Kr. 38. Bbenncments-Bcdingung« n; »bonneiiients» Prcij prnnunierando I Siertlljkhrl. ZLll Mk.„mna». l.lv m., wSchmtlich 28 Pfg. frei in» Hau». Einzelne Nuninier 8 Pfg. Eoimlagi» liumincr mit illustriericr Eoimtag», Beilage»Die Neue Welt" 10 Psg. Post» »bonnenieni:>.10 Mari pro Monat. «ingelragen in die Post. Zeitung»- Preisliste. Unter Kreuzband fttr Deutichland und Oesterreich, Ungarn t Marl, für da» Ldrige Ausland S Marl pro Monat. S3. Jahrg. erltteli»»gl!» iuüti Moiniz». V* Berliner Volksblntt Die Inlertlons'Gfbüljr betrügt für die sechSgespaltcne KoloncI« «eil« oder deren Naumsratswahlordnung. welche alle das Wahlrecht und das Wahlverfahren regelnden Be- stimmungcn enthält, also das, was im Deutschen Reiche in Wahlgesetz und Wahlreglement geschieden ist. Wie bekannt, ist das Wahlsystem, aus dem sich der österreichische Reichsrat heute bildet, ungemein verwickelt. Der Rcichsrat besteht aus dem Herrenhause und dem Abgeord- netenhause. Das Herrenhaus bildet sich aus den„groß- jährigen Häuptern jener inländischen Adelsgeschlechter, welche durch ausgedehnten Grundbesitz hervorragen"(den erblichen Mitgliedern), aus den Erzbischöfen und Bischöfen,„welchen fürstlicher Rang zukommt", und aus den vom Kaiser� er- nannten„ausgezeichneten Männern, welche sich um den Staat oder Kirche, Wissenschaft oder Kunst verdient gemacht haben". Das Abgeordnetenhaus besteht aus 425 in fünf Kurien und in den allermannigfaltigsten Formen gewählten Mitgliedern. 85 Abgeordnete wählt die Wählerklasse des Großgrund- besitzes(insgesamt 5431 Wähler) 21 Abgeordnete entsenden die Handels- und Gewerbetammern(insgesamt 556 Wähler), 118 Abgeordnete wählen die Städte(insgesamt 493 864 Wähler), 129 Abgeordnete wählen die Landgeineinden (1 585 466 Wähler), und 72 Abgeordnete wählt die alloemeinc Wählerklasse, in der alle erwachsenen Männer, also auch die Wähler der andercu Kurien, wahlberechtigt sind, deren Wählerzahl demgemäß die Sumnie der Wahl- berechtigten überhaupt darstellt: 5 664 222 Wähler. Man kann danach erniessen, wie gewaltig der Unterschied der Wählerzahl zwischen den einzelnen Abgeordneten ist: TaS österreichische Abdcordnetenhaus hat Mitglieder, die..aewählt" »vcrden von acht Wählern, und es hat Abgeordnete, die ge- wählt werden von mehr als hunderttausend Wählern. Es gibt in dem verkünstelten und veralteten Wahlsystem der deut- fchcn Bundesstaaten sicherlich viel Unsinn und krasse Un- gerechtigkeiten, aber das österreichische Wahlsystem dürfte in seiner Abgeschmacktheit und Torheit doch wohl alle über- treffen. Das österreichische Abgeordnetenhaus ist heute tatsäch- lich nur eine durch den Tropfen des allgemeinen Stimmrechts der fünften Kurie inodern frisierte Ständevertretung. So bängt das Wahlrecht im Großgrundbesitz nicht etwa von der Höhe der Steucrleistung ab, sondern es steht nur dem Grundbesitz zu. der in die Landtafcl eingetragen ist, bedeutet also das Privileg eines Gebietes(denn an den Personen haftet es nicht), dessen Ausnahmestellung aus der Vergangenheit überkommen ist. Die Abgeordneten der Wählerklasse der Handelskammern werden von den Mitgliedern dieser Organi- satioiicn gewählt, wobei eine ziemliche Zahl von Handels- kammern, die des eigenen Abgeordneten entbehren, mit einem Stadtbezirke verknüpft ist. Die Wahlbezirke der Städte und Landgemeinden werden nicht territorial gebildet, sondern die Städte sind aus dem Gebiete herausgehoben und gleichsam nur in der Luftlinie zu einer scheinbaren Einheit verbunden — ein künstliches System, um die in Oesterreich nur kümmer- lich sich entwickelnden Städte vor der Ueberflutung durch das Land zu retten. Die Wahlberechtigung in diesen zwei Kurien beginnt bei einer Steuerleistung von 8 Kronen, sinkt aber auf dem flachen Lande bedeutend tieier; in den unentwickelten Ländern(Galizien, Bukowina, Dalmatien, im Karitgebiet) sinkt der Satz oft bis zu einigen Kreuzern. Das Wahlrecht in der allgemeinen Wählerklasse ist an das Wahlrechtsalter von 24 Jahren und an eine halbjährige Seßhaftigkeit in der Gemeinde gebunden. Die neue Verfassung wird nun die Kurien abraffen und das Abgeordnetenhaus aus allgemeinen, gleichen und direkten Wahlen mit geheimer Abstimmung hervorgehen lassen. Bis jetzt ist das Stimmrecht direkt und geheim nur in den drei ersten Kurien. In den Landgemeinden und in der allgemeinen Wäblerklasse gibt es in manchen Ländern(die Bestininiung darüber ist iin Jahre 1896 der Landesgesetz- gcbung zugeschoben»vorden) noch das indirekte Wählen mittels Wablmännern und die mündliche Abstimmung! Wirkliche, uneingeschränkte Allgemeinheit der WahlbercchtHmg wird auch die Vorlage allerdings nicht enthalten. Tie Wahlrechts- Voraussetzung der Seßhaftigkeit wird nämlich verschärft durch Erhöhung der bisherigen Frist von sechs Monaten auf ein 1 Jahr. Die Regierung fügt sich damit zum Teil der ins- j desondere von den Wiener Christlich-Sozialen erhobenen Forderung, wenn sie auch deren Wahlrechtsraubpläne(die Herrschaften verlangten zuerst fünf, dann vier Jahre!) nicht völlig erfüllt. Immerhin bedeutet das eine Jahr die Ent- rechtung aller Saisonarbeiter, und die Bestimmung ist gc» eignet, die Wahlchancen unserer Partei an vielen Punkten beträchtlich herabzumindern. Auf die gehchücjen Forderungen nach einem Pluralwahlrecht, diesem Steckenpferd der„Ge- bildeten", die da meinen, in der Abstimmung werde etwas anderes vollzogen als die Wahl zwischen Parteien, hat sich die Regierung nicht eingelassen. Auch die geheime Forderung des Polenklubs: der Schlachta die Prämie der indirekten Wahlen sür Galizien,-dieses prächtige Mittel zur Korrum- Vierung des Willens der Bauern, zu gewähren, wird in der Vorlage nicht erfüllt werden. Mit der oben erwähnten, frei- lich nicht unwesentlichen Einschränkung wird die Vorlage das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht ent- halten. Dieses Prinzip und diese Vorlage wäre auch vor jeder ernsten Gegnerschaft gesichert: so wenig innere Begeisterung für die Beseitigung der Privilegien einem Privilegienparlament auch innewohnt, so sind die Kurien doch mit solcher Schmach beladen und dermaßen als der wahre Grund der chronischen Parlamentskrise erkannt, daß auch in dem Kurienhcm e niemand den Frevelmut hat, für die Aufrecht- erhaltung der jetzigen Zustände einzutreten. Auch ist, zumal in Oesterreich, für politische Selbstsucht, für Klassenbrutalität just nicht die rechte Zeit: die Möglichkeit, die Privilegien zu verteidigen, hat die gewaltige Wahlrechtsbewegung der Ar- beitcr für immer ausgerotlet. Die Schwierigkeit der öfter- reichischen Wahlreforin ist heute nicht mehr das Verhältnis der Klassen— diese Frage ist entschieden—, sondern sie liegt darin, daß sich im Wahlwstem auch das Verhältnis der Nationen kreuzt— deren es in Oesterreich bekanntlich nicht wenig gibt und die an Zahl, wirtschaftlicher Entwickelung und Allgemeinlultur beträchtliche Unterschiede aufweisen. Die Schwierigkeit stellt sich sachlich dar in dein Gegensatz zwischen den Deutschen auf der einen Seite, die ihr heutiges Primat aufrecht erhalten wollen und sich dabei aus ihre die anderen Nationen überragende Kultur, wirtschaftliche Kraft, Bildung (und was solcherart Beweise eben sind) berufen, und den slavischen Nationen auf der anderen Seite, die ihre in den vierzig Verfassnngsjahren unzweifelhaft erlangte Entwicke- lung nun auch in der Verteilung der Macht im Hause der Ge- setzgebung ausgedrückt und bestätigt ivissen wollen. Tie alte Verfassung hat die Begünstigung der Deut'�en ans ver- schiedene Weise vollzogen(unter anderem durch die Ersinduug künstlich-r deutscher Abgeordneter, eben der deS Großgrund- besitzes und der Handelskammern); die neue Verfassung kann dei. Unterschied der Nationen natürlich nur in der Ungleich- heit der Wahlbezirke zum Ausdruck bringen. Was in Deutsch- land ein Ergebnis der sozialen Entwickelung ist, soll in Oester. reich bewußt eingeführt werden: die Ungleichheit der Wahl- bezirke, welche durch die angebliche Ungleichheit der wirtschaftlichen Entwickelung der acht Nationen begründet ist, die in Oesterreich leben und miteinander im ewigen Hader stehen. Das Problein, das aus den spezisiWeil österreichischen Verhältnissen erwächst, ist natürlich nur durch einen billigen Ausgleich— und zivar ohne Schwierigkeit— zu losen. Dennoch liegt hier der Kern der Schwierigkeiten, die sich deiii Reformwerk nun entgegenstellen: es ist möglich, den Widerstand gegen die Wahlreform, welche die Privilegien beseitigt und das allgemeine und"leiche Stimmrecht einführt, als„nationale Gegnerschaft" zu verkleiden und den Wider- stand gegen die politische Reform als„nationale Sorge" aus- zugeben. Während aber politischer Egoismus wenig Kredit hat und sich daher gar nicht hervorwagt, schaut der nationale Egoisnius ungemein ethisch aus und besitzt in einem Staate wie Oesterreich Ansehen und Kredit.„Die nationale Frage" in der Wahlreform ist also der Punkt, von dem aus die verkappten Reformfeinde das Werk aus den Angeln zu heben versuchen werden. Herr von Gautsch hat die Gefahr auch längst erkannt und suchte sie zu beschwören, indem er die Führer der drei großen Parteien und Nationen einlud, in sein Kabinett als Minister einzutreten und das Kompromiß unter ihren Schutz zu nehmen: der Plan ist aber— vornehmlich durch die Ränke der geheimen Wahlreformfcinde— mißglückt. Man muß sich nun auf das Gewicht der Reform selbst verlassen, auf den in der Vorlage unzweifelhaft verkörperten Ausgleich der nationalen Ansprüche, der so geartet ist, daß jede Nation von der Wahlreform auch national nur Vorteile haben wird. Uebrigens hat die Regierung die Schwierigkeiten paraly- siert, indem sie einfach die Zahl der Mandate erhöhte, wodurch sich die Möglichkeit bietet, daß die Deutschen das, was sie jetzt haben— ihren Besitzstand— behalten, und das Mehr, das die slavischen Nationalitäten erhalten müssen, aus dem Vlu� der Mandate bestritten wird. Allerdings hat die Clique der Wablrcformgegner sofort ein neues Schlagwort ausgeheckt: daß nicht allein der deutsche BeüMtand unantastbar sei, son- � dern daß auch das Verhältnis, in welchem jetzt die Zahl der � deutschen Mandate zu der der nichtdeutschcn steht, nicht ver- � ändert werden dürfe I Es ist das eine ebenso anmaßliche wie � unerfüllbare Forderung, die aber gerade deshalb erhoben 1 wird, weil sie unerfüllbar ist. Nach dem, was von der [ Vorlage verlautet, wird die Zahl der Abgeordneten von 425 Expedition: 8W. 68, Landenstraose 69. ftmiitirrrfirr;»lini IV. Nr. 1084. auf 456(oder 453) erhöht werden, von denen die Deutschen, die unter 26 Millionen der österreichischen Bevölkerung zehn Millionen zählen, nicht weniger als 265 nationalcinheitliche Wahlbezirke erhalten sollen: sicherlich eine Begünstigung, die jede Klage über Zurücksetzung der Deutschen ausschließt und sie als elcckde Heuchelei brandmarkt. Auch die Städte sollen begünstigt werden: so wird Wien nicht weniger als 28, Prag 8 Abgeordnete erhalten, und auch die kleinen Städte werden mit ähnlicher Freigebigkeit behandelt. Gegenüber der heutigen„Ordnung", die eine Sammlung alles nur erdenklichen Wahlunsinns darstellt, wird die neue KreiScintcilung ein eminenter Fortschritt sein, und so ist die Hoffnung nicht unberechtigt, daß die klug konzipierte Reform des Herrn von Gautsch die Nebel der Ränke verschwinden lassen wird. Wenn nicht, so muß der Kampf eben weitergehen. Möglich ist es schon, daß das schwerste Stück der Arbeit noch vor den österreichischen Arbeitern liegt. Aber d a ß es getan und daß die Rcforin siegreich bis ans Ende gebracht werden wird, das steht außer allem Zweifel. Die Revolution in Rußland. Die Ergebnisse der„Beruhigungsarbeit". Auf welche Art und Weise die„Beruhigung" der Nevolutioi» im Reiche Väterchens geschieht, dafür bringt die eben sistierte Zeitung „Wetscherny GoloS" einige Zahlen, die sich übrigens nur auf den ersten Monat der Blutherrschaft Witte-DurnowoS beziehen. Seit- dem sind tausende und abertansende unschuldige Bürger hingemordet worden. Die Arretierten und Verstümmelten wollen wir nicht zählen, denn wir ivissen jetzt auö dem Telegramme Durnowos an ÄaulbarS, daß die Parole der jetzigen Regierung:„Töten nicht arretieren" lautet. Merkwürdigerweise deckt sich dieselbe mit derjenigen der adeligen Henker deutscher Herkunft in den Ostsee- Provinzen. Nach dem„Wetsch. Golos" wurden in Rußland vom 13. Dezember bis zum 12. Januar 78 periodische Erscheinungen der Presse sistiert. Die Verbote erstreckten sich auf die Städte Petersburg, Moskau, Karschau, Lodz, Petrokoiv, Tiflis. Baku, PjatigorSt. Odessa, Jelisawetgrad, Charkow, Poltawa, Kiew, NoivotscherkaSl, Perm, Riga und Libau. Arretiert wurden in dieser Zeit 53 Redakteure: 40 von diesen wurden nach kürzerer Haft nach Hinterlegung von Kaution wieder in Freiheit gesetzt. Wichtig ist. darauf hinzuweisen, daß die Kautionssummen die früher üblichen um daS Zehnfache. übertreffen. So hatten diese 40 Redakteure zusammen 380 500 Rubel (fast eine kleine innere Anleihe!) zu hinterlegen. Unter B e- lagerungszustand befinden sich 02 Reichsgebiete, der autzergewöhnliche„verstärkte Schutz" wurde über 23 Ge- biete verhängt, unter„verstärktem" Schutze befinden sich augeit- blicklich 18 Provinzen. Zu solchen Mittel» griff sogar ein Plehwe nicht. In den„b e>v a f f n e t e n Aufständen" sind iin ganzen im Laufe dieses einen Monats 1203 Personen getötet und 1024 verwundet worden. In diesen Zahlen sind nicht eingerechnet worden die Opfer von Moskau und— den Ostsceprovinzen, weil die Massenmorde im letzteren Gebiete erst im Laufe des Monats Januar ihren Höhegrad erreichten. Von der Zahl der Arretierten spricht das Blatt nicht.weiter, sondern begnügt sich mit der Notiz: „Die Gefängnisse sind dermaßen überfüllt, wie noch nie zuvor." Auch diese Bemerkung beweist, daß wir uns in der Aera der Regie- rung des„BruderS Witte" befinden! G Verfolgung der Anhänger TolstojS. Wie zu den Zeiten des ermordeten Ministers b. Plehwe, so werden auch jetzt auf Veranlassung des russischen Ministers deS Innern, Durnowo. die Anhänger TolstojS(sogenannten Tolstolvzy) mit besonderer Strenge verfolgt. Für die russische Provinzbehörde genügt ein Wink aus Petersburg, im weiteren Vorgehen aber brauchen die russischen Administrativbeamten keine Direktiven. So darf es auch nicht lvundernehmen. daß gegen mehrere in Saratow wohnende Personen, die sich als Tolstolvzy bekennen, und TolstojS Schriften verbreiten, soeben Anklage wegen Aufreizung zum bewaffneten Aus- stand erhoben ist. Die Saratower Behörde hat hier, wie das in Rußland oft geschieht, der Anklage zu Grunde gelegt, daß TolstojS Schriften, zumal die der letzten Zeit, denen der Revolutionäre gleich- zustellen sind. Da aber die Verbreitung der revolutionären Schriften gegenwärtig in Rußland mit besonderer Strenge geahndet wird, so trifft dasselbe auch die Tolstowzy. » Gegen den„inneren Feind". DaS russische KriegSministcrium hat soeben berstigt, daß die seinerzeit gegen die Japaner bestimmten erst kürzlich nut der Ausrüstung ferliggewordcnen drei Berggeschützbatterien eiligst nach dem Kaukasus vom Kiewer Militärbezirk aus entsandt werden. Die erste Truppenabteilung verläßt Njeschin bereits am Montag, den IS. Februar. Zuwachs für nnsere Partei. Die russischen Sozialrevolutionären haben sich jetzt m drei Gruppen geteilt: die eine, die größte, schloß sich den russischen Sozialdemokraten an, die zweite Gruppe, der hervorragende Führer angehören, will ein neues Programm für die russischen Sozialrevolutionären ausarbeiten, während die dritte, die kleinste Gruppe, dem jetzigen Programm der russischen Sozialrevolutionäre» treu geblieben ist. Hungerstreik des Redakte, irS der Zeitung„Syn Otetschestwa". Man schreibt der„Russ. Korr.": Der verbaktete Redakteur der oben genannten Petersburger Zeitung hat als Protest gegen das strenge Regime des Einzelzellengefängnisses den sogenannten Hungerstreik begonnen. Seit sieben Tagen, so teilt die„Birschewyja Wedomosti" mit, nimmt Herr Juritzyn nichts zu sich. Er ist bereit, eher zn sterben, als den,»vilden Gefängnisregiine sich zu unterwerfen. Seiner Frau, die ihn einige Male besucht hat, gelang es nicht, ihn von seinem Entschluß abzu- bringen. U Der Prozeß gegen die verhafteten Mitglieder des Arbeiter- deputiertcnratcS zu Petersburg wird anfangs April und zwar öffentlich stattfinden. Ein Anschlag ans die Staatssparkasse. In Petersburg drangen zwei mit Revolvern bewaffnete Männer, von denen einer eine schwarze MaSke trug, in die bal- kanische Abteilung der Staatssparkasse. Der eine rief den An- wesenden zu, daß er sie verhafte, und feuerte drei Revolverschüffe ab, die den Aufseher niederstreckten. Der zweite Uebeltäter griff unterdessen den Kassierer an, doch verfehlten seine Schüsse das Ziel. Der Kassierer entriß ihn, den Revolver und betäubte ihn durch einen Schlag. Einige Anwesende versuchten erschreckt über die Hintertreppe zu entkonnnen, stießen aber ans andere Bewaffnete, die nun in das Lokal einzudringen versuchte» und auf das Publikum feuerten. Als sie Widerstand fanden, er- griffen sie die Flucht. Drei Personen wurden verwundet. Außer dem durch den Schlag des Kassierers betäubten Eindringling wurden noch vier verdächtige Personen verhaftet. Die Bluthunde an der Arbeit. Petersburg, 14. Februar. Die muselmännischen Einwohner der Ortschaft TerSkoi haben sich geweigert, den, Kavallerietruppen Fourage z» liefern. Infolgedessen gab der Kommandant der Ab- teiluug Befehl zu schießen. 40 Einwohner wurde» getötet. Riga, 14. Februar. Das hiesige Kriegsgericht verurteilte die Kleinbürger Ernst S t e i n b u r g.und Wadfe, den Reichsdeutschen Johann Johannson und den Letten S e n g a l zum Tode durch de» Strang. Dieselben waren angeklagt, den lieberfall auf de» Polizeimeister ausgeführt zu haben. Wilna, 14. Februar. Das Kriegsgericht hat den verhafteten K o r o t k i, der das Bombenattentat auf den Polizeimeister Klimavicz ausgeführt hat, zum Tode durch den Strang verurteilt. Wien, 14. Februar. Nach eiugetroffciieu Meldungen sollen am 6. d. M. in der Warschauer Zitadelle die U» i v e r s i t ä t S- Professoren Spolsli, Adler, Czerno und S a m b o r erschossen worden sein. polUifcde acbcrHcbt. Berlin, de» 14. Februar. Her mit dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht! Wie notwendig die Aufwerfung der Wahlrechtsfrage im Reichstage war, wird allein bestätigt durch die Lebhaftigkeit der Debatte über den sozialdemokratischen Antrag: das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für die gefetz- gebenden Körperschaften in den einzelnen Bundesstaaten Deutschlands einzuführen. Bebel rief heute die bürgerlichen Parteien auf den Plan, deren Anerkennung des Reichstags- Wahlrechts nur eine erzwungene ist: ihre innere Abneigung gegen dieses Wahlrecht verbergen sie, weil ein offenes Be- kenntnis dieser Abneigung bei den nächsten Wahlen einer erklecklichen Anzahl von Wahlrechtsfeinden das Mandat kosten würde. Das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht schon deshalb zu achten, weil es auch für sie das Thermometer des Wachstums unserer Partei ist, fällt den bürgerlichen Parteien gar nicht ein; dieses Wahlrecht würde der Sozial- demokratie Mandate für die Landtage verbürgen— das allein ist schon Grund genug für unsere Gegner, es zu hassen. Nur aus Furcht vor dem stärkeren Eindringen sozialdemokra- tischer Abgeordneter in die Landtage verschanzen sie sich hinter verfassungsrechtliche Bedenken. Es ist lächerlich, höchst lächer- lich, dieses Wahlrecht, das für die oberste Gesetzgebung des Reiches anerkannt wird, für die Landtage als nicht geeignet zu erklären I Bebel geißelte unerbittlich die„staatsrechtlichen" Be- denken der Nationallibcralen und zog diesen Wahlrechts- feinden die Larve von dem reaktionären Antlitz. Die Be- weise des Wahlrechtsraubes in Sachsen— wo sie das Wahl- recht für den Landtag ebenso wie für eine Reihe Genwinden verschlechterten— drücken den Nationallibcralen das Schand- mal des Volksverrats auf. Dieses Schandmal wird auch nicht beseitigt durch eine phrasenhafte Kritik an den der- rotteten mecklenburgischen Zuständen, wi.e sie B ü s i n g übte: denn es ist sehr billig und ungefährlich, Kritik an dem am Weitesten zurückgebliebenen deutschen Staate zu üben. Tölpclhaft deutlich verriet der Antisemit B r u h n die Gefühle der bürgerlichen Parteien—: Sozialdemokraten in den Landtagen bedeuten eine Störung der bürgerlichen Miß- Wirtschaft! Der nackteste Egoismus treibt die bürgerlichen Parteien zu der unehrlichen und zweideutigen Haltung in der Wahlrechtsfrage. Daß diese Frage nie mehr von der Tagesordnung verschwindet, bis der Wahlrechtsraub in Sachsen, Hamburg usw. gesühnt und„das elendeste aller Wahl- systeme" für den preußischen Landtag beseitigt ist, dafür sorgen die Taten der durch die Dreiklassenwahl deklassierten Parlamente. Bei der 2. Lesung des sozialdemokratischen Antrages am nächsten Schwerinstage wird noch mehr gearbeitet werden zur Herbeiführung einer reinlichen Scheidung zwischen den Ver- teidigern des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts und seinen heimlichen Feinden, die aus Feigheit vor dem Volksunwillen sich maskieren. Auf die erste Lesung darf die Sozialdemokratie befriedigt zurückblicken. Sozialpolitisches aus dem Dreiklassenparlament. ES ist eine bekannte Tatsache, daß jeder sozialpolitische Fortschritt im Reiche von den Schlotjimkern des preußischen Dreiklassenparlaments aufs heftigste bekämpft wird. Die Herren sind von einer unersättlichen Arbeitskraft: es genügt ihnen nicht, die preußische Gesetzgebung zum Stillstand zu bringen oder gar rückwärts zu revidieren, sie tun für ihre 15 M. Tagesdiäien noch ein Uebriges und suchen.auch die sozialpolitische Gesetzgebung des Reiches lahm zu legen. Man hat sich im Laufe der Zeit im Landtage an manches gewöhnen müssen. Aber eine sozialpolitisch so rückständige Äede, wie sie am Mittwoch bei der weiteren Beratung des Bergetats der nationalliberale Abgeordnete von Eynern zum besten gab, ist selbst in diesem Hause unerhört. Herr V. Ehncrn, ein rheinischer Großindustrieller, der in Berlin seine Zinsen verzehrt und in jungen Jahren einige Broschüren gegen die Sozialdemokratie geschrieben hat, hielt es an der Zeit. l seinem bedrängten Herzen Lust zu machen und eine große ! Rede zu schwingen, die— wie er selbst meint, in weiten Kreisen der Arbeitgeber frcndigen Widerhall finden wird. Auch wir glauben das. Denn auf die Arbeiterklasse wird seine" Rede nicht offne Eindruck bleiben: die Arbeiter finden darin ein scfficr unerschöpfliches Agitations- material, das sie gegen den Redner und seine Freunde nach Kräften ausnutzen werden. In seinem Sammelsurium gab Herr v. Eynern nämlich im Anschluß an die„Borussia"-Affäre und den letzten großen Bergarbeiterstreik eine Theorie über die Entstehung von Streiks zum besten, die wenigstens den einen Vorzug hat, daß sie in na: malökonomischen Lehrbüchern bisher noch nicht zu finden ist: Streiks entstehen durch Lappalien; es kommen sozial- demokratische Agilatoren aus Berlin an einen Ort, kon- sütuieren sich als Streikkomitee und proklamieren den Streik, ohne daß die beteiligten Arbeiter etwas da- von wissen. So ist auch der große Bergarbeiter- streik im Rnhrrevier entstanden, der im Grunde genommen ans mangelnde Wasckgclegenheiten und Aborte znrnckznführen ist. Nachdem Herr v. Eynern sodann gegen den„Sitten- und Moralprediger" Graf Posadowsky gewettert hatte, den er an- scheinend für einen verkappten Sozialdemokraten hält, faselte er etwas über Heimarbeit und Heimarbeiter- Ausstellung, offenbarte eine neue Weisheit,"wonach die Heimarbeiterstage dadurch gelöst werden könne, daß die Preise für die Produkte der Heimindustrie ver- doppelt werden und stimmte ein langes Klagelied über den armen Arbcitgeberstand an, der durch das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht fast vollständig von der Vertretung im Reichstage ausgeschlossen sei. Das sei das größte Unglück, das über Deutschland ge- kommen sei; denn nun hätten die Sozialdemokraten es in der Hand, den Reichstag nach ihrem Willen zu lenken. Ter Schluß seiner Rede, öie er— wir betonen das, um Irrtümern vorzubeugen— im nüchternen Zustande hielt, gipfelte in der Forderung, mit der sozialen Gesetz- gebung langsam vorzugehen. Schon jetzt, meinte er, seien Besitzveränßerimgm von Arbeitgebern infolge von Be- unruhigungen und Schikaniernngen seitens der Arbeiter keine Seltenheit. Tic armen Arbeitgeber! Wir haben bisher mit dem Grafen Posadowsky geglaubt, daß Reichtum und Besitz etwas Angenehmes seien. Es scheint doch, daß der Vorwurf, Graf Posadowsky kenne das praktische Leben nicht, berecki gt ist; denn sonst würde er niit Herrn v. Eynern den Besitz für eine Plage halten. Minister Delbrück nahm das Wort, aber nirt etwa, um sich energisch für soziale Reformen und für eine endliche Verwirklichung der Febrnarerlasfe ins Zeug zu\ ort, sondern um sein Bedauern darüber auszudnicken, daß in der Oeffent- lichkeit die Arbeitgeber als rückständige, reakstonäre Menschet. hingestellt werden. Wohl gemerkt, diese Rede hielt der Minister nach dem Eynernscyen Klagelied. Die Arbeit- geber tun nach Ansicht der neuen Exzellenz sehr viel für die Arbeiter, und zwar freiwillig! Nach echt preußischer Tradition will der Minister gern die Arbeitgeber zu Be- ratungen über sozialpolitische Maßnahmen hinzuziehen; davon, daß auch die Arbeiter gehört iverden, sagte der Minister kein Wort. Ueberhaupt scheint er sich wenig um Arbeiterverhält- nisse zu kümmern; sonst wäre es nicht möglich gewesen, daß er jetzt erst im Anschluß an die Heimarbeiterausstellung ver- langt, die Behörden sollten sich einmal über die Verhältnisse der Heimarbeiter informieren. Ist es dem Herrn Minister nicht be- kannt, daß vor zwei Jahren ein großer Heimarbeiterkongreß in Berlin getagt hat? Allerdings glänzte die preußische Re- gierung durch Abwesenhiit, während auf jenem Kongreß schreiende Mißstände auf dem Gebiete der Heimarbeit auf- gedeckt wurden. Ist eS dem Herrn Minister unbekannt, daß auf diesem Kongreß Anhänger der verschiedensten politischen Parteien im Verein mit Männern der Wissenschaft bestimmte Forderungen aufstellten, deren Erfüllung das Elend in der Heimindustrie erheblich vermindern würde? Ist es dem Herrn Minister unbekannt, daß schon seit vielen Jahrzehnten in zahlreicheil Publikationen das Elend der Haus- industrie geschildert wird? Weiß der Herr Minister nichts von den ReichStagsdebatten, in denen immer und incmer wieder die Notwendigkeit eines gesetzgeberischen Eingreifens gegen die Schäden der Heimarbeit betont wurde? Das ist doch das wenigste, was man von einem Minister für Sozial- Politik verlangen müßte. Im übrigen sprach man in der Sitzung, die im Interesse einer baldigen Erledigung des Etais gegen'/zö Uhr abgebrochen und auf den Abend vertagt wurde, viel über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse dee Bergarbeiter, wobei sich der Minister, der wiederholt rn die Debatte eingriff, stets auf die Seite der Kohlenbarone stellte. Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß selbst ein Mann wie Möller sozialpolitisch weiter fortgeschritten war als Delbrück. Von Berlepsch, der zur Durchführung der Februar- Erlasse berufen war, ans Brefeld und Möller, von Möller auf Delbrück— das kennzeichnet die Soziaipoluik in Preußen. Die Aera sozialer Reformen ist in Preußen vorläufig ab- geschlossen, sie wird erst dann wieder beginnen, wenn es der Sozialdemokratie gelungen sein wird, in das Dreiklassen- Parlament ihren Einzug zu halten.— Antirevolutionäres Ballfest. Die Creme der adeligen Gesellschaft bringt dieselbe Methode, nach der sie die Schäden der kapitalistischen Wirtschaftsordnung „lindert", auch gegenüber den„Opfern der russischen Revolution" zur Anwendung. Durch Veranstaltung von WohllätigkeitStees und WohltätigkeitSbällen sticht sie in selbstlostr Aufopferung Fonds zu schaffen zur Milderung der Not in den baltischen Provinzen— mir erblickt sie, wie von ihrem Standpunkte durchaus begreiflich ist, die Opfer der Revolutionen nicht in den von den Henkersknechten des Zaren niedergemetzelten unteren Volksschichten, nicht in den Witwen und Kindern der Märtyrer, die ihr Leben im Kampf gegen die Unterdrückung de-Z Zarismus hingaben, sondern in dem baltischen Adel, der seit jebrr an Herrschsucht. Anmaßung und Mißachtung der arbeitenden Klasse das Junkertum Ost- und Westpreußens noch um mehrere Grade übertroffen hat. Diesen„notleidenden Deutschen" anS den baltischen Provinze» de? Lebens Bürde zu erleichten,, hatte ein Ehren- komitee, dem unter anderem die Herzogin von Trachen- berg. die Fürstinnen von Donnersmarck und von Fürsten- berg, Lady Edward Cavendish, Madame de Ruata-Y Sichar die Gräfin zu Stolberg-Wenngerode, der Generalintendant V.Hülsen. Graf Görtz-Schlitz, Prinz Franz Arcnberg, Vize-Oberzeremonien- n eister von dem Knesebeck, Prinz Max zu Hohenlohe-Oehrmgen angehörten, vorgestern abend im Kaiserhof ein glänzendes anti- revolutionäres Wohltätigkeits-Ballfest arrangiert, auf dem sich die Spitzen der Aristokratie und der Hochfinanz eingesunden hatten. Gegen entsprechende Preise konnte man dort im Dienste der Wohl- tätigkeit gut essen und trinken, von Gräfinnen und Freifrauen Zigaretten, Sekt und Blumensträuße kaufen und Prinzessinnen Gavotten tanzen sehen. Leider scheint man verabsäumt zu haben, den hohcnzollerischen Hansdichter Herrn Ernst v. Wildenbrnch zu der Veranstaltimg zu bitten, um der illustren Gesellschaft einige seiner neuesten Reimereien aus die baltischen Adels- und Herrenmenschen vorzutragen, z. B.: Und eS kam herauf au* dem Schöße der Zeit Eines finsteren TagcS finsterste Stunde: Aus den Tiefen der Menschheit kam ein Geheul: „Richter den Adelsmenschen zugrunde l" Er ist der Sonne näher als wir, Mit dem Himmel spricht er und mit den Sternen; Von der Himmelswarle reißt ihn herab I Laßt das Gespräch ihn mit Göttern verlernen!... Und sie griffen zur Stange, sie schliffen das Beil, Sie suchten den Deutschen, wo sie ihn fänden, Zu brechen sein Hans, zu erwürgen sein Gut, Seine Kinder zu töien, sein Weib zu schänden. Da wurde da? Land, das des Deutschen Hand Zinn Garten erfibiis, eine Wüste voll Grausen, Da wurde die Stadt, wo die Sitte gewohnt, Eine Stätte, wo brüllende Rotten Hansen. Es mußten deshalb die Anwesenden ans diesen höchsten der künstlerischcn Genüsse verzichten, wosiir sie sich jedoch durch Champagucr zu eiUjchädigen wußten.— Dcutlchca Reich. Aufgehobene Beschlagnahme. Vor einigen Monaten erschien im Verlage der Librairie Nilsson in Paris unter dem Titel„Lui, devant l'objectif caricaturel" s.Ec", vor dem Objekliv der Karikatur) ein Buch, das eine interessante Samm- lung von mehr oder weniger gelungenen Karikaturen des deulschen Kaiser? aus»den verschiedenartigsten Witzblättern bietet. Die von dem Verlag nach Deutschland gesandten Exemplare sind meist von den Zollabfertigmigsstellen angehalten und gerichtlich beschlagnahmt worden; sie sollen aber jetzt, wie der nachstehende von unserem Kasseler Parteiorgan, dein„Volksblalt", mitgeteilter Erlaß des preußischen FinanzministerS an die Proviiizialsteuer-Direktoreu zeigt, freigegeben werden: Der Füianzminister S.-J. No. 1373 Berlin, den 4. Dezember 1005, Geheim. Seiner Majestät dem Kaiser und König ist»ach einer Mit- teilung des Herrn JiistizministerS über ein kürzlich erschienenes, die Allerhöchste Person Seiner Majestät betreffendes Werk des stanzösischen Karikaturcnsainmlers Grand Carlaret:„Lui1- devant j'objectif caricaturel(Paris, Librairie Nilsson) Vortrag gehalten worden. Ans Allerhöchsten Befehl soll von einer Strasversolgimg wegen des Inhalts dieses Werkes sowie von seiner Beschlagnahme Abstand genommen werden. Eurr Hochwohlgeboren ersuche ich, die Amtsstellen des dortigen Verwaltungsbezirks alsbald vertraulich zu verständigen, daß sie sich, wenn Exemplare des bezeichneten Werkes zur Ein- fuhr gelangen sollten, der Herbeiführung der gerichtlichen Beschlag- nähme und eines sonstigen Einschreitens zu enlhalten haben.' Die Beamten der StaalSamoaltschaft sind vom Herrn Jilftizininisier veranlaßt worden, eine etwa vorher verfügte vorläufige gericht- liche Beschlagnahme aufzuheben. Gez. Freiherr v. Rheinbabcn. Der Kaiser zeigt sich demnach weniger empfindlich als die Minister, die sich trotz ihrer angeblichen„Rhinozeroshänte" vielfach über Karikaturen im Reichstag beschwert haben. Gegen Posadowsky. Die konservative Presse betreibt, wie wir bereit? mehrfach registrierten, seit einigen Wochen eine halbversteckte Hetze gegen den Grafen Posadowsky. Mit offenem Visier gegen ihn vorzugehen, hält sie allerdings zurzeit noch nicht für angebracht; aber bald er- scheinen in diesem, bald in jenem agrarkonservativen Vlatt kleine Anrempclungen des„philosophischen Staatsmannes". Das eine Mal wird zu beweisen gesucht, daß er mit dem Reichskanzler in der Auffassung irgend welcher innerpolitischen Fragen nicht überein- stimmt, dann, daß er die Bedürfnisse des Mittelstandes nicht versteht, daß er gegenüber der Sozialdcmokraiie nicht den richtigen Ton zu finden vermag usw. Allein Anschein nach sind diese Manöver dazu bestimmt, auf eine bestimmte, sogenannte allerhöchste Stelle einzuwirken und PosadowSkys Rücktritt zu veranlassen. Selbst die nationalliberale Presse vermag sich dieser Folgerung nicht zu entziehen. So schreibt die„Magdeb. Ztg.": „Mau hält den Stellvertreter des Reichskanzlers und Reichs- aewerbeminister für das Haupthindernis einer entschlossenen Gewaltpolitik gegen die Sozialdemokratie. Das Mißtramm, das man in dieser Beziehung dem Reichskanzler zu jener Zeit ent- gcgenbrachte, wo das Wort von dem notwendig„starken Mann" gesprochen wurde, hat sich ein wenig gemildert, oder eS wird unierdrückt, weil man die angenehme agrarische Temperatur, die zurzeit in der Gesaintpolitik hergestellt ist, nicht der Gefahr einer Abkühlung aussetzen möchte. Aber man möchte den er- sehnten starken Mann wenigstens neben dem Reichskanzler sehen, mit genügendem Einflüsse, um den Kurs der stantserhaltenden Politik im konservativeu Sinne zu leiten."