Ur. SS. nbenntniditS'Rcdlngnnsfti; nememtnii- vrSnumer-md«; «lerteliShrl. 830 SKI, monatL tlO J»f, «vichenllich 28 Psg. frei inl Hau». «inzelne Rümmer S Pfg. Sonntag«, »ummer mit illustrierter Sonntag», Seilage.Die Reue«eil' lO Psg. Post, Abonnement: Uli Mark pro Monat. «»getragen in die Post. Zeitung», Sreisiisle. Unter Kreuzband fit, Deutschland UN» Oesterreich. Ungarn » Mark, fitr da» übrige Au»lan» 8 Mark pro Monat. 23. Jahrg. Olchrkdl tigltit»uBtf Dlonti»», Berliner VolKsblnkk. Ol« Tnl«rt1»ns»GfbOI)r »«trügt für die sechsgespaltene Kolonel- »eil» oder deren Raum*0 Pfg., für politische und geiverkschasiliche Berein»« und«erlanimlungs-iwzelgen 2« Psg. „Kleine Hnzcigcn", da» erste(fett, »edruikte> Wort 10 Psg., jede» weitere Wort 8 Psg.«orte über 1b Buchslabe» züblen für zwei«orte. Inserat« sür die nächste Rummer müssen bi» 8 Uhr nachmittag» in der Slpedition abgegebe, werden. Die«lpedttion ist an Wochen tagen bi» 7 Uhr abend», an Sonn- und festlagen bi» 8 Uhr dorrnttlag« geässnel Telegramm-Adresse: »h»rl,l«t»»IlNs �entralorgan cler so2ialäemokratiscken Partei Veutfcklanäs. Ketlakrion» 8CQ. 68« Lindenetraeae 69. theriiitirfdier:«ml IV. Nr. IUMI. 6xpeditiont 881. 68. Lindenetraoae 69. iheriisvrrifier:«int IV. Nr. I»S4. Der lmgarische Konflikt. Man schreibt uns aus Wie«: Der Bruch zwischen der Krone und der ungarischen Koalition ist nun besiegelt: Die Mission des Grafen Andrassy ist völlig ergebnislos geblieben und an eine Wiederaufnahme der am Sonntag abgebrochenen Verhandlungen ist nicht mehr zu denken. Die Verhältnisse in Ungarn, die ja ohnedies, in- folge des nun ein volles Jahr währenden RegierenS ohne Parlament, sehr schwierige geworden sind, sverden jetzt bald einen sehr ernsten Charakter annehmen. Als nächste Folge des nun mit aller Schärfe deklarierten Konfliktes ist die Oktroyierung der Handelsverträge zu erwarten und die Auf- lösung des Abgeordnetenhauses ohne Ausschreibung der Neuwahlen wird bald folgen. Der kritische Termin ist hier der 1. März, bis zu welchem Tage der Reichstag vertagt ist. Da eine weitere Vertagung— es lväre die vierte deS erst ein Jahr alten Reichstages— nicht mehr durchzusetzen ist. vielmehr die größte Wahrscheinlichkeit dafür besteht, daß die Abgeordneten dem Vertagungsreskript nicht Folge leisten, sondern zur weiteren„Tagung" beisammen bleiben, so bleibt der Krone keine andere Wahl als die Auf- lösung. Da aber Neuwahlen einen, vom Standpunkt des Dualismus betrachtet, nur noch ärgeren Reichstag ergeben würden, so werden sie eben, vorläufig heißt es, aber es kann recht lange dauern, unterbleiben. Der heutige Konflikt zwischen Habsburg und Ungarn wird keinen so blutigen Verlauf nehmen wie 1849, dazu verbleibt er zu sehr in der Sphäre der parlamentarischen Proteste; aber die Aehnlichkeit mit der Situation, die mit dem Dualismus abgeschlossen schien, springt in die Augen. Der Konflikt zwischen Krone und Reichstag besteht im Wesen darin, daß die Krone an dem gegenwärtigen Rechtszustand. welcher trotz aller Abbröckelungen und Anzweiflungen doch der Dualismus ist, festhält und von ihm nichts Nennenswertes absplittern lassen will, wogegen die neue Mehrheit des ungarischen Parlaments die Aushebung dieses Rechtszustandes, die Beseitigung des Dualismus zum Pro- gramme hat und von diesem Programme— wie eigentlich natürlich— sofort, bei ihrem Amtsantritte also,„etwas" rcali- sieren wollte. Ursprünglich sollte eine nationalmilitärische Erörterung crlveisen, daß nun eine große, die anti- dualistische Mehrheit, die Zügel führt: die Koalition machte die Bewilligung der magyarischen Kommandosprache(für die ungarischen Truppen des gemeinsamen Heeres) zur Bc- dingung für ihre Uebernahme der Regierung. Diese Forderung hat der alte Kaiser, als mit dem Bestände einer einheitlichen Armee unvereinbar, mit solcher Entschiedenheit abgelehnt, daß sich die Koalition entschlossen hat, sie zu verändern. Nach denk Vorschlag, den Graf Andrassy(es ist der Sohn des ehe- maligen Ministers des Aeußeren, der mit Bismarck das Bündnis abschloß, und das Haupt der Koalitionsmehrheit) im Namen der Koalition nach Wien gebracht hat, sollte zwar die zu bildende Koalitionsregierung ermächtigt werden, aus- drücklich zu erklären, daß sie ihr Programm in: vollem Umfange „aufrecht halte", die Forderung selbst aber sollte suspendiert werden, bis eine Wahlresorm„auf breitester Grundlage" durchgeführt und die„Nation"(wie man hier seit altersher die schwache Schicht der Wähler nennt) darüber„befragt" worden ist. Die Entscheidung der magyarischen Wähler ist natürlich tote Gewißheit: daß ihnen der magyarische Chauvinismus auf irgend einem Punkt zu weit gehen könnte, ist selbstverständlich ausgeschlosien. Daß sich die Krone, die in der Einheitlichkeit der Armee, in dem der parlamentarischen Einwirkung entzogenen kaiserlichen Befehlshaberrecht den letzten Stützpunkt der Großmacht, das letzte Bollwerk ihrer Gewalt über Ungarn erkennt, auf das Glatteis jenes einigermaßen jesuitisch konstruierten Plebiszits nicht locken ließ und die Andrassyschen Vorschläge rundweg ablehnte, ist also nicht merkwürdig. Auch nicht überraschend; daS hätten sich besonnene Leute selbst sagen können. Doch die sogenannten Majestätsrechte in Sachen der Armee werden außer HabSburg selbst wenig Menschen am Herzen liegen; insbesondere für Oesterreich beruht das Wesen dieser Frage nicht darin, daß die einheitliche Armee erhalten bleibe, sondern darin, daß die Kosten dieser Armee gerechter, also ganz anders verteilt werden als es jetzt der Fall ist. Wichliger und einer internationalen Bedeutung nicht entbehrend ist der zweite Vorschlag, den die Koalition der Krone unterbreitete, richtiger: die zweite Be- dingung, die sie fiir die Uebernahme der Regierung stellte. Die Koalition wollte nämlich die unmittelbaren„Erfolge", die ihr auf militärischem Gebiete versagt sind, auf wirtschaftlichem erzwingen. Und daS durch folgenden ganz kuriosen Plan: Wie sattsam bekannt, ist Ocsterreich-Ungarn, obwohl im Innern aus zwei ganz selbständigen, nur durch das Band des gemeinsamen Monarchen verknüpften Staaten bestehend, gegenüber dem Ausland eine Einheit: eine völkerrechtliche, indem sie eine einheitliche Vertretung(Diplomatie und Heer) besitzt, und eine wirtschaftliche Einheit, indem sie ein ein- heitliches Zollgebiet, mit einem Zolltarif und mit gemein s amen Handelsverträgen vorsah. Die Forderung der Koalition geht nun dahin, daß dieser Zustand materiell ausrecht bleibe, formell aber völlig verändert werde. Und � zwar so, daß Oesterreich und Ungarn fürder beim Zoll- und Handelsbündiiis sich abschließen, also keine Union bilden,! sondern die Zollfreiheit nur mittels eines Handels- Vertrages beginnenswas übrigens schon inHinsicht der Meist- begünstigung eine unmögliche Sache ist); ferner: daß der öfter- reichisch-ungarische Zolltarif materiell zwar in identische, aber formell von einander ganz unabhängige eigene Zolltarife (einen österreichischen und einen ungarischen) gespalten werden sollte; und daß schließlich die internationalen Handelsverträge nicht mehr von Oe st erreich- Ungarn und mit dem einheitlichen Staate, sondern separat von Oe st erreich und von Ungarn und mit jedem gesondert abgeschlossen werden sollen. Der Form nach wäre also die Wirt- schaftliche Gemeinsamkeit sofort aufgehoben worden, dem In- halt nach erst, wenn die jetzt abzuschließenden Verträge ab- gelaufen sein werden, also in den Jahren 1915— 1917. Nun ist natürlich Ungarn, wirtschaftlich betrachtet, ein freier Staat und niemand kann ihn verpflichten, mit Oesterreich eine Unwn zu schließen und sich mit Oesterreich zu einer internationalen Einheit zu verbinden; die wirtschaftliche Gemeinsamkeit erfließt nicht auS der Verfassung, sondern beruht nur auf Verträgen, ist also ledig- lich ein Ergebnis des freien Willens beider Staaten. Dem ent- gegen steht aber, daß darüber von früheren ungarischen Re- gierungen mit dem Auslände rechtsgültige Verabredungen eingegangen worden sind und internationale Verein- barungen gemeinhin von einem Wechsel ini Innern nicht berührt zu werden pflegen. Das Zoll- und Handels- bündnis und der gemeinsame Zolltarif ist mit Oesterreich von der Regierung Szell vereinbart worden, der Handelsvertrag mit dem Deutschen Reich und mit Italien von der Regierung Tisza; und diese Verabredungen sind im ReichSratc schon beschlossene Sache; es ist also eine zum mindesten ungewöhn- liche Forderung, daß ganz Europa die Vereinbarung mit Oesterreich-Ungarn wünschen soll, weil die ungarische Koalition einen(nach der Sachlage: rein dekorativen) Erfolg braucht. So ist im deutschen Reichstag der Vertrag schon kodifiziert, in Oesterreich der Zolltarif und der Vertrag init Deutschland beschlossen, und überall, wenn auch nicht kundgemacht, doch wie eine erledigte Sache erachtet. Entscheidend ist freilich dabei. daß die Koalitionshcrren von dem gemeinsamen Monarchen Dinge begehren, die ihm gar nicht gehören, über die nicht die Krone, sondern das österreichische Parlament entscheidet, also Forderungen stellen, die im Schlußeffert auf eineLeugnung der staatlichen Existenz Oesterreichs hinaus- laufen. Denn neben der formellen Aufhebung der Zoll- cinheit will man auch die Beseitigung der gemeinsamen Notenbank vornehmen, der überdies die Aufnahme der Bar- Zahlungen durch diese aufgehobene Bank vorangehen soll: durchaus Dinge, die kein Kronbesitz sind, sondern über die ausschließlich die österreichische Gesetzgebung, also neben der Krone der österreichische ReichSrat entscheidet und über die mit der Krone zu„verhandeln" direkt eine Anmaßung ist. Es ist nicht überraschend, daß der Ablehnung dieser Forde- rungen von der gesamten österreichischen Oeffentlichkeit zu- gestimmt wird. Aber was nun? Die Handelsverträge, die dringendste Sorge, wird man freilich ohne Parlament in Geltung setzen; sie müssen eben am 1. März in Kraft treten. Das wird so geschehen, daß sie in Oesterreich, wo sie im Reichsrat be- schlössen sind, als Gesetz verkündet werden, in Ungarn aber „Rechtskraft" durch eine Weisung an die Zollämter erhalten sollen; den Abschluß wird die Krone auf ihre Ver- antwortung unterzeichnen. Die verfassungsmäßige Form wird also in Ungarn einfach in die Lust gesprengt; die Dinge sind eben stärker als die Formen. Und sonst wird man weiter so wirtschaften, wie man eben ohne Parlament wirtschaften kann, wobei wohl dirett verfassungswidrige Sachen— wie etwa die Erhebung von Steuern und die Aushebung von Rekruten— ohne parlamentarische Bewilligung ,so lange es geht, vermieden werden sollen. Daß man auch einen Staat nicht zur Liebe, also Ungarn nicht zum Dualismus zwingen kann, ist selbstverständlich, und so kann man das Ende der HabSburgischen Monarchie in der heutigen Form schon jetzt für einen bestimmten Zeit- Punkt voraussagen: länger als die internationalen Bindungen, länger als bis zum Jahre 1913 wird die heutige Gestalt des Doppelstaates nicht vorhalten. Nur werden die künftige Gestalt nicht mehr die Privilegienparlamcnte be- stimmen, sondern ernste und echte Volksvertretungen. Wenn der Hurrapatriotismus in Oesterreich, wenn der öde ChauvinisnrnS der Magnatenoligarchie in Ungarn durch daS allgemeine und gleiche Wahlrecht ausgerottet sein wird, dann erst werden beide Staaten die ihrer Entmickelunq und ihren Bedürfnissen gemäße Form ihres Neben- und Miteinander- lebeus finden. So setzt die Lösung der dualistischen Krise in beiden Staaten als erste Notioendigkeit die Wahlreform voraus. politlscke(leberNckt. Berlin, den 8. Februar. ArbeiterterroriSmuS— Arbeiterschutz. Die Beratung des Etats des Reichsamtes des Innern gibt der Sozialdemokratie die Möglichkeit, im Interesse des Arbeiter- schntzes immer von neuem die Forderungen zu stellen, deren Erfüllung Regierung und herrschende Parteien verweigern. Um sich die Verweigerung zu erleichtern, fabulieren sie von allerhand sozialdemokratischen Schandtaten, die es ihnen ver- böten, sozialpolitische Reformen zu unternehnren. Mit anderen Worten heißt das: Weil die Arveiter sozialdemokratisch denken und immer zahlreicher sozialdemokratisch wählen, verweigern wir ihnen den Schutz der Gesetzgebung. Wie brüchig und un- wahr dieser Trotz ist, wird allein schon durch das bekannte Wort Bismarcks bestätigt, daß es ohne die Sozialdemokratie das bißchen Arbeiterschutz nicht gäbe, das so oft überschwenglich als mustergültige Sozialreform gepriesen wird. Aeußerst plump wurde dieser bürgerliche Standpunkt der herrschenden Parteien durch den nationalliberalen Abgeordneten Lehmann heute vertreten. Wenn ein Bourgeoishänschm. das 2 Monate zu früh auf die Welt gekommen ist, in seiner Seele scharfmacherische Schwingungen verspürt, aber seine Gedanken nicht organisch regeln kann, dann muß der Wirr- warr gedankenverwirrtcr Rederei hochkomisch wirken. Mit solcher Komik erheiterte Lehmann das Haus, besonders aber die Sozialdemokraten, die mit Vergnügen den überhitzten Phantasien zuhörten. Nach Lehmann plädierte S ch a ck(Antisemit) für die Protektion der christlich-sozialen Geiverkschaftcn, die den Lindwurm Sozialdemokratie umbringen sollen, wenn cS den Scharfmachern nicht gelingt. Die Liebesmüh' beider wird wohl vergeblich sein, die Lebenskraft der Sozialdemokratie ist un- verwüstlich, während die politischen Eintagsfliegen ihr kurzes parlamentarisches Dasein durch eifriges Redegemengsel nicht verlängem können. Ter Abgeordnete P a u l i- Potsdam hatte noch einige Mittelstandsschmerzen auSzukramen, die jedoch die für� den Mittelstand schwärmenden Abgeordneten aus dem Saale trieben — die Zeit ist vorbei für solche wahlagitatorische PlumpsackS- Politik. Recht überflüssigerweise trat der Slbgeordnete Eickhoff für die reaktionären Rüpeleien seines„Freundes" Mugdan ein. Dergleichen Professorale Vorlesungen können Mugdan nicht von seiner Waffenbrüderschaft mit den Kröcher, Oldenburg und so weiter freisprechen. Der polittsche Eingänger, Herr v. G c r l a ch. reizte die Agrarier durch die Forderung gleichen Koalitionsrechtes für die Landarbeiter, damit diese durch Organisierung wenigstens etwas von dem erringen könnten, was den Agrariern durch den Zolltarif zugeschanzt worden sei. Natürlich wird die Gesindcordimng weiter dafür sorgen, daß den Junkern kein Heller zugunsten„ihrer" Arbeiter streitig gemacht werden kann. Den Rest der Sitzung nutzte unser Genosse S ach s e zu einer mehr als ztveistündigen Rede aus, um gegenüber der Anschuldigung des„sozialdemokratischen Arbeiterterrorismus" mit einer Fülle von Beweisen von der Terrorisierung der Arbeiter, speziell der sozialdemokratischen, durch Unternehmer. bürgerliche Parteien und durch die Polizei aufzuwarten. Sachse betonte jedoch, daß— wenn irgend eine unzulässige Ein- Wirkung auf Andersdenkende von einzelnen organisierten Arbeitern geschehe— dies von der Sozialdemokratie nicht ge- billigt werde. Bei ihrer bekannten Verfolgungssucht gegen- über der Sozialdemokratie täteil die bürgerlichen Parteien besser, die Anschuldigung des Terrorismus zu unterlassen, denn vor ihrer eigenen Tür liegen Haufen solcl�n Unrats. Die Beratung wurde vertagt. Grubeuprotzcn. Die Besprechung der Zentrumsinterpellation über das Unglück auf der Kohlengrube„Borussia" bei Dortmund gab den zahlreichen Vertretern des GnibenkapitalS, die neben den Junkern eine besondere Zierde des Dreiklassenparlaments bilden, wieder einmal Gelegenheit, ihre arbeiterfeindliche Ge- sinnung zu offenbaren. Der Renommierarbeiter des Zentrums, Abg. Brust. begründete die Interpellation in ruhiger Weise; er war offen- bar ängstlich bemüht, auf der einen Seite den Anschein zu er wecken, als nehme er die Interessen der Arbeiter wahr, auf der anderen Seite aber auch bei den Arbeitgebern nicht Anstoß zu erregen. Sticht einmal eine gründliche Reform der Gruben- lnspektion, die Beseitigung der jetzigen Aufsichtsbeamten durch Arbeiterkontrolleurc wagte er zu fordern, er begnügte sich viel- nichr mit der Anregung, Kontrollelire aus dem Arbeiterstandc zur Beaufsichtigung ergänzend hinzuzuziehen und auf den fiskalischen Gruben einen Anfang damit zu machen. Aber selbst dieser bescheidene Wunsch ging den Grubenprotzen schon gegen den Strich. Der neue Handelsministcr Delbrück, der Nachfolger des langen Möller, konnte die guten Erfahrungen, die in Eng- land mit Grubenkontrolleuren gemacht sind, nicht bestretten, er würde auch,„wenn er Grubenvorstand wäre", sie bei einer gefährlichen Grube unter allen Umständen einführen. Leider ist Herr Delbrück nicht Grubenvorstand, sondern nur Chef der preußischen Bergverwaltung, und in dieser Eigenschaft muß er, um es mit den Grubenbaronen nicht zu verderben, seine persön- liche Meinung der der nlächtigen Kapitalisten unterordnen. So erklärte er es denn für bedenklich, die Grubenkontrolleure gesetz- lich für den ganzen Staat eiüzuführcn! Und warum? Weil für ihre Wahl politische Erwägungen maßgebend seien! Wie oft haben wir dies Lied nun schon in den verschiedensten Ton- arten gebärt! Man fürchtet, daß einmal auch ein— Sozialdemokrat mit der Grnbenkontrolle beauftragt werden könnte. und um diese Gefahr abzuwenden, verzichtet man lieber auf eine durchaus notwendiae Reform. Was tut es, wenn weiter Jahr aus Jahr ein Tausende von Bergarbeitern auf dem Schlacht- feld der Arbeit bleiben! Sur Sachs selbst konnte der Minister nicht viel sagen, ,,5a die Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist". Soviel aber steht schon jetzt fest, daß auf der Zeche„Borussia" manche Sicherheitsvorrichtungen unterblieben sind. Man hat auch schon einen Beamten, den man als Sündeichock in die Wüste jagen will. Aber dabei wird es bleiben, vorbeugende Maß- nahmen zur Verhütung ähnlicher Unfälle für die Zukunft werden nicht getroffen werden. Die Vertreter des Grubenkapitals, die H i l b ck, von C y n e r n und Genossen benutzten— wie gesagt— die Gelegenheit, um die Interessen des Grubenkapitals zu vertreten. Herr H i l b ck sträubt sich mit Händen und Füßen gegen die Grubenkontrollcrlre aus der Arbeiterklasse, er hat auch die Stirn, die statistisch nachgewiesene Zunahme der Zahl der Un- fälle hinwegzuleugncn. Noch ärger treibt es sein Freund v. E y n e r n, der die Presse für alle Sünden verantwortlich macht und von der Regierung verlangt, daß sie jedesmal, wenn die arbeiterfreundliche Presse Mitteilungen über Bergarbeiter- oder Grubenverhältnisse bringt, mit einem offiziösen Dementi bei der Haird ist. Auf diese Weise will Herr v. Eynern das Vertrauen der Bergarbeiter zu den Grubenbesitzern wieder her- stellen. Glaubt er wirklich, daß mit dieser Vogel-Strauß- Politik etwas erreicht wird? Glaubt er wirklich, daß die öffent- liche Meinung sich so leicht irreführen läßt? Für so naiv halten wir ihn nicht, er will lediglich verhindern, daß in Zukunft bei ähnlichen Anlässen— wie z. B. beim letzten Bergarbeiterstreik — die öffentliche Meinung sich auf feiten der Arbeiter stellt. Wie wir voraussagten, ist bei der Debatte auch nicht das Geringste herausgekommen. Unsere Genossen im Reichstage werden am Sonnabend das, was das Dreiklassenparlament ver- absäumt hat, nachholen. Die nächste Sitzung findet erst am Dienstag statt. Zur Beratung steht dann der Bergetat und der Etat der Handels- and Gewerbeverwaltung. Inzwischen soll die Schulkommission die Verpfaffung der Volksschule vorbereiten. Das sächsische Versammlungsrecht vor dem Landtage. Dresden, 7. Februar.(Eig. Bcr.) In der Zweiten Kammer des Landtages wurde heule folgende dam sozialdemokratischen Abgeordneten G o l d st e i n eingebrachte Interpellation verhandelt: „Die für die Tage des Lt., 22. und 23. Januar d. I. in dielen Orten Sachsens einberufenen Volksversammlungen, die sich mit dem Thema:„Wahlrechts- und Verfassungskämpfe der Gegen- wart" befassen sollten, sind, bis auf einige, sämtlich auf Grund der ZA 5 und 12 des Gesetzes vom 22. November 1850, das Ver- eins- und Versammlungsrecht betr., verboten worden. Die Gleichzeitig- keit der Verbote und die Uebereinstimmung ihrer Begründung lassen ans eine von der StaatSregierung ergangene allgemeine Anweisung schließen.— Da eine solche, die öffentliche Erörterung der Grund- rechte deS Volkes gefährdende Maßregel weite Kreise der Staats- bürger in große Erregung versetzt hat, richtet der Unterzeichnete folgende Anfragen an die Staatsregierung: 1. Hat die Regierung eine solche allgemeine Verfügung erlassen? 2. Beabsichtigt sie, derartige Erörterungen in Versammlungen ferner zu hindern?" Obwohl die Interpellation ganz plötzlich und unerwartet auf die Tagesordnung gesetzt worden war. hatte sich ein zahlreiches Publikum eingefunden. Die Tribünen waren dicht besetzt. Goldstcin begründete seine Anfragen zunächst in einer kurzen treffenden Rede, in der er«nit Nachdruck betonte, daß diese in Sachsen mit wenig Ausnahmen verhängten Verbote eine schwere und völlig unbegründete Einschränkung des so schon geringen Versammlungsrechtes in Sachsen bedeuteten. Die Behörden hätten engherzig und unnötig ängstlich gehandelt, als sie aus Furcht vor Demonstrationen und um eine „Verherrlichung der russische» Revolution" zu hindern— zu dieser Maßregel griffen. Die Gleichartigkeit der Verbote lasse auf eine generelle Anweisung der Regierung an die Behörde schließen. M i n i st e r von M e tz s ch antwortete, daß die Regierung nach Lage der Sache„Zweifellos" l') zu einem allgemeinen VersammluugS- verbot berechtigt gewesen wäre: sie habe ein solches aber nicht er- lassen, sondern die Polizeibehörden„nur" auf die geplanten Kundgebungen und den„ gedachten" Aufruf(den des Internationalen Bureaus der Sozialdemokratie)„hinge- wiesen". Die„künstige Zulassung" derartiger Versammlungen werde„von den Verhältnissen des einzelnen Falles abhängig" sein.— So die Antwort des Ministers. Er hat die Behörden„hin- gewiesen," die Versammlungen aber nicht generell verboten! Das ist nach sächsischer Polizeipraxis natürlich genau dasselbe. Der Wink wurde dann auch ganz richtig verstanden. Man verbot weit über hundert Versammlungen! Nur zwei oder drei Bürgermeister kleiner Provinzstädte hatten den „Hinweis" nicht recht verstanden. Dort durften die Versammlungen abgehalten werden, und siehe da— es kam nicht das geringste vor! Auch sonst zeigt die Antwort des Herrn von Metzsch, daß der Polizei- staat in Sachsen noch mehr als bisher etabliert sein soll: ob man in Zukunft solche Versammlungen gnädigst gestattet, hängt ganz von der Behörde ab. Bei der Besprechung der Interpellation ging es zum Teil recht lebhaft, fast stürmisch her. Einmal drohte der nationalliberale Vizepräsident Dr. Schill sogar mit Räumung der Tribünen, iveil von dort dem Abg. Goldstein laut zugestimmt wurde. Auch der freisinnige Abg. Günther fand verhältnismäßig scharfe Worte der Verurteilung des Vorgehens der Negierung. Der ministerielle„Hinweis" sei eben das generelle VersammlungS- verbot, darüber gäbe es keinen Ziveifel. Sachsen � sei kein Rechtsstaat mehr, das hier geübte System sei Beustscher und Metternichscher Art.— Die konservativen und nationalliberalen Redner waren natürlich ein Herz und eine Seele in der Zustimmung zu dein Metzschschen Verfahren. In großer Entrüstung geriet diese kompakte Mehrheit des HauseS, als Goldstein treffend darauf hinwies, daß die russische Revolution größere Be- deutung für den Kulturfortschritt habe als der Krieg 1870/71.— Belustigend fast wirkte es, als dann Minister v. Metzsch, fast gereizt, erklärte: daß Sachsen kein Rechtsstaat sei, wäre— durch nichts bewiesen. Der Mann hat vollkommen recht. Was hat die zeit- weise Ausschaltung deS Versammlungsrechts mit dem Rechtsstaat zu tun? Das sind ja nur„Präventivmaßregeln", wie er sich ausdrückte. Auch von polizeilicher Bevormundung könne keine Rede sein. Natürlich nicht. Hat dieser„leitende Staatsmann" eine Ahnung I Besonders in die Krone schien ihm auch gefahren zu sein. daß Goldstein unter dem Beifall der Tribüuenbesucher konstatierte, weite Kreise des Volkes erwarten ungeduldig den Abgang des Herrn v. Metzsch. lieber die Reform deS Wahlrechts ließ sich der Minister nicht ausholen. Er erwiderte auf eine recht deutliche Anzapfung nur. daß die Regierung nach wie vor dazu bereit sei, alle Vorschläge ernsthaft zu prüfen. Es habe n i e die Absicht bestanden, die Reform zu ver- schleppen. Das ganze sächsische Volk glaubt das selbstverständlich aufs Wort, obwohl alle Tatsachen gegen vieles Miiiisterwort sprechen.— Die Debatte wurde, wie schon wiederholt in wichtigen Fällen, durch Schluß- antrag abgewürgt. Als der freisinnige Abg. Roch dieses Verfahren der Mehrheit. Angegriffenen der Opposition das Wort abzuschneiden. kritisierte, mußte er sich von dem nationalliberalen Vizepräsidenten Dr. Schill sagen lassen. das sei eine„unparlainentarische Kritik". Es ist nicht zu glauben I Hervorgehoben zu werden verdient, daß sowohl in den Ministerreden als auch in denen der Vertreter der Mehrheitsparteien eine bisher nicht übliche Reserve in der Sozialistenbekämpfung zu spüren war. Die Herrschaften leiden seit den ersten Dezemberlagen 1005 an Be- klemmungen. Im übrigen ist aucki durch diese Debatten dem sächsischen Volke gezeigt worden, daß sein Heil nur bei der Sozial- demokratie liegt. Wenn nicht eher— bei den nächsten Reichstags- wählen wird sich zeigen, daß sich das Voll darüber klarer ist als je.— Die badische Kammerfraktion und der Hof. Von einem Mitglieds der badischen Kammerfraktion wird uns geschrieben: Am Montag begründete der Zentrumssllhrer Fehrenbach in der Zweiten badischen Kammer die Abgabe weißer Zettel durch seine Parteigenossen bei der Wahl des zweiten Vizepräsidenten, des Ge- nossen Geck. Das Zentrum, erklärte er, bestreite nicht, daß die Sozialdemokratie als drittstärkste Fraktion einen Anspruch auf die zweite Vizepräsidentenstelle habe: unter den bestehenden llmständen müsse aber das Zentrum eine Mitwirkung bei der Wahl des Sozial- dcmokraten ablehnen. Er habe vom sozialdemokratischen Abgeordneten Eichhorn erfahren, daß die Sozialdemokratie sich weigere zu Hofe zu gehen. Der Verkehr zwischen den Mitgliedern der Kammer und dem großherzoglichen Hofe habe sich aber durch langjährigen Usus zu einer parlamentarischen Gewohnheit herausgebildet, die, wenn auch nicht gesetzlich vorgeschrieben, doch offizieller Art sei. Es sei nun aber nicht die Absicht der sozialdemokratischen Kammerstaktion, die v e r f a s s u n g s m ä ß i g bezw. in der Geschäfts- ordnung des Parlaments vorgesehene Unterhandlung zwischen Volks- Vertretung und Krone mitzumachen. Der Abg. Geck präzisierte demgegenüber die Auffassung der sozialdemokratischen Kaminerstaktion dahin: Als bekannt wurde, daß bei der Präsidentenwahl das Zentrum im Plenum die Anfrage an die Sozialdemokratie richten wolle, wie sie sich die Stellung ihres Vizepräsidenten zum Verkehr mit dem Hofe denke, ist von uns beschlossen worden zu erklären, daß ein solches Examen nicht zu den Gepflogenheiten der Zweiten Kammer gehöre und diese Schnlmeisterei deshalb zurückgewiesen werden müsse. Eine außerhalb des Plenums durch den Führer der Block- Parteien an die Fraktion gerichtete Anstoge wurde aber dahin be- antwottet:„Die sozialdemokratische Fraktion der Zweiten Kamn, er lehnt es rundweg ab, höfische Zeremonien mitzumachen. Bezüglich des ver- jassungs mäßigen Verkehrs zwischen der Volks- Vertretung und dem großh. Hofe muß es der Sozialdemokratie überlassen werden, wie sie sich beim eintretenden Falle damit abfindet." Zur näheren Erörterung der Sache sei hinzugefügt, daß gemäß Z 67 der badischen Verfassungö Urkunde von, 22. August 1813 den beiden Kammern das Recht eingeräumt wird,„den Großherzog unter Angabe der Gründe um den Vorschlag eines Gesetzes zu bitten". Ebenso sind sie(einzeln oder in Gemeinschaft)„zu anderen Vorstellungen an den Großherzog be- rechtigt". Diese„Bitte" kann nach der Geschäftsordnung durch selbständige Gesetzesvorschläge oder auf schriftlichem Wege durch den Präsidenten geschehen, oder auch durch eine der im K 7i der Geschäftsordnung vorgesehenen Deputationen. Diese letzteren haben zu bestehen aus dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten, den Sekretären(also dem Kammervorstand). sowie einer zu bestimmenden Anzahl anderer Ab- geordneten, welche durch d a S Los gewählt werden. Diese Depu- tation kann aber nur nach eingeholter Erlaubnis an den Großherzog abgeordnet werden. Erwägt man die Eventualitäten, welche aus dieser, wie Abg. Geck ausführte, veralteten und nicht mehr ins 20. Jahrhundert passenden.DeputationSvorschrift entstehen können, so ist die Ver- sicherung eines taktvollen Verhaltens im gegebenen Falle nur ein Ausfluß des Anstandes. Zudem kann das Geschick, als Abgesandter der Kanuner in geschäftlichen Angelegenheiten„zu Hofe gehen" zu müssen, auch die übrigen sozialdemokratischen Abgeordneten der Kammer treffen. Denn außer dem zweiten Vizepräsidenten können durch des„Loses Tücke" auch andere sozialdemokratische Abgeordnete zu Mitgliedern einer solchen parlamentarischen Deputation ernannt werden; ja eS kann der Fall eintreten, daß die Mehrheit einer solchen Deputation auS Sozialdemokraten besteht. Soll dann diese sich durch Ver- Weigerung der einzuholenden Erlaubnis von des Schlosses Pforten wegweisen lassen? Soll sie untertänigst um ein Gesetz bitten helfen, dessen Entstehung sie vielleicht im Interesse der Arbeiterschaft be- kämpft? Würde den sozialdemokratischen Abgeordneten im Schlosse auch volle Gleichberechtigung in der Diskussion gewährt werden, ihre abweichende Meinung grundsätzlich darzulegen? lieber alle diese Fragen und Bedenken hilft die Tatsache hinweg, daß in der Praxis ein solcher Bittgang um Vorlegung eines Gesetzes unnötig geworden ist. Die sozialdemokratische Fraktion ist stark genug, um gemäß dem§ H der Geschäftsordnung einen durch zehn Abgeordnete unterzeichneten Gesetzentwurf mit der geforderten„kurzen Begründung" eigenmächtig vorzulegen. Sie tat eS bereits in dieser Session. Ein solcher Gesetzes- Vorschlag beginnt mit den Worten:„Wir, Friedrich von GotteSgnaden. Herzog von Zähringen usw. usw." und endet mit den Unterschriften der zwölf sozialdemokratischen Ab- geordneten. Will jemand bestreiten, daß sich die badische sozialdemokratische Kammerfraktton bereits in taktvoller Weise mit dem„Bittgang zu Hose" abgefunden hat? Sollte aber doch eine Deputation gemäß § 74 einmal nötig werden— ein Fall, der nicht sobald vorkonimen dürfte—. so wird die sozialdemokratische Kammerfraktton wissen, wie sie sich zu verhalten hat, wenn man ihr etwas zumutet, was sich nach ihren politischen Begriffen nicht für sie schickt. . ES handelt sich demnach, wie die vorstehende Korrespondenz zeigt, durchaus nicht um ein eigentliches„Zu-Hofe-gehen". Jede Teilnahme am höfischen Zeremoniell hat Genosse Geck abgelehnt. Wenn demnach die„Voss. Ztg." im Leitartikel ihrer gestrigen Abend- nummer spöttelt: „Noch hat sich die Entrüstung über den hessischen„Hofgänger" Cramer nicht ausgetobt, so hat schon ein anderer Sozialdemottat, wie Herr Cramer Mitglied deS Reichstages, argen Anstoß erregt; auch Herr Geck ist bereit zu Hofe zu gehen; als zweiter Vize- Präsident der badischen Kammer hat er gestern erklärt, seine Partei werde sich in taktvoller Weise mit der Geschäftsordnung abzufinden wissen, und er fände gar nichts Besonderes darin, wenn eimnal der Großherzog sich mit einem Sozialdemokraten unterhielte", so beweist sie damit nur, daß sie weder die Zusicherungen GeckS kennt, noch die Bestimmungen der badischen Verfassung.— •• » veutlckes Reld). Klassenkaochf im Zentrum. „Kein Klassenkampf! Harmonie der Jntereffen aller Stände! Jedem Staude seine gebührende Vertretung, jedem Stande Schutz und Hülfe!" So preist das Zenttum allen Ständen und Berufen seine Allheilmittel an. Ueber manchen Volksbetrug kam es damit hinweg. Aber allgemach scheiden sich die Geister; kein religiöser Kitt vermag mehr zu halten, was die Gesetze der EntWickelung zerreißen. Die schönen Floskeln zerplatzen wie Seifenblasen und in den schwärzesten Gefilden tobt der Klassenkampf. Wir berichtete,, jüngst von dem Protzenstandpunkt der durchweg gut katholischen Unternehmer deS Aachener Bezirks, die mit ihren christlich organisierten Arbeitern jede Verhandlung ab- lehnten, die Führer und Sprecher maßregelten und die Arbeiter aus dm Werkswohnungen exmittierten. Als Ersatz für ihre angesessenen Glaubens- und Parteigenoffen lassen sie Ungarn, Polen und Italiener kommen. Wie im wirtschaftlichen Kampfe scheiden sich die Geister auch auf politischem Gebiete. Seit Jahren hat das Zenttum in Aachen den Arbeitern die Herabsetzung des Zensus versprochen, seit Jahren stellt es den Ar- beitern eine entsprechende Verttetung im Rathause in Aussicht. Noch im letzten November versprach man den Arbeitern wiederum die Herabsetzung des Zensus und die Wahl eines Arbeiters zum Stadtverordneten, sobald ein Mandat frei würde. Tankbar wurde die Rolle des Erbanwärters angenommen. Und auch der liebe Gott sah ein, daß die bisher so bescheidenen Arbeiter und getreuen Be- kämpfer des Umsturzes ein Mandat verdienten und ließ einen Stadt- verordneten seinen ttdischen Sitz im Kaisersaale mit einem himm- tischen vertauschen. Von den bisherigen Stadtverordneten gehören 19 zur ersten, 13 zur zweiten und nur 2 zur dritten Klasse. Die dritte Klane wählte bisher durchweg Angehörige der dritten und zweiten Klasse als ihre Vertreter. In der dritten und zweiten Klasse herrscht das Zentrum unbeschränkt. Da sollte man meinen, die Partei der alleinigen Gerechtigkeit würde schon mit Rücksicht auf diese Tatsache den Wählern der zweiten Klasse einen Arbeiter präsentieren. Soviel Gerechtigkeit besaß aber weder die alte Konstantia noch der Wähler- ansschuß, eine Vertretung der verschiedensten klerikalen Vereine. Man einigte sich auf eine Schiebung. Ein in der dritten Klasse gewählter Fabrikant sollte sein Mandat niederlegen und in der zweiten Klasse gewählt werden, das erledigte Mandat der dritten Klasse sollte dann ein christlicher Gewerkschaftsführer erhalten. Damit waren die Parteigenossen der zweiten Klasse jedoch nicht einverstanden. Sie wollten weder einen Arbeiter, noch einen Freund der Herabsetzung des Zensus gewählt wissen. Sie lehnten deshalb die Wahl des offiziellen Kandidaten ab, stellten dem offiziellen Kandidaten einen anderen entgegen und erreichten auch, daß dieser mit 554 gegen 407 Stimmen gewählt wurde. Die Liberalen stimmten für den Kandidaten des katholischen„Unabhängigen Bürgervereins", so nennt sich nämlich die Opposition, im Gegensatz zu der(von den Agrariern) abhängigen offiziellen Parteileitung. Der neu- Verein steht„treu zum Zentrum", nimmt nur katholische Mitbürger auf und will die katholische Stadl Aachen„katholisch regiert" sehen— also, Leute, die ehrlich sagen, was das Zentrum bisher dachte. Und ebenso ehrlich sagen die Herren der katholischen zentrums« treuen Opposition, was sie mit den Arbeitern vorhaben. In ihrem Wahlaufruf heißt es unter anderem: Weshalb ersucht man nicht offen und ehrlich Euch, die Wähler der zweiten Klasse, den Arbeiter zu wählen? Weil man weiß, daß Ihr keinen Arbeiter wählen könnt, da die wirtschaftlichen Kämpfe Euch nötigen, ans die ungeschmälerte Verttetung der bürgerlichen Interessen im Rathanse Bedacht zu nehmen.... Wählt Ihr Herrn Pappert(den Kandidaten der Parteileitung), s o tragl Ihr die Schuld, daß durch die dritte Klasse ein Arbeiter, und damit nicht ein Vertreter, sondern ein W i d e r s a ch e r der Bürgerinteressen in das Rathaus ein- zieht.... Wir erklären wiederholt, daß toir nicht das Zentrum be- kämpfen und warnen Euch nochmals, durch die Wahl des Herrn Pappert Platz zu schaffen für einen A r b e it e r- S t a d t r a t, der als der hiesige Ver- treter des christlich-sozialen Metallarbeiter- Verbandes wohl die Interessen seines Ver- bandes fördern wird, aber die Interessen des Bürgertums von seinem Standpunkte auS bekämpfen muß. So die besitzenden Zentrumsbürger. Sie sprechen aus, was ist. Kann der Protzcnstandpunkt besser hervorgekehrt, die Macht des Geldsacks mehr betont werden, als in dem Aufruf der Herren des katholischen Bürgervereins?_ Tie„parlamentarische" Erörterung der Hamburger Janhagel- Exzesse. In der Sitzung der Hamburger Bürgerschaft vom 7. Februnr kam eS anläßlich des von Th. Menzel(Linke) gestellten Antrages auf„Entschädigung der bei den, Volksauslauf in Mitleidenschaft gezogenen Geschäftsleute aus Staatsmitteln" zu lebhasten Aus- einandersetzinigeu zwischen der Wahlrechtsräubermehrheit und unseren Genofsen E.Fischer, Schaum bürg und Stubbe. Der Antragsteller bebanptete frank und frei, der Zusammenhang zwischen den Versammlungen, in denen die Leute aufgereizt wurden, und den Exzessen am Fischmarkt, Schopenstehl und in der Niedern- straße liege klar ans der Hand. Trotz der vielgerllhmten sozial- demokrattichen Disziplin setzten sich die Exzedenten auS organisierten Arbeitern zusammen, wie die Untersuchung er- geben werde. Ganz besonders hat eS dem Herrn das am Montag als Antwort auf den Wahlrechtsraub verbreitete sozialdemokratische Flugblatt angetan. Dr. Brackenhöft(Reckte) null eine generelle Enlschädignugspflicht des Staates bei Aufruhr usw. Genosse Fischöl erklärte sich für den Antrag Menzel(Zurufe:„Das ist stark 1"), weil ein fahrlässiges Verschulden der Polizei vorliege. (Lärm bei den Wahlrechtöräubern.) Redner war bei Austeilung feiner schmerzhaften Hiebe, die wiederholt unartikulierte Laute auf der Linken und Rechten auslösten, in der glücklichen Lage, sich auf das Zeugnis der anständigen bürgerlichen Presse und einwandsfreier Leute, ja auf die gefchädiglen Geschäftsleute selbst berufen zu lönuen, daß die taktische Ungeschicklichkeit der Polizei ichuld sei an den Vor- gängen. Die intellektuellen Urheber der Exzesse seien die Wahl« rechlsräuber, was auch von bürgerlichen Zeitungen anerkannt werde. Es sei höchste Zeit, der Polizeiwillkür einen Riegel vor« zuschieben, und zwar müßte vor allem das Vereinsgesetz ab« geändert werden, dessen reaktionäre Bestimmungen in rücksichts- losester Weise zur Anwendung gelangten. Unser Genosse schloß mit den Worten:„Glauben Sie denn, daß organisierte Genossen, wie Herr Menzel sagt, Konsumvcreinsläden und Arbeitervereins- lokale demolieren und plündern würden? Ich erhebe nochmals Protest gegen die Behauptung, daß die Sozialdemokratie schuld an den Vorgängen sei, die falschen Dispositionen der Polizei sind eS. und deshalb stimmen wir den Anträgen zu."— Genosse Schaumburg, der Verleger des Flugblattes, konstatiert ebensalls, daß eine ganze Reihe der geschädigten Geschäftsleute der Polizei die Schuld geben. Er freue sich, daß das Flugblatt den Zorn der Wahlrechisräuber erregt habe. Es handle sich um ideelle Güter des Volkes, die ihm durch die Wahlrechtsräuber genommen sind. Der Redner wurde einige Male zur„Ordnung" gerufen. Auch die Hamburger Volksvertretung ist eine Stätte, wo die Wahrheit nicht gern gebärt wird. Denn Dr. P o e l ch a u(Rechte) gab seinem Bedauern Ausdruck, daß es Blätter gebe, auf die sich die„Herren" berufen können. Außerdem sprachen noch Dr. v. Reiche(Zentrum) und R o h d e(Linke), die in dieselbe Kerbe schlugen. Genosse Stubbe schilderte, wie „taktvoll" viele Polizeibeamte gegen das Publikum vorgingen, sei er doch selbst, als er aus dem Parlanientsiaale kam, aus dem Rathausmarkt von fünf oder sechs Polizeibeamten in rohester Weise angepackt worden.(Diese Mitteilung wurde von Länn und rohem Lachen begleitet, eine nette Sorte„Volksvertreter".) Einen osffziellen Polizeibericht, der von mehreren Rednern verlangt wurde, würde Redner mit Freuden begrüßen, doch sollte man nicht das Trinkgelage der Polizeibeamten im Rathause vergessen, damit be« kannt werde, wie„eingeheizt" worden sei. Die Straßen- absperrungen seien so ungeschickt wie möglich vorgenommen worden. indem die Mafien in die engen Straßen gelrieben worden seien. um besser dreinhauen zu können. Ein großer Teil der Schutz- leute habe blindlings dreingehanen.(Bravo!) Fragen Sie den Kollegen Lewy(Zentrum), dessen Sohn ebenfalls Prügel bekommen hat. Hätte die Sozialdemokratie die Aufgabe gehabt, für die Ord- nung zu sorgen, dann wäre nicht? passiert.(Unterbrechnngen) Am Schluß seiner Rede geißelt unser Genosse scharf das illiberale Ver- galten der boltsfemdlichen„Volksvertreter", waZ ihm ebenfalls einen Ordnungsruf eintrug. Der Entschädigungsantrag wurde e n d- gültig ein st im m ig angenommen, der Antrag Brackenhorst einem AuSschnsz überwiesen.—_ Der deutsche Landtvirtschastsnat hörte am Donnerstag einen Vortrag des Geh. Rats v. Behring (Marburg) über Tuberkulose- Bekämpfung beim Rindvieh und hygienische Milch-Erzeugung— eine Frage, die natürlich nicht nur die Landwirtschaft, sondern alle Bevölkerungsschichten interessieren must. Es würde zu weit führen, hier alle technischen Erörterungen Behrings über Rinderimpfnng und die daran ge- knüpften Betrachtungen über Gewinnung einwandsfreier Ä indermilch wiederzugeben. Vor einiger Zeit hatte Behring über dasselbe Thema in Paris gesprochen. Seine Darlegungen erregten große Sensation und gaben Anlaß zu übertrieben optimistischen Schlußfolgerungen über die Aussichten der Bekämpfung menschlicher Tuberkulose. Hierzu erklärte Behring am Donnerstag: Er habe nicht von einem Schwindsuchtsmitlel im Sinne eines Heilmittels für die bereits vorhandene tuberkulöse Zerstörung der Lungengewebe gesprochen, sondern von einem Mittel, das bei zeitiger Verwendung an jugend- lichen Individuen die Schwindsucht verhüten und allenfalls auf schon bestehende Tuberkulose-Herde eine Heilwirkung ausüben könnte. Für Herbst des Jahres 190ö stellt der Vortragende die Preisgabe seines Mittels in Aussicht!— So weit, so gut. Es ist gewiß erfreulich, wenn der Land» Wirtschaftsrat ausnahmsweise auch einmal für die Wissenschaft ein wenig Zeit übrig hat. Aber zu welchen Zwecken benutzen die Herren Agrarier die Forschungen unserer Gelehrten, sobald sie überhaupt von ihnen Notiz zu nehmen geruhen? Die an Behrings Vortrag sica anschließende Debatte zeigte es. Kein Geringerer als der edle Oekonomierat Ring-Charlottenburg unseligen Angedenkens hatte die „edle" Dreistigkeit, an Behrings Referat folgende festzunagelnde Betrachtung zu knüpfen: Die Nutzanwendung aus dem Referate sei, daß hoch- pasteurisierte und sterilisierte Milch Säuglingen und Kindern absolut schädlich sei. Daher dürfe Milch aus dem Auslände in größeren Quantitäten nicht eingeführt werden 1 1. Der Bericht verzeichnet bei der„Rede" des Herrn Ring ab- wechselnd„Beifall",„Heiterkeit" und„Stürmische Heiterkeit". Fast bewundernswert ist die Unver— zagtheit, mit der Leute vom Schlage der Ring aus jeder Blüte ihren Honig zu saugen der- stehen. Und das wettert mit dem Brustton der Ueberzeugung gegen die.kulturschädigende" Sozialdemokratie! Gegen die Fleischteuerung. Die seit einiger Zeit wiederum steigenden Viehpreise haben die Berliner Fleischerimmng bewogen, in einer gestern abend ab- gehaltenen Versammlung sich erneut mit der Viehteuerung zu be- jchäftigen und folgende Resolution zu fassen: Die Verhandlungen im preußischen Abgeordnetenhause am 23. Januar d. I., Viehteuerung und Fleischnot betreffend, haben von neuem den unumstößlichen Beweis ergeben, daß seitens der Reichs« und Staatsregiernng auf Abhülfe der noch jetzt ebenso wie vor Monaten herrschenden Notstände ans dem Ge- biete der Viehteuerung und Fleischnot nicht zu hoffen ist. Der Minister für Landwirtschaft, Herr v. PodbielSki, hat wiederum bewiesen, daß er niemals als preußischer Staatsminister. sondern stets nur als einseitiger Vertreter der landwirtschaftlichen Jntereffen gehandelt hat. Der Herr Minister hat, wie der stenographische Bericht nachweist, unumwunden zugegeben, Urteile über den Stand der Fleischnot und den damit im engsten Zu- sammenhang stehenden Verhältnissen gegen seine Ueberzeugung abgegeben zu haben... Im Interesse der Allgemeinbevölkerung richten wir an die gesetzgebenden Körperschaften sowohl des Reiches wie auch an alle Einzelstaaten die ebenso dringende wie ergebene Bitte, dahin wirken zu wollen: „Daß die jetzt bestehende Viehteuerung und die auch vom Herrn Minister v. Podbielski rückhaltlos anerkannte Fleischnot, welche durch die am 1. März dieses Jahres eintretende Einfuhr- erschwerunaen noch fühlbarer werden wird, durch Oeffnung der Grenzen für die Einfuhr von Schlachtvieh in etwas gemildert werden mögen." Die Resolution ist wenigstens schärfer gefaßt, als die früheren Beschlüffe— Erfolg wird sie aber ebenso wenig haben. Die Agrarier beherrschen die Situation z sie pfeifen und die Regierung tanzt.—_ Polizei gegen russische Auswanderer. Die dem Säckel der Aktionäre der Amerika- und Llohd-Linie so vorteilhafte, der Freiheit und dem Interesse nicht reicher russischer Auswanderer so nachteilige Ballin Polizeiverordnung ist dieser Tage vom Kammergericht für gültig erklärt. Der Regierungspräsident zu Gumbimren hat unter dem 23. Dezember 1898 eine Polizeiverordnung erlassen, deren§ 1 vorschreibt: Russische Auswanderer dürfen nur dann übertreten in den Regierungsbezirk Gumbinnen, wenn sie einen ordnungsmäßigen Paß, eine Kajütenfahrkarte(für Ostsee Hamburg-Anierikalinie, für Nordsee Bremer Lloyd) nach einem außereuropäischen Hofen und so viel Barmittel besitzen, daß dadurch die Reise»ach dem Bestimmungsorte und ihre Annahme daselbst gesichert erscheint.— Wegen llebertretung dieser Regierungs- Polizeiverordnung waren die Russen Laaser und Ars angeklagt worden. Das Landgericht Tilsit als Bernfnngsinstanz ver- urteilte auch die Angeklagten, weil sie von Rußland in den Re- gierungsbezirk übergetreten seien, ohne den Anforderungen der Ver- ordnnng zu entsprechen.— Die Angeklagten legten Revision ein und rügten die Ungültigkeit der Verordnung des Regierungspräsidenten. Unrer anderem verstoße sie gegen die Verordnung über das Paß- wesen. Das K a m m e r g e r i ch t, das die Sache schon einmal ver- tagt hatte, um Materialien betreffend das Zu- st anbekommen der Verordnung einzuholen, ver- warf die Revision. Es erklärte die Verordnung mit folgender Begründung für rechtsgültig: Durch die Materialien iverde die Frage der Rechisgiiltigkeit allerdings wenig ge- fördert. Indessen handelt es sich um folgendes: Nach z 12 des preußischen Polizeiverwaltungs- Gesetzes vom 11. März 18SV könnten sich die nach§ 11 zulässigen Bezirks- Polizeiveroronungen der Regierungspräsidenten auf die im K 6 des Gesetzes(hinsichtlich der Ortspolizeiverordnungen) angeführten und alle andereuGege n st ä n d e beziehen, deren polizeiliche Regelung durch die Verhältnisse der Ge- meinden oder des Bezirks erfordert seien. Da hätten nun zweifellos der Regierungsbezirk Gumbinnen und die darin liegenden Orie ein großes Interesse daran, daß sich nicht ein großer Strom unbemittelter Ausivanderer in ihn ergieße, dessen Durchzug nach Amerika nicht gesichert sei. Es läge die Gefahr vor, daß diese Elemente im Regierungsbezirk zurückbleiben oder drüben angelangt, zurückgeiviesen ivürden und wieder kämen, ohne daß ihre llebernahme nach Rußland erzwungen werden könne. Das besondere Interesse des Bezirkes an jenen Polizcivorschriftea sei also gegeben. Es müsse nun mindestens eine gewisse Aehnlichkeit mit den unter§ 6a bis tr des Gesetzes aufgeführten Gegenständen Polizei- licher Regelung bestehe. Auch das sei der Fall. Durch jene Aus- Wandererelemente werde das Eigentum(K 6s.) bedroht, indeni den Gemeinden mehr Kosten erwüchsen. Auch käme§ 6s(Aufnahme und Beherbergung von Fremden) in Be- tracht!! I Wie gepreßt und gezwungen ist die Entstehung dieses Urteils und feine Begründung I Man hört ordentlich die Zweifel heraus, die die Richter selbst hatten. Das Urteil ist in der Tat unhaltbar und bereits mit dem preußischen Polizeiverwaltungsgesetz, das das Kammergericht anführt, unvereinbar. Die Logik, die dem Kammergerichtsurteil bei der Auslegung des Gesetzes beliebt hat, würde es rechtfertigen, jeden nicht reichen Menschen, ob In- oder Ausländer, polizeilich jedes Recht zu unterbinden, da er ja mög- lickeriveise eine strafbare Handlung begehen könnte. Zu seinem falschen Ergebnis konnte das Kammergericht nur deshalb kommen, wenn es die Polizei für die Seele des Staates hält, deren Tun richterlicher Prüfung in den Fällen nicht unterworfen ist, in denen es sich gegen minder Wohlhabende richtet. Das ist bei einem Gericht begreiflich, das in Streikprozessen den Schutzmann als den Engel betrachtet, der das Gericht von der Pflicht erlöst, zu prüfen, ob eine polizeiliche Anordnung zur Ent- ferimug von der Straße erging. Die kanimergerichtliche Entscheidung übersieht aber auch, daß die Gumbinner Polizeiverordnung ungültig ist, weil sie gegen den russischen Handelsvertrag verstößt, der auch für arme Russen die Anfenthaltsbrrechtigung einräumt. Freilich, ein Gericht, das eine polizeiliche Behinderung des Aufenthaltes für eine polizeiliche„Regelung der Ausnahme und Beherbergung" hält, wird in der Behinderung des Aufenthaltsrechts den Schutz des Aufenthaltsrechts erblicken._ Paasches Eintritt in das Kolonialamt. Schon vor einigen Tagen wurde gemeldet, daß Paasches Eintritt in das Kolonialamt in Regierungskreisen ernstlich erwogen t ver de. Diese Meldung wurde zwar dementiert, doch behaupten dem entgegen die„Leipziger Neuesten Nachrichten", daß in der Tat schon seit langem mit dem nationalliberalen Abgeordneten hierüber verhandelt worden sei un>d daß nur noch die Unterschrift des Kaisers fehle, um den Gedanken in die Tat umzuwandeln. Da es bei den Eingeweihten als sicher gelte, daß der derzeitige Kolonialprinz seinen Posten nicht allzu lange behalten Iverde, so werde Herr Paasche voraussichtlich nicht nur die Arbeit, sondern auch die Ehren eines Leiters unseres gesamten kolonialen Wesens übernehmen. .Herr Paasche wäre in der Tat der geeignete Mann für die ausschweifenden Kolonialpläne gewisser Personen. Ms„heiliger" Paasche würde er durch Begünstigung des Missionswesens seinem Namen alle Ehre machen und damit auch das Zentrum für alle kolonialen Projekte gewinnen. Daß die kaufmännischen Jnter- cssentenkreise bei dem selbst sehr industriösen ehemaligen Professor das kongenialste Verständnis für die abenteuerlichste Kolonialpolitik finden würden, steht nicht minder außer Frage.— Fort aus Kiantschou! Die„Frankfurter Zeitung" veröffentlicht au leitender Stelle eine ausführliche Zuschrift von besonders gut unterrichteter S>eite, die sich höchst abfällig über unseren Platz an der Sonne äußert und zu dem Resultat gelangt, daß es das beste wäre, den Chinesen das Pachtgebiet gegen Ersatz der Kosten zurückzugeben. Kiautschou sei das viele darauf verwendete Geld nicht wort, es sei eine kolossale Uebertreibung, Tsingtau für den herrlichsten Hafen Ostasiens zu erklären. Deutschland habe sich dieses Hafens bemächtigen können, weil er den anderen Nationen nicht gut genug gewesen sei. Tsingtau könne sich nicht entfernt mit manchen südkoreanischen Häfen messen, namentlich nicht mit Musampho. In den amtlichen Denkschriften über Kiautschou werde viel von der rapide tt Zunahme des Handels be- richtet. Prüfe man aber die Handelsstatistik, so ergebe sich, daß die Zunahme fast ausschließlich auf die Japaner entfiele, während der d e u t s ch e Handel nicht von der Stelle wolle. Die deutschen Kauf- lente ebenso wie die Ingenieure und Techniker in Tsingtau sähen denn auch der Zukunft der Kolonie recht trübe entgegen. Man sage das nicht öffentlich, weil alle mehr oder minder zur Regierung in Beziehungen ständen, im Privatverkehr mache man aber keinen Hehl daraus. Tsingtau sei mit ungeheuren Kosten in eine schöne lachende Beamten st adt verwandelt worden. Ein Zlinerikaner, der ganz Ostasien kenne, habe gesagt, die Deutschen befolgten gerade die entgegengesetzte Methode wie die Amerikaner. Gründeten diese eine Stadt, so begnügten sie sich anfangs mit Holzschuppen und dem aller- notwendigsten, bis sie sähen, daß der Handel auch gedeihe. Deutschland aber baue zuerst auf Staats- kosten eine prächtige Stadt und warte dann, ob wohl der Handel komme. Die Deutschen müßten wohl heidenmäßig viel Geld haben! Durch die Neugestaltung der politischen Verhältnisse in Ostasien sei Kiautschou vollends wertlos geworden. Ja es sei sogar ein Pfahl in unserem Fleische. Nickt einmal als Flotten- station komme es in Betracht, da eine Ostasicnflotte im Kriegs- falle von Teutschland völlig abgeschlossen und jedem Feind ans Gnade und Ungnade preisgegeben sei. Wolle man Tsingtau in eine Festung verwandeln, so werde das mindestens 6 0 Millionen kosten. Und trotz alledem werde Kiautschou schließlich entweder an China oder an Japan fallen. Das beste wäre also, sich möglichst bald aus dieser Kolonie zurückzuziehen. Diese Kritik deckt sich vollständig mit dem, was wir selbst über Kiautschou gesagt haben. Es ist eine frivole Geld- Verschleuderung, jährlich neue Dutzende von Millionen für Kiautschou auszugeben, trotzdem uns diese wertlose Pachtung bereits über Hunde rt Millionen ge- kostet hat. Hinzu kommen noch die riesigen Ausgaben für den C h i n a k r e u z z u g in Höhe von M Milliarde Mark. Nach dem Pekinger Schlnßprotokoll sollte China bekanntlich diese Kriegskosten binnen?>0 Jahren zurückzahlen. In Wirk- lichkeit aber müssen wir schon sehr zufrieden sein, daß China die Zinsen für die Kriegsentschädigung und eine jährliche Tilgungsrate von ganzen 600 000 M. zahlt. Da nach dem neuesten Etat die chinesische Kriegsentschädigung sich auf 273 Millionen beziffert, würde es volle 455 Jahre dauern, bis China faktisch die Kriegsentschädigung an Deutschland gezahlt hätte. Das heißt nichts anderes, als daß der größte Teil dieser Kriegsentschädigung überhaupt� nichts gezahlt werden wird. Es ergibt sich also, daß Deutschland für seinen Platz an der Sonne mindestens 300 Millionen zum Fenster hinansgeworfen hat! jliisUitf. Italien. Die Ministerkrisis ist vorüber, ein Ministerium Sonnino-Saechi- Gallo ist zustande gekommen. Außer Saechi, der das Justizininisterinm übernimmt, ist noch ein Radikaler, nämlich Pantano, in das Ministerium eingetreten. Der letztere übernimmt Handel und Land- Wirtschaft; Sonnino selbst die Präsidentschaft und Inneres. Die übrigen Ressorts sind wie folgt verteilt Guieeiardini Aeußeres; Carnine öffentliche Arbeiten; Gallo Unterricht: Salandra Post und Telegraphie; nur bezüglich der Besetzung de» FinaiizmiiiifterhimS werden noch Unterhandlungen gepflogen. Auch dieses Ministerium bildet— wie sein Vorgänger— keineswegs eine Einheit, sondern neben den Mitgliedern der Linken ist auch die Rechte durch einige Mitglieder vertreten. Wie es heißt, soll Sonnino den Kopf voll großer Reformpläne haben. Nun, es wird sich zeigen, inwieweit er es ehrlich meint.— Kommunales. Stadtverordneten-Versammlung. 6. Sitzung vom Donnerstag, den 8. Februar 1906, nachmittags 6 Uhr. Der Vorsteher Dr. L a n g e r H a n s eröffnet die Sitzung um S'/a Uhr. lieber die speziellen Entwütfe zum Neubau von Ge« meinde-DopPelschulen in der L i t t h a u e r st r a ß e, Eckert- straße, Bochnmerstraße und Greifenhagenerstraße, sowie zum Neubau des Friedrich- Werderschen Gymnasiums in der Bochumerstraße hat ein Ausschuß beraten und die Entwürfe mit unwesentlichen Modifikationen genehmigt; doch soll der Magistrat ersucht werden, die Schule in der Eckertstraße als Zingelrohbau mit Verblendern einfachster Art dnrchzusühren. Die Ausschnßanträge werden angenommen. Es folgt die Vorlage betreffend die Frequenz in den Gcmelndcschulen am 1. November 1905. Stadtv. Arons(Soz.): Die Vorlage kann nur äußerlich be« friedigen. Nach den vorjährigen Erklärungen des Stadtschulrats, daß 49— 59 Schüler die geeignete Besetzungsziffer für eine Schul« klaffe seien, mußte man doch mindestens annehmen, daß die Zahl 59 jedenfalls nicht überschritten werden dürfe. Tatsächlich aber haben wir eine erhebliche Ueberschreitung dieser Zahl im Gesamtdurchschnitt bei einer Reihe von Klassen, und viel schlimmer noch liegen die Verhältnisse, wenn wir die einzelnen Klassen statt der Durch» schnittszahlen ins Auge fassen. Selbst in jedem größeren Dorf soll nach einer Ministerialverfiignng die Anzahl der gleichzeitig in einer Klasse zu unterrichteten Kinder die Zahl 69 nicht überschreiten. Bei uns in Berlin ist mit Beginn des Wintersemesters durch die Schul- deputation die Zahl von 60 und 65 für dir beiden untersten Klassen festgesetzt worden. Damit bleiben wir noch lvesentlich hinter jener Verordnung zurück. Jm'einzelnen aber sind 22 Proz. der VIII. Klassen der Knabenschulen mit 69 und mehr Schülern besetzt; auch eine Reibe VII., VI. und V. Klassen gehen über 69 bis zu 63 hinaus. In den Mädchenschulen steht es noch etwas lveuiger erfreulich, dort zählt sogar noch eine vierte Klasse 60 Schülerinnen. Von den achten Klassen waren 24, von den siebenten 25 Proz. über- füllt. Das ist eine deutliche Mahnung an diejenigen, welche am liebsten die ersten Klassen wegen schwacher Besetzung aufheben und die Schulen ans K ostenersparnisrücksichten ohne erste Klasse lassen möchten. Gerade auch im Interesse der Sparsamkeit ist es vielmehr dringend notwendig, die Frequenz der unteren Klassen ganz bedeutend herab- zusetzen. Das Schulgebäude Müllerstr. 158/159 birgt drei Gemeinde- schulen; da sind zwölf achte Klassen mit 763 Kindern, so daß im Durchschnitt auf jede 63,6 Kinder entfallen. Von diesen zwölf sind vier fliegende Klassen; die Sitzplätze in dieser schon damals überfüllten Schule sind von neuem gewachsen und merkwürdiger- weise ist auch ein Klassenzimmer hinzugekommen, so daß jetzt statt 61 Zimmer deren 62 vorhanden sind. Die Vermehrung der Plätze ist aber nicht durch dieses Zimmer verursacht, sondern dadurch, daß man in den Zimmern noch einige Sitzgelegenheiten mehr hineinpraktiziert hat. In diesem Schulgebäude ist eine sechste Klasse mit 64 und eine andere mit 37 Schülern. Letztere gehört einer katholische» Schule an! So wirkt der konfessionelle Unterschied in der Schultechnik des aufgeklärten Berlin.(Hört! hört!) Zur Aufstellung einer Baracke, die in dieser Gegend sehr leicht gewesen wäre, ist man bisher nicht geschritten. Zu meinem größten Erstaunen sind eine Anzahl Schulen mit Klassen von 69 und mehr Schülern und zugleich mit leeren Klassen vorhanden. Hier brauchten doch bloß neue Lehrkräfte angestellt zu werden, um den Uebelstand zu beseitigen. Wir marschieren keines» wegs bezüglich der Lehrerzahl an der Spitze, denn in Berlin kommen auf einen Lehrer 47, in Hamburg, Ivo allerdings ein kleines Landgebiet hinzukommt, nur 38 Schüler. DaS wichtigste Abhülfemittel sind die Baracken, die sofort errichtet werden müßten, wenn sich eine Ueberfüllung bemerkbar macht, womit aber die Erbauung neuer Schulen gleichen Schritt halten müßte. Ans diese Weise würde sich die Stadt leicht auch das Vertrauen der Arbeiterbevölkerung erwerben, welches sie im Kampf mit ihren Gegnern, im Kamps mit der Regierung so notwendig braucht. In einer Schule in der Mohrenstraße findet erfreulicherweise gemein- iamer Unterricht von Knaben und Mädchen auf den untere» Stufen statt; es ist ein Fortschritt in dieser Richtung außerordentlich erwünscht und ein gesetzliches Hindernis dafür besteht nicht. Stadtschulrat Gerftouberg: Der größte Teil der Vorschläge des Vorredners dürfte kaum ausführbar sein. 47 Schüler auf 1 Lehrer halte ich nicht für zu hoch. Die Besetzung von 49—59 habe ich s. Z. für angemessen erklärt und tue das auch heute, aber es ist das ein Ziel, das erst erreicht werden soll. Im Süden und Südosten der Stadt tritt anffallenderweise ein Rückgang in der Schülerzahl ein. im Norden steigt diese ebenso auffallend imd führt zur Ueberfrequenz. Mit der Fortsetzung der Baracken« bauten gedenke ich nicht vorzugehen(Zustimmung), denn die Ver- sammlung hat sich seinerzeit gegen diese teure Aushülfe ausgesprochen. Jedenfalls sind wir mit der Frequenz bedeutend vorwärts ge« kämmen(Widerspruch bei den Sozialdemokraten) und haben im Durchschnitt uns dem Erreichbaren schon erheblich genähert. Die Frequenz in den siebenten Klassen wird weiter sinken, wenn die jetzigen Insassen ausgestiegen sind. Stadtb. Dr. Zadel(Soz.): Mir scheint, als ob die Frequenz« Herabsetzung doch niehr mit der Einführung der Neben- klassen zusammenhängt, und viel Hoffnung auf weitere Herab« setzung hat uns der Stadtschulrat nicht gemacht. Nachdem wir die geistig schwachbegabten Kinder herausgenommen haben, ist eS nur noch eine Frage der Zeit, wenn wir auch die körperlich schwachen herausnehmen werden. Die Waldschulfrage wird ans diesem Gebiete noch eine Rolle spielen. Auch wird etwas getan werden müssen, um die hochbegabten Schüler aus der Gemeindeschule herauszunehmen, und es ist ja damit in dem Statut des Grauen Klosters ein Anfang gemacht. Dann kommen noch die Kinder mit krankhafter physischer Konstitution in Frage. Alle diese Gruppen von Kindern müssen aus der Volksschule heraus. Diesen Weg der Frequenzvermindernng wird vielleicht der Stadt« schulrat nicht als ungangbar bezeichnen. Vor einer Reihe von Jahren haben Untersuchungen über die Kohlensäure- Entwickelung in den Schulräumen stattgefunden, die den Nach- weis erbracht haben, daß 7—12 pro Mille statt deS höchstens zulässige» 1 pro Mille vorhanden Waren. Die Frage der Klassen« freqnenz hängt mit diesen Untersuchungen zusammen; eine so schlechte, vergiftete Luft muß auf die Kinder nachteilig wirken und sie schul- krank machen. Wir verfügen jetzt über Schulärzte; wann bekommen ivir unser chemisches Laboratorium, das ja längst beschlossen ist? Die neueren Schulgebäude weisen ja newiß bessere Verhältnisse auf. Ueber die gemischten Klassen � und die damit seitens der Pädagogen gemachten Erfahrungen möchte ich Auskunft erbitten. Die Frequenzziffer von 59 muß jedenfalls ganz erheblich herabgesetzt werden. Stadtschulrat Gerstenverg: Die EntWickelung wird eS mit sich bringen, ob außer den jetzt von der Schulverwaltung errichteten Nebenklassen noch andere Abnormitäten abgesondert werden müssen; aber soweit wie Herr Zadel werden wir nicht gehen können. Ge- mischte Klassen sind heute schon die Nebenklassen und die kalholischen. Zu Unannehmlichkeiten hat der gemeinsame Unterricht nirgends geführt. Stadtv. Hiiche(Soz.): Die Schulnot im Norden und Nörd- osten ist vom Stadtschulrat selbst anerkannt Korden, aber zu ihrer Beseitigung ist sehr wenig geschehen. Die Baracken bei der Müllerstraße sind seit l'/a Jahren eröffnet, aber von der Erbauung einer neuen Gemeindeschule verlautet noch immer nichts. Die Mietshäuser geniigen in jener Gegend absolut nicht den Bedürfnissen. Im Privatschulhnus Pankstr. 3 muß häufig bis 12 Uhr mittags Licht brenue». Zurzeit sind noch 527 Klassen oder fast der achte Teil aller in Mietshäusern untergebracht. DaS Ivirft kein gutes Licht auf unsere Schulverwaltung. In der Gegend des neuen Krankenhauses besteht eine direlte Schulnot; die Kinder von bort müssen weite Wege bis zur Rostocker- und Wiclefstraste bezw. nach der Slmsterdamerstrnste machen. Stadtv. Cassel sA. L.): Der Rückgang der Frequenz ist festge- stellt, ein iveitercr Rückgang erwünscht. Sprunghaft kann er aber nicht bewirkt werden, denn wir müssen auch Rücksicht auf die Finanz- läge und die Steuerzahler nehmen. Jedenfalls find wir unausgesetzt bemüht, den Mistständen abzuhelfen. Stadrv. AronS: Meine Darlegungen hat der Schulrat nicht widerlegt. Eine Anzahl von Schulen(Redner führt sie einzeln auf) hat tatsächlich neben einer oder mehrere» Klassen niit über 60 Schülern eine oder gar zwei leere Klassen, in einer Schule sind sogar drei leere Klassen vorhanden! Dagegen helfen keine Ausreden, hier müssen Lehrer angestellt werden, dann ist der Not gesteuert! Stadtschulra« Grrstenbcrg: Ich kann nicht Ausnahmeklasien von 30 Schülern einrichten. Die Antwort des Redners auf die Ve- merkungen des Stadtv. Hintze bleibt unverständlich, da Redner offenbar stimmilich indisponiert ist. Die Berst.'mmlung nimmt Kenntnis von der Vorlage. Zur Verhandlung steht nunmehr die Magistratsvorlage wegen Fortfühn.'UB der elektrischen Hoch- und Untergrundbahn vom Potsdamer Platz über den Spittelmarkt und den Alexander- Platz bis jenseits d»es Ringbahnhofes Schönhauser Allee. Stadtw Rast t A. L.) begrüsst die Vorlage, hält aber AuSschiist- beratung für nötig � Nach den Erfahrugen in der Gitschinerstraste bestehe die Besorgni s, dast�die schöne Promenade in ihrem Werte für die Bevölkerung der Schölihauser Vorstadt sehr beeinträchtigt werden möchte. Stadtv. Kyll««»,«(Fr. Fr.): Wir hätten diese hocherfreuliche Vorlage auch ohne AuSschus; angenommen. Sie bedeutet für uns ein Kulturwerk allerersten Range». Das Recht des Ankaufs hat die Stadt schon von 1327 ab. Die Vorlage bildet für uns auch- den Ci rundstock für die weitere Ausbildung des Grost-Berliner Verkehrs. Die Bedenken der Vkitbtirger an der Schönhauser Allee werden im AuSschus; zu prüfen sein. Stadtv. Singer lSoz.): Die Vorlage ist wie keine andere ge- eignet, einmal wieder klar zu machen, welche Bedeumngs- losigkeit die Stvdt als solche auf diesem Gebiete gegenüber denjenigen Instanzen hat. die ihr Plazet zu solchen Anlagen geben müssen, den staatlichen Aufsichtsbehörden. Durch die staat- liche Aussichtsbehörde ist die Stadt gehindert worden, diese Bahn selbst zu bauen; jene trägt die Schuld, dast Berlin sie dem Privat- kapital ausliefern mutzte. Die Illusion von der sogenannten Selbstvertvallung besteht ja«och immer in unseren Kreisen; wenn aber je der Wille zur Selbstverwaltung schon in der Geburt erstickt worden ist, dann hier, und diesen Erfolg können sich die beiden mitwirkenden Miniswr zugute rechneu. In dem vortrefflichen Aerwalwngsbericht für töSti— 1900 wird in dem Abschnitt über das städtische Verkehrswesen der aktenmätzige Nachweis geführt, datz Berlin schon vor 6 Jahrcm seine Bereitwilligkeit erklärt hat, die Lahn vom Potsdamer Platz ins Innere der Stadt fortzusetzen. Unter Verlesung der betreffenden Bescheide des Polizeipräsidenten v. Windheim aus dem Julr 1900 weist Redner nach, daff der Ge- nannte, istr noch am 8. Juli der Meinung war, daß die Stadt diese Linien selbst bauen und im Eigentum behalten werde, schon zehn Tage später dem Magistrat eröffnete, datz der Bahnhof Potsdamer Platz des SiemenS-Unternehmens nicht als Ende, sonidern als Durchgangsstation anzulegen sein werde, datz er die nachgesuchte grundsätzliche Zustimmung zu den städtischen Projekten nicht er- teilen könne und anheimstelle, sie vielmehr in den, Sinne zu re- vidieren, das; die einen gegebenen Faktor bildende S-iemensbahn zur Grundlage genommen werde. Deutlicher, fährt Redner fort. kann dock) nicht gesagt werden, dah Siemens und Halske das Ver- kehrsbedürfnis, soweit es mit ihrer Linie zusammenhängt, zu be- friedigen haben und dah andere Konzessionen, auch an die Stadt. nicht gegeben werden. So also verkehrt man mit uns, und dem gegenüber schickt man noch schwülstige Adressen ab, die in Temnt ersterben, und bedankt sich für die Huld, mit der die Stadt Berlin dedacht ist.(Sehr gut! und Unruhe.) Bei dieser Situation muhte die Stadt freilich die Verhandlungen mit dieser Firn« führen, um den gewollten Zweck zu erreichen. Bis zum Alexanderplatz konnte der Ausbau als �Fortsetzung" der Stammbahn gelten, aber es muh jemand schon mit der Phantasie eines Kyllmann begabt fein, um die Linie Älcrandcrplatz— Schönhauser Allee als Fortsetzung der Linie Warschauerstrahe— Potsdamer Platz anzusehen. Und hier setzt unsere Opposition ein. Die Linie Alexanderplatz— Pankow erschlieht ein vollständig neues Ge- biet der Stadt; hier braucht nicht von dem Grundsatz abgegangen zu werden, dah ferner derartige Verkehrsunternehmungen nur von der Stadt selbst gebaut und betrieben werden sollten. Man hätte sehr bequem einen Anschluhbetrieb vom Alexanderplatz nach der Schönhauser Allee herstellen können und damit wäre auch für diesen Stadtteil der Anschluh an den Schnellverkehr gegeben gewesen. Die grohen Vorteile des jetzigen Vertrages und besonders die Möglich- keit des Erwerbes sehen wir nicht durch die rosenrote Brille an; die Uebernahme schon im Jahre 1927 ist nur eine Kulisse(Heiterkeit), ich bin nicht phantasievoll genug, zu glauben, dah angesichts der Summe, die wir dann vertragsmähig zu behalten hätten, der Er- werb perfekt würde. Die Klagen darüber, dah von der Fransccki- strahe aus die Bahn als Hochbahn weitergeführt werden soll, be- greife ich durchaus.'Wir müssen bei aller Anerkennung des Bedürfnisses dem Vertrage die Zustimmung versagen. Ich schliche mit der Hoffnung, dah wenigstens in Zukunft weitere Verkehrswege nur noch von der Stadt selbst gebaut werden.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Oberbürgermeister Kirschner: Ich kann mich nicht davon über- zeugen, dah diese Ausführungen der Sache förderlich gewesen sind. ES ist richtig, dah in der Vcrkehrsdeputation die Absicht bestand, die Bahn durch die Stadt zu bauen, und erst durch die Erwägungen der staatlichen Instanzen ist das nicht zur Ausführung gekommen. Ich hebe aber hervor, dah das nicht ein rein willkürlicher Akt war. sondern dah für die Strecke bis zum Alcxanderplatz auch gewisse sachliche Erwägungen Platz gegriffen haben. Bei der Weiterführung bis zur Schönhauser Allee ist kein Einfluh seitens der Aufsichts- behördcn ausgeübt, sondern den städtischen Instanzen die freie Eni- schliehung überlassen worden.(Beifall.) Stadtv. Preust(soz.-fortschr.): Es ist schwierig, in diesem Augenblick, wo fast alle ihrer Befriedigung über die Vorlage Aus- druck geben, sich auf einen kritischen Standpunkt zqi stellen. Aber die Zeit wird kommen, wo man fragt, war es notig. diese Bahn wieder einer Privatgesellschaft zu überantworten? Will die Stadt da» Heft in der Hand behalten, so muh sie alle Bahnen an sich bringen, dann darf sie nicht von schrittweisem Vorgehen sprechen. Stadtv, Gronewnldt(A, L.): Wir in der Gegend der Sckstrn- Häuser Allee sollen eine Hochbahn wieder in einer Strahe erhalten, die zur Erholung bestimmt ist und einen Ventilator der Grohstadt darstellt. Das Scheunenvieriel bricht man ab. um Licht und Lust zu erhalten, und hier soll Licht und Luft beschränkt wcrdcnl Stadtv. R-scnow(N. L.): Tatsächlich sind wir gehindert woödcn. die Bahn selbst zu bauen. Der Ankauf des Stammunter- nehme ns war unmöglich. Ter von Singer gemacht Unterschied ifat keine praktische Bedeutung, denn die Gesellschaft war nie bereit. weiter als bis zum Alcxanderplatz zu bauen. Stadtv. Jacobi(A. L.): Herr Singer will an der Spitze des Programms haben:„Die Stadt muh bauen"; ich proklamiere:„Das Publikum muh gut und billig fahren".(Zuruf: Und die Aktionäre gut leben!) Die Aktionäre haben bisher 4 Proz. bekommen; ist das kapitalistische Ausbeutung? Und hat die Gesellschaft nicht jetzt auch das ganze Risiko übernommen? Die Vorlage geht hierauf an einen Ausschuh von IS Mit- gliedern. Nach Erledigung einer Reihe minder bedeutender Gegenstände schlicht die öffentliche Sitzung gegen 9 Uhr. SewerKfcKattUcKes. Berlin una Omaegen». Ein Vertragsbrüchiger Hofkürschnermcifter. Seit einer langen Reihe von Jahren hat im Kürschnergelverbc Berlins keine Firma so viel Veranlassung zu Differenzen gegeben, wie Karl S a l b a ch, H o f k ü r s ch n e r m c i st e r, Unter den Linden 6 7. Solange alljährlich die Saison andauert, sind die Arbeitsverhältnisse einigermaßen erträglich, kommt aber die schlechte GescimftSzeir, dann sind für die Firma plötzlich alle früher von ihr gegebenen Versprechungen und Verpflichtungen null und nichtig und man glaubt, geradezu Schindluder mit den Arbeitern spielen zu können. Versuchte cS doch dieser Herr Hofkürschner- meister noch vor zwei Jahren im Januar, seinen Arbeiicrn und Arbeiterinnen einen Bertrag aufzuzwingen, der neben anderen Schönheitsfehlern auch die Bestimmung enthielt, dah die Arbeiter und Arbeiteriimen nur während der Zeit vom 1. Februar bis zum 15. Februar liindigen durften, während sich der Unternehmer jeder- zeit da- Entlaffungsrecht vorbehielt. Als der Arbcitgeberverband des Kürschnergetverbes im vorigen Jahre die allgemeine Aus- spcrrung vornahm, war Salbach natürlich auch mit dabei, sah sich aber schließlich, ebenso wie die übrigen Unternehmer, genötigt, den neuen Tarifvertrag anzuerkennen, und mußte froh sein, tüchtige organisierte Ardeitskräste wieder zu erhalten. Sie begnügten sich mit einigeriviaßen anständigen Löhnen, Iveil man ihnen versprach, sie würden dms ganze Jahr über Beschäftigung haben und nicht nur in der Saison. Aber am 9. Dezember erhielten plötzlich 6 Arbeiter und 12 Arbeiterinnen ihre Kündigung lvegen..Arbeitsmangels", und auffällige Uucisc wurden gerade Organisierte davon betroffen. Man war dabei sehr höflich und liebenswürdig, bedankte sich für ihre bisherige Tätigkeit und versprach ihnen, sie bei besserem Ge schäftsgang wieder einzustellen. Sie ließen sich dadurch täuschen und glaubten zunächst nicht an eine Maßregelung. Dann wurden sie aber auf eine Annonce in der„Leipziger Kürschner-Zeitung aufmerksam, worin Gehülfen und Arbeiterinnen gesuckt wurden, die keiner Organisation angehören. Die Firma war nicht genannt, aber durch Betverbungsschrcibcn wurde fest- gestellt, daß es wieder einmal Salbacki, Unter den Linden in Berlin. war. der Ersatz für die soeben Entlassenen suchte. Die beiden Kürschncrorgcmisationen meldeten die Sache dem Arbcitgeberverband als einen Verstoß gegen den korporativen Arbeitsvertrag vom 2. September 1905. Der Arbeitgeberverband aber antwortete in einem Schreibe» vom 30. Dezember, daß er in dem Vorgehen Salbachs einen Tarisbruch nickt erblicken könne, da der§ 9 des Vertrages nur besage daß Maßregelungen„anläßlich des Streiks" nicht stattfinden dürfen, und das könne sick nur auf die Wiedereinstellung in.die früheren Plätze beziehen. Aon Maß. regelung lvegen Zugehörigkeit zu einer Organisation sei im Ver- trage überhaupt nicht die Rede. Außerdem habe Herr Salbach auf Anfrage des Arbeitgeberverbandes ausdrücklich erklärt, daß die Entlassungen wegen Mangels an Arbeit erfolgt seien und daß er keine geeignete Arbeit für so teure Arbeitskräfte habe. Ziehe er nun unorganisierte Bewerber vor. so könne ihm dies niemand ver- wehren.— Inzwischen hat sich Salbach einen neuen Vertragsbruch zuschulden kommen lassen, der so offensichtlich ist. daß wohl auch der Arbcitgeberverband ihn nicht wegzudisputieren vermag. Salbach hat nämlich eine neue„Haus- und Arbeitsordnung" eingeführt. deren erster Satz lautet: „Alle bisher bestandenen Abmachungen sind ungültig." Das schließt geradezu eine Ungültigkeitserklärung des Arbeits- Vertrages vom 2. September in sich. Dieser neue Vertrags- bruch wurde am 8. Januar durchgeführt. Wer die Haus- und Arbeitsordnung nicht unterschreiben wollte, wurde entlassen. Gleich- zeitig wurde auch der Austritt aus der Organisation gefordert, und die Unterschristen derjemgen, die sick) dem Ansinnen fügten, wurden den Kürschnerorganisationen mit einem Begleitschreiben der Firma übersandt, worin ihr Austritt als ein„f r e i!v i I l i g e r" be- zeichnet wird. Die Leitung der Kürschnerorganisationen hat selbst- verständlich diesen neuen Gewaltstreich und Tarifbruch sofort wieder dem Arbeitgeberverband gemeldet. Dieser hat aber bis jetzt nicht ~tit gefunden, darüber zu beschließen; wahrscheinlich wird sich am ck-citag(heute) die Hauptversammlung der Arbeitgeber damit be- fassen. Auf diese Saumseligkeit des ArbeitgeberverbandeS konnte selbst- verständlich nicht länger Rücksicht genommen werden. Die Sperre wurde über die Finna Salbach verhängt, und am Mittlvoch befaßte sich eine vom Deutschen Kürschnerverband und von dem Verband der Kürschner Berlins gemeinsam einberufene öffentlich« Kürschnerversammlung mit der Angelegenheit. Ein- stimmig wurde eine Resolution angenommen, in der die Versamm- lu»g sich mit der Berhängung der Sperre einverstanden erklärt und beschlieht, dah diese nur dcrnn aufgehoben werden soll, wenn Herr Salbach sich unterschriftlich bereit erklärt, sämtliche im- organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen zu entlassen und nur organisierte«inzustellen. �■ r- re. � t. Dfc Versammlung appellierte an die bei Salbach be,chastigtcn Arbeiter und Arbeiterinnen, sich mit den gefaßten Beschlüssen solidarisch zu erklären und bis spätestens Sonnabend, den 17. Februar, die Arbeit niederzulegen. anderenfalls sie als Arbeitswillige betrachtet werden. Der Stellung des ArbeitgeberverbandeS zu dieser Angelegenheit sehen die Ver- sammelten mit Interesse entgegen. Die Organisationen werden die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen wissen. Plakate, durch die aus die Handlungsweise der Firma Salbach aufmerksam gemacht wird, sollen im In- und Auslande in allen Verkehrslokalen und Bureaus der Kürschner ausgehängt werden. Der Konditorenstreik bei der Firma I. Löwenstein(Duelaud Nacks). Schulzendorferstr. 23. besteht unverändert fort. Der Maschinist ist gleichfalls mit in den Streik eingetreten. Auf Ver- Handlungen hat sich Herr Löwenstein bisher nicht eingelassen, obgleich es ihm noch in keiner Weise gelungen ist, weitere Streik- brecher heranzuziehen. Er bemüht sich täglich, aber vergebens, streikende Arbeiterinnen persönlich aus der Straße eindringlich zur Arbeit einzuladen, ohne bei dieser Belästigung von Streikenden durch die Polizei behindert zu werden. Für den Maschinisten hat ihn an- scheinend der ResselrevssionSverein einen Eriatz zu stellen versucht. Zuzug ist nach wie vor streng fernzuhalten. Achtung, Lohgerber! Bei der Firma Röseler, Blankenburg- Berlin, sind wegen Lohnforderungen Differenzen ausgebrochen. D»e Finna sticht schon, bevor die Verhandlungen endgültig gescheitert sind, in Untenrehmerblättern Arbeitswillige/ Wir bitten dringend um Ablehnung dieser Arbeitsangebote. Der Zentralvorstand. DeutMu» Rricki. Der Zrhnstundentag in der Textilindustrie. Als im vorigen Sommer während und nach der großen Metall- arbeiter-AuSsperrung die südbayerischen Textilindustriellen mit nicht geringer Angst das kolossale Anwachsen auch des Textilarbeiterver- bandes wahrnahmen, da versprachen sie bekanntlich den Arbeitern, ab 1. Januar 1906„freiwillig" den Zehnstundentag einzuführen und erregten dadurch einen EntrüstungSstumi der übngen deutschen Textilbarone. Der 1. Januar kam heran, aber nur sehr langsam er- innerten sich die Textilindustriellen an ihr Versprechen. Nun erlebte man daS interessante Schauspiel, daß in denjenigen Fabriken, in welchen die Arbeiter bisher noch nie daran gedacht haben, sich gewerkichafllich zusanmieuznichliehen. die Unteniehnier ihr Wort wieder zurückzogen, da» heißt, daß sie den Elfstliiidentag beibehielte»; in jenen Betrieben aber, wo die gewerlichaiiliche Organisation bereit? Fuß gefaßt, da veranstaltete man lächerlicher- weise unter den Arbeitern erst eine A b st i m m u n g nnd führte demzufolge dann den Zehustundentag ein. Ein glänzendes Resultat aber erzielten die Textilarbeiter dort, wo sie fast oder überhaupt vollzählig organisiert sind. E? wurde da nicht nur der Zehn, stuiidentag eingeführt, sondern die Arbeiter drückten auch noch eine wesentliche Lohnerhöhung durck. haben sich also kraft ihrer Organisalion»tckst nur einen wesenllichen materiellen Vorteil er- rmigen, sondern sind auch in der Achtung der Unternehmer ganz gewaltig gestiegen. Man sieht akj'o hier wieder recht deutlich, daß dem Moloch Kapitalismus alles abgerungen werden muß durch eine stramme Organisation, und daß alles Bitten»nd Flennen nichts hilft. Dort, Ivo die Chrisilichen dominieren, besonders im oberen Teil des bayerischen Schwaben, da sind die Textilarbeiter elendiglich'übers Ohr gehauen worden. Mögen die Textilarbeiter auch im übrigen Deutschland äußerst starke Organisationen schaffe», um gleich ivie in Schwaben den Zchiistuudnitag zu erringen. Allerdings darf nicht vergessen werden, daß im schwäbischen Bayer», in Augsburg und im Allgäu, heute der Elfstmidenlag noch überall bestünde und daß die Organisation der Textilarbeiter noch lange nicht auf der Höhe stünde. auf der sie heute tatsächlich steht, wenn nicht die Aussperrung der Metallarbeiier und die Allssperrmiaswllt der Unternehmer ini allgenieinen die Textilarbeiter in Mafien und ganz plötzlich zum Bewußtsein gebracht halten. Es waren hier also wieder die Hauptagitatoren und Hetzer — die Unternehmer I HuaUna. Ein besorgniserregender Streik ist, wie das Rentersche Bureau aus Santiago meldet, in Antofogasta unter den Leuten der Oruru- Eisenbahn ausgebrochen. Bei einem damit im Zusammenhang stehenden Tumult sollen nach amtlichen Nachrichten gegen hundert Menschen getötet sein, darunter auch ein englischer Untertan. Die Regierung hatte Schiffe mit Truppen nach' Antofogasta entsandt. Die ganze Arbeiterbevölkerung des Landes ist von einer bedrohlichen Unruhe ergriffen._ Letzte Nadmebten und Depereben. Ein Fell wie ein Rhinozeros. Berlin, 8. Februar. Aus Anlaß seiner diesjährigen Tagung hielt der Deutsche Landwirtschaftsrat heute abend im Kaiserhos ein FestmaHl ab. Aus der Rede des Reichskanzlers seien folgende Stellen wiedergegeben: Als ich Botschaftsrat war, vor nun 20 oder 22 Jahren, sagte mir einmal mein damaliger Chef, der General von Schweinitz, ein kluger und welterfahrener Mann: Ein Diplomat, sagte er mir, muß einerseits so feinfühlig sein, daß er es merkt, wenn eine Fliege hinter seinem Rücken durchs Zimmer fliegt; andererseits mnss er ein Fell haben, wie ein Rhinozeros (große Heiterkeit). Diese letztere Eigenschaft gegenüber un- gerechten Angriffen empfehle ich auch allen meinen Kollegen. Wer empfindsame Nerven hat, der taugt in unserer Zeit nicht zum Minister. Wegen der Fleischteuerung regnete es ja Angriffe auf mich und auf den Herrn Landwirtschaftsminister, den Landwirt- schastsminifter, von dem ich hoffe, und von dem wir alle hoffen. daß sein praktischer Blick und sein Organisationstalent der Land- Wirtschaft noch lange an verantwortlicher Stelle erhalten bleiben mögen.(Lebhaftes Bravo.) Durch solche Angriffe durfte ich mich nicht abdrängen lassen von meiner Pflicht, von meiner gern er- füllten Pflicht, endlich Besserung in die ländlichen Verhältnisse zu bringen, dem Landwirt wieder Mut zu machen und damit dem gesamten deutschen Vaterlande zu nützen.(Lebhaftes Bravo.) Meine Herren, ich weiß sehr wohl, daß die Fleischteuerung, die sich in verschiedenen Gegenden längere Zeit drückend fühlbar gemacht hat und zum Teil noch fühlbar macht, eine sehr ernste Frage ist. welche die größte Beachtung verdient, und deren Bedeutung ich nie einen Augenblick verkannt habe. Ueber die Stellung der Sozialdemokratie zur Landwirtschaft ver» zapfte Fürst Bülow folgende Weisheiten: Warum, meine Herren, kämpft denn die Sozialdemokratie mit solcher Vorliebe gerade gegen den Bauernstand und seine Interesse»? Warum erklärte ihr Breslauer Parteitag, die Sozial- demokratie habe gar keinen Grund für die Erhaltung des Bauernstandes einzutreten, denn das könne nur ge- schehen, indem man ihn in seinem Besitze befestige, also in diametralem Gegensatz zu dem sonstigen Verfahren der Sozial- demokratie. Die Sozialdemokratie wolle, so erklärten damals in Breslau ihre Führer, wohl den Kleinbesitzer gewinnen, jedoch nur, indem sie ihn davon überzeuge, daß er als Besitzer keine Zukunft habe, sondern daß seine Zukunft die Zukunft des Proletariats sei. Also zunächst will die Sozialdemokratie de» Besitz des Bauernstandes zertrümmern; dann kann der Bauer die Ehre haben, sich der Sozialdemokratie anschließen und im roten Meer ersaufen.(Heiterkeit.) Das ist klar und beut- lich, und vom sozialistischen Standpunkt aus auch ganz ver- ständlich. Umsomehr aber haben Regierungen und Reichskanzler die Pflicht, den Bauernstand, den mein Herr Nachbar zur Rechten mit Recht als eines der festesten Fundamente des monarchischen Staatswesen? genannt hat, zu schützen, seine Existenzbedingungen zu sichern und ihn nicht untergehen zu lassen. (Lebhaftes Bravo I) Denn so lange der Landwirt, so lange der deutsche Bauer auf seiner Scholle sitzt, so lange er ein erträgliches Dasein hat, wird die Sozialdemolratie nicht herrschen zwischen Ostsee und Alpen.(Beifall.)_ Das Koalitionsrecht der Eisenbahnarbeiter. Hannover, 8. Februar.(B. H.) Am 11. und 12. d. M. sollte hier eine Versammlung von Vertretern des preuhisch-hessischen Ver- bände? der Weichensteller. Bahn- und Brückenarbeiter stattfinden. Die Versammlung wurde abgesagt, da deren Besuch von allen Eisenbahndirektionen verboten wurde. Aussperrung von Textilarbeitern. Mülhausen(Elsaß), 8. Februar.(B. H.) Die Baumwollindustriellen beschlossen einstimmig, ihren sämtlichen Arbeitern zu kündigen, falls die Arbeiter der Firma Frey u. Ko. die eingereichte Kündigung aufrecht erhalten und am 21. d. M. zur Erzwingung der zehnstündigen Arbeitszeit die Arbeit niederlegen. Grubenarbeiter-AuSstand. Budapest, 8. Februar.(W. T. B.) In der Lupenyer Grub- der Urikany-Zsiltaler Äohlenbergwerksgesellschaft ist ein Ausstand ausgebrochen, der im Wachsen begriffen ist, und dem bis jetzt ciwa 1500 Bergleute beigetreten sind. Hollands Antwort. Haag, 8. Februar.(W. T. B.) Bei Beratung des Kolonial- eiqtS in der ersten Kammer führte der antirevolutionäre van Waffenaer van Rossandi aus: Im Deutschen Reichstage habe der Abgeordnete P a a s ch e ausgeführt, datz die holländischen Zivil. beamten in den Kolonieen sich auf Kosten der Staatskasse be- reicherten. Hiergegen müsse er, Redner, Einspruch erheben. Holland könne jeden Vergleich mit allen Ländern rühmlich aus- halten. Ter Kolonialminister Fock erklärte, Unbestechlichkeiten und Pflichttreue seien charalteristische Tugenden der holländischen Be» amten. Der Liberale van Honten sagte, in seiner langjährigen parlamentarischen Tätigkeit sei ihm kein einziger Fall bekannt ge- worden, daß sich ein Beamter in den Kolonieen an fremdem Gelde bereichert habe. In den Kolonieen bereichere man sich nur durch Handels- und Industriebetrieb. Ein Polizeichef ermordet. Pensa, S. Februar.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur. Ter Polizeiches Kondauraw wurde heute vormittag er» mordet. Tax Mörder wurde festgenommen. «Serantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr.u. Verlagsanstalt xaulSmgerLcCo..BerlmSlV. Hierzu? Beilagen u.UuterhaltungSblatt »«»"-» t. Kcilißt i>cs.Awiills" Knlim KMblM.>»»»««>-«« l<.eicksrag. LS. Sitzung vom Donnerstag, den 8. Februar, nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratZtislbe: Graf Posadowsky. Der Präsident kündigt eine Interpellation Singer(Soz,) und Genosien an: Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, dafz durch Auster- achtlasiung der reichsgesetzlichen Bestimmungen am 10. Juli 1905 auf der Kohlenzeche„Borussia* 39 Personen verunglückt sind? Der Präsident wird auf die Sache am Schlust der Sitzung zurückkehren. Die Debatte zum Etat des ReichSamts des Innern Wird fortgesetzt. Abg. Lehmann snatl.): Die mastlosen Angriffe de-Z Abg. Hue auf die Eisen- und Stahlindustrie werden von meinem Fraltions- kollegen Beumer schon zurückgewiesen werden. Dost seine Aus- führungen über die langen Arbeitszeiten auf Uebertreibung beruhen, kann aber auch derjenige sagen, der mit den Verhältniffen nicht näher bekannt ist. sLachen bei den Sozialdemokraten.) Wenn er aber ge- sagt hat, die Aborte in vielen Betrieben würden scharskantig gemacht, damit sich die Arbeiter nicht einen Augenblick ausruhen können, da must ich sagen: Da hört aber wirklich die Gemütlichkeil auf! iHeiterkeit bei den Sozialdemokraten.)— Redner verbreitet sich über den Streik in der säckisisch-lhüringischen Textilindustrie: Der Magdeburger Gewerbeinspektor hat ganz recht, wenn er den Streik aus politische Gründe zurückgeführt hat. Die Löhne waren nicht so gering, als cS in der Presse hieß. Ich habe einige Lohn- biicher selbst eingesehen, und fand zum Teil recht hohe Löhne.— Redner gicbt einige Fälle an, in denen ausreichende Löhne gezahlt worden seien. Ich must allerdings zugeben, dast die Löhne sehr verschieden sind: vielfach wurden auch geringere Löhne bezahlt. Den Abg. Stolle-Sachsen kann ich nur ersuchen, seine Angaben austerhalb dieses Hauses zu wiederholen: Dann werden gerade die ersten vierzehn Tage unserer Zukunftdiäten für ihn verloren gehen.(Heiter- keit rechts.) Der Abg. Hue hat gemeint, der Metallarveiter-Verband habe die Hand zum sozialen Frieden geboten, die Arbeitgeber hätten daS zurückgewiesen, deshalb müsse sich das Reich der Arbeiter an- nehmen. ES hat mich sehr gewundert, dast ein Sozialdemokrat nach ReichShülfe schreit.(Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Tat- sächlich ist der Zehnstundcntag schon in manchen Betrieben durch- geführt worden, wann soll denn da also das Reich noch ein- schreiten?(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.) Der Sozialdemokratie liegt nur daran, die Arbeiter zu verhetzen; ob der einzelne hungert, ist ihr ganz gleich.(Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Hoffentlich sehen die Arbeiter bald ein, dast sie von der Sozialdemokratie nichts zu erwarten habe.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Im Interesse ihrer Parteitaktik inszeniert die Sozialdemokratie in frivolster Weise Streiks(Unruhe bei den Sozialdemokraten), unserer In- dustrie ist es infolge dieser unsicheren Verhältnisse sehr schwer mög- lich, sich auf der Höhe zu halten, daher sollte die Regierung mit diesen Kreisen bessere Fühlung nehmen. Genügen die heutigen gesetz- lichen Bestimmungen gegen die Sozialdemokratie nicht, so müssen sie abgeändert werden, genügen sie aber, so sind sie offenbar nicht richtig angewandt worden. Man soll die Sozialdemokratie auch nicht unterschätzen, bei ihnen herrscht nicht Prestfreiheit, sondern Prestsr e ch h e lt.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Im Gera- Greizer Textilarbeiterstreik hat die Sozialdemokratie ihr wahres Gesicht gezeigt. Wenn die Unternehmer überall die Taktik ein- schlagen, wie in Gera-Greiz: freiwilliges Entgegenkommen bis zum äustersten(Lachen bei den Sozialdemokraten), kommt es aber zum Kampf, dann Aushalten bis zum Ende— wenn alle Unternehmer diesem Prinzip folgen, dann hat die Sozialdemokratie ausgespielt. (Graste Heilerkeit bei den Sozialdemokraten. Bravo I bei den Rationalllberaleir.) Abg. Schuck(Wirtsch. Ber.): Den Abschluß von Tarifverträgen begrüße ich vor allem aus dem Grunde, weil dadurch den Arbeitern zu Bewußtsein kommt, daß die Lehren der Sozial- demokratie von den unbedingten Interessengegensätzen falsch sind.— Die Forderung der Anerkennung der Berufsvereine und der Arbeits- kümmern haben auch die chrisllich-sozialen Arbeiter in Frankfurt auf- gestellt. Die christlich-soziale Arbeiterbewegung erfüllt die Sozial- demokratie bereits mit schwerer Sorge.(Lachen bei den Sozial- demokraten.) Das„Korrcspondenzblatt der Gewerkschaften* hat das anerkannt. Hoffentlich enttäuschen die gesetzgebenden Faktoren nicht das Vertrauen, das diese großen Teile der Arbeiterschaft ihnen entgegenbringen. Die Wünsche der kaufmännischen und technischen Angestellten müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Nach dem jetzt vierzehnjährigen Bestehen der teilweisen Sonntagsruhe, wäre es Zeit, die Sonntagsruhe streng durchzuführen rm Handeis- gewerbe, um so mehr als es in Frankfurt a. M. durch Ortsstatut schon geschehen ist. Schon vor sieben Jahren wurde es den Hondels- angestellten versprochen. Hoffe» wir, das waren die sieben mageren Jahre und jetzt kommen die sieben fetten Jahre für die kauf- männischen Angestellten.(Stürmische Heiterkeit bei der Wirtschaft- lichen Vereinigung.) Auch das Gesetz über den Ladenschluß und das über die Kausmannsgerichte sind erst gegen den Widerspruch der Prinzipale zustande gekommen, während sich diese jetzt schon ineist init dem Gedanken ausgesöhnt haben. Sehr enttäuschen must die Absage des Staatssekretärs in der Frage der Handelsinspektoren. Hoffentlich ist das nicht das letzte Wort, denn dast die Handel«. kammern dagegen sind, beweist gar nichts, da alle sozialen Fortschritte im Handelsgewerbe gegen den Willen der Handels- kammern zustande gekommen sind. Wenn der Handelsstand sich in der Frage der Kontrolle der Schntzbestimmungen selbst helfen soll, so führt daS zum Denunziantentum und zum Stellenverlust. Kein Stand ist aber so abhängig von den guten Zeugnissen der Prinzipale. als der der HaudelSangestellten. Wie kann man also erwarten, dast sie gegen ihre Prinzipale, wenn diese gegen die Gesetze verstosten, vorgehen solle»?— Die Wünsche der Gewerkschaft der Buchdrucker in der Frage der Lehrlingszüchterei und der LehrliugSikala sollten um so.mehr berücksichtigt werden, als diese Wünsche von der offiziellen deutschen Sozialdemokratie als züuftlerisch be- zeichnet werden, während sie in der Scbweiz von den dortigen Sozialisten eifrig unterstützt werden. In der Tat führt eine gerade Gedanlenskala von diesen Wünschen der Buchdrucker direkt zum Befähigungsnachweis, eine Gedankeureihe, die man eben strikt durchdenken muß. Wenn man diese frischen Ansätze in der jetzt noch sozialdemokratischen, bestgeleitetcn deutschen Gewerkschaft sieht, und wenn man aus der anderen Seite merkt, wie die Sozialdemo- krasie selbst in immer radikaleres Fahrwasser geht, dann verliert die Sozialdemokratie allen Schrecken, dann kommt man zu der Ueber- zeugung: Wir stehen an einer Jahreswende, und es must doch Frühling werden!(Beifall rechts.) Abg Pauli-Potsdam(k.) wendet sich gegen die Ueberfchätzung des Genossenschaftswesens für das Handwerb Mit einer Tischler- genosienschast haben wir sehr swlechte Ersahrungen gemacht, die einzelnen Genossenschaftler mußten fürchterlich bluten. Des weiteren tritt Redner sür den kleinen BesähigmigSnachweiS ein. Sehr einseitig war die Behauptung des Grafen Posadowsky, daß der industrielle Aufschwung vor allem der Tüchtigkeit der Arbeiter zu danken ist. Abgesehen von der Leistung der Kopsarbeiter und der Unternehmer hat auch die Schaffung einer großen Armee und Flotte ihren Anteil an dem Aufschwung unserer Industrie. Die Zustände in den Hiiiten- werten, wie sie Herr Hne schilderte, sind allerdings so ichanrig, dast man nicht versteht, weshalb die Polizei da nicht eingreift, und�noch weniger, weshalb sich noch so viele Arbeiter für diese Tätigkeit fistden, statt zur Landwirtschaft zu gehen, wo es an Arbeitskräften mangelt. Zum mindesten sollte die Sonntagsruhe unbedingt durchgeführt werden. Die Aussperrungen und fchivarze» Listen darf man den Arbeitgebern zicht vorwerfen, die Arbeiterorganisationen boykottieren auch alle Betriebe, in denen irgend etwas vorgekommen ist. DaS beste wäre, wenn Unternehmer- und Arbeiterorganisattonen sich vereinigten. (Bravo! rechts.) Abg. Eickhoff(frs. Vp.): Ich halte eS für meine Ehrenpflicht, die �schweren persönlichen Angriffe gegen meinen Freund Mugdan zurückzuweisen. Herr Stücklen hat auf die Tatsache ironisch bezug genommen, dast er als Jude vor Jahren getaust ist. Was bezwecken solche antisemitischen Aentzerungen allergewöhnlichster Art aus Ihrem Munde, die Sie die Religion für Privatsache erklären?(Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Gras Posadowsky hat neulich ein Wort gesprochen, das mit goldenen Lettern in die Wand dieses HauseS eingeschrieben zu werden verdiente. Strengste Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit ist auch bei der Politik die beste Taktik.(Lebhoste Zurufe bei den Sozialdemo- kraten: Sagen Sie das doch Herrn Mugdan! Vizepräsident Graf Stolberg bittet um Ruhe.) Meine Herren, etwas bessere Manieren könnten Sie sich wirklich angewöhnen.(Unruhe bei den Sozial- demokraten.) Herr Stücklen hat meinem Freunde Mugdan vor- geworfen, er habe den Zarismus und die Zarenknechte' verteidigt. (Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Sehr unrichtig. Sie verfolgen uns ja mit Ihrem besonderen Hasse, obwohl Ihnen das schließlich selbst zum Schaden gereichen wird. Wir werden uns dadurch nicht abhalten lassen, auch weiterhin mit Ihrer gütigen Er- laubnis die Wacht am roten Meere zu halten.(Lachen b. d. Soziald.) — Im Gegensatz zu Herrn v. Kardorff stehen wir auch heute auf dem Standpunkt unseres leider verstorbenen Max Hirsch, dast eine tiannonie zwischen Unternehmern und Arbeitern möglich ist. Vor- edingung dafür ist aber die Gewährung des vollen Koalitionsrechts und der Rechtsfähigkeit an die Berussvereine. Im Interesse des sozialen Friedens vertreten wir diese Forderungen mit allem Nach- druck.(Bravo! bei den Freisinnigen.) Abg. v. Gcrliich(frs. Bz.): In einigen Krankenkassen mag ja eine gewisse Mißwirtschaft vorgekommen sein. Sicher ist aber das Vetternwesen und die Rücksicht auf politische und Familienverhältnisse weit größer als in den Krankenkassen z. B. in dem höheren Ber- waltungskörper des preußischen Staates(Sehr wahr l links.) Wie die Sozialpolitik noch in den Kinderschuhen steckt, hat die wahrhaft erschütternde Schilderung des Herrn Abg. Hue über die Verhältnisie der Arbeiter in Hüttenwerken bewiesen. Für besonders drin- gend halte ich nach wie vor die Ausdehnung der obligatorischen Krankenversicherung auf Landarbeiter und Dienstboten. Ich must mich dann noch gegen frühere Angriffe des Abg. v. Masiow wenden. Dieser Kollege hat mich in der persönlich verdächtigendsten Weise völlig unprovoziert angegriffen. Er hat behauptet, ein Gnt Roppershagen, von dem ich gesprochen hatte, gebe eS im Kreise Wehlau überhaupt nicht. Nun heißt das Gut allerdings nicht Roppershagen, sondern Hoppershagen. Ein Herr mit normale» Geisteskräften hätte daS doch wohl merken können. Ich stelle noch- mals fest, dast auf diesem Gut ein Arbeiter 60 Pf. im Sommer, S0 Pf. im Winter erhält. Dieser Arbeiter ist aber noch ein beneidenswertes Individuum gegenüber einem zweiten Arbeiter, der nur 40 Pfennig im Sommer und 30 Pfcmiig im Winter verdient. Angesichts solcher Zustände ist eS begreiflich, wenn der landwirtschaftliche Verein in Sensburg in Ost- preusten an den Reichskanzler ein Telegramm schickte, in dem es hieß: Deutschland in der Welt voran, Preußen in Deutschland voran, Ostpreußen in Preusten voran.(Heiterkeit und Beifall links.) Abg. Sachse(Soz.): Auf die Reden der Abga. Eickhoff und Mugdan werden noch einige meiner Kollegen eingehen. Ebenso will ich nicht eingehen aus die Borussia-Angclegenheit, über die die preutzischen Behörden, wie wir aus den heutigen Besprechungen des Abgeordnetenhauses ersehen, vollkommen falsch unterrichtet sind.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) Genosse Bömelburg wird das noch richtig stellen. Die Abgg. Osel und Erzberger haben über den TerroriSmus geklagt, der von den organisierten Arbeitern gegen ihre christlichen Kollegen ausgeübt werde. Es handelt sich bei diesen Klagen nicht nur um Aufbauschungen durch die Zeitungen, sondern vielfach sogar um erlogene Sachen, wie unter anderem ja auch bei Vorgängen in Esten schon nachgewiesen ist,(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Weder der Abg. Osel noch der Abg. Erzberger sind auf den Tenorismus eingegangen, den die Christlichen gegen die freien Gewerkschafter ausüben. Auch anderwärts wird von feiten der Zentrumswähler ein starker TerroriSmuS ausgeübt. Im Wahlkreis des Dr. Spahn in Wesseling, einem kleinen Orte bei Bonn, wird unser Vertrauensmann geradezu als Räuber und Mörder bezeichnet, man sticht� ihn nicht nur arbeitslos, sondern sogar wohnungSloS zu machen, man hat ihm die Fenster eingeworfen, die Klerikalen haben sich bereit erklärt, sei» Haus unentgeltlich reparieren zu wollen, wenn man ihn nur erst herausgedrängt hat.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Nicht nur die einfachen Leute, sondeni auch die Führer der Zentrnmspartei beteiligen sich daran.(Hört! hört! bei den Sozialdemolraten.) Ich erinnere ferner an die zahlreichen Falle von Lokalabtreibungen von feiten der Christlichen gegen uns. Aber die Herren treiben eS ja untereinander nicht besser. Eine Zusammenkunst von christlichen Gewerkschaften wurde von anderen Christlichen als„Räubersynode* bezeichnet. Die Christlichen werfen sich untereinander Unehrlichkeit und TerroriSmus vor. Auch im Saarrevier ist ja ein solches Kampfgebiet. Was schreiben denn da nun christliche Arbeiterblätter über die Zentrumspartei? Da wird behauptet, die katholischen Organisationen gäben ihre Mitgliederzahlen falsch an. Wen» sie allen Unterstützungen zahlen sollten, wären sie in einem halben Jahre bankrott. Da wird ge- sprochen von böswilligen Verleumdungen und Heuchlern— die Herren müssen sich ja kennen.(Heiterkeit.) An einer anderen Stelle heißt eS: Die Geistlichen treiben uns die Säle ab, sogar alö .Gesinnungslumpen" hat man einen Kirchenfürsten hingestellt I (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Kardinal Fischer' ist-in „Verräter am Vaterland", die Bergarbciterblätter sind ein„Versuchs- larnickel* der Zentrnmspartei. Ein Zentrumsarbciter hat hier gesagt, die Geistlichen seien die geborenen Führer der Arbeiter. Wie behandeln sie denn ihre Arbeiter? Die Apostolische BerlagSanstalt hat einen Mann zum „Lumpen* gemacht, weil er sich christlich organisiert hatte I(Hört I hört I bei den Sozioldeniokraten.) In der bischöflichen Brauerei RegenSburg war ein Lohnstreit ausgebrochen; der Bischof erklärte, dast er ein Entgeaenloiiimen ablehne und auf der Aussperrung ver- harre. Zwei Arbeiter, die seit sieben, acht Jahren in der bischöfliche» Brauerei beschäftigt waren, wurden wegen ihrer Zugehörigkeit zum Verbände entlassen und fanden keine Arbeit, well sie auf der schwarzen Liste standen.(Hört! hvrt l bei den Sozialdemokraten.) Ebenso rigoros gehen die Steinbruchsbesitzer im Aachener Bezirk, die auch stramme Zentrumsleute sind, gegen ihre Arbeiter vor. Eine sehr„fromme" Grube ist die Grube„Evente" in Lothringen. Dort traten die christlichen Arbeiter in eine Lohn- bewegung; auf ihre Forderungen aber bekamen sie nicht einmal eine Antwort. Nach einer erneuten Anfrage kam wieder keine Antwort, aber eS wurden sechs christliche Wortführer der Arbeiter entlassen. (Hört l hört! bei den Sozialdemokraten.) Schliestlich wurde dann die Grube mit Militär besetzt(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten), trotzdem eS noch zu gar keinem Kampfe gekommen war. nur um die Arbeiter einzuschüchtern, ganz wie e« Herr Kirdorf beim grasten Bergarbeiterstreik wünschte. Di« ausländischen Arbeiter werden jetzt einfach ausgewiesen, nachdem sie von de» Grubenkapitalisten in ruhigen Zeilen selbst ins Land geholt worden find. Seit dem 1. April 1874 besteht in Lothringen ein Berggesetz, nach dem in jedem Revier ei» Knappschaftsverein bestehen muß. Trotzdem dies Gesetz über 30 Jahre besteht, denkt man erst jetzt auf daS Drängen der Arbeiter daran, solche Knappschaftsvcreine zu gründen, Da ist die Grube„Fortuna*, bei der die Faniilie Triinborn besonders beteiligt sein soll. Dort ist der Arbeiterausschuh gesetzwidrig gewählt. Es sind Beamte gewählt, die noch nicht 30 Jahre alt sind und noch nicht ein Jahr auf der Grube waren. Von Arbeitslofigkeit sollte man nicht reden, solange man, wie ich feststellen kann, auf einer Grube 50 Gefangene beschäftigt.(Hört I hört I bei den Sozial- demokraten.) Dabei kommen bei den Vertretern des Zentrum» oft sehr reaktionäre Vorschläge zum Durchbruch, so ergibt sich z. B. aus dem Organ des Abg. Giesberts, daß bei der letzten Versammlung der katholischen Arbeitervereine ein Handwerker in seiner Be- grüstungsansprache sagte, die Gesellen solle man zufrieden lassen. Da denke ich doch an den Spruch:„Heiliger Sebasttan iHeiterkeit)— Florian— verschon mein Haus, zünd' andere an!" Bezeichnend ist es, daß in dem Bericht gesagt ist, ein DiskusstonS- redner— der Mann ist auffallenderweise nicht genannt— erklärte, im Schuhmacherhandwerk könnten solche Löhne mcht bezahlt werden, daß sie ermöglichten, Frauen und Kinder zu ernähren. Dann mag man sich doch begraben lassen. Herr Trimborn trat sür daS Genossenschaftswesen ein. In Rheinland-Weftfalen sind aber gerade die stärksten Genosienschasts- feinde in den Reihen des Zentrums zu finden.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Gras Posadowsky machte uns den Bor- wuri, dast wir durch unser Reden über die Revolution die Sozial- reform aufhielten. Andererseits aber wird immer behauptet, in Deutschland sei die Sozialresorm am weitesten. EinS von beiden kann doch nur richtig sein. In Frankreich übrigens greife» jetzt selbst die Zentrumslente zum Barrikadenbau in den Kirchen. Davon aber spricht daS deutsche Zentrum nicht gern. Die Arbeiter können sich doch nicht immer nur durch Versprechungen abspeisen lassen. Sorgen Sie für eine Evolutton, dann wird auch die Revolution auS- bleiben. Wenn aber die Regierung— wie beim Bergarbeiterstreik— eS selbst bis zur Katastrophe kommen läßt, kann sie sich nicht tvundern, wenn die Arbeiter die Geduld verlieren. Wollen Sie das nicht, so geben Sie Ihren Herrenftandpunkt auf, greifen Sie ordentlich in die Speichen, damit die Verhältnisse besser werden. Die Arbeiterschaft, auch die christliche, läßt sich durch daS„Eiapopeia vom Himmel" nicht mehr einlullen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Wir erkennen die Existenzberechtigung der christ- lichen Sonderbündelei nicht an, aber im Grunde genommen werden auch diese Gewerkschaften ihnen noch ganz besonders unbequem werden. Heute wird in der christlichen Gewerkschaftspresse genau wie bei uns gesagt: Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott I Man vertritt auch dort immer radikaler de» Klassenstandpunkt. In einem christlichen Gelverkschaftsblatte hiest eS erst vor kurzem: von der veralteten Mischmasch-Politit wolle man nichts mehr wissen. Es heiße jetzt: Energische Arbeiterpolitik im fortgeschrittenen Sinne oder Verzicht auf die Arbeitermassen!(Hört I hört I bei den Sozialdemokraten.) Ich kann den christlichen Gewerkschaften nur raten, immer mit uns zusammen zu gehen. In einigen Fällen ist das gegen die Arbeitgeber schon geschehen. Die Forderungen der Sozialdemokraten, die man vorher als unverschämt bezeichnet hat, haben die christlichen Arbeiter jetzt aufgenommen. Dieser Enttvickelung sehe ich ruhig zu: denn sie zeigt, daß es jedenfalls nicht rückwärts, sondern vorwärts geht.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Indessen möge das Zentrum nur warten, bis die Zollpolitik im Frühjahr ihre Früchte trägt. Dann werden Sie Ihr blaues Wunder erleben l Dann werden auch die christlichen Bergarbeiter Ihnen den Text lesen! DaS geht schon aus den Berichten hervor, die mir aus dem schwärzesten Bezirk, aus Friedland, zugegangen sind, wo die Arbeiterinnen 10—30 Pfennig pro Tag ver- dienen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Gerade Ivo daS Zentrum herrscht, steht cS in bezug auf Schikanierung am schlimmsten auS.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Und da sagt Rc- gierung und Zentrum: sie liebten die Politik der Nadelstiche nicht! Im Gegensatz zu dem Erkenntnis des Kammergerichts werden im schönen schwarzen Münsterland die Versammlungen aufgelöst. Das gilt besonders von Recklinghausen, wo der Polizeikommissar gesogt hat, er werde so lange auslösen, bis wir die Mitgliederliste ein- reichten. Auf eine Beschwerde vom Mai war im Januar noch keine Antwort eingegangen I Nachher hat man dann immer gesagt, die Versammlung sei eine„öffentliche" gewesen. Und wenn es schon öffentliche Versammlungen gewesen wären. DaS Landgericht Bochum hat anerkannt, dast— wenn die Versammlung, ordnuiigSgemäst angemeldet ist— es gleichgültig wäre, ob es ciiio öffentliche oder eine Mitgliederversammlung lei. Der Bürgermeister in Recklinghausen aber bleibt auf seinem ungesetzlichen Standpunkt stehen.— Und wie werden die Wirte schikamert! Einem Wirt wurde die Polizeistunde auf tv Uhr festgesetzt, und auf seine Be- schwerde hiest es: Schmeiße» Sie die Roten heraus, dann werden wir weiter reden!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Anderen Wirten hat man mit ÄonzessioiiSentziehung gedroht, wenn sie ihr Lokal weiter an Sozialdemokraten geben.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Sozialdemokratische Flugblattverteiler werden von Polizeiorganen mit Misthaiidluiigen bedroht, ja eS sind direkte Mißhandlungen auf dem Polizribnreau vorgekommen.(Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten.) Der katholische Volksverein aber kann ruhig öffentlich Flugblätter ver- teilen lassen. So wird mit zweierlei Mast gemessen. In einem Prozeß in Recklinghausen wurde festgestellt, dast die Polizisten dort zwar häufig bei den Wirten verkehren, aber nichts bezahlen.(Hört! .hörtl bei den Sozialdemokraten.) Wehe aber den Wirten, wenn sie ihr Lokal an Sozialdemokraten geben; dann ist eS mit der Freundschaft aus. In Oberschlesien wird in einem Orte jede unserer Mitgliederversammlungen aufgelöst, wenn sich auch nur ein Teil- nehiner vom Stuhle erhebt.(Hört I hört! bei den Sozialdemokrat«!,) In Niederschlesien wurde eine Mitgliederversammlung aufgelöst, weil sie zu gut besucht war.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) „Das ist keine Mitgliederversammlung, das ist eine Bolköversamm- lung", sagte der überwachende Beamte. Und da wundern Sie sich, dast die Sozialdemokratie immer mehr an Anhang gewinnt. Zu diesen Schikanierungen kommen die Ausweisungen. Erst wenn »vir bescheinigen, dast er ausgetreten ist, lästt man ihn hier. Ein Mann, der 13 Jahre im Lande war und sich ein Haus gebaut hatte, ist noch vor kurzem ans diesem Grunde ausgewiesen worden. Dabei halte ihm noch der Amtsvorsteher auf seine Anfrage erklärt, dast er sich ruhig ein HanS bauen solle. Wenn die Herren die Arbeiter unterstiipeii wollten, dann sollten sie die schwarzen Listen der Kühne« niänner beseitigen. Dieser Verband setzt nicht nur die Leute auf die Liste, die gestreikt haben, sondeni auch die, welche Forderungen stellen wollen. So hat dieser Verband z. B. jetzt ein Rnndschreiven erlassen, in dem aufgefordert wird, Leute aus Emden, Norden, Leer nicht einzustellen, weil sie Lohnforderungen stellen wollten. E i ii Arbeiter steht deswegen auf der schwarzen Liste der Kühnemänner, weil er bei seinem letzten Arbeitgeber mit dem Akkord etwas in Rest geblieben ist, also etwas zuviel erhalten hat. Das preußische Berggesetz hat sowohl Herr Trimborn wie Herr Erz- berger besonders gelobt. Daß aber das Zentrum mit der Zu- stimmuna zu diesem Gesetz Verrat an den Bergarbeitern geübt hat. haben selbst christliche Arbeiter zugegeben. Die Arbeitsschlchten sind durch daS Gesetz nicht verkürzt Warden. Wagenkontrolleur« sind vor- gesehen, aber bis heute ist noch keiner gewählt, weil die Arbeiter niit Recht fürchten, dast solche Kontrolleure, die zuungunsten der Unternehmer entscheiden, sofort entlassen werden, AuS demselben Grunde haben wir unS auch seinerzeit gegen die Arbeiteransschüsse 1». gewandt. Die Erfahrungen in Oberschlesien machen unS stutzig und beweisen, daß wir von diesen Ausschüssen nicht viel zu erwarten haben. Zum mindesten müstten solche Arbeiterausschllsse auch beim Gedingewese» ein Wort mitzusprechen haben. Ebenso verlangen wir die geheime Wahl zu den Ausschüssen. Prinz Ludwig von Bähen, M � hat selbst erklärt, es gebe gewissenlose Leute, die die Arbeiter in ihre» Beiriebe» zwängen, anders zu wählen, als sie möchten!(Sehr gnt l bei den Sozialdemokraten.) Diesen Ausspruch des Prinzen von Bayern möge» sich die Grubenbarone hinter die Ohren schreiben. Auch im preustischen Berggesetz ist aber den ArbeiterauSschüffen nicht das geringste Recht eingeräumt. Der christliche Arbeiterführer Effert schrieb, nach dem Zustandekommen deS Gesetze?: Anständige Arbeiterführer werden es sich sehr überlegen, ob sie ein solches Amt im ArbeiterauSschuß annehmeil."(Hört I hört! bei den Sozial- demokratcn.) Das Wagenmitlen ist beseitigt, dafür sind hohe Strafen ein- geführt._ Das ist kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Das gleiche zeigt sich auch bei den Ueberschichten. In der Zeche„Roland" sind 44 Schichten in einem Monat vorgekommen(Hört I hört l bei den Sozialdemokraten), wobei nur 4,30 M. pro Schicht bei den teuren Preisen im Ruhrrevier verdient worden sind. Man redet von dem Gesundheitsbeirat. Das ist doch nur Blendwerk: Wenn eS dem Zentrum Ernst gewesen wäre, ein Rcichsgesetz zu schaffen, so hätte es gegen das Berggesetz stimmen müssen: denn dann hätte die Regierung vor den Reichstag kommen müssen, wollte sie nicht wort- brüchig werden. Der einzige Fortschritt ist, dasi die Arbeiteraus- schüsse jetzt Rechnung legen müssen. Jetzt haben wir ja schon Er- fahrungen gesammelt. Früher sagte die„Westdeutsche Arbeiter- zeitung". man müsse die Erfahrungen abwarten. Was sagt sie jetzt? Die Unfälle sind in den letzten Jahren kolossal gewachsen.(Redner weist dies im einzelnen nach.) Gegen die Arbeitgeber werden lächerlich geringe Strafen, z. B. 3 M. verhängt. Läsit sich aber ein Arbeiter einmal verleiten, ein unbedachtes Wort zu sagen, so verliert er seine Stelle samt seinen langjährigen Beiträgen, oder erhält gar Gefängnis I Die JnspektionSberichte mühten doch vor allen Dingen über die Ueberschichten und Ucberstnnden berichten. Daran fehlt es aber. Hätten wir Arbeiterkontrolleure gehabt, so hätte das Unglück auf der Zeche„Borussia" nicht vorkommen können. Aber freilich mühten sie Von den Unternehmern unabhängig gemacht werden, nicht so jeder Willkür preisgegeben bleiben, wie jetzt die Arbeiterausschüsse. Wollen Sie die Unfälle im deutschen Bergbau so einschränken wie in den anderen bergbautreibendcn Ländern, so schaffen Sie selbständige Arbeiterkontrolleure.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Hiermit vertagt sich das Haus. Abg. Erzbergcr, bei der Anstellung von Lotterie- kollekteuren nach Möglichkeit pensionierte Osfizirrr zu� berücksichtigen. Finanzminister Freiherr v. Nhrinbabcn sagt Berücksichtigung dieses Wunsches zu. Nach weiterer unerheblicher Debatte wird der Etat der indirekten Steuern bewilligt. Es folgt die Interpellation Brust u. Gcu.(Z.) über da? Unglück auf Zeche„Borussia". Die Interpellanten fragen den Handelsminister, ob etwa an dem Unglück schuldige Personen zur Verantwortung gezogen worden sind. und ob er die nach dem Unglück getroffenen Maßregeln für aus- reichend hält, um ähnlichen Grubenunfällen vorzubeugen. Handelsmiuister Dr. Delbrück erklärt sich zur sofortigen Be- antwortung der Interpellation bereit. Für die Interpellanten erhält das Wort Abg. Brust(Z.): Die Kontingentierung de? Etats nötigte uns, unsere ursprüngliche Absicht, das Unglück beim Etat der Berg- Verwaltung zur Sprache zu bringen, aufzugeben und den Weg einer Interpellation zu wählen. Die Beantwortung der sozinldemokrati- scheu Interpellation ist mit Recht abgelehnt worden.— Redner gibt alsdann eine Schilderung der Katastrophe. Schon nach zwei Tagen wurden aus Furcht vor weiteren Schachtcinstürzeu die Rcttungsarbeiten eingestellt.(Hört I hört!> Darüber hat sich die„Rheinisch-Westf. Ztg.", ein ausschließliches Untcrnehmerorgan, in der allerscbärfslen Weise geäußert und das Einschreiten der Staatsanwaltichast gefordert. lHörtl hörtl links und im Zentrum.) Rettuugsapparate fehlten auf der Zeche„Borussia" gänzlich und mußten erst von den Nachbar- gruben geholt werden.(Hört! hört» Auch die„Norddeutsche All- gemeine Zeitung" erklärte offiziös: Durch die Außerachtlassung der allcrelementarsten Vorsichtsmaßregeln haben 40 Bergleute ihren Tod gefunden.(Hörtl hörtl) Zwei Tage nach dem llnfalle erklärte ein Gewerke: Die Schächte waren nicht ausgemauert; man hat zu schlechtes Material genommen;(Hört l hört l) aber die Aufsichtsbehörde hat nichts Gesetzwidriges vorgefunden.(Hört! hört! im Zentrum und links.) Danach ist also auch die Aufsichtsbehörde milschuldig. Auf alle Fälle hat es an der nötigen Kontrolle über die Ausführung der Bergpolizeivcrordnungen gefehlt. So ist zum Beispiel da§ Schachtholz nicht, wie es für Stellen vorgeschrieben ist. wo mit offenem Licht gearbeitet wird, feucht gehalten worden(Hörtl hört!)— Die sozialdemokratische Presse hat die schärfsten Anklagen gegen die Bergbehörden gerichtet; sie hat selbst zur Klagecrhebung aufgefordert, um vor Gericht die nötige Klarstellung zu schaffen: aber keine Anklage ist erhoben worden.(Hört! hörtl im Zentrum und links.) Die neue Stcherheits- Ver- ordnung erscheint mir nach meinen praktischen Erfahrungen völlig unzureichend.— Vor allem müssen wir unsere Forderung: praktische erprobte Arbeiter zur Grubenkontrolle zuzuziehen, mit allem Nach druck wiederholen. Wenigstens auf den fiskalischen Gruben sollte man einen provisorischen Versuch damit machen!— Die deutschen Bergarbeiter erwarten von dem Minister das feste Versprechen, daß er alles zur Klarstellung der Ursachen der Katastrophe tun und die Schuldigen unnachsichtlich zur Verantwortung ziehen wird.(Leb- haster Beifall im Zentrum und links.) Handelsminister Dr. Delbrück: Die Presse hat vielfach unrichtige Darstellungen über den schweren und beklagenswerten Unfall auf Zeche„Borussia" ver- breitet. Ich werde in Zukunft dafür sorgen, daß sie die Informationen erhält, auf die sie, wie ich anerkenne, durchaus An- spruch hat.— Von feiten der Bergbehörden wie seitens der Justiz- behörden ist alles geschehen, um die etwaigen Schuldigen zu ermitteln. Gegen den Betriebsbeamten Küter ist die Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben worden, doch ist die Voruntersuchung noch nicht ab- geschloffen. Die Schuldfrage wird also in offener Gerichtsverhandlung beantwortet werden, und ich werde— wenn sich etwa mir unter- stellte Beamte als schuldig erweisen— nicht zögern, gegen dieselben vorzugehen.— Redner gibt alsdann eine amtliche Darstellmig deS Unglücksfalles. Die Zeche„Borussia" gehört zu den älteren Zechen, deren Einrichtungen weniger modern und zweckmäßig sind, als die der neueren. Hydranten z. B. waren wohl vorhanden, aber an einer Stellt angebracht, wo die bclrcffenden Mannschaften sie nicht finden oder doch nicht in Tätigkeit setzen tonnte». Darüber wird auch die Gerichtsverhandlung Aufschluß zu geben haben. Zu dem traurigen Ausgang der Affäre haben unzweifelhaft allerhand unglückliche Zufälle beigetragen.— Das offene Lichr bietet trotz aller seiner Gefahren unleugbar große Vorteile, deshalb sträuben sich auch die Arbeiter gegen seine völlige Abschaffung.-7 Die Bergbehörden haben alles getan, was möglich ist. um völlige Klarheit über den tiefbedauerlichen Unglückfall zu schaffen. 1 Auf Antrag Dittrich(Z.) wird einstimmig Besprechung der Interpellation beschlossen. Abg. Hilbck(natl.): Es gibt niemand, der nicht das Unglück auf Zeckie„Borussia" tief bedauert.— Uebertrieben scheinen mir die An- griffe auf die Holzschächte; noch vor SO Jahren gab es überhaupt nur Holzschächte im rheinisch-westfälischen Bergrcvier.— Die Re- gierung hätte nicht auf die Interpellation warten, sondern früher schon kund tun sollen, daß die Bergbehörde die Sache der Staats- anwaltschaft übergeben hat. Die Nachricht wird viel zur Beruhigung beitragen. Recht gebe ich dem Munster darin, daß die Gerichts- Verhandlung abgewartet werden muß, ehe ein endgültiges Urteil über die Schuldfrage gefällt werden kann. Das eine steht schon jetzt fest: unglückliche Zufälle haben viel zu der stirchtbaren Katastrophe beigetragen. Diejenigen befinden sich in großem Irrtum, die von der Heranziehung von Arbeitern zur Kontrolle irgendwelche Besserung erwarten. Zur Kon- trolle gehören Leute mit technischer Vorbildung. Die Arbeiter- kontrolleure in Belgien und England haben sich nicht bewährt; sie finden immer nur an dem, w>s die Bcrgverwaltungen tun. etwas zu tadeln, aber nie etwas an den Arbeitern. Abg. Goldschmidt(frs. Vp.): Der Minister hätte sich ein Muster an seinem Kollegen Budde und an dessen Offenheit bei der Be- sprechung der Sprembergcr Eisenbahnkatastrophe nehmen sollen; er hätte offen erklären sollen: Es liegt hier eine große Betriebs- und Auffichtsbummelei vor.(Sehr richtig I links.) Statt dcffeu hat er die vorgekommenen Fehler, soweit er sie zugestand, zu bemänteln gesucht.— Das offene Licht, die veralteten Holzschächle, die unterlassene Berieselmig, die nichtsiinktionierendcn Hydranien: das sind doch alles böse, sehr böse Unterlassungssünden!(Sehr richtig links.) Immer und immer wieder, bis sie endlich Erhvrung findet, muß die Forderung der Heranziehung der Arbeiter zur Grubenkontrolle erhoben werde»! (Beifall links,) Minister Dr. Delbrück: Ich vermute, der Herr Vorredner hatte seine Rede schon fertig in der Tasche, ehe ich die meine hielt. (Heiterkeit.) Sonst beruhen die Vorwürfe, die er gegen mich erhob, auf Mißverständnissen. Ich kann nur wiederholen: Ich bin zu jeder Auskunflserteilung bereit; ich bin aber außerstande, die etwaigen Schuldigen zu bezeichnen, ehe das Gericht gesprochen hat. Als mein Kollege, der Eisenbahiiminister, hier über Spremberg sprach, lag die Sache anders; da hatte schon das Gericht gesprochen.(Rufe links: Nein, es hatte noch nicht gesprochen!) Na denn nicht! (Heiterkeit, lebhafter Beifall rechts.) Abg. Trimborn(Z.): Der Minister sollte recht bald eine amt- liche Denkschrift erscheinen lassen. Sehr erwünscht wäre eine Fest- stellung, wie oft die Grube revidiert worden ist. Das siirchtbare Unglück aus der Grube„Borussia" sollte zu einer gründlichen Revision der Sicherheitsverhältnisse im Bergbau führen. Wir wünschen durch- aus nicht die ausschließliche Uebertragung der Grubenkoutrolle an Arbeiter, wohl aber die Beteiligung der Arbeiter an der Kontrolle. Mir scheint, daß die Holzverschalung der Schächte schon längst hätte verboten werden müssen. Hoffentlich werden in der Zukunft die schrecklichen Lehren des Unglückes beherzigt werden.(Beifall im Zentrum.) Abg. v. Kessel(k.) beklagt das Unglück, bedauert die UnterlassungS- lünden, die leider vorgefallen feien, und hat vollstes Vertrauen zu dem Minister, daß er alle» tun werde, um solchen Katastrophen vor- zubcugen.(Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Korfanty(Pole): Auf der Zeche„Borussia" sind noch weit ärgere Unterlassungssünden vorgefallen, als hier vorgebrocht werden. Ich bin überzeugt: Bestünde schon die Teilnahme der Arbeiter an der Grubrnkontrölle, so hätte das Unglück nicht stattgefunden oder wenigstens nicht diese entsetzlichen Dimensionen angenommen.— Die gesetzlichen Vorschriften werden von den Grubenverwaltuugen fort- gesetzt übertreten, und in Oberschlesten wenigslens sind die Arbeiter so eingeschüchtert, daß sie gar keine Beschwerde zu erheben wagen. (Widerspruch rechts.) Die Regierung vermag nicht mit den ober- irdische» Agrariern fcrtitz zu werden und ebensowenig mit den unterirdischen!(Heiterkeit und Beifall links, Lachen und Wider- spruch rechts.) Abg. Brust(Z.) polemisiert gegen einige Ausführungen des HandelsministerS und namentlich gegen den Abg. Hilbck. Wenn die Grubenverivaltiingen ein ganz reineS Gewissen hätten, so würden sie sich nicht so gegen die Zuziehung von Arbeiten, zur Grubenkontrolle sträuben. Möge das große Unglück auf der„Borussia" die Gewissen schärfen!(Beifall im Zentrum.) Abg. Franken(natl.) polemisiert gegen die Mgg. Goldschmidt und Korfanty. Die Herren arbeiten m,t„eS soll",«man sagt"; hier handelt eS sich aber nicht darum. Gerüchte vorzutragen, sondern Tatsachen zu ennitteln. Böse Fehler sind sicher gemacht worden; ist eine offene Petroleumlampe im Schacht gebraucht worden. so ist das eine Liederlichkeit.— Erachtet die Regierung eine Ver- schärfung der Sicherheitsbestimmungen auf gesetzlichem Wege für ge- boten, so wird die nationalliberale Partei gern ihre Hand dazu bieten.(Beifall bei den Nationalliberalen.) Abg. Hilbck(natl.) polemisiert ebenfalls gegen die Abgg. Gold» schmidt und Korfanty und wendet sich erneut gegen die Zuziehung von Arbeitern zur Grubenkouttolle. Dadurch würden nur die sozial- demokratischen und christlichsozialen geiverbsmäßigen Agitatoren neues Material zu ihren Deiiuilziationeii der Verwallungeu und der Unternehmer haben.(Beifall bei den Nationalliberalen und rechts.) Abg. Goldschmidt(frs. Vp.): Ich verzichte darauf, so grob zu werden, wie der Kollege Hilbck es geworden ist.(Präsident v. K r ö ch e r: Wenn hier jemand grob geworden wäre, so hätte ich seine Grobheit gerügt. Es ist aber niemand grob geworden. Heiterkeit.)... Herr Hilbck erklärte, daß die Angaben der Dort- milnder„Bergarbeiter-Zeitung" genau konttolliert werden, um ent- weder widerlegt oder unter Anklage gestellt zu werden. Die „Bergarbeiter-Zeitung" hat die allerschwersten Anklagen in Sachen des„Borussia"-Unglücks erhoben; die Anklagen sind weder widerlegt worden, noch hat man das Gericht angerufen: also sind die Anklagen richtig!(Lebhafter Widerspruch rechts und bei den Nationalliberalen. Sehr wahr! links.) Mau beklagt die enge Verquickung so vieler Arbeiterorganisationen mit der Sozialdemokratie; man hat aber nichts getan, um die auf bürgerlichem Boden stehenden Arbeiterorganisationen zu fördern; im Gegenteil, man hat alles getan, was die Arbeiter erbittern und in ein extremes Fahrwasser drängen mußte. Jedenfalls ist die an sich beklagenswerte Verquickung der Arbeiterbestrebungen mit der Sozial- demokratie kein Grund, eine längst als nützlich und notwendig er- kannte Institution wie die Beteiligung der Arbeiter an der Gruben- kontrolle»och länger herauszuschieben.(Lebhafter Beifall links.) Minister Dr. Delbrück erörtert noch einige technische Fragen und wiederbolt die Bitte, mit dem endgültigen Urteil bis zum Abschluß der Gerichtsverhandlungen zu warten.(Beifall rechts.) Abg. v. Eimern(natl.): Leider gehen Regierung und Bergbehörde nicht ganz inlatt aus diesen Verhandlungen hervor. Die Regierung hätte längst für Aufklärung der nicht mit Unrecht erregten öffentlichen Meinung sorgen sollen.— DaS hätte die Regierung übrigens auch beim großen Bergarbeiterstreik vom vorigen Jahre tun sollen. Sie wußte. daß die Mißstände von den Streikführern ganz ungeheuer aufgebauscht und die meisten Vorwürfe gegen die Grubenverwaltunge» gegenstandslos waren.— Die Bergwerksbesitzer haben ein Recht darauf, daß die Regierung ihnen durch wahrheitsgetreue Darstellungen das wohl- verdiente Vertrauen der Arbeiter zurückgewinnen hilft.(Beifall bei den Nationalliberalen.) Die Besprechung der Interpellation wird hiermit geschlossen. Nächste Sitzung Dienstag, den 13. Februar, nachm. 1 Uhr. (Etat der Vergverwaltung usw.) Schluß 4'/« Uhr. parlamentarisches. Gegen die Zwangsarbeit in den Kolonien wandte sich gestern in der Budgetkommission des Reichstages Genosse Ledebour. Er polemisierte scharf gegen die vom Abg. Dr. P a a s ch e vertretene Anschauung, die Eingeborenen müssen unter Anwendung eines be- stimmten Zwanges zur Arbeit angehalten und erzogen werden. Diese Anschauung fordere entschiedene Kritik heraus und müsse bekämpft werden. Außerdem habe der Abg. Paasche die Ver- pflichtung. derartige AnsäMiungen näher zu präzisieren und nickst, tvie es geschehen sei, in beiläufig erzählten Reiseerlebnissen in die Debatte hineinzuwerfen, iveil im letzteren Falle der Kommission die Möglichkeit einer gründlichen Prüfung fehle. Der Kolonial- d i r c k t 0 r erklärte, die Regierung könne nicht darauf verzichten, auf Mittel zu sinnen, wie die Eingeborenen zur Arbeit erzogen werden können. Die schon angewendete Methode des Zwanges soll jedoch nicht mehr praktiziert werden. Abg. Erzberger rügt, daß die deutsche Afrika-Linte, die vom Reich mit 1 31S 000 M. subventioniert wird, für die Tonne Frachtgut nach den deutschostasrikanischen Häfen 60— 70 M. verlange. nach dem in nächster Nähe von Teutschostaftika gelegenen Sansibar nur 52 M. Für die Rückfracht von Kopra(Kerne der Kokospalmfrucht) verlange diese Linie von Ostafrika aus pro Tonne 45 M., von Sansibar aus nur 15 M. Ein solches Verfahren einer vom Reich subventionierten Linie müsse als unerhört bezeichnet werden. Zur Kritik fordere auch der Verkauf der Länbcreien bei Dar es Salam heraus. Ter frühere Sultan von Sansibar habe unmittelbar an der Stadtgrcnzc von Dar es Salam(der Haupt- stadt Tcutschostafrikas), halbmondförmig um die Stadt herum, aus- gedehnte Besitzungen besessen, die jetzt von einer Gesellschaft für 140 000 M. angetanst worden seien. Warum habe die Regierung diese Ländcrcien, die für die Entwickelung der Stadt Dar es Salam sehr wichtig sind, nicht erworben, sie vielmehr dem privaten Boden- Wucher überlassen? Geheimrat Dr. Seitz antwortete, die Ostafrika- Linie dürfe für Frachten nach Ostafrika nicht mehr fordern, als für solche nach Sansibar. An dem Ankauf der Sultans ländereien bei Dar es Salam sei die Regierung beteiligt, eine Gefahr für� die EntWickelung der Stadt somit ausgeschlossen.?lbg. Dr. Paasche will seine Empfehlung der Anwendung von Zwang nur so ver- standen wissen, daß die Eingeborenen für die geleistete Arbeit gut bezahlt werden. Auch in den Kulturländern zwinge die Erhaltung der Existenz die Menschen zur Arbeit, wie z. B. der Staat die wehr- fähigen Männer auch zum Mililärdicnft usw. zwingt.— Zur Durchführung der Trennung der Militär- und Zivilvcrwaltung werden für 8 neue Bezirksämter 3 Residenten, 17 Sekretäre, 0 Kanzlistcn und ö Polizeiwachtmeister mit einem Mehraufwand von 273 700 M. gefordert, und das außer der gleichzeitig starken Vermehrung der Schutz- und Polizeitruppe. Mit der Neuordnung soll die Zivil- Verwaltung auf das ganze Schutzgebiet ausgedehnt werden, eine Maßnahme, die lebhaft bekämpft lvurde, weil jeder Nachweis der Nützlichkeit und Notwendigkeit einer solchen Reorganisation fehlt, außerdem in noch großen Bezirken jegliches wirtschaftliche Leben. Die Debatte wird Freitag fortgesetzt.— Die Ziglirettenstruervorlage fertig! Die Finanzreforinkommission setzte in ihrer DonnerStag-Sitzung die Beratung der Zigarettenstenervorlage und der dazu gestellten Anträge bei Z 14 fort. Geyer, Molkenbuhr und Förster kritisierten die völlig unzureichenden und unausführbaren über Hals und Kopk zusammengestoppelten Kontrollvorschriften dieses, und der beiden folgenden Paragraphen sehrsckmrf. Namentlich kritisierte Geher die Bestimmung im§ 14, die vorschreibt, daß für die Steuerbeamten bei ihren Amtshandlungen in Fabriken und Lagerräumen insbesondere auch für Beleuchtung zu sorgen ist, während jede nähere Bestimmung über die Ausführung der Kontrolle fehle; alles dies sei dem Er- messen des Bundesrates überlassen. Ganz besonders tritt der Charakter der Unfertigkeit in dem die Defraudation betreffenden§ 17 deS von Held gestellten Antrages zutage, wo nach den sachkundigen Ausftlhrungen der Genossen Geyer und Kaden der Hinter- ziehung Tür und Tor geöffnet wirb— trotz der verfügten Aufsicht der Slenerbehörden mit allen Scherereien und Plackereien, die die in den§z 14—16 vorgeschriebene Kontrolle verursache» muß. Nach § 17 soll die Deftaudation als vollbracht angenommen werden: a) wenn mit der Herstellung von Zigarettentabak oder von Zigaretten begonnen wird, bevor die Anzeige deS Betriebes in der vorgeschriebenen Weise erfolgt ist; b) wenn Zigarettentabak oder Zigaretten vom Hersteller in einem anderen als den hierfür angemeldeten Räumen aufbewahrt werden; 0) wenn Zigarettentabak oder Zigaretten aus der Erzeugungsstätte in den Jnlandsverkehr gebracht iverden, ohne daß sie in der vorgeschriebenen Weise verpackt und auf den Packungen mit den im z 5 vorgeschriebenen Angaben und mit den entsprechenden Steuer- zeichen versehen sind; ck) wenn Verkäufer Zigarettentabak oder Zigaretten im Ge- wahrsam haben, die der Vorschrift dieses Gesetzes zuwider mit dem erforderlichen Steuerzeichen(KZ 3 und 6) nicht versehen sind; 0) wcim geöffnete, mit Sieuer- oder Zollzeichen versehene Pakete der Vorschrift des§ 15 Abs. 1 Satz 2, zuwider nachgefüllt werden." Diese letztere Bestimmunge veranlaßte die Genossen v. Elm. Geyer, Molkenbuhr und S ch m a l f e l d. ganz energisch dagegen Front zu machen, daß die näheren Bestimmungen darüber, was als Zigaretten- oder als Rauch- oder Kautabak anzusehen sei, dem Bundesrat zu überlasten, der schon einen geeigneten Weg finde» werde. Alles reden half aber nichts, die Mehrheit hatte alles zurecht- gemachelt wie beim Zolltarif und die Anträge wurden mit allen gegen die Stimmen unserer Genossen angenommen. Bei§ 18 machte Mollenbuhr ans die Bestimmung anfmerlsam, die da lautet:„Kann ein vorenthaltener Steuerbetrag nicht festgestellt werden, so tritt eine Geldstrafe von fünfzig Mark bis huiidert- tausend Mark ein." Danach könne also jeder Staatsbürger, der überhaupt mit Zigaretten gar nichts zu tun habe, bei dem mithin ein vorenthaltener Steucrbetrag nicht festgestellt Iverden kann, zu der genannten Geldstrafe verurteilt werden. Ans diese boshafte, die Schnellmachc des Gesetzes charakterisierende Bemerkung hin stellte Müller- Sagau schleunigst den Abänderungsantrag. statt„ein" zu setzen„der". Fast ohne jede Aenderung wurden dann die übrigen Paragraphen mit den dazu vorliegenden Anträgen an- genommen, woraus Mollenbiihr de» geslenr schon veröffentlichten Antrag der Genossen betreffend Entschädigung der nach Jnkraft- treten dieses Gesetzes brotlos werdenden Zigarettenarbeiter ans- sührlich begründete. Der von Raab und Dr. Wolfs dazu ein- gebrachte Antrag hat folgenden Wortlaut: „Arbeitern und Arbeiterinnen, die infolge dieses Gesetzes durch den Rückgang des Zigarettenverbrauchs arbeitslos werden, ist eine Entschädigung zu gewähren, sofern sie den Nachweis führen, daß sie trotz ausreichender Bemühungen eine ihrer bisherigen Beschäftigung annähernd gleich- w e r t i g e nicht finden konnten, ihnen auch eine solche Beschäftigung nicht nachgewiesen werden konnte. Die Entschädigung bettägt für die Dauer der Arbeitslosigkeit, jedoch bis längstens zwei Jahre nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes, die Hälfte des zuletzt nachweislich verdienten Arbeitslohnes." Molkenbuhr wie? nach, daß dieser Antrag den Kern der Sache durchaus nicht treffe. Wenn Raab und die Negienmg wirklich der Ueberzeilguiig seien, der sie ja mehrfach Ausdruck verliehen haben, daß infolge der Versteuerung der Zigaretten kein Rückgang in der Produklion und keine Arbeiterentlassungen stattfindeil, so sei eS doch uiibedciiklich, unseren Antrag dem Gesetz einzuverleiben. Raab will davon nichts wissen und hält., seinen Anttag für das weitestgehende Entgegelikommen. Der�chatzsekretär warnt mit beweglichen Worten vor Annahme beider Anträge, weil dadurch das Prinzip der Entschädigung in die ReichSsteuergesetzgebnng hiiieingelragen würde, das unabsehbar in seiiien Folgen sei. Mit demselben Rechte wie die Arbeiter könnten dann auch Unternehmer und Fabrikanten, die irgendwie durch Steuergesetze sich in ihrem Erwerb geschädigt glaubten, Eni- schädigungsansprüche geltend machen. Die beiden Anträge wurden denn auch— der elftere gegen die k Stimmen der Sozialdemokraten und der zweite gegen die dieser und der beiden Antragsteller— abgelehnt. Damit waren sämtliche Anträge erledigt und die Vorlage in erster Lesung fertig gestellt. Am Freitag beginnt die Beratung der Stempelsteuervorlagen. Deportation k Die Einssihriing der„fakultativen Strafverschickung" nach über- seeischen Kolonien empfiehlt eine dem Reichstage zugegangene Petition des„Deportationsaiisschusses" des Deutschen Kolonialbundes. Eine ähnliche Eingabe ist bereits unterm 13. Februar vorigen Jahres dem Reichskanzler zugegangen, bat aber bei diesem bis heute keine Gegen- liebe gefunden. Jetzt hoffen die famosen«Volksbeglücker", beim Reichstage mehr Glück zu haben. Das Machwerk ist unterzeichnet von folgenden Personen: W. Werther, Hauptmann a. D., v. Böhleudorff- Kölpin, Mitglied des Reichstages und des preußischen Abgeordneten- Hauses, Dr. A. Strecker, Herausgeber der„VolkSimrtschaftlichsn Korrespondenz". Prof. Dr. I. Köhler, Geheimer Justizrat, Ernst Cohnitz, Rechtsanwalt, und Dr. Joachim Graf von Pfeil. Diese„Menschenfreunde" behaupten in ihrer Petition, die„Lob- ' preisnngen unserer Theoretiker" über die angeblichen Erfolge der Freiheitsstrafe in Zellen-, Gemeinschafts- oder Einzelhaft wären nicht mehr imstande, die allgemeine Empörung über das Umsichgreifen von schweren Freveltaten an allen Ecken und Enden des Reiches einzuschläfern. Dann wird ausgeführt, dag die Zahl der Justizgelängnisse in Preußen allein zurzeit bereits 1026 betrage. Die deutschen Gerichte halten im Jahre 1398 48 Todesurteile ausgesprochen, und die Freiheitsstrafen ließen sich jetzt auf mindestens 28 000 Jahre Zuchthaus und 49 000 Jahre Gefängnis jährlich berechnen— von den übrigen Strafen ganz abgesehen. Die Zahl der von Schwurgerichte» in Preußen abgeurteilte» Verbrechen sei von 6403 im Jahre 1871 auf 12 804 im Jahre 1877 angetvachsen. Die tägliche Durchschnitts- zahl der Gefangenen habe allein in Preußen im Jahre 1897—93 bei der Justiz 32 374, bei der Verwaltung deS Innern 24 679 Setragen.— Dann weist die Petition auf die Kosten der Strafverfolgung und des Strafvollzuges hin, welche für das Deutsche Reich sich auf jährlich etwa 100 Millionen Mark bezifferten. Die Petenten sind nun der Ansicht, daß die Regierung wohl nicht dafür zu haben sein würde, die Verschickungsstrafe ohne iveiteres im Verivaltungswege einzuführen. Bei der Eigenartigkeit dieses Strafvollzugssystems würde also eine reichsrechtliche Regelung der Frage nicht zu umgehen sein. Sie � schlagen_ deshalb vor: durch ein besonderes Reichs- gesetz eine Ergänzung deS Strafgesetzbuches dahin eintreten zu lassen, daß den nach ihrer körperlichen und geistigen Beschaffenheit zum überseeischen Strafvollzuge geeigneten innerhalb bestimmter Altersgrenzen stehenden Verurteilten auf An- suche» durch die Strafvollzugsbehörde gestattet werden könne, die auferlegte längere Freiheitsstrafe in einer Strafkolonie des Deutschen Reiches zu verbüßen. Der Deportatiousausschuß des Deutschen Äolonialbundes bringe— so heißt eS dann in der Petition— vorerst nur eine fakultative Verschickung langjähriger Büßer in Anregung.— Wahrlich, wem angesichts dieser menschenfreundlichen Petition nicht die Ueberzeugung kommt, daß wir Deutschen— voran der Deportationsailsschuß des Deutschen Kolonialbundes— an der Spitze der Zivilisation marschieren, dem ist nicht zu helfen! Heimarbeit-Ansstellung. Kleider- und Wäschekonfektion. Wohl in keinem anderen Industriezweige hat die Heimarbeit eine so weite Verbreitung gefunden, wie in der Konfektion. Ob- wohl die Heimarbeit als eine rückständige Produktionsmethode an- gesehen werden muh, ist sie dock in der Konfektion als echtes und rechtes Kind der kapitalistischen Gesellschaft erst in neuerer Zeit zu einer früher nie geahnten Ausbreitung gelangt. Wenn man in einer Großstadt von Heimarbeit spricht, so denkt jeder zunächst an die Konfektionsarbeiter, die man in den Arbeitervierteln jeder größeren Stadt zu Hunderten, ja zu taufenden und zu zehn- taufenden antreffen kann. Eine rückständige Produktionsmethode im Zeitalter der Maschinen, der Fabriken, des technischen Fortschritts, das erscheint auf den ersten Blick sonderbar, hat aber seine natürlichen, im Profit- interesse des Kapitalisten begründete Ursachen. Für die Herstellung von Kleidern und Wäsche gibt es noch keine Maschinen, welche, wie in anderen Industrien, die Tätigkeit des Arbeiters zum größten Teil ersetzen und die Produktion ins ungeheure steigern. Die Näh- tnaschine ist eigentlich nichts anderes, als ein vervollkommnetes Hand- lverkszeug, das besser und schneller arbeitet als die mit der Hand geführte Nadel. Die Nähmaschine ist im Fabriksaal des Kapitalisten im allgemeinen nicht leistungsfähiger als in der Dachkammer des Arbeiters. WeShalb also große Kapitalien in Fabriken anlegen— sagt sich der Unternehmer—, wenn es Arbeitskräfte genug gibt, die in ihren eigenen Räumen, mit ihren eigenen Nähmaschinen Arbeit anfertigen so viel ich haben will und zu dem Lohn, den ich ihnen biete. Noch andere Umstände kommen hinzu, die es dem Unternehmer der Konfektionsbranche möglich machen, in der Haus- indnstrie erheblich billiger produzieren zu lassen, als er es in der Fabrik könnte. DaS sind, kurz angedeutet, die Gründe, die in der Konfektionsbranche in neuerer Zeit eine ausgedehnte Hausindustrie entstehen ließen, die für den Unternehmer sehr gewinnbringend ist, für ein großes Heer von Arbeitern und noch mehr Arbeiterinnen dagegen elende Löhne, lange Arbeitszeit, schlechte Lebensverhältnisse, mit einem Wort: ein jammervolles Dasein bedeuten. Ein zahlreiches Proletariat, dessen Angehörige gezwungen sind, um jeden Preis Arbeit anzunehmen, besonders auch Frauen und Mädchen, die mit Näharbeit Bescheid wissen und sich mit den ge- ringsten Löhnen zufrieden geben, findet sich in jeder großen Stadt. So gibt es kaum eine Großstadt im Deutschen Reiche, wo sich nicht die Konfektionsindustrie mit all ihrem Elend, daS sie den Arbeitern bringt, angesiedelt hätte. Ja, in einigen Gegenden Deutschlands hat sie sich, von der Großstadt ausgehend, über weite Gebiete länd- licher Orte ausgedehnt. Aus den baufälligen Hütten der Dörfer. wie aus den engen, halbdunklen Gelassen großstädtischer Miets- bäuser gehen die Erzeugnisse fleißiger Hände in großer Zahl in die Geschästspaläste der Konfektionäre, um von da in alle Welt ver- sandt zu werden und dem Fabrikanten wie dem Händler reichen Gewinn zu bringen, an dem in vielen Fällen auch der Zwischen- meister einen fetten Anteil hat. Die Ausstellung zeigt uns eine Fülle von Erzeugnissen aus den verschiedensten Zweigen der Konfektion. Wir sehen in der Wäscheabicilung einfache Parcljcndhernden für Arbeiter, die mit einem Arbeitslohn von 1.10 M. das ganze Dutzend bezahlt werden und der Heimarbeiterin einen Stundenlohn von 6 bis 8 Pf. bringen. wie auch blütenweiße, gesteifte und gebügelte Oberhemden für die zahlungsfähigen Herren der bessergekleideten Gesellschaft. Aber auch bei diesen besseren Artikeln bilden Stundenlöhne von 15 bis 20 Pf. die Regel.— Da sind ferner die verschiedensten Wäschestücke für Damen, von feinster Leinwand gefertigt, mit Spitzen besetzt und gestickt, Unterröcke. Schürzen, Jacken usw., einfache und bessere Sachen, und bei allen teilen uns die trockenen Angaben der kleinen Zettelchcn mit, daß bei der Anfertigung dieser Gegenstände Stunden- löhn« von 8, 10, 15. 20 Pf., und wenn es hoch kommt, 25 bis 30 Pf. erzielt werden.— Wenn wir die ausgestellten Kleidungsstücke für Männer, Frauen und Kinder betrachten: Ueberall dasselbe Bild iämnrerlich niedriger Löhne. Nur sehr selten findet man in der Fülle der ausgestellten Gegenstände solche, an denen ein Stunden- lohn von 30 bis 40 Pf. verdient wird, dann aber handelt es sich immer um besonders geübte Arbeiter und um Arbeiten, für die -durch irgend welche günstigen Umstände ein besserer Lohn gezahlt wurde. Es ist durchaus nicht der Fall, daß bessere Arbeiten immer einen höheren Verdienst bringen als einfache und weniger sorgfältig ausgeführte. Man ficht, daß nicht die Güte der Arbeit den Maß- stab für die Höhe des Lohnes bildet, sondern daß der Konfektionär ohne Regel, ganz wie eS fein Geschäftsinteresse erfordert, den Lohn festsetzt. So kommt eS denn, daß oft für Gegenstände, die in der Ausführung einander fast gleich sind, ganz verschiedene Löhne ge- zahlt werden. Ein Beispiel dafür sind die einfachen Parchend- Männcrhemden. In Königsberg wird für das Dutzend ein Arbeits- lohn von 1,10 M. bezahlt. Die Herstellung erfordert 11 Stunden, nach Abzug der Auslagen verbleibt der Arbeiterin ein Stundenlohn von 3 V.« Pf. Auch in Breslau werden diese Hemden ebenfalls mit 1,10 M. pro Dutzend bezahlt. Die Arbeiterin hat aber nur 7lh Stunden darüber gearbeitet und in der Stunde 12l4 Pf. ver- dient. Eine anscheinend gleiche Sorte von Hemden wird in Dort- mund mit 1,40 M. pro Dutzend entlohnt. Tie Hcstellungszcit ist 13 Stunden, auf die Stunde kommt ein Neinverdienst von 7V. Pf. Der höhere Dutzendlohn und die längere Hcrstellungszeit des Dort- munder Beispiels läßt darauf schließen, daß diese Sorte wohl etwas mehr Arbeit erfordert als die Exemplare aus Königsberg und Breslau. Da aber bei diesen beiden, die im Dutzendlohn gleich sind, die Arbeitszeit eine sehr erhebliche Differenz zeigt: 11 Stunden in dem einen, 7VH Stunden in dem anderen Falle, so darf man ivohl annehmen, daß es sich in dem einen Falle um eine wenig ge- übte, im anderen Falle aber um eine sehr gewandte Arbeiterin handelt, die trotz ihrer großen Fertigkeit doch nur 12 Va Pf. in der Stunde verdienen kann. Hiernach würde also eine mittelmäßige Arbeiterin bei der Anfertigung von Hemden 10 Pf. in der Stunde verdienen. Wie bei solchem Verdienst die Lebensverhältnisse sein müssen, das kann man sich denken. Bei Arbeiten besserer Qualität werden, wie die ausgestellten Sachen zeigen, im allgemeinen auch keine höheren Stundenlöhne erzielt. In der W ä s ch e b r a n ch e stellt sich der Stundenverdicnst auch bei den besten Arbeiten selten höher als 20 Pf. Ebenso ist es in der K r a w a t te n b r a n ch e. Aus Oelsnitz i. B. sind Korsetts ausgestellt, bei deren An- fertigung Stundenlöhne von 12 bis 16, höchstens 13 Pf. erzielt wurden. Jn der Kleiderkonfeltion fallen die ungemein niedrigen Löhne ans, die für Knabenanzüge gezahlt werden. Da sind An- züge für Knaben von 6 Jahren, jeder Anzug besteht aus Jacke, Weste mid Hose, und das ganz« Dutzend solcher Anzüge wird mit 6,50 M. entlohnt, so baß der Arbeiterin ein Stundenlohn von 8 Pf. zufällt. Ein größerer Knabenanzug ans Stettin wird mit einem Stücklohn von 1 M. bezahlt und bringt in der Stunde 14 Pf. Von Arbeiterinnen dieser Branche wird jedoch behauptet, daß sie in Berlin für den gleichen Knabenanzug einen Stücklohn von nur 80 Pf. erhielten. Damit wird die Behauptung widerlegt, welche die Unternehmer bei Lohnforderungen aufzustellen pflegen, wenn sie sagen, daß in Berlin durchweg höhere Löhne gezahlt würden wie auswärts und daß die Rückficht auf die auswärtige Konkurrenz eine Lohnerhöhung unmöglich mache. Uebrigens sind in der Ausstellung nicht etwa nur die am schlechtesten entlohnten Sachen zusammen- getragen. Wir haben in der Konfektionsabteilung von Arbeite- rinnen, welche die Ausstellung besuchten, öfter gehört, daß sie für die gleichen Arbeiten, welche dort ausgestellt sind, noch geringere Löhne als die angegebenen erhalten. Gehen wir die Männerbekleidung durch, von den Arbeitsanzügen bis zu den besseren Herrenanzügen, so werden durch jedes einzelne Stück die Angaben, welche wir bisher gemacht haben, bestätigt. Wohin wir uns wenden: Stundenlöhne von 20 bis 30 Pf. sind bei besseren Sachen die Regel, solche bis 40 Pf. seltene Ausnahmen. Doch an einzelnen Gegenständen können wir nicht vorübergehen, ohne sie einer besonderen Betrachtung zu würdigen. Da hängt ein Uniformrock für einen königlich preußischen Kadetten. Auch dies Stück ist vom Heim. arbeiter angefertigt gegen einen Lohn von 3 M. Nach Abzug der Auslagen verblieb dem Arbeiter ein Stundenlohn von 27 Pf. Der Ticnstrock eines Po st Unterbeamten, in Berlin hergestellt für einen Stücklohn von 3,50 M., ergibt einen Stuirdenlohn von 32l£ Pf. Ein anders ausgeführter Postbeamtenrock, in Bückeburg angefertigt, brachte gar einen Stundenlohn von 24 Pf. Ein in Kassel hergestellter Dienstrock für Eisenbahnbeamte trug dem Arbeiter einen Stundenlohn von 23 Pf. ein, und bei einer Polizeibeamten- Litewka, Ist« in Minden angefertigt wurde, ist ein Stundenlohn von 27 Pf. erzielt worden.— Auch Bekleidungsstücke, wie sie von den Mannschaften der kaiserlichen Marine getragen werden, sind ausgestellt: Eine blaue Tuchhose, Jacke und Hose von Leinwand, Hemd, Unterhose, Kragen und ein Stiefelbeutel. Bei der Anfertigung dieser Sachen werden Löhne von 21 bis 25 Pf. pro Stunde erzielt. Wie mag nur die Marine- kleidnng in die Hausindustrie kommen?— Von erheblichem Interesse ist die Frage: Welche Preise erzielen Fabrikanten und Händler für die Sachen, die dem Arbeiter Stundenlöhne von wenigen Pfennigen eintragen? — Einige Angaben, die der Verein für Sozialpolitik den von ihm ausgestellten Gegenständen beifügt, geben Antwort auf diese Frage. Ein Paletot besserer Qualität wird mit einem Stücklohn von 3,50 M. bezahlt. Der Arbeiter— jedenfalls ein besonders tüchtiger— kommt auf den für Heimarbeiter außerordentlich hohen Reinver- dienst von 51,7 Pf. pro Stunde. Der Engrospreis dieses Stückes ist 1614 M., der Ladenpreis 30 M.— Ein anderes Beispiel: Eine bessere Lodenjoppe, für die ein Stücklohn von 1,60 M. gezahlt wird, bringt dem Arbeiter einen Reinverdienst von 25 Pf. in der Stunde. Der Engrospreis beträgt 8,50 M., der Ladenpreis ist nicht an- gegeben, er dürfte sich aber auf 15 M. stellen, wenn man das Ber- hältnis zwischen Engros- und Ladenpreis, welches bei dem vor- stehend erwähnten Paletot und auch bei anderen Sachen angegeben ist, als Norm annimmt.— Man sieht an diesen beiden Beispielen', die wohl für die ganze Branche typisch sein dürften, welch schreiendes Mißverhältnis zwisdhen dem Gewinn des Fabrikanten und Händlers und dem Lohn des Arbeiters vorhanden ist. Der Ladenpreis ist fast doppelt so hoch wie der Engrospreis. Nun sind ja im Laden- preis auch die Geschäftsunkosten des Händlers enthalten. Sie können aber, auf das einzelne Stück berechnet, nicht allzu hoch sein. Ein Reingewinn von mindestens 20 bis 25 Proz. dürfte wohl in die Kasse des Händlers fließen. Der Fabrikant, der ja außer dem Arbeitslohn noch das Material zu bezahlen hat, wird sich jeden- falls auch nicht mit einem geringeren Verdienst begnügen wie der Händler. Nur der Arbeiter muß sich mit einigen Pfennigen bc- gnügcn, und wenn er einen wenig höheren Lohn fordert, dann heißt es, die Industrie geht zugrunde,"falls der Lohn erhöht werden soll. Dabei erzielt aber„die Industrie", das heißt, die Mittelspersonen, welche zwischen dem Arbeiter und dem Konsumenten stehen, 40 bis 50 Proz. des Verkaufspreises als Gewinn. Wo die Arbeiten erst durch die Hand des Zwischenmeisters an den Arbeiter gelangen, da ist dieser noch schlechter daran, als wenn er direkt mit dem Fabrikanten zu tun hat. Der christliche Gcwerk- verein der Heimarbeiterinnen hat einen hocheleganten, schwarz- seidenen, reichausgestatteten Damcnmantel ausgestellt. An diesem Stück hat der Zwischenmeister nichts weiter zu tun, als Stoff und Zutaten vom Geschäft zu holen, zuschneiden und die Teile der Heimarbeiterin, die sie von ihm abholt, zu übergeben. Für diese Leistung„soll" er, wie eS in der Angabe heißt, 7 M. erhalten. Da- von gibt er der Arbeiterin, die den Mantel fertig macht, wozu sie 12 Stunden nötig hat, ganze 2 M. Nach Abrechnung ihrer Aus- lagen bleibt der Arbeiterin ein S t u n d e n ve r d i enst von 15 Pfennigen. Ist das nicht die schändlichste Ausbeutung, die man sich denken kann? Aehnliche Beispiele ließen sich noch mehrere anführen. Merk- würdig. Gerade zu den feinsten Toiletten der vornehmsten Damen werden Sachen verwandt, die sehr hoch im Preise stehen und doch für die Arbeiterinnen nur elende Hungerlöhne abwerfen. Wieder ist es die Ausstellung des Vereins für Sozialpolitik, die uns der- artige Beispiele zeigt. Es sind Heimarbeiten aus dem Spessart. Seidenstoff, fein wie Spinngewebe, darauf aus schillernden Flittern kunstvolle Muster genäht sind. Eine Arbeit, die Augen und Nerven furchtbar anstrengen muß. Dieß Ware wird zur Garnierung von Hüten und eleganten Kleidern benutzt. Eine reichhaltige Sammlung dieser Sachen ist vorhanden, und bei allen ist sowohl der Arbeitslohn, wie der Engros- und der Laden- preis angegeben. Das Miverhältnis zwischen dem ersteren und den beiden letzteren ist hier genau dasselbe, wie bei den vorher er- wähnten Erzeugnissen der Herrenkonfektion. So hat beispielsweise das Meter Hutbesatz einen Ladenpreis von 9,10 M. Ter Engrospreis beträgt 4,50 M., der Arbeitslohn 1,20 M. oder pro Stunde 18,4 Pf.— Das auffallendste Stück dieser Ab- teilung ist eine Bluse aus feinem, durchsichtigem Seidenstoff. Sie ist mit Perlen- und Seidenstickerei reich verziert und über und über mit winzigen, in Perlmutterfarben schillernden Flittern be- sät. Ein Kleidungsstück, wie es nur reiche Damen erwerben können, um bei luxuriösen Festen damit zu prunken. Der Engrospreis ist auf 26 M. angegeben. Danach dürfte der Ladenpreis eiiva 50 M. betragen. Als Arbeitslohn werden 9 M. bezahlt. Die Arbeiterin hat daran 45 Stunden zu tun, sie verdient also in der Stunde 20 Pfennige. Für zwanzig Pfennige Stundenlohn müht und quält sich die arme Arbeiterin an dem Fcstschinuck der reichen Dame. Es ist der Schweiß und das Blut der Armen, mit dem sich die Schönheit aus den Reihen der oberen Zehntausend zum Feste schmückt, und Schweiß und Blut der Armut ist es, womit sich unersättliche Unternehmer und gierige Zwischenmeister ein behagliches Wohlleben bereiten. Berltucr Marktpreise. Aus dem rnnllichen Bericht der städtischen Markthallen-Direklion. Rindfleisch la 63 66 Cr. 100 Pfund, IIa 54— 62, Illft 49-53, lVa 39-47. Kalbfleisch la 82-90, lla 65-80, TUa 55-64, Sammelsleiich la 63-73, lla 57-62. Schweinefleisch 72-77. Rotwild Psmid 0,40 0,55, Damwild 0,45-0,60. Hasen Stück 3,75—3,80. Kaninchen Stück 1,00—1,20, Hübner pro Stück, alte 1,60—3,00. junge 1,25—1,65, do. lla 0,00—0,00. Tauben, junge 0,50—0.75, alte 0,45—0,50. Enten, Stück 2— 2,50. Gänse pr. Pfd. la 0,65—0,67, IIa 0,00— 0,00, russische 0,40-0,62 M. Schellfische 35-37 M.. Flunder 13-16 M. pro 100 Psd. Hechte 106—114 M. Schleie, unsort. 0,00M. Aale, grob 00,00, mittel 105, Plötzen 00 M., Karpsc» 6,00—66,00 Rhcinlachs 675,00, Seelachs OOpr. 50Ko. Schottische Vollhcnnge lgesalzeii) 40—44 M. Eier, Schock 4,00, Butter pro 100 Psund la 118-120, lla 114-118, llla 110—114, absallcnde 00-00. Kartoffeln pr. 100 Psd. rote 2,00-2.20, Rosen 0,00-0,00, blaue 0,00- 0,00, runde weihe 1,80- 2.00. Wirstngkobl Pr. Schock 7,00-12,00, Weißtobl pr. 100 Psd. 2.75-3.25, Rotkobl pr. Schock 6.00-10.00, Holl. 14—15 M. Saure Gurken, Schock 2,00 M., Pfeffergurken 2,00 M. ßriefhaften der Redabttan. >rir«fch«r Cell. SU inriftischc Sprechstunde findet täglich mit SlnSiiabuic de» Soniiadend» von?>/, bi? O'/j Uhr abends statt, tfieöfiiict; 7 Uhr. Jeder Anfrage ist ei» Blichstabe»nd eine Zahl als Merkzeichen betzusügcn. Brieflich« Antwort wird nicht rrteilt. Z. C. 35. Rnmmelsburg B. 1 u. L, Dienstmädchen 20. Nein. — Bellman» I, Schiineberg, G. Z. 62, Paul Grost, O. M. 7, Reiiiilkciidorf III. Ja.— 167 D. 858. R. W. Können Sic die ge< sundhcitsgcsährdcndc Beschaffenheit der Wohnung beweisen, so sind Sie be- rcchtigt, vom Vertrage zurück zu treten und Schadenersatz begehren. Klagen Sie aus Aushebung und Schadenersatz.— W. 2 Reichetibergerstrahc. Wenn Sie der Erbschaft nicht entsagen: ja.— F. B. 3. Ans eine Ein- gäbe kann Ihnen die Ratcnzahlnng bewilligt werden.— Gipser 1661. Ihnen steht ein Rücktrittsrccht nicht zu.— F. Z. 4 f. Ja. 2. Waisen- direktion. 3. Jedes Wort kann unter Umständen als Beleidigung ausgesaßt werden.— A. P. 33. Nein, Sie können aber aus Schadenersatz und Unterlassen weiterer Schädigungen klagen.— Wette 26. Die Frist be- trägt drei Jahre.— D. R. 1. Ja, aber der Ausgang ist zwciselhast. 2. Nein: aus GesängniSstrase könnte erkannt werden.— C. Z. 333. 1.— 3, Nein. 4. Ja, aber es liegt dem Verkäufer die BcwciSlast ob.— H. P. 1«. 1». Die Zahl ist unerheblich.- R. Z. 61. Der Inhalt deS Vertrages ist cntfcheidcild. Ist in dem schi istlichcn Vertrage nichts Be- sonderes vereinbart, so mutz ein angemeffcncr Raum beschafft werden.— P. B. 77. Zur Zahlung sind Sie verpflichtet.— C. Nein. —®., Wilhelinstraste. 1. Nur wenn die Rente weniger als 15 Proz. beträgt. 2. Ohne Einsicht der Alten nicht zu beantworten. Gegen den ablehnenden Bescheid der Krankenkasse ist Beschwerde und Klage zulässig.— B. B» Grünerweg 86. Die Mutter könnte gegen die Kinder klagen.— L. M. 66. Z. Ja.— Zl. St. 23. Legen Sie Bcrusung an daS Schiedsgericht ein.— Patent, t. Einige Monate können vergehen. 2. Ja. 3. und 4. Erkundigen Sie sich direkt im Patentamt.—<£,(2. Wenden Sie sich an den Oberbürgermeister.— Streitfrage. Ja, aber der Tageslohn ist zu zählen.—<£. Scholz, Kreuzbergstraste. Ja: Sie müßten aber mindestens 40 Marken in je ztvci Jahren einkleben.— N. B. 24. Einwendungen gegen die Klage hätten wenig Aussicht aus Erfolg.- F. R. 26. Nein.- P. I. 16. Der Wirt ist im Unrecht. Klagen Sie aus Anerkennung Ihres Rechts.— F. L. 1. Darüber besteht keine Vorschrift. 2. DaS Verfahren kann durchaus dem Gesetz entsprechen. O. M., Dalldorf. Die AussichtSbehörde ist die Beschwerdeinstanz, welches die Aufsichtsbehörde ist, ergibt daS Statut. Eventuell wiederholen Sie die Frage unter Beifügung des Statuts.— W. Nein. Ieure8 Reisck billige Seefische!! Bester Fleischersatz, schmackhaft and dureb hohen Näbrgebalt sieb auszeichnend! Große Fänge in leben dfrisclier Ware sind soeben eingetroUen! 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TageS-Ordnung: Unser VcrtrauenSmänner-Syslcm und wie stellen sich die Kollege» dazu, neben dem Werkstatt-Vertrauensmann Baudenutierte zu Wählen? Die Kollegen von, Bezirk 8 werden besonder» ersucht, recht zahlreich anwesend zu sein, da Bezirksleiterwahl stattfindet. Achtung! Achtung! Montag, den 12. d. MtS. präzise 3 Uhr abends Xommissionssii�uns, Gewerksch.-Haus Saal n Hierzu sind sämtliche Einsetwr der Firma Bendix Söhne ein- geladen und wird erwartet, daß nicht nur d'e Verbandskollegen, sondern überhaupt alle Kollegen, loetche als Linsehcr bei obiger Firma tätig sind, Mann siir Mann erscheinen. Kollegen! beherziget diese Einladung, sie geschieht in Eurem Interesse. ichusseS und vier Srsntzniänneni. 3. Errichtung einer Zahlstelle der Schön- Häuser Vorstadt und Wahl mehrerer HälsSkassicrer. 4. Berichterstattung vom HülsSkasscntongretz. S. Innere Kasseuängelegenheiten. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. Mitgliedsbuch legitimiert. 88/1__ Der Borstand. I. A.:«einrieb Uot?t<«. Deutscher Metallarbeiter-Verbanl — ▼erwaUnniesutelle Berlin........—- Haupt-Bureau: Engel-User l». Zimmer>— b. Fernsprecher: Amt IV 9679. Arbeitsnachweis Zimmer 34. Amt IV 3353. Achtung! Charlottenburg! Sonntag, de» 11. Februar, vormittag» 10 Uhr, im Volle«Ann», Charlottenburg, Rofinenftr. S- Versammlung der Elektro-Monteure und Hülfs- Monteure Charlottenburg und Umgegend. TageS-Ordnung: 1. Vortrag de» Kollegen Wuschict t.Die wirtschaftliche Etellung der Elellro-Mouteure Deutschlands". 2. Diskussion. 3. Verschiedene». 3. Ausnahme neuer Mitglieder._______ Bautnfchulcnwcg! Sonntag, den 11. Februar, vormittag» 10 Uhr. bei GedUkor, Baumfchulenstr. 1t: Bezirks-Versammlung TageS-Ordnung: t. Die Rot deS vierten Standes. 2. Diskusston. 3. VerbandSangelegenhciten. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen notwendig. UL/O_____ 1»1« Ortuverwaltnn«. General vorsammlnnj; der Möbelfabrik„Einigkeit" ca. m.b.H. Die diesjährige ordentliche General. Versammlung findet am Sonntag, den SS. Februar, vorm. S llhr, in unserem Kontor, llöpenlelree »traie 114», 1 Tr., statt. TageS-Ordnung: 1. Vorlage des JahresavschlusseS. 2. Bericht über die staitgesundcnen Revisionen. 3. Neuwahl des Vor- standcS und AufsichtSraicS. 4. Statuten- änderung und Geschästliches. Die Bilanz liegt in unserem Kontor zur Einsicht au«. 25S9b Iber Vor«tnnil. A. Sieberi. J. Stephan. flntioiink KrankkutMe der Deutschen Gold- u. Silber arlioNor und verw. Bcrussgenosien lllvriiri H) zu Schw.-Gmünd. Mitgliedschaft Berlin. Montag, den 12. Februar 1906, abends präzise 8 Uhr: Mitgtieder-Dersummtung im Gewerkschasishause, Engel-User 15, Saal 3. TageS-Ordnung: 1. Rechenschaftsbericht für das Jahr Ist«». 2. Dtskuiston. 8. Wabl des Vorstandes usw. 4. Verschiedenes. Um recht zahlreiche» wie pünkllicheS Erscheinen wird gebclcn. 2552b Der Vorstand. I. A.: C. Holtkamps, Vorsitzender, Admtralftr. ISO. „Berliner Arbeiter- Miiglied de» Arbciter- Radsahrer-Bunde» „Solidarität-. Touren zum 11. Februar: 3. tt 4. Abt. nach Mühlenbeck(Baerfch), Start Iftz Uhr Küstriner Platz. 5. u. 6. Abt. nach HennigSdori(Brase), Start 2 Uhr Oderbergerstratze 30 (Genossenschaft). 11/18 Verein BizitaHF Mitglied de» Arbeiter-Rad. fahrer-Bundcs Soitdarilät. Sitzung der I. Abt. jeden ersten DienStag im Monat bei Thiel, Bergstr. 151/152, der II. Abt. jeden zweiten Dienstag im Monat bei Hoppe, Hennannstr. 49. Am 17. Februar: An-IeondaN bei Thiel, Bergstr. 151/152. Am 27. Februar: Haupt-Ter- snmmlnng bei Thiel. Radfahrer, welche dem Verein bei- treten wollen, können sich in den Sitzungen oder beim Borsitzenden: Volt« Klcktvi», Nixdorf,»er. liuerftr. 81, I melden. 11/9 Gäste jederzeit willkommen. Her Vorstand. Der Unterzeichnete gibt bekannt, dast er mit dem in Nr. 14 des .Vorwärts" veröstenllichten Inserat »Chreiierklärung— Franz Michaelis- in keinem Zusammen, hange sieht. s>»nr Michaelis, Töpscr, Nordendc, Birken-Allee 10. Unwiderruflicher Schluss des Aufsehen erregenden yonder-Verkaufs Monlas, den 12. Februar aliends 9 Uhr, Viele Hunderte UMIlMllga 18 Viele Hundeile ttgssKU-tlllSaU i Viele Hunderte ItöMIl'tAiSLtall t Die Preise sind beispiellos billig, teilweise bis unter die Hälfte herabgesetzt. rSohn Spezial-Haus grOesten Masastabes Chausseestrasse 24*125» 11 Brückenstraaftstl Gr, Frankfurterstr. 20. Wissenschattl, Zentralverein Humboldt- Akademie, T. Sonnabend, den 10. Februar, abends 8 Uhr, in der Auln der Sophlenechule, Wein- meisterstraße 16/17. Prot. Dr. Heinrich Lange: Oeher niedrigste u.böchsteTeniperatufeii (Fxperimentalvortrag), Diese Vorträge sind frei t. d. des Wissensch. Zentralv.(die korporativen Mitgl. wollen sich ihre resp. Freikarten vom Bureau ihres Vereins ausferti- S/cn lassen). Abonnementskarten f. Nichtmitglieder zu 1,50 M., Einzelkarten zu 1 H. m den Bureaus. Vereinigung der JUater, Sackierer« Unsfreicher. Filiale Berlin. Bureau; Engel-urer 15. Zimmer 36._ Telephon: Amt IT,»7 26. Sonntag, den 11. Februar ISO«, mittags 1»»Hr. in der..Neuen Welt". Hasenheid«: Versammlung für alle im Malergewerbe beschäftigten Personen. TageS-Ordnung: Da» Resultat der verhandlnngrn der Lohutommirston. Kollegen! Wir machen daraus aufmerksam, dah die Versammlung pünktlich um 12 Uhr«öffnet wird, da der Saal um 2 Uhr geräumt werden mutz.— Bei dieser so wichtigen Zwgelegenheft erwarten wir, daß niemand der Versammlung fern bleibt. Ericheint Mann für Mann. 124/7« ~- fr---.....-•—-------*----- Der Saaf wird um ll Uhr geöffnet. vi« OrtsTerwaUmng. für Bsttfedern Erste BeRfedernltb. m. elekt Betriebe Gustav Lustig BERLIN S. Prinxanetr. 46 verlendet geg. Nachnahme garantiert neue u»b gut-ntslauble. gut füllende Brttfeder» p. Pfd. M. aM LOO 1 tii prtma«alb»»»nen M. I.J8; MAufe» rupffeiern 531 2.00: prinm weihe «änsehalbbaunen M 2.00-3.00»SO echt chinel. Monopoldaune» I �» M. 2-SS, echt ruftifch. Mala»! I2 vor- lstäiisedauii«« 531. z.soI von de» Daunen genügen S—i 5iid 1uu> aroh. Oberbett.— Gänsefedern , Reihen) 55l.0.L0 per vsnndi Gänse- ch! achtfedern, wie ff« von der Band fallen, mit allen Daunen 53t. ldO, Probe« und Brctlliftc gratis. Umtausch oder Rücksendung gestattet. .Verpackung toslenlrei. getztlähriäer Umsatz üder Sttvo Zentner Bettfedern, von feinem zweiten Betten, u. Bett- federngefchäft«rretcht. Achtung! Nevlin. Freitag, den 9. Februar, abends 8'/s Uhr, in Keller» Festsileu, Koppenstr. 29: General-Versaminlimg. TageS-Ordnung: 1. Diskussion über die vorgeschlagenen Kandidaten des ZweigvereinSvorstandeS. 2. Diskussion über die vorgeschlagenen Delegierten zur neunten Gaukonferenz. 3. Verschiedenes. 186/20* Der wichtigen Tagesordnung wegen ist e» nötig, daß alle Kollegen erscheinen. Der ZweigvereinSvorftaud. Orts-Krankeutafse dn Maler ÄS Die von der Generalversammlung beschlossene Statutenänderung: § 3t Einführung der Ouittungs- karlen, ß 47 Vahle» zur Geveralversamm- lung. 2550b ß 62 Bekanntmachungen der Kasse. ist vom Bezirksausschuß genehmigt 1 und tritt mit dem Tage der Bekanul- | machung in Kraft. 0,r Vorstanii. Achtung! Sohner dcrlinsu. Umgegend! Sonntag vormittags 10 Uhr 887/18« im Lokale von Ahrens, Fruchtstratze 20 Besprechung sämtlicher Bohner Berlins und Umgegend TaaeS-Ordnung: 1. Die organisieren sich die Bohner? 3. Diskussion. 3. verschiedene» Die Parkettbodenleger werden gebeten, die Bohuer aus diese Zusammen' klmst hinzuivelscn. Der«iuberufer. �eHv-oeparture-t�reUÄukLremsnade Die beste der Welt F.brrarr.di.ac Millionen im Gebrauch _____ erhalthch,_______ Verantwortlicher Redalteur: Hau» Weber, Berlin. Für den Lnseratenwil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: vorwärts Buchdruckerei u. BerlagSanstalt Paul Singer tt So.. Berlin SW," Nr. 33. 23. IahrMg. 2. Kkilagc des.MwSck" KM» NMIxIl. Freitag, 9. Februar 1906. Die Revolution in Rußland. Der Aufstand in Wladiwostok. lieber die Borgänge in Wladiwostok entnehmen wir dem liberalen russischen Blatte„Rust" folgende Einzelheiten: Noch vor der Ankunft des Generalkommandanten Seliwanoff begann die konservative Partei und die Zeitung„Dalnh Wostok" («Der ferne Osten") die öffentliche Meinung gegen'die Intelligenz zu schüren. Diese Zeitung prophezeite blutige Ueberfälle auf die Aufftändischen; auf den Straffen begannen die Kosaken ungestraft Gewaltakte an Matrosen und Soldaten zu verüben. Darauf wandten sich die Offiziere nochmals an den Kommandanten mit der Bitte, eine Soldatenversammlung zu gestatten. Doch der Kommandant empfing die Deputation auch dieses Mal nicht. Die Garnisons- vereine der Offiziere lösten sich auf. Die Offiziere nahmen Urlaub und fuhren nach Hause oder reichten ihren Abschied ein. Die Bitte dcS„Vereins der Vereine" um Erlaubnis der Einberufung einer Versammlung wurde auch abschlägig beschieden. Man veranstaltete nun ein Volksmeeting, auf welchem man die Frage beriet, welche Maffregeln zu treffen seien, um die wachsende Bewegung unter den Truppen zu beruhigen. Auf dem Meeting erschienen auch Matrosen und Soldaten. Dieselben beschlossen, am 2./15. Januar sich wieder zu versammeln und Delegierte von den Kosaken einzuladen. Die Untermilitärs gaben den Einwohnern die Versicherung, daß fie ganz unbesorgt um ihr Hab und Gut ssein könnten: alles werde unversehrt bleiben. Die nächste Versammlung, welche am 2./1S. Januar stattfand, entsandte eine Deputation zum Festungskommandanten, mit einem Kosakenoffizier an der Spitze, mit der Bitte, 400 Artilleristen aus Port Arthur aus der Haft zu entlassen, da die Untersuchung im Laufe eines ganzen Monats den Mörder des Offiziers auf dem Kap Tschurin nicht hatte feststellen können. Der Kommandant empfing die Deputation zum erstenmal und befahl, die Artilleristen sofort aus der Hast zu befreien. Die- selbe Versammlung der Soldatendeputierten bcschloff auch, im Falle weitere Versammlungen verboten werden würden, den friedlichen Ausstand zu erklären. Die Stimmung in der Stadt wurde nun be- deutend ruhiger, als plötzlich der Oberarzt der Usiuri-Militäreisenbahn, der Staatsrat Mlankowskh, verhaftet wurde, weil er den Chef der Eisenbahn, den Oberst Krämer, der mit einer Abteilung Kosaken die Eisenbahnstrecke abfuhr, um den längst beendeten Streik zu unter- drücken, für geisteskrank erklärt hatte. DaS Volksmeettng vom 1. Januar hatte fich an den Komman- danken mit der Bitte gewandt, den verhasteten Oberarzt zu befteien, doch der Kommandant empfing die Deputation nicht. Am 8./21. Januar wurde ein Soldat— der Vorsitzende einer der Soldatenversammlungen— arrettert. Am 9./22. Januar erging der Befehl, den Matrosen die Flinten abzunehmen, doch die Matrosen weigerten fich, dieselben herauszugeben und entnahmen sogar alle übrigen Waffen auS dem Zeughause. Am 10./23. Januar fand ein Meeting statt, an dem Offiziere und daS sogenannte.bessere" Publikum teilnahmen. Nach zwei Stunden rückten zum Schutze der im Zirkus statt- findenden Versammlung tausend bewaffnete Soldaten und Matrosen an und die Versammlung entsandte eine Deputation zum Militär- gouverneur, General Flug, mit der Bitte, er möge sich beim Fcstungs- kommandanten für die Bestetung des verhasteten Vorsitzenden der Soldatenversammlungen sowie des Oberarztes Mlankowskh ver« wenden. Der Militärgouverneur begab fich mit der Depulatton zum Konnnandanten, doch dieser empfing ihn nicht. Daraufhin kehrte die Deputatton in den ZirkuS zurück, wo die Versammlung der Soldatendeputterten weitertagte. Die ganze Versammlung beschloff nun, mit derselben Bitte zum Kommandanten zu gehen. Kaum hatte die Menge in die Straffe, in welcher sich das Haus des Fe st ungskom Mandanten befindet, eingebogen, d a wurde schon auS Maschinengewehren die erste Salve abgegeben. MS die ersten Reihen zu Boden stürzten, stob die Menge auS- einander. DaS Schießen aus denMaschinengewehren (sog. Kugelspritzen) dauerte fort. Man zählte 200 Ver- wundete und 40 Tote. Getötet wurde unter anderem auch Ludmila Wolkenstein, welche als polittfche.Verbrecherin" 13 Jahre in Einzelhaft in der berüchtigten Festung zu Schlüffelburg verbracht hatte und feit drei Jahren von der Zwangsansiedelung zu Sachalin zurückgekehrt war. Sie schritt im Ann mit ihrem Mann, Alexander Wolkenstein— dem Präses des„Verems der Vereine"— der durch einen glücklichen Zufall unversehrt blieb. Die ver- hältmSmähig geringe Zahl der Getöteten crNärt sich dadurch, daff viele sich auf die Erde warfen, viele sich hinter den Häusern ver- steckten und schliefflich noch dadurch, daff die Soldaten, welche die Kugelspritzen bedienten, die Salven über die Köpfe der Menge hinweg in die Luft richteten. Als die Offiziere dies bemerkten, richteten sie sich selbst die Kugelspritzen; doch die Menge hatte schon Zeit ge« wonnen, fich zu zerstreuen. Die bewaffneten Soldaten und Matrosen begaben fich auf einen der umliegenden Hügel und feuerten von dort auf die aus den Kugelspritzen schieffenden Offiziere. Zwei Offiziere wurden getötet, einer verwundet. Im Laufe von zwei Stunden wurde ununterbrochen aus den Kugelspritzen auf diejenigen geschossen, welche die Verwundeten hin- wegschaffen oder retten wollten. Mit Anbruch der Dunkelheit hörte da? Schieben aus den Kugelspritzen auf und die Kosaken begannen die Hetzjagd auf die Soldaten und Matrosen. Die Kosaken beschossen sogar die Krankenwagen; die Einwohner hingegen feuerten auf die Kosaken. Die ganze Nacht durch ertönte das Flintengeknatter. Am nächsten?age konnten die Matrosen sich nicht entschlieffen, die Kasernen zu orrlaffen, da die Hetzjagd der Kosaken noch fort- dauerte und stets neue Verwundete dem Marinehospital zugeführt lvurden. Die FestungSbehörde stellte eine lange Liste der Personen auf. die verhastet werden sollten und versandte an die Presse folgenden „UkaS":„Falls die Presse in der Beurteilung über die Vorgänge in Wladiwostok der Militärbehörde nur den geringsten Tadel auS- sprechen wird, so erfolgt sofortige Suspension der Zeitung, die Kon- siskatton der erschienenen Rummern und die Ausweisung deS Redakteur« auS dem Bereiche der Festung." Bloh die Zeitung „Wladiwostok" druckte diesen„UkaS" ab und lieff eine Nummer mit der Beschreibung der blutigen Vorgänge erscheinen. Den Matrosen nahm man die Flinten ab. doch gegen mittag gab eine in der Amur-Bucht aufgestellte Batterie eine blinde Salve ab, und nachdem die Bedienungsmannschaft von dem Oberoffizier die Kellerschlüssel abgenommen hatte, sandte sie ihn zu dem Festungs- kommandanten Seliwanoff. Letzterer erschien mit seiner Suite. Die Soldaten ersuchten den Kommandanten die Verhafteten zu befteien. Der Festungskommandant lehnte es ab. Darauf hin gaben die 1 Soldaten eine blinde Salve ab, baten den Kommandanten und seine Suite zur Seite zutreten und feuerten als- | dann eine scharfe Salve auf den Kommandanten ab. General Seliwanoff fiel zu Boden. Man legte ihn auf eine Tragbahre und trug ihn ins nächste Hospital. Es erwies sich, daff er von drei Kugeln in den Rücken und am Halse getroffen war. Gleich darauf erschien bor der Hauptwache ein Schützenregiment und forderte die Befreiung der Verhafteten. Der Stadtkommandant, Oberst Furmanoff, widersetzte sich der Befteiung der Verhafteten und wurde tödlich verwundet. Dem Range nach übernahm nun General Model das Oberkommando über die Festung. In der Stadt begann nun eine Jagd auf die Kosaken.— Es versammelte sich der„Verein der Vereine" und schlug dem neuen Kommandanten vor. alle diejenigen zu befteien, die am Vorabend verhaftet worden waren und aufferdem, um weiteres Blutvergiehen zu vermeiden, die Kosaken aus der Stadt zu entfernen. Der Kommandant ging auf diesen Vorschlag ein. Am Morgen deS 12./25. Januars war die Ordnung in der Stadt wieder hergestellt; man hörte nur noch vereinzelte Schüsse auf Kosaken, die die Stadt noch nicht verlassen hatten. Es fand nun eine Versammlung der Delegierten der Untermilitärs statt, auf welcher beschlossen wurde, dem neuen Festungs- Kommandanten das Ver- trauensvotum auszusprechen und allen seinen gesetzlichen Forderungen, die dem Manifest vom 17. Oktober nicht widersprechen, Folge zu leisten; ungesetzliche Befehle aber, z. B. das Schieffen auf friedliche Versammlungen nicht«mS- zuführen. Die Läden wurden wieder eröffnet und in der Stadt stellte sich vollständige Ruhe ein. Mit den Kosaken zugleich verlieb die Stadt auch die ganze Redaktion des„Dalny Wostok", die in der letzten Zeit von Kosaken bewacht werden muffte. Am 13. Januar fand die feierliche Bestattung der gefallenen Ludmila Wolkenstein statt. Am selben Tage veröffentlichte der lieberale„Verein der Vereine" eine Reihe von Resolutionen: 1. Es wird eine strenge Untersuchung des gänzlich ungerecht- ferttgten und ohne vorherige Verwarnung erfolgten Schieffens auf die ftiedliche Menge am 10./23. Januar gefordert. 2. Die an diesem Verbrechen Schuldigen sollen nicht kriegS- gerichtlich abgeurteilt werden, sondern haben Rußland für immer zu verlassen. 3. Dem Scharfmacherblatt„Dalny Wostok", daS ein Gemetzel provoziert hat, und der aus Geldsäcken bestehenden Stadt-Duma, die nichts für die Verhinderung des Blutbades getan. wird der schärfste Tadel ausgesprochen. Doch dürfen gegen die Urheber des Gemetzels am 10. Januar und das Blatt„Dalnh Wostok" keine Gewaltakte verübt werden. 4. Den Soldaten der Garnison wird Dank gezollt, daff sie, nachdem sie die Festung in ihre Gewalt bekommen und die Ordnung in der Stadt wieder hergestellt hatten, sich von ihrer Machtstellung nicht berauschen ließen und die in ihrer Hand befindlichen Batterien freiwillig wieder den Behörden auslieferten und so die Stadt vor weiterem Blutvergießen und vor Verwüstung retteten. Nach den letzten offiziellen russischen Depeschen soll General Linewitsch in Ostasien wieder vollständig Herr der Situation sein. Diese Nachrichten besitzen aber natürlich keine größere Glaub- ivürdigkeit als die berüchtigten Siegesnachrichten während des Krieges._ Huö der Partei- Das Schicksal der sozialdemokratischen Interpellation über die„Borussia"-Affäre wird fast von der gesamten bürgerlichen Presse zu höhnenden Anwürfen gegen unsere Fraktion ausgenutzt. Auch unsere Parteipresse äußert sich mißliebig über die Saumseligkeit der Fraktton, die trotz ihrer Stärke nicht vermochte, die geschäfts- ordnungsmäßige Anzahl von 50 Mitgliedern zur Unterstützung des Antrages Singer auf Besprechung der Interpellation zu stellen. Die„Brandenburger Zeitung" sagt: In einer so wichtigen Angelegenheit hätte diese Zahl bereits durch die so z i a l d e m o kr a t i s ch e Fraktion gestellt werden können und müssen, Interpellationen von solcher Wichtigkeit müssen, Ivenn sie eingebracht sind, auch vertteten werden, aber nicht so, wie am Dienstag. Die„Märkische Bolksstimme" in Forst meint unter der Spitz marke„Schwänzende ReichtagS-Abgeordnete": „Obwohl die anwesenden Zentrumsleute und die Freisinnigen den Anttag unserer Genossen aus Besprechung unterstützten, er- hoben sich doch keine 50 Abgeordnete zur Unterstützung, so daff der preußischen Justizverwallung die verdienten Angriffe erspart blieben, die sonst unter dem Schutze der parlamentarischen Rede- freiheit vermutlich sehr deutlich ausgefallen wären. Die sozialdemokrattsche Fraktion ist aber sogar ohne Unter- slützung seitens anderer Parteien stark genug, die Be- fprechung ihrer Jnterpellattonen jederzeit zu erzwingen. Warum waren von den 73 Abgeordneten unserer Partei nicht einmal 50 im Hause anwesend? Für unsere Partei ist die Diätenlosig- keit doch kein Grund, bei so wichtigen Anlässen dem Reichstag fern zu bleiben! Fraktion und Fraktionsvorstand verdienen nach unserer persönlichen Ansicht wenigstens eine Rüge und die dringende Ermahnung, dafür zu sorgen, daff die Ansnützung der parlo- mentarischen Macht unserer Partei nicht wieder daran scheitert, daff sozialdemokratische Abgeordnete dem Reichstage fern bleiben." Die„Leipziger BolkSzrltung" schreibt in derselben Angelegenheit: „Die Besetzung deS HauseS war direkt miserabel, und die Wahrheit verlangt es zu sagen, auch unsere Genossen waren sehr schwach vertteten. Nur so war der bcscbämende Akt möglich, der in der Parteipreffe sicher noch zu einem Nachspiel führen wird. Und schliefflich äußert noch die„Mllnchener Post"; „Dieses Vorkommnis ist um so unerfteulicher, als schon wiederholt über mangelhafte Vertretung unserer Fraktion im Reichstage bei wichtigen Anlässen geklagt werden muffte. Wir erinnern nur an die Abstimmung zu den Handelsverträgen. An sich bietet der Etat deS ReichsamtS deS Innern gerade für uns sicher so viel'deS Interessanten, daß eine gute Besetzung der Fraktion den Parteigenossen im Lande als eigentlich selbstverständlich erscheinen muff. Und wenn gar bei einer so wichttgen Interpellation die Fraktion sich derart dezimiert zeigt, dann ist es eine zwar nicht angenehme, aber darum nicht weniger ernste Pflicht der Parteipresse, die Säumigen ernstlich an ihre Pflicht und die Fraktionsleitung an die nötige Umsicht zu mahnen." Man sieht bereits aus diesen Prcßstimmen. die zweifellos noch andere auslösen werden, daß die Parteipresse in der Verurteilung der Rolle sich einig ist, welche die Fraktion aus diesem Anlasse im Reichstage spielte. Zur Erklärung dieses Verhaltens mag dienen, daß man nicht erwartet hatte, die Regierung werde die Stirn besitzen, die Beantwortung einer derartigen Interpellation abzulehnen. Alsdann brauchte es zur Besprechung derselben eines unterstützungsbedürftigen Antrages nicht. Aus diesem Grunde waren bei Beginn der Ver- Handlung zahlreiche in den Kommissionen beschäftigte Mitglieder der Fraktion nicht im Saale. Diese neue Erfahrung macht hoffentlich unsere Fraktion für die Zukunft bei solchen Anlässen vorsichtiger oder richtiger weitsichtiger. Das zur Schau getragene Vertrauen gegen eine Regierung, die nie ein Hehl aus ihrer Liebedienerei dem Privatkapital gegenüber gemacht hat, mag Wohl das Fehlen einer Reihe von Abgeordneten erklären, das der Sozial- demokraten aber kaum entschuldigen. Genosse Cramer hat, soweit wir dies übersehen können, bisher nur ein Blatt in der Parteipresse gefunden, das geneigt ist, sein Verhalten auf die leichte Achsel zu nehmen. Die Breslauer „VolkSwacht" revidiert die deutsche Sprache und unsere bisherigen Parteianschauungen wie folgt: „Wir halten die ganze Sache für so gleichgültig, daff wir meinen, man tut der Monarchie zuviel Wichtigkeit beimessen,. wenn man davon so viel Wesens macht. Schliefflich braucht ein im Dienste der Partei ergrauter Parteigenosse ja»och nicht konservativ zu werden, wenn er mal den Parkettfußboden eines groffherzoglichen Schlosses gesehen hat. Wobei lvir jedoch be- merken wollen, daff wir absolut keine Sehnsucht nach gleichen Sttidienfahrten haben."_ Rexhäuser kontra„Leipziger Bolkszeitung". Die Erklärung deS Verbandsvorstandes der Buchdrucker zu dem Streit Rexhäuser kontta„Leipziger Volkszeitung" enthielt auch eine Anzahl Hinweise darauf, daß an der Polemik die„Leipziger Volkszeitung" nicht ohne Schuld wäre und daß ihre Animosität gegen die Buchdrucker sattsam bekannt sei. Das hat die Leipziger Partei- instanzen aus den Plan gerufen, die ihrerseits erklären. „daff die Redaktion des„Korrespondent", ohne durch einen An« griff der„Leipziger Volkszeitung" gereizt worden zu sein, die un- wahre Denunzialion verbreitete, das unserer Aufsicht unterstellte Blatt apelliere an die Gewalt und bemühe sich die Arbeiter vor die Flinten des Militärstaates zu locken. Und zwar verbreitete die Re- daktion des„Korrespondent" diese Denunziatton, obgleich sie wußte, daff eine Anklage auf Grund von§ 130 des Strafgesetzbuchs(öffentliche Aufreizung zu Gewalttätigkeit) vom Staatsanwalt gegen die „Leipziger Volkszeitung" erhoben worden war. Die„Leipziger Volkszeitung" war nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, das von der Redaktion deS„Korrespondent" be- liebte, in der deutschen Arbeiterbewegung schlechthin beispiellose Borgehen in schärffter Form zurückzuweisen." polireiliebe«» vemktlicbes ukw. Wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen. Auch Halle muff sein Aufreizungsverfahren haben. Der Vorsitzende der AgitattonS- kommission, Genosse Rudolf K o ch a n s k i, der das Wahlrechtsflugblatt zum 21. Januar:„An das preußische Voll!" verantwort- lich gezeichnet hatte, ist vor den Untersuchungsrichter geladen, wo ihm eröffnet wurde, daß er verschiedene Bevölkerungsklaffen gegen- einander angereizt habe. Unser Genosse sieht der Sache mit mehr Heiterkeit als Sorge entgegen. Die herrschenden Gewalten in Halle scheinen sich noch mehr für unsere Agitation inS Zeug legen zu wollen. Seit der Wahlrechtsbewegung hat sich der Abonnentenstand des„Volksblatt" in Halle um 500 vermehrt und der sozial- demokratische Verein hat um 174 Mitglieder zugenommen. Aufferdem macht sich eine rege Bewegung für den Austritt aus der Landeskirche bemerkbar. Wir quittieren dankend. Eine Anklage wegen Aufreizung zum Aufruhr hat Genossin Zieh erhalten. Am 10., 11. und 12. Januar fanden in Hamburg eine Anzahl von Frauenversammlungen statt, in denen Genossin Zietz über:„Der deutschen Arbeiterin Weihnachtsgeschenk" refe- rierte. Sie behandelte darin die Flottenvorlage, das neue Steuerbukett deS Herrn von Stengel und— die neu vorgelegte Wahl- rechtsraubvorlage. Im Laufe ihrer AuSfiihrungen verwies sie dabei auf Rußland und empfahl den Versammelten, die beispiellose Be- geisterung, den Opfermut und die Energie der russischen FreiheitS- kämpfer nicht nur zu bewundern, sondern ihnen darin nachzueifern. Sie betonte dabei ausdrücklich, daff wir den Kampf entsprechend den anders gearteten Verhältnissen auch anders zu führen hätten. Da wir schon den festen Boden des Gesetzes unter uns haben, sei vom Boden dieses Gesetzes der Kampf zu führen. Nicht die Methode des Straffenkampfes, sondern der so stark entwickelte Opfermut und die Begeisterung seien es. die wir bei unseren russischen Brüdern nnd Schwestern nachzuahmen hätten. In dem Hinweis auf Rußland soll nun die Aufreizung liegen und man versucht, diese Rede in Verbindung zu bringen mit den Exzessen in dem von der Polizei stundenlang unbewachten Schopenstehl und der Niedernstraße. Ganz abgesehen davon, daff in der Rede wahrlich keine Auf- reizung zu Krawallen lag, ist doch auch wohl bombensicher, daff daS lichtscheue Gesindel, welches am 17. Barrikaden baute und Läden plünderte, bei patriotischen Festen aber Hurra brüllt und Spalier bildet, nicht das Publikum ist, daS unsere Versammlungen besucht. Der außerordentliche Parteitag der schweizerischen Sozial- demokratie wird am nächsten Sonnabend und Sonntag in Ölten statt, wie beabsichttgt war, in Aarau, abgehalten, weil daselbst in der Kaserne die Genickstarre grassiert und infolgedessen die Militär- direktion die Bewilligung zur Benutzung von Lokalitäten derselben als Quartiere durch die Delegierten wieder zurückgezogen hat. £liis Industrie und Kandel. Sonncnfleckc. Die wirtschaftlichen Berichte aus der Groß- industrie tragen mit den glänzendsten und grellsten Koiffunkturfarben auf. Daff wir ein Jahr intensivster Arbeitsleistung hinter uns haben, daff manche Werke»och auf Monate hinaus mit Aufträgen versehen find, ist gewiff ein günstige? und erftenlicheS Ergebnis. Bei näherer Betrachtung stellt sich aber heraus, daß vorwiegend die Vorproduktton und der Export an dem außerordentlich flotten Ge- schäftsgange parttzipieren, prozentual die Weiterverarbeitung mit der Rohpröduktton nicht gleichen Schritt hielt, was ziffernmähig in nach- folgendem in Erscheinung tritt: Die Produktion Deutschlands an Brennmaterialien sowie die Ein- und Ausfuhr darin illustriert folgende Zusammenstellung(Stenge in Tonnen): Steinkohlen| Koks Produktion Einfuhr Ausftlhr ■SBB» Mithiff Julands- verbrauch 1004 120 604 008 7 200 042 17 006 726 100 006 414 1005 121 100 240 0 300 693 13 156 008 111700 556 1004 50 013 680 7 660 000 22 135 67 560 653 1005 65 483 208 7 045 261 20118 73 408 351 (1004 12 331 163 550 302 2 716 855 10 064 610 (1905 16 358 324 713619 2 761 080 14 810 853 WW stieg von 160101320 Tonnen in 1004 auf 173 663 775 Tonnen in 1906. Mithin ist eine Zunahme von 4 472 455 Toiinen zu verzeichnen. Dagegen stieg in der angegebenen Zeit der Mehrverbrauch um 6 045 625 Tonnen, der Verbrauch nahm zu von 166 143 600 Tonnen auf 172 180 226 Tonnen. Auch bei Koks ist der Verbrauch etwas stärker gestiegen als die Pro- duktion; die Erzeugung erbrachte ein Mehr von 4 027161 Tonnen, dagegen stieg der Jittnndsverbrauch um 4 246 243 Tonnen. Trotz der riesenhaften Anstrengungen, die der Bergbau entfaltete, lasse» sich Me Spuren de? großen BergarvetteranSstandeS doch nicht ber- wischen. Stellt man die Verbrauchsfteigeruiig von tllftt auf 1905 in Kohlen und Koks einander gegenüber, erhält man folgendes Bild. Es stieg ber Kohlenverbrauch um 3.64 Prozent , Koksverbrauch„42„ Koks kommt vorwiegend als Material für die Roheisen und Halbzeugproduktion in Betracht. Der Verbrauch hierfür stieg aber unvergleichlich stärker als das für die Weiterverarbeitung beuöligte Breunmaterial. Die Roheisenerzeugung stieg von rund 1 Million auf rund 11 Millionen Tonnen. Um vieles weniger als die Erzeugung stieg der Jnlaudsverbrauch, nämlich von 6 667 814 Tonnen auf 6 785 073 Tonnen, also nur um 117 257 Tonnen. Das heißt, oer größere Anteil an der Mehrerzeugung entfällt auf den Export an Roheisen respektive Halbfabrikaten. Diese Tatsache, die unter normalen Verhältnissen ja weniger bedeutungsvoll wäre, erhält ihr oolles Gewicht erst unter Berücksichtigung der bei der letzten ProduktionSsteigerung wirkenden Kräfte. Es sind die neuen Handelsverträge. Wie sich zeigt, hat die Weiterverarbeitung nicht in demselben Maße wie die Rohproduktio» an dem Aufschwünge teilgenommen, aber auch ihr Plus entfällt fast ausschließlich auf den Export. Der heimische Markt hat nur wenig mehr Eisen als das Vorjahr aufgenommen, ja relativ ist der Verbrauch sogar zurückgegangen, er blieb ganz beträchtlich gegen die Bergleichziffern der Jahre 1899 und 1900 zurück, wie folgende Tabelle ausweist. Es betrug pro Kopf der Bevölkerung sin Tonnen): 1890 1899 1900 1904 1905 Produktion.. 97.1 150,8 151,4 169,2 181,9 Verbrauch.. 81.7 128,4 131,1 112,4 111,8 Der heimische Markt erscheint gegenüber der riesigen Erzeugungs- zunähme wenig aufnahmefähig, ja augenscheinlich ist er sogar schon übersättigt. Das sind zweifellos keine Erscheinungen, die mit den Jubelberichten aus der Großindustrie in Harmonie zusammengestellt werden können. Ein schlechter Trost. Das Kalisyndikat fühlt sich veranlaßt, daraus hinzuweisen, daß die Vorwürfe betreffend Verschleuderung der Kalisalze im Auslande unberechtigt seien. Eine Untersuchung der Kalilaaer habe ergeben, daß die Befürchtung einer— vor- zeitigen Erschöpfung zum Schaden der Landwirtschaft haltlos sei. Zu Preisen, welche unter den Jnlandssatz hinabgehen, verkaufe das Syndikat im Auslande nicht, augenblicklich werde nur von freien Werken nach dem Auslande unter Syndikatspreis abgeschlossen. Würden die Outsieders zum Anschluß an das Syndikat gezwungen, dann bleibe die deutsche Landwirtschaft in der Preisstellung gegenüber dem Aus- lande günstiger gestellt. Es wäre wirklich ein starkes Stück, wenn die Regierung nach dieser Richtung irgendwie terroristisch einschreiten wollte. Die Junker stecken Liebesgaben genug ein, ihnen auch noch auf diese Weise die Börse zu spicken, wäre ein neues Verbrechen am Volkswohl. Es kann kaum noch bezweifelt werden, daß der Antrag auf Erhebung eines Ausfuhrzolles auf Kali lediglich aus den Er- wägungen geboren wurde, die ausländische Konkurrenz zu unter- binden, den Junkern höhere Preise zu garantieren. Damit ist die Wuchertendenz jener Forderung genügend gekennzeichnet. Dividendenscgen. Fast durchweg dürfen die Aktionäre auf eine höhere Ausbeute aus der industriellen Mehrloertschaffung rechnen. Die Chemnitzer Aktien-Spinnerei verteilt 9 Proz. gegen 4 Proz. im Vorjahre, die Färberei Glauchau 3 Proz. gegen 7 Proz. Auf 23>/s Proz. brachte es die Mechanische Baumwollspinnerei in Augsburg, die im vorigen Jahre 17'/z Proz. ansschüttete. Der Bremer„Vulkan" der für 1904 6 Proz. verurteilte, gibt diesmal 10 Proz. Von 6V3 auf 71/2 Proz. stieg die Dividende der Eisengießerei A.-G. Keyling u. Thonias sBerlin), 9 Proz. wie im Vorjahre verteilt die Leipziger Jmniobilien-Gesellschaft in Leipzig. 12 Proz. gegen 6 Proz. in 1904 bringt die A.-G. Hammerstein in Osnabrück zur Verteilung. Auf 20 Proz. wird die Dividende der Lübecker Maschinenbau-Gesellschaft geschätzt._ Soziales. Wie du meiner Herberge, so ich deiner Mission. Der Vorstand der Landesversicherungsanstalt Schleswig-Holstein hatte ein hypothekarisch gesichertes Darlehnsgesuch für die G e w e r I- schaftsherber ge abgelehnt. Darauf stellte der Arbeitersekretär Weber-Kiel im Ausschuß den Antrag, folgende Darlehen sofort aus dem gegenüber der Gelverkschaftsherberge geltend geniachten Gründen zu kündigen: Verein für Stadtmission in Wandsbeck 46 151,30 M., Verein Arbeiterbund in Flensburg 53 446,57 M., Jünglings- und Männerverein Matthias Claudius in Flensburg 39 800 M., Arbeiter- kolonie iu Rickling 51 000 M.. Landesverein für innere Mission in Neumiinster 173 612,10 M. Dieser Antrag wurde mit 10 gegen 9 Stinnnen angenommen und wird demgemäß ausgeführt. Diese Konsequenz wird der Vorstand bei seinem ersten Beschlüsse wohl kanni erwogen haben. Die erziehliche Tätigkeit unseres Genossen belehrt vielleicht nun die von„Arbeiterfrcundlichkeit" überfließenden Versichermigsanstaltsbeamten, dnßes ein Mißbrauch zu parteipolitischen Zwecken ist, gemeinnützige Zwecke nach der politischen Richtung ihres Gründers bei Anlegung von Arbeitergeldern zu unterscheiden. Zum Notstande der Nchrungsfischcr. Vor zwei Jahren drang ein Schrei der Verzweiflung der Nehrungsfischer in die Oeffentlichkeit. In der schrecklichen Hungersnot, die dort wütete, wendeten sich die armen Fischer um Hülfe an die Behörden. Aber für die armen Fischer gab es nur Worte. Als im Landtage die Sache zur Sprache kam, sagte die Regierung„wohlwollende Berücksichtigung" der Wünsche der Fischer zu. Wenn es dabei geblieben wäre, so hätten die Fischer vielleicht weniger hungern dürfen— aber die Regierung mußte sich betätigen in wohl w olle ir der Weise und setzte fest, daß jeder Fischer, der im Winter zum Fischen einen Erlaubnisschein zum Klappern brauche— sechs Mark zu zahlen habe. Den Fischern, die das Geld nicht besaßen, sollte die Gemeinde- lasse aushelfen. Doch in der war oft kein roter Pfennig, da keine Steuern einkamen. Aber das„Wohlwollen" der Regierung ging noch weiter. Der Regierungspräsident verfügte, daß Fischer, die sich einein Fischereibeamten widersetzt haben, keinen Klapperschein erhalten sollen. Wer keinen Klapperschein hat, kann im Winter nicht fischen gehen, darf aber hungern. Auch damit war das„Wohlwollen" der Regierung noch nicht erschöpft: nach N i d d e n, dem Herd aller Unzufriedenheit, wurde ein Gendarm zur„Aufrechterhaltung der Ordnung" kommandiert. Der Notstand ist nun auch in diesem Winter ein sehr arger. Die Fischer hungern und wiederum ist die Regierung mit ihrer „wohlwollenden Berücksichtigung" da. Die Fischergesellen erhielten. als Eis vorhanden war, auch für gutes Geld keine Klapperscheine; sie konnten sich also nicht auf den Fischfang begeben. Der Fisch- meister hat den kleinen Fischern gesogt:„Sie erhalten keine Scheine. bis die Großfischer ausgelegt haben und mit Gesellen versehen sind." Die Regierung sucht also den großen Fischern die Arbeits- kr äste zu erhalten. Die kleinen Fischer dürfen so lange hungern. Dabei ist der Lohn, der den Fischergesellen gezahlt wird, kein glänzender. Sie erhalten den vierzehnten Teil von der Einnahme des großen Fischers. Davon muß der Geselle Miete zahlen und seine Familie unterhalten. Ein Ver- dienst von 14 Mark pro Woche gilt als, hoch. In diesem Winter sind die Eisverhältnisse sehr mißliche und Wochen vergehen, ohne daß ein Fisch gefangen wird. Hin und wieder sorgt der Gendarm in Nidden für Abwechselung. So fragte er einen Genossen, der sozialdemokratische Kalender verteilt hat, mit welcher Erlaubnis er die Kalender verteilt habe. Der Gendarm vertrat die Ansicht, daß das Titelblatt des Kalenders strafbar sei, auf demselben stehe: Kein Landrat, Amtsvorsteher. Polizeidiener, Gendarm, Nachtwächter usw. hat das Recht, den Kalender fortzunehmen. Der Genosse legte dem Hüter der Ordnung das Unzutreffende seiner Rechtsauffassung dar. Der übergroße Teil der Nehrungsschiffer ist recht f r 0 m m und geht häufig in die Kirche. Doch auch dieser Besuch wird ihnen kostspielig gemacht. Man belegte zuerst nur die unteren Sitze in der Kirche zu Nidden mit Pacht. Doch die armen Fischer haben nicht einnial Geld, um sich sattzuessen, geschweige um die Pacht für eine Bank in der Kirche zu entrichten. Der untere Teil der Kirche blieb leer. Oben auf den Chorbänken saß die Menge aber dichtgedrängt. Nun erließ man eine Verfügung, nach der auch die Chorbänke nur gegen eine Pachtsumme benutzt werden können. Als die Leute zur Kirche kamen, wußten sie nicht, wo sie bleiben sollten. Einige von ihnen hatten einen meile»weiten Weg zurückgelegt und sollten nnn zwei Stunden stehend das„Wort Gottes" anhören. Das war zu viel und es wäre beinahe zur Kirchenrevolte gekommen, wenn die Oberhäupter nicht ein- geschritten wären.— Ohne Kirche, Gendarni und Strafgelder ließe sich den armen Nehrnngsfischern durch einen kleinen Bruchteil dessen. was der preußische Staat für Pferde- oder Fischzucht ausgibt, durch Erleichterung ihrer Erwerbstätigkeil und Erschließung neuer Erwerbs- quellen helfen. Aber— die Nehrungsfischer hungern ja wirklich und sind keine notleidenden Großgrundbesitzer. Wann hätte das Drei- klassenparlament wirklicher Not zu steuern gesucht? Kommunale Scharfmacher. Der liberale Stadtmagistrat von Augsburg hat neue Vorschriften für Vergebung gemeindlicher Arbeiten und Lieferungen erlassen. In dieselben ist nicht nur die Streikklausel im für die Unternehmer günstigsten Sinne auf- genommen worden, sondern durch Mehrheitsbeschluß der aus Fabrik- besitzern, Kommerzienräten und Handwerksmeistern zniammengesetzten Stadtverwaltung kam auch noch eine A u§ s p e r r u n g s k l a u s e l trotz der Opposition der beiden Bürgermeister, denen ein solcher Be- schlutz selbst zu weit ging, in die Bestimmungen hinein. Der Passus sagt, daß im Falle einer Aussperrung sich der Magistrat das Recht der Stellungnahme im einzelnen Falle vorbehält. Damit ist bei der derzeitigen Znsammensetzung der Stadtverwaltung der scharfmache- rischen Willkür freie Bahn geschaffen. Eine von einem Mitgliede des Magistrats ausgehende Anregung, die Vorschriften vor der Annahme erst der Oeffentlichkeit und damit den Organisationen zur Kritik zu unterbreiten, wurde abgelehnt. Von seilen der Bürgermeister wurde ausdrücklich konstatiert, daß die neuen Submissionsbedingungen ein Versuch sein sollen, dem Handiverk wieder auf die Füße zu helfen. Problematische Experimente aus Kosten der Allgemeinheit. Und das nennt man liberale Stadtverwaltung! Steigerung der landwirtschaftlichen GnindstnckSpreise. In den letzten Monaten wird aus vielen Gegenden des Landes eine intensive Steigerung der Grund st ückspreise ge- meldet. Es handelt sich dabei nicht etwa uin Spekulationskäufe, sondern um den einfachen Besitzwechsel rein landwirt- s ch a f t l i ch e r B e s i tz u n g e n. So hat in Theene sOstfriesland) dieser Tage ein Grundstück, für das der bisherige Besitzer vor acht Jahren 60 000 M. bezahlte, diesem beim Weiterverkauf an einen anderen Landwirt 101000 M. eingebracht. In Ostfriesland vollziehen sich zurzeit viele GrundstückSunrsätze zu gesteigerten Preisen. Vor vier Jahren z. B. wurde in Großholuni ein Grundstück für 70 000 M. erworben und kürzlich für 110 500 M. an einen anderen Gntsbesitzer weiter verkauft. Aus Wambeck bei Bodenfelde an der Weser, daß dort in den letzten Zeiten mehrfache Grundstücksverkäufe vorgekommen sind, bei denen die Rute mit 83—93 M. bezahlt wurde, gegenüber einem Preise von nur 20—30 M. noch vor zehn Jahren. Aehnliche Mitteilungen auch aus anderen Gegenden beiveisen, daß die am 1. März in Kraft tretende Erhöhung der Zölle ihre dem Besitzer größerer Güter vorteilhafte Wirkung schon jetzt ausübt. )Ziis der frauenbewegung. Bahn frei— für die Frau! Der Initiativantrag der sozialdemokratischen Reichstags- fraktion über das Vereins-, Versammlungs- und Koalitionsrecht hat folgenden Wortlaut: § 1. Die Reichsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts haben das Recht, sich zu versammeln. Zur Veranstalwng und Abhaltung von Versammlungen bedarf es weder einer An- Meldung bei einer Behörde, noch einer Erlaubnis durch eine Behörde. Versammlungen und Umzüge, die auf öffentlichen Straßen und Plätzen stattfinden, sind spätestens sechs Stunden vor ihrem Beginn durch den Veranstalter oder Einberufer bei der mit der Ordnung des öffentlichen Verkehrs betrauten Orts- behörde anzuzeigen. 8 2- Die Reichsangehörigen ohne Unter- schied des Geschlechts haben das Recht, Vereine zu bilden. 8 3. Alle den vorstehenden Bestimmungen widersprechenden Gesetze und Verordnungen einschließlich derer, welche die Ver- abredung und Vereitiigung zum BeHufe der Erlangung günstigerer Lohn-' und Beschäftigungsbedingungen hindern, untersagen oder unter Strafe stellen, sind aufgehoben. 8 Wer die Ausübung der in vorstehenden Paragraphen gewährleisteten Rechte hindert oder zu hindern versucht, wird mit Gefängnis bis zu drei Monaten bestraft, sofern nach dem allgemeinen Strafgesetz nicht eine härtere Strafe eintritt. 8 ö. Die landesgesetzlichen Bc- stimmungen über das Versammlungs- und Vercinsrecht sind aufgehoben. Das Gesetz soll am Tage seiner Verkündung in Kraft treten. Es wird die höchste Zeit, daß mit den vormärzlichen Bc- stimmungen unseres reaktionären Vereins- und Versammlungs- rechts gebrochen und dafür ein Gesetz geschaffen wird, das dem Freiheitsdrange des Volkes Rechnung trägt.— Die Vorkommnisse am roten Sonntag bewiesen aufs neue, wie besonders den Frauen die Betätigung am öffentlichen Leben durch das bestehende Ver- einsgesetz erschwert wird. In dem großen einigen Deutschland engen 24 verschiedene Vereinsgesetze die Bewegungsfreiheit der Frauen ein. Am reaktionärsten sind die Knebelungsparagraphen im Junkerstaate Preußen. Die in der Agitation tätigen Genossinnen haben reiche Erfahrungen, wie„fürsorgliche" Stadtoberhäupter die bestehenden Paragraphen der Vcreinsgcsetze„auslegen" und so die Frauenwelt an der Ausübung ihrer Staatsbürgexrechte hindern. Durch die Hammersteinsche Scgmcntrede ist dieser Zustand noch kritischer geworden. Recht häufig erlassen überschlaue Polizeibeamte will- kürlich Versammlungsverbote und ebenso häufig lösen sie aus nich> tigen Gründen Versammlungen auf. Die Unsicherheit ist äußerst bedrohlich, da alle möglichen und unmöglichen Vorwände hervorgesucht werden, um den Frauen die Beteiligung am öffentlichen Leben zu erschweren. Bald darf eine Rednerin nicht sprechen, weil sie eine„aufreizende Sprechweise" hat, bald haben die Versammlungsteilnehmerinnen sich nicht richtig placiert, bald ist die„Sittlichkeit gefährdet" usw. Aus letzt- genanntem Grunde wurde den Frauenrechtlerinnen in Hamburg eine Versammlung, die sich mit dem Bordellwesen beschäftigen wollte, unmöglich gemacht; sie mußten sich» mit ihrer Veranstaltung vom republikanischen Boden auf preußisches Gebiet flüchten. Solche ungesetzliche Handhabungen des Vereins- und Versammlungs- rechts sind aus allen Gegenden Deutschlands bekannt geworden. In Lobberich(Rheinland) ließ der Bürgermeister vor kurzem innerhalb acht Tagen zwei öffentliche Versammlungen der Textil- arbeitcr auflösen, weil der Einberufer die Frauen nicht hinaus- weisen wollte. Eine Beschwerde beim Landratsamt in Kempten war erfolglos; es wurde erklärt, der Textilarbciter-Verband sei ein politischer Verein, an dem Frauen nicht teilnehmen dürfen, ergo seien die Mahnahmen der Behörde„berechtigt" gewesen.— Mit den Worten„im Namen des Gesetzes löse ich die Ver- sammlung auf", wird nicht selten Mißbrauch getrieben; denn viel- fach wissen die unteren Polizeiorgane keine Gesctzesparagraphen für ihre Maßnahmen anzuführen. Aus Vorstehendem ergibt sich, daß das bestehende Vereins- und Versammlungsrecht nicht mehr in unser Jahrhundert der „Kultur und Freiheit" hineingehört, und doch wehrt man sich gegen jede Aenderung in freiheitlichem Sinne. Der braunschwcigische Landtag lehnte eine Reform des VcreinsgesctzeL mit folgender Begründung ab: „Es steht zu befürchten, daß cs in solchen Versammlungen, an denen Frauen teilnehmen, bei der leichten Erregbarkeit der- selben, und gerade derjenigen der hier am meisten beteiligten Schichten der Bevölkerung, zu unerquicklichen Szenen kommen wird, die ein direktes Einschreiten der Polizei nötig machen, und wie mißlich dieses notwendige, unter Umständen mit An- Wendung körperlicher Gewalt verbundene Einschreiten sein würde, bedarf keiner weiteren Hervorhebung." Welche zarte Rücksichtnahme auf die Frauen! Wie nimmt sich bei dieser Rücksicht die Tatsache aus, daß man in Bromberg sozialdemokratische Flugblattverbreiterinnen wie wilde Tiere gefesselt durch die Straßen führte. Die eine der„Ver- brecbcrinnen" bat um Toppclhaft, da sie an Krämpfen leidet und deshalb nicht allein bleiben könnte. � Hierauf erschien der Beamte mit Fesseln in der Zelle, fesselte ihr die Hände auf dem Rücken und schloß die so gefesselten Hände an einen auf der Diele an- gebrachten eisernen Ring! Außerdem schlang er eine eiserne Kette um das rechte Bein der Gefesselten und befestigte dieselbe an einem zweiten am Fußboden befindlichen Ring, so daß die Gefesselte in einer regungslosen Lage verbleiben mußte. In dieser Zwangslage ließ der Beamte die Frau etwa eine Stunde verharren. Wahrhaftig, wir leben in einem humanen Zeitalter! Auch in Sachsen wird die Versammlungsfreiheit und die Agitation für die Gewerkschaftsbewegung durch den Minder- jährigen-Paragraphen aufs äußerste gehemmt. Es liegt fast allein in der Hand des überwachenden Beamten, ein zur Beratung stehendes Thema für politisch zu erklären und daraufhin die Minderjährigen auszuweisen oder die Versammlung aufzulösen. Um diesem Zustande ein Ende zu machen, fordern auch die sozialdemokratischen Frauen ein einheitlich und freiheitlich aus- gestaltetes Vereins- und Versammlungsrecht, das auf Wirtschaft- lichem und politischem Gebiete Frauen wie Männern das gleiche Recht zuerkennt. Bahn frei— für das Weib! Eine Konferenz sozialistischer Frauen tagte sin Laufe voriger Woche in Gent(Belgien). Es wurde unter anderem beschlossen, in eine energische Agitation einzutreten zur Erringnng des allgemeinen gleichen Wahlrechts für die Frauen. Die beiden in französischer und vlämischer Sprache erscheinenden sozialistischen Frauenzeitungen sollen in Orlen, wo Abonnenten noch nicht vorhanden find, zunächst für längere Zeit gratis verteilt werden. Beschlossen wurde ferner, daß die Genossinnen versuchen sollen, in die Lokalverwaltungcn, Armen- kommisfionen, Verwaltungen der Wohltätigkeitsinstitute usw. zu gc- langen. Frauenstimmrecht in Japan. Nach einer Meldung des„Daily Telegraph" ans Tokio soll in Verbindung mit der Beivegung für das Frauenstimmrecht ein Gesetzentwurf eingebracht werden, nach dem den Frauen gestattet wird, Mitglieder politischer Parteien zu sein. Versammlungen. Die Einführung von Handclsinspektionen forderte eine stark besuchte öffentliche Versammlung von.Handelsangestellten, die der Zcrktralverband der Handlungsgshülfen am Mittwoch einberufen hatte.— Der genannte Verband hat— wie der Referent K a l i s t i ausführte— an den Bundesrat eine Petition gerichtet, welche die Einführung von Handelsinspektionen als Aufsichtsinstanzen für die Durchführung der Schutzgesetze im Handclsgewerbe fordert. Aus den Mitteilungen, die Graf Posadowsky im Reichstage machte, habe man nun erfahren, daß der Bundesrat die Vorlegung eines der- artigen Gesetzes ablehnt. Die Industriellen— sagte Graf Posodowsky— sähen den Fabrikinspektor nicht gern in ihren Be- trieben, die Handelsinspektoren würden in den Kontoren und Ge» schästslokalen auch nicht Willkommen sein und schließlich könne man doch nicht hinter jeden Staatsbürger einen Schutzmann stellen.— Solche Rücksichten— meinte der Referent— kenne man in den herrschenden Kreisen nicht, wenn cs sich um Arbeiter handelt, die ihre Rechte ausüben oder weitere Rechte fordern. Als die Arbeiter» schaft am 21. Januar für das Wahlrecht demonstrierte, da hielten cs die Behörden für nötig, hinter jeden demonstrierenden Staatsbürger nicht nur einen Schntzmann zu stellen, sondern eine Kom- pagnie Infanterie, Kavallerie, Artillerie und— Feuerwehr.(Lebhafter Beifall.) In seinen weiteren Ausführungen zeigte der Re- ferent, wie notwendig eine Gewerbeaufsicht für das Handelsgewerbe ist, da die kümmerlichen Schutzbestimmungen, welche für die Handels- angestellten erlasien sind, von den Unternehmern kaum beachtet ivcrden. Die Bestimmungen über Sonntagsruhe, Neunuhr-Laden- schlutz würden häufig übertreten, ohne daß solche Fälle zur Kenntnis der Behörden kommen. Die Bureauräume, in denen das kauf- männische Personal arbeiten müsse, seien oft in hygienischer Be- ziehnng so mangelhaft, daß nur durch gesetzliche Vorschriften Wandel geschaffen werden könne. Dasselbe gelte auch von den Wohnräumen der Angestellten, die beim Chef in Kost und Logis sind. Der Referent ersuchte die Handelsangestellten, sich, da die Einführung von Inspektionen abgelehnt ist, selbst zu helfen, indem sie jeden Fall von Uebertretung der bestehenden Schutzbestimmungen zur Anzeige bringen. An der Forderung: Einführung von Handels- inspektioncn, werde man trotzdem festhalten.— Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen: „Die Versammlung nimmt mit Entrüstung davon Kenntnis, daß der Bundesrat eS abgelehnt hat, ein Gesetz zur Einführung von Handelsinspektionen zu schaffen. Die Versammelten protestieren ganz energisch gegen die Ablehnung dieser gerechten Forderung der Hcmdlungsgehülfen und erklären: Da die wenigen gesetzlichen Be- stimmungen, welche die Angestellten im Handclsgewerbe schützen, ständig übertreten und vom Unternehmertum als nicht vorhanden angesehen werden; da die unteren Polizeiorgane, die jetzt die Aus- führung der Schutzgesetze im Handelsgewerbe zu überwachen haben, nicht die Möglichkeit und die Fähigkeiten besitzen, die Aufsicht mit Erfolg durchzuführen, so ist die Einführung von Handelsinspektionen eine unbedingte Notwendigkeit.— Im Interesse des Schutzes der Gesundheit und des Lebens der Handelsangestellten und um die wenigen bestehenden Schutzgesetze nicht ganz illusorisch zu machen, verlangt die Versammlung vom Bundesrat die sofortige Vorlegung eines Gesetzes, welches die Einführung von Handelsinspektionen bestimmt." Die Sektion der Putzer deS Zentralverbandes der Maurer hielt am Sonntag ihre Mitgliederversammlung ab, in der Kassierer K e l p i n folgende Abrechung vom 4. Quartal 1905 gab: Die Zweig- Vereinskasse schließt mit einer Einnahme und Ausgabe von 20 969 M. ab. Die Lvkalkasse hatte einen Bestand aus dem 3. Quartal 1905 von 69 725,65 M., die Einnahme betrug außerdem 12 059,10 M., ihr stand eine Ausgabe von 4308.37 M. entgegen, mithin bleibt ein Bestand von 77 476,38 M. Die Jahresabrechnung ergab folgendes: die Einnahme inkl. des Bestandes vom Jahre 1904 betrug 153 311,65 Mark, die Ausgabe betrug 75 835,27 M., bleibt ein Bestand von 77 476,38 M. Die Mitgliederzahl betrug am Schlüsse deS Jahres 1904 2155, am Schlüsse deö Jahres 1905 2470, Mithin beträgt die Mitgliederzunahme 315. Bei der Vorstandswahl wurden gewählt: als erster Bevollmächtigter Hermann R e u m a n n; als zweiter Bevollmächtigter Ernst Schulze; als erster Kassierer August K e l p i n; als zweiter Kassierer Theodor Helm; Schrift- führer wurde Karl Lehnig. Als Revisoren wurden Chr. Wanske, Aich. Marks und Gustav Lehmpfuhl gewählt. Als Delegierte zu der«m 4. März stattfindenden Gaukonferenz wurden die Kollegen Hermann Neu mann, August Kelpin und Karl L e h in g vorgeschlagen._ Vermifchtes. Majestätöbeleidiguiig wegen Besprechung eineS HofballeS. Die von uns vor einigen Tagen gebrachte Nachricht, daß der„Rostocker Zeitung" eine Majcstätsbeleidigungsklage wegen des obengenannten ftcventlichen Unterfangens angedroht sei, ist dahin zu berichtigen, daß es sich in dieser Notiz um unser Rostocker Parteiblatt, die «Mecklenburgische Volkszeitung" handelt. Für»en Fiilmli»er Fmerutc iiberiiiiiiiüt die Nedntlioii dem Piiblituii! gegenüber keinerlei ?ieraii»wi>rni ng. HKeater. Ka- Er- Freitag, den 9. Februar. Ansang 7>/, Uhr: Opernbaus. Die weiße Dame. Schauspielhaus. Der Schwur der Treue. Deutsches. OcdipuS und die Sphinx. Weilen. Der Herr der Hann. Berliner. Die Jüdin von Toledo. Lesjiug. Rosmersholm. Neues. Ein Somniernachtstraum. Anfang 8 Uhr: SchlNer<>. l �alliier-Theater.) Ein Wintermärchen. Schiller X.(Friedrich Wilhelm- städlifches Tvealcri. Eyprienne. Zentral. Der Mikado. Walhalla. Nach Asrika, nach merun. Kleines. Kinder der Sonne. Komische Oper. Hoffmanns Zählungen. Residenz. Der Prinzgemahl. Trinnon. Loulou. Lustspielhans. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis früh um Fünse. Atletronol. Aus ins Metropol. ltarl Weih. Die lebende Brülle aus Kuba. Luise». Pension Schöller. Dentsch-Amerikanisches. Er und Ich. Kasino. Die goldene Brücke. Apollo. Insel Tulipatan. Im Gri- sclten-Kabarett. Spezialitäten. Herrnfeld. Familientag im Hause Prellstein. Folios Kaprice. Nach dem Zapsen- streich. Der Beheme. Bclle-Zl lliance. Der grüne Teufel. Spezialitäten. Wintergarten. Otto Reulier.— Spezialitäten. Reictisballen. Stettiner Sänger. Pasiage. Spezialitäten. »rniiia. TanKenstrahe 48/49. Wends 8 Uhr: Am Gols von Neapel. Hörsaal 8 Uhr: Ingenieur Zechlin: Der Explosivmotor. Sternwarte, Juvalidenstr. 67/82. Täglich geosinei von 1 bis 7 Uhr. Berliner Theater. Ansang 71/, Uhr. Die Jüdin von Toledo. Sonnabend nachm. 2'/.Ubr: Schüler» Vorstellung z. ermüh. Preis.: Die Räuber 21/, Uhr: Oer Widerspenst. Zähmung. Sonntag nachm. 2'/, Uhr zu er- mäßigten Preisen: llean. Abends 7'ls Uhr: Die Jüdin von Toledo. Heues Theater. Ansang 7l/j Uhr. Sin Scnimernactitstrautn. Sonnabend(Anfang 8 Uhr): Salome. Sonntag: Ein Sommernachtstraum. Kleines Theater. Kiiidcr dn Somit. Anfang 8 Uhr. Sonnabend: Kinder der Sonne. Zentral-Theater (Operette). Neu cinstudieit: Der Mikado. Operette in drei?lkien mit iäia Wierder und Oskar Braun. Luisen-Theater. Ansang 8 Uhr. pcnrionScböller. Sonnabend: So sind sie alle.__ Sonntag nachmittag: Maria Stuart. Abends: Ein Sommernachtstraum. Montag: Ein Sommernachtstraum. Komisehe Oper. Freitag, d. 9. Februar, abends 8 Uhr: Ht>ffmznn8 Erzählungen. Sonnabend und Sonntag abend: Nottmanns Erzählungen. Sonntag nachm. 3 Uhr zu ermaßigten Preisen: Die Bohäme. Montag zum ersten Male: Don Pasquaie. Apollo-Theater. tm- Vollstänöis neues Programm. Nur neue Spezialitäten und Qobert Belling. Dazu: Tulipatau, Operelte. Griseiten-Kabarett.Paris.Nachtbild. Sonntag, den lt. Februar, nach» mittags 3 Uhr: Berliner bult und Speziät itäten. Bedeut. ermäß. Preise l Metropol-Theater i Anfang 8 Uhr •f Urania UM",: Abends 8 Uhr: Am Golf von Neapel. Hörsaal 8 Uhr: Ingen. Zechlin: Der Explosivmotor. Sternwarte�™" fastaas IM Panoptikum Fried richütr. 165. Ohne 8xira-8ntree. Rergben oliner ibessiniens. 65 Flngeborene Männer, Weiber und Kinder, sowie das Baby„Berolina". Fi n tritt SO Hr. Trianon=Theater. Anfang liOlllOIl. 8 Uhr. Sonntag nachm.: Die herbe Pruchl. Lustspielhaus. Täglich abends 8 Uhr: Der Weg p Hölle. Folies Caprice Budapester Possen- Theater 132 Linienstr. 132, — Ecke FriedrichstraBe.— Zum 144. Male: STach d. KapfeiiHtrcich. Vorher: Der Beheme u. d. auSgezeichn. Spezialitätenteil. Antang 8 Uhr. Vorvcrk. tägl. b. Weriheim u. an der Theaterkasse von 10 Uhr vor- mittags an. Theater. KöpenickerstraBo 67/68. Jed. Abend8Ulir sowie Sonnabend Gastsoiel Adolf Philipp «slSrtJeb Sonntag nehm. 3 übr, halbe Preise! „Ceber'n großen Teich". ÜSoolag, 13. Februar, abends 8 Uhr: Fent-Vorstellung anläßlich des 25jährigen Künstlerjubiläums von Adolf Philipp. Billetts sind jetzt zu haben. Passage-Theater. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Miß Qertrude, Tänzerin. Karl Bernhard, der Humorist. = Vierzehn Nummer».--- „0ail Pegi siegt" (Pepl 4Velß». treues Programm. Otto Reutter. Charles Hera, Jongleur. Sutcliffe-Truppe, schottisch. Akrob. Stein-Eretto, Handspringer. Robbins, Kunstradfahrer. DV Das„Motogirl".-MW Tschin- Maa-Truppe Chinesische Gaukler und Zauberer. Misfinguette, Pariser Sängerin. Rococo, Ballettszene. Clark u. Hamilton, musik. Excentr. Japanische Garde, Damenensemble. BV Biograph."TSSC Große Jahresrevue mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor HoUaender. Kancben in all. Eätunen gestattet. t»ehriidur Heute und folgende Tage: ftmiiiieulag im Hause Prelislein. Familicninitglleder: Fridolin Unterbatt Emmerich Unterbeti Samuel S Unterbett Frau Wolkenbruch Jonas Tischtuch Hannibal Sauerstoff Fredy Eiweiß Maurice Archimedes Flora Prellstein Kicky v. Kilzky Monika v. Kilzky Igel u. Kodak Stanislaus, Helene Schestak, Nechtskonsulent (Anton Herrnfeld) Esau Prellstein (Donat Herrnfeld). Ans. 8 Uhr. Borverk. 11—2 Uhr. Sclilller-Tlieafer. Schiller-Theater D.(Wallner-Theater). Freitag, abends 8 Uhr: Fla Wiistcroiärchca. Schauspiel in 5 Auszügen von W. Shakespeare. Sonnabend, abends 8Uhr: Cyprlenne. Schiller-Theater N.(Frledr.-WIIH. Th.) Freitag, abends 8 Uhr: Cyprlenne. Lustspiel in 3 Auszügen v. Victorien Sardou und E. de Najae. Sonnabend, abend? 8 Uhr: Zwei glüchliohe Tage. •••••iwmmRmhmW®##®®® Hasenheide 108 114. iw°!li Scholz. N6U6 Welt.__ Freitag, den O. Februar 1006: = Münchener Bockhierfes!= I MG- Ulk über Ulk.-HW Heute: Prämüerung des kleinsten Damenfußes. 60, 40, 20 Mark in bar. Die Prämiierung findet um 10'/, Uhr auf der Bühne statt. Anfang 7 Uhr.— Entree 0,30 M. Brauerei Jriedriehshain früher Lipps(Oekonom: E. Kiemann) am Königstor. Größter Konzertsaal Berlins. Heute sowie nur noch einige Tage: arrangiert von dem rühmlichst bekannten und populären Festwirt Schorsch Ehrengruber aus München mit seiner MP" Driginal-Oberland'ler Truppe.-MG Bedienung d. ÄO Oberbayr.jHud'In in Nationaltracht. 1 Morgen: Alpenfest der„Typographia". Zirkus Albert Sehumann Heute abend präzise 7'/, Uhr: Extra-t.ala- Vorstellung. Das neue Sensations-Progr., it. a.: Neu! Ihre Exzellenz Neu! Margaretha Fehiin PaHCha das Rätsel des Morgenlandes. Neu! The great Morgan» Family. Neu! The Ergotti u. King Louis Troupe. Neu! 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Sektion der Gips- u. Zcment- .....: brauche.. Nachruf. Hiermit den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied Karl Hier am 1. Februar im Alter von 48 Jahren am Herzschlag plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken! 137/1 Der Sektionsvorstand. Soeben erschienen: Gesammelte Karikaturen der pHenrusslsetien Revolution. In drei Sprachen; Russisch, deutsch u. franzüsisch. Preis L Mark. Verlag Rosenthal 4 Co., Itcrlin, Rungestr. 20. Zu haben in allen Buchhandlungen. 2557b fliMeiter Deulsehlaoiis. Bezirk Rixdorf-Britz. Tode s• Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kolhege Max Schwabe am 6. Februar nach langem Leiden an der Proletarirrkranlheit ver- starben ist. Die Bsnrdigung findet am Sonnabend, den 10. d. 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Uebersendung einzelner Artikel er- wünscht. Bedingungen de» Vereins Arbeiterpresse voll anerkannt. Bewerbungen find bis zum 15. Fe- bruar an A. Fabian, Magdeburg, Jakobstraße 49 zu richten.* 4—0 Man», welche schon in ein. Kalksandsteins,, brik gearbeitet haben, suche per sofort für meine neu ein- gerichtete Fabrik bei gutem Loh». 98L* ZI. 8cbefiIer,Baugeschäft, Brandenburg a. H, Für das neu zu errichtende Gewerkschaftshaus zu Frankfurt a. O. wird ein tüchttger, fachkundiger Ocftonom gesucht.— Meldungen sind an den Geschäftsführer Otto SItiller, Frankfurt a. O.» Oderftr. 5, II zu richte». 105/8* Gewerksetiaflshaus Franklurt(Oder] Gesellschaft mit beschränkter Hastung. Kürschner! Die Werlstatt des Hofkürschner- meisters Karl Salbach, Unter den Linde» 07, ist wegen Maß- regelung sämtlicher organisierten Kollegen und Kolleginnen gesperrt. Zuzug ist streng fernzuhalte»! Der Vorstand deS Deutsche» Knrschnerveriandes. Zahlstelle Berlin. Ter Vorstand deS Berbandes der Kürschner Berlins und Umgegend. 102/3 Achtimg:! Achtanc! Kauhandwerker! Seit Donnerstag, den 1. d. MtS., befinden sich die Fliesenleger des Maureroerbandes in einer Lohn- bewegung. 136/10 Sämtliche Bauten folgender Firmen sind xcspci-vt: R. Schässer. Warnebold«. Raffe, Schmalisch u. Below. Fromm u. tminS, Karsch. Lehmann. A. ick. Gohlke. Rosenfeld. Ende, Billeroy u. Boch, O. Rebolofsky, Perino u. Co.. Gebr. Vogel. Xatsag Ist rcrnzahalten! Wir ersuchen die Bauhandwerker um strenge Beachtung obiger Sperr- nottz. Di- Firmen: F. Keller. F. Pflüger, M. Zander, I. Töscher, BilSki. H. Schaffrau. Kublank. Körner. Wolf. Werber, Ramin haben unsere Forderungen unierschristlich anerlannt. Die bei diesen Firmen arbeitenden Fliesenleger müssen sich durch ein« gelbe Arbeitskarte aus» weisen. MalverW der Maurer. Für die Streikleitung: I. A.: Felix Drciske- Meiterkkretär gesucht. Für das Arbeitersekretariat Essen«Ruhr etwas später, ein zweiter Sekretär gesucht. wird zum 1. April, eventuell .. Bedingung: Gute Kenntnisse der einschlägigen sozialpolitischen un5 VerficherungSgesetzgebung. Besonderes Gewicht wird daraus gelegt, daß der Sekretär m Bezug aus rednerische Leistung allen Ansprüchen genügt. Kenntnis von Stenographie und Schreib- Maschine erwünscht. 77L* Ansangsgehalt: Mindestens 1920 M. Bewerbungen mit kurzer Angab« über die bisherige Tätiakeil in der Arbeiterbewegung werden bis zum 25 Februar unter Beifügung einer Probearbeit über: Die?lufgaben eine» Arbeiter« und GewerkschastssekretärS erbeten an: WUhalia Wohlsein, Essen-West, Oberdorsstraße 155. Deutscher Holzarbeiter- Verband. Wegen Streik und Differenzen ist Jiiiiiii strusichulttu von Bilderrahmenmacher». KreiS-, sägenschneidern und Tischlern von der Firma Beck u, Co., Neander- straße 4, und Schlefischestr. 42; von Treppengeländer- Arbeitern (Drechsler. Ttfchler, Stellmacher, Polterer. Maschinenarbeiter und Bildhauer) von der Treppengeländer« sabrik Joseph Drechsler, Gubenerstraße 33; von Drechslern von Panitsch, Brunnenftr. 79; von Korbmachern von Snorr, Friedrichsberg, Franks, Chaussee 127; von Perlmnttarbeitern u. Knopf- machern von der Finna Wramowski u. Steiner, Köpemckerstr. 33; von Etnsetiern vom Bau Gerhardt in Halensee, Schweidnitzerstr. 6 und 7, und Bau Gormannstraße(Ecke Lothringerstraße); von Stockarbeitern und Zelluloid- arbeitern von König u. Ausrecht, Jmmanuellirchstr. 6. Die Ortsverivaltang. Ü KIMM! In der Glüsschlkifem von Franz Weber<« Firma Karfunkel£ ff olf Neue Königstr. 6 haben sämtliche Kollegen wegen TarifbrnchS die Arbeit nieder- gelegt. Zuzug streng fernhalten. Die Ortsverwallung Berlin des deutschen Glasarbeiter-Verbandes Sämtliche Arbetter der Firma Schwidetzki, HolzbcarbeitungS- Fabriken, EchOaehei-x: Tempelhofer- weg 64. und Wilmersdorf: Gafteinerstraffe 2/3, befinden sich seit Mittwoch mittag wegen Maßregelung eines Kollegen und Lohndiftcrenzen im Ausstand. Zuzug von Maschinen- sowie Plauarbeiter» ist streng fem- zuhalten. 64/3 Die Ortsverwaltuug des Verbandes der Fabrik-, Land- Hülfsarbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands Zahlstelle Charlottenburg. I. VI.: A. Pohl, 1. Bevollmächtigter. AUS der List« der tariftrenen Geschäfte sind gestrichen worden: Rieh. Schntlrpel, NW., Spenerstr. 4; B. Lilebinaun, Kaiser Wilhelmftr. 16. Außerdem find nicht taristreu: Berlagsdruckerei„Merkur", Köpeuickerstr. 48/49; A. II. Rrodarz, Ritterstt. 78. Fischer, Zchleiidors. Verbandsmitglieder gaben in diesen Geschäften nicht anzufangen. 36/4* Der Gauvorstand. Tpsndsau. iiiiüüsi Holzarbeiter! In der Bautischlerei von Gebr. F. u. 0. Reinicke Spandau, Richelsdorferstr, 12, befinden sich die Tischler-Maschinen« arbeiter und Einsetzer im Streik. Bau ZlmmerstraBe, Spandau, Reinicke, Bau Nonnendanim, Siemens& Halske, Bau Slemens-Schuckert in Fürsten- brunn. Znzng fcrnznhalten! 79/ t* Die Ortsverwallung. I. A: Georg Hinze, Bevollmächtigter. Vuaniworllicher Redakteur: Hand Weber, Berlin, Für des Inseratenteil veranttv.:TH..Gl»ikt, Berlin. Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, partcl-Hngdcgcnbciten. Zur Lokalliste. Der Gesangverein.Liederborn", Meder-Schöne- weide, hält am Sonnabend, den 10. d. Mts., im Lolal„Kyffhäuser" ein Vergnügen ab. Genanntes Lokal steht der Arbeiterschaft nicht gur Verfügung: man weise daher alle Billetts zu dort statt- findenden Vergnügungen entschieden zurück. In Bernau steht das Lokal.Schwarzer Adler" der Arbeiter- lchast zu den bekannten Bedingungen zur Verfügung. Die Lokalkommisston. Skieder-Schönhausen. Parteigenossen! Wir treten nächste Woche in die Agitation für die Wahjbewegnng ein. Diesmal müssen alle Kräfte eingesetzt werden, um Vertreter in das Dorfparlament zu senden. Es kann dies uns aber nur gelingen, wenn jeder nach Kräften mithilft. Am Sonntag, früh 8 Uhr. findet von D ü ck e r. E i ch e n st r. 70 aus eine Flugblattverbreitung statt und es ist Pflicht eines jeden Parteigenossen, zur Stelle zu sein. Jeder Genoste muh es als Ehrenpflicht betrachten, bei der Wahlarbeit Hülfe zu leisten. Boxhagen-RummelSburg. Für die am Montag, abends 8'/, Uhr, im Lokal der Witwe W e i g e l, Türrschmidtstr. 46, stattfinvende Volksversammlung, in welcher unsere Gemeindevertreter über ihre Tätigkeit im Rathause Bericht erstatten, findet am Sonntagfrüh 7>/z Uhr Flugblattverbreitung statt. Die Genossen werden ersucht, in folgenden Lokalen zu erscheinen: A. GorgaS, Neue Prinz Albertstr. 78. P. Ritter, Schillerstr. 26. Lorenz, Wühlischstr. 88. L a n g f e l d. Simon Dachstrahe, Ecke Romintenerstratze. Setzepfand, Goethestr. 10, H a l w a h, Kantstr. 44. P. Jage, Prinz Albertstr. 11—12. G. T e in p e l, Alt-Boxhagen 68. Das Wahlkomitee. Vorort- l�admcbten. Lharlottenburg. Im Dienste der Arbeit. Bei den AuSschachtungSarbeften zum Bau des Jandorffchen Warenhauses am Wittenbergplatz ereignete sich gestern mittag ein erheblicher Unfall. Dort waren mehrere Arbeiter damit befchäfttgt, in der Tiefe Sand auszugraben und fortzuschaffen. Dabei gab eine Wand nach, stürzte ein und begrub den 28 jährigen Arbeiter Hermann Tornow aus der Nehringstr. 4 unter sich. Nachdem ihn seine Kollegen von dem auf ihn ruhenden Geröll be- freit hatten, wurde der Verletzte in einer Droschke nach der Unfall- ftation Zoologischer Garten geschafft, wo der Arzt einen Bruch des linken Unterschenkels feststellte.~~- Nach eineS Notverbandes ankenhause Westend wurde Tornow im Krankenwagen nach dem gebracht. Im Hause Marchstr. 12 sollten gestern an der Wasserleitung Reparaturarbeiten ausgeführt werden. Dabei fiel der 30 Jahre alte Rohrleger Wilhelm Klirwitter aus der Kaiser Friedrichstr. 88 mit der Leiter, aus deren obersten Sprossen er stand, um und zog sich außer Verletzungen beider Schienbeine eine erhebliche Wunde am Kopf bei. Die Unfallstation in der Hertzstrahe leistete dem Ver- unglückten die erste Hülfe. Rixdorf. Eine nachträgliche Mozartfeier als Abfchluh der Huldigungen zum 160. Geburtstage des Meisters findet am Sonntag, den 11. Februar, im Festsaal der Kaiser Friedrich- schule in Rixdors statt. Durch beste Kräfte des Konzert- faalcs und der Hofoper usw. werden alle bedeutenden Solo- und Ensemblestückc der drei Meistcropern„Figaro",„Zauberflöte",„Don Juan" zu Gehör gebracht, während Dr. M a n z. welcher die Lei- tung übernommen, auch den Festvortrag hält und Dichtungen auf Mozart von Max Bcwer, Mörike(Mozart auf der Reise nach Prag) und Stellen aus Mozarts Briefen vorträgt. Billetts zum Preise von 3 0 P f. u n d 5 0 P f. sind in den Buchhandlungen RirdorfS zu haben. Numerierte ZykluSkarten, gültig für die drei in diesem Winter stattfindenden Kunstabende(Mozartabend. Nieder- deutsche Kunst, Holland und seine Kunst) sind nur in der Bikhard- fchen Buchhandlung, Bergstrahe 13, zu haben. Am Sonntag, den 4. Februar, fand im Saale des Herrn Thiele eine Mitgliederversammlung deS„Verbandes der Handels-, Trans- port- und Verkehrsarbeiter Deutschlands" statt. Iii dieser Ver- sammlung gab Kollege Straube den Bericht vom Arbeitsnachweis und von der Agitationskommission. Es ging daraus hervor, daß im abgelaufenen Jahre der Arbeitsnachweis von 143 Arbeitslosen besucht war; davon erhielten 63 Mitglieder Stellen für fest und 42 Mitglieder Stellen zur Aushülfe. Stellen waren gemeldet fiir fest 148 und zur Aushülfe 80. Der«gitattonsbericht gestaltete sich tvie folgt: Es haben stattgefunden 6 öffentliche Mitglieder- versammlnngei?, 21 Betriebsbesprechungen, 18 Bezirks- und Betriebs- vertrauensleuleversaminlungen, 4 besondere Bezirksversammlungen, 11 Sitzungen der Agitatious- und Arbeitsnachweiskommission. Der Dtitgliedcrbestand betrug am 1. Januar 037, es ist ein Zulvachs von 241 Mitgliedern zu verzeichnen. Kollege Franke gab den Bericht von dem Gewerkschaftskartell. In der Diskussion wurden den neuzuwählenden Mitgliedern der Bezirksleitutig bezüglich der Agitation einige Wünsche zur Berück- sichtigiirtfj überwiesen. In die Agitationskommission wurden die Kollegen Straube, Manien, Pohl, Franke. Schneising, Schaal und Langkau gewählt. Als Delegierte zum Gewerkschaftskartell wurden die Kollegen Straube und Franke gewählt. Unter Verschiedenem machte der Vorsitzende bekannt, daß der Lichtbildervortrag nicht am 18. März, sondern schon am 11. März stattfindet und nur Mit- glieder, welche nicht länger als zehn Wochen mit ihren Beiträgen ,m Rückstand sind. Zutritt haben. Weiter machte er bekannt, daß am 10. Februar bei Buggenhagen unsere diesjährige General- versannnlung stattfindet und ersuchte die Kollegen, sich recht zahlreich zu beteiligen. Pankow. Auf der Schwlndsnchtsbrticke deu Tod gefunden hat gestern die Ehefrau des Malermeisters Radtke aus Französisch-Buchholz.— Seit Jahren schon petitionieren die Vorortvereine an der Stettinerbahn, die Eisenbahnverioaltung möge den unerhörten Zuständen, welche an der Strecke, besonders aber auf dem Bahnhof Pankow-Heiners- darf herrschen, ein Ende machen. Schon vor einigen Monaten haben sich Eintvohner an die Eisenbahudirektion mit dem Ersuchten gewandt, die Höherlegung des Bahnkörpers eiliger zu be- treiben und besonders die sogenannte.Schwindsuchtsvrücke". eine' einfache Holztreppe, die über den Pankow- HeinerSdorfer Bahnhof von einem Bahnsteig zum anderen führt, zu beseitigen. Die Bauart dieser alten Holztreppe ist eine ganz veraltete und find schon häufig dort Unglücksfälle geschehen, die aber bisher alle verhältnismäßig gut abliefen. Die Frau Radtke stürzte nun gestern die letzten neun Stufen der Brücke so unglücklich herunter, daß sie sich einen Schädel- bruch zuzog. Aus dem Wege zur Berliner Klinik starb die schwer- verletzte Frau. Die Eisenbahnverwalwng soll für den Unfall ver- antwortlich gemacht werden. Treptow-Baumschulenweg. Wie wir gar nicht anders erwarteten, werden bei der bevor- stehenden Gemeindevertreterwahl unsere Gegner gemeinsame Sache machen. Im Kampfe gegen die Sozialdemokratie findet sich alles zusammen, waS sich sonst befehdet. Wir bedauern das gar nicht, sondern begrüßen diese Tatsache. Zeigt sie doch den Ar- beitern, daß sie sich auf sich allein verlassen müssen, wollen sie über- Haupt vorwärts kommen. Immerhin gibt es doch noch naive Ge- müter, die sich dem Wahne hingeben, die Arbeiter ließen sich vor ihren Wagen spannen und wären töricht genug, für ihre Feinde Minierarbeit zu leisten. Zu diesen naiven Leuten scheint auch der Verleger deS„Treptower Anzeigers" zu gehören. In der richtigen Erkenntnis, daß eine weitverbreitete Presse in dem Kampfe gegen die Arbeiter ein erhebliches Agitationsmittel ist, versucht der Herr auch seinem Blättchen weitere Kreise zu öffnen. Und weil eS mit derVerbreitung des„Vorwärts" am hiesigen Orte gut klappt, sagte sich der geschäftskundige Verleger:„Halt, übergib den Vertrieb deiner „Zeitung" den Sozialdemokraten, dann wird alles richtig und schnell erledigt."— Unser Parteispediteur erhielt nun eine Post- karte von dem Verlag mit der Anfrage, zu welchen Be» dingungen er das Austragen des„Treptower An zeigers" für Treptow übernehmen würde. Als Ant- wort teilte unser Genosse dem Herrn mit, daß wir ein derartiges Blatt nicht austragen, sondern nur den„Vorwärts" verbreiten. Man sollte eigentlich meinen, der politische Anstand müßte es schon verbieten, sich in dieser Weise des Gegners zu bedienen, aber gleichgültig, die Devise lautet eben: Geschäft gehtüberGe- schüft. Die Arbeiterschaft muß sich schon bedanken für die Zumutung, eine„Zeitung" zu lesen und gar noch zu verbreiten, die bei jeder Gelegenheit offene und versteckte Angriffe(jegen die Sozialdemokratie erhebt und in jeder Nummer die russischen Freiheitskämpfer beschimpft. Die Arbeiterschaft unserer Gemeinde liest ihr Organ, den„Vorwärts", und soweit noch derartige Ortsblättchen gelesen werden, wird sie dafür Sorge tragen, daß dieselben aus dem Ar- beiterheim verschwinden und an deren Stelle die Arbeiterpresse tritt. Kalkberge- Rüdersdorf. 37 688 Marl au» der Gemeinbekasse gestohlen wurden in der vorgestrigen Nacht in Kalkberge-RüderSdorf. Die Ein- brecher, welche zweifellos genau orientiert waren, hatten sich ver- mutlich am Tage in das Gebäude deS Gemeindeamts eingeschlichen und öffneten die Tür zu dem Kassenzimmer mittels Nachschlüssels. Dort sprengten sie mit Hülfe von vorzüglich arbeitenden Jnstru- menten den Tresor, wobei sie mit großer Dreistigkeit vorgingen und sich zweifellos auch viel Zeit gelassen haben. Die Diebe erbeuteten 2600 M. Bargeld, ferner Wertpapiere im Gesamtwerte von 35 000 Mark. Unter diesen befanden sich Charlottenburger Stadtanleihe in Höhe von je 1000 M. mit den Nummern 6081, 13 873, 13 674 und 13 678, über je 2000 M. Nr. 2760, 12 648 und 12 768. über je 6000 M. Nr. 12 263 und 24 340; preußische Staatsanleihe über je 6000 M. Nr. 60 738, 124 763 und 124 764. Die Verbrecher drangen. nachdem sie den Einbruch verübt hatten, in einen Parterreraum und flohen von dort aus durch das Fenster. Sofort nach Ent- dcckung des Diebstahls gestern morgen um 8 Uhr wurden die Nach- sorschungcn nach den Dieben aufgenommen. Da zu vermuten war. daß sie von Kalkberge-RüderSdorf aus nach Erkner gegangen waren, um von dort mit einem Vorortzuge nach Berlin zu fahren. wurde der Bahnhof durch Kriminalbeamte besetzt, aber leider ohne Erfolg. Die Diebe sind mit ihrer Beute entkommen. Sämtliche Bankgeschäfte sind von dem dreisten Raube benachrichtigt und vor dem Ankauf der gestohlenen Wertpapiere gewarnt worden. Da eS den Spitzbuben bisher noch nicht gelungen ist. die Papiere zu ver- äußern, werden sie vermutlich versuchen, dieselben bei Gastwirten oder Kaufleuten zu verpfänden. Es wird dringend um Festnahme von Personen, welche versuchen, die oben genannten Wertpapiere zu lombardieren, ersucht. Schmargendorf. Verhaftung eine» Schwindlers. Nach einer hier stattgefun. denen Beerdigung versuchte gestern ein gut gekleideter junger Mann in einem Hause in der Misdroyerstraße unter Vorspiegelung ver- wandtschaftlicher Beziehungen von einer Familie des Hauses Geld zu erschwindeln. Er hatte sich über die Verhältnisse der Fam.lie orientiert und es war ihm bereits gelungen, bei der ,n Wilmers- dorf wohnenden Schwiegermutter eine Anleihe zu machen. Gluck- licherweise waren die hiesigen Verwandten gewarnt und es gelc-ng. den Schwindler zu verhasten. Derselbe trug eine ansehnlich- Summe Geldes bei sich. Auf dem Wege zum Rathause lief der Bursche dem Beamte» davon und nach einer kurzen Jagd wurde er vo» nacheilenden Personen zum Stehen gebracht und gefesselt abgeführt. Ein dreister Einbruchsdiebstahl ist in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag in, Restaurant„Wirtshaus". Warnemünderstr. 6. verübt ivorden. Me Diebe, welche vom Eingang des Gartens ein- drangen, erbeuteten etwa 1060 Zigarren, 0 Flaschen Eierkognak. 12 Tafeln Chokolade und 6 Würste. Hiermit nicht genug, öffneten sie ein Bierfaß und ein 60 Liter-Rumfaß und ließen den Inhalt im Keller auslaufen; den Bierfatzstocher nahmen die Einbrecher auch noch mit. Von denselben fehlt jede Spur. SeHinev JVachnchten. Mit der Suche«ach Mörder» hat unsere Polizei entschieden Pech. Wir wollen hier gar nicht davon reden, daß noch viele Kapitalverbrecher frei umherlaufen und noch entdeckt werden sollen, sondern nur an den gegenwärtigen Fall Hennig anknüpfen. Man ver- gegenwärtige sich diesen Fall. Bei Wannsee wird ein Mann erschossen aufgefunden, eine Schußwaffe liegt nicht dabei. Später wird Selbstmord angenommen und der Mann beerdigt. Es stellt sich heraus, daß der Beerdigte der in Berlin als ver- mißt gemeldete Kellner Giernoth ist. Privatpersonen machen die Polizei darauf aufmerksam, daß nach Lage der Sache an einen Selbstmord gar nicht zu denken ist. Die Leiche wird ausgegraben und die Polizei muß nun ein- gestehen, daß kein Selbstmord, sondern ein Mord vorliegt. Da die Polizei nicht weiß. wer der Mörder ist, machen wieder Privatpersonen darauf aufmerksam, daß in der Gegend von Glienicke sich eine mysteriöse Persönlichkeit herum- getrieben habe, die als Mörder in Betracht kommen könnte. So lernt die Polizei die Persönlichkeit des Mörders kennen, aber hat ihn noch nicht. Wieder finden sich Privatpersonen, die der Polizei mitteilen, daß ein Mann ein Zimmer gemietet hat, der sich nicht recht ausweisen kann und überliefern ihn so gewissermaßen der Polizei. Jetzt hat die Polizei den Mörder, aber— sie läßt ihn wieder entwischen. Einem Mit- arbeiter des„Berliner Tageblatt" soll der Beamte, der Hennig sistierte erklärt haben, er habe nicht gewußt, daß der Mann, den er zur Wache brachte, der Mörder war und da er an- ständig gekleidet war und ruhig mitging, sei er nicht gefesselt worden, man wollte ihn eben„human" behandeln. „Was haben Sie für eine Polizei, Herr Redakteur!"schreibt uns ein auf'der Reise durch Berlin begriffener Herr. Ja, was haben wir für eine Polizei l möchten wir mit dem Ein- sender fragen. Wenn es sich darum handelt, einen armen Teufel, der sich ein bißchen warmes Mittagessen gebettelt hat, zur Wache zu sistieren, kann man oft wahrnehmen, daß ihn ein Schutzmann mit dem Riemen am Gelenk nach der Wache bringt, oder wenn es gilt, für ihr Recht kämpfende friedliche Arbeiter in der Ausübung ihres Rechts zu beeinttächtigen. haben wir häufig eine humane Behandlung nicht beobachten können. Wenn man bedentt, wie Streikposten, die sich in Ausübung ihres gesetzlich gewährleisteten Koalitionsrechts befanden. zur Wache sisttert und dort stunden lang festgehalten wurden und die Verhaftung des Mörders Hennig dagegen hält, so kommt man unwillkürlich zu dem Ergebnis, daß bei uns unter Umständen ei» Verbrecher bessere Behandlung erfährt, als ein anständiger Arbeiter. Es wird zwar behauptet, die Beamten, die Hennig verhafteten, hätten nicht gewußt, mit wem sie es zu tun hatten'. Dagegen spricht aber sehr stark der Umstand, daß die Beamten das Bildnis des Gesuchten bei sich geführt haben sollten. Mag dem aber sein, wie ihm wolle, mit der Mördersuche hat die Polizei Pech! Im Anschluß hieran wird berichtet: Gegen die beiden Beamten Pettschack und Wölk, durch deren Schuld Hennig bekanntlich am Dienstag wieder entweichen konnte, wird auf Grund des K 121 des Strafgesetzbuches ein Verfahren eingeleitet. Dieser Paragraph bedroht in seinem zweiten Absatz den, der durch Fahrlässig- keit die Entweichung eineS Gefangenen, mit dessen Pe- aufsichttgung oder Begleitung er beauftragt ist, befördert, mit Gefängnis bis zu drei Monaten oder mit Geldstrafe bis zu M0 M. Gefangener ist dem Beamten gegenüber auch schon der, den der Beamte zur Feststellung deS Namens anhält. Au» der„Medizinak-Statiftil". Ueber das Modegift Lysol, das in neuester Zeit so vielen Lebensmüden als letztes Mittel dienen mutz, finden wir eine Mitteilung in dem das Etats- jähr 1904 behandelnden ärztlichen Bericht deS F r i e d r i ch s h a i n- K r a n k e n h a u s e s. den der Magistrat kürzlich veröffentlicht hat. Professor Stadelmann, der ärztliche Direktor der inneren Abteilung. hebt hervor, daß die Zahl der Lysolvergiftungen auffallend zuge- nommcn habe, und zwar handele es sich ausnahmslos um Selbst- Mordversuche. Im Vorjahre habe er nur über 1 Lysolvcrgiftung zu berichten gehabt, aus dem letzten Jahre müsse er 23 Fälle auf- zählen. Hierzu ist allerdings zu bemerken, daß der ärztliche Dirck- tor nur die eine Hälfte der inneren Abteilung zu versorgen Hai, während die andere Hälfte dem dirigierenden Arzt Professor Krönig zugewiesen ist. Krönig berichtet gleichfalls noch über 10 Lysolvergiftungen. doch waren von ihm auch im Vorjahre schon 6 Fälle von Lhsolvergiftung behandelt worden, so daß hier die Zunahme nicht so stark hervortritt. Stadelmann hat seinem eigenen Berichte ausführliche Erklärungen beigegeben.„Das Lysol," sagt er, „ist jetzt Modegift, und es wäre dringend zu wünschen, daß auch hier Verordnungen erlassen würden, infolge deren es nicht mehr möglich wäre, daß jeder Mensch sich mit Leichtigkeit beliebige Mengen von Lysol verschaffen kann." Und dann fügt er hinzu: „Glücklicherweise sind Lysolvergiftungen, wenigstens Verhältnis- mäßig, ungefährlich. Von den 23 Vergifteten starben nur 6, d. h. zirka 26 v. H." Diese Nachricht wird manchen der das Lysol bisher für ein gefährliches Gift gehalten hatte, nicht wenig über- raschen. Wir möchten aber keinem raten, dieser Statistik blind zu vertrauen und etwa versuchshalber mal vom Lysol zu nippen. Die oben mitgeteilte Berechnung konnte natürlich nur die Fälle berück- sichtigen, die Herrn Professor Stadelmann unter die Finger gc- kommen waren. Das werden aber vermutlich nicht die schwersten Fälle gewesen sein. Diejenigen Lysoltrinkcr. die tot aufgefunden wurden, scheiden ja von vornherein aus. Wer sein Kiel erreicht hat, ist der Mühe überhoben, sich noch ins Krankenhaus bringen zu lassen, um dort zu sterben. So erinnert diese Stadclmannsche Statistik ein wenig an jenen berühmten Nachweis, daß in den- jenigen Ländern, die von der modernen Ueberkultur noch leidlich verschont geblieben sind, Urkundenfälschungen seltener vorkommen als da. wo die nichtsnutzige Kunst des Schreibens Gemeingut werden durste. Mehr Schulärzte. Der Ausschuß zur Beratung des Antrages Antrick und Genossen bettessend den Ausbau der schulärztlichen Ein- richtmlg durch Vermehrung der Schulärzte und Ein- fügung besoldeter Spezial-, Zahn- und Augen» ärzte in das Schularztsystem hat am Mittwoch, den 7. Februar getagt. Der als Magistratskommissar zu den Verhand- lungen zugezogene Leiter deS schulärztlichen Dienstes Professor Dr. Hartmann vertrat den Standpunkt, daß vorläufig hier in Berlin eine regelmäßige Untersuchung und dauernde UebcNvachnng ulier Schulkinder, wie es in Wiesbaden und anderen Städten durchgeführt ist, nicht erforderlich sei. Es genüge vollauf, wenn im Rahinen der gegebenen Dienstanweisung die Schulrekruten gründlich unter» sucht wvrden. Für diesen Zweck wurde die Zahl der Schulen, die dem einzelnen Schularzt zur Ueberwachuug auvertraur werden, auf 6 herabgesetzt, während bisher 11 Schulärzten je 7, 23 je 8 und nur 2 je 9 Schulen zur ärztlichen Versorgung überwiesen waren Unter Ablehnung unseres ursprünglichen Antrages wurde beschlossen dah in den Etat 1903 die Kosten für weitere 8 Schulärzte mit 13 309 M. eingestellt werden, so dah sich die Zahl der Schulärzte auf 41 erhöht. Hinsichtlich der Spezialärzte gelang es, den Wider- spruch der Vertreter der Schulverwaltung zu überwinden. Mit allen gegen eine Stinime wurde beschlossen, der Magistrat möge die Anstellung besoldeter Spezialärzte in Erwägung ziehen. Es kommen hierbei, entsprechend der von unserem Fraktionsredner gegebenen Anregung, Schul-Zahn- und -Augenärzte in Betracht.— Mit der Berichterstattung wurde der Stadtverordnete Iben betraut. Berlin ohne Droschken? Die Nachricht von einem beschlossenen Generalstreik der Berliner Droschkenführer und-Besitzer, die gestern durch mehrere Abendblätter ging, bedarf einer Berichtigung. Ein allgemeiner Streik soll erst beschlossen werden, wenn aus die wiederholten Vorstellungen und Beschwerden beim Polizeipräsidium und � beim Minister des Innern keine befriedigende Antwort erteilt wird. Die Versammlung samt- licher Grostberliner Droschkenfachvereine im„Rosenthaler Hof" vorgestern abend, in der neben dem Gesamtvorstand der Berliner Lohnfuhrwerksinnung und des Verbandes Berliner Droschkeubesitzer, die Vorstände von 14 Fachvereinen der Droschkenfuhrherren, des Vereins der Droschkenkutscher und des Handels- und Transportarbeiterverbandes, Sektion Droschkenkutscher, vertreten waren, besckäftigte sich mit der vom Polizeipräsidenten verfügten Sperrung des Potsdamer Platzes für leere Droschken. Auf die dagegen und gegen andere lästige Ver- fügungen beim Minister des Innern eingelegten Beschiverdcn der verschiedenen Fachvereine ist bisher nocki keine Antwort eingegangen. Einstiminig wurde nach kurzer Diskussion beschlossen, neuerdings beim Minister dringend um Antwort zu ersuchen. Sollte auch hierauf keine oder eine ablehnende Antwort bis zum 29. Februar eintreffen so besteht die Gefahr, dast an einem zu bestimmenden Termin sämtliche Droschken aus dem Betrieb gezogen werden, bis den Wünschen der Droschkeninteressenten entsprochen und die Sperrung aufgehoben ist. Die Führer der Kutscher, der Fuhrherreu und der sogenannten„Einspänner"(die nur ihre eigene Droschke fahren) erklärten, sich einmütig an dem General- streik zu beteiligen: auch die Beteiligung der nicht organisierten Fuhrherren und Kutscher ist gesichert. Da auf die Beschwerde eine zustimmende Antwort schwerlich zu erwarten ist, wird der Streik voraussichtlich während der Hoffestlichkeiten vom 24. Februar an durchgeführt werden, wo die Droschken ain meisten gebraucht werden. Die Droschkeninteressenten der Vororte, sowie die Auiomobildroschken fiihrer habeir ihre Beteiligung an dem Generalstreik zugesagt. Alle wünschen aber festgestellt zu sehen, datz es sich bei diesem Streik nicht um eine Demonstration gegen den Kaiser resp. Hof handelt, sondern lediglich uni eine Abwehrmahregel gegen die Polizei, die ohnedies durch Schikanierungen und Plackereien den Droschkenfuhr Herren und Führern das Leben so sauer machte. Es handelt sich nicht allein um die Sperrung des Potsdamer Platzes, sondern die Droschkenkutscher, die sehr erbittert find über die Behandlung, die ihnen durch die Polizei zuteil wird, wollen bei dieser Gelegenheit reinen Tisch machen und sich der allzu grohen polizeilichen Bevormundung bei ihrer Arbeit energisch erwehren. Ein Streikbeschluß würde aber erst in einer Versammlung nach dem 29. Februar erfolgen und voraussichtlich dann eine grohe Wirkung haben. Ueber die Festnahme eines türkischen Mädchenhäublers erhält das Deutsche Nationalkomitec von dem jüdischen Zweigkomitee in Hamburg folgende Mitteilung: Die Lcmberger Polizei arretierte einen elegant gekleidsten Mann, bei welchem ein Pah auf den Namen eines türkischen Untertanen, zahlreiche Pässe für junge Mädchen, sowie eine gröhere Summe baren Geldes vorgefunden wurde. Wie die eingeleitete Untersuchung ergab, hatte der Mädchen- Händler noch einen Kompagnon, der dann auch bei einer sofort veranstalteten Razzia in der Person eines gewissen Joseph L i b o ermittelt und festgenommen wurde. Der Verhaftete ist ein ge- bärtiger Rumäne, der jedoch in Konstantinopel ansässig ist und seinen Namen türkisiert hat. L. arbeitete nach der Methode der meisten Mädchenhändler: schloß Bekanntschaften mit verschiedenen Familien, machte den Töchtern derselben Heiratsversprechen, um sie dann zu entführen und an Bordelle zu verkaufen. Als L. ver- haftet wurde, war er eben im Begriff, mit seiner„Ware" nach der Türkei abzureisen und erwartete nur noch einen Geldvorschutz von seinem Konstantinopeler Kuppler. Wie nun die weitere Feststellung ergeben hat, ist der Patz, den L. bei sich fiihrt. gefälscht. Es wird angenommen, daß der Mädchcnhändlcr aus Galizien stammt. Er ist der Staatsanwaltschaft übergeben worden. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich gestern abend gegen 3A8 Uhr im Stratzenbahnbetriebe. Zur genannten Zeit wollte ein etwa 39jähriger, anscheinend dem Arbeiterstande angchöriger Mann am Magdeburger Platz die Lützowstratze kreuzen und versuchte un- mittelbar vor einem Stratzenbahnzuge der Linie 8t(Samariter- stratze— Charlottenburg) den Fahrdamm zu überschreiten. Der Mann lief blindlings gegen die rechte Perronecke der Vordcrplatt- form, wurde etwa 1 Meter weit zurückgeschleudert und stürzte so unglücklich zu Boden, daß er mit dem Kopfe auf die Bordschwelle des Bürgersteiges aufschlug. Der Verunglückte, dessen Personalien nicht festgestellt werden tonnte, wurde im besinnungslosen Zu- stände nach dem Elisabethkrankenhause gebracht. Er hat, wie die Aerzte dort feststellten, eine schwere Gehirnerschütterung erlitten. „Hennig-Jagdcn" fanden vorgestern und gestern in verschiede- Iren Gegenden Berlins statt und gaben zu den unglaublichsten Ge- rächten Veranlassung. In der Brunnenstratze hatte ein Kutscher. der sich in Hemdsärmeln befand, sein Pferd mit einer Kette ge- schlagen. Eine Frau rief nach einen. Schutzmanne, um den Kutscher wegen Tierquälerei feststellen zu lassen, und sofort verbreitete sich das Gerücht, daß es sich um den Mörder Sennig handele. Der Kutscher, der wohl fürchtete, geschlagen zu werden, ergriff die Flucht, verfolgt von einer niehrhundertköpfigen Menschenmenge, und wurde auch am Humboldthain eingeholt und gestellt. Zum Glücke des Verfolgten, dem es sonst wohl schlecht ergangen wäre, war ein Schutzmann in der Nähe, welcher den harmlosen Vorfall sofort auf- klärte und die Personalien des Tierquälers feststellte.— Eine zweite Hennig-Jagd wurde gestern nachmittag in der Frankfurter Allee veranstaltet. Ein Arbeiter hatte die„Kühnheit" in Hemds- ärmeln mit einer Mütze auf dem Kopfe den Stratzenzug an der Helmuthstratze zu kreuzen, als plötzlich der Ruf ertönte:„Das ist Hennig." Auch dieser„Verkannte" lief, um sich Unannehmlichkeiten zu entziehen, fort wurde verfolgt und schließlich auch eingeholt. Arbeitskollegen befreiten den Bedrängten und stellten fest, daß ein Irrtum vorlag.— Im Zentrum und Nordosten der Stadt war gestern morgen das Gerücht verbreitet, daß der Mörder Hennig in der Zentralmarkthalle ergriffen worden sei. Dort hatte ein junger Bursche, der zwar kaum einen Schnurrbart hatte, aber grüne Morgcnschuhe trug, ein Kistchen mit Räucherwaren gestohlen. Wenn der Betreffende auch nicht die geringste Ilehnlichkeit mit dem Mör- der hatte, so erschienen doch die grünen Schuhe verdächtig, und so- fort verbreitete sich das Gerücht, daß Hennig in der Halle einen Raub verübt habe. Da sich bei der Verfolgung des Diebes auch mehrere Schutzleute beteiligten, so war für das Publikum kein Zweifel mehr vorhanden, daß her Dieb der Mörder sei, der denn auch am Königsgrabcn von einem Schutzmanne eingeholt und fest- genommen wurde. Das Gerücht, daß Hennig verhaftet worden sei. veranlatzte eine ungeheure Menschenansammlung am Königsgraben. Der Sistierte. ein Gelegenheitsdieb, mutzte zu seiner eigenen Sicherheit auf der Wache zurückbehalten werden. Eine große Razzia ordnete der Polizeipräsident gestern mittag an, die, zu gleicher Zeit um 2 Uhr beginnend, von verschiedenen ' Abteilungen der uniformierten und Kriminalpolizei unter der Ober leituug der betreffenden Kriminalbezirksvorsteher ausgeführt wurde. Fast sämtliche Kommissare waren den Abteilungen zugeteilt, die aus je 69 bis 89 uniformierten und 29 bis 39 Kriminalschützmännern bestanden. Nach Gesundbrunnen und Pankow zn, von der Schöm hauser Allee aus, operierten Polizeimajor Klein und Kommissar Schmidt, nach Weitzensee hin bewegte sich aus der Rykestraße die Kolonne des Kommissars Bessin, vom Bahnhof Warschauer Brücke zog sich die Hauptabteilung unter dem Kommissar Mündt nach Lichtenberg und Friedrichsbcrg, vom Stratzenbahndepot in Treptow über das Laubengeläude nach Rixdorf hin patrouillierten die Beamten des Kommissars Dr. Groß, und in der Laubenkolonie um Tempelhof herum hielt das Detachement des Kommissars Lazar seine Nach- forschungen ab. Alle Beamten sind mit Revolvern und Browning- Pistolen ausgerüstet und mit Photographien des Mörders versehen. Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, daß alle, die dem Mörder Unterkunft gewähren oder ihm sonst zum Fortkommen be- hülflich sind, sich schwer strafbar machen. Das Ergebnis des gestrigen Tages ist: H e n n i g i st noch nicht verhaftet. Bom Spiel in den Tod. Ein Unglücksfall mit tödlichem AuS- gang hat sich gestern abend in der siebenten Stunde in der Posener- stratze zugetragen. Vor dem Hause Nr. 19 waren mehrere Kinder, darunter auch der 6jährige Sohn des Tischlermeisters Wegener beim Spiel. Plötzlich rannte der Kleine auf den Fahrdamm, geriet an einen Schlächterwagen heran und wurde überfahren. Schwer- verletzt brachten Passanten das Kind nach der Unfallstation in der Warschauerstratze, wo sich der Arzt vergeblich bemühte, es am Leben zu erhalten. Die Leiche ist polizeilich beschlagnahmt und dem Schauhause zugeführt worden. Einem wagehalsigen Diebesgesellen hat die Kriminalpolizei jetzt das Handwerk gelegt. Fortgesetzt wurden in letzter Zeil im Süd- osten der Stadt Taubenverschläge erbrochen und die Tiere gestohlen. In geradezu lebensgefährlicher Weise wurden die Diebstähle aus- geführt. Von den Dachkanten aus stieg der Täter durch offen- stehende Bodenluken ein und gelangte so zu den Verschlügen. Der Verdacht, die Diebstähle ausgeführt zu haben, lenkte sich auf den 29jährigen Dachdecker Richard Klamp. Als die Kriminalpolizei erfuhr, daß K. ein großer Taubenliebhaber sei und daß er einen schlvunghaften Handel mit den Vögeln betreibe, schritt sie zu einer Haussuchung. Diese führte denn auch zur Verhaftung des Ver- dächtigen. Teilweise hat K. die Diebstähle auch bereits eingeräumt. Furcht vor der Kündigung und Notlage haben gestern abend die 42 jährige Portiersfrau AnuaMeltens, Gitschincrsüatze 73 wohnhaft, zu einem Selbstniordversuch getrieben. Die M. hatte in dem erwähnten Hause die Verwalterstelle übernommen und war mit ihren beiden kleinen Kindern in einer Kellerwohnung unter ein Restaurant untergebracht worden. Wegen des Lärmes, welcher in deir Abend- stunden über der Wohnung stattfindet, war es zwischen Frau M und dem Hauswirt zu Differenzen gekommen. Der letztere teilte der Portiersfrau schließlich mit, sie möge lieber aus der Wohnung herausziehen. Aus Furcht, sie könne nun auf die Straße gesetzt und so mit ihren Kindern der größten Not preis gegeben werden, versuchte sich die Bedauernswerte das Leben zu nehmen. Als die Kinder gestern abend in das Zimmer eintraten, fanden sie die Mutter in ihrem Blute auf dem Fußboden vor. Sie hatte sich mit einem Messer die Pulsadern aufgeschnitten. Schwer verletzt wurde sie in einem Krankenwagen nach der Charitö gebracht. Arbeiter-Bildungsschule Berlin. Wegen plötzlicher Er krankung des Genossen G r u n w a l d mutzte am vergangenen Montag der Unterricht in National-Oekonomie aus allen, ebenso fällt heute, Freitag, der Unterricht in National-Oekonomie für Fortgeschrittene aus; Fortsetzung am Montag, den 12., resp. Freitag, den 16. d. Mts.- Die Bibliothek ist Montags und Donnerstag erst von'/eö Uhr ab geöffnet, an den übrigen Unterrichts abenden um 3 Uhr. Feuerdericht. Ein großes Löschaufgevot wurde gestem auf viermaligen Alarm nach der Göbenstr. 4 entsandt, wo Lumpen, der ußboden und anderes in Brand geraten waren. Wegen eines �immerbrandes rückte der 17. Zug nach der Oranienstr. 193 ans. Lacke brannten in der Wrangclstr. 4, Terpentin und Bleiweiß in der Bernauerstr. 73 und Asche usw. in der Lichtenbergerstr. 17. Ferner hatte die Wehr noch in der Pappel-Allee 2 und am Elisabeth- Ufer 44 zu tun, wo ein Kessel undicht geworden war und ein Pferd in eine Grube gestürzt ivar. Heute früh um 7 Uhr entstand auf einem Neubau m der Schönfließerstr. 19 Feuer, das Balken und Fußböden ergriff. Zwei Brände, durch Schornsteine entstanden, wurden dann noch aus der Melchiorstr. 36 und der Memelerstr. 63 gemeldet._ Gerichts-Zeitung. Törichte Kindcrstrciche. Ein mißglücktes Diebesmanöver eines noch ganz jugendlichen Geschwisterpaares beschäftigte gestern das hiesige Schöffengericht. Auf der Anklagebank befanden sich der Lehr- ling Albert R. und seine jüngere Schwester, die Schülerin Anna R. Der Junge war Lehrling in einein hiesigen Warenhause. Er benutzte die Gelegenheit, um aus dem Geschäft zunächst allerlei kleines Kinder- spielzeug, Mundharmonikas, kleine Spielwagen uslv. zu entwenden und damit seinen jüngeren Geschwistern eine Freude zu be- reiten. Der Appetit kam aber auch bei ihm mit dem Essen. Eines Tages stahl er aus dem Geschäft zwei gelbe Decken, zu deren Verwertung er einen nach seiner Meinung sehr chlauen, in Wahrheit aber sehr törichten Plan ersann. Er übergab die Decken seiner Schwester und beauftragte sie, die Decken in das Geschäft zu tragen und dort um Rückgabe des angeblich dafür ge- zahlten Geldes zu ersuchen, da die Decken nicht paßten. Das kleine Mädchen ahnte nicht, daß sie sich damit in eine große Gefahr begab. Sie wurde im Geschäft natürlich sofort festgehalten, da sie keinen Umtauschzettel besaß und ihr ganzes Auftreten stark verdächtig erschien. Und nun faßte daö kleine Ding nnen heroischen Entschluß: um ihre» Bruder zu retten, brachte sie 'ich selbst zum Opfer. Sie bekannte wahrhcitSwidrig, die Decken selbst gestohlen zu haben. Sie habe eine Stiefmutter, die sie auf den Handel mit Scheuerrohr ausschicke und sehr schimpfe, wenn nichts verkaust worden sei. Um sich»un aus andere Weise Geld zu ver- chaffen, wollte das Mädchen dcsbalb die Gelegenheit, die sich ihr beim Einkauf eines Haarbandes geboten, benutzt haben, um die Decken zu stehlen. Die kleine Märchenerzählerin bangte dann aber doch um die etlvaigen Folgen ihrer Lüge und gab am nächsten Tage zu, daß ihr Bruder ihr die Decken übergeben und sie angewiesen habe, diese in der geschilderten Art zu Geld zu machen. Sie wurde wegen gemeinschaftlichen Diebstahls in Gemeinschaft mit ihrem Bruder angeklagt, der Staatsanivalt brachte gegen sie die Freisprechung, gegen den Knaben zivei Wochen GefängmS in Antrag. Das Gericht erkannte gegen den Knaben auf einen Verweis, gegen das Mädchen auf Freisprechung. Ein langwieriger Bcleidigungsprozcß fand gestern bor dem Schöffengericht I seinen endgültigen Abschluß. Als Parteien standen ich der vom Rechtsanwalt Marwitz vertretene Archivar der Dresdner Bank Dr. Hjalmar Schacht und der Herausgeber des Plutus" Georg Bernhard, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. e r t h a u e r, gegenüber. Die Vorgänge, welche diesem Prozeß Zugrunde liegen, sind Nachspiele der bekannten Hibernia- lffäre. Vor längerer Zeit wurde dem Kläger und Widerbeklagten Bernhard von verschiedenen Seiten hinterbracht, daß der Archivar der Dresdner Bank allerlei ehrenrührige Behauptungen über ihn verbreite. So sollte Dr. Schacht unter anderem geäußert haben, daß die Haltung des„PlutuS" und die Tendenz seiner Artikel von den Jnseratenaufträgen der in Betracht kommenden Unter- nehmen abhänge. In der Zeitschrift„PlutuS' erschien daraufhin ein von B. verfaßter Artikel, welcher scharfe Angriffe gegen Dr. Schacht enthielt. Zugleich strengte Bernhard die Beleidigungs- klage gegen Dr. S. an, die von diesem mit einer Widerklage wegen des Artikels beantwortet wurde. Nachdem die Sache wiederholt der Vertagung anheimgefallen war. kam in der gestrigen Verhandlung folgender Vergleich zustande: Dr. Schacht erklärt, daß er den Inhalt seines Briefes vom Dezember 1994 an Rechtsanwalt Dr. Werthauer. in welchem er ausdrücklich erklärt, daß er den Vorwurf, daß das Jnseratenwesen des„Plutus" mit der Haltung des Blattes zuiammenhänge, sowie den Vorwurf der Käuflichkeit gegen seinen Herausgeber niemals erheben wollte, noch konnte, bestätige und sein Bedauern über eine etwaige mißverständ- liche Ausfassung seiner Aeußerung wiederhole. Bernhard seinerseits erklärte, daß er die Vorwürfe gegen Dr. S. mit Bedauern zurück- nehme und als unrichtig bezeichne. Die Kosten wurden ausgeteilt. Ein Exzeß auf der Hochbahn beschäftigte am 6. d. M. die Berufungskammer des Landgerichts I. Der Metallarbeiter W. hatte nachts bis 12 Uhr mit Kollegen gezecht und wollte den letzten Zug der Hochbahn in der Oranieustratze benutzen. Als er die Sperre durchschritt, hörte er, wie zwei Bahnbeamte sich darüber unter- hielten, ob es ihres Amtes gewesen wäre, auf Verlangen zweier Fahrgäste eine Dame feststellen zu lassen. W. rief in seiner animierten Stimmung scherzend dazwischen, das Publikum müsse gut behandelt werden. Er wurde von dem'einen Beamten scharf zurückgewiesen, es entspann sich ein Wortwechsel und W. sollte von der Fahrt ausgeschlossen werden. Er weigerte sich jedoch den Perron zu verlassen und benahm sich, als die Beamten ihn mit Gewalt weg- schaffen wollten, ganz rabiat. Er versetzte dem Bahnbeamten Lange Faustschläge ins Genick, den herbeigerufenen Stationsvorsteher Frömchen stieß er vor die Brust und den Beamten Dubois warf er derartig über das Treppengeländer, daß dieser zehn Tage bett- lägerig wurde. Das Schöffengericht hatten den Angeklagten wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt und Mißhandlung zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Er legte Berufung ein. Vor der Berufungskammer legte Rechtsanwalt Dr. B r o h als Verteidiger dar, daß es sich nicht um den Exzeß eines Raufboldes, sondern eines unbescholtenen betrunkenen Menschen handle, der sich wahr- schcinlich ganz harmlos benommen hätte, wenn die Beamten ihn ruhig hätten abfahren lassen. Auch das Berufung sgericht sah die Sache milder an und erkannte unter Aufhebung der Ge- sängnisstrafe auf 69 M. Geldstrafe. Das„Simplizissimus"-Flugblatt„Fort mit der Liebe!" bildete den Gegenstand einer Verhandlung vor der Strafkammer in Köln. Der dortige Buchhändler O. H. Müller soll sich durch den Verkauf dieses Flugblattes der Verbreitung einer unzüchtigen Schrift schuldig gemacht haben. Bereits in der Nr. 4 des„Vor- wärts" haben wir gekennzeichnet, wie man gerade diesen Buch- Händler in Köln aus der großen Zahl der Verkäufer des„Simpli- zissimus" nun schon wiederholt herausgegriffen hat, um ihm den Prozeß zu machen, während andere Geschäftsinhaber die näm- lichen Nummern des Witzblattes zu gleicher Zeit und noch nach der Beschlagnahme bei Müller ungestört verkaufen konnten. Daß Müller u. a. auch sozialistische und Freidenkerliteratur feil- hält, kann diese unterschiedliche Behandlung doch unmöglich er- klären. In der jetzigen Verhandlung beantragte der Staatsanwalt 299 M. Geldstrafe, da die Unzüchtigkeit der Schrift„jedem ohne weiteres erkennbar" sei. Rechtsanwalt Eduard Schrammen wies demgegenüber darauf hin, daß in München in dem Prozeß gegen Dr. Thoma eine ganze Reihe von hervorragenden Männern der Literatur als Sachverständige erklärt haben, daß das„Simpli- zissimus"-Flugblatt keineswegs unsittlich sei. Es richte sich lediglich gegen die heuchlerischen und kunstfeindlichen Tendenzen, wie sie auf den sogenannten Sittlichkeitskongressen zutage trete. Das Gericht erkannte gemäß dem Antrage des Verteidigers auf Frei- sprechung, indem es im Urteil aufführte, daß es sich nicht davon habe überzeugen können, daß die Schrift objektiv unsittlich sei. Was kann zu einer Versammlung gestempelt werden? Das Streben, auch aus den harmlosesten Dingen strafbare Handlungen herauszukonstruieren, wenn es sich um Arbeiter handelt, führt zu den eigentümlichsten Urteilen. In Gerresheim bei Düffeldorf hatten sich in einer Wirtschaft mehrere Arbeiter zweimal zusammengefun- den, welche sich in zwangloser Weise über ein sie interessierendes Thema unterhielten. Der Polizei wurde Mitteilung von diesen „Versammlungen", die nicht polizeilich angemeldet waren, gemacht; die Folge war, daß zwei Händler und der Wirt sich' vor dem Schöffengericht in Gerresheim wegen Uebertretung des Vereins- gesetzes zu verantworten hatten. Die Angeklagten machten geltend. daß es sich um keine Versammlungen gehandelt habe, es hätten zwanglose Besprechungen stattgefunden, eine Einladung zu den- selben sei nicht ergangen. Das Gericht verurteilte die drei Angc- klagten zu je 39 M. oder 6 Tagen Haft. Bei der Begründung des Urteils führte der Vorsitzende aus, daß dje Angeklagten sich mit anderen Gästen im Nebenzimmer des Restaurants zusammenfanden und ein gemeinsames Thema besprachen, dadurch sei der Charakter der Versammlung gegeben. Wenn keine direkte Einladung ergangen sei, so wäre das nicht von Belang. Eine Beweisführung, welches Thema erörtert wurde, oder ob über- Haupt öffentliche Angelegenheiten besprochen wurden, fand gar nicht statt. Ob die Richter, die dieses Urteil fanden, ihre Kneipabende polizeilich anmelden?_ Berein der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins und Umgegend. Bezirk Steglitz. Sonnabend, den 19. d. M.> abends 8'), Uhr, Versammlung bei Kranier, Steglitz, Marksteinstr. 1. ' Achtung, Bohner Berlins und Umgegend. Am Sonntag, den lt. Februar, vormittags 19 Uhr, findet im Lokale von AhrenS, Frucht- stratze 29, eine Besprechung sämtlicher Bohner Berlins statt, zu der das Er. scheinen aller Kollegen notwendig ist. Es gilt endlich Anschlutz an die Organisation zu suchen, damit auch wir mit den übrigen gewerkschastlich organisierten Kollegen Hand in Hand gehen. Kollegen, erscheint Mann sür Mann zu dieser Besprechung. Wir bitten die Parkettleger, unsere Kollegen aus diese Zusammenkrmst aufmerksam zu machen. _ Der Einb eruser. tölttcviiiigs Übersicht vom 8. Februar 1906, morgens 8 Uhr. Stationen Swinemde Hamburg Berlin ranks.a.M. 7K8 3® tünchen'769 3® Wien! 764 NW i � Q � S5 Seiler 762 WSW 763 SW 766 W Zheiter 4 Nebel 3 bedeckt 1 bedeckt 4 Schnee 5 bedeckt US 5 hi& — i 9 —9 9 -4 — 1 Stationen zaparanda L~ c a 743 « c S 3 5« w-C S ietersburg 757 SSO Scilly tlberdeen Paris 768 WO— 763 SSW! 767 SW «elter tzSchnee 2 Schnee 5 bedeckt 2bedeckt 2 Nebel --»K =% ä 1) Zf H Ei -4 -4 8 6 -0 Sturmwarnung. Wegen eines auf dem europäischen Nordmeer befindlichen sehr tiefen barometrischen Minimums, das mit stürmischen südwestlichen Winden ostwärts fortzuschreiten scheint, ist heilte mittag die ganze deutsche Küste— von Borkum bis Memel— seitens der Seewarte gewarnt worden. Wcttcr-Prognose für Freitag, den 9. Februar 1906. Wärmer, veränderlich, vorwiegend trübe mit Regenjällcn und ziemlich starken westlichen Winden. Berliner Wetterbureau. Wasserstand am 7. Februar. Elbe bei Aussig+ 9,19 Meier, bei Dresden— 1,17 Meier, bei Magdeburg 4- 1,89 Meter.— Unstrnl be! Swautzsurt+ 1,55 Meier.— Oder bei Ratibor-s- 1,94 Meier, bei Breslau Oberpegei+ 5,99 Meter, bei Breslau Uiiicrpcgci— 1,19 Meter, bei Franksurt-f 1,77 Meter.— Weichsel bei Brahemünde q. 3,44 Meter.—® a r th e bei Posen+ 1,94 Meter.— Netze bei Usch+ 1,67 Meter. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.