Nr. 24. BbonnementS'Bedingungen: CBoriiifntent»• Preis pränumerando; »ierteljährl. 3,30 Mk, manatl, 1,10 Ml, wöchenilich 28 Pjg. frei ins Haus, einzelne Rummer k Pfg, KonntagS. immmer mit illuslriertcr Sonntags. Pcilage»Die Reue«ein 10 Pfg, Po». Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Singetragen in die Posl-ZeitungS. PreiSlisle. Unter Rreuzband sdr Deutlchland und Oesterreich. Ungarn 3 Marl, für da« übrige AuSIan« S Marl pro Monat. CrMtltt tkftk auttr BleatMi. 33. I«chrg. Vevlinev VolKsblntt. �entraiorgsn der rozialdcmokratifcbcn Partei Oeutfchlands. Die lnJertlons*6«bül)r deträgl für die sechSgelpaltene Uolonel- geile oder deren Raum«0 Pia, für politische und gewerlschasllichc Verein«. und BersanimIungS.Aiizcigen 2ö Pfg, „Kitine Hnieigen". das erste(fett. gedruckte) Wort 10 Psg,. jedes weitere «ort S Psg, Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte, Inserate für die nächste Stummer mitssen bis 6 Uhr nachmittag« in der Expedition abgegeben werden, Die Expedition ist an Wochen- tagen bi« 7 Uhr abend«, an Eonn. und Festtagen bi« h Uhr vormittag» geoffiict Telegramm-Adresse: „?»>»IttA»llk»l RtrUi". Redaktion» SM. 68, Lindcnetraesc 69. Fernsprecher:«m, IV. Nr. ,»83. Dienstag, den 30, Januar 1900. I Expedition: SM. 68, Lindenetraesc 69. fferiisprecher: Amt IV. Nr. 1084. Menschenopfer. 8752(8370)*) T-te und 128 921(121005) schwer Verwundete, insgesamt also 137 673(129 375) auf dem Schlachtfelde der Arbeit Gebliebene oder schwer Verwundete in dem rinr» Jahre 1904, so lautet das amtliche Bulletin, das in Gestalt einer Nachlveisung über die Rechnungsergebnisse der Berufsgenossenschaften für das Jahr 1904 dem Reichstage vorgelegt ist. Die oben angegebenen Zahlen umfassen nur die Zahlen derjenigen Unfälle. für welche im Jahre 1904 zum erstenmal eine Entschädigung auf Grund der Unfallgesetze gezahlt ist, also. von unwesentlichen Ausnahmen abgesehen, diejenigen Unfälle, in denen auch nach der den Arbeitern so wenig günstigen Rechtsprechung der Berufsgenossenschaften, der Schiedsgerichte und des Reichs- Versicherungsamtes als Folge des Unfalles eine 13 Wochen über- steigende Erwerbsunfähigkeit zurückblieb. Die Zahl derjenigen Unfälle, die überhaupt zur Meldwig gelangten, aber unentschädigt blieben, weil die Folgen des Unfalles in 91 Tagen nach dem Unfallstage nicht mehr vorhanden waren oder durch die Recht- sprechung als nicht mehr vorhanden konstruiert wurden, ist eine noch weit höhere. Die Gesamtzahl der angemeldeten Unfälle be- ziffert sich auf 583 965(530 507). Und dabei bleibt diese Zahl, wie die Nachweisungen anerkennen, noch hinter der Wirklichkeit zurück. Grauenvolle Zahlen, die eine furchtbare Anklage gegen den Mangel an Rücksicht enthalten, die auf Arbeiterleben und Arbeiter- gesundheit von der herrschenden Klasse im Kampfe um den Profit genommen wird. Entsetzlicki hohe Zahlen, die beweisen, tbie weit von der Anerkennung der Gleichberechtigung der Bürger die herrschende Klasse entfernt ist. Im„tiefften Frieden" weist Deutschlands Arbeiterarmee, die Gesanitzahl der angemeldeten Un- fälle in Betracht gezogen, eine die Friedenspräsenz st ärke übersteigende Verlustziffer auf. Die Zahl der schwer Verwundeten erreicht die Gesamtverluste der deutschen Arinee im deutsch-französischen Kriege. Diese betrug 137 866, nämlich: getötet 49 378(darunter 2053 Offiziere) und Verwundete: 88 488(darunter 4184 Offiziere). Diese furchtbaren Verluste an Menschenleben. Men- schen gesundheit und Menschenglück sind keineswegs notwendige Folgen der Beschäftigungsarten. Sie sind zum gröstten Teil auf die Mängel der vom Kampf um hohen Unter- nehmerprofit beherrschten Gesetzgebung, Verwaltung und Recht- sprechung zurückzuführen. Ueber die Ursachen der Unfälle gibt die amtliche Nach- Weisung keine Auskunft. Einige, wenn auch inangelhafte Unterlagen zur Erforschung der Unfallursachen geben die ftir das Jahr 1887 und für das Jahr 1897 aufgenommenen, auf einseitigen Angaben und Urteilen der Berufsgenossenschaften beruhenden Unfallstatistiken. Berücksichtigt man diese Unfallstatistiken, zieht man ferner die Gclverbeinspeltorenberichte irnd die Wahrnehmungen in Betracht, die das tägliche Leben uns zeigen, so dürften als Verursacher der Un- fälle sich in erster Reihe herausstellen: Die Länge der Arbeitszeit, die Akkordarbeit, der Mangel eines gesetzlichen Schutzes der Arbeiterorganisationen und des Koalitionsrechts, der Mangel an Schulung insbesondere ungelernter Arbeiter, die Heran- ziehung minderwertiger und besonders schutzloser ausländischer Arbeitskräfte, unzureichender Erlaß von Unfall- Verhütungsvorschriften, unzureichender Inhalt der Schutzvorschriften und ungenügende Ueber- tvachung und Bekanntniachung derselben. Würde den Arbeiterorganisationen endlich das Recht eingeräumt, die Unfall- verhütungsvorschristen festzusetzen und ihre Ausführung zu über- wachen, so würde die Unfallhäufigkeit erheblich herabgemindert werden. Die herrschende Klasse, die so gern von dem„Segen der Sozial- gesetzgebung" redet, vermeidet alles, was eine Herabsetzung der Unfälle zur Folge haben könnte. Ja, die Unfallgesetzgebung selbst Ivirkt durch ihren gegen die Rechte des Arbeiters auf vollen Schaden- ersatz gerichteten auöuahmerechtlichen Charakter auf Vermehrung der Unfälle fördernd ein. Die Unfallgesctzgebung nimmt dem Arbeiter das Recht, vollen Schadenersatz zu verlange», und befteit den Unternehmer von seiner Haftung auch für fahrlässig herbei- geführte Unfälle. Setzt man auf Grund der Angaben der für 1897 aufgestellten Unfallstatistik auch nur 25 Proz. der Unfälle auf das Konto der Fahrlässigkeit der Unternehmer, so ergibt sich als F a h r e s g e w i n n des Unternehmertums, den es daraus zieht. daß es für fahrlässige Schadenzufügung den von ihm beschäftigten Arbeitern gegenüber nicht einzustehen hat, e i n e S u m m e von weit über 30 Millionen Mark. Die gesetzliche Befreiung des UnteniehmertumS von Verpflichtungen, wie sie daS bürgerliche Gesetzbuch jedem Bürger seinem Mitmenschen gegenüber auferlegt. muß notwendig wie eine Prämie zur Herbeiführung von Unglücksfällen lvirken. Die von Jahr zu Jahr absolut und relativ zunehmende Zahl von Unfällen beweist, daß diese Wirkung infolge dieser Prämie aus Rücksichtslosigkeit gegen Menscheuleben und Menschengesundheit in Verbindung mit den oben hervorgehobenen Faktoren und mit der zunehmenden Macht der Berussgenossenschaft, der Verschlechterung der Rechtspflege auf diesem Gebiete sowie dem fast völligen Versagen der Strafrechtspflege gegenüber fahrlässig handelnden Unternehmern •) Die in Klammern beigefügten Zahlen beziehen sich auf das Jahr 1903. auch tatsächlich eingetreten ist. Seit der für daS Jahr 1902 gegebenen amtlichen Nachweisung über die Rechnungs- ergebnisie der Berufsgenosienschasten fehlt diesen Nach- Weisungen leider die Uebersicht über die seit 1836 nachgewiesenen Zahlen und Folgen der Verletzungen, für die erst- malig Entschädigung gezahlt ist. Dieser Mangel mag den Berufs- genossenschasten angenehm sein, da diese Zahlen schlagend die relative und absolute Zunahme der Unfälle erweisen. Nachstehend geben wir diese der amtlichen Nachweisung fehlende Uebersicht. Unsere Tabelle bezieht sich auf alle in gewerblichen und landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften(ohne die VersichcrungS- anstalten der BaugewerkS-, Tiefbau- und SeebernfSgenofsenschaften. für die die Anzahl der versicherten Personen nicht feststeht) sowie in staatlichen und komnmnaleit Aufsichtsbehörden(ausschließlich der Baubetriebe) versicherten Personen.*) Zahl der verletzten Personen, für tvclche im Rechnungsjahr erstmalig Entschädigungen festgestellt worden sind: «a E 1886 1887 1888 1889 1890 1891 1892 1893 1894 1895 1896 1897 1898 1899 1900 1901 1902 1908 1904 absolut überhaupt 10 540 17 102 21057 31 019 41420 60 507 54 827 61 874 68 677 74467 85 272 91 171 96 774 104 311 106 447 116 089 119 901 127 947 136 126 86/04 U84 0ZS und zwar hatten die Verletzungen zur _ Fvlge Tod 2 716 3 270 8 645 5183 5 958 6 346 5 811 6 243 6 250 6 335 6 989 7 287 7 848 7 999 8 449 8 359 7 842 8 236 8552 dauernde Erwerbs- I Unfähigkeit! völlige � teilweise Unfähigkeit 1778 3166 2 203 2 882 2 681 2 561 2 640 2 487 1752 1668 1524 1452 1 100 1297 1306 1416 1396 1517 1578 123 322 i 36 473 3 961 8 462 11023 16 337 22 615 27 788 30 569 36 236 38 952 40 527 44 373 46 489 47 764 51240 51 III 54 340 55 264 58129 62563 2085 2 204 4186 6 615 10166 13 812 15 807 16 906 21 723 25 937 32 386 35 943 40 053 44 275 45 521 51974 55 399 60065 63 433 707 743 543190 o N O il ZZ- 2,83 4,15 2,04 2,32 3,04 2,80 3,04 3,41 3,78 4,05 4,84 5,08 5,80 5,03 5,63 6,15 6,28 6,51 6.85 Die Gesamtzahl der im Jahre 1904 versicherten Personell betrug 19 876 025(19 465 422), und zwar waren in den 66 gewerblichen Berufsgenosscnschaften 7 349 120(7 466 484), in den 48 landwirtschast- lichen Genossenschasten 11 189 071(11 189 071) und in den AuS- führungSbehörden 837 334<809 867) Personen versichert. Die Zahl der in den landwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen ist vom Reichsversicherungsamt tvie ftüher schätzungsweise auf Grund der Berusszählung von 1895 eingestellt. Auf rund l'/g Millionen schätzt das ReichsversicherungSaint die Zahl der Personen, die doppelt gc- zählt sind, weil sie in landwirtschaftlichen und in gewerblichen Be- trieben beschäftigt sind. Die Vermehrung der Unfälle ist besonders bei den landlvirtschaftlichen Betrieben auffallend. Nachstehende Tabelle zeigt, wie enorm die Zahl der Unglücksfälle gerade hier gewachsen ist. ES betrug in der L a n d w i r t s ch a f t die Zahl der verletzten Personen, für welche im Rechnungsjahre erstmalig Entschädigungen festgestellt worden sind: Zahl der verletzten Personen, für welche im Rechnungsjahr erstmalig Entschädiguilgen festgestellt worden sino: •) Zu dieser Berechnung mag hervorgehoben werden, daß wir die in den amtlichen Nachweisen angegebene Zahl der durchschnittlich Versicherten zur Grundlage der letzten Spalte gemacht haben, während bei frühereren Bercchnnngc» eine schätztmgSweise eingesetzte. ettvaS höhere Zahl vom Reichsvers'~ wie viele Unfälle auf je 1000 Be wurde. tiugsl WWW UherungSämt ftir die Berechnung, rsicherte fallen, genommen Diese enorme Vermehrung der Unfälle in der Landwirtschaft offenbart sich als eine noch weit höhere, wenn man an Stelle der vom Reichsvcrsicherungsamt angenommenen Schätzung die etwa wohl rund 4 Millionen niedrigere tatsächliche Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Personen einsetzt und ferner berücksichtigt,.daß in den gewerblichen Betrieben auf 7 849 120 durchschnittlich versicherte Per- sonen 6 868 496 Vollarbeitcr(an 300 Arbeitstagen beschäftigte Per- soneu) entfallen, während bei dem Saisonarbeitscharakter des land- wirtschaftlichen Betriebes auch nicht annähernd die verhältnismäßig gleiche Anzahl Vollarbeiter in der Landwirtschaft beschäftigt werden. Der Zunahme der Unfälle in landlvirtschaftlichen Betrieben entspricht der Mangel an Unfallverhütungsvor- kehrungen insbesondere in der Landwirtschaft. Bonden 48 land- wirtschaftlichen Berufsgenosienschasten hatten insgesamt nur fünf(Niederbaiern, Oberfrankcn, Sachsen, Meiningen und Anhalt) technische Aufsichtsbcamten. Die sächsische Berufs- genosienschaft weist fünf, die Anhaltiner drei, die drei anderen Berufsgenossenschaften je einen Aufsichtsbeainten auf. Die gesamten UnfallverhütnngSlassen der landwirtschaftlichen Berufsgenosfenschaften beträgt bare 35 115 M. und 46 Pf. (24 097,85 M. für Uebcrwachnng der Betriebe, 7933,46 M. für Erlaß von Unfallverhütmigsvorschristen, 3029,15 M. für Rettung Ber- unglllckter)! Eine Erinnerung ist da am Platze. Am 11. November 1390 hielt der deutsche Kaiser gm Schluß einer Sitzung des LandcSökonomiekollcgiuntS, in der über die Schtitzmaßregeln gegen die Gefahren landwirtschaftlicher Ma- schinen beraten lvurdc, eine Rede. In dieser hieß eS: „Mir sind zwei Punkte aufgefallen, von denen ich bitten möchte, daß Sie dieselben bei Ihrer Beratung berücksichtigen. ES sind seit meiner Regier» ngSzeit merkwürdig viele Fälle vorgekoinmen. in denen Arbeiterinnen um- gekontmen find durch Verunglück u ng bei Maschinen. Ich bekomme regelmäßig tabellarische Ueberstchten der BegnadigungS- gefuche vom Justizminister und dabei ist mir die Zahl auffällig gewesen der Unglücksfälle, welche ländliche Arbeiterinnen beim Maschinen- betrieb betroffen haben. Ich habe nun, wie dies auch schon ausgeführt worden ist, d i e B e g n a d i g n n g nicht mehr so leicht wie früher eintreten lassen. Nebenbei bemerkt, herrscht eine große Verschiedenheit in der gerichtlichen Beurteilung dieser Straffälle lind in dem verhängten Strafmaß. Ich ließ nun nachforschen, ivodurch eigentlich diese Arbeiterinnen— es waren vorzugsweise Mädchen bei Dreschmaschincil— umgekonnnen waren, und regelmäßig zeigte es sich, daß die Mädchen mit ihrem Rücken von den TranSmissionSwellen erfaßt und darinnen verwickelt wurden. Nun erkundigte ich mich, ob keine Schlltzvorrichtungcn da waren. Jawohl, hieß eS, nach den polizeilichen Vorschriften müsse die Welle mit einem Deckel oder einen, Kasten zugedeckt sein, aber daS war in diesen Fällen jedes Mal außer acht gelassen. ES zeigt sich also hier einerseits eine gewisse Gleich- gültigkeit seitens des Besitzers oder desjenigen, der den Betrieb zu leiten hat, gegen das Leben der von ihn, beschäftigten Arbeiterinnen...'." Erbittert und mit Erfolg wendeten sich unsere„königStreuen* Agrarier„ach und infolge dieser Rede gegen den Erlaß von UiifallverhntuiigSvorschriften. Und die Folge? Die von, Kaiser be- klagte hohe Zahl der Unfälle in landlvirtschaftlichen Betrieben betrug im Jahre 1890: 12 573, die Unfälle im Jahre 1904 sind auf die enorme Höhe von 66 003 hinaufgeschnellt. Die Zahl der in land- wirtschaftlichen Berufsgenossenschaften Versicherten und in dem Jahre 1904 verletzten weiblichen Personen allein betrug: 20 013, über- steigt also bei lveiten, die Gesamtzahl der i», Jahre 1890 in land- wirtschaftlichen Betrieben vorgefallenen Unfälle. Selbst auf die Gefahr, für monarchisch bis in die Knochen ge- halten zn werden, stimmen wir den, Urteil des deulschen Kaisers völlig bei, daß die Unfallzahl eine enonne Gleichgültigkeit des agrarischen und industriellen Unternehmertun, S gegen das Leben und die Gesundheit der von ihn, beschäftigten Arbeiter erweist. Diese Gleichgültigkeit hängt mit der Gesellschaftsordnung selbst zu- sainmen, die der arbeitenden Bcvöllerung daS allgelneinc. gleiche, geheime Wahlrecht vorenthält, aber den, ersten besten Kretin, falls er hinreichet, d befestigten Grund besitz hat, daS Recht gibt, in die gesetzgebende Körperschaft als Herrenhausmitglicd einzutreten und über ein allgemeines gleiches geheimes Wahlrecht zu schelten. daS den, besitzlosen„Kretin" ebensoviel Rechte verleihe tvie einem Kretin von Grundbesitzes Gnaden. Die fortdauernde Vermehrung der Unfälle beweist, daß die herrschende Klasse, die in, Besitz der Produktionsmittel ist, den Arbeiter lediglich als ArbeitSmaschine achtet, dessen Verunglnckung ihm n, enschlich feri, steht. Dieser Mißachtung des Arbeiters entspricht eS auch, daß die den Interessen der herrschenden Klasse dienenden Zeitungen selbst angesichts der uiigeheucren Menschen- opfer, die uns die neueste Uebersicht über die RechnungLergebnisje der BerufSgenoffenschaft vor Augen führt, von den, Segen der sozialen Gesetzgebung für die Arbeiter und von ihren an- geblichen Lasten zuungunsten der Unten, ehmer ihren Lesern erzählen. Die unerhörten Menschenopfer, die die kapitalistische AuS- beutung jahraus jahrein fordert, rufen dringend„ach reichsgesetzlicher Abhülfe. Abhülfe ist durch Beschreitung der oben angedeuteten Wege zur Beseitigung der Hauptursachcn der Unfälle möglich. Wer wie die bürgerlichen Parteien diese Wege zu betreten hindert, ist moralisch schuldig an dem Tode und der Verunglückung von Tausenden von Arbeitern, die alljährlich auf dem Schlachtfeld der Arbeit Leben und Gesundheit verlieren. Die Revolution in Rnfzlftttb. Moskau. Heute, den 12./25. Januar, ist der 131. Jahrestag der hiesigen Universität. Vor einem Jahre wurde wie jedes Jahr dieser Tag unserer alwa nmtsr in bekannter„nniversitätischer" Form gefeiert. Seit dem Petersburger„Blutsonntage" ist diese akademische Lehrstätte geschlossen. Wie im ganzen Reiche, so auch hier, wurden voriges Jahr solidarische Sympathiekundgebungen für das freiheilS- kämpfende Proletariat veranstaltet und die Folge war, daß seitdem kein Unterricht mehr abgehalten werden konnte. Man verspricht Ivohl am 13. dl M., den Kriegsbelageriingszustand zu beseitigen, trotz alledem wird die Universitätt geschlossen bleiben n wissen. Es ist wohl eine Majorität der Musen-Söhne, welche bereit sind, ihre Studien fortzusetzen, aber der sogenannten.uunlhigen Elemente" Freiheitsgedanke sollte unbedingt mit ihrer„bösen Politik" den ruhigen Gang der Vorträge stören. Noch mehr: dann sollten diese „Handvoll Revolutionäre"— wie sie allüberall stets bezeichnet werden— Gelegentheit haben, ihren umstürzlerischen Gesiimnngen freien Lauf zu gebe» und„frische ausständische Pläne" zu schmieden. Der jetzige Generalgouverueur. Blutadmiral D u b a t o w soll die Ruhe und Ordnung mit Kanonen und Gewehrmaschinen, welche mehrere Tauscnde Opfer niedergemetzelt haben, ivie er in seinen Bekanntmachungen an die so„wohlgesinnten und zarentreuen Ein- wohner" schreibt, hergestellt haben, und vor den„Handvoll Revolutio- »ären und bösen Menschen", welche sich noch hier und da versteckt auf- halten, hat man keine Bange. Er wird, bei ihrem ersten Versuch wiederum Barrikaden zu bauen, im ersten Anfange mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Aufstand unterdrücken... Es sind dem heroischen „LandeSadmiral" aus den„Schwarzen Hnndertkreisen"— man sagt— viele Tanksagungsadresseu für seine Tüchtigkeit, die Stadt mit Blut zu überschwemmen, zugegangen. Eine erst gestern, welche ihn herzinniglich bittet, diesen Kriegszustand überhaupt nicht aufzuheben, denn. unter so einem Zustande kann keine revolutionäre Bewegung zustande komnien und das ruheliebendende friedliche Bürgertum sei seines angenehmen Lebens gesichert... Das Moskauer„Bügertum" und die.Blutfreunde" haben bei den Vorarbeiten für die Dumawahl sehr eifrig gearbeitet. Aber die Erfolge spotten ihrer. Von den 130 000 Wählern, welche dem 11. Dezcmber-Gesetz zufolge als Wähler zulässig sind, haben— nur 31 961 Männer vom Wahlrecht Gebrauch gemacht. Dies zeigt, daß >ulr ctiva 24,38 Proz. der„ruhigen" und„treuen Bürger" gewillt sind, init so einer Duma zufrieden zu sein. Die Duma soll bestimmt, wie heute verlautet, spätestens bis zum 1. Mai„fertig" sein. Es werden unter anderem 16 verschiedene Parteien aufgezählt, die an der Duma teilnehmen werden. Die Parteien sind: 1. Die Monarchisten, welche Diktatur verlangen, 2. der Vaterlandsbund, 3. die mäßigeren Monarchisten, 4. die Nationalisten(Staats- sozialisten), 5. die Partei der rechten Ordnung, 6. der Verband des 17. Oktober, 7. die Handels- und Jndustrie-Partei, 8. die progressiven Oekonomiften, 9. die gemäßigt progressive Partei, 10. die Konstitntionell-Demokraten, 11. die Freidenkenden, 12. die Radikalen, 13. die Volks-Arbeiterpartei. 14. die Sozialdemokraten. 18. die Sozialisten-Revolutionären und 16. die Anarchisten. Diese 16 Par- teien werden in vier gleiche Teile geteilt und dann ergeben sich vier Gruppen, nämlich: Bureaukraten, Bourgeoisie. Intelligente und Sozialisten. Von der letzten Gruppe kann augenblicklich gar keine Rede sein, den» die Revolutionären und Radikalen werden unauf- haltsam verfolgt, verhaftet, verbannt und in unzähligen Fällen kurzerhand niedergeschossen. Die den Totentanz feiernden Bluthunde denken noch in ihrer letzten Todesstunde den Staat vom Untergang glücklich gerettet zu haben.— Vom Minister des Innern wurde den Moskauer Polizeibeamten anstatt des Weihnachtsgeschenkes für die 101„aufrührerischen" Tage folgende Gratifikation verteilt: dem gewesenen Stadtoberhaupt Generalleutenant v. M e d e m täglich 3 Rubel(also 303 Rubel 1). den ältesten TichinownirckS und anderen Beamten— 2 und den jüngeren 1 Rubel pro Tag. Leider, augenblicklich bin nicht inistande, die Zahl„solcher" wohlbedachten„Herren" anzugeben, um zu sehen, was für eine nette Summe diese„Geschenke" ausmachen. Zurzeit arbeiten fast alle Fabriken; wann die während der Moskauer Bluttaze vom 8.— 17. Dezember bombardierten Fabriken ihre Tätigkeit aufnehmen werden, vermag nur die Zukunft zu zeigen. Die Arbeitslosigkeit ist eine große.— Bis Neujahr zählte man zirka 80 verbotene Zeitschriften und periodische Ausgaben und mehrere Dutzende arretierter Redakteure und versiegelte Druckereien. ZeitungS- Verbote und Redakteurarretterungen stehen auf der Tagesordnung. Nicht allein die Zeitungsverkäufer verbotener Zeitschriften werden ein- gesperrt, sondem auch ihre— Käufer. Die Wiederherstellung der Ordnung meldet die offiziöse Petersburger Telegraphenagentur: Moskau. Nach einer Berechnung des Semstwo werden 26 Millionen Rubel nötig sein, um der von der Hungersnot be- tröffe wen Gegend zu Hülfe zu kommen. R i g a. Dreißig Mitglieder der lettischen revolutionären Banden, darunter zwei Führer, sind verhaftet worden. Die Ordnung in ijivland ist wieder hergestellt. Fünf Insurgenten wurden er- schössen.— Die militärische Aktion in Kurland wird mit Energie und Erfolg durchgeführt. Sechs Insurgenten sind erschossen worden. Minsk. Eine gegen den Gouverneur geworfene Bombe erplodierte nicht. Mehrere Personen, welche Revolverschüsse ab- gefeuert hatten, sind verhaftet worden. B a t u m. Der Tclegraphendienst und der Passagierdienst auf der Eisenbahn ist wieder hergestellt. Es sind Truppen eingetroffen. G o m e l. Der Hauptteil der Stadt wurde durch Feuer zerstört. Die bedeutendsten Läden und der Bazar wurden geplündert. In verschiedenen Distrikten der Gouvernements Kursk, Poltawa und Tschernigow ist infolge energischer Maßnahmen die Ruhe wieder hergestellt. Die Führer der revolutionären Bewegung find ausgeliefert worden. Aus TifliS wird gemeldet: Zwei Bataillone haben Tschatury beietzt. welches emen Schlupf- Winkel der Aufständischen bildet, die jetzt auS verschiedenen Orten des Gouvernements KutaiS fliehen. Die Truppen verlegen ihnen den Weg nach Adsharicw und Pott. Beim Generalgouverneur Alichanow erscheinen viele Abordnungen und bitten um Gnade. Wie der„Invalid" meldet, ist die Wiederherstellung der gesetz- lich-n Ordnung in Sibirien in vollem Gange. In technischer Be- ziehung bedürfe eS noch der Vervollständigung des Vorrates von Heizmaterial und der Ausbesserung einer gewissen Zahl von Lokomotiven, welche von den Streikenden nicht gegen den Frost geschützt lvaren. Die Rückbeförderung der Mandlchurei-Annee sei nunmehr gesichert.„.. Alle diese Mitteilungen erinnern in ihrer Form und Herkunft berzlveifelt an die bekannten SiegeStelegranime aus Ostasien, mit denen Rußland seine Gläubiger während deS Krieges zu trösten versuchte. DaS eine lasten sie ohne jeden Zweifel erkennen: so eifrig die russischen Behörden an der Beruhigung arbeiten. die St u h e ist jedenfalls nicht hergestellt. Braucht es in einem beruhigten Lande standrechtliche Hinrichtungen? lieber London wird gemeldet: In Zarskoe-Sselo wurden, laut Petersburger Meldungen, Massenverhaftungen vorgenommen. Der Park des Zaren wird noch schärfer als früher bewacht, da e,n Anschlag gegen den Zaren entdeckt worden ist.______ politifcbe OebeiTicbt. Berlin, den 29. Januar. Die Unterstützung des Grundbesitzes und die Erdrosselung der Hülfskaffen. � Die beiden Vorlagen, die den Reichstag in der heutigen Sitzung beschäftigten, präsentieren sich als reaktionäre An- schlage schlimmster Art. Unzweifelhaft ist sowohl die Armen- gesetzgebung, deren Ausführung leider den Einzelstaaten über- lassen ist, als auch die Versicherungsgesetzgebung und speziell die Krankenversicherung reformbedürftig im höchsten Grade. Reformbedürftig nicht etwa nur vom sozialdemokratischen, sondern fast noch mehr vom Standpunkte jener bürgerlichen Politiker, die in der sozialen Gesetzgebung ein wichtiges Mittel zur Erhaltung der heutigen Staats- und Gescllschafts- ordnung erblicke». Statt nun aber endlich eine Rcichsarmen- gesetzgebung einzubringen und die oft geforderte häufig vcr- sprochene Reform der Versicherungsgesetzgebung in die Hand zu nehmen, kommt die Regierung mit zwei Gesetzentwürfen, die den bestehenden Zustand, statt zu verbessern, der- schlechtern! Gegen die verhaßten Großstädte richtet sich die Novelle zum Gesetz über den Unter st ützungs- Wohnsitz, die— zum ausschließlicher Vorteil der Agrarier und der agrarischen Korporationen— die ftrift für den Verlust des Unterstützungswohnsitzes beschränkt und das Alter für seine Erwerbung herabsetzt. Gegen die p r o l e- t a r i s ch e Selbstverwaltung ist der andere Gesetz- entwurf gerichtet, der unter der Vorspiegelung eines Kampfes gegen die Schwindelkassen den freien Hülfskasscn das Lebens- licht auszublasen trachtet, indem er sie der erstickenden Auf- ficht des Aintcs für Pnvatoer'''rf>erung überantwortet.— Die Gefahr, daß die e r st e Novelle angenommen wird, ist größer, als die Aussichten der zweiten sind. Zentrum und Natioualliberale haben, wie unser Fraktionsredner Ge- nosse H e r z f e l d ausführt, längst alle Widerstandskraft gegen agrarische Forderungen eingebüßt. Welcher Art die Armen- pflege auf dem platten Lande ist, tvies unser Redner an einigen drastischen Beispielen schlagend nach. Der Fürst von Schaumburg-Lippe, dessen Privatgüter den Umfang seines Miniaturfürstentums um das mehrfache an Flächeninhalt übertreffen, besitzt ein Gut in Mecklenburg, auf dem die Witwe eines 40 Jahre als Gutsarbeiter tätig geweseneu Mannes eine tägliche Unterstützung von sage und schreibe 18 Pf. bezieht. Und da wundern sich die Agrarier noch über die Leutenot! Genosse H e r z f c l d gab die beiden einzigen Mittel gegen die Leutenot an: Koalition srecht für die ländlichen Arbeiter, demokratisches Wahlrecht für die Einzellandtage und für die Organe der Selbstverwaltung. Es war naturgemäß, daß er in diesem Zusammenhange des roten Sonntags gedachte; die Erwähnung der blutigen Absichten gewisser scharfmacherischer Kreise erweckte ein bestätigendes Wutgeheul auf der Rechten. Daß die bürgerlichen ostelbischen Granden S ch i ck e r t und G a in p über die neue Untersttzungsaktion zugunsten der Strohdachflickenden entzückt sind, versteht sich am Rande; indessen vermuten Herr G a m p und der süddeutsche Bauern- bündler Wolfs, daß die Herabsetzung der Erwerbungsfrist sich schließlich als zweischneidig erweisen könne und sie wollen daher erst abwarten, wie der Hase in der Kommission läuft. Graf Posadowsky empfahl noch einmal das Geisteskind seiner Gcheimräte. Die Freisinnigen Ablaß und S ch r a- der sprachen mit einiger Entschiedenheit gegen das Gesetz, während das Zentrum den lakonischen Worten der Pythia von Köln, des Herrn T r i m b o r n, nichts hinzuzusetzen für gut befand. Auf Antrag des Genossen Singer ging die Vor- läge an eine einundzwanziggliedrige Kommission. Die Beratung über die zweite Verschlechte- rungs Novelle wurde nicht zu Ende geführt. Der neu- gewählte Zentrumsvertretcr für Essen, Giesberts, mußte sich seinen Arbeiterwählcrn zuliebe mit ziemlicher-Schärfe gegen den Entwurf wenden, bei dessen Geburt seine Partei Hebammendienste geleistet hat. Auch der Freisinuige Mug- d a n, dem noch niemand Begeisterung für proletarftche Selbstverwaltung nachgesagt hat, zeigte sich erschreckt durch das Uebermaß an reaktionärer Gesetzmacherer. Am schärfsten war natürlich die Kritik, die Genosse Lösche übte. Er zer- fetzte unbarmherzig das heimtückische Gesetz samt fernen dürftigen Motiven- Das Gesetz will angeblich die Schwindel- kassen' treffen' in der Tat reichen die bestehenden Be- stimmungcn völlig aus, diese Snmpfblute auszurotten— wohlverstanden, wenn man die Bestimmungen a n w e n d e t. Die Schwindelkassen nennt man. die soliden Hülfskaffen meint man Mit ihrer Abschlachtung soll der bcthlcheniitische Kindermord beginnen, den man gegen die unter Selbstver- waltung stehenden Kassen eingestandenermaßen beabsichtigt. — In seiner Entgegnung trieb der Staatssekretär Graf Posadowsky ganz oikenbare Spiegelfechterei. Er donnerte gegen die Schwindelkassen, die niemand verteidigt hatte, und bestätigte durch beredtes Stillschwergen den Nach- weis, daß zu ihrer Bekämpfung die bestehenden Bcstrm- mungen ausreichen. Am Dienstag geht die Beratung werter.- In vorgerückter Stunde. Zur Feier des Geburtstages Wilhelms II. fand am Sonnabend abend im Reichstag ein F e st e s s e n statt, bei dem der Präsident des Reichstags, Graf Ballestrem den Toast auf den Kaiser ausbrachte. Dieser Toast muß in ziemlich vorgerückter Stunde ausgebracht worden sein, denn er bestand in einer in einzelnen Teilen so wundersamen Rede, daß man, wenn sie nicht auch in der offiziösen„Nordd..lllg. Ztg." stände, vermuten möchte, ein Witzbold habe wieder einmal— wie kürzlich bei der angeblichen Ansprache an Hellmut Moltke II.— den„Simplizissimus" geplündert! Im Anfang und Schluß des Toastes war Graf Ballestrem wieder einmal bemüht,„in Demut zu ersterben". Das Mittelglied jedoch bildete eine Erkursiou auf das Gebiet der hohen oder Weltpolitik, die dem Präses jeder studentischen Biertafel Ehre gemacht hätte. Graf Ballestrem sagte: „Der Kaiser hat femer persönlich mit dazu beigetragen. daß verschiedene M i ß v e r st ä n d n i r s c in der marokkanischen Frage, die zu einem schlechten Ende hätten führen können, doch aufgeklärt und beigelegt worden sind.— Seit Kaiser Karl V. hatte kein deutscher Kaiser afrikanisches Gebiet betret e n. ES war unserem Kaiser vorbehalten, dieses wieder einzuführen, indem er die berühmte Landung in Tanger machte und dadurch mächtig dazu beittug, die Marokkofrage, die in Fluß war, in ein Kielivaffer zu lenken, das uns günstig war. Meine Herren! Unser Kaiser hat aber auch noch immer den Kummer gehabt, daß der schivere Kampf in Südivestafrika noch nicht ganz beendigt ist. Unsere Truppen und unsere Offiziere tun ja Wunder von Tapferkeit und sie zeigen, daß die Armee noch so beschaffen ist, wie sie ans den großen Kriegen hervorgegangen ist, daß sie keinerkei Einbuße an ihrer Tüchtigkeit und an ihrer Tapferkeit erlitten hat, aber der Krieg hat viele und schivere Opfer gefordert. Jetzt ist ja Aussicht, daß die Sache doch endlich einmal zu einem guten Ende kommt, und. wenn Gott uns so lange leben läßt, daß ivir das nächste Jahr wieder hier an diesem Tage zusammen- kommen, dann wird es vielleicht so weit sein, daß auch dort Friede herrscht, wie es der Friedenskaiser wünscht. Meine Herren! Um aber den Frieden zu erhalten, den Frieden nicht nur in Europa, sondern in der Welt— denn es wird jetzt Weltpolitik getrieben, und es kann auch nichts anderes getrieben werden—, muß man stark sein. Man muß so g e r ll st e t und gewappnet sein, daß man jeden, der den Frieden leichtsinnig st ören will, aufs Haupt schlägt und ihn zwingt, den Frieden zu erhalten. Das werden die anderen Mächte auch schon ttm, ohne daß man sie geradezu aufs Haupt zu schlagen braucht, wenn sie nur wissen, daß sie, wenn es nötig wird, geschlagen werden, und zwar geschlagen werden init den tauglichen Werkzeugen, mit der ersten Armee der Welt und mit einer im Aufschwung befindlichen Flotte." Der Bericht verzeichnet hinter dem letzten Absatz dieser Rede ein„Lebhaftes Bravo". Man hat so viel über den Niedergang des Niveaus des Reichstags geklagt— die Rede seines Präsidenten und der ihm gespendete Beifall bilden sicherlich keine Entkräftung dieser Klagen! Nach der Meldung eines Blattes aus Paris soll Ballestrems Rede in französischen Kreisen unangenehm berührt haben. Man frage sich, was Deutschland dazu sagen werde, ivenn Doumer in gleicher Weise sprechen werde. Diese französische Verstimmung ist nur zu begreiflich. Man glaubt eben in Frankreich, daß ein Mann, der der parlamentarisch stärksten Partei des Deutschen Reiches angehört und von der großen Mehrheit des Hauses zum Präsidenten des Reichstags gewählt worden ist, auch eine Persönlichkeit von politischem Takt und politischer Reife sein müsse. Das mag ja auch für. andere Länder zutreffen; im deutschen Reichstag braucht man eben nur eine souveräne Verachtung für die Geschäfts- ordnung zu besitzen und in Demut ersterben zu können, um für den Posten des 1. Präsidenten der Volksvertretung als hinlänglich qualifiziert zu erscheinen l— Arbeiter- und Bauernmord in Ungarn. Ans Budapest wird uns vom 23. Januar geschrieben: Wie wechselvoll auch daS politische Wetter in Ungarn ist, eines bleibt sich im Lande der Betjaren gleich: Die Mißachtung des menschlichen Lebens, die sich in unaufhörlichen Morden offenbart. Auch ohne Revolution werden in Ungarn von den Verttetern der „Obrigkeit" im Jahre so viel Menschen erschossen und totgestochen. daß die Zahl der im tiefsten Frieden ermordeten Staats- bürger den Verlusten einer mittleren Schlacht gewiß gleich- kommt. Das Unglaublichste ist aber die absolute Glcichgülttgkeit, ioclche die offizielle Politik solchen schrecklichen Ereignissen entgegen- bringt. An zwei Tagen der letzten Woche sind in Ungarn von den Gendarmen 26 Menschen totgeschossen worden. Das würde in jedem Staate die tteffte Bewegnng auslösen, und die öffentliche Meinung würde daran nirgendwo achtlos vorübergehen. In Ungarn vcr- zeichnen das die Zeitungen als ein lokales Ereignis— zehn, fünf- zehn enggedruckte Zeilen unter den Tagesneuigkeiten— daS ist alles, Wenn man so ein Budapester Blatt in die Hand nimmt, wird man feiten- lange Betrachtungen über die„Lage" lesen, jeder Sttnnpfsinn der Budapester Klubpolittker findet liebevollste Aufuahnie; von den traurigen Verhältnissen dieses wirtschaftlich ganz heruntergekommenen Landes steht nirgends ein Wort. Das ganze Zeitungsgeschwister schwätzt unausgesetzt von„Freiheit", aber daß Arbeiter und Bauern ununterbrochen gemordet werden, berührt sie und ihre Schwindel- Politik nicht im geringsten. Bekanntlich nimmt daS Koalittonsgelichter jetzt den Mund voll mit Redensarten von«Verteidigung der Verfassung" und„Schutz der Komitatsautonomie", die das Bollwerk der Freiheit der Natton sei. Wenn man die politische Gaunersprache versteht, weiß man freilich, daß es sich um die Verfassung der Oligarchie und>ücht um die des Volkes bandelt, und daß von Rechten des Volkes der Munizipalautonomie schon gar nicht die Rede ist; haben doch die Dorf» gemeinden nicht einmal das Recht, einen Ortsrichter nach ihrem Be» lieben zu wählen. Wohl gibt es hierzulande Ortsrichterwahlen, aber „gewählt" kann nur werden, wen der S t u h l r i ch t e r kandidieren läßt. Die Stuhlrichter sind jetzt die eifrigsten Silltzen der Koalition, und wie diese VerfassungSbetjaren die„Freiheit der Nation" versteden, das war wieder einmal bei einer OrtSrichterloahl in Bilks (Komitat Ugocsa) zu ersehen. Diese Wahl war für den 13. d. Mts. anberaumt; die Bauern wählten einen gewissen Georg Gorzo, der Bezirksstuhlrichter Siegmund J o erklärte jedoch den bisherigen OrtSrichter Alexander Orban als gewählt. Die Menge forderte erregt, die Abstimmung möge vorgenommen werden und erklärte, den Stuhlrichter nicht abreisen zu lassen, ehe er ihren Vertrauensmann vereidigt habe. Der Stuhlrichter verständigte iiun daS Jlonczaer Stuhlrichieramt von der Sachlage und wartete in der Notarskanzlei, bis zehn Gendarmen ankamen, die sofort in die Menge keuerten. Sechs Pauern wurden sofortgetötet und viele andere verwundet. Von den Verwundeten sind weitere z e h n M a n n g e st o r b e n, so daß diese Ortsrichterwahl s e ch- zehn Menschenleben gekostet und siebzig Kinder ihrer Et» nährer beraubt hat. Der Vizegespan hat wohl gegen den Mörder Siegmniid Jo die Disziplinaruntersuchung angeordnet, aber das Ergebnis dieser Untersuchungen pflegt der Be- fund zu sein, daß die Gendarmen(gegen die wehrlosen Bauern) von der Waffe Gebrauch machen„mußten".... Der zweite Mord betrifft Arbeiter. In einer Eiscnfabrik in Nandorbegy beruft ein Arbeiter die Kollegen zu einer Besprechlmg, um die an den Betrieb zu stellenden Forderungen zu erörtern. Die Fabrilleitung(die osnziellen Telegramme verschweigen diskret den Namen der sauberen Unternehmer) verbietet ihn, die„weitere Auf- reizung der Arbeiter". Der Arbeiter tritt aus und setzt natürlich die Agitation erst recht fort. Ein Teil der Arbeiter strcilt und hält eine Beiprechniig ab. in der die Entlaffung von zwei Spitzeln gefordert wird, die den Vertrauensmann denunziert hatten. In diese Besprechung dringen die„auf dem Sck'auplatz erschienenen" Gendarmen ein und verhaften den Vertrauensmann.' Die Arbeiter machen Miene, ihren Führer zu befreien. Alto sind die Gendarmen„genötigt", von den Waffen.Gebranch zu machen". Sie feuern in die Menge; Resultat: neun Arbeiter bleiben tot auf dem Platz, zwei werden tödlicki verletzt, vierzig mehr oder lveniger schwer verwundet. Was verfügt die Staatsgewalt? Der Ober- stuhlrichter läßt 100 Mann Infanterie kommen, die Streikenden werden in die Fabrik zurückgetrieben, in den Bndapester Blättern erscheint eine Notiz, und die Sache ist erledigt. Im übrigen interessiert man sich weiter dafür, waö Herr Polonyi über die„Lage" und Herr Banffy über die Krisis sagen... Es ist wohl der größte Beurteilmigsfehler der europäischen Oeffentlichkcit, daß man in Europa unser Ungarn für einen zivili- fierten Staat hält. Reichstag, Verfassung, die Reden von„Freiheit" und„Liberalismus" sind nur Tünche. Dahinter steckt aber noch die ganz ursprüngliche Barbarei des Orients. .' Deutfchee Reich. Unfaßbar. Am 14. Januar verbreitete unsere Partei in ganz Preußen ein Flugblatt, das sich gegen daSDreiklaffenwahIuiircchtimpreußischenLand- tage richtete und zu gleicher Zeit zu imposanten Protestdemonstrationcit am 21. Januar aufrief. Ucberall waren Polizei und Landgendarmen tätig, diese Flugblätter zu konfiszieren und unsere Parteigenossen als Verbreiter derselben festzustellen. Die Verbrechen, die sie begangen haben sollten, waren fürchterlich genug. Sie sollten durch Verbreitung des Flugblattes sich schuldig gemacht haben der Weitertragung von Beleidigung des Landtages, der Aufforderung zu Gewalttätigleiten und der Verächtlichmachung von Staats- einrichtungen. All' die schönen Hoffnungen, den Verfasser, den Verleger und die Verbreiter des Flugblattes hinter Schloß und Riegel zu bringen, sind gestört. Vor uns liegt folgender B e s ch l u tz: In der Strafsache gegen P. und Genossen wegen Beleidigung wird der Beschluß des Amtsgerichts Kalkberge vom 14. Januar 1806, betreffend die Beschagnahme der Exemplare der Druck- schrift„An das Preußische Volk" auf die Beschwerde des ver- antwortlichen Redakteurs Preczang vom 22. Januar 1906 aufgehoben, da nicht hinreichender Verdacht dafür vorliegt, daß die in der Druckschrift enthaltenen Angriffe sich gegen die Mitglieder des Landtages persönlich richten und im übrigen die Erteilung der Ermächtigung aus Z 197 Str.-G.-B. sehr zweifelhaft erscheint. Auch eine Verurteilung aus §§ 130, 131 Str.-G.-B. dürfte nicht zu erwarten sein, da einerseits die Aeußerung zu Gewalttätigkeiten, andererseits das Bewußtsein von der Entstellung oder Erdichtung der Tatsachen nicht nach- zuweisen sein wird. Berlin, den 22. Januar 1906. Königliches Landgericht II, Strafkammer 6. sUnterschristen.) Die große Staatsaktion ist verpufft.— Trotz aller Konfiskation unserer Flugblätter ist der Demonstrationstag wunderbar verlaufen; vielleicht gerade darum! Auch die Kriegsvorbercitungen am 21. Ja- nuar trugen nicht zur Einschränkung, sondern zur Erhöhung des Ein- druckes bei. Nun ist nicht einmal eine nachträgliche Rache an den Veranstaltern dieser Demonstration mehr möglich. Das Flugblatt ist unfehlbar, seine Verbreiter sind unfaßbar— dir Sozialdcm»- kratie ist unfaßbar!—_ Staatsanwaltliche Staatsrettung in Permanenz. Wie uns aus Leipzig telegraphisch gemeldet wird, hat die Leip- ziger Staatsanwaltschaft abermals zwei' Artikel der„Leipziger Volks- zeitung' auss Korn genommen: eine Notiz gegen die Berliner Scharfmacher und Hamburger Wahlrechtsräuber in der Nummer vom 20. Januar und den Leitartikel in der Nummer vom 27. Januar, der die hohle Großmäuligkeit des preußischen Jmikertums brandmarkt. Was in diesen beiden Artikeln Strafwürdiges enthalte» sein soll, ist uns völlig rätselhaft. Die erste Notiz hängt die bübische Unanständig- keit eines Berliner Blattes niedriger, das die Hamburger Sozial- demokratie dafür verantwortlich machte, daß bei jenen Exzessen des Hamburger Janhagels, die die Hamburger Polizei durch eine sträf- liche Unvorsichtigkeit selbst provozierte,„vielleicht auch mancher bis dahin ehrliche und unbescholtene Mensch zum Diebe geworden" sei. Sie macht dazu die äußerst zutreffende Bemerkung, daß sich die von dem Scharfmachertum bemitleidenden„kleinen Diebe" ja bei den „großen Dieben", den Hamburger Wahlrechtsräubern für ihr Schicksal bedanken könnten.— Der Leitartikel der letzten Nummer unseres Leipziger Bruderorgans stellt höchst zeitgemäße Be- trachtungeu darüber an, wie unzeitgemäß doch das schone Gedicht von Justin, t» Kerner geworden sei, wonach die„mit viel schönen Reden"„ihrer Länder Wert und Zahl" preisenden Fürsten dem Herzog Eberhart mit dem Barte,«Württembergs geliebtem Herrn", schließlich doch den Preis zuerkannten, da er allein sich habe rühmen können, daß er sein schutzloses Haupt jedem Untertan in den Schoß legen könne. Nach den furchtbaren Rüstungen des 21. Januar werde dies Gedicht, das ehedem eine Perle des Schullesebuchs gebildet habe, ja ivohl endgültig gestrichen Iverden müssen! Diese Betrachtungen mögen ja denen, die sich getroffen fühlen, höchst bitter sein, allein irgend etwas Strafbares enthalten sie nicht! Die Leipziger Staatsanwaltschaft sollte sich doch nicht übernehmen. Ein paar Anklage» wegen Preßvergehens bringen eine ganz hübsche Abwechselung in das trostlose Einerlei eines ftaatSanwaltlichen Daseins; um jedoch gleich ein ganzes Schock solcher Anklagen nicht ganz ohne Geist und Grazie durchzuführen, dazu gehört doch etwas mehr als die landläufige Routine.— Gegen Bolksentrechtung und Bolksknrchtung. Die im Altonaer Polizeibezirk wohnenden Arbeiter haben ihre Demonstration gegen das Dreiklassenparlament erst acht Tage später abhalten können, weil der Polizeigewaltige die für den 21. Januar angesetzten Versammlungen für Altona, Ottensen, Langenfeld und Lockstedt für so staatsgefährlich hielt, daß er sie auf Grund des Allgemeinen Landrechts verbot. Aufgeschoben war aber nicht auf- gehoben, denn die mit der Leitung der Agitation betrauten Genossen meldeten zun, letzten Sonntag sieben Demonftrationsversammlungen an, die nicht verboten wurden. Die Polizeigemüter haben sich inzwischen beruhigt, doch hatte man immerhin noch Vorsichts- maßregeln getroffen, um nötigenfalls mit«fester Hand" eingreifen zu können. Zwar hatte man kein Militär requiriert, Wienau, roten Sonntag, wo das Rathaus von starken Militärposten bewacht wurde, aber die sich stark genug fühlende Polizei war in den Straßen zahl- reich vertreten. Die hinuntergelassenen Sturmbäuder der Polizisten deuteten auf den„Ernst" der Situation hin. Die Säbel brauchten aber nicht ans den Scheiden gezogen zu werden, es verlief in bester Ordnung, für die unsere Genossen selber Sorge trugen. In �Altona sprach in den„Blumensälen" vor 3000 Personen Genosse F r o h m e. im„Palmensaal" vor über 1000 Personen Genosse Görlitz und im„Sternensaal" vor 1200 Personen Genosse Emil Fischer; in Ottensen fanden zwei Versa»,»,- luugen statt, die je von über 1000 Personen besucht waren und in denen Genosse von Elm und Genossin S t e i n b a ch sprachen; in Stellingen- Langenfelde und in L o ck st e d t waren die Versammlungen ebenfalls sehr stark besucht, das Referat hielten die Genosse H a g g e und Grobleben. In allen Versammlungen wurden die preußische Reaktion und deren Schutzwall, das Dreiklassenwahlsystem, gebührend beleuchtet und laut die Forderung des allgemeinen, gleichen, direkten und ge- Heimen Wahlrechts für das preußische Parlament erhoben. Die bekannten Resolutionen, welche die Einführung diese? Wahl- rechts verlangen und den russischen Freiheitskämpfern die Sympathie der deutschen Arbeiterschaft ausdrücken, fanden überall einstimmige Annahme. Ferner wurde gegen den dem Reichstage vorliegenden Tabaksteuergesetzentwurf protestiert. Auch fanden Tellersammlungen zugunsten der russischen Freiheitskämpfer statt.— Zur Fleischnot. Eine von der städtischen Verwaltung in Krefeld herausgegebene Uebersicht über den dortigen Vieh- und Fleischmarkt in den beiden letzten Jahren beweist, daß auch dort die Fleischpreise ganz enorm gestiegen sind. Und� zwar stiegen die Schweinepreise in, Engroshandel von 57 M. pro 50 Kilo für gute Ware auf 74 M. im Jahre 1905. Im gleichen Verhältnis stiegen die Preise auch im Kleinhandel, nämlich von 1,50 M. pro Kilo auf 1,83 M. Daß durch diese Preissteigerung der Konsum des Fleisches eingeschränkt wurde, ist selbstverständlich, besonders ging der Verbrauch an Schweine- fleisch sehr zurück. Während im Jahre 1904 die Zahl der Schweine- schlachtungcn 30 457 betrug, sank diese Ziffer im Jahre 1905 auf 24 683. Die Einfuhr geschlachteten Viehes aus Holland wird durch die Nähe der Grenze sehr begünstigt und machte die vermehrte Ein- fuhr im Jahre 1905 den Ausfall in etwas weit. Es betrug nämlich die Einfuhr im Jahre 1904 nur 4370 Schweine gegen 7776 im Jahre 1905, doch war der Ausfall noch immer 2368 Stück. Würde in der Uebersicht nicht allein nach Stückzahl, sondern auch nach Ge- wicht berechnet worden sein, dann hätte man»och ganz andere Zahlen zum Nachteil des Jahres 1905 herausbekommen. Denn durch den Viehmangel ist im letzten Jahre sehr viel unreifes Vieh ge- schlachtet worden.— Bemerkenswert war die viel größere Zahl an Pferdeschlachtungen gegen das Borjahr. Gedenket des Jahres 1866! Aus Bayern wird uns ge- schrieben: Der fromme„Reichsbote" sucht dem bayerischen Prinzen Ludwig mit dem Hinweis einzuheizen, daß die Sozial- demokraten auch vor dem Hause Wittelsbach nicht Halt machen werden. Die gutgesinnte preußische Presse täte gut, solche Mahnungen nicht»ach Süddeurschland zu richten, denn wem, man hier vom Thronumstllrze» hört, so denk, man immer zuerst an den höchstseligen König Wilhelm. der Anno 1866 auf diesem Gebiete eine so große Fertigkeit ent- wickelte.— Der sozialdemokratische Abgeordnete Goldstei» brachte im sächsischen Landtag der zweiten Kammer eine Interpellation ein, in der die Regierung wegen der Versammlungsverbote am 20. und 21. Januar befragt wird. Vorschriftswidrige Soldatenliebe. In geheimer Sitzung verhandelte das Oberkriegsgericht N ü r n- b e r g gegen den Oberleutnant Joseph Oppclt und den Soldaten Ludwig Böhm vom 10. bayerischen Infanterieregiment wegen Ver- geHeus gegen§ 175 des Reichsstrafgesctzbuches. Auf Grund dieser Bestimmung hatte am 13. November 1905 das Gouvernemcntsgericht Ingolstadt den Leutnant zu zwei Monaten Festu gshaft verurteilt, während es den Soldaten freisprach. Hiergegen hatte der Gerichts- Herr Berufung zum Oberkriegsgericht Nürnberg eingelegt, das zu seiner Verhandlung nicht einmal die Vertreter der Presse zuließ. Das Urteil geht dahin, daß der Soldat Böhm eines Sittlichkcits- Verbrechens nicht schuldig sei und es daher beim Freisvruch sein Be- wenden babe, Oberleutnant O p p e l t dagegen habe sich zwar sitt- l'che Verfehlungen zu schulden kommen lassen, die aber strafgcsetzlich nicht zu fassen seien, indessen sei darin eine vorschriftswidrige Be- Handlung eines Untergebenen zu erblicken, weshalb er zu zwei Mo- naten Gefängnis und zur Entfernung aus dem Heere verurteilt werden müsse._ Wegen Misthandlung von Soldaten verhandelte das Kriegs- geeicht in Neu-Ulm gegen den Sergeanten Klein von, 12. bayerischen Infanterieregiment, Er hatte einem Soldaten mit einem Bleistift in die Augengegend gestoßen, wodurch eine blutunterlaufene Stelle entstand, ein anderer erhielt mit der Hand einen Schlag ins Gesicht, daß die Nase blutete und die Oberlippe anschwoll, ein dritter bekam Fauststöße in bie Rippengegend. Für diese Betätigung seines Heldenmutes an wehrlosen Soldaten erhielt der Stellvertreter Gottes die geringe Strafe von 15 Tagen gelinden Arrest est Hueland. Ungarn. Budapest, 28. Januar. Die Blätter stellen in Besprechung der Audienzen des Grafen Andrasiy beim Monarchen fest, daß die Aus- sichten auf Verständigung zwischen der Krone und der Nation nahezu gänzlich geschwunden seien; das Land gehe einer düsteren Zukunft entgegen. Einige Blätter ermahnen dazu, die morgige Sitzung des leitenden Ausschusses der Koalition abzuwarten, in welcher Graf Andrassy dem Führer der Koalition offiziell Bericht erstatte, worauf ein Beschluß gefaßt werden wird, den Graf Andrassy den, Könige überbringen werde.— Italic«. Wahlrechtsreform in Italien. Der„Avanti" veröffentlicht ein Manifest des Agitationskomitees zur Erringung des allgemeinen Wahlrechts, in welchem die Arbeiter aufgefordert werden, sich für den Kampf zur Erringung des allgemeinen gleichen Stimmrechts für die Wahlen zu den gesetzgebenden und Verwaltuiigskörperschaften vorzubereiten. Das Manifest ist von je zwei Genossen des Partei- Vorstandes, der parlamentarischen Fraktion und der Geiverkschafts- organisation unterzeichnet.— England. Die Wahlen. Nach den letzten Wahlergebnissen sind gewählt: 383 Libe- rale, 42 Vertreter der Arbeiterpartei, 84 Nationalisten, 135 Unionisten. Es fehlen nur noch die Ergebnisse aus vier Wahlbezirken. Dänemark. Christian tot. König Christian lX. von Dänemark ist gestern(Montag) plötzlich gestorben. Der gute Mann hat ein Alter von fast 88 Jahren erreicht»nd regierte seit dem Jahre 1863. Er hinterläßt sechs Kinder, deren ältestes, der Kronprinz Friedrich(geb. 1843), nunmehr das Dhrönchen besteigt. Berlin, 29. Januar.(W. T. B.) Auf Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Kaisers und Königs fällt der Ball im König- lichen Schloß am 31. d. M. wegen Ablebens Seiner Majestät des Königs von Dänemark aus.— Norwegen. Ein Ministcrwcchsel. Der Streit um den Lehrstuhl der Theologie an der Universität Kristiania ist zugunsten der liberalen Richtung entschieden worden, In der Staatsratssitzung am Sonnabend wurde Dr. Ording zum Professor ernannt. Unmittelbar daraus reichte der Kultusmimster Chr. Änudsen sei» Abschiedsgesuch ein, das auch sofort bewilligt wurde. Zu seinem Nachfolger ist vr. tbsol. O t t o I e n s e n ernannt, ein im öffentlichen Leben wenig bekannter Mann, von dem man jedoch annehmen muß, daß er nicht der engherzig orthodoxen Richtung angehört. Im Ministerium standen die Staatsräte Vinje und Haaerup-Bull auf Knudsens Seite; sie hielten die Sache jedoch nicht für so wichtig, ihre Aemter niederzulegen. Persten. Zeichen und Wunder. Teheran. 27. Januar.(Meldung der Petersburger Telegraphcn-Agentur,) Das hiesige Blatt„Schachin- schachi" berichtet, der Schah habe in einer zahlreich besuchten Ver- sammlung auf das Bestreben der reaktionären Hofpartei, die Preß- freiheit einzuschränken, hingewiesen und erklärt, das Gedeihen und der Fortschritt des Landes hänge ausschließlich von seinem Bildnngs- grade ab, die Presse aber fördere sehr die Bildung; er werde glück- lich sein, wenn sein Boll seiner als eines Herrschers gedenke, der dem Volkswohle keine Hindernisse bereitet habe.— Berichtigung. In unserem Eig. Ber. aus Paris(letzte Sonntags- Nummer) ist als äußerster Termin für die Deputiertenwahlen der 20. Mai angegeben. Es mutz heißen: 27. Mai.— parlamentarUchca. Die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses beriet am Montag den Etat der Justizverioaltuiig, Zunächst wurde auf das Ueberhaud- »ehmen von Hülfsrichtern hingewiesen unter Berücksichtigung dessen, daß die Vermehrung der Richter bei weitem nicht im BerhältniS zu der Vermehrung der Bevölkerung gewachsen sei. Trotz der Ver- mehrung der Richterstellen im vorigen Jahre um 199 sind am 1, Januar 1906 noch 569 Hülfsrichter zur Bewältigung der laufenden Geschäfte— außer 493 sonstigen Hülfsrichtern— notwendig gewesen. Auch die Ueberlastung der Gerichte wurde von neuem eingehend er- örtert und seitens des Justizministeriums im allgemeinen anerkaimt. ES wurde darauf hingewiesen, daß mit der Vermehrung der Richter- stellen allein dem Uebclstand nicht abgeholfen sei, sondern daß auch durch eine innere Organisation eine Entlastung der Richter von formularmäßigen Schreibarbeiten, die den Gerichtsschreibern über- tragen werden könnten, und auch eine Entlastung der Gerichtsschreiber von Kanzleiarbeiten und unnötiger Rcgisterführling erreicht werden könnte. Ferner Ivurde eine iimfangreiche Beschöftigung der Ge- fangenen bei Moorknlturen, Meliorisationsarbeiten und im land- wirtschaftlichen Betriebe befürwortet, während die Justizverwaltung dies für Justizgefangeiie nicht überall für angängig hielt. Die Frage der Eiitschädiglmg von Schöffen und Geschworenen durch Gewährung von Diäten ist noch nicht im Staatsministerium erörtert ivorden und nach Ansicht des Justizmiliisters besser durch Rcichsgesetz zu regulieren. Auf eine Anfrage von freisinniger Seite, ob der Minister es für geboten erachte, Vereinen oder Ver- cinigungen von Referendaren, die jüdische Referendare aus- schließen, das Unziemliche ihres Verhaltens zu erkennen zu geben, antwortete der Minister, daß er mit Rücksicht darauf, daß jeder Beamte sich seinen Umgang selbst wählen könne, nicht in der Lage sei, dagegen einzuschreiten.— Ans Grund der verteilten Denkschrift wurden die Verhältnisse der Kanzleigehlllfen näher erörtert und dabei festgestellt, daß in Aussicht stehe, die Bezüge staffelförmig, teils nach Zeiträumen der Beschäftigung, teils nach Servisklassen zu regeln, wobei drei Gruppen nach Maßgabe des WohnungSgeldzuschusses für die Klasse A, I und II und für die Klassen III und IV gebildet werden sollen. Unter Erhöhung des Mindestsatzes aus acht Pfennige pro Seite soll nach fünf Jahren ein Mindesteinkommen von 900 M. garantiert werden und das Höchstcinkommen mit 1705 M.(mehr 400 M,). 1860 M,(mehr 520 M.), und 1960 M,(mehr 040 M.) erreicht werden. Für die Pensionierung der Kanzleigehülfen ist ivesentlich, daß sie nach löjähriger Tätigkeit unwiderruflich angestellt werde» sollen, ivodurch sie nicht nur den gesetzlichen Anspruch auf Pension und Reliktengelder, die bisher ihnen nicht bewilligt wurden, erhalten, sondern auch nur im Wege des Disziplinarverfahrens ent- lassen werden können. Für die Pensionierung ist als Höchstgehalt der Betrag von 1860 M, maßgebend. Für die nächstjährigeil Etats ist ein Neubau für das Kammergerichtsgebäude an einer anderen Stelle geplant. Der Etat wurde unverändert angenommen. Mus der partei, Protestversaiiimlungen gegen das preußische Landtagswahlunrecht. Auch diesen Sonntag fanden im Wahlkreise Dort- mund-Hörde zwölf meistens stark besuchte Protc st Versammlungen statt, in welchen selbst- verständlich auch die b l a m a b l e n' V o r k e h r u n g e n der Regierung am letzten Sonntag gebührende„Würdigung" fanden. Ueberall wurden die bekannten Resolutionen einstimmig angenommen. Zur Stunde ist von irgendwelchen Zlvischen- fällen nichts bekannt geworden, dürften sich auch kanni er- eignen, da unsere Leute Disziplin halten und die Polizei sich meistens vernünftig zeigt. Es kommt auch vor, daß letzteres nicht der Fall ist, wie diese Woche bei der Protest- versamnilung in Hörde. In Hörde hatte bekanntlich der Bürgermeister uns alle Lokale„w e g g e m i e t c t", bis auf-eins. So hatte der Bürgermeister hinreichend Reklame für unsere Versammlung gemacht, die sich denn auch so imposant gestaltete wie kaum eine zuvor in Hörde, Den Wirten aber, die sich so bereitwillig ihre Lokale vom Bürger- meister haben wegmieten lassen, wurde dadurch gelohnt, daß ihnen am Abend des VcrsamntlungStages die Polizei- stunde auf zehn Uhr festgesetzt lvurde. Ein unerhörtes Vorgehen, Bürgermeister Evers hatte Angst, deshalb hielt er auch seine Polizei ftir Aufrechterhaltung der Ruhe und Ord- nung nicht für ausreichend und erbat und erhielt vom Oberbürge rni ei st er Schmieding der Stadt Dortmund Hülfe. Aber zu tun gab's mchts, und Herr Bürgernleister Evers hat sogar in der bürgerlichen Presse reich- lich Spott geerntet. Evers war früher in Remscheid Bürger- meister, wo er sich in der Staatsretterei ebenfalls einen Ruf erworben hat. Als seiner Zeit der Rheinische Arbeiter-Sänger- bilnd in Remscheid sein Fest feiern wollte, wußte Evers das zu hindern, indem er kurzerhand das Festzelt ab- brechen ließ._ Nicht weniger als 106 Strafmandate wegen der Verbreitung des Flugblattes zum 21. Januar„An das preußische Volk" sind bis jetzt unseren Parteigenossen in Halle a, S. von der Polizei zuge- stellt worden. Was bisher Sonntags»»gehindert geschehen konnte. soll jetzl strafbar sein. Die Polizei'scheint mit dem 2t, Januar gar nicht auf ihre Rechnung komnien zu wollen. Schließlich müssen die Arbeiter noch die Säbelschleisereie», Revolverinstandsetzlingen durch Strafmandate bezahlen. Jedoch allzu scharf gespannt, platzt der Bogen._ In Schlesien machen wir das so! 16 Prozesse hat die Staatsanwaltschaft in Breslau der dortigen„Voltswacht" im neuen Jahre schon angehängt. Einer der Prozesse gegen den Genossen L ö b e endete ja bereits mit der Ver- urteilung desselben zu der horrenden Strafe von einem Jahre. ein zweiter brachte einen Tag Gefängnis ein. Sonst ist unser Parteiblatt angeklagt wegen einer ganzen Reihe von Warnungen vor Zuzug nach bestreiklen Betrieben, Bc- leidigungen, die u. a. darin bestehen, daß in einem Gerichts- berichte scharfe Worte des Vorsitzenden gegen einen Polizisten, in einem anderen die gegen einen Nachtwächter wiedergegeben worden sind, und andere schreckliche Verbrechen mehr.— Hoffentlich müssen die in Frage kommeiiden Richter nicht neben dem Redakteur der„Bolkswacht" auf der Anklagebank Platz nehmen. RexhLuser vor seinem Kollegen! Mit dem Streit zwischen dem Redakteur Rex- Häuser und der„Leipziger Volkszeitung" beschäftigte sich Ende der vorigen Woche eine von 1000 Verbandsmitgliedcrn bc- suchte Buchdruckerversammlung in Leipzig-Reudnitz. Rexhäuser war selbst zugegen, nahm aber— soweit wir aus dein Bericht der „Leipziger Volkszeitung" ersehen— nicht das Wort. Wir übergehen d i e Erörterungen in der Versammlung, welche speziell die Buch- drucker intcressiereii, und geben nur wieder, was für die Arbeiter- schaft im allgemeinen zu wissen wertvoll ist. Als erster Redner ging D r e ß l e r auf die unangenehme Sache ein. Er wünschte, daß Schritte getan werden sollten, um das traurige Verhältnis zwischen Rexhäuser uild der„Leipziger Volkszeitung" für immer aus der Welt zu schaffen. In einer Zeit wie jetzt, wo der Kamps gegen die Gcsamtarbeiterschast auf die Spitze getrieben sei, sei es Pflicht der Buchdrucker, mit der übrigen Arbeiterschaft Hand i» Hand zu gehen. Die„Leipziger Volks- zeituug" sollte aber auch alles vermeiden, was geeignet sei, Rex- Häuser zu Erwiderungen zu veranlassen. Vorstandsmitglied Mylau ist nicht dafür, daß bei der vor- gerückten Stunde die Angelegenheit„Leipziger Volkszeitung"- Rexhäuser noch erledigt werde. Klar müßte man sich sich aber werden, daß die Art und Weise, wie in der letzten Zeit zwischen der„Leipziger Volkszeitung" und Rexhäuser polemisiert worden sei, nicht mehr so weiter gehen könne. Er gebe zwar zu, daß Rexhäuser nicht völlig einwandfrei verfahren sei, aber man dürfe ihm nicht gleich die niedrigsten Beweggründe unterstellen. Er beantrage, die Erörterung der Angelegenheit einer besonderen Versammlung zu überweise», Gauvorsteher Engelbrecht bemerkte, es käme ihm vor, als wenn die letzte Notiz der„Leipziger Voltszeitung" gegen Rexhäuser tje Fanfare fein solle gu einem rücksichiSlosen Vorgehen der„Leipziger Volkszeitung" gegen den„Korrespondent". Dem müsse cnt- gegengetreten werden, da nur die Buchdrucker die Suppe aiiSzu- löffeln hätten, die andere eingerührt. Es müßten unbedingt Nüttel und Wege gesucht werden, den Konflikt aus der Welt zu' schaffen. Er erkläre, daß es ihm, als er die letzte Notiz in der„Leipziger Volkszeitnng" gelesen habe, gewesen sei, als habe er einen Schlag tior den Kopf erhalten. Tas könne nicht mehr so weiter gehen, den Vertreter einer Arbeiterorganisation als moralisch verlumpt zn brandmarken. Di'c Unternehmer im Buchdrnckgewerbe seien die lachenden Dritten, wenn sich die Arbeiter untereinander zerfleischten. Gewiß sei von der anderen Seite(gemeint ist Rcxhäuser) nicht gerade taktisch richtig verfahren worden, indessen zu einer solchen Schreibweise, wi-> sich die„Leipziger Volkszeitnng" in der Sache be- dient habe, sei noch kein Anlaß gewesen. Der Redner bekämpfte so- dann den Vorschlag, in einer besonderen Versammlung den Konflikt zu behandeln. Aber ein Weg der Verständigung müßte gefunden werden. Engelbrecht verlas danach einen Antrag, den Gauvorstand mit der Einberufung einer Sitzung zu beauftragen, zu der die Re- daktion der„Leipziger Volkszeitung" und die„�Korrespondent"- Redaktion hinzugezogen lverdcn sollen. Ferner verlas er folgende Von Zaborowski eingebrachte Resolution: Die heutige Mitgliederversammlung des Verbandes der deutschen Buchdrucker zu Leipzig ist empört über die in Nr. 8 des „Korrespondent" befindliche, gegen die„Leipziger Volkszeitung" gerichtete Notiz, worin dir Redaktion des„Korrespondent" be- hauptet, die„Leipziger Volkszeitung" habe in dem Kampfe gegen das Dreiklassenwahlrccht zu Gewalttätigkeiten aufgefordert. Die Redaktion des„Korrespondent" hat der Leipziger Staatsanwalt- schaft und Polizei mit dieser Behauptung einen willkommenen Dienst geleistet gegen den verantwortlichen Redakteur der„Leip- zigcr Volkszeitung", den Kollegen Heinig, der bekanntlich wegen dieser Beschuldigung vor dem Leipziger Landgericht an- geklagt ist. Die Versammelten verurteilen die in jener Be- hauptung der„Korrespondent"-Redaktion zum Ausdruck kommende niedrige Gesinnung aufs schärfste und weisen sie entschieden zurück. Boge nitz bemerkte: Was den Konflikt zwischen der„Leip- ziger Volkszeitung" und Rexhäuser anlange, so wünsche er ebenfalls dessen endgültige Beseitigung. Für die Resolution sei er jedoch nicht zu haben, denn darin bekomme der eine Teil recht, während der andere verdonnert werde. Zaborowski: Nicht die„Leipziger Volkszeitung" hat Rex- Häuser angegriffen: umgekehrt ist es richtig. Nach dem Artikel kam erst die Antwort der„Leipziger Volkszeitung". Ich bedauere es tief, daß der Leipziger Staatsanwaltschaft in unserem Verbands- organ gegen einen Kollegen in dieser erbärmlichen Weise Material in die Hand gespielt worden ist. Ich erhebe hier laut dagegen Protest, daß die Redaktion eines Arbeiterblattcs, wie des „Korrespondent", ungestraft der Polizei Spitzeldienste leistet. Die Erziehung, wie sie Rexhäuser mit seiner Rcdaktionsführung im „Korrespondent" der jüngeren Generation in der Kollegenschaft, die leider nur dies Blatt liest, zuteil werden läßt, muß auf diese geradezu verheerend wirken, zum Schaden der ganzen Organisation. Fast keine Nummer erscheint, worin die Partei nicht in der schärfsten Weise angegriffen wird. Die Dinge stehen so, daß es durchaus nicht ausgeschlossen ist, daß Rexhäuser sogar als Zeuge gegen einen seiner Kollegen vor Gericht zitiert werden würde. Wir sind es der ge- samten Gewerkschaftsbewegung schuldig, daß wir uns mit. dem Gebaren Rexhäusers nicht identifizieren. Ich bitte deshalb um An- nähme der Resolution.(Stürmischer Beifall.) Nach weiterer aber belangloser Debatte gelangte folgender An- trag gegen zwei Stimmen zur Annahme, über den der Vorsitzende Engelbrecht als den nach seiner Meinung weitgehendsten zuerst ab- stimmen ließ: Der Gauvorstand wird beauftragt, mit dem Zentralvorstand in Verbindung zu treten zur Einberufung einer Konferenz mit der Parteileitung, um den Konflikt zwischen der„Leipziger Volks- zeitung" und der„Korrespondent"-Redaktion aus der Welt zu schaffen. Gauvorsteher E n g e l b r e ch t, der nunmehr die Resolution für gegenstandslos hielt, ersuchte darauf Zaborowski um Zurück- zichung derselben, welchem Ersuchen dieser entsprach. Eine neue sozialistische Monatsrevue ist soeben in Belgrad (Serbien) unter dem Titel„2kiwot"(Das Leben) erschienen. Die erste Nummer enthält Beiträge von Dr. Ziwlowitsch. Djuritsch, Dr. Jlitsch, Fr. Welkowitsch, Mandulz, Kleman, Maschitzti, Kara- djitsch und eine Uebersetzung der Rede Bebels:„Der Antisemitismus und die Sozialdemokratie". poUttttietzes» OertAtHthes ufw. Wegen Stüirlbeleidignng ist auch das Harburger„Volksblatt" angeklagt. Wegen Beleidigung eines Wäschesabrikanten wurde der ver- antwortliche Redakteur der„Fürther Bürgerzeitung". Genosse Zöllner, vom Schöffengericht Fürth zu einem Monat Gc- sängniS verurteilt. Das genannte Parteiblatt hatte in einem Per- sammlungsbericht die Arbeitsverhältnisse im Betriebe des Fabri- kanten kritisiert, weshalb Klage erfolgte. In dem Urteil wird an- erkannt, daß die Lohnverhältnisse in der Fabrik� keine g l ä n- z enden seien: es fehle aber der Nachweis, daß sie in anderen Betrieben besser sind! Saarbrücken. Wegen Beleidigung jKs Kriminalschutzmanns M o s e r wurde der Redakteur der„Saarlvacht", Genosse Joh. S e e l. zu löv Mark Geldstrafe event. für je 10 Mark einen Tag Gefängnis, von der hiesigen Strafkammer verurteilt. Die Be- leidigung wurde gefunden in einem Artikel:„Was einem bei der Polizei passieren kann", in welchem die Erlebnisse eines Arbeiters erzählt wurden. Gegen das Urteil wurde Revision angemeldet. 8o2iaUs. Krankenversicherung in Ciidinc». Die Landarbeiter sind in die reichsgesetzliche Krankenversicherung nicht einbezogen. Die ländlichen Arbeiter können durch Landes- gesetz oder durch Statut einer Gemeinde oder eines weiteren Kom- munalverbandes dem BersichenmgSzwang unterworfen werden. Solche Landesgesetze sind nur für wenige Staaten(die beiden Schivarzbnrg, Württemberg, Bade», Sachsen-Weimar, Braunschweig. Sachsen-Altenburg, Bahern, Reuß j. L. und Sachsen-Meininge») erlassen. Insbesondere fehlt natürlich für Preußen mit einem Drei- klasienparlament eine gesetzliche Krankenversicherung der ländlichen Arbeiter. Aber auch statutarische Versicherungen stoße» in Preußen auf den Widerstand der Großgrundbesitzer. Der Mangel einer Krankenversicherung ist für Kleinbesitzer und ländliche Arbeiter außerordentlich fühlbar. Im April 1008 versprach die Reichsregierung eine llcbersicht über den llmfang der bestehenden statutarischen Krankenversichermigen zu gebe». Sie hat ihr Versprechen nicht ein- gelöst. Sollte bestimmend gewesen sein, daß so sehr wenig statuta- rische Krankenversicherungen für die ländlichen Arbeiter in Preußen erlassen sind? Das Fehlen einer Krankenversicherung auf dem Lande ist um so schmachvoller, als im Jahre 1832 bei der zweiten Lesung des Krankenversichermigsgesctzes der V e r s i ch e r u n g S z w a n g auch für ländliche Arbeiter ausgesprochen war und erst in dritter Lesung— ans Betreiben des Zentrums— mit 136 gegen 134 Stimmen fiel. Die Errichtung einer Krankenkasse ist für die- jenigen Güter, insbesondere für Kleinbesitzer vorteilhaft, deren Arbeiter in die häusliche Gemeinschaft aufgenommen sind. Denn für diese Arbeiter muß der Besitzer im Falle der Erkrankung ftir die Dauer von sechs Wochen Arzt- und Krankenhanskosten allein tragen. Die Einführung der Versicherungspflicht auf eigene Initiative des Besitzers hin ist trotzdem äußerst selten. Die meisten Großgrundbesitzer beschäftigen im wesentlichen Saisonarbeiter und auch viele außerhalb des Gutes wohnende Arbeiter.__ Dieser Tage ist für Cadinen, der dem Kaiser geschenkten Herrschaft im Kreise Elbing, die Krankenversicherung durch einen an den Lenvalter des Gutes, Landrat Etzdorf, gerichteten Erlaß ein- geführt. Der am 27. Januar veröffentlichte Erlaß bestimmt: Um den Angestellten und Arbeitern meiner Herrschaft Ca d inen einen erneuten Beweis meiner Fürsorge und meines Wohlwollens zu geben, habe ich beschlossen, tvaS folgt: 1. Es soll für sämtliche in der Land- und Forstwirtschaft sowie in de» industriellen und gewerblichen Unternehmungen der Herr- schaft Cadinen beschäftigten Personen eine Betriebskranken- lasse errichtet werden, loelche den Mitgliedern in Krankheils- fällen neben freier ärztlicher Behandlung und freier Arznei vom Tage der Erkrankung an die Hälfte des durchschnittlichen Tage- lohnes als Krankengeld gewährt. Alle Familienangehörigen der Kasienmitglieder sollen freie ärztliche Behandlung und Arznei, di: Frauen auch freie Hebainmendienste genießen. Beim Tode eines Kassenmitgliedes und eines seiner Familienangehörigen wird ein Sterbegeld gezahlt werden. Ich behalte mir vor. die Kasse mit einem genügenden Reservefonds auszustatten, werde auch von dem Beitrage der Kasienmitglieder, der aus das gesetzlich niedrigste Maß festzusetzen ist. den dritten Teil selbst übernehmen." Der ortsübliiche Tagelohn im Landkreise Elbing beträgt für erwachsene Männer 1,75 M-, für Frauen 1 M. Der kaiserliche Erlaß verfügt weiter: 2. Jeder im Dienst erwerbsunfähig gewordene Arbeiter erhält neben der ihm etwa zustehenden(Alters-, JnvaliditätS-, Unfall-) Rente eine Gnadenpension, be- stehend in Wohnung und angemessenem Deputat. Für kleine Hof- dienste, zu denen er sähig ist. erhall er angemessenen Barlohn: ist er dazu nicht mehr fähig oder reicht das so Verdiente nicht aus, um ihm eine auskömmliche Lebenshaltung zu ermöglichen, so erhält er eine entsprechende Unterstützung. In gleicher Weise soll auf eine ausreichende Versorgung der Witwen und Waisen der Arbeiter Bedacht genommen werden. 3. Das Mobiliar sämtlicher Cadiner Arbeiter wird auf meine Kosten gegen Feuer, ihre Kühe und Schweine gegen Verlust durch Krankheit oder Feuer versichert. 4. Um den S p a r s i n n zu fördern, bestimme ich: a) Jedes in Cadinen neugeborene Kind erhält 10 M. auf ein bis zur Er- reichung des 14. Lebensjahres gesperrtes Sparkassenbuch. Für jedes zweite, dritte usw. Kind wird außerdem au die Eltern eine Spareinlage von 5 M. gewährt. Ferner erhält jedes Kind beim Verlassen der Schule eine bis zum vollendeten 20. Lebensjahre gesperrte Spareinlage von 10 M. d> Bei der Cadiner Schule soll eine Schulsparkasse eingerichtet werden. Auf jede über 3 M. lautende Sparkarto schenke ich die ersten 0.20 M. o) Uin den Sparsinn auch bei den Erwachsenen zu fördern, will ich nach Ein- fühnlüg des Sparkartensystems auf jede über 15 M. lautende Sparkarte 0,50 schenken und einen Fonds überweisen, welcher all- jährlich unter den Sparern als Prämie zur Verlosung gelangt. 5. Ich will meiner Verwaltung der Herrschaft Cadinen all- jährlich eine angemessene Summe zur Verfügung stellen, um an Angestellte und Arbeiter für besonders treue Dienste, gute Viehpflege, Sauberkeit und Ordnung im Haushalt und der- gleichen Belohnungen zu gewähren, deren Verteilung in der Regel am 22. Oktober, dem Geburtstage Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin, meiner erlauchten Gemahlin, statt- finden soll. Wann endlich wird eine reichsgesetzliche Krankenversicherung für alle ländlichen Arbeiter durchgeführt werden? Dem sozialdemo- kratischen, in dieser Session wiederholte», dahin gerichteten Antrag genügt die Beschränkung auf Cadinen nicht. GewerKfcbaftlicKes. Berlin unck Umgegend. A» die Tabakarbeiter Berlins und Umgegend. Im Anschluß an den Kongreß der Tabakarbeiter Teutschlands findet am Mittwoch, den 31. Januar, abends 8 Uhr, eine große öffentliche Versammlung der Tabakarbeiter Berlins und Umgegend statt, und zwar in Kellers F e st sä l e n, Koppenstraße 29. Da die Kongreßdelegierten durchgängig anwesend sind, er- warten wir zahlreiches Erscheinen der Tabaiarbeiter und-Arbeite- rinnen Berlins. Näheres über Tagesordnung und Referenten in den Inseraten von heute und morgen. Die Zentralkommission. ___ I. A.: Carl Butry. Kühuemäimer überall. Mau schreibt uns: Als sich im vorigen Jahre die Einnehmer(Kassierer) der Versicherungsgesellschaft „Viktoria" einer Organisation anschlössen, welche auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung steht, gab die Direktion mit Rücksicht auf ihre Volks Versicherung bekannt, sie würde ibren Angestellten in bezug auf Organisation kein Hindernis in den Weg stellen, auch würden Einnehmer infolge mangelhafter Acquisation nicht entlassen werden. Nachdem nun die Kassierer der Sektion der Einkassiercr und Kassenboten des Zentralverbandes der Handels- und Transport- arbeiter beigetreten waren, da scheinen die Herren am grünen Tisch ihre Zusicherungen hinsichtlich der Organisationssceihcit vergessen zn haben. Der Einkassierer, welcher im Betriebe der„Viktoria" als Vertrauensmann der Organisation fungierte, mußte aus dem Be- trieb. Ter betresseirde Kollege erhielt vorige Woche die Kündigung mir der Motivierung:„Da Sie nicht acquisatorisch tätig sein wollen. kündigen wir Ihnen hiermit das bestehende VertragSv.'rHältnis usw." Jedenfalls har die Direktion die Rechnung ohne die zielbewußte Arbeiterschaft gemacht. Arbeiter Berlins! Parteigenossen! Verlangt von Eurem „V i kt o r i«"-Kassierer stets das Mitgliedsbuch, schließt Versiche- rangen aller Art nur mit organisierten Kollegen ab. Zentralverband der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter. Eine Verwechselung. Unter Bezugnahme auf unseren Artikel in Nr. 21, überschrieben:„Ein christlich-katholischer Streikbrecher- verein in Berlin", richtet Herr Sicvers, Senior des katholischen Gesellenvcreins, ein Schreiben an uns, in dem er ausführt, daß sich die in dem genannten Artikel angeführten Tatsachen nicht aus den katholischen Gesellenverein beziehen können, denn dieser habe keinen eigenen Arbeitsnachweis, seine Mitglieder seien fast durchweg in christlichen Gewerkschaften organisiert, der Verein habe keine seiner Mitglieder aus anderen Betrieben herausgenommen, uin sie bei der Firma Drechsler unterzubringen, auch habe der Verein zu jener Versammlung der Trcppengeländerarbeiter. in der die erwähnten Angelegenheiten besprochen wurden, keine Einladung erhalten. Aus Anlaß dieses Schreibens haben wir festgestellt, daß unserem Gewährsmann ein bedauerlicher, aber erklärlicher Irrtum unter- laufen ist. Er hat den katholischen Gesellen verein mit dem katholischen Arbeiter verein verwechselt. Die Verwechselung der beiden Vereine wird dadurch erklärt, daß bei den ersten Differenzen im Drcchslerschcn Betriebe sieben Mitglieder des katholischen Gesellen Vereins, die dort beschäftigt waren, sich nicht an der Arbeitsniederlegung beteiligten. Bei den späteren Konflikten kam jedoch nicht der Gesellen verein, sondern der Arbeiter verein in Frage. Auf diesen beziehen sich die Tat- fachen, welche irrtümlich in bezug auf den Gesellen verein an- gegeben worden sind. Zur besseren Orientierung wollen wir noch bemerken, daß die Bestrebungen der katholischen Gesellen vereine denen der evangelischen Jünglingsvereine ungefähr gleichartig find. Die katholischen Arbeiter vereine dagegen hängen sich ein gewerk- fchaftlichcs Mäntelchcn um, unter dem in der Hauptsache kirchliche Interessen gefördert werden. Es sind diejenigen Organisationen, welche, auf dem bekannten Fuldaer Hirtcnschreiben fußend, unter Führung der Herren Savigny. Fournelle usw. als„Berliner Richtung" in einem gewissen Gegensatz zur„M.-Gladbachcr Richtung" der christlichen Gewerkschaften stehen. Durch das Vcr- halten in der Drechslerschen Angelegenheit hat die„Berliner Richtung" zur Genüge bewiesen, was man von ihrer„gcwerkschaft- lichen" Tätigkeit zu halten hat. Tie Fliesenleger- Sektion des Maurervcrbandes beschloß in ihrer gestrigen Versammlung, am heutigen Dienstag den Unter- uehmcrn einen neuen TarifvcetragSentwurf mir folgenden Hauptforderungen zu unterbreiten: Ter Stundenlohn beträgt 82',2 Pf. Mindestlohn bei neun- stündigcr Arbeitszeit. Für Leute, welche noch nicht im Fliesenleger- beruf beschäftigt waren, bleibt der Lohn in den ersten drei Monaten der freien Vereinbarung überlassen!: jedoch darf er nicht weniger als der jeweilige Maurcrlohn betragen. Bei Arbeiten, welche außerhalb des Vorortverkehrs auszuführen sind, wird außer den Enffchädi- gungen unter 4 ein Betrag von 3 M. pro Tag gezahlt, falls Kost und Logis gewährt wird, verringert sich der Zuschlag von 3 M. pro Tag auf 1 M. lieberstunden und Sonntagsarbeit sind zn vermeiden. �20 lange sich nachweisen läßt, daß Fliesenleger arbeirslos sind, dürfen weder Ucberstnnden noch Somitagsarbeit verrichtet werden. Ber hieraus entstehenden Streitigkeiten entfckeidct die unter§ 9 näher bezeichnete Kommission. Wenn Ueberstunden gemacht werden müssen, so ist für dieselben von 6 bis 9 Uhr abends ein Zuschlag von 25 Pro- zcnt zu zahlen. Nachtarbeilcn von 9 Uhr abends bis 7 Uhr morgens sowie Sonutagsarbeiten sind mit 100 Prozent Z schlag zu bezahlcu. Akkord wird nicht gearbeitet. Ter V rrrag soll vom 1. Februar bis zum 1. Oktover 1906 Gültigkeit laben. Bekanntlich käust der zwischen den Unterneh" ern und der Fliesenleger-Seknon des Nlaurerverbandcs abgesdlassene bisherige Tarif am 1. Februar ab. Teni erst vor einigen Monaten zustande gekommenen Tarifvertrag der Fliesenleger-„B e r e i n i g u u g" hat sich die Verbands s e k t i 0 n wegen der darin enthaltenen Mängel nicht anzuschließen vermocht, deshalb das jetzige selbständige Vorgehen. Die Antwort der Unternehmer au die einzelnen Seftions- deputierten wird bisMittwochabend erwartet. Oeuttebe» Reich. Kohlenarbeiterstreik. Aus Hamburg wird gemeldet: Wegen Lohndifferenzen haben die Kohlenakkord-Schaucrlcute die Arbeit aus den zwischen Hull. iGoole, Grimsby. West-Hartlepool und Hamburg wöchentlich mit Stückgütern und Kohlen verkehrenden Dampfern niedergelegt. Die streikenden Zeugdrucker in Krefeld haben einen vollständigen Sieg davongetragen, bis längstens Mittlvoch dieser Woche wird die Arbeit aufgenommen. Vorläufig haben die Textilfabrikantcn ihre Aussperrungsgelüste zügeln müssen. Verbotene Gewerkschaftsversammlung. Tie Nervosität, welche die preußische Polizei ans Anlaß unserer Wahlrechtsbewegung be- fallen hat, ist auch nach Mecklenburg übergesprungen und äußert sich daselbst sogar gegenüber der Gewerffchastsvewegung. Wie uns aus Rostock geschrieben wird, sollte am Sonnabend, den 27. d. Ms., in Lübz i M. eine Gewerkschaftsversammlung abgehalten werden mir dem Thema:„Die Gewerkschaftsbewegung und ihre Gegner". Die Versammlung ist jedoch unter Hinweis auf ein Gesetz zur Heilig- Haltung des Sonntages im voraus verboten worden. Eine große Feier, welche der Krieger verein an demselben Abend abhielt, wurde nicht als Störung der Sonntagsruhe erachtet. Bisher konnten in Mecklenburg selbst an Sonntagen gelverlschastliche Vcrsamm- lungen abgehalten werden. Doch seit dem 21. Januar weht ein anderer Wind. Uuotand, In Genua befinden sich seit vier Tagen die Bediensteten der elektrischen Straßenbahn im Streik. Huq der frauenbewegung. Reinickendorf- Ost. Ter Bildungsvcrcin für Frauen und Mädchen hielt am 23. Januar seine regelmäßige Versammlung ab. Herr Heirtzschel-Bcrlin hielt einen Vortrag über„Die Frau der Vcr- gangenheit, vlegenwart und Zukunft", welcher mit Beifall aufgenommen wurde. ES folgte eiue rege Distufsion. Zum Schluß wurde auf die Heimarbeit-Ausstellung hingewiesen. In. der nächsten Vcr- einsversammlung spricht Fräulein Dr. Whgodzinski über„Frauen- krankyeiten". Charlottenburg. Der hiesige Frauen- und Mädchen-Blldungs» verein hielt am 24. Januar im Volkshaus, Rosinenstraße 3, seine regelmäßige Vereinsoersammluug ab. Die Refercntin, Fräulein Regina Kraus, hielt einen Vortrag über„Heinrich Heine". Tas Referat ivurde mit Beifall ausgenommen. Einem geäußerten Wunsche, einige Gedichte Heines vorzulesen, kam die Vortragende gern nach. Die Versammlung war sehr gut besucht. Zu Punkt „Verschiedenes" wurde beschlossen, die Heimarbeit-Ausstellung ge- meinsam zu besichtige». Ter Tag wird noch an dieser Stelle be- kanni gegeben, lieber 18 Jahre alte Familienmitglieder können ein- geführt werden. Recht zahlreiche Bereiligung wird erwartet. Auf- genommen wurden 7 Mitglieder. Die nächste Versammlung finde! am 21. Februar statt. Zur Abschaffung der reglementierten Prostitution in Dänemark. Seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts macht sich in Dänemark ein immer stärker werdendes Bestreben nach Beseitigung der reglementierten Prostitution geltend._ Das führte endlich im vorigen Jahre dazu, daß der Justizminister dem Reichstag einen Gesetzentwurf vorlegte, in dessen erstem Paragraphen die gewerbsmäßige Unzucht für ungesetzlich erklärt, und bestimmt wird, daß alle Reglementierung dieses Gewerbes abgeschafft werden soll. Der Entwurf hat aber dann den schweren Fehler, daß er die Prostituierten der Gefahr aussetzt, nach dem Landstreickergesetz. das aus dem Jahre 1860 stammt, bestrast zu werden. Dadurch würde auch eine Art Polizeiaufsicht, wenn auch keine sanitäre, ivieder eingeführt: den» jenes ziemlich barbarische Gesetz bestimmt auch, daß die Polizei Personen, die nicht hinreichend nachzuiveisen vermöge», wie sie ihren Lebensunterhalt erwerben, zwingen kann, sich in bestimmten Zeiträumen zu melden, um der Polizei Aufklärung darüber zu geben. Am 26. Januar hat sich mm das Landsthing mit diesem Entwurf befaßt. Hier übtelder einzige Sozialdemokrat dieses Oberhauses dcö dänischen Reichstags, Genosse E. C. Andersen, eine scharfe Kritik an jener gefährlichen Be- stimmung. wie. überhaupt an dem brutalen, veralteten Landstreicher- geietz, das die Regierung nun auf die Prostituierten ausdehnen möchte. Seine Anssühruiigen hatten den Erfolg, daß der Präsident des LandsthingS schließlich erklärte, er wolle die zweite Lesung des Entwurfs nicht aus die Tagesordnung der nächsten Sitzung stellen. um dem parlamentarischen Ausschuß Gelegenheit zu geben, über eine andere Fassung jenes Paragraphen zu beraten.— Letzte iVachncbten und Depefchen« In den Armen liegen sich beide... Rom, 29. Januar.(Prftiatdepesche des„Vorwärts"). Bei den Ttadtivahlen in Turm siegte die klerikalliberale Koalition. Die Sozialdemokraten eroberten nur die 16 Sitze der Minorität. Bei einer starken Wahlbeteiligung stimmten die Priester und Mönche fiir die kleriknl-frrimanrerischc Liste. Großfcuer. Gummersbach, 29. Januar.(W. T. B.) Die dem Landtags- abgeordneten Krawinkel gehörige Baumwollspinnerei in B 0 l l in e r h a u s e 11 steht seit heute nachmittag in Flammen. Den zahlreichen Fcuerivehren ist es bisher nicht gelungen, des Feuers, das, wie vermutet wird, durch Selbstentzündung der Baumwolle entstanden ist, Herr zu. werden.__ Arbeiterausstand. Finme, 29. Januar.(W. T. B.) Sämtliche Arbeiter der liiefigrii Torpedofabrik sind wegen großer Strenge des Fabrikleitcrs in den Ausstand getreten. Verantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil veranttv.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: BortvärtsBnchdr.n. Verlagsanstalt Paul Singer LCo., Berlin L1V. Hierzu llBeilagen u.Uuterhaltungsblatt Sr. 24. SZ�ahrgM J ■■■■............—.M- Reid�stag» 30. Sitzung vom Montag, den 29. Januar, nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratZtische: Graf Posado wskh. Der Gesetzentwurs betreffend die Abänderung mehrerer Reichstagswahlkreise wird in zweiter Lesimg ohne Be- ratnng angenommen. ES folgt die Fortsetzung der ersten Beratung der Novelle zum Gesetz über den Unter st utzungswohnsitz. Mg. Herzfeld(Soz.): Der Gesetzentwurf hat einen Vorzug, nämlich den Vorzug der Offenheit. Ohne jede Verhüllung erstrebt die Novelle die Entlastung der Großgrundbesitzer, wie das ja auch der Herr Staatssekretär in der letzten Lesung bestätigt hat. Es ist kennzeichnend für die poli- tische Situation, daß— nachdem eben die neuen Steuergesetze vor- gelegt find, welche die neuen Lasten der Weltpolitik in der Haupt- jache auf die Schultern der Industrie und der Arbeiter legen und welche zweifellos tausende neuer UnterstützungS- bedürftiger schaffen werden— nun diese Novelle kommt, welche eigentlich keine Novelle zur Unterstützung der Hülfsbedürfligen. sondern zur Unterstützung der Grund- besitzer ist.«Heiterkeit.» Bezeichnend ist auch, daß das Zentrum ohne weiteres zustimmt und die Nationallibcralen und die Frei- sinnige Vereinigung zwar den agrarischen Charakter der Vorlage betonen, aber in keiner Weise ihre eigenen Forderungen entgegen- stellen. Bezeichnend ist auch, daß im Jahre 1892 und 1893 die erste "esung einer Novelle, welche den ersten schüchternen Versuch in der Richtung der jetzigen Novelle machte, hier im Hause drei volle Tage in Anspruch nahm, da sich damals die bürgerlichen Parteien mit großer Entschiedenheit dagegen wehrten. Jetzt aber möchte man die Vorlage in einer halben Sitzung erledigen. In den Motiven werden als besonders hülfsbedürftige Provinzelt Ostpreußen, Pommern usw. genannt. Das zeigt, daß der eigentliche Treiber der Vor- tage das ostelbische Junkertum ist. Es heißt in den Motiven, daß infolge der Binnenwanderung die Zahl der Arbeitsfähigen in diesen Provinzen eine ungewöhnlich gering« sei. Daraus folgert man, daß in diesen Probinzen eine unvcrhältnis- mäßig große Armenlast vorhanden sein muß, aber diese Folgerung ist ganz unbewiesen. Die einzige Statistik, die wir über die Armenlasten besitzen, ist diejenige, welche das Reich im Jahre 1894 zur Feststellung der Wirkungen der Versicherungsgesetze auf die Armengesetzgebung angestellt hatte. Diese ergibt aber, daß die Armenlasten in Berlin sowohl der Zahl der Hülfsbedürstigen als der Summe der ausgezahlten Unterstützungen nach prozentual auf den Kopf der Bevölkerung unvergleichlich viel höher waren als in Ostpreußen, und zwar im ganzen Jahrzehnt von 1884 bis 1893. Trotzdem wird jetzt die Novelle vorgeschlagen, durch die die Städte und besonders Berlin noch höher belastet werden, als die Guts- bezirke. Die Zahl der zu Unterstützenden hängt in erster Linie nicht von dem Gegensatz von Stadt und Land ab, sondeni von der Wirtschaft- lichen Konjunktur. Zu Zeiten der wirtschaftlichen Krisis lvächft die Zahl der zu Unterstützenden, während fie bei besserer Konjunktur wieder abnimmt. Je stärker die Arbeiterorganisation ist, desto geringer ist die Zahl der zu Unterstützenden, und je schwächer die Organisation ist, um so größer ist die Zahl der Hülfsbedürstigen. Wenn die Guts- befitzer und die ländlichen Gemeinden die Zahl der UnterstützungS- bedürftigen verringern wollen, so müssen Sie vor allem den ländlichen Arbeitern das Koalitionsrecht geben. Ich verspreche Ihnen: Geben Sie den ländlichen Arbeitern das Koalitioilsrecht, und die Zahl der Unterstützungsbedürftigen auf dem Lande wird ganz bedeutend ab- nehmen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Weiter ist dann bor allen Dingen notwendig die Gewährung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts in Preußen. Wird das eingeführt, so würde die Verwendung der Einnahmen in Preußen zugunsten der breiten Massen ebenfalls zu einer wesentlichen Ab- nähme der Zahl der Unterstützungsbedürftigen führen. Wenn Sie also das Herabgehen der Armenlasten wünschen, so empfehle ich Ihnen die Einführung des ReichstagSwahlrechts in Preußen. < Zuruf bei den Sozialdemokraten: Sie werden sich hüten!) Ich glaube auch, daß Sie sich hüten werden. Eher denkt man daran, die Armee gegen die Arbeiterschaft zu»nobilisieren, uni ein Blut- bad anzurichten.(Unruhe rechts.) Wenn es zu einem solchen bisher nicht gekommen ist, so hat die eiserne Disziplin der Arbeiter gerade den Bürgerkrieg verhindert.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Ich kann aus den vorgeschlagenen Vkaßnahmcn nicht den Schluß ziehen, daß die Zahl der Armen auf dem Lande dadurch vermindert wird. Die Folge wird nur sein, daß die Güter die Landarmen nicht mehr zu unterstützen haben, sondern die großen Gemeinden. Das Gesetz ist nur eine taube Nuß. Die Arbeiter, die in die Städte gehen, sind selbstverständlich alle versichert gegen Krankheit usw. Diejenigen, die den Gemeiitden zur Last fallen, sind die Heim- arbeiter, die nicht versichert sind. Aber der Regierung fällt es nichr ein, die Versicherungspflicht auf die Heimarbeiter auszudehnen. ES wird über die Leuteuot auf dem Lande geklagt. Diese Leutenot besteht gar nicht. In Mecklenburg kam ein russischer Schnitter>nit dem Gutsbesitzer in Konflikt, er legte die Arbeit nieder, und mit ihm gingen die übrigen russischen Arbeiter fort. Der Guts- befitzer hatte am dritten Tage mecklenburgische Arbeiter, und er ver- klagte nun den Schnitter auf Zahlung der Differenz zwischen dem Lohn, den er erst gezahlt hatte und den er nun zahlen mußte; die tnecklenburgischen Arbeiter forderten natürlich noch einmal so viel als die russischen Leute. Arbeiter find also genug vorhanden, man muß ihnen nur menschenwürdigen Lohn geben.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Daß die Leutenot nicht abnehmen wird, weil die jungen Leute, die vom Lande weggehen, loa anders den Unterstützungswohnfitz schon nach einem Jahre erwerben, weiß Graf Posadowskh besser als ich.(Zuruf rechts: Det gloobe ick ooch! Heiterkeit.) Die jungen Leute werden noch früher vom Lande fortgehen und werden noch früher in den Klassenkampf hineingezogen werden. Insofern sind wir mit dem Gesetze ganz einverstanden. In cinein Schriftstücke des Deutschen Verbandes für Armenpflege wird mitgeteilt, daß die Gutsbesitzer sich der Armenlast zum Teil dadurch entziehen, daß sie ihre Leute immer nur kurze Zeit in den einzelnen Bezirken wohnen und sie dann den Wohnort ivechseln lassen. Der frühere konservative Abgeordnete v. Meyer- Arnswalde hat im preußischen Abgeorduetenhause 1891 bei Beratung der Landgemeinde-Ordnung auch Beispiele von einer so verwerflichen Praxis der Gutsbesitzer in der Provinz Brandenburg angeführt. So war es damals, und die Herren werde» selbst nicht glauben, daß es inzwischen nach der kavitalistischen EntWickelung der Land- Wirtschaft besser geworden ist.— Jetzt soll nun der UnterstützungS- Wohnsitz nach einem Jahre erworben werden. Als dies bei der letzten Novelle 1393 hier im Reichstag vorgeschlagen wurde, sagte der damalige Abg. Hahn, Vorsitzender des Bundes der Landwirte: Die Folge dieses Vorschlags wird sein, daß wir unsere Kontrakte mit den Tagelöhnern nicht mehr auf ein Jahr machen können, sondern wir werden die Tagelöhner mit kürzeren Verträgen an- stellen.— Wir sind ja vollständig damit einverstanden, daß die ländliche Bevölkerung aus diese Weise stärker proletarisiert wird. Daß aber diese Bestimmung irgendwie dazu beitragen würde, bessere Armenunterstützung zu bringen, davon kann keine Rede sein. Wir sind der Meinung, daß im modernen Staat für die Armenuntcrstützung der Staat selbst aufzukommen hat, daß diese Lasten durch Steuern gleichmäßig über den ganzen Staat erhoben werden müssen nach den Grundsätzen des fortichreitendeu Vermögens und Einkommens. Die Geincinden sollen mir die Organe des Staates zur Verteilung dieser Unterstützung sein. Bor allein fordern des JonM" wir auch, daß die Arbeiterschaft in genügender Zahl zur Armenpflege zuzuziehen ist und zwar gegen Entschädigung. Bei diesen Grund- sätzen, deren Durchführung im heutigen Staate ganz unmöglich tväre, wozu es erst einer Demokratisierung des Staates bedürfte, würden zweifellos die Landgemeinden ganz anders entlastet werden, als sie heute belastet sind. Bei diesen Grundsätzen würde die Armenunterstützung ausgiebiger, humaner, besser sein, es würde vor allem das Abschieben�, welches heute die Geißel der Hülfsbedürstigen ist, wegfallen, weil niemand mehr ein Interesse an dem Abschieben hätte, es würden die Prozeffe, die die Gemeinden so belasten, und die dann überflüssigen Transporte wegfallen, und die enormen Ausgaben für diese Zwecke würden dm Hülfsbedürstigen zu gute kommen. Für uns handelt es sich darum: Wie können wir bei dieser Ge- legenheit die Forderungen, die lvir haben, nach Möglichkeit verwirk- lichen? Wir werden versuchen, das in der Kommission zu tun. Nichts entgegenstehen würde der Forderung, die Ortsarmenverbände zu vergrößern� Herr Trimbom hat das bereits filr das Zentrum gesagt. Die Schaffung größerer Verbände würde alle Ungleichheiten beseitigen. Natürlich würden dann alle„selbständigen Gutsbezirke" als besondere Unterstützungswohnsitze verschwinden. Man hat diese ganze Materie bis jetzt der Landesgesctzgebung überlassen, natürlich wieder mit Rücksicht auf die Macht der preußischen Junker. WaS diese Ueber- lassung an die Einzelregierungen bedeutet, dafür will ich Ihnen ein Beispiel aus den letzten Tagen geben, und zwar aus meinem eigenen Vaterlande: Die Witwe eines Arbeiters, der 49 Jahre auf einem Gut gearbeitet hat, erhielt bei völliger Arbeitslosigkeit 66 M. pro Jahr Armenunterftützung. DaS sind 18 Pf. täglich.(Hört! hört! links.) Ich will Ihnen auch den Namen des Besitzers jenes Gutes nennen: es ist der regierende Fürst Georg von Schaumbnrg-Lippe.(Hört I hört! links.) Das sollte das Reich veranlassen, sich um die Ausübung des Armenrechts durch die Einzelstaaten zu lünimern. Es kommt vor, daß Leute statt in das Armenhaus gebracht zu werden, einfach in das Arbeitshaus gesteckt werden. Wir möchten vor allem auch eine Ab- schaffung des Abschiebe»« der Armen von einem Orte nach dem anderen. Es ist dieses Abschieben ja völlig unnütz. Der Unter- stützungöbedürftigc sollte seine Unterstützung von den. Orte, in dem er sich gerade aufhält, bekommen, und dieser Ort könnte dann seine Auslagen vom Unterstützungswohnsitze einziehen. Das ist durchaus möglich, und deshalb sind wir für Beseitigung des§ 4 des Freizügigkeitsgesetzes. Ebenso unnütz ist der§ 5 des Freizügigkeitsgesetzes, welcher Leute abzuschieben erlaubt, die unterstützungsbedürftig geworden sind, bevor sie einen Unterstiitzungswohnsitz erworben haben. Viel- fach sind Unterstützungsbedürftige an dem Orte, an dem fie wohnen, noch teilweise erwerbsfähig. Reißt man sie aber aus dieser Tätigkeit heraus und schickt sie nach ihrem Unterstützungswohnsitz, so macht man sie unter Umständen ganz erwerbsunfähig und drückt sie noch auf eine tiefere Stufe des sozialen Lebens herab. Besonders tadelnswert ist das Abschieben der Unterstützungsbedürftigen von einenl Bundesstaat in den andern. Schließlich aber komme ich zu der Barbarei, welche das Deutsche Reich gegenüber ausländischen Unterstützungsbedürftigen in Anwendung bringt. Wie vor 599 Jahren iverdc» Leute auS Deutschland ausgewiesen, nur weil sie unter- stützungsbedürftig geworden sind. Wir werden unser Möglichstes tun, diese Bestimmung zu beseitigen. Aber auch der Regierung sollte etwas daran liegen, weil sie nach Beseitigung dieses Paragraphen ihre Verträge mit ausländischen Staate» zweifellos leichter wird ab- schließen können. Natürlich dürfen wir keine Unterstützungsbedürftigen aus dem Auslande zuziehen lassen. Wenn aber jemand in Deutsch- land lange gelebt und gearbeitet hat und nun unterstützungsbedürftig wird, so sollte ihn das Reich nicht ausweisen; denn es sollte hier doch wenigstens jener Grundsatz in Anwendung kommen, nach dem derjenige Ort unterstützungspflichtig wird, dem der Bedürftige seine Arbeitskraft gewidmet hat. Schließlich muß auch die Bestimmung fallen, daß der Unterstützungsbedürftige politisch entrechtet wird. Diese Bestimmung mag in einer Zeit Sinn ge- habt haben, in der jeder, der arbeiten wollte, auch Arbeit fand. Heute s ist es anders. Leider ist aber durch Beschluß des Oberverwaltungsgerichts in Preußen festgesetzt worden, daß auch unbezahlte Forderungen öffentlicher Krankenhäuser als öffentliche Armenunterstützung zu betrachten seien. Mit allen solchen Polizeischikanen sollte man endlich aufhören. Fenier verlangen wir eine Kompctenzerweiterung des Bundesamtes für Heimatswesen. Auch die Einheitlichkeit des ArmenwesenS in Deutschland ist jetzt noch nicht durchgeführt: denn noch ist daS Unterstützungswohnfitz- gesetz nicht in Elsaß-Lothringen eingeführt, so daß Badenser, Preußen, Pfälzer, die in Elsaß-Lothringen unterstützungsbedürftig geworden find, auch wenn sie jahrelang dort gelebt haben, abgeschoben werden könne». Schon vor 13 Jahren erklarte die Regierung, es sprächen keine Gründe gegen Einbeziehung Elsaß-Lothringens in das Reichs- armenwefen. Aber noch heute hören wir kein Wort davon, daß diese Einbeziehung endlich Tatsache werde» soll. Auch das alte Heimatsrecht in Bayern entspricht nicht mehr den heutigen Zeiten. Freilich kann der Reichstag Bayern ja nicht zwingen, es zu beseitigen, aber der bayerische Bevollmächtigte, den ich leider heute nicht an seinem Platze sehe, sollte uns endlich eine Zusicherung in dieser Richtung geben. Nichts von allem, was ich verlangt habe, ist eine spezifisch sozialdemokratische Forderung. Alle unsere Wünsche könnte auch ein soziales Königtum erfüllen. Wir hoffen aus gründ- liche Umgestaltung des Gesetzes in der Kommission und werden vom Ausfall der Kommisfionsberatungen unsere endgültige Stellungnahme abhängig machen.«Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Schillertnit Hülfe der§§ 16, 26 und 33 des Hülfskassengesetzes stets möglich gewesen, solchen Schwindelunternehmungen entgegenzutreten. In dem daneben gelegenen Altona aber haben die Schwindelkassen stets fruchtbaren Boden gefunden, der preußischen Behörde ist ihre Unterdrückung also nicht gelnngen. AlSjArbeitersckretnr verweise ich stets Arbeiter, die mit der Klage konimen: die und die Kasse will nicht zahlen, an die Polizei, um diese auf das Gebaren der betreffenden Kasse ansmerksam zu machen. Trotzdem aber geschieht solchen Schwindelkassen fast nie ctivas voir den preitßischen Behörden.— Wie schon der Herr Vorredner bemerkt hat, entspricht die Vorlage unzweifelhaft den Bestrebungen auf Beseitigung der Selbstverivaltung der Krankenkassen. In dieser Richtung bewegten sich bekanntlich auch die Vorschläge des Geheimen RegierungSratS Hoffmann. Ich erinnere ferner an die Verhandlungen im Frühjahr 1603 in diesem Hanse, Ivo man die Selbstverwaltung der Ortskrankenkassen beschnitten hat. Wenn Sie die Selbstverwaltung Deutscher Buchbinder-Verband. (iKahlstellc Berlin.) Donnerstag, den 1. Februar, abends S'/a Uhr: W?" Kortsetzu«s"TBt der orhklltllcheu GtimalmsliMilW vom 24. Januar 1906 im grofteu Saale desGewcrkschaftshauscs, Engel-Ufer IS- TageS-Ordnung: 1. Wahl der fünf Beisitzer zur Ortsverwaltung. 2. as Kassenbericht. d) Arbeitsnachweisbericht, c) Bericht der Bibliothekskommission. 3. Ber- baiidSangelcgeuheiten und Verschiedenes. 23/7 Zahlreichen Besuch erwartet Die Ortsverwaltung. Charlottenburg. Verband der städtischen Arbeiter. Mittwoch, de» 31. Januar 1906: Mitglieder- Versammlung im Bolkshause, Rosinenstraffe 3. Vortrag deS Stadtverordneten Genossen Dr. Borchardt über: Die Entwickelung der Arbeiterbewegung i» Deutschland.— In dieser Versammlung ist das Erscheinen zahlreicher Gäste erwünscht. 286/26 Der Borstand. hMtr iMir-Verbanl Treppengeländer- Sranehe! Mittwoch, den 31. Januar, abends 8°/« Uhr, bei BoeiKer, Weberftr. 17- Versammlung alle! in Creppengeländerfabrihen bkschafiigten Arbriter als Dlfchler, Stellmacher. Drechsler. Bildhauer. Maschinenarbeiter:c. TageS-Ordnung: 1. Bericht über die Verhandlungen vor dem EinigungSamt deS Geiverbe- gerichts. 2. Dislussion. Das Erschewcn aller Kollegen erwartet Die Kommission. auS der Arbeiterbersicherung beseitigen, dann entsteht die Gefahr, von der Graf Posadowsky bei der vorigen Vorlage sprach: Je weiter die Instanz, desto größer die Belastung I(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das Simulantenrum können Sie durch die Beseitigung der Selbstverwaltung nicht beseitigen, im Gegenteil. Die Arbeiter sind gerade die besten Kontrolleure ihrer etwa simulierenden Mitarbeiter.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Wenn Sie die Selbstverwaltung beseitigen, diskredi- tieren Sie die ganze soziale Gesetzgebung und schneiden sich damit ins eigne Fleisch.— Aus allen diesen Gründen sind wir gegen die Borlage. Einer Kommissionsberatung werden wir uns nicht wider- setzen, wünschen aber die Uebcrweisung der Vorlage an dieselbe Kommission, die das Gesetz über den Versicherungsvertrag berät. (Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär Graf Posadowsky. Das bisherige Hülfskassengesetz kann betrügerische Manipulationen nicht beseitigen, weil es sich auf den rein formalen Standpunkt stellt. Das einzige Mittel, das der Verwaltung zusteht, ist die Schließung. Dann ist aber in der Regel das Unglück schon gescyehen. Wie die Kassen vorgehen, dafür nur einige Beispiele. Eine Kasse lehnte die Bezahlung des Krankengeldes wegen einer inneren Erkrankung ab, weil der Kranke auf seinein Fragebogen beim Eimritt verschwiegen hätte, daß er ein- mal einen Armbruch erlitten habe.(Heiterkeit.) Eine andere Kasse lehnte die Zahlung ab, weil der Kraule verschwiegen hatte, daß er einmal auf einer Reise nach Amerika seekrank gewesen sei.(Heiter- keit.) Ja, eine dritte Kasse hat die Bezahlung des Krankengeldes bei Ischias abgelehnt, weil der Kranke auf seinem Fragebogen nicht angegeben hatte, daß er sich 3 Jahre vorher ein Abführmittel hatte verschreiben lasten.(Heiterkeit.)— Eine dilaiorische Behandlung dieser Frage würde ich für einen Fehler halten. Nun bin ich überrascht über den Widerspruch gegen unseren Vor- schlag, das Hülfskassenwesen unter das Gesetz über das Privat- Versicherungswesen zu stellen. Früher ivar man anderer Ansicht. Ich könnte Ihnen hier einen Artikel der„Köln. Volksztg." vorlesen, der diese Sachlage so treffend charakterisiert, daß ich dem kaum noch elivas zuzusetzen brauche. Ebenso hat die„Soziale Praxis", ein doch entschieden sehr ardeiterfreundlicheS Blatt, das Privat- Versicherungsgesetz als Muster für die Neuregelung des Hülfskassen- Wesens hingestellt. Ich habe kaum über einen Zweig der Gesetz- gebung so viele Irrtümer in Denkschriften und Gutachten gefunden wie über das Hülfskassenwesen. So kompliziert ist diese Materie. Die Befürchtungen, daß die Selbstverwaltung der HülfSkassen beseitigt werden soll, sind ganz unbegründet. Es soll ledig- lich eine Instanz geschaffen werden, die unsolidc Kassen beizeiten beseitigeil kann. Wir sind selbstverständlich bereit, in der Konunission mit den Mitgliedern des Hauses zusammen über etwaige Verbesserungen der Vorlage zu beraten. Eventuell ließen sich in das Gesetz über das Privatversicherungswesen einige nur für die Hülfskassen geltende Bestiinmungen hineinbringen, namentlich deshalb, damit die Kontrollbestimimmgen für die übrigen Kassen nicht aus Rücksicht ans die Hülfskassen zu milde ausfallen. Im übrigen werden meine Kommissare morgen auf alle Einzel- heiten der gegenwärtigen Vorlage eine ausführliche Antwort geben. (Beifall.) Abg. Dr. Mugdan(fts. Vp.): Gerade Herr Trimborn hat im vergangenen Jahre zur Beseitigung der Schwindelkassen aufgefordert. Das Zentrum soll also nicht von Ueberraschung sprechen.(Sehr richtig! links.) ES gibt aber viele Kaffen, die de» Namen Schwindelkassen verdienen und doch florieren, weil sie es verstehen, ihre Mitglieder zu betrügen. Noch schlimmer sind die Kassen, die die Bestimmung haben, daß über die Aufnahme der Borstand entscheidet. Wie oft wird der Mann krank, bevor die Aufnahme durch den Vorstand erfolgt ist. Das gegen- ivärtige Gesetz reicht nicht aus, darin stimme ich dem Staatssekretär zu. Trotzdem sind auch meine politischen Freunde in der Ablehnung der Vorlage einig. Was die Regierung will, ist mit einem Gesetz gar nicht möglich, inan kann nicht mit demselben Gesetz zugleich die Schwindel- kass'en beseitigen und die guten Kassen stützen. Deshalb muß differenziert werden. Jeder erste Schritt einer Reform muß dahin gehen, den Personenkreis der KrankenversicherungSpflichtigcit lind Unfallvcrsicherungspflichtigen gleich zu gestalten. Es müssen ferner die Jnnungskassen usiv. beseitigt werde». Danit wird eilte neue Blütezeit für die Hülfskassen, iilsbesondere in der Form der Znschnßkasse, entstehen. Dieses Gesetz kann unsere Billigung nicht finden, weil es Einrichtungen beseitigt, die sich bewährt haben. Man soll die Sache aber nicht auf die lange Bank schieben, deshalb bitte ich, den Gesetzentwurf an eine Konlinission von 11 oder 21 Mit- gliedern zu verweisen.(Beifall links.) Das Haus vertagt sich. Nächste Sitzung: Dienstag 1 Uhr.(Gesetzentwurf betr. die Hülsskasien und bett. Abänderung von Wahlkreisen.) Marmor-Arbeiter! Filiale II. Berlin. Heute Dienstag, 8 Uhr: MZtgtiecker-'Verkakumluns im Englistchcn Garten, Zllexauderftr. 37c: T a g e s- O r d li u n g: 1. Stellungnahme zum Verbandstag. 2. Wahl der Delegierten zur Gaukonserenz in Stettin. 3. Wahl einer Agüatlonskolllmijsion. 4. Ver- schicdcncS. WM- Mitgliedsbuch legitimiert.-Mg ES ist die Pslicht eines jede» Kollegen, pünttlich zu ericheinen. 172/4 AÄling! GsworksiMen, Vereine! Durch Verlängerimg unseres Vertrages aus mehrere Jahre hinaus sind wir wieder in der Lage, öcttcbUNACN ZUf Säle entgegenzunehmen. 5856S* Wir empsehlen daher für jetzt und zur bevorstehenden Saison grotZe und Kleine Säle, mit und ohne Cbeater- bübne; auch an den Olterseiertagen noch frei. Arminhallon" Gebrüder Hielte. nftllllllllidlinn, Kotmtiantiatiienstr. 20. §DAPtshaiK inZieipMsbeiZenllien WJ�VI(Vorort- und Stadtbahn-Verkehr) am Cromsin-See, mit 2 großen Sälen, Hallen u. schattigem Garten, bis 1566 Personen fassend, lv Morgen Spielplätze in herrlichem Hochwald, zwei ncuerbaute oerdeckte Kegelbahnen, Ausspannung für Fuhrwerke, Dampsersteg, Ruderboote, Sommerwohnungen u. Logierzimmer, Kaffcctüchc usw.— Halte michVereinen, Fabriken, Gelelllchastcn zu Ausflügen ganz besonders empfohlen, Hochachtungsvoll IBS H» 41, 1 Telephon: Amt [58442»]-1'»» IT*«»* Känigs-Wuslerhausen 75. Sozialdemokratischer Wahlverein für den 3. Berliner Beichstags Wahlkreis. Heute abend 8V2 Uhr, im gr. Saale d. Etablissements Kuggenhagen, am Moritzplatz: General»Versammlung. TageS-Ordnung:) 1. Kassenbericht vom 4. Quartal 1905. 2. Vortrag des Redakteurs Gen. II. Ltrüdkt über:„Der potitiseke ZNssssnstreik". 0-m ——— Mitgliedsbuch legitimiert.■ In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung erwartet zahlreiches Erscheinen der Mitglieder Der Vorstand. ücdtullg!\i Wahlkreis! Achtun»! Dienstag, den 80. Januar, abends 8V2 Uhr, bei Zach o n, Müllerstr. 130: Volksversammlung. Tages-Ordnung: Der am t. März m Kraft tretende Zolltarif und seine Folge». Referent: Genosse VIld. Düwe». Diskussion. ____ Zu zahlreichen! Besuch ladet ein 246/13*_ Der Elnbcrnfer. Zentraberband der Maurer Deutschlands. Zweigverein Berlin. _ Sektion der Gips- und �ementbranche._______ Gruppe: Zementierer. Donnerstag, de» 1. Februar 1906, abends 8 Uhr, bei F. Wille, Brunnenstrahe 188: MM" Mitglieder- Versammlung."MI Gruppe: Rabitzputzer und Träger. Freitag, den 2. Febinar 1966. abends 8 Uhr. im Gewerkschaftshause. Engel-User 15, Saal I: MM" Mitglieder- Versammlung."WW Dagrsordniing in beide» Berfanimlnngen: 1. Bericht und Neuwahl des Vorstandes. 2. Vorschläge von Kandidaten zur SektionSIeitung. 3. Verschiedenes. 1367 Pflicht eines jeden in der Gruppe bcichästigtcn Kollegen ist es, in dieser Versammlung zu erscheinen. >«. Die in Nr. 4 des.Grundstein" unter Versammlungsanzeigen bclannt gemachte Versammlung der Der Vorstand. Rabitzvntzer am Freitag, den 9. Februar 1906, findet nicht statt. Mitgliedsbuch oder Legitimationskarte Icgimiticrt. Maharbeiler ms Maharbeiterinnen! Mitwoch, den 31. Januar, abends 8 Uhr, in Kellers Festsälen, Koppenstr. 39: Oeffeutliche Versammlung. T a g e S o r d ii u n g:„Die Tabaksteuervorlage vor dem deutschen Reichstage." Referenten: B l o h in e- Breine», Niendorf- Kiel, B u r g o l d- Braunschweig. 187/3» Die Kongretzdclegiorten sind durchgängig anwesend und erwarten wir zahlreiches Erscheinen. Die Zentralkommission der Tabakarbeiter. I. A.: Karl Buir h. 229f6 m TcrwaUiingsHtclIe Berlin. Saubt-Burcau: Engel-ltfer 15, Zinnncr 1—5. Fernsprecher: Amt IV, 9679. Arbeitsnachweis: Zimmer 34. Amt IV, 3353. Mittwoch, den 31. Januar 1006, abends 8'/: Uhr: Versammlung der Mechaniker, Uhrmacher, Optiker und aller in den Kerufen beschäftigten Kollegen und Kolleginnen mi Gewcrlschaftshause, Saal 1, Engel-User 15. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Verbandsallgelegenheit. 4. Verschiedenes. Mittwoch, den 31. Januar 1906, abends 8'/. Uhr: Versammlung der chirurgischen Branche im.Roscnthaler Hof", Rosenthalerstr. 11—12. Tagesordnung: 1. Vortrag d-s Herrn Dr. Goldfiein über:»Die Flutsage der Bibel". 2. Diskussion. 3. VcrbandSangelegcnhcit und Verschiedenes. In Anbetracht des inlcrcssantcn und lehrreiche» Vortrages ersuche» wir um pünktliches und zahlreiches Erscheinen. 111/12 Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Mittwoch, den 31. Januar 1906, abend» 8 Uhr: Bezirks-Versammlung für Steglitz, Gr.-Lichterfelde und Umgegend bei Reise«, Gr.-Lichterkclde, Ehausseestr. 104. Tagesordnung: 1. Wie verhalten wir uns zu der bevorstehenden Schlosser- bewcgung? Resercnt Kollege Handke. 2. Bericht vom Beisitzer vom Gewerbegcricht. 3. Bericht vom Kartelldelegierten von Gr.-Lichterseldc. 4. Verschiedenes.— Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. _ Die Ortsverwaltung. (Hustet, wo bleibst Du? Guftel, was treibst Du? Gustel, wann schreibst Du? Uianaauspolicrer sür einige gesucht PlUIIil sofort Gerichtst. 32. Oittrich. ■■■■■■ Das älteste Stester-Gesehäft des S.-O. von 56422* Wilhelm MUhlhach empfiehlt Refler von Plüschen, Krimmer, Eskimos ziiDameil- und Ktnder-Jaltette usw. zu den billigsten Preisen. Gröbte Auswahl in fertiger ■0 Konlektlon. � lO Oppelnerstr. 10 Kranz- und Kliimeiibindrrki von koherl llexer,. nur Mariauntu-Stratze 3. VereinS-Kränze, Palmen- u. 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Berlin SW»5 Bergmannstr, 93, Zossenerstr. 22. Berlin S»: Gräfestr. 25, Sebastianstr. 88. Berlin SO«• Admiralstr. 32, Köpenickerstr. 144, Muskauerstr. 13, Neanderstr. 37, Oranienstr. 1, Reichenbergerstr. 123, Wrangelstr. 23, Wrangeis tr. 54. Berlin O.S Andreasstr. 57, Boxhagenerstr. 14/15, Ebertystr. 48, Frankfurter Allee 51, Frankfurter Allee 71, Grüner Weg 41, Gubenerstr. 49, Krautstr. 48 b, Königsbergerstr. 31, Petersburgers tr. 81, Richthofen- straße 15, Stralauer Allee 23 b, Zorndorferstr. 48. Berlin IVO«! Gollnowstr. 11, Greifswalderstr. 1, Landsberger Allee 29, Lippinerstr. 29. Berlin€3»: Alte Schönhauserstr. 30, Kaiser Wilhelms tr. 20. Cliarlottenbnrg: Augsburgerstr. 59/60, Berliners tr. 98, Berliner» straßo 125, Dankelmannstr. 60, Holtzendorfstr. 4, Kantstr. 149, Kleist- straßo 19, Nehringstr. 1, Pestalozzistr. 9a, Pestalozzistr. 29, Kaiser Friedrichstr. 57, Tauenzienstr. 19, Spandauerstr. 28, Uhlandstr. 32 Wilmersdorforstr. 126, Wilmersdorferstr. 148. Boxliageu-Bninmelsbnrg: au Boxhagen 4/5. Bent�cli- Wilmersdorf: Beriinerstr. 131. Friedenau s Rheinstr. 10. Friedrichsberg: Frankfurter Chaussee 7. Friedriclisfelde: Beriinerstr. 45. Lichtenberg: Frankfurter Allee 171. Welssensee Berlin: König-Chaussee 32. Fanbo'tzv: Breitestr. 24a. Beinlebendorf-West: Schamweberstr. 16. 99 Ost: Residenzstr. 107. Blxdorf: Hermannstr. 40, Kaiser Friedrichstr. 242, Steinmetzstr. 116. Bninmelsbnrg: Schuierstr. 12. Schmargendorf: Breitestr. 22a. Scllöneberg: Colonnenstr. 66, Goltzstr. 86, Hauptstr. 139, Tempel- hoferstr. 21, Neue Winterfeldtstr. 44. Steglitz: Lehloßstr. 85. Tegel: Beriinerstr. 9. Tempelhof: Beriinerstr. 15. Adlershof: Bismarckstr. 14a. Nowawes: Friedrichstr. 15. Oher-Schöliewelde: Wilhelmmenhofstr. 41. Potsdam: Brandenburgerstr. 20, Nauenerstr. 38. Spandan: Breitestr. 49, Jägerstr. 1, Neuendorferstr. 6, Potsdamers tr. la, Schönwalderstr. 87. Treptow: Baumschulenweg 19/20. jjV JJJ W»v" t Wenn Sie uns fragen wurden, warum wir selbst am liebsten Josetti= Cigaretten rauchen, würden wir kurz antworten: „Wegen des würzigen Aromas und des milden, feinen Geschmacks, die ihnen eigen sind". Diese Quaiitäts-Eigentümlichkeiten werden selten vereinigt in türkischen Cigaretten gefunden und in keiner Sorte so vollkommen als in JOSETTI CIGAREXTEK Wir haben viele türkische Cigaretten mit ausgesprochenem würzigen Aroma geraucht, aber die Stärke derselben war für dauerndes Rauchen un- erwünscht Es sipd die bei der Herstellung von Josetti-Cigaretten verwendeten geschickten Mischungen, die das bouquetreiche Aroma der reifsten besten türkischen Tabake vereinigt mit mildem, lieblichem und doch vollsaftigen Geschmack bewahren. Dies kann nur mit absolut harmonisch zusammen- gestellten Mischungen erreicht werden. Dieses Ziel zu erlangen, ist uns stets als wichtigste Aufgabe in unserer langjährigen Praxis erschienen, und nur durch unermüdliche Bestrebungen ist es uns gelungen, Josetti-Cigaretten zu ihrer jetzigen Vervollkommnung zu bringen und uns den hervorragenden Platz, den wir»a unserer Branche einnehmen, zu gewinnen, Josetti Juno 10 St. 20 Pig. Josetti Oriseldis 10 St. 30 Pig, r-M f v m m ZusimnensteOant der T.bakbläller(dt losetti-GgtretUo tum Verptckea in Bailea. Gesundheit ist Reichtum! KejzelmttBlges Baden erhalt and fordert die Gesnndhelt.• Bßade Berlin-Ost im: Bade Berlin-Süd im: ad Frankfurt|A 2 Wannen r Bäder uandtüchom 0,75 Mk.(10 Minuten Badezeit.) Hygienisch einwandfrei bleiben nur Einzelbäder, niemals gemeinschaftlich benutzte Bassinbäder! 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Verantwortlicher Redakteur: HanS Wrber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt? Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW, Nr. 24. 23. Jahrgang. 2. Kkilxgt des Joraiirtü" Knlim IMhtl Dienstag, 30. Januar 1906. Bernsteins Entgegnung. Genosse Bernstein schreibt in den„Soz. Monatsheften": «Zunächst eine kleine Abrechnung mit dem„Vorwärts". Man wird es mir gestatten, an sie noch einige sonstige polemische Bc- inerlungen zu knüpfen. Im Lause eines Monats passiert gar mancherlei, was zur Kritik reizt. Mein Artikel:„Politischer Massenstreik und RevolutionS- romantik" im vorigen Heft der„Sozialistischen Monatshefte" hat dem„Vorwärts" sehr mißfallen. Er erklärt sie für tief unter seinem geistigen Niveau stehend— was ich sehr begreiflich finde— und würdigt die„langatmigen, platteste Selbstverständlichkeiten breit- tretenden Ausführungen" nur deshalb der Kenntnisnalime, um der m ihnen enthaltenen„Legendenbildung" entgegenzutreten. Besagte Legendenbildung soll darin bestehen, datz ich der Genossin Luxem- bürg und der„Vorwärts"-Redaktion die„Kateridee" imputiert hätte,„mechanisch die russischen Zustände und Kämpfe auf die beut- ,chen Verhältnisse zu übertragen und nichts Geringeres zu be- «bsichtigen, als solch revolutionäre Massenstreiks, wie sie in Rusi. and geführt werden, einfach auf das heutige Deutschland zu über- ragen." Wogegen die Redaktion des„Vorwärts" sich und die Genossin Luxemburg feierlichst verwahrt. Sie hätte sich das sparen können, denn von einer Imputation p plumper Ansichten steht kein Wort in meinem Artikel, der vielmehr iur generell die Frage behandelt, ob und inwieweit es zulässig ist, Erfahrungen aus den jetzigen russischen Kämpfen auf in Deutschland pi führende Kämpfe zu übertragen. Nehmen wir aber einmal an, ich hätte das wirklich geschrieben, was der„Vorwärts" mir vor- ivirft, wem hätte ich damit unrecht getan? Der„Vorwärts" er- llärt in seinem besagten Artikel, datz die parteipolitischen Auffassungen wn Rosa Luxemburg erfreulicherweise„sich durchaus mit denen der Äesamtredaktion decken." Wohlan, so möge die Gesamtredaktion tcs„Vorwärts" die Güte haben und im Protokoll des Jenaer Parteitages auf Seite 320 und 321 die Rede Rosa Luxemburgs über den politischen Massenstreik nachlesen. Diese Rede ist von A bis Z eine verhöhnende Zurückweisung aller gegen die Durch- führbarkeit des politischen Massenstreiks in Deutschland vor- gebrachten Bedenken, und zwar unter Exemplifikation auf— Rußland. Da heitzt es gleich oin Anfang: „Wenn man die bisherigen Reden... hier gehört hat, mutz w.an sich wirklich an den Kopf fassen und fragen: Leben wir denn taisächlich im Jahre der glorreichen russischen Revolution, oder stehen wir in der Zeit zehn Jahre vor ihr?... Ja, sieht denn Robert Schmidt nicht, datz die Zeit gekommen ist, die unsere Großmeister Marx und Engels vorausgesehen haben, lvo die Evolution in die Revolution umschlägt? Wir sehen die russische Revolution, und wir wären Esel, wenn wir daraus nichts lernten." Wie das gemeint ist, zeigen folgende weitere Sätze: «Nein, nicht die Organisation vor allem, sondern vor allem der revolutionäre Geist der Aufklärung I Das ist noch viel Wichtigerl... Lernen Sie einmal aus der russischen Revolution! Die Masten sind in die Revolution getrieben, fast keine Spur von gowerkschaft lichcc Organisation, und sie festigen jetzt Schritt für Schritt ihre Organisation durch den Kampf." So Rosa Luxemburg auf dem Parteitag in Jena, und genau in diesem Sinne hat sie nachher in Berlin und Hamburg gesprochen. Man wird zugeben, daß es unter diese» Ilmständen ein starkes Stück ist, es als Legende zu bezeichnen, datz jemand kurzerhand von den russischen Vorgängen auf Wiederholung in Deutschland gefolgert habe. Ich achte jede Ucberzeugung, auch wenn sie der meinen noch so schroff entgegensteht, ich sie noch so entschieden als schädlich be- kämpfen mutz. Aber welches Gefühl soll einen überkommen, wenn in dieser Weise heute bestritten wird, was gestern mit blutigem Hohn gegen Andersdenkende verkündet wurde? Hier eine Probe von dem klaffenden Widerspruch zwischen den Reden von Rosa Luxemburg und der Darstellung des„Vorwärts": I diesen Satz niederschreiben zu müssen, allen Dingen Wahrheit. Was soll dw st „Vorwärts" vom 30. De» zember 1905: „Diese Richtung(es ist der radikale Flügel in der Partei ge meint, den der„Vorwärts" vertreten glaubt) verlangte gerade deshalb ei» gründliches Studium des politischen Masse» ftreiks, weil sie nicht an die An Ivendbarkeit„aller Mittel' glaubte, sondern den Massenstreik imr unter ganz bestimmten Voraussetzungen für möglich hielt." RosaLux emburg in Jena: „Da verlangt man, datz wir sagen:„Wie werden wir den Generalstreik machen, mit welchen Mitteln, zu welcher Stunde loird der Generalstreik erklärt, habt ihr schon die Magazine für die Lebens- mittel? Die Massen werden der- hungern. Könnt ihr es auf euer Gewissen nehmen, datz Blut flictzt? Ja, alle, die solche Fragen stellen, haben nicht die geringste Fühlung init der Masse, sonst würden sie sich nicht so weit den Kopf um das Blut der Masten zerbrechen..." I Also, in �sena werden von Rosa Luxemburg diejenigen, die Fragen über die Ausführbarkeit des politischen Mastenstreiks auf- werfen, als Leute gebrandmarkt, die„nicht die geringste Fühlung mit der Masse" haben— etwas weiter in der Rede wird dann „bürgerliche Auffassung" daraus, die„eine Schemde für einen Sozialdemokraten" sei— und drei Monate später erklärt der„Vor- ioärts", unter Hinweis auf Jena und ausdrücklicher Hervorhebung seiner vollen Gesinnungseinheit mit Rosa Luxemburg, datz gerade diese Richtung in Jena„ein gründliches Studium des politischen Massenstreiks verlangt habe. Merkwürdige Art von Gründlichkeit, die in der vorbezeichnetcn Rede gepredigt ward! Wir werden alle Begriffe vollständig umzulernen habe», wem« in dieser Weise mit ihnen operiert wird. Im Ernst gesprochen: Ist bei solcher Ab- streitung der Tatsachen eine sachliche parteigenössische Diskussion noch möglich? Und komme mir der„Vorwärts" nicht mit dem Einwand. Rosa Luxemburg habe ja selbst in Jena gesagt, es handle sich in Deutsch- land augenblicklich aar nicht darum, den Massenstreit zu protlamiercn. Gewitz, an ein„sofort" hat kein Meilsch in Jena gedacht. Aber ebenso wenig handelte es sich um spekulative Erörterung der Frage einer fernliegenden Zukunft, sondern um Erwägung der Frage, ob der Massenstreik eine bei gewissen Eventualitäten heut oder morgen schon anzuwendende politisch Waffe sei. Und diese GcgenwartS- frage sollte nach Rosa Luxemburg schon der blohe Blick nach Rutz- land erledigen. Dies und die Borstellung, daß, weil es in Ruhland gekracht hat, auch bei uns die Zeit gekommen sei, wo„die Evolution in die Revolution umschlägt," das ist die Rcvolutionsronrantik, gegen die sich mein Artikel gewendet hat, so wenig ich sonst mit denjenigen übereinstimme, die den politischn Streit für eine unbrauchbare Waffe halten. Diese Revolutionsromantik ist, tvie ich weiter er- klärte und heute wiederhole, gerade im Interesse des politisch» Massenstreikes zu bekämpfen. Denn sie ist die Mutter jener Revo- lutionSphrascologie, die den Regierenden den bequemen Vocwand liefert, dem Volk die legitimen Kundgebungen seines Protestes von vornherein unmöglich zu machen oder zu verkürzen. Für Rosa Luxenwurg war das Auswerfen der Frage, ob man bei einem poli- tischen Massenstreik die unorganisierten Arbeiter auch werde im Zügel halten können, in Jena ein Beweis bürgerlicher Denkart, die einem Sozialdemokraten zur„Schande" gereiche. Drei Monate später haben die organisierten Berliner Sozialdemokraten für ihre WahlrechtSdemon-stralionen zu dem spezifisch» Zweck Ordner er- nannt. die aus den Versammlungen strömenden Massen zu größter Ruhe zu ermahnen. Gewitz folgten sie damit mir der Stimme der Vernunft. Was beweist es aber anders, als datz der„revolutionäre Geist," der nach Rosa Luxemburg über alles zu regieren hat, im gegebenen Moment doch der Stimme der sorgfältig abwägenden Vernunft Folge zu geben hat, auch wenn diese zu der Ermahnung Wrt: macht die Faust in der Taschl Es gewährt mir leine Freude, aber wir schulden uns vor das Prahlen mit dem revolu tionären Geist? Göinügt eS nicht, sozialdemokratisches Denken, sozialdemokratisches Empfinden, sozialdemokratisches Wollen, mit einem Wort: sozialdemokratischn Geist zu hegen und zu verbreiten? Durch das Jonglieren mit dem Begriff revolutionär machn wir uns schließlich nur selbst zu Narren. Entweder berauschen wir uns dabei in Vorstellungen, denen der reelle Untergrund fehlt, und die daher eines Tages uns in die schöne Sackgasse hineinführen können, oder wir zerren einen sehr hohen Begriff auf ein sehr banales Niveau, wo er am Ende nicht mehr besagt, als etwa ein Aufschlagen mit der Faust auf den Schanktisch, was bekanntlich jeder Philister zur Not zuwege bringt. Der„Vorwärts" hat es abgelehnt, meinen von ihm an- gegriffenen Artikel, wenn nicht ganz, so wenigstens in seinem ent- scheidenden zweiten Teil seinen Lesern zur selbständigen Beurteilung vorzulegen, mir aber Aufnahm« einer etwaigen Widerlegung eines Gegenartikels angeboten. Hier ist die Widerlegung, und wir wollen nun sehen, ob der„Vorwärts" sie wirklich abdrucken wird oder nicht." Wir haben hiermit Bernsteins Entgegnung abgedruckt. Und wir haben das getan, ohne datz dazu für uns irgend eine re- daktionelle oder journalistische Verpflichtung vorgelegen hätte. Genosse Bernstein scheint auch über polemische Gepflogenheiten und Pflichten seine eigenen, höchst naiven Vorstellungen zu haben. Wohl war es für den„Vorwärts" eine Handlung der Loyalität, eine Entgegnung Bernsteins aufzunehmen. Bernstein hat aber selbst auf eine solche Entgegnung verzichtet, eS vielmehr vorgezogen, in dem Blatt seine Angriffe fortzusetzen, in dem er seinen ersten Artikel veröffentlicht hatte. So wenig es ihm nun in den«Soz. Monatsheften" ein- gefallen ist, u n s e r e Entgegnung abzlrdrucken, so wenig läge für uns irgendwelche Verpflichtung vor, seine Antwort abzudrucken� Wenn wir die Entgegnung trotzdem vollinhaltlich wiedergeben, so geschieht das, um zu zeigen, wie Bernstein polemisiert. Bernstein bestreitet, datz er dem„Vorwärts" die unsinnige Auffaffuug unterstellt habe, auch Deutschland für eine Revolution im russischen Stile für reif zu halten. Wenn er das bestreitet, so wären seine tiefsinnigen Untersuchungen über die Verschiedenartigkeit der Zu- stände in Rutzland und in Deutschland ebenso überflüssig gewesen, wie die Apostrophierung der Genossin Luxemburg und die Hereinziehung des„Vorwärts" in diese Betrachtungen sinnlos und abgeschmackt. Das sieht denn auch Bernstein selbst ein, denn er fährt unmittelbar darauf fort:„Nehmen»vir a b e r einmal an, ich hätte das wirklich geschrieben...", und sucht dann bis zum Schlutz seiner Entgegnung krampfhaft das zu recht fertigen, was— er ja gar nicht getan haben Willi Welch' eine Komödie der Irrungen I Bernstein wandte sich in seinem ersten Artikel» dessen Inhalt ihm offenbar entfallen ist, gegen die„Revolutionsromantik", als deren schlimmste Vertreterin er die Genossin Luxemburg bezeichnete. Besonders gefährlich sei diese Genossin aber dadurch geworden, datz sie„bevorrechtete Mitredakteurin" des„Vorwärts" geworden sei. Seitdem spuke im„Vorwärts" verdächtig die„RevolutionS romanttk", es sei darum die allerhöchste Zeit, diese revolutionären Spukgeister mit Räucherfah und Besen zu exorzieren Wir stellten dieser Hexenriecherei gegenüber fest: 1. die Genossin Luxemburg ist nicht„bevorrechtete Mitredakteurin", sondern einfach ständige Mitarbeiterin. 2. Weder Genossin Luxemburg noch die Redaktion des„Vorwärts" denken auch nur im Traume daran, im heuttgen Deutschland nach russischem Muster Revolution mache» zu wollen. 3. Gerade der radikale Flügel der Partei und der alten „VorwärtS"-RedaNion hat sich bei der Behandlung der Frage des politischen Massenstreiks vor Krastphrasen gehütet. 4. Gerade der mit Bernstein Schulter an Schulter gegen die„Revolutionsromantik" kämpfende Genosse v. Elm ist es gewesen, der in Jena erklärte, eS sei sicher, datz es bei einem politischen Massenstreik zur Abwehr des Wahlrechtsraubes nicht ohne Blutvergietzen abgehen werde, datz wir aber trotzdem im gegebenen Falle zum politischen Massenstreik greifen müßten. 6. Wenn sich Bernstein also überhaupt über„RevoluttonS- romantik" zu entrüsten für nötig hält, mag er sich zunächst einmal statt gegen den„Vorwärts" an die Adresse des Genossen v. Elm wenden. 6. Wir halten es allerdings für unsere Pflicht, die Massen n i ch t in den Wahn einzulullen, als ob die herrschende Klasse ohne jeden Versuch gewalttätigen Widerstandes abdanken werde, sie viel- mehr durch Aufklärung und Verbreitung historischer Erkenntnis auf alle Fälle vorzubereiten. Nennt das Bernstein RevolutionS« romantik— nun gut, aber dann ziehe er wenigstens die Konsequenz, auch z. B. den Genossen Legten als einen Menschen von solch gemeingefährlicher Gesinnung zu denunzieren I Und ,waS hat Genosse Bernstein auf alles das zu entgegnen? Beweist er, datz wir Legten oder Elm falsch zittert haben? V e r- suchte er wenigstens den Nachweis, datz die gegenwärtige Redaktion des„Vorwärts" den politischen Massenstreik„revoluttonSromanttsch" behandle? Bringt er auch nur ein armseliges Zitat daftir bei, datz der„Vorwärts" die russische Revolution nach Deutschland herüber- zuverpflanzen gedenkt? Nichts, nichts von alledem! Bernsteins ganze Verteidigung besteht darin, datz er ein einziges Zitat der Genossin Luxemburg herbeischleppt. Und das Zitat stammt nicht etwa auS einem Artikel des„Vorwärts"— obwohl Bernstein doch in seinem ersten Artikel erklärte, die Genossin Luxemburg alS Privatperson interessiere ihn gar nicht, sondern nur die Genossin Luxemburg als Egeria des ZentralorganSl—, sondern aus einer Rede, die sie auf dem Jenaer Parteitage gehalten hat! Wir haben es also mit einem Zitat nicht etwa auS einem wohldiSpouierten Referat zu tun, sondern mit einem Zitat aus einer Diskussionsrede, einer Zehn minuten-Rede, die obendrein.'nicht einmal wortgetreu festgehalten worden ist. Und diese Zehnminuten-Rede soll nicht nur genügen, die Genossin Luxemburg selbst auf den Scheiterhaufen zu bringen, sondern sie soll auch die„Revolutionsromantik" der ganzen „Vorwärts"-Redaktion zeigen l Obendrein aber beweist die Red« der Genossin Luxemburg ganz und gar nicht, was sie nach Bernsteins Auffassung beweisen soll! Wenn Bernstein den Satz durch Sperrdruck hervorheben lätzt, in dem die Genossin Luxemburg erklärt, die Zeit sei gekommen, wo die Evolution in die Revolution umschlage— ja, will denn Bernstein leugnen, datz Rutzland faktisch inmitten der Revo- lution steht? Will er es leugnen, daß wir auch im übrigen Europa einem Zeitalter verschärfter Klassenkämpfe, einem revolutionäre» Zeitalter entgegenzugehen scheinen? die Revolution in Deutschland deshalb schon morgen kommen müsse und daß sie in Deutschland überhaupt genau dieselben Formen annehmen müsse wie in Rutzland. solch« Folgemngen aus einem Hinweis auf die russische Revolution zu ziehen, da« sollte Genosse Bernstein doch lieber— der Breslau er taatSanwaltschaft überlassen! Ganz rätselhaft ist es aber, was daS weitere Zitat aus der Rede der Genossin Luxemburg soll. Der Spott über die Aengstlich- keit, die Arbeiter könnten beim politischen Massenstreik verhungern usw.. kehrt in den Reden der Genoffen Zieh, Liebknecht, Elm usw. wieder! Wenn das schon„Revolutionsromantik" ist, so mag sich Bernstein doch lieber mit all ihren Anhängern, so ungefähr der ganzen Partei, auseinandersetzen, statt sich eine einzelne Person oder eine einzelne Redaktion als Angriffsobjekt auszusuchen! Als Beweis der„Revolutionsromantik" bleibt also für Bern- stein, der doch mehrere Wochen Zeit hatte, sich Material zusammen- zusuchen, nichts anderes übrig als ein Zitat aus einer Jenaer DiS- kusiionSrede der Genossin Luxemburg, das noch obendrein staatsanwaltlich interpretiert werden muh, um den Sinn zu erhalten, den Bernstein ihm zuschreibt. Und trotzdem ist diese— nichtexistierende!— Revolutionsromantik„gerade im Jntereffe des politischen Massenstreiks zu bekämpfen". „Denn sie ist", fährt Bernstein fort,„die Mutter jener R c- volutionsphraseologie, die den Regierenden den bequemen Vorwand gibt, dem Volk die legitimen Kundgebungen seines Protestes von vornherein unmöglich zu machen oder zu verkürzen". Dergleichen haben wir doch schon anderswo gelesen? Richtig: im„ B e r l i n e r T a g e b l a t t" mid in der„ B r e s l. Z t g." I Nur drückte man sich da etwas deutlicher aus, nur bezeichnete man da die S i e g e d e S R a d i k a I i S m u S in Dresden und Jena als die„Helfershelfer der Reaktion' l Offenbar meint Bernstein das gleiche, denn die eine Zehnminuten- rede der Genossin Luxemburg in Jena kann doch unmöglich die Schuld daran tragen, datz die preutzische Regierung keine Stratzen- demonsttationen dulden will! Bernstein ist ja bekanntlich der Bater der StratzendenwnstrationZ- absichten. Auf dem Preutzentage prophezeihte er der pessimistischen Majorität der Delegierten gegenüber wohlgemut:„So rasch schieben die Preutzen nicht". Inzwischen scheinen ihm doch Zweifel an der Harm- losigkeit der preutzische» Pickelhauben gekommen zu sein, denn er findet es ganz in der Ordmmg, datz man die Massen abhielt, auf die Strotze zu gehen. Aber an dem Schneid der preutzischen Polizei- und Militärbehörden trägt nicht, wie die verblendete Parteipresse bisher einmütig annahm, der Geist des Scharfmachertums schuld, der die matzgebenden Stelle» beherrscht, sondern— die„RevolutionS- romantik" der Sozialdemokratie selbst! Die liberale Presse hat also doch recht behalten! Noch ein Wort im Vertrauen, Genosse Bernstein: gerade der „Vorwärts" liebt das„Prahlen" mit revolutionärem Geist nicht, ihm fällt eS zuletzt ein, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Davor schützt ihn nicht nur ein ausgeprägtes Verantlvortlichkeits- gefühl, sondern auch eine gewisse Empfindung, die leider dein Genossen Bernstein zu fehlen scheint: die Furcht vor der Lächerlich- keit. Ein Mann von den Fähigkeiten und Keimtnissen Bernsteins sollte sich doch nützlicher in der Partei betätigen können, alS durch das Nachplappern gerade des Allerdüinmsten, das bürgerliche Blätter vorzubringen wußten I �" Genosse Bernstein benutzt die Gelegenheit, um auch unsere Be» richterstattung über die auswärtige Partei- und Arbeiterbewegung in seine„Abrechnung mit dem.VorivärtS' hineinzuziehen. In seinem durch und durch tendenziösen Artikel wendet er sich zunächst gegen unsere„tendenziöse" Berichterstattung und belehrt uns freundlichst darüber, daß die Leser deS„Vorwärts" nicht nur wissen sollen, wie die Redaktion über bestimmte Vorkommnisse denkt, sondern, und sogar vor allein, wie sich die Borkominniffe tatsächlich verhalten. Ganz unsere Meinung I Daher und dazu haben wir nämlich im Auslände unsere Korrespondenten. Die Eigenart der Bernstein- scheu Polemik gegen uns bringt es nun aber mit sich, datz er gerade an zwei als„Eigener Bericht", also als Aeutzerung unserer Korrespondenten gekennzeichneten Artikeln herumuörgelt. Im ersten Falle handelt eS darum, datz unser Londoner Mit- arbeiter nach Bernsteins Ansicht auS einem Artikel des„Labour Lcader" Stellen nicht gebracht hat, die er hätte bringen müssen, und andere Stellen der Veröffentlichung für wert hielt, auf die wieder Bern- stein geringeren Wert zu legen scheint I Und schlietzlich handelt eS sich noch darum, ob die beiden Worte„backslidsd badly" richtiger übersetzt werden:„schmählich abgefallen" oder— wie Bernstein meint—„bös entgleist". Wir bedauern, nicht genügend Raun« zu haben, um diese hochpolitisch- philologische Frage in aller Breite erörtern zu können, aber soviel dürfen wir in aller Kürze sagen: Wenn Genosse Bernstein be- streitet, datz„a backslidor ein Abtrünniger ist, dann hat es beinahe den Anschein, als w o l l e er hier einen Streit vom Zmme brechen— ganz abgesehen davon, datz eine richttge Interpretation der betreffenden Stelle die Bernsteinsche Auslegung ohne weiteres über den Haufen wirft.(Es wird nämlich vorher gesagt, datz gerade Burns eS war, der früher Kraftausdrücke Ivie„Abttiiimiger" usw. liebte, und auf diese Feststellung ist der von Bernstein mitzverstandene Schlutz- Passus ganz offensichtlich gemünzt!) Im zweiten Falle handelt es sich darum, datz u»ser Pariser Korrespondent sich erlaubt hat, eme Aeutzerung JauröS' in kondensierter Form zu bringen, ivährend Bernstein sie gern in behaglicher Breite gehabt hätte. Unser Berichterstatter schrieb, JauröS habe die„opportunistische Kompromitzlerei" gewiffer französischer Partei- Födcrattoiicn getadelt, die auf Parteitagen einen dekorativen Radikalismus zur Schau tragen. Bernstein zitiert statt dessen 20 Zeilen und zieht das Fazit: Jaurös habe also„den Gegensatz zwischen dem Verhalten auf dem Parteitag und dein Verhalten in der Praxis" tadeln wollen und nicht den Kompromitz I Wer den Sinn der Worte„dekorativ" „zur Schau trägt" usw. verstehen iv i l l, der begreift auch ohne die von Bernstein für nötig erachtete Breite, was gemeint war. Es wäre kaum erforderlich gewesen, auf diese Dinge überhaupt einzugehen. Da es aber nicht ausgeschlossen ist, datz unsere Korrcspondeilteil selber sich auf den Berlisteinschen Kleinkram einzulassen wünschen, so wollten wir unsere Leser auf gewisse Er- örterungen, die Genosse Bernstein uns eventuell aufzivingt, schonend vorbereiten.—_ Tabakarbeiter-Kongreß. Berlin, den 29. Januar. Im Gewcrkschaftshausc nahm heute früh ein von etwa 300 Dclc- gierten aus allen Teilen Deutschlands beschickter autzerordentlicher Tabakarbeilerkongrctz seincii Anfang. Der einzige Punkt der Tages- ordnung lautet: Dir Tabalsicuei vorläge der Rcichsregicrung und die Wirt- ichaftlichc Lage der Tabakarbeiter. Unter den hierzu vorliegenden Anträgen sind folgende der Tabakarbeiter von Hciligcnstadt hervorzuheben: „Sollte die geplante Zollcrhöhung sowie eine Steuer auf Tabak und Zigaretten zum Gesetz erhoben werden, so würden viele tauseiide Tabakarbciter ohne ihr Verschulden brotlos werden. Es wird daher der Tabakarbciterkougrctz beauftragt, bei der hohen Reichsregierung vorstellig zu werde», datz der Staat auch für die brotlos gewordenen Tabakarbeiter Sorge tragen und dieselben so lange entschädigen möge, bis sie in einem anderen'Bc. triebe Arbeit erhalten haben." Ferner wird verlangt, daß ein Flugblatt mit den Namen der- jenigen Abgeordneten, welche für die Belastung des Tabaks stimmen sollten, herausgegeben werden solle. Namens der Zentralkommission der Tabakorbeiier eröffnete Vocrncr- Berlin den Kongreß. Der zahlreiche Besuch zeige, daß die Kollegen und Kolleginne» cmpfinde>', wie wuchtig de.r Schlag fcf, durch den daS ganze Tabakgetverbe von der Tabaksteuer betroffen werden würde. Als Vertreter der Gewerkschaftskommission begrüßte Reichstage abgeordneter Alwin Körsten den Kongreß. Butry- Berlin teilt mit, daß Einladungen an den Reichs kanzler, das Reichsschatzamt und den preußischen Finanzministcr ergangen seien. Daraufhin ist vom Reichsschatzsetretär Frhr. v. Stengel folgendes Schreiben eingegangen, das ver lesen wird: „Reichsschatzamt. Das Reichsschatzamt kann Ihrem Ersuchen. zu den am Lg. d. M. beginnenden Verhandlungen des Kongresses der Tabakarbciter, denen ich das regste Interesse entgegenbringe (Lachen), einen Vertreter zu entsenden, zu meinem aufrichtigen Bedauern nicht entsprechen, da die in Betracht kommenden Beamten meines Ressorts durch die ihnen gegenwärtig obliegenden Geschäfte gerade auch an den in Frage stehenden Tagen voll in Anspruch genommen sind.(Lachen.) Tagegen wäre es mir angenehm, wenn Sie mich von dem Ergebnis Ihrer Verhandlungen unterrichteten. Für den Fall, daß Sie es vorziehen würden, mündlich darüber zu berichten, ist der diesseitige Referent, Geh. Finanzrat Rcinbold. bereit. Sie in seinem Geschäftszimmer im Reichsschatzamt, Wib Helmsplatz 1, zu empfangen.(Hört! hört! Lachen.) gez. Freiherr v. Stengel/ Auch an die sämtlichen Reichsiagsabgcordneten sind Ein ladungen ergangen. Die fortschrittlichen Fraucnvcrcine haben Fräulein Dr. B e r n h a rd- Berlin, der Deutsche Senefeldcrbund seine Vorstandsmitglieder S i l l i e r und Lange- Berlin zu den Verhandlungen delegiert. Zu Verhandlungsleitern wurden Bormann-Bremcn und B o e r n e r- Berlin gewählt. Als Referent zum Hauptpunkt der Tagesordnung führte Molkenbuhr aus: Kein Gewerbe habe so unter dem Vorurteil der deutschen Staatsmänner zu leiden, wie das Tabakgewerbe. Diese hegten den Aberglauben, daß zur Verbesserung ungesunder Reichsfinanzen nichts so geeignet sei, wie die Tabaksteuererhöhung. Diesen Aberglauben habe schon Fürst Bismarck gehabt und, was Fürst Bismarck für richtig gehalten habe, das gelte für die heutigen Staatsmänner auf alle Fälle als richtig. Man verweise darauf, daß in anderen Ländern der Tabak weit mehr einbringe. Dabei ignoriere man aber, daß in diesen Ländern das Tabakgewerbe un- gemein niedrig stehe, während bei uns hunderttausende Arbeiter beschäftigt werden. Man meine an maßgebender Stelle vielleicht auch:„Na, die Arbeiter werden es schon tragen!" Fast könnte man das auch glauben, wenn man sehe, mit welcher Geduld die Tabak- arbeiter alle die Experimente über sich ergehen lassen, so daß dieses einst gutbezahlte Gewerbe heute auf das Hungerniveau der schlesischen Weber herabgedrückt sei. Die Tabaksteuer sei auch so ein Stück Bismarckscher Politik, die darauf ausging, die Reichen möglichst steuerfrei zu lassen und sich an die breiten Schichten zu wenden. Wenn die Neichen die Kosten zahlen sollten, �würde ihre Flotten- und Armeebegeisterung bald ein Ende haben.(Sehr wahr!) Weshalb sollen nun gerade die Tabakarbeiter bluten? Seien es denn die Tabakarbeiter gewesen, welche für Flottenvermehrungen petitioniert haben? Oder seien es nicht vielmehr die Herren Kommerzienräte gewesen? Nun, dann möge nian diesen Herren auch erwidern:„Gut, dann bezahlt es bitte auch!"(Stürmischer Beifall.) Dabei sind schon jetzt allein durch die indirekten Steuern für das Reich die Einkommen der Armen mit etwa IL Proz. be- steuert, ganz abgesehen von den Steuern, die durch Fleischeinfuhr- verböte und Wucherzölle in die Taschen der Großgrundbesitzer ge- leitet werden.— Die Tabaksteuer von 1879, die den inländischen Tabak mit 4b statt ungefähr 6 M., den ausländischen mit 85 M. statt 24 M. pro Doppelzentner belastete, hat erwiesen, daß die Er- höhung der Tabaksteuer den Tabakarbeitcr nicht nur indirekt als Konsumenten, sondern direkt auch als Produzenten durch den Rück- gang des Konsums trifft. Wird doch der Tabakverbrauch für die nieisten durch den Geldbeutel, nicht durch Geschmack oder Bedürfni. bestimmt; sonst würden wohl nur wenige Raucher unter einer solchen Geschmacksverirrung leiden, immer nur Pfälzer zu rauchen. (Heiterkeit.) Trat der Rückgang des Konsums 1879 nicht so deutlich hervor, wie nach der Tabakpreiserhöhuirg von 1871 in Frankreich, so lag das daran, daß die Steuern einfach dem Arbeiter vom Lohne abgezogen wurden. Der Durchschnittslohn der Zigarrenarbeiter sank nach den 4893 veröffentlichten Lohnlisten von 1373 bis 1393 pro Tausend von 13,70 im Durchschnitt auf 9 M. Die Altonaer Zuchthausarbeit wurde an Billigkeit durch die„freien" Arbeiter im Schwarzwalde übertroffen.(Hört! hört!) Die Tabakindustrie wurde auf die Dörfer verlegt, die großstädtischen Tabakarbeitcr ins Ausland ge trieben, so daß in New Kork sich die Hamburger Gesangvereine viel fach bis auf den letzten Mann wiederfanden, in den Schwarzwald aber— die Tuberkulose so gründlich verpflanzt, daß in dieser ge- sunden Luft besonders unter den an Zahl enorm gestiegenen weib- lichen Tabakarbeitern mehr Kranke waren als im Zentralvcrband der Tckbakarbeiter.(Hört! hört!) Waren auch 1879 nach der Zertrümmerung der Arbeiterorganisationen durch das Bismarcksche Sozialistengesetz Ausnahmezustände, so wirkt doch jede Steuer- crhöhung lohnsenkend, jede Steuererleichterung lohnsteigend. Wenn man auch in Deutschland das Wort„Steuererleichterung" ganz aus dem politischen Wörterbuch gestrichen hat, so bewies das doch eine amerikanische Tabaksteuerherabsetzung im Jahre 1382. Die neu vorgeschlagenen neuen Steuer» können allerdings nicht ganz auf die Tabakarbeiter abgewälzt werden; sonst müßten sie aus Flotten- Patriotismus künftig die Zigarren umsonst drehen.(Sehr ivahr!) In der Begründung des neuen Gcsctzentivnrfes heißt es gleich zu Beginn:„Ter Tabak ist kein Nahrungs-, sondern ein Genußmittel, und noch dazu ein der Gesundheit wenig zuträgliches."' Gewiß kann niemand vom Tabak leben— außer dem Tabakarbeiter— aber mehr Luxusgegenstand als der Tabak ist doch noch die deutsche Flotte.(Heiterkeit und Sehr gut!) Sei der Tabak aber so ge- sundheitsschädlich, so verbiete man ihn doch einfach! Aber man will ja gerade seinen Konsum, um Geld in die Reichskasse zu bekommen. (Heiterkeit.) Man sehe, wie es sich bei den Motiven um nichts als um BerlcgenheitSausreden handele und daß es kaum ein un- geeigneteres Steuerobjekt gebe.(Beifall.) Sicherlich werden von den 200 000 Tabakarbeitern 23 000 brotlos gemacht tverden, und dieses Heer von Arbeitslosen werde einen starken Lohndruck herbei- führen. Was nutze es diesen brotlos gemachten Tabakarbeitern, dqß Herr v. Stengel darauf entgegne, daß ja auf der anderen Seite Panzerschiffe gebaut werden würden. Der schwächliche Tabakarbeiter werde bei Krupp gewiß nicht Beschäftigung finden. Ihnen bliebe nur das Los, zu verhungern, und die Arbeiterinnen tverden der Prostitution preisgegeben werden. Wie stimme es mit den Sitt- lichkeitsbestrebuugen des Zentrums, daß es Gesetze schaffen helfe. durch welche die Prostitution gefördert werden müsse. Daß durch ' das Gesetz die deutsche Arbeiterschaft dezimiert werde, stimme durch- aus mit dem Programm des Fürsten Bülow und der Politik des Junkerparlaments überein. Ja. aus den verschiedenen Aeußcruugen Bülow- könne man direkt folgern, daß diese Wirkung von ihm ge- wollt sei.(Sehr wahr!) Diese Politik müsse im Lande gebrand- markt werden. Wenn auch wohl die Tabaksteuer abgelehnt werden dürfte, so müßten die Arbeiter auch gegen die drohende Zigaretten- stcuer, als den ersten Schritt auf der Bahn der Fabritatsteuer, energisch Front machen. In erster Reihe müssen die Organisationen gestärkt werden.(Stürmischer Beifall.) In der Debatte nahm das Wort als erster Redner Reichstagsabgeordneter v. Elm-Hamburg: Daß die Reichs- regieruug keinen Vertreter hergesandt habe, sei begreiflich, denn derselbe würde es schwier haben, hier vor einer so großen Zahl von Fachleuten die Politik der Regierung zu vertreten. Die Reichs. regieruug scheine gehofft zu haben, unter den Interessenten Zwie- spalt hervorzurufen. Für die Tabakpflanzer enthält die Vorlage die Lockung mit der Staffelsteuer. Aber die Tabakpflanzer krochen nicht auf den Leim. Für die Großindustriellen tvar die Rosine in der Vorlage der Ilmstand, daß keine Spernnaßregeln und keine Nachversteuerungen stattfinden sollen. Das würde nur den ganz diesem Wege das Tabakmonopok vorzubereiten. Deutschland sei da- Land, das ohnehin schon ans der Tabakindustrie indirekt den größten finanziellen Nutzen ziehe. So unpopulär wie die Tabaksteuer sei nicht einmal der Zolltarif gewesen. Selbst aus den kleinsten Dörfern murrten die Bauern darüber. Mit dieser Un- Popularität der Steuer müßten auch die bürgerlichen Slbgeordneten rechnen, denn nicht wieder gewählt zu tverden, sei unangenehm. Deshalb suche man alle möglichen Austvege zu finden, um den Aus- fall zu decken. Die Einigkeit der Industrie treffe nicht auf die Zigarettenindustrie zu. Die Zigarettcnfabrikanten hätten mit ihrem Ruf nach Zöllen den Arbeitern ihre Abwehrmaßregeln gestört. (Sehr wahr!) Deren Kalkulation geht dahin, den Arbeitern etwas vom Lohne abzuzivacken.(Lebhafter Beifall.) Franz Schmidt-Berlin(Zigarettenarbeiter): Es sei eine Schande für das große Deutsche Reich, daß es die Mittel für seine Erhaltung durch die radikalste Auspowerung der breiten Masten sich beschaffe. Dieselbe Regieruug, welche mit ihren Liebesgaben die Brannlweiilpest fördere, zeige mit einem Male eine solche Zärtlichkeit für die Gesundheit der Zigarettenarbeiter. Das klingt wie Hohn, ivenn man bedenke, daß diese Zärtlichkeit zehntausende Arbeiter brotlos mache. So halte man das Volk zum Narren und powere es aus. Die Industrie lverdc gleich Verbrechern unter Polizei auffielst gestellt. Die Schnüffeleien müssen jeden Geschäftsmann zur Verzweiflung bringen; der Entwurf sei so lächerlich, daß es jedem Abgeordneten leicht wäre, ihn abzulehnen. Aber leider ließen sich die Parteien auf die Zigarettenpapiersteuer festlegen. Die Ziga- rcttenfabrikmiten, welche dem Zoll zugestimmt haben, hätten über- sehen, daß die Regierung schlimmer sei als der Teufel: daß sie nicht bloß den Finger nehme, sondern gleich den ganzen Kerl. Die Fabrikanten hätten damit ihrer politischen Klugheit das erbärmlichste Zeugnis ausgestellt. Das ehrliche Geschäft tverde vernichtet und das Hintertreppen- imd Schmuggelgeschäft gezüchtet tverden. Der Zigarettenarbeiter könne schon heute nichts zugeben. In Berlin betrage der Perdienst 2,50 M. pro Tausend, d. i. bei 7000 bis 8000 Stück ein Wochenverdienst von 15 bis 18 M. Da müssen aber schon Frühstücks-, Vesper- und ein Teil der Mittagspansen geopfert wer- den. Miattag- drängen sich die Arbeiter an der Tür nur so, um ja recht schnell wieder an der Arbeit zu sein. Dazu müsse er noch zwei bis drei Stunden Hausarbeit zum Hülscnkleben aufwenden und nach der Minute wie unter der Peitsche arbeiten. Da die Arbeits- zeit höchstens 250 Tage im Jahre währe, mache das trotzdem nur ein Jahreseinkommen von 600 M. Und davon solle man in Berlin nun leben!(Hört! hört!) Die Hausarbeit greife von Tag zu Tag um sich, selbst die größten Fabriken geben Arbeit heim. Frau und Kinder müßten mithelfen. Auch die Lehrlingszüchterei sei sehr groß, besonders tue sich da die russische Zigarettenfabrik„Massel- topf" eines gewissen Schleime Lewy hervor, der junge Leute aus Rußland heranziehe. Wenn diese sich nicht länger ausbeuten lasten wollen, drohe der Kompagnon, namens Spitzberg, daß er sie als Ausländer anzeigen werde.(Pfui! pfui!) Mögen sich die Reichs- tagsabgeordneten aller Richtungen bewußt sein, daß sie Volks- Vertreter und nicht Volkszertreter sein sollen, und mögen sie diese Vorlage in Fetzen der Regieruug vor die Füße werfen.(Stürmischer Beifall.) Nach der zweistündigen Mittagspause wurde die Debatte fort- gesetzt. Eberle-Nordhausen: Ganz enorm sei die Belastung des In- dustrieprodnktes, welches hauptsächlich von den Lastträgern der In- dusttie konsumiert werde, des Kautabaks, der oft dazu diene, die Aermsten der Armen über den Hunger wegzutäuschen. Nach der Vorlage werde das Pfund Kautabak um 50 Pf. verteuert. Die Kautabakstadt Nordhausen, in der alles vom Kautabak abhänge, tverde in Frage gestellt. Sie werde 1 110 000 M. mehr aufzubringen haben. Bei 23 000 Einwohnern ein recht nettes Sümmchen! Die mittleren und kleineren Betriebe können das unmöglich ans- bringen. Die Lage der Arbeiter sei schon durch die Steuer von 1379 aufs tiefste herabgedrückt. Eine Regierung, welch« solche Volks- drückende Vorlagen mache, handele nicht im Staatsinteresse. Da dürfe man sich nicht wundern, wenn das Volk zum Aufruhr getrieben werde Und ein Bülow, der sonst alles verantworte, tverde sich doch ragen müssen, ob er eine solche Politik beranttvorten könne. (Beifall.) Nachdem somit die sämtlichen Branchen der Tabakindustn« zum Worte gekommen waren, erfolgten die Berichte aus den einzelnen Bezirken. Heising-Hamburg berichtete über die Lohn- und Arbeitsverhalt- niste in den Bezirken Haneburg. Bremen. Lübeck, Schlcswig-Holstein, Mecklenburg usw. Das sei nicht das Dorado der Tabake rbeiter ge- Wesen. Diese Zeiten seien längst vorüber. Der Du'ch'chnittsver- dienst eines Verheirateten stehe unter der Durchschntttslebenshaltung. Deshalb müssen Frau und Kinder in der Heimarbeit energisch mit- arbeiten. Raab-Pfungstadt gibt die Erklärung ob, daß im Hessischen die Protestbewegung gegen die Tabaksteuer eine allgemeine sei. Die Steuer würde von den Fabrikanten auf die Arbeiter abgewälzt werden und bei den notwendigen Arbeiterentlast nngen werde man in erster Reihe an die„Hetzer", an die Organisierten denken. Die Orgmiisation werde sich auf schwere Tage gefaßt machen müssen. Der Vorsitzende begrüßt die inzwischen erschienenen Reichstags- abgeordneten Genosten Geyer und Schmalfeldt. Hubberv-Hamburg: Wenn Frhr. v. Stengel das amtliche Ma- terial der Ta'baksberufsgcnossenschaft eingesehen hätte, würde er seine Behauptung, daß die Löhne der Tabakarbeiter sin allgemeinen ge- tiegen seien, nicht aufgestellt haben.(Sehr wahr!) Teichmann-Bremcn, Vorsitzender des deiltschen Tabakarbeiterverbandes, bezeichnet es als eine Kühnheit, im Reichstage zu be- haupten, die Steuer werde von Konsumenten getragen werden. Als Schatzsekretär sollte Herr v. Stengel doch wissen, daß das Mehr zum größten Teil von den armen Tabakarbeitern getragen werden würde. Oder sollten wir sin Deutschen Reiche einen Schatzsekretär haben, der unerfahren ist. daß er dem Volke solch? Märchen auftischen zu können glaubt.(Lebhafter Beifall.) Einen Teil der Steuer werden aber auch die Unternehmer zu träger« haben. Hier zeigt sich die großartige Mittesstandspolitik der Regierung. Win hatten 1395 19 357 Tabakbetriebe. Davon waren 11 244 Einzelbetriebe.(Ruf: Das nennt man Mittelstandspolitik.) Kann man sich eine abschen- sichere Politik denken, als die Lasten auf die kleinen Schultern ab zuwälzen. Ich möchte fragen, ob nicht vielleicht Frhr. v. Stengel einer der ersten sein würde, der ungehalten wäre, wenn sein Zigarrenlieferant infolge der Steuer auf seine Ware ausschlägt. (Lebhafte Ziistimmung.) Trotzdem in Bremen und Um cgcnd die Lohnverhältnisse noch nicht die ungünstigsten sind, ergaben die Er Hebungen doch, daß in der Heimarbeit oft nicht mehr als 10 Psemüge pro Stunde verdient werden.(Pfui!) Kann man sich da wundern, wenn Prostitution und Tuberkulose wachsen? In Bremen wurden 195 eigene Kinder und 62 fremde Kinder, bis herab zu sieben und acht Jahre, beschäftigt.(Hört!) Schämt sich eine Regierung nicht, 40 bis 43 Millionen Mark aus den Taschen dieser Aermsten nehmen zu wollen? So cttvas nennt sich dann sozialer Ausgleich.(Stürmischer Beifall.) Eine derartige volksfeindliche Politik mutz bor dem ganzen denkenden Volk gekennzeichnet werden. Da muß die gesamte?lr- beiterschaft zusammenstehen, damit einfach eine solche Regierung von der Bildfläche weggefegt wird.(Stürmischer Bcifall.) Ist es nicht eine Schande, daß in einem Staat, der an der Spitze der Zivilisation tehen will, eine solch«: Regierung existiert, die nicht wert ist, daß sie existiert.«Großer Beifall.) Wilhelm Hcrrmnnn-Wiesbadcn.: Nicht der Tabak müsse bluten, andern der arme Tabakarbeiter. Kein Wunder sei es, wenn da der Ruf der Empörung durch die geknechteten Proletariermassen gehe. (Großer Beifall.) Bruggcrt-Baden berichtet über die Lohnverhältnisse in seinem Reichstagsabgeordneter Getzer-Leipzig: Entgegen dem Zentrums- antrage in der Kommission, den Rohtabakzoll bei dem alten Zollsatz zu belassen, seien hinter den Kulissen Machenschaften im Gange, den Zollsatz auf 100 Mark zu erhöhen. Ein solcher Antrag liege noch nicht Großen Vorteil bringen, die zahllosen kleinen Existenzen würden vor, aber wer wisse, was bis zur ztveiten Lesung passieren kann? schnell sin Konkurrenzkampf unterliegen. Ofjenbar hoffte man, aup(Ruf: Kuhhandel!) Die Regierung habe auch in der Kommission die Vorlage nicht weiter als damit begründet: Wir brauchen mehr Geld und der Tabak kann mehr vertragen.(Pfui!) Die Erfolge irr der Bewegung gegen die Vorlage seien der Tabakarbei t erorgan i satiml zu verdanken, die die Führung gehabt habe.(Beifall.) Rott-Lahr-Land: Er sei von lauter Z e n t r u in s l e u t e rl hergeschickt. Obwohl er seit acht Jahren dieselbe �corre ar« beite, betrage sein I a h re s V c r d i e n st nur 520 lN a r k. (Hört!)«seine Frau verdiene noch 120 Mark als Näherin dazu. Sie härten sechs Kinder und seine Frau müsse oft bis 11 und 12 Uhr auf den Beinen sein.(Große Bewegung.) Wenn Frhr. v. Stengel meine, vom Tabak sei noch was zu holen, dann möge er zu ihm kommen, er werde ihn vierzehn Tage von seinem Lohne in Kost nehmen. Tann werde dem Staatssekretär wohl das Steuermachcil vergehen.(Stürmische Heiterkeit.) Kicsel-Berlin erstattet den Bericht der Mandatsprüfungskommission. Es sind 246 Orte durch 191 Delegierte vertreten. Die Debatte geht alsdann weiter. Klemciit-Breslan entwirft ein trübes Bild von der Lage der- Tabakarbeiter in Schlesien, Posen und Westprenßen. Die Tabak« arbeiterinncn wurden vielfach so elend bezahlt, daß z. B. in einer bekannten Fabrik in einer westpreußischen Stadt notorisch verschiedene Mädchen der Prostitution anheim gefallen seien. Die Lage der Breslauer Zigarettenarbeiterinnen sei auch äußerst traurig. Erkenne einen Tabakarbeiter, der vier Kinder habe und nur acht Mark pro Woche verdiene.(Bewegung.) So sei die Lage vieler schlesischer Tabakarbeiter. Ein und derselbe Raum diene der ganzen Familie als Arbeits-, Wohn-, Schlaftaum und als Küche.(Hört! hört!) Bensch- Striegau: Wenn die Tabakarbeiter Ministergehälter hätten, würden sie die Mehrbelastung auch ebenso leicht wie die Herren Staatssekretäre hinnehmen.(Heiterkeit.) Die Regierung jammere über die Zunahme der Sozialdemokratie. Aber sie züchte doch gerade Sozialdemokraten.(Sehr wahr!) Wenn die Herren Regierungsvertreter einen Monat in der Haut eines Tabakarbeiters stecken würden, wären sie nicht Sozialdemokraten, sondern Anarchisten. (Stürmische Heiterkeit und Beifall.) Um 7 Uhr werden dann die Verhandlungen auf Dienstag früh 9 Uhr vertagt._ Hus Induftric und ftandcl. Das Vorspiel. Enorme Steigerung des GetreideimpottcS— Anziehen der Preise, das ist das verheißungsvolle Vorspiel zu der Wirkung der neuen Handelsverträge. Nach den.Zusamme>istcllungen des Statistischen Amtes belief sich in den letzten zwei Jahren in der Periode vom 1. August bis 15. Januar die Einfuhr bei Weizen auf 10 623 990 Doppelzentner resp. 14 514 329 Doppelzensiier, bei Roggen auf 2 064 337 Doppelzentner resp. 4 274 459 Doppelzenter. Die Aus- fuhr stellte sich auf 2 016 968 Doppelzentner resp. 1 492 933 Doppel- zentner bei Weizen und auf 2 236 351 Doppelzensiier respektive 841 631 Doppelzentner bei Roggen. Demnach betrug der Ausfuhr-- Überschuß bei Weizen 1904/05 rund S1/« Millionen Doppelzentner, 1905/06 aber 13 Millionen Doppelzenter. Und einem Mehr der Ausfuhr von 171 964 Doppelzentnern im Jahre 1904/05 bei Roggen steht für die letzte Periode ein Ausfuhrplus von 3 432 778 Doppetz- zentnern gegenüber. Es werden große Lager aufgefüllt, für welche man einen ordent- lichen Bruch erhoffen darf aus der Differenz zwischen den alten und den neuen Zollsätzen, die 20 M. pro Tonne ausmacht. In der- gangener Woche zogen die Preise bereits um 4 M. an. Je mehr wir dem nächsten agrarisch nationalen Glanztag, dem 1. März näher kommen, desto entschiedener wird die Preissteigerung dein Satz von 20 M. nahe kommen. Festtaumel, Silberhochzeit, Festpreise für Fleisch und Getreide. Und vor 10 Jahren hörten ivir das Lob über die rettende Tat Caprivis I Vieles hat sich derweil geändert: die Begehrlichkeit des Junkertums ist geblieben und die Empörung der Masse wächst. Deutschlands Außenhandel im Jahre 1905. Nach dem vom kaiserlichen Statistischen Amte herausgegebenen Nachweise über den auswärtigen Handel des deutschen Zollgebietes betrug im abgelaufenen Jahre: Die Einfuhr in Tonnen zu 1000 Kilogramm: 54 804 503 gegen 48 886 316 und 47 033 843 in den beiden Vorjahre», daher mehr 5 418 187 und 7 270 655. Edelinetalleinfnhr: 1398 gegen 1398 und 1264. Die Ausfuhr in Tonnen zu 1000 Kilogramm: 40 567 019 gegen 38 855 405 und 38 280 816 in den beiden Vorjahren, daher mehr 1711614 und 2 286 203. Edelmetallausfuhr: 504 gegen 3o2 und 355. Am stärksten ist die Wcrtzunahme der Einfuhr bei Getreide und anderen Landbauerzeugnissen rr 177 Millionen Mark), serner bei Material- usw. Waren (4- 74 Millionen Mark), Kohlen(ff- 35). Häuten und Fellen H- 30). Das eingeführte Getreide und die anderen Landbau- erzengnisse hatten einen Wert von 1l83 Millionen Mark, fast ein Sechstel der Gesamteinfuhr. Der im wesentlichen nach den Vorjahrs- werten berechnete Wett der Ausfuhr in Millionen Marl: 5093 gegen 5315 und 5130 in den beiden Vorjahre», daher mehr 377 und 562 Millionen Mark. Edelmetall- Ausfuhrwert: 107 gegen 93 und 116. Ein- und Ausfuhrwerte betragen im Spczial- Handel des Jahres 1905 zusammen 12.7 Milliarden Mark gegen 12,2 und 11,5 Milliarden Mark gegen die. beiden Vorjahre gleich mehr 4.6 und 11,2 Prozent. Verschiebungen in den ciidgiiltigen Werte» locrden sich zwar ergeben, immerhin aber ivird sich auch eine erhebliche Zunahme des gesamten Aichenhandels zeigen. An Rohstoffen für gewerbliche Zwecke Iviirden eingeführt: für 3170 Millionen Mark, ausgeführt: für 1330 Millionen Mark; an bearbeiteten Waren: für 1285 Millionen Marl eingeführt und für 3745 Millionen Mark ausgeführt; an Nahrungs- und Geiiußmitteln. Biel, wurden eingeführt für 2275 Millionen Mark, ausgeführt: für 510 Millionen Mark. Besonders bemerkenswert ist die Steigerung der mit Einfuhr- scheinen beglichenen Zollbeträge im abgelaufenen Jahre. Nach S/221 des Dezemberheftes wurden 38,5 Millionen Mark Zvll gegen 27,8 und 19,1 Millionen M. in den beiden Vorjahren ans diese Weise an- gerechnet. Gegen 1903 hat sich also die Anrechnung mit Einfuhr- scheinen mehr als verdoppelt. Konjunkturstimmiing. Der Braunkohlen- und BrikettvcrkanfS» verein in Köln reizt seine Mitglieder zu umfangreichen Betriebs- erweitercmgen an, indem er schon jetzt die Erhöhung der VerteilungS- ziffer von 2 675 000 Tonnen auf 4 000 000 Tonnen pro Oktober 1907 ankündigt. Wird die Konjunktur mittleriveile wieder schlechter, dann werden manche der weniger kapitalstarken Werke, die sich durch Betriebserweiterungeu belastet haben, von dem jetzt erhofften Segen wenig zu spüren bekommen. Gegen Tabak- und Biersteuer. Die Vollversammlung derHandelskammer zu Berlin sprach sich in der Sitzung von« 26. d. M im Gegensatz zu dein Beschluß des Ausschusses des Deutschen Handelstages vom 13. Januar er. aufs neue gegen eine Erhöhung der Abgaben auf Bier und außerdem gegen eine Er- höhung der Abgaben auf Tabak und Tabak- fabrikate, einschließlich Zigaretten, aus und beschloß, ihre Delegierten zur Bollversammlung des Deutschen HandelStagcS am 19. und 20.----- x c*.....' der Februar d. I. anzuweisen, in Uebereinstimmung mit tellniignahine und den Eingaben der Kammer an den hohen Reichstag gegen die von» Ausschuß des HandelStageS vorgeschlagene Resolution, soweit sie aus die oben bezeichneten Abgaben bezug hat, zu stimme». Die Eingabe, in der die Handelskannner sich für Ab- lehnung der Biersteuererhöhung ausspricht, ist dem Reichstage bereits überreicht worden. Bezüglich der vorliegenden T a b a k st euer- Vorlagen beschloß die Handelskammer eine Eingabe, in der die Gründe der Ablehnung dargelegt werden. Eine» schönen Fang. Am 27. Januar waren in Amsterdam die Aktionäre der Holländischen Hypothekenbank, dessen zwei Direktoren. die Freiherren Le Fövre de Montigny und de Geer, hinter Schloß und Riegel sitzen, versammelt. Der Präsident des AufsichtSrates teilte mit, daß die Diebstähle der beiden Direktoren ans verschiedene Weise verübt wurden und beini Vorstand noch nicht ganz genau be- kannt sind, weil das Gericht die meisten Bücher usw. beschlagnahmt hat. Aber soviel sei doch bekannt, daß ungefähr an Pfandbriefen 1 600 000, an Kassageldcrii 195 000, an Prolongationen 525 000 Gulden, zusammen also 2 320 000 Gulden verschwanden. Dabei hat Herr tie Fövre noch 1 400 000 aus einem anderen Unternehmen gestohlen. Der ganze Raub beläuft sich also auf 3 720000 Gulden gleich O'/« Millionen Mark. Fast eine halbe Million Mark mehr Ueberschuß, nämlich 3 304 LS0 Mark, erzielte die Bergwerksgesellschaft„Hibernia" im vierten Quartal 1905 gegenüber derselben Zeit des Vorjahres. Handelspolitische Plänkeleien sind zwischen Serbien und Oester- rcich-Ungarn wegen einer Zollunion zwischen Serbien und Bulgarien ausgebrochen. Serbien will sich trotz drohender Maßnahmen seitens Oesterreich-Ungarns nicht einschüchtern lassen. Das Blatt„Beogradske Aovine" veröffentlicht ein Interview mit dem Finanzminister Marko- witsch, in welchem er erklärte, Serbien werde sich trotz der Maß- nahmen Oesterreich-Ungarns streng an die Bestimmungen des bis zum 1. März gültigen Handelsvertrags mit Oesterreich-Ungarn halten. Serbien habe alle Bestellungen in Oesterreich-Ungarn rück- gängig gemacht, der Anlcihevertrag mit der Unionbank werde der Skupschtina nicht vorgelegt werden. Au� Belgrad wird die Nachricht, daß die Durchfuhr fremder Waren durch Serbien verboten worden sei, fiir unwahr erklärt. Nicht eimal für Herkünfte aus Oesterreich-Ungarn sei ein solches Verbot ergangen. Ebenso wird die Meldung Wiener Blätter, daß eine Deputation serbischer Kailfleute sich an den Finanzminister gewandt habe mit der Bitte, baldmöglichst den jetzigen Zustand zu beenden, für«nbegründet erklärt. Auch die Meldungen, nach denen der Privatkrcdit eingeschränkt werden solle und der Finanzminister gezwungen sei, Privatbanken in Anspruch zu nehmen, und die Nach- richt, daß vorgeschlagen worden sei, die österreichisch-ungarischen Handelsagenten und Untertanen iiberhanpt aus Serbien aus- zuweisen, und daß die Absicht bestehe, die Konzessionen der Donau- und Ungarischen Schiffahrtsgesellschaft zu annullieren, entsprechen nicht den Tatsachen. Preisschraube. Das Braunkohlenbrikettsyndikat setzte ab t. April 1907 die Abschlußpreise auf 9,30 M. pro Tonne fest. In den beiden vergangenen Quartalen standen die Preise auf 8,50 M. resp. 9,00 M.— Die rheinisch-westfälischen Eisengroßhändler be- schlössen eine Preissteigerung von 5 M. pro Tonne, für Stabeisen, Bleche»ind Bandeisen und um 10 M. fiir Hufeisen und Drahtstifte. GerieKts-Reitling. Der Kampf gegen die Polizeistunde brachte den Nestaurateur Paul Stadthaus gestern vor die 7. Strafkammer des Land- gerichts I, vor der er sich wegen wissentlich falscher Anschuldigung zu verantworten hatte. Die neunte Strafkammer hatte die Eröffnung des Strafverfahrens abgelehnt, auf die Beschwerde des Staatsauwalts ordnete aber das Kammergericht die Eröffnung des Hauptverfahrcns an. Der Angeklagte betrieb zusammen mit seiner Frau eine Restauration im Hause Anklamerstraße 50, fühlte sich aber durch die minutiöse Handhabung der Polizeistunde durch die Schutzleute des 10. Reviers arg bedrückt. Er richtete schließlich an den Reviervorstand eine Ein- gäbe, durch die sich mehrere darin erwähnte Schutzleute beleidigt fühlten. Er hatte behauptet, daß die Beamten des Reviers sich in den verschiedenen Schanklokalcn frei halten ließen, er aber habe sich diesem Usus nicht angeschlossen und aus diesem Grunde habe er die nachgesuchte Verlängerung der Polizeistunde nicht erreichen können. Er habe von Anfang an mit der Mißgunst der Konkurrenz kämpfen müssen. Die Schutzleute aber ständen auf feiten der Konkurrenz und so werde ihm das Leben unerträglich gen, acht. Er habe in verschiedenen Lokalen gesehen, wie sich Schutzleute mit Bier, Lebensmitteln ec. traktieren ließen. In einem Falle habe ein Schutzmann offenbar„die hohe Pflicht" gehabt, die ftische Wurst eines Gastwirts einer eingehenden Prüfung zu unterziehen, ohne zu bezahlen. In einem Schanklokal, dessen Besitzer nur die halbe Konzession hatte, hätten wiederholt Schutzleute Schnaps und Kognak getrunken. In einem Falle sei ihm selbst von dem Reviervorstande gestattet worden, bei einem Eisbein- essen noch nach 11 Uhr Gäste zu bewirten. Als er um 11 Uhr die Jalousie heruntergelassen habe es bald darauf von draußen an der Jalousie gepoltert' und geklopft. Es seien zwei Schutzleute gewesen, die ihm vorgehalten hätten, daß ja noch Gäste anwesend seien und als er auf die ihm vom Polizeilentnant erteilte SpezialerlaubniS hingewiesen, habe er die Antwort erhalten:„Der Leutnant habe gar nichts zu erlauben!" So hänge das Wohl nnd Wehe der Gastwirte von der Gunst oder Ungunst der unteren Polizeiorgane ab. Ein Schutzmann habe einmal geäußert: Er, der Angeklagte, werde Anzeigen erhalten, daß er am Leben ver- zagen solle. In der Eingabe wurde ferner behauptet, daß der Angeklagte eines Abends in seinem Lokale von einem Gewalts- menschen bedroht worden sei, polizeilichen Schutz erbeten, solchen aber nicht erhalten habe usw. usw.— Der Angeklagte behauptete, daß er tatsächlich mit der Mißgunst der Schutzleute zu kämpfen ge- habt und schließlich seine Schankwirtschaft habe aufgeben müssen, wobei er große Verluste erlitten habe. Daß die Schutzleute im allgemeinen von Gastwirten manchmal traktiert werden, werde wohl von keinem Gastwirt bestritten werden, denn das sei doch Usus. Er sei durch die ihm gewordene rigorose Behandlung durch die Schutzleute sehr erregt gewesen, denn während er das bei ihm verkehrende an- ständige Publikum schon Punkt 11 Uhr habe entlassen müssen, sei es in einer nahe belegenen Kaschen, n, e immer bis 2 Uhr hoch hergegangen. In seiner Erregung habe er die Eingabe an den Reviervorstand gemacht, die nur Wahrheiten enthalte.— lieber die Behauptungen des Angeklagten fand eine u m f a n g r e i ch e B e w e i s- aufnähme statt, die ein negatives Ergebnis hatte. Die vernommenen Schntzleute des 10. Reviers bestritten durchweg. daß sie in den vom Angeklagten bezeichneten Lokalen schenkungs- weise Bier oder Essen angenommen hätten und auch die darüber vernommenen Schankwirte erklärten, von dieser Tatsache nichts zu wissen. Nur ein Zeuge, dessen Bater selbst lange Jahre eine Restauration betrieben, meinte: dieser Usus sei doch all- gemein bekannt; die Gastwirte geben doch öfter einem Schutz- mann ein Glas Bier zum besten, weil sie sich imnicr gern mit den Schutzleuten gut stelle». Wenn sein Vater Geburtstag hatte, sei gewöhn- lich ein Schutzmann im Lokal erschienen und habe ein großes Kuvert überreicht, in welchem ein Zettel mit den Worten steckte:„DieSchutz- Mannschaft d e S R c V i e r s gratuliert h e r z l i ch." Der Vater habe dann gewöhnlich den Schutzleuten etwas zum besten ge- geben.— Zwei Schutzleute verweigerten auf die Frage, ob sie jemals in irgend einem Schanklokale schcnkuugSweise Bier oder Schnaps angenommen habe»,- die Aussage. Polizeilentnant S a k o I o w s k i erklärte: Ihm sei nicht das geringste davon be- kannt, daß die Schutzleute parteiisch gegen den Angeklagten vorgegangen seien. Die Verlängerung der Polizeistunde sei nicht gewährt worden, weil Ruhestörungen im Lokal vorgekommen seien und die Konzessionsinhaberin nicht zuverlässig erschien.— StaatSanwaltschastsrat Bahre beantragte drei Monate Ge« f ä n g n i s. Das Gericht hielt nur eine Beleidigung für festgestellt und erkannte auf 50 Mark Geldstrafe. Von der Anklage der wissentlich falschen Anschuldigung wurde der Auge- klagte freigesprochen, da ihm der Schutz des§ 193 jWahr- nehmung berechtigter Interessen) zugesprochen werden müsse. Versammlungen. Los von der Staatstirche! Dieser Ruf erschallte in der öffentlichen Protestversammkung gegen das Schulverpfaffungsgesetz, die am Sonntag im„Palast- Theater" stattfand und den großen Saal samt den Galerien füllte. Wenn alle die Männer und Frauen, die hier den Ausführungen des Reichstagsabgeordneten Adolf Hoffmann lebhaften Beifall spendeten, diesem Rufe, soweit es noch nicht geschehen, Folge leisten und ihn mit demselben Eifer weitertragen, werden die Volks« verdummungspläne der preußischen Regierung und ihres Klassen- Parlaments eine ganz andere Wirkung als die beabsichtigte ausüben. Mit Recht hob der Redner hervor, daß der Massenaustritt aus der Kirche zurzeit das einzig wirksame Mittel des politisch rechtlosen Volkes gegen die Pläne der Finsterlinge ist. Des Redners scharfe, mit trockener Satire gewürzte Kritik des Gesetzentwurfes und der jämmerlichen Haltung der Liberalen entfesselte manchen Beifallssturm in der Versammlung, was den Redner veranlaßt?, zu bemerken, daß es ihm ganz und gar nicht uin das Händeklatschen zu tun sei, sondern darum, daß jeder, der seiner Ueberzeugung sei, auch danach handle, daß jeder sein Teil dazu beitrage, daß wir uns nicht schämen müßten, Deutsche zu sein, und das Wort„Daitschland in der Welt voran" nicht bei den anderen Nationen zuin Kinder- gespött werde. Darum heraus aus der Kirche, heraus anS dem Tempel! Zur Diskusfion verlangte keiner das Wort. ES wurde noch darauf aufmerksam gemacht, daß der ganze Ertrag der Teller- sammlung verwandt wird, um Mittellosen den Austritt aus der Landeskirche möglich zu machen. Dem AgitationSanSschnß der Frei- religiösen Gemeinde steht zu demselben Zweck ein Fond zur Ver- fügung. Irgend welche Verpflichtung, dieser Gemeinde beizutreten, ist keineswegs mit diesen Unterstützungen verknüpft. Die Agitation bezweckt lediglich, den Massenaustritt aus der Kirche zu fördern. LHefKaften der Redaktion. �uriltifchcr Ceti. Teige. Wclck'' Jedensalls kann weitere Einwand, — E. T. 1. Nein. 2. In angemessener Zeit. Als solche kann die Zeit von S bis 6 gelten.— G. B., Grünthalerstr. 38. P. S. 81. Nein. — G. 47. 1. Nur, wenn Sie nach dorthin verziehen. 2. Nein. — A. B. 100. 1. und 2. Ja.— F. M. 32. Sie können die Kinder und die Frau als Erben einsetzen und diese aus das Pflichtteil(das wäre 1l, des Nachlasses) beschränken. Errichten Sie lein Testament, so erhält die rau'l„ die Kinder"/4 des Nachlasses.— H. 104. Legen Sie unter arleguna des Sachverhalts beim Amtsgericht Beschtvcrde ein. - O., Paris. 1. Paß ist nicht crsorderlich. 2. Uno Lainarck 87. b ■j), Für de» Jubal» der Inserate «vernimmt die Redaktion dem Pnblitnm gegenüber keinerlei Verantworning. I�keater. Dienstag, den 30. Januar. Ansang VI, Uhr: Opernhaus. Der Ring deS Nwe« lungen. Das Rheingold. Schauspielhaus. Julius Cäsar. Neues Opern-Theater. Geschlossen. Deutsches. Der Kausmann von Venedig. Berliner. Der Widerspenstigen Zähmung. Neues. Liebesleute. Ansang 8 Uhr: Lessing. Und Pippa tanzt. Schiller O.(Wallner-Theater.) KönigSalaube. Schiller».(Friedrich Wilhelm. städtisches Thealer). WanjuschinS Kinder. Kleines. Kinder der Sonne. Westen. Gastspiel von Jsadora Duncan. Zentral. Die Puppe. Sltetrovol. Aus WS Metropol. Walhalla. Nach Asrika, nach Ka- merun. Komische Oper. Die Boheme. Residenz. Der Prinzgemahl. Triauo». Loulou. Lustipielhaus. Der Weg zur Holle. Thalin. Bis srüh um Fünft. Carl Weift. Die lebende Brücke aus Kuba. � Lniie». Der Barbier von Sevilla. Deuisch-AmeritauischeS. Er und Kasino. Die goldene Brucks Apollo. Prinzeß Rosine. Speziaii- täten.,, Herrnfeld. Famtlicntag im Hause Prellstein. Folies Caprtce. Nach dem Zapsen- streich Der Scheine. Bellc-Allinuce. Der grüne Teuftl. Otto Reutter.— Spezialitäten. Winiergarteu. Spezialitäten. Reiciishalte». St-ttiner Sanger. Passage. Spezialitaten. »rxiii». T»»venftrafte 48/40. Abends 8 Uhr: Marokko. Hörsaal. Abends 8 Uhr: Dr. M. v. Unruh: Chlor, Brom, Jod. Sternwarte, Jnvalidenstr. 57/62. Tägliw»eöfliiri uo» 7 bis l Uhr. Neues Theater. Ansang 7'/, Uhr. Liebesleute (Araants). Mittwoch, Donnerstag, Freitag: i-in Sommornoohtstrsum. Sonnabend: Laioms.(Ans. 8 Uhr.) Kleines Theater. Ansang 8 Uhr. Kilidcr der Äiiiie. Morgen: Kinder der Tonne. Urania Tauben- str. 48/49. Abends 8 Uhr: jUarokko. Hörsaal 8 Uhr: Dr. M. v. Unruh: Chlor, Brom, Jod. Sternwarte»"wl astans fanoptihntn Frledrlchatr. 105. Ohne LxtvS'Lntree. Bergbewohner Abessiniens. 65 Eingeborene Männer, Weiber und Kinder, sowie das Baby„Berolina". Eintritt 50 Pf. Berliner Theater. Ansang 71/j Uhr. DerWiderspänstigen Zähmung. Mittwoch, Donnerstag, Freitag: Der Widerspänstlgen Zähmung. Zentral-Theater (Operette). Abends 8 Uhr: Die Puppe. Operette in drei Akten von Audran. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Opern- Vorstellnng. Der Barbier von Sevilla. Mittwoch: Die lustigen Weiber von Windsor. Donnerstag: Benefiz A. Helnze: Ein«ommernachtSttaum. Freitag: Der Kausmann v. Venedig. Sonnabend: Der Verschwender. Sonntag nachm.: Der Verschwender. Abends: Ein Sommcrnachistraum. Montag: Pension Schöller. 'srisnon-�kester. Zum erstenmal: Id O 11 1« Ansang 8 Uhr. i Passage-Theater. ] Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Walter Steiner Humorist. Acosta K r a s t« I o n g 1 c u r.> HclBiller Schiller-Theater 0.(Wallner-Theatcr). Dienstag, abends 8 Uhr: liönigsglnnbe. Ein biblisches Drama in 5 Auszügen von Hermann Stodtc. Mittwoch, abends 8 Uhr: Cyprienne. Donnerstag, ade ndS8Uhr: König», glaube. Tlieater. Schiller-Theater N.(Friedr.-Wilh. Th.) Dienstag, abends 8 Uhr: Whnjnseblnn Kinder. Drama in 4'Akten v. S. A. Naidjonow. Deutsch v. Hans Kausinanii u. M. Lie. Mittwoch, abends 8 Uhr: Ceber nnsere Kraft.(I. Teil.) Donnerstag, abcndS8 Uhr: Cyprienne. Neue Welt Hasenheide 108/114. Im festlieh dekorierten Riesensaale täglich: 58412" Großes Münchener Bockbierfest ii Baron Muekl mit seiner Original Oberbayrischen Bauernkapelle D'Hoiiertauer Muckels Schlager für 1906 sind staunenorregend. Bedienung durch 30 echte bayrische Madl'n in Nationaltracht. ff. BergschloD-Bockbier— Münchener Küche. Nürnberger Bratwnrutglückleln. • Sensationelle Ueberraschungen.——— Anfang täglich 7 Uhr.— Entree M. 0,30. Zirkus Albert Schumann Heute abend präzise 7'/. Uhr: Extra-Onla- Vorstellnng. Das große internat. Prograinm und Berlins grokle Sensation! Eine wirklich sehenswerte Novität I Miß Ablc Mitchell und ihre 20 Studenten 20 einschließlich Topsy, Henry William».. Billy Yeger, die ausgezeichneten sandtänzer. Ferner die phänomenale Wr?»- Golem- Truppe und die großartigen neuen Spezialitäten. Zum Schluß: Die diesjährige große Zlusstattungspaiitomime Femina das nene Erauenrrlcta. 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Bruch, Brunncnstr. 57, Knabenschürzeu> Arbeiterinnen dauernd geiuchi Falfenstein, Char. lottenbnrg, Leibnizsiraße 29/34 II. �Damenhemden-Arbeitertnnen(üi eins. Passe» dauernd ges. Falkenftein. Eharlotienburg, Lelbmzslr. 29/34. Beulseher Boliarheiler- Verhauil. Wegen Streik und Differenzen Ist Zlllllg sttlüllhilllki! von Pianomechanikarbeitern und Arbeitcriuiien von der Firma Genz u. Co., Blumenstr. 77: vonBildcrraHmenmacheru. KreiS- sägenschueidern und Tischlcru von der Firma Beck u. Co., N«ander- straße 4, und Schlesischeitr. 42/ von Treppengeländer- Arbeitern tDrechsler, Ttschlcr, Stellmacher. Polierer, Mafchinenarboiter und Bildhauer) von der Treppengeländer- sabril Joseph Drechsler, Gubener- straße 33;, von Drechslern von Pamtsch, Brunnenftr. 79: von Stockarbeitern von Müller, Grenadiersir. 21: von Korbinacheru von Knorw Friedrichsberg, Franks. Ebauisce 127-, von Parkettbodenlegeru von der Firma Timme und der«au Höpffner Grnneivald, Köniasmartstraße«md Hobenzollcrndamm-Eckc. 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Heute, Dienstagabend, findet im O b st schen Saale, Meiningerstr. 8, die Generalversammlung des Wahl- Vereins statt. Aus der Tagesordnung steht ein Vortrag des Genossen Molke nbuhr: Die neuen Steuervorlagen.— Da in dieser Versamlung die Neulvahlen des Vorstandes und der Funktionäre vorgenommen werden, so ist es Pflicht der Mitglieder zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Schmargendorf. Dienstag, den 30. Januar, abends L'/z Uhr. findet im Restaurant Sanssouci, Ruhlaerstr. 20/21, eine General- Versammlung des Wahlvereins statt. Der wichtigen Tagesordnung halber hat jeder Genosse pünktlich zu erscheinen. Sollten Genossen die Wählerlisten noch nicht eingeseheil haben, ist es Zeit sich darum zu kümmern. Wem die Zeit nicht gegeben ist, selbst nach dem Rathans zu gehen, wende sich an die Genossen Julius Rogattt, Ruhlaerstr. 20/31, oder Otto Barowski, Warnemünderstr. 6. Der Vorstand. Ätowawes-Reuendorf. Am Dienstag, den 30. Januar, abends 8Vg Uhr: Oeffentliche Versammlung für Neuendorf bei Junger. Grotzbeerenstr. 100. Tagesordnung: Die bevorsteheilden Gemeinde- Wahlen. Referent: Stadtv. O b st- Schönebera. Freie Aussprache wird jedem gestattet.— Die Mitgliederversammlung des sozial- demokratischen Wahlvereins findet am Mittwoch, den 7. Februar, im Lokale des Herrn Schmidt, abends 8»/, Uhr, statt. Der Borstand. Zoffen. Für die am vorigen Mittwoch aufgelöste Wahlvereins- Versammlung findet diesen Mittwoch, den 31. Januar, abends'/z9 Uhr, im Restaurant»Zur Flora" eine Versammlung statt. Vorort- bfodmcbteu. Parteigenossen! Hente ist der letzte Tag, an dem die Wählerliste« z« den im März stattfindende« Gemeindewahlen ausliege«. Wer seiner Pflicht, die Listen einznsehen, noch nicht genügt hat, muß dies im Laufe des heutigen TagrS tun oder einen bekannten Partei- genoffe» am Orte mit der Einsichtnahme beauftragen. Per- säume niemand diese Pflicht der Einsichtnahme I Wer nicht in die Liste eingetragen ist, kommt am Wahltage um sein Wahlrecht'_ Charlottenburg. Die Charlottenburger Stadtverordneten- Versammlung wird sich am nächsten Mittwoch u. a. mit einer Vorlage des Magistrats betr. die Bewilligung von 1000 M. an den Hülfsausschust für die not- leidenden Deutschen in Rustland beschäfligcn. Außerdem wird der zur Prüfung der Magistratsvorlage betr. die Spende zur silbernen Hochzeit des Kaiserpaares eingesetzte Ausschust Bericht erstatten. Der Ausschuß beantragt im wesentlichen die Annahnie der Magistrats- Vorlage, d. h. die Ueberlassung eines städttschen Grundstücks an die Stiftung, zur Begründung einer Musteranstalt zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit. Nur wird Zustimmung zu einer etwaige» Um- . Wandlung des Zwecks der Stiftung nicht vom Magistrat allein, sondern von ihm gemeinsam mit den Stadtverordneten erteilt werden müssen,— Die übrigen Vorlagen find belanglos. Schöneberg. Die Stadtverordneten-Stichwahl im zweiten Bezirk findet heute von v o r m i t t a g s 1 1 U h r bis abends 8 Uhr statt. An die Wähler dieses Bezirk« richten wir daher nochmals dringende Aufforderung, auf jeden Fall von der Ausübung ihres Wahlrechtes Gebrauch zu machen und für den sozialdemokratischen Kandidaten zu stimmen. Den bürgerlichen Parteien, die vereint den Kampf gegen uns auf- genouimen haben, muß jede Aussicht auf einen Erfolg in der dritten Abteilung genommen lverden; es muß ihnen gezeigt werden, daß die große Masse der Bevölkerung hinter uns steht. Wenn auch durch den Ausbau dieses Stadtteiles unsere Stellung in diesem Bezirk ungünstiger geworden ist, so können ivir trotzdem mit Leichtig- leit den Sieg davontragen, wenn ein jeder Arbeiter sich seiner Pflicht bewußt ist und seine Stimme mit in die Wagschale wirst. Die letzten Sitzungen der Stadtverordneten-Bersammlung haben bewiesen, welcher Geist sich jetzt in diesem Parlament breit macht, und wie nötig es ist, daß die Willkürherrschast des Hausograrier- tuniS gebrochen wird. Wenn früher wenigstens noch auf kleines Entgegenkommen der bürgerliche» Mehrheit gerechnet ioerden konnte, so scheint der letzte Mandatszuwachs, den wir zu verzeichnen hallen, gewisse tonangebende Herren ganz aus dem Häuschen gebracht zu haben. Man fürchtet den Einfluß, den die Sozialdemokratie in zu- künftiger Zeit auf die bauliche EntWickelung SchönevergS aus- zuüben im stände sein wird und,, der angeblich für den vornehmen Eharalter unserer Stadt verhängnisvoll werde» löiinte. Die Arbeiterschaft hat also alle Ursache, die Augen offen zu halten und dem Treiben dieser Herren ein Halt zu gebieten. Tue deshalb ein jeder am heutigen Tage seine Schuldigkeit. Lasse sich niemand durch irgend welche Gründe von der Ausübung seines Wahlrechtes abhalten nnd gebe jeder seine Stimme dem Kandidaten der S o z i a l d c m o k r a t i e: Restaurateur Ernst Obst. Das Wahllokal befindet sich im Restaurant„Bürgerheim", Frankenstr. 11 /früher 79). Vergesse auch nieinand sich mit der nötigen Legitimation zu versehen. Rixdorf. Mit der Einrichtung eit�r Pensionstosse und einer Wittweu- und Waisenversoraung der städtischen Arberter«nd nichtpensions- fähigen Beamten beschäftigte sich die zu diesem Zweck eingesetzte Kommisston. DaS bereits bei der vorjährigen Etatsberatung auf Anregung der sozialdemokratischen Vertreter vom Magistrat gegebene Versprechen scheint also endlich«ingelöst zu werden. Aus- geschlossen von dieser Versorgung sollen alle nur nebenbei be- jchäiliatcu und Uber-ö Fahre beim Ticustantrilt alten Pexloucn sein Ceii Summa beschäftigt die Stadt bis jetzt 571 nicht- peiisi onsfähigc Angestellte und Arbeiter, Bc,m Dienstantritt über 45 Jahre alt waren 40 Personen, nebenbei beschäftigt zirka 180 Personen, in Summa 200, so daß als in Zukunft pensions- berechtigt zirka 370 Personen übrig bleiben. Von der Versorgung will der Magistrat speziell ausgeschlossen haben: die Tiätare, das Schwcsterupersonal im Krankenhaus, die einem bestimmten Orden angehören, die Laternenwärter, die Reinigungsfrauen in den ver- schiedenen Instituten und die Desinfekticrer, die bisher noch selb- ständige Gewerbetreibende sind; wegen Alters sind hauptsächlich die Wächter. Parkarbeiter und Sprengwagenkutscher ausgeschlossen, die meist schon invalide sind, wenn sie in den Dienst der Stadt treten. Von den sozialdemokratischen Vertretern wurde zunächst der Antrag gestellt, den städtischen Arbeitern einen Rechtsanspruch auf die Pension und die Reliiteuversorgung zu gewähren. Es wurde darauf hingewiesen, daß die Arbeiter entsprechend ihren Fähigkeiten genau so wichtige Dienste der Stadt leisteten, wie die Beamten, und dementsprechend die gleichen Rechte haben mühten. Dieser Antrag wurde von der Mehrheit abgelehnt und noch die Motivierung hinzu- gefügt, daß bei den jetzigen Kündigungsverhältnisscn der Arbeiter das klagbare Recht doch nutzlos wäre. Ein Antrag der Sozialdemo- kraten, bei dieser Gelegenheit auch gleich die Kündigungsverhältnisse der Arbeiter zu regeln und generell nur dem Magistrat das Kündigungsrccht einzuräumen, wurde gleichfalls abgelehnt mit dem Hinweis darauf, daß in einer demnächst auszuarbeitenden allge- meinen Arbeitsordnung diese Dinge Berücksichtigung finden sollten. Der Entwurf zu dem Statut über die Pensionskasse und Neliktcnversorgung ist dem Berliner sehr ähnlich und enthält einige Verschlechterungen für die Arbeiter. So sind in Berlin Personen, die im Alter von über b0 Jahren in die Verwaltung eintreten, von der Pensionsberechtigung ausgeschlossen. Für Rixdorf ist das 45. Lebensjahr beim Entwurf schon die Höchstgrenze der Rechte ans Pension. Ein Antrag der Sozialdemokraten, auch für Rixdorf die Altersgrenze auf 50 Jahre hinaufzurücken, wurde natürlich ab- gelehnt. Das Ruhegeld beträgt, wie in den meisten Städten, nach 10 Dicnstjahren bei völliger Arbeitsunfähigkeit 15 Sechzigste! des Durchschnittsjahresvcrdienstes und steigt pro Jahr um I Sechzigste! bis zum Höchstbetrag von 45 Sechzigstcl. Für die Berechnung des Ruhegehaltes ist der Verdienst der letzten 5 Etatsjahre maßgebend. Um zu vermeiden, daß Personen, die wegen verringerter Erwerbs- fähigkeit aus einer schwereren gutbezahlten in eine leichtere schlechter bezahlte Stellung versetzt werden, die Pension nicht geschmälert wird, sieht der Entwurf für diese Personen die Bestimmung vor, daß für die Berechnung des Ruhegehaltes der Durchschnittsverdienst maßgebend war, bevor der Arbeiter in die schlechter bezahlte Stellung und Tätigkeit einrückte, Das Witwengeld beträgt 40 vom Hundert des Ruhegeldes, das der Verstorbene bezogen hat oder bezogen haben würde, wenn er am Todestage in den Ruhestand versetzt worden wäre. Auf Antrag der Sozialdemokraten wurde auch ein Sterbegeld, das in dem Entwurf fehlte, in der Form festgesetzt, daß während der ersten zwei Monate nach dem Tode die Reliktenbezüge verdoppelt werden. Das Waisengeld beträgt für eheliche oder durch die Ehe legitimierte Kinder unter 15 Jahren, deren Mutter lebt und Witwengeld erhält, ein Fünftel des Witwengeldes, deren Mutter nicht lebt oder Witwengeld nicht erhält, ein Drittel des Witwen- geldeS für jedes Kind. Es folgen dann noch Beschränkungen des Witwengeldes, wenn die Frau mehr als 15 Jahre jünger ist als der Mann, und wenn die Ehe mit dein Verstorbenen 3 Monate vor seinem Ableben geschlossen ist. Es gelang den Sozialdemokraten nicht, diese Beschränkungen zu beseitigen. Zu einer lebhaften Debatte kam es über einen nicht unwichtigen Passus, der im Ber- liner Statut vorhanden ist, im Rixdorfer Entwurf aber merk- würdigerweise fehlt. Dieser lautet:„Versagt der Magistrat die Be- willigung von Ruhe-, Witwen- und Waisengeld, so ist der Stadt- verordnetenversammlung davon Mitteilung zu machen." Die büxger- lichen Stadtverordneten waren trotz eifrigen Bemühens der Sozial- dcmokraten nicht dazu zu bewegen, diesen Passus aufzunehmen. Augenscheinlich fürchten sie also für solche Fälle die Kritik der Oesfentlichkeit. Nutzen tut das freilich auch nichts, denn für diese Eventualität steht ja auch den Stadtverordneten das Recht einer Interpellation oder eines Antrages zur Perfügung. Dieser Entwurf soll nun demnächst der Stadtverordneten- Versammlung vorgelegt werden; hoffentlich läßt die völlige Er- ledigung dieser wichtigen Angelegenheit nicht lange auf sich warten, denn zweifellos bringt der Entwurf, wenn er auch eine Reihe Un- Vollkommenheiten und Mängel an sich hat, für einen Teil der Arbeiter und nichtpensionSfähigen sonstigen Personen, die im Stadt- dienst beschäftigt sind, eine gewisse Verbesserung ihrer Lage für den Fall der Erwerbsunfähigkeit und für die Hinterbliebenen für den Fall des Todes des Ernährers. Es wird Sache der sozialdemo- kratischen Stadtverordneten sein, auf Grund dieses ersten Anfanges einer sozialen Fürsorge der Stadt für ihre Angestellten nach und nach weitere Forderungen zur Besserung der Lage der Arbeiter zu stellen. Tempelhof. Ein äußerst schwieriges Rettungswerk vollbrachte vorgestern der ehemalige Eisenbahnbeamte Gustav Geist aus der Bergstr. 18 in Mariendorf. Auf einem Gewässer in Tempelhof hatte sich ein Knabe auf die dünne Eisschicht hinausgewagt und war«ingebrochen. Durch das laute Jammergeschrei des Gefährdeten ausmerlsam gemacht. eilte G. sofort zur Rettung herbeit. Borsichtig rutschte er auf der gefährlichen Eisdecke der Unfallstelle zu. Kaum war der Retter fedoch dort angelangt, so brach er selbst ein. Mit größter Geistes- gegenwart ergriff G. den inzwischen besinnungslos gewordenen Knaben und schob ihn vor sich her. Noch zweimal brach der mutige Retter mit dem Kinde auf dem Eise ein, ehe es ihm glückte, das Land zu erreichen. Nun brachte G. erst den Knaben zum Bewußt- sein zurück und eilte dann nach seiner Wohnung, wo er sich auf das Krankenbett legen mußte. Trebbin(Kreis Teltofv). Ben der Wahlvercinsuersamwlung vom 20. Januar 1906 ist kurz zu erwähnen, daß 18 Neuaufnahmen vollzogen wurden. Es wurde beschlossen. Trebbin in Bezirke einzuteilen, und zwar 4 Stadt- und 2 Landbezirke, und wurde die Einteilung den, Vorstand Über- lassen. Vom Vorsitzenden wird bedauert, daß sich immer so wenig Genossen finden, un, die Flugblätter zu verbreiten, lvas wohl nun aber durch die BezirlSeinteilung besser werden wird.®« wurden noch verschiedene interne Angelegenheiten erledigt.--- Die nächste Versammlung findet am 17. Februar 190« statt. Oeffentliche Stadtverordnetenversammlung vom 25. Januar 1996. Anwesend 18 Stadtverordnete. An Stelle de« ausgeschiedenen Rat- mann» O. Koppen wird der Stadtv. S t a n d f u ß mit 9 Stinmien aewählt.— Der Anschaffung eines Hydranten-Schlanchwagens mit sämtlichem Zubehör für 670 M- wird nach kurzer Debatte zugestimmt. Der Schlauchwagen soll in der Näh« des Bahnüberganges untergebracht werden. Die 77,40 M. durch Umzug entstandenen Kosten werden auch bewilligt.— Die Straßenbaukommission ersucht um Neubewilligung von 400 Mark zu der Etatsüberschreituna. Der Vorsteher begründet die Ucberschreitung, nur hätte es die Kommission unterlassen, der Versammlung vorher darüber Mitteilung �u mache». Genosse Tiebuß gibt seiner Verwunderung Ausdruck, wie überhaupt solch hohe lieber- schreitungen(schon einmal sind 900 Mark bewilligt Ivordcn) ohne Wissen der Versammlung gemacht werden können, es sei doch nur Flickarbeit gemacht, da in einiger Zeit doch noch einmal an derselben Stelle(auf dem Wege nach Löwendorf) angefangen werden müsse. Die Summe wird bewilligt.— Die Versammlung nimmt Kenntnis von der Verwendung von Pflegcgeldern der Armenkasse an Witwen und Waisen; der Erlös der letzten Holzauktion beträgt 5100 M.— Die Prüfung der Jabresrechnunaen der Kämmerei- und Wasser- werkskasse wurde in voller Richtigkeit befunden.— Im Anschluß an die Versaminlung gibt der Bürgermeister Bericht über die Verhand- jungen des Brandenburgischen Städtetages. Nowawes. In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung brachte der Amtsvorsteher ein Schreiben des Unternehmers W. Michaelis zur Kenntnis, in welchem derselbe gegen die nochmalige Ausschreibung der Abbruchsarbeiten des alten Knabenschulhauses in der Priester- straße Protest erhob. DaS Höchstgebot bei der ersten Ausschreibung wurde von einem Berliner Unternehmer mit 850 M. abgegeben, während sich das Gebot des Herrn Michaelis auf 525 M. belief. Da nun der Berliner Unternehmer nicht aufsindbar ist, so be- ansprucht M. den Zuschlag. Der Amtsvorsteher bemerkt hierzu, daß die nochmalige Ausschreibung deshalb erfolgt sei, weil das niedrigste Angebot unter der Taxe der Regierung geblieben sei, zu der die Gemeinde das Gebäude übernommen habe, der Fehlbetrag also aus der Geuieindekasse ersetzt werden müsse.— Einem Angebot von Pflastersteinen seitens der Firma Koch-Schöneberg, pro Quadrat- meter 3,40 M., gibt die Vertretung ihre Zustimmung, da der Preis ein annehmbarer ist.— Bei der Beratung eines neuen Ortsstatuts für die gewerbliche Fortbildungsschule regt Genosse Gruhl an, die Unterrichtszeit, welche jetzt 7 Uhr abends beginnt, auf eine frühere Tageszeit zu verlegen. Der Gemeindevorsteher ersuchte, diesen Antrag vorläufig zurückzuziehen, bis uns die Räume der früheren Webeschule, in welchen bis zur Vollendung des neuen Schulhaus- baues in der Pricsterstraße einige Volksschulklassen untergebracht sind, vollständig für die Zwecke der Fortbildungsschule zur Ver- fügung stehen; es solle dann die Unterrichtszeit für verschiedene Gewerbe, Bäcker, Schlächter usw., anders geregelt werden und könnte damit der Antrag Gruhl verbunden werden. Der Antragsteller er- klärte sich damit einverstanden.— Wegen Ueberfüllung der Knaben- schule(die Klassenfrequenz schwankt zwischen 48 und 07 Schüler) bewilligt die Vertretung die Mittel zur Errichtung einer neuen Klasse und Anstellung einer Lehrkraft zum 1. April. Da bei der nächsten Einschulung auch in der Mädchenschule dasselbe Verhältnis eintreten wird, erklärt sich die Versammlung damit einverstanden, daß dann auch für diese Schule zum 1. Oktober eine neue Klasse ein- gerichtet und eme weitere Lehrkraft angestellt wird. Die Wählerliste für die diesjährige Gemcindcvcrtreterwahl bildet einen interessanten Beitrag zu dem Kapitel über daS Drei- klassenwahlunrecht. Die Gesamtsteuersumme, nach der gewählt wird, beträgt 139 00! M. Die Klasseneinteilung der Wähler ist folgende: Es dürfe» wählen in der ersten Klasse 99, in der zweiten Klasse 343 und in der dritten Klasse 2061 Steuerzahler. Und au- gcsichts solcher Zahlen gibt es noch Leute, die da behaupten/der Arbeiter sei rechtlos in Preußen! Ober-Schöneweide. Die Russenliste Nr. 284 mit 4,20 M. ist verloren gegangen. Die- selbe ist anzuhalten und abzuliefern beim Kassierer des Wahlvereins Burgschat, SiemenSsttaße S l. Trebbin. Nachwehe» der Stadtverertmcteutvahlen. Der Ziimnermamr H. Schönsee, Mitglied deS Landwehrvereins Trebbin, wurde, weil er rot gewählt hat, aus dem Verein ausgeschlossen. Selbiger hat 24 Jahre lang pro Monat 35 Pf. treu und brav seine Beiträge ab- geladen, um daß seine Frau beim Tode ihres Mannes 100 M. ausgezahlt bekomme, aber der mächtige Arm des Vorsitzenden»lachte »hm einen Strich durch die Rechnung. Vorsitzender des Vereins ist der allbekannte Bauunternehmer Haase, welcher auch Vorsteher der Stadtverordneten-Bersammlung ist. Es sei dies eins Warnung für die Arbeiter, die noch dem Verein angehören, tretet lieber gleich jetzt aus. als daß ihr Euch nachher Hinallswerfen laßt. berliner I�admckteu. Die neue» Halb- Markstücke werden von Falschmünzern bereits nachgemacht und anscheinend in größeren Mengen in Umlauf gc- bracht. Die Verausgabung dieses Falsifikates ist für Falschmünzer um so leichter, als die Kauflente be: derartigen kleine» Münzen an- scheinend nicht genügend Sorgfalt und Ausmerksamkeit anwende». Die Ausführung der Falsifikate, von denen mehrere an öffentlichen Kassen in letzter Zeit angehalten worden sind, ist gut und die Prägung scharf. Hierdurch erscheinen die Fälschungen weniger ausfällig, da auch die echten Halb-Markslücke noch nicht abgenutzt sind und eine scharfe Prägung aufweisen. Die Falsifikate sind aus einer Blcilegierung hergestellt, sind in der Farbe eine Schattierung dunkler als die echten Münzen nnd fühlen sich fettig an. Bon den letztjährigrn Wcihnachtsprämie»: Fritz Reuters illustrierte Werke in zwei Bänden gebunden für 3 M., und„Der Gesundheitsschutz" von Emannel Wurm ist noch eine kleine Anzahl am Lager, die Misere Expedition, solveit der Vorrat reicht, zu obigen Preisen an unsere Leser abgibt. Der Zopfabschneidrr ist am Sonnabend gefaßt worden. Auf dem Opernplatz sahen zwei Kriminalbeamte von der Sonderpatrouille. wie ein junger Mann sich auffallend an ein kleines Mädchen mit einem langen Zopf heranmachte. Sie beobachteten ihn eine Weile und griffen zu, als er gerade in der linken Hand den Zopf hielt und in der rechten eine haarscharfe Scheere. um ihn abzuschneiden. Während der«ine Beamte den Namen de« ahnungslosen Mädchens feststellte, brachte der ander« de» Ertappten nach der nächsten Revier- wach«. Hi«r wies er sich durch seine Karte aus als ein 22 Jahre alter Student der Schiffsbaritechnik Robert S. Der junge Mann 14 Ivar ganz verdutzt nnd lieh sich willig abführe» und der Kriminalpolizei überliesem. Senien Angaben nach stammt er aus Valparaiso und studiert sin vierten Seinester an der Technische, i Hochschule. Seine Eltern leben jetzt in Hainburg. Zum Geburtstag des ÄalferS war er besonders von Charloiienbnrg nach Berlin ge- kommen, um in dem Gedränge eine Gelegenheil zu suchen. Eine Haussuchung, die in seiner Charlottenburger Wohnung sofort vorgenommen wurde, förderte noch 31 Zöpfe und' eine Menge Locken weniger langer Mädchenhaare zntagc.� S. gab zu, dag er sie alle heimlich den Trägerinnen abgeschnitten habe. Die Zöpfe. die er von Zeit zu Zeit auf- und wieder zuflocht, bewahrte er in seinem Schreibtisch auf. Ilm jeden hatte er ein Bäudcheir. gebunden, das Tag und Datum des Abschneidens trug, lieber den Beweg- grund zu dem seltsamen Treiben befragt, gab er an, daß es eine geschlechtliche Perversität sei. Schon als Tertianer habe er seiner Schwester den Zopf abgeschnitten. Trotz seines Ausweises als Student wurde S. mit Rücksicht auf die Beunruhigung, die sein Beginnen seit langem verursacht hat, gestern dem Untersuchungsrichter vorgeführt._ Berstadtlichuiig der Großen Berliner? Gestern mittag fand im Rathause unter dem Vorsitz des Ober- bürgermeisters Kirschner eine Sitzung des Ausschusses zur Vor- beratung des bekannten Untertunnel ung-Projektes der Grchßen Berliner Straßenbahn statt. An der Sitzung nahmen außer den Vertretern Berlins noch Vertreter von Char- lottenburg, Schöneberg, Rixdorf, Wilmersdorf, Lichtenberg, Tegel, Tempelhof, Steglitz usw. teil. Es wurde beschlossen, eine Gemein- fchaft zu gründen mit dem Endziel, die Große Berliner Straßenbahn und die mit ihr verbündeten Unter- nehmen zu erwerben, erweitern, betreiben und auszubauen. Es wurde zu diesem Zweck eine Kommission aus fünf Mitgliedern der verschiedenen Gemeinden gewählt und beauftragt, die Grund- läge usw. für diesen Plan zu schaffen. Gleichzeitig will man die Frage prüfen, ob die Streitfragen zwischen der Großen Berliner Straßenbahn und den einzelnen Gemeinden(das Erwcrbsrecht usw.) durch einen alsbald anzustrengenden Prozeß geklärt werden sollen. Ei» schweres Bauunglück hat sich gestern in Moabit zugetragen. Dort wird in der Beusfelstr. iic ein Fabrikgebäude für die Ge- brllder Bauer errichtet. Die Arbeiten sind bis zum Aufstellen des Daches gediehen. Die niittleren Dachbinder, die eine Spannweite von 8—10 Meter haben, sind zum Teil aufgestellt, welche Arbeit von der Firma in eigener Regie durch Hofarbeiter ausgeführt wird. Als gestern nachmittag gegen 3 Uhr mehrere Arbeiter dabei beschäftigt Ivaren, schlugen die Dachbinder um, mehrere Arbeiter mit sich in die Tiefe— etwa 10 Meter— reißend. Mehrere Leute, ivelche zu gleicher Erde gearbeitet hatten, wurden von den Trümmern, die aus einer Höhe von etwa 20 Meter herabgestürzt waren, getroffen. Sechs Arbeiter waren im ganzen bei dem Un glück zu Schaden gekoinmen. Sie wurden sofort von den anderen Kollegen aus den Trümmermassen befreit und mehrere Acrzte, welche alarmiert wurde», nahmen sich der Verletzten auf der Unfallstätte au. Vier hatten schwere Verletzungen, Beinbrüche, Arinbrüche und innere Verletzungen davongetragen. Es waren dies die Arbeiter Koch, Strenz, Binger und Hömel. Sie wurden im Krankenwagen nach dem Krankenhanse Moabit gebracht. Zlvei der Verunglückten waren mit leichteren Verletzungen davongekommen, und sie erhielten die ersten Notverbände in der Unfallstation in der Huttenstraße. Der Materialschaden, welcher durch die Katastrophe entstand, ist ein recht beträchtlicher. Beim Einsturz etiles Dacheö schwer verunglückt ist am Sonnabend- abend der 32jährige Arbeiter Karl Sprenger, der bei einem Abbruch von Siemens u. Halske in der Charlotteustraße tätig war. St. war während der Arbeit beim Einstürzen einer Decke mit in die Tiefe geriffcn worden und mußte mit erheblichen Verletzungen nach der Unfallstation in der Kronenstraße gebracht lverden, wo ihm die erste Hülfe zuteil wurde. Lebensgefährlich verbrannt wurde in der Sonntagsnacht der 66 jährige Schneidermeister Albert Giese aus der Admiralstr. 18o. Als er früh 1'/., Uhr von seiner im ersten Stock des Ouergebäudes belegenen Wohnung aus mit einer brennenden Petroleumlampe die Treppe hinabstieg, um das Klosett aufzusuchen, glitt er aus, wobei ihm die Lampe entfiel und explodierte. Er selbst stürzte mitten in das Feuer hinein und zog sich dabei im Gesicht und an den Händen so starke Brandwunden zu, daß er in bedenklichem Zustande nach dem Krankenhause Am Urban geschafft werden mußte. Ein großer Fabrikbrand beschäftigte die Feuerwehr in der Sonntagnacht in der Mühlenstraße 73. Er kam im vierten Stock des. rechten Seitenflügels aus, wo die Berliner Woll- Wäscherei, G. m. b. H., ausgedehnte Trocken- und Lagerräume besitzt. Anscheinend war das Feuer durch Kurzschluß im Trocken- räurne entstanden und hatte sich hier in kurzer Zeit so verbreitet, daß bei Ankunft der Feuerwehr der ganze Raum brannte. Da sich das Hauptlager im fünften Stock befand, galt es für die Feuertoehr, ein lleberspriugen der Flammen nach dort zu verhüten und das Feuer zu lokalisieren, was auch gelang. Immerhin aber ist der ent- staudete Schaden ganz beträchtlich. Der erst vor einigen Jahren mit den neuesten Einrichtungen und Verbesserungen versehene Trocken- räum ist total zerstört, ebenso auch die elektrische Anlage. Es wird daher eine Betriebsstörung von 8—10 Tagen eintreten. Ein schweres Antoniobilunglück, bei welchen, eine Person getötet und eine verletzt Ivurde, hat sich in der vergangenen Nacht am Kur- fürstendamm ereignet. Der Obsthändler Bahr, Berlinerstraße 36 in Wilmersdorf wohnhaft, war mit seiner Frau und seinem Bruder in Halensee zu einem Vergnügen gewesen, und nachts fuhren die drei auf dem Heimwege in einem Automobil, welches dem hiesigen Fuhr- Unternehmer Piehn gehört. Geführt wurde der Kraftwagen durch den Chauffeur Humtnel, der bei der erwähnten Firma an- gestellt ivar. Auf dem Kurfllrsteiidannn, in der Nähe der llhlandstraße, versagte plötzlich der Benzinmotor. und da sich das Automobil in schnellster Fahrt befunden hatte, über- schlug es sich vollständig. Die drei Fahrgäste wurden in weitein Bogen auf den Fahrdamm geschleudert, während der Chauffeur unter dem Wagen begraben wurde. Als man das Automobil wieder hoch- gerichtet hatte, konnte Hummel nur noch als Leiche hervorgezogen werden. Ein Genick- und ein Schädelbruch hatte den Bedauerns- werten auf der Stelle getötet. H. hinterläßt Frau und Kinder. Der Obsthändler B. hatte bei dem Sturz Quetschwunden erlitten und fuhr mit seinen Angehörigen nach der Unfallstation an, Zoolo- gischen Garten. Der Schreck über den Unglücksfall war den Dreien so in die Glieder gefahren, daß sie längere Zeit kein Wort hervor- zubringen vermochten. Bei der Arbeit verunglückt. Gestern vormittag lud der?43jährige Arbeiter Wilhelm Knobel aus der Hagenauerstr. 11, der sich bei der Firma Ravene Söhne, Sickingeustr. 16/17, in Stellung befindet, mit niehreren Kollegen zusammen eiserne Träger vom Wagen ab. Während seine Mitarbeiter das eine Ende eines solchen Trägers zur Erde niederlegten, behielt Knobel das andere Ende in den Händen. Es entglitt ihn und brachte ihm eine schwere Verletzung an der linken Hüfte und eine Quetschung des linken Beines bei. Seine Kollegen trugen den Verunglückten nach der Unfallstation in der Huttenstraße, von wo er nach Anlegung eines Notverbandes im Krankenwagen nach seiner Wohnung geschafft wurde. unter dem Sofa zwei Kinder, die dort zusammengekauert be- wußtlos lagen. Er trug sie ins Freie, wo sie von den Samaritern der Wehr tviedcr zu», Bewußtsein gebracht wurden. Sie hatten. wahrscheinlich in der Küche mit Streichhölzern gespielt und hatten dabei den Brand verursacht. In ihrer Angst waren sie dann nach dem angrenzenden Zimmer geflüchtet und unter das Sofa gekrochen. Die Eltern der Kinder waren bei dem Vorfalle abwesend. Die Küche ist ausgebrannt. Mordversuch und Selbstmordversuch auf offener Straße. Vor de», Lehrter Bahnhof schoß am Sonntag früh gegen 3I48 Uhr der auf dem Haichtsteueramt beschäftigte Militäranwärter Rudolf Poralla de», Hailptsteueramtsdiener Albert Piepeuhagen aus Rache eine Kugel in den Hinterkopf, verletzte ihn schwer und tötete sich dann selbst durch einen Schuß in das rechte Ohr. Tödlicher Unglücksfall im Zirkus Busch. Während der vorgestrigen iSonntag-t Abendvorstellung des Ausstattungsstückes„Indien" wurde der 26 Jahre alte Statist Alfred Baier ans Reinickendorf bei Berlin infolge Fehltretens so unglücklich zwischen die Bühnenwand des Zirkus und ein bei einer szenischen Veränderung an diese heran geschobenes Kaskadenstück gequetscht, daß er den erlittenen Ver- letzuiigen in kurzer Zeit erlag. B. hatte schwere Quetschungen des Schädels davongetragen; das Bersten der Halsschlagader führte trotz sofortiger Hülfelcistung von zwei Aerzten und Samaritern der Feuerwehr seinen Tod herbei. Der Verunglückte wurde, vom Publikum unbemerkt, durch eine in der Hinterwand der Bühne be� findliche Pforte in die dort belegene Jsh'stmnschneiderei getragen und auf einen Diwan gebettet. Für menschliche Hülfe war es jedoch schon zn spät. Der Unglückliche verschied unter den Händen der Acrzte, Seine Leiche wurde beschlagnahmt. Personen, welche gesehen haben, daß am Sonnabend, den 20, dieses Monats, abends 9 Uhr. der Arbeiter Karl Baginski ans dem Nordringzuge zwischen Frankfurter Allee und Stralau gestürzt ist oder sonstige Mitteilungen hierüber machen können, werden ge beten, sich mündlich oder schriftlich zu melden bei Baginski, Tegel, Schlieperstratze 42. 1 Treppe. Es ist ermittelt, daß ein Knabe von der Angelegenheit etwas gesehen hätte. Die Eltern von dem Knaben bitten besonders darauf aufmerksam zu machen. Unkosten werden vergütet. Vermißt wird seit Sonntag, den 21. d. Mts., die unberebelichte Ida Pohl. �Dieselbe zeigte seit einiger Zeit Spuren von Geistes schwäche. Sie ist migefähr 1,60 Meter groß, dunkelblond, hat braune Augen, schmales, längliches Gesicht,'Bekleidet war sie mit schwarzem Rock, ebensolchem gefütterten Jackett, rotem Hut und sckuvarzer Krimmergarnitur. Wer über den Verbleib der Vermißten bestimmte Auskunft geben kann, wolle solche gegen Belohnung an Kranz, Berlin 3. 63, Maybach-Ufer 1, II gelangen lassen. Verniißt wird seit Mitte September 1904 der Hausdiener Hugo Gilbricht, 6. 2. 84 zu Rospitz geboren. Derselbe war etwa 1,66 groß, schlank, hatte dniikelbloiides Haar, blonde Angenbrailen, kleinen Anflug von Schnurrbart, niedrige Stirn, blaue Augen, kleine Ohren, vollständige Zähne, ovale? Kinn, länglich blasses Gesicht, dünne Hände, grade Beine und Körperhaltimg. Bekleidung kam, nicht an- gegeben werden. Nachricht nimmt die Kriminal-Polizei zu 9008 IV. 12. 06 entgegen. Der Zeiitralverbaud der Schmiede schreibt uns: Ans dem Wege von Stralauerstraße nach der Ackerstraße ist einem unserer Kollegen ein Arbeirer-Nvlizkalender 1904 mit folgendem Inhalt verloren ge- gangen: 27 Uraniabilletts und zwar 7 Parkett, 10 zweiter Rang Mittelbalkon und 10 zweiter Rang, außerdem eine Quittung über abgerechnete Liste für die Bergarbeiter und Visitenkarten auf den Namen H, Marten, Der ehrliche Finder wird gebeten, diese Sachen im Bureau des Verbandes der Schmiede, Stralauerstraße 48 ab- zugeben._ Zwei Kinder durch die Feuerwehr gerettet. Gestern nach- mittag gegen 2 Uhr entstand im Hause Cuvrhstratze 34 Fcuerlärm. Aus den Fenstern des vierten Stocks vom Ouergebäude quoll dicker Rauch und zwar aus der Wohnung der Familie Peichert. Als die beuachzichngtc Feuerwehr eintraf, erhielt sie die Meldung, daß in den brStinenden Räumen noch Kinder sein müßte». In aller Eile wurde nun die Türfüllung eingeschlagen, woraus ein Feuerwehrmann au> Boden in die total verqualmte Wohnung drang. Auf sein Rufen erhielt er keine Antwort, und erst nach längere», Suchen fand er even Serickts Leitung. Ein preußischer Richter als Verbrecher. Die Strafkammer fällte in dem Prozeß gegen den Land' gerichtsrat Blumenberg und Genossen gestern das Urteil Der Landgerichtsrat wurde wegen mehrfacher Amtsverbrechen, Betrügereien, Unterschlagungen und Arrestbrüche unter Zu billignng mildernder Umstände zu 5 Jahren Gefängnis und 4 Jahren Ehrverlust verurteilt. 6 Monate werden als durch die Untersuchungshaft verbüßt erachtet. Wegen Betruges ivurde ferner der Mitangeklagte Abraham zu 2 Jahren Gefängnis und 4 Jahren Ehrverlust, der Mitangeklagte H e p n e r zu 500 M. Geldstrafe verurteilt. Damit ist das gerichtliche Drama, das viele interessante soziale Streiflichter auf unsere gesellschaftlichen Zustände warf, in erster Instanz beendet. Der jetzt verurteilte Richter hat wiederholt als Vorsitzender und Beisitzer in der Beuthener Strafkammer auch in Politischen Prozessen gewirkt. Hätte einer der danials Angeklagten vor Gericht wegen der gegen Blumenberg erwiesenen Verbrechen gestanden— schwerlich wäre er vom Zuchthaus verschont geblieben. Daß ein Richter, der so offenkundig gegen die Strafgesetze Jahre hindurch sich in ehrloser Weise verging, als Richter fungieren konnte, ist für unsere Rechtspflege bezeichnend. Ob ein Richter in jenem Bezirk unbehelligt als Richter hätte fmigieren können, Ivenn er ehrlich gewesen, aber als Sozial demokrat agitiert hätte? Benthe,, gehört zum Oberlandes gerichtsbezirk Breslau, dein der jetzige Justizminister vor seiner Ernennllng zum Minister als höchster Gerichtsbeamter vor' stand. Der Markranstädter Aufruhr und Landfrirdrnsbriich vor den Geschworenen. Gestern begann vor der Leipziger Strafkammer eine Verhandlung wegen Landfriedensbnichs und Aufruhrs gegen neun Arbeiter. Im vergangenen Jahre hatte es schon seit längerer Zeit in der Rauchwaren zurichterei- und Färberei- Aktien- g e s e l l s ch a f t vor in. Louis Wallhers Nachfolger in M a r k r a ttzst ä d t gekriselt, da die Lohnverhältniffe �sehr im argen lagen. Die beiden Direktoren Schlothauer und Schiering führten dann ein neues Verfahren in der Zurichterei„iid Färberei der Pelze und Felle ein, das angeblich eine ArbeitscrsparniS von einen, vollen Drittel darstellte. Hand in Hand damit ging eine Lohnherabsetzung, so daß eS zum Beispiel statt der bisherigen ach, Pfennig für ein Kaninchenfell nur 6 Pf. geben sollte. Alle Vor- stelliingen der Kürschner ivaren vergeblich, und so blieb ihnen denn nichts anderes übrig, als an, 21. September die Arbeit nieder- zulegen»nd in den A u s st a n d e i n z u t r e t e n. Zwei Tage darauf, am 23. September, schloffen sich den Kürschnern die übrigen Arbeiter und Arbeiterinnen an. Die Fabrikleitung saß nun auf dem Trockenen. Sie erließ ellenlange Inserate in den Zeitungen, in denen sie»ach Arbeits- willigen fahndete, und da stch leider immer solche Leute finden, so gelang eS ihr auch, aus Leipzig und Umgebung eine Anzahl zu be- kommen, die ihren ausständigen Arbeitsgenossen, die um bessere Existenzbedingungen kämpften, in den Rücken fielen. Die Leute kamen des Morgens mit der Bahn in Markranstädt an und fuhren am Abend wieder zurück. Der Betrieb in der Fabrik konnte not- dürftig aufrecht erhalten werden. Im Laufe der nächsten Tage kam es zu Reibungen zwischen Ausständigen und den Streikbrechern. Zum ernstcren Zusammenstoß kan, eS am Abend des 11. Oktober, als sich unter den Aiisstäiidlgen das Gerücht verbreitet hatte, die Arbeitswilligen hätten sich allerhand Waffen zugelegt, um eine», eventuellen Angriffe getvachscn zu sein. Es spielten sich ziemlich erregte Szenen auf der Straße und vor dem Bahnhofe ab. Dl- Polizei griff ein. Es wurden eine Anzahl von„Rädelsführern" vsre haftet. Die Staatsanwaltschaft hat aus dem Ganzen eine Haupt- und Staatsaktion gemacht und Anklage wegen Landfriedensbruchs und Aufruhrs crboben. Die Paragraphen des Rcichsstrafgesetzbuchs, die in Betracht kommen, lauten: „Wenn sich eine Menschenmenge öffentlich zusammenrottet und mit vereinten Kräften gegen Personen und Sachen GewalttäUgkeiten begeht, so wird jeder', welcher an dieser ZusammenroUnng teil- nimmt, wegen Landfriedensbruchs mit Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft." „Die Rädelsführer sowie diejenigen, welche Gewalttätigkeiten gegen Personen oder Sachen begangen oder Sachen geplündert, der- nichtet oder zerstört haben, lverden mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren bestraft; auch kann auf Zuläsfigkeit der Polizeiaufsicht er- kaunt werden. Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Ge- säiignisstrafe nicht unter sechs Monalen ein." Unter Anklage stehen der Kürschner Gustav Emil Kemmnitz aus Markranstädt, der Handarbeiter Franz Heinrich Harnisch auS Göhrenz, der Fabrikarbeiter August Max Rost ans Markranstädt, der Schneider Alfred Wilhelm Louis Fritz Jeremias Wridt aus Hamburg, der Fabrikarbeiter Franz Otto Aßmus aus Schkeuditz, der Maurer Otto Richard Prengcl aus Leipzig, der Fabrikarbeiter Reinhold Rößler aus Teuditz, der Metallschleifer Franz Otto Zeißing aus Zscherneddel und der Kürschner Wenzel Hrasky ans Wraby. lieber den Ausgang des Prozesses, der voraussichtlich 4 Tage in Anspruch nehmen wird, lverden wir berichten. 60 Tage unschuldig in Untersuchungshaft. Eines Vergehens der Nötigung angeklagt, standen der Maurer Franz M i t t e r und der Bauhülfsarbeiter Steinbrecher vor den Schranken des Land- gerichts Traunstein. Mitter soll während der Bausperre bei Pflalsch- bacher am SchlachthauSneubal, dem arbeitswilligen Tagelöhner Knschinka gegenüber geäußert haben, weim er arbeite, werde ihm der Schädel eingeschlagen; keine zwei Stunden arbeite Kuschinka, dann ioerde er vom Gerüste heruntergeschlagen. Kuschinka erstattete sofort bei der Gendarmerie Anzeige und fuhr dann bald darauf nach Salzburg, wo er trotz aller Polizeifindigkeit und Schlauheit nicht mehr zu finden war. Mitter wurde am 21. November v. F. ivegeu Fluchtverdachts verhastet, obwohl mehrere Zeugen bestätigten, daß nicht M i t t e r, sondern Steinbrecher die betreffenden Aeußerungen ge- macht hatte, was dieser selbst zugestand. Dieser Tage erst, bei der durchgeführten Verhandlung, ergab sich Mitters volle Unschuld. Das Gericht erkannte auf Freisprechung. Die Koste» wurden der Staatskasse aufgebürdet. Steinbrecher erhielt drei Tage Gefängnis. So endete die gegen Arbeiter, die nur ihr gutes Recht verfolgten, von Amtswegen eingeleitete Staatsaktion. Ob die Behörden daraus Wohl die naheliegende Lehre ziehen werden? Heilsarmee ein Gewerbebetrieb. Der Anhänger der Heilsarmee Herr Schmucker war von seinem Wohnort Westerland nach Timum gekomineii und hatte dort den„Kriegsruf" der Heilsarmee im ilmherziehen feilgeboten. Der erzielte Betrag floß in die Kosse der Heilsarmee und der Ueberschuß über die Kosten der Herstellung war für wohlthätige Zwecke bestiiinnt. Sch. wurde angeklagt, weil er, ohne im Besitz eines Wandergewerbescheins zu sein und ohne die Hausiersteuer bezahlt zu habe», außerhalb seines Wohnortes Waren im Umherziehen ohne vorherige Bestellung feilgeboten habe. Das Landgericht Flensburg sprach ihn jedoch frei, weil die Voraus- setz, mg der Gewerbsmäßigkeit fehle. Der Verkäufer selbst hätte aus dem Vertrieb der Zeitung keinerlei Gewinn gezogen, sondern nur die Heilsarmee, und diese wieder verwende den Ueberschuß aus dem Erlös des„Kriegsrufs" zu wohltätigen Zwecken. Das Kam m'e r g e r i ch t hob jedoch dieser Tage das Urteil auf und verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 12 Mark. Nach dem Hausiersteuer-Gesetz von 1376 bedürfe eines Wandcr- gewerbescheins und müsse die Hausiersteuer entrichten, iver außerhalb seines Wohnortes ohne Begründung einer gewerblichen Nieder- lassung und ohne vorherige Bestellung in„eigener Person" Waren irgend einer Art feilbietet. Danach komme es also nicht darauf an, daß man es auch„für eigene Rechnung" tue. Der Feilbietende miterliege der Steuer mich dann, wenn er für Rechnung anderer die Ware feilbiete. Belangslos wäre eS deshalb, daß Angeklagter völlig uncigennützig handelte und der ganze Erlös der Heilsamice zufloß. Entscheidend sei, daß überhaupt dauernder Gewinn erzielt werden solle, wenn auch nur für den Auftraggeber. Mit unrecht gehe bei Verneinung der Ge- werbsmäßigkeit der Vorderrichter davon aus, daß die Heilsarmee den Gewinn zu wohltätigen Zwecken ausgebe. Das stehe dem Begriff des Gewerbes, des fortgesetzten Erwerbes, nicht e nt- gegen. Gewerbsmäßigkeit seitens der Heilsarniee läge n u r dann nicht vor, wenn sie durch den Erlös des„Kriegsrnfs" nur d e s s en H e rste llun g s k o sten decken wollte. Daß sie auf Gewinn ausgehe, sei aber festgestellt, und daß der Gewinn z» wohltätigen Zwecken verwendet werde, sei gleichgültig. � Achtung! Athleten-. Kraftturner-, Artisten-, Ringsportvereine: Eine Reihe n-mihastcr Berliner Veieine h-ibci, in öffentlicher Versau, m< lung bcschlossm, einen Arbeiter-Athlctenbimd DenischlandS zu gründen. Der Bund hat sich lonstituiert und den Unterzeichneten zum Vor- sitzenden erwählt.„. Wir fordern nun hierdurch sämtliche obenbczeichncten Sportvereine aus, sich dieser Gründung anzuschlicßc». Statuten und Materialien stehen zur Verfügung. Zuschriften sind zu richten an Franz Keller, Berlin O. 34, Torellstraßc 2. Die Arbeiterpresse Deutschlands wird freundlichst um Abdruck gebeten. Bereine nnd Korporationen, die Aufnahme in de»von-nSdeum nächst zu veröffentlichenden Vereinskalendcr wünschen, wollen Name und Sitzungstag unS zusenden. ES können nur die Vereine ver- öffentlicht werden, die bis zum 1. Februar ihre Adresse neu ein- gesandt haben. Arbeitcr-Smnariter-Kolonne. Donnerstag abend 0 Uhr vierte Abteilung in Lichtenberg, Scharnwcberstraße 69. Vortrag des Herrn Dr. Nachtwey über Ertrinlen— Ersticken— verschiedene Formen der Bewußtlosigkeit. Daran anschließend praktische Ucbuiigeu, Wiedcrbelebungs- versiiche. Vorführung des Sanerstosiatmungsapparates. Neue Mitglieder können jederzeit eil, trete,,. Gäste haben einmalige» sreieu Zutritt. Ein- schreibcgeld 25 Ps. Monatsbeitrag 25 Pf. Biblioibek steht den Mitgliedern zur Verfügung.— Mittwoch DrcSdeucrstr. 45 Moiiatssitzung der dienst- tuenden Abteilung. Im Erziehnugs- und Fürsorgeverei» für geistig zurück- gebliebene(schwachsinnige) Kinder spricht am Freitag, den 2. Februar tS96, abends 8 Uhr, im Bürgersaale des Rathauses der ordentliche Professor an der hiesigen Universität Herr Dr. med. Ziehen über„Krauthaste psychische Konstitutionen im Kindcsalter." Gäste willkommen. KviefliAsten cter k�eciaktion. Kara. Das Bureau des HaudlungSgehülsenverbaiides befindet sich in der Neuen Friedrichstraße 29._ Wetter-Prognose für Dienstag, de» 3V. Januar 1900. Ein wenig kühler, vorherrschend wolkig mit geringen Niederschlägen und ziemlich irischen westlichen Winden. fettestes Uonz. Leihhaus Charlottenbui-g:, WilnierstlOFferslr. 40 1. Hohe Beleihung. Oiskr. Sprechzimmer Lelh-Haus Chart ottcnbiifSt Friedrich- Karl- Platz IS, Itcrlfn, An klamer- Straffe 2. Beleihung von Brillanten, Gold-«Iii Silbcrfachen, Uhren, Bücher», Wäsche Klcidiiiig'Zstückcil k. 30UV< Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glsckc, Berlin. Druck U.Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.