— Konservative Opposition. Die konservative ReichstagSstaktion will, wie die„Post" ankündigt, für die RcichScrbsckiaftssten'cr nur in dem Umfange der Regierungsvorlage stimmen. Eine Ausdehnung der Steuer auf Ehegatten und Kinder wollen die Herren Agrarier in jedem Falle ablehnen. An der Nichtigkeit der Meldung ist kaum zu zweifeln, denn solches Verhalten entspräche nur den bekannten vaterländischen Traditionen der Junker. Trotzdem wird aber voraussichtlich die Erbschaftssteuer im Reichstage in erweiterter Form zur Annahme gelangen._ Die 39 Revolver. Herr Stöcker weiß, daß vor dem 21. Januar bei einem Waffenhändler 39 Revolver gekauft worden sind. Er war liebenswürdig genug, diese erheiternde Tatsache and) dem Reichstage nicht vorzuenthalten. Leider vergaß er mit- zuteilen, wer die Revolverkäufcr waren. Da die Sache nun doch einmal ans Tageslicht gekommen ist, müssen wir not- gedrungen mit der vollen Wahrheit herausrücken: Jal Es sind vor dem 21. Januar Revolver gekauft worden! Man ist auch mit solchen bewaffnet Unter die Luiden gezogen I Wir sind sogar in der Lage, Namen zu nennen und e-Z ist Herrn Stöcker ein leichtes, sich in seiner aller- nächsten Umgebung nach der Richtigkeit unserer Mit- teilungcn zu erkundigen. Einer seiner Intimen. Herr Dr. Erich K a in m e r, Bayreutherstr. 13 im Gartcuhans wohnhaft und Redakteur an der„Staatsbürger-Ztg.", zog am 21. Januar mit sechs seiner Genossen nach den Linden, alle wohlbewaffnet mit— Revolvern und Gummi- schlau cheni Rechnet man dazu die Kronsbein- Garde der„Post", so mögen 39 Revolver herauskonimen, die vordem 21. Januar gekauft wurden.—„Glauben Sie denn," sagte Herr S t ö ck e r.„daß die gekauft sind, um Fliegen zu schießen?" Nein, sie sollten auf die„Roten" los- gehen!—_ An den Meistbietenden. Die bankerotte„Staatsbürger-Zeitung" ist nicht in den Besitz der„Post", sondern in den des„Reich" übergegangen, weil dieser Verlag für die alte Scharteke ein paar Groschen mehr bot.— Die Berliner Handelskammer nimmt ebenfalls gegen die Stengel- scheu Reichsstenipelsteuer- Vorlagen Stellung. Sie hat an den Reichstag eine Eingabe gericy'.et. in der es beißt: „Jede Störung dieser Entwickelnng sder Erwerbsverhältnisse) durch eine Belastung des Verkehrs mit materiellen Abgaben einer- seits, mit Erschwernissen des sich frei abwickelnden Güter- und besonders Geldumsatzes andererseits bedingt einen wirtschaftlichen Rückschritt und betrifft besonders diejenigen Kreise der erwcrb- tätigen Bevölkerung, welche den inländischen Güternmiatz im einzelnen, den Geschäftsverkehr von Hand zu Hand zum Gegen- stände ihrer Bernfsräligkeit gemacht haben. Daß diese Geschäfts- kreise gerade vorwiegend den Mctcelstand darstellen, ist eine be- kannte Tatsache." Die Eingabe sucht dann weiterhin zu beweisen, daß die Paket- und Ouittuiigssteuer progressiv nach unten wirkt. Ferner zeige sich bei einem Vergleich der verschiedenen der gleichen Gewerbe- steuerklasse angehörenden Betriebe eine enorme Verschiedenheit der Belastung, je nachdem der Umsatz in einzelnen größeren Posten an eine verhältnismäßig kleine Zahl von Kunden unter weniger starker Benutzung der Transportmittel oder in vielen kleinen Posten an eine große Zahl von Abnehmern erfolgt. Leipziger Handelskammer. In die Notiz„Die Handels- kaminern und die Reichsfinanzreform" der gestrigen Nwmmer des„Vorwärts" hat sich ein sinnentstellender Fehler ein- geschlichen. Es muß dort im Abdruck der Handelskammer-Resolution heißen: „Sie hält in Uebereinstimmung mit der Reichssteuervorlage Bier und Tabak einschließlich Zigaretten, für geeignete Steuerobjekte. Mit Rücksicht aus den an- gestrebten Erfolg der Steuer kann sie nur eine Art der Besteuerung empfehlen, die die Gefahr eines wesentlichen Rückganges des Bier- und Tabakverbrauchs sowie eine imbillige Schädigung aller mit der Herstellung und dem Vertrieb der betroffenen Verbrauchs- gegenstände befaßten Industrie- und Handelszweige ausschließt und die Abwälzung auf die Konsumenten ermöglicht."— „Jeistigc Arbcetcr." Als„jeistiger Arbeiter" stellte sich bekanntlich im Wahljahre 1303 ein Herr v. Schirp, der als Manager des Professors Dr. v. Wencksterii die konservativen Wahlarbciten im zweiten Berliner ReichStags- Wahlkreise leitete, unseren Genossen in öffentlicher Versammlung bor Der Herr ist königlich preußischer Lotteriekollckteur und seine „jeistige Arbeet* besteht im Bertriebe von preußischen Klassen- losen. Der Posten ist zweifellos finanziell weit einträg- licher als geistig anstrengend, weshalb auch das„Deutsche Offizierblatt" in seiner letzten Nummer eine M e h r b e t e i l i g n n g von verabschiedeten Offizieren an den Lotterie- kollekteurstellungen für erforderlich erachtet. Und die „Neue Pol Korresp." beeilt sich sofort zu versichern, daß, sobald das durch den Anschluß verschiedener Bundesstaaten an die preußische Klassenlotterie zurzeit bestehende UebergangSverhältnis— das die ?eitliche Bevorzugung gelviegter Kanfleute bedinge— überwunden ei. sofort eine Mehrberücksichtigung verabschiedeter Offiziere bei Besetzung der in Betracht kommenden Stellen vom Finanz- minister in Erwägung gezogen iverden würde. Wenn also die eigentliche geistige Arbeit getan ist, dürfen sich die Herren pensio- nierten Offiziere in das gemachte Bett legen! Als„geistiger Arbeiter" stellte sich in der ReichstagSsitzung am Montag auch der nationalliberaleAbgeordnete Dr. Beniner, General- sekretär des Zentralverbandes deutscher Industrieller vor, der von einem„sechzehnstündigen Arbeitstag" sprach, den er jetzt noch manchmal habe. Gegenüber einer solchen eminenten Leistung will freilich die neun- oder zehnstündige Schicht in einem Bergwerke oder einer Zinkhütte herzlich wenig bedeuten. Haben wir doch beim Pommernba nk-Prozeß vor einigen Jahren erfahren, wie außerordentlich atistrengend die Tätigkeit mancher Bank- und Wcrk- direktoreu, A ffsichtsräte und ähnlicher geistiger Arbeiter ist. Ans den „sekreten Ausgaben" der Pommernbank wurde bekanntlich nach- gewiesen, daß für ein bescheidenes Revisionsfrühstück die zwei Direktoren und fünf Aufsichtsräte der Bank die Summe von 162 M., pro Kopf also 23 M. ausgegeben hatten: eine Ausgabe, die sicherlich auf eine dauerhafte und angestrengte Sitzung schließen läßt, umso- mehr, als noch nebenbei 403 M. verbraucht wurden.— Gut genug dazu? Bekanntlich wird an der kaiserlichen �acht„Hohenzollern" fortwährend herumgebastelt, ohne daß die rn den Bau hineingesteckten Millionen aus diesem Zwitterding zwischen Kriegsschiff und Vcr- gnügungSfahrzeug etwa: Befriedigendes schaffen konnten. Jetzt scheint man einen Ausweg gefunden zu haben. Während kürzlich die Meldung durch die Presse lief, daß der Plan betreffend Erbauung resp. Einführung von Lazarettschiffen im Kriege seitens der Marine- Verwaltung aufgegeben sei. was mit Rücksicht auf die mit solchen Schiffen im rusfisch-japanischen Kriege gemachten Erfahrnngen sehr unwahr- scheinlich war, so ist es doch sicher, daß in den nächsten Jahren für den Dienst in der deutschen Marine im Kriegsfall ein solches Schiff gefordert werden wird. Bereits sind Projekte hierfür aufgestellt 'worden, doch ist man darüber noch nicht hinauSgelomnien. Da ein Lazarettschiff groß, geräumig und schnell sein muß, so weisen die Kieler„N. N." darauf hin, daß sich die Kaiser Yacht „Hohenzollern", entsprechend umgebaut, vorzüglich für diesen Zweck eignen würde. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ein derartiges Projekt erwogen wird. Ehe aber eine solche mit dem Neubau einer Kaiseryacht zu verbindende Forderung an den Reichs- tag herantritt, dürfte» immerhin»och einige Jahre vergehen,— Da die„Hohenzollern" wegen ihres kleinen Aktionsradius(sie kann noch nicht einmal die Fahrt von Europa nach Amerika unter eigenem Dampf machen) auch für de» Zweck eines Lazarettschiffes unbrauchbar ist, wäre der vorgeschlagene Ausweg nichts anderes alS ein Vorlvand, -u einer neuen Kaiseryacht zu gelangen.— Gerichtliche Schnmrzkunst. Am Tage, nachdem Gen. L ö b e- Breslau die Wohlauer Staats- Pension auf ein langes Jahr bezogen hatte, sandte die Breslauer Staatsanwaltschaft mit anerkennenswerter Gewissenhaftigkeit jene 800 Exemplare der„Volkswucht" vom S. Dezember l 005 mit dem zur Berühmtheit gelangten Ausruf an die preußische» Proletarier wieder zurück, die konfisziert worden waren. Aber in welchem schönen und verbesserte» Zustande gelangte das Blatt zurück? Wo einstens der gefährliche Artikel stand, ist jetzt ein mächtiger schwarzer Fleck! kein Wort, nicht ein Buchstabe ist mehr zu lesen. So gründlich wurde das Vaterland durch Kienruß gerettet. Neue Anschläge der sächsische» Wahlrechtsfeinde. Während das werktätige Volk Sachsens mit Einsetzung aller Kräfte für ein besseres Landtagswahlrecht kämpft, tragen sich die Reaktionäre in der Ersten Kammer mit dunklen wahlrechtsfeindlichen Plänen, die ans eine Verkürzung des Gemeinde- Wahlrechts hinauslaufen. In der gestrigen Plrnar- sitzung der sächsischen P a i r s k a m m e r wurde über einePetition des sozialdemokratischenVereii-svon Zittau für Erleichterung der Bürgerrechtserwerv», Beseitigung einiger Hindernisse für die Ausübung des Wahl" �handelt. Vor allem sollte das Minderrechtsalter für die Bürge».. Werbung von LS auf 21 Jahre herabgesetzt werden und der«Übung des Wahlrechts und Bürgerrechtserwerbung in der< dnung vorgesehene Zensus von 3 Mk. wegfallen. Der Berichti atter der Deputation, Oberbürgermeister Schmidt aus Plauen, betonte, es enthalte zwar der jetzige Zustand einige U n- billigkeiten, die Deputation habe sich aber nicht ent- schließen können, die Wünsche der Petenten zu befürworten. Die Ansicht der Depntattonsmehrheit hätte sich vielmehr in entgegen- gesetzter Richtung als die der Petenten bewegt. Vor allen Dingen denke man nicht an eine Herabsetzung des Wahlrechtsalters. Diese halbwegs objektiv gehaltene Berichterstattung paßte dem Dresdener Oberbürgermeister B e u t l e r nicht. Er erklärte mit lauter Stimme, nachdem sich der Kammerherr v. Schönburg schon in ähnlicher Weise geäußert habe, Nicht eine Herabsetzung des Wahlrechtsalters, sondern eine Hin aufsetz nn g müsse man ins Auge fassen. Er halte eine baldige Aenderung der Städteordnung für erforderlich. Gegenwärtig bestehe sowohl in großen Städten wi.e in Landgemeinden die Ge- fahr einer Herrschaft der Masse. Um diese Gefahr abzuwenden, Iverde die Regierung nicht umhin können, das Gemeindewahlrccht auf eine andere Basis zu stellen. Diese Erklärung wurde von dem lebhaften Beifall der Er st klassigen begleitet. Weitere Folgen hatte der Vor- fall zunächst nicht, das sächsische Volk aber sieht, daß man, nicht zufrieden mit der bisherigen der Wahlrechts- ränbereien, weiter darauf sinnt, seine Rechte zu verkürzen. Ganz ungewollt hat der Dresdener Oberbürgermeister etwas von gewissen Plänen ausgeplaudert. Für die Arbeiterschaft muß die Erklärung eine Warnung, ein neuer Kampfesruf zu neuem Ringen um das Wahlrecht sein.— Die Petition ließ man natürlich auf sich beruhen.— Eine vorsichtige Regierung scheint die des G o e t h e l ä n d ch e n s zu sein. Im Landtag wurde von sozialdemokratischer Seite die Regierung befragt, ob bezüglich der Verweigerung bei Gesuchen um Naturalisation von Ausländern die bisherige Staatsangehörigkeit matzgebend sei und ob generelle Bestimmungen daröber erlassen seien. Die große Anzahl der Naturalisationsverweigerungen ohne jede Angabe des Grundes sei die Veranlaffung zu dieser Jnter» pcllation. Die Regierung beantwortete diese Anfrage dahin, daß über jeden einzelnen Gesuchstcller eingehende Erkundigungen eingezogen würden, das liege nicht nur im öffentlichen Interesse des Groß- Herzogtums, sondern aller Bundesstaaten. Es fei dies notwendig, um in der Ausweisung lästiger Ausländer nickst gehindert zu sein. Generelle Bestimmungen seien nicht erlassen, sondern es werde von Fall zu Fall entschieden.— Die weimarische Regierung ist sehr vorsichtig, das muß man sagen. Sie entscheidet von„Fall zu Fall", und wer politisch oder auch religiös anrüchig ist, der mutz auf die Ehre, Staatsbürger des Goetholändchens zu werden, verzichten. Gründe bei der Abweisung brauche» zwar nickst angegeben zu werden, trotzdem ist schon mehrfach I uden ihr Glaube als Ablehnungsgrnnd mitgeteilt worden.—_ Aus Südwest-Afrika. Nach amtlicher Meldung hoben Teile der Ersatzkompagnie la unter Oberleutnant Barlach am 5. Februar bei HuamS, 80 Kilo- nreter westlich Gibeon, eine 20 Köpfe starke Werft, Hereros und Hottentotten, die sich von Cornelius getrennt hatte, auf. Die Gefangenen sagten aus, daß der Hererokapitän Andreas, der im Frühjahr und Sominer 1905 die Komas-Berge und daK Bastardland unsicher gemacht hatte, im TiraSgebirge gefalle» wäre. Cornelius soll nach Kundschafternachrichten im Schwarzrand südlich Hnams sitzen. Hauptmann Volkmann geht mit 4. und 5. Komp. Rgts. 2 von Ktlnjas, Hauptmann Buchholz mit Teilen der Ers.- Komp. In, der 2. Ers.-Komp. und 4 Etappenkoinp. von Grootfontein gegen Cornelius vor. Im Südbezirke wurde am 7. Februar eine Patrouille bei Eendoorn, 30 Kilometer südöstlich Warmbad, bon Hottentotten um- ingelt, wobei Leutnant Bender, ftüher 2. Kol.-Abt., 5 Reiter und 1 Bur fielen. Dieser Offizier und seine Mannschaften hatten sich mehrfach besonders durch kühne Aufklänmgsritte ausgezeichnet. Ani 9. Februar stellte eine Patrouille unter Leutnant Cleve stärkere feindliche Kräfte bei Arns fest. Das Hauptquartier marschierte mit der 2. Kompagnie RgtS. 2 am 12. Februar von KectmaiiShoop nach Kalkfontein(Süd) ab, während die 3. Kompagnie Rgts. 2 von dort nach Warmbad rückte. Der Ergänzungslransport Z 4{rund 600 Köpfe) ab Hamburg 13. 1 06, ist am 11. Februar in Lüderitzbncht eingetroffen.— Neue Opfer. Ein Telegramm aus Wiudhuk meldet: Reiter Ernst Seiter, geb. am 2. 11. 83 zu Heidenheim, früher im königlich württem- bcrgffchen Dragonerregiment Nr. 26, am 6. Februar im Patrouillen- gefecht bei Kanikas südlich Kleinpenz, gefallen, Kopfschutz. Reiter Leo Kaluza, geb. ani 1ö. 11. 82 zu Cosel, früher im Infanterie- regiment Nr. 51, am 6. Februar 1906 an Bord„Erna Woermann" an Gehirnhautentzündung gestorben. /Zustand. Frankreich.> Der reaktionäre Block. Paris, 12. Februar.(Eig. Ber.) Was man trotz aller Verfalls- symptome bei der bürgerlichen Demokratie doch für unlvahrscheinlich gehalten hatte, ist bei der Stichwahl in L i in o g e s eingetroffen. Die„radikalsozialistische" Wählerschaft ist zu den Realtionären über- gegangen! Die progressistische Liste ivurde mit 7840 Stimmen gegen 7555 soziaiistische gewählt. Die Gemeinde ist also, mitten in der klerikaleit Revolte, von den„antiklerikalen" Bürgern de» Pfaffen- ftennden ausgeliefert worden. Die Demokratie hat, vor die Wahl: „Sozialisien oder Reaktionäre" gestellt, sich für diese— als das kleinere Uebel— entschieden, und dies der offiziellen Parteiparole zum Trotz sowie ungeachtet des Verzichts, den die radikalen Kandidaten zugunsten der sozialistischen erklärt hatten. Und nicht einzelne politisch unzuverlässige Gruppen haben diese Entscheidung herbeigeführt. Die Ziffern beweisen, daß es sich diesmal um einen reinen Kampf der Klassen gehandelt hat. Im ersten Wahl- gang haben die Radilalsozialisten L3l0 Stimmen ausgebracht. In der Stichwahl erhielten die Sozialisten 1448 Stimmen mehr als im ersten Wahlgang, die Progressisteii dagegen 2055. Die Reserve von 693 Wählern, die aufgebracht wurde, ckam— wie der„TempS" feststellt— den Sozialisten zugute, d. h. die Progressisten haben fast die ganze radikalsozialistische Bourgeoisie an sich gebogen, auch die kommunale und die staatliche Beamtenschaft. Bei dem notorischen Einfluß, den die Präfetten auf das Wahlergebnis aus- üben, kann man sagen, daß die offiziell noch inimer links- republikanische Regierung dem angeblichen„klerikalen Feinde" zum Siege verholfen hat.— Für die Sozialisten bedeutet die Wahl eine Lehre, die wohl wertvoller ist als die Herrschast über eine Gemeinde- Verwaltung. Die republikanische Bürgerschaft hat hier mizweidenttg bewiesen, daß ihr die bourgeoisen Klasseninteressen mehr am Herzen liegen als die idealen Interessen der Deinolratie. Der„Temps" nennt das Wahlergebnis eine„Lehre politischer Moral". Die Sozialdemokratie kann dies Urteil nur bestätigen. Die Arbeiterschaft ,st nun darauf vorbereitet, wie die„republikanische Solidarität" aussehen ivird, die sie bei den Kauimerwahlen von der radikalen Bonrgeosie zu erwarten hat, und sie wird ihre Taktik danach einrichten. Gestern fand auch in Tonlonse eine allgemeine Neuivahl für die zurückgetretene Gemeitldevertretnng statt. Es standen fünf Liste» einander gegenüber: eine sozialistische und vier radikale und radikalsozialistische. Es wurden im ganzen 23 000 Stimmen aV« gegeben. Davon erhielten d'e Sozialisten 8000, die_ Liste der ehemaligen Majorität 5000. Der Altsgang ist ein Triumph für unsere Genossen.— Italien. Das Rnndschreiben Sonninos gegen die willkürliche Beschlag- nähme der Telegramme, die sich in letzter Zeit zu einer Art shstematischen Diebstahls zum Schaden der Presse ausgestaltet hatte. hat folgenden Wortlaut: „Ich erinnere Ew. Hochwohlgeboren daran, daß kein an die Presse oder an Privatleute gerichtetes Telegramm aufgebalten Iverden darf, es sei denn in den von der internationalen Peters- burger Konvention vorgesehenen Ausnahmefällen, wenn nämlich die'Telegramme die Sicherheit des Staates gefährden oder den Gesetzen und der Sittlichkeit zuwider sind." Wir fürchten nur, daß mit der Zeit der gute Sonnino— tote sein Vorgänger— durch wahrheitsgetreue, aber der Regierung nicht schmeichelhafte Berichte, die„Sicherheit des Staates" gefährdet sehen lvird.— Belgien. Wahlvorbereitimgen. Unsere belgischen Genosse beginnen bereits, die Vor- bereitungen für die im Mai anberaumten Wahlen zu treffen. Die Föderation von Brüssel hat die Ausstellung der Kandidaten für die Hauptstadt und deren Umgebung beendet; aufgestellt sind 21 Kandidaten und 4 Ersatzmänner. Auch in der Provinz beginnt die Wahlbemegung: für die nächsten Sonntage sind zahlreiche Wahlversammlungen im ganzen Lande anberaumt. England. Die Parteien. Sir Charles Dilke bezeichnete gestern sMittwoch) in einer Per» sanimlung der neuen regierungsfreundlichen Parlamentsgrnppe, die die sogenannten liberalen Arbeiterparteiler umfaßt, als Aufgabe dieser Gruppe: die Förderung der Gesetzgebung in einer radikaleren Richtung, als sie das allgemeine liberale Programm verfolge. Es wurde beschlossen, die 47 Mitglieder der Regierungsmehrheit, von denen man annimmt, daß sie sich der Gruppe anschließen werden, zu d-r nächsten Versammlung einzuladen. Die irischen Abgeordneten im Untcrhanse stimmten in einer Zusammenkunft einem Antrag zu, worin erklärt wird: die irische Partei lönne mit keiner englischen Partei oder Regierung cm Bündnis eingehen oder sie unterstützen, die nicht die Frage der natiottalen Selbstregierung für Irland zu einem Kardinalpunkt ihres Programms mache. Da nach den bisherigen Aeuherungen der liberalen Führer kaum daran zu denken ist, daß die liberale Regierung Irland Selbst- regiernny bewilligen will, mutz man damit rechnen, daß die Iren sich angelegen sein lassen lverdcn, dem Ministerium Campbell- Bamverman Schwierigkeiten zu bereiten. 5Veir Hardie endlich, zum Führer der Arbeiterpartei designiert, hielt am Dienstag in London eine Rede, in der er erklärte, die Ar- beiterpartei sei nicht dazu da, um das Gleichgewicht zwischen anderen Parteien herzustellen, sondern um zu kämpfen, bis sie das Ziel, das sie erreichen mutzte, wirklich erreicht hätte, nämlich einen bestimmen- den Einfluß nicht nur auf die Geschicke Englands, sondern des ganzen Reiches auszuüben. Amerika. Schwere Probleme werden den Staatsmännern in Washington gegenwärtig durch zwei scbwebende Verträge ausgegeben, für die keine feste Unterlage gefunden werden kann. Neben dem Handels- vertrag mit Deutschland harrt der Vertrag mit China, ivegen des EinwanderungSverbots seines Abschlusses. Tie strikte Aufhebung des EinwanderungSverbots für die Vereinigten Staaten wagen die Chinesen nicht zu fordern. Daß aber das Verbot gemildert werde, das ist ihnen schon versprochen worden, und eine weniger strenge Handhabung der gesetzlichen Bestimmungen ist auch zum Teil bereits eingetreten. Reisenden, Kaüfleilten und Studenten ist der Eintritt oder die Landung nicht verwehrt, wenn sie sich genügend ausweisen. Was die Chinesen aber entschieden verlangen, das ist die Freiheit der Einwandernng nach den Philippinen»nd den Sandwichs-Inseln. Ehe die Amerikaner diese Inselgruppen in Besitz nahmen, hinderte niemand die Chinesen an der Einman- derung, die dann später unter den Amerikanern sofort verboten wurde. Dem Verlangen Chinas steht man in Washington durchaus ab- lehnend gegenüber. Man fürchtet, daß die Chinesen in ungeheuren Massen kommen würden, weil ihnen unter der amerikanischeil Herr- schaft mehr Arbeitsgelegenheit geboten ist. Die hereinbrechende gelbe Flut würde aber die Amerikanisiernng der Inselgruppen sehr er- schweren. Durch eine Koilzession an China in der Einwanderungs- frage macht sich die herrschende Partei die gesamte organisierte Arbeiterschaft zum Feinde, und darauf mutz man ebenfalls Rücksicht nehmen: denn darüber ist die Arbeiterschaft einer Meinung: daß ein strenges EinwanderungSverboi unter den obwaltenden Umständen der einzige Schutzwall gegen die gelbe Flut ist, die eine verhercnde Wirkung auf den Arbeitsinarkt ausüben müßte.— Die chinesische Regierung ist in der letzten Zeit viel steifnackiger geworden, und so sind die Chancen für ein Ucbereinkommen in der Einwanderungs- frage sehr geringe.—_ Soziales, Posadowsky in der Heimarbeit-Ausstellung. Der Anschauungsunterricht über das Elend der Heimarbeit, dem die Deutsche Heimarbeit-Ausstellung jedem bietet, der sehen will und lernen mag, findet immer mehr Teilnehmer. Nachdem er vor vierzehn Tagen der Gemahlin des Kaisers so gut bekommen ist, hat ihn jetzt auch Graf Posadowsky probiert. Am Mittwoch hat der Herr Staatssekretär, begleitet von mehreren seiner Räte und van seinem Fräulein Tochter, der Aus- stellung einen Besuch abgestattet und volle zwei Stunden in den Ausstellungsräumen verweilt. Als er seinen Rundgang begann, zeigte er die kühle Ruhe eines Mannes, der Bescheid weiß und sich nicht zu wundern braucht. Aber schon bei der vom Gewerkverein der Heimarbeiterinnen Deutschlands ausgestellten Kollektion, mit der er den Anfang machte, wurde seine Witzbegier rege. Als die erklärende Vertreterin darauf hinwies, daß für dieselbe Arbeit an der einen Stelle 27 Pf., an der anderen aber nur 11 Pf. pro Stunde verdient werden, warf der Herr Staatssekretär ein:„Wie kommt das?!"„Ja, das hängt vom Unternehmer ab", lautete die Antwort. Diese Antwort zielte ab auf die Idee der Festsetzung von Mindeststücklöhnen, die neben der Registrierung aller Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen manchem schon als wirksames' Mittel zur Linderung des Heimarbeitelends gilt. Zu derselben Kollektion gehört ein Damcnmantel, der der Arbeiterin für zwölfstündige Arbeit 2 Mark bringt, während der Zwischenmcister 7 Mark vom Fabrikanten bekommt. Hier fragte der Herr Staatssekretär nach dem Preise des ganzen Mantels. „Nun, so etwa 100 Mark", antwortete man ihm. Er wandte sich stumm ab und schritt weiter. Die Frage nach dem Preise, den der Käufer für die fertige Ware zahlen mutz, wiederholte sicki noch mehrfach. Graf Posadowsky bezeichnete es c!vI einen McnigÄ, daß auf der ganzen Ausstellung fast nirgends die wünschenswerten An- gaben über diesen Punkt zu finden waren. Diesem Mangel kann aber schwerlich abgeholfen werden, da die Heimarbei>--Ausstellungen von Arbeiterorganisationen veransVaKet werden und die Arbeitgeber, die hierüber authentische Auskunft geben könnten, recht wenig Neigung haben, auf einer Heimarbctt-Aus- stellung neben den Hungcrlöhncn der Heimarbeiter auch den Prosit der Fabrikanten und der Händler ersichtlich zu machen. Die Ausstellung des Verbandes der Blumen-, Feder- und Palmenarbciter und-Arbeiterinnen Berlins gab Gelegenheit, an die gesundheitlichen Gefahren der Heimarbeit zu er- inneril. Die Vertreterin des Verbandes wies unter anderem auf die Wirkungen des bei dieser Arbeit entstehenden � Standes hin. Als sie bei einzelnen Gegenständen betonte:«Das ist Kinder« arbeit!" bemerkte Graf PosadotvZkh:..Ab�er wir baben doch ein K i n d e r s ch u tz g c s c tz!" Nebenan in der Abteilung des Verbandes deutscher Textilarbeiter erregte dann ein Gegenstück zur Kinderarbeit, die von einer cinundachtzigjährigen Frau an- gefertigte Klöppelspitzc, ein besonderes Interesse. Der Vertreter wies darauf hin, dost man hier daS Alter angegeben habe, um den sonst kaum glaublichen Stundenlohn von nur 1'ch Pf.. den die Greisin verdient hat, zu erklären. Der Besucher äußerte seine Befriedigung über das darin zutage tretende Bestreben, ein völlig wahrheitsgetreues Bild zu bieten. Es würde ihm erwidert, daß an der Zuverlässigkeit der Lohnangaben, wie hier, so überall, nicht zu zweifeln sei. Am eingehendsten wurde die Spielsachcnabtcilung des Deutschen HolzarbeitcrvcrbandcS besichtigt. Als der Vertreter die Kinder- arbeit schilderte, die in dieser Industrie eine Hauptrolle spielt, und dabei die Bemerkung fallen ließ:„Die Kinder arbeiten bis in die Nacht!" ergänzte Herr v. Posadowsky:„Die eigenen!" Ja, leider gibt es für die eigene n Kinder noch keinen Schutz gegen Aus- bcutung. Die Tatsache, daß manche dieser eigenen Kinder täglich zehn Stunden für'S Brot arbeiten, wurde von Herrn v. PosadowSkh. ivenn wir richtig gehört haben, als„ein Skandal" bezeichnet. Vom Holzarbcitcrverband begab man sich zum Metallarbcitcrverband und von da zum Verband der Portefcuiller usw.. aber die Besichtigung vollzog sich jetzt in rascherem Tempo. Allzu lange wurde nirgends mehr verweilt. Die Zeit, die der Herr Staatssekretär sich zu- gemessen hatte, wau abgelaufen— und im Sturmschritt ging's durch die übrigen Räume. Am Ausgange gelang es gerade noch, den Gast mit sanfter Gewalt an die interessante Kollektion von Uniformen hcranzunötigen, auch an die prächtige Reithose, die einen Lohn von 13 Pfennigen pro Stunde bringt. Dann war der Rund- gang beendet, und Posadowsky empfahl sich. Welchen Eindruck er mitgenvinmen haben mag? Seine Eni- rüstuug über die Schmach der Kinderarbeit klang aufrichtig und ehrlich, lieber die Hungerlöhne, die die Erwachsenen mit der Heim- arbeit verdienen, schien er kühler zu denken. Wiederholt zog er die „höheren' Löhne" der Landwirtschaft zur Vergleichnng heran. Vor den Perlmnttcrarbcitcrn in Frankcnhausen rief er unwillig:„Warum gehen die Leute nicht zur Landwirtschaft!" Des Staatssekretärs Tochter stellte mitunter Fragen von köstlicher Naivität, und dennoch blieb es ihr vorbehalten, auf das wichtigste Mittel hinzuweisen, von dein Abhülfe zu erwarten ist. Lebhaft sagte sie einmal: �,, Die Hauptsache ist, daß die Heimarbeiterinnen sich organisieren." Die Ahnungslose! Wußte sie auch, IvaS sie sagte? Sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Freilich ist eine Hcimarbciterorganisation trotz der außer- ordentlichen Schwierigkeit absolut notivcndig. Schlitz, Sicherung. Freiheit des KoalitiouSrcchts allein kann aber daS Elend der Heimarbeit nicht beseitigen. Man täusche sich darüber nicht: die Nachteile der Heimarbeit liegen in dieser Betriebsform selbst. Die Betriebsform ermöglicht es, den Arbeitcrschutz den Hausindustriellen zu entziehen. Werden Löhne bezahlt, wie sie für gleiche Waren in Fabriken gezahlt werden, werden für die Arbeitsstätten der Haus- industrie die Schutzvorschriften eingeführt, die für die Beschaffenheit anderer Arbeitsräume vorgeschrieben sind, wird insbesondere soviel Luftraum für jede in der Werkstätte beschäftigte Person vom Gesetz gefordert als zur Gesundheit erforderlich ist, werden sämtliche Haus- industrielle der Gewerbeinspektion und der Bersichcrungsgesetzgebung unterstellt, kurz werden auch nur die Dorschristen für dieHeimindustrie ein- geführt, die für Fabriken als erforderlich vorgeschrieben sind, so ivürde die Heimarbeit mitsamt ihren besonders ausfallenden Hunger- löhnen und Gesunbheitsschädigungen allmählich aufhören, weil die Möglichkeit verstopft wird, aus dem Elend der Heimarbeiter mehr Profit herauszupressen als aus der Arbeit anderer Arbeiter. Es lvird also allein die Beseitigung der HauSin du st rie den in ihr Ausgebeuteten helfen können. Wein, der Staatssekretär glaubt, die HauSiildustrielleii fänden in der Landwirtschaft lohnende und lneufchenwiirdige Ersotzbeschäftigung, so übersieht er. in welch' trauriger sozialer und rechtlicher Lage das deutsche Landproletariat sich befindet. DaS ist gegenüber den so häufig im ReichSiage. in Landtagen und in der Presse dargestellten Verhältnissen in» höchsten Grade auffallend. Ein Hcimarbeiterschutzgesetz, das sich auf der Gnmdlage der am ersten Heimarbeiterschntzkongreß aufgestellten Forderungen hält, tut dringend not. Wer die Heimarbeiter auf die landwirtschaftliche Arbeit verweist, versucht, so lange die elende Rechtlosig- keit und wirtschaftliche Notlage unserer Landarbeiter besteht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Ausbeutung des Elends, Hungerlöhne, Rechtlosigkeit, Mangel jeglichen ArbeiterschntzcS, Mangel des Koalitionsrechts, Mangel jeglicher Kontrolle des Schutzes, gesundheitsschädliche und unzureichende Behausung kennt der Land- arbeiter nicht minder wie der Heimarbeiter. Er leidet überdies noch unter besonderen Ausnahmegesetzen. Her mit dem H e i in a r b e i t e r s ch u tz und her mit dem Schutz der Landarbeiter! Seektn unck tlmgegenck. Gewerk lckaftlickes. Sächsisch-Polizeiliches. Jeder rechte Polizeimann ist von der Ueberzeugung durchdrungen, daß er als ein Glied der hochlvohlweiscn Obrigkeit den Staatsbürgern, die natürlich nie wissen, was ihnen zu tun frommt, zum Vormund bestellt ist. Ein von dieser An- schauung durchdrungener Polizeimann wird immer geneigt sein, den Bürgern, namentlich wenn es klassenbewußte Arbeiter sind, seine Fürsorge selbst in solchen Fällen aufzudrängen, wo das Gesetz die Bürger bereits als mündig erklärt hat. Ein kurioseS Zeugnis derartiger polizeilicher Bevormundung er- hielten kürzlich die organisierten Holzarbeiter in Ncuhausen bei Sayda— in Sachsen natürlich. Sie hatten eine ö f f e n t- liche Gewerkschaftsversammlung angemeldet und erhielten darauf von der amtshauptmannschaftlichen Delegation folgendes Schreiben: Sie haben heute eine öffentliche Gewerkschaftsversammlung. in welcher Marie Wackwitz aus Dresden über die kullurelle Be- deutung der Gewerkschafisbewegmig sprechen soll, hier angemeldet. Diese Bezeichnung der Versammlung ist an sieb ein Widerspruch, entweder ist sie öffentlich, oder sie ist eine Gewerkschafls- Versammlung. Die Versammlung kann als öffentliche aus denselben Gründen wie die für den 20. Januar IVOS augesetzte nicht genehmigt werden. AlS Gewerkschaftsversammlung für die Mitglieder beS Holz- arbciterverbandcs wird sie gestattet, aber nur unter der Voraus- fetzung, daß lediglich gewerkschaftliche Fragen gemäß der TageS- ordnung in ihr erörtert werden. Bei Abhaliung der Versammlung ist den Bestimmungen des Gesetzes über das Vereins- und Versammlungsrecht vom 22. No- vember 1850 und 21. Juni 1898 gehörig nachzugehen. , Dr. Vollmer. Eine Musterloistung polizeilich-bnreaukratischcr Bevor- mundungs- und RoglementiernngSsucht, die noch dazu selbst in dem sächsischen Versammlungsrecht keine stütze findet. Einer Genehniigung des Vertreters der Anitshauptmannschaft bedurfte es nicht. Es war nur seines Amtes, die erfolgte Anmeldung zu bescheinigen, und kein Gesetz verlangt von ihm. sich wegen der kunstvollen Unterscheidung zwischen öffent- l i ch e r und Gewerkschafts Versammlung in geistige Un- kosten zu stürzen. Aber was tut man nicht, wenn man sich als wohlbestallter Vormund der Bürger— noch daz» in Sachsen— suhlt._ M j| Die rveiter, Packer usw. der Lanollnfabril(Vereinigte Chemis-' j Akt.