Nr. SS. Rbonnamnts-Bfdinanngf n: Wonnrmenrt■ Preis prünumerand»: PititHiäDtl 3,30 TOf, monalt. 1,10 m, wSchenUIch 28 Pf,, frei in» Hau». Sinzein- Nummer S Pf». Sonnlag»» mimmci mit illustrierter Sonntag»» Seiloge.Die Neue»elf to Psg. Post- Wonnement: t.» Marl pro Monat. Singettagen in die Post.Zeitung». Preigliste. Unter Kreuzband für Deultchland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ruäland 8 Marl pro Monat. vschti»! iigll» luBtr EHntia», 23. Jahrg. Die TnTertionS'GetQitr »elrigl für die scchZgcspaltene kolonel. zeile oder deren Raum 40 Pfg„ für t-olilische und gewerlschasiliche Vereins- und VerlaniiiiIungS-Anzeigen 25 Psg, „Steine Snieigen", daS erste stett- gedruckte) Wort to Psg„ jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über IS Buchstabe» zühlsn für zwei Worte, Jnfernte für die nächste Nuniiner nuissen bis 5 Uhr nachmittags in der Sxpeditionabgegcbcn werden. Die Elpedition ist an Wochen- tagen bi» 7 Uhr abend», an Sonn- und Selstagen bi» S Uhr vormittag» gcbstnet Verlinev Volksblerkk- r-Iegramm-Udresie: stttlld". �entralorgan cler fo2ialclemokratiscken Partei veutfcklancls. ketiakrlon: 6M. S8. �-inclenstrass« 6g. afrrniDrcrtirr: Amt IV. Olr.|»H» Parade-Vorstellung. Im Zirkus Busch ist Galavorstellung. Wie alljährlich um die Mitte des Februarmonats hält dort der Bund der Land- Wirte seine Generalversammlung ab. Die geschäftlichen An- gelegcnheiten sind in den Sitzungen des Landwirtschaftsrats erledigt, der Bund zwischen Regierung und junkerlichem Groß- grundbesitz ist durch die Biilowschen und Podbielskischen Tafel- reden im Kaiserhof aufs neue besiegelt— nun folgt als Schlußeffekt der große Clou der Berliner agrarischen Woche, den die Annoncen der Ballsäle und Weinrestaurants schon seit mehreren Tagen ankündigen. Das Arrangement ist wie iinmer vortrefflich. Die Bundesleitung versteht ihre Parade fast noch besser zu arrangieren wie die Leiter des Katholiken- tages. Dicht gedrängt harrt von der Manege bis zum prole- tarischen Olymp hinauf eine frohe Menge den versprochenen rhetorischen Genüssen, fast noch gespannter, als das schau- lustige Publikum, das sonst in diesen Räumen den equilibristi- schen Künsten folgt. Pietätvoll befolgt die Bundesleitung die Devise:„ftuuiu cmgue". In den Rängen und dem Sperr- sitz sitzt die erste Garnitur der Notleidenden in Fuchs- und Biberpelzen, dann folgt die zweite Gattung: die gewöhnlichen Rittergutsbesitzer, darauf die Großbauern— prächtige Typen, vollgerundete Gestalten In Schädler mit ansehnlichen Tom- probstbäuchcn, noch höher hinauf die bäuerliche Montagne, die harten wettergebräunten Gesichter märkischer, pommerscher, hannoverscher Mittel- und Kleinbauern. Alles wie sonst in früheren Jahren' und doch trägt die Versammlung ein vcr- schiedencs Gepräge. Es fehlt die Entschlossenheit, die frühere >iampfesstimmung: vielmehr spiegelt sich auf manchen Ge- sichtern eine naive Selbstzufriedenheit. Es scheint, als ob Viele dieser adeligen und nichtadeligen„Bauern" weit weniger die Referate beschäftigen, als die Frage:„Wie amüsiere ich mich am besten in Berlin?" Dieser Stiminungsumschlag, der schon im vorigen Jahre hervortrat, ist begreiflich. Der Bund der Landwirte ist vor Z3 Jahren nach dem Abschluß der Caprivischcn Handelsver- träge zu dem Zweck gegründet worden, die durch diese Bcr- tröge eingeschlagene Richtung der Handelspolitik zu bekämpfen und die Rückkehr zu den sogenannten Grundsätzen der Bis- tnarckschen Zollschutzaera zu erzwingen. Dieser Zweck aber ist erreicht. Die wesentlichsten Zollfordcrungen haben in die neuen mit Rußland, Oesterreich-Ungarn, Italien, Rumänien und Serbien abgeschlossenen Handelsverträge Aufnahme gc- funden: und in den nächsten Jahren kann an diesen Ver- trägen nichts geändert werden. Zudem hat in den Vcrhand- lungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika und in der sozialdemokratischen und freisinnigen Agitation gegen die bestehenden Vieheinfuhrverbote die Regierung viel mehr Festigkeit bewiesen, als die Agrarier selbst früher zu hoffen � gewagt haben, scheint es doch, als wenn sie es sogar im Jnter- esse der Gctrcidcproduzenten auf einen Zollkrigg mit Uncle Sain ankonunen lassen will. Und zu diesen Aussichten auf eine wesentliche Beschränkung der amerikanischen Konkurrenz gesellt sich die Wahrscheinlichkeit, daß infolge des Andaucrns der revolutionären Bewegung in Rußland dessen Ausfuhr agrarischer Produkte nach Deutschland in den nächsten Jahren einen beträchtlichen Rückgang erleiden wird. Die Herren Agrarier haben sich seit Gründung des Bundes der Landwirte kaum jemals wohler gefühlt als heute. Kenn- zeichnend für die veränderte Situation ist der gestrige Bc- grüßungsartikcl der„Deutschen Tageszeitung". Während in den früheren Jahren das Blatt zum Kampf und zum Miß- trauen gegen die Regierung aufrief, heißt es diesinal: „In den früheren Jahren klangen unsere Festbetrachtungen oft in einen scharfen und sehr kritischen Appell an die Regierung aus. In diefein Jahre liegt zu einem besonders scharfen Appelle keine Veranlassung vor. Tos Vertrauen ist wiedergekehrt; und wenn es auch nicht allenthalben zur vollen Blüte gekommen ist, so hat cS doch zu keimen begonnen. Ob es aus dem Keime sich zur Blüte ent- wickeln werde, daS hängt von der künftigen Haltung der maßgebenden Stellen ab." Das Bundesorgan spricht sogar dem Reichskanzler und Landwirtschaftsminister seinen öffentlichen Dank aus: „Seine Arbeit wurde ihm wesentlich dadurch erleichtert und erfreulich gemacht, daß die Reichsregierung und die cinzelstaatlichen Regierungen, daß insbesondere der Reichskanzler und der preußische LandwirtschaftSministcr fest blieben und sich durch das wüste Ge- schrei nicht irre machen ließen, sondern den unbedingt notwendigen Grenzschutz itn allgemeinen aufrecht erhielten. Der Bund der Landwirte steht heute nicht an— davon sind wir überzeugt,— der Regierung und den maßgebenden Männern für diese feste Haltung seinen Dank zu zollen, nicht als ob sie ihm einen Gefallen getan, eine Liebenswürdigkeit er- wiesen hätten, sondern weil sie eine unabweisbare Pflicht erfüllten und sich von dieser Pflichterfüllung nicht abbringen ließen." Das ist eine ganz fremde Tonart. Allzu deutlich möchte jedoch die Vundesleitung diesen Stimmungsumschlag doch nicht nach außen hervortreten lassen, deshalb hat sie bei der Aufstellung des Manegeprogramms auf einige kräftige rheto- rische Nummern Bedacht genommen. Sie kennt den Geschmack ihrer Gefolgschaft und handelt nach dem Grundsatz: Jedem nach seinem Gout. Den Majoratsherren und Großgrund- besitzern, die im Nebenamt einen Landratsposten zieren. werden einige Piccen aus der hohen Schule der Staatskunst 1 vorgeritten und etwas stilvolle Akrobatik der mittleren Linie »präsentiert; für die solchen staatsmännischen Leistungen weni- ger zugänglichen Agrarier sind die athletischen Kraftproduk- tioncn ä lu Oldenburg-Januschau bestimmt, und für die Be- friedigung der Anforderungen des bäuerlichen Berges sorgen die eingestreuten„Entrees der Clowns": eine Kunstspezialität, die in den landbündlerischen Zirkusvorstellungen ganz be- sonders gepflegt werden, da der Direktion für dieses Genre seit Jahren hervorragende Kräfte in dem Grafen Rcventlow sowie den Herren Liebcrmann von Sonncnbcrg und Diedrich Hahn zur Verfügung stehen. Heute hat man die Zahl der wortathletischen Kraftpro- duktionen noch um einige Nummern vermehrt. Doch es fehlt die Schneidigkeit. Die Rücksicht auf das Wohlwollen der hohen Regierung gebietet es, dieser gegenüber Maß zu halten; man kann nicht in dem Begrüßungsartikel des landbündlerischen Hauptorgans die Fürsorge Bülows und Podbielskis für die Landwirtschaft preisen, man kann nicht an ihre Adresse gc- richtete Dankrcsolutionen annehmen lassen und hinterher, wie einst in früherer Zeit, mit den Worten:„Die Minister können uns sonst was" eine drastische Einladung zu höchst zweifelhaften kulinarischen Genüssen an sie richten. So suchten denn die Vertreter des athletischen Faches sich mit einigen großen Gebärden und Ermahnungen an die Regierung abzufinden und richteten ihre Hauptausfälle gegen die Sozial- demokratie. Die Onintessenz fast aller Referate läßt sich in den Satz zusammenfassen: Es gilt, das Erreichte zu erhalten, deshalb Kampf gegen die Sozialdemokratie und das Judentum! Eingeleitet wurde die Vorstellung durch Herrn Dr. Roesicke, der über die Notwendigkeit der Erhaltung des Bundes sprach. Wo. meinte er, sollten in den heutigen Zeiten die Interessen der Landwirte bleiben, wenn nicht eine starke arbcitsfreudige und kampfbereite Organisation der Landwirte, wie wir sie im Bunde der Landwirte haben, einträte, ans- klärend und fördernd, das Material herbeischaffend und es benutzend. Dann folgte mit anerkennenswertem schauspielc- rischem Geschick der Uebcrgang ins Pathetische:„Solange noch der deutsche Bauernstand in unserem Vaterlande lebcns- kräftig dasteht, solange deutscher Bauernsinn noch eine Stätte hat in Deutschland, solange werden auch noch so viele Demon- strationsvcrsammlungen oder gar der Zug der revolutio- nierenden Sozialdemokratie vor das Schloß nicht unsere Ver- fassung aufheben können(Bravo!), noch unsere Gesellschasts- ordnung umstoßen oder gar den Thron der Hohenzollern wankend machen können.(Stürmii�cr Beifall.) Denn noch gilt in unserem Bauernstände und für den Bauernstand das Wort Rohrscheidts: „Noch raget in unserer Mitte Ein reisiges Herrschergeschlecht Noch lebt in der Bauernhütte Der Glaube an Gott und das Recht, Noch sind wir der Väter Erben An Mut und eiserner Hand, Für dich wollen wir leben und sterben, Du deutsches Vaterland." Es folgten der Reihe nach Herr von Wangen heim, der mit zufriedenem Lächeln daS alte Lied von der Notlage der Landwirtschaft sang, und darauf— eine seltene Nummer im landbündlerischLU Zirkusprogramm �7 sich als Verehrer der Besonnenheit der Hanseaten vorführte, Reichsritter Simitsch von Hohenblum, der als neueste Attraktion aus Oesterreich verschriebene Führer des dortigen Bundes der Landwirte, Herr Freiherr von Maltzahn, Herr Schurisch- Etzin, Herr Diederich Hahn usw. Lustig plätscherte der Redefluß, hin und wieder durch kräftige pathetische Deklamationen unterbrochen. Einj! ge- wisse Abwechselung bot nur die Rede der Herreu v. Wtnckel- Logau und Liebcrmann v. Sonnenberg, der sich wiederum als„Aujust" produzierte. Er erklärte, auch er liebe nicht die antisemitischen Phrasen, denn er habe das nicht nötig. Seit 20 Jahren kläffe ihn die Preßmeute an, aber un- erschütterlich stehe er in der brandenden Flut als roeder cke bremse der preußisch-arischen Kultur. Die Bündler kranken an ihren Erfolgen. Ihre höchst an- erkennenswerte agitatorische Leistung verzinst sich vorteilhaft. Was den„Notleidenden" durch die neuen Handelsverträge, durch die Haltung der Regierung zur Fleischnotfrage in den Schoß geworfen wird, das sind nicht Millionen, sondern Milliarden. Die alte Opposition, das Argumentieren mit den alten Beweisen läßt sich in dieser veränderten Situation nicht mehr aufrecht erhalten. Gerade in dieser Opposition, in der Fruktifizicrung des Bauerntrotzcs aber bestand die Kraft des Bundes. Der Kampf gegen die sozialdemokratische Arbeiter- bewegung vermag diese Opposition nicht zu ersetzen. Opfer- Willigkeit in Geldangelegenheiten ist keine Eigenschaft der Bauern, weder der wirklichen, noch der sogenannten mit über 1000 Hektar Grundbesitz. Wenn sie den Beutel ziehen, wollen sie einen sich in Geldwert umsetzenden Nutzen sehen; für ideale Zwecke haben sie nichts übrig. Die Bekämpfung der Sozial- demokratie bietet aber keine Aussicht auf materiellen Gewinn. Selbstverständlich fällt eine derartige Riesenorganisation wie die des Bundes der Landwirte nicht von heute aus morgen; doch die Lebenskraft welkt. Es geht abwärts. Sxpeckttion: 8W. 68» I»inclensrv»sse 69. Kernlvreeder: Stint IV Kr. inM4. Die Revolution in Rußland. Gefangene werde« nicht gemacht! Vom Zentralkomitee des„Allgemeinen Jüdischen Arbeiter- bundes in Littauen, Polen und Rußland" geht uns folgendes höchst interessante Dokument zu: Kopie. Chiffriertes Telegramm des Ministers des Innern P. Dur» n 0 w 0 aus Petersburg an den Generalgouverneur in Kiew vom 5./ 19. Januar 1906, sub Nr. 929. „Im Flecken Kagarlyki, Gouvernement Kiew, wurde heute ein Agitator verhaftet. Eine Volksmenge verlangt drohend seine Befreiung. Die Wache sei zu schwach. Ersuche Sie dringend!, in diesem und in allen ähnlichen Fällen sofort zu befehlen, mit Waffengewalt rücksichtslos streng die Aufständischen auszurotten und ihre Häuser zu verbrennen. Wir müssen mit den s ch ä r f st e n Mitteln der ungeheuren Eigenntächttgkeit der Revolutionäre entgegentreten. sonst kann unser ganzes Reich zugrunde gehen. Die Autorität der Staatsgewalt kann nur auf diese Weise hergestellt werden. Berhastunge» sind zwecklos; hunderte Menschen vor ein Gericht zu st eklen, ist nicht möglich. Erteilet sofort demgemäße Instruktionen an das Militär. (Gez.) Der Minister des Innern P. Durnowo. (Gez.) Stabschef des Kiewer Militärbezirks Generalleutnant M a w r i n. An den Bataillonskommandeur zur Kenntnisnahme. Höchst dringend. ES soll also künftig von den Zarcnschergen ohne jede Form Rechtens darauf los gemordet werden! Administrative Blutarbeit. Odessa, IL. Februar. General KaulbarS gibt durch TageS» befehl bekannt, daß über jede Person, die einen Anschlag gegen Be- Hörden ntittelS Sprengstoffe, Bomben, Schußwaffen oder anderer Mittel versucht oder ausführt, sowie Persouen, die zu solchen Zwecken dienende Gegenstände erwerben, anfertigen, bewahren oder veräußern, künftig die Todesstrafe auf administrativem Wege ohne llittersuchuttg und Gerichtsverfahren verhängt wird. Der Befehl ist gültig für die Gouvernements Eherson einschließlich Odessa, Beffarabien, JekaterinoSlalo und Taurie» einschließlich Sewastopol. politische debersicht. Berlin, den 10. Februar. Stöckers Revolverrede. Mit Schimpf und Schande ist der ehemalige Hofprediger weiland Wilhelms I. ans dem öffentlichen Leben gejagt worden. Es schien, als ob der überjesuitische Scheiterhaufenbrief ihm für immer den politischen Hals gebrochen habe. Aber lange vor des Fürsten Bülow agrarischer Tischrede hat sich Herr Stöckcr jenen tropischen Viclhufer zum Muster genommen, dessen Haut wegen ihrer Dicke geschätzt ist. Und er hat unleugbar damit Erfolg erzielt. Die göttliche Frechheit, die unsere Funker auszeichnet, läßt sie Gc- schmack an der Unbefangenheit sindcn, die Ehren- S t ö ck e r auszeichnet. Längst stellt die Rechte wieder das Haupt- kontingent zu dem Chorus, der die NachmittagSkapuzinadcu des ExhofpredigerS mit Beifallsgebrülle begleitet. Herr Stöcker hat die Kindlein zu sich kommen lassen und von ihnen erfahren, daß es am„roten Sonn- tag" etwas setzen würde. Die kindische Mitteilung vom Ankauf von 39 Revolvern. die Htppolit Mehles sel. Erbe oder sonst ein Waffenhändler abgesetzt haben soll, ist Herrn Stöcker so auf die Nerven gefallen, daß er noch nach Vcr- lauf von 3 Wochen das Bedürfnis spürt, seinem gepreßten Herzen Luft zu machen. Er tat das und erzielte die doppelte Wirkung, sich bei den Junkern aufs neue anzubiedern und uns eine fröhliche halbe Stunde zu bereiten. Nebenbei kamen auch die zahlreichen Tribünenbesucher auf ihre Kosten, die den Rest des durch die Zirkus Busch-Scherze angebrochenen Nach- Mittages im Reichstage verlebten. Herr Stöcker hatte ivohl in Rücksicht auf die Tribünen- Hinterwäldler seine Predigt auf die späte Nachmittagsstunde verlegt. Im Anfang der Sitzung zergliederte Genosse Stadt- Hagen die Rheinbabensche Redensart von den„unerträg- lichen Lasten", die die Arbeitcrversicherung den armen gc- plagten Unternehmern auferlege. Die schöne Quadrupel- alliance, die sich zwischen Regierung. Konservativen, Frei- sinnigen und dein von Standesdünkel besessenem Teile der Aerzteschaft zum Zweck' der Bekämpfung der Selbst- Verwaltung der Krankenkassen gebildet hat, wurde von unserem Redner an der Hand einer aktcnmäßigen Darstellung der Remscheider Vorgänge beleuchtet. Der nationalliberale Dr. B e u m e r arbeitet augenschein- lich an einem Erbauungsbuchc für die reifere Jugend aller Stände. An seinem eigenen Beispiele will er zeigen, wie weit man es mit Fleiß und Arbeit bringen kann. Proben aus dieser Selbstbiographie gab er im Reichstage zum besten und fügte einen Lobgesang auf die Kruppschen Werke hinzu. Was der bayerische Zentrumsmann v. P f e t t e n eigentlich wollte, war nicht recht ersichtlich. Am Schluß der Sitzung wies Genosse Pens die pfäffi- schen Verunglimpfungen wider die Sozialdemokratie und die russische Revolution, die sich Herr Stöcker geleistet hatte, gc- bührend zurück und hod die Bedeutung der von konservativen Burcaukraten. antisemitischen Zünftlern und freisinnigen Krämern angefeindeten Konsumvereine hervor. Am Dienstag wird die sozialpolitische General- debatte fortgesetzt._ Spannungen in Algeciras. Während sich bisher die Verhandlungen der Marokkokonferenz schläfrig hinschleppten und die zioeieinhalb Schock Journalisten, die sich in dem spanischen Küsteustädtchen ein Stelldichein gegeben haben, sich im Schweiße ihres Angesichts belangloses Feuilletongeschwätz abquälten, beginnt jetzt die Situation eine gespanntere zu werden. Was bis jetzt verhandelt wurde, betraf allerlei Nebensächlichkeiten, die der Erwähnung nicht lohnten; mit dem Auftauchen der P o l i z e i f r a g e hat sich das Bild mit einem Schlage verändert. Hier handelt es sich um die Frage des Protektorates, den Kernpunkt des ganzen Marokkokonfliktcs. Und hier muß eS sich entscheiden, ob Deutschlands Einspruch gegen die französischen Wünsche die Unterstützung wenigstens einiger Mächte findet. Die Absichten der französischen Diplomatie gehen dahin, das internationale Mandat für eine französische Polizeikontrolle zu erhalten. Diese Polizeikontrolle bedeutet bei den marokkanischen Verhältnissen nichts anderes als die Kontrolle über die ganze be- waffnete Macht. Noch hat Frankreich auf der Konferenz eine solche Forderung nicht offiziell erhoben, und doch hat bereits das deutsche offiziöse Depeschenbureau erklärt, daß ein reines französisches Polizei- regime der Ausübung einer französischen Schutzherrschaft gleichkomme und daher nicht akzeptiert werden könnte. Deutsch- land sei nicht nach AlgeciraS gegangen, um sich„in der EntWickelung der deutschen Interessen in Marokko in Zukunft französische Fesseln anlegen zu lassen". Auch die oft offiziös inspirierte„Münch. Allg. Ztg." erklärt, daß die Forderung. Frankreich in der Polizeifrage ein europäisches Generalmandat zu erteilen, undiskutabel sei. Die ebenfalls halboffiziöse„Köln. Ztg." fügt hinzu, daß auch der Vor- schlag, Frankreich und Spanien mit der Polizeikontrolle zu betrauen, von Deutschland nicht akzeptiert werden könne, da man nicht wisse, inwieweit Spanien auf Grund eines Geheimvertrages mit Frankreich unter einer Decke stecke. Es fragt sich nun, welche Stellung die übrigen Mächte zu der Streitfrage einnehmen. Daß England und Spanien sich auf Frankreichs Seite stellen, scheint sicher zu sein. ES kommt also vor allen Dingen die Stellungnahme der Vereinigten Staaten und Italiens in Frage. Sollten auch diese Mächte der französischen Auffassung zuneigen, so würde sich Deutschland, wenn es die Konferenz nicht völlig resultatlos verlaufen lassen will, mit dem Versprechen Frankreichs begnügen müssen, daS Prinzip der offenen Tür, um die eS sich nach den Versicherungen der deutschen Diplomatie ja überhaupt nur handeln soll, niemals an- zutasten. Wie sich die Dinge aber auch in AlgeciraS entwickeln mögen— die Geister diesseits und jenseits des Rheins scheinen sich in der Zwischenzeit immerhin derart abgekühlt zu haben, daß man an die Möglichkeit einer kriegerischen Auseinandersetzung nicht mehr denkt. Die Haltung der Masse des Volkes in Frankreich wie in Deutschland scheint denn doch ein wenig abkühlend gewirkt zu haben! Trotzdem ist eS durchaus am Platze, die Marokko-Affäre in ihrer gegenwärtigen kritischen Phase mit aller Aufmerksamkeit zu ver- folgen, um zu verhüten, daß dieser ftir die wirklichen Interessen der Nation so absolut gleichgültige Diplomatenhandel mit größerer Erhitzung traktiert wird, als eS den Umständen ent- spricht!- *.' Veutkckes Rdcb. Die Erwerbung KiautschouS. einen interessanten Beitrag zur Geschichte der„Pachtung" KiautschouS veröffentlicht der„Petersburger Herold." Von einem Gewährsmann, der, wie des Blatt behauptet, dem verstorbenen Reichskanzler Fürsten Hohenlohe früher sehr nahe gestanden hat, ..ird ihm folgende Aeußerung mitgeteilt: „AlS ich mit dem fertig ausgearbeiteten Projekt der Besetzung von Kiantschou zu Kaiser Wilhelm kam, um darüber Vortrag zu halten, griff Kaiser Wilhelm schmunzelnd in ein Schubfach und sagte, indem er demselben einen Brief des Kaisers von Ruß- land entnahm:„Hier! da haben Sie Ihr Projekt schon verwirklicht, ich habe die«sache schon im persönlichen Brief- Wechsel mit dem Kaiser von Rußland geregelt." Der Berliner Korrespondent der„Münch. Neuest. Nachr. ergänzt diese Mitteilung durch nachstehende Schilderung: Nicht ganz so. aber ähnlich ist der Hergang in der Tat gewesen. AIS Deutschland die Besetzung eines Hafengebiets in China plante. wobei für Kiantschou gegenüber einem weiter südlich gelegenen Hafen besonders bas Votum des großen, jüngst verstorbenen Geographen Frhrn. v. NichtHofen ebenso wie der Wunsch der Marine inZ Gewicht fielen, war man in Petersburg nicht weniger als in London überrascht, daß Deutschland in Ostasien einen„Platz an der Sonne" haben wolle. Zwischen dem Marquis of Salisbury und dem Grafen Murawiew, die damals die auswärtige volitik ihrer Staaten leiteten, entstand ein lebhafter Brief- ». cchsel, und Salisbury schlug damals direkt eine englisch-russische Kooperation vor, um den deutschen Plänen Einhalt zu tun. Das Mißtrauen Murawiews. der übrigens bald darauf eines plötzlichen TodcS— Ivohl durch Selbstmord— starb, witterte jedoch in dem englischen Vorschlag eine Falle: die britische Politik wolle Deutsch- land und Nußland entzweien, um selbst freie Hand in Ostasien für einen Fischzug im Trüben zu bekommen. Deshalb zögerte er, während er gleichzeitig Deutschland Schwierigkeiten machte. In dieser kritischen Zeit wandte sich Li aiser Wilhelm brieflich an den Zaren, und dieser gab rückhaltlos die Zusage, daß Rußland gegen die Pachtung KiautschouS nichts einwenden werde. Dieser Brief deS Zaren, der über den Kopf des Ministers Murawiew ging, mag der Kaiser dem Fürsten Hohenlohe gezeigt und dabei ähnliche Worte, lvie oben mit- geteilt, geäußert haben. DieS geschah im Sommer 1897. Die VerantwSrtung für diese Enthüllung mutz den„Münch. N. Nachr." überlassen bleiben. So ganz unwahrscheinlich klingt die Nachricht nicht. Besser Iväre allerdings gewesen, der Zar hätte sich weniger zustimmend verhalten— dann hätten die Chinesen den sandigen Platz„an der Sonne" behalten, und wir unsere vielen Millionen. Oder sollte vielleicht der Zar durch seine Räte vorher genau über den Wert des sonnigen„Pachtlandes" unterrichtet worden sein?_ Zentrum und Fleischwucher. Wie die agrarisch-ultramontane„Rheinische Volksstimme' be- richtet, hat dieser Tage der Zentrumsabgeordnete Dr. Markour (Koblenz) vor seinen Wählern geredet und dabei gesagt: „ES war ein harter Kampf, und selbst innerhalb unserer Fraktion war es nicht leicht, alle unter einen Hut zu bringen. Den FraktionS- Mitgliedern, die z. B. die Städte Düsseldorf. Köln, Aachen vertreten, fiel eS schwer, sich unseren Ansichten anzubequemen, und wir standen uns oft scharf gegeneinander. Aber sie haben es schließlich getan im allgeineinen Interesse und haben um dessentwillen die s ch w e r st e n Vorwürfe von feiten der Arbeiterschaft und ihrer Wähler auf sich genommen. Sie haben anerkannt, daß die Landwirtschaft auch schon oft zu ihrem Nachteil hat nachgeben müssen, und aus dieser Erwägung sind ihre Wünsche hier zu gunsten der Land- Wirtschaft und der allgemeinen Interessen zurückgetreten, und die Grenze blieb geschlosse n." In der ZeutrumSfrc.'tion hat also das Land über die Städte, haben die Agrarier über das Volksinteresse gesiegt. Wie immer, wo nicht der Selbsterhaltungs- zwang der Partei das Zentrum zu kleinen Zngeständniffen an die Arbeiterschaft genötigt hat. Die Herren Trimborn, Sittart, Kirsch, Giesberts und Konsorten jammern daheim in Versammlungen und ii» Rathause über die Fleischnot; im Parlament aber, wenn eS Abhülfe zu schaffen gilt, halten sie den großen Mund und verraten die Interessen des Volkes und ihrer Wähler. Daß ihnen dafür von ihren Wählern„die schwersten Vorwürfe" gemacht worden seien, wie Herr Dr. Markour behauptet, ist uns nicht be- kannt geworden. Mag sein, daß dies hinter den Parteikulissen in den einzelnen Städten geschehen ist: in der Oeffentlichkeit war davon nichts wahrzunehmen. DaS Zentrum hat die Leute, die ihm bei der großen Getreidezollbcwegung im eigenen Lager die Hölle geheizt hatten, zum größten Teile sich gekauft. Man hat sie in Aemter gesetzt, wo sie das Maul halten müssen, um nicht von der mächtigen Partei gemaßrcgelt zu lverden. So kam es auch, daß vor einiger Zeit in einer Volksversammlung in Viersen ein katholischer Arbeiter auftrat und sagte: Auch wir hätten gern eine Versanimlung gegen die Fleischnotabgehalten, aber wir konnten keinen Redner bekommen!— Viersen liegt einen Katzensprung von der Jesuiten- residenz M.-Gladbach entfernt, von wo aus die Redner stets dutzend- weise ins Land gesandt werden. Hier aber, Ivo es Volks- und Arbeiterintercffen zu wahren galt, waren die Herren nicht zu haben. Verwandte Seelen finden sich. Die„Staatsbürger-Zeitung" wird in den Verlag der Kronsbein- scheu„Post" übergehen. Den Redakteuren der„Staatsbürger- Zeitung" ist bereits zum 1. April gekündigt; doch soll dieses Blatt zunächst noch neben der„Post" äl§ billigeres Scharfmacher-Organ weiterbestehen und von den„Post"-Redakteuren im Nebenamt redigiert werden. Fast tut es uns leid um die„Staatsbürger- Reitling". So tief dieses Organ auch gesunken ist, höher wie die Kronsveinsche Gedanken-Ablagerungsstätte stand es immer noch.— Sich', das Gute liegt so nah'. Wie im„Vorwärts" schon mitgeteilt, wollen die deutschen Flottentreiber die Bestimmung, daß die Ueberschllsse, die der neue Zolltarif bringen wird, für die Witwen- und Waisenversorgung ver- wendet werden sollen, zugunsten der Flottenvermehrnng umstoßen. Wenn die Herrschaften so sehr nach Witwengeldern dürstet, so mögen sie sich gütigst an die Pensionen der G e n e r a I s w i t w e n halten. Eine Generalswitwe bezieht die Kleinigkeit von 3000 Mark Pension im Jahr. Ferner bestimmt das neue PensionSgesetz, daß den Relikten von Offizieren unmittelbar nach dem Todesfall die PensionSgcbührnisse des Verstorbenen noch für weitere drei Monate und zwar auf einnial auS- zuzahlen sind. Auf diese Weise erhalten die Gcncralswitwen beim Ableben ihrer Männer beträchtliche Summen auf einen Schlag. Die Witwe eines kommandierenden Generals bekommt 4871 Mark, die Witwe eines Generalleutnants 3205 M.. eines Generalmajors 2253 M. Mögen also die Flottenenthusiasten— Dr. Sigl nannte sie Wasser- köpfe— hier zugreifen, statt den Proletarierwitwen und ihren Kindern die paar Mark, die sie erhalten sollen, zu rauben.— Gegen PosadowSky. _ Die agrarische Presse läuft erbittert Sturm gegen den Grafen PasadowSky, weil dieser sich mit den plumpen Scharfmachereien des Herrn von Oldenburg nicht identifizieren zu dürfen glaubte. Die»Deutsche Tageszeitung", die schon am Sonnabend in einem langen Artikel über die„Selbst- täuschungen und Irrwege' der bisherigen Sozialpolitik geklagt und eine Umgestaltung der sozialen Reformgesetzgebung gefordert hatte, die— dem Mittel stände zngute komme, wirft dem Grafen PosadowSky vor, daß er durch seine Reden der Sozial- demokratie Beifall entlockt habe, statt gleich dem Reichskanzler in Sozialistentöterei zu machen. Auch die„Konservative Korrespondenz" konstruiert geflissentlich diesen Gegensatz zwischen dem Reichskanzler und dem Staatssekretär des Innern. Graf Posadowsky möge sich des starken Widerspruchs, in dem sich seine Handlungen zu dem Verhalten des Reichskanzlers befänden, nicht bewußt sein, er sei aber gleichwohl vorhanden. Selbst die„Leipziger Volkszeitung" versichere zu- weilen den Grafen Posadowsky ihres Vertrauens, während die ganze rote Presse von wüstem Geschrei widerhalle, wenn sich Fürst Bülow mit der revolutionären Partei beschäftige. ES ist natürlich eine Lächerlichkeit, daß sozialdemokratische Blätter dem Grafen Posadowsky ihr„Vertrauen" ausgesprochen hätten. Die sozialdemokratische Presse hat allerdings erklärt, daß Graf Posadowsky der einzige giegierungsvertreter sei, der vermöge seiner Fähigkeiten und Kennlnisse ein gewisses sozialpolitisches Verständnis besitze. Umso schärfer hat sie freilich die t r o st l o s e Z w e i s e e l e n t h e o ri e diesesManneS verurteilt, der nicht die Konsequenzen aus seiner sozialpolitischen Einsicht zu ziehen wage. Es kennzeichnet die reaktionäre Un- versrorenhcit, daß unsere Regierungsparteien einen Mann nur deshalb nicht in der Regierung dulden wollen, weil er die reaktionäre Politik zwar geschmeidig mitmacht, dabei aber noch soviel Geschmack besitzt, nicht ganz so viel Einsichtslosigkeit zu markieren wie ein Herr v. Oldenburg oder ein Fürst Bülow!— Dir„geheiligte und unverletzliche Person" deS Militärpostens. Ein drakonisches Urteil fällte das Oberkriegsgericht in Würzbnrg. Am 10. Dezember v. I. hatte der Soldat Haas vom 17. bayerischen Infanterieregiment als Postenkontrollcur auf Wache zu ziehen. Abends stand er mit eincin Kameraden unter dem Kasernentor, mit dem er sich neckte. Der als Posten dort stehende Soldat Ahl bat die beiden wegzugehen, damit er nicht in Ungelegenheiten komme. Haas erwiderte dem Ahl, mit dem er auf den, Duzfuße stand, er habe hier nichts zu sagen, sondern nur zu patrouillieren. Im weiteren Verlaufe der Auseinander- sctznng fuchtelte er mit den Händen in der Luft herum. wobei er den Ahl leicht auf die Brust traf. Daraus wurde ein „tätliche» Vergreifen an einem Vorgesetzten" konstruiert. Das Kriegs- gericht hatte den Angeklagten Haas freigesprochen; der Gerichtshcrr legte hiergegen Berufung ein, und das Oberkriegsgcricht sprach eine Gefängnis st rase von zwei Jahren aus! Die„ge- heiligte und unverletzliche Person deS Postens" müsse geschützt werden.— Der Freisinn und die Freizügigkeit. Die Jämmerlichkeit des Freisinns beruht bekanntlich in letzter Instanz auf dem klafienden Widerspruch zwischen seiner revolutionär- ideologischen Tradition und seiner reaktionären Klassenwirklichkeit. Er führt immer noch die freihenlichen Schlagworte seiner Vergangenheit im Mund und im Programm, wenn er sich auch längst in die kompakte Schutztruppe der bestehenden Gesellschasts- orduung eingereiht hat, und bloß die quantitativ wie qualitativ be- langlose Rolle, die die hinler ihm stehenden Bevölkerungsbruchteile in der wirtschaftlichen lind politischen Machtkoujunktur spielen, rettet den Freisinn davor, noch häufiger auf den Widerspruch zwischen Prinzipien und„Taten" festgenagelt zu werden, als es ge- schiebt und als er es verdient. Wo immer nämlich der Freisinn in die Lage kommt, auf seine„Grundsätze" durch praktische Politik zu mauisestieren, trägt er keinen Augenblick Be- denken, die Erstgeburt seiner freiheitlichen Vergangenheit für einen Löffel Linsensuppe aus dem Trog deS Bestehenden hinzugeben. So gibt es in seinem ganzen Repertoire von Grundsätzen sind Ueber- zeugungen keine einzige Nummer, die er nicht, wo er dazu Gelegenheit hatte, dreimal verleugnet hätte. Wie es zumal mit seiner Zuverlässigkeit in bezug aufs Wahlrecht bestellt ist. ist zur Genüge auS seiner Haltung in den Kommunalvcrtretungen bekannt. Nun wird uns aus derselben Provinz, SchleSlvig-Holstein, wo in einer Reihe von Stadtgemeinden in den letzte» Jahren auf freisinnige Initiative hin oder doch mit freisinniger Hülfe daS kommunale Wahlrecht verschlechtert worden, ein Vorkommnis gemeldet, das zeigt, wie der Freifinn auch noch ein anderes prunkvolles Jnventarstück seines prinzipiellen Programm? in den Winkel zu stellen geneigt ist, wenn es ihm in seiner„praktischen Politik" unbequem wird. In Elmshorn liegt die freisinnige Stadtvertretung mtt der benachbarten Gemeinde Hainholz in Differenzen wegen � der Schullasten. Viele in Elmshorn beschäftigte Arbeiter haben in Hainholz ihre Wohnung und die Landgemeinde verlangt deshalb aus Grund des§ 53 deS Kommunalabgabengesetzes von der Stadt einen Zuschuß zu den Kosten der Schule. Prinzipiell hat die Stadt den Anspruch anerkannt, sie feilscht aber mit Hainholz noch um die Höhe der Summe und will von den Forderungen der Landgemeinde um jeden Preis noch ein paar hundert Mark abhandeln. Nun ist eine geistige Kapazität im Elmshorner Stadtkollcgium. der Stadtrat Ca rst ens. Herr Carstens ist auch eine Leuchte des schleswig-holsteinischen Frei- sinns und freisinniger Parlament Skandi dat. Dieser Herr stellte sich nun in der letzten Kollegiensitzung hin und schlug folgenden Ausweg aus dem Dilemma vor: Man solle der Gemeinde Hainholz die Pistole aus die Brust setzen. Wenn sie das Angebot von ElinShorn nicht annehme, müsse man die Elmshörner Unternehmer veranlassen, daß sie keinen Arbeiter mehr beschäftigten, der nicht in Elmshorn wohne. Mit einigen Unternehmern sei bereits Rücksprache in diesem Sinne genommen worden und sie hätten sich zu solchem Vor- gehen bereit erklärt. Auf die Frage eines Vertreters der dritten Klasse, was denn diejenigen Arbeiter beginnen sollten, die in Hainholz Hausbesitzer seien, meinte Herr Carstens, sie sollten sich in Hamburg Arbeit suchen! Der Bürgermeister stimmte der„Idee" des Herrn Carstens mit Begeisterung zu. Nun liegt es also allein an dem„Lokalpatriotismus" der Unternehmer, an den in der Sitzung beweglich appelliert wurde, ob die Freizügigkeit für zahlreiche Arbeiter vernichtet wird. Aber mag der saubere Plan Wirklichkeit werden, oder nicht, daß er in öffentlicher Kollegien- fitzung ohne Widerspruch zu finden, erörtert lverden konnte, zeigt, wohin bei den Freisinnigen die Scham entflohen ist!