N». 27. RtonntmtntS'Btdlitynruien: raonnemtntS. Preis pränumerando•. «ierteljährl. aso Mr.. monall. i,jo SRf.. WS« entlich 28 Pfg. frei in 3 Hau». Einzeln« Nummer S Pfg. Eonnlaz». nummer mit illustrierter Sonntag». Beilage„Die Neue Welt" lo Pfg. Post- «bonnement: t.lv Marl pro Mona» Eingetragen in die Post. Zeitung»- Preisliste. Unter Kreuzband fE» Deutichland und Oesterreich- Ungar» 2 Marl, für da» übrige UuSIau» » Marl pro Monat. 23. Jahrg. Bit lnI(rHon$>6(bfltr »«trägt für die fechSgelPallene Kolonel. »eile oder deren Raum 40 Pfg.. für politische und gilveriichastliche Vereins- und Lerlammlnng».«»zeigen 2S Big. „Nietn« llnreigen", da» erste liest- gebtuSIf) Wort 10 Pig.. jede» weitere «ort 5 Psg. Worte über l» Buchstabe» zählen sür zwei Sorte. Inserate iür die nächste Nuinmer müssen bi»» Uhr rrachmillag» in der Expedition abgegeben werden Die Ezpediston ist an Wochen- tagen bi» 7 Uhr abend», an Sonn- und Felstagen bi»« Uhr vormittag» geSIstiel lrfcheiil tigtlch auStr Elenttii. Verlinev Volksblstt. Zcntralorgan der roziatdemokratifchcn parte» Deutrd>laiid9. r-Iegramm-Udresfe: „StiliitiMknl Btrlla". Redaktion: SRI. 68, Lindenstraeac 69. Zpcriiiprechrr:«ml IV. Str. Iiis». r Freitag, den 2. Februar 1903. Expedition: SRI. 68, Lindenstrasse 69. Keenivrertirr!«in» IV. 9lr. I!»K4. Zur Toleranzdebatte. Im Reichstag kam es am Mittwoch bei der Erörterung des Toleranzantrages wiederum zu einer allgemeinen Reli- gionsdebatte. Herr ö ck e r behauptete wieder einmal, daß das Christentum der Träger der ganzen modernen Gesittung und Kultur sei, und daß die Menschheit ohne Religion wieder in den Zustand der Barbarei zurücksinken miisse. Der Zen- trumsrcdner pries die Verdienste des Christentums nicht minder. Dabei war es ihm freilich nicht leicht, die katho- lische Kirche gegen den Vorwurf der Ketzer- und Hexender- brcnnungcn zu verteidigen. Herr O s c l suchte sich damit herauszureden, daß er meinte, man dürfe die Handlungen der Kirche in früheren Jahrhunderten eben nicht mit unserer lieiitigen Moral messen. Uebrigens hätten ja auch— Herr Stöcker habe das zu Unrecht bestritten— die Protestanten Ketzer verbrannt oder in anderer Form hingerichtet. Daß solche Reden im deutschen Reichstag gehalten werden können, ist nicht minder als das Schulverpfaffungsgesetz des preußischen Landtags ein beschämender Beweis für die wach- fende intellektuelle Verwahrlosung des Bürgertums. Die diel gefeierten Heroen unserer klassischen Dichtung, die Goethe, Schiller, Lessing, die Männer, deren Schaffen in gewissem Sinne als der Höhepunkt der geistigen und sittlichen Kultur Deutschlands gilt, sie waren nicht religiös, sie standen dem Christentum ablehnend gegenüber. Und trotzdem darf heute, ein Jahrhundert später, ein Stöcker unter dein Beifall der Reichstagsinchrheit den Ausspruch wagen, daß es ohne die Religion, ohne das Christentum keine Kultur gäbe! Das Christentum, das Herr Stöcker meint, ist nicht ein Förderer der Kultur, sondern in ganz überwiegendem Maße das ärgste Hemmnis, der erbittertste Feind des Kulturfortschritts gewesen. Denn das eigentliche, das Urchristentum, dieser schwärmerische Glaube einer nach irdischer Erlösung schmachtenden Menschheit, hat mit dem späteren K i r ch e n ch r i st c n t u in, der christlichen Staats- religio», absolut nichts gemein. In unserem Weih- nachtsartikel zeigten wir ja schon, daß das Urchristentum im Grunde nichts gewesen sei. als ein i» mystische Formen ge- tleideter Sozialismus. Das Urchristentum glaubte an die nahe Wiederkunst Christi, an die Errichtung des tausend- jährigen Reiches der Gleichheit und Brüderlichkeit hier auf Erden. Die ersten Christengemeinden nahmen es ernst mit der Lehre der Brüderlichkeit: nicht nur„in Christo" betrach- teten sie einander als Brüder, sondern sie betätigten ihre Nächstenliebe auch dadurch, daß sie in G ü t c r g e m c i n- schaftlebtcn. Diese kommunistische, das Privateigentum und den Klassenstaat verwerfende und bekämpfende Christen- sekte zog sich begreiflicherweise ebenso die grimmige Feind- schast der Herrschenden zu, wie die heutige Sozialdemokratie. Diese Urchristcn waren auch in der Tat gefährliche Umstürzler, sie waren genau so Feinde der staatlichen„Ordnung", wie gegenwärtig die-„vatcrlandslose Rotte". Daß sie von der Staatsreligion nichts wissen wollten, wäre von dem heidnischen Römerstaat, der im Punkte der Religion viel toleranter war. als später das zur Staatsreligion avancierte Christentum, noch ertragen worden: allein die Urchristen ver- sagten auch der kaiserlichen Majestät die Ehrfurchts- bezcugungen, sie weigerten sich, an den kaiserlichen Geburts- tagen, den„patriotischen" Feiern teilzunehmen-7- genau so wie die heutige Sozialdemokratie. Ja, die Urchristen gingen 'noch weiter, sie verurteilten nicht nur den Krieg, sondern s ie verweigerten sogar den Militärdien st, sie weigerten sich. Staatsposten zu bekleiden, da sie den Klasscnstaat nun einmal nicht anerkennen wollten. Kein Wunder, daß die herrschenden Gewalten des römischen Reiches diesen Umstürzlern Krieg bis aufs Messer erklärten und jahrhundertelang entsetzliche Cristenmetzeleien vcran- stalteten. Schließlich aber, als die Machthaber im Staate ein- sahen, daß mit Gewalt nichts auszurichten war, schlössen sie ihren Frieden mit dem Christentum. Sie konnten das auch um so eber, als das Christentum allmählich viel von seinem staatsfeindlichen Charakter eingebüßt hatte. Als gar Kaiser Konstantin der Große so schlau war. das Christentum zur Staatsreligion zu machen, schloß dieses vollends seinen Frieden mit dem Klassen- staat und all seinen Institutionen. Sogar mit dem privile- gierten Massenmord, dem Kriege, söhnte sich die Religion der Nächstenliebe überraschend schnell aus. So„siegte" das Christentum, indem es sein i n n e rjt e 8 Wesen, seine Ideale, seine soziale Mission voll- ständig preisgab! An Stelle des Laienpriestertums trat gleichzeitig die priesterliche Hierarchie, die Macht einer unduldsamen und herrschsüchtigen Pfaffenkaste. Tei Geist des zur Staatsreligion gewordenen Christen- tums, also des Christentums der Stöcker und Osel. offenbarte sich bald in der gebässiasten Verfolgung Andersdenkender. Es war nur zu natürlich, daß. da das soziale Elend der Aus- gebeuteten und Entrechteten geblieben war, der kommunistische Geist des Urchristentums immer wieder auflebte. Und jetzt übernahm das offizielle Christentum die Henkersrolle, die in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung die heidnische Staatsreaierung den Urchristcn gegenüber gespielt hatte. Mit derselben Bestialität, die die ersten Christenvcr- folgungen ausgezeichnet hatte, tu rfolgte nun die p ä p st l i ch c Kirche das Wiederaufleben de Urchristentum, die Waldenser, die Apostelbrüder, die Bcgharden, Lollharden, Taboriten, böhmischen Brüder usw. Mit Feuer und Schwert wütete die Kirche gemeinsam mit den weltlichen Mächten gegen diese Sekten. Unzählige Tausende wurden lebendig verbrannt, enthauptet, erwürgt— in Christi Namen! Das ist die„K u l t u r". die das offizielle Christentum, das Christentum unserer gescheitelten und tonsurierten Staats- kirchcndiener, der Menschheit gebracht hat! Freilich, Herr Osel hat recht, der Protestantismus hat keine geringere Intoleranz bewiesen, er hat es, soweit das die veränderten Zeitumstände zuließen, an bestialischer Ver- folgungswut dem Katholizismus gleichgetan! Mit Recht wies Herr Osel darauf hin, daß ja auch Calvin den spanischen Gelehrten Michael Servct wegen Gotteslästerung auf den Scheiterhaufen gebracht habe. Der Zentrumsrcdner hätte noch hinzufügen können, daß nicht nur Z w i n g l i s Nach- folger Bullinger, sondern auch Philipp Mc» lanchthon diese protestantische Ketzerverbrennung durch- aus gebilligt haben! Das Zentrum könnte sich ferner darauf berufen, daß es im Jahre 1572 in dem protestantischen Heidelberg auf Veranlassung des Kirchcnratcs zu einer Kctzerhinrichtuiig kam. Johann Sylvan, Inspektor zu Laden- bürg, wurde auf dem Marktplatz enthauptet, weil er Irr- lehren gegen die Dreieinigkeit verbreitet haben sollte! Daß es nicht häufiger auch unter den Protestanten zu Ketzerhin- richtungen kam, verhinderte nur die Abhängigkeit der pro- testantischcn Kirche von den Fürsten, die, nachdem sie durch Zwangseinführung der Reformation das Kirchcngut cinge- säckclt hatten, toleranter waren als ihre Pfaffen. Wäre das nicht der Fall gewesen, lo hätten sich sogar die Protestanten gegenseitig mit wahrer Wollust auf den Scheiterliausen gc- schickt. So mußten sich Lutheraner, Zwinglianer und Calvi- nisten damit begnügen, sich gegenseitig durch Schmähschriften und Schmähreden in den tiefsten Höllcnpfuhl hineinzu- wünschen. Die theologischen Zänkereien nach Luthers Tode waren geradezu Virtuosenleistungen von wüstesten Schimpfereien. Der arme Melanchthon brach ob dieses„christlichen" Treibens einmal in den Stoßseufzer aus:„Wie wird sich die Nachwelt wundern, daß es ein so rasendes Jahrhundert ge- geben hat." Auch darin hat Herr Osel recht, daß der Protestantismus sich an den entsetzlichen Hexenbränden ebenso eifrig beteiligt habe wie der Katholizismus. Doch darf der Katholizismus für sich die Ehre in Anspruch nehmen, das Hexenschmoren erst in Mode gebracht zu haben. Und zwar war es die Jnguisition, die, erst in Frankreich, dann in Deutschland, die Hexen- Prozesse einführte. Nachdem dann Papst Jnnoccns VIII. im Jahre 1484 durch eine Bulle den deutschen Inquisitoren das Vorgehen gegen die Hexerei zur besonderen Pflicht gemacht hatte, wurden dann bald die Hexenverbrennungen, die bis- her nur vereinzelte Erscheinungen gewesen waren, cn gros betrieben. Der Protestantismus aller Richtungen wetteiferte später mit dem Katholizismus auf dem Gebiete der Hexen- verbrennerei. Nun sagte Herr Osel, man dürfe diese ja nicht hinwegzu- leugnenden Schandtaten des offiziellen Christentums nicht mit dem Maßstabe der heutigen Moral messen, sondern aus dem Kulturzustand der damaligen Zeit heraus beurteilen. Nun ist es ja richtig, daß nicht nur die Luther und Calvin, nicht nur die Inquisitoren an das Hexenwescn �glaubten, sondern auch geniale Köpfe, wie der große Satiriker Johann Fischart. Andererseits aber steht fest, daß der Hexen- glauben erst dann zu Hexenverfolgungcn aus- artete, als die katholische Kirche sie als eine neue Abart der Ketzerverbrennungen in Schwung brachte! Die Kirche, das offizielle Christentum ist also voll verantwortlich für die grauenhafte Hinmordung der Hunderttausende von Un- glücklichen, die der grause Hexenwahn an den Brandpfahl schnürte. Uebrigens: wenn Her Osel verlangt, daß man auch die Taten des Christentums als Ausflüsse der damiligen s�cit- moral, die ihrerseits wiederuin ein Produkt des jeweiligen Kulturzustandcs ist, beurteilen solle, so hat er damit selbst über die angebliche Kulturmission des Christentums den Stab gebrochen. Herr Stöcker behauptete, das Christentum habe die Menschheit aus der Barbarei zu der heutigen sittlichen Kultur emporgehoben, und Herr Osel protestiert da- gegen, daß man von dem Christentum eine höhere Moral verlange, als sie in dem Wesen einer rückständigen und bar- barischen Zeit gelegen habe! Nun, ein jedes Kind weiß ja heute, daß die Verfeinerung der Moralbegriffe, die Hebung unserer geistigen Kultur nicht dem Christentum, sondern der ökonomischen Entwickelung zu verdanken ist, die wiederum die Vorbedingung zur Ent- Wickelung der Wissenschaft darstellt. Was heute an hninani- tären Begriffen lebendig ist, ist nicht die Frucht des offiziellen Christentums, sondern vielmehr die Frucht des Kampfes gegen die kirchliche Intoleranz, gegen die dogmatische Verdummungswut, gegen das Evangelium der Untertanenknechtseligkeit, das von dem offiziellen Christentum stets gepredigt worden ist. Und so kulturfeindlich das Christentum stets gewesen ist, so kulturfeindlich ist es auch noch heut e. Unterstützt unsere Kirche nicht die Kolonialpolitik trotz all ihrer entsetz- lichen Greuel? Hat sie je den Versuch gemacht, der schmäh- lichen Völkervcrhetzung ein Ende zu machen? Und hat sie nicht stets g e g c n die Mühseligen und Bcladenen, die Armen und Elenden Partei ergriffen zugunsten der Reichen und Mächtigen? Kein Wunder, daß die Abneigung gegen die Kirche immer mehr wächst, daß sich das Wort Lcnaus immer offenbarer erfüllt: Das Licht des Himmels läßt sich nicht verhängen Durch Pupurmäntel oder schwarze Kutten! Die Revottttion in Rntzland. Geheimerlaß für die Untersuchung deS EifenbahnerstreikS. Der russische Eisenbahnerstreik, der Rußland ungeheure Verluste gebracht hat, bildet jetzt Gegenstand der lebhaftesten Diskussionen in den höheren russischen Regierungskreisen, und man will bis in die kleinsten Details eine Untersuchung einleiten, um in Zukunft die Wiederholung eincS solchen Streiks unmöglich zu machen. Zu diesen, Zwecke ist nun den Betriebsvorstehern soeben ein überaus charakteristischer Geheimerlaß zugestellt worden, worin es unter anderem heißt: .Ich beehre mich, die BetriebSchefS zu bitten, statt mündlicher Ausfrage alle Eisenbahnangestellten zu veranlassen, daß sie ihre Angaben absolut geheim und schriftlich machen, aufrichtig und wahrheitsgetreu, ohne zu fürchten, daß eS bekannt gemacht wird, die Ursachen des Streiks vom 22. Dezember v. I. sowie die ihnen bekannten Unistände angeben, die ein klares Bild über die Ent- ftehnng, Fortdauer und Beendigung des Streiks geben könnten. Hierbei sind die Angestellten darüber aufziikläreu. wie wichtig es für diejenigen Eiseiibahner ist. die jetzt eines freiwilligen An- fchlusieS an den Streik beschuldigt werden, die Sache in ihrem »vahren Lichte darzustellen»nd dadurch zu ermöglichen, bei der Untersuchung die gegen sie erhobene Beschutdiguiig nieder- zuschlagen und dicjcnigc» Personen anzugeben, durch bereu Schuld vielleicht der größte Teil der gänzlich uuschuldigen An- gestellten gelitten hat. Solche Angabei» inüssen in geschlossene» KuvertS von de» Brtrirbsvorstchern selbst geprüft, gruppiert, systematisch geordnet und mit persönlichem Äommrutar versehen mir zugrstcllt werden. Da auch ich driiigeud ersucht»verde, die All- qelegcnheit schiiellsteliS zu erledigen, bitte ich Sie, für die Zu- ftelluna der Angaben c»ne siebentägige Frist zu gebe»»,»vouach ciiie ebenso lange Zeit zur Ausstellung der Berichte und der Beschlußfassungen gewährt wird." Will man Rache üben, oder sich die„Schuldigen' nur für künftige Fälle»nerken? � � Sie ist nicht tot! Petersburg, 1. Februar. Die Nachrichte» aus Riga lauten wieder sehr ernst. Die Nevolutio» hat von neuem begoimen. Jnfolgedesien hat der dortige Gouverneur um Trlippen gebeten, die bereits auf de», Wege nach dort sich befinden. Petersburg, 1. Februar. In Ttflis sind neue ernste Unruhen ausgebrochen. Es kam zwischen Arinciliern und Muhamedanmi mehrfach zu einem Handgemenge, wobei zahlreiche Personen getötet oder verlvundet lvurden. Die Truppen sind zu gering an Zahl, um einschreiten zu könne»». Zahlreiche Läden»vurden von den Auf- ständischen(?) geplündert. Rache. Warschau, k. Februar. Hier sind gestern fünf Israeliten wegen terroristischer Gewalttaten kricgSrechtlich erschossen worden. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Petersburg, 1. Februar. Großfürst Alexis Alexandrolvitsch bc» schloß, alle seine Liegenschaften in Rußland an die Landbevölkerung zu einem Preise abzutreten, welcher von cinein Ausschüsse der Land- lente selber bestimmt werden soll. Der Kaufpreis soll in jährlichen Abzahlungen erlegt werden. politifebe Ocbcrricbt. Berlin, den 1. Februar. Die zweite Lesung des Reichsetats. Heute begann die zweite Lesung des Etats, die mit häuS- lichen Angelegenheiten des Reichstags cillsctzte. Beim Etat des Reichstags brachte Genosse Singer Bcschivcrden vor, die— ganz abgesehen von der Diätenlosigkeit— die kleinlich-bilreail- kratischc Behandlung des Reichstags bloßstellten. Ain Schlüsse voriger Session ist es den Abgeordneten verweigert worden. ihnen die Akten des Reichstags aus ihrer Berliner Wohnung nach ihrem Wohnort nachsenden zu lassen— eine Kleinlichkeit, die an die BiSniarcksche Behandlung des Reichs- tagS erinnert. Mit dem Abg. Erzberger(Z.) trat Singer für eine Besserstellung der Beamten der Hülss- kanzlei und der Diener des Hauses ein. Graf O r i 0 l a(natl.) schloß sich den Klagen des Abg. Arendt(k.) über die all- 8 e blich unzureichende Verpflegung der Abgeordneten durch die üche des Hauses an und wünschte eine bessere Zilbercitung der Speisen, wie sie Arendt fordere.(Zliruf: Koscher! Heiterkeit.) Für die Toilette,»bedürfnisse dek Granden»vünschte Graf Oriola in frisierter Rede einen— Friseur; im preußi- schen Abgeordnetenhause steht ein solcher zur Verfügung. Der Präsident. Gras Ballestrem, sagte eine Berücksichtigung der Wünsche zu, unter denen sich»och die Anlegung eines Generaisprechregisters für die ReichStagSverhandlungen, die Eiurichtiing eines Ferndruckers soivie die freie Zllstellilng des „Reichsanzeigers" ustv. befanden. Auch die mangelhafte Aus- schmllckung des Hauses kam zur Sprache. Dann begaim die auf sechs Tage berechnete Beratung des Etats zum Reichsamt des Innern. Die sozialpolitische Stellung der Parieicn wurde heule dur.h dr.l N.'.'e präzgier'l, ohne daß dabei irgendwie taktische Besonderheiten zutage ge- treten wären. Die bekannte lavierende, durchgreifende sozial- politische Reformen hindernde Haltung des Zentrums wurde durch den Abgeordneten Trimborn mit einem oratorischen Eiertanz umzogen. Die falschen Pas des Tänzers wurden dann freilich recht scharf durch unseren Genossen Fischer- Berlin gekennzeichnet, der die ganze sozialpolitische Lage an der Hand der Fabrikinspektionsberichtc in einer, L'/zstündigen Rede aufrollte, die Verschleppung nötiger sozialpolitischer Maßnahmen zum Schutze und zur Besserung der Lage der Arbeiter durch die Regierung und die herrschenden Parteien mit schneidender Satire geißelte und Reformen im großen Stile verlangte, gegenüber den Flickarbeiten der letzten Zeit. Für die Konservativen hatte der Oberzünftlcr und arbeitcr- feindliche Scharfmacher Pauli- Potsdam die rednerische Führung, der sich wohl groß fühlte, aber infolge seines engen sozialpolitischen Horizonts— wie stets— nur erheiternd zu wirken vermochte. Seine Aufgeblasenheit verdeckt das iutellektuelle Defizit nicht.— Nach diesem Redner wurde die Debatte auf Sonnabend vertagt.— Im Wald und auf der.Heide. Das Abgeordnetenhaus setzte am Donnerstag die zweite Beratung des Etats fort. Tie Herren befanden sich, da der Etat der G c st ü t s v e r w a l t u n g zur Debatte stand, in ihrem ureigensten Element. Es wurden hochbedeutende Reden iibcr Kaltblut- und Warmbhitzucht und ähnliche welterschütternde Dinge geschwungen, während kein einziger „Volksvertreter" es für nötiz hielt, beispielsweise über die traurigen Schulverhältnissc in Trakehncn, die doch immerhin für weite Kreise des Volkes mindestens ebenso wichtig sind, auch nur ein Wort zu verliere». Nach Erledigung des Gestütsctats beriet das Haus noch den Etat der Forstverwaltung und einen Teil des Domänen- ctats. Am Sonnabend wird sich die Debatte dem Etat der Zen- tralgenossenschaftskasse zuwenden.— Preuften in Ruftland voran! Den Fällen Perncrstorfer, Jaurös, NieuwcnHuis, Caatz hat die preußische Polizei soeben einen angereiht— den Fall Semänoff. Genosse Sömenoff ist ein bekannter russischer Schriftsteller, der sonst im gastlichen Paris lebt, sich's aber dieser Tage einfallen ließ, im ungastlichen Berlin zu erscheinen— auf Einladung von Freunden—, weil er— auf Einladung von Freunden— am letzten Mittwoch einen öffentlichen Vortrag in russischer Sprache über das Thema: „Die russische Freiheitsbewegung und die öffentliche Meinung Frankreichs" halten wollte. Sömönoffs Freunde hatten aber die Rechnung ohne den Wirt, den unwirtlichen Polizei- Präsidenten von Berlin, gemacht, als sie sich einredeten, ihr Gast werde unbehelligt in Berlin verweilen können. Auf administrativem Wege— ganz wie in Russisch-Rußland— wurde Sömönoff aus Preußisch-Rußland verbannt. Man war so gütig, ihm 2-1 Stunden Henkersfrist bis zur Abreise zu gewähren. Das wenigstens bringt die borussisch- Borriesische Gastfreundlichkeit noch so mit sich. Der Verwiesene hat aber einen halben Tag früher den Berliner Staub von seinen Pantoffeln geschüttelt. Natürlich wird der Anwalt des„Lästigen", Genosse Lieb- knecht, den Versuch machen, unter Bcnntzling der für solche Fälle gegebenen mehr als kümmerlichen Rechtsmittel, die Sache des Belästigten zu führen.— Wie aber im Gegensatz zu unseren modernen Dnrchschnittsbarbarcn ein Kulturträger Schritte wie die des Berliner Polizei-Präsidii beurteilt und empfindet, das wollen wir zum Schluß mit Hülfe des Briefes zeigen, den Svmönoff uns schickt und den wir in wortgetreuer ttebersctzung— aus dem Französischen— hier lvieder- geben: Berlin, 31. Januar 1906. Genossen! Die Polizei bleibt sich überall gleich. Die Eurige hat mir soeben die Ehre erwiesen, mich auf Ersuchen der Zaren- Polizei ans Berlin auszuweisen, wo ich ein paar Tage als ein- sacher, friedlicher Bürger zugebracht habe. Ich hatte es übernommen, vor einer russischen Zuhörerschaft einen russischen Vortrag zu halten. In dem Augenblick, da ich das Podümr besteigen will, werde ich von Kriniinalpolizistcn „eingeladen", sie bis zum nächsten Polizeibureau zu„begleiten". Dort las mir,nach kurzem Verhör ein— übrigens sehr höflicher— Beamter den Ausweisungsbefehl vor, demzufolge ich das Gebiet Preußens binnen 24 Stunden zu verlassen hätte, widrigen- falls die Folgen des Artikels 361 eintreten würden.--- Das war alles— aber gerade genug, nicht wahr? May ließ mich laufen, und ich konnte ruhig meinen Vortrag halten vor einer Versammlung, die so freundlich und so geduldig loar, mich anzuhören. Ich für meine Person habe dem nichts hinzuzufügen. Aber ich lege Wert darauf, Euch, Genossen, diese unqualisizierbare Hand- lung einer Regierung zu melden, die sich„zivilisiert" nennt und doch nur der ergebene Diener des Zarismus ist. Mit brüderlichem Parteigruß Euer _ E. Somönoff. Der Hamburger Wahlrechtsranb perfekt! Esi st erreicht! können die hanseatischen Wahlrechts- räuber ausrufen, die am Mittwochabend in fünfstündiger Sitzung die Verfassungsänderung zum Beschluß erhoben und daniit schon im Prinzip der Wahlentrcchtung der ungeheueren Bevölkerung z u g e st i m m t haben. Das noch folgende Nachspiel ist weiter nichts als Komödie. Die drei maßgebenden Fraktionen der Bürgerschaft— Linke, Zen- trunr und Rechte— hatten sich schon vorher verständigt, am Mittwoch, als am drittelt Tage der Generaldebatte, Schluß zu machen: Vernunftsgründen ist diese um die Erhaltung ihreS„Besitzstandes" bedachte Gesellschaft nicht zugänglich, sie wollte nichts mehr hören.„Denn ein Recht zum Wählen, Lump, haben— in der Republik Mammonia— nur, die etwas haben." Dieses variierte Wort Heines schwebte dem Herr- schenken Pfeffersackklüngel als Richtschnur seines Handelns vor.„Wir üben die Diktatur aus, so lange �wir die Macht haben, und daniit basta!" Sie hatten alle Säumigen und Schwankenden züsainmengetroinmclt, die um das„Wohl" ihrer Republik bedachten Patrizier und deren Sachwalter, und so waren von 160„Volksvertretern" nicht weniger als 156 erschienen. Einer ist verstorben, drei sind schwer erkrankt — es war eine Präsenz, wie sie noch nie zu verzeichnen war. Es war mithin alles in die Wege geleitet, und so konnte der Schlußakt bei besetzten Rollen vor sich gehen.. Was nützte es, daß die Herren Dr. Petersen(Rechte) und Dr. B l u n ck(Linke), die sich noch pglitischcs Anstands- gefühl bewahrt haben, gute Argumente gegen die unerhörte ZLergewaltigung der breiten Volksmassen vorbrachten, man wollte sie nicht hören, man lärmte, unterhielt sich gruppcn- weise oder ging demonstrativ ins Foyer hinaus, ungeduldig des Augenblicks harrend, ivo die Guillotine— die„Abmurksung" der noch eingezeichneten Redner, darunter B ö m c l- bürg— in Funktion treten sollte. Nachdem noch der „liberale" Hausmakler Rhode, genannt der Eugen Richter Hamburgs, die Sozialdemokratie in ihrer ganzen Schreckhaftigkeit geschildert und darauf verwiesen hatte, daß die Sozis in— Wandsbcck sich nicht einnial davor scheuen, Gegner, die den Mut haben, bei der Stadtverordnetenwahl gegen die sozialdemokratischen Kandidaten zu stimmen, zu boykottieren, und der Ausschußberichterstattcr Dr. Z a ch a- r i a s das— Kommunistische Manifest als für das hanseatische Staatswesen nicht passend bezeichnet hatte, war der„große Augenblick" gekommen, wo Schluß gemacht wurde. Damit die Schwankenden nicht öffentlich Farbe zu bekennen brauchten, und um ihnen den Unifall zu erleichtern, wurde anstatt der beantragten namentlichen— geheime Abstiinmung beschlossen. Die hanseatischen Wablrechtsräuber arbeiten gern im Dunkeln: im Dunkeln haben sie den Wahl- rechtsraub eingeleitet(in geheimen Konventikeln), im Dunkeln beschließen sie die Verfassungsänderung. Mit 120 gegen 35 Stimmen— also mit mehr als der erforderlichen Dreiviertelmehrheit— wird die Klassenwahl sanktioniert. Die Bahn für die Spezialdebatte des Wahlrechtscntwurfes ist frei, von jetzt ab ist nur noch die einfache Mehrheit erfordcr- lich. Am nächsten Mittwoch beginnt die Spezialbcratung der Ansschnßvorlagc. Cb die herrschende Clique Hamburgs wirklich glaubt, daß das arbeitende Volk sich diese Brutalisicrung auf die Dauer gefallen lassen wird?— Bekanntlich bestand auch bisher schon in Hamburg keineswegs ein freiheitliches Wahlrecht. Die Hälfte der BürgerschaftSvcrtreter wurde schon bisher von dem herrschenden und besitzenden Klüngel gewählt, indem 40 Vertreter von den„Notablen", d. h. den Nichtern und Mitgliedern der Verwaltungsbehörden, und weitere 40 Mitglieder der 160 Köpfe starken Körperschaft von den Grundeigentümern zu wählen waren. Weitere 80 Mitglieder gingen aus den allgemeinen Wahlen hervor, an denen aber auch nur derjenige teilnehmen durfte, der 30 Mark Bürgergeld gezahlt hatte. Die ärmeren Schichten des Proletariats waren also völlig vom Wahlrecht ausgeschlossen. Also schon das bisherige Wahlrecht machte es der Sozialdemokratie, zu der sich die große Mehrheit der Gesamtbevölkerung bekennt, unmöglich, jemals auch nur die Hälfte der Bürgerschaftssitze zu erobern! Nach dem neuen Wahlgesetz soll nun die Hälfte der Vertreter aus den allgemeinen Wahlen geteilt werden. Zwei Drittel von den 80 Vertretern sollen aus der Abstimmung der Wähler mit mehr als 2SOO M. Einkommen hervorgehen, während alle Bürger mit weniger als 2ö00 M. Einkommen nur ein Drittel von den 80 BiirgerschaftSvcrtretern. also nur ein Sechstel der ge- samten BürgcrschaftSvertreter wählen dürfen I ES würde also der Sozialdemokratie im a l l e r g ü n st i g st e n Falle möglich sein, 24 von den 160 Vertretern zu wählen, trotzdem für sie in den drei Hamburger Wahlkreisen im Jahre 1903 nicht weniger als 100 112 Stimmen abgegeben wurden, während alle übrigen bürger- lichen Parteien zusammen nur 61717 Stimmen erhielten, welche Zahl sich aus 17 987 freisinnig-volksparteilichen, 36618 nationalliberalen und 7112 aiff verschiedene andere Parteien zersplitterten Stimmen zusammensetzte. Der Liberalis- n» u s ist es also auch in Haniburg gewesen, der ein ohnehin elendes Wahlsystem vollends in einen Hohn auf jede soziale Gerechtigkeit verwandelt hat! Voraussichtlich wird die liberale Presse nun auch wieder be- haupteir, daß es die„Revolutionsroninntik" der Sozialdemokratie gewesen sei. die der— liberalen!— Reaktion Wasser auf die Mühle geliefert habe. So lese» wir schon heute im„H a m b. K o r r e s p.": „Man kann es immerhin verstehen, daß die Dinge so ge- kommen sind. Wir habe» schon darauf hingewiesen, daß die Schmenkung der S o z i a l d ein o kra tie, die durch den Jenaer Parteitag eingeleitet worden ist, den der Vorlage zu gründe liegende» Bestrebungen außerordentlich günstig gewesen ist. Die to ü st e Propaganda für die russische Revo- l u t i o n und der Versuch, zunächst in Sachsen ihre Methode» auf deutsches Gebiet zA verpflanzen, schließlich die bedauerlichen Ereignisse in Hamburg selbst haben„ S t i in in u n g" für den Gedanken gemacht, dem Eindringen der Sozialdemokratie in die Bürger- schaft unverzüglich einen Damm entgegenzusetzen, der für alle Zeiten zu halten versprach. Aber das war es nicht allein." Wir empfehlen diesen Erguß Blättern vom Schlage des„Verl. T a g e b l." und der„ F r e i e n D e n t s ch e n Presse" zur gefälligen Benutzung. Zugleich freilich ersuchen wir sie, auch die dann folgende Stelle abzudrucken: „Sucht nian ihnen(den Gründen der WahlrechtSräubcr) und ihren Wurzeln für einen Augenblick nachzugehen, so stößt man auf die Tatsache, daß die weitverbreitete Abneigung des Bürgertums gegen die Sozialdemokratie viel weniger auf politische Prinzipien- fragen, die Dogmen des Marxismus n. dcrgl. zurückzuführen ist als auf die ungeheure Erschwerung der Arbeits- und Erwerbs- Verhältnisse durch den sogenannten Klassenkampf. Hamburg ist in erster Linie eine Geschäfts st adt und zwar eine Stadt, in der man gewohnt ist, sich den Erfolg der Arbeit nur von der äußersten Anspannung aller beteiligten Kräfte zu versprechen; und da macht nun der größte wie der kleinste Arbeitgeber immer mehr die Erfahrung, daß seine Arbeiter die Solidarität deö Geschäftes und seiner Glieder, die Solidarität der Arbeitsgemeinschaft, die in früheren Zeiten als eine selbstverständliche Sache galt, als nutzlosen Ballast über Bord werfen und an ihre Stelle daö solidarische„Klassenbewußtsein" setzen, d. h. der Arbeitgeber findet, und zwar im großen wie im kleinen nicht nur eine wachsende Gleichgültigkeit gegen die Interessen des Geschäfts, sondern sogar eine wachsende Feind- seligkeit." Also nicht die„Revolutionsromantik". sondern der praktische ge- werkschaftliche Kampf hat die Wahlrechtsräuber zu ihrer Gewalttat veranlaßt I Wollen also die Arbeiter die„Sympathie" des „liberalen" BürgertmnS zurückgewinnen, so müssen sie schon den Kamps u« die Hebung ihrer materiellen Lage selbst aufgeben! • Deutfebee Reich. ZentriunShcuchrlei. Die„Germania" versucht sich mit einem Mal als schneidige Gegnerin des preußischen Dreiklassenwahlrechts aufzuspielen. Preußen gerate wirklich in Gefahr. in Deutschland hintenan zu marschieren. wenn eS nicht auch endlich an eine Wahl- reform herantrete. Es könne zur Wahrung und Stärkung deö Ansehens Preußens im deutschen Volke nicht beitragen, wenn eS sich in der Wahlrechtsfrage dauernd in der Gesellschaft von Sachsen und etwa noch Hamburg und Lübeck befinde. Das Zentrum habe ja keinerlei P a r t e i- I n t e r e s s e an der Reform des preußischen DreiklassensysteniS, da es dadurch einen nennenswerten Zuwachs an Mandaten nicht zu erwarten habe. ES halte die Reform lediglich„aus Gründen der Gerechtigkeit und im Interesse deS sozialen Friedens" für dringend notlvendig. Wenn sich das Zentrum als Verfechter der Gerechtigkeit geriert, so ist doch darauf hinzuweisen, daß es iu Bayern und in Württem- berg gerade daS Fraktionsinteresse ausgezeichnet zu wahren verstanden hat. In Bayern tritt es für das allgemeine Wahl- recht ein, weil es dabei am besten fährt, toährend es in Württem- berg eine berufsständische Vertretung befürwortet, die gerade ihm besondere Vorteile zu bringen verspricht. Herr Gröber erklärte zwar im württembergischen Landtag, daß die berufsständische Ver- tretung gerade eine feinere Ausbildung des Systems des all- gemeinen Wahlrechts darstelle. Wäre dieS aber wirklich der Fall. so hätte das Zentrum doch auch in Bayern für einen solchen Wahl- modus eintreten müssen. TaS Zentrum tritt aber überall nur für dasjenige Wahlrecht ein, bei dem es s e l b st die meisten Vorteile zu erlangen hofft. Deshalb hat eS auch noch keinerlei ernsten Versuch gemacht, die preußische Dreiklassenwahlschmach zu beseitigen. Der bloße rcthorische Appell an die preußische Regierung, doch eine Wahlreform durch- zuführen, hat nicht den gering st en Wert. Erst wenn das Zentrum den Antrag anf Einführung des allgemeinen, gleichen. direkten und geheimen Wahlrechts nicht nur einbringt, sondern auch mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln durchzusetzen bemüht ist, wird es den Beweis dafür liefern können, daß ihm tatsächlich die Gründe der Gerechtigkeit und das Interesse des sozialen Friedens wichtiger sind als sein egoistisches Fraktionsinteresse.—_ Ein Rückfall ins Huimcutum. Die„Hilfe" des Hunnenpastors Naumann stellt an uns folgende liebliche Zumutung: „Der„Vorwärts" spricht die Verdächtigimg ans, wir nähmen in der Wahlrechtsbewegmig eine„sehr zwiespältige Haltung" ein. W a S die Zeitung Rosa Luxemburgs s ch r e i b t, i st uns gänzlich gleichgültig. Nur ist eS ein neuer Beweis dafür, daß es dem„VorlvärtS" an den Grundlagen fehlt, die eine fachliche Diskussion ermöglichen. Wir sind in der Presse inid in zahlreichen Versammlungen mit aller Energie für das Recht der Demonstrationen eingetreten. Am 2l. Januar aber war es gerade die Sozialdemokratie, die sich wohlweislich hütete, ihre lutigen Worte in die Tat umzusetzen. Da haben wir konstatiert, daß die ganze Revolutionsromantik zu nichts führt. Die Sozialdeinokratie soll doch zeigen. daß sie genug Kurage hat. den Weg toeiter zu gehe it. um dessen tvillcn sie erreichbare Fort- f ch r i t t e in d e n W i n d schlägt. So lange das nicht der Fall ist, können ivir diese ganze Taktik nicht anders betrachten. als das persönliche Verhalten der Polin Rosa Luxemburg während der rilssischen Revolution." Also auch Herr Naumann hätte es offenbar gern gesehen, wenn eS am 21. Januar zu einem Blutvergießen gekommen wäre. Ergeht nichts über christliche Nächstenliebe. Davon, daß es der„Hilfe"„gänzlich gleichgültig" ist, was Ivir über sie schreiben, sind wir ninsontehr überzeugt, als uns die„Hilfe" jedesmal, wenn sie sich mit uns beschäftigt, ein Exemplar ihrer be- treffenden Nummer zugehen läßt, in dem die unS gewidmeten Aufmerksamkeiten blau angestrichen sind.