Ur. 39. BBonneBknfs-Btdfngnngen: BüonnemtntS• Preis pränumerani»: Pierteliä�rl 3,30 Mk, tmmoB. t» SRI., >»SchentIich 33 Pfg. frei ins HauS. Einzelne Rümmer 6 Pfg. Sonntags- nummer mit illuflrierter Sonntags» Seilage»Die Reue Well' 10 Plg. Post» Vbonnement: l,lO SRarl pro Monat, kingelrage» in die Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband fltr Deutschland und Oesterreich. Ungarn , Marl, stlr das fibrigc BuSlon» B Mark pro Monat. Ä3. Jahrg. VI««««gU«»BSti mrataih ji Verlinev Volltsblnkt. vk Inltttlonz-eediidr detrigt für die fechSgespallene ttolonel. geil« oder deren Raum«0 Pfg.. für politische und gewerkschasiliche BereiuS- und LersainmIungS.Sliizeigen 25 Pjg. „Kleine Hnzeigcn", das erste(letl- gedruSle)»ort 10 Pfg., jedeS weiter« wort 5 Pfg. Worte über lk Buchstaben zühlen für zwei Warle. Inserate für die nächste Rummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedilio» abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abcndS. an So»»- und Fcjilogen bis S Uhr voruiiltagS geüstnct. Telegramm»Ndresse: „;»»i»iain»vti Berti»", Zentralorgan der roziatdemokratifchen Partei Oeutfchlands. Redaktion« 8RI. 68, Lindenetrassc 69. fternivrerfirr:«ml IV. 9Jr. 1982. Expedition: 801. 68. Lindcnotrasee 69. RfrrnUirerficr: Olml IV. Nr. 1984. Der 6. Jahreskongretz der britischen Arbeiterpartei. Am 15. und 16. dieses Monats hält die britische Arbeiter- Partei ihren Jahreskongreh in London ab. Unter dem Namen „Labour Representation Committee" wurde sie vor kaum sechs Jahren am 27. Februar 1900— in London gegründet, und heute wird sie überall als ein wichtiger politischer Faktor im englischen Leben betrachtet. Aber im„Vorwärts" war schon vor zwei Jahren— am 11. Februar 1904— zu lesen: „Wer darauf Gewicht legt, England zu verstehen, muh nun» mehr das Labour Representation Committee ebenso be- obachten, wie er früher den Trade-Unionismus beobachtet hat. Denn das Labour Representation Committee ist bereits eine politische Macht." Dieses Urteil ist nun durch die letzten Wahlerfolge der Partei und durch das außerordentliche Auf» sehen, das diese Erfolge hervorriefen, vollends bestätigt. Rekapitulieren wir die Geschichte der Partei: Der Ge- danke einer Anteilnahme der Arbeiter an der Gesetzgebung ist in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts vcrall- gemeinert worden. Aber erst drei Jahrzehnte später konnte man an seine Verwirklichung herantreten; denn erst im Jahre 1868 erhielten die städtischen Arbeiter das Wahlrecht, und die politischen Einrichtungen Englands wurden nach und nach demokratisiert, das heißt: Es wurde allgemein anerkannt, daß die Quelle aller Macht bei den Volksmassen zu finden ist und daß die Regierung im letzten Grunde von der Zustim» muna des Volkes abhängt. Mit dem neuen Rechte ausgerüstet, gingen die Arbeiter rn die Wahlen, und im Jähre 1874 öffneten sich ihnen zum erstenmal die Tore des Parlaments. Damals wurden die zwei Arbeiterführer Burt und Macdonald gewählt. Bei den folgenden Wahlen— im Jahre 1880— kam noch Broadhurft hinzu. Fünf Jahre später waren bereits elf Arbeiter gewählt. Die Liberalen wurden durch diese Zunahme der parlamentarischen Arbeitervertrcter zicnilich bennruhigt, und der alte Gladstone sprach mit seinen Freunden über das Steigen der demokratischen Flut. Aber „der große alte Mann" fand einen Ausweg: Er ernannte Broadhurft, den früheren Steinmetz, zum Unterstaatssckretärl Dies war der erste Arbeiter, der in ein englisches Ministerium berufen wurde. Man muß gestehen, daß Gladstoiies Wahl keine schlechte war. Bei der Beratung über die Miners' Eight Hours Bill « GesetzeSvorlage betreffend den Achtstundentag für Bergleute) stimmte der proletarische Unterstaatssekretär gegen die Vor- läge. Aber schon einige Monate später ereilte ihn die Strafe: seine ministerielle Herrlichkeit, die im Januar 1886 begonnen hatte, war im August desselben Jahres zu Ende. Das Parla- inent wurde aufgelöst, und bei den Hauptwahlcn unterlag Broadhurft. Von 1886 bis 1900 zeigte die Zahl der Arbeiter- abgeordneten keine Zunahme, und es schien, als ob der ganze englische Arbciterparlamentarismus ein Fiasko wäre. Aber durch die sozialdemokratische Agitation, den Dockerstreik im Jahre 1889 und den Aufstieg des von Sozialisten geleiteten „n e u e n Trade-Unionismus" wurden der Arbeiterpolitik neue Wege gewiesen. Man war mit den bisherigen liberalen Arbeiterabgeordneten unzufrieden, und man wollte eine selb- ständige, von den bürgerlichen Parteien losgelöste Arbeiter- Politik, das heißt: Der Gedanke des politischen Klassen- kampfes begann sich Bahn zu brechen. Am Jahre 1893 wurde die Unabhängige Arbeiterpartei gegründet, die zwar klein an Zahl blieb, aber die leitenden Männer zahlreicher Gewerk- fchaftcn heranzog und zu Sozialisten machte. Im Jahre 1894 wurde auf dein Gewerkschaftskongreß zu Norwich eine rem sozialdemokratische Resolution angenommen, die allerdings nur eine symptomatische Bedeutunq hatte. In den folgenden Jahren ward England von imperialistischen Wogen über- flutet: die herrschenden Klassen rechneten nicht mehr mit den Arbeitern und begannen, das Gewerkschaftsrecht durch rich- terliche Urteile zu untergraben. So kam der 32. Jahres- kongreh der Trade-Unionisten(Plymouth. 1899) heran, auf dem der Sozialist James Holmes folgenden Antrag stellte: „In Anbetracht der Beschlüsse der früheren Kongresse und in Anbetracht der Notwendigkeit, die Arbeiterinteressen ün Parla. mcnte besser zu vertreten, beauftragt der Kongreß das parla» mentarische Komitee lGeneralkonvnssion), eine Konferenz von Vertretern der gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen und soziali- stiseben Organisationen einzuberufen, um über Mittel und Wege zu beraten, wie die Zahl der parlamentarischen Arbcitcrvertrcter erhöht werden könnte." Dieser Antrag wurde zur Resolution erhoben, und am 27. Februar 1900 fand die Konferenz in London statt, auf der daö Labour Representation Committee gegründet wurde. Die neue Partei wuchs sehr rasch, besonders nach dem Taff-Vale- Entscheid vom 32. Juli 1901, der die Kassen der Gewerkschaften haftbar machte für alle Schäden, die den Unternehmern bei „illegal geführten" Streiks entstehen. Während der letzten vier Jahre war das Gewerkschafts- Wesen wie gelähmt, aber desto lebendiger war die gewerk- fchaftliche Arbeiterpartei. Im Jahre 1901 zählte sie 376 000 Mitglieder, ein Jahr später 470 000, im Jahre 1903 860 000. Sie war im Parlament durch vier Abgeordnete vertreten. Nun gab es 1900— 1903 allerdings 13 Abgeordnete, aber 9 derselben waren politisch liberal und gehörten der Arbeiter- Partei nicht an. Auf dem heute stattfindenden 6. Jahres- � kongreß sind 921000 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter und Sozialisten vertreten und haben im Parlament 29 Ab- geordnete. Ueber die Politik der Partei sowie über die sozialistischen Diskussionen, zu denen die ersten Entwickelungsjahre der Partei den Anlaß gaben, findet der Leser manches im bereits erwähnten Leitartikel des„Vorwärts" vom 11. Februar 1904. Die Kongreßverhandlungen und die Debatten der nächsten parlamentarischen Session werden Gelegenheit bieten. auf diese Politik und die Ziele der Partei weiter einzugehen. Hier sollen nur noch der Jahresbericht der Partei und die eingelaufenen Resolutionen besprochen werden. In dem soeben herausgegebenen„Bericht des Vorstandes über das Jahr 1905—06" wird gesagt: „Sechs Jahre sind nun verflossen, seitdem sich die Partei konstituierte— in derselben Halle, in der wir uns am Morgen drS Sieges zu unserem sechsten Kongresse versammeln. Die Ge- werkschaftler und Sozialisten des vereinigten Königreiches be- schlösse» damals, daß die Zeit gekommen sei, einen Anteil an der Rcgierüng unseres Landes zu verlangen.... Die sechs Jahre der Propaganda und Vorbereitung sind nicht nutzlos verschwendet Worden. Die Arbeiterpartei, die im letzten Parlamente nur vier Vertreter hatte, kehrt jetzt mit A zurück. Die Politiker aller Parteien begriffen nun plötzlich, daß ein neuer politischer Faktor erschienen ist und daß die organisierte Arbeiterklasse als politische Macht die leichtlebigen Herren der alten Schule bedroht, die so- lange auf den grünen Sesseln von St. Stephen schlummerten. Jedermann fragt jetzt:„Was hat dies alles zu bedeuten? Was will denn die Arbeiterpartei? Was wird sie tun?" Die Antwort wird zur richtigen Zeit gegeben werden. Aber eines ist inzwischen klar. Eine neue Partei, die ihren Kandidaten siegen lassen kann in dem historischen Wahlkreis von Newcastle-on-Tyne, wo sie ihm eine der höchsten Stinunenzahlen des ganzen Landes verschaffte, eine Partei, die Sitze erobern kann in Bradford und Glasgow, in Dundee und in London, und zwar gegen die Kandidaten der Liberalen und Konservativen— eine solche Partei hat eine Zu. kunft und wird Geschichte machen. Die organisierte Arbeiterklasse ist sich endlich ihrer Macht bewußt geworden und hat sie zu ge- brauchen gelernt." Der Bericht bietet sodann eine Uebersicht über die Wahl- resultate und sagt: „Im Unterhause gibt cS nunmehr eine Arbeiterpartei, und unsere Wahlerfolge werden als das merkwürdigste Ereignis der letzten Monate betrachtet. DaS Schicksal unserer Bewegung hängt nunmehr nicht nur von unserer Agitation ab, sondern auch von unseren Leistungen im Parlamente." Die Partei setzte im Berichtsjahre 4400 000 Flugblätter ab. lieber den trefflichen Inhalt dieser Schriften findet der Leser einiges im„Vorwärts" von: 10. November 1903. Die Partei stellte 50 Kandidaten auf, davon siegten 29. Die Ge- samtzahl der in diesen Wahlkreisen abgegebenen Stimmen belief sich auf 859 518, davon erhielten die Arbeiterkandidaten 323 195 oder 37 Prozent. Wenn man diesen Bericht liest, so kommen einem unwill- kürlich die Jahresberichte der Trade-Unionskongresse in den Sinn. Letztere enthalten nichts weiter als abgedroschene liberale Phrasen, während im Berichte der Arbeiterpartei neues Leben pulsiert. Dem Kongresse liegen mehrere Resolutionen vor, die sich mit Partcipolitik und allgemein kulturellen Fragen beschäf- tigen. Vor allem wünscht der Vorstand, daß der alte Name „Labour Representation Committee" fallen gelassen werde zugunsten der Bezeichnung„Labour Party", Arbeiterpartei. Ferner Resolutionen über striktere Fassung des Statuten- Paragraphen betreffend politische Selbständigkeit der Partei; Wiederherstellung des alten Gewerkschaftsrechts, das heißt: Abschaffung des Taff-Vale-Entscheides; Rechtmäßigkeit des friedlichen Picketings(Streikpostenstehens): Allgemeines Wahlrecht: Steuerreform, Abschaffung aller indirekten Steuern; schärfere Heranziehung des«unverdienten Zu- Wachses"; Wohnungsreform durck, munizipale Tätigkeit; Ver- wcltlichung der Schule und Uebertragung der Erziehungs- kosten von der Gemeinde auf den Staat; Erhaltung der Schulkinder aus öffentlichen Mitteln; Verkürzung der Arbeits- zeit der Ladengehülfen; Achtstundentag für Arbeiter in Fabriken. Minen usw.; Minimallohn; Gründung eines tag- tich erscheinenden Ärbeiterblattcs. Nach Schluß des Kongresses findet heute abend in Queens Hall eine Siegesfeier der Partei statt, zu der auch fremde Genossen geladen sind. politifcde(leberfickt. Berlin, den 13. Februar. Kleinkrieg im Reichstage. Das Gesetz, die Ausgabe von Reichsbanknoten zu 20 und 50 M. wurde zum Leidwesen Arendts, des intimen Neiders der Reichsbank, ohne Debatte in 2. Lesung nach den Bc- schlüssen der Kommission angenommen. Dann begann der Kleinkrieg zu den einzelnen Titeln des Etats für das Reichsamt des Innern. Genosse Lindemann monierte beim Kapitel Statistisches Amt die verkehrte Anlage einer Statistik über Arbeits- l o s i g k e i t im„Reichsarbeitsblatt" und stellte die Forderung einer monatlichen Aufnahme der Erhebungen, die nach Berufen und nach Landcsteilen zu gliedern ist, damit die Statistik nicht unvollständig und unzilverlö� bleibe. Zur Sicherung eines guten Schluckes, dem die Natur und nicht chemische Kultur Geschmack un� Bekömmlichkeit verleihe, ist von einer Reihe Weinbeflissener ein Antrag zum Kapitel Gesundheitsamt eingebracht, der eine Revision des Weingcsetzes mit dem Ziel der Unterdrückung jedweder Weinpantscherei verlangt. Eine große Korona von Rednern trat mit gewaltiger Entrüstung gegen jede Verfälschung des edlen Rebenblutes auf. Samt und sonders setzten sie den ehemaligen Kollegen Sartorius den Qualen ihrer Kritik ob seiner ganz gemeinen Diskreditierung des Pfälzer Gewäckises aus. Auch unser Genosse E h r h a r t ließ eine mit scharfen und witzigen Bemerkungen gewürzte Rede vom Stapel, in der er auch dem sonst hoch geschätzten edlen Musbacher zu seiner alten, von Sartorius geschändeten Ehre zu verhelfen suchte. Unisono forderten alle, gegen die Scbmach der Pantscherci eine reichsgesetzliche Zuckstrute zu binden, damit die wein- lüsternen Gaumen vor dem tristen G'söff der Pantscherei und die Weinberge vor dem unlauteren Wettbewerb der Chemie im Keller bewahrt bleiben. Graf Posadowsky suchte die Empörer durch die Empfeh- lung einer schärferen Äeinkontrolle auf Grund des jetzigen Weingesetzes zu besänftigen; im übrigen mahnte er jedoch zur Mäßigung— nicht im Trinken, sondern im Reden denn es sei so gottsjämmerlich übertrieben worden, daß all die schönen, reinen Staturweine dadurch in Mißkredit gebracht würden. Ob die Mahnung Helsen wird, muß der morame Tag zeigen: es stehen noch eine ganze Reihe Weinbeflisscner und Freunde eines guten Tropfens auf der Rednerliste. DaS„Programm" des neuen Handelsministers- Nachdem das Abgeordnetenhaus am Mittwoch in einer Abenbsitzung die Beratung des Äergetats erledigt hatte, gab es am Donnerstag bei der Generaldebatte zum Handelsetat dem neuen Minister durch zahlreiche Anfragen Gelegenheit. sein Programm zu entwickeln. Im Grunde genommen wieder- holte Herr Delbrück nur das, was er bereits in der vorher- gehenden Debatte gesagt hatte. Bei dem schnellen Minister- Wechsel in Preußen kann man ja nicht wissen, wie lange Herrn Delbrücks Ministerherrlichkeit währt, aber das eine steht jetzt schon fest, daß nennenswerte Forschritte auf dem Gebiete der Sozialreform von ihm ebensowenig zu erwarten sind wie von seinen Amtsvorgängern. Der Minister muß an- erkennen, daß die weiblichen Gewerdeaufsichtsbeamten sich be- währt haben, aber trotzdem will er von einer Vermehrung ihrer Zahl— zurzeit sind 4 Damen in der Gewerbeaufsicht tätig, eine in M.-Gladbach und drei in Berlin— nur sehr bedächtig vorgehen. Der Minister muß die großen Mißstände auf dein Gebiete der Heimindustrie anerkennen, aber radikale Maß- nahmen zur Beseitigung dieser Mißstände schlägt er nicht vor. Er hat lobende Worte für die Fabrikinspcktorcn übrig, ver- laugt aber, daß sie die Arbciterschutzbestimmungcn in einer Weise durchführen, die die Unternehmer nicht mehr als nötig belastet I Er erklärt entschieden, daß ein Stillstand in der Sozialreform nicht zu erwarten ist, stellt sich aber gleichzeitig auf den Standpunkt, daß man die Henne nicht schlachten darf. die die goldenen Eier legt— mit anderen Worten, daß man der Industrie keine zu hohen Lasten auferlegen soll. Herr Delbrück hofft, daß er mit diesem„Programm" der Sozial- demokratie Abbruch tun kann. Wir wollen ihm seinen Glauben nicht rauben.— Alles in allein: Es wird auch unter dem neuen Minister für Sozialpolitik in Preußen beim alten bleiben. Der Schneckcngang der Sozialpolitik wird andauern, es soll fort- gewurstelt werden._ Die Diplomaten. Wem sein Verstand lieb ist, der tut am besten, sich m diesen Tagen nicht allzusehr mit der Marokkokonferenz und den Dingen, die drum und dran hängen, zu beschäftigen; denn es kursieren so viele und dermaßen von einander abweichende Lesarten über die Aussichten der Verhandlungen im diplomatischen Kaffeekränzchen zu Algeciras, daß man am besten den Versuch von vornherein aufgibt, sich durch dieses Tohuwabohu hindurchzuarbeiten. Alle Schattierungen von sicherer, ganz sicherer, allersicherster Information sind vorhanden, und dementsprechend wissen die Zeitungen je nach ihrer Parteistellung, ihrer Nationalität und ihrer— Jntereffensphäre über die Chancen der internationalen Konferenz zu orakeln. In den sanftesten Flöten- tönen piepst uns die eine ein Lied vor mit dem Refrain: Holder Friede, süße Eintracht— alles in schönster Ordnung, Deutschland und Frankreich liegen sich friedlich in den Armen und tun alles, was sie einander nur irgend an den Augen abzusehen vermögen. Schmetternd stößt eine andere Zeitung in die Drommete und brüllt in die Lande: Krieg I Krieg I Die Konferenz inuß und wird über die Versuche zur Regelung der marokkanischen Polizeiverhältnisse stolpern. Die Schlichtungsbemühungen AmeritaS und anderer neutraler Staaten müssen scheitern. Deutschland kann keine andere Konsequenz ziehen als den Krieg; denn es hat die Einberufung der Konferenz veranlaßt; es würde seinem„Prestige" schaden, wenn die Lerhand- lungen ergebnislos abgebrochen werden müßten. Und dergleichen Unsinn mehr. Die ganz Schlauen, die einmal etwas von der berühmten mittleren Linie" gehört haben, entdeckten gar einen„mittleren Boden", auf dem Deutschland und Frankreich, nachdem em schweres Ungewitter über den Häuptern beider dahingezogen ist, schließlich doch noch zu friedlichem Tanze vereinigt werden wird. Wie gesagt— wir wollen den Diplomaten hüben und drüben nicht die Mühe abnehmen, alle diese und noch viele andere Kom- binationen zu erwägen. Aber eins ist zu beachten: ES verlautet, der bisherige sranzösische Gesandte in Tanger, Taillandi-r foB» von seinem Posten abgerufen werden. So unscheinbar diese Mitteilung klingt, so wichtig ist gerade sie im Gegensatz zu den vielen oben verzeichneten Gerüchten: denn wenn die Nachricht sich bewahrheiten sollte, so würde dadurch bewiesen sein, daß Frankreich nicht so ängstlich auf sein„Prestige" bedacht ist wie Deutschland. und daß es bannt der Erhaltung des Friedens in hervorragender Weise dient. Wem der Hauptinhalt des französischen Gelbbuches noch er- innerlich ist, der wird wissen, daß einer der wesentlichsten Differenz- punkte auf die Person St. Renö Taillandiers Bezug hatte. Dieser soll sich unbefugterweise auf ein europäisches Mandat berufen haben, und dadurch ganz besonders soll Wilhelms II.