— Bayerischer Landtag München, 12. Februar. In der Abgeordnetenkammer wurde heute der Antrag des Ab- geordneten Speck(Zentrum) beraten, die Regierung dringend zu ersuchen, darauf hinzuwirken, daß bei Neufestsetzung der Ueber- gangSabgabe für das in die norddeutsche Brausteuergemeinschaft ein- gehende Bier die Bestimmung des Artikels 33 Abs. 2 der Verfassung de? Deutschen Reiches eingehalten werde. Abg. Speck begründet diesen Antrag und betont dabei, der betreffende Absatz der Reichs- Verfassung bestimme, daß alle Gegenstände, die im freien Verkehr eines Bundesstaates befindlich sind, in jeden anderen Bundesstaat eingeführt werden können und dort einer Abgabe nur insoweit unterworfen werden dürfen, als daselbst gleichartige inländische Er- Zeugnisse einer inneren Steuer unterliegen.� Das bayerische Bier werde aber beim Uebergang in die norddeutsche Brausteuergemcin- schaft einer besonderen Steuer von 2 Mark für den Hektoliter unter- warfen, während nach der Verfassung nur 80 Pfennig zulässig wären. Bayern habe in den letzten 20 Jahren 23 Millionen zuviel bezahlt. Abg. Meutzdörfer(liberal) erklärt: Wir stimmen dem Antrag zu, wir haben auf die Unzulässigkeit der hohen Uebergangs- abgaben schon 1904 hingewiesen. In Norddeutschland ist das Bier mit 86 Pf. belastet, von uns werden 2 Mark erhoben. Wir müssen auf Gerechtigkeit dringen, unsere Brauerciindustrie muß alles aufwenden, um ihre Stellung in Norddcutschland zu oehaupten. Osel(Zentrum) führte aus: Seit Jahrzehnten haben wir eine viel zu hohe Uebergangssteuer bezahlt. Der Bundesrat muß dafür sorgen, daß die Reichsverfassung beachtet wird. Man darf die Uebergangsabgabe nicht nach einem besonders stark eingebrauten Bier berechnen, sondern nach einem gewissen Durchschnittssatze. Finanzminister Ritter von Pfaff erklärte: Schon vor zwei Jabren hat mein Amtsvorgänger erklärt, daß der gegen- wärtige Ucbergangssatz zu hoch sei und daß eine Aenderung ein- treten müsse, wenn die norddeutsche Steuer reformiert werde. Das ist jetzt der Fall. Wenn die Satze der Kommission vom Reichstatr angenommen werden, wird die Uebergangsabgahe zwei Mark kaum übersteigen, selbst wenn nicht ein Durchschnittssatz, sondern der Sdtz für das am stärksten cingebräute Bier der Berechnung zugrunde gelegt wird. In der Reichstagskommission erklärte der Rcichsschatz- sekretär, daß die Verfassung eingehalten werde. Die bayerische Rc- gierung stimmt dem Antrag Speck zu. � Die Abgeordneten Memminger(Freie Vereinigung) und Low! (Zentrum) befürworteten gleichfalls den Antrag Speck, der sodann einstimmig angenommen wurde. Vom System Puttkamcr. DaS„Berliner Tageblatt" gibt eine Darstellung des Verhält- nisscS, in dem sich die Aqua-Leute zu dem Gouverneur Puttkamcr befunden hätten. Dieser habe entgegen dem U eberein- kommen, daS im Jahre 1884 von den Duallahäuptlingen mit Herrn Dr. Nachtigall abgeschlossen worden sei. die Duallas systematisch benachteiligt und namentlich die Rechte des King Aqua vertragswidrig angetastet. King Aqua selbst beziffere den ihm im Laufe von 16 Jahren durch die Entziehung seiner Rechte erwachsenen Schaden auf 10 Millionen Mark.• Als die im Jahre 1902 nach Deutschland entsendete Aqua- Deputation vom Kolonialamt zwar allerlei Versprechungen erhalten habe, aber im Verlaufe vollständig ergebnislos geblieben fei, sei die Stimmung in Kamerun immer erbitterter geworden. Man sei zum A u f st a n d e e n t s ch l o s s e n g e w e s e n. wenn nicht gerade King Aqua besänftigend auf das Volk eingewirkt habe. Der Sohn King Aqnas, der sich in Deutschland befand, habe auf einen Brief seines VaterS erklärt, daß die deutsche Regierung durchaus friedliebend sei und daß daS System Puttkamer nur geduldet werde, weil man von ihm in amtlichen Kreisen keine Kenntnis habe. Die Einreichung einer schriftlichen Beschwerde werde sicherlich zur Ab- ftellung der Mißstände führen. Diese Beschwerde wurde denn auch abgesandt, jedoch mit dem Erfolge, daß Puttkamer die beschwerde- führenden Häuptlinge einkerkern ließ. Doch hoffe gerade der Sohn King Aqnas, der sich noch in Deutschland aufhalte, daß dieser letzte Gewaltakt dem Fasse den Boden ausschlage und zu einer gründlichen Untersuchung der Kameruner Verhältnisse führen werde. Wir wollen hoffen, daß wenigstens der R e i ch s t a g den guten Glauben des jungen Kameruner tzäuptlingssohnes nicht zu schänden werden läßt!— Hualand. DaS Kabinett Sonnino. Rom, 10. Februar.(Eig. Ber.) Wie die beiden Ministerien Fortis ihren Schiverpnnkt auf der Linken hatten mit dem berühmten„Stützpunkt nach rechts", so hat das neue Kabinett sein Hauptgewicht auf der Rechten mit zwei Fixierungspunkten in der äußersten Linken. Die ganze konstitutionelle Linke, die seit dem Frühjahr 1901 das Gros der ministeriellen Mehrheit gebildet hatte, ist im Kabinett Sonnino ohne Vertretung; nur ein„Outsider". Alfreds B a c c e l l i. hat das Portefeuille der Post angenommen. Was Zanardelli und Giolitti nicht ge- langen ist, daS hat Sonnino zustande gebracht: angesehene Mit- glieder der radikalen und republikanischen Partei zur Teilnahme an der Regierung bewogen. So liegt in dem neuen konservativen Kabinett das Ministerium der Justiz in Händen des Radikalen S a c ch i, das Ackerbauministcrium in Händen des Republikaners P a n t a n o. DaS erklärt sich wohl daraus, daß diese Herren im Laufe der Jahre anspruchsloser geworden sind. Als Giolitti mit Sacchi über seinen Eintritt ins Kabinett verhandelte, machten die Radikalen ihre Zusage von der Verminderung der Hecresausgaben abhängig, und die Sache zerschlug sich. Diesmal forderte Sacchi nichts als eine Betonung des freien Gedankens gegenüber der klerikalen Vor- stotze, denen gegenüber Giolitti und Fortis so viel Laugmut gezeigt hatten. Zu welchen Bedingungen Patano einen Strich durch seine 30 jährige republikanische Vergangenheit gemacht hat, wissen wir nicht. Er dürfte in sein neues Amt Rechtschaffenheit und Fach- kenntnis mitbringen, aber kaum dem Ministerium die Stinunen der Republikaner zuführen, die hoffentlich das Tischtuch zwischen dem Minister und der republikanischen Partei zerschneiden werden. Im ganzen macht das Kabinett Sonnino keinen schlechten Ein- druck und findet einen wohlwollenden Empfang in der Presse. Es bietet seiner inneren Beschaffenheit nach zweifellos mehr Garantien als die drei vorigen Ministerien und sollte wohl die Möglichkeit zur Formulierung eines konservativen Reformprogramnis, besonders auf Grund einer Neuordnung des veralteten Verwaltungswesens bieten. Enrico Ferri, der das neue Ministerium im heutigen„Avanti" einer wohlwollenden Prüfung unterzieht, tadelt die Beibehaltung der beiden militärischen Minister, des Generals Mainoni und des Admirals M i r a b e l l o; hierbei geht er und der„Avanti" immer wieder von der bürgerlich-liberalen Fiktion aus, die eine Refonn des Militär- Wesens im demokratischen Sinne durch das Parlament für möglich hält, aber vergißt, daß man der Bourgeoisie nicht zumuten kann, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzt. Die Garantie rechtschaffener Verwaltung der Militäronsgaben sollen ja selbst dem„Avanti" zu- folge die jetzigen Minister bieten. Mehr kann man nicht ver- langen.— Ueber die einzelnen Minister ist zu bemerken, daß bis auf Boselli und Baccelli alle für ihr Fach besondere Vor- bildung aufweisen, was sonst auch in Italien durchaus nicht immer der Fall ist. Luzzatti, dem die Verwaltung des Schatzes zufällt, ist ein Finanzmann von europäischem Rufe, der zum vierten Male dieses Portefeuille übernimmt, Salandro, der neue Fiuanzminister, bringt tüchtige Fachkenntnisse mit. Von Sacchi, dem Führer der Radikalen, verspricht man sich nicht viel— er gilt nicht gerade für eine Leuchte. Dem Minister Pantano wird der Umstand schaden, daß er Republikaner ist oder richtiger: war und beim Regierungsantritt Victor Emanuels m. die— konstituierende Versammlung gefordert hat l Eine derartige Vergangenheit, besonders wenn sie so wenig verjährt ist, schädigt das Dekorum des„Bekehrten" meist in gefährlicher Weise. Man gebraucht den Ueberläufer vielleicht, aber man achtet ihn nicht. Der Minister des Aeußeren, Guicciardini. ist sehr dekorativ, gilt als Freund des Drei- bundeS und hat einige Arbeiten über die Balkanfrage veröffentlicht, auS denen jetzt die Antiministeriellen mit Eifer die kompromittieren- den Stellen über das Verhalten Oesterreichs zusammensuchen.— Boselli ist zu alt— fast 70 Jahre— als daß man von ihm die Energie erwarten könnte, die zur Sanierung der Verhältnisse im Unterrichtsministerum nötig wäre. Die erste Schlacht wird die Opposition bei der Frage der Er- nennung der Kammerpräsidentschaft liefern. Man spricht davon, daß sie Giolitti als ihren Kandidaten aufftellen will. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, daß der alte Fuchs sich dazu hergibt. Auf das Verhalten der sozialistischen Partei bei dieser Abstimmung ist man sehr neugierig. Das Zahlenverhältnis der neuen Mehrheit wird sich hier zuerst zeigen. Bemerkenswert ist, daß Sonnino zum erstenmal seit langer Zeit mit dem Vorurteil gebrochen hat. bei der Verteilung der Portefeuilles die einzelnen Regionen Italiens in gleicher Weise zu berücksichtigen. In seinem Kabinett wiegen die Nord- und Mittel- italiener bei weitem vor.— Ein weißer Rabe? Rom, 11. Februar.(B. H.) In einigen Tagen erscheint ein Hirtenbrief des bekannten modernen Bischofs Bonomelli über die„Zukunft der Kirche". Bemerkenswert ist, daß Bonomelli das einzige Heil der Kirche in der Trennung vom Staate erblickt I England. Arbeitslose. London, 12. Februar.(W. T. B.) Zwischen drei- bis viertausend Arbeitslose versammelten sich heute nachmittag am Themseufer und marschierten unter polizeilicher Bcglci- tung nach dem Hydepark, wo Reden gehalten und drei Reso- lutionen angenommen wurden, in denen die Regierung dringend gebeten wird, Schritte zur Lösung der Arbeitslosen- frage zu ergreifen. Die englische Regierung scheint unbelehrbar zu sein. Sonst hätte sie von ihrer preußischen Kollegin-gelernt, wie man friedliche Demonstrationen zu behandeln hat.— Und noch einmal Burns! Die letzte Nummer des„Labour Leader" veröffentlicht zur Charakteristik des neugebackenem Ministers einen Brief, den John Burns im Verlaufe des Wohlkampfes an den liberalen Kandidaten Nunciman gerichtet hat, der in Tewsbury dem Arbeiterkandidatcn Ben Turner gegenüberstand. Nuncimtm ist ein bekannter Kapitalist. Turner ist Trade Unions-Beamter und als Organisator schon zwanzig Jahre in der sozialistischen Bewegung tätig. Und was stand in John Burns' Brief, den Runciman natürlich in der liberalen Presse veröffentlichen und in seinem Wahlkreise anschlagen ließ? „Lieber Runciman. Ich freue mich, zu hören, daß Sie in Ihrem Wahlkreise gute Fortschritte machen und daß Sie mit größerer �Majorität als je in ihren öffentlichen Wirkungskreis zurückkehren lverden... Es wünscht Ihnen Erfolg Ihr ergebner John Burns." Das genügt I Dänemark. Krankcnwärterinnenlohn und Königslohn. TaS dänische Folkething hat sich in der vorigen Woche mit zwei sehr verschiedenen Lohnfragcn befaßt. Zuerst handelte es sich um den Lohn einiger Krantenwärterinnen im Frederiks-Hospital, dann um den Lohn des Königs und die Apanage des Kronprinzen. Nicht weniger als zwei Tage wurde hcaiptsächlich darüber verhandelt, ob man den Lohn der Krantenwärterinnen für die Nachtwache von 1,30 Kronen auf 1,b0 Kronen erhöhen solltel Schon im vorige» Jahre hatten unsere Parteigenosser. Klausen und Harald Jensen diei'e 20 Oere Lohnerhöhung für die Krankenwärtcrinncn verlangt; damals waren nur die Sozialdemokraten dafür. Jetzt wurde derselbe Antrag nach der langen Debatte mit 61 gegen 42 Stimmen abgelehnt. Nicht so knauserig zeigten sich die Vertreter der bürgerlichen Parteien, als am Freitag über den Vorschlag verhandelt' wurde, dem König seine Million, dem Kronprinzen seine 120 000 Kronen, der Kronprinzessin ihr Nadelgeld zu bewilligen und ihre Wittvenrente festzusetzen. Hier war es nur der Wortführer der Sozialdemokraten, (fjer.osse K lausen, dem die Sätze zu hoch erschienen. Er wies daraus hin, daß bei dem vorigen Thronwechsel, im Jahre 1363, die Zivilliste um 200 000 Kronen, herabgesetzt wurde, und daß eigentlich jetzt, da seitdem das Reich durch den Verlust Schleswig-Holsteins kleiner geworden ist, Grund genug zu einer weiteren Herabsetzung vorhanden wäre. Auch die Apanage des Kronprinzen sei zu hoch und die Nadelgelder sowie die Witwenrente der Kronprinzessin seien überhaupt abzulehnen. Ferner sprach sich unser Genosse dagegen aus, daß' dem König nicht weniger als acht Schlösser vollkommen zur Verfügung gestellr werden sollen, die doch teilweise zu anderen Staatszwcckcn gebraucht werden könnten. D,e Redner der bürgerlichen Parteien hatten im allgemeinen nichts an den Vorschlägen auszusetzen; gleichwohl wurden sie erst dem Finanzansschuß überwiesen, so daß die hohen Herrschaften noch einige Zeit ruf die Festsetzung ihrer Löhne und Bezüge warten müssen. Jedenfalls aber wird das Folkething für deren Lebensbedürfnisse mehr Verständnis zeigen als für die Krankenwärterinnen im Frederiks-Hospital.—_ Norwegen. Die Rechte und die Linke. Die beiden großen bürgerlichen Parteien haben in der vorigen Woche gleichzeitig in Kristiania ihre Landesverscnnmlungen abge- halten, wobei man wohl erwarten konnte, daß die nun nicht mehr allzu feindlichen Brüder ein Wahlbündnis zu den bevorstehenden Storthingswahlen schließen würden. Auf der Landcsversammlung der Linkenpartci brachte der Staatsrat Arctmider einen dement- sprechenden Antrag ein. Dieser Antrag wurde jedoch einstimmig ab- gelehnt.— Die Landesversammlung der konservativen Partei da- gegen war entschieden für ein Zusammenwirken mit anderen Parteien, wählte ein Komitee und forderte die Linkerpartei auf, ebenfalls ein Komitee zu wählen, um gemeinsam die Vorbereitungen zu einem Wahlbündnis zu treffen. Ohne Zweifel hat eine solche Sammelpolitik auch in der Linken- Partei manche Anhänger, wenn ihre Landesvcrsammlung es auch für zweckmäßiger hielt, das Angebot abzulehnen. Dessenungeachtet werden wohl die beiden Parteien doch schließlich bei den Storthings- Wahlen in der Sozialdemokratie ihren gemeinsamen Feind erblicken und es nicht an gegenseitiger Unterstützung fehlen lassen.— Die „Leipziger Volkszeitung" vor Gericht. Leipzig, 12. Februar. (Telegraphischer Bericht.) In dem Prozeß gegen die„Leipziger Volkszeitung" wegen Auf- reizung zu Gewalttätigkeiten wurde heute vormittag 9 Uhr die Ver- Handlung fortgesetzt. Der Vorsitzende Landgerichtsdirektor Mau- k i s ch fragte den angeklagten Redakteur der„Leipziger Volks- zeitung", H e i n i g, ob er zu seiner Verteidigung das Wort noch wünsche. Der Angeklagte verneinte dies unter Hinweis auf die ausgezeichneten Ausführungen seiner Verteidiger. Darauf stellte Oberstaatsanwalt Bochme folgende Anträge: 1. Sollte das' Gericht die Auffassung haben, daß der Schuld- beweis in subjektiver Richtung, insbesondere wegen des Hinweises auf das flüchtige Lesen der Artikel nicht erbracht sei, so beantrage er die Vernehmung des Staatsanwalts-Assessors Dr. Lange. 2. Sollte das Gericht den Artikel:„Witte in Sachsen" in Nr. 290 der„Leipziger Volkszeitung" nur insoweit aburteilen, als es darin eine Aufreizung erölicke, dann beantrage er, die ganze Haupwerhandlung zu vertagen. Nach 4stündiger Beratung fällte der Gerichtshof folgendes Urteil: Wegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten, begangen durch 5 Artikel, und wegen Beleidigung der Zweiten sächsischen Kammer, begangen durch den Artikel:„Witte in Sachsen", wird der An- eklagte Heinig zu einem Jahr neun Monaten efängnis verurteilt. Die inkriminierten Artikel ent- halten den Charakter der Aufreizung zu Gewalttätigkeiten, sie sind geeignet, das Gefühl der Rechtssicherheit der bürgerlichen Gesell- schaft zu beunruhigen. Der sächsischen Kammer wird die Befugnis zur Publikation des Urteils im„Dresdener Journal", der„Leip- ziger Zeitung" und der„Leipziger Volkszeitung" zugesprochen. Gleichzeitig wird auf Einziehung der Platten und Schriften er- kannt. Gegen Stellung einer Kaution von 15000 Mark soll der Angeklagte vorläufig auf freiem Fuße belassen werden. Die Verurteilung unseres Genossen Heinig zu der außerordentlich hohen Strafe von l*lt Jahren Gefängnis mutz nach dem Gang der Verhandlungen überraschen. 25 Artikel waren unter Anklage gestellt. Sie sollten den Tatbestand einer Aufreizung zu Gewalttätigkeiten verschiedener Klassen der Bevölkerung in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise, ein Artikel(Witte in Sachsen) eine Beleidigung der sächsischen Zweiten Kammer enthalten. Das Gericht hat 20 Artikel ausgeschieden und in fünf Artikeln eine fortgesetzte Handlung der Aufreizung zu Gewalttätigkeiten und die behauptete Beleidigung für vorliegend erklärt. Der Artikel„Witte in Sachsen", der die Majestät des sächsischen Landtages beleidigt haben soll, ent- hielt eine scharfe Kritik des Verhaltens dieser Kammer. Eine scharfe Kritik mag— wie jedes tadelnde Urteil— unangenehm für die Betroffenen sein, weil sie zutreffend ist. Bei dergleichen Kritiken kann auch einer Privatperson gegenüber eine Beleidigung nur dann vorliege», wenn die Absicht einer Beleidigung, das heißt einer Kränkung der Ehre deS Kritisierten, aus der Forin oder aus den Um- ständen, unter denen sie geschah, hervorgeht. Freieste Kritik ist für den Forffchritt unentbehrlich. In einem freiheitliebenden Lande wird man deshalb eine scharfe Kritik, insbesondere die an einem politischen Gegner geübte, ungesühnt lassen: wer zum Kadi läuft, nicht um bestimmte Tatsachen feststellen zu lassen, sondern der Form deS Ausdrucks halber, anerkennt gegen seinen Willen die Berechtigung der Kritik, stellt selbst die kritisierte Handlung als„unter aller Kritik" stehend hin. Was von der Beleidigung einer Person gilt, gilt in verstärktem Maße von der einer gesetzgebenden Körperschaft. Die in unserem Strafgesetz ausgedrückte Annahme. eine nicht physische Person, eine Behörde, politische Körperschaft oder gesetz- gebende Versammlung könne beleidigt werden, steht im Widerspruch zu dem Begriff einer Beleidigung, die eine Verletzung der Ehre, und damit eine Person voraussetzt. Indes besteht diese Aus- nähme von der aus dem Begriff einer Beleidigung abgeleiteten Regel, daß nur eine Person beleidigt werden kann. Auch eine derartige Fiktion(juristische Unterstellung), daß eine Behörde oder Körperschaft eine verletzliche Ehre haben könne, führt zu der Not- wendigkeit, daß nur zutreffend kritisierte und deshalb sich verletzt erachtende Behörden usw. zur Stellung eines Strafantrages oder einer Genehmigung zur Strafverfolgung geeignet sind, es sei den», es handele sich um Aufklärung über behauptete Tatsache». I» Ländern, in denen freiere, die Notwendigkeit freier Kritik anerkennende Grundsätze herrschen. ist eine Anklage loegen formaler Beleidigung einer Behörde oder gar einer politischen Körperschaft durch Gesetz oder durch die Praxis aus- geschloffen. Selb st in Deutschland pflegt mit Fug und Recht eine politische Körperschaft eine Strafverfolgung wegen formaler Beleidigung abzulehnen. Eine Körperschaft kann nur selbst durch Pflicht- Verletzung sich herabsetzen, aber nicht durch andere beleidigt werden. Gesetzgebende Faktoren, die Strafantrag stellen, geben damit zu, daß sie beleidigt werden können, daß also ihr Ver- halten nicht ausreicht, um ihr Ansehen zu stützen. Es ist für den sächsischen Landtag bezeichnend, daß er Straf- antrag gestellt hat. Der sächsische Landtag hat solchen Straf- antrag schon bei einer früheren Gelegenheit gestellt: als von dem„Wähler" in Leipzig und der Dresdener„Arbeiter-Zeitung" sein Beschluß kritisiert wurde, der unter Bruch von Recht. Gesetz und Verfassung unserem Genossen Liebknecht das Mandat aberkannte. Der Artikel der„Leipziger Volkszeitung". der im Prozeß gegen Heinig zur Vernrteilnng wegenLandtagSbeleidignng führte, kritisierten, scharfer Weise die Vorenthaltnng des allgemeinen, gleichen, geheimen Wahl- recht?, das nach der ökonomischen Struktur Sachsens der sächsischen Arbeiterklasse gebührt. Durch die Strafantragstellung gesteht der Landtag ein, daß sein Verhalten so sehr unter aller Kritik ist, daß- die Form des tadelnden Urteils eine Beleidigung des Landtag« enthält. Das gegen den Genossen Heinig gefällte Urteil ist tat- sächlich eine Verurteilung des Landtages selb st. Nicht minder eine Verurteilung des Organismus der Rechtspflege, der für den Fall der Annahme einer Beleidigung des Landtages statt auf die geringste Geldstrafe von 3 Mark auf eine bohe Freiheitsstrase erkannte. Die Frage, ob die strafprozessuale Form bei der Klage- erhebung gewahrt ist, mag hier unberührt bleiben. Sie wird sicher das Reichsgericht zu beschäftigen haben. Das Urteil gegen Heinig stellt sich in allen seinen Terlen als ein K l a s s e n j u st i z- U r t e i l in schärfster Weise dar. Auflage und Verurteilung wegen Beleidigung des Landtages, weil der Arbeiter- k lasse das Wahlrecht genommen und diese politische Entrechtung vom Standpunkte und im Sinne der Arbeiterklasse verurteilt ist. Genosse Heinig ist ferner verurteilt, weil die von ihm vertretenen Artikel die besitzlose Klasse gegen die besitzende Klasse geneigt gemacht haben soll, irgend wann inal gegen die Besitzenden die ge- walttätigen Kampfesnnttel der herrschenden Klasse anzuwenden. 20 Artikel, in die die Anklage ein ähnliches Streben hineinlegte, sind vom Gericht anders bewertet— die übrigen fünf hätten gleichfalls als straffrei erklärt werden müssen, wenn Beweis darüber er- hoben wäre, wie die angeblich zu Gewalttätigkeiten geneigte Klasse die Artikel auslegt. Eine Verurteilung ist erfolgt, weil die Rickiter sich als Sachverständige für die Gedanken der Klasse erachteten, der sie nicht angehören. Au? allen Teilen der Be- völkerung von und aus dieser gewählte Laienrichter hätten zu einer Verurteilung nicht kommen können, sondern anerkannt, daß die Provokationen der herrschenden Klasse zu Ge» Iv a l t t ä t i g k e i t e n auch deshalb keinen Erfolg gehabt haben, weil die inkriminierten Artikel klarlegten, daß die ökonomische Entwicklung mit Notwendigkeit das den Trägern der kulturellen Arbeit und der Gcsellichaftsstufe entsprechende politische Kleid schafft, und daß die Arbeiterflasie unter Anwendung aller ihr zu Gebote stehenden gesetzlichen Mittel das allgemeine geheime und gleiche Wahlrecht erringen wird. Das Plaidoyer der Staatsanwaltschaft betonte außerhalb der Verhandlung liegende Momente, schreckte hierbei selbst vor der sonderlichen Mut nicht verratenden Verunglimpfung von Redakteuren nicht zurück, die nicht unter Anflöge standen, und bewies durch seine Ausfälle gegen die„Leipziger Volkszeitung" wie weit die Staatsanwaltschaft von der Erfüllung der Pflicht entfernt ist,, gerade in politischen Prozessen sich zu hüten, statt der allein zur Beurteilung stehenden Handlungen deS Angeklagten politische Ansichten zur Verurteilung zu ziehen. Anklage, Verhandlung und Urteil des Leipziger Prozesses spiegeln den Klassenkampf in den lebhaftesten Farben wieder. Er wird zur Aufklärung der Arbeiter beitragen und den Sieg der Arbeiterklasse beschleunigen helfen. Toren, die da glauben, durch Anklagen und Urteile kulturelle Bewegungen auch nur um eines Strohhalms Breite aufhalten zu können! Je klarer die Machtmittel der herrschenden Klasse sich als Kampfmittel gegen die arbeitende Klasse offenbaren, desto flarer wird auch der noch abseits der auf- geklärten Arbeiterschaft stehenden Menge, daß Ohnmacht und Furcht vor der für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit kämpfenden Sozial- demokratie die herrschende Klasse beseelt. Soziales, Bon der vollen Kompottschüssel I Wie die von unseren Gegnern genannten Arbeiterwohlfahrtsgesetze ans dem Lande wirken und wie sie von den OrtSgemeinden'gehandhabt werden, davon hier zwei krasse Beispiele: Der 51 Jahre alte Rudolf Z. hatte sich im porigen Jahre bei dem Gutsbesitzer K. in Ginthieden. Kreis Königsberg, als Schweizer auf ein Jahr vermietet. Am 1. Oktober v. I. trar er seine Stelle an, wurde aber schon nach fünf Tagen infolge einer Sehnen- entzimdung der linken Hand arbeitsunfähig. Da seine Frau die sämtlichen Kühe allein nicht melken und füttern konnte. nahm der Besitzer sich einen anderen Schweizer und setzre die Familie, die aus Mann, Frau und fünf kleinen Kindern bestand, auS der Wohnung. Nun begann für diese eine wahre Lcidenszeit. Bis zum 6. November behandelte ein Dorfarzt die kranke Hand des Z. Da sich der Zustand aber ver- schltmmerte. wurde er nach der Stadt ins Krankenhaus geschickt und operiert. Trotzdem nun Z. Mitglied der Gemeindckrankenkasse des Landkreises Königsberg war, erhielt weder er, noch seine Familie irgendwelche Unterstützung, weder von der Krankenkasse, noch von dem OrtSannenverban'de, vom Tage der Entlassung ab vom Besitzer auch keinen Lohn und Deputat. Nur einen Liier Milch durfte sich die Frau jeden Tag für ihre Kinder, von denen das jüngste fünf Monate, das älteste sieben Jahre alt war. von dem Besitzer holen. Der Gemeindevorstand gab Kartoffeln. Um nicht zu verhungern, mußte die Frau von HauS zu Haus, vo» Dorf zu Dorf betteln gehen. Damit die.kleinen Kinder nicht unbeaufsichtigt blieben, beurlaubte der Lehrer das siebenjährige Mädchen auf un- bestimmte Zeit auS der Schule. Das Bettclii ist bekanntlich strafbar. Aber die Behörden schienen ein Einsehe» zu haben. Der G c- in e i n d e v o r st e h e r, der Am ts v o r st e h e r, d e r P f a r r e r. ja sogar die Gendarmen deS Bezirks gaben der Frau auS Mitleid hier und da etwas Lebensmittel und kleine Geld- betrage. Auf Bitten der Frau, die sich nicht mehr zu helfen wußte, wurde Z. am 2. Dezember, wenn auch nicht geheilt, so doch als iu Heilung begriffen aus dem Krankenhause entlassen. Arbeiten konnte er noch nicht. Mit der Zeit wurde es mit der Hand wieder schlimmer. Der Arm begann zu schwellen. Und nun behandelte ihn auch d e r D o r f a r z t nicht mehr. Auch d a s 51 r a n k e n- haus nahm ihn nicht mehr auf, weil weder die Krankenkasse noch der Gemeindevorstand für die Kosten sich verpflichten wollten. Und zwar ans folgenden Gründen: Sowohl der friihcre als auch der letzte Arbeitgeber des Z. hatten, wie die meisten ostpreußischen Großgrundbesitzer, von dein § 137 des KrankenversicherungsgesetzeS Gebrauch gemacht, wonach ihnen, gegen Fortfall des Krankengeldes für den Versicherten, gestattet wurde, erinäßigte Bei- träge zu zahlen. Dafür hat dann aber der Arbeitgeber Lohn und Naturalien in Höhe des Krankengeldes zu zahlen. Weil nun Z. von dem Besitzer entlassen war, glaubte dieser dazu nickt ver- pflichtet zu sein. In diesem Falle hatte nun trotzdem die Kasse ein- einzutreten und sich cvent. mit dem Besitzer abzufinden. Das geschah aber nicht. Z. lief von einer Behörde zur anderen, wurde aber überall ab- gewiesen. Anstatt nun von feiten des Armenverbandcs ctwaS für die notleidende Familie zu tun, leiteten die Behörden ein V e r f a h r e n auf Ausweisung des Z. aus Preußen nach der Schweiz ein, trotzdem er bereits 10 I a h r e in O st- Preußen gewohnt, gearbeitet und sich hier verheiratet hatte. Zum 1. April sollte seine Abschiebung erfolgen. Ueber das Schicksal seiner Familie ließ man ihn im Unklaren. In diesem geschilderten Zustande befand sich Z. und seine Familie auch noch anfangs Februar d. I. Da legte denn der kranke Mann am 2. Februar den 24 Kilonieter langen Weg zu Fuß nach der Stadt zurück und kam nach dem Königsberger Parteibureau. Er wurde, als man ihn hier gestärkt hatte, nach der Klinik geführt. Der Arzt fand zwar dringende Behandlung notwendig, verlangte aber auch erst die Be- scheinigung der Ortsbehörde. Mit einem' Brief des Professors ver- sehen, mußte Z. ivieder zurück. Und wieder verweigerte der Orts- Vorstand die Bescheinigung. Nun begab sich der Parteisekretär nach dem LandratSamt und forderte energisches Einschreiten des Land- ratS. Es wurde auch bereitwilligst ein Protokoll aufgenonmien und anerkannt, daß die Kasse unter allen II m ständen einzutreten hätte. Ortsvorsteher und Klinik wurden brieflich benachrichtigt und endlich, am 7. Februar, also nach zirka 3 Monaten war Aussicht vorhanden, dost die gesetzlich vorgeschriebene Unter- stiitzung eintreten sollte. Ob eS noch möglich sein wird, den Mann vollständig zu heilen oder ob er ein Krüppel bleiben wird, und ob man die Familie durch Abschiebung deS Mannes über die Grenze miScinanbetrcifeen wird, muß abgewartet werden.— Ein zweiter Fall: Am 30. Oktober V.J. verunglückte der Landarbeiter David RandieS au-Z Kl.-Allgawischken(Kreis Niederung) an der Häckselmaschine. Es wurden ihm die drei Mittelfinger der rechten Hand glatt abgeschnitten. Er wurde bis zum 23. Januar d. I. im Krankenhause zu Hcinrichswalde behandelt und dann als geheilt entlassen. Nach der Heilung war auch der kleine Finger noch steif geblieben. Als der Mann nun vom Krankeuhause nach Hause kam. fand er seine Frau, die an den Füßen verkrüppelt ist, halb verhungert vor. Während der ganzen zwölf Wochen hatte man der hülflosen Freut keine Unterstützung gegeben. Der Ortsvorsteher schickte sie zum Amtsvorsteher und dieser zum Gutsbesitzer, bei dem ihr Mann verunglückt war, aber keiner wollte verpflichtet sein, für die Frau zu sorgen. Die anderen Besitzer sagten, die Frau solle nur arbeiten kommen, dann werde man ihr zu essen geben. Justleute, die selbst sehr arm waren. reichten der Frau ab und zu das allernotdürftigste Essen. Am 3. Januar wurde an den KreiSauSschuß geschrieben, aber auch ohne Erfolg. RandieS lief nun wieder nach feiner Entlassung aus dem Krankenhaus tagelang von einer Behörde zur anderen, aber ohne Erfolg. Not und Elend waren aufs höchste gestiegen. Da schrieb ein Parteigenosse auS dem Dorf, der selbst in seiner Armut nach Kräften Unterstützung gegeben hatte, nach Königsberg an das sozialdemo- kratische Parteibureau. Von hier auS wurde ein Genosse aus Tilsil beauftragt, die nötigen Schritte zu unternehmen. Dieser fuhr mit dem notleidenden R. am 6. Februar nach dem Landratsamt zu HeinrichSwalde und nun wurde der behördliche Apparat in Bewegung gesetzt. R. erhielt endlich die nötigen Papiere und Anweisungen für den Arzt zur Inanspruchnahme auf Kosten der Unfallberufs- genossenschaft. Außerdem erhielt er einen baren Vorschuß von ISM. ausgezahlt.— Hoffentlich erhält nun auch der Ortsvorsteher der Gemeinde. in der der Verunglückte Ivohnt und die verpflichtet war, diesen in den ersten 13 W'ochen nach dem Unfall zu unterstützen, die nötige Belehrung. Schuld an der Verschleppung dürfte auch noch andere Beamte treffen. Die Hauptschuld liegt aber an dem ganzen System der Ver- waltungen, die aus dem preußischen Drciklassenparlameut hervor- gehen und unter dein die unterdrückte, ausgebeutete Landbevölkerung am meisten zu leiden hat. Aehnliche Fälle wie die hier an- geführten, sind in Ostpreußen auf dem platten Lande an der Tages- ordnung. Es bietet sich nur nicht immer Gelegenheit, sie in allen Einzelheiten genau kennen zu lernen. Die Regelung der Arbeitszeit in den Kontoren des Handels- gewcrbes und in kaufmännischen Betrieben, die nichl mit offenen Verkaufsstellen verbunden sind, fordert eine dem Bundesrat und Reichstag zugegangene Petition deS ZentralvorstnndcS der Allge- meinen Vereinigung Deutscher VuchhanolungSgehülfen. ES wird vorgeschlagen, reichögesetzlich zu bestimmen, daß die Arbeitszeit in Kontoren mit geteilter Arbeitszeit nicht mehr als 0 Stunden, in Kontoren mit ungeteilter Arbeitszeit nicht mehr als 3 Stunden betragen darf. In Kontoren mit geteilter Arbeitszeit soll eine Mittagspause von mindestens 2 Stunden, bei ungeteilter Arbeitszeit eine Pause von mindestens einer halben Stunde getvährt werden. Der Geschäftsschluß soll bei geteilter Arbeitszeit spätestens um 7, bei ungeteilter Arbeitszeit spätestens um 5 Uhr eintreten. Den Angestellten(Gehülfen, Lehrlinge» und Arbeitern) ist nach Beendigung der täglichen Arbeitszeit eine unnnterbrochene Ruhezeit von mmdestens 13 Stunden bei geteilter Arbeitszeit, von mindesten» K> Stunden bei ungeteilter Arbeitszeit zu gewähren.— Für Angestellte unter 18 Jahren ohne Untet schied des Geschlechtes hat die Arbeitszeit 1 Stunde weniger zu betragen. Die Arbeit an Sonn- und Feiertagen soll ganz verboten werden. Ausnahmen sollen nur zugelassen werden bei Arbeiten, welche in Notfällen oder im öffentlichen Interesse unverzüglich vor- genommen werden müssen. Den Angestellten ist ein jährlicher Urlaub von mindestens 14 Tagen zu gewähren; das Gehalt ist wahrend de» Urlaubs weiter zu zahlen. Die Bestimmungen der KZ 13!)a, 130h, 139i und 1301 der Gewerbeordnung sollen auf die Gehülfen, Lehrlinge und Arbeiter in Kontoren der genannten Betriebe entsprechende Anwendung finden. Schließlich wird in der Petition die Beftirchtmig ausgesprochen, daß alle zum Schutz der Angestellten zu schaffenden gesetzlichen Bestimmitngen in der Hauptsache lediglich auf dein Papier bestehen bleiben werde», wenn nicht für eine entsprechende sachgemäße,«gel- mäsiige und griiudlichc Kontrolle gesorgt wird. Einer solchen Kontrolle hätten sich aber schon bei den viel leichter zu kontrollierenden Laden- geschästeu die heute zuständigen unteren Polizeivrgane in keiner Weise gewachsen gezeigt. Dies würde bei der Kontrolle der Kontore iit noch stärkerem Maße zum Ausdruck kommen. ES sei deshalb nötig, besondere Handelsiiisprltoren mit der Kontrolle zu betrauen. SewerkscbaMickes. Berlln und ClmgcgcHd. Acht, mg, Former! Wegen Nichteinhaltung des Tarifs ist die Metallgießerei Firma Haa'se, Anguststr. 