-Ges.j legten am S. Februar die Arbeit ein- münz nachdem die Eeichäftsleitung es wiederholt abgelehnt baitSi ,e eingereichten Forderungen, betreffend Regelung der Lohnve» misse, mit einer Kommission der Arbeiter sowohl als auch mk. einem Vertreter des Zentralverbaudes der Handels-, TranS Port- und VcrkehrSarbeiter zu verhandeln. Die Arbeiter fordern einen Anfangslohn von 85 Pf., nach C Wochen 36 Pf., nach Jahr 87"ff,, nach 1 Jahr 38 Pf., nach l'/j Jahr 39 Pf. und nach zwei- jähuger Tätigkeit 40 Pf. pro Stunde, außerdem Bezahlung der Sonutagsarbcit mit 50 Pf. pro Slunde und Gewährung' eines Sommerurlaubes. Bisher betrug der Aufangslohn 30 Pf. und weitere Zulagen erfolgten nach Gunst. Demnach erzielte» die Arbeiter nach 12—-ISjähriger Tätigkeit 35—37 Pf. pro Stunde. Daß ein Lohn von 30 Pf. pro Stunde unter den heutigen Ver- Hältnissen unzulänglich ist, kann die Direktion nicht einsehen.— Unter den Streikenden herrscht ein guter Geist, keiner von ihnen ist zum Arbeitswilligen geworden. Leider haben sich einige Streik- brecher ans der Fabrik am Salzufer gefunden und zwar dem Drucke der Direktion folgend, welche diejenigen mit sofoitiger Entlassung bedrohte, welche sich weigerten, die Arbeit dort aufzunehmen. Im ganzen find acht Arbeitswillige vorhanden, mit denen der Betrieb jedoch keineswegs aufrecht erhallen werden kann. Auch in diesem Streik sind es wieder kaufmännische Angestellte, welche sich als Streikbrecher verwenden lassen. Diese haben sich den Streikposten gegenüber geäußert, daß sie wegen der schweren Arbeit. die sie jetzt zu leisten haben, zufrieden wären, wenn erst wieder eine Einigung herbeigeführt wäre. Am Montag hat der Streik insofern eine weitere Ausdehnimg angenommen, als von den 37 in der Fabrik beschäftigten Packerinnen 25 ebenfalls die Arbeit niederlegten. Sie haben gleichzeitig Forderungen gestellt und verlange» i». a einen Anfangslohn von 22 Pf.,»ach 6 Wochen 23, nach'/a Jahr 24 Pf., nach 1 Jahr 25 und nach zweijähriger Tätigkeit 27Vs Pf pro Stunde. Bisher betrug der Aufangslohn 18 Pf. pro Stunde. Ein am Montag gestelltes schriftliches Ersuchen um Ver- Handlungen hat die Direktion wiederum unbeantwortet gelassen. Sämtliche Streikenden sind gewillt; solange im Aus- stände zu verharren, bis die Direktion sich geneigt zeigt, die be- rechtigte Forderung zu erfüllen. Der Zuzug ist unter allen Umständen fernzuhalten. Erwiderung. In der Erklärung der Vereinigung der Fliesenleger vom letzten Sonntag wird behauptet, daß der den Unternehmern seitens der Sektion vorgelegte Verlrag keine Forderungen auf höheren Lohn oder kürzere Arbeitszeit enthält. Dieses ist nicht richtig. In dem alten Bertrage, welcher seinerzeit für beide Organisationen Gültigkeit hatte, war im Z 1 gesagt:„Der Lohn beträgt 8 0 P f. M i n d e st l o h n." Protokollarisch war festgelegt, daß An- fängern, welche noch nicht ein halbes Jahr im Beruf tätig waren, der Lohn nach freier Vereinbarung gezahlt wird. In dem neuen, von der Vereinigung allein beschlossenen Ver- trage heißt eS in dieser Beziehung in§ 1:.Der Stundenlohn bleibt beim Eintritt in die Branche der Vereinbarung überlassen, jedoch darf er nicht niedriger sein als der jeweilige Maurerlohn. Dagegen ist er a) im zweiten Halbjahr auf 77'/� Pf- pro Stunde, b) im zweiten Jahre auf 80 Pf. pro Stunde, o) im dritten Jahre auf 82V3 Pf. pro Stunde festgesetzt." In bezug auf die Arbeitszeit wollen wir folgendes feststellen: Im ß 7 des älten Vertrages heißt es unter anderem:„Das Tragen des Handwerkszeuges von einer Baustelle zur anderen gehört zur Arbeitszeit". In dem Vertrage der Vereinigung heißt es in dieser Beziehung unter ß 6 Abs. K:„Beim Wechsel eines BoueS während der Tages- schicht geschieht der Transport des Handwerkszeuges wie bisher während der Arbeitszeit. Gctchicht der Wechsel mit dem Beginn der Tagesschicht, so erhält der Arbeiter eine halbe Stunde vergütet, der- gestalt, daß er eine halbe Stunde später mit der Arbeit beginnt, aber den vollen Stundenlohn erhält." Feststeht, daß die Unternehmer jetzt ganz strikte verlangen— abgesehen von dringenden Fällen— daß das Handwerkszeug vor Beginn oder nach Beendigung der Arbeitszeit befördert wird. Unter Berücksichtigung der VerkehrSverhältuisse wird jedermaim zugeben, daß dieses keine Verkürzung der Arbeitszeit ist. Wenn wir verlangen, daß die Bereinigung nur die von uns verlassene Arbeit liegen lassen soll, so verlangen wir dieses nicht von ihnen als Ver- tragskontrohenten des Unternehmers, sondern als Parteigenossen und klassenbewußte Arbeiter. Wir haben nicht verlangt, daß die Mit- glieder der Vereinigung wegen uns streiken oder vertragsbrüchig werden sollen. Wenn die Vereinigung unS bei diesem Kampf, der sich nach ihrer Meinung um ein Nichts dreht, nicht in den Rücken fällt, wozu schreibt denn der Vorsteher des Arbeitsnachweises der Vereinigung solche Karten an auswärtige Kollegen, wie die nach- stehende, die unS aus B u n z l a u zur Verfügung gestellt wurde: Berlin, den 5. Februar 1906. Werter Kollege! Deinen Brief habe ich erhalten. Du fragst an. ob Ihr anfangen könnt. Gewiß sofort, wenn Ihr man schon hier wäret. Beeile Dich, komme sofort, melde Dich bei mir. Besten Gruß Carl Baberschke Berlin. PeterSlmrgerstr. 81. Wenn Dresdener Kollegen schon seit dem Herbst hier find wie kommt es denn, daß solche am Mittwoch, den 31. Januar und DonnerStag, den 1. Februar 1906 i» Berlin angekommene Fliesenleger bei R. Schäffer uiisere Arbeitsstellen besetzteil und, nach» dem wir' sie von der Arbeitsstelle herunterholten, von ihrer Organi- sation aufgefordert wurden, weiter zu arbeiten? Ebenfalls bei R. Schäffer arbeiteten vier Münchener Fliesenleger, welche von uns am Freitag nach München abgeschoben wurden. Diesen wurde vom Münchener Ortsverein der Vereinigung das Fahrgeld gezahlt, um in Berlin den Vertrag einzuhalten. Trotz des Vertrages wollte man mit ihnen lltägige Kündigung vereinbaren. Dreje vier erklärten. daß sie ihre Handlung selbst als Strcikbruch ansähen, hätte man ihnen die Berliner Verhältnisse klargelegt, wäre» sie auf lernen Fall nach Berlin gekommen. Ob die Nürnberger Fliesenleger Mitglieder des dortigen Orts- Vereins oder der Sektion sind, wird der Vorstand der Vereinigung nach Lage der Sache am besten wissen. ES steht nmunstößlich fest, daß, wenn die Vereinigmig sich nur neutral verhalten und unsere Arbeit nicht fertig gemacht hätte, eS ein leichtes gewesen wäre, den Kampf mit Erfolg zu Ende zu führen. Der Vorstand der Sektion der Fliesenleger. » Die Behauptung, daß die Sektion der HülfSarbeiter ihren Mit- gliedern ausdrücklich gestattet haben soll, bei sogenannten gesperrten Firmen weiter zu arbeiten, erklären wir für unwahr. Wahr ist viel- mehr, daß die Sektion der HülfSarbeiter beschlossen hat, bei alle» vom Streik betroffenen Firmen darauf zu achten, daß zunächst ihr jetzt bestehender Vertrag, der ebenfalls Verbesserungen des Lohnes gegenüber dem der Lokalisten enthält, anerkannt und daß ihnen nicht zugemutet wird, arbeitswillige FlieseiilegSi zu bedienen. Allerdings fft denjenigen Kollegen das Weiterarbeiten gestattet, die ihren richtige» Lohn erhallen und vor dem Streik sowie jetzt noch lokalistische Fliesenleger— bei geregelter Arbeit— bediene». So- wie ihnen aber das erstere zugemutet wird, haben dieselben die Arbeit ei»zustellen. Der sicherste Beweis, daß dies der Wahrheit entspricht, ist die Arbeilseiustellmig derselben bei den Firmen R. Schäffer und Warnebold u. Nasse. Aber auch diese Stellen sind anstandslos von dem ArbeitSvermittler der Lokalisten mit solchen besetzt worden. Der Vorstand der Sektion der Fsiesenleger-HülfSarbeiter. OeutMies Rekelt. Ausstand in der Leipziger Baumwollspinnerei. 1300 Textilarbeiter und Arbeiterinnen der Leipziger Baumwoll« svinnerei sind am Mittwoch wegen der Maßregelung ihrer Kom- missions-Mitglieder ausständig getvorden. Eine frühere Bersamin- lung wählte eine Kommission aus den in dem genannten Betriebe beschäftigten Kollegen bestehend, die mit der Direktion wegen der Einführung des ZehnstundentageZ und einer zchnprozentigen Lohn- erhöhung verhandeln sollte. Statt aller Verhandlung warf die Direltion die Mitglieder einfacki auf die Straße. Da beschloß eine am Dienstag abgehaltene überfüllte Versammlung den Abwehrstreik. Nur einige Frauen und Minderjährige suchten nach der allgemeinen Arbeitsniederlegung weiter zu arb> iten, sie wurden aber dann von der Fabrilleiiung selbst hinausgewiesen, so daß der Betrieb jetzt völlig ruht._ Die organisierten Hafenarbeiter in Swinemünde sind ausgesperrt worden. Die Unternehmer haben die Aussperrung lediglich deshalb ins Werk gesetzt, um die Organisation der Arbeiter zu vernichten. AIS Ersatz für die Ausgesperrten suchen die Unternehmer Arbeits» willige von auswärts heranzuziehen. Die Swinemünder Mitglied- schaft des Hafenarbeiter- Verbandes ersucht darum, daß der Zuzug ferngehalten werde. Buolana. Großer Sägewerksarbeiterslrelk in Finnland. Im ganzen nördlichen Finnland und an der schwcdtsckzen Grcnzejtefiitden sich die SägewerkSarbeiter seit Ende Januar»in Streik. Sie verlangen Lohnerhöhung. Ihre Arbeitgeher sind teils schwedische, teils finnische Akricngcsellichastcn, die den Holzreichtum des Landes ausbeuten. Eine dieser Gesellschaften, die allein ungefähr 3000 Arbeiter beschästigt, hat beschlossen, jür diesen Wtulcr alle Arbeit ruhen zu lassen._ Letzte Nachrichten und Depeschen. Der Hamburger Wahlrechtsraub in der Spezialbcratung. Hamburg, 1-l. Februar.(Pribatdepesche des„Vorwärts".) Vor Eintritt in die Tagesordnung der heutigen Büraerschafts- sitzung wurden zwei Scnatseingänrie verlesen, wonach der Senat der Verfassungsänderung zustimivt. Ferner beantragte der Senat für die durch Exzesse in Mitleidenschaft gezogenen Geschäftsleute 50 000 Mk. Entschädigung. Tann folgte die Spezialbcratung der Wahlrechtsvorlagc. Dr. Wenzel(Rechte) verlangte die Ablehuung des Entwurfes, wir haben noch Zeit und können erst die Ergebnisse der Wahlen von 1007 und 1910 abwarten. Die Ausschutzstatistik ist mit Erfolg angegriffen und müssen wir erst neue Grundlagen haben. Die Aenderung der Verfassung ist ja beschlossen, Sie können ja, wenn er- forderlich, später darüber beschließen. Der Antrag wird ab- gelehnt. Die Uebcrschrift der Vorlage:„Wahloesetz für die Wahlen zur Bürgerschaft" wird angenommen mit Dreiviertel- Mehrheit. Bei 8 1 beantragten dir Sozialdemokraten geheime Abstimmung mittels Äugeln.(Lebhafte Bewegung und Heiterkeit.) Der Paragraph handelt von der Zusammensetzung der Bürgerschaft und der Erweiterung des Notabelnwahl- körpers. Eine solche Abstimmung mittels Kugeln ninunt eine halbe Stunde in Anspruch. Die Vorlage besteht ans 42 Paragraphen,_ Deportiert«. Hamburg, 14. Februar.(W. T. B.) Mit dem Dampfer„Kronprinz" sind in der letzten Nacht drei junge Boercn hier eingetroffen. die wegen Landesverrats vom Bezirksgericht in Windhuk zu fünf Jahren zehn Monaten bis fünf Jahren vier Monaten Gefängnis verurteilt loorden sind. Die Gefangenen fallen ihre e-trafe in Deutschland absitzen und sind vorläufig nach Harburg gebrach: ivordcu. Demnächst sollen noch siebe» Landesverräter von Deutsch- Südwestaftika hier rintreffrn._ Piickler nervcnleidend. Konstanz(Bodensee), 14. Februar.(B. H.) Seit einigen Tagen weilt Graf Pückler-Klein-Tschirne in einer Nervenheilanstalt uwveit Konstanz._ Die lieben Freunde. Paris, 14. Februar.(W. T. B.) Präsident Loubet empfing heute nachmittag oen russischen Botschafter Nelidolo, der vom Kaiser Nikolaus den besonderen Austrag hatte, dem Präsidenten Loubet aus Anlaß des Ablaufes seiner Amtszeit die Gefühle persönlicha Freundschaft des Kaisers erneut zum Ausdruck zu bringen und ihm zum Andenken die Jnsignirn des Andrrasordrns in Brillante» zn überreichen._ Neuer Streik in Fiume. Fiume, 14. Februar.(B. H.) Da die»Iigarisch-kroatische See- schiffsnhrtsgesellschaft den Forderungen der Matrosen nicht nachgekom- inen ist, sind sämtliche Matrosen in den Ausstand getreten. De» ganze Dampferverkehr mußte eingestellt werden. Aus Solidarität streike« auch dir Matrose» fremder Dampfer. Die Kapitäne der Adriagesellschaft und der ungarisch-kroatischen SeeschifffahrtSgesell- schaft haben ihrer Direktion ein Memorandum eingereicht, in dem sie eine LOprozentigc Lohnerhöhung fordern. Eine Attrappe. Barcelona. 14. Februar.(B. H.) Die Behördei: erklären, daß die Bombe, die gestern aufgefunden wurde, unschädlich war. Bc- kanntlich hatte die Auffindung der Bombe zu Gerüchten über einen. Attentatsversuch Anlaß gegeben. Verhaftung von Revolutionären. Moskau, 14. Februar.(Meldung der Petersburger Tele- graphcnagentur.) In der Wohnung eines Druckereiarbeitcrs in der Gazetnajastroße wurde heute ein revolutionäres Komitee, da? gerade eine Sitzung abhielt, verhaftet. Fünf Personen, darunter zwei Studenten und eine Studentin, wurden festgenommen. Tie. vorgefundenen Schriftstücke wurden beschlagnahmt. Tie Henker bei der Arbeit. Petersburg, 14. Februar. Die Petersburger Telegraphen- agcntur verbreitet nachstehende Meldungen: Liban, 14. Februar. Bei Preknln wurde ein Piquet von sechs Dragonern von Bewaffneten angegriffen. Drei Dragonex�wurden verwundet, auf Seite der Angreifer wurde ein Man» getötet. In Hafenpot wurden von einer Militärabteilung vier Revolutionäre erschossen und zwei gehenkt. Riga, 14. Februar. Das Kriegsgericht verurteilte heute zwe: Personen wegen versuchter Ermordung von Kosaken zum Tode durch den Strang. Zwei Personen wurden wegen gewaltsanier Entwafs- nung von Polizeibcamten ebenfalls zum Tode verurteilt. Kiew 14. Februar. Eine in der KHmeliiitzkyschen Apotheke vor- genommene Haussuchung führte zur Entdeckung vieler revolutionärer Schriften und 60 Tabletten Schießbaumwolle. Mißglückter Anschlag. Odessa» 14. Februar.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Auf dem Alexander-Prospekt wurden drei in ZeitungS- päpier eingewickelte Bomben gefunden. Zwölf Anarchisten wurden verhaftet. Berantw. Redakteur: Hans Weber. Berlin, �nftralemril verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: VorwärtSBuchdr.u.Berlagsanstalt Soul Singer Berlin SW. HierznZBeilagenn.Untcrhaltungshlatt st. ss. 23. MMg. i. Cfiidijf Dcg„JormirtD" Srrliitft Pollisliliilt. Reichstag. 43. Sitzung vom Mittwoch, den 14. Februar. nachmittags 1 Uhr. Am BundeSratstisch: Kommissare. Auf der Tagesordnung steht znnächst die Fortsetzung der ersten Beratung des Antrags A l b r e ch t sSoz.s und Genossen, der folgenden Wortlaut hat:„Der Art. 3 der Verfassung deS Reiches enthält folgenden Zusatz: In jedem Bundesstaat und in Elsas;- Lothringen mutz eine auf Grund des allgemeinen, gleiche», direkten und geheimen Wahlrechts gewählte Vertretung bestehen. Das Recht zu wählen und gewählt zu werden haben alle über W Jahre alten ReichSangehörigen ohne Unterschied des Geschlechtes in dem Bundes- staate, in dem sie ihren Wohnsitz haben. Die Zustimmung dieser Vertretung ist zu jedem Bundesgesetz und zur Feststellung des Staats- Haushaltsetats erforderlich." Abg. Bebel sSoz.): Wie zu erwarten war. hat unser Antrag von den verschiedensten Rednern der bürgerlichen Parteien eine scharfe Kritik erfahren. Der Hauptvorwurf geht dahin, dast wir nur agitatorische Zwecke mit unserem Antrage verfolgten. Datz das zum Teil richtig ist, leugne ich gar nicht. Ich behaupte aber, alle Parteien verfolgen mit ihren Initiativanträgen agitatorische Zwecke. Als in den neunziger Jahren die agrarischen Kreise über die herrschende Zollpolitik sehr erregt waren, da haben die Herren bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ihre Ziele in agitatorischer Weise dargestellt. Ich behaupte ferner, dah das Zentrum mit dem Jesuitenantrag und dem Toleranzantrag ganz ivesentlich agitatorische Zwecke Vbrfolgt. Ebenso stellt der Antrag Nißler. der heute als zweiter Punkt auf der Tagesordnung steht, eine Agitation dar. Die ganze parlamentarische Tätigkeit ist eben eine öffentliche Tätigkeit. Am Schluß der Legislaturperiode legen alle Parteien den Wählern Rechenschaft über ihre Tätigkeit ab. In diesen Rechenschaftsberichten spielen die Initiativanträge eine große Rolle. Was nun die Kompetenzfrage anlangt, so kann gar kein Zweifel darüber herrschen, daß die meisten bürgerlichen Parteien schon wiederholt sich dahin ausgesprochen haben, daß der Reichstag die Kompetenz hat, seine Kompetenz zu erweitern. Als in den Jahren 1801—1892 die Gewerbegesetznovelle kam und darin die Sonntags- ruhe für den Kaufmannsstand ausgesprochen werden mußte, handelte es sich zweifellos um eine Erweiterung der Kompetenz des Reiches. DaS Zentrum hat das damals vollkommen anerkannt. Ich erinnere ferner daran, auf welche Weise die verschiedenen Landtage versucht haben auf die Reichsgesetzgcbuna einzuwirken. Aber das Ganze sollte doch eher die Teile beeinflussen können als umgekehrt. So wurde in der bayerischen Kammer ein Antrag angenommen, einen möglichst hoben Gerstenzoll in den neuen Generaltarif aufzunehmen. Das preußische Herrenhaus hat sich für ein neues ZuchthauSgesctz ausgesprochen. Und Fürst Bismarck hat direkt empfohlen, eS sollte möglichst viel von der Gesetzgebung, die sonst im Reiche gemacht ivürde, in die Landtage verlegt werden.(Zuruf des Abg. v. K a r d o r f f: Die Landtage bezwecken doch nur den Einfluß auf die Regierungen.) Das kommt auf dasselbe heraus.(Zuruf des Abg. Henning: Die Landtage haben dasselbe Recht wie der Reichstag.) DaS be- streite ich la gar nicht.(Zuruf des Abg. Henning: Na also!) Ich sage nur, daß der Reichstag das Recht haben müsse, die Er- Weiterung der Kompetenz der Reichsgesetzgebung zu beantragen. Präsident Graf Ballestrem: Ich bitte den Redner doch nicht fortwährend zu unterbrechen. Abg. Bebel(fortfahrend): Die Zentrunrserklärung zu unserem Wahlrechtsantrag war ja sehr platonischer Natur. Sic erklären, Sie wollten warten, bis die Regierung etwas unternimmt. Sic warten doch sonst nicht auf die Initiative der Regierung, wenn Sie etwas wünschen. Ferner machen mich die Worte in der ZentrunlS- erklärung„in entsprechender Weise" stutzig. Das Zentrum scheint also wenig Lust zu haben, konsequent vorzugehen, sondern eS scheint halbe Maßregeln befürworten zu wollen. Am ivenigsten ist das Zentrum in Preußen geneigt, das allgemeine gleiche Wahlrecht zu verlangen. Seit dem Jahre 1874, in welchem der Abg. Windthorst einen solchen stellte, ist er vom Zentrum nicht mehr wiederholt worden. Später hat der Abg. Bachem erklärt, seine Partei würde für einen solchen Antrag stimmen, aber er wolle nicht dafür sprechen. Was sind das für Halb- heilen! Wenn eine Partei sich gegenüber einer Regierung, deren Ab- »eigung gegen das allgemeine Wahlrecht bekannt ist, so ausspricht, dann weiß die Regierung ganz genau, daß sie keine weitgehende Reform zu bringen braucht.— Fenier steht in der Erklärung des Zentrums: Eine Wahlrechtsreform solle in Zeiten der Ruhe und des Friedens vorgenommen werden. Was soll das heißen? Leben wir jetzt nicht in Ruhe und Frieden? Die preußischen Arbeiter haben nunmehr 57 Jahre in Ruhe und Frieden aus das allgemeine Wahlrecht gewartet.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn die Frage nunmehr endlich in Fluß gekommen ist, so ist das der friedlichen Demonstration meiner Partei zu verdanken. Der Krawall in Hamburg darf uns durchaus nicht in die Schuhe geschoben werden, wie eS der Senator Klügmann meinem Parteifreunde Bernstein gegenüber getan hat. Wenn bei den Exzessen am Schoppenstehl in Hamburg wirklich— wie behauptet wurde— einige gswerkschaftlich orga- nisierte Arbeiter beteiligt sein sollten, so werden die Gewerkschaften diese Elemente so schnell wie möglich aus ihren Reihe» stoßen. In der Zeih als diese Krawalle passierten, ist ein Zug von mehreren Tausend Arbeitern vor das HauS des Bürgermeisters gezogen, um diesem eine Ovation darzubringen, weil sich das Gerücht verbreitet hatte, der Bürgermeister sei ein Gegner der Wahlentrechtung. Der Bürgermeister erklärte den Arbeitern, eS werde wohl noch alles gut werde». Nun— leider ist nicht alles gut geworden. Der Wahl- raub ist geschehen. In der Gegend am Schoppenstehl stehen in normalen Zeiten die Polizisten in dreifacher Anzahl als anderwärts. So unsicher ist die Gegend. Wenn nun dort gerade an jenem Tage weit und breit kein einziger Polizist vorhanden war, so darf mau sich über den Exzeß� kaum noch wundern.— Jedenfalls kann man unmöglich der Sozialdemokratie diese Tatsache an die Rockschöße hängen wollen.— Jeder, der die Ver- Hältnisse kennt, weiß, daß die Sozialdemokratie in den Hansastädten auch unter dem alten Wahlrecht schwerlich je viel mehr als ein Viertel der Sitze hätte erringen können. Zu einem maßgebenden Einfluß hätte sie es also nicht gebracht, schon weil es 30 M. kostet. das Hamburger Bürgerrecht zu erwerben, und weil man. un> wählen zu können, jahrelang ein Einkomnie» von mindestens 1200 M. versteuern muß. Wohl aber hätte die Sozialdemokratie, wenn sie etwas mehr als ein Viertel der Sitze errungen hätte, den Wahl- rechtsraub, zu dem eine Dreivicrtel-Mehrheit gehörte, verhindern können. Deshalb nahm man schon jetzt jene reaktionäre Maßregel vor. Bei der Cholera dagegen war die sozialdemokratische Organi- sation der Bürgerschaft sehr angenehm. Die Bürgerschaft hatte die hygienischen Einrichtungen der Stadt in einer geradezu schandbaren Weise verwahrlost, so daß diese Seuche in so gesährlichem Maße um sich griff. Die reiche Bürgerschaft floh aus der Stadt hinaus. Als nun an die ärmere Bevölkerung 300 000 Flitgblätter mit hygienischen Vorschriften verteilt werden sollten, war die Polizei hierzu nicht imstande, sondern nahm die Hülfe der sozialdemokratischen Organisation in Anspruch. Diese Tatsache hätte doch der Bürgerschaft die Scham ins Gesicht treiben sollen, als sie vorhatte, der Arbeiterschaft das Wahlrecht zu verschlechtern. Das ist der Dank der Hamburger Bourgeoistel Der Herr Klügmann meinte, die Sozialdeniokratie wolle den Handel ab- schaffen, und das würde Hamburg ruinieren. Ich habe Herrn Klüg- mann immer für einen guten Mann gehalten, und er ist es wohl auch. Daß aber ein gebildeter Mann eine solche Unwissenheit über die Ziele der Sozialdemokratie hier im Parlament änßern könnte, das hätte ich wirklich nicht für möglich gehalten. Da kann man sich ja kaum noch über den furchtbaren Unsinn wundern, den man Tag für Tag in der Presse lesen kann. Ja, denken Sie denn, die Sozial- demokratcn lvollten in der Zukunft von spartanischer schwarzer Suppe leben? Nein, gerade wir sind immer für die Ausdehnung des deutschen überseeischen Handels eingetreten. Wir wollen, daß alle Produkte der Erde billig nach Deutschland eingeführt werden. Wenn bei den Zollkämpfen der vergangenen Jahre eine Partei für den freien Handel eingetreten ist, so war das unsere Partei.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Sogar der„Hainburgische Correspondent" hat ähnliche törichte An- griffe auf die Sozialdemokratie zurückgewiesen. Nicht wir, sondern die neuen Handelsverträge beschränken den Handel. Selbst wenn die Sozialdeniokratie das Heft in den freien Handelsstaaten in die Hand bekommen würde, glauben Sie denn, daß wir dann dort eine Art kleinen ZukunftSstaat einrichten könnten? Das beweist nur wieder, daß Sie von unseren Zielen keine Ahnung haben. Würden wir das tun, so würden schließlich auf Grund des §76 der Verfassung sogar die Preußen in Hamburg einziehen können. Unter den heutigen Verhältnissen könnte eben auch ein Sieg der Sozialdemokratie in einzelnen Teilen des Reiches mir zur Folge haben, daß unsere nächsten Forderungen durchgeführt würden, die am Bestand der bürgerlichen Gesellschaft nichts ändern.— Herr Bassermann hat auch Kompctenzbcdenken gegen unseren Antrag vorgeschützt. Beim Toleranzautrag, der mindestens ebenso in die Rechte der Einzelstaaten eingreift, haben die Nationalliberalen das Bedenken nicht gehabt, nur ihre kulturkämpferischen Traditionen vor- anlassen sie, gegen diesen Antrag zu stinunen. Herr Basser- mann behauptete, die Nationalliberalen seien stets für das all- gemeine Wahlrecht eingetreten. Ii« Sachsen aber sind es die Nationalliberalen in Gemeinschaft mit den Konservativcit gewesen, die 1895 den Wahlrechtsraub verübt haben(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokralen) auf Grund dessen eS uns bis jetzt nur init Mühe möglich gewesen ist. einen einzigen Sozialdemokraten in den sächsischen Landtag zu bringen. Sie haben einen Zensus von 600 M. beschlossen. So wenig 600 M. ist. so gibt es doch Hundert- tauseitde von Arbeitern in Sachsen, wie Ihnen Förster gestern nach- gewiesen hat, die unter 600 M. Einkommen haben. Ebenso sind in Hamburg und Lübeck die Nationalliberalen für die Be- schränkung deS Wahlrechts eingetreten, und Sie selbst, Herr Bassermann, sind in Baden erst durch die Konkurrenz des Zentrums gezwungen, für das allgemeine Wahlrecht einzutreten. In Bayern waren es die Liberalen aller Schattierungen, die am längsten gegen das allgemeine Wahlrecht gekämpft haben.— Durch die Einführung der Proportionalwahl, für die wir immer eingetreten sind, könnten Sie eS vermeiden, daß z. B. Hamburg nur Sozial- demokraten in den Reichstag schickt und die großen Handelsherren unvertreten bleiben. Wie wir es gar nicht bestreiten, daß Sic auch manchmal einen guten Gedanken haben, so hätten Sie eS anerkennen können, daß auch bei uns sich gute Gedanken finden(Heiterkeit), datz auch wir gelegentlich„erzieherisch" auf Sie wirken könnten. Deshalb hätten Sie unseren Gedanken der Proportional- wähl längst einführen können.— Es heißt, wir feien das Hindernis der sozialen Gesetzgebung. Aber wer das Bürgertum kennt, der weiß, daß es für Sozialrcform, von einzelnen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, niemals allzu warm eingetreten ist. Bis- marck hat das ja anerkannt, indem er gesagt hat: nur die Furcht vor der Sozialdemokratie sei die Ur- fache der sozialpolitischen Gesetzgebung gewesen.(Widerspruch rechts.) Sie werden das Zitat im Lause der Debatte noch wörtlich zu hören bekommen! Ein Korrespondent der nationalliberalen„Neuen Züricher Zeitung", ferner ein nationallibcraler Professor in Heidelberg haben sich ganz ähnlich ausgesprochen, lind als Bamberger unsere Wahlhülfe brauchte, da hieß eS in seinem Flugblatt, man könne im Reichstage sehr gut mit den Sozialdemokraten zusammenarbeiten. Aehnlich geschah eS seitens der Nationalliberalen in Köln, als wir dort noch die schwächste Partei waren. Und soll ich Sie erst an das Wahlkompromiß in Baden erinnern? Da haben Sie, da haben die Landsleute und Parteigenossen des Herrn Bassermann sehr gern unsere Wahlhülfe in Anspruch genommen. Bei den nächsten Wahlen werden wir einmal diese schönen Zeugnisse derKompromißpolitik sammeln und den Wählern vor Augen führen, wenn wieder einmal in blutigen Flugblättern gegen uns gehetzt wird. Sie loben die mildere Tonart der süddeutschen Sozialdemo- kratie, aber sollte dies nicht vielleicht durch eine bessere Behandlung seitens der bürgerlichen Parteien entstanden sein? Freilich— die Vorfahren des Herrn Bassermann hatten immer Angst vor deit Revolutionären. Daher der Ausdruck:„Baffermannsche Gestalten".(Große Heiterkeit.) 1848 hat das Bürgertum die polnische Erhebung genau so beglückwünscht, wie wir die russische Revolution beglückwünschen. Aufgabe eines liberalen Mannes wäre eS gewesen, sich zu fragen: Was sind denn die Ursachen dieser Revolution? Selbstverständlich denkt auch in Rußland kein Sozialdemokrat daran, schon jetzt den Zukunftsstaat einzurichten. Die Sozialdemokratie kämpft dort für die konstituierende Versammlung, für die Verfassung, also für dasselbe Ziel, das einst die Vorfahren des Herrn Bassermann in Deutschland auf deinsetben Wege erstrebten. Und sie können nicht bestreiten, daß die Unterdrückung und die Unfreiheit in Rußland Iveit schliminer sind, als sie in Deutschland waren. Um das, was heute in Ruß- land die Revolutionäre wollen, zu unterstützen, dazu braucht man nicht einmal freisinnig, dazu braucht man nur ein fühlender Mensch zu sein. Wir wollen, daß endlich auch dort im Osten ein moderner Kulturstaat cittsteht. Und daß dies Streben die lebhaftesten Sympathien der Arbeiter aller kultivierten Länder findet, ist nur selbstverständlich. Welche ungeheuere Wirkung hat schon die französische Revolution auf die Nachbarstaaten ausgeübt— eine rein bürgerliche Revolution! Selbst Kaiser Wilhelm hat eS ausgesprochen: Die große französische Revolution ist der AnsgangSpuilkt unserer ganzen modernen Eniwickcluiig gewesen. Wenn jemals ein wahres Wort gesagt worden ist, so dieses Wort des Kaisers. Und was sagte der angeblich unpolitische Goethe, der als Schlachten- bummler der Schlacht von Valuy beiwohnte:„Von heute an be- ginnt ein neuer Abschnitt in der Weltgeschichte." Und wer will be- streiten, daß die Revolution von 1832 der Anstoß gewesen ist zu Revalutiouen in ganz Europa, in Spanien, in Oesterreich-Ungarn, in Deulscbland? Ihre Folge war der 18. März in Berlin, jeuer 13. März, der Preußen in die Reihen der konstitutionellen Staaten brachte. Auch diese Revolution war eine rein bürgerliche. Freilich — wenn man heute die Epigonen jener Revoluttonäre— die Mngdan und Baffermann— ficht, dann möchte einem das Herz in die Hosen fallen.(Sehr wahr! und Heilerkeit bei de» Sozialdemo- kraten.) Sie verbrennen, was Ihre Väter und Großväter an- gebetet haben.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Heute hat das Bürgertum mir noch Sinn für den Erwerb, nicht mehr für politische Freiheit und für das Recht. Herr Bassermann zitierte hier allerlei Stellen aus der sozialdemokratischen Presse. Wenn ich sie aber mit alle dem vergleiche, waS das Bürgertum früher, in der Zeit voi� 1848, geschrieben hat, so sind das zahme Lüftchen gegenüber einem Sturmwinde. Wenn man das alles, was ein Hoffmaun v. Fallersleben, ein Herwegh, ein Prutz usw. gedichtet haben, Ihnen vorlesen würde, so würden Ihnen die Haare, soweit sie noch welche besitzen, zu Berge steigen!(Heiterkeit!) Den Aus- druck tme „der Pöbel auf den Thronen" war da etwas ganz Gewöhnliches. Der vor zwei Jahren verstorbene Nationalliberale Wilhelm Jordan hat gedichtet: „Wie soll das Volk zum Kampf die Schwerter wetzen. Solang es an ein Jenseits-Leben glaubt?" (Hört l hört I bei den Sozialdemokraten.) Auch der Nationalliberale Herr v. Dingelstedt hat ähnliche Sachen gedichtet. Der Hohn und Spott über Fürsten. Monarchie. Kirche, Geistlichkeit, den früher die liberale Presse gebracht hat, den werden Sie in der sozialdemokratischen Presse niemals finden. Als das Bürgertum in seiner oppositionellen Periode war, erlitt eS ja denn auch die härtesten Verfolgungen. Es war die Zeit der so» genannten Demagogenverfolgung. Man denke, was Fritz Reuter gelitten hat! Scharenweise'mußten die Liberalen über den Ozean ziehen, oder sie kamen ins Zuchthaus oder entrannen ihm nur, wie Richard Wagner, mit Not und Mühe. Selbst der Magistrat von Berlin feierte einst die Märzgefallenen. Heute— denkt er ja anders. (Sehr richtig! und Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Im heiligen Köln wurde noch 1849 ein feierliches Requiem für Robert Blum abgehalten. Miquel bot sich einst als junger Mann Marx gegen- über an, Bauernaufstände organisieren zu wollen. Aber selbst 10 Jahre später als gefestigter Mann, im Jahre 1863, als Führer des National« Vereins sagte er: Wenn vie Hohenzollern nicht Vernunft atiuchmcii, werden wir ihnen das Schicksal der Bourbonen bereiten und ihnen die Arbeiter auf den Hals heben."(Hört! hörtl bei den Sozial« demokraten.) Bismarck hat im Jahre 1863 die liberalen Zeitungen denn auch tüchtig verfolgt. Leider versäumte eS damals die Fortschrittspartei, die Frage des allgemeinen Wahl- rechts in die VerfassnngSkämpfe hineinzuwerfen. Und heute sehen wir, wie ebenfalls die Freisinnigen in Hamburg in konmmnalen Vertretungen gegen das allgemeine Wahlrecht anftteten. Der alte Ziegler hat mir selbst einmal im Vertrauen erklärt, als die Freisinnigen sich besonders feige benommen hatten:„Wenn Ihr 'mal die Macht habt, hängl Ihr unS allesamt an die Laterne"— das Hab' ich ihm denn auch versprochen.(Große Heiterkeit.) Heute treten ja die Freisinnigen für die Sozialdemokratie, welche doch dieselben freiheitlichen Forderungen vertritt, nicht einmal bei den Stichwahlen ein. Wir wissen genau, daß wir bei den nächsten Wahlen die gesamten bürgerlichen Parteien geschlossen gegen unS haben werden. Davor fürchten wir uns nicht. Je klarer die Situation, desto besser für unS, Die Herren von der bürgerlichen Linken können sich gar nicht schlimmer kompromittieren, als wenn sie für die Konservativen eintreten.