— Bülolv und Bebel als Zeugen vor einem russischen Gericht. Bebels Reithstagsrede, worin er die Zustände in den Ostsee- Provinzen und speziell die in Reval geißelte, fand in der russischen Presse ein lebhaftes Echo und wurde u. a. von der Petersburger „Rowosti" wörtlich wiedergegeben. In dieser Rede erblickte das russische Gericht jedoch eine Beleidigung der höchsten Gewalt und strengte gegen den Redakteur O. K. Notowitsch eine Klage an, der min seinerseits beantragt hat. eine ganze Anzahl Entlastungszeugen zu laden, darunter den deutschen Reichskanzler Fürsten Bulow, den ReichStagSabgeordncten Bebel, den russischen Minister des Aenßern Grafen Lambsdorf, die Admirale Avelan und RvschdcstwcnSky. sowie mehre Personen aus der nächsten Umgebung des Zaren und des deutschen Kaisers.—_ Eine trübselige Wiener Spezialität. Wie aus Wien verlautet, ist die Gründung einer großen antisemitischen Tageszeitung in B c r l i n ab 1. April in sichere Aussicht genommen. Finan- ziert wird das Unternehmen hauptsächlich von Wiener Kapi- talistcn, an deren Spitze der bekannte Führer der Christlich- sozialen, Herr E r n st V e r g a n i, der Herausgeber des „Deutschen Volksblattes" in Wien, steht. Das Gründungs- kapital beträgt vorläufig zirka i/s. Million Mark. Das neue Blatt soll sich von sämtlichen konservativen und antisemitischen Richtungen unandhängig halten und alle Bestrebungen unter- stützen, welche auf eine Bekämpfung des Judentums, der So- zialdemokratie und des Freisinns abzielen. Der Wiener Antisemitismus ist die korrupteste Abart des korrupten politischen Gebildes, das sich Antisemitismus nennt. Mit der Ueberführnng dieser Spezialität nach Berlin wird die Donaustadt an der Spree wenig Ehre einlegen.— Ter Zwiespalt iu der deutschen Gerechtigkeit. „Erhebt auch Ihr Euch einmütig in gewaltigen Massen und gebt Euren Willen laut und nachdrücklich kund. Laßt nicht abermals die Stunde ungenutzt vorübergehen. Eilt in die Versammlunge», tretet ein in die Organisation der Sozialdemokratie" usw. Was ist das? Ein Aufruf, die Stimme zu erheben— ein Aufruf, in die Versammlungen zu gehen— ein Aufruf, die Organisation der Sozialdemokratie zu stärken, werden unsere Leser, tverden alle Unbefangenen sagen.— Nein, sagt das königl. Landgericht in Koblenz, das ist eine betvnßte Auf- fordernng, in Preußen mit ungesetzlichen, gctvalttätigcn Mitteln gegen das bestehende Wahlrecht und die besitzenden Klaffen vorzugehen. Warum? Weil iu dem Flugblatt„An das preußische Volk", um dies handelt es sich, auch von den Kämpfen in Rußland die Rede ist. Das Landgericht in Koblenz hat wie folgt ent- schieden: 0. 10./6. 30. Beschluß. Die Beschwerde des Jakob A.. Zigarrenarbeiters in Koblenz, gegen die am 12. Januar 1906 bei ihm vorgenommciie Beschlag- nähme der Flugblätter mit der Ueberschrift„An das preußische Volk" wird zurückgewiesen. Die Kosten fallen dem Beschwerde- führcr zur Last„ Gründe; Die Beschlagnahme des angeführten, im Verlage von Adolf Hofrichter in Köln erschienenen und bei A. Gerisch in Dortmund gedruckten Flugblattes ist durch Beschluß des königlichen Amts- gerichts in Ahrweiler vom 13. Januar 1906 angeordnet, weil der Inhalt desselben de» Tatbestand des Brrgchcns gegen A 130 des Strasgcsclibuchs begriindet. Die Wirkung dieser richterlichen Beichtag- »ahme erstreckt sich auf alle Exemplare der Druckschrist, auch auf diejenigen, welche außerhalb des Amtsbezirkes deö beschließenden Gerichtes vorgestindcn werden, also auch auf die hier in Rede stehenden. Mit Recht hat das Amtsgericht Ahrweiler den Tatbestand b'S 8 130 des Strafgesetzbuches für vorliegend erachtet. ®fl5 Flugblatt wendet sich au die besitzlose Aebeiterbedölke- rung und bringt dieselbe in einen Gegensatz zu den übrigen Staatsbürgern. Dies ergibt sich aus dein ganzen Inhalte; ins- besondere aus den Behauptimgeu, das Dreiklassenparlaincnt handele in„Volks- und arbeiterfeindlichem Geiste", habe die gerechten Forderungen der preußischen Bergarbeiter schmählich preisgegeben, die Volksvertretung sei„das Produkt übermütig gewordener Mächte", durch die„Feigheit des Bürgertums" sei die Revolution des Jahres 1848 verloren worden, die erste Kammer bestehe ans den „rückständigen und volksfeindlichen Vertretern der preußischen Aristokratie" und den„bevorrechteten Schichten eines bürgerlichen Protzentums". Es reizt die Bevölkerungsklassen, an die es sich wendet, zu Gewalttätigkeiten gegen die anderen auf. Denn nachdem im letzten Abschnitt gesagt ist:„Ihr verdientet die Entrechtung. die Euch widerfährt, ivenn Ihr das ferner mitduldet!", wird darauf hingewiesen: Im Osten regt sich das russisch- polnische Volk im Kampfe um die ihm vor- enthaltenen Menschenrechte: in Oesterreich-Ungarn kämpft das Volk um die Erringmig des allgemeinen gleichen und direkten Wahl- rechts z in. Sachsen erhebt die Arbeiterklasse mit elementarer Wucht den Ruf nach Beseitigung des Dreiklassenwahlrechts". wird hieran die Aufforderung geknüpft:„Erhebt auch Ihr Euch einmütig in gewaltigen"Massen und gebt Euren Willen laut und nachdrücklich kund. Laßt nicht abermals die Stunde ungenutzt vorübergehen." Aus diesem Wortlaute und dieser Zusammenstellung kann, wenn auch das Flugblatt fortfährt: ,ft!ill in die Bersanunlungen, tretet ein in die Organisation der Sozialdemokratie" uslv., nicht gefolgert werden, daß es sich nur um eine Einladung zum Besuche gesetzlich gestatteter Vertamm- hingen, zum Beitritt zur sozialdemokratischen Partei und zur Unterstützung deren Presse handele, es ist vielmehr die Auffassung begründet, daß darin die bewußte Aufforderung liegt, auch iii Preußen, den in den angeführten Ländern gegebenen Beifvielen folgend, mit nngefetzlicheii, gewalttätigen Mitteln gegen das bestehende Wahl- recht und die besitzenden Klassen vorzugehen. Daß es durch die Verbreitung des Flugblattes zu einer Erregung und damit auch zur Verübung von Gewalttätigkeiten leicht hätte kommen können, so daß der öffentliche Friede gefährdet worden iväre, ist bei der scharfen Ausdrucksweise desselben anzunehmen, ebenso daß die Anreizung durch das für eine unbestimmte größere Menge Personen bestimmte Flugblatt als eine öffentliche erscheint. Die Kostenfrage regelt tj 5üö St.-P.-O. Ko b le n z, den 23. Januar 1806. Königliches Landgericht, 3. Strafkammer. gez. Pfeffer. Geeth. Schlüter. DaS Landgericht in Koblenz irrt nach zwei Richtungen. Eine Aufforderung zu Gewalttätigkeiten gegen das Wahl- recht ist selbst dann nicht strafbar, wenn sie logisch möglich wäre. Eine Aufforderung zu Gewalttätigkeiten gegen andere B e v ö l k e r u n g S k l a s s c n läßt sich aber auch niit dem Hinweis auf Nutzland nicht konstruieren; denn dort kämpft das Volk gegen die Regierung, eine ebenfalls durch t; 130 des Strafgesetzbuches unfatzbare Schandtat. Gegen andere Bevölkerungsklassen gehen in Nutzland nur die Hooligans vor, welche die deutsche Sozialdemokratie ihren Anhängern kaum als Muster empfehlen wird. Es bleibt bei dem, was das Berliner Landgericht II über dasselbe Flugblatt sagte: Eine Verurteilung ans§§ 130, 131 Str.-G.°B. dürfte nicht zu erwarten sein, da einerseits die Aufforderung zu Gewalttätigkeiten, andererseits das Bewußtsein von der Entstellung oder Erdichtung der Tatsachen nicht nachzuweisen sein wird. Wenn übrigens der Zwiespalt in der deutschen Gcrcchtig- keit so grotz ist, kann sicher der Laie niit Erfolg den Mangel des strafbaren Bewutztfeins geltend machen. Zumal wenn er weitz, datz die Sozialdemokratie entschlossen ist, s o lange auf gesetzlichem Boden zu kämpfen, bis etlva ihre Gegner sie von demselben verdrängen sollten!— Ein rccht grbildctcr Herr muß der Staatsanwalt sein, der in dem bekannten„Simplicissimus"-Prozeß eine so hervorragende Rolle spielte. tzluS München meldet uns ein P r i V a t t e l c g r a m m: Zum Prozeß Dr. T h o m a teilen die Abendblätter mit, Herrn Dr. H i r t h, der als Sachverständiger im Thoma-Prozeß fungierte, ist vom Oberstaatsanwalt ein Schreiben zugegangen, worin ihm mitgeteilt wird, daß die gegen ihn voiii Zweiten Staatsanwalt Aull gebrauchten Aeußerungen, wie„ans- geschleimt" und„Faxen" mißbilligt wurden und vom Ober- . staatSanwalt durch AufsichtSverfügung gerügt worden sind. Zu weiteren Maßnahmen sei kein Anlaß gegeben, nachdem der Zweite StaatSaiiwall versicherte, daß ihm die persönlichen BerHältnisse sämtlicher Sachverständiger vollkommen unbekannt seien und ihm jede Absicht eines persönlichen Angriffs ferngelegen habe. Ilm das ganz zu verstehen, muß man wissen, daß in dem Prozesse eine Anzahl der hervorragendsten wissenschaftlichen Kunst- sachverständigen fungierten, darunter der berühmte Professor der Pshchiatrie Dr. F o r e l, der die ganz besondere Abscheu des Herrn Staatsanwalts dadurch erweckte, daß er sich offen als Frei- geist bekannte. Wenn der Herr Staatsanwalt jetzt zugesteht, daß ihm die Verhältnisse dieser berühmten Männer vollständig unbekannt seien, so zeigt er neben seiner Ungeschliffenheit, die seit jenem Prozesse gerichtsknndig genannt werden kann, anch seinen Bildungs- Mangel. Andermal erinnert er sich vielleicht der Worte des„alten Fritz": Wenn mancher Mann wüßte, iver mancher Mann wär', Tat mancher Mann manchem Mann manchmal mehr Ehr'I— Zur württeinbcrgischcn Berfassuugsrevifion. Stuttgart, 31. Januar 1906. Es gibt kaum cinen geistig bedeutenden Sohn dcS Schwabenlandes, der im vorigen Jährhundert gelebt und nicht zur Frage der Verfassungsrevision Stellung genommen hätte. Um den politischen Ursprung dieses Drängens nach einer neuen Rechtsgrundlage des staatlichen LebenS, das jedesmal, wenn es neu auftaucht, das gesamte lvürttembergische Volk in lebhafte Bewegung versetzt, kennen zu lernen, ist am besten die berühmt gewordene Stelle aus Ludwig Uhlands 1817 erschienener Schrift„Keine Adelskanimer" geeignet, welche lautet: „Dreißig Jahre lang hat die Welt gerungen und geblutet. Menschen recht sollte hergestelli, der ent- würdigende Aristokratismus sollte a u S g e- lv o r f e n werden, davon ist der Kampf ausgegangen. Und jetzt nach all dem blutigen Kampfe soll eben dieser Aristokratismus durch neue StaatSverträge geheiligt werden? Hierzu einwilligen, ihr Volksvertreter, hieße den Todeskeim in die Ver- fassung lege n." Es geht hieraus deutlich hervor, datz sich die württcm- bergische Vcrfassungsbelvegung in ihren Anfängen auf die Ergebnisse der großen"f r a n z ö s i s ch e n R e v o l u t i o n stützt und datz die treibenden Ideen dieser über ein Jahr- hundert zurückliegenden Revolution es sind, die noch heute ihrer tatsächlichen Erfüllung harren. Man darf jedoch nicht im unklaren darüber sein, datz die bürgerlichcn Parteien, welche die neuere, jetzt ini Land- tage sich abspielende Verfassungsbewcgtuig ins Leben riefen, dies nicht den revolutionären Ideen von 1789 zuliebe getan haben. Am allerwenigsten ist so etwas von den Privilegierten, den Natioualliberalen und den Konservativen resp. Bauern- bündlern anzunehmen, durch deren Beteiligung bei der ent- scheidenden Abstiiumung die neue Verfassung erst Leben und Gestalt erhalten könnte. Wenn diese Kreise sich jetzt bereit finden, unter Mitwirkung der Regierung das politische Leben Württembergs zu demokratisieren, die bestehenden Privilegien abzuschaffen resp. einzuschränken, so sind ihre Motive auf einem anderen Gebiete zu suchen. Der Beweis hierfür ist leicht aus der Geschichte der neuesten Verfassungsbewegung zu erbringen. Sie nahm ihren Anfang durch den vor mehreren Jahren von unserem Parteigenossen im Landtag gestellten Antrag, die Sitze der Stadt Stuttgart zu vermehren. Die gegen- wärtige Wahlkreiseintcilnng weist noch andere Ungcrechtig- leiten auf, die schreiendste besteht aber darin, datz Stuttgart mit seiner damals etwa'/z, jetzt'/« Million zählenden Ein- wohncrschaft sich ebenso nur durch einen Abgeordneten vertreten lassen kann wie die Stadt Ellivangen, welche nur 3000 Einwohner hat, und andere kleine Wahlkreise. Die Ungerechtigkeit dieses Zustandes wurde in der damaligen Ver- Handlung anerkannt, vom Regierungstisch wurde aber dazu die Erklärung abgegeben, datz man, wenn schon die Verfassung in einem kleinen Teile geändert werden sollte, auch bereit sei, bei einem etwaigen Versuch mitzuwirken, die schon mehrfach gc- scheiterte Revision der Verfassung überhaupt neu aufzunehmen. Hierauf wurde der Antrag unserer Parteigenossen vorläufig zurückgewiesen und der inzwischen verstorbene nationalliberale Führer v. G e tz damit beauftragt, eine Denkschrift über den Stand der Verfassungsfrage auszuarbeiten. Die Denk- schrift erschien nach geraumer Zeit, ohne aber die Bewegung selbst in lebhafteres Tempo bringen zu können. Der Anstoß zu dem weiteren Fortgang der Sache wurde durch ein anderes Ereignis gegeben, durch einen entstehenden Konflikt über die Abgrenzung der Machtsphären von Staat und K i r ch c. In cincm von der Regierung eingebrachten V o l k S s ch u I- g e s e tz war die Bestimmnng enthalten, wonach zu der bis- lang ausschließlich der G e i st l i ch k e i t vorbehaltencn S ch u l i n s p e k t i o n in Zukunft auch Mitglieder des Lehrerberufes hinzugezogen werden können. Die Tragweite dieser Bestimmung war nicht grotz,� aber sie wollte deni Staat und den Gemeinden, welche die Schuluntcr- Haltungspflicht haben, einen Teil dessen geben, was ihnen ge- hört— Grund genug für das Zentrum, diese Bestimmung wie das Gesetz überhaupt aufs heftigste zu bekämpfen. Bei solchen Gelegenheiten zeigt sich der wahre, aggressiv staats- feindliche Charakter des Zentrums am ungeschminktesten. Alle Pathetischen Reden vom Schutz der religiösen Empfindungen, der nur durch geistliche Schulinspcktoren sicher gestellt werden könne, sind eitel Spiegelfechterei. Der wahre Grund der Haltung des Zentrums liegt in der Tatsache, die es allerdings nie zugeben lvird, datz die Organe der katholischen Kirche zugleich die Grundlagen seiner politischen M acht im Volke sind und datz es von jeder Ein- schränkung des Einflusses dieser kirchlichen Organe auf das geistige Leben des Volkes eine Erschütterung seiner Stellung im Politischen Leben befürchtet. Die demokratischen Allüren, die das Zentrum gern und häufig zur Schau trägt, sind nichts als Aufputz und nur Mittel zu dem Zwecke, den absolutistischen Charakter seiner kirchlichen und politischen Organisatton zu verschleiern und deren Vertreter volkstümlicher erscheinen zu lassen. Das Zentrum tritt für die Rechte der breiten Masse ein, solange es die letztere zu gängeln vermag, und es wird die breite Masse knebeln helfen, sobald sie zu selbständigem politischen und geisttgen Leben erwachen lvill. Und das Zentrum stellt sich der heutigen Staatsordnung feindseliger, aggressiver gegenüber, als selbst die Sozialdemokratie, wenn es die Grundlage seiner politischen Macht, den Einfluß seiner kirchlichen Organe gefährdet sieht. Und so kam es auch in diesem Falle, wie es nicht anders möglich war. Die Annahme des Volksschulgcsctzcs in der Zweiten Kammer hatte das Zentrum nicht verhindern können. Nun versteckte es sich hinter die katholischen Granden der Ersten Kammer. Vergeblich machte die Regierung ihren Einfluß auf die vier katholischen Prinzen, welche Mit- glieder dieser Kammer sind, geltend— der Einfluß des Bischofs von Nottcnburg erwies sich als größer und das im übrigen nicht sehr bemerkenswerte Schulgesetz kam zu Fall. Das Zentrum triumphierte. ES hatte den Staat wieder einmal auf die Knie gezwungen und sein schwäbisches Haupt- organ, dessen Leser in der Hauptsache aus Handwerkern, Bauern und Arbeitern bestehen, nannte die Duodezpotentätchen von Anno dazumal, die Ouadt-Wykradt-Jsny, Rechberg- Rothenlöwcn, Löwenstein-Wertheim-Frcudcnberg, Oettingen- Wallerstein, Graf Bentheim und wie die„Erlauchten" der Ersten Kammer noch heißen mögen, unsere„vornehmsten Gesetzgeber"— eine Demaskierung des Zentrums, die un- gewollt ein gutes Stück Selbstverhöhnung enthielt. Auf diesen Vorgang setzte die große P r o t c st- bewegung des Sommers 1904 ein. Durch das Land ging wie schon bei früheren Verfassungsbewegungen das alte demokratische Drängen nach Beseitigung jeglicher Vorrechte und überall— keineswegs nur bei der Sozialdemokratie— erscholl der Ruf: Fort mit d e r E r st e n K a ni m e r! Damals sah das Schwabcnland Versammlungen des honetten Bürgertums, in denen es von revolutionärem Pathos wiederhallte. Prof. H i c b c r, das geistige Haupt der National- liberalen sprach unter stürmischem Jubel seiner Mannen von den erlauchten Herren der Ersten Kammer:„Ihr Wappen ist die Schnecke, Schildhalter ist der Krebs!" und zitierte die Worte Schillers, die er zur Verherrlichung und Rechtfertigung der Gewalttat Wilheln: Tells gedichtet: Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn uncrträglicki wird die Last— greift er Hinauf getrosten MnteS in den Himmel Und holt herunter seine ew'gen Rechte, Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst. Kurz, eS war die Zeit, wo die Führer des Bürgertums dieses in Bewegung zu setzen vermocht hätten, um das noch 1867 von dem Beauftragten der nationalliberalen Partei, Kielmayer, proklamierte Ziel, Schaffung einer einzigen reinen Volkskammer und Beseitigung des Herrenhauses, seiner Erfüllung entgegen zu führen. Aber der große Moment fand ein kleines Geschlecht. Den Führern war vor dem Sturm bange, den sie entfesselt, und sie begannen zu bremsen. H i c b e r und H a u tz m a n n höhnten die Sozialdemokratie, die den Ruf: „Fort mit der Ersten Kammerl" mit Schwung und Eifer ins Land trug und so ward ans der Bewegung, die sich zum Siegeslauf der Demokratie hätte gestalten können— ein kleiner„Kulturkampf". Die Sorge um die Beseitigung der katholischen Mehrheit in der Ersten Kammer wurde als zunächst wichtiges Ziel bezeichnet und Prof. Hieber brauchte nicht in den Hinimel hinaufzugreifen, sondern büßte die Sünden, die er eben noch durch seine ätzende Kritik an den schwäbischen Junkern begangen, durch die Predigt von der Nützlichkeit eines �Oberhauses", eines„Senats", der„über den Parteien und Interessengegensätzen des Alltags steht und im Geivirr der Meinungen sozusagen die abgeklärte, uninteressierte Staatslvcishcit vertritt." Und so ward die Bewegung flauer und flauer und hat dann schließlich das Ergebnis gezeitigt, welches gegenwärtig in Form des Verfassungsrevisions entwurfs den württembergischcn Landtag beschäftigt. Der Inhalt des Ent- Wurfes läßt erkennen, datz er nicht geboren worden ist aus dem eingangs dieser Zeilen geschilderten Drang nach Er- süllung der großen Ideen von 1789, der noch Ludivig U h l a n d beseelte und der auch noch die Grundlage späterer Verfassungsbewegungen war. Der Entwurf läßt die Erste Kammer bestehen, ja er gestaltet sie noch weiter aus und macht sie lebensfähiger als sie jetzt ist. Aber er will wenigstens — und das hat unsere Partei zur Mitarbeit an seiner Beratung und Ausgestaltung veranlaßt— die Zweite Kammer durch Ausscheiden der Privilegierten zu einer reinen Volkskammer aus Grund des allgemeinen. gleichen, direkten und g e h c i m c n W a h l r c ch t s m a ch e n. Die grundlegenden Bestimmungen hierfür haben trotz aller Fälschungsnianöver, die das Zentrum bei der Frage des Wahlrechts versuchte, den Landtag passiert. Es wird sich bald entscheiden, ob es auch weiterhin gelingen wird, das Schifflcin der Verfassungsreform an allen Klippen vorbei in den sicheren Hasen gelangen zn lassen.�— Stuttgart, 1. Februar 1906. (Privattelegramm des„Vorwärts".) Heute war ein bedeutsamer Tag in der Geschichte des schwäbischen Parlamentarismus. Gestern und heute tobte iin Halbmondsaal der Kampf um daS Budgetrecht. Die Vertreter des ritterschaftlichcn Adels, welche durch die Verfassungsreform aus der Zweiten Kammer heraus und in die Erste Kammer hineinbefördert werden, verfochten mit au- erkeunenswerter Zähigkeit die Forderung der Ersten Kammer, ihnen gegen den bisherigen Rechtszustaud das MitwirkungS- reckt bei der Gestaltung des Staatshaushaltes, der Aufnahme von Anleihen und Veräußerung von Bestandteilen des Kammerguts zu- zusprechen. Sämtliche Parteien wehrten sich gegen eine solche Zu- mutung und so kam es nach Ablehnung dieses Sonderwunsches der Ritterbank und unter großem Beifall des vollbesetzten Hauses und der Tribünen zur entscheidenden Schlußabstimniuug über das ganze Gesetz, das mit 69 gegen 20 Stimme» angenommen wurde. Das Ergebnis wurde mit lebhaftem Beifall und Hände- klatschen aufgenommen. Gegen das Gesetz stimmten das Zentrum und zwei Mitglieder der Ritterbank. Die Sozialdemokraten gaben zu ihrer Abstimmung eine Erklärung ab, in der es heißt, daß sie trotz der schweren Bedenken gegen die Beibehaltung und Zu- sammensetzung der Ersten Kammer dem Entwurf zustimmen, weil durch ihn die Zweite Kammer den Bedürfnissen der wirtschaftlichen und kulturellen Entioickelung des Volkes entsprechend in eine reine Volkskammer auf Grund des allgemeinen gleichen direkten und gc- Heimen Wahlrechts verwandelt werde. Nunmehr geht das Gesetz an die Kammer der Staudesherren.— HueUnd. Frankreich. Ter Damcnkricg. Paris, 31. Januar.(Eig. Ber.) In Frankreich tobt jetzt ein kleiner Bürgerkrieg. Die Behörden sind nach der Vorschrift des Trennungsgesctzes an die Inventar!- sierung der Kirchengüter geschritten und schicken zu diesem Zwecke Kommissare in die verschiedenen Kirchen. Die Klerikalen benutzen diese Amtshandlung, um ihre Entrüstung über den„Kirchenraub" möglichst laut kund zu tun. Besonders gefährlich geht'S bei dieser Revolte der Frommen nicht zu. Wenn der Abgesandte des Staates in die Kirche tritt, findet er gewöhnlich den Pfarrer von seinen Schäflcin umlagert.. Der Kommissar stellt sich vor, der Geist- liche liest darauf eine Protesterklärung vor, und die Schäflcin blöken entweder:„Es lebe die Freiheit!" oder„Nieder mit den Dieben!" oder noch gröbere Worte, die sich für eine Kirche eigentlich nicht recht geziemen. Am hitzigsten geberden sich die aristokratischen und bourgeoisen Betschwestern. Bei der jetzige» Revolution werden nicht die Weiber, sondern die Damen zu Hyänen. Aus der Madelciuc, der vornehmsten Kirche von Paris. haben sie heute sogar den Kommissar hinausgeworfen! Auch in der Provinz geht es an einigen Orten stürmisch zu. Etliche Kommissare sind mißhandelt, andere mit Gewalt hinaus- gedrängt und beschimpft worden. Besonders streitbar waren die Damen von D i j o n. Als der Kommissar ankam, erwarteten ihn etliche Hundert vor der Kirchentür, um ihm den Weg zu versperren. Als die berittenen Gendarmen ihm sachte die Bahn frei zu niachen versuchten, zogen die Holden ihre Nadeln aus den Hüten und stachen in christlichem Eifer den Pferden in die Schenkel! Die Behörden begegnen dem Treiben mit einer Duldsamkeit, die ganz löblich ist, die man nur auch auf Kundgebungen des wirk- lichen Volkes angewendet sehen möchte. Vom Proletariat ist bei den geschilderten Kirchentninulten nichts zn sehen. ES hat ja in den Vormittagsstunden der Wochentage nicht so Muße wie die par- siimicrtcn Amazonen von Paris oder Dijon.—- Italien. Kabinettssturz. Rom, 1. Februar.(Privatdcpcsche des„Vorwärts".) Die heutige Kammersitzung ist beispiellos stürmisch verlaufen. Der Versuch GiolittiS, Fortis zu retten, mißglückte kläglich. Gegen das Kabinett stimmten die Rechte, das Zentrum, die äußerste Linke und einzelne Liberale. Die Abstimmung bedeutet das Ende der Aera Giolitti. Man erwartet nunmehr ein Koalitionsministeriuin Sonnino» Villa mit konservativem Rcformprogramm.— England. Das endgültige Wahlergebnis. London, 30. Januar.(Eig. Ver.) Das nächste Parlament wird sich zusammensetzen aus: 398 Liberalen(Radikalen), 30 Arbeitervertretern, 84 Nationalisten(Iren), 158 Konservativen(Unionisten), Zusammen 670 Mitgliedern. Im letzten Parlament gab es 182 Liberale, 4 Arbeiter- Vertreter, 82 Nationalisten. 402 Konservative(Unionisten). Ein Vergleich zwischen den beiden Parlamenten zeigt den Zusammenbruch der konservativen Partei. Bei der Konstituierung der Parteien können die für das neue Parlament angegebenen Zahlen einige unbedeutende Aendenmgen erfahren.— Amerika. Krieg mit Frankreich?! Präsident Castro trifft, wie der„New Jork Herald' aus Willemstad(Cnra?aoj meldet, eifrig Vorbereitungen zum Kriege mit Frankreich. Er mobilisiert Truppe» und läßt die Garnisonen auf Kriegsfuß bringen. Zum Sireit zwischen Venezuela unb Frankreich veröffentlicht der bekannte Geograph Nrclns eine interessante Statistik über die venezolaniscke Armee. Diese besteht nach den Angaben Reclus' fast völlig ans Offizieren. Beispielsiveise gibt es in der einen Provinz Caraboba nicht weniger als 7000 Offiziere, darunter 443 Generale und 627 Oberste. Jeder General befehligt etwa SV Mann, Die Offiziere bilden ein Siebentel der ganzen Bevölkerung der Provinz Taraboba.-- , ich sehr verständ-ig, und ich finde es um so bedauerlicher, daß» Verabschiedung des Etats zu vertagen. Der V o r st e h e r be« er von Dienstag bis Tonnerstag umgefallen ist und gestiitzt auf seine merkt, daß von dem notwendigen Material aus verschiedenen Städten Bezirksirlsasscn den Bezirk halten will. Herr Kollege Schröter scheint die dortige» Griindlvertsteuerordnungen noch nicht eingegangen mir auszuscheiden. Ich stimme für meine Pcirson heute für Herrn' seien. Stadtverordneter Singer wünscht, daß auch der im Sassenbach'> Großherzogtim, Hessen vorbereitete Gesetzentwurf über die Stadiv. S�nncnfcld(A. 2.); In der Tat steht wohl die ganze Gruudwcrtsteuer beschafft werde, ist im übrigen damit ein- Versammlung obt>e Ausnahme ans dein Stamdpunkt. daß bei der»--r--.-*".» Kommunales» Stadtvcrordnrtcu-Bkrsammlung. 8. Sitzung vom Donnerstag, den l. Februar, nachniittagS 5 Uhr. Ter Vorsteher Dr. Langerhans eröffnet die Sitzung um 5',4 Uhr. ' Vor der Sitzung hat die Konstituierung der ständigen Aus- schösse der Versammlung stattgefunden. Es erfolgen zunächst die vor v Tagen auf heute verschobenen Wahlen. In die Akmendircitton wird Rettig gewälzt. Sodann wird die Wahl der ll Mitglieder der Versammlung in die S ch u l d c p u t a t i o n vorgenommen. Nach dem Vorschlage des Ausschusses soll die sozialdemokratische Fraktion»»berücksichtigt bleiben? seitens der letzteren kandidieren Borgmann und Singer. ES erhalten denn auch nur bürgerliche Vertreter die Mehrheit. Ferner ist Beschluß zu fassen� über die Zuteilung des 438. Stadtbezirks an den Stadtv. R o s c n o w oder den Stadtv. S a s s c n d a ch. Stadtv. Roscnow gibt die Entscheidung der Versammlung an- heim. Bei ihm, der schon IL Jahre den Bezirk habe, seien zahlreiche unbesoldete KomniuNalbeamtc vorstellig geworden, damit er ihn behalte.(Zuruf: Mache!) Er habe sich entschlossen, wieder zu kandidieren. Tic erwähnten Beamten, die auch au die Bersamm- luug mit ihrem Wunsch herangetreten seien, hielten es nach ihren Erfahrungen bei der letzten Siadtverordnetcnwahl nicht für er- spricßlich, wenn Herr Sassenbach den Bezirk erhalte.(Nnruhe.) Die sozialdeiiwkratiscbe Agitation habe in keinem Bezirke unter falscher Flagge als„liberales Komitee" und dergl. gekämpft. Herr Singer habe auch, entgegen den Tatsachen, am 4. Januar behauptet, sämtliche Postillione hätten für Roscuolv gestimmt; ebensowenig habe er(Redner) in einer Wählcrvcrsammlung den Ausspruch getan, seine Wahl sei der einzige Lichtblick in dieser Wahlbcwegung; das habe ein anderer geäußert.(Der Vorsteher ersucht den Redner, nicht so weit abzuschivcifcn.) Redner bittet, ihm den Bezirk zu lassen.(Seine weiteren Ausführungen gehen in der Unruhe der Versammlung verloren.) Stadtv. Singer: Auf das Gebiet der politischen Erörterungen folge ich dem Vorredner nicht. Wenn er sich beschwert, daß ich gesagt haben soll, sämtliche Postillione haben ihn gewählt, so kann ich das höchstens dahin einschränken, daß sämtliche Postillione ihn gewählt haben, die überhaupt gewählt haben.(Stadtv. Rosen ow: Auch nicht richtig! Unruhe.) Tic Aeußerung von dem Lichtblick habe ich der frei- sinnigen Presse entnommen, wo unwidersprochen dieser Ausdruck als von ihm gebraucht angegeben war. Ob es geschmackvoll ist, au� Anlaß der vorliegenden Frage einen kommuualpolitischcn Streit heraufzubeschwören, stelle ich anHeim. Was bisher auch in meinen Augen eine böswillige Auffassung der konservativen Presse war, das? sich hier eine Art politischer FortschrittSring befindet, wird durch Herrn Rosenow jetzt bestätigt.(Lärm und stürmischer Wider- spruch.) Tann verstehen Sie nicht, zu hören; sonst hätte ja die ganze Rede nicht die gcrintzste Bedeutung gehabt. Wenn Herr Rosenow sich mit der ihn. zierenden Bescheidenheit auf die Vor- stellung der Ehrenbeamten beruft, wenn er Herrn Sassenbach an- greift, so folgt er damit nur berühmten Beispielen; unser Herr Oberbürgermeister hat ja jüngst auch Zusammenschluß der bürgerlichen Parteien und Zusammenscharen gegen die Sozialdemokratie gepredigt.(Großer Lärm, der den Redner eine Zeitlang hindert, seine Rede fortzu- setzen.) Ein bekanntes Fcchtcrrunststückchcn ist cS, Sachen, bei deren Erörterung einem nicht sehr wohl ist, auf ein anderes Gebiet hinübcrzuschiebcn. Herr Rosenow spricht also lieber von der Schlechtigkeit der Sozialdemokratie und wie man davor warnen müsse, die kommunalen Ehrenämter mit Sozialdemokraten zu bc° setzen. Nach den Ausführungen des Herrn Rosenow spreche ich ohne Rückhalt aus, daß diese ganze Bezirksvcrtcilung wesentlich nach politischen Rücksichten erfolgt.(Lebhaftes:«sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ter Legende der Unparteilichkeit dieser Majorität wird mit wenigen Zahlen ein Ende gemacht sein. Im ganzen sind 392 Bezirke zu verteilen. Nach der Stärke der Gruppen würden auf uns SS Bezirke kommen, eingeräumt sind uns 38(Hört! hört!); die sozialdemokratischen Stadtverordneten haben meist nur 4, nur 4 je 2, nur 4 hat 3. Von den anderen Hetrcn haben u. a. 7 je 6, 6 je 7 Bezirke.(Hört! hört!) Dabei sind einem neu eingetretenen Kollegen von vornherein 7 Bezirke zugeteilt worden! Wer da noch von Unparteilichkeit sprechen kann, den beneide ich. Würden Sie sagen, die Mehrheit unterdrückt die Minorität, so wäre das doch noch ehrlich. Sie tun es, behaupten aber nach außen, Sie seien unparteiisch.(Zuruf: Im„VorwärtS"-Krakccl war es doch ebenso l Andauernder Lärm.) Neuartig ist, daß für Herrn Rosenow sofort die dortigen Kommunalbeamten, vertreten durch die Armcnkommission, mobil werde», um das entsetzliche Unglück abzu- wenden.(Heiterkeit.) Die Herren haben eine Eingabe an uns gerichtet. Herrn Rosenow den Bezirk zu belassen oder Herrn Schröter zu bestellen. Ich halte es für eine Anmaßung der Armen- iommission, sich in die Geschäfte der Versammlung zu mischen. (Sehr richtig!) Wenn sie sich herausnimmt, über die Qualität eines Stadtverordneten zu urteilen, wie Herr Rosenow erzählt hat so ist das eine maßlose Anmaßung, die nur erklärlich ist, weil die Herren wissen, daß sie für ihre Anschauungen hier in der Versamm- lung Resonanz haben. Diese Kommissionen sind die Cadrcs Ihrer politischen Organisation, sie sind es, die die freisinnigen Wahlen zu machen haben; diese Tatsachen sind jetzt festgestellt.(Fortgesetzte Unter- brechungen und Lärm.) Di« Kommission sagt, es möge event. Herr Schröter gewählt werden, der jahrelang im Bezirk wohnt und ihn kennt. Aus unserem Rotbuch ergibt sich, daß Herr Schröter bis 4304 noch in einem anderen Bezirk gewohnt hat.(Zuruf: Gleich um die Ecke!) Der Kollego Sasscnbach aber wohnt seit 6 Jahren in dem Bezirk 138. Die Ausführung der Armcnkommission beweist also gegen Sassenbach gar nichts. Nachdem die Gründe deS Herrn Rosenow klargelegt sind, wird sich, wie ich glaube, die Versammlung nicht zu einem Placet herbeilasse». Es handelt sich hier um den Ruf der Stadtverordnetenversammlung. Bisher konnte mit einem gewissen Recht die Behauptung zurückgewiesen werden, daß die Vor- teilung der kommunalen Acmter grundsätzlich nach politischen Rück- sichten geschieht. Nicht nur ein Gebot der Gerechtigkeit, sondern des Anstandes ist es, die Entscheidung zu treffen, die wir wünschen. Will die Versammlung um des Linsengerichts eines Bezirkes willen ihre Ehre aufs Spiel setzen? Herr Rosenow hat mir persönlich in der vorigen Sitzung gesagt:„Für mich sind es kommunalpolitische Rücksichten, die mich veranlassen, den Bezirk zu behalten!" Stadtv. Bassenbach(Soz4: Herr Rosenow behauptet, die Wähler des 438. Bezirkes hätten mich von einer Seite kennen ge» lernt, daß sie es nicht für wünschenswert halten, mich als recherchierenden Siadtverordnelcn zu haben. Ich habe dort weder ein Flugblatt unterschrieben, noch in einer Versammlung gesprochen. noch bin ich in einer solchen dort auch nur anwesend gewesen, denn ich hatte anderswo genügend zu tunl Stadtv. Mommfen(Fr. Fr.): Ich halte die Sache für eine Bagatelle und die Entscheidung für eine Frage der Zweckmäßigkeit. Wenn aber Herr Rosenolo tatsächlich gesagt hat, daß es politische Momente sind, die ihn bestimmen, den Bezirk zu erhalten, so haben wir diese Auffassung, die hoffentlich bloß eine Entgleisung war. ganz energisch zurückzuweisen. Am letzten Dienstag war uns in den Fraktionen mitgeteilt worden, daß Herr Rosenow seine Meldung zugunsten des Herrn Sassenbach zurückzöge. Diesen Entschluß fand Verteilung kommunaler Acmter politische Rücksichleu nicht maß- gebend fem dürfen. Am besten wäre die streng systematische Bcr- versianden. daß die Beratung einstweilen vertagt. dann aber an dieselbe, nachdem nia» mit dem zugänglichen Material wohl ausgerüstet sei. unverweitt herangetreten werde. Nachdem auch noch teilung der Mitglieder.