Ur. 1». Bbcnnemmts-Bedlngungen: ■ioiuifmcnts° Preis pränumeran!«: Bierteliährl. Z�o Mi. vion-UI. l.l0 Mk.. wöchenilich SS Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pig. Sonntags. nummer mit illustrierlcr EonntagS- SeUage.Die Neue Well" 10 Pig. Post. Abonnement: 1,10 Marl bro Monat. Eingetragen in die Poit-Zeimn»«. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutichlanb und Oesterreich. Ungarn > vlarl, für da» übrige«uSIand 8 Marl pro Monat. 23. Jahrg. Die Infertions'Gebflljr betrügt für die lechSgespallene Kolonel- zeile oder deren Raum 40 Big. für politische und gewerllchaftliche ÄereiuS- und LersnniinlimgS.Nnzeigen SS Pig. „Kleine linieigen", da» erste(fett- gedruckte» Wort 10 Pig.. ledeS weitere «ort S Big. Worte über IS Bttchllabe» zühlen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nunnner iiiüife» bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben »erden. Die Expedition ist an Wochen. tagen bis 7 Uhr abend», an Sonn, und Festlagen bis S Uhr vormittags geöffuct. vfchetbt»glich iiiStl MMUg». Verlinev Volksblcrtk. Zentralorgan der foztaldemokrattfcben parte» Deutfchlands. lelegramm» Ildreffe: .S«I»St°!»>l»l S«fll8". Redaktion: SLll. 68» l.inct«nsrp»ss« 69. ksernivreckier: Elm» IV.?>r. ttttt». Expedition: SM. 68» l.indenstrasse 69. kpei.»lnr>.ck»'r! Ai»» IV. Sie IlINg. Bürgerlicher Wahlrechtsschwindel und proletarischer Wahlrechtskampf. Schon gestern haben wir das in den tollsten Widersprüchen sich bewegende Urteil der bürgerlichen Presse über die prolc- tarische Wahlrechtsbewegung gekennzeichnet. Während vor dem 21. Januar auch die liberalen Blätter nicht müde wurden, von der ungeheuren Verantwortlichkeit zu faseln, die die sozialdemokratische Leitung durch ihre Veranstaltung auf sich lade, während sie die mehr oder minder denunziatorischen Befürchtungen äußerten, daß die sozialdemokratischen Redner in den Versammlungen die Masten zu Unbesonnenheiten ans- reizen würden, schlug nach dem 21. Januar die Stimmung völlig um. Am groteskesten war dieser jähe Stimmungsumschlag bei dem Berliner M 0 s s e b l a t t, das nun auf einmal von der ungeheuerlichen Blamage spricht, die sich die Reaktion durch ihre absolut überflüssigen Kriegs- Vorbereitungen zugezogen habe. Die reaktionäre Presse über- häuft beim auch den so verspätet geoffenbarten Heldenmut des Moste-Blattes mit dem verdienten blutigen Hohn. Wenn aber das„Berliner Tageblatt" wirklich von vornherein die Ueberzeugimg gehegt hätte, daß die Sozialdemokratie nichts als eine friedliche Demonswation durch Massenversamm- lungen und Massenprotcste beabsichtige, so wäre sein alberner Spott über den„harmlose»»" Charakter dieser Demonstration umso weniger angebracht gewesen. In der Tat war aber unser liberales Bürgertum keineswegs von vornherein von den fried- lichen Absichten der Sozialdemokratie überzeugt. Noch in ihrer Montagsnummer schrieb beispielsweise die„Freie Deutsche Presse", daß die Arbeiterschaft„angesichts der Vor- beuäungsmaßregeln der Behörde" Besonnenheit gewahrt und Zusammenstöße vermieden habe. Hier wird also ganz»uwerkennbar das ruhige Verhalten der Arbeiterschaft auf die Kriegsrüstungen der Polizei- und der Militärbehörden zurückgeführt, also indirekt behauptet. daß sich im anderen Falle die Sozialdemokratie jedenfalls Nicht eine solche Zurückhaltung auferlegt haben würde. Wenn schon das führende Organ der Freisinnigen Volkspartei sich verartig ausläßt, so darf es nicht Wunder nehmen, wenn die 'regierungsoffiziöse„Norddeutsche Alllg. Zeitung" behauptet, daß gerade der Umstand,„daß von feiten der Behörden 'umfassende Vorsichtsmatzregeln getroffen und entschiedene Direktiven erteilt waren", die Arbeiterschaft zur absoluten . Wahrung der Ruhe veranlaßt habe. Diese der reaktionären sowohl wie der freisinnigen Presse 1 gemeinsame Auffassung von den vermeintlichen Absichten der �Sozialdemokratie beweist, wie wenig das Bürgertuni aller .Schichten noch in da» Wesen der Tamk der deutschen Sozial- Demokratie eingedrungen ist! 1 Wie lag nach der sozialdemokratischen Auffassung die Situation? Die ganze Haltung nicht nur der Scharfmacher, sondern auch aller bürgerlichen Parteien liefert den Beweis, baß ohne die energische Selb st hülfe des Proletariats an eine Beseitigung des schmählichen DreiklassenwahlunrechtS nicht zu denken ist. Die Reaktion, weit entfernt davon, ans ihre Privilegien in Preußen auch nur um Haaresbreite zu verzichten, hatte umgekehrt bei jeder Gelegenheit, in der Presse, in Volksversammlungen und in beiden Häusern deS preußischen ' Landtages selbst, die Forderung erhoben, dem Ausbreiten der sozialdemokratischen Bewegung durch verschärfte reak- tionäre Maßregeln, namentlich aber durch eine B e- s ch n e i d u n g des herrschenden Reichstagswahlrechts entgegenzutreten. Daß von dieser Seite eine demokratische Umgestaltung dos Landtagswahlrechts nicht zu erwarten war, liegt auf der Hand. Aber auch die Ratio nallibcralen und das Zentrum sind höchst unsichere Kontonisten. Als in der letzten Session des Reichstages der Antrag eingebracht Worden war, durch eine Neucinteilung der Reichstagswahlkreise die ungeheuerliche Ungerechtigkeit zu beseitigen, die durch die kolossale Verschiebung der Bevölkerungsziffer in ländlichen und industriellen Wahlkreisen eingetreten ist, stimmte das Zentrum gegen diesen Antrag, für den jeder ernste Freund eines wirklichen gleichen Wahlrechts einzutreten verpflichtet sein müßte. Auch hat ja der bekannte Zcntrumsabgeordnctc Hitze seiner- zeit mit aller Deutlichkeit in seinem Buche„Kapital und Arbeit" ausgesprochen, daß„daS absolute Recht der Majorität die Revolution in Permanenz" sei, das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht führe mit der Zeit notwendig zur M a j 0- risierung durch dasProletariat, da bleibe nur der Ausweg ständischer Wahlen.„Es wäre das eine außerordentliche Kräftigung des Eigrntuins gegenüber der„Arbeit". Offener noch als das Zentrum hat die n a t i 0 n a l I i b e r a l e Partei sich gegen das allgemeine gleiche Wahlrecht aus- gesprochen. MS in» September 1902 der Kampf um den Wuchertarif tobte, stieß der nationalliberale Abgeordnete Basscrmann den Gegnern der Wucherzölle gegenüber die Drohung aus, daß sie das allgemeine Wahlrecht in Gefahr brächten. Ebenso hat seinerzeit der nationalliberale Abgeordnete S e m l e r in einer großen Versammlung des nationalltberalcn Wahlvereins zu Hamburg eine— einstimmig angenommene— Resolution eingebracht, in der der Reichs- kanzler ersucht wurde,„in Erwägung zu ziehen, wie durch Gesetze dem.Mitzbrauch des allgemeinen Wahl- rechts durch- die Sozialdemokratie im Wege der Beschränkung des Wahlrechts... abgeholfen werden könne." Ebenso hat der bekannte Professor Hasse aus seiner Feindschaft gegen das allgemeine Wahlrecht keinen Hehl gemacht. Die national- liberale Presse geberdete sich fast noch reaktionärer als die nationalliberalen Abgeordneten. Der„Hannoversche Courier" lobte seinerzeit die erwähnte Hamburger Ver- sammlung wegen ihrer„mutigen" Stellungnahme und die„National-Zeitung" schrieb einmal, daß das all- gemeine Wahlrecht verwildere und daß deshalb der„ver- hängnisvolle Lauf des allgen» einen Wahl- rechts aufgehalten" werden müsse. Alles das beweist, daß die Reaktion im preußischen Landtage nicht nur die Bänke der Rechten inne hat, sondern sich über die Mitte bis tief hinein in die Linke ausdehnt. Als Gegner des Drciklassen- Wahlrechts bleiben also,»venn wir wirklich einnial die freisinnige Partei als solche betrachten wollen, nur knapp drei Dutzend Abgeordnete übrig. Der Arbeiterklasse einreden zu»vollen, daß diese paar Männlein wirklich auf parlamentarischem Wege in der Lage wären, das Dreiklassenwahlrecht zu beseitigen, verriete denn doch eine beispiellose Naivität! Wenn also die Arbeiterklasse sich wirklich das allgemeine seiche direkte und geheime Wahlrecht für den preußischen andtag erobern will, so bleibt ihr schlechtbin kein anderes Mittel, iils die breite Oesfentlichkeit gegen die Reaktion auf die Schanze z« rufen. Tie Arbeiterklasse gibt sich dabei durchaus nicht dem holden Wahn hin, daß die Beseitigung des preußischen Geldsackswahlrechts eine so leichte, mühelose Arbeit sei. Sie hat eS ja erlebt,»velche Erbitterung schon die proletarische Inanspruchnahme der politischen Rechte im Deutschen Reiche innerhalb der besitzenden Klasse hervorgerufen hat. Sie erinnert sich noch zu genau, in welchen Entrüstungs- främpfen sich die Interessenten des Brotwuchers gewunden haben, als die Sozialdemokratie in Verbindung mit dem Barthschen Freisinn den Versuch unternahm, das freche Attentat gegen die Taschen der arbeitenden Klaffe abzuwehren. Sie weiß nur zu genau, welch steincrweichende Klagen von der Kapitalisten- klaffe wegen der minimalen Lasten angestimmt worden sind, die die so bescheidene Arbeitcrschutzgesetzgebung und Arbeiter- Versicherung ihr auferlegten. Sie hat es gerade in den letzten Jähren erlebt, daß das Vordringen der Sozialdemokratie das ganze Bürgertum von linls bis rechts mehr und mehr zu der eine» rcaktionärru Maffe zusammengeschiveißt hat, daß sogar der Freisinn sich die Hülfe des erzreaktionären und scharfmacherischen„Reichsverbandes zur. Bekämpfung der Sozialdemokratie" mit heißein Dank gefallen ließ. Die Arbeiterklasse hat es also tausendfach erfahre»,»vie schmerzlich das gesamte Bürgertum schon heute die leidige Tatsache enipfindet, daß das Proletariat sich nicht länger von den bürgerlichen Parteien ins Schlepptau nehmen läßt, sondern als selbständige Klassenpartei seine Interessen wenigstens im Reichstag wahrzunehmen bestrebt ist. Wenn das Bürgertuin— von den Junkern u»»d Schlot baroncn bis zum freisinnigen Philisterium— schon das allgemeine gleiche direkte und geheime Reichstags ivahlrecht als einen Pfahl im Fleische empfindet, so kann sich die Sozialdemokratie auch nicht einen Augenblick darüber täuschen, daß es der schärfsten Mittel bedürfen tvird. das Wahlrecht auch für den preußischen Landtag zu erkämpfen. Nichtsdestoiveiiiger ist die Sozialdemokratie ihres schließ lichen Sieges geiviß. Envartet sie die demokratische Wahlreform auch nicht als ein Gnadengeschenk der Junker, auch nicht als die freiivillig dargebrachte Siegesgabe des heldenmütigen Frei sinnS, so erivartet sie sie doch als den Preis einer ungestümen und zähen Agitation! Die Voraussetzung des Erfolges der sozial deinokrattschen Wahlagitation ist die Aufrüttelung der breiten Massen des Volkes, die Gewinnung derMillionen vonJndifferenten, die heute entweder von ihren Bürgerrechten überhaupt noch keinen Gebrauch machen, oder noch immer geivohnheitsmäßig im Kielwasser bürgerlicher Parteien segeln. Die Demonstrationen des 21. Januar haben den Beweis dafür geliefert, wie bitter von den Arbeitermaffen bereits heute die preußische Wahl- entrechtung empfunden wird, und doch ist die sozialde»nokrafische Wahlrechtsbewegnng erst so jungen Datums. Setzt die Sozial- demokratie das Werk der Aufrüttelung und Aufklärung der pro- lctarischen Massen mit der Energie fort, mit der sie ihre Agitation begonnen hat, so werden auch Freisinn und Zentrum die Folgen dieser Wahlagitation bald schmerzlich genug empfinden. Das wüste Gekeife des Freisüms, die ewig wiederholten Be- teucrungcn. daß der Freisinn ein ebenso warmer Verfechter des allgemeinen gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts fei wie die Sozialdemokratie, verrät ja bereits die wachsende Nervosität des in seinem politischen Besitzstand ernstlich bc- drohten Freisinns. Ebenso scharf wird die Sozial- demokratie mit ihrer Wahlagitation auch dem Zentrum auf den Leib rucken. Diese Parteien iverdcn einfach vor die Frage gestellt iverdcn, e n t w e der s i ch nun ei n in a l »v irklich an dem Wahlrech tskampf energisch zu beteiligen, oder aber von der Sozial- demokratie mehr und»nchr zerrieben zu werden! Sollten sie sich durch das sozialdemokratische Borwärtsdrängen gezwungen sehen, den Wahlrechtskamps der Sozialdemokratie tatkräftig zu unterstützen, so wird die Reaktion schließlich dem gemeinsamen Ansturm weichen müssen. Sollten diese Parteien jedoch derart von Sorge um die Geld- sackprivilegien gepackt sein, daß sie lieber eine Maffendcsertion ihrer proletarischen Wähler erduldeten, als sich einer ehrlich demokratischen Kampagne anzuschließen, so muß eben die Sozialdemokratie den Kampf allein aufnehme»». Auch be» einer solchen Isolierung würden die E�ancen des proletarischen Wahlrechtskampfes keine schlech eren fein. Das Vorgehen der Scharfmacher am 21. Januar hat ja bereits die völlige Ratlosigkeit der Reaktion be»viesen. Mit einem blusigen Gewaltstreich wollte man sich der unbequemen Dränger erivehren, um endlich wieder einmal auf eine Galgen- frist Ruhe zu haben. Das Proletariat hat den Scharfmachern den Gefallen nicht getan. Aber es ist ihm andererseits auch gar nicht eingefallen, auch nur das geringste von dem zu unterlassen, was von allem Anfang an beabsichttgt»var: eine beispiellose Demonstratton gegen das Dreiklassenwahlrecht zu inszenieren, die ihm zweifellos Hunderttausende neuer Anhänger gewonnen hat. Was wollen die Scharfmacher aber gegen das lawinengleichc Amvachsen der proletarischen Klassenbewegung sonst unternehmen? Jede Drangsalierung durch Polizei und Gerichte kann den Nimbus der Sozialdemokratic nur erhöhen, den ohnehin so gesunkenen moralischen Kredit des Klassenstaates nur vermindern! Das Bürgertum kann es schlechterdings nicht verhindern, daß die Sozialdemokrasie immer geivalttger wächst, daß sie immer breitere Massen und— in voraus- sichtlich gar nicht zu ferner Zeit— die Mehrheit deS Volkes um ihr menschheitbefteiendcs Banner schart. Je mächtiger aber die Sozialdemokratie»vird. desto m»- möglicher»vird es den besitzenden Klaffen, gehässige, i»ur neue Verbitterung säende Polizeipraktiken an ihr zu versuchen. Die Reaktion wird ja schon heute eingesehen haben,»vie kolossal sie gerade durch ihr Militäraufgebot zum Riesenerfolg des 21. Januar beigetragen hat. Ist sie durch diesen ersten Fehl- schlag noch nicht belehrt, so mag sie es getrost mit Iveiteren Staatsrettungen gleichen Kalibers versuchen. Das Proletariat wird sich dadurch auch nicht einen Augenblick aus der Fassung bringen lasten. Es wird sich»»icht provozieren lassen, aber es»vird sich auch nicht in seiner agitatorischen»rnd organisatorischen Arbeit stören lassen! Die Scharsmachernrente hat nur den einen armseligen Triumph behalten. wenigstens die S t r a tz e 1» d e m 0 n- strationen verhindert zu. haben. Und es soll gar nicht verhehlt»verde»», daß die Arbeiterschaft unter Umständen auch eine Straßendemonstration als geeignetes Mittel betrachtet, ihren Forderungen wuchtigen Ausdruck zu verleihen. Aber da sie— es ist unglaublich, daß»nan das den polisischen Kresins von der Scharfmacher- sowohl wie der liberalen Presse noch aus- einandersetzen muß!— Straßenilmzüge selbstverständlich nur als ein Mittel friedlicher Demonstration betrachtet. ist es noch sehr ztveifelhaft, ob eine noch so imposante Straßenkundgebung wirkungsvoller gewesen wäre, als die Massenversammlungen im Zeichen des Kriegs- zustandes! Und wenn nian ailch künssig noch, obwohl die Arbeiterschaft eine so unzweifelhafte Probe ihrer Disziplin abgelegt hat, dem Proletariat das Recht auf Straßennmzüge veriveigern»vill—»vir brauchen schließlich nichts dagegen zu haben, wenn der arbeitenden Klaffe der Stachel der Recht- losigkeit immer brennender in die Seele gedrückt»vird! Die Sozialdeinokratie, die Wahlrechtsbewegung marschiert, so oder so! Es ist platterdings ui»möalich, die Geschicke— die innere»» wie die äußeren— eines modernen Staates gegen den ans- gesprochenen Willen der Mehrheit der Staatsbürger zu lenken. In den Zeiten des Feudalismus vermochte wohl eine Minder- heit die Mehrheit zu vergewalttgen, aber auch»rnr, weil die Mehrheit sich ihrer Bedrückung nicht beivnßt geworden»var. Heute, in der Zeit der dilrch die Industrialisierung des Landes verursachten Anhäufung des Proletariats in Städten und Jndustriebezirkcn, bei den sonssigen Möglichkeiten, durch Wort und Schrift Aufkläriuig unter den Massen zu verbreiten, sind patriarchalische Herrschaftsformcn ausgeschlossen. In dem Augenblick, wo die beherrschten, ausgebeuteten Massen sich des Interessengegensatzes gegen die herrschende Minderheit beivnßt»Verden, beginnen die Machtmittel dieser Minderheit zu versagen. Heilte mag man vielleicht noch die aus der Provinz, vom platten Lal»dc stammenden Garnisonen der Hallptstädte gegen das Proletariat rnlSspiele»» zu können glauben— in naher Zllkunft schon wird man diesen Ge- danken als ein allzugefährlichcs Spiel mit dein Feuer yet- »verfen! Es gibt nur ein Mittel für den Klaffenstaat, dem Plötz- lichen Zusammenbruch vorzubeugen: die vernünftige,»veitsichtige Polittk der Konzcssio>»en, die Erfiillung der drängendes Forderungen des Proletariats. Man braucht nur die Ardeücr klaffe, die Mehrheft des Volkes, auf politischem und sozialem Gebiete zu gleichberechtigten Vollbürgern zu machen, um dem friedlichen, kulturellen Fortschritt der Natton freie Bahn zu schaffen! Versteift man sich mit brutalem Egoismus auf die Kluffenprivilegien, fährt man fort, die Arbeiterklasse als Heloten zu behandel»», so wird die später ja doch«nausblcib- liche Kapitulation za weit demütigenderen Bedingungen er- folgen!_ politische GebciTicht. Berlin, den 23. Januar. Reichstag. Die Sitzung des Reichstages begann mit ciner matt- herzigen Begründung der Interpellation der polnischen Fraktion wegen Anordnung einer Aufsicht über die Sprache, »velche von katholischen Mannschaften in der kirchlichen BcichG gebraucht wird, durch den Wgeordneten S t h ch e I. Als der Kriegsminister erwidert hatte, daß es der Militärverwaltung fernliege, die religiösen Bedürfnisse derpolnisch spreäMden Mann- schaften zu beeinträchtigen, beruhigten sich die Interpellanten. Sie beantragten auffallenderweise keine Besprechung ihrer Interpellation. Es schien den Agrar-Polen daran zu liegen, der- germanisierenden Regierung keinerlei Schwierigkeiten zu bereiten. Anders ist die Unterlassung eines Antrages auf Be- sprechung der Interpellation nicht zu verstehen. Wer in allem. was die Belastung des Volkes anlangt, mit der Regierung durch Dick und Dünn geht, muß eine wenig beneidenswerte Rolle spielen, wenn er sich anschickt, als verteidige er das Recht des Volkes auf anderen Gebieten. Die weitere, gestern vertagte Beratung über den Gesetzentwurf betreffend den Versicherungsvertrag zog sich bis um 6 Uhr hin. Sie bewegte sich wesentlich in juristischen und fachtechnischen Gleisen. Die Mittwochsitzung ist fiir Initiativanträge bestimmt. An erster Stelle der Tagesordnung steht die dritte Lesung über den Diätenantrag. Ihr folgt der vom Zentrum ein- gebrachte Toleranzantrag, diesem die Beratung des sozial- demokratischen Initiativantrages auf Ein- sührung einer auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes zusammengesetzten Volksvertretung für jeden Bundesstaat und für Elsaß-Lothringen.— Eine Fleischnotdebatte im Dretklassenparlament. Im preußischen Abgeordnetenhause begann am Dienstag 'die zweite Beratung des Etats der landwirtschaft- lichen Verwaltung. Die Agrarier, die sonst diesen Etat zum Anlaß nahmen, um in bewegten Tönen über ihre Notlage zu jammern und die Regierung um neue Liebesgaben anzuschnorren. verhielten sich ungewöhnlich ruhig. Kein Wunder, Herr v. Podbielski hat ihnen den Mund so voll- gestopft, daß sie beim besten Willen nicht mehr schreien können. Nur ab und zu vernahm man noch ein leises Wimmern irgend eines Nimmersatten, der dadurch andeuten wollte, daß er sich inimer noch nicht ganz befriedigt fühlt und bei nächster Gelegenheit wieder losbrüllen wird. Im wesentlichen drehte sich die Debatte um die Frage der Fleischnot. Viel Neues wurde weder von den Agrariern noch von ihren Gegnern gesagt, aber den Eindruck erweckte die Debatte doch, daß die Agrarier sich nicht mehr mit so wohlfeilen Redensarten wie bisher über die Fleischnot hinwegzusetzen wagen. Selbst Herr v. Podbielski konnte die Frage nicht niehr mit ein paar scherzhaften Redensarten ab- tun, er mußte die Fleischteuerung zugeben. Freilich führt er sie auf die Fleischbeschau zurück und will dafür sorgen, daß in Zukunft wenigstens das Fleisch der sogenannten einfinnigen Rinder nach Lltägiger Kühlraumlageruug unbeschränkt freigegeben und daß auch bei— geringfügiger Tuberkulose die Freigabe gestattet wird. Aber von einer Oeffnung der Grenzen will er nach wie vor nichts wissen I Das Fleisch kranker einheimischer Tiere schadet nach Ansicht des Ministers der Bevölkerung offenbar weniger als der Genuß gesunden Fleisches aus dem Auslande. Fürwahr! Die Agrarier können mit diesem ihren Schinnherrn, der das einseitige agrarische Interesse über das der Gesanitheit stellt, wohl zufrieden sein. Daß auch das„Gerede" in der Presse und ganz besonders die Sozialdemokratie für die Fleischnot verantwortlich gemacht wurde, ist selbstredend. Woran ist die Presse und die Sozial- demokratie nicht schuld? Am Mittwoch wird die Beratung des Landwirtschaftsetats fortgesetzt.—_ Hamburg im Zeichen der Polizeidiktatur. Obivohl von allen anständigen Leuten anerkannt wird, daß das Verhalten der gegen die völlige politische Entrechtung denionstrierenden Arbeiterschaft am Abend des 17. Januar ein geradezu musterhaftes, der von vielen Organen der Sicherheitspolizei entivickelte„Schneid" dagegen recht über- flüssig war, ja in Verbindung mit der taktischen Un- aeschicklichkeit der Polizeislrategen die Unruhen im Kaschemmenviertel provoziert hat, versucht das elende Scharfmachergesindel im Bunde mit den„Hamburger Nachrichten", die täglich zu Gewalttätigkeiten gegen die Sozial- demokratie auffordern, ohne daran behindert zu werden, die Wahlrechtsdemoustranten nicht nur moralisch, sondern auch finanziell für die den Geschäftsleuten durch die Exzesse ent- standenen, auf 100000 M. veranschlagten Schäden verantwortlich zu machen. Allen Ernstes wird in der Presse der Vorschlag gemacht, die Parteileitung und unser Parteigeschäft, wo die Flugblätter zur Teilnahme an den Versanimlungen gedruckt worden sind, auf Schadenersatz zu verklagen. Auch die von den Rowdies verletzten Polizisten sollen sozialdemokratische Schmerzeusgelder erhalten, so verlangen die Ueberscharfmacher, deren Geistesverfassung reif für Friedrichsberg lLandes- irrenanstalt) ist. Die geschädigten Geschäftsleute, Wohl die besten und einwandfreiesten Beobachter der Exzesse, haben sich an die richtige Adresse gewandt, denn sie fordern, wie der senats- offiziöse„Hamb. Äorresp." berichtet, durch Rechtsanwalt Dr. Brumm die Deckung des Gesamtschadens aus Staats- Mitteln. Eine diesbezügliche Eingabe ist dem Senat bereits zugestellt worden. Das Blatt fügt hinzu:„Wie bereits mit- geteilt, stützt sich das Gesuch darauf, daß der Schopenstehl in der kritischen Zeit etwa eine Stunde lanjj ohne genügenden Polizeilichen Schutz gewesen sei, trotzdem die Polizei Kenntnis von der Zusammeurottnng des Gesindels hatte, das bald darauf die Gewalttätigkeiten in den Parterrelokalitäten verübte." -..Der bekannte sozialliberale Dr. S. Heckscher äußert sich über das gemeingefährliche Treiben des Scharfmacher- gWidels u. a. wie folgt: „... Die Hamburger Arbeiterschaft hat mit dem Äerbrechergesindel in der Niedern st ratze ngegend sowenig etwas gemein wie die Bäter des unheilvollen ' Gesetzentwurfes. Wenn man schon einnial von Schuld reden will, so könnte man nüt grötzerem Rechte argumentieren: Ihr, die Ihr die Wahlrechtsvorlage eingebracht, die Ihr dadurch Erbitterung und Unfrieden hervorgerufen,� Ihr, die Ihr pochend auf Eure gegenwärtige Macht, versucht, die Verfassung zu ändern ,�JHcJ seid die wahren Schuldigen. Wer Wind säet, wird Stnrn» ernten. Herunter einmal mit all dem Flitter- und Flatterkram» den Ihr der Vorlage angehängt habt, herunter vor allem miV jenen» liberalen Narrentleid, das der neue Ausschutzbericht den« gräulichen Gebilde umgelvorfen hat, und heraus mit der nackte,« Wahrheit! Ihr wollt den Hamburger Arbeitern staatsbiirger-« liche Rechte nehmen, die Ihr vor wenigen Jahren ihnen ein-« geräumt habt. Sagt'S doch offen und frei: Macht geht von Recht! Nun hat der Hamburge» Arbeiter lv ü r d i g und! friedlich demonstriert. Hätte er'S nicht getan, er Iväre wert,! seine Rechte zu verlieren. Merkt's Euch! Der Arbeiter ist! kein Spielzeu gl" J ff Das Vereins- und Versammlungsrecht ist zurzeit für die Arbeiterschaft völlig auf- gehoben; nicht allein öffentliche, sondern auch Vereins- und Gewerkschaftsversammlungen lverden von der Polizei verboten! Anläßlich der preußischen Wahlrechtsdemoustrationen hatte die Hamburger Polizei„umfassende" Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um einer Invasion der Krämerrepublik durch preußische„Umstürzler" entgegentreten zu können. Ueber diese„starken" Maßnahmen ist nicht allein in sozialdemo- kratischen Kreisen geulkt worden. Die„liberale" Hainburger Polizei ist nervös, sehr nervös geworden, hat sie doch in Herbergen nach Revolvern suchen lassen, weil ihr mit- geteilt worden war, es sollten Waffenverteilungen an „Demonstranten" stattfinden oder stattgefunden haben. Die im kosakischen Sinne redigierten„Hanib. Nachrichten" machen auch in Judenhetze, sonst hätten sie wohl keinem„Ein- gesandt" Aufnahme gewährt, in welchem den schwerreichen Juden des Milliouenviertels Roterbanm-Havcstehude der Sturm auf ihre Geldschränke durch— Wahlrechtsdemonstrauten angedroht wird!