Spezialitäten. Zum Schluß: Allabendlich stürmischer Beijall! llie dissjähriga große Ausstatlungs- in 7 Abteilungen; Pemina, das neue Jrauonreieh. Entworfen und aus das glänzendste inszeniert vom Dir. Aid. Schumann. Besonders hervorzuheben: Im 3. Akt: Im Palast der Präsidentin. Im 5. Akt: Gas Lporttest der Ganisn.— Ferner; Die märchenhaft schöne Schluß- Apotheose! Otto Reutten. Kiein-Familie, Kunstradfahrer. Ernst Perzina, dressierte Äficn. Lola Hawtliorne, ainsSln?h0 Elmo u. Recco, a�SiSh0 Yulian FamiÜO) Akrobaten. Die drei Holloways, Gebrüder Schwarz, Porodisten. Die Meininger, Hundepantomime. ,,ln Schottland", DiveTtis�sement. Burke, Andrus u. Frisco Der Biograph .Rückkehr vom Ball". Buggenhagen SÄ Jeden Oonnerstag und Sonntag: Neues Programm. ==» Nachher; Freltanx. XI. Berliner Saison. Zirkus Busch. Zum 53. Male:-HWI Oie neueste und größte Sehens- j Würdigkeit Berlins: # Indien. 4 Orig.-Pantomime des Zirkus 5 Busch in 8 Bildern. Besonders hervorzuheben: Eine Tigcr.jggd inj den Oschungeln Indiens.| Ferner; Elefanten-Kämpfe. Sensationell! Sensationell! Mr. Aorton Smith. Amer. j berühmtester Pfordebändiger. j U.a.: Die gefährliche Fahrt durch I die Teufelsbrücke hei Rauch und I Feuer.— Die itai. Reiterfamilie j Cardinale, Signorina Nalalina| Rossi, Herr E: Schumann, Orig.- j dressuren und die vorzüg-[ liebsten Programm-Nummern. GebrUdcr Herrnfeld- Theater. Heute abend 8 Ühr: Famiüentag im Hause Prellstein. Komödie in 3 Akten mit den Autoren Anton und Donat Herrnfeld in den Hauptrollen. Morgen abend 8 Uhr: Familientag im Hanse Prellstein. Residenz-Theater. Direktion: Riebard Hieran der. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Prinzgemahl. Satirischer Schwank in 3 Akten von L..?anros und I. Ehaneel. Sonntag nachm. 3 Uhr: Herkulespillen.__ Passage-Theater. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. iWalter Steiner Humorist. Acosta Krast-Jongleur. Sinddhn» Tafel prolongiert. 14 neue erstklassige Nummern. .■rc�w�wwOTFWwwwwwvrww� Elysium Landsberger Allee Nr. 40-41. Jnh. C. Eisermann. Jeden Donnerstag: MdmprZihlger. Direktion: C. Frick und F. Kasche-Krauss. Anfang 8 Ehr. Entrer 10 Pf. Nach der Soiree;■«atlSjät* rOtto Pritzkows Berliner ilbiiortiiiöten-Theater Hnnsstr. 10. Riesen-Weihnachfs- Programm! Neu! Die Elifo-Liliputaner-Trunpe, die kleinsten Sängerinnen u. Vor- tragskünstler der Welt. Riesin Ilona, 483 Psd. schwer. Opullo, der Mensch ohne Gefühl. 8ne! Mno! Mnio! frei in der Lust schwebende Türkin. Hellseherin Armida, wahrsagende Wunderdame. Pluto, Wunderhabn, geb. mit 4 Beinen, 2 Körpern, 1 Kops, lebend.?c. »wwvwwwwvwwJ Reichshallen. Heute: iner Sänger 2�-7« � R*9 CelegeDheiiskaiif! |Sehlaf!fÄ ! in Wolle, extra schwer 350, 450, 500, 0O« M iPfprripdecken . 250, 350, 45«, 550 M IRpiRPtleeken Tiger-IWnstep 485, ßO«, gO«, jQOO M | Versand p. Kachnahme. Emil Lefevre |Botsr"n Oranienstraße 158. Bhlerhafte Becken DM- spottbillig!-ma |:.723L» 2. Ziehung I. Kl. 214. Kgl. Preuss. Lotterie. Ziobimg vom 10. Januar 1906, nachmittags Nur die Gewinne übet 50 Mark sind den betreffenden Nummern in Klammern beigefügt. (Ohne Gewähr.) Nachdruck verboten. 32 43 241 70 435 350 966[100] 84 88 1162 338 529 66 776 2002 348 50 413 569 638 737 888 3183 456 74 740 4034 138 596 5021 741 88 944 6553 942 UOOl 7160 205 32 433 768 8044 184 250 L200J 439 61 504 610 58 9134 397 492 875 10292 324 38 883 967 11162 493 849 78 970 12126 373[100] 438 644 97[100] 882 903 13209 465 510 788 1 4142 809 60 974 1 5063 163 390 582 1 6055 240 459 803 932 1 7088 290 434 631 18793 899 19837[100! 26025 194 790.880 21223 302 453 635 772 2 2111 283 398 502 57 23128 921 24719 850 59[100] 94 25035 298 651 788 894 90 2 6692 745 67 2 7028 40 137 228 83 355 402 90 572 720 28120 2 9200 628 924 30065 91 257 320 430 540 648 849 949 31 039 [200] 41 194[300] 637 62 893[2001 903 32149 215 362[100] 77 11001 610 90 781 905[100] 33124 50 90 267 535 3 40.56 202 510 88 3 5018 SO 688 883 36448 561 694 970 3 7003 408 668 862 983 3 80 4 HO 304 56 561 607 733[300] 933 91[100] 39312 439[300] 682 735 SSI[160] 40317 78 482 580 691 41183 350 76 490 533 628 62 705 918 4 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Klasse der 214. Käniglich rrcussischen KlssscnWteric findet sta't am 9. un4 10, Februar 1906. i mm In dein soeben beginnenden neuen Jahrgang der in unserem Verlage erscheinenden Wochenschrist©fllUbClt" gelangt zum Abdruck Der Flüchtling Der verlorene Sohn Roman von Cauic.* Illustriert von I. Damberger- München. Dieser Roman des schnell berühmt gewordenen Verfassers hat bei seinem ersten Erscheinen die allgemeine Älufmerksamkeit erregt. Es ist ein Familienroman im besten Sinne des Wortes, nicht nur Anterhaltung nach des Tages schwerer Arbeit bietend, sondern auch belehrend, ohne doch aufdringlich zu sein. Daneben veröffentlichen wir: Von Robert Kartmann. Eine Novelle aus der Zeit der Revolutionskämpfe des Jahres 1848. Der Selb ist ein junger, von den Schergen der Reaktion gehetzter Rebell, der durch ein mutiges Mädchen vor seinen Verfolgern gerettet wird. Außerdem enthält jede« Sest eine kleine Skizze oder eine kurze Novelle, kleine unterhaltende oder belehrende Notizen und„Witz und Scherz" Die Parteigenossen sollten den Beginn des neuen Jahrgangs benutzen, um diese in weilen Kreisen bereits gekannten und beliebten Wochenhcste in ihrer Familie einzuführen. Den Arbeitern, ihren Frauen, den heranwachsenden Kindern bieten s.« gediegenen Anterhaltungsstoff. In jeckev Mache erscScinb ein illustriertes, 24 Seiten starkes Nest für lv Pfennig Zeder sollte sich ein Probehest kommen lassen! KucbKaucUuiig Vorwärts, ßerUn SCCL 68, Linden ftraßc 69. r ♦ ♦ ♦ ♦ Der AllSStoß unseres Soek-|tfalz-Siercs vom Paß und In Flaschen hat begonnen. Ber�brauerei, Berlin N. . Bergstr. 22. Telephon: III, 1412. Hygienische 56611* u Brauerei P. Happoldt Berlin S. Hasenheide 82-98 empfiehlt ihr Lagfers Münchner« TipsTops in Flaschen und Crebinden. Bier Telephon: Amt IV. 9io. 9115. 5635L» sc>muptet„Kurs Prise" (D. R. G. 