Nr. 31. Rbenncmtnts-Btdlnsnns«: Uoimtmmti■ Preis tcänumttonio; «ierleljährl. 3,30 2Sf, monoß. ttO SS f., wöchentlich 28 Pfg, frei ins Haus, Einzelne Nummer 8 Pfg. E-mntagS. nuinmer mit illustrierter Eonntagt- Beilage.Die Neue Seil' lO Psg, Post» Sdoimement: l.tO Ptarl pro Monat. Eingetragen in die Post.ZeitungS« Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich» Ungarn 2 Marl, für d»S übrige UuSlan» 8 Marl pro Monat, S3. Jahrg. VI« InKrtions.GtbOlfr betrögt(fit die sechSgesdallene Kolonel- zeile oder deren Rauni 40 Psg„ für politische und gewerkschastliche Vereins- und VersammInngS-flnzeigen 2S Psg „Nleine Hnttigtn", das erste(fett- g-drullte)«ort 10 Pfg., jed-S weilere «orl 8 Psg, Sorte über>8 Buchstaben zöhlen sür zwei«orte, Inserate sü> die nächste Siuminer müssen bi« 8 Uhr nachmittags in derExpedition-bg-gebe» werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bi» 1 Uhr abend», an Sonn- und Festlagen bi» S Uhr vornitttag« geössnct. CrIMit UtM uBcr Ontait. Verllnev Volksblcrll. Zentralorgan der foztaldemokrati fcben Partei Deutfchlatida. rclcgrauim-Ndresse: „SsiliKciiiskrit Berll»". Rcdahtfon: 8M. 68» Lfndenetrass« 69. «crnftirritrr: Elm« IT. Nr. IS.sa. Mittwoch, den 7. Februar 1906. Expedition: 881. 68, Lindenetraaee 69. itzernkprrrtier: Sim» IT. Nr. INli4. Sozialdemokratie und bürgerliche Intelligenz. In einer Wochenschrift begegneten wir dieser Tage einem erquickend offenherzigen Geständnis über die Stellung, die der literarisch vagabondierende bürgerliche Deklassierte der Sozialdemokratie gegenüber einnimmt. Mag das Blatt auch bedeutungslos und der Verfasser unbekannt sein: der Artikel selbst war das nicht uninteressante Selbstbekenntnis jener literarischen Zwitterschicht, die sich zwischen Bourgeoisie und Proletariat herumzutummeln liebt und für naive Gemüter innerhalb der Sozialdemokratie vermöge ihres Selbstbewußt- scins und ihrer leistungsfähigen Lungen die Vorstellung zu erwecken vermag, als repräsentiere sie irgend einen nennens- ivcrten Teil der bürgerlichen Intelligenz, dessen Sympathien zu erwerben resp. zu erhalten eine wichtige Aufgabe der Partei sei. Der Verfasser feiert die Sozialdemokratie als die„Partei der Kultur". Die Sozialdemokratie habe es verstanden, sich im heutigen Deutschland zur einzigen Partei der Kultur zu machen. Sie nehme sich eines jeden an, dem Gesellschaft oder Staat Unrecht zugefügt hätten, sie besitze Noblesse genug, selbst dem Gegner Schutz gegen Unrecht zu gewähren. Auch den geistigen Gütern gewähre die Partei ihren Schutz, sie führe einen zähen und unerbittlicheil Kampf gegen den Stumpfsinn und die böswillige Unintelligenz der besitzenden Klassen. Sie habe die Lex Heinze zu Fall gebracht, sie setze einen Stolz darein, ihren Lesern in ihren Unterhaltungs- blättern eine wirklich literarische Kost vorzusetzen. Dann fährt der Verfasser wörtlich fort: „Wenn wir nach der möglichsten Unabhängigkeit in jeglicher Hinsicht und einem ungestörten Erzeugen und Genießen geistiger Güter streben, so ist die Existenz der Sozialdemokratie für uns eine Frage von höchster Bedeutung, Wir werden uns schwer hüten, Genossen zu lverden, und unsere Freiheit, für die wir leben, einzuschränken, Aber die Sozialdemokratie ist allein willens und imstande. Uebergrisfe der kulturfeindlichen Klassen zu verhindern. Ein Sieg der Sozialdemokratie würde ihr die Konnivenz(Rücksicht) gegenüber den kulturellen Gütern ent» vehrlich machen, iv i r t ö n n e n i h n nicht wünschen. Aber der Sieg der Reaktion würde sie zertrümmern. Gerade das Balancieren der Kräfte gibt der Intelligenz die Möglichkeit zu einer halbwegs freien Betätigung. Wenn die Sozialdemo- kratie eine rückläufige Betvegung durchmacht, um sich wieder zu einer bloßen?lrbeiterpartei zu konsolidieren, haben wir an ihr kein Interesse mchr l Ja, alle Versuch« dazu, und an solchen hat es in jüngsten Zeiten nicht gefehlt, sind uns unbequem und daher bekämpfenswert." An einer anderen Stelle ist der Verfasser noch deut- lichcr. Er behauptet, daß, wenn einmal unter den Ange- hörigen der bürgerlichen Stände, die sozialistisch wählen, eine Enquete veranstaltet und aufrichtig beantwortet werden würde, 99 Proz. die Frage, was ihnen eissentlich am Wohle der arbeitenden Klassen liege, mit„gar nichts" beantworten würden. In Deutschland so wenig wie anderswo kümmere man sich un: das Wohl seiner Mitmenschen: Man halte in den Kreisen der bürgerlichen Mitläufer eine starke sozial- demokratische Opposition einfach für etwas den eigenen Jnter- essen Förderliches. Das klingt beinahe zynisch, ist aber im Grunde nur ehr- lich. Und es ist für geschulte Sozialdemokraten auch zu allerletzt etwas Neues! Wir wissen längst, daß es mit den Sympathien der bürgerlichen Mitläufer für die eigentlichen proletarischen und sozialistischen Ziele der Partei sehr zweifelhaft aussieht. Die Vertreter der bürger- lichen Intelligenz, die für die Sozialdemokratie stimmen, wollen sich zum großen Teil damit durchaus nicht zum Sozialismus bekennen, sondern nur die Opposition gegen ihnen mißliebige politische und geistige Strömungen stärken. Tie Prinzipien der Sozialdemokratie sind ihnen völlig gleichgültig, ja sogar u n s y m p a t h i s ch: ein Sieg des Sozialismus wäre ihnen nicht minder ärgerlich, als ein Sieg der feudal-pfäffischen Reaktion. Es gibt deshalb nichts Törichteres, als wenn Genossen aus bürgerlichen Kreisen, die selbst noch nicht allzu tief in die sozialistische Ideenwelt eingedrungen sind, die Sozial- demokratie davor warnen zu müssen glauben, doch ja nicht die Mitläufer aus dem bürgerlichen Lager gering zu schätzen, oder auf die Werbung in bürgerlichen Kreisen zu verzichten, da es ohne Hülfe wenigstens eines Teiles des Bürgertums unmöglich sein werde, die sozialdeinokratischen Forderungen des Endzieles zu realisieren. Solche Warnungen gehen von der ganz falschen Voraus- sctzung aus, als ob es sich bei dem ehrlichen und bewußten Uebertritt von der Bourgeoisie zum Proletariat— in normalen Zeiten wenigstens— jemals um mehr als e i n z e I n e Personen handeln könnte. Solche Personen, die wirklich mit den bürgerlichen Auffassungen völlig gebrochen und sich restlos in die Klassenkampfanschauungcn der Sozialdemo- kratie hineingelebt haben, wird das Proletariat jederzeit mit offenen Armen aufnehnien und auf jeden Ehrenposten stellen, den auszufüllen sie fähig sind. Die bloßen Mitläufer aber, die nur aus einem dunklen individuellen Freiheitsdrang heraus zur Sozialdcniokratie kommen, oder diese für gerade gut genug halten, sie irgend einer literarisch-artistischen Tagesmode wegen»um Sturmbock gegen irgend welche Heinze-Männer gebrauchen zu können, hält sich die Sozial- demokratie mit Fug und Recht möglichst weit vom Leibe! Warum die Zahl der Sozialisten unter den bürgerlichen Gebildeten eine so überaus winzige ist, hat K a u t s k y in seiner Schrift„Das Erfurter Programm" schon 1892 in vor- züglicher Weise dargelegt: „In den höheren Schichten der Besitzenden ist mehr Bildung und ein tveitcrcr Blick zu finden. Auch Ivirkt in manchen Gc- bildeten noch ein Rest des alten Idealismus nach aus der Zeit der revolutionären Kämpfe des aufstrebenden Bürgertums, der Zeit der Aufkläruua. Aber wehe dem Bourgeois, der sich ver- leiten läßt, Interesse am Sozialismus zu nehmen und dasselbe zu betätigen! Er steht bald vor der Wahl, entweder seine Ideen aufzugeben oder alle gesellschaftlichen Bande zu zerreißen, die ihn bis dahin nicht bloß gefesselt, sondern auch aufrecht erhalten haben. Nur lv e n i g e bewahren soviel Mut und Selbständigkeit, bis zu diesem Scheidewege vor- zudringen, und nur die wenig st en dieser Wenigen besitzen die Kraft, wenn sie dort angelangt sind, entschieden mit ihrer Klasse zu brechen. Bon diesen wenigen der Wenigen aber pflegten bisher die meisten gar bald zu ermatten; sie sahen ihre„Jugendeseleien" später ein und wurden„vernünftig".... Bon den besitzenden Klassen hat also die Sache des Sozialismus nicht viel zu erwarte». Einzelne ihrer Mitglieder können sür den Sozialismus getvonnsen werden, aber nur solche, die ihrem Bewußtsein nach zu der Klasse nicht mehr gehören, welcher ihre ökonomische Stellung sie zutveist. Das wird stets eine kleine Diinderheit sein, ausgenommen in revolutionären Zeiten, wenn die Wagschale sich aus feiten des Sozialismus zu neigen scheint. Daini allerdings dürfte eine arge Fahnenflucht in den Reihen der besitzenden Klassen einreißen." Alle Gebildeten in Bcamtenstellungen sind so von vorn- herein für den Sozialismus verloren.?lber auch in den „freien Berufen", unter den Juristen, Medizinern usw., gibt es bitter wenige, die sich rückhaltlos zum Sozialismus bc- kennen. Der Jdealisinus ist eben nur bei wenigen so stark, uin das Klasseninteresse zu überwinden. Auch gehört ein seltener Erkenntnisdrang dazu, um durch den dicken Wall bürgerlicher Entstellungen und Vorurteile bis zu dem Kern der sozialdemokratischen Lehren vorzudringen. So bleibt schließlich nur noch die deklassierte Intelligenz, die l i t e- rarischen Boheme übrig, aus der scheinbar ein starker Zufluß zur Sozialdcinokratic zu erwarten wäre. Und in der Tat findet sich ja auch unter diesen Leutchen, namentlich unter dem Einfluß der Pubertätsgefühle, noch am meisten revolutionäres Titanidentum. Aber wenn man selbst ein- mal ein Stück Literaten- und Litcraturrcvolte mit erlebt und dann gesehen hat, wie bald diese Ultrasozialistcn und Anarchisten nicht nur ihre politischen sondern sogar ihre lite- rarischen Ideale verleugneten, um im Dienste banausischer Verleger fcuilletonistischc Jonglierkünste zu produzieren oder gar die Honorar- und Tantiemenjagd der viel geschniähten Familienblattpoete» mitzumachen, so weiß man, was von dieser Spezies von Bundesgenossen zu halten ist. Dem aber, der das noch nicht weiß, sagt es freimütig genug das Gestand- nis unseres BohemienS, das wir oben wiedergegeben haben. Es ist ja auch nur zu begreiflich, daß unsere Literaten sich nicht in den proletarischen Klassenkampf einzugliedern vermögen. Ihr Ideal ist physisches und geistiges Genießen, das der Gegenwartskampf des Proletariats nicht zu bieten vermag. Mit einem Zukunftswechsel ist aber den nach Liebe, Wohlleben und Ruhm Hungernden nicht gedient. Lieber kehren sie reumütig zu den kapitalistischen Fleisch- töpfcn zurück. Aber selbst diejenigen, die nicht zu Renegaten werden, sondern auf dem verlorenen Posten ihres ethischen und ästheti- scheu Idealismus ausharren, beurteilen den politischen und sozialen Kampf nur zu gern durch die Brille ihrer künstlerischen Per- sönlichkeit, wodurch sie jeden Maßstab für die Bewertuilg der einzelnen Ationen sowohl wie des gesamten Klassenkainpfcs verlieren. Der lustige Husarenritt gegen die Heinzemänner erscheint ihnen wichtiger für die Kultur als etwa der er- bitterte Kampf gegen den Zolltarif, als das gewaltige Ringen um das preußische Wahlrecht. Diese Kreise empfinden denn auch einen ethischen Horror vor dem reinlichen Klassenkampf: es erscheint ihnen als eine Verleugnung des allgemeinen Kulturcharakters dcS Sozialismus, daß seine Trägerin in allererster Linie die Arbeiterklasse selbst sein soll. Daß dieser nüchterne und unerbittliche Klassenkampf das einzige Mittel ist, die Kulturziele des Sozialismus zu er- reichen, das verstehen eben diese bürgerlichen Mitläufer nicht. Die Genossen aber, die sich nicht enthalten können, die ent- schicdene Klassenkampftaktik der Sozialdemokratie zu be- kriteln, sollten sich erst einmal ein wenig in unser Partei- Programm vertiefen, in dem es heißt: „Diese gesellschaftliche Umwandlung bedeutet die Befreiung nicht bloß des Proletariats, sondern des» gesamten Menschen- gcschlcchts, das unter den heutigen Zuständeu leidet. Aber sie kann nur das Werk der Arbeiterklasse sein. weil alle anderen Klassen, trotz der Jnteressenstreitigkcitcn unter sich, auf dem Boden des Privateigentums an Produktionsmitteln stehen und die Erhaltung der Grundlagen der heutigen Gesell- fchaft zum gemeinsamen Ziel haben." Die Revolution in Rußland. Metzelei in einem Rigaer Bereinshause. Riga, 0. Februar. Unbeschreibliche Szenen spielten sich gestern abend in einem lettischen Bereinshanse ab. Die Mitglieder des Vereins hielten rine Bersammlung ab, als das HanS plötzlich von Militär umzingelt»vurdr. Eine Abteilung drang in das Gebäude ein und betrat den Bersammlungssaal, um die Mitglieder nach Waffen zu untersuchen. Kaum hatte die Leibesvisitation begonnen, als das Licht im ganzen Haufe verlöschte und dir Letten aus Revolvern auf dir Soldaten zu schieße» begannen. Die Soldaten machten gleichfalls von den Waffen Gebrauch und schössen und hieben blind um sich. Auf beiden Seiten gab es zahl- reiche Tote. Urber 89 Personen wurden ver- haftet. Selbstanklageu der Regierung. Petersburg, 6. Februar. Die„Petersburger Telegraphen- Agentur" ist ermächtigt, eine Blättermeldung, nach welcher der frühere Gcncralgouverneur von Moskau, Durnowo. im Reichsrate erklärt haben soll, die Schuld an dem Mos- kau er Aufstande treffe die Zentralregie- r u n g, zu d e m e il t i e r e n und zu erklären, der frühere Generalgouvcrneur Durnowo habe weniger als irgend jemand sonst das Recht, eine solche Behauptung aufzustellen. Petersburg, 6. Februar. 48 Druckereien, die gestern von der Polizei geschlossen»vorden sind, sind heute wieder qeöffnet worden. Der M i n i st e r des In- >iern Durnowo ersuchte eine bei ihm erschienene Abord- nilng der Druckercibesitzer, ihren Berussgenofsen anzuempfehlen, daß sie keine beleidigenden Karikaturen hochstehender Personen drucken möchten: was seine Person betreffe, so lege er ihnen keine Beschränkung ans. Zur Herstellung der„Ruhe" in de« Ostsceprovinzcn.. Man schreibt nnS auS Riga: In allen Flecke« der Ostsee- Provinzen herrscht jetzt eine Willkür nicht zum Beschreiben, eS gibt kein Gericht, die Soldaten schietzen ganz gewöhnlich einen jeden nieder, der ihnen nur verdächtig erscheint. Eine ganze Menge von Greisen und Kindern sind schon von ihrer Hand gefallen, das ganze Land ist von ihnen in eine Wüste verwandelt, da die Soldateska jetzt zur Strafe ganze Dörfer niederbrennt. Mai« vermutet, daß das Militär nach den Proskriptionslisten, die vom baltischen Adel zu- sammengestellt sind, vorgeht. In« ganzen Lande ist der Erlaß de» GeneralgouvernenrS publiziert, in dem er droht,„die Mitglieder dieser aller Landgemeinden, welche durch die Insurgenten(! I) ge- wählt würden, nach Rordsibirien zu verschicken." Recht habeir die lettischen Zeitungen, wenn sie schreiben,„früher war bei nnS eine Baukrnrevolution. jetzt haben wir eine Baronen« und Sol- datenrevolutio n." Die Bekämpfung der Freiheitsbewegung kost et die russische 'Regierung täglich 100000 Rubel, also das Land bezahlt der Regierung eine sehr hübsche Kontribution für das Vergnügen. ohne Gericht»iedergeschossen zu werden.„100 000 Rubel!" rufen die russischen Zeitungen all?,—„zur Bekämpfung der FreiheitS- betvegung, anstatt das Geld den hungrigen russischen Baucrir zu geben oder neue Schulen für sie zu öffnen." Ein so kostspieliges' Vergnügen kann sich der arme russische Staat nicht erlauben! poUtifcbe ClebeiTicht» Berlin, den 6. Februar. Vor leeren Bänken! Tie schwache Besetzung des Hauses vereitelte heute die Besprechung der sozialdemokratischen Interpellation über den Schachtbrand auf der Zeche„Borussia" bei Dortmund, wo 39 Arbeiter getötet wurden. Durch diese Beschlußunfähigkeit ist wohl die Besprechung aufgeschoben, aber nicht aufgehoben, wie auch Genosse Hue in feiner späteren Rede ankündigte. Graf Posadowsky lehnte die Beantwortung ab, weil nicht der Reichstag, sondern der preußische Landtag zuständig sei! Dann wurde die Beratung über den Etat des Reichs- amtes des Innern fortgesetzt. Den Reigen der Reden er- öffnete heute Graf Kanitz, der die Arbeitervcrsichcrungs- beitrage als eine drückende Last für die Junker bezeichnete. Zwar ist es dein edlen Grafen Gewissenspflicht, den Armen zu helfen, aber das hindert ihn nicht, in Punkto Sozialpolitik der Regierung zuzurufen: Stopp! Sein Wunsch nach Verein- heitlichung der ganzen Arbeitcrvcrsichcrung entspringt natürlich auch nur der Drückebergerei vor den Kosten, zu denen die armen Junker beitragen müssen. Was sollen denn da die Arbeiter sagen, die die agrarische Habgier, wie sie der Zoll- Wucher inpolvicrt, mit vielen Hunderten von Millionen Mark jährlich stillen müssen! Der weibliche Freisinn ließ heute seine sozialpolitischen Gefühle durch den Abgeordneten P ach nicke bekennen, der in feiner rhetorischen Weichlichkeit auch der richtige Interpret dieser Gefühle ist. Zu den blutig-rcaktio- uaren Bildern Mugdans über den Terrorismus der Sozial- demokratie wollte er einige Züge beifügen, aber dessen ist das teigige Gemüt Pachnickes nicht fähig, und so blieb es denn bei dem mütterlich besorgten Rat an die Sozialdemokratie, hübsch artig zu sein und ja nicht mit den Streichhölzern— Pardon!— der Revolution zu spielen. Da ist nuu freilich der Antisemit B r u h n ein ganz anderer„Kerl"! Forsch von der Leber weg forderte er Ausnahmegesetze gegen die Sozial- Demokratie und verriet daiuit die innersten Regungen eiues nüdgewordcnen Spießers, dein die Regierung als feige Memme gegenüber der Sozialdemokratie erscheint, und der sich selbst fiir den„starken Mann" im Krocherschen Sinne bält. Die Sozialdeinokratcn nMdcn durch seine Wildheit er- heitert. W. Graf Posadowskp hielt darauf seine zweite große Rede, die freilich seiner ersten ziemlich Eintrag tat: denn er verrannte sich heute in Zukunftsstaatsfragen, die bekanntlich den Fragern keine staatsmännischen Erfolge einzubringen pflegen. Besser schnitt unser Genosse H u e ab, der unter der Aufmerksamkeit des schwach besetzten Hauses erschütternde -Bilder des Loses der Arbeiter in Hütten und Bergwerken aufrollte. Ist dem Grafen Kanitz die offizielle Sozialpolitik schon zu überschwänglich in ihrer Fürsorge für die Arbeiter, so zeigte sich in diesen Schilderungen Hues, wie unendlich viel noch zu tun ist, um nur den elemcntarstcn Schutz gegen die brutale Ausbeutung der Arbeiter, speziell der Arbeiterinnen, zu schaffen. Es schien, als ob Graf Posadowsky selbst sich ergriffen fühlte von den aus eigener Erfahrung fließenden Schilderungen proletarischen Elends: aber Posa schwelgt zu sehr in dem Gedanken von der„mustergültigen deutschen Arbeiterschutzgcsctzgcbung". Morgen: Schwerinstag, auf dessen Tagesordnung nur der Wahlrechtsantrag unserer Fraktion steht, da das Zentrum seinen Toleranzantrag höchst merkwürdigerweise„einstweilen zurückgezogen" hat. Dieses„Aufgeschoben" scheint aber eine Art„Aufgehoben" zu bedeuten! Der Etat des Ministeriums des Innern im Abgeordnetenhanse. Bereits zu Beginn der Dienstagsitzuug wurde dem Minister sein Gehalt bewilligt. In der vorausgegangenen General- debatte brach noch der Abg. G o l d s ch m i d t(frs. Vp.) eine Lanze für das allgemeine gleiche direkte und geheinie Landtags Wahlrecht, die Mehrheit jedoch machte den ihr unangenehmen Erörterungen über die Wahlrechtsfragc durch einen Schlußautrag ein Ende. Es ist bezeichnend, daß während der ganzen Etatsdebatte das Zentrum sich über seine Stellung zum Wahlrecht nicht geäußert hat!— In rascher Reihenfolge bewilligte das Haus sodann eine Reihe von Kapiteln des Etats. Von Bedeutung ist die Er- klärung, die der Minister von Bethmann- Hollweg im Laufe der Diskussion über seine Stellung zum Aus- scheiden von Städten aus den Kreisen abgab. Bekanntlich haben die Städte, sobald ihre Einwohner- zahl 25000 beträgt, das Recht, aus den Kreisen aus- zuscheiden. Die Regierung fürchtet nun, daß die großen Landgemeinden um Berlin, sobald sie Städte geworden sind, von diesem Rechte Gebrauch machen. Dadurch würden die Kreise natürlich schwer geschädigt. sie würden ihre beste Steuerkraft verlieren, und aus diesem Grunde nimmt die Regierung gegenüber Anträgen von Landgemeinden aus Stadtwerdung eine sehr vorsichtige Haltung ein: sie erkennt aber an, daß es so wie bisher nicht weiter geht. Zu einem bestimmten Beschluß ist sie bislang noch nicht gekommen. Allgemeines Interesse erheischte ferner eine P r o st i- t u t i o n s d e b a t t e, die der freisinnige Abg. Mönckeberg anschnitt. Mit Recht ivandte sich der Redner gegen die un- würdige Behandlung der Frauen und gegen die Polizei- Verordnungen, die oft zu Mißgriffen führen. Auch darin geben wir ihni recht, daß eine vernünftige Wohnungs- gesetzgebung manches Mädchen vor dem Herabsinken zur Prostituierten bewahren könnte. Aber daniit allein ist es nicht getan. Will man der Prostitntion wirksam zu Leibe gehen, dann muß man ihre Ursachen aus der Welt schaffen. Innerhalb der heutigen kapitalistischen Wirtschaftsordnung wird der Kampf gegen die Prostitution niemals ersprieß- liche Resultate zeitigen: denn die Ursachen dieses Uebels liegen in unseren wirtschaftlichen Einrichtungen, die es zulassen, daß Tausende und Abertausende von Frauen zu Löhnen arbeiten müssen, die sie geradezu zwingen, sich zu prostituieren, wenn anders sie nicht den Hungertod vorziehen. Wir haben gewiß nichts dagegen einzuwenden, wenn der Minister ini Verein mit Sachverständigen die Prostitutionsfrage ernstlich erwägen will, wir sind aber überzeugt, daß dabei nicht viel herauskommen wird. Am Mittwoch wird die Etatöbcratung fortgesetzt.— Ein Unersetzlicher. Dem preußischen Staat, speziell seiner Landwirtschaft, droht ein schiverer Verlust. Seine hervorragendste Kapazität: Epcrllenz V. Podbielski, königlich preußischer StaatSminister und Minister für -Landwirtschaft. Domänen und Forsten, Wirklicher Geheimer Rat. Generalleutnant z. D. i la suito des Hnsarenregiments v. Zielen usw.. muß gehen. Schon vor einiger Zeit wußten verschiedene Blätter. darunter auch die„Deutsche Tageszeitung", zu melden, daß Pod in seiner Stellung wackele; aber in Anbetracht der allerhöchsten Gunst, der sich noch kurz vor jener Meldung der LandlvirtschaftSminister rühmen durfte, erschien das Gerücht wenig glaubwürdig. In ihrer Wochenübersicht nimmt jedoch jetzt die„Kreuz-Zeitnng" mit solchem elegischen Ton von dem„bald bevorstehenden Rück- tritt des LandwirtschaftSministers" Notiz, und die„Deutsche Tages- zeitung" stimmt so schmerzlich bewegt in diese Totenklage ein, daß an der Richtigkeit der Meldung kaum noch zu zweifeln ist. Das Bündlerblatt weiß sogar bereits den Nachfolger Podbielskis auf dem Ministersessel zu nennen: eS ist der Oberpräsident Dr. Wenzel in Hannover, den das Blatt in seiner Verwirrung über de» Sturz seines Gönners als„Oberpräsidcnt des Innern" bezeichnet. Es schreibt: „Sollte übrigens, was wir immer»och bezweifeln, der Rück- tritt erfolgen, so würde er mit der Politik, insbesondere mit der Stellung der Regierung zur Frage der sogenannten Fleischnot nicht das geringste zu hm haben, sondern auf andere, außerhalb der eigentlichen agrarvolitischen Sphäre liegende Gründe zurück- zuführen sein.— Als sorgfältige Chronisten können wir nicht an einem Gerüchte vorübergehen, das heute in parlamentarischen Kreisen austauchte und vielfach erörtert wurde. Danach soll der derzeitige Oberpräsident des Innern Dr. Wenzel über kurz oder lang als Nachfolger des Landwirtsckaftsniinisters Herrn v. Pod- bielski in Aussicht genommen sein. Man erinnert sich, daß Herrn Dr. Wenzels Kandidatur schon nach dem Hinscheiden des Freiherrn v. Hammerstein für den Posten des Ministers des Innern bekanntermaßen ernsthaft in Frage kam. Wenn auch viel- leicht anzunehmen sein dürfte, daß der Oberpräsident von Han- noyer nicht abgeneigt sein lvürde, ein etwa steiwerdeudes Mini- steriuin zu übernehmen, so können wir doch kaum glauben, daß erde» Anforderungen eines so schwierigen Ministeriums wie des- jenigen für Landwirtschaft gewachsen sein dürfte. Die Fähigkeiten des genannten Herrn liegen jedenfalls auf anderen Gebieten." Das Oertelsche Blatt hofft mit der„Krenz-Zeitung", daß Herrn V. Podbielskis„wertvolle Dienste seinem Könige und dem Staate noch recht lange erhalten bleiben". Wir verstehen diesen Wunsch und stimmen ihm bei— wenn auch aus anderen Gründen. Ob Pod oder Wenzel als Landwirtschaftsminister fungiert, ist für die Stellungnahme der Regierung zu den agrarischen Fragen einerlei. Die Landwirtschast ist heute Trumpf, und unter den bestehenden Verhältnissen verniag auch Herr Wenzel nichts anderes zu leisten, als den alten Faden weiterzuipiniien. Dafür scheidet aber mit Pod eine Persönlichkeit aus dem Dienste, deren Hochkomische Originalität die Eigenart preußischer Regierungskniist bisher prächtig charak- terisierte und die Nichtigkeit des bekannten Oxenstiernasciien Aus- spruchs auch dem Blödesten all oculos demonstrierte. Unter allen seinen Kollegen ist Herr v. Podbielski der feinste Typus seiner Klasse. Er verkörpert in seiner mehr durch Volnminosität als durch Geistesfülle ausgezeichneten Person nicht nur die tiefe klassische Bildung des ostprenßiscken Junkertums, sondern auch ihre ideale Gemütsrichtniig und ihren seinen Esprit, wie verschiedene seiner witzigen Aussprüche beweisen. Und gleich Hervorragendes leistet er auf dem Gebiete agrarischer Sachverständigkeit, vornehnilich in der Schweinezucht und der Milchvermehrmigswirtschaft. Es wäre wirklich schade, wenn diese Kapazität, die unserer ganzen heutigen Regierung erst nach außen das richtige Relief gibt, aus seinem Mimsteriiim scheiden sollte. Wir hoffen deshalb mit der„Kreuz-" und der „D. Tagesztg.", daß eZ gelingt, diesen Repräsentanten adeliger Gemüts- und Geistesbildung dem Staate zu erhalten, zumal Herr v. Podbielski seine vielseitige Verwendbarkeit bereits glänzend bc- wiesen hat als Generalstabsoffizier, Leiter von Hnsarenregimcntern und Kavalleriebrigaden Staatssekretär des Reichspostamts, Land- Ivirtschastominister usw. Vielleicht würde er sich auch zur Sanierung der Rcichsfiiianzcn qualifizieren. Seine Sachverständigkeit auf diesem Gebiete dürfte fast ebenso bedeutend sein, als auf dem Gc- biete der höheren Schweinezucht— und schließlich ist ein preußischer Kaballcricgcncral zu allem zu gebrauchen.— Die Wahlbcwrgung im Chemnitzcr Rcichstagswahlkreise. Die Wahlagitation im 16. sächsischen Wahlkreise ist jetzt flott in Gang gekommen. Unsere Parteigenossen waren natürlich schon fleißig zu einer Zeit' bei der Agitation, als sich im gegnerischen Lager noch nichts rührte. Das lebhafte Interesse der Arbeiterschaft an der Nachwahl trat schon bei der Nachprüfung der Wählerlisten in die Erscheinung. Noch bei keiner Wahl im Kreise sind die Wähler- listen von so vielen Leuten eingesehen worden wie diesmal. So wie den Kartellparteien ist es auch den Freisinnigen recht sauer geworden, bis sie einen Dnrchfallskandidaten auftreiben konnten. Sie nehmen an, daß in den Reihen der nationallibcralen Partei starke Abneigung gegen die Kartellkandidalnr Hermsdorf besteht und hoffen deshalb auf eine nicht unbedeutende Vermehrung ihrer Stimme». Zu dem Zweck glaubten sie auch einen außergewöhn- lichen Kandidaten aufstöbern zu müssen: der Landtagsabgeordnete Günther hat sich schließlich breitschlagcn lassen. Nun lvird cr mit jahrmarktsmäßigem Tamtam den Wählern angepriesen als ein Mann, der für sich allein ein Programm bedeute. Der Freisinn dankt als Partei vollkommen ab. Er beruft sich nicht mehr auf Grundsätze, kehrt nicht mehr sein Programm hervor, sondern setzt seine ganze Hoffnung auf einen Mann, den einzigen Mann in Sachsen, den Oskar Günther. Das Gefühl dafür, wie traurig das ist, haben die Freisinnigen offenbar ganz verloren. Zur Eröffnung des WahlkampfeS hatten sich die bürgerlichen Parteien den Sonntag ausgesucht, an dem in Sachsen und Preußen die Arbeiterschaft für ihre Wahlrechtsfordcrungcn demonstrierte. Wie auf Verabredung veröffentlichten die Kartellparteien und die Frei- sinnigen Wahlauflufe. Sie fühlten das Bedürfnis, ein Gegenstück zu den machtvollen sozialdemokratischen Versammlungen zu liefern, die an diesem Tage auch im Chemnitzer Wahlkreise stattfanden. Auf der vollen Höhe der Erbärmlichkeit zeigte sich der Freisinn. Während die Kartellmänner sich in der Hauptsache darauf beschränkten, die angeblichen Vorzüge ihres Kandidaten gegenüber unserem Genoffen Noske, der ihnen zu„jugendlich" und als„Schwärmer" und „Theoretiker" erscheint, fielen die Freisinnigen schmähend, hetzend und denunzierend über die Sozialdemokratie ber und zwar Haupt- sächlich wegen des Vorgehens unserer Partei in der Wahlrechtsfrage. Nicht in der Bekämpfung der Reaktion erblickte der Chenmitzer Frei- sinn seine Aufgabe in dem Augenblick, wo die gesamte reaktionäre Sippschaft in Sachsen und im Reiche sich wie besessen gebärdete, sondern er erklärte an der Spitze seines Aufrufs: Dringender als je ist es heute erforderlich, mit allen Kräften den Kampf gegen die Sozialdemokratie auf- zunehmen, deren wesentlichste Aufgabe darin besteht, die heutige Staats- und Gesellschaftsordnung bis aufs Messer zu bekämpfen. Die Gewinnung der Staatsgeivalt durch das Poletariat schwebt dieser Partei als Ideal vor, ein Ziel, welches, wenn überhaupt, nur auf dem Wege der offen verherrlichten nnd a n- empfohlenen geiv altsamen Revolution erreicht werden könnte... Gegen diese staats- und kulturfeindlichen Pläne anzukämpfen mutz die erste Pflicht eines jeden sein, der eS gut meint mit der Wohlfahrt des Vaterlandes und mit seiner frei- heitlichen Entwickelnng." Gründlichere Dienste als„Schleppenträger der Reaktion" ver- mag der Freisinn kaum noch zu leisten. In ihrem ersten Flugblatt spinnen die Freisinnigen denselben Faden loeiter. Als erste Empfeh- lung stir ihren Kandidaten führen sie an, daß er seit Jahren un- ermüdlich gegen die Sozialdemokratie kämpft! Die Kartellparteien haben bisher noch gar keine Versammlung abgehalten. Dafür beginnen sie jetzt den Kreis mit den bekannten Schinähschriften des famosen Vereins zur Bekämpfung der Sozial- demokratie zu überschütten. Das kostet sie gar keine geistige An- strengung: die Geldkosten kann ihr Durchfallskandidat leickt tragen, denn er hat aus den Knochen der Arbeiter seiner Riesenbetriebe Millionen herausgeschlagen. Darüber sind sich die Kartellparteien klar, daß sie in diesem Kampfe nur Stimmen zu verlieren haben. Zahlreiche sozialdemokratische Versammlungen haben schon statt- gefunden. In dieser Woche sprechen außer dem Kandidaten»och die Genossen Bebel, Geyer, Singer, Ad. Hoffmann, Göhre. Mauren- brechcr. Daß der 13. Februar ein neuer Ehrentag für unsere Partei sein wird, darf schon jetzt als sicher geltqn.— . Dcutfchco Reich. Abnahme des Fleischverbrauchs. Die agrarische Presse leistet sich noch innner das Vergnügen, ans die Klogen über die Fleischnot damit zu antworten, daß sie Auszüge aus Marktberichten abdruckt, in denen erwähnt wird, auf diesem oder jenem Schlachtviehmarkte wäre nicht der ganze Auftrieb geräumt worden: eine Beweisführung, die nichts anderes beweist als die Einfältigkeit jener Blätter: denn eS ist ganz selbstverständlich, daß bei der Planlosigkeit unseres heutigen Wirtschaftssystems, dessen Marktverhältnisse durch Angebot und Nachfrage geregelt werden, sich neben den vielen Marktorten mit einem Unterangebot von Schlacht- Vieh auch zeitweilig einige Marktorte mit einem Ueberangebot be- finden. Außerdem aber hat die Nachprüfung derartiger Marktberichte gezeigt, daß der„Ueberstand". d. h. das nicht verkaufte Vieh, durch- weg von einer Beschaffenheit war, die es den Schlächtern geradezu verbot, die geforderten hohen Preise zu zahlen, wenn sie nicht mit Verlust arbeiten wollte». Was das ganze Geschwätz jener Presse wert ist, zeigt auf das deutlichste die soeben von der„Statist. Korrespondenz" veröffentlichte monatliche Zusammenstellung der Ergebnisse der Schlachtvieh- und Fleischbeschau für das vieric Vierteljahr 1665. Nach diesem Bericht sind im dritten Vierteljahr des vorigen Jahres 266747 Schweine, d. h. ungefähr 13 Proz. und im vierten Vierteljahr 525 788 Stück oder 20 Proz. weniger geschlachtet worden, als in den entsprechenden beiden Ouartalen des Jahres 1904. Im zweiten Halbjahr 1905 betrug demnach der Minder- verbrauch rund 790 000 Stück, und doch nimmt in jedem Jahr die preußische Bevölkerung ungefähr 400 000 Köpfe zu; sie war also im letzten Jahr um diese Kopfzahl größer als im Jahre 1904. Dafür hat allerdings die Zahl der Rindvichschlachtungeu im vierten Quartal nur 27 338 Stück und der Schafschlachtungen nur 13 671 Stück zugenommen: aber diese Zunahme vermag die Ab- »ahme der Schwcinesckilachtnngen nicht entfernt auszugleichen, da auch die Zahl der geschlachteten Kälber um 68 630 Stück niedriger gewesen ist als im vierten Vierteljahr 1004. Trotzdem behaupten die Herren Agrarier: Fleischnot ist in Deutschland nicht vorhanden— selbstvorständlich nicht für den, der ohne Bedenken die höchsten Preise zahlen kann.