— *•# Ocutrcbes Rcfcb. Herrn Mosses Gladiatoren. Herr Mosse läßt in seinem Zeitungsverlag förmliche Gladiatorenkämpfe zwischen Börseufreisiun und freisinniger Demokratie aufführen, alles zu Nutz und Fromnien seines Annonceugeschäfts. Das Mvssesche„Berliner Tageblatt" schrieb gestern: „Die Sozialdemokratie hatte es durch ihre törichte Taktik glücklich fertig bekommen, daß sie sich in der Wahlrechtsfrage— einer Frag«, die das liberale Bürgerin»» seit Jahrzehnten iinmcr wieder aiifgewmfen hatte, aber gerade Wege» der Ii.dolcnz der Arbeiter nicht lösen konnte— fast isoliert sah. Nun suchte sie ihre Schtväche nach dem Grundsatz zu verdecken: Die Masse mutz cS bringen. So brachte sie denn alles auf die Beine, was nur kriechen kann, um möglichst„wuchrig" gegen die Drcillassenwahl z» demonstrieren. Die innere Hohlheit dieses Massenaufgebots ko.mte ieinein Einsichligen verborge» sein." Uud heute schreibt die Mvssesche„V o l ks- Z e i t u n g": „Autzcrdem hat bisher noch stets— und das ist die ernste Kehrseite der Medaille— jedes Biatt der Weltgeschichte gelehrt. dah das Rezept„Nun gerade nicht!" de» klcim der un- erbittliche» Niederlage derjenigen Regierung in sich schlicht, die mit diesem spaßhaften Trutzwort ihre schwache Position ver- teidigen zu können meint. Eine Agitatioiisioaffe von unwider- stehlichen» Reiz auf die Gemüter aller unter dein Wahlunrecht Leidende»' ist dieses unbezahlbare„Nun gerade nicht!" Denn das Wahlnnrechl des preuhischen Dreiklasseiuvahlshsteins bringt nicht nur die riesigen Massen der Lohnarbeiter, es bringt auch die breitesten Schichte»' des Bürgerlums um daS ihnen von rechts- tvegen zustehcirde Matz des Einflusses auf die gesetzgebenden Körperschaften des Landes. Durch das famose„Nun gerade nicht!" wird also de», Ansiurin durch dao vollSfeiudliche Drei- llasscniuahlgesev ein neuer Anstoh von größter Kraft gegeben. Uebrigens müssen einem Volke, das»m ein ihm vorcnt- haltenes Recht kämpft, alle Tinge zum Besten dienen. Die von der Regierniig geplanten, jetzt zu den reponierten Akten gc- schricbenen Veränderungen des Dreiklassenwahlrechts»värcu un- zweifelhaft über die Bedeutung armseliger Schönheitspflästerchen nicht hinausgegangen. Wiederholt aber hat man mit allerlei ge- künstelte» Flickereien die schauerlichste» Blößen dieses wider- sinnigen Wahlgesetzes zu bedecken versucht. Für die Wirksamkeit der Agitation gegen das herrliche Gesetz»st es daher vorteil bafter, das Siistein bleibt in der ganzen erschreckenden Trostlosiglcit seiner Verbesscrungsunfähigkeit und Verbesserungsunwürdigkeit bestehen, als daß man durch eine nichtssagende Rcformpfuschrrei den Anschein erweckt, als könne aus dieser gesetzgeberischen Miß- geburt überhaupt noch ein gesundes Wesen gedeichselt werden." Diese Ausführungen der fteisiiinigen„Volks-Ztg." sind übrigens glpichzeitig eine der fteisinnigen„Freien Deutschen Presse" applizierte' schallende Ohrfeige. Bringt es doch Herr Müller-Sagan fertig, in seinem Blatte über die beabsichtigte Zurückziehung der preußischen„Wahlrechts- Novelle" also zu lamentieren: „So bewährt sich die Sozialdemokratie immer wieder als die beste Stütze und Helfershelrerin der Reaktiom"_ Kaiserliche Belobig, mg der Berliner Polizei. Das offiziöse Depeschenbureau verbreitet zur Veröffentlichung folgende Kundgebung: „Ich habe mit Befriedigung erfahren, datz der gestrige Tal ohne Störnng der öffentlichen Ordnung und Sicherheit in»ncinei Haupt- und Residenzstadr Berlin verlaufen ist. A» diesem er frenlichen Resultat haben die umsichrigen polizeilichen Matznahine» wie das taklvolle und auaem.'ss.'iie. hpr?chiittuiflnin'chat einen weseiiussliei' bkrn-u'>-»,» U � braven Berliner Schutzmaiinschast bierfür meinen königlichen Tn» Schutzmannichllfk MiJ bekannt zu geben. Wilhelm Bekanntlich hatte der Leiter der politischen Polizei in Berlin, Dr. H e n n i n g e r, dem Vertreter eines Berliner Blattes gegenüber Aeußerungen über den voraussichtlichen Verlauf der Wahlrechtsdemoustration getan, nach denen man die von den Militärbehörden ausgehenden beispiel- losen Kriegsrüstungen für mindestens überflüssig ansehen mußte. Auch das, wie vom„Vorwärts" anerkannt wurde, durchaus konziliante Benehmen der Berliner Polizei am roten Sonntag stand, wie auch von der bürgerlichen Presse nicht unbemerkt blieb, in einem auffälligen Kontra ft zu den drohend aufgefahrenen Batterien und den lanzen- bewehrten Reitergeschwadern, die man am Sonntag durch die Straßen ziehen sah. Räch dem Lobe, das Wilhelin II. dem Verhalten der Berliner Polizei spendet, könnte man fast ver- muten, daß dem Kaiser der militärische Schutz von gewisser Seite förmlich aufgedrängt worden sei!— Komisches Mißgeschick. Zum roten Sonntag war es nicht nur den in Berlin garniso- lniercnden Truppen verboten worden, die Kaserne zu verlassen, »sondern auch den von auswärts nach Berlin beurlaubten �Soldaten»var die Weisung zugegangen, sich während des 21. Januars Stubenarrest aufzuerlegen. Der den betreffenden Urlaubern Rugegangcne Befehl' hatte folgenden Wortlaut: „Sie haben vom 21. d. M. früh bis zum 22. d. M. 9 Uhr l vormittags sich in Ihrer Wohnung aufzuhalten und die Straße ! nicht zu betreten. Der auf Ihrem Urlaubspaß bescheinigte Nachturlaub hat für ldie Nacht vom 21. zum 22. d. M. keine Gültigkeit. Ter Kommandant. gez. Gras v. Moltke." fc Einer der Beurlaubten hatte nun deshalb un» Urlaub nach- gesucht, uin der ain Sonntag stattfindende» Beerdigung keines Vaters beiwohnen zu könne»». Infolge der obigen [Order war der Leidtragende jedoch verhindert, diesen Akt kindlicher Pietät auszuführen. Man sieht, wie rücksichtslos die Sozial« demokratie die heiligsten Bande der Familie zerreißt!—■ Das Unglück der Könige... Die Berliner Freisinnspresse gefällt sich in journa» listischen Clownsprüngen, um die Berliner Wahlrechtsdemonstration als eine ebenso überflüssige wie„harmlose" Spielerei darzustellen. Wie anders urteilt demgegenüber ein bayerisches Freisinnsblatt, die„Münchner Neuesten Nachr.". Dies fteisinnige Blatt schließt seinen dem roten Sonntag gewidmeten Leitartikel mit den Sätzen: „Ein trüber Tag zog heilte herauf, Regenschauer und schwere Wolken lagen über der Stadt. Aber im alten Königsschlotz an der Spree»vird der Prunk des Ocdenssestes durch das graue Wetter ebew'olvenig gestört worden sein»vie durch die sozialdemo- kratischen Versammlungen. Und doch, wie not»v endig wäre es, wenn bis in denWeitzenSaal derRuf von Millionen dränge: Fort mit dem Wahl« unrechtinPreutzenI" Das klingt wie ein fönnlicheS Bedauern, datz keine Strotzende in on st ratio» stattfand! Das erinnert geradezu an das Wort Johann Jacobhs:.Das ist das Unglück der Könige, datz sie die Wahrheit nicht hören wollen!"-»» Nachwehen vom roten Sonntag. In B r es l a u haben die Kriegszustände am Montag abend ihre sonderbarsten Blüten gezeitigt. Wie bereits gemeldet, war die auf Montag abend nach dem Gewerkschaflshause einberufene Gedächinisversammlung für die Opfer der russischen Revolution aus Gründen der öffentlichen Ruhe und Sicherheit bekanntlich ver- boten worden. Trotzdem die„Bolkswacht" durch unentgeltliche Ber- teilung einer Extraausgabe dafür gesorgt hatte, datz die neueste Polizeimahregel"den Arbeitern rechtzeitig bekannt wurde, hatte die Polizei es für nötig gehalten, das Gewerkschaftshaus und die ganze Umgebung der Margarcthcnstratze der schärfsten Absperrung schon von den Narhinittagsstundcn an zu unterwerfen. Die Schutzmann- schast hatte ihr Hauptquartier in dem in der Nähe befindlichen Lachninlhschcn Balletablissemcnt, die berittene Polizei in einem gegenüberliegenden Gasthosstalle aufgeschlagen. Der Polizei- Präsident hatte sich der Mühe unterzogen, in höchst eigener Person die Wirkung der angeordneten Motzregeln zu kontrollieren. Die Absperrung tvar eine so scharfe, datz es nur einem kleinen Teile derer, die im Gewerkschaftslvause an Kassenstundcn oder sonstigen Sitzungen teilzunehmen hatten, gelang, durch die dichten Posten- ketten hinburchzulommen. Ter Oekonom des Gcwcrkschaftshauscs wird gegen diese Absperrung, durch die ihm ein schwerer Schaden erwachsen ist, Beschwerde führen, ebenso soll gegen das Bersamm- luilgSvcrbot, das klaren Entscheidungen des Oberverwaltungsgerichts widerspricht, Protest erhoben werden. „Der Tat soll die Strafe auf dein Fuße folgen." Den ob>gen Ausspruch tat bekanntlich der ncue Justizminister Beseler. Nach den bisherigen Erfnhrnngei» trifft der Ausspruch zu, »venu es sich um„Sünder" ans der Arbeiterklasse handelt, auch trifft er zu, wenn Anklage erhoben wird gegen die Verfasser eines Flugblattes, gegen Flngblattverbrciter oder gegen Teinonstranten. Wen» es sich aber um Sünder aus der besitzenden Klasse, um U n te r n e h m e r handelt, eilt es gar nicht sosehrinit der Strafe. Um nur einen ganz eklatanten Fall zu erwähnen, erinnern»vir an das große Grubenunglück ans Zeche „Borussia" bei Dortmund", das mehr als ei» halbes Jahr zurückliegt. Ellva 49 Menschen»»»tztc» damals auf so entsetzliche Weise ihr Leben lassen, mehr als zivanzig liegen noch jetzt dort unten in der Tiefe. Die„Bergarbeiter-Zeitung" und die Dortmunder„Arbeiter- zeitimg" haben dainals schonungslos die Mißstände erörtert und die Verwaltung ans das schiverfte belastet. Sogar ein Unternehmer« blatt, die„R h e i n i sch- W e st s ä l i s ch e Z e i t u n g", forderte das Einschreiten der Staatsanwaltschaft gegen die Vsr- »valtniig. Lange Zeit hörte man nichts. Aber die Arbeiterpresse des RuhrievierS bohrte weiter, bis endlich die ultrmnontaiie Press zuerst die Nachricht brachte, die Staatsanwaltschaft habe ein Bei fahren gegen die Verwaltimg eingeleitet. Tatsäcblich haben dan einige Zeugenvernehmungen vor dem Untersuchungsrichter stattgefniide» Aber das»var vor Monaten. Seitdem hörte ma nichts mehr von der Sache, und die An» ahme g e winnt an Boden, datz in an sie einschlafen lassen »v i l l. Datz aber auf Zech«„Borussia" auf gröblichste Weise gegen die geltenden Bestimmmigen gesündigt worden ist. steht fest. Soll nun das entsetzliche Unglück u II gesühnt bleiben? Datz bisher nichts gegen die Verwaltung der Zeche„Borussio lunternommen worden ist, wollen wir dem neuen Justiziniiiistc in i ch t zur Last legen. Wir erwarten aber von ihm, datz t baldigst nachholt, was sein Vorgänger ver p ä u»n t hat. Wie soll sonst das Volk noch Vertrauen zur Recht? Pflege haben, wenn das fahrlässige Hinopfern so vieler Menschenlebe» »straflos hingehen soll?!_ Ein Straßendcmonstranten-Prozeß kam am Montag abermals >or dem Dresdener Landgericht zur Verhandlung. Angeklagt war fter 49 Jahre alte Tiefbauarbeiter Gustav Max Otto Müller, »der sich am Sonntag, den 3. Dezember, des Widerstandes 'schuldig gemacht haben sollte. M. kam an» genannten Tage gegen [2 Uhr über den Postplatz �md wollte nach der Großen Brüdergasse, fand diese jedoch bei der Sophienkirche durch einen dichten Polizei- kordon abgesperrt. Er wollte durch die Postenkette hindurch, wurde aber von dein Gendarinen Mehner, der den Angeklagten persönlich kannte, zurückgewiesen mit den Worten, er(M.) wohne doch in der Friedrichstadt. Letzterer erwiderte darauf, er wollte nur ein Glas Bier trinken und entfernte sich, wurde aber schon nach kurzer Zeit am Eingang der ebenfalls polizeilich abgesperrten Wilsdruffcr- stratze gesehen. Nach der Anklage soll M. mit Gewalt den Durch- gang zu erzwingen persucht und zu diesem Zwecke Schutzleute bei» seite gestoßen haben. Er erreichte indessen seine Absicht mcht, da er von einem Schutzmann zurückgeschoben wurde. M. besMtt ent- schieden jede Gewaltanwendung; er hat sich nur durch eine Lücke der Postenkette hindurchzwängen wollen. Die Zeugenvernehmung nahm einen überraschenden Verlauf, so datz man sich wundern mutz, wie in diesem Falle überhaupt Anklage erhoben lverden konnte. Keiner der drei Sckmtzlcute(andere Zeuge» lainen nicht in Be» tracht) konnte die Anklage bestätigen. M. habe gestikuliert und mit den Händen herumgefuchtelt, das war alles, was diese Zeugen zu sagen wußten. Bon irgendwelchen Tätlichkeiten des Angeklagten gegen den einen oder anderen Schutzmann wußten sie nichts. Ter Staatsanwalt suchte in seiner Verlegenheit die Schuld an der An» ilage-Erhebung dem Schutzmann Metzner in die Schuhe zu schieben, der in seiner Anzeige voii Gewalt gesprochen habe. Erwiesen sei nur, datz der Angeklagte in ungebührlicher Weise versucht habe, sich Durchgang zu verschaffen, nicht aber, dah er dabei Gewalt an- gewendet habe. Er stelle anHeim, den Angeklagten i r e i- zusprechen. Dies geschah natürlich denn auch. Siidlvestafrika. Berlin, 23. Januar. Oberst Dame meldet, datz die Annahme, Morenga sei nach Springpüts gezogen, sich»» i ch t bestätigt hat. Die zu seiner Verfolg»ing angesetzte Abteilung des Hauptmanns Siebert fand nur Spuren einer schwächeren Bande und kehrte daher in die Gegend von Duurdrift— Ondermaitjc zurück. Morenga stand am 8. Januar noch bei H a r t e b e c st m u n d am Oranjc» flutz. Gegen Cornelius, der sich seit dem Dezember in dem Tirasgebirgc aushält,»var eine Streifabteiluug von 70 Gewehren unter dem Befehl des Leutnants von Crailsheim in Marsch gesetzt worden. Sie griff am 11. Januar eine 300 Köpfe starke Werft bei 1 Namtob an. Der Gegner hielt jedoch nicht Stand und floh unter Zurücklassung seines sämtlichen Hausgeräts, einiger Reittiere und Gewehre in nördlicher Richtung. Cornelius für seine Person hatte sich schon zuvor mit seinen Orlogleuten von der Werft getrennt und überfiel am 13. Januar bei Umub nördlich Bethanien einen SS i e h p oft e n. Durch die sofort eingeleitete Verfolgung gelang es jedoch, ihm den größeren Teil des Viehs wieder abzunehmen. Verschiedene kleinere Truppenabteilungen sind über Geimusis zur Verfolgung gegen Cornelius angesetzt. Am 11. Januar betrug die Zahl aller Kriegsgefangenen und der freiwillig Gekommenen 12 190 Köpfe, nämlich 10 024 Hcreros und 2166 Hottentotten. Tarunter befanden sich im ganzen 3005 Männer. Infolge starken Regens ist der Große Fischsluß abgekommen und dadurch der Verkehr der Verpflegungskolonnen nach Kectmanshop unterbrochen worden.— * Ein Telegramm aus Windhuk meldet: Gefreiter Karl Hemm, geboren am 20. 2. 1882 zu Friedelhausen, am 18. Januar 1906 in Kalkfontein an Darmverschluß gestorben. Reiter Karl Otto, geboren am 18. 8. 1882 zu Pfaffendorf, seit 10. Ja- nuar 1906 vermißt und am 1ö. Januar 1906 mit Kopf- und Brustschuß tot aufgefunden.— Hueland. Frankreich. DaS Geheimnis der Diplomatie. PariS, 21. Januar. sEig. Ber.) ffm Freitag fand hier eine Versammlung statt, die ein überaus aktuelles und bisher nicht genug gewürdigtes Thema behandelte: Das Verhältnis der Demokratie zur auswärtigen Politik. Der ungeheuere Besuch war diesem wichtigen Gegen- stand, aber auch der Persönlichkeit der angekündigten Redner zu danken. Es sprachen ein Dichter, ein Politiker und ein Gelehrter, die jeder in seinem Berufe zu den bedeutendsten Frankreichs ge- hören. Der Dichter Anatole France, der gefeierte Romancier, der feinste Sprechkünstler und oer geistvollste Erzähler der zeit« genössischen französischen Litteratur— seht den Tagen der„Affäre* ein eifriger Mitstreiter der sozialistischen Bewegung; der Polinker Jean I a u r ö s; der Gelehrte Gabriel S e a i l l e s, der bekannte Professor der Pariser Universität, der sich gleichfalls zum Sozialismus bekennt. Die Anwesenheit zahlreicher Gelehrter und Politiker— darunter auch eine? marokkanischen Hofrats— bezeugte den Einfluß, den die sozialistische Kritik— der reaktionären Schwenkung der Bourgeoisie zum Trotz— auf den öffentlicheu Geist Frankreichs ausübt. Die Forderung, die alle drei Redner vertraten und die JaureS durch eine eingehende Darstellung des marokkanischen Handels genauer begründete, war die Zerstörung des diplomatischen Geheimnisses, die Uedernahme der auswärtigen Politik durch die demokratisch organisierte Nation selbst, der Sturz der autokratischen, unverantwortlichen Diplomatenzunst. Anatole France formulierte in seiner Eröffnungsrede das Problem: Man sagt uns, daß wir Herren unserer Geschicke seien und durch den Stimmzettel unsere Souveränität ausüben. Man sagt uns, daß uns die republikanische Verfassung vor den Mißbräuchen eines persönlichen Regiments beschütze. In der Tat, es steht im Artikel 8 unseres Verfassungsgesetzes von 1878 über die Beziehungen der öffentlichen Gewalten:„Der Präsident der Republik verhandelt und genehmigt die Verträge. Er gibt sie den Kammern bekannt. sobald das Interesse und die Sicherheit des Staates es gestatten. Die Handelsverträge und jene Verträge, die die Finanzen des Staates berühren, sind erst nach der Zustimmung der beiden Kanunern definitiv.* Dies ist der Text. Aber wie ist die An- Wendung? Das Interesse und die Sicherheit des Staates haben es dem Präsidenten bis heute nicht erlaubt, den Kammern Kenntnis vom französisch-russischen Vertrag zu geben, der vor zwölf Jahren geschlossen wurde und der uns den Verlust von etlichen Milliarden zugefügt hat, zugleich mit der Schande, sie in den Dienst der verbrecherischen Autokratie gestellt zu haben. Ja, dieser Vertrag hätte uns nach dem, was man von seinem Inhalt kennt, in einen Krieg mit England und Japan verwickeln können. Wohl heißt eS im Artikel 9 desselben VerfassungSgesctzeS:„Der Präsident der Republik kann den Krieg nur mit der vorhergehenden Zustimmung der beiden Kammern erklären." Eine schwache Bürgschaft, da es unter zivilisierten Völkern Brauch ist, die Fciird- seligkeiten vor der Kriegserklärung zu beginnen. In Wirklichkeit übt heute daS französische Volk das Recht über Krieg und Frieden so wenig aus wie im Zeitalter Napoleons und Ludwigs XIV. Man sagt uns, daß wir Herren unserer Geschicke seien, daß es heute nicht mehr wie unter dem Kaiserreiche sei, daß man keinen Krieg beginnen werde, ohne uns zu benachrichtigen. Nun. eines Tages— und dieser Tag war genau Dienstag, der 6. Juni 190ö— erfuhren wir plötzlich, daß unser Minister des Auswärtigen einen schrecklichen Zusammenstoß der Völker vorbereite, ganz still in seinem Kabinett, unter der Präsidentschaft des Herrn Loubet, der doch wahrlich kein Napoleon ist. Dies war es, was wir an einem Frühlingsmorgen hörten. Und wir sind Herren unserer Geschicke!? Vor kurzem hörte ich einen alten, sehr kriegslustigen Senator in einer Gesellschaft auseinandersetzen, daß die Ehre Frank- reich s zurzeit in einer von unserer Diplomatie behandelten An« gelegenheit„auf dem Spiele stehe".„Ich weiß es", setzte er mit Nachdruck hinzu. Und da ihn jemand fragte, w o h e r er eS wisse. antwortete er:„Durch die Indiskretion eines Attachös". Hier haben Sie eine— Ehre, über die nran nur urteilen kann, wenn man gute Beziehungen hat! Die Gewohnheiten unserer Diplomatie haben sich seit Ludwig XV. nicht geändert. Wenn Herr v. C h o i s e u l in diesem Jahre als Minister des Auswärtigen auferstände, fände er in de» Bureaus alles so, wie er es 1764 verlassen hat. Und doch haben sich seither etliche Dinge in Frankreich geändert: z. B. die A r m e e, die nicht mehr ans deutschen und schweizerischen Söldnern und an« armen Teufeln zusammengesetzt ist, die man auf dem Pont Rens aufgelesen hat. Und dies sollte man beachten. Wenn die Diplomaten den Krieg beschließen, so sind eS die Soldaten, die ihn führen! Daraus folgt, daß zu einer anderen Armee ein« andere Diplomatie gehört: zu einer Armee von Bürgern eine offene, zu einer republikanischen Armee eine öffentliche Diplomatie. I a u r ö S legte in seiner Rede die Verantwortlichkeit der ftanzöfischen, deutschen, englischen Diplomatie an dem Marokko- Konflikt dar. Er ist der festen Ueberzeugung. daß Delcassö, wie schon vor ihm eine militärische Clique, Marokko in die Gewalt Frankreichs bringen wollte. Die deutsche Diplomatie habe ihren Mangel an Voraussicht hinterher durch Brutalitäten gutmachen wollen. Die Kriegsgefahr bleibt groß, ja sie wird noch größer werden, wenn die Konferenz von Algeciras den Konflikt nicht v o l l st ä n d i g erledigt. Die Völker müssen darum die Täligkeit der Diplomaten da unten bewachen. Nicht nur für die Nebeusragen ist die Lösung unschwierig zu finden, sondern auch Dr die Hauptfrage, die der Polizei. Man verhehle sich nicht: im Ver- langen nach Ausübung der Polizeigewalt verbirgt sich daS Begehren nach der militärischen Oberherrschaft und damit nach der Herr- schast überhaupt. Es ist gar nicht nötig, den marokkanischen Sol- baten Jnstruktoren zu geben, die in deutschen oder ftanzöfischen Militärschulen ausgebildet sind, um sie von Mord und Plünderung abzuhalten. Die marokkanischen Soldaten haben nur ein Be- dürfnis, nämlich, daß man sie bezahlt. An dem Tage, an dem die internationale Finanzkontrolle m Marokko etabliert sein und eine Staatsbank bestehen wird, braucht diese nur dem Sultan zu sagen: Wir zahlen die weiteren Vorschüsse nur unter der Be- dingung, daß du einen Teil davon zur Besoldung des Polizeicorps verwendest— und die Ordnung in Marokko wird bald hergestellt sein. Jede allere Lösung ist ein Umweg zur Eroberung und darum gefährlich. S v a i l l e s sprach mit viel Geist und mit kritischer Schärfe über das„diplomatische Geheimnis": In den auswärtigen An- gelegenheiten ist die nationale Souveränität nur ein Wort. Wenn die Völker Rechenschast von den Personen verlangen, die ihre inter- nationalen Interessen verwalten, verweist man sie auf das diplo- inatische Geheimnis. Man stellt es als Grundsatz hin. daß ohne das diplomatische Geheimnis die Diplomatie überhaupt nicht möglich sei. Nun, wir weisen es zurück, daß die auswärtige Politik in unserer Demokratie den Regeln der Diplomatie der Autokraten unterworfen bleibe! Es darf nicht geduldet werden, daß ein Land in die Gefahren des Krieges durch einige Leute gestürzt werden kann. die die Nation für ihre Interessen und siir ihre Begierden haftbarmachen. Die Wurzel des Uebels ist die G leichgültig keit desVolkes für die aus- wärtigen Angelegenheiten und die U n w i ss en h e it, in der man eS darüber erhält. Das Volk muß der Diplomatie seine Kontrolle auf- zwingen und Rechnungsleg ung verlangen! Frankreich will den Frieden und wir alle wollen für ihn arbeiten. Die internationalen sozialistischen Kongresse beraten über die Mittel, den Frieden zu erzwingen. Es ist sicher, daß der Tag, da das Proletariat stark genug sein wird, seine Kraft gegen den Krieg zu konzentrieren, das Ende der Kriege bedeuten wird. Die Versammlung nahm unter stürmischen Kundgebungen eine Resolution an, die die Kontrolle der Nation über die auswärtige Politik fordert und den Entschluß verkündet, mit aller Kraft stetig sür den internationalen Frieden zu arbeiten.-- Frankreich. Wieder ein Antimilitarist freigesprochen. Paris, 22. Januar.