— also auch LülowS— Zorn erregt worden sein. Wenn nun die französische Regierung diesen Mann seines Postens enthebt, so beweist der sonst und an sich durchaus .mscheinbare Akt im jetzigen Stadium der Verhand- -ungen ganz zweifellos ein Maß von kühler Besonnen- heit und bewundernswerter Selbstverleugnung, wie sie bei starken Staaten selten zu finden sind. Frankreichs Einlenken wäre um so lobenswerter, als ja Deutschland in AlgeciraS fast »soliert ist und alle Mächte, die überhaupt etwas zu bedeuten haben, entweder— wie Amerika— ehrlich neutral zu sein scheinen oder aber auf Frankreichs Seite stehen. So gewinnt denn die an sich nebensächliche und gleichgültige Abberufung Taillandiers eine eminent politische Bedeutung. Man kann und darf nun einmal die Gefühl« und die Gedanken ver edlen Diplomatenzünftler nicht mit dem Maßstabe alltäglichen gesunden Menschenverstandes messen. Und darum ist und bleibt Frankreichs Entschluß, Taillandier abzuberufen, so überaus bemerkens- wert— vorausgesetzt natürlich, daß die Mitteilung nicht etwa aus der Luft gegriffen ist l—__ In der Sackgasse! Die Regierung sieht sich durch ihren agrarzöllnerischen Kurs gezwungen, zur Vermeidung eines offenen Zollkrieges sich in steigendem Maße zur Abschließung sogenannter Handelsprovisorien zu bequemen. Schon seit 1898 besteht zwischen Deutschland und Großbritannien mit seinen Kolonien kein Handelsvertrag mehr. Der Handelsverkehr zwischen beiden Mächten vollzieht sich auf Grund eines Provisoriums, einer Verlängerung des früheren Meist« begiinstigungsvertrages, deren Frist bisher alljährlich erneuert wurde, kürzlich aber vom Reichstag bis zum 31. Dezbr. 1907 ausgedehnt worden ist. Jetzt gedenkt die Regierung in ihrer Verlegenheit auch mit der nord- amerikanischen Union, die nächst England mit Deutschland den größten Handelsverkehr unterhält, ein derartiges Provisorium abzuschließen: denn das bisherige von der. deutschen Regierung gekündigte Ueberein- kommen mit den Vereinigten Staaten läuft am 1. März dieses Jahres ab und die Erneuerung eines neuen Vertrages bis zu diesem Termin erscheint völlig ausgeschlossen. Das Erlöschen des Abkommens am 1. März aber würde nicht, wie von agrarischer Seite behauptet wird, einfach zur Anwendung des neuen deutschen GeneraltarifeS auf die Einfuhr amerikanischer Produkte in Deutsch- land und zum Entzug der Vergünstigungen deS Abschnittes III der Dingley-Bill für die in das Vereinigte Staaten- Gebiet importierten deutschen Waren führen, sondern zu einem beider- seitjgen Zollkrieg. Es ist ganz sicher, daß die Aankees mit einer sogenannten„Retaliati on", einer Wiedervergeltung, d. h. mit Zollzuschlägen auf die von Deutschland in die Union eingehenden Waren sowie mit der Aushebung aller der deutschen Schiffahrt zu- gestandenen besonderen Vergünstigungen antworten würden. Bekanntlich arbeiten bereits die hochschntzzöllnerischen Gruppen des amerikanischen Kongresses daran, die Washingtoner Regierung mit dem erforderlichen Kampfmaterial für einen solchen Zollkrieg auszurüsten. Im Repräsen- tantenhause hat Mc Cleary(Minnesota) eine sogenannte Retaliattons- bill eingebracht, die vorschlägt, die Erzeugnisse derjenigen Länder, welche die amerikanische» Waren nach ihren Maximaltarifen verzollen, mit 25 prozentigen Zollzuschlägen zu belegen. Und einen ähnlichen Antrag hat im Senat Vir. Lodge(Massachusetts) eingebracht. Daß solche Zollmatznahmen der amerikanischen Regierung aber geduldig von Deutschland hingenommen würden, erscheint ausgeschlossen. Die deutsche Regierung würde sich genöttgt sehen, auf Grund des§ 1l> des neuen Zolltarifgesetzes von amerikanischen Produkten, die in das deutsche Zollgebiet eingeführt werden, ebenfalls Zollzuschläge zu erheben. Ein heftiger Zollkrieg wäre also die unvermeidliche Folge. Um diesem Zollkrieg vorzubeugen, gedenkt die deutsche Regierung an den Reichstag mit der Forderung heranzutreten, dem Bundesrat Vollmacht zur Vereinbarung eines Provisoriums für den Handelsverkehr mit Amerika zu erteilen, wie es heißt zunächst auf ein Jahr. Durch dieses Provisorium sollen vorläufig den Ver- einigten Staaten sämtliche den Vertragsstaatcn Rußland, Oesterreich. Italien, Rumänien, Belgien, der Schweiz usw. eingeräumten Er- Mäßigungen des deutschen Zolltarifs zugestanden werden ohne eine andere Gegenleistung von amerikanischer Seite als die bisher Deutschland gewährten Vorteile. Zwar ist noch nicht gewiß, ob Amerika gewillt ist, einem solchen provisorischen Abkommen zuzustimmen. Wie in Deutschland die Agrarier im Interesse ihres Profits gar zu gern sähen, daß Deutschland mit der Union in einen Zollkrieg geriete, so gibt es auch drüben eine starke Partei, besonders im Senat, die jeder Verständigung beider Mächte entgegenarbeitet. Schließlich dürste aber auch drüben die ruhige Erwägung über die Profitsucht die Oberhaud behalten. Besser als ein Zollkrieg ist ein solches Provisorium immerhin, doch bedeutet es alles eher, denn einen Erfolg der deutschen RegierungS- diplomatie, selbst dann nicht, wenn tatsächlich die amerikanische Re- gierung, wie verlautet, eine Abstellung der von den amerikanischen Zollabfertigungen bei der Verzollung deutscher Waren beliebten Schikanen verspricht. Denn ein solches Versprechen ist in Anbetracht der amen- kanischen Verzollungsbestiinmungen nahezu wettloS. Tatsächlich gewährt Deutschland Uncle Sam seinen neuen Vertragstarif— ohne von diesem irgend eine neue Zollvergütung zu erhalten. Und dieses beiderseittge Verhältnis wird sich zu einem dauernden gestalten. Mag auch der New Dorker Mitarbeiter der„Krcuz-Zeitung" von dem Motiv geleitet werden, im agrarischen Interesse den Zollkrieg zu schüren, so hat er doch vollkommen recht, wenn er in der heutigen Morgennummer meint, daß. falls die deutsche Regierung auf diesen Kompromiß mit der Union eingeht, sie auch künftig nicht mehr er- laugen wird. Das Provisorium wird voraussichtlich, wie das englische, von recht langer Dauer sein und. wenn es an eine Frist gebunden wird, noch recht oft verlängert werden müssen. Die Regierung ist, wie vorauszusehen war, mit ihrer Handels- Politik gegenüber der Union in eine Sackgasse gelangt. Wollte sie Zollermäßigungen für die deutsche industrielle Einfuhr in die Union herausschlagen, dann mußte sie unter Berücksichtigung der Gegensätze zwischen den verschiedenen amerikanischen Erwerbsgruppen dasJnteresse der einen Gruppe gegen das der anderen ausspielen. Vornehmlich hätte sie versuchen müssen, die landwirtschaftlichen Interessenten der West- und Südstaaten für ihre Forderung einzuspannen, indem sie diesen besondere Zollermäßignngen für ihre Ausfuhrprodukte: für Wei-cn, Mais, frisches und getrocknetes Obst usw. in Aussicht stellte. Haben auch zurzeit die industriellen Hochschutzzölluer drüben die Uebcrmacht so ist doch keineswegs der Einfluß der ackerbautreibenden West- und Südstaaten zu unterschätzen. Daß sie sich aber für die agrarischen Vertragssätze deS neuen deutschen TarifeS besonders ins Geschirr legen sollen, läßt sich nicht verlangen, denn diese neuen Vertragssätze sind viel höher als jene, zu denen bisher die amerikani- schen Produkte in Deutschland eingeführt werden konnten. Zudem hätte die deutsche Regierung versuchen müssen, in die Phalanx der amerikanischen Hochschutzzöllnerei dadurch einen Keil zu treiben, daß sie einen Teil der großen Trusts für ihre Absichten einfing, indem sie z. B. den Oeltrust dadurch an den Abschluß eines deutsch-amerikanischen Reziprozitätsvertrages interessierte, daß sie sich zur Ermäßigung des Petroleumzolles verstand. Und ebenso hätte sie die Fleischexport-Kompagnie durch das Zugeständnis einer Revision der deutschen Fleischeiufuhrverbote und-Beschränkungen zu gewinnen suchen müssen. Nach der Handelslage beider Länder vermag Deutschland nur dadurch Ermäßigungen der amerikanischen Zollsätze auf Industriewaren deutscher Herkunft zu erreichen, daß es die Einfuhr amerikanischer Lebensmittel in das deutsche Zoll- gebiet erleichtert, das heißt sich zur Herabsetzung der Zölle für diese versteht. Dazu verspürt jedoch die Regierung keine Neigung. Weit höher als das Interesse der deutschen Arbeiter und Export- industrie steht ihr das Interesse der Agrarier an hohen Preisen für landwirtschaftliche Produkte. Diese Preise dürfen in keinem Falle durch eine Vcrbilligung der ausländischen Lebeusmittelzufuhr gedrückt werden, weit eher kann der industrielle deutsche Arbeiter auf aus- reichende Nahrung und auf Beschäftigung ver- zichten.— Deutfeheo Reich. Das Ergebnis der Wahl in Chemnitz läßt sich immer noch erst nach vorläufigen Resultaten fest- stellen, da amtliche Ziffern bisher nicht vorliegen, die anderen Mitteilungen aber untereinander differieren. Die freisinnige Presse sieht in dem Wahlausgang einen Rückgang der So- zialdemokratie, schlußfolgert aber: der Freisinn marschiert. Rein äußerlich möchte das allerdings so scheinen, denn unsere Stimmen sind von 34 266, die auf Schippe! fielen, auf 31 628 zurückgegangen, die der Freisinnigen von 3763 auf 9652 ge- stiegen. Der freisinnige Kandidat hat rechnungsmäßig alle die Stimmen gewonnen, welche Nationalliberale und Sozial- demokraten verloren haben. Was die sogenannten„National- liberalen" anbelangt, so ist jedoch zu erwägen, daß es sich um eine konservativ-nationalliberale Mischmasch-Kandidatur handelte. Was die besungene Werbekrast des Liberalismus anbelangt, so dürfte diese bei den gewonnenen Stimmen aus nationalliberalem Lager sich vielmehr als Abneigung gegen das reaktionäre Kartell, denn als Ginneigung zu den liberalen Ideen erweisen. Bei dem Abgang der sozialdemokratischen Stimmen spricht etwas Aehnliches mit. Rein vom Standpunkte des Augenblick- Erfolges betrachtet, hat vielleicht die Politik unseres früheren Kandidaten, des Genossen Schippe!, viel für �ch. Er hat zweifellos eine große Zahl von Stimmen aus bürgerlichem Lager erhalten, aus den Reihen der Leute, die nicht dem Sozialdemokraten, sondern dem scharfen Oppositionsnmnne, dem Gegner des gegenwärtig beliebten Regimes ihre Stimme gaben. Diese Gefolgschaft nun ist uns in Chemnitz verloren gegangen. Wir haben hier durch den Kandidatenwechsel das interessante Experiment machen können, die Mitläufer aus diesen Reihen zu zählen, die Leute, die in Schippe! den Mann ihres Vertrauens wähl- ten, die jedoch den Vertreter der Sozialdemo- kratie in N o s k e s Person nicht wählen mochten. Hier zeigt sich an demselben Beispiel aber auch die Gefahr der Schippelschen Politik. Eine Partei wie die unsere ist darauf angewiesen, ihre Anhänger zu zählen und zwar die ver- läßlichen Anhänger. Die Politik aber, welche nur unzu- verlässige Mitläufer heranzieht, täuscht uns über die eigene Stärke. Und eine Ueberschätzung der eigenen Kraft wäre das schlimmste, was einer angreifenden Partei, wie der Sozial- demokratie, passieren kann.— Die Wahl in Chemnitz Mi uns also eine bemerkenswerte Aufklärung gebracht. Daß wir trotz- dem mit ihr zufrieden sein könnten, vermögen wir bei alledem nicht zu sagen. In der Zeit einer so tiefen politischen Er- regung, wie die gegenwärtige ist, hätten wir p o s i t i v e Er- folge in Kemnitz erwarten dürfen, kein bloßes Festhalten am unentreißbaren Besitzstand.- Die Wahlrechtsfrage. Während die Zelttrumsfraktion jede energische Agitatton für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht ablehnt, findet nian in dem Teil der Zentrumspresse, der auf seine Abonnenten in der Arbeiterschaft Rücksicht zu nehmen hat. oft ganz richtige Aus- führungen über die Notwendigkeit dieses Wahlrechts. So schreibt z. B. die„Köln. Volksztg.": „Wenn man mit„Scharfmachern" über solche Dinge spricht, so muß man hören, daß alles von der„sozialdemokratischen Verhetzung" komme. Ohne diese, hört man sagen, würden die Arbeiter gar nicht an das preußische Wahlrecht denken, sie würden überhaupt bescheidener sein und sich vielmehr gefallen lassen. Ich muß demgegenüber bemerken, daß nach meinen langjährige» Erfahrungen und Beobachtungen, die ich sowohl in Städten wie auf dem platten Lande gemacht habe, der Haupt- grund ganz anderswo liegt. Er liegt in dem hohen Stande der allgemeinen Volksbildung. Die Leute wollen sich nichts mehr gefallen� lassen, weil sie sich den An- gehörigen der„gebildeten Klassen" nicht bloß gleich- berechtigt fühlen, sondern auch einsehen, daß sie"s ihnen unter Umständen an allgemeiner Bildung gleichtun können. Kurz und gut: wenn die Scharsmacher an dem allgemeinen Wahlrecht in Preußen vorbeikommen wollen, so müßten sie eS verstehen, die breiten Volksmassen so umzuformen, daß sie wieder so bescheiden, so einfältig und so furchtsam werden, wie vor 56 Jabren der„Jnstmann" in Pommern und Mecklenburg war. Wenn ihnen das gelänge, dann könnte das Dreiklasscnwahlrecht noch lange vorhalten. Aber der gelehrige, selbstbewußte Arbeiter von heute, der sich zum Entsetzen der Scharfmacher für ebenso klug h..!t, wie z. B. ein Mitglied des hohen Herrenhauses, dem kann niemand eine solche Deklassierung im Wahlrecht noch lange bieten."— Lehrkurse für Schwcinrfütterer hat der LandwirtschastSminister v. Podbielski auf seinem Gute Karstädt errichtet und eröffnet. Die Kurse sollen, wie es heißt, dazu dienen, die Landwirte in der Aufzucht und Fütterung der Schweine zu unterrichten. Der Unter- richt dauert drei Monate. Am Schluß deS Lehrganges wird eine Prüfung abgehalten. Schüler, die den Lehrkursus mit Erfolg besucht haben und darauf zwei Jahre zur Zufriedenheit ihres Arbeitgebers in einem Betriebe mit Schweinehaltung tätig gewesen sind, können nach nochmaliger kurzer Prüfung in der Veriuchsstation Karstädt von der brandenburgischen Landwirtschaftskammer� deren Aufsicht die Lehrkurse unterstellt sind, den Titel„geprüfter Schiveinemeister" erhalten..___ Podbielski scheint tatsächlich nw seinem Rucktritt zu rechnen und sich deshalb beizeiten nach einem anderen angemessenen Betättgungsfeld für seine geistigen Gaben umzusehen.— ZeltungS-Rmnsch. Die„Staatsb.- Ztg." kündigt jetzt selbst an, daß sie'durch notariellen Vertrag vom heutigen Tage in den Besitz der Zeitung „Das Reich", Gesellschaft mit beschränkter Haftung übergegangen ist. „Diese Aenderung des Verlages", sagt das Blatt,„bedeutet für die„Staatsbürger-Zeitung" keinen Wechsel ihrer politischen Haltung und ihrer deutschnationalen Gesinnung auf allen Ge- bieten unseres öffentlichen Lebens. In ihrer alteingebllrgerten Art erscheint die„Sraatsbürger-Zcitung" unverändert wie bisher weiter: nach wie vor wird sie bestrebt sein, das alte Programm der Bertiner Bewegung Christentum, Vaterland, Monarchie, zu befolgen: nach wie vor wird sie für die soziale Resormarbeit für alle bedürftigen Stände unseres Volkes eintreten: nach wie vor sollen die Wünsche der wirtschaftlich Schwachen, besonders die des Mittelstandes, in ihr eine kräftige Fürsprecherin finden, die ohne Scheu nach oben und unten ihre Meinung sagen und durch- zusetzen versuchen wird." Wir glauben schon, daß die„Staatsbürger Zeitung" sich im neuen Verlag nicht sonderlich verändern wird— schon deshalb nicht, weil sie in ihrer„alteingebürgerten Art" nicht mehr viel tiefer sinken kann, als bisher.—_ Spiritus-Zentrale. Die kontradiktorischen Verhandlungen über die SpiriwSzentrale, die in vergangener Woche stattfanden, haben, wie die„Frankfurter Zeitung" berichtet, zu heftigen Zusammenstößen zwischen den an den Verhandlungen teilnehmenden Interessenten geführt. Die Anhänger der Zentrale haben den Versuch gemacht, durch lange Ausführungen den Gegnern das Wort möglichst zu beschränken. Es wurden in den Verhandlungen sehr scharfe Angriffe auf die Preispolitik der Zentrale ge- richtet. Man warf ihr rücksichtsloses Vorgehen in der Erhöhung wie der Ermäßigung der Preise vor, so daß ihre Abnehmer vollständiger Willkür preisgegeben waren. Diese Klagen wurden nicht nur vom DcstiNateurgeiv'erbe, sondern besonders auch von den Lack- und Parfümcrietabrikanten erhoben. Die Abstoßung von Spiritus zu Schnndpreisen in das Ausland habe dort zur Errichtung von Konkurreuzfabriken geführt und die deutschen Unternehmungen schwer geschädigt. Die Vertreter der Zentrale sagten unter dem Druck dieser Anklage Abänderung zu, schränkten aber später dieses Ein- geständnis dahin ein, daß eine Abänderung erst 1903 eintreten könnte._ Serenissimus als Erfinder. Aus Kiel wird gemeldet: Die angestellten Versuche mit dem auf dem neuesten Hochsec- torpedoboot„3 131" eingebauten Nikipropeller, der vielbesprochenen Erfindung des Groß Herzogs von Oldenburg, haben einen befriedigenden Verlauf genommen, wenn auch eine Steigerung der Geschwindigkeit noch nicht erzielt wurde. Es scheint also die Sachverständigen zu befriedigen, wenn das Boot mit dem neuen Propeller nicht langsamer läuft, als vorher.— Herr Redakteur Kammer von der„Staatsbürger-Zeitung" sendet uns eine Zuschrift, in der er bestreitet, am 21. Januar mit sechs seiner Genossen bewaffnet nach den„Linden" gezogen zn sein. Er wäre an diesem Tage überhaupt nicht Unter den Linden gewesen. Herr Kammer fügt hinzu: „Derartige Mordiustrunlente, wie Sie mir andichten, habe ich seit Monaten überhaupt nicht in der Hand gehabt. Außerdem bin ich an dem betreffenden Tage nur mit einem Herrn und nicht mit sechs zusammengewesen. Dies zur Kennzeichnung der trüben Quelle, aus der Sie Ihre „sensationelle" Mitteilung schöpften: ich erwarte von Ihrer Loyalität, daß sie in der nächsten Nummer deS„Vorwärts" die gegen mich gerichteten Verleumdungen mit dem Ausdruck des Be- dauerns zurücknehmen, auch ohne daß ich mich erst noch auf den 8 11 des Preßgesetzes berufen brauche." Der Stil sieht allerdings stark nach Umgang mit Revolvern ans.— Uebrigens war unsere Mitteilung durchaus nicht„sensationell": was HerrKammer jetzt ableugnet, halten seine Gesinnungsfreunde doch vor dem 21. Januar angekündigt!