(Zuruf.) Tie Wahl in die' Schuldcputation! Stadtv. Cassel der Vertagung zugestimmt, wird diese ein stimmig beschlossen. Die Vorentwiirse zum Neubau von Gemeindedoppel- i ch u l e n in der B ö tz o iv-. D r i e s e u e r- und C h r i st b u r g e r- jtraße gehen an einen Ausschuß. Schluß gegen 3 Uhr._ 6cwcrferchaftUcbc9. Berlin una(Inliegend. Die Differenzen zwischen de» Gasiwirtsgehiilfen und dem Inhaber der„Prachtsälc des Ostens". Nachdem Herr Cranz in den letzten Tagen verschiedenen Ver- einen, die in seinem Lokal Festlichkeiten abgemacht hatten, die unter- schriftliche Erklärung abgegeben, daß er die Forderungen der Or- ganisation anerkennt, kam es gestern zwischen den Vertretern des Verbandes und Herrn Cranz unter Mitwirkung des GewerlichaftS- ausschusieS wiederum zu Unterhandsinigen. Es stellte sich jedoch im Laufe der Verhandlungen bald heraus, daß es Herrn Cranz nur darauf ankam, durch scheinbare Zugeständnisse, die bei ihm ver- kehrenden Vereine zu täpschen. Zu einer unzweideutige» Erklärung war er nicht zu bewegen, so daß die Unterhandlungen abennals ge- scheitert sind. Verband deutscher Gastwirtsgehülfen. Fliesenleger. Die Fliesenleger de» ZweigvereinS Berlin des Manrerverbandes stehen seit dem 4. d. M. in einer Lohnbewegung. Auf Grund der Tatsache, daß die Unternehmer zu einer vom Ver- bände anberaumten Sitzung zwecks Beratung der Lohn- und Arbeits- bedingungen bis aus zwei nicht erschienen sind und nicht» unversucht ließen, die Mitglieder des Verbandes zu maßregeln, dreht eS sich bei dieser Bewegung zum großen Teil nm die Anerkennung der Orga- nisation. Da versucht wird, ausivärtige Fliesenleger nach Berlin heranzuziehen, ist Zuzug streng fernzuhalten. Außer der Firma Gebrüder Vogel, ivelche die Forderungen anerkannt hat, kommen sämtliche Firmen in Betracht. -Sektion der Fliesenleger de? Maurerverbandes. Tie Trepvengeländerarbciter haben am Mittwoch den Tarif nicht abgelehnt, sondern angenommen, bis auf den einen Punkt. welcher die Lohnerhöhung betrifft. Ueber diesen Punkt soll nochmals verhandelt werden. Die Metallarbeiter der Rinne-Motorengcsellschaft, Siemensstraße 42, haben ivegen Verlängerung der Arbeitszeit am Donnerstag die Arbeit niedergelegt. Da der Fabriküchaber trotz Verhandlung zu keiner Einigung sich bereit erklärte, so ersuchen wir die Kollegen, den Betrieb zu meiden. Deutscher Metallarbeiterverband. Metallarbeiter! In den Lausitzer Fahrradwerken in Finsterwalde sind sämtliche Metallarbeiter ausgesperrt. In d e r K u n st w e r k st ä t t e und B r o n z e w a r e n f a b r i k von Karl Max Seifert. Dresden-Löbtau, drohen Differenzen. Znzug'st strengstens fcnizuhalten. Deutscher Metallarbeiter-Berband. Ocutfdic» Keidi. Zum Ausstand der Kohlenaktordschaucrleute wird aus Ham- bürg gemeldet: Bei der Berglcickisverhandlung zwischen den Ver- tretern der Hnmber-Kvnferenz und den Vertretern der Kohlen- akkordschaucrleutc, an der auch der gesamte Vorstand des Vereins sollten: die bei der Sparkasse beschäftigten"Reinmachcfraucn haben 1 Hamburger Schiffsmakler und Agenten als Acrmittelungsinstmiz ...----------- r-------~ teilnahm, lmirde nach inehr mehrstündiger Besprechung durch beider- seitigeö Entgegenkommen eine Einigung erzielt. Lohnbewegung der Buchdrucker. Die Buchdrucker der Land- druckercicn im Kanton St. Gallen, den beiden Appenzell und einen« Teil des Thurgaus haben beschlossen, den bestehenden Tarif zu kündigen. Tie Grubenarbeiter in Indianapolis(Indiana) fordern eine Lohnerhöhung um ö'A Proz. Die Lohnbetvegung droht zu einem Ausstand der Kohleiigrubenarbeitcr in den Staaten Illinois, Ohio. Indiana und in Westpennsylvcmicn zu führen. ist wertlos, weil" ö« Herren nicht bestätigt werden. Ich denke nicht daran, das Argument des Herr,. Rosenow gegen Herrn Sassenbach mir zu eigen zu mach?.», ick halte beide Herreu für gleichwertig. Wer für richtig hält, daß ein Stadti'crordntter, der dauernd den Bezirk bearbeitet hat, ibn auch halt, wird für Herrn Rosenow stimmen. Stadtv. Grricke(Fr. Fr.): Die Behauptung des.Herrn Singer, daß auch die Wahl in den Ausschuß für Unbesoldete nach politischen Rücksichten erfolge, muß ich ganz entschieden namens dieses Aus- schuffes zurückweisen. Stadtv. Singer: Ich labe nur davon gesprochen, welchen. Schwierigkeiten meine Freunde irnt ihren Vorschlägen bei diesem Ausschuß begegnen. Herr«onncnfeld geht davon aus, daß ein neuer Stadtverordneter in einen Bezirk hineinzieht. So liegt hier die Sache nicht; Herr Sasscnbacb wohnt in dem Bezirk, für den er sich jetzt als Stadtverordneter zur lleuwimhme der Recherchen meldet. Herr Sonnenfeld spitzt die Frag« bedauerlicherweise zu einem Ver- trauensvotum für den einen oder den anderen zu. Die Gerechtigkeit sollte der Versammlung doch höher stehen als die Beliebtheit eines Kollegen; wird Herrn Rosenow zu Liebe eine Ausnahme gemacht, so geschieht Herrn �sasscnbach Unrecht. Nickst die Wähler des Bezirks sind für Herrn Rosenow eingetreten, sondern die Armcnkommission hat sich solches herausgenommen. Tu» res sxitur, es handelt sich um unsere eigene«achc! Gtaöiv. Rosenow: Ueber die Meinungsverschiedenheit mit dem Kollegen Mommsen muß ich mich trösten. Tic Eingabe der Armen- kommisfion ist nicht irgendwie künstlich erzeugt worden. Dir Ge- pflogenhcir der Versammlung ist verschieden gewesen. Ich ersuche Sie, nach der Zweckmäßigkeit zu entscheiden. Die Entschcidinig erfolgt durch Stimmzettel. Das Resultat wird erst iii� später Stunde verkündet und lautet dahin, daß Rose- n o w 04, sasscnbach 37, Schröter 2 Stimmen erhalten bat. Herr Rosenow bleibt im Besitz des Bezirks.(Rufe: Gratuliere!) Ueber die Borlage betreffend eine oußerordcwtliche Vcihülfe an Bedienstete der Stadtgemrind« referiert Stadtv. Michel et. Nach dem Vorschlag der Ausschuß- Mehrheit soll an die Beamten, Hülfskräfte und Arbeiter mit einem Jahrgchalt bis höchstens 2000 Mark eine weitere �Gratifikation von je 35 Mark gewährt werden. Das Gesuch der �schencrfrauen des Magistrats soll damst als erledigt angesehen werden. Ein Antrag Wallach versucht" die Differenzierung nach der Kinderzahl und Mar sollen als besondere Teuerungszulage g ernährt wcrden: 4. verheirateten Beamten und Arbeitern mit einem Haus- stand bis drei Kinder unter 10 Jahren 25 SKark, 2. mit mindestens vier Kindern unter 10 Jahren 35 Mark. Im Ausschuß ist dieser Autrag, der auf die für den Etat aiigekündigte Gehalts, und Lohn- erhöbung vieler Beamten- und Arbeiterkatcgoricn verweist, abgelehnt worden. Stadtv. Wallach wendet sich wiederum gegen die vom Magistrat vorgeschlagene schablonenhafte Regelung. Tie unverheirateten Be- amtcn und Arbeiter seien mit den bereits gezahlten 25 Mark als völlig abgefunden' zu betrachten. Die Verheirateten möchten je nach der Größe des.Hansstandes berücksichtigt werden. Stadtv. jllrich(A. L.) bittet den Magistrat, auch die ver- heirateten Pfleger in Dalldorf, Wuhlgarten und Herzbcrge bedenken zu wollen, die bei der ersten Auszahlung nicht berücksichtigt worden seien. Stadtv. Singev: Auch bei mir ist von einer Reihe städtischer Angestellter Klage darüber geführt worden, daß sie bei der Ver- teilung übergangen sind. Der Ausschutz war der Meinung, daß auch die Scheuerfrauen des Rathauses der Zulage teilhaftig werden aber die Zulage nicht bekomme», ebensowenig ein Teil der Arbeiter auf städtischen Abladckohlcnplätzcn, obwohl die Bedingung der 60 Tage MinimalbeschäftigungSzeit von ihnen erfüllt ist. Allgemein sind die Klagen über die Verlangsamung der Auszahlung der ersten Rate gewesen. Ich hoffe, daß jetzt die erste Rate an alle Beteiligten ausgezahlt ist; event. sollte das mit möglichster Beschleunigung ge- schchen. Mit dem Antrage Wallach, dessen technische Unausführbar- kcit im Ausschuß darget-rn ist. müssen wir uns jetzt leider nochmals beschäftigen. Tie vorgeschlagene Differenzierung nach der Kinder- zahl kann bei dieser Gelegenheit nicht zur Geltung kommen. Es ist keineswegs gesagt, daß nicht auch Unverheiratete dieser Zulage dringend bedürfen, z. B.. wenn sie ihre Eltern zu unterstützen haben. Die Bedürftigkeit muß doch ausschlaggebend sein. Geht man aber von der Kinderzahl aus. dann muß die Beihülfe se noch der Kopfzahl der Familie verschieden bemessen werden. Das ist aber vom Ausschuß abgelehnt worden. Es handelt sich um etwa 45 000 Leute. Die Zahl der Unverheirateten ist außerordentlich gering, man kann sie auf etwa 5 Proz. schätzen. Andererseits ist das Eindringen in die intimen Familienverhältnisse geboten, wenn die Kinderzahl festgestellt werden soll, denn es ist der urkundliche Nachweis zu verlangen. Wann sollen denn die Leute in den Besitz der zweiten Rate kommen? Die außergewöhnliche Situation er- fordert außergewöhnliche Maßregeln der Unterstützung. Wir bc- scheiden uns heute, um die Lage nicht noch zu komplizieren, mit den Ausschußanträgcn. Lassen Sie doch diese Angelegenheit sich nicht zu einer Sceschlange auSivachscn! Der Ausschußantrag geht über den ursprünglichen Magistratsantrag nur um die Bagatelle von 18 000 Mark hinaus. Oberbürgermeister Kirschner: Es find zahlreiche ZweifelSfälle aufgetreten. Die erwähnten Arbeiter und Beamten werden beim Magistrat eine wohlwollende Prüfmig ihrer Vorstellungen finden, wenn sie solche einreichen. Die Kobleuplatzarbeiter haben zum Teil über 2000 M. Einkommen. Lehnen Sie den Antrag Wallach ab; wir sind ja heute noch nicht mit der Auszahlung der ersten Rate fertig, so fleißig und rascki wir gearbeitet haben. Stadtv. Geldschmidt(R. L.) spricht sich für die Anregung Ulrich und gegen den Antrag Wallach au», während Stadtv. Cassel für diesen niit ganz außergewöhnlicher Schärfe alS für den einzig ge- rechten eintritt. Der Oberbürgermeister betont nochmals die große Gefahr, die in einer nicht genügend gewisieithaften Ernüttelmig liegen würde. Stadtv. Wallach modifiziert seinen Antrag dahin, daß eS heißen soll:„bis zu zwei Kindern" bezw..mit drei und mehr Kindern." Die Stadtvv. Deutsch(soz. Fortschr.) und Mommsen er- klären sich iür den Ausschuß. Damit schließt die Debatte. Auch bei der Abstimmung sucht Stadtv. Cassel seine Position noch P> verteidigen, indeu, er namentlich« Abstimmimg über seine» Antrag beantragt. Räch einer langwierigen Geschästsordnungs- debatte gelangt der« u» s ch u ß a n t r a g z u r Annahme. Das zum Vermögen des Silbeischen Fonds gehörige Ha»S Alexanderstr. St/ A m KönigSgraben 11 will der Magistrat veräntzeru. In dem Hause am KönigSgraben hat L e s s i n g gewohnt. Stadtv. Modler(A. L.) hält den gebotenen Preis für viel zu gering und beantragt Aiisschnßberatung. Stadtv Lademig(R. L.) ineiut, daß man das Andenken LesfingS Letzte Nacbncbtcn und Depelcben. Aus der Ballsaison. Rostock, 1. Februar. Wie uns eine Privatdepesche ineldxt, ist der„Rostockcr Zeitung" wegen des Frevels der Besprechung des Schweriner HosballcS eine Majestätsbeleidi- gungsklage angedroht worden. Christlich-katholische Revolutionäre. Paris, 4. Februar.(W. T. B.) Bei der Kirche dar Heiligen Klotilde taui es heute nachmittag zu einer erl)eblichcn Ruhestörung. Eine Menschenmenge warf den städtischen Vertreter Menrsan die Stufen der Kirch« hinunter, als er die Jnveistaraufnahme anlündigcn wollte. Mcursan wurde nicht unerheblich verletzt; mehrere Schutz- leute muhten die Säbel ziehen, um ihn von seinen Angreifern zu befreien. Tie Meng« verschanzte sich sodann in der Kirche und ver- sperrte die Eingänge mit Barrikade» ans Kirchenstühlen. Gegen drei Uhr erschien der Polizeipräfckt Lepine mit einer Kompagnie der Garde« Republicaine. Nach mehrfachen vergeblichen Versuchen ge- lang es den Gardisten, in die Kirche einzudringen. Nach weiterem äußerst heftigem Kamps wurden die Zivilisten aus der Kirche vertrieben, und es gelang dem Domäneninspektor, das Inventar auf- zunehmen. Das Innere der �Kirche ist vollständig verwüstet; die Fensterscheiben sowie sämtliche Stühle sind zertrümmert. Auf beiden Seiten gab es zahlreich« Berwnndcte, doch ist niemand schwer verletzt. Etwa 450 Personen, darunter auch ein Geistlicher, sind ver» haftet worden._ Reaktionäre Angst. Warschau, 4. Februar;(Meldung eines Sonderbcricht-- erstatters.) Heute abend gegen 10 Uhr wurde die Vorstadt Mola militärisch zernicrt. Alle Häuser wurden durchsucht. Kleinkampf. Riga, 4. Februar.(Meldung der Petersburger Telegraphen. Agentur.) Heute früh wurden fünf Polizisten von einer Menge an- gegriffen und zwei der Polizisten schwer und einer leicht verletzt. Tic Polizisten verletzten gleichfalls mehrere Personen, die sie an» gefallen hatten, ein Offizier erlitt schwere Verletzungen. Tic Opfer der Unruhen. iwindiwostok, 4. Februar.(Meldung der Petersburger Tele. _, P., grapheu-Atzeiitur.) Mehrere tausend Menschen nahmen an dem hinlänglich ebne, wenn die Büste und Motivtafel LesfingS an den» Leickx'iibegaiigniS von 22 Soldaten teil, die bei den Unruhen am neuen Hanse wieder angebracht wird. i 23. Januar irnup omuien waren. In dem Zuge wurden rote Fahnen Die Vorlage gebt an einen Ausschuß. 1 grlragen. Ein Zwischci.fall ereignete sich nicht. Um die Bevölkerung Die Vorlage wegen Erlaß einer Grundsteuerordnnng zu beruhigen, richtete die Stadtvcrtretung an den Kaiser die Bitte. nach dem Maßstäbe deS gemeinen Wertes und einer revidierten den Soldaten, welche an den Ereignissen in Wladiwostok vom 42. No. Umsatzsteuerordnung unter Einführung enier Wert-.vembcr bis zum 23. Januar d. Js. teilgenommen hätten. Amnestie Zuwachs st euer beantragt St»rdtv. Wallach bis nach der! zu gewähren.. Verantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Drm» u. Verlag:««1vättSBilchdr.u.BerlagSv S k y. Auf der Tagesordnung steht der Beginn der zweiten Lesung des Etats und zivar»nächst des Etats des Reichstages. Abg. Erzbcrgcr(Z.) wünscht erstens, daß das General-Sach- reglster des Reichstages bis zum Jahre 1867 zurückreichend gestaltet werbe. Natürlich müßten dazu Hiilfskräfte in das Bureau eingestellt werden. Zweitens sollten die Hälfskanzleidiener besser gestellt werden als bisher. Abg. Singer(Soz.): Auch ich habe im Namen meiner politischen Freunde eine Reihe don. kleinen Wünschen vorzutragen. Die Erhöhung der Gehälter der Hiilrskanzleibeamten am Reichslage ist dringend notwendig. Ich möchte aber dabei den Hanptivert darauf legen, daß diejenigen, die während des Sommers nicht beschäftigt werden können, dafür eine Bergiltnng erhalten. Es steht ja leider fest, daß eine große Anzahl dieser Kanzleib>a>uten nach Schluß der Session entlassen werden muß. Dem Wunsche auf Ausarbeitung des Sachregisters schließe ich mich an. Ferner k�antragen meine politischen' Freunde, daß allen Reichstags* Abgeordneten das„Reichsgesetzblatt" zugestellt werd-,. Mr sind in der eigentümlichen Lage, daß wir die Ge.�tze machen, sie aber nachher nicht offiziell zu- (lestellt erhalten. Ebenso wünschen wir auch, daß den Abgeordneten der deutsche.Reichsanzeiger" unentgeltlich zugestellt werde, das Publikationsorgan der verbündeten Regierungen. Wir dürfen hier im Reichstage nur solche Reden des Kaisers intisicren, hie im.ReichSanzeigdr" veröffentlicht worden sind, linier den jetzigen Umständen ist es nicht immer leicht, genau festzustellen, ivelche der kaiserlichen Reden wir hier kritisieren dürfen und welche nicht. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ein anderer Wunsch der Abgeordneten ist der, daß ihnen die Druck- fachen des Reichstages auch nach Schluß der Session unentgeltlich zugeschickt werden. Diese Wünsche sind leider bisher abgewiesen »vorden mit der Begründung, daß eS zu viel Umstände mache» würde, jede Drucksache uns einzeln zuzuschicken. Mindestens sollten uns dann aber die Drucksachen, wenn sie sich in großer Menge angesammell haben, zugesandt werden, wie das früher ja auch geschehen ist. Air wünschen hier nur Wiederherstellung des früheren ZustandeS. ES ist doch eine Zumutung, daß wir für diese vielen Drucksachen das Porto zahlen müssen. Während der Session gehen die Drucksachen den Abgeordneten, die sich in ihrer Heimal befinde», allerdülgs portofrei zu, aber sie müssen dann das Bestellgeld be- zahlen. Nun konrmt es ja nicht auf die paar Pfennige dabei an. aber es ist doch kleinlich, daß— wenn überhaupt einmal die Porto- sreiheit anerkannt ist— das Bestellgeld erhoben wird, welches doch nichts anderes als den vom Empfänger gezahlten Teil des Portos darstellt.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Müller-Sagan(srs. Vp.): Mir ist mitgeteilt worden, daß einem meiner Fraktionskollegen der Transport von Reichstags- alten in feine hiesige Berliner Wohnung vertveigert worden ist und daß er ihn auf seine eigenen Kosten hat ausführen lassen müssen. Ich nehme an. daß hier ein Mißverständnis der Verwaltung vor- liegt, da sie sonst den berechtigte» Wünschen der Abgeordneten«veit entgegenkommt und die Geschäftsführung im allgemeinen musterhaft ist.(Lebhafte Zustimmung.) Die Anregung de« Abgeordneten Singer möchte ich durch den Hinweis darauf ergänzen, daß uns eine Vor- anzeige über den Zusammentritt nicht zugeht und wir nur ans dem„Reichs-Anzeiger" erfahren können,»vaim wir nach Berlin kommen sollen. Schon ans diesem Grund« ist die Ueberweisluig eines Exemplars an die einzelne» Reichsboten notwendig. Den Wunsch des Kollegen Erzberger nach einem Gcneral-Wörterregistcr teilt niemand lebhafter als ich. Im Vertrauen nnf das Entgegenkommen der Verwaltung möchte ich zloei Anregungen hier erneut vorbringen: Die Anlage von Ferndruckern in diesem hohen Hause würde rmS eine prompte Kenninis aller Vorgänge im In- und Auslande ver- schaffen, wie sie die Redaktion jedes größereil Blattes und die Gäste jedes größeren Hotels schon längst zu erlangen geivohnt sind. Eine andere Anregung stützt sich unmittelbar auf die Erfahrung der dies- jährigen Etatsberatung. Ick möchte wünschen, daß im hohen Hause selbst ein kurz zusammengefaßter Sitzungsbericht gleich während der Sitzung ausgehängt wird; denn zum Beispiel die einstündige Rede de? Staatssekretärs Freiherrn v. Stengel konnte auch von denen, die sich ganz dicht um ihn drängten, nicht verstanden werden, und das Eingehen auf sie in der Debatte'lvar danach natürlich unmöglich. (Bravo I links.) Abg. Dr. Arendt(Rp.) freut sich, den Anregungen dcS Vorredners zustimmen zu können— vor allem, was den Ferndrucker anlangt. Die Zusendung deS„ReichSanzeigcr" sollte nur an diejenigen Abgeordneten erfolgen, die es wünschen. Viele würden darauf verzichten, weil sie schon jetzt zuviel Papier erhalten.(Heiterkeit.) Erwähnt nmß»och werden, daß die Klagen der Reichstags- Abgeordneten über die Restanration wieder sehr stark sind. Die meisten ziehen es vor. ihr Frühstück außerhalb des Hanfes einzunehmen. lSehr richtig!>Jm vorige» Winter waren in der Wandelhalle Entwürfe zu Wand- gemälden für den Reichstag ausgestellt, die allgemein mißfielen. Da hörten wir plötzlich, der Auftrag zur Ausführung sei schon erteilt I Könnten die Entwürfe das nächste Mal nicht früher ausgestellt werden? Das Bild der„Wattburg" im Lesezimmer des Reichstags läßt diese Perle MilteldeukschlandS gar nicht wiedererkennen. Hoffentlich wird eS bald aus dem Reichstag entfernt oder muidestcns au einem weniger besuchten Ort unlergebracht.(Bravo I) Abg. Schräder(srs. Ag.): Wir sind alle so einig, daß ich wohl sagen kann, eS ist eine der erfreulichsten Uiiterhaltmigen. die wir seit Jahren im Reichstage gehabt haben.(Heiterkeit.) Redner spricht über die Berhältinffe der Stenographen und über die Berichterstattung auf der Tribüne; seine Ausführungen bleiben aber im einzelnen auf der Tribüne vollkommell unverständlich. Abg. Graf Oriola(natl.): Warum hat das preußische Ab- geordnetenhauS einen Friseur und wir nicht?(Große Heiterkeit.)— Bei der Ausschmückung der Räume des Reichstags ist ein ganz falsches System befolgt worden. Man hätte die gesamte Arbeit gleichzeitig vergeben und den Künstlern auftragen sollen, sich zu ver- ständigen, dann wären nicht so schreiende Widersprüche in der Kunst- auffassuilg der Bilder eines und desselben Raumes entstaiiden, wie es jetzt der Fall ist.(Sehr richtig!) Präsident Graf Ballestrem: Es hat sich niemand zu dieser Positton mehr gemeldet, gestatten Sie auch mir einige Worte: Die nach den verschiedensten Richtungen gegebene» Anreaungen werde ich gewiß sehr aufmerksam prüfen und sie werden vielfach auch Berücksichtigung finden. Natürlich kann ich nicht hier gleich auS dem Aermel alles Mögliche schütteln und ver- sprechen, sondern da? muß erwogen werden.— Die Stellung der Hülfskmizleidiener ist im vorigen Jahre von mir sehr verbessert worden, indem die älteren von ihnen definitiv angestellt sind und das ganze Jahr ihre Besoldung beziehen. Die jüngere» rücken allmählich in diese Stellung auf, sie sind auch eher in der Lage, in der sitzungSfieien Zeit sich einen Verdienst zu suchen. Natürlich wird es weiter immer mein Bestreben sein, den sehr pflichttreuen und sehr ttichtigen Beamten alles zukommen zu lassen, waS irgendwie in meinen Kräften steht und sich innerhalb dcS Etats bewegt. Die sehr schönen UnterstütznngsfondS des Reichs- tageS für diese Beamten werden stets bis auf den letzten Heller ans- gebraucht. Ein Generalsachregister für die stenographischen Berichte wäre gewiß ein sehr nützliche» Werk, die Ausführung ist aber zweifellos sehr schwierig und würde viel mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen. Die Sache soll aber erwogen werden. Den einzelnen Abgeordneten das„Rcichsgesetz- blatt" und den„ReichSauzeiger" zuzustellen, wäre ja nicht schwierig. Ich iveiß nur nicht, ob das zu den Wünschen aller Abgeordneten gehört.(Lebhafte Rufe rechts: Nein I»ein\) Ich würde das also ans die etwaigen Antragsteller beschränken. Ebenso liegt es mit dem Wunsche der Zuschickung der Akten vom Bureau. Ich kenne verschieden« Herren, die nur mit Schrecken ein solches Paket ankommen sehen lHeiterkeit), das ihnen die ganze Literatur des Reichstages von einer ganzen Session zuführt. Es gibt auch Abgeordnete, die beschränkte Wohnungsverhälinisse haben(Große Heiterkeit), wo wirklich der Platz fehlt, solche Mafien von Druckjachen unterzubringen. Was die Einrichtung eines Ferndruckers anlangt, so habe ich aus dieser Rede zum erftemnal etwas davon gehört. Ich wußte bisher gar nichts davon, und ich möchte doch nun fragen, was das eigentlich für ein Ding ist.(Große Heiterkeit.) Was die kurzen Sitzungsberichte anlangt, so fürchte ich, es wird große Schwierig- feiten machen; denn es wird nicht leicht sein, es allen Mitgliedern des Reichstages recht zu machen.— Die küiistlerische Ausstattung deS Reichstages ist eine Angelegenheit, für die der Reichstag eine Kommission eingesetzt hat. Es ist mir außerordentlich lieb, daß ich nicht mehr allein die Verantwortung dafür zu tragen habe. Es geht mit der Ausschmückung ähnlich wie mit der Restauration. Dein einen scknneckt das Essen und dem anderen nicht. Damit schließt die Debatte. Der Etat des Reichstages wird ge- nehmigt. Es folgt die zlveite Lesung des Etats für das R e i ch s a m t des Inner«(Titel: Gehalt des Staatssekretärs). Abg. Trimborn(Z.): Wichtiger als dieMarine- und militärischen Erfahrungen deS russisch- japanischen Krieges ist die andere daraus zu ziehende Lehre von der Wichtigkeit gesunder imierer Zustände. Nicht so sehr der Ehrgeiz der Fürsten oder die Geschicklichkeit der Diplomaten als vielmehr die volkSwirlschaft- licheu und kulturellen Beziehungen der Böller bestimmen heute über Frieden und Krieg. Aus all diesen Gründen kommt das Nessort des Grafen PosadolvSky au Wichtigkeit und Bedeutimg allen übrige» StaatSäintern mindestens gleich. Ich befand mich ucnlich im Zustande des Halbivachens und HalbttmnuenS— das kann ja vor- kommcil.(Heiterkeit.) Da lvaren im Geiste die Staatssekretäre des Deutschen Reiches versammelt vor mir und stritten sich— lvie einst die deutschen Fürsten— aber nicht über ihrer Länder Wert und Zahl, sondern über die Bedeutung ihrer Ressorts. Und als der Streit abgeschlossen war, klang mir einmütig ins Ohr hinein: Gras iin Barte, Ihr seid der Reichste!(Stürmische Heiterkeit.) Die große sozialpolitisch« Rückschau, mit der ich schon seit Jahren diese Etats- bcratung einzuleiten die Ehre habe, ist diesmal sehr ivenig erfreulich. Das Jahr 1905 war noch unfruchtbarer als das Jahr llKM. Kein einziges sozialpolitisches Gesetz und nur zwei kleine Bundesrats- Verordnungen für die Bessermig der Gesundheit der Bleiarbeiter kann ich anführen. Unter den Vorlagen, welche unö zugegangen sind, vermisse ich die Vorlage über die Berufswahlen. Vor allem aber muß elivaS für die Heimarbeiter geschehen. Wer die höchst daiikenSlvcrle Ausstellung Unter de» Linden besucht, der muß zn der Erkeunluis kommen: Es ist dir höchste Zeit! Am liebste» sähen wir eine umfassende gr-oße Heimarbeitergesetzgebnng, die sowohl den Schutz als das Aersicherungswesen betrifft. Ausdrücklich frage ich den Herr» Staatssekretär, warum hier noch immer nichts geschehen ist. Dringend nottvendig ist ferner die AnSdehnuug der Kranken- versicheruiigSgesetzgebung auf die landwirtschaftlichen Arbeiter und das Gesinde.(Beifall links.) Ich frage weiter: In welchem Stadium befindet sich die Frage des Zusaimuenlegeus der ver- schiedenen Versicherungen? Keine Frage aber ist reifer für eine großzügige Gesetzgebung als die des zehnstündigen Arbeitstages der Arbeiterinnen. Ich bemerke, daß sämtliche Parteien dcS Hause»— mit alleiniger Ausnahme der beide» Fraktionen der Rechten— sich zu einem geineinsamen Initiativanträge vereinigt haben— und daß ferner in der Textilindustrie, aus deren Reihen bisher der stärkste Widerstand gegen den Zehnstundentag der Arbeiterinnen hervorging, eine bedeutsame Wandlung eingetreten ist, indem sich die süddeutschen Industriellen für diesen Maximal- tag ausgesprochen haben. Ferner möchte ich dringend eine reichsgesetzliche Regelung des sozialpolitischen Schutze« der l'/zMillioncu deutscher Bauarbeiter befürworten, ebenso die des Schutze« der Bilineuschiffer.— Für die ArbeitSkaiumern erfolgte vor zwei Jahren die erste Zusage der Regierung. Leider sind wir aber nicht ganz sicher, wie das ReichSamt des Innern heute hierzu steht und ob es sich nicht vielleicht durch Bedenken, die in Arbeltgeberkreisen aufgetaucht sind, bceiuflusse» ließ. Der groß« gelvaitige Arbeiter- stand ivartel nun schon 1k Jahre auf die Schaffung der ihm durch die kaiserliche Rede vom Jahre 1LV0 in Aussicht gestellte» Jnteressenvertretuiig, die alle anderen Stände haben. Auf die Dauer werden ivir uns auch der Aufgabe nicht entziehen kömien, für die rechtliche Sicherheit der Tarifverträge zu sorgen. (Sehr richtig I) Ei» großer sozialpolitischer Borteil wäre es, wenn die Gerichte gegenüber Arbeitgebern, die einer in ihrem Gewerbe abgeschlosseneu Tarifgemeinslhaft nicht angehören, erklären könnten: Ihr habt keine geregelten Arbeitöbediiigniigen, also gilt für Euch der in Eurem Gewerbe abgeschlossene Tarif l Dazu gehörte, daß solche Tarifverträge von den Gelverbcgerichten anzuerkennen und bei ihnen niederzulegen sein müßten. Damit würde ein moralischer Druck auf Schaffung von Tarifverträgen geübt werden.(Zuruf bei den Sozialdrinokroten: ZulunftSinusik!) Gewiß, aber ich keime leine so kolossale Zukunftsmusik wie Ihren Zukunftö- staat.(Heiterkeit und Sehr gut! im Zeutrum.) Wenn ich nun zur Mittelstandspolitik übergehe, so muß ich zu- nächst betonen, daß eS im Lande sehr verstimmt hat, daß in der Thronrede zwar von der Fortführmig der Arbeitersozialpolitik, ober nicht von, Schutz des Mittelstandes die Rede war. Ganz reif zur Entscheidung ist die Frage des kleine» Befähigungsnachweises, das heißt, daß die Ausbildung des Rachwuchses im Haubwerk nur von Meistern vorgenommen werden darf, die die Meisterpttifung abgelegt haben. Ebenso sollte die Abgrenzung von Fabrik und Handwerk nun wohl endlich erfolgt sein. Ganz und gar uiiverständ- lich ist uns. weshalb da« Reichsamt des Innern»och immer nicht die Wünsche der großen Mehrheit de« Reichstages auf gesetzgeberische Maßnahme» gegenüber den Mißbräuchen im AusverkausSwesc» erfüllt hat. Ebenso harrt die Frage der Gefängnisarbeit»och der Regelung, Die Frage der kansmäunischen Ausbildung spielt ferner eine große Rolle. Diese werden wir nachprüfen»üisie». Ebenso muß die Frage deS geuosieiischastlichen Zusammenschlusses hier behandelt werden. Die soziale Frage verliert immer mehr den Charakter einer Arbeiterfrage. Das zeigen die Fordenmgen der Privatbeamten. Wann»verde» wir die Ergebnisse der Enquete bekommen? Als eine besondere Klasse dieser Beamten erscheinen die Gehülfcn der Anivälte. In Preußen hat man darüber schon die Anwalts- kämmen» befragt, nicht aber die Angestellten selbst I so ellva« könnte im Reich nicht vorkommen!(Heiterkeit.) Ich will auf den Berg- arbeiterstreik nicht eingehen, aber bemerken, daß wir an unserem Programm»nvcrbrüchlich festhalten. Ich kann hier nicht vorüber- gehen an der iuteniationalen Schntzkonferenz in Bern, die über die Nachtarbeit und andere wichtige Fragen Einmütigkeit erzielt hat. Ich begrüße ebenso die stärkere Unterstützung des internationalen Arbeitsamtes in Bafel. Möge der Jahrgang IVOS für die Sozialpolitik segensreich und ertragreich sein.(Beifall im Zentrum.) Abg. Fischer. Berlin(Soz.): Der Abg. Trimborn hat bei Beginn seiner Ausführungen davon gesprochen, daß er in einem Zustande zwischen Wache» und Träumen den Staatssekretär des Innern an der Spitze säintlicher Staats- sekretäre gesehen habe. Das muß allerdings ein Zustand nahe dein Trnuinen gewesen sein; denn wenn Herr Trimborn wacht, kann er unmöglich diese Ansicht vertreten. Aber der Abg. Trimborn hat vor einigen Jahren sogar im wachen Zustande scharfe Angriffe gegen uus gerichtet, weil Ivir seine Träumereien über die Wirkungen der Februarerlasse von 1890 nicht geteilt haben. Heute hat Abgeordneter Trimborn ja viele Anfragen an die Regierimg gerichtet, über die wir uns freuen kömien. Wir freuen uns namentlich darüber, daß das Zentrum in unsere Anträge für Heimarbeiterschntz jetzt hineinmarschieren will. Leider hat das Zentrum lange auf einem anderen Standpunkte verharrt i denn schon 1890 stellten ivir einen ähnlichen Antrag. Da aber er- klärte der Vertreter deS Zentrums, ich glaube, es war der Abg. Hitze: vor dem Heim müsse die Gesetzgebung stille stehen! Jetzt hoffen Ivir aus eine rege tlilterstützuug ans diesem allerdings wich- tigen Gebiete. Nachdem Abg. Trimborn alle seine Klagen über die sozialpolitische Unfruchtbarkeit der letzten Jahre vor- gebracht hat. hat er doch ivieder einen Optimismus verrate», den ich nicht vertreten kann. Ich mußte unwillkürlich»nieder an den Zustand denken, in dem er sich befand, als er das schöne Bild ge- sehen hat. Er verlangte und erivartete für die nächste Zeit eine Regelung des GefängniSweseilS, des Genosseuschaftsweseils, des Schmiergelderunwesens, des Pnvatbcamtenschutzes, des Bureau- aiigestelllenschutzeö, des Lchrlingslvesens nsiv. uslv. und schließlich auch noch die Ausgestaltung des statistischen Amte? zn einem Reichsarbeitsamt. Und er meinte, daß eS nur am guten Willen des Reichsamts des Innern liege, wenn diese vielen Materien nicht sofort geregelt lviirden. Wie der Abg. Trimborn bei der jetzigen Zufainmensetzuna der Regierung auch nur eiiien Augenblick diesen Optimismus äußern kann, ist mir unverständlich. Leider hat übrigens seine eigene Partei in der Konnnission dem An- trag auf Ausgestaltung des' statistischen Amtes zu einem Arbeits- amle ividcrsprochen. Es offenbart sich da derselbe Widerspruch inner- halb des Zentrums wie bei Gelegenheit der Berggesetzgebung: Hier fordettc das Zentrum Regelung der Bergarbeiterverhältnisse durch Reichs- gesetzgebung. im preußischen Landtage dagegen erklärte der Zentrums- Vertreter, Preußen müsse unbedingt auf diesem Gebiete vorgehen; denn sonst würde daS Schreckliche passieren, daß daS Reich sich in die Angelegenheit mische. Cbarakterislisch und, naßgebend für die jetzige Sitnation in der Sozialpolitik ist das Wort, daß die Kompottschüssel gefüllt sei. Der Herr Reichskanzler hat zivar bestritten, daß der Ausdruck in seiner Gegenwart gefallen sei, aber er kennzeichnet doch sehr genau die Situation. Diese Auffassung wird von allen geteilt, denen es ernst ist mit der Sozialreform. So schrieb die„Soziale Praxis" des Herrn Professor Francke:„Die Sozialreforni ist»vieder einmal das Aschenbrödel unserer inneren Politik geivesen." Wenn es mit guten Worten getan»väre, dann könnte,»iieint die„Soziale Praxis" weiter, die Sozialpolitik in keinen besseren Händen liegen als in denen des Fürsten Bülow und deS Grafen PosodowSky. Wenn man sich aber frage. ivaS etwa in diesem Fahrhundert bereits auf dem Gebiete der Svzialrcform geschehen sei, dann zeige sich die Magerkeit des ganzen Vorgehens. Wie bescheiden das Zentrnin ist, geht daraus herbor, daß es sogar die Berggesctznovclle im Landtage für einen Schritt auf dem Wege der Sozialpolitik hält. lieber diese Frage Ivird ein Fraklionskollege von mir noch sprechen. Ebenso schreiben die „Münchener Neuesten Nachrichten", daß gegenwärtig in den maß- gebenden Kreisen die Stiinumiig für die Sozialpolitik nicht gerade günstig sei. Fest stehe jedenfalls, daß der Anteil der arbeitenden Klasse» an dem Erlrage des»virtschaftlichen Aufschwungs ein ver- hältnismäßig kleiner sei: nach Millionen zähle die Zahl derer, die davon garnichts verspürt hätten.