(Eig. iöer.) Die Geschworenen der Pro- vinz fahren fort, ihre geistige und moralische Ueberlegenhcit gegen- über den Pariser Bourgcoisrichtern zu bezeugen. In Q u i m p e r in der Bretagne wurde gestern die Verhandlung gegen den Genossen P c u g a m, einen Marinearbeiter von Brest, der zu militärischem Ungehorsam und ähnlichen Dingen aufgereizt haben sollte, zu Ende geführt. Pcugam ist seinerzeit vom Seepräfekten gematzrcgclt worden, und dies war die Veranlassung zur letzten Streikbewegung in den Kriegshäfcn. Tie Geschtvorencn sprachen den Angeklagten frei. Die Ver- Handlung hat eine ausgezeichnete propagandistische Wirkung gehabt. Der Saal war zum großen Teil von bretonischen Bauern in Landes- tracht gefüllt, die mit sichtlichem Interesse die vom Angeklagten und von den Entlastungszeugen entwickelten antimilitaristischen und sozialistischen Anschauungen anhörten. Man kann aber auch den Geschworenen dieses schivarzen Gebiets die Anerkennung für ihr charaktervolles Verhalten nicht versagen. Der von den nationa- listischen Radaublättcrn verblödete Pariser Bourgeois spielt heute neben dem demokratischen Kleinbürger der Provinz eine recht kläg- liche Rolle. Kein Wunder, daß der Einfluß von Paris auf die Politik des Landes immer mehr verschwindet. England. Die Wahlen. Bis jetzt sind 510 Wahlen vollzogen, und zwar besitzen die Liberalen 278, die Unionisten 117, die Nationalisten 79 und die Arbeiter 36 Mandate. Amerika. Kurierte Kolonialschwärmer. Wie der Washingtoner Korrespondent der„New Uork Preß" seinem Blatte berichtet, sind gute Gründe für die Annahme vor- Händen, daß es der amerikanischen Regierung sehr angenehm sein würde, wenn sie sich noch vor Ablauf der Amtszeit des Präsidenten Roosevelt der Philippinen entledigen könnte I Tie Regierung ist, dem Korrespondenten zufolge, überzeugt, daß es für die Vereinigten Staate» das Beste wäre, wenn sie die Inseln unter möglichst günstigen Bedingungen an eine der VcrtragSmächte verkaufen könnten. Es heißt, Japan habe bereits Eröffnungen wegen deS etwaigen Erwerbs der Inseln gemacht, und es wird angenommen, die Ver- setzung des früheren Gouverneurs der Philippinen Luke E. Wright aus dieser Stellung zur amerikanischen Botschaft ii� Tokio hänge mit dieser Idee zusammen. Auch die kürzlich vom Senator Long- Worth, der den Kriegssekrelör Taft auf seiner ostasiatischen Reise begleitete, gegen den Besitz der Philippinen gehaltene Rede wird als bedeutungsvoll betrachtet, da man annimmt, er habe in Ucbcr- cinstimmung mit der Regierung gesprochen.— Hua der Partei. Für Volksverdummung, Bolksknebelnng und VolksauSbentnng? Die Aktion gegen die AnfklärungSbroschüre über das Landtags- Wahlrecht scheint eine allgemeine zu sein. Gehaussucht wurde auch in der„BrcSlaner Volkswacht" und zwar ans Veranlassinig von Berlin»ach der Broschüre„Gegen Volksverdummung, gegen Volksknebclung und gegen VolkSansbentung. Die Beamten weigerten sich, den richterlichen Beschluß zu der Hanssuchung vorzuweisen: sie erklärte» nur, aus Berlin sei telcgraphischc Anweisung zur Beschlag- »ahme erfolgt. Die vorhandenen Broschüre» wurden nur unter Protest herausgegeben; eS wird gegen die Beschlagnahme Beschwerde erhoben werden.'_ Wenn zwei dasselbe tun. ' Zur Verhaftung des Genossen Crispien in Königsberg werden wir aus Breslau daraus ai»imerksa»l gemacht, daß dort sämtliche bürgerliche Blätter die betreffende» Stellen aus dem Artikel des Genossen Löbe zum Abdruck gebracht haben, ohne daß man von einem polizeilichen oder staatsanwaltschaftlichen Vorgehe» etwas gehört hätte. Sie schleudern noch immer vom sicheren Redaktionsjessel aus ihre Pfeile gegen die Sozialdemokratie. Die beste Antwort auf die Verurteilung des Genossen Löbe- Breslau zu 1 Jahr Ge- fängnis habe» die Breslauer Arbeiter dadurch gegeben. daß die Zahl der Abonnenten der„Bresl.iuer Volkswacht" seit der Veurteilung, d. h. seit zehn Tagen, um 1287 gestiegen ist. Eine KreiSkonferenz für den dritten weimarischen Wahlkreis hat am Sonntag in Bürgel stattgefunden, ohne daß sie von den nervösen Behörden gestört wurde; nur die Anwesenheit von zwei Gen- d a r m e n. denen sich zeitweilig ein dritter in dein Versamm- lmigslokal hinzngesellte, zeugte davon, daß an diesein Tage die Staatsbehörde der Sozialdemolratie ein besonderes Interesse zu- ivandte. Abgesehen davon, daß die Sozialdemolratie eines dermaßen verstärkten Schutzes nicht bedarf, ist die Partei niemals ungehalten darüber, wen» die Organe der in Sachsen-Weimar so häufig grundlos gefährdeten öffentlichen Ordnung und Sicherheit in möglichst starker Anzahl ihren BerhauHlungen bciivohnen. Die Konferenz war von 12 Orten durch 25 Delegierte beschickt. Den wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildete die Be- schlußkaffung über das neue Kreisorganimtionsstatnt. das u. a. die Höchstgrenze für die Delcgiertenzahl aus einem Orte ans fünf fest- setzt. Der Vorort kommt wieder nach Jena. Als Vorsitzender des Kreiswahlvereins wurde A. Horschelmann-Wenigenjena gewählt. Die Beitragsleistung an den Landesansschuß regelt sich bis zur Landes- konferenz nach den bisherigen Bestimnuingen. Bei der Anstellung der Parteisekretäre soll die geographische Lage der Wahlkreise in weitestgehendem Maße berücksichtigt werden. Durch eine Resolution drückte die KreiSkonferenz den russischen Freiheits- lämpfern ihre Sympathie aus. Mit einem dreifachen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie und Absingen des ersten Verses des Soztalisteiimarsches wurde die Konferenz geschlossen. Eine neue sozialistische Monatsrevue ist soeben in� Großwardein (Ungarn) unter dem Titel„A. Jovo"(„Die Zukunft") erschienen. Die erste Nummer enthält Beiträge von Dr. Johann Kegl, Herbert Stadler, Dr. Schwarz, Dr. Sonnenwirt und auch eine Uebersetzung der Rede Bebels:„Der Sozialismus und die Intellektuellen". poUeeilicbe», OmchtltcheB ufw. Aus dem Lande des OchscnkopfeS. AuS Rostock meldet uns ein Privattelegramm: Der verantwortliche Redakteur der„Mecklenburgischen Volks- zettung", unseres Rostocker Parteiblattes, hatte eine Vernehmung wegen angeblicher Ausreizung zu Gewalttätigkeiten durch das letzte SonntagSblatt, In Preußen belobt der König die Polizei, weil die Sozial- demoftatie nie die Absicht gehabt hat, Gewalttätigkeiten zu ver- üben, und in Mecklenburg klagt man einen sozialistischen Redakteur an. obgleich die Sozialdemokratie nie Gewalttätigkeiten begehen wollte. Genosse KempkenS, Redakteur der„Rheinischen Zeitung", wurde gestern von der Anklage, den Hauptmann Denicke durch einen Artikel beleidigt zu haben, freigesprochen. Wegen desselben Artikels war Genosse Büttner als„Vorivärts"-Redaktetlr durch rechtskräftig ge- ivordenes Urleil am 14. November 190ö zu SV M, Geldstrafe ver- urteilt. Soziales. Unsittlichkeit der Gefindeordmingcn. Preußen besitzt, abgesehen von den vielen anderen Ausnahmegesetzen gegen ländliche Arbeiter und das Gesinde, nicht weniger als 19 Gesindeordnungen. Ihre Titel lauten, dem Alter nach rangiert: 1. Dienstbolen- Edikt sür das Herzogtum Lauenburg vom 22. Dezember 1732. 2. Gesindeordnung vom IS. Mai 1797 für die Städte Kassel, Marburg. Rinteln und Hanatl. 3. Kurhessische Verordnung vom 18. Mai 180l, das Gesinde- Wesen in den Landstädten und auf dem Lande betreffend. 4. Gestitdeordmtng vom 8. November 1810 für die Provinzen Ost-, Wcst-Preußen, Posen, Schlesien, Sachsen, Brandenburg, West- falen, die rheiiiländischen Kreise Essen, Mnhlheim a. d. Ruhr und Ruhrort, Pommern(mit Ansnahine von Nen-Vorpommern und Rügen), die deutsche» Konsulargerichtsbezirke und die deutschen Schutzgebiete. ö. Verordnung vom 28. Dezember 1816, das Gesindewesen in dem Großherzoatum Fulda betreffend. 6. Nassauische Verordnung, die Dienstverhältnisse des Ge» sindes niw. betreffend, vom IS. Mai 1819. 7. Gesindeordnung für die fteie Stadt Frankfurt und deren Gebiet vom 5. März 1822. 8. Dienstbotenordnung für den Regierungsbezirk Osnabrück vom 23. Avril 1833. 9. Gesindeordnung für Schleswig-Holstein vom 25. Februar 1840. 10. Gesetz, eine allgemeine Dienstbotenordnung für das Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen betreffend, vom 31. Januar 1843. 11. Gesetz, eine allgemeine Diciistbotenordniing ftir das Fürsten« ttnn Hohenzollern-Hechhtgeii betreffend, vom 30. Dezember 1843. 12. Dienstbotenordiiung für die Herzogtümer Bremen und Verden vom 12. April 1844. 13. Dienstboteiiordnung für die Landdrosiei-Bezirke Hannover, Hildc-Zheint, Lüneburg und für den Harz-Bezirk vom 15. August 1844. 14. Gesindeordnung für die Rheinprovinz vom 19. August 1844. 15. Gesindeordnung für Neuvorpommern und das Fürstentum Rügen vom 11. April 1845. 16. Dieitstbotenordntnig für das Land Hadeln vom 12.Oktober 1853. 17. Großhcrzoalich Hessische Verordnung, die polizeiliche Auf- ficht über die Dienstboten betreffend, vom 7. April 1857. 18. Landgräflich hessische Verordiinng vom 1. Ottober 1857. 19. Dienstboienordnung für OstsneSland und Herlingerland vom 10. Juli 1859. Die Fülle von Unrecht und Unsittlichkeit, die im Namen dieser Gesiitdeordnuiigen gegen Dienstboten ausgeübt loerdcn, ist grenzen- los. Ein jetzt verhandelter Gerichtsfall, dem Hunden ähnliche init weniger glücklichem Ausgange sich anreihen ließen, illustriert das. Die Dienstbotenordnintg für Hannover usw.(oben Nr. 13) besagt— fast alle anderen Gesindeordnungen enthalten ähnliche Vorichriften— in ihrer durch§ 298 des hannoverschen Polizeistraf- gesetzbuchs inodiffzierlen Form: 1.„Der Dienstbote, ivelcher die Pflichten der Treue, der Ehr- erbietung oder des Gehorsams gegen die Dienstherrschaft oder die. welche in ihrem Namen handeln, verletzt oder sich tingiinstig oder sonst unsittlich, ungebührlich oder unfleißig verhält, ist, sofern die Handlung nicht unter andere Strafgesetze fällt, mit Gefängnis bis zu acht Tagen oder mit Geldstrafe bis zu 10 Talern, in leichteren Fällen mit Verweis zu bestrafen." Z 53 derselben Gesindeordnnng berechtigt den Dienstboten u. a., den Dienst ohne Kündigting zu verlassen, wenn der Dienstherr ihn zu gesetzwidrigen oder tiiisiltlichen Handlungen hat verleiten wollen oder vor solchen Zumutungen v o n H a u s a e n o s s e n nicht schützt." Endlich bedroht wie das altpreußische Gesetz vom April 1854 8 300 des hannoverschen Polizeigesetzes einen Dienstbolen mit Strafe, der«ohne rechlsgcnügenden Grund den Dienst verläßt". Dies die gesetzliche» Vorichristen, auf Grund deren ein Dienst- mädchen vom Schöffengericht i» Hannover auf Grund folgenden Vorfalls bestraft wurde: Das Mädchen wurde, wie die VerHand- lnng ergab, mit uiisitllichen Nachstellunge» seitens des HanssohneS vcrsolgt. Der Sohn des Dienstherrn hat das Mädchen, als es seine Z u d r i n g l i ch k e i t e» ablehnte, zu Boden g e>v o r f e n, ihm die Hände z u s a m m e n g e b ll n d e n. >ich auf es gekniet und mißhandelt. Hinterher drohte er:' „Wenn Du clwaS sagst, schlage ich Dich mit der Hacke über den Kopf". Das Mädchen verließ darauf den Dienst. Schleunigst wurde die Staatsgewalt mobil gemacht, natürlich gegen den Mißhandlcr und Notzuchtsversucher? Ach nein— gegen das Dienst- mädchen. Erst erließ die Polizei einen Strafbefehl von 3 Mk— wozu haben wir denn eine Polizei? Dann beantragte der AmtLanwalt Verwerfung des Einspruches—„die Sittlichkeit muß geschützt werden" und ihr Schutzpatron soll ja wohl die Staats- aiiloaltschaft sein. Endlich verurteilte auch das Schöffengericht das gequälte Mädchen. Was weigert denn auch so ein armes Mädel dem„Herrn" den Minne- dienst und läuft gar weg, wenn es verprügelt und bedroht wird? Dieser Tage hat nun die Strafkammer der Berufung des Dienstmädchens stattgegeben, es freigesprochen. Aber: erstlich sind nicht die notwendigen Auslagen, die dem Mädchen erwachsen sind, dem Denunzianten oder weitigstetiL der Staatskasse auferlegt. Zweitens verlautet nichts davon, daß gegen den Hcrrensohn An- klage erhoben ist. Die Gcsiitde-Ordnungen müssen ihrer Gesamtstruktur nach die weiblicke Ehre herabwürdigen und unsittlich Wirten. Nicht daraus kommt»s atr, ob ein Diety'tboÄ!, der sich gegÄn elende Miß- Handlung seiner Ehre und seines Körpers mal gewehrt hat, frei- gesprochen wird, sondern daß cS moMch, und überall in Preußen möglich ist, sie anzuklagen. Fort mit den Gesinde- Ordnungen, die die Rechtlosigkeit der Ä rbe i tc r und die heuchelnde Brutalität der„Herren" vermehren.— Zie Lohn- und Arbkitsverhältkifo.' im Keriiner Holzarbeätr. . Zahlstelle Berlin des Deutschen HolzaLbein rperbcnrdes hat un September p. F. eine Erhebung ocrreijtallet. Tie Bcorlieitung des Ergebnisses derselben ist abgeschlossen und wird demnächst als Broschüre erscheinen. AuS der gründlichen, in vielen Tabellen und Erläuterungen zusaimncngestelllen Arbeit können wir bereits die hauptsächlichsten Punkte mitteilen. Die Betriebszweige, auf welche sich die Erhebung erstreckt, werden in zwei Hauptgruppen geteilt: l. Tischlereien, die wieder in 12 Spczialbrcutchcn gegliedert sind. siVau, Innenausbau, Möbel nach Zeichnung, Schlaszimmer- und Knsteninöbcl, Talon-, twrcii- und Speisezimmer, Tische, Kontor- itnd Ladeneinrichtung, itzmöbel, Telephon- und photograpbische Appararc, Kiefern- und Äüchcnmöbel, Luxusinöbel, Verschiedenes, l Ä. Andere Branchen des Holzarbeiter Verbandes.(Musik- instrruncnteiiarbcircr, Trcchfler, Modelltischler, Bodenleger, Ein- setzcr, Jalousiearbeitcr, Stellmacher, Stockarbeiter, Rahmenmacher, Korbmacher, Bürstcnumcher, Kammacher, Perlmutterarbeiter, Ristenmacher, TrcPpengcländerarbcitcr.) Das Gebiet für die Erhebungen der ersten Gruppe ist der Stadt- bezirk Berlin, für die zweite Gruppe Berlin und die Vororte. Für beide Gruppen zusammen wurden gezählt 2834 Betriebe mit 30516 Beschäftigten. In die Zahl der Bclriebc sind nicht eingerechnet 800 Klcinmcistcr, die leine Gchülfen beschäftigen. Die Zahl der Arbeiter ist zu bervollständigen durch 946 Kranke und 502 Arbeitslose, ine Zur Zeit der Erhebung festgestellt wurden. Diese mitgerechnet, ergibt Jll 064 Personen, die in den dem tzolzarbeitervcrband an- geschlossenen Berufen beschäftigt sind. Von den gezählte,' Betrieben entfallen 1514 mit 18 061 Beschäftigten auf die Tischlereien (Gruppe I) und 1320 Betriebe mit 12 455 Beschäftigte» auf die anderen Branchen(Gruppe II).— Von der Gruppe I beteiligten sich an der Erhebung 1075 Betriebe mit 16 461 Beschäftigten, von der Gruppe II 947 Betriebe mit 9471 Beschäftigten.— Brauchbare Fragebogen gingen ein von 15 068 Personen der Gruppe I und 7815 Personen der Gruppe II. Das ist also der Personenkrcis, aus den sich die Erliebungcn erstrecken und auf den sich die nachfolg enden Angaben beziehen. Von den beteiligten Personen der Gruppe I sind 89 Proz. or- ganisiert, nämlich 12 494 im Holzarbeitervcrband und 1016 in an- deren Organisationen. 1558 sind nicht organisiert.— Die Beteiligten der Gruppe II sind zu 73 Proz. organisiert, und ztvar 4827 im Holzarbeitervcrband, 901 in anderen Organisationen. 2087 sind nicht organisiert. Tie verhältnismäßig schwache Beteiligung in der Gruppe II wird hauptsächlich dadurch erklärt, daß die größte Branche dieser Gruppe, die Musitinstrumenteimrbeiter, die ins- gesamt 5557 Beschäftigte zählt, sich nur mit 2367 Personen oder 42 Proz. au der Erhebung beteiligte. Als Grund für diese Tatsache wird angegeben, die Lokalorganisatton der Musikinstrumenten- arbeiter habe gegen die Erhebung agitiert und dadurch erreicht, daß sich ein Teil der Perbandsmitglleder(im ganzen 16,5 Proz. der- selben) nicht beteiligte. Hinsichtlich der L o hn vor hä l t n i s s e zeigt uns die Sta- tistik, daß in allen Branchen beider Gruppen Zeit- und Akkordlohn nebeneinander bestehen, jedoch ist der Akkord mindestens die vor- herrschende Lohnform. Nur in drei Spezialbranchen der Gruppe I, nämlich: Innenausbau, Möbel nach Zeichnung, Ladcneinricktung, sowie in drei Branchen der Gruppe II, nämlich Modelltischler, Stellmacher, Treppcngeländerarbctter überwiegt der Zeitlohn. Die Bodenleger arbeiten ausschließlich in Akkord. In fast allen Branchen gibt es Betriebe, wo nur in Akkord, andere wo nur in Lohn, und auch solche, wo sowohl in Akkord wie in Lohn gearbeitet wird.— Bon allen in beiden Gruppen Beschäftigten arbeiten 35 Proz. in Lohn und 65 Proz. in Akkord. Tic Akkordpreise sind durch Tarif festgescizt in 460 Betrieben (mit 8943 Arbeitern) der Gruppe I und in 225 Betrieben(mit 5428 Arbeitern) der Gruppe II. Eine für alle Arbeiter des Be- triebcs geltende Lohngarantie bei Akkordarbeit be- steht in 258 Betrieben(3806 Arbeiter) der Gruppe I und in 82 Be- trieben(1306 Arbeiter) der Gruppe II. Lohngarantie für einzelne Arbeiter wird gewährt in 187 Betrieben der Gruppe I und in 23 Betrieben der Gruppe II. Es handelt sich hier um Betriebe, welche die Lohngarantie nicht— wie die erstgenannten— allgemein ein- geführt haben, sie aber in der Regel gewähren, wenn der Arbeiter beim Abschluß eines Akkords die Garantie fordert. Für die 430 Betriebe(6542 Arbeiter), wo keine Lohngarantic besteht, kommt dieselbe meist nicht in Frage. Dahin gehören die Bautischlereien, die nach einem besonderen Tarif arbeiten, sowie die Betriebe für Massenartikel, die wenig neue Muster berstcllciT. In dem großen gelverkschastlichen Kam che, der sich Ende 1904 in der Berliner Holz- Industrie abspielte, stand die Frage der Lohngarantie bei An- fertigung neuer Muster in Akkord bekanntlich im Vordergrund des .Kampfes. Die Durchführbarkeit dieser Forderung wurde von den Unternehmern lebhaft bestritten. Jetzt ist die Lohngarantie bei neuen Mustern in einem großen Teil der Betriebe tatsächlich an- erkannt und ihre Durchführbarkeit damit bcwicwn. Tic ganz all- gemeine Anerkennung der Lohngarantie dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Die für die Tischler festgelegte wöchentliche Arbeitszeit von 52 Stunden ist fast allgemein durchgeführt. Einzelne kleinere Branchen der Gruppe II haben dagegen verschiedene Arbeitszeiten. Am längsten ist die der Korbmacher mit durchschnittlich 56,6 Stun- den. Dann folgen die Bürstenmacher, die durchschnittlich 55 Stunden arbeiten. Die Modelltischler, die meist in Betrieben der Metall- Industrie beschäftigt sind, haben eine durchschnittliche Arbeitszeit von 56,9 Stunden. Die Bodenleger erfreuen sich der kürzesten Arbeits- zeit von 47 Stunden. Der Wochenverdienst der Arbeiter ist ermittelt aus dem Durchsckmitt von sechs vollen Wochen in einer Zeit guten Geschäftsganges. Er ist für Akkord- und für Lohn- arbeiter besonders festgestellt. Im allgemeinen stellt sich der Ver- dienst bei Akkordlohn ein wenig höher als der Zeitlohn. Die Differenz bewegt sich in der Gruppe l meist zwischen 1 und 3 M., nur in. drei Spezialbranchen steigt sie auf 3 bis 4 M. wöchentlich. Mehrere Branckien der Gruppe II weisen keinen nennenswerten Unterschied in der Höhe des Lohn- und Akkordverdienstcs auf. In einzelnen Branchen sinkt der durchschnittliche Akkordvcrdicnst sogar unter den Durchschnitt des Zeitlohnes. In einigen Branchen erhebt sich der durchschnittliche Akkordverdienst um 1 bis 3 M., vereinzelt auch um 4 bis 5 M. über den durchschnittlichen Zeitlohn. Fast in allen Spezialbranchen der Gruppe I bildet ein Wochenverdienft von 80 M. die Regel. Der durchschnittliche Wochenverdienst beträgt für Tischler(alle Spezialbranchen zusammen) 31,86 M., Polierer 80,71 M., Maschinenarbeitcr 30,98 M., Musikinstrumentenarbeiter 30,72 M.. Drechsler 27,17 M., Modell- und Fabriktischlcr 34.50 M.. Jalousiearbeitcr 31,94 M., Stellmacher 29,23 M., Bodenleger 42,76 Mark, Einsetzer 36,10 M., Stockarbeiter 26,82 M., Rahmenmacher 33,26 M., Korbmacher 23,22 M., Bürstenmacher 21,27 M., Kamm- macher 23,40 M., Perlmuttcrarbeitcr 25,76 M., Kistenmacher 81,43 Mark, Treppengcländerarbeitcr 32,20 M. Da die vorstehenden Zahlen den Durchschnitt deS in sechs Wochen bei gutem Geschäftsgang erzielten Verdienstes angeben, so können sie nicht als Maßstab für den Jahresverdienst gelten. Der Bearbeiter der Statistik hat deshalb den mit Hülfe der Arbeits- nachweise und der Krankenkassen ermittelte» Ausfall durch Arbeits- losigkeit und Krankheit sorvie durch die gesetzlichen Feiertage in Rechnung gestellt, und ferner berücksichtigt, daß in den meisten Ber- liner Betrieben zwischen Weihnachten und Neujahr die Arbeit ruht. Nach oicser Berechnung ergibt sich folgender Durchschnitts- verdienst: Tischler 27,93 M., Polierer 27,00 M., Maschinen. arbeiter 27,00 M., Musilinstrumcntenarbeiter 28,10 M., Drechsler 23,30 M., Modell- und Fabriktischlcr 30,30 M., Jalousicarbeiter 28,34 M., Stellmacher 26,00 M., Bodenleger 34.96 M., Stockarbeiter 24,24 M., Rahmenmachcr 30,00 M., Korbmacher 21,22 M., Bürstenmacher 19,10 M., Kammacher 21,40 M., Pcrlmutterarbeirer 23,65 Marl, Kistenmacher 28,21 M., Treppengcländerarbeitcr 28,14 M. Arbeiterinnen(im ganzen 916) werden nur in einzelnen Branchen beschäftigt. Sic erzielen einen TurchschnittSwochenvcrdienst als Poliererinnen 19,38 M., in Pianomechatüffabrifen 12,87 Tl., bei Kammachern 12,45 M., bei Bürstenmachern 13,70 M. Es ist eine bctänntc Tatsache, daß der Lohn, sowohl für die Woche als auch für die Stunde berechnet, um so niedriger ist. je länger die Arbeitszeit währt. Einen schlagenden Belveis dafür liesern die Verhältnisse der Stellmacher. In den einzelnen Betrieben dieies Berufes weicht die Arbeitszeit sehr von einander ab. Ebenso der Lohn. In den Betrieben mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 53 Stunden beträgt der durchschnittliche Wochen- lohn 31,70 M., der Stundenlohn 60 Pf. Bei der am meisten herrschenden 54stündigen Arbeitszeit wird ein Wochenlohn von 29,12 M., ein Stundenlohn von 54 Pf. erzielt. Wo 56 Stunden gearbeitet wird, stellt sich der Lohn pro Woche auf 28,26 M., pro Stunde ans 50,3 Pf. Bei 58stündiger Arbeitszeit sinkt der Wochen- lohn auf 27,30 M., der Stundenlohn auf 47 Ps. und bei 60stündlgcr Arbeitszeit, die in 22 Betrieben herrscht, beträgt der Wochenlohn 26,56 M., der Stundenlohn 44,2 Pf.— Tie Verhältnisse im Beruf der Stellmacher scheinen hiernach einer Regelung, die gleichzeitig eine Verbesserung bedeuten würde, dringend bedürftig. GewerKlcKaftlicKes. Ist eine Geioerksch-iftszahlsteklr ein selbständiger Verein? (Wieder einmal das ohnmächtige Kammergericht.) Ruft und Genossen, sämtliche sechs Vorstandsmitglieder der Zahl- stelle GoSlar des Deutschen Zimmererverbandes, waren in zweiter Znstanz von der Strafkammer HildeSheim auf Grund der§K 2 und 13 des BereinSgesetzcS zu Geldstrafen verurteilt worden, weil sie den Eintritt einer Anzahl neuer Mitglieder in die Zählstelle der Polizei nicht gemeldet hatten. Die Strafkammer nahm an. daß eS 'ich bei der Zahlstelle um einen selbständigen Verein handle, weil sie unter einer selbstgewählten Leitimg ein selbständiges Vereinsleben führe. Dabei wurde u. a. berücksichtigt, daß die Zahlstelle über ihre eigenen Angelegenheiten nach dem Verbandsstatut selbst zu be- stimmen habe und daß ihre Beschlüsse zu gewissen Angelegenheiten, die das Verbandsstamt den Zahlstellen überweise, weder vom Zenttalvorstand bestätigt werden brauchten, noch durch diesen ab- geändert werden könnten. Auch fänden Zahlftellen-Versammlungen statt. Daß der Verein eine Einwirkung auf öffentliche Angelegen- Helten bezwecke, ergebe sich daraus, daß der Verband und somit auch die Zahlstellen die Jntereffen der Mitglieder durch Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Zimmerergewerbe vertreten wollten, also durch Hebung der sozialen Lage eines ganzen ArbeiterstandeS.— Die Angeklagten legten Revision ein und bestritten wieder, wie schon in den ersten Instanzen, daß die Zahlstelle Goslar ein selbständiger Verein sei und eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten be- zwecke. Auch machten sie geltend, das Anmeldcgeschäft würde eventuell satzungsgemäß nur dem Kassierer obliegen. so daß die übrigen Vorstandsmitglieder ganz ohne Verschulden wären. Der erste Strafsenat des KammergerichtS verwarf indessen die Revision aller Angeklagten am 22. Januar mit folgender Be- gründung: Da die Strafkammer ohne Rechtsirrtnm auf Grund tatsächlicher Erwägungen zu ihrem Schlüsse komme, daß es sich um einen selbständigen Verein bei der Zahlstelle GoSlar handle, so könne die Revision hiergegen keinen Erfolg haben. Wenn die Revision darauf hinweise, daß der Strafsenat des Kammergerichts in bezug auf einen anderen klein en gewerkschaftlichen Verein angenommen habe, er sei nicht selbständig, so möge das richtig sein. Dann seien aber die Tatsachen damals andere gewesen, oder wenigstens hätte die Vorinstanz damals andere Tatsachen„ f e st g e st e l l t" gehabt. Das Kammergericht sei gebunden an die„tatsächlichen Feststellungen" der Borinstanz. Das Rechtsmittel der Revision erlaube es ihm nicht, in t a t s ä ch l i ch e r Hinsicht in jedem Falle nach- znprüfen, ob eine Zahlstelle ein selbständiges Vereinsleben führe oder nicht. Wenn nicht ein Rechtsirrtum vorliege, dann könne das Kammergericht nichts ändern. Deswegen werde in der Beziehung eine Rechtseinheit nicht zu schaffen sein. Es komme immer auf die tatsächlichen Feststellungen des betreffenden Landgerichts an.