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Höchste Löhne. DorniS. Beulhstraße 2 f. 17636 Frauen zum Austragen von Zeitungen finden sofort dauernde und lohnende Beschäftigung König- straßc 56/57. 71/20* Nm ArbettSinarkt durch Sefsuderen Druck hervsrgehob«»» Auzetgeu kssten 4V Pf.»e, Zelle. SchchchchchchchchOOchchchchchchchSG Rkdalltkiir gkftcht! Ein gewandter, tüchtiger zweiter Redaltenr für das„Offcnbachcr Abend- Matt" wird per 1. April oder auch sür sosort gesucht. 5728L* Bewerbungen wolle man unter Ztn- gäbe der Gchaltsansprüche bis iväteftenS den 15. Januar an unseren Vorsitzenden U EiDnert, Große Marttftraße 10, senden. Kolmbciicr! In der Treppengeländer- Fabrit Jörn. Drechisler, Gubener- ftraste 33, find sämtliche Arbeiter ausgesperrt. 47/2 Zuzug ist sernzuhaltcu. Pmo-Mtlhamk- Arbeiter und Arbeiterinneu! Bei der Firma«cn»& Co., Blumenstrafte 77, befinden fich die Kollegen und Kolleginnen im Streik. Zuzug ist sernzuhattcn. Die Ortsverwaltuug. Deutscher Holzarbeiter-Verband (Branche der Musikinetrumenten-Arbeiter.) Rahmemnacher! In der Ziahmenfabrik Beek& Wolf, Reaiider+tr. 4 und Schl-silchestr. 42, vom parterre, befinden fich die Kollegen im Streik. Zuzug von Rahmenmachcrn. Kreissägen- schneidern, Dttchlern und Po- lierern ist ftreug fernzuhalten. Die Kommission. Holzdrechsler! Die Drechslerei von Panitsch. Brunnenstraße 79, ist bis aus weiteres gefverrt.__ Die Koinmission. Achtung-! Achtunp'■ Glasbläser und Bläserinnen! Bei der Firma Berliner Glüh- lampen-Fabrik. Neue Jatobstr. 6. find lämlliche Kollege» u. Kolleginnen in Streik getreten. Zuzug ist streng sernzubalten. Die Lrtsvcrwaltnng des Zentral- Verbandes der Glasarbeiter und Arbeiterinnen. 'Verantwortlicher tffedatteur: KanS Weber. Berlin. Lux des Luseratentell vercmtw.: Th. M»cke, Berlin. Druck u. Perlag: Vorwärts Büchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. Redaktion und Expedition: Berlin, Cindenltr. 69. Fernsprecher: Bml IT, 198$. Nr. 8. Donnerstag, den 11. Januar 1N. Inserate SechtgespsUene Kolonelzeile 20 Pfg. Bei größeren Bufträgcn entlprechcndcn Rabatt. Vorort- JVaebnebten. Zur heutigen Stadtverordnetenwahl in Schöneberg eichten wir noch einmal in letzter Stunde an die Arbeiterschaft des z>v e i t e n, sechsten und achten Bezirks die Auf- forderung, auf jeden Fall von dem ihr zustehenden Wahl- recht Gebrauch zu machen. Glaube niemand, es komme auf seine Stimme nicht an. Den bürgerlichen Gegnern mutz trotz ihrer verzweifelten Anstrengungen eine noch viel grötzere Niederlage bereitet werden, wie bei den Hauptwahlen im November vorigen Lahres. Das kann aber nur geschehen, wenn von der Arbeiterschaft alles aufgeboten wird, was in ihren Kräften steht. Im zweiten Bezirk, wo wir mit zwei bürgerlichen Gegenkandidaten zu rechnen haben, mutz unbedingt dafür gesorgt werden, daß eine Stichwahl vermieden wird. In ihren Flugblättern suchen der Grundbesitzerverein und der Freisinnige Volksverein gegenseitig darin zu wetteifern, daß einer immer besser als der andere den Kampf gegen die Sozialdemokratie zu führen verspricht. Besonders die Freisinnige Volkspartei leistet darin ganz außerordentliches, die- selbe Partei, die vor ganz kurzer Zeit dem Vorstande unseres Wahlvereins schriftlich Mitteilung machte, daß der Rechts anwalt Gottschalk als Kandidat ihrerseits aufgestellt worden ist und die Hoffnung aussprach, datz wir diesen Kandidaten ohne weiteres unterstützen würden. Arbeiter, Parteigenossen! Laßt diese Kampfesweise unserer Gegner Euch nur noch mehr als Ansporn dienen, jeden Säumigen aufzurütteln und für unsere Kandidaten zu gewinnen, dann werden wir den Sieg davontragen und in verstärtter Zahl in das Stadtparlament einziehen. Als sozialdemokratische Kandidaten sind aufgestellt im zweiten Bezirk: Restaurateur Ernst Obst, im s e ch st e n Bezirk: Buchdrucker Paul Magnan und im achten Bezirk Maurer Albert Wolframm. Die Parteigenossen, die am Wahltage, besonders in den Wendstunden helfen können, werden ersucht, sich in folgenden Lokalen einzufinden: Schilling, Kyffhäuserstr. 16; Wein- b e r g, Hauptstr. 4; Weltner, Gothcnstr. S1. Charlottenburg. Ja der Generalversammlung des Wahlvereins am Dienstag, den 9. Januar begrüßte zunächst der Borsitzende P. Schmidt die Ge- nossen im neuen Jahr und forderte sie zur regen Tätigkeit für die Partei auf, damrt auch unsere Organisation am Ort gesunden, wachsen und gedeihen möge. Ferner teilte er mit. datz die Mit- glieder Gabriel und Herrmann durch den Tod aus unserer Mitte geschieden sind. Die Genossen erhoben sich zu Ehren der beiden Verstorbenen von den Plätzen. Hierauf verlas Genosie Baabe die sich zur Aufnahme gemeldeten Mitglieder. Da Be anstandungen nicht vorlagen, erfolgte ohne weiteres die Aufnahme in den Wahlverein. Sodann gab Genosse Gericke den Bericht der Lokalkommission und Genosse Pösenecker den Bibliotheksbericht. Die Neuwahl des Vorstandes ergab folgendes Resultat: erster Vorsitzender: P. Schmidt; zweiter Borsitzender: M. Kleg; Kassierer: Emil Müller; Beisitzender: H. Baabe; Schriftführer: Felsmann. Revisoren sind die Genossen Rosenthal, Tutusch und Schnell. In die Lokalkommission wurden delegiert die Genossen Prill, Bartels und Scheuerbrandt. Als Be- zirksführer find gewählt für den 1. Bezirk Genosse Richter; für den Bezirk 2a Genosse Wewzek; für 2b Genosie Schröder; für 3a Genosse Reinsch; für 3b Genosse Grase; fiir 3o Genosse Schmock; fiir den 4. Bezirk Genosse Hartsiel; für den ö. Genosse Henschke; für den S. Genosse Gaebel; für den 7. Genosse Vierck imd für den 3. Bezirk Genosse Eckert. Zum dritten Punkt:»Unsere Stadwerordnetenwahl November 1005" erklärte Genosse Vaake, daß er sich entschieden dagegen wenden müsse, ein derartiges Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Es Iväre nicht zweckmäßig und unsere Gegner behandeln auch nicht alle interne Angelegenheiten in der Oeffentlichkeit. Der Erfolg der Liberalen sei hauptsächlich ihren guten finanziellen Verhältnissen zuzuschreiben, sowie ihrer auch vor den gemeinsten Mitteln nicht zurückschreckenden lokalen Presse, Sodann verlas Genosse