(Hört! hört! und Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das sagt ein gut bürgerliches Blatt, da« de« weiteren sehr bezeichnend die Sozialreform als Brosamen, die vorn Tische der Reichen sollen, charakteri- fieit. Herr Trimborn oder Herr Hitze hat seinerzeit gesagt, daß man bei der niedergehenden Geschäftskonjunktur inmwg- lich einen Ausbau der Sozialpolitik verlange» könne, wo dieser von großen Lasten für die Unternehmer begleitet sei.(Abg. Hitze: DaS habe ich nicht gesagt I Abg. Trimborn ruft: Ich erst recht nicht! Stürmische Heiterkeit.) Nun, dem Sinne nach hat es jedenfalls einer von Ihnen gesagt. Ich führe da« übrigens nur an, uin Sie darauf hinzuiveisen, daß auch in der günftigsten Gefchäftsperiode von der Regierung auf diesem Gebiete nichts getan ivorden ist. Hier im Reichstage hat der preußische Finanzininister Freiherr v. Rheinbaben begeistert ausgerufen: Kein Land der Erde und keme besitzende Klasse der Erde trag« solche Lasten für die besitzlose Klasse ivie die deutschen Unternehmer in de» Versickerungsbetträgen. Nun hat sie der preußische Finanz»ninister mit 274 Millionen pro Jahr nicht ganz genau, sondern etwas zu hoch angegeben. Aber wenn es auch in Wahrheit nur 271 Millionen sind, es kommt nicht auf die absolute Summe ait, sondern ans ihre relative Bedeutung im Ver- hältuis zur ganzen Profitsuinme, die sich die Unternehmer im letzten Jahre gesichert haben, im Verhältnis zum Lohnsatz der Arbeiter usw. Mit dieser Auffassung befinden»vir uns in Gesellschaft der ReichSregierung und des Staatssekretär« Grafen PosadolvSky, der in der Denkschrift über die Iveitcre Ansammlung von Reservefonds bei den gelverblichen BerufSgenofienschaften schrieb: Wie bisher die Umlagebeträge, so wird auch in Zukunft die Verstärkung de« Reservefonds weder vom Standpunkte der Privatlvirtschaft noch von dem der Nationalwirt- schaft vom Kapitnlstock gezahlt»verde», sondern sie»verde einen Teil der Produktionskosten bilde», die normaler Weise— wie alle Produktionskosten— von den Unternehmern ausgelegt und zuzüglich deS Uuteriiehmergelvinils im Preis der Produkte zurück- erstattet würden.(HörtI hört I bei den Sozialdemokraten.) Daraus könnte man sogar folgern, daß, je höher die Versicherungsbeiträge, desto höher der— Profit ist. Aber selbst ivenn man sich auf den WohltätigkeitSstandpnnkt deS Finanzministers stellt, so muß man doch zugestehen— Redner legt das in eingehenden Bercchnuuaen dar—. daß die, die an den Tischen der Reiche» sitzen, besonders angesichts der höheren Löhne und der kürzeren Arbeitszeit in England und Amerika keine Ver- anlassung haben, de» armen Arbeitern unaufhörlich das Almosen von täglich S'/jz— V Pfennig pro. Kopf vorzuhalten.(Sehr»vahr! bei den Sozialdemokraten.) Der Fiimnzmiiiister prieö laut als Vorzug der liberalen deutschen Steuergesetzgebung, daß die 190 Millionen direkter Steuern i»t Preußen von 4,5 Proz. der Bevölkerung aufgebracht würden und 95 Proz. derselben fast gänzlich steuerfrei seien. Hätte der Fiiianzminister nur ein bißchen Sinn und Verständnis für die sozialen Aufgabe» seines Amtes, so würde er «S nickit als einen Vorzug Preußen», sondern als ein National- unalück ansehen, daß 95 Proz. de« preußischen Volkes nicht einmal das Minimum steuerfähigen EinkoitimenS von 900 M. erreichen. (Sehr»vahr! bei den Sozialdemokraten.) Und sehen»vir uns doch einmal die Kehrseite de« Bilde« an! Die Reichsten der Reichen bringen in Preußen 470 Millionen, die Aermsten und Armen 580 Millionen in indirekten Steuern auf I Während der Widerstand der Unternehiner und Scharfmacher gegen die sozialpolitische Gesetzgebung offeniundig»st, wird iimner ivieder behauptet, die radikale»! Führer der Sozialdemokratie seien Gegner dieser Gesetzgebung,»veil sie fürchteten, daß die Klassen- geg'ensätze abgeinildert lviirden. Auch Graf PosadolvSky hat eS wiederholt ausgesprochen, daß die antimonarchische Gcsinunng der deutschen Arbeiter daS Haupthindernis für einen Ausbau der Schlitz- gesetze sei. Nun. ich laiin keinen Anspruch darauf machen. ein besonders radikaler Führer der Sozialdemokratie zu sein. Deshalb»vird mein Ausspruch wohl al» objektiv genug gelten können,»venu ich sage: ES gibt in unserer ganzen großen Partei keine einzige Menschenseele, die gegen die«usgestaltluig der Sozial- Politik ist.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Aber»vir lassen uns natürlich nicht mit leeren Versprechungen und schalen Wassersuppen abspeisen. Immer wieder muß es gesagt werden, daß wir das «IgenMch treibende Moment in der Sozialpolitil sind. DaS bißchen sozialpolitischer Gesetze, welches existiert, ist über. Haupt nur unserem Drängen zu verdanken. Als beispiels- weile in den 8 0 e r Jahren über die VersichernngSgesetze beraten wurde, erklärte sich Herr v. Marschall von den Konservativen dagegen, weil eS sich dabei um ein System staatlicher Armengesetz- gebung handle, das anderweitig geregelt werden müsse. Ganz ähnlich onberte sich der Frhr. w Hertling. und den Vogel in der Gegner- schaft schosien selbstverständlich die Nationalliberalen ab. Dagegen hat Bebel schon einige Jahre vorher die gesamten Grundsätze der spateren Bcrsicherungsgesetzgebung entworfen, sodatz man sich fragen kann, warum Bebel eigentlich noch nicht eine Stelle als vortragender Rat im Reichsamt de? Innern bekommen hat. (Grotze Heilerkeit bei den Sozialdemokraten.) Erst durch die Macht der Dinge sind die verschiedenen bürgerlichen Parteien dazu gc- kommen, nach und nach in unsere Futztapfen zu treten. Aber Deutschland hat sich vom Auslande vielfach überholen lassen, namentlich auf dem Gebiete, welches den Eckstein aller sozial- politischen Gesetzgebung bildet, auf dem Gebiete des Maximal- und NormalarbeitstageS. Frankreich hat beispielsiveise im Jahre 1905 den Achtstundentag für die Marinearbeiter in den Staats- werften durchgeführt, in der Schweiz besteht der all- gemeine Elfslundentag. und selbst in Rntzland und Oesterreich lst man uns voran.— In bczug auf den Fehnstundentag für die Arbeiterinnen, namentlich der Textilmdustrie. er- klärte noch im vorigen Jahre Graf Posadowsky, es bedürfe zu seiner Durchführung erst internationaler Vereinbarungen, llnterdcssen haben sich die süddeutschen Bmimwollenindustriellen von selbst entschlossen. diesen Maximalarbeitstag dnrchzufiihren und zeigen also, datz die Tlrgumentation deS Herrn Staatssekretärs eine irrige ist; gerade diew Industriellen waren in ihrem Hcrrenbetvichtsein bisher die schärfsten Gegner dieser Neuheit. Dennoch besteht ein kleiner Unterschied zwischen Ihrer Sozial« Politik und unserer. Die Ihrige richtet sich nämlich in erster Linie auf die Opfer des Ausbeutungsshsleins. Diese wollen Sie nach- t r ä g l i ch schützen. Auch läuft Ihre Unterstützung in letzter Hinsicht auf eine Hülfe für das Unternehmertum hinaus. Wir wollen vor allen Dingen den g e s»i n d e n Arbeiter vor Eintritt irgend eines Unfalles und bevor er seine Kräfte im Dienste der Industrie verbraucht hat, in seiner wirtschaftlichen Lage heben. Das erste und wichtigste Mittel dazu ist die Verkürzung der Arbeitszeit. Versicherungen und Kassen sind wohl notwendig, aber eS sind doch nur Nebenzweige der sozial- politischen Gesetzgebung. Ferner bleiben alle Schutzbestimmungen nur ein Blatt Papier, wenn es den Arbeitern nicht möglich gemacht wird, ihre Durchfiihrung zu überwachen. Dazu gehört vor alle» Dingen eine Sicherung des Koalitionsrechtes. Das ganze Haus ist darüber einig, daß diese Forderung berechtigt ist. Aber das Zentrum nützt seine politische Macht in dieser Richtung nicht aus. Deshalb können Sie es uns nicht verdenken, wenn wir Ihre Er- klärungen für etwas platonisch halten. So lange die Gewerbe- inspektoren überhaupt frei reden dürfen— überall ist das ja leider nicht der Fall— sind sie darin einig, das; die Unternehmer überaus schwer dazu zu bringen sind, die gesetzlichen Bestimmungen durchzuführen, obgleich das ihrem eigenen Vorteil entsprechen würde. Bon Vergehen gegen die öffentliche Ordnung. Vergehen bei Streiks usw. seitens der Arbeiter finden sich in den Gewerbeinspektionsberichte» ganze ZI Fälle. Dagegen ganze Spalten, Hunderte von Fällen handeln im Sachregister von Bestrafungen von Unternehmern wegen Zuwiderhandlung gegen die Bestinnnungen der Arbciterschutzgesetze. lieber den Wert der Arbeiterorganisationen sprechen sich die Berichte durchgängig sehr günstig aus. Die Gewerbeinspektorcn von Berlin und Pommern, von Breslau und eine ganze Reihe anderer erkennen an. das; Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen zum großen Teil auf den Einfluß der Arbeiterorganisationen zurückzuführen sind. Daher stehen die Gewerbeinspektoren, und namentlich die süddeutschen, auf dem Standpunkt, die Geworbeinspektion müßte, wenn sie ihre Aufgabe wirklich erfüllen solle, mit den Arbeiterorganisationen in Verbindung treten. Herr Trimbon, sprach von der rechtlichen Anerkennung der Tarifverträge. Diese könnte man am besten dadurch allgemein ver- kindlich niachen, daß man sie in die Arbeitsordnung aufnimmt. Vor- läufig entsprechen übrigens 70 Proz. der Arbeitsordnungen nicht den gesetzlichen Ansprüchen. Interessant ist, lvie sich speziell die preußische Regierung zu den Arbeiterorganisationen stellt. Herr v. Rheinbaben hat daraus hingewiesen, daß die Arbeiter die Zumutung, 20 M. Steuern zu zahlen, mit Entrüstung abwiesen. Er hat demgegenüber die großen Einnahmen der Gewerkschaften hervorgehoben. Er hielt eS für angebracht, von„frivolen Streiks nach Art de» Elektrizitätsstreiks in Berlin" zu sprechen. Wie man einen Streik, bei dem es sich um eine Lohnerhöhung auf 35 Pf.— in Berlin!— handelt, frivol nennen kann, verstehe ich nicht: frivol war allerdings die Aussperrung seitens der llnternehmer(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten), die sich nicht schämten, 10000 Ar- bester um einer so geringen Forderung willen auf die Straße zu »verfen. Herr Trimborit hat von dem segensreichen Einfluß der Tarifverträge und der Koalitionsfreiheit auf die EntWickelung der Kämpfe zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gesprochen. Sehen Ivir uns einmal an, wie die Regierung dazu steht. Dem Direktor der Reichsdruckerei ist von seinem vorgesetzten Minister ver- boten worden, den Buchdruckertarif anzuerkennen I(Lebhaftes Hört! hört l bei den Sozialdemokraten.) Die Arbeiter, die es gewagt haben, die Forderungen des Tarifs auch in der Reichsdruckerei durch- zusetzen, sind vom Direktor entlassen worden, angeblich aus Arbeits- mangel. AlS dann aber wieder Arbeit vorhanden war und sie sich meldeten, wurden sie nicht wieder eingestellt, sondern man nah», L0 bis 30 Arbeiter aus dein paritätischen Nachweis. Die erste Tat des neuen Direktors war, daß er die Arbeits- zeit um 10 Minuten verlängerte.(HörtI hört! bei den Sozialdemokraten.) Aus genau demselben rückständigen Geiste heraus hat die Marineverwaltung jede Verhandlung mit den Gewerkschaften abgelehnt, obwohl die Gewerbeinspeklorenberichte in der günstigen Beurteilung ihrer vermittelnden Tätigkeit einig sind. DaS Reichsamt des Innern, das verhältnismäßig doch noch auf einem sozial verständigen Boden steht, sollte doch die Macht und den Willen haben, die anderen Ressorts zu veranlassen, den beschränkten Standpunkt aufzugeben, daß mit außerhalb des Betriebes stehenden Leuten nicht verhandelt werden darf. Aber noch viel krasser rückständig ist die Kanalverwaltung, die den Arbeitern nur alle 4 Wochen Lohn zahlt. Utägige Lohnzahlung hat sie ebenso abgelehnt wie einen Lohn- Vorschuß nach 14 Tagen, und die Zustimmung zu einem Gesuche direkt an das Kanalamt verweigert.(Hört! hört! bei den Sozialdemo- kraten.) Und weiter: Hat doch der„freisinnige" Oberbürgermeister von Breslau Gemeindearbeiter, die im Auftrage ihrer Kollegen zu ihm kamen, brutal angeschnauzt, an Jahrzehnte zurückliegende Strafen erinnert, sie so gebrandmarkt, dann zur Türe hinausgeworfen und ihnen den Uriasbrief ausstellen lassen: Entlassungsgrund: Unver- schämtes Betragen!(Vielfaches HörtI hört! Pfur-Rufe bei den Sozialdemokraten.) Für die Einseitigkeit der Gewerbeinspektionsberichte noch ein allerdings sehr schlimmes Beispiel. Die Gewerbeinspektion in Königsberg berichtet, daß dort die Maurer 1904 in einen Streik getreten wären, obwohl ihnen ihre Forderungen 1903 bewilligt worden wären. Bei diesem Streik seien 53 Anzeigen wegen Bedrohung Arbeitswilliger erstattet worden. Nun haben die Maurer 1903 überhaupt keine Forderungen gestellt, wohl aber die Bauarbeiter, deren Forderungen zwar nicht bewilligt, sondern gar nicht einmal beantwortet worden sind.(Vielfaches Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Als sie dann mit der Durchsetzung der For- derungen Enist zu machen versuchten, wurden sie 1904 ausgesperrt. Und dann der Clou des Ganzen: wen utteressiert denn, wie viele Polizisten in Königsberg herumgelaufen sind und strafbare Taten zu entdecken geglaubt haben?.. �, Hatte doch der Polizeipräsident von Königsberg rn emem Erlaß angeordnet, daß die Streikposten tunlichst beseitigt werden sollten. (Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) So wurde zum Beispiel der Leiter des Streiks zweimal wegen Vergehen angeklagt, während er an den ganzen Vorgängen überhaupt nicht beteiligt war. lHört! Hort I bei den Sozialdemokraten.) Jedenfalls zeigt diese ganze nn- genaue Berichterstattung, was herauskommt, wenn die Gewerbe- Inspektoren sich nicht bei den Arbeitern, sondern nur bei der Polizei erkundigen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) In Süd- deutschland ist die Gewerbeinspektion viel zugänglicher und besser als nördlich der Mainlinie. Das kann niemanden in Erstannen setzen, der weiß, wie in Preußen die Gewerbe- inspektoren durch die Minister- Erlassel ständig drangsaliert worden sind. Minister Möller, dessen Dicnstfertigkeit für die Unter- nchmerniagnaten diese in der Hiberniaftage so schlecht belohnt haben, hat den Gewerbcinspektoren sogar verboten, Vorschläge zu neuen Gesetzen zu machen! Ist eS nicht lächerlich und unverantwortlich, das gerade den Beamten zu verbieten, die nach ihrer Berufstätigkeit in erster Linie dazu geeignet sind, derartige Vor- schläge zu machen, weil sie die Mißstände aus eigener Anschauung kennen?(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Da verlangt die Objektivität, anzuerkennen, daß überhaupt noch so viel Lesens- wertes in den preußischen Gewcrbeinspcktionsberichten steht. Wir haben stets gefordert, daß die Gewerbeinspektion dadurch verbessert werde, daß man Arbeiter zu Gewerbeinspektoren macht. In Württemberg hat man damit schon einen Anfang gemacht. Die diesjährigen Berichte sind einstimnrig darin, daß alle Erwartungen erfüllt sind. Fcriier fordern wir seit vielen Jahren die Zuziehung von Frauen für die Gewerbeinspektion. Bei der enormen Steigerung der Frauen- und Kinderarbeit in Deutschland ist diese Forderung doch eigentlich selbstverständlich. In Berlin sind seit einige» Jahre» drei oder vier weibliche Hülfskräfte bei der Gewerbeinspektion an- gestellt, und auch bierin stimmen alle Berichte überein, daß diese segensreich wirken. Aber was will daö heißen, wenn in ganz Preußen vier weibliche Gewerbehülfsinspektoren angestellt sind? Wir fordern seit Jahren, daß die Zahl der Gewerbeinspektorcn vermehrt werde, damit die Zahl der Betriebe, die auf jeden Ge- Werbeinspektor kommt, verringert werde. In Wirklichkeit aber gehl die Bewegung dahin, daß die Verhältnisse immer ungünstiger werden. Im Jahre 1903 kam nämlich auf 430 Betriebe ein Gewerbe- inspetlor. dagegen im Jahre 1904 erst auf 508 Betriebe. Wenn man also selbst die Zahl des Jahres 1903 als Grundlage nimmt, so fehlten im Jahre 1904 bereits 40 Beamte.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Es ist doch eine Mindestforderung— und dies ist auch von den württembcrgischen Gewerbeinspektoren anerkannt worden— daßjederBetriebjährlich ivenigstcns einmal kontrolliert werde. Von den 503 Betrieben auf den Kopf der Beamtenschaft sind im Jahre 1904 nur 241 Betriebe kontrolliert worden, also weniger als die Hälfte.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wie steht es nun weiter mit der Revision der auf Grund des Z 27 s der Gewerbeordnung revidierten Betriebe? Von den Bäckereien sind überhaupt nur 17 Proz., von den Steinhauereien 40 Proz., von den Buchdruckereien 75 Proz. revidiert. Ich führe die Zahlen nicht an, um den Gelverbeinspektoren irgendwelchen Vor- wurf zu machen, sondern lediglich um'zu zeigen, wie wenig Geld in Preußen für diese Dinge vorhanden ist. Die Beamten sind heute schon überlastet, da sie doch außerdem noch ihre Sprechstunden abhalten und ihre Schreibarbeiten erledigen müssen. Jahr für Jahr berichten die Gewerbcinspektoren über die Wirt- schaftlichen und sittlichen Zustände der Arbeiter. Ich halte das letztere nicht für richtig, solange sie nicht auch über die sittlichen Zustände der Unternehmer berichten.(Heiterkeit und Beifall bei den Sozialdemokraten.) Denn so gut wie dort sind sie bei den Arbeitern innner noch. Ueber die elenden Löhne und die lange Arbeitszeit sotvie die schlechte Behandlung der Arbeiter gibt die Regierung kein statistisches Material. Man sollte meinen, daß sie besonderen Wert auf dieses Material legt. Dadurch, daß sie darauf verzichtet, es zu geben, fordert sie den Verdacht heraus, daß sie dieses Beweismaterial fürchtet in der Ueberzeugung, daß es gegen sie ausfällt. Herr v. Rheinbaben hat ja versucht, den Beweis zu liefern, daß es den Arbeitern sehr gut geht. Er hat nach einer Statistik„bewiesen", daß die Löhne der Arbeiter von 1888 bis 1903 um 24,0 Proz. ge- stiegen seien und ein paar Miuilten später hat er nach einer anderen Statistik„bewiesen", daß sie um 33,3 Proz. gestiegen seien. Eine von beiden Zahlen muß also falsch sein, und ich sage, sie sind alle beide falsch, und der Herr Finanzminister hätte das wissen müssen. Er war aber früher Polizeiminister und weiß als folckier, daß einer seiner Vorgänger, Herr v. Pnttkamer, vom Ministertische aus regelmäßig mit falschen Zitaten gearbeitet hat. (Unruhe rechts.) Der frühere preußische Handelsminister Möller hat sogar die Behauptung ausgesprochen, daß die Arbeiter jetzt das Doppelte verdienen wie früher. Sie seien so anspruchsvoll getvorden, daß sie nicht nur zweimal wöchentlich, sondern täglich Fleisch essen wollten.(Hört! hört! b. d. Soz.) Dieö unverschämte Gesindel, das von früh bis spät arbeitet und auch noch täglich Fleisch esicn will! Wenn je eincnr Manne jegliches soziales Empfinden gemangelt hat, so war es Herr Möller.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Und lvie sieht es bei den preußischen Eiseubahnen aus, die 000 Millionen Ueberschuß haben? Bekanntlich sollen die Staats- Werkstätten Musteriverkstätten sein. Nun, die Arbeiter und Hand- werker bei de» preußischen Bahnen erhalten noch nicht einmal 3 M. pro Tag.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) lind so wie die Lohnvcrhältnisse, sind auch die Arbeitszeitverhältnisse. Von dem Lokomotivpersonal arbeiten bis 8 Stunden nur 3 Proz., 00 Proz. aber 9 bis 10 Stunden.(Hört I hört! bei den Sozialdemo- kraten.) Von allen bei der Bahn beschäftigten Beamten und Arbeitern haben 10 Proz. eine Arbeitszeit bis 8 Stunden. 10 Proz 8 bis 9 Stunden, 72 Proz. 9 bis 12 Stunden und 0 Proz. noch 12 bis 15 Stunden Arbeitszeit.(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) 1900 ist ja nun für Werkstältenarbeiter der Neuustundentag eingeführt worden. Vorläufig aber beschränkt er sich in Preußen auf die Direktionöbezirke Berlin, Frankfurt a. M., Magdeburg und Posen. In den übrigen Bezirken soll er nach und»ach eingeführt- iverden,„sobald feststeht, daß nach den ört- lichen Verhältnissen irgendwelche Bedenken gegen seine Einführung nicht vorliegen".(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Das heißt, der Staat nimmt Rücksicht auf die Interessen der Privat- industrie: wo diese längere Arbeitszeit hat, da darf der preußische Staat nicht mit gutem Beispiele vorangehe».(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Noch ein Beispiel zur Lohnfrage. Die Löhne der Bergarbeiter unter Tage sind von 1898 bis 1904 im ganzen um 0 Proz. gestiegen. Herr Möller aber behauptete, die Löhne wären um das Doppelte gestiegen. Im ersten Quartal des letzten Jahres sind sie sogar wieder gesunken, und wenn sie jetzt wieder höher sind, so wird noch einer meiner Kollegen nachweisen, daß nur durch eingelegte Arbeitsschichten, also durch eine Verlängerung der Arbeitszeit, diese höheren Löhne verdient worden find. Dabei be- finden wir uns jetzt in aufsteigenderKonjunktnr. Das Wesen und der Wert der sozialen Gesetzgebung tritt aber namentlich in Zeiten derKrisiSzu- tage, wo die Arbeiter gegeil die Verschlechterungstendenzen der In- dustrie ankämpfen müssen. In solchen Zeiten muß ihnen eine durch- greifende soziale Gesetzgebung schützend zur Seite stehen. Deshalb ist es Aufgabe aller derjenigen, welche die soziale Reform nicht bloß als Lockmittel im Munde führen, die Regierung immer von neuem zn drängen, daß endlich wieder ein Schritt nach vorwärts gemacht wird. Sie(zum Zentrum) haben die Macht dazu,'Ihre Ansichten zur Durchführung zu bringen. Es liegt nur an Ihrem guten Willen. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Pauli-Potsdam(k.): Meine Freunde meinen, daß alle Kassen einheitliche Regelung finden müssen, alle einzelnen Regelungen aber Stückwerk sind. Es ist eine fundamentale Aenderung dieser ganzen sozialpolitischen Gesetzgebung erforderlich, bei der vor allen Dingen dafür gesorgt wird, daß nicht der Mittelstand wieder die Kosten trägt.— Die Tarifverträge beurteile ich günstig. Sie sind auch für die Arbeitgeber gut. Schmerzlich hat eS berührt, daß die Thronrede kein Wort über den Mittel- stand gesagt hat. Eine Mehrbelastung kann der Mittelstand nicht vertragen. Ich habe im vergangenen Jahre gesagt, daß der Befähigungsnachweis vom Handwerk gefordert iverde. Ich habe ge- glaubt,' daß ich dabei das ganze Handwerk hinter mir hätte. Nach- dem aber die gesetzlichen Organisationen des Handwerks, die Hand- Werkerkammern den Befähigungsnachweis abgelehnt haben, kann ich die» als Abgeordneter, wie ich im Einverständnis mit meinen politischen Freunden sagen kann, nicht mehr vertreten. Der Abg. Fischer hat die Behauptung aufgestellt, daß die Schrauben« dreher nur so viel von den Elektrizitätswerken als Lohn verlangt haben, als die Schraubendreher anderer Fabriken derselben Firma schon bekämen, und daß dadurch der ganze Elektrikerstreik hervor- gerufen sei. Wenn diese Behauptung wahr ist— was ich nicht beurteilen kann— so muß ich sagen: die Arbeiter haben recht getan.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wir sind über- Haupt für"Besserstellung des Loses der Arbeiter, nur d rf der Mittel- stand dadurch nicht ivc'iter belastet werden.(Beifall rechts.) Hierauf verlagt das Haus die Fortsetzung der Debatte auf Sonnabend 1 Uhr. Schluß Uhr._ parlamcratarifcbea. Ablehnung der Regierungsvorlage. In der Finanzreformkommission wurde die Debatte über die Zigareltensteuervorlage fortgesetzt. Unsere Genossen V. E l m und M o l k e n b u h r wandten sich mit großer Entschiedenheit gegen die in der Kommission gemachten Vorschläge, an Stelle der Zigarettenpapiersteuer die Besteuerung der Zigarette auf dem Wege des Banderolen- oder Tabakzollzuschlagssystems durchzuführen. Prinzipiell der Kommission das Recht ab'prechend, daß sie befugt sei, neue Vorschläge zu machen— was aber vom Vorsitzenden B ü sing als zuläsng erklärt wird— gehen sie auf die Vorschläge näher ein und bestreiten die Durchführbarkeit. Welche Art der Be» steuerung man auch immer wählen möge, die umnittelbare Folge iverde ein Ausfall im Konsum sein und dadurch eine Brotlosmachuug zahlreicher Arbeiter, namentlich Arbeiterinnen. Gegenüber den Hin- weilen Dr. Beckers u. a., daß die dadurch über- flüssig gewordenen Zigarettenarbeiterinnen hinaus aufs Land gehen und sich dort ihr Brot suchen möchten, warf Molkenbuhr die Frage auf. mit welchem Recht man diese Arbeiterinnen aus ihrem Gewerbe, das sie gelernt haben, herausreißen, ihnen die Möglichkeit rauben wolle, sich in einem anderen als dem erwählten und erlernten Beruf zu ernähren. Dann müßte man wenigstens dieselben Konsequenzen ziehen wie bei Ablösung der Privatpostinstitute, beim, Süßstoffgesetz usw., und die durch Einführung der Steuer arbeitslos werdenden Arbeiter entschädigen. Dem Abgeordneten Müller« Fulda gegenüber, der bemerkt hatte, daß er gegen jede Steuer« erhöhung für Zigaretten stimmen werde, wenn er sicher sei, daß eine größere Anzahl von Arbeitern dadurch brotlos würde, warteien unsere Genossen mit ihren eigenen Erfahrungen bei Einführung der Tabakbesteuerung 1879 auf, wo nicht nur ein großer Konsumrückgang, sondern auch eine Lohn- drückerei die Folge war, die sich in der ganzen Zeit nicht auSge« glichen hat. Während nämlich nach den Berichten der Berufs- genosfenschaften die Durchschnittshöhe des Arbeitslohnes für sämtliche versicherten Arbeiter sich auf 947 M. pro Jahr stellt, bettägt sie bei den Tabakarbeitern nur 543 M.. während vor 1879 die Löhne in der Zigarrenindustrie mit die höchsten waren. Daraus ergibt sich. daß dev Zoll und die Steuer auf Tabak aus den Knochen der Arbeiter herausgeholt worden sind. Genau so muffen die Folgen der Zigarcttensteuererhöhung sein. Die beiden Genossen wiesen noch daraus bin, daß mit Einführung des Banderoleusystems, das auch den RegierungSkommiffaren leicht ausführbar erscheint, ganz entschieden die Selbstverfertigung von Zigaretten mehr als bisher geübt und dadurch der erwartete finanzielle Effekt auf einen lächerlich geringen Betrag heruntcriinken, die Brotlosmachung von Arbeitern aber ganz besonders in die Erscheinung treten werde. Desgleichen bemühten sie sich, die Unmöglichkeit der Buchkontrolle über den zu Zigaretten verarbeiteten Tabak bei Einführung des Zuschlagszolles nach Müller-Fulda nachzuweisen. Allen sachlichen Gründen unserer Genossen setzten die Redner der anderen Parteien, außer Dr. W i e ni e r, der ihnen in allen Teilen zustimmte, entgegen: die Zigarettenindustrie soll uud muß bluten. womit die namhaftesten Fabrikanten auch einverstanden sind. Daher komme es darauf an. die geeignete Form zu finden. Gegen die Vorlage wandten sich aber sänttliche Redner, nament« lich als von seilen der Regierungsvertreter erklärt war, daß man den Vorschlag des Banderolensystems vor dem der Zuschlagssteuer den Vorzug gebe. Ziemlich leicht nimmt Raab(Wirtschastl. Ver.) die Befürchtung eines Rückganges in der Produktion; er ist gern bereit, einem eventnell von den Sozialdemokraten einzubringenden Gesetzentwurf betreffend Entschädigung aller durch die Steuererhöhung arbeitslos werdenden Zigarettenarbeiter zuzustimmen, in der sicheren Ueberzeugung, daß nicht ein roter Pfennig gezahlt zu werden braucht. vielmehr ein Aufschwung, eine größere Nachfrage eintreten wird, sobald die Unternehmer über die erste Beunruhigung hinweg sind und nicht mehr zu fürchten hätten, noch mehr geschröpft zu werden, als es beabsichtigt wird. Von Herold wird erklärt, daß er und seine Freunde nunmehr geneigt seien, dem Banderolensystem zuzustimmen, wenn die Regierung eine diesbezügliche Vorlage ausarbeitet. Indirekte Steuer« müßten sein, und wenn einmal— was ja aber nicht zu befürchten sei— die Negierung die indirekten Steuern abschaffen und ihren ganzen Steuerbedarf nur von den Besitzenden fordern würde, so würde eine ungeheuere Unzufriedenheit im ganzen Volke, namentlich aber unter den Arbeitern die Folge sein. Schließlich wurde die Debatte abgebrochen, um am Dienstag fortgesetzt zu werden. DaS sichere Resultat der zweitägigen Debatte ist: Ablehnung der Regierungsvorlage._ JndemnitätSkomödie. Die Budgetkommission des Reichs» tags hatte sich gestern wieder einmal nnt einem Indem nitäts» gcsuch der Regierung zu beschäftigen. Der dritte Nachtrag für den Etat 1905 fordert einen Kredit von 1 998 050 M. außer- ordentlicher Ausgaben, die durch den Aufstand in Ostafrika entstanden und in der Hauptsache auch schon verausgabt worden sind. Hierfür wird Jndeninität nachgesucht. Unterstaatssekretär T w e l e bemüht sich, nachzuweisen, daß außer- und überctatomäßige Ueberschreitungen gesetzlich zulässig seien: die Regierung sei sich aber stets der Verantwortung bewußt und greife nur im äußersten Notfalle zn Etatsüberschreirungen. Als der ostafrikanische Ausstand im August vorigen Jahres ausbrach, sei ernstlich die Einberufung des Reichs« tages erwogen worden. Jedoch fei die Regierung gar nicht im« stände gewesen, ziffernmäßig haltbare Unterlagen über die Kosten zu geben, die die Niederwerfung deS Aufstandcs bedinge. Außerdem habe schnell gehandelt werden müssen, um eine Ausdehnung des Auf- standes zu verhindern. Daher habe die parlamentarische Behandlung nicht abgewartet werden können. Kolonialdirektor Prinz Hohenlohe nahm auf die dem Reichstag zugegangene Denkschrift des Gouverneurs über den Auf- stand Bezug und erklärte: Die Ursachen sollen genau untersucht, wo nötig. Abhülfe geschaffen Werve».— Abg. Müller- Sagan weist darauf hin, daß die Ueberschreitungen des Etats allgemach üblich werden.— Abg. Singer: Die Klagen über Etatsüberichreitungen seien voll bcrechttgt aber zwecklos: denn die RcichSlagsmehrheit habe die Regierung so an die Ericilung der Indemnität gewöhnt, daß die Regierung überzeugt ist, ihr wird jeder Nachtrag genehmigt. Die Versicherungen der Regierung, sie wolle daS Budgetrecht des Reichstages nicht einschränken, widersprechen nur zu oft den Tat- fachen. Im vorigen Sommer habe die Regierung genau gewußt. daß nicht nur für Ostafrika, sondern auch für Südwestafrika weitere Kredite notwendig sind; trotzdem rief sie den Reichs- tag nicht zusammen, schmälerte somit das Budgettecht des Parlaments aus ZweckmäßigkcitSgründen. Dagegen müsse entschieden Einspruch erhoben werden. Solange der Reichs- tag sich gegen die immer zahlreicher lverdendeu JndemnitätSgesuche nicht widerstandsfähiger zeige, könne eine Besserung nicht eintreten. DaS Zentrum befolge die Taktik, durch den Abg. Erzbcrger jedesmal einen Sturm zu entfachen, der kurz vor der Entscheidung plötzlich ausgeblasen werde. Was die Kolonialbahnen anbelange, so ver- lange die Sozialdemokratie, daß die Leute, die von diesen Bahnen den Vorteil haben, auch die Kosten aufbringen. Wein nutzt eine Kolonialbahn? Von der Beantwortung dieser Frage hänge für die Sozialdelnokratie, unbeschadet ihrer prinzipiellen Stellung zur gegenwärtige» Kolonialpolitik, in erster Linie ihre Entscheidung ab.— Abg. S ü d e k u m besprach die Denkschrift de« Gouverneurs, die statt einer Rechtfertigungsschrift eine Anklageschrift geworden sei. Der Bankrott des heutigen VerwaltuugssystemS sei offenkundig. Zwangsarbeit, die von untergeordneten Organen erzwungen worden ist. anscheinend sogar auch von Missionen,' Bedrückung und Betrug, an den Eingeborenen verübt, bilden die Ursachen des Aufstandes, der schon in Jahresfrist vor seinem Ausbruch prophezeit ivurde. Aber der Herr Gouperneur will nichts geahnt noch geivntzt haben. Das sei entweder kaum glaublich oder sehr charakteristisch. Unter- staatssekretär T w e l e verteidigte nochmals die Regierung. Er ver- heimliche und bemäntele nichts, spreche vielniehr entweder ganz offen oder gar nicht. Die Regierung habe im vorigen Sommer dem Reichstag keine Aufklärung geben können, weil sie selbst nichts Näheres geivustl habe, als was die amtlichen Telegramme aus Oslafrika an Informationen enthielten. Die Abgeordneten P a a s ch e, Spahn, Arendt und Prinz von Arenberg sprangen der Regierung bei, jedoch— das Bndgetrecht des Reichstags, so meinten sie, wollen auch sie gewahrt wissen, stimmten aber für die Indemnität trotz der Verletzung des Bndgetrechts. Die„Indemnität" wurde also schließlich allein gegen die Stimmen der Sozialdemokraten erteilt I Die Wahl Zimmermanns(Sachsen) gültig! Im 20. sächsischen Wahlkreise(Marienberg-Zschopau) fand am 18. März 1904 eilte Ersatzwahl für unseren verstorbenen Genossen Rosenow statt, bei der für P i n k a u(Soz.) 10 277 Stimmen ab- gegeben wurden. für Zimmerma n n sAnlis.) 