(Lebhaftes Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Nun hat sich auch Graf Pofadowsky am letzten Mittwoch ver- anlaßt gesehen, zu unserem Antrag Stellung zu nehmen. Er hat sehr richtig betont, daß Fürst Bismarck aus seinen Erfahrungen in der Konfliktszeit in Preußen zur Gewährung des allgemeinen Wahlrechts kam. 1863 waren noch eine ganze Reihe anderer Konservativer für das allgemeine Wahlrecht in Preußen.— Graf Pofadowsky sagte. daS deutsche ReichStagSwahlrecht sei das radikalste. DaS ist unrichtig. In der Schweiz, in Nordamerika besteht keine Beschränkung des passiven Wahlrechts, und das Wahlrechtsalter tritt bereits mit 20'resp. 21 Jahren ein. Sehr charakteristisch war die Aeußerung des Grafen Pofadowsky: Wenn die Arbeiter Einfluß im preußischen Parlament haben wollten, müßten sie erst politisch reifer werden und sich auf Forderungen beschränken, deren Erfüllung politisch möglich sei. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als daß Graf Pofadowsky von den deutschen Arbeitern verlangt, daß sie ihr gegenwärtiges politisches GlaubenSbekeimlniS vollkommen verleugnen. Wie man im Mittelalter keinem das Staatsbürgerrecht einräumte, der nicht auf dem Boden der Kirche stand, so will man jetzt keinem Arbeiter die politischen Rechte geben, wenn er nicht auf dem Boden der bestehenden Gesellschaft steht— das ist der Sinn der Worte des Grafen Posadowsly. Wenn er das Schmähliche, daß er in der dritten Klasse wählt, nicht empfindet, dann ist das seine Sache, aber die hunderttausend Arbeiter, die vor dem Geldsack zurückgestellt werden, empfinden eS als Unrecht. Der Staatssekretär scheint einen Republikaner als menschliches Ungeheuer anzusehen. Aber wir haben doch in Deutschland drei Redubliken, und der Herr StaatSselretär kommt im Bundesrat sehr gut mit ihren Vertretern aus. Und selbst Fürst Bismarck hat sich seinem Vertrauten, Busch, gegenüber als innerlichen Republikaner bekannt; alle seine Erfolge den Fürsten gegenüber verdanke er diesem seinem inneren Glauben! Die Nationalliberalen waren selbst früher Republikaner! die „Kölnische Zeitung" hat das noch im Jahre 1892 betont und geschrieben, die Nationalliberalen seien jetzt „Bernunftmonarchisten" geworden. Aber wenn die Zustände so weitergehen, so sammele sich solche Unzufriedenheit in den Herzen der Liberalen, daß man nicht wissen könne, waS daS eines Tages noch geben»verde. Der RepnblikaniSmuS ist ein Ideal; gegen ihn kann man mit Straf- bestimmungen ebenso wenig vorgehen als etwa gegen die Welt- anschauung deS Atheismus. Nur ivenn etwa ungesetzliche Maß- nahmen ergriffen würden, kann der Staat dagegen vorgehen. Nun wollen Sie aber doch nicht behaupten, daß der gegenwärttge Staat und die gegenwärtige Gesellschaftsordnung etwas so Ideales darstelle», daß man sie nicht mehr verbessern kann. Gerade so wie da« Bürgertum einst den Feudalstaat allmählich überwunden hat, so wollen wir die Monarchie allmählich überwinden. Was wir jedoch jetzt fordern: daS allgemeine Wahlrecht, das müssen Sie als gerecht anerkennen. Sie müssen also mit uns für diese gerechte Reform stimmen oder Sie müssen zugeben, daß Sie die eigentlichen Revolutionäre sind. Preußen soll in Deutschland vorangehen? DaS ist cinc elende Phrase. In Sllddeutfchland denkt man gerade das Gegenteil; die süddeutschen Abgeordneten und die Herren vom Zentrum nicken mir zu. Preußen hat seine Führung in Deutschland verloren. Es hinlt heute hinten dran. Am 21. Januar hat der preußische Staat ganze Armeekorps gegen uns aufgeboten. Der preußische istaat zitterte vor unS ivie Espenlaub.(Unruhe rechts. Beifall bei den Sozialdemokraten.) Die preußische Regierung sah das eigene Volk im Aufruhr, obgleich es nur von feinem Versammlungsrecht Gebrauch machen wollte. Da hat der preußische Staat sich vor der ganzen Knlturwelt bis auf die Knochen blamiert. Vizepräsident Graf Stolbcrg: Herr Abgeordneterl Sie haben gesagt, der ganze preußische Staat habe sich blamiert.(Stürmisches Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Ich rufe Sie deshalb zur Ordnung. Abg. Bebel(fortfahrend): Die Soldaten werden gedrillt, auf Brüder und Schwestern zu schießen. Wir aber haben an Straßen- demonstrationen gar nicht gedacht. Auf dem Berliner Parteitag wurde ein dahingehender Vorschlag mit großer Mehrheit abgelehnt. Unsere Wahlrechtsdemonstration hatten wir übrigens schon int Jahre 1904 geplant. WaS sich aber jetzt am 21. Januar gezeigt hat, daS hat das Hohngelächtcr der ganzen Welt erregt. Wovor der preußische Staat sich fürchtete, das waren die sozialdemokratischen Stimmzettel.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Ter einzig Vernünftige auf der RegiernngSseite am 21. Januar, das war die Berliner Polizei. Ehre, dem Ehre ge» bnhrt.(Heiterkeit.) Mein Gerechtigkeitsgefühl zwingt mich, dem Verhalten der Polizei am 21. Januar auch an dieser Stelle Meine Allerhöchste Anerkennung auszusprechen.(Stürmische, immer wiederholte Heiterkeit im ganzen Hause.) Abev das hat sich ja immer gezeigt: tvenw die Polizei sich zurückhält, bleibt alles ruhig; denn das Auftreten der Polizei hat au und für sich etlvas Aufreizendes. Aus meiner Per« I sammlung ging der Polizeileutnant nach Hause und übergab dem Ordner die Sorge für die Ruhe, und es ging ausgezeichnet. Als ich nachher nach Hause ging, sah ich weit und breit nur einen einzigen Polizisten, wie er an jedem gewöhnlichen Tage sich dort aufhält. Als ein Redner aufgetreten war und aufgefordert hatte, nach Hause zu gehe», rief ihm die Versammlung zu, das wüßte man schon allein. Tie Massen haben am 21. Januar eine Disziplin bewiesen, die weit höher steht als die militärische, weil sie nicht gezwungen, sondern freiwillig ist. Sie hätten gar keine Angst zu haben brauchen, daß wir unsere Leute in die Bajonette treiben würden.(Zurufe rechts.- Angst hatten wir ja auch nicht I) Nun also, Sie wußten recht gut, daß wir uns nicht zu ungcsehlichcn Maßnahmen würden verleiten laßen. Wir wissen, daß wir Sic am meisten ärgern, wenn wir ge- setzlich sind. Die Gesetzlichkeit tötet Sic.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Der ganze Fanatismus, mit dem Herr Stöcker hier aufgetrten ist, beweist das ja. Die Kinder sollen die Geschichte von dem Aufruhr, der geplant wäre, von ihren Gltern gehört haben. Wer das halte ich für ganz unwahrscheinlich. Die Kinder werden es in der Schule gehört hoben.(Widerspruch rechts. Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Mir ist von allen Seiten gesagt worden, daß die Lehrer in der Schule kurz vor dem 21. Januar große Reden geschwungen hätten, so daß die Eltern, als ihnen die Kinder davon berichteten, nachher einfach baff waren. Sowohl auf den Volks. schulen wie auf den Ghmnasicn hat es Lehrer gegeben, die den Kindern gesagt haben: Am 21. Januar wird geschossen.(Hörtl hört! bei den Sozialdemokraten.) Ich habe bisher die allergrößte Hochachtung vor den Lehrern gehabt. Aber in dieser Zeit hat ein großer Teil der Lehrerschaft ein hohes Maß von Borniertheit gezeigt. Wie denken sich die Leute das eigentlich? Revolutionen werden doch nicht auf Kommando„gemacht"". Man kann doch nicht sagen: Nächsten Sonntag 12 Uhr beginnt die Revolution.(Große Heiter- keit.) Selbst in den Hotels hat man vielfach den Fremden aufgc- bunden, am Sonntag gebe es Revolution. Aber war denn das ein Wunder? Die Militärbehörde hat ja nicht nur die Kriegsmann- schaften bereit gehalten, sondern sie hat sogar die Lazarette darauf vorbereitet, daß Verwundete aufgenommen werden können.(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Alles in allem kann man nur sagen: O sancta simplicitasl(O heilige Einfalt!) Das Wort, das mir sonst noch auf der Zunge schwebt, darf ich nicht sagen.(Heiter- keit.) Ich würde sonst den zweiten Ordnungsruf bekommen. (Heiterkeit.) Halten Sie denn die Sozialdemokraten für so dumm, daß Sie ihnen zutrauen, sie wollten mit Revolvern gegen die Hinter- lader der Soldaten kämpfen? Nein, die Leute, die die Revolver ge- kauft haben, sind reiche Bourgeois gewesen, die geglaubt haben, man wolle ihnen in den Geldschrank steigen.(Heiterkeit und Beifall bei den Sozialdemokraten.) Ein Bmikdcamter hat mir erzählt, daß die Bank ihre gesainten Depositen für den Sonntagliachniittag fortge- schafft hat. Sie sprechen immer von dem Durst nach Nebolutwu. Gab es jemals irgend ein Volk. dvZ Durst nach Revolatlon v-havt hätte? Tin Voll schreitet immer nur dorm zur Revolution, wenn es nichi mehr anders kann. Aber deutsche Junker und deutsche Geistlichkeit haben seit Jahrhunderten das Vost in der allerfurchi- barsten Weise ausgebeutet.(Unruhe rechts.) Was für einen Fanatismus der christliche Pastor.Herr Stöcker entwickeln kann, wenn er gegen die Sozialdemokratie losgeht, das hat sich neulich gezeigt. Der Fanatiker schlägt in ihm den Christen tot. All« d'Z wunderbaren Grundsätze und Lehren des Christentums:„Liebet Eure Feinde", „Tut wohl denen, die Euch hassen",„Vergebt denen, die Euch be- leidigen", hat Herr Stöcker vergehen. Man mußte nur das fanatisch verzerrte Gesicht sehen,(Große Heiterkeit.) mit dem er ausrief: „Kampf bis zum äußersten!" Ten Slumvs mit Herrn Stöcker nehmen wir l-br gern anf. Der Geist StöckerS ist der Geist der regierenden Kreise in Preußen. ES war sehr charakteristisch, daß ein Mann wie Graf Posadowsky, Nw doch füv den modernsten Minister gilt— früher loa: es der Reichskanzler, aber da wir ihn noch nicht gekannt, (Große Heiterleit links.) jetzt hat er sich schlimmer entpuppt als der ärgste Junker— daß also auch Graf Posadowsky das allgemeine Wahlrecht glast ablehnte Der„i-oebrr de bv:nce" l eherne Felsl) zittcrr vor den sozialdemokrarischcn Wahlzetteln. Gegenüber der Stellungnahme des deutschen Staatsmannes erinnere ich an die Haltung de� Barons Fejerdnry. der im Namen der ungarischen Re- gicrung erklä"te: Ein Parlament ohne das allgemeine Wahlrecht lönne leine Empfänglichkeit für die wahren Bedürfnisse des Volkes Häven, von der Ausübung dec politischen Reckte könne niemand ausgeschlossen werden, der seine Pflichten gegen den Staat erfülle.(Hörti hört! bei den Sozialdemokraten.) Bei unS aber Ivill Herr v. Zedlitz sogar, daß der Süden die Reaktion des Nordens nachahmt, während Prinz Ludwig in Bayern hinwiederum das von der zweiten Kammer geschaffene Wahlrecht für eigentlich noch nicht weit genug gehend cr- klärte. Er vcrlangde, daß die jeweilige Boltszählung zur Basis des Wahlrechts genommen wird. Durch seine Haltung hat Prinz Ludwig den Herren in Preußen eine recht kräftige moralische Ohrfeige gegeben:(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn ein preußischer Prinz es»vagen würde, derartige Anschauungen kulidgu- geben, wehe ihm! Ich glaube, es gäbe unter den Junkern Leute, die ihn für verrückt erklärten.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.> Wenn wir eine Bestimmung in der Verfassung hätten, wonach das Volk aus den regierenden Fürstenhäusern den Kaiser zu wählen hätte, ich gebe Ihnen mein Wort: Priicz Ludwig hätte die aller- größte Aussicht, nächstens deutscher Kaiser zu»vcrden.(Große Heiterkeit.) Fürst Bülow merkt die agrarische Fliege hinter seinem Rücken, aber er sieht nichts und hört nichts, ivcnn Millionen von deutschen Arbeitern nach politischer Gleichberechtigung schreien. Für deren Bedürfnisse hat er eine Rhinozeroshaut,(Abg. v. Heyl: Sehr gut!) und Herr v. Heyl findet, daß diese Rhinozeroshaut dem deut- scheu Reichskanzler sehr gut steht.(Große Heiterkeit.) Lassen Sie es mir darauf ankommen— die Bewegung ist im Fluß, die Massen lassen von ihren Forderungen nicht ab, und weirn nicht anders, so werden, einst in einer neuen 4. August-Nacht die ganzen Reaktionäre in den OrkuS geworfen. Der deutsche Arbeiter fühlt sich als vollberechtigter Staatsbürger; er wird sich sein Recht nehmen, wenn man es ihin nicht gibt. Politische Gleichheit, soziale Gerechtigkeit für alle Menschen auf dem Boden eines gleichen Wahlrechts! Wir erobern dieses Recht—- unser die Welt trotz alledem! (Stürmischer Beifall bei den Sozialdemokraten.) Bundesratsbevollu'.ächt'gier der freien Hansestädte, Senator Dr. Klügmann: Es ist mir initgeteilt Wurden, daß Herr Bebel die Aeußerung getan hat. in der Cholcrazeit sei die Hamburger Bürger- schuft aus ihrer Vaterstadt geflüchtet und habe die Sorge für die Chöleralranken den sozialdemokratischen Arbeitern überlassen. Als Beweis dafür ist lediglich angeführt worden, daß zur Verbreitung eines Flugblattes sozialdemokratische Arbeiter benutzt worden seien. Der Herr Abgeordnete von Hainburg hat hiermit eine Aeußerung getan. die er nicht verantworten kann.(Widerspruch des Abg. Bebel.) Ich muß die Behauptung auf das entschiedenste als gänzlich un- begründet zurückweisen. Die Leistungen der Hamburger Bürgerschaft und aller mit bürgerlichen Mitgliedern besetzten Behörden während der furchtbare» Epidemie sind als ausgezeichnet in jeder Hinsicht anerkannt worden, nicht nur in Deutschland, sondern weit über Deutschland hinaus.— Auf die gegen mich persönlich gerichteten Aeußernngen des Herrn Abgeordneten Bebel gehe ich selbst- verständlich nicht ein.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Meine prinzipielle Aeußerung über die Einwirkung einer Durch- führung der sozialdemokratischen Organisation auf den Handels- betrieb halte ich für in keiner Weise widerlegt.(Lachen bei den Sozialdemokraten.) Abg. Bitfing(natl.): Wir halten das Reich nicht für kompetent. den Einzelstaaten die Form ihres Wahlrechts vorzuschreiben. Nicht aus Furcht vor der Sozialdemokratie nehmen wir diesen Standpunkt ein, den wir schon vor 35 Jahren vertreten haben. Wir lassen nicht rütteln an der staatlichen Selbständigkeit der Einzelstaaten und lassen sie nicht zu Provinzen degradieren. Meine Parteigenossen in Sachsen haben allerdings in der Mehrheit 1895 der Wahlrechtsverschlechterling zugestimmt. Aber die Nationalliberalen im Reiche haben dieses Verhalten der Mehrheit der sächsischen Kammermehrheit nie gebilligt. (Sehr ivabr! bei den Nationalliberalen.) Auf der anderen Seite mißbillige ich ebenso entschieden das Wahl- bündnis unserer badischen Freunde mit der Sozialdemokratie.(Leb- haste Zuslimmiing bei den Nationalliberalen.) Die ganzen lang- atniigen Ansführungen des Abg. Bebel über die bürgerlichen Parteien in der Vergangenheit waren chinfällig. WaS unsere Väter erstrebt haben, wir haben es ohne Revolution erreicht durch die Siege unserer Armee.(Lebhafter Beifall rechts. Lachen bei den Sozial- demokraten.) Der Abg. Bebel warf uns vor, das deutsche Bürger- tum habe keine politischen Ideale mehr. Aber was sind denn Ihre Ideale?(Sehr gut! rechts.) Wollen Sie bloß die Massen verhetzen und unzufrieden machen? Oder ist Ihr Ideal die russische llievolution, die Pariser Kommune? Fast möchte ich das von dem Abg. Bebel glauben. Habe ich doch selbst mitangehört, wie er von dieser Stelle auZ die Kommune verherrlichte und mit den Worten schloß:„Krieg den Palästen, damit die Hütten Frieden haben!" Aber allgemein kann doch das Ideal der Sozialdemokratie nur in jenem nebelhasten Zllkiiiistsstaat bestehen, von dem Sie träumen. Wir aber haben ein anderes Ideal: DaS geeinte Deutsche Reich und den Kaiser an der Spitze.(Stürmischer Beifall rechts und in der Mitte. Lachen bei den Sozialdemokraten. Zuruf des Abg. Ledebour: Dieses Preußen ist Ihr Ideal?!) Wohl Wilsen wir, daß noch nicht alles gut und herrlich ist, aber die Grundlage ist geschaffen. Fragen Sie uns. wie tief uns ins Herz geschrieben steht unser herrliches Deutsches Reich und sein Kaiser.(Lachen bei den Soz.) Ihr Lachen berührt mich nicht. Ich bin ein alter Mann— aber nie vergeß' ich den Tag, da zu uns durchs ganze deutsche Volk die Kunde drang: Wiedererstände» sei das Deutsche Reich und ein deutscher Kaiser. (Jubelnder Beifall bei allen Parteien des Hauses außer der Sozial-. demokratie.) Ein Jubel ging durch alle deutschen Gaue wie nie zuvor. Wie himmliscber Glockenton durchflog die Kunde vorn neuerstandenen Reich und Kaiser das ganze Reich I Versuche» Sie es, uns zu nehme», was wir haben, airzustürnien gegen unsere Ideale. Ich gebe Ihnen die Versicherung: Ihre RevolutionSversuche»verde» scheitern und.zerschelle» an dem granilenen Fels der politischen Ideale des deutschen Bürgertums.(Stürmischer, minutenlanger Beifall.— AIS er sich zu legen beginnt, ruft Abg. Bebel: Aver warum sagen Sie das alles?' Wie gehört das hierher?— Abg. Büsing schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen.) Es »var die Antwort auf Ihre Angriffe nilf den Idealismus des Bürgertums, die auch nicht zum WahlrechtSantrage ge- hörten. Der Redner geht dann in längeren Aussührungen auf die Verfassungsfrage in Mecklenburg ein und fragt an, warmn noch immer nichts geschehen sei, trotzdeni Graf Posadowsky im Vorjahre »viederum von dem ernsten Willen der mecktciiblirgijchen Regierung gesprochen habe, endlich eine Verfassinig zu schaffen. Abg. Pachnickr(srs. Vg.): Der Abg. Büsing hat zugegeben, daß Konipelenzbcdenken den» sozialdemokratischen Antrag nicht entgegen- stehen. Wenn er siirisiisch möglich ist. wird also jede Partei sachlich so urteilen, wie sie es»nit dem Wahlrecht mcinr. Ich nehme den Konservativen es also gar nicht übel, daß sie das prclißische Wahl- recht behalten, ja womöglich auf das Reich ausdehnen wollen. Graf Limbnrg-Stirnm, Graf Mirbach und in de» jiiiigstcii Tagen erst die „Kreuzzeitung" sind ja off:»» sür die Beseitigung des Reichstagswahl- rechts einnetrelen. Aber ans der anderen Seite sollte über »tangelnden Idealismus nicht klagen, wer ihn durch Appell an die Sonderinterdssen und die Begehrlichkeit der einzelneii Klassen getötet hat. U»is ist das allgemeine, gleiche, geheime, direkte Wahlrecht ein Ausfluß des deutschen RcchtSgefiihlS, das die Wurzel der konstitutionellen Monarchie ist, unS ist eS die Grundlage der dcnischen Macht auf dem Weltmärkte, gleich der all- gcmeincii Wehr- und Stenerpflicht ein Eckpfeiler des deutschen Staaten- bans, der nicht ohne ticfgreifeiide Erschütterung beseitigt werden könnte. Diese Verhandlung hat das Wesen eincs Glaubciisdckeniitnisscs. Deshalb hoffen wir, daß die Einzelstaaten unseren Wünschen schließ- lich doch nachgeben und das Wahlunrecht beseitigen, wenn dieser Antrag mich abgelehnt wird. Als Vertreter eineS mecklenburgischen KreiscS will ich noch einige Worte im Interesse Mecklenburgs hinzufügen: In Mecklen- bürg gilt leider noch immer das alte so unwahre Wort, daß für mecklenburgisches Wesen das Wählen überhaupt nicht tauge! Dort gilt noch immer der Landcsvertrag von 1755 zwischen dem Landeshernt und den Ständen, also«in privater Vcr- trag. Der mecklenburgische Stamm ist so tüchtig wie jeder andere. Trotzdem ist Mecklenburg auf allen Gebieten zurückgeblieben— in der Schule, der Finanz, der Kommunalvcrivaltnng. Daher kommt es, daß in Mecklenburg-Schtverin nur 46, in Strelitz sogar nur 35 Einwohner auf den Onadratkilometcr kommeii. DaS ist die Folge davon, daß die borhniidenen Kräfte in Handel und Jndnstrie künstlich zurückgehalten werden im Interesse des Großgriindbesitzes, der dort herrscht. Rußland wird seine Duma erhalten, Montenegro seine frei- heitliche Aersassung. ein chinesischer Prinz wird parlamentarische Negierungssorinen studieren.(Heiterkeit.) Mecklenburg bleibt allein in der EntWickelung zurück. Es kann keinem Zweifel nnterliegen, daß das Reich nach Artikel 78 der Verfassung sür diese Fragen zu- ständig ist. Dieser Ansicht ist auch der Staatsrechtslehrer Laband. Indessen ist diese Frage ja weniger eine juristische als eine politische. Um das Unrecht zu beseitigen, stimmen wir dem ersten Teile des Antrages zu, oen zweiten Teil lehnen wir ab, weil er die Durchführung unserer Forderungen erschwert.(Beifall bei den Frei- sinnigen.) Mg. Frhr. v. Maltzan(k.): Ich gehöre zu denjenigen kon- servatiben Abgeordneten, welche einem Ausbau der mecklenburgischen Verfassung wohlwollend gegenüber stehen. Alle Konservativen sind aber darm einig, daß eine Eiiiinischung des Reiches unbedingt zu verwerfen ist. Redner polemisiert sodann gegen Ausführungen des Abg. Herzfeld im mecklenburgischen Volkskalender. Dort werde ge- sagt, es sollten keine Zinsen mehr gezahlt werden. WaS sagenden» Herr Bebel, der eine große Erbschaft gemacht hat, Herr Singer und Herr Dr. Sndeknm, der doch auch nicht zu den Armen gehört, dazu? (Glocke de? Präsidenten.) Präsident Graf Ballestrcm: Ich bitte, nicht auf die Privat- Verhältnisse von Abgeordneten einzugehen.(Heiterkeit.) Abg. Freiherr v. Maltzan(fortfahrend): Der Mgeordnete Dr. Pachnicke meinte, wir hielten die Kräfte in Handel und Industrie zurück. Nicht wir tun das, sondern die Sozialdeinokraten. So hat z. B. die Stadt Güstrow durch einen Streik an Bevölkerungszahl ab- genommen. Gleiche Besürchtmigen hegen wir wegen der Vorgänge auf der Neptunwerst in Rostock. Der Abg. Hcrzfeld hat früher erklärt, jetzt sei er noch der einzige mecklenburgische Ver- treter, der der Sozialdemokratie angehöre. bald würden eS drei fein. Dr. Herzfeld ist der einzige sozialdemokratische Vertreter geblieben. Im mecklenburgischen Landtag mollen wir die mecklen- burgifche Bersassung so ändern, wie rs im Interesse des Reichs und Mecklenburgs liegt(Beifall rechts). Mg. Blnmenthal(südd. VolkSp.): Me Redner haben eine Verbeugung vor dem allgemeinen Wahrecht gemacht, auch der Regierungsvertreter. Daraus geht die agitatorische Bedeutung dieses Antrages hervor. Zweifellos ist das allgemeine Wahlrecht allein geeignet, den wirkliche» Willen deS Volkes zum Ausdruck zu bringen. Man hat ein allzu großes An- wachsen der Sozialdemokratie von der Gewährung de§ allgemeinen Wahlrechts befürchtet. Die sozialdemokratische Gesinnung aber kann man doch dadurch nicht beseitigen, daß man ihr den Ausdruck ver- wehrt. Man kann nicht gegen den Strom schwimmen, man muß vielmehr suchen ihn zu regulieren.(Sehr richtig! links.) Unsere Reichslande nehmen ja leider noch eine besondere Stellung ein. Der vorliegende Antrag unterscheidet mit Recht zwischen den Bundesstaaten und den Reichslanlcn. In Elsaß-Lothringen erstreben alle Parteien eine Aenderung dieses als unwürdig empfundenen Zu- standes. Ich freue mich, daß der Kollege Delsor sich hier neulich auch in diesem Sinne ausgesprochen hat. Immerhin kann er sich nicht wundern, wenn einige den Kampf der Partei deS Herrn Delsor für daS allgemeine gleiche Wahlrecht nicht ganz ernst nehmen: denn bei der Mflimmung im Landesansfchuß haben zehn Mitglieder, die der Partei des Herrn Delsor angehören oder t ch mit ihrer Hülfe gewählt sind, ohne Entschuldigung gefehlt. Auch unter den 32 Stimmen, die dafür waren, sind einige unsichere Kantonisten. Einige Leute sprachen lich so ans, daß man glaubte, man hörte den Fürsten Bülviv im preußischen Herrenhause sprechen.(Heiterkeit.) Ein richtiger Demokrat darf sich nicht davor furchten, wenn die sozial- demokratischen Stimmen zunehmen. Zwei Argumente hat der Ab- geordnete Delsor vorgebracht. Heimlich hätte» die'Beamten für den� Sozialdemokraten agitiert, sagt er. Woher weiß Herr Delsor es denn, wenn es heimlich geschehen ist?(Heiterkeit!) Einer Erweiterung durch sozialdemokratische Stimmen bedarf die Regierung in Elsaß-Lothringen nicht. Da ist vor kurzem eine Schrift von einem Herrn Stcphany erschienen, deren Lesen verboten ist, womit nicht gesagt sei» soll, daß sie nicht gelesen wird. (Heiterkeit I> Er hat eine Reihe von Dingen gesagt, die unwahr waren, aber das ist nichr das Interessante(Heiterkeit!), er hat auch Dinge gesagt, die wahr sind.(Heiterkeit!) Aus diesen Ver- öffentlickmngen sieht man, welche bodenlose Sorglosigkeit die elsaß- lothringische Verwaltung besaß, als es sich darum handelte, einen Bertraueiisposten zu besetzen. Diese Clironique scandaleuse hat die uralte Praxis: sogenannte schwarze Listen zu führen, aufgedeckt. In diese Listen werden Lente eingetragen, welche im Falle der Einführiing des BelageruugSznftandeS öder eines Krieges sofort niiter Schloß und Riegel gesetzt werden sollen. Selbstverftöndlich sind die harmlosesten Lente auf die Listen gesetzt worden; denn wie sollte man die etwa vorhandenen nicht-harm- losen Leute finden, wenn die Behörden auf Leute wie Stcphany an- gewiesen sind I Leute, die vielleicht einmal einen Polizeikommissar oder den Frennd eines Polizeikoniinissars geärgert haben!(Heiterkeit.) Diese Veröffentlickning hatte in den Rcichslanden die allergrößte Empörung hervorgerufen. Die Regierung aber erklärte, sie könne diese schwarzen Listen nicht entbehren, so lange es noch so viele Leute gäbe, die nach dem Westen hinüberschau'ten. Ja wenn man all die Leute, die nach dem Westen schauen, anf die Listen setzen sollte, so hätten sie ja gar nicht genug Papier.(Heiterkeit.) Was sollen denn die Leute tun? Sollen sie etwa nach dem Osten schauen? DaS ist ja heutzutage noch viel gefährlicher.(Heiterkeit.) Im Frieden den Belagerniigszustaiid vorzubereiten, das ist wirklich mehr als man selbst von der gewissenhaftesten Regierung begehren darf. (Heiterkeit.) Die Regierung macht sich selbst zum fürsorgenden Dennnzianten.(Sebr richtig I links.) Unter solcben Umständen ist an eine gedeihliche EntWickelung der Verhältnisse in Elsaß- Lothringen nicht zu denken. Herr Delsor hat dann auch gegen das Frauenstimmrecht gesprochen. Man kann darüber streiten, aber seine Argumente waren verkehrt. Er führte an, er sei nachträglich zu der Ueberzeugung ge- kommen, daß er mit 29 Jahren doch noch nicht reif genug war. Nun— 1867 war Herr Delsor Seminarist; sollte er etwa als solcher in einer schwachen Stunde rot gestimmt haben? Ich glaube, er wird auch damals schon schwarz gestimmt haben, und dazu gehörte auch 1867 keine übermäßige Urteilskrast.(Heiter- keit links.) Was das Frauenwahlrecht anbetrifft, so werden wir unS da mit Herrn Delsor leicht verständigen. Wenn er erklärte, er habe alle Frauen unter seiner Kutte, so bin ich überzeugt, daß wir auch noch einige für unS behalten werden.(Heiterkeit.) Am meisten hat sich Herr Delsor doch wohl über das Resultat geärgert, daß wir die Klerikalen geschlagen haben. Ich meine, einen richtigen„Block" kann es nur nach links geben, der wird nie auseinanderfallen. (Beifall links.) Geheimrat Hallcy: Wir haben in Elsaß-Lothringen die direkten Wahlen für alle SelbstverwaltungSlörper. Darin gehen wir sehr viel weiter als viele Bundesstaaten. Auf die bekannte, vom Vorredner erwähnte Broschüre eines verkommenen früheren Beamten will ich im allgemeinen nicht ein- gehen und nur bemerken, daß die Verzeichnisse, die sogenannten schwarzen Listen, von der höchsten Instanz, nicht von den Polizeikommissaren aufgenommen wurden. ES sind in die Listen nur solche Personen anfgenommen, bei denen man ver« möge ihrer Gesinnuiig, ihres Charakters und ihrer bisherigen Haltung glaubte, daß sie im Falle eines Krieges dem Feinde tätige Hülfe leisten würden. Irgendwelche Unbequemlichkeiten sind diesen daraus nicht erwachsen und werden ihnen nicht erwachsen, solange wir den Frieden haben, und wir hoffen diesen noch sehr lange zu erhalten.(Heiterkeit.) Anders ist es im Falle eines Krieges, da heißt es: ä la guerre cornrne ä la guerre.(Im Kriege gilt Kriegs rech'!) Wie nötig solche Listen sind, kann man schon daraus ersehen, daß— als stüher einmal die Gefahr eines Krieges bestand— von einer solchen Person die Sprengung eines Tunnels vorbereitet wurde. Wir haben also Ursache, uns unsere Stellung nicht durch eigene Sorglosigkeit zu erschweren. Es ist also nichts als «ine zweckentsprechende Kriegsvorbereitung. Je mehr sich das Land beruhigt, desto weniger Leute befinden sich in der Lifte. Ich werde den Tag begrüßen, an dem niemand mehr auf dieser Liste verzeichnet ist. Von all den Leuten, die in der Broschüre angeführt sind, befindet sich kein einziger auf der Liste; der Herr hat wahrscheinlich die Namen aufgeschrieben, die er selbst vorgeschlagen hat. Aber seine Vorschläge sind von den höheren Be» Hörden nicht angenommen worden. Wg. Briihu(Antis.): Wir sind Anhänger deS allgemeinen gleichen Wahlrechts, halten jedoch den sozialdemokratischen Antrag für versthlt, weil die Einführung deS Wahlrechts Sache der Einzel- staaten sein muß. Die Sozialdemokratie will in dieser Frage daS Gute, bewirkt aber das Böse, weil durch ihre Agitation die W- neigung der herrschenden Kreise gegen das gleiche Wahlrecht ver- stärk» wird. D-e Freisinnigen üben bei dem Dreiklassenivahlrecht den schlimmsten Terrorismus anS.(Lachen bei den Freisinnigen.) Wenn der sozialdemokratische Antrag auch so abgeändert werden sollte, daß man an sich zustimmen könnte, so halte ich zurzeit die Zustimmung nicht möglich, weil die Grobniaiinssiicht, der Größenwahn einen Dämpfer verdient.(Beifall bei den Antisemiten.) Abg. Seniler(natl.): Ich habe die Gerechtigkeit bei Herrn Bebel vermißt. Schwer ungerecht war sein Vorwurf, die Bourgeoisie sei vor der Cholera in Hamburg geflohen. Mit vielen anderen bin ich damals heimgereist: in der ersten Bürgerschaftssttzung fehlten nur drei kranke Mitglieder. Das war die Flucht der Bourgeoisie— Ungerecht ist auch der Vorwurf gegen die Hamburger.Pfeffersäcke", sie mißbrauchten leichtfertig ihre Macht. Jeder dieser Männer ist sich bewußt gewesen, daß sie dein dritten Stande angehören, der einmal auch um ,ein Recht gerungen hat. Diese 120 Leute haben sich zufällig zu- sammengesunden in der bitteren Not(lautes Gelächter bei den Soz.) ihrer eigenen Anstauung. Im Falle eines Feblschlages ihrer Absicht waren sie sicher ihr Mandat zu verlieren.(Zurufe bei den Soz.: Geheime Stimmabgabe!> DaS ist ein ganz anderer Punkt. iWider- spruch bei den Soz.) Schlimm genug, daß Sie mit Ihrem Boykott, Ihren schwarzen Listen eine Anzahl von Leuten um ihrer Existenz willen in die Notlage gebracht haben, den Antrag auf geheüne Ab- stiinniung einzubringen.(Lachen bei den Soz.). Abg. Liebermann von Sonnenberg(Antis.): Die Regierimg kann sich von der Sozialdemokratte nicht die Pistole auf die Brust setzen lassen.(Gelächter bei den Sozialdemokraten.) ES ist ein starkes Stück, daß der Abgeordnete Bebel unS mit einer mehr als zwei- stündigen Rede gelangweilt hat. Ich habe eine so „langweilige" Rede noch nicht gehört.(Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Der M- geordnete Bebel hat mit einem ihn auszeichnenden Mangel von Bolksbcwußtscin von der Knechtung der Estländer und Livlünder gesprochen. Was diese Volksstämme geworden sind, sind sie gclvorden durch deutsch- Äv.st und deulsche Gesinnung(Lebhafter Beifall rechts); sie sind es gewardci! durch die Ritterschaft, die die Baucrncmaiizipation durch» geführt hat. Die Sozialdemokraten dagegen haben erst das grobe Wort gesiihrt und sich nachher feige gedrückt. Also dieses Blut haben die Sozialdeinokraien außerhalb dieses Hauses auf ihrem Geivisien. Die sich innerhalb dieses Hauses befinden, mögen sich mit ihrem Gewissen allein abfinden.(Heiterkeit rechts.) Ich bedauere, daß in Hamburg Sozialdemokraten zum Verteilen der Flugblätter benutzt worden sind. Es hätten sich auch andere dazu gefunden. (Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dr. Miiller-Sagan(frs. Vp.): Der Abg. Bebel hat den Berliner Lehrern(Abg. Bebel: Nur einem Teil I) den Vorwurf gemacht, daß sie ein unglaubliches ivkaß von Borniertheit gezeigt hätten. Wenn seitens einzelner Lehrer Fehler gemacht werden sollten. so möge man diese Fälle im einzelnen darlegen. So lange man das aber nicht tut, muß ich den allgemeinen Vorwurf der Borniertheit zurückweisen.(Beifall bei den Freisinnigen.) Abg. Dr. Hermes(srs. Schi.): Ich möchte kurz die Angriffe zurückweisen, welche der Kollege Bruhn gegen den angeblichen Terra- risnius der Freisinnigen bei den Stadtverordnetenwahlen und bei den Wahlen zum Abgeordnelenhause gemarbi hat. Ich erkläre seine Aeuhe- rungen hierüber für ein reines Märchen! Wenn er eine solche Behauptung aufstellt, so müßte er Namen nennen. Er müßte bezeugen, welche Leute von uns boykottiert sind usw. Abg. Bruhn(Ant): Die freisinnige Volkspartei wirft den Konservativen ebenfalls ganz im allgemeinen TerrorismuS bei den Wahlen vor. Wenn also meine Behauptung ein Märchen sein soll, so ist auch diese Behauptung der Freisinnigen ein Märchen.(Beifall bei den Antisemiten.) Abg. Dr. Miiller-Sagan(fts. Vp.): Herr Bruhn hat soeben ge- sagt, daß seine Behauptungen über die freisinnige Volkspartei aut demselben Niveau stehen wie die Behauptungen der fieisinnigcn Volkspartei über Wahlbeeinflnsinngeu durch die Konservativen. Unsere diesbezüglichen Behanptmigen haben wir niemals in solcher Allgememheit gemacht, sondern— genau substantiiert und mit Beispielen belegt— in der WahlpriifungSkominission anfgestellt. Mit unsubstantiierten allgenieine» Behauptungen zu arbeile», ist echt antisemitisch.(Sehr richtig I links.) Damit schließt die erste Beratimg des Antrages. Ein Antrag auf Koinniissionsberatniig liegt nicht vor. Die zweite Beratung er- folgt im Plenum und zwar nächste» Älkittwoch. Nächste Sitzung:- Donnerstag 1 Uhr. Zlveit« Beratung des Gesetzes über die Ausgabe von Reichsb.'"'