Vaake den von der kombinierten Borstandssitzung angenommenen, im.Vorwärts" sowie im Mitteilungsblatt von Groß-Berlin so viel Staub auf- wirbelnden Antrag, der lautet: »Der Vorstand soll mit den Vorständen der Wahlvereine von Rixdors und Schöneberg sich in Verbindung setzen, um eine gemeinsame Beratung zur Beseitigung der fiir die Vororte un- leidlichen Preßverhältuisse in die Wege zu leiten." Redner wies darauf hin, daß die Auffassung genannter Blätter nur durch die falsche Unterrichtung der Charlottenburger Gewerk- schaftskouimission entstanden sei. Zur gedeihlichen Entwickelung der Parleiverhältnisse schlägt Genosse Baake folgende Resolution vor: „Die heulige Generalversammlung des sozialdemokratischen Wablvereins Charlottenburg zieht aus dem Ausfall der letzten Stadtverorduetenwahlen folaende Lehren: 1. Der Ausbau der politischen Organisation ist noch energischer als bisher in die Hand zu nehmen. 2. Die sozialistische Propaganda in den Gewerkschaften ist von den gewerkschaftlich organisierten Parteigenossen unausgesetzt zu betreiben, 3. Die sozialdemokrattsche Stadtverordnetenfraktion wird auf- gefordert, mit derselben Entschiedenheit wie bisher das unsoziale und undemokratische Verhalten des Charlottenburger Kommunal- freisiuns zu brandmarken und dafür zu sorgen, datz die Forde- rungen der großen Mehrzahl der Charlottenburger Bürger, der Arbeiterklasse, an die Kommune mehr als bisher erfüllt werden. 4, Die Verbreitung der sozialistischen Presse und Literatur ist mit allen �Kräften zu fördern. Der Gedanle, ein eigenes sozial- denlokraliiches Organ für Charlottenburg ins Leben zu rufen, wird abgelehnt, weil er mit den Interessen der Parteigenossen von Groß-Berlin in scharfem Wideriprnch steht und die Boransjetzung zu seiner Verwirklichung fehlt; dagegen wird der Vorstand be- austragt, beim Zentralvorstand die Einberufung einer Konferenz von Vertretern der drei Städte Charlottenburg, Schöneberg und Rixdorf zu beantrage», um eine Ausgestaltung der Vorortbeilage des„Vorwärts" für diese drei Städte anzuregen. Für die Wahl- zeiten wird an Stelle der Flugblätter die Herausgabe einer Wahl- zeitung ins Auge gefaßt." An der sich hieran anschließenden Diskussion beteiligten sich die Genossen Habicht, Uko und Böttcher in sehr abfälliger Weise über den Ausfall der Stadtverordnetenwahl, während die Genossen Dr. Borchardt, Baake und Mücke die irrigen Behauptungen der ersten drei Redner richttg stellten und die Redner sowie die übrigen Partei- genossen ermahnten, nicht durch persönliche und gehässige Diskussion die Aufgaben der Partei zu durchkreuzen. Die gut besuchte Versammlung wurde leider durch die lang- atmigen Ausführungen einzelner Diskussionsredner stark gelichtet und erst nach llil Uhr erfolgte Schluß der Versammlung. Der erste der volkstümlichen Vortragsabende, welche von der hiesigen Allgemeinen Ortskrankenkasse im Laufe dieses Winters vcr- anstaltet werden, findet am Freitag, den 12. d. M., abends 8l/3 Uhr, im Saale Rosinenstr. 3 statt. Sprecher ist Herr Professor Max Michaelis über„Praktische Hülfeleistungen bei plötzlichen inneren Erkrankungen". Zu diesem Vortrage hat jedermann unentgeltlich Zutritt. Rauchen ist jedoch verboten und Getränke werden nicht der- abreicht. Steglitz. Gegangen— worden? Der Gemeindeverordnete und Buch druckereibesitzer S ch e u f e l e i n. der in den beiden letzten Gemeinde- sitzungen eine so unrühmliche Rolle spielte, veröffentlichte gestern im Hausbcsitzerorgan ein„Eingesandt", in welchem er„feststellt, daß er jede kommunale Znsammengehörigkeit mit dein Mieterverein und seinen Vertretern im Roten Hanse ablehne". Vermutlich wird er nun eine Fraktton für sich bilden, denn es ist nicht gut anzunehmen, datz ihn die Hausbesitzer in ihre Mitte aufnehinen werden, nachdem einer ihrer Wortführer— allerdings ebenfalls ein Renegat, denn auch er war stüher Mietervereinler— in der letzten öffentlichen Gemeindevertretersitzung erklärt hat, daß man Herrn Schenfelcin nach dem Vorgefallenen nicht mehr ernst nehmen könne. Oder sollte nunmehr, nachdem der Tapfere angeblich s e l b st das Tischtuch zwischen sich und dem Mieterverein zerschnitten, der Wind aus einer anderen Richtung wehen? Der ganze Stil des Eingesandt und die Einflechtung einiger lateinischer Worte müssen bei demjenigen, der Personenkenntnis hat, den Eindruck hervorrufen, als ob Herr Sch. bereits �gefischt" worden sei. Auch die Redaktion des Hausbesitzerorgans erteilt dem Sünder von gestern heute bereits Absolution, indem sie ihm das Zeugnis ausstellt, daß er in der Sache Weinhausen„sehr, steimütig Farbe bekannt habe", und sagt weiter:„er hat sich sehr wacker geschlagen!"— Wie doch manche Leute die Begriffe verwechseln! Der Gemeinde verordnete Fischer stellt in öffentlicher Sitzung seinen Kollegen Schenfelein als einen Menschen hin, der eine Aeutzernng ab- streitet, die von verschiedenen Gemeindeverordneten gehört worden ist und auf Erfordern beschworen werden kann, und die Redaktton der.Stegl. Ztg." nennt das„Farbe bekennen" und«sich tapstr schlagen!" Wir konnten bei der Verhandlung der kitzlichen Sache nur bemerken, daß Herr Schenfelein die„Farbe gewechselt" hat, denn er wurde ävwechselnd rot und blaß; aber geschlagen oder gar„sehr wacker geschlagen" hat er sich bei dieser Gelegenheit nicht.