5998, für Schanz(k.) 4325. Ferner waren 8 Stimmen zersplittert. Die absolute Mehrheit betrug 10 305; es fehlten Pinkau also 56 Stiinmen zum Siege. Bei der Stichwahl siegte Zimmermann. Ein rechtzeitig eingereichter Wahlprotest legte dar. daß auf eine An- frage der Amtshauptmann des Wahlkreises erklärte, er allerdings sei der Ansicht, daß verzogene Wähler nicht an ihrem früheren Wohnort wählen dürften. Die Gemeindevorstände handelten nun fast alle in diesem Sinne, und es wurde eine Anzahl wahlberechtigter Wähler von der Wahl zurückgewiesen. Der Wahl- Protest führt 57 solcher Wähler namentlich auf, die also nach der bisherigen Praxis der Wahlprüfnngskommissioii. da sie nach ihrer Angabe Pinkau wählen wollten, dessen Stimmenzahl hätten zugezählt werden müssen, so daß Pinkau sofort in der Hauptwahl als gewählt erscheinen mußte. Die Wahlprüfungskommission vermied es auffällig, die prinzipielle Frage zu entscheiden, daß nämlich die Anweisung der Amtshauptmannschaft ungesetzlich war und dadurch die Wahl Pinkaus verhindert wurde. Dagegen stellte sie eine Be- rechnung an, nach der in Rücksicht auf einige andere Vorkommnisse bei der Wahl immer noch neun Stimmen an der Mehrheit für Pinkau gefehlt hätten, Zimmermann also mit Recht in die Stichwahl gekommen sei! Daraufhin erklärte die Mehrheit der Kommission gegen die sozialdemokratischen und fteisinnigen Stimmen die Wahl Zimmermanns für gültig. Im Plenum wird über diese Prüfung sich das weitere ergeben. In der Kommission zur Borberatung des BersicherungSvertragS- gesehcs wurde in den Sitzungen am Mttwoch und Donnerstag der erste Titel der allgemeinen, für sämtliche Versicherungszweige gültigen Vorschriften beraten. Aus den Beratungen mögen zwei Punkte hervorgehoben werden: Bei§ 3, der dem Versicherer die Pflicht auferlegt, den Versicherungsschein dem Versicherungsnehmer auSzu- händigen, und der dem Versicherungsnehmer das Recht zugesteht. jederzeit Abschrist der Erklänmgen zu fordern, die er in bezug auf den Vertrag abzugeben hat, versuchten der Abg. Böttger und die sozial- demokratischen Mitglieder in der Kommission sHeine, Herzfeld, Lesche, Stadthagen) zum Ausdruck zu bringen, daß auch alle mit Bezug auf den Bertrag abgegebenen Erklärungen, zum Beispiel die Fragen und Antworten über den Gesundheitszustand, dem Versicherungsnehmer kostenlos übergeben werden müßten. ES gelang, diese Forderung zur Annahme zu bringen. Jedoch blieb die Kostenlosigkeit im Gesetze unerwähnt. Ferner versuchten die sozialdemokratischen Mitglieder bei§ 5 dem entgegenzutreten, daß ein Bersicherungs- nehmer sich auf lange Jahre hinaus, ohne die Tragweite der Versicherung zu kennen, verpflichtet. Sie wünschten deshalb, daß Versicherungsverträge, die über die Dauer von einem Jahr hinaus verpflichten, schriftlich gestellt und daß der Antragsteller das Widerrufsrecht innerhalb zweier Tage haben solle. Dem vor- getragenen Grundsatz stimmte auch die Regierung zu, solveit eS sich um Lebens-, Aussteuer-Versichernngen u. dergl. handelt. Sie glaubt aber, daß für diese Art der Versicherung durch den 162 genügend Vorkehrung getroffen sei, der dem Versicherten bei laufenden Prämien das Recht gibt, für den Schluß der laufenden Versicherungsperiode zu kündigen. Der Abgeordnete Schmidt-Warbnrg nahm die sozial- demokratische Anregung in einer Form aus, die der im§ 566 deS Bürgerlichen Gesetzbuches für Mietsverträge gegebenen entspricht. Die Mehrheit nahm aber an, daß der tz 162 für die Lebens- Versicherung genügend Garantie biete und daß eS der Beratung der SpezialVersicherungen, insbesondere der Vieh- und Hagelversicherung. überlassen bleiben müsse, etwa eine ähnliche Schutzvorschrift gegen Ilebervorteilung auch hier zu schaffen. Daß das Gesetz nicht gegen jede Uebervorteilung schützen könne, wurde allseitig anerkannt. Die nächste Sitzung findet am Mittwoch nächster Woche statt.— Für Abänderung des JnvalidcnversicherungsgescbeS tritt eine dem Reichstage zugegangene Petition des Bundes der technisch-industriellen Beamten ein. ES wird vorgeschlagen, dem Gesetze einen Para- graphen hinzuzufügen, ivelcher bestimmt, daß solche Arbeitgeber, die es vorsätzlich oder fahrlässig unterlassen habe», für die in ihren Be- trieben beschäftigten Arbeiter die Versicherungsmarken zu kleben, zur nachträglichen Zahlung herangezogen und mit erheblichen Strafen belegt werden können. Auch soll bestimmt werden, daß die nachweislich herausgefallenen Marken den Versicherten durch die Ver- sicherungSanstalt zugerechnet werden müssen. Euq der Partei. 100 Mar» Geldstrafe erhielt Genosse H e i n i g von der„Leip- ziger Volkszeitnng" zudiktiert, weil er den Gememdevorstand von Portitz einen„vorsintflutlichen" genannt hat.— Er hätte ihn auch rubig einen modern sächsischen nennen dürfen. DaS Verbot einer Tellersammlimg aufgehoben. In Brake hatte der überwachende Beamte am 21. Januar die Tellersammlung verboten und einen Betrag von 2,65 M. als Ergebnis derselben beschlagnahmt. Landtags-Abgeordneter Schulz, als Referent der Versammlung, beschwerte sich darüber und erhielt jetzt folgende Antwort: Brake, 27. Januar 1906. Grobherzoglich Oldenburgisches Amt Brake. Auf die Eingabe vom 26. d. M. Ob Sie als Referent und Teilnehmer in der Volksversamm- lung vom 21. d. M. ein Recht haben, Beschwerde über das Polizei- liche Verbog der Tellersainmlung zu führen, mag dahingestellt bleiben, zumal die Angelegenheit entsprechend Ihrem Wunsche bereits erledigt ist. Das vom Oberwachtmeister beschlagnahmte Geld im Betrage von 2,65 M. ist, da das Verbot der Sammlung sich nicht aufrecht erhalten ließ, dem Vorsitzenden der Versammlung, dem Maurer- gesellen Winter, Brake, zur Verfügung gestellt. Das Verbot der Sammlung war also ungerechtfertigt. Die Kompetenzbedenken des Großherzoglich oldenburgischen AmtShaupt- mannes sind eS auch. Ueber eine den Gesetzen zuwiderlaufende Amtshandlung hat jeder Staatsbürger das Recht, sich zu beschweren. ätas Induftrie und DandeU Modernes Räubertum. Bei unserem raffiniert sensiblen Rechtsempfinden und dzr erstaunlich raffinierten staatsanwaltlichcn, von der Spruchpraxis akzeptierten konstruktiven Scharfsinnigkeit, sind wir so weit gekommen,„Im Namen des Königs", die Benutzung eines Läppchen Papiers, dessen materieller Wert nur als eines Pfennig Bruchteil mit hohem Nenner bewertet werden kann, zu bestrasen— die juristische Terminologie bescherte uns den Ausdruck: ideeller Diebstahl! Das beleidigte— kapitalistische Gerechtigkeitsbewußtsein findet Befriedigung, dank einer von Verständnis und Jntereffensolidarität getragenen Begriffs- konstruktion. Eine andere Änlturblüte am Baume modernen Rechts- empfivdens, das in der Gewerbeordnung im§ 153 sich manifestiert, ist die Bestrafung ivegen Nötigung in Fällen, in denen ein Arbeiter dem Unternehmer sagt:„Wir streiken wenn Sie unsere Wünsche nicht erfüllen!"— Aber, frei sei derMensch!— wennerGeld hat.-- Sorgsam gehegt durch Gesetzes Macht, entfaltet frei sich— individuelle Betätigung. Wer in geschickter Weise durch falsche Nachrichten an der Börse Millionen errafft, wer planmäßig vorgehend, der Absicht, die Konsumenten zu plündern, die ausführende Tat folgen läßt,— und stets zum Ziele gelangt, des Gesetzes fein ausgeklügelte oder fein interpretierte Paragraphen schützen das Erraubte als des glücklich Besitzenden heiligstes Eigentum. Keines Staatsanwaltes sicheres, die tiefsten der Tiefen der Geschehnisse und Absichten durchdringende» Auge erkennte je in der großzügigen, oft durch„sanften" Druck und verständnisinnige Warnung vor der eventuellen wirtschaftlichen Ver- nichtung. unterstützten Erleichterung der Taschen des Volkes und der Staatskassen mittels preispolitischer Genialität der industriellen Ringe usw., eine das Siechtsbewußtsein verletzende Handlung. Bänder, verzierte Knopflöcher, deren sich die edelsten Repräsentanten der Zunft der großziigigen Nehmer erfreuen, beweisen das Gegen- teil. Allzuviel erinnern täglich Vorkommnisse an das Sprichwort: „Kleine Diebe hängt man, große läßt man laufen!" Oder ist es etwa keine raffinierte Spitzbüberei, wenn einige Leute durch gemein- samss Handeln zu ihrem Vorteil eine Preissteigerung für bestimmte Waren erzwingen? Ein typisches Beispiel für die Skrupellosigkeit, mit der die moderne ganz ins Große gehende Plünderet vor sich geht, bieten jetzt die Bestrebungen der amerikanischen Baumwollkönige. Die amerikanische Rohbaumwolle ist für die europäische Textil- industrie gewissermaßen das Brot des Lebens. Und die Fürsten des Baumwollhandels lvollcn den Konsumenten das Leben recht sauer machen. Kürzlich waren sie, die Mit- glieder der Southern Cotton Grower» Association, in New-Orleans zusammen und großer Jubel herrschte unter ihnen. Sie hatten Grund dazu! Die Gesellschaft hat im abgelaufenen Jahre dnrch verschiedene Mittel, deren Qualität nur nach dem Erfolge gemessen wird, die Lage des BaumlvollmarkteS stark zugunsten der Händler und Pflanzer beeinflußt. DaS war nicht allein des Jubels Grund. Es wurde dem Plan zugestimmt, für den noch unverkauften Rest der Baumwollernte von etwa drei Millionen Ballen einen Preis von 15 Cts. per Pfd. zu erzwingen und dazu die Pflanzer zu verpflichten, nicht unter solchem Preise zu verkaufen, auch um 25 Prozent weniger Baumwolle als in 1904 und dafür um so mehr andere Bodenfrüchte zu bauen. So sucht man ein Monopol in einem Welt- Bedarfs- artikcl zu schaffen, wie solche» noch nie zuvor versucht worden ist. Anstatt die Preise zu reduzieren, suchen die südlichen Baumwollmonopoliste» durch Schaffung künstlicher Verhältnisse die Preise auf ein extremes Niveau zu treiben. Und der Präsident der Vereinigung hat eS als deren Aufgabe verkündet, die Verhältnisse derart zu regulieren, daß der Konsunient genötigt ist, siir die Baumwolle den von den Pflanzern bestimmten Preis zu zahlen. Und zu den Regulierungsmitteln gehört auch ein— Schutzzoll von 25 Proz., den in aller... Verschämtheit zu fordern die Taschen- ritter sich gar nicht entblöden. Vor einem Jahre verkaufte sich Baumwolle zu 6�«— 6'/z Cts. Die Politik der Pflanzer mit Hülse der Spekulation hat eS fertig gebracht, den Preis zeitweilig bis auf 12'/- Cts. zu bringen, für einen Artikel, der bei rationeller Kultur und großem Betriebe zu produzieren nur 6 CtS. kostet. Ein Profit von etwa 100 Proz. ist den Pflanzern jedoch noch nicht genug, und glauben sie, einen Preis von 15 Cts. erzwingen zu können. In ähnlich ruppiger Weise macht sich das belgische Kohlensyndi- kat bemerkbar.— Die deutschen Syndikate sind natürlich Kinder wie kein Engel so rein!— Jminer mehr werden die Preise in die Höhe getrieben.— In Deutschland hört man nur von Preisherabsetzungen!— Auch verlangt das Syndikat von seinen Abnehmern, sich durch Ver- träge pro 2. Halbjahr 1906 auf die höchsten Preisen festzulegen.— Die deutschen Syndikate sind mit langfristigen Verträgen gar nicht eilig— solange sie hoffen dürfen, höhere Preise zu erzielen!— Und solche Zustände soll man als erhaltenswert betrachten!-» Wer nicht allzusehr bei der bestehenden Anarchie interessiert ist, als Wollscherer seinen Rebbach macht, nicht nur die Geplünderten, sondern alle, denen' des Volkes Wohl als das erstrebenswerteste Ideal erscheint, müssen sich der sozialistischen Forderung von der Vergesellschaftung der Produktionsmittel anschließen. Die Realisie- rung dieser Forderung löst alle wirtschaftlichen Kräfte aus, treibt die Produktion zur höchsten Entivickelung. Ausgeschaltet wird dafür daS Schmarotzertum jeder Art und Form. Neue Stempelsteuern. Die Mannheimer Handelskammer hat die voranssickuliche Wirkung der neuen Frachtbrief-, Paketadrcssen- und Quittungsstempelsteuern zum Gegenstände eingehender zahlenmäßiger Berechnungen gemacht. Die Kammer hat nun durch Umfragen und Berechnungen festgestellt, daß dem Prinzip de» Gesetzentwurfes, der davon ausgeht, die minder leistungsfähigen Gewerbetreibenden im Verhältnis zu ihren toirtschaftlich kräftigeren Mitbewerbern zu schonen, nicht entsprochen wird, vielmehr würde die prozentuale Be- lastung des gewerblichen Einkommens der berichtenden Firmen be- tragen bei einem gewerblichen Einkommen: von 1 bis 3 000 Mark 29,5 Proz. „ 3„ 5 000„ 15,2„ 5„ 10 000„ 11,0. 10„ 20 000„ 7,5, „ 20„ 50 000„ 5.5„ 50„ 100 000„ 4,7„ .. 100 000„ 1000 000„ 1,2„ über.... 1 000 000„ 0,4„ Die absolute Belastung der zirka 280 Firmen, welche Zahlen« Material geliefert haben, würde über 600 000 M. betragen. Schon diese Belastung einiger hundert Mannheimer Firmen zeigt, daß wiederum die schon jetzt am schtversten belasteten Großstädte und Jndustriebezirke am stärksten zur Steuer herangezogen werden sollen. Denn während das Deutsche Reich bei 60 Millionen Ein- wohnern 57 Millionen Mark Frachtbrief- und OnittungSstenern auf- bringen soll, also noch nicht eine Mark pro Kopf, entfallen aus den Mannheimer Handels- und Jndustriebezirk mit gegen 200 000 Einwohnern bei noch nicht 280 Firmen allein-600 000 M., das sind also bereits mehr als drei Mark pro Kopf der Bevölkerung: wenn nun die übrigen mehr als 2000 Firmen und das ganze Privatpublikum hinzugerechnet werden, müßte Mannheim an diesen Steuern wohl ungefähr das Zehnfuche des Reichsdurchschnitts aufbringen. Korruption überall. Nach der amtlichen Untersuchung über die Zustände im Versicherungswesen des Staates New Jork wird jetzt eine gleiche Untersuclning auch für das Bankwesen gefordert. ES wird behauptet, daß bei den Banken dasselbe Unwesen korrupter Anfsichtsräte und Strohmanndirektoren herrsche wie bei den Ver- sicherungsgescllschasten. Im Senat zu Albany wurde die Befürchtung geäußert, eine solche Untersuchung würde eine finanzielle KristS herbeiführen und die republikanische Partei im Staate New Dork zugrunde richten. Doch gilt es nach den neuesten Verlautbarungen als sicher, daß die Untersuchung stattfinden wird.. Der Zug der kapilnlistischen Entwickelung. Ueber wirtschaftliche Gräber stürmt siegend hinweg der geschäftliche und gewerbliche Groß- betrieb. Niemand kann besser Marx Lehre von der Akkmnulatton des Kapitals rechtfertigen, als die Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens. Wer sich nicht mit der theoretischen Brille die Augen blendcr, kann auch gar nicht übersehen, daß heute schon viele tausende sogenannter Selbständiger anders ni�ts sind, als Handlanger, als Akkordarbeiter des Großkapitals. Und selbst die glänzendste Prosperitätsperiode wird immer wieder bisher selbständige Existenzen aufs Pflaster, zu dem Haufen der Lohnsklave» werfen. Die Vereinigten Staaten zählen das zu Ende gegangene Jahr zu einem der günstigsten in geschäftlicher Beziehung. Trotzdem brachten die zwölf Monate nickst weniger als 11 520 geschäftliche Todesfälle. Die Gesamtverbindlichkeiteu, deren sich die trauernd Hinterbliebenen dabei— nicht erfreuen, belaufen sich auf 102 676>/z Pfund Sterling. Die Kleinen können nicht mehr mit, sie werden über den Haufen gerannt und zerstampft. Und diese Entwickelling ist unaufhaltsai», sie garantiert den Sieg des sozialistischen StrcbenS. Unstimmigkeiten im Kohlcnsyndikat. Die am 19. Dezember vorigen Jahres stattgefundcne Zechenbesitzerversammlung hatte die Förderung auf 90 Proz. der Beteiligung festgesetzt. Durch Rund- schreiben vom 20. Januar d. I. bat der Vorstand aber die Förderung vollständig freigegeben. Dagegen ist erfolglos Protest erhoben worden.— Merkwürdig: augeblich kann gar nicht geniigend gefördert werden, das Syndikat behauptet, es müsse im Auslände zu- kaufen, um allen Verpflichtungen nachkommen zu können, und dann wird noch Fördcreinschränkung verlangt. Aber das Merkwürdige wird leicht verständlich, wenn man die Verhältnisse berücksichtigt. Manche Zechen haben ihre Leistungsfähigkeit viel zu hoch eintaxiert. Bei einer Einschränkung von 10 Proz. können sie alle ihre Kräfte anspannen. Andere Gruben, deren technische Einrichtungen eine über die Beteiligung hinausgehende Förderung ernröglichen, können diese nun natürlich erheblich steigern. Das wollten die anderen Interessenten verhindern und sie beriefen sich erfolglos auf den Grundsatz, der Verband sei nicht berechtigt, den Beschlüssen der Zechenbesitzerversammlung entgegenstehende Anordnungen zu treffen. Gewumsteigcruiig um 30 Proz. Der Betriebsüberschuß de« Kohlenbergwerkes„Ewald" beziffert sich für 1905 auf 4 137 709,87 Mark gegen 3 174 411,73 Mark im Vorjahre. Ob die Geiverke die „Mchrlast" von zirka einer Million Mark wohl tragen können?' Dir armen Aktionäre. Der Eschweiler Bergwerksverein erzielte im halben Geschäftsjahre 1. Juli— 31. Dezember 1905 noch nicht mal ganz zwei Millionen Mark Ucberschuß, er brachte eS— nur auf 1 989 018 M. 20 Mark Belohnung demjenigen, welcher mir Namen der Gäste nemicn kann, tvclche sich am Freitag, den 5. Januar. 3 Mir, im Pahlschrn Lokal, LSollinee- strnhe 7 beianden und den Vorfall Pahi-Schlcgel wahrheitsgetreu gesehen haben.(Siehe auch Litiaß-Anschlag). ». Schlegel, Goriuaunstr. itti. Platinahfälle, ÄSrife. Gebisse, Tressen, alte Uhren. Kehrgold, lataubgold, photogr. Nückstäudr, sowie sämtl. gold- u. silberhait. Absällc kaust Goldschmelze Ueoh, Wrangclstr. 4. Telephon-Amt IV, 6958. 83/17 Teures Fleisch— billige Seefische!! 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T a g e z- O r d ii u ii g: 1. Abrechnung uoni vierten Quartal und Jahresabrechnung Pro 1905. 2. Neuwahl des Vorstandes und der Revisoreir!i. Verschiedenes. 103/9 Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen der Mitglieder ersucht Die örtliche Verivaltung. I. A.: H. N e u m a n n. Allgmsino Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter (E. H. 89, Hamburg) Filialen Berlins und limgegend. Am Sonntag, den 4. Februar 199«. vormittags 19 Uhr Zwei allgemeine Mitglieder-Versammlungen: I. Germania-Säle, Ctiausseestraße 109."3*1 W?" 2. Kellers Festsäie, KoppenstraOe 29. Tagesordnung: Die Enwicktiuilg der KranKttlKasstn im Dtutschen Deiche und was veranlaßt die De- giernng, das Hülfskassengesetz vom Jahre 1876 aufniheben? BV Mitglieder, bedenkt, was bcabsichtiat die Regierung mit Einbringung des neuen Entwurss und welche Folgen inusi die Annahme desseiden zettigeu l Mitglieder, erscheint zahlreich in de» Aersammliiiigc» und legt energisch Protest ei» gegen die von der Regierung geplante Verstumnielniig der Selbstverwaltung l Die Ortsverwaltungen. Mitgliedsbuch legitimiert! Die Mitglieder werden ersucht, ihre Bücher aus den Zahlstellen abzuholen. 23496 Deutscher Metallarbeiter-Verband. --- Vern altnnjf««teile Berlin.— i Haupt-Bureau: Engel-User 15, Simmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV 9679. Arbeitsnachweis Zimmer 84. Amt IV 8358. Sonntag, den 4. Februar, vormittags 19 Uhr, im GewertschaftShansr, Eugel-User 15, Saal l: Venii der Bwnseip Berlins nnd Umgegend. TageS-Ordnung: 111/14 J. Borlrag. 2. Diskussion. 3. Brauchenangelegenheiten und Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert. Zadlreichen Besuch erwartet Die Ortsverwaltuug. Deutseber»ei�arbeiter- Verband. Heute, Frritag, abendS S'/,Uhr, im vlewertschaftshause, Engel-User 15: Tifceimg der Ortsverwaliung. SltithiiisdVttbtr-KmKkMk für Kerlm und Duigegrad. tlSingcschriebenc Hülsskassc Nr. 118.) Am Sonntag, de» 11. Februar 1999. vormittag» 19 Uhr: ZM" V«n»»NHmn»HNg-WU im Saale de« Herrn Fritz Witkc, Brunnenftraste 188. T a g e S- Q r d u u u g: 1. Bericht des Vorstandes, Ausschusses und Abrechnung des Kassierers für das Jahr 1905, sowie Reuisionsbericht. 3. Wahl des ersten Vorsitzenden, zioeilcn Kassierers, eines Beisitzers und vier Ersatzmännern, Wahl deS Aus schusses und vier Grsatzmännern. 3. Errichtung einer Sahistelle der edjön hauier Vorsladt und Wahl mehrerer Hütsskassierer. 4. Berichterstattung vom HAIskassentoiigresi. 5. Innere Kassenangolegenheiten. Die Versammlung wird pünktlich erössnet. Mitgliedsbuch legitimiert. 8/l Ter Vorstand. I. A.:«eineied ItsUiie. l'isekIoi'.Vorsin. E. N. 89. Sonnabend, den 3. Februar, abrud« 8'/, Uhr, Melchiorftraste tö: Vonsammlung. Tagesordnung: Vortrag deS Herrn Kali Ski/ Vereinsangelegenheiten swohin unternehmen wir unsere Dampserpartie?).— Ausnahme neuer Der Vorütund. Mitglieder. 198/5 Verband der Sattler ——— Ortsvemaltung Berlin.■ Die nächsten Branchenversan»i»I»ngen sinden an folgenden Tagen statt: Geschirrbranche: Mittwoch, den 7. Februar. Treibrien«e»branche: Sonnabend, den 3. Februar. Taschen-, Koffer- und Galanteriebranche: Donnerstag, den 8. Februar. Militärbranche: Sonnabend, den 3. Februar. Linoleumleger und Teppichnähcr: Donnerstag, den 8. Februar. Wagenbrauche: Mttwoch, den 7. Februar Eisenmöbel- und Lederstuhlpolsterer: Mittwoch, den 7. Februar. Tettion Charlottenburg: Montag, den 5. Februar. Zahlreichen Besuch dieser Branchenversammlungen erwartet 156/6 Tie Ortsverwaltuug. Sonnabend, den 17. Februar 1999: vnoßos Kostüm-Fest ,<.�ZUW) tu den Gesauiträumen des lZoworkookatliiiauoM, Engel-User 15. An'nng 8'/, Uhr. Eintritt 60 Ys. Um rege Beteiligung ersucht va» VorgnUgungfc-Komitee. M Fliesenleger! äe Freitag, ii. Februar, nachm. 4 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engcl-Ufcr 15(Saal 7): Nkchmloiig der Stlkikkiidtll der KeKtio« der Flitscultger des Jevtralvrrb. der Maurer Tages. Ordnung: 1. Bericht über den Stand unserer Lohnbewegung 2. Unsere weiteren Maßnahme» dazu. Alle Fliesenleger der Firmen:«ielsti, Perrtno u. So.. Richard Schöffer. Warnebold u. Raste. Schumlisch u. Below. M. Zander, Ramin. Fromm». Hann«. Karsch. Lehman». Ad. Pick.<«ohlke. Rosenfeld,(9. tknde, Ptlleroy u. Boch. I. Töschrr, R. Werber. O. ReholofSk») müssen unbedingt zu dieser BersamnUung er-schetnen. • 136/10 Die Streikleitung;. I. A.: Felix BreiSke. ..Berliner Irbeiter- Itaiiiabrer-Verein" Mitglied des Arbeiter- Radsahrer-Bundes „Soltdaritiit-, Touren am 4. Februar: 1 und 2. Abt. nach Scheutenborf bei Großbccrcn. Siart 1'/, Uhr Steuerhaus. 11/6 7. nnd 8. Abt. nach Pichelswerdcr (Freund). Start 2 Uhr Waldstr. 8. Am S. Februar findet ein Maskenball der 8. Abteilung im„Moabiter Gesellschaftshan»-. Wiclessirafte Nr. 04, statt. irb.-Radlahrverein„Blitz" Rmlow. — M. d.Arö.-R.-B..Solidarität".— Somiabonii. San 3. Februar 1906 X X Große« X X Winter-Fest bestehend aus Theater, komiselsen Vorträgen u. Ball in Krügers Feftsnal, Johannisthal, Friedrichftr. t0. Hierzu ladet alle PuiidcSgenostcn, Freunde und Gönner des Vereins ei» B»« Komitee. - Anfang 7 Uhr.--------- Wagen fahren für Gäste von Nudow 7 Uhr 30 und S Uhr 30 ab Beudastraße. Selewsky's „Bolero« feinste Pfg.* Zigarette. Gesetzlich geschlitzt! »nr HM! 58151,' Ueberrafchend iuIiIi bei(nifttn. Keiterket», Hai«. «ruf,, und Luiiarutetden,«er. tchletminig. ANtiuiu usi, der ech' �"'tische Knöterich Htm In Pateien mit ärntich n Atirfteu t, W.»«at.».,» Bei« Pateien traut» Üderall dm. Die Wtrtung wird noch»itidyl dmch Relohal's Bonbons Pectoral »US nur devtiitwaen«rmeitioste- denedrnv und tei» langen Jadreu ,» it u>N"-.<.>>>t KHulgetirroa m l Pfund I.-e« 1)1, Psiind NO Pt VeiUiib Ulf r frei Hauch! Otto Reichel, Dr. Simmel, ©Dtjialiivjl für 29/14* Haut- nntl llurnlelcken. 10—2.5—7. Sonntag« lü— t3. S— s Kaiser's Malz Kaffee uiiübertroHeii, das Pfund nur 25 Pfg. Kaiser's Kaffcc-6cschäft Europas größter Kaffee-Rösterei-Betrieb. Berlin I Acberatr. 23/26, Brunnenstr. 81, Brunnenstr. toi, Brunnen- ßtraDo 185, üadstr. 18, Chausseestr. 28, Chorinerstr. 20a, Danziger- straßo 00, Dalldorierstr. 23, Fenns tr. 62, Fransecjdstr. 50, Invalidenstraße 144, Müllers tr. 166, Putbuserstr. 41, Reiuiokendorferetr. 10, Swinemünderstr- 87, Schwedterstr. 245a, Tresckowsfcr. 18, Usedom- straßo 17, Weinbergs weg 5,"W ollinerBtjr. 42, Prinzen-AUee 3t, Prinz Eugenstr. 20, Pappel-Allee 4. Berlin IV W. i Brodowstr. 43, Beusselstr. 20, Heidestr. 15/16, Hntten- straße 4, Ltibeckerstr. 20, Luisenstr. 43/44, Alt-Moabit 112, Melanchton- straße 1, Stephanstr. 42, Turmstr. 30, Turmatr. 47a, Wilsnackeretr. 30, Berlill W«! Lulmstr. l, oentbinerstr. 26, Gleditechstr. 48, Eütaow- straße 83, öteinmetzstf- 41. Berlin Bergmannstr. 93, Zossenerstr. 22. Berüll Ha s Ornfostr. 25, ßebaetianstr. 88. Berlill tS�O» S Admiralstr. 83, Köpenickers tr. 144, Muskaueratr. 13, Neanderstr. 37, Oranienatr. 1, Roichenbcrgoretr. 123, WraDgelatr. 33, Wrangelstr. 54. Berlill O«• Andreaaslr. 57, Boxhagenerstr. 14/15, Ebertyatr. 48, Frankfurter Allee 51, Frankfurter Allee 71, Grüner Weg 41, Gubeners tr. 49, Krautatr. 48b, Königabergeratr. 31, Petersburgerstr. 81, Richtholen- Straße 15, 8 tralauer Allee 33 b, Zorndort'erstr, 48. Berlin IVO«: Qollnowatr. 11, Oreü'awalderetr. 1, Landeberger AUoe 29, LippinersU'- 20. Berlin C» s Alte Lcböndanseratr. 30, Kaiaer Wübelmatx. 20. Cliarlottenbnrgr: Augsburgers tr. 59/60, Berliners tr, 98. Berliner- straße 125, Daukebnanustr. 60, Holtzendorfstr. 4, Kants tr. 149, Kleist- straße 19, Nehringstr. 1, Pegtalozzistr. 9a, Pest�lozzietr. 39, Raiger Friedi'ichstr. 57, Tauenzienstr. 19, Spandaueratr. 28, Ulli an da tr. 32, Wilmersdorferstr. 126, Wilmersdorferstr. 148. Boxha j»en-R«miiielsburg: Ait-Boxhageu 4/5. BentSCil- Wilmersdorfs Eerlineratr. 131. Friedenau: Rheinstr. 10. Frledriclisberg: Frankfurter Chaussee 7. Friedrichsfeldes BerUnerstr. 45. Iziehtenherg: Frankfurter ARee 171. Weissensee-Berllns König-Chaussee 32. Pankow: Breiteatr. 24a. Reinickendorf-Wests Loharnveberstr. 16. D Osts Reaidenzatr. 107. Ripdorf: Bermsnnatr. 40, Kaiser Friedrichstr. 242, Steimnetzatr. 116. Rnmmelsbnrg: Schuierstr. 12. Schmargendorf: Rreitestr. 22a. Schönebergs Colonnenstr. 66, Goltaatf. 36, Eauptstr. 139, Tempel hoferstr. 21, Neue Winterfeldtatr. 44. Steglitz S Schloßstr. 85. Tegel S Berlinerstr. 9. Tempelhof S BerUnerstr. 15. Adlershof: Bismarckstr. 14a. Nowawess Friedrichstr. 15. Oher-Schönewelde: Wilhelminenbofatr. 41. Potsdam S Brandenburgers tr. 20, Naueneratr. 38. Spandau S Bmtestr. 49, Jägeratr. 1, Neuondorferstr. 6, Potsdamers tr. la, ßchönwalderatr. 87. Treptow: Bauwacbulenveg 19,20. i* Keramwortlichec Redakteur: Hans Weber, Berlin, Für den Inseratenteil verantiv.: Th. Glocke» Berlin. Aruck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Nr. 27. 23. Ichrgang. An die Gewerbegerichtsbeisitzer Deutschlands. Nach einem Beschlüsse der im September vorigen Jahres staitgefundenen Konferenz in Würzburg, welche dem Verbands- tage deutscher Gewerbegerichte vorausging, ist der Sitz des Zentralausschusses der Gewerbegerichtsbeisitzer(Arbeitnehmer) nach Dresden verlegt»norden. In einer genleinsamen Ver- sammlung der Gewerbegerichtsbeisitzer von Dresden sowie der Amtshauptmannschasten Dresden-Altstadt und Dresden-Neu- stadt wurde nach ausführlicher Berichterstattung von der Konferenz sowie dem Verbandstage, zur Wahl des Zentral- ausschusses Stellung genommen und beschlossen, denselben aus sieben Beisitzern zusammenzusetzen uird zwar fünf vom Dresdener Gewerbegericht und je einen aus den beiden Amts- hauptmannschaften. Der Zentralausschuh hat sich nunmehr konstituiert und den Unterzeichneten zum Vorsitzenden des Ausschusses ernannt. Um eine engere Fühlung mit den Geiverbegerichts- beisitzern anzubahnen und zu unterhalten, fordern»vir deren Obmänner oder Vertrauensmänner auf, ihre Adresse an den llnterzeichneten einzusenden. Wo die Beisitzer an den Getverbegerichten solche Vertrauenspersonen oder auch, je nach der Größe des Gewerbegerichts, Kommissionen nicht ernannt haben, richten wir an die jetveiligen Vorsitzenden des Gewerkschaftskartells das Ersuchen, für deren Wahl und Erledigung dieser Aufforderung baldigst Sorge zu tragen. Alle Partei-, Ge>verkschafts- und arbeiterfreundlichcn Zeitungen»verde« uni Abdruck dieser Bekanntniachung gebeten. Der Zentralausschuß. I. A.: Richard Holz, Dresden-Altstadt. Ain See 33 IV. z. D Agc des Joraätlf Kcrlim MisM Freitag, 2. Februar l906. Preußisches Faudesökouome-Kollegium. Berlin, I. Februar. Die gesetzliche Vertretung der preußischen Landwirtschaft, das kötiigl. preußische Landes- ökonomiekollegium. trar heute vormittag im Landeshausc in Gegenwart des preußischen L a n d>v i r t s ch a f t s- Ministers v. Podbielski und anderer Vertreter der Staats- regierung zusammen. Damit hat die Reihe der großen landlvirt- schastlichen Versammlungen begonnen, die in den nächsten 14 Tagen in der Reichshauptstadt beginnen und in der Hauptversammlung des Bundes der Landwirte im Zirkus Busch ihren„Höhepunkt" er- reichen. Wieder sind Abgeordnete zum Kollegium aus allen Teilen der preußischen Monarchie erschienen. Den Vorsitz führt Reichstags- abgeordneter Graf S ch lve r i n- L ö tv i tz, der bclannte konscr- vative Politiker, der auch den Vorsitz ini Deutschen Landwirtschaftsrat führt. Kurz vor VA1 Uhr eröffnete Graf Schlverin die Sitzung Nlit einem Hoch auf den Kaiser»md gab sofort das Wort dem Landwirtschaftsminister v. Podbielski, der sich, wie alljährlich. mit einer längeren Ansprache an die preußische Landwirtschaft »vendete, um die verschiedensten landwirtschaftlichen Fragen zu besprechen.„Wir muffen uns." sagte der Minister,„immer vorhalten, daß»vir dem Vatcrlande und der Gesamtbevölkerung gegenüber große Aufgaben zu erfüllen haben und daß»vir alle Kräfte anstrengen müssen, damit uns nicht zu Recht die Vorwürfe einer gegnerischen Presse treffen, etwa, wir trieben Wucher unter der Gesetzgebung des Staates...." Auch auf die Fleischteuerung und auf die Fleischbeschau kam Pofc zu sprechen. Dann sprach er über Ticrkrankheiten und Schweine- zucht. Darauf»vandte er sich zur Frage der inneren Kolonisation und mahnte, die Bauernhöfe nicht in Parzellen zu zerteilen, sondern sie zu erhalten!„Dem Osten müssen wieder mehr Menschen zu- geführt werden." Nachdem der Minister noch das landwirtschaftliche Schulwesen gestreift(I) hatte, bemerkte er zum Schlüsse�„In diesem Augenblick,>vo»vir einer Besserung unserer Lage entgegen- zugehen hoffen, habe ich alle diese Fragen vor Ihnen einmal be- sprechen wollen. Halten Sie fest daran: Wir sind ein Teil des Ganze»,»vir»vünschcn das Wohl des ganzen Vaterlandes. Es ist mein aufrichtiger Wünsch. Hand in Hand mit der städtischen Bevölkerung die Frage der Volksernährung zu lösen. Dabei hoffe ich auf Ihre Unterstützung l"(Lebhaftes Bravo!) Ter Vorsitzende Graf Schwerin dankt dem Minister für seine Rede, hält es aber nicht für cmpfehlenslvert, in eine Besprechung darüber einzutreten! Das Kollegium beschließt demgemäß.— Der erste Gegenstand der dem LandcSökonowickollegiuin vom Landtoirtschaftsmiisister zux Beratung und Bcschlußfaffnng unterbreiteten Vorlagen betrifft die Fleischversorgungssrage, lind zwar lautet das Thema:„Welche Maßnahme» empfehlen sich im Hinblick auf die jüngsten Vorgänge auf dem Gebiete der Fleisch- Versorgung, um eine tunlichst gleichmäßige und ausreichende Ber- sorgung der Bcvälkerung mit im Jnlande erzeugtem Fleisch zu an- gcmesicncn Preisen sicherzustellen?" Berichterstatter ist Landtagsabgeortmetcr Landesökonomierat Ring-Charlottenburg. Redner schildert die Anstrengungen der Land- irirtschast in den letzten 20 Iahren, sich den inländischen Fletsch- markt durch Steigerung der Viehproduktiou zu sichern. Ohne die Einrichtungen der landlvirtschaftlichcn Organisationen(Zentrale für Vichverwcrtung usw.) wäre die Staatsregierung gar nicht in der Lage gewesen, die so dringend notivendigcn Grenzsperren aufrecht zu erhalten! I Die Demonstration des Städtetagcs hätte mit einer glänzenden Niederlage geendet! Zum Schluß beantragt Herr Ring folgende Erklärung. „Das Landesökonomiclollcgium erklärt: Die deutsche Laudivirt- schaff hat die Aufgabe, den Bedarf der Bevölkerung an Lebens- Mitteln, insbesondere an Vieh und Biehprodukten, zu decken. D'.e Entlvickelung unserer Viehhaltung trägt dieser Aufgabe durchaus Rechnung.— Grundbedingung für die Leistungsfähigkeit der deutsche» Viehzucht ist ein dauernder und ausreichender Acte. r i n ä r s ch u tz gegen die Einschleppung von Viehseuchen.— Die Landwirtschaft erkennt dankbar an. daß der Herr Reichskanzler und die Bundesstaaten den Bestrebungen auf Beseitigung des Grenz- schutzcs gegenüber fest gebliebe» sind.— Die jetzige Organijation der Fleischversorgung der Konftunenten schließt jeden Einfluß der Landwirtschaft auf die Gestaltung der Fleischpreise aus inrd bewirkt, daß die Spannung zwischen Vieh- und Fleischpreiscn zugunsten der Konsumenten ständig wächst. Das Landcsökonomie- kollegium beschließt daher, den Landwirtschaftskammern dringend zu empfehlen:., �, 1. Die Vrehproduktron, sowohl in bezug auf Quan- iität wie Qualität mit allen gebotenen Mitteln weiter zu fördern; 2. den Zusammenschluß zur genossenschaftlichen Viehverwertung, zur Evtanzuna eines maßgebender Einflusses auf die Preisbildung auf das energischste in die Hand zu nehmen."— Erwähnt sei schließlich noch aus den Darlegungen des Bericht- ersiatterL Ring, daß er dem Landwirtschafloministcr v. Podbielski große« Vertrauen entgegenbrachte, der„wirklich ein Minister für iie Landwirtschaft" sei und sich m anerkennenswerter Weis« beonihe. Seuchen vom Auslände her fernzuhalten.