— Die Hamburger Bürgerschaft in Nöte». In der sich des Lobes aller Reaktionäre irnd Scharfmacher erfreuenden republikanischen Volksvertretung lvurde am Mitt- Wochabend die Spezialdebatte über das Wahlgesetz für die Wahlen zur Bürgerschaft eröffnet. Wie schon telegraphisch berichtet, gedenkt die Wahlrechtsräubcrmehrheit„schnelle Ar- beit" zu machen, nachdem dazu durch die bereits vom Senat sanktionierte Verfassungsänderung die Bahn frei gemacht ist. Alle verfassungs- und geschäftsordnungsmäßig zulässigen Widerstände werden als unliebsaine Störung des Volksent- rechtungsversahrens betrachtet. Wie der Verlauf der Debatte beweist, schwebt den parlamentarischen Vertretern der Ham- burger Plutokratie das seinerzeit von der berüchtigten Zollmehrheit im Reichstage beliebte„abgekürzte" Verfahren vor, um den Raub schnellstens in Sicherheit zu bringen.— Die von Dr. W c n tz e l(Rechte) beantragte Zurückstellung der Vor- läge, bis erst weitere Wirkungen des jetzigen Wahlgesetzes vorlägen, wurde mit Dreiviertelmehrheit abgelehnt. Genosse Emil Fischer wandte sich gegen den§ 1 der Vorlage, weil derselbe eine Erweiterung des Notabelnwahl- körpers enthalte, und beantragte unter großer Unruhe ge- Heime Abstimmung über diesen Paragraphen, die mittels Kugeln vorgenommen werden muß. Das steht in der V e r- f a s s u n g und kann daher nicht auf gesckiäftsordnungs- mäßigem Wege beseitigt werden. Da eine solche Abstimmung eine gute halbe Stunde in Anspruch nimmt, so ergiebt ein leichtes Rechenexempel, wie viele Sitzungen erforderlich sind, um, wenn jedesmal geheime Abstimmung beantragt wird, das aus 42 Paragraphen bestehende Wahlgesetz zu verabi�ncden. Mit 99 weißen gegen 33 schwarze Kugeln wurde s 1 ange- nommen. Zu Z 2, der die Wahlberechtigung festsetzt, beantragte Dr. B r a b a n d(Rechte) hinzuzufügen, daß die in den letzten drei Jahren wegen Steuerhinterziehung Bestraften nicht wahlberechtigt sein dürfen. Er bezeichnet diesen Antrag als eine sittliche Forderung. Steuerhinterziehungen kämen bis in die höchsten Steuerklassen hinein vor.(Unruhe.) Wer nun wegen Steuerhinterziehung-bestraft und in eine höhere Steuer- stufe als 2566 M. auf dem Zwangswege befördert werde, er- halte dann als Belohnung ein höheres Wahlrecht. Die Sozial- demokraten beantragen g e h e ini e Abstimmung. � Nach kurzer Debatte beantragte Roh de(Linke), da ein neues Moment in die Debatte gebracht sei, das Ge- setz an den Ausschuß zur nochmaligen Beratung zurückzuweisen. Sehr sittlich entrüstet über die geheimen Abstimmungen tut der Häuptling der Grundeigentümer, Dr. E d d e l- b ü t t e l, der den Antrag Rohda unterstützte, uin eine en bloc- Abstimmung zu ermöglichen. Die geheimen Abstim- mungen seien nur beantragt, um die Verhandlungen zu ver- zögern oder lächerlich zu machen. Das sei verwerflich, l Zuruf: Dann war es früher auch verwerflich!) Der Herr faselte dann noch etwas über den„Terrorismus der Sozialdemokraten", die sicher zu jedem Paragraphen Abstimmung beantragen würden. Nach§ 49 der Geschäftsordnung wünsche er die cn bloc-Annahme der Vorlage. Genosse Stollen hält Kies für unzulässig, weil der Antrag zu spät eingereicht wäre. Der Antrag auf Zurückweisung an den Ausschuß wurde angenommen. Also im Ausschuß sollen weitere finstere Pläne geschmiedet werden._ „Naive" Parlamentarier. In der Zweiten badischen Kammer richtete auf Grund privater Mitteilungen der sozialdemokratische Abg. L e h- mann an den Minister des Innern Dr. Schenkel die Anfrage, ob es richtig ist, daß auch in Baden— ähnlich wie im Elsaß— eine Liste von Personen geführt wird, die beim Ausbruch eines Krieges in Gewahrsam zu nehmen sind. Der Minister meinte, auf diese Naivität— wenn man diese Eigenschaft bei einem Abgeordneten voraussetzen dürfe— verweigere er die Auskunft. Auch auf die Frage G e ck s, ob am 21. Januar die M i l i t ä r b e r e i t s ch a f t im badischen Lande durch die Regierung angeordnet wurde, gab er die un- genügende Auskunft, daß mit der preußischen Regierung für die Hülfeleistung des Militärs bestimmte Vereinbarungen be- stehen._ Aus dem bayerischen Landtage. (Eig. Ber.) Die Mittwochsitzung eröffnete Ministerpräsident v. Podewils als erster Redner, um auf die gestrigen Ausführungen der Abgg. Geiger und Dr. C a s s e l m a n n zu antworten. Er suchte seine Ausführungen in der Budgetdebatte so darzustellen, als hätte er durchaus nicht das verfassungsmäßige Recht des Landtages zu einer Besprechung der auswärtigen Politik bestreiten, sondern er habe nur erklären wollen, er halte eine derartige Besprechung im baheri. schen Landtage für unangebracht, und zwar aus dem Grunde, weil, wenn auch der Bundesrat durch Bewilligungsbeschlüsse die Politik des Auswärtigen Amtes sanktioniere, so sei doch der eigentliche Leiter der Reichskanzler, der daher im Reichstage allein in der ihm für richtig dünkenden Weise die Antwort auf Fragen nach der Führung der auswärtigen Politik geben könne, während die Auswärtigen Minister der Einzelstaatcn gerade in Rücksicht auf den Reichskanzler gezwungen wären, zu schweigen, und dieses Schweigen sehr miß- deutet werden könne. Im übrigen suchte v. Podwils die„eminente" Bedeutung des Auswärtigen Ausschusses im Bundesrate hervorzuheben, sowie die Berichte der bayerischen Gesandten und die in „reichster Fülle" eintreffenden Mitteilungen des Auswärtigen Amtes an die Regierungen der Einzelstaaten. Podewils verschwieg augenscheinlich, daß diese Mitteilungen immer erst eintreffen, wenn die Handlungen, die sie schildern, schon vollzogen sind, daß in diesen Mit- teilungen aber nicht angefragt wird, ob etwa die Regierungen der betreffenden Staaten an diesen Handlungen etwas auszusetzen haben; sie sind einfach dazu da, post fcstum das Handeln des Reichskanzlers resp. der Persönlichkeit, die der eigentliche Reichs- kanzler ist, untertänigst durch ihre Zustimmung zu sanktionieren. Wenig glücklich war Podewils mit seiner Berufung auf die Rede Bismarcks vom Jahre 1893 in Kissingen. Er ging augenscheinlich sehr fehl, wenn er annahm, Bismarck habe damals nicht an die aus- loärtige Politik des Reiches, sondern nur an die innere Reichspolitik gedacht. Genosse Boll mar betonte dann auch sofort, daß, wenn auch Podewils seine Stellung seit der Budgetdebatte wesentlich geändert hätte, er dennoch auch heute noch in einem sehr bedenklichen Irrtum über die Rechte der Einzelstaaten und ihrer Landesvertretungen in bezug auf die auswärtige Politik des Reiches sich befinde. Podewils habe die auswärtige Politik als eine vom freien Willen des Kaisers abhängige Sache bezeichnet. Eine derartige persönliche Leitung sei aber weiter nichts, als der Absolutismus in krasiester Form, und es sei undenkbar, daß Deutschland im 29. Jahrhundert nach solchen Prinzipien regiert> Verden könnte. Was die Anfrage Cassel- manns bezüglich der Auflösung des Lmidtages betreffe, so sei sie ganz überflüssig gewesen, da der Kompromiß zwischen Sozial- demokratie und Zentrum seinerzeit ganz allein auf der Grundlage geschloffen worden sei, daß nach Annahme des Wahlgesetzes die Kammer aufgelöst werde, und keine Partei Anstalten mache, von diesem Vertrag abzugehen. Auch die Erklärung des Ministers des Innern vor zlvei Jahren zeige deutlich, daß mit der Auflösung als mit etwas Bestimmtem gerechnet werde. unter der Parole der Silberwährung, er wurde aber von Mac Kinleh geschlagen. Im Jahre 1999 versuchte Bryan es noch einmal und stellte die Trustfrage in den Vordergrund; aber wieder siegte Mac Kinley. Trotz der zweimaligen Niederlage ist Brhan noch außerordentlich populär und anerkannter Führer des radikalen Flügels der demo- kratischen Partei, die jetzt hauptsächlich mit der Bekämpfung der großen Trusts ihren Einfluß auf die Massen zu erhalten strebt. Man will durch gesetzliche Maßregeln die Trustbildung verhindern, und man beschuldigt die rcpubli- kanische Partei, die bestehenden Anti-Trustgesctze nicht zur An- Wendung zubringen, sondern im Gegenteil die Trusts bei jeder Ge- legenheit zu begünstigen. Zu diesem bösen Spiel der Radikalen mit der Trustsrage macht der konservative Flügel der demokrati- schen Partei gute Miene; denn er will von Bryans Antistrustkampf ebensowenig wie von der Silberwährung etwas wissen. Man muß aber mit Brhan und seinen» Einfluß rechnen, zumal da Bryan seit den letzten Jahren an William Randolph Hearst, dem Millionär und Zcitungsbesitzer, der aber selbst nach der Führerrolle strebt, eine gute Hülfslrast gewonnen hat.—_ Soziales* Umgehung von Arbeiterschutzvorschriften. Wie schwer es den Gerichten fällt, Arbeiterschutzvorschriftcn den strafrechtlichen Schutz zu geben, zeigt folgend« Verhandlung über einen Verstoß gegen die Sonntagsruhcvorschristen. Trotz des klaren Verstoßes sind die Unter- nehmer bislang von drei Landgerichten freigesprochen. Die Spedi- teure Böhm und Koppen zu Stettin waren wegen Uebertretung der§§ 195b und 146a der Gewerbeordnung angeklagt worden, weil ihre kaufmännischen Gehülfen und Lehrlinge Sonntags während der Kirchzeit, der verbotenen Zeit, für sie im Kontor tätig gewesen waren. Das Landgericht Stettin sprach die An- geklagten frei, da jeder Angestellte hätte unterschreiben müssen, daß ihm verboten worden sei, sich zur fraglichen Zeit im Kontor auf- zuhalten und zu arbeiten. Das Landgericht meinte, die Angeklagten seien dadurch vor Strafe geschützt, daß sie jenes Verbot aussprachen und es sich hier um ein„freiwilliges" Tun der Angestellten handele. — Das Kammergericht hob demnächst dies Urteil auf und verwies die Sache zur nochmaligen Verhandlung und Entscheidung an das Landgericht zu Stargar d, also an ein anderes Land- gericht. Das Kammergericht sprach damals aus, daß das Stettiner Landgericht vollkommen den Sinn der sozialpolitischen Gesetzgebung verkannt habe, wenn es sich genügen lasse, daß die An- geklagten jenes Verbot ausgesprochen hätten und daß die Angestellten „freiwillig" tätig gelvesen wären. Das Gesetz verlange einen Schutz der Gehülfen auch gegen deren Willen. Der Arbeitgeber habe die Pflicht, nicht nur die verbotene Tätigkeit nicht zu gestatten, sondern auch durchgreifende Matznahmen zu treffen, um eine solche Tätigkeit zu verhindern.— Das Landgericht Stargard sprach dann die Angeklagten ebenfalls frei. Es führte aus, daß die An- geklagten genügende Vorkehrungen zur Durchführung des Verbotes getroffen hätten. Sie hätten nämlich den„dienstältesten" Gehülfen' Krüger verpflichtet, auf die Beachtung des Verbotes zu achten. Wenn dieser es nicht tat, konnten sie nichts dafür. Auch habe der eine Chef öfter sich davon überzeugt, daß zur strittigen Zeit Sonntags die Tür zum 51ontor verschlossen gewesen sei. Allerdings sei sie von den Leuten von innen verschlossen worden. Indessen, was sie tun konnten, hätten die Angeklagten getan. Das Kammergericht hatte sich nun jetzt auf die Revision der Staatsanwaltschaft zum zivettenmal mit der Sache zu befassen. Es hob auch das letzte Urteil auf und verwies die Sache an das Landgericht P r e n z l a u, also wieder an ein anderes Gericht. Ausgeführt wurde, es genüge nicht, daß man Krüger für die Durchführung des Verbotes verantwortlich machte. Mindestens sei 151 der Gewerbeordnung übersehen worden, wonach neben dem Betriebsleiter oder der Aufsichtsperson der Gewerbe- treibende selber strafbar sei, wenn er es bei der Auswahl oder bei der Beaufsichtigung dieser Personen an der erforderlichen Sorgfalt habe fehlen lassen. kommunales. Stadtvcrordncten-Versammlung. 7. Sitzung vom Donnerstag, den 15. Februar, nachmittags 5 Uhr. Der Vorsteher Dr. Langerhans eröffnet die Sitzung um 6V2 Uhr. Der Ausschuß zur Vorberatung der Vorlage wegen Fort- führung der elektrischen Hoch- und Untergrundbahn ist gewählt und hat sich konstituiert; von der sozialdemokratischen Fraktion gehören ihm die Stadtverordneten Borgmann, Ewald, H 0 f f m a n n und Singer an. Ter Magistrat hat der Versammlung bezüglich der Stellen der leitenden Äerzte der einzelnen Abteilungen des Rudolf Virchow-Krankenhauses die im„Vorwärts" schon eingehend dargelegten Vorschläge über Anstellung und Besoldung gemacht. Bon den Stadtverordneten Prof. Dr. Landau(A. L.) und unseren Genossen Dr. Wehl, Dr. B e r n st e i n und Dr. Z a d c k werden verschiedene Positionen der Magistratsvorlage bemängelt. Tie Vorlage geht nach einer längeren Debatte an einen Ausschuß zur nochmaligen BeMung. Die Angelegenheit wegen freihändigen Verkaufs des Grundstücks Adalbertstraße 98 ist Gegenstand einer Ausschußberatuug gewesen. Nach einer längeren Debatte, in der Stadtverordneter Genosse Borgmann die Zurückvertveisung der Angelegenheit an den Aus. schuß beantragt, wird in der Abstimmung die Zurückverweisung ab- gelehnt und nach einem Antrage Ladewig die Ermächtigung gegeben, das Haus zum Mindestpreise von 195 999 Mark freihändig zu verkaufen. ES folgt die Berichtcrstatillng des Stadiv. Singer über die AuSschubverhandlungcn betreffend die Erhöhung der Kurkostensnhe in den städtische» Krankenhäusern für Auswärtige. Der Ausschuß hat mit 8 gegen 5 Stimmen die Vorlage ab- gelehnt. Stadtu. Singer(Soz.) hebt im Anschluß an den von ihm er- statteten ausführlichen Bericht nur noch kurz hervor, daß die Frage in ihrer finanziellen Bedeutung immer mehr in den letzten Jahren zurückgetreten sei. Die Mehrheit des Ausschusses sei anderer Auf- fassung gewesen als der Magistrat. Die Trennung zwischen aus- wältigen und einheimischen Kranke» könne auf dir Vororte nicht an- gewendet werden, welche mit Berlin eine wirtschaftliche Einheit bilden, die so viel gemeinsame Interessen hätten, daß man die Ein- Wohnerschaft der Vororte als Fremde im eigentlichen Wortsinn nichl betrachten könne. Nur eine ganz kleine Minderheit solcher Kranken komme von tveiter her, die allermeisten eben aus den Vororten. Welche Verhältnisse in.Elroß-Berlin auf dem Gebiete des Verkehrs- Wesens und auf anderen Gebieten beständen sei bis zum Ucbcrdruß vorgetragen worden; es müsse aus dieser Rücksicht alles aufgeboten werden, um die Einheitlichkeit Berlins mit den Vororten ausrecht zu erhalten» und diese Einheitlichkeit würde durch die Annahme der Borlage gestört werden. Der Magistral werde kaum unglücklich darüber sein, wenn man seine Vorlage nicht akzeptiere. Die An- gelegenhcit habe eine weit über das lokale Interesse hinausgehende Bedeutung; es sei eine Frage, in welcher ein weitgehendes Eni- gcgenkommen der Stadt angezeigt ist. Sowohl im Interesse der Vorortskranken wie im Interesse Berlins bittet der Redner, den AuZschußantrag anzunehmen. Stadiv. Sonnenfeld(A. L.): Namens meiner Freunde bitte ich, den Ausschußantrag abzulehnen und der MagistratSvorlagc zuzustimmen. AIS der Magistrat im Dezember 1899 selbstherrlich die Sätze für die Krankcnh'ausbchandlung heraufsetzte, hatte Herr Singer dagegen schwere konstitutionelle Bedenken, die er aber nicht vorbrachte, als der Magistrat im September 1999 die Sähe wieder erniedrigte. Finanziell bilden wir eine Vielheit und keine Einheit mit den Vororten. Wir werden oft von den Sozialdemokraten an- gegriffen wegen des Platzmangels in den Krankenhäusern. Wenn nicht im vorigen Jahre L2ö9 Betten an Auswärtige vergeben worden wären, wären diese Vorwürfe unterblieben. Die Lirankenkassen stehen auch so gut da, daß sie die entstehende Belastung leicht er- tragen können. Es hätte allerdings etwas Mißliches, wenn diese Maßregel einen Konfliktskeim in sich bergen würde; aber wir haben doch nicht angefangen, sondern Weihensee, Rixdorf usw. haben hohe Zuschüsse von uns gerichtlich erstritten, und wir sollen fort- fahren, an die Vororte Geschenke zu geben? Früher waren bloß die Sozialdemokraten Gegner der Maßregel. Im Reichstage nannte uns Herr Antrick einmal Bierphilistcr,' was soll erst gesagt werden, wenn wir hier umfallen?(Lachen, große Unruhe lind Zischen.) Stadtv. 5lörte(Fr. Fr.): Die Sachlage hat sich seit Svinolas Zeiten, auf die Herr Somienfeld verwies, doch sehr geändert. Wir können den Standpunkt der Akten Linken nicht teilen(Lebhafter Beifall); wir haben schon im vorigen Jahre in erheblicher Zahl dagegen gestimmt. Wir wollen von dem, was 3S Jahre lang war, nicht ohne Not abgehen. Die Vororte haben anfangen müssen, eigene Krankenhäuser zu errichten, sie werden damit fortfahren, es werden weniger Auswärtige in unsere Krankenhäuser kommen und es werden mehr Berliner in auswärtige Krankenhäuser gehen. (Zustimmung.) Wir halten nicht die Krankenhauspflcge für das geeignete Rcvanchegebt-t. Dl- Matzregel abzulehnen scheint UNS der großen Stadt Berlin würdiger zu sein; wir müssen von der wirtschaftlichen Einheit zur vollen Einmütigkeit gelangen.(Leb- haftcr Beifall.) Stadtv. Nosenow: Die Situation der großen Krankenhausnot, die zu der Resolution geführt hat, ist tatsächlich nicht mehr vor- Händen; wenn wir also heute anders beschließen, kann von einem Umfall nicht die Rede sein. Auch der Oberbürgermeister hat sich keineswegs mit der sonst an ihm gewohnten Wärme der Borlage angenommen. Stadtv. Dr. Bernstein: Die Annahme der Vorlage muß zu horrenden Konsequenzen führen. Ich kann als ärztlicher Praktiker da sehr wohl mitsprechen. Wenn ein Ärankcniasscnmitglicd am 1. April von der linken Seite der Hasenheide ans die reckte Seite zieht, vorher im 5iraiitcnhause war und dann wieder ins Krantcu- Haus muß, so hat cS statt 17 M. etwa 30 M.» also fast daö Doppelte zu zahlen. Ich bitte Sic, den Mitgliedern der Krankenkassen Ihre Sympathie nicht zu entziehen, lieber den Berliner Krankenkassen schwebt beständig das Damoklesschwert der Beitragserhöhung. Hält denn die Lohnerhöhung vielleicht gleichen Schritt mit der Erhöhung der Beiträge? Man soll doch den Krankenkassen das Leben nicht schwer machen. Der Oberbürgermeister hat einmal den Kranken- kassen mehr Bescheidenheit gegenüber der Berliner Verwaltung an- gerate». Dieser Standpunkt ist unhaltbar. In der Versammlung, die sich gegen die Vorlage ausgesprochen hat, waren nicht nur Sozialdemokraten, und die von mir dort beantragte Resolution ivurde einstimmig angenommen. Unter den Befürwortern der Vorlage herrscht keine Einigkeit; Herr Sachs sieht darin eine Art Erziehungsmaßregel nach Art des-stockcs; anders Herr Wallach, der sich nur aus den finanziellen Effekt stützt. Gehässigkeit ist keine Tugend, sie stellt keine objektive Wahrheit dar; und ein Akt der Gehässigkeit würde die Annahme dieser Vorlage sein. Je eher wir diesem Froschmäusekrieg ein Ende machen, desto besser. Die ganze Vorlage ist nur ein häßliches Gegenstück zu einer großzügigen Eingcmcindungsaktion. Uns den Nervenkitzel eines Konflikts zu leisten, dazu sind wir nicht da. Stadtv. Easscl: Der Appell des Vorredners hätte an die Vororte gerichtet werden müssen. Es kommt hier auf den finanziellen Effekt so sonderlich nicht an, obwohl 69 bis 89 999 M. an sich ieine Bagatelle sind. Wir werden aber bald erleben, daß von allen Seiten die Vor- orte auf Grund gesetzlicher Vorschrift(Z 93 des Kommunalabgaben- gesetzeS) mit Forderungen an uns herantreten werden, indem man in der Schulgesctzkommission gefunden hat, daß die Wohiigemeinden zu Ivenig von der Ilrbeitsgeineindc erhalten und ein Initiativantrag, der das Gesetz entsprechend ertveitert, unmittelbar bevorsteht; wir können dann eventuell auch für Krankenhäuser, Badeanstalten usw. der Vororte in Anspruch genommen werden(Ruf: Abwarten I)» und zwar nicht bloß von armen, sondern auch von reichen Vororts- gemeinden.