—— Ohne Rechtsirrtum sei als Zweck eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten angenommen ivorden.— Die Verurteilung sämtlicher Vorstandsmitglieder der Zahlstelle rechtfertige sich aus der Bestimmung des § 13 des VereinögcsetzeS, wonach bei Uebertretungen der Vorschriften des§ 2„ j e d e r Vorsteher des Vereins bestraft wird, sofern er nicht nachweisen kann, daß die Anzeige oder die Einreichung ganz ohne sein Verschulden unterblieben ist." Diese» Nachweis habe keines der verurteilten Vorstandsmitglieder erbracht. Eine satzungsgemäß» Uebertragung der Meldepflicht ans ein ein- zelneS Borstandsmitglied würde dem Gesetz gegenüber keine Wirkung haben.—__ Oeutreht« Reldt. Köln, 23. Januar.(Privattclcg ramin.) Der Hafenarbeiter- streik ist beendet. Die Ausständigen nahmen zu den früheren Be- dingungcn die Arbeit wieder auf. Wieder einmal der Gutenbcrgbund als Streikbrecherorganifatiin. Bei dem Streik der Buchdrucker der Firma Rcißmann- G r o h n e.„RHeinisch-Westfälische Zeitung", ist es bekanntlich dyrch die Maßregelungen mehrerer Verbandsbuchdrucker zur sofortigen Arbeitseinstellung gekommen und haben 51 von 70 Angestellten die Arbeit niedergelegt. Wenn man bedenkt, daß die ganze Angelegen- heit entstanden ist durch Auffordern zum Aucckritt aus der Organi- sation, dann muß es jeder Gewerkschaftler einfach unverständlich finden, wie eine Organisation, die für sich in Anspruch nimmt. eine Arbeiterorganisation zu sein, folgende Erklärung erlassen kann: Erklärung drö Grwerkvereins der Buchdrucker: „Gutenbcrg-Bund". „Nachdem ich durch unsere in Ihrer Offizin konditioniercnden Bundcskollcgen erfahren, daß die Berbändler in Ihrem Druckerei- betriebe wegen eines auf tariflichem Gebiet nicht liegenden Vorkommnisses am Freitagabend die Kündigung eingereicht haben, hielt ich es als BezirkSvorsitzender des Gutcnbcrg-Bundes für meine Pflicht, den Vorsitzenden des hiesigen OrtsvereinS G.-B., Kollegen Sweekhorst, sowie zwei weitere Mitglieder aus Ihrer Offizin zu einer Besprechung dieser Angelegenheit einzuladen. Nach eingehender Prüfung der Angelegenheit sind wir einhellig der Ucberzeugung, daß es sich bei dem Borgchen der Berbändler lediglich um eine Macht- und Kraftprobe im Interesse deS Ver. bandcs der deutschen Buchdrucker in Ihrem Betriebe handelt. Des weiteren sind wir der Ansicht, daß sich dieser Gewaltakt Zweifels- ohne indirekt auch gegen die bei Ihnen beschäftigten und in nächster Zeit noch weiter einireienden LundeSkollegen sowie gegen den Gutcnberg-Vund überhaupt richtet, indem die Berbändler, wie wir erfahren, sich mit der Absicht trugen, in den nächsten Wochen auch die Entlassung der Gutcnbergbündler, obwohl dieselben voll und ganz als tariftrcu gelten, von Ihnen zu fordern. Angesichts dieser Tatsacke haben unsere Mitglieder keinen Anlaß, sich der „Bewegung" der Berbändler anzuschließen, vielmehr sind die- selben gesonnen, ihre Position mit ollen gerechten Mitteln gegen. über den Angriffen von VcrbandSseitcn zu verteidigen und die Interessen des Gutenberg-Bundcs zu wahren. Mit Rücksicht auf das Gebaren der Berbändler liegt für uns kein Anlaß vor. den vor einigen Wochen getätigten Engagements weiterer Bundes- kollcgcn hindernd in den Weg zu treten, umsomehr, da ohne Jnnehaltung der tarifmäßigen 51ündigungSfrist. d. h. mit Tarif- bruch, eine Anzahl Verbändler plötzlich die Druckerei heute ver- ließen. Ich bin von den beteiligten Kollegen beauftragt. Ihnen von unseren Beschlüssen Kenntnis zu geben, was nach Lage der Sache dringend erforderlich ist. Essen, 16. Januar. Ergebenst C. Schmidt. Schriftsetzer. Ein Kommentar ist hierzu überflüssig. Tie Sache spricht für sich, verdient aber bekannt zu werden. Huulona. Die österreichischen Gewerkschaften im Jahre 1905. Die Ge- tverkschaftskommission Oesterreichs hat soeben ihren RechenschastS- bericht für das Jahr 1905 veröffentlicht. Eine genaue Mnglieder- stcitistik liegt noch nicht vor, aber aus dem Kasienberichl ist ersichtlich, daß auch im letzten Jahre wieder ein bedeutender Zuwachs an Mit- gliedern zu verzeichnen ist. An Monatsbeiträgen nahm die Geiverkichaftskommisffon 59 885 Kronen ein! es ist das eine Mehr- einnähme gegenüber dem Vorjahre von 16 458 Kronen und entspricht einer durchschnittlichen Mitgliederzahl von 166 347. Das ist eine Zunahme von 45 700 zahlenden Mitgliedern. An Streikgeldern wurde» im Jahre 1905 durch die Gewerkschaftskommission 114 569 Kronen ausgegeben. Die österreichischen Posthülfsbcamtrn hatten dem Handelsmini- sterium eine Eingabe unterbreitet, in der sie komischerweise eine Titeländeruna und Erhöhung ihre? GehaltS forderten. Das Handels- Ministerium hat eine Erhöhung der gegenwärtigen Bezüge von 4 bis 7 Kronen monatlich zugestanden, der geforderte Titel,„Posladjunkt" könne nicht gewährt werden. Daraus haben ca. 100 Veriamm- lungen im Lande sialtgesmiden und der Zentralverein der Hülfs- Postbeamten und Aspiranten trifft alle Vorbereitungen, um gegebenenfalls den passiven Widerstand organisieren zu können. — Die Poslillone von Wien fordern die Erhöhung deS AnfangSgehaltö auf 1080 Kronen, die Herabsetzung der pensions- berechtigten Dienstzeit von 40 auf 30 Fahre. Diefe und einige andere Forderungen sollen der Postdirektion unterbreitet werden. Die 2600 Mann zählende Belegschaft des Trifailcr Kohlenwerke? in Kärnten ist wegen Ablehnung verschiedener Forderungen, ins- besondere der Forderung einer zwanzigprozentigen Lohnerhöhung. gestern morgen m den Ausstand getreten. Die Arbeiter verhalten sich ruhig. Die Zuschneider der großen Konfektionshäuser in Lille. R o u b a i x und ArmentiäreS wollen einen Ausstand beginnen. Ter Verband der belgischen Grubenarbeiter hielt in Eharleroi eine Versammlung ab. au welcher 150 Delegierte teilnahmen. Nack Prüfung der Lohnfrage wurde beschlossen, augenblicklich keinen Ans- stand zu proklamieren, da die meisten Grubenverwaltliirgen eine Lohnaufbefferung zugesagt haben. Ein Nationalkongreß der Berg- arbeiter soll ttotzdem einberufen werden, um definitive Beschliine zu fassen._ Versammlungen. Der Verband der an Holzbearbeitungsmaschine» beschäftigten Arbeiter hielt im Gewerkschaftshansc eine Generalvcrsaminlimg ab. Die Einnahmen beliefcn sich im IV'. Onartal auf 14 744.65 M.. die Ausgaben auf 7781,14 M.. der Bestand vom III. Onartal betrug 12 353,46 M., so daß am Schluß des Jahre» 1905 ein Vermögen von 19 316,97 M. verbleibt. Der Kasfierer wurde aus Antrag der Revisoren entlastet. Der Mitgliederbestand beträgr 1728. Zwei An- träge des Vorstandes: 1. die Beiträge vom 1. April 190«; ab von 75 Pf. auf 80 Pf. zu erhöhen, 2. die Karrenzzeit der Krankenunter- stützimg von 40 auf 50 Wochen zu verlnngeni. wurden angenommen. Ebenso wurden die vom Vorstände beantragten Statnteiiandcrinigen angenommen. Im letzte» Halbjahr wurden 105 Werkstatt- sitzungen abgehalie». In den in Frage kommenden 105 Werkstätten waren 1645 Kollegen beschäftigt, davon 1540 organisiert. Im paritätischen Arbeitsnachweis haben sich vom 14. Juli 1905 bis Ende de» Jahres 1641 Kollegen eintragen lassen. 1536 Stellen wurden i» eben dieser Zeit angemeldet, von denen 1129 besetzt wurden. Wiedergewählt wurden die Bureauangcstellten Ja eck und Göbcr. als Vorsitzender Kollege S t e i n b o r n. neugcwählt als Schriftführer W i n d m ü l l e r, als Kassierer L i e r s ch, als Revisor G l a u b i tz, Pawlowski wurde auf Antrag der Werkstatt wieder in den Ber- band aufgenommen. Slngegangene Druchrcbnftcn. Von der„Reuen Gesellschaft'«, Sozialistische Wochenschrift. Heraus- fielier: Dr. Heinrich Braun und Lily Brau». Verlag:«erlin IV. 15. Preis ür da« Einzelheit 10 Pf., pro Monat 40 Ps., pro Vierteljahr 1,20 M. ist ocben das 4. Hest erschienen. Letzte Nachrichten und Dcpefchen. Ein letzter billiger Einkauf. Wien. 23. Januar.(W. T. B.) Mit Rücksicht auf den am 1. März in Kraft tretenden Handelsvertrag mit dem Deutschen Reiche fand heute im Eisenbahnministcrium eine Besprechung der Direktionen der beteiligten Staatsbahnen und Privatbahnen statt, um die Nlaßnahmcn für die rechtzeitige Bereitstellung der Wagen für die im Februar»hne Zweifel in Aussicht stehende Vcfirdcru«,; gewaltiger Gütermengen zu beraten. Lcrgarbeiterstreik. Wien, 23. Januar.(B. H.) Der Streik bei der Trifailer Kohlengrube hat sich auch aus andcre Gruden ausgedehnt, so daß jetzt rund 3500 Bergarbeiter streiken. Neue Judenverfolgungen. Bukarest, 23. Januar.(B. H.) Während deS Wasserweihfesies fanden in Kischiuew und in ganz Bcffarabicn blutige antisemitische Exzesse statt. Birke jüdische Häuser wurden geplündert und nieder- gebrannt._ Schwer« Schiffszusammrnstöste. London, 23. Januar.(B. H.) Auf dem Flusse Mersch, gegen- über Liverpool, stieß der Dampfer„Sobo" mit dem Dampfer „London" zusammen. Letzterer ist in der Mitte durchgeschnitten und sank nach wenigen Minuten. Alle Mannschaften ertranken. Ein ähnlicher Schiffsunfall passierte dem Antwerpener Dampfer „Brüssel", der zwischen Brüssel und Amsterdam verkehrte. Er ist an der Küste von Wnllcmdock mit der Besatzung von 7 Mann ge- funken. v-rantw. Redakteur: HanS Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th.GIdck«, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u.BerlagSanstalt Paul Singer LcCo., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u. NuttrhaltungSblaft Ir.19. 23. läJtjwj. 1. Dtillljt des„DllMljltg" KttliUl AglllSlllM. M»wch.2t.MM.M. Reichstag. 20. Sitzung vom Dienstag, den 23. Januar, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstische: v. Einem. Erster Punkt der Tagesordnung ist die Interpellation S t y ch e l lPole) u. Gen. wegen Anordnung einer Aussicht über die Sprache, welche von katholischen Mannschaften in der kirchlichen Beichte gebraucht worden ist. Kriegsminister v. Einem erNärt fich bereit, die Interpellation sofort zu beantworten. Zur Begründung der Interpellation erhält das Wort Abg. Stychel stiegen. Die Preise sind gestiegen, obgleich die Zahl der geschlachteten Tiere größer geworden ist. Wenn trotzdem ein Mangel sich geltend gemacht hat, so ergibt sich daraus, daß der Fleischkonsum bei' uns viel höher ist, als man bisher angenommen hat. Unter der Fleischnot leidet der Mittelstand am meisten, mehr als der Arbeiter, der eher eine Erhöhung seines Einkommens erhält als der Mittelstand.(Sehr richtig I links.) Der Mangel an Vieh ergibt sich auch aus der Denkschrift des Ministers. Die dort angegebenen Zahlen über den Viehbestand zeigen fast in allen Provinzen einen Rückgang des Bestandes. Um der Fleischnot zu begegnen, müssen energische Maßnahmen getroffen werden, vor allem muß für eine billige Zufuhr der Futtermittel gesorgt werden; da muß man auch den Mut haben, den Zoll auf Futterniittel zu beseitigen.(Sehr richtig! links. Lachen rechts.) Die bisherigen ViAßregeln waren nicht ausreichend.• In Notstandszeiten müßte auch eine erhöhte Einfuhr fremden Viehs gestattet werden. Sie (rechts) behaupten immer, jedes eingeführte Stück Vieh vergrößere die Seuchengefahr.(Sehr richtig! rechts.) Ja, wenn das der Fall ist, dann dürfte man ja gar keine Einfuhr gestatten. Tatsächlich ist aber durch die Einfuhr in Oberschlesien keine Einschleppung von Seuchen erfolgt. Wir erhalten lebende Schweine nur aus Ruß- land, dem verseuchtesten Laiche, während wir aus Dänemark, dem gesündesten Lande, keine Schweine erhalten. Man müßte so viel Schweine einzuführen gestatten, wie zur Volkscrnährung notwendig sind.(Sehr richtig! links.) Unbegreiflich ist die ablehnende Hal. tung der Regierung gegenüber dem Büchsenfleisch. Braucht die Reichsmarine Büchsenfleisch, fp solle man es der städtischen Be- völkerung auch geben. Von einer sprunghaften Steigerung der Produktion hat der kleine Züchter gar keinen Vorteil. Zum Vor- lourf mache ich dem Minister, daß er diese Frage ausschließlich vom Standpunkt der Landwirtschaft behandelt hat, nicht von dem des Staates. An manchen Scherzen sieht das Volk, daß seine Interessen unvertreten sind.(Sehr richtig! links.) Die Nahrungssorgen könnten den Erfolg haben», daß wir in Teutschland zu einer Art Zweikindersystem nach dem Beispiel Frankreichs kommen. Das wollen wir doch nicht.(Langanhaltender Beifall links, Zischen rechts.) Abg. Malkewih(k.): Ich habe, als der Minister sein Amt antrat, die Hoffnung ausgesprochen, daß er auch in kritischen Augen- blicken die Nerven nicht verliere. Ein solcher kritischer Augenblick war die Fleischteucrung. Wir sind dem Mmister heute dankbar, daß er in dieser Zeit die Interessen der Bollscrnährung so außer- ordentlich richtig und taltisch gnt gewahrt hat.(Beifall rechts.) Eine Abschwächung der Teuerung ist schon eingetreten. Nichts hat die Preise mehr gesteigert als die Agitation. Möchte man jetzt vor allen Dingen erst einmal den städtischen Oktroi überall aufheben. («ehr richtig! links.) Ich möchte auch nicht, daß der Arbeiter sich beschränkte in der Kinderzahl, (Heiterkeit) i m G e g c n t e i k. Ich möchte d a für volle Freiheit plädieren.(Heiterkeit.) Abg. Glnvel(natl.): Mgcordneter Oeser hat außer acht ge- lassen, daß in Rußland auch eine Fleischteuerung vorhanden war. Ich verlange vor allen Dingen Tarifermäßigungen für Vieh. Landwirtschaftsminister v. Podbielski: Ich freue mich, daß diese Erörterung über die Fletschbersorgung rein sachlich ist. Bereits nach der Teuerung des Jahres 1902 haben wir vorsorglich für eine Vermehrung der Rindviehbestände gesorgt. Wir müssen scheiden zwischen den Rindvieh- und den Sclxwcincbeständcn. Das Auf und Ab der Schweinebestände vollzieht sich eben viel schireller als bei den Rindern. 1901, 1905 haben wir anormale Jahre gehabt. Das Auf und Ab der Schweinebestände kann auch der Landwirtschafts. minister in Amerika nicht beseitigen. Das hängt mit den Ernten zusammen, da können alle weisen Vorschläge nichts helfen; denn es entscheidet der Geldbeutel. Auf die Futterzöllc kommt es dabei nicht an, sondern auf die Kartoffelpreise.(Sehr wahr! rechts.) Der kleine Mann mästet mit seinen eigenen Produkten.(Heiter- keit.) Wenn der Vertrag mit Amerika fertig gewesen wäre, hätte man vielleicht das Büchsenfleisch zulassen können. Man wirft mir vor, daß ich falsch prophezeit hätte. Wenn man in einer Schlacht zu einer Truppe sagt, daß vorn alle tot sind, bekommt man die Truppe nicht vorwärts,«o konnte ich auch nicht sagen, daß die Fleischtcuerung noch Monate dauern' würde. Die letzte Zeit hat uns mit deutlicher Flammenschrift gezeigt: Verlaßt Euch nicht auf das Ausland!(Heiterkeit.) Ferner mußten wir doch auch damit rechnen, daß die Cholera dadurch bei uns hätte eingeführt werden können. Ich beabsichtige, der Schweinezucht gewisse Er- leichtcrungen dadurch zu schaffen, daß ich beantragen werde: die unbeschränkte Freigabe einfinniger Rinder nach"Lltägiger Aufbewahrung im Kühlhause, Freigabe des Viehs bei geringerem Grad von Tuberkulose wie kleinen Drüsen, Erleichterung bei Tieren, die an Schweinepest gelitten haben. Hadern wir nicht, sondern seien wir Deutsche und preußische Männer, die gemeinsame Arbeit fördern wollen!(Beifall rechts.) Abg. Sittard(Z.) tadelt, daß nicht wenigstens für die Dauer der ausnahmsweise hohen Preise im Interesse seines Wahlkreises Aachen die holländische Grenze geöffnet sei. Der»Oberbürgermeister der Stadt Aachen habe leider nach vier Monaten auf seine Eingabe noch keine Antwort erhalten. Abg. Dr. Voly(natl.) schildert die Wirkung der Haltung der Regierung auf Schlesien. Abg. v. Oldenburg(k.): Früher betete der Landwirt mit dem Städter: Schütze mich vor Mitzwachs und Teuerung. Heute merkt der Städter von Teuerungen nichts. Daher kommt das mangelnde Verständnis für die Lage der Landwirtschaft. Hier kann man solche Fragen ja sachlich verhandeln. Im Reichstage ist das nicht möglich, da die Sozialdemokratie dort alles als Hetze ansieht und ihr die Fleischteucrung als Rtickzugslanonade für die Zolltarifberatung dienen soll. Die Akzise zu beseitigen, ist eine wichtige Aufgabe. Das ist eine so mittelalterliche Institution, daß sie, wenn sie von uns herrührte, als Raubrittertum bezeichnet werden würde.(Sehr wahr! rechts.) Ich hoffe, daß die heutige Aussprache zu einer Milderung der Gegensätze dienen wird.(Beifall rechts.) Ein Antrag auf Schluß der Besprechung wird angenommen gegen die Stimmer, der beiden freisinnigen Parteien. Persönlich bemerkt Abg. Broemel(frs. Vg.): Ich konstatiere, daß ich durch den Schluß der Debatte gehindert bin, Ausführungen zu machen, die mich nicht als Gegner der Landwirte, sondern der Agrarier gezeigt hätten.(Heiterkeit.) Nächste Sitzung: Mittwoch, 11 Uhr(Etat der landwirtschaft- lichen Verwaltung). Schluß: iVz Uhr. parlamentanfches» Die Budgetkoinmission des Reichstages führte gestern die Be- ratung über die Erhöhung der Entschädigungssätze für militärische Einquartierungen zu Ende. General Gollwitz und Unterstaats- sckrctar T w e l e bekämpften die vom Zentrum und den Konser- vativen vorgeschlagenen Entschädigungssätze, die eine Mehrbelastung von zwei Millionen Mark verursachen würden; im übrigen halte. die Regierung die von ihr aufgestellten Sätze für genügend. Auf alle Fälle aber ersuchten die Regierungsvertrcter um Ab- lehnung der beantragten höheren Eutsckiädigmig für Unter- offiziere und für Vorspanndienste. Die Abgg. S ch ö p f l i n und Bebel erklärten namens der Sozialdemokratie die Zustimmung zu den voni Zentrum beantragten höheren Verpflegungssätzen, so- weit die Mannschaft in Frage kommt: dagegen liege gar keine Ver- anlassnng vor, für die Unteroffiziere noch höhere Sätze zu bewilligen; den in der Kaserne bestehenden Zustand, wonach der Unteroffizier eine bessere Verpflegung als der Soldat erhält, auch auf die Manöver zu übertragen, habe keine Berechtigung und müsse daher auch abgelehnt werden. Mit der Bewilligung der vom Zentrum vorgeschlagene» Erhöhung, die angesichts der hohen Lebensmittelpreise berechtigt ist, sei für die Sozialdemokratie aber das Maximum erreicht, über das hinaus sie nichts weiter bewilligen werde. Das Zentrum zog hierauf seine Anträge betreffend die Unteroffiziere und Vorspanndienste zurück. Abg. Liebermann v. Sonnenberg regte an, für die Orte, die an den großen und häufig benutzten Marschstraßen liegen, besonders erhöhte Sätze zu bewilligen; diese Anregung wurde von der Militärverwaltung lebhaft bekämpft. Bei der Abstimmung wurde der Zentrnmsanlrag angenommen; der konservative Antrag, der die Entschädigung für die Unteroffiziere um 0,25 beziehungS- weise 0,30 M. pro Tag erhöhen wollte, abgelehnt. Die Kommission beschäftigte sich sodann mit dem Reichs- Jnvalidenfonds. wobei vom Zentrum eine Vereinfachung der Ver- waltung angeregt wurde und: ob es nicht angängig sei. den Kriegs- schätz, der im Betrage von 120 Millionen Mark in gemünztem Gold im Jnliusturm in Spandau siegt, aufzuheben, ihn also zinstragend zu verloenden. Im Kriegsfalle reichten die 120 Millumeu Mark ohnehin nicht weit. Reichsschatzsekretär v. Stengel widersprach beide» Anregungen. Die Verwaltung könne nicht anders gestaltet werden, der'Kriegsschatz„müßte" eher erhöht, statt aufgehoben werden!— Heule Fortsetzung der Beratung. In der Finanzresorinkommission wurde die Debatte über den Staffelmigsparographen 3s. der Brausteuervorlage fortgesetzt. In längeren durch eine Fülle von eiiiwandsfreiem statistischem Material gestützten Ausführungen bemühte sich der bayrische Regierungs- konmnsiar L o r e n tz den patentierten Mittclstandsreitern vom Zentrum u. a. klar zu machen, daß der Niedergang des Kleinbetriebes in der Brauindnstrie durch keine Art von Staffelung, möge der Einsatz und die Steigerung festgesetzt werden nach der Regierungsvorlage oder nach den Vorschlägen der Konservativen oder des Zentrums, zu verhindern sei. Habe Speck auf die Pfalz ver- wiesen, wo nach Einführung der bayrischen Biersteuer der Rück- gang der kleinen und mirilcren Brauereien ein recht bedeutender sei, so sei er in der Lage, sich auf die Schweiz berufen zu können, wo keine Biersteuer bestehe, wo aber dieselben Vorgänge sich abgespielt haben wie in der Pfalz: das Verschwinden der Kleinbetriebe usw. in demselben Zeiträume. Der Konkurrenzkampf nimmt eben in der Branindustrie ebensowohl wie in allen anderen Industrien immer schärfere Formen an, die kapitalistische EntWickelung bedingt die Aufsaugung der Kleinbetriebe und daran vermag die Staffelung nichts zu ändern. Diesen verständigen Darlegungen setzte Speck folgenden An- trag entgegen: daß die Abgaben bei einem Jahresverbrauch an Brmistoffen bis zu 500 Doppelzentner 4 M. für jeden Doppelzentner betragen soll und dann bis zu 5000 Doppelzentner um 50 Pf. steigend für jedes Tausend, bis zu 7500 und weiter bis zu 10 000 Doppelzentner um je 50 Pf., so daß die Abgabe bei 10 000 Doppel- zentner 7,50 M., bei einem weiteren Mehrverbrauch aber die Steige- rung mit 8 M. endet. Die Veranlagung der Betriebe soll nach dem durchschnittlichen Verbranch der umnittelbar vorhergegangenen drei Jahre erfolgen, bei neuen Betrieben nach dem Resultat des ersten Vetricbsjahrcs. Das Zentrum hält, wie der Autragsteller Speck später er- kennen ließ, diesen Antrag für eine geeignete Klappe, um damit zwei Fliegen mit einem Schlage treffen zu können. Durch die Art der Staffelung soll nämlich erstens der Auf- saugungSprozeß, der nicht zu verhindern ist. verlangsamt werden und ferner soll dadurch verhindert werden, daß die Brauereien bezw. die Gastwirte den Aufschlag auf die Konsumenten abwälzen können. Damit wäre dann(nach Speck) zu gleicher Zeit das im Zentriimsprogramni H 6 des Flottengesetzes eiilhaltene Problem, Gegenstände des MaffeiikonfiimS zu Flottenzwecken nicht weiter zu belasten, gelöst. Stolle und Süd e k u m vertraten den Stand- punkt, daß die geforderte Bicrsteuer als eine indirekte in letzter Linie immer die Konsumenten belastende Steuer abzulehnen sei, auch in der vom Zentrum beantragten Form. Würde wirklich der in Aus- ficht gestellte Zweck damit erreicht, daß eine direkte Abwälzung auf die Konsumenten nicht möglich sei, so qualifiziere sich die Steuer als ein drückender Zuschlag zur Gewerbesteuer, um so fühlbarer je wirtschaftlich schwächer die Brauerei oder der Wirt sei. Die kleinen oder mittleren Brauereien seien im Konkurrenz- kämpf außerstrande, die Mehrbelastung auf ihre Abnehmer ab- znwälzen, wohl aber die großen und diese würden gerade die von ihnen ahhäiigigen, wirtschaftlich schwachen Gast- und Schankwirte wieder am meisten zur Deckung des ihnen entstehenden Ausfalls am Gewinn heranziehen. Die Nationalliberalen B ü s i n g und We st ermann sind der Ansicht, daß die Vorlage das Richtige l treffe und treten dafür ein. Ersterer bedient sich zur Begrüitdnng seiner Aiisfiihnlngeil einer Tabelle, aus der er die Weisheit schöpft, daß die Schankwirte in Norddeutschland, namentlich in Hamburg durchschnittlich bis zu 200 Proz. verdienen. Durch die Regierungs- vorschlüge würde der Liter Bier nur um 1'/� Pf. verteuert. Diese Belastung könne die Brauerei bezw. der Schankwirt nicht aus das Publikum abwälzen, deshalb sei er dafür. Den Behauptungen Büsings betreffs der Riesengewinne der norddeutschen Schankwirte traten sowohl Südckum als auch Speck entgegen, die darauf ver- wiesen, daß dieser Verdienst nur ein scheinbarer sei, da die nord- deutschen Wirte ganz andere Aufwendungen machen müssen als die süddeutschen und daher ihr Nettoverdienst kaum ein größerer sein dürfte als der jener. Zum Schluß traten der Finauzminister v. Rhei nbaben und der Schatzsekretär v. Stengel nochmals für die Regierungsvorlage ein, worauf die Debatte abgebrochen und bis heute vertagt wurde. Em Industrie und k)andel. Städtische und Privatinteressen. Das Dortmunder städtische Elek» trizitärsiverk ist schon lange das Spekulationsobjekt einer gewissen Interessengruppe, die darauf ausgebt, das Werk dem R h e i n i» scde» Elektrizitätswerk zuzuschustern. Macher des Rheim- scheu Elektrizitätswerkes sind bekanntlich die Stinnes, Thyssen und Konsorten, deren Plan dahin geht, die sämtlichen Elektrizitätswerke des Jndustriebezirks zu monopolisieren. In der Dortmunder Bürger- schait herrscht mit Recht lebhafter Unwille gegen die VeräußerungS- absichten, wahrend sich im Stadtverordnetenkollegium und im Magistrat einflußreiche Großindustrielle befinden, die der Veräuße- ruitg sehr günstig gestimmt sind. Der Magistrat ist durch die Ge- schichte schon mehrmals in eine sehr zweideutige Stellung gekommen. Als