— Daß Herr Scheufclein sein Mandat auch weiter ausüben will, stellt seiner Unver— wüstlichkeit ein gutes Zeugnis aus. Doch darüber mögen sich seine Wähler den Kopf zerbrechen— mit oder ohne„priiroipio" Nieder- Schöneweide. Der Wahlvcrein hielt am Sonntag, den 7, Januar seine General- Versammlung ab. Aus den Berichten deS Vorstandes war zu er- sehen, daß im vergangenen Quartal außer 5 Vorstandssitzungen drei Versammlungen, darunter eine öffentliche, stattfanden. An Einnahme waren 80,24 Marl zu verzeichnen, denen eine Ausgabe von 17.07 Mark gegenüberstand. Der Zcntralkasse wurden 53.50 Mark über- iviesen, so daß ein Bestand von S,67 Mark am Orte verbleibt. Die Abonnentenzahl des„Vorwärts" am Orte hat sich im verflossenen Quartal um 20 Prozent vermehrt. Der Vorstand wurde durch die Wahl eines zweiten Vorsitzenden, eines Revisors und eines Bei- sitzers ergänzt. Die Delegierten der Generalversammlung des Kreises und der Versammlung von Groß-Berlin gaben dann ihre Berichte, an die sich eine Diskussion nicht anschloß. Auch an« der Gemeindcvertretersitzung wurde der Bericht er- stattet. Besonders hervorzuheben ist, daß der Gemeindevorsteher von Ober-Schöneiveide anregte, ein Kaufmanns- und Gewerbegericht fiir Ober-Schöneweide und Umgegend einrichten zu wollen und er bat zugleich darum, sich hier diesem Unternehmen anschließen zu wollen Die Anregung ist eine ganz dankenswerte, aber sie wird schlveriich in die Tal umgesetzt werden, denn es würde dadurch leicht eine Ein richtung geschaffen werden, die dem Arbeiter zum Vorteil gereichen könnte. Unser Genieindcvorstand ist der Meinung, daß die Not« wendigkeit einer solchen Einrichtung am Orte gar nicht vor- Händen sei, an ihn sei man mit einem derartigen Ver- langen noch nicht herangetreten. Demgegenüber muß fest- gestellt werden, daß die Arbeiterschaft' schon seit Jahren bemüht ist. den Herren durch Eingaben klarzumachen, wie schwer es ist. ohne Gewerbegencht zu seinem Recht zu gelangen; gleichzeitig wurde in jeder Eingabe der Wunsch ausgesprochen, daß man eine Angliederimg an ein Gewerbegerichi herbeisehne. Da im Frühjahr das Mandat eines unangeseffenen Gemeindevertreters der dritte» Wählcrttasse erlischt, so gibt man sich der Hoffnung hin, datz aus der Neuwahl ein Arbeiterverttelcr hervorgehen«verde, der auch bei derartigen Fragen den Herren, die in den Sitzungen nur immer mit den Kopsen nicken, den Standpunkt der dritten Wählerklasse energisch zum Bewußtsein bringen wird. Da bei den bisherigen Wahlen die Wahlzeit der dritten Klasse von 9—11 Uhr vormittags festgesetzt war. so wurde eine Resoiution angenonimen, die dahin geht, unverzüglich an die Gemeindevertretung eine Vorlage einzureichen, in der der Wunsch allsgesprochen wird, die Wahlzeit für die dritte Wähler- Nasse von 5 bis 8 Uhr obcnds festzusetzen, damit auch jeder Steuer- zahler in die Lage versetz! wird, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu »lochen. Weiter wurde beschlossen, in einer nochmaligen Eingabe an die Gemeindevertretung die Notwendigkeit der Angtiederiing an ein Gewerbegericht darzulegen. Genosse Grnnow hielt sodann noch einen Vvrlrag. in dem er die stir eine Wahl in Betracht kommende» Bestimmungen klarlegte. Der Vo, sitzende gab noch bekannt, daß an, 21. Januar eine öffentliche Versammlung am Orte stattfinden wird. Ober-Schöneweide. Wegen Vergehens gegen daS NnhnmgSinittelgesetz hatte sich der Schlächter Theodor Drymota von hier vor dem Schöffengericht zu verantworten. Der Angeklagte, der wegen gleichartiger Vergehen schon häufig vorbestraft ist und in dein Verdacht steht, auch Pferde- fleisch zu verarbeiten, hatte Glück. Seine auf dem Wochenmarkt in Ober-Schöneweide am 23. September feilgehaltene Wurst wurde untersucht und festgestellt, daß in derselben Mehl verarbeitet war. Da eine Untersuchung auf Pferdefleisch unterlasien war, konnte ihm letztgedachte Fälschung nicht zur Last gelegt werden und so kam er mit 20 M. Geldstrafe davon. Johannisthal. Klagen gegen einen Gemeindevorsteher. Arge Zerwürfnisse zwischen dem Gemeindevorsteher und einem Teile der OrtSeinwohner ?errschen seit fast einem Jahre in Johannisthal. Die Reibereien aben jetzt dazu geführt, daß der Gemeimdevorsteher Kober die Eröffnung des Disziplinarverfahrens gegen sich selbst beantragt hat. Kober ist seinerzeit hauptsächlich auf die Besürwortnilg des Land- rateS v. Stubenrauch hin zum Vorsteher gewählt worden. Seine Amtszeit währt noch zwei Jahre, doch will er bereits im April d. I. eine Renwahl ansetzen, um sich zu vergewissern, ob er ans eine Wiederwahl rechnen kann. Diese Hoffnung scheint indes trügerisch zu sein, wenigstens zählt er die Mehrzahl der Gemeindevertreter zu seinen Gegnern. Wieweit die Vorwürfe und Beschuldigungen, die man gegen ihn erhebt, begründet sind, wird in verschiedenen Klagen, die augenblicklich die Gerichte beschäftigen, klargelegt werden. Vor allen Dingen aber beschuldigt man ihn, daß er es an der nöttgen Konttolle beim Bau der Kanalisation habe fehlen laffen. Stralau. Der sozialdemokratische Wahlverein hielt am Sonntag, den 7. Januar, seine Generalversammlung im Gursch'schen Lokal ab. Genosse Max Schütte erläuterte in einem Is/zstttndigen Vortrag die Ursachen der russischen Revolution und ihre Wirkungen. Durch reichen Beifall bezeugten die Anwesenden ihre Sympathien fiir die russischen Freiheitskämpfer. Sodann gab der Kassierer den Kassen- bericht von 1905. Die Einnahme im Jahre 1905 betrug inklusive Kassenbestand vom 31. Dezember 1904: 1. Quartal: Ein- nähme 383,15 M., Ausgabe 166,10 M.; 2. Quartal: Eiiiiiahms 418,40 M.. Ausgabe 93,50 M.; 3. Quartal: Einnahme 429,68 M.. Ausgabe 175,42 M.; 4, Quartal: Einnahme 374,31 M., Ausgabe 100,06 M. Der Kassenbestand bettug am 31. Dezember 1905 274,25 M. Der Mitgliederstand beträgt 121. Die Mitglieder ge- hören folgenden Berufen an: Glasarbeiter 92, Restanrateure 5, Maurer 4, Arbeiter 3, Buchdrucker, Schlosser und Tischler je 2, Handelsmann, Rentter, Bügler. Bäcker. Glaser, Agent, Töpfer, Putzer, Korbmacher, Zimmerer, Lithograph je 1. Nachdem der Vorsitzende die Anwesenden mit der Neuorgani- satton von Groß-Berlin bekannt gemacht hatte und die Neuwahlen des gesamten örtlichen Vorstandes erledigt waren, forderte der Vor- sitzende die Anwesenden noch auf, recht rege fiir die Partei zu werben. Wilmersdorf.» Eine starkbesuchte Bersammlung der Maler tagte am 8. Januar im Kassenlokal, Uhlandstr. 71 bei Natnsch, und beschäftigte sich mit der bevorstehenden Lohnbewegung. Das einleitende Referat hielt der Kollege Flemming-Charlottenburg. Redner präzisierte nochmals unseren ausgestellten Lohntarif in eingehendster Weise und ging dann aus den von den Innungen Berlins und der Vororte uns präsentierten Tarif ein, den Redner lediglich als ein guies AgitationS- mittel für unsere bevorstehende Lohnbewegimg bezeichnete. Hierauf entspann sich eine rege Diskussion, in der sich sämtliche Redner im Sinne des Referenten aussprachen und zu einem regeren Ver- sammlniigSbesuch aufforderten. Es folgte dann die Wahl des Bezirksleiters für Wilmersdorf, welche auf den Kollegen Köhler, Sigmaringenstr. 