(Unruhe und Zwischenrufe.) In Berlin kommen auf den Kopf der Bevölkerung an Armen- und Krankenlast 19,14 M.. im reichen Charlottcnburg 9,19, in Schöneberg nur 1,74(Hörtl hürtl), in Rixdorf, das uns in Anspruch nimmt, 2,311 Sollen wir da einen Preis darauf setzen, daß die Kranken aus den Vor- orten zu uns strömen? Entweder der Magistrat macht uns Vor- lagen und vertritt sie, oder er macht sie uns überhaupt nicht I Der Magistratsantrag wird ja wohl abgelehnt werden; ich bleibe dabei, daß wir, die wir sie annehmen, dabei ebenso das Wohl der Berliner Bürger im Auge haben wie diejenigen, die sie ablehnen!(Lärm und Beifall.) Stadtv. Ullstein(Soz.-Fortschr.) spricht sich gegen die Vorlage aus. Ten Kleinkrieg gegen die Bororte könnte man gar nicht un- klüger eröffne». Getroffen würden nur die Krankenkassen und der AbonncmentSperein für Dienstboten. Bürgermeister Dr. Reicke: Die unL hier beschäftigende Frage gehört nicht zu den prinzipiellen. Die Meinungsverschiedenheiten darüber sind auch im Magistrat zutage getreten. Die Versammlung hat früher zweimal im Sinuc der Vorlage resolviert; jetzt lehnt Ihr Ausschuß die Vorlage ab. Kann es Sie da wundern, daß der Magistrat der Vorlage gegenüber eine etwas kühle Stellung ein- nimmt? Wir habe» allerdings keine Veranlassung, den Vororten Geschenke zu machen. Scheint Ihnen die Vorlage ein gewisses Aequivalent zu bieten für das, was auf diesem Wege erreicht werden soll, so nehmen Sie sie an, wenn nickst, so lehnen Sie sie abl(Große Heiterkeit, Beifall und Hätideklatschen.) Stadtv. Roblenzer(Soz.): Nach den Ausführungen des Herrn Bürgermeisters dürste die Entscheidung feststehen. Die Auffassung. daß man den Vororten Geschenke mache, ist ganz hinfällig. Der größte Teil der Kosten für die bctrcssenden Kranken wird von den Krankenkassen aufgebracht, deren Mitglieder, Arbeitgeber wie Arbeiter vollzählig oiier großenteils in Berlin wohnen. Herr Cassel hätte die Emphase, mit der er seinem Kollegen Sonnenseld bcizu- springen beliebte, für bessere Zwecke aussparen sollen. Mit solchen Vorschlägen machen Sie Berlin und sich nur lächerlich!(Vorsteher- Stellvertreter Michelet rügt diesen Ausdruck.) Wenn uns hier mit Repressalien vom Landtag gedroht wird, so sorgen Sir doch da- für, das? in das?lbge-rdnetenhaus eine andere Majorität einzieht! (Lachen und Lärm.) Darauf wird ein Schlußantrag angenommen. Nach einer persönlichen Bemerkung des Stadtv. Cassel gegen den Stadtv. Koblenzer führt Stadtv. Singer im Schlußwort aus. daß es Herrn Sonnenseld vorbehalten geblieben sei, die Angelegen- hcit der' Kurkosten als eine parteipoluifche zu behandeln; dieser Rekord sei bisher nicht erreicht worden. Unglaublich sei es, wen» sich Herr Sonnenseld und Herr Cassel dieses Objekt aussuchen, um an die Tapferkeit der Versammlung zu appellieren. Herr Cassel solle es auch nicht an der Versammlung auslassen, wenn er sich ein- mal im Abgeordnetenhaus geärgert hat.(Große Heiterkeit.) Tie lveiiercn Ausführungen werden wiederholt von lärmenden Zurufen unterbrochen. Nach persönlichen Bemerkungen der Stadtvv. Cassel und Sonnenseld gegen das Schlußwort des Referenten, wird in namentlicher Abstimmung dem AuSschußantrage gemäß die Ma g i st r a t S v o rl a g e mit 76 gegen 49 Stimmen abgelehnt. Der die Schulärzte betreffende AuSschutzbcricht wird von der Tagesordnung abgesetzt. Die Vorlage wegen Herstellung eines Warteraums für das die Freibank bc'suchcndc Publikum wird vom Stadtv. R o s e n o w mit Freuden begrüßt. Redner verweist darauf, daß die andauernde Flcischnot auch Wohlhabendere zur Freibank dränge. Tic Vorlage wird angenommen, ebenso ohne Debatte diejenige wegen Errichtung einer Manr mutpumpe nanlage in der Volksbadeanstalt Oderbergcrstrah-e. Gewerksckaftlickes. Husaren gegen christliche Bergarbeiter. Im Gebiet de-Z Lothringer Erzbergbaues hat die GewcrkschaftS- bewegung in letzter Zeit erfreuliche Fortschritte gemacht. Unerfreulich und für die Arbeiterbewegung schädigend ist es dagegen, daß die christliche Organisation der freien Gewerkschaft auch hier das Feld streitig zu machen sucht. DaS kann die Ausbreitung der gewerk- schaftlichen Bewegung nur hemmen, zumal dieselbe in Lothringen vielleicht mehr als anderswo mit den geborenen Feinden jeder Arbeiterbewegung zu kämpfen hat. Nicht nur die Unternehiner, sondern auch die Behörden gehen mit den schärfsten Maßregeln gegen die gewerkschaftlich tätigen Arbeiter vor. Ganz besonders fällt es auf, daß Italiener, die sehr zahlreich in den dortigen Berg- werken beschäftigt sind, regelmäßig„lästig fallen" und aus- gewiesen werden, sobald sie sich in der Gewerkschaft irgend- wie bemerkbar gemacht haben. Behörden und Unternehmer scheinen keinen Unterschied zu machen zwischen der freien und der christlichen Gewerkschaft, was wiederum beweist, daß ihnen jede selbstbewußte Regung der Arbeiter ein Greuel ist, mag dieselbe auch noch so zahm und noch so schonend austreten. Nicht nur auf unserer Seite, sondern auch im Lager des christlichen Gewerkvereins beklagt man sich über Abtreibung von Lokalen. Maßregelung organisierter Arbeiter, Ausweisung von Ausländern und anderen Maßnahmen, womit die Unternehmer und deren Sachwalter die„Ordnung" im Klassenstaat zu schützen suchen. Wie die Behörden gegen jeden Arbeiter vorgehen, der sich an der Gewerkschaftsbewegung beteiligt, dafür teilt das christliche Organ„Der Bergknappe" ein Beispiel mit. da? eines komischen Beigeschmacks nicht entbehrt. Es heißt da: Die Finna de Wendel in Hayingen habe sechs Arbeiter ohne Kündigung entlassen, also Kontraktbruch verübt. Zwei der Entlassenen sind Italiener, sie wurden unmittelbar nach der Entlassung in der Nacht aus den Betten geholt n n d ü b e r d i e G r e n z e gebracht. Einer der Ausgewiesenen. der schon seit seiner Kinderzeit in Lothringen weilte, war ch r i st- l i ch e r Vertrauensmann. Er hat sich an den Vorbereitungen zur Feier des Kaisergeburtstages, den die Zahlstelle des christlichen GewerkvcreinS festlich beging, hervorragend be- t e i l i g t. Das haben sich die christliche» und nicht minder patriotischen Bergarbeiter wohl nicht träumen lassen, daß man in deutschen Landen christliche und unentwegt kaisertreue Gesinnung so übel lohnt, wenn sie sich nicht mit sklavischer Demut vor dem Unter- nehmertun, vereint. Noch einen anderen Fall weiß„Der Bergknappe' zu berichten: In Hayingen hielt der christliche Gewerkverein eine Versammlung ab, die eine Kommission wählte, welche mit der Firma de Wendel verhandeln sollte. Während die Versammlung tagte, rückte eine Abteilung Husarcir unter Führung eines Offizie.rS in Hayingen ein. um, wie das amtliche Kreisblatt TagS darauf mitteilte, etwaigen Ausschreitungen sofort zu bc- g e g u e ii. Und trotz alledem halten es die christlichen Gelverkschaftsführer immer noch für notwendig, die— wie sie sagen— sozialdemokratisch und materialistisch gerichteten Gewerkschaften zu bekämpfen, und zwar mit mehr Eifer, als sie den Unternehmern gegenüber zeigen. die, wo ihre Interessen auf dem Spiele stehen, sich nicht in„christ- liche" und„materialistisch gerichtete" scheiden. SerUn un« llmgegenck. In der Lederfabrik Blankenburg-Berlin(Firma G. Roeseler) stehen die Lohgerber und Zurichter im Streik um Aiierkeiiming eines Tarifvertrages und der Verkürzung der Arbeitszeit von 19 auf 9 Stunden. Da alle angebahnten Verhandlungen die Angelegenheit auf gütlichem Wege zu schlichten, an dein Herrenstaiidpunkt der Betriebsleitung scheiterten, so legten sämtliche Kollegen einmütig die Arbeit nieder. Da die Firma in mehreren Unternehnierblä'ttern Arbeitskräfte sucht, bitten wir die Kollegen allerorts, Arbeitsangebote strikte zurückzuweisen. Arbcitcrfreundliche Blätter werden um Ab- druck gebeten. Die Strcikkommission. Die Arbeiter der Spritfabrik von Eisciimann, Mühlensw. 6—7, befinden sich seit Montag im Streik. Ihre Forderungen sind: Verkürzung der Arbeitszeit von 19 auf 9 Stunden und eine Lohnzulage von 2 M. resp. 1.99 M. pro Woche. Sie hielten diese Forde- rungen für um so berechtigter, als ein ähnlicher Betrieb, die Firma K a h l b a u m, den dortigen Arbeitern die gleichen Forderungen ohne weiteres bewilligte. Und dabei waren bei Kahlbaum die Löhne schon ohnehin höher als bei Eisenmann. der nur 21—24 M. pro Woche zahlte. Für den Standpunkt des Herrn Eisenmaim ist cS auch charakteristisch, daß er die Verhandlungen 14 Tage lang hinzu- ziehen wußte, um dann schließlich doch nichts zu bewilligen. Als dann am Montag die Arbeiter in den Streik traten, da schickte Herr Eisenmann jedem Streikenden die Entlassung per eingeschriebeiiem Brief. Gegenwärtig behilft sich die Firma mit einigen Arbeits- willigen von der Herberge zur Heimat. Leistungsfähige Arbeiter meiden natürlich den Betrieb. Die Arbeiter der Brermannschen Maschineufairik zu Treptow be- faßten sich in einer stark besuchten Versainmlung mit den Schäden des Kolonnensystems in jenem Betriebe._ Wie ausgeführt wurde, herrscht in der Becrmannschen Fabrik eine förmliche Anarchie im Arbeitsverhältnis. Niemand weiß am Wochenanfang, ivas er am Wochciischlnß verdient haben wird. Infolge der kuriosen Ver- rechnung, aus der nur allem die Werksiihrer klug werden können, kommt es vor, daß Arbeiter in SV« Tagen nur einen Verdienst von 8, 11 oder 12 M. zu erzielen vermögen. Obendrein geraten sie dann noch bei der Firma in„Scknlden", und da? geht so zu: Gesetzt, der Arbeiter hat einen Akkord übernommen, für den ihm der Werksiihrer 99 M. zugedacht hat. Braucht nun der Arbeiter zur Herstellung der Arbeit längere Zeit wie kalkuliert wurde, und hat er schließlich einen Vorschuß für vielleicht drei Wochen in Höhe von 69 Mark auf die Arbeit er- hallen, so wird der Akkordvreis nicht etwa um soviel erhöht, daß der Arbeiter damit zurechtkommt, nein, der Arbeiter wird Schuldner der Firma. Aut den, nächsten Akkordzettel findet er dann fein läuber- lich den Vermerk, daß er bei der Firma 19 M. Schulden hat, die er bei der folgenden Arbeit ivieder abarbeiten muß. 3hm kommt es aber vor, daß jemand mchrcrcmal hintereinander derartig schlechte Akkorde bekviiimt. Dann wächst auch gleichzeitig seine Schilldeiilast. Tatsächlich gibt cS Arbeiter, die es auf solche Art zu üver 199 M. Schulden bei der Firma gebracht haben. Dafür brilliert die Firma Beermaun aber auch mit ihren„Wohltaten" den Arbeitern gegen- über. Im Jahre 1992 haben die Brüder Beermaun eine Schenkung von 192 999 M. gestiftet, die vom Gcmeindevorstand zu Treptow verwaltet wird lnid den Beermannschen Arbeitern zugute kommen soll. Von den Anwesenden wußte sich allerdings niemand zu entsinnen, daß schon ein Arbeiter ctivas aus der.Schenkung" erhalten hotte. Vielleicht bekommen dieienigen mal etwas daraus, die bei den schiechten Akkordpreisen die meisten„Schulden" bei der Firma ge- macht haben.— Die Versaminlung wurde sich schlüssig, dahin zu dringen, daß allen Betriebsarbeitern endlichlein M i n d e st st u n d e n- lohn garantiert werde, der ihnen zu zahlen ist. selbst wenn die Alkordpreise auch noch so niedrig festgesetzt sind. Dir Einkassierer und Kassciiiotcn machen die zielbewußte Ar- beiterschaft Berlins nochmals aufuierksam, daß die Bersicherungs- Gesellschaft„Victoria" vor kurzer Zeet den VertrauenSmau» der Organisation maßregelte, weil er für die Interessen der Kollegen eingetreten war. Aus diesem Grunde richten wir an die Arbeiter- schaft nochmals die Bitte: Verlangt vo» Euren Abzahlungs- oder VcrsichernngSkassiercrn stets das MilgliedSbuch und schließt Geschäfte oder Versicherungen aller Art nur mit organisierte»» Kassierern oder Agenten ab, insbesondere für die Lersichcrungs- Gesellschaft „Victoria". Sektion der Einkassierer und Kassenboten. Deutrehes Reich. Ter Streik der Konfcktionsarbciter im Rhein- und Maingau wird allem Anschein nach in den nächsten Tagen beendet werden. Auf Veranlassung des Frankfurter Gctverbegerichts haben Ver- Handlungen zwischen den Vertretern der Aribeitcr und der Unternehmer stattgefunden. Die letzteren machten Zugeständnisse, welche zwar die Forderungen der Arbeiter nicht in vollem Maße erfüllen. aber immerhin als eine Verbesserung der bisherigen Verhältnisse angesehen werden können. Die Konfektionäre bewilligeil eine so- fortigc Lohnerhöhung von 9 Proz., vom 1. April 1907 ab bis zum 1. April 1919 soll eine jährliche Zulage von 1 Proz. eintreten, so daß der Lohn im Jahre 19l9 um 8 Proz. höher sein würde als gegenwärtig. Die Konfektionäre sind auch bereit, die Wartezeit den Forderungen der Arbeiter entsprechend zu vergüten. Es soll eine paritätische Kommission cingesetz' werden, der die Unternehmer spätestens vier Wochen nach Beendigung des Streiks einen Tarif- cntwurf vorlegen. Falls der Entwurf nicht angenommen werden sollte, bleibt die 9prozcntige Lohnerhöhung bestehen.— Die Vertreter der Arbeiter empfehlen den Streikenden die Annahme dieser Vereinbarung, besonders deshalb, weil der Abschluß eines Tarises den völlig ungeregelten Arbeitsverhältnissen in der Konfektion ein Ende mache und feste Normen einführe.— Die Streikenden in Frankfurt a. M. haben der Vereinbarung bereits mit großer Mehr- heit zugestimmt.' Wenn auch die Streikenden in Mainz. Worms und Speicr ihre Zustimmung geben, dann können die 1799 Streikenden am Montag die Arbeit wieder aufnehmen, voraus- gesetzt, daß auch die Versammlung der Unternehmer den Ab- machungen zustimmt. Die Barbiergehiilfe» in Jena haben mit den Arbeitgebern einen Tarif vereinbart, wonach der bisherige Mindestlohn von 9 Mark folgendermaßen erhöht wird: ES erhalten GeHülsen bis zu 18 Jahre» 7 M.. bis zu 21 Jahren 9 M.. über 21 Jahre 19 M. pro Woche. An den zweiten Feiertagen zu Ostern. Pfingsten und Weihnachten bleiben die Geschäfte geschlossen. Daö Hüttcinucrk der dcutsch-luxcmburgischen Bergwerks- und Hüttengesellschaft ist, wie unS aus Differdingen geschrieben ivird, gesperrt, weil dort zwölf organisierte Arbeiter gemaßrcgclt worden sind. Hualenei. Der Seemailiiöstrcik in Fiume. Der ausgebrochene Generalstreik sämtlicher Heizer und Matrosen sowie Hafenarbeiter bereitet dem Handelsverkehr bereits großen Schaden. In den Lagerhäusern und Postämtern häufen sich die Waren, die zum Teil verderben. Mittwoch nachmittag unternahmen die Streikenden einen Demonstrationsumzug durch die Straßen der Stadt._ Die Sperre für sämtliche Bauhandwerker ist über die Stadt Zürich verhängt. In eine große Bewegung sind dort eingetreten die Maurer und Handlanger, Zininlerleute, Maler, Gipser, Steinhauer, Anschläger, Parkettleger und Monteure. Der Lohnkampf im Baugewerbe in Malmö. Mit den Holz- arbcitern deS Baugewerbes in Malmö. die sich ebenso wie die MaurerarbcitSleute seit dem Frühling vorigen JahreS im Lohnkainpf befinden, ist nun ein neller Tarifvertrag zu stände gekommen, der bis zum April 1999 gelten soll. Die Unternehmer haben auch den Maiircrarbeitslenten. die den letzten Tarifvertrag ablehnten, weitere Ziigeständilisse gemacht, so daß eS nun wohl auch in dieser Gruppe zu einer Einigung kommen wird. Letzte Naebnehten und DepeTeben« Nach bewährtem RcichStagSmuster. Frankfurt a. M., 15. Februar.(B. H.) Wie der Hamburger Korrespondent der„Frankfurter Zeitung" mitteilt, denkt der Wahlrechts- auöfchuß gar nicht daran, das Wahlgesetz noch einmal durchzuberatcn, fondern wird eS der nächsten Sitzung der Bürgerschaft entweder««- verändert oder mit unwesentlichen Acndermigcn wieder vorlegen; dort wird dann die en bloc-Annahme erfolgen, um der Sozialdemokratie dir Möglichkeit einer Obstruktion zu nehme». Auf Nciseu. Emden, 15. Februar.(B. H.) Der Kaiser wird seine Südland- reise von Wilhelmshaven aus antreten, wo er vorher die Rekruten besichtigt._ Der Besuv in Tätigkeit. Neapel, 19. Februar.»itSblatt »t. 39. 23. i. Ltilllge iltg.Amiirls" Ktrliner ÄllisblM kr-i'ag. l«. ktbm«.M. Z-eicksrag. 