—• Der Antrag Ring wurde einstimmig angenommen. Professor Dr. v. Marck-Greifswald sprach hierauf über den neuen Gesetzentwurf betreffend den Versicherungsvertrag. Redner befürwortete folgenden Antrag:„Der Gesetzentwurf ist auch von der Landwirtschaft dankbar zu begrüßen als tveiterer Schritt zur Rechtseinheit und als sichere Grundlage auf einem Gebiete, loo die llcrsicheruugsnehmcudcn Landwirte bisher häufig sehr viel- gcstaltigcn, unsicheren und»vcsentlich von den Versicheruirgsgesell- schaften abhängigen RcchtsverhAtniffen gegenüberstanden. Der Entwurf ist aber gleichwohl noch in verschiedenen Beziehungen ab- änderungs- bezio. ergänzungsbedürftig. Insbesondere haben a) bei der Regelung der Schadenversicherung(z. B. der Feuerversicherung) die landwirtsclxfftlichcn Verhältnisse nicht die gleiche Berücksichtigung gefunden wie diejenigen des industriellen und des bürgerlichen Ver- sicherungsgeschäftcs; b) der Vcreinscharakter der Gegenseitigkeits- gesellschaftcn, welche in manchen Versicherungszioeigen für die Landwirtschaft vorzugsweise geeignet sind, ist nicht genügend ausgeprägt gegenüber den Aktiengesellschaften; e) die Regelung der Hagel- Versicherung erschöpft bei weitem nicht die Möglichkeiten zur aus- giebigen Sicherstellung des vcrsichernngsnehmenden Lairdwirts im Verhältnis sowohl zu seiner eigenen Gesellschaft als auch zu der Gesamtheit der untereinander in besonders starkem Wettbeloerb stehenden Gesellschaften."— Nach längerer Besprechung gelangte der Antrag zur Annahme.— Professor Dr. Ostertag-Berlin sprach danach über die Frage: „Empfiehlt sich der Erlaß eines Gesetzes zur Bekämpfung der Dassel flieg ei?" Professor Dr. v. Marck-Greifswald berichtete über den Ent- iourf einer Polizeivccordnung für beweglick>e Kraftmaschinen. Ein Regierungsvertretcr bemerkte: Die Regierung lverdc in dieser Beziehung den Landivirtcn entgegenkommen.— (Fortsetzung am Freitag.) Die Hkilnarbtit in der Tabakiudustrie behandelte Reichstags-Abgeord neter v. Elm in einein Vortrage am Mittwoch un Einigungssaal des Gewerbegerichts. Dem Vortrage, der einen durch Zahlenmaterial illustrierten Umriß der Entwickelung der deutschen Tabakindnstrie, speziell der Zigarren- fabrikation, bot, ist hinsichtlich der Heimarbeit dieser Jndusine etwa folgendes zu entnehmen: Das Verhältnis der Hausarbeit zur Fabrikarbeit läßt sich bisher leider nicht genau feststellen. Die Angaben der Hausindnstriellen und der Fabrikanten wichen bei den Zählungen erheblich von einander ab. Nach denen der HauSmdustnellcn wären im Jahre 1882(bei ins- gesamt etlvas mehr als 110 000 Arbeitern und Arbeiterinnen) 8394 und im Jahre 1895(bei insgesamt 153 000 Tätigen) 15 453 Hausarbeiter beschäftigt worden, ivahrend die Fabrikanten 15 086 für 1882.und 23 958 Hausarbeiter für 1895 angaben. Aber auch diese letzten Zahlen reichen an die Wirklichkeit bei weitem noch nicht heran. Redner stellt aus eigener Kenntnis schon von dem Fabrikations- zenlrnni Hambnrg-Altona-Ottensen fest, daß von der großen Zahl der dort beschäftigten Zigarrenmacher mir noch sehr lvenig Fabrikarbeiter find. I» Betracht kommen da nur 200 Fabrik- arbeiter, von denen gegen 120 in der Tabakarbeiter-Genossen- schaff seien, die Heimarbeit ausschließt. Es kämen also auf alle übrigen Fabrikanten des Bezirks fast keine Fabritarbeiter. Fest steht auch, daß über Ziveidrittel aller Tabakarbeiter Westfalens heute Hausarbeiter sind. In Ham- bürg, Ivo es erst nur Fabriken in der Zigarrenindustrie gab, fingen die Fabrikanten zuerst mit der Einführung der Hausindustrie an, »vobei sie Ersparnisse bezlveckten. Die Ersparnisse sind keine geringen. Es wird gespart: Miete für das Arbeitslokal, Ausgaben für Licht, Feuer usw. Vor allem aber spart der Zigarrcnfabrikant die Kosten für die Zurichtung des Arbeitsmaterials. In der Fabrik muß er einen Zurichter nehmen. Der Hausarbeiter muß die Zurichtung selbst besorgen. Auch die Kosten des Aufsehers, des Werkmeisters, spart der Fabrikant. Die Hausarbeiter selber berechneten von Anfang in Hamburg, daß der Fabrikant an Kosten zirka 33>/g Proz. spart, wenn er zu demselben Preise, wie in der Fabrik, die Arbeit außer dem Hause vergibt. Tatsächlich haben nun aber in der ersten Zeit nach dem Einzüge der Hausarbeit in Hamburg und Umgegend ganz er- hebliche Lohnreduktione» bis zu 10 und 20 M. pro Mille statt- gesunden. Die Hausarbeit ermöglichte erst solche Herabsetzungen. In der Fabrik wäre es bei dem größeren Zusammenhalt der Arbeiter nicht so leicht möglich gewesen. In Westfalen hat sich die Heim- arbeit genau aus denselben Gründen eingebürgert, wie in Hamburg� Altona-Ottensen. Den westfälischen Fabrikanten war es darum zu tun, die ländlichen Arbeiter und die weiblichen Arbeiter zur Zigarren- iudustrie heranzuziehen. Jetzt findet man dort in jedem größeren Ort eine Fabrik und in den Dörfern ringsherum Hausarbciter. Fast in jedem Bauernhause sitzt ein Zigarrenmacher. Nach 1879(wo der Tabak unter Zoll und Steuern bluten mußte) haben die Fabrikanten die Löhne erheblich herabgesetzt. Alte Arbeiter erzählen, daß damals Woche für Woche 50 Ps. pro Mille abgezogen Ivurden, mit der Tröstung, es»verde wieder zugelegt, wenn es bester gehe. Bis heute haben sie aber den Lohn noch nicht ivieder, den sie vor 1879 hatten.— In Sachsen nimmt die Haus- iudustrie ebenfalls immer mehr zu, indem die Zigarren- Herstellung zugleich aufS flache Land wandert.— Zur Vermehrung der EinzelhauSarbeit in der Zigärrcniudustrie hat das Verbot der Kinderarbeit in den Fabriken und der Erlaß der Bundes- ratSvorschristen für die Tabakindustrie nicht lvenig beigetragen. Die Bundesratsbestiinimuigen bleiben meist unwirksam selbst mi haus» industriellen Gehiilfenbetrieb, den sie mit in, Auge haben.— Die Arbeitszeit deS HausarbeiterS beträgt 12, 14 bis 16 Stunden pro Tag. Sofern GeHülse, i beschäftigt werden, wird sie nicht durch eine regelmäßige Mittagspause unterbrochen. Der eine geht jetzt, der andere später, so daß der Raum ständig besetzt und an- ein Lüften nicht zu denken ist. Bei dem Eilizelhansarbeiter kommt hinzu, daß der Arbeitsraum zugleich Wohnrau», ist, daß sich dort die Frau und Kinder aufhalten. Viel Staub und Dunst entwickelt sich bei der Verarbeitung. Die Ein- läge muß getrocknet werden. Das geschieht im Arbeits- räum. Ist eS die Wohnstube, dann über dem Ofen; in der Küche über dem Feuerherd. Ein feiner Staub und eiir un- angenehmer Dunst entwickeln sich dabei. Der Staub durchdringt alle Räuine der Wohnung. Dazu kommt, daß die blutarmen Zigarrenarbeitcr im Winter, um Kohlen zu sparen, die Ritzen der Fenster und Türen noch mit Latten usw. verstopfen, so daß Sauer- stoff höchstens einmal beim Aufgehen der Tür eindringen kann. Krankheiten, namentlich der Atmungsorgane und besonders Lungentuberkulose, wird so der Eingang gegeben. Insbesondere bei Lunge»- kranken ivär« es segensreich, lvenn Spucknäpfe da wären, die jeden Tag gereinigt werden. Ost»vird aber der Auswurf direkt auf den Boden, das heißt in den Tabak gespuckt, der ja auch auf dem Boden liegt. Frauen und Kinder arbeiten mit. Die Frau hat keine Zeit, sich um die Jüngsten zu bekümniern. die auf dem Fußboden in der Arbeitsstube herumkrabbelten. Es ist natürlich, daß die Kleinen auch ihre Bedürfnisse dort verrichten. Die vom Urin genäßten Tabakblätter werden aber nicht fortgelvorfen. Der Tabak wird ja vom Fabrikanten äußerst genau bis aufs Gramm zugewoaen, so daß der Hausarbeiter mit jedem Gramm rechnen inuß. Der Raucher iveiß ja nichts davon. Ein aller 63jähriger Tabakarbeiter hat dieser Tage erst zum Redner gesagt: Bevor er sterbe, wolle er es der Oeffentlichkeit bekanntgeben, welche ekelhaften Zustände in der Hausindustrie seien. In den ländlichen Distrikten in Westfalen ist die Unsauber- feit enorm. Tic HauSziganemnacher find zum Teil ländliche Arbeiter, die eine Ziege oder ein Schaf oder Schwein im Stalle haben. Die Zeit drängt, sie können nicht erst daran denken, den Stallmist von dm Schuhe» zu machen, die Finger zu reinigen. So kommen sie eventuell mit beschmutzten Fingern wieder zur Arbeit und es wird einfach tveiter gearbeitet. Als seinerzeit in New Don die Pockenepidemie ausbrach. Ivurden»amentlich die Haus- arbeiter der Zigarrenindustrie davon erfaßt. Die energische Leitung der Tabakarbeiterorganisation in Netv Jork holte die Vertreter der Sladt zusammen und zeigte ihnen bei einer Wanderung durch die Höhlen der Hausarbeit, wieviel Pockenlranle mit den narbenbesetzten Fingern Zigarren rollen. Das gab einen Sturm und selbst der„New Jork Herald", das größte Kapitalistenblatt der Stadt, half durch energische Artikel dazu beitragen, daß ein Gesetz auf Verbot der Heimarbeit in der Zigarrenindustrie zustande kam. Diesem sprach dann allerdings der höchste Gerichtshof die Uebereinstimmuug mit dem Grundsatz der Verfassung:„Garantie der persönlichen Freiheit" ab. Die Gründe, die jenseits des großen Wassers zum Verbot der Hausarbeit führten, sind auch bei uns vorhandeii. Aus seiner Kind- heit weiß Redner, daß zur Pockenepidemie in Hamburg die Zigarrenarbeiter bis zum letzten Augenblick arbeiteten, als die Pocken schon längst sichtbar waren. Zu beachten ist, daß die Kranken- Versicherung der Hausarbeit« erst eintritt, wenn sie durch Orts- statut festgesetzt ist. Davon haben eine große Anzahl Gemeinden keinen Gebrauch gemacht. Das trage dazu bei, daß die Heimarbeiter in Krankheitsfällen bis zur völligen Erschöpfung arbeiteten. Kollegen, die bei einem Hausindustriellen arbeiteten, haben Entsetzliches be- richtet. Sie gaben vor Ekel die Arbeit auf. Stelle inau sich die ungeheuere Ansteckungsgefahr auch für den Konsumenten vor. In der Fabrik wäre so elivas ganz ausgeschlossen. Nachdem Redner die Benachteiligung der Hausindustrie in der gesamten Bersicherungsgesetzgebung betont hatte, kain er auf die Entlohnung zu sprechen: Nach den Ziffern der Berufsgenvssen- schaft im Jahre 1901 pro Arbeiter 513 M. und 526 M. im Jahre 1904. In denGcrschiedenen Gebieten des Reiches ist die Entlohnung verschieden. Am höchsten ivar der Durchschnittslohn im Gebiet der Sektion 4(Hamburg, Bremen und anstoßendes Gebiet) mit 623 M. im Jahre 1901 und mit 632 M. im Jahre 1904. Im Jahre 1893 lag der Durchschnittsvcrdieust der Tabakarbeiter um 22 Proz. unter dem allgemeinen Durchschnittsverdienst der deutschen Arbeiterschaft, jetzt liegt er sogar 43 Proz. darunter, da sich der allgemeine Durch- schnitt gehoben hat, der der Tabakarbeiter aber nicht, lieber das Verhältnis des Verdien st es der Heimarbeiter zu dem der Fabrikarbeiter geben einige Zahlen Auskunft. Wo die Zigarrenarbeiter in der Fabrik 29 Ps. pro Stunde ver- dienten, da die Heimarbeiter 22 Pf.; dem Verdienst der Wickel- arbeiterin in der Fabrik von 19 Pf. pro Stunde stehe ein Stunden- verdienst der Heimarbeiterin von 15 Pf. gegenüber. Infolge der Hausarbeit passieren die größten Willkürlichkeiten der Fabrikanten bei Festsetzung der Löhne. Die schlimmste Wirkung der Hausarbeit ist die, daß die Kinder im zartesten Alter körperlich, moralisch und geistig zugrunde gerichtet»verdcn. Man kann beinahe sagen: So- viel Kinder die Hausarbeiter der Tabakindustrie haben, soviel Kinder lverden hier bei der Heimarbeit beschäftigt. Sogar eine Aus- beutung der Kinder anderer gegen geringstes Entgelt kommt vor.— Redner ist unter»Berücksichtigung aller Mißstände zu der lieber- zeugung gekommen, daß der Heimarbeit in der Zigarrenindustrie durch gesetzliches Verbot ein Ende gemackst werden müßte. Eine sofortige Durchführung ivürdc indessen eine große Härte sein. So wären nach seiner Meinung für die Ucbcrgangszeit Ausnahme- bestünmungen notwendig. Es könnten die schon vorhandene ri, Heimarbeiter von einem bestimmten Alter ab vom Verbot ausgeschloffen lverden. Die Hauptsache Iväre ja die Besserung für die Zukunft. Möglich wäre sie schon im Rahmen der heutige» Gesellschaft. Besonders auch, wenn die große»Nasse des Publikums, Arbeiterschaft und Bürgertum, mit eingriffe und seine Konsumentenmacht geltend machte. Er verweise auf die glänzenden Erfahrungen, die die Tabakarbeiterorganisation in Amerika mit der vom Publikum beachteten Schutzmarke gemacht habe. In Amerika hätten die Zigarrenarbeiter jetzt den Achtstundentag und hohe Löhne, tvährend sie in Deutschland die lältgstc Arbeitszeit und die geringsten Löhne hätten._ Sozialed, Genoffenschaftsfeiiide. Am 3. November vorigen Jahres hatten wir über den Prozeß des früheren Lagerhalters Kiiter gegen die Verlvaltung der Konsumgenossenschaft für Berlin und Um- gcgend berichtet. In den Nummern vom 5. und 7. November hatten Ivir dann Einsendungen beider Parteien Raum gegeben. Am 9. Januar wurde von uns das inzwischen eingegangene Urteil deö KaufmannsgerichtS, soweit es die Mankogeldfrage behandelt, Ivieder- gegeben. Aus dem Urteil ergab sich, daß die Beklagte in der Tat eingewendet hatte,„Kläger fei auch aus dem Gesichtspunkte deS Verschuldens haftbar, da er infolge vieler Ehrenämter als Stadtverordneter. Vorsteher der Kranken» k a s s e ,u, a. die Kontrolle über den Eingang der Waren lässig gehandhabt habe". Hieran ivar von uns die Bemerkung geknüpft:„Daß ein Konsumverein, der auf dem Boden der»nodernen Arbeiterbewegung stehen will, solche Einrede erhebt, belveist, lvie notwendig es für die Genossen in Konsumvereinen ist, dem unbewußten Herrentum und engherzigen Kräiitergeist in der Verwaltung entschieden ent- gegenzutretcu". Des»veiteren halten»vir eine Abrede, ein Manko sei dem Au- gestellten stets, auch»venu kein Verschulden vorliegt, in Abzug zubringen, als gegen die guten Sitten verstoßend und deshalb un- gültig bezeichnet, da es gegen die gute Sitte verstößt, den sozial- schlechter gestellten Angestellten das Risiko deZ Unternehmens durch eine solche Abrede anfziibürden. Diese unsere Ansicht stimmt»nit der von uns wiederholt angeführten Praxis verständiger Kaufmanns- gerichte, ja selbst gelehrter Gerichte überein. Diese Kritik hat das Blatt der Konsuingenossenschaff für Berlin und Umgegend,„Genoffenschasts- Pionier", aus dem Häuschen ge- bracht. In einem zivei«spalten langen Artikel zieht dort 8, X. gegen den„Vorwärts" los. Der Artikel ist so antisozial, und deshalb freilich wider Willen so konsumgenossenschastS- feindlich wie nur denkbar. Jeder Geschästsmanti. der daraus hält, als anständig erachtet zu werden, hält eS auch ohne gesetzliche Vorschriften für seine Pflicht, dem An- gestellten Zeit zur Wahrnehmung von Ehrenämtern zu geben. Die Versicherungsgesetzgebung schützt ausdrücklich den Arbeiter gegen Nachteile, die der Arbeitgeber etlva aus der Wabr- »chmung der Ehrenämter den» Arbeiter zufügt. So bestimmt t»7 des Jnvalidenversicherungsgesetzes:„Die Nichtleistung der Arbeit. ivährend der Zeit, in Ivelchcr die Vertreter der Arbeiter an der Arbeit verhindert sind, berechtigt den Arbeitgeber nicht, das Arbeitsverhältnis vor dem Ablauf der vertragsmäßigen Dan« auf- zuHebe»." tz 180 desselben Gesetzes bedroht Arbeitgeber(einschließ- lich der Konsumvereine) mit Strafe, die Vereinbarungen treffen, durch Ivelche Arbeiter an der Uebernahme oder Ausübung eines ihnen in Gemätzheit des Jnvalidenversicherungsgesetzes übertragenen Ehrenamtes beschränkt werden, tz 616 B. G.-B. steht auf dem Standpunkt, daß für unverschuldete nicht geleistete Arbeit Lohn zu zahlen ist. Was aber sagt der„Genossenschafts- " i o ii i e r"? ES„ist zweifellos in jedem Falle eine Grenze Vorhanden.»vo die Häufung öffentlicher Ehrenämter mit den Pflichten eines Berufsarbeiters, also auch deS Lager- Holters, dann unvereinbar wird. wenn dadurch geschäft- liche Pflichten versäumt lverden. Ehrenämtern widmet mau sich nach Möglichkeit in seiner freien Zeit..." DaS sind Grundsätze, schlunuier als sie von„iliibeivlißteiu Herrentum»nid engherzigem Krämergeist" proklamiert lverden könnten. Ihnen selbst da entgegenzutreten, wo sie von Genossenschafte» gepredigt lverden, die mit der modernen Arbeiterbewegung nichts zu tun haben, ist Pflicht der Arbeiterpreffe. Erst recht niüffen solche Grundsätze von den Arbeitern und txr Arbeiterpresse bekämpft werden, wenn sie gar von Genossen- schaften geltend gemacht werden, die ans dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehen wollen. Die Inanspruchnahme des Rechtes, Angestellten im Namen der Genossenschaft Nachteile zuzufügen, weil sie Ehrenämter als Vertreter der Arbeiterklasse ans- üben, ist antisozial und arbeiterfeindlich. Sie maßt sich das Recht an, den Arbeiter als Bürger zweiter Klasse zu gualifizieren, dem die ungehinderte freie Ausübung von Ehren- ämtern gnädigst allein in der„freien Zeit" gestattet wird. Gegen diesen engbrüstigen Dividendengeist müssen sich mit aller Entschieden- heit gerade Genossenschaftsfreunde wenden. Eine Genossenschast, die von solchem Geist durchseucht ist, wäre der schärfsten Bekämpfung wert. Wir mögen nicht annehmen, dost dieser antisoziale Geist in der Tat die Genossenschaft für Berlin und Umgegend beherrscht, wir nehmen an. daß diese genossenschafts- und arbeiterfeindliche Ansicht Privateigentum des Herrn S. K. ist. _ S. K. wendet sich auch gegen unsere, wie erwähnt von Kaufmanns- gerichten und von einigen gelehrten Gerichten geteilte Ansicht, daß es heißt, das Unternehnierrisiko auf den Arbeiter abwälzen, wenn man vereinbart, das Manko solle stets fauch ohne Vorhandensein eines Verschuldens) von dem Lagerhalter getragen Iverden. Das nimmt »ms nach dem vorher Dargelegten kaum noch Wrmder. Eine ans dein Boden der modernen Ärbeiterbewegung stehende Genossenschaft schlüge, sich selbst in's Gesicht, wen» sie die in dem Artikel entivickelte Ansicht billigte, damit der Konsumverein floriere, müßten die An- gestellten Opfer bringen. Glücklicherweise steht die Mehrzahl aller Konsumgenossenschaften Ansichten, wie sie L. X. darlegt, fern und bekämpft diese. Es kann im' Interesse einer verständigen Konsunigenossenschaft nicht dringend genug vor Herrentums- betätignng und vor engherziger Dividendenjägerei geivarnt werden. Von dieser Pflicht Iverden wir uns auch durch die Liebenswürdig- leiten nicht abhalten lassen, die uns L. K. angedeihen läßt, und die auf derselben Tiefe stehen wie seine wiedergegebenen Anschauungen. An den Genossenschaftlerir selbst liegt es, dast sie im Interesse der Konsnnivereiiisbewegung Ansichten zurückdrängen, wie sie im „Genossenschafts-Pionie'r" von L. K. entwickelt sind.� Die guten Sitten und die Stndtgcmcinde Berlin. Vor einiger Zeit wurde, wie wir ausführlich»nitteilten, die Stadtgenreinde Berlin vorn Gewerbegericht verurteilt, einem Gasarbeiter der Anstalt Müllerstraße den üblichen Zuschuß zum Krankengeld bis zur vollen Höhe des Lohnes zu gewähren, weil in der Entziehung ein Verstoß gegen die guten Sitten erblickt werden nmßte. Dies hat sich der Berliner Magistrat anscheinend doch etwas zu Herzen genommen und so ist in diese» Tagen nachfolgende Magistrats- Verfügung an die einzelnen Verwaltungen ergangen: „Zur Beseitigung von aufgetretenen Zweifeln über die Be- rechnung der Dienstbezüge bczw. der Berechnung des Krankengeldes im Falle des 8 1ö der' Urlanbsordnung voin t. Juli 1902 be- stiininen wir hicrinit folgendes: 1. Es ist grundsätzlich davon auszugehen, daß in Erkrankungs- fällen ein Arbeiter durch Gewährung von Krankengeld und Lohn nicht weniger faber auch nicht mehr) erhalten soll, als er empfangen haben würde, wenn er gesund gewesen wäre und ge- arbeitet hätte. 2. Während der nach dem Statut der Betriebskrankenkasse an- geordneten Karenzlage ist in Befolgung des Grundsatzes zu 1 einein erkrankten Arbeiter der volle Lohn zu gewähren. 3. In» Falle einer Krankeuhausbehandlung ist der den Be- diensteteu zu gewährende Lohn schon vom ersten Tage der Aufnahme ins Krankenhaus ab in der nach der Mag.-Verf. vom 24. 2. 1992 berechneten Weise um das Krankengeld zu kürzen. 4. Die in Nr. ü der Mag.-Verf. vom 17. September 1902 ge- troffene Anordnung bleibt bestehen. Kirsch n er." Diese gegenüber der bisherigen Praxis wesentlich richtigere Auf- fassniig des§ 010 des Bürgerlichen Gesetzbuches ist gewiß anzn- erkennen. Wenn die Stadtgeineinde auch erst nach unserer Ver- öffentlichung zu der Ueberzeugung gelangt ist. Zu vielfachen Beschwerden wird aber nach wie vor der§ 4 der Magistratsverfügung vom 17. September 1992 führen, lvelcher lautet: „In allen anderen Fällen faußer unverschuldeter Krankheit und militärischer Einziehnna) bleibt es der zuständigen Verivaltungs- nbteilung überlassen, für eine nicht erhebliche Zeit der Dicnstver- säumnis den Lohn oder das Entgelt fortzuzahlen." Die„nicht erhebliche Zeit" findet bei den Betriebsverlvaltungen eine recht verschiedenartige Auslegung. Während z. B. die Straßen- reiniger und Gasarbeiter bis drei Tage bezahlt erhalte»», wird den Kanalarbeitern jede Stunde Veriälunnis in Abzug gebracht. Ja, es wird von Fall zu Fall in derselbe»» Verwaltung ander« cutschiedei», so daß die Arbeiter naturgemäß oftmals auf den Äede.�e» konnnen miissen, daß in diesem oder jenein Falle eine ganz beioudere Be- vorzugnng bezlv. Zurückweisnng Platz greift. Hier hätie die neue Versügiliig gleichfalls unter Beachtung der von der sozialdemo- kratischen Fraktion im roten Haus wiederholt vorgetragenen Richt- linien einsetzen könneit. Apothckciiboykott. Weil sich die Wilhelinshavener Apotheken weigerte», den Ortskraitkenkassen einen höheren Rabatt als.19 Proz. zu belvilligen, haben die vereinigten Ortskrankenkassen von Wilhelms- Häven und Küstringeu sänitliche Apotheken bis ans eine von der Lieferung der Medikameirte ausgeschlossen. Die von der Ver- waltungsbehörde unternommener'. Einigungsverhaudlungen blieben bislang erfolglos._ Gerickts-Leitung. Ter N»nvillen über eine„Simplicissiinus"-Karitat»r kostet dem Fürsten Kvtschoubc» Geld. Die Prügelaffäre des Fürsten Leon Kotschoubey, der durch seine Heirat mit der Herzogin Dorothea von Leuchtenberg in nahen ver- iiHJlidtschafllicheii Beziehungen zun» russischen Kaiser und zu ver- schiedenei» anderen europäische»! Fürstenhäusern steht, ist durch eine zweite Bcrurtcilung, die jetzt in Dresden erfolgt ist, in ei» neues Stndiuin getreten. Fürst Leon Kotschoubey, der aiu 13. Juli 1862 in Paris geboren, seit 1893»nit der Herzogin von Leuchteitbecg verheiratet, Vater zlveier Kinder ist, über ein jährliches Einkommen von mehr als 199 999 Rubeln verfügt und Ritter des Maltheser- Ordens ist, bezog im Novenibee 1994 eine Wohnung im Dresdener Hotel„Europäischer Hos". Ter Fürst war, schon als er in Berlin weilte, außerordentlich nervös und wollte sich in» Dr. von Reyherschen Institut einer heilginniiastischen Kur unterziehen. Fürst Kotschoubey hatte die Geivohi»heit, abends die Berliner Zeitungen zu lesen. Am 8. Jairuar 199ä kehrte er mit seiner Frau aus der Oper ins Hotel zurück, verlangte die neuesten Blätter un>d als diese nicht gleich zur Hand lvaren, händigte der Hotelportier Moeller dem Diener des Fürsten u. a. auch den„Siinplicissimus" ein. jiauni hatte Fürst K. den letzteren in die Hand genommen, als er in eine heillose Wut ge- riet, sofort den Portier kommen ließ und diesen zur Rede stellte, weshalb er ihm das genannte Witzblatt geschickt habe, so ein Blatt, „das die russischer» Adligen verhöhne". Die Titelseite des Blattes bildete eine Karikatur des russischen Kaisers, der russischen Geistlich- keit und der russischen Krieger. Die Schlußseite zeigte das Bild eines russischen Großfürsten in Gesellschrft eii»er Courtisaire, darunter die Worte:„Ach 39 999 Tote, Kellner iiochst» Sch>»aps!".Auch die baltische Flotte kam in dieser„Simplicissiu>us"-Nummer schlecht tveg. Das ärgerte de»» Fürsten um so mehr, als er bei Beginn des russisch-japanischcn Krieges den russischen Floitenderei»» ins Leben rief und zu dessen Vorsitzenden ernannt wurde. Ter ahnungslose Portier erhielt-nit den Worte»,:„Sie grober Esel. Sie grober Ber- brechcr" einen fürchterlichen Fußtritt in die Bauchgcgend, flog gegen die Türe und rnusite noch am selben Abend sich in ärztliche Behand- lniig begeben. Ter Arzt lonstntierte einen Bluterguß in die Bauch- höhle und an» folgende» Tage traten bei dein Mißhandelten bedenk- liche Krantheitsshmptome ans. Die Berdanungstätigleit ließ zu »vünschen übrig, der Leib schtvoll an» a,n Oberschenkel, der Stelle des „fürstlichen Fußtrittes", zeigte sich eine starke Geschwulst und der Portier»nußte fortab das Bett hüten. Diese Prügelaffäre hatte die Verurteilung des Fürsten, der die Gastfreundschaft so schwer ver- letzt hatte, wegen gefährlicher Körperverletzung zu nur 1999 Mark Geldstrafe zur Folge. Ter bedauernswerte Portier Moeller aber kränkelte fortab und hat wohl seine frühere Gesundheit für seine Lebenszeit eingebüßt. Er ersuchte den Fürsten, ihn durch cinc Rente schadlos zu halten und als der Russe sich»veigerte, strengte der W schwer Geschädigte einen Prozeß gegen ihn an, der jetzt vor der vierte»» Zivillam»ner des Dresdener Landgerichts zugunsten des Portiers Moeller, der inzwischen, da er infolge der erlittenen Ver- letzungen durch den, Fußtritt des Fürsten Kotschoubey schlvere Ar- besten nicht mehr verrichten kann, Stellung als Kirchendiener bei der Anglo-amerikanischen Kirche gefunden hat, entschieden worden ist. Moeller, der noch bis in die jüngste Zeit beständig auf Veranlassung des Gerichts ärztlich untersucht worden ist, hat nach Ansicht des letzteren dauernden Schaden an seiner Gesundheit erlitten und des- halb hat das Dresdener Landgericht für Recht erkannt, daß Fürst Leo» Kotschoubey an den Portier Moeller fortab eine jährliche Rente in Höhe von 2699 Mark zu zahlen hat! Wegen Unterschlagung von 6999 Mark zum Schaden der Deut- schen Transportgenossenschaft war gestern der Buchhalter Ern Lenz vor der zehnten Strafkammer des Landgerichts I angeklagt.— Jin Jahre 1809 wurde der Angeschuldigte von dem Direktor der Transportgenossenschaft als Buchhalter engagiert. Er leistete seine Arbeit zur vollsten Zufriedenheit, so daß»hin bald das weitgehendste Vertrarien entgegengebracht wurde. Schließlich hatte der Angeklagte fast die gesamte Kassenführung unter sich. Jin Jahre 1992 begann L. sich als„stiller Teilhaber" der Genossenschaft zu betätigen, indoin er die Beiträge verschiedener Mitglieder sowie die Provisionen für Zuweisungen von Ladungen für sich behielt. Hierdurch eignete sich der Angeklagte nach und nach zirka 2999 Mark an. Dieses Geld verwendete L., um verschiedene»» noblen. Passionen frönen zu können. Als er schließlich die Bekanntschaft einer Dame„vom Theater" machte, erhöhten sich seine Ausgaben immer mehr. In der Zeit vom 11. bis 14. Dezember unternahm der Angeklagte mehrere Griffe in die Kasse der Genossenschaft. Die hierdurch erlangten 2999 Mark brachte L. in unglaublich kurzer Zeit durch. Als der Direktor der Transportgenossenschaft auf kurze Zeit verreiste, fälschte der Ange- klagte zwei Chccks über je 1999 Mark und hob das Geld von der Deutschen. Bank ab.— Vor Gericht war er geständig. Er be- hauptete jedoch, daß er die zuletzt unterschlagenen 4999 Mark eben so schnell, wie er sie erlangt, auch wieder losgeworden sei. Er habe ain 15. Dezember eine junge Dame kennen gelernt ui»d mit ihr, nachden» sie verschiedene Lokale besucht hatte»», eine Droschkcnfahrt unternominen. Als er nach längerer Zeit von dem Droschkenkutscher gelveckt worden sei, wäre die junge Taine verschwunden gewesen und mit ihr sein Portemonnaie. Ter Staatsanwalt hielt mit Rücksicht auf die Höhe der defraudierten Summe eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren sechs Monaten für angebracht. Der Gerichtshof erkannte auf ein Jahr Gefängnis. Haftbefehl und Verjährung. Eii»e eigenartige Beendigung erfuhr gestern ein gegen den Buchhalter Eh. eingeleitetes Strafverfahren in der Hauptverhandlung vor der zehnten Strafkammer. Der Buchhalter Eh. hatte sich im Februar 1897 unter Zurücklassung seiner Familie ins Ausland begeben. Bald nach seiner Flucht lief eine Anzeige ein, durch die er besch»lldigt wurde, mit 3999 Mark durchgebrannt zu sein. Es ivurde ein Hastbefehl wegen Unter- schlagnngen von 3999 Mark, verübt gegen seinen Prinzipal, gegen ihn erlassen. Trotzdein er schon im Juli 1897 nach Berlin zurück- kehrte und nach durchgeführter Scheidung eine neue Ehe schloß, lvurde alljährlich den Steckbrief gegen ihn erneuert. Im Jahre 1995 erhielt die Anklagebehörde von seinein Wohnsitz Kenntnis. Es stellte sich jedoch heraus, daß Eh. seinem Chef nichts unterschlagen hatte. Es wurden aber auf Grund der Anzeigen, die bald nach semer Flucht erstattet waren, gegen ihn Anklagen wegen Unterschlagung des Ver- mögens eines Gesangvereins, dessen Kassierer Ch. war, und wegen Unterschlagung von 899 Mark, die ihn» eine Tante semer verlassene» ersten Frau zum Ankauf von Wertpapieren gegeben hatte, erhoben. Ter Verteidiger des Angeklagten, Dr. Ehren frie d, beantragte, von einer Beweiscnifnahme Abstand zu nehmen, da die Handlungen, die den Gegenstand der Anklage bilden, länger als fünf Jahre zu- riickliegen, inithi» verjährt seien, der Haftbefehl und die Steckbriefe aber nur»vegen einer angeblichen Unterschlagung von 3999 Mark gegenüber dem Chef erlassen seien. Die Staatsanlvaltschaft wider- sprach diesen Aussührungen. iirdem sie darauf hinwies, daß diese Handlungen schon vor den» Haftbefehl und den» Steckbrief begangen seien, der die Verjährung aller vorher begangenen Straftaten unter- brachen habe. Das Gericht»»»utzte sich jedoch dem Antrage der Verteidigung anschließen und stellte das Verfahren auf Kosten der Staatskasse ein._ Versammlungen. Dritter Wahlkreis. Der sozialdemokratische Wahlverein hielt am Dienstag bei Buggenhagen seine ordentliche Generalversamm- lung ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung ehrten die Anwesenden das Ableben der Genossen Herzog, Juris ch mrd Stcinke durch Erheben von den Sitzen. Sodann verlas Loge den Kassen- bericht vmn 4. Quartal 1995. Demnach bglief sich die Einnahme auf 1571,39 M. und die Ausgabe auf 792,59 M., so daß ein Kassen- bestand von 778,89 M. verblieb. Hierauf referierte S t r ö b e l über den politischen Massenstreik. Gerade»ach den letzten Vorgängen bei der Wahlrechtskan»pagiie sei das Theina doppelt aktuell. Daß die Regierung durch ein Massenaufgebot von Jnfairterie, Kavallerie und Artillerie den» Proletariat eine— übrigens gar nicht eininal geplante!— friedliche Straßendemonstration verioehrt habe, ferner der Umstand, daß offen- bar auch nicht von einer bürgerliche» Partei eine tatkräftige Be- teiligung an den» Kanips gegen das Dreiklassenwahlrccht zu erwarten sei. lege inuner loieder die Frage nahe, ob es nicht trotz alledem Mittel gebe, Angriffe der Reaktion zurückzuweisen, respektive veriveigerte Volksrechte zu erzlvmgeil. Als ein solches Mittel sei ja nun sowohl in Amsterdam als in Jena der politijche Massenstreik anerkannt worden. Durch die Lln- nahine der Jenaer Resolution sei aber die Frage des politischen Massenstreiks»och keineswegs erledigt. Denn durch die Annahme der Resolution und die Zustimniung zu den Ausführungen Bebels habe»»an sich zivar prinzipiell dafür ausgesprochen, daß„gegebenen- falles" der politische Massenstreik als taugliche Waffe zu benutzen sei, allein sowohl die Diskussion vor den» Jeimer Parteitage als auch die Debatte in Jena selbst hätten bewiesen, wie verschiedenartig die einzelneil Genossen über die Anweiidungsinöglichkeiten und den Charakter des politischen Massenstreiks urteilten. Redner gibt eine eingehende Darstellung dieser verschiedenartigen Auffassungen. Der eine halte den Massenstreik wohl für ein wichtiges Kampf, nittel, aber erst in einer späteren Phase des Klasieitkampfes. ein z, veiter glaube, daß er auf jeden Fall angewendet iverden müsse, sobald die Reaktion eine» Angriff gegen das Reichstagsioahlrecht uiiteriiehme, und daß auch die Furcht vor unausblelblichen Konflikte»» das Proletariat vor dem Gebrauch dieser Waffe nicht zurückschrecken dürfe: ein Dritter halte den politischen Massenstreik auch schon in der Gegenwart für»nöglich, aber nur in der Form eines absolut friedlicheit Demonstrationsstreiks; ein Vierter halte den Massenstreik zurzeit für mlSgeschlosse», während er es dahingestellt sein lasse, ob er später einmal zur Anwendung konnnen könne. Bebel habe sich auf all diese Meimnigsdifferenzen nicht eingelassen. ondern mit dein zwingenden politischen Nachweis sich begnügt, daß die Angriffslust der Reaktion unausgesetzt wachse, wahrend Zentrum und Liberalismus iinmer unzuverlässigere Verteidiger der Volksrechte würden, daß sich also daS Proletariat auf schwere Kämpfe »in die Erhaltung seiner spärlichen politischen Grundrechte rüsten müsse. Als Abioehrnlittel gegen solche reaktionären Attentate aber koinnien in erster Linie der politische Mastenstreik in Betracht. Bebel habe taltisch klug gehandelt, erst einmal durch seine Resolution die generelle Znstiminung der Partei festzulegen. Damit sei die Diskussion über die Frage natürlich nicht abgeschnitten, sondern erst recht ,'n Fluß gebracht. Da man aber noch immer in manchen Gewerkschaftskreisen der Idee des politischen Maffenstreiks skeptisch oder direkt ablehnend gegenübersteht, sei es vor allen Dingen auch notioendig, die Gelverkschaften von dessen Notivendigkeit zu überzeugen und zugleich die ganz unbegründeten Bedenken zu zerstreuen, daß die Propaganda für den Gedanken des politischen Massenstreiks den selbstverständlich so absolut notwendigen Ausbau der Gewerkschaftsorganisationen irgendwie gefährden könne. Immer »viedcr müsse betont iverden. loas doch schon in der Amsterdamer Resolution so deutlich arlsgesprochen sei, daß der politische Massen- streik die gelverkschaftliche und parlamentarische Aktion nicht etwa ersetzen, sondern nnr sichern, unterstützen, fruchtbar machen solle. (Lebhafter Beifall.) Pens nahni als erster Diskussionsredner das Wort und stiininte dein Referenten in fast alle» Punkten zu. Jedoch möchte er den Massenstreik nicht als das einzige Mittel zur Verhütung von Wahlrechtsattcntaten oder zur Erkämpfung weiterer politischer Rechte betrachtet wissen,»osil sonst die Auffassung platzgrcifen könnte, daß die bisherige Agitations- und Organisationsarbcit so- »vohl auf Politischeon und gcioerkschaftlichcm Ivie auch auf genossen- schaftlichein Gebiete nicht mehr mit dem bisherigen Eifer betrieben werden brauche. Im Gegenteil»nüsse jetzt mit solcher Jntensivität organisiert iverden, daß dem organisierten Klasscnstaat und den» organisierten Heer das organisierte Volk gegenüberstehe. Nicht hunderte, sondern taufende von Versammlungen müßten an einem Tage stattfinden könne»». Dann werde in einigen Jahrzehnten die Zahl derjenigen, die sich als zu den herrschenden Klassen gehörig fühlten, so klein sein, daß sie einen Zusaminenstoß mit der Masse des Volkes gar nicht mehr wagen dürften. Sollten es die herrschenden Klassen dann aber trotzdem noch auf einen Zusammen. stoß ankommen lassen, dann sei das Volk infolge seiner straffen Organisation erst recht befähigt, auch das äußerste Mittel dcS Massenstreiks mit Erfolg in Anwendung bringen zu können. (Starker Beifall.) H e i l m a n n ist über die letzten Ausführungen von Pcus hocherfreut. Dagegen erklärte er, den Standpunkt des Genossen Ströbel in keiner Hinsicht teilen zu können; er stehe vielmehr auf dem Boden der diesbezüglichen Resolution des Kölner Gewerkschafts- kongresses und halte infolgedessen eine Diskussion über den Massen- streik, und erst recht die Propaganda desselben, für nutzlos und sogar für schädlich.