die Nachricht von den Veräußerungsabsichlen zuerst in die Presse gelangte, wurden dieselben vom Oberbürgermeister Scvmieding, dem bekaiuiien Anfsichtsrat der Harpener Bcrgbangesellichaft aufs ent- schiedenste bestritten, man denke nicht an die Veräußerung. Wahr sei allerdings, daß die Vertreter des Rheinischen Elektrizitätswerkes an die Stadt herangetreten seien, um Verhandlungen anzubahnen, die auf den Ankauf des Dortmunder Elektrizitätswerkes hinzielten. So ganz unglaublich lauteten die Angaben Schmiedings nicht und die Bürgerschaft zeigte sich befriedigt. Umsomehr staunte man dann aber, als Stinnes in der„Westfälischen Allgem. Zeitung" das Wort nahm, die Behauptung, das Rheinische Elektrizitätswerk sei an die«tadt Dortmund herangetreten, als unwahr be- zeichnete, gerade das Entgegengesetzte sei vielmehr richtig. Diese Widersprüche hätten nun sehr der Aufklärung bedurft, aber die Sache blieb ungeklärt. Mit der Aeußerung Schmiedings stimmt auch sein Verhandeln mit den Ministern wegen der Veräußerung nicht übcrein. Kurz und gut, das Verhalten des Magistrats forderte heftige Angriffe der Presse heraus, in welche sogar das „Dortmunder Amtsblatt" miteinstimmte. Es wurden auch Angriffe gegen die Verwaltung des Elektrizitätswerkes laut, das Werk sei nicht auf der Höhe, die Maschinen seien veraltet usw. Der Magistrat bestritt darauf ganz! allgemein die Angaben der Presse, im übrigen halte man sich zu gut, gegen die Presse zu klagen. Ein Standpunkt, den man früher n i ch t ein- genommen hat. In der letzten Stadtverordnctensitzmig brachte der freisinnige Stadtverordnete Wenck die Frage des Elektrizitätswerkes nochmals zur Sprache und kritisierte, daß der Magistrat es unter- lassen habe, die Angriffe der Presse zu widerlegen. Da erhob sich der Direktor Döpke des Elektrizitätswerkes und gab die unglaublich klotzige Antwort: Da müsse man erst einen journalistisch gebildeten Ingenieur anstellen, der der Un- verfrorenheit der Dortmunder Presse ge- wachsen sei. Kein Stadtverordneter, selbst nicht der ultramontane Zeitungsverleger Lensing, der sich doch ge- legentlich gern als Vertreter der Presse ausspielt, hielt es für nötig, aus solche Herausforderung zu antworten. Wir sind der Meinung, daß gerade der Herr Döpke durch seine Aeußerung eine ganz ansehnliche Portion Unverftorenheit offenbart hat. Man glaubt auch an verärgerte Stimmungen wegen gescheiterter Pläne. Vielleicht wäre der eine oder andere Herr Aufsichtsrat geworden, wenn der Plan zustande gekommen wäre. Jetzt scheint er gescheitert zu sein. Aber trotzdem ist die Stadt Dortmund geschädigt. Der Kreis Hörde hätte sich vielleicht an das Dortmunder Elektizitätswerk angeschlossen; da er aber annahm, daß es veräußert werde, schloß er einen Vertrag mit Stinnes ab, der nun bei der Zeche„Wiendahlsbank" eine Zentrale anlegt und den ganzen Kreis Hörde mit einem Kabelnetz umspinnt. Dies Absatzgebiet hätte dem Dortmunder Elcktrizitäts- werk gesichert werden können, womit der beteiligten Kommune gleich- zeitig eine gute Einnahmequelle erschlossen worden wäre. Das Ende vom Liede ist: alle Erwägungen und Spekulationen haben die Stad� Dortmund geschädigt._ Amerikanisches Stimmungsbild. Aus New D o r k wird berichtet: Die geschäftlichen Aussichten in Amerika sind den aus allen Teilen des Landes erstatteten Spezial- berichten zufolge für das Jahr 1906 sehr günstig. Nach der Ansicht maßgebender New Jorker Handelskreise ist bis jetzt noch kein An- zeichen des Rückganges oder der Ueberproduktion bemerkbar. In den ivcstliche» Staaten herrscht eine wirtschaftliche Blüte wie kaum je zuvor. Gefahren drohen diesen günstigen Verhältnissen jedoch eingestandener- maßen von de» maßlosen Spekulationen an derNew Jorker Börse und dem Mangel an Elastizität des Geldumlaufs.— Also doch Krisenanzeichen I— Falls sich diese beiden Uebelstände beseitigen ließen, hofft(!) man, 1906 werde ein Rekordjahr günstiger wirtschaftlicher Entwickelung sein.— Daß zwischen Lipp' und Bechersrand, oft auch bei wirtschaftlichen Festgelaaen, des bösen Schicksals Hand waltete, haben wir schon öfter erfahren. Fast unvermittelt stürzten wir z. B. vor 5 Jahren vom Gipfel der Konjunktur hinab in das Tal der Krise. Während noch die Ueberoptimisten klipp und klar„nach- wiesen", daß wir eigentlich erst am Anfang einer glänzenden Prospcritätsepoche ständen, war der Markt schon weit übersättigt und die Folgen stellten sich eim_ Korruption. Man schreibt uns aus New Jork bom 12. Januar: Kaum ist die Untersmbung über die Lebensve'sicherimgs-Gesellschaftcn beendet, so spielt sich hier eine andere höchst interessante Affäre aus einem anderen Gebiet„kapitalistischer Auswüchse" ab. Es betrifft dies die bei den hiesigen Gerichten seitens des Staates Missouri gegen die„Water-Vierce Oil Co." als angebliche Zweiggesellschaft des Trusts(„Standard Oil Co.", welche hier ihren Sitz hat) angestrengte Klage wegen Anwendung ungesetzlicher Methoden zur Unter- drückung der Konkurrenz. Von den leitenden Persönlichkeiten des Trusts konnte man bisher nur des Vizepräsidenten Rogers habhast werden, da sowohl die Rockefellers als auch andere höhere Beamte es bisher verstanden haben, der Zu- stellung von Vorladungen ans dem Wege zu gehen.(Bei einem armen Teufel wird kurzer Prozeß gemacht und sofort ein BerhaftS- beseht ausgestellt, wenn er nicht„eruiert" werden kann. Obwohl sich sowohl Rogers wie die übrigen bis jetzt vernommenen Trust- leute sehr zugeknöpft verhielten und auf die wesentlichsten Fragen rundweg die Antwort verweigerten, so ist doch schon ermittelt, daß achtzehn bisher als unabhängig und in Konkurrenz mit dem Trust stehend geltende Pciroleum-Ges'ellschasteit in diversen Staaten lediglich Zweiggeschäfte desselben sind! Der den Staat Missouri vertretende Gencralanwalt hatte bei Lawson. dem Verfasser von„Frenzied Finance"(worin das Treiben der„Rockefeller" im Kupfertmst aufgedeckt wurde) angefragt, ob er bereit sei. als Zeuge zu fungieren. L. antwortete darauf, daß er von den Beziehungen des Trusts zu jener Gesellschaft nichts wisse; wenn man aber den Beweis haben wolle, daß Rogers, Rocke- seller uiw. die Equitable-, New Jork Life- und Mulual-Lebens- versicherungsgesellschasteii.dcn BlmdeSseilat, die Banken, Trnstkompagiiie und Eisenbahnen dcS Landes absolut kontrollierein oder wie sie mit den Aktien und Bonds daS Volk der Vereinigten Staaten jedes Jahr um Hunderte von Millionen berauben, so stehe er zu Dienste».— L. machte den Generalanwalt des weiteren darauf aufmerksam, daß er alle Beweise für die Verbindungen der„Standard Oil Co." mit den angeklagten Gesellschaften in dem Gebäude des Trusts finden könne, wenn er Rogers die Alternative stelle, die verlangten Angaben zu machen oder ins Gefängnis zu gehen.„Wenn Sie dieses nicht mit der Macht des Staates Missouri fertig bringen können, so Ivürde ich Ihnen empfehlen, die Bude zu schließen und dem Volke der Vereinigten Staaten zu erklären, daß Sie die„Standard Oil Co." nicht zwingen können, dclS zu tun, was jeder Bürger zu tun verpflichtet ist. 10 000 Protestlcr. Aus Valencia wird berichtet: Eine Ver- sammlung von 10000 Rosinenproduzenten beschloß, die Regierung zu ersuchen, bei Abschluß der Handelsverträge mit England und Deutschland dahin zu wirken, daß die spanischen Rosinen nach den- selben Grundsätzen behandelt werden, wie die griechischen Rosinen, um der unerträglichen Hungersnot in jener Gegend abzuhelfen. Das Geschäft blüht. Der Betriebsüberschuß der Harpener Berg- baugesellschaft betrug im 4. Quartal ISOö: 8 720 000 M. gegen 3 545 000 Mark im vorhergehenden Quartal und gegen 3 480 700 M. im 4. Quartal 1904. Geschaftserwciternng. Um 6 Mill. Kronen will die Wiener Wcchselswben-Akt.-Ges. ihr jetzt 12 Mill. M. betragendes Aktienkapital erhöhen. Bei dieser Aktion ist die Darinstädter Bank, die ohnehin mit dem genannten Unternehmen eng liiert ist, besonders engagiert, indem ein Konsortium unter ihrer Führung die neuen Aktien über- nimmt._ Gerichts-Zeitung Abgeordneter v. Dirksen als Kläger. Zu dem Prozeß gegen die Genossen B u d e r(nicht Binder), S ch a d o w und Krüger wegen angeblicher Beleidigung des Abgeordneten v. Dirksen geht uns jetzt ein näherer Bericht zu. Aus demselben entnehmen wir, daß der Abgeordnete v. Dirksen selbst als Zeuge vernommen wurde und als Zeuge eine eigenartige Rolle spielte. Als er über seine Stellung zum Zolltarif vernommen wurde, erklärte er: ober in seinen Wahlreden den Zolltarif gebilligt habe, wisse er nicht mehr. Ferner bedurfte es erst eines Gerichtsbeschlusses, um eine Antwort auf die Frage des Verteidigers Genossen Heine zu erhalten:„Hat Herr v. Dirksen die im Reichstage im Dezember 1902 erfolgte Ab- änderung der Geschäftsordnung. die der Annahme des Zoll- tarifs voranging, gebilligt, oder hat er bei seiner Wahlagitnlio» irgendwo erklart, daß er sie mißbillige?" Die Antwort des Zeugen ging dahin: Mit Rücksicht auf die inzwischen verflossene lange Zeit, die große Heftigkeit des seinerzeit stattgefundenen Wahlkainpies und dem Umstände, daß er in etwa 45 Wahlversammlungen gesprochen habe, könne er die Frage nicht näher beantworte it. Andere Zeugen bestätigten dann, daß der vergeßliche Ab- geordnete in Wählerversammlungen den in der Advcntsnacht 1902 vorgenommene» Rechtsbruch des Reichstags gebilligt hat. Hoffentlich werden die zu enorm hohen Strafen verurteilien Genossen mit der Revision Erfolg haben, zumal das Kottbuscr Gericht nach§ 7 Str.-Pr.-O. kaum zur Aburteilung gegen den Verleger Buder zu- ständig gewesen sein dürste.— Die Vergeßlichkeit und Verwechselung dürfte übrigens eine Familieneigentünilichkeit derer von Dirksen sein. Bor einigen Jahren verwechselte ein Herr von Dirksen, der eine ebenso konbare Sammlung von Kunslgegenständen wie der Abgeordnete Dirksen besitzt, den Inhalt zweier Briefe. Einem an den Muscumsdirektor gerichteten legte er das einer Dame geltende höfliche Abschlagen der Erlaubnis, seine Schätze zu besichtigen, bei, in den an die Dame adressierten Brief gelangte der für den Museums- direktor bestimmte Inhalt, der sich darüber lustig machte, daß weibliche Plattfüße seine kostbaren Teppiche betteten wollten.— Hoffentlich werden die Kottbuser Wähler bei der nächsten Reichstagswahl nicht vergessen, daß v. Dirksen vergessen hat, was er seinen Wählern erzählte, und zum Kadi lief, weil die Taten, die er billigte, in etwas scharfer Form kritisiert wurden. Kritik der Ausweisungen aus Nordschleswig. In einem dänischen in Apenrade von Andersen herausgegebenen Jahrbuch veröffent- lichte der Landtagsabgeordnete Hansen einen Artikel„Köller- Politiken". Durch diesen fühlten sich ein Landrat und ein Amts- Vorsteher beleidigt. Das Landgericht Flensburg verurteilte, wie unsere Leser sich entsinnen werden, im September Hansen zu 3 Monaten Gefängnis. Andersen zu 300 M. Geldstrafe. Die Beleidigung wurde in Folgendem erblickt: Der Artikel erwähnt unter anderm den Prozeß gegen einen gewissen Finnemann. Eine Zeugin, Witwe Hausen, war aus Dänemark gekommen und hatte 20 Mark Reisegeld erhalten, nachdem sie ihre Aussage gemacht hatte. Nach der Behalwtung des Artikels sollen nun der Landrat und der Ämtsvorsteher der Zeugin 2000 M. versprochen haben, wenn ihre eidliche Aussage in der späteren Gerichtsverhandlung gegen Finnemann zu einer Ver- urteilung desselben führen würde. Der Verfasser nennt dies die wildeste Blüte der Knller-Politik. Daraus folgerte, das Gericht er deute an, daß die beiden Beamten sich des mit Zuchthaus bedrohten uneriviesenen Verbrechens der unternommenen Verleitung zum Mein- eide schuldig gemacht haben. Den Schutz des§ 193 hat das Gericht den Angeklagten nicht zugebilligt.— Die Revision der beiden Angeklagten kam am Montag vor dem Reichsgericht zur VerHand- lung. Sie rügte insbesondere Verletzung des§ 193 Str.-G.-B. (Wahrnehmung berechtigter Interessen). Das Reichsgericht verwarf die Revision. Ein Vertrauensmann der Berufsgenossenschaft wegen fahrlässiger Tätung vor Gericht. Bielefeld. 22. Februar. Die Fabrikbesitzer Karl und Erich Bertelsmann standen vor der hiesigen Strafkammer unter der Anklage, durch Vernachlässigung ihrer Be- rufspflicht den Tod eines Menschen verschuldet zu haben. Die bei ihnen beschäfttgte Arbeiterin Siockhede war beim Ueberichreiten einer frei und ungeschützt den Arbeitsraum durchauercnden Trans- niissionswelle von dieser erfaßt und mehrmals so heftig herumgeschlendert wor en, daß auf der Siellc der Tod ein- trat. Als erschlverenden Umstand führte die Anklage an, daß Karl Bertelsmann, obwohl er Vertrauensmann der Berufsgenossenschaft sei, dennoch es versäumt habe, die Vorschriften über llnsallverhütung in seiner Fabrik auszuhängen. Vor der Verhandlung ließ der Gerichtshof an der Unglücksstelle einen interessanten Versuch mit einer bekleideten Puppe in Menschen- größe anstellen. Der Versuch blieb anfangs erfolglos: erst als mau den unteren Teil des Rockes durchnäßte, wurde die auf die Welle gesetzte Puppe erfaßt und herumgeschlendert. Gewerbcrat Trauthahn nannte die Bertclsmanusche Fabrik im allgemeinen einen Musterbetrieb: er selbst habe früher derartige Wellen nicht für gefährlich gehalten, sei aber durch zahlreiche Un- fälle der letzten Jahre zur entgegengeietztcn Ansicht ge- kommen. Das Gericht erkannte beide Angeklagte kür schuldig und verurteilte, unter Berücksichtigung ihrer bisherigen Un« bescholtenheit, Karl Bertelsmann zu einer Woche. Erich Bertelsmann zu zwei Wochen Gefängnis.-� Durch die Strafen wird die im Betriebe Getötete nicht ins Leben zurückgerufen. In wie vielen Fällen wäre das Leben und die Gesundheit der Arbeiter erhalten, Unfälle vermieden worden, wenn endlich Arbeiterkontrolleure angestellt wären." Unlauterer Wettbewerb. Eigenartige Geschäftspraktiken haben dem Kaufmann Leo Cohn aus Spandau eine Anklage Ivcgen Vergehen gegen das Gesetz betr. die Bckäinpfung des unlauteren Wettbewerbs eingebracht, die gestern vor der 2. Sttafkammer des Landgerichts II zur Verhandlung kam. Der Angeklagte ist Inhaber des Warenhauses„Louis Grand" in Spandau. Im Sommer v. I. erwarb C. das Warenlager einer Firma, die ihr Geschäfts- unternehmen einer Auflösung entgegenbringen wollte. Der An- geklagte richtete mit den Ware», die er für zirka 50 000 M. erwarb. einen sogenannten„Ramsch-Ausverkauf" ein. bei welchem er sich des unlauteren Wettbewerbs schuldig gemacht haben soll. Große Plakate kündigten an, daß alle Waren den doppelten Wert des Verkaufs- preise- hätten. Das Publikum ließ sich diese„nie wiederkehrende" Gelegenheit nicht entgehen, soll aber hierbei sehr trübe Erfahrungen gemacht haben, da die verkauften Waren keinesfalls den doppelten Werl hatten. Im Schaufenster waren u. a. Ledergürtel ausgestellt mit einem großen Plakat, auf welchem die Zahl„58" stand. Das Publikum glaubte somit, den Preis der Gürtel zu erfahren. Wie der An- geklagte vor Gericht erklärte, sei dies nur dieAnzabl der»och vorhandenen Gürtel gewesen. An einem Kostüm stand die Zahl„48". Wenn eine Käuferin, durch den bisherigen Preis angelockt, das Geschäft betrat, wurde ihr mitgeteilt, daß dies nur die Nummer des Kostüms sei, dagegen wären ähnliche Kostüme am Lager, die etlvas teurer wären. An verschiedenen Stoffballen standen Zahlen, wie z. B.„1,15", so daß es den Anschein hatte, dies sei der Preis für den Meter Stoff. Erst wenn man sich das Plakat genau ansah, bemerkte man hinter der Zahl„1,15" in ganz kleiner Schrift„Zentimeter breit". Bei verschiedenen anderen Waren, die zu auffällig billigen Preisen im Schaufenster ausgezeichnet waren, wurde dem kauflustigen Publikum überhaupt der Verkauf veriveigert. Als dies auch einer etwas energisch ver- anlagren Dame passierte, daß man ihr in dem Geschäft des An- geklagten eine bestimmte im Schaufenster billig ausgezeichnete Ware nicht verkaufen wollte, nahm diese die Hülfe des PolizeikommissarS Gentz in Anspruch, mit dessen Hülfe der Verkauf erst von statten ging. — Durch derartige Geschäftspraktiken des Angeklagten fühlten sich mehrere kleine Geschäftsleute geschädigt und stellten gemeinschaftlich Strafantrag wegen unlauteren Wettbewerbs. Das Schöffengericht hielt es für festgestellt, daß der Augeklagte in öffentlichen An- kiiiidigungen unrichtige und zur Irreführung geeignete Angaben gemacht hat, um den Anschein eines besonders günstigen Angebots zu erwecken und verurteilte Cohn wegen unlauteren Wettbewerbs zu 600 Mark Geldstrafe, außerdem zur Zahlung von je 300 Mark Buße an zwei Spandauer Geschäftsleute. Hiergegen legte Cohn Berufung ein, die gestern vor der Strafkannncr zur Verhandlung kam. Da es dem An- geklagten gelang, den Nachweis zu führen, daß er in einzelnen Fällen Waren zu sehr billigen! Preise, ja sogar unter dem Selbst- kostenpreise verlauft hatte, so setzte die BerufungSkammer die Strafe auf 300 M herab. Der Angeklagte wurde auch von der Zahlung der Buße befreit, da den Antragstellern eine genaue Substanziierung des von ihnen behaupteten Schadens nicht möglich war. Für den Jiibau der Jnirrate übernimmt die Redaktion dem Pnbltttim gegenüber keinerlei Berannoorrung. Theater. Mittwoch, den 24. Januar. Anfang 7'/, Uhr: Opernhaus. Der schwarze Domino. Schauspielhaus. Der Schwur der Treue. Neues Opern- Theater. Ge- schloffen. Deutsches. Das Käthchen von Heilbronn. Berliner. Der Widerspenstigen Zäh- mung. Neues. Ein SommernachtSttaum. Westen. Undine. Ansang 8 Uhr: Lessiug. Stein unter Steinen. Schiller 4».(WaUiin-Theater) Königsglaube. hiller Äf.(Friedrich Dildelm- Cyprienne. Schiller städtisches Tbealer). Kleines. Geschloffen. Komische Oper. Der Corregidor. Residenz. Der Prinzgemahl. Trinnou. Die Wetterfahne. Lnsisprelhaus. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis srüh um Fünse. Carl Weift. Die lebende Brücke auf Kuba. Zentral. Die Glocken von Eorncville. Luise». Die lustigen Weiber von Windsor. Deutsch-Zlmcrikauisches. Er und Ich. Meiropol. Aus ins Mcttopol. Kasino. Die goldene Brücke. Sipollo. Prinzeß Rosine. Spezialitäten. Hcrrnfeld. Familicntag im Hause Prellstein. Bclle-Alliance. Spezialitäten. Wiurcrgnrie». Spezialitäten. Walhalla. Nach mcrun. Folie» Capriee Der gdlne Teufel. Otto R euller.— Afrika, nach Ka> Nach dem Zapfen- streich. Der Beheme. Meidishalll«. Stettiner Sänger. Passage. Spezialitäten. Ili-.uun. T»»l>c»ilrafte 48/19. Abends 8 Uhr: Am Golf von Neapel. Hörsaal. Abends 6 Uhr: Dr. Donath: Farbenphotographie.<3. Teil.) Hörsaal. Abends 8 Uhr: Dr.Schwahn Gletscher und Eiszeit. Stcrnivartc, Jnvalidenstt. 57/62. Tägliw gcöshici min 7 bis 1 Uhr. Berliner Theater. Abends 7'/, Uhr: DerWiderspänstigen Zähmung. Donnerstag: Kean. Freitag: Widerspänstlgen Zähmung. Sonnabend: Kean. Neues Theater. Anfang 7'/, Uhr. Sin Scmmernachtstrautn. Donnerstag: Ein Sommernachtslraum. Freitag: Liebosleule(Amants). Sonnabend, Sonntag, Montag: Ein SommornaehUtrsum. Kleines Theater. Geschloffen. Donnerstag, den 25. Januar 1306: Zum erstenmal: Kinder der Sonne. Drama in 4 Akten von Maxim Gorki. Ansang T'/i Uhr. Freitag: Kinder der Sonne. Zentral-Theater (Operette). 8 Uhr: Die Glocken von Cornevillc. Operette in 3 Allen von Blanqnctt. t.uisen-Theater. Abends 8 Uhr: Die lustigen Veiiier von Windsor. Donnerstag zum ersten Male: Der Verschwender. Freitag: Maria Stuart. isonnabend: Kausniann v. Venedig. Sonntag nachm.: Pension Schöller. Abends: Der Verschwender. Montag: Die lustigen Weiber von Windsor. Komische Oper. Friedrichstr. 104/ 104a. Mittwoch, den 24., abends 8 Uhr: Der Corregidor. Donnerstag, Freitag: Hottmanns Erzählungen. Sonnab.: Die Boheme Sonntag nachm. 3 Uhr bei crmäß. Preisen: Dee Corregidor. Abends 8 Uhr: Hottmanns Erzählungen. KasinosTheater Lothringerftr. 37. Täglich S Uhr. Die goldene Brücke. Schauspiel in 3 Akt. v. R. Skowronnek. Im Neuen Theater z. Z. m. sensation. Ersolg gegeben! Borher: Das drill bunte Programm. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Das Opferlamm.__ Melropol-Thealer Anfang 8 Uhr. - in's UlEtr Große jahresrevne mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jnl. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Hauchen in all. Räumen gestattet. iiier Schiller-Theater 0. sWalliicr-Tbcalcri. Mittwoch, abends 8 Ubr: Zum erstenmal: KffnljpKelnul»«. Ein biblisches Drama in 5 Aufzügen von Hermann Stodle. DonnerSlag.abendSbUhr: KUnig/nglanbe. Freitag. adenbS 8 Uhr: _ Cyprlennc._ Theater. Schiller-Theater N.(Friedr.-Wilh. Th.) Mittwoch, abends 8 Uhr: CtyltHt-nuv. Lustspiel in 3 Auszügen o. Vickorien Jardou und E. de Najac. Don»erStag,adciids8Uhr: vis l-«xv»lb>'liie Agltationskoniinission. Vereinigung der Maler, Sackierer, Anstreicher. Filiale Berlin. Bureau: Engel-User 13, Zimmer 36. Telephon: Amt IV, 97Ä0. Donnerstag, den 25. Januar 1»06, abends 8 Uhr, in Dräsels Festsälen, Neue Frsedrichstraste Rr. SS: MW*" tfepsammiung. TageS-Ordnung: Wahl der Hauskassierer(Stichwahl). Vereinsangelegenheit. Rege» Besuch erwartet_____________ Die Ortsver«aItiiii(j.[124/4 Gustav Behrens Spezialitlten- Frankfurter _ Allee 85. Der größte Schlager der Saison l Rentier M u d i ck e s Abenteuer auf dem Metropolball odci: Die kleinen Mädchen von Berlin. Gr. AuSstattungSposse m. Ges. u.Tanz. Im zweite» Bilde: Die 6 schönen Manolizigareiien. Auherdem: 1« Spezialitäten. Schüneberger Wintergarten Goltzstratze 9. Täglich Theater- und Speziali- tätenvorftellung. Sonntags 2 Vorstellungen. Nachmittags 4 Uhr zu halben Preisen. Jede erwachsene Person hat ein Kind frei.— Abends 7'/,Uhr Grotze Gala- Vorstellung. Die Direktion. Moabit. Gesellschaftsbaus. Wiclofstr. 24. Jnh.: H. Pater«. gs Jeden Mittwoch: -/irto Ortgrlnnl- /|M)tarhurger Sänger Bföß Direktion: VMM Karl Frick-Kasche-Krausc ff Ans. 8 Uhr. Entrce 20 Ps. | I B Vorzugskarien gelten. Nachher: TanX, Sonntags SpezialitäteDTorstelluDg. Dr. Schlinemann, Spczial-Arzt ssir Hunt- und Harnleiden, Frauenkrankheiten. Jetzt: Friedrichstr. 203 Ecke 10-8.5- SchützenstraBe, TresP.S.Sonnt. 10—18. Lane& Ney Friedrictistr. 43. TSglich abends 8 Uhr: Enthüllungen. 209! b' Spiritismus. □ Gedankenlesen. Hutmacher! Mittwoch, den 24. Januar, abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel-User 15, Saal l: Mtglie6er-Versammlung. Tagesordnung: 1. Quartal« und Jahresbericht. 2. Vorstands- Ivabi. 8. Verschiedenes. 291/1 Der wichtigen Tagesordnung halber darf kein Mitglied fehlen. »er Voratand. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Versvaltiingsattclle»erlin. Haupt-Burcau: Engel-User 15, Zinmier 1—5. Fernsprecher: Amt Fl'', 9679. ArbeitsnachloeiS: Zimmer 34. Amt IV, 3353. Donnerstag, de» 23. Jannnr 1006, abends 8'/z Uhr, in Bockers Jestsäle», Weberstr. 17: ßeflentlieheICeiallarbeiier-VersammInng Fortstetzung: Tage S-Ordnu ng: Der Hirsch-Ounokersche Gewerkverein der Maschinenbauer und Metallarbeiter Im Lichte seines Dolegiertentsges In Chemnitz. mT" Zahlreicher Besuch wird erwartet. Donnerstag, de» 25. Januar 1000, abends 8'/, Uhr, im Gcwcrkschaftshaus, Saal 1, Engel-User 15: Versammlung"WW der Metalldrücker Berlins und Umgegend. TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Ritter:„Die geplante« Reformen in der sozialpolitische» BerstcherungS-Gcsestgebung«. 2. Diskussion. 3. VerbandSangelegenheiteu und Verschiedenes. Kollegen! Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung Ist das Erscheinen aller notwendig. Donnerstag, den 25. Januar, abends 8'/, Uhr, im Volkshause, Rosinenftr. 3: IV Bezirks-Versammlung"WU für CHarlottenlmrg und Umgegend. TageS-Ordnung: 1. Die englische Gewerkschaftsbewegung. Referent: Kollege R a m m S b rock. 2. Diskussion. 3. VerbandSangelegenheiten. IWF' Zahlreicher Besuch wird erwartet. 111/8 Donnerstag, den 25. Januar, abcndS 8 Uhr, bei Kdpnick, PichelSdorserstratze: 'MF" Bezirks- Versammlung für Spandau und Umgegend. TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Härtung über:„Ztrbetterversicherung". 2. Diskussion. 3. VerbandSangelegenheiten. Zahlreichen Besuch erwartet_ Die Ortsverwallung. i Iii Branche der Korbmacher. Donnerstag, 25. Januar, abends 8'/« Uhr, bei Krause, Adalbertstr. 59: WM" Vertraneusmänner- Sitzung'WU mit Branchen- und Zentral- Kommission. Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gegeben. ______ Die Konmilaslon. Mittwoch, 24. Januar, abends 8'/z Uhr, in Schmidts GcscllschastShaus, Garten-stratze Nr. 6: Spanehen-Vey-sammlung inllmlell-», fsblüllisclilöl-wi- ModellMsler TageS-Ordnung: 1. Jahresbericht der Kommission. 2. Neuwahl des Obmannes und der Kommissionsmitglieder. 