44. Sitzung vom Donnerstag, den 15. Februar, nachmittags 1 Uhr. Am BundesratStische: Graf Pofadowskh, Freiherr V. S t e n g e l, Dr. K o ch. Erster Punkt der Tagesordnung ist die zlveite Lesung des Gesetz» entwurfs belreffeild die Ausgabe von Neichsianknvtcn zu 50 und 20 Mark. Die Kommission beantragt unveränderte Annahme der Re- gierungsvorlage. Abg. Dr. Arendt lRp.) bedauert die Ablehnung der AbändcrungS- vorsäiläge in der Kommission. Ohne weitere Debatte wird die Vorlage gegen einige Stimmen der Neirbsparlei und der Wirtschasllichen Vereinigung mit großer Mehrbeit angenommen. Hierauf folgt die Spezialdrbatte des Etats des RcichZamtS des Inner». Abg. Held(natl) bemerkt zum Titel va sFörderung der See- f i s ch e r e i), iu Anbetracht, daß die Enlschädignnge» fiir die Verluste, welche die Hochsecfischerei-Gesellschaften erleiden, völlig unzureichend auszufallen pflegen, genüge die ausgesetzte Summe von 400 000 M. nicht mehr. Durch den erschreckenden Rückgang der Segelschifferei hoben viele Kleinlapitalisten an der Küste ihre als Schiffshypotheken ausgeliehene» Gelder verloren. Staatssekretär Graf PosadowSly; Das Reich hat für die Segel- schiffahrt und die Förderung der Fischerei im Jahre 1904 über 743 000 M. ausgegeben, und ich glaubte alle Wünsche, die auf der Fischereikonferenz in Bremen aufgetaucht waren, erfüllt zu haben. Den Fischerei d a m p f e rn gewähre» wir schon seit Jahren keinerlei Unterstützung mehr. Dagegen werde ich ans Grund der Anregungen des Abgeordneten Held die Verhältnisse der Segelfischerei gern noch einmal nachprüfen. sBeifall.) Nachdem die Abgg. KulerSki(Pole), v. Riepcnhausen(I.) und Graf Bernsiorff(Welse) ebenfalls die Wünsche der Ostsee-Segelfischer unterstützt haben, schließt die Debatte über diesen Titel, der bc- willigt wird. Auf Anregung des Abg. Rettich(k.) verspricht Staatssekretär Graf PosadowSly, zum Titel 19(Förderung deZ Absatzes landwirtschaftlicher Erzeugmsse im Auslände und der technischen und wissenschaftlichen Förderung der Landwirtschaft) sein möglichstes tun zu wollen. Der Titel wird bewilligt. Zum Titel„Rcichsschuldkommisfion" kommt Abg. Eickhoff(srs. Vp.) auf die mecklenburgischen Schul- Verhältnisse zu sprechen: Auf meine Anregung im vorigen Jahre wurde von der Regierung versprochen, eine eingehende Revision der mecklenburgischen Schulverhültnisse von Reictiswegen durchzuführen. Ich hatte erwartet, daß man uns die Ergebniffe dieser Revision hier zugehen lassen würde. Ebenfalls hat die Kommission den Eindruck großer Rückständigleit der'mecklenburgischen SchnlvcrhälNiisse ge- Wonnen. Die mecklenburgische Regierung hat Remedur versprochen, und diese Remedur ist zum Teil auch erfolgt. Insbesondere hat die mecklenburgische Regierung die BesoldungSverhältnifie der dortigen akademischeu Lehrer verbessert. Das war auch die höchste Zeit. (Beifall bei den Freisinnigen.) Bei den bisherigen BesoldungS- Verhältnissen war es schlechterdings unmöglich, tüchtige Schulmänner nach Mecklenburg zu ziehen. Aber auch jetzt bleibt noch manches zu verbessern übrig. Tatsächlich sind in Mecklenburg viele der so- genamrteu neunklassigeu Vollanstalten zu sieben» bis achtklassigm Anstalten— ich möchte sagen: verkrüppelt. Daß auch die PensionS» Verhältnisse viel zu wünschen übrig lasten, ist allgemein bekannt. Man kommt zu dem Resultat, daß daS mecklenburgrsche Schulwesen erst dann von Grund auf neu geregelt und den neuzeitlichen An- forderimgen angepaßt werden wird, nachdem die mecklenburgische Verfassungsfrage gelöst sein wird.(Lebhafter Beifall links.) Staatssekretär Gras Posadowsky: Von Reichswegen hat eine eingehende Revision der mecklenburgischen höheren Schulen statt- gesunden, und es ist mir eine angenehme Pflicht, an dieser Stelle der mecklenburgischen Regierung meinen Dank für das große Entgegen- kommen auszusprechen. Die Kommission hat aber nichts gefunden, was den Herrn Reichskanzler veranlassen könnte, die Berechtigung zur Cr- leiluiig des Reifezeugnisse irgend einer mecklenburgischen Anstalt zu entziehen. Die Kommission hat allerdings noch weitere Verbeficruiigs- Vorschläge gemacht, wegen deren die Reichsregierung noch in Ver- Handlung mit der inecklei, burgischen Regierung steht. Der Titel wird bewilligt. ES folgt Kapitel 10: Statistisches Amt. Die Resolution Dr. Hitze(Z.) und Gen.: Die ver- bündeten Regierungen zu ersuchen, in einem Nachtragsetat für das i'iternationole Institut für Sozialbibliographie einen Beitrag in an- «niesten« Höhe einzustellen, wird ohne Debatte angenommen. Abg. Dr. Lindrmann(Soz.) behandelt den Teil des NeitbSarbeilSblatteS. der sich mit der Arbeitslosigkeit und ihrer statistischen Aufnahme beschäftigt: N»i die Arbeitslosigkeit in den deutschen Fachverbänden festzustellen, hat sich das Statistische Aint mit den GewerkschaftSverbänden in Verbindung gesetzt und erhält seine Daten von diesen. Die Resultate, zu denen das Statistische Amt gekommen ist, find sehr interessant. Der Prozentsatz für die Arbeitslosen am Ort oder auf der Reise stellt sich nämlich von t 903 ab sehr niedrig: er schwankt zwischen 3,2 Proz. am 30. Juli 1903 und 1.8 Proz. am 31. Dezember 1905. Wären die Ziffern richtig, so würde sich eine sehr geringe Arbeitslosigkeit für Deutschland ergeben. Aber die Richtigkeit des BildeS wird namentlich auch von den Gewerkschaften bestritten, die selber dieses Material tiefern müssen. Die Ziffern sind unvollstSndig»nd unzuverlässig. Ihre Iliizllverlässigkeit fließt schon aus der Art ihrer Ausiiahme her; denn die zahlreichen kleinen Zweigstellen und Ortsverereine, die das llnnaterial liefern, machen'diese Aufnahme ganz gewiß nicht cinwandsfrei. Trotz aller persönlichen Tüchtigkeit der Zahlstellen- leiter sind eS eben Arbeiter, und diese Arbeiter sind nicht darin geübt, statistische Aufnahmen zu machen. Eine Nachprüsniig des ilrmatcrials durch daS Statistische Amt scheint nicht zu erfolgen. Die Ziffern sind ober auch unvollständig, soweit sie den Mitglieder« bestand der Arbeitslosen der Verbände selber, die darüber berichten, angehen. ES wird auch von den verschiedenen Gewerkschaftsbeamten, mit denen ich gesprochen habe, bestätigt, daß die nicht unter- stützuiigsberechtiaten Arbeitslosen zum guten Teil die Meldung nnterlassen. Und da» trifft sowohl auf solche Arbeitslose zu, die noch nicht unterslütziingSberechtigt sind, weil sie die Karenzzeit noch nicht hinter sich haben, als auch auf solche, die nicht mehr unterstützungsberechtigt sind. Der Fortsall dieser Arbeitslosen aber ist für die Statistik besonders verhängnisvoll: denn mit der Größe und der Dauer der Krisen muß auch ihre Zahl wachsen und das Bild, da« von dem Umfang der Arbeitslosigkeit gegeben wird, muß daher sehr entstellt werden. Ferner fehlt bei dieser Ausnahme die ganze Masse der un- organisierten Arbeiter, weil die Berichterstattung an die Or- ganisatio» gebunden ist. Nichts wäre verhängnisvoller, als auS den Ziffern der Fachverbänd« einen Schluß auf sie allgemeine Arbeits- losigkeit zu ziehen. DaS tut man aber absichtlich, un, die Arbeitslosigkeit im allgemeinen geringer erscheinen zu lasten. DaS Reichseisenbahiiamt bestreitet freilich den Einfluß der von mir sestgestellte» Fehlerquellen: eS sollte sich einmal bei den Fach- verbänden selber danach erkundigen. Ja. daS Statistische Amt ist so sehr von der Richtigkeit seiner Zahlen überzeugt, daß eS sie in daS statistische Jahrbuch für 1905 aufgenommen hat ohne den ge- ringstei, Hinweis auf die zweifellose Tatsache, daß diese Zahlen weit hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Damit übernimmt das Amt eine Verantwortung, deren es sich vielleicht nicht ganz bewußt ist. Jeder Mißbrauch, der mit diesen unvollständigen Zohle» getrieben wird, fäll: in letzter Linie schließlich doch auf da§ Statistische Amt zurück. Mißbrauch aber wird getrieben. Die günstigeii deutschen Zahlen haben in den Kreisen der ausländischen Arbeitsstatistiker außer- ordentlickie Verwundermig erregt, namentlich bei den englischen Sozialstatistikern. Hat doch die Chamberlainsche Schutzzollagitation skrupellosen Gebrauch von diesen Zahlen gemacht. Die Chamber- lainislen wiesen auf Deutschland hin als ans daS gesegnete Land des Schutzzolles. Man fuckite die Trades-Unions, die sehr schwer unter der Arbeitslosigkeit leiden, damit zu ködern, daß man ihnen die Vorteile der Schutzzölle durch die niedrige Arbeitslosigkeit in Deutslblond beweisen wollte. Hätte Chamberlain nicht den Fehler gemacht, die industrielle Schutzzollpolitik mit der agra« rischen zu verkoppeln, so hätte er vielleichr mit seiner Taktik Erfolg gehabt. Es ist jedenfalls falsch, zu glauben, daß mit dem letzten Wahlsieg der Liberalen in England die schutzzöllnerischen Bestrebungen dort ein Ende genomnien hätten. Jedenfalls ist es sehr bedauerlich, daß die sehr zweifelhaften Ziffern des„ReichS-ArbeitSblatte-S" der Chamberlailischeii Schuyzollagnation eine Waffe in die Hand geben. die sie am letzten Ende doch gegen die deutsche Industrie und damit auch gegen die deutsche Arbeiterschaft benutzt. Nmi sollen diese Ziffern auch noch daS Material für die ge plante Reichs-Arbeitslosenversichcrung liefern. Wollte man aber auf diese Zahlen hin eine solche Versicherung gründen, so würde sie ganz sicher finanziell z,lsamn,e»brechen. Die Unterscheidung nach de» Berufsrisiken, die von der größten Bedeutung für jede Arbeitslosen- Versicherung ist, würde auf Grund dieses mangelhasten Materials gar nicht getroffen werden können. Die gegenwärtige Statistik taugt nur. wenn man die ArbeitSlosenfürsorge beschränken will auf eine Ziischußleistiing zu den bereits vorhandeneii ArbeitSloscnkasfen der Gewerkschaften. Diese Art der Arbeitslosenfürsorge, die Zuschuß� leistung an ArbeitSlosenkassen. scheint sich ja mich in neuerer Zeit allmählich durchzusetzen als die einfachste und am schnellsten zum Ziele führende Art der Fürsorge, die außerdem noch den großen Vorteil hat, daß sie nicht eine riesig bureaukratische Organisation voraussetzt. So hat sich im bayerischen Landtage Herr v. Feilitzsch für diese Art der Arbeitslosenfürsorge ausgesprochen. Unser« biirger lichen Klassen haben ja die größte Abneigung, überhaupt an eine Arbeitslosensürsorge heranzugehen. Das zeigt sich besonders klar in den Gemeindeverwaltungen. Sie vorwärts zu treiben, wird jetzt besonders schwer sein, weil sie sich immer auf die niedrigen Ziffern nnd unrichtigen Zahlen des„RcichS-ArbeitSblattcS" berufen können. (Sehr richtig l bei den Sozialdemokraten und im Zentrum.) Wir müssen deshalb unbedingt eine Verbesserung in der Aufnahme der Arbeitslosigkeit fordern. Die Zählung sollte nicht viertel- jährlich, sondern monatlich stattfinden. Die Darstellniig müßte nicht bloß nach Gewerben, sondern auch nach Landesteilen gegliedert werden unter besonderer Hervorhebung der Großstädte In ihnen tritt ja sowohl in kritischen wie m normalen Zeiten die Arbeitslosigkeit immer am intensivsten auf. Für unsere Konimunal- vcrwaliungen ist es von größter Wichtigkeit, über die Bewegung der Arbeitslosigkeit auf dem laufenden gehalten zu werden. Die von ihnen bisher veranstalteten Zählungen, soweit sie Zählungen von HauS zu Haus waren— was noch immer das beste Material gibt— kommen meist zlt spät, um praltische Wirkungen zu üben. Alle diese Aenderimgen sind selbstverständlich nur möglich, wenn die gewerkschaftlichen Verbände auch weiterhin Beihülfe leisten. Aber daS Statistische Amt kann bei einer derartigen WeiterauSbildung der ArbeitSlosensiatistik der Hülfe dieser Verbände sicher sein.(Bravo I bei den Sozialdemokraten.) Abg. Werner(Nntis.) tritt für Besserstellung der Beamten des Statistischen Amtes ein. Das Kapitel wird hierauf bewilligt. Beim Kapitel„Normal-EichungSnint' wünscht Abg. Patzig(natl.) eine Besserstellung der technischen Hlllfs- arbeiter dieses Amtes. Staatssekretär Graf Posadowsky: Ich habe mich seit Jahren bemüht, eine Besserstellung dieser technischen HülfSarbeiter herbei- zuführen. Bisher haben meine Bemühungen aber noch kein ab- schließendes Resultat gehabt. Abg. Frhr. v. Richthofen(k.): Der Budgetkommisston liegen verschiedene Petitionen in dieser Richtinig vor, kn denen sich die Konimisfion durckiaus sympathisch gestellt hat. Wir werden bei Ge- legenheit der Besprechung dieser Petitionen noch auf die Wünsche zurückkommen. Das Kapitel wird bewilligt. Es folgt daS Kapitel Gesundheitsamt. Hier wird zuerst die Weinfrage behandelt. Dazu liegen folgende Resollltionen vor: Die Abgg. Baumann.m das Versammlungsrecht der Wähler garantiert ist. Anßerdeni solle versucht werden, die Wirkung dieses Verbotes durch Eruierung d.r polnisch sprechenden Wählerschafi in diesem Bezirk zu erforschen. Behuf Bornahine dieser Untersuchungen wurde die Beratung über die Wahl vertagt. Begründung des Urteils gegen die „Leipziger Bolkszeitung". Die mündliche Begründung deS drakonischen Urteils gegen den Genossen H e i n i g emuehmen wir der„Leipziger Volkszeitung", die diese Urtcilsgründe auf Grund stenographischer Nachschrift veröffent- licht. Die Urteilsgründe lauten: „Die Artikel, worin die Aufteizung zu Gewalttätigkeiten erblickt wird, sind die preußische Thronrede in Nr. 282, Und Deutschland in Nr. 286, Die Wahlrechtsverschärfung in Nr. 292, Weihnachten in Nr. 297 und Groß im Kleinen in Nr. 2 d. I. Die Landtags- beleidiguug wird in dem Witte in Sachsen Lberschriebenen Artikel in Nr. 290 der„Leipziger Volkszeitung" und Nr. 292 der„Vollszeitung für das Muldental" gefunden; hingegen hat das Gerich tin dem zu- letzt genannten Artikel keine Aufreizung zu Gewalttätigkeiten erblickt und den Angeklagten dieserhalb sowie wegen der übrigen im Er- öffnungsbeschluß aufgeführten Artikel und lvegen des Inserats frei- gesprochen. Der sächsischen'Zweiten Kammer wird die Befugnis zugesprochen, den Urteilstenor im„Dresdener Journal", in der„Leipziger Zeitung", in der„Leipziger Volkszeitung" und in der„Volkszeitung für daS Muldental" zu veröffentlichen. Das Gericht hatte die Artikel im einzelnen auf den Tatbestand des Z 130 zu prüfen, ob durch ihren Inhalt zu Gewalttätigkeiten aufgereizt worden ist und ober in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise gewirkt hat, und auf der anderen Seite, ob er bei der dedrohten Bevölkerungsklasse eine Be- unruhigung ihrer durch die Rechtsverhältnisse gesicherten Existenz hervorgerufen hat. Weiter hatte es zu prüfen, ob der Angeklagte die Artikel zuvor gekannt hat, und gewußt, welche Wirkung sie auf die Klasse, an die sie gerichtet waren. haben konnten. Das Gericht hat jeden Artikel seinem ganzen Inhalt nach ge prüft. Weiter hatte es den Zusammenhang der Artikel und die große Verbreitung durch die„Volkszeitung" sowie auch wie der Inhalt aufgefaßt werden würde, zu beachten. Die geführte Sprache ist dem Angeklagten bekannt, er ist selbst aus dem Arbeiterstande hervorgegangen: aber auch dem Gericht ist sie aus der Praxis im Gerichtssaale bekannt. Er hat die auf- reizende Sprache geführt in einer bewegten Zeit, in Zeiten der erbittertsten Kämpfe diese Artikel veröffentlicht. In den von diesen Artikeln bedrohten Kreisen mußten sie Beunruhigung hervorrufen. Es ist nicht nötig, daß Gewalt angewendet wird, es genügt, wenn dazu geneigt gemacht wird, um den Tatbestand des§ 130 zu erfüllen. Der Vorsitzende verwahrt sich dagegen, daß dem Gericht ent- gegengehalten werde, es hätte die Verurteilung auf die aus dem Zusammenhang gerissenen Sätze hin eintreten lassen, wenn er jetzt dazu übergehe, nur einzelne Stellen aus den Artikeln anzuführen. I» dem Artikel Die preußische Thronrede heißt es, daß sich das Proletariat diesen infamen Streich nicht ruhig gefallen lassen werde. Die Wahnidee, als könne unter dem System noch einnial gewählt werden, muß den Machthabenden ausgetrieben werden, koste es was es wolle. In dem Artikel Und Deutschland? wird die WahlrechtSftage be- handelt. Darin heißt es, daß daS Faß zum Ueberlaufen voll ist. In Verbindung damit wird gezeigt, wie sich das russische Proletariat Rechte erkämpft und daß es ohne Kämpfe hier in Deutschland auch nicht abgehen wird. Hier sei, nieinte der Vorsitzende, der direkte Hinweis auf die russische Revolution und von einer langsamen Ent- Wickelung keine Rede. In dem Artikel Wahlrechtsverschärfung laute die Parole vor- tvärts I Blut sei auch heute noch ein besonderer Saft, wer Blut säe, werde Blut ernten. Noch sei es Zeit für die Machthaber, aber spät sei eS, die elfte Stunde. Hier sei direkt Klasse gegen Klaffe aufgereizt. Es sei der einzige Artikel, worin der Hmweis aus die russische Revolution fehle. In dem vierten, dem mit Weihnachten Lberschriebenen Artikel heißt es: Revolution auf Erden und allen Unterdrückten ein Wohl» gefallen. Und ihre Sorge wird es sein, daß der Sturm nicht eher aufhören wird zu brausen, bis alle Klassengegensätze mit der Wurzel ausgerottet sind usw. In dem sünsten Artikel endlich: Groß im Kleinen wird aus der Art der Behandlung der russischen Revolution die Aufreizung gefunden und besonders in den Sätzen: Lenken die Machthaber hier nicht bald ein, wird es kommen wie in Rußland. Darum seid bereit I In diesen: Artikel erachtet das Gericht subjektiv wie objektiv die Anreizung zu Gewalttätigkeiten enthalten. Durch den gelinden Druck der Straße, durch Gewaltakte sollten die Forderungen durchgesetzt werden. Damit entfalle auch die Verteidigung des Angeklagten, daß eS sich nur um einen Geistes- kämpf handele. Was den Artikel Witte in Sachsen anlange, so habe da« Gericht keine prozessualen Bedenken getragen, ihn in die Ver- urteilung mit einzubeziehen. Die Spruchkammer ist an daS durch die Eröffnungskammer Aufgenommene durchaus nicht ge- bunden. Sie kann neues Material einbeziehen, wie sie solches aus dem Eröffnungsbeschluß auch ausscheiden kann. Sie kann die von der Eröffnungskammer angenommene Einheit der Handlungen in eine Mehrheit zerlegen, wie sie auch umgekehrt verfahren kann. Im vorliegenden Falle hat daS Gericht mehrere selbständige Handlungen angenommen, iveil die Artikel über eine längere Zeit hin verschiedene Materien behandeln. In dem Artikel„Witte in Sachsen" hat das Gericht den Tat- bestand der Aufreizung nicht erblickt, auch ist die Ständekammer als keine Bevölkerungsklaffe zu betrachten. Die Verurteilung erfolgte nur wegen der Beleidiguug aus§ 18S. Der Artikel beleidigt, ver- höhnt und beschimpft die Kammer in der gemeinsten Art. Bei der Stratausmessung mußte die besonders große Gefahr berücksichtigt werden, sowie die große Verbreitung der Artikel; bei der Beleidigung die Zahl der früheren Strafen. Was zir seinen, des Angeklagten, Gunsten gesagt werden könnte, sei nur, d a ß e s durch die Aufreizung zu keinen Gewalttätigkeiten gekommen sei, der§ 130 sage aber auch, daß es zur Erfüllung seines Tatbestandes dazu auch nicht zu kommen brauche. Für jeden einzelnen der fünf Artikel habe daS Gericht sechs Rkonate, für die Beleidigung fünf Monate Gefängnis ausgeworfen und diese dann zu der an- gegebenen Gesamtstrafe von einem Jahre und neun Monaten Ge- fängnis zusammengezogen." ** Diese Begründung zeigt in noch klarerer Weise, als schon die Verhandlung und die Tatsache der Verurteilung eS vermochten, daß Geitvffe H e i n i g verurteilt ist, weil die„Leipziger Volkszeitnng" die Interessen der Arbeiterklasse wahrgenommen hat. Er ist ver- urteilt, weil die Artikel auch nach Ansicht des verurteilenden Gerichts für das Recht des Volks und gegen die Vorrechte der herrschenden Klasse lebhaft eintraten, hierdurch aber bei dieser Klasse„eine Be- unruhigung ihrer durch die