— ZentrunlS-Riickzug. Nachdem das Zentrum mit seinem Tolerauzantrage paradiert und seinen Anhängern gegenüber sich anss neue als unentwegter Verfechter der katholischen Kirchenintereffen vorgestellt hat. hält es jetzt für angebracht, einen Rückzug anzurreten und die Parade auf eine bessere" Gelegenheit zu verschieben. In einer ani Montag ab- gehalteneu Fraktionssitzung beschloß, wie eine Parlamentskorrespondenz berichtet, das Zentrum, den Toleranzantrag fallen zu lassen und dafür der Resolution Stöcker zuzustimmen, welche die Forderung stellt, daß die in einzelnen Bundesstaaten noch bestehenden Be- schränkungen der Freiheit des religiösen Bekenntnisses, der Vereinigung zu Religioiisgemeiiischaften nnd der gemeinsamen Religionsübnng baldigst im Wege der Landesgesetzgebnng beseitigt werden. Die Resolution soll in der MittwochSsitznng des Reichstages zur Ab- stimmung gelangen. Daß die große Aktion in dieser Weise verlaufen werde, war vorauszusehen,' nnd das Zentrum hat am allerwenigsten auf einen anderen Erfolg gerechnet. Sein Zweck war von vornherein nur, seiner Gefolgschaft ein Paradestück vorzuführen.— Aufhebung der Bcrgfreiheit in Württemberg. Wie auf so vielen anderen Gebieten schreiten auch in bezug auf die Berggesetzgebung die süddeutschen Staaten dem preußischen Staat voran. Die württembergische Regierung hat den Ständen eine Novelle zum Berg- gesetz vorgelegt, welche die seit 1874 bestehende Bergfreihcit aufhebt nnd das Schürfen nach Salz und Solquellen ausschließlich dem Staate vorbehält.—_ Ein Notschrei. Königsberg, 4. Februar. Dieser Tage erhielt der Parteisekretär für Ostpreußen von einem durchaus königstreuen Landarbeiter aus B u b.l a n k e n bei Reu- Argeninken sKreis Tilsit) folgenden Brief: „Ich bin gezwungen, mich an die Sozialisten zu wenden und Ihnen mein schweres Leid zu klagen. Ich war am 15. Januar d. I. 50 Jahre alt. Habe neun Kinder in der Ehe gehabt. Die ältesten fünf habe ich bis zur Einsegnung zu Hause gehabt, jetzt sind sie in der Fremde. Die vier schulpflichtigen Kinder habe ich noch zu Hause und ernähre sie, wie ich die anderen ernährt habe. Ich werde auch ferner meine Pflicht tun, so lange ich lebe. Kein Mensch kann hier sagen, daß ich arbeitsscheu bin. Nun aber, da ich 50 Jahre alt bin und noch 4 Kinder habe, tvill keiner an mir eine Wohnung vermieten. Denn die O r t s s ch u Iz e n von Bublanken sowie vom Nachbar- darf Argeninken gehen zu den Vermietern und sagen, sie n, ächten mich nicht rein nehmen; denn ich könntecin OrtSar in er tv erden. Es wird so weit kommen, daß ich auf das Dorf-Privatland rauSgesetzt werde und dann zusehen mutz, Ivie meine Frau und 4 Kinder leiden, bis sie zu Tode erstarrt sind. Selbstmord kann ich doch nicht begehen, um der Plage ein Ende zu machen. Ich bitte Sie sehr, doch zu sorgen, daß wenn die Abgeordneten in Berlin zusammen kommen, möchten sie beschließen, daß das arme Volk, dem die Ortsschnlzen die Wohnungen verweigern, vom Militär erschossen wird. aber gleich mit der jungen Familie zu- sammen, damit es sich nicht vennehrcn kann. Ich bin bereit, nicht nur feindlichen, sondern auch deutschen Kugeln nnd Ba- jonetten gegenüber zu stehen. Ich bitte mir mitzuteilen, wie ich es bis dahin machen soll." Hochachtungsvoll A. F.... Dieser Notschrei beweist die Dringlichkeit der Reform des Ge-> setzeS über den llntcrstlltzungswohnsitz!— Die Hamburger Wahlrechtsdrmonstration vor Gericht. Vor dein Schöffengericht VI in Hamburg spielte sich am Montag ein eigenartiger Vorgang ab, bei dem die staatsanwaltschaftliche Logik etwas zu kurz kam. Als Angeklagter erschien der Einvcrufer der Protestvcrsaiiunlung in Hamburg-Eimsbüttel,. Genosse Ziemer, angeklagt der Uebertrctung des§ 3 des hamburgischcn Vereins- gcsetzcs und 58 der Straßenordnung. Nach der ersteren Bc- stimmung wird mit Geldstrafe bis 150 M. bestraft, wer ohne Polizei- liche Erlaubnis Versammlungen unter freiem Himmel veranstaltet, und nach 8 58 der Straßenordnung kann aus Geldstrafe bis zu 60 M. erkannt werden, wer ohne�Geiichmigung Anlaß gibt zu Menschenansammlungen auf den Straßen. Z. hat nun in der Versammlung vom 17. Januar aufgefordert, nicht nach dem Rat- hause zu ziehen, und als ans der Mitte der Versammlung der Ruf ertönte:„Wir gehen doch!" und den Worten die Tat folgte, so hat, nach der Logik der Staatsanwaltschaft, der Angeklagte sich strafbar gemacht, weil die Versammelten ihn dahin verstanden hätten, doch vor das Rathaus zu ziehen. Also in der Aufforderung, etwas zu unterlassen, wird eine indirekte Aufforderung zur Uebertretung der betr. Bestimmungen erblickt. Wie die beiden überwachenden Polizeibcauhen bekunden, hat Z., der Ver- sammlungsleitcr war, am Schluß gesagt:„Ich fordere Sie aus. nicht vor das giathaus zu ziehen, unterlassen Sie das." nachdem er vorher erklärt hatte, es wäre ganz schön, wenn cinnial die Herren Volksvertreter sich von der Stärke der Protestbewegung gegen den Wahlrechtsraub überzeugen würden. Die Beamten er- klärten, sie hätten nicht den Eindruck gewonnen, daß der An- geklagte bezweckt habe, die Versammelten nach dem Rathause zu dirigieren. Sic hätten mehr aus den Wortlaut als ans den Sinn der Rede geachtet. Zurufe aus der Mitte:„Wir gehen doch!" seien erfolgt. Trotzdem beantragte der Amtsanwalt, Assessor Dr. Lührs, die Bestrafung des Angeklagten wegen Uebertretung der Straßen» ordnung— Höchststrafmaß—, dagegen läßt er die Anklage wegen Uebertrctung des Vereinsgesetzes fallen. Der Ankläger bemerkte. er wolle die Politik beiseite lassen, meinte aber in demselben Atemzuge, die Sozialdemokratie dürfe man nicht nach ihren Worten, sondern nach ihrcmWcscn beurteilen.„Ich will es nichtgcsagt haben, aber tun Sic es ruhig," das sei so ungefähr der Gedanken- gang des Angeklagten gewesen. Für die Exzesse mache er die Versammlungen nicht verantwortlich. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Türkheim, ironisierte das Versprechen des Amtsanwalts, nicht politisch werden zu wollen, und führte unter Hinweis auf die Bekundungen� der Polizei. bcamten aus, daß die Anklage in jeder Richtung unhaltbar sei. Es gäbe doch viele Leute mit formaler Bildung, die ihre Gedanken nicht in Worte zu kleiden verständen, wovon man sich in Ver- sammlungen überzeugen könne. Hier handle es.sich um einen Mann aus dem Volke, der in der Erregung über die geplante Wahlrechtsverschlechterung sich vielleicht ungeschickt ausgedrückt, «Ber, wie von den Vcamtcn bekundet, genau das Gegenteil don dem gesagt habe, was die Staatsanwaltschaft herausgefunden. Es geht doch nicht an, die Worte einfach umzudrehen. Der Angeklagte habe sich weder in subjektiver noch objektiver Hinsicht straffällig gemacht. Nach kurzer Beratung erkannte das Gericht auf Frei- sprechung des Angeklagten, weil Zweifel an seiner Schuld vor- lägen, und nach der Bekundung der Polizcibcamtcn lägen solche vor. Landrat und Vcreinsgeseh. In Springe. Provinz Hannover, residiert als Nachfolger des im Duell erschossenen Landrats v. Bennigsen der Landrat w Laer, ein eifriger Sozialistenbckämpfer. Dieser Herr scheint über das tereinsgesetz und seine Pflichten als Hüter des Gesetzes seine eigenen Ansichten zu haben, wie folgender Vorfall beweist. Der Konsumverein von Springe meldete am Donnerstag dem Landrat auf Grund des BereinsgesetzeS, dast am Sonntag, den 4. Februar, im Pottfchen Saale ein Lichtbildervortrag stattfinden werde, und bat um die Anmeldebescheinigung. Am Freitag- m o r g e n erhielt der Einberufer vom Gastwirt Pott einen ein- geschriebenen Brief, in dem dieser mitteilte, dag er seine Zusage, für diesen Bortrag den Saal zu überlassen, zurückziehe. Und am Freitagnachmittag kam folgendes landrätliche Schreiben an: s�-Nw l"s762. Springe, den 2. Februar 190S. Die für das Vorführen von Lichtbildern und zu einem Vor- trage über die Konsumgenossenschaftsbewegnng für den 4. d. M. erbetene Erlaubnis kann nicht erteilt werden, da Ihnen nach mir gewordener Mitteilung der Saal des Herrn Pott für den Tag nicht zur Verfügung st e h t. v. L a e r. An Herrn Wilhelm Steingrube in Springe. Merkwürdig ist an dem Schreiben zunächst, daß der Landrat von Erlaubnis redet! Er ivar um eine Erlaubnis gar nicht gefragt und hatte im übrigen auch gar nichts zu erlauben. Seine Pflicht war, sofort eine Bescheinigung zu erteilen, dah die Ver- sanimlung augemeldet ist, und um iveiteres hatte er sich gar nicht -u bekümmern. Aber wenn sich der Landrat schließlich in einem Irrtum über die gesetzliche Verpflichtung bei Anmeldung einer Ver- sammlnng befand, so mutzte er sich doch selbst sagen, dast der Grund, den er für das Versagen der Erlaubnis anführt, gesetzlich niemals zu rechtfertigen sein kann. Hier ist ein Irrtum auf alle Fälle ausgeschlossen. Die Genossen in Springe vermuten nun, dast der Landrat selbst ans irgend eine Weise auf de» Wirt eingewirkt habe, und schließen dieS aus der chronologischen Aufeinanderfolge der Ereignisse. Der Bortrag hat übrigens doch stattgefunden, wenn auch in einem anderen Lokale.— Weitere Kameruner Standale. Die„Franks. Zog." erhebt neue Anklagen gegen die Kameruner Kolonialverwaltung. Viel Erregung sei in Kamerun darüber cni- standen, daß zwei eingeborene Mädchen, die schon mit eingeborenen Männern verlobt gewesen seien und für die bereits die Hälfte des landesüblichen Preises bezahlt war, von hohen Beamten den Eltern„abgekauft" worden seien! Ein anderer Fall, der ebenfalls viel Erbitterung hervorgerufen habe, habe in dem folgenden bestanden. Zwei Vertreter großer Handelsfirmen in Kamerun hätten am hellen Tage die Frau eines— mit Namen genannten— Häuptlings überfallen und mit Gewalt unzüchtig berührt. Erst hinzu- eilende Eingeborene hätten die Frau befreien können. Die schamlos beleidigte Frau habe bei dein kaiserlichen Bezirksamtinann RegierungSrat v. Brauchitfch Anzeige erstattet. Sie erhielt darauf einfach vom BezirlSanrtmaun Brauchitfch die Mit- teilung, die beiden Handelsvertreter würden bestraft werden. ES ist aber nichts von einer Bestrafung bekannt geworden. Man weiß nur, daß die beiden Herren mit dem Bezirksamt mann zusamnren ein paar Tage später ein gemütliches Beisammensein hatten. Ferner wird d e m s e l b e n B e z i r k S a m t m a n n vorgeworfen, daß er durch falsche Mitteilungen Veranlassung gegeben babe, daß gegen den in Hamburg weilenden Sohn des King A k w a eine Anklage wegen versuchten Schwindels erhoben worden sei, infolge deren dieser Sohn King Akwas drei Monate lang unschuldig in Untersuchungshaft habe zubringen in ü s s e n! Endlich soll der genannte Bezirksamtmann bei der Ab- Wickelung eines Geschäfts mit King Akwa unkorrekt verfahren sein und sich unstatthafte Uebergrisfe haben zuschulden kommen lassen. Wann endlich wird sich der Reichstag dazu aufraffen, die Ein- setzung einer parlamentarischen Kommission zur Untersuchung all dieser ungeheuerlichen Skandale zu fordem?— Nette Aussichten für Südwestafrika. Wenn Oberst Deimling vor einigen Wochen im Reichstage die b a l d i g e B e e n d i g u n g des Hottentotten feldzuges ankündigen zu können glaubte, so versichert die neueste Denkschrift über den südwestafrikanischen Feldzug gerade das Gegenteil! Heißt es doch in der Denk i'chrift: „... Im äußersten Süden steht M o r e n a a noch mit einem Anhang von mindestens 400 gut bewaffneten Leuten in ungebrochener Kraft in der Gegend von Hartcbeest- mund. Das dort am 24. Oktober gelieferte Gefecht hat ihm keinerlei Abbruch getan. Im Gegenteil ist seine Unternehmungslust eher gewachsen, was er durch mehrfache Ueberfälle und Beutezüge, besonders an der Etappenstraße Namansdrift— Warmbad, noch i» den letzten Tagen zur Genüge bewiesen hat. Unzufriedene Ele- mente von diesseits und jenseits der Grenze haben sich ihm an- geschlossen und seine Streitkraft erhöht. Landeskundig, bedürfnis- ios, und unabhängig von rückwärtigen Verbindungen, weiß er sich immer wieder Munition'und Proviant zu verschaffen. Morenga ist als ein beachtenswerter Gegner einzuschätzen. Seine Nieder- werfung wird aller Wahrscheinlichkeit nach längere Zeit in Anspruch nehmen.... Unsere gegen Morenga fechtenden Truppen sind für ihren Nachschub zurzeit allein auf Lüderitzbucht angewiesen, denn die Landelappenstraße Windhuk— KeetmanShoop— Warmbad erreicht die Länge von 830 Kilomeler iEhdtknhnen— Magdeburg). Rinderpest und Milzbrand aber haben den Betrieb mit den landesüblichen Ochsengespannen stark eingeschränkt, und wenn auch die Sperre kürzlich aufgehoben ist, so ist doch zu bedenken, daß ein großer Teil des Viehs der Seuche wegen getötet worden ist. Notdürftig wird der Betrieb mit. Maultieren aufrecht erhalten und jetzt sollen Dromedare für den Nachschub eingestellt werden. Mit dem Wiederauftreten der Seuchen ist ständig zu rechne«. Tatsächlich lebt die Mehrzahl unserer Truppen fast ausschließlich von der Zufuhr aus der Kapkolouie und ist abhängig von dem Entgegenkommen der dortigen Behörden. EinWandel zumBefseren wird zwar eintreten, sobald die Bahn Lüderitzbucht— Kubub in Be- trieb sein wird. Aber ihre baldige Fortführung bis Äect- utanshoop ist für die Beendigung des Ausstandes ein unbedingtes Erfordernis. Nur dann kann man die Truppe unabhängiger von der Zufuhr und damit beweglicher machen. Dann erst wird sie in der Lage sein, das zu erreichen, was sie in entbchrungS- reichen Kreuz- und Ouerzügen bisher erstrebt hat. die bleibende Niederwerfung deS Gegners." Rätselhaft ist bei alledem, warum man immer neue Truppen nach Südwestafrika schickt. 15(XX) Maiin sollten doch wirklich 400 Hottentotten, wenn auch nicht unschädlich machen, so doch einigermaßen in Schach halten können!— HuelancL Oesterreich- Ungar». Die Wahlrechtsbcwcgung in Galizil». Wohl noch nie dürfte Galizien eine so hochgehende politische Bewegung gesehen haben wie jetzt. In Lemberg fand dieser Tage am Franz Iofeph-Berg ein gewaltiges ruthenisches Wahlrechtsmeeting statt, an dem mehr als 30 000 Personen teilnahmen. Zehn Sonder- züge brachten die Delegierten, die ans allen Teilen des Landes zu- iainmengeftrömt lvaren, nach Lemberg und zurück. Die Bauern, vielfach in ihrer Nationalttacht, waren schon im Laufe der Nacht eingetroffen. In der Versammlung hatten die einzelnen Gruppen ihre» bestimmten Standplatz; unter den zahlreichen Standarien und Emblemen sah man auch rote Fahnen flattern. Die rnthenischen Bauern erklärten in der sehr lebhaften Debatte, die den Reden der Demokraten und Sazialisten folgte, die polnische Schlachta als den Feind; die Resolution für das allgemeine gleiche Wahlrecht wurde unter großer Begeisterung augeilommen. Zur ganzen haben bisher 700 ruthenische Versammlungen stattgefunden; außerdem sind an 300 verboten worden.— Einer so tiefgehenden Volksbewegung gegenüber gibt es kein Zurück mehr; die österreichische Regierung wird ihr Versprechen unbedingt einzulösen haben. Italien. Schwere Geburt. Rom, 6. Februar.(B. H.) Sonnino stößt bei der Kabinettsbildung ans große Schwierigkeiten. Die Radikalen Ivollen nur dann ins Kabinett eintreten, wenn ihnen strenge Durch- sührung de» Gesetzes gegen die religiösen Genossenschaften, sowie die Verstaatlichung und Verlveltlichnng des gesamten Volksschul- Unterrichts zugesichert wird. Dies kann aber Sonnino nicht bewilligen, weil er dadurch zahlreiche Freunde verlieren würde.— Dänemark. Die„teure" Monarchie! Kopenhagen. 6. Februar.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung des FolkethingS brachte Ministerpräsident Christensen außerhalb der Tagesordnung einen Gesetzentwurf ein betreffend die Zivilliste für König Frederik VIII.. die Apanage für Kronprinz Christian und daS Nadelgeld und die Witwenrente für die Kronprinzessin Alexandrine. Es wird vorgeschlagen, die Apanage für den Kronprinzen auf 120 000 Kronen jährlich und das Nadelgeld für die Krön- Prinzessin auf 11 200 Kronen jährlich festzusetzen; im Falle des Todes des Kronprinzen erhält die. Witwe außer einer standes- gemäßen Wohnung eine jährliche Witwenrente von 60 000 Kronen. Die Zivilliste des Königs soll unverändert auf eine Million Kronen festgesetzt bleiben. Ans die Zivilliste soll daS Schloß Christian IX. übertragen werden, sowie das Schloß Charlottenlund.— Amerika. Ncbcr den 22. Januar berichtet unser New Dorker Korrespondent nachträglich noch verschiedene Einzelheiten, denen wir folgendes entnehmen: Als erfreuliches Zeichen ist anzuführen, daß an einer Anzahl von Orten die Mitglieder der„Socialist Party" und der„Socialist Labar Party" gemeinsam handelten und zwar nicht nur im Nord- Westen, wo dies vorauszusetzen war, sondern auch an manchen Plätzen im Osten, so in Buffalo, Elizabeth N. D., New Häven dornt., New Bedford Mass. usw. Dasselbe wird ans Cincinnati O. und Kansas City, Missouri, gemeldet. In New Dort war der Umzug von der„S. P." in Gemeinschaft mit einer An- zahl Gewerkschaften und sonstigen Organisationen arrangiert worden, während die„S. L. P." zusammen mit den zur„Jndustrial Workers of the World" gehörenden Gewerkschaften usw. eine Massenversammlung im„Centtal-Palaee" ab- hielten.(Die historische„Cooper U»ion"-Halle, in der mehrere Jahrzehnte hindurch derartige Versammlungen abgehalten wurden und in der sich die bedeutendsten Vorgänge in der hiesigen Arbeiter- bewegung abgespielt haben, steht nicht mehr zur Verfügung, da die Verwalter des Instituts— im Gegensatz zu den Intentionen des Gründers— vor einiger Zeit beschloffen haben, sie „revolutionären" Elementen nicht mehr zu überlassen. Auch ein „Zeichen der Zeit"!)— GewerksckaftUckes. Die Reichs-Sozialpolitik im Schlepptau der Gewerkschafts- beweguug. Auch die letzte Petition der„kaiserlichen" Werftarbeiter in Kiel, die, wie berichtet, auf Beschluß der letzten Werftarbeiter Versammlung direkt an das Reichsmarineamt gerichtet worden, ist nunmehr von diesem zurückgewiesen worden, wieder mit Berufung auf den Instanzenweg, der nicht innegehalten worden sei. Gleichzeitig aber wird auf der Werft bekannt, daß der Oberiverftdirektor vom Reichsmarineamt die Auf fordcrung erhalten habe, festzustellen, ob die Arbeiter b e i eventueller Einführung der neunstündigen Arbeitszeit die geteilte oder die ungeteilte Arbeits zeit vorziehen. Bei der Entscheidung für die geteilte Arbeitszeit soll eine zweistündige Mittagspause ein- geführt werden. In verschiedenen Abteilungen der Werft ist die Rundfrage bereits vorgenommen worden. Weiter verlautet, daß als Anfangstermin für die Einführung der neunstündigen Arbeitszeit der 1. April in Aussicht genommen sei.— Damit würde die Hauptforderung der„kaiserlichen" Werft arbeitcr im Sinne der Arbeiter ihre Erledigung finden. Putzig ist nur, welch krampfhafte Mühe sich die Werftbehörden, bis hinauf zum Reichsmarineamt, geben, doch ja nicht den Per dacht aufkonimen zu lassen, als ob ihre sozialpolittschen Maß nahmen irgendwie dem Drängen der Arbeiterschaft oder gar dem Vorgehen der Gewerkschaften ihre Entstehung verdankten. Offiziell ist darum von den Beschlüssen und Petitionen all der Massenversammlungen keine Notiz genommen worden. Aber indem das Reichsmarineamt solchermaßen dem wichtigsten dieser Beschlüsse Rechnung zu tragen nicht umhin kann, hat es auch dem indifferentesten Werftarbeiter gezeigt, auf welchem Wege allein auch in den„Musterbetrieben" des Reiches die Arbeiter eine Verbesserung ihrer Lage erzielen können. Die Werftarbeiter schätzen darum mit vollem Rechte und tatsächlich ihre Petitionen nicht höher ein, als ihre vorgesetzten Behörden sich den Anschein geben, sie einzuschätzen. Sie wissen, daß ihre entschlossene Haltung und der brillante Stand ihrer Organisationen auf der Werft ihrer Petition, die nicht angenommen wurde, mehr Beachtung verschafft hat, als zehn instanzenmäßig erledigte Eingaben ohne solchen Resonanzboden gefunden hätten. Berlin una clmgegenck. Zentralverband der Konditoren. Bei I. L ö w e n st e i n, Ducland Nächst., Schulzendorferstraße 23, sind 30 Arbeiterinnen und 1ö Arbeiter in den Äbwehrstreik eingetreten, weil der Firmeninhaber ich fortgesetzt Durchbrechungen des'TvrifS und Maßregelungen zu chulden kommen läßt. Zuzug, besonders von Pralineüberziehe- rinnen, Chokoladenarbeitern und Konsiturenpackerinnen ist streng fernzuhalten. Die Lokalverwaltung. Achtung, Schäftearbeiter! Die Arbeiter der Schäftefabrik von Rodde, Markgrafenstr. 81, sind wegen Maßregelung eines Kollegen ausständig. Zuzug nach genannter Fabrik ist fernzuhalten. Die Ortsverwaltung des Zentralverbandes der Schuhmacher Deutschlands. Achtang, Tapezierer! Die Differenzen bei der Firma Schmidt, Vernauerstraße 80, sind nicht beigelegt. Die Firma ist daher streng zu meiden. Verband der Tapezierer. Die„Aufklärung" des Herrn Cranz in dem Inseratenteil des gestrigen„Vorwärts" veranlaßt uns, nochmals ausdrücklich fest- zustellen, daß die unter Mitwirkung des Berliner Gewerkschasts- ausschusseS ftattgefnndenen Unterhandlungen am 1. Februar er- gebnisloS verlaufen sind. Alle sonstigen Erklärungen und„Ans- klärungen" können die Tatsache nicht ans der Welt schaffen, daß Herr Cranz die bescheidenen Forderungen des Verbandes deutscher Gastwirtsgehülfen nicht anerkennen wollte. Der Vorstand des Verbandes der Gastwirtsgehülfen. veutlcves Kelck». In der Silberwareufabrik von Karl Kurz, Hanau-Kesselstadt, sind Differenzen ausgebrochen. Den Anlaß dazu gab die Be- Handlung, welche der Unternehmer und seine Angehörigen den Arbeitern zuteil werden ließen. Die Arbeiter der Silberwaren- Industrie schlössen im vorigen Herbst mit den Fabrikanten einen Vertrag dahingehend, daß von den Unternehmern für Ueberstundcn an Wochentagen, der Arbeitstag zu zehn Stunden. 25 Proz. und an Sonntagen 50 Proz. vergütet werden sollen und worin außerdem eine gegenseitige anständige Behandlung zugesichert wurde. Herr Kurz sucht dies alles zu umgehen. Aus diesen Gründen ersuchen wir die Kollegen, dieses Geschäft bis auf weiteres zu meiden, und zwar solange bis andere Verhältnisse daselbst her- gestellt sind. Die Ortsverwaltimg Hanau des Metallarbeiter-VerbandeS. Ein Urteil von höchster Bedeutung für die gewerkschaftlichen Kämpfe hat das O b e r l a n d e s g e r i ch t zu Naumburg ge- fällt. In Zeitz hatten die organisierten Brauer Differenzen mit dem Brauereibesitz er O etiler. Das nngerufciie Gewerk- schastskartell Zeitz hatte einer öffentlichen Versammlung die Angelegenheit unterbreitet und die Versammlung beschloß nach langen Verhandlungen den Boykott über jene Brauerei. Da bis dahin das Octtler-Bier in den meisten Lokalen getrunken wurde, in denen die Arbeiter verkehren, wirkte der Boykott, und das umsomehr, als der Käriellvorsitzcnde Wolf durch Inserate wiederholt bekannt machte, daß nach dem Beschluß jener Bersammlmig'kein organisierter Ar- beitcr und dessen Angehörige Oettler-Bicr trinken dürfe. Der Brauereibesitzer klagte deshalb gegen den Vorsitzenden des Kartells und verlangte Einstellung der Veröffentlichungen. Vor der Zivil- kanmier des Landgerichts Naumburg machte der Rechts- unwalt O etile rs geltend, daß die Bekanntmachungen nach§K823 nud 826 deS B. G. strafbar seien, denn sie führten die grundsätzliche Schädigung Oettlers herbei und verstießen auch gegen die guten Sitten. Auch.die Gnstivirte würden, ivie aus verschiedenen Zu- schnften hervorginge, schwer geschädigt. Deshalb sei durch eine einst- weilige Verfügung dem Beklagten Wolf jede weitere öffentliche Kund- gebung gegen Oettlcr zu untersagen und jeder Wiederholungsfall zu bestrafe». Es wäre die höchste Zeit, so führte der Justizrat Hage mann weiter ans,„daß dem unerhörten Treiben der sozialistischen Gewerkschaftsführer durch Gerichtsbeschluß ein Ziel ge- setzt werde". An eine Schadenersatzklage sei nicht zu denken, eine hohe Geldstrafe sei deshalb geboten. Der Anwalt des Beklagten wies treffend nach, daß§ 152 der Gewerbeordnung in seiner Konsequenz dem Arbeiter das Recht gebe, auch sotche Erklärungen und Auffordernngen zu erlassen und daß die heutigen Gewerkschaftskartelle die Interessen der Arbeiter vertreten und wahrnehmen. Das Landgericht aber erkannte»ach den Ausführungen des kläqerischen Anwalts und verhängte eine Geld- strafe von 500 Mark für jeden weiteren Fall einer Veröffent- lichung durch den Angeklagten. Gegen dieses Urteil war beim Oberlandcsgericht Naumburg Berufung eingelegt worden.(Der Boykott ist in- zwischen aufgehoben worden.) Vor dem ObcrlandeSgericht wurde der ganze Tatbestand noch einmal aufgerollt, doch kam cS bei dein ersten Termin noch nicht zu einer Urteilsfällung, diese behielt sich der Gerichtshof für einen neuen Termin vor. In diesem ging man noch einmal ans die Sache selbst ein, der Gegneranwalt brachte dabei zur Sprache, daß zwar der Boykott aufgehoben sei, daß aber viele Wirte auf Befrage» durch den Kläger erklärt hätten, daß die Arbeitcr noch immer kein Oettlerbier trinken wollten. DaS Ober- la ndesgericht oerwarf denn die Berufung des Angeklagten unter der Begründung, daß in jenen Vcröffentlichinigen eine Verrnfscrklärimg ent- halten sei und daß sie ferner gegen die 88 823 und 826 des Bürgerlichen Gesetzbuches verstießen. Demnach bleibe es bei den 500 M. Geldstrafe für jeden weiteren Fall einer öffentlichen Bekanntgabe deS Angeklagten aeaen O e t t l e r. Das OberlandeSgericht Naumburg ist schon bekannt durch seine Urteile gegen die Arbeiterorganisationen. ES war auch seinerzeit das erste, das für unsere Parteipresie die Notiz„Zuzug ist fern- zuhalten" unter Strafe stellte. Das ist später wieder fallen gelassen, und so wird es auch wohl dahin kommen, daß auch obiges Urteil einmal seine Bedeutung verliert, denn die Arbeiterschaft wird sich auch damit abzufinden wissen. Buolantl. Kein Lohnkampf im Buchdruckgewcrbe in Kopenhagen? Am 14. Januar hatten, wie wir damals berichteten, die Arbeiter und Arbeiterinnen des Buchdruckgewerbes in Kopenhagen die Vor- schlage zu einem neuen Tarifvertrag abgelehnt und es schien, als würde es zu einem allgemeinen Lohnkampf kommen. Inzwischen haben neue Verhandlungen stattgefunden, die endlich in der letzten Sitzung, die vom Sonnabend nachmittag bis Sonntagmorgen 5 Uhr währte, zu einem von den Vertretern beider Par- teien gutgeheißenem Resultat führten. Große Verhessermigen gegenüber dem abgelehnten Tarifenttvnrf sind dabei freilich nicht erzielt worden. Die Prinzipale lvaren nicht zu bewegen, einer kürzeren Gültigkeitsdauer als der achtjährigen zuzustimmen, haben aber dafür noch eine weitere Erhöhung der Alkordlöhnc für ZeittmgS- wie für Werksatz zugestanden. Auch hinsichtlich der Arbeitszeit haben sie keine weiteren Ziigeständnisie gemacht. Die tägliche Arbeitszeit wird demnach sofort um eine halbe Stunde und nach Verlauf von vier Jahren wiederum um eine halbe Stunde verkürzt, so daß dann der A ch t st u n d e n t a g für die Buchdrucker Kopenhagens durch- geführt ist._ Ein amerikanischer Bergarbeiterstreik in Sicht. Pittsburg, 5. Februar. Die Hoffnung auf eine friedliche Bei- legung der Streitigkeiten zwischen den Kohlenbergleuten und den Bergwerksbesitzern ist jetzt auf allen Seiten aufgegeben worden. Beide Parteien rüsten sich aus einen Streik, der der größte werden würde, den Amerika jemals erlebt hat. Der vierte Teil der Bergwerke des ganzen Landes setzt alles für den Kampf instand. Ihr Streik- reservekapital beträgt gegen 3 Millionen Dollars. Die Bergwerks- besitzer tun ihr Möglichstes, um sich Kohlcnvorräte für die nächste Zukunft zu sichern. Falls ihnen das nicht gelingt, wird die ganze Industrie des Landes lahmgelegt. Alle Gruben werden durch den Streik in Mitleidenschaft gezogen. Der Pariser„Eclair" wird aus New Uork gemeldet: Die Vertreter der Arbeiter haben beschlossen, am 1. April in den Ausstand zu treten, falls bis dahin die geforderte Lohnerhöhung nicht durchgeführt ist. Die Zahl der Ausständigen wird 550 000 Mann betragen. Man befürchtet, daß auch Arbeiter anderer In- dustriezweige sich dem Streik anschließen werden. Die Bchörden Pennsylvaniens treffen bereits umfassende Vorsichtsmaßregeln, um dem Ausstand nicht unvorbereitet gegenüberzustehen. Em Volks-Protest. Jtnb wieder war das arbeitende Volk von Berlin gestern unkertvegs. einen gewaltigen Massenprotest zu veranstalten DeinonVtrierte man am denkwürdigen 21. Januar für eine Er Weiterung der politischen Rechte im Staate, so galt eh gestern. sich dagegen zu verwahren, daß eine parlamentarische Mehr heit im Reiche dem Volke Lasten auferlege, die es nicht nur zu schwach ist zu tragen, sondern die es außerdem auf sich nehmen soll im Interesse einer kleinen besitzenden Minderheit der Nation. 25 große Versammlungen in Berlin und den Vororten waren es. in deuen dagegen Verwahnmg eingelegt wurde. War der Eindruck dieser Versammlungen auch nicht ein so in die Erscheinung tretender, wie der am„roten Sonntage", so war die Kundgebung doch machtvoll und eindringlich genug. um in jeden» wirklich parlameutarisch regierten Lande die An- nähme der volksbelastendcn Steuerpläne unmöglich zu machen. Die Referenten kritisierten überall die inS Uferlose führende Welt- und Kolonialpolitik des Reiches und geißelten namentlich die vorgelegten Steuerprojekte, die nicht nur schwache Schultern schwer zu belasteu geeignet sind, sondern ganze Industrien verllichten und Tausende fleißiger Arbeiter dem Elend ausliefern müssen. Die scharfe, aber gerechtfertigte Kritik des Referenten fand überall lebhafte Zustimmung und einstimmig wurde in allen Versammlungen die nachstehende Resolution angenommen: Die Versammlung verurteilt auf daZ entschiedenste eine Zoll Politik, die nach den» Ausspruch dcS Reichskanzlers vom 1. Februar 1005 im Reichstage darauf gerichtet ist, die industrielle EntWickelung Deutschlands zu hemmen Dieser Zweck soll besonders durch die am 1. März diese? Jahres in Kraft tretenden Handelsverträge auf Kosten der Industrie und des Handels und insbesondere der in Industrie, Handel und Verkehr beschäftigten Arbeiter erreicht werden, eine Zollpolitik, die zugleich eine weitere Bereicherung der Großiiidustriellen, der Junker und Agrarier bedeutet. Die hierdurch herbeigeführte abermalige Verteuerung der not- wendigsten Lebensmittel tritt zudem in einem Augenblick ein, in Ivelchem voraussichtlich auch größere Arbeitslosigkeit entsteht als Folge der durch die neue Zollpolitik erschwerten Ausfuhr von Industrie- crzeugnissen. Verschärft werden diese verderblichen Wirkungen noch, wenn die Dtcuervorlagen, die gegenwärtig dem Reichstage vorliegen, Gesetz iverden. Denn mit Ausnahme der Erbschaftssteuervorlage gehen dieselben wiederum darauf hinaus, blühende Industriezweige, wie die Brauerei- und Tabakindustrie, aufs schwerste zu schädigen und viele Taufende von Arbeitern in denselben brotlos zu machen oder wie die Fahrkarten- und OuittungSsteuervorlage eine Erschwerung und Verteuerung des Verkehrs herbeiführen, die in erster Linie wieder die unbemittelten Klqsien treffen. Die Versammelten protestieren gegen eine solche Politik schwerster Schädigung und Benachteiligung der arbeitenden Klaffen und verlangen nachdrücklich, daß, wenn daS Reich neue Einnahmen für seine Welt- und Kolonialpolitik braucht, sie die besitzenden Klaffen aufbringen müssen, welche eine solche Politik als in ihrem Älaffenintereste liegend, unterstützen. Diese Einnahmen müssen durch die Einführung einer Reichseinkommen- und Vermögenssteuer neben der ReichS-Erbschaftssteuer aufgebracht werden. 1. Wahlkreis. Tie Armin hallen waren gut besucht. Etwa 500 Personen waren anwesend. ReichStagsabgcordnctcr Fräßdorf referierte, häufig von tosendcni Beifall unterbrochen. In der Diskussion sprach der Tabakarbeiter Genosse Rosenthal in zustimmendem Sinne. Ein Herr M ö w e s versuchte mit unklaren Worten die Notwendigkeit der indirekten Steuern nachzuweisen. Fräßdorf antwortet dem betreffenden Diskussionsredner im Schlußwort. Tann wurde vom Vorsitzenden die Versammlung mit einem Hoch auf die Sozial- demokratie geschkossen. In den Spreehallen referierte der Genosse Reichstags- Abgeordneter Herbert- Stettin. Seine Ausführungen riefen eme rege Diskussion hervor. Die Resolution wurde einstimmig an- genommen. 2. Wahltreis. In der Versammlung im Hofjägcr-Palast. Hasen- Heide 52/53, referierte ReichstagSabgeordncter Fritz Zubeil. Anwesend waren zirka 1000 Personen. Das L'/zstündige Referat wurde mit großem Beifall entgegengenommen. Die vorliegende Resolution fand einstimmige Annahme. Die bei Z ü h l k e in der Dennewitzstraße tagende, von 500 Personen besuchte Protestversammlung nahni. nachdem der Referent Genosse Robert Schmidt den Zolltarif und die dem Reichstage vorgelegten Stcuerpläne eingehend beleuchtet hatte, die Resolution gegen 1 Stimme an. In der Diskussion nahm ein Herr Wolf, Vertreter der M i t t e l st a n d S- und Arbeit er- Partei Schlesiens, das Wort, der sich für eine Luxussteuer aus- sprach. Mit einem Hinweis des Vorsitzenden auf die Arbeiterpresse und die Wahlvereine ging die Versammlung mit einem Hoch auf die So-ialdemokratie auseinander. 