3. VerbandSangelegenheiten. 4. Verschiedenes. 78/18__ Die Konimixwion. Achtung;! Achtung;! Produktenhändler nd-Händlerinnen! Donnerstag, den 23. Januar 1906, abends O1/, Uhr, im Lokale des Herrn Merkowskl, Sludreasstr. 26; Geffentliche Uersammlnug aller Uroduktenhandler u* Händlerinnen. TageS-Ordnung: 1. Bortrag drS Herrn Rechtsanwalt Ztzuttersdurk. S. Diskussion. 3. Verschiedenes. Zur Deckung der Unkosten findet Tellcrfammlung statt. 2116.»er Voratuud. SozialdefflokratisehJabllereiD für den UerlLifirReiehstapahlkreis. Todes- Anzelg;e. Am 22. d. M. verstarb unser Mitglied, der Gürtler Kulloir Scimlz Oranienstratze 186. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 25. d. M., nach« miitags 3 Uhr. von der Halle deS TbomaS-Äirchhoses, Hermann- stratze, aus statt. 238/1 Um zahlreiche Beteiligung er- sucht Der Vorstand. Soziaidemokraiischer Wablvemn für den 2. Berliner Reiclistagswahlkreis. Todes-Anaieige. Am 21. d. Ml-, ocrstarb unser Mitglied, der Buchbinder Lusls? Bsllsedmsllo Blücherstr. 31. Ehre seinem?ln denken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 25. d. Mts., nach- mittag 4 Uhr. ans dem Andreas- Kirchhos, WilhelmSberg- Hohen- Schönhaufen statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 238/2»ee Vorstand. Hi.'rvurch die traurige Nachricht, dag mein Mann und unser Vater, der Maler Otto Kleeberg nach langem Leiden am Sonntag, den 21. Januar, abends 11 Uhr, verstorben ist. Die Beerdigung findet Donnerstag, den 25. d. M., nachmittags 3>/z Uhr, aus dem Dorothecnstädtischen Kirchhof in der Müller- Scharnweberstratzc von der Leichenhalle aus statt. Dietrauernde Witwe nebst Kindern. Deutscher Bacbbinder- Verband. (Zahlstelle Berlin.) Allen Mitgliedern zur Nachricht, dag unser altes treues Mitglied Dusmv Hanschmann nach kurzem schwerem Kranken- lagcr verstorben ist. Wir werden sein Andenken in| Ehren halten. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 25. Januar. nachmittags 4 Uhr. aus dem Friedhofe zu Hohen-Ichönhausen- WithetmSberg statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet Die Ortsvcrwaltiing. slWfc-teiNilMl B. H. 5io. 89. Unser Mitglied. Herr �obann Peieradend ist am 2t. Januar im Alter von 67 Jahren gestorben. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung erfolgt am Mittwoch, den 24. d. M., nach- mittags 4 Uhr, von der Halle deS St. BartholomäuS-FriedhoscS in Weitzensee aus. Um rege BetcUigppg ersucht l98/4»er Vorstand. ferein der Zinimerep Berlins und Umgegend. Todes- Anselgte. Am Sonntag, den 21. d. M., verstarb unser Mitglied Hermann Lander. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung smdet am Mittwoch, den 24. d. M., nach- mittags 2 Uhr, vom Traucrhausc, Sanzlickstratze t/2 in Ripdors, auS aus dem GemeindeFrtcdhos daselbst, Mariendorser Weg, statt. Um rege Beteiligung ersucht 257/6»er Vorstand. ir- Berlins und Omoepd. Todes- Anzeige. Zur Nachricht, datz unserBtindes- Mitglied Wi. Schapkowski aus Rauch-Klub„Pfälzer' vcr- slorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 24. b. Mts., nachmittags 4 Uhr oon der Leichenhalle des HinnneltahrtS- KirchhoscS in Nieder- Schöuhausen(Nordend) ans statt. »er Vorstund. Sozialdemokratischer Watiberein Cbarlotteuburg. Den Genossen hiernnt zur Nachricht, datz unser langjähriges Mitglied Otto Kleeherg verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am DonnerStagnachmittag 3'/. Uhr von der Leichenhalle des Darothecn- städtischen Kirchhofes, Rcinicken- dors-Aest, Scharnweberstratze, aus statt. Um rege Beteiligung wird er- sucht. Bom 6. Bezirk irelsen sich die Genossen bei Mertens, Krummeilr. 43, alle übrigen im VolksiiauS, Rosincnstratzc 3, um 1'/, Uhr. 250,3 Der Vorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin, Todes- Anzclg;c. Den Kollegen zur Nachricht, datz unser Mitglied, der Former &mil Bodin am 18. d. M. gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 24. Januar, nach- mittags 4 Uhr, van der Leichenhalle des Zleinickendorscr Kirch- hascs in der Humboldlstratze, auS statt. Rege Beteiligung erwartet 111/9_ Die Ortsverwallunp. Nach lange», schweren Leiden verschied heute srüh um 7 Uhr mein hcitzgeliebtcr Mann, mein herzensguter, uitocrgetziicher Vater und Schwiegersohn, unser teurer Bruder und Schwager, der pralt. Arzt Dr. �rlbur Dollberg im 40. Lebensjahre. Im Namen der ticstrauernden Hinterbliebenen: Hosa Goltherg; geb. Kadisch Karl Gottberg;. Berlin S., 23. Januar 1906. Ritterstr. 106. Die Beerdigung findet am Freitag, de» 26. d. M., um 1 Uhr, aus dem jüdischen Friedhofe in Weitzensee statt. Deutscher Metallarbeiter-Verband Bcrwattnngsstclle Berlin. Todes- Anzcig;c. Den Kollegen zur Nachricht, I datz imscr Mitglied, der Schnitt- arbeiter Hermann Hennig verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am s Mittwoch, den 21. Januar, nach- mittags 3'/, Uhr, von der Leichen-! llallc der Eharits auo aus dem j Paule-Kirchhos in Plöhensce statt. Rege Beteiligung erwartet 111/7 Di» Ortsverwaltung. Tegel. (i Am Sonntag, den 21. Januar. verstarb plötzlich durch Unfall J unser Saiigesbruder Karl Baginski im 32. Lebensjahre. 21316! Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung wird noch bc- kannt gegeben. »er Vorstund. YereiDigungderFlieseDieger Deutschlands.(Ortsverein Berlin. M 1.1 ounetstag, 25. d. M.. abends 8 Uhr. im„Neuen Klubhaus«, Kommandautenstr. 78: MitgUeder-UerlommImtg. � Ta a e s< O rd n u n g: 1. Abrechnung des Kassierers vom TV. Quartal 1905 und RevifionS- fiertchf 2. Bericht des Vor'tandeS. 3. Neuwahl de? gesamten Vorstandes. ch Erhöhung der Beiträge. 5. EewerlschajttlchcS. Der wichtigen Tagesordnung tvegen ladet samtliche Mitglieder ein 28113»er Vorstand. I. A.: 0. Glesch«._________________ VerantworUicher Siedalteur: Hau» Weber» Berlin. güFbcn' JniercueiUcil veranlw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei«. Verlagsanjtalt Paul Singer& So., Berlin SW. Nachruf. Arn 22. Januar 1906 verstarb unser werter Chef, der Pianomechanik-Fabrikant 2123b Herr Oskar Köhler im Alter von 50 Jahren infolge Herzschlagee. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten. Die Arbeiter und Arbeiterinnen des Betriebes. r. 19. 33. 2. Kkilxzt»es Jormiitto" ßftlintr WIKsblM Mittwoch, 24. lamtar 1906. Bon der Wahlrechtsdemonstration. Teilweise fanden die Demonstrationsversammlungen erst am Montag statt. Ueber diese Veranstaltungen sowie über die am Sonntag stattgefundenen Versammlunge», von denen Berichte der. spätet enigingen, haben wir nachfolgend noch zu unterrichten, wobei jedoch zu bemerken ist, dag auch jetzt noch nicht von allen Kund- gedungen Berichte eingegangen sind. »* In einer in Rücksicht auf die Bevölkerungsziffer des Ortes außergewöhnlich stark besuchten Versammlung in Kremmen referierte Genosse D r u n s e l- Berlin. Desien Ausführungen sowie die beiden Resolutionen fanden begeisterte Zustimmung. Strausberg. Die Protestversammlung war von zirka 300 Personen besucht. Genosse K l o t h- Berlin referierte und wies aus den blutigen Sonntag in Petersburg hin, den die Scharfmacher auch hier in Deutschland gern provoziert hätten, wie die Hetzereien der burger- lichen Blätter und die militärischen und polizeilichen Maßnahmen augenfällig ergeben hätten. Hiermit wäre wieder bewiesen, wie stets die herrschenden Klassen sich sträubten, den nur zu berechtigten Wünschen des Volkes durch toirkliche Reformen gerecht zu werden. Der Referent belegte das durch zahlreiche Beispiele. Die Resolutionen fanden einstimmig Annahme. Freienwalde a. O. Viel Kopfzerbrechen bereiteten die Wahl- rechtSstugblätter der hiesigen Polizei. Sie setzte alle Hebel in Be- wegnng, um in den Besitz derselben zu gelangen; aber an der Wach- samkeit unserer Genossen scheiterte ihre Liebesmüh. Am Donnerstag glaubte sich die Polizei schon am Ziele, unser Genosse harte ein Paket erhalten und kaum hatte der Postbote dasselbe abgeliefert, als auch schon die Polizei da war und es in Beschlag nahm. Es ent- .hielt aber weiter nichts wie Versammlnngseinladungen und wurde auch gleich wieder freigegeben. Am Sonnabend kam endlich das Ersehnte und kaum hatte sich der Postbote entfernt, da kam auch schon die Polizei. Doch unser Genosse war noch etwas flinker wie die Polizei, als diese ankam, waren die Flugblätter verschwunden. Eine Haussuchung, die sofort abgehalten wurde, förderte das Gewünschte nicht zutage. Mittlerweile hatte die Polizei erfahren, daß in demselben Hause noch ein zweites Paket abgegeben wölben war. Sofort gings nach der anderen Wohnung, mit ernster Miene wurde das Paket geöffnet, eS kam aber nichts Staatsgesähr- liches zum Vorschein, wenn man nicht Wurst und Speck als solches betrachten will. Nun gingS anderwärts auf die Suche, verschiedene Genossen wurden mit Haussuchungen beglückt, sogar Kallinchenställe wurden durchsucht, aber ohne Resultat. Während sich die Polizei mit Haussuchungen die Zeit vertrieb, waren unsere Genossen eifrig mit dem Verteilen der Blätter beschäftigt und ehe sich die Polizei von ihrem Aerger erholt hatte, war die Verteilung beendet, ohne daß der Polizei auch nur ein Exeinplar in die Hände fiel. Die Protestversammlung gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht war von zirka 300 Personen schlössen. �# Im Wahlkreise Höchst- Usingen- Homburg fanden in folgenden Orte« Demonstrafionsversaminlungen statt: Höchst, Wied, Gries heim, Oberursel, Homburg, Nierstadt, WuchSheim, Ruppertsheim, Kelkheim, Hornau, Cronberg, Heddernheim. Rödelheim, Sossenheim, Oberhöchstaot. In vier Orten waren die Versammlungslokale in den letzten Tagen abgetrieben worden. Insgesamt waren die Vcrsamm- lungen von über 6000 Personen besucht und viele Aufnahmen in den sozialdemokratischen Verein erzielt. Mehrere Versammlungen waren so stark besucht, daß die Säle gesperrt werden mußten. In Höchst, wo Genofle Brühne sprach, war der Andrang zu der Veo sammlung so stark wie noch nie in einer Versammlung hier. Die Versammlung in Offcnbach war von über 3300 Personen besucht. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Die ganze Veranstaltung ist ohne Zwischenfall verlausen. Würzburg. Die hier staltgefinidene Volksversammlung war von mehr als 1000 Personen besucht. Das Referat des Genossen MaaistratSrat Eberhard wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen. Einstimmig gelangte eine Resolution zur Annahine, die den russischen Freiheitskänipfern Sympathie ausspricht. In Krefeld, der Stadt der schönen Damen, wo das Zentrum herrscht und Husaren stark begehrt sind, konnten unsere Genossen trotz aller Anstrengung kein Lokal belommen, alle Säle sind sür Karnevalskliinbim in Anspruch genommen. Die Demonstration findet deshalb erst am 23 Fauuar statt. Zwei Versammlungen»in Landkreise Aachen verfielen der Polizei- lichen Auflösung. Kaum daß der Referent Stunde gesprochen, schrill in Eschweiler-Bergrat der anwesende Polizeikommisiar zur Auflösung. Die beiden Resolutionen ivurden vor dem Referat zur Abstinimung gebracht und einstimmig angenommen. Die Ver- sammlung war von gut 100 Personen besucht. In Hardenberg lourde dre gedruckte Resolution vor der Versammlung beschlag- nahmt, weil der Verleger und Drucker nicht angegeben war! Auch diese Versammlung verfiel der Auflösung, kurz nach Beginn des Referats. Es waren zirka 120 Personen anwesend. Kreuznach, auch eine schwarze Domäne, hat sich gut gezeigt. Das VersanunlungSlokal war überfüllt, über bvO Personen waren an lvesend. Beide Resolutionen wurden einstimmig angenommen. Der Ertrag für die russischen Genossen beläuft sich auf 21,68 M. Stöcke. Schirme sowie andere Gegenstände wurden von der fürsorglichen Polizei den Teilnehmern vor Eintritt in de» Saal abgenommen. Garderobengeld wurde kulanlerweise nicht verlangt, dafür dankten die Anwesenden durch Absingen der Marseillaise, einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie und Aushängung einer mächtigen roten Fahne mit der Inschrift:„Für Freiheit und Recht". Viele Aufiiahmen in die Parteiorganisation waren zu verzeichnen. Im ganzen Kreise waren sämtliche Polizei- und Gendarmenc- ulannschoften auf den staatserhaltenden Beinen. Jedoch fielen ihnen nur noch 5000 Exemplare unseres Flugblattes in die Hände, wo- gegen der größere Teil verbreitet werden konnte. Bei unserem Kreuznacher Vertraucnsmanii wurde Soiultagmorgen 10 Uhr ver- geblich gehausjucht. Acht Flugblattverreiler wurden in der Stadt Kreuznach auf die Polizeiwache gebracht und zwei Stunden lang festgehalten. Ihre Flugblätter wurden einbehalten. Die Polizei hat eine großartige agitatorische Tätigkeit vollbracht und die gesamte Bevölkernng sür die WohlrechtSbewegung interessiert. Die Protestversamm lungen in, Wahlkreise Mülheim-Wipperfürth- Gummersbach sind großartig und ruhig verlaufen. In Mülheim tvaren die Versammlungen von 1000 Personen und 500 Personen besucht. Die Lokale wurden polizeilich abgesperrt. Hunderte Zu- strömende fanden keinen Einlaß. Die Resolutionen wurden e»n- stimmig angenommen. In Dünnwald waren SOV Personen zur Lersamnilung erschienen. In Bochum, Gclsenkirchen, Wanne und Herne waren sämtliche Versamntluugslokale überfüllt. Es herrschte eine ausgezeichnete Stimmung, die durch die fieberhafte Tätigkeit der Polizei nur ae- hoben werden konnte. Auch hier, wo Polizeiaffären sonst an der Tagesordnung sind, verlief alles in Ruhe und Ordnung. Großartig verlaufene Demonstrationen fanden ferner statt in Hagen, Schwelm, Lennep usw. Nirgends kam es zu Konflikten mit der zahlreich aufgebotenen Polizeimacht. Den Resolutionen wurde überall begeistert zugestimmt. Wahltreis Altena-Jserlah». In Letmathe und Iserlohn tagten gutbesuchte Bolksversammlungen. In Mariaorunnen, Amt Menden, war die Versammlung durch Lokalabtreibcrei ver- eitelt. In Altena sind nach Herausgabe des Flugblattes sämtliche Vertrauensleute gemaßregelt, dadurch wurde die Abhaltung einer Versammlung für Sonntag vereitelt. Für Werdohl mußte erst durch das Landratsamt die Bescheinigung über die angemeldete Ver- sammlung erzwungen werden. *» Im Wahlkreise Nordhauscn waren WahlrechtsdemonstrationS- Versammlungen in Nordhausen, Ellrich, Salza, Herreden, Hesserode, Klein- und Großwechslingen und Klei»werter arrangiert und sämtlich außerordentlich zahl- reich besucht. Der Kreis, einer der kleinsten Deutschlands, hatte 2300 Demonstranten auf die Beine gebracht. Scharfe Protest reiolutionen gegen das preußische Dreiklassenivahlsiistem fanden Air nähme. Zugunsten unserer rnssischen Genossen fanden Sympathie� kundgebungen statt. Ueberall wurden Geldsammlimgen vor genommen. Die Polizei zeigte sich furchtbar nervös, jedoch ist eS nirgends zu Ausschreitungen gekommen. Im Kreise Göttingen sind die gut besuchten Versammlungen großartig verlaufen. In Münden waren 350, in Bovenden 200, in Göltingen über 500 Personen anwesend. Die Resolutionen wurden überall einstimmig angenommen. Im Großherzogtum©achsen-Wnmar scheint man in gewissen Kreisen sich auf furchtbare Dinge vorbereitet zu haben. In Ilmenau hatte man an diesen Tagen ein starkes Aufgebot von Gendarmen einquartiert. In den benachbarten preußischen Orten Schmiedefeld und Stützerbach sprach der Abg. Baudert. Die Gendarmerie hatte sich um diese Zeit in dem weimarischen GebierSteile von Stützerbach eingefunden. Am 22. Januar sprach der Abg. Baudert in Ilmenau. Hier waren über 1000 Personen zu- gegen. Die Gendarmen konnten sich nicht auf der Straße sehen lassen. ohne verftändilisinnige Zurufe zu vernehmen. Die Schüler des Thüringischen Technikums erhielten auf„Veranlassung der weimnrischen Regierung" eine besondere Verwarnung, an sozial- demokratischen Versammlungen teilzunehmen.„Es könnte eine Anteilnahme besonders sür die Ausländer sehr unangenehme Ver- Wickelungen im Gefolge haben". Trotz alledem verlief die Ver- sammlung in geradezu musterhafter Ruhe, nur unterbrochen von lauten, Beifall und ZustiinmungSbezeugungen. An, anderen Morgen dainpfte die Gendarmerie wieder ab und gab dem Abg. Baudert das Geleit bis Erfurt. Im Kreise Dork(Altes Land, 19. hannoverscher Wahlkreis) demonstrierte das Volk in 3 Versammlungen. Hove bei Estcbrügge war von zirka 300 Personen besucht, Neuen selbe von zirka 3S0 Teilnehmern. Die Resolutionen fanden widerspruchslos An» nähme. Zu jeder Versammlung waren 4 Gendarmen kommandiert, auch Feuerivehr und Kriegervereinler hatte man in Bereitschaft ge- halten. Amtlich war den Genossen nahegelegt worden, den zweiten Punkt von der Tagesordnung abzusetzen, weil andernfalls die Ver- sanimlungen aufgelöst und die Referenten verhaftet würden. Im 18. hannoverschen Wahlkreis fanden Versammlungen statt in Stade, die bei 3ö0 Besucher» für die russischen Kämpfer 45.60 M. aufbrachte, in Ritterhude mit zirka 400 Teilnehmern, in Scharm- bcckstotel, wo von 600 Einwohnern 70 in der Versammlung er- schienen, und in Lstrrholz-Scharmbcck. In letzterem Ort bekannten sich von zirka 5000 Einwohnern 250 öffentlich als Demonstranten. Die Resolutionen wurden in allen Versammlungen einstimmig an- genommen. Im 19. hannoverschen Wahlkreis fanden den örtlichen Verhält- nisten entsprechend sehr stark besuchte Versammlungen in Hove und Neuenfelde statt. Hier hatten sich 300 Personen eingefunden. Der Gendarmerie hatten sich 20 tapfere Kriegervereinler zur Ver- fügung gestellt für— eventuelle Fälle. ES war in der dortigen fiiedlichen Gegend die Schauernachricht verbreitet worden, daß mindestens 500 Sozialdemokraten rotester Couleur, an deren Händen noch das unschuldige Blut der gefallenen Polizeikrieger klebe, von Hamburg kommen würden. Für genügende Reklame zum Besuch dieser ruhig und würdig verlansenen DenioustrationSversammlungen war also von unseren„Freunden" gesorgt worden. Aus Lübeck wird etwas AparteS gemeldet. Preußens Bürger er- schreckt nicht, die Welt wurde ja nicht aus den Angeln gehoben, aber hört und staunt, in Lübeck fanden drei Versammlungen statt, die vollständig— unüberwacdt waren. Ferner fanden in Fackenburg und Sltnvartau Versammlungen statt. Ueberall machte sich ein aus- gezeichneter Geist bemerkbar. Konflikte sind nicht zu verzeichnen. Die Resolutionen fanden begeisterte Zustimmung. Die DemoiistrationSvcrsammlnngen in Bremen übertrafen die kühnsten Erwartungen. Solche Menschenmasten sind noch nie zu einer politischen Aktion in Bremen beisammen gewesen. Da der Zweck der Demonstralion in Bremen hauptsächlich der Feier der russischen Revolution galt, fanden die Hauptversammliingen erst am Montag, den 22. Januar, dem Gedenktag deS russischen Blutsonntags statt. Nur auf dem Lande tagten die Versammlungen bereits am Sonntag. Fünf der größten Säle Bremens, von denen einige 3—4000 Personen fassen, waren alle vor Be- ginn der Versammlungen überfüllt. Bei jedem VersanunlungSlokal mutzte» Hunderte wegen Ueberfüllung wieder umkehren. Die Zahl der Teilnehmer betrug insgesamt ungefähr 12 000. Die Ruhe während der Versammlungen war musteihaft. Die Redner würdigten zunächst die russische Revolution in ihrer Bedeutung für das Proletariat, geißelten im Anschluß daran die Rückständigkeit des Dreiklassenwahlsytiems. Eine Resolution, die der Bedeutung der Demonstration entsprach. fand in allen Versammlungen ein- stimmige Annahme. Zahlreiche neue Abonnenten der„Bürger- zeitung" und neue Mitglieder der Partei wurden gewonnen. Die Ruhe wurde nirgend» gestött. Weiter fanden noch Versammlungen statt in Huchlingen, Osterholz, Habenhausen, Arsten, Schorf. Grambke. Hemelingen, Verden, Vegesack, Swarinbeck-Srotel, Ritterhude usw., die alle den ländlichen Verhält- nisten entsprechend gut besucht waren. Ans SchleSwig-Holsteln wird noch gemeldet: In Ahrensburg hat die Polizei sich aktiv betätigt. Im Bewußtsein ihrer staats- retterischen Ausgabe hat sie die Demoustration in Grund und Boden geschniettert, indem sie gegen die— Resolutionen stinimte. Diese fanden nämlich gegen die Stimmen der beiden Ueberwachenden An- nähme. Nun,„lieb Vaterland magst ruhig sein I". In Altrahlstedt tvaren 300, in Hoberg 100, in Stcinbek 300, Oststeinbek l20, Gruenhof 250, Hammwarda 70, Bramfeld 300, Mölln 250, Wedel 500, Barmstedt 500 und in Ouickborn 120 Demonstranten er- schienen. Die Sammlung für die russischen Brüder ergab überall große Beträge.— Ferner wird noch berichtet: In Schleswig erwies sich das Lokal als viel zu klein. Störungen fanden nicht statt.— I» den zum 6. Wahlkreise gehörenden Ortschaften Lurup und Sckmelsen-Bu rgwedel hatten sich 2t<0 bezw. 150 Personen eingefunden, in Segeseld 200, in S ii l l f e l d 60, in Seth 30, in Seringen 80. in Neustadt 200. In Tating an der Nordseeküste wurde die Versammlung sofort aufgelöst. Bramfeld erfreute sich eiuer von über 300 Personen besuchten Versammlung. Die Resolutionen fanden widerspruchslose Annahme. Die Sanimlung für Rußlands Freiheitskämpfer ergab 39,10 M. Drei frenide Gendanuen hatten im Lokale Posta gefaßt. Doch fanden sie keine Gelegenheit, sich noch sonst bemerkbar zu machen. Günstiger Verlaus wird auch von der von 200 Personen besuchte» Versammlung in Neustadt gemeldet; ebenso von einer ebenso stark besuchten Demonstrationsversammlung in Haders leben. In Maricinverder(Westpreußen) war die Versammlung sehr gut, von ungefähr 450 Personen besucht. Referent Guth legte in l'/zstündigem Vortrag die Bedeutung deS Proteste» und der russischen Revolution klar. Di« Stimmung war ausgezeichnet. Das Nustebnt von 12 Gendarmen erwies sich als überflüssig. Die Versammlung verlief tadellos ruhig. Abends marschierte eine Militärpatrouille durch die Straßen, die ihre Gewehre spazieren führte. Memcl. Die hier tagende Protestversammlung, in welcher Ge- nosse Otto Braun aus Königsberg über daS Dreiklassenwahlrecht referierte, nahm die Resolutionen einstinunig an. Die Versammlung war von über 2000 Teilnehmern besucht. Das Lokal erwies sich als zu klein, alle Zuströmenden aufzunehmen. » 4» In Norden, dem Keinen ostfriesischen Kreisstädtchen in der nord- westlichsten Ecke DeuischlandS, hatten sich am 21. Januar um 5 Uhr nacknnittags in dem größten Lokale des Ortes über 300 Personen eingefunden, um gegen das Dreiklassenwahlunrecht zu protestieren und des Petersburger Blutsonntags zu gedenken. Genosse Wegner- Bant hielt das Referat, das mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie schloß und stürmischen Beifall fand. Hierauf wurde einstimmig eine der Tagesordnung entsprechende Resolution angenommen. Der Landrat hatte die Versammlung von zwei Gendarmen und dem Kreissekretär überwachen lassen. Die übrigen Gendarmen und Polizisten des Kreises bevölkerten die Straßen der Stadt, sogar die Nachtwächter waren von 6 Uhr ab mobil gemacht. Es verlief alles ruhig. *'#'* Posen. Hier nahm die Demonstrationsversammlung einen groß- artigen Verlauf; es war wohl die imposanteste Versaiiimliing. welche unsere Partei am Orte je gehabt hat. Lange vor Beginn der Ver- sammlung war der Saal,"aus ivelchcm die Tische und Stühle ent- fernt wurden, von einer Kopf an Kopf stehenden Menge ge- füllt; bald waren alle übrigen Nebenräume dicht besetzt, auf dem Hofe drängten sich die Zuspätgekommenen zu den Fenstent deS Versammlungslokals, und doch mußten Hunderte wieder um- kehren. Den Referaten, die in deutscher und polnischer Sprache gehalten wurden und die„das elendeste aller Wahlsysteme" »ach Gebühr würdigten, wurde von der Versammlung brausender Beifall gespendet. Mit einen: begeisterten Hoch auf das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht und auf die internationale Sozialdemo- kratte schloß die Bersammliing ohne Zwischenfall. Wie überall, war auch hier für die Versammlung und die Wahlrechtsbewegung seitens der Behörden eine mächtige Reklame gemacht worden. Die Schutzmannschaft hatte eigens neue Pistolen erhalten, ihre Säbel waren geschliffen; Truppenteile der ver« schiedenen Waffengattungen der Posener Garnison— Infanterie, Kavallerie, Artillerie— standen alarnibereit, um der Polizei bei„Ausschreitungen" erforderlichenfalls wirksame und tatkräftige Hülfe zu leisten, außerdem hatten die Mannschaften der gesamten Garnison keinen Urlaub erhalten; die Wachen waren verstärkt, die Ennplwache bezog eine ganze Kompagnie unter Führung eines ffiziers in feldmarschmäßiger Ausrüstung. Alle diese Maßnahmen bewirkten, daß die Bersamnilung einen nie geahnten Verlauf nahm. Obwohl dazu ein riesiges Schutzmannsaufgebot gestellt war, gab es nirgend Grund zum Einschreiten. ** Breslau befindet sich immer noch im Kriegszustände. Auf den Straßen pattouilliereu noch immer Schutzleute in kriegsmäßiger Ailsrüstnng uitd die für Montag abend eiuberufeue Syiiipathiever- sammlung für die russischen Revolutionäre ist vom Polizeipräsidenten Bienko verboten worden,„aus Gründen der öffentlichen Ruhe, Ord- »ung und Sicherheit".