Rechtsverhältnisse gesicherten Existenz hervorgerufen" wurde. Diese Urteilsbegründung entspricht zweifellos der subjektiven Ueberzeugung des Richters. Sie gibt desto klarer zuerkennen: der Angeklagte ist verurteilt, weil er alspoli- tischer Gegner der Bevorrechteten ausgetreten ist. Die Be- gründung mag freilich dem gerecht erscheinen, der annimmt. Auf- gäbe der Gerichts sei es, dem Rachegefnhl der herrschenden Klasse und nicht den, Rechtsgefühl des Volkes Ausdruck zu geben. Das Gericht hätte seine Begründung viel einfacher gestalten können. Im Jahre 1389 erklärte die Landespolizeibehörde zu Lörrach. Offenburg, Freiburg: „Die Sozialdemokraten verlangen eine Sozialreform auf gesetzlichem Wege, welche eine vernünftige und gerechte Verteilung der menschlichen Arbeitsprodukte an diejenigen ermöglicht, welche durch geistige oder körperliche Arbeit die nützlichen Werte erzeugen", solche Forderung sei aber nur auf dem Wege des gewaltsamen Umsturzes der bestehenden Ordnung möglich weil die jetzigen mächtigen Klassen sich den Eingriff in ihre Rechte nicht gefallen lassen würden. Diese Begründung des Lörracher Polizeiamts hatte den Vorzug der Klarheit vor den„Gründen" des Leipziger Urteils. Diese hätten kurzweg lauten können:„Die„Leipziger Volkszeitung" hat ein- dringlich dargelegt, daß die Arbeiterklasse zu ihrer Befreiung und auf dem Wege zur Befreiung sich das allgemeine, geheime, gleiche Wahl- recht erringen will und wird. Sie hat das mit so überzeugenden Gründen und in so eindringlicher Sprache getan, daß der politische Gegner der Arbeiterklasse„beunruhigt" ist, weil er fühlt, daß die „Leipziger Volkszeituna" recht hat und die politische Knechtung auf die Dauer unmöglich ist. Fühlt sich die herrschende Klasse beunruhigt, so greift s i e zur Gewalt, um den gesetzlich vorgehenden Gegner einzukerkern oder niederzuschlagen— also hat die„Leipziger Volks zeitung" die herrschende Klasse zur Geloalt aufgereizt." Das Urteil und seine Begründung sind auch ohne den dekorativen Hintergrund, den die staatsanwaltschaftlichen Exerzitien bereiteten, geeignet. Taufende heute noch der sozialdemokratischen Idee Fern- stehender zur Empörung gegen die Zustände zu treiben, die ein solches Urteil zu zeittgen in der Lage ist. )Ziis Induftric und Handel. Besitz kein Verdienst! Daß ein ehrwürdiger Bart nicht vor tückischen, boshaften An- würfen schützt, hat Graf Posadowsky schon sattsam erfahren. Be- sonders seine Aeußerung, daß der Besitz mehr eine angenehme Tat- fache, aber meist kein Verdienst sei, hat in den Kreisen der— Liebesgabenempfänger bös verschnupft. In der Scharfmacher- und in der Junkerpresse wird Posa jetzt heruntergeputzt wie ein Schul- bube, was allerdings nicht hindert, daß die in diesem Kampf Ver- einten sonst sich gegenseitig Liebesgabenjägerei vorwerfen. Wie leicht tatsächlich diese Riesensummen erworben werden, dafür bietet der Verkauf der»Hercyuia" wieder mal ein interessantes Musterbei- spiel. Am 30. Dezember vorigen Jahres notierten die Kuxe der Gewerkschaft 22 500 Mark. Der Staat bot am 15. Januar dieses Jahres eine Kaufsumme von 30 000 000 Mark. Das bedeutet für die Papicrinhaber einen Kapital gewinn von 71500000 Mark. Was haben die Papier- arbeiter dafür geleistet? Nichts! Einige Leute, die auch nicht das allerentfernteste Recht an dem Erträgnis deS Unternehmens reklamieren können,„verdienten" ohne das geringste Verdienst große Vermögen. Von irgend einer Seite war einzelnen Personen von der Absicht der Regierung etwas zugeblasen worden, sie brachten Kuxe der„Hercyuia" an sich und hatten binnen wenigen Tagen 5—6000 M. pro Stück„verdient". So gewannen einzelne Leute im Handumdrehen Summen, die der fleißigste Arbeiter bei mühevollster Schufterei in seinem ganzen Leben nicht verdienen kann. Ja Besitz ist eine angenehme Sache— und die Hetze der verdienstlose» Be- sitzenden gegen die Besitzlosen ist daS Widerwärtigste, Roheste und Ungerechteste, was es nur geben kann. Der Sturz deS— Engels. Daß der Konflikt im Bergbaulichen Verein, der jetzt äußerlich durch die Suspendierung des BergnicisterS Engel aktuell geworden ist, mit Streitfragen im Kohlcnsyndikat in Verbindung steht, scheint uns nachfolgende Meldung der„Essener VolkSztg." zu bestätigen:„Der Ausbruch des Konflikts liegt ichon einige Wochen zurück. Hervorgerufen wurde er durch MeinuugS- Verschiedenheiten, die zunächst zwischen Geh. Rat Krabler und Berg- meister Engel eingetreten ivaren, die äußerlich durch die Zugehörig- keit des Herrn zum Vorstand begründet wurden. Geh. Rat Krabler war ilt seinem Briefwechsel in eine Tonart verfallen, wie sie unter Gleichberechtigten nicht üblich ist. Als Engel in derselben zu- gespitzten Form antwortete, kam es zu erregten Auseinander- setzungen innerhalb deS Vorstandes des Bergbaulichen Vereins, wobei sich zwei scharf abgegrenzte Gruppen bildeten. Als der An- trag wegen Amtsentsetzung zur Abstinnnung gebracht wurde, erklärte sich die von Geh. Rat Krabler beeinflußte über- scharfmacherische Gruppe mit elf Stimmen dafür, während die aus geschäftlichen Erwägungen versöhnlicher gestimmte Interessengemeinschaft der Herren Thyssen, Stinnes � und Funcke mit 3 Stinimen in der Minderheit blieb. Wie hart die Ge- mittel bei diesen Auseinandersetznilgen aufeinandergeplatzt sind, läßt sich daraus ermessen, daß die Minderheit mit ihrein Austritt rniS dem Bergbaulichen Verein gedroht hat bezw. die Mehrheit für die entstehenden Unkosten partiell haftbar gemacht wissen wollte. Berg- meister Engel hat zur Sicherung seiner kontraktlich festgelegten finanziellen Rechte den Klageweg beschritten. Er verlangt die Aus- zahlnng seines Gehaltes für eine fünfzehnjährige Dauer; man Ipricht von einem Gesamtsümmchen in der Höhe von etwa 500 000 Mark. Die Ironie des Schicksals hat es gewollt, daß gerade Geh. Rat Krabler es war, der vor Jahresfrist gelegentlich des Berg- arbeiterausstandes, als Bergmeister Engel seine gefährdete Stellung im öffentlichen Leben, insbesondere die Unmöglichkeit geltend machte, jemals wieder in den Staatsdienst zurücktreten zu können, dessen Aufnahme in den Vorstand und die finanzielle Sicherung veranlaßte." Nach diesen Auslassungen ist Herr Engel einem vorbeleiteten Stoß erlegen. Thyssen, Stmnes und Funcke sind die Persönlich- leiten, welche sich mit den von ihnen kontrollierten Unternehmen bereits vollständig auf das Auseinanderfallen des Kohlensyndikats eingerichtet haben. Eine Ironie des Schicksals ist es auch, daß Bergmeister Engel, der mehr das treibende als das getriebene scharfmacherische Element war, nun selbst den Herrn im Hanse- Standpunkt der Kohlenkönige unliebsam zu kosten bekommt. Es entbehrtauch nicht eines pikanten Beigeschmacks, wenn man jetzt erfährt, daß Herr Engel, der beim letzten Bergarbeiterstreik furchtbar wider die Sünden der Begehrlichkeit bei der Arbeiterschaft wetterte und tobte, für solche Arbeit jährlich zirka 35 000 Mark erzielte. Das Scharfmachen ist doch lohnender als das Kohlengraben. Riesengewinn! Am Mittwoch stiegen die Aktien des Hörder Bergwerks- und Hüttenvereins an der Börse um L'/e Proz. Es ver- lautete, daß das erste Semester einen Betriebsüberschuß von 3 321 000 M. ergeben hätte gegen rund 2 400 000 M. im Vorjahre. Demnach wäre der Gewinn gegen die gleiche Zeit des Vorjahres um fast 40 Proz. gestiegen, und der im letzten halben Jahre pro Kopf der beschäftigten Arbeiter erzielte Betriebsgewinn beläuft sich auf rund 400 M. In den Halb- jähren i902/03 und 1903/04 beliefen sich die Löhne der Arbeiter auf 041 resp. 005 M. Ob die Arbeiterlöhne nun auch um 40 Proz. steigen??? Divideudensegen. Die Adler-Fahrradwerke in Frankfurt a./M. verteilen„nur" 20 Prozent Dividende gegen 16 Prozent im Vor- jähre. 14 Prozent Dividende, gegen 6 Prozent im vorigen Jahre schütten die Bremer Linoleumwerke auS. Die Maschincnsabrik Gritzner bringt 14 Prozent Dividende zur Verteilung, im Vorjahre 12 Prozent. Der Aplebecker Bergbauverein, der im vorigen Jahre 3 Prozent Dividende erbrachte, wird jetzt 10 Prozent verteilen. Von 22 auf 25 Prozent steigt die Dividende der Alphaltfabrik Aktien- gesellschaft, 30 Prozent, gegen 10 Prozent im Lorjahre, schüttet die Akttengesellschaft Schönhauserallee aus. Im Schweiße— anderer Leute! Das Steigen der Aktien der amerikanischen Kupfergesellschaflen soll dem Montanaer„Kupferkönig" F. Augustus Heinze einen Gewinn von 5 000 000 Pfund Sterling gebracht haben. Dafür will er sich denn auch jetzt verheiraten und er findet eine lachende Braut. Frachtwagen für Automobils. Die Beförderung von Automobils stellt an die amerikanischen Bahnen solche Anforderungen, daß die Pennsylvania die erste ist. welche für den Zweck den Bau"besonderer Frachtwagen angeordnet hat. Bon der schweizerischen Seideniudustrie. Die Zürcherische Seiden- industrie-Gesellschaft veröffentlicht soeben die Ergebnisse der von ihr im Jahre 1904 vorgenommenen Erhebung über den Stand dieser Industrie. Danach ist die Zahl der Handwebstühle von 30 393 im Jahre 1881 zurückgegangen auf 13 041 in 1904, also um weit mehr als die Hälfte. Die Zahl der Heimarbeiter betrug 1897 26 800, 1904 noch 19 000. Die mechanischen Webstühle haben von 3151 in 1881 eine Vermehrung erfahren auf 14 915 in 1904. Die Zahl der Arbeiter und Angestellten in den mechanischen Seidenwebereien betrug 1885 5563, 1904 17 619. Eine sehr interessante Illustration zur Jnternationalität des Kapitals liefert die Talsache, daß Züricher Seidenfabrikanten im Jahre 1904 im Auslände 11 253(1900: 8563) mechanische Webstühle beschäftigten und zwar 5172 in Deutsch- land, 1788 in Frankreich, 1389 in Italien, 2904 in den Vereinigten Staaten. Ein Vergleich der gesamten Seidenwebstühle der Schweiz init anderen Ländern, in denen die Seidenstoffweberei betrieben wird, ergibt folgende Uebersicht. Es wurden gezählt: Handstühle Mechanische Frankreich.... zirka 35000 38000 Rußland.....„ 20 000 30 000 Schweiz..... ,,13 000 15 000 Italien.....„ 9 000 11000 Deutschland..„ 6 000 16 000 Oesterreich....„ 3 000 8 000 Spanien.....„ 3 000 8 000 England...... 1000 1 500 Ver. Staaten...„— 40 000 Die Ver. Staaten kennen demnach in der Seidenweberei den Handstuhl überhaupt nicht und mit dem mechanischen Stuhle stehen sie an der Spitze aller Länder. Deutschland nimmt den fünften Rang mit den Handstühlen und den dritten Rang mit den mechani- scheu Stühlen ein, es folgt hinter Amerika und Frankreich, gehört also auch auf dem Gebiete der Seidenweberei zu den ersten Industrie- staaten._ Woslerftoud am 14. Februar. 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Die Beerdigung findet heute, Freitag, nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Gethsemane-Kirch. Hofes in Niederschönhausen aus statt. 246/20 Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Borstand. Ol-. Limmei, Spezialarzl siir 29/14* Haut* and llaruleldon. 10— 2,5—7 Sonntags 10—12,2— 4 Freie Pereimgllug der Maurer DeuWIilllds. Ortsverein Berlin. Am Dienstag, den 14. Februar, verstarb unser Mitglied Julius Preß. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 17. d. M., nach. mittags ä1!. Uhr, vom Augusta Hospital, Scharnhorslstratze, aus statt. 123/5 Um rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Statt besonderer Meldung. Dienstag, den l3. d. Mts., ent> Ichlies sonst nach längerem Leiden unser guter Vater, Großvater, Schwiegervater, Bruder, Onkel und Freund Max Herbig im 74. Lebensjahr. Die trauernden Hinterbliebenen. Königsberg i. Pr. Aotomobilfahrer! Jedermann wird unt. fachmännischer Leitung schnellstens zu erstklassigem Chauffeur ausgebildet. Prospekte frei. 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Steiner, Köpenicker- straße 33; von Einfetzern vom Bau Gerhardt in Halensee, Schweidnitzerstr. 6 und 7, und Bau Krämer, Crossenerstr. 27 und Tischlern von EberS Möbel- tischleret. Mantcuffelstraße 22, und von Parkettbodenlegern vom Bau Schoffow, Giesebrechtstr. 12. Die Ortu Verwaltung. Achtung! Achtung! Stellmacher, Schmiede, Sattler, Lackierer und Metallarbeiter! Die Arbeiter der Firma Dittmann, Waplahrik narkusstraße öS befinden sich im Streik. Zuzug ist fernzuhalten! via 0et»vaei»altungcn. Frau zum MUchauStragen Sama- riterftraße 36._ flZO Unterrock-, Säumchen-Arb etterin. Krüger, Lausitzerstraße 33._ f? 100 Mamsell» auf Paletots, Futter- röcke, Sportröcke, in und außen» Hause, verlangt Aichert, Rhinomer- straße 12, Ecke Glcimstratze._ 155* Arbeiterinnen aus DamensaccoS, Klaing, Dunckerstraße 83. 154* Im Ardeitsmartt durch besonderen Druck hervorgrhodene A«teiseu kosten 4« Pf. pr» Zeile. Jnngbier-Fahrer. Besondere Gelegenheit ist Jungbier- sahrern gebotens, einen Jnngbier- Verkauf zu erwerben n. gleichzeitig in einer Brauerei Stellung al« Jungbier- kutscher zu bclommen. Etwa» Kund- schast muß vorhanden sein. Angebote unter W. R. Postamt 16. 287/3 Achtung!" Achtung? Zauhandmerker! Seit Donnerstag, den 1. d. Mts.. befinden fich die Fliesenleger de» MaurcrverbandeS in einer Lohn- bewegung. 137/17 Sämtliche Bauten folgender Firmen find gesperrt: R. Schäffer. Warnebold u. Raffe. Schmalifch«. Below, Fromm u. HanuS. Karsch. Lehmann, A. Pick. Gohlke. Rosenfeld. Ende. Billcroy u. Boch. O. RebolofSkY. Perino u. Co., Gebr. Bogel. FInsng tat fcrnzahaltcn! Wir ersuchen die Bauhandwerker um strenge Beachtung obiger Sperr- n»ttz, Die Firmen: F. Keller. F. Pflüger. M. Zander, I. Döscher. Bilöki, H. Schaffran, Kublaiik. Körner. Wolf. Werber. Ramtn haben unsere Forderungen unterschristltch anerkannt. Die bei diesen Firmen arbeitenden Fliesenleger müssen sich durch eine gelbe Arbeitskarte ausweisen. Zentralverhaud der Maurer. Für die Streikleitung: I. A.: Felix Breiahe. Verantwortlicher Redakteur; KanS Weber, Berlin. Für Hey Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Nr. 89. 28. Jahrgang. 1. KW lies.AmSck" ßrtlinrt KIMotl Freitag, 16. Febrnar 1906. Die Revolution in Rntzland. Neue Bluttaten Väterchens und seiner adelige« Helfershelfer. Während der Oberhenker Orlow, unterstützt von der rigaischen Stadtverwaltung, die jetzt schon seit einigen Wochen über das Wohl der Einwohner in geheimen Sitzungen beschließt, die „Pazifoieniiig" Rigas besorgt, durchstreiften seine Horden in den letzten Tagen noch einmal das Land, überall blutige Spnren nach- lassend. So Überstelen nach der„Jauna Dernas Lopa" die Dragoner unter Leitung der adeligen Kreischefs am 2. Februar zum zweiten- mal die Genieinden Zarnikau, Remberg und Alvern. In Farnikau »vurde der Kutscher D. unter scheußlichen Quälereien daraufhin aus- geforscht, wer im Monat Dezember den Weinkeller der ört- lichen Barone geplündert hätte. O. wußte von der ganzen Sache nichts, konnte daher auch keine„Mitschuldigen" angeben, dennoch bekam er fünfzig Schläge. Außer an O. wurde die Körperstrafe noch an a ch t anderen Personen vollstreckt, von welchen eine jede 50 bis 200 Schläge bekam. Die Zeitung fügt hinzu, daß die Bewohner der Umgegend noch einige Stunden später das Gestöhne der Unglücklichen gehört haben. In derselben Zeit besuchte das Militär zum zweilenmal das Gut S t a h m e r n sLivland) und befahl der örtlichen Gemeinde- Verwaltung unter Androhung von Todesstrafe den Buschwächter P. zu verhaften. P. wurde nach Walk gebracht und hier mit vier anderen erschossen. Drei wurden zu Tode geprügelt. In Alt- Schwan enburg sind im ganzen 32 P e r j o n e n, in Tinse 11 erschossen worden, einige wurden blutig geschlagen. Ueberall werden die Exekutionen nach vorher zusammengestellten Listen vorgenommen. Zum Beweise dafür, daß dieie Arbeit von den örtlichen Gutsbesitzern besorgt wird, soll der Umstand dienen, daß vorläufig die nieisten Exekutionen auf den Privatgütern vollstreckt worden sind.— Nach langer Zeit haben die örtlichen Barone wieder gute Gelegenheit, auf Rechnung der Revolutionäre sich an ihre persönlichen Feinde zu machen. So überfiel nach dem russischen Blatte„Russj" Graf Pahlen-Hofzum berge den Bauernhof der eigenen Gemeinde Runge und legte eigenhändig an demselben das Feuer an/ Der Wirt dieses Gesindes führt im Namen der Gemeinde seit Jahren einen Prozeß mit Graf Pohlen, der von seinen Arendatoren verlangt, sie sollen ihm die Zahlungen in Gold leisten. Die Sache befindet sich im Senate. Jetzt werden aber die Bauern die Lust verloren haben, mit dem Gutsherrn lveitere Prozesse zu führen. Am 6. Febrnar wurde in Groß-Gabrun der lettische Volksdichter I. Deewakczin erschossen. Ueder- Haupt befinden sich unter den in allerletzter Zeit Erschossenen nicht weniger als zehn Volksschullehrer. Die Regierung versucht mit allen Mitteln wenigstens die„Treue" des Militärs sich zu erkaufen. Alle nach den Oftseeprovinzen zur „Beruhigung" des Land- und Städtcproletariats geschickten Offiziere bekommen einen vicrmonatlichcn Extrasold vorausbezahlt. Die Sol- baten bekommen jetzt doppelten Sold und größere Fleischportionen. außerdem ist noch kein einziger Fall bekannt, wo die auf den Land- chausseen erschossenen„Revolutionäre" nicht zuerst oder nachher von den Dragonern beraubt worden wären. Der Regierung kommt auch in dieser Beziehung der örtliche Adel zu Hülfe. So wurden von den Ritterschaftsdamen in Dorpat und auf vielen Gütern Kur Livlands zu Weihnachten Chri st bäume für die Dragoner gebrannt. In Mit au vertauschten die Dragoner ihre wollene Leibwäsche, die sie von den adeligen Christkindern bekommen hatten, nachher gegen Branntwein. DaS icheußlichste hat sich aber der kurländische Gouverneur K n j a s e f f erlaubt. Nach der Schlacht bei Tuckum wurden die Leichen der gefallenen Dragoner nach Mitau gebracht. Der Henker >mjaseff, der zusammen mit den Baronen O. und E. Grothuß jetzt über das Leben der kurländischen Baueni entscheidet, zeigte die Leichen. deuen Ohren und Nasen abgeschnitten worden waren. dem versammelten Militär und wollte auf diese originelle und zu- gleich bestialische Art den Haß der russischen Soldaten gegen die Letten steigern. Nachher gelang es dem sozialdemokratischen Komitee durch Stachfragen unter den in Tuckum stationierten Infanteristen festzustellen, daß alle Leichen unverstümmelt verladen worden sind. Das find die Mittel, deren sich russische Regierungsbestien in den Ostseeprovinzen bedienen. Reichstagsabgeordneter v. Maitz an sollte doch das Material genauer sichten, mit dem er gegen die rusfische Revolution im Reichstage zu Felde zieht. Die Ursache der Greueltaten im Kaukasus. Da die Greueltaten im Kaukasus trotz der ununterbrochenen Truppensendungen noch immer nicht aufhören wollen, so bildete sich kürzlich ein armenisch-tatarisches Koniitee, das sich zur Aufgabe ge- stellt hat, die Ursachen der fortgesetzten Greueltaten festzustellen. Schon nach kurzer Beratung ist dieses armenisch-tatarische Komitee auf Grund des ihm vorliegenden reichen Materials zu nachfolgendem äußerst bemerkenswerten Schluß gekommen: Die armenisch tatarischen Ztoistigkeiten im KaukastiS sind hervorgerufen und werden unterstützt durch die Regierungsprovokation, die eine gegen revolutionäre Bewegung der un« to i s s e n d e n Masse bezweckt. Diese Zwistigkeiten vergrößern sich durch den Kampf um die ökonomische Herrschaft der Bourgeoisie beider Nationen, durch die Befürchtungen der Becks und der Gutsbesitzer derselben Nasionen um ihre Privilegien und die Herrschast, soivie durch die engnationalistischen Tendenzen eines Teiles der Ortsintelligcnz. Da die sogenannten Friedenskommissionen, die keine ernste Stütze im Volke haben, und die eingeführte Form der Selbstverteidigung der Nationalitäten gänzlich verfehlt sind, so schlägt das arnienisch-tatarische Komitee vor: die Organisation des Bauerntums und der arbeitenden Massen, die Schaffung einer inter- nationalen Miliz, sowie eine Organisation gemischter demokratischer Verwaltungen durchzuführen, wodurch der ganze Kaukasus beruhigt toerden könnte. Furcht vor neue» Waffenlaiidnngen. DaS russische Marineministerium entsendet demnächst nach Kinn- land eine speziell ausgerüstete Scheeren expedit.ion. Letztere soll in erster Linie eine genaue Untersuchung der finnländischen Scheeren vornehmen, worauf neue Karten und Pläne herausgegeben toerden. Riga, 14. Februar. Heute vormittag drangen einige Leute in oie Wohnung einer jüdischen Witwe ein und knebelten deren Dienerin. Hierauf ermordeten sie die Witwe, plünderten die Wohnung und brachten sich dann in Sicherheit. Heimarbeit-Rnsstellttng. Holzindustrie. Der Deutsche Holzardeiterverbaird hat sich durch eine Anzahl von Erzeugnissen verschiedener Zweige der Holzindustrie, soweit sie Heimarbeit ist, an der Ausstellung beteiligt. Eine von dem gc- nannten Verbände herausgegebene kleine Schrift:„Bilder aus der Heimarbeit in der H o l z i n d u st r i e" gibt manche wertvollen Ausschlüsse über die Produltionsmethode und die Lage der Arbeiter in den betreffenden BKuftzzweigen. Es sind einige Gewcrbszweige dabei, die nicht gerade Holz, oder doch nicht nur Holz verarbeiten, deren Arbeiter aber zum Organisationsgebiet des Holzarbeiterverbandes gehören und deshalb hier eingereiht sind. Spielwaren aus Holz werden im sächsischen Erzgebirge an- gefertigt. Es handelt sich hier um andere Arsikel wie die im Mcininger Oberland erzeugten Spielwaren, die in Nr. 20 des „Vorwärts" besprochen wurden. Das Elend der erzgebirgischen Spielwarcnmacher ist aber genau so trostlos, wie die Verhältnisse der Heimarbeiter des Meininger Oberlandes. In Eppendorf und einigen anderen Orten werden Puppen. möbcl, Puppenstuben, Festungen und dergleichen angefertigt. In diesem Spezialzweige ist die Produktion zum Teil Heim-, zum Teil Fabrikarbeit. Durch Maschinen wird das Holz soweit bearbeitet, daß nur noch die einzelnen Teile zusammengesetzt werden brauchen. Das Zusammensetzen wird zum großen Teil in der Heimarbeit ver- richtet. Die Fabrikarbeiter nehmen die Teile mit nach Hause. Dort nageln und leimen Frau und Kinder die Sachen zusammen, auch der Mann hilft nach Schluß der Fabrik, abends und Sonntags, bei dieser Arbeit.. In Seiffen, Heidelberg, Steinhübel, Ein- s i e d c l und den umliegenden Dörfern werden Artikel erzeugt, die ganz oder teilweise Drechslerarbeiten sind. Hier herrscht ausschließlich Heimarbeit, für die der Arbeiter sämtliches Material selbst zu be- schaffen hat. Die fertigen Sachen verkauft der Heimarbeiter, natürlich zu unglaublich niedrigen Preisen, an den Verleger, der es sich wohl zunutze zu machen weiß, daß der Hunger den Spielwarenmacher zwingt, seine Erzeugnisse um jeden Preis loszuschlagen. Diese armen Hungerleider, deren ganze Existenz in der Hand eines Kauf- manncs liegt, gelten den Behörden gegenüber als selbständige Hand- werker. Sie halten sich auch wohl selbst für solche, wenigstens die Angehörigen eines Spezialzweiges, die Reifendreher, die zur Zeit, als der Holzarbeiterverband seine Erhebungen vornahm, gerade daran waren, eine— Zloangsinnung zu gründen. Wenn die Reisen. dreher sich als selbständige Handwerksmeister fühlen, so mag das darin seinen Grund haben, daß sie nicht urnuittelbar für den Verleger arbeiten, sondern ein Halbfabrikat herstellen, welches sie an andere Heimarbeiter verkaufen, die daraus fertige Ware produzieren. So ein'Reifendreher mietet nämlich in einer Fabrik eine durch Dampf getriebene Drehbank. Da dreht er aus selbstgekauftem Holz Reifen. Der Heimarbeiter verarbeitet diese Reifen in der Art, daß er sie in Stücke spaltet, genau so, wie man einen Napfkuchen in Stücke schneidet. Je nach der Form, die der Dreher dem Reifen gab, zeigen die abgespaltenen Stücke die Umrisse bald dieses, bald jenes Tieres, die nun vom Heimarbeiter fertiggestellt und dann oft auf stundenlangen Wegen zum Verleger geschleppt werden, der den ihm gut dünkenden Preis dafür zahlt.— Bei der Herstellung dieser Artikel ist ohne Ausnahme die ganze Familie beschäfsigt. Selbst Kinder bis zu vier Jahren herab müssen mithelfen. So wird Tag für Tag in 16-, 18-, 20stündiger Arbeitszeit geschuftet, und selbst der Sonntag ist selten ein Ruhetag.— Hinsichtlich der Arbeitszeit stehen die Neifenmacher wohl ein wenig besser da. Die gemietete Dampfkraft wird ihnen nur 11 bis 12 Stunden täglich geliefert, je- doch besorgen sie die Vorrichtung des Holzes vor oder nach der Arbeitszeit, so daß der Arbeitstag immer noch übermäßig lang ist Wie die ausgestellten Artikel zeigen, verdienen die erzgebirgischen Spielwarcnmacher Stundenlöhne von 2 bis 4 Pf. Dabei ist jedoch nur die Arbeit der vollbeschäftigten Personen, aber nicht die der kleinsten Kinder, welche nicht anhaltend arbeiten, mitgerechnet. Eine Familie, bestehend aus Mann, Frau und drei großen sowie ein bis zwei kleinen Kindern kann demnach in einem 16stündigen Arbeitstage 1,60 bis 3,20 M. verdienen. Selten werden höhere, oft aber noch geringere Löhne erzielt. Daß unter solchen Umständen die Lebenshaltung der Arbeiter eine geradezu elende ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Kartoffeln und LeinÄ bilden die Hauptnahrung. Berücksichsigen wir dazu noch die miserablen Wohnungsverhältnisse, wo Werkstatt, Wohn- und Schlafstube meist ein und derselbe Raum ist, so haben wir eine ungefähre Vorstellung von dem trostlosen Fammerdasein der erzgebirgischen Spielwaren- arbeiter. Musikinstrumente werden im sächsischen Vogtlonde hergestellt. Der Ort K l i n g e n t h a l ist Mittelpunkt für die Fabrikation von Zieh- und Mundharmonikas. Die Arbeit an diesen weit ver- breiteten Volksinstrumenten geschieht nur zum steinen Teil in Fa briken, überwiegend wird sie durch Heimarbeiter angefertigt. Der Produktionsprozeß ist im allgemeinen der, daß die Bestandteile pct Harmonikas von verschiedenen Spezialbranchen der Heimarbeiter angefertigt werden, während in der Fabrik die Instrumente zu- sammengesetzt und verpackt werden. Die in der Hausindustrie der richtete Teilarbeit ist bis ins kleinste gegliedert. Demzufolge ist auch die Frauen- und Kinderarbeit eine sehr ausgedehnte. Das Material, welches der Heimarbeiter verbraucht, hat er selbst zu liefern. Ost kommt es vor, daß er an Lohn kaum so viel erhält, als ihm das Material gekostet hat. Den höchsten Verdienst unter den Harnwnikaarbeitern haben die Stimmer und Richter. Sie ver- dienen in der Woche zu 84 bis 00 Arbeitsstunden 14 bis 18 M. Um diesen Verdienst zu erreichen, muß aber eine Frau oder ein größeres Kind etwa 40 Stunden wöchentlich gewisse Vorarbeiten besorgen. Während hier immerhin noch ein Stundenlohn von 14 Pf. heraus- kommt, sehen wir in anderen Zweigen der Harmonikafabritation, daß männliche Arbeiter Stundenlöhne von 8 bis 10 Pf. und Kinder gar nur 3 bis 4 Pf. erzielen.— Nur wenige Beispiele seien Hier angeführt: Zwei Männer, eine Frau und ein Kind arbeiten ge- meinsam Mi der Herstellung von Mundharmonikas. Sie kommen auf einen gemeinsamen Wochenverdienst von 19 M., der sich auf 102 Arbeitsstunden verteilt.— Das Einschlagen von Stiften in die Stimmplatten und Aufstecken der Stimmfedern auf die Ssifte ist Kinderarbeit. So ein 5lind verdient in 42 Arbeitsstunden 2 bis 2,50 M.— Ein Grifsinacher arbeitet mit seiner Fran zusammen. Beide verdienen gemeinsam 15 M. in der Woche, die für jeden von ihnen 72 Arbeitsstunden hat. Demnach bringt es also das Ehepaar auf einen gemeinsamen Stundenverdienst von 20 Pf. Ebenso traurig wie die Verhältnisse der Harmonilaarbeiter ist die Lage der Arbeiter, welche mit der Herstellung von Saiten. i n st r u m e n t e n, hauptsächlich Geigen, beschäftigt sind. Auch dieser Industriezweig wird im Vogtlande betrieben. Der Hauptort für die Produktion ist M a rk ne>i k i r che n. Tie einzelnen Teile der Geige: Boden, Decke, Hals, Griffbrett usw., werden fast aus- schlichlich in Böhmen hergestellt. Die böhmischen Heimarbeiter stellen diese Dinge zu so niedrigen Löhnen her, daß selbst der be- dürfnislose sächsische Heimarbeiter mit ihnen nicht konkurrieren kann. Das mag zum Teil darin seine Ursache haben, daß die Arbeiter jenseits der zollgeschützten deutschen Reichsgrenze billiger leben können als die in Sachsen. So ist also die Teilarbeit für die Geigenfabrikation nach Schönbach in Böhmen verlegt worden, während die Kleinmeistcr(Heimarbeiter) in Sachsen nur das Zu- sammensctzen der Geigen besorgen, wozu sie die Teile von den böhmischen Heimarbeitern beziehen. Einzelne der sächsischen Geigen. baucr beschästigen Gehülfen und vertreiben ihre Produkte selbst. Die meisten arbeiten dagegen ausschließlich und ohne fremde Hülfe für den Exporteur. Sie verdienen dabei in einer wöchentlichen Arbeits- zeit von 70 bis 80 Stunden 15 bis 18 M. Mittenwald in Bahern ist ebenfalls ein bekannter Pro- duktionsorl für Saiteninstrumenie. Geigen, Cellos, Kontrabässe, Gitarren, Mandolinen und Zithern werden daselbst angefertigt. In Mittenwald sind etwa 300 Heimarbeiter der Instrumenten- industrie beschäftigt. Sie arbeiten ausschließlich für zwei Export- firmen, die die ganze Branche beherrschen. Fast in jedem Hause in Mittentvald findet man Jnstrumentenmacher. Sie gehen früh um 5 oder 6 Uhr, gleich nach dem Gebetläuten, au die Arbeit, die abend-S um 8, oft auch erst um 10 oder 11 Uhr beendet wird. Trotz dieser unmenschlich langen Arbeitszeit verdienen die meisten Geigen- macher nur 1 bis 1,50 M. pro Tag, viele bringen es nur auf einen Tagesverdienst von 70 Pf. Ein Tagesverdienst von 3 bis 4 M. ge- hört zu den seltensten Ausnahmefällen. Die ungemein niedrigen Löhne erklären sich wohl daher, daß die Mittenwalder mit wenigen Ausnahmen nur im Winter als Geigenmacher arbeiten. Im Sommer bewirtschaften sie ihr eigenes kleines Anwesen, oder sie sind als Fremdenführer im Gebirge, als Waldarbeiter, Stein- klopfer usw. tätig.— Aus den entsetzlich niedrigen Löhnen darf man keineswegs schließen, daß es sich nur um die Herstellung minder- wertiger Instrumente handelt. In Mittenwald werden neben ge- ringer Ware auch Instrumente allerbester Qualität hergestellt, Geigen, die sich die Versandfirma mit 100 M. pro Stück bezahlen läßt. Der Arbeiter aber, aus dessen geschickten Händen diese wert- vollen Instrumente hervorgegangen sind, wird auch nur mit Hunger- löhnen abgespeist. Da liegt— um nur ein Beispiel zu erwähnen— in der Ausstellung eine halbfertige Konzertzither. Jeder Kenner sieht, daß dieses Instrument im Ernzolverkauf nicht unter 60 M. zu haben ist. Der Engrospreis ist auf 36 M. angegeben. Das Material— Holz und Saiten— kostet dem Verleger etwa 10 M., an Arbeitslohn zahlt er. 6,50 M. Davon hat aber der Arbeiter noch 50 Pf/ für Material aufzuwenden. Er verdient dabei in der Stunde 16 Pf., während der Verleger an einem Stück 18 bis 20 M.„ver, dien t". Die Hcrrgottschnitzer in Oberammergau. Nicht nur die weit- bekannten Passionsspiele sind in Oberammergau heimisch, sondern auch eine ebenfalls dem religiösen Kult dienende Industrie: Die Schnitzerei von Kruzifixen �ind Heiligenbildern. Der Bertrieb dieser Gegenstände befindet sich in Händen einer Firma, die in der Werkstatt 15 Bildhauer und außerdem 100— 120 Heimarbeiter beschäftigt. Der Bibelspruch:„Wer seinem Arbeiter den Lohn nicht gibt, ist ein Bluthund I" wird ja von dem jedenfalls recht christlichen Unternehmer befolgt, aber wie, das zeigen einzelne ausgestellte Beispiele. Ein reich von Laub umranktcs Kreuz, 70 Zentimeter hoch, wird mit einem Arbeitslohn von 2,50 M. bezahlt. Der Ar- beiter verdient dabei in der Woche zu 72 Stunden 8 M. Einen ebenso niedrigen Verdienst erzielen andere Arbeiter, welche die an solchen Kreuzen anzubringenden Christuskörper schnitzen. Der Durchschnittsverdienst der Herrgottschnitzer wird auf 1,50—3 M. pro Tag angegeben. Der Arbeitstag beginnt aber um 6 Uhr morgens und währt bis 8, ja bis 10 Uhr abends. Die Oberammer- gauer Schnitzereien sind fast durchweg als gute kunstgewerbliche Leistungen zu betrachten. Wenn die dortigen Heimarbeiter nicht eine seit Generationen geübte hervorragende Fertigkeit besäßen, dann könnten sie bei den Ssiicklöhnen, die ihnen der Verleger zahlt, noch nicht einmal den angegebenen niedrigen Verdienst erzielen. Die Korbmachrrci ist als einer der am wenigsten lohnenden Erwerbszweige bekannt. Trotzdem müssen zahlreiche Arbeiter- familicn bei dem kümmerlichen Verdienst, den diese Arbeit bietet, ihr Leben fristen. Aus Berlin sind Korbwaren ausgestellt, zum großen Teil sehr sauber gearbeitete Luxusartikel, die den Arbeitern Stundenlöhne von 24— 27, höchstens 30 Pf. einbrachten. Das ist für Berliner Verhältnisse gewiß recht wenig, und doch erscheinen diese Löhne noch als glänzende gegenüber dem, was die Arbeiter in dem bekannten thüringisch-fränkischen Korbmacher» bezirk verdienen. An den ausgestellten Artikeln aus dieser Gegend sind Stundenlöhne von 8—0 Pf. verzeichnet. Nach Angaben in der erwähnten Broschüre des Holzarbeiterverbandcs bewegen sich die Stundenlöhne für erwachsene männliche Arbeiter zwischen 3 und 12 Pf., während weibliche Arbeitskräfte oft nur 3 bis 4 Pf. ver- dienen. Kein Wunder, daß unter solchen Umständen übermäßig lange gearbeitet wird, 00 bis 100 Stunden in der Woche und noch länger. Im übrigen sind hier die Verhältnisse so, wie in manchen anderen Heimarbeitbezirken: Ein Teil der Arbeiter betreiben ein wenig Landwirtschaft und Viehhaltung, sie sind daher nicht aus- schließlich auf den Ertrag der Korbmacherei angewiesen und spielen gegenüber der großen Zahl derjenigen, die nur von der Korbmacherei leben müssen, dieselbe Rolle wie die Beamtenfrauen und-Töchter in der Konfektion. Es sind schon mehrfach Versuche gemacht worden, die elende Lage der fränkisch-thüringischen Korbmacher ein wenig zu bessern durch genossenschaftlichen Einkauf des Materials. Die Behörden unterstützten auch solche Genossenschaften, aber gc- Holsen hat es den Korbmachern nicht. Die Genossenschaften gaben die Vorteile, die sie durch billigeren Einkauf und durch behördliche Unterstützungen erlangt hatten, wieder preis, indem sie aus Kon- kurrenzgründen billiger als vorher arbeiteten, so daß ihre Lage nicht gebessert, die Lage der außerhalb der Genossenschaften stehenden Arbeiter aber noch verschlechtert wurde, denn deren Löhne gingen natürlich durch die Lohndrückerei der Genossenschaften auch herab. Um das Maß der Ausbeutung dieser armen Heimarbeiter übervoll zu machen, handhaben ihre Ausbeuter ein verschleiertes, aber recht raffiniertes Trucksystem. Das Elend, welches die Korbmacher dieser Gegend von der Wiege bis zum Grabe ohne Unterlaß begleitet, hat sie so abgestumpft, daß sie ihr jammervolles Dasein als etwas Selbstverständliches hinnehmen. Bürstenwarcn sind aus dem Erzgebirge, dem Schwarzwald und Berlin ausgestellt. Der Verdienst in diesem Arbeitszweige ist etwas höher wie in der Korbmacherei, namentlich bei besseren Artikeln, bei den geringsten und billigsten Waren steht der Lohn etwa dem der Korbmacher gleich. Vor allem aber fällt in der Bürstenindustrie auf, daß in Berlin für ganz dieselben Artikel und für die gleiche Arbeit in der Fabrik ein um 50—100 Proz. höherer Lohn bezahlt wird als der Heimarbeiter erhält. In einem Schwarzwaldorte sind die Differenzen zwischen Fabrik- und Heimarbeitslöhnen nicht ganz so groß wie in Berlin. Die Pinselindustrie hat ihren Sitz in Nürnberg. Sie be- schäftigt 600 männliche und 1000 weibliche Arbeitskräfte in Fabriken und 150 Heimarbeiter. In dieser Branche ist die Heimarbeit bc- sonders dadurch gefährlich, daß die Hantierung mit dem Material viel gesundheitsschädlichen Staub entwickelt und die Gefahr der Milzbrandvergiftung mit der Verarbeitung nicht genügend des- infizierten Materials verknüpft ist, Tie Bleistiftindustrie, ebenfalls in Nürnberg heimisch, be- schäftigt Heimarbeiterinnen, Frauen und Kinder, welche die in der Fabrik hergestellten Bleistifte polieren und dutzendweise zusammen- binden. Die Arbeit wird sehr schlecht bezahlt. In der Woche zu 75 Stunden verdient eine Frau&— 6 M. Zigarrenspitzen. In verschiedenen Orten des Thüringer Waldes wird seit langer Zeit die Herstellung von Tabakpfeifen durch Drechsler betrieben. Mit der Verbreitung der Zigarre ist der Be- darf an Pfeifen und somit auch deren Produktion bedeutend zurück- gegangen. Soweit noch Tabakpfeifen hergestellt werden, geschieht eS meist auf maschinellem Wege in der Fabrik. Das Schnitzen von Pfcifenköpfen und Zigarrenspitzen aus Meerschaum ist jedoch noch heute Hausindustrie, die vorwiegend in Ruhla betrieben wird. Eine große Ausdehnung hat die hausindustriclle Produktion von Zigarren- und Zigarettenspitzen aus Holz in neuerer Zeit gc- nommen. Sie wird in verschiedenen Orten betrieben, zum Teil alZ Nebenbeschäftigung kleiner Landleute, zum größten Teil jedoch als Hauptbeschäftigung der heimarbeitenden Drechsler. In der Aus- stellung ist eine reichhaltige Sammlung der verschiedensten Muster von Zigarren- und Zigarettenspitzen aus Winterstein zu sehen. Die beigefügten Angaben über Lohn und Arbeitszeit geben ein Bild betrübender Zustände. Ein männlicher Arbeiter verdient in der 75stündigen Arbeitswoche 12 M.. ein anderer in 84 Stunden gar nur 11 M. In anderen Fällen bringen es zwei Personen zusammen auf 16 M. in 104 Arbeitsstunden, drei Personen, die zusammen arbeiten, verdienen in 125 Stunden 13 M., also hat jeder in der Stunde 10 Pi. Und sc geht es in der ganzen Zigarrenspitzen- industrie. Ueberall dieselben traurigen Verhältnisse, und dabei haben die Arbeiter keineswegs regelmäßige Beschäftigung. Von dem kümmerlichen Verdienst geht auch noch manche Mark verloren für Fahrgeld, das sie ausgeben müssen, um ihre Arbeiten dem Ver- leger abzuliefern. SlumenstSbe werden in Geschwenda in Thüringen her- gestellt. Die Arbeit ist eine sehr einfache, ihr Ertrag der denkbar niedrigste. Sie wird nicht im Auftrage eines Unternehmers, sondern auf eigenes Risiko durch den Arbeiter angefertigt, der Holz kauft, Stäbs und Etiketten daraus schneidet und die Ware dann beim Kaufmann abzusetzen sucht, der oft nicht in Geld, sondern in von ihm feilgehaltenen Materialwaren bezahlt. Eine der betrübcndstcn Erscheinungen ist die, daß bei der Blumenstabherstellung eine weit- gehende Kinderausbeutung betrieben wird. Von seiner eigenen Arbeit kann auch der bedürfnisloseste Arbeiter nicht sein Leben fristen. So wird denn nicht nur die eigene Familie zur Arbeit herangezogen, sondern auch fremde Kinder, die für einen Wochenlohnvon 1 M. 6t§l,5 0M. vor und nach der Schule bis spät abends beim Stäbeschnitzer arbeiten. Solche„Arbeitgeber" beschäftigen 6 bis 12 fremde Kinder, und so ist es ihnen möglich, s.inen nach dortigen Begriffen auskömmlichen Verdienst zu erzielen. Aon der Existenz eines Kinderschutzgesetzes scheint man hier nichts zu wissen.