3. Wohltreis. Im Gewerk schaftshausc referierte vor zirka 800 An- wcsendcn ReichstagSabgeordncter S ü d e k u m. In vorzüglichen Ausführungen geißelte der Referent den Versuch der Regierung, den arbeitenden Klassen immer neue Steuerlasten aufzubürden. Nach einstimmiger Annahme der Resolution forderte der Vorsitzende noch zu intensiver Agitation für Partei, Gewerkschaft und Presse auf. 4. Wahlkreis. Im Konzerthaus Sanssouci sprach in einem zwei- stündigen, oft vom lebhaften Beifall unterbrochenen �Referat. Dr. Karl Liebknecht, und beleuchtete das ganze Stcuerbouquet der Regierung. Reicher Beifall lohnte ain Schluß unserem Genossen. Als erster Diskussionsredner sprach Genosse Tabakarbeitcr Börner über die traurigen Verhältnisse gerade in der Tabakarbeitcrbranchc und forderte die Anwesenden auf, die Zeitungen vom Schlage„Lokal. Anzeiger" und..Morgrnpost" aus dem Hause zu werfen und nur die Arbeiterpresse zu lesen. Tie Resolution wurde einstimmig an» genommen. Genosse R e i ch c l t forderte noch auf, recht zahlreich aus der Landeskirche auszutreten. In überfüllter Versammlung im Lokale von Graumann referierte der ReichStagSabgeordncte Kühn aus Langenbielau. Der Referent zerpflückte in l'/.,stündiger Rede das Stenerbukett des ReichSfchatzsekretärS Herrn v. Stengel, oftmals durch allgemeine Zustimmung unterbrochen. Reicher Beifall lohnte dem Redner für feine Ausführungen. Die Resolution wurde einstimmig ange- nommen. In der Diskussion sprachen einige Tabakarbeiter gegen die Tabaksteuervorlage im Reichstage. Die Versammlung bei K e l l e r war von 3000 Personen besucht. Schon um SMi Uhr erfolgte die Absperrung. Referent war Genosse Theodor Glocke. Vor der Versammlung wurde verboten, das Flugblatt der freireligiösen Gemeinde und das Gedicht von A. Hoffmann zu verbreiten. Zwei Genossen wurden deshalb fistiert; einer im Saal festgestellt. Ter im Saal Festgestellte der- teilte die Flugblätter der freireligiösen Gemeinde. In der Debatte sprach u. a. Genosse Schmidt, Tabakarbeiter. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. I Im Lokal von B o e k e r in der Weberstraße sprach Genosse Gradnaner vor gut besuchter Versammlung und unterzog die heutige Regierungsiveiie einer herben Kritik. In vorirefflicher Weise zerpflückt der Referent das vorgelegte Steuerbukett und erntete dafür lebhaften Beifall. Zum Swluß ermahnte der Redner die An- wesenden, auszuharren im Kampfe gegen die Reaktion, damit er siegreich zu Ende geführt werden kann. � Vor einer Kopf an Kopf gedrängten Menge sprach in L i t f i n s Salon, Memclcrstr. 67, Reichstagsabgeordneter P e u s. Die oft von Beifall unterbrochenen Ausführungen des Redners fanden leb- haften Beifall bei den Versammelten. Die vorgeschlagene Resolution wurde einstimmig angenommen. Nach einem kurzen und kräftigen Hinweis des Vorsitzenden auf die Organisation und die Arbeiter- presse schloß die Versammlung mit einem Hoch aus die Arbeiter- bcwcgung. 5. Wahlkreis. Im Schütze»haus referierte Gen. ReichstagSabgeordncter Schmalfeldt vor überfüllter Versammlung. In beinahe 1'/, slüiidigein Vortrage zerpflückte der Redner an der Hand eineS umfangreiche» Zahlenmaterials die einzelnen Blätter und Blüten des Stenerbttketts, oft unterbrochen von braufendem Beifall der Anwesenden. In der Diskussion sprachen B u t r y Schmidt und H e n s e l, Die Resolution wurde einstimmig an genommen. Genosse Zucht fordert die Anwesenden auf, den Worten des Referenten und der Diskussionsredner Folge zu leisten und Mann für Mann in die politischen und gewerkschaftlichen Orgaiiisaiione» einzutreten. Mit einem brausenden Hoch auf die Sozialdemokratie wurde die Versammlung geschloffen. 6. Wahlkreis Die Berolinasäle in der Schönhauser Allee verfielen schon um 5 Uhr der polizeilichen Absperrung. Der Referent, Gc- noffe N i t s ch k e- Dresden, forderte zum energischen Kampf gegen das indirekte Steuersystem auf. um eine Wiederholung von der- artigen Stcuervorlagen unmöglich zu machen. In der Diskussion suchte Genosse Thomas die Ausführungen des Referenten durch Propagierung der Konsumgenossenschaft zu ergänzen, während Gc- nossc Rateis chek, Tabakarbeiter, auf den drohenden Ruin der Tabakindustric hinwies. Die Versammlung wird geschlossen mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die internationale, völkerbefreiende Sozialdemokratie. Bei Wernau. Schwedterstraße, referierte Genosse LipinSky vor etiva 500 Personen. Der Referent unterzog die Steuervorlagen in l'/zstündigem Vortrag einer herbe» Kritik. In der Diskussion sprach Gen. Buhl speziell über die Tabaksteuer. Gegner waren nicht anwesend. Bei H e n s e l, Jnvalidenstr. 1. wurde schon um il3Q Uhr abgesperrt. Etwa 600—700 Personen waren anwesend. Referent war Stadtv. Gen. Borgmann. Die Resolution fand einstimmige An- nähme. Nach eindringlicher Aufforderung des Vorsitzenden Knick. sich der politischen und gewerkschaftlichen Organisation anzuschließen sowie unsere Presse noch mehr als bisher zu lesen, erfolgte Schluß. Im Lokale von W e d e k i n d in der Badstraße waren etwa 700 Personen, darunter sehr viele weibliche, versammelt, um dem Referat des Genossen ReichStagsabgcordneten S ch ö p f l i n in aufmerksamer Weise zu folgen. In seinen IVistundigen Aus- ührlmgen, oft von stürmischem Beifall unterbrochen, entledigte sich der Redner in ausgezeichneter Weise seiner Aufgabe. Die vorgelegte Resolution wurde einstimmig beschlossen. Nach einem Schlutzlvort des Vorsitzenden, in dein derselbe eilten Appell an die Versammelten richtete, sich der sozialdemokratischen Partei anzuschließen, auf den Vorwärts" zu abonnieren und aus der Landeskirche auszutreten, wurde die Versammlung mit einem begeisternden Hoch auf die inter- nationale Sozialdemokratie geschlossen. In der Versammlung im Kösliner Hof referierte Genosse A l b r e ch t vor etwa 1000 Personen. Die Anwesenden folgten seinen Ausführungen mit gespanntem Interesse und spendeten dem- elben am Ende seines Referates brausenden Beifall. Mit einem begeistert aufgenonimenen Hoch auf die interiiatioiiale Völker- befreiende Sozialdemoklatie fand die Versammlung ihr Ende. Die Ruhe und Ordnung war trotz allen Polizeimaßregeln eine musterhafte. Die bei Milbrodt tagende Versammlung war von zirka 00 Personen beiderlei Geschlechts besucht. Der Referent, Genosse Ströbel, schildert eingehend die volksfeindlichen Pläne, die in der Regierung und im Reichstage geschmiedet werden. Redner schloß mit einem warmen Appell an die Genossen, fich der Organisation anzuschießen, die Arbeiterpresse zu lesen, kurz, in jeder Beziehung als Glieder des klassenbewußten Proletariats ihre Schuldigkeit zu tun.(Lebhafter Beifall.) Nach einem kräftigen Schlußwort des Genossen Arendsee und nach einstimmiger Annahme der Rc- olution, wurde die begeisterte Versammlung geschlossen. Die in Peters Gesellschaftshaus tagende Versammlung schloß ich den Ausführungen deS Ref. Gen. Sindermann an. Tie Resolution wurde einstimmig angenommen. Der Besuch wurde auf etwa 2500 Personen geschätzt. Im stark gefüllten Swinemünder Gesellschafts- haus referierte Genosse Kiesel. Im Sinne des Referenten brachen die Genossen Hüben er und Franke. Genosse Alfred Schulze wies besonders auf die Organisation der jugendlichen Arbeiter hin und ermahnte die Genossen, ihre Nachkommen zu tat- kräftigen, geschulten Parteigenossen zu machen. Genossin M a t s ch k c ersuchte zum Anschluß an die Fraucnorganisation. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Rixdirf. Die Versammlung in H o p p c s F e st s ä l e n war überaus zahlreich besucht. Genosse Molkcnbuhr beleuchtete in treffenden Ausführungen die neuen Steuervorlagen. Tie Resolution and einstimmige Annahme. Gegner meldeten sich trotz Aufforde, rung nicht zum Wort. Ebarlottruburg. Der große Saal des Volkshauscs und die Galerie waren dicht gefüllt. Ter Reichstagsabgeordnete Genosse Lcdebour entwurf in mehr als zweistündigem Vortrage ein groß- zügiges Bild der Steuer- und Zollgesetzgebung im Reiche, das die Politik der leitenden Kreise der herrchenden Klassen in ihrer haß- lichen Nacktheit zeigte. Nachdem der Redner unter begeistertem Beifall geschlossen, wurde die schon oben mitgeteilte Resolution ein- kimmig angenommen. In Tchineberg war der Obst sche Saal biZ auf den letzten Platz gefüllt. In cmdert halbstündigen Ausführungen ging der Referent. Reichstagsabgeordneter S t a d t h a g e n, auf die stcuerpläne der herrschenden Klassen ein und übte eine scharfe Kritik an dem Vor- gehen der Regierung, der arbeitenden Klasse in noch höherem Maße die Kosten der Weltpolitik aufzubürden. In der Diskussion richtete der Vorsitzende der Versammlung noch emcn Appell an die An- wesenden, zum Eintritt in die Orgmiisation. Tic Resolution wurde einstimmig angenommen. Ober-SchSnrweide. Die hier tagende Protestversammlung war von ungefähr 1000 Personen besucht. Da» Referat hielt Genosse Eberl, welches mit großem Beifall aufgenommen wurde. Zum Schluß stimmte die Versammlung in das Hoch auf die inter- nationale völkerbefteiende Sozialdemokratie ein. Fricdrichsberg- Lichtenberg. Im überfüllten Saale von Giersch referierte Genosse Rcichsrags-Abgeordneter Grenz- Leipzig. Derselbe schildert, häufig durch stürmischen Beifall unterbrochen, wie, nachdem das französische Geld nach dem Kriege schnell verbraucht war, die Bismarcksche Steuerpolitik einsetzte; wies nach, daß durch immer größere Forderungen für Heer, Marin« und Kolonien für Knlwrzwecke nicht nur nichts übrig bleibt, sondern durch indirekt« Steuern daS Volk auf der einen Seite geschröpft, auf der anderen brotlos gemacht wird. Nur dtirch Anschluß an die Organisation ist es möglich, den drohenden Ansturm aus die Lebenshaltung des erwerbstätigen! Volkes abzuschlagen. Gegner t 'meldeten sich trotz Aufforderung nicht zum Work. Die Resolutisn wird einstimmig angenommen. Pankow. Im ,. Gesell schaftShauS" waren über 400 i Männer und Frauen versammelt, denen Genosse D ü w e l l in einem zweistündigen Bortrage die Geschichte der kapitalistischen Entwickc- I lung und der deutschen Zollgesetzgebung in wirkungsvoller Weise vor Augen führte. An der Diskussion beteiligten sich Hentzschcl j(Tabakarbeitcr), der namentlich die durch die neue Tabaksteuervor- läge drohenden Schäden hervorhob, sowie Kronfeld, Kotz und T o b l e r. Genosse M c i tz n e r brachte einen Aufruf zum Aus- ; tritt aus der Landeskirche zur Kenntnis der Versammlung. Tie vom Vorsitzenden verlesene Resolution wurde einstimmig angenommen. Versammlungen. Eine Protestversammlung gegen die Tabaksteuervorlage hielten die Graveure und Ziseleure Berlins am 1. Februar ab. Ein großer Teil der Berufskollegen ist mit Ausstattungen in der Tabakindustrie beschäftigt. In seinem Referat über„Die neue Finanzrcform dcS deutschen Reiches" konnte der Reichstags- abgeordnete A l b r c ch t an der Hand eines guten Zahlenmaterials in fesselnder und packender Weise den Nachweis führen, daß die Arbeiter in doppelter Weise, nämlich als Produzenten wie auch als Konsumenten, bei Verwirklichung der neuen Stcuerpläne darunter leiden würden, und deshalb das größte Interesse haben, gegen eine Politik aufzutreten, die fortgesetzte Steucrcrhöhungen nötig macht. Dem beifällig aufganommcncn Vortrage folgte eine kurze Diskussion, und erklärte sich zum Schluß die Versammlung ein- stinimig in einer Resolution gegen die geplante Erhöhung oder Neu- einführung von indirekten Steuern; sie fordert vom Reichstage die Ablehnung der hierzu vorliegenden Gesetzentwürfe, da durch Einführung direkter Steuern auf Einkommen und Vermögen aus- gleichende Gerechtigkeit geschaffen und so die Mehrausgaben gc- deckt werden könnten. Tie Branche der Möbelpolierer(Sektion des Holzarbeiter- Verbandes) hielt am 28. Januar eine auch von Frauen gutbesuchtc Versammlung ab. in der Genosse P. Göhre einen mit großem Beifall begrüßten Vortrag über„Erziehüngsfragen" hielt.— Hierauf erfolgte die Wahl der Branchenlcitung, und zwar wurden gewählt zum 1. Branchenleitcr Oskar D u m k e, zum Stcllvcr- trcter A. Schreiber und zum Schriftführer F. S t ö ck e l. Als Bezirksobleute wurden gewählt für den Osten F. B o l l f r a ß. für den Südosten A. Schreiber und für den Norden K. Kuß. Als Delegierte zur Gaukonferenz in Frankfurt a. O. sollen der Ge- neralversammlung die Kollegen O. Dumte, A. Schreiber und R. Weber vorgeschlagen werden. Tie Steinarbeiter(Berlin I) hielten am Donnerstag in den Arminhallcn eine Versammlung ab. Ter Äcrbandötag, der im April in Nürnberg stattfindet, bildete das Hauptthema des Abends. Die Tagesordnung des Verbandstageö ivurde besprochen. Beim Punkt „Presse" wurde darauf autmerkt anr gemacht, daß die Verbreitung des Vcrbandsorgcnts»Der Steinarbeitcr", der obligatorisch eingeführt sei, zu teuer komme. Unter„Kassenbericht" wurde scharf kritisiert. daß der Verband die Beiträge zu den Unterstützungseinrichtungen für seine Angestellten zahle. Folgender Antrag für den Verbandstag wurde angenommen:„Ter Beitrag zu der Unterftützungsemrichtung der Angestellten von Organisationen(Verein Arbeiterpresse) im Bc- trage von 6 M. a Person für die Angestellten des Verbandes der Steinarbeitcr Deutschlands ist nicht mehr aus Verbandsmitteln zu bestreiten."— Ferner wurde die Erlvartung ausgesprochen, daß die Delegierten sich gegen zu hohe Gehälter für die Beamten wenden lverdcn.— Zu»Organisation und Untcritützungseinrichtungen" lagen folgende Anträge vor: 1.„Tie Filialen des Verbandes der Steinarbeitcr Deutschlands sind in de» einzelnen Orten zu einer Verwaltungsstelle zusammenzulegen." 2,„Die Rciscunterstützuiig ist an allen Orten nach fest normierten Sätzen auszuzahlen, aber nicht unter 50 Pf. pro Tag." 3.„Tie Reisekartcn find von den Zahlstellenvorständen auszustellen." 4.„Im ersten Jahre der Zu- gchörigkeit zur Organisation sind Mitgliedskarten auszugeben, später Mitgliedsbücher." Diese Anträge wurde» angenommen und sind dem Verbandstage zu unterbreiten. Mit den Vorlagen des Zentral- Vorstandes über Kranken-, Arbeitslosen- und ErwcrbSloscnuntcr- stützung erklärt sich die Versammlung nicht einverstanden und wünscht. daß das Anerbieten des Kollegen Hirtmann angenommen wird, auf Grund der letzten Vierteljahrsabrcchnungcn des Verbandes statistische Unterlagen für ein Unterstützungssystem auszuarbeiten. Ms Kandidaten für die noch zu wählenden zwei Delegierten wurden Walter, Hauschke und Hirtmann vorgeschlagen. Ter Versammlung wurde dann bekannt gegeben, daß die Fehler in dem Rechenschaft-'- bericht vom letzten Jahre, lvelcher der vorhergehenden Bersamm- lung vorlag, korrigiert seien und der Bericht in Ordnung befunden wurde. Letzte l�achricbten und Depefeben. Die.Hamburger Partei gegen die Bolksaustvucherung. Hamburg, 6. Februar.(Privatdcpcsche des„Vorwärts".) 17 überfüllte Volksversammlungen, die heute abend im Ham burgcr Staatsgebiet stattfanden, protestierten gegen die neuen Steuerpläne der Regierung. Alle nahmen einstimmig nachfolgende Resolution au': Die heute, am Dienstag, den 6. Februar 1906. tagende Volksversammlung erklärt sich gegen alle Steuerprojekte. durch welche die Konsumartikcl des Volkes verteuert, das wirtschaftliche Leben und der Verkehr belastet und belästigt werden, insbesondere auch gcgeu die geplante Erhöhung der Reichsstcuern auf Bier und Tabak, gegen die Frachtstempcl. die Ouittungs- und die Fahrkartensteuer. Sie richtet an den Reichstag das Ersuchen, alle diese Steuerprojekte abzulehnen, zumal der Ertrag dieser Steuern hauptsächlich der uferlosen Flottenvermehrung und ähnlichen Zwecken dienen soll. Gleichzeitig fordert die Versammlung, daß an die Stelle der indirekten Steuern, welche das Volk besonders schwer be- lasten, eine progressive Reichseinkommen-, Reichserbschafts- und Vermögenssteuer treten soll. Wahnsinniges Urteil. Kiew, 6. Febniar.(B. H) Das Kriegsgericht verurteilte den 18 jährigen SaSlawsky. welcher einen Polizisten bedroht hatte, zum Tode durch den Strang. Bordotcn. Frankfurt a. M., 6. Februar.(B. H.) Die„Franks. Zeitung" meldet aus Gotenburg: Der Masseur Axel Romair, der seit Jahren den russischen Kaiser behandelt, ist aus Zarskoje Selo hier eingetroffen, um für die Unterbringung seiner Familie hier Vor- kehniugeu zu treffen, da er für Rußland schlimme Zeiten, insbcsoudcre Hiingersiiotrcvolteii erwartet. Er deutet an, die Regierimg werde vor allem die Reichsdmna erflichem ihr bei der Aufiiahure riucr ZwaugSanleihe bei den russischen Klöstern bchülslich zu sein. Marlner alS Streikbrecher. Trieft, 6. Februar.(W. T. B.) Tie Zahl der streikenden Heizer und Matrosen beträgt etwa 1500. Zwei weitere Lloyd- daurpfer sind mit Heizern der Kriegsmarine abgegangen. wurde emjtlmmig angenommen. �eoensourrun»>." cuucLutauuytiu»UVM.V uvouiu�uuui. vycuirci„" t i I"»«_ SJeronl». Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Zj. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagSanstalt Paul Singer Ltdo.. Be clin S W. Hierzu Z Beilagen u.NnterhaltnngZblatt mi l. mm!>ts„Milillüs" �tliiifr lolblihtt. Mw-ch.7.Kbn.«lM. Reichstag« 38. Sitzung vom Dienstag, den 6. Februar, nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratstische: Graf PosadowSkh. Erster Punkt der Tagesordnung ist die Interpellation Albrecht sSoz.) und Genossen:„Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, dast am 10. Juli 1905 auf der Kohlenzeche„Borussia" bei Dortmund infolge eines Schachtbrandes 39 Arbeiter getötet worden sind? Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, weshalb die Ursachen des (irchtbaren Unglücks noch immer nicht amtlich bekannt gemacht und ie schuldigen Personen zur Verantwortung gezogen worden sind? Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß die„Borussia"- Katastrophe durch Ausierachtlasiung der allernotwendigsten Arbeiter- schutzbestimmungen herbeigeführt wurde und was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, damit ähnlichen Grubenunglücken vorgebeugt ivird?" Staatssekretär Graf Posadowsky erklärt auf Befragen des Präsidenten, ob und wann der Reichskanzler die Interpellation zu beantworten gedenke: Der Herr Reichskanzler lehnt die Beantwortung der Interpellation ab, weil es sich um eine spezifisch preußische Bergbauangelegenheit handelt. Abg. Singer sSoz.): Trotzdem die Regierung die Beantwortung ablehnt, beantragen wir die Besprechung der Interpellation. Präsident Graf Ballcstrem: Dieser Antrag bedarf geschäftS ordnungsgemäß der Unterstützung von 50 Mitgliedern. Für die Besprechung stimmen die Sozialdemokraten, beide frei- sinnige Parteien, das Zentrum und die Antisemiten. Bei der schwachen Besetzung des Hauses kommen aber nicht 50 Stimmen zu- sammen. Die Besprechung ist also abgelehnt. Nunmehr wird die zweite Beratung des Etats des Reichsamts deS Annern fortgefetzt. Abg. Graf Kanitz(1): Ich möchte einmal an den Grafen Posadowsky die Frage richten, was er in seinem Berliner Haushalt für Versicherungsbeiträge auszugeben hat. Es wird eine Bagatelle sein gegenüber den Ausgaben, die die Versicherung auch nur einem ländlichen Betriebe bereitet. Auch die Industrie klagt nicht ohne Recht über die Belastung durch die sozialpolitische Gesetzgebung; sie ist aber insofern in günstigerer Lage, als sie die Lasten auf die Konsumenten abwälzen kann. Wenigstens gilt das von den in Trusts und Syndikaten organisierten Industrien, wie der Kohleniudustrie. Graf Posadowky beantwortet die Frage, wie trotz der großen Ar beiterfürsorge drei Millionen sozialdemokratischer Stimmen in Deutschland abgegeben werden konnten, mit der Zunahme der Materialisierung und der mangelnden Opferwilligkeit der besitzenden Klassen. Ich glaube, diese Antwort ist falsch.' Schon Abg. Graf Stolberg hat sie widerlegt; ich möchte noch hinzufügen, daß die Landwirtschaft in ihrer bedrängten Lage gar nicht imstande ist, dem Materialismus zu frönen.(Lachen links.) Die Ansprüche der Ar bester sind immer größer geworden. Je weiter die Sozialpolitik das Los der Arbeiter verbessert, desto stärker wird die sozialdemokratische Stimmung uiiter den Arbeitern. In der Stadt Köln, die durch den so arbeiterfreundlichen Abg. Trimborn vcr- treten wird, haben die sozialdemokratischen Stimmen stets zw genommen. Die sozialpolitischen Gesetze haben geradezu denwrali siereud auf die Arbeiter gewirkt. Die Arbeiter wollen einfach eine Rente vom Staate.(Große Heiterkeit links.) Sieht man sich die ungeheure Zunahme der sozialdemokratischen Stimnien in den Industrie- und Handelszentren an, so kommt man zur Neber- zeugung, daß unsere verkehrte Zoll- und Handelspolink, die die Industrie zuungunsten der Landtvirtschaft begünstigt (Lachen links), an der Zunahme der Sozialdemokratie schuld ist. Das Land kann die neue Witwen- und Waiserversorgung, stir die 220—230 Millionen Mark gefordert werden müssen, unmöglich tragen, wenn nicht andere Lasten herabgesetzt werden. In Frank« reich gibt eS keine Klebemarlen, keine Versicherungöpaläste usw. Wir sollten uns die französischen Einrichtungen zum Muster nehmen. (Hört l hört! links.) Aus der Heimarbeitcrausstellung muß jeder den Eindruck gewonnen haben, daß die Löhne vielfach ganz miserabel« sind. Wie läßt sich das aber ändern? Wichtiger als die Krankenversicherung der Heimarbeiter scheint mir, daß der massenhaften Einwanderung lediger Frauenspersonen nach den Großstädten Einhalt geboten wird. Wenn aus einer kleinen Stadt wie Neidenburg in einem Jahre 40 solche Frauenspersonen nach Berlin gezogen sind, kann man sich nicht wundern, wenn die Arbeitslöhne so herabgedrückt werden. Für mich ist die Hauptsache die Vereinfachung der Versicherungsgcsetzgebung. Fort mit der Kleberei! Geschieht dies, dann wird sich alles andere finden.(Bravo! rechts.) Abg. Dr. Pachnicke(frs. Vg.): Wir haben allen Aiilaß, dafür zu sorgen, daß die nichtsozialdemokratischen Arbeiter gestärkt werden. Der Standpunkt deS Zentralverbandes deutscher Industrieller gegenüber den Tarifverträgen ist unhaltbar. Gerade im Interesse der Förderung von Tarifverträgen legen wir der Anerkennung der Berufsvereine so großen Wert bei, und wir begrüßen im Gegensatz zum Verband der Industriellen die Haltung der bayerischen Regierung, welche die Gewerbeinspektoren darauf hingewiesen hat, möglichst für das Zustandekommen von Tarifverträgen einzutreten. Der Berufsverein muß feine Bewegungsfreiheit behalten, sonst ist seine Rechtsfähigkeit zu teuer erkauft. Aber die Bewegungsfreiheit, das Koalitionsrecht, ii ß sogar weiter ausgebaut werden. Die Streiks sind sehr bedauer- lich, aber nicht immer entbehrlich. Die Arbeiter müssen sich über- zeugen, daß der Erfolg eines Streiks sehr ivesentlich von der öffent- lichen Meinung abhängt, und sie sollten sich die Gunst dieser öffent- lichen Meinung nicht durch unbedachte Worte verscherzen. Aus keinen Fall dürfte'der Staat in solche Streiks irgendwie eingreifen. (Beifall links.) Die Frage der Arbeitskammern scheint mir heute noch nicht spruchreis zu sein. Dagegen ist der Zehnstundentag für Frauen schon jetzt spruchreif. Wir werden wohl auch einmal zum allgemeinen Maximalarbeitstag auch für Männer kommen. Notwendig ist eine Reform des KrankeukassenwesenS. Die Beiträge werden nicht zu >/, und 2/g, sondern zu Vz und Vi verteilt werde» müssen. Damit muß eine paritätische Besetzung der Vorstandsmitglieder in den Kassen Hand in Hand gehen, auch wenn das den Sozialdemokraten nicht gefallen sollte. Die Sozialdemokraten wollen doch selbst in den Arbcitskammern die paritätische Besetzung, also können sie doch auch die paritätische Besetzung des Kassenvorstandes nicht als Eingriff in die Selbstverwaltung betrachten. Noch ein Wort zu den Reden der Abgeordneten Fischer und Stückien. Sie waren mit der deutschen Sozialpolitik beinahe so unzustieden wie Graf Kanitz. Auch Wir Freisinnigen haben die soziale Fürsorge ursprünglich auf andere Grundlage stellen wollen; aber jetzt stellen wir uns auf den Boden der gegebenen Tatsachen. Und da darf man nicht übersehen die 10 Millionen unterstützter deutscher Arbeiter und die Krankenversicherung, die 11 bis 12 Millionen Unterstützter durch die Unfallversicherung und die 13 Millionen Unierstützter durch die Invalidenversicherung. 1>/z Milliarden Mark haben die Arbeiter mehr an Renten erhalten, als sie an Beiträgen gezahlt haben. Weder im Reichsamt des Innen: noch im Reichstag ist der sozial- politische Eifer abgeflaut, Ivohl aber— darin hat die Sozial- denwkratie recht— im Lande. Aber schuld daran ist in erster Linie sie selbst, die inimer schroffer, immer verbissener das einseitige Interesse einer Klasse betont. Diejenigen, ivelche die Entwickelung der Sozialdemokratie zu einer demokratisch-sozialen Reformpartei voraussagten. haben sich bitter getäuscht. Das Gegenteil ist eingetreten. Der Revisionismus ist tot. und � der] Radikalismus hat gesiegt. Auch durch das Gerede über die Stratzendemonstrationen und den Maffenstreik reizen Siel die Phantasie der Arbeiter in recht bedenklicher Weise an._ Fordert doch selbst der Aufruf des Internationalen Sozialistischen Bureaus mit Bebels und Singers Unterschrift auf, am 21. Januar die Sympathie für das russische Proletariat wo mög- lich überall durch Straßendemonstrationen zu begehen. Von dem Massenstreik hat Frau Roland- Holst in glühenden Farben ein prächtiges Bild entworfen:„ES ist eine nationale Erhebung, die die Arbeiterschaft des ganzen Landes erfaßt. Ueberall ist Unruhe. Alle Verbindungen sind unsicher; jede schnelle Kommunikation wird unsicher. Der zentralisierte Staat fällt auseinander, jede Provinz ist auf sich angewiesen." Gefühl- voller und zugleich kindlicher hat sich noch nie jemand, der die Widerstandskraft des modernen Staats zu schätzen weiß, über den politischen Massenstreik ausgesprochen. Aber der Frau Roland-Holst scheinen ja solche Schreibereien blutiger Ernst zu sein. Mit all dem erreichen Sie nur das Gegenteil von dem, was Sie bezwecken. Sie können den Massenstreik nicht durchhalten; denn wenige Tage ge- niigen, um Ihre Kassen zu leeren. Wohl aber wird ein allgemeiner Rückschlag in der freiheitlichen Entwickelung eintreten, soweit von einer solchen noch in Deutschland die Rede sein kann. Die Entwickelung der deutschen Sozialdemokratie bestätigt die alte Erfahrung, daß Druck Gegendruck erzeugt. Eine Wirtschaftspolitik, die nur den Standesinteressen der Großgrundbesitzer dient, eine Steuerpolitik, die ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit die Masse der Verbraucher belastet, eine Handelspolitik, die den Lebens- unterhalt der Aermsten verteuert, eine Rechtsprechung, die in manchen Fällen den Anschein der Klassenjustiz erwecken muß, falsche Ehrbegriffe, die die regierenden Schichten zur Ungesetzlich- keit anreizen, Wahlrechtssysteme, die große Bevölkerungsklassen gänzlich von der Vertretung ausschließen. Die ganze Rcgierungs- weise, die deS volkstümlichen Zuges entbehrt, mutz das Reservoir der Unznfriedenheit bis zum Ueberlaufen füllen.(Sehr wahr l links. In Baden können selbst die Nationalliberalen mit den Sozial demokraten zusammengehen, in Preußen ist eine solche Wahlpolitik für absehbare Zeit gänzlich ausgeschlossen. Es steht im engsten Zusammenhang mit der Verschiedenheit der Regierungs- Politik, daß die sächsisch- preußische Sozialdemokratie eine ganz andere ist als die bayrisch-badische. Auch die englische Arbeiter- Partei ist weit entfernt von dem deutsch-sozialdeniokratischen Gepräge. Vielleicht ist die Sozialpolitik, die wir hier betreiben, noch am ehesten geeignet, allmählich auch zu gesunden Parteiverhältnissen in Deutsch- land zu führen, besonders wenn sie von allem reaktionären Beiwerk befteit ist. In diesem Sinne werden wir an der Weiterführung der Sozialpolitik mitarbeiten.(Bravo! links.) Abg. Bruhn(Reformp.): Wir stehen nach wie vor auf dem Boden des allgemeinen Befähigungsnachweises und bedauern es sehr, daß Herr Euler und besonders Herr Pauli in dieser Frage umgefallen sind.— Gegenüber dem sozialdemokratischen Terrorismus ist nach meiner persönlichen Anschauung ohne Ausnahmegesetze nicht auszukommen. Herr Stücklen meinte, die bürgerliche Gesellschaft habe am 21. Januar große Angst vor der Sozialdemokratie gehabt. Nein, nicht vor Ihnen, sondern vor etwaigen Krawallen beim Ein- schreiten von Polizei und Militär hat man sich gefürchtet. Sie(zu den Sozialdemokraten) hatten ursprünglich ganz etwas anderes ge- plant und sind dann Tag für Tag zurückgewichen. Noch ein paar Tage vor dem 21. Januar sprach ich mit einem Sozialdemokraten und fragte ihn: Nun sind Sie schon vorbereitet zum Sonntag? Darauf zog er ein großes Messer aus der Tasche.(Stürmische Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär Graf PosadowSkh: Es ist ein vollständiges Verbot der Bleiverwendung gefordert worden. Wir haben bereits in bezug auf die Verwendung von Blei, namentlich von bleihaltigen Farben sehr einschneidende Bundesrats- Verordnungen erlassen, durch ein absolutes Verbot würde aber die ganze Bleigewinnungsindustrie, welche Tausende von Arbeitern be- schäftigt, lahm gelegt. Durch die Verordnung ist es zum Beispiel Malern verboten, beim Gebrauch bleihaltiger Farben zu rauchen. Ich habe aber selbst wiederholt auch nach der Verordnung Maler gesehen, die mit der einen Hand den Pinsel führten und mit der andern Hand gemütlich ihre Pfeife rauchten. Wenn die Folgen der Bleivergiftung bekämpft werden sollen, dann müssen auch die Arbeiter das ihrige tun, um die erlassenen Vorschriften gewissenhaft zu be- obachten. Heber die Sonntagsruhe im Mühlengewerbe bestehen Verordnungen; wenn diese von den Mühlenbesitzern nicht beuchtet werden, so kann man dafür die Reichsregierung nicht verantwortlich mache». Da muß die Polizei an Ort und Stelle für die Durch- sührung sorgen. Die Sonntagsruhe in der Binnenschiffahrt wird sich regeln lassen, wenn das Material über die Arbeitszeit im Binneir schiffahrtsgelverbe verarbeitet sein wird. Bezüglich der Wander arbeit und überhaupt der Beschäftigung von Frauen und jugendlichen Arbeitern in den Ziegeleien sind Verordnungen ergangen. Wir haben aber festgestellt, daß die Wanderarbeit weiblicher Arbeiter überhaupt nicht im vermuteten großen Umfange stattfindet. Im übrigen hängt diese Frage eng mit der Wohnungsfrage zusammen und da sind nur die Einzelregierungen zuständig. Daß eine Verinehrung der Gewerbeinspektoren dringend notwendig ist, erkenne ich an. UebrigenS ist die Nachfrage nach solchen verhältnismäßig gering. Wenn man mit Berufung auf England verlangt, daß auch Acrzte zur Gewerbeinspektion herangezogen werden, so gebe ich zu, daß der Chiefinspektor in England ein technisch gebildeter Mann ist, aber seine Organe besitzen im allgenieinen nicht daS Maß von Wissen und Bildung, wie unsere deutschen Inspektoren. Daß§ 25 deS Unfallversicherungsgesetzes gewisse Lücken zeigt, gebe ich zu. Bei der gesainten Revision der sozialpolitischen Gesetze werden wir er- wägen, ob dieser Paragraph nicht zum Besten der Kranken Versicherung reformiert werden kann, ob nicht dem Wunsche der Krankenkassen Rechnung zu tragen ist, daß sie soll das erstattet be- kommen von der Unfallversicherungs-Berufsgenossenschaft, worauf sie Anspruch zu haben glauben.— Die RcchnungSergebnisse der Berufsgenossenschaften früher erscheinen zu lassen, ivird sich schwer ermöglichen lassen. Wen» Sie ein wirkliches Bild von dem Soll und Haben der Berufsgenossenschaft geben sollen, wird immer ein halbes Jahr vergehen, bis sie zusammengestellt und veröffentlicht werden können. Es ist nicht richtig, daß wir die Vereinheitlichung der sozial- politischen Gesetzgebung»ck oalonckas Zrasoas(bis zum St. Nimmer- leinStag) verschoben hätten. Es handelt sich dabei um ein so gewaltiges Material, daß daS kommende EinheitSgesctz nicht allzu kurz ausfallen kann, obgleich wir uns die größte Mühe geben werden, es möglichst kurz und knapp zu fassen. Wir hoffen, daß eS gegen Ende des Jahres 1907 im Reichsamt deS Innern fertiggestellt sein wird.(Hört! hört! links.) Was die Arbcitskammern anlangt, so wollte das Zentrum ursprünglich ihre Verbindung mit den Gewerbe- gerichten. Es sind dann aber im Lause der Zeit Bedenken ent- standen, ob es angängig ist, eine Interessenvertretung mit einer Rechtsprechungsinstanz zu verbinden. Ich kann nur bemerken, daß im Bundesrat noch keinerlei endgültige Grundsätze in dieser Richtung aufgestellt worden sind, so daß die Frage noch vollkommen offen ist. Ich habe daS neue System der größeren Armenverbände Haupt- sächlich aus dem Grunde vorgeschlagen, um die schimpflichen Ab- schiebungen zu beseitigen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß heut- zutage an vielen Orten geradezu das System herrscht, das eineu Mann, der sich annähernd zwei Jahre schon in dem Orte aufgehalten hat, also nahe daran ist, den Unterstützungswohnsitz zu erwerben, zur Abwanderung zwingt, indem man dafür sorgt, baß er keine Wohnung bekommt oder keine Arbeit oder dergleichen.(Hört! hört! und Sehr richtig! links.) Dieses System wird in dem bisherigen Maße unmöglich werden, wenn größere Armenverbände gebildet werden, die etwa den Umfang der jetzigen preußischen Amtsbezirke haben müßten. Der große Fortschritt unserer Versicherungsgesetze ist eS, an Stelle der Armenpflege ein Recht der Arbeiter zu setzen, und zwar ein Recht, das sie durch Beteiligung an den Beiträgen selbst erworben haben.(Sehr richtig! links und im Zentrum.) Ich glaube, daß man nienials in Deutschland von diesem System lvieder abweichen könne. Uebrigens haben sich ja die konservativen Abgeordneten Pauli und Graf Kanitz ausdrücklich für den Ausbau der Versicherungsgesetzgebung festgelegt. Diejenigen, die unsere sozialpolitische Gesetzgebung angreifen, weil die Arbeiter dafür doch nicht dankbar wären, erkläre ich: Um Dankbarkeit zu erwerben, gibt kein Staat Gesetze.