(Widerspruch.) Da nach Kautsky, Adler und auch Ströbel der Massenstreik gegeiiwärttg doch nicht ausfuhrbar sei, so komine bei der Erörterung der ganzen Frage praktisch»»»chts heraus. Vielmehr würde dadurch nur Verwirrung und Zwietracht in die Reihen der Genossen getragen. � B. M a a ß polemisierte scharf gegen Heilmann. Er befinde sich in voller Uebereinstimmung mit Ströbel. Kahlen wandte sich ebenfalls gegen Heilmann. Ebenso Gehrmann, der besonders der sozialistische»» Jugenderziehung mehr Aufmerksamkeit gewidinet wisse»» will, damit baldigst die Zeit komme, wo die Soldaten besseres zu tun wüßten, als im blinden Äadavergehorsain auf das Volk zu schießen. Ebenfalls tue eine ver- mehrte Aufkläruiig der Landarbeiter not. Ströbel beschäftigte sich in seinem Schlußwort vorwiegend mit den Ausführungen des Genassen Heilmann. Es sei doch selbst- verständlich, daß die Frage jetzt erst von allgeineinen Gesichtspunkten aus erörtert Nwrden sei. Wolle man sich in Einzelhciien vertiefen, so brauche man nur die Schrift der Genossin Roland-Holst zu lesen und abschnittweise zu diskutieren. Der Biassenstreik sei eben insofern das„einzige Mittel", weil uns solche Mittel nicht zur Ver- füguiig ständen,»vie sie gegenwärtig in Rußland zur Anwendung kämen. Mit Pens könne er sich heute einverstanden erklären. Da es aber wahrscheinlich sei. daß es einst zu ernsten Konflikten mit den herrschenden Klassen kommen werde, so sei neben dein intensivsten Ausbau der Organisationen auch die Vorbereitung der Arbeiter- schaft auf den Massenstreik eine zwingende Notwendigkeit.(Leb- haftcr Beifall.)— Nachdem noch eine Schiedsgerichtskommission gewählt worden war, erfolgte nach 12 Uhr Schluß der Versammlung. Wider die Tabaksteuervorlage. Am Mittwoch fand in Kellers großem Saal eine öffentliche Ber- ainmlung der Tabakarbeiter und-Arbeiterinnen statt, in der mehrere Delegierte des eben beendeten Tabakarbeiter-Kongresses über die elenden Verhältnisse der Arbeiter und Arbeiterinnen in den ver- ichiedenen Zweigen der Tabakindustrie und die verderblichen Wir- kmigeii sprachen, die die von der Regierling vorgeschlagenen Steuern ausübe»» würde»». Zunächst sprach Niendorf aus Kiel. Zur neuen Steuervorlage der Regienliig bemerkte der Redner unter anderin, daß wem» der Freiherr von Steirgel nur ein wenig Zeit gehabt hätte, dem Tabak- arbeiter-Kongreß beizulvohnei». so hätte er die Berichte der Delegierten aus den verschiedenen Orten hören miissen, vielleicht wäre ihm dam» das Verständilis dafür aufgedämmert, daß die Regierung hinsichtlich der Tabakiildustrie keine dringendere Aufgabe habe, als dlirch soziale Gesetze für eine Besserung der Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter zu sorgen. Die Arbeiterschaft der Tabakindustrie aber sollte sich viel stärker organisieren; außerdem aber müsse man das ganze deutsche Volk aufrufen, um so, durch gewaltige Protestbewegungen. die Regierung zu bestimmen, die Industrie nicht mehr mit solchen Steuervorlage»» zu belästigen»md statt dessen soziale Reformen zu schaffen. Hierauf gab Frau W a ck w i tz aus Dresden eine ergreifende Schilderung von dem Elend der Zigarettenarbeiterinnen. Besonders »vies sie darauf hin, wie durch die Arbeitslosigkeit und die Huilger- löhne, durch das Wohnungselend, die unmenschlich lange Arbeits- zeit und die damit zusaminenhängende Verwahrlosung der Kinder des Proletariats die Prostitution gefördert lvird, und wie durch die Heimarbeit, verblmdei» mit der Kinderausbeutung, und durch das ganze schmähliche Ausbeutungssystem Krankheit und Sterblichkeit ürchtbar unter den Proletariern der Zigarettenindustrie wüten. Scharf geißelte die Rednerin die Brutalität des UnternehmertmnS und die uninenschliche Gleichgültigkeit des Bürgertums diesem Massen- elend gegenüber. E b e r l e aus Nordhausen sprach über die traurige Lage der Kautabakarbeiter und die Gefahren, die die Regierungsvorlage für diese Branche mit sich bringt, wodurch die ganze Stadt Nordhausen 'aiilt den umliegenden Ortschaften aufs schwerste bedroht lvird. Er beinerkt zuin Schluß: Nur eine einzige Reichstags- partei war auf uuseren» Kongreß vertreten: die Sozialdemokratie. Merkt Euch dasl Es ist das wahnsinnige Ausbeutungssystem selbst, das bekäl»»pft iverden muß, und in letzter Linie nur mit dein Klassenstaate selbst beseitigr werden kann. Franz S ch in i dt- Berlin verilrteilte das Gebaren der Zigaretten- Fabrikanten, die der Regierung erklärten, die Industrie könne wohl eine kleine Steuererhöhung tragen. Sie rechneten natürlich nur darauf, die kleine Konkurrenz dadurch vernichtet zu sehen, um da»»»» den Markt allein zu beherrschen und bei der noch»veitcr uin sich greifenden Arbeitslosigkeit die Löhne noch mehr zu drücken. Herr mann aus Wiesbaden sprack» von dem Glairz und Reich- tum der hohen Herrschaften, die dort alljährlich zusammenströmen, und dem Elend, das auch dort unter der Arbeiterjchaft der Tabak- industrie herrscht. Er forderte in eindringlichen Worten zur Organ»- sation und zum Kampf gegen das Ausbeutungssystem aus. Max Müller- Berlin erklärte»»»»ter anderem, die Zigaretten» arbeiter und-Arbeiterinnen sollten es sich merken, daß ihre Arbeit- geber, die noch bei der letzten Lohnbeivegung bitter über die Be- lastung der Industrie klagten und taten, als ob sie keinen Pfennig Lohnerhöhung tragen könnten, nun der Regierung sagen, daß eine Steuererhöhung noch erträglich sei. B>» h l- Berlin widerlegte die Behauptung des Frhr. v. Stengel, daß die Löhne in der Tabakindustrie gestiegen seie»»: im Gegenteil seien sie noch gesunken. Der Redner erwähnte das Elend der Heim- industrie und der Kinderarbeit und bcinerkle, daß Deutschland, wein» es diese Zustände dulde, schließlich, statt voran, an letzter Stelle in der Kultur marschiere. Damit»aar die Rednerliste erschöpft. Der Vorsitzende Börner schloß die Versammlung mit einer Aufforderung zu ernster Br» tätigung in der Organisationsarveit und im Kampfe gegen das AuSbeutungssystem._ Die Gastwirtsgehülfen hielten am Dienstagnachmittag in Wendts Industriesälen eine stark besuchte Versammlung ab. Hugo Poetzsch referierte über das Thema: Kost- und Logis- Wesen im Gastjvirtsgewerbe und seine Nachteile f ü r d i e G e h ü l f e n s ch a f t. Er erörterte, wie rücksichtslos die Kellner ausgebeutet würden, daß sie weit schlimmer gestellt wären, als die Fabrikarbeiter. Das Trinkgeldwesen, die lange Arbeitszeit, die Ar� der Stellenvermittelung, das seien Lasten, unter denen sie schwer leiden. In den glänzende» Hotels sei Kost und Logis am erbärmlichsten. Ter Redner berief sich auf ein Zeugnis der Gast- Wirtsinnung, die gegen höhere Krankenkassenbeiträge sich in einen, Gesuch an die Getverbedeputation wendete. Da erklären die Gast- Wirte, daß ihre Angestellten fast ausnahmslos in Mansarden schlafen, die in privaten Verhältnissen nur als Aufbewahrungsort für Haushaltungsgegenstände, also als Rumpelkammer, benutzt werden. lieber die Kost, welche die Angestellten erhalten, heißt es in demselben Gesuch, daß sie aus nickst abgesetzten Speisen besieht, die„einen Berkaufswert für den Gastwirt eigentlich nicht mehr haben." tvcil sie schlecht aussähen.— Der Redner betonte, daß die Gastwirtsgchülfen in erster Linie alle Ursache haben, die von den Zentralvorständen der Gewerkschaften eingesetzte Zentral- kommission zur Beseitigung des Kost- und Logiszwanges zu unter- stützen indem die Fragebogen zur Erhebung einer Statistik gewissenhaft ausgefüllt werden. Folgende Resolution wurde angenommen; „Die Versammlung erklärt: Die Bekämpfung und schließliche Beseitigung des Kost- und Logiszwanges liegt Im Interesse der Arbeiterschaft im allgemeinen sowohl, als auch in dem der gastwirt- schaftlichen Angestellten im besonderen.— Tie dem Personal verab- reichte Kost und die ihm angewiesenen Schlafräume entsprechen in den meisten Fällen in keiner Weise den Anforderungen, die in sanitärer und hygienischer Beziehung gestellt werden müssen. Die Kost ist meist ungenügend und minderwertig. Die Schlafräume ent- behren nicht bloß jeder Behaglichkeit, sondern sind häufig kleine, ungesunde, feuchte und kalte Löcher, in die iveder Licht noch Luft in genügenden Mengen dringt, um den darin Untergebrachten die so notwendige, körperstärkende Ruhe zu bringen.— Das Essen und Wohnen im Hause des Prinzipals drückt die davon Betroffenen in sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Beziehung herab und bildet die hauptsächlichste Ursache ihrer Rückständststeih— Die großen Schwierigkeiten, welche sich bei der Heranziehung solcher Arbeiter zu ihren Berufsorganisationen ergeben, finden ihre Erklärung vor allem in dem Abhängigkeitsverhältnis, in welches die beim Meister bezw. Prinzipal wohnenden Gehülfen zu diesem geraten.— Die Versammlung erklärt sich deswegen bereit, die von feiten der Kom- Mission zur Beseitigung des Kost- und Logiszwanges eingeleitete Aktion mit allen Kräften zu unterstützen." Tie Freie Volksbühne hielt ihre vierteljährliche Generalver- sammlung am 25. Januar im Gewerkschaftshause ab. Frau L i l y Braun sprach über:„Goethe und die Jugend- e r z i e h u n g". Der hochinteressante Vortrag wurde von den zahlreich erschienenen Mitgliedern mit großer Aufmerksamkeit an- gehört und mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Den Geschäftsbericht gab für den am Erscheinen verhinderten ersten Vorsitzenden Herr Kurt Vaake: Wie bisher wurde im Metropol- und im Carl Weiß-Theater gespielt. Aufgeführt wurden „Egmont",„Frl. Frcschbolzen",„Die Wölfin",„Amphitryon" und „Maria Magdalene"; die nächsten Stücke werden sein:„Ein Frühlingsopfer" von Kaiserling und„Kater Lampe" von Rosenow. Es habe ein Rcgisscurwechsel stattgefunden, Waldow habe seinen Posten niedergelegt, an seine Stelle sei Steinert getreten. Die Kunstabcnde entwickeln sich günstig weiter; es habe ein Schumann-, Hcrwegh- und Mozart-Abend stattgefunden, ein Heine-Abend werde Mitte Februar, als Gedenkfeier des 60. Todestages des Dichters, veranstaltet. Das Hcrbstfest war der Musik geweiht, das Winterfest stand unter dem Zeicheil des Humors und der Geißel; das Märzfest werde Musikstücke von Beethoven und Berlioz(Hymne an die gefallenen Julikämpfer) bringen. Ueber unsere Feste habe sich eine Diskussion in der Zeitschrift entsponnen, er hoffe, sie werde hier auf der Generalversammlung fortgesetzt werden. Der Prozeß sei durch einen Vergleich beendet. Die Theaterver- Hältnisse seien immer noch die gleichen. Im Schiller-Theater dl. zu spielen habe der Vorstand abgelehnt, da die Verhältnisse hier nicht besser seien als im Carl Weiß-Theater(allseitiges: Sehr richtig!) Die endgültige Lösung der Theaterfrage werde der Bau eines eigenen Theaters sein, zu dem man früher oder später ionNnen müßte. (Sehr richtig I Lachen I) Hierzu müsse aber ein Fonds geschaffen werden. W rn k l e r erstattete den Kassenbericht. Die Einnahmen bc- trugen 39 497,07- M.; die Ausgaben 31130,71 M. Der Kassen- bestand am 31. Dezember 1905 8366,38 M.— In der Diskussion ersucht Herr Anke, für die Zukunft den Vicrteljahres-Kassenbericht gedruckt der Generalversammlung vorzulegen. Hiergegen wenden sich Vaake und Z u b e i l, der unter anderm die Darbietungen des Winterfestes tadelt: es habe des„guten" zu viel geboten. Herr A n k c tadelt die Theaterstücke. Der Amphitryon z. B. habe großes Mißfallen erregt. Es sollen lieber alle schon mal gespielte Stücke wiederholt, als solcher»ihthologische Zauber gegeben werden. Er verlangt Verhinderung der Störung durch Zuspätkommende und durch diejenigen, welche sich im letzten Akte schon die Garderobe holen. Herr Stampfer und Herr E i s n e r polemisieren gegen die vor- gebrachten Angriffe. Letzterer spricht unter großem Beifall der An- wesenden für Amphitryon. Der zweite Vorsitzende Herr Vaake erklärt, der Vorstand habe den Ehrgeiz immer neues den Mitgliedern darzubieten, so wenig wie möglich zu wiederholen. Der Antrag des Herrn Anke wird abgelehnt, dem Kassierer Decharge erteilt.— Für den In»»!, der Juierate übernimmt die Redaktion dem Bublikni» gegenüber keinerlei Verantwortung. UKeater. Freitag, den 2. Februar. Neues Opern-Theater. Geschlossen. Ansang 7 Uhr: Deutsches. Oedipus und die Sphinx. Ansang 71/, Uhr: Opernhaus. Die Heirat wider Willen. Schauspielhaus. Der Damenkrieg. Dje Dienstboten. Berliner. Der Widerspenstigen Zähmung. Neues. Ein Sommernachtstraum. Weste«. Schützenliesel. Lessiug. Rosmersholm. Ansang 8 Uhr: Schiller O.(Walliier-Thealer.) KönigSglaube. Schiller!V.(Friedrich Wilhelm. städtisches Theater). Der Veilchen- fresser. Kleines. Kinder der Sonne. Zentral. Orpheus in der Unterwelt. Metropol. Aus ins Mewopol. Walhalla. Nach Asrila, nach Ka- merun. Komische Oper. Hofsmanns Er- Zählungen. Residenz. Der Prinzgemahl. Triauon. Loulou. Luftspielhaus. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis sriih um Fünse. Earl Weift. Die lebende Brücke aus Kuba. Luisen. Der Kausmann von Venedig. Deutsch-AmerikauischeS. Er und Ich. Kasino. Die goldene Brücke. Apollo. Prinzeß Rosine. Speziali- täten. Hcrrufeld. Familientag im Hause Prellstein. FolieS Caprice. Nach dem Zapsen- streich. Der Behemc. Belle-AIliance. Der grüne Teusel. Spezialitäten. Wintergarten. Otto Reulter.— Spezialitäten. Relchshallcu. Stettiner Sänger. Passage. Spezialitäten. Urania. Tanbrnftrnfte 48/49. Abends 8 Uhr: Marokko. Hörsaal. Abends 8 Uhr: Ingenieur Kcßner: Die Verarbeitung des schmiedbaren Eisens und des Stahls. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57/62. Täglich geöfsnel von t bis 7 Uhr. Berliner Theater. Ansang 7'/, Uhr. DerWiderspänstigen Zähmung. Sonnabend nachmittag 21/, Uhr: Schiilervorstellmig zu errnäß. Preisen: vis Räuber. Abends 7'/, Uhr: Der Widerspänstigen Zähmung. Neues Theater. Ansang 71/, Uhr. Sin Scnrniernactitstramn. Sonnabend: Salome. 7Anf. 8 Uhr.) Sonnlag, Montag: Ein Sommernachtstraum. Kleines Theater. Ansang 8 Uhr. Killdn der Somie. Morgen: Kinder der Sonne. Zentral-Theater (Operette). Abends 8 Uhr: Orphens in der Unterwelt. Operette in 3 Asien von Ossendach. Ntetropol-Theater !U-!l! Anfang 8 Uhr. Große Jahresrevue mit Gesaug u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor HoUaender. Hauchen in all. Häumen gestattet. Tauben» str. 48/49. Abends 8 Uhr: Marokko. Hörsaal 8 Uhr: Ingen. Keßner: Die Verarbeitung des schmiedbaren Eisens und des Stahls. Sternwarte ,nvaMd9n »tr.57i62. Pastans M f anoptihmn Frlcdrichstr. 105. Ohne Sxtra-Sntrce. I Bergbewohner Abessiniens. 65 Eingeborene Männer, Weiber und Kinder, sowie das Baby„Berolina". Eintritt SO Pf. Sehl! ler-TIieater. Schiller-Theater N.(Frlcdr.-Wilh. Th.) Freitag, abends 8 Uhr: I>er Veilchenfresser. Lustspiel in 4 Attcn bon G. b. Moser. Sonnabend, abends 8 Uhr: lieber nnsereKirnft.(I. Teil.) Sonntag, nach m. 3 Uhr: Orninqnebilie. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theatcr). Freitag, abends 8 U h r: Kttnigsslanbe. Ein biblisches Drama in 5 Auszügen von Hermann Stodte. Sonnabend, nachm. 3 Uhr: Zum Besten des Landerholungsheims dcS„Jugendschiitz": � Der Traum ein l eben. S o ii n o b c ii d, abends 8Uhr: Die LiOgenbrn«ier. Sonntag, nach m. 3 Uhr: �iora. Sonntag, abends 8 U b r: Eebernnsere Kraft.(1. Teil). Die Bäuerin. Abschied vom Regiment. Sonntag, abends 8 Uhr: Die Ebre. Arnold Scholz. Neue Welt. Hasen- beide 108/114. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr; von Veoei. Sonnabend: Der Verschwender. Sonntag nachm.: Der Verschwender. Abends: Ein SomnicrnachtSwaum. Montag: Pension Schöller. Romische Oper. Freitag, 2. Februar, abends 8 Uhr: Zum 50. Male: Hoffmanns Erzählungen. Sonnabend: Oer Corregidor. Sonntag abend 8 Uhr: Hoffmanns Erzählungen. Lustspielhaus. Täglich abends 8 Uhr: Der Weg zur Hüllt. Apollo-Theater. Vollstänilig neues Programm. Neue Spezialitäten und GobertBelling; mit feinen vierbeinigen Komikern. Dazu: Die Insel Tulipatan.« Operette in 1 Akt v. Iacg. 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Januar v ersterben ist Stille Teilnahme erbittet Felix tVßiiuer nebst Kindern Mariannenstr, 32. Die Beerdigung findet Sonntag, vorm, 9'/. Uhr, von der Leichenhalle des'Thomas° Kirchhofes in Rixdorf, Hcrmamistnahe, aus statt, Am 30, Januar enttchlics nach schwerem Leiden meine liebe Frau unsere gute Mutter undGrobmutter Beto Sorrer gen. Schimpf im 69. Lebensjahre. Dies zeigen, um stilles Beileid bittend an August Sorrer nebst Kindern Die Beerdigung findet Sonntag, 4. Februar, nachmittags 3'/. Uhr, von der Leichenhalle des Weihen- scer Gemeinde-Frredhoscs, Rölke- strahe 48. aus statt. 14B Danksagung. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten sowie den Kollegen von der Tischlerei Kühne für die Teil« nähme bei der Beerdigung unseres lieben Vaters 151, Vtfilhvlm Hahn sagen wir unseren herzlichen Dank. Gebrüder Hahn nebst Frau Bahr. Or. Schlinemann, Spezial-Arzt sür Haut- und Harnleiden,* Frauenkrankheiten. Jetzt: Friedrichstr. 203 schü,«nk».ra8e. 10-8,5— Tiefp.», Sonnt. 10-18. Deutseiier Holzarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Steglitz. Nachruf. Am 26. Januar starb nach langem Leiden an der Proletarier« Krankheit unser Kollege, der Tischler Maltiu Bartz im Alter von 35 Jahren. Ehre seinem Andenken! 79/9 Die Ortsverwaltung. Zentral-Verhaii!! der Maurer DeMamis. Zweigverein Berlin. Am 30. Januar oerstarb im Alter von 47 Jahren unser Mitglied Hermann Pietz an Speiseröhreiiverciigung. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, nachmittags 3 Uhr, auf dem Nazareth- Kirchhof in Reinickendors, Scharnweberstrahe statt. Rege Beteiligung wünscht 136/8 Oer Vorstand. Danksagung. Sage hiermit allen für die Teil« »ahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Karl Müller meinen innigste» Dank. 2361b Anna Hülier nebst Tochter. 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Bei der diesseitigen Verwaltung ist sosort die Stelle eines Sureaubeamten zu besetzen. Bewerbungen mit Lebenslaus und Zeugnissen sind an den Unterzeichneten einzureichen. 270/0 Der Borstand. HV. Reetke, Vorsitzender. Runge, 23576 i Tüchtiger Hohlschleifer g�ucht- H. Bopp, Augsburg. Ztgarrengefchäft verlaust Swiue- mündcrstratze 86, Stern. 8348b. Schlafoteile� Möblierte Schlasttelle. Raunynftraste 31, III rechts. Rseßa>rtviii»- Gesuch. Ein durchaus ttichugcr und crsahrcncr AM" Redakteur wird von einem täglich erschemenden sächsischen ParteiblaU zmu alsbaldigen Antritt gesucht. 59t6L« Keuossen, die bereits längere Zeit ähnliche Stellungen bekleidet haben. wollen ihre Bewerbungen richten an die Expedition des„Vorwärts» unter R. 5,__________ per r April gesucht, mit oder ohne HauSreinigung, vcrheiraiet und ständig Mann oder Frau zu Haute ist, durch Porti« Müller, Grand Hotel Alexanderplatz. Znzug reruzulinlten! 79/ 1* Qje Orlsverwaltung. I.A.: Georg Hinze, Bevollmächtigter KcraA�tliZ�Makteurs Kans Uebcrt Nerlin/ Füx Pen Znieratenteil vdranjsv.: Tlx. MckttHcclin. Knick u.Herlag: Vorwärts Buchdruckcrei u. Verlagsanitast isZauI Siü�Lc Cp-, Berlin S% Hausverwalter Die Werkstatt des Hofkürschner- Meisters Karl Sallbavh, Unter den Linde» 67, ist wegen Mastregelung sämtlicher organisierten Kollegen und Kolleginnen gesperrt. Zuzng ist strcug fcrnznhaltcn! Der Borstand des Deutschen Kürschuervcrbandcs. Zahlstelle Berlin. Der Borstand deS BkrbnndesderKiirschiicrBcrlins ____ und Umgegend. 102/3 Achtung! Achtung! Kauhandwerker! Seit Donnerstag, den 1. d Als., besiiidcil sich die Fliesenleger des Maurerverbandcs in einer Lohn- bewcgung. 136,9 Sämtliche Bauten jolgcnder Firmen sind sür Fliesenleger gesperrt; Bielski, Periuo u. Co.. Rich. Schäffer. BSarnebold u. Naffc, Schmalisch u. Below, M. Zander, Ramin, Fromm u. Hanns, Karich. Lehmann, Ad.' Pick. Gohlke- Rosenfeld, Ende. Billc- rov u.. Boch- I. Döscher, R. Werber, C. ReholofSky. Zuzug ist fernzuhalten! Wir ersuchen die Bauhandwerkcr um strenge Beachlung obiger Sperr- notiz. �gti'alfefdaai! lief Haufef. Für die Streikleitung: I. Sl.: Felix Brelske. Spandau. Holzarbeiter! In b« Bautischlerei von Gebr. F. u. 0. Relnicke Spandau, Pichelsdorferslr. 12, befinden sich die Tischler-Maschinen. arbeiter und Einsetzer im Streit. Bau ZimmerstraBe, Spandau, Reinloka, Bau Nonnendamm, Siemens d Halske, Bau Siemens.Schuckert in Filrsten. brunn. Redaktion und Expedition: Berlin, Clndenftr. 69. Tcrnlpredjer: Amt IT, 1983. Vorwärts" Berliner Volksblatt | Nr. 27» Freitag, den 2» Februar 1906. Inserate Sedjsgclpaltene Kolonelzelle 20 Ptg. Bei«rößeren fluftrügen entlpredienden Rabatt. partei-Hngclegcnbcitcn. Achtung! Am Dienstag, den 6. Februar, abends 8 Uhr, finden in Berlin und Umgegend eine größere Anzahl von Versammlungen statt, welche sich gegen die geplanten Zoll- erhöhungen richten und sich gleichzeitig mit dem am 1. März ins Leben tretenden neuen Zolltarif beschäftigen sollen. Wir bitten Partei und Gewerkschaften, an diesem Abende keinerlei andere Ver- an staltungen zu treffen. Der Aktious-Ausschuß. Neuenhagen a. d. Ostbahn. Am Sonntag, den 4. Februar, findet im Lolale von August Wünsche, Bahnhofstraße, eine ordent» liche Versammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: Bericht und Wahl des Vorstandes. Unsere Bezirkseinteilung und Verschiedenes. Weidniannslnst und Umgegend. Der sozialdemokratische Wahl- verein hält am Sonntag, den 4. Februar, in Stolpe a. d. Nordbahn im Lokale der Witwe Bergniann eine Versammlung ab. Genosse Hetzschold hält einen Vortrag über die gegenwärtige politische Lage. Gäste sind willkommen. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Zossen. Am Sonntag, den 4. Februar, nachmittags 3 Uhr, findet in» Lokale des Herrn Albert Schimke, Banitherstr. 61(Zossen) eine öffentliche Volksversammlung statt. Tagesordnung: Gegen das Landtagsivahlrecht._ Tor ort- f�aebnebten. Charlotteuburg. In der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung gab am lviittwoch die Äiitteilung über die Ausführung der Beschlüsse der Versammlung im Jahre 1905 durch den Magistrat der sozialdemo- kratischen Fraktion Gelegenheit, ihre Stellung zu einigen wichtigen Fragen darzulegen. Bekanntlich hatten die Stadtverordneten vor Jahresfrist auf Anregung der Sozialdemokraten beschlossen, der Viagistrat möge sich mit Vertretern anderer Komnmnen in Ver- Bindung setzen, um eine Aenderung des DreiklaffenwahlrechtS herbei- zuführen. Der ursprüngliche sozialdemokratische Antrag, der sich für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht unter Fortfall des Privilegs der Hausbesitzer aussprach, war von der Mehrheit so verballhorinsiert, daß der Magistrat nichts damit anfangen konnte. Genosse Dr. Borchardt übte scharfe Kritik an der Behandlung dieser so wichtigen Angelegenheit. Ein Antrag, der eine beschleunigtere Behandlung verlangte, wurde abgelehnt. Kein Wunder! Die liberale Mehrheit wird nicht den Ast absägen, auf dem sie sitzt, sie wird nicht die Hand zu einer Beseitigung des Drei- klassenwahlrechtS bieten, dem sie ihre Macht verdankt. Die Untätigkeit des Magistrats in der Wohnungsfrage unterzog Genosse Vogel einer sehr abfälligen Kritik. Und mit Recht, denn fünf Jahre hindurch hat die Stadtverwaltung den Anschein erweckt, als ob ihr die Befriedigung des Wohnungsbedürfnisses der Minderbemittelten am Herzen liege. Endlich hat der Magistrat vor den Hausagrariern kapituliert und definitiv beschlossen, in seiner bisherigen Untätigkeit zu verharren. städtischen Arbeiter verzögere. Natürlich bestreitet der Magistrat das. aber Tatsachen lassen sich nicht dadurch auS der Welt schaffen, daß man sie einfach hinwegleugnet. Die Sitzung hat wieder einmal deutlich den Beweis dafür ge- liefert, daß die Arbeiterklasse von den Besitzenden nichts zu erwarten hat. Will sie, daß endlich einmal wirkliche Fortschritte auf dem Ge- biete der kommunalen Sozialpolitik erzielt werden, dann muß sie den Einfluß ihrer Vertreter im Stadtparlament ganz bedeutend stärken. Ein dritter der volkstümlichen Vortragsabende, welche von der hiesigen Allgemeinen Ortskrankenkafse im Laufe dieses Winters ver- anstaltet werden, findet am Freitag, den 2. Februar 1006, abends S'/z Uhr, im Saale Rosinenstr. 3 statt. Sprecher ist Herr Professor Dr. Magnus-Levy über„Praktische Hülfeleistung bei Vergiftung" usw. Zu diesem Vortrage hat jedermann unentgeltlich Zutritt. Rauchen ist jedoch verboten und Getränke werden nicht verabreicht. Unfall. Beim Bau der Untergrundbahnstrecke Krummestraße— Westend verunglückte gestern mittag der 26jährige Arbeiter Michael Menzseld aus der Bredowstraße 28. In der Nähe der Schloß- straße sollten um diese Zeit einige auf einer Feldbahn herbei- geschaffte Lowries mit Beton ausgeladen werden. Beim Umstürzen eines dieser eisernen Wagen geriet Menzfeld mit der rechten Hand unter den Wagen, der ihn zu Boden riß und ihm die Hand zer- guctschte. Nachdem er von seinen Kollegen aus seiner qualvollen Lage befreit war, wurde er zu einem in der Nähe wohnenden Arzt und dann nach seiner Wohnung geschafft. Schöneberg. Die Generalversammlung deS sozialdemokratischen Wahlvereins Schöneberg tagte am 30. Januar in Obsts Festsälen. Genosse Molkenbuhr referierte über.Die neuen Steuervorlagen". Eingangs feines Vortrages würdigte der Referent kritisch die Beweggründe, aus denen heraus die Sieichsregierung dazu gekommen sei, daS neue Steuerprojekt zu präsentieren. Das ems 122 Millionen angewachsene Defizit, das in der Hauptsache entstanden sei durch die ins Uferlose gesteigerten Ausgaben für Heer, Flotte und Kolonien, solle gedeckt werden durch Schaffung neuer Einnahmequellen und zwar auf dem Wege der indirekten Steuern. Charakteristisch für den Geist, der unsere Staatsleiter beseele, sei. daß man sich mcht scheue, der breiten. besitzlosen Masse durch Besteuerung der„Genußmittel" Bier und Tabak den letztenGroschen aus derTasche zuholen. währendmaneS andererseits bei der geplanten Erbschaftssteuer, die ja nur die Reichen treffe, bei einem halben, lächerlich-schüchternen Versuch bewenden laffe. Redner beschäftigte sich dann eingehend mit den einzelnen Steuervorschtäge» und kritisierte scharf die volksschädliche Tendenz, die sich in ihnen offenbare. Beispielsweise wies er bezüglich der Tabaksteuer an der fiand reichen, statistischen Material» nach, daß dadurch nicht nur die reite Masse der Bevölkerung als Konsument enipfindlich geschädigt würde, sondern daß vor allem auch durch die erdrückende Belastung der gesamten Tabalindustrie Hunderttausende von Arbeitern und Arbeiterinnen die schwersten wirtschaftlichen Schädigungen erleiden würden. Wie auf allen Gebieten der Reichspolitik, so schloß Genosse Molkenbuhr seine mit lebhaftem Beifall aufgenommene Rede, so laffe fich auch aus der neuen Steuervorlage zum Ueberfluß das Grundmotiv der herrschenden Klasse erkennen, die Armen zu belasten und die Reichen zu schonen. Es folgte sodann die Berichterstattung des Vorstandes. Der Mitgliederbestand hob sich im letzten Vierteljahr von 1643 auf 1712 Mitglieder. Die Zahl der„Vorwärts"-Abonnenten am Orte beträgt 2600. Es fanden statt 3 Vereins- und 2 Demonstrations- Versammlungen.— Der Kassenbericht ergibt folgendes Bild: Ein- nähme 2329,03 M.(darunter: Beiträge 1080,75 M,, von der Spedition 300 M., Bestand von 1905 472,74 M). Ausgabe 2237,20 M.(darunter an den Kreis abgeführt 1552,68 M.). Bestand: 91,33 M.— Die Bibliothek des Vereins umfast 435 Bände; ausgeliehen wurden im abgelaufenen Geschäftsjahr 934 Bände. Die sich an die Berichte anschließende Diskusston beschäftigte sich mit der Angelegenheit deS Genoffen Reiche: derselbe hat schriftlich seinen Austritt erklärt.— Auf Antrag der Revisoren wurde der Kassierer einstimmig entlastet.— Es folgte so- dann die Neuwahl des Vorstandes und der Funktionäre; dieselbe er- gab folgende Zusammensetzung: 1. Vorsitzender: Küte r, 2. Vor- sitzender: D ä u m i g. 1. Kassierer: Emil Lehmann, 2. Kassierer: Aug. Korn. Schriftführer: K u b i k. Revisoren: Heinrich Korn, Dr. Chajes, Wollermann. 1. Biblioth'.ckar: Ohlendorf, 2. Bibliothekar: E u e n. Lokalkommission: Hörle- mann, P e t e r s o n, E r n st Lehmann.— Beschlossen wurde noch, Beiträge nur noch in den Bezirkssitzungen zu kassiereu. Ein Vergnügungskomitee wurde nicht wieder gewählt; die Arbeiten des- selben werden dem Vorstande überwiesen.— Zum Schluß gelangten zur Aufnahme 83 Mitglieder, abgemeldet wurden 49. Rixdorf. Spielen mit Stteichhölzern. In einer furchtbaren Lage befand sich gestern mittag das dreijährige Söhnchen des Arbeiters Friedrich in der Weichselstr. 