— Natürlich ist auch das nur ein Schlag inS Wasser I Die beabsichtigte Rede deS Genossen Bernstein über die Sievolution in Rußland wird natürlich in den nächsten Tagen stattfinden. Ueber den Verlauf des roten Sonntags in Schlesien liegen noch folgende Nachrichten vor: In Friedland, Kreis Waldenburg, haben zwei Versammlungen mit den Referenten Sachse und Dietrich- Breslau stattgefunden, die sich vor allem dadurch auszeichneten, daß sie noch ruhiger als sonst verliefen.— Auch in Peterswaldau, wo Genosse G i l l n e r- Freiburg referierte, war die Versammlung über- füllt, so daß ein Teil den Saal wieder räumen mußte.— Vor 900 Personen referierte in Striegau Genosse Feld- mann- Laugenbielau, während vor dem Versammlungs- lokal zwei Gendarmen zu Pferde und einer zu Fuß mit um- gehängtem Gewehr die Bewachung unter Aussicht des LandratS, des Bürgermeisters und des Ainlsvorstehers von Guben ausübten. Als Genosse Feldmann auf die russische Revolution zu spreche» kam, setzte einer der überwachenden Beamten den Helm auf uud machte dem Redner Vorhaltungen.— In Schmiedeberg referierte Genosse Albert- Breslau, der auf dem Bahnhofe Zillerthal von einem großen Zuge Männer und Frauen in Empfang genommen und nach Schmiedeberg begleitet wurde. Die Gendarmerie ließ den Zug durch 4 Mann überwachen,— Auch in Hirschberg, wo ebenfalls Albert vor glänzend besuchter Versammlung referierte, ist alles ruhig ver- laufen.— Dasselbe ist aus Landeshut zu berichten, wo in überfiillter Versammlung Schönwälder und S ch o l i ch-Breslau referierten. — Die Versammlung in Neustadt war von 250 Personen besucht. Hunderte erhielten wegen RauinntangelS keinen Einlaß. Eine ent- sprechende Resolution wurde einstimmig angenommen. Die Demonstration ist mustergültig verlaufen. Das Militär war in den Kasernen konsigniert. Die Gendarmerie aus dem Kreise zusammen- gezogen, alles mit Revolver und Karabiner bewaffnet. Ja, man höre und staune: sogar die Briefträger hatte mau mit Revolvern versehen. Die ganze Polizei war aufgeboten, aber zu knallen und zu hauen jjab es nichts. In Reichendach i. Schl., wo sich der letzte große Streik der schlesiscken Textilarbeiter abgespielt hat, sprach Genosse Feldmann vor 1200—1300 Demonstranten. Die Resolutionen fanden ein« stimmige Annahme. Eine imposante von zirka 500 Demonstranten besuchte Ver- sammlung fand in Janer statt, woselbst Genosse Schönwälder referierte. Die Resolutionen fanden eiiistimmige Annahme. Auch hier starke« polizeiliches Aufgebot, welches sich aber arbeitswillig zu betätigen keine Gelegenheit� fand. Wie schon bemerkt, konnte nur über einen Teil der stattgesundcnOl Versammlungen berichtet werden. Je mehr Berichte einlaufen, desto stärker wird der Eindruck von der imposanten, mustergilitig verlaufenen Wahlrechtsdemonstration des Proletariats. Wie der Hund den Mond anbellt, so kläffen jetzt die in ihren Hoffnungen— und Aengsten getäliscbren Scharfmacher und Spießer. Mögen sie kläffen, mögen sie toben! An das, was die Sozialdemokratie, ivas das Proletariat in diesen Tagen der Welt gezeigt hat, reicht kein Anwurf. kein Haß, keine ekelhafte, feige Ver- leumdung heran. Die gewaltige Summe von Disziplin und Energie, die in dieser Demonstration zum Ausdruck gelangte, man mag sie sich zur Warnung dienen lassen. Das Proletariat wird sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, aber unerschütterlich ist sein Wille das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht zu erringen. — Die Forderung ist gestellt und des Volkes Wille ist daS oberste Gesetz I_ ttönife rffmifc am 22. Januar. Slbe bei Aulfig-st 9,86 Meter, bei Dresden— 0.54 Meter, bei Magdeburg+ 2,29 Meter.— U» lt r u t bei Straiitzstirt-f 1,90 Meter.— Oder bei Rattbor 4- 1,29 Meter, bei Breslau Lberpegel 4- 5,06 Meter, bei Breslau Unterpcgel— 9,96 Meter. bei Frantsmt+ 1,88 Meter.— Weichsel bei Brahe münde 4- 3.85 Meter.— W a r th e bei Posen 4» 1,7S Meter.— Rehe bei lisch— Meter._ ßnefkaften der Expedition. Patienten in Beelitz, Grabow lce:c. Diejenigen unserer Abonnenten, die noch während de? ganzen nächsten Monat- in der Hcilstittlc bleiben, wollen uns wegen der Üeberweisung oon Freiexenrplorcn(osott ihre Adresse einsenden, da bei verspäteter Besielluna die crjtm Nummer« beb neue» Monats von der Post nicht geliejert werden. s In dem soeben beginnenden neuen Jahrgang der in unserem Verlage erscheinenden Wochenschrist Der verlorene Sohn Roman von fiaU Cauic. � Illustriert von I. Damberger- München. Dieser Roman des schnell berühmt gewordenen Verfassers hat bei seinem ersten Erscheinen die allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Es ist ein Familienroman im besten Sinne des Wortes, nicht nur Unterhaltung nach des Tages schwerer Arbeit bietend, sondern auch belehrend, ohne dock) aufdringlich zu sein. Daneben ver- öffentlichen wir: gelangt zum Abdruck: Der Flüchtling Von Robert Äartmann. Eine Novelle aus der Zeit der Revolutionskämpse des Jahres 1848. Der Selb ist ein junger, von den Schergen der Reaktion gehetzter Rebell, der durch ein mutiges Mädchen vor seinen Verfolgern gerettet wird. Außerdem enthält jedes Äeft eine kleine Skizze oder eine kurze Novelle, kleine unterhaltende oder belehrende Notizen und„Witz und Scherz". Die Parteigenossen sollten den Beginn des neuen Jahrgangs benutzen, um diese in weiten Kreisen bereits gekannten und beliebten Wochenhefte in ihrer Familie einzuführen. Den Arbeitern, ihren Frauen, den heranwachsenden Kmdern bieten sie gediegen«, Unterhalt,.»gsstoff. In jeder Mocke erfebeint ein illustriertes, 24 Seiten starkes Rcft für 10 Pfennig u Zeder sollte sich ein Probeheft kommen lassen!- Buchhandlung Vorwärts, Berlin 8M. 68, Lindenftraße 69. Heute neu! Die Tribüne Preis 10 Pf. Wochenschrift für Aufklärung, Belehrung und Unterhaltung. Heft 4 enthält aicher vielen anderen hochniteressanlcn Beiträgen: Die große I.undtagsrcdc des Abgeordneten Vollmar über„Patrlntisiims nnd Kozinldemokratle" sowie den Leitartikel: Die Opfer des blutigen Zaren. Von Karl Schneid!. - Bei allen Strahenhändlern käuflich.- Berlag der„Tribüne", Zinimerstrahe 33. SDOffchdlK'» Hiegenhals w Hatte* R/(Vorort- und Stadtbahn-Vorkehr) am Crossln-Sce, mit 2 arofien Sälen, Hallen u. fchattigem Garten, bi§ tolX) Personen saftend, lü Morgen Spielplätze in herrlichem Hochwald, zwei neuerbautc verdeckte Kcgewahiicn, Ausspannung sür Fuhrwerke, Dampserstcg, Nuderboote, Sommerwohnungen u. 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F. 2125b Frauen zum Austragen von Zci tungen finden dauernde und lohnende Beschäftigung Potsdamerstraste 33, Eingang Lützowstraste, Mittenwalder. sttaste 6, Schiffbaucrdamm 1, Rykc straste 31. 80/6' Blusenstcppcri» auf meiste Batist- sachenim Hause ausLohn. BcrnaczinSki, Stolpischeitraste 4._, t52 Zlrbcitcrinne» aus Damcnsakkos verlangt Klaing, Dunckerstraste 33.* Schnlmadchen nachmittags. Fröh- lich, Görlitzcrstraste 64.___ i4 Knabcnblnse». Lehrmädchen verlangt straste 3. Arbeiterinnen, Zorge, Kuglcr- �52 lllrbcitcrinne», welche bereits aus Noten für elektrische Pianinos gearbeitet haben, finden Beschästigung bei K. Hcilbrunn Söhne, Kcibel- sttaste 39.__ 232/14 Mamsells auf bessere Mäntel verlangen Holz straste 57, lll. u. Bruch, Brunnen. 2042b Jackett- Arbeiterinnen verlangt Zeitz, Swinemünderslrastc 40. II. t96* Mamsells auf Jacketts austerm Hause. Hcrrmann, Kastanien- Allee 100.-f52* Mamsells auf Jacketts Crohn, Thaersttaste 21. verlangt 79/19» Am«rbeitsmartt durch besanderen Druck hervorgehobeu« Au zeigen tosten 40 Pf.»«» Zeil«. Stellenangebote. Graveurlehrling möglichst sofort Liljeberg, Brandcnburgstraste 33. Gtnsel Müller. 5 ,er, tüchtigen, verlangt oteglltz, Fichtestraste 58. Borrctster und Schlosser sür Eiscnkonstruktioncn und Brückenbau, sowie Schlosser für Fenster- und Treppenbau sofort gesucht. Drucken. müller, Schöncberg. 2132b Keäakteur gesucht. Für die von den Düsseldorfer Ge- Nossen ins Leben gcruscne und sich rasch entwickelnde Korrcspondenzschrist „Agitatlonsmaterial» wird ein Redakteur gesucht, der mit der gcgnc- rischen Arbeiterbewegung und der Politik des Zentrums durchaus ver- traut sein must. Reflektiert wird nur aus eine tüchtige Ärast. Bewerbungen wolle man bis Ende dieses Monats richten an den Genossen Dr. H. I,anfenberg, Düsseldorf, Ben- _* HolMbritcr! In der Treppengeländer- Fabrik .lo«. Drechsler. Gnbcncr- st raste 33, sind sämtliche Arbeiter ausgesperrt. 47/2 Zuzug ist fernzuhalten. jliauo- Mechamd- Arbeiter und Arbeiterinnen! Bei der Firma blen,!& Co.. Pluwenftrafte 77, besinden sich die Kollegen und Kolleginnen im Streik. Zuzug ist fernzuhalten. Rahmenmacher! In der Nahmcnsabril Beck& Wolf, Reanderstr. 4 und Schlcsischestr. 42, vom parterre, befinden sich die Kollegen im Streik. Zuzug von Rahincninachcr». Kreissägen- schneidern, Tischler» und Polierer» ist streng fernzuhalten. Die liominlsslon. Holzdrechsler! Die Drechslerei von Panitsch, Brunnenstraße 79, ist bis aus weiteres gesperrt. Oio Kommission. Achtung, iZaulMdwerker! Bau Hocpffner, Grunewald, Königs- markstrastc und Hohenzollerndamin- Ecke ist gesperrt,"ivcil die dort be- sihästigtcn Bodcnlcger der Firma Timme unter dem Tarif arbeiten. Zuzug ist fcmzuhaltcn! Die Drtsvem altnng. Yylographen ®*"U i n verlangt Häiuloutn. Ritterstr. 26. Hnnahmc-Btellcn für„Kleine Hnzdgcn". Osten;• Wcngels, Frankfurter Allee 79. Gustav Vogel, Koppcnstt. 83. Nordosten: S. Zucht. Kcibelslr. 42. I. Renk. Barnimitr. 42. Xorden: .H. Naschte, Rügencrstr. 24. Karl Mars. Lnchencrstt. 123. Karl Büeiste, Wicsenstr. 41/42. L. Dechand, Ruheplatzstr. 24. H. Vogel, Demmincrstr. 32. Zl. Tiest, Jnvalidcnslr. 124. kVordn-esten: Karl Anders. Salzivedelerstt. 8. Siüdivesten: H. Werner, Mittenwalderstr. 3V. H. Schröder, Kreuzvergstt. 15. bilden: St. Frist, Prinzcnstr. 31. F. Gutschmidt. Kottbuser Damm 8. Siiidosten: Paul Böhm. Lausitzer Platz 14/15. P. Harsch, Eugel-Ufer 15. Oharlottenburg: G. Scharnberg, Scsenhcimerstr. 1. k'rledrlehsborg: O. Scikel, Krouprinzenstr. 50. lllxdorf: M. Heinrich, Prinz Handjerystr. 7. Conrad, Hermannstr. 50. tSehUneberg: Wilh.BSnmler.Martin Lutherstr. 51. WelBensce: W. Reste, Scdanslr. 105. Jul. Schillert, König-Chauffee 39-». llelniekendorf: P. Gursch, Provinzstr. 108. Pcraiiiworillchcr Redakteur: Hans Weber, Berlin, Für den Inseratenteil vcrmitw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdrnckerei u. Verlagscmstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. Redaktion und Expedition: Berlin, Cindenitr. 69. pemlrrciher; flml II. I9SJ. | Nr. 19. Mittwoch, bcn 24. Januar 1906.| Inserate Sedisgelpaltene Kolonelzeile 20 P(g. Bei größeren Huitrigen entlpredienden Rabatt. Partei-Hngelcgcnbeiten. Zur Lvklillistc. Am 13. Februar cr. veranstaltet der Lotterie- verein„Glückauf" in den Oranienbinger Festsälen. Chausseestr. v eine» Maskenball; da das betreffende Lokal der Arbeiterschaft nicht zur Verfügung steht, sind etwa angebotene Billetts zu obigem Ver- gnügen entschieden zurückzuweisen. Die Lokalkonnnisflon. Vorort- f�admcbten. Parteigenossen! Seht die Wählerlisten zur Gemeinde- tvahl, die bis zum 30. Januar ausliegen, ein oder beauftragt mit der Eiusid)tnahme einen der schon bekannt gegebenen Genossen am Orte! Ueber Wahlrechtsversammlungen am Sonntag gehen uns aus einigen Vororten noch nachträglich folgende Berichte zu: Borsigwalde. In der für unseren Ort gut besuchten Versamm- lung referierte Genosse G a i d o. Mit Begeisterung wurden die beiden Resolutionen angenommen. Friedenau hat eine so imposante Versammlung wie die heutige noch nicht erlebt. In zu Herzen gehenden Worten gedachte zneisl der Referent, Genosse Ucko, unserer kämpfenden russischen Brüder, deren Unterstützung er, eingedenk deS Wortes:„Tua res agitur", dringend empfahl. Er zerpflücklc dann unter Zitierung von Aus- sprüchen Bismarcks und Treitichkes das zum Himmel schreiende Dreiklassenwahlunrecht in Prentzen und brandmarkte in treffende» Worten den Verrat des LiberalisnuiS. Ebenso nahm er die Haltung der Reaktion der Volksschule, dem Gesundheitswesen, den, Berggesetz und der Arbeitsloienversicherung gegenüber unter die sozialdemo- kratische Lupe und lauter Beifall ans dem gedrängt vollen Saale bewies, daß er dem Ausdruck verliehen hatte, was die Volksseele bewegt. Z«� ernstfeierlichen Stimmung des protestierenden Friedenauer Proletariats trugen die bei Beginn und Schluß der Versammlung sowie nach dem Referate prächtig vom Arbeiter- Männergesangverei»„Morgenrot"- Friedenau vorgetragenen, der Bedeutung des Tages entsprechenden Gesänge hervorragend bei. Die beiden zur Abstimmung gestellten Resolutionen wurden von der zirka 100 köpfigcu Menge mit brausendem Applaus ein- stimmig angenommen. Tann gingen nach einem Schlußwort des Wahlvereinsvorfitzenden, Genossen Thilccke, alle Teilnehmer, der Weisung des Parteivorstaudes mit gewohnter Disziplin folgend. ruhig nach Hause, wobei sie auf der Straße noch das Vergnügen und den hier seltenen Anblick genossen, Gendarm und zwei Unter- osfiziere mit großen Schießprügeln und Sabuls bewaffnet auf höheren Befehl unnütz ihre Zeit vergeuden zu sehen. Charlottenbnrg. Ein zweiter der volkstümlichen Vortragsabende, welche von der hiesigen Allgemeinen Ortskrankenkasse im Laufe dieses Winters ver- ansialtet werden, findet ani Freitag, den 26. Januar 1906, abends S'/o Uhr, im Saale Rostnenstr. 3 statt. Sprecher ist Herr Prokessor Dr' George Meyer über praktische Hülfeleistnng bei Bewußtlosen und Scheintoten. Zu diesem Vortrage hat jedermann unentgeltlich Zutritt. Rauchen ist jedoch verboten und Getränke werden nicht verabreicht. Schöneberg. In der Stadtverordiietensitzung am Montag erfolgte zunächst in der üblichen Weise die Eins ü h r u n g der am 11. Januar im 6. bezw. 3. Bezirk neugcwählten sozialdemokratischen Stadtverord- neten Magna» und W o I f r a m m. Die Zahl unserer Vertreter ist damit auf neun gestiegen. Für die Erweiterung und Ausgestaltung unseres höheren Schulwesens ist man an den leitenden Stellen— und hier ist vor ollem die zuständige Schuldeputation maßgebend— fortgesetzt bemüht, Schöneberg..auf die Höhe der Zeit" zu bringen. Hat doch der erste Beamte, Oberbürgermeister Wilde, seinerzeit erklärt, daß man nur deshalb dem höheren Schulwesen so große Aufmerksamkeit zuwenden und Opfer bringen müsse,„um ein steuerkräftiges Publikum an den Ort zu fesseln". Und in diesem Sinne wird auch an dem Ausbau desselben gearbeitet. Eine höhere Anstalt folgt der anderen. Oft genug liegen denn auch der bewilligungslustigen bürgerlichen Mehrheit andere als wirkliche Bildungsinteressen zu- gründe. Jeder LrtSteil verlangt von.seinen gewählten„Vertretern", in erster Linie berücksichtigt zu werden, und so gelangte denn auch gestern wieder ein von den„Jnscl"-Vertretern schon lange gestellter Antrag zur Annahme, daß spätestens am 1. April 1907 eine neue Realschule in jenem Stadtteil errichtet werden solle. Das Volks- schulwesen in ienein Stadtteil liegt dagegen sehr im argen. Er besitzt mit seinen beinahe 30 000 Einwohnern nur eine einzige Gemeindcschule, so daß die Mehrzahl der schulpflichtiger. Kinder den beschwerlichen Weg über die ohnehin stark frequentierte Sedanbrücke lam Schönebcrger Bahnhof) wandern und sich in entferntere Schule,, unterbringen lassen müssen. Die schon im vorigen Jahre projektierte Doppclschule am Tempelhofer Weg, die zunächst etwa 1000 ziindcr aufnehmen könnte, scheint aus den„Vorarbeiten" auch nicht herauszukommen, und ihre Fertigstellung dürfte jedenfalls nicht vor 1908 zu erwarten sein. Ueber die Grundsätze bezüglich der Dienst-, Lohn- und Urlaubsvcrhältnisse für die städtischen Ar- b e i t e r, welche noch schnell vor den Ferien des vorigen JahrcS zum vorläufigen Abschluß kamen, lag heute eine definitive Vorlage vor. in die auch die Bewilligung von Ruhegehalt und Hinter- blicbcnenversorgung einbezogen ist. Unsere Genossen hatten teil- weise die Wiederherstellung früherer Deputationsbeschlüsie, aber auch einige Verbcsserungen resp. Streichungen beantragt. Unter anderem beantragen sie, die Grenze für die Annahme als städtischer Arbeiter auf das Lebensalter von 50 lstatt 40) Jahren festzusetzen wurde indessen die ganze Angelegenheit, w e i l die Sozialdemokraten hier wieder weitere Wünsche zum Vorschein brachten, an einen elf- glicdrigen Ausschuß verwiesen. Hoffentlich wird diese nochmalige Ausschußberatung der definitiven Einführung zum I. April 1906 keine Verzögerung bringen. Wenn es sich um Gehaltsaufbesserungen der oberen Beamten handelte, sind die Körperschaften stet» schneller bei der Hand gewesen. Zur Verbesserung des Spielplatzes an der Max- straße, der sich im vorigen Sommer als gut geeignet hierfür er- wiesen hatte, werden der Deputation 600 M. zur besseren Instand- Haltung desselben überwiesen. Lichtenberg. Nach dem Rechnungsabschluß für das Jahr 1901 hat unser „Dorf" dem Kreise unter den 2 t Orten, die über 6000 Mark Kreis- steuern zu entrichten hatten, die Höchstsumme eingebracht. Während Weißensee dem Kreis 77 000 Marl und Pankow 83 000 Mark zu leisten hatte, hatte Lichtenberg IIb 000 Mark zu zahlen. Daß sich inzwischen die Leistungen bedeutend erhöhten, ohne daß der Kreis wesentliche Aufwendungen für die Gemeinde zu machen hatte, dürfte aus der Steigerung der Steuerfähigkcit der erheblich vermehrten Bevölkerungsziffer erhellen. Eine deutliche Sprache reden die aufliegenden Listen zur Ge- nieindewahl, deren Einsichtnahme übrigens nicht dringend genug an- geraten werden kann. 1901 waren 8632 Wähler mit einer Steuer- stimme von 737 531,10 Aiark vorhanden, während im Jahre 1905 9222 Wähler mit 385 014,04 Mark verzeichnet sind. Das Jahr 1906 bringt eine weitere Steigerung auf 10 159 Wähler, denen ein Sreuerbetrag von 926 511,27 Mark zugeschrieben ist Die Kreis- stcuer, die Lichtenberg im Jahre 1906 zu zahlen hat, wird deinnach noch 120 000 Mark übersteigen. Hierin dürfte wohl auch einer der Gründe zu finden sein, die dem Kreis Ricdcrbarnim die Stadt- werdung Lichtenbergs nicht besonders wünschenswert erscheinen lassen.— Zur Leitung des Gemcindcbauamtes ist der Regierungsbau- Meister Knipping-Elberfeld berufen und der GemeindevertreUrng in ihrer letzten Sitzung vorgestellt und in sein Amt eingeführt worden. - Der Beschluß über die Errichtung einer höheren Schule ain Orte hat die Genehmigung der Regierung noch immer nicht gesunden. Spaßig macht sich bei dieser Gelegenheit das Lamento unserer Bürgerlichen über den„Eingriff in die Selbstverwaltung der Kam- niunen", der angeblich in der Forderung des Provinzialschul- kvllegiums liegen soll und dahin geht, nicht eher einer solchen Ge- nehmigung näher zu treten, bis von der Gemeinde Sorge getragen sei, daß die Erklärung auf den Verzicht der Staatsbeihülfe sicher- gestellt und die Beschaffung des Dircltorialgebäudcs usw. zugesagt sei. Unsere Gemeindevertretung hat ein solches Verlangen nicht erst abgewartet, sondern— im voraus bewilligt, und trotzdem„Räuber und Mörder!" Die Grundbesitzer- und sonstigen VereinevonWilhclms- bcrg und Hohenschönhausen lassen urit ihren berechtigten Klagen über den Zustand, in dem sich die Straße von Berlin nach Hohen- schönhausen-Wilhelmsberg befindet, nicht nach; die Gcineindebe- Hörden werden nun den Versuch machen, die Anlieger und Interessen- ten zur Ziusgarantic zu veranlassen, um dann die Regelung dieses Straßenzuges, der die Zufahrtsstraße zu den vielen Berliner Kirch- Höfen bildet, vornehmen zu tonnen. Weihensee. Die am 16. Januar im Vereinshaus abgehaltene General- Versammlung des sozialdnnokratischci, Wahl Vereins nahm zunächst den Bericht des Vorstandes, welchen Genosse Walterskötter erstattete, entgegen. Der Kassenbericht lag gedruckt vor. Die Einnahmen des 4. Ouartals 1905 betragen hiernach 1394,44 M., die Ausgaben 937,33 M., mithin ist ein Äassenbcstcmd von 456,11 M vorhanden. Die Jahreseinnahmen pro 1905 betrugen 2882,82 Ml, die Jahres- ausgaben 2426,71 M. Am Jahresschluß 1905 waren 302 Mit- glieder vorhanden. Hierauf gab der Vertrauensmann, Genosse Peuckert, welcher bis zum 31. Dezember 1905 dieses Amt noch inne hatte, seinen Tätigkeits- und Kassenbericht. Den Bericht der Bibliothek erstattete Genosse Lcvy. Im letzten halben Jahre wurden 179 Bände aus der Bibliothek entliehen; er wünscht, daß die Frauen der Genossen die Bibliothek recht rege benutzen möchten. Das letzte Stiftungsfest ergab ein Defizit von 31,52 M. Die Neu- Wahlen zum Vorstand« und sonstigen Kommissionen ergaben fol- gendcs Resultat: 1. Borsitzcirdcr Genosse Peuckert, 2. Vorsitzender Genosse Taubmann, Kassierer Zeisc, Schriftführer Ncrlich, Biblio- thekare Lern, und Ramin, Revisoren Kaufhold, Teubcr und Breit- kreuz, Lokalkommission Rotzkopf, Walterskötter und Büttner, Ver- gnügungskomitee Rcske, Content, Nerlich, Levy und Haack. Als Abteilungsführer wurden die Genossen Liebenow. Bergemcmn, Weber, Hachmann und ReSle bestätigt. Ein Antrag Pohley: In der nächsten Vercinsvcrsammlung durch einen Referenten das„Erfurter Programm" erläutern zu lassen" wurde angeiwinmen. Treptow-Baumschnlenweg. Die Gemeindevertretung erklärte in ihrer letzten Sitzung zu- nächst, daß die Wortentziehung und der OrdmingSrnf, welcher dem Genossen Hosinann in voriger Sitzung erteilt lourde, entgegen dem Antrage des Genossen Graincnz nicht protokolliert werde. Hierauf nahm die Vertretung die Mitteilung entgegen, daß die landespolizei- liche Genehmigung für die Regenwasserkanalisation eingelaufen sei. Der Antrag, im Beamtenwohnhause der Pumpstation dem Gendarm Streng eine Wohnung zum Preise von 300 M. zu vermieten, wurde auf Befürwortung des Amtsvorstehers angenommen. Die Ablage i» der Bnumschulenstraße zu erweitern wurde beschlossen. Die Stadt Berlin verpachtet zu diesem Zivecke 600 Quadratmeter des Plänterwaldes auf sechs Jahre. Damit die Kähne besser anlegen löimen, soll der »och von der GeWerbeausstellung herrührende Dampferanlegesteg aus Abbruch vertauft werden. Ferner beschloß die Vertretung, in der ersten Gemeiiideschule voin April d. I. ab das siebenftufige System und die Michaeliseinschulitiig einzuführen und in der zweite» Gemeindeichule zum April Parallelklassen einzurichten. Die in voriger Sitzung beschlossene Entschädigung für Benutzung der Turnhalle auf eine Mark pro Abend und die von den Turnvereinen an den Schuldiener zu zahlende Eni- schädigung lvurde vom Gemeindeverordneten Kurt(Freis.) und Granienz als hoch befunden. Hierüber will der Geineinde- Vorsteher eine Untersuchung vornehmen und eventuell Ermäßigung in Vorschlag bringen. Gemeindevertreter Kurth wüuscht, daß die Vertretung zum Schulverwaltungsgesetz Stellung nehme. Der Vor- fteher erklärt, daß die bisherigen Rechte Treptows hierdurch nicht geschmälert werden und daß cr sich mit den auf dem Städtetage am 15. Januar gefaßten Beschlüssen einverstanden erklärte. Der sozialdemolratische Wahlverein hielt am 16. Januar in Speers Festsälcn seine Generalversammlung ab. Zum ersten Punkt der Tagesordnung hielt Genosse Rieger-Berlin«inen wirkungsvollen Vortrag über:„Taktische Zeit, und Streitfragen". Anknüpfend au die Worte des Genossen Adler auf dem öfter- ceichisthen Parteitage von der absoluten Uebcrcinftimmung der österreichischen Gewcrlschaften und der politischen Partei bei allen Aktionen des österreichischen Proletariats, kennzeichnete Redner den Dualismus innerhalb der deutschen Arbeiter- bewegung und insbesondere gewisse Auslassungen gewerkschaftlicher Führer— auch noch nach Jena— die das Gefühl der Zusammen» geHörigkeit zur politischen Partei nur zu stark vermissen lassen. Tic Hyperneutralität in den deutschen Geiverkschaften in Ver- bindung mit dem ausgeprägten Unterstätzungssystem ertöte den Idealismus und die Kampfesfreudigkeit innerhalb der Arbeiterschaft und laufe auf eine Untergrabung jeder Aktionsfähigkeit der soziall- stischen Bewegung hinaus. Redner ging dann zu den aktuellen Vorgängen am politischen Himmel über und glossierte mit beißendem Spott die von hoher Fiebertemperatur zeugenden Aloernheiten der Reaktion, niit welcher diese die Demonstration der Sozialdemokratie gegen Volksentrechtung und Volksbetrug zu ersticken versuche. /Genosse Ziicger begrüßte den jetzigen Kurs in der deutschen Arbeiter- bewegung gegen das Treiklassc»wahl„rccht" als den Bruch mit der bisherigen Taktik der rein parlamentarischen Interessenvertretung. Zum Schluß ging er noch ausführlich auf die Versäumnisse in der Erziehung der Arbeitermassen zu denkenden und handelnden Sozia- listen ein und empfahl die Frauenaufklärnng und die Erziehung der Jugend der ganK besonderen Aufmerksamleit aller überzeugten Sozialdemokraten. Die Verpfaffuiigsbestrebungen hinsichtlich unserer Volksschule müßten u. a. auch mit einem wirklichen M a s s n a u s t r i t t der Arbeiter und ihrer Frauen aus der Kirch« beantwortet werden. In der Dissusfion sprach Genosse Karow im Sinne des Referenten und ging auf die Rede des Kriegsmir isters v. Einem im Reichstage uild die von ihm dort abgegebene Erklärung des ReichAauzlers ei», und wies auf die Gefetzlichkeit der heut Herrschenden hin, die sie nur so lange be- tätigen, wie es ihnen in den Kram paßt.