(Sehr richtig! links.) Ferner muß man doch auch fragen, Ivelche Verhältnisse sich entwickelt hätten, wenn seit jenen Zeiten, in denen die kaiserliche Botschaft kam, trotz deS gewaltigen Aufschwungs unserer Industrie nichts für die Arbeiter geschehen wäre.(Sehr richtig! links.) Und ferner: Wenn Deutschland einen so gewaltigen mdustriellen Aufschwung erlebt hat, wie kein anderes Land der Erde in derselben Zeit, so verdankt eS das in erster Linie der Tüchtigkeit seiner Arbeiter. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Diese Tüchtig- keit der Arbeiter müßte aber zweifellos leiden, wenn wir den Arbeitern nicht durch die sozialpolitische Gesetz- gebung eine gewisse Höhe der Lebenshaltung und die körper- liche Gesundheit nach Möglichkeit garantiert hätten. Mir hat das ein Vertreter der chemischen Industrie kürzlich erst mit sehr beredten Worten auseinandergesetzt. Es sind in der Presse in der letzten Zeit wieder die heftigsten Angriffe gegen mich erhoben worden, Werl ich den BefähigungS- Nachweis im Baugewerbe versprochen, aber mein Versprechen nicht gehalten Hütte. In einem Bericht, dessen Verfasser dem Abg. Bruhn nahesteht, ist meine Rede verstümmelt worden, indem gerade die- jenigen zwei Sätze, auf die es wesentlich ankommt, merkwürdigerweise weggelassen sind. Der eine dieser Sätze heißt:„Soweit es mit den Wirt- schaftlichen Zuständen und überhaupt mit unserer ganzen Gesetzgebung verträglich ist". Der andere Satz ist der Schlußsatz:„In welcher Form das geschehen wird, darüber kann ich mich zurzeit nicht äußern."(Hört! hört! links.) Die Art und Weise, wie man in der Presse gegen unsere Beschickung des Kölner Handwerkerkongresses polemisiert hat, ist ein Anschauungsunterricht dafür, wie man gegen uns zu polemisieren pflegt. Beschicken wir einen Kongreß nicht. so werden wir getadelt, weil wir kein Interesse sür die Sache hätten. Beschicken wir ihn, und unser Vertreter ergreift in irgend einer Sache das Wort, so heißt eS, wir mischten uns in die Verhandlung ein. Ergreift unser Vertreter nicht da« Wort, so heißt es, der RegierungSvertreter hatte für die ganzen Verhandlungen nicht daS geringste Interesse bewiesen.(Heiterkeit links.) Diese Umstände be- stärken mich in der Ansicht, daß die verbündeten Regierungen äußerst vorsichtig in der Beschickung von Kongressen sein müssen. Alles Wichtige erfährt man ja hinterher doch aus den gedruckten Berichten.(Heiterkeit.) Ein ZentrumSredner hat auch eine Enquete über die Lage der mittleren und kleinen Kaufleute verlangt. Eine Enquete in diesem Umfange läßt sich nicht durchführen, weil nur die größten Zwangsmittel einen wirklichen Einblick in die Lage der ein- zelnen eröffnen können. Wenn man aber sieht, wie in den abge- legenften Straßen junge Leute stets neue Geschäfte gründen, die schon nach drei Monaten ihren Besitzer wechseln, so muß man sich doch fragen, ob hier für die Gründung das Bedürfnis der Konsumenten maßgebend war oder das Bedürfnis der Haus- besitzer, den Parterrestock ihrer neuerbauten Häuser zu Läden auszunutzen.(Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) lieber die christlichen Gewerkschaften soll erklärt worden jei», sie seien noch schlimmer als die sozialdemokratischen. Es scheint also Kreise zu geben, die sich der Hoffnung hingeben, daß trotz unserer großen industriellen Entwickelung der Arbeiterbewegung— ich spreche von dem Streben der Arbeiter, ihre Lebenslage zu verbessem und sich in höherem Maße als bisher an öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen— ganz beseitigt werden könnte oder sollte. Aber wer das glaubt, befindet sich in einem starken Irrtum(Leb- hafte Zustimnmng links) und stützt seine Auffassung auf einen nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ ziemlich eng begrenzten Jnteressenstandpunkt.(Lebhafte Zustimmung links und im Zentrum.— Abg. v. Kardorff meldet sich zum Wort.) Der Unterschied zwischen der berechtigten Arbeiterbewegung und der unberechtigten Arbeiterbewegung der Sozialdemokratie besteht eben gerade darin, daß die Sozialdemokratie ,m Interesse der Arbeiter Forderungen aufstellt, die weder der gegenwärtige Staat, noch der Zukunftsstaat, noch irgend ein Staat in der Welt jemals ausführen konnte; denn die Erfüllung dieser Forderungen würde den Zu- sammenbruch des ganzen wirtschaftlichen und staatlichen Lebens be- deuten. Und weil die Sozialdcinokratie überzeugt ist. daß kein Staat der Welt ihre Forderungen wird ausführen können, darum verlangt sie die Beseitigung des ganzen bestehende» Staates und die Er- richtung eines Zukunstsstaates, von dem ich wenigstens keinen Begriff habe, wie er aussehen wird.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die Auffassung, daß die christliche Arbeiterbewegung noch schlimmer als die sozialdemokratische, kann nur von Männern aus- gehen, denen jede auch noch so berechtigte Arbeiterforderung un° sympathisch ist.(Sehr gut I im Zentrum und links.) Die Stellung mancher Herren gegenüber den Arbeiterforderungen erinnert mich lebhaft an die Stellung mancher Minister im Parlamente. Wenn ein Minister da täglich sieht, wie seine sorgfältigst vor- bereitete» Gesetzentwürfe kritisiert werden, dann denkt er sich gern in die selige Zeit der Minister im absoluten Staat zurück, an die großen absoluten Minister. die Richelieu, Mazarin. die Kaunitz und Metternich. Aber die Zeiten sind vorbei, sie kehren nicht wieder, von diesen Gottheiten lebt nur noch der Schatten.(Heiterkeit.) Gerade so wie die konsti- tutionellen Minister, lvenn ihnen etwas auf die Nerven fällt, sich vom Koustitutionalismus fortsehnen, sind die Sozialpolitiker, wenn man sie so nennen darf, denen jede Arbeiterbewegung unsympathisch ist. Andererseits hat zweifellos die Sozialdemokratie schuld daran, wenn die Neigung, sozialpolitisch tätig zu sein, im Lande abnimmt. ZweiielloS beruht diese Erscheinung darauf. daß die Sozialdemokratie ,nit der Revolution spielt und nicht ob- jektiv genug ist. das anzuerkennen, was der Staat und die bürger- liche Gesellschaft für die Arbeiter getan haben.(Lebhafte Zustimmung rechts, in der Mitte und bei den Freisinnigen. Zu den Sozialdemokraten gewandt): Auch in der Politik ist strengste Wahrheitsliebe und strengste Gerechtigkeit die beste Taktik! (Erneuter Beifall.) Der Vertreter der Sozialdemokratie hat hier erklärt, der englischen Arbeiterdeputation seien Potemkinsche Dörfer vorgeführt worden. Aber der Führer der Deputation hatte mir bei seinem ersten Besuch schon einen genauen Plan dessen, was sie prüfen und sehen wollten, vorgelegt. Ich hatte darauf auch nicht die Spur von Einfluß geübt und war nur überrascht, wie gründlich dieser Plan ausgearbeitet war. Dafür, daß ich an sämtliche Regierungen die Bitte richtete, den englischen Arbeitern die Besichtigung aller Institute zu erleichtern, die sie sehen wollten, haben sie mir dann einen Dankbesuch abgestattet, und ich war erstaunt, welch positiv eingehende Fragen sie stellten, mit welch offenen Augen sie gesehen und welch nüchternes Urteil sie hatten. Und dieses Urteil klang darin aus, daß sie überrascht waren. waS Deutschland für seine Arbeiter auf sozial- politischem Gebiete getan habe. Wir haben den englischen Arbeitern alle Einrichtungen gezeigt, die sie zu sehen wünschten. Sie aber(zu den Sozialdemokraten) wollen nicht auerkennen, was auf sozial- politischem Gebiete in Deutschland geleistet worden ist. Und weil Sie sich dazu nicht entschließen können, verstimmen Sie die Re- gierung, verbittern Sie die bürgerlichen Parteien und— täuschen Sie Ihre Anhänger.(Stürmischer Beifall rechts, im Zentrum und bei den Freistniligen.) Abg. Dr. Dahlem(Z.) tritt für die Angestellten in der Binnen- schiffahrt, speziell für bessere Sonntagsruhe in diesem Gewerbe ein. SBg. Hue(Soz.): Es ist verschiedentlich über die christlichen Gewerkschaften und ihr Verhältnis zu den anderen gesprochen worden. Ich habe einige Erfahrungen aus diesem Gebiete und gestatte mir einige Be- mertungen allgemeiner Natur über die Gewerkschaftsbewegung. Der Herr Staatssekretär sprach von englischen Arbeitern, die hohe Achtung vor der deutschen Sozialpolitik bezeugt hätten. Nach meiner Er- kundigung hat nicht ein einziger der Arbeiter ein Wort deutsch ge- könnt;(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten) sie haben ihre Kenntnisse also nur indirekt schöpfen können. Die englischen Arbeiter, mit denen ich wiederholt auf inter- nationalen Kongressen zusammengekommen bin, haben aller- dings einen Zweig der deutschen Sozialpolitik, nämlich die Arbeiter- Versicherung, wiederholt als besser gegenüber den englisckicn Zu- ständen anerkannt. Sie haben aber immer mehr Wert gelegt auf den Arbeiterschutz, und insbesondere in, Bergbau ist England in Bezug auf den Arbeiterschutz, obwohl es nicht solch spezialisierte Gesetze hat, doch bedeutend weiter als Preußen Deutschland. Wir sind nicht so unobjektiv, wie der Herr Staatssekretär in seiner interessanten Rede� meinte. Ich habe wiederholt anerkannt, daß unsere deutsche Versicherungsgesetzgebung gegenüber der ausländischen mancherlei Vorzüge aufweist. Aber nachdem wir das Grundprinzip, das übrigens vor 25 Jahren Bebel vorgezeichnet hat, als richtig anerkannt haben, können wir uns doch nicht abhalten lassen, an der Ausführung und an Einzelheiten der Gesetzgebung Kritik zu üben. Wenn Sie wissen wollen, war»», wir nicht in das hohe Lied verschiedener bürgerlicher Sozialpolitiker über unsere Sozialpolitik einstimmen, brauchen Sic nur an die Debatte im preußischen Abgeordnetenhause zu denken, wo selbst ein Zeiitrumsmanu dafür eingetreten ist, die Renten untcr 20 Proz. einfach nicht mehr auszuzahlen. Wo soll das hinführeit, wenn ein derartig unhumaner Grundsatz in die Versicherungsgesetzgebung hineingebracht wird? Es ist durchaus nicht richtig, daß diese Renten bei dem Einkommen der Arbeiter nicht in Betracht komnien. Von uns verlangt man Anerkennung der sozialpolitischen Gesetzgebung. Haben wir aber schon ein einziges Mal gehört, daß die Herren von der äußersten Rechten jemals anerkannt hätten, was für außer- ordentliche Geschenke ihnen aus den Taschen des deutschen Volkes in Form von Zöllen und anderen Liebesgaben gegeben worden sind? Haben etwa die Herren Agrarier deshalb ein Loblied auf die Regierung angestimmt? Sie können doch nicht ver- langen, daß wir bessere Kinder sein sollen als jene Herren. (Sehr gut I bei den Sozialdemokraten.) Es ist hingewiesen worden auf den TerroriSmuS, den die angeblichen sozialdemokratischen Gewerkschaften auf Andersgesinnte ausüben. Ich kenne keinen be- kannteren Gewerkschaftskollcgen, der nicht stets in der energischsten und schärfsten Weise jeden solchen Fall von wirklichem Terrorismus gegen andersgesinnte Arbeiter verurteilt hätte. Solche Leute werden bei uns auf Grund der Statuten ausgeschlossen, weil sie die Ehre und das Ansehen des Verbandes schädigen. Ich erinnere aber an die Fälle von Terrorismus zivischen katholischen Fachvereinen und christ- lichen Gewerkschaften. Zwischen ihnen ist eS sogar zu Prügeleien ge- kommen. Aus Mitteilungen von hervorragenden interkonfessionellen Gewerkschaftlern können Ivir feststellen, daß auf beiden Seiten betont worden ist, die Sozialdemokraten seien viel anständiger in ihrer Agitation als die christlichen und die katholischen Geiverkschaften. Es wird manchen freien Gewerkschaftlern ein großes Verbrechen daraus gemacht, daß sie mit ihren christlichen Kollegen in Wirt- schaftlichen Fragen nicht zusammengehen wollen. Die katholischen Pfarrer haben aber die interkonfessionellen Gewerkschaften auch nicht anerkannt. Auf dem preußischen Bergarbeiter- kongreß mußte sogar gegen den Willen der ckristlichen Gewerkschaftsführer ein Sozialdemokrat für die Zulassung eines Vertreters einer katholischen Pfarrabteilung auftreten.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Deshalb berührt es mich immer merkwürdig, wenn gegnerische Blätter sich überbieten in der Be- sndelnng der freie» Gewerkschaften und der Erfindung von Schauer- märchen. Am wenigsten Ursache haben sicher die Nationalliberalc», über Terrorismus der Arbeiter zu klagen. Ich erinnere an die Praktiken der Unternehmerkartclle und ihren Terrorismus gegenüber Händlern, Konsumenten und Konkurrenten. Oder soll ich den Herren etwa ein Privatissimum lesen über die saarabischen Zustände? Herr Dr. Mugdan hat behauptet, die Krankenkassen und die Gewerkschaften würden von den Sozialdemokraten Vergeivaltigt. Er mag ruhig sein— die Gewerkschaften lassen sich nicht vergewaltigen, sie sind durchaus selbständig. Ich gebe zu, �es gibt in unsere» Kreisen verschiedene Meinungen über das Verhältnis von Gewerk- schaften und Partei. Ich und, wie der Kölner Gewerkschaftskongreß gezeigt hat, eine Reihe anderer Gewerkschaftler sind der Ansicht, daß eine Verquickung der parteipolitischen und der gewerk- schaftlichen Organisationen nicht angebracht ist. Es gibt ja auch in anderen Parteien darüber verschiedene An- sichten. Herr Dr. Mugdan trat auch für die Hirsch- Dunckerschen Gewerkschaften ein. Die Düsseldorfer Richtung dieser Gewerkschaften aber wendet sich in aller Entschiedenheit gegen sein Auftreten und erklärt ohne weiteres die Parteianschauungen der Herren um Eugen Richter für durchaus unmodern. Dann bat Herr Mugdan behauptet, er hätte nicht von der Münchener Ortskrankenkasse gesprochen. Ich stelle fest, daß Herr Bergnieister Engel behauptet hat, die Münchener Ortskrankenkasse wäre von Sozialdemokraten vergewaltigt und Fchleckit verwaltet worden. Ferner hat er behauptet, die Gewerkschaften, insbesondere der Bergarbeiterverband, ständen unter dem Einflüsse der sozial- demokratischen Partei. Bei der Behauptung, die Orlskrankenkassen im allgemeinen würden von den Sozialdemokraten vergewaltigt, berief sich Herr Bergmeister Engel auf den Fürsten Bülow und Herrn Dr. Mugdan. Das Gericht entschied aber, der Bergmeister Engel habe nicht in der geringsten Weise den Wahrheitsbeweis führen können, sondern leichtfertig unwahre Tatsachen behauptet. Die Behauptung, daß der Bergarbeiterverband unter dem Einflüsse der Sozialdemokratie stehe, stellte darauf ein Zentrumsredakteur Anklamer in Essen auf. Er behauptete, der Bergarbeiterverband wolle gar nicht die Lage der Arbeiter verbessern, sondern nur die Geschäfte der Sozialdemokratie besorgen. Darum hetze er so gegen daS Berggesetz. Es wäre ihm sogar lieb, wenn die alten Mißstände bestehen blieben. Nach stundenlangen Plaidoyers für und wider hat das Gericht entschieden, daß der Zentrumsredakteur in keiner Weise ver- mocht habe, den Wahrheitsbeweis für seine Behauptungen zu führen I So geht eS mit Ihren Behauptinigen. Wenn wir einmal Gelegen- heit nehmen, eine dieser Verleumdungen herauszugreifen und vor Gericht zu führen, dann klappen die Herren zusammen. Nach meiner Ueberzengung sollen die Gewerkschaften sich von jeder parteipolitischen und auch religiösen Agitation sernhalten. AuS diesem Grunde bin ich auch ein Gegner der christlichen Sonderbündelei. Wie es kein christliches Kohlensyndikat, keinen christlichen Stahlwerks- verband gibt, so brauchen wir auch keine christlichen Gewerkschaften. Die Behauptung, daß die freien Gewerkschaften durch antireligiöse Agitation es verschuldet hätten, daß christliche Gewerkschaften ent- standen sind, ist unwahr. Aus den„Christlich-sozialen Blättern" von 1877 und 78 kann ich nachweisen, daß schon �damals die Absicht be- stand, einen großen neutralen Verband zu gründen. Damals waren es die Herren Stötzel und andere, welche sich aus parteipolitischen Gründen gegen diesen Plan erklärten.(Hört I hört I bei den Sozial- demokraten.) Wir haben also die Zersplitterung in die Gewerk- schaftsbewegung nicht hineingetragen. Es ist behauptet worden, die christlichen Gewerkschaften seien noch schlimmer als die freien. Tatsächlich werden aber unter den heutigen Zuständen die christlichen Gewerkschaften überhaupt keine selbständige große Zukunft haben. Kein politisch denkender Arbeiter wird jetzt mehr der christlichen Gewerkschaft beitreten, nachdem das Zentrum der Brotverteueruug zngestimmt hat und uns das Berg- arbcitcr-Schuiidzeseb(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten) gebracht hat. Ich kann mich sogar auf eine Erklärung des Papstes und auf die Bücher hervorragender Katholiken berufen; sie alle sind der Meinung, daß jede Arbeiterorganisation, die ernsthaft für eine Verbesserung der sozialen Lage eintritt, naturgemäß zur Sozial- demokratie führt.(Hört! hört! und Sehr richtig! rechts.) Der Staatssekretär hat sich über die Undankbarkeit der Arbeiter beklagt. Aber wer die Verhältnisse der Binnenschiffer, der Bergarbeiter, der f eimarbeiter kennt, der muß wissen, daß nnndestens sehr große eile der Arbeiterschaft mit der bisherigen sozialpolitischen Gesetz- gebung gar nicht zuftieden sein können. Nur die ersten Anfänge zu einer solchen sind vorhanden, für große Teilender Arbeiterschaft ist noch gar nichts geschehen. Ueber die Zustände in der Zeche „Borussia" haben wir Ihnen leider heute nicht das nötige mitteilen können— aber geschenkt wird Ihnen das nicht, warten Sie nur ab! Sonst hätten Sie es hören können, wie unter den Augen der Be- Hörde Verbrechen über Verbrechen verübt werden— ich will nicht sagen: mit Zustimmung der Behörden. Wir hätten Ihnen heute an einer Anzahl von Fällen zeige» können, wie die Gesetze in unver- schämter Weise von den Vertretern des Großkapitalismus übertreten werden. Wie gesagt, geschenkt wird Ihnen die Zeche„Borussia" nicht, das sind wir schon den Witwen und Waisen schuldig, deren 25 Männer und Väter noch heute in ttefer Grube unbegraben, un- geborgen liegen. Wir haben verhindert, daß man die kleinen Diebe hing, und werden jetzt die großen Diebe nicht laufen lasten. Graf Posadowsky sprach vorhin so schön und interessant von den Vorzügen einer geistig entwickelten Arbeiterschaft. Besonders gefreut hat mich, daß er die Blüte der deutschen Industrie in erster Reihe doch auf die Arbeiter— ich schließe die Kopfarbeiter mit ein— zurückführte. Aber bei den l1� Millionen Arbeitern in Hütten. Hochöfen, Walzwerken und sonstigen Betrieben der Stahl- und Eisenindustrie hat die Sozialpolitik noch ein großes unbekanntes Land neu zu entdecken, dessen Bcackerung zunächst einmal vor- genommen werden mutz, ehe man so viel von unserer Sozialpolitik pricht. In dieser ganzen Debatte ist ebenso wenig wie im Vorjahre auch nur ein Wort darüber gesprochen worden. In erster Linie spreche ich für meine eigenen BerufSgeuossen, deren soziale Besserstellung mir sehr am Herzen liegt, der Feuerarbeiter, die in glühender Hitze eine unglaublich quälensche Arbeit verrichten müssen. Vorschriften über die Arbeitszeit der Eisen- und Stahl- arbeiter, über das Sanitätswesen, über ihre Teilnahme an der Unfallverhütung bestehen überhaupt nicht, und soweit einzelne Verordnungen erlassen sind, kümmern sich die Unternehmer nirgends darum. Das Eisen, neben der Kohle eine der wesentlichsten Grund- lagen unserer Industrie, wird noch immer in unbeschränkter Arbeits- zeit bearbeitet. Die Schlosser und Dreher in den Werkstätten arbeiten im allgemeinen zehn Stunden, in den kleineren, weitab von der Heerstraße liegenden Betrieben aber auch 12, 13 und 15 Stunden.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Das ist eine unerhörte Schmutzkonkurreuz, die die Reichs- regicnmg als unlauteren Wettbeiverb entschieden bekämpfen ollte, schon damit die Arbeitgeber, die die notwendige Humanität besitzen, nicht länger gehindert werden, zu ttm, was Verstand und Gemüt ihnen gebieten. Die Feuerarbeiter aber an den Martins-, Bessemer- und Siemensöfen, die zur Winterszeit in einer Temperatur von über 40 Grad, im Sommer in der reinsten Hölle arbeiten, müssen Tag für Tag unausgesetzt 12 Stunden tätig sein. Nicht genug da- mit. Wo nicht Doppelschichten eingefühlt sind, müssen sie 13, 14, 16, 18 Stunde» arbeiten, biS ihnen die Haut vom Gesicht herunter- gebrannt und die blaue Farbe aus ihren Blusen vom Schweiß wcggrwaschen ist. Nicht die geringste Verordnung beschränkt die Ueberstunden. In der grausamsten Weise werden in vielen Eisen- und Stahliverkeu täglich 2— 5 Stunden Ueberschichten gemacht. Die Sonntagsschicht dauert in einer ganzen Reihe von Werken 24 Stunden in der Gluthitze ohne jede Pause, eine unerhörte Grausanikeit! In den Eisenhüttenwerken in Thale im Harz iverden monatlich 30—36 Schichten a 12 Sttmden gemacht. Bei Hösch in Dortmund, deren Direktor zugleich der der Unglücksgrube„Borussia" ist, hat ein Arbeiter im Monat Februar vergangenen Jahres 42 Schichten a 12 Stunden gemacht, voir den 672 Stunden dieses Monats also ä04 bei der Arbeit im Werke zu- gebracht.(Vielfaches Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Wie kamt man als fühlender Mensch angesichts solcher Zustände mit unserer Sozialpolittk zufrieden sein, Herr Staatssekretär? In den Zinkhütte» müssen die Arbeiter vor den Zinköfen 24 Stunde» aushalten; die Sonntagsruhe ist ihnen überhaupt unbekannt. Bei Köln hat ein Gewerbe-Jnspektor festgestellt, daß an 12 Soimtagcn hinter- einander gearbeitet worden war. während dir amtlichen Listen ge- fälscht waren, so daß es schien, als sei nur jeden Ueber- fonntag gearbeitet worden! Von einer regelmäßigen Pause kann gar nicht die Rede sei». iWiderspruch des Abg. Beumer.) Ich weiß nicht, wie lange Sie etwa in einem Bessemcrwerk ge- arbeitet haben, daß Sie es besser wisse».(Sehr gut! bei den Sozial- deniokraten.) Das Essen wird während der Arbeit eingenommen; der Hcnkelmaim— das Eßgeschirr— wird an den Walzständer ge- hängt, und während der glühende Stahl durch die Walze rauscht, löffelt der Arbeiter seine Suppe oder sein Gemüse auf, wenn es nicht' vorher in den Walzkanal gefallen oder von den Ratten an- gefressen ist. Bei so ungenügender Nahrung und einer Arbeit, bei der den Arbeitern der Schweiß stromweise hernnterlänft, wird der Alkoholmißbrauch leicht erklärlich. Mögen die Sitteiwrcdiger von hoher Warte aus darüber schelten, wer das selbst mitgemacht hat, iveiß, warum der Arbeiter zum elenden Fusel greift.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Soll uns etwa die weitere Tatsache, daß noch immer Frauen, die Fortpflanzerinnen des Geschlechts, in allen Zweigen der Eisenindustrie beschäftigt werden, zu begeisterten Anhängen, der gegen- wärtigen Sozialpolitik machen? In den Hütten, in den Walzwerken werden sie bis zu 16 und 17 Stunden ausgebeutet. Allein in den Hüttenwerken, Walzwerken und Zinkhütten, den denkbar schwierigsten und gefährlichsten Betrieben, werden noch 5600 Arbeiterinnen, darunter 363 Mädchen unter 14 Jahrcn beschäftigt. Nicht die westdeutschen Unternehmer trifft hier der Vorwurf, sondern die ungeheuer patriotischen und allerchristlichsten Werksbcsitzer in Ober- fchlesien. Gewiß billigt Graf Posadowsky solche Ausbeutung nicht; auch eiuzelne Werksbesitzer verabscheuen solche Kinderausbeutung. Aber gerade deshalb wäre es an der Zeit, hier gegen die Schmutz- konkurrenz einzugreifen und die Frauenarbeit in der Eisenindustrie gänzlich zu verbieten.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Ueber die Zustände in den Kruppschen Werken werde ich bei anderer Gelegenheit ausführlich sprechen; denn es kann doch dem Reiche nicht' gleich sein, wem es den Hauptteil seiner Austräge gibt. Aber allgemein werden im Schwitzbau bis zu 14 Stunden täglich, im Preßbau, im Bandagenwalzwerk bis zu 36 Stundc» hintereinander gearbeitet. Ich kenne einen Arbeiter, der in einer mechanischen Reparaturwerkstatt 48 Stunden hintereinander gearbeitet hat! Wenn der Mann nicht selbst einsieht, daß er sich damit ruiniert, so muß man ihn zwingen, dergleichen zu unterlassen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Gegen die Ueberstunden haben sich christliche und freie Gewerkschaftler in einer gemeinschaftlichen Versammlung ausgesprochen. Auch ein Bergbeamter hat sich in derselben Weise geäußert. Bei qualitativ zu ausgedehnter Arbeitszeit muß quantttativ die Arbeits- leiftung selbstverständlich sinken. In den meisten Betrieben fehlt es an jeder Ventilation. Ich habe Fälle aufgezeichnet, wo die Arbeiter direkt ohnmächtig geworden sind ivegen der schlechten Luft. Auf der Firma Krupp werden die Panzerplatten für unsere Marine glühend in Oelbassins getaucht. Trotz des enormen Gestankes, der sich bei solchen Gelegenheiten natürlich entwickelt, fehlt eS an jeder Ventilation! (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) In den Schnnedewerkstätten fehlt es in 76 Proz. der Fälle an der Ventilation. Ferner existieren in den nieisten Walztverken nicht die notwendigen Wasch- einrichtungen. Namentlich in Oberschlesien wird für die Körper- pflege der Arbeiter gar nichts ausgegeben. In vielen Hütten ist nicht einmal das notwendige Waschwaster zum Hände- waschen vorhanden. Der Staatssekretär sprach von den hygienisch notwendigen Maßnahmen in der Bleiindnsirie. Aber in einer ganzen Reihe von Industrien, die mit ähnlich giftigen Stoffen zu tun haben. fehlen die Wascheinrichtungen. Auch fehlt eS an den Speiseanstalte». fo daß die Arbeiter gezwungen sind, ihr mitgebrachtes Frühstück inmitten der Giftstoffe und der giftigen Dünste einzunehmen. Die Herren von der Rechten. die doch immer so viel Gutes von dem zu sagen haben, was schon für die Arbeiter geschehen sei. sollten sich doch einmal die Schweinerei iit solchen Werkelt ansehen. Selbst das Trinkwasser fehlt in ein«: Reihe von Werken. Wenn ich Ihnen erst näheres von den Aborten erzählen würde, lvürde Sie ein Ekel anfallen. In den meisten Hüttenwerken wird einfach eilt Pfosten über zwei Pfähle geschlagen, und zwar werden die Pfosten noch scharfkantig gemacht, damit die Arbeiter sich ja nicht auch nur einen Augenblick ausruhen könnten, falls sie das bei dem ekelhaften Schmutze, der dort herrscht, über» Haupt über sich gewinnen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Staatssekretär hat von dem Aufschwung der deutschen Industrie gesprochen. Dieser ist in der Tat enorm. Die Roheisen- Produktion, die gewissermaßen eilten Wertmesser für die gesamte Industrie darstellt, ist in neun Jahren von 5lU aus fast elf Millionen gestiegen. Dividiert man diese Zahl durch die Zahl der in der betreffenden Industrie beschäftigten Arbeiter, so erhält man als Resultat, daß im Jahre 1896 für 13 000 M. von einem einzelnen Arbeiter Werte erzengt sind, im Jahre 1895 für 17 000 M. Dem entsprechen aber auch die Dividenden. Im Jahre 1870 teilten die Bergwerksgesellschaften eine Durchschnittsdividende von 9,24 Prozent aus, im Jahre 1900 aber eine solche von 18 Proz., und ähnlich ist die Steigerung in der Eisenindustrie, so sehen die„unerträglichen Lasten" unserer Industrie in Wirklichkeit aus. Ich habe 17 der großen und der kleinen Eisen- und Hüttenwerke zusammengestellt und herausgerechnet, daß in 15 Jahren eine Dividende von zu- fammen 72 bis SOO2� Proz. bezahlt worden sind.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Da kann inan doch immerhin mehr für die Arbeiter verlangen, auch wenn man nicht auf dem Standpunkte steht, daß die Arbeiter in erster Linie berücksichtigt werden sollten. Die höchsten Löhne in der Eiseilindustrie zahlen die rheinisch-westfälischen Werke, nämlich 1340 M. Die nordöstlichen zahlen 1066 M., die südivestlichen 1140 M. und die schlesischen nur 858 M. Jahreslohn für den Arbeiter. Die männlichen Eisenarbeiter in Oberschlesien bekamen 1900: 930 Mark, 1903 nur 918 Mark. Die schlesischen iveiblichen Walzwerkarbeiter erhielten im Jahre 1903 nur 323 Mark(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Dagegen ist die schlesische Produktion um 52 000 Tonnen gestiegen, während die Arbeiterzahl um 1400 gefallen ist. Da machen Sie sich selber ein Bild von der oberschlesischen Sozialpolitik! Der Tagesverdienst der Kruppschen Arbeiter betrug 1904 4,78 Mark. Dabei sind aber schon alle Ileberstnnden als normale Arbeitszeit mit eingerechnet.(Hört! hört! bei den Soz.) Es gibt Hunderte und Tausende erwachsene männliche Arbeiter bei Krupp, die täglich unter 3 M. verdienen. Es sind allerdings ungelernte Arbeiter, aber auch der ungelernte Arbeiter hat doch wohl das Recht, sich satt zu essen.(Sehr richtig! links.) find gerade in jenen Gegenden, wo die Eisenindustrie und das Hüttenwesen blüt, sind die Lebensmittelpreise sehr hoch. Aber die Akkordsätze gehen z. B. bei Krupp nicht herauf, sondern herunter. Ich werde mir bei einem anderen Etat die Frage erlauben, ob denn nun auch das Reich für seine Lieferungen bei Krupp billigere Preise bekommen hat.(Sehr gut! links.)— Der Generaldirektor Bahre hat herausgerechnet, daß ein Arbeiter für seine notwendigen Be- dürfnisse mindestens 802 M. im Jahre ausgeben muß. Damals aber, als diese Berechnung angestellt wurde, kostete das Pfund Fleisch nur 65 Pf., heute dagegen 90 Pf. bis 1,10 M. Der Lohn ist da- gegen in 30 Jahren durchschnittlich um 61 M. gestiegen. Der Ober- bürgermeister Schmieding von Dortmund hat in einer Petttion die Mindcstausgaben eines Arbeiters für seine notwendigsten Bedürf- nisse auf 1024 Mark jährlich berechnet. Aber diesen Lohn erzielt in Deutschland nur der geringste Teil der Stahl- und Eisenarbeiter. Kein Wunder, wenn die Gesundheitsverhältnisse stark zurückgehen. Bei Krupp waren in der Periode 1898 bis 1902 von 106 Arbeitern 61 krank. Im Jahre 1903 waren es nur 54. Da machten Sie ein großes Geschrei über die Besserung der Gesund- heitsverhältnisse der Arbeiter. Im Jahre 1904 aber ist der Satz der Krankheitsfälle bei Krupp auf 70,71 Proz. gestiegen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Dabei sind die Gesundheitsverhältnisie bei Krupp ja immerhin noch besser als in zahlreichen anderen Bc- trieben. So hatte die Äranlenkasse einer Zinkhütte 303 Mitglieder, aber 320 Krankheitsfälle im Jahre.(Hört! hört l bei den Sozial- demokraten.) In der Stahl- und Eisenindustrie sind die Unfallziffern be- sonders hoch. Auf 1000 Versicherte ist die Zahl der schweren Un- fälle in dieser Industrie von 8,92 im Jahre 1897 auf 11,25 im Jahre 1904 gestiegen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Noch erheblich' höher ist die Zahl der angemeldeten Unfälle, die 1904 in Dortmund 178, in Bochum 136, in Essen 213, in Oberhausen 244 auf 1000 Versicherte betrug.(Hört! hört! bei de» Sozialdemokraten.) Durch die Unfälle werden Krüppel, Lahme und Sieche geschaffen, und es ist dringend notwendig, auf eine Verminderung der Unfälle im Interesse der Arbeiter hinzuwirken. Vielfach sind die Unfälle eine Folge des starken Arbeiterwechsels, und woher kommt das? 1873 hat der Kommerzienrat Bahre zugegeben, daß der Arbciterwechsel durch die Reduzierung der Löhne hervorgerufen wird. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Graf Posadowsky hat die Bedeutung der Arbeiter für die Industrie anerkannt. Da ist es umsomehr zu bedauern, daß zu den kontradiktorischen Verhandlungen über die Eisen- und Stahlindustrie keine Arbeiter zugezogen worden sind. Wären die Arbeiter gehört worden, so hätten nicht die un- sinnigsten Behauptungen dort aufgestellt werden können. So wurde da zum Betspiel behauptet, die Weißblechindusttie könnte keine Arbeiter bekommen! Das lvar unwahr. Man konnte nur nicht Arbeiter zn den unerhört niedrigen Löhnen bekommen, die gezahlt wurden. Ich bitte die Regierung, sich eingehend mit den Verhält- nisten der Eisen- und Stahlindustrie zu beschäftigen. Es würde sich empfehlen, die Hiilfsarbeiter der Gewerbe-Jnspcktoren aus den Kreisen der Arbeiter zn entnehmen, da die Gewerbe-Jnspeltorcn gar nicht in die Einzelheiten des Betriebes eindringen können, weil ihnen von den Unternehmern zu viel Schwierigkeiten bereitet werden. Die Gewerbe-Jnspektoren kommen bei ihrer Tättgkeit sehr leicht in Konflikt nicht nur mit dem Unternehmer, sondern auch mit gewissen Instanzen der Regierung. Von 32 000 Anlage» sind 21000 revidiert, davon 14000 einmal im Jahre. Da kann es kein wundernehmen, daß die AussichtS- beamten vielfach keine Ahnung von de» Zuständen haben. Ich empfehle dem Herril Staatssekretär folgende Einrichtung eines Walz- Werks zur Nachahmung: Dort wählt jeder Betriebsteil einen Arbeiter; diese Gewählten treten allmonatlich zusammen und inspizieren das ganze Werk und machen Vorschläge für llnfallverhlltung. Von ihren 224 Vorschlägen sind nur 12 als undurchführbar zurückgewiesen worden. Da zeigt sich, daß die Arbeiter durchaus brauchbar als Inspektoren sind. Man sollte endlich aus dem Stadium der theoretischen Erwägungen her- auskommen und überall auch Arbeiter als Gewerbeinspektoren an- stellen. Das dient ja auch zum Stutzen der Unternehmer: denn die Lasten der Versicherung verringern sich damit. Im englischen Berg- bau hat man eS durch die Mitwirkung der Arbeiter erreicht, daß 30—40 Prozent weniger Todesfälle festzustellen sind. Kommen wir auch bei unS dahin. so werden sich die Kosten der Versicherung bedeutend ermäßigen. Zeigt die Regierung durch die Tat, daß wir auf diesem Gebiete etwaS von ihr zu erwarten haben, so werden wir das durchaus an- erkennen. Es ist immer behauptet worden, die Gewerkschaften seien reine KampfeSorganisationen, sie schürten nur den Klassenkampf. Diejenigen, die das behaupten, möchte ich bitten, das Folgende zu beachten— stellen sie dann noch die Behauptung auf, so müßte ich an ihrem guten Glauben zweifeln: Der Deutsche Metallarbeiter-Verband»nt über 250 000 Mitgliedern, also die stärkste Arbeiterorganisation der Welt, hat im Juni 1904 an den Arbeitgeberverband der Eisen- und Metall- indnstrie eine Eingabe gerichtet, worin er diesen auffordert, in Ver- Handlung mit dem Metallarbeiterverbande einzutreten über die Regelung der Arbeitszeit, über die Festsetzung von Mindestlöhnen, über die Schaffung bestimmter Formen des Akkordsystems, über die Schaffung von Borbeiigemaßregeln gegen umfangreiche Arbeits- cntlastungen bei schlechtem Geschäftsgange, über die Einsetzung von örtlichen und BezirkS-Schlichtungskommissionen mit paritätischer Zn- sammensetzung zur Schlichtung von Streitigkeiten und über die Einsetzung einer Zentralinstanz zur Durchführung und Ueberwachung etwa getroffener Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern. der Begründung weist der Metalsarbeiterberband ausdrücklich darauf hin, daß durch die wirtschaftlichen Kämpfe sowohl Arbeiter wie. Arbeitgeber schwer geschädigt Würdew Er schlägt dor, eine Einigungskommission einzusetzen�»m ans diesem Wege zu ruhigen und geordneten Verhältnissen in der deutschen Metallindustrie zu kommen. Aus dieser Eingabe geht unzweifelhaft hervor, das; es dem Metallarbeiterverband bitter Ernst ist mit der Herbeiführung geordneter Verhältnisse im Gewerbe, und eS zeigt sich, daß die Behauptung, der Verband habe den Streik in der Elektroindustrie herbeigeführt und geschürt, durchaus unrichtig ist. Was ist nun aus dieser dankenswerten Anregung geworden? Der Gesnmtverbaud der Metalliudustriellen hat sofort nach Empfang dieser Eingabe an die einzelnen Industriellen die Weisung er- gehen lassen, nicht mit dem Verbände in Verhandlinigen ein- zutreten. sLebhaftes Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Der Wille zum sozialen Frieden war also aus feiten der Arbeiter und nicht der Arbeitgeber. Da nun dieser Versuch, auf dem Wege der freien Vereinbarung eine Regelung der Verhältnisse herbei- zuführen, gescheitert ist, wäre es um so mehr Pflicht der Reichs- regierung, sich der Arbeiter anzunehmen. Sie kann uns doch nicht gleichgültig sein diese Degeneration der Arbeiter, diese Zerrüttung ihrer Gesundheit, diese Dezimierung durch Unfälle und Krankheit. Es handelt sich um eine Arbeiterschaft, auf der die Blüte unserer Industrie beruht. Wer die Ausstellung in Düsseldorf gesehen hat, der wird mit Stolz sagen müssen, dah weder die Pariser noch die Lütticker Weltausstellung eine so leistungsfähige Metall- und Maschincnindustrie gezeigt hat. Es sind nicht etwa nur die Herren Ingenieure und Direktoren, die diese hohe Blüte herbeigeführt haben, sondern, wie schon Graf Posadowsky erklärt hat, in erster Linie die Arbeiterschaft. Es liegt also auch durchaus im nationalen Interesse, für den Schutz dieser Arbeiter zu sorgen. Im Einverständnis mit dem Vorstand des Metallarbeiterverbandes schlage ich der Reichsregierung vor, eine Enquete, womöglich durch die arbeitsstatistische Kommission, über die Lage dieser Arbeiter vorzunehmen zwecks Einleitung einer um- fassenden Schutzgesetzgebung für diese Arbeiter. Die Enquete sollte sich erstrecken auf die Feststellung der täglichen Normalarbeits- zeit, der Ueberschichten, auf eine Untersuchung über die Einwirkung der langen Arbeitszeit auf die Uufallhäufigkeit und Krankheitszahl, auf Feststellung und Durchführung der bis jetzt erlassenen Schutzbestiminungcn, auf Feststellung der von den Werken etwa getroffenen sanitären Einrichtungen. Sollte die Regierung an diese Enquete gehen, dann ersuche ich Sie dringend, sich dabei nicht nur auf die Angaben der Unternehmer zu stützen, sondern auch in weitestgehendem Matze die Or- ganisationen der Arbeiter zuzuziehen. Der deutsche Metall- arbeiter tvird seine sämtlichen Funktionäre anweisen, auf Kosten der Organisation der Reichsregierung bei diesen Erhebungen an die Hand zu gehen. Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben, datz es dringend notwendig ist, endlich auch einmal die Arbeiter in der Eisen- und Metallindustrie fühlen zu lassen, datz sie im Lande der Sozialreforin leben.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Hierauf vertagt sich das Haus. Für den morgigen Schwerinstag schlägt als Tagesordnung Präs. Graf Ballestrem vor: 2. Lesung des Antrages Hompesch(Z.) und Genossen(T o l er an zan tr a g es), l. Lesung des Antrages Albrecht und Genossen(Soz.) betreffend die Einführung des all- gemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts in die Wer- Fassungen aller Einzelstaaten. Abg. Graf Hompesch(Z.): Mit Rücksicht darauf, daß die Beratung unseres Antrages noch viele Schwerinstage kosten und dadurch die anderen Parteien in ihre« Rechte beschränken würde, verzichten wir vorläufig auf seine Weitcrbcratung(Lachen bei den Nationalliberalen.), behalten uns aber vor, seine Priorität bei gegebener Gelegenheit wieder geltend zu machen. Demnach steht nur der Antrag Albrecht auf der inorgigen Tages- ordnung. Schluß 6V4 Uhr._ Hb�eordnctcnbaue. 13. Sitzung, Dienstag, den 6. Februar, vormittags 11 Uhr. Am Minisiertisch: v. B e t h m a n n- H 0 1 1 w e g. Die zweite Beratung des Etats des Ministeriums des Innern wird fortgesetzt beim Etatstitel„Ministergehalt". Abg. Goldschmidt(frs. Vp.): Mit dem preutzischen Wahlrecht macht sich unser Vaterland jetzt doch vor der ganzen Welt lächerlich. Sogar Rutzland ist uns ja jetzt darin voraus. Ich bitte den Minister, bei dieser Frage einmal seinen Liberalismus zu zeigen. So sehr wir dafür sind, datz die Arbeitgeber gleich hohe Bei- träge in die Krankenkassen zahlen wie die Arbeiter und demgemätz die gleichen Rechte bei der Wahl des Vorstandes erhalten, so wollen wir doch bei der Reform von höheren Gesichtspunkten ausgehen. Wir verlangen einheitliche Einführung des Proportionalwahlrechts, damit auch die kleinen Arbeiterorganisationen eine Vertretung finden. Präsident v. Kröcher: Der Abg. Goldschmidt hat gesagt: unser Vaterland mache sich mit dem preutzischen Wahlrecht vor der ganzen Welt lächerlich. Ich rufe ihn deshalb zur Ordnung! Abg. Goldschmidt(zur Geschäftsordnung): Wenn man nicht sagen darf... Präsident v. Kröchcr: Sie dürfen meine Geschäftsleitung nicht kritisieren. Abg. Goldschmidt: Dann kann ich nur sagen, datz dies Wahlrecht zum Weinen ist. Ein Antrag auf Schluß der Besprechung wird angenommen. Es folgen die Kapitel„Versicherungsrevisoren",„Landrätliche Behörden und Remter."' Beim Kapitel„Polizeiverwaltungen in Berlin und Umgebung" führt Abg. Münsterbcrg(frs. Vg.) aus: Die Prostitution zeitigt noch immer große Mißstände. Was ist da zu tun? Einig find alle darin, datz das jetzige System beseitigt werden mutz. Für mich kommt es nur auf die soziale und hygienische Seite an. Deshalb bedauere ich, datz religiöse Männer gewisse Literaturerscheinungcn ivie z. B. die Münchener„Jugend" be- kämpfen.(Oho! rechts.) Ich kenne die„Jugend" vom ersten Tage ihres Erscheinens. Es ist ein Blatt, auf das wir stolz sein können. (Oho! rechts und im Zentrum.) Sie �verfolgt hohe künstlerische Ziele.(Schallendes Gelächter rechts.) Slöcker hat in Leipzig er- klärt, die behördliche Kontrolle sei zu verwerfen. So denken auch viele Aerzte. Andere verlangen, datz gleichmäßig für Männer und Frauen eine Bestrafung wegen Körperverletzung erfolgt, wenn sie wissentlich andere anstecken. Endlich wird scharfe Reglementierung verlangt. In England und Frankreich ist nian schon längst davon abgekommen. An eine Kasermerung ist gar nicht zu denken. Wie soll man 5000 Mädchen in Berlin kasernieren? Welche Mittel gibt es nun? Da sind die Fürsorge-Erziehung, Erlaß eines guten Wohnunggesetzcs, Anstellung von Schulärzten. Das alles wird gut wirken. Die soziale Frage läßt sich mit Schlagworten nicht lösen. Ich lege offen das Bekenntnis ab. daß ich auch noch nicht weiß, wie ich helfen soll. Ich will aber den Minister bitten, seine ernste Aufmerksamkeit auf diese Frage zu lenken und in einem kontradiktorischen Verfahren mit den Sachverständigen neue Bahnen zu suchen.(Lebhafter Beifall.) Minister v. Bethmann-Hollwcg: Ich spreche dem Vorredner meinen Dank aus für seine ernsten, vorurteilsfreien und eindringlichen Worte. Ich will ihnen gerne Folge geben, wenn auch leider' große Schwierigkeiten vorhanden sind, da die Sachverständigen nicht einig sind.(Beifall.) Das Kapitel wird bewilligt. Hierauf vertagt das Haus die Weiterbcratung auf Mittwoch 11 Uhr. Schluß l'/j Uhr,_ Eingegangene Druchfdmften. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben das ll). Hest des 2t. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalt des Heftes heben wir hervor: Ohnmacht?— Die Bergleute und der preußische Landtag., Von Otto Hue.— Der 17. Januar in Hamburg. Von Gustav Stengele. — Die Lage in den Vereinigten Staaten? Von A. M. Simons(Chicago). — Die Gcwcrbeinspeition im Jahre 1901. Von D. Stücklen.— Vom Arbeitgeber„Staat". Von E. Riegcr.— Ortsüblicher Tagelohn und Kriminalität in Preußen. Von Dr. Sicgsrieda.— Literarische Rundschau: Dr. Bernhard Brande, Die Grundlagen und die Grenzen des Chamber- lainismus. Von M. Beer. Dr. Elisabeth Gottheiner, Die gewerbliche Arbeiterinncnsrage. Von Therese Schlesinger-Eckstein.— Notizen: Von der Nordwestlichen Eisen- und StahIberusSgeliossenschast. Von E. Cr. Italienisches Gemüse und Obst in Deutschland. Von rw. Von der„Gleichheit", Zeitschrift sür die Interessen der Arbeiterinnen (Stuttgart, Verlag von Paul Singer), ist uns soeben Nr. 3 des t6. Jahrganges zugegangen. Aus dem Inhalt dieser Nummer heben wir hervor: Die Wahlrechtskämpse in verschiedenen deutschen Bundesstaaten. Von Luise Zieh.— Ein Rundgang durch die Heimarbeitausstcllung in Berlin. Von m. I. Der Mehrwert. Von Julian Borchardt.— Aus der Be- wegung: Von der Agitation. Bericht der Vertraucnsperson der Ec- noisinnen von Burg bei Magdeburg.— Der rote Sonntag im Wahlkreis Essen.— Russische Praxis in Preußen.— Die Behörden im Kampfe gegen die proletarischen Frauen. Die Beteiligung der Arbeiterinnen an den Vertreterwahlen zu den Ortskrankenlasseu.— Etwas von Not und Kamps sächsischer Textilarbeiter.— Politische Rundschau. Von Ct. E.— Gewerkschaftliche Rundschau.— Notizenteil: Frauenstimmrecht.— Frauen- arbeit aus dem Gebiete der Industrie, des Handels und Verkehrs- Wesens.— Soziale Gesetzgebung.— Feuilleton: Mcne Tekck. Von Emanuel Geibel.(Gedicht.)— Der heilige Ochse oder Triumph der Lüge. Von August Swindberg. Fraucn-Beilage: Die Mutter. Von N. A. Nekrasiow.(Ge- dicht.)— Unsere Gesundheit: 10. SäuglingSpslegc. Von Dr. Adams- Lehmann.— Sexuelle Fragen. Bon Henr. Fürth.— Heimweh. Von Georg Hcrwegh.(Gedicht.)— Der Scharlach. Von Dr. B. Ch.— Die Mutter als Erzieherin.— Für die Hausfrau.— In der Frühe. Von Eduard Möriie.(Gedicht.) Die„Gleichheit" erscheint alle 11 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Ps., durch die Post bezogen beträgt der MonnementSpreiS vierteljährlich ohne Bestellgeld S5 Pf., unter Kreuzband 85 Pf. Jahresabonnement 2,(30 M, Ter„Wahre Jacob" hat soeben die 3. Rümmer seines 23. Jahr- ganges erscheinen lassen. Aus dem Inhalt desselben erwähnen wir die farbigen Bilder„Ein Handelsgeschäft" und„Streng konstitutionell", sowie die weiteren Illustrationen„Bilder aus Kamerun",„Aus de» Vor- bcreitungcn zum WahlrcchtSfomitag",„Politik aus der Landstraße",„Aus Algeciras",„Die Nachtwache dcS Zaren" und„Die Belasteten". Der text- lichc Teil der Nummer bringt die Gedichte„Die Scharsmacher am Wahl- rechtssountag",„Der rote Mittwoch in Hamburg",„Hererosang",„Toleranz- Geschichte",„Elegie des Fräuleins Eusebia Gänsebuscn",„Die große Reichs- angst",„Sächsische Schlaue",„Die Konterrevolution" und außer zahl- reichen kleineren Beiträgen die Novelle„Der Geschworene" von Hans H y a ii, eine Betrachtung Jotthilf Nantes über den Verlaus des„Roten Sonntags" und mehrere satirische Feuilletons. Der Preis der 12 Seiten starken Nummer ist 10 Pf. wsreimzuz Hermann Uetz Leipzigerstrasse— Alexanderplatz maaa aarmä zu enorm billigen Preisen zum Verkauf. Soweit der Vorrat reicht. Damenwäsche Damenhemden, naustuch mit spitze Beinkleider mit Stick ereivolant Nachtjacken Damenhemden mit Laogruette in verschiedenen Stoffen mit soliden Besätzen durchweg 20 i Beinkleider aus �en�orc®,in� stictem-voiant, Nachtjacken in Croise mit LangueUe Achselschluss mit band- stickter Passe, mit L; sowie mit Stickerei-Eiusätzen verziert durchweg 50 1 | durchweg Damenhemden, gestickter Passe, mit Languette|"j Damenhemden Stickerei und Handlnrffuetto Damenhemden Stickereien garniert, besonders preiswert Passe mit Madeira-Hand- �28 aus guten Stoffen, mit verschied |90 2-5 250 Bettwäsche 4 hervorragend preiswerte Posten Bettgarnituren (1 Deckbett mit 2 Kissenbezügen): HailStllCh, Specialmarke Louisianatuch beste Qualität Pa. Damast Damast, extrafein Kissenbezüge mit Languette IfieoonhovMrTO mit breitem 175 mit 060 iMooClIUcZU�C Stickerei-Einsatz ä jour Arbeit Damen-Nachthemden B€saweuforc*' mlt farbisem 280 Damen-Nachthemden Zl vSlSu und S25 425 450 675 673 850 115 Wäschestoffe Hemdentuch SÄ 25, 30, 35, 38, 42 pl Renforce mw. 35, 38, 45 n Maccotuch 55, 60, 65 pl Louisianatuch �ÄffSitr. 26. 30, 35. 38 pü Louisianatuch für Bettwäsche, 82/84 cm, Mtr 33, 48 Pf. 130 cm. Mtr. 65, 78 Pf. Bettsatin für Bettwii8Che' h*fcamr; Mtr. 45, 55, 70 Pf. 130 cm, Mtr. 75, 90 Pf. l05 Bettdamast n cm, mü-. 50, 65, 85 pf. I10 130 cm, Mtr. 80, 95 Pf. l"5 l65 Deutscher Metallarbeiter-Verband BcrwalwngSstelle Berlin Todes- Anxcige. Den Kollegen zur Nachricht. dah unser Mitglied, der Wickler GusKsv Heyse gestorben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Mittwoch den 7. Februar, nachmittags c! Uhr, von' der Wohnung. SiemenSstratzc 17, aus nach dein Heilands- Kirchhos in Plötzensce statt. Rege Beteiligung erwartet U2/1 Die Ortsverwaltung. Danksagung. Fflt die vielen Beweise der Teil- nähme und zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meiner lieben Frau, unserer guten Mutter Marie Wöllner sagen wir allen Bekannten unseren herzlichsten Dank. 82L reUx Wöllner nebst Kindern. Turnverein„Fichte" Mitglied des Arbeiter-Turner-Bundes. Am 4. Februar, nachts 12 Uhr, verstarb nach längcrem Leiden unser langjähriges Mitglied, der Turugcnosse 287/4 GusKsv Heyse Ehre seinein Andenken! Die Beerdigung slndet am Mitt- Wochnachmittag 3 Uhr vom Trauer- hause. Siemcnsstraste 17, aus nach dem Heilands-Äirchhos in Plötzensce statt. Die IV. MUnner-Abteiiung. Dr. Simmel, s�VT Spczialarzl silr 29/14* Haut- and Harnleiden. 10—-2, 5— 7. Sonntags 10—12, 2—4 Dr. Schiinemann9 Spezial-Arzt für* Hant- und Harnleiden, Frauenkrankheiten. Jetzt: Friedrichstr. 203 schÄraB,. 10-«, 8-7 resp.8. Sonnt. 10-1«. Deutscher Metallarbeiter-Verband. ===== Verwaltungsstelle Berlin.- Haupt-Bureau: Engel-User 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV 8679, Arbeltsnachweis Zimmer 34. Amt IV 6353. Achtung! Rohrleger und Keifer! Achtung! Donnerstag, den 8. Fekruar, abends 8'/- Uhr: Allgemeine Versammlung der Rohrleger und Helfer Berlins und Umgegend im grollen Saal von I�ouis Detter, Koppenftr. 29. Tagesordnung: 1. Bortrag deS RcichStagsabgeordneten Adolf Hossmann. 2. Diskussion. 3. Bericht der Schlichtungskommission, speziell der Fall Kraffelt. 4. Bcrbandsangelcgenheiten. Kollegen l Da seit.Monaten keine Versammlung unserer Branche statin gesunden hat, der Kommission aber mehrere Tarifverstohe in den letzten Wochen bekannt geworden sind, ist zahlreicher Besuch erforderlich. Donnerstag, den 8. Februar 1906, abends 8Vz Uhr: 3ezirkS'Versammlung für Kloabit bei Peters, CCTiclcfftraßc 24. Tagesordnung: j. Bortrag des Genossen Ströbel über: „I*artei und Gewerkschaften". 2. Diskussion. 3. Bcrbandsangelcgenheiten. 4. Verschiedenes. In Anbetracht des sehr lehrreichen, zeitgemäßen Vortrages erwartet zahlreiches und pünktliches Erscheinen der Kolleginnen und Kollegen Die OrtSvermaltung. Verband der 8chnelder und Schneiderinnen (Filiale Berlin). Nachruf! Den Mitgliedern geben wir hiermit bekannt, daß der Kollege SermsDll Neufang am 2. Februar 1906 im Mter von 40 Jahren verstorben ist. Ghre seinem Andenken! 162/8 Dia Drtsvarwaitung. Am Sonntag, morgens 4 Uhr, starb mein lieber, guter Mann, der Former 83L Paul Gast an Gehirnhautentzündung. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 7. d. Mts., nach- mittags 2'/, Uhr. von der Leichenhalle des AndreaS-Kirchhoscs in Wilhelmsberg aus statt. Für die trauernden Hinter- bliebenen: Frau Hedwig Hast. iKlllliüi.(Bezirk Berlin.) Mittwoch, den 7. Februar lt»06, abends 9 Uhr, in den Jndustric-Festsälen, Bcuthstr. 20/21: Oeffentl. Versammlung. TageS-Ordnung: Bundesrat warum? Referent: Kollege Julius Kaliskl. Kollegen und Kolleginnen! Erscheint zahlreich in dieser Lersammlung. s287/5s Die LrtSvcrwaltung. M Fliesenleger. Donnerstag, den 8, Februar er., abends tt Nhr, in de» Arminhallcn, Kommandantenslraße 20: Versammlung der Sektion der Fliesenleger des Maurerverbandes. TageS-Ordnung: I. Ter Stand unserer Bewegung. 2. Verschiedenes. .!>: dieser Versammlung müssen alle Kollegen gleich von der Arbeit er- scheine». Kein Kollege darf in dieser Versammlung fehlen. 136/18 AU- Mitgliedsbuch legitimiert.-Wgs Der Dcttiousvorstand. I. il.: Felix Breiske. Deutscher Röizarbeiter-Verband. Stock- und Celluloid-Arbeiter. Mittwoch, den 7. Februar, abends 8 Uhr: MM" KoitutilssionsaSItzung."WU Vertrauensmänner-Sitzung findet nicht statt. Bcrichtc�über Differenzen sind zu geben 79/15 I. V.; Wilsdorf. Zentral-Kranken- u. Sterbekasse der deutschen Wagenbauer. (Ortsvcrwaltung Rixdors.) Nachruf! Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied Gtv8S am 3. Februar verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Ortsverwultuug. Zeitral-VeM der Maurer DeuWIanis."ÄT Am 5. Februar verstarb unser altes Mitglied MMm Tbieme im Alter von 36 Jahren an Herzlähmung. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Frei tagnachmittag 3'/, Uhr von der Leichenhalle des St. Johannis- kirchhoscs in Plötzensce auS statt. Rege Beteiligung wünscht 136/17 Der Borstand. Den Kollegen zur Nachricht. daß der Schriftsetzer 2531b GircUnr Kettner nach langjährigem Leiden am 5. Februar verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 8. Februar, nachm. 4 Uhr, vom neuen Pauls- Friedhofe in Plötzensce aus statt. Das Personal derBuchdruckerei H. 8. Hermann. Danksagung. Für die uns beim Hinscheiden meines lieben Mannes" erwiesene Teilnahme sprechen- allen hicrmii unseren verbindlichsten Dank aus, insbesondere dem Gesangverein„Nord- wacht" für den erhebenden Gesang am Grabe des Entschlascncn. 2503b Ww. Margarethe Martin und Tochter. Für die viclei: Beweise der innigen Teilnahme bei der Beerdigung meines geliebten ManncS des Graveurs Alhcrt Hose sage ich allen Freunden und Bekannten, besonders dem Mömicr-Gesangvercin„socnc- selber" und dem Verein der„Chemi- graphcn D. S. B." meinen bcrzlichsten Dank. Ww. Antonie Dose. Ärbeiter-StenflgrapheD-ferein (System Arends) Mitgl. d. deutsch. Arb.-Sfenogr.-Bundes. ist euer Kursus für Damen und Herren beginnt am 8. Februar, abends �.9 Uhr, im Restaurant Liehr, Grcnadierstr. 35. Unterricht unentgeltlich. Lehrmittel 1,50 Mark. 237/6 / Papirtii creme 10 Mk. Wadenstutzen, Lodenhüte, Ledergürtel, Hosenträger, Schmuckfedern, Krawatten, Hemden sehr billig.: Baer Sohn Spezialhaus grössten Massstabes Chausseestrasse 24*125• 11 Brückenstrasse 11 Gr. Frankfurterstr, 20. \ Constantin Meunier Lebenswerk darunter Monument der Arbeit Januar bis 21. Februar 1906— Eintritt 1,00 Mark. Für Abonnenten des Kunstsnlons KeUor& Keiner 50 Pf. 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SIL New-Departure-Preilaul-Bremsiiabe Die beste der Welt rahT?rl'dhlnraiung Millionen im Gebrauch In jeder bessereu Fahrradbandlnng "Lerantwortlicher Redakteur: Hans Weber» Berlin. Fur�den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Perlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. Nr. 31.. 33.IflhrMg. 2. Sfiliiit ks.Amiirts" Kerlim Bollieliliilt.»«-' 7. Februar 1906. Austritt ans der Landeskirche. Wiederholte Anfragen Über die Art des Austritts auS der Kirche und über die Folgen veranlassen uns zu der folgenden Zusammen- stellung, die man sich ausschneiden und aufbewahren möge. Wer aus der Landeskirche in Preuhen austreten will, hat einen hierauf gerichteten Antrag an das Amtsgericht seines Wohnsitzes zu senden. Der Antrag kann auch zu gerichtlichem Protokoll erklärt werden. ES genutzt aber ein Schreiben folgenden Inhalts, das datiert und unterschrieben an das Amtsgericht abzusenden ist: „Ich, nelde hiermit meinen Austritt aus der Landes- kirche und beantrage meinen Austritt aufzunehmen." Diesen Antrag stellt das Gericht dem Vorstande der Kirchen- gemeinde abschristlich zu. der der Antragsteller angehört. Der AuS- tritt selbst erfolgt dann durch persönliche Erklärung des Austretenden vor dem Richter. Ohne eine Ladung abzuwarten— in der Regel erfolgt keine Ladung— hat der Austritts willige nicht vor Ablau' von vier Wochen und spätestens innerhalb sechs Wochen nach Ein- s,ailg seines Antrages frühestens also am 29. Tage, spätestens am 42. Tage) sich persönlich bei Gericht zur Abgabe seiner Austritts- erklärung zu melden. Dort wird innerhalb dieser 14 Tage seine AuStrittserklärung zu Protokoll genommen. Man achte darauf, daß man ohne besondere Vor- ladung, auch ohne daß eine Benachrichtigung von der Anmeldung des Austritts ergehen muh, zwischen dem 29. und 42. Tage nach Eingang des Schreibens bei Gericht zu den Stunden, in denen Akte der freiwilligen Gerichts- barkeit mifzunchmen sind, bei Gericht den Austritt zu Protokoll zu erklären bat. In Berlin finden derartige Aufnahmen täglich (vormittags zwischen 11 und 1 Uhr), bei einzelnen Gerichten nur au bestimmten Tagen, z. B. in R i x d o r f oin Montag und Donnerstag, zwischen 19 und 12 Uhr statt. Der Austretende kann eine Bescheinigung des Aus- Iritis vier auch eine Abschrift des Protokolls verlangen. Die Kosten Iverden spater erfordert. Sie betragen 3 M. für das gc- samte Verfahren und etwa SV Pf. Schreibgebühren. Der Kirchcnvorstand erhält vom Gericht Nachricht von dem erfolgten Austritt. WelcheRechtswirkungcnhatderAustrittaus d e r K i r ch e? Keineswegs zieht der Austritt irgend welche Nach- teile nach sich. Er hat aber die Wirkung, dah man endlich von der Äir che u ste uerp fl i ch r befreit wird. Der Aus getretene ist nämlich zu persönliche» Kirchensteuern vom Schluß des auf die Austrittserklärung folgenden Kalenderjahres ab nicht mehr verpflichtet; der im Jahre 1996 Ausgetretene hat also vom 31. Dezember 1997 ab Kirchensteuern nicht mehr zu zahlen. Jedoch muh er zu den Kosten eines autzerordentlichen Baues, dessen Not- ivendigkeit spätestens im Kalenderjahre festgestellt ist, in dem der Austritt erfolgt ist, bis zum Ablauf des zweiten Jahres(im Bei- jpiel also bis zum 31. Dezember 1998) beitragen. Leistungen, die auf besonderen Rechtstiteln beruhen oder auf Grundstücken haften, z. B. 5lalenden, Opferpfennige, Eiergeldcr, sind nach wie vor zu zahlen. Für wen erfolgt der Austritt? Der Austritt hat nur für den, der ihn erklärt, rechtliche Wirkungen. Er wirkt also iveder für die Ehestau, noch— nach der leider zurzeit herrschenden Ansicht— für die Kinder. Diese müssen ihren Austritt ebenfalls in Person erklären, wenn sie austreten lvollen. Kinder sind zur Austrittserklärung im Gebiete des Allgen, einen Landrcchts, der Rheinprovinz in Nassau und in Hannover vom vollendeten ,14. Lebensjahre ab, in Frankfurt a. M. vom vollendeten 16. Lebens jähre ab. in Kurhessen vom vollendeten 18. Lebensjahre ab be rechtigt. Genehmigung der Eltern ist nicht erforderlich. Tritt die Ehestau nicht aus, so hat sie für ihre Person weiter Kirchensteuern zu zahlen._ Inm Wakranstiidter Kattdfrtedensbruch. Die Regierung wird den Kampf gegen die Sozial- demokratie nicht nur führen, indem; sie die Gesetze rücksichtslos anwendet usw. Fürst Bülow im preußischen Herrenhaus am 2S. Januar 1996. Das ist der Standpunkt der Scharfmacher: alle sGesetze rück- sichtslos gegen die Arbeiterbewegung anwenden! In erster Linie gegen etwaige Streiksünder. Was darin namentlich in der letzten Zeit von den Gerichten geleistet worden ist, hat man zur Zeit des Sozialistengesetzes kaum zu ahnen gewagt. Seit die verschiedenen Gcsetzcsvorlagen: Zuchthausvorlagen, Kontrattbruchgcsetz, formell im Papierkorb des Reichstages verschwunden sind, haben sich die strebsamen Juristen mit immer größerem Eifer und Erfolg aus das Strafgesetzbuch geworfen, um Paragraphen zu suchen, die sich bei einiger Dehnung und Siunverrenlung gegen streikend« Arbeiter an- Ivendcn lassen. Schon lange spielt der§ 153 der Gewerbeordnung bei der Verurteilung wegen Streikvergeheu nur noch eine unter- geordnete Rolle, kann man doch mit den Belcidigungsparagraphen des Strafgesetzbuches, den Nötigung»-, Bedrohung»- und Er presiungsparagraphen, sowie den ivcgeu Landfriedensbruchs, die Streiksünder ganz anders verknacken, als mit dem§ 153 der Gc- Werbeordnung. In der neueren Zeit hat die Rechtsprechung aber mit dem Landstiedensbruchparagraphcu in einer' Weist gcivirlschaftet, daß innerhalb kurzer Zeit auf mehrere Dutzend Jahre Gefängnis gegen nrcitcndc Arbeiter erkannt worden ist. Immer heftiger benutzt die herrschende Klasse die Justiz als Machtmittel gegen die Arbeiterbewegung. Nicht nur werden geringfügige Tumulte zu Land- fricdcnsbruch gestempelt und die daran Beteiligten oder auck Nicht- beteiligten zu exorbitant hohe» Gefängnisstrafen verurteilt, sondern man erkennt ihnen auch noch die bürgerliche» Ehrenrechte ab. Dies hat nicht etwa nur eine moralische Wirkung, sondern es bedeutet eine Verschärfung der Strafe für die Strafvollstreckung selbst. Einen llassischcn Beweis dafür, wie einfache Tumulte, die sonst noch nicht einmal als eine ordentliche Kirmesprügelei betrachtet würden, zu Landfriedensbrnch gestempelt werden, und wie man Strcikführer dafür verantwortlich macht, zeigt der Prozeh vor dem Leipziger Schwurgericht gegen neun 2lrbcitcr aus Markranstädt, loo sich der., Landfriedensbrnch" am 11. Oktober v. I. abgespielt hat. Drei davon, dt« angeblichen„Haupirädelsführer", hat mau auf Jiinfvicrtcl Jahr ins Gefängnis geschickt und ihnen auch noch die bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre aberkannt. Mit besonderem Pathos betonte der Staatsanwalt in seinem. Plaidoycr: Kemnitz, sc heißt der erste Bevollmächtigte der Kürschnerverbandsfiliale von Marttanstädt, habe die Verantwortung für den Landfriedensbruch zu tragen! Dabei konnte ihm nicht einmal nachgewiesen werden, daß er auch„ur einen der Arbeitswilligen geschlagen hätte. Viel- mehr bekunden diese, soweit sie als Zeugen vernommen wurden, daß er sie stets anständig behandelt habe, und durch andere Zeugen wurde unanfechtbar festgestellt, daß er im Tumult sogar einen kruppelhaften Arbeitswilligen beschützt habe. Noch krasser und un- baltbarer wird die Behauptung des Staatsanwalts, wenn man ihr das Leilinundszeugni» gegenüberstellt, das der Markranstädter Bürgermeister dem Genoffen Kemnitz ausgestellt hat, daß er ihn nicht anders als einen ruhigen, fachlichen Mann kenne, und daß er von dessen Verhaftung aufs höchste überrascht gewesen sei. Wo die eigentlichen moralischen Berantwortlichen für den Landfriedens- bruch sitzen, erfährt man am besten, wenn man die Ursachen des Tumults aufdeckt. Neben der systematischen Verurteilung streikender Arbeiter zu hohen Freiheitsstrafen geht eine Verhätschelung und Beschützung der Arbeitswilligen durch die behördlichen Organe her« die geradezu. ! Konflikte heraufbeschwören muß. So war es auch in Markran- I städt. Tie Kürschner haben mit ihren Unternehmern einen auf längere Zeit abgeschlossenen Tarifvertrag vereinbart. Mit der Ein- führung einer Maschine zur Verarbeitung einer bestimmten Sorte Felle glaubte sich die Firma Walter nicht mehr an den Tarif ge- vunden und setzte die Löhne eigenmächtig herab. Dies konnten sich die Kürschner um so lvcniger gefallen lassen, als damit der Ansang einer Tarifdurchbrechung angefangen wurde, die ihre Lage bc- deutend verschlimmern mußte. Wie unberechtigt die beabsichtigte Lohnreduktiou war, geht auch am besten daraus hervor, daß der Inhaber der genannten Firma als Vorsitzender eines Schiedsgerichts eine andere Firma zur Zahlung des Lohnes verurteilte, tveswegen „seine" Arbeiter ausständig wurden. Diese ungerechtfertigte Lohnreduktion und der besonders pro- voziercnde Schutz, den man den Arbeitswilligen angedciheu ließ, hat schließlich zu dem Tumult am 11. Oktober geführt. Die Arbeits- willigen bekamen nirgends etwas zu kaufen, so verhaßt waren sie der Bevölkerung. Abends wurden sie unter dem polizeilichen Schutze nach dem Bahnhof gebracht, wobei sie durch ihr provozierendes Bc- nehmen die Bevölkerung aufs höchste erbitterten. Der Bürgermeister mutzte sich die ihm von der Leipziger Amtshauptmannschaft gegen seinen Willen aufoktroyierte Verstärkung der Gendarmerie gefallen lassen. Die Eisenbahndircktion in Halle ordnete an, daß aus dem Bahnpersonal eine zwölf Mann starke Hülfspolizei gebildet wurde. Für die Arbeitswilligen wurde ein besonderer Bahneingang ge- schaffen, damit sie mit dem übrigen Publikum nicht in Berührung kamen. Weiter hatte die Bahnverwaltung für besondere Wagen gesorgt, worin diese nützlichen Elemente der heutigen Gesellschafts- ordnung abends nach Leipzig und früh zurück befördert wurden. Markranstädt selbst war durch die verstärkte �Gendarmerie und die sonstigen Maßregeln in einen förmlichen Belagerungszustand ver- setzt worden. So hatte man für eine Stimmung gesorgt und einen Zustand geschaffen, woraus ganz naturnotwcndig Exzesse entstehen mußten. Zu alledem durfte sich kein Streikposten mehr sehen, lassen. Aus dem Zuge heraus, in ivelchem die Arbeitswilligen abends von Gendarmen nach dem Bahnhof gebracht wurden, konnten sie die Streikenden frech verhöhnen, ohne daß die Verhöhnten etwas da- gegen unternehmen konnten. So ging es bis am Abend des 11. Ok- tober, als sich auf einmal das Gerücht verbreitete, die Arbeits- willigen seien mit Eisenstücken und Messern bewaffnet. Als dies nun aus dem Fabriktor traten, empfing sie ein Hurra der an- gesammelten Menschenmenge, das, wie der Staatsanwalt meinte, durchaus keine Ovation, sondern das Signal zu einem Angriffe sein sollte. Allerdings brachte die Vernehmung der etwa 89 geladenen Zeugen auch nicht den Schatten eines Beweises hierfür. Festgestellt ist aber, daß bei den Arbeitswilligen Gegenstände gesehen wurden, die sie eigens zur Schlägerei mitgenommen hatten. Plötzlich gab es eine Schupscrei, darauf sielen einige Hiebe, und nun kam durch den Ruf: Die Arbeitswilligen haben die Messer hautzenl die ganze Menschenmenge— nach verschiedener Schätzung etwa 1999 Personen— in ein rasendes Rennen dem Bahnhof zu. so daß alles, was auf der Straße war, mit mußte, ob es wollte oder nicht. Ein Schutzmann sagte aus,-daß es ganz unmöglich war, aus dem Strome herauszukommen, er habe mitrennen müssen obwohl er sich niit allen Kräften dagegen gestemmt habe. Am Bahn- Hof selbst kam es dann noch einmal zu Schupsereicn, weil die Menge auseinander stieben wollte. Da ist dann gepackt und arretiert worden, wen man eben noch erwischte. So ist der Mitangeklagte Schneidernleister Woidt, der auf die Post wollte, in den Menschen- ström gekommen, arretiert worden und bis zur Verhandlung yi llutersuchungshaft gewesen. Das Ergebnis der Verhandlungen des Schwurgerichts brachte von den Folgen des Tumults weiter nichts zutage, als daß ein Arbeitswilliger blutig geschlagen worden ist. Seine Verletzungen waren aber so unbedeutend, daß er ohne ärztliche Hülfe nach Hause fahren und am anderen Tagd seine Arbeitswilligendienste, ohne den geringsten Schaden genommen zu haben, wieder aufnehmen konnte. Dem Bahnmeister ist ein vom Bürgersteig abgcpralltcr Stein an den Kopf geflogen, wodurch er eine kurze Zeit ohnmächtig war, seinen Dienst aber bald darauf wieder versehen konnte. Dies der nackte Tatbestand des angeblichen Landfriedensbruchs. Damit vergleiche man die Anklage und die Verurteilung, aller. dings unter„Annahme mildernder Umstände", wegen schweren Laiidfriedcnsbruchs, und»och dazu die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre. Umsonst war der Appell des einen bürgerlichen Rechtsanwalts an seine Klassengenossen, die Ge- schworcnen: kein durch Parteileidenschaft»der durch die gegen wärtigc bewegte politische Zeit getrübtes Klassenurteil zu fällen) Im ersten Teile der Verhandlung spielte die Behandlung der Frage, ob der Streik berechtigt war oder nicht, eine große Rolle, um die Angeklagten, die zum Teil mit dem Streik an sich gar nichts zu tun haben, als Menschen hinzustellen, denen es nur um den Kampf mit dem Unternehmertum zu tun ist. ob sie dazu nun Grund haben oder nicht. Dieser Art Verhandlung über den Land- friedeusbruch machte endlich der eine Verteidiger mit der Bemerkung ein Ende, daß die Behandlung dieser Frage gar nicht hergehöre, wollte man sie aber juristisch beantworten, müsse erklärt werden, daß, wenn die Kürschner die Firma wegen Einhaltung des Tarifs beim Gcwerbcgcricht verklagt hätte», diese zur Zahlung desselben bis zu seiner Aufkündigung verurteilt hätte werden müssen. Zur Charakteristik des Prozesses, daß es sich dabei nur um einen Tendenzprozeß gehandelt hat, dient die Art. wie vom Richtertisch sowohl wie vom Staatsanwalt der Streik und Gcwcrkschafts- bewcgung immer nur als Parteisache hingestellt wurde. Man tat so, als kannte man den Unterschied von Partei und Gelverkschaft gar nicht, als sei der Kürschnerstrcik, und alles was damit zusammen- hängt, nichts anderes als parteipolitische Tätigkeit. Welche Wirkung dies auf die Geschworenen haben mußte, geht klar aus dem Urteil hervor. Daß diese Art Rcchffprechung ihr eigener Toten- gröber ist. zumal wenn es in der gleichen Weise wie seit Löbtau weiter geht, sollte auch allmählich jedem bürgerlichen Juristen und Politiker klar werden. Pariarn entanlcdes. Erdrosselung der Kleinen. Die extraordinäre Steuerkommission, welche die Konservativen, Nationalliberalen, Antisemiten und das Zentrum neben der Reichs- finanzreformkomnnssion gebildet haben, hat sich für das Banderole- steuersystem gegen die Zigarettenindustrie entschieden und der letzteren Kommission einen entsprechenden Gesetzentwurf unterbreitet, dessen zwei Hauptparagraphen folgende» bestimmen: Die Kommisfio» wolle beschließen: An Stelle der tzA 1 bis 16 der Anlage 3 treten folgende Vor- 'chriften: § 1. An EingangSzoll ist zu erheben für 1 Doppelzentner: 1. feingeschnittenen Tabak.. 