16 fiel. Unter Hinweis auf den Beschluß der letzten Versammlung der Verwaltung Berlin und der Vororte wurde bekanntgegeben, daß in jedem Bezirke die zweite Woche für Bezirks- Versammlungen bestimmt sei, demgemäß wurde als VersammlungS- tag der Montag festgelegt. In den Aftionsansschuß, welcher dem von Charlottenburg zu wählenden angegliedert wird, werden die Kollegen Albrecht Schultz und Bernhard Heinck gewählt. Vom Kollegen Richter, Mitglied de« GewerbegerichtS, wurde ein kurzer Bericht vom verflossenen Halbjahr gegeben.' Er ermahnte, falls jemand eine Klage hätte, sich möglichst an den Obmann Glodingo, WilhelmSaue 100 zu wenden, da dieser in Streitigkeiten AnSknnft er- teile und kostenlos die Klage aufsetze. Auch wies er daraufhin, daß am 29. Januar in Charlottenburg die Gewerbegcrichtswahlcn statt- finden und sofern Wilmersdorfer Kollegen bei einem Charlottenburger Meister arbeiten, dieselben, auch die Pflicht hätten, sich an den Wahlen zu beteiligen. Zum Schluß wurde vom Bezirksleiter auf- gefordert, sich Mann für Mann dem Wahlverein anzuschließen sowie auf die Arbeiterpresse, den„Vorwärts" zu abonnieren.„Lokal- Anzeiger",„Morgenpost" und„Deutsches Blatt" müßten aus dem Hause eines Arbeiters entfernt werden. Die nächste Versammlung findet am 12. Februar statt. Teltow. Am Sonntag entgleiste ein Wagen der Dampffiraßenbahn Groß-- Lichterfelde— Stahnsdorf kurz vor dem Bahnhof Groß>Lichterfelde- Ost. Der Wagen, der fahrplanmäßig 5� abends vom Bahnhof ab- fahren sollte, konnte deshalb erst 6X die Fahrt beginnen. Den Fahrgästen blieb nichts übrig, als den Weg zu Fuß nach Teltow und Stahnsdorf zu machen. Erkner. Am Sonntag, den 7. Januar, fand hier eine gut besuchte Volks- Versammlung statt, in der Gen. K o tz k e i Berlin) über die bestehende Fleischteuerung referierte. In seinem zirka zweistündigen Vortrage führte Redner den Anwesenden die gegenwärtige Fteischteuerung vor Augen. Reichen Beifall erntete Geii. Kotzke für den sehr klar ge- haltenen Vortrag. In der Diskussion sprachen sich mehrere Redner im Sinne de? Referenten ans. Hierauf wurde folgende Resolution eiiistiminig angenommen:„Die am 7. Januar 1906 in DegebrodtS GesellsltiaftShaus Versammelten erblicken in der herrschenden Fleisch- teuerung eine schwere sittliche Gefahr für die Gesundheit und das Wohlergehen der arbeitenden Klasse. Sie fordern die Regierung auf. unbedingt die Grenzen für ausländisches Vieh zu öffnen. Die Versanimlung protestiert auf das energischste gegen die von der Regierung beliebte Agrarpolitik und verlangt, daß alle Lasten für den Militarismus und MariniSmus auf die Schultern der leistungssähigen Bevölkerimgsschicbten überttagen werden." Unter Verschiedenes wurde noch ausmerksam gemacht, daß im März dieses Jahres die Gemeindevertreterwahl stattfindet und sich jeder Arbeiter daran zu beteiligen habe. Es wurde auch eine Resolution dahingehend angenommen, daß die Wahlzeit von ö— 8 Uhr nach-mittagS für die dritte Wählerllasie stattfinden möge, damit jedem Wahlberechtigten dieser Klasse Gelegenheit ge- boten ist, an der Wahl teilzunehmen. Auch wurde daS eigen- mächtige Handeln des Gemeindevorstehers in Sachen des PostbäueS dnct scharfen Kritik unterzogen Nachdem noch darauf hingewiesen, das; am 21. Januar eine Protestversammlung gegen das Dreiklassen- Wahlrecht zum preußischen Landtag stattfindet und zum Abonnement des„Vorwärts" aufgefordert worden war. erfolgte Schlich der gut besuchten Versammlung. Potsdam. Die zweite Sit-img der Potsdamer Stadtverordneten findet nach nur achttägiger Pause bereits am kommenden Freitag statt. Das Hauptinteresse wird die L e h r e r b c s o l d u n g s v o r l a g e be Ansprüchen. In dieser Sitzung soll nämlich die vor Weihnachten vertagte imd von der gesamten Lehrerschaft init Spannung erlvartete Verabschiedung der neuen Besolduugsordnung vonstatten gehen. Die von einer gemischten Kommission unter Zustimmung des Magistrats umgeänderte Vorlage sieht eine Erhöhung des Grundgehaltes für Lehrer und Mittelschullehrer um 100 Mark, für Rektoren, den Oberturnlehrer, den Leiter der vereinigten Vorschule und die Hauptlehrer um 250 M. vor. Den Lehrern an der Hulfs- schule soll die bisher gewährte widerrufliche Zulage von 1S0 M. auf 300 M. erhöht werden. Ebenso sind die Gehälter für Lehrerinnen entsprechend erhöht. Die sich hierdurch notwendig machende Mehr- ausgäbe beträgt 31 500 M. jährlich.— Das sich durch die neue Besoldungsordnimg für die seminaristisch gebildeteten Lehrer und Lehrerinnen an den mittleren Schulen und der höheren tNädchen- schule � ergebende Grundgehalt beträgt 1350 resp. 1800 Mark. Wissenschaftliche Lehrerinnen und Tnrnlehrerinnen erhalten 1060 M., technische Lehrerinnen 760 M. Zum Gehalt treten die Mietsentschädigung und Dienstalterszulage.— Für die Volks- s ch u l l e h r e r und L e h r e r i n n e n'ist daS gleiche Grundgehalt von 1350 M. resp. 1060 M. vorgesehen. Das Grundgehalt der Rektoren beträgt 2225 M. Zu allen Gehaltsstufen treten ebenfalls Wohnungsgeld und AlterSzulagen. Die Gehaltsaufbesserung der Rektoren hat die Kommission davon abhängig gemacht, daß den- selben künftighin nicht mehr gestattet werde, lvährend der Schulzeit außerhalb s?) der Schule?t eben beschäftig ung zu treiben. Die neue Besoldungsordnung soll am 1. April 1906 in Kraft treten._ Kerlmer)Sacbncbten. Von der Schuljiuigcn-Flottenspende. Die Einsammlung von Spenden zum Flottenbau beschränkt sich vie alle neueren Stempelmaschinen elektrisch bc- -trieben wird, bewegt sich so schnell, daß sie in der Minute 1800 Briefe stempeln soll. In der Stunde würden dies 108 000 Briefe sein, eine Auflieferung, wie sie kaum jemals an einem einzigen Postamt vorkommen wird. Die hier mit der Maschine gemachten Versuche ergeben Leistungen bis zu 1000 Stück in der Minute, was selbst für den größten Andrang ausreichen dürfte. Von dem älteren norwegischen Modell von Krag unterscheidet sich das neue durch ihre Aufstell- Vorrichtung für die gestempelten Briefe. Bei der älteren Maschine wurden die Briefe in eine Schnecke mit breiten Rändern getrieben, welche sie Stück für Stück gegen das Brett drückte. Die Wirkung der Schnecke reicht für die große Geschwindigkeit der Maschine nicht vor. Es ist deshalb eine Aufstcllvorrichtung nach Art der Bikerdike- Maschine angebracht. Beide norwegischen Maschinen haben sich bisher im Betriebe bestens bewährt. Sie sind nicht nur in Berlin und Hamburg, sondern auch bei verschiedenen ausländischen Postanstalten im Gebrauch. Einen alten Schwindel in»euer Auflage betreiben zwei Gauner, deren Tätigkeit um so gefährlicher ist, als sie hauptsächlich kleinere Geschäftsleute aufsuchen. Gestern mittag betrat ein etwa 30jähriger Mann daS Gold- und Uhrenwarengeschäft von Haßler, Gollnoiv« straße 17, und forderte eine Damcnuhr. Er ließ sich verschiedene wertvolle Uhren vorlegen, ohne sich jedoch fest für den Ankauf einer derselben zu entschließen. In diesem Augenblick erschien ein anscheinend dem Arbeitcrstande ungehöriger Mann, forderte eine Weckeruhr und verlangte schnelle Bedienung, weil er Ivenig Zeit hätte. Während sich nun Herr H. mit dem zweiten Käufer beschäftigte, erklärte der Erstcrschienenc, daß er sich die Sache überlegt habe, auf einen Ankauf der Uhr vorläufig ver- zichte, und verließ den Laden. In demselben Moment hatte sich der zweite Käufer für eine billige Weckeruhr entschlossen, bezahlte dieselbe und entfernte sich ebenfalls. Gleich danach benierkte dann H., daß er das Opfer eines Gaunerstreiches geworden, da gleichzeitig mit den beiden Gaunern auch eine wertvolle Taschenuhr verschwunden war. Die sofort aufgenommene Verfolgung der Schwindler blieb erfolglos. Eine Reiidenmg in de» Signale» der Automobile wird von den Vororten gewünsckt. Als Grund dafür werden die Jrritierimgeu, welche durch die jetzigen Signale fortwährend für die Feuerwehren entstehen, angegeben. Die Warmmgssignale der Automobile gleichen dgm alarmähulichen Tuten, Ivelches die Wächter in den Vororten bei Ausbruch eines Feuers abgeben. Die Verwechselung, durch welche die Feuerwehren unnötigerweise zumeist in der Nachtstunde auf die Beine gebracht werden, sind in letzter Zeit wieder so häufig vor- gekommen, daß auf eine Beseitiaung dieses UebelstaudeS gedrungen wird. Mau glaubt dies am besten dadurch herbeiführen zu können, daß den SlutoS ein anderes Signal vorgeschrieben wird. Eine Bande von Schaukasten-, Fahrrad-, Palcrotmarderu und Klingelsahrcrii macht der Polizeibehörde im Westen viel zu schaffen. Im Lause der letzten Tage wurden allein in Ebnrlottenburg nicht weniger als 35 Schaukästen-, Boden-, Paletotdiebstähle und andere Einbrüche verübt. Ans einem Schaukasten am Hause Schlütersir. 16 raubten die Langfinger zwei wertvolle Nerzpelze, einen Astrachan- und Mufflonpelz. Bei einem Schaukastcndiebstahl in der Kant- straße 4s fielen den Burschen ein Dutzend silberne Herrenketten, ein Dutzend Doublö-Damenuhrketlen. sowie eine ganze Anzahl Ohr- ringe, Broschen, Mauschettenknöpfe usw. zur Beute. In dem Zigarren- laden Gocthestr. 21 wurden bei einem Einbruch große Quantitäten Zigarren und Zigaretten, sowie bares Geld gestohlen. Ebenso drangen Einbrecher in den letzten Rächten mit Erfolg in ein Delikateßgeschäft in der Giesebrechtsiraße 3, in eine Süd- fruchthandlung Berlinerstraße III, und in eine Wohnung des Hause-Z Schloßstraße 68 ein. Bodcndiebstähle wurden ausgeführt in den Häusern Kurfürstenstraße 100, Knesebeckstraße 36, Fasanenstraße 6 und Kaiser Friedrichstraße Nr. 88. Bei diesen Einbrüchen hatten es die Diebe hauptsächlich auf Wäsche und Kleidungs- stücke abgesehen. Auch die Zahl der Fahrrad- und Paletotdiebstähle ist eine recht ansehnliche. Bei der Ausführung derselben gingen die einzelnen Mitglieder der Bande mit unglaublicher Dreistigkeit vor. Die Anwesenheit der WohmmgSinhabcr hielt die gefährlichen Lang- finger keineswegs davon ab, ihre unsauberen Pläne auszuführen. Die Haussuchungen nach alten Gewehren, die in Berlin aus Anlaß der in Posen und Grünberg i. Schi, entdeckten Affäre veranstaltet werden, dauern hier noch fort. Verbindungen mit dem Allhäudler Behreud in Posen wurden bisher in Berlin nicht entdeckt, umsomehr, wie bereits mitgeteilt wurde, mit dem Waffenhändler Loll in Grünberg. Dieser war nachweislich noch kurz vor seiner Verhaftung in Berlin. Bei dieser Gelegenheit versuchte er auch, in den Besitz alter Geschütze zu kommen, er hatte aber damit keinen Erfolg. Dagegen kaufte er damals tausend alte Gewehre zur Ausfuhr nach dem überseeischen Auslande. Die Aufsicht über die Ausfuhr dieser Gewehre reicht bis zum Landungsplätze im Auslande. Die Ab- sender, die den Nachweis einer Bestellung erbringen müssen, haben außerdem fiir jedes Gewehr eine Bürgschaft von 10 M. zu hinterlegen. Diese bekommen sie nur gegen eine LandungSbescheinigung zurück. Mit der Landung hört die Kontrolle auf, so daß die Ge- wehre sehr wohl zurückkommen können. Aber auch auf anderen Wegen als dem bereits angedeuteten sind alte Gewehre in den Handel gekommen. Bisher konnten Offiziere, Unteroffiziere und Militärbeamte die alten Gewehre zur Erinnerung als Zimmer- schmuck usw. zurückerhalten. Bei Todesfällen oder wenn der Be- sitzer ihrer überdrüssig wurde, kamen sie dann an die Trödler. Diese stellten sie ganz offen in ihren Schaufenstern aus. Erst jetzt haben sie die gesährlichen Waren daraus entfernt. In der letzten Zeit ist die Erlangung eines alten Gewehres auch für Militär- Personen schwieriger geioorden. Vielfach läßt jetzt die Militär- Verwaltung die ausgeschiedenen Waffen zerschlagen. Auch eine sehr große Zahl alter Patronen ist in den Handel gekommen, vielfach aber aucb, wie die hiesigen Haussuchen ergeben haben, die Hülsen der neuesten Patronen mit dem Mantel, aber ohne Pulver und Ge- schoß. Die