--�-— 5 und 20 Mark. Fortsetzung der zweiten Elalsberatung. Schluß 6'/, Uhr. parlaiTieritanlckes. Regierungsschulen neben Missionsschulen? und Begnadigung veS Hauptmanns Kannenbcrg bildeten die Hauptthemata in den Verhandlungen der Budgetkommission am Dienstag und gestern. Die Forderung von 52 200 M. für RegierungSschiilen wurde vom Zentrum mit dem Hinweis auf die schon bestehenden Missionsschulen bekämpft. Dabei verriet das Zentrum, wie ihm Genosse Bebel sofort auf den Kopf zusagte, daß es in erster Linie um der Christianisierung der Neger willen die Kolonialpolitik akzeptiert. Das Bestreben des Zentrums, den Mohammedanismus auszurotten, werde vergeblich sein, denn bisher seien alle Versuche in dieser Richtung gescheitert. Wenn das Zentrum sich darüber be- klage, daß in Ostafrika die Regierung auch den MobammedaniSmus dulde, ja als Schützerin dieser Religion angesehen werde, wolle es sich auch der Tatsache erinnern, daß der deutsche Kaiser im ganzen Orient als Schutzhcrr des Mohammedanismus betrachtet werde. Die Liegierung tue sehr gut daran, in Ostafrika das kulturell fort- geschrittenere mohammedanische Element nicht zu unterdrücken. Die Regierungsforderung wurde gegen die Stimmen des Zentrums bc° willigt. Eine Forderung von 079 440 M. für europäische Angehörige der Schutztrnppe führte zu einer sehr scharfen Debatte. Der Abg. Erzberger wies nämlich darauf hin, w i e dem Abg. Genossen Bebel vor vier Jahren im Reichs- tage, auf eine Anfrage über schwere Verfehlungen eines Haupt- mann? K a n n e n b e r g in Ostafrika, geantwortet worden ist. Der Hauptmann soll eine Mutter und ihr Kind im Zorn darüber, daß das Kind ihn nachts durch Schreien gestört habe, erschossen haben. Dem Abg. Bebel ist geantwortet worden, der Hauptmann sei mit Dienstentlassung und 3 Jahren Gefängnis bestraft worden. Tie Regierung habe jedoch verschwiegen, daß dem Hauptmann durch ein Gnadenerlaß des Kaisers, zwei Monate vor Bebels Anfrage, die volle Pen- sion gewährt worden ist. Warum habe die Regierung das verschwiegen, statt dem Abg. Bebel die volle Wahrheit zu sagen? Besonders interessant dabei ist, daß die Kolonialverwaltung beim Militärkabinett angefragt hat, was sie im Reichstage antworten solle, wenn der Fall des Hauptmanns Kannenberg zur Sprache komme. Das Militärkabinett erklärte: Alles sagen, was nötig ist. Weiter erhob Abg. Erzberger gegen den Geheimrat v. König den Vorwurf, wissentlich in Eingaben an das Stettiner Obcrlandeögericht und an das Justizministerium die Unwahrheit gesagt zuhaben. Es handelte sich dabei um die Wiedcrcinstellung eines Beamten in den Justizdienst, der bisher im Koloiiialdicnst tätig war. Oberst Ohnesorg erklärte/von der Tötung eines KindcS und seiner Mutter durch oen Hauptmann Kanncnberg sei ihm und der Regierung nichts bekannt. Der Haupt» mann sei verurteilt worden, weil er einem Dorfhäuptling und einem anderen Neger 100 bezw. 175 Hiebe verabreichen ließ. Der mit 100 Hieben mißhandelte Neger ist gestorben, vermutlich aber nur deshalb, weil ein Soldat den so barbarisch mißhandelten Mann noch e�tra mit dem Gewehrkolben traktiert habe. Als Kannenberg auf Grund seiner Selbstbezichtigung verurteilt war, bat er den Kaiser, ihm doch die Pension zu belassen. In Anbetracht der großen Ver- dicnstc des Offiziers sei dein Gesuch entsprochen worden. Der Zentrnmsabgeordnete Dahlem bezeichnete diese Pensions- gcwäbrung als einen Schlag ins Gesicht der öffentlichen Meinung. Genosse Ledebour übte gleichfalls scharfe Kritik oaran, daß man einem Manne, der einer solchen Barbarei fähig sei. wie Hauptmann Kannenberg, miS Reichsmitteln eine Pension gewähre, während armen und bedürftigen Kriegsteilnehmern geringster Vergehen wegen eine Bcihülse abgeschlagen wird. Wenn gewisse Leute dem Hauptmann eine Rente gewähren wollten, so mußten sie richtiger- weise in die eigene Tasche greifen, die ja gefüllt genug sei. Herr Peter Spahn schien von der Kritik seines Fraktionsgenosscn Erzberger und der des Genossen Ledebour entsetzt zu sein. In einen Gnadenakt des Kaisers dürfe nicht eingegriffen werden, der ein unveräußerliches Recht des Monarchen sei. Für die Kolonial- Verwaltung habe auch keine Verpflichtung bestanden, in ihrer Ant- wort auf Bebels Anfrage den Gnadenakt zu erwähnen. Erbprinz Hohenlohe erklärte, daß er iede Vertuschung für sehr töricht und unrecht halte. Bon den besprochenen Fällen sei er nicht unter- richtet. Genosse Schöpflin kritisierte die bisher praktizierte Methode der Kolonialverwaltung. Anfragen nur halb zu beant. warten. DaS habe zu dem großen Mißtrauen gegen die Ver- waltung geführt, verlängere die Verhandlungen, die jetzt zu einer förmlichen Onal geworden seien. Es liege im Jntebesse der Re- gicrung und fördere die Arbeiten, wenn der neue Äolonialleiter anders verfahre, was er ja in anerkennenswerter Weise auch ver- sprachen habe.— Heute Fortsetzung der Beratung. Kraftfahrzeiigstcuer und Qnittungöstencr. Die Finanzreform- kommisfion beschäftigte sich gestern zunächst mit der Vorlage der Versteuerung der Krnftfahrzenge. ES wird für Krafträder eine Steuer vo» 10 M., für Kraftwagen mit 1 bis 2 Sitzplätzen 100 Mark, und für mehr als 2 Sitzplätze 150 Mark: als Clnmdbetrag außerdem von jeder Pferdskraft des Fahrzeuges bis zu 4 Pferde- kräslen 2 Mark, im übrigen b Mark. Dazu ttegt ein Antrag von Dr. Becker vor, unterzeichnet von Held, Müller-Fulda, Nacken und Sielermann, der entgegen dem Doppelprinzip der Vorlage nach Sitzen und Pferdekräften die Versteuerung nur nach Pferdekräften vorschlägt und zwar für Krafträder 10 Mark, für Kraftwagen von nicht mehr als 6 Pferdekräften 25 Mark, bis zu 10 Pferdekräften 50 Mark. biszu20Pferde!räsien 100 Mark und über 20 Pferdekräften 150 Mark als Grnndbetrag, außerdem von jeder Pferdekraft und Teilen einer solchen bei Fahrzeugen(also auch Krafträdern) bis zu 6 Pferdekräften 2 M. und in derselben Staffelung wie oben 3, 5 und 10 M. Auch die Erlaubniskarten für Ausländer werden nach demselben Prinzip zu besteuern vorgeschlagen, wobei sich auch eine höhere Steuer ergibt, wie die Vorlage vorschlägt. Befreit von der Steuer sollen nach dem Antrage solche Kraftfahrzeuge sein, welche zur ausschließlichen Be- ilutzinig im Dienste des Reiches, eines Bundesstaates oder einer Behörde bestimmt sind und solche, die ausschließlich der gewerbsmäßigen Personenbeförderung dienen. Der Referent v. O e r tz e n sowohl wie der Korreferent Dr. B e ck e r befürworteten die Ablehiumg der Regierungsvorlage zugunsten deS Antrages. Beide vertreten die Ansicht, daß es auf diesem Wege leichter sei, die Luxnsfahrzeiige besser zu treffen und den von der Regierung berechneten Suuerbetrag von 3—4 Millionen wesentlich zu erhöhen. Genosse Reißhaus und Dr. W i e m e r erklären sich gegen die Vorlage sowohl wie gegen den Antrag, trotz der Popularität, die etwa die Antoniohitsteuer für sich hat. Es sei dadurch eine Schädi- guyg der in der EntWickelung begriffenen jungen Industrie zu be- fürchten, und Genosse H o f f m a n n bemerkt auf eine Aeußrnmg M ü l l e r s, daß diese Steuer eine wohltätige Wirkung auf den Automobiluiifug auf der Landstraße anszuüben vermöchte, daß dies nur durch ein besonderes Gesetz zu erwarten sei, das merkwürdig lange auf sich warten lasse. Die Regierungsvorlage wird schließlich einstimmig abgelehnt und der Antrag Dr. Becker und Genossen mit allen gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Freisinnigen angenommen. Sodann wurde zur Quittung§ st euer übergegangen. So» wohl der Referent Raab, wie der Korreferent Genosse Bern- stein beantragen Ablehnung der Vorlage, weil durch deren An- »ahme eine ungeheure Belastung des ganzen Verkehrslebens herbeigeführt werde, unter der gerade die kleinen und mittleren Geschäfts- leute und nicht nnnder die Arbeiter zu leiden haben würden. Zu der Vorlage liegt ein von Nacken eingebrachter Antrag vor. der vo» Müller- Fulda erweitert worden ist. Nach diesem soll die Tarisnununer 0 folgende Fassung erhallen: Steuersatz vom Hundert Onittimgen über Bezüge CGewinnanteile. Tantiemen), welche an die zur Beaufsichtigung des Geschäfts- bctriebes von inländischen Aklieuaelellschafren, Kommanditgesellschaften auf Aktie», Gesellschaften mit beschränkter Haslnng und Genossenschaften bestellten oder gewätilien Personen(Äufsichlörats- mitgli'der) gezahlt werden soweit die jährliche Vergütung 500 M. nicht übersteigt............. frei soweit die jährliche Vergntmig mehr als 600 M., jedoch r»c(n über 5000 M. beträgt.... 3 soweit die jährliche Vergiilinia mehr als 5000 M., jedoch nicht über öOnOO M. beträgt.... 4 soweit die jährliche Vergünnig mehr als 50000 M., jedoch nicht Über 100 OuO M. beträgt... 5 soweit die jährliche Vergütung mehr als 100000 M. beträgt.............. 0 vom Betrage der an jedes AnfsichtsratSnniglied gezählten Beziige(Gewinnanteile, Tantiemen). Der Referent Raab erklärte sich für diesen Antrag, wohingegen unsere Genossen B e r>. st e i n, L i p i n S k i und Singer sich prinzipiell gegen de» Antrag erklären, so populär er immer erscheinen mag. Desgleichen nehmen B ü sing und Dietrich dagegen Stellung und der Staatssekretär v. Stengel erklärt, daß er nicht im stände sei über die Aufnahme, die der Antrag bei dem Bundesrat sinden werde, Auskunft gebe» zu können. Die Debatte wurde schließlich abgebrochen und bis zur nächsten Sitzung auf Donnerstag vertagt. Soviel steht aber jetzt schon fest, daß die Onittungssteuervorlage auch einstimmig abgelehnt wird. Erbschastsstener-Gcsctzentwnrf. Die Regierungsvorlage schlägt bekanntlich(in, Z 12) eine Erbschaftssteuer vor, die je nach dem Verwandtschaftsgrade 4 bis 10 Proz. betragen soll. In den ßs 13, 14, 15, 17 sind Ausnahme» zugunsten der Deszendenten, Kirchen, Fürsten, Grotzgrimdbesitzer usw. vorgeschlagen. Seitens der sozial- demokratischen Mitglieder der Konnnission zur Vorberatmig des ErbschnftssteuergesetzeS(Singer, Albrecht. Bernstein, Metzger, Südekum, Thiele) ist vorgeschlagen, unter Beseitigung der§s 13, 14, 15, 17 dem§ 12 der Regierungsvorlage folgende Fassung zu geben: .Die Erbschaftssteuer beträgt: für jede Nachlaßmasse im Werte von L a) eins vom Hundert 2 001 bis 3 000 M. b) eineinhalb„ 3 001„ 5 000„ o> zwei 5 001. 10 000. ck) drei 10 001., 20 000„ e) vier 20 001. 30 000 k> fünf 30 001.. 40 000. (?) sechs» 40001„ 60 000„ h) sieben„ 60 001. 76 000„ i) acht„ 76 001„ 100 000„ k) neun„ 100 001„ 200 000„ 1) zehn„ 200 001„ 300 000„ in) elf 300 001„■ 400 000„ n) zwölf'„ 400 001„ 500 000„ o) dreizehn ,. 500 001 1 000 000„ p) vierzehn„ 1 000 001„ 5 000 000„ q) fünfzehn. 5 000 001. 10000 000„ t) sechSzeh»„ 10 000 001 und darüber. II. Die Anteile an der Nachlaßmasse, die auf Grund gesetzlicher Erbfolge oder laut testamentarischer Verfügung des Erblassers an Erben oder als Legate zu verteilen find, sind nach Abzug der vor- bezeichneten Steuerbeträge von der Nachlaßmasse festzustellen und sind sodann für sie noch folgende weitere Steuerbeträge zu Lasten der Enipsänger zu entrichten: 1. fünf vom Hundert für solche Erbanteile, die auf Verwandte des Erblassers entfallen, welche nicht gesetzliche Erben der ersten, zweiten oder dritten Ordnung(B. G.-B. K§ 1024, 1025, 1020) suidi 2. zehn vom Hundert für solche Erbanteile, die auf testamentarisch bedachte Nichtverwandte entfallen. Anmerkung. Uneheliche Kinder sowie alle an Kindesstatt angenommenen Kinder sind hierbei den ehelichen Kindern, halbbürtige Geschwister den vollbürtigen Geschwistern aleichzusetzen." Für die Berechnung der Erbschaftssteuer wird folgender Modus vorgeschlagen: „Die Erbschastssteuer wird für die Erhebung auf Grund von § 12 I nach dem Wert deS Gesamtnachlasses, für den Zweck von 12 II nach dem Gesantterwerb jedes der Erben oder letztwillig Bedachten aus der Erbmasse und seinem Verwandtschaftsverhällnis zum Erblasser berechnet." Der sozialdemokratische Antrag verlangt femer die Zufügung eines Paragraphen folgenden Inhalts: „Mit dem Inkrafttreten dieses Gesetzes treten die Abgabe und der Zoll auf Salz(Salzabgabengesetz vom 8. Mai 1807 mitNachtrögen und Nr. 280 des Zolltarifgesetzes vom 25. Dezember 1002) sowie der � o II auf Petroleum u n d sonstige Mineral- öle und fossile Rohstoffe(Rr. 230 deS Zolltarifes vom 25. De- zcmber 1902) außer Erhebung." Die Anträge kommen dieser Tage zur Beratung i» der Kom- Mission. Die Petitionskommissio» des Reichstages verhandelte am Mitt« woch über mehrere Petitionen sozialpolitischen Inhalts. Der Süddeutsche Bund deutscher Rechtsanwaltsgehülsen-Verbände zu Augsburg petitioniert um gesetzliche Regeluug i-er Rechtsverhältnisse der Angestellten der Notare und Rechtsanwälte. In bezng auf die Arbeitszeit, Kündigungsfristen ze. sollen ähnliche Bestimmungen erlassen werden, wie sie daS Handelsgesetzbuch für die Handels- angestellten enthält. Ferner tvird gefordert, daß statistische Er- Hebungen über das Arbeitsverhältnis der Rechtsanwaltsgehülfen ver- anslaltet und dabei Arbeitgeber und Arbeitnehmer gutachtlich ver- nomine» werden sollen.— Die Kommisston beschloß, die Petttton dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen. Der Rheitiisch-Westfälische Frauenverband petittoniert um Ab- änderung des 8 120 der Gewerbeordnung in dem Sinne, daß obligatorische Fortbildungsschulen durch Ortsstatut für weibliche Ge- werbe- und Handlmigsgehülfen eingeführt werden können. Die Ein- führung der obligatorischen Fortbildungsschule ist jetzt nur für die weiblichen Handlmigsgehülfen zulässig, während sie auf gewerbliche weibliche Arbeiter nicht ausgedehnt werden darf. Auch diese Petition soll auf Beschluß der Kominission dem Reichskanzler zur Berück- sichtigung überwiesen werden. Der Süddeutsche Bczirksverband deutscher Kaufleute fordert, daß der obligatorische Fortbildungsschuluntcrricht für männliche und weib- liche HandlungSgehülsen allgemein durch Reichsgesetz eingeführt werde. Die gewerblichen weiblichen Arbeiter wären aber davon ausgeschlossen, und für die gewerblichen männlichen Arbeiter würde die Angelegen» heit nach wie vor der ortsstatutarischen Bestimmung überlassen bleiben.— Diese Petition soll dem Reichskanzler zur Erwögung überwiesen werden. Eine Petition betreffend Einführung besseren BauarbetterschutzeS und Ausdehnung der Gewerbriuspeknon ans Bauplätze und Bauten unter Zuziehung von Bmikontrolleuren aus dem Arbeiterstande soll dem Reichskanzler ebenfalls zur Erwägung überwiesen werden, während über eine andere aus Unteniehmerkreisen(den bekannten Anhängern des Herrn Fetisch) gekommene Petition, die sich gegen die Bankontrolle durch Arbeiterkontrolleure ausspricht, zur Tages- ordnung übergegangen wurde. Uebcrgang zur Tagesordnuug wurde ebenfalls beschlossen beziig- lich einer Petttton betreffend Abänderung der§§ 123 und 124 der Gewerbeordnung in dem Sinne, daß bestimmt wird, daß das Arbeitsverhältnis von beiden Teilen gelöst werden kann, wenn ein wichttger Grund vorliegt. Bon mehreren Seiten liegen Petitionen vor. welche die Em- führung von Arbcitskammcrn und Handlungsgehülfenkammern im Anschluß an die Gewerbe- bezw. Kaufmannsgerichle fordern. Die Petittonskommission. beschloß: Ueberweisung an den Reichskanzler zur Berücksichtigung. Derselbe Beschluß wurde gefaßt bezüglich einer Petition der Frau Cauer. welche wünscht, daß eventuell bei den Wahlen zur Arbeits» und Handliuigsaehiilfeiikamnier auch den weiblichen Personen das aktive und passive Wahlrecht zuerkannt werde. Die technische» Aiigestelltr» fordern Zuständigkeit der Gewerbe- gerichte für ihre Berufsgenossen, soweit deren Gehalt 3000 Mark nicht übersteigt. Ihre Petition geht auf Beschluß der Kommission als Material an den Reichskanzler. Eine Petition ivendet sich gegen Einführung dcr Sonntagsruhe in der Binnenschiffahrt; eine andere fordert die Einführung von Lcgitiinntionskarte» an Stelle von Wanderaelverbescheiuen an die Detailreisenden. Ueber beide Petitionen wird Uebergang zur Tages- ordnung beschlossen. Der Christlichsoziale Metallarbeiter-Verband Ortsgruppe Stol« berg lRheinland) petitioniert um Einschränkung der Souittagsarbeil in den Zinkhütte». Die Ausnahmebestimmungen, welche in be- stimmten Fällen die SomitagSarbeit zulassen, sollen keine An- wcndnng finden auf das Weihnachts-, Oiter- und Pfingstfest.— Die Kommiision beschloß, diese Petitton dem Reichskanzler zur Berück- sichtigung zu überiveisen. Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Vorberatnng de» Berggesetznovelle betr. die Neuregelung des Knapp s ch o f t s w e s e n s setzte am Dienstagabend ihre Beratungen fort Zu§ 171b, welcher lautet:„Die Leiuuiige», welche KuappschaftS vereine und besondere Krankenkassen ihren Mitgliedern und derer Angehörigen in KrankheitS- liild Sterbefällen zu gewähren haben müssen die im Krankenversicherungsgesetz für die Betriebs- uni Fabrilkranlenkassen vorgeschriebenen Mindestleistuiigen erreichen" läge» zwei Zentrumsanträge vor: 1. das Kraiikengeld auch an Sonn und Feiertagen zu bezahlen, 2. als Mindestkraiikeiigeld% des orts üblichen Tagelohnes festzusetzen. Diese Anträge riefen länger» Erörterungen hervor. Von den Antragstellern wurde hervorgehoben daß die Krankenkasfen bei höhere» Leistinige» besser fahren, weil di- Kranken eher gesund werden würden. Seitens der Regierung wurd' den Anträgen widersprochen, da sich die Bestimmungen der Novell' genau an die Bestinunuligen des Krankeiikaffengesetzcs anlehnen Im Gesetz seien nur die Mindestleistuiigen fostgeleg mid eS sei den einzelnen Knssen erlaubt, statutarisch höher Beiträge zu zahlen. Beide Anträge wurden schließlich gegen di Stimmen des Zentrums, der Freisinnigen und der Polen abgelehnt Ebenso wurde der ZentrumSantrng abgelehnt, wonach di nach den Satzungen zu verhängeiiden Ordnungsstrafen der Betrag des täglichen Krankengeldes nicht übersteigen dürfen, und e» blieb bei der Bestiinmnng der Vorlage, ivonach OrdnungS strafen bis zum dreifache» Betrage des täglichen Krankengeldes ver hängt werden dürfen I! Bei§ 171ck, der den Kassenniitgliedern wenn sie das Arbeitsverhältnis lösen, die Möglichkeit gibt, die Mit gliedschaft freiwillig noch ei» Jahr lang zu behalten, wurde von Zentrum ein Antrag auf Streichung dieser einschränkenden Be- stimmnng gestellt, so daß die freiwillige Mitgliedschaft au, unbegrenzte Dauer erinvglicht wird. Dieser Antrag wurd« abgelehnt. Ein von polnischer Seite gestellter Antrag au, Streichinig der Bestimmung, daß die ausgeschiedenen Mitglieder lveder Sttminrecht ausüben noch Kaffenäinter übernehincn dürfen, wurde abzelehnt. Zu ß 171 s, wonach Personen, welche iufolge eintretender Erwerbslosigkeit ans einer Krankenknsse ausscheiden, der Anspruch auf die gesctz- lichen Mindestleistlmgen verbleibt, wenn der Ausscheidende vor seinem Ausscheiden mindesten» 3 Wochen ununterbrochen einer Knappschafts-, Orts-, Betriebs- oderBaukasse angehört hat, lvollte ein nationalliberaler Antrag einfügen,„nicht selbstverschuldeter Erwerbslosigkeit". ES Iväre damit bestimmt ivorden, daß streikende Arbeiter der Wohltaten des Paragraphen verlustig gegangen wären I Der nationnlliberale Antrag wurde aber von der Mehrheit abgelehnt. Bei Z 172, welcher bestimmt, daß auch Beamte in die Kasse aufzilnehmen sind, wurde vom Zentrum beantragt, besondere Beamtenkassen mit eigener VerwaltlmgS- und NechmmgSfiihrung zu bilden. Dieser Antrag ivurde aber zugunsten eines iiationalliberalen Antrages, wonach die Errichtung solcher Beamtenkassen nicht obligatorisch, sondern nur fakultativ festgelegt werden soll, zurückgezogen. Eue der Partei. Wahlrechtsdimonstrations-Bersammlungen haben am Montag in einer großen Anzahl der größeren Orte des G r o ß h er z o g t u m s Sachsen stattgefunden. In allen Versainmliiitgen wurde die gleiche Resolution angenommen, welche sich gegen den Privilegierten« landtag wendet und eine Volksvertretung auf Grund des gleichen geheimen und direkten Wahlrechts nach dem Pluralwahlsystcm fordert. Aus den verschiedensten Teilen des Landes wird gemeldet, daß am Dienstagmorgen auf hervorragenden Punkten rote Fahnen gehißt waren mit der Inschrift:„HeranS mit dem gleichen geheimen und direkten Wahlrecht!" Alt-Heidelberg, du Feine! In daS Heidelberger Stadtparlamcnt ziehen zum ersten Male Sozialdemokraten ein. RtxhSuse» mtb Me„Leipziger BottSzeitung". Unter dieser Ueberschrift lesen wir in der„Täglichen Rund- schau": Im„Korresp. für Deutschlands Buchdrucker" crllärt Redakteur R e x h ä u s e r mit seiner Unterschrift auf eine Miinchener Aus lassung: „Was soll denn nicht wahr sein? Beides ist wahr. Einmal ist wahr, datz die„Leipziger Volksztg." die viehischen Beschimpfungen gegen mich gebraucht hat, und zum andern ist wahr, dag seinerzeit Franz Mehring in der„Gartenlaube" die betreffenden Ausführungen sgegen die Sozialdemokratie, Schriftleitg.) gemacht hat. Doch steht, das ist meine Meinung, Mehring mit den gedachten Gemeinheiten nicht in Ver- bindung." Die„Tägliche Rundschau" bemerkt dazu: „Diese Erklärung wird veröffentlicht, nachdem der Vorstand des Buchdruckerverbandes beschlossen hat, dem„Korr." in Sachen„Leipz. Volksztg." einen Maulkorb anzulegen." Aufruf an die Organisationen aller Parteiglenossen deutscher Zunge im Auslande. Der unterzeichnete Verein, die Organisation der sogialdemokra- tischen Arbeiter deutscher Zunge in Paris, hält es im Interesse der internationalen sozialistischen Bewegung für geboten, die Gründung einer neuen Organisation anzuregen: Eine Vereinigung aller Organisationen deutscher Sozialdemokraten im Auslande. Welches sind die Aufgaben unserer Vereine? Sie lassen sich folgendermahen zusammenfassen: 1. Die Erhaltung und Förderung des sozialistischen Geistes bei den Ausgewanderten und die Propaganda unter den noch nicht für unsere Sache gewonnenen Landsleuten. 2. Die Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen den aus- gewanderten Genossen und der Partei des Heimatlandes. 3. Die Unterstützung, geistige Ausbildung und Pflege der Geselligkeit im sozialistischen Geiste. 4. Die Anknüpfung von Beziehungen unserer Organisationen und unserer Mitglieder zu den sozialistischen Organisationen des Aufenthaltlaudes, Anwerbung unserer Mitglieder für die dortigen Gewerkschaften, Genossenschaften usw. Warum wollen wir diesen Aufgaben eine neue den Zusammen- schluh mit den Parteigenossen� iu den verschiedenen anderen Ländern hinzufügen? Unsere Anfrage beim deutschen Parteivorstande hat ergeben, daß diesem nur die Adressen von drei Organisationen im Auslande bekannt sind, obgleich deren eine große Anzahl besteht. Wenn nun auch eine unmittelbare Teilnahme an den politischen Parteiaktionen uns sowohl in der Heimat als im Auslande teils durch tatsächliche, teils durch gesetzliche Hindernisse versagt ist, so halten wir doch eine stärkere Betätigung sür möglich, als sie bisher ausgeübt worden ist. Die deutschen Vereine im Auslande sind die natürlichsten Stützpunkte der Mutterpartei und Bindeglieder zwischen ihr, den Heimat- lichen Gewerkschaften und den entsprechenden Organisationen des Auslandes. Dazu werden sie aber in nur ganz verschwindendem Maße benutzt. Das soll anders werden. Es ist offenbar im Interesse der Partei, die proletarische Energie der Hunderttausende, ja Millionen der im Auslande lebenden deutschen Arbeiter nutzbar zu machen, sie, wenn auch in ganz lockerer Form, einander anzu- gliedern, sei es durch eine Vertraucnsmüunerorganisqtion, sei es nach einem noch zu findenden System. Dazu bedarf es einer Verbindung der ausländischen Organi- sationcn deutscher Arbeiter. Aber nicht allein zu diesem Zwecke ist es erwünscht. Erfahrungsgemäß veranlaßt der Wandertrieb der deutschen Arbeiter sie häufig, von einem Lande ins andere zu gehen, und der Fälle sind unzählige, daß sie z. B. aus der Schweiz nach Frankreich, nach England oder Amerika wandern, ohne daß es ihnen gelänge, den Anschluß an unsere Organisationen zu finden, oft lediglich aus dem Grunde, weil sie unsere Adressen nicht kennen. Auch das soll besser werde». Der erste Schritt ist, daß wir diese Adressen sammeln. Wir ersuchen die Organisationen der deutsche» Sozial- demokraten im gesamten Auslände, uns ihre Namen und Adressen bezw. die ihrer korrespondierenden Vertrauensmänner mitzu- teilen. Wir werden, solange nicht tveitcre Bestimmungen getroffen sind, diese Adressen untereinander austauschen. Das Resultat wird uns eincu lleberblick darüber erlauben, wie wir unsere ivcitcren Ziele erreichen können. Mit sozialdemokratischem Parteigruß Deutscher sozialdemokratischer Lefeklub in Paris, Ö Ruc de Valois 0. Alle sozialdemokratischen Zeitungen deutscher Sprache, welche nn Auslande erscheinen oder dort einen Leserkreis haben, werden um Abdruck gebeten. Gerichts-Leitung. Das Urteil vor der Verhandlung gesprochen. Kürzlich berichteten luir über die Ablehnung eines Richters an der hiesigen Strafkammer, die erfolgt war, weil der Verteidiger zufällig unter dem Aktendeckel vor Beginn der Verhandlung das Urteil fix und fertig vom Referenten geschrieben vorfand. Das Gericht erachtete damals daS ÄblehiinngSgesuch als gerechtfertigt. Die Sache wurde vertagt. Gestern stand in dieser Sache Verhandlung unter Ersatz des abgelehnten Richter? durch einen anderen an. Die Verhandlung betraf eine unbedeutende Unterschlagung, deren sich ein Ehepaar I. schuldig gemacht haben sollte. Die Angeklagten wurden zu je 14 Tagen Gefängnis ver- urteilt. In einigen Zeitungen wird es so dargestellt, als ob jene Vor- bercitung eines Urteils etwas ganz Außergewöhnliches sei. Leider steht eS nicht so. Selbst in politischen Prozessen ist es vorgekommen. daß Richter auf Grund der Akten, vor Beginn der mündlichen Ver- Handlung, das Urteil fix und fertig, einschließlich der StrafzuinessungS- gründe, eül solches Urteil mitbrachten und daß hernach diesem UrleU das Gericht beitrat. Gegen diese Borschi, elligkcit des Urteils schützt die Strafprozeßordnung nicht.> Der Arbeitsraum des Buchhalters. Der Buchhalter W. hatte mitten im Monat seine Tätigkeit bei der Destillationsfirma Wilhelm K. unterbrochen und klagte da§ Rcstgehalt bis zum Ablauf der Kündigungsfrist bei dem Kaum, aniisgericht ein. In der gestern vor der ersten Kammer stattgehabten Verhandlung begründete der Kläger das plötzliche Verlassei, seiner Stellung damit, daß der Raum. der ihm zur Arbeit augewiesen war, em völlig ungeeigneter und wegen des Mangels an Lust und Lichts geradezu ge- sundhcitSschädlich gewesen sei. Der Kontorranm bestand in einen, schlecht beleuchteten Verschlage, in dessen nächster Nähe sich der von den Kunden während des ganzen Tages stark frequentierte Abort befand. Er sei daher außerstande gewesen, seine Tätigkeit unter den gegebenen Verhältnissen weiter auszuüben und habe die Arbeit niedergelegt. Der Beklagte führte denigegenüber aus, daß der Kläger sowohl die Licht- wie die Luftverhältnisse schwärzer ge- schildert habe als sie in der Tat sind, der Kontorraum sei zwar lein Salon, aber immehiii ein n,e»schei, würdiger Aufenthaltsort, in de», ja auch Kläger über ein Jahr lang, ohne an seiner Gesundheit Schaden zu leiden, gearbeitet habe. Das K a u f m a i, n S g e r i ch t wies den Kläger mit feinem Anspruch ab. Der Buchhalter, Kritik habe er könne zwar verlangen, daß ihn, ein Ort zur Arbeit angeiviesen � Z u ch t erklärte werde, an dem ihm auch die Ausübung feiner Tätigkeit möglich fei, in GefchäftSbetriebeil kleinerer Art pflege jedoch meistens der Kontorraum auf ein Minimum beschränkt zu werden, und da die Geruchsnerven de» Klägers die üblen Gerüche aus der Nachbarschaft ein �ahr lang ertragen haben, so konnte auch die zweifellos ungünstige Lage des Aborts nicht als Berechtigung zur plötzlichen Niederlegung der Tätigkeit angesehen werden. Die Verpflichtung des Prinzipals zur Beschaffung gesunder Kontorräume wurde an- erkannt. bis heute nicht gefunden. Der Vorsitzende daranf unter allseiliger Zustimmung, es sei wohl selbstverständlich, daß die Bcrsamiiilung das Verhalten jener Abgeordneten auf das entschiedenste mißbillige. Von einer weiteren Debatte darüber wurde dam, Abstand genommen.— Zum Schluß wurde noch mitgeteilt, daß der Genosse Fellechner irr- tünilich beschuldigt worden war. bei der Stadlverordnetenwahl nicht gewählt zu haben. Ter genannte Genosse hat im Gegenteil seiner Wahlpflicht genügt. Das Opfer eines Raubanfalls will der Kutscher Franz B e r w i g geworden sein, der gestern unter der Anklage der Unterschlagung vor der fünften Strafkammer des Landgerichts I stand. Der Angeklagte verbüßt zurzeit � in der Strafanstalt Tegel eine mehrjährige Ge- fängnisstrafe, die ihm wegen Diebstahls und Unterschlagung zu- diktiert worden war. Wegen gleicher Vergehen ist B. auch schon stüher vielfach vorbestraft. Unter Verschwcigung seines Vorlebens gelang es dem Angeklagten, bei dem Kaufmann Lobbecke, der ein Kaffeegeschäft betreibt, eine Stellung als Kutscher zu erlangen. Herr L. sollte in nicht allzu langer Zeit die Entdeckung machen, daß er den Bock zum Gärtner gesetzt hatte. Der Angeklagte, der auf einen Vertrauensposten gesetzt worden war, weil er freihändig Geld von den Kunden einkassieren konnte, mißbrauchte dieses Vertrauen in der schnödesten Weise. Im September v. I. hatte er mehrere Kunden in der Umgegend von Köpenick aufzusucken und Geld ein- zukassieren. Das Geld bewahrte er gewöhnlich in einer Lcdcrtaich.' auf. Am nächsten Morgen erschien der Angeklagte bei seinem iChef und erzählte, er wäre auf der Heimfahrt auf der Chaussee in der Nähe von Niederschönewcide von drei unbekanntei, Männern über- fallen worden. Während einer dem Pferd in die Zügel gefallen sei, wären die beiden anderen Wegelagerer auf den Kutscherbock ge- sprungen und hätten ihm die Tasche, in der sich zirka 200 Mark be- funden haben, weggerissen. Die Kriminalpolizei„ahm diese An- gaben von verneherein mit einem gewissen Mißtrauen entgegen. Die Tasche selbst wurde bald darauf auf dem Hof einer Kaserne auf- gefunden. Längere Ermittelungen führten schließlich zu der Ver- Haftung des Angeklagten, der sich die ganze abenteuerliche Ge- schichte des Raubanfalls erdacht hatte, um seine Veruntreuung des Geldes zu verdecken. Das Schöffengericht I nahm eine Unter- schlagung an und erkannte auf sechs Vi o u a t c Gefängnis. Die hiergegen eingelegte Berufung wurde von der Strafkammer verworfen. Schwindelkassenprozeß. Ein großer Betrugsprozeß, dessen Tauer auf drei Tage berechnet war, sollte gestern vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I seinen Anfang nehmen. Die Anklage richtete sich gegen den Kaufmann Ewald 2 e y, der bc- schuldigt wird, als Vorsitzender des aus über 1000 Mitgliedern bestehenden Vereins„Volkswohl" eine Reihe von Unregelinäßigkeitcn begangen zu haben. Zur Hauptverhandlung waren 60 Zeugen ge- laden, die aber noch rechtzeitig abbestellt wurden, da der Verteidiger des Angeklagten dem Gericht Tatsachen unterbreitet hatte, die es notwendig erscheinen ließen, zunächst über den Geisteszustand des Angeklagten ins klare zu kommen. Der Gerichtshof kani gestern nach kurzen Erörterungen zu dem Beschluß, die Verhandlung zu ver- tagen und den Gefängnisarzt Dr. Strau ch mit der Beobachtung' des Angeklagten zu betrauen.