— Genosse L ü d ke sprach ebenfalls im Sinne des Referenten und forderte die Genosse» auf. sich eingehend mit der Idee des Geiieralstveiks und der anti» militaristischen Propaganda zu beschäftigen, da diese Fragen für das Proletariat immer bedeutender werden.— Hierauf gab der Kassierer, Genosse M i ck l e y, den Kassenbericht für das 4. Quartal 1965. Danach betrugen die Einnahmen 478 M., Aus- gaben am Ort 119,41 M.: zlvei Drittel wurden abgeführt an die Zentralkasse des Kreises= 318,66 M. und ein Drittel der Ein- nahmen am Ort:= 159,34 M.; es bleibt also ein Bcständ von. 39,93 M.— Auf Antrag der Revisoren wurde dem Kassiere! Decharge erteilt.— Genosse Theuerkauf gibt die Abrechnung vom Gründungsfest, wobei wir einen Ueber schuß von 73,40 M. erzielt haben.— Nachdem Genosse König noch verschiedene geschäftliche Angelegenheiten bekanntgegeben hatte, wurde die Ver» fammlung um J/H13 Uhr geschlossen. Adlershof. Eine Versammlung des WnhlvcreinS fand am 18. Januar ttn Lokale von Kaul statt. Nach einem Referat des ReichStagsabgeord- neten Genossen A l b r c ch t gab Genosse Fuchs den Kassenbericht. Derselbe verzeichnet eine Einnahme von 319,78 M, eine Ausgabe von 132,83 M., abzuliefern au den Zentralvorstand sind 213,18 M., mithin ist ein Defizit von 26.23 M. vorhanden. Aufgenommen wurden 25 Mitglieder, ausgetrelen sind 11 Mitglieder, der Mit- gliederstand ist von 290 auf 304 gestiegen. Der Speditiousbericht. den Genosse Steuer erstattete, ergab eine Einnahme von 2098.53 M., eine Ausgabe von 1990,32 M., mithin einen Bestand von 108,21 M. Die Abonnentenzahl ist von 458 auf 464 gestiegen. Aus Antrag des Vorstände» wurden die Zahlabende auf de» zweiten Mittwoch im Monat und die Versammlungen auf den Dienstag ver- legt. Zum Schluß gab Genosse Schubert einen ausführlichen Be- richt von der Generalversammlung Groß-Berlin. Köpenick. Wahn 4. Quartal gäbe von 919,11 M. gegenüber. Davon erhielt der Zentralvorstand 691,44 M., es bleibt ein Kassenbestand von 118,06 M. 38 neue Mitglieder wurden aufgenommen. Gegen die Aufnahme des Gast- wirts Ruck wurde Widerspruch erhoben, es vereinbare sich nicht, im Landwehrverein Mitglied zu sein und auf der anderen Seite dem sozialdemokratischen Vereine anzugehören. Obwohl er erklärte, aus dem Landwehrverem ausscheiden zu wollen, beschloß die Versamm- lung die Nichtaufnahme. In den Vorstand wurden folgende Ge- nossen gewählt: 1. Vorsitzender Woick, 2. Vorsitzender Giihne. 1. Kassierer Kuh ring, 2. Kassierer Liegner, Schriftführer Lesövre, Beisitzer Kloß, Revisoren: Tauchert, Joch und Nimk. In die Lokal- koinmission wurden gewählt: Kegel. Rochlitz und Rudolf, als Partei- spediteur Woick und in die Zeitungskommiision: Tauchert, Helling und Werth. Reinickendorf. Kouflitt mit Berlin. In der letzten Sitzung der Reinickendorfer Gemeindevertretung wurde über einen neuen Streitfall mit Berlin debattiert. Die Stadt hat vor zwei Jahren durch die zu Reinicken- darf gehörende Schariuveberstraße ein GaSrohr gelegt und an Reinickendorf eine Vergütigung dafür zahlen müssen. Jetzt ist den Reinickendorfern nun bekannt geworden, daß das städtische Gaswerk gleichzeitig mit der Verlegung der Gasröhren auch eine nach der Berliner Anstalt in Tegel führende Fernsprech- und Telegraphen- leituiij) verlegt hat. Bürgermeister Wille teilte der Vertretung mit. daß hierzu keine Erlaubnis von feiten deS Gemeindevorstandes vorlag und Berlin aufgefordert fei, das Kabel zu beseitigen. Eine Autwort sei jedoch noch nicht eingegangen.— Die Gemeinde- Vertretung beschloß darauf nach kurzer Diskussion, gegen Berlin vorzugehen, vorerst jedoch einen Rechtsanwalt um ein Gutachten bezüglich der Rechte und eventl. Maßnahmen der Gemeinde an- zugehen. Berliner JVachricbten. Niedriger hängen! Der Berichterstatter, den man als magistratSoffiziöS zu bezeichnen pflegt, weil er feine Mitteilungen über kommunale Angelegenheiten aus den Bureaus des Rathauses sowie von Mit- gliedern des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung bezieht, verbreitet zuweilen auch Nachrichten über die Arbeiterbewegung. Selbstverständlich sind auch diese Notizen stets so gehalten, daß sie von jedem der FreisinnSführer, die im Rathause die kommunale Vor- sehung spielen, mit schinunzelndem Behagen gelesen werden. Oft genug merk: man ihnen sogar an. daß auch s i e nur einem Wink von dort aus ihre Entstehung verdanken. Die neueste dieser Leistungen lautet so: „Das sozialdemokratische Zentralorgan, der„Vorwärts", hat kürz- lich eine Juvelnummer herausgegeben aus Anlaß seiner vermehrten Auflage. ES dürfte von allgemeinem Interesse sein, einmal darauf hinzuweisen, wie die Abonnenten für den„Vorworts" gepreßt werden. Bekonnt ist, daß die„Genossen" alle die Vudiker einfach boykoltieren. die sich weigern, den„BorwäriS" zu halten. Neuerdings sind die „Genossen" ober noch weiter gegangen. Tie sozialdemolralischen Organisationen hoben Fragebogen versandt. Und was fnr Frageil enthielte» diese Bogen? Der Zentralverein der Bildhauer Deutschlands stellt u. a. solgende:„Sind Sie Abonnent einer politischen Zeitung? Wenn so, welcher?" Ferner heißt es in diesem Bogen:„Um wahrheitsgetreue An- gaben wird dringend gebeten, da hiervon die Vollständigkeit unterer ganzen statistischen Erbebungen abhängt. Darum möge nicht allein jeder organisierte Kollege einen solchen Fragebogen ausfällen, auch jeder Unorganisierte ist zur Ausfüllung zu bewegen." Was dies heißt, braucht wohl nicht näher auseinandergesetzt zu werden. Der schöne Spruch:„Und willst du nicht mein Bruder sein,, so schlag' ich dir den Schädel eins" paßt hier wunderschön. ES geht doch nicht« über die sozial» demokratische Freiheit und Bevorimindiing. Der sozialdemokratische Zuknnftsstaat muß ein wahres Paradies sein. Schade, daß Bebel nicht einmal einen Versuch damit in Cayenne macht." „Wie die Abonnenten für den„Vorwärts" gepreßt werden", will diese Notiz zeigen, aber der neugierig gemachte Leser wartet vergeblich auf Mitteilung auch nur eines einzigen Falles, wo irgend einer der befragten Bildbmier. irgend ein Mitglied der hier fiilchweg al«„sozialdemolraiisch" hingestellten Organi» sation,„gepreßt" worden wäre. Oder soll schon die Mahiinng. wahrheitsgetreue Angaben zu machen, als ein„Pressen" gelten? I» Ermangelung jeglichen Tatsachenmaterials wird dem ans dem Fragebogen zitierten Satz, daß man auch jeden II n organisierten zur Ausfüllung bewegen solle, die gewünschte Deutung gegeben durch den Znsatz:„WaS das heißt, braucht wohl nicht näher auseinandergesetzt zu werden usw." Ist daS nicht des Beweises geinig? Mit solchen Mitteln pflegt die Presse unserer Gegner gegen uns zu kämpfen, und der Mann, der dem Magistratsbericht- erstatter die Grundidee zu dieser Notiz einblies, durfte daher hosten, daß auch diese Leistung ihren Weg in die Oeffentlichkcit finden würde, Vorläufig hatfichnunallerdings diese Erwartung nicht erfüllt: so weitwir gesehen haben, hat bisher nur ein antiieinirisches Blättchen, daS nnter Ausschluß der Oeffemlichkeit erscheint, dem plumpen Geschreibsel seine Spalten geöffnet. Daß diesmal nicht die gesamte bürgerliche Presse mit Gier danach gegriffen hat. mag zu erklären sein aus dem Umstände, daß dabei unsere Jubel nummer und ihr An- laß nicht gul verschwiegen werden könnte. Die Zahl>00000 ist zwar vorsichtig hinaus�emogelt worden, aber auch von der„vermehrten Auflage des sozialdemokratischen ZentralorganS darf den Lesern bürgerlicher Blätter nichts verrate» werden. Es tut uns aufrichtig leid, daß aus diesem Gnmde der Liebe Müh' umsonst gewesen sein soll. Damit eine möglichst breite Oeffentlichkeit das Opus kennen lerne, wird eS hiermit durch den iBorwärtS" niedriger gehängt. Für die Kaufmanns- und GrwerbegerlchtSbrifitzer. Die Freie Vereinigung von HandlungSgehülfenbeisitzern deS KaufmannSgerichlS zu Berlin ersucht uns um Aufnahme folgender Mitteilung: Dienstag, den SO. Januar, abends V Uhr. wird Herr Profefior Dr. Jastrow, Stadtrat jju Charlottenbnrg in den Sophiensälen �Berliner Handwerkerverem), Sophienstraße 17—18, einen Bortrag iber: „EntWickelung und Zweck de? Verbandes deutscher Gewerbe- und KaufmannSgerichte" halten, wozu wir die Herren Beisitzer der Kaufmanns- und Ge- verbegenchte zu Berlin und den Vororten einladen. Jnterefienten .önnen Einladungen von der Geschäftsstelle Berlin 1* 39, Pank- traße 47 II, erhalten. Für das Gastwirtsgewcrbe ist eine öffentliche Versammlung von erheblichem Interesse, die zum Mittwoch, den 24. Januar, nach- mittags 4 Uhr. nach dein großen Saale von Keller. Koppeustr. 29, einberufen ist. Die Reichstags-Abgeordneten Geyer- Leipzig und B a u d e r t- Apolda werden über die neuen Steucrvorlagen und ihre Bedeutung für das Gastwirtsgewcrbe sprechen. Berleguug von Straßenbahnlinien. Acht verschiedene Linien der Straßenbahn mußten, wie wir seinerzeit berichtet haben, seit längerer Zeit am Bahnhof Zoologischer Garten wegen des Baues eines Kaiials für den Wilmersdorfer RegeuauSlaß abgelenkt iverden. Die Arbeiten sind jetzt zwischen dem Bahnhof Zoologischer Garten und dem Kurfürstelidainm beendet. In der JoachimSthalerstraße, wo die Straßenbahn bisher nur eingleisig betrieben werden lonnte, ist jetzt der zweigleifige Betrieb wieder aufgenommen. Die Linie v Steg- litz— Nollendorfplatz— Bahnhof Zoologischer Garten und896 werden der 27. Februar, der 1l. und 12. April, der 5., 12.. 19., 23., 26.»nd 31. Mai und der 1. Jmii 1906 als solche Tage festgesetzt, an denen in Bäckereien »nd Kondiioreien Gehülfen und Lehrlinge über die vorgeschriebene Zeit hinaus beschäftigt werden dürfen, Das Gelände deS Tegeler Sees ist durch den Sturm am Freitag derartig beschädigt worden, daß im Interesse des Ansflnglerverkebrs ansgcdebme Reparalnrarbeiien vorgenomiiien werde» müssen. Wie eine Besichtigung der Sceuser ergeben Hai, wurde durch die kolossale Brandung, welche durch den Sturm verursacht war, das Bollwerk vielfach zerstört, sodaß der Daiiipfel laitdungsplatz aus eine Ausdehnung von zirka 10 Metel n unterspült worden ist. Der Proiiieuademveg wurde an vielen Stelle» fortgerissen und die zahlreichen Laiidungs- siege durch den Wellenschlag zerstört. Die Ausbessernnasarbeiien werden sofort in Angriff genommin und so schnell durchgeführt, daß mit Beginn deS Ausfliiglerverlehrs die Seeufer sich wieder im alte» Zustande befinden werden. Der Berband technischer Gcmeindebeamien DeiitschsandS hielt in der Mnsikerbörie, Kaiser Wilhelinstr. 18. eine Bersammlnng ab. die auch von auswärtigen Beamten sehr stark besucht war. Sie befaßte sich mit den mißlichen GchaltS- und Anstellungsverhältnissen der Techniker. Nach dem vom Verbände ge- sammelten statistische» Material sind, wie von, Referenten ansgesührt wurde, in 173 Gemeindcverwa ltinigen insgesamt 5835 technische Angestellte einschließlich der Oberbeamten beschäftigt. Hiervon sind in l5l Berwaltnngen 1779 lebenslänglich angestellt oder 30,5 Proz.; in 110 Verwaltungen 1319 auf Kündigung, also 22,6 Proz. und in 143 Verwaltungen 2737 nicht angestellt gleich 47 Proz. Unter den 1779 lebenslänglich angestellten Technikern befinden sich die oberen technischen Beamten, die mit rund lOOO angenommen werden müssen. Es verbleiben daher im günstigsten Falle nur 779 lebenslänglich angestellte mittlere Techniker oder 13,25 Proz. In Berlin sind 172 lebens- länglich, 217 auf Kündigung und 324 nicht angestellte Techniker. Nach einer schorfen Kritik des KommnnalbeamteiigcsetzeS vom 30. Juli 1899 wurde folgende Resolution angenommen: „Die Velsaiiimlunz erachtete die Gehalts- und AnstellnngSver- hältmffe der Gemeindetechitikcr als den jetzigen Verhältnissen nicht entsprechende und für die an die Techniker gestellten Anforderungen als vollständig unzulänglich im Vergleich zu anderen Beamten- kategorien. Der Verbanosvorstand wird hiermit beauftragt, eine Verbesserung dieser Verhältnisse durch Abänderung der bezüglichen Gesetze und Eingaben an die Gemeindeverwaltungen anzustreben, zu welchem Vorgehen das vom Verbände gesammelte Material be- nutzt werden soll." Polizeilich aufgelSst wurde eine öffentliche Volksversammlung am Montag in Kellers Festsälen, wo der Schriftsteller Karl Sctmcidt über die russische Revolution sprach. Nachdem der Redner ungefähr 8/4 Stunden über die Revolution in Rußland, über die bekannten Greuel usw. gesprochen hatte, gebrauchte er eine Wendung gegen die preußische Regierung, auf Grund welcher der überwachenoe Polizei- leutnant die Versammlung auflöste. Nun tauchten aus der aus dem Garten in den Saal führenden Tür und aus dem Vorflur Schutzleute auf, die den Saal räumten. Heber den Ordenssege», der am Sonntag niedergegangen ist, wird berichtet, daß es in diesem Jahre 50 weuiger als im Vorjahre waren. Insgesamt sollen nicht weniger denn 2853 Orden— gezählt haben wir sie nicht— verliehen worden sein. Wir registrieren diese Talsache lediglich in unserer Eigenschaft als gewissenhafte Chronisten. die wir nn» einmal sind; liefern doch diese Ordensverleihungen immerhin einen ganz interessanten Beitrag zu unserer Kultur- geschichte. Pompadourräuber in den Bororten. Seitdem das Treiben der Pompadourräuber im Tiergarten etwaS nachgelassen, hat es den Anschein, als ob die dreisten Burschen ihr Arbeitsfeld in die Bororte verlegt hätten. So wurde in der Kolonie Grunewald am hellichten Tage ein frecher Raubanfall aege» eine ältere Dame ausgeführt. Dieselbe war im Begriff gewesen, vom Bismarckplatz in die Kunz Buntschiihstraße einzutreten, als plötzlich ein junger Mensch auf sie losstürmte und ihr mit einem starken Ruck die Ledertasche ans der Hand riß. Eiligst entfloh dann der Räuber durch die Caspar Theyß- straße, verfolgt von der hülfeschreienden Greisin. Es gelang nicht, den Täter zu erwischen. Eine jugendliche Selbstmörderin ist gestern nachmittag in der Nähe der Bendlerbrücke aus dem Schiffahrtskanal gelandet worden. Die Lebensmüde, die bisher noch nicht rekognosziert werden konnte, ist 20 bis 25 Jahre alt gewesen und gehörte den einfachen Kreisen an. Sie war mit einem etwas ännlichen, dunkele» Kostüm gekleidet, trägt dunkelblonde Haare und führte einen Kneifer bei sich. Die Leiche fit in das DchauhanS eingeliefert worden. Erwischt. Einen guten Fang hat gestern die Polizeibehörde in Britz gemacht. In letzter Zeit berichteten wir wiederholt über Diebstähle von LeitmigSdrähren, welche an der am Teltowkanal entlanglaufenden elektrischen Treidelbahn abgeschnitten und entwendet wurden. Um den» dreisten Räuber endlich einmal beizukommen. ließ man die Bahn ständig überwachen. Gestern glückte es denn auch, die langgesuchten Drahtdtebe in den Personen zweier in Rixdors wohnender Mäimer bei frischer Tat zu überraschen und zu verhaften. Aus de« vierten Stock gestürzt hat st» gestern früh die Witwe Marie Stöwefand aus der Linienstraße l4S. Die Frau war seit langer Zeit kränklich und hat die Tat wahrscheinlich in einem Anfalle nervöser Aufregung verübt. Der Sturz war so unglücklich. daß der Tod nach kurzer Zeit eintrat. Durch einstürzende Brettermasscu erschlage«. Einen schrecklichen Tod mußte gestern nachmittag der Bretteriräger Alfred Brüning. der auf dem Lagerplatz der Nutzholzhandlung von Fischer u. Colberg tätig war, erleiden. Beim Arbeiten stand B. dicht an einem Bretter- Hausen, der plötzlich unter großem Gepolter einstürzte. Der Bc- dauernswerte wurde unter dem Trümmerhaufen begraben und sofort machten sich mehrere Arbeitskollegen an die Befreiung des Ver- nnglückten. Noch lebend förderten sie B. ans Tageslicht. Er starb jedoch auf dem Traiisport nach dem ÄrcmleuhauS am Urban infolge der erlittenen Brustqnetschungen. Ei« trauriger Unglücksfall hat gestern ein Menschenopfer ge- fordert. Auf dem Dache des Hauses Grüner Weg 119 war nach- mittags der Dachdecker Gustav Gleitzmann auS der Lothringerstr. 20 mit einigen Kollegen in fröhlichster Laune bei der Arbeit. G.. welcher viel Humor besaß, hatte soeben eine schnurrige Anekdote erzählt, und kaum geendet, so stürzte er plötzlich um und fiel über die Tachkante hinweg in die Tiefe hinab. Mit zerschmetterten Gliedern wurde der Aermste nach der Unfallstation VIII am Grünen Weg gebracht. Der Arzt vermochte jedoch nur noch den inzwischen eingetretenen Tod zu konstatieren. Selbstmord. Gestern hat sich der Händler Michael Lewandowski onS der Schnlzendorferstr. 13 in dem Honie Gerichlstr. 72 erhängt. L. war schon Jahre hindurch von einem schmerzvollen Dannleiden geplagt worden. Um demselben ei» Ende zu bereiten, versuchte er vor einiger Zeit in seiner Wohnnng. die nur aus Stube und Küche bestand, sich das Leben z»»ebinen. Er ivurde jedoch dabei von seiner Frau gestört. Geslern morgen kaufte sich der Lebensmüde einen Slrick. ging in das Hans Gerichlstr. 72 und erhängte sich dort ans einem Klosett, nachdem er znvor die Tür abgeriegelt hatte. Die Leiche wurde später von einem Pvlizeibecnmen entfernt und nach dem Schauhaus gebracht. Serickts-Teitung. Eine Privntbcleidigiingsklage gegen den Genossen Büttner als verantwortliche» Redakienr des„Vorwärts" hat der Journalist Prell in Amsterdam beim Berliner Schöffengericht anhängig gemacht. Den Anlaß zur Klage bietet eine im„Vorwärts" vom 30. Angnjt e»t- daltene Notiz, die aus dem„Verl. Tageblatt" entnommen ist. Die Notiz bezieht sich auf die damals in den Zcitnngeit besprochene?liiS- Weisung des holländischen Journalisten Catz van Aalten und besagt: Nach einer Mitteilung des„Berl. Tagebl." sei der Vertrauensmann der deutschen Regierung, der Herr» Catz denunzierte, ein deutscher Joimialist in Amsterdam, der aus dem dortigen Journalistenverein ausgeschlossen worden sei. Durch diese Angaben fühlte sich Herr Prell getroffen, er klagte sowohl gegen das„Berl. Tagebl," als auch gegen den„Vorwärts". In der uns betreffenden Klage stand am Dienstag Termin vor dem Schöffengericht an. Bor Eiiuritt in die Verhandlung schloffen die Parteien'olgenden Vergleich: Herr Büttner erklärt: Die von mir aus dem„Berl. Tagebl." in den„Vorwärts" übernommene Behaiiplimg. daß Herr Prell ein Spion der deutschen Regierung sei und sie über Herrn von Aalten falsch informiert habe, auch aus dem deutschen Verein in Amsterdam ausgeschlossen sei, ist durchaus nicht zu beweisen und ich nehme sie mit Bedauern zurück. Diese Erklärung soll innerhalb eines Monats in folgenden Blättern:„Vorwärts"(Berlin),„Allgem. Handels- zeitung"(Amsterdam).„M a t i n"(Antwerpen) auf Kosten deS Anaellagtcn veröffentlicht werden. Angeklagter überniinint die Kosten einschließlich des vereinbarten Honorars des klägerischen Anwalts von 100 M. Privatkläger verzichtet auf weitere Schadenersatz- anspräche aus dieser Veröffentlichung der Redaktion und dem Verlag des„Vorwärts" gegenüber. Vermischtes. Amtliche überfuhr Eisenbahminfall. Saarbrücken. 23. Januar. Meldung. Am 22. Januar, 8 Uhr 23 Min. nachmittags, der von Neunkirche» nach Saarbrücken fahrende Schnellzug 146 das auf„Halt" stehende Einfahrtssignal der Station Friednchsthal und fuhr dem ausfahrenden Güterzuge 9079 in die Flanke. Von den Reisenden des Schnellzuges wurden drei leicht verletzt, desgleichen ein Bremser des Güterzuges. Der Materialschaden ist erheblich. Beide Hauptgleise waren gesperrt. Der Betrieb wurde durch Um- steigen und Umlenlung der Züge anstecht erhalten. Heber die Explosion auf dem Dampfer„Aquidaban". über die wir bereits im Depefchenteil unserer gestrigen Nummer berichteten. liegt heute folgende Nachricht vor: Rio de Janeiro. 22. Januar. Der Panzerkreuzer„Barroso", der mit den Ministern an Bord sofort nach der Unfallstelle deS„Aquidaban", der kleinen Bucht von Jacuacanga südlich der Jlha Grande, abging, ist mit den Verwundeten heute abend wieder in Rio de Janeiro eingetroffen. Umgekommen sind bei der Explosion der Marinentinister Vize-Admiral Noronha, der in Begleitung der Studienkommission des neuen Arsenals sich an Bord des Dampfers befand, die Studienkonimisfion selbst, die Kontreadmirale Rodrigo da Rocha. CalbeiroS da Graca und Candida Brasil, ferner der Kapitän des Schiffes Alves da BarroS, zwei Fregattenkapitäne, zwei deutsche Photographen, ein Zeitungsberichterstatter und fast alle Offiziere deS„Aquidaban". Die Zahl der Toten bettägt insgesamt 19«, die der Verwundeten 3«. ES ist öffentliche Trauer angeordnet worden. Die Theater find geschloffen. Woran erkennt man einen Bollsschullehrer? Ein Lehrer teilt unserem Leipziger Parteiblatt dieses wahre Geschichtchen mit: Seit dem 1. Januar wohne ich in meiner neuen Wohnung und konnte mich nicht genug wundern, tvarmn anfangs die Jungen so höflich ibrc Mützen zogen und die kleinen Mädchen so allerliebst knixtcn, wenn ich ihnen auf der Treppe oder auf der Straße begegnete, während nach einiger Zeit merkwürdigerweise das freundliche Grüßen und Knixen bedeutend nachgelaffen hatte. Durch Mit- teilung von meiner Hauswirtin bin ich jetzt dahintergekommen: Tie zahlreichen Kinder der HauSbetvohncr tollen fortwährend mit ihren Holzpantoffeln lärmend und poltzernd treppauf, treppab; das gefällt meiner Hauswirtin, einer alten, gern der behaglichen Ruhe pflegenden Matrone, durchaus nicht, und sie kcmn roden und schelten, so viel sie will, es hilft nichts. Mit jedem Morgen beginnt das Lärnicn und Pollern von neuem. Um nun diese llcine Gesellschaft zur Raison zu bringen, drohte sie, es dem Herrn„Lehrer" zu sagen, der da am 1. Januar in der ersten Etage eingezogen sei. AIS es ihr nun wieder einmal zu toll auf den Treppen herging, wisderbolte sie ihr« Drohung, direkt zu dem Herrn„Lehrer" gehen zu wollen. Da aber schallte es ihr auS dem kleinen Chore entgegen:„Ha, daS ist ja gar kein Lehrer, bei dem steckt ja abends die Bolkszeituna bei Türe, und die dürfen die Lehrer nicht lesen! an Bereine»nd Korporationen, die Ausnahme in dem von uns dem- nächst ,u verösteiitlichenden Vercinskalcnder wünschen, wollen Name und Sitzungstag uns zusenden. ES können nur die Vereine verösienlkicht werden, die bis zum 1. Februar ihre Adresse neu eingesandt haben. Sozkaldemotratischer Lese- und Diskutierklnb„Snb-Oft". Heute, Mittwochabend 8'/, Ubr bei TolkSdors,(tzörlitzerstraße öS: Beratung d«S Arbeitsplanes für'1906. VereinSangelegenbeiten. Sozialdemokratischer Lese- und Tiskntierklub„Emil Rosenow». Mittwoch: Sitzung bei Host, Dalldoiserstr. 5, Vortrag de» Genossen Betbze über:„Das komiministijche Manifest". ßrkfhatten der Rcdahtfon, €. B. Wenden Ste sich an das Bureau des ZenlrakverbanbeS der Handels-, Transport- und VcrkehrSarbeiler, Berlin. Enael-User IS.— P.(9. 93. In der Drogerie.— H. Grunert. Vom WarenbonS.— Strritköpfe. Wir haben bisher versäumt, aus solche Nebensächlichkeiten zu achten.— M., Schillingitr. 27 und andere. Die i�traanSgabe unsere« BlattcS mn Montagabend wurde außer an unsere Abonnenten in ein« großen Auflage unetit jclllich vertelli Wenn sich Händler, die mit der Ber- teilung dieser GrattSnummer beaustragt waren, dafür einzelne Nummern noch bezahlen ließen, io haben dieselben daS m sie gesetzt« Vertraue» gemißbraucht.— H. Z. 30. Geld leiht die Biederseestistmig. Bureau im RathauS.____ Wetter-Prognose für Mittwoch, den t4. Januar 1906. EtwaS gelinder, vorherrschend wolkig mit geringen Niederschlägen«ml mäßigen südwestlichen Winden. Berliner Wetter bar, an. Dienstagabend sogar von der„Deutsch« Tageszeitung" gemißbilligt._________.___ Verantwortlicher Redakteur: HanS Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: BorwärtSBuchdruckerei u. BerlagSanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW,