Ur. SS. BftonBonfnfS'BfflngnngeB: BlonnrmmlS. Prrit prinumerand« z «ntrljkhr«. Z.Z0 MI. monaN. l.lv MI., wSchentlich SS Psg. frei in» Hau». Einzeln« Nummer 5 Psg. Sonntag»' nummer mit illustrierter Sonntag». Beilage»Die Neue Seit- 10 Psg. Post« Abonnement: 1,10 Marl pro Monat Eingetragen In die Post. Zeitung». BreiSltste. Unter Kreuzband stir Deutschland und v«»erreich. Ungarn S Marl, stlr da« übrige UuSIand 8 Marl pro Monat QlchtW»glich auOn mcntigi. vh Berliner Volkesblnkk» S3. Jahrg. vle lnsettlon»-eed0hk »elrllgt sür die Iech»gespalten««olonel. geil» oder deren Raum«0 Psg., sür polltlsche und gewerlschaslliche Verei i»- und Lersammlungg-Unzelgen 2b Pig. „Utein« �nretgen", da» erste(fett' gedrurltes Wort 10 Psg. jede« weitere Wort b Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Rümmer inüssen bis 8 Uhr nachmittag« in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Woche». sagen bt» 7 Uhr abend», an Sonn, und Festtagrn bit S Uhr vormiltag» geöfsnct. Telegramm, klbrefset HS«ililil/z Proz. erhöht. Das Unglaubliche, in Rußlands wird's Ereignis: die Depots fließen zu und der Zinsfuß wird trotzdem noch erhöht! Kapitalisten, wandert nach Rußland aus I— Glauben die russischen Offisiösen wirklich, daß die Welt dumm genug ist, von der bankrotten russischen Regierung sich das Geld durch Hochstaplerprahlereien aus der Tasche locken zu lassen? Eine neue Hinrichtung. Tiflis, 29. Januar. Gegen den Thef des Generalstabs General GriaSnoff ist ein Bombenanschlag verübt worden. Der General wurden getötet, der Attentäter ist verhaftet worden. Entkomme». Der„Lokal-Anz." meldet: Riga, 30. Januar. Trotz deS energischen Vorgehens der administrativen Gewalt ist die Kraft der Revolutionäre in Riga, wo- hin zahlreiche Aiibrer der Bewegung vom Lande her geflohen sind, noch immer nicht gebrochen. Nachdem kürzlich fünf Mitglieder der Kampforganisation verhaftet worden waren und im Verhör aus- gesagt hatten, daß in der letzten Woche zu wiederholtenmalen Attentate auf die höchsten Spitzen der hiesigen Administration ge« plant und nur zufällig vereitelt wurden, sind diese siinf wichtigen politischen Gefangenen heute morgen aus dem im Zentrum der Stadt befindlichen Polizeigebäude gewaltsam befreit worden, obwohl dort eine halbe Kompagnie stand. Auf feiten der Polizei hat es hierbei mehrere Opfer gegeben. Die Revolutionäre entkamen un- versehrt._ poUtifcbc acbcrficbt. Berlin, den 30. Januar. Beschränkung der freien Hülfskaffe». Die Beratung der Novelle zum Hülfskassengesetz wurde heute zu Ende gefiihrt und der Gesetzentwurf an eine Kommission von 14 Mitgliedern verwiesen. Die Debatte war heute weit lebhafter als gestern, besonders Genosse Stadt- Hagen legte in scharfen Umrissen den Charakter dieser Novelle bloß, deren Bestimmungen nicht die Schwindelkassen beseitigen, ivohl aber die soliden Hülfskassen der Arbeiter schlver belästigen und beschränken würden. Aus diesem Grunde verglich er die Novelle mit einer„unbrauch- baren Schülerarbeit", wofür ihm der präsidierende Graf v. Stolberg einen Ordnungsruf erteilte. Stadthagen geißelte auch die reaktionären Absichten der Junker gegen die Arbeiterkrankenkassen, denen der Reichskanzler in seiner be- kannten Rede im preußischen Herrenhause entgegengekommen sei. Der Abg. Becker(natl.) will eine Zusammenlegung der Hülfskassen, Bctriebskassen und Jnnungskassen zu großen Einheiten. Die Stellung der Hülfskassen unter das Auf- sichtsamt für Privatversicherungen werde viele gute Hülfs- lassen zerstören; neugegründete Hülfskassen will Redner dagegen dieser Aufsicht unterstellt wissen! Die verwirrenden Folgen solch zwieschlächtiger Behandlung der Kassen scheint der Herr nicht zu ahnen. Der Direktor im Reichsamt des Innern, Caspar, ein Geheimrat, sowie der Staatssekretär Graf Posadowsky verteidigten den Gesetzentwurf. Graf Posadowsky meinte, es gehe nicht an, Bestimmungen nur gegen die Schwindelkassen zu treffen, im Gesetz dürften nur im allgemeinen Bestimmungen über alle Hülfskassen ent- halten sein. Aus der Stellungnahme der Regierung geht hervor, daß sie allerdings beabsichtigt, gegen die freien Hülfs- kassen vorzugehen, wenn auch Gras Posadowsky auf eine in nebelhafter Ferne liegende große, organische Reform der Arbeiterversicherung hinwies. Diese Ansicht fand auch eine Bestätigung durch die Rede des konservativen Abgeordneten p. Brockhausen, der den Entwurf gegen die „Mißstände bei den freien Hülfskassen" für einen zweckmäßigen Eingriff hält. Umgekehrt ist der Abgeordnete Schräder(frs. Vg.) der Meinung, daß man bisher nicht daran gedacht habe. die freien Hülfskassen dem Privat- versicherungsgesetz zu unterstellen. Der neugebackene antisemitische Abgeordnete Schuck hatte ivohl manches an dem Entwürfe auszusetzen, aber er hält ihn für verbesserungsfähig und erhofft eine günstige Gestaltung durch die Kommissionsberatung.— Damit war die Tages- ordnung erschöpft. �_ Ein«euer Maulkorb für die Presse. Unser Düsseldorfer Parteiorgan, die„Volkszeitung", hatte Mißstände in dem Betriebe des Unternehmers Junker da- selbst durch verschiedene Notizen an die Oeffentlichkeit gebracht. Diese Veröffentlichungen empfand Junker als Störungen in seinem Betriebe und tiahm er die Gerichte gegen die „Volkszeitung" in Anspruch. Aber nicht, wie sonst die Unternehmer tun, den S t r a f r i ch t e r, um den ver- antwortlichen Redakteur.ins Gefängnis zu bringen, nein, er verlangte von dem Zivilgericht, daß dieses dem Ver- antwortlichcn die Aufnahme weiterer Notizen untersagen sollte! Die Beklagte, so wurde in der Klagebegründung ausgeführt, sei verpflichtet, die erfolgte Störung zu beseitigen und sür die Folge derartige Störungen zu unterlassen. Es wurde um Publikationsbefugnis des Urteils ersucht, denn diese beantragte Veröffentlichung stelle die Beseitigung der Störung dar. Zur Begründung der Klage wurden die Paragraphen 8L3 und 824 des Bürgerlichen Gesetzbuches herangezogen. Die beklagte„Volkszeitung" wies in der Klagebeantwortung auf den Berichtigungsparaphen des Preßgesetzes hin und nahni auch für sich den Schutz des sj 193 des Strafgesetzbuches(Wahrung be- rechtigter Interessen) in Anspruch. Es sei ein Unding, irgend wem die Behauptung bestimmter Dinge für eine unbegrenzte Zukunft verbieten zu wollen; zur Ahndung ehrenkränkender beleidigender Aeußernngen sei der Slrafrichter da. Doch die Zivilkammer des Düsseldorfer Landgerichts schloß sich im Ivesenilichen dem Antrage des Klägers an, sie kümmerte sich nicht darum, daß die in den Notizen behaupteten Tatsachen zum weitaus größten Teil erwiesen waren. Die Gründe des Urteils sind folgende: „Veröffentlichungen in der Presse unterstehen nicht lediglich . den Bestimmungen des Preßgesetzes: letzteres beschäftigt sich be- züglich der Verantwortung für die Veröffentlichungen lediglich mit der strafrechtlichen Verantwortlichkeit; die Zivilrechtlage wird nicht berührt wie auch für diese ß 193 des Strafgesetzbuches nicht maßgebend ist. Die zivilrechtliche Verantwortlichkeit richtet sich vielmehr nach den Bestimmungen des Bürgerliä�n Gesetzbuches. Dieses schützt, wie§ 824 ergibt, den Erwerb und das Fortkommen als ein besonderes der Rechtsverletzung zugängliches Rechtsgut. Eingriffe in die geschützten Rechtsgüter geben dem Geschädigten, auch wenn sie nur objektiv widerrechtlich sind, den Anspruch auf Beseitigung der Beeinträchtigung und bei drohender weiterer Be- einträchtigung Anspruch auf Unterlassung.(Vergl. Entsch. d. Reichsgerichts.„Jurist. Wochenschrift" S. 140 Nr. 19). Bei schuldhaft verursachten Eingriffen greifen 8Z 823, 824 des Bürger- lichen Gesetzbuches mit dem Anspruch auf Ersatz des durch den Eingriff bewirkten Schadens Platz. Bei Eingriffen durch die Presse ist 8 824 des Bürgerlichen Gesetzbuches infolge des Ab- satzes 2 dieses Paragraphen an sich nicht ausgesctilosscn, indem für die Presse besondere berechtigte Interessen nicht bestehen. Die Beseitigung der Beeinträchtigung sowie der Schadenersatz— Wiederherstellung des früheren Zustandes— kann bei Eingriffen durch die Presse lediglich durch eine die Beeinträchtigung wieder ausräumende Veröffentlichung erfolgen. Eine solche unterscheidet sich wesentlich von dem Berichtigrmgsverfahven des Preßgesetzes. Die Berichtigung ist ein« einfache Erklärung des Geschädigten und es ist dem Redakteur nicht benommen, in derselben Nummer an- zuführen, daß er trotz der Berichtigung für die Wahrheit der Be- hauvtung noch einstehe. Bei der auf Klage ergehenden Per- »rteilung der Veröffentlichung einer die Beeinträchtigung aus- räumenden Erklärung ergibt sich dagegen eine rechtskräftige, end- gültige berichtigende Feststellung. Eine Verweisung aus das Be- richtigungsverfahren ist daher nicht angängig. Die klägerischen Ansprüche und Anträge sind so im allgemeinen rechtlich zulässig. Dieselben sind aber auch tatsächlich begründet.... Nach der Beweiserhebung stellt sich so der durch die Ver- öffentlichung erfolgte Eingriff zunächst als ein objektiv wider- rechtlicher dar. Daß der Beklagte mit Kenntnis der Unwahrheit gehandelt, ist nicht erwiesen und auch nicht anzunehmen, wohl aber hätte er die Unwahrheit erkennen können und daher kennen müssen; an der Mitteilung hatte auch weder der Beklagte noch das Publikum ein berechtigtes Interesse. Demnach greifen gegen den Beklagten sowohl die allgemeinen Bestimmungen bezüglich objektiv widerrechtlicher Beeinträchtigungen wie auch die Bestimmungen des 8 824 des Bürgerlichen Gesetzbuches Platz. Mit Rücksicht darauf, daß Beklagter bereits im Sommer gegen die Firma eine Veröffentlichung gebracht hatte, sowie mit Rücksicht auf die ganze Fassung des Artikels erscheinen weitere Beeinträchtigungen nicht ausgeschlossen. Es ist deshalb auf Untersagung weiterer Beeinträchtigungen zu erkennen. Die Veröffentlichung dieser Untersagimg ergibt dann die Be- feitigung der bisher erfolgten Beeinträchtigung." Der angezogene Paragraph 824 des Bürgerlichen Gesetz- buches hat folgenden Worlaut: „Wer der Wahrheit zuwider eine Taffache behauptet oder verbreitet, die geeignet ist, den Kredit eines anderen zu gefährden oder sonstige Nachteile für dessen Erwerb oder Fortkommen herbei- zuführen, hat dem anderen den daraus entstehenden Schaden auch dann zu ersetzen, wenn er die Unwahrheit nicht kennt, aber kennen muß. Durch eine Mitteilung, deren Unwahrheit dem Mitteilenden unbekannt ist, wird dieser nicht zum Schadenersatz verpflichtet, wenn er oder der Enipfänger der Mitteilung an ihr ein be- rechtigtes Interesse hat." Das hat sich der Gesetzgeber wohl nicht träumen lassen, daß der Paragraph 824 des Bürgerlichen Gesetzbuches dazu dienen sollte, gegebenenfalls das Preßgesetz außer Kurs zu setzen. Wird das Urteil von der höheren Instanz bestätigt, dann ist jede Kritik durch die Presse unmöglich. Die Presse darf dann nur noch das veröffentlichen, was ihr das Unter- nehmertum erlaubt; jede„Störung" des Geschäftsbetriebes würde aber schwer geahndet. Nach der Flottenpolitik die Weltmachtpolitik. Es ist keine angenehme Arbeit, statt den Gegner zu bekämpfen, sich mit den eigenen Parteigenossen auseinandersetzen zu müssen. Die Arbeit wird auch dadurch nicht gerade angenehmer, daß sie von einer gewissen Seite als„dogmatische Schulmeisterei" in Verruf gebracht worden ist. Trotzalledem kann ein Parleiblatt, wenn es anders seine Pflicht nicht gröblich vernachlässigen will, nicht darauf verzichten, auch an den Aeußernngen aus den eigenen Reihen Kritik zu üben, sofern dieselben von den Gegnern gegen die Partei ausgeschlachtet werden könnten oder innerhalb der Partei selbst Verwirrung anzustiften geeignet wären. Eine Partei wie die sozialdemokratische bedarf der Einheitlickkeit der Aktion; eine solche Einheitlichkeit wird aber schließlich unmöglich gemacht, wenn die theoretischen und taktffchen Auffassungen innerhalb der Partei allzu weit auseinanderklaffen. Wir waren vor noch nicht allzu langer Zeit gezwungen, darauf aufmerksam zu machen, daß der Genosse C a l w e r der kapitalistischen Marinepolitik die bedenklichsten Zugeständnisse gemacht hatte, indem er die Notwendigkeit einer starken Kriegsflotte zum Schutze des Handels durchaus anerkannte und die Flottenlasten als eine Art unvermeid- sicher Risikoprämie charakterisierte. Als einzigen Grund, die Flotten- Vorlage abzulehnen, ließ Genosse Calwer schließlich die Abwälzung der Lasten auf die Schultern der besitzlosen Klasse gelten. Mußten wir damals diese Beurteilung des MarinismuS durch Calwer als durch und durch bürgerlich bezeichnen, so müsien wir heute das gleiche von der Beurteilung feststellen, die er in den „Soz. Monatsbesten" der Marokkofrage widerfahren läßt. Schon der Eingang deS Artikels, den wir folgen lassen, ist höchst eigenartig: „Von der Notwendigkeit der Marokkokonferenz ist ein Teil der Oeffentlichkeit» o ch i m m e r nicht überzeugt. Alle Welt wird man auch von dieser Notwendigkeit nicht überzeugen können, aber doch wenigstens die Kreise, die Deuffchland für berechtigt halten, gegen die frnnzösisch-englischen Abmachungen Einspruch zu erheben. In diesen Kreisen kann man sehr häufig die Meinung hören, daß eine Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland zur Beilegung der Differenzen vollständig hingereicht hätte; es hätte sich dann die Konferenz in Algcciras, die doch wieder neue Gefahren heraufbeschwören könne, erübrigt. Diese Meinung ist f a l s ch. Wenn Deutschland auf eine inter« nationale Konferenz hingewirkt hat, so ist seine Diplomatie im Gegensatz zu Frankreich durchaus richtig vorgegangen. mögen auch einzelne Schritte der deutschen Regierung bei der ganzen Aktion mißbilligt werden." Unseres Wissens ist es in Deutschland nur die Sozial- d e m o l r a t i e gewesen, die die Marokkolonferenz für überflüssig erklärt hat. Und da ist es doch sehr seltsam, daß es der G e n o s s e Calwer von vornherein für ziemlich gleichgültig erklärt, daß sich nicht„alle Welt", also doch mindestens ein erklecklicher Teil der Sozialdemokratie von ihrer Calwer so unanfechtbar erscheinenden— Notwendigkeit auch nicht überzeugen lassen werde! Calwer wendet sich mit seinen Belehrungen nur an diejenigen. die Deutschland für„berechtigt" halten, gegen die französisch- englischen Abmachungen Einspruch zu erheben. Von diesem„Rechts"- standplinkt aus behandelt er dann die ganze Angelegenheit, wobei er schließlich zu dem Resultat gelangt, daß die deutsche Regierung sich zwar bei ihrem Vorgehen vielleicht hier und da in der Form vergriffen habe, daß sie aber im großen und ganzen durchaus korrekt vorgegangen sei. Calwer macht also die für einen Sozialisten wirklich verblüffende Entdeckung, daß die kapitalistische Weltpolitik von der Sozialdemo- kratie unter dem Gesickitswinkel des„Rechtes" zu beurteilen sei. Als ob nicht für alle kapitalistische Politik bisher nur ein„Recht" Geltung gehabt habe: das Recht des Stärkerenl Selbstverständlich hat Deutschland ein„Recht" darauf, gegen die Anueklion irgend eines Gebietteils auf dem Erdball durch irKnd eine Nation zu prolestieren, weil dadurch seine kapitalistischen Interessen beeinträchtigt werden können. Dies abstrakte„Recht" Deutschlands, Einspruch etwa gegen die Anueklion der Burcustaaten durch England oder die Annettion Koreas durch Japan zu erheben, kann gar nicht geleugnet werden. Die unzweiselhafte Verletzung des deutschen„Rechtes", die Selbständigkeit dieser Staaten erhalten zu sehen, regte gleichwohl keinen Menschen in Deutschland auf. Man glaubte eben nicht die Macht zu besitzen, Rechtsansprüche geltend zu machen. Als nun Frankreich mit Marokko ebenso verfahren wollte wie Eng- land, ohne daß sich das„Rechtsgefühl" Deutschlands geregt hätte, mit Aegypten und den Burenrepubliken verfahren war, da entdeckte man auf einmal in Deutschland ein„Recht", weil man die Macht zu haben glaubte, diesmal Frankreich in den Arm zu fallen! Dem imperialistischen deutschen M a ch t k i tz e l— nicht einem plötzlich erwachten Rechtscmpsinden I— verdanken wir also die Marokkoaffäre I Vom bourgeoisen Standpunkt aus ist— kein Mensch, erst recht kein Sozialdemokrat denkt daran, das zu leugnen— der deutsche Machtlitzel ebenso berechtigt wie der englische oder französische Machtkitzel. Die drei kapitalistischen Mächte sind einander durchaus wert! Ein Sozialist aber bettachtet die Dinge eben nicht vom bourgeoisen, sondern vom sozialistischen Standpunkt aus. Und da sagt er sich, daß er, ohne sich durch die albernen Phrasen von„Recht" oder„ U n- recht", noch auch durch die imperialistischen Vorspiegelungen der zu gewiuneuden weltpolitischen Leute irre machen zu lassen, einfach alles aufzubieten hat, um im« perialistische Beutekriege zu verhindern, deren Kosten an Gut und Blut das Proletariat zu tragen hat, während die Kapitalistenklassc die Vorteile dieses b l n t i g e n R a u s e n s e i n h e i m st! Dieser Standpunkt galt bisher für jeden Sozialdemokraten, der das A B C der Klassenkampftheorie begriffen hatte, für etwas ganz Selbstverständliches. Es blieb dem Genossen Calwer vorbehalten, für die Beurteilung der internationalen Beziehungen der Völker den sozialdemokratischen Klassenkampfftandptuikt vollständig aus- zuschalten und an dessen Stelle den Begriff irgend eines abstrakten „Rechts" zu setzen, das sich bei näherem Zusehen obendrein als das kapitalistische Recht des Stärkeren entpuppt. * ♦ * veutlcbes Reich. Eine mehr als sonderbare Verhaftung meldet der Telegraph aus Zürich: Dort ist wegen„Unterschlagung im Amte" der frühere Polizeikommissar Stephany aus Sttaßburg verhaftet worden. Herr Stephany hat eine Broschüre über„Die Germanisierung von Elsaß" ver- öffentlicht, die sehr schwere Anklagen gegen die Regierung enthielt. Die elsässische Regierungsprcsse besttitt die Richtigkeit seiner Beschuldigungen. Herr Stephany aber, der inzwischen nach Zürich übergesiedelt war, forderte die in Frage kommenden Regierungskreise auf, Klärung dadurch herbeizuführen, daß nian gegen ihn wegen Beleidigung klagen möge; er werde dann den B e w e i s d e r W a h r h e i t liefern. Wundcrbarerweise verschmähte die Regierung diesen sonst von Behörden so gern betretenen Weg. Sie forderte von der Regierung der Schweiz vielmehr die Verhaftung und Ausliefertmg Stephanys wegen„Unterschlagung im Amte". Die Züricher Polizei kam dem Ansuchen der deutschen Regierung nach, verhaftete Stephany und bcslhlagnahinte bei ihm eine Anzahl wichtiger Akten. Diese Akten sind das Beweismaterial Stephanys. Dies sich angeeignet zu haben beschuldigt ihn die schlaue deutsche Regierung, um die Akten in ihre Hände zu bekommen! Die Aneignung dieser Akten durch Stephany ist nämlich die angebliche „Unterschlagung".— Daß die deutsche Regierung diesen Weg zu ihrer Verteidigung wählte, läßt allerdings Stephanys Beschuldigungen in einem anderen Lichte erscheinen. Ob dies vorher der Fall war? Man ist jetzt genötigt, die Richtigkeit derselben anzunehmen I Denn warum geht die Regie- rung einer gerichtlichen Klarstellung aus dem Wege? Warum will die Regierung die Akten in ihre Hände bringen? StaatSgefährliche Weihnachtsdekoration. Ein Gegenstück zu den umstürzlerischen Taschentüchern, die während des Sozialistengesetzes in Sachsen als verbotene Lektüre konfisziert wurden, hat der Köllerkurs dieser Tage in Nordschleswig an den Tag gefördert, zum Beweis, daß jede Unterdrückungspolitik schon in sich selbst, in ihrer Wirkung auf die geistigen Bestände der Machthaber, ihre Nemesis trägt. Folgendes ist die wundersame Historie. In Hadersleben hatte zur Weihnachtszeit der Kaufmann Riis in dem Schaufenster seines Ladens eine stimmungsvolle Deko- ration aufgebaut, eine Winterlandschaft mit weißen Feldern, Wind» mühle, Dorfkirchlein und allerhand niedlichen Häuschen. Die Fenster und Türen der Häuschen waren mit rotem Gelatinepapier verklebt, innen brannten Lichtchen und große wie kleine Kinder freuten sich des hübschen Bildes. Da kain die Rache, denn harmlose Frende ist in Köllers Revier an sich schon eine staatsfeindliche Demonstration. Zwei Polizisten, die an dem Geschäft vorbeigingen, nahmen Aergernis an der Dekoration und dem Vergnügen des Publikums und begaben sich spornstracks zu ihrem Polizcimeister, dem Bürger» mcister Dr. Schindelhauer und erstatteten gegen den Geschäfts, inhaber Anzeige. Wessen sie den Mann beschuldigten, darauf wird außerhalb Nordschle-wigs kein Leser verfallen, und wenn wir einen hohen Preis auf des Rätsels Lösung setzten. Also der Kaufmann Niis wurde angezeigt wegen öffentlicher Aus st eilung des Dannebrogs, der dänischen Nationalflagge. War dieses hochverräterische Mö�el� etwa irgendwo in der Miniaturlandschaft angebracht? O nein, der Verbrecher war viel raffinierter zu Werke gegangen. Der Dannebrog, dos waren die Gelatinefensterchen, von deren roter Fläche sich das weiß gemalte Fensterkreuz abhob; ein weißes 5treuz im roten Felde aber zeigt bekanntlich die dänische Nationalflagge! Ter Kaufmann bekam auch wirklich ein Polizei- liches Strafmandat in Höhe von 13 Mark wegen der obengenannten Straftat,„Ausstellung der dänischen Flagge". Er beantragte natür- lich gerichtliche Entscheidung, und so hatte sich dieser Tage das Schöffengericht in Hadersleben mit dieser hochnotpeinlichen— nota- bene: nicht für Herrn Riss hochnotpeinlichen— Affäre zu befassen. Der Angeklagte bot alle seine Beredsamkeit auf, dem Gericht nachzuweisen, daß das Ge'atinesensterch.n eines Spielzeughäuschens keine Fahne sei. Auch habe er schon seit 3 bis 6 Fahren stets dieselbe Weihnachtsdekoration ausgestellt, �ohne daß ihm etwas passiert sei. Der Anitsanivalt, derselbe Dr. Sclündelhauer, hielt senmi Straf- befehl aufrecht. Es sei äußerst unpassend, in der heiligen Wcihnachts- zeit, da Gott der Mcnscliheit seinen Sohn geschenk> bade, in Jesu Christi Kirche einen Dannebrog auszustellen. Und das Gericht bestätigte den Strafbe'ehl. Es trat zwar nicht der Auffassung bei, daß der Angeklagte die dänische Flagge öffentlich gehißt habe, aber für einen Dannebrog muß es doch die Gelatine fcnsterchen angcsebeu haben, denn cs„konstatierte", daß an diesen Farben die deutsche Bevölkerung, repräs miert offenbar durch die beiden Polizisten,. Aergernis genommen habe. So wurde denn der Sünder verknackt auf Grund des Groben Unfug-Paragraphcn. Die Geschichte wird noch weitere gerichtliche Instanzen durch- laufen. Hoffentlich wird dafür gesorg', drß dieie Haderslebener Dannebrogs für ein künftiges kulturhistorisches Museum reserviert werden, sie werden selbst neben den sächsischen Umsturz-Literatur Taschentüchern Furore machen. Ja, wenn Lachen töten tonnte im preußischen Teutschland, so wären wir längst im Zukunftsstaat. Eine famose Rechnung. Das„Reich" bemüht sich, die wachsende Macht der Sozial- bemokratie durch ein Rechenexempel ans der Welt zu schaffen. Die Sozialdemokratie, erklärt das Blatt, habe gar keine Ursache, sich da- mit zu brüsten, daß sie in dem Zeitraum von 1898 bis 1903 90370V Stimmen geivonnen habe. Sie lasse nämlich außer acht, daß sich 1903 gegen 1898 die Wählerstimmen um 1 742 900 vermehrt hätten. Von diesem Mehr habe die Sozialdemokratie„nur" 903 700 erhalte», die übrigen 845 400 Stimmen seien auf die bürgerlichen Parteien entfallen.„Der wirkliche Vorsprung der Sozialdemokratie vor ihren Gegnern betrug also nur 58 300 Stimmen." Das„Reich" fühlt sich also schon getröstet, wenn von dem Zuwachs der Stimmeiizahl nur einige 00 000 m e h r als die Hälfte auf die Sozialdemokratie entfallen. In der Tat. ein bescheidenes Wachstum! Im Jahre 1887 entfiel auf die Sozialdemokratie nur ein Zehntel aller abgegebenen Stimmen, 1903 bereits annähernd ein Drittel! Neid. Die„Kreuz-Zeittmg" teilt ihren Lesern mit, daß bei der sozialdemokratischen Parteikasse für die Opfer der russischen Revo lutton 225 000 M. eingegangen seien. Sie rechnet dazu die Summe, welche der Hülfsverein deutscher Juden für. die Opfer der Juden Verfolgungen aufgebracht hat, und stellt dann entrüstet fest, daß die Sammlungen des Hnlfsausschusses für die geschädigten Deutschen in Rußland nur 150 000 M. ergeben haben.— Die„Krenz-Zeitung findet die Patrioten jedenfalls sehr schofel. Wir sind schon lange derselben Meinung I—_ Ehrliche Zentrumsleute. Gezwungen durch den steten Abfall katholischer Arbeiter hat sich da? Zentrum geirötigt gesehen, in einer Anzahl katholischer Städte de« Rheinlandes bei den Gemeinde wählen auch„Arbeiter Vertreter" mit auf seine Kandidatenliste zu nehmen; so in Köln, Düsseldorf, Essen, M.-Gladbach, Mülheim a. Rhein u. a. In Aachen aber hat man dieser Forderung der christlichen Gewerkschaftler bisher infolge des heftigen Widerspruchs der Parteimitglieder aus den besitzenden Klassen nicht willfahren können. Angesichts der wachsenden Schwierigkeiten in der Agitation und der zunehmenden Unzufrieden heit der noch kirchentreuen Arbeiterschaft einerseits und gegenüber der Tatsache, daß die Sozialdemokratie auch im Aachener Gebiete immer festeren Boden gewinnt und daß allgemach auch an die künstige RcichstagSwahl gedacht werden muß, hat nunmehr die Parteileitung des Aachener Zenttums beschlossen, bei einer jetzt stattfindenden Stadtverordneten- Ersatzwahl dennoch einen christlichen Gewerkschaftler ins Rathaus zu Wählen. Die Folge ist eine förmliche Protestbewegung aus den Reihen der katholischen Bourgeoisie. Dieser Tage ist in Aachen ein Flugblatt verbreitet worden, das die Arbeiterkandidatur und die ultramontane Parteileitung scharf bekämpft und das zu einer in dieser Sache einberufenen Versammlung einlädt. Das Flugblatt wendet sich dagegen, daß„in dem Stadtparlamente Leute einziehen, die selbst keine Steuern zahlen, aber über den Geldbeutel und die Steuern anderer Leute verfügen wollen". Also der brutalste Steuerprotzeustandpuntt! Im Aachener Stadtverordneten-Kollegium hat das Zentrum die Zweidrittelmehrheit; trotzdem ist seinerzeit dort der Antrag des christlichen Gewerkschafts- kartells auf Ermäßigung des Wahlzensus mit erheblicher Majorität abgelehnt worden. Er wurde von einem großen Teile der Zentrumsfraktion gemeinsam mit den Nationalliberalest der ersten Abteilung incdergestimint. Hierauf bezieht sich die folgende Stelle des Flugblatts: Obgleich ihr sder ultramontanen Wahlvereinigung „Constantia") bei den Stadtverordnetenwahlen vor 2'/« Jahren deutlich genug zu verstehen gegeben wurde, daß die zweite Klasse der Aachener Wählerschaft die Herab- s e tz u n g des Zensus nicht billigt, hat sie neuer- dings wieder die Zeususfrage in ihr Programm aufgenommen und macht jetzt damit den Anfang, A r b e i t e r k a n d i d a t u r e n für die dritte Klasse aufzustellen". Weiter heißt eS:„Was der Bürger aber mit Recht fordern kann, ist, daß er in dem Matze Einfluß auf die Erhebung und Verwendmig der städtischen Steuern behält, als er zu ihrer Leistung verpflichtet ist. Also Schutz des Bürgertums vor der beginnenden Entrechtung!" Die Unterdrücker und Ausbeuter klagen über Entrechtung! Im übrigen aber sind diejenigen, die hier der ultramontanen Partei- leitung Opposition machen, die ehrlicheren Zentrumsleute. Wie sie reden, so denken die anderen. Der Widerwille gegen Arbeiterkandidaturen und gegen die Arbeiterbewegung ist bei jenen genau so stark wie bei diesen. Auch die«sozial- politische" Richtung des Zentrums würde den katholischen Arbeitern nicht die Spitze des kleinen Fingers reichen, wenn nicht die Not und das Andrängen der Sozialdemokratie sie zwänge. Warum stellt das Zentrum erst jetzt, nach Jahrzehnten, Arbeiter- kandidaturen auf? Doch auch dieser neueste Demagogentrick kann den Zusammenbruch des Schwindelgebäudes der zentrüinlichen Arbeiter- Politik nicht aufhalten I_ Reichstage erhobene Forderung der Gerechtigkeit annimmt, so tut sie es sicherlich nicht der Arbeiterklasse oder dem Mittelstande zu- liebe. Zum Jnbalt des Gesetzentwurfs wird behauptet, es solle ein Sessionspauschale von 3000 Mark vorgeschlagen werden, um dadurch die Verhandlungen abzukürzen. Diese Begründung verrät eine recht niedrige Wertschätzung der Abgeord- neten. Wir registrieren sie lediglich. Nachstehend stellen wir die Bestimmungen über die Diäten in Elsaß-Lothringen und den außer- deutschen Staaten zusammen. In Elsaß-Lothringen betragen die Tagegelder der Mit- glieder des Landesausschusses 20 Mark neben Reisekostenpergütungeu. Die belgische Repräsentantenkammer zahlt 200 Gulden(333 Mark) monatlich an jedes außerhalb des Parlamentssitzes wohnende Mitglied. Dänemark zahlt 3 Reichstaler an jedes Mitglied des Reichstages und Reise-Unkosten. In Frankreich erhalten die Mitglieder des Senats und der Deputiertenkammer 9000 Fr. jäbrlich. In den Niederlanden ist für die Milglieder der Zweiten Kammer der Generalstaaten neben den Reisekosten eine Jahressumine von 2000 Gulden(3380 M.) festgesetzt. Norwegen bat 3 Spcziestaler täglich für den Aufenthalt des Abgeordneten im Storthing, Schweden hat eine Jahressumme von 1200 Reichs- talern für jedes Mitglied der Zweiten Lfauimer festgelegt. Die Mitglieder des schweizer Nationalrats erhalten je 20 Fr. täglich, die österreichischen Milglieder des Abgeordnetenhauses je 10 Gulden. Die ungarischen Ncichstagsabgeordneten erhalten ein Pauschale von 2400 Gulden(4800 Frank) und 300 Gulden Quartier- geld. Der Pauschalsatz für Senatoren, Repräsentanten und Dele- gierte zum Kongreß beträgt in Amerika 5000 Dollar für das Jahr, die neben den Reisekosten zu zahlen sind. Neichstagsdiäten. Bürgerliche Zeitungen wollen wissen, daß der Diätencntwnrf wirklich in Borbertaung sei. Dasselbe haben sie seit etwa dem Jahre 1890 nündestens jede zwei Jahre einmal mitgeteilt. Mag sein, daß sie jetzt aus de» von uns schon erörterten Gründen recht, u.... haben. Wenn wirklich die Regierung eine seit fast 30 Jahren vom! königliche Verordnung wieder aufgehobenen Gesetzes vom Jahre Wahlreform in Oldenburg. Mit der Einführung des direkten Landtagswahlrechtes de- schäftigte sich der Oldenburger Landtag in seiner Sitzung am Diens- tag. Die Staatsregierung gab die Erkrärung ab, daß sie bisher Bedenken getragen habe, die Aenderung des Wahlrechts in Angriff zu nehmen. Nachdem aber wiederholt der Landtag einen dahin- gehenden Antrag angenommen habe, in der Erwartung, durch das direkte Wahlrecht die Beteiligung an den Wahlen zu stärken, sei sie bereit, in eine weitere Prüfung der Forderung über Ein- ftihrung des direkten Wahlrechts einzutreten und zu erwägen, ob und wie weit eine Aenderung des Wahlrechts möglich fei. Das Ergebnis der Prüfung müsse sie sich jedoch noch vorbehalten. Die Regierung sei jedoch der Ansicht, daß die Einführung der direkten Wahl nur angängig sei, wenn die Ausübung des Wahlrechts ab- hängig gemacht wird von einer längeren Aufenthalts« dauer. Es soll damit die Gewähr geschaffen werden, daß solche Eingesessene, die erst ganz kurze Zeit anwesend seien, nicht eine zu große Einwirkung erhalten. Bezüglich der weiteren Forderung auf Wahlkreisabänderung behalte sie sich eine Stellungnahme vor. Die Verhandlungen zeitigten eine lebhafte Sozialistendebatte. Der Antrag auf Einführung der direkten Wahl wurde sodann mit 30 gegen 6 Sttmmen bei einer Stimmenthaltung angenommen Drei Abgeordnete fehlten bei der Abstimmung.— Eine Anfrage an die säckisische Regierung. Dresden. 29. Januar.(Eig. Ber.) Vor kurzem wurden bekanntlich in ganz Sachsen— mit etwa drei Ausnahmen— sämtliche öffentlichen Volksversammlungen, in denen über Wahlrechts- und Berfassungskämpfe gesprochen werden sollte, von den Behörden verboten. Die Begründung dieser Verbote war dem Sinne nach überall dieselbe. Der sozialdemokratische Abgeordnete G o l d st e i n brachte deshalb heute tu der Zweiten Kammer des Landtags folgende Interpellation ein: „Die für die Tage des 21., 22. und 23. Januar d. I. in vielen Orten Sachsens einberufenen Volksvcrsaininlimgen, die sich mit dem Thema: Wahlrechts- und Verfassungskämpfe der Gegen« wart befassen sollte», sind, bis auf einige, sämtlich auf Grund der ZK 5 und 12 des Gesetzes vom 22. November 1850, das Vereins- und Versammlungsrecht betreffend, verboten worden. Die Gleichzeitigkeit der Verbote und die Uebereinstimmung ihrer Begründung lassen auf eine von der Staatsrcgierung er- gangene allgemeine Anweisung schließen. Da eine solche, die öffentliche Erörterung der Grundrechte des Volkes gefährdende Maßregel weite Kreise der Staatsbürger in große Erregung versetzt hat, richtet der Unterzeichnete folgende Anfragen an die Staatsregierung: 1. Hat die Regierung eine solche allgemeine Verfügung er- laffen? 2. Beabsichttgt sie, dergleichen Erörterungen in Versammlungen ferner zu hindern?" Kürzlich hat die Regierung die wegen Verbots einer liberalen Wahlrechtsversammlung in Dresden eingebrachte Interpellation eines fteisinnigen Abgeordneten nicht beantwortet unter dem Hinweis, daß sie der instanzenmäßigen Erledigung einer eventuellen Beschwerde gegen das Verbot nicht vorgreifen wolle. Dieser Vorwand kann bei dem Massenverbot jedenfalls nicht wieder von der Regierung zur Ablehnung der Beantwortung gebraucht werden. Was wird sie also sagen?!—_ Aus der Wiirttcmhergischen VcrfassimgSrevision. Stuttgart, den SO. Januar 1906. (Privatdepesche des„Vorwärts".) Die Verhandlungen, welche sich an die Bestimmungen über die zukünftige Gestaltung der Ersten Kammer anschlössen, bildeten bereits ein bemerkensivertes Vorspiel zu den bevorstehenden Landtags- Wahlen. Das Schicksal der Verfassungsreform hängt angesichts der gegenwärtigen Parteigruppierung im Landtag an einem seidenen Faden. Es ist sogar sehr anzunehmen, daß die Reform eher mißgluckt, als daß sie gelingt. Diese Sachlage macht begreiflich, wenn die bürgerlichen Parteien sich jetzt bereits gegen die berechtigten Vorwürfe zu verteidigen üchen, denen sie von sozialdemolratischer Seite in der Wahl- agitation im Falle des Mißlingens der Reform zweifellos ausgesetzt sein werden. Im Auftrage der Sozialdemokratie gab der Abg. Schlegel die Erklärung ab. daß er nach wie vor die Forderung nach Ab- 'chaffnng der Ersten Kammer erhebe. Er entwickelte die dafür be- teheilden sachlichen Gründe und stellte fest, daß namhafte Vertreter der Volkspartei und auch der Nationalliberalen den Fortbestand der Ersten Kammer für überflüssig, ja für schädlich bezeichnen und eine einzige reine Volkskammer gefordert hätte». Als er die Aeußerung Heinrich v. Treitschkes zitierte, der daS preußische Herrenhaus seinerzeit eine verdutzte und entwürdigte Versammlung genannt hatte, die ein kräftiger Staat nicht als totes Glied an seinem Leibe fortschleppen ollte, wurde er wegen dieser Aeußerung des freikonservativen Historikers zur Ordnung gerufen. Er erklärte für unsere Partei, daß nach ihrer Meinung ein Kulturvolk, dessen breite Schichten sich im öffentlichen Leben betätigen, für die Beschlüsse seiner ftei gewählten Vertreter keiner Bevormundung oder Zensurbehörde in Gestalt einer Ersteh Kammer bedürfe. Da aber gegenwärtig Anträge auf Ab- 'chaffnng der Ersten Kammer aussichtslos seien, so verzichte sie daraus und werde ihre Stellung dadurch betätigen, daß sie gegen alle Bestimmungen stimmen werde, die den Fortbestand der Ersten Kammer betreffen. Als aus diese Rede hin der volksparteiliche Abgeordnete L i s ch i n g seine Partei gegen den Vorwurf des Umfalles in dieser Frage in Schutz nahm, erwiderte ihm für die Sozialdemokratie aus- führlich der Abgeordnete Keil. Die Volkspartei, so sagte er, i suche ihren Umfall in dieser Frage dadurch zu verschleiern, I daß sie durch Konrad Hausmann in der Generaldebatte dieser Vorlage die Frage nach der Rechtsgültigkeit des durch 1849, welches nur eine reine Volkskammer gekannt habe. habe auswerfen lassen. Dieser Vorgang sei aber nur ein Schlag ins Wasser gewesen. Wäre die Volksparter ernstlich auf Abschaffung der Ersten Kammer bedacht gewesen, so hatte sie m der Protestbewegung von 1004 sich ganz anders verhalten und vor dem Volke selbst die Notwendigkeit der Abschaffung nachdrucklich be- gründen müssen. Erst wenn diese Auffassung so weit ins Volk ge- druligen sei. daß bei den Wahlen die Kammer eine entsprechende Mehrheit erhalte, könne gegen die Existenz der Ersten Kammer vor- gegangen werden. Als Konrad Hausmaim den erwähnten Vorstoß mächte, sei die Berhniidluiig über die gegenwärtige Vorlage bereits in einem Stadiuin geiveien, wo jeder ernstliche Widerstand gegen den Fortbestand der Adelskammer von vornherein nutzlos war, WCs- halb auch die Sozialdemokratie sich an diesem Vorgehen nicht hätte beteiligen können........ Nach dieser Rede gab noch der natioiialliberale Hieb er die für die ziiküiiftige Wahlbewegung sehr bemerkenswerte Erklärung ab. daß seine Partei die Abschaffimg der Ersten Kammer nicht als grund- sätzliche Forderung protlainiert wisieu wolle. Herr H i e b e r des- avouierte damit, wenn er dies auch bestritt, die früheren Vertreter des Nationalliberalismus, welche, wie z. B. Spietlneyer 1867 noch grundsätzlich zu dieser Forderniig�gestanden haben. Danach wurden gegen die Stiinnien der Sozialdemokratie und zweier Volksparteiler die Bestimimmgen angenommen, daß die Erste Kammer zu bestehen habe aus den königlichen Prinzen und den Häuptern der sogenalinten standcsherrlicheii Familien, serner aus acht Vertretern des ritterschaftlichen Adels, vier Vertretern der evangelischeli, zwei Vertretern der katholischen Kirche, sechs vom König auf Lebenszeit ernaimten Mitglieder», drei Vertretern des Handels und der Industrie, drei der Laiidwirtichaft und zwei des Handwerks, die von den Handels- und Handwerkskammern und durch die'landwirtschaftlichen Gauverbäude zu wählen siiid. Ange- nommen wurde sodann die Bestimmung, daß jedes Mitglied der Sländeversammlung seinen Wohnsitz in Württemberg haben muß, während die Standesherren das bisher nicht nötig hatten. Für die Wahlen zur Zweiten Kammer faßte man den Beschluß. daß lvenn der erste Wahlgalig keinem Kandidaten die absolute Majorität verschafft, iin zweiten Wahlgang die relative Mehrheit entscheiden soll. Es findet also im zweiten Mahlgang keine Stich- wähl zwischen den beiden Kandidaten mit höchster Stimmenzahl statt, sondern es können sich auch am zweiten Wahlgang alle Kandidaten der ersten Wahl wieder beteiligen. Die sechs Ab- geordneten der Stadt Slnttgart werden jedoch in einem Wahlgang nach dem Grundsatz der Listen- und Proportionalwahl gewählt.— Der elsaß-lothringische Wahlrechts-Sonntag. Aus Straßburg schreibt uns unser W-Korrespondcnt vom 29. Januar; Der gestrige Sonntag war der Wahlrechts- Sonntag der reichsländischen Sozialdemokratie.-Zwei Tage zuvor war der Landesausschnß offiziell nnt der Thronrede des Statthalters eröffnet worden und auf zlvei Tage später war der Beginn der Etatsberatung angesetzt. Der Moment war also iiberaus günstig gewählt, und der Erfolg der gestrigen Veranstaltungen übertrifft auch sehr optimistische Erwartungen. Es darf nicht verkannt werden, daß bei der Jugend unserer Be- wegung hierzulande schon die Tatsache, daß 38 Versamm- langen ermöglicht werden konnten, ein deutliches Zeichen unserer Macht ist. Wie sehr wir aber bei dieser Aktion die gesamte Bevölkerung hinter uns haben, geht schon daraus hervor, daß inChllteau-Salins, einem kleinen Orte von einigen tausend Einwohnern, in einem Wahlkreis, in den wir noch nie mit unserer Agitation gedrungen waren, ja dem einzigen Reichstags- Wahlkreis des ganzen Reiches, in dem noch nie ein Kandidat unserer Partei aufgestellt worden ist. daß hier' eine Versammlung von über 699 Personen stattfinden konnte, die nach dem französischen Referat des Genossen Schleicher- Metz die vorgelegte Resolution einstimmig annahm. Das erhellt deutlich die Stimmung, die iin ganzen Lande herrscht. Wie sehr diese Stimmung der Re- gierung bekannt war, wie sehr sie aber von ihr niiß- verstanden und wie ängstlich sie ausgelegt wurde, das beweisen die umfassenden militärischen Maßnahmen, die�den acht Tage zuvor in Preußen getroffenen durchaus würdig zur Seite gestellt werden können. In allen größeren Orten waren mehrere Regimenter konsigniert, in Straßburg war von jeder Schwadron des hier liegenden Hnsarenregiincnts je ein Zug den ganzen Tag über„kriegsbereit", während die Umgegend von berittenen Patrouillen besucht war. Selbstverständlich waren diese lächerlichen Vorkehrungen völlig überflüssig. Sie waren lediglich geeignet, auch Indifferenten zu zeigen, wie bedeutungsvoll auch der Regierung unsere Demonstration erschien. Die Versammlungen waren überall außerordentlich gut besucht und verliefen glänzend. Nur in V i s ch h e i m(4 Kilometer nördlich von Straßburg), war der Besuch etwas geringer, da die Direktion der dortigen 3999 Arbeiter beschäftigenden Werkstätten der Reichseisenbahnen den Arbeitern den Besuch der V e r- sammlung st r e n g verboten hatte.— Der 28. Januar dürfte jedenfalls im Landesausschuß in den nächsten Tagen ein lebhaftes Echo finden.— Die überall einstimmig an- genommene Resolution hat folgenden Wortlaut: Die am 28. Januar 1906 tagende öffentliche Volksversannn- lung erblickt im geltenden Wahlrecht zum Landesausschuß für Elsaß- Lothringen ein reaktionäres System der Fernhailtung der breiteren Volksschichten von der für sie äußerst wichtige» Landesgesetzgebung. Der Ilmfang dieser Schichten wird jedoch durch die natürliche Wirt- schaftliche EntWickelung immer größer, und gleichzeitig lverden auch ihre Lasten durch die volksfeindliche Politik der gesetzgebenden Fat- toren vermehrt. Der Landesausschuß für Elsaß-Lothringen belveist am besten durch seine Perhandlungen und seine Beschlüsse, daß die Wünsche und die Bestrebungen der weitesten Kreise des Volkes in seiner Mitte keine Berücksichtigung finden. Das reichsländische Par- lament ist in Wahrheit ein Hort der Reaktion und verdient den Namen einer Volksvertretung nicht. Die-Forderung des all- gemeinen, gleichen, geheimen»nd direkten Wahlrechts znm Landes- ausschnß muß daher immer entschiedener erhoben werden. Die Durch- führung dieser Maßnahme kann auch erst die Voraussetzung für eine Aenderung in der staatsrechtlichen Stellung des Rcichslandes sein. Die Versammhing ist sich wohl bewußt, daß in dem Kampf um ein gerechtes Wahlsystem auf die sogenannten bürgerlichen Parteien kein Verlaß ist. Nur durch den Voltswillen gezwungen, treten sie für diese Forderung ein, ohne aber die wirksamsten Mittel an- zuwenden, die ihnen zu ihrer Durchsetzung zu Gebote stehen. Die Versammlung erkennt an, daß nur die Sozialdemokratie mit voller Energie für das allgemeine Wahlrecht ficht, das für die gesamte werktätige Bevölkerung ein außerordentlich bedeutungsvolles Mittel in seinem Ringen um eine bessere Existenz darstellt. Die An- wesenden verpflichten sich mit Freude», innerhalb und mit der Sozialdemokratie für die Erreichung dieser Forderung»ach 5kräfte» tätig zu sein, in dieser Tätigkeit nicht zu erlahmen,»nd gemäß den Anordnungen der sozialdemokratischen Partei zu ihrer Verwirk- lichung kein Opfer zu scheuen und kein Mittel unversucht zu lassen. Htidland. Oesterreich-Ungarn. Wahlreform«nd Arbeiterschaft. Die österreichische Sozialdemokratie läßt in der Agitation für die Wahlreform keine Pause eintreten, sie>'..cht ihr Gelöbnis, nicht eher zu ruhe», bis das allgemeine gleicye Wahlrecht erkämpft ist, zur Wahrheit. Für Sonntag und Montag waren in ganz Oester« reich Versammlungen anberaumt, um bor Wiedereröffnung de? Parlaments diesem und der Regierung die Forderungen des Volkes nochmals zum Bewußtsein zu bringen. In Wien waren allein 17 Versammlungen anberaumt. In der den Versammlungen zur Nu nähme unterbreiteten Resolution wird die Mahnung an die ..egierung gerichtet, die Einbringung der Wahlreform, zu der sie sich bindend verpflichtet hat, nicht länger zu ber- '"gern..... Die Arbeiterschaft erwartet, daß ihr das politische Stecht, da» ihr so lange wider alle Vernunft, wider alle Gerechtigkeit und zum größten S-baden der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Interessen aller Völker vorenthalten wurde, nun endlich ehrlich und in vollem Umfange gewährt werde." Die Absicht, eine längere Seßhaftigkeit zur Bedingung der Wahlberechtigung zu machen, wird als„ein Attentat auf das Recht der Arbeiter, als ein niederträchtiger Wahlrechtsraub" erklärt, der mit den schärfsten rütteln bekäurpft werden wurde. Der Schluß der Resolution lautet: „Die heutige Versammlung erklärt feierlich, daß die Arbeiterschaft unbeugsam entschlossen ist. den Kampf für ihr volles, unverkürztes Recht unter jeder Bedingung zu Ende zu führen, und daß sie vor keinem Opfer zurückschrecken wird, wenn ihr die verbohrte EinsichtS- losigkeit der Privilegierten die Notwendigkeit anferlegen würde, die Ersüllung ihres Rechtes durch neue Känrpfe zu erzwingen."— Italien. Studentrnkrakrel in Rom. Rom, 28. Januar.(Eig. Ber.) Die römischen Studenten sind in Aufruhr wegen eines neuen vteglcments, die jedem zweimal in demselben Jahre durchs Examen gefallenen Studenten eine Extrataxe von 10 Lire auferlegt, falls er sich in derselben Examensession noch einmal zur Prüfung melden will. Diese Extraabgabe von der Faulheit schien den Faulen ein unerhörtes Unrecht, so daß sie sich gestern in die Universität begaben und vom Rektor die Abschaffung der Taxe forderten. Der Rektor Tonelli antwortete ihnen, die Taxe chäre sofort abgeschafft, so- bald man nicht mehr zweimal durchs Examen siele! Geärgert über diese Antwort, drangen die Studenten, etwa 200 an der Zahh in einen Hörsaal, wo gerade der Senator P i e r a n- t o n i Vorlesung hielt, und forderten diesen auf, nicht weiter zu lesen. Der alte Herr weigerte sicb und ersuchte die Lärmenden um Ruhe. Die jungen Leute schickten darauf einige der Ihren zum Einkauf von Kartoffeln, Kohlstrünken und ähnlickien„Wurfgeschossen", mir denen dann der Professor bombardiert wurde I Viele Scheiben sind zerbrochen, und der Lärm war so groß, daß schließlich der Rektor nach der Polizei schickte. Die Studenten zogen, als sie den UniversitütShos mit 110 Bewaffneten besetzt sahen, schnell und ruhig ab, vereinigten sich aber abends wieder und beschlossen den Generalstreik„als Protest gegen die durch die Zuziehung der Polizei erfolgte Verletzung der akaoemischen Freiheit" und zur Forde- rung der Abschaffung der Taxe. Schon vor dieiem Beschluß hatte der Rektor die Universität schließen lassen. Die Studenten schmückten die geschlossenen Türen mit Zetteln:„Zu vermieten",„Auf Abbruch zu verkaufen",„Wegen Engroseinkaufs von Kartoffeln wende man sich an Senator Pieran- tom" usw. Die öffentliche Meinung mißt dem Krakeel, an den man hier gewöhnt ist. keine Bedeutung bei.— Die Unrnhen vom 22. Januar vor Gericht. Rom, den 28. Januar. sEig. Ber.) Die Polizei hat sich doch nicht an den sechs Personen genügen lassen, die zuerst von den Verhasteten des 22. Januar in Haft be- halten werden sollten. Man hat über 30 Anklagen erhoben, schon gestern und vorgestern im Eilverfahren 11 Verhaftete verurteilt und einen einzigen wegen mangelnden Schuldbeweises freigesprochen. Die Anklagen lauteten auf Sachbeschädigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Körperverletzung. Es wurde auf enorm hohe Strafen erkannt— von vier Tagen Gefängnis bis zu einem Jahre I Auf alle 11 Verurteilten fallen gemeinsam 34 Monate und 21 Tage Gefängnis. Unter den Verurteilten befinden sich zwei Kinder von 15 Jahren; die bedingte Verurteilung wurde nur auf eins von diesen beiden Kindern angewendet! Die Trambahngesellschaft trat als Nebenklägerin auf. Ob wohl die Studenten, die bei ihrem gestrigen Krawall sich allerlei Sachbeschädigung erlaubten, mit ähnlich drakonischen Strafen bedacht werden werden?— England. Die Wahlergebnisse. London, 28. Januar. sEig. Ber.) Im ganzen wurden 20 Vertreter der Arbeiterpartei gewählt. . n den in de» letzten Berichten angegebenen Erfolgen kommt noch hinzu die Wahl S h a ck l e t o n s in Clitheron und HendersonS in Barward Castle; beide waren Arbciterabgeordnete im letzten Parlamente. Dann wurden u. a. gewählt zwei liberale Arbeiter- kandidaten: Williams sBergarbeiter) in Goiver und Taylor in Ehester, die auch gegen bürgerlich-liberale Kandidaten zu kämpfen hatten, so daß sie möglicherweise sich der Arbeiterpartei anschließen werden. Die liberale Mehrheit über alle übrigen Parteien dürste nunmehr etwa 100 betragen. Der JahreSkongreß der Arbeiterpartei war ur- sprünglich auf den 25. Januar nach Belfast einberufen, aber infolge der Wahlen wurde der Ktongreß auf Mitte Februar verschoben und wird in London tagen.— Griechenland. Schöne Worte. Athen, 29. Januar.(Deputiertenkaminer.) Ministerpräsident TheotokiS legt das Programm des neuen Kabinetts dar. Er erklärt, das Kabinett werde bestrebt sei», die»nunrgänglich notwendigen Reformen einzuführen und die wirtschaftliche und politische Lage dcS Landes zu heben. Die Militärdienstzeit werde für die Hälfte des Kontingents auf ein Jahr herabgesetzt werden, um Ersparnisse herbeizuführen. Das Heer solle so formiert werden, daß seine Mo- bilisicrung in kürzester Frist möglich sei. Das Budget werde bei 12 274 358 Drachmen Ausgaben mit einem Ueberschuß von 843 176 Drachmen abschließen. Die Erklärungen des Ministerpräsidenten wurden von dem Hause beifällig aufgenommen. , Amerika. Die Philippinen bleiben, so heißt es, im Besitz der Amerikaner. Wenigstens wird die Nachricht, daß die Inselgruppe an Japan ver- kauft Iverdcn sollte, amtlich in der schärfsten Weise dementiert. Auf eine Kabelanfrage des Gouverneurs der Philippinen erklärte Kriegs- sekretär Taft das Gerücht als absurd und lächerlich. Das Verlangen der Inselbewohner nach einer Aendernny der amerikanischen Zollpolitik zu ihren Gunsten findet neuerdings wieder mehr Gehör. Die Philippinen! brauchen besonders für ihre reiche Zucker- und Tabakprodultion den Markt der Vereinigten Staaten und erlangten daher schon seit langer Zeit eine Ermäßigung der hohen Zollsätze. Im Kongreß ist endlich eine bessere Stimmung dafür ein- getreten, und das Repräsentantenhaus hat sich für eine Zollermäßi- gung erklärt, aber im Senat ist noch viel Widerstand zu besiegen�. SetverKscKaftUcKes. Aufrnf an alle im Handelsgewerbe beschäftigten Hausdiener, Markrhclfcr, Ausläufer, Packer, Lagerarbeiter usw. Kollegen! Durch die seitens des Beirates für Arbeiterstatistik veranstalteten Erhebungen über die Arbeitsverhältnisse im Handels- gewerbe ist unbestreitbar nachgewiesen, daß die gesetzliche Regelung unserer Arbeitsverhältnisse, insbesondere soweit die Dauer der Arbeitszeit in Betracht kommt, dringend notwendig ist. Nach den amtlichen und den Ermittelungen der Gewerkschaft ist fest- gestellt, daß in vielen Handelsgeschäften für die Kollegen noch eine 14- bis ISstündige Arbeitszeit allgemein üblich ist. Desgleichen ist von einer Sonntagsruhe zumeist nicht die Rede. Der größte Teil der Kollegen muß noch an Sonn- und Feiertagen zur Arbeit erscheinen, und in der Saisonzeit, die den größten Teil des Jahres über andauert, findet die Tätigkeit am Sonntag kein Ende. Eine Bezahknng der Uebcrarbcit kennt man aber im Handclsgewerbe nicht. Die Entlohnung der Kollegen ist vielmehr eine so miserable, daß sie den Lohn, auf die Arbeitsstunde berechnet, fiir eine solche 15—20 Pf. bezahlt erhalten. Das sind Zu- stände, wie sie wohl in keinem anderen Berufe existieren, ihnen ist in Verbindung mit der bei Ausübung der Berufstätigkeit nötigen Kraftaufweudung bei dauernd schwerer Arbeit, die unverhältnismäßig frühe Invalidität der Handelsarbeiter resp. deren günstige Disposition für tuberkulöse und nervöse Erkrankungen zu danken. Tie hohe llufallziffer im Berufe ist auf die gleichen Verhältnisse zurückzuführen. Infolge der beregten Zustände können sich die Handelsarbeiter einem geregelten Familienleben nicht widmen und ebensowenig die Er- ziehuug ihrer Kinder überwachen. Alles das verlangt gebieterisch Abhülfe auf gesetzlichem Wege, umsomehr als durch eine freie Vereinbarung der Unternehmer auf Verkürzung der Arbeitszeit, wie die Erfahrung lehrt, durchaus nichts zu erb offen ist. Alle diese Umstände zwingen uns, den gesetzgebenden Körper- schasten in aller Oeffentlichkeit einmütig und überzeugend darzutun. daß eine Beschränkung der Arbeitszeit im Handelsgelverbe an Wochen- und Sonntagen eine dringende Notwendigkeit ist. Zu diesem Zwecke berufen die Unterzeichneten zu Ostern, 16. und 17. April 100 6, einen allgemeinen Kongreß aller im Haiidrlsgcwerde beschäftigten Hülssarbeiter nach Berlin in das G e w e r! s ch a f t S h a u S mit folgender Tagesordnung ein: 1. Die Arbeitsverhältnisse der HandelshülfSarbeiter und deren Forderungen. 2. Entsprechen die gegenwärtigen Bestimmungen über die Sonntagsruhe den berechtigten Wünschen der HandelshiilfS- arbeiter? 3. Der Achtuhr-Laden- und Geschäftsschluß. 4. Der SechSnhr-Postschluß. 6. Die Unfallversicherung der HandelshülfSarbeiter. Wir fordern nunmehr die HandelshülfSarbeiter allerorts auf, zu diesem Kongreß Stellung zu nehmen und sich auf demselben durch Delegierte vertreten zu lassen. Zur Teilnahme am Kongreß sind berechtigt diejenigen Vertreter, welche sich durch ein von ihrer Vereinigung oder in öffentlicher HandelshülfSarbeiterversammlung ausgefertigtes Mandat legitimieren. MandatSformnlare sind von den Unterzeichneten zu beziehen. Die gewählten Delegierten werden ersucht, sich bis spätestens 25. März 1906 bei den Unterzeichneten unter genauer Adressenangabe zu nielden, um die rechtzeitige Aufstellung der Präsenzliste zu er- möglichen. Die Einberufer: Oswald Schumann, FriedrichHimvel, Engel-Ufer 21, 1 Tr. Berlin und CXmgegcnd. Lohnbewegung in der Musterkonfektion. Seit dem Herbst vorigen Jahres macht sich unter den in der Musterkonfektion tätigen Schneidern und Schneiderinnen immer stärker das Bestreben geltend, statt der jetzt fast allgemein üblichen Stück- löhne Zeitlöhne einzuführen. Am 6. November erklärte sich bereits eine öffentliche Versammlung grundsätzlich mit dieser Forderung einverstanden. Am 29. Januar fand nun eine zlveite öffentliche Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen dieser Branche statt. Der Referent Knoop wieS daraus hin, wie unzweckmäßig und ungerecht daS Stücklohusystem in der Musterbranche wirkt, wo es sich um Arbeiten handelt, die viel Ausprobieren und Nachdenken erfordern und somit nicht nach dem Ergebnis, sondern nur nach der aufgewandten Zeit bezahlt lverden sollte». Jetzt liegt, wie auch die Diskussion ergab, die Sache so. daß der Arbeiter, wenn er sein Muster fertig hat, mit dem Arbeitgeber um den Preis herumstreiten muß, um einigermaßen auf seine Kosten zu kommen, aber seine Arbeit meist zu einem viel niedrigeren Preise hergibt in der Hoffnung, den Schaden in der Saison wieder ausgleichen zu können. Aber nicht selten bleiben dann die erwarteten Nachbestellungen aus, und der Arbeitgeber hat Leute gefunden, die das Stück billiger liefern. Die Lohnkommission schlug folgende Forderungen vor: Gesellen sollen mindestens 3V M., Jacken- und Taillen- arbeiterinnen mindestens 22 M. und Rockarbeiterinuen mindestens 18 M. Wocheulohn erhalten. Leistungsfähigere Gesellen und Ar- beiterinnen müssen selbstverständlich höhere Löhne erhalten. In Werkstätten, wo jetzt schon höhere Löhne als die geforderten be- stehen, dürfen keine Verschlechterungen durck>geführt werden. Die Arbeitszdit soll nicht länger als neun Stunden währen. Sind Ueber- stunden notwendig, so sollen die ersten zwei mit 50 Prozent, alle weiteren Ueberstnnden ebenso wie SonntagSarbeit mit 100 Prozent Aufschlag bezahlt werden. Die Arbeitsgeräte und Furnituren sind vom Meister zu liefern. Es kommt jetzt noch in einzelnen Werkstätten vor, daß Ar- beiter sich sogar ihre Maschinen selbst mitbringen und deswegen vom Meister bevorzugt werden. Außerdem lvird es teilweise verlangt, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen sich selbst passende Seide besorgen und danach ohne jede Vergütung in der Stadt herumlaufen müsse». Außer diesen Forderungen wurde aus der Milte der Versanunluug noch folgende vorgeschlagen: „In erster Linie sind Betriebswerkstättcn zu fordern; wo jedoch unbedingt mit Heimarbeit zu rechnen ist, sind die Stücklöhne nach den Zeitlöhnen zu berechnen und in Gemeinschaft mit den Heim- arbeitern festzusetzen." Diese Forderung wurde einstimmig von der Versammlung gut- geheißen, ebenso die von der Lohnkommisjion vorgeschlagenen durch folgende Resolution: „Die Versamniluiig erklärt sich mit den Forderungen ein- verstanden und verpflichtet sich, mit allen Kräften für deren Durch- führiliig zu wirken." Voraus ging eine lebhafte Diskussion, die bis nach Mitternacht dauerte.- Von verschiedenen Arbeitern und Arbeiterinnen wurden die traurigen Lohn- und Arbeitsverhältniffe geschildert. Unter anderem wurde erwähnt, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen bei P i e z u n k a in der Chorinerstraße wegen erbärmlicher Lohnverhältnisse die Arbeit niedergelegt haben. Obwohl die Firma in der„Bolls- Zeitung" durch große Annoncen nach Arbeitskrästen sucht, ist eL ihr bis jetzt nur gelungen, einen einzigen Streikbrecher zu finden. Bei der beschlossenen Lohnbewegung handelt es sich hauptsächlich um die bessere D a in e n m u st e r k o n f e k t i o n. EL kommen ungefähr 300 Arbeiter und Arbeiterinnen in Frage. Veutkck»«» Rcld», 940 Mark Dividende, 1000 Mark Loh«. Wegen der Forderung eines TagelohneL von 4 M., die vom Unternehmer abgewiesen wurde, ist es auf der Badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen zu einem Ausstand gekommen. Die nächst liegende Frage, ob das finanzielle Er- gebnis des Unternehmens eine solche Forderung, wie s5e die Arbeiter stellten, berechtigt ist, muß ohne weiteres und nachdrücklich mit„ja!" beantwortet werden. Die chemische Industrie erfreut sich im allgemeinen einer glänzenden Rentabilität. Die Durchschnittsdividende der Aktiengesellschaften in der chemischen Industrie steht neben der Nentabilitätsziffer in der Bergbau- und Hüttenindustrie an der Spitze; alle anderen Berufsgruppen rangieren hinter ihr. Und die Badische Anilinfabrik gehört zu den am allergünstigsten abschneidenden; Werkelt der chemischen Industrie. Das Werk verteilte 1 1900..' 24 1901.. 24 1902.. 26 1903.. 26 1904.. 21 Ditztdende i» Prozent in Mark 5 040 000 5 040 000 K 460 000 5 460 000 5 040 000 dazu Tantieme Mark 874 173 881 973 1 057 417 1 074 093 1 033 948 Das Aktienkapital der Gesellschaft beläuft sich auf 21 Millionen Mark. In den aufgeführten Jahren wurden an Dividenden und Tantiemen rund 31 Millionen Mark verteilt. Also auf jede Mark Aktienkapital wurde in fünf Jahren ein verteilter Gewinn von fast einund- ciuhalbe Mark herausgeschlagen I-- Auf den Kopf der be- schästigten Arbeiter ergibt sich bei einer im Durchschnitt ans li'/stausend Mann berechneten Belegschaft eine Dividenden- summe von rund 4700 M. oder pro Jahr von 940 M. Nach den Rechnungsergebnissen der Beriifsgenofsenschaft betrug der JahresdiirchschnittSlohn der in der chemischen Industrie beschäftigten Arbeiter im Jahre 1904 rund l()32 M. Die Arbeiter der Badischen Anilinfabrtken fordern Erhöhung der Löhne von 3,20 resp. 3,60 M. auf 4 M. Demnach ivürde in den genannten Fabriken kaum der angegebene Durchschnitts- jahreslohn herauskommen. Das heißt: ungefähr gerade so viel, alS die Arbeiter an Lohn erzielen, muß jeder von ihnen an Dividenden und Tantiemen ausbringen. Bei solchen Himmel- schreienden Verhältnissen kann die Forderung der Arbeiter nur als sehr, sehr bescheiden bezeichnet werden. Wie aus Ludwigshafen telegraphisch gemeldet wird, ist der Streik, ehe er noch den ganzen Betrieb ergriffen hatte, durch Verhandlungen vor dem Einigungsamt nunmehr bei- gelegt worden. Die Arbeiter erhalten eine Lohnerhöhung von 10 Proz. und einen Zuschlag für Ueberstunden. Für die Aktionäre bleibt auch nach der bescheidenen Lohnerhöhung noch ein recht fetter Gewinn übrig. Konfektionsschneiderstreik in Mainz. In den Landorten in Nheinheffen und im Taunus gibt eS zahl- reiche Konfektionsarbeiter, welche für die Firmen in südwestdeutschcn Zentren der Konfektion beschäftigt sind. Diese Arbeiter haben sich in letzter Zeit in großer Zahl dem Schneiderverband angeschlossen und Forderungen an die Unternehmer gestellt. In der Hauptsache wird ein wöchentlicher Mindestverdienst von 25 M. verlaugt sowie Bezahlung besonderer Arbeiten. Die Unternehmer haben die Forde- rniigen abgelehnt und einen Arbeitgeberverband gegründet. Bei drei Firmen i n M a i n z i st e S s ch o n z u m S t r e i k g e k o m m e n. ES sind die Firmen: Scheuer u. Plaut, Marx, M. I. Mayer u. Dreyftlß. Die erstgenannte Firma hat auch ihren Zuschneidern gekündigt, weil diese der Organisation augehören. Die Gekündigten haben darauf sofort die Arbeit eingestellt. Die Zuschneider der anderen Geschäfte haben Forderungen gestellt, und wenn dieselben nicht bewilligt werden, wollen sie die Arbeit niederlegen.— Auch in Worms hat eine Schneiderversammlung die Arbeits- niederleg ung beschlossen. Die Böttcher der Mtiengesellschaft Breslauer Oelfairik traten in den Stteik, weil die Leitung der Firma fortgesetzt den Versuch ge- macht hatte, nach Umwandlung der Mordarbeit in das Lohn- system, durch ganz unerhörte Treibereien indirekt die Arbeitslöhne zu drücken. Die streikenden Kohlenakkordschauerlente in Hamburg haben vorläufig die Arbeit loieder aufgenommen, jedoch nur soweit, als erforderlich war, um einige Schiffe zum Verlassen des Hafens fertig zu machen. Das EinigungSamt tritt zur endgültigen Beschlußfassung über die AuSstandSftage heute zusammen. BuslanS. Der Streik der Straßenbahner in Genua.(Eig. Bericht.) Der am Morgen des 26. proklamierte allgemeine Ausstand der genue- fischen Straßenbahner verläuft in vollständiger Ordnung. Der Verkehr mit den Vororten beschränkt sich auf die wenigen Eisenbahnziige, die nicht ein Zehntel des Verkehrs bewältigen können. Die Streikenden fordern Minimallohn von 3,50 Lire für die Schaffner, von 4 Lire für die Führer der elektrischen Wagen, 9 stündige Arbeitszeit für alle, 2 bezahlte arbeitsfreie Tage im Monat, Anerkennung der ArbeitSruhe am 1. Mai. Die Presse sympathisiert mit den Streikenden, ivohl weniger ans BilligkeitS- gefühl, als weil die Straßenbahngesellschaft eine ausländische Gesellschaft ist. Fast alle Streikenden sind organisiert. Die Straßenbahimngestellten in RcimS sind wegen der Entlassung eines Kollegen in den Ausstand getreten. Staatsarieiter drohen mit dem Streik. AuS Paris wird ge- meldet: Die Vertreter der Arbeiter von 13 staatlichen Pulverfabriken hielten in der ArbcitSbörse eine Versammlung ab, in der sie be- schlössen, an den Kriegsminister eine Abordnung zu senden, welche die baldige Erfüllung der wiederholt von den Arbeitem aufgestellten Forderungen verlangen soll; andernfalls würden die Arbeiter in den Ausstand treten. Sämtliche Arbeiter der Torpedofadrik in Fiume sind wegen großer Strenge des Fabrikleiters in den Ausstand getreten. Eingegangene Druckrcbrlftcn. Dr. L. Ludwig. Religion und Sittlichkeit. Verlag Dr. W. Breiten- dach, Brackwede. 1995. Preis' geh. 3 M. Professor Baumeister». Dr.<8. Jäger. Die Zuwachssteuer. 13 Selten. Preis 59 Ps. Verlag„Bgdenresorm", Berlin, Lcssingstr. 11. Bericht über die Tätigkeit der Verwaltungsstelle Hamburg deZ Deutschen HolzarbellerverbandeS für das Jahr 1995. 81 Seiten. Verlag 31. Ncumann, Vorsitzender des Verbandes in Hamburg. Letzte Nachrichten und Depcfchen, Amtliche schwarze Listeike Strasiburg. 30. Januar.(W. T. B.) Landesausschuß. Bei der heutigen ersten Lesung des Etats des Landesausschufscs teilte Staatssekretär von Koellcr auf Anfragen mit, daß die Beschlüsse des Landesausschusscs zur Verfassungsfrage dem Bundesrat zur Er- wägung und Beschlußfassung übergeben worden sind. Auf eine Au- frage wegen der kürzlich erschienenen Broschüre des aus dem Dienst entlassenen reichsländischen Polizeikommiffars Stcphany, in welcher das rcichsländische Beamtentum in schärfster Weise angegriffen und weiter behauptet wird, daß seitens der Verwaltung PostskriptionS- listen geführt würden mit den Namen solcher Personen, die im Falle der Mobilmachung verhaftet oder ausgewiesen würden, er- klärte Unterstaatssekretär Mandel, es könne sich bei der sogenann- ten schwarzen Liste nicht um eine Vorbereitung für die Mobil- machung, sondern nur um eine solche für den Kriegszustand. handeln, wäbrend welches die Befugnisse der bürgerlichen Gewalt auf die Militärgewalt übergehen und die parlamentarische Ber- antwortung ausgeschaltet ist. Es handele sich dabei um Vor- bereitlingen gegen einen- etwaigen inneren Feind, da es einzelne Personen gebe, deren Feindseligkeit gegen Deutschland bekannt sei und die vermöge ihres Einflusses leicht die Bevölkerung aufreizen könnten; es handele sich nur um wenige Personen, dir interniert, aber weil sie Inländer sind, nicht ausgewiesen werden können, auch gehöre keine der in der Broschüre genannten Personen auf diese Liste. Kexantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin- Inseratenteil verantjvZ Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Bu.chdr.u.BerlagSanstalt Paul Singer L-Eo.. Berlin LW. Hierzu ZBeilogen u. NnterhaltungSblatt ius. 23.»«. 1. KtlllP des Immts" Kttliller NölksdlM. M»«ch.s'w«lM. l<.eicl)Stag. St. Sitzung vom Dienstag, den 30. Januar. nachmittags 1 Uhr. SIm BundeSratstische: Graf P o sa d o w S k h. Zunächst wird ohne Debatte beschlossen, das Privatklage« Verfahren gegen den Abg. Bock sSoz.) wegen Beleidigung ein« zustellen. � Sodann wird die Abänderung mehrerer badisch« hessischer N e i ch s t a g S w a h l k r e i s e in dritter Lesung ohne Debatte genehmigt. Hierauf folgt die Fortsetzung der ersten Beratung des Gesetz entwnrses n ber die Hiilfskassen. Abg. Dr. Beckcr-Hessen fnatl.): Auch meine politischen Freunde haben das grötzte Bedenken gegen den Gesetzentwurf. Eine organische Reform müßte meiner persönlichen Meinung nach die Hülsskassen. die Betriebskasscn und die Jimungskassen zu großen Einheiten zu- sanimenschmelzen. Im übrigen müßte man streng zwischen den Orts- lassen und den weit, bisweilen über das ganze Reich verbreiteten Äassen unterscheiden. Untersucht man nun, bei welchen von beiden Arten sich die Mißstände herausstellen, so findet man, daß eS nicht die Orwkast'en sind. Stellt man die Hiilfskassen unter das Aufsichts amt für Privaivcrsichernngen, so müßten eine ganze Anzahl be stehender guter HülfSkassen eingehen. Würde man dagegen nur ueugegründete Hiilfskassen unter das Veisichernngsamt stellen, so würden hierfür»reine politischen Freunde sofort zu haben sein. Direktor im Reichsamt des Inner» Caspar: In der Beratung der vorigen Session hat man die Mißstände der Schwindelkasscn nicht so milde beurteilt wie in diesem Jahre. Bei einer Kasse in Hannover sind, wie neuerdings festgestellt ist, 70 Proz. der Einnahmen für VerwaltnngSkosten ausgegangen. Das war eine kleine Kasse I Ich wundere mich, daß die Herren Lefche und GieSberts diese Mißstände so milde beurteilt haben. Ich will auch noch darauf aufmerksam machen, daß die Selbstverwaltung der freien HülfSkassen durch die Unterstellung unter das Privat vcrsicherungsgesetz nur gestärkt wird. Das AufsichtSamt für Privatversicherung ist in der Praxis bisher so duldsam gewesen, daß ihm deswegen sogar schon Vorwürfe gemacht worden sind. Die Aufsicht soll übrigens durch die Verwaltungsbehörden erfolgen, nicht allein durch die Zentrale. Abg. v. Brockhnusen{{.): Mißstände haben sich bei den freien HülfSkassen unzweifelhaft ergeben. DaS zwingt zu einer Prüfung der Frage, wie Abhülfe geschaffen werden kann. Man könnte vielleicht das HülfSkassengesetz andern, mir scheint aber der Weg, den die Regierung eingeschlagen hat, der zweckmäßigere. Geheimrat Jaub weist darauf hin, daß durch die Unterstellung der HülfSkassen unter das Privatversicherungsgesetz ihnen auch viele Fesseln genommen würden, so zum Beispiel werde ihnen dadurch das Recht gegeben, Nachschüsse zu erheben, SchwangerschaftS- Unterstützung zu geben, linterstiitzung an Familienangehörige zu zahlen. ES sind wesentliche Erleichterungen für die HülfSkassen in der Vorlage enthalten. Mit Rücksicht auf die Schwierigkeit der Materie wird den Mitgliedern des Reichstags eine Zusammen« stellung der Bestimmungen des Hülfskassengesetzes und aller sonstigen einschlägigen Bestimmungen zugehen. Abg. Schräder ffrs. Vg.s: Die Mißstände, die zutage getreten sind, sind darauf zurückzuführen, daß man bisher zu wenig Gebrauch von den lokalen Aufsichtsbefugnissen gemacht hat. Die freien Hlllfs- lassen haben sich bisher als notwendig erwiesen und sie müssen daher erhalten bleiben. Abg. Schock sAiltist): So lange die Reform des Kranken- versichernngsgesetzeS nicht durchgeführt ist, sind die HülfSkassen eine Notwendigkeit, toeil sie die einzige Möglichkeit für gewisie Kreise bilden, sich überhaupt gegen Krankheit zu versichern. Auch ersetzen sie großen Schichten der HandlungSgehülfen die Ortskrankenkassen, denen diese mit Rücksicht auf ihre sozialdemokratische Leitung häufig nicht beitreten wollen.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Abg. Stadthagen(Soz.): ES ist bereits gestern darauf hingewiesen worden, daß der Ent wnrf den Schwindelkassen nach keiner Richtung hin an den Wagen geht, ja, daß er den Schwindel direkt fördert, nach der anderen Seite aber die HülfSkassen, soweit sie solide sind, erdrosselt. Es wurde uuS gestern von der Regierung gesagt, heute sollte von einem Re- gierungskommissar alles widerlegt werden, was gegen die Vorlage ausgesprochen worden ist. Ich habe schon viele Kommissare gehört, aber ich habe noch keinen Fall erlebt, in dem ein so mangelhaftes Gesetz so kurz begründet tvurde, wie eS hier geschehen ist. Man hat uns keinerlei Material vorgeführt. Man hätte doch die zahlreichen Befürchtungen, die von allen Parteien erhoben worden sind, hier widerlegen müsfen. Man hätte sagen müssen, worin der Schwindel besteht, woran man die Schwindelkassen erkennt und wie man sie bekämpfen will. Tat« sächlich bietet das b e st e h e n d e Gesetz bereits die nötigen Mittel, uni den Schwindelkassen entgegenzutreten. Das ist ja auch von der Regierung bei Beratung des Krankenkassengesetzes zugegeben worden. In den Berichten der Gewerkschafte» und in der sozialdemokratischen Presse wird der Kampf gegen die Schwindelkasse» bereits seit den neunziger Jahren geführt. Die Behörden sind aber nicht gegen die Schwindelkassen vorgegangen, sondern gegen diejenigen, die sie bekämpfen. Die Behörden haben dem Treiben der Schwindelkassen ruhig zu- gesehen, auch wenn diese Kassen vernünftige Arbeiterkassen ruinierten. Die sozialdemokratische Presse hat stets die Schwindler Schivindler genannt, man ist aber z. B.'gegen den.Proletarier" vorgegangen, obgleich er den Beweis erbracht hatte, daß eine Dresdener Kasse 85 Proz. der Einnahmen für Verwaltungsausgaben verwendet hatte. Auch andere solche Warner haben nicht positiven, sondern negative» Schutz bei den Gerichten gefunden. So ist der Redakteur des„Volksivillen" bestraft worden, weil er eine Schwindelkasse in Hannover als Schwindel- rage bezeichnet hat, während das Landgericht entschied, daß sein Glaube an die Solidarität der Kasse nicht erschüttert sei. Auch hier in Berlin besteht eine solche Schwindelkasse. die vom„Vorwärts" oft als solche gekennzeichnet wurde. Aus Grund der Angabe» des „Vorwärts" wurde ein Polizeibeamter mit der Aufsicht über diese Kasse betraut. Aber das war— wie so oft— eine Sinekure für den Beamten; denn tatsächlich entdeckt hat er nichts an der Kasse. Dabei bezog der Direktor dieser Kasie, Schomburg, ein enormes Gehalt, und auch sonst wurden die meisten Gelder der Kasse für Gehälter und persönliche Ausgaben ausgegeben. Aber der Redakteur Röske tvurde bestrast, trotzdem er alle seine Angaben über Schwindeleien nachweisen konnte. Der Direktor Schomburg ist selbstverständlich ein energischer Gegner der Sozialdemokratie.(Un- ruhe rech» und im Zentrum.) Ich bemerke ausdrücklich: ich habe nur diesen Schwindler als selbstverständlichen Bekämpfer der Sozial- demokratie hingestellt. Keineswegs habe ich umgekehrt energische Bekämpfer der Sozialdemokratie als selbstverständliche Schwindler bezeichnet.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) In der Vorlage ist uns keinerlei Material beigebracht worden, woran man eigentlich eine Schwindelkasse erkennen kann. ES gibt aber eine ganze Reihe positiver Kennzeichen, und eS muß solche geben; denn woran sollten sonst die sozialdemokratischen Redakteure eine Schwindclkasie erkennen? Kennzeichnend für die Schivindelkasjen ist zunächst der Umstand, daß relativ enorme Summen: 8b, ja SO Proz. der Gelder für persönliche Ausgaben und Gehälter verwandt werden. Es sind Leute aus allen möglichen bürgerlichen Berufen, welche diese Gehälter beziehen. Es find Geist- liche darunter und auch ehemalige Offiziere. Tin weiteres sicheres Kennzeichen der Schwindelkassen ist, daß die Generalversammlungen bei Tage stattfinde», an Vormittagsstunden, in denen die Masse der kleine» Handwerker und Arbeiter keine Zeit hat zu kommen. Die Schwindelkasse inseriert auch nicht in den großen, vielgelesenen Arbeiterblättern, sondern in kleinen Winlelblättchen an möglichst verborgener Stelle. Das Resultat ist dann, daß Kassen mit vielen Tausenden von Mitgliedern Generalversammlungen haben, die von acht oder neun Personen besucht werden.(Heiterkeit.) Diese Leute fassen dann alle möglichen Beschlüsse zu ihren Gunsten. Im dem jetzigen HLlfskassengesetz steht auch die Bestimmung. daß die Generalversammlungen innerhalb Deutschlands abgehalten werden müssen. Fällt diese Bestimmung, so könnte es Verwaltungen geben, die die Generalversammlung vielleicht einer Kölner Kasse— nach Wien einberufen. Noch eine ganze Reihe derartiger Be- stimmungen des jetzigen Gesetzes ist durchaus nötig im Interesse der Arbeiter. So mutz verhindert werden, daß in die Statuten nicht Bestimmungen aufgenommen werden, die die Arbeiter ihrer Rechte und Ansprüche für verlustig erklären, wenn sie bestimmten Gewerkschaften beitreten und ähnliches mehr. Das eine gute hat die bisherige Debatte gehabt; es ist all- gemein— natürlich mit Ausnahme der Rechten— anerkannt worden. daß eine organische Veränderung der Krankenversicherung erfolgen muß. Die Zwergkassen müssen beseitigt, eine Zentralisierung muß vorgenommen werden. Mit den Betriebskasien und den JnnungS- kafien muß aufgeräumt werden. All' dies habe» wir seit Jahren gefordert. In der Unterlassung der Erfüllung dieser Forderung liegt ein Grund, warum die Schwindelkassen bestehen. Die Schwindelkassen schreibe» fettgedruckt auf ihr Statut „Unter staatlicher Oberaufsicht." Jedem Staatsanwalt wäre es aber ein leichtes, gegen diese Kassen energisch vorzugehen, wenn es nicht zur Klassenjustiz gehörte, daß gegen wirkliche Schwindler und Be- trüger nicht vorgegangen wird und statt dessen überflüssige Anträge gegen ehrliche Arbeiter losgelassen werden.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Der oben erwähnte Schomburg hat ja auch Jahr zehnte hindurch als Stütze der Gesellschaft die größten Schwindeleien verübt. Gegen ihn schritt man erst ein, als die Betrügereien in die Hunderttausende gingen. Wohl aber tvurde, wie gesagt, der Redakteur, der die Sackie aufdeckte, unter Anklage gestellt. Wenn heute die preußisckien Beamten unfähig sind, gegen diese Schwindel lassen etwas auszurichten, so sehe ich nicht ein, wie ein solcher preußischer Beamter, der bisher den Schwindel nicht hat sehen wollen, nachher als Mitglied des AuffichlSamts plötzlich er- leuchtet werden soll. Seit Jahren haben wir eine Reform des KrankenversicherungSgesetzeS gefordert. Alle diese dringenden Forderungen bleiben unberücksichtigt, statt dessen kommt man mit einem solchen Gesetz. Ich glaube deö Rätsels Lösung zu kennen. Sie findet sich darin, daß diese Schwindler ihren Schutz- engel haben im obersten Beamten des Reiches. Am 2. Juni 1905 hielt der Herr Reichskanzler im Herrenhause eine Rede, über die die Vertreter der Schwindelkassen geradezu gejubelt haben. Sie floß über von„Anerkenntnissen". Der Reichskanzler„erkannte an",„daß es der Sozialdemokratie leider gelungen sei, sich der Krankenkassen zu bemächtigen".(Sehr richtig! rechts.) Weisen Sie das doch nach. Bisher liegt es gerade umgekehrt so, daß die Arbeiter noch nicht den genügenden Einfluß auf die Kassen haben. Weisen Sie nach, daß von Arbeitern anders als reell verwaltet ist! Leider haben die Arbeiter nur allzuwenig Einfluß. Daher die Möglichkeit der Schwindel- lassen. Es zeigt sich offenbar, daß man mit diesem Gesetz gar nicht gegen die Schwindelkasien losgehen will, sondern gegen die soliden Hülsskassen selbst— um ihrer Selstverwalwng willen. Daher der Mangel dieser ganzen Begründung. Weiter„anerkannte" der Reichs- kauzler, daß der Einfluß der Sozialdemokratie zum großen Nachteile der sozialen Bedeutung �der Krankenkassen erfolgt sei.(Sehr richtig! rech». Zuruf bei den Sozialdemokraten: Wo?) Der Reichskanzler führte ebensoioenig wie Sie(nach rechts� auch nur eine Tatsache zum Beweise dieser Behauptung an. Diese Behauptung hat sich später als objektiv unwahr erwiesen. Als seinen Gewährsmann berief sich der Reichskanzler aus Herrn Engel. Ueber diese An- gelegenheit hat 5 Tage darauf ja ein großer Prozeß vor dem Laud- gericht Esten stattgefunden. Bei der Vernehmung des BergmeisterS Engel hat dieser als Zeuge erflärt, daß er sich auf die Angaben des Kollegen Mugdan und des Reichskanzlers verlassen habe. Und erwiesen wurde, daß alles, was Bergmeister Engel unter Berufung auf den Kollegen Mugdan und den Reichskanzler angegeben hat, von Anfang an erstunkene Lüge ist. So macht es Herr Engel, der Schutzengel des deutsche» RetchSkanzlers.(Heiterkeit.) Die Resolution, die von Sozialdemokraten über vermeintliche Mißstände in der Münchener Ortskraukenkassc gefaßt sei» soll, war in einer christlichen GewerkschaftSversanimlung zustande gebracht. Das ist alles in dem Urteil des Landgerichts festgestellt. Warum hat bis zur Stunde weder der Reichskanzler, noch einer der Herrenhausleutc, noch der ege Mugdan die unwahren Behauptungen zurückgenommen? Was das Gesetz bezweckt, ist klar. Zunächst sollen die HülfSkassen geschlossen werden, bann will man gegen die übrigen Kassen vor- gehen. Es ist Kommissionsberatung beantragt. Am liebsten würde ich der Regierung diesen Entwurf als mireife Schülerarbeit zurück geben.(Glocke des Präsidenten.) Vizepräsident Graf Stolberg: einen Gesetzentwurf der Regierung bezeichnen. Abg. Gtadthagen(Soz.): Herr Präsident, ich habe ja erwähnt: Eine Schiilerarbeit kann man zurückgeben, einen Gesetzentwurf nicht. Ich habe also einen Unterschied gemacht.— Mehr denn je ist es etzt dringend nötig, auf dem Gebiete der sozialen Gesetzgebung vor- wärt? zu schreiten. Das Gegenteil tut die Regierung. Zu den Gesetzentwürfen, die gegen die Arbeiter gerichtet sind, mutz ich auch diesen rechnen. Er zeichnet sich noch dadurch auS, daß er unter dem Vorgeben: gegen den Schwindel gerichtet zu fein, in die Welt gesetzt wird. Ich bitte, dem Gesetzentwurf ein ehrliches Begräbnis zu bereiten.(Beifall bei den Sozialdemokaten) Abg. Meicr-Jobst(ft. Vp.): Wenn jetzt diese Vorlage Gesetz werden sollte, so würden Saisonarbeiter, wie die Ziegler, einfach rechtlos werden; ihre HülfSkassen würden einfach dem Untergänge verfallen. Sie haben bisher durch stärkste Dezentralisation die schärfste Kontrolle über ihre Mitglieder ausgeübt, die jede Simulation aus- chließt. Dadurch sind die Ausgaben auf das nötigste beschränkt, ihre Verwaltung ist auch billig, und deshalb konnten die Beikäge auf einer relativ sehr geringen Höhe gehalten werden. Trotzdem haben sich diese Zieglerkasten einen Reservefonds von etwa 250 000 M. aufgespart.(Hort l hört! links.) Ich wüßte kein besseres Mittel, um diese Ziegler meiner Heimat in dre Anne der Sozialdemokratie zu treiben, als diese Vorlage I Abg. GieSbertsruck, mehr gegen die Freiheit der HülfSkassen als gegen die Kor- ruption geschaffen zu sein. Meinen Antrag aus eine besondere Kommission halte ich auftecht, und ich werde in dieser Kommission vorschlagen, Sachverständige des Kastenwesens mit heranzuziehen. (Beifall im Zentrum.) Staatssekretär Graf Posadowsky: Der Abg. Stadthagen hat ge- ragt, warum wir die jetzt vorgeschlagenen Bestimmungen nicht schon 1876 für daS Hülfskastengefetz vorgeschlagen haben. Wenn die Gesetz- -eber nur so weise wären, daß sie gleich das richtige treffen, so rauchten wir niemals Novellen vorzulegen. Damals hat man die Viißstände nicht vorausgesehen. Hätten die verbündeten Regierungen charfe Bestimmungen gegen die Unterdrückung der Schwindelkafsen vorgeschlagen, so würde der Reichstag ihnen wahrscheinlich nicht zu- testimmt haben. Wollen Sie den Schwindelkassen entgegentreten, so müssen -ie die Befugnisse der Aufsichtsbehörden verstärken. Der Abg. Stadthagen ist auf eine Rede des Reichskanzlers im Herrenhause über die Krankenkassen eingegangen. Abgesehen davon, daß die freien Hülfs- lassen ein ganz anderes Fundament haben als die Krankenkassen. will ich nur darauf hinweisen, daß gegen einzelne Krankenkassen in den weitesten Kreisen der Bevölkerung Klagen erhoben worden sind, Herr Abgeordneter, Sie dürfen nicht als unreife Schülerarbeit die substanziiert waren. Eine Reform deS Krankenkassenwesens ist von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken gefordert worden. In welcher Form eine solche Reform erfolgen wird, muß der Zu« kunft überlassen bleiben. Damit schließt die Debatte. Unter Ablehnung des Antrages Lösche(Soz.) auf Ueber- weisung der Borlage an die PrivatversicherungSgesetz-Kommission, wird der Gesetzentwurf einer besonderen Kommission von 14 Mitgliedern überwiesen. Die Tagesordnung ist hiermit erledigt. Nächste Sitzung: Mitt« woch, 1 Uhr, mit der Tagesordnung: 1. Toleranzantrag deS Abg. Graf Hompesch(Z.) und Genossen. 2. Wahlrechts- antrag(für alle Bundesstaaten und Elsaß-Lothringen) des Abg. Mbrecht(Soz.) und Genossen. Schluß 4'/, Uhr._ parlamentanrcbcö. Tabaksteuer abgelehnt. Die Finanzreformkommission beendete in der gestrigen Sitzung die erste Beratung der Tabaksteuervorlage. Die Regierungs- Vorlage wurde einstimmig abgelehnt. Die, fast die ganze Sitzung ausfüllende Debatte drehte sich in der Hauptsache um den Antrag der Nationalliberalen und des Zentrums, den jetzt be- stehenden Zoll auf importierte Zigarren von 270 M. auf 300 M. unter Zuschlag von 25 Proz. des Wertes zu erhöhen. Unsere Genossen Kaden, Molkenbuhr, Geyer und v. E l>n be- kämpften diesen Antrag mit großer Entschiedenheit, gestützt auf gründliche Fachkenntnisse und beweiskräftiges Material. Es wurde von ihnen nachgewiesen, daß aus dieser Zoll- erhöhutig mit Einführung des Systems des Wertzolles weder der Reichskasse, noch der heimischen Zigarrenindustrie ein Nutzen erwachsen werde. Sei schon früher die Durchführbarkeit eines Wertzolles auf Tabakblätter für unmöglich erklärt worden, so gelte dies in noch weit höherem Maße für Zigarren. Die von den Antragstellern nach dieser Richtung hin angestellten Berechnungen schweben in der Lust, die Kontrolle werde mehr verschlingen, als die Erhöhung einträgt und die ohnehin schon oft be« klagten Zollplackereicn und Scherereien würden vermehrt werden. Schntzzöllnerisch aber lvürde die Verteuerung der Importen (worunter auch viele billige aus Holland, der'Schweiz und Oesterreich eingeführte in Betracht kämen, die durch den Antrag nicht getroffen werden sollen) einzig und allein nur den Effekt haben, daß einige große Firmen dre imitierte Importen fabrizieren lassen, ganz bedeutende Vorteile davon hätten, ohne daß die Arbeiter auch nur den geringsten Nutzen davon haben. Dagegen läge die Gefahr vor, daß, wenn die feinen Havanna» zigarren, die in Kuba fabriziert werden, zu sehr durch den vor- geschlagenen Wertzoll verteuert würden, die hauptsächlich in Frage kommende kubanische Firma eine Filiale in Deutschland gründet und so durch ihre mitgebrachten geübten Arbeiter den deutschen Zigarrenarbeitern ausländische Lohndrücker auf den Hals gehetzt würden. Die Einsührung des Wertzollprinzips sei äußerst gefährlich und geeignet, eine stete Quelle der Beunruhigung der deutschen Tabakindustrie zu bilden. Gegen die Anträge wandten sich außer unseren Genossen auch die Freisinnigen Meier-Jobst und Dr. Wiemer und die Ber- treter der Regierung, sowohl Freiherr v. Stengel wie Direktor Kühn und ein Geheimrat aus dem preußischen Finanzministerium, die schwere Bedenken gegen das Prinzip des Wertzolls geltend inachten und die Befürchtung äußerten, daß mit Annahme des Antrages kaum irgend ein finanzieller Erfolg erzielt werden würde in Anbetracht der Kosten, die der Kontroll« dadurch erwachsen. Trotz alledem beharrten die Antragsteller auf dem Antrage und traten die Nationalliberalen Held und Lichtenberger wie auch Bachem und Müller- Fulda vom Zentrum entschieden dafür ein, weil sie-sich daraus sowohl einen finanziellen, wie aber hanpt- sächlich einen schutzzöllnerischen Nutzen versprechen. Bei der Abstlmniung wurde, wie schon oben berichtet, die Re« gierungsvorlage einstimmig abgelehnt. Der Zentrumsantrag wird, soweit er die alten Zollsätze enthält, einstimmig angenommen. Für die Erhöhung deS Zolles auf feingeschnittenen Tabak nach demselben Antrage von 180 ans 300 M. stimmen Nationalliberale, Zentrum und Konservative, zusammen 14. gegen 11 Stimmen der Sozialdemokraten, Freisinnigen und Wirtschaftlichen Vereinigung. Dagegen fiel der Antrag betreffend importierte Zi« garren, wofür nur Nationalliberale und Zentrum stimmten, mit 0 gegen 15 Stimmen. Der§ 2 betreffend die Steuer für inländischen Tabak brachte der Regierung insofern noch eine Niederlage, als die Steuer aus Grunipen, die bisher 45 M. pro Doppelzentner betragen hat, zu- gunsten der deutschen Tabakbauern noch um 5 M., von 45 M. auf 40 M. herunterzusetzen beschlossen wurde, kotzdem der Schatzsekretär und sein Direktor Kühn den dadurch entstehenden Ausfall auf 2—3 Millionen Mark schätzten. Die übrige,» Paragraphen und Artikel der Borlage wurden ohne Debatte erledtgt._ Die Budgetkommission deS Reichstages trat gestern in die Be« ratung des Kolonialetats ein beim Etat für Kamerun. Weil die Regierung erst noch daS Rechtfertigungsmaterial des ab- berufenen Gouverneurs v. Puttkamer abwarten will, verzichtete die Kommission vorläufig auf die Behandlung der Petition, die die in- zwischen zu so unerhört schweren Strafen verurteilten Dualahäupt- linge an den Reichstag gerichtet haben. Die Konservativen be- antragten: der Reichskanzler möge eine Untersuchung herbei- führen, in welcher Weise die Laufbahn, Anstellung und eventuelle Versorgung der Kolonialbeamten geregelt werden kann.— Ein Zentrumsantrag fordert Abänderung des Gesetzes betr. die Schutzgebiete vom 25. Juli 1900 dergestalt, daß das Verordnungs- recht eingeengt und die Mitwirkung der Reichsgesetzgebung erweitert werde. In der sehr lebhaste» Debatte wurden die deutsche Kolonial- Politik, der BureankratismuS in den Kolonien und die dort herrschenden Zustände einer zum Teil lehr scharfen Kritik unterzogen. Abg. Prinz v. Arenberg verlangte Auskunft darüber, ob die Hüttensteuer nicht Aufstände befürchten lasse, worauf ein Geheimrat antwortete, diese Slener werde nicht in allen Bezirken und nur von erwerbsfähigen Hüttenbesitzern erhoben. Je nach der Lage beträgt die Steuer 6—12 M. pro Hütte. Auf die Klage, daß einzelne Gesellschaften Expeditionen abgeschickt haben, um von den Eingeborenen Gummi zu erpressen, sei sofort eine strenge Untersuchung eingeleitet worden. Der Abg. Dr. Paaschs orderte, daß diese Gesellschaften eventuell für die Unkosten eines AufstandeS mit haftbar gemacht werden. Weiter teilte Abg. Paasche drastische Proben des m den Schutzgebieten herrschenden Bureau- kratismus mit. Hier nur ein Fall: Ein Unterbeamter beantragte die Anschaffung eines— Nachtgeschirrs. Die Oberbehörde fragte an: Wozu das Geschirr? Antwort deS Unterbeamten: DaS wme doch wohl jeder Mensch. Mit der Regiererei in de« Kolonien durch unzählige Ber« ordnungen ging der Abg. Erzberger inS Gericht. Viele dieser Verordnungen seien direkt ungesetzlich und raubten den Eingeborenen ihre Rechte, so daß man von einem Mißbrauch des Verordnungs- rechtes sprechen müffe. Die Eingeborenen sagen sehr oft: früher eien sie die Sklaven der Araber gewesen, jetzt seien sie die Sklaven der Deutschen. Justiz und Verwaltung müssen getrennt werden; der heuttge Zustand fei unhaltbar. Unwürdig des Deutschen Reiche» sei die Verordnung des Kolonialamtes, daß den am Auf- 'tande in Südwestafrika beteiligten Völkem das Stammeseigeutttm genommen werden solle. Verschlimmert werde diese Verordnuug durch die weitere Bestimmung: der Gouverneur könne allen Völkern das Stannneseigentlnn nehmen. Diese Beftimimmg in die Tat umsetzen, heiße nichts anderes als eine sehr blutige Auseinander- setznng mit dem mächtigen und kriegerischen Ovambovolk herbei- fuhren. Er lRedner) bewillige solange für Südwestafrika keinen Pfennig, bis diese Verordnung znrllaaenommen sei. Der Abg. Dr. Arendt schwärmte für die Hüttensteuer als eine E r- z i e h u n g s steucr. Er will, daß die NeichSgesetzgebung möglichst wenig in die Kolonien hineinredet. Abg. Dr. Semler brachte zur Sprache, daß die Siidkamernn-Gcsellschaft in einer Pro- klamation für sich das Monopol ini Handel in Anspruch nehme und gegen jedermann, der sich dem nicht fügt, vorgehen will. Abg. Ledebour bezeichnete das Vorgehen dieser Gesellschaft als total unzulässig. Da müsse ganz energisch ein- geschritten werden. Entschiedener Protest iniisse auch gegen die Manier der Behandlung erhoben werden, die die Kolonialverwaltung dem Reichstag und der Budgetkommission angedeihen lasse. Auf die wichtigsten Anfragen antworte die Regierung einfach nicht; ihre Denkschriften seien oftmals mehr als dürftig ausgestaltet: mit un- genauen und iinverstibidlichen allgemeinen Redensarten warte mau dem Reichstag auf. Das stärkste Stück habe die Kolonialverwallung geleistet, indem sie es nicht einmal für nötig erachtete. zu der letzten 30 Millionen Mark betragenden Nachtrags- forderung nur ein Wort als Begründung zu sagen I Im Plenum werde darüber noch ein ernstes Wörtlein geredet werden. Klare und präzise Auskunft fordert er auch darüber, wie der Gouverneur in Kamerun dazu komme, den Häuptling der Bantul>eger kurzerhand für abgesetzt zu erklären. Ein Geheimrat antwortet, die Proklamation der Südkamerun-Gesellschaft sei der Regierung nicht näher bekannt und solle untersucht werden. Die Unterwerkung des Bantustammes sei beschlossen und eS werde gegebenenfalls Waffengewalt angewendet.— Die Budgctkommission dcS Abgeordnetenhauses erledigte am Dienstag zunächst den Etat der V e r w a l t u n g der indirekte» Steuern. Es wurde darauf hingeiviesen, daß dieser Etat für das Jahr 1306 ein Mehr von etwa 60 Millionen aufweise, wovon auf die Stenipelsteuer ein Mehr von etwa 45 Millionen entfalle. Von der Regierung� wurde bemerkt, daß die letztere Mehreinnahme in der Hauptsache auf den Kaufstempel für Grundstücke ent- falle, da der Grundstücksverkehr sehr erheblich gestiegen sei. Einem Wunsche, daß die Regierung eine Uebersichl über die einzelnen Arten der � Stempeleiunahmen gebe, erklärte die Regierung nicht entspreche» zu können, da die Stempel in der Hauptsache von den Notaren verwendet werden und diesen eiiw solche Aufstellinig nicht zugemutet werden könne. Ferner wurde erklärt, daß die reichsgesetzliche Regelung der Erbschaftssteuer an den Einnahmen d»r preußischen Erbschaflssteuer fca. Ii Millionen) nichts ändern werde. Sodann wurde der Etat der Lotterieverwallnng genehmigt. Eine Erörterung fand nur über die Anschaffung eines neuen Lotterierades zum Preise von 10 000 M. statt. Die Stencrkommission des Abgeordnetenhauses setzte anr Dienstag die Beratung der Novelle zur E i n k o m m e n st e u e r fort und nahm die Bestimmung der Vorlage, welche die Besteuerung der Ge- scllschaften mit beschränkter Haftung ausspricht, an mit der Maßgabe, daß das Eiiikommen der Gesellschafter aus den Gesellschaften abzugs- fähig sein soll. Außerdem wurde ein Antrag des Abg. Hainmer (kons.), wonach Konsunivereine mit offenem'Laden, auch wenn sie die Rechte juristischer Personen nicht haben, einkonilnensteuerpflichtig sein follen, zum Beschluß erhoben, obwohl sich die Regierung dagegen erklärt hatte. Bei Z 3, welcher diejenigen Ausgaben behandelt, die von dem Einkommen in Abzug zu bringen sind, war von freisinniger Seile der Antrag gestellt, die Beiträge zu Bc- und Entwässerungsverbäuden und die Kommunalsteuern und Gutslasten in de» Gulsbezirkcu als nicht abzugsfähig zu erklären, sowie andererseits die Kommunal- steuern in voller Höhe und nicht nur bis zur Höhe der staatlich ver« anlagten Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer in Abzug z» bringen. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Ein konservativer Antrag, die Bei- träge zu den Berufskammern für abzugsfähig zu erklären, wurde angenommen. JHLuq der Partei. Russische Polizeipraxis in Preußen. Das Flugblatt„Gegen den Fortbestand des Dreiklassen- Wahlrechts" wurde in Bromberg, nachdem die hiesige Polizei niehrere Tage vergebens nach demselben gehaussucht hatte, am 20. d. M. zur Verteilung gebracht. Unter den Verbreitern befanden sich auch einige Genossinnen. Die erfolglosen Haussuchungen nach dem seitens der Polizei als staatsgefährlich gestempelten Flugblatt mögen die„Wohllöbliche" aus der Fassung gebracht haben. Denn die Behandlung, die die Zettelverbreiter durch einzelne Polizeibeamte zu erdulden hatten, läßt darauf schließen. Bei den Polizeiaktionen machte sich auch nach russischem Muster eine„schwarze Rotte" bemerkbar. Am Sonnabend den 20. d. M. abends erschienen auf der Polizeiwache drei Mann- lein, die Anhänger der christlichen Organisation sind, und verlangten den Schutz(!) der Polizei, da man in Schweden- höhe— Flugblätter verbreite! Der Aufforderung wurde sofort Folge geleistet und los ging's, auf die Jagd nach den bösen Sozis- Nach kurzer Zeit erschien auch der christliche Arbeitersekretär-Krug auf der Polizeiwache und fragte nach dem Polizeiinspektor. Nach kurzer Zeit gelang es, mehrere Genossen, darunter auch zwei Frauen, die man ebenfalls bei der Verbreitung erivischte, zur Wache zu bringen. Die„Verbrecher",>vie sie der Kriminalkommissar zu nennen beliebte, wurden einem peinlichen Verhör unterzogen und dann nach dem Polizeigefängnis geführt, obgleich sie in Bromberg festen Wohnsitz haben. Eine der Frauen, welche an Krämpfen leidet, bat einen Gefängnisbeamten um D o p p e l- Haft. Der Beanite hatte für diese Bitte jedoch kein Ohr, sondern herrschte sie an und verlangte, daß sie sich ruhig verhalten möge. Die Inhaftierte bat aber unter Berufung auf ihre ärztlich bestätigte Krankheit nur dringender, nicht allein gelassen zu werde.,. Hierauf erschien der Beamte mit Fesseln in der Zelle, fesselte ihr die Hände auf dem Rücken und schloß die so gefesselten Hände a» einen aus der Diele angebrachten eisernen Ring! Außerdem schlang er eine eiserne Kette um das rechte Bein der Gefesselte» und be- festigte dieselbe an einkm zweiten am Fußboden befindlichen Ring, so daß die Gefesselte in einer regungslosen Lage der- bleiben mußte. In dieser Zwangslage ließ der Beamte die Frau etwa eine Stunde verharren. Schmerzensrufe, welche durch das gastliche Gebäude hallten und den anderen Insassen den Schlaf raubten, mögen den Beamten daran gemahnt haben, sein Opfer zu befreien. Am Sonntag, 21., etwa um 11� Uhr, wurden die vier Flugblattverbreiter vom Polizeigefängnis zum Unter- fuchnnsssgefängnis abgeführt, die beiden Frauen— mit einer starken Schnur je an einer Hand zusammengebunden(I) bildcten die Spitze des Zuaes. Die beiden Genossen in eiserne» Armbändern gingen hinterher. Der ganze Zug, welcher sich durch die belebtesten Straßen bewegte, wurde von einem starken Schutzmannsaufgebot begleitet, dem eine hundertkvpfige Menschenmenge folgte. Dieser Akt vollzog sich gerade um dieselbe Zeit, in der die Vcrsammlungsbesucher zu Hunderten zu der anberaumten Protestversaminlung marschierten. Dank der disziplinierten Arbeiterschaft ist es trotz dieser— wir nehmen an ungewollten — Provokation der Polizei nicht zu dem geringsten Zwischen- fall gekommen. Nur in den Gesichtern sah man den bitteren und berechtigten Zorn gegen diese schmachvolle Behandlung ihr Recht ausübender Staatsbürger. Erst am Montag, den 22. d- M., gegen Mittag, hat man sich gemüßicjt gefühlt, den wie die schwersten Verbrecher Be- handelten die Freiheit wiederzugeben. Die Schilderung erschien uns so unglaublich, daß wir nicht wagten, sie ohne Bestätigung wiederzugeben. Aber das Stück Rußland in Preußen läßt sich nicht aus der Welt schaffen: man nannte uns Zeugen für die geschilderten Un- geheuerlichkeiten, die wir nun nachträglich der Kritik der öffentlichen Meinung unterbreiten. pollzeUldies. OeHchtlkdica ukw. Sind Verletzungen dcS Strnfprozcßrechts gegen Sozinl- demokrnte» gestattet? Der Frau des Genoffe» Perner. Redokteurs der„Märkischen Volksstiunne" ist endlich eme Unterredung mit ihrem Mann gestattet. Der Amtsrichter des Forster Gerichts Schmidt ivar darüber verwundert, daß die Presse die Vorenthaltung einer Unter- redung der Eheleute besprochen hatte. Wir haben Grund an- zunehmen, daß diese Verletzung des Rechts des An- geklagten noch an anderer Stelle öffentlich besprochen werden wird. DieS umsoniehr, als auch nach anderer Richtung hin dem Genossen Perner der Weg zur Beseingung der gegen ihn ohne zureichenden Grund verhängten Hast erschwert ist. Gegen die Verhängung der Haft ist sofortige Beschwerde zu- lässig. Bon diesem Beschwerderecht hat Genosse Perner sofort am Mittwoch Gebrauch gemacht. Die Beschwerde hätte sofort dem Landgericht Guben übermittelt werden müssen, spätestens aber vor Ablauf von drei Tage»— erst am Montag ist sie aber weiter befördert. Das ist eine klare Verletzung des Strasrechtes, als dessen Hüter doch wohl die Behörden bestellt sind. Ist dem Justizminister bekannt, wer die Schuld an dieser offenbaren Rechts- Verletzung trägt?_ Zweinndzwnnzig Majcstätsbcleidigungen soll die„Leipziger Volkszeitung" nach Meinung der Staats- anwaltschaft im Leitartikel ihrer Sonnabend-Nummer be- gangen haben, eigentlich nur in eineni Satze des- selben! Freilich hat sie diese 22 Beleidigungen in einem Satze nicht einer Majestät gegenüber zu begehen vermocht, sondern nur dadurch, daß sie von den deutschen B u n- desfürsten sprach, und diese Herrschaften sind ihrer 22. — Weiter soll die„Volkszeitung" ihren eigenen Landesherrn noch ertra beleidigt haben, indem sie einen seiner Vorfahren glossierte.—_ Hus Industrie und Dandel. Kurzes Glück. Die Börsenmänner, denen seit Wochen keine steundliche Sonne mehr lachte, hatten ein paar glückliche Stunden. Die Extratour der Stadtväter war die Veranlassung. Beunruhigende Gerüchte aus New Dork, das Sinken der russischen Valuta, brachten arge Kopf- schmerzen, da wirkte aufheiternd die Sitzung der Vertehrsdeputatton, deren Verhandlung man als für Verstadtlichung der Großen Berliner Straßenbahn günstig bewertete. Am Dienstag setzten die Kurse um 4'/z Proz. höher ein. Aber bald kam die pessimistische Stimmung doch wieder stark zinn Durchbruch und der Vorsprung ging um die Hälfte zurück. Kurz war die Freude, jetzt ist die Verstiminung größer wie vorher. Das hat mit seiner Souper-Rede der Reichstags- Präsident bewirkt.__ Seid umschlungen, Millionen. In ganz respektabler Weise sind bei der Bergwerksgeiellschaft Hibernia, die den Liebeswerbungen Möllers so hartnäckigen Widerstand entgegensetzte, die Ueberschüsse gestiegen. Das weist folgende Zusammenstellung aus. Es bezifferte sich der Ueberschutz im Jahre. 1302 1303 1304 130S auf Mark. 7 744 017 3 132 482 10 183 373 10 666 430 Bei solchen Ueberschüsse» heult man über Bedrohung der deutschen Industrie durch soziale Lasten. Internationale KohlenbergwerkS-Aktirngesellschast. Unter vor- stehender Finna wurde am' Montag in Köln von einem unter Führung dcS A. Schaaffhausenschen Bankvereins stehenden Konsortium eine Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von 16 Millionen Mark und dem Sitze Köln gegründet, an welcher eine deutsche und eine sranzösische Gruppe je zur Hälfte beteiligt ist. Die Gesellschaft beabsichtigt, Kohlenbergbau in Lothringen zu betreiben. Dem Konsortium gehören von deutscher Seite an die Internationale Bohr- gesellschast. der A. Schaaffhausensche Bankverein, die Bank für Handel imd Industrie, die Berliner Handelsgesellschaft, die Dresdner Bank, die Nationalbank für Deutschland, die Internationale Bank in Luxemburg. Die Hauptinleressenten von französischer Seite sind eine Gruppe, an deren Spitze die Banque de l'Union Parisienne steht, und eine zweite Gruppe, welche die Firma Sauerbach, Thal- mann u. Co. vertreten wird. Einer aktiven Handelsbilanz, die allerdings nicht immer als günstiges Resultat anzusehen ist, erfreuen sich die Vereinigten Staaten. Amerikas Reichtum an Bodenschätzen, an den begehrtesten Rohmaterialien der Eisen« und Metallindustrie. Erzen, Kohlen, Kupfer usw., seine Fülle an Nutzhölzern, die Fruchtbarkeit seines Bodens, die ihm neben einen Uebeischuß an Lebcirsmitieln auch die in der ganzen Welt begehrte Baunuvolle liefert, bei der sich aus der Verwendung der Kerne— zu feinstem Olivenöl— noch eine hoch rentable Nebenproduktion entwickelt hat, dazu die ergiebigen Petroleumquellen, machen das Land zu dem reichsten der Erde. Es kann hier sich ein abgeschlossenes Wirtschaftsgebäude bilden, es hat nicht nur Ueberstuß an Nahrungsinitteln, es konnte auch die Kräfte entwickeln, an Judustrieerzeugnissen mehr zu produzieren, als im Lande konsumiert werden— Amerika exportiert Agrar- und Industrie- Produkte! Unter den günstigen natürlichen Verhältnissen konnten die Jndustriekönige es sich erlauben, durch hohe Schutzzollmauern eine Großindustrie aufzuzüchten, die schnell die Produktion von England und Deutschland hinter sich läßt. Aber auch in Amerika inehren sich die Stimmen, die das Protektionssystein als schädlich bezeichnen. Borläufig werden aber wohl»och die Schutzzöllner Oberwasser behalten, sie erfreuen fich noch des besten Wohlbefindens. Im vergangenen Jahre schnellten die Exporlziffern wieder ordentlich in die Höhe. Nach Zusammenstellimgen New Dorker Blätter ergeben sich für den Außenhandel folgende Ziffern: Import Export Exportüberschuß 1305.. 1 173 358 846 1 626 362 343 447 603 437 1304.. 1035 803 130 1 451 318 740 416 403 550 1803.. 335 434 827 1 484 753 083 483 258 756 1802.. 363 316 870 1360 685 333 331 363 063 1835.. 801 663 347 824 860 136 23 130 783 Das sind ohne Zweifel bestechende Ziffern. Wie schon an- gedeutet: die besonderen günstigen Verhältnisse kommen dem Lande zu statten. Ohne die Schutzzollpolitik wären vielleicht die Wirtschaft- liche» Kräfte des Landes noch viel mehr ausgelöst als es heute der Fall ist. Unter den günstigen Verhältnissen gehört auch die hohe Leistungsfähigkeit des amerikanischen Arbeiters, der. weil er kürzere Zeit arbeitet und höhere Löhne verdient als sein deutscher Kollege, auch mehr leisten kann. Japan will Industriestaat werden! Aus Tokio wird berichtet: General Nakanura, der Präsident der staatlichen Eisenwerke, berichtete vor dem Budgetausschusse, daß das Haupt- ziel der Werke, in Kriegszeiten Unabhängigkeit von fremder Zufuhr zu erzielen, schon erreicht sei, daß aber ein weiterer Ausbau des Arbeitsfeldes der Werke notwendig sei, um der Notwendigkeit des Imports, der vor dem Kriege jährlich 210 000 Tonnen betrug und sich in Zukunft wahrscheinlich noch steigern würde, aus dem Wege zu gehen. Ein Finanzsyndikat bereitet setzt die Aufnahme einer An- leihe im Auslände vor. Man erwartet, daß das Parlament die Vorlage, welche die Aufnahme der Anleihe genehmigt, trotz der Opposition annehmen wird. Nationale Eifersüchteleien als Kulturhemmnis. Wie aus Paris gemeldet wird, erklärte der französische Arbeitsminifter einem Berichterstatter gegenüber, daß die schweizerische Regierung den Durchstich des Faucilleberges nur deswegen verhindere, weil sie befürchte, daß Frankreich im Anschluß daran einen Durchstich des Montblanc in Angriff nehmen könne. Der Montblanc-Tunnel, welcher dem Gotthard- und dem Simplontunnel Konkurrenz machen würde, soll 200 Millionen Frank kosten. 1 135 812 M. Ueberschuß erzielte die Zeche„Ewald" im vierten Quartal 1305 gegen 386 633 M. in der gleichen Zeit des Vorjahres. 35 Prozent Dividende auf das um 300 000 M. erHöhle Aktien- kapital dringt die Porzellaufabüt„Kahla" zur Verteilung. Gerichts-Leitung. Ein Stadtverorduetenwahlstreit. Bei der Breslauer Stadt- verordnetenwahl im November 1304 war auch der Genosse KlühS von der„Volkswacht" als Kandidat beteiligt, und zwar im 24. Wahl- bezirk. Noch den Feslstellunge» deS Wahlvorstandes erhielten bei der Hauptwahl Genosse Klühs und der Liberale Kunde je 406 Stimmen, ivöbieild der Konservative Dr. Jeuner 454 Stimmen erhielt. Zivischen Klühs und Kunde wurde g e l o st, wer von ihnen beiden mit Jeuner in die Slichivahl kommen solle. Das LoS fiel auf Kunde, der dann in der Stickwahl gewählt wurde.— Nach vergeblichem Einsprnck klagten vcrschiebcne Wähler gegen die Stadt- verordnetrn-Versaiiinilnng auf Ungültigkeit der Wahl des Herrn Kunde. Der Bezirksausschuß erklärte auch die Wahl für u n- gültig. Begründend wurde ausgeführt: Ein Wähler habe bei der Hauptwahl den Namen Blauel genannt. Da Blauel im 24. Bezirk nicht aufgestellt gewesen sei, so habe der Wahlvorsteher verwundert gefragt: Blauel?— Blauel? Und als schließlich andere Wähler dem Manne den Namen Kunde zuriefen, habe dieser gesagt:„Ach ja, Kunde meine ich!" Auf An- reguug des Wahlvorstehers hätten die Beisitzer sich mit Eintragung des Namens Kunde einverstanden erklärt. Nach Ansicht des Bezirks- ansschusses sei aber ein richtigstellendes Eingreifen des Wahl- Vorstehers unzulässig, wenn es sich, wie hier, um Zweifel über die vom Wähler gewollte Person handle. Dadurch träte der Wahl- Vorsteher aus der ihm zugewiesenen unparteiischen Stellung heraus»ndeS könme leicht das Wahlergebnis beeinflußt werden. Die für Blauel abgegebene Stimme sei zu Unrecht für Kunde eingetragen worden, so daß Kunde bei der Hauptivahl nur 405 Stimmen erzielt habe. Nun hätten die Kläger auch bemängelt, daß die Stimme eines Wählers, der Küls sagte, indem er von eineni gedruckten Zettel las. für Klübs eingetragen worden sei. Hier habe es sich aber nicht um einen Irrtum des Wählers in der Person gc- handelt, sondern sozusagen nur um einen ungenauen Namens- vorirag. Da habe der Wahlvorsteher die Feststellung treffen können, daß KlühS gemeint sei. indem er den Wähler zum rickligen Verlesen des Namens veranlaßte. Da also Klühs 406 gültige Stimmen und Kunde nur 405 gültige Stimmen bei der Hauptwahl erhalten habe, so hätte eine Auslosung zwischen Kunde und Klühs gar nicht stattfinden dürfen, sondern Klühs und nicht Kunde hätte zur Stichwahl stehen müsseu. Daraus regele fich die Ungültigkeit der Wahl des Herrn Kunde. Die Stadtverordneten-Versammlung legte Berufung ein. Der zweite Senat des Ober Verwaltungsgerichtes hob gestern die Vorentscheidung auf und erklärte die Wahl des Herrn Kunde für gültig. Es käme darauf an, ob die Berichtigung der Stimmabgabe zulässig gewesen sei. Das Gericht meine, die Aende- rung seiner Stimme durch den Wähler sei statthaft, so lange die Stimme noch nicht protokolliert war, und das sei ja hier noch nicht der Fall gewesen. Es sei auch keine unzulässige Wahl- beeinflussung, wenn in Zweifelsfällen einige Bemerkungen fielen. Kunde habe demnach wie Klühs 406 Stimmen gehabt und sei mit Recht in die Stichwahl gekommen. Das Zeugnis des Stadtreisenden. Der Handlungsgehülse, der eine wenn auch beschränkte Tätigkeit als Stadtreisender ausübt, hat ein Anreckt darauf, daß sein Zeugnis einen dementsprechenden Aus- weis enthält. So entsckied anck die zweite Kammer des Kaufmannsgerichts in einer vorgestern zur Verhandlung gekonimenen Klage. Die Blusenfinna Gustav u. Heinrich I, hatte sich geweigert, dem Lageristen W. im Zeugnis zu bescheinigen, daß er auch zeitweilig als Stadtreisender fungierte, mit der Begründung, daß W. nur hin wieder einige Stadtknnden besucht hatte und ihn diese sporadische Tätigkeit noch nicht zum Stadtreiscndcn qualifizierte. Der Kläger W. verlangt nun außer der Ausstellung eines rektifizierten Zeugnisses eine» Schadenersatzvon 300 M., da ihm eine llteisestellung nurdadurch entgangen sei. daß er seine frühere Reisetätigkeil in�it durch ein entsprechendes Zeugnis erweisen konnte. Das Kaufmannsgericht wies den Kläger mit dem Entschädigungsanspruch a b, da es nicht für erwiesen erachtet wurde, daß gerade durch das Fehlen des betreffenden Passus im Zeugnis dem Kläger die neue Reisestellung vereitelt worden war. Der Anspruch des Klägers auf ein anderes Zeugnis wurde indessen anerkannt, und die beklagte Firma mußte sich verpflichten, dem Kläger W. ein Zeugnis auszustellen, das sich auch über dessen örtliche Reisetätigkeit ausspricht. Es fei eine Eigen» tümlichkeit des Reisendenberufes, daß in ihm mehr wie in anderen Berufsarten Vorkenntnisse und sachllche Routine verlangt werden. Hat nun ein Lagerist neben seiner Tätigkeit innerhalb des Geschäfts auch den zeitweise» Besuch von Stadtkunden übernehnien müssen, so kann diese Tätigkeit für seine Zukunft von so erheblicher Bedeutung werden, daß er eine dieSbezngltche Beurkundung in seinem Zeugnisse zu verlangen berechtigt ist. Geistiger Irrsinn� oder Frucht der Fürsorgeerziehung? Der jetzt 18 jährige Schmiedelehrling Paul Haberlandt stand gestern vor der fünften Strafkammer des Landgerichts II. Der junge Mensch ist, weil er seinen Eltern wiederholt entlief, vor vier Jahren als Fürsorgezögling dem„Rettungshause" in Straußberg überwiesen worden. Die Anstalt brachte ihn dann im vorigen Jahre in die Lehre bei dem Schmiedemeister Mahler in Straußberg, der sich bemühte, aus ihm einen ehrlichen Menschen zu machen. Es ist ihm dies ebensowenig gelungen wie der Erziehungs- anstalt. Als Herr Mahler am 23. Juni mit seiner Ehefrau von einer Ausfahrt in die Nachbarschaft heimkehrte, fand er die Scheiben der zu seiner Wohnung führenden Glastür zertrümmert vor und konnte sofort feststellen, daß in der Zwischenzeit ein Dieb in der Wohnung sowohl wie auch in der Werkstätte gehaust hatte. Der Dieb war der Angeklagte gewesen. Er hatte aus einem ver- schloffenen Pult eine Summe von 87 M. gestohlen und dann die Tür zur Werkstätte erbrochen und sich dort außer etwas Handwerks- zeug auch das Portemonnaie eines Lehrlings angeeignet. Er war alsdann planlos in die Welt gezogen, hatte sich in Süddeutschland umhergetrieben und war auch einmal über die österreichische Grenze gegangen. Dort ist er" ergriffen und wegen Landstreichens zu vier Tagen Arrest verurteilt worden. Er wurde dann wieder nach der Strantzberger Anstalt zurücktransportiert, entwich von dort aber am 13. Oktober v. I. zum zweiten Male. Ilm die Anstaltskleidung durch eine andere ersetzen zu können, i-be> kletterte er die Mauer eines Gehöftes und stabl aus einem Hause die Kleidung eines Hüte- jungen. Er kam aber nicht weit, sondern wurde gleich nach der Tat ergriffen. Das Gericht verurteilte ihn wegen der zwei schweren Diebstähle zu 1 Jahr Gefängnis. Der Staatsanwalt hatte nur 6 Monate beantragt. Derartige Fälle beweisen die völlige Un» zulänglichkeit unserer heutigen sogenannten Fürsorgeerziehung. Geistiger und moralischer Irrsinn? Der 24jährige Kaufmann Paul E b n i tz stand gestern vor der ersten Strafkammer des Land- gerichts l. Der junge Mann ist der Sohn eines begüterten Fabri- kanten und hat seinen Eltern schon viel zu schaffen gemacht. Er ist geistig offenbar minderwertig, verübte die verschiedensten dummen Streiche und wurde schließlich im Geschäft seines Vaters zu kleinen Diensten verwendet. Er beging dabei Veruntreuungen und verschwand aus dem väterlichen Hause. In Hannover geriet er in ganz schlechte Gesellschaft. Er machte die Bekanntschaft eines vielfach vorbestraften Menschen Namens Bremer, der das Gewerbe eines Zuhälters seiner eigenen Ehefrau betrieb. Der charakter- schwache junge Mann war bald in einer sklavischen Abhängigkeit von Bremer und als dieser von ihm die Geschichte seiner Herkunft und seiner guten Familienverhältnisse erfahren hatte, wurde der Plan gefaßt, daß der Angeklagte mit Hülfe seines Freundes seinen eigenen Vater bestehlen sollte. Auf Kosten des Bremer reisten auch beide nach Berlin und schlichen sich unter Führung des Angeklagten in das Bureau seines Vaters. Die dort erwachenden Gewissens- bisse des Angeklagten beschwichtigte Bremer durch die Drohung, ihn sofort niederzustechen, wenn er einen Laut von sich geben wurde. Als der Geldschrank den Angriffen des Bremer erfolgreich wider- standen hatte, änderte letzterer den verbrecherischen Plan und beide machten sich daran, in den Laden des Juweliers Heekert cinzu- dringen, der von dem Bureauraume, in dem sie sich aufhielten, nur durch eine Bretterwand getrennt war. Es gelang ihnen bald, zwei Planken so weit herauszuheben, daß sie hindurchkrauchen konnten und dann hielten sie im Juwelierladen eine große Musterung ab. Sie entwendeten Goldwaren im Werte von 9— 10 000 M.. packten diese in eine große Tasche und entkamen glücklich. Sie kehrten zunächst nach Hannover zurück und verkauften hier einen Teil ihrer Beute unter der Hand. Der junge Mann wurde von Bremer nun nicht mehr aus den Fingern gelassen, sondern durch desien dämonischen Eintluß zur unbedingten Heerfolge gezwungen. Zur Verwertung ihrer wertvollen Beute fuhren sie nach Breslau und von dort über Prag nach Wien. Hier hatte sich Bremer verdächtig gemacht und wurde verhaftet, während der Angeklagte dem gleichen Schicksal entging, nun aber plötzlich ganz allein und verlassen in der großen Stadt dastand. Er machte die Goldsachen, die er noch besaß, zu Gelde und schlug sich nach Rotterdam durch. Und nun begann eine vollkommene Odyssee für den bedauernswerten Verirrten. Da er bald gänzlich mittellos war, ließ er sich als Arbeiter für ein nach Amerika fahrendes Schiff anwerben, erlitt jenseits des großen Teiches die wunderlichsten Schicksale, kam u. a. nach Klondyke, wo er Goldgräber wurde, wurde ruhelos hin- und hergetricben, und schließlich dermaßen von Heimweh erfaßt, daß er sich eines Tages freiwillig der Behörde stellte. Der Hauptschuldige Bremer ist bereits zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Der Aufenthalt in der Untersuchungshaft hatte den anormalen ner- vösen Zustand des Angeklagten erheblich verschlechtert und bei einem im Oktober v. I. stattgcfundenen Hauptverhandlungstermin ergab sich die Notwendigkeit, ihn zur Beobachtung der Charite zu über- weisen. Nach dem gestern von den Professoren Dr. Kocppen, Dr. Straßmann und dem Medizinalrat Dr. Leppmann abgegebenen Gutachten ist der Angeklagte, wenn es auch fraglich sein kann, ob er zur Zeit der Tat geisteskrank gewesen, inzwischen doch in Geisteskrankheit verfallen und verhandlungsunfähig. Der Gerichtshof beschloß daher, das Verfahren vorläufig einzustellen und den Angeklagten aus der Haft zu entlassen. Die Familie des Angeklagten hat es übernommen, ihn sofort in eine Privat-Jrren- Heilanstalt zu bringen. Vermifcktes. Wo du nicht bist, Herr Organist, da schweigen alle Flöten. An einer Stadtpfarrkirche in München legte der Chorregent, nachdem er mit dem Pfarrvorstand in Differenzen kam, seine Stelle nieder. Trotz wiederholter Anregungen der Sänger konnte sich der Kirchen- volstand nicht entschließen, einen neuen an seine Stelle zu setzen; an einigen Sonntagen behalfen sich die Chorsänger selbst, anders dagegen am letzten Sonntag. Di« Kirche war mit An- dächtigen gefüllt, die Meßglocke ertönte, der Kirchenvorstand betrat mit zwei Ministranten und einem Rauchfaßträger den Altar und das Hochamt sollte beginnen, aber die Orgel schwieg. Der Geistliche, der keine Ahnung von der Verschwörung hatte, schaute verdutzt»ach dem Chor— er war leerl Die Sänger haben samt und sonders die Arbeit niedergelegt. Das Hochamt mußte unterbleiben; der Pfarrer schickte den Rauchfaßträger nach der Sakristei zurück und die fromme Gemeinde mußte sich für diesmal wohl oder übel mit einer stillen Messe begnügen. Großseuer. Der bei dem letzten Brande der LudwigShafener Walzmüble Mitte Dezember stehengebliebene Teil, die sogenannte Giaupenrnühle, wo bisher gearbeitet wurde, brennt, so wird unterm 30. Januar aus Ludwigshafen berichtet, seit heute früh 5 Uhr 20 Minuten. Das Feuer wütete heute früh um>/zS Uhr noch fort. die Feuerwehr ist bemüht, die angrenzenden Baulichkeiten zu retten, was bisher gelungen ist. Eine spätere Meldung besagt: Die Graupenmühle ist ab- gebrannt. Der neue Getreidesilo ist vollständig gerettet, der Schaden durch Versicherung gedeckt. Zehn Jahre Gefängnis, so lautete daS Urteil über Kapitän Van Schaick in der Dampfer„Slocum"-Affäre, die damit in den letzten Tagen ihren Abschluß fand. Man erinnert sich noch des furchtbaren Dampferunglücks auf dem East River in New Jork im Juni 1004, bei dem über tausend Personen ihren Tod fanden, meist Frauen und Kinder. Ein Feuer war ausgebrochen und rief eine Panik hervor. Der Kapitän wurde der verbrecherischen Nachlässigkeit angeklagt. Vereine und Korporationen, die Aufnahme in den von uns dem- nächst zu veröffentlichenden Bereinskalender wünschen, wollen Name und Sitzungstag uns zusenden. Es können nur die Vereine ver- öffentlicht werden, die bis zum 1. Februar ihre Adresse neu ein- gesandt haben. Sozialdemokratischer Lese- und Diskutierklub„Süd-Oft*. Heute' Mittwochvbend 8'/, Uhr bei Tolksdorf, Görlitzerstratze 58: Vortrag des Genossen Gärtner:„Aus der Geschichte der Partei." Wahl von drei Dele- gierten zur Bundeskonserenz. Vereinsmitteilungen. Gäste willkommen. Vriefkalten cler K.eäaktion. Westend. Agitationsnummern beziehen Sie von Stuttgart. Iuriltilcber Oell. »leiiiristische epr«il>fi»,il>r flndcl löftllrti»Ii,«»»»lilimede» eoiiiinboibi Urni?>,, die Illir abnitx- fintf.«»fBtliiC: 7 Mir. Jeder Zlnsraae ist ei» Buchstabe»»d eine Zahl als Virrk-ciche» bciziifligcu. Briefliche AuNvort ivird nicht erteilt. K. 8i». Streit KO. Nein.— H. H. 15. Einwilligung des Vaters ist ersorderllch.— O. H. Kommt nicht märkisches Recht in Anwendung, so erbt die Witwe'/<, die Kinder'I, des Nachlasses. Die Hälfte der Invaliden- geldbeiträge, also das von der Anstalt Zurückzuzahlende, gebührt der Witwe. — E. Sch. 101. 1. U. 2. Uns nicht bekannt. 3. Köln a. Rh., Severin- stratze 201.— F. H. Sie sind sür die Kosten rechtlich verpflichtet. Einigen Sie sich mit dem Magistrat.— A. M. 17. Leider ja.— E. S. Soldat. Das Gesuch mutz spätestens bis zum 1. Februar eingereicht sein.— A. D. 115. Ja. Nach tz 14t der Gesindeordnung kann der Dienstbole ohne Einhaliung der Kündigungssrist die Stellung ausgeben, wenn die Herrschast aus eine Zeit, welche die lausende Dienstzeit übersteigt und in einer Entsernung, die mehr als sechs Meilen beträgt, eine Reise vornimmt oder überhaupt i» diese Entfernung ihren gewöhnlichen Wohnsitz verlegt und es nicht übernehmen will, den Dienstboten zum Abiaus der Dienstzeit toslensrei zurückzusenden.— O. Leider nein. — Königsberg. H. F. C. 31. Nein.— 31. 723. Wenn nicht die Koslciihöhe sür Arzt und Klinik vereinbart war, so würden Sie zur Zahlung verurteilt werden.— E. B. 00. Sie haben keinerlei Versügungsrecht über Ihr uneheliches Kind. DaS steht allein der Mutter zu.— Kramig. Ist keine Kündigungssrist vereinbart, so besteht sür ein Dienstmädchen eine sechswöchentliche Kündigungssrist zum Ouartalscrsten.— E. B. Ripdorf. Ja.— E. Sch. Bg. l. In der Regel nein. Es liegti mJnter- esse der Frage st eller, nicht allgemeine Fragen zu st�e 1 1 c n, sondern ihren Fall zu schildern und d e r Schilderung die Frage beizufügen. 2. Ja. 3. und 4. Hast bis auf die Dauer von sechs Monaten.— H. Ei. Ja. — O. 13. Die mündklchc Erbeinsetzung ist ungültig. Die nächsten Ver- wandten erben. Der Anstalt steht ein Recht auf Bezahlung der Kosten zu.— M. B. 86. ES müssen vor der Heirat 200 Marken geklebt sein, um etwas zurückerstattet zu erhalten. Jetzt bleibt Ihnen nur übrig, weiter zu versichern. Wenn Sie in je 2 Jahren mindestens 20 Marken kleben, erhalten Sie Ihre Ansprüche aufrecht.— Glücklich. Ihre Anfrage ist in Nr. 18 unter T. K. 100 beantwortet.— Paschold. l. Ja. 2. DaS hängt von der Ab- machung mit der Kasse ab.— Martha. Die Betreffende soll den Antvag stellen und eventuell sich an den Armenarzt wenden.— R. B. G. 06. Sie leben autzer Gütcrgemeinschast. Zur Sicherung können Sie einen notariellen oder gerichtlichen Ehevertrag schließen.— 31. S. 00. Unterlassen Sie Ihr Vorhaben lieber. Es besreit Sie weder vom Wirt noch von Ihrer Frau und bringt Sie in Gefahr der Beslrasung wegen Rückens.— O. G. 88. Wenn sie nicht vom Vertrag entbunden werden, bleibt er gültig.— F. H. Wer seinen Familiennamen abgeändert zu sehen wünscht, mutz einen Antrag an das Polizeipräsidium(in der Provinz an den Regierungspräsidenten) richten. Die etwa erteilte Genehmigung kostet 50 Mark. WitierungSüderlicht vom 30. Januar 1000,»lorgeiiS 8 Uhr. Stationen le S5 »•= Swiiiemde Hamburg Berlin Franks. aM München Wie» 75g'WNW 703 WSW 702 WNW 703 W 709 SW 705 W «eUer tSffi cS- all S? W»o Stationen c= C 3 »■= Haparauda Petersburg Sctllh Aderdee» Pari? ä§ -- 3 S§ 749 NW 748 WNW 775 N 702 WSW 771 N «eilet j, 2 heiter 1 halb bd. 1 3 halb bd. 2 heiter 1 3 halb bd. »a ä II 2» H fi — 15 — 6 8 4 6 3 wolkig 3 bedeckt 3 bedeckt 3 wolkig 5 bedeckt 3 halb bd. Wetter-Prognose für Mittwoch, de» 31. Januar 1000. Etwas kühler, zeitweise ausklarend, vorwiegend trübe mit Nieder« schlägen unö frischen westlichen Winden. Berliner Wetterb»reau. Wasserstaud am 29. Januar. Elbe bei Aussig+0,17 Meter, bei Dresden— 1,32 Meter, bei Magdeburg+ 1,61 Meter.— u II st r u t bei SNautzjurt+ 1,05 Meter.— Oder bei Ratibor+ 1,15 Meter, bei Breslau Oberpegel+ 4,60 Meter, bei Breslau Unterpegel— 1,80 Meter, bei Fraiilfiirt+ 1,48 Meter.— Weichsel bei Brahemünde + 3,34 Meier.— Warth eZbei Posen+ 1,14 Meter.— Netze bei Uich Meter. ver Aufseilen erregende Sender-Verkauf endet Montag, den 5. Februar. 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Mörtel gegen die VorstandStvahl. 2. Fort» fetzung der Diskussion üver den Generalstreik. 204/2_ Der Torstand. DV Kollegen und Kolleginnen I Der durchaus wichtigen Tages- Ordnung halber ist cS eines jeden Mitgliedes Pslicht zu erscheinen. Üntlslvethanl! der Steinarbeiter. Berlin I,——- Donnerstag, den 1. Februar, abends 8 Uhr, in den„Arminhallen", Kommandantenftr. AI: Mitglieder-Uersammlung. Tages-Ordnung: 1. Der BerbandStag in Nürnberg.— Anträge dazu.— Aufstellung der Kandidaten. 2. Verschiedenes. Der sehr wichtigen TageS-Ordnung hawer muh jeder Kollege erscheinen. 112/5 Der Torstand. I. A.: O. Hanschke. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Zahlstelle Rlxdorf. DonnerStag» 1. Februar, abends B'/, Uhr, bei Thiel, Bergstr. 151—152: Ailßkll>li>e»t>illic Gcntral-Uttlimhing. TageS-Ordnung: 1. Beratung der Anträge zum Gautag. 2. Entschädigung der Delegierten. Um zahlreiches Erscheinen ersucht 7S/S Die Ortsverwaltung. Msllardeiter und Tabakarbeiterinnen! Mlvoch, den 31. Innnar, nbends 8 Uhr, in Kkiiers Ftststlkn, Koppenstr. 39: Oeffeutliche Versammlung. Tagesordnung:„Die Tabakstcuervorlage vor dem deutschen Reichstage." Referenten: B l o h m e- Bremen, Niendorf- Kiel, B u r g o l d- Braunschweig. ISljZ'» Die Kongretzdelegierten sind durchgängig anwesend und erwarten wir zahlreiches Erscheinen. Die Zentralkommission der Tabakarbeiter. I. A.: Karl Butry. Zentral-Verband der Tenfer. —— Filiale Berlin.————' Donnerstag, den 1. Februar er., abends« Uhr, bei Keller, Koppenstr. SS: Generul-Bersammlnng. Tagesordnung: l. Abrechnung vom 4. Quartal INS. 2. Rechenschaftsbericht und Neuwahl deS Vorstandes. 3. Gewerkschastliches. 19S/S I» der Berlommlung gelangen die neue» Tarife zur Ausgabe.— Mitgliedsbuch legitimiert. Um zahlreichen Besuch ersucht Der Torstand. Spedition des Vemärts Berlin SRI. 68, K-indenstr. 69, Laden. Von den letzten WeihnachtS- Prämien Tfifcs Hewteys sämtliche Werke illustrierte Ausgabe in zwei eleganten Bänden preis M. S,— UNd Der Qesundtieitssehutz Zentralverein der Bildhauer Deutsehlands. Verwaltung Berlin. Donnerstag, den 1. Februar, Engel-Ufer 15, Saal 1: Versammlung:.! TageS-Ordnung: 1. Geschäsllichel. 2. Die Aussperrung bei F. Drechsler, ein Verrat der Christlichen. 3. Die prinzipielle Bedeutung der EinigungSverhandlungen vor dem Gewerbegericht in Angelegenheit der Treppengeländer-Branche für unsere Organisation. 4. Bericht deS Vorstandes und der Kommissionen. 20/3 Di« reichhaltige und wichtige Tagesordnung macht ein zahlreiches und pünktliches Erscheinen der Kollegen notwendig. Der Torstand. in Staat, Gemeinde u. Familie von Emanuel Wurm preis Ulk. sind noch eine Anzahl am Lager, die wir. soweit der Borrat reicht, zu obigen Preisen abgeben. Sxpedition des Vorwärts. Dr. Simmei, Hvezialinzt(iit 29/14* llant. and Harnleiden. 10— 8,8— 7. Saiuttagf 10—12.8—4 Dr. Schünemaniij Spezial-Arzl sür Bant- und Harnleiden, Frauen kranklieiten. Jetzt: Friedrichstr. 203 Ecke io-a, s- ScHUtzenstraSe. 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Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, »,.25. 23. w, w 2. DeilM des„Jormarts" Kerliner Islksdlalt. Zollkrieg zwischen Oesterreich- Ungarn und Serbien. AuS Wien wird uns vom 25. Januar geschrieben: Die ungarische Regierung hat gestern dem serbischen Vieh die Grenze gesperrt, und so ist der Zollkrieg zwischen der Großmacht und dem kleinen Ballanstaate fast unvermeidlich geworden. Die Sperre wird sehr gründlich durchgeführt: Verboten ist die Einfuhr von Hornvieh. Schafen. Ziegen und Schweinen, von Fleisch in jedem Quantum und schließlich von Geflügel in lebendem und geschlachtetem Zustande, also es ist so ziemlich die ganze Viehausfuhr Serbiens nach Oesterreich unterbunden. Rechtlich ist diese Maßregel sehr anfechtbar. Zwar beruft man sich darauf, daß nach dem Veterinär- übereinkommen vom Jahre 1692 beide vertragschließenden Mächte das Recht haben, im Falle der Einschleppung einer ansteckenden Tier- krankheit„die Einfuhr von Tieren aller derjenigen Gattungen zeit- weise zu beschränken oder zu verbieten, auf welche der Ansteckungs- stoff übertragbar ist." Man weiß nun natürlich zu erzählen, daß von Serbien in 19 Fällen Milzbrand eingeschleppt worden ist und die serbische Regierung gegen weitere Verschleppungen nichts ver- fügt habe, daß ferner unter den serbischen Schweinen die Pest aus- gebrochen sei und daß in Serbien Geflügel- und Hühnercholera herrsche. Aber daß alle diese Krankheiten just in dem Augenblick gefährlich wurden, da Oesterreich-Ungarn sich dem kleinen Serbien gegenüber als den Herrn aufspielen will, das macht die Sache recht verdächtig. Offenbar wollte man der serbischen Regierung zeigen, was ihr drohe: denn daß unter diesen Um- ständen die abgebrochenen Verhandlungen über den neuen Handelsvertrag(der gegenwärtige erlischt am 28. Februar) nicht er- neuert werden dürften, daß vom 1. März an also ein regelrechter Zollkrieg entbrennen wird, ist klar. Von der Meistbegünstigung, die den beiden Staaten verbleibt, haben aber alle beide wenig oder nichts. Serbien überhaupt nichts; denn seine Ausfuhr nach Oester- reich- Ungarn besteht zum überwiegenden Maße aus Vieh, und zu diesem Export braucht es eine Veterinärkonvention: und Oesterreich- Ungarn hat von der Meistbegünstigung wenig; denn ohne vorteilhafte Vertragszölle, die seinem Export angepaßt sind, ist es der Konkurrenz Deutschlands und Italiens nicht gewachsen. Natürlich steht für Serbien�weit niehr auf dem Spiele als für Oesterreich-Ungarn; denn Serbien ist mit seinem agrarischen Ueber- fchuß nach der geographischen Lage eben ganz aus Oesterreich-Ungarn angeloiesen: von seiner Gesamtausfuhr(66 Millionen Dinars) gehen Über 88 Proz.(55,1 Millionen Dinars) nach Oesterreich. Im vorigen Jahre sind von Serbien nach Oesterreich allein für 44,2 Millionen Kronen Schlacht- und Zugvieh(52 647 Ochsen und 112 511 Schweine) eingeführt worden— was freilich auch beweist, daß die Unter- bindung dieser Einfuhr in Oesterreich leicht zu einer Verteuerung der Fleischnahrung führen kann. Die Bedeutung des serbischen Einkaufmarktes für Oesterreich-Ungarn(oder richtiger: ftir die Industrie Oesterreichs) ist natürlich geringer. Immerhin beträgt die Ausfuhr nach Serbien etwa 32 Millionen Kronen(die Steigerung im legten Jahre ist 8 Millionen): im Budget der industriellen Ausfuhr kein geringer Posten. Zur empfindlichen wirffchaftlichen Störung, die natürlich auch ihre große politische Bedeutung besitzt, hat ebenso der Uebermut Serbiens wre die geradezu unglaubliche Ungeschicklichkeit des Grafen Goluchowski. des Leiters unserer sogenannten auswärtigen Politik, beigetragen. Der Ursprung des Konflikts liegt in einem etwas sonderbar gearteten Vertrage zwischen Serbien und Bulgarien, den einstigen Rivalen auf dem Balkan, die jetzt sehr intim verbündet sind. ES ist eine Zollunion, die die Zollschranken zwischen Serbien und Bulgarien niederreißt, während sie beide gegenüber dem Auslande selbständige Wirtschaftsgebiete bleiben. Den Pflichten der Meistbegünstigung(die Bulgarien schon durch den Berliner Vertrag auferlegt sind) scheint die Zollunion einigermaßen zu widersprechen; da aber der Viehverkehr ausdrücklich von der Union ausgenommen ist,(weil sonst tatsächlich Bulgarien an der Viehkonventron, die Oesterreich-Ungarn mit Serbien schließt, partizipieren würde), so hat die Sache eigentlich keine Bedeutung, wie ja überhaupt die„Union" zum größten Teil nur eine auf dem Balkan landesübliche Auffchneiderei ist. Die Pointe liegt nun aber darin, daß die Sache vor Oesterreich- Ungarn geflissentlich verheimlicht wurde, wohl mit der bewußten Absicht, den, unbeliebten Oesterreich einen Tort anzutun. Das war für den wackeren Goluchowski eine doppelte Blamage: erstens weil die Verheimlichung gelang, und zweitens, daß sie überhaupt gewagt wurde— denn Graf Goluchowski fühlt sich sozusagen als den geborenen Bormund der kleinen Balkanstaaten, insbesondere Serbiens, das.wir" bekanntlich einst vor dem Battenberger„ge- rettet" haben— wobei man übrigens zugestehen muß, daß die Be- Handlung, welche Bulgarien und Serbien der Großmacht angedeihcn ließen, nicht gerade von Respekt zeugte. Eine überlegene und überlegende Staatökunst hätte nun unschwer den voreilig geschlosienen Unionsvertrag zu einer für Serbien sehr empfindlichen Verlegenheit gestaltet; denn Serbien braucht den Vertrag mit Oesterreich tatsächlich sehr dringend und wäre— hätte man in Wien einen Augenblick stolze Würde erheucheln können— bald sehr weich geworden. Tatsächlich ließ die serbliche Regierung sofort in Wien erklären, sie sei bereit (daS hätte sie sich mit Bulgarien bedungen), alle von Oesterreich gewünschten Abandeninge» der Union vorzunehmen, nötigenfalls selbst de» gauzen Unionsvertrag. der in der bulgarischen Sobranje bereits angenommen, der serbischen Skuptschina aber noch nicht vor- gelegt ist. fallen zu lassen. Graf Goluchowski wollte aber feine Blamage durch„Energie" wettmachen und die unbot- mäßige serbische Regierung demütigen. Er verlangte also den glatten und sofortigen Verzicht auf die Union. Natürlich hatte die unzeitgemäße und falsche Energie die entgegen- gesetzte Wirkung. Serbien erklärte,»ur jene Aenderungen der Union zuzugestehen, die sich bei den Verhandlungen mit Oesterreich „herausstellen". Goluchowski begehrte, schon recht kleinmütig, die Abänderungen, die Oesterreich bezeichnen werde, und der Schluß war. daß die Regierung des Königs Peter die Verhandlnngen mit der pathetischen Erklärung abbrach, ihre„Würde" verbiete ihr. zu leisten, was Oesterreich-Ungarn von ihr begehre. Die serbischen Unterhändler sind von Wien abgereist, und der Zollkrieg hat mit der Grenzsperre begonnen. Politisch bedeutet die Sache, daß Oesterreich- Ungarn auf dem Balkan um jeden Einfluß gekommen ist. insbesondere daß cS an Bulgarien und Serbien, deren Eifersucht sonst seine Stärke war. ganz entschlossene Feinde hat. Das will gewiß nicht wenig in einem Augenblick bedeute», wo Oesterreichs Nebenbuhler, Rußland, so gründ- lich zusammengebrochen und jedes Einflusses— ja jeder Anteilnahme an den orientalischen Dingen beraubt ist. An dieser Mißachtung der einstigen orientalischen Großmacht haben natürlich die inneren Wirren der dualistischen Monarchie den größten Anteil; ein Staat erwirbt sich schwer Ansehen nach außen, wenn im Innern alles kreuz und quer gebt. Immerhin hat auch die besondere Unfähigkeit des Grafen Goluchowski zu diesem gräßlichen Fiasko beigetragen; denn Goluchowski treibt eine Politik, die zwischen lächerlicher Untätigkeit und kindischer Geschäftigkeit hin- und herschwankt. Freilich ist eine Politik, die nie das Tageslicht erlebt(sie tritt eigentlich nur im Ausschüsse der berühmten Delegationen auf), in sich lebensunfähig und mußte allmählich verdorren. Wahrscheinlich wird Goluchowski den serbischen Konflikt nicht überleben; er wird— wenn auch nicht sofort(denn so rasch schießt der alte Kaiser nimmer), doch in abseh- barer Zeit vom Schauplatz verschwinden.— Tabakarbeiter-Kongrest. Berlin, den 30. Januar. Der Kongreß setzte heute früh die gestern begonnene Diskussion der Tabaksteuervorlage und der Tabakarbeiterverhältnisse fort. Gerlach-Achim: In den Fabriken werde 11 Stunden, in der Hausarbeit bis zu 13 und 14 Stunden gearbeitet. Sehr schädlich wirke die Gefängnisarbeit. Blohme-Bremen: Wenn seitens der Fabrikanten immer darauf hingewiesen werde, daß in dem Bremer und Hamburger Gebiet von manchen Arbeitern ein verhältnismäßig hoher Arbeitsverdienst er- zielt werde, so verschweige man dabei, daß das nur dadurch ermöglicht Iverde, daß Frau und Kinder von früh bis spät mitschuften müssen. Die Frau verloddere die Hauswirtschaft und arbeite, sowie sie aus dem Bett gestiegen sei bis in die Nacht hinein. Es sei kaum glaublich, in welchen Räumen die Arbeiter Hausen; das seien kein« menschlichen Wohnräume mehr, sondern Spelunken. Wenn die Regierung sich den Luxus erlaube, die Panzer und Torpedos auf dem Meere herum- gondeln zu lassen, dann sollte sie den Leuten, welche ihr Vergnügen daran hoben, die Kosten auferlegen. Bei Trinkgelagen und allen möglichen Anlässen werde betont, daß in erster Reihe das Blühen und Gedeihen der Industrie bei der Regierung im Auge behalten werden solle. Das sei auch kürzlich erst wieder geschehen, obwohl mau den Gesetzentwurf, der berufen sei, eine ganze Industrie zu ruinieren, bereits in der Tasche hatte. Solle da die Arbeiterschaft derartige Versicherungen der Regierungsvertreter noch ernst nehmen? Schüler-Bremen spricht das Bedauern aus, daß die Arbeiter der Nebengewerbe der Tabakindustrie so mangelhaft organisiert seien, so daß sie nicht imstande seien, sich ausreichende Löhne er- kämpft» zu können. Haberland-Deuben b. Dresden: Es sei bedauerlich, daß die Regierung die Wahrheit nicht hören wolle. Wenn die notleidenden Agrarier, die Scharfmacher oder Jnnungsmeister tagen, dann seien gleich so und so viele Geheimräte da. Aber wenn es sich um arme Tabakarbeiter handele, dann sei es etwas anderes. Da halte man es nicht ftir nötig, sich vertreten zu lassen. Nicht genug, daß mau jetzt alle Lebensmittel verteuert habe, wolle man auch noch der Ar- beiterfchaft die Arbeitsgelegenheit rauben. Wvlff-Verden: In Verden gebe es 556 Zigarrenarbeiter. Der Verdienst schwanke zimschen 10 und 30 M. pro Woche. Vor einigen Jahren sei von sehr hoher Stelle der Ausspruch getan worden: Zucht- Haus dem, der Arbeiter an freiwilliger Arbeit hindere. Und jetzt komme die Regierung und wolle taufenden Arbeitern die Arbeit nehmen. Die Arbeiter seien nicht dazu da, der Regierung die Mittel herzugeben zu ihren„militärischen Purzelbäumen".(Heiterkeit und Beifall.) Kadner-Zchdenick: Sehr zutreffend sei gestern schon gesagt worden, daß eine Regierung, die derartige schamlose Forderungen an die Arbeiter stelle, nicht wert sei, daß sie am Ruder bleibe.(Sehr richtig! Beifall.) Sommer-Goldberg i. Schles.: Im Tabakgewerbe sei die Zahl der beschäftigten Krüppel besonders groß. Es wäre wünschenswert gewesen, darüber eine Statistik hier auf dem Kongreß vorzuführen, damit der Regierung vor Augen gehalten würde, wie frivol sie handele, wenn sie diese ärmsten Elendsgestalten noch weiter zu schröpfen suche.(Stürmischer Beifall.) Alles andere sei währ, als das, was Frhr. v. Stengel im Reichstag über die gestiegenen Löhne der Tabakarbeiter gesagt habe.(Lebhafte Zustimmung.) Die Lage der schlesischen Tabakarbeiter sei viel trauriger noch als die der Weber. Mit 7 bis 8 M. Wochenverdienst müssen viele Tabakarbeiter ihre Familien ernähren.(Hört! hört!) Man könne sich das Elendsdasein solcher Familien denken!(Lebhafter Beifall.) Max Müller-Berlin(Zigarettenarbeiter): In Berlin müsse ein Zigarettenarbeiter 120 bis 130 Stunden wöchentlich arbeiten, inn ein menschenwürdiges Dasein führen zu können. Frhr. v. Stengel sollte mal in Bevlin im Scheunenviertel sich einige Zigarettenarbeiter. Wohnungen ansehen, dann würde er anders denken. Das Zentrum sollte bedenken, daß gerade die billigen Pfennigzigaretten stark in den von ihn, vertretenen ländlichen Wahlkreisen im Westen geraucht werden.(Beifall.) Buhl-Bcrlin widersprach der Ansicht der Regierungsvertreter im Reichstage, daß der Tabak eine Mehrbelastung ertragen könne. Schlüter-Bielefeld: In der westfälischen Tabakindustrie sei die Ausbeutung der Familien allgemein üblich. Es würden dort 7000 Schullinder in der Heimarbeit mit beschäftigt. Ihm liege eine Lohnstatistik vor, danach habe ein einzelner junger Mann bei 100 Stunden Arbeit 12 M.. also pro Stunde 12 Pf. verdient, und eine Familie, bestehend aus Mann, Frau und drei Kindern, zusammen 18 M. in einer Woche.(Hört!) Die westfälffchen Delegierten seien zu der Meinung gelangt, daß die Tabakarbeiter mit ihren 500 bis 600 M. Jahreseinkommen sich an allerletzter Stelle zu Schlacht- opfern eigneten. Graebcncr-Hanau: Als die Reichsregierung ihre Enquete ver- anstaltetc, sei er auch zugezogen worden und habe erklärt, daß die Zustände in der Tabakindustric nicht schwarz genug geschildert iverden könnten; da sei aber ein westfälischer Arbeiter aufgetreten und habe erklärt, daß die Tabakarbeiter nicht am Bettelstab ständen und daß die Heimarbeit keineswegs schädlich wirke.(Lachen.) Dieser Ar- beiter sei nicht wie ein ftcier Mann aufgetreten, sondern wie ein Rekrut, stramm mit den Häicken an der Hosennaht.(Ahal Gc- lächter.) Älaundorf-Frankenberg i. Sachs.: Die Lohnverhältnisse der Tabakarbeiter seien in Sachsen ebenso niedrig wie in Schlesien und Westfalen, und Frankenberg habe die schlechtesten Löhne aufzuweisen. Krausc-Finsterwalde führt die dottigen Lohnzahlen als Gegen. beweis für die Behauptung des Reichsschatzsclrctärs vom Steigen der Tabakarbeiterlöhne an. (Nachmittagssitzung.) Zur Berichterstattung über die heutigen Beschlüsse der Tabaksteuer- kommission erhält das Wort v. Elm: Die Erhöhung der Tabaksteuer habe die Reichstags- kommisfion einstimmig heute früh abgelehnt.(Stürmisches an- dauerndes Bravo l) Damit sei allerdings das Gesetz noch keineswegs als gescheitert zu betrachten.(Ruf: Leider!) Von konservativer Seite sei angekündigt worden, daß man zur zweiten Lesung einen Konchromißantrag vorbereiten wolle.(Ahal) Wahrscheinlich handele es sich um den Antrag, den Steuersatz auf Rohtabak von 35 auf 100 M. zu erhöhen. Er sei zwar der Meinung, daß auch diesem Antrag die große Mehrheit der Kommission ihre Zustimmung ver- sagen iverde.(Bravo I) Eine Erhöhung habe die Kommission allerdings heute beschlossen: die Erhöhung auf feingeschnittenen Tabak von 170 auf 320 M., fteilich sei die Mehrheit keine sehr große gewesen. Abgelehnt hätten sie auch den höheren Zoll auf Importen. d. h. alle eingeführte Zigarren. Man habe den Sozialdemokraten diese Position damit mundgerecht zu machen gesucht, daß man meinte, es würde ja hiermit auch das Interesse der Tabakarbeiter gewahrt.(Lachen.) Die Sorge für das Wohl der Arbeiter von dieser Seite sei ja rührend(Heiterkeit); sie hätten den Herren denn auch gesagt, daß sie bei anderer Gelegenheit deren Fürsorge für das Wohl der Tabakarbeiter in Anspruch nehmen wollten. Hier handele es sich um ein sehr minimales Interesse für verschwindend wenige Arbeiter und es sprächen andererseits mancherlei gewichtige Bedenken gegen den Zollsatz. Man habe allen Anlaß, sich gegen Wertzölle zu wehren. Weiter habe die Kommission aber noch einige Erleichterungen gegenüber den heutigen Sätzen beschlossen.(Beifall.) tMorgen früh gehe es mm an das Zigarettensteuergesetz. Für die Zigaretten sei die Situatton weniger günstig. Es ftage sich aber doch, ob dieses komplizierte Gesetz die Zustimmung der Kommission finden werde. Er halte die Zigarettenpapiersteuer technisch für unausführbar. Die Zigarrenarbeiter dürften sich durch die für sie günstige Situation nicht in ihrem Widerstand gegen das ganze Gesetz ermatten lassen. Auch sie seien an der Zigarettensteuer ebenso interessiert wie die Zigarettenarbciter(Beifall), denn ivenn es der Regierung gelingen sollte, hier ein irgend mögliches System aus- zuklügeln, werde sie in einigen Jahren sicherlich auch mit einer Zigarrenfabrikatsteuer kommen. Noch sei bis zur zweiten Lesung ja genug Gelegenheit zum Kuhhandel. Wegen der beschlossenen Er- Mäßigungen waren die Regierungsvertreter sehr ttaurig gestimmt und meinten: dann kommt ja schließlich noch weniger heraus als vorher.(Heiterkeit.) Der Reichsschatzsekretär habe auch heute Ivieder erklärt, daß es nicht die Absicht gewesen wäre, Industrielle und Arbeiter durch die Vorlage irgendwie zu belasten.(Gelächter.) Man habe nur eine leichte Belastung der Konsumenten im Auge gehabt. Von konservativer Seite sei der Mehrheit gesagt worden Sie sind ja römischer als Rom, denn die Tabakindustriellen wären ja selbst geneigt, einen Teil der Steuern zu bewilligen. Sie hätten die Herren. aufgefordert, doch die Namen dieser Industriellen zu nennen.(Sehr gut!) Es könnte ja möglich sein, daß ein Großindustrieller hoffe, durch die Niederzwingung der kleinen Konkurrenz ein große? Geschäft zu machen. Das kapi- talisttsche Interesse eines einzelnen Großindustriellen lasse sich doch aber unmöglich indentifizieren mit dem Interesse der Industrie und Arbeiterschaft.(Lebhafte Zusttnnnung.) Er habe heute auch wieder hervorgehoben, daß seitens der Industrie nicht eine Stimme für die Erhöhung laut geworden sei, eher würde man sich für Herabsetzung aussprechen, aber daran sei heute nicht zu denken. Die Regierung habe förmlich geweint, als sie sah, wie ihr in der Kommisston, alle die schönen Melonen aus ihrer Vorlage weg- geschwommen.(Heiterkeit.) Sie habe förmlich gebeten, ihr doch wenigstens etwas zu bewilligen. Na und wenn die Regierung schön bitte, dann bleibe das bei ihren Abgeordneten nicht ohne Einfluß. Deshalb sei es nötig, daß die Tabakarbeiter auch weiter fest zu- sammenstehen, damit den Vertretern ihrer Wahlkreise das Rückgrat gestärkt werde.(Stürmischer Beifall.) Sillier-Berlin giebt die Versicherung ab, daß das lithographische Gewerbe, Arbeitgeber und Arbeiter, mit aller Entschiedenheit gegen die ganze Vorlage austrete.(Beifall.) Tausende Existenzen seines Gewerbes seien an der Erhaltung der Zigarren- und Zigaretten- industrie interessiert, da sie die Ettketten und Reklamen herstellten. (Lebhafter Beifall.) Crohn-Speyer: Der Reichsschatzsekretär babe gemeint, daß die eventuell arbeitslos werdenden Tabakarbeiter in der Landwirtschaft Unterkunft finden würden. Bekanntlich seien die Krüppel und Schwachen bei Arbeitsmangel stets die ersten, welche entlassen würden. Und diese sollten bei der schweren Landarbeit Verwendung finden? Von einem Minister sollte man doch annehmen, daß er über die tatsächlichen Verhältnisse orienttert sei. Oder wolle man der Arbeiterschaft Sand in die Augen streuen? Es berichten dann noch Eckert- Bremen, Schmidt-Schwedt, Pieper- Spandau, Kusche- Neumark i. Schl., H u g- Würzburg, Hoffmann- Leipzig. Von allen � Seiten wird übereinstimmend über Schmutzlonkurrenz und Ausbeutung in der Heimarbeit, über Kinderausbeutung. Lehrlingszüchterei sowie ungenügenden Verdienst und übermäßige Arbeitszeit geklagt, über schwere Mißstände in der Hausindustrie namentlich von dem Leipziger Bettreter. Der Vorsitzende Bormann-Dresden begrüßt die als Gäste er- schienenen Reichtagsabgeordneten Genoffen Frohme, Lesche und F ö r st e r, letzteren zugleich als Kollegen.(Bravo I) Patzig-Dresden: Er wolle sich jetzt einmal mit den Herren Aerzten beschäftigen, die täglich Gelegenheit haben. daS soziale Elend in den Hütten der Heimarbeiter anzusehen, die aber nichts dagegen einwendeten. Die Herren seien ja auch Hausärzte bei den Fabrikanten. Grntowski-BrcSlau beklagt sich über die schlechte Behandlung der Tabakarbeiter in einzelnen BreSlauer Fabriken. Da höre man Worte wie:„Lumpengesindel",.Lausepack",„die Hundepeitsche gehört Euch auf den Rücken". Und das müßten sich Arbeiter gefallen lassen, welche mit 9—10 M. Lohn pro Woche heimgehen.(Pfui!) Bloecke- Schwerin in Posen: Im Osten, wo man soviel für die Erhaltung des Deutschtums zu tun vorgebe, seien die Lohn- Verhältnisse so schlecht wie nirgends sonst. Ein verheirateter Mann verdiene dort 10 bis 11 M. im Durchschnitt, oft auch nur 6 biS8M. wöchentlich. Davon solle der Mann Frau und Kinder ernähren. Besonders blühe im Osten die Lehrlingszüchterei. Hellcr-Oggerstein(Hessen) teilt mit. daß sie sich mit einer Anfrage an den Abgeordneten ihres Wahlkreises Frhr. v. Hehl gewendet.(Aha!) Herr v. Hehl habe geantwortet, er habe es immer als Ehrenaufgabe betrachtet, die berechtigten Interessen des Arbeiterstandes zu ver- treten. Auch in der Tabakftage sei sein ganzes Interesse bei den Arbeitern, zu welchen er aber auch die vielen tabakbauenden Klein- banern rechne. Die starken Schultern der holländischen Plantagen- besitzer verdienten aber das Hauptgeld der Raucher, während die schwachen Schultern unserer Bauern stark belastet seien. Er werde demnächst in Weinheim und Bosch erscheinen und hoffe sich mit den Arbeitern und Bauern verständigen zu können."(Lachen.) Schlagmann-Jauer: Der Abgeordnete seines Kreises Dr. Hermes (frs. Bp.) habe den Arbeitern erklärt, daß er gegen die Tabaksteuer in jeder Form stimmen werde.(Lebhafter Beifall.) Oldzyn-Vlotha führt aus, daß der Tabakarbeiter gezwungen sei, seine eigenen Kinder auszubeuten. So habe er seinen Kindern Märchen erzählen müssen, bloß damit sie wachblieben und ihm das Material verarbeiteten.(Höttl Bewegung.) Vorsitzender Börner-Berlin: Er habe dem Kongreß eine traurige Mitteilung zu machen. Es sei ein Vertreter der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine angemeldet gewesen. Derselbe sei jedoch nicht er- schienen; wie aber aus einer Anzeige in der Zeitung zu ersehen sei. sei derselbe am Sonnabend auf dem Wege z» seiner Wohnung ans der Treppe vom Schlage gerührt worden und verstorben. Zum Zeichen des Beileids erheben sich die Delegierten. ES folgten dann noch Berichte von K n a u p- Großhanftn. Täp lex-Hanau, Engler- Görlitz, Eb b en- Schambeck und Plotz-Schönlaake. Die Verhandlungen werden um 7 Uhr auf Mittwoch früh S Uhr vertagt.___ Soziales» Bom Bauräubertum. Unstreitig herrscht auf keinem Gebiete industrieller Betätigung mehr Gaunerei als im Baugewerbe. Daß mit Hülfe von Stroh- Männern Bauten hervorgezaubert werden, die später in den Besitz der Geldgeber übergehen, ohne daß alle Forderungen der Banhand- werker und Arbeiter beglichen sind, ist eine bekannte Tatsache. Der «Deutsche Oekonomist" veröffentlicht nun einen Artikel, der das Bau- Unternehmertum in Schutz nimmt und ziemlich allgemein die Hand- Iverlsmeister als die schlimmsten Gauner charakterisiert. In einer Zuschrift wird in einem speziellen Falle dargelegt, wie gemogelt wurde. DaS Blatt selbst sagt dann dazu: „Jeder, der sich ein Haus bauen' läßt und dasselbe selbst bc- wohnt, wird von derartigen Tricks der Handwerker zu erzählen wissen; sie kontrahieren für gute Leistungen und liefern schlechte. was erst nach Jahr und Tag entdeckt wird, weil die Kontrolle bei fcett Bauten stets mangelhaft ist. Bei den großen Spekulation? bauten, welche rasch ihren Eigentümer wechseln, werden derartige Liederlichkeiten und Betrügereien nicht mehr beachtet, weil man daran gewöhnt ist und damit von vornherein gerechnet hat und weil ein Rückgriff gegen die Schuldigen doch fehlt. Und nun ist man mit aller Gewalt darauf verpicht, diese betrügerischen Handwerksmeister in besonderen Schutz zu nehmen! Aber das ist insofern willkommen zu heißen, als, Ivie wir früher nachgewiesen haben, das Gesetz die Folge haben würde, das Bau geschäft großen Gesellschaften in die Hände zu spielen, welche vielleicht teurer, sicher aber solider arbeiten würden." Bezüglich der Meinung, die Handwerksmeister würden geschädigt, bemerkt der„D. Oe.": »Wir haben an dieser Stelle schon mehrfach darauf hingewiesen, daß diese Anschauungen unrichtig sind, indem die„braven" Hand- werker, welche die Arbeiten im Tagelohn ausführen, dafür auch stets ihren Lohn erhalten, daß aber die Handwerker-Unternehmer, zu derenGniisten das Gefetz glant ist, entlveder im Einverständnis mit dem Bauunternehmer oder auf eigene Faust unterwertige Arbeiten statt der kontrahierten und reell"bezahlten reellen Arbeiten liefern und sich so überreich dafür schadlos halten, wenn sie einmal einen Ausfall erleiden. Wir führten auch beispielsweise an, daß ein Klempnermeister mit einem der elegantesten Gespanne in Berlin hermnfährt." Danach schwindeln und mogeln die Handwerksmeister entweder auf eigene Faust, oder im Einverständnis mit den Bauunter nehmern.— Jedenfalls ist die Gauneret Prinzip I Da bleibt noch die Frage: wer trägt denn die Kosten der Räuberei? Wenn sich die Handwerksmeister schadlos zu halten wissen, dann sind lediglich die Bauarbeiter die Geplünderten. Diese werden um hunderttausende Mark Arbeitslöhne beschwindelt und infolge des liederlichen Bauens außerordentlichen Gefahren für ihr Leben und ihre Gesundheit aus- gesetzt. Biele Schiedsgerichtsverhandlungen und jedes Gewerbegericht könnte darüber recht reichhaltiges und interssantes Material liefern. Ein Schutz der Bauarbeiter ist daher unbedingt erforderlich. Daß gewaltige Summen bei den Bnw schwindeleien ergaunert werden, geht schon aus der Meinung des zitierten Blattes hervor, daß bei solidem Gebaren eine Verteuerung der Bauten eintreten werde. Die von dem „D. Oe." ausgestellten Behauptungen sind so krasser Natur, daß sich die Oeffentlichkeit damit beschäftigen muß. Unserer- seits wollen wir bei dieser Gelegenheit wieder eine andere— Mogelei, die im Baugewerbe vielfach verbreitet ist, hervorheben. Viele Unter- nehmer kassieren wohl die Beiträge für die Krankenkassen ein, unter- lassen eS aber, die Arbeiter anzumelden— sie stecken die Arbeiter- beitrüge in die eigene Tasche! Die Krankenkassen wissen von solchen Mogeleien manches Liedchen zu singen. Selten gelingt es, die be- trügerischen Leute vor den Strafrichter zu bringen. Wenn es aber glückt, dann fallen die Strafen so lächerlich gering aus— wie wir kürzlich noch an einer Reihe Beispiele nachwiesen— so daß sie nicht abschreckend, sondern als eine Art Prämie für Betrügereien wirken. Den Bauschwindel könnte ein Gesetz erheblich eindämmen, das jeden für die Materialien und die Arbeit zivilrechtlich verantwort- lich macht, der die aufgewendete Arbeit oder die Materialien in seinem Nutzen venvendet. Der Hinterziehung der Krankenkassengelder kann ebenso wie den ungeheuer vielen Bauunfällen erheblich gesteuert werden, wenn eine Vereinheitlichung der Krankenkasseil- und Ver- sicherungsgesetzgebung mit wirklicher Selbstverlvaltniig geschaffen, wenn aus allen Kreisen entnommene Laien an Stelle gelehrter Richter fungierten und endlich, wenn den Arbeitern endlich die Baukontrolle zugestanden würde. Ist der heutige Staat ohnmächtig gegen Schwindler und Betrüger jeder Art, sobald diese dem Unter- nehmertum angehören? Ein Bauarbeiterschntzgesetz sowohl zum Schutze des Lebens und der Gesundheit der Arbeiter sowie zum Schutze gegen schlvindelhafte Fortnahme ihres Lohnes und zum Schutze mancher Handwerker tut dringend not. Unfallhäufigkeit. In den einzelnen Industrien verteilt sich nach dem amtlichen Nachweis über die Rechnungsergebnisse der Berufs- genossenschaften für das Jahr 190i die Uufallhäufigkeit wie folgt. Es kamen auf 100 Vollarbeiter:_ Gruppen der Berufsgenossenschaft. Bergbau.'... Steinbrüche... Glas, Töpferei, Ziegelei.... 4. Eisen und Stahl. 0. Metall, Feinmecha- nik, Musikinstruin.. 0. Cheniie..... 7. Gas- u. Wasserwerke 8. Textilindustrie.. 9. Papier u. Buchdruck 10. Leder u. Bekleidung 11. Holz..... 12. Nahrungsmittel.. 13. Müllerei, Zucker, Brennerei, Brauerei, Mälzerei.... Bauwesen.... Vriv. Bahnbetriebe Spedition u. Lagerei Binnenschiffahrt.. Seeschiffahrt... Verletzte Personen, für welche im Laufe des Rechnungsjahres zum erstenmal Ent- schädigungen festgestellt bezw. bezahlt wurden Im Rechnungsjahr 1897 1398 I.Bergbau. 12,09! 12,77 12,10 12,19 13,06 2. Steinbrüche... 11,91 11,38 12,40 12,44 14,76 3. 5,12 8,92 4,67 7,76 5,14 3.25 4,68 3,07 11,77 3,12 1899 1900 1901 1902 1903 1904 5,13 9,76 4,85 7,09 5,39 5,13 4,30 3,57 12,07 2,84 10,51 10,26 11,1010,93 5,68 10,05 4,79 7,79 5,20 3,34 4,36 3,30 13— 3,28 11,12 11,16 6,56 14,97 11,73 9,02 6,40 10,07 5.— 8,39 5,42 3,45 4,61 3,62 12,93 3,40 10,97 10,95 5,83 14,54 11,74 8- 6,28 11,39 5,86 9,04 6,10 3,21 4,91 4,14 13,35 4,08 II— 11,71 7,07 16,60 13,84 7,30 13,53!l4, 59115, 46 15,33 14,91 14,83 6,42 6,03 6,56 10,47 10.5341.25 5,75 7,85 5,94 3,01 4,69 3,60 12,35 4,66 11,56 12,68 7,59 15,97 6,80 7,98 6,96 3,04 4,57 3,82 12,41 4,90 11,79 11,90 7,58 16,55 6,36 8,65 6,78 3,— 4,57 3,93 12,68 5,07 12,39 11,70 6,69 14,31 15,02 14. 15. Vriv. Bahnbetriebe! 5,42 16. Spedition u. Lagerei 14,15 14,48 17. Binnenschiffahrt.. 11,35 10,70,11,7311,7413,84 12,97:13,69! 18. Seeschiffahrt...| 8,95 8,0l1 9,02 8,- 7,30 7,67| 6,491 6,72 Bon der Heiinarbeiterausstcllung. Bürgerliche Abendblätter berichten über einen Besuch der Kaiserin am gestrigen Tage in der Heimarbeiterallsstellung folgendes: „Die Ausstellung der Heimindustrie wurde heute mittag von der Kaiserin besucht. Die Kaiserin wilrde von Fräulein Margarete Behin, der Vorsitzenden des Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen, durch die ganze Ausstellung geführt. Mit sichtlichem Interesse folgte die Kaiserin den Ausführungen ihrer Führerin. Sie war aufs höchste erstaunt über die geringen Löhne, die in in a n ch e n Fabrikationszweigen gezahlt werden. Als die Kaiserin nach fast einstündigem Aufenthalt sich verabschiedete, fragte sie Fräulein Behm noch, wie diese sich die Abhülfe denke. Die Antivort war, daß nach Ansicht der Mehrheit die Ein- f ü h r u n g von M i n d e st st ü ck l ö h n e n angestrebt werden müsse. Fräulein Behm bat die Kaiserin, bei dem Kaiser Fürsprecherin für die Heimindustriellen zu sein." Wir sind nicht in der Lage, die Richtigkeit dieser Darstellung zu kontrollieren, haben auch keinen Anlaß, sie zu bezweifeln. Daß die Kaiserin über die geringen Löhne erstaunt war, ist uns aber be- sremdlich. Ist doch über die Hungerlöhne nicht in manchen, sondern in allen Fabrikationszweigen der Heimarbeit so biel geredet, demonstriert und geschrieben, daß es schier unerfindlich erscheint, daß hierüber den Berichterstattern der Kaiserin bislang nichts bekannt tvar. Der große Heimarbeilerkongreß vom 7. bis 9. März 1904 und die erste Heiniarbeiterausstellung sollten eigentlich allen denkenden Menschen die Augen über das ungeheure Elend.bereits geöffnet haben, das in der Heimarbeit herrscht. Schutz den Heimarbeitern! ist ein Ruf der seit Jahrzehnten unter Darlegung der grenzenlosen Ausbeutung des Elends von sozialdemokratischer Seite erhoben ist. Jabr für Jahr ist im Reichstage und in der Presse, in öffentlichen und in gewerkschastlichen Versammlungen aufs eingehendste dargelegt. ivie dringend notwendig eine Ausdehnung des Arbeiters chutzcs auf die Hausin du st rie ist. Die furchtbaren hygienischen Gefahren, die den Heimarbeitern auS dem Mangel ausreichender, gesunder Arbeits räume erwachsen, die Verelendung infolge der übermäßigen Arbeitszeit, die enorm niedrigen Löhne, die Rechtlosigkeit infolge der Erschwerung der gewerkschaftlichen Organi- sation, die Versagung eines schnellen Rechtsschutzes durch Versagung der obligatorischen Ausdehnung der Gewerbe- gerichte auf die Heimindustrie, die Durchlöcherung der Versicherungsgesetzgebung durch Behandlung der Heim- arbeiter als selbständige Fabrikanten, die Versagung der Aus- dehuung selbst der kärglichen Schutzbestimmungen über Nacht- arbeit, Sonntagsruhe, Wöchnerinnenschutz, mangel- hafter Kinderarbeitsschutz usw. usw.— all das ist also den „oberen Regionen" unbekannt. Das hätte man ohne das oben wiedergcgebene Anerkenntnis der Kaiserin kaum annehmen dürfen. Wieviel E l e n d in den Perl-undSeidenstickereien der Damengarderobe, in der Gold- und Silberssickerei der Offiziersbekleidung, im Christbaum- schmuck usw. steckt, war also bislang diesen Kreisen unbekannt! Dies Zugeständnis mag dafür zeugen, daß der Ausstellungsplatz in der Nähe des Platzes für Ordensfeste recht zweckmäßig gewählt war. Aber einer ungeheuren Selbsttäuschung würde man sich schuldig machen, wenn man nun annähme, daß der Gesetzgebungsweg jetzt schneller beschritten werden wird. Das zeigt auch das, was Fräulein Behm über das„Anstreben" der Einführung von Mindeststücklöhnen als Mittel zur Linderung des Elends gesagt haben soll. Die Festsetzung der Lohnhöhe folgt anderen Gesetzen als denen, die von einer Gesetzgebung vorgeschrieben werden können. Aber lassen wir einmal die gesetzgeberische Schwierigkeit der gesetzlichen Festlegung eines Minimallohnes beiseite, so ist doch Voraussetzung eines Mindeststücklohns das Vor handensein und der Schutz starker Arbeiterorganisationen. Es würde ein Teil Schutz erreicht werden, wenn Zahlungen unterhalb einer von Gewerkschaften festgelegten Lohnskala nichtig wären. Hat Fräulein Behm mitgeteilt, daß statt des dazu erforderlichen Schutzes des Koalitionsrechts und der Gewerkschaften die herrschende Klasse zu deren Verfolgung und Be� einträchtigung tagtäglich die Staatsgewalt mobil macht? Die Festlegung eines Minimallohnes ist nur e i n Punkt, den der Heimarbeiterschutzkongreß e i n st i m m i g gefordert hat. Sind die übrigen, oben von nns mit hervorgehobenen Punkte dem Mit- gliede des Gewerkvereins unbekannt? Hat ferner die Vertreterin der Gewerkvereine die von ihr ge- leitete Besucherin der Heimarbeiter-Ausstellung nicht darauf auf- merksam gemacht, daß infolge der am 1. März in Kraft tretenden Erhöhung der Zölle der Arbeitslohn der Hein, arbeiter noch n, ehr gesenkt wird und daß diese künstliche Herabsetzung der Löhne die Mehrheit des Reichstages im Verein mit der Regierung im Reichstage durchgepeitscht hat? Eine von der Kaiserin besichtigte Heimarbeiterarbeit war ein von einem Textilarbeiter hergestelltes Band mit der Inschrift»Heil KaiserDir"— Lohn 19 Pfennige pro Stunde. Hus der frauenbe�egung. Wirtschaftliche Kämpfe der Arbeiterinnen in Oesterreich. Ter. berühmt gewordene passive Widerstand, welcher im November vom österreichischen Eiseirbahnpersoiial mit Erfolg ange tvendet worden ist, hat nicht nur bei vielen Beamtenkategorien rasch Verständnis gefunden, auch die Arbeiterinnen der k. k. Tabak äbriken haben sich dieses neue Kampfmittel zu eigen gemacht. Die Eisenbahner wendeten den passiven Widerstand so an, daß sie nur instruktionsmäßig" arbeiteten, das ist mit Anwendung aller Sicher heitsvorkehrungen zum eigenen und zum Schutze des Publikums, die 'onst nur auf dem Papier stehen. Die Tabakarbeiterinnen erklärten, solange weniger zu arbeiten, bis man ihre Forderungen erfüllen werde. Die Arbeiterinnen der Gödinger(Mähren) Tabakfabrik machten pro Tag um 500 Zigaretten weniger, um eine Lohnerhöhung durchzusetzen. Sie erreichten ihr Ziel. Ab 1. Januar er, halten sie den verlangten höheren Lohn. Alle Einschüchterungs versuche, Drohungen mit Disziplinaruntersuchung usw. scheiterten an der Standhaftigkeit und Solidarität der Arbeiterinnen. In zwei anderen Fabriken in Budweis und Tabor, beide in Böhmen, vereinbarten die Arbeiterinnen, jede Woche um 2000 Zigaretten weniger zu erzeugen, d. i. 23 000 anstatt der vorgeschriebenen 30 000. Sie wollen eine Herabsetzung der Arbeitsleistung und eine Lohn erhöhung erreichen. Beide Forderungen sind berechtigt. Hat doch 'elbst ein Fabrikarzt öffentlich erklärt:„Wenn di: Arbeite- rinnen noch zwei Jahre 30 000 Zigaretten in der Woche machen, werden sie alle krank, nervös im höchsten Grade sind sie ohnedies scho n." Das Bestreben der Fabriksleitungen geht dahin, die Arbeite- rinnen zu immer höheren Arbeitsleistungen anzutreiben. Sie er- reichen dies zum Schaden der Gesundheit der Arbeiterinnen. Jetzt endlich lvehren sich diese. Die Ausbreitung der Organisation und nicht zuletzt die leidenschaftliche Wahlrechtsbe- wegung, haben die Arbeiterinnen aufgerüttelt; ihre beginnende Erkenntnis äußert sich vor allem in dem Verlangen nach einer Besse- rung ihrer wirtschaftlichen Existenz. In Tabor und Budweis dauert der passive Widerstand noch fort. Es haben sich wohl einige Ar- bcitcrinncn gefunden, die wankend wurden, sie wurden von ihren Kolleginnen eines„Besseren" belehrt. Auch hier handelt es sich um eine Lohnerhöhung und Verminderung der Arbeitsleistung. Voraus- ichtlich lvird auch in diesen Fabriken das gewählte Kampfmittel zum Ziele führen. Seit dem 1. Januar d. Js. ist auch die Arbeitszeit in den Tabaksabriken um eine Viertelstunde pro Tag verkürzt. Die Ar- beiterinnen hatten fabriksweise das Ansuchen an die Gcncraldirektion gestellt, ihnen den Sonnabendnachmittag ganz frei zu geben. Das wurde abgelehnt. Dann verlangten sie, anstatt jeden Tag um eine Viertelstunde früher aufzuhören, alle sechs Viertel- 'tunden auf den Sonnabend zu verlegen. Auch das wurde nicht gc- währt; die Arbeiterinnen sind aber nicht mutlos geworden und be- halten ihr Ziel, den freien Sonnabend n a ch m i t t a g fest vor Augen. Auch sonst gibt es jetzt eine lebhafte Bewegung um Verkürzung der Arbeitszeit. In einer H u t f a b r i k(Brüder Böhm) streiken neben 300 Arbeitern gegen 600 Arbeiterinnen. Der N e u n st un de n ta g ist das Ziel, um das gekämpft wird. Eine Lohnforderung wird gegenwärtig nicht gestellt, obwohl die Ar- beiterinnen unglaublich ausgebeutet tvcrden. Sie erhalten bei zehn- tündiger Arbeitszeit einen Taglohn von 65 Kreuzer; erst nach 'ieben Jahren bekommen sie 90 Kreuzer pro Tag. Dann streiken neben 200 Arbeitern 300 Arbeiterinnen der Seide nappreturfabrikc n. N e u u st u n d c n t a g heißt auch hier die Hauptforderung. Die Löhne der Arbeiterinnen sind auch hier schandvoll niedrig. Arbeiterinnen, die an den Apprd- urmaschinen arbeiten, bekommen 4 Gulden bis 5 Gulden in der Woche. Dieselbe Arbeit wurde früher von Männern gemacht ür einen Wochenlohn von 12 und 14 Gulden. O, wir glauben es den Unternehmern, daß ihnen die Frauen- arbeit unentbehrlich ist. Wo sonst fänden sie gar so billige Hände. Doch es wird anders tverden. Das Erwachen beginnt, auch bei den Arbeiterinnen, und damit beginnt der Kamps gegen die Aus- bcutung. Ein schwerer, mühevoller und opferreicher Kampf, aber er wird gekämpft werden. Charlottenburg. Der hiesige Frauen- und Mädchen-Bildungs- verein besichtigt Mittwoch, den 31. d. Mts., die Heimarbeit- ansstellung. Unter den Linden 84. Treffpunkt nachmittags 3 Uhr am Brandenburger Tor. Recht pünktliches und zahlreiches Erscheinen der Mitglieder sehr erwünscht! Säuglingssterblichkeit. In der Gesellschaft für soziale Medizin- Hygiene und Medizinalstatistik(Berlin) hielt Dr. Ä. Gottstcin vor kurzem einen Vortrag über Beiträge zur Geschichte der Kinder- terblichkeit. Wie er ausführte, begann erst ini 16. Jahrhundert die Gleichgültigkeit, die im Mittelalter gegen die Seuchcngefahr herrschte, abzunehmen. In Frankreich und England wurde durch Regierungserlasse und in Deutschland von den städtischen Behörden angeordnet, daß die Pfarrer nicht nur die Geburten und Sterbefälle, sondern auch die Todesursachen aufzuzeichnen hätten. Allerdings wurden diese Ergebnisse erst 100 Jahre später in statistischen Bearbeitungen ver- wertet. In London erschien das erste medizinal-statistische Werk im Jahre 1662. 200 Jahre später gab Grätzer Breslauer Listen- aufzeichnungen unter besonderer Berücksichtigung ihres statistischen Inhaltes heraus. Der Breslauer Arzt Kundemann veröffentlichte 1737 Kranken- und Sterbelisten verschiedener deutscher Städte. In allen diesen Listen sind die Angaben über die Todesursachen unzuverlässig. Aber es steht fest, daß akute Infektionskrankheiten, Lungenschwind- sucht und Säuglingskrankheiten Hauptursache der Sterblichkeit waren. Die Säuglingssterblichkeit ist im 17. und 18. Jahrhundert annähernd so hoch gewesen, wie heute, und auch damals hat der Tod unter den Knaben und unter den unehelich geborenen Kindern am furchtbarsten aufgeräumt. Auch in den Findelhauscrn war eine erschreckend hohe Sterblichkeit zu verzeichnen. Die Sterblichkeit unter den Kindern, die das erste Lebensjahr überschritten haben, ist seit dem 17. Jahrhundert allmählig, seit dem 19. Jahrhundert rascher gesunken. Dagegen ist die Säuglings- sterblichkeit im Verhältnis gestiegen. Heute ist die Kindersterblichkeit besonders in den Fabrikzentren eine überaus große. Alljährlich werden taufende kleiner Wesen im ersten� Lebensjahre dahingerafft. Nicht nur körperlich unentwickelte und schwache, auch kräftig ent- wickelte bleiben nicht verschont. Dr. Gottstein kommt zu dem Ergebnis, es sei eine der wichtigsten Aufgaben der modernen Hygiene, den Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit aufzunehmen. Gewiß kann durch Reformen auf dem Gebiete der Säuglingshygiene vieles erreicht werden. Solange aber proletarische Mütter durch 11- und mehrstündige Arbeitszeit entkräftet, ihrem Heim und ihren'Kindern entzogen tverden, solange sie durch unzulängliche Entlohnung nicht in der Lage sind, für sich und ihre Kinder ausreichende kräftige Nahrung zu beschaffen, solange wird der Kampf gegen die furchtbare Säug- lingssterblichkeit wenigstens in den Kreisen der am härtesten be- troffenen Prolctarierfamilicn fast ergebnislos bleiben. Die Vorträge über Heimarbeit wurden am Montag in der Aula des Friedrich-Werderschcn Gymnasiums fortgesetzt. Frl. Gertrud Dyhrenfurt sprach vor einem sehr zahlreichen Auditorium, fast nur aus Frauen bestehend, über:„Weibliche Heimarbeit". Nach Kennzeichnung der Heimarbeit nach Art und Wirkung, unter besonderer Berücksichtigung der Stellung der Frau in der Haus- industrie sowie nach einem Hinweise auf das typische Elend der Heimarbeit schilderte sie einige Berliner Beobachtungen in der Konfektion: Ein Küchengelaß. Wenig Platz für daS nötigste Gerät und die Nähmaschine. Ein Hängeboden, auf dem die Inhaberin, eine junge Witwe, mit ihren vier Kindern schläft und wohnt. Bei zwölfftündiger Arbeitszeit ein Nettowochenverdienst von 7 M. Mutter und Kinder wie bleiche Schatten.— Im nächsten Vorderhause die kinderlose Frau eines kaufmännischen Angestellten bei ähnlicher Arbeit. Sie gibt an, sich ohne Arbeit zu langweilen und die Arbeit um so lieber zu nehmen, weil sie sich— Theaterbilletts dafür kaufen kann. Der Zwischen- meister gebe ihr die Arbeit, da sie sie billiger machen könne wie andere.— Im Hinterhause desselben Grundstücks ein älteres Mädchen. Sie ist sehr verbittert:„Selbst bei libermäßigster Arbeitszeit muß man hungern!" In tiefster Erbitterung gegen Schicksal und Welt lebt sie dahin. Sie gehört zu den weiblichen Rebellen, die geneigt wären, bei jedem Straßenputsch mitzumachen.— Der Mann der nächsten, die besucht wird, arbeilet als Zimmermann. Er war aber fünf Monate arbeitslos. Sie näht Trikottaillen und verdient bei zehn bis zwölf- stündiger Arbeit mit gelegentlicher Hülfe der Rachbarsftau 7 bis 9 M.'die Woche. Die Küche ist als Schlafstelle vermietet. Das Arbeitsmaterial füllt die Stube.— Der nächste Besuch gilt einem gut gekleideten MädchetG Sie hat die Stube an einen Herrn ver- mietet, der nach ihrer Erzählung so gut zahlt, daß sie nur nebenbei etwas verdienen braucht. Es ist ohne weiteres zu verstehn, daß hier die Arbeit nur als Vorwand dient.— Die Männer von zwei weitern Heimarbeiterinnen verdienen regelmäßig. Die eine der jungen Frauen erklärt aber, ihren eigenen Verdienst, wenn er auch gering sei, für notwendig, um mal ein größeres Stück in der Wirtschaft anschaffen zu könuen, Kleider und Wäsche zu ergänzen usw. Die zweite komme bei der Heimarbeit trotz aller Anstrengung nur auf 6 bis 7 M., wo sie früher in der Werkstatt bis auf 12 M. kam.— Zuletzt bei eiildr Frau, der Elend und Kummer aus dem Gesicht schauen. Sie näht Tändetschllrzen. Der lungen- kranke Mann hilft ihr soweit es geht. Schlafburschen werden ge- halten, die Betten sind Mittags noch in Unordnung. Nachts schlafen in der Küche Frau, fünf Kinder und der lungenkranke Mann. Diese Frau denkt nicht mehr und kritisiert nicht mehr. Sie macht den Ein- druck eines hilflosen, abgehetzte» Tieres.— Man sehe, daß die Grundlage der Existenz bei der Heimarbeiterin eine sehr verschiedene sei. Viele seien nicht ganz allein auf sich an- gewiesen.— Vor allem zeige sich ein trauriges Mißverhältnis zwischen Lohn und Leistung. In Berlin schwanke der Jahresarbeit?- verdienst der Heimarbeiterinnen zwischen 300 und 500 M. Bei völlig fleischloser Kost würden aber 320 M. schon bloß für Ernäbrung gc- braucht. Wie sei es nun bei der alleinstehenden Frau, wenn das Geschäft gänzlich ruhe und die Gelegenheit ganz fehle? Die Ant- wart erteile ein Kenner der Verhältnisse:„Die alleinstehende Frau, die nicht gelegentlich unsittlichen Nebenverdienst habe, ist eine Aus- nähme". Und in amtlichen Ermittelungen der Regierung zu Erfurt heißt es: � soweit Näherinnen einen unsittlichen Lebenswandel führen, dürften sie durch den geringen Verdienst dazu verleitet sein.— So lange die Frau sich nicht durch ehrliche Arbeit ohne Ueberanstrengung eine anständige und gesunde Existenz zu ver- schaffen vennöge, liege eine schwere Schuld der Gesellschaft vor, die abgetragen werden müsse. Rednerin erörterte dann die verschiedenen Mittel zur Abhülfe aller Schäden der heutigen Heimarbeit. Die Vorschläge der freien Gewerkschaften, die auf eine völlige Beseitigung der Heimarbeit ab- zielen, finden nicht ihre Zustimmung und zwar mit Rücksicht a»f die Frau, während sie die Beseitigung der Heimarbeit für Männer möglich und wünschenswert findet. Sie würde einen Fortschritt darin sehen, wenn der Mann die er- werbende Einheit in immer iveiteren Kreisen Ivürde, und die Frau die Verwalterin und Erhalterin deS Erworbenen und die nnbchinderte Hüterin der Kinder. Aber solange auch das noch nicht erreichbar sei, möchte sie doch nicht die Mutter in der Heim- arbeitcrin durch die Fabrikarbeiterin ersetzt sehen, nicht die Frau, die jetzt zu Hause arbeitet, in die Fabrik treiben. Die Frau sollte in Gcmemfchaft mit den Rindern der Mittelpunkt des Hauses sein, die bindende Kraft des Familienlebens nicht geschwächt werden. Von diesem Grundlatz ausgehend, vertritt Rednerin den Standpunkr, daß die fchliinmen Begleiterscheinungen der Hausindustrie, die allerdings auch das Familienleben zersetzten, durch das Eingreifen der Gesetzgebung in folgender Richtung bekämpft werden müßten: Die Grundlage jeder Reform wäre die Verpflichtung der Arbeitgeber, die Housindustriellen anzumelden, und die Ver- pfiichtung der Heimarbeiter zur Anmeldung der Heimarbeit. Die Bestimmungen der Gewerbeordnung wären auf die Hausindustrie s o w e i t auszudehnen. als ein hausindustrieller Gebülfcnbetrieb stattfinde. Ausdehnung der staatlichen Versicheruugsgesetzgebung auf s ä nt t l i ch e Hausindustriellen. Die Gesetzgebung habe der Regierung m möglichst elastischem Rahmen(wegen der'Verschieden- arrigkeit der Verhältnisse) ein Berordnungsrecht zuzugestehen, durch das in sanitärer Beziehung nach verschiedenen Richttingen ein- gegriffen werden könne. Die Hausindustriellen sollten in Zukunft davor bewahrt werden, Wohnungen in der Weise zu enutzen, wie eS vielfach heute geschehe. Anforderungen an den Lust- räum. Reinlichkeit, Ventilation und dergleichen seien zu stellen. Und eS müßte die Möglichkeit geschaffen werden, daß b c st i in m t e direkt gesundheitsschädliche Produttionen in der Heimindustrie ganz ver- boten werden könnten. Dem Neucnt stehen ungeeigneter hau»« indufiriever ArkeitZstätten könnte dadurch vorgebeugt werden, daß, wer solche neu einrichten wolle, gezwungen würde, einen behördlichen Erlaubnisschein nachzusuchen, der nur bei Erfüllung gewisser Bedingungen zu erteilen sei. Ferner eine positive Wohnungspolitik.— Die größte Hauptsache aber wäre die gesetzliche Regelung der Lohnbewegung, d. h. Einführung gesetzlicher Mindestlöhne für die Heimindustrie. Inder Beziehung erinnert Rednerin an die australischen Lohnämter, die für bestimmte Industrien von Zeit zu Zeit die Mindestlöhne festsetzen, die dann gesetzliche Kraft haben. Unter den schwierigen Verhältnissen der Heimindustrie müßte das Gesetz leisten, was die Organisation der Arbeiter sonst unter günstigeren Verhältnissen erziele: die Hebung des Lohnes, die Beschränkung der L o h n k o u k u r r e n z, welche ja in der Hausindustrie so schreckliche Verwüstung anrichte.— Rednerin bittet, daß die, welche ihre Anschauungen noch nicht teilen, sie doch gründlich prüfen möchten. Versammlungen. Ter Zentralvcrband der Steinardeiter(FilialeBerlin I) beschäftigte sich am Sonntag mit den mit der Innung gepflegten Verhandlungen über den Tarif der Steinmetzen und Schrifthauer. Sieben, Buchmann u. a. gaben ein Bild von der betreffenden Sitzung. Statt der geforderten 83 Pf. Minimalstundenlohn will die Innung 80 Pf, bewilligen, das heißt 2 Pf. mehr als jetzt. Von der geforderten Abschaffung der Akkordarbeit für Steinmetzen will die Innung nichts wissen, obwohl die Akkordarbeit selten ist. Der Fünfuhrschlutz auf den Plätzen wurde ebenfalls abgelehnt. Ver- schiedcne Unterforderungen, wie: Regelung der Fahrgeldvergütung nach den Vororten, Festsetzung einer bestimmten Landzulage usiv., fanden auch keine Anerkennung bei der Innung. Wenigstens sträubt man sich dagegen, etlvas darüber schriftlich zu fixieren und genau festzusetzen. Die Forderung der Errichtung eines paritätischen Ar- beitsnachweises wies die Innung zurück mit dem Hinweis auf die Vermittelung durch die Jnnungsherberge. Auf die Klagen über Einstellung von Arbeitskräften nach Gunst verwiesen die Herren auf den Wieg der Beschtverde. Das Verlangen nach Be- Zahlung der Regenzeit, die man untätig auf der Arbeitsstätte ver- bringen mutz, hielt ein Meister durch die Erklärung für erledigt, daß„bezahlt bekomme, wer arbeite". Bezüglich der llnterkunfts- räume ließ die Innung erklären, sie wolle solche schaffen, die den gesetzlichen Anforderungen entsprächen.— Die von den Mitgliedern des Gesellenausschusses energisch vertretene Forderung, einen Ver- treter des Verbandes zu den Tarifverhandlungen hinzuzuziehen, wurde entschieden von den Jnnungsmeistern verworfen. Den Schrifthauern will die Innung die 80 Pf. Minimalstunden- lohn ebenfalls zahlen, außerdem bei Akkord den geforderten Preis von 25 Pf. für den Buchstaben. In der lebhasten Debatte kam die Mißstimmung der Ver- sammelten über das bisherige Ergebnis der Tarifverhandlungen zum Ausdruck.— Die Versammlung beschloß, die gestellten Forderungen aufrecht zu erhalten und den Gesellenausschuß zu beauftragen, auf Grund dieser Forderungen weiter zu verhandeln, sowie die Beschluß- fassung der nächsten Versammlung zu überlassen. Als Delegierte zur Gaukonfercnz in Stettin wurden W i n k l e r und Hanke gewählt.— Der Kassierer H i r t e gab die Abrechnung vom vierten Quartal 1905. Dem gedruckten Rechen- schaftsbericht über die Tätigkeit des Vorstandes und der Filiale im verflossenen.Fahre widmete der Vorsitzende Hanschke einige Ge- leitworte. Zu Beginn des Jahres 1905 zählte die Filiale 405 Mit- glieder, am Schluß des Jahres 487 Mitglieder.— Die Vorstandsneuwahl hatte folgendes Resultat: Hanschke, erster Vorsitzender; G l e d i t s ch, zweiter Vorsitzender; Schlemmbach, erster Kassierer; Hart mann, zweiter 5>assierer; Herzfeld, Schrift. führer.— Zu Revisoren wurden Marquard und G e u e ge. wählt. Stellmacher.(Deutscher Holzarbeiter verband.) In der am 25. Januar abgehaltmen Branchenversammlung erstattete der erste Obmann Henke den Bericht über die Tätigkeit der Branchenkommission im vergangenen Jahre. Aus seinen Dar- legungen geht hervor, daß die Kommission'ine erfolgreiche Agitation entfaltete. Die Zahl der Werkstattsitzungen belief sich auf 367. Außerdem wurden noch 10 Vertrauensmänner- und 22 Branchen- Versammlungen abgehalten. Lohnbewegungen hatte die Stellmacher- brauche im Jahre 1905 in 28 Betrieben zu führen, woran 259 Stell- wacher beteiligt waren. Davon gehörten 210 dem Holzarbeiter- verband an. Alle Bewegungen endeten zugunsten der Arbeiter, und zwar vier mit und 24 ohne Arbeitsniederlegung Für 103 Kollegen wurde die Arbeitszeit von einer Stunde bis sechs Stunden pro Woche verkürzt. Die Lohnerhöhung, an der alle 259 Arbeiter teilnahmen, bewegt sich zwischen 4 und 20 Proz. und stellt sich im Durchschnitt auf 8,2 Proz. Im Durckschnitt wurde für die Beteiligten, eine Er- höhung des Lohnes um 2,40 M. errungen. Diese so erfolgreiche Tätigkeit der Organisation, die für ein Drittel der im Berliner Wagenbau beschäftigten Stellmacher eine bedeutende Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsverhältnisse brachte, vollzog sich ohne viel Aufsehen in aller Stille. Dies war jedoch lediglich dem guten Or- ganisationsverhältnis der Beteiligten zu verdanken, und wäre dieser Zustand bereirs vor Jahresfrist überall vorhanden gewesen, dann wäre ohne Zweifel mit eineN vollen Erfolg auf der ganzen Linie zu rechnen gewesen. Redner schloß seine Ausführungen mit einem lebhaften Appell zur Stärkung der Organisation. Denn wenn in diesem Frühjahr in allen Wagenbaubetrieben der Stadt Berlin einheitliche und bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse herbeigeführt werden sollen, wie es der dringende Wunsch fast aller Stellmacher ist, dann ist eS vor allem notwendig, daß auch der letzte Kollege zur Organisation herangeholt wird. Erst dann ist ein voller und gün- siiger Erfolg sicher. Nach einer lebhaften Diskussion, in welcher der Tätigkeit der Kommission lebhafte Anerkennung gezollt wurde, erledigte die Versammlung die Neuwahl der Kommission, in die 13 Kollegen gewählt wurden. Berliner Marktpreise. Nu? dem amilichen Bericht der städtischen Markthallen-Direktion. Nmdfleisch la 62—65 pr. 100 Psinid, IIa 54—60, ITIa 48-52, IVa 38-46. Kalbfleisch Ta 80-88, IIa 63-78, lila 53-63, Hammelfleisch la 6k— 75, Ha 59—65. Schweinefleisch 66—75. Rotwild Pfund 0,45—0,52, Damwild 0,45—0,55. Hasen Stück 3,50—3,78. Kaninchen Stück 0,80—1,10. Hühner pro Stück, alte t,50—2,00. junge 1,20— t, 50, do. IIa 0.00—0,00, rauben, junge 0,60—0,70. alte 0,40—0,50. Enten junge 0,00—0,00. Gänse pr. Psd. la 0,00—0,00, IIa 0,00—0,00, russische 0,40-0,60 M. Schellfische 18-21'II!., Flunder 16-18 M. pro 100 Psd. Hechte 68 511. Schleie, groß 104 M. Aale, groß 00—00, mittel 00—00, Plötzen 56 M.. Karpfen 00-00, Rheinlachs 675,00, Seelachs 20— 25 pr. 50 Ko. schottische Vollheringe(gesalzen) 40—44 M. Eier, Schock 4,00. Butter pro 100 Bstmd la 116—118, IIa 112-116, lila 108-112, absallende 00—00. Kartojseln pr. 100 Psd. rote 2,00—2,20, Rosen 0,00—0,00, blaue 0,00—0,00, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl pr. Schock 7,00-12,00. Weißkohl pr. 100 Psd. 2,75-3,25, Rotkohl pr. Schock 6.00-10,00. Holl. 14—13 M. Saure Gurken, Schock 2,00 M., Pjesjergurlen 2,00 M. Singegangene DrucUrcbrlftcn. Der„Süddcntsche Postillon" liegt in seiner neuen Nummer 3 vor uns. Der„Süddeutsche Postillon" besaßt sich diesmal mit deutschen Er- cignissen. Einem farbenreichen Titelbild„Für den Wechselbalg gibts leine Schonzeit" folgt Metzsch'cns Abgang(Gedicht).— Biedermeiers Brief über die gebanserten Filzladschen.— Arbeiterverhaltnisse in Deutschland, wahr- heitsgelreuer Bericht der englischen Arbeiterdcputation.— Jcrcmiade(Ge- dicht).— Das Selbstgespräch eines Armen,(Jllustr.)— Erlösung.(Jllustr.) — Hamburg(Gedicht).— Ein Radikalmittel von Rübezahl.— Vorbereitung zum Maskenball.(Jllustr.)— Schutzlämmer in Sachsen(Gedicht).— Der Abderid über die Münchener Fastnacht.— Katerideen aus dem Karneval, Illustration von A. F.— Unser Kanzler(Gedicht).— Der Generalstreik im Reichstage.— Zwei Verbrecher.(Jllustr.)— Ein Farben-Vollbild Deutsch- englische Verbrüderung. Diese Nummer bringt eine Fülle Künftlenvilz und Poetenlaune, sie ist weitester Ausbreitung wert. Die Nummer toster 10 Ps. Für den Jnbati der Jnierale übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei BcranNuorning. Zbeatcr. Mittwoch, den 31. Januar. Ansang VI, Uhr: Opernhaus. Der Ring deS Nibelungen. Die Walküre. Schauspielhaus. Wilhelm Tell. Neues Opern-Theater. Geschloflen. Deutsches. Der Kaufmann von Venedig. Berliner. Der Widerspenstigen Zähmung. Neues. Ein Sommernachtswaum. Westen. Gasparone. Anfang 8 Uhr: Lesflng. Rosmersholm. Schiller«.(Wallner-Theater.) Cypricnnc, Schiller X.(Friedrich Wilhelm- städlisches Theater). Ueber unsere Kraft.(I. Teil.) Kleines. Kinder der Sonne. Zentral. Das süße Mädel. Metrovol. Auf ins Metropol. Walhalla. Nach, Afrika, nach Ka- vierun. Komische Oper. HofsmannS Er« Zählungen. Residenz. Der Prinzgemahl. Triano». Loulou. «»stspiclhans. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis früh um Fünse. Carl Weist. Die lebende Brücke aus Kuba. Luise». Die lustigen Weiber von Windsor. Dcntsch-Amerikanischcs. Er und Sch- Kasliio. Die goldene Brücke. Apollo. Prinzeß Rosine. Speziali« täten. Herrnfeld. Famtlientag im Hause Prellstein. Folies Capriee. Nach dem Zapfen- streich. Der Beheme. Belle-Ailiaiice. Der grüne Teufel Spezialitäten. Wintergarten. Otto Neutler.— Spezialitäten. Reictistialle». Stettiner Sänger. Passage. Spezialitäten. Urania. Ti>»ve»s»>aste 48/49. Abends 8 Uhr: Am Golf von Neapel Hörsaal. Abends 6 Uhr: Dr. Donath: Farvenphotograpbie II. Hörsaal Abends 8 Uhr: Dr.Schwahn: Wasser und Wind als Natur- meißel. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57/62. Täglich geostnel von 7 bis 1 Uhr. ßerliilerfiiesler. Ansang VI, Uhr. DerWiderspäRSligen Zähmung. Donnerstag, Freitag: Der Wider- �pänstigen Zähmung. Sonnabend lacht». 21/, Uhr: Schülervorstellung xu ermaß. Preisen: Die Räuber. Ab. VI,: Oer Widerspänstigen Zähmung. Heues Theater. Ansang VI, Uhr. Bin Semmemachtstraum. Donnerstag, Freitag: Ein Sommer- lachtstraum. Sonnabend: Salome.(Ans. 8 Uhr.) Soniuag: Ein Sommernachtstraum. Kleines Theater. Anfang 8 Uhr. ßiilder der Soiilie. Morgen: Kinder der Sonne. Zentral-Theater (Operette). 8 Uhr zu halben Preisen: Das siifje Mädel. Operette in 3 Alten von Reinhardt. üiisen-Theater. Abends 8 Uhr: Die lustigen Weiler von Windsor. Donnerstag: Benefiz A. Heinze: Ein Sommernachtswauin. Freitag: Der Kaufmann v. Venedig. Sonnabend: Der Verschwender. Sonntag nachm.: Der Verschwender. Wends: Ein Sommernachtstraum. Montag: Pension Schöller�_ Komische Oper. Mittwoch, den 31. Jan., abends 8 Uhr: Hoffmanns Erzählungen. Donnerstag: Der Corregidor. Freitag zum 50. Male: Hokfmanns Erzählungen. Sonnabend: Der Corregidor. Sonntag abend 8 Uhr: Hoffmanns Erzählungen._ T rianon-Theater. Anfang LxOlllOtl. S Uhr. Sonntag nachm.: Die herbe Eruoh«. Apollo-Theater. Letzte Woche! Nur noch 1 Tag k prinzcß Rofinc von 1*. I-tnckc und die glänzenden Spezialitäten mit )ta!siikmns Kigashi Meister der Sclbstocrteidigungslehre Jm-JlitattA. Donnerstag, den 1. Februar 1996: Vollstäudlst neues Programm. Metropol-Thealer Heh II ler-Theater. Schiller-Theater N.(Frledr.-Wilh. Tb) Mittwoch, abends 8 Ubr: Ovk»«!- an««»« Kraft.(I. Teil) Schauspiel von Björnstjerne Bjärnson. Donnerstag. abendS8Uhr: Vyprzvime. Freitag, abends 8 Uhr: Der Vellchenfresser. Schiller-Theater 0.(Wallner-Tbeater). Mittwoch, abends 8 Uhr: Oz'prZeime. Lustspiel in 3 Auszügen v. Victorien Sardou und E. de Najac, Donnerstag,abends8Uhr: Kili»!zr«zrIaU>t»e. Freitag, abends 8 Uhr: KtinixAKiaiibe. Neue Well Hasenheide 108/114. i Im festlich dekorierten Riesensaale täglich:—— 58412* Großes Miinchener Bockbierfest Baron Muekl mit seiner Original Oberbayrischen Bauernkapelle D'Hoilertauer Muckols Schlager für 1906 sind staunenerregend. Bedienung durch 30 echte bayrische Madl'n in Nationaltracht. ff. Bergschloß-Bockbler— Münch euer Küche. KUrnberger Bratwnrstglöcklein. — Sensationelle Ueberraschungen. Anfang täglich 7 Uhr.— Entree M. 0,30. Urania I, Abends 8 Ubr: Am Golf von Neapel. Hörsaal 6 Uhr; Dr. Donath: Parbenphotographie H. Hörsaal 8 Uhr: Dr. Sohwahn; Wasser und Wind als Naturmeißel. Sternwarte lnval,den" »tr. 57/62. PPOOGO Brauerei Jriedriehsliain1 früher Lipps(Oekonom; E. Kteiuann) am Königstor. GröBter Konzertsaal Berlins, Heute Dienstag u. folg. Tage(auf kurze Zeit) Anlang 8 Uhr. Große Jahresrevue mit Gelang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Ifreund. Musik von Viktor Hollaafnder. Rauchen in all. Räumen gestattet. Folies Capriee Budapester Possen• Theater 132 Linienstr. 13?, — Ecke FriedrichstraBe.— Zum 135. Mal«: iVach<1. Zapfenstreich. Vorher: Der Beheme| u. d. ausgezeich». Spezialitätenteil. äntang 8 Uhr. Vorverk. tägl b. Viortheim u an 1 der Theaterkasse von 10 Uhr vor- mittags an. öeiilzeh-�ei'iiiämizhkzsdsslei'. Köpenickcrstr. 67/68. Jed. Abd. SJJhr Gastsoief Ad Philipp ERend|CH Bonnta� itttCunutaag 3 Uhr: Halbe Preise! , lieber n großen Teich". W. Hoacks Theaier. Direktion: Roh. Dill. Brunncilstr. 16. Oroßes Sockbierfest TIieüteMWmig nud Mü. Um iS'Uhft Bockbier-Polonäse. 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Febr., nachm. 3 Uhr: Die Höhle des Löwen. Xl. Berliner Saison. Zirkus Busch. Zum 73. Male: Die neueste und grSSte Sehenswürdigkeit Berlins: ♦ liulieu. ♦ Orig.-Pantom. des Zirk. Busch.| Besonders hervorzuheben: Eine Tigerjagd in den Dschungeln Indiens und Elefanten-Kämpfe.| Außerdem; Mr. Hagedorns T ransformations-Grotte. Die Kunst- und Schulreiterin[_ Signorina\'utalinu Uossi■ u. d. vorzügl. Progr.-Nummern.■ KasSno=Theater Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr. Die goldene Brücke. Schauspiel in 3 Akt. v. R. Slowronnek. Im Neuen Theater z. Z. m. sensation. Erfolg gegeben! Vorher: Das hrill bunte Programm. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Das Opferlamm. Carl Weiß-TIiealer. Gr. Frmtfsurtctflt. 132. Täglich 8 Uhr: Die lebende Brücke auf Kuba. Sensationelles amerik. Ansstattiings- stück mit Ges. u. Balleit in 7 Bildern von James Fox. Sonnabend, den 3. Februar, nachm. 4 Uhr Kindervorst.: Hansel und Grete!. tHta Reutter. Klein-Famiiie, Kunstradfahrer. EmSt Perzina, dressierte Äßen. Lola Hawthorne, Elmo u. Recco, aÄXhe Yulian Famiüß, Akrobaten. Die drei Hoüoways, SS; Gebrüder Schwarz, Parodisten. Die Msiningsr, Hundepantomime. „In Schottland", Divertissmnent. Burke, Andrus u. Frisco1�1 „Rückkehr vom Ball". Passage-Theater. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. P Walter Steiner Humorist. \ Acosta g l e u r. biebriider Heute und folgende Tage: ftimiiikHlaf} im Hause Freüstein. Faiiiiiicninitglicder: Fridolin Untorbatt Emmerich Unterbett Samuel S Unterbett Frau Wolkenbruch Jonas Tischtuch Hannibal Sauerstoff Fredy Eiweiß Maurice Archimedes Flora Prellstein Kicky v. Kitzky Monika v. Kitzky Igel u. Kodak Stanislaus, Helene Schestak, Rechtstonstileut (Anton Herrnfeld) Esau Prellstein (Donaf Herrnfeld). Ans. 8 Uhr. Vorverk. 11—2 Uhr. Walhalla-Theater lladj Afrika, mch Kmttmm. Auöstattungsposse in 6 Bildern. Ans. 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. U Ii VII, Hasenheide 108/114. Mittwoch, den 31. Januar: Gastspiel des Bernh. Rose-Thealers. Das Gefängnis. Lustspiel in vier Auszügen von Rodcrich Bencdix. Ansang 8 Uhr. Kassenerössnuiig 7 Uhr. Vorzugskarten haben Gültigkeit. Täglich abends 8 Uhr: Der Weg zur Diie. Mit. Gesellsctiaftsliaus. Wioletstr. 24. Jnh.: H. Peters. Joden Mittwoch: OelAlnal- Jfarburger Sänger Direktion: K. Frick tt. Kasche-Krause. Auf. 8 Uhr. Entree 20 Ps. Vorzugskarten gelten. Nachher: T Sin Zu Sonntags Sanssouci. s?Ä Dir. Wilhelm Reimer. Heute Mittwoch: B e r l o r o n e(gl) r e. schailspiet in vier Aufzügen. Zonilt. Bg. 5, Woche»:. 8 Uhr. Jeden Dienstag. Mittwoch: Tbealer-�bezi«!. Sonntag, Moni., Donnerst.: Hottmamis Nordd. Sänger und Tanzkränzciien. Reichsiialien. Täglich: Stettiner Sänger (Meüsel, Pietro, Britton, Böckmann, Böhme, Waiden, Seidel, R. u. O. Schräder). Ansang Wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Variete Elysium Koniniandantonsitz-aßc 3/4. Um Ö'/a Uhr: Austreten deS berühmten Stegreifdichters Paul Steimt?» Klovitxplatx. Täglich in den unteren Sälen Gottschafk-Konzert. Wels Hei-Mr. Schönhauser Allee 148. Jeden Sa»» tag und Mittwoch: Konzert, Theater, Spezialitäten, Tanz. Ans. Sonntags 6 Uhr, Wochent. 8 Uhr. palast-Theater Sui-z-w. 24, 2Min.v.BH. Börse. Heute 8 Uhr. Entree S» Ps. DaZ 5iL5en-ZsnuNr'?rogrsmm. Zum letzten Male: Sie 3 Härders, ÄS,. The Baretts, C/Ä. Paulas Beichte, KÄS. Und 10 erstklassige Hinnmern! Zamilienkarten in allen Barbier-, Zriseur- u. Zigarrengeschästen joivie im Theaterburcau unentgeltlich zu haben. Ollo Pritzkows 3 Berliner Ähnonnitäten-Tlieater , Mtinxiiti'. 16. j Riesen-Wciliiiachts- Programm! ! Reut Die Elite-Lillputaner-Truppa, , die kleinsten Sängerinnen u. Vor- , tragskünsller der Welt. NIeain i Ilona, 485 Pfd. schwer. 0piilIo, der l Mensch ohne Gcsühl. kdna! dlno!» * Mnie! frei in der Lust schwebende[ ! Türkin. Hellseherin Armida, wahrsagende Wunderdamc. Pluto,, Wunderhahn, geb. mit 4 Beinen, i ■ 2 Körpern, 1 Kopf, lebend.:c. »w Gostav Behrens Spemütäten- Theater Frankfurter _ Allee 85. 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Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Bauanschläger Otto Stelse gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Di« Beerdigung findet am Donnerstag, den 1. Februar, nach. mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Bartholomäus- Kirch. Hofes, Falkcnberger Weg, auS statt. Rege Beteiligung erwartet 111/13 0ie Ortsverwaltunp. SozialtleiöoitratischJaWyerEinl Rixdorf. Todes-A» zeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schankwirt Gustav Pfennig (6. Bezirk) verstorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet heute Mittwochnachmillag 2 Uhr von der Leichenhalle des neuen Jakobi- Kirchhoses(Hermannstraße) auS statt. Rege Beteiligung erwartet 232/3 Der Borttaud. Zenlral-ilranken- u. Sterbekasse der deutsehen Wagenbauer. (E. H. 8.) Berlin. Bezirk 5. Allen Bekannten und Kollegen hiermit zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Zimmermann I Ausverkaus. Abfall- Teppiche in alle» Größen zu Spott- preisen. 1211K* Bettvorleger,, echter Plüsch, ein Posten. 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Hnnabme-ötellen für„Kleine Hnzelgen". Osten: ÜSengcls, Frankfurter Allee 79. Gustav Bogel, Koppenstr. 83. Z/»rd«sten: L. Zucht, Kcibelstr. 42. I. Rcul, Barnimktr. 42. R»»-den: t. Naschte, Nügenerftr. 24. arl Mars, Lychcnerstr. 123. Karl Weiste, Wiescnstr. 41/42. L. Dechand, Ruheplatzstr. 24. H. Bogel, Demminerstr. 32. A. Tietz, Jnvalidcnstr. 124. �ioedwesten: Karl Anders. Salzwedclerstr. 8. Kiid»'esteii: H. Werner, Mittenwaldcrstr. 30. H. Schröder. Kreuzbergsir. 15. ISiidon: St. Fritz, Prinzenstr. 31. F. Gutschmidt, Kottbuser Damm 8. tzlitdasten: Paul Böhm. Lausitzcr Platz 14/15. P. Horsch, Eiigcl-User 15. Vkarlottenkni-x: G. Scharnberg, Seseuheimerstr. 1. W'riedi'lolisdei'x: O. Seikel,«ronprinzenstr. 50. vlixdnrk'; M. Heinrich. Prinz Handjerhstr. 7. Eonrad, Hermanusir. 50. GoKvnederA: Wtlh.Baumler, MartmLutherstr. 51. tzVviLensev: W. Reske. Sedansir. 105. Jul. Schillert,«önig-Chaufsee 89» KtelnioKendovs: P. Gursch, Provmzstr. 108. Verantwortlicher Redakteur:.Hans Weder, Berlin. Für den Lnseratentcil verantw.i TK. Glocke, Berlin. Krück u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verl lt'Paul Singer&■ Co., Berlin SW- RccUhtfon und SxpedMon» Btrlln, Cindenttr. 69. Fcrnlpredjer: Amt II, 198J. Nr. Ä5. Mittwoch, den 81. Jannar 1906. JnUrite SctJjsgcfpaltene Kolonclzdle 20 Pfg. Bei erößeren Aulträgen enUprccftendcn Rabatt. partel-Hngclccfcnbcitcii. Verband der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins und Umgegend. Das Verbandsbureau ist unter Amt IV, Nr. BOSS an das Fernsprechnetz angeschlossen. Der Vorstand. Den Genossen von Treptow, Baomschulenweg, Nieder- Schöne- weide und Johannisthal zur Mitteilung, datz der vom Schriftsteller Genossen Max G r u, u w a l d veranstaltete bekannte Lehrkursus morgen Donnerstag abend 9 Uhr im Lokale von Stasfeldt in Baumschulentoeg, Baumschulenstr. 6 sdicht am Bahnhof Baumschulenwegs stattfindet. Wir ersuchen die Genossen, diese Gelegenheit wahrzunehmen und recht zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Der Ein- tritt ist unentgeltlich! Vorort- I�admdnen. Bete und— schieße! An des Kaisers Geburtstag hat gottgläubige Kaisertreue wieder ihre Orgien gefeiert. Von all den Geburts- tagswünschen, die da in Wort und Schrift in gereimter und ungereimter Rede dargebracht worden sind, gefällt uns am besten ein Gedicht:„Zu Kaisers Geburtstag", das der „F r i e d e n a u e r Lokal-Anzeiger" veröffentlicht hat. Das Opus will„Ein Lied für junge und alte Soldaten" sein. Die zweite Strophe versichert treuherzig:„Wir schauen in Ehrfurcht zum Himmel empor. Zum Schöpfer der Men- schen und Welten, Wir suchen als Kinder des Vaters Ohr, Wer will, mag uns Frömmlinge schelten." Und sie schließt mit dem Versprechen:„Wir beten für unfern K a i s e r." Nachdem dann in der dritten Strophe dem aus- wältigen Feind nach Gebühr die Wahrheit gegeigt worden ist, droht die vierte Strophe:„Und wenn es nach einem roten Jahr Die Umsturzgeister gelüstet. Dann sind, wie's an« roten Sonntag war, Wir deutschen Krieger gerüstet. Wohin uns der oberste Kriegsherr schickt. Da wird nicht erst lang' mit den Augen gezwickt. Wir schießen für unfern Kaise r." Ein echter und rechter Christenmensch soll bekannter- maßen sein Leben einrichten nach dem demutvollen Wort: „Bete und arbeite." Für einen christlich-deutschen Soldaten lautet die Devise forscher und schneidiger:„Bete und schieße." Schieße nicht nur auf den äußeren Feind, sondern auch auf den inneren. Da wird nicht erst lang'„mit denAugen gezwickt". Die S e l b st v e r st ä n d l i ch k e i t, mit der solche und ähn- ' liche Dinge jetzt allenthalben ausgesprochen werden, ist kenn- zeichnend für die gegemvärtige Lage. Das Poem des..Friedenauer Lokal-Anzeigers" erhielte noch einen besonderen Reiz, wenn das wahr sein sollte, was uns jetzt von verschiedenen Seiten mitgeteilt wird. Der Mann, der es zusammengereimt hat. unterzeichnet sich „G-____ dt". Man versichert uns, dahinter verberge sich Herr Görnaudt, P a st o r an der Friedenauer Kirche„Zum guten Hirten". Tchönederg. Die Vergewaltigung unserer Parteigen, ssen durch die MehrheitS- Parteien der Schöneberger Stadtverordnelen-Versamrnlung kam in der letzten Sitzung zur Sprache. Das Berfahren, unsere Vertreter von bestimmten Deputationen und Ausschüssen auszuschließen, haben wir kürzlich bereits gekennzeichnet. Zu Beginn der Sitzung gab Ge nasse Wollermann folgende Erklärung ab: „In der letzten Stadtverordnetensttzung hatte die Mehrheit dieser Versammlung durch ihre Abstimmung bei Besetzung der Deputationen zu erkennen gegeben, datz sie nicht geivillt ist, unserer Fraktion den ihr gebührenden Platz in den Deputationen einzuräumen. Ich sehe aus der Tagesordnung, daß bei den beute zu vollziehende» Wahlen lviederum keine Rücksicht darauf genommen worden ist. Im Namen meiner Fraktionskollegen erkläre ich, daß wir- auch heute den Anspruch aufrecht erhalten und, falls er wiederum abgelehnt wird, unsere .Konsequenzen daraus ziehen iv erden. Auf keinen Fall lassen wir unS eine Nechtlosinachnng gefallen, sondern werden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen anzu- kämpfen wissen." Wie berechtigt unser Verlangen ist, dürfte daraus hervorgehen. daß die Bürgerlichen in IS Ausschüssen mit 155 Mitgliedern, in 27 Deputationen mit etwa 150 Mitgliedern vertreten sind, während uns in dm Deputationen statt 23 nur 10 Sitze und in den AuS- fchüssen statt 22 nur 15 Sitze eingeräumt sind. Als Antwort auf unseren Einspruch präsentierte nun der Stadt« verordnete Rechtsanwalt v. G l a s e n a p p ebenfalls einen Protest gegen die in Vorsiblag gebrachten sozialdemokratischen Mitglieder und wurden beide Proteste in nichtöffentlicher Sitzung verhandelt. Die von W o l l e r m a n n aufgestellte Berechnung über das StärkeverhältniS schien aber doch einem Teile der bürgerlichen Stadtväter einzuleuchten; man suchte einer eventuellen Ob- struktion der Roten aus dem Wege zu gehen, und schließlich gelangte ein Dringlickikeilsantrag Kuzniyki zur Annahme. die Verkehr?» sowohl wie die Hochbaüdeputation um je einen Bürger- deputierten und Stadtverordneten zu vermehren, wozu den letzteren die sozialdemokratische Fraktion stellen solle. Der Magistrat wird ersucht, baldigst eine diesbezügliche Vorlage zu machen. In die Deputation für Bolksbadeanstalten wurde sodann noch mit knapper Majorität gegen den Mittelschullehrer Kunze Genosse Däumig gewählt. Die Verleihung des Bürgerrechts an den Parteigenossen T h i e l e ck e haben natürlich einige verbissene bürgerliche Gegner in Form eine« Einspruchs zu hintertreiben gesucht, was ihnen jedoch zum großen Aergcr nicht gelungen ist. Mit 23 gegen 19 Stimmen wurde dem genannten Antrage stattgegeben. Die Errichtung eines ReformrealgymnasiumS zum 1. April d. I. zeitigte eine ausgedehnte schulmännische Debatte. Außer der Errichtung des Reforinrealgtzmnasiuins gibt die Versammlung auch der Errichtung einer höheren Mädchenschule ihre Zu- stimmuna. Der Vorentwnrf zum Neubau einer Gemeinde- Doppelschule am Tempelhoser Wege wird hierauf ohne Debatte genehmigt und die Baukosten auf 091 000 M. festgesetzt. Diese 'Schule soll 38 Klassenräume erhalten und mit der Bauausführung bereits im Frühjahr dieieS Jahres begonnen werden. Die Fertig- stellung des Baues soll bis Ostern 1907 erfolgen. Bon einem Magistralsvertreter wurde außerdem mitgeteilt, daß der Versammlung demnächst eine Borlage bezüglich der Er- richtung einer Freibank zugehen dürfte. Es dürste dies auf da? Drängen des Polizeipräsidenten zurückzusiihren sein, nachdem diesbezügliche von uns vor Jahren gestellte Anträge immer hinaus- geschoben wurden. Als geeigneter Bauplatz ist, wie wir hören, das städtische Grundstück in der Maxstraße gegenüber dem Friedhofe in Aussicht genommen. Bei der gestern pattgefundenen Stadwerordneten-Stichwahl unter- lag unser Genosse Obst den vereinten bürgerlichen Parteien. Nicht besonder? erbaut werden Schöneberger Hausbesitzer von einer kürzlich gefällten Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes sein. Vor etwa fünf Jahren wurde von verschiedenen Grundstücks- eigentümern gegen die Auffassung der Straßenbaupolizei, daß die Anlieger einer Straße den vor ihrem Grundstück befindlichen Bürger- steig zu unierhalten hätten. Einspruch und Klage im Verwaltungs- streitverfahren erhoben. Der BezirkSauSschnß veranlaßte eine um- fangreiche Beweisaufnahme darüber, wie es von altersher in Schöne- berg mit den Bürgersteigen gehalten wurde. Auf Grund des Er- gebnisse? dieser Beweisaufnahme gelangte der Ausschuß zu der An- ficht, daß in Schöneberg eine Observanz besteht, wonach die Unter- Haltung für die Bürgersleige den Grundstückseigentümern obliegt, und zwar ohne Unterschied, ob die Grundstücke bebaut sind oder nicht. Dieser Auffassung hat sich nun das Oberverwaltungsgericht in letzter Instanz angeschlossen. Damit ist für die weitere Be- Handlung der Biirgersteigfrage die erforderliche Grundlage gegeben worden. Zunächst wird damit zu rechnen sein, daß die Straßenbau- Polizei an vielen Stellen aus eine baldige Regulierung der Bürger- steige drängen wird. Rixdorf Eine neue Gebührenordnung für die Benutzung der städtischen Kranken« und Leichenwagen wird am 1. April o. I. für Rixdorf er- lassen werden. Stach der gegenwärtig geltenden Gebührenordnung werden bis auf drei Ausnahmen alle Fahrten nach Krankenhäusern in Berlin gleich behandelt. Dies hat zu Unbilligkeiten geführt, da die einzelnen Entfernungen grundverschieden sind. Ebenso haben sich bei den Transporten nach den Vororten Ungleichheiten ergeben. In dem neuen Entwurf ist infolgedessen eine Einteilung nach Zonen vorgesehen. Die erste Zone llinfabt eine Entfernung bis etwa 4 Kilometer, die zweite eine solche bis 7, die dritte bis 10 und endlich die viert« Zone eine solche bis annähernd 13 Kilometer. Transporte nach iveiter entfernt gelegenen Punkten sollen nach Stunden berechnet werden. Um Unzuträglichkeiten zu vermeiden, die bei der Eintreibung von Gebühren u. a. dadurch entstehen können, daß der Transport infolge Ueberftillung von Krankenhäusern fort- gesetzt werden muß, ist vorgesehen, einen Zuschlag, der verschieden nach der Entfernung bemessen ist, zu erheben. Wer also das Unglück hat, mit einem Kranken von Kranken- Haus zu Krankenhaus fahren zu müssen, muß dafür noch extra zahlen. Charlottenbnrg. Dir Ergebnisse der Arbcitsloseuzählung vom 25. November 1905 werden jetzt amtlich in den Monatsberichten des Statistischen Amtes mitgeteilt. Es sind im ganzen nur 123 Zählkarten ausgefüllt worden, und zwar bezogen sich hiervon 110 auf männliche und 7 auf weibliche Personen. Bon den 110 männlichen Personen hatten als Grund der Arbeitslosigkeit angegeben 50 Kündigung des Arbeitgebers wegen Maugel an Arbeit. 14 eigene Kündigung, 5 andere Gründe, aus denen aber ersichtlich war. daß wirtlich Arbeitslosigkeit vorlag, 3 Krankheit, jedoch mit dem Bermerk, daß zur Zeit der Erhebung die Aufnahme der Arbeit nicht mehr durch Krankheit gehindert wurde. Zu diese» 72 kamen 44 Personen, die nicht als durch wirtschaftliche Verhältnisse arbeitslos geworden angesehen werden konnten, da sie zum größten Teil krank waren. Der größte Prozentsatz der Arbeits- losen entfiel aus das Baugewerbe. Diese geringe Zahl von Arbeitslosen ist höchst auffällig. Auch da« Statistische Amt wundert sich über dies Ergebnis. ES führt die sehr geringe Zahl von Arbeitslosen nicht allein auf die giiustige wirtschaftliche Lage, sondern wesentlich auf den Umstand zurück, daß die Gewerkschaften, die wie sonst das Verteilen und Abholen der Zählkarten besorgten, dieses Mal weniger Eifer dabei bewiesen haben als früher, weil die auch im November statt- gehabten.Stadtverordnetenwahlen ihre Kräfte stark in Anspruch ge- nommen hätten. Ganz recht,«ber es kommt noch ein anderer sehr wesentlicher Grund hinzu, der deren schuld ist, daß die Gewerk- schaften weniger Eifer an den Tag legten: die Arbeiter können nämlich beim besten Willen den Zweck dieser jährlich mehrmals vor- genommenen Zählungen nicht einsehen. Würden die Zählungen dem Magistrat als Vorarbeiten zu Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeiislosigkeit dienen, dann würden die Arbeiter sich freudig einer so mühevollen Arbeit unterziehen, aber zu bloßen statistischen Spielereien ist ihnen ihre Zeit denü doch zu kostbar. Aus dem Boranschlag des Etats für 1906 find noch einige Einzelheiten bemerkenswert. Was die vennutlichen Steuereinnahmen betrifft, so ist der Ertrag der Gemeindeeinkommensteuer auf 5 307 150 M. geschätzt, die Gemeindegrundsteuer soll bei einem Steuersatze von 2,4 vom Tausend des auf 1109 Millionen geschätzten gemeinen Wertes der bebauten und unbebauten Grundstücke rund 2 000 000 M. ergeben, die Gemeindeumsatzsteuer bei dem Steuersatze von 1 Proz. für bebaute und 1'/, Proz. für unbebaute Grund« stücke rund 1 300 000 M.. die Gemeindegewerbesteuer bei dem Steuersatze von 100 Proz. der vom Staat« der- anlagten Gelverbesteuer 400 000. die Betriebssteuer 81 000 und die Hundesteuer 94 000 M. Im Etat ist u. a. vorgesehen WWW...._____ W aes gesehen von diesen ersten Euirichlungskosten stellen sich die Kosten für die Unterhaltung einer Waldschule rnff monatlich 3676 M. und zwar 1300 M. persönliche Kosten und 2275 M. sachliche. Auf die Zeitdauer von O'/z Monaten berechnet, während welcher die Wald- schule geöffnet ist, macht das im ganze» 23 237,50 M. aus. Jedes Kind, das sich in der Waldschule befindet, kostet die Stadt im Durchschnitt 195,57 M. Die am Montag, den 29. Januar, Hierselbst stattgefuudenen Gewerbegerichts wählen fanden unter reger Beteiligung statt. Die Kandidaten der freien Gewerkschaften erhielten insgesamt 3197 Stimmen. Die Wahlbeteiligung ergab ein Mehr von über 1000 Stimmen gegen diejenige der Wahl vor zwei Jahre». Eine Gegenliste war nicht ausgestellt. Leider erwies sich das Wahllokal von Nitz, OSuabrückerstr.' 1, bisweilen viel zu klein, so daß wegen des allzu großen Andranges und dem begrenzten Raum der Wahl- Vorsteher die ordnungsmäßige Erledigung der Wahl nicht zu Ende führen konnte und dieselbe aufhob. Könnte der Magistrat nicht die Turnhallen der Gemeindeschulen zu solchen Wahlen hergeben? Die Liste der vereinigten Innungen siegte in sechs Bezirken, wogegen die freien Gewerbetreibenden ihre Kanoidaten im 5. und 7. Bezirk durchbrachten. Von diesen wurden gewählt im 5. Bezirk Gastwirt Fischer und Kartonfabrikant Hopp und im 7. Bezirk Gast- wirt Prill und Malermeister Hassel. Friedrichsfelde. Bald keine Gemeindevertretersttzung vergeht, obne daß nicht für einzelne Punste der Tagesordnung die Oefft.ichkeit aus- geschlossen wird. Es mag Gemeindeangelcgcnhciteu, wie beispielS- weise Unterstützungsgesuche, geben, die man nicht in aller Oeffent- lichkeit verhandelt; wenn man aber sieht, wie Vorlagen, wie Bc- willigung der Kosten zur Fertigstellung des Feuerwchrdienst- gebäudes und das Gesuch der Lehrer und Lehrerinnen zu Friedrichs» felde und Karlshorst um Erhöhung ihrer Gehälter, auf Antrag des Gemeindevorstehers in geheimer Sitzung verhandelt lverden, so muß man sich wirklich fragen, ob es nach§ 109 der Landgemeindcordnung noch eine Ocfsentlichleit gibt. In der öffentlichen Sitzung beschloß die Gemeindevertretung, die 1111 Meter lauge Chaussccstrecke zwischen der Berlinerstraße und der Bieödorfer Grenze gegen eine Unterhaltungsrente von jährlich 2251,19 M. event. als gänzliche Abfindung daS Fünfundzwanzigfache dieses Betras vom Kreis« zu übernehmen, unter der Bedingung, daß andere ulememden bei Uebernahme weiterer Chausscesrrecken kein Recht haben, an Friedrichs- felde für Durchleg ui ig der Kanalisationsdruckrohrleitung Be- dingungen zu stellen.— Eine andere Angelegenheit detraf den An- kauf eines Grundstückes zur Pumpstatton im Karlshorster Ortsteil. Beschlossen wurde, zirka 143 Ouadratruten a 120 M. in der Günterstraße anzukaufen.— Die beantragte Bildung einer Ein- quartterungskommission führte zu einer längeren Debatte, in der Genosse Pinseler darauf hinwies, daß der Gemeindevorstand sich ein grohes Armutszeugnis ausstell«, wenn er erkläre, es sei ihm nicht möglich gewesen, die Lasten gerecht zu verteilen. Mit zehn gegen acht Stimmen wurde der Antrag abgelehnt.— Beschlossen wurde ferner, das Schulhaus in Karlshorst durch einen Anbau zu vergrößern. Zu den vorhandenen zwölf Schulklasscn sollen sechs neue Klassenräume zukoinmen. Die erforderlichen Mittel in Höhe von 70 000 M. wurden bewilligt, ebenso die Löschung von 11 500 M. Hypothek auf dem Rieselgut Münchehofe.— Die vor Inangriffnahme der Rohrlegung zur Kanalisation notwendig« Erbauung von zwei Senkbrunnen a 17 000 M. wurde der Firma Bruch übertragen.— In der nun folgenden geheimen Sitzung wurden zwei Wahlen zum Scliulvorstand vorgenommen. Die bisherigen Mitglieder Thieme und Hohle wurden wiedergewählt.— Wie tvu weiter erfahren, hat es sich in der geheimen Sitzung um eine Kostennachbewilligung für das Feuerwehrlnenstgebäude gehandelt. Der Anschlag war um 9000 M. überschritten worden. Der vom Gemeindevorstand mit der Bau- aufsicht beauftragte Oberführer der Feuertvehr H. Schreiber— von Beruf Bauunternehmer— hatte sich ohne weiteres über den AN- schlag hinweggesetzt und seinen Wünschen entsprechend dem Bau- auSsühreudeu, Baumeister Ernst. Auftrag erteilt. Die 9000 M.| betragende Ueberschreitung wurde einfach abgelehitt. Dabei stellte sich noch heraus, daß für diesen Bau im Juli 1904 eine Kommission eingesetzt war, die aber, nachdem sie einmal zusammeiMireten, völlig ignoriert wurde. Ter Gemeindevorsteher erklärte sogar, von der Existenz einer solchen Kommission nichts zu wissen.— Für Ausbau des Hofes und Pslasterung wurden 14 500 M. bewilligt und soll die Arbeit ausgeschrieben werden.— Ebenfalls in geheimer Sitzung wurde der Antrag der Lehrer und Lehrerinnen auf Gehaltö- aufbesserung gegen drei Stimmen abgelehnt. Bei den Gemeinde- wählen vor vier Jahren stimmten die Lehrer Mann für Mann gegen die Sozialdemokraten und geschlossen für die Bürgerlichen; jetzt haben sie den Lohn. Da die Beratung geheim war, kann jeder Ber- treter sagen(privattm), er sei für die Forderungen der Lehrer ein- getreten. Steglitz. Die böswilligen Alarmirrungen ber Feuerwehr, welche den Berliner Löschmannschaften schon viel Verdruß bereitet haben, scheinen sich jetzt auch in den Vororten einbürgern zu wollen. Be- sonders haben die Feuerwehren in den größeren westlichen Vororten unter dem nichtswürdige» Treiben der Täter zu leiden. In Steglitz sind erst vor einiger Zeit die Feuermelder geschaffen worden, doch schon wiederholt wurde die dortig« Feuerwehr durch böswillige Alarnrierungen irregeführt. Es hat den Anschein, als ob dort die falschen Meldungen durch Schulknaben bewerkstelligt werden. Köpenick. Eine stark besuchte Generalversammlung der hiefigen Verwaltungs- stelle deS Verbandes der Handels-, Transport- und BerkehrSarbeiter tagte am Sonntag in Grünau. Zunächst erstattete der Bevoll- mächtigte Nickel Bericht über die am 1. Januar vollzogene Ber- schmelzung der Verwaltungen Köpenick und Grünau. Die Reuwahlen zur Ortsverwaltung ergaben folgendes Resultat: Nickel und Klein, Bevollmächttgte; Tauchmann. Kassierer; Werth, Schriststihrer; Revi- soren: Neumann, Zamzow und Förster; Gcwerkschastsdelegierte: Klein und Piltz, Stellvertreter Roack. Die Wahl der Bezirksleiter, die gleichzeitig zur Ortsverwaltung gehören, hat auf Grund des GeschäftsreglementS in den BezirkSverfammlungen zu erfolgen. Unter Verschiedenem wurde auf die mittlerweile ausgeschriebene» Gewerbegerichtswahlen hingewiesen und ersucht, die Eintragungen in der Wählerliste zu veranlassen. DeS weiteren machte der Bevoll- mächtigte Nickel die Mitteilung, daß in nächster Zeit je eine öffent- liche Versammlung für die Hausdiener, Packer. Lagerarbeiter und die Transportarbeiter stattfinden werde. Die erster« soll sich mit dem zu Ostern stattfindenden Kongreß der HandelShülfSarbeitcr. letztere mit der übermäßig langen Arbeitszeit auf den Ladeplätzen der Bahnhöfe beschästigen. Neuenhagen(Ostbahn). In der letzten WahlvereinSversammliing wurden zimächst die Genossen Aug. Schmücke und Johann Hübscher zu Bezirksführern gewählt. Dann referierte Genosse Warttig über die bevorstehende Gemeindevertreterwahl, die Anwesenden auj die gtetariung dieser S£aTjT Es töUrJc beschlossen, sich tfn derselben zu be- iciligen und dieGenoffenOttoWarttig undIuliusDallmenui alSKan- didnten mifgestellt. Schließlich wurde zum Austritt aus der Landes- itrche aufgefordert, als Demonstration gegen das Gesetz zur Ver- pfaffung der Aalksschule. Dieser Aufforderung folgten sofort 21 Ge- nossen, indem sie ihren Namen in die in der Versammlung aus- liegende Liste eintrugen. Am Sonntag, den 28. Januar, tagte' bei Witwe Grosse in Fredersdorf eine össentliche Gewerkschaftsversammlung, in der Arbcitersekretär Rittcr-Berlin über„Die EntWickelung der deutschen Gewerkschaften und ihre Aufgaben" referierte. In eingehender Weise legte der Redner dar, unter welchen Verhältnissen und Umständen sich die deutsche Gewerkschaftsbewegung entivickelte, welche Kämpfe und Schwierigkeiten sie durchzuinachen hatte, ehe sie zu der heutigen Blüte gelangen konnte. Jin besonderen setzte der Redner die Auf- gaben der Gawerkfchaftskartelle auseinander und zeigt, daß diese Institutionen sehr nützlich für die Arbeiter wirken können. Mit einem Appell, sich der gewerkschaftlichen sowie der politischen Organi- sation anzuschließen, schloß Redner seinen Vortrag. In der Diskussion wurde zum Abonnement der Arbeiterpresse aufgefordert, welche nur allein die Interessen der Arbeiter vertritt. Gleichzeitig wurd»' vom Vorsitzenden des Kartells darauf aufmerksam gemacht, die Lokalsverre strikte durchzuführen, damit wir endlich in Neuenhagen ein grUßeres Versammlungslokal bekommen. Hoffentlich sind die Worte des Referenten, auf guten Boden ge- fallen. Möge das neugegründete Kartell von Neuenhagen reiche Früchte bringen I Mit einem Hoch auf die Arbeiterbewegung wurde die stark besuchte Versammlung geschlossen. Marienfclde. I» die hiesige Gemcindcwählcrliste sind 460 Wähler eingeschrieben, davon in der 1. Klasse 6, in der 2. Klasse 37 und in der 3. Klasse 417. Der höchste Steuerbetrag in der 1. Klasse, welcher von einer hiesigen Aktiengesellschaft bezahlt wird, beträgt 7187 M., der niedrigste 1939 M. In der 2. Klasse ist der höchste Betrag 1823 M., der niedrigste 269 M. In der 3. Klasse variiert die Steuer- leistung zwischen 268 M. und 8,60 M. Die Zahl der„VorwärtS"-Abonnenten ist auch in unserem Ort im stetigen Steigen begriffen und beträgt am 1. Februar 56, im Anfang vorigen Jahres hatten wir 18 Leser. Wenn man die bei der letzten Reichstagswahl für uns abgegebeneu Stimmen, welche 243 betrugen, betrachtet, so zeigt sich, daß auf diesem Gebiete noch »nanchcs zu tun übrig bleibt. Sache der Genossen muß es sein, recht rege für unser Blatt zu werben. Bestellungen nimmt F. Greulich, Berlinerstr. 81 entgegen. Teltow. Die Dampfstraßenbahn Groß-Lichterfelde— Stahnsdorf ist ent- schieden auf dem Gebiete des Verkehrs ein Unikum. Kein Tag ver- geht, an dem nicht etwas auf dieser Bahnstrecke passiert. Am Donnerstag z. B. gab es in der Nähe vom Gasthof Lücke ein Schau- spiel, welches die Straßeirjugend aufs köstlichste ergötzte, den Fahr- gästen aber einige unangenehme Minuten bereitete. Die Sache ging so zu: Der um 4.47 Minuten vom RuhlSdorfer Platz ab- fahrende Zug hatte glücklich ohne Zwischenfall den Ortsteil Giesens- darf erreicht, als eS plötzlich einen Krach gab, der die entsetzten Fahrgäste von ihren Sitzen ausfahren ließ. Der letzte Wagen des aus einem alte» Sommerwagen und cinenr neuen Anhänger bestehenden Zuges hatte sich durch den sÄarfen Stoß von seiner Kuppelung losgeriffen und konzentrierte sich rückwärts, bis einige beherzte Fahrgäste zu- sprangen und ihn zum Stillstand brachten. Der erste Wagen war aus den Gleisen gesprungen und die Lokomosive stand init zer- brochcnen Puffern quer ans dem Straßendamm. Nur der Umstand, daß ein besonders starker Baum im Wege stand, verhinderte die Widerspenstige, in den Thümlerschen Schlächterladen zu stürzen. Bei deni bekannten„Schwein", welches die Bahnverwaltung hat, ging auch dieser Unfall ohne Knochenbrüche der Passagiere ab; die letzteren hatten nur das zweifelhafte Vergnügen, für ihr koscheres Fahr- geld nach Groß- Lichterfelde laufen zu dürfen. Der Verkehr war natürlich auf einige Zeit vollständig lahm gelegt. denn ehe die Strecke frei wurde, vergingen mehrere Stunden. Ein toeiterer Unfall wurde gestern morgen durch die Aufmerksamkeit Teltowcr Schulkinder vermieden. In der achten Morgenstunde kamen in der Nähe der Schule auf dem einen Gleise zwei Züge in entgegengesetzter Richtung angedampft, und dä die Führer sich an der Biegung zur Durchfahrt von der Schule nach der Lindenstraße nicht sehen können, schien ein Zusammenstoß unvermeidlich. Nur durch das Schreien der Kinder wurde das Personal aufmerksam und großes Unheil vermieden. Am ganzen Tag fuhr die Bahn der Glätte wegen nicht fahrplanmäßig, zweimal kam es vor, daß die Passagiere laufen mußten, weil die Bahn den Galgenbcrg nicht erreichen konnte. Potsdam. Uevcr die geplante Erhöhung der Tabaksteuer und deren Folgen sprach der Genosse Molken buhr in einer großen öffent- l i ch o n Versammlung, die hier am Donnerstagabend im „Viktoriagarten" stattfand. Der Referent gab in anderthalbstüudiger Rede ein treffendes Bild von den neuen Steuerpläncn der Regierung. Bei der immer mehr anschwellenden Reichsschuld, deren Z i n s e n allein jetzt jährlich schon über 113 Millionen betragen, sei eS erklärlich, daß die Regierung nach neuen Steuerobjekten greife, um den Reichshaushaltsetat einigermaßen in Ordnung zu bringen. Aber statt einer direkten Reichseinkommensteuer usw. solle die Schraube der indirekten Steuern aufs neue angezogen werden, wodurch die Reichen natürlich geschont, die Armen aber noch mehr als bisher gedrückt werden würden....„Der Tabak muß bluten I"... Aber die Tabakindnstrie resp. die in ihr tätigen Arbeiter sind bereits so blutleer, daß eine weitere Erhöhung der 1879 eingeführten Steuer- sätze eine weitere schwere Schädigung der 200 000 Tabak- arbeiter bedeuten würde. lind Zehntausende davon würden infolge vernnnderten Zigarrenkonsums brotlos werden.... Zum Schluß seiner sehr ruhigen und sachlichen, aber deshalb umso wir- kungsvolleren Ausführungen wies der Redner einwandfrei nach, daß seit Verlegung der Zigarrenfabrikation infolge der Steuererhöhungen im Jahre 1379 von den Großstädten nach dein badischen Schwarz- wald usw. die Tuberkulose hier einen besonderen Nährboden gefunden habe, da die schlechte Bezahlung eine dauernde Unter- ernährung der Tabakarbeiter zur Folge habe. Aehnlich würde die geplante Erhöhung der Tabaksteuer auf die jetzt in Dresden, München, Berlin usw. tätigen Zigarettenarbeiterinnen wirken, die bei Verlust ihrer nacki dem billiger arbeitenden Lande gehenden Arbeit der Prostitution direkt in die Arme getrieben würden---- Während also unsere kapitalistischen Musterpatrioten einerseits Heilstätten zur Bekämpfung der Tuberkulose einrichten und durch Kirche und Polizei die Sittlichkeit zu heben suchen wollen, sie andererseits durch Ver- schlechterung der Arbeitsverhältnisse infolge der neuen Steuern dafür sorgen, daß die Tuberkulosegefahr in den ländlichen Tabakindustrie- orten immer größer wird. Die gesamte Arbeiterschaft habe deshalb ,Ule Ursache, gegen die geplante Erhöhung der Tabaksteuer, die die Aermsten der Armen am schwersten treffen würde, energisch zu protestieren. � Diesen mit großem Beifall aufgenommenen Darlegungen ließ der Versammlungsleiter, Genosse W. K i e s�e l, die Mitteilung folgen, daß der Reichstags-Abgeordnete P a u l,i- Potsdam zu dieser Versammlung brieflich eingeladen worden sei. Der Herr sei aber lveder anwesend, noch habe er irgend eine Antwort auf die Aufforderung, seine Stellungnahme zur Tabaksteuervorlage zu präzisieren, gegeben. Dazu hat der„schlichte Mann aus der Werk- statt" wohl keine Zeit gehabt; Festessen usw. gehen eben vor.— Zum Schluß der gut verlaufenen Versammlung wurde eine ent- sprechende Resolution einstimmig angenommen, nachdem noch auf die traurigen örtlichen Berufsverhältnisse der hiesigen Tabak- arbeiter hingewiesen worden war. Eine Besserung sei nur durch die Organisation und die Aufklärung der Parteipresse zu erwarten. Kerliuer JVachnchten. Die Verstadtlichung der Großen Berliner Straßenbahn, die ein von der Stadt Berlin und einer Anzahl von Vorort- gemeinden zur Prüfung der Untertunnelungsprojekte der Großen Berliner eingesetzter Ausschuß als Endziel in Aussicht genommen hat, ist vielen überraschend gekommen. Wohl neigte in den letzten Jahren auch Berlin der Ansicht zu, selbst Verkehrslinien zu bauen, und faßte auch dementsprechende Beschlüsse, allein prinzipiell stellte man sich auch hier nicht auf den allein korrekten Standpunkt, daß die Straßen Berlins keiner Privatgesellschaft ausgeliefert werden dürfen. Die Beschlüsse, selbst Straßenbahnen zu bauen, wurden in Berlin im wesentlichen mit durch die rigorose Behandlung der Stadt Berlin durch die Große Berliner beeinflußt. Und wenn jetzt der sogenannte neue Zweckverband die Verstadtlichung in Aussicht niinnit, so geschieht dies hauptsächlich aus dem Grunde, um sich des immer lästiger werdenden Monopols der Großen Berliner zu erwehren und auf dem eigenen Grund und Boden noch etwas zu sagen zu haben. Aber mag ein solcher Beschluß aus welchen Motiven immer gefaßt sein, wir sind die letzten, die diesen Schritt nicht doch begrüßen würden. Die Ausnutzung der öffentlichen Straßen und Plätze ge- hört nicht in die Hände von Privatgesellschaften; Sache der einzelnen Kommunen ist es, den Verkehr in eigene Hand zu nehmen, das ist von uns schon oft genug betont worden, leider ohne Erfolg. Wenn jetzt diese Einsicht, wenn auch nur der Not gehorchend,»ncht dem eigenen Triebe, weiter um sich greift, so begrüßen wir das. Wir verhehlen uns aber auch keineswegs, daß wir nach den Erfahrungen, die wir auf dem Gebiete der kommunalen Verkehrspolitik bisher gemacht haben, diesen hochfliegenden Plänen etwas pessimistisch gegen- überstehen. Der Einfluß, den Besitzer von Straßenbahn- aktien ausgeübt haben und ständig ausüben, ist nicht zu unter- schätzen; dazu kommen noch eine ganze Reihe anderer Um- stände. Das Organ der Straßenbahn, der„Börsen-Courier", greift denn auch schon den gefaßten Beschluß auf. Zunächst beschäftigt es sich mit der angedrohten Feststellungsklage, indem es schreibt; „Bei dieser Feststellungsklage könnte es sich doch nur um die Frage der Dauer der Konzession handeln. Die städtische Ver- waltung hat sich bisher stets den Anschein gegeben, rechtlich noch an der Fiktion festzuhalten, daß die Konzcssion der Großen Ber- lincr Straßenbahn im Jahre 1919 zu Ende gehe, und es scheint, daß die Feststellungsklage auf diesen Punkt gerichtet werden soll. Wir glauben aber nicht, daß die Gerichte die der Gesellschaft von der preußischen Staatsregieruug auf Grund des Kleinbahngcsetzes bewilligte Konzessionsverlängerung bis zun, Jahre 1949 ebenso einfach ignorieren werden, wie die städtischen Behörden dies bisher getan haben. Aber selbst wenn, was wir für ausgeschlossen halten, die Stadt mit ihrer Feststellungsklage Erfolg haben sollte, so wäre damit kaum etwas erreicht, denn wir halten es für aus- geschlossen, daß die Große Berliner Straßenbahn auch in diesem Falle nur einen Tag vor dem Jahre 1919 sich freiwillig in den Besitz der Stadt Berlin und der Vorortgeineinden begeben würde. Mit dem Erwerb der Linien der Großen Berliner Straßenbahn und der wichtigen, von ihr kontrollierten anderen Unternehmungen wäre es also auch in diesem Falle auf Jahre hinaus nichts. Auf diesem Wege wird die Stadt Berlin ihr Ziel also schwerlich er- reichen. Will sie die Große Berliner Straßenbahn ehrlich erwerben, wofür wir seit Jahren eingetreten sind, so wird sie sich entschließen müssen, den Weg zu gehen, den der preußische Staat bei seinen Verstaatlichungen bis in die neueste Zeit hinein beschritten hat, nämlich ein Angebot an die Aktionäre ergehen zu lassen, über dessen Annahme sich diese frei zu entscheiden haben. Die Große Berliner Straßenbahn ist ein außerordentlich kostbares Objekt, dessen Wert sich, wie die großen, von Jahr zu Jahr sich erhöhenden Mehreinnahmen dartun, in einer fortgesetzten außerordentlichen Steigerung befindet. Will die Stadt Berlin sich in den Besitz dieses großen Unternehmens setzen, so wird ihr nichts anderes übrig bleiben, als dafür einen dem inneren Werte ent- sprechenden Preis zu bezahlen." Und weiter heißt es: „Wahrscheinlich sind unsere städtischen Kollegien darüber unterrichtet, daß die staatlich cn Behörden bereit sind, die Untcrgrundbahn-Projckte und im Zu- sammenhange damit auch die weitere Konzessions- Verlängerung der Großen Berliner Straßenbahn zu genehmigen und sind deshalb die gestrigen Beschlüsse gefaßt worden. Will die Stadt aus der Sackgasse heraus, in die sie sich begeben hat, so muß sie sich mit der Großen Berliner Straßen- bahn in Verbindung setzen, um in gemeinsamer Beratung die Grundlagen für die freiwillige Abtretung des Besitzes der Ge- fellschaft an die Stadt festzusetzen, oder aber sie mutz es ebenso machen, wie es der preußische Staat in solchen Fällen stets getan hat, und den Aktionären ihre Verstadtlichungsofferte direkt unter- breiten, wobei wir aber der Stadt nur den Rat geben könnten. eine liberale und koulante Abfindung herauszurcchncn, da sie sonst schwerlich zum Ziele kommen wird." Ob die Mitteilung, daß die staatlichen Behörden bereit seien, den Untertunnelungsprojekten der Großen Berliner und im Zusammenhang damit der Konzessionsverlängcrung ihre Zustimmung zu geben, nur ein Fühler ist, oder ob schon tatsächlich solche Zusicherungen gemacht worden sind, entzieht sich unserer Kenntnis, sicher ist eins: Wenn die Große Ber- liner vor dem Jahre 1919 erworben werden soll, muß gehörig geblecht werden. Nach dem Jahre 1919 hat die Stadt Berliw das ver- tragsmäßige Recht, den Bahnkörper unentgeltlich zu über- nehmen. Daß dieses Recht auch von der inzwischen ohne Mit- Wirkung der Stadt erfolgten Verlängerung der staatlichen Konzession bis Ende 1949 nicht berührt wird, hat sowohl das Polizeipräsidium durch Verfügung vom 25. September 1999, als die Regierung bei den Verhandlungen iin Abgeordneten- Haus anerkannt. Die entgegengesetzte Ansicht der Straßen- bahnverwaltung wird der Zweckverband der Stadt Berlin und der Vororte durch gerichtliche Klage bekämpfen; sie wird darauf hinausgehen, die Gesellschaft zur Anerkennung zu zwingen, daß sie in Berlin nicht über den 31. Dezember 1919 hinaus, in den Vororten nicht über die dort vereinbarten Zustimmunflsfristen hinaus berechtigt sei. ein Eigentumsrecht an deni Bahnkörper auszuüben und den Betrieb fortzuführen. Das„Berliner Tageblatt" äußert sich über den gestrigen Beschluß in folgender Weise: „Will der Zweckverband, wie es den Anschein Hat, die als- baldige Erwerbung des Stratzenbahnunternchmens ins Auge fassen, so würde er insofern mit Freude zu begrüßen sein, als die Durchführung der im öffentlichen Interesse dringend notwendigen Untergrundbahnprojekte dadurch eine wesentliche Förderung er- fahren würde. In diesem Falle wäre nur zu wünschen, daß auch die Straßenbahngesellschaft durch möglichstes Entgegenkommen eine baldige Verständigung herbeiführte. Mit dieser Auslegung des Beschlusses läßt sich allerdings die weitere Entschließung der Zwcckverbandkommission der streitigen Frage betreffs des Er- werbsrechtcs einzelner Gemeinden im Wege der Feststellungs- klage zur Entscheidung zu bringen, schwer vereinbaren, da durch 'Kerantwortli.chex Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil veralltw.: Tfe. Glocke, Berlin. Führung eines äußerst langweiligen Rechtsstreites das Ziel de? von der Kommission angestrebten Zweckvcrbandes noch in sehr weite Ferne gerückt würde." Die„Freie Deutsche Presse" bemerkt zu dem Berstadt- lichungsplan: „Mit diesem Beschluß hat das Verhältnis, wie es durch die bekannten Untertunnelungsprojekte der Großen Berliner zwischen der Gesellschaft einerseits, dem Magistrat von Berlin und den Gemeindevertretern der Vorortkommissionen andererseits ge- schaffen worden ist, ein ganz anderes Gesicht bekommen. Man darf sich freilich nicht verhehlen, daß es mit der Verwirklichung des Planes, wie er in der Kommission und wie er schon während der Erörterungen über die Untertunnelungsprojekte der Großen Berliner von verschiedenen Seiten in die Diskussion getvorfen worden ist, noch gute Weile haben wird. Wird seine Durch- führung aber am rechten Ende vorgenommen, so würden sich auch die ihm im Wege stehenden Hindernisse nicht als unüberwindlich zeigen." Mitgeteilt wird ferner, daß in der nächsten Stadtver- orditetenversainmlung in dieser Sache an den Magistrat eine dringliche Anfrage gerichtet werden soll, sich näher über die überraschenden Beschlüsse der Kommission zu äußern- Wir sehen der EntWickelung dieser Angelegenheit sehr kühl entgegen, da wir nicht im geringsten darüber ini unklaren sind, welche Einflüsse bei dieser Frage eine Rolle spielen. Nach wie vor werden wir unseren Standpunkt geltend machen, daß die Leitung und der Betrieb des öffentlichen Verkehrs Sache der Kommunen selbst ist und nicht Privatgesellsckaften überlassen werden darf._ Die Baugcsuche waren in Berlin im Jahre 1905 wieder erheblich zahlreicher als im vorhergehenden Jahre. Diesmal wurden 9207 Gesuche eingereicht, während im Jahre 1904 nur 7869 Gesuche und in den Jahren 1903 und 1902 nur 7306 und 6603 Gesuche ein- gereicht worden waren. Für 1905 beträgt das Mehr gegsnüber dem vorhergehenden Jahre 1338 Gesuche, für 1904 und 1003 hatte es nur 563 und 703 betragen. Im Straßenverkehr. Sin schwerer Unglücksfall ereignete sich gestern nachmitag gegen'/öS Uhr im Straßenbahnbetriebe. Zur genannten Zeit wollte der Bäckergeselle Leonhard vor dem Hause Lützowstr. 31, dicht am Magdeburger Platz, den Fahrdamm über- schreiten. Hierbei geriet L. in die Gefahr von einer Droschke über- fahren zu werden und lief infolgedessen in schräger Richtung nach dem Straßenbahngleis hinüber, auf welchem ihm ein Wagen der Berlin° Charlottenburger Straßenbahnlinie R(Dönhoffsplatz— Spandauer Bock) entgegenkam. Der Führer des letzteren gab zwar sofort Gegenstroiu, konnte aber nicht mehr verhindern, daß L. gegen die Vorderplattform rannte und zu Boden stürzte. Der Bäckergeselle geriet unter die Plattform des Motorwaggons und wurde besinnungs- los unter derselben hervorgeholt. Er hatte schwere innere Ver- letzimgen erlitten und wurde in fast hoffnungslosem Zustande nach dem Elisabeth-Krankenhause gebracht. Angst und Schrecken verbreitete gestern in der Brunnen» straße das wild gewordene Pferd eines Einspänner-Personenwa�enS. In der Nähe der Anklamerftraße scheute das Tier vor einem entgegenkommenden Automobil und jagte in rasendem Galypp die abschüssige Brunnenstraße hinunter. Der Kutscher bemühte sich ver» geblich, das Pferd zu zügeln, er wurde an der Jnvalidenstraße von dem Wagen herabgeschleudert. Von den Passanten wagte es niemand, sich dem Tiere entgegenzuwerfen, welches nunmehr mach dem Rosemhaler Tor zu raste, unterwegs mit verschiedenen Fuhr- werken karambolierend. Am Rosenthaler Tor rannte das Pserd gegen haS Gespann eines mit Eisen beladenen Rollwagens, sezte über die Deichsel hinweg und stürzte. Nunmehr konnte daS Tiw, ehe es ernsten Schaden angerichtet hatte, festgehalten werden, dw Wagen war jedoch bei dem Anprall zertrümmert worden. Det Kutscher, welcher bei dem Sturze mit leichten Verletzungen davon« gekonimen war, erhielt die erste Hülfe auf der Unfallstation. Not und Entbehrung haben wieder einen Menschen zur Ver» zweiflung und in den Tod getrieben. Der Ruheplatzstr. 22 wohn- hafte Kutscher W. Vorchert hat in, genannten Hause mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Söhnen eine bescheidene Wohnung inne. Seit längerer Zeit war er durch ein rheumatisches Leiden am Arbeiten gehindert. B. war äußerst niedergeschlagen darüber, daß er für seine Familie nicht mitverdienen konnte. Am Montag versuchte er durch Straßenverkauf von Zeitungen ein paar Groschen zu verdienen, er nahm jedoch nur 20 Pf. ein. In ge- drückter Stimmung kehrte der Bedauernswerte heim. Als er im Wohnzimmer seinen 7jährigen Knaben, der gleichfalls schon seit einiger Zeit an einer schweren Krankheit leidet, in seinen Schmerzen auf dem Bette liegen sah, erfaßte ihn plötzlich wilde Verzweiflung über sein Schicksal. Mit den letzten 20 Pf. schickte er seinen älteren 1l jährigen Sohn fort, damit er für das Geld Lysol hole. Seiner Frau gegen- über gab B. an, er lasse sich Schnaps kaufen. Als der Knabe das Gift gebracht hatte, reichte es der Vater dem kraule» Sohne mit den Worten hin:„Komm Junge. Du sollst auch einen Schluck haben I" Frau B., welche glaubte, daß in der Flasche tatsächlich Schnaps enthalten sei, hinderte ihren Mann daran, daß er dem Kinde etwas von dem angeblichen Alkohol gebe. Als sich B. schlafen legte, nahm er das Lysol mit ins Bett und trank es während der Nacht. Gestern morgen fand ihn die Frau sterbend vor. Ein Arzt, welcher sofort von der nahen Unfallstation geholt lourde, vermochte den Lebens- müden nicht mehr zu retten. Die Leiche wurde polizeilich bc- schlagnahmt und in das Schauhaus eingeliefert. Die hinter- bliebene Familie des B. befindet sich in der denkbar größten Notlage. Erschossen hat sich gestern morgen der 38jährige Steinträger Franz Müller, der in der Rigaerstr. 5 in Schlafstelle wohnte. Schon seit Jahren krankte M. an einem Lnngeiilciden, das ihn schließlich zu dem Selbstmord trieb.- Gestern in früher Morgenstlmde wurden die Bewohner des erwähnten HanseS plötzlich durch zwei Revolverschüsse aus dem Schlafe geweckt. M. hatte sich zwei Kugeln in den Mund gejagt. Der sofort von der Unfallstation in der Warschaucrstraße hinzugerufene Arzt konnte bei dem Lebensmüden nur noch den Tod feststellen. Mit der Spitzhacke in den Händen zirka 8 Meter tief abgestürzt ist heute nachmittag der 45jährige Arbeiter Rudolf H e i n z e aus der Skalitzerstr. 125. Er war beim Abriß des Gebäudekomplcxes am Wiltenbergplatz, auf dessen Grqnd und Boden sich demnächst das Jandorffche Warenhaus erheben soll, in der zweiten Etage mit dem Abschlagen der Mauersteine beschäftigt. Dabei trat er fehl und stürzte auf die in der Tiefe lagernden Steinhaufen. Von feinen Arbeits- kollegen wurde der Verunglückte in einer Droschke nach der Unfall- station Zoologischer Garten gebracht, wo der Arzt einen Bruch des linken Fußes und erhebliche innere Verletzungen feststellte. Nach An- legung eines Notverbandes wurde Heinze in einem Krankenwage» nach dem Krankenhaus Bethanien geschafft. Beim Rangieren verunglückte gestern mittag der bei der Großen Berliner Straßenbahn angestellte Schaffner Gottfried D r ö s e ans der Waldstr. 42. Er war damit beschäftigt, mit mehreren Kollegen gemeinsam in der Huttenstraße einen Anhängewagen an einen Motorwagen heranzuschieben und geriet, als er die beiden Wagen znsammenkoppeln wollte, zwischen die Wagen. Hierbei erlitt er von dem gegen den Motor fahrenden Auhängewagen eine starke MuSkel- quetschnng am rechten Oberschenkel und einen erheblichen Bluterguß in das Unterhautzellgewebe. Von seinen Kollegen aus der qual- vollen Lage befreit, wurde er nach der benachbarten Unfallstation getragen und von dort nach Anlegung eines Notverbandes in eitler Droschke nach seiner Wohnung geschafft. Auf dem Maskenball der Picher am Sonnabend, den 27. d. M.. ist ein Danienportemonnaie mit Inhalt gefunden worden. Die Ver- liererin wolle sich im Bureau der Putzer, Noseiithalerstraße 57, vor- mittags von 8—1 oder nachmittags von 3— 7 Uhr melden. Dntck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.