899 M. 2. Zigaretten....... 2999 M. § 2. Außer den auf Grund des Tabaksteuergesetzes von dem verwendete» Tabak zur Erhebung gelangenden Abgaben unterliegen der im Jnlande geschnittene Zigarettentabak und die im Jnlande hergestellten Zigaretten einer besonderen in die ReichSlasse fließenden Steuer, die beträgt: 1. für Zigaretten: a) im Kleinverkanfspreise bis zu 19 M. das Tausend 1 M. für 1999 Stück. b) im ÄleinverkaufSpreise über 19 M. bis 29 M. das Tausend 2 M. für 1990 M. c) im Kleinverkaufspreise über 20 M. bis 30 M. das Tausend ö M. sür 1000 Stück. ck) im Kleinverkaufspreise über 30 M. bis 40 M. das Tausend 19 M. sür 1999 Stück, o) im Kleinverlaufspreise über 49 M. das Tausend 12 M. für 1999 Stück; 2. für Zigarettentabak: o) im Kleinverkaufspreise über 2 M. bis 3 M. das Kilo 9,20 M. für 1 Kilo. b) im Kleinverkanfspreise über 3 M. bis 5 M. das Kilo 9,39 M. für 1 Kilo, v) im Kleinverkaufspreise über 5 M. bis 8 M. das Kilo 1,69 M. für 1 Kilo,.... d) im Kleinverlaufspreis e über 8 M. das Kilo 2 M. für 1 Kilo. Als Zigarettentabak im Sinne dieses Gesetzes gilt aller fein- geschnittene Tabak, der im Kleinverlaufe mehr als 2 M. das Kilo- gramm lostet. Als MeinverkaufSprcis gilt der Warenpreis einschließlich der Steuer. Der Bundesrat ist ermächtigt, Tabakerzeugisisse von der Art und Form der Zigarette, bei denen"das Papierdeckblatt fehlt, der gleichen Steuer zu unterwerfen... Abg. Held begründete den Entwurf mit dem Hinweis, daß Geld gebraucht werde und diese neue Form der Besteuerung leicht durchführbar sei. Fachmänner hätten daran mit gearbeitet. Abg. Geyer bezweifelte, daß Fachleute dieses leichtfertig zusammen- gehudelte Machwerk(Ordnungsruf!) mit geschaffen hätten. Was solle die neue Steuer einbringen? Kern Wort sei_ darüber gesagt. Bei welcher Schnittstärke beginne der feingeschnittene Tabak? Kein Wort darüber enthalte die Vorlage. Da- gegen akzeptiere sie alle polizeimäßigen Vorschriften über Kontrolle und Defraudation, wie die Regierungsvorlage, die nun als gefallen zu betrachten sei. Die Vorlage besorge die Geschäfte des amerikanischen Trusts. Redner tadelte nocki, daß der Antrag erst heute in die Kommission gelangt sei. Gegen ihn gälten alle Gründe, die gegen die Regierungsvorlage sprächen.— Inzwischen war von sozialdemokratischer Seite der Antrag eingebracht worden, den Banderoleentwurf zunächst dem Plenum des Reichstages zur ersten Beratung zuzuweisen. Abg. Molke nbuhr. zcr- pflückte einzelne Bestimmungen der Vorlage und schilderte die technische Unausfnhrbarkeit derselben. Held habe nun die Schnittstärke auf drei Millimeter angegeben, aber wann solle die Schnitistärke gemessen werden? Vor oder nach dein Eintrocknen des Tabaks? Die kleinen Fabrikanten würden dadurch beseitigt; denn sie schneiden mit der Handschnittlade nicht gleichmäßig. Man arbeite an der Ruinierung des Kleingewerbes und fördere das Vordringen des amerikanischen Trusts. Held gibt an, es sollten 15 Millionen ans der Banderolesteuer gezogen werden. Er bleibe dabei: der Entwurf sei mit fachmännischer Hülfe zustande gekommen. Wiemer(frs. Vp.) ist grundsätzlich gegen den Antrag, der die Industrie so schwer belaste wie die Regierungsvorlage. Dittrich(l.) be- hauptet, die EntWickelung der Industrie werde durch den neuen Entwurf nicht zurückgeschraubt. Der Direktor im Schatzamt, Kühn, erklärt, die Regierung habe noch keine Stellung zu dem Entwurf genommen, manche Bedenken gegen die Banderolestener seien gefallen. Sie stimme zu, wenn 1. derselbe Ertrag erzielt werde, 2. kein Rückgang des Konsums zu befürchten sei, 3. die Fabrikation nicht zu sehr belästigt«verde. v. Elm(Soz.) bezeichnet den Entwurf als ein Gesetz zur Vernichtung der Kleinindustrie. Die Kontrolle zur Ausführung bringe ein Zuchthaussystem über die Fabriken; die Kosten»vürden große sein. Im Tabaksteuergesetz sei der Zoll ans feingeschnittenen Tabak auf 399 M. festgesetzt, hier werde er auf 899 M. geschraubt—»vas sei imn gültig? Derartiger Widersinn durchziehe das ganze Gesetz. Müller-Fulda(Z.) und Wolf(Antis.) verteidigen den Entwurf,«vährend Kaden, Schmalfeldt. Geyer, v. Elm und Wiemer ihn bekämpfen. Geyer konstatiert, daß die Vertreter des Verbandes der Zigarettenindustriellen aus den Boc-> räumen der Kommission«veggelviesen lvorden seien, so daß es nicht mehr möglich sei. von ihnen in einzelnen Fragen sofort ein Gutachten zu erlangen. Diese Gutachter vertreibe man und hole sich Winkel- fabrikantcn als Sachverständige für unpraktische Gesetzvorlagen. Bei der Abstiinmung erhält die Regierungsvorlage keine Stimme, die Ziaarettenpapiersteuer ist demnach ab- gelehnt. Der sozialdemokratische Antrag, den Gesetzentwurf über Banderollesteuer dem Plenum zur ersten Beratung zu nberloeiscn und die Beratung in der Kommission auszusetzen, lvird gegen die acht Stimmen der Sozialdemokraten und Freisinnigen abgelehnt. Dann«vird der§ 1 deö neuen Entwurfes mit 19 gegen 9 Stimmen (Sozialdemokraten, Freisinnige und Polen) angenommen. Bei§ 2 entspinnt sich eine weitere Debatte, in der Abg. Geher feststellt, daß durch die Steuer auf feingeschnittenen Tabak der inländische Tabak mit betroffen wird,«vährend man sonst vorgebe. den inländischen Tabak zu schützen. Die Zigarettenindnstne verbraucht nämlich zirka 19 Proz. inländischen Tabak. Ferner greife das Gesetz auf die Zigarrenindustrie über, denn der Schlußsatz treffe die Zigarrillos und Zivischenaktszigarren.— Die Mehrheit schwieg und stimmte mit demselben Stimmenverhältnis für den§ 2. Dan«. wurde die Beratung vertagt._ Die Budgetkommissi»» des Reichstags führte gestern die Be- ratung des dritten Nachtragsetats für die Kolonieen zu Ende und belvilligte die Forderung von 2 497 875 M. Die Schutztruppc in Ostafrika soll dauernd auf eine Kopfzahl von 2919 farbigen «oldaten gebracht«verde». Außerdem sollen aus Anlaß der'lln- ruhen vorübergehend weitere 599 Mann farbiger Soldaten ein- gestellt werden, und zivar 382 Sudanesen und 113 sonstige farbige Mannschaften. Zu einer längeren Debatte führte die Forderung, das fremdländische farbige Element in der Schutztruppe stärker als bisher zu bemessen. Der Ilmfang der letzten Unruhen soll zu dieser Maßnahme drängen. Die Regierung verlangt daher die Anwerbung von 399 Sudanesen in Massaua, deren Anwerbung nebst Trans- portkostcn sich auf 199 999 M. belausen; ferner 159 Bakuleute (Ren-Guinea) und 159 Togo- oder Kamerunneger. Kostenpunkt dieser Anwerbung nebst Transport 117 259 M. Ueber die Zweck- Mäßigkeit bezw. Gefährlichkeit, die Angehörigen fremder Stämme und Völker in Ostafrika als Soldaten zu verwenden, Ivurde lebhaft diskutiert. Kolonialdirektor Prinz Hohenlohe erklärte, daß der Gouverneur in Ostafrika die Amverbung fremder Soldaten chon deshalb für notwendig halte,«veil mit der Möglichkeit gereckn.et «Verden müsse, daß schließlich die jetzt teillveise einander noch feiud- lich gegeirübcr stchcnden Negerstämme sich vereinige««! Tie aus Eingeborenen gebildete Schutztruppc biete dann keine Ge- währ mehr für Treue und Zuverlässigkeit. Der Gouverneur rechnet also bereits mit einer Koalition aller Negervölker und— was die Folge einer solchen 5toalitioi> sein dürfte— mit einem großen Kolonialkrieg. Auch die im„Vorwärts" schon besprochene Denkschrift deS Gouverneurs von Ostafrika über den dortigen Aufstand enthält solche An- deutungen, indein gesagt wird: Kolonialpolitik sei immer Er- oberungspolitik getvesen, und Kolonialkriege werden daher stets zu den notwendigen Folgen der Kvlonialpolitik gehören. Die deutsche Kolonialpolitik eröffnet immer schönere Aussichten. Nach Erledigung des Kownialetats soll zuerst in die Beratung der Militär-PensionSge setze eingetreten lvcrden, weil die rechtzeitige Fertigstellung des ganzen Etats bis zum 1. April ganz auS- Eue der Partei. Zum Fall Cramer äußert sich jetzt auch das zweite täglich erscheinende Parteiblatt in Hessen, die Mainzer«Bolkszeitung". GU schreibt: «Genosse Cramer war sicherlich von dem Gedanken geleitet, der Allgemeinheit einen Dienst zu tun. Seine Motive also in allen Ehren I Was aber unternahm Genosse Cramer bei Lichte besehen? Er versuchte den Einfluß des Grotzherzogs mobil zu machen gegen die Selbstverwaltung der Stadt Darmstadt, weil er befürchtete, die Darmstädter Stadtverwaltung konnte sein Projekt aus oben angeführten Gründen ablehnen. Diese Handlung ist ein grober Verstoß gegen die elementarsten Grundsätze der Demokratie und fordert die entschiedenste Ab- Weisung heraus. Dieses auch vom„Offenbacher Abendblatt" nnd „Vorwärts" hervorgehobene Moment steht unleugbar fest. Wenn Genosse Cramer den Widerstand der Hausagrarier in der Darmstädter Stadtverwaltung gegen seine Garten- stadt-Jdee brechen wollte, so böte sich dazu Gelegenheit genug bei den Stadtverordnetenwahlen. Wir können uns das Vorgehen des Genossen Cramer nur dahin erklären, daß er sich über diese Seite nicht völlig klar geworden ist. Aber noch ein Weiteres: Genosse Cramer ist Mitglied des Reichstages und war lange Jahre Mitglied des Landtages; in beiden Körperschaften wurde den Sozialdemokraten die Vertretung im Präsidium unrechtmäßig verweigert, weil sie sich nicht zu Hofbesuchen zwingen lassen wollen. Als Vorsitzender eines Garten- stadt- Vereins findet sich Cramer bereit. den Mon- archen um Audienzen zu bitten. Man kann und muß verlangen, daß Parteigenossen, zumal wenn sie hohe Ver- trauenSstellungen in der Partei einnehmen, auch bei ihren Privatunternehmungen nicht Parteitraditionen und Prinzipien verletzen." Die Mainzer„Volkszeitung" hat nie im Geruch des„Hyper- Radikalismus" gestanden; sie schlug sich stets auf den rechten Flügel der Partei. Nichtsdestoweniger diese ernste Stellungnahme. Genosse Cramer mag daraus ersehen, daß es keine kleinliche Nörgelsucht war, die sich ihm gegenüber seiner Handlung wegen in besorgten Worten äußerte._ PoltzeUiches. OmcbtHches ufw. Noch einmal die„Frauenlob"-Affaire. Das offiziöse„Wölfische Bureau" meldet ans Kiel: Die Redakteure der„Schleswig-Holsteinischen Volkszeitimg" Ibers und Adler wurden wegen Beleidigung des früheren Kapitäns und der Besatzung des Kreuzers„Frauenlob" zu je 3 Monaten Ge- fängnis verurteilt. Die Beleidigung wurde erblickt in einigen Artikeln der„Vollszeitung", in denen von Meuterei der Mannschaft gesprochen war._ Soziales. Heranziehung und Ausbeutung russischer Arbeiter als Schmutz- konknrrente» durch deutsche Industrielle. Vor drei Wochen wurden in Riga russische Arbeiter als Arbeiter für die deutsche Gerrcsheinier Glasfabrik in Porta Westfalika angeworben. Ein Agent erzählte den Arbeitern, die verwundert' fragten, ob denn nicht deutsche Arbeiter geniigend vorhanden seien, die Fabrik baue neue Oefen; hierfür fehlten Arbeitskräfte, die Arbeitsbedingungen seien glänzende. Bei freier Wohnung verdienten die Arbeiter mindestens s ü n f b i s sechs Mark täglich. Da der Agent ausdrücklich versicherte, nur der Arbeitermangel in Deutschland dränge seine Fabrik zur Anwerbung ausländischer Arbeiter, so schlössen gegen vierzig russische Arbeiter folgenden Arbeitsvertrag, der uns vorgelegt ist und den wir unter Fortlassung der Namen der Arbeiter nachstehend wiedergeben: Arbeitsvertrag. Zwischen der Gerresheimer Glasfabrik, Aktiengesellschaft, Glas- Hüttenwerk, vormals Ferdinand Heye und dem Glasmacher..., .. Jahre alt aus Riga ist heute folgender Arbeitsvertrag ge- schlössen: Der... tritt am... 1306 auf der Glasfabrik Porta West- falika unter den dort üblichen Lob n beding un gen in Arbeit und verpflichtet sich, seine Obliegenheiten gemäß der Arbeits- ordnung mit Fleiß nnd Sorgfalt zu verrichten. Die Firma gewährt den verheirateten Arbeitern freie Wohnung in der Fabrik und vergütet das Fahrgeld vierter Klasse ab Riga bis Porta Westfalika nach zweijährigem Hiersein. Unter vorstehenden Bedingungen verpflichte ich mich, vom Tage des Eintritts an ununterbrochen e i n I a h r lang bei der Aktien- gesellschaft Gerresheim in Porta Westfalika in Arbeit zu bleiben und soll»ach dieser Zeit eine Kündigungsfrist von 1ö Tagen für jeden Beteiligten ausbedungen sein. Wir bemerken ausdrücklich, daß nur borstehend genannte Be- dingungen gültig und alle etwa getroffenen münd» lichen Vereinbarungen mit unserem Vertreter für die Fabrik in keiner Weise bindend sind. Oben Genannter hat von der Gesellschaft als Vorschuß auf Arbeitslohn 25 Rubel erhalten. Es ist vereinbart, daß diese Summe in Teilzahlungeil von mindestens 2 Mark pro Monat von dem 1. April 1906 an der Mitkontrahentin in bar zurückgezahlt wird oder daß diese den Mindestbetrag auf den verdienten Lohn des Schuldners bei den monatlichen und ratierlich bei den wöchentlichen Abrechnungen aufrechnet. Gibt Genannter seine Arbeit auf den Gerresheimer Glasfabriken auf, so kann die Gesellschaft den ganzen rückständigen Vorschuß zur Aufrechnung bei der Lohnabrechnung bringen. Riga, den 9./22. Januar 1906. Die Arbeitsordnung, die der Vertrag erwähnt, wurde den Arbeitern nicht vorgelegt. Sie glaubten, trotz des vorgedruckten Hinweises, daß mündliche Beteuerungen keinen Wert haben sollten. den mündlicheir Versprechungen. Das würde ja auch jeder andere getan haben, der auf Treu und Glauben hält. Von den gegen 40 so angeworbenen Arbeitern reisten vorab drei nach Porto Westfalika. Dort fiel ihnen auf, daß keineswegs neue Oefen gebaut würden, daß auch keineswegs Arbeitermangel herrschte: im Gegen- teil, es waren Reservearbeiter dort. Sie erklärten, daß sie unter diesen Vorspiegelungen nicht bleiben wollten. Jedoch verrichteten sie eine Schichtarbeit von acht Stunden. Ihnen wurde nun erklärt, daß sie hierftir nur 2 M. erhielten und daß von diesem Lohn noch die Pfeifengelder, Klötzegeld und Versicherungs- beitrüge in Abzug kämen. Die gesamte Situation machte den Arbeitern klar, daß offenbar die Firma die ausländischen Arbeiter an Stelle der zu kündigenden organisierten Arbeiter setzen wollte. Die Arbeiter gaben ihrer Entrüstung Ausdruck, daß man sie als Schmutzkonkurrenten unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Deutschland gelockt hatte und verlangten ihre Pässe zurück. Die Rückgabe der Pässe wurde ver- weigert. Die Russen suchten nun wiederholt Schutz beim russischen Konsul nach. Der erklärte sich dazu außerstande, da seiner Ansicht nach der Vertrag binde. Schließlich gelang eS den Arbeitern von der Fabrik die Pässe zu erhalten. Den völlig mittel- losen Arbeitern wurde die Rückreise durch deutsche Arbeitsgenossen ermöglicht. Sie befinden sich jetzt wieder in Riga, um ihre russischen Landsleute zu warnen, deutschen Agenten zu trauen. Eine ähnliche Warnung vor den Versprechungen ostelbischer Junker und ihrer Agenten erging bekanntlich vor sechs Jahren von der russischen Regierung aus. Der oben mitgeteilte Vertrag ist aus verschiedenen Gründen ungültig. Zunächst ist er fast durchweg mit unmündigen Arbeitern geschlossen. Ferner aber ist er durch betrügerische Borspiegelungen zustande gekommen. Endlich verstößt aber auch die Abmachlmg mit ausländischen Arbeitern für industrielle Betriebe auf eine ein Jahr übersteigende Zeit gegen die über die Beschäftigung ausländischer Arbeiter ergangenen Ministerial- Vorschriften. Arbeiter, die auf Grund eines solchen Vertrages nach Deutschland kommen, sind hier völlig schütz- und fast rechtlos. Die Ausbeutung des Elends ausländischer Arbeiter, um billige und willige Arbeitskräfte in den industriellen Betrieben zu haben nnd die gegen gar zu große Ausbeutung von den deutschen Arbeitern errichteten geiverk- schafilichen Schutz mauern zu untergraben, ist einer der vielen Beweise für die Vaterlandsfeindlichkeit und Gemein- gefährlichkeit des Privateigentums an den Produktionsmitteln. ätas Industrie und Handel Erznot. In unserem vorletzten wirtschaftlichen Wochenbericht wiesen wir auf die Bedrängnis hin, in die die deutsche Eisenindustrie infolge der Stockungen der Zufuhren von Manganerzen ans Ruß- land geraten sei. Unsere damals ausgesprochene Ansicht wird jetzt bestätigt durch folgende Nachricht, die uns unterm 5. Februar er. aus Essen zuging: Nach einer Meldung der„Rh. W. Ztg." wurde die nordwestliche Gruppe des Vereins deutscher Eisen- und Stahl- industrieller im Auftrage der deutschen Ferromangan verbrauchenden Werke bei der russischen Regierung wegen Beschleunigung der Wiederherstellung der Bahnen des Kaukasus vorstellig. Die durch die Revolution unterbrochene Znfuhr von Manganerzen aus dem Kaukasus, die bisher nicht wieder aufgenommen wurde, rief in Deutschland eine derartige Knappheit von Ferromangan hervor, daß deren Weiterdauer unabsehbare Konsequenzen nach sich ziehen dürste. Preissteigerung der Uhren. Die Preissteigerungen, die sich in den letzten Jahren auf den verschiedensten wirtschaftlichen Gebieten bemerkbar gemacht haben, zeigen ihre Wirkungen nunmehr auch in der Uhrenfabrikation. Die Verteuerung der Rohmaterialien hat, nach der„Deutschen Uhrmacher- Zeitung", die schweizerischen Fa- brikanten von Taschenuhren zu Gründungen von Vereinigungen ge- bracht, die sich die Aufgabe stellen, die Uhrenpreise zu heben. Aehnliche Vereinbarungen sind von den deutschen Großuhren- fabrikanten zu berichten. Auch die Preise der Uhrgläser, Uhrkapseln, Gläser lmd anderer Zubehörteile sind gestiegen. I» Anpassung an diese Erscheinungen haben die deutschen Uhrmacher bereits ent- sprechende Preiserhöhungen vorgenommen. Der Handel mit Spirituosen nach China blüht. Wie die amt- liche Handelsstatistik ausweift, ist der Import von Spirituosen, der sich 1903 auf 1 320 000 Fr. belief, in 1904 auf 1 815 000 Fr. ge- stiegen. Großen Wert legt man auf die Ausstattungen. Allerdings ist nicht der künstlerische Standpunkt dabei maßgebend, sonder» lediglich der airf Verführung gerichtete spekulative Geist. Es werden vorwiegend eingeführt: Whisky, Gin, Rum, Kognak und Liköre. Für den Absatz dieser Fabrikate ist die äußere Ausstattung von nicht unwesentlicher Bedeutung. Gern wird zum Beispiel gekauft billiger Kognak mit glänzend vergoldeter Etikette und drei Sternen, sowie ordinärer Rum in hübscher Aufmachung(halb Strohgeflecht), ans deren Etikette ei» Ncgerkopf sich befindet. Auf Anbringung einer glänzenden Verschlußkapsel wird ebenfalls Wert gelegt. Opinm, Schnaps und Kanone» I das sind Kulturgüter, mit denen man den Chinesen die europäische Uebcrlegenheit demonstriert. Eine Uniwälzmig in der Getreidezufuhr nach Deutschland mit mit dem Untertitel: Kanipf gegen Amerika! proklamiert nach der „Königsberger Allgemeinen Zeitung" die— russische Regierung. Das genannte Blatt bringt folgende, vorläufig»och sehr nach Re- nommisterei riechende Mitteilung: Die russische Regierung geht gegenwärtig der Aufgabe nach,— die in Aussicht stehende Erhöhung der deutschen Zölle»rag eine ent- scheidende Anregung gewesen sein— speziell für den deutschen Markt sich Wege zu bauen, welche dem Hauptkonkurrenten, Nordamerika, den Rang ablaufen könnten, ohne dabei aber die lukrativen Fracht- sätze herabzumindern. Sie hat deshalb ihr Augenmerk auf eine »Verbindung die Donau hinauf in das Herz SnddeutschlandS gelenkt, wo die Preise außerdem beträchtlich höher sind. Das russische Schienennetz würde dann das Getreide bis Rem an der Donau schaffen, wo die Einrichtung großer Elevatoren und Umladcvorrich- tungen in Aussicht genommen ist. Bereits im Dezeniber haben in Wien Besprechungen der Vertreter der Südwestbahn-Linie mit der Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft stattgefnnden, die zur Festsetzung dieser Details geführt haben. Ende Januar hat eine gemischte Kommission in Neni die Boruntersuchungen eingeleitet, in betreff der Herstellung dieser Hafenanlagen und der Elevatoren. Gelangt dieser Plan zur Ausführung, dann bedeutet das eine starke Ver- schiebung des innerdeutschen Getreidehandels, der Schwerpunkt würde von Norden nach Süden verschoben werden und Danzig und Königsberg erlitten einen nennenSIverten Abbruch ihres Handels. Allerdings sichert das Bestreben der russischen Re- gierung. den Export konkurrenzfähig zu erhalten, auch Pflege der Verbindung nach den deutschen Ostseehäfen zu. So hat Rußland Ingenieure nach Königsberg kommandiert, um bei Herstellung des Güterverkehrs ohne Umladung, die gegenwärtig wegen verschiedener Spurweite der Bahn erforderlich ist, mitzuwirken. Die Neuerung soll zuerst bei dem Strange von Grajewo in Funktion treten, und zwar nach dem System eines deutschen Ingenieurs namens Breit- sprecher.— Die russische Regierung entwickelt ja auf einmal eine staunenswerte Energie. Die Agrarier werden über die Nachricht, die mehr einer Inspiration aus Berlin als einer Petersburger Initiative ähnlich sieht, vergnüglich schmunzeln, da winkt ja für die Ostelbier noch eine Extraerhöhung der Gctreidepreise. Amerikanische Expansionsbestrcbungen. Die Dampfergesellschaft Tokio-Kisen-Kaisha unterhandelt wegen Erwerbung der Pacific- Mail-Steamship-Company, die fünf Passagierdampfer befitzt. Der Generaldirektor der japanischen Gesellschaft. Shiraishi hat sich nach Amerika begeben, um mit Harriman darüber zu unterhandeln. Die Tokio-Kisen-Kaisha beabsichtigt ferner, auf Ersuchen der brasilianischen Regierung ihren Dampferdienst nach Brasilien auszudehnen. Der Zweck der Erwerbung der amerikanischen Linie ist, die Schaffung einer Konkurrenz gegen deutsche Schiffsverbindungen. Der Preis für den Ankauf der Pacific-Mail-Steamship-Company ist noch nicht bestimmt. Ihr Kapital beträgt 10 Millionen Dollar, ihr jährlicher Reingewinn l'/z Millionen Dollar. Sodann hat sich die Firma George Thompson u. Co. vor kurzem in eine Aktiengesellschaft um- gewandelt, und in den Aufsichtsrat dieser Aktiengesellschaft sind leitende Persönlichkeiten der White-Star-Line und der Shaw, Savill u. Albion Line eingetreten. Die White-Star-Line gehört dem Morgan-Trust an, und mit der anderen genannten Reederei hat die White-Star-Line resp. der Trust eine Interessengemeinschaft. Das Kapital der neuen Aktiengesellschaft George Thompson u. Co., Ltd., besteht aus 150 000 Doli. 6proz. Vorzugsaktien, 50 000 Doll. Stammaktien und 50 000 Doll.„Management- Shares". Die Aberdeen Line fährt nach südafrikanischen und australischen Häfen. Kommerzielle Revolution. In Persien ist eine in der Hauptsache von der Priesterkaste getragene Revolution ausgebrochen, der sich ein großer Teil der Kaufmannschaft angeschlossen hat. Der Beweggrund für die Kaufleute ist nicht, wie die„Franks. Ztg." berichtet, politischer, sondern kommerzieller Natur. Die in Persien dnrch die Revolution in Rußland eingetretenen hohen Preise auf Zucker und sonstige Verkaufsartikel in Verbindung mit dem vom persischen Zollminister gehandhabten strengen Zollsystem haben wesentlich mitgewirkt.— Die Herrscherclique in Persien wird natürlich steif und fest, mit junkerlicher Unverfrorenheit behaupten, die Unruhen seien das Wert einiger demagogischer Agitatoren. Dem kranken Mann ist's nicht gut. Der türkische Gesandte hat nach einer Meldung aus Belgrad dem Könige in einer Audienz mitgeteilt, daß die serbisch-bulgarische Zollunion auf die Pforte den schlechtesten Eindruck gemacht habe und jedenfalls einen ungünstigen Einfluß ans die Beziehungen zwischen Serbien und der Türkei aus- üben werde. Eine Prcisstcigeniug von 15 Proz. wollen die Saftlermeister von Köln und Umgegend nach einem am Montag in Köln gefaßten Beschlüsse eintreten lassen. Begründung: Steigerung der Roh- materialienpreise. Äus der frauenbeweglMA. Ter Muttcrstrcit im Rathause. Die heterogensten Kreise der Gesellschaft waren als Redner in der Versammlung vertreten, die, vom„Bund für Mutterschutz" einberufen, gestern abend in dem überfüllten Bürgersaale des Rathauses tagte. Drei Fraucnrecht- lerinnen, zwei praktische Aerzte, eine sozialistische Wortführerin, zwei evangelische Pfarrer und ein Arbeiter beteiligten sich an der Diskussion. Die Referentin, Fräulein Adele Schreiber, übte eine scharfe Kritik an den Gegnern der Bestrebungen des„Bundes für Mutterschutz". Sie unterschied dieselben in drei Gruppen. Zu- nächst in die der wirklich sittlich reinen und streng auf Pflicht- erfüllung beider Geschlechter haltenden Gruppe, dann in die Gruppe der äußerlich strengste Sittlichkeit heuchelnden Männer, die das weibliche Geschlecht des Bürgerstandes sittlich rein erhalten wollte, die Mädchen der unteren Stände aber in sexueller Beziehung für vogelfrei erkläre. Endlich die Gruppe derjenigen, die den unehc- lichen Müttern und Kindern wohl helfend die Hand reiche, sie aber doch als„Gefallene" ächte und Büßerinnen in ihnen sehen wolle. Der Bund strebe nach der Gleichstellung der Geschlechter. Ent- weder seien die gefallene Frau und der gefallene Mann beide schuldig und dann beide gleichmäßig unwürdig, Stellungen in der Familie, der Gesellschaft und dem Staate zu bekleiden, oder beide seien unschuldig. Die Anschauung über die Sittlichkeit sei lediglich eine Formsache. Die Historie und das volkswirtschaftliche Leben lehre, daß das Gesellschaftsleben etwas mit den Zeiten Wechselbares sei. Und deshalb wollten sie, die Bundesangehörigen, das Ge- schlechtslcben in eine vollendetere Form umwandeln, in der Mutter und Kind nicht mehr zu den Geächteten gehören, die Vaterschaft anerkannt, die Prostitution eingedämmt werde und die durch un» eheliche Geburten und außereheliches Geschlechtsleben hervor- gerufenen Verbrechen aufhörten. Die 50 000 Prostituierten Berlins bewiesen schlagend, daß das außereheliche Geschlechtsleben heute mindestens ebenso groß sei wie das eheliche. Nach der unter leb- haftem Beifall endenden Referentin führte Dr. med. Hammer aus, daß die vom Bund geplante Mutterschaftsversicherung Mädchen der unteren Klassen einfach dazu verleiten werde, die Mutterschaft als einträgliches Gewerbe zu betreiben.„Je mehr Kinder, je mehr Rente" würde der Wahlspruch lauten. Wenn man so wie die Rcdnerin rechnen wolle, entstände die Frage: ob nicht jede Frau eine Prostituierte sei. Hier wurde der Redner durch einen ohrcn- betäubenden, langanhaltenden Lärm unterbrochen. In den meisten Fällen treibe die Lust zu diesem Gewerbe und zum Wohlleben und Nichtstun die Mädchen zur Prostitution. Dr. med. Markuse wandte sich ausschließlich gegen die AuS- führungen des Dr. Hammer und betonte, daß die Aechtung der Unehelichen Prostituierte schaffe. Sodann hob Pastor Schwechten hervor, daß er und mit ihm sehr viele Deutsche für das sechste Gebot eintreten. Er sei auch der Meinung, daß es mit den un- ehelichen Müttern und Kindern nicht so bleiben könne. Man müsse die Entgleisten durch die christliche Nächstenliebe zur Pflicht zurück- führen. Nach der Richtung hin hätten die Fürsorgeanstalten die besten Erfolge erzielt. Frau Lily Braun erwiderte s tempo, nur die mangelhaste Erziehung und Schulbildung der- Kinder des Volkes trüge die Schuld, daß sie sich nach materiellen Genüssen sehnten und der Versuchung zum Opfer fielen. Wenn Herr Dr. Hammer behaupte, nur die Liebe zum Wohlleben und zum Luxus triebe die Mädchen zur Prostitution, aber nicht die krasse Not, dann möge er doch mal die Ausstellung für Heimarbeit besuchen. (Stürmischer Beifall.) Pastor Schwechten möge zu den Kreisen gehen und sprechen, die die Mädchen erst verführten. Dieses Christentum habe die Aechtung erst eingeführt. Sic wollten dafür die Moral der Tat setzen.(Stürmischer Beifall.) In längerer Schlußrede erinnerte Fräulein Schreiber daran, daß während des ganzen Abends nur immer von der außerehelichen Mutter ge- sprachen worden sei, aber das Kind habe doch auch einen Vater. Sei der Vater denn nicht am Dasein des Kindes beteiligt?(Stür- mischer Beifall unter den weiblichen Anwesenden.) Die Benutzer der Prostitution seien verheiratete Männer. Die heutige Sitt» lichkeitsform gebäre nur Ehebruch und Lügen. Im Kampfe des Bundes handele es sich um den Kampf der Wahrheit gegen die Lüge.(Beifall.) Damit wurde die Versammlung geschlossen. GericKts-Deining. Unlauterer Wettbewerb und Knrpfuschertum. Eine Anklage wegen unlauteren Wettbewerbes, die die dritte Strafkammer des Land- gerichts II mehrere Stunden in Anspruch nahm, führte gestern den Naturheilknndigen Fritz Westphal aus Lehnitz bei Oranienburg auf die Anklagebank. Der Augeklagte, der wegen des gleichen Ver- gehens schon zu 600 M. und zu 1000 M. verurteilt worden ist, be- treibt die Pflanzeuheilkunde in seiner eigenen Villa in Lehnitz und hält hier in Berlin dreimal in derWoche in einem von ihm gemieteten Zimmer eines Hotels Sprechstunde ab. Er war aus diesem Grunde auch noch wegen unbefugter Ausübung seines Gewerbes im Umherziehen an- geklagt. Der Angeklagte stellt außer anderen Heilstoffen auch eine» Tee her, dem er ganz besonders heilsame Wirkungen gegen alle möglichen Krankheiten zuschreibt. Seinen Ankündigungen fugt er den Abdruck des Anerkennungsschreibens eines Prof. Dr. Pohl an, der seine unbeschränkte Hochachtung vor der Heilmethode des Angeklagten in überschwenglicher Weise zum Abdruck bringt. Ein früherer Termin in dieser Angelegenheit wurde seinerzeit vertagt. da der Staatsanwalt es für nötig hielt, nach'der Person dieses Professors Dr. Pohl zu zu forsche». Dieser sollte nach Angabe des Angeklagten ordentlicher Professor in Chicago sein. Staatsawalt Mundry erklärte aber gestern, daß nach den angestellten Ermittelungen cS sich höchstens um einen Mann dieses Namens handeln könne, der auShülfSwcisc in einer Apotheke beschäftigt sei. Am Kopfe der Prospekte des Angeklagten prangten die Abbildungen nlehrerer Medaillen, die dem Angeklagten auf den Ausstellungen von Paris, Hamburg, Bremen und Berlin als Auszeichnungen für seine Heilniethode bezw. seinen Tee zuerkannt worden sind. Die Anklage behauptet, daß diese Auszeichnungen nur auf sogenannten wilden oder SchwindelauSstellungen, die von gewerbsmäßigen AuSstellungsveranstaltern arrangiert worden, erzielt worden seien. Der Angeklagte bestritt dieses und behauptete, daß er die Ausstellungen für durchaus ernsthafte und reelle.habe halten müssen. Im übrigen verwahrte er sich gegen den Vorwurf, durch falsche Anpreisungen den Anschein eines besonders günstigen Angebots erregt zu haben. Er verfocht die Heilkraft seines Tees nnd seiner ganzen Heilmethode mit großer Energie, verwies auf zahllose Dankschreiben, die er vorlegen könne und führte auch einige Kranke vor, die behaupten, durch ihn geheilt worden zu sein.— Die Verhandlung endete mit der Verurteilung des An- geklagten zu zwei Monaten Gefängnis, 1000 M. Geldstrafe und Publikation des Urteils. Wegen der Ucbertretung der Gewerbeordnung tritt noch eine Geldstrafe von 30 M. hinzu. Die Geheimnisse deS Kabaretts„D o r i a n Gray" bildeten gestern den Gegenstand einer Verhandlung vor dem Schöffengericht I. Wegen Diebstahls in vier Fällen ivar der Dekorateur.�aver Brock- mann angeklagt. In dem Hause Kleiststr. 