beschlaguahmten Sachen stellen ein ganzes Musterlager der Modelle dar. Das Stelldichein. Eine liebevolle Mutter für seine Kinder suchte durch Heiratsanzeigen ein Mann, der sich bald Herzog oder Hagen, bald Bauer oder Brauer usw. nannte. Junge Mädchen und Witwen, die bereit waren, diesen Posten zu bekleiden, fand er auf jede Anzeige in Hülle und Fülle. Wenn er eine engere Wahl getroffen und die Auserkorenen näher kennen gelernt hatte. so brachte er zum Stelldichein hin und wieder auch eines seiner Kinder mit. um ihnen die neue Mutter zu zeigen. Die Mädchen oder Witwen gaben gern einen Teil ihrer Ersparnisse her. Sobald aber der Freier, der sich Postassisteut titulieren ließ, das Geld hatte, war es mit der Liebe aus. Er ließ sich nicht mehr sehen. Gestern folgte eine Geprellte, die durch ihren Schaden noch nicht klug geworden war, wieder einer Aufforderung zum Stelldichein und traf zum zweiten Male ihren„Assistenten". DaS Mädchen ließ den Schwindler verhaften. Er wurde als ein 28 Jahre alter Hermann Reschke aus Ripdorf festgestellt. Der Verhaftete ist verheiratet und Vater mehrerer Kinder. Beim Schlichte» eines Streites lebensgefährlich verletzt wurde gestern am früben Morgen der Swaßenbahnschaffner Heinrich Fehr aus der Beusselstr. 11. Gegen zwei Ubr war vor einem Bierlokal an der Eckel der Beusiel- und Huttenstraße zwischen mehreren Männern eine Schlägerei entstanden und F., welcher vom Dienste heim- kehrend, vorüber kam, trat zwischen die Kämpfenden, um den Streit zu schlichten. Einer der Teilnehmer verstand dies jedoch falsch und schlug mit solcher Gewalt auf den Sw affner ein, daß dieser mit gebrochenem Schädel bewußtlos zusammenbrach. Außerdem wurde dem Bedauernswerten das rechte Auge eingeschlagen. Er wurde nach der Unfallstation in der Huttenstraße getragen und nach Anlegung von Notverbänden in die königl, Klinik in der Ziegelstraße eingeliefert, wo er bedenklich daniederliegt. Der Täter, ein in Moabit gesürchteter Messerstecher, versuchte zu entfliehen; er wurde jedoch verfolgt und verhastet. Städtetng und Feuerbestattung. Den Teilnehmern des Städte- tage?, welcher bekanntlich am Montag, den 15. Januar, in der Reichshauptstadt zusammentritt, wird eine interessante Belehrung geboten werden. Auf Antrag des Berliner Vereins fiir Feuer- bestattung hat der Magistrat genehmigt, daß der städtische Ver- bremmngSofen für Leichenteile in der Distelmeyerstraße in Tätigkeit vorgeführt wird. Die Erläuterungen werden von sachverständiger Seite gegeben. 'Vermißt wird seit dem 11. v. M. die unverehelichte Ella Will- mann, 18. 11. 88 in Berlin geboren. Dieselbe ist etwa 1,45 groß, untersetzt, hat blonde Haare, breite Sttru, blonde Augenbrauen, blaue Augen, gesunde Zähne, rundes Gesicht, gesunde Gesichtsfarbe und war bekleidet mit blauem Rock, dunkelblauem Hut mit grünem Bande, iveißer Wäsche. schwarzen Schnürstiefeln und Strümpfen. Um'Nachricht zu 8644 TV. 37. 05 an die Kriminalpolizei oder ein Polizeirevier wird ersucht. Der Komet Giacobini konnte am Morgen des 4. Januar auf der Urania-Stcniwarte bereits als ein dem freien Auge sichtbarer Nebelfleck in der Helligkeit eines Sternes vierter Größe beobachtet werden. Der Schweif war noch sehr kurz und nur im Fernrohr sichtbar. Der Komet wird aber noch weiter stark an Helligkeit zunehmen und vor Sonnenaufgang in den nächsten Tagen am Südosthimmel eine auffallende Erscheinung sein. Die Urania-Stern- warte wird bei klarem Wetter in der nächsten Zeit von 6'/> Uhr früh zur Beobachtung des Kometen geöffnet sein. Freie Hochschule Berlin. Das Direktorium der Freien Hochschule bat beschlossen, in diesem Quartal keine Vorlesungen zu veranstalten. Die Gründe für diesen Beschluß sollen später noch bekannt gegeben werden._ Gerichts-Zeitung. Eine prinzipielle Frage, die das Berufsgeheimnis von Acrzten und Hebammen betrifft, wurde in einer Verhandlung vor dem Schwurgericht des Landgerichts I gegen die Hebamme Gröning und die Schneiderin Marx wegen versuchten Verbrechens gegen keimen- des Leben angeschnitten. Tie Angeklagte M., die sich Mutter fühlte, hatte die Hülfe der Frau H. zu verbrecherischen Zwecken in Anspruch genommen und war in weiterer Folge in eine heftige Erkrankung verfallen. Eine zu Hülfe geholte Hebamme Dörbandt und Dr. Jacobi in Charlottenburg fragten die Patientin nach der Ursache des aufgetretenen Fiebers, Dr. I. mit der Versicherung/ daß sie alles ruhig sagen könne, da er und die Hebamme zur Ämtsverschiviegenheit verpflichtet wären. Im Vertrauen hierauf teilte die M. beiden die von der Angeklagten H. mit ihr vorge- nommenen Manipulationen mit. Während Dr. I. Schweigen be- wahrte, begab sich die D. zum Kreisarzt und meldete, daß die M. am Fieber erkrankt sei und erzählte auf dessen Befragen den ganzen Sachverhalt, was nunmehr zur Anklage gegen die Gröning und die Marx führte. Zum gestrigen Verhandlungstermin waren die Heb- amme D. und Dr. I. als Zeugen und Sachverständige geladen; Rechtsanwalt Dr. Bahn lehnte beide als Sachverständige wegen Befangenheit ab, indem er geltend machte, daß nach seiner Met- nung das Verhalten beider nicht als korrekt angesehen werden könne, die D. aber geradezu K 300 Str-G.