7 in Rixdorf. Der Kleinas war ohne Aufsicht in der Wohnung zurückgelassen worden und spielte mit Streichhölzer». wobei er seine Kleidung in Brand setzte. In seiner Angst und Hüls- losigkeit wollte das Kind, das bald in hellen Flammen stand, ans dem Fenster herausspringen. Es gelang ihm jedoch nicht, dasselbe zu öffnen. Laut schreiend warf es sich nun auf den Fußboden und jetzt vermochten hinzueilende Nachbarn, die unerschrocken in das rauchgefüllte Zimmer eindrangen, die Flammen zu ersticken. Der Knabe hatte am ganzen Oberkörper sowie an den Unterschenkeln schwere Brandwunden erlitten und erhielt die erste Hülfe durch die Samariter der Feuerwehr. Britz. Die Kupferdrahtdiebe an der Arbeit. Die seit einiger Zeit auf- getauchte Spezialität der Drahtdiebe macht sowohl der Post- Verwaltung als auch den Verwaltungen elekttischer Bahnen im Osten außerordentliche Schwierigkeiten und verursacht durch ihr gefähr- liches Treiben große Schäden. In den letzten Nächten wurden wieder in Britz eine ganze Anzahl von Fernsprechleitungen zerstört. Durch eine sinnreich angebrachte Weckvorrichtung wurde ein Gendarm „noch im geeigneten Moment" auf den Diebstahl aufmerksam ge- macht. Der Beamte eilte sofort nach dem Talort und es gelang ihm auch, einen der Diebe festzunehmen. Drei Komplizen des Ver- hasteten glückte es zu entwischen. Pankow. Mit der Festlegung des Wahltages und der Mahlzeit beschäftigte sich die hiesige Gemeindevertretung in ihrer letzten Sitzung. Der Vorschlag des Bürgermeisters, die Wahlen der dritten Abteilung am 15. März und die der zweiten und ersten Abteilung am 16. März stattfinde» zu lasten, wurde stillschweigend akzeptiert, dagegen wurde der Vorschlag, die Wahlzeit der dritten Abteilung von 11 Uhr vor- mittags bis 7 Uhr abends festzulegen, durch Genossen Eichler be- kämpft. Eichler beantragte, die Wahlzeit bis 8 Uhr abends auSzu- dehnen, um den Arbeitern Gelegenheit zu geben, ohne Einbuße von Arbeitsverdienst ihr Wahlrecht auszuüben. Nach einigem Wider- streben wurde der Antrag Eichler angenommen Die Wahlen der zweiten Abteilung finden am 16. März, nachmittags von 3—6 Uhr, die der ersten Abteilung von 7—8 Uhr statt. Zu den Wahlen selbst ist zu bemerken, daß durch die Vermehrung der Zahl der Gemeinde- Vertreter von 18 auf 24 zwei Ersatzwahlen und zwei Neuwahlen in allen Abteilungen vorzunehmen sind. In der dritten Abteilung scheiden unsere Genossen Eichler und Freiwaldt ans und sind au Grund der famosen Landgemeinde- Ordnung, nach welcher zwei Drittel Hausbesitzer sein müssen, bei dieser Wahl drei Hausbesitzer zu wählen. Die Zusammensetzung der Wähler bietet dasselbe Bild wie in den anderen Vororten. Die erste Abteilung wird gebildet durch 76 Wähler, welche den Gesamtsteuersatz von 282 770.89 M. repräsen- tieren und bei welcher der„Aermste" mindestens 1209 M. Steuern zahlt. Die zweite Abteilung umfaßt 811 Wähler mit der Gesamt- steuersumme von 231 637,71 M. und schließt mit dem Steuersatz von 126,20 M. Die dritte Abteilung, welche in zwei Bezirken getrennt ist. umfaßt 4472 Wähler. Der erste Bezirk umfaßt 2150 Wähler mit 67 383,34 Steuern und schließt mit dem niedrigsten Steuersatze von 7,80 M. Der zweite Bezirk wird gebildet durch 2322 Wähler mit dem Gesamtsteuersatz von 72 752,47 M. und schließt ebenfalls mit dem Steuer satze von 7,80 M. Die Sammelliste Nr. 43 fiir die Gemeindevertteterwahlen Pankow ist verloren gegangen. Gezeichnet sind darauf 5,40... Dieselbe ist abzugeben bei Genossen Janicke. Pankow, Maximilian» straße 5 im Zigarrengeschäft. Rummelsburg. Der sozialdemokratische Wahlverein hielt am Dienstag, den 30. Januar bei Weigel seine Generalversammkung ab. in welcher Genosse E b e r t einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über die Steuerpolitik des Reiche» hielt. In 1'/, ständiger Rede kritisierte der Referent die neuen Steuervorlagen der Reichsregierung. Aus jeder einzelnen Position geht der Klassencharakter unzweideutig her- vor. Der Vorsitzende Genosse John berichtete, daß im letzten Ouartal 1905 der Wahlverein gute Fortschritte gemacht habe. Die Mitgliederzahl habe bereits die Zahl 700 überichritlen. Auch der unserem Agitationsbezirk zugewiesene Ort Rüdersdorf zeige eine gut« Entwickelung. Die Protestversainn, lungen waren alle mehr als über- füllt. Die in letzter Generalversammlung angeregte und im Dezember aufgenommene.Vorivärts"-SwtistÜ ergab folgendes Bild. ?m Verbreitungsgebiet(Rummelsburg inkl. Boxhagen) waren von 124 ,.VurwärtS"-Abonnenten 558 Wahlvereinsmitglieder, etwa 130 Mitglieder waren Nichtabonnenten des„Vorwärts". Der Onartals- bericht des Kassierers Geiiosten Bitterhufs ergab eine Einnahme von 1142,12 M.. ciire Ausgabe von 372,95 M., so daß ein Bestand von 769,17 M. verbleibt. Genosse Hermann Baumgarteu empfiehlt den Genossen als Protest gegen die beabficktigte Ver- pfaffung der deutschen Volksschule den Austritt aus der Landeskirche. Zum Schluß gibt Geuoste John bekannt, daß am 12. Februar bei Weigel eine Versammlung stattfindet mit der Tagesordnung: „Berichterstattung der Gemcindcvertreter und Aufstellung der Kandidaten zur Gemeindeivahl". Köpenick. Jung in den Tod. Der Selbstmord eines jungen Mädchen? rief gestern nachmittag an der Landungsbrücke bei Köpenick Aufsehen hervor. Arbeiter, welche dort beschäftigt waren, beobachteten am Ufer der Lberspree, wie eine Unbekannte sick ihres Hutes und Jacketts entledigte und dann mit einem Aufschrei in die Fluten sprang. Sofort machten sich die Leute an die Rettung der Lebens- müden, doch vergeblich. Sie konnten die Unglückliche nur noch als Leiche aus dem Wasser herausziehen. In der jugendlichen Selbst- Mörderin wurde später die 16jährigt Fabrikarbeiterin Frida E. rekognosziert. Ein unglückliches Liebesverhältnis ist angeblich das Motiv zu der unseligen Tat. Rowawes- Nenendorf. Eine öffentliche Kommunalwöhlerversammlung tagte am Dicus- tag im Jungerschcn Lokale in Neuendorf. An Stelle des durch Krank- heit verhinderten Genossen Obst-Schoneberg referierte Genosse Hofs- mann-Nowawes über„Gemeinbepolitik". Redner legte in seinen Aus- führungcn die Forderungen dar, die die Sozialdemokratie au die Gemeindeverwaltungen zu stellen habe. Von diesen Forderungen sei bis jetzt in Neucndorf noch gar irichls verwirklicht; es l verde im Gegenteil dort die einseitigste Interessen- und Cliquenpolitik ge« trieben. Deshalb müsse die organisierte Arbeiterschaft bei der bevorstehenden Wahl dafür sorgen, daß die freiwerdende» Plätze der dritten Abteilung der Neuendorfer Gemeindevertretung von den Vertretern der Sozialdemokratie eingenommen werden. An der längeren Diskussion, lvelche dem mit Beifall aufgenommene» Bor- trage folgt«, beteiligte sich auch der Gemeindevertreter Oelman». Derselbe gehört den, Hirsch-Duiickerschen Geloerlverein an uiU> ist bei der letzten Wahl als Paradearbeiter mit in die Vertretung von den bürgerlichen Parteien gelvahlt lvorden. Derselbe führte aus, daß er den von, Referenten aufgestellten Forderungen vollständig beistimme.— er habe auch verschiedentlich in der Gemcindever- lretung diesbezügliche Anregungen gemacht, sei aber stets in der Minderheit geblieben; andererseits lassen sich aber auch verschiedene Wünsche, z. B. in bezug auf Sck>ulbautcu, nicht gleich verwirklichen. Von den Genosse» Gruhl und Hoffmann, deren Ausführungen sich gegenseitig ergänzte», wurde u. a. betont, daß Herr Oelmann stets einflußlos in der Gemeindevertretung bleiben lverdc, da er keine Partei hinter sich habe, auf die er sich stützen könne; denn die Kreise, denen er sein Mandat verdanke, seien die rückständigsten in Neuen- dorf. Diese hätten ihn nicht gewählt, daß er in der Vertretung fori- schrittliche Forderungen stellen oder Opposition gegen reaktionäre Anträge machen soll«, sondern er sei vor zwei Jahren deshalb als Kandidat aufgestellt worden,, um mit Hülfe der.Gewerkvereinler den Sieg der Sozialdemokraten zu verhindern. Würde er, dessen Mandat jetzt abläuft, wieder von den bürgerlichen Parteien als Kandidat proklamiert, so geschähe dies nur zu dem Zlvcck, gegen die Jntercsscn seiner Klassengenosseu Front zu machen. Die organisierte Arbeiter- sthaft könne nur solchen Männern ihr Vertrauen schenken, die auf ein bestimmtes Programm gewählt sind und unter Kontrolle und in Fühlung mit den Arbeitern stehen, und das seien nur die Kandidaten der Sozialdemokratie.— Nachdem noch der Vorsitzende Gomoll zu intensiver Agitation für die im März stattfindenden Wahlen aufge« fordert hatte, wurde die interessante Versammlung geschlossen. Weihensee. Die Zahlstelle Weihensee des Deutschen HolzarbeiterverbandeS hielt am 25. Januar ihre Generalversammlnng ab. Kollege Schlemmingcr als Kassierer gab den Kassenbericht vom 4. Quartal 1905. Die Verbandskasse hatte eine Eiinmhmc bon 4178,68 M., dieser staad eine Ausgabe von 3443,82 M gegenüber, es verbleibt ein Bestand von 734,86 Mk. Die Lokalkasse hatte mit dem Bestand vom vorigen Ouartal eine Einnahme von 18 994,47 M. und eine Ausgabe von 2353,71 M., bleibt ein Bestand von 16 640,76 M. Mitglieder sind 852 vorhanden, darunter 15 tveibliche. An Arbeits- losen-Untcrstützung wurden aus lokale» Mitteln 936,10 M. ge- zahlt, an Krankengeldzuschutz 607,60 M. Bezüglich hergegebener Darlehne wurde der Autrag angenommen, daß diejenigen Kollegen, welche bis 1. April 1906 ihr Darlehn nicht zurückgezahlt haben, in der Versammlung um Stundung nachsuchen müssen. Auf Antrag der Revisoren wurde dem Kassierer Tccharge erteilt. Tann be- schäftigte sich die Versammlung mit einem Antrag der Verwaltung: die Wahl eines Arbeitsvermittlers abgelehnt wurde, so wurde die Verwaltung ersucht, eine Generalversammlung einzuberufen und diese Fragen auf die Tagesordnung zu setzen. In dieser Versamm- lung legte Kollege Schlemminger den Mitgliedern die Notivendigkeit dieser Anstellungen dar. Die VerivaltungSkostcn belaufen sich aus ein Mitglied pro Jahr 1.36 M. Wenn sich nun auch die Ausgaben noch vermehren, so haben wir auch Aussicht, eine bessere Agitation für die Organisation zu entfalten. Der Antrag der'Verwaltung wurde hieraus einstimmig angenommen. Die Anstellung erfolgt am 1. April 1906. Zur Gaukonferenz, welche am 26. Februar 1906 in Frankfurt a. Oder stattfindet, wurde beschlossen, de» Gauvorstand zu beauftragen, folgende Punkte auf die Tagesordnung zu setzen: 1. Die Heimarbeit in der Bau- und Weitzmöbeltischlerei. 2. Die Lehrlingssrage bei den Möbelpolierern.— Angenommen wurde ferner ein Antrag, die Kassenberichte in der Versammlung schriftlich vorzulegen. In der vorhergehenden Versammlung wurden nach dem Bericht des bisherigen Bevollmächtigten Kittler folgende Kollegen in die Ortsverwaltung gewählt: Erster Bevollmächtigter Curt Fuhrmann, zweiter Bevollmächtigter Wehrle, Möbelpolicrer, Kassierer Franz Schlemminger. Schriftführer Richard Tacschncr. Als Revisoren wurden die Kollegen Albert Kirschner, Kittler und Möbelpolierer Barleben gewählt. Als Bibliothekar fungiert Kollege Wegner, Rlöbelpolierer. Beschlossen wurde, die Hlfökassierer, welch: bisher die Verwaltung bestimmte, aus der Versammlung zu wählen, die- selben sollen in der Verwaltung Sitz und Stimme haben, ebenso der Bibliothekar. Als Hülfökassierer wurden folgende Kollegen gewählt: Gerhardt, Brodtkorb, Meinike und Schnell. Die Kontrollkommission besteht aus den Kollegen Nawodni, Zaune, Krüger. Gicrtz. Schnell und Alb. Kirchner. Letztere drei sind Obleute. Tie Obleute der einzelnen Branchen sind: Für Bautischler Albert Kirchner, für Weiß- Möbeltischler Auerbach, für Drechsler Uhlig und für Möbelpolierer Poluschek. Fangschleuse. Am Sonntag, den 28. Januar, nachmittags 3 Uhr, wurde hier eine BollSversanimlung abgehalten, die außerordentlich gut besucht war; gegen 2(X) Personen waren erschienen. Genosse Lang- Hammer- Berlin hielt einen Vortrag über„Die politische Lage in Deutschland". Besonders stark betonte der Referent, daß die innerpolitischen Verhältnisse recht kritische seien? den besten Beweis hierfür habe uns der 21. Januar geliefert. Die Nervosität der Re- gierung, solvie die Kampfesstimmung der herrschenden Gesellschaft gegen das Proletariat seien recht offen zutage getreten. Weiter wies Redner auf die ani I.März in Kraft tretenden Handelsverträge hin, die das Wirtschaftsleben recht ungünstig beeinflussen. Ans der einen Seite geringe Arbeitsgelegenheit, auf der anderen Seite Verteuerung der Lebensmittel. Große gewerkschaftliche und politische Kämpfe werden unausbleiblich sein. Ehrensache jedes Arbeiters sei es, der politischen und gewerkschaftlichen Organisation anzugehören. Reicher Beifall lohnte dem Redner. An der Diskussion beteiligten sich die Genossen Richter und Reiniann. In den Wahlverein ließen sich nach Schluß der Versammlung 11 Genossen aufnehmen. Reiuickendorf-Ost. Ein Einbruch wurde gestern in dem Markstr. 1—2 belegenen Goldwarengeschäft von Körner verübt. Mit einem Hammer zer- trüminerten die Einbrecher das Schaufenster und räumten es voll- ständig aus. Als der Inhaber, der in einem hinter dem Laden befindlichen Iiinmer schläft, den Schaden gewahr wurde, waren die Spitzbuben über alle Berge. Schmargendorf. Gestern gegen 12 Uhr mittags wurde das dem Buchdruckerei- besitzer Oskar Stenschke gehörige Fahrrad in der Teplitzerstr. 32 aus dem Jnuenraume der dort umzäunten Villa gestohlen. Herr St. hatte dort einige geschäftliche Besorgungen zu erledigen, lehnte das Rad vor dein Eingänge der Villa an und nach kaum zwei Minuten lvar dasselbe schon verschlounden. Von dem Dieb lvar nichts zu sehen, jedenfalls hat er die Richtung nach Berlin eingeschlagen. Iii vergangener Nacht wurde der Schokoladen-Automat vor dem Kaiserkaffeegeschäft in der Breitestraße erbrochen und des Inhalts beraubt. Leere Hülsen lagen noch zerstreut vor dem Geschäftslokal umher, es dürfte also der Inhalt an Ort und Stelle von den Ein- blechern verzehrt worden sein. ßevUncr JVacbncbtcn* Eine ncitc Straßenbahnlinie ist voni der Großen Berliner Straßenbahn eröffnet worden. Sie trägt die Nummer 98, die höchste Zahl in der Reihe der Linien der Großen Berliner Straßenbahn. Wir hatten die Verlängerung der Linie 93, Görlitzer Bahnhos— Amtsgericht Charlottenburg, bis Witzleben an der Ringbahn ange- kündigt. Tie Ausdehnung der Linie ist jetzt geschehen. Gleichzeitig hat man eine neue Linie 98, Görlitzer Bahnhof— Amtsgericht Charlottenburg, eingerichtet, die sich auf den Weg der bisherigen Linie 93 beschränkt. Beide Linien ergänzen sich zwischen dem Görlitzer Bahn- Hof und dem Amtsgericht Charlottenburg zu einer Wagenfolge von 7',2 Minuten. Linie 93 braucht für die Zurücklegung der Strecke Görlitzer Bahnhof— Witzleben mit HVs Kilometern insgesamt 50 Minuten. Linie 98 beansprucht zur Zurücklegung der Strecke Görlitzer Bahnhof— Amtsgericht Charlottenburg 55 Minuten. Die Entfernung beträgt bei Linie 93 etivas über 10 Kilometer. Der Selbstmord des Soldatcnpeinigers. Mit seinem Dienst- gewehr hat sich gestern nachmittag der 28 Jahre alte Unteroffizier Franke von der 11. Kompagnie des 3. Garderegiments zu Fuß er- schössen. Franke diente im achten Jahre und war jetzt zur Aus- bildung der Rekruten kommandiert. Ein Rekrut zeigte ihn nun an, daß er ihn vorgestern geschlagen habe. Darauf ließ ihn gestern mittag der Kompagniechef, der Schloßwache gehabt hatte, zu sich lomnten und sagte ihm nach dem Verhör, daß er die Untersuchung gegen ihn einleiten werde. Franke ging auf seine Stube, schrieb einen Brief an das Regiment und einen zweiten an seine An- gehörigen und schoß sich darauf mit seinem Dienstgewehr eine Kugel von unten her durch den Kopf. Als die Leute, die den Knall hörten, hinzueilteii, lag er in einer großen Blutlache tot auf dem Fußboden. Der Kopf war ihm in Stücke gerissen. Die Briefe lagen auf dem Tische und wurden vom Regiment beschlagnahmt. Die Leiche wurde nach dem Garnisonlazarett II in Tempelhof gebracht. Aus der vierten Etage herabgestürzt hat sich gestern morgen gegen 0 Uhr die 61 Jahre alte Witive Marie E. aus der Köpenicker- straße 101. Frau E. war seit drei Jahren Witwe und hatte stets große Sehnsucht nach ihrem verstorbenen Manne. Das hat sie auch veranlaßt, dem Verstorbenen in den Tod nachzufolgen. Haus- bewvhnern gegenüber äußerte die alte Dame, sie werde nicht mehr lange leben. Gestern morgen in der sechsten Stunde wurden die Hausbewohner durch einen markerschütternden Aufschrei plötzlich aus dem Schlafe geweckt, und kurz darauf vernahm man das Aufschlagen eines Körpers auf den asphaltierten Hof. Frau E. hatte sich aus dem Fenster herausgestürzt. Ein Schutzmann brachte die Verun- glückte nach der Sanitätsivache in der Annenstraße, wo sie bald an den Folgen der erlittenen Verletzungen starb. Zwei Frauen überfahren. In der Friedrichstraße hat sich gestern abend ein bedauerlicher Verkehrsunfall zugetragen. An' der Kreuzung der Französischenstraße waren die Kaufmannsfrauen H. aus der Jüdenstrahe und M. aus der Jägerstratze beim Ueberschreiten des Fahrdammes begriffen, als plötzlich ein Arbeitswagen des Kauf- Hauses Wertheim in ziemlich schnellem Tentpo vorübergefahren kam. Tie beiden Frauen wurden von den Pferden niedergerissen und überfahren. Frau H. erlitt dabei eine Verrenkung der rechten Schulter, sowie eine schwere Verletzung am Unterschenkel, während Frau M. eine Kontusion des Rückens davontrug. Die beiden Ver- unglückten wurden nach der Rettungswache in der Mauerstratze ge- bracht, wo sie die ersten Notverbände erhielten. Die Schuld an dem Unglücksfall soll angeblich den Wagenführer treffen. Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit veranlaßten den Arbeiter (5. Bandencr, seinem Leben ein Ende zu machen. B. begab sich nach dem Wald bei Plötzensee, legte sich ins Gebüsch und trank eine Flasche Lysol aus. Gestern morgen wurde der Lebensmüde im bc- wußtloseu Zustande aufgefunden und in einein Krankenwagen nach der Charite gebracht. Durch eleltrische» Strom»erlebt, wurde gestern nachmittag der Rcstaurateur Frang Schulz, Frankfurter Chaussee 33 wohnhaft, welcher mit einem Straßenbahnwagen der Linie 69 nach Berlin gefahren ioeir. Sch. wallte den Waggon an der Ecke der Frankfurter Allee und Königsbergerstraße verlassen und betrat das Trittbrett der Hinterplattform des Motorwagens, als dieser an der Haltestelle an- fuhr. Auf den Straßenbahnschienen lag aber eine ziemlich starke. Saudschicht, und als die Räder des Waggons diese Stelle berührten, wurde der Rücklauf des verbrauchten Stroms unterbrochen. Ter Wageil„elektrisierte" und der Gastwirt erhielt einen derartigen elektrischen Schlag, daß er auf das Straßenpflaster stürzte. Sch. wurde nach der Unfallstation in der Warschauerstraße gebracht, wo- selbst der ankvesende Arzt eine Lähniung der rechten Körperseite des-- selben feststellte, jedoch sonstige Verletzungen nicht zu entdecken ver- mochte. Ter Gastwirt wurde dann mittelst Droschke nach seiner Wohnung übergeführt. Aus alle» Blüten Honig zu saugen, verstehen die Haus- und Grundbesitzer. Jetzt hat es ihnen der Reitweg des Kaisers angetmi. Es wird berichtet: „Der Reitweg des Kaisers bildete den Gegenstand einer lebhaften Debatte in der gestrigen Generalversammlung des Charlottenburger Haus- und Grundbesitzervereins von 1895. Wie bei Besprechung der Frage der Umgestaltung der Kaiser Friedrich- siraße initgeteilt wurde, hat der Kaiser den Wunsch nach einem direkten Reitweg von der neuen Heer- und Prachtstraße, also der Bismarckstraße. nach dem Schlosse geäußert. Die Stadt hat Nim gc- plant, diesen Reitweg in der Kaiser Friedrichstraße zwischen Bismarck� straße und Berlincrstrahe anzulegen. In der Diskussion wurde betont, daß die Kaiser Friedrichstraße bei Anlegung eines Reitweges viel zu schmal für die Durchlegung resp. Durchführung der so not- wendigen direkten Straßeichahnverbindung zwischen dem Bahnhof Charlottenburg einerseits und der Berlinerstratze andererseits tverde. Die Stadt habe sich nun an den Polizeipräsidenten von Berlin ge- wandt, um den vor Jahr und Tag bereits mit der Großen Berliner Straßenbahn geschlossenen Vertrag bezüglich der Durchführung dieser Linie zu inhibieren. Der Berliner Polizeipräsident sei darauf eingegangen mit der Motivierung, daß kein Verkehrsbedürfiiis vor- läge. Sobald der Umbau des Bahnhofes Jungfernheide in einen Fernbahnhof vollendet sei, müfie diese direkte Linie zwischen dem Bahnhof Charlottenburg und dem Bahnhof Jungfernheide doch mit zwingender Notwendigkeit nicht nur im Interesse der Hausbesitzer, sondern im allgemeinen öffentlichen Interesse hergestellt werden. Wenn man dem Plane, eine Prachtstraße mit Reitweg aus der Kaiser Friedrichstraße machen zu wollen, nicht fallen lassen wolle, dann solle man die unheimlich breiten Bürgersteige dieser Straße um mindestens 8 Meter verkleinern, damit Platz für die Straßen- bahnanlage» bliebe. Die Versammlung beschloß einstimmig, eine Petition in diesem Sinne dem Magistrat und der Stadtverordneten- Versammlung zugehen zu lassen." In der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung haben diese Herren ja ihre Vertreter, schon kraft des famosen Hausbesitzer- Privilegs, und diese werden schon alles tun, um ihren Auftraggebern gerecht zu werden. Man muß es den Herren aber lassen, ihre per- sönlichen Interessen zu wahren, das verstehen sie; aber auch nichts weiter I In der Frühstückspause verunglückt. Gestern vormittag wollte sich der 15jährige Arbeiter Hermann Becker aus der Wiclef- straße 30 zum Frühstück auf seiner Arbeitsstätte, einem Neubau in der Huttenstratze, seinen von Hause mitgebrachten Kaffee auf einem Spiritusapparat anwärmen; dabei geriet er mit einem Arbeits- kollcgen in Streit, bei dem der Spirituskocher mit dem kochenden Kaffee umgestoßen wurde und der brennende Spiritus sich über die Streitenden ergoß. Während sein Kollege mit geringfügigen Brand- wunden davonkam, mußte Becker, dem das ganze Gesickst und ein Teil der Brust von dem heißen Kaffee verbrüht war, die benachbarte Unfallstakion aufsuchen. Nachdem er hier den ersten Verband er- halten hatte, wurde er auf seinen Wunsch nach der elterlichen Wohnung geschafft._ Genebts-Zeitung HülfSzahlstelle ein Verein? Wegen Uebertretung des Vereins- gesetzes hatten der Bauarbeiter Fricke in Moritzberg und der Bau- arbeiter Magerkurth in Hildesheim polizeiliche Strafverfügungen erhalten. Hiergegen riefen sie richterliche Entscheidung an. Das Landgericht Hildesheim als Berufungsinstanz nahm an, daß die etwas sehr unklare Strafverfiigung zwei Straftaten meine: eine Uebertretung des 8 1 des Vereinsgesetzes, weil die in Moritzberg am 20. Mai 1905 abgehaltene Versammlung, wo eine Hülfszahlstelle des Verbandes der bcmgcwerblichen Arbeiter gegründet wurde, eine Einwirkung auf öffentnche Angelegenheiten bezweckt habe und des- halb der polizeilichen Anmeldung bedurft hätte, zweitens: eine Ueber- tretimg des§ 2 des Vereinsgesetzes, weil die Hülfszahlstelle ein selbständiger Verein sei, der eine Einwirkung auf öffentliche An- gelegenheiten bezwecke und dessen Statut und Mitgliederverzeichnis binnen drei Tagen nach der Gründung hätte» eingereicht werden müssen.— Das Landgericht hielt beide Beschuldigungen für unbegründet und sprach die Angeklagten frei. Er führte aus:§ 2 des Vereinsgesetzes könne nicht angewendet ivcrden, weil die Hülfszahlstelle in Moritzberg kein selbst ständiger Verein sei. Es könne dies auch nicht daraus gefolgert werden, daß von Zeit zu Zeit Versammlungen der Verbandsmitglieder des Moritzberger Bezirks stattfinden sollten, um Verbandsangelegenheiten, namentlich nur die vom Zweigverein Hildesheim beratenen Gegenstände zu besprechen. Bei einem Verein, der sich auf ein großes Gebiet erstrecke, sei es ganz natürlich, daß nahe bei einander wohnende Mitglieder sich zur Förderung der Vereinszwecke gruppenweise zusammen schlössen und insbesondere unter Leitung eines Vorsitzenden Sonder Versammlungen abhielten. Sie könnten das als Mitglieder des weiteren Verbandes, ohne daß es dazu der Bildung besonderer Unter- vereine bedürfe. Es sei unerheblich, daß Fricke als Vertrauensmann des Bezirks sie leite. Das Landgericht verneiiite auch das Vorliegen irgendwelcher anderen Merkmale für ein selbständiges Vereinsleben und erachtete die Behauptung für wahr, daß die in Moritzberg und Umgegend wohnenden Verbandsmitglieder nach wie vor dem Hildesheimer Zweigvereins-Vorstande unterständen.— Auch§ 1 des Vereinsgesetzes scheide aus. Die Ber- sammlungen des Verbandes, der allerdings eine Einwirkung ans öffentliche Angelegenheiten bezwecke, brauchten nur an- gemeldet worden, soweit in ihnen öffentliche Angelegenheiten er- örtert werden sollen. Die zwecks Gründung der Hülfszahlstelle ein- berufene Versammlung haben solche Angelegenheiten nach den Fest- stellungen des Gerichts nicht erörtern sollen. Die Gründung der Hülfszahlstelle sei an sich keine öffentliche Angelegenheit. Die Staatsanwaltschaft legte Revision beim Kammer- gericht ein. Die Angeklagten wurden in der Berhandlung durch Rechtsanwalt Dr. H e i n e m a n n vertreten.— Das Kammergericht verwarf die staatsanwaltliche Revision. Es ist bezeichnend für unseren Polizeistaat, daß derlei völlig hinfällige Verfolgungen gegen Arbeiterorganisationen sich hänfen, ohne daß der Fiskus gegen hie polizeilichen und Staatsanwaltsbeamten die Kosten einklagt, die hierdurch verursacht werden. Die Heilsarmee eine im Staate bestehende Religionsgesellschaft? Neulich berichteten wir, daß das Kammergericht die Heilsarmee als Gewerbetreibende anerkannt hat. Heute geht uns die auffallende Mitteilung zu, daß am Montag die Düsseldorfer Strafkammer den Arbeiter Heinrich Engelhardt wegen Störung einer Versammlung der Heilsarmee zu einer Gefängnisstrafe von zwei Tagen verurteilt hat, weil die Heilsarmee eine Religionsgemeinschaft sei und ihre Versammlungen als Gottesdienst im Sinne des§ 167 des Str.-G.-B. aiizuseheu seien. Die Auffassung des Düsseldorfer Gerichts ist eine unhaltbare. Die Störung einer Versammlung der Heilsarmee kann wie die Störung irgendeiner anderen Versammlung sich als Hausfriedensbruch charakterisieren. Eine Religionsgesellschaft ist die Heilsarmee so wenig wie irgend eine Sanges- oder Turner- gesellschaft. Von besonderer Betätigung der Liebe zeugt überdies die strafrechtliche Verfolgung eines Störenfrieds keineswegs. Schuylosigkeit der Rechtsanwälte. Ueber einen eigentümlichen Fall der Belegung eines Rechtsanwalts mit einer Ordnungsstrafe berichtet die„Franks. Ztg." aus einer Gerichtsverhandlung, die am Montag sich in Mannheim abspielte, folgendes: „Der Schlosser Anton Wahl aus dem Borort Neckarau war am 27. Dezember v. I. bei einem Disput mit dem Feldhüter Berlinghofs übermäßig laut und wurde deshalb von Schutzleuten zurechtgewiesen. Er erhielt dabei von einem Schutzmann einen Stoß, antwortete darauf mit einem Hieb mit einem harten Gegen- stand und warf mit Steinen nach� den Polizisten, die alsdann blank zogen und Wahl nach heftiger Gegenwehr abführten. Wahls Verteidiger, Rechtsanwalt Mürb, gab den Schutzleuten die Schuld an dem ganzen Auftritt. Wenn sie sich etwas geschickter ver- halten hätten, wäre Wahl nicht ausgeartet. Der zuerst Angegriffene sei nun wegen Ruhestörung, Körperverletzung,, Widerstands, Be- leidigung, Bedrohung und Nötigung angeklagt, eS fehle nur noch, daß man den Angeklagten auch noch wegen Versuch des Totschlags und der Brand- stiftllng, weil er mit der brennenden Zigarre umhergefuchtelt habe, unter Anklage ge- st e l l t'habe. Wegen dieser Ausführnng wurde der Anwalt zur Ordnung gerufen und später mit einer OrdnungS- ft r a f e von 20 Mark belegt. Der Angeklagte wurde zu einer Gefängnis st rase von drei Monaten und drei Tagen verurteilt, von der Anklage der Körperverletzung aber freigesprochen, weil er in Notwehr gehandelt habe." Hat der Rechtsanwalt durch die geschilderte Art seiner Verteidigung die Ordnung verletzt— welcher Staatsanwalt, der gegen einen schuldlosen Angeklagten Anklage erhebt, welches Gericht, das einen Angeklagten verurteilt, dessen Urteil aber dann aufgehoben wird, verletzt nicht die Ordnung? Billigt man Staats- anw alten und Gerichten oft weit über das im öffentlichen Interesse liegende Maß hinaus den Schutz der Wahrnehmung ihrer Berufsinteressen zu. so zeigt diese schwerlich m der Beschwerdeinstanz aufrechterhaltene Auferlegung einer Ordnungsstrafe, welch' starke Strömung nach Beeinträchtigung der Rechte des Angeklagten und seines Verteidigers zurzeit herrscht. Ein Rechtsprechungsorgan, wegen, das ein offenes Wort des Angeklagten oder seines Verteidigers nicht vertragen kann, ohne nach dem Ordnungsbakel zu greifen, ist unfähig, seine Aufgabe zu erfüllen. Vermischtes. Ein bentschcr Dampfer gestrandet. Der deutsche Dampfer „Mariechen" ist nach Meldungen aus San Francisco gestrandet, als er in einem schweren Sturm versuchte, �den Hafen von Juneau jAlaska) zu erreichen. Das gestrandete Schiff wurde wieder flott gemacht, es hatte aber so schwere Beschädigungen erlitten, daß es in der Chathamstraße auf den Strand gesetzt werden mutzte, um sein Sinken zu verhüten. Der Rumpf steht voll Wasser, und es ist keine Hoffnung vorhanden, das Schiff zu bergen. Rettung aus Seenot. Der im westindischen Dienste der Hamburg- Amerika-Linie beschäftigte Post- und Passagierdampfer„St. Domingo" der dänischen Ostasiatischen Kompagnie sichtete auf der Heimreise, zirka 160 Seemeilen vor dem englischen Kanal am 15. Januar bald nach Mittag einen Notsignale zeigenden Dampfer. Es war der zirka 4000 Tonnen große englische Dampfer„Petunia" aus Westhartlepol, der auf der Reise von Sapelo(Vereinigte Staaten) nach Bordeaux mit voller Ladung Pitchpine im Sturm die Schraube verloren hatte und bereits zwölf Tage hülfloS umhergctrieben war. Seine Signale baten uni Bugsierung nach dem nächsten Hafen und um Uehersendnng von Proviant. An Bord der„St. Domingo,, begann man sogleich mit den nötigen Borbereitungen für das Rettungs- werk. Trotz der stürmischen See, in der beide Schiffe furchtbar schlingerten, und ihre Decks häufig von Sturzseen überflutet wurden, gelang es am nächsten Morgen, vernnttels eines Bootes den Provianttransport zu bewerkstelligen und eine Schleppverbindung zwischen beiden Fahrzeugen herzustellen. Die hierzu verwendete Hanf- tröffe brach jedoch beim ersten Schleppversuch und mußte in aber- maliger gefahrvoller Arbeit durch eine Stahltrosse ersetzt werden. Gegen 1 Uhr setzten sich beide Schiffe in Fahrt. Abends gegen 8 Uhr brach auch die Stahltrosse. Wieder mußte die Besatzung der „St. Domingo" die Nacht durcharbeiten, um die geborstene Stahltrosse einzuhieven und eine noch stärkere gebrauchsfertig zu machen. Zum drittenmal wurde am nächsten Morgen bei hochgehender See ver- mittelst des Bootes die Schleppverbindung zwischen beiden Schiffen hergestellt. Um die Mittagszeit des 17. Januar konnte man mit der Bergungsarbeit fortfahren und sie dann im Laufe der vier folgenden Tage glücklich zu Ende führen. Am 21. Januar er- reichten beide' Schiffe den Hafen von Falmouth. Das gerettete Schiff war seit einem halben Monat überfällig gewesen und die in Falmouth vorliegenden Schiffsberichte hatten es bereits als verloren angesehen. Mcldorf, 1.' Februar. Gegen 120 Stück Pferde und Rinder sind bei einem Brande in den Flammen umgekommen, der heute Nacht auf der Kanzlei, einem nur wenige Höfe zählenden Dörfchen, die Anwesen der Herren von Trathen und Otto Junge in Asche legte. Eine Zeitung von einem Stahlmagnaten aufgekauft. Die ge- lesenste Pittsburger Nachmittagszeitung, der„Leader", hatte kürzlich eine Karrikatur gebracht, welche das starke Mißvergnügen des Stahl- Magnaten Henry C. Frick erregte. Jetzt ist der Besitz deS Blattes, für angeblich 1250000 Dollar, in andere Hände übergegangen, und wird Frick als der Käufer genannt, während der neue lll'edakteur der bisher von dem„Leader" stark angegriffene Senator Flinn ist. Der Vorgang, um den es sich hier handelt, ist nicht etwa etwas spezifisch Amerikanisches. Wir haben auch in Deutschland bestimmte Blätter, die einigen Interessenten der Industrie gehören und nur deren Interesse wahrnehmen müssen. Verein ehemaliger Gütergoüer. Verein ehemaliger Kurgäste de, Heilanstalten für Lungenkranke zu GörberSdorf i. Schi(Vereine zur Bc. kampsung der Tuberkulose). Sonntag, den». Februar 1906, nachmittags 5 Uhr. im Königstadt-Kafino, Holzmarktstr. 72(Eingang Jannowitzbrückc): gemeinschastliche Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Dr. Dautz-Berlin über„Verswpsungcn". 2. Was würde der Zusammen- schlich unserer Vereine zu einem Bunde bezwecken? I. Diskussion. 4. Aus» nähme neuer Mitglieder. Nach der Versammlung: Gemütliches Bei» sammensein. Da es sich außer dem Vortrag deS Herrn Dr. Dautz, seinerzeit stell- vertretender Chesarzt an der Heimstätte zu Güteraotz auch darum handelt. daß sich uüserc sämtlichen Vereine zu einem Bunde zusammenschließen, wäre es erwünscht, daß die Mitglieder obiger Vereine vollzählig erscheine». Desgleichen sind die Mitglieder der Vereine ehemaliger Beelitzer, Belzigcr, Grabowseer usw. sremidlich eingeladen. Die Vorstände. Zlrbeiter-Taiiiariter-Kolonne. Heute im Saale des Gcnosscnschasls- Hauses Stargarderstr. 3 Herr Dr. Wunsch:„Ueber Ertrinken— Ersticken— verschiedene Formen der Bewußtlosigkeit". Nach dem Vortrage Wieder- b clebungsversuche. Vorsührung des Saucrstofiatnnmgsapparatcs. Neue Mitglieder können jederzeit eintreten. Gäste haben einmaligen sreicn Zutritt. Verein der Buchdrucker und Schrtftgiesier für Rixdorf-Brin. Sonntag, den 4. Februar, nachmittags 2 Uhr, im Restaurant Vollmer, Hermannstr. 211: Versammlung. Berliner Marktpreise. Aus dem amtlichen Bericht der städtischen Markthallen-Direktion. Rindfleisch la 62—65 pr. 100 Pfund, IIa 51—60, Illa 48-52, IVa 38-46. Kalbfleisch la 80—88, IIa 63-78, lila 53-63, Hammelfleisch la 65—75, IIa 59—65. Schweinefleisch 66—76. Rotwild Pfund 0,35—0,48, Damwild 0,45—0,60. Haje» Stück 3,75—3,80. Kaninchen Stück 0,95—1,15. Hühner pro Stück, alte 1,50—3,00, junge 1,20—1,60, do. IIa 0,00—0,00. Tauben, junge 0,50—0,70, alte 0,45—0,50. Enten junge 1,80—3,50. Gänse pr. Pfd. la 0,00—0,00, IIa 0,00—0,00, russische 0,40—0,60 M. Schellfische 16—25 M.. Flunder 18—23 M. pro 100 Pid. Hechte 100—111 M. Schleie, groß 113 M. Aale, groß 00—00, mittel 00—00, Plötzen 0,00 M., Karpfen 0,00, Rheinlachs 675, Seelachs 20— 25 pr. 50Äo. Schottische Vollheringe(gesalzen) 40—44 M. Eier, Schock 4,00. Butter pro 100 Pfund la 116—118, IIa 112—116, lila 108-112, abfallende 00—00. Kartosteln pr. 100 Pfd. rote 2,00—2,20, Rosen 0,00-0,00, blaue 0,00—0,00, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl pr. Schock 7,00—12,00,-Weißkohl pr. 100 Pfd. 2,75—3,25, Rotkohl pr. Schock 6.00—10,00, Holl. 15—13 M. Saure Gurken, Schock 2,00 M., Pjcfsergurkcn 2,00 M. «vltterungSüberstcht von, t. Februar Ii»»«, uiorgeno 8»Hr. Stationen Swinemde. Eamburg erlt» ranksa.M. lüiichen! 775 Still Wie»!773N .1 3 S•? Weiter 766SW 767 SW 769 WSW 773 SW 3ivoltenl 4 Regen 2 heiter 1 halb bd. sheiter 2 halb bd. am = 5. II Mfo 0 1 0 — 1 —4 — 1 Stationen Hapara»dw752�O Petersburg. 757 W Scilly Aberdccn Paris 773 W 762 SW 773 S; Welter Ö3? c% » D £<4 H fa 2 bedeckt-23 1 wolkeul—14 4 Dunst 2 wollig 2 bedeckt Wetter-Prognose für Freitag, den 2. Februar 1906. Etivas wärmer, ziemlich trübe mit leichten Regensällen und lebhaften südwestlichen Winden. Bsasserstand am 31. Januar. Elbe be! Aiisstg-j- 0,50 Meter, bei Dresden— 0,95 Meter, bei Magdeburg-f 1,68 Meter.— U n st r u t bei Straußsiirt-f 1,55 Meter.— Oder bei Ratibor+ 1,21 Meter, bei Breslau Obcrpegcl+ 5,04 Meter, bei Breslau Unterpegel— 1,02 Meter, bei Frankfurt-j. 1,48 Meter.— Weichsel bei Braheinünde -i- 3,42 Meter.— Warthe bei Posen 4- 1,30 Meter. 'Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.