3 bestand bis vor nicht allzulanger Zeit ein Kabarett, welches den Namen„ C a f s zum Dorian Gray" trug. Dieses Cafs bestand aus einem großen Zimmer, in dem eine Art Bühne hergerichtet war, auf welcher all- abendlich Kabarettvorträge und ähnliche„Kunstgenüsse" geboten wurden. Welcher Art diese waren, war längere Zeit Gegenstand umiangreicher Ermittelungen seitens der Kriminalpolizei, da vermutet wurde, daß jene„Kunstgenüsse" ganz besonderer Art waren, weil die Besucher sich lediglich aus Herren zusammensetzten und Damen der Eintritt streng untersagt war. Leiter dieses Kabaretts war der Angeklagte Brockmann, der seinerzeit in dem Seidenlvarengeschäft von Sommerfeld in der Rosenthalerstraße angestellt war. In diesem wurden längere Zeit hindurch Diebstähle von Seidenstoffen bemerkt, ohne daß es gelang, den Täter festzustellen. Eines Tages drang die Polizei in die Räume des „Dorian Gray" ein und lüftete den ersten Teil seiner Geheimnisse. Der Angeklagte hatte größere Posten Seide von zirka 1000 Mark Wert entwendet und zu Dekorationen in dem Kabarett verwendet. In feinem Besitze fand man u. a. eine große Anzahl von ihm selbst verfertigter unzüchtiger Photographien. Vor Gericht war B. ge- ständig. Der Staatsanwalt beantragte in Anbetracht des groben Vertrauenäbruchs des Angeklagten zwei Monate Gefängnis. Das Gericht erkannte auf einen Monat Gefängnis. Ein Jahr Gefängnis gegen ein Kind! Wegen vorsätzlicher Ge- fährdung eines Eisenbahntransportes ist am 8. Mai v. I. vom Landgericht Gera der Dieiistknecht Paul Franz Hirsch in Triebes zu e i n e m Jahr Gefängnis verurteilt worden. Als er am 14. Februar 1904 im Alter von IZ'/g Jahren mit anderen Knaben Räuber und Soldat spielte, kam er auf" den Gedanken, einen Zug der nahen Eisenbahn zum Entgleisen zu bringen. Er legte deshalb mehrere große Steine auf die Schienen und brachte dadurch den herannahenden Zug in die Gefahr zu entgleisen. Das Land- gericht hat angenommen, daß H. die zur Erkenntnis der Strafbarkeit feines Tuns erforderliche Einsicht zur Zeit der Tat besessen hat. Er hatte sich schon früher wegen dieser Tat zu verantworten; das damals gefällte Urteil ist aber auf die Revision seines Paters auf- gehoben worden.— Auch gegen das neue Urteil hatte der Vater Revision eingelegt. Er suchte nachzuweisen, daß es sich nur um einen Dtimmenjungenstreich handle und daß die Einsicht zu Unrecht festgestellt sei.— Das Reichsgericht erkannte aber diesmal auf Verwerfung des Rechrsnültels. Zeiitralverbaiid der HaiidliingSgehülfen und Gehiilfiiinei, Teutschlands(Bezirk Berlin). Mittwoch, den 7 Februar, abends 9 Uhr: Oessentliche Versammlung in den Jndustrie-Festsälen, Beutdstr. 20/21. Tagesordnung: Bundesrat warum? Referent: Kollege Julius Kaliski.' Zozlaldeniokratischer Lese- und Diskutierklub„Siid-Cst". Heute, Mittwochabend pünktlich Uhr bei Tolksdorf,(Sörlitzerftratze 58: Ver- fammlung. Tagesordnung: Diskussion über„Politische Tngessragen." Vereinsangelegenheiten. Gäste willkommen. eingegsngsene Vruckfckriften. Mouatsschrift des Deutsch-Brasilischen Vereins Nr. 1. Vilmersdors-Berlin, Kaiser-Allee 180. Geschäftsstelle Von der„Neuen Gesellschaft", Sozialistische Wochenschrist. Heraus- „..er: Dr. Heinrich Braun und Lily Braun. Verlag: Berlin W. 15.' Preis für das Einzelheit 10 Ps., pro Monat 40 Pf., pro Vierteljahr 1,20 M., ist soeben das 6. Heft erschienen. Bibliothek des allgemeineu und praktischen Wissens. Zum Studium und Selbstunterricht in den hauptsächlichsten Wissenszweigen und Sprachen. Lieferung 55 bis 59. Herausgegeben von Emanttel Müller- Baden.(Erscheint in 75 Lieferungen zu je 60 Ps. beim Deutschen Verlags- haus Bong u. Co. in Berlin IV. 57.) Plutus. Kritische Wochenschrist für Volkswirtschast und Finanzwesen (Herausgeber: Georg Bernhard). 4. Heft.(Abonnements einschließlich der PluwS-Merktajel, vierteljährlich per Post und Buchhandel 3,50 M., direkt vom Verlag 4 M. Verlag Berlin-Charlottenburg, Goethestr. 69). örlekluCten der Redaktion. Juriftircbcr C«U. i'irifiifilic Eprechftnudo findet täglich mit SluSnahme des Eounabend» bau 79- bis>.»>/, Mir abend» statt. Geöffnet: 7 llbr. Jeder Slnsrage ist ei» Buchstabe»nd eine Zahl als Merkzeichen beizufiigen. Briefliche Antwort wird nicht erteil«. ®. H--19. Zuständig wäre das Amtsgericht. Ziveisellos ist, ob die Eltern hasten. Zu raten ist die Klage nur nach Bewilligung des Armen- rechts gegen den Sohn, den Vater(falls dieser verstorben, die Mutter) und den Lehi/ex anzustrengen.— 31. K. 21. 1. Schildern Sie den sie betr. �all und fügen Sie diesen die Fragen bei; allgemeine Fragen gehen meist sehl. 2. Wegen Steuern und Alimente. 3. strasbarkeit liegt nicht vor. — 3l. B. C. 1. In vier Jahren vom Ausgang des Jahres ab, in dem die Wareuschuld entstanden oder anerkannt ivar, verjährt die Forderung für die zu Geschästszwecken gelieserte Ware. 2. Ja. 3. Es könnte nur der svuhere Ehemann gegen das Kind aus Unehelichkeitserklärung klagen.— T. W. Pl. Sie besinden sich im Irrtum.— C. B 35. Die Frau kann ihre Forderung in vollem Umfange gegen den Nachlaß geltend machen.— M. D. 39. Sie hätten dann keinen Anspruch mehr. — 31. B. Da nichts vereinbart ist, steht Ihnen als Gewerbe- geHülsen eine 14 tägige Kündigungssrist zu.- H. 59.. P, R. 59. Ja. — Pankow 198. Tragen Sie den Sie betreffenden Fall vor und knüpfen sie an diese Darstellung Ihre Frage. Allgemeine Ansragen lassen keine bestimmte Antwort zu.— W. B. 59. R. und L. Nein.— E. D. 199. Die Jnvalidenversicherungspflicht für die Haus- gewerbetreibenden der Tabakindustrie mit dem 4. 1. 92, für' die' der Textilindustrie mit dem 2. 7. 94(bez. 1. 1. 96), für Werkmeister. Techniker, Lehrer. Erzieher usw. mit dem 1. 1. 00, für alle anderen VersicherungS- Pflichtigen mit dem 1. Januar 1891 in Kraft. Früher liegende Wochen wurden nicht mitgezählt.— P. G. Charlottenburg. 1, Ja. 2. Nein.— — Z. 2. Nein, kommen Sie aber darum beim Magistrat ein.— F. R. 29. Falls die Tante Ihrer Frau keine näheren Erben hinterläßt, würden Ihre Kinder, nicht sie, erben.— D. K. B. 12. 1. Nein. 2. Aufforderung hätte zu erfolgen. 3. Wenden Sie sich an den Vorstand Ihres Verbandes.— L. 19. Der Zlbzug wäre leider zu- lässig, falls Sie nicht schon jahrelang im Geschäft tätig waren. R. H. 591. Beschwerde ist an die Ausstchtsbehörde(Magistrat) zu richten. — 199 R. M. Die Verrechnung des Vorschusses ist leider in ganzem Umfang zulässig.— R. S. 999. 1. Nein. 2. Ja. 3. An das Gericht erster Instanz.— M. O.. Dhaerftraffe und S. M. 1871. 1. Kündigung erfolgt bei Ehambregannsten und Schlasleuten bis am 15. zum 1., nicht um- gekehrt vom 1. zum 15. Die Frau ist also im Recht. 2. Wenden Sie sich an eine Buchhandlung. 3. Wir müssen es ablehnen, in den Streit über Slenographiesysteme uns einzumischen.— O. 199. Leider nein. 91. 199. Entscheidend sind die allgemeinen Erwerbsmöglichkeiten.— •f». 27. 1. Nein, Sie beauftragen den Gerichtsvollzieher. 2. Zinsen und Vollstreckungskosten lassen sie mit einziehen. 3. Den Antrag können Sie mit dem Ersuchen, einen Gerichtsvollzieher zu beaustragen, an das Amts- gericht richten.— W. K. 49. Wenn sie einen Honorarschein unterschrieben haben, ist der Anwalt im Recht.— G.K. ,99. 1. Ihre Schwägerin richtet an den Landrat einen Antrag auf Rückerstattung. Ein Beispiel sinden Sie in dem in den öffentlichen Bibliotheken ausliegenden„Arbeiterrecht" S. 605 Nr. 951>. 2. Leider ja. 3. Falls eine vollstreckbare Eni- scheidung vorliegt: ja.— O. R. 23.' 1. Nein. 2. Ja. 3. Nein. — 19jähriger Abonnent. Als Kind sind Sie nach ß 1603 rechtlich nur dann Ihren Eltern gegenüber unterhaltspflichtig, lvenn Sie bei Be- rücksichtigung Ihrer sonstigen Verpslichlungen den Unterhalt ohne Gefährdung Ihres und der Ihrigen slandesmäßigen Unterhaiis gewähren können. — H. G. 295. Sie müssen klagen. Welches Gericht zuständig ist, hangt davon ab, ob Sie Gewerbe- oder Kauimannsgehülse oder in sonstiger Stellung sind. Sie haben hierüber nichts angegeben.— Ei» geplagter Mieter. Voraussichtlich wird der von Ihnen geschilderie Prozeß zu Ihren Gunsten entschieden werden.— H. M. Der Einwand der Befangenheit hätte in erster Instanz erhoben werden müssen, kann aber noch jetzt geltend gemacht werden._ Berliner Marktpreise.'Aus dem amtlich en Bericht der ftädlischen Markthallen-Direklion. Rindfleisch la 63-66 pr. 100 Psund, IIa 54—62, lila 49-53, IVa 39-47. Kalbfleisch la 82-90, IIa 65-80, lila 55-64, Hammelfleisch la 63-73, Na 57-62. Schweinefleisch 74-80. Rotwild Psund 0,38-0,50, Damwild 0,45-0,60. Hasen Stück 3,75. Kaninchen Stück 0,95—1,10. Hühner pro Stück, alte 1,40—3,40, junge 1,25—1,50, do. IIa 0,00—0,00. Tauben, junge 0,50-0,75, alte 0,45—0,50. Enten. junge 0,00. Gänse Pr. Psd. la 0,00-0,00, Ha 0,00-0,00, russische 0,40-0,63 M. Schellfische 00-00 M.. Flunder 13—16 M. pro 100 Psd. socchte 96— 115 M. Schleie, groß 00 00 M. Aale, groß 00,00, Niiltel 00,00, Plötzen 32—36 M., Karpfen 0,00, Rheinlachs 0,00, Seelachs 00,00 pr. 50Ko. Schvitische Vollheringe(gesalzen) 40—44 M. Eier, Schock 4,00. Butter pro 100 Psund la 118—120, IIa 114—118, lila 110—114, absallende 00-00. Kartoffeln pr. 100 Psd. rote 2,00—2,20, Rosen 0,00—0,00, blaue 0,00-0,00, runde weiße 1,80- 2,00. Wirsingkohl pr. Schock 7,00-12,00. Weißkohl pr. 100 Psd. 2.75-3,25. Rotkohl pr. Schuck 6.00—10,00, Holl. 14—16 M. Saure Gurken, Schock 2,00 M., Pscffergurkcu 2,00 M. Witter»l>gsiU>erficht von, 9. Februar 1999, Iiiorgciis 8 tthr. Stationen ; s »=■ .5 3 a« i Swiiiemde. 768 NO Hamburg 770 ONO Berlin>768 NNO Franks.«. M. 767 N München 765 NO Wie» 766 Still Wetter 3 wolkig 2balb bd. 2 bedeckt 3 wolkig 3 bedeckt bedeckt TZ M To — 0 1 — 1 0 —4 — 1 Stationen L£ «J£ ic i? Haparanda! 755 WSW Petersburg 773 SW Seillh 770 OSO Aberdeen Paris 762 SSW 767 NO Wetter 4 wolkig 2bedeckt 1 bedeckt 1 bedeckt 3bedeckt » s c S. r,[I £ e» H Pc -12 —3 5 4 _ 2 Wetter-Proguosc für Mittwoch, be» 7. Februar 1099. Ziemlich heiter bei frischen südöstlichen Wilideu, elwas kälterer Nacht und langsam steigender Tagestemperatur; keine erheblichen Niederschläge. Berliner W e t t e r b u r e a u. Wasserstand am 5, Februar. Elbe bei Aussig+ 0,25 Meter, bei Dresden— 0,99 Meter, bei Magdeburg F- 1,97 Meier.— II» st r u I bei Swaußsurt-f 1,55 Meter.— Oder bei Ratibor— 1,05 Meter, bei Breslau Oberpegel+ 1,35 Meter, bei Breslau Ilnlerpegel— 1,37 Meter, bei Frankfurt-j- 1.70 Meier.— Weichsel bei Brahemünde -s- 3,38 Meter.— Warthe bei Posen-f 1,80 Meter. Für den Inhalt der Inserate überiliiiiint die Redaktion dem Publik»»! gegenüber keinerlei Berantwortung: Ukeater. Mittwoch, den 7. Februar. Ansang VI, Uhr: Opernhaus. Carmen. Schauspielhaus. Torquato Taffo. Deutsches. Der Kaufmann von Venedig. Leffing. RoSmersholm. Berliner. Der Widerspenstigen Zähmung. Neues. Liebesleute. Ansang 8 Uhr: Schiller O.(Wallner«Theater.) Cypricnne. Schiller W.(Friedrich Wilhelm. städlilches Thealer). Zwei glück- liche Tage. Zentral. Der Vogelhändler. Weiten. Die Zauberslöte. Walhalla. Nach Asrila, nach Ka- merun. Metropol. Aus ins Metropol. Kleines. Kinder der Sonne. Komische Oper. Die Boheme. Residenz. Der Prinzgemahl Triauo». Loulou. Lusisptelhans. Der Weg zur Hölle. Dhalia. Bis srüh um Fünse. Carl Weift. Die lebende Brücke aus Kuba. Luisen. Ein sommernachtStraum. Deutsch-Amerikanisches. Er und Ich. Kasino. Die goldene Brücke. Apollo. Insel Tulipatan. JmGri- setten-Kabarett. Spezialitäten. Herrnfeld. Famtlientag im Hause Prellstein. Folios Caprice. Nach dem Zapsen- streich. Der Beheme. Bcllc-AIlianee. Der grüne Teusel. Spezialitäten. Wintergart«». Otto Rmtter.— Spezialitäten. Reichshallo». Stettiner Sänger. Passage. Spezialitäten. Urania. Tnndenstrnfte 48/49. Abends 8 Uhr: Am Golf von Neapel. Hörsaal 6 Uhr: Dr. Donath: Farben-Photographic. Sternwarte, Jnvalidenstr. 57/62. Täglich geössiiei min I bis 7 Uhr. Berliner Theater. Ansang 71/, Uhr. DerWiderspänstigen Zähmung. Donnerstag u. Sonnabend abend: Dtr Widerspänstigen Zähmung. Freitag: Die Jüdin von Toledo. Sonnabend nachm. 21/,UHr:®chül«= Vorstellung z. ermäß. Preis.: l)!e Räuber. Neues Theater. Ansang 7>/, Uhr. liebesleute (•imantsi). Donnerstag, Freitag: Ein Sommernachtstraum. Sonnabend: Salome.(Ans. 8 Uhr.) Sonntag: Ein Sornmernaohtstraurn. Kleines Theater. Abends 8 Uhr: Kilidn der Sülinc. Morgen: Kinder der Sonne. Zentral-Theater (Operette). 8 Uhr(halbe Preise): Oer Voxelbandler. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Sin Sommemachtstranm. Donnerstag zum 1. Male: Die Anna- Lise. Freitag: Pension Schüller. Sonnabend: So sind sie alle. Sonntag nachmittag: Maria Stuart. Abends: Em Sommernachtstraum. Montag: Ein SommernachtStraum. Komische»per. Mittwoch, 7. Februar, abends 8 Uhr: Vte Boheme. Donnerstag, Sonnabend u. Sonn- tag abend: Heitmanns Erzählungen. Freitag: Der Corregidor. Sonntag nachm. 3 Uhr zu ermäßigten Preisen: Die Bohäme. Apollo-Theater. nr Vollstämlig neues Progranun. Neue Spezialitäten und GobertBelling; mit seinen vierbeinigen Komikern. Dazu: Insel Tulipatan. Operette in 1 Akt v. Jacg. Osienbach. Im Grisetten-Kabarett Pariser Nachtbild. Nletropol-Theater if i Anfang 8 Uhr. »! Große Jahresrevne mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Hauchen in all. Harunen gestattet. Residenz-Theater. Direktion: Richard Hieran der. Anfang S Uhr. Heute zum 100. Male u. folg. Tage: Der Prinzgemahl. Satirischer Schwank in 3 Akten von L. Tanros und I. Chance!. Sonntag, den 11. Febr., nachm. 3 Uhr: Die Höhle des Löwen. 1>mriori--'nieatef. Ansang Ii Olli Oll. 8 Uhr. Sonntag nachm.: Die herbe Erueht. Lustspielhaus. Täglich abends 8 Uhr: Der Weg p Hölle. Deotseb-Ämerikaiiisehes Theater. KöpenickerstraBe 67,68. Jed. AbendS Uhr sowie Sonnabend Gastspiel Adolf Philipp. ÄOnZeli Sonntag nehm. 3 Uhr, halbe Preise! „Ueber'n großen Teich". Montag. 13. Fehrnar, abends 8 Uhr: Fe»t- V uristel I» ng anlaßlich des 25 jährigen Künstlerjubiläums von Adolf Philipp. Billetts sind jetzt zu haben. Mich II ler- Schiller-Theater 0.(Wallner-Theatcr). Mittwoch, abends 8 Uhr: OA'prlenne. Lustspiel in 3 Auszügen v. Victorien Sardou und E. de Najac. Donnerstag, abe n dS8 Uhr: O>prleiii>e. Freitag, abends 8 Uhr: Ein Wlntermilrchen. Zirkus Albert Schumann Heute abend präzise 7'/, Uhr: düi-nnde Solr<5e equestre. DaS neue Sensations-Progr., u. a.: Neu! Ihre Exzellenz Neu! Zlnrgsi-ethn Fohini Pascha das Rätsel des Morgenlandes. Neu! The great Morgana Family. Neu! The Ergoiti u King Louis Troupe. Neu 1 The great Cräard Troupe, ikarischc Spiele aus lebendem Piedestal. HIß Ahle Tlliehell mit ihren 20 Studenten 20 Ferner sämtliche Spezialitäten. Zum Schluß: Die diesjährige große Ausstattungspantomime Fifcminsa das neue ■ tzaiSlil«! Frauenreich. Theater. Schiller-Theater N.(Friedr.-Wilh. Th.) Mittwoch, abends 8 Uhr: Zwei glückliche Tage. Schwank in 4 Akten von Franz v. Schönthan und Gustav Kadelburg. Sonuerstag.abendsSUdr: U/ehei- unsere Kraft.(I. Teil.) Freitag, abends 8 Uhr: _ Cyprlenne._ KasinosTheater Lothriugerstr. 37. Täglich 8 Uhr. Die goldene Briirke. Schauspiel in 3 Akt. v. R. Skowronnek. Im Neuen Theater z. Z. m. sensation. Ersolg gegeben! Vorher: Das drill bunte Programm. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Das Opferlamm. i Passage-Theater. I < Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr.> j Miß Gertrude,> ( Tänzerin.» Karl Bernhard, der Humorist. < «. * ( < ( ( 'rw, — Bierzehn Nummern.=- „Und Pepi singt" (Pepl Weiß). Folies Caprice Budapester Possen■ Theater 132 Linienstr. 132, Ecke FriedriohstraBe.— Zum 143. Male: Wach d. Zapfenstreich. Vorher: Der Beheme u. d. ausgezeichn. Spczialitätentcil. Aniang 8 Uhr. Vorverl. tägl. 6. Wertheim u. au der Theaterkasse von 10 Uhr vor- mittags an. WalhallaTheater llatlj Afrika, untt) iiauifritn. AusslattlkftgSpofle in 6 Bildern. Ans. S Uhr. Rauchen überall gestattet. Weh Merlel-Mr. Schönhauser Allee 148. Jeden Sonntag»nd Mittwoch: Konxert, Theater, Spezialitäten, Tanz. Ans. Zonntags 6 Uhr, Wochent. 8 Uhr. XI. Berliner Saison. Zirkus Busch. Große Wohltätlgkeits-Vorstellnng zum Besten der Unterstfitzungs- kasse der Kameradschaftlichen Vereinigung Berl. sKriegervereine. Neu! HiDQ! fW Sensationell! Der automatische Mensch. Zum ersten Male in Europa. . Noch nie dagewesen!-WW roße Quadrille, geritten auf 12 Schulpferdon, die Kunst- u. Schuir. Sign. Natalina Rossi usw. Zum Schluß(um 9'/, Uhr): Die neueste und größte Sehenswürdigkeit Berlins: ♦ Indien. ♦ Origin.-Manege-Ausstattungsstück des Zirk. Busch in 8 Bild. Neues Programm. Otto Reutter- Charles Hera, Jongleur. Sutcliffe-Truppe, schottisch. Akrob. Steln-Eretto, Handspringer. Robbies, Kunstradfahrer. Das„Motoglrl"."WS Tschin- Maa- Truppe Chinesische Gaukler und Zauberer. Mistlnguette, Pariser Sängerin. Rococo, Ballottszene. Clark u. Hamilton, mnsik. Excentr. Japanische Garde, Damenensemble. MM- Biograph.-WU Carl Weiß-Theater. Gr Franksnrterstr. 132. Die lebende Brücke ans Kuba. Großes nmerilon. sensationelles Ans- staltungsstück mit Gesang und Ballett in 7 Bilden, von James Fox. Ansang 8 Uhr. Morgen u. solg. Tage: Dies. Vorstell. Sonnabend 4 Uhr: Hänsel u Gretel. W Noacks Theater. Direktion: Rob. Dill. Brnnnenstr. 16. Zum letzten Male: �Vinterstürme. Schaufp. in 5 Akt. v. Eh. Birch-Pseiffcr. Anfang 8 Uhr. Gnhce 39 Pf. Donnerstag: Benefiz für Karl Reich: Mit dem Strom! Reichshallen» Täglich: Stettincr Sänger (Meysel, Pietro. Brilton, Böckmann, Böhme, Waiden, Seidel, R. u. O. Schräder). Anfang Wochentags 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. Urania 1'%",: Abends 8 Uhr: im Golf von Neapel. Hörsaal 6 Uhr: Dr. Donath: Farben-Photographie. Sternwarte'.""sum". Pastans W yanoptikura Frledrlchstr. 165. 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Unter den Linden«7. ist wegen Maß- regelung sämtlicher orgamsierten Kollegen und Kolleginnen gesperrt. Zuzug ist streng fernzuhalten.' Der Borstand des Deutschen KürschncrllerbandeS. Zahlstelle Berlin. Der Borstaud des Verbandes der Kürschner Berlins und Umgegend. 102/3 Bentselier Holzarbeiter- Verband. Wegen Streik und Differenzen ist Zllsiig ftrililihliitc» vouBilderrahmenmachern. KreiS-, sägenschneider» und Tischlern von der Firma Leck u. Co.. Neander- straße 4, und Schlesischeitr. 42/ von Treppengeländer- Arbeiter» (Drechsler. Tischler, Stellmacher, Polierer. Maschinenarbeiter und Bildhauer) von der Treppengeländer- sabril Joseph Drechsler, Gubener- straße 33: von Drechslern von Pamtsch. Brunnenstr. 79: von Korbmachern von Knorr, FriedrichSberg, Frantf. Chaussee 127; von Pcrlmuttarbeitern n. Knopf- machern von der Firma'AbramowSki u. Steiner, Köpenickcrstr. 33- von Einsetzern vom Bau Gerhardt in Halensce, Schweiduitzerstr. 6 und 7. Di« Ortsvei-TvaUn»«. Achtung! Achtang! Äa»chimdwerlrer: Seit Donnerstag, den 1. d. Ms., befinden sich die Fliesenleger des Maurerverbandes in einer Lohn- bewcgung. 136/19 Sämtliche Bauten folgender Firmen sind gesperrt: R. Schäffcr, Warnebold u. Raffe, Schmalisch». Below. Fromm u. Hanns. Karfch. Lehmann. A. Piek, Gohlke. Rosenfeld. Ende. Billero» u.«och, O. Rebolofsky, Pcrino u. Co. Xnzug int fernzuhalten! Wir ersuchen die Bauhandwerkcr um strenge Beachtung obiger Sperr- notiz. Die Firmen: Gebrüder Bogel. F. Keller. F. Pflügcr. M. Zander. I. Löscher, Bilski, H. Schaffran. Wolf, Werber, Rämin haben unsere Forderrmgen unterschristlich anerkannt. Die bei diesen Firmen arbeitenden Fliesenleger müssen sich durch eine gelbe Arbeitskarte aus- weisen. �»tralveriiMS der Maurer. Für die Streikleitung: I. A.: Felix BreUke. Spandau. **18' Holzarbeiter! In der Bautischlerei von Gebr. F. u. 0. Reinieke Mpandan, Pichelsdorferetr. 12, befinden sich dieTischler-Maschinen. arbeitcr und Einsetzer im Streik Bau liinmeretratie, Spandau, Reinieke Bau Nonnendanim, Siemens& Halske. Bau Siemens-Sehuckert in FOraten brunn. Zuzug fernzuhalten! 79/1* Die Ortsverwaltung. I.A.: Georg Hinze, Bevollmächtigter ?Znnabme-Stellen fiir„Kleine Hnzeigen" Osten: Wengels, Frankfurter Allee 7». Gustav Bogel, Koppenslr. 83. Aor«l«sten; L. Zucht, Keibelstr. 42. I. Rcul, Barnimstr. 42. «röten: H. Raschle, Rügeuerftr. 24. Karl Mars. Lvchcncrstr. 123. Karl Weifte, Wiescnstr 41/42. L. Tcchand, Ruheplotzslr. 24. H. Bogel, Demminerstr. 32. A. Tieft, Jnvalidcnslr. 124. Nordwesten: Karl Anders, Salzwcdclcrstr. 8. Siidwesten: H. Werner, Mittcnwalderstr. 30. H. Schräder, Krcuzbcrgftr. 15. Gilden: St. Frib, Pr-ftizenstr. 31. F. Gntschmidt. Kottbuscr Damm i Gildosten: Paul Böhm, Lausitzer- Platz 14/15. P. Horsch, Engel-User 15. Oharlottenburg: G. Scharnberg, Scsenheimerftr. 1 Frledrlchsbcrg: C. Settel, Kronprinzenür. 50. Kisdorf: M. Heinrich, Prüiz Handjerystr. 7 Conrad. Hermannslr. 50. Gchiineherg: Wilh.Bänmler, Martin Luthersk. 51 HVeiUensce: W. Reskc. Scdanftr. 105. Jul. Schillert, König-Chauffee 3ga Keinlchendorf: P. Gursch. Provinzstr. 108. klrbeitersekretär gesucht. Für das Arbeiteriekretariat Cssen-Ruhr wird zum 1.'April, eventuell etwas später, ein zweiter Sekretär gesucht. Bedingung: Gute KeimMiüe der einschlägigen sozialpolilffchen und Versicherungsgesetzgebung. Besonderes Gewicht wird daraus gelegt daß der Sekretär in Bezug aus rednerische Leistung allen Ansprüchen genügt. Kenntnis von Stenographie und Schreib- Maschine erwünscht. 77L* «lniangsgehalt: Mindestens 1920 M. Bewerbungen mit kurzer'Angabe über die bisherige Täiigkeii in bcr Arbcitcrbewegung werden bis zum 25. Februar unter Beisügunz einer Probearbeit über: Die'Ausgaben eines Arbeiter, und GewerkschastSsekretärs erbeten an: HVlIhelm HVohlsein. Gsfcn-gBest, Oberdorsslraßc 155, perautwortlicher Medalteur: Kans Weher» Aerliii, Zur i>en Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Bc.rliii. Axitck u, Kerlag: ZZprwärts KuMuckerei u. NerlagsanZÄt Kaul.Sil'ger St Co.» Acrlm SW. Redaktion und Expedition: Berlin, Clndenttr. 69. FernfpretDer: Amt IT, 198}. partci-Hncfclecfcnbeitcn. Tempelhof. Zu der heutigen bei Müller, Berlinerstr. 41/42, ftattfindenden Mitgliederversammlung erwarten wir. der Wichtigkeit der Tagesordnung wegen, die Anwesenheit sämtlicher Mitglieder. Eingeführte Gäste sowie Frauen, letztere ihrer Gefährlichkeit wegen im„Segment", haben gleichfalls Zutritt. Der Vorstand. Steglitz. Die Mitgliederversammlung des Wahlvereins heute abend fällt auS. Dafür findet am nächsten Mittwoch eine öffentliche Versammlung bei Schellhase statt mit der Tagesordnung:„Unsere Kouununalwahlen". Sonntag morgen 8 Uhr: Flngblattverbreitung. Die Genossen treffen sich heute nachmittag zur Beerdigung des Genossen Bordych um 3 Uhr bei Schellhase.' Wilhelmsruh. Heute abend 8'/z Uhr: Diskutierabend bei Barth, Prinz Heinrichstrabe. Nordend. Mittwoch. den 7. d. M.: Tagung des Wahlvereins bei Krieg, Kastanien-Allee Potsdam. Der Wahlverein hält am Mittwoch, den 7. d. M. seine Mitgliederversammlung bei L a d e n t h i n ab. Die Tages- erdnung umsaht Berichterstattung über die Kreiskonserenz usw. sowie :inen Vortrag des Genossen P. Ziemann über„Die schlesische Mlliarde"._ Der Vorstand. Vorort- JVacbncbtcn. Charlottenburg. Eiir vierter der volkstümlichen Vortragsabende, welche von der hiesigen Allgemeinen Ortskrankenkasse im Laufe dieses Winters ver- anstaltct werden, findet am Freitag, den S. Februar 1906, abends S'/a Uhr, im Saale Rosinenstr. 3 statt. Sprecher ist Herr Professor Dr. Heinrich Rosin über den Wert natürlicher und künstlicher Nähr- mittel und ihre zweckmäßige Verwendung. Zu diesem Vortrage hat jcderinann unentgeltlich Zutritt. Rauchen ist jedoch verboten und Getränke werden nicht verabreicht. Bauunfälle. Bei dem Neubau eines Hauses am Kurfürsten dämm fiel gestern vormittag ein Stemmeisen aus der Höhe der dritten Etage herab und traf den dort arbeitenden 42jährigen Maurer Friedrich Diabo aus der Frcmkenstraße 7, durch- schlug ihm den steifen Hut und brachte ihm eine 4 Zentimeter bis auf den Knochen gehende Wunde am Hinterkopf bei. Diabo muhte sich in einer Droschke nach der Unfallstation Zoologischer Garten begeben, wo ihm die stark blutende Wunde genäht wurde. Tann mußte er seine Wohnung aufsuchen.— Beini Abladen eines eisernen Trägers, den 18 Arbeiter auf den Jandorfschen Neubau tragen wollten, wurde gestern mittag dem 26jährigcn Arbeiter Otto Deutsch aus der Wilmersdorferstrahe 132 der Mittelfinger, der Ringfinger und der kleine Finger der linken Hand gequetscht.— Ein ähnlicher Unfall ereignete sich gestern nachmittag auf einem Bau in der Uhlandstrahe. Dort fiel ein eiserner Träger dem 19jährig«n Maurer Hermann Maksprung, am Bahnhof West- end 5 wohnhast, auf die linke Hand und zerschmetterte ihm den Ringfinger und den kleinen Finger. Aerztlichc Hülfe wgr bei beiden Unfällen schnell zur Stelle. Schöneberg. Stadtvrrorductrnsitziuig am Montag. Vu Beginn der Sitzung erfolgte die Einführung des neugewählten zweiten Bürgermeisters B l a ii k e n st e i n. Eine regelrechte Teuerungsdebatte entspann sich daim bei Gelegenheit der Beratung einer vom hiesigen Lehrerverein und den städtischen Lehrerinnen eingereichten Petition um G e- Währung einer Teuerungszulage. Im Verlauf dieser Debatte legte unser Redner unseren schon früher einmal zum Ausdruck gebrachten Standpunkt dar und trat für Berücksichtigung ein. Die Petition wurde schließlich mit einem Gesuch um Aenderung der BesoldungSordnung für die städtischen Beamten an den Etats ausschuh überwiesen. Demselben Schicksal verfiel eure Petition des Vereins deutscher Kaufleute. an der fakultativen Fortbildungsschule eine Abteilung für Mädchen einzurichten. Genosse K ü t e r forderte das Obligatorium. Die etlva entstehenden Kosten dürften nicht ausschlaggebend sein. Schliehlich gelangte ein Zusatzantrag Zobel zur Annahme, zur Entlastung der Schuldeputat, on em Kuratorium einzusetzen. Die Genehmigung eines Fluchtlinienplanes, der den letzten Rest des WestgeläudeS nördlich der Gruncwaldstraße umfaßt, sowie eine Magistratsvorlage um Aenderung der Lüftungsanlagen im Stadt- verordncten-Sitzungssaal wurden je einem AuSschuh überwiesenen der Sirninq der Schöneberger Gewerkschaftskommission, welche am Freitag, den 2. Februar, bei Obst, Meiningerstr. 8, stattfand, beschäftigten sich die Delegierten mit dem Ausgang der Gewerbe- gerichtswahlen. Die Berichte aus den einzelnen Bezirken ergaben, daß alles glatt von statten gegangen war. Unliebsame Auftriste, wie sie sich vor zwei Jahren vor den Wahllokalen abspielten, sind er- freulicherweise unterblieben. Genosse Däumig kommt dann auf die Wahl im allgemeinen zu sprechen. Ein Vergleich mit den Zahlen von vor zwei Jahren zeige, daß der Sstmmenzuwachs leider nicht so gewesen sei. wie es nach Lage der Verhältnisse hätte sein müffeu. Das läge aber daran, �weil sich die Arbeiter gerade bei dieser Wahl in einem zu grohen Sicherheitsgefühl wiegten und glaubten, auf eine Stimme mehr oder weniger käme es nicht an. DaZ wäre verkehrt und es mühte den, in den einzelnen Versammlungen der Gewerkschaften entgegengearbeitet werden. Die Abrechnung mit der Berliner Gewcrkschasiskommission ergibt, dah einer Einnahme von IS, 7b M. eine Ausgabe von 92,76 M. gegenübersteht. Auf Antrag deS Ausschusses wird beschlossen, die Neuwahlen der Delegierten künstig im Januar stattfinden zu lassen, nicht mehr wie bisher im April. Eine öffentliche Gewerkschaftsversammlung mit dem Thema „Massenstreik" soll im März stattfinden, in welcher auch die Wahl bti ObmanneS erfolgen soll. Der Obmann teilte dann noch mit, daß sich eine Ausschnhsitzung auch mit der Frage ausstehender Sammellisten für die Ausgesperrten in der Elettroindusstie beireffend zu befassen hatte. Die Namen derjenigen, welche noch im Besitz von Sammellisten sind, sind dem Ausschuh der Berliner GewerkschaltSkomniission überwiesen worden. Darunter befindet sich auch der Buchbinder Reiche, der in der letzten Rummer des Fachorgans der Buchbinder eine Berichtigung erlasse« Satte deren Verlesung allgemeine Entrüstung hervorrief. Der Ob- mann ivurde bcaliftragt, sich in dieser Sache mit dem Vorstand des WahlvercinS iir Verbindung zu setzen. Es fehlten die Vertreter der Metallarbeiter, Tapezierer und Stukkateure. Nr. 31. Mittwoch, den 7. Februar ISO«. ?nre?ate Sechsgelpsttene Kolonelrelle 20 Pfg. Bei gröBerrn BuNrSgen entlprethenden Rabatt. Pankow. Der hier bestehende Volksküchenverein hat in seiner letzten Generalversammlung beschlossen, die Speisimg derjenigen Schul- linder unentgeltlich zu übernehmen, deren Eltern nicht in der Lage sind, für regelmäßiges warmes Mittagessen zu sorgen. Es soll m den Volksküchenräumen in der Florastrahe zu diesem Zwecke ein Zimmer eingerichtet werden, wo die Kinder sich während und nach dem Essen aufhalten können. Für die Kinder derjenigen Eltern, die des Tages über in Fabriken und Geschäften arbeiten und deren Kinder ebenfalls darunter leiden, dah sie kein regelmäßiges warmes Esten bekommen, soll diese Einrichtimg ebenfalls dienen; doch soll, wenn die Eltern nicht verarmt sind, für die Speisung pro Kind fünf Pfennig erhoben werden, um das Odium der Verarmung von den Kindern zu nehmen. Wenn wir auch dieser Einrichtung unsere Sympathie entgegen- bringen, so müssen wir doch verlangen, dah auch in diesem Falle, wie bei der Errichtung der Waldschule, eS Pflicht der Gemeinde ist, derartige Einrichtungen ins Leben zu rufen und dreS nicht der privaten Wohltätigkeit zu überlassen. Weder» Schönhausen. Die Gemeindevertretung beschloh auf Antrag der Schul- kommission, vom 1. April dieses Jahres ab die Alterszulagen der Lehrer und Rektoren von 200 auf 225 M. und die Mietsentschadigung von 600 auf 650 M. zu erhöhen, die Grundgehälter von 1400 M. für Lehrer und 2100 M. für Rektoren bleiben bestehen, für Lehrerinnen dagegen wurde eine Erhöhung des Grundgehaltes von 1100 auf 1200 M. beschloste». Die Mehrbelastung des Etats durch vorstehende Erhöhungen beträgt 1480 M. jährlich.— Den Gemeinde- beamten, welche uin Gehaltserhöhung petitionierten, wurde ebenfalls eine Erhöhung ihrer Gehälter zugebilligt. Es wurden erhöht das Grundgehalt für den Rendanten und die ersten Sekretäre von 2100 auf 2300 M.. für die zweiten Sekretäre von 1800 aus 1950 M., für die Vureauassistenten von 1600 auf 1660 M., für die Amtsdiener und Vollziehungsbeamten von 1300 ans 1360 M. und für die Nacht- Wächter von 900 auf 960 M. Zwei Bureauvorstehern wurde eine Funktionszulage von je 100 M. bewilligt. Die gesamte Mehr- ausgäbe für die Bcaniten stellt sich auf zirka 1450 M.; mit der Erhöhung der Lehrergehälter auf insgesamt 3000 M. jährlich. Treptow-Baumschulenweg. Ja, dir Eltern bewohnen auch eine ganze Etage. Gegen die diesjährige Gemeindewählerlifte ist von verschiedenen wahlbercKtigten Gemcindemitgliedern Einspruch erhoben worden. In der Hauptsache handelt es sich um die Aufnahme von Wählern, welche bei ihren Angehörigen wohnen und deswegen von der Gemeindebehörde als nicht selbständig betrachtet werden. Schon im vorigen Jahre war aus denselben Gründen Einspruch erfolgt. In der Gemeinde- Vertretersitzung, welche über die Einsprüche zu befinden hatte, führte der sozialdemokratische Redner aus, daß bei Ausstellung der Liste wohl zweierlei Recht gegolten habe, weil Söhne der Besitzenden Aufnahme gestmden, hingegen solche der Nichtbesitzenden, trotzdem sie verhältnismäßig hohe Steuern zahlen, nicht in die Wählerliste auf- genommen wurden. Der Amts- und Gemeindevorsteher machte hierzu die klassische Bemerkung:„Ja, die Eltern der in der Liste Enthaltenen beivohnen auch eine ganze Etage." Die erhobenen Ein spräche wurden abgelehnt. Die nächste Gemeindevertretersitzung wird sich mit der jetzt be- antragten Ergänzung der Wählerliste zu beschäftigen haben und wir sind gespannt, wie sich die Vertretung in diesem Jahre hierzu ver- halten wird. Weihcnsee. Herr Dr. Pape, besoldeter Schöffe und stellvertretender Gemeinde- Vorsteher, entpuppt sich immer mehr al§ Alleinherrscher. Zum Beweise dieser Behauptung seien nur zwei seiner letzten Handlungen der Oeffent- lichkeit übergeben. Der Vorstand der Ortskrankenkasse.-Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wurden in eine Strafe von 6 M. genommen, weil sie einen von Dr. Pape beanstandeten Beschluß nicht rückgängig machten. Bevor noch ein Streitverfahren ausgenommen, wurden bei einigen Arbeitnehmern Spinden und Sofa gepfändet und erst dem Eintreten des Gemeindevorstehers ist es zu danken, daß die Sachen bis nach Erledigung des Streitverfahrens freigegeben wurden. Zwei in Strafe genommene Arbeitgeber jedoch erhielten ihre bereits rechtskräftig gewordenen Strafmandate zurück, auch einePsändung unterblieb.— Der andere Fall wird jedenfalls das Strafgericht beschästigen. In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung gab Herr Dr. Pape als Vorsitzender des Gewerbegerichts den Geschäftsbericht des letzten Jahres, trotzdem derselbe nicht auf der Tagesordnung stand. Juristen Dr. Pape. Diese große hat natürlich auch einen Grund. Schon lange vorher wurde das Gebahren des 1. Vorsitzenden des Gewerbegerichts kritisiert und viel- leicht glaubte Herr Dr. Pape durch die plötztiche Berichterstattung unseren Genossen die Angriffspunkte zu nehmen. Hierin hatte er sich aber geirrt. Unter atemloser Sttlle der Gemeindevertreter hielt Genosse Schmutz eine Anklagerede, nach der sich Herr Dr. Pape als Vorsitzender eine Handlung habe zuschulden kommen lassen, welche nach Z 336 des Strafgesetzbuches zu ahnden ist.