— Bedauerlich ist, daß nicht bereits zu der Zeit gegen die Gründer des„Volkswohl" vorgegangen ist, als wir vor dem Beitritt zu der offenbaren Schwindeltasse warnten. Versammlungen. Fünfter Wahlkreis. JBer sozialdemokratische Wahlverein hielt am Dienstag in, alten Schützenhanse seine gut besuchte General- versaninilmig ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung wurde das Ableben von drei verstorbenen Mitgliedern in der üblichen Weise geehrt und alsdann wurden 103 neue Mitglieder in den Verein ank- genommen. Hierauf gab der Vorsitzende Zucht einen kurzen Bc- richt über die Tätigkeit des Vorstandes, dem Li ep mann den Kassenbericht über die letzten fünf Monate folgen ließ. An Einnahmen wurden erzielt 5694,69 Marl: die Aus- gaben beliefen sich auf 4615,62 Ml., sodaß ein Kassenbestand von 1079,07 Ml. verbleibt. Die Mitgliederzahl ist im verflossenen Jahr auf 1581 angclvachsen. An Sammclgeldern kamen ei», auf den Russenlisten 1317.26 Mtl.. auf de» Parteitagslisten 502,15 Ml., auf de» Stadtverordnetenlisten 236,71 Mk., ans dem Boirsverkauf 377,30 Mk. und aus Teilersammlungen 323,91 Mk. Die alsdann vorgenommenen Vorstandswahlen hatten folgendes Ergebnis: 1. Vorsitzender Zucht, 2. Borsitzender Hauisch, 1. Kassierer Kirste, 2. Kassierer Liepmann, 1. Schriftführer Funk, 2. Schriftführer Ritter; Revisoren Li er, Dr. Stultz und S ch r o l l e. AlS Abteilmigsführcr der sieben Abteilungen wurden bestätigt Wasser, Christen, Schräge, Holzapfel, Schäfer, Stobbe und Wiese. Es entspann sich nun eine lebhafte Debatte über einen Antrag. der die teilweise Aufhebung des Boykotts über die Philharmonie ver- langte. S ch r o l l e sen. begründele den Antrag, indem er den Boykott in seiner jetzigen Form als unzweckmäßig bezeichnete. Einer Aufhebung des Boykotts schlechthin wolle er nicht das Wort reden, sondern er wünsche nur. daß die Philharmonie zu künstlerischen Ver- anstaltungen freigegeben werde, wiesie beispielsweise die Neue freie Volks- bühne für billiges Geld veranstalte. Zucht erinnerte demgegenüber daran, daß die Philharmonie ja für den persönlichen Verkehr freigegeben sei, es also jedem Genossen freistehe, sein Kunstbedürsnis nach Belieben zu befriedigen. Friedländer spricht sich entschieden gegen eine auch nur teilweise Authebung des BoylottS aus. Dein ersten Schritt würde bald der ziveite folgen. Zunächst kämen die Kunstabende und dann bald die Vergnügungen. Was dem eine» recht sei, müsse dem anderen billig sein. Gebe man die Philhannonie für eine» Verein frei, so müsse man sie auch für alle übrigen frei- geben. Es könnten dann aber auch mit Reckit alle übrigen boykottierten Wirte die Freigabe ihrer Lokale unter Be- rufung auf de» Fall mit der Philharmonie verlangen. S chro l le junior vermag nicht einzusehen, weshalb man starr auf dem alten Standpunkt verharren wolle. Es sei ja doch nur ein kleiner Schritt von der persönlichen Freigabe des Lokals bis zur Freigabe an Vereine zum Zweck gemeinsamer künstlerischer Veranstaltungen. Kaste n führt den Antrag auf eine Marotte der Neuen freien Voltsbühne zurück und kann sich nicht dafür er-, erwärmen, daß diesem Verein eine Extrawurst gebraten werde. Es sei notwendig, den Boykott über die Philharmonie weiter mit der alte» Energie aufrechtzuerhalten. Der Antrag auf Aufhebung des Boykotts wurde darauf mit übe r- großer Majorität abgelehnt. Funk richtete hierauf eine Anfrage an das PreßkommisfionS- Mitglied Wels, ob ihm bekannt sei, daß der ftühere„Vorwärts"- Redakteur Wetzker etwa einen Teil deS ihm bis zum 1. April aus- gezahlten Gehalts wieder an das Vorwärtsgescbäft zurückgezahlt habe. ES sei dieS umsomehr eine moralische Pflicht Wetzlers gewesen/als dieier schon bald nach dem Austritt aus dcm.Voriv." bei dem Bochumer Partei- organ Stellung gefunden habe und somit bis zum 1. April gewisser- mäßen doppeltes' Gehalt einstreiche. W e l S antwortete, von einer Rückzahlung irgend eines Betrages von Wetzker sei ihm nichts bekannt, er glaube auch kaum, daß Wetzker rechtlich dazu verpflichtet sei.(Rufe: aber moralisch I) Wels wurde beauftragt, die Angelegenheit in der Preßlommisfion zur Sprache zu bringen. R a d k e kritisierte sodann scharf, daß so viele sozialdemokratische Rcichstags-Abgeordnete in der Sitzung fehlten, als die Jnter- pellation über das„Borussia"-Unglück verhandelt werden sollte, wegen des Fehlens der Abgeordneten aber von der Tagesordnung abgesetzt werden mutzte. Hier habe auch der „Vorwärts" seine Pflicht der Kritik vernachlässigt. Erst als andere Pärteiblätter die Unterlassung unserer Abgeordneten angenagelt hätten, da habe der„Vorwärts" deren kritische Be- merkungen rein referierend wiedergegeben. Eigene Worte der Der Verband der Glaser(Zahlstelle Verlin) hielt am 5. Februar eine Generalversammlung ab. Den Jahresbericht erstatirte K raus c. Danach hatte der Verband eine Gesnmteinnahme von 32 524,71 Mark. Gesamtausgabe 30 226,30 Mark. An die Haupt- kasse wurden abgeführt 4900 Mark. Dem Lokalvermögen wurden 8250 Mark zugeführt. Die Lokalarbeitslosenunterstützung beträgt 1276 Mark. Die ZentralarbeitSloseminterstützung 2475 Mark. Für die russischen Freiheitskämpfer und kür andere Geiverkschaften wurden 1719,71 Mark aufgebracht. Für Bibliothekszwecke wurden 315 Mark ausgegeben. Der Vorsitzende J a h u gab einen ausführlichen Jahresbericht. Der unvermeidlichen Kleinarbeit ist es zu danken, daß die Milgliederzahl von 633 auf 932 angewachsen ist. Durch den Arbeitsnachweis winden 1660 Stellen an Organisierte vermittelt. Die Tätigkeit des Vorsitzeiiden, sowie die des Kaisierers und deS Gesamtvorstaiides wurde allgemein mierkaiiilt und Dccharge erteilt. Die Neuwahl ergab folgendes Resultat: 1. Vorsitzender Jahn. 2. Vorsitzender Neufert, 1. Kassierer Rothe, 1. Schriftführer Engel._ eingegangene Drudircbiiften. H. Zeelmann. Resormblatt für Arbeiterversicherung. Nr. 3. Erfcheinr monatlich zwei mal. Preis: 3,50 M. pro Halbjahr. Verlag E. Schnapper, Frankfurt a. M. Illustrierte Bolksansgabe von Schillers Werken. Heft 25—31 soeben erschiencil. Einzelhcst 30 Pf. Deutsche BerlagS-Anstalt in Stuttgart. E. Fr. Kirschsietn ti. V. Dorninö. Wir Balten I Keine unzcil- gemähcn Betrachtungen über das Deutschtum in den Ostseeprovinzen. 73 Seiten. Preis 1 M. Verlag Fr. Rothbarlh, Leipzig. Lneflkaften der Redahtion. Theod. And. 104. Meldungen sind zu machen beim Bureau der Fleischbeschau, Schlachthof, Eldenacrswaßc. Dort erfahren Sie alles Nähere. — Ä. Z. 41. I. Asher, Unter den Linden 13 und Vehr, Unter den Linden 47(Berlin). 2.„Der freie Arbeiter". Berlin, Naunynitr. 73.— O. 101. Die Wahlen haben in-, wischen stattgesnllden. Adressieren Sie an den Herren Direktor der FortbildnngSschnIc, Langestr. 7(3.— O. St. Bildete sich aus dem kgl. Gelverbe-Jnstitut Berlin für das Baufach aus.— Reichen ng. Wenden Sie sich an das Bureau deS Reichstages oder an die Druckerei der„Norddeutschen Allgemeinen Zettung", Berlin, Wilhelm- strafe 32. jsimktifcfier Cell. Tle juristischc Sprcchstinidc findet täglirfi mit ZlnSiiabme de? eoiniadendS von die»'/> Ilde ndendS ftntt. OSeöffnef: 7 Ndr. Jeder Aufrage ist tiu Buchftalic und eine Zahl als Merkzeichen beizufügen. Ariefttchc Autivort wird nicht erteilt. C. V. 1. 6 bis 15 M. für die Entbindung und für jeden Gang 1 bis 2 M. gelten als angemessene Sätze. 2. Nach der Leistung der Dienste, Vorauszahlung kann begehrt werden.— M. F. 777. Gegen die Firma, die über Sie falsche Auskunft erteilt hat, können Sic aus Unter- lassung fernerer Schädigung und aus vollen Schadenersatz klagen.— «. H. 20. 1. Ja. 2. bis 5. Nein.— A. 39. 1. Rein. 2. Meistertitel in Verbindung mit der Bezeichnung eines Handwerks kann sich nennen: a) wer am 1. Oktober 1901 ein Handwerk ausübte und die Befugnis zur Lehrlings- anlcitung belaf;, b) wer die Mcisterprüsung bestanden hat. Die Prüsungs- kominissionen sür daS betrestendc Handwerk ersehen Sie auS dem Adrcfkalendcr. - P. 3. 100, N. NZ. 28, E. L. 100. Ja.— 10 000 A. K. Uns nicht erinnerlich.— 3. St. Auskunft über Fahrpreise erhalten Sie durch Einsicht in das Kursbuch und durch Anfrage aus einem der amtlichen Aus- knnslSstellen(Alexanderplatz, Anhalter, Potsdamer Bahnhos).— G. D. 200, Amanda I. Nein.— Nl. Z. 24. Nein, aber sicherer gehen Sie, wenn Sie vor der Eheschlicsjung einen Eheoertrag iBeispiel S. 225 Nr. 22 des dem„Arbeiterrccht' beigefügten Führers; das Buch liegt in den öffentlichen Lesehallen ans) in notarieller oder gerichtlicher Form schließen.— F. E. 7. Weisen Sie nach, daß die Wohnung gesundheilSgesährdend ist, so sind Sie vom Vertrage zu entbinden und haben Schaden- crsatz zu begehren. Stellen Sie eine dahin gerichtete Klage an. — St. 10., L. B. 11. Ist nichts vereinbart, so steht dem Dienstmädchen sechswöchenillche Kündigungsfrist zum Quartalserstcn zu.— Alt-Geltow. Eine Beschwerde wäre erfolglos.— P. L. 37. 1. und 2. Sie kömicn selbst weiter kleben, wenn«ie nicht mehr arbeiten;- eS muffen aber mindesteiiS 20 Marken in je 2 Jahren geliebt werden. 3. Sind nicht zurück- zufordcrn.— O. Sch. B. 30. Eine Reklamation würde wohl Aussicht aus Erfolg haben.— F.(f. 1. und 2. Die Klage ist aber innerhalb sechs Monaten nach Kenntnisnahme einzureichen. 3. Zunächst ersolgt Sühne- tcrmin(zuständig das Amisgericht), dann lassen Sie sich vom Armen- Vorsteher ein Attest geben und beantragen beim Ehescheidungs- gericht(Landgericht) Erteilung des ArmenrcchtcS.— W. W. Nein. — H. Friedländer. Ist nicht erlaubt.— R. W. 1873. 1. BewciSlast liegt Ihnen ob. 2. und 3. Nein. 4. Nach herrschender Ansicht nicht.-- F. H. R. 3., Alter Abonnent.— M. O. 73. Sie müssen beweisen, daß das Geld mit der Absicht der Verteilung gegeben ist.— R. W. 179 Geburtsurkunden und Militärpapiere sind erforderlich. Zuständig ist das Standesanit, in dem einer der Brautleute wohnt.— S. 2. Nein: die hinreichende Form finden sie aus den letzten Seiten des dem„Arbeiterrecht" beigcjügten Führers. Das Buch liegt in den öffentlichen Bibliotheken aus. — O. K. 38. Ja, aber aus Zahlung des Pflichtteils kann geklagt werden. — K. G. 22. Sie müssen den Sie betreffenden Fall darlegen und au diese Darlegung Ihre Frage tnüpscn. Ihre allgemeine Frage ist je nach dem ihr zugrundeliegenden Tatbestand verschieden zu beantworten. Die juristische Sprechstunde steht jedem Abonnenten offen.— P. R. 1. Nein. 2. und 3. Ja.— Totenkopf 2. 1. und 2. Beides ist möglich: Die nicht mitgeteilten Vertragsbedingungen sind entscheidend. 3. und 4. Nein.— St. 3. 117. Ein solcher Vorfall hat nicht stattgefunden.— M. Sch. 100. Waren-sie bei Abschluß des Vertrages und bei der letzte» Anerkennung des Vertrages durch Sie minderjährig, io ist er ungültig. Welche Rechte oder Pflichten aus dem Vertrage sonst folgen, ist ohne Einficht in denselben nicht zu sagen.— St. 30. Die Einwilligung Ihres Mannes in die Aus- zahluiig wäre erforderlich. Der Dritte könnte seine Forderung gegen Ihren Mann ciiiklagen.— B. 13. Die Ausnahme eines Deutschen in den preußischen StaatSverband dauert mehrere Monate. Kosten entstehen nicht. 'AlS Bayer vcdürsc» Sic des VerehelichungszeugnisseS Ihrer Heimatgemeinde, dessen Kosten zwischen einigen bis 100 Mark betragen können. Wenden sie sich an die Gemeinde.— M. M, Unter den Linden. Rein. — A. M. 1000. 1. 6 bis 10 M. 2. Sic könnten sich nur an die Armen- lommiffion wende».— W. M. 20. Wende» Sie sich an das Standesamt, i» dem Sie oder an das, in dessen Bezirk Ihre Braut wohnt. Militär- Papiere und die Geburtsurkunden muffen Sic mitbringen. Ist die Brauk minderjährig, so ist auch die Einwilligung dcsVaterS erforderlich.— AI. G. 1. u. 2. Ja. 2. Nein.-->iv. G. 100. Ja. sie können aber an die Steuer- deputasion des Magistrats einen Antrag aus Erlaß richten.— K. Sfi. 100. Wenn der betreffende amerikanischer Bürger gewo>dcn ist, kann er ohne Gcsährduiig herkommen, eS sei �bcnii. er ist bestraft und hat die Straft noch nicht verbüßt. Die juristische Sprechstunde steht jedem Abonnenten offen. MittkriingSiibersittit vom 14. Februar 1906. morgens 8»he. Stattonen ß Havaranda 762 S Petersburg 766 SO Scilly-752 ANW .'(deeveen Paris 747 SSW 756 SW 4 Schnee 1 bedeckt 2 wolkig 1 wolkig 1 bedeckt Staltonen Swlnemde Hamburg Berlin Fvaiitsa.M. München Wien Wrtter-Prognosc für DoiinerStag, den 13. Februar 1906. Ziemlich mild, vorwiegend nebelig oder wolkig, bei schwachen südlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. Wafferstand am 13. Februar. Eide bei Ausstg Meter, bei Dresden O54 Meter, bei Magdeburg f. 1,47 Meter.— Uiistrut bei Ltraiißsnrl-f 1,45 Meier.— Oder bei Ratibor+ 0,89'Dieter, bei B-eSlin, Oberpegcl-p 4,86 Meter, bei Breslau Umerpegel—1,60 Meter, bei Franksint+ 1,55 Dieter.— Weichsel bei Braheiniinde 4- 2,06 Dieter.— Warthe bei Pose»—.— Meter.— Netze bei Usch ff- 1,31 Meier. Verantwortlicher Redakteur: HanS Weber. Berlin. Für den Inseratenteil vercmtw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsansta" �nul Singer& Co.. Berlin SW. Nr. 38. 28. Ichrgang. 2. ötilM Ks Jotmärts" Sttlintt lllishlott. Doullkrstag, 15. Februar 1906. Hus Indurtric und Handel. Kohlenwucher und Kohlenhandel.' Der in Nr. 28 des..Vorwärts' unter der Ueberschrift„Kohlen- Wucher" enthaltene Artikel hat uns zwei Zuschriften eingebracht, die wir nachfolgend unter Fortlassung allzu weiter Abschweifungen vom Kern der Sache wörtlich zun, Abdruck bringen. Aus dem Verbände der Vereine der Holz- und Kohlenhändler wird geschrieben: „Der Artikel bedarf in verschiedener Beziehung der Berichti- gung. Richtig daran ist, daß für das nächste Jahr die Kohlen teurer werden, und zwar um 2% bis 5 Pf. pro Zentner, nicht, wie in dem Artikel vermutet. 10 Pf. und darüber. Die jetzt geltenden Verkaufs- preise für den� Winter werden nicht durch die Sommerpreise über- holt werden, sondern höchstens für den Sommer bestehen bleiben, was allerdings auch eine Erhöhung bedeutet, während die nächst- fahrigen Winterpreise um etwa 50 Pf. pro 1000 Stück höher sein werden, als dies heute der Fall ist. Es kann also keine Rede davon fem. dvtz die Briketts um 10 bis 15 Pf. pro 100 Stück im Preise steigen Wenn in dem Artikel weiter gesagt wird, daß„man" für Koks 75 bis 80 Pf. pro Scheffel einheimsen will, so mutz doch zu- nächst darauf aufmerksam gemacht werden, datz die Produzenten, also die Gasanstalten, heute schon und seit langer Zeit den schcffel Koks mit 60 Pf. abgeben. Bei diesem Preise hat sich aber der betreffende den Koks selbst zu holen, während der Händler der doch auch erst den Koks von der Gasanstalt beziehen mutz, 15 Pf. für das Heranschaffen bis in die Küche des Verbrauchers bc- rechnet. Wer die bedeutenden Entfernungen von den Gasanstalten re>p. Bahnhöfen bis zum Verbraucher, sowie die Arbeitsleistung für das Hinaufschleppen bis zu vier Treppen und höher in Betracht zieht wird zugeben müssen, datz diese Arbeit mit 15 Pf. nicht zu hoch bc- messen ist, von Wucher kann erst recht keine Rede dabei sein. Es könnte eingewendet werden, der Händler beziehe jedesmal grössere Quantitäten und kaufe darum billiger ein, das trifft allerdings zu, aber sehr erheblich ist dieser Vorteil nicht, andererseits mutz auch die Miete für den Lagerraum und sonstige Spesen für Beleuchtung, Abnutzung, Verluste und Sonderbesteuerung als Gewerbetreibender in Rechnung gesetzt werden. Für das nächste Jahr ist seitens der Gasanstalten, also wiederum der Produzenten, nicht der Händler, eine Erhöhung der Preise für Koks vorgesehen. Der Preis für Steinkohlen, wenigstens für obcrschlesjsckx, beträgt heute schon 1,20 M. pro Scheffel und wird der Aufschlag von 2 bis 4 P' pro Zentner wahrscheinlich vom Händler getragen werden. Die Preissteigerung für Kohlen ist sicher, doch ist dieselbe nicht so hoch, als wie in dem Artikel angegeben ist. Wenn der Verfasser sagt, die Zufuhr nach Berlin— abzüglich des Versandes— an Braunkohlen und Briketts habe im Jahre 1905 1 656 453 Tonnen betragen, so ist dies ein Irrtum; nach Austveis der vom Reichsamt des Innern herausgegebenen Nachrichten betrug die Tonnenzahl nur 1 195 246, der voraussichtliche Gewinn für den Grotzhandcl beträgt demnach nicht 3% Millionen Mark, sondern höchsten IV, Millionen. Allerdings auch eine nette Summe.' Die Erhöhung der Preise ist keine willkürliche, sondern eine der Folgen der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Je stärker die Nach- frage, je rationeller also die Betriebseinrichtungen ausgenutzt werden, um so niedriger mützte folgerichtig der Preis für das Produkt sein; statt dessen ist das Umgekehrte der Fall— doch nicht nur bei der Kohlcnproduktion und dem Kohlenhandel. Unter diesen und ähn- lichen Widersinnigkeiten hat natürlich nicht nur der Arbeiter resp. Konsument, sondern auch der Kleinhändler zu leiden." In der Zuschrift wird dann versucht, die Widerwärtigkeiten. mit denen der Händler zu rechnen hat, auseinander zu setzen. Die geringe Spannung zwischen Ein- und Verkaufspreis, die hohen Lagermieten usw. liehen dem Händler nur bescheidenen Nutzen. „Die viel zu geringe Differenz zwischen Sominer- und Winter- preis für den Händler verbieten es von selbst, datz er grössere Räume als Lagerstätte mietet. Nur die wenigsten Marken haben zwischen Sommer, und Winterpreis eine Differenz von 10 M. pro Waggon, in der Regel beträgt diese nur 5 M. Ein Lagerkeller aber, der z. B. 10 Waggon Briketts fätzt, kostet schon in einem Monat zirka 50 M. Miete, der höhere Verkaufspreis im Winter bringt den offenbaren Verlust auch nicht herein, so datz es dem Kleinhändler gar nicht verdacht werden kann, wenn er sich nicht besondere Lagerräume mietet." Sodann folgt noch ein« lange Darlegung über die Gründr, weshalb sich viele Personen dem Kohlenhandel zuwenden— meist aber Enttäuschungen erlebten. Ferner wird Klage geführt, datz die Grotzhändler den Kleinhändlern Konkurrenz machen, indem sie an Vereinigungen und bei sogenannten Sammelbestellungen Händler- preise berechnen. Aus dem Bestreben, solche Konkurrenz zu be- fettigen oder wenigstens einzuschränken, sei auf Betreiben der Händler die Konvention entstanden. Ein Kohlenhausierer schreibt unS: „Sie veröffentlichen in Nr. 28 unserer Zeitung unter„Kohlen- Wucher" einen Artikel, der das Geschäftsgebaren der Kohlenbarons ins rechte Licht gesetzt hat. Ich fahre schon jahrelang mit Briketts auf der Strasse hausieren und kann manches aus meiner Erfahrung mitteilen. Es besteht hier in Berlin ein Kohlenkleinhändler-Verband, ein liebes Kind der Gruben, von dem in dem Artikel gar nichts bemerkt wird. Dieser Verband, dem beileibe kein Hausierer angehören darf, ist in allererster Linie die treibende Kraft gewesen, datz sich jetzt alle Gruben, die für den Berliner Markt in Frage kommen, der Kon- vention angeschlossen haben. Dieser Verband will in seiner Kurz- sichtigkeit seinen Mitgliedern durch die Konvention einen Mehr- verdienst zuweisen, den dann die Gruben resp. Engroshändler durch Prcisaufschläge und die Herren Hauspaschas durch horrende Lager- miete schon wieder„regulieren" werden. Dieser Verband hat es fertig gebracht, bei den hiesigen Engros- Händlern zu beantragen, den.Hausierern für den Zentner Briketts 5 Pf. mehr zu berechnen, Iveil die Hausierer zu billig, verkauften. Auch bemüht sich der Verband, die Sammelbestellungen von Arbeitern auS Fabriken zu hintertreiben.. Zu den Zuschriften haben wir nur wenig zu bcmerkeu. Unsere Angaben über die beabsichtigten Preissteigerungen stützen sich auf die Zahlen, die der Redakteur des Verbandsorgans der Kohlenhändler als Referent in einer Bezirksversammlung de» Händlervcreins seinen Ausführungen zugrunde gelegt hatte. Auch die Korrektur unserer anderen tatsächlichen Angabe— betreffend Kvhlenzufuhr nach Berlin — müssen wir ablehnen. Wir ersuchen den Einsender, che er bc- richtigt, sich genau zu informieren. Nach den statistischen Angaben, enthalten in den„Nachrichten für Handel und Industrie", Beilage zu Nr. 13, vom 31. Januar 1906, betrug im Jahre 1905 die Zu- fuhr von Braunkohlen und Briketts daraus— abzüglich Wiederausfuhr— genau wie wir angaben 1 656 453 Tonnen. Die von dem Einsender angegebene Ziffer stellt lediglich die Zufuhr an den Bahnhöfen und Häfen innerhalb des Weichbildes der Stadt Berlin dar. Die ausserhalb des Weichbildes eingetroffenen Kohlen werden jedenfalls nicht an die Konsumenten verschenkt und auch nicht von der Preissteigerung ausgeschlossen. Im übrigen nur di«S: Wir sprechen den Kohlenhändlern durchaus nicht das Recht ab, ihre Interessen zu wahren und für ihre Arbeitsleistung entsprechende Bezahlung zu beanspruchen. Wir gönnen dem Händler eher einen grosseren Gewinn, als den Aktionären der Gruben, die gar nichts leisten. Unsere Aufgabe ist es aber auch, die Interessen der Kon- sumenten in Schutz nehmend, die Schäden in unserem Wirtsckafts- leben, die der Einsender übrigens ja auch als Widersinnigkeiten charakterisiert, zu beleuchten. TeS Konsumenten Interesse erheischt, die Spannung zwischen Produktionskosten und Verkaufspreis mög. lichst gering zu gestalten. Dem steht allerdings das Händlerinteressc entgegen. In der Nr. 2 des Verbandsorgans lesen wir z. B.: Unser Verband hat stets auf dem Standpunkt gestanden, datz Sammel. bestellungen und VereinSeinkäuse überhaupt nicht gestattet werden dürften. Konsumenten und Volkswirte können solche Forderungen durchaus nicht als berechtigt anerkennen. Das Interesse der Ge- samtheit mutz dem Einzelinteresse unbedingt vorangestellt werden. Datz zudem die Kleinhändler nur den Großhändlern und den Gruben die Kastanien aus dem Feuer holen, dieser Erkenntnis kann doch kein Einsichtiger sich verschlietzen. Die fortgesetzte Preissteigerung wird mit vollem Recht als Wucher bezeichnet. Wenn die Händler dabei nur den von anderen getriebenen Keil spielen, so wird damit an der Tatsache und Wirkung nichts geändert. GeschüftSliige im Holzgcwerbe. Der Beschäftigungsgrad im Holzgewerbe hat sich in letzter Zeit ziemlich ungünstig gestaltet; daS Jahr 1905 schloß mit einer Arbeitslosenziffer, die höher war als in irgend einem Quartal seit Mitte 1904. Dabei ist gerade der Bezug von ausländischem Rohmaterial im letzten Jahre ganz besonders kräftig angewachsen, es wurden 29 Millionen Doppelzentner ein- geführt gegen 27 Millionen im Jahre 1904. Nicht so stark ist dagegen die Anfnahmesäbigkeit des Inlands- respektive des aus- ländischen Marktes gewachsen. Die Ausfuhr von den meisten Erzeugnissen des HolzgewerbeS war sogar ziemlich stark eingeschränkt. Die Ausfuhr von halb und ganz be- arbeiteten Gegenständen der Holzindustrie betrug mir 2 286 543 Doppelzfntner gegen 2 481 624 im Jahre 1904. Er ging also um 195 981 Doppelzentner zurück. Auch die Wertsunzme. der ausgeführten Waren war erheblich geringer als im Jahre 1904. Nur grobe Tischler-, Drechsler- und Wagnerarbeiten wurden stärker erportiert als 1904. Die Aussichten für das laufende Jahr sind im Holzgewerbe günstig, wenn auch gegenwärtig der Beschäftigungsgrad vielfach eine gewisse Mattigkeit zeigt. Namentlich erwartet man eine starke Zu- »ahme des Bedarfs seitens der Schiffswerften; ebenso dürste die Bautätigkeit wieder viel Arbeit bringen. £Ius der Frauenbewegung. Im Verein fllr Frauen und Mädchen der Arbeiierllafse sprach am 12. d. M. Frau Klara Wehl über das Thema:„Welches Interesse haben die Frauen an unserer städti- scheu Verwaltung?" Eingehend besprach und kritisierte die Referentin alle Zweige unserer Stadtverwaltung. Die vier neu geschaffenen Säuglingsfürsorgestellen bewähren sich gut und soll jetzt eine fünfte im Norden eingerichtet werden. In der Waisen- pflege müßten mehr Frauen als Pflegerinnen eingestellt werden, denn es gilt dort nicht nur fiu elternlose Kinder zu sorgen, sondern auch für die unehelichen Mütter und Kinder. Da könnten gerade die Frauen durch Rat und Tat beweisen, datz ihnen nicht nur ein gutes Herz, sondern auch ein praktischer Sinn gegeben ist. Ein Gleiches gilt auch von. der Armenpflege. Unsere Schulen sind fast alle überfüllt, die 36 angestellten Schulärzte sind überbürdet, da ein jeder Arzt zirka 7000 Kinder zu untersuchen hat. Eine schnellere Lieferung der unentgeltlichen Lehrmittel an Unbemittelte wäre sehr zu wünschen. Der Besuch der Fortbildungsschulen mützte'für die Mädchen, wie es jetzt für die Knaben der Fall ist, obligatorisch sein. Auch der Haushaltun'gsunterricht, wie er an einzelnen Schulen er- teilt wird, wäre mit Nutzen zu verallgemeinern. Unsere Kranken- Häuser sind fast ständig überfüllt, das neue Virchow-Krankenhaus mit 2000 Betten schafft hoffentlich etwas Abhülfe, dort sollen auch 100 Betten für Mädchen, die ihrer Entbindung entgegengehen, ein- gerichtet werden. Sie können dort Hausarbeit mit verrichten, auch nach der Entbindung dort bleiben, um ihre Kinder selbst zu stillen. Für die Heimstätten ist in diesem Jahre dank unserer Agitation der FreistellenfondS von 13 000 M. von unbemittelten kranken Frauen zum erstenmal vollständig aufgebraucht. Die Desinfektion der Wohnungen bei ansteckenden Krankheiten mützte, da sie zwangsweise für die Allgemeinheit geschieht, kostenlos sein. Dann sprach die Referentin noch über die Fleischversorgung, die Lage der städtischen Arbeiter, Verkehrsanstalten, und wie die Stadt verpflichtet wäre, gute und billige Arbeiterwohnungen zu schaffen, wie z. B. Frank- fürt a. M. In allem bewies die Referentin, daß es im eigensten Interesse der Frauen liegt, sich um unsere kommunale Verwaltung zu kümmern. Reicher Beifall der aufmerksamen Zuhörer lohnte die Rednerin. Die nächste Vereinsversammlung findet Montag, den 19. d. M., in den Arininhallen statt, wo Herr Dr. Borchardt sprechen wird. Das siebente Stiftungsfest des Vereins ist Sonntag, den 18. Fe- bruar. Beginn abends 6 Uhr. Einlatzkarten a 30 Pf. bei Jordan, Lübeckerstratzc 43; Kühnemann, Müllerstratze 160; Kulicke, Prinzen- stratze 102; Deutschmann, Zorndorferstratze 11; Matschke, Wolgaster- stratze 8; Steinkopf, Schwedterstratze 34; Klotsch, Koppenstratze 81. Bom gleichen Recht für alle. DaS italienische Zivilrecht kennt bekanntlich keine Scheidung. Eine Frau, deren Mann zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt wird oder im Irrenhaus vegetiert, ist ihr ganzes Leben hindurch an ihn gebunden. Geht sie eine neue Verbindung ein, so haben die ihr entsprossenen Kinder nicht einmal das Recht auf eine» Namen und können weder vom Vater noch von der Mutter gesetzlich anerkannt werden. Dielen geradezu barbarischen Verhältnissen, an denen un- gezählte Existenzen zugrunde gehen, können sich die reichen Leute entziehen durch Erwerbung der französischen oder schweizerischen Nationalität. Sie gehen auf ein paar Jahre ins Ausland, lassen sich dort nationalisieren und erwirken dann die Scheidung und schließen die neue Ehe. Das Gerichtserkenntnis des auS- ländischen Gerichts ist dann in Italien gültig und das neue Ehepaar kehrt einfach in die Heimat zurück. Bisher hatten nur zwei Appellhöfe die Rechtskraft dieser ScheidungSurteile nicht anerkannt, nämlich die von Florenz und L u c c a. Jetzt veröffentlicht nun die Zeitschrift„La Legge" ein Urteil des Florentiner Appellhofes, das die im Auslande erlangten Scheidungserkenntnisse in Italien als rechtskräftig erklärt. Soinit sind acht von neun Appenhofen in der Anerkennung dieses letzten Ausweges aus der „uiilösbaren Ehe" einig; wer daS nötige Geld hat und zwei Jahre im Auslande leben kann, kann sich also heute auch als geborener Italiener eine Scheidung leisten. Wann wird man aber endlich daran denken, Tue Untrennbarkeit der Ehe auch für die Besitzlosen und den Mittelstand aufzuheben? Wie denkt der Ministerpräsident Sonnino über den Fall? Versammlungen. Di» zweite Konferenz des Bundes der sozialdemokratischen Lese- und Diskuticrklubs tagte am 10. Februar im Gewerkschaftshause. Vertreten waren 10 Klubs durch 32 Delegierte. De» Bericht des Vorstandes erstattete für das erste Jahr des Bestehens der Vorsitzende Buhl: Die Entwickelung des Bundes fei eine zufriedenstellende zu nennen. Ein in letzter Kon- fercnz angeiiominener?lntrag:„Mufeumsbesuche unt�r sachver- ständiger Führung zu veranstalten", habe dem ArbeitSoinsichutz eine Unmasse Arbeit und Mühewaltung gebracht, bis es schliesslich mehr durch Zufall gelang, wenigstens für ein Museum einen sachverständi- gen Führer zu gewinnen, so datz nunmehr an vier Sonntagen des Mai der erste Besuch(Naturwissenschaftliches Museum) gemacht werden könne. Verschwiegen könne auch nicht werden, daß ursprüng- lich auch seitens der einzelnen Direktionen Schwierigkeiten bereitet wurden. Viel Mühewaltung erforderte auch der inucre Ausbau des Bundes und der einzelnen Vereine, dann aber auch daö Bestreben, dem Bunde nach aussen hin mehr Ansehen zu verschaffen. Dem Bunde beigetreten sind zwei Klubs,„Sokrates" und„Wedding", ausgetreten„Stralauer Allee". Gegenwärtig, gehören demselben an 13 Klubs mit zirka 360 Mitgliedern(etwa 100 mehr als im Vorjahre). Vom Bunde vermittelt wurden 15 Referenten. Auch in Zukunft müsse es heißen: Tüchtig weiter arbeiten. Nichts der Partei entziehen, sondern zu versuchen, neue Kämpfer für dieselbe heranzubilden. Nach kurzer Diskussion wurde ein Antrag angenommen, als Unterlagen für die von den einzelnen Klubs zu liefernden Ge- schäftSberichte im neuen Jahre Fragebogen herauszugeben. Zum zweiten Punkt:„Der weitere Ausbau unserer Organi- sation", referierte Genosse K o s s i o I: Es gebe im agitatorischen Wirken des Bundes einen Fehler. Dieser liege in der unglücklichen Fassung des ß 3 des Statuts, wonach alle organisatorische Arbeit lediglich vom Vorsitzenden des Arbeitsausschusses zu erledigen sei. Bei den verschiedenen Angelegenheiten, die im internen Leben der einzelnen Klubs spielen, ferner bei der Gewinnung neuer und dem Ausbau alter Bundesvereine sei diese Arbeit aber von einer Person allein nicht zu bewältigen. Hier müsse Wandel geschaffen werden dadurch, datz für die einzelnen Klubs bezirksweise Arbeitsausschutz- Mitglieder zur Agitafion bestimmt werden. Dringend reform- bedürftig sei auch die Referentenfrage, hier aber auch unerläßlich, daß die einzelnen Vereine ihren Wunsch auf Stellung von Referenten früher als bisher kundgeben. Die erweiterten schriftlichen Ar- bciten machten aber auch die Wahl eines Schriftführers zur Eni- lastung des Vorsitzenden unbedingt nötig. Er stellt schließlich dies- bezügliche Anträge. Tarnow(Freie Zusammenkunft) hätte gewünscht, datz der Referent auch der Frage näher getreten wäre, wie sich in Zukunft das Verhältnis der Klubs zur Partei zu gestalten habe. Hier sei es not- wendig, daß ganze Arbeit gemacht werde. Da Massenversammlungen resp. die Zählabende für die Vertiefung der sozialdemokratischen Ideen nicht in wünschenswerter Weise sorgen können, seien die Klubs eine Notwendigkeit. Deshalb sei auch das von einem großen Teil der Parteigenossen gepflegte Vorurteil gegen die Klubs durchaus unangebracht. Der Arbeitsausschutz müsse versuchen, hierin Wandel zu schaffen.— In ähnlicher Weise äussern sich Bogt(Süd-Ost) und Weii/se(Vorwärts), welcher die„Bezirksleiter" als zu schwerfälligen Apparat bekämpft. Nach Schluß der Debatte wird dem Arbeitsausschutz ausdrücklich Genehmigung erteilt, im Sinne der Anträge Kossiol zu handeln.— Unter Purin 3:„Anträge", gelangt zunächst ei» solcher der„Freien Zusammenkunft":„zur Agi- tation für die Bestrebungen des Bundes eine öffentliche Versammlung abzuhalten", gegen füns Stimmen zur Annahme.— Ein Antrag „Süd-Ost":„zur wirksamen Unterstützung dieser Versammlung ein Flugblatt herauszugeben", wird gegen zwei Stimmen angenommen. — Ein die Referentenfrage behandelnder Antrag des Klub„Vor- wärts" wird dem Arbeitsausschuß überwiesen.— Ein weiterer Antrag der„Freien Zusammenkunft" verlangt:„Die Vorstände der Klubs haben die Verpflichtung, ihre Mitglieder zum Besuch der Arbeiterbildungsschule zu bewegen. Im Bedürfnisfallc sind die Kosten teilweis oder ganz aus der Bundeskasse zu tragen." Den Antrag begründet Zacher: Er gibt ein Bild des Wirkens der Arbeiterbildungsschule. Tie von dieser gehegte Befürchtung, datz die Klubs der Schule Konkurrenz machen würden, habe sich nicht be- wahrheitet. Die ersteren könnten nur das Rohmaterial heranziehen, es aber mangels geistiger und finanzieller Kräfte nicht genügend ausbilden. Das sei aber bei der Schule der Fall, obgleich auch sie sich einer gewissen Animosität seitens der Parteigenossen zu erfreuen habe. Deshalb liege die Annahme des Antrages im Interesse der Klubs selbst.— Nach kurzer Diskussion erfolgt Annahme des ersten Absatzes gegen zwei und Ablehnung des zweiten Absatzes gegen zwei Stimmen._ In einer Versammlung der stäbtischen Markthallenarboiter gab der Kassierer den Kassenbericht. Der Bestand vom vorigen Quartal betrug 2066,55 M.; die Einnahme 462,85 M.. die Ausgabe 272,80 M.. bleibt ein Bestand von 2256,65 M. Die Anzahl der Mitglieder beträgt 141. Die neuen Statuten wurden nach einer längeren DiS- klissio» angenommen.