01, für Former gesperrt. OrtSverlvaltung Deutscher Metallarbeiter-Berband Berlin. Tarifbcwegiing der Maler. Eine ungewöhnlich stark besuchte Versammlung der Maler und Anstreicher tagte am Sonntag in der Neuen Welt. Der große Saal war bis auf deS letzten Platz gefüllt. Auf der Tagesordnung stand der Bericht der Lohnkommission über die Vcrbandlmigett mit den Arbeitgebern. Bekanntlich haben die Arbeitnehmer, da der im Gewerbe bestehende Tarifvertrag am 1. April abläuft, schon vor einiger Zeit ihre Forderungen eingereicht, die sie für den Abschluß eines neucn Tarifs stellen. Im Laufe des Monats Januar haben mehrere Sitzungen der beiderseitigen Ver- trctcr stattgefunden� Ucber � die bisherigen Ergebnisse der Kom- missionsverhandlungen erstattete Jakobeit Bericht. Danach sind sich die Vertreter der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber in der Konimission über die mehr untergeordneten Punkte einig geworden. Diese betreffen die Vergütung des Fahr- gelbes nach den Vororten, die Lohnzahlung, welche in der Regel auf der Arbeitsstelle erfolgen soll, den Arbeitsschluß, der an Sonnabenden'/s Stunde, a» den Vorabenden der Feste eine Stunde früher erfolgen soll und den Zuschlag' für Ucberstunden, der g3'/z Proz., für Nachtarbeit, der 75 Proz., und für SonnlagSarbeit, der IM Proz. des Lohnes betragen soll. Hinsichtlich der Haupt- sächlichsten Forderungen, Lohn- und Arbeitszeit betreffend, konnte eine Einigung noch nicht erzielt werden. Gefordert wurde da S'/z- stüiidige Arbeitszeit für die Sommermonate und 6>/z Stunden für die Wintermonale(November bis Februar.) Die Arbeitgeber wollen da- gegen, daß diejetzt geltende SstündigeArbeitözeitiinSommer beibehalten und in den Wintermvnaten auf 7 Stunden verkürzt wird. Am meisten umstritten ist die Lohnfrage. Gefordert wird ein Stundenlohn von 70 Pf. für Maler, 65 Pf. für Anstreicher.— Nach dem bisherigen Tarif erhalten Maler 55 Pf.. Anstreicher 50 Pf.— Die Arbeitgeber wollen den Anstreichern überhaupt keine Zulage gewähren. Hinsichtlich der Maler bestehen sie auf dem Abschluß eines Tarifs von dreijähriger Dauer und unter dieser Voraussetzung tvollen sie im ersten Jahre der Tarifdaucr 60 Pf., im zweiten 62 Pf.. im dritten 65 Pf. Stnitdenlohn zahlen. Dieser Lohnvorschlag ist aber nicht von der gesamten Arbeitgeberkontmission ausgegangen, sondern nur von einem einzelnen gemacht. Die Vertreter Pcrantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil vcrantw der Arbeitnehmer erklären diesen Vorschlag für ganz un- annehmbar. Allenfalls würden sie ihre Forderung auf 67t/3 Pf. ermäßigen. Die Maler würden, wenn sie diesen Lohnsatz erhielten, immer noch erbeblich zurückstehen hinter den Löhnen der übrigen Bauhandweker. Der Referent bemerkte zum Schluß, die Verhandluiigeu würden weiter geführt werden, jedoch werde die Or- ganisation alle Vorbereitungen treffen, damit sie einem Kampfe ruhig entgegensehen könne. Wenn selbst die ermäßigte Lohnforderung nicht anerkannt werden sollte, dann bleibe nichts übrig, als den Kampf aufzunehmen.— Die Diskussion war nur kurz, die Redner erklärten sich unter einntiitiger Zustimmung der Versanmtlung mit den Ausführungen des Referenten einverstanden. Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen: Die Versammlung betrachtet da? Angebot der Innung als eine Verhöhnung unserer Forderungen. Die Versammelten erklären sich mit dem bisherigen Verhalten der Lohnkommission einverstanden tmd haben das Vertrauen, daß sie auch ferner unsere Forderungen mit Nachdruck vertreten wird.— Da aber auch mit der Möglichkeit ge- rechnet werden muß, daß nur durch einen Kampf unsere Forderungen durchgesetzt werden können, und nur starke Organisotionen in der Lage sind, wirtschaftliche Kämpfe mit Erfolg zu führen, so ver- pflichten sich die Kollegen, rege für die Vereinigung der Maler zu agitieren, damit sich auch der letzte Mann der Organisation an- schließt. Tarifbestrebuiigen der Tischmacher. Am Sonntag fand im Gewerk- schnftshause eine Branchenversammlung der Tischmacher statt, die sich mit der Frage befaßte, ob es möglich sei, innerhalb dieser Branche des Tischlergewerbes eine» Tarifvertrag durchzuführen. Gegenwärtig bestehen Wohl in den einzelnen Werkstätten Tarife für die allgemein vorkommenden Arbeiten, die Preise sind jedoch so verschieden, daß eine einheitliche Regelung im Interesse der ganzen Branche dringend notwendig erscheint. Es wird fast allgemein in Akkord gearbeitet. Nach einer im September vorigen Jahres aufgenommenen Statistik waren 74 Proz. der Tischmacher Berlins in Akkordlohn und nur 26 Proz. in Zeitlohn tätig. Im ganzen wurden damals 70 Betriebe mit 728 Arbeitern gezählt. In nur 6 Werkstätten wurde Zeitlohn gezahlt, in allen anderen teils nur Akkord-, teils Akkord- und Zeit- lohn. Wo nach Zeit bezahlt wird, handelt es sich meist unt Arbeiten, die nach Zeichnung ausgeführt werden. Der größte Teil der Tischmacher ist für Abschaffung der Akkordarbeit nicht zu haben. Unter Bcrlicksichtigung dieser Verhältnisse sprach sich der Referent L a n g h a min e r, der den einleitenden Vortrag hielt, dafür aus, daß nicht allgemeine Einführung der Lohnarbeit, sondern ein gut geregelter Akkordtarif angestrebt werden müsse. Was von der Schädlichkeit der Akkordarbeit gesagt werde, könne nicht dort gelte», Ivo eine gut organisierte Arbeiterschaft mit ausgeprägtem Solidaritätsgefühl vorhanden sei und nach einheitlichen Tarifen gearbeitet werde. Allerdings werde die Aufstellung und Durch- fiihrung eines Tarifes mancherlei Schwierigkeiten bieten; was aber bei den Bautischlern möglich geworden sei, müsse auch den Tisch- machern gelingen.— In ähnlichem Sinne sprachen sich die meisten Diskussionsredner aus. Die Versammlung beschloß einstimmig, daß sobald wie möglich eine WerkstattvertrauenSmännersitzung der Branche einberufen werden soll, zu der jeder BertrauenSmann den in seiner Werkstatt geltende» Tarif mitzubriugen hat. Auf Grund dieser Tarife soll dann über einen einheitlichen Tarif beraten werden, worauf wiederum eine Braucheilversammluug einberufen wird. Zentralverband der Konditoren. Die Differenzen bei der Firma L ö w e n st e i n. Schulzeudorferstr. 23. sind zugunsten der im Abwehr- streik Stehenden beigelegt. Herr Löwenstein hat unterschriftlich ver- sichert, am 1. März die neunstündige Arbeitszeit einzuführen, die Löhne von da an wieder nach den Vcreiubaruugen zu zahlen und die entlassene Arbeiterin wieder einzustellen. Für Ueberstunden sollen 15 Proz. Zuschlag gezahlt werden. Achtung Kleber! Wegen Tarifbruchs sind die Bauten des Unternehmers Marianowsky, LudwiaSkirchstr. 11» gesperrt. In Betracht kommen die Bauten Mommsenstr. 16 und 76. Die Achtzehncr-Kommisflon. oeutkcbeo Rcld», In der große» WilhelmSburger Wollkämiiicrei ist in den letzten Tagen ein Streik ausgebrochen, der große Dimeiisionen angenommen hat. Die aus aller Herren Länder»ach der Insel Wilhelmsburg zu- santinengetrommelten billigen Arbeitskräfte, die sämtlich eine gut christliche Gesinnung mitgebracht und sich zum Teil mich noch bewahrt haben, sind müde geivordcn deS laugen Schuftens bei äußerst miserablen Löhnen: sie haben Forderungen gestellt, die den Gipfel der Bescheidenheit bilden. Hohe Dividende lange Arbeitszeit und niedriger Lohn, das war von jeher der Grundsatz, von dem sich die Direktion deS großen Werkes bei ihren Maßnahmen leiten ließ, und von diesem obersten Grundsatz der Prozenlkapitalisten scheint sie auch nicht abweichen zu wollen. Bei e l f st ü n d i g e r Arbeitszeit erhält das Gros der Arbeiter einen Tagelohn von 2,50—2,00 M., die„Bessergestellten" verdienen 3 M. und etwas darüber, die Frauen entsprechend weniger. Im Streik befinden sick etwa 700 Personen. Den in der Fabrik ver- bliebenen christlichen Arbeiiern und Arbeiterinnen ist die Notwendig- kcit des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses klar vor Augen geführt worden, indem ihnen gekündigt worden ist. AIS ein Fluch für die Arbeiter erweisen sich auch hier die sogenannten „WohlsahrtSeinrichtungeil" der Fabrik, denn die Ausständigen müffen die Fabrikwohnuiigeu räumen. Auf Grund der„Arbeitsordnung" sind den„kontraktbrüchigen" Arbeitern Lohnabzüge bis zu 8 M. gemacht worden, obwohl die meisten Arbeiter— es herrscht in der Fabrik das reine Sprachbabylon— die geschrieben e n Be- stinmumgen gar nicht lesen können I Am Sonnabend sind der Direktion die Forderungen der Arbeiter �»gestellt worden.— Die Lohn- kommission überreichte heute der Firma die Forderungen der Arbeiter; es wird verlangt als Mininiallohn ein Tagelohn von 3,50 M. für Arbeiter und 2—2,20 M. für Arbeiterinnen. Die Holzarbeiter Königsbergs beschlossen in der letzten Ver- sammlung, in eine L o h n b e lv e g u n g einzlitreten und den Tarif zu kündigen. Im vorigen Jahre erreichten sie, da sie gut organisiert waren, eine Lohnerhöhung ohne größeren Kampf. In diesem Jahre soll besonders an die Verkürzung der Arbeitszeit ge- gangen werden. Die Arbeitszeit beträft gegenwärtig zehn Stunde». Die Holzarbeiter verfügen in Königsberg über eine treffliche Orgamsation. HueUnd. Zum SeemanuSstreik in Trieft. Trieft, 11. Februar.(Eig. Ber.) Heute fanden im Hafengebiete größere Demonstrationen der Streikenden statt. Der Ausstand hat nunmehr die Heizer und Matrosen sämtlicher bedeutender öfter- reichilcher und ungarischer Gesellschaften ergriffen. U. a. wird ge- streikt beim„Lloyd", bei der„Austro-Amerikana", bei der„Ungaro- Croato" und bei der„Ocsterreich-Ungarischen Schiffahrtsgesellschaft". Nur einzelne Dampfer können mit Hülfe von Heizern und Matrosen der Kriegsmarine den Dienst versehen. Der Schornsteinfegerstreik in Kristiania dauert nun seit acht Tagen. Die Streikenden, die bisher gtvßtenteils nur 20—24 Kronen wöchentlich verdienten, verlangen als Mindestlohn 25 Kronen. Die 20 Unternehmer, denen die Stadt die Schornsteinsegerarbeiten über- tragen hat, hatten im Jahre 1004 im Durchschnitt je 6892 Kronen Bruttoeinnahme, ihre Unkosten beliefen sich auf 2403 Kronen, so daß ein Reingewinn von durchschnittlich 4400 Kronen übrig blieb, also 63.83 Proz. der Bruttoeinnahme für ihre Arbeit als„Fege- inspekteure", wie diese Unternehmer genannt werden. Gegenwärtig ist ein solcher Fcgeinspelteursposten zur Bewerbung ausgeschrieben. „Social-Demokraten" verlangt, daß die Stadt die Schornsteinseger- arbeit in eigene Regie übernehme und über die Besetzung des ledigen Postens nicht eher cntschicdeil werde, als bis die Frage gründlich erwogen ist. Bei dem chronischen Dalles im Stadtsackel wären die 35 bis 40 Taufend Kronen Einnahmen, die die Stadt dadurch gewinnen würde, nicht zu verachten.____ : Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerkagSanstal Versammlungen. Agrarisches aus Groß-Berli». Erbärmliche Löhne, lange Arbeitszeit und Behandlung als Arbeiter zweiter Klaffe, das ist das LoS der städtischen Ries elfeldarbeiter von Berlin. In einer Versammlung am Sonntagnachmittag gaben diese ihrer Empörung über die menschenunwürdigen Zustände, unter denen sie so lange schon leiden müssen, lauten und energischen Ausdruck. Neuerdings ist die Bedrückung der Arbeiter wieder be- sonders arg geworden. Eine mittelalterliche Strafordnung, die schon seit 23 Jahren besteht, aber langsam in Vergessenheit ge- raten war. kommt unter der neuen Direktion wieder schärfer zur Aiiwenduiig, und dagegen wollen die Arbeiter einen kräftigen Wider- stand leisten. Das ist aber nur möglich durch die Macht der Organisation. Ueber den Wert und Nutzen der Organisation hielt Genosse Fiebig einen Vortrag, der sehr beifällig aufgenommen wurde. Er wies darauf hin, daß der Verband den Arbeitern manchen Vorteil schon gebracht habe, so z. B. die Gewährung von Urlaub, den Zuschuß zum Krankengelde und andere Dinge. Die Schutzbestimmungen können nur dann zur Anerkennung gebracht werden, wenn der Verband darüber wacht, denn eö sei oft vorgekommen, daß die Betriebsleiter sich um die gesetzlichen Vorschriften nicht kümmern. Je stärker die Organisation, desto mehr kann sie leisten, und wenn die wieder ausgegrabene Strafordnung beseitigt werden soll, so müssen sich die Arbeiter in Massen dem Verband anschließen. Die Diskussion zeigte, wie miserabel die Rieselfeldarbeiter gestellt sind. In Falienberg mußten Leute, die 2 M. Tagelohn verdienen, 3 M. Strafe in einer Woche bezahlen. Diese Strafen werden oft wegen Kleinigkeiten verhängt. Es wurde auch die Frage erhoben: Wo bleiben die Strafgelder? Nach dem Gesetz sollen sie der Armen- lasse des betreffenden Ortes zufließen, aber einige Ortsvorstehcr, die darüber befragt wurden, konnten keine AuSkinift geben. Ein Arbeiter stellte fest, daß sein Verdienst im letzten Jahre nur 679 M. betrug und damit muß er seine Familie ernähren. Er bekommt aller- dings Kartoffeln und eine freie Wohnung dazu, aber eS ist ein jämmerlicher Lohn und nicht etwa eine Ausnahme, sondern die Regel. Folgende Resolution wurde einstimmig von der Versammlung angenommen: „Die am 11. Februar bei MerkolvSS, AndrcaSstr. 26, zahlreich versammelten Rieselfeldarbeiter. Wärter und Meister der städtischen Nieselwerke, protestieren ganz entschieden gegen die Anwendung de» § 15 der Instruktion für Nieselmeister und Rieselwärter und ver- iangei, die vollständige Abschaffung dieser Instruktion. Sie fordern die Einführung einer Arbeitsordnung auf Grundlage der für olle anderen städtischen Arbeiter geltenden ÄrbeitSbestimmungeli.� Gleichzeitig fordern die Versammelten nochmals die Errichtung eines Arbeiter- auSschusseS für die auf den Rieselwerken beschäftigten Personen. Die Versammlung beauftragt die Ortsleitung deS Verbandes der Gcmcindearbeiter, unverzüglich in diesem Sinne eine Petition an die Deputation der städtischen Kanalisationswerk und Rieselfelder einzureichen." Die Arbeiteraußschüsse wurden schon im November 1904 in einer Eingabe an die genannte Deputation verlangt, aber die Arbeiter er- hielten nicht eiiimal eine Antioort. Dann wandten sie sich am 30. September 1905 in derselben Angelegenheit an den Direktor der Deputation, der die Antwort gab, daß er selbst nicht mehr in der Lage sei, dazu Stellung zu nehmen, aber die Eingabe der Deputation zur Einsicht vorgelegt habe. Eine Antwort erhielten die Arbeiter nicht.— Von den Anwesenden ließen sich viele in den Verband auf- nehmen._ Zentralverband der Maurer. Am Freitag fand in Kellers Saal eine Generalversammlung des Zweigvercins Berlin statt, die sich hauptsächlich mit der von der Vertretersitzung aufgestellten Kan- didatcnliste für die Wahlen der Funktionäre des Vereins befaßte. Es handelt sich um den Vorstand, die Achtzehner-Kommission, die Beschwerdc-Kommission und die Delegierten zur Gaukonferenz. Die: Vorschlagsliste der Vertretcrsi�ung wurde von der Versammlung bestätigt. Ter bisherige Vorsitzende. Thons ist wieder für dieses Amt als alleiniger Kandidat ausgestellt. Auch für die übrigen Vorstandsämter sind teils die bisherigen Inhaber derselben, teils andere Mitglieder aus die Liste gesetzt. Beschlossen wurde, den Schriftführer des Vereins, der bisher als Hülfskraft im Bureau beschäftigt wurde, für die Zukunft fest anzustellen. Die Wahlen werden auf Grund der Kandidatenliste in den Vicrtelsversamm- lungen vorgenommen.— Nachdem dieser Punkt der Tagesordnung erledigt war, bestätigte die Versammlung den von der Vertreter- sitzung beschlossenen Ausschluß von 21 Mitgliedern, die sich in der bekannten Angelegenheit beim Bau„Kaiscrhof" unsolidartsch ver- halten haben.— Vierauf gab Brciske eine Uebcrsicht über die Lohn- bcwcgung der Fliesenleger. Er ersuchte die Maurer, darauf zu achte», daß die von den streikenden Fliesenlegern verlassenen Arbeiten nicht von Arbeitswilligen fertiggestellt werden. Eingegangene vruckfcbritten. Vom Archiv für Sozialwiffenschaft und Sozialpolitik", heraus- gegeben von W. Sombart. M. Weber und E Jaffo. welches als neue Folge des„Archivs für soziale Gesetzgebung und Statistil" im Verlag von I. C. B Mohr(P. Siebeck) in Tübingen erscheint, wurde soeben das erste Hest deS 22. Bandes ausgegeben. Jahresbericht des ZentralvcrbandcS ber baugewerblichen HüIIS« arbeitcr. Zivcigvercin Köln und Umgegend über die Bewegung im Jahre 1904. 24«eilen. Im Jahre 1905. 24 Seiten. Selbstverleg des Ber- bandeS in Köln. Dr. A. Südeknm.„Kommunale Praxis", Wochenschrist sür Kommunal- Politik und GemeindesozialismuS. Rr. 6. Preis vierteljährlich 2,50 M. Verlag Kaden u. Co., DrcSden-A.. Redaktion Berlin W. 15. Letzte Nachrichten und Dcpcfchcn. Der Polizeikampf gegen die Wahlrechtsbewegung. Jena, 12. Februar.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Die heutigen Wahlrechtöversammlungen im Neustädter Kreise wurden durch den Bezirksdirektor mit der klassischen Begründung verboten, daß die Refereutcu Leven und Betterleiu„gewerbs- mäßige Agitatoren" seien.— Die Nationalliberalen lehnten eS ab, gemeinsam mit den Freisinnigen. Nationalsozialcn, Jungliberalen und Sozialdemokraten eine Versammlung zu- gmisten der Wahlrechtsreform einzuberufen. Bergarbeitcrausstand. Zittau, 12. Februar.(B. H.) Die Bergarbeiterbewegung im Obcrlausitzcr Vrauitkohlenrevier nimmt größere Ausdehnung an. Heute ist die Belegschaft weiterer sechs Gruben wegen vertveigertcr Lohnaufbesserung in den Ausstand gctrcteu. Verfehlte Spekulationen. Mülhausen i. E.. 12. Februar.(B. H) Das hiesige Land- gericht verurteilte den Gründer der Elsaß-Lothringische» Industrie- gefellschast Bankier Blumeiuhal wegen Betruges und Hehlerei z» 18 Monaten Gefängnis und dreitausend Mark Geldstrafe. Sein Kompagnon Hummel wurde zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Ans administrativem Wege. MoSka», 12. Februar.(B. H.) Wie der hiesige Ingenieur- verband bekannt gibt, werden die sich noch in Haft befindenden Mit- glicder des ArbeitrrdeputiertenratcS unverzüglich in Freiheit gesetzt werde». Die bereits entlassenen Mitglieder des Rates wurden auf administrativem Wege für die Tauer von fünf Jahren in entfernte Gouvernements verbannt. Paul Singer LeEo., Be rlin SW. Hierzu 3 Beilagen u.UnterhaltiingMatt Nr. 36. 23. Jahrgang. 1. Wim des„öorniiitffj" Wim WIKsdlM Dienstag, l3. Febrnar 1966. Kckhataq. 41. Sitzung vom Montag, den 12. Februar, nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratStische: Graf PosadowSth, Dr. Nieber» ding. Der Gesetzentwurf betreffend Abänderung der gesetzlichen Be- stimnumgen über die freiwillige Gerichtsbarkeit wird in dritter Beratung ohne Debatte angenommen. Hierauf wird die zweite Beratung dcS ReichSamtZ des Innern forlgesetzt. Abg. Stadthagcn(Soz.): Es ist hier in der Debatte vielfach die Meinung ausgesprochen worden, daff die drei VersichenmgSgesctze etwas ganz anderes seien als verbesserte Armenpflege. Ich mutz dieser Ansicht auf das Bc- stininneste entgegentreten. Das Häppchen, das den Arbeitern durch die Versicherungsgesetze geboten wird, ist nichts anderes als ein völlig ungenügender Versuch des Ausbaues der Armengesetzgebung. AuS de» Motiven der Unfall- und JnvaliditälSgesetze geht es mit Sicherheit hervor, daß die Regierung damals die Versicherungsgesetze selbst nicht anders denn als eine verbesserte Armenpflege aufgefatzt hat. Auch in den Motiven des KrankenversicherungLgesetzes ist zu lesen: Die Versicherung ist dringend geboten als Erleichterung der öffentlichen Armcnlast. s.Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Und so ist es in der Tat: Die Arnienlast ist dadurch einfach größtenteils auf die Schultern der Arbeiter abgeladen. Auch aus den Ausführungen des Ministers v. Bötticher aus dem Jahre 1882. insbesondere aus der Rede vom IS. Mai, geht das hervor. Und dein Herrn Kollegen Erzberger gegenüber, der auch rühmend auf die VersichernngSgesetze als eine bedeutende Leistung der wohlhabenden Stände hinzuweisen pflegt, mochte ich bemerken, dah damals sein Parteifreund Freiherr v. Hmling dem Abg. Dr. Laster gegenüber ausgeführt hat, die Versicheumgs- gcsetze stellten den ersten Schritt auf dem Wege zu einer Reform der Armenpflege dar. Es ist unerhört, datz' die Arbeiter für das kleine bitzchcn Armenpflege noch das Wohlwollen der Begüterten an- erkennen sollen. Wohl aber ist eS umgekehrt richtig, datz in tvachsendem Matze die Wohlhabenden, die Hochstbcsteuerten ans den Mitteln der Arbeiter Millionen herausziehen, indem sie bei Unfällen von der Haftpflicht befreit find.(Sehr richtig I bei dm Sozial« demokratcn.) Speziell möchte ich heute auf die Krankenversicherung entgehen, weil die Regierung in ihrer Ausübung reaktionäre Handhaben benutzt. Man speist uns heute mit denselben Versprechungen ab wie vor 20 Jahren. Versprechungen können aber doch den Kranken nicht gesund machen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Nun wird uns auch noch ein Gesetz zur Erdrosselung gutgehender Hülfskasscu in Aussicht gestellt. Aber für die ländlichen Arbeiter besteht noch immer die Krankenversicherung nicht I Wenn jetzt die Herren Kon- servativen und selbst die Nationalliberalen kommen und die Aus- dehnung des Versicherungsgesetzes auf die Handwerker und die ländlichen Arbeiter verlangen, so ist das durchaus kein neuer Vorschlag. Lesen Sie nur die ReichStagSbenchte der 80er und SOer Jahre nach, so ivcrden Sie finden, datz jetzt kein einziger neuer Gedanke von den Herren vorgebracht ist, sondern datz nur ein Teil unserer damals schon geäußerten Wünsche von ihnen aufgenommen worden ist. Wir haben damals die Ausdehnung der Krankenversicherung auf alle diejenigen verlangt, die nicht mehr als 2000 M. Einkommen haben, und wir haben insbesondere die Versicherungspflicht der ländlichen Arbeiter verlangt. Diese letzte Forderung ist 1882 mit einer Majorität von zwei Stimmen ab- gelehnt worden, weil Sie vom Zentrum erklärten, Sie würden gegen das ganze Gesetz stimmen, wenn die ländlichen Arbeiter in die Krankenversicherung einbezogen werden würden. Es sieht schlimm aus auf dem Lande; wir haben ja kürzlich von Herrn v. Olden- bürg gehört, dah lein Arzt zu haben fei, wenn jemand auf dem Lande krank wird. Wir haben aber aus Prozessen erfahren, datz Großgrundbesitzer sich nicht gescheut haben, einein Arzte zu schreiben, er solle sich nicht sehen lassen, es sei zu viel, wenn er einen Tagelöhner drei- bis viermal in der Woche be- suche. Ich kann den Staatssekretär nur dringend bitten, die ver- fprochene Ausdehnung der Krankenversicherung auf die ländlichen Arbeiter nicht auf den St. Nimmerleinstag zu verschieben, sondern schleunigst damit vorzugehen. Dazu gehört weniger Zeit als zur Emführuna neuer Steuern. Der durchschnittliche Tagelohn auf dem Lande beträgt 1 bis 1,50 M. Herr v. Kardorff lebt ja in einem Bezirk, wo der orls- übliche Tagelohn für erwachsene Tagelöhner 1 M. einschließlich des Deputats beträgt.(Widerspruch rechts.) Herr v. Kardorff. Sie gehen ja nicht zu den Bauern,(Lachen rechts) und Sie. können daher nicht von der elenden Lage der ländlichen Arbeiter sprechen. (Abg. v. Kardorff: Die haben Sie ruiniert I Lachen bei den Sozial- demokraten.) Man redet immer von den ungeheuren Lasten, die die Krankenversicherung den Unternehmern auserlegt. Nun, nach den Nachweisungen vom Jahre 1003 haben die Arbeitgeber an Bei- trägen zu den Krankenkassen 57 Millionen Mark bezahlt, während aus den Arbeitergroschen 13ö Millionen Mark dafür aufgebracht «Verden mutzten. Früher haben die Unternehmer an Armenlastcn mehr 5» zahlen gehabt als sie jetzt für die Krankrnvrrsichrrimg zahlen. Für die angeblich schlecht bezahlten Aerztr sind 41 Millionen Mark ans Arbcitergroschen gezahlt worden. Dabei sehen wir, wie die Gerichte zugunsten von Betrügern und zu Ungunsten der Arbeiterklasse entscheiden. Unter- nehmer, die den Krankenkassen die Beiträge unterschlagen haben, werden ganz gering bestraft. Diese niedrigen Strafen sind geradezu eine Prämie für den Betrug der Kassen. Der§ 32 des Kranken- versicherungsgesetzes sieht die Bestrafung solcher Arbeitgeber mit Gefängnis bis zu 5 Jahren oder mit einer Geldstrafe bis zu 3000 M. und eventuell den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte vor. In der �at aber sind die Strafen lächerlich gering. Ein Bauunternehmer, der 1219,56 M. Krankenkassriibeiträge unterschlagen hatte, wurde zu 30 M. verurteilt.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Er hatte also ein Geschäft von 1189,56 M. gemacht. Ein anderer Bau- Unternehmer hatte die Krankenkasse um 1000 M. betrogen. Das Urteil lautete in zwei Fällen aus 80 M. Also auch hier hatte der Mann wieder 940 M. gewonnen. Das sind aber dieselben Unter- »ehmer, die aus der anderen Seite als Staatsüützen auftreten und ehrliche Arbeiter auf die Anklagebank bringen. Statt datz die Gerichte gegen diese betrügerischen Manipulationen der Arbeitgeber vorgehen, sehen wir ein fortwährendes Kcsscltreibe» gegen die Selbstverwaltung der Krankenkassen. Die Aussichts- bchörden treffen fortgesetzt falsche Entscheidungen, ohne datz das Oberverwaltungsgericht wegen Amtsmitzbranchs gegen sie ein- schreitet. Auch auf ein Einschreiten der Reichsbehörden zum Schutze der Selbstverwaltung der Krankenkassen wartet man vergeblich. Be- sonders in Rheinland-Westsalen sehen wir jetzt ein Keffeltreiben gegen die Selbstverivaltung. In der„Post" oder in der„Freisinnigen Zeitung", in einem von diesen konservativen Blättern,(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten) haben Verleumdungen gegen den Kassen- vorstand in Remscheid gestanden und der freisinnige Oberbürgcr- mcister hat dann eine Verfügung erlaffen, deren Ungesetzlichkeit in anderen Fällen vom Oberverwaltungsgericht anerkannt ist. Aber die Kaffe selbst ist doch damit drangsaliert. Dabei ist diese Verfügung gegen den Willen der Arbeitgeber der Kasse ergangen, die erklärten, dah dazu gar kein Anlaß vorläge; sie ständen im besten Einvernehmen mit den Arbeitern. In dieser Verfügung des Oberbürgermeisters liegt ein schwerer Rechtsbruch oder Gcwaltstrcich gegen die Selbstverwaltung. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Es handelt sich bei dem Ganzen um ein sinnfällig gesetzwidriges Vorgehen, so datz man kaum begreift, wie der Abg. Eickhoff neulich noch seine besondere Freude darüber ausdrücken konnte. Es herrschte gegen die Kasse eine politische Voreingenoinmenhelt, weil zwei Vorstandsmitglieder gleichzeitig sozialdemokratische Stadlverordnete waren. In Remscheid bestand früher an der Krankenkasse das System der freien Arztwahl. Als aber in der Zeit 1898/00 ein Streit ausbrach, ging die Kaste zu dem System festangestellter Aerzte über; dieses System hat sich gerade in Rem- scheid vortrefflich bewährt. Aber die Aerzte traten dann in einen Streik ein, der keineswegs die Billigung eines auf Anstand haltenden Menschen finden kann. Die Aerzte erhielten ein JahreSaehalt von 7000 M. und der Svezialarzt ein solches von 8000 3)1. DieS erklärten aber die Aerzre für „ein kaum eben auskömmliches Gehalt". Sie sollten aber bedenken, datz in ganz Deutschland weniger als Wz Proz. der Bevölkerung ein Einkommen über 6000 M. hat. Es brach zwischen einem der Aerzte und einem Kraiikenkasiemnitgiiede ein Streit aus, in dessen Verlans der betreffende Arzt sich weigerte, die Behandlung weiter zu übernehmen, so datz die betreffende Arbeiter- familie zu einem anderen, nicht zur Kasse gehöteuden Arzte gehen muhte. Jener Arzt erklärte sich zunächst bereit, sich einem SchiedS- gerichte zu unterwerfen. Später bezeichnete er es für nicht standesgemäß, einem Kraukcnkassenmitglied gegenüber gestellt zu werden! Dieses Vorkommnis gab den Anstotz zu dein großen Aerztestreik in Remscheid. Ain 28. September kamen die Aerzte in der Wohnung eines Kollegen zusammen und man sagte dort: Jetzt sei die geeignete Zeit; der Streik würde jetzt für die Kasse ver- koren gehen. Die Kassenärzte erklärten zunächst, sie könnten doch nicht illoyal gegen die Kasse handeln; man sagte ihnen aber, der ärztliche Schutzverband würde für alles aufkommen. Da sagten die Aerzte, sie wollten dem Kassenvorstande wenigstens erst Mitteilung machen. Aber die Kollegen sagten, das dürfe nicht sein; die Kasse dürfe nicht vorbereitet werde». Also am 23. September durfte die Kasse noch nicht davon benachrichtigt werden, datz sie am 1. Oktober plötzlich ohne Aerzte sein würde.(Hört I hört l bei den Sozialdemokraten.) Was sagen denn die Abgeordneten dazu, die immer gegen den Kontraklbruch der Arbeiter zetern? Wenn ein Arbeiter so handelt, so wird er wegen Erpressung bestraft. Die Aerzte fanden aber noch die Unterstützung der Be- Hörden. Dann aber traf ein Brief der bisherigen Kassenärzte bei der Kasse ein. indem eS hieß, die Kollegen hätten den Kassenärzten nicht einmal Zeit gelassen, die Erklärung, die sie unterschreiben sollten, ordentlich durchzusehen. Man habe ihnen die Pistole auf die Brust gesetzt.— So haben Aerzte gegen Aerzte gehandelt. das ist standesgemäß. Aber als standesunlvürdig gilt es, die Kasscnlranken zu behandeln. Die Kasse wurde nun also von der Behörde gezwungen, die freie Arztwahl einzuführen und zwar mit einer Pauschalsumme von 6.S0 M. pro Kopf und Jahr. Ferner wurde die Kasse gezwungen, den Heilgehülfen Klemens, der zehn Jahre von ihr angestellt war, nach dem Willen der Aerzte zu entlassen.— Würde man annehmen, der Oberbürgermeister hätte beizeiten eine Verfügung erlassen, so hätte man ihm wenigstens formell rechtgcben können. Statt dessen zwingt er die Kasse zu einem ihr nicht günstigen System und führt als Grund dafür Tatsachen an, die zun, Teil jahrelang zurückliegen. Damit ist bewiesen, datz eS sich um ein parteipolitisches Manöver des Oberbürgermeisters handelt. Es wird behauptet, die Aerzte seien vollständig vom Kassen- vorstände abhängig und ihre Zahl sei nicht genügend gewesen. Da- von ist keine Rede. Es waren neun beamtete Aerzte da. von denen zwei beurlaubt waren, ohne datz eS nötig gewesen wäre, für eine Vertretung zu sorgen. Wie kommt der Oberbürgermeister über- Haupt dazu, jetzt gegen Vorgänge einzuschreiten, die sich am 1. Oktober abgespielt haben? Die Verträge mit den Aerzten sind von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern einstimmig genehmigt worden. Man sollte in der Tat glauben, es wäre ein Spatzvogel, der hinter dem Oberbürgermeister steckt und ihn veranlaßt hat. gegen das Landmannsche System vorzugchen. Nach diesem System werden den Kranken Medikamente verordnet, die im Handverkauf abgegeben lvcrden, weil sie dann viel billiger sind, als wenn die Mittel durch Rezepte verschrieben werden. DaS geschieht lediglich im Interesse der Kasse. Man weiß nicht, wie es möglich ist, datz ein Mann sich so weit durch den Parteihatz verblenden lassen kann. Der Ober- bürgermeister hat vom Kassenvorstand verlangt, er solle von den Aerzten die Krankenjournale einfordern. Die streikenden Aerzte haben sich geweigert, den» Vorstande die Journale herauszugeben, weil das dem Standesbcwutztsein nicht entspricht. Unter keinen Umständen hatte die Aufsichtsbehörde das Recht zu ihrem Verlangen an den Kassenvorstand. Der Ober- bürgermeister schläft sich mit seinen Behauptungen selber ins Gesicht. Hat er die Mitzstände, von denen er spricht, die 10 Jahre hindurch nicht gesehen? Mir fehlt die Möglichkeit, den guten Glauben dcS Oberbürgermeisters anzunehmen. Der Heilgehülfe Klemens ist zum großen Nachteil der Kassenmitglieder auf Drängen des Schutzver- bandeS der Aerzte entlassen worden. Stellt sich der Oberbürger- meister auf den Standpunkt, datz der Kassenvorstand nicht das Recht habe, einen Heilgehülfen anzunehmen? ES gibt aller- dingS auch fanatische und bornierte Aerzte, die dieser Meinung sind. Das sächsische Ministerium hat ausdrücklich die Anstellung von anderen behandelnden Personen neben den Aerzten für zulässig er- klärt. Und daS preußische OberverlvaltungSgencht hat in einzelnen Fällen die Zulassung von Naturheilkundigen als gerechtfertigt an« erkannt. Es gibt keine verständige Krankenkasse, die nicht neben den Aerzten auch Heilgehülfen anstellt. Meint vielleicht der Oberbürger- meister. datz die Hühneraugenoperationen oder die Verabfolgung von Klistieren von Aerzten ausgeführt werden sollen?(Heiterkeit.) Der Heilgehülfe Klemens war seit zehn Jahren angestellt, und eS ist niemals von feiten deS Oberbürgermeisters ein Monitum erfolgt. Wie steht eS mit der Honorierung? ES ist unwahr, datz Klemens nur nachmittags beschäftigt gewesen ist. Er hat bis 120 Konsultaiionen in der Woche gehabt. Früher wurde er dafür einzeln bezahlt, vor mehreren Jahren aber ist im Vorstand ein- stimmig beschlossen worden, ihm eine Pauschale von 3000 M. zu geben, um billiger wegzukommen. Dabei hat er die Verbandsstoffe »och selbst z» stellen. Das wußte die Behörde, duldete es und mutzte es dulden.— Weiter wird von dem Oberbürgermeister die unglaubliche Behauptung aufgestellt, der Vorstand habe einen ihm gefügigen Arzt einfach kommandiert, die von Klemens ausgestellten Krankenkaffenscheine mit seiner Unterschrift zu versehen, obwohl der betreffende Arzt den Kranken gar nicht behandelt babe. Es ist un- wahr, datz ein Arzt sich dazu hergegeben hat. Wahr soll sein, datz der betreffende Arzt einmal mit dem Kaffenrendantcn eine Unter- redung gehabt und gesagt hat: Wenn von Klemens ein Schein ab- gegeben wird, so brauche ich 4hn gar nicht mehr näher anzusehen. Wenn der Arzt das getan hätte, so würde er eine Pflicht- widrige Handlung begangen haben. Mit der Tätigkeit des Vorstandes hat das aber nichts zu tun. Uebrigens soll der Vorstand gerade gegen diesen Arzt haben vorgehen wollen, während dieser Arzt vom Schutzverbande der Aerzte geschützt worden ist I Der Herr Staatssekretär möge nicht einwenden, es könne ja daS Verwaltungsstreitverfahren eingeleitet werden. Ein solches Verfahren dauert bekanntlich sehr lange, und das Unheil, ivas durch den Oberbürgermeister angerichtet wird, müssen die Arbeiter während- dessen tragen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Es sollte von der Regierung Remedur geschaffen iverden, bevor es zu einem langwierige» Prozetz kommt.(Redner geht auf eine Bemerkung des im Privatgespräch neben der Rednertribüne stehenden Abg. Beumer ein.)(Glocke des Präsidenten.) Präsident Graf Ballrstrem: Ich bitte keine Zwiegespräche zu halten. Was im Hause gesagt wird, geht Sie nichts an. Sie halten Ihre Rede und damit basta!. (Heiterkeit.) Abg. Stadthagen(fortfahrend): Wenn so laut gesprochen wird. daß ich es höre» mutz, und wenn es sich auf das bezieht, was ich gesagt habe, so mutz ich darauf eingehen. Die Remscheider Kaffe ist im vergangenen Jahre drei Tage lang von der Regierung revidiert worden und in vollkommener Ordnung befunden. Die Regierung hat sich lobend über die Verwaltung aus- gesprochen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Jetzt aber kommt der Oberbürgermeister, der zehn Jahre geschlafen haben lvill, und erklärt, eS seien ungeeignete Beamten angestellt. Im Verhältnis zu anderen Kassen hat die Remscheider Kasse sehr tvenig Beamte und gibt am wenigsten für persönliche Verwaltungskosten aus. Soviel mir bekannt, gibt eS nur■ eine Kasse, die Krefelder, welche weniger ausgibt, und diese steht unter der Leitung eines von den Freisinnigen gründlich gehaßten Sozialdemokraten. Weiter hat der Oberbürgermeister behauptet, der Vorstand habe geduldet, datz fort- während Kasieneinrichtungen zu außerhalb der Kasse liegenden Zwecken, namentlich für sozialdemokrattsche Zwecke benutzt seien und datz die Beamten für die Sozialdemokratie in den Dienststunden umfangreich tätig gewesen seien. In öffentlicher Versammlung ist von den Beteiligten erklärt worden, das sei eine bewußte Unwahrheit. In Ihrer Urlanbszeit haben die Beamten allerdings nicht für die Freisinnigen gearbeitet, sondern das getan, wozu sie berechtig sind. Nur einmal ist eine Kasseneinrichtung für einen anderen als Kassen- zweck verwendet worden, nämlich vor zwei-Jahren die Schreib« Maschine. Auf dieser hat Koch ein Schriftstück für die Polizei, das nicht Kasienangclegenheiten behandelte, während der Pause abgetippt. Es ist einfach unerhört, daraus eine solche Behauptung abzuleiten. Der Oberbürgermeister Hütte alle Veranlassung, Tatsachen anzu» führen und nicht mit allgemeinen, schlver faßbaren Jnvektiven vor- zugehen. Weiter wird der Vorwurf erhoben, datz die Hebe- listen am 23. Januar noch nicht eingetragen gewesen wären. ES wurde verlangt, daß die Hebelistcn noch vor Ablauf des Monats Januar eingeliefert sein müßten. Es gehört aber wirklich eine Unkciuttnis sondergleichen dazu, eine solche Forderung aufzustellen, besonders da die Kaffe auch Heimarbeiter nnifaßte. Auch war die Kaffe sehr reich mit Ein» richtungen versehen, wie sie in der Kommission als besonders wünschenswert hingestellt wurden, Sie gab den Kranken Bade- Utensilien, Luftkiffen, Stechbecken usw. Wenn daS dann viele Unkosten macht, so behaupten alle freisinnigen Basen(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten), die Kaffe werde schlecht verwaltet. Aus alledem ergibt sich, daß gegen die Kasse lediglich deshalb vorgegangei» wurde, weil ihre Mitglieder meist Sozialdemokraten waren. Ein solcher Mißbrauch der Amtsgewalt lväre aber nicht möglich gewesen, wenn nicht die oberste AufsichtS» behürde, das preußische Handelsministerium— entgegen einer Ober- verivaltnngsgerichtSentschoidung— es geduldet hättte, daß nicht der gesamte Magistrat, sondern ein einzelner Magistratsbeamter mit der Aussicht über die Kasse betraut wurde. Der gesamte Magistrat würde, selbst wenn er freisinnig ist, doch wohl diesen Mißbrauch nicht begangen haben. Der Ihnen vorgetragene Fall ist allerdings wohl der krasseste, indem der klare Wortlaut des Gesetzes zugunsten der Aerzte und zuungunsten der Arbeiter verletzt ist. Aber es besteht ein völliges System in diesem Verfahren, eS erstreckt sich auch zum Beispiel über Münster und überhaupt über fast ganz Westfalen und über den größten Teil von Sachsen. Ich möchte nur ganz kurz auf die Fülle von Fällen hinweisen, in denen Ungehörigkeiten aus Kassen bekannt geworden sind, denen keine Sozialdemokraten angehören. Denken Sie zum Beispiel daran, daß in Hamburg ein Kassenrendant das kleine Gehalt von 18 000 Mark bekommen hat.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Die Arbeiter geben alljährlich 140 Millionen für Krankenkassen aus. Damit aber sind die Aerzte nicht zufrieden. Sie möchten einen Mindestsatz von 2 M. für die einfache Konsultation ausgesetzt erhalten. In diesem Falle würden aber die Arbeiter über 200 Millionen zahlen müssen. So wenig von sozialem Geiste erfüllt zeigt sich ein großer Teil der deutschen Aerzteschaft. Ich hoffe aber, daß die Aerzte trotz alles lakaienhaften Benehmens einiger Aerzte nicht die Mehrheit dieses Hauses für ihre Bestrebungen finden werden. Ich mutz jetzt leider auf die Ausführungen zweier Redner der Freisinnigen Volkspartei eingehen, die hier am 3. und 8. Februar gemacht sind. Die Abgg. Eickhoff und Dr. Mugdan haben ja nicht den Grad von Bedeutung, den sie sich selbst beilegen zu müssen glauben. Wenn ich nicht die Verpflichtung in mir fühlte, so würde ich mich der nicht gerade angenehmen Beschäftigung mit diesen Herren nicht unterziehen. Es ist mir widerlich, auf ihre Ausführungen einzugehen, weil sie in Form und Inhalt so tief stehen, datz sie sich eigentlich selbst richte». Aber niemand, der auf einer Stratze von einer Seite zur andern hinübergeht und sich auf dem Damme dabei be- schmutzt, kann für diesen Schmutz verantwortlich gemacht werden. Der Abg. Mugdan hat hier bestritten, datz er von der Münchener Krankenkaffe gesprochen habe. Der Abg. Hue hat ihn aber bereits auf die eidliche Aussage des BergmcisterS Engel hingewiesen, in der dieser erklärte, daß er das, waS er gesagt habe, vom Abg. Mugdan und vom Reichskanzler wisse. Der Abg. Mugdan meinte, die Sache sei ja sehr komisch und nur verständlich für einen Herrn wie den Abg. Stadthagen. Es sei ein krankhafter Zustand des Geistes, wenn man immer in der schlimmsten Weise gegen die poli« tischen Gegner vorgehe und dann alles übel vermerke, was gegen seine Freunde gesagt werde. Noch geistvoller drückte sich der Abg. Mugdan an einer anderen Stelle aus: „Die Herren konnten gar nicht anders; denn schlietzlich hat die russische Revolution den Herren von der Sozial- demokratte den Kopf vollständig verrückt gemacht." Na. diese Darlegung des Abg. Mugdan brauche ich nicht zurückzuweisen. sie charakterisiert sich selbst so' gut, datz ein Zusatz nicht gemacht zu werden braucht. Der Reichskanzler hat neulich recht gehabt, als er seinen landloirtschaftlichen Freunden den Rat gab, sich die Haut eines Rhinozeros anzuschaffen. Ich werde mich mit den AuS- führungen des Abg. Mugdan nicht weiter beschäftigen. Wenn aber ein Vertreter der fteisinnigen Partei hier erklärt, seine Freunde wünschen die Selbstverwaltung nicht zu beseitigen und eS sei aucki keine Schniälerung der Selbstverivaltung, wenn die Pläne realisiert werden, die seinerzeit vom Geheimrat Hoffmann für die Reform der Krankenversicherung aufgestellt worden sind, so wird diese Auf- fassuna von alle» Arbertern ohne Unterschied der Partei zurück- gewiesen werden. Man hat bei der Krankenversicherung die Hauptlast auf die Arbeiter gelegt, und wenn nun die Arbeiter auch nichts mehr zu sagen haben sollen, so werden Sie sie dagegen gewappnet finden. Ich kann nur dringend bitten, die Verbesserung der Kranken- Versicherung, die Ausdehnung der Versicherung aus die ländlichen Arbeiter endlich herbeizuführen. Sie brauche» ja nur die Anträge abzuschreiben, die wir vor beinahe 2ö Jahren eingebracht haben. Der preußische Landwirtschastömiuistcr hat sich damit ciuvcrstaudeu «klärt, daß die Kinderrenten und dir Renten unt» L0 Proz. ge- strichen werden. tHort I hört! bei den Sozialdemokraten.) Die land- wirtschaftlichen Berufsgenossenschaften und die landioirtschaftlichen Großbetriebe haben so viele Sünden in bczug auf Leib, Leben und Gesundheit der Arbeiter auf dem Gewissen, daß eine völlige Unkenntnis der Berhältnisse dazu gehören niuß, wenn man verlangen kann, nun auch den Großgrundbesitzern noch das bißchen Last ab- zunehmen, damit die verunglückten Kinder und andere Verunglückte nicht einen Pfennig bekommen. Der jetzige deutsche Kaiser hat am tl. November 1890 im Landcsökonomiekollcgimn dem Großgrundbesitz und dem Landesökonomiekollcgium die Prüfung der Frage der Unfälle dringend ans Herz gelegt. ES seien merkwürdig viele Fälle vorgekommen, sagte er, in dcuAl Arbeiter durch Maschinen ver- ungliickt seien; es sei eine gelvige Gleichgültigkeit auf feiten dcS Besitzers oder desjenigen, der den Betrieb zu leiten habe, gegen das Leben der ihnen unterstellten Arbeiter vorhanden. Man dürfe gegen- über den Schuldigen nicht Gnade für Recht ergehen lassen.— Das war im Jahre 1890, da betrug die Zahl der Unfälle in landwirt- schaftlichen Betrieben 12 700, während sie im Jahre 1904 Otis 66 000 gestiegen ist.(Hört I hört! bei den Sozialdemokraten.) Von den 48 land- wirtschaftlichen Berufsgenossenschaftcn haben nur fünf technische Aufsichtsbeamte gehabt. sHvrtl hört! bei den Sozialdemokraten.) Die gesamten Unfallverhütungskosten der landwirtschaftliche» Berufs- genossenschasten haben damals 35 000 M. betragen. Die Kosten der Unfallversicherung stellen sich für die Verufsgeirossenschaften auf 3,10 M. im Jahre oder aus 0,85 Pf., also nicht einmal einen Pfennig pro Kopf und Tag. Und da stellen die Herren vom Großgrundbesitz sich im Drei- klassenparlament hin und sprechen von den unerschwinglichen Lasten. Sie seien arm trotz der Zölle, die ihnen von dem Reichstage in den Schoß geworfen sind! Ich werde bei anderer Gelegenheit einzugehen haben auf die trauige Lage, in der sich speziell in Ostelbien die Arbeiter bei den Großgrundbesitzern befinden, bei den Großgrund- besitzern, welche vom Auslände zu Hungcrlöhnen Arbeiter heran- locken, ja sogar den Gedanken erwogen haben, von Ostasien her als Schmutzkonkurrenten Kulis nach Deutschland zu importieren. Wir haben den Reichskanzler gebeten, Leven und Gesundheit der Arbeiter zu schützen durch Anstellung von Arbeiter- kontrolleuren, durch gesetzlich geregelte Arbeitszeit, Schutz desKoalitions- rechts, Beseitigung der Ausnahmestruktur der Unfallgesetzgebung. Ich gebe gern zu, daß ich leider aufHülfe für die Arbeiter seitens dcrRegierung wenig Hoffnung habe, seitdem wir neulich gehört haben, daß, wenn unter Außerachtlassung notwendiger UnfallverhütungSvorschrifte» 39 Berg- lcute ums Leben gekommen, die Regierung nicht in der Lage sei, einzuschreiten, wenn die Behörde nicht den Schuldigen entdecken kann. Große Betrüger, ja selbst Mörder läßt man heute frei heruinlaufen. Die Behörden können, schein! es, keinen wirklichen Verbrecher mehr finden; sie sind schon froh, wenn sie mal entdecken, daß„Selbst- mord", nicht Mord vorliegt. Aber Arbeitervertretcr. die für Rechte der Arbeiter eintreten, werden mit der größten Schleunigkeit und Vehemenz verfolgt. Woher kommt das? Es liegt an dem System, unter dem wir leben, das die arbeitende Bevölkerung nicht als gleichberechtigt, sondern ewig als Heloten und Sklaven ansieht— die Arbeiter, die zu arbeiten haben zugunsten der Wohllebenden, welche davon schwafeln, daß sie notleidend wären, während sie im lieber- fluß leben. Die Vermögen der Wohlhabenden sind nach der Er- gänzungssteuerstatistik von 1895 bis 1905 um 19 Milliarden gestiegen! Und da erklären diese Leute, sie litten Not, und da legen Sie der sozialen Gesetzgebung einen Hemmschuh au. Und die Reichsregierung steht den Arbeitern gegenüber mit den Händen m den Taschen da, während diese infolge der neuen Zölle noch mit �iner Verminderung ihres Lohnes bedroht sind. Bei einer solche» Struktur der Gesell- schaft kann der einzelne wenig Hoffnung auf schleunige Besserung durch die Regierung haben, es sei denn, daß sie einsieht, daß aus die Dauer ein Staatssystem nicht zu halten ist, in dem die Arbeiter nicht als gleichberechtigte, sondern als minderwertige Leute behandelt werden. Eine Gesellschaft, in der die ökonomischen und Politischen Verhältnisse im Gegensatz stehen, muß in sich zusammen- brechen. Solche Verhältnisse müssen in den Arbeitern Haß und Er- bitterung erzeugen. Möge die Regierung die wenigen Reformen, die ich verlangt habe, noch in dieser Session gewähren. Ich habe nichts verlangt, als was wir schon vor Jahrzehnten gefordert haben. Zeige die Regierung, daß sie nicht ist eine Regierung für die Neichen, für die Wohlhabenden, für die Nhinozeroffe, sondern auch für die Arbeiter. (Bravo! bei den Soeialdemokraten.) Abg. Dr. Beumer lnatl.): Ich muß dem Abg. Hue erwidern, daß ich zwar nie in einem Walz- und Hüttenwerke gearbeitet habe, daß aber auch der Abg. Hue seit 1894 nicht mehr praktisch arbeitet. Ich habe seit»icinem siebenten Lebensjahre schwer gearbeitet, habe neben meiner Gymuasialtätigkeit in der Landwirtschaft Hitze und Kälte ertragen sLachen bei den Sozialdemokraten) und habe noch jetzt bisweilen einen sechzehnstündigen Arbeitstag. Auch an der Düsseldorfer Ausstellung, von der der Abg. Hue zu rühmen Ivußte, habe ich mitgearbeitet und habe dort auch die Tüchtigkeit der deutschen Arbeiter studiert und mich über das Hand ihrer Werke sLacheii), ich wollte sagen, über das Werk ihrer Hände gefreut. Leider aber findet die Tatkraft der Unternehmer und Ingenieure auch seitens dcS Vertreters der verbündeten Regierung nicht die ihr gebührende Würdigung. Daß Ingenieure � und Arbeiter im besten Einvernehmen mit einander leben, beivciieu die Todesfälle des Ingenieur? Hansli an der Ruhr und des Bcrgiverkbesitzerö Borsig bei Rettungsarbeiten von Arbeitern. Die hohen Dividenden aber, aus die die Herren hinzuweisen pflegen, werden zum Teil nur auf zusammen- gelegte Aktien bezahlt. Ich kann nachweisen, daß die Angahen des Abg. Hue' über die Arbeitsverhältnisse der Walz- und Hüttenarbeiter un- zutreffend sind. Meine Gewährsmänner sind bereit, ihre Angaben bei einer eventuellen Enquete(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Warum sträubt man sich denn so gegen eine solche Enquete?) durch Belege zu erhärten. Die Arbeitsordnung bei Krupp zum Beispiel hat zwar zwölfstündige Schichten, aber die Pausen in ihnen sind so groß, daß im ganzen eine zweistündige Ruhepause herauskommt.(Hört I hört! bei den Nationalliberalen.) Auch aus anderen Werken sind mir telegraphische Angaben gemacht worden, aus denen sich die Unrichtigkeit der Angaben des Abg. Hue heraus- stellt. Ueberstundcn lverdcu natürlich überall geleistet, aber nicht regelmäßig. Häufig können bei Reparaturen die Arbeiter sich ab- lösen, der Ingenieur aber muß durchhalten.(Hört! hört! bei den Nationalliberalen.) Von einem Werke, von dem Abg. Hue erklärte, es gäbe dort keine Speiseräume, erhalte ich die telegraphische Nach- richt: Speiscräume vorhanden, werden von den Arbeitern wenig benutzt.(Hört! hört! bei den Nationalliberalen.) Ja, wenn der Arbeiter lieber im Walzwerk ißt, so beweist das nur, daß das Walzwerk so sauber ist, daß der Arbeiter dort gern ißt.(Beifall rechts.) Es ist nicht richtig, daß niemals Arbeiter in die Höhe kommen. Aber der Maxinialarbeitstag für Männer würde es ver- hindern, daß Arbeiter ihre völlige Mauneskraft ausnützen, um Ueber- stunden oder doppelte Schichten zu machen, damit sie sich Gelder sparen können, die ihnen nachher Besuch dcS Gymnasiums und der Hochschule erlauben/(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Was der Ab- geordnete Hue über den Gestank in dem Preßbau der Firma Krupp gesagt hat. ist insofern nicht richtig, als Ventilationen dort in besonders ausgezeichneter Weise vorhanden find. Der Arbeitslohn bei Krupp steigt ständig: Der Tagelohn be- trug im Jahre 1902 4,52 M., i», Jahre 1903 4,56 M., im Jahre 1904 4,88 M. und im Jahre l905 5,12 M.— eingerechnet die Löhne der jugendlichen Arbeiter. Unter 3 M. verdienten im Jahre 1905 nur � 30 jugendliche Arbeiter unter 21 Jahren sowie einige Invaliden, die nebenher eine Rente bezogen. Der Deutsche Meiallarbeiter-Verband aber benutzt die sogenannten„Hungerlöhiie" bei Krupp zu agitatorischen Zwecken und macht ganz falsche Angaben. Als 78 jugendliche Arbeiter aus einmal bei Krupp kündigten, verbreitete der Metallarbeiterverband die Nach- richt. sie hätten unter 3 M. verdient, während sie in Wirklichkeit 3—3 M. verdient hatten und also in ganz frivoler Weise die Arbeit niedergelegt hatten. 47% aller Kruppschen Arbeiter sind über 5 Jahre im Betriebe, das beweist doch wohl, daß sie zufrieden sind. Die Kruppschen Krankenkassen hat ein Kollege des Herrn Hue als die für die Arbeiter günstigsten erklärt.— Herr Hue hat dann von dem Angebot von Tarifverträgen durch den Metallarbeiterverband ge- sprachen, das die MetallindustrieNen abgelehnt haben. Man spricht immer von Tarifverträgen, ohne sich über die Schwierigkeit der Ein- führung in Werken mit den verschiedensten Arbeiterkategorien klar zu sein. Im Maschinenbau sind etwa 80— 90 Arbeiterkategorien, und gerade hier komnit es sehr ans die individuelle Leistungsfähigkeit des einzelnen Arbeiters an. Diese Rücksicht wollen Sie(zu den Sozial- demokraten) freilich nicht. Sie wollen, daß der ungeschickte Arbeiter(Iurus bei den Sozialdemokraten: Zu leben hat!) ebensogut bezahlt wird Ivie der geschickte. Wir sind genügend ge- warnt durch die Trades-Unions. Dort wurden früher Strafen fest- gesetzt für zu scharfes Arbeiten. Noch im vorigen Jahre habe ich beobachtet, daß ein englischer Fabrikant ein ganz veraltetes System von Blechscheren, zu deren Bedienung sechs Mann notwendig waren, beibehielt, weil er— wie er sagte— durch die Union ge- zwungen wäre, diese sechs Leute auch bei einer Blechscheere neuesten Modells anzustellen, zu deren Bedienung eigentlich nur ein er- wachseuer und ein jugendlicher Arbeiter gebraucht werden.(Zuruf bei den Sozialdemokraten.) Herr Abg. Südekum, wenn hier im Reichstag Blechscheren aufgestellt würden, würde Ihre Partei sicher für reichliche Besetzung derselben sorgen.(Große Heiterkeit.) Wir stehen auf dem alten Franklinschen Grundsatz, daß jeder, der be- houptet, der Mensch könne durch etwas anderes als durch eigene Arbeit, eigenen Fleiß und eigene? Streben weiter kommen, ein Schwindler sei.(Lebhaftes Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Direktor im Reicysamt des Innern Geheimrat Caspcr: Der Herr Staatssekretär ist durch eine wichtige Sitzung leider verhindert an den Verhandlungen teilzunehmen. In seinem Namen möchte ich gegenüber dem Herrn Vorredner betonen, daß Graf Posadowsky bei den verschiedensten Gelegenheiten das Verdienst der Ingenieure und Direktoren an der Blüte der deutschen Industrie hervorgehoben hat. Als er neulich das Verdieust der Arbeiter hervorhob, lag kein Anlaß vor, das oft Gesagte zu wiederholen. Man kann nicht bei jeder Gelegenheit alles sagen. Abg. Dr. Stöckcr(christl.-soz.): Wenn die Versichcrungsgefetz- gebung ivirklich nichts anderes wäre als eine Verbesserrmg der Armen- pflege, so stellte sie schon einen Fortschritt dar, denn der Arbeiter hat dadurch einen Rechtsanspruch erhalten. Die Sozialdemokraten tragen den Gedanken nach Revolution immer in das Volk, sie haben aber nicht den Mut zur Tat.(Zurufe bei den Sozialdemokraten: Danach verlangt Ihnen wohl?) Ich weiß, daß vor dem 21. Januar von einem Waffenhändler(Schallendes Gelächter bei den Sozial- demokraten.) 39 Revolver gekauft sind.(Große Heiterkeit und Hu! hu! bei den Sozialdcmo- traten.) Glauben Sie beim, daß die gekauft sind, um Fliegen zu schießen? (Stürmische Heiterkeit.) Ich weiß, daß die Kinder in den einzelnen Familien gesagt haben: Heute geht's los.(Große Heiterkeit.) Diese Kinder siiid doch recht hellhörig und manchmal viel klüger, als etliche Leute auf der linken Seite dieses Hauses.(Heiterkeit.) Der„Vorwärts" schrieb am 26. Januar, die lettischen Revolutionäre seien gegen die Gutsbesitzer und die Pastoren(Zuruf bei den Sozial- demokraten: Wie schrecklich I) vorgegangen, um eine neue gerechte Ordnung zu schaffen. Ist das wahr?(Zuruf bei den Sozialdemo- traten: Selbstverständlich!) Der„Vorwärts" nannte diese Revo- lution einen notwendigen Akt. Ist das richtig?(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Jawohl!) Nehmen Sie es mir nicht übel. Sie sprechen immer von Ihrer Wissenschastlichkeit, aber das, was Sie hier billigen, das ist nichts anderes als allerniedrigstrr Spitzbuben-KommuniSmus. (Stürmischer Beifall rechts, Unruhe und Zwischenrufe bei den Sozial- demokraten.) Redner tritt für Organisation der Heimarbeiter und für Lohnskalen und Mindestlöhne in der Heimindustrie ein und be- dauert nochmals, daß eine solche bösartige revolutionäre Bewegung wie die Sozialdemokratie in Deutschland Oberwasser finden konnte. Wenn die Ergebnisse der russischen Revolution, die ein Werk der Sozialdemokratie ist, und in der so viel verwüstete Felder, so viel hingemordete Menschen, so viel hingerichtete Arbeiter auf das Konto der Sozialdemokratie geschrieben werden müssen(Sehr richtig! rechts; Unruhe bei den Sozialdemokraten), erst klar vor Augen liegen, dann wird alles, was Verstand und Gewissen hat, die sozialdemokratische Fahne verlassen.(Rufe bei den Sozial- demokraten: Quatsch!) Der Abgeordnete Bömelburg hat gesagt: Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie ist eins.(Sehr richtig I bei den Sozial- demokraten.) Jede Aeußerung, die dahin geht, daß beide nichts miteinander zu tun haben, fördert nur eine ordinäre Lüge zutage und kann nur von Ihren(zu den Sozialdemokraten) bornierten Leuten geglaubt werden. Sie spekulieren immer auf Haß. Glauben Sie da. daß ein anständiger Mensch(Rufe bei den Sozialdemokraten: Scheiterhaufenbrief I) Ihnen nicht bei solchen Grundsätzen bitterste Feindschaft entgegenbringen muß? So ist es auch bei mir gewesen: nicht in meinem Interesse, sondern in dein des Vaterlandes und der Kirche.(Gelächter b. d. Soz.)„Der Zimmerer", ein Organ des freien Zimmcrerverbandes, hat neulich aufgefordert, durch Austritt aus der Kirche gegen die Volksverdummung und Volksentrechtung zu protestieren, und ans dem Kölner Kongreß hat der Vorsitzende der Generalkommisston, Legten, gesagt:„Unsere Mitglieder sind antireligiös, weil sie vernünftige Menschen geworden sind".(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)„Wir werden dafür einst in der Hölle braten müssen. Aber laßt uns das I"(Heiterkeit.) Können Sie(zu den Sozialdemokraten) bei einer solchen Stellung verlangen, daß ein anständiger Mensch mit Ihnen zusammen- geht? Nennen Sie das Fürsorge für Arbeiter, wenn Sie sie in Rußland auf das Schafott setzen? Ist das nicht eine nichtswürdige Verführung des armen törichten Mannes? (Beifall rechts.) Ihnen gegenüber gibt es in der Tat nichts anderes als Kampf bis aufs Messer. (Beifall rechts.) Abg. Freiherr v. Pfetten(Z.): Abg. Sachse hat Schlußfolge- rungen in Bezug auf Vorgänge in Regensburg gezogen, die völlig irrig sind. Die Brauerei dort ist allerdings der Leitung des Bischofes unterstellt, aber sie hat eine besondere Verwaltung. Um die Aussperrung von Arbeitern handelte es sich nicht, wie der Abg. Sachse erwähnt hatte, und auch seine sonstigen Ausführungen über die Brauerei sind unzutreffend. Abg. PcuS(Soz.): Als ich die Rede des Herrn Stöcker hörte, mußte ich an die Worte des Prof. Paulsen in seinem„System der Ethik" über da? Pfaffentum denken:„Herrschsucht und Heuchelei, in Worte der christ- licht» Milde gekleidet, stellen das Wesen des Pfaffrutums dar." (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Kampf bis zum äußersten hat uns Herr Stöcker angekündigt. Diesen Kamps führt er nun bereits seit 30 Jahren. Wenn er weiter die Erfolge erzielt wie bisher, können wir ganz zufrieden sein.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Wir sollen die russischen Arbeiter aufs Schafott setzen! Gewiß gibt es niemand, der nicht die furchtbaren Ereignisse in Ruß- land auch vom Standpunkte der Menschlichkeit mit tiefstem Weh be- trachtet, aber wir sehen diesen Kampf unter einem anderen Gesichts- punkte an. Leben ist nicht notwendig, frei seilt aber ist notwendig! Unter diesem Gesichtspunkte kämpft das russische Volk. Wenn mit schauerlichsten Geioalttaten die Freiheit unterdrückt wird, dann muß auch Gewalt seitens der Revolutionäre angewendet, dann müssen auch die damit verbundenen Opfer gebracht werden.(Sehr richtig! b. d. Soz.) Wir haben oft genug gesagt, daß— solange wir die Grundrechte des Verein?- und Versammlungsrechtes haben— wir schon auf friedlichem Wege unser Ziel erreichen werden. Wenn Herr Stöcker gesagt hat, kein anständiger Mensch könne sich der GeWerk- schaft und der Sozialdemokratie anschließen, so zeigt das sehr viel Hochmut gegenüber einer Partei, die 3 Millionen Wähler zählt und deren Presse 700 000 Abonnenten hat. Die christlich-nationalen Arbeiter gelten den Unternehmern nur so lange als ungefährlich, als sie keine Forderungen stellen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Herr Stöcker forderte ja selbst noch die Grundrechte für die Arbeiter, wie Koalitionsrecht usw. Warum haben denn das die Arbeiter noch nicht? Ist etwa die Sozialdemokratie daran schuld? Nein, das haben die Herren Konservativen, Nationalliberalen, das Zentrum, die Regierung verschuldet.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Herr Stöckcr ivics auf die«chrccten der russischen Revolution hin. Das russische Volk kann es nicht länger ertragen, ohne die Grundrechte der Preßfreiheit, des Koalitionsrechtes, des Wahlrechtes zu leben. Gewährt die russische Regierung diese Rechte nicht, so ist sie schuld daran, wenn es zu entsetzlichen Ausbrüchen kommt. Mit ivclch bcrserkerhafter Roheit und Brutalität gehl jetzt das russische Osfizierkorps gegen die Bevölkerung in den Oslsecprovinzen vor. Wenn das empörte Volk, das bis aufS Blut ausgebeutet ist, zu Gewalttaten kommt, ist das nur natürlich.— Wenn aber diejenigen, die so viel Kultur im Leibe zu haben behaupten, daß sie die unter- drückten Klassen zu beherrschen imstande seien, solche Gewalttaten verüben, dann sind sie tausendmal mehr zu brandmarken. Abg. Stöcker sprach von 39 Revolvern. Vielleicht sind sie von ängstlichen Konservativen gekauft. (Heiterkeit.) Bei der Angst, die die Regierung gezeigt hat, darf man das wohl annehmen. Die Herren Konservativen fühlen sich schon in ihrer Ehre als herrschende Klasse gekränkt, wenn den Arbeitern irgend eine Anerkennung ausgesprochen wird.(Widerspruch rechts.) Dann müssen Sie sich in Zukunft anders aus- drücken. Den Vorrednern, die auf Borgänge in den Trades-Unions hinwiesen, erkläre ich, daß es bei uns niemand gibt, der technische Fortschritte, Ivie die Einführung der Setzmaschine, im Interesse der Arbeiter bekämpft. Dazu sind unsere Arbeiter zu aus- geklärt. Als Beispiel für einen Mann, der durch eigene Arbeit hoch- gekommen sei, nannte Dr. Beunier Franklin. Das war damals in günstiger Zeit. Wer aber heute sagt, daß man durch eigene Arbeit reich werde, nicht durch fremde, der ist ein Lügner.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) In diesem Jahre ist nicht so viel MittelstandSretterei unter An- griffen auf die Genossenschaften getrieben worden wie früher. Man sieht offenbar, daß der Gang der Entwickeluug nicht mehr auszu« halten ist. Das Genossenschaftswesen hat sich denn auch sehr erfreu- lich entwickelt. Die Kousumvereine außerhalb deS alten Verbandes haben 1904 einen Umsatz von 165»/z Millionen erzielt. Bereits der 13. Teil aller deutschen Familien ist in Konsum- vereinen organisiert. Das Interesse der Regierung erstreckt sich ja nur auf die Genossenschaften der herrschenden Klassen, aber auch die Großeinkaufsgesellschaft der Konsumvereine der Arbeiter hat sich — und zwar aus eigener Kraft— fast in demselben Maßstabe ausgedehnt. In England ist bereits der fünfte Teil der Bevölkerung in Genossenschaften organisiert, in Dänemark bereits die Hälfte der ländlichen Bevölkerung, waS zur Folge hatte, daß die dänische Landwirtschaft sich auch ohne Zölle sehr gut hält. Interessant ist die Haltung unserer Gegner zu den Genossenschaften. Sie, die uns immer Mangel an praktischer Arbeit vorwerfen, stehen trotzdem den Genossenschaften der Arbeiter, die doch eminent praktische Arbeit leisten, feindlich gegenüber. Aller- dings paßt es gewissen Leuten nicht, daß auch diese Bewegung der Befreiung der Arbeiterklasse dient. Hat sich doch der Abg. Placke als Stadtrat in Aken selbst gegen die Errichtung einer Seifenfabrik durch die Großeinkaufsgesellschaft gewendet, weil sie staatsgefährlich sei!(Hört! hört!) Warum andere Seifenfabriken, die den Interessen der Aktionäre dienen, nicht staatsgefährlich sind, diese Seifenfabrik aber, deren Ertrag den Konsumenten wieder zufällt, staatsumstürzend wirken soll, das ist unverständlich, das beweist nur, daß die Arbeiter unter allen Umständen unterdrückt werden sollen. Verbietet man doch allen Beamten, Lehrern usw. den Beitritt zu den Konsum- vereinen. Der Klassenhaß liegt nicht auf unserer Seite, sondern auf- der anderen. ES ist das schlimme, daß der herrschenden Klasse so sehr die Objektivität fehlt. Gerade die Arbeiter würden die Mitwirkung anderer Klassen sehr dankbar annehmen. In Stuttgart wurde der Konsumvereinstag von der württembergischeu Regierung begrüßt. Der nächste Genossenschaftstag in Stettin darf von Preußen nicht dasselbe erwarten. Die sächsische Regierung hat wenigstens so viel Verstand gehabt, �die Umsatzsteuer für Konsumvereine abzu- kehne», als sie von der Stadt Dresden beschlossen ivurde. Es ist nicht zu leugnen, daß es im Mittelstände zahlreiche para- sitäre Existenzen gibt, für die das einmal geprägte Wort.„Hier kann Schutt abgeladen werden" paßt.— Professor Sering hat auf der Versammlung deS Landesökonomiekollegiums die Arbeiterfrage be- sprochen und konstatiert, daß der Arbeiterznfluß anfange spärlicher zu werden. Das ist richtig. Ich will auch zugeben, daß die Landwirt- schaft darunter leidet. Auch wir würden eine bessere Verteilung der Bevölkerung begrüßen. Man soll doch aber bedenken, daß man von der Machtpolitik nichts erwarten darf. Deshalb soll man den Arbeitern ans dem Lande die gleichen Rechte geben. Warum unter- läßt man die politischen Maizregelungen nicht, z. B. wenn ein Arbeiter ein sozialdemokratisches Blatt liest I Herr v. Januschau, der hier so selbstbewußt auftrat, meinte, wenn wir zu den Landarbeitern kämen, würden wir ja doch hinaus- gejagt. Der Herr rühmt sich noch damit, daß die Landarbeiter keine Versammlungsfreiheit haben. Wenn wir die Gleich- berechtigung der Arbeiterschaft erzielten, so würde die Sozialdemokratie als Partei verschwinden können; Demokratie und Sozialismus würden aber auch dann die herrschenden Prinzipien bleiben.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Das Haus vertagt die Weiterberatung auf Dienstag 1 Uhr. Schluß 6� Uhr._ parlaincntarircbea. Die Bndgetkommission des Abgeordnetenhauses beriet am Sonnabend den Etat der Eisenbahnverwaltung. Die Betriebslänge der Eisenbahnen beträgt 35 022 Kilometer Voll- und 246 Kilometer Schmalspurbahnen, sie ist gegen 1905 um 638 bczw. 6 Kilometer gewachsen. Das Gesamtergebnis des Etats für 1906: Einnahme 1 732 811 000 Mk.(gegen 1905+ 114 694 000 Mk.) Ausgabe 1 048 970 300 Mk.(gegen 1905+ 65 537 000 Mk.). Der Ucber- schuß ist auf 683 834 700 Mk., also um 49 157 000 Mk. gestiegen. Nach Abzug der Verzinsung der Eisenbahnstaatsschuld von 98601000 M. verbleibt ein verfügbarer Gewinn von 565 165 000 Mk., der nach dem Eisenbahngarantiegesetz vom 27. März 1882 auf die Staats- eiseubahnschuld abgeschrieben wird. Es beträgt der absolute Betrag der Staatseisenbahnschuld 8974 Millionen Mark, während nach Verrechnung der an den Staat abgelieferten lleberschüsse die Eiseubahnschuld nur 3383 Millionen beträgt. Der Bericht- er statt er hebt den glänzenden Stand der Eisenbahicvcrivaltung hervor; die Rentabilität sei um Vs Proz., von 9,7 auf 10,2 Proz. gestiegen(jedoch sind hiervon noch die Pensionen abzusetzen). Je glänzender sich das Unternehmen entwickelt, um so gefährlicher wird eS für die Staatsfinanzen, weil sie immer mehr auf Eisenbahnüberschüssen aufgebaut sind. Im abgelaufenen Jahre habe das Bild aber auch Schatten gezeigt, ganz besonders durch den Mangel an Eisenbahnwagen. Die Verwaltung habe dem Riesenvcrkehr sich nicht gewachsen gezeigt. Es sei anznerkemteii, daß große Mittel zur Vermehrung der Betriebsmittel aufgcivendct sind. Aher es müsse die Beschaffung von Betriebsmitteln unabhängig von der Gestaltung der Staatsfinanzen geschehen, lediglich nach sachlichen Sebfirfniffcn. Ebenso müsse erwogen werden, ob nicbt in steigendem Moste die Gleise vermehrt werden, um Güter- und Personenverkehr tunlichst gnnz zu trennen. Hinsichtlich der Personentarifreform empfiehlt der Berichterstatter, dost die Bndgetkommission auf schnellere Durchführung dringen solle. Man müsse in dieser Sache vorwärts kommen. Die Betriebsmittelgemeinschaft sei mit den Staaten einzugehen, die sie wünschen. Es dürfe die Rücksicht auf die Bundesstaaten, die diese Gemeinschaft nicht wünschen, nicht zu weit getrieben werden. Schliestlich fragt der Berichterstatter nach den Ermittelungen wegen der schweren Unfälle bei Spremberg und Altenbeken und wegen der Eitiwickelunq des Schnell Betriebes. Minister v. Budde schlicstt sicki dem Wunsche des Bericht crstatterS an, dast die Finanzlage des Staats nicht immer mehr auf die Eisenbahnvenvalning basiert werde. 1887/88 wurden S'/s Mtllloucn— 1,19 Proz. vom Bruttoerträgiiis für allgemeine Staatszwecke abgeführt, �1904 schon 167,7 Millionen— 35 Proz. Dast die Eisenbahn dem Staate Ueberschüsse liefern müsse, sei richtig. Es müstte aber nach einer richtigen mittlere» Linie gestrebt werden. Hinsichtlich des Wagenmangels wünscht der Minister, die Industrie iolle auch die Verwaltung unterstützen. Im Januar und Februar 1905 haben ganze Wageuzüge dauernd unbeschäftigt gestanden. Die Klagen seien oft übertrieben. Aber es sei kein Zweisei, dast eine Wagennot� vorhanden sei. Industrie und Handel seien so glänzend gewesen, dast von 10 bis 22.8 Prozent mehr Wagen ge- fordert worden sind. Die Kalamität sei um so gröster gewesen. weil für Rüben 63 Prozenr mehr Wagen gefordert wurden und die Verladung bis Ende Dezember dauerte. Die Folgen der Verkehrs- steigerung sind Verschiebungen im Giiterfahrplan, die solchen Umfang annahmen, dast einzelne Güterzüge bis 24 Stunden später abgehen mutzten. Mit dieser plötzlichen gewaltigen Steigerung hängt auch die Steigerung der Unfälle zu- sammcn. Die Erkenntnis dieser Umstände hat Verbesserung der Schienenwege und Zufuhren zu den Wasserstrasten in diesem Etat zur Folge. Für Nebenbahnen sollen 56 Millionen er- fordert werden. AuSschliestlich graste Wagen können wegen des Widerspruches vieler Industrien nicht gebaut werden. 4000 Wagen zu 20 Tonnen sind bestellt. Hinsichtlich der Personentarifreform glaubt der Minister, nicht Vorwürfe wegen Mangel an Beschleunigung zu verdienen. Der Neisewrif werde für die Folge nicht teurer werden, nur das Gepäck werde teurer werden, aber nicht erheblich. Ueber die Betricbsmittelgemeinschaft seien vielfach falsche Ansichten vorbanden. Es sollten alle Reparaturen gemeinsam geleistet und ain Jahres- schlust verteilt werden. In dieser Verteilung hat die Schwierigkeit der Einigung gelegen und in der Schwierigkeit der austerordeutlichen Beschaffung von Betriebsnntteln. Denn die Industrie macht im Süden nicht so starke Ansprüche wie Preusten. Im letzten Winter, als der Bedarf gröster war, hat der Süden über 3000 preustische Wagen mehr zurückgehalten als sonst. Die Verschiedenheit der russischen und deutschen Spur fei 1905 geradezu ein Glück gewesen. Ein einseitiges Zusammengehen der preustischen Staatsbahn mit den süddeutschen Bahnen könne nicht als richtig angesehen werden. Der Reichstag habe das loyale Vorgehen Preustens anerkannt. Zurzeit liegt ein Vorschlag Bayerns wegen Betriebs- mittel-Gemeinschaft zur Beratung vor, der sorgsamer Erwägung sicker ist. Allein im Dezember 1905 hat Preusten O'/z Millionen Mark Mehreinnahmen gehabt. Die Ersparnis aus der Betriebsmittelgemeinschaft würde im ganzen nur lO'/z Millionen Mark betragen. In finan- zieller Beziehung spiele die Sache also keine Rolle, während es allerdings wünschenswert sei, zu einer Einigung zu kommen. Die Unfälle bedauert der Minister. Er erhofft Verminderung durch Ausgestaltung des Bahnneyes. Die Unfälle sind trotz ihrer Schwere unter dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre geblieben. Die gerichtliche Untersuchung erster Instanz hat bestätigt, dast in Spremberg eine grotze Betriebsbummelei geherrscht habe. Die ent- sprechenden Mastregeln sind getroffen. Es ist aber nicht richtig, dast an der Strecke irgend etwas in Unordnung gewesen sei. Die Unter- suchung hat ergeben, dast alle Apparate in Ordnung gewesen sind, ebenso die Bahnanlage selbst. Ansprüche auf Entsckädigung seien wegen des Spremberger Unfalls in 67 Fällen geltend gemacht worden. Die Entschädigungssummen seien aber in der Presse über- trieben worden; so habe der Justizrat Rockau 20 000 M. Rente erhalten, der Oberleutnant ChretiuS 15 000 M. Abfindung und für den Prinzen Plauen seien 1300 M. Begräbniskosten gezahlt worden. Von zwei elektrischen Werken feien Anträge auf Genehmigung deZ BaucS einer elektrischen Schnellbahn Berlin— Hamburg gestellt worden, die Projekte seien aber noch nicht ausreichend begründet gewesen. Man habe auch Versuche mit Motorwagen geniacht: diese seien aber dem Publikum nicht sympathisck. Versuche zwecks Verbesserung der Bremsen usw. seien noch im Gange. Die Frage der Heizung und Beleuchtung sei ein schwieriges Problem; es sei nicht in Aus- ficht genommen, sämtliche Wagen mit elektrischer Beleuchtung zu versehen. Unsere Beleuchtung sei immer noch besser als die im Auslande. Ministerialdirektor Wiesncr»lachte daitn Ausführungen über den Tunnel in Altenbeken. Von freikonservativcr Seite wird darauf hingewiesen, dast die Gepäckabfertigung erleichtert werden müsse, dast die Schnellzug- zuschlage auf nahe Entfernungen ganz besonders schwer wirken. Hinsichtlich der Fahrkarten möchte man für die Folge jede möglicke Erleichterung beim Verkauf und bei Erhebung von Zuschlägen ein- treten lassen, ebenso auch hinsichtlich der Fahrtunterbrechung. Die Regierung hält das jetzige System für erheblich vereinfacht. Bei der Reform hätte Preusten nur wenige Eulferuungszouen haben wollen, fei aber damit nicht durchgedrungen. Schuellzugszuschläge seien nur ein gerechter Ausgleich gegen höhere Tarife im Auslände. Die Frage der Bescheinigung von Fahrtunterbrechungen werde bei Ein- führung der Reform anders geregelt, vielleicht beseitigt werden.— Bon konservativer Seite wird aus die Bedeutung schwankender Ein- nahmen der Eisenbahn für Preustens Finanzen hingewiesen. Gerade die Budgetkommission sollte auf Sparsamkeit dringen. Mit der Steigerung der Anschaffung von Betriebsmitteln müsse schliestlich auch vorsichtig vorgegangen werden; denn zweifellos werde die Zeit wieder herankommen, wo der Andrang geringer werde. Die Tarif- rcsorm sei herbeizuwünschen, aber sie solle möglichst in sich gc- schloffen sein; da käme es auf einige Monate nicht an. Vor allem müsse Vereinfachung eintreten und viele Sonntagskarten seien von zweifelhaftem Wert.(!) Bei der Betriebsmittelgcmeinschaft solle man sehr nüchtern und vorsichtig vorgehen.— Von uationalliberaler Seite wird der Wunsch ausgesprochen, einmal genau festzustellen, wieviel die Staatseiscnbahnschuld wirklich betrage. Die Ent- Wickelung sei durchaus nicht übermäßig, sondern ziemlich gleichmäßig gestiegen. Man wird ebenso erwarten müsien, daß auch die Aus- gaben tu gleichem Maße steigen werden. Die Kanäle mühten auf erheblich größere Mengen eingerichtet werden. Die Erhöhung de» Ordinariums"stehe nicht im Einklang mit der Steigerung des Güter- Verkehrs. Es müstte nicht nur der Abgangs an Beiriebsmitteln gedeckt, sondern eine größere Verstärkung angestrebt werden. Im Anschluß an den Einsturz des Tunnels bei Altenbeken wird angeregt, in der Folge bei Anlegung von Tunnels die Geologen zu Rate zu ziehen.— Minister v. Budde führt aus, es sei bereits durch Ministerialerlaß ganz allgemein angeordnet, bei jeder Anlage die geologische Landesanstalt zu Rate zu ziehen. Ferner sei eine periodische llniersuchnng aller Tunnels angeordnet. Elektrischer Betrieb solle für Hamburg-Blankenese eingerichtet werden. Für die Stadtbahn Berlin seien die Studien im Gange. Es könne dabei bei der Kostspieligkeit der Sache nichts überstürzt werden. Bon liberaler Seite wird den Ausführungen anderer Redner hin- sichtlich nötiger Sparsamkeit zugestimmt. Hinsichtlich des Gepäck- reformtarifs wird um Vcrbilligung und Vereinfachung ersucht. Der M i u i sc c r erwidert, daß auch ihm der Gcväcktaris nicht völlig gefalle. Er sei aber durch den Beschlust, des Landtags hin- sichtlich des finanziellen Effekts gebunden, und er müsse den Gepäck- � tarif als Kompromist ansehen, den er für Keffer halte, als wenn gar nichts erreicht sei. Ter Berichterstatter hebt nochmals> hervor, dast er auf groste Sparsamkeit drängen müsse und den Wunsch übersichtlicherer Gestaltung des Etats teile. ** * Die Budgetkommission des Abgeordneten- hauseS setzte am Montag die Beratung deS Etats der Eisen» bahn Verwaltung fort. Unter den Ausgaben weist der Etat eine Million Zuschuß zur Peiisionskaffe auf. Von nationalliberaler Seite wird die umsichtige Fürsorge des Ministers für die Beamten und Arbeiter anerkannt. Der M i n i st e r erwidert, daß die Verhältnisse der Arbeiter in den Eisenbahnwerkstätten nicht zu vergleichen seien mit den Massen- arbeiten der Industrie. Ueberall, wo anstrengende Arbeit im Eisen- bahndienst zu leisten ist, sei der Dienst nicht länger als 9 Stunden. Wo 15 Stunden geleistet werden, handele es sich um Personal, das vielleicht 4—5 Züge am Tage vorbeifahren zu lassen und sonst wenig zu tun hat. Vielfach wurden aber Beamte in verantwortnngs- voller Stellung auf eigenen Wunsch auf 15 Stunden täglichen Dienst gestellt, um ihnen dafür umsomehr ganz freie Tage zu ge- währen. Es sei übrigens festgestellt, dast dort, wo 16 Stunden Dienst gewesen sind, die Unfälle in den e r st e n 8 Dienststlinden 77 Proz., in den dritten 4 Dienststunden 21 Proz., in den letzten nur 2 Proz. betragen haben. Von konservativer Seite wird auf die Einflüsse hingewiesen, die die Herabsetzung der Arbeitszeit von 9i/z auf 9 Stunden auf die gesamten Verhältnisse der Privatindustie haben müsse. Der Minister erwidert, dast er diesen Einfluß nur in be- dingter Weise anerkennen könne, da die Staatsbnhnverwaltung mir 4,50 M. Tagelohn für 9 Stunden zahle. Hiis der Partei. Seine einjährige Gefängnisstrafe hat am Montag mittag Genosse Löbe angetreten und zwar in Wohlau, da ein Gesuch unseres Genossen, die Strafe im Breslauer Zentral- gefängnis verbüßen zu dürfen, von der Staatsanwaltschaft :nit der nackten Begründung abgelehnt worden ist, daß kein Grund vorliege, mit Löbe eine Ausnahme zu machen. Hoffentlich wird Löbe durch seine lange Strafe keinen körper- lichen Schaden nehmen, dann wird er trotz dieser„Ab- schreckung" ungebrochenen Mutes wieder vorn in den Reihen der kämpfenden Proletarier stehen. Ein MihbilligungSvotum hat eine stark besuchte Mitglieder- Versammlung des sozialdemokratischen Vereins in Darmstadt dem Genossen Cramer wegen seines Ganges zum Grostherzog aus- gesprochen. Infolge dieses Votums legte Cramer sein Reichstags- und Stadtverordnetenmandat nieder. Ueber die mangelnde Anwesenheit der Fraktion bei der beabsichtigten Besprechung der„Borussia"-Affäre im Reichstag schreibt Genosie Wilhelm S ch m'i d t der Frankfurter„Volksstiinme" aus dem Reichstage: „In einer wahrhaft fatalen, ja beschämenden Situation be- fanden sich am Dienstag die zu Beginn der Plenarsitzung deS Reichstags anwesenden Mitglieder unserer Fraktion. Es galt, den Anirag auf Uiiterstützimg der Besprechung der„Borussia"-Jnter- pellation", deren Beantwortung der Vertreter des Reichskanzlers, Graf Posadowsky abgelehnt hatte, zu unterstützen. Infolge der chronisch gewordenen Abwesenheit der groben Mehrzahl der Reichsboten, namentlich zu Anfang der Sitzungen, ei» Uebel, das auch in unserer Fraktion immer mehr Platz griff, gelang es nicht, die erforderliche Zahl von 50 Mitgliedern zur Unter stützimg des Antrags Singer zu gewinnen. Voudersozialdemokratischen Fraktion waren nur etwa 15 bis 16 M i t g l i e d e r, von der Zenirumspartei etwa 17 bis 18 und von den Freisinnigen drei Mitglieder im Saale; im ganzen konnte man etwa 37 zählen, die für den Antrag eintraten; sämtliche anwesenden Zentrumsleute sowie die Freisinnigen taten es; die Nationalliberalen, die vcr- hältnismästig stärker vertreten waren, blieben sitzen. Etwa sechs bis sieben unserer Fraktionsgenossen, die vorher in Kommissionen tätig waren, trafen zu spät ein, obwohl Präsident Ballestrein ziemlich lange die Sammclglocken ertönen liest; sie waren in der Bibliothek oder im Schreib- zimmer und glaubten die Diskussion schon im Gange. Sie hatten wohl nicht mit der Möglichkeit der Ablehnung einer Be- antwortung gerechnet und sich wohl auch nicht die Bs- stimmungen der Geschäftsordnung für solche Fälle vergegen- wärtigt. Einige meinten nämlich später, Singer hätte gleichzeitig die Beschlustfähigkeit bezweifeln sollen. Das geht aber nur vor Abstimmungen über Anträge, nicht bei Unter- ftützung solcher; und bei Interpellationen sind zudem weitere Anträge durch die Geschäftsordnung überhaupt ausgeschlossen. Leider war jedoch versäumt(!!) worden, die am Montag nicht an- wesenden Fraktionsgenossen telegraphisch zu beordern, sonst wäre es wohl möglich geworden, aus unseren eigenen Reihen die nötige Zahl zuiammenzubringen. Bei einer Stärke von 78 Mit- gliedern mutz das gelingen. Auf alle Fälle wird der Vorgang zur eindringlichen Mahnung dienen, damit dergleichen nicht wieder bei uns vorkommt." Das„Hamburger Echo" meint: „Es ist vorauszusehen, dast das für die Mitglieder der sozial- demokratischen Fraktion geradezu beschämende Resultat der Ab- stimliiuilg gleich zu Beginn der heutigen Sitzung sehr viel Staub in der Partei aufwirbeln wird... Wir begnügen uns, die be- dauernswerre Tatsache zu koiistatiereil und enthalten u»S einstweilen des näheren Eingehens darauf. Aber>vir erwarten, dast die Fraktion sofort eine klare und rücksichtslose Darlegung gibt, wie dieser blamable Vorfall kommen konnte." Die Magdeburger„Bolksstimme" bemerkt noch: „Uebrigens darf mau sich wohl auch einmal die Frage erlauben, zu was eigentlich die Fraktion einen besoldete» Sekretär besitzt, wenn bei einer so wichtigen Angelegenheit versäumt wird, die Fraktiousmitglieder telegraphisch nach Berlin zu beordern."— Unser Frankfurter Parteiblatt stellt eine ähnliche Frage. Einen Mangel hat der Fall zweifellos aufgedeckt. Aber den Fraktionssekrerär trifft die Schuld nicht. Er hat leine Berechtigung. die Mitglieder zusammenzurufen. Die telegraphische Beorderung derselben geschieht auf Ansuchen der Fraktion durch das Reichs- tagsbureau. Aus diesem Wege geschieht die Berufung kostenfrei und viel rascher als durch Privattelegramme. Die Depeschen des ReichstagsbureauS nämlich geniesten als amtliche den Vorzug der Gebührenfreiheit und werden selbst schneller als.dringende" Privatlelegramme befördert._ Reorganisation der Hamburger Partei. Entsprechend den in den Mitgliederversammlungen der drei Hamburger Parteivereine ge- gebenen Anregungen haben die vereinigten Vorstände dieser Vereine ein„Organisationsstatut der sozialdemokratischen Partei Hamburgs" entworfen, über daS in einer demnächst einzuberufenden kombinierten Mitgliederversammlung Beschluß gefaßt werden soll. Bisher be- stand unter den drei Vereinen nur ein loser Zusammen- hang, die höchste Instanz bildete die kombinierte Mitglieder- Versammlung, deren Kompetenz sick nur in einem engen Rahmen bewegte. Jetzt sollen die drei Vereine zu einer Landes- o rganisation zusammengeschweißt werden, wie es im§ 1 des Organisationsentwurfs heißt. Der Zweck der Organisation soll er- reicht werden durch: a) Vorbereitung zu allen Wahlen, b) Ver- anstaltungen von Versammlungen, Herausgabe von Flugblätter und Vertrieb geeigneter Schriften, o) Führung der Kassengeschäfte Hamburgs, ci> Bermittelung von Referenten und e> Verwaltung gemeinsamer Einrichtungen. Das Beitritt-Zgcld zn den Vereinen beträgt 20 Pf., der monatliche Beitrag 30 Pf. und für weibliche Mitglieder 10 Pfennig. Die Abänderung der Beiträge kann nur durch die Generalversammlung erfolgen. Alle Aus- gäbe» für die Landesorganisation werden von den Vereinen ge-. meinsam getragen. Den Vorstand der neuen Organisation bilden die aus je sechs Personen, darunter eine weibliche, bestehenden Vor- stände der drei Parteivereine. Die Geschäftsführung wird von be- foldeten Beamten bewerkstelligt. Die Generalversammlung setzt sich zusammen aus den Parteifunktionären, den Mitgliedern der Preh- kommissiön, je einem Mitglieds des Parteigeschäfts und der Redaktion des„Hamb. Echo", den drei Reichstagsabgeordneten und der sozial- demokratischen Bürgerschaftsstaktion. Die gefaßten Beschlüsse sind bindend für die drei Parteivereine. GtNkralvtrsllmmlltng des Kmides der Flmdmrte. Berlin, den 12. Februar. Aus dem Geschäftsbericht, den der Vorstand der Versammlung borlegte, ist zu entnehmen, daß der Bund mit einem Mitgliederbestand von über 270 000 gegenwärtig abschließt. Der Versammlung liegt folgende Resolution vor: Die Generalversammlung des Bundes der Landwirte dankt dem Herrn Reichskanzler und dem Herrn preustischen Landwirt- schaftsminister dafür, dast sie trotz der Angriffe, die ihnen zuteil geworden sind, doch die veterinärpolizeilichen Schutzbestimmungen im Interesse der deutschen Viehzucht aufrecht erhalten haben. Sie haben dadurch nicht nur der deutschen Landwirtschaft, sondern auch dem Lande selbst mffchätzbare Dienste geleistet. Durch die Maßnahmen der Regierung in der letzten Zeit hat sich nach und nach wieder das Vertrauen zur Regierung in lmrdwirtschaftssteundlichcn Kreisen zu entwickeln begonnen. Wir bitten den Herrn Reichskanzler, dafür zu sorgen, dast dieses Ver- trauen sich immer mehr stärken kann und dast Mastnahmen ver- mieden werden, welche diese Entwickclung zu stören geeignet sind. So bitten wir vor allem, daß das Reich und die Regierungen der Einzelstaaten mit Nachdruck darauf bedacht sind, die deutsche Landwirtschaft im Interesse des Vaterlandes weiter zu fördern, den Mittelstand durch geeignet« Einrichtungen vor seiner Auf- lösung zu bewahren, ihn im Gegenteil zu stützen und zu stärken, bei der Regelung der weiteren Beziehungen Deuffchlands zum Auslande, den Empfindungen der nationalen Kreise des Volkes Rechnung tragend, in keiner Hinsicht �nachzugeben, wo das Nach- geben mit den wirtschaftlichen Interessen Deutschlands un- vereinbar und nicht durch entsprechende Gegenleistungen begründet erscheint. Die schwersten sachlichen und grundsätzlichen Bedenken hegt die Gc ne ral v c rsamm l u n g gegen die Einführung einer Reichs- crbschastssteuer. In der Ueberzcugung, daß die Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf Eltern, Kinder und Gatten der deutschen Auffassung von der Einheitlichkeit und Geschlossenheit der Fainilic aufs schärfste widerspricht, erklärt sie sich unbedingt gegen eine solche cttva geplemte Ausdehnung der Steuer. Kurz nach 1214 Uhr eröffnete der zweite Bundesvorsitzendc, der frühere Reichstagsabgcordncte Dr. R o e s i ck e. Görsdorf, die 13. Generalversanrmlung und führte aus: Im vorigen Jahre legten wir Ihnen bei Abschluß der Handelsverträge die Frage vor, ob der Bund damit seine Aufgabe erfüllt habe und jetzt abtreten kann. Sie haben diese Frage verneint, und die Vorgänge seit der letzten Generalversammlung zeigten, wie recht Sie hatten; denn wir er- lebten im letzten Sommer, daß der alte Ladenhüter der gegnerischen Presse, der sogenannte Fleischnotrummcl, wieber in erneuter Auf- läge hervorgeholt wurde. Dieser alte Rummel wird ja jedesmal in der Sauren Gurkenzeit hervorgeholt. Aber es ist uns gelungen, der Wahrheit zum Siege zu verhelfen!(Stürmischer Beifall.) Der Herr Landwirtschaftsminister wird gemerkt haben, dast es gut ist, wohlorganisierte Freunde zu haben!(Lebhafter Beifall.) Die revolutionären Wogen in unserem Nachbarre icye haben auch zu uns ihre Wellen herübcrgeschlagen. Die Vorgänge der auS- wärtigen Politik zeigen, wie notwendig das kaiserliche Wort War: Das Pulver trocken, das Schwert geschliffen, das Ziel erkannt! ( Bravo I) Um unser Vaterland zu schützen, bedarf es aber vor allem eines deutschen Bauernstandes, dem es ermöglicht bleibt, das deutsche Volk zu ernähren.(Beifall.) Und auch gegenüber der Revolution gibt der deutsche Bauernstand den besten Schutz. (Stürmischer Beifall.) Solange noch der deutsche Bauer da ist, solange wird es noch so vielen Deinonstrationsversainmlungcn und noch so vielen Zügen der Sozialdemokratie vor das Schloß nicht ge» lingen, unsere Verfassung umzustürzen oder unsere Throne wackeln zu machen! (Donnernder Beifall.) Redner gedenkt der silbernen Hochzeit des KaiscrpaareS und bringt ein Hoch auf den Kaiser und die deutschen Fürsten auS. (Die Versammlung stimmte stürmisch in daS Hoch ein.) Frhr. v. W a n g e n h e i m- Klein-Spiegel, erster Vorsitzender: Unsere Stellung zu den leitenden Regiernngskrcisen ist eine andere geworden, und wir hoffen, sie wird mit der Zeit eine»och bessere werden'.(Lebhaftes Bravo!) Wir tragen uns mit der Hoffnung, daß es dem Zusammenwirken von Industrie und Landwirtschaft gelingen werde, auch den deutschen irregeleiteten Arbeiter uns zu gemeinsamer deutsch-nationaler Arbeit zuzuführen.(Stürmischer Beifall.) In keinem Lande der Welt wird so viel für die Arbeiter getan,(Sehr wahr!) und in keinem Lande der Welt wird das von den Arbeitern so mit Undank gelohnt. (Stürmischer Beifall.) Dankbar sind wir dem Kanzler für seine Stellung gegen den Umsturz. Wir hoffen aber, daß den Worten nun auch die Taten folgen werden!(Lebhafter Beifall.) Es ist ja wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dast gerade die wenigen republikanischen Gebilde im Reiche die ersten waren, die sich gezwungen sahen, gegenüber dem revolutionären Ansturm das Wahlrecht zu ändern, um sich zu schützen I(Lebhafter Beifall.) Wir können den alten hanseatischen Mut nur bewundern, der nicht kampflos seine Position aufgeben Willi(Bravo!) Wir wollen hoffen, dast die anderen Staaten, die die Schranken des Wahlrechtes noch mehr öffnen wollen, zur Erkenntnis kommen, auf welch verhängnisvoller Bahn sie sich befindcnl(Sehr richtig!) Ich liebe eS nicht, in Antisemitismus zu mache». ES kommt gewShnlich dabei nicht viel raus. Aber die Arbeiter und gewerblichen Stände sollten sich doch klar machen: Wer sind die Führer auf dem Wege zur Revolution, nicht nur in Rutzlaud, sondern auch bei uns?(Stürmische Zurufe: Judeul Juden!) Frhr. v. Wangenheim gedenkt dann auch der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares und versichert die Treue und Dankbarkeit der deutschen Bauern. Mit stürmischem Beifall begrüßt nahm dann das Wort Reichs- ritter Edler v. Hohenblum: Wir haben in Oesterreich von Ihnen gelernt, agrarisch zu fühlen!(Stürmischer Beifall.) Eine goldene Internationale richtet ihr Denken und Fühlen darauf, uns unseren Boden abzuschwindeln und dann selbst agrarisch zu werden. (Großes Gelächter.) Wie bei Ihnen stehen auch bei uns an der Spitze der roten Internationale(Ruf: Die Juden! Minuten- langer dröhnender Beifall.) Den Geschäftsbericht gibt Dr. DiederichHahn: Im Grunde gibt es nur drei grotze Machtfaktorcn: daS Zentrum, die Sozialdemokratie und den Bund der Landwirte. Redner stellte den Landwirten die Opfcrwilligkeit der Sozial- dcmokratie vor und mahnte zu kräftigerer Weiterarbeit. Wenn sich das verhetzte Proletariat wieder ciniual zusammenrotten sollte, dann möge Se. Majestät die Mitglieder des Bundes der Landwirte nach Berlin berufen.(Donnernder Beifall.) Sie würden allein imstande sein, der Gefahr zu begegnen.(Beifall.), Gutsbesitzer Aus dem Winkel- Logau sprach über „Die sogenannte Fleischnot." Nicht nur die Schlachtungen haben außerordentlich zu- gciionimcn(um 1400 000 Zentner), sondern auch die Einfuhr(um 400 000 Zentner). Sodann sprach, mit stürmischem Beifall begrüßt, Reichs- und Landtagöabgeordneter u. Oldenvurg-Januslchau über: „Unsere Handelsbeziehungen zu den Nicht- vcrtragSländcrn." Er findet in dem Provisorium mit Amerika etwas Bedenkliches. Wir brauchen es bei den Vcrhand- langen mit Llmerila nicht so eilig zu haben. Fürst Biilvw lijmite tu seinem Palais einmal nachsehen lassen, ob nicht noch ein Paar Kürassiersticsel vom alten Bismarck sich finden.(Stürmische Heiterkeit.) Was Holland, Dänenmrk und Schweden anbetrifft, so stehen wir uns bei der Meistbegünstigung vom landwirtschaftlichen Standpunkt sehr gut. Nötig ist aber ein Milch- und Rahmzoll.(Beifall.) Wenn Verträge geschlossen wer- den sollten auf Kosten der Landwirtschaft, so müssen wir darauf aufmerksam machen, daß wir dann in einem unserer Lebensnerve getroffen werden. Und das können wir uns nicht gefallen lassen k (Stürmischer Beifall.) Was ist ein Agrarier? Landwirte sind wir hier alle; Agrarier aber sind diejenigen, die die Eourage haben, die Kastanien auch für diejenigen ihrer Kollegen a»S dem Feuer zu holen,(Stürmischer Beifall) die selber zn schwach dazn sind!(Stürmische Zustimmung.) Als weiterer Redner sprach der Chefredakteur der„Deutschen Tageszeitung", der frühere Neichstagsabgeordnete Dr. Ocrtcl- Bcrlin über:„Die R e i ch sst e u e r v o r la gern": Steuer suchen ist nicht schwer, Steuern fordern aber sehr, Steuern zahlen noch viel mehr! (Heiterkeit.) Eine wirkliche Finanzreform sei ohne Spiritusmonopol und TabakSmonopol unmöglich. Wenn die Sozialdemokratie ebenso wie mit der Begründung von dem SektgläSchen der armen Wöchnerin die Importen der Besucher des Jenenser Parteitages schützen wollte, so muß man das ihr überlassen.(Heiterkeit und stürmischer Beifall.) Noch sympathischer ist mir die Zigaretten- steuer, schon weil die Zigarette einen Stich in das Orientalische hat.(Stürmische Heiterkeit.) Die Frachturkundensteuer ist eine Belastung, auch der Landwirtschaft. Der Fahrlartenstempel, sei es die Staffelung oder die Kilometersteuer, hat nichts Unbilliges. Nur begreife ich nicht, wie man die Schiffahrtskarten frei lassen konnte. Der Ozcanbuminler kenrn schon die kleine Steuer zahlen. (Ruf: Ballini Beifall.) Aber eine Steuer sehe ich mit den scheelsten Augen an: Die Rcichserbschaftsstcuer!(Beifall.) Ich erinnere an die ver- schuldeten Höfe.(Lebhafter Beifall.) Bor allem Erhöhung der Börsrnsteuer.— Weiter wünschen wir einen Knliausfuhrzoll, endlich eine Reichswehrsteuer. ES folgt die „Besprechung". Ein Bauer von der Insel Fehmarn überreichte eine von den Frauen und Jungfrauen von Fehmarn gestiftete Bundrsfahne. (Stürmischer Beifall.) b. M a ch u i au? Ocklitz bei Breslau stellt sich als katholischer Landwirt vor und als Angehöriger der Zentrums- Partei. Reichstagsabgeordneter Graf Reventlow, stürmisch begrüßt: Ilm gute Beziehungen zu Amerika zu erhalten, genügt es nicht, Professoren auszutauschen, drüben galante Schiffstaufen abhalten zu lassen und amerikanischen Kapitalisten, wenn sie sich in Toutschland blicken lassen, mit gekrümmtem Rücken Ehrfurcht zu bezeugen.(Heiterkeit und Beifall.) Redakteur Schrempf-Stuttgart überbringt Grüße aus Schwaben. Gleiches geschah von anderen Rednern aus verschiedenen Landes- teilen. Reichstagsabgeordneter Liebermann v. Sonnenberg, mit lautem Beifall begrüßt, führt aus: Er nehme auch nicht gern antisemitische Schlagwortc in den Mund.(Heiterkeit.) Gottseidank. das haben wir nicht mehr Nötig! Bei den nächsten Reichstagswahlen müsse sich die ganze Rechte zu- sammenschliesten.(Bravo!) Dem Feinde müßten die Sitze ab- genommen werden. Dr. Rösicke läßt über die Resolution abstimmen, gegen die sich keine Hand erhebt. Mit Dankesworten schließt Dr. Rösicke unter einem Hoch auf das deutsche Vaterland um ö Uhr die Bundes- Versammlung. /Zus Incluftrie unci ktanclel. In der Burgstraße ist der Jnfluenza-BazilluS heimisch geworden. der auch den dickfelligsten Optimisten gepackt hat. Alles ist ver- schnupft. Die ungünstigen Nachrichten von der„FriedenS"-Kouferenz in AlgeciraS, die zentrümlerischen Steueranträge. Nachrichten ans Amerika, eine Anspannung am Londoner Geldmarkt und manche anderen Momente verschnupften die Börse; die Kurse sanken. Wohl Ivurde vereinzelt versucht, die Stimmung zu heben, aber es wollte nicht glücken, umso weniger als auch die Situation in Nußland ftir die Prozentmacher ungllnstiger denn je geschätzt wird. Alle PoteinkinscheKünste der russischen Regierung können über den miserablen Stand der russischen Finanzen nicht mehr täuschen und die schön gefärbten Saatenstandsberichte bannen nicht das einmal stark gewordene Miß- trauen. Fette Dividendr. Der Aufsichtsrat der Alsenschen Portland- Zement-Fabriken beschloß in seiner gestrigen Sitzung, für das Ge- schäftsjahr 1005 die Verteilung einer Dividende von 12 Proz. gegen 0 Proz. im Vorjahre bei größeren Abschreibnngen der General- Versammlung vorzuschlagen. Die Goldproduktion der Welt im Jahre 1905. Nach den von dem Direktor der Münze veröffentlichten vorläufigen Zahlen über die Gold- und Silberproduktio» in den Vereinigten Staaten von Amerika wird die Goldproduktion für das Jahr 1005 auf fitz 337 700 Dollar geschätzt. Gegenüber dem Jahre 1004 bedeutet dies ein Mehr von über 5 600 000 Dollar. Die bedeutendste Zu- nähme weist Alaska auf, wo dieselbe 5 345 000 Dollar erreichte und jast allein� aus die Goldproduktion im Tanaua und Fairbankö- distrikt entfällt. Die Rangordnung innerhalb der hauptsächlichsten GoldprodulftonSstaateit und-distrikte hat sich gegenüber dem Jahre 1004 nickt verschoben. Kolorado blieb an erster Stelle mit einer Zunahme von 037 500 Dollar. An zweiter Stelle erscheint Kalifornien, das iudessen 1 607 000 Dollar weniger aufweist. Alaska, dessen erheb- liehe Zunahme iir der Goldproduktion bereits erwähnt wurde, behauptet den dritten Platz. Süddakota und Montana, die an vierter und fünfter Stelle stehen, weisen einen geringen Rückgang in der'Goldproduktion auf, während wesentliche Zunahmen Nevada und Utah imd geringere Arizona und Idaho zeigen. Eine Schätzung der Goldproduktion oer Welt im Jahre 1005, einschließlich der der Vercinigten Staaten gibt Frederic Hobart in einem im„Engineering and Mining Journal« abgedruckten Artikel. Nach diesem erreichte die Goldproduktion un Jahre 1005 375 465 810 Dollar. Im Vergleiche zum Jahre 1004 ist dies eine Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Zunahme von über 28 000 000 Dollar, trotzdem diese» Jahr bereits einen Rekord für mehrere Jahre geschaffen hatte. Verschon' mein Haus... Die Haltung der verschiedenen Interessengruppen zu den Steuervorschlägen zeigt recht deutlich, daß gerade� bei den Gegnern der Sozialdemokratie, bei den Verdämmern des historischen, der öde, krasse Materialismus die Triebfeder ist, daß man unter der Flagge: Volkswohl und nationale Interessen ledig« lich Portemoiniatepolitik treibt. Die Junker sind große Freunde aller Zölle aus Konsumartikel. Bei der Frage der Mehrbelastung des Tabaks verbitten sie sich aber entschieden, auch dem heimischen Tabakbau— daö heißt den Tcibakbauern. größere Opfer aufzuerlegen. Die Agrarier sind weiter natürlich auch für alle Verkehrssteuern zu haben. Der Erbschaftssteuer schwören sie Tod und Verderben. Der ZentrumSpolitik und den schwarzen Zielen der Klerikalen entspricht eS, sich im allgemeinen den agrarischen Sieuer- forderungen anzuschließen. Daß die Brauereien und Tabak- fabriken Gegner der respektiven Steuern sind, ist erklärlich, daß aber aus diesen Kreisen Protest erhoben wird aus allgemeiitem Interesse, daran ist nicht zu denken, sie verwerfen die Steuer, weil sie glauben, diese nicht auf die Konsumenten abioälzen zu können. Die Mehrzahl der großen Handelskammern dagegen— so jetzt auch die Leipziger— stimmt der Bier- und Tabaksteuer zu, verivahrt sich aber gegen die geplante Fahrkarten-, Frachturlunden- und OuitlungS- steuer. So bringt jede Jittereffengnippe gerne Opfer— die von anderen getragen werden, und ma» ichiinpft aus die Sozialdemokratie, weil diese solche„nationale" Politik nicht mitmachen will, sondern immer mit der Forderung einer Reichsemkommensteuer hervortritt, durch welche jede Schulter nach ihrer Leistung belastet wird. Nur 20 Prozent Dividende, gegen 15 Prozent im Vorjahre, be- bringt diesmal das Braunkohlenbergwerk Karoline bei Offleben zur Verteilung. Das günstige Resultat ivurde erzielt, obwohl mau dies- mal 130 000 M. mehr als bei der vorjährigen Abrechnung für Rückstellungen abschrieb. Da sieht man die fürchterlichen Folgen der—„gestiegenen" Arbeiterlöhne und der.erdrückenden" sozialen Lasten. DaS Problem der Versorgung mit elektrischer Energie steht im rheinisch-westfälischen Industriegebiete dauernd im Vordergrund deS öffentlichen Interesses. Die Herren StiuneS und Thyssen machen die größten Anstrengungeit. ein vollständkgeS Monopol in ihre fände zu bringen. Sie haben neben dem bedeutenden Werk in ssen, noch eine Reihe anderer Elektrizitätswerke unter ihre Kontrolle gebracht und mit vielen Gemeinden uiw. langfristige LieferungS- Verträge geschlossen. Um den entsprechenden Einfluß aüfdie in ihrem Machtbereich betriebenen elektrischen Bahnen zu gewinnen, kaufen sie Anteile derselben in bedeutender Höhe auf. Verschiedene kommunale Projekte, durch welche man sich den Monopolumschlingungen ent- ivinden wollte, fielen, wohl nicht ohne von jener Seite geförderte Unterströmungen, ins Masser. Jetzt tobt ein Kampf um die Be- herrschung des Hagener Gebiets. Die genannten Monopolisten und die Akkiinnilatorenfabrik A.-G. Berlin-Hagen. stehen sich als Konkurrenten gegenüber. Der Verein der märtischen Kleineisenindustrie, dem 180 Firmen angehören, will nun in einer Versammlung den Kon- kurrenten Gelegenheit geben, ihre Projekte zu entwickeln. Siegt die Monopolgruppe, dann ist man in der Richtung des erstrebten Zieles einen tüchtigen Schritt weiter gekommen. Gerichts Leitung. Wegen fahrlässigen PrcßvergehcnS ist am S. Juni v. I. von der Strafkammer in Sarau der Redakteur der„Märkischen Volks- stimme", Genosse Richard Perner in Forst, zu einer Geld- strafe von 50 Mark verurteilt worden. Er hatte auS einem Berichte in der Korrektur drei beleidigende Worte gestrichen, sich aber nicht davon überzeugt, daß der Setzer sie' auch wirklich entfernt hatte. Tatsächlich waren sie dann stehen geblieben. Auf die Revision des Staatsanwalts hob das Reichsgericht das Urteil unter Aufrechterhallung der Feststellungen auf, weil die Strafzu- messungsgrüiide nicht rechtSirrtumSfrei sind und der die Einziehung und Unbrauchbarmachung betreffende Teil des Urteils nicht genügend begründet ist.— Die prinzipiell wichtige Frage ist vom Reichs- gericht nicht entschieden. Eine Verurteilung wegen eines derartigen Delikts verkennt die technische Herstellung einer Zeitung. Diese macht die Revision einer Korrektur fast unmöglich. Mehrere Fälle von Palctotdiebstählen gelangten gestern vor den verschiedenen Strafkammern des Landgertchts I zur Verhandlung. Einen trüben Einblick in das studentische Proletariat bot hierbei eine Anklagesachc gegen den 26 jährigen Studenten Alexander Gasten iecki, welcher aus der Haft der ersten Strafkammer des Landgerichts I vorgeführt wurde. Im November und Dezember v. I. wurden in den Korridoren der Universität und der Technischen Hochschule in Charlottenburg eine große Anzahl Paletotdiebstähle verübt, ohne daß es gelang, des Täters habhaft zu werden. Die 51riminalpolizei ermittelte, daß in verschiedenen Pfandleihen in der Invaliden- und Chausseestraße von einem Studenten Gosieniecki Paletots versetzt worden waren. Der Angeklagte wurde danrnfhiiv beobachtet und bei der Begehung eines neuen Paletotdiebstahls in der Universität festgenommen. Er bestritt anfänglich die Absicht einer rechtswidrigen Aneignung, räumte jedoch schließlich fünf Diebstähle ein. Vor Gericht wiederholte der Angeklagte sein.Geständnis und er- klärte auch unter Tränen, daß ihn nur die bitterste Not zu den Dieb- stählen verleitet habe. Sein Vater wäre früher Gutsbesitzer gewesen und lebe jetzt als Rentier in Königsberg. Nachdem er zwei Semester in Breslau studiert habe, wäre er dann bei der Technischen Hoch- schule in Charlottenburg iminatriluliert worden. Als er Ostern 1005 sein Examen nicht gemacht habe, wäre er mit seinem Vater in Streitigkeiten gekommen, die zu einem vollständigen Bruch geführt hätten. Sein Bater habe ihm von diesem Zeitpunkt ab jede Unter- stützung entzogen. Er habe versucht, sich durch Uebersctzungen und durch Ausführung technischer Arbeiten über Wasser zu Hilten. Als er nach und nach sämtliche Wertsachen versetzt hatte, um nicht Hunger zu leiden, sei er eines Tages von seiner Wirtin exmittiert worden. Um in der bitteren Kälte wciiigstcns eine warme Stube zu haben, habe er sich verleiten lassen, den ersten Palctotdiebstahl zu begehen, dem bald die übrigen gefolgt wären.— Der Staatsanwalt beantragte mit Rücksicht auf die Notlage des Angeklagten, die ihn zum Diebstahl verleitet habe, eine Gefängnisstrafe vem vier Monaten. Der Ge- richtShof erkannte auf drei Monate Gefängnis. Zwei Pseudostudenten, die ebenfalls als Paletot- mardcr„gearbeitet" hatten, muhten sich in den Personen deS „HmdlungSgehilfen" Franz Gru nwald und des„Zeichners" Erich R o s ch vor dem Strasrichter verantworten. Beide wurden be- schuldigt, gemeinschaftlich in den Räumen der Friedrich Wilhelms- Universität und der Technischen Hochschule Paletotdicbstählc verübt zu haben. Die Angeklagten wurden von Kriminalbeamten beobachtet, wie sie sich, mit Studentenmützen bekleidet, in der Weste„Bierzipfel" in den Färbet? einer hiesigen Verbindung, in auffälliger Weise vor der Universität bewegten. Rosch hatte sich außerdem noch künstlich einen„Schmiß" auf der linken Wange beigebracht. Vor Gericht war Grunwald geständig, während Rosch jede Schuld bestritt, jedoch von G. stark belastet wurde. Der Gerichtshof hielt die Angaben des Mit. angeklagten für nicht ausreichend, am den bisher unbescholtenen Rosch zu überführen und sprach diesen Angeklagten mangels ge- nügenden Beweises frei und erkannte gegen Grunwald auf einJahrGcfängnis. Auf frischer Tat wurde am 11. Dezember v. I. ein Palctotmarder durch die Aufmerksamkeit des Geschäftsführers Säger im„Kaiser-Cafe" abgefaßt. Gegen Abend betrat ein besser gekleideter Herr mit einer Dame das Cafe. Nach einiger Zeit verließen beide das Lokal. Ter„Ehemann" ließ sich in aller Gemütsruhe von dem Kellner in einen Paletot hineinhelfen. Zufällig hatte der Geschäfts- führer jedoch bemerkt, daß der Betreffende mit einem schäbigen Svmmerüberzieher das Lokal betreten hatte, es nunmehr aber mit einem anderen wertvollen Paletot verlassen wollte. Als der Gast auf diese Verwechselung aufmerksam gemacht wurde, tat er noch sehr ent- Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts rüstet, mußte sich jedoch schließlich bequemen, der« Paletot wieder auszuziehen, da ein anderer Gast sein Eigentum reklamierte. Auf der Polizeiwache erkannte man den ivkarder als den schon mit Zucht- Haus bestraften„Kaufmann" Franz Thiel. Vor der siebenten Strafkammer war T. gestern wegen Rückfalldiebstahls angeklagt. Er behauptete, in völlig betrunkenem Zustande in das„Kaiser-Cafe" gekommen zu sein. Als die Zeugen dies widerlegten, behauptete der Angeklagte, durch Schläge auf den Kopf, die ihm ein Mitgefangener im Zuchthaus versetzt habe, geisteskrank geworden zu sein. Ter Ge- fängnisarzt, Mcdizinalarzt Dr. Ho ff mann, ivurde beauftragt. den. Angeklagien im UntersuchiingSgefäitgnis auf seinen Geisteszustand zu untersuchen. Dann soll ein neuer Termin anberaumt werden. Statt Zahlung Anklage! Der Tischlermeister Hermann Weber ist in zwei Instanzen von der Anklage wegen Diebstahls freigesprochen worden. Weber halte Tischlerarbeite» für den Archt- tektcn Trinkkeller übernommen. Als dieser nicht zahlte, ließ Weber kurzerhand aus dem Neubau Beethovcnstr. 39/4i durch seine Gesellen 83 Türen. 2 Fenster und 2 Fensterspinden fortnehmen und verkaufen. Trinkkeller erstattete Anzeige: aber sowohl vom Schöffen- gericki als auch von der Strafkammer Ivurde W freigesprochen. Das Schöffengericht nabm an. daß die Gegenstände noch nicht eingesetzt gelvesen, im Eigetituin des Angeklagten verbliebe» seien, mitbin noch nicht in den Besitz des T. übergegangen seien. Die Strafkammer nahm an, daß dem Weber zum mindesten da? Bewußtsein der Recktsividrig- keit seiner Handlungsweise gefehlt habe, worauf der Staatsanwalt die Berufung zurückzog.— Die Freisprechung entspricht� dem allgentetnen Rechtsempfinden. Wenn dem Schuldner gar noch«traf- schütz gewährt iväre, so könnte das geradezu als Prämie für Nicht- zahlung wirken. Die Anklage war also überflüssig. Der Willkommensoruß in der BcztrkSarntenanstalt zu Taucha. Wegen vorsätzlicher Körperverletzung im Amte ist am 17. April v. I. vom Landgerichte Leipzig der frühere Bezirksanstaltsanfseher Paul Sei'fert in Taucha zu sieben Monaten Gefängnis ver- urteilt worden. In Taucha befindet sich eine Bezi'ksarmeiianstalt für Sieche. Geisteskraitke und Korrektionäre beider Geschlechter. Der Anstaltsanfseher hat Disziplin zu üben, aber körperliche Züchtigungen nicht vorzunehmen, ebensomenig wie der Hansverivaller. Seifert war seit September 1903 Aufseher. Wie festgestellt ist. hat er wiederholt— es handelte sich um sieben Fälle— nett eingelieferten Personen Schläge als Willkommen ver- setzt I Im ganzen sind zehn Körperverletzungen festgestellt. Der Angeklagte hat mit der Hand geschlagen, mit dem Schlüsselbunde ins Gesicht und mit dem Seitengewehr auf« Kreuz. In zwei Fällen hatten die Schläge sichtliche nachteilige Folgen für die Geschlagenen.— In seiner R e v t s l o n behauptete der Angeklagte, er sei nicht als Beamter anzusehen, er sei nur Krankenpfleger gewesen. Er habe angenommen, daß ihm ein Züchtigungsrecht zustehe. Mündlich führte der Angeklagte in der Verhandlung� noch hinzu, er sei als Aufseher über 50 Leute überlastet gewesen.— DaS Reichsgericht erkannte am Sonn- abend auf Verwerfung der Revision. Ohrfeigen in der Schule. Wegen Körperverletzung im Amte ist am 6. Oktober v. I. vom Landgerichts Plauen der Lehrer Max MeichSner in Falkenstein zu einer Geldstrafe von 60_ M. verurteilt worden. Er hatte den Schüler S. mit beiden Händen am Halse gepackt, ihn aus der Bank gezogen und ihm zwei Ohrfeigen gegeben, die dem Knaben schmerzlich waren. Ein Zusammenhang der Ohrfeigen mit der später festgestellten Ohreiterung hat sich nicht nachweisen lassen. Schläge an den Kopf sind laut Rcgierungserlaß unter allen Umständen auszuschließen.— In leinet Revision bestritt der Angeklagte, sich schuldig gemacht zu haben. Ohrfeigen seien ein traditionelles, sehr geeignetes Zucht- mittel. Er habe nur ganz leicht geschlagen. Der Vater des ver« letzten Knaben, der sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschloffen hatte, war persönlich vor dem Reichsgerichte erschienen und beantragte wie der Reichsauwalt die Verwerfung der Revision. DaS Reichsgericht erkannte demgemäß. Leider hören trotz der in ständiger Praxis gegen schlagende Lehrer erkennenden Rechtsprechung des Reichsgerichts die die Gesundheit eines Kindes leicht höchst ge- fährdenden Schläge gegen den Kopf eines Schülers nicht auf. Schuld hieran trägt der Umstand, daß n i cht in allen Schulbezirken der- artige Schläge als stets strafbar erachtet werden und daß m Preußen das OberverwaltuugStzericht sehr geneigt ist, den Kompetenzkonflikt in Prozessen gegen mißhandelnde Lehrer zu erheben. )Zus der frauenbeivegung. Rixiwrf. Mittwoch, den 7. Februar, hielt der Verein gewerblich tätiger Frauen und Mädchen bei Thiel, Bcrgstr. 151/52, seine Monats- Versammlung ab. Da Herr Dr. Silberstein abgesagt hatte, hielt Genossin Zeetze ein Referat über:„Alte und neue Weltanschauung und unsere Schule". Der Vortrag fand reichen Beifall. Zur Auf- nähme meldeten sich l0 Personen. Unter Verschiedenem wurde noch auf das am 7. April stattfindende Stiftungsfest hingewiesen. Dann wurden die Mitglieder angeregt, die Heimarbeitausstellung zu bc- suchen- Diese biete gerade für die arbeitenden Frauen sehr vorteil- hafte Einblicke in dos wirtschaftliche Leben, in die erbärmliche soziale Lage weiter Kreise des Proletariats. Weißens«. Heute Dienstag, den 13. d. M.. findet im Prälaten. Lehderstr. 122, eine Volksversammlung statt, in welcher Genosse Adolf Hoffmann über„die Berpfaffung der heutigen Volksschule" sprechen wird. Es ist Pflicht einer jeden Genossin sowie eines jeden Genossen, in dieser Versammlung zu erscheinen sowie rege für die- selbe zu agitieren' Eintragung einer Frau in die städtischen Wahllisten. AttS Rom wird berichtet: Die aus Sozialisten bestehende Wahlkommission der Stadt M a n t u a hat dem Antrage des Fräulein Beatrice Sacchi (Dr. phil.) um Eintragung in die städtische Wählerliste stattgegeben. In der Begründung cheißl es, daß weder die italienische Verfassung noch das heutige Wahlgesetz die Attsschlteßung der Frau vom Wahl- recht ausdrücklich formuliert. Derartige sporadische Eintragungen von Frauen m die Wählerlisten dürsten der Sache des Frauen- stimmrechtö wenig nützen, sondern allein den Aufsichtsbehörden eine Handhabe zur Anuulltecuttg der betreffenden Wahl bieten. Versammlungen. Verband der Schneider und Schneiderinnen. Die Mitglieder der Filiale Berlin versammelten sich am Mittwoch im Gewerkschafts- hause. Nach der Abrechnung vom vierten Quartal 1005 balcuizicrten die Einnahmen und Ausgaben der Hauptkasse mit 17 543,80 M., die der Lokalkassc mit 6684,10 M. Ter Mitgliederbestand war an: Ende des Quartals 1800 mämÄiche. 600 weibliche Personen. ES wurde beschlossen, eisten weiteren Beamten im Verbandsbureau an- zustellen. Nach dem Tätigkeitsbericht der Brandenburger Kom- Mission wurden drei Agitationstouren durch die Provinz Branden- bürg im vorigen Jahre unternommen. Die Zahl der Filialen, jetzt 13. hat sich um eine, in Landsberg a. W.. vermehrt. Ter Mit- gliedcrbestand hat, außer in Frankfurt a. O., keinen großen Auf- schwung genommen; in Charlottcnburg, Potsdam und Brandenburg hat sich die Zahl der Mitglieder etwas vermehrt. Es haben 51 Ver- sammlungen stattgefundeti. Die Einnahmen der Kommission bc- trugen 367 M.. die Ausgaben 310 M., bleibt noch ein Bestand von 48 M. Die Mitglieder der Kommission, Knoop, Gebauer, Sabbath, wurden wiedergewählt. Ferner wurden sechs Delegierte zur Ge- werkschaftskommiffion gewählt: Gebauer, Kunze, Ritter. Schulze. Dippel, Gutsch.— Uebcr die HeimarbeitauSstellung entspann sich eine kleine Debatte. Ter Vorsitzende forderte die Versammelten auf, die Heimarbeitvtisstcllung zu besuchen. ES solle niemand denken: „Mein Hau» brennt noch nicht", sondern es als Pflicht ansehen, sich auch um das Wohl deS NackftarS zu bekümmern. Zuchdruckerei u. Verlagsanftalt Paul Singer L- Co.» Berlin SVr Nr. 36. 23. Jahrgang. 2. litilnjc Ks.Awillls" Kerlim MgM Dienstag, 13. Februar IM. Preußischer Kergarbeiter- Delegiertentag. E s s e n a. R., 11. Februar. «uf Veranlassung der„Siebenerkommission", welche im vorigen Ja?hre zur Leitung deZ großen Bergarbeiterstreiks aus den vier Bergarbeiterorganisationcn gebildet worden war, trat heute früh im großen Saale von van de Loa in Essen eine neue allgemeine preußische Bergarbeiterlonferenz zusammen, um zu den Berg- arbeiterfragen Stellung zu nehmen, welche in der vergangenen Woche auch die Parlamente eingehend beschäftigt haben. Vertreten sind der zirka 130 000 Mitglieder zählende Berg- arbeiterverband, der Gewerkverein christlicher Bergleute mit etwa 80 000 Mitgliedern, der Hirsch-Duncfersche Gewerkverein und die Organisation der polnischen Bergleute. Es sind auch sämtliche preußischen Bergreviere vertreten. Als Vertreter der General- kommission ist Genosse Silberschmidt anwesend. Der Vorsitzende der Siebenerkommission, Johann Effert l Christlicher Gewerkvcrein) eröffnete die Verhandlungen. Auf seinen Vorschlag werden die Vorsitzenden der beiden größten Ver- bände. Reichstagsabgeordneter Sachse vom„alten" Verband und K öfter(Essen) vom Christlichen Gewerkverein, zu Leitern der Ver- Handlungen gewählt. Abg. Sachse übernimmt den Vorsitz und führt aus: In der letzten Zeit seien wieder Notizen durch die Presse gegangen, daß die Siebenerkommission nicht einig sei und in einigen Punkten auseinandergehe. Er mache keinen Hehl daraus, daß der Äonkurrenzstreit der verschiedenen Richtungen zu Auseinander- setzungen führe. Aber in allen den Punkten, welche die Konferenz in Berlin beschäftigt habe, und welche sie heute beschäftigen werde, gingen sie vollständig einig zusammen.(Lebhafter Beifall.) Der erste Punkt, die Stellungnahme zum Knappschafts- gcsetz, habe das preußische Dreiklassenparlament bereits in erster Lesung beschäftigt. Trotzdem sei es nötig, daß die Bergleute hierzu ihre Wünsche und Forderungen aussprechen. Für das Referat sei ein praktisch arbeitender Bergmann und Knappschaftsältester ge- wonnen� worden, damit die verschiedenen reaktionären Herren nicht sagen können:„Ach, diese Geschichten machen ja doch die Verbands- leiter und Hetzer!" Nach Ansicht dieser Leute sind wir ja alle Hetzer. — Sie von der anderen Seite nicht ausgeschlossen.(Sehr richtig! Heiterkeit.) Zum ersten Punkte der Tagesordnung Stellungnahme zum KnappschaftS-Gesetzentwurf spricht Knappschaftsältester Ernst Brinke- Oberhauscn(Alter Verband). Die Bergleute wollten der Ocffentlichkeit zeigen, daß ihre Forderungen zur Knappschaftsreform sich durchaus im Rahmen der Möglichkeit bewegten und daß sie keineswegs unsere Industrie auf dem Weltmarkt konkurrenzunfähig machen wollten. Redner tritt den Behauptungen des Abg. H i l b ck entgegen, daß das Unter- nehmcrtum durch die sozialpolitische Gesetzgebung übermäßig be- lastet werde. Eine der Forderungen der Bergleute gehe dahin, daß dem Bergmann nach Löjahriger Mitgliedschaft, nach 1300 Beitrags- Wochen, auch ohne Nachweis der Arbeitsunfähigkeit die Invaliden- Pension ausgezahlt werde. Eine solche Forderung sei durchaus billig und gerecht. Wenn der Bergmann 25 Jahre als Pionier der Kultur gearbeitet habe, wenn er 25 Jahre lang des Tageslichtes entbehrt habe, dann sei es nur ein Akt nationaler Gerechtigkeit, ihm diese kleine Rente auf seine alten Tage zu gewähren, selbst wenn er noch weiter arbeite. Die finanzielle Belastung werde keine allzu große sein, denn lange nach der Lbjährigen Tätigkeit werde der Bergmann nicht mehr auf dieser Welt sein, die ihm ja überhaupt nur ein Jammertal gewesen sei. DaS Lebensalter der preußischen Bergknappen fei immer mehr zurückgegangen, das Durchschnittsalter betrug 1861: 55 Jahre, 1904: 46 Jahre(Hört! hört!) Mit aller Entschiedenheit müßten sich die Bergleute dagegen wehren, daß. um die Leistungsfähigkeit der Knappschaftskassen aufrecht zu erhalten, die bereits bestehenden Rentensätze herabgesetzt werden, wie es in dem Entwurf vorgesehen sei und auch von den Unternehmern ver- langt werde. Die Behauptung des Abg. Hilbck, der sich immer auf den Bochumer Knappschaftsverein berufe, sei unrichtig, daß die Leistungen der Knappschaften das Dreifache der Reichsversicherung leisteten. Es gebe kleine Knappschaftsvereine, welche nach 20jähriger Beitragszahlung fünf Mark monatlich Invaliden- renke zahlen, das seien doch wahre Hungerlöhne und er glaube, daß Herr Hilbck eine solche Rente vielleicht an einem Tage ver- frühstücken würde.(Sehr wahr! Heiterkeit.) Mögen Regierung und Landtag den Wünschen der Bergleute und dem tatsächlich vor- liandencn Elend Rechnung tragen, damit nicht die Erbitterung der Bergleute wiederum zu einer so schweren Katastrophe führe, wie im vorigen Jahre.(Lebhafter Beifall.) Redner unterbreitet der Ver- sammlung einen längeren Antrag, der die Forderungen der Berg- lcute zusammenfaßt. Der Antrag lautet: Die am 11. Februar in Essen tagende, von allen größeren Revieren beschickte Konferenz der organisierten Bergarbeiter Preußens nimmt Stellung zu dem Gesetzentwurf, betreffend Titel VIl des Allgemeinen Berggesetzes(Knappschastsvereinc be- treffend) und beschließt, dem Abgcordnetenhause folgende Aen- derungsvorschläge des benannten Gefctzentwurfes zugehen zu lassen: 1. Di« Konferenz ist nicht damit einverstanden, daß besondere Knappschaftskrankcnkassen mit besonderer Verwaltung zugelassen, sondern wünscht, daß die Krankenkassen den KnappschaftSvercinen einverleibt und der Verwaltung derselben unterstellt werden. Ebenso ist gesetzlich die Gründung neuer Knappschaftsvcrcine zu verbieten. 2. Wir sind mit dem Verlangen der Werksbcamten, für Beamte mit über 2000 M. Gehalt besondere Pensionskassen mit eigener Verwaltung zu gründen, ganz einverstanden und bitten, das Gesetz demgemäß zu ändern, weil die Beamtenpensionen viel- fach durch Arbeitrrbesträge aufgebracht werden. _ 3. Wir bitten, in diesem Gesetz auch gleich die Frage der freien Arztwahl mitzuregeln. Zu diesem Zweck ist mindestens den Mitgliedern der Knappschaftsvercine die Wahl in einem be- stimmten Umkreise unter den Acrzten freizustellen, welche für das von der Verioaltung des KnappschaftsvcreinS mit anderen Aerzten vereinbarte beziehungslveise von der Knappschafts- Verwaltung anerkannte Arzthonorar die Behandlung übernehmen. Der Ilmkreis vom Wohnsitz dcS Mitgliedes darf dabei deshalb nicht zu enge gezogen werden, weil in Bergrevicren Ortschaften von großer Ausdehnung sehr häufig vorkommen. Da mindestens auch Aerztc aus Nachbarorten init zur Auswahl für die Mitglieder zugelassen werden müssen, ist der Umkreis auf mindestens zehn Kilometer, voin Wohnort des Mitgliedes aus gerechnet, zu be- messen. Wir bitten deshalb, in tz 170a noch eine Bestimmung vielleicht folgende» Inhaltes einzufügen: „über die Zulassung der Aerzte und approbierten Naturheil» kundigen, wobei den Mitgliedern das Recht zur freien Wahl derjenigen Aerzte und Naturheilkundigeir zuzugestehen ist, welche in einem Umkreise von zehn Kilometern, vom Wohnorte des Mitgliedes zerechnet, wohnen und die Behandlung der Knappschaftsmitglieder für diejenigen Honorarsätze übernehmen, welche die Kimppschaftsverwaltung mit anderen Aerzten ge- troffen beziehungsweise beschlossen hat." 4. DaS Krankengeld bitten wir im§ I71d auf mindestens zwei Drittel des im letzten Jahre verdienten Durchschnittslohnes festzusetzen: hingegen die Strafen auf den einfachen Betrag de? Krankengeldes zu normieren. 5. Die freiwillige Mitgliedschaft(§ 172d) bitten wir zu er- leichtern und über ein Jahr hinaus zuzulassen; es müssen diesen Mitgliedern aber die vollen Recht«, auch das passive und aktive Wahlrecht belassen werden, weshalb der letzte Satz im§ 1713, Ab- l'atz 3 zu streichen ist. S. Da viele Bergleute nach fünf- bis zehnjähriger Arbeitszeit schon eine Schädigung ihrer Gesundheit erlitten haben, ist der Ucbertritt der Mitglieder von einem Verein in den anderen mög- lichst zu erleichtern. Durch die Bestimmung des Z 172 Absatz 1 wird aber die geplante Gewährung der Freizügigkeit ganz be- deutend eingeschränkt, wenn nicht vielfach ganz aufgehoben. Wir bitten deshalb, die Bestimmungen in bezug auf Aller und Ge- sundheit für die aus anderen Knappschaftsvereinen übertretenden Mitglieder nicht so zu belassen, sondern diese Bestimmungen im besagten Absatz 1 und§ 172c Absatz 1 demgemäß zu erweitern, daß auch für die Knappschastsmitglieder das Freizügigleitsgesetz wirklich in Kraft tritt und die Versicherungspslicht mit dem 16. Lebensjahre zu beginnen hat. 7. Ganz unannehmbar ist die Bestimmung im§ 172z, wonach die Invaliden-, Witwen- und Waisenrente nebst Sterbegeld nur dann gezahlt wird, wenn Arbeitsunfähigkeit oder Tod nicht durch „eigenes grobes Verschulden" verursacht ist. War die bisherige Bestimmung schon äußerst hart, wonach die Jntxrlidenrente verweigert werden konnte, falls„grobes Ver- schulden" vorlag, so ist es geradezu himmelschreiend, diese harte Bestimmung nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern sie sogar auf das Sterbegeld und auf die Hinterbliebenen anzuwenden. Wir bitten dringend, die ganze Bestimmung zu streichen. 8. In Ziffer 1 des§ 172z bitten wir noch einzufügen, daß die Jnvalidenunterstützung auch nach 25jähriger Mitgliedschaft (1300 Beitragswochen) gewährt werden muß, ohne Nachweis der Arbeitsunfähigkeit: ferner, daß die Witwenrente in Höhe von zwei Drittel des JnvalidengeldeS gezahlt werden soll und die Waisen- fürsorge bis zur Vollendung des 15. Lebensjahres ausgedehnt wird. 0. Im Absatz 2 des§ 172z und§ 1726 Absatz 1 bitten wir die Wartezeit, entsprechend dem Reichsinvalidenversicherungs- gesetz von 5 Jahre auf 200 Beitragswochen herabzusetzen. 10. Den§ 172b bitten wir so zu ändern, daß die einzelnen Knappschaftsvereine keine Mitgliederklassen einführen können, sondern einheitliche Beiträge, einhestliche Wochensteigerungen und auch einen einheitlichen Grundbetrag bei jeder Rente anzurechnen haben. Demgemäß bitten wir auch 8 l�c Absatz 2 zu ändern. 11. Im Z 1726 Absatz 1 bitten wir die Anerkennungsgebühr auf höchstens 2 M. jährlich zu beschränken und auch die Zulassung der freiwillig volle Beiträge fortzahlenden Mitglieder unter voller Steigerung ihrer Rechte vorzuschreiben und namentlich auch die Rückerstattung ihrer Beiträge an solche Mitglieder gesetzlich vorzuschreiben, die von den Wcrksbesitzern entlassen werden, ohne daß gegen sie einer der im§ 82 Ziffer 1 bis 7 des Allgemeinen Berggesetzes angegebenen Gründe vorliegt oder welche die Arbeit aus einem der in 8 83 Absatz 1, Ziffer 1 bis 4 oder aus den in § 152 der Gewerbeordnung enthaltenen Gründen verlassen hat ober verlassen mußte und nicht in eine andere Knappschafts- pensionskafs« übertritt. Ferner bitten wir bei 8 1�3 noch folgenden Satz einzufügen:„Verlorene Anrechte leben wieder auf(ent- sprechend 8 46 Absatz 4 des Reichsinvalid«, Versicherungsgesetzes), falls Mitglieder wieder bei ein«n Vereinswerk in Beschäftigung treten oder durch freiwillige Beiträge 200 Beitragswochen zurück- gelegt haben. 12. Die Verjährung der Unterstützungsansprüche im 8 1�3 Absatz 1 bitten wir zu ändern und nach 8 135 des Bürgerlichen Gesetzbuches zu bestimmen. Hingegen im Absatz 3 des 8 173 bitten wir die Aufrechnung zu Unrecht gezahlter Unterstützungen nur für zwei Jahre rückwärts zuzulassen. Kam es doch jetzt vor, daß zu viel gezahlte Witwenrente vom Bochumer Knappschaftsvcrein auf über zehn Jahre rückwärts aufgerechnet wurde. Hatte eine Kasse zehn Jahre lang zu viel gezahlt— und die Witwe hat ihre Rente, die sie wohl nicht selbst berechnen konnte, also sicher in gutem Glauben genommen und vermehrt— so ist es ganz am Platze, auch die Kassen Verwaltung für solche langjährige Fehler verantwortlich zu machen. 13. Desgleichen bitten wir in 8 173 folgende Bestimmung ein zufügen:„Auf Knappschaftspensionen dürfen Unfallrenten, zu Militärpensionen nsw. nur dann aufgerechnet werden, wenn diese Renten zusammen den Betrag übersteigen, den das betreffende Mitglied in den letzten zehn Jahren als Durchschnittslohn verdient hat. Knappschaftsvereine dürfen, auch wenn sie für die reichs- gesetzliche Invalidenversicherung keine besonderen Beiträge er- heben, den Zuschuß, ivelchen das Reich zu jeder reichsgesetzlichen Rente zahlt, nicht aufrechnen." 14. Eine bedeutende Verschlechterung enthält der§ 1756 Ab satz 1, welcher in Arbeitcrkreiscn eine große Erregung verursacht hat, weil nicht nur die Minderungen der Kassenleistungen herbei- geführt werden, sondern weil sogar nach dem neu angefügten zweiten Satz diese Minderung auch auf die bereits bewilligten oder rechtskräftigen Pcnsionskaffenleistnngen ausgedehnt werden kann. Die Erhöhungen der Kassenleistungen kommen in der Regel den Bezugsberechtigten nicht zu gute, hingegen eine Verringerung der Bezüge sollen sie sich gefallen lassen. Das kann unmöglich in das Gesetz aufgenommen werden, weshalb wir dringend um Ablehnung dieser Verschlechterung bitten. Ter erste Entwurf enthält dieselbe nicht. 15. Im§ 179 bitten wir nicht nur unter all«. Umständen das geheime, direkte Wahlverfahren beizubehalten, sondern auch daS passive und aktive Wahlrecht auf alle invaliden und freiwilligen, ebenso aber auch auf nichtdeutsche Mitglieder(Ausländer) aus- zudehnen: desgleichen auch im 8 130 zur Wahl des Knappfchasts- Vorstandes die geheime Wahl vorzuschreiben. 16. Im§ 181 Absatz 2 bitten wir die Bestimmung vorseh«, zu wollen, daß bei allen Abstimmungen die einfache Majorität zu entscheiden hat. Unter keinen Umständen aber darf nach dem Verlangen des Abgeordneten Hilbck vom 22. Januar d. I. der Vorsitz und die Entscheidung den Wcrksbesitzern in die Hände gc- legt werden. 17. Im 8 134 muß neben dem Vertreter des Oberbergamtes auch den Vertretern der Arbeiter und der Werksbesitzcr das Recht der Anrufung des ObcrschiedsgcrichteS gegen gesetzwidrige Be- schlüffe gegeben»erden. 18. Die Bestimmungen im 8 136-, Absatz 1 und 2 sind zu weit- gehend und bitten wir zu streichen. 19. Den Rechtsweg bitten wir bei§ 186a Absatz 2, Ziffer 3 nicht auszuschließen. 20. Entgegen dem früheren Entwurf der Regierung sind im § 186b für die SchicdSgerichtLbeisitzer keine Stellvertreter mehr vorgesehen. Wir bitten dringend, die Stellvertreter überall wieder einzufügen und das in Absast 4 und 6 vorgesehene Ernennungs- recht der Beisitzer durch das Oberbergamt vollständig zu beseitigen, sowie im Absatz 5 die Wahlperiode nicht auf fünf, sondern höchstens auf drei Jahre auszudehnen und Neuwahlen für alle aus- geschiedenen Schiedsgerichtsbeisitzer vorzusehen, sobald kein Stell- Vertreter mehr vorhanden ist. 21. Da selbst zum Reichstag jeder 25 Jahre alle Bürger ge- wählt werden kann, und auch im alten Entwurf nur die Boll- jährigkeit vorgeschrieben war, bitten wir, auch im 8 136c da? ein- undzlvanzigste Jahr wieder einzusetzen und auch den Ausländern bei dieser Wahl da? passive und aktive Wahlrecht zu belassen. 22. Die hohe Strafe von 500 M. im§ 186c bitten wir in 300 umzuwandeln. 23. Auch»m§ 186- ist gegenüber dem ersten Entwurf eine bedeutende Verschlechterung darin zu erblicken, indem im Ab- satz 4 nur je ein Vertreter zur Schiedsgerichtssitzung heran- gezogen werden soll, während der erste Entwurf, den Arbeiter- wünschen entsprechend, je zwei Beisitzer vorsah. Wir bitten dringend, auch in diese», Paragraphen die Zahl des erst«, Ent- Wurfes wieder einzufügen, denn die Besetzung der Bcrggewcrbc- gerichte mit nur je einem Beisitzer ist von jeher ein Beschwerde-. Punkt der Arbeiter gewesen, weshalb dieser selbe Fehler bei Er- richtung der neuen Schiedsgerichte unbedingt vermieden wer- den muß. Das im Absatz 6 vorgesehene Ausnahmerecht des Vor. sitzenden, die Beisitzer nach Belieben zu berufen, bitten wir UN- bedingt zu streichen, weil es nur Mißtrauen und Mißdeutung erweckt, was sicher nicht im beiderseitigen Interesse liegt. 24. Schließlich bitten wir noch dringend, im 8 186I„ gegen die Urteile des Schiedsgerichtes nicht bloß die Revision, sondern den Rekurs an das Oberschiedsgericht zuzulassen, damit beide Teile auch bei unbefriedigenden Urteilen des Schiedsgerichtes noch das Oberschiedsgericht anrufen können. Hierauf wttd die Diskussion eröffnet. Johann Leimpeters- Bochum, Redakteur der Bergarbeiter- Zeitung(Alter Verband), macht Mitteilung von einer Petition des Knappschaftsvereins Meinertzhaufen in der Eifel. Dieser Verein, der bereits dreimal die Beitragsleistungen herabgesetzt habe, habe beim Landtag petitioniert, die Vorlage rundweg abzulehnen. (Hört! hört!) Die Petition wende sich gegen die Frelzügigkeit der Mitglieder und die Sicherstellung der Renten. Unvegreiflicherweise habe fast die gesamte Belegschaft der Bleibergwerksgrube mechanisch die Petition unterschrieben.(Hört! hört!) Er habe an Ort und Stelle Nachfrage gehalten, und oa hätten ihm mehr als 20 Arbeiter mit Bestimmtheit erklärt, daß sie zwar etwas hätten unterschreiben müssen, daß ihnen aber nicht gesagt worden sei, um was es sich handele.(Hört! hört!) Auf seine Frage, weshalb sie sich denn nicht organisierten, sei ihm erwidert worden, man habe auch schon an Effert nach Essen geschrieben, aber da hätten sie große Schwierigkeiten bei der Werksleitung und beim Bürgermeister ge- habt. Der Pfarrer habe ihnen gesagt:„Um Gottrswillen, bleibt nur mit dem christlichen Grwerkverei« weg; wir haben doch schon den katholischen Arbeiterverein."(Lachen.) Das ist das Revier, von dem August Brust gesagt hat, er wünsche ihm zwar nicht die Cholera auf den Hals, abcr�die Sozialdemo» k r a t i e, damit die Arbeiter endlich aufgeklärt werden.(Stürmische Heiterkeit.) Der Pfarrer hat in der Kirche am Sonntag von der Kanzel herunter die Arbeiter aufgefordert, die Wagen vollzuladen. (Großes Gelächter.) Die Beamten führten darüber Beschwerde; die Arbeiter bekämen ja die Wagen voll bezahlt und machten sich des Betruges schuldig. Und Betrug sei Sünde.(Allseitiges großes Ge- lächter.) Redner schließt: Und das passiert in einem Kreise, der eine Hochburg des Zentrums ist.(Große Unruhe und Beifall.) Becker- Altenessen(Christi.) wendet sich gegen die Bestim- mung, daß bei gröblichem Selbstverschulden des Arbeiters keine Invalidenrente gezahlt werde. Bei Offizieren handele man anders. Diese könnten sich gegenseitig zu Krüppeln schießen und bekämen doch ihre Pension. Vor Eintritt der Mittagspause nimmt Köster(Christi. Ge- werkverein) das Wort zu einer Erklärung gegen Leim- peters. Heute früh habe Sachse erklärt, daß sie trotz mancher Konkurrenzstreitigkeiten einig seien. Seine Freunde hätten diese Erklärung mit Freuden begrüßt, aber umsomehr den Angriff Leim- peters gegen das Zentrum bedauert.(Zustimmung.) WaS habe die Zentrumspartci hier zu tun?(Lebhafter Beifall bei den Christ- lichen.) Die Situation ist sehr gefährdet. Da sollte man sich hüten. einen Zankapfel hier hineinzuwerfen.(Sehr wahr!) Wir haben die ehrliche Absicht, mit Ihnen zusammen zu arbeiten.(Stürmischer Beifall bei den Christlichen.) Am Nachmittag führt Köster vom Christlichen Gewerkverein den Vorsitz. Es sind 157 Delegierte und Gäste anwesend, davon entfallen 76 Delegierte auf den Alten Verband, v6 auf den Christ- lichen Gewerkverein, 17 auf die Polenorganisation, 1 auf die Hirsch- Dunckersche Organisation. In der weiteren Debatte tritt Sossinski» Bochum(Pole) für die freie Wahl der Knappschaftsältesten ein und wendet sich gegen die Bestimmung, daß nur der deutschen Sprache mächtige Arbeiter wählbar sein sollen. Der Abg. Hilbck habe gemeint, daß sonst die ganze Polenpolitik scheitern würde. Alle Arbeiter müßten doch die Beiträge zahlen, aber wenn man nichts anderes gegen die Arbeiter vorzubringen vermöge, komme man mit der Polenpolitik. Die Regierung habe schon über 400 Millionen Mark für die Polenpolitit ausgegeben und nichts erreicht. Sie werde auch gegen die Arbeiter nichts erreichen, wenn diese zusammen-. halten.(Lebhafter Beifall.) Eck-Bensberg(Christlicher Getverkvcrcin): In seinem Bezirk erhalte ein Arbeiter nach 30 jähriger Mitgliedschaft 5,25 Mark Invalidenrente monatlich.(Hört! hört! Bewegung.) Schlö sse r- Aachen(Alter Verband) bringt Beschwerden über das Äiiappschaftslvesen im Wurmrevier vor. Effert- Essen wendet sich gegen Kürzung der KnappschaftL- renken, während bekanntlich Reichseenten voll ausgezahlt werden. Er stelle den Antrag:„Die Knappschaftrentc muß neben den übrigen Renten so lange gezahlt werden, bis sie die Höhe von.... er- reicht hat." K o c z y n s k i- Bcuthcn, Vertreter des„Vereins christlicher Arbeiter zur gegenseitigen Hülfe": In Oberschlesien herrsche große Unzufriedenheit unter den Arbeitern. Diese iverde aber noch steigen, wenn man den Arbeitern, welche nickst das Glück haben, der deutschen Sprache ganz mächtig zu sein, die Wählbarkeit versage.(Beifall.) T h o l l- Waldenburg(Alter Verband) bespricht die Zustände in dem Bergmannslazarctt Neurode. Auf Vorschlag von Sa ch s e wird mit Rücksicht darauf, daß auf dem allgemeinen Knappschaftstag in Berlin unter 67 Delegierten nur fünf Arbeiter gewesen sein sollen, die Zahl der anwesenden Knappschaftsältestcn festgestellt. Es sind unter den Delegierten 67 Knappschaftsälteste: 44 vom alten Verband, 18 vom Gewcrk- verein und 5 von den Polen. Die Debatte ergibt dann noch lvenig Neues. Es werden von viel«r Delegierten Klagen und Beschwerden vorgebracht und vor allem auch das System der Halbinvalidcn getadelt, sowie auch für die Ausländer, die zu den Beitragsleistungeu herangezogen werden, das Recht, über ihre Angelegenheiten mitzusprechen, gefordert. Hamma che r- Oberhausen(Hirsch-Duncker) meint, daß man auf den Landtag keine allzu hohen Hoffnungen setzen dürfe und schließlich wohl noch werde zufrieden sein müssen, wenn wenigstens die Forderungen der Regierung durchgehen. Als letzter Diskussionsredner erklärt Ada me ck-Kattowitz (Alter Verband), daß die obcrschlcsischcn Bergleute zur preußischen Regierung kein Vertrauen hätten, aber immer noch mehr, als zu dem Dreiklassen-Landtag. Tie Bergleute in Oberschlcsicn toürdcn als fünfte Klasse behandelt. Die beantragte Resolution wurde mit verschiedenen Er- gänzungen einstimmig unter lebhaftem Beifall angenommen. Be- schloffen wurde u. a. auch, die Wählbarkeit derjenigen Bergleute zu fordern, welche der deutschen Sprache und Schrift nicht mächtig sind. Zur persönlichen! Bemerkung erklärt Leim peterS- Bochum: Unser Präsident, Kamerad Köster. hat mich heute mittag zur Ordnung gerufen, weil ich den Zankapfel in die Konferenz geworfen hätte.(Sehr wahr! bei den Christlichen, Widerspruch beim Alten Verband.) Das war nicht meine Absicht. Ich hatte nur eine politische Partei kritisiert, nämlich das Zentrum, wie ich jede polittfche Partei stets kritisieren werde, die arbeiterseind- liche Beschlüsse faßt oder arbeiterfeindliche Taten vollbringt.(Sehr gut! bei dem Alter Verband.) Auch hier! Ich war nämlich im dem naiven Glauben hierher gekommen, daß wir lauter neutrale Berg. arbeitcrverbände seien und uns keiner politischen Partei als Partei- gruppe angeschlossen hätten.(Heiterkeit und Sehr gut! bei dem Alten Verband.) Jetzt bin ich allerdings eines anderem belehrt worden. Ich habe zudem nur Mißstände mitgeteilt, wie sie mir berichtet worden waren— aus einer Domäne der Zcntrumspartei. Und die Tatsachen, die ich konstatiert habe, sind wahr!(Lebhafte Zustimmung beim Alten Verband.)� Aber ich bin meinem Freunde Köster wegen des Ordnungsrufes doch nicht böse, denn ich bin ein so guter Christ, datz ich auch meinen Feinden ucrzeihe, auch wenn sie mir nicht verzeihen.(Stürmische Heiterkeit und lebhafter Bei- fall beim Alten Verband.) Vorsitzender Köster: Ich habe nur gebeten, den Konkurrenz- kämpf hier nicht fortzuführen und hier einig zu tagen. Leimpeters hat ganz unnütz einen Seitenhieb auf das Zentrum geführt.(Sehr wahrl bei den Christlichen.) Wir verbitten uns, Schulmädchen für alles zu sein, und ständig Witze über uns zu machen.(Lebhafte Zu- stimmung bei den Christlichen, Lachen im Alten Verband und Zu- rufe:„Nicht über Sie, über das Zentrum!") Seien Sie doch nicht so heuchlerisch! Sie führen doch stets uns als Zentrumsgewerkschaft im Munde. Leimpcters Rede hat den Zankapfel hingeworfen, und das habe ich gerügt.(Lebhafter Beifall bei den Christlichen, Zurufe beim Alten Verband:„llnsinn!"— Heiterkeit.) Die Fortsetzung der Konferenzverfandlungen wird auf Montag, 9 Uhr, vertagt. ' Essen. 12. Februar. Der preußische Bergarbciter-Delegiertentag nahm heute, nachdem der Abg. Sachse über die Forderung eines Reichsberggesetzcs berichtet hatte, einen Beschlußantrag an, der be- sagt, der Bergarbeitertag halte daran fest, daß ein Reichsberggesetz geschaffen werden müsse, damit neben der Regelung bergrechtlicher Fragen für die Bergarbeiter im ganzen Reiche ein genügender Schutz geschaffen und auch das Knappschaftswesen in dem Sinne reformiert und einheitlicher geregelt werde, wie es im Herbst 19lZS der preußische Bergarbeitertag in Berlin beschlossen habe. In dem gefaßten Beschlußantrag heißt es weiter: Falls jedoch die Regierung abgeneigt sei. ein einheitliches Reichsberggesetz zu schaffen, so ersucht der Bergarbeitertag die Regierung und den Reichstag. die Gewerbe-Ordnung noch in dieser Session so zu ändern, daß zum Schutze der Bergarbeiter eine Anzahl näher bezeichneter Vorschriften über Schichtzeit, Ueber- und Nebenschichten, Nullen. Geding-e, Zechen, Wohnungeu, Gruben- kontrolleure, Arbeiterausschüsse und ihre Be- sugnisien, Reform des Knappschaftswesens, Schieds- g e r i ch t e für Streitigkeiten und E i n r i chst u n g von Brausebädern für alle Gruben usw. erlassen werden. Als- dann wurde eine Resolution angenommen, die den Parteien. beziehungsweise deren Worfführern im Reichs- und Landtage, die für Auftläriing der„Boruffm"-Affiire eingetreten sind, den Dank des Bergarbeitertages aussprecht. Vermifcktes. Das größte Segelschiff. Am Sonnabend ist auf RiikmerS Werft das für eigene Rewnung der Firma Rickmers erbaute Schiff „R. C. Rickmers", das größte Scgelicknff der Welt, glücklich vom Stapel gelaufen. Das Scknff ist 134,10 Meter lang, 16,49 Meler breit, hat 8999 Tonnen Tragfähigkeit und 8,23 Meter Tiefgang. Ueber einen Besuch bei einem Zahnarzte erzählt der„Arizona- Kicker" seinen Lesern: Es ist eine traurige Folge der Gefräßigkeit des alten Adam, daß ivir Menschen ohne Zähne aus die Welt kommen. Die unschuldigen Babys haben die Buße der Erbsünde zu tragen, sobald sie die ersten Zähne kriegen. Damit aber wir Menschen im ganzen Leben nichr vergessen, wie schwer sich der Apfelbiß rächen sollte, hat'uns Gott das Zahnweh in die Welt geirt-ickt und der Teufel den Zahnarzt. Wenigstens macht uns so ein Quälgeist wie der neu hergereiste Mister Oliver Rich. Humbee aus Philadelphia komplett den Eindruck, als ob er sein Doktvrdiptom beim Satan geholt hätte. Wahrhaftig, ivir haben doch schon öfters ein verwünscht unbehagliches Gefühl in unseren Back- zähnen verspürt, aber dann half immer noch ein krä'tiger Brandy oder Genever als vorzügliches Gegengift. Einmal haben wir auch unser sublimes Beißwerk dem verrückten Tsche»g-fu-tau, dem chinesischen Barbier, anverrraut. Der ist freilich ein großer Lump und ein aalglatter Gauner, das weiß unser ganzer Ort. Aber im Zähneziehen war der gelenkige Ticheng-fti-tau doch ein ganz anderer Kerl als Dr. Humbee, der studierte Gentleman aus dem Osten. Erst wollte der vortreffliche Doktor uns einschläfern, um uns, wie er sagt,„den Schmerz zu ersparen"(und das Auf- wachen womöglich auch l). Wir verzichteten, denn mit 45 Dollar in der Tasche schläft man nicht gern bei andern Leuten. Er brachte zwar ei» braunes Feuerwasser. das roch ver- dämmt nobel nach Whisky, aber wir blieben abstinent nnd beantworteten des Doktors Filtrierversuche mit einem kernigen Boxerstoß in den Magen. Nu» brachte er seine Zangen und Martereisen herbei und machte uns in der nächsten Viertelstunde hinreichend klar, daß ein Unterschied besteht zwischen„schmerzloser Behandlung" und der Extraktion bei vollem Bewußtsein. Sein Sprechzimmer ist ein ausnehmend großer Raum: Am Fenster fing der Doktor mit der Operation an, beendet war sie hinten am Ofen. Wir kalkulieren, daß er die Zangen angreift ivie ein Hufschmied und sich auf raffinierte Quälereien so perfekt versteht, als hätte er einen Kursus am Marterpfahl bei den Apachen oder Sionx-Jndiancrn durchgemacht.— Wir hörten unlängst in einer Predigt, daß Simson mit eines Esels Kinnbacken unter die Philister fuhr und dreißig totschlug. Nun, wir schätzen, daß Dr. Oliver Humbee wohl reichlich Feinde unter den Philistern und sonst wo haben mag, sicher aber mehr als dreißig. Seinen Esels- kinnbacken mag er sich aber suchen, wo er Lust hat, nur nicht bei uns. Hier wohnt kein solcher Eiel, der ihm seinen Kinn- backen gutwillig opfert und auch noch schwere zwei Dollars hinterdrein wirft, wie wir das leider tun mußten. Mister Humbee ist am Spieltisch und in der Bar ein ganz passabler Zechgenoffe, der uns mit seinen unverschämten Flunkereien neulich vielen Spaß gemacht hat, auch sagen wir zu seiner Ehre: Abgesehen von den bewußten zwei Dollars, die uns der gemeine Schwindler abgelnxt hat, fehlte uns kein Cent im Benkel; er ist also ein unladelhafter Ehrenmann und durchaus der allgemeine» Acbttziig würdig, ober mit seiner Kunst iin Zäbnezieben mag er zu den Alligatoren und Giftschlangen wandern. Wir kalkulieren: ein jeder Bürger und eine jede Frau in Arizona würde das Haupt eher dem Henker von Sing-Siug anvertrauen als diesem.,vootor.Fhiladelphiaeu. ßrlefhaftcn der Redahtten. sjuriftirdicr Cell. Anna 50. Der Testamcntsentwurs befindet sich im letzten Hest des Anhanges zum„Arbeiterrecht"(Führer durch das Bürgerliche Gesetz- buch).— P. Ät. 34. Ja, aber die Scheidung müsite innerhalb sechs Monaten nach Kenntnis von den Dinge» eingcleilct sein.— A. tS. 40. 1. Die Möglichkeit iit nicht ausgeschlossen. Sprechen Sie mit dem Vor- sitzenden. 2..Klage beim Gewerbegericht aus Zablung gegen Lieferung hat Aussicht aus Erfolg.— I. K. 333. Ja.— 44. H. H. Der Vertrag ist sür Ihre Frau, nicht für Sie. bindend. Ihre Frau ist nur dann nicht an den Bertrag gebunden, wenn Sie minderjährig ist.— 8. 4. und I. C. Ja. gsiir den JnvaU der Jnieraie überuinime die Ncdattio» dem Vnblikni» gegenüber tciuerlci Beraniwortiing. UKearer. Dienstag, den 13. Februar. Ansang 7'/, Uhr: Opernhaiis. Der fliegende Holländer. Schauspielhaus. Der Schwur der Treue. Deutsches. Oedipus und die Sphinx. Weste». Der Herr der Hann. Berliner. Die Jüdin von Toledo. tkessing. RosmerSholm. Neues. Ein Sommeniachtstraum. Ansang 8 Uhr: Schiller O,(Wallner-Theater.) Cyprienne. Schiller ai.(Friedrich Wilhelm. slädliiches Theater). Ueber unsere Krast. Kleines. Kinder der Sonne. Komische Oper. Don Pasquale. Residenz. Der Prinzgemahl. Triauo». Loulou. Lnsispielhaus. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis früh um Fünse. fteutral. Der Vogelhändler. Sltetrovol. Aus WS Metropol. Walhalla. Nach Nsrika, nach Ka- merun. Carl Weih. Die lebende Brücke aus Kuba. Luise». Die Anna-Lise. Deutsch-Amerikauisches. Er und Ich. Kasino. Die goldene Brücke. Apollo. Insel Tulipatan. Im Gri- setten-Kabarelt. Spezialitäten. Herrnfeld. Familientag im Hause Prellstein. Folios Caprice. Nach dem Japsen- (weich. Der Bchcme. Bellc-Zllliauce. Der grüne Teusel. Spezialitäten. Wintergaric». Otto Rentier.— Spezialitäten. Reichshallr». SIettiner Sänger. Passage. Spezialitäten. II>.»»in. Tanvensiriihe 4�/40. Abends 8 Uhr: Arn Golf von Neapel. Hörsaal 8 Uhr: Dr. v. Unruh: Der Kohlenstoff und seine Formen. Stermvarie, Jmmlidenstr. 57/62. 8 Uhr: Dr. Mienpart: Die Astronomie der Gegenwart und die Ausgaben der nächsten Zu- kunst._ Berliuer Theater. Abends 7' Ii Uhr: Die JlUiiu von Toledo. Mittwoch: Hans in allen Gassen. Tonnerstag: Oer Widerspenstigen Zähmung. Freitag: Die JUdin von Toledo. Heues Theater. Ansang 7'/, Uhr: Sin Sctnmeniachtstraum. Mittwoch: Salome. Ans. 8 Uhr. Tonnerstag: Ein Sommemachts- Iraum. Freiing: Dio Neuvermählten. Hieraus; Boubouroche. Kleines Thealer. Abends 8 Uhr: Kiilder dn Äiliit. Mittwoch: Kiiider der Stnute. Komische Oper. Dienstag, 13. Februar, abends 8 Uhr; Zum erstenmal: Don Pasquale. Mittwoch: Der Corrogidor. Donnerstag und Freitag: Don pasquaio. Sonnabend: Hoffmanns Erzählungen. Urania Abends 8 Uhr: Am Golf von Neapel. Hörsaal 8 Uhr: Dr. v. Unruh: Der Kohlenstoff und seine Formen: Sternwarte Tv%. 8 Uhr: Dr. Ristenpart: Die Astronomie der Gegenwart und die Aufgaben der nächsten Zukunft. Hcliiller- Schiller-Theator 0.(Wallner-Thealcr) Dienstag, abends 8 Uhr: Lustspiel in 3 Auszügen v. Sicforicn Sardou und E. de Najac. Mittwoch, abends 8 Uhr: K.«nlsi,trl»nl»v. Donner stag.adendS8Uhr: Cyprienne._ Theater. Schiller-Theater N.(Frtedr.-Wilb. Th.) Dienstag, abends 8 Uhr: Ceiher unsere Kruft.(I. Teil.) Schauspiel in 4 Sitten v. Björnstjcrne Björnson. Mittwoch, abendS8Uhr: �Vunjnschln» Kinder. Donnerstag, ab endSBUHr: Heber unsere Kraft. Neue Well. , Hasenheide 108/114. W. Noacks Thealer. Direktion: Rod. Dill. Brunueuitr. 16. Die Räuber. Schauspiel in 5 Sitten v. Fr. v. Schiller. Zlniang H Uhr. Entice 30 Pf. Mittwoch zum letztenmal: Oukcl Briisig. Donnerstag Extra-Elitevorstellung: Der Walzerkönig. t'rtedrtebstr. 405. Ohne 8xfra-8nfree. Bergbewohner Abessiniens. 05 Eingeborene Männer, Weiber und Kinder, sowie das Baby„Berolina". Eintritt 50 Fi. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Die Hnna-Lilc. Mittwoch: Die lustigen Weiber von Windsor. Donnerstag: Die lustigen Weiber von Windsor. Freitag Benefiz s. Hrn. Wald: Die Karlsschüler. Sonnabend: Der Störenfried. Die Dienstboten. Sonntag nachmittag: Die lustigen Weiber von Windsor. Abends: Die Anna-Lise. Montag: Ein Sommer nachistraum. Apollo-Theater. Nur neue Spezialitäten und Vokvf A Belling mit seinen vierbeinigen Komiker». Kutsnkuma Higashi, der Meister d. Selbstocrteidigungslehre. .Ilu-jitsu. Borher: Die Insel Tulipatan, Operette. Sonntag, den 18. Februar, nachm. 3 Uhr: Groäo Familienvorstellung: Berliner Luft und Spezialitäten. Melropol-Theater Hill Anfang 8 Uhr. • ♦ Große Jahresrevue mit Gesang n. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaendor. Hauchen in all. Räumen gestattet. T rianon=Theater. Ansang ItOlliOn. 8 Uhr. Sonntag nachm.: Die herbe Frucht. i.us�spislkcius. Allabendlich abends 8 Ubr: Der Weg jitt tjölle. Fröbels Allerlei-Theater Schönhauser Allee Nr. 448. Heule Dienstag, den 13. Februar: toteplel des Bernh. Rose-Theaters. Die Blnthochzeit. Trauerspiel in 2 Abt. und ö Akten von Fr. Adaini. Ansang 8 Uhr. Kassciicrössnuiig 7 Uhr. In Vorbereitung: Tie zärtliche» Verwandten. Dienstag, den 43. Februar 4006:® Gratis-Verlosung| feines elegant. 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Täglich O- in de» uutcre» Säle» � Gotlschalk-Konzert. Reichshalten. Täglich: Stettiner Sänger (Mchsel, Pictro. Britton, Böckmann, Böhme, Waiden, Seidel, R. u. O. Schräder). Ansang Wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Saiissouei.sÄ" Dir. Wilhelm Reimer. Heule Dienstag: Maria Stuart. Gastsp. v. Siegfried Vor». Mittwoch: Der bioldbaner. Somit., Moni., Donnerst.: HoiTmaii net Norddeutsche Sänger, Germania-Säle. Charlottenburg. Sproestr. 13. Inhaber: C. Woderich. Jeden Dienstag: Griginal- ftarburger Sänger Dir.: Karl Frick und F. Kasche-Krause. Ans. 8 Uhr. Eiitr.30u.50Ps. Vorzugskarten gelten. Nachher: Taa-, Otto Prilzkows—— 1 3 Berliner Ahnörinitäten-Theater Miinxstr. 16. Ncn!"WZ AM- Alen! Die Elite-Liliputaner-Truppe die klciiisteii Vortragskünstler und Sterne der Liliputaner der Welt. Die Fuß- Künstlerin Margarete Märsei. Hellseherin Armida, wahr. sagende Wlinderdaiile. Flule, Wimderhahn, geb. mit 4 Beinen, 2 Körpern, 1 Stopf, lebend, zc. Riesen, Zwerge, Phäliomeu, Fakire usw. 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Soll der Boykott über die F*ltllliarnionlv aufgehoben werden? 4. Partei- und Vereinsangelegenheiten. 5. Verschiedenes. 245/4« Prüp nntxllodsdnci» legUiiulert.'�0 Das Erscheinen aller Mitglieder erwartet Der Vorstand. __ Acht,,,.gl-ME Küchenmöbel- Branche! Am Doinierstag, den Iii. Februar, abends 9ll<, Uhr, im„Englischen Garten", Nlexanderstrastc 27c: Vertrauensmänner'Versammlung für Tischler, Maler und Mn chinenarbeiter dieser Branche. Tages-Ordnung: 1. Bericht der Kommission. 2. Branchenangelegenheit. 3. Verschiedenes. Auch die Werkstätten von Rixdorf und Weißensee werden ersucht, vertreten zu sein. 80/2 Hie Koniinlstdon. Gast- ts. Schankwirte der östMen Vororte Berlins. Dienstag, de» 13. Februar, uachmittagS 4>/g Uhr, in Gorgas Salon, Kietz-Nnminelsburg, Neue Prinz Albert-Straße 70 (am Bahnhof Ruiiinielsbnrg-Lft): Oesfentl. Versammlung. Tages-Ordnung: Die Steuerverhiiltnisse der Gast- und Schankwirte in den öst- lichen Vororten und die Stcueroorlagcn der Neichsregicrung. Rcsercnt: Reichstags-Slbgeordneter�W'rltz Xnheil. Diskussion. 69/5 Es ist Pflicht aller Gast- und Schankwirte, zu erscheinen.-MM Hsr Elnbcrnfer. AMkmMtt-NkMtt Kkkil». Donnerötag, den 13. Februar 1000, abends 8'/, Uhr: AS" VsnsaniiHlung im„Gewerkschaftshaufe«, Saal III. Tages-Ordnung: 1. Bericht über die Tätigkeit des Vorstandes und Ausschusses der Landes- Versichernngs-Anstalt Berlin pro 1905 aus dem Kreise der Versicherten. 2. Diskussion. 3. Wahl von Beisitzern zur Zentralkommission der Krankenkassen Berlins und der Vororte.— 4. Verschiedenes. Um rechtzeitiges Erscheinen ersucht Der Borstand. I. 81.: Frledr. Pieschel, Vorsitzender, Gartenstraße 51. Hafermehl Hafergrütze, Haferflocken. Dr. Simmel, L!'?,'- SvezialarzI sür 29/14- ilant- nnd ilarnlolden. 10—2, 5—7. �oonitlags 10—12, 2—4 �Hygienische üdaansaremei. r>euost.i\.ataiog ZU. Empfehl.viel Aerzle u.Prof. grat. u.lv H. üngor, OnmmiwarenSab]" Berlin NW.. Friedrichsirasso IZeiitral-fei'liaiiil der Maurer Zwclgvercln Berlin. Sektion der Putzer. Den Mitgliedern hiermit zur l Nachricht, daß unser Kollege Alhei't Menz s verstorben ist. 133/11 Ehre seinein Altdenkeu! Die Beerdigung findet am I Mittwoch, den 14. ds. Mts., nach- mittags 3 Uhr, in Zchlendorf bei s Liebenwalde statt. Dc�Zuz fährt mittags 12'/, Uhr s von Station Gesundbrunnen ab. Ortsittnilheilltafft der Äetn- drtlliter u. litiioiunpijfn. Zu der am 20. Februar 1000, im„Gewerkschaftshause", Engel- User 15(großer Saal), stattfindenden Wu Ii I versnminl Ii n-x werden alle wahlberechtigten Kassen- Mitglieder(Z 49'Abs. 3 des Statuts) ganz ergcbenst eingeladen. Tages-Ordnung: Wahl von 575 Vertretern der Kassenmil- gliedcr für dieWahIpcriode 1906—1908. Der Wahlakt beginnt Präzise 8 Uhr nnd wird um 11 Uhr geschlossen. Kassenbuch muß bei der Wahl vor- gelegt werden. 26S4b Her Verstund. I. 81.: M. Stuhlmann, Vorsitzender. Is gröfile Orot m§0 PI. Backware: 6 Stück 10 Pfennig in Albrechts Bäckereien: Wrangelftr. 135, Krantstrastc 10, Fnlrt mit ein sir. 28, LansiNerstr. 2, Markthalle Pncklerstr.,«tand 222/23, Markthalle Sludreasslr., Stand 16/18, Zentrale: Boyhiigenerstr. 13. mij* 1 Inventur-Extrapreise ardinen abgepaßte Fenster, weiß und crem Schallänco pro.r Q5 3 Mtr. Pstr. M- 4 Schnllilnee pro.. 93 3,20 Mtr. Fstr. M' Imit. Point-Iace- ,, C8 Gardinen, pr. Fstr. 1' O Elcg. Sezcsslons- 18 Tüll-Stores M- 1 Gestickte echte CO Spachtel-Stores 9 Goldfarb. reich-„ gestickte m. lk Band-Stores Tlillbett- Gr.180/220 decken cm Rcichgest. Erbs- tUllbcttdcckcn Bos!in Oranieustr. 158 Nach auswärts perNachnahmo Inveutur-Eilralisle billige- Sonderangebote gratis und franko. für den eieö Todes- Anzeige. Am 10. d. Mis. verstarb unser \ altes Mitglied Oskar Staufs Mittenwalderftr. 46a. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung sindct am s ! Donnerstag, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Freireligiösen 1 f Friedhofes, Pappel-8lllee ans statt. Um-znhlreniieBeteiligung ersucht � \ 238/5 Der Borstand. Todes- Anzeige. Hiermit die traurige Nachricht, [ daß unser altes, treues Mitglied j Oskar Laufs gestorben ist. Wir werden ihm I dauernd ein ehrendes Llndenken| bewahren. Die Beerdigung sindet Donners- iagnachmiitag 4 Uhr von der Halbe! des Freireligiösen FriedhoseS, z Pappel-8lllee, aus statt. 65/8 Dcv Vorstand. Treffpunkt sämtlicher Mitgliederl 3'/, Uhr Friedhof. 'Am Sonnabend, den 10. d. M., abends 3>/i Uhr, starb mein lieber, guter Mann 2697b OTßeKN Lauüfs nach schwerem Leiden am Herz- schlag.— Die Beerdigung findet am DonnrrStognachmittag 4 Uhr von der Leidienhalle des Fried- hoses der Fre religiösen Gemeinde in der Pap'pri-Allee aus statt. Emilie ll-aiils geb. Senk, Mittenwalderftr. 46a. Deulcchcf Metallarbeiter-Verband Verivaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schlosser Albert kätbxe gestorben ist. Ehre seinem Andenke»: Die Beerdignng findet am Dienstag, den 13. Februar, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Elisabeth- Kirchhofes. Prinzen-8lllee, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 112/9 Die Drtsvcrwaltung. DeutscJier Metallarbeiter-Vorhand Verwaltnngosvvlle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Heiser Otts verstorben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung sindet am Dienstag, den 13. Februar, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Krankenhauses Urban aus nach dem Neuen Jatobi-Kirchhofe in Rixdorf statt. Rege Beteiligung erivartet 112/10 Die Orlsverwalfung. Kranz- imh Klüiiifiiliiiibmi von Robert Meyer,. nur Mammien-Stiaske 2. Vereins. j'kränze, Palinen- u. Vlninen« 'Arrangeinentö, Bnlelts. Guirlanden. usw. werden fein u.vreiSwert geliefert. I.sohmsnn& Scholz Turmslr. 76 Größtes Warenhaus in Moabit bietet eine enorm günstige Gelegenheit zum billigen und guten Einkauf von Waren jeglicher Art. 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Materne, Bcrnauerstraße 48. 197* 100 Arbeiterinnen aus leichte Sakkos verlangt Luchholz, Pank- straße 5._ t8

t|""n»! Kürschner! Die Werkstatt des Hoskürschner» meifters Karl Salbacb, Unter de» Linden 07. ist wegen Maß- regelung sämtlicher organisierten Kollegen und Kolleginnen gesperrt. Zuzug ist streng fernzuhalten! Der Vorstand deS Deutschen KürschnerverbandeS. Zahlstelle Berlin. Der Borstand* des Verbandes der Kürschner Berlins _ und Umgegend. 102/3 Stellenangebote. Schlossergesellen verlangt R. Blume, Eharlottcnvurg. Schillcrstraßc 97.* Tüchtige Schranlschlvsser finden so fort Beschäftigung Koloiiieslraße 89,'90. Packer, der am verlangt Glischke, straße 46 Farblich mitmacht, öeißensee, Sedan- t123 Für unsere Putzabteilung suchen wir per sofort event. später tüchtige Garniererinnen und Zuarbeiterinnen. Meldungen mittags 1—2 oder abends 8—9 Uhr. i. Jandorf ft Co., Brunnen-Straße 19/21. ■ mr Perfekter Drechsler aus Billardbälle per sofort gesucht. «. FRnclt, Poststr. 15, 88/5_ Etcktr. Betrieb. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. SpsnÄsu. Holzarbeiter! In der Bautischlerei von Gebr. F. u. 0. Reiuieke Spandan, Pichelsdorferstr. 12, befinden sich dieTischler-Maschinen- arvetter und Cinsener im Streik. Bau �immerslrale, Spandau, Remicke, Bau Nonnendamm, Siemens& Halske, Bau Siemens-Schuckert in Fürstenbrunn. Zqedi; fepnanhalten! 79/1« Die Ortsverwaltung. I. ist.: Georg Hinze, Bevollmächtigter. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Aus der Liste der tarijtreucn Geschäste sind gestrichen worden: «'eh. Schattrpel, NV-, ewenerffc 4; U- Ivlcbinann. Kailer Nckhelnritr. 16. Außerdun sind nicht taristreu:..„. «crtagsdruckerei„Merkur*. Köpenickcrstr. 48/49; A. U. ki-«dai-», Ritterstr. 78. Flnohor-, ZeHlendors. VerbandSnistglieder haben in diesen Geschäften nicht anzufangen. VorKondttionsnnnatzmc in beiSuihbvudercilhpIng A Fnhfenholi haben unsere Mitglieder Erlmidiguugen auj�dem Vcreiusbureau, Ritter straße 88, einzuziehen, da die Firma sortgesetzt Verbandsmitglieder maßregelt. 36/5__ Ter Ginivorstand. Deutseher Holzarbeiter Verband. Wegen Streik und Differenzen ist Iiislig fcrnrnbnlk» vonBUderrahmenmachern, Kreis- sägenschiicidern und Tischler» von der Firma Beck u. Eo., Rcander« straße 4, und Schlefischestr. 42; von Treppengeländer- Arbeitern (Drechsler, Tischler. Stellmacher. Polierer, Maschinenarbetter und Bildhauer) von der Treppengeländer- sabrit Joseph Drechsler, Gubener- straße 33; von Drechslern von Panitsch, Brunnenftr. 79; von Korbmachern von Knorr, Friedrichsberg, Franks. Chaussee 127; von Perlmuttarbeiteru». Knopf- macher» von der Firma tzlbramowsli u. Steiner, Köpenickerstr. 33: von Cinsehern vom Bau Gerhardt in Halcnsee, Schweidnitzerstr. 6 und 7, und Bcul Gormannstraßc(v�cle Lothringeritraßc); von Ebers Möbeltischlerei, Mau- leussclstr. 22. l»l«»rtavsctvaltnng;. Der Zafylabend für Berlin und Vororte findet nächsten Mwoch statt. f)artei-)Zngeiegenkeiten. WilhelmSnih. Heute Dienstag abends S'/s Uhr Mitgliederversammlung des Wahlvereins bei Bader, jtronprinzenstratze. Tages- ordnung: Die Gemeindewahlen, Vereinsangelegenheiten. Johannisthal. Die Genossen werden nochmals auf die heute abend im L i n d e n h o f stallfindende Versammlung des Wahlvereins hingewiesen, in der Schriftsteller Stern über„Christentum und Wahrheil" sprechen wird. Außerdem steht auf der Tagesordnung: Wie werden die Steuern am Orte verwandt? und Aufstellung eines Kandidaten zur Gemeindevertretung. Genossen, erscheint Mann für Mann in der Versammlung und bringt Eure Frauen mit.— Wir machen ferner aufmerksam, daß noch eine Anzahl Urania-Billetts zu der Vorstellung»Der Golf von Neapel" vorhanden sind. Der Vorstand. Treptow. Am Mittwoch abend>/zg Uhr findet bei Mohlau, Kief- holzstrafie 8S, eine Bezirks- Versammlung statt. Genosse Rieger spricht über„Revisionismus und Radikalismus in der deutschen Arbeiterbewegung". Alle Genossen und„Vorwärts'-Leser werden in dieser Versammlung erwartet._ Vorort-]Vachnchten. Die Stenerverhältnisse der Gast- und Schankwirte in den östlichen Bororten und die Steuerborlagen der Reichsregierung ist das Thema, über das Genosse Zu bei l am Dienstag, also heute nachmittag 4'/., Uhr, in K i e tz- R u m m e l sb u r g, im Lokale von Gorgas, Neue Prinz Albertstr. 70, referieren wird. Dieser Gegenstand dürfte speziell für Gast- und Schankwirte erhebliches Interesse haben. Charlottenburg. Unfälle. Als der Strastenreiniger Christoph Janella ans der Wallstratze 76 gestern vormittag mit dem Reinigen des Kurfürsten- damms beschäftigt war. wurde er in der Nähe der Fasanenstratze von einem hinter ihm herkommenden Dreiradfahrer zur Seite ge- drängt. Ein in demselben Augenblick vorüberfahrender Strahenbahn- wagen erfaßte den Straßenreiniger und schleuderte ihn mehrere Meter weit auf den Fahrdamm. Janclla mußte in einer Droschke zur Unfallstation Zoologischer Garten gebracht werden, wo der Arzt eine erhebliche Verletzung der Oberschenkel feststellte. Nachdem der Verunglückte dort die erste Hülfe erhalten hatte, wurde er im Auto- mobil-Krankenwagen nach dem Krankenhause Westend geschafft.— Der Zimmermann RidHard Höpke aus der Wielandstraße 9 verunglückte gestern nachmittag auf einem Neubau in der Düffel- dorferstraße dadurch, daß ein unter ihm liegendes Brett zerbrach und er eine Etage tief abstürzte. Höpke erlitt bei dem Sturz außer vielen Hautabschürfungen eine Verrenkung und einen Bruch des linken Ellenbogens und mußte in einer Droschke zur Unfallstation Zoologischer Garten gebracht werden, wo er den ersten Verband er- hielt. Die Aufnahme in ein Lkrankenhaus, die dem Verunglückten wegen seines bedenklichen ZustandeS vom Arzte empfohlen wurde, lehnte Höpke ab. Am Sonntag, den lt. Februar 1996 tagte im Volkshaus. Rosincnstratze 3 eine Protestversammlung sämtlicher Mitglieder der freien Hülfskassen Charlottenburgs. Den Punkt der Tagesordnung: „Die Entwickelung der Krankenkassen im Deutschen Reiche, und was veranlaßt die Regierung, das HülfSkassengesetz vom Jahre 1876 auf- zuheben" behandelte der Referent W a r n st zur Zufriedenheit der Anwesenden. Nachstehende Resolutton wurde einstimmig an- genommen:„Die am 11. Februar er. im Volkshaus, Rosinenstraße 3 tagende Protestversamnilung sämtlicher Mitglieder der freien Hülfs- kasscn Charlottenburgs erklärt sich mit der aus dem Kongreß der Hülfskassen angenommenen Resolutton durchaus einverstanden. Sie erwartet, daß der hohe Reichstag dem vorgelegten Entwurf eines Gesetzes über die freien Hülfskassen seine Zustimmung versagen wird aus den in der Resolution dargelegten Gründen." »chöneberg. Die Unfugstifter, die seit Monaten auf die Züge der Wannsee- bahn Schüsse abgeben, sind ernrittelt. Es sind halbwüchsige Burschen im Alier von 1<— 19 Jahren.'Der Anführer der Bande ist der Schlosserlehrling Oswald Kalinowsky, Feurigstr. 67 wohnhaft. Die anderen Täter sind die Gebrüder Johannes und Ernst Teske, EberS- straße 4. und Gustav Mache. Ebersstr. 5. Die Burschen verübten ihren Unfug von dein Marttplatze in der Ebersstratze aus. Als Deckung benutzten sie die dort befindliche Bedürfnisanstalt. Die Schießwerkzeuge bestanden au« Katapulten, während als Geschosse Rehposten dienten. Die Schüsse wurden mit solcher Gewalt ab- gegeben, daß sie mit Leichtigkeit die Coupöscheiben durchschlugen. Auch den Hausbesitzern in der Umgebung des MarttplatzeS wurden die jugendlichen Schützen gefährlich. Denn oft benutzten die letzteren auch die Fenster an den Häusern als Zielscheibe. Rixdorf. Ein falscher Kriminalschubnian» als Heiratsschwindler. Auf das Bctrugsmanöver eines angeblichen Knminalschntzmannes Erwin Schmidt aus Küstrin sind zahlreiche heiratslustige Witwen und junge Mäd-ben in Berlin und den Bororten hineingefallen und schwer geschädigt worden. Sobald der„Kriminalbeamte" auf dem Wege von Zeitungsinseraten eine heiratslustige Dame kennen gelernt hatte, versprach er ihr auch schon die Ebe. Dadurch machte er die„Auserkorene" vertrauensselig, und nun gelang es ihm mit Leichtigkeit, die Ersparnisse seiner s lvollte jedoch nicht gelingen. Sobald Polizeibeamte in der Wohnung , erschienen, war der Vogel stets ausgeflogen. Am Sonnabend hatten sich zwei Kriminalbeamte, die mit der Festnahme des Heirats- schwindlerS betraut worden waren, davon überzeugt, daß sich W. in seiner in der 4. Etage liegenden Wohnung befand. Vergeblich ver- suchten sie jedoch Einlaß zu erhalten. W. hatte sich, nichts Gutes ahnend, verbarrikadiert. Es wurde nun ein Schlosser geholt, der die Tür in Gegenwart des einen Beamten aufbrechen mutzte, während der zweite Beamte sich nach der NachbarwoHnung begab, weil er vermutete. W. könne von seinem Balkon aus einen Fluchtversuch unternebmrn. Der Kri- minalschutzmann hatte sich in seiner Annahme auch nicht getäuscht. Als W. hörte, daß die Tür seiner Wohnung gewaltsam geöffnet wurde, flüchtete er auf seinen Balkon, kletterte von hier aus auf einem schmalen Sims unter höch st er Lebensgefahr aus den Nachbarbalkon und verbarg sich hier in einer Ecke. Trotz der bereits herrschenden Dunkelheit wurde der Flüchtling jedoch entdeckt und festgenommen. Eine Reihe der ihm zur Last gelegten Heiratsschwindeleien hat W. bereits zugegeben. Bei einer Durch- suchung seiner Wohnung wurde eine Livree mit Rickelknöpfen, auf welchen sich eine fünfzackige Krone befindet, aufgefunden. Es besteht die Vermutung, daß der Verhaftete die Livree ebenfalls zur Aus- Übung von Schwindeleien benützt hat. Britz-Buckow. „Kirche und Arbeiterschaft" lautete das Thema eines mit reichem Beifall aufgenommenen Vortrages, den Genosse Adolf Stern am 6. Februar in einer auch von Frauen gut besuchten Versammlung des Wahlvereins hielt. Einleitend bemertte der Referent, daß die Kirche, da sie vom Staat beherrscht wird und dieser wieder unter dem Einfluß der Junker und Kapitalistenklasse steht, naturgemäß Gegnerin der modernen Arbeiterbewegung ist. Der Redner schilderte dann die Entstehung und Entwickelung der Religion seit dein ersten Auftreten des Menschen und kam zu dem Schlüsse, daß es keinen„allmächtigen" Gott gibt, auf dessen Hülse die Arbeiter- schaff rechnen könnte. Jeder Arbeiter muß sich Freiheit und bessere Lebensbedingungen selbst erkämpfen. Als wirksamsten Protest gegen das geplante Schulverpfaffungs- gesetz empfahl der Referent den Maffenaustritt aus der Landes- kirche.— An der Diskussion beteiligten sich die Genosien Händel und Prenzlow. Ersterer bedauerte es, daß von den brieflich ein- geladenen Geistlichen keiner den Mut besessen habe, in der Ver- sammlung zu erscheinen, umsomehr, als der eine dieser Herren sonst iveder Ze,t und Mühe scheue, um die Arbeiter in ihren Wohnungen aufzusuchen und zum Besuch der Kirche einzuladen. Eine vom Genoffen Kimmritz verlesene Resolution, in welcher die Versammelten erklärten, sich an dem Maffenaustritt aus der Landeskirche zu beteiligen, und welche gleichzeittg die Trenmmg der Kirche vom Staate forderte, fand einstimmig Annahme. Unter Vereins- angelegeuheiten wurde zunächst ein Antrag des Vorstandes an- genommen, wonach von jetzt ab die Mitgliederversammlungen an jedem ersten Dienstag im Monat abgehalten werden. Sodann machte Genosse Beuthmann bekannt, daß die geplante Urania-Vor- stellung am 19. August, nachmittags 4 Uhr stattfindet. Zun, Schluß forderte der Borsitzende auf, recht rege für Verbreitung der Arbeiter- presse zu agitieren. Grotz- Lichterfelde. Neues Postamt in Groß-Berli». Ein neues Postamt erhält Groß-Lichterfelde. Die Postanstalt bekommt die Bezeichnung„Groß- Lichtertelde 4". Ihre Räume befinden fich Chausseestr. 