§ 336 besagt, daß ei» Beamter oder Schiedsrichter, welcher bei Entscheidung von Rechts- fachen parteiisch wirkt, mit Zuchthaus bis zu 6 Jahren bestraft wird. Ein solcher Fall liege vor und sei die vorgesetzte Behörde bereits hiervon unterrichtet worden. Nach Schluß der Rede herrschte weiter Ruhe und auf Befragen des Gemeindevorstehers, ob er erwidern wolle, sagte der Angeklagte Dr. Pape:„Nein!" Das Vertrauen zum stell- vertretenden Gemeindevorsteher ist jetzt so weit, daß der Gemeinde- Vorsteher von allen Seiten bestürmt wird, dem Herrn Dr. P. bald dieses und bald jenes Dezernat abzunehmen. Der Herr muß wirklich glauben, die Einwohner WeißenseeS sind seinetwegen da. anstatt er der Einwohner wegen. Wenn daS so weitergeht, dürften wir hier noch schöne Dinge erleben. Wilmersdorf. Die Stadtmcrdung von Wilmersdorf wird am 10. Februar den Kreistag des Teltower Kreises beschästigen und es ist als sicher an- zunehmen, dah der Kreistag diese wichttge Vorlage bewilligen wird. Der Inhalt der Borlage ist kurz folgender: Die Gemeinde Wilmersdorf scheidet am 1. April 1907 aus dem Kreisverbande aus und erhält Stadtrechte. Die ziemlich schwerwiegenden Verpflichtungen Wilmersdorfs sind folgende: Es wird leine einmalige Abfindungs- summe gezahlt, wie seinerzeit von Rixdorf und Schöneberg. Wilmersdorf hat ein Viertel aller Krcislasten zu tragen und zwar solange, bis olle bis zum 1. April 1907 für Anlagen und Unternehmungen gemachten Kreisschulden ge- tilgt sind; das kann unter Umständen dreißig Jahre dauern. Die Tragung der.Kreisschulden für die Kreischausscen kann die neue Stadt im Jahre 1925, also nach 18 Jahren, durch eine einmalige Zahlung ablösen. Diese Bedingungen sind, zumal bisher Wilmersdorf ein Biertel aller Kreissteuern aufbrachte, autzerordentlich hart, doch lassen die Finanzkräste des Kreises eine andere Lösung nicht zu. Aehnliche Bedingungen sollen auch später an Steglitz und Lichterfelde gestellt werden, sodah es für diese Gemeinden, die an Reichtum mit Wilmersdorf nicht wetteifern können, durchaus nichl vorteilhaft wäre, Stadtrechte zu erwerben, da sie auf lange Zeit an den Kreis dieselben Gelder zu zahlen hätten wie als Landgemeinde, und auch die alten Verpflich- tuiigen weiter tragen mühten, die Selbstverwaltung also nur formell sei.— Die Gegenleistungen des Kreises an Wilmersdorf sind folgende: Der Stadt fliehen 26 Proz. der Ucberschüffe des Tcltow- kanalS zu sarbcitct der Kanal mit Unterbilaiiz so hastet auch Wilmers- darf), der Kreis zahlt der neuen Stadt 322 126 M. als Beteiligung derselben an den Aktiven des Kreises sofort bei der Stadttverdung. Weiter hat die Stadt das Recht, so lange sie Schuldnerin des Kreises ist, in den Kreiskrankenhällsern Britz und Lichterfelde 130 Betten zu belegen. Die Stadt dürfte es aber bald vorziehen, ein eigenes Krankenhaus zu bauen und auf das Recht der Belegung der Kreis- krankenhäuser dann gegen eine Abfindungssumme durch den Kreis verzichten. Es ist demnach heute schon bedeutend teurer, Stadt im Teltower Kreise zu werden wie 1899 bei Schöncberg und Rixdorf. Stralau. Dir Gemeindevertretung beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung mit einer weite Kreise der hiesigen Einwohnerschaft angehenden An- gelegenheit. Die Firma The French Asphalte Company London, Filiale Berlin, beabsichtigt, ihre jetzt in Berlin besindliche Fabrik für Stampf- und Gußasphalt nach Stralau aus das Grundstück Alt- Stralau 44/45 zu verlegen. Eine derartige Fabrik erfüllt nicht nur ihre nächste Umgebung, sondern auch, je nach der Windrichtung, den gesamten Ort init scharfen penetranten Gerüchen. Dieselben sind nach einem Giltachten des Kreisarztes für Personen mit empfind- lichen Atmungsorganen durchaus schädlich. Aus diesen Gründen dürfte schon mit Rücksicht auf die Nähe des Schulhauses einer der- artigen Anlage die Konzession zu verweigern sein: aber auch»nateriell würde Stralau durch die Anlage einer solchen Fabrik geschädigt. 80 Meter von der beabsichtigten Anlage entfernt ist eine neue Straße projektiert. Die an derselben ausgeteilten Grundstücke würde» bc- deutend durch die nächste Nachbarschaft einer Asphaltfabrik entwertet. die Grundwertsteuer dadurch herabgesetzt und durch ungünftigcrc» Verkauf der Grundstücke die Umsatzsteuer bedeutend zurückgehen. Die Gemeindevertretung beschloß daher, gegen diese Anlage Einspruch zu erheben, und wurde der Gemeindevorstand beaustragt, eine Bc- gründung in obigem Sinne auszuarbeiten. A>n 14. Februar findet im Gemeindebureau in Stralau ein Termin statt, um Einsprüche entgegenzunehmeii. Die Glasarbeiter, welche in den drei Arbeiter- wohniliigen Alt-Stralau 46 lvohnen, würden die nächsten Nachbarn der beabsichtigten Anlage sein und haben demnach alle Ursache, ihrer- seits ebenfalls Einspruch einzulegen. Zossen. Unsere für den 24. Januar einberufene Wahlvereinsversamm lung verfiel infolge verspäteter Eröffnung derselben der polizeilichen Auflösung. Wie sehr aber dieses Versehen des Vorstandes infolge der polizeilichen Aufmerksamkeit für uns agitiert hat, bewiesen die 8 Neuaufnahmen, welche in der am 3l. Januar abgehaltenen Versammlung vollzogen wurden. Trotz aller Schwierigkeiten und Schikanen, gegen welche wir hier zu kämpfen haben, ist die Mit- gliederzahl nunmehr auf 02 gestiegen. Das zwar langsame, aber stete Wachsen unseres Wahlvereins hier ani Orte ist den Bürger- lichen höchst unbequem, und es wird alles versucht, uns in unserem Vorwärtsstreben zu behindern. Hier nur ein Beispiel: Zum Schluß des vergangenen Jahres wurde uns der cinzige zur Verfügung stehende«aal vom Wirt Schimke gekündigt. Unsere über dieses Lokal verhängte Sperre hat den Wirt aber schnell belehrt, daß Arbeitergroschcn doch besser sind als unerfüllbare Versprechungen anderer Leute. Wie der Vorsitzende in der letzten Versammlung mitteilte, hat uns der Wirt das Lokal ncbst Saal wiederum zur Verfügung gestellt. Der Saal soll durch eine öffentliche Demon- strationsbcrsammlung gegen das preußische Dreiklassenwahlrccht gleichsam aufs neue eingeweiht werden, um so nachzuholen, was uns in Ermangelung eines Saales am 21. Januar nicht möglich war. Für unsere Versammlungen stellte uns während unserer „Obdachlosigkeit" der Wirt des Restaurants„Zur Flora" in Nächst- Neuendorf, Herr Karl, seine Räumlichkeiten bereitwilligst zur Per- sügung, wofür ihm seitens der Genossen allseitig Anerkennung ausgesprochen wurde. Ferner ist noch hervorzuheben, daß Zossen zum Zwecke der wirksameren Agitation in vier Bezirke eingeteilt wurde, welchen die Genossen Zibell. Lehmann, Schulz und Dornbusch als Bezirksführer vorstchen. Für Dabendorf übernahm Genosse E n g/t e r freiwillig das Amt dech Bezirks- sührers. Die Genossen W. Blümke, Hülfsarbeiter und W. Schulz, Zimmermann, mußten wegen parteischädigenden Verhaltens aus- geschlossen werden. Zühlsdorf.(Bez. Nieder-Schonhausen.j Ende Januar fand die Generalversammlung des hiesigen Wahl- Vereins statt. Genosse Otto Wegener wurde zum Bezirksleitcr, die Genossen SkörieS und Daebel zu Revisoren gewählt. Unter Ver- schiedenem wurde die Gründung eines ArbcitergesangvereinS angeregt; mehrere Genossen sagten ihre Beteiligung zu. berliner IVachncbten. Billettsteuer und—„deutsches Lied". Eiegen die B'llettjteuer. Sie v,e Stadt Berlin als Schröpfmitlci benutzen will, wenden sich auch die„namhaftesten Gesang- vereine Berlins"! Sie haben dein Magistrat eine Eingabe über- reicht, in der sie die Bitte aussprechen, von der geplanten Be- Gegen die Billettsteuer� die die Stadt Berlin als Schröpfmittec Ein steuerung der niusikalischen Aufführungen hiesiger Gesangvereine Abstand zu nehmen. Die Petition ist unterzeichnet von Borstands- Mitgliedern des Berliner Sängerbundes, des Berliner Lehrer-Gesang- Vereins, der Berliner Liedertafel, des Märkischen Zenlral-Sänger- bundes, des Bundes Berliner Männerckiöre, der Berliner Sänger» Vereinigung. Die boigegebene Begründung ist so interessant, daß ihre leitenden Gedanlcn weiteren Kreisen bekannt zu werden ver- dienen. Die Herren, die sich da zusainmengetan haben, um die drohende Billett st euer wenig strns von den Gc- fanabci-cinen abzuwehren, machen„Gründe sozialer. nlltureuer und ethischer Natur" gegen die Besteuerung ihrer musikalischen Veranstaltungen geltend. Prinzipielle Gegner der Billett- steiler überhaupt scheinen sie nicht zu sein. Sie bcniüngeln ledig- »ich, das; bei dieser Steuer nicht unterschieden werden soll zwischen tiieraiistaltungen. die idealen Zwecken dienen, und solchen, die nur Geschäft sind. Nur für die Veranstaltungen mit„idealen" Zwecken fordern sie Befreiung von der Billettsteuer, und zu ihnen zählen sie in erster Linie die musikalischen Aufführungen der Gesangvereine. Unklar ist. ob sie schließlich auch hier noch nach dein Schema„Ideal oder Geschäft" einen Unterschied machen wollen. Wenn ja, so blieben vermutlich nur ihre eigenen Vereine als die einzigen übrig, die ihnen selber würdig erscheinen, von der Billcttstcuer befreit zu werden. Denn an die Spitze ihrer Begründung stellen sie ein „ � d e a l das nicht allen Gesangvereinen zusagen dürfte.„Der Zloeck der Gesangvereine", so schreiben sie,„besteht darin, daZ deutsche Lied zu pflegen in der Ucberzeugung. dadurch unserem Volke in kultureller, besonders in nationaler Beziehung zu dienen. Wir Sänger wissen uns darin in Uebereinstimmung mit s r. Maj. Kaiser Wilhelm II, der die Bedeutung der Pflege des deutschen Liedes, namentlich durch die Männer- Gesangvereine, erkannt hat und voll und ganz würdigt." Pflege des deutschen Liedes! Das ist ein Programm. das am Ende jeder deutsche Gesangverein unterschreiben könnte— ivenn nicht der Begriff„deutsch" in der Auffassung, die bei den unterzeichneten Vereinigungen gilt, einige höchst unerwünschte Bei« mengungen hätte. Kennzeichnend für die Richtung, in der das „Ideal" dieser� Sangesbrüder liegt, ist ja schon die Berufung auf „Se. Maj. Kaiser Wilhelm II" Daß sie sich mit ihm in Ueber- einstimmung wissen, das ist das Erste und Wichtigste, was sie an- zuführen haben. Wes das Herz voll ist, des fließt der Mund über. Oder folgen sie hiermit nur einem Gebot der Klugheit, die an die Spitze stellen heißt, was am meisten Eindruck zu machen verspricht? Bei den engen Beziehungen, die gegenwärtig in Berlin zwischen Rathaus und Königschloß bestehen, ist es allerdings nicht unmöglich. daß der Hinweis auf den Kaiser den Magistrat und die freisinnige Mehrheit der Stadtverordneten einschüchtert und zur Besimmng bringt. Die SangeSbrüder vom„deutschen" Lied haben noch eine andere Nummer auf ihrer Walze. Sic erzählen:„Durch unsere Zeit geht daS Streben, namentlich die unteren Volks- schichten mehr für ideale Genüsse empfänglich und sie ihnen durch Verbilligung der Eintrittspreise zugänglicher zu machen." Na, gewiß doch I Aber bisher hat man freilich nur sehr wenig davon gemerkt, daß die unterzeichneten Vereinigungen sich in den Dienst dieser Bestrebungen gestellt hätten. Das Publikum, am das sie rechnen, gehört nicht zu den„unteren Volksschichten" und rechnet sich selber nicht zu ihnen. Die Pflege des LiedeS in diesen „unteren Volksschichten" hat man den Arbeitern über- lassen, die sich zu eigenen Gesangvereinen zusammenschließen mußten, weil in jenen Vereinen der bürgerlichen Klasse kein Platz für sie war. Wir sind übrigens die letzten, die daS beklagen möchten; wir begrüßen es sogar mit Befriedigung. Die Arbeiterklasse bedarf nicht der„veredelnden Wirkung", die von den bürgerlichen Gesangvereinen auf sie ans- geübt werden soll, und die in der Petition so sehr gepriesen wird. Die Herren schwatzen von dem deutschen Volkslied, das be« sonders geeignet sei, daS Gemüt zu beleben und zu erheben und ein „Gegengewicht gegen die materialistische Gesinnung" zu schaffen. Welche Sorte„Volkslied" sie ineinen, daS zeigen die Worte:„Wie nichts anderes birgt es in sich die Kraft, in uns, wes Standes wir auch seien, das Bewußtsein zu stärken, daß lvir eines Stammes sind, und es auflodern zu lassen zu heller Begeisterung und zu selbst- entsagendem Opfermute für unser teures Vaterland." Auch die Arbeiter-Gesangvereine pflegen da§ deutsche Volkslied, aber mit der Auswahl, die sie treffen, würden sie aller« dings weder an Kaisers Geburtstag noch am Sedantage ein stilvolles Programm zusammenstellen können. In künstlerischer Hinsicht sind ihre Leistungen im Laufe der Jahre immer inehr geivachsen. Die Arbeiter-Sänger könnten noch mehr leisten, wenn nicht die unselige Zersplitterung in zahllose kleine Vereine und Vereinchen sie hemmte. Auch die Unterstützung der Arbeiterbevölkerung wird ihnen nicht immer so zuteil, wie man sie ihnen wünsche» muh. ES läuft noch mancher den Vereinen nach, die sich zwar gleichfalls an die Arbeiterschaft wenden, aber im übrigen sich wenig um die Arbeiter- bewegnng scheren. Die Arbeiter-Gesangvereine werden, wenn sie öffentliche GesangS- aufführungc» veranstalten wollen, durch die geplame Billettsteuer noch viel härter getroffen als die Gesangvereine der bürger- lichen Klasse. Auch auf die Arbeiter-Gesangvereine weist die Petition hin, aber das ist wohl nur dekoratives Beiwerk. Uebrigens könnte der oben erwähnte Borschlag einer Unterscheidung zwischen„Ideal" und „Geschäft" leicht dazu führen, daß jemand auf den Ausweg verfiele, den unbequemen Arbeiter-Gesangvereine» die künstlerische Berechti- gung abzusprechen und ihre Veranstaltungen zum„Geschäft" zu zählen. Manchen Freund des„deutschen" LiedeS würde das vielleicht mit der Billettsteuer aussöhnen. Dem Berliner Magistrat und den Stadtverordneten zur Nachachtung empfohlen. Der Kultusminister hat an die Regierungen und Proviuzialschulkollegien einen Erlaß gerichtet, in dem auf eine B e- schreib u ng der Waldschule im„Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen" hingewiesen wird. Dann heißt es weiter: „Inf Hinblick auf die Gefahren, welche in großen Städten und Orten mit vorwiegend industrieller Beschäftigung der Be- wohner für eine gesunde EntWickelung der Jugend bgstehen, � sind alle Veranstaltungen lebhaft zu begrüßen, welche auf eine gesund- heitliche Kräftigung der Schuljugend abzielen. Je wirksamer solche Maßnahmen sind, um so nachdrücklicher sind sie zu empfehlen und um so tatkräftiger zu fördern. Nnter denselben verdient die Waldschule wegen ihrer eigenartigen Verbindung des gesundheitlichen Zweckes mit dem erzieh- lichen vorzugsweise Beachtung. Indem ich auf den bezeichneten Slbruck noch' ausdrücklich aufmerksam mache, veranlasse ich auf besonderen Befehl Sr. Majestät des Kaisers und König? die königliche Regierung, in geeigneter Weise für die weitere Verbreitung der Darlegung zu sorgen und überall da, wo seitens größerer Städte und Landgemeinden Ihres Bezirkes sich das Bestreben nach Begründung ähnlicher Einrichtungen zeigt. dieses Bestreben möglichst wirksam zu fördern. Ueber etwaige im dortigen Bezirke getroffene Einrichtungen vorbezeichneter Art ist mir zu berichten." In der Berliner Stadtverordneten-Versammlung ist kürzlich ein von sozialdemokratischer Seite gestellter Antrag auf Einrichtung von Waldschulen abgelehnt worden. Deni Wunsche des Kaisers, das Bestreben nach Errichtung von Waldschulen zu fördern, ist damals von den königStreu gesinnten Freisinnigen nach Möglichkeit entgegen- gewirkt worden. Wir werden aber wieder kommen mit dem Antrage, vielleicht besinnen sich inzwischen die Herren anders. Eine Jagd auf den RauimSrder Hennig hat gestern»norgen in der Schönhauser Vorstadt große Aufregung hervorgerufen. Hennig war gestern von der Polizei gefaßt worden, es gelang ihm aber wieder zu entkommen. Ueber diesen Vorgang werden folgende Mitteilungen verbreitet: Der Verbrecher wohnte in den letzten Tagen in der Frankfurter Allee. Hier entfernte er sich mit dem Bemerken, daß er in einer halben Stunde zurückkehren werde, um Kaffee zu trinken. Gestern holte er seinen Koffer und zog zu der Witwe Manigel in der Choriner- straße 54, wo er unter dem Namen eines„Kaufmanns Rudolf Hein" ein Zimmer mietete. Er behauptete, daß er soeben von Hamburg komme. Außer einem neuen Ueberzieher hatte er in einem schwarzen Glanzlederkarton einen spiegelblank gebügelten Zylinderhut. Der angebliche Kaufmann aus Ham« bürg suchte seine Anmeldung bei der Polizei zu verhindern, Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für der indem er der Wirsin vorspiegelte, er wolle unmittelbar, ohne den Hauswirt, nach dem Revierbureau gehen. Der Wirt aber, ein früherer Beamter, ließ sich die Meldezettel des Hein zur Unterschrift vorlegen. Der Wirt und die Vermieterin machten nun der Polizei über den verdächtigen Mann Mitteilung. Daraufhin kamen gestern morgen zwei Beamte zu diesem. Er erklärte, daß er keine Ausweis- papiere besitze, zur Feststellung seiner Persönlichkeit aber gern mit nach der Wache gehe. Der Ergriffene wurde zur Wache des 17. Reviers in der Wörtherstr. 1 gebracht; unmittelbar vor der Tür zog er aber seinen Revolver aus der Tasche. Auf der Treppe schlug er einem der Beamten in das Gesicht und schoß dem anderen durch den Hut. DemVer- brecher gelanges nun zu entkommen. Vor dem Hause Schönhauser Allee 23 schoß Heimig auf einen Briefträger, der ihn verfolgte. Er verfehlte sein Ziel und lief dann in das HauS hinein, um über die Dächer zu entkommen. Im Hause warf er seinen Ueberzieher weg. in dem Ausweispapiere auf seinen?!amen gefunden wurden. Sofort wurde die gesamte Rcvierpolizei des Viertels aufgeboten. Alle Häuser zwischen der Schönhauser Allee, der Fransecki- und Wörthcrstraße wurden mit zahlreichen Kriminalbeamten besetzt. Tausende von Menschen sammelten sich an, um den Erfolg der gefährlichen Ver- brecherjagd abzuwarten. Auf die Mitteilung aus dem Publikum, daß man den Verfolgten nach der Tresckowstraße zu über die Dächer- Habe laufen sehen und daß er wahrscheinlich durch ein Dachfenster nach dem Boden des Hauses Nr. 14 eingestiegen sei, wurde dieses Haus von Revier- und Kriminalbeamten stark besetzt. Das Haus wurde bis in de» letzten Winkel abgesucht; dem Verbrecher war es aber bereits längst gelungen, aus dem Hause zu entkommen. E r hatte in aller Gemütsruhe das Haus verlassen, ohne von den Schutzleuten daran gehindert zu werden, die das Haus umstellt hatten. Nachdem es dem Mörder gelungen war, von der Wache des 17. Reviers in der Wörtherstr. 1 zu entkommen, rannte er auf der Flucht stürmisch die Hintertreppe des HauseS Schönhauser Allee 28 hinauf. An einer WohnungStür im dritten Stock klingelte er, als ob er das Läutewerk hätte abreißen wollen. Die Frau des Hauses, die die Sicherheitskette vorgelegt hatte, weil sie in den Vorderräumen wohnt, öffnete, soweit die Kette das zuließ, und fragte nach dem Begehr des ihr fremden und sehr aufgeregten Menschen. Hennig antwortete barsch, er sei Kriminalbeamter und verlange sofort und unbedingt Einlaß. Zur Bekräftigung seines Ver- langcnS schob er seinen Revolver durch den Türspalt. Die Frau behielt trotz ihrer begreiflichen Angst Geistesgegenwart genug, den Verbrecher irrezuführen. Sie bat ihn, den Revolver aus deni Spalt herauszunehmen, damit sie die«icherhcitskettc vdscitigcn könne, sonst sei es ihr nicht möglich zu öffnen. Heimig ließ sich läuschen, zog den Revolver zurück und in demselben Augenblick flog die Tür wieder in das Schloß. Jetzt stürmte der Verbrecher in den vierten Stock hinauf, klopfte und klingelte ans Leibeskräften und verlangte auch hier als Kriminalbeamter, daß mau ihm öffne. Als das jedoch nicht geschah, eilte er auf den Boden hinauf und zwängte sich, nach- dein er seinen Ueberzieher weggeworfen hatte, durch eine enge Luke auf daS Dach hinaus. Von hier ans gab er einige Revolver- schiisse auf die mittlerweile nach dem Hof gekoininenen Verfolger ab. Die Kugeln schlugen auf das Pflaster auf, trafen aber niemand. lieber die Dächer ging der Verbrecher nach der Wörtherstraße hin- über und von dort nach dem Hause TreSckowstr. 14. Das ging alles mit einer ungeheuren Geschwindigkeit vor sich. Durch die Dachluke dieses HauicS gelaugte Hennig nach dem Boden und lief darauf die Treppe hinunter zu dem im Erdgeschoß wohnenden Schuhmacher Hermann Krause. Mit der größten Kaltblütigkeit bestellte er hier ein Paar Stiefel, ließ sich Maß nehmen und paßte ein Paar neue graugrüne Hausschuhe an, nahm eine Mütze des Sohnes Krauses, dann die des Meisters selbst und setzte sie mit der Bemerkung auf, eine solche Mütze sei sehr gut zur Arbeit. Ohne daß sich der Meister etwas dabei dachte, zog sich der Kunde sein Jackett ans und sprang dann plötzlich durch ein offenstehendes Fenster aus den Hof hinaus. Unterdessen hatte der Telegraph die Schutzmannschaft der ganzen Hauptinannschaft nach dem Wörtherplatz befohlen. Mit der Straßen- bahn und Droschken kamen die Beamten angefahren, und so rasch als möglich wurden alle Häuser des Vierecks besetzt, Schlosser, Dach- decker und Schornsteinfeger wurden herangeholt, um beim Absuchen zu helfen, der Verbrecher war aber längst über alle Berge. Man suchte das große Haus TreSckowstr. 14 bis in jeden Winkel hinein durch, ohne ihn zu finden. Die Wohnungen, die nicht geöffnet wurden, weil sich die Mieter auf Arbeit befanden, ließ die Kriminalpolizei durch Schlosser öffnen. Aber auch hier hatte sich der Flüchtige nicdt versteckt. Trotz der Absperrungen war Hennig aus dem Hause entkommen. Auf dem Hofe befindet sich eine Schmiede, in der viele Arbeiter ver- kehren. Offenbar hat sich Hennig in Hemdsärmeln und Hausschuhen unter die Arbeiter gemischt, und es ist ihm gelungen, als„Nachbar" unbehelligt zu entkommen. Abeiids geht uns noch die Nachricht zu, daß der Raubmörder an der Prenzlaiier Allee ergriffen und, ohne diesmal zu entspringen, eingeliefert worden ist._ Verhaftung einer fünfköpfigen Einbrecherbande. Durch die Umsicht eines jungen Hausdieners ist es jetzt endlich der Polizei gelungen, jene gefährliche Einbrecherbande, die schon seit langer Zeit die Geschäftsinhaber im äußeren Westen und ganz besonders in Schöneberg heimgesucht hatten, hinter Schloß und Riegel zu bringen. In einer der letzten Nächte beobachtete der ISjährige Hausdiener Hermann Zumpe, der für den Bäckermeicker M., Kaiser Friedrichstraße 1, frühmorgens Brötchen austrug, vor dem Laden des Kolonialwarenhändlers Paul Sch. in der Stubenrauchstratze 3 drei verdächtige Männer. Kurz darauf vernahm er das Klirren einer zertrümmerten Fensterscheibe. Der junge Mann ließ die Burschen vorläufig ruhig gewähren. Diese hatten es denn auch tat- sächlich auf einen Einbruch abgesehen. Sie raubten die Schaukästen aus, welche für etwa 300 M. Waren aller Art enthalten hatten. Dann entfernten sich die Einbrecher mit ihrer Beute mid ver- schwanden in einem Hause in der Erdmannstraße. Z. hatte sie ver- folgt, und jetzt erst holte er einen Schutzmann herbei, dem es auch gelang, das Haupt der Vcrbrechergesellschaft, den 19jährigen ehe- maligen Hausdiener Paul Hornburg, festzunehmen. H. hatte in dem fraglichen Hause, worin bei einer Haussuchung auch ein reiches Diebeslager entdeckt wurde, mit einem jungen Mädchen unangemeldet gewohnt. Auf die Aussagen des Verhafteten hin konnte dann auch bald die Festnahme von vier weiteren Mitgliedern der Bande er- folgen. Es sind alles Burschen im Alter von 18— 20 Jahren, welche Schaukästen- und Ladeneinbrüche als„Spezialität" betrieben.„Mit vereinten Kräften" und mir einer unglaublichen Dreistigkeit gingen die Burschen, die vor dem Strafrichtcr ein langes Sündenregister auszugleichen haben werden, in nächtlicher Stunde zu Werke. Die Witwe Sommer, die an der Siegfriedbrücke ein Räucherwaren- geschäft betreibt, hat die Bande durch einen Einbruch fast voll- ständig ruiniert. Die Diebe warteten den Zeitpunkt ab, an welchem das Lager neu gefüllt war und räumten dann den Laden fast völlig aus. Einen Zettel mit der Auffchrift:„Das nächste Mal mehr!" ließen die frechen Gesellen zurück. Weitere erfolgreiche Einbruchs» diebstähl« verübte die Bande in der Filiale des Schuhwarenhändlers Franz Kinz, Steinmetzstr. 40z, in dem Damenmäntel-Konfektions- geschäft von Salomon in der Hauptstraße, bei S. Josef in der Grunewaldstraße, in dem Warenhaus von W. Josef usw. Bei Deutsch u. Schlewinsky am Kaiser Wilhelmplatz brachen die Diebe kurz hintereinander dreimal ein. llebrigens ist in der Steinmetz- straße ein zweites Diebeslager entdeckt und polizeilich mit Beschlag belegt worden. Die Freilegung der Nazareth-Kirche nach der östlichen Richtung erfolgt jetzt durch die Anlage einer Zugangsstraßc. durch welche die Reimckendorferstraß« mit der Adolf« und Maxstraße verbunden wird. Durch den der Wiesenstraße gcgenübergelegencn Durchbruch wird eine neue bequeme Verbindung des Wedding-Stadtteiles mit dem Hmnvoldthain und dem Brunnenvicrtel geschaffen. Die Eiscrnte ist in diesem Jahre sehr ungünstig ausgefallen und die bisherige Ausbeute so gering, daß die Eiskellereien der 'Jnscrätenteil�erantw,: TH.Glocke7Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Werke vielfach noch nicht zur Hälfte gefüllt sind. Wenn auch noch eine Frostperiode eintreten sollte, so ist leider doch nur wenig Hofs- innig vorhanden, daß auch nur eine Mittelernte erreicht werden löniiie, und so wird Berlin im bevorstehenden Sommer wieder auf Eiszuführuiig aus Schweden und Norwegen aiigewicsen sein. Dem- gemäß dürften die Eispreise sich auch sehr hoch gestalten, umsomehr, als auch die Pachtpreise in diesem Jahre etwas höher sind als in den früheren. Zum Raubmord in Neiiiickendorf. Der Eiswerksbesitzer Gustav Gordi in Reinickendorf, dessen Sohn unter dem Verdacht, die Mutter ermordet und beraubt zu haben, verhaftet worden ist, ist fest von der Unschuld des Verdächtigten überzeugt. Wie der 60 Jahre alte Mann, welcher gestern der Leichenschau durch die Gerichts- kommission beiwohnte, angibt, hatte Mar Gordi keinerlei Ver- anlassung, ein derartiges Verbrechen zu verüben. G. war in diesem Winter, und zuletzt noch vor etwa zehn Tagen, seinen Eltern beim Eisen behülflich gewesen und hatte auch die übliche Bezahlung hier- für erhalten. Ter Vater hatte ihm einen größeren Geldbetrag geben wollen, doch lehnte Mar G. die Annahme des Geldes ab mit der Begründung, daß er dessen nicht bedürfe und sein Auskommen habe. Es stand ihm auch frei, in das Geschäft des Vaters ein- zutreten, doch hatte der junge Mann auch dies abgelehnt, weil er sich ein eigenes Geschäft kaufen wollte. Den bereits geschilderten Vorgang, bei welchem Mar Gordi und dessen Ehefrau, der jetzt Ermordeten, einen Beutel mit 400 M. Inhalt abnahmen, bezeichnet der alte G. als eine durchaus harmlose Sache. Auch er habe dein Vorfall beigewohnt, der lediglich scherzhaft aufzufassen war. Da- gegen, so behauptet der Eiswerksbcsitzer Gordi, habe seine Schwicger- tochter schon vorher den Versuch gemacht, die Schwiegermutter zu berauben. Diese hätte im Bette gelegen und gegen ihre Gewohnheit ungewöhnlich fest geschlafen, als die junge Frau G. in dem Zimmer erschienen wäre und versucht hätte, der Schlafenden das Geld unter dem Kopfkissen fortzunehnien.— Trotzdem kommt Martha G. für die Beteiligung an dem Morde nicht mehr in Betracht, nachdem �sie einen einwandfreien Alibibewcis gcgcb-cn hat. Ties ist jedoch May Gordi nicht gelungen, der vor allen Dingen noch dadurch belastet wird, daß zwei Bekannte von ihm ihn am Sonnabend nachmittag in Wilhelmsruh gesehen haben wollen. Besonders der eine Zeuge macht in dieser Beziehung sehr bestimmte Angaben und gibt eine genaue Schilderung über den Weg, den G. zurückgelegt haben soll. Dies ist auch nur der einzige Punkt, der gravierend gegen den Ver- hafteten spricht, da die an seiner Kleidung und dem Taschentuche entdeckten Blutflecke wohl kaum mit dem Morde in Verbindung ge- bracht werden können. Die Richtigkeit der Behauptung G.s, daß er sich am Finger verletzt habe, ist erwiesen und die Wunde auch tatsächlich noch vorhanden. Von einem Wachtposten angeschossen. Durch einen scharfen Schuß eines Militärvostens wurde in der Nacht zum Sonntag der Dragoner Otto Peters vom 2. Garde-Dragoner-Regiment schwer verwundet. Der junge Mann dient im dritten Jahr und ist Bursche bei dem Leutnant Freiherrn v. Zedlitz und Lcipe von dcu 4. Schwadron. Am Sonnabend abend war er ausgegangen. Als er um Ifh Uhr nachts betrunken durch die Bärwaldstrahe nach seiner Kaserne ging, begegnete ihm in deren Nähe ein Sergeant vom Kaiser Franz-Regiment. Diesen grüßte der Betrunkene nicht. Ans die Frage, warum er den Gruß unterlasse, gab er dem Sergeanten einen Faustschlag ins Gesicht. Jetzt nahm ihn der Vor- gesetzte fest und brachte ihn nach der nahe gelegenen Wache der Franzer-Kaserne. Hier war Peters sehr widersetzlich. Deshalb und lvegen des schweren Vergehens gegen den Sergeanten sollte der Betrunkene von drei Soldaten der Franzcr-Wache nach dem Militärarrcst in der General Papcstraße gebracht werden. Dicht vor dem Arrestgebäude schlug Peters einen seiner Transporteure ins Gesicht und entfloh nach dem Teiiipelhofcr Felde. Ter Wocht- Posten des Arrestgebäudes schoß zweimal mit scharfer Munition nach dem Flüchtling und traf diesen so schwer, daß er zusammen- brach. Ter Verwundete wurde nach dem Garnisonlazarett II in Tcmpelhos gebracht. Wegen einer Leuchtgasvergiftiing wurde am Dienstag die Feuer- wehr nach der Breitenstr. 11 gerufen. Zwei Arbeiterinnen waren schwer erkrankt. Durch Einflößen von Sauerstoff gelang es die beiden Personen wieder herzustellen. Ein geisteskranker, etwa 45 Jahre alter Mann wurde heute nachmittag im Grunewald, in der Nähe der Station Eichkamp, von Streckenarbeitern angetroffen, als er im Adamskostüm spazieren ging..Als sie ihn fragten, ob er die Kälte nicht fürchte, antwortete er, daß es ihm sehr warm sei, denn er befände sich ja in Südwest- afrika. Sie nahmen ihn mit zur Station, gaben ihm warmen 5iaffce, außerdem reichte ihm der Stationsvorsteher warme Kleidung. Dann telephonierte er nach der Rettungswache in der Wilmcrsdorfcrstratzc in Eharlottcnburg, von wo den Kranken ein Rettungswagen abholte. Nachdem der Arzt erkannt hatte, daß cä sich um einen Geisteskranken handele, wurde der Kranke nach der Dr. Edelschen Heilanstalt geschafft. Offenbar handelte es sich um einen Geisteskranken, der aus einer Anstalt entwichen ist. Seine Kleidung konnte nicht gefunden werden. Personen, die gesehen haben, wie in der Nacht vom 3t. Januar zum 1. Februar vor dem Hause Greisswalderstraße 214 ein Mann von einem anderen geschlagen und infolgedessen schwer verletzt wurde, werden gebeten, ihre Adressen Marienbiirgerstr. 27 im Lokal abzugeben. Im Zirkus Bnscb wird gegenwärtig eine von Frcderic Jreland konstruierte automatische Figur gezeigt, die eine Tätigkeit ausübt, daß man glaubt, ein menschliches Wesen vor sich zu haben.„Ging- marclle" ist ein mechanisches Kunstwerk, das sechs Fuß hoch ist, 198 Pfund wiegt und mis 385 verschiedenen Stücken zusammengesetzt ist. Im Innern der Figur befinden sich sieben Motore, von denen drei durch Federn, die übrigen durch Elektrizität betrieben werden. Die beiden stärksten Motore treiben die unteren Glied- maßen und verursachen die Fortbewegung, ein dritter Motor be- treibt die Bewegungen der Arme und ein vierter sorgt für die Auf- rcchtcrhaltung des Gleichgewichts. Von den durch Federn be- tricbcncn Motoren reguliert der eine die Bewegungen des Kopfes, ein anderer unterstützt den elektrischen Motor beim Bewegen der Arme und der dritte treibt die Drahtspulen, die sich je nach der wechselnden Lage des Gewichtes auf- und abwinden. Ferner sind in der Figur 14 Akkumulatoren angebracht, die bei 84 Volt Stärke 270O Ampere die Stunde liefern. Sie geben an die Motore die erforderliche Kraft ab und dienen gleichzeitig zur Aufrcchterhaltung des Gleichgewichts. Bemerkenswert sind im Innern der Figur der Rheostat, 16 Triebfedern, einfache Hebel und mehrere anatomische Bremsen angebracht. Beim Gehen stößt zunächst ein Motor das linke Bein nach vorwärts, und die Figur neigt infolgedessen nach rechts. In diesem Augenblick wird Quecksilber, das als Leiter des elektrischen Stromes dient, an einen Hebel geschleudert. Ein elektrischer Kontakt wird hergestellt und dadurch der entsprechende Motor in Bewegung gesetzt, der die Gewichte rasch wieder so ver- teilt, daß das Gleichgewicht wieder hergestellt wird. Dann wird der rechte Fuß vorgestoßen und es vollzieht sich auf der rechten Seite derselbe Prozeß, wie vorher auf der linken, und sc schreitet die Figur Schritt für Schritt vorwärts. Die Figur schreibt auch ihren eigenen Namen. Zu diesem Zlveck ist ein magnetischer Apparat in der rechten Schulter angebracht. Er besteht aus starken Magneten in Form der Buchstaben, aus denen das Wort„Guig, marclle" zusammengesetzt ist. Ter Arm steht in Kontakt mit den Magneten. Wird der Strom eingeschaltet, so läßt ihn ein automati- scher Kontrollapparat langsam die Magnete passieren, der Arm wird gebogen zur Tafel hingezogen und malt die Striche der Buch» ftaben, wobei ein im Vorderraum angebrachter Fedcrnwtor den entsprechenden Druck liefert. Zum Schluß unternimmt die Figur .gar eine kleine Partie auf dem Ziveirad. Tie eigenartige Vor- 'führung fand beim Publikum großen Beifall, und mit Interesse warf man einen Blick in das Innere der Figur, die von ihrem Besitzer geöffnet wurde. Vuchdruckerei u. Berlagsänstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.