-B. verletzt habe. Es sei unnötig gewesen, die fieberkranke M., welche zunächst nur ihr eigenes Verschulden unter Beiseitclassung der Angeklagten H. zugegeben hatte, noch weiter ins Gebet zu nehmen; vollständig überflüssig aber sei die Recherche der D. nach dem Entgelt ge- wesen, welches die Angeklagte H. für ihre Dienste erhalten habe. Jedenfalls habe die Hebamme D. ihre Amtsverschwiegenheit ver- letzt. Das Gericht ließ zwar Dr. I. und die D. als Sachver- ständige zu, hielt es aber doch für nötig, einen Obergutachter in der Person des Mcdizinalrats Hoffmann hinzuzuziehen. In der Sache selbst wurde die G. wegen Bcihülse zum versuchten Ver- brechen gegen§ 218 mit 9 Monaten, die M. zu 8 Wochen Gefängnis verurteilt. Frau G. wurde aus der Haft entlasten. Der Fall regt dazu an, die Frage der Amtsverschwiegenheit der Hebammen in Strafsachen dieser Art zur prinzipiellen Entscheidung zu bringen. Ein kleiner SchutzmannSkongreß entwickelte sich gestern in und vor dem Zimmer 55 des Kriminalgerichtsgebäudes. Nicht weniger als 61 Schutzleute waren in einer Strafsache gegen den Schutz- mann Schwiemann wegen Erregung öffentlichen Acrgcrnisscs durch unzüchtige Handlungen als Zeugen vor die 7. Strafkammer des Landgerichts I geladen worden. Zwei junge Mädchen, die am 7. Januar v. I. abends durch die Bellcvuc-Allcc gingen, wurden durch einen Schutzmann kurz hintereinander belästigt, der aus dem Gebüsch in der Nähe des Kleinen Sterns hervor- und in unan- ständig entblößtem Zustande den Mädchen entgegentrat. Diese drückten sofort ihre Entrüstung aus und riefen dem Unholde zu, daß sie die Sache nicht stecken lasten würden. Sic erhoben einige Tage darauf Beschwerde bei dem Reviervorstande und dieser hatte schon nach der von den Mädchen gegebenen Personalbeschreibung die Ueberzeugung, daß nur der Anaeklagte der Frevler sein konnte. Bei der Gegenüberstellung erkannten ihn die Mädchen auch mit großer Bestimmtheit wieder, in welcher sie auf die vielen Ein- Wendungen des Angeklagten hin vorübergehend etwas schwankend zu werden schienen. Ter Angeklagte hat in dem vorhergegangenen Verhandlungstermin seine Täterschaft unter Hinweis auf die Ein- tragungen in seinem Postenbuch beharrlich bestritten und nachzu- weisen versucht, daß er das Opfer einer Personenverwechselung geworden und es leicht möglich sei,- daß ein Schutzmann aus einem der benachbarten Reviere in Frage komme. Auf Antrag des Rechtsanwalts Bahn waren daher zum gestrigen Termin 61 Schutz- leute geladen und wurden den beiden Mädchen gegenüber gestellt. Diese verneinten bei jedem einzelnen die Identität mit dem Täter und blieben dabei, daß der Angeklagte der Mann sei. der sie in so unflätiger Weise belästigt habe. Da Zweifel an dessen geistiger Gesundheit geltend gemacht worden waren, so war zur gestrigen Verhandlung, die unter Ausschluß der Ocsfentlichkeit stattfand, auch Medizinalrat Dr. S o f f m a n n als Sachverständiger geladen. Nach dessen Gutachten liegen Momente, nach welchen die geistige Gesundheit des Angeklagten zweifelhaft erscheinen könnte, nicht vor. Der Gerichtshof hielt nach den Ergebnisten der Beweis- aufnähme die Schuld des Angeklagten in objektiver wie subjektiver Beziehung für dargetan. Dem Gerichtshof erschien es absolut nicht zweifelhaft, daß der Angeklagte in Wirklichkeit der Täter gewesen ist. Der Angeklagte wurde daher zu vier Monaten Ge- fängnis und drei Jahren Ehrverlust verurteilt. Der Staats- anwalt hatte sechs Monate Gefängnis beantragt. Vermischtes. Gegen vierzehn Polen ist wegen der Ermordung der Familie Sollwedel in K laden Anklage erhoben worden. Von der Familie sind die Ehefrau und mehrere Kinder an den erhaltenen Verletzungen gestorben. Der Ehemann und die übrigen Kinder sind zum Teil lebensgefährlich verletzt worden. Als Täter kommen zwei Brüder T. in Bettacht, die übrigen zwölf sind der B titschuld lind Begünstigung dringend verdächtig. Handwertsburschen-Elend. In einer Gastwirtschaft zu Schweden- stedt stellten sich vor einigen Tagen zwei Handwerksburschen ein, von denen der eine wegen schwerer Erkrankung außerstande war, weiter zu wandern. Er hatte einen arg zerschlagenen Kopf und erklärte, er sei zu Neujahr von mehreren Mitwanderern in einem Streit schwer mißhandelt worden. Bald nach semer Ankimft starb der Unglück- liche dem man im Stalle Unterkunft gewährt hatte. Sem Be- qleiter der bis zuletzt bei ihm geblieben war. wurde verhaftet, da man vermutet, daß er an den Mißhandlungen seines Kollegen be- teiligt gewesen ist._ Berliner Marktpreise. AuS dem amtlichen Bericht der städtischen Marlthallen-Direttion. Rindfleilch la 64— SS pr. 100 Psimd, Ua 56—64. III» 50—55, IVa 40—48. Kalbfleisch la 86—95, IIa 74— 8o, lila 60—72, Hammelfleisch la 61-74, IIa 52-62. Schweinefleisch 74—78. Ratwild Piund 40-48 Pj. Hasen Stück 2.90-3,20, Mittel 2,00-2,80. Kaninchen Stück 0 75—0.90. Huhner pro Stück, alte 1,10— 1,85. junge la 0,80— 1,30, do IIa 0,00—0,00. Tauben. junge 0,50-0,72, alte 0,50. Enten iunoc l 80—2,40. Gänse pro Stück la 0,00—0,00, IIa 0,00— 0,00, pro Pid. la 0 65—0,70, IIa 0.00—0,00. Schellfische 12—19 M., Flunder 23 M. Dvo 100 Pid. Hechte 93—97 M., Schleie, mittel 00-00 M. Aale, groß 0,00, mittel 102— 108, Nein 0,00, Plötzen 00— 00 M., Karpfen uns. 00 M., Lachs 00,00. Schottische Vollhcringe(gesalzen) 36—38 M Eier, Schock 5.00. Butter pro 100 Psund la 117—120, IIa 114—117, lila 110-114, abfallende 00—000. Kartoffeln pr. 100 Pfd. rote 2,00— 2,20, Rosen 0,00— 0,00, blaue 0,00—0,00, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl pr. Schock 7 00—12 00. Weißkohl 7.00— 10,00. Rottohl 6.00-10.00, Holl. 14—17 M. Saure Gurken. Schuck 2.00 M, Pfeffergurken 2,00 M. Wetter-Prognose für Donnerstag, den 11. Januar 1906. Mfld und teilweise heiter, aber sehr veränderlich mit Regensällen und lebhasten südwestlichen Winden. Berlin erWetterbureau. Wasserstand am 9. Januar. Elbe bei Aussig+ 1,09 Meter, bei Dresden— 0,58 Meter, bei Magdeburg-ff 1.62 Meter.— U n st r u t bei Straußsurt-ff 1,70 Meter.— O d e r bei Natibor-ff 1,71 Meter, bei Breslau Oberpegel-ff 5,00 Meter, bei Breslau Unterpegcl—0,94 Meter, bei Frantsurt-ff 1,51 Meter.— Weichsel bei Brahemünde + 3,34 Meter.— Warthe bei Posen-ff 0,74 Meter.— Netze bei Usch— Meter._ Eduard Möller Düte, IVUitzai, pdzwaren Ilirdorf, Hergstr. 24, Leih-ffaus Chnrlottcnbnre:, Friedrich- Karl- Platz 12, Berlin, Anklamer-Strnffe 2. Beleihimg von Brillanten, Gold- und Silbersachen. Uhren, Büchern, Wäsche, Kleidungsstücken:c. 30SV �elftestes Uottz. Leihhaus Ciiarlotionbarg, WilmeFSdorfeFStr. 40 1. Hohe Beleihung. Diskr. Sprechzimmer Emil Hoegner Grunewaldslraße 108. fVäache-, IVeiB-, WoII- und naiinfaktarwarcn. Vorgezeichnete and fertige Handarbeiten. Herren- Artikel. P-litglied von 8 Rabatt- u. Sparvereinen. 268V» Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil vercnitw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Eo., Berlin SW.