— Unter Verschiedenes wurde ein Fall zur Diskussion gestellt, der fllr sämtliche städtischen Arbeiter von weit- tragender Bedeutung ist. Das Mitglied Liebner ist infolge mangel- hafter Zähne magenkrank geworden, wie demselben von 4 Aerztcn bestätigt wurde. Die Krankenkasse weigert sich, ein Gebiß machen zu lassen, da, wie dies allen Mitgliedern durch Krankenkasienstatut bekannt gegeben wurde, die Landcsversicherung sich verpflichtet hat, für künstliche Gebisse, Gliedmatzen usw. die Kosten zu tragen. Die LandesversicherungSanstalt erklärt, nach Gutachten ihres Vertrauens- arztes wäre der Patient zu alt. Das in Frage kommende Mitglied ist ein rüstiger Mann im Alter von 63 Jahren. Es wurde bc- schlössen, in der Angelegenheit weitere Schritte zu unternehmen. Die Filiale Berlin des ZentralverbandeS der Töpfer hielt am Freitag im Gewerkschaftshause eine Mitgliederversammlung ab, die über das neue Arbeitsnachweisstatut sowie über die Einführung einer Arbeitslosen- oder Notuntcrstützung beschließen sollte. Diese beiden Punkte wurden jedoch nicht erledigt. Zunächst wurde das Ergebnis der Vorstandswahl von der letzten Generalversammlung bekannt gegeben. Im Anschluß daran erklärte der Vorsitzende Sorg im eigenen Namen wie im Namen der drei anderen wieder- gewählten Mitglieder des alten Vorstandes, sie könnten ihre Aemter nur unter der Bedingung weiterführen, datz die Versammlung das von der Generalversammlung beschlossene Mißtrauensvotum für nichtig erkläre. Diese Erklärung Sorgs rief eine lange Debatte hervor, die damit endete, datz ein Antrag auf Ucbcrgang zur Tages- ordnung angenommen wurde; ein zweiter Antrag, die Versammlung solle das Mißtrauensvotum der Generalversammlung für übereilt gefaßt und auf Grund der mit übergroßer Mehrheit erfolgten Wiederwahl für hinfällig erklären, kam nicht zur Abstimmung. Die vier Vorstandsmitglieder legten ihre Aemter sofort nieder. Es wurde beschlossen, einen interimistischen Vorstand zu wählen, der bis zur Generalversammlung im April tätig sein soll. Gewählt wurden: als 1. Vorsitzender der bisherige 2. Vorsitzende R e i n i ck e; als 1. Kassierer der bisherige Beisitzer B o h m h a m m e l; als 2. Vor- sitzender Huga John; als 2. Kassierer Franz Kunze und als Beisitzer Wolf und B l ä f i n g. Dann wurde über die Arbeitsnachweisfrage beraten. Ein Antrag, der besagte, datz ein Arbeitsnachweis, bei dem das Umschauen gestattet ist— wie eS die Münchener Generalversammlung bei nicht paritätisch organisierten Arbeitsnachweisen verlangte—, zur Karikatur eines Arbeits: � weises werde, und der für Berlin und Umgegend bestehende'.lach- weis deshalb aufzuheben sei, wurde abgelehnt. Hierauf beschloß die Versammlung, nun zunächst über die Arbeitslosen- oder Not- Unterstützung zu beraten. Dazu wurden verschiedene Anträge ein- gebracht, die teils eine dauernde Arbeitslosenunterstützung mit Er- höhung des Lokalbeitrages, teils eine einmalige Unterstützung aus vorhandenen Mitteln oder durch Extrabciträge der arbeitonden Kollegen zum Ziele hatten. Ein Teil der Versammlung war jedoch für Ablehnung jeglicher derartiger Unterstützungen. Entschiedeu wurde die Frage nicht. Wegen vorgeschrittener Zeit wurde die Angelegenheit vertagt auf eine Versammlung, die in der nächsten Woche stattfinden soll. Taxameterarbeiter. Am 7. Februar tagte in den Arminhallen eine gutbesuchte Versammlung aller in den Taxameterbetrieben bc- schäftigten Personen. Auf der Tagesordnung stand ein Vortrag des Kollegen Gntsche über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in unserer Branche und wie verbessern wir dieselben. Redner beleuchtete an der Hand eines reichhaltigen Matertals die Verhältnisse in den verschiedenen Betrieben. So sei ein Lohn, der zwischen 40— 56 Pf. schwanke, ungeeignet die Kollegen zu befriedigein Auch über schlechte Behandlung durch die Meister wurde Klage geführt. An der Diskussion beteiligten sich eine große Anzahl Siedner, welche die Mißstände in den Betrieben scharf verurteilten. Die Werkstatt bon DLnhölter u. Gchölzel wurde hier in erster Linie genannt. Die Versammlung nahm folgende Resolution au:„Die Kollegen er- klären, energisch Front gegen die Mißstände in den Taxameter- betrieben.�n machen. Sie sind bereit, in Werkstattversamm- Inn gen dafür zu wirken, daß ans jeder Werkstatt zwei Mann in eine Kommission gewählt werden, die das Interesse der Kollegen nach jeder Richtmig zu vertreten und hierüber baldigst Bericht zu er- statten hat." Der Bcrrin der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter hielt am 11. Februar in den Arminhallen die Fortsetzung der General- Versammlung von, 28. Januar ab. Zum ersten Punkt der TagcS- ordnung stellten der Vorstand und Erkner den Antrag:„Die Re- daktion unserer Zeitung, die„Arbeitende Jugend", hat der Vorstand zu erledigen". Während Maschke, Peters, Erkner. Reinhard, Schröter und W. Schulz für den Antrag des Vorstandes eintraten, waren K. Lüpnitz und andere Redner der Meinung, daß es besser wäre, zur Herausgabe der Zeitung eine Redaktionskommission zu wählen. Schließlich wurde der Vorstandsantrag mit groß.r Mehrheit angenommen. In die Bildungskommission wurden Hünecke, Jonas, Lindemann, K. Lüpnitz und W. Schulz gewählt. Zu Mitgliedern der Bibliothckskommission bestimmte man Äläsing, Hascheck, Hohne, Liebrandt und Zimmer. Unter„Ver- schiedenes" wurde ein Antrag:„Die Wahl des Kassierers wird für ungültig� erklärt" gegen 3 Stimmen angenommen. Das in der hierauf folgenden Diskussion zutage geförderte Material wird dem Borstaude zur Untersuchung überwiesen und Schröter bis zur Beendigung derselben als Kassierer bestätigt. AIS Abtcilungsführcr für Abteilung II wurde Steinbcrg, für Schöneberg Kiencr, für Steglitz Lindemann und für Charlottcnburg Feike gewählt. Der Ortsvereiu Berlin der Bereinigung der Fliesenleger Deutschlands hielt am 2S. Januar(Der Bericht ist uns am 13. Februar zugegangen. D. Red.) eine Versammlung ab. Die Abrechnung ergab eine Einnahme von 2232,80 M., dazu den alten Bestand voin 3. Quartal 1390,44 M., zusammen 3953,24 M. Die Ausgabe beträgt. 1234,55 M., sodaß ein Bestand von 2338,39 M. vorhanden ivar. Den Bericht de? Vorstandes erstattete Giesche. Danach haben 19 Versammlungen stattgestlnden. Die Neuwahl des Vorstandes ergab folgendes Re- sultat: 1. Vorsitzender Schacht, 2. Vorsitzender Diltmann, 1. Kassierer Baberschke, 2. Kassierer Domke, 1. Schriftführer Michaelis, 2. Schrift- führer Dalaschinski. Die Jahresabrechnung zeigt eine Einnahme von 9857,40 M., eine Ausgabe bon 7188,71 M., der Bestand beträgt 2338,39 M. Unter den Ausgaben sind unter anderen folgende Posten: Streiks und Maßregelungen 2923 M., Düsseldorfer Streik 510 M., Berliner Kürschnerstreik 50 M., Krankcnunterstützung 100 M., für die russischen Freiheitskämpfer 100M.— Am Schluß des Jahres waren 329 zahlende Mitglieder vorhanden. Vmmlebtes. Ans der Dresdener Lcbewclt. Ein bekannter Dresdener Lebe- mann und Firmeninhabcr K. R. hat den Staub von Elbflorcnz von den Füßen geschüttelt und in Beglciluug eines jungen Fräuleins Dresden verlassen, nachdem sein Geschäft im vorigen Jahre an den Rand des RuinS gekommen und eine nach mehreren Hunderttauscnden zählende Unterbilanz aufweisen soll. Auch persönliche Schulden, man spricht von 40 000 M., sollen den jungen, einstmaligen Jndustriekrösns zur Abreise veranlaßt haben. Der Verschwundene machte bereits im vorigen Jahre von sich reden, als ein ivahrhaft abenieuerlichcs Romankapitel aus dem Leben einer damals an eineni Dresdener Theater engagierten Schaikspielerin EllhS. vor dem DreSdcnerLandgericht seinen gerichtlichen Abschluß fand. Die wunderliche Vorgeschichte dieser„csnss celobre" übertrifft an Tollheit die verwegensten Pariser Schwankdichtungen. An einer Dresdener Bühne wirkte in der Saison 1904 das anmutige Fräulein Elly S., wo sie besonders als Kellnerin Käthe in„Alt-Heidclberg" alle Herzen durch ihr munteres wie leidenschaftliches Spiel gewann. Ausgerechnet 105 mal war sie ihrem crbprinzlichen Studio Karl Heinz in die Arme ge- flogen als Hochzeitsaspirantin mit Vermeidung standesamtlicher Weitläufigkeiten. Im Privatleben aber galt die Künstlerin fiir un- nahbar und wahrte ein strenges Dekorum. Endlich aber entdeckte auch die Unnahbare ihr Herz, und zwar auf die Werbungen eines jungen Lebemannes, des jetzt aus Dresden„abgereisten" Herrn K. N. hin. welcher, damals ein Erbprinz väterlicher Schätze, das Glück des Karl Heinz genießen durfte. Nur ging die„Heidel- berger Käthe" außerhalb der Kulissen viel schlauer zu Werke als auf den Brettern im gemalten Neckartal. Sie bezifferte den Wert ihrer beseligenden Gunst entsprechend der einsamen Höhe wahrer Künstlerschaft mit einer fabelhasten Smnme. 15000 M. Konventional- strafe lollte vertragsmäßig derjenige von beiden Teilen zahlen, der auf seiner Treulosigkeit ertappt würde. Die goldene Freiheit war für Herrn N also mit 15 000 M. nicht zu teuer erkauft. So war ihr Herz denn gegen Treubruch, nicht aber gegen Einbruch versichert. Es schlich sich in ihre Gunst ein zlveiter Held und Liebhaber ein, gleichfalls dem Handelsstande angchörig und schwer reich, wie's einem Kunsimäccn geziemt. Als Kavalier stand nun Rivale B. Herrn R. in nichts nach. In einem fashionablen Lokal am Pirnaischen Platz bei luxuriösem Souper eroberte er die stolze, aber schwach verteidigte Festung. Es war ein Pyrrhussieg mit ganz gewaltigen Opfern. An 30 000 Mark verpuffle Ritter B. nach und nach für„kleine Auf- merksamkeiten" für seine Schöne, die nichtsdestoweniger auch Herrn N. mit ungeschmälerten Beweisen ihrer Huld auszeichnete. Da brach die Katastrophe herein. Herr N. entdeckte, daß er schmählich hinter- gangen war. und stellte seine verführte und betrogene Junggesellen- tilgend laut Kontrakt sofort mit 15 000 Mark in Rechnung, bei je 1500 Mark monatlicher Abzahlung zur ratenweisen Linderung seiner Schnierzen. Jetzt zeigte sich Verehrer B. � in seiner ganzen finanziellen Seelengröße, denn Fräulein Elly wußte ihm mit magischer Gewalt auch diele Summe abzuschmeicheln. Er machte also den heroischen Anfang und stieß die erste Rate von 1500 M. ab. Doch folgte die Ratenzahlung nur einmal hintereinander und dann nicht wieder. Empört lief Frl. Elly zum Rechtsanwalt, ja aufs Gericht und klagte auf Fortsetzung der Raten. Herr B. aber erhob Wiederklage auf Herausgabe der Geschenke. Denn jetzt erst vermochte er den vollen Umfang weiblicher Untreue zu ermessen. Zur Verhandlung war damals auch Zeuge B. geladen. Hier kamen alr die kuriosen Dinge zur Sprache. Das Resultat war für alle ein negatives: beide Terle wurden kostenpflichlig ab- gewiesen und der„Vertrag" zwischen Frl. Elly und Herrn N. als ein unsittlicher bezeichnet. So löste sich in unerquicklich nüchterner Klarheit der bunte Nebelzauber von 1001 Nacht! Verband deutscher Barbier-, Friseur-«ud Periirkenmacher- gchülfen Berlins. DvnnerStag, den 15. b. Mts, abends 10 Uhr, im Englischen Garten, Alcxanderstr. 27c: Mitgliederversammlung. Zentralverband der Friseurqehnlfen Deutschlands. Donnerstag, den 15. Februar: Sitzung im Cbarlottcnburger VollShause. Rosmenstr. 3. Erscheinen aller Kollegen notwendig. Zentralverband der Handlungsgehiilfen uud Gehülfinnen Deutschlands. Bezirk Berlin. Bezirk Zentrum: Donnerstag, den 15. Februar, abends g Uhr, in DräscIS Fcstsälcn, Neue Friedrichstr. 35. Sitzung. Vortrag des Kollegen Bublitz über„Unsere Forderungen".— Bezirk Nord-Ost: Donnerstag, den 15. Februar, abends 9 Uhr. Sitzung im Böhmischen Branhause, Landsberger Allee 11. Vortrag des Kollegen Gutt» mann über:„Wie bewährt sich das KaufmannSgerlcht". Für de» Inhalt der Inserate übernimmt die Redattio» de», Publik»!» gegenüber keinerlei Vernuiuiorinug. I�Keater. Donnerstag, den 15. Februar� Ansang T'/j Uhr: Opernhaus. Cavalleria rnsticana. (Bauernchre.)— Der lange Kerl. Schauspielhaus. Nathan der Weise. Deutsches. OcdipuS und die Sphinx. Weste». Die Ftedermaus. Berliner. Der Widerspenstigen Zähmung. Lessing. RosmerSholm. Neues. Ein SommernachtSiraum. Ansang 3 Uhr: Slchiller 4».(Wallner-Theater.) Eyprienne. Schiller Äi.(Friedrich Wilhelm- slädtischcs Tbealcr). Ueber unsere Kraft.(I. Teil.) Kleines. Kinder der Sonne. Komische Lper. Don PaSquale. viejidetiz. Ter Prinzgemahi Triano». Loulou. Litilipielliauo. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis früh um Fünse. Zeutral. Der Mikado. Älteirovol. Aus ins Mctropol. Walhalla. Nach Ajrika, nach Ka- merun. Carl Weiss. Die lebende Brücke ans Kuba. Luisen. Die lustigen Weiber von Windsor. Deursch-Amerikanischcs. Er und Ich. Kasino. Die goldene Brücke. Slpvllo. Insel Tulipatan. Im Tri- seitcn-Kabarelt. Spezialiläten. Herrn seid. Faniilicntag im Hause Prellstein. Folieo Caprice. Nach dem Zapsen- streich. Der Bchcme. BeUe-Atliauce. Der grüne Teufel. Spezialitäten. Wilitergarre». Tschin- Maa's Chinescn-Truppe.— Otto Remter. Ne>cltshalle». Stetliner Sänger. Pasjage. Spezialitäten. ltranin. Tauvrujiraue 48/10. Abends 8 Uhr: Am Gols von Neapel. Hörsaal 8 Uhr: Dr. Thesing: LebcnSgemeinschasten, Selbst- Verstümmelung und Wiedererneuerung. Sternwarte, Jnvalidenstr. 57/32. Tägliw geöstnei«un I bis 7 Uhr. Berliner Theater. Abends VI, Uhr: Der Wiilerspänstip Zähmung. Freitag: Die Jüdin von Toledo. Sonnabend: Hans in allen Gassen. Sonntag nachm. 2'/, Uhr: Karia Stuart. Abends?'/, Uhr: Die Jüdin von Toledo. Heues Theater. Ansang VI, Uhr: Sin Scmmernachtstraum. Freitag: Die Neuvermählten. Hieraus: Bouhoiiroche. Sonnabend: Ein Sommernächte- räum. Kleines Theater. Abends 8 Uhr: Kiiider der Sonne. Freitag: Kittder der Sotttte. Ansang VI, Uhr. Lusls|fie8haus. Allabendlich 8 Uhr: 5« itlrg jut tjüllr. Urania Abends 8 Uhr: im Golf von Neapel. Hörsaal 8 Uhr: Dr. Thesing: Lobonspemeinschaften, Selbstverstümmelung und Wiedererneuerung. Sternwarte'Z'n/n. Pasians V Panoptikum Fpicdi-lchstr. 165. Ohne Sxtra-Sntree. ilcrgbe wohner Abessiniens. 65 Eineeboreno Männer, Weiber und Kinder, sowie das Baby„Berolina". Eintritt 50 Pf. Hell iiier- Sohlller-Thealor 0.(Wnllncr-Tbeatcr). Donner Stag.abendSljUhr: Cyprienne. Lustspiel in 3 Auszügen d. Viciorien Sardou und E. de Najac. Freitag, abends 8 Uhr: Zapfenstreich. Sonnabend, abends 8 Uhr: Ueber unsere Kraft. Tliesater. Schiller- Theater N.(Friedr-Wilh. Th.) Donnerstag, abendSSUHr: Ueber nnsere Kraft. Schauspiel in 4 Allen v. Björustjerne Björnson. Freitag, abcudZ 8 Uhr: Zum erstenmal: Nile nacht der Finsternis. Sonnabend, abends 8 U d r: l>le flacht der Finsternis. Freie Tolksbiilme. Sonntags, 18. Februar, nachmittags£■/. Uhr: Luisen-Thealer. Abends 8 Uhr: Die lustigen Weilier von ffimlsör. Freitag Beucsiz für Hrn. Wahl: Die Karlsschüler. Somiabend: Der Slörensried. Die Diciislbolcn. Sonntag nachmittag: Die lustigen Weiber von Windsor. Abends: Die Anna-Lise. Montag: Die Anna-Lise. Komische Oper. Donnerstag, 15. Febr., abends 8 Uhr: Don Pasquale. Komische Oper in 3 Akt. v. Donizette. Freitag: von pasquale. Sonnabend: Hottmanns Erzählungen. Sonntag nachm. 3 Uhr: Hafkmanns Erzählungen. Abends 8 Uhr: Don Pasquale. Carl Weiß-Thealer. (ftr. Franksurterstr. 132. Täglich abends 8 Uhr: Die lebende Brücke auf Kuba. GrotzeS amcrikan. sensationelles Aus- staltimgSstück mit Gesang und Ballett in 7 Bildern von FameS Fox. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Bühe- zahl und das lustige Schneiderlein. Metropol-Theater. 15./16. Abteilung Maria Magdalene. Carl Weiß-Theater. 4./5. Abteilung Ein Friihlingsopfer von E. Kayserling. ~Jt-rSr'ehe~ Kater Lampe. Komödie aus dem oberen sächsischen Erzgebirge in vier Aufzügen von Emil Kosenow. MÄRZ�FEIER Sonnabend, den 17. März, Brauerei Friedrichstaain. IBeethoten-Berlioz* I Großes Sinfonie-Konzert Instrumental- und Vokalmusik unter Mitwirkung hervorragender Solisten und Festball. Pestmarken und Gastkarten in allen Zahlstellen. 228/7 Der Vorstand. I. A.: G. Winkler. Coasltttttla t/lmier Lebenswerk darunter Monument der Arbeit Januar bis 21. Februar 1906.— Eintritt 1,00 Mark Für Abonnenten des Kunstsalons Keller& Reiner SO Ff, Geöffnet Wochentags 10—8, Sonntags 11—7 Uhr, Keller& Reiner, Potsdamer str. 120 Einzel-Eintrittskarten ausser an der Kasse der Meunier- Ausstellung auch im Kunsisalon Keller& Reiner sowie bei A. Wertheim und im Invalidendank. XI. Berliner Saison. Zirkus Busch. Neu! Sensationell! Der automatische Mensch. Zum ersten Male in Europa. IjW-Noch nie dagewesen!-zzWZ Herr Ernst Schumann, Neu- dreskuren. Die Kunst- und Schulreiter. Sign. Natalina Rossi. Zum Schluß(um 91/, Uhr); Zum 88. Male Die neueste und größte Sehens- �Würdigkeit Berlins: Indien. � Origin.-Manege- Ausstattungsstück des Zirk. Busch in 8 Bild. Besonders hervorzuheben: Eine Witwenverbrennung. Apollo-Theater. Nur neue Spezialitäten und Ksbvni Bvllmg mit seinen vierbeinigen Komikern. Katsnhnma Higashi, der Meister d. Selbstverteidigungslehre. >) la-d itsii. Vorher: Die Insel Tulipatan, Operette. Sonntag, den 18. Februar, nachm. 3 Uhr: Grolle Familienvorstellung; Berliner Luft und Spezialitäten. Metropol-Thealer Anfang 8 Uhr. Große Jabresrevue mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Hauchen in all. Räumen gestattet. fieue freie Volksbühne. Die Knnst dem Volke. Sonntag, den 18. Februar, abends 8 Uhr, im Konzertsaale der Kgl. Hochschule für Musik, Ecke Hardenberg- und Fasanenstraße: Heine=Gedächtnisfeier. {Herr Prof. Dr. Eduard Engel, Vortrag Frau Betsy Schot\ Frl. Else Sohiff) Herr Paul Reimers i uesang Herr Dr. Gustav Manz| Kezitation Frl. Hedwig Kirsch, Klavier Herr Karl Henckel' Herr Kapellmstr. Fr. Otto, Begleitung Billettn für Mitglieder ä 50 Pf., fü# Gäste ä 75 Pf.(inkl. Garderobe und Programm) sind in allen Zahlstellen zu haben. Zu den an allen Sonntagen imFebruar u.März im Deutschen Theater stattflndendenVorstellungen □ □„Eine Ilorentinisehe Tragöilie" □„Die Heuvermählten" □„Der Herr Konunissär □ □ (Kadolf Schlldkrnndt in den HauptroUen) sind eine kleine Anzahl Gastkarten ä 1,25 M. in folgenden Zahlstellen zu haben: Fischer, Vetoranenstr. 6; Bobsien, Kommandantcnstr. 62; Becker, Gotzkowskystr. 9; Kaufhaid, Wrangelstr. 52; Marlienzen, Bellealliancestr. 7/8. 150/2 De* Vorstand. 1. A.: H. Nett, Bremerstr, 59 II. I Deutsch-Airtanisehes Theater. KSpenickerstraSe 67,68. ntf Jeden Abend 8 Uhr: Gastsolel Adolf Philipp »!8r73th Sonntag nachmittags 3 Uhr; „Ueber'n®r«Ben Teich". Montag, 19. rehroar, abenils 8 Ohr: Fent-Vor«>tellinig anläßlich des 25jährigen Künstlerjubiläums von Adolf Philipp. Billetts sind jetzt zu haben. Trianon-TheaterT Ansang Lsonlon. s Uhr. Sonntag nachm.: Die herhe Frucht. KasinosTheater Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr. Nur noch bis 1. Mär; inkl. Die goldene Brücke. Am 2. März zum erstenmal: Die Herren Söhne. Sonnlag nachmittag 4 Uhr: Hotel Kliugebusch. Passage-Tlieater. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Miß Gertrude, Dnnzertn. Karl Bernhard, der Humorist. --- Bicrzehu Nummer».— „Und Pepi singt" (Fcpl Weiß). TW.' Zirkus Albert Schumann Heute abend präzise 7'/, Uhr: oi't-'VoR'«teUnnx. Iluwiderruftich letztes Auftreten von �.blv llltchcll» 20 SludenTen 20 Ferner: Ihre Exzellenz nargaretha Fchim Pascha das Rätsel des Orients. Die vorzägliche Borgana-Truppe. Die ausgezeichnete The Ergetti und King Louis Troupe. The great Crbard Troupe. Die beliebte jugendliche Schulreiterin Frl. Iloi-a 8chainann. Zum«chlutz: Einzig dastehender Ersolg! Das grötzte Pracht-Mancgcn» schaustück der Gegenwmt fvM INS Franeureich. Residenz-Thealer. Otrehtion: Richard Hlcxandcr. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Prinzgemahl. Satirischer Schwank in 3 Akten von L. Tanros und I. Chancel. Sonntag nachm. 3 Uhr: Devise. N. Noacks Theater. Direktion: Rod. Dill. BniiuienNr. 16. Große Extra- Vorstellnng. Der Walzerkönig. Posse mit Gesang in 3 Mtcn von W. Maimstädi. Ansang 8 Uhr. Entree 36 Pf. Nach der Vorstellung: Tanzkränzehen. Freitag: Vitt dem Strom. Stadt-Theater Moabit M-Moabit 47/49. Heute Donnerstag, den 15. Februar i Gastspiel des Bernh. Rose-Theaters. Die Blnthochzeit. Trauerspiel in 2 Abt. und 5 Allen von Fr. Adami. Ansang 8 Uhr. Kasscnerösfnimg 7 Uhr. Vorzugskarten haben Gültigkeit. Zum erstenmal In Berlin! Tschin-Maa's Chinesen-Truppe Außerdem Otlo Reutter und das sensationelle FehPuar-ProgratniD. Fröbels Ällerlei-Theater Schönhauser Allee 148. Jeden Zoiintag und Mittwoch: Kouxort Theater, Spezialitäten, Tanz. Ans. Sonntags 6Uhr,Mit!wochZ8 Uhr. IPM- Sonuabeude sür Sommerseste sind noch srci. Folies Caprice Budapester Possen- Theater 132 Linionstr. 132, Ecka FriedrichstraBe.— Zum 150. Male: \'ach<1. Zapfenstreich. Vorher: Der Behemc u. b. ausgezcichn. Spczialiiätenteil. Anfang 8 Uhr. SSorBcrf, tngi. 6. 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I u. II.) Donnerstag. 15. Februar, abends 8'/j Uhr, im„Neuen Klubhaus«, Komniandantrnstr. 72: Ansjerordentl. Mitgliederversammlung. Tages-Ordnung: l- Unsere Antwort auf die fortgesetzten Angriffe des Maurerverbandes gegen unsere Organisation. 2. Diskussion. 3. Täligkcstsbcrscht des AuSschufieZ der Abt. I und Neuwahl derselben. Zahlreichen Besuch erlvartet 287/18* Der Vorstand. I.A.: Albert Lehaeht. &ehtung! ächttmg! Zenti al-Kranken- und Sterbekasse der Tischler und anderer gewerblicher Arbeiter. = Berlin G.— Den Mitgliedern zur Kenntnis, dafi die Zahlstelle von Baberschke, PeierSburgcrstrafic 81, nach der Strahmaiinstraste Sv bei Bett verlegt worden ist._ Ble Ortsverwaitung. Zentral-Verhand der Töu|er. Freitag, den t«. Februar, Filiale Berlin. abends 6 Uhr, bei Keller, Koppenstrahe Nr. 29 Mitglieder- Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Befchlufisafiting über die Slrbeitsloscnunterstützung. 2. Bcschlusjfassung tiber die neuen ArbeitsnachiveiS- staiuten. 3. Abrechnung vom Heibstveigiiiigcn._________ 195/9 Um zahlreichen in Aiibeirachi der Wichtigkeit der Tagesordnung ersucht Der Verstand. ZentraMand der Maurer Deutschlands. �wcigvercin Berlin. Sektion der Gips- und Zementbranche. Freitag, den 16. Februar 1906, abends 8 Uhr: A General- Versammlung. � im Severkfekaktskaufe, Cngel vlker iZ(großer Saay. TageS-Ordnung: 1. Geschäfts- und Kassenvrt icht des Bovftmides. 2. Feftfelinng der Gehälter der beiden an- gestellten Kollegen«nd der Entschädigung fiir bei Bautenkontrollen tätige Kollegen. 3. Wahl des ersten Borsthenden und deS ersten Kassierers sowie der Schtichtungskommisstousmitgliedcr. 4. Verschiedenes. 137/5 Um rege Beteiligung an der Versammlung ersucht_ Der Vorstand. □ Brauerei F. Happoldt Berlin S. Hasenheide 32-88 empfiehlt ihr Lager» Münchners TIpsTops in Flaschen und Gebinden. Telephon: Amt IV. Zio. 9115. 5635L* Bier tl Freunde» und Partcigcnoste» zur gest. 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MtS.,i früh starb nach kurzer Krankheit: unser lieberKollege, der Schriftsetzer j üugo Sieuien im 35. Lebensjahre. Sein ehrlicher und biederer Charakter j sichern ihm ein dauerndes An-( denken. 27226 1 Die Kollegen der Kofbuchdruckerei VV. Grave. I Die Beerdigung findet Freitag s rmchmittag'/zö Uhr, in Schmeck- wid vom Trauerhause, Wilhelm-Platz 4, aus statt. Kaiser! j�kitfäl-kiMke!!- uüll Mt-\ Kasse lief Tischler u. anderer gewerblicher Arbeiter, j (E..§■ 3 in Hamburg.) Verwaltung WeiBensee. Todes-Anzeige. Am 12. Februar verstarb unser k I Mitglied f. Ehre seinem Zlndenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 15. d. M., nach- mittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Weifienseer Friedhofes, Rölke- strafie 48, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 184/4 Die Orisvorwaltung Allen Verwandten und Bc> kannten die traurige Nachricht, dag mein lieber Mann, unser guter Vater, der Schankwirt JtaHus Preß j im Alter von 55 Jahren nach langen schweren Leiden am 14. d.M. | versloiben ist. Die Beerdigung findet am öonnabcnd, den 17. d. M., nach- i mittags 3'l, Uhr, vom Augusta- 1 Hospital, Scharnhorststr., aus statt. V/itwe PreB nebst Kindern, 1 1532 Birkenslr. 55. Danksagnttg. Für die vielen Beweise allsrichtiger Teilnahme, sowie sür die Kranz- spenden seitens der Kollegen des ZeniralverbandeS der Töpfer Deutsch» lands und sür die trostreichen Worte des Herrn Waidcck Manasse bei der Beerdigung meines lieben Mannes, sage ich allen Beteiligten meinen ans- richtigen Dank. 1642 Die trauernde Witwe Kinns Kelz. tei-Vereii Mii und Umgebung B. Cr. iss. b. H. General- Versammlung Donnerstag, den LE. Februar, abends 8 Uhr, im Gesellschaftshanse, Rhcinstr. 14. Tages-Ordnung: 1. Ergänzungswahlcn dcS Vorstandes und des AussichtsrateS. 2. Verschiedenes. 105/12* Der AufsiditSrat. I.A.: Ii. Thiel ike. uci r\ciiiici W■" LchfelnB 6 Pf. Cigarre forzüglicher würziger Geschmack Clgarren-Fabriken- 103 Filialen, Davon in Berlin: Brunnenstr. 32, Ecke Anklamerätr. 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Orts- Krankenkasse lies Gastwirte u. verw. Gewerbe zn Berlin. In der Ortskrcmkenlasse der Gast» Wirte usw. soll die Stelle des Ilanncnrcndnntcn wegen Krankheit des bisherigen Rendanten am l. April d. I. evcnt. später anderweitig besetzt werden. DaS ÄlnsangSgehalt beträgt 3000 M. pro Jahr. 270/15 Geeignete Bewerber wollen ihre Offerten gejälligst schriftlich bei dem Vorsitzenden Herrn lt. poppo, W. 35, Lützoivftraße 93, bis 1. März d. I. einsenden. Berlin, den I. Februar 1906. Der Borstand. Hcijiliigsmlitemt nach Solland in dauernde Stellung gesucht. Nur erste Kräfte, in allen Systemen erfahren, wollen fich melden unter A. 1 an d. Exp. d. Ztg. 2713b Kürschner! Die Werkstatt des Hofkürfchuer- meisterS Barl Salbacta, Unter den Linden 67, ist wegen Maßregelung sämtlicher organisierten Kollegen und Kolleginnen gesperrt. Zuzug ist streog feruzuhalten! Der Borstand des Deutschen Kürschnerverbandes. Zahlstelle Berlin. Der Vorstand deS Brrbandes derKnrschncrBerlins und Umgegend. 102/3 veulselier Solmbetter- Verband. Wegen Streik und Differenzen ist Ziijilg fctwWtcil von Bilderrahmenmacheru, Kreiö- sägenschneider» und Tischlern von der Firma Beck u. Co., Ncander» straße 4, und Schleflschcstr. 42/ von Treppengeländer- Arbeitern (Drechsler, Tischler. Stellmacher. Polierer. Maschineuarbeiter und Bildhauer) von derTreppengeländcr- sabrik Joseph Drechsler, Gubener- straße 33; von Drechslern von Panitsch, Brunnenstr. 79; von Korbmachern von Knorr, Friedrichsberg. Franks. Chaussee 127; von Pcrlmuttarbeitern». Knopf- machern von der Firma Abramowsii u. Steiner, Köpenickerstr. 33; von Einsetzer» vom Bau Gerhardt in Halenjee, Schweidnitzerstr. 6 und 7. und Bau Kramer, Crossenerstr. 27 und Tischlern von Ebers Möbel» tischleret, Manteuffelstraße 22, und W. Peschlow, Tischlerei, Köpnicker» straße 150; von Parkettvodenlcgern vom Bau Dchossow, Giesebrechlstr. 12. VI««rt-tvcmaltunx. Spandau. Müüsi Holzaibeiierl In der Bautischlerei von Kebr. F. u. 0. Reinieke Spandau, Plchelsdorferslr. 12, befinden sich die Tischler-Maschine». arbelter und Einsetzer im Streik. Bau2Immar»tr»8«, Spandau, Relnioke, Bau Nonnendarnm, Siemens 4 Halske, Bau Slomene-Schucker» in Fürsten- brunn. Xnzng fernKnlinUcQ* 79/1» Dia Orleverwaltung. I. 21.: Georg Hinze, Bevollmächtigter. Redaktion und Expedition t Berlin, Clndenitr. 69. fernfpreiber: Amt IT. 1983. Nr. 38. Donnerstag, den 13. Februar 1903. Inserat« Sechsgelpsltene Kolonelzelle 20 Pfg. Bei größeren Hufträgen enlfpredienden Rabatt. partel-Hngelcgcnbeltcn. Z»r Lokalliste. Am Sonnabend, den 17. d. M., veranstalten folgende Vereine Maskenbälle: Der Ranchklub„Geselligkeit" im Lokal von Leder, Reinickendorf; desgleichen der Ranch- klnb„H a v a n n a" im Lokal von Krüger,„K a r l s g a r t e n" in N e u e n d o r f bei Potsdam. Am 24. d. M. findet ein vom Männergesangverein„ S l e s- vigia 1871" veronstaltetes Familienkränzchen im Restaurant „B e l v e d e r e", Eingang Stralauer Brücke, Bogen I, statt. Da alle drei genannten Lokale der Arbeiterschaft nicht zur Verfügung stehen, weise man BillettS zu obigen Vergnügen ent- schieden zurück. Die Lokalkommission. Fricdrichshagen. Sonnabend, 17. Februar, abends 9 Uhr: Ve r- sammlung des Wohlvereins im Saale von Petznick, Friedrich- strafie 114. T.-O.: 1. Vortrag des Genossen Sonnenbnrg:„Das sozial- demokratische Kommnnalprogramm." 2. Bericht der sozialdemokratischen Geineindevertreter über ihre Tätigkeit. 3. Diskussion. 4. Aufstellung von Kandidaten. 5. Vereinsangelegenheite». 6. Verschiedenes. Rcuenhagen a. 6. Ostbahn. Am Sonntag, den 18. Februar, nachmittags 4 Uhr, findet bei A. Wünsche, Bahnhofslrnste, eine öffent- liche Versammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Die Gemeindewahlen und die Arbeiterklasse. Referent: Genosse Grauer-Lichtcnberg. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes.— Die Parteigenossen werden ersucht, recht rege für den Besuch der Versammlung zu agitieren, damit alles vollzählig er- erscheint. Der Vorstand. Tegel. Der fast anSschliefilich auS gewerkschaftlich organisierten Fabrikarbeitern bestehende Tegeler Mandolinenklub ver- anstaltet ain 17. Februar im Lokale von Hannseck l früher Ewest) ein Konzert, zu welchem versucht wird, in Arbeiterkreisen Eintrittskarten abzusetzen. Dieselben sind zurückzuweisen, da genanntes Lokal der Arbeiterschaft zu Versammlungen usw. nicht zur Verfügung steht. Um die im Umlauf befindlichen Gerüchte richtigzustellen, sei be- merkt, daß der Klub von der Benutzung eines freien Lokales mit der Begründung Abstand genommen hat, daß dort das Publikum nicht fem genug wäre, um ein Entree von 75 Pf. zu zahlen! Sozialdemokr. Wahlverein für Tegel und Umgegend. Friedrichsfelde. Sonntag, den 18. d. M., mittags 1 Uhr: Volksversammlung bei Bube. Freitag abend 7 Uhr: Flugblattverbreitung. Treffpunkt bei Losse, Luisenstr. 20. Karlshorst. Dienstag, den 20. d. M., abends S'/a Uhr: Volksversammlung bei Kupsch, Treskow-Allee. Sonntag früh 8 Uhr: Flugblattverbreitung. Treffpunkt bei Kupsch. Das WahUomitee. I. A.: Pinsel er. Vorort- l�acdrlcbten. Ehnrlotte, Iburg. Der vorletzte der volkstümlichen Vortragsabende, welche von der hiesigen allgemeinen OrtSkrankenkaffe im Laufe dieses Winters ver- anstaltet wurden, findet am Freitag, den 16. Februar er., abends 8l/z Uhr, im Saale Rosincnstr. 3 statt. Sprecher ist Herr Professor Dr" Rosin, welcher sein Referat vom vorhergehenden Freitag über den Wert natürlicher und lünstlicher Nährmittel usw. fortsetzen und insbesondere die zweckmäßige Kost der Kranken behandeln wird. Zu diesem Vortrage hat jedermann unentgeltlich Zutritt. Rauchen ist jedoch verboten und Getränke tverden nicht verabreicht. „Am Vorabend", Leopold Kampfs Drama aus der russischen Revolution. daS, wie wir bereits mitteilten. am 23. Februar von der„Freien Volksbühne Char- lottenburg" zur Aufführung gebracht werden wirb, scheint der Berliner Polizei heftig auf die Nerven gefallen zu sein. Die öffent- liche Darstellung des Werkes war für eine Matinee im Lustspielhause geplant, aber noch bevor der Bescheid der Theaterzensur einlief, er- folgte seitens deS Polizeipräsidiums kurzerhand ein Verbot der Aufführung aus„ordnungspolizeilichen Gründen". Die polizeilichen Keimer der Berliner Volksseele befürchteten jedenfalls, daß das Premierenpublikum des Lustspiel- Hauses im Anschluß an die Matinee unverzüglich zur Bomben- fabrikation und zum Barrikadenbau schreiten werde. Hatte man doch in den Hamburger Krawallen auf dem Schapen- stchl ein warnendes Beispiel vor Augen. Denn die dortigen Exzesse sind, wie das„Hamburger Echo" berichtete, von der Polizei allen Ernstes mit der Ausführung des Kampfschen Dramas im Karl- Schultze-Theater und der Vorlesung desselben in den Gewerkschaften der Holz- und der Fabrikarbeiter in kausalen Zusammenhang ge- bracht worden I Hinter der Findigkeit der Hamburger Sicherheits- hehorde durfte selbstverständlich die Berliner nicht zurückstehen, und so blieb nur der Ausweg übrig, das interessante Werk in einer der polizeilichen Bevormundung unzugänglichen Bereinsvorstellnng zur Aufführung zu bringen. Neuanmeldungen zur Mitgliedschaft, die für diese Vorstellung gültig sein sollen, tverden bis zum 20. Februar in den Zahlstellen der„Freien Volksbühne Eharlottenburg" ent- gegengenommen Ein schwerer Zusammenstoß zwischen einem Automobil und einem Radfahrer ereignete sich gestern nachmittag ans dem Kurfürsten- dämm. Der Arbeiter Albert S ch ü t t aus der Kreutzigerstr. 3, der bereits längere Zeit ohne Arbeit ivar, hatte sich bei einem Bauherrn aut dem Kurfürstendamm um Anstellung beworben und sie auch gestern zugesichert erhalten. Als er zu Rade nach seiner Wohnung fahren wollte, begegnete ihm an der Ecke der Johann Sigismundstraße ein dem Ingenieur Rudolf Hager, Kurfürsten- dämm 145 wohnhaft, gehöriges Autoniobil, in dem sich außer dem Chauffeur noch Frau Hager befand. Da sowohl der Radfahrer wie der Chauffeur annahm, daß der andere fälschlicherweise nach links ausbiegen wolle, ffo fuhren beide nach der linken Seile, und die Folge war ein Zufammcnstoß beider Gefährte. Dabei geriet der Radfahrer unter die Räder des AutomobU». In anzuerkennender Weise forgte Frau Hager sofort für den Verunglückten, indem sie ihn in ihr Automobil aufnahm und zur Rettungswache in der WilmerSdorferstraße brachte. Dort stellte der Arzt einen rechtsseitigen doppelten Unterschenkelbruch fest. Nach An- egung eines Notverbandes wurde der Verletzte im Krankenwagen nach dem Krankenhaufe Westend geschafft. Frau Hager erklärte isich bereit, für die Dauer der Krankheit die Familie des Verunglückten ... unterstützen. Lichtenberg. Arbcitcr-Samaritcr-Kolonnr. Heute abend 4. Abteilung im Restaurant Piekenhagen, Scharnweberstraße 69. Vortrag und Uebmigsstnnde. Herr Dr. Nachiwey über Vergiftungen. Nachher praktische Uebnngen. Neue Mitglieder können jederzeit eintreten. Gäste haben einmaligen freien Zutritt. Wilmersdorf. Eine gut besuchte Versammlung der Maler tagte am Montag im Bezirkslokal von Natusch, Uhlandstr. 