40. Das Postamt wird mit Telegraphenbetrieb ausgerüstet. Es bildet eine Zweigstelle des Postamtes Groß-Lichterfelde 1. Bei dem neuen Postamt werden Postsendungen jeder Art, auch Pakete mit und ohne Wertangabe sowie Telegramme angenommen. Postlagernde Brief- sendungen können abgeholt werden. Die Entgegennahme von Zeitungsbestellungen und die Ausgabe von Zeitungen findet nicht statt. Für den Verkehr mit dem Publikum ist das neue Postamt werktäglich im Sommer von 7, im Winter von 8 Uhr vonnittags bis 8 Uhr abends geöffnet. Die Annahme gewöhnlicher Pakete findet nur bis 7 Uhr abends statt. An Sonn- und Feiertagen bleibt das Postamt geschloffen. Die Eröffirung des Postamtes erfolgt am 15. Februar. statteten, stellte sich bald heraus, daß ein Kriminalschutzmann Erwin Schmidt überhaupt nicht existiert: die Legilimationskarte, mit welcher sick, der Pscndobeaintc bei" seinen Opfern einzuführen pflegte, war gefälscht. Die Recherchen der Kriminalpolizei führte» schließlich zur Ermittelung dcS Heiratsschwindlers in der Person des früheren Buceauvorstehers Otto Wegener. welcher verheiratet ist und in der Hermannstraße 62 wohnt. Die Verhaftung Mariendorf. In unserem Orte haben die Vorbereitungen zu den. Gemeinde- Wahlen begonnen. Zum Freitag hatte der Verein der Haus- und Grundbesitzer eine öffentliche Wählerversammlung einberufen, in der für die dritte Wählerklaffe ein.Kandidat aufgestellt werden sollte. Es wurde zu diesem Posten ein Herr Renner empfohlen. Auf eine Anfrage, ob der Kandidat nicht sein Programm entwickeln wolle, tvurde die Antwort, daß der Auserkorene gar nicht mtwesend sei. Verschiedene Mißstände in der Gemeinde gelangten zur Erörterung, für deren Beseitigung der Empfohlene wirken würde. Dem gegen- über wurde von unseren Genossen dargelegt, daß das nicht ausreiche. Genosse Reichardt entwickelte dann die Hauptforderungen unseres Programms. Als man sah, daß für Herrn Renner keine Sympathie vorhanden war, schlug man kurzerhand einen Herrn Dr. Behnkc vor. der sich als parteilos aufspielte. Genosse Lehmann II bemerkte zu diesem Vorschlag, daß ein Mann, der bei der jetzigen Lage sich zu keiner Partei bekenne, politisch unreif sei und unmöglich dieJntcreffen der dritten Wählerklasso vertreten könne. Genosse Reichardt, der von unserer Seite in Vorschlag gebracht wurde, erklärte, die Kandidatur anzunehmen. Eine von: Bureau vorgenommene Abstimmung ergab, daß Genosse Reichardt schätzungsweise 150 Stimmen erhielt, während auf Herrn Dr. Behnke aber nur wohlgezählte 12 Stimmen fielen. Darauf er- klärte der Versammlungsleiter, er würde noch eine Versammlung einberufen, zu der nur die ihm genehmen Wähler geladen würden, und nur Herrn Renner als Kandidaten aufstellen lassen. Es ver- dient hervorgehoben zu werden, daß zirka 80 Genossen anwesend waren, die aber nicht ein Glas Bier tranken, trotzdem die Versamm- lung von 8 bis 11 Uhr tagte, weil uns dieses Lokal zu Versamm- lungen nicht zur Verfügung steht. In der am 6, d. Mts. abgehaltenen sehr stark besuchten Mit- gliederversammlung des Wahlvcreins hielt Genosse Reichardt einen Vortrag über die Technik des Landgemeindcwahlrechrs. Ter Redner kennzeichnete das Wahlunrecht, wie cö in folgenden Zahlen zum Ausdruck gelangt: Es wählen ia der ersten blasse 13, in der zweiten 93 und in der dritten 1527 Wähler. In Marienfelde ist das Verhältnis ungefähr dasselbe. Nach kurzer Diskussion wurde Genosse Reichardt einstimmig als Kandidat der dritten Wählcrklasse zur nächsten Gemeindcvertreterwahl aufgestellt. Aufgenommen wurden 19 neue Mitglieder. Schmargendorf. Lebendig verbrannt. Die Unachtsamkeit, kleine Kinder allein und unbeaufsichtigt in der Wohnung zurückzulassen, hat wieder einmal ein Menichenopfer gefordert. Gestern nachmittag verließ die Frau des Kutschers Naß, Hundekehlenstr. 5 in Schmargendorf lvohiibast, nur für wenige Minuten die Wohnung, um einen dringenden Ein- kauf zu besorgen. Ihr fünffähriges Töchterchen ließ sie ohne Auf- ficht zurück. Als Frau N. bald darauf wieder die Wohnung betrat. entdeckte sie in der Küchenecke die verkohlte Leiche ihres Kindes. Die Kleine war in Abwesenheit der Mutter im Wohnzimmer an den Ofen herangegangen, wobei ihre Kleider Feuer fingen. Von Schmerzen gepeinigt, lief nun das arme Geschöpf nach der Küche und mußte dort Hülflos verbrennen. Treptotv-Baumschulenweg. Einen Wutaiisall hat der Verleger des„Treptower Anzeiger" be- kommen. Unsere Notiz vom 9. d. M., in der wir die Zumutung, seinem Unternehmen Handlangerdienste zu leisten, mit dem ge- bührenden Fußtritt reagierten, ist ihm bedenklich auf die Nerven gefallen. In seiner„Entgegnung" muß der„Treptower-Anzeiger" unsere Feststellung selbst ver st ändlich als wahr an- erkennen.— Redensarten, wie seine Zeitungsausträger wollen nicht mehr sein„Blatt" austragen, verschlimmern nur die Sache für den Herrn noch. Wir sind dem„Tr. Anz." wirklich dankbar, daß er unsere Notiz auch jenen zur Kenntnis brachte, welche durch irgend welche Umstände noch genötigt sind, sein Blatt zu abonnieren. Bekanntlich wird der„Treptower Anz." von der Gemeinde subventioniert, wofür derselbe die„Amtlichen Angelegenheiten" ver- öffentlicht. Der Raum unseres Blattes ist nun zu kostbar, sich mit dem Blättche» noch weiter zu unterhalten. Diese Sache wird neben so mancher anderen in unseren Versammlungen weiter gewürdigt werden. Der Verleger des„Treptower Anz." kann dann vielleicht einen seiner Getreuen absenden, der ihm dann genau Bericht er- statten kann über die Meinung, die die hiesige Arbeiterschaft von seinem Blättchen hat. Nowawes- Neuendorf. Dir Stellungnahme zu den bevorstehenden Gemeindevertretcr- Wahlen in Nowaives und Neuendorf bildete den wichtigsten Bc- ratungsgegenstand der am Mittwoch in den„Deutschen Festsälcn" stattgefundencn Wahlvereinsversammlung. Genosse Gruhl hielt 'ierzu das einleitende Referat. Nachdem er einen historischen Rück- lick auf die Entstehung der heutigen Gemeindeverwaltung und das Gemeindewahlrecht gegeben, erläuterte er die Bestimmungen, welche von uns bei den bevorstehenden Wahlen zu beachten sind. Danach wird sich in Zukunft in Nowawes die 3. Abteilung der Gemeinde- Vertretung infolge Vermehrung der Zahl der Gemeindeverordneten aus drei ansässigen und drei unansässigen Vertretern zusammen- setzen. In diesem Jahre haben wir einen ansässigen und zwei un- ansässige Vertreter zu wählen. Die Wahl findet mittels Legiti- mationskarten statt, die vom Gcmeindevorstand den Wählern zu- gestellt werden, und soll die Wahlzeit für die Wähler der 3. Klasse von nachmittags 5— 8 Uhr dauern. Eine wichtige Aenderung bei der bevorstehenden Wahl besteht darin, daß die 3. Wählcrklasse in zwei Bezirken wählt. Wie die Wahl in Neuendorf gchandhabt werden soll, ist bisher noch nicht bekannt geworden. Zu wählen sind dort zwei Vertreter. Als ein erfreuliches Zeichen führte Redner an. daß in diesem Jahre bedeutend mehr Neuendorfer Wähler die Listen durch unsere Genossen haben einsehen lassen wie in früheren Jahren. Genosse Gruhl schloß seinen Vortrag niit der Aufforderung, dafür zu sorgen, daß die bevorstehenden Wahlen unserer Partei neue Erfolge bringen.— In der sich anschließenden Diskussion gelangte ein Antrag des Genoffen Hoffmann zur Annahme, in den nächstem Tagen Listen in den Lokalen von Gruhl, Hiemke und Junger aus- zulegen, in welche sich diejenigen Neuendorfer Wähler eintragen sollen, welche die Wahlzeit für die dortige Wahl von 5— 8 Uhr nachmittags festgesetzt wissen wollen. Diese Petitionslisten sollen dann dem Ncucndorfer Gemcindcvorstaud zugestellt werden, da bei früheren Wablen die Wahlzeit auf eine für die vielen auswärts arbeitenden Wähler äußerst ungünstige Tageszeit verlegt worden ist. Als Kandidaten für die Wahl in Nowawes nominierte die Ver- sammlung die Genoffen Karl Gruhl, Karl Gomoll und Ernst Zöllner, für die Neuendorfer Wahl die Genossen Paul Fcsser mid Wilhelm Schulz. Ferner wählte die Versammlung ein fünf- gliedriges Komitee, welches den Vorstand bei den Wahlarbeiten zu unterstützen hat.— Nach Erledigung dieses Punktes gab Genosse Eonrad Gomoll einen Bericht der Lokalkommission. Derselbe bc- klagte, daß noch viele gewerkschaftlich organisierte Arbeiter Sonn- abend-Vergnügungen in gesperrten Lokalen besuchen, und forderte die Gcwerkschaftsvorstände auf, dahin zu wirken, daß dieses in Zukunft unterbleibt.— Unter Verschiedenes teilte der Vorsitzende mit, daß die hiesige Filiale des Metallarbcitcr-Bcrbandcs 29 M. für den Wahlvercin und 46 M. für die Bibliothek gestiftet hat. Sodann wurde bekannt gegeben, daß Listen zum Austritt aus der Landeskirche bei den Genossen Zöllner, Gomoll(Konsumvereins- Läden) und Gruhl zu haben find. Bemerken wollen wir noch, daß als Frucht des„preußischen Revolutions-Sonntages" in obiger Ver- sammlung die noch nie erreichte Zahl von 60 Genossen in den Wahlverctn aufgenommen wurde. Nieder- Schöneweide. In der Gcmcin'ocvertretersitzung am Mittwoch wurde erwähnt. daß man der 3. Wählerklasse einen unangesessenen Vertreter für die im März stattfindenden Wahlen noch belassen werde. Wie gnädig! Als ob nicht die Landgemeindeordnung darüber spezielle Vorschriften enthielte. Vom Wahlverein war im Interesse der 3. Wählcrklasse der Antrag eingegangen, die bei Gemeindebertreterwahlen bisher übliche Wahlzcit, die immer von 9 bu. ckl Uhr festgesetzt war, für die kommenden Wahlen von 5 bis 8 Uhr abends festzusetzen. Der Gemeindevorsteher schien keine große Neigung zu haben, diesem Antrage zu entsprechen, den» er wollte auf Grund der Liste nach? weisen, dah in der 3. Klasse ganz andere Wähler als Arbeiter, Das 17. Polizeirevier fcien Äte s1"-0 i" der Wörtherstraße hat sich anläßlich der Verhaftung des mutmaß ausschließlich der s°zialde,n°5ratische Wahlverein 7°esesVelänaen ��..�erS He.mig emen�Nmnen genurcht. Bekanntlich gelanc ausschließlich der sozialdemokratische Wahlvercin dieses Verlangen hätte, so würde man der Sache erst gar nicht Gehör schenken. Man kam aber doch zu dem Entschluß, wenigstens etwas zu tun, und setzte die Wahlzeit für die Wähler 8. Klasse von Vstl bis 1 Uhr fest. Ein weiterer Antrag vom Wahlverein ging dahin, der Auf fordcrung des Gemeindevorstehers von Obcr-Schönewcide, die > icsigc Gemeinde möge sich dem dort zu entrichtenden Kaufmanns- und Gcwcrbegericht anschließen, Folge zu leisten oder aber dein Wunsche der hiesigen Arbeiterschaft Rechnung zu tragen und eine Eingliederung an das Gcwcrbegericht in Köpenick zu ermöglichen. Ter Gemeindevorsteher führte aus, daß der Antragsteller die Kosten, die der Gemeinde dadurch erwachsen würden, wohl vergessen habe; ini übrigen glaube er nicht an das Bedürfnis für ein Gewerbe- gericht. Wolle man aber dem Verlangen stattgeben, so könnte viel- leicht mit Köpenick eine Vereinigung herbeigeführt werden, niemals aber mit Obcr-Schönewcide. Dieser Ort ist bekanntlich unserem Vorsteher von jeher ein Dorn im Auge. Die Angelegenheit soll erst näher geprüft werden. Die Lehrer hatten sich petitionierend an die� Vertretung gewandt, in der sie diese um eine Erhöhung ihrer Besoldung ersuchten. Der Vorsteher sprach seine Verwunderung darüber aus. Erst im vorigen Jahre habe man die Gehälter er- höht und nun kämen die Herren schon wieder. Die Sache wurde vertagt. Der Gemeindevorsteher machte dann die Mitteilung, daß die Gemeinde für den Fall vorkommender Zerstörungen bei öffent- lichcn llnrnhen bei einer Stuttgarter Versicherung vor Schaden geschützt sei. Soll das etwa der Ausfluß der Furcht am roten Sonntag sein? Auf einen Antrag des Schulvcreins wurden 30 M. �ur Erhaltung des Deutschtums im Auslande bewilligt.— Dafür ist Geld vorhanden, soll aber etwas für die arbeitende Bevölkerung getan und die Angliederung an ein Gewcrbegericht vollzogen werden, da heißt es gleich: Es kostet zu viel, obwohl die Kosten ganz minimale sind. ?lm Dienstag hielt der Wahlverein seine Versammlung ab, in der Genosse T o st- Adlershof über„Gemeindcwahlen" referierte. Als Kandidat der Unangesessencn der 3. Wählcrklasse wurde Genosse Bengsch aufgestellt. Um zu der Gemeindewahl eine tiefgreifende Agitation entfalten zu können, wurde der Ort in 3 Agitations- bezirke eingeteilt. Als Bezirksleiter wurden die Genossen Hofmann, Bengsch und Bonakowsky ernannt. Die Genannten bilden für diese Wahlperiode das Wahlkomitce. Außerdem wurde beschlossen, am Sonntagnachmittag, den 25. Februar, im Lokal von Ladendorf eine Versammlung abzuhalten und so weit wie irgend möglich die Wähler einzuladen. Die etwa noch nicht umgesetzten Billetts zu der am 18. Februar stattfindenden Urania-Vorstellung sind bis spätestens Sonnabend an die Ausgabestelle abzuliefern. Waidmannslust und Umgegend. Im sozialdemokratischen Wahlvcrei» hielt am vergangenen Sonntag Genosse H e tz s ch o l d- Berlin einen Vortrag über die politische Lage. Der Redner legte in längeren Ausführungen die Gemcinschädlichkeit der von der Regierung und den herrschenden Klassen beliebten Wirtschaftspolitik dar, die die große Masse der Bevölkerung immer stärker belastet zugunsten einer kleinen Zahl Besitzender. Diese mißlichen Zustände werden jetzt noch verschärft durch die Vorlegung neuer Steuern. Diese Steuern würden wie immer auch diesmal die breiten Massen aufzubringen haben. Zum Schluß zeigte Redner an der Hand mehrerer Beispiele die Volks- fcindlichkeit der gegenwärtigen Regierung. Die Sozialdemokratie sei die einzige Partei, die in diesen Jntercssenkämpfen für die Rechte der arbeitenden Bevölkerung streite. Von. einer Diskussion wurde Abstand genommen. 80 Genossen meldeten sich zur Aufnahme in den Wahlvcrein, gewiß ein schöner Erfolg dieser Versammlung. Storkow. Bon dem Rittergut Reichenwalde bei Storkow sMark) durch- gebrannt ist seit Mitte voriger Woche der Administrator Hilniar Heyder, welcher mehrere Monate dort in Stellung war. Eine plötzliche Revision der Wirtschaftsbücher und Kasse ergab, daß darin große Unordnung herrschte, so daß ihm infolgedessen ein gerichtliches Verfahren bevorstand. Auch in seiner vorigen Stellung harte Hehder, wie sich herausgestellt hat, recht unordentlich gewirtschaftet. Er war ein großer Lebemann, der, sobald er angetrunken war, was in letzter Zeit häufig vorkam, die tollsten Sachen angab, wobei das Geld dann keine Rolle spielte. Wesentlich zu seiner Flucht hat mit beigetragen, daß Heyder, obgleich' er verheiratet und Vater mehrerer Kinder- ist, sich kürzlich mit einem Fräulein Min Hamm, ans Berlin verlobte. Die junge Dame war mit der Familie seine? Chefs bc- freundet und weilte in Reichenwalde zum Besuch. Heyder wußte sie hierbei, unter Verschweigung seines ehelichen Verhältnisses, für sich zu gewinnen. Als sich herausstellte, daß er bereits verheiratet, löste die junge getäuschte Dame das Verhältnis auf, was ihr Bruder, Willi Haman aus Berlin, öffentlich bekannt machte. berliner l�admckteu. Die Jagd nach Hcnnig rreibt immer wunderlichere Blüten. Am Sonntag verkündeten große rote Plakate an den Anschlagsäulen dem reichsstädtischen Publikum, daß die Redaktion der„Berliner Morgenpost" den Ehrgeiz hat, der Polizei Konkurrenz zu bieten im Mörderfang. Weil die Polizei des Hcnnig noch nicht habhaft werden konnte, will die„Morgegpost" zeigen,„wie es gemacht werden muß". Sie veröffentlicht folgende Bekanntmachung: Wir setzen hiermit 1000 M. als Belohnung für die Ermittelung des Mörders Hennig aus. Angesichts der Beunruhigung, die das flüchtige Ilmherstreifen des zu jeder Gewalttat entschlossenen Verbrechers in der Bevölkerung hervorruft, bestimmen wir die obige Belohnung von 1000 Mark demjenigen, der den Mörder Hennig entweder selbst dingfest macht und ihn der Behörde übergibt, oder der eine Festnahme durch Anzeige bei der Behörde bewirkt. lieber die Zuerkennung der Belohnung, eventuell deren Ver- teilung an mehrere bei der Festnahme beteiligte Personen ent- scheidet die Redaktion der„Morgenpost". Eine widerlichere Reklame— denn etwas anderes ist diese AuS- Schreibung nicht— ist uns seit langem nicht vorgekommen. Die Jagd nach eine», Mörder und die Aufregung und Beunruhigung des Publikums müssen dazu dienen, das Reklamebedürfnis zu be- sriedigen. Ob die Redaktion der„Morgenpost" sich gar nicht bewußt wird, welche Roheit darin liegt, eine Menschenjagd geschäftlich aus- zunutze,,! Auch die Extrablattschwindler haben sich des Falles an- genommen und suchen ihn zum Borteil ihres Portemonnaies auszu- nutzen. Es sind schon verschiedene solcher Schwindler verhaftet worden. Natürlich ist Hennig wieder an allen Ecken und Enden gesehen worden.„ H e n n i g im Au t o ,n o b i l" gefangen zu haben, glaubte man gestern in Friedrichsfelde. Aus einem anscheinend von Berlin kommenden Automobil, das drei Insassen aufwies, stieg ein ärmlich gekleideter, scheu um sich blickender Mann, während die anderen mit dem Auto rasch davonfuhren. Frauen und Kinder ver- folgten den Menschen, der kaum eine Aehnlichkeit mit Hennig auf- weist, und sahen ihn ins neue Gemeindehaus in der Wilhelmstraße cinrreten. Hier wurde er beim Betteln abgefaßt und in Haft ge- nomine,,. Er entpuppte sich als harn, loser, wandernder Handwerks- barsche, den mitleidige Automobilfahrer von der Landstraße weg mitgenommen hatten, Ein zweiter falscher Hennig tauchte in Dahlwiy auf. Daselbst begehrte ein Mann auf dem sogenannten„Holländer" Unterkunft. Da mehreren Personen eine gewisse Aehnlichkeit des Unbekannten mit dem gesuchten Raubmörder ausfiel und man an seinem Halse die verdächtige Narbe bemerkte, wurde er einem Gendarmen übergeben, der unsch'iver feststellte, daß man auch in diesem Falle auf falscher Fährte war,_ „.--... gelang es Hennig, ehe er noch die Räume der Polizeiwache betrat, zu ent- wischen. Wie der ihn verhaftende Beamte einem Mitarbeiter des „Berl. Tagebl." erklärt haben soll, lvill man nicht gewußt haben, daß man es mit Hennig zu tun hatte, es habe auch kein Grund vor- gelegen, ihn zu fesseln, weil er anständig gekleidet war und ruhig mitging; man wollte ihn eben„human" behandeln. Dieser Umschwung in, Umgang mit„anständig gekleideten und sich ruhig benehmenden" Leuten scheint sich aber erst in ganz neuer Zeit vollzogen zu haben, denn bei Parteifreunden, die mit den Polizei- Verhältnissen in jener Gegend vertraut sind, wurden aus Anlaß dieser so human vor sich gehenden Verhaftung des Hennig Er- innerungen ganz anderer Natur wach. Als„ach dem Dresdener Parteitag unser Kampfgenosse Her», am, Meiling aus Schöueberg starb, ließen es sich die Berliner Ge- nossen nicht nehmen, ihrem Waffengesährten das letzte Geleit zu geben. In ernste», Zuge bclvcgte sich das Lcicheugefolge ungestört von Schöueberg aus durch die Straßen Berlins— bis es in das Bereich des 17. Polizeireviers in der Wörtherstraße kam. In der Kastanien-Allee stellte sich ein Polizeileutnaiit dem Zuge entgegen und forderte energisch die Entfernung der roten Schleifen. Die Teilnehmer des Zuges waren ob dieser Störung des Traner- aktes ganz erstaunt; als aber der Aufforderung des Leutnants nicht unverzüglich Folge geleistet wurde, eilte eine im nahen Berliner Prater stationierte fliegende Schutzmannswache von etwa 12 Beamten herbei, um dem Verlangen des Polizeioffiziers den„nötigen Nach- druck" zu verleihen. Der Erfolg war denn auch die Konfiskation von etwa fünf Schleifen und eine nachträgliche Anklage— nicht etwa gegen die den Zug störenden Beamten, sondern gegen einen Teil- nehmer am Leichenzuge. In sechs Monaten Gefängnis bestand der Schluß des Trauerakles. Und damals handelte es sich um an- ständige, ruhig ihres Weges gehende Arbeiter, Nur die rote Farbe hatte den Beamten zu seinem Vorgehen veianlaßt. Ob jetzt wirklich ein Umschwung eingetreten sein soll? Oder wird nur alle Energie angewandt, wenn es sich im 17. Polizeirevier um Sozialdemokraten handelt? Durch die mutige Tat eineS Lehrers ist gestern großes Unheil verhütet worden. Als die Herren des Lehrerkollegiums der 133. Ge- meindeschule in der erste» Frühstückspause auf dem Hofe standen, kam ein mit zwei feurigen Pferden bespannter Brauerciwagcn der Landrcschen Brauerei, ohne Führer auf der Bergmamistraße»ach der Hasenheide zu dahergerast. Da in dieser Straße ein erheblicher Verkehr herrscht, hätte leicht großes Unglück angestiftet werden können, wenn nicht der Lehrer Schleevogt sofort entschlossen zu- gesprungen wäre. Herr Schleevogt sprang von hinten auf den Wagen, kletterte über eine Anzahl Fässer hinweg und es gelang ihm die Leine zu fassen und das Gefährt zu», Stehen zu bringen, Herr Schleevogt wurde für seine anerkennenswerte Tat vom Lehrer- kollegium beglückwünscht, Hineingelegt? Eine höchst sonderbare Meldung kommt aus Paris. Die Pariser Abendblätter vom Sonnabend berichten, es habe sich herausgestellt, daß das angebliche Telegramm mit den Unterschriften der Vorsitzenden des Pariser und des Londoner Ge- meinderates an die Berliner Stadtverordneten eine Fälschung ist. Wie wir berichteten, hat Sradtverordnetenvorstehcr Dr. Langer- Hans folgendes Telegramm aus Paris erhalten:„Die zu Paris ver- einigten Stadtverordneten von London und Paris senden den Kollegen der dritten europäischen Kulturstadt den Ausdruck ihrer frcundschaft- lichcn Hochachtung,(gez.) Brousse. lgcz.) Cornwall," Stadtver- ordnetenvorsteher Dr. Langerhans hatte sofort ein in französischer Sprache abgefaßtes Danktelegramm gesandt. Ter„spielende" Kapellmeister. Es wird in Militärkreisen viel bemerkt, daß seit zehn Tagen der durch sein Auftreten in der Ocffentlichkeit bekannte Kapellmeister Przywarski vom Kaiserin Augusta-Regiment nicht mehr zum Dienst erscheint, und daß auch der Feldwebel Renno von der 1. Kompagnie dieses Regiments seit derselben Zeit vom Dienste abgelöst worden ist. Dies hängt, wie das„Berl. Tagebl." mitteilt, mit einer Spieleraffäre zusammen, die wahrscheinlich zahlreiche Kapellmeister der Gardcregimenter und auch eine Reihe von Feldwebeln in Mitleidenschaft ziehen wird. Die Herren spielten lange Zeit in dem Cafe Riedel am Bellealliance- platz, und zwar lediglich Vierblatt. Der Einsatz betrug mitunter acht Mark und das„Bete" erreichte nicht selten die Höhe von 150 M. Auf diese Weise wurden ganz bedeutende Umsätze erzielt, und es kam oft vor, daß ein Spieler mit einem Verlust von 800 M. und mehr nach Hause ging. Oft dehnte sich das Spiel bis früh um acht Uhr aus, so daß die Spieler oft von dem Cafe aus direkt zum Dienst gingen. Von Mitte November vorige,� Jahres ab blieben Przywarski und einige Kollegen dem ständigen Spieltische fern und suchten sich ein anderes Spiellokal; auch andere Spieler fanden sich dort ein. In dem neuen Heim ist es nun vor zwölf Tagen zum Eklat ge- koimnen. Durch eine anonyme Mitteilung waren die militärischen Vorgesetzten auf die Spielleidenschaft Przywarskis hingewiesen worden. Ein Hauptmann drang abends unvermutet in das Spiel- lokal ein und überraschte dort die Herren. Auf dem Tische lagen hohe Geldbeträge. Infolge dieser Entdeckung wurden Kapellmeister Przywarski und der Feldwebel Renno sofort vom Dienste dis- pensiert. Die eingeleitete Untersuchung dürfte auch, wie bereits an- gedeutet wurde, noch anderen Kapellmeistern und Feldwebeln ver- härignisvoll werden, zumal die Herren meistens in Uniform dem Spiele oblagen. Die Anzeige wird auf einen Racheakt zurückgeführt, da Przywarski bei seiner Kapelle unbeliebt war. Es wird ihm namentlich Ungerechtigkeit gegen die älteren Hoboisten zum Vor- Wurf gemacht. Er braucht indes für seine Zukunft nicht besorgt zu sein, da er sehr vermögend ist und außer einigen Häusern in Koblenz auch eine Villa in Buckow besitzt. Aus de», Moabitcr Zuchthause entwichen ist gestern früh der Sträfling Baranowski. Zwei Komplicen, die an dein Plane mit hetciligt waren, mißlang der Fluchtversuch. Ueber die Einzel- Heitel, wird berichtet: Die Sträflinge Baranowski, Goldbach und Müller waren in dem obersten Stockwerk des nach der Jnvalidenstraße zu belegenen Anstaltsgebäudes in drei Zellen nebeneinander interniert. Durch das„Gefängrkistelephon", d. h. durch Benutzung der zur Zentral- Heizung dienenden Röhren, hatten sie sich gegenseitig verständigt und einen Fluchtplan ausgedacht, der heute nacht zur Ausführung gelangen sollte. Zunächst bohrte Baranowski, der die mittlere Zelle innehatte, ein Loch durch die Mauer der Nebenzclle, in der Müller saß; gleichzeitig machte Goldbach dasselbe Experiment, um in die Zelle des Baranowski zu gelangen. Etwa sechs Stunden müssen die drei verwegenen Burschen dazu gebraucht haben, um die Löcher so herzustellen, daß ein Mensch sich gerade noch hindurchzwängen konnte. In der Baranowskischcn Zelle trafen sich nun die Ver- schwörer. Von hier aus wurde unter außerordentlichen Schwierig- leiten in das Dachgewölbe ein Loch gebrochen, der den Dreien Zu- tritt auf das Dach gewährte. Für ihre„Maurerarbeiten" benutzten die Zuchthäusler Drahtstücke, die sie von ihren Bettstellen loS- gerissen hatten. Auf dem Dache angelangt, hieß es nun, mit aller Vorsicht auf den Hof zu gelangen. Eile tat not! Denn schon graute der Morgen und jeden Augenblick mußte die Nachtkontrolle diesen Teil des Anstaltsgebäudcs passieren. Baranowski, der Anstifter des Planes, hatte sich durch Zusammenknüpfen von Zwirn einen feinen Strick zurechtgedreht, der an dem Gesims befestigt wurde und nun zum Herablassen dienen sollte. Den Zwirn hatten die drei Gesellen aus der Arbeitsstubc entwendet, in der sie mit Schneiderarbeiten beschäftigt waren. Baranowski und Müller gelang es, herabzu- gleiten und festen Fuß zu fassen, während Goldbach auf der Hälfte des Weges in etwa 20 Meter Höhe herabstürzte und mit zer- schmetterten Beinen bewußtlos am Erdboden liegen blieb. Für die beiden anderen sollte jetzt der letzte Teil ihrer Flucht zur Ausführung kommen. Aus Bettüchern hatten sie sich Stricke gedreht und diese mit Haken versehen; die letzteren waren wiederum aus Teilen der eisernen Bettstellen hergestellt. Die Hakenstricke sollten nun dazu dienen, um über die sechs Meter hohe Gefängnismauer— das letzte Hindernis— zu gelangen. Baranowski warf zuerst den Haken wie eine Angel aus. Seltsamerweise griff der Haken bei den ersten Malen in das Mauerwerk ein, und so konnte sich B. in die Höhe ziehen. Wenige Minuten später war er in Freiheit. Als Müller dasselbe tun wollte, ritz der Haken los. Bei dem erneuten Versuch, die Leine auszuwerfen, wurde er von Kontrollbeamten gefaßt und in Sicherheit zurückgebracht. Goldbach ist nicht lebensgefährlich ver- letzt; er wird zurzeit in der Krankenstation des Zuchthauses be- handelt. Eine Spur des entwichenen Baranowski ist noch nicht gefunden. In Sachen des Raubmordes in Reinickendorf ist, wie gemeldet wird, die neueste Feststellung für den unter dem dringenden Verdacht der Täterschaft verhafteten Max Jordy, den Sohn der Ermordeten, abermals schlver belastend. Es wurde schon mitgeteilt, daß Jordy für die Zeit von 2 bis 7 Uhr nachmittags des vorvergangencn Sonn- abend sein Alibi nicht nachweisen kann. Andererseits bestand aber auch zugunsten Jordys ein Widerspruch in den Zeitangaben. Dieser ist jetzt zu seinen Ungunsten entschieden. Jordy behauptet weiter. daß er seit dein 16. Januar gar nicht mehr in Reinickendorf gewesen sei. Dem traten aber Zeugen entgegen, die ihn später noch vom Ringbahnhof Frankfurter Allee nach Reinickendorf fahren sahen. Unter den verhafteten Kollidieben und Hehlern war auch eine Produktenhändlerin Wandrey, Naunynstraße, genannt. Die Rester- Händlerin Marie Wandrey, Naunynstraße 65, teilt uns mit, daß sie sich auf freiem Fuße befinde und in leinerWeise sich eine Hehlerei habe zuschulden kommen lassen. Großes Unheil richtete in der verflossenen Nacht der Automobil- Omnibus Nr. 1306 an, bei dem die Steuerung plötzlich versagte. Als der Wagen, von der Liesenstraße kommend, um den Bellealliance- platz herumgefahren war, bemühte sicb der Fahrer vergeblich, das Gefährt nach der Halletchen Tor-Brückc zu lenken. Der Omnibus bog viel- mehr nach links hinüber und kuhr mit bedeutender Schnelligkeit auf den vor den Torgebäuden befindlichen Jnselperron und init solcher Gewalt gegen den dort stehenden Gaskandelaber, daß die eiserne Stirnplatte des Fußes vollständig zertrümmert wurde. An dem Automobil brachen die Federn der Vorderachse und die Maschine wurde stark beschädigt. Auf dem Deck befanden sich glücklicherweise keine Fahrgäste mehr, die Insassen des Wagens wurden jedoch von ihren Sitzen geschleudert. Der Chauffeur stürzte auf den Fahr- dämm, kam jedoch ebenso tvie die Passagiere mit dem Schrecken davon. Die nicht genug zu bekämpfende Unsitte, Apfelsinenschalen auf die Straße zu werfen, hat am Sonntagvormittag wieder ein Opfer ge« fordert. Der 52jährige Schuhmacher Karl Linke aus der Perle- bergerstraße 59 kam um diese Zeit von Moabit her in Begleitung mehrerer Kollegen, um sich nach Charlottenburg zu einer Bersamm- lung zu begeben. Als sie in die Bismarckstraße einbogen, trat Linke aus eine Apfelsinenschale, glitt aus und schlug im Fallen gegen emen Latcrnenpfahl. Da Linke über große Schmerzen klagte, wurde er von seinen Freunden in einer Droichke nach der Unfallstation in der Herystraße gebracht, wo der Arzt einen linksseitigen Rippenbruch feststellte. Nach Anlegung eines Notverbandes wurde Linie nach dem Krankenhause FriedrichShain gebracht. Der Polizeipräsident erläßt folgende Bekanntmachung: Um Unglücksfällen vorzubeugen, wird hiermit unter Hinweis auf die Bestimmung des§ 30 Abt. 3 der Strom- und Schiffahrtspolizei- Verordnung vom 15. Oktober 1899 nochmals in warnende Erinnerung gebracht, daß das unbefugte Betreten des EiseS, sowie das unbefugte Schlittschuhlaufen auf deir hiesigen Gewässern verboten ist. Die Exekutiv- organe sind angewiesen, auf die genaue Beachtung dieser Bestimmung zu halten._ Zur Bekämpfung der Tuberkulose! Am Mittwoch, den 14. Februar 1906, abends 8 Uhr, findet im Königstadt-Kasino. Holzmarktstr. 73, eine Versammlung der Vorstände ehemaliger Beelitzer, Belziger, GörberSdorser, Gütergotzer, Grabowseer usw. statt. Tagesordnung: WaS würde der Zu- sammcnschluß unserer Vereine zu einem Bunde bezwecken? Zu dieser Ver- sammlung werden die Vorstände sowohl als auch die Mitglieder der oben- genannten Vereine sreundlichst eingeladen. Zahlreiches Erscheinen wird erwünscht. Exwaeinladungen an die einzelnen Mitglieder ergehen nicht Eingegangene Druckschriften. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben das 20. Hest de? 24. Jahrganges erschienen. Ans dem Inhalt des HesteS heben wir hervor- Zu Heines Ehren.— Qualifizierte Arbeit und Kapitalismus. Von Otto Bauer.— Die Trennung der Kirche vom Staate in Frankreich. Von Ch. Rappoport(Paris).— Das Ergebnis der englischen Wahlen. Von M. Beer.— Literariichc Rundschau: Comune di Milano, Belaziono della commissione municipale d' inchiesta sullo abitazioni popolari. Von O. L. Die Odyssee des„KnjaS Potemkin". Von Dr. Jenny Herzmark. Die„Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- Handlungen, Postanstaltcn und Kolporteure zum Preise von 3,25 M. pro Quartal zu beziehen: jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Hest kostet 25 Pf. Probenummcrn stehen jederzeit zur Verfügung. Lriefkasten ckr Redaktion. An unsere Berichterstatter und Schriftführer der Partei- organisatione» in den Bororten richten wir die dringende Bitte, das Papier nur aus einer Seite zu beschreiben. Außerdem aber bitten wir, schnell zu berichten und sich möglichster Kürze zu befleißigen. W. H. 4k. Bureau der städtischen Fleischbeschau, O. 67, Schlachthos Eldenaerstraßc.— E. K. 24. Sie sragen an, wer der Mann war, nach dem die Simon Dachltraße genannt ist? Sehen Sie, bitte, im Adreßbuch bei der betreffenden Straße nach.— Z. 28. Eharitö.— Kasse 8 und H. 29. Zentrallommission der Krankenkassen, Engel-User lö.— Char- lottenburg 24. Diese Frage zu beantworten ist uns unmöglich.— (?. H. Wenden Sie sich an ein Patentburcau.— Zl. H. 1599. Blitzlicht- pulver besteht au« 1 Teil Schellack, 6 Teilen salpelcrsaurcm Baryt, 2,5 proz. Magncsiumpulver.— F. Sch. Fragen sie, bitte, in einem Drogcngcschäst nach.— Zwei Wettende O. G.'Uns nicht bekannt.— W. Bg. so- weit aus Fassung oder aus unserer Kenntnis der Tatsachen der schwindel- haste Charakter einer Anzeige ersichtlich ist, weisen wir jedes solche Inserat zurück. So wird nunmehr auch das betreffende Inserat, nachdem Sie uns ein Exemplar der„Nacht" übersandt und wir also Kenntnis von dem Inhalt erhielten, nicht mebr erscheinen.— O. G. 199. 1. Stcucrerheber: Anfangs- gebalt 1500 M.. Höchstgehalt nach 20 Dicnsljahren 2700 M. Außerdem 300 M. Funktionszulagc. Hülssstcuererheber: Ansangsgehalt 1380 M., Höchst- gehalt nach 5 Dienstjahren 1680 M. 2. Vierteljährliche Zahlung.— I. M. 199. Charit«, oder Urban-Krankenhaus. Ausnahme jederzeit.— A. P. LI. Wenden Sie sich an den Arbeiter-Ruderverein„Vorwärts". Stralau, Tunnclftr. 17___ Zwei Streitende. Ja. Berliner Marktpreise. Aus dem amllichcn Bericht der städttschet. Markthallen-Direktion. Rindfleisch la 63—66 pr. 100 Pjunb, IIa 54—62, lila 49-53, IVa 39-47. Kalbfleisch la 82-90, IIa 65-SO, lila 55-64, tammelfleffch la 62—73, IIa 56—62. Schweincflellch 73—78. Rotwild fiind 0,50—0,58, Damwild 0,57. Hasen Stück 3,80—3,90. Kaninchen Stück 1,00—1,10. Hühner pro Stück, alle ILO-2,50, junge 0,80—1,30, do. IIa 0.00—0.00. Tauben, junge 9,57—0,70, alte 0,59—0,55. Enten, Stück 0,00—0,00. Gänse pr. Psd. la 0,00, IIa 0,99, russische 0,40—0,58 M. Schellfische 20-23 M.. Flunder 13—20 M. pro 100 Psd. Hechte 00,00 M. Schleie, unfort. 900,00. State, groß 00,00, mittel 00,00; Plötzen 00,00, Karpfen 00,00, Rhcinlachs 675,00, Seelachs 20—25 pr. 100 Psd. Schottische Vollheringe(gesalzen) 40—44 M. Eier, Schock 4,00, Butter pro 100 Psund la 120—121, IIa 115—118, lila 110— l 15, absallcnde 00-09. Kartoffeln pr. 100 Psd. rote 2,00-2,20. Rosen 0.00—0.00. blaue 0,00—0,00, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl pr. schock 7.00-12, 00. Weißkohl pr. 100 Pfd. 2.75-3.25. Rotkohl pr. Schock 6.00-10,00, Holl. 14—16 M. Saure Gurken, Schock 2,00 M., Pscffcrgurken 2,00 M. Wetter-Prognose für Dienötag, den 13. Februar I90V. Sielfach heiter, nachts Frost, am Mittag ziemlich milde bei mäßigen südöstlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner W e t t c r b n r ea>,. "Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber. Berlin. Für den Jnserakenteil verantw.: Th. Gl-ckc, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer&. Co.. Berlin SW,