71. Der Bezirksleiter Köhler gab einen ausführlichen Bericht über den augenblicklichen Stand der Tarifbeivegung im Malergewerbe. Den Maßnahmen der Lohn- kommission wurde zugestimmt. Der Bezirksleiter forderte dann die Anwesenden auf, recht eifrig für die Gewerkschaft zu agitieren und sich der politischen Organisation anzuschließen. Notwendig sei es auch, die Arbeiterpresse zu lesen. Nur ungefähr 20 Proz. der Kollegen seien Abonnenten des„Vorwärts". Die Versammlung ehrte das Andenken des in der Berliner Verwaltung verstorbenen Kollege» Herzog durch Erheben von den Plätzen. Zum Schluß wurde auf die am 22. Februar stattfindende Generalversammlung hingewiesen und die Kollege» verpflichtet, an derselben teilzunehmen. Die nächste Versammlung findet am 12. März statt. Nixdorf. Bon der Straßenbahn totgefahren wurde gestern mittag an der Ecke der Münchener- und Hermannstraße das vierjährige Söhnchen des Metallarbeiters C. Höhne aus der Wanzlickslraße 34. Der Kleine war im Begriff, den Fahrdamm zu überschreiten, als im selben Augenblick ein Straßenbahuivagen der Linie 29 jSeestraße— Britz) daherkam. Obwohl der Führer sofort die Gefahr erkannte und bremste, konnte er doch nicht mehr verhüten, daß das Kind zu Boden gerissen und unter der Plattform festgeguetscht wurde. Als man es hervorzog, war der Tod schon eingetreten; der Schädel war zertrünnncrt. Den Fahrer trifft keine Schuld. Nieder- Schönhausen. Am Dienstagabend tagte die vom sozialdemokratischen Wahl- verein einberufene erste öffentliche Kommnnnlwähler-Versammlung in Stephans„Lindcngarten". Genosse Koblenzer referierte über „Kommunalpolitik". In treffender Weise wies er darauf hin, daß in den Gemeindevertretungen, in denen nur Bürgerliche säßen, so gut wie gar nichts für das Allgemeinwohl getan ivürde. Das Gemeindewahlrecht sorge dafür, daß den Sozialdemokraten der Eintritt in die Parlamente der Landgemeinden so schwer wie möglich gemacht werde. Dort aber, wo es gelungen, einen oder mehrere Vertreter des klassenbewußten Proletariats in die Gemeindevertretungen hineinzuwählen, wehe ein friicher.belebender Hanch.DerRedner verbreitete sich dann über die kommunalen Forderungen der Sozialdemokratie, auf Schulwesen, öffentliche Hygiene, auf Armen- und Waisenpflege und auf die Arten der Besteuerung. Wolle man aus allen diesen Gc- bieten Ersprießliches für die große Masse der OrtSeinwohner. d. h. für die Arbeiter erzielen, so müßte man nicht eher mit der Agitation rasten und ruhen, bis man Vertreter der sozialdemokratischen Ar- bciterschaft ins Dorfparlament gewählt habe.— In der Diskussion wies K ä s e h a g e n darauf hin, daß er sich be! der Orts- Polizei darüber beschwert habe, daß in nächster Nähe seiner Wohnung Fäkalien abgeladen würden; bisher habe er von der Behörde aber noch keine Antwort erhalten. Beyer tadelt die Lauheit der Nieder- Schönhausener Genossen und bemängelt. daß zu den KanalisationSarbeiten ftemde Arbeiter hinzugezogen worden seien. Rießmann erinnert an den schmutzigen Zustand der Straßen; erst in ganz letzter Zeit sei hierin eine Besserung ein- getreten.— Gegner meldeten sich nicht zum Wort.— Unter„Ber- schiedenes" fordert Beyer zur größeren Agitation für die sozialdemokratische Presse auf. Auch bei der Flugblattverbreitung müßten sich die Genossen mehr als bisher beteiligen.— In das Wahlkomitee werden Pätzold, Rietzmann und H e l l r i ch ge- »vählt.— Mit der Aufforderung zur regen Agitation fiir die Gemeindewahlen schloß der Borsitzende die leider nur mäßig besuchte Versammlung. Rudow. Während fich anderwärts die Genossen zum Eintritt in die Be- weguug für die Gemeindewahlen rüsten, müssen wir am hiesigen Orte leider davon Abstand nehmen. Es ist uns diesmal nicht möglich, einen organisierten Genossen zur Annahme einer Kandidatur zu bewegen. Dazu kommen noch die Schwierigkeiten, die uns der Ortsvorsteher bei der Einsichtnahme der Wählerlisten bereitete. Er ließ weder eine Abschrift der Liste zu. noch ließ er für andere Ein- ficht Rehmen. Eine große Rolle spielt bei uns die Lokalftage. Seit dem 1. Oktober steht uns das Lokal„Zum Reichsadler" nicht mehr zur Verfügung. Der Eigentüiner. Bäckermeister Zahn, weigert sich hartnäckig, uns das Lokal zu überlassen, er glaubt dadurch„besseres" Publikum heranzuziehen. Unterhandlungen, die mit dem Herrn stattfanden, sührten zu keinem Ergebnis. Die letzte Wahlvereinöversammlnng beschäftigte fich angelegentlichst mit dieser Angelegenheit und ver- hängte über das Lokal die Sperre, das Lokal soll aus der Lokalliste gestrichen werden. Wenn der Inhaber des Lokals sich aus die „besseren" Gäste verlassen will, so ineinen die Arbeiter, daß diese auch seine Backware allein essen sollen. Die Genossen verpflichteten sich in diesem Sinne. Die Genossen in AdlerShof, Britz und Buckow könnten uns hier Hülfteich zur Seite stehen, wenn sie den letzteren Beschlutz zu dem ihrigen machen würden. Oranienburg. Selbstmord verübt hat der Bnchbindermeister Karl Bauhof, dessen vor etiva drei Monaten erfolgtes Verschwinden wir seinerzeit meldeten. Gestern wurde in der Havel bei Oranienburg die bereits stark in Verwesung übergegangene Leiche eines Mannes angetrieben. in dessen Kleidung aus den Namen Banhos lautende Papiere vor- gefunden wurd-n. Die von der Oranienburger Polizeibehörde benachrichtigte Frau B. vermochte nur noch durch die Kleidungsstücke ihren Mann zu rekognoszieren. Bauhof, der seit einem Jahre zum zweitenmal verheiratet Ivar, ist durch schlechten Geschäftsgang zur Verübung deS Selbstmordes veranlaßt worden. Nowawes. Die Frage der Kanalisation von NowaweS und Neuendorf ist jetzt endlich, nachdem bereits beinahe zehn Jahre über dieselbe ver- handelt worden ist, ihrer Verwirklichung ein bedeutendes Stück näher gerückt. Am vergangenen Donnerstag fand im Neuendorfer Rat- Hanse eine gemeinschaftliche Sitzung der G-meiudcvertretiinge» von Nowawes und Neuendorf statt, der auch der Laiidesbaurat Techow und der Herr Kreisdirektor Hannemonn beiwohnten. Den einzigen Verhandlungsgegeiistand bildete die Beratung des Entwurfes eines. Vertrages zwischen NowaweS und Neuendorf über die Anlage einer Kanalisation und den Bau einer Klärstation für beide Gemeinden. Vor Eintritt in die Beratung des Entwurfs, der vom Kreisdirektor Hannemann ausgearbeitet war, entspann sich eine Generaldiskussion über das gesamte Projekt der Kanalisation, in der eine Reihe von Bedenken geltend gemacht wurden. LandeSbanrat Techow bemerkte bezüglich der Leistungsfähigkeit der geplanten Anlagen, daß man eine Einwohnerzahl von 30 000 Seelen angenommen habe. Der Wasser- verbrauch sei auf 144 Liter pro Kopf und Tag berechnet, was fthr viel sei, da sich der normale Verbranch nur auf 70 Liter stellt. Die zu kanalisierende Fläche betrage in Neuendorf 128 Hektar, in Nowawes 76 Hektar, und würde die Klärung in zehn Stunden beendet sein. ES könne behauptet werden, daß sich die Einwohnerzahl beider Orte, die zusammen noch nicht 20 000 Personen betrage, verdoppeln könne, ehe das tvkarimmn der LeistungS- fähigkeit der Anlagen erreicht fei. Bon der Neuendorfer Gemarkung fei nur der Teil in Betracht gezogen, der kanalifationsreif sei. Nach einigen weiteren Ausführungen wurde in die Beratung deS Vertrags- entwurfS eingetreten, dessen einzelne Paragraphen Kreisdirektor Hannemann erläuterte. Nach diesem Vertrage werden die Anlagen und das Rieselfeld aus einem von der Gemeinde Neuendorf für 49 597 M, erworbenen, 5 Hektar 75 Ar 70 Quadratmeter großen Grundstü ck eingerichtet; die Kosten für die Gesamtanlage sind auf 600 000 M. veranschlagt; hierzu hat die Gemeinde Neuendors--- 376 470 M., die Gemeinde Nowawes 10/m= 223 530 M. zu zahlen. Die Bau- ausführung wird einer Komniission übertragen, in welche die beiden Gemeiiide» je 5 Mtglieder entsenden; den Vorsitz führt der Neuen- dorfer Gemeindevorsteher; außerdem nimmt als Sachverständiger LandeSbanrat Techow mit beratender Stimme an den KommisstonS- sitzungen teil. Der§ 6, nach welchem alle gemeinsamen Anlagen und Bauten in die alleinige Unterhaltungspflicht, Verwaltung und Eigentum der Gemeinde Neuendors übergehen, wurde gegen die Sttmmen der Sozialdemokraten angenommen, welche verlangten, daß auch NowaweS daran partizipieren solle. Eine von beiden Gemeinden gleichmäßig zusammengesetzte Kommission von 10 Mit- gliedern bestimmt, ob und»nter welchen Bedingungen der Anschluß von Fabriken und gewerblichen Betrieben an die Kanalisation gestattet werden soll. Bei§ 14, welcher lautet:„Die Gemeinde Neuendors räumt der Gemeinde Nowawes das Recht ein, zu allen Sitzungen der Gemeindeveriretung oder der zu bildenden Koni- Missionen, in welchen Kanalisationsangelegenheiten� beraten werden soll, drei Abgeordnete zu entsenden, die an den Sitzungen mit be- ratender Stimme teilnehmen dürfen," beantragte Genosse Gruhl, diesen Abgeordneten beschließende Stimme zu verleihen, damit die- selben die Interessen der Gemeinde besser wahrnehme» können; Gemeindevorsteher Winkclmann-Nowawes schließtsich den AllSftihrnngcn Gruhls an und ersucht ebenfalls, diesen Paragraphen abzuändern, Direktor Hanneman» führt aus, daß bei der Form des jetztigen Vertrages eine solche Modifikation unmöglich wäre und nicht genehmigt werden würde; es wäre dies nur bei Bildimg eines ZweckverbandcS möa- lich, dann müßte ober der ganze Vertrag umgeändert werden, da bei Bildung eines solchen die Kostenverteilung sich nicht nach der laiialisierten Fläche, sondern nach der Einwohnerzahl jeder Gemeinde rtchten würde; im übrigen sei die jetzige Fassung dieses Para- graphen unbedenklich, da ja, wie aus dein folgenden Absatz hervor- gehe, bei allen Streitigkeiten, die sich ans dem Vertrage ergeben, der Landrat als entscheidende Instanz angerufen werden könne. Ter Antrag Gruhl wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten ab- getehnt, dagegen ein neuer Paragraph beschlossen, wonach zu einer Erweiterung von Betriebseinrichlniige» beide Gemeinden ihre Zu« stimmung gebe» müssen. Die Schlußabstimnuing über den gesamten Vertrag ergab die einsttmmige Annahme desselben. berliner I�ackrickten. Von der Fürsorge für die hungernden Proletarierkinder. Der Berliner„Verein für Kinder-Volks- k ü ch e n" hielt am Montag seine diesjährige Generalvcr- sammlung ab. Sein Vorsitzender Herr Abraham erstattete den Bericht über die Arbeit des letzten Geschäftsjahres und benutzte die Gelegenheit, mit einem gewissen Stolz auf die bisherigen Leistungen hinzuweisen. Im letzten Winter wurden 534 741 Portionen verteilt, davon 454 323 unentgeltlich und nur 8l)418 gegen Zahlung von 5 mftnnig. Für die zwölf Winter, auf die der Verein jetzt zurückblicken kann, ergibt sich die Summe von 5 176 352 Portionen, wovon 4 366 161 un- entgeltlich und 876 251 gegen Zahlung verteilt wurden. In diesem Winter ist die Fürsorgctätigkcit der Kinder- Volksküchen auf eine andere Grundlage gestellt worden. Die notwendigen Recherchen über die Kinder, die zur Speisung zugelassen werden sollen, hatten bisher von den Damen des Vereins ausgeführt werden müssen. Das war begreiflicher- weise für die Damen nicht die angenehmste Arbeit. Seit langem hatte man gewünscht, daß die Recherchen von dem Lehrpcrsonal der Schulen übernommen würden, das bei der ständigen Berührung mit den Kindern sich besser dazu eigene und auch weniger Mühe davon habe. Herr Abraham konnte der Generalversammlung mitteilen, es sei dem Eingreifen der Frau Kultusminister Studt gelungen, die schwierige Frage der Recherchen endlich nach Wunsch zu regeln. Ihre Exzellenz gehört nämlich seit mehreren Jahren zu den Gönne- rinnen des Vereins und ist Vorsitzende der Fraucngruppc. Sie hat die Berliner Gemeindeschulrektoren zu einer Be- sprcchung zusammenberufen, und die Rektoren haben durch Mehrheitsbeschluß sich dafür erklärt, daß künftig d i e S ch u l e die Recherchen übernehmen solle. Das haben denn auch die meisten der Gemcindeschulen bereits getan, und nur in einigen verhalten sich die Lehrpersonen noch ab- lehnend. Herr Abraham erklärte in dem bewegten Ton, der ihm so gut gelingt, das sei ein bedeutungsvoller Wendevunkt für die Bestrebungen des Vereins. Er unterließ aber, hinzu- zufügen, daß der Verein für Kinder-Voltsküchcn in seinen Anfängen schon einmal in einer ähnlichen Beziehung zu der Schule gestanden hat. Das Verhältnis war freilich nicht ganz so offiglell wie es jetzt ist. und es erfreute sich auch nicht so I_ 1 5o!)er Protektion. Im Rathause war man damals sehr wenig davon erbaut, daß die Schule Herrn Abraham Dienste er- weisen solle, und auf einen Wink von maßgebender Stelle begann dann auch bald eine allgemeine Fahnenflucht der Lehrer und Lehrerinnen. Es ist vielleicht nicht uninteressant, einmal wieder daran zu erinnern, wodurch das Unternehmen der Kinder-Volksküchen sich die Sympathie der städtischen Behörden verscherzt hatte. Als vor jetzt zwölf Jahren die ersten Kinder-Volksküchen eingerichtet worden waren, wurde von Herrn Abraham, ihrem Gründer und Leiter, öffentlich erklärt, er hoffe es dahin zu bringen, daß ,,in Berlin kein Kind mehr zu hungern brauche". Das war natürlich nicht möglich ohne ein tüchtiges Stück Geld. Um es zusammenzukriegen, entfaltete der geschäftskundige Mann eine ganz außerordentlich eifrige Tätigkeit. In den Aufrufen, mit denen er sich an das„warme Herz" der Berliner wandte, in den Notizen, die er den Zeitungen zur Veröffent- lichling übersandte, in den Vorträgen, die er in Vereinen über feine Bestrebungen hielt— immer und überall schilderte er in beredtesten Worten die Not der Berliner Prole- tarierkinder. Doch der Erfolg, den er davon erwartete, blieb zu seiner großen Ueberraschung aus— ja, er erreichte durch seinen Eifer das Gegenteil: je nachdrücklicher er auf ill das Elend der Kinder hinwies, desto entschiedener wandte nan sich von ihm ab. Man sagte, Herr Abraham übe allzu rufdringlich die Kunst des Reklamemachens, um die Aufmerk- amkeit der„Wohltäter" auf sein Unternehmen zu lenken, und 'r lasse auch allzu deutlich erkennen, daß er selber nur Be riedigung für seinen Ehrgeiz suche. Nachher kam dann auch roch das Pech, daß Herr?lbraham auf der Berliner Gewerbe russtellung mit seinem Etablissement für allerbilligste„Volks 'rnährung" die Neugier der kontrollierenden Nahrungsmittel polizei weckte. Das war für manchen ein Anlaß mehr, ihm ren Rücken zu kehren und es die Kinder-Volksküchen entgelten zu lassen. Aber der wahre Grund der Antipathie war ein ganz rnderer. Herr Abraham hatte die Unvorsichtigkeit begangen, zu v o l l st ä n d i g den Schleier von dem Elend )er Kinder hin wegzuziehen. Besonders im Rat- �lause mußte verschiedenen Leuten bange werden vor dem Eifer dieses Mannes. Der Tor erbrachte ja den Beweis, daß Ke Sozialdemokraten, die von der Gemeindeverwal- ii n g eine durchgreifende Fürsorge für die hungernden Schul- *inder verlangten, durchaus im Recht waren. Er selber lachte zwar nicht im entferntesten daran, irgendwelche For- wrungen der Sozialdemokratie zu unterstiitzen. Er erklärte ogar, daß er mit seinen Bestrebungen sogar dem„Umsturz" entgegenarbeite. Aber man verzieh ihm nicht den Leichtsinn, den kommunalsreisinnigen Glaubenssatz anzutasten, daß es in Berlin überhaupt keinen nennenswerten Notstand gebe. Die Stimmung, die damals im Rathause herrschte, wurde gekcnn- zeichnet durch eine Aeußerung des Kämmerers Maaß. Als Herr Abraham ihn heimsuchte, antwortete ihm der Kämmerer: „Es gibt überhaupt keine Not in Berlin, Sir machen sie er st mit Ihren Bestrebunge n." Ein freisinniger Stadtverordneter sprach es in öffentlicher Ver- sammlung ans, man befürchte, daß die Stadt schließlich werde übernehmen müssen, was Herr Abraham begonnen habe. Zwar wird sonst gerade von dort aus immer auf die Privatwohl- tätigkeit verwiesen, die in solchen Fällen einzugreifen habe und auch völlig ausreiche. Aber diesmal war den führenden Geistern des Rathausfreifinns selbst das bißchen Privatwohl- tätigkeit unbequem. �~ Der gute Herr Abraham mußte dann, da das Geld nrcht langen wollte, den Kreis der zu speisenden Kinder stark einschränken. Früher waren täglich 10 000 Kinder gespeist worden, allmählich sank die iZahl bis auf die Hastte, und gegenwärtig sind es nur noch 3—4000. In der Generalver- sammlung sagte Herr Abraham, in der Auswahl der Kinder sei man von Jahr zu Jahr„sor�siiltiger und ängstlicher geworden. Mit solchen Zahlen kann man aber auch eher aus die Unterstützung der besitzenden Klasse rechnen. Herr Abraham hat sie inzwischen in derieiiigen Ge- fellschaftsschicht gesucht und gefunden, wo die Exzellenzen sitzen. Seit er gar eine leibhaftige Frau Kultusminister auf seiner Seite hat, ist er eine Persönlichkeit geworden, mit der man rechnen muß. Frau Exzellenz Studt hat die Lehrer- schaft den Kinder-Volksküchen wiedergewonnen. Bei den guten Beziehungen, die der Berliner Kommunalfreisinn nach„oben" hin zu haben wünscht, braucht heute niemand mehr zu fürchten, daß vom Rathause aus noch einmal versucht werden könnte, die Lehrerschaft zurückzupfeifen. In der gestrigen Sitzung der städtischen Hochbaudeputation unter dem Vorsitz des Stadtrats Namslau wurde u. a. der Bauentwurs und Kostenanschlag in Höhe von 9000 M. für die geplante Er- Weiterung der Erfrischungshalle im Treptower Park an- genommen. Auch der Bauentwurf mit dem Kostenanschlage rn Hohe von 215 000 M. für eine Erweiterung des Wirtschaftsgebäudes beim Kranlenhause im Friedrichshain fand die Zustimmung der Depu- tation. Angenommen wurde serner der Entwurf mit dem Kosten- anschlage(11 200 M.) für die Herstellung eines sogenannten Düngerbansens. Beim Sophien-Realgymnasium soll ein Turn- Platz eingerichtet werden. Brofeffor Dr. BackhauS-Berlm hat den Ruf erhalten zur Be- gründung und Leitung einer Landwirtschaftlichen Hochschule in Ver- bintmng mit der Universität Montevideo(Uruguay). Professor Backhaus war bis zum borigen Jahre Direktor der städtischen Ricsclgüter in Berlin. Geldschrankknacker an der Arbeit. Eine Beute von 4000 M. machten Geldschrankknacker, welche dem Bureau der Internationalen Artistengenossenschaft, Neue Jalobstraße 8, einen unwillkommenen Besuch abstatteten. Die Einbrecher öffneten die Burcauräume mittels Nachschlüssels, sicherten sich die Flucht über die Hintertreppe im Falle einer Ueberraschung und entfernten von den Türen die Portieren, die sie dazu benutzten, die Fenster dicht zu verhängen, um so ungestört bei Gaslicht„arbeiten" zu können. Um das Ge- rausch beim Oeffnen des Geldschrankes abzuschwächen, schoben sie Bücher zwischen Schrank und Wand, durchbohrten dann die Panzer- vlartcn des Schrankes, so daß sie die Schloßvorrichtung mit Lcichtig- keit beseitigen konnten. Aus dem Schranke stahlen sie 2000 M. Bar- bestand der Veteranenkassc und 1800 M. Bargeld der Gcnossenschafts- lasse, bestehend in Gold, Silber und kleinen Banknoten. Dann öflncteii die Diebe noch einen Nebentresor, in welchem sich für S(J 000 M. Wertpapiere und Coupons befanden, die sie jedoch nicht mitnahmen. Wahrscheinlich fürchteten die Verbrecher, durch die Verwertung der Papiere sich verraten zu können. Ungestört wie sie ackoinmen und ohne Zurücklassung irgend einer Spur entfernten sie sich wieder. Die Kriminalpolizei ist der Ansicht, bruch von gewerbsmäßigen den ist. Wie man Verbrecher züchtet. In ei» Ladengeschäft im Zentrum der Stadt trat vor einigen Tage» ein Schutzmann in Umsorm und daß der ausgeführt Ein- wor- begehrte zum Chef geführt zu werden. Bei diesem erkundigte er sich danach, ob in seinem Geschäft ein Herr X. als KomMis angestellt sei. Erstaunt bejahte der Chef die Frage und ließ Herrn X. rufen. Nun fragte der»Schutzmann weiter nach der Höhe des Ge- Haltes und ob der Chef mit der Ausführung des Herrn-E. zufrieden sei. Nach erhaltener Auskunst entfernte sich der Schutzmann, ohne eine nähere Erklärung abzugeben. Stand X. unter Polizeiaufsicht oder schwebte eine Untersuchung gegen ihn? Auf jeden Fall kam er in einen schweren Verdacht bei seinem Chef wie bei seine» Kollegen, und er ist in großer Gefahr, seine Stellung zu verlieren. Wenn sich das Vorgehen der Polizei wiederholt, kann er sich überhaupt in keiner Stellung halten, denn welcher Kaufmann wird einem Kommis Vertrauen schenken, um den die Polizei sich angelegentlich bekümmert? Wird ein solcher Mensch nicht geradezu auf die Bahn des Verbrechens gedrängt?— Wenn die Polizei Ursache hat, sich mit X. zu beschäftigen, so ist sie doch verpflichtet, dies in diskreter Weise zu tun, solange der Mann bestrebt ist, redlich sein Brot zu erwerben, und das ist hier der Fall. Die Kollegen des X. stellen ihm ein gutes Zeugnis aus, und auch der Chef hatte keinen Grund zu Klagen. Durch das indiskrete Vorgehen der Polizei hat er natürlich an Achtung und Vertrauen eingebüßt. Der auS dem Moabiter Zuchthaus entspnmgene Baranowski hat sich nicht lange der Freiheit erfreut. Baranoivski ging vorgestern nachmittag nach der Gegend des Stcttiner Bahnhofes. Auf einen Augenblick kehrte der Entsprungene bei einem Schankwirt an der Ecke der Borsig- und Tieckstraße ein. Dann machle er sich, aller Mittel bar, auf den Weg, um seine Frau zu suchen. Er wußte, daß sie von der Kaiser Friednchstraße nach Schöneberg verzogen ist, kannte aber weder Straße noch Hausnummer. Suchend bettelte er zugleich die ganzen Straßenziige ab. um zu Geld zu konnnen. Hierbei erkannte ihn im 4. Schöneberger Revier ein Kriminal- Ichutzmann nach der Beschreibimg. die das Berliner Polizeipräsidinm in einer Runddepesche überallhin mitgeteilt hatte. Der Schutzniann nahm den Verbrecher fest, der sich ohne Widerstand abführen ließ. Baranowski trug unter der wollenen Jacke noch die AitstaltSlleidung. Er wurde in das Zuchthaus zurückgebracht. Uebcrfallen und schwer verletzt wurden in der Nacht auf dem Gesundbrunnen die beiden Brüder Gustav und Richard Schmilke, Joachimstraße 19 wohnhaft. Die jungen Leute waren gegen Mitter- nacht, von einem Vergnügen kommend, auf dem Heimwege be- griffen, und als sie am Humboldthain die Ramlerstratze passierten, wurden sie plötzlich von mehreren jungen Burschen angerempelt und überfallen. Ganz besonders schienen es die Täter auf Gustav Schmilke, einem Schlächtergeselten, abgesehen zu haben. Dieser er- hielt nicht weniger als sieben Stich- und Quetschwunden am Kopf. Auch dem Bruder Richard, einem Schlosser, der den Bedrängten gegen die Angreifer in Schutz nahm, wurde übel mitgespielt. In der Unfallstation in der Badstraße erhielten die beiden Verwundeten die ersten Notverbände._ Wird eS zu einem allgemeinen Droschkenstreii kommen? Mit dem in der vorigen Woche von den Vorständen der ver- schiedenen Droschkensuhrherren- und Droschkcnkutschervereinen ge- faßten Beschluß über Maßnahmen gegen die Sperrung des Pots- damer Platzes und andere lästige Polizeiverordnungen befaßte sich am Mittwoch eine Vertrauens in ännerver sammlung des Vereins der Droschkenführer Berlins und Umgegend. Der Vorsitzende K n ü t t e r gab einen Bericht über den Verlauf jener Vorständesitzung und den Inhalt der beschlossenen Petition an den Polizeipräsidenten und den Minister. Außer gegen die Sperrung des Potsdamer Platzes richtet sich diese Petition unter anderem gegen die Beschränkung der Freizügigkeit, die darin erblickt wird, daß für die Vororte ein besonderer Fahrschein gefordert wird, dessen Erlangung mit viel Zeitverlust und Unannehmlichkeiten ver- knüpft ist, ferner dagegen, daß die Kutscher bei der Abstempelung ihres Fahrscheines in Livree erscheinen müssen, daß es jedem Polizei- bcamten freisteht, ihnen den Fahrschein abzunehmen, daß die Kutscher während des Fütterns beim Kopfe des Pferdes stehen sollen, und schließlich auch gegen die Hcraufsctzung der Mersgrenzc für die Erlangung eines Fahrscheines von 18 aus 21 Jahre. Mit diesem Punkt der Petition konnte sich der Vorstand des Droschkcnführcr- Vereins nicht ohne weiteres einverstanden erklären. Die Herauf- setzung der Altersgrenze entsprach einem Wunsche der Kutscher, ist aber den Fuhrherren unangenehm, weil sie eine Verminderung der verfügbaren Arbeitskräfte mit sich brachte. Die Fuhrherren wollten aber diesen Punkt nicht fallen lassen und machten das gemeinsame Vorgehen davon abhängig, daß die Petition ihrem ganzen Inhalt nach auch von den OrganisationSvertretern der Kutscher unter- chrieben werde. Der Referent bemerkte, daß man wohl aus Zweck- mätzigkeitsgründen diesem Wunsche der Fuhrhcrren entsprechen könne. Er wies darauf hin, daß Kraftwagenführern schon vom 18. Lebensjahre Fahrerlaubnis erteilt wird und anderen Fuhrleuten chon vom 16. Lebensjahre an. Die Versammlung erklärte sich dann gegen wenige Stimmen auch mit diesem Punkte der Petition ein- verstanden. In der Diskussion wurde auch besonders die Plötzlichkeit kritisiert, mit der die Sperrung des Potsdamer Platzes durchgeführt wurde. Gleich mit dem Tage der Bekanntgebung trat die Polizei- Verordnung in Kraft; die meisten Kutscher wußten noch nichts da von, ja selbst eines der beiden Polizeibureaus in der Nähe des Platzes war noch nicht informiert, da kamen schon die Anzeigen wegen Verletzung der Verordnung. Wird diese Verordnung nicht rückgängig gemacht, so meinte man, dann würde die Polizei dieselbe Maßregel auch auf andere Plätze ausdehnen. Umsomehr seien energische Gegenmatzregeln notwendig. Manche Redner bezweifelten die Standhaftigkeit der Fuhrherren. Unter Berücksichtigung dieser Bedenken nahm deshalb die Versammlung einstimmig folgende Re- 'olution an: „Die Versammlung beschlieht, ihre Zustimmung nur unter den Umständen zu geben, daß die Fuhrherren an dem festgesetzten Termin, den 20. Februar, bestimnit festhalten und spätestens bis zum 21. Februar erklären, daß sie die Fuhrwerke zurückziehen wallen. Sollten sie davon abgehen, so haben sie von feiten der Droschken- ührer keine Hülfe zu erwarten." Ein Vertreter der Automobilfahrer teilte mit, daß auch seine Kollegen sich mit dem Vorgehen solidarisch erklären. Am Wannseebahnhof ist vorgestern ein junges Mädchen aus dein Zuge gestürzt und bis jetzt noch nicht rekognosziert. Es tnig einen lilaueu Samthut mit weißer Feder, ein schivarz- weiß kariertes Umsiblagetuch, blaue Sanittaille, schwarzen Rock, goldene Knopf- ohrriuge, goldene Brosche n»d ebensolche Halskette. Sie hatte blondes Haar und defekte Zähne. lieber die Hennigsuche ist heute nichts Neues zu vermelden. Verhaftungen, Freilassungen wechseln sich gegenseitig ab. Dagegen cheint sich schon der Volkswitz mit dem negativen Ergebnis der polizeilichen Nachforschungen zu befassen. Steht da des Abends am Bahnhof Börse der Inhaber eines Fernrohres, bei dem man gegen Erlegung von 10 Pf. die Fixsterne und sämtliche �Planeten in aller- nächster Nähe beaugenscheinigen kann. Dieser Tage standen eine Anzahl Neugieriger um der Geschäftsmann herum, als sich ein Schutzmann das Vergnügen des Durchsehens durch das Fernrohr er- laubte. Sofort erscholl aus der Menge der Ruf:„Seht doch, jetzt sucht die Polizei den Hennig schon auf dem Mondcl" Allgemeines Gelächter der Umstehenden war die Antwort. Erwürgt. Vor der Schankwirtschaft von Klcmke in der Kleinen Hamtrnrgerstraße 23 wurde gestern früh 4l/.2 Uhr der 35jähiige Kellner Max Zimmeriiiann, Bniiiiienstr. 188 wohnhaft, bewußtlos alifgefmiden und nach dem Krankenhause geschafft. Bei seiner Ein- liefermig war er bereits verschieden. Wie die potizeilichen Ermittc- lmigen ergeben haben, wurde jenes Lokal seit längerer Zeit in den späten Morgenstunden von zwöls Kellnern besucht, die bis„ach Mitternacht gearbeitet hatten. So war es auch in letzter Nacht. Sie zechten und gerieten schließlich in eine arge Schlägerei, die sich»och auf der Straße fortsetzte. Hierbei ist der Kellner Zimmermann von einem noch nicht ermittelten Kollegen erwürgt worden. Da die Nanicn sämtlicher bei dem Anstritte beteiligten Personen bekannt sind, so dürste der Schuldige bald festgestellt iverdeu. Die Leiche des Getöteten wurde nach dem Schauhause gebracht. Wer ist die Tote? Am 3. d. M. ist in der Putlitzstraße, Ecke Salzwedelerstraße, eine unbekannte Frauensperson besinmmgslos auf- gefunden und in das Krankenhaus Moabit eingeliefert worden. B e- s ch r e i b>i n g: Zirka 60 Jahre alt, 1,50 Meter groß, unter- setzt, korpulent, grauweißes Haar, graublaue Augen, breite dicke Naie, starke Backenknochen, rotblaues, gedunsenes Ge- sicht. Kleidung: Schivarzer Chevioirock, grüner Stoff- Unterrock, schwarze Chevioltaille, schwarzes, kurzes Sommer- jackett, hohe alte Knöpfstiefel, schwarzes, wollenes Kopftuch, braune Strümpfe, rot und braun geninstelte Untertaille, alte schwarze Fingerbaiidschuhe. schwarzer Kapotthut mit scküvarzer Feder, weißes Taschentuch mit Monogramm B. M. 10. Auskunft über die Person- lichkeit der Veruiiglückien wird aus jedem Polizeirevier oder auf dem Polizeipräsidium, Zimmer 329, zu 1123 IV 41. 06 eiitgegen- genommen. Der auch in Berlin bekannte Schriftsteller Johannes Holzman» (Senna Hoy) hat in letzter Zeit wiederholt versucht, sich in empfehlende Erinnerung zu bringen. Erst wurde in einige Berliner Zeitungen die Meldung lanciert, er sei in Warschau in einem Kampfe mit der Polizei erschossen worden. Wir knüpften gleich an diese Nachricht die Bemerkung, daß das unlvahrscheinlich sei und Herrn Holzmann, der einiger Monate Gefängnis wegen den deutschen Staub von seinen Pantoffeln schütieltc, nicht ähnlich sehe. Dieser Tage wurde wieder gemeldet, daß der Mutige sich in ärztlicher Be- Handlung in Warschau befinde. Auch diese Nachricht ist falsch. Uns ging aus Bern eine Zuschrift zu, daß in einer zum Dienstag, den 6. Februar, von den Anarchisten arrangierten Versammlung, in der Dr. Friedcberg als Referent angekündigt war, aber nicht'kam, ein Herr Herzog einsprang, der sich als Senna Hoy entpuppte. Jetzt soll dieser Renommist in Zürich verhaftet worden sein wegen Bann- bruchs. Also hatten wir den Herrn doch richtig eingeschätzt. Zur Sclbstmordchronik. Mit Salzsäure vergiftet hat sich gestern morgen in der achten Stunde der 27jährige Schuhmacher- geselle Wilhelm Betkowski, Mnllerstr. l2s wohnhaft. Durch die Hülferufe des Selbstmordkaudidaten, der sich in fiircbtbarem Schmerze wand, wurden die Nachbarsleute auf die Tat des B. aufmerksam gemacht. In hoffnungslosem Zustande kam der Lebensmüde nach der Charitö.— Wegen schlechten Geschäftsganges S e l b st m o r d v e r ü b t hat der Kaufmann Christian Bauhof aus der Namiynstr. 40. B. betrieb eine Buchbinderei, die infolge ein- tretender Schicksalsschläge nicht so recht florieren ivollte. Von Tag zu Tag ging das Geichäst mehr zurück. Vor 21/3 Monaten verschwand B. plötzlich. Jetzt ist seine Leiche aus der Havel an der Pimiowerschleuse gelandet worden.— Eine unbekannte jugendliche Selbstmordkandidatin ist gestern abend im Treptower Park aufgefunden worden. Ein Schutzmann vom 70. Polizeirevier entdeckle in der Nähe der Sternwarte ein etwa LOjähriges Mädchen, das sich in bewußtlosem Zustande befand. Eine geleerte Lysolflasche, die daneben auf dein Rasen lag, ließ erkennen, daß es sich um eine Lebensiniide handle. Der Beamte brachte das junge Mädchen nach der Rettungswache am Görlitzer Bahnhofe und von dort in das Krankenhaus am Urban. Die Redaktion der„Bcrgischen Arbcitcrstimmc" in Solingen er- sucht uns mn Slnfnahme folgenden Rundschreibens: Arbeiter, Parteigenossen! Im Inseratenteile der gesamten Parteipresse sowie in den Witzblättern und sonstigen den Partei- interessen dienenden Organen finden sich jahraus, jahrein kostspielige und pomphaste Ankündigungen hiesiger im oberen Kreise Solingen domizilierender Versandgeschäfte, die dem Leser der Parteipresse Waren aller Art zum Kaufe gegen vorherige Einsendung des Be- träges anbieten. Da uns schon seit längerer Zeit Beschwerden über die geschäftlichen Praktiken und über die Qualität der Waren der sogenannten„Versandgeschäfte" zugegangen sind, auch die Behörde schon um Intervention angegangen wurde, so hat sich unterzeichnete Redaktion vorgenommen, im Interesse der Leser der Arbeiterpresse den uns gemachte» Angaben auf den Grund zu gehen. Wir haben positive Beweise dafür in Händen, daß ein Teil der Beschiverden durchaus berechtigt ist; um nun aber ein voll- ständiges Material zusammenzubekommen, ersuchen wir olle Arbeiter und Genossen, die bereits mit den im hiesigen Bezirk(Solingen, Wald. Gräfrath, Ohligs und Höhscheid) tätigen„Versandhäusern" un- angenehme Erfahrungen gemacht habe», uns den Namen des Ge- schäftS, der Waren und den Erfolg etwaiger Reklamastonen mitzu- teilen. Auch wird die Angabe des Preises erwünscht, zu dem die Waren bezogen wurden. Eine Postkarte genügt! Wir ersuchen dringend um die Erfüllung des Wunsches! Die Spielerassäre bei den Garderegimentern scheint für manche Beteiligte noch recht unangenehin zu werden. Die Stelle des Feld- wcbels Renno von der ersten Kompagnie des Kaiserin Augusta- Regiments ist schon neu besetzt. Außerdem haben sämtliche Unter- Offiziere und Avantageure dieser Kompagnie mit Ausnahme des KämmerunteroffizierS einstweilen eine Versetzung erfahren. Den ersten Anstoß zu der Anzeige soll ein in Hast befindlicher Unter- offizier des Kaiserin Augusta-Regiments gegeben haben. Dieser soll durch seine Spielverlufte sich haben verleiten lassen, eine Summe von 6000 Mark zu unterschlagen. Außerdem wird er beschuldigt. versucht zu haben, von einem Mädchen die Unterschrift zu einein von ihm gefälschten Wechsel zu erlangen. Diese noch rechtzeitig aufgedeckten Fälle gaben den militärischen Vorgesetzen Anlaß zu», Eingreifen. Arbeiter-Bildungsschule Berlin. Der Unterricht in Rede- Übung mutz am kommenden Freitag wegen Erkrankung deS Vortragenden ausfallen. 307V Eduard Möller Düte, JVIützen, Pdzwaren Dkirdorf, Kergstr. 24, Leih-Haus iugusl Lucas, g.'.Ä; ffollwaren, StrüniplE, Trikotagen Spezial-Ges-häst. Gegr. 1872. Otto Bredow,„e"ax„Ä. Wollwaren, Putz- und ftlodewurea. Chnrlottenburg, Friedrich- Karl- Play 12, Berlin, Zl»rlai»er-stras«e 3. Beleihung von Brillanten, Gold- und Silbersachen. Uhren, Büchern, Wäsche, Kleidungsstücken sc. 354V« Emil Hoegner Grunewaldstraße 108. �(Vfiatche-, Weiß-, Well und Hnnurakturrvaren. Vorgezelchnetc und fertige Handarbeiten. Herren- Artikel. Mitglied von 8 Rabatt- u. Sparvereinen. 268V* Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.