— In der Ausstellung sind Erzeugnisse dieser Industrie vorhanden, die nur von den Mitgliedern einer Familie— zwei Erwachsene und drei Kinder— hergestellt sind. Diese fünf Personen bringen es auf einen gemeinsamen Wochcnverdienst von 7, 8, auch wohl 11— 12 M. Darüber hinaus scheint es ohne Ausbeutung fremder Kinder nicht zu gehen. Perlmutterknöpfe. In Franken Hausen am Kyffhäuser wird die Herstellung von Perlmutterknöpfen betrieben. 15 Unternehmer beschäftigen rund 500 Personen, die zumeist Heimarbeiter sind und das Material— Muschelschalen— vom Unternehmer geliefert bekommen. Eine besondere Werkstatt hat keiner der Heim- arbeiter. Die Arbeit, welche viel gesundheitsschädlichen Staub ent- wickelt, wird in der Wohnstube, der Schlafkammer oder der Küche ausgeführt. Mehrere ausgestellte Photographien gewähren uns einen Einblick in diese trostlosen Stätten der Heimarbeit. Auf einem der Bilder sehen wir, daß die Frau des Knopfmachers unmittelbar neben der Drehbank des Mannes mit Zigarrenmachen be- schäftigt ist. Eine erfreuliche Tatsache wird uns mitgeteilt: Die Perlmutterknopfdreher sind fast alle im Deutschen Holzarbeiter- verband organisiert, sie haben auch im Jahre 1900 einen erfolg- reichen Streik durchgeführt. Trotzdem sind die gegenwärtigen Löhne nicht viel besser als die anderer Heimarbeiter. Nach den in der Ausstellung vorhandenen Angaben bewegen sich die Wochenlöhne bei kvstündiger Arbeitszeit, die anscheinend allgemein innegehalten wird, meist zwischen 12 und 18 M. Die Stücklöhne sind in der Fabrik wie in der Heimarbeit durchweg die gleichen. Gold- und Politurlcisten» wie sie zu Bilderrahmen verwandt werden, stellt der Verband der Vergolder aus. Es sind Erzeugnisse der Berliner Industrie, die nur zum Teil Heimarbeit ist. Die rohen Leisten werden in der Fabrik mittels Maschinen hergestellt. Auch die weitere Bearbeitung— Vergolden, Farbigmachen usw.— geschieht in der Fabrik, doch hat sich für diesen Teil der Produktion in neuerer Zeit die Heimarbeit mehr und mehr ausgebreitet. Die in der Hausindustrie fertiggestellten Leisten sind zwar weniger sorgfältig ausgeführt wie die in der Fabrik vollendeten, aber die durch das Zwischenmeistershstem im Vergolderberufe hervorgerufene Heimarbeit wird trotzdem von den Fabrikanten begünstigt, weil sie erheblich billiger ist als die Fabrik- arbeit. Nach den Feststellungen des Vergolderverbandes werden für die gleichen Muster hei gleicher, nur weniger sauberen Ausführung in der Hausindustrie nur etwa halb so hohe Stücklöhne bezahlt, wie in der Fabrik.— Eine Reihe gesundheitsschädliche Folgen der Leistenbearbeitung machen sich hei der Heimarbeit, weil sie in engen unzureichenden Räumen betrieben wird, in besonders hohem Grade bemerkhar. Wo jede Ventilation fehlt, da atmet der Arbeiter den aufwirhelnden Staub von Bronze aus Blattmetall, die schädlichen Dünste von Oel, Terpentin, Schellack, Spiritus usw. ein und ruiniert seine Gesundheit. Aus diesen Gründen, und weil die Heimarbeit ein fortgesetztes Herabdrücken der Löhne auch für die in der Fabrik beschäftigten Arbeiter zur Folge hat, hekämpft der Vcrgoldcrverband seit Jaljten die Heimarbeit und das Zwischenmeistertum in diesem Berufszweige. Aber die Erfolge, welche in dieser Hinsicht schon erlangt wurden, sind immer wieder zunichte gemacht worden durch die Fabrikanten, die natürlich nur ihr Geschäftsinteresse im Auge haben und daher die Ausbreitung der Heimarbeit in jeder Weise fördern. Tins der Partei. Ultrnmontane Verleumder abgeurteilt. ES ist bekannt, wie nach dein großen Bergarveiterstreik die -ü'rramontane Presse eine tolle Hetze in Szene setzte, die sozial- demokratische Partei habe für die Bergleute bestimmte Streikgelder unrechtmäßigerweise zu audercu Zwecken verwendet. So sollten 20 000 M. Streikgelder nach Rußland gesandt worden sein, 6000 sollten sich die Essener Genossen beiseite geschafft haben usw. Ueber die genannten Punkte ist ja bereits gerichtliche Klarheit geschaffen worden. Blieb noch die Aburteilung der u l t r a in o n t a n e n„ T r e m o n i a". der schlinimstcn Hetzerin übrig, die allem die Krone aufgesetzt hatte durch die Behauptung, die Dortmunder„Arbeiterzeitung" habe sich für Streikgelder eine neue RotatiouSmaschine angeschafft. Das Blatt glaubte sich dadurch dem Strafrichter entziehen zu können, daß es die Behauptung in Frageform aufstellte. Was daS Blatt aber sagen wollte, war deutlich genug. Tatsächlich habe» denn auch andere bürgerliche Blätter, so das Stöckerschr„Reich", die positive Behauptung aufgestellt, die„Arbeiterzeitung" habe sich von den Streikgeldern der Bergleute eine neue Rotations- Maschine aufgestellt. Genosse G e r i s ch, der Verleger der„Arbeiter- zeitung", hat dann gegen die„Tremonia" Klage angestrengt, die am Dienstag vor dem Dortmunder Schöffengericht zur Verhandlung stand. Durch die Beweisaufnahme wurde festgestellt, daß die „Arbeiterzeitung" allerdings eine neue Rotationsmaschine angeschafft hat, die aber schon lange vor dem Streik bestellt worden war und aus den Betriebsmitteln der„Arbeiter- zeitung" bezahlt wird. Kein Pfennig der Streikgelder ist dazu verwandt worden. Die Behauptung der„Tremonia" erwies sich als pure Verleumdung. Rechtsanwalt Dr. Wallach-Essen geißelte in schärffter Weise die frivole Hetzerei des ultramontanen Blattes, dessen Redakteur Dr. Hoffmann aber nicht den Mut besitze, offen die Absicht der Beleidigung zuzugeben. Dr. H o f f m a n n hatte gegen Genossen Gerisch Widerklage angestrengt wegen einer vom Landes- vcrtrauensniann Genossen König herausgegebenen Broschüre. In dieser Broschüre ist auf die Zentrumspresse im allgemeinen das Siglsche Wort angewendet:„Sie lügen wie die Teufel und schwindeln aus Prinzipl" Dadurch soll unglaublicherweise der Genosse Gerisch— den Redakteur Dr. H o f f m a n n von der„Tremonia" beleidigt haben l Selbst- verständlich hat Genosse G e r i s ch mit der Broschüre gar nichts zu tun, kennt sie nicht einmal. Der Vertreter des Beklagten, Rechtsanwalt Wulff, will aber behaupten, Genosse Gerisch habe sie geschrieben. Das Gericht verkündete, daß der Artikel der„Tremonia" eine schwere Beleidigung des Genossen Gerisch dar- stelle, auch die Absicht der Beleidigung gehe aus dem Artikel hervor. Mildernd falle ins Gewicht, daß es sich um einen politischen Kampf handele. Dr. Hoffmann, der Redakteur der „Tremonia" sei deshalb mit 100 Vi. z u b e st r a f e n. Genosse G e r i s ch sei aber von der Widerklage freizusprechen. Die nciigewählten sozialistischen Kirchcnräte in Münch«» sollen-sich mit der Absicht tragen, die Einführung von Kirchensteuern in einzelnen katholischen Pfarrbezirken zu hintertreiben. Wenigstens meldet so ein uns zugegangenes Blatt. Eine solche Handlung würde— wenn sie wirklich beabsichtigt ist— gegen das Parteiprogramm verstoßen. Man mag die Beteiligung an den Kirchenwahlen je nach Auffassung und Temperament als Verstoß gegen die Parteiprinzipien oder als harmlose Schrulle ansehen, von den Gewählten, die sich doch nun einmal als Vertreter der Partei geben, muß man verlangen, daß sie sich den Forderungen des Pro- gramms unterwerfen. Im Programm aber heißt eS: Ausgehend von diesen Grundsätzen fordert die sozialdemo- kratische Partei Deutschlands zunächst:... 6. Erklärung der Religion zur Privatsache. Abschaffung aller Auf- Wendungen aus öffentlichen Mitteln zu kirch- lichenund religiösen Zwecken. Die kirchlichen und religiösen Gemeinschaften sind als private Vereinigungen zu betrachten, welche ihre Angelegenheiten vollkommen selbständig ordnen. Da dieser Grundsatz nicht nur für Reichs- und Landtags- Abgeordnete, nicht nur für Stadtverordnete und Stadträte, sondern kurzweg für jeden Parteigenossen gilt, also auch für Krrchenräte— soweit sie sozialdemokratisch denken und handeln— wird unseren Münchener Kirchenräten nichts übrig bleiben, als für die Ein- f ü h r u n g von Kirchensteuern, d. h. die Aufbringung der Mittel für die Kirchen aus den Reihen der Gläubigen, ein- zutreten und dahin zu wirken, daß die Gemeinden, an deren Spitze sie durch Wahl oder Kuhhandel mit berufen sind, die An- nähme aller öffentlichen Mittel verweigern! Jede Ablehnung oder Verminderung der Kirchensteuer verstieße gegen das Programm._ Totcnliste der Partei. In Königsberg verstarb nach langem Leiden an Herzlähmung unser Parteiveteran MaxHerbig im Alter von 74 Jahren. Ein Mann von echtem Schrot und Korn, bis an sein Lebensende erfüllt von den großen demokratischen Idealen seiner Jugend, hat er alle Zeit für Volksrecht und Volks- freiheit gestritten und auch gelitten. Früh erkannte er, daß ehrliche Durchführung demokratischer Grundsätze nur von der Arbeiter- klasse zu erwarten wäre. Er gründete den Königsberger Arbeiterverein und legte bannt den Keim zur Königsberger Arbeiterbewegung, welcher er sein Leben lang die Treue gehalten hat. Herbig verkörpert in seiner charaktervollen Person ein Stück der Königsberger Parteigeschichte. Ein HochverratSprozeß. Die Wahlrechtsbewegung hat auch in Oesterreich der Arbeiterklasse allerlei Verfolgungen und Chikanen eingetragen. Dieser Tage wurde in Jungbunzlau gegen zwei Redakteure des in Nimburg erscheinenden sozialdemokratischen Blattes „Zachmy Obcanske" wegen Hochverrat verhandelt. Am 11. Dezember war in diesem Blatte ein Artikel:„Die Vorzeichen des Sturmes" und ein Gedicht erschienen, in denen zum Kampfe fiir das Recht des Volkes aufgefordert wird. In diesem Artikel kam das Wort„Barrikade" vor. Der Verantwortliche ersetzte, nachdem das Pflichtexemplar an die Behörde bereits abgegangen war, das Wort„Barrikade" durch„Generalstreik". Gegen die beiden„Verbrecher" war ein hochnotpeinliches Verfahren eingeleitet, sie toaren zwei Monate in Haft gehalten worden und die Verhandlung wurde geheim durchgeführt. Äußer der Frage auf Hochverrat wurde den Geschworenen noch die Eventualfrage aus Versuch der Verleitung zu ungesetzlichen Handlungen gestellt. Die Geschworenen beantworteten beide Fragen einstimmig mit Nein, woraus die Angeklagten freigesprochen und sofort auf freien Fuß gesetzt wurden._ 3u9 der frauenbcwegunci. Eine Täuschung.„Der einzige Verband in Deutschland, welcher Heimarbeiterinnen aufnimmt, ist der christliche Gewerkverein für Heimarbeiterinnen". So£ schrieb am 13. d. Mts. die„Tägliche Rundschau". Zur Belehrung derer, die das bis jetzt übersehen haben, sei hier betont, daß alle freien Gewerkschaften Heimarbeiter und und Heimarbeiterinnen aufnehmen. Eine erkleckliche Zahl der Mit- glieder des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen dürften Heimarbeiter sein; ebenso auch bei den Tabakarbeitern. Der Verband der Wäschearbeiter und Wäschearbeiterinnen hat während des Streiks dieser Arbeiter allein in Berlin gegen 700 Heim- arbeiteriimen gewonnen. Bei den Blumenarbeitern hat sich in letzter Zeit ebenfalls eine beträchtliche Anzahl Blumen-Heimarbeiterinnen zur Mitgliedschaft gemeldet. Die Heimarbeit-AuSstellung beweist eS doch deutlich genug, daß die Gewerkschaften viele Mitglieder unter den Heimarbeiterinnen haben. Wie wäre sonst eine so reichhaltige Beschickung der Aus- slellung möglich? Nirgend ist bei den freien G e w e r k- s ch a f t e n die Uebermittelung der Gegenstände durch Zwischenmeister erfolgt. Es ist demnach eine bewußte oder unbewußte Täuschung, wenn man derartig operiert. Allerdings ist die„Tägliche Rundschau" ja gerade keine' Zeitung, welche in weiten Kreisen der Arbeiterschaft ge- lesen wird, dennoch ist es bei dem nun für die Heimarbeiterinnen erweckten Interesse nötig, diese grobe Unwahrheit richtig zu stellen. Für uns kann es keinesfalls gleichgültig sein, ob die Heim- arbeiterin zur denkenden und handelnden Kämpferin erzogen wird, oder aber zu einer zum Himmel um Hülse flehenden Dulderin, die auch ferner dem geriebensten Ausbeuter ihre Kräfte opfert und den Segen für ihr Opfer vom Himmel erwartet. Wir haben die Gefahr, welche durch die Konkurrenz der Heim- arbeit dem Fabrikarbeiter droht, längst erkannt mid darum werden alle Verbände ihre Werbearbeit unter den Heimarbeiterinnen eifriger wie je fortsetzen, um möglichst viele von ihnen vor der Ver- simpelung durch die— Alleinseligmachenden zu bewahren. Verein für Frauen nnd Mädchen der Arbeiterklasse. Die Führung durch die Meunier-Ausslellung durch Dr. Max Osborn findet am Dienstag, den 20. Februar, abends 8Vs Uhr pünktlich statt. Treff- punkt lvkeunier-Ausstellung, Potsdamerstr. 120. Der Vorstand. Groß-Lichtcrfclde und Umgegend. In der Sitzung am 11. d. M. hielt Dr. Silberstein einen Vortrag über„Schulhygiene". Redner beleuchtete die mancherlei Mängel, die dem heutigen Schulwesen in bezug auf die Gesundheit unserer Jugend anhaften. Der anregende Vorwag wurde von den Anwesenden beifällig aufgenommen. Dis- kussion fehlte. Neun neue Mitglieder traten dem Verein bei. Treptow- Baumschulenwcg. Am Sonntag, den 18. d. M., besichtigen die Mitglieder des hiesigen Frauen- und Mädchen-Bildungs- Vereins gemeinsam die Heimarbeit-Ausstellung. Treffpiuikt pünktlich 3l/g Uhr nachmittags Unter den Linden 38(vor der Ausstellung). Abfahrt von Baumschulenweg 2 Uhr 12 Min. Einlaßkarten a 15 Pß werden dort verausgabt. Zahlreiche Teilnahme wünscht _ Der Vorstand. Gerichts-Zeitung. Von einem praktischen Arzt uud einer Oberwärtcrin im Sicchenhause. Differenzen zwischen der früheren Oberivärtcrin und einem früher im Siechenhause angestellten Arzt beschäftigte gestern das Schöffengericht des Amtsgerichts I unter Vorsitz des Assessors Hell niehrere Stunden hindurch. Die ftühere Oberwärterin Katharina M a g a ß unter Beistand des Rechtsanwalts Dr. Hahn stand als Klägerin dem Assistenzarzt Dr. Manfred Fränkel unter Bei- stand des Rechlonnwalts Leonhard Fried mann gegen- über. Letzterer hatte die Widerklage erhoben. Dr. Fränkel wurde bescknildigt, die Privatklägerin an drei verschiedenen Tagen wörtlich und tätlich beleidigt zu haben, und zwar durch Worte wie:„Sie freches Frauenzimmer, scheren Sie sich hinaus, verlassen Sie die Station, ich werde dafür sorgen, daß Sie hinaus- geschmissen werden, Sie können in das Zuchthaus kommen" usw. und dadurch, daß er sie unter kräftigem Anpacken ihres Armes so hinauSgezerrt haben soll, daß sie blaue Flecken am Arme davon» getragen. Auch der Privatklägerin werden in der Widerklage ver- schiedene Verfehlungen vorgeworfen. So soll sie in bezug auf sich selbst und Herrn Dr. Fr. geäußert haben:„Erst kommt die Hausfrau und dann der Diener", ferner:„Ich bin nicht Ihr Frauenzimmer", suchen Sie sich ein solches auf der Friedrichstraße", sie soll auch das Wort:„Un- Verschämtheit" gebraucht und angedeutet haben, daß Dr. Fr. mit einer Wärterin ein„Verhältnis" habe.— Zlvischen beiden im Siechenhause tätig gewesenen Parteien hat, wie es scheint, offener- Kriegszustand geherrscht. Dr. Fränkel gab die Möglichkeit zu bei Gelegenheit erregter Szenen beleidigende Worte gegen die Ober- Wärterin gebraucht zu haben, schilderte aber seine Erregung als eine berechtigte, da die Klägerin von vornherein versucht habe, ihm durch offene und versteckte Wider- setzlichkeit seinen Dienst zu erschweren. Sie habe sich heraus- genommen, seine im Interesse der Kranken und als Ausfluß seiner ärztlichen Verantwortlichkeit getroffenen Anordnungen zu kritisieren und selbst andere Anordnungen zu treffen zum Schaden der Patienten. Der Angeklagte führte eine Anzahl von Fällen auf, die nach seiner Versicherung seine höchste Empörung hätten herausfordern müssen und die er zum Gegenstande schriftlicher Beschwerden gemacht habe. So behauplete er unter anderem: die Klägerin habe eine Patientin, die ihr geklagt. daß ihr Gipsverband sie drücke, ruhig mehrere Stunden liegen lassen, ehe sie dem Arzte Mittheilung machte, so daß das Bein der Kranken stark angeschwollen war. In einem anderen Falle habe sie einer Patientin, die Morphium bekonrmen sollte, eigenmächtig Chloralhydrat gegeben. Bei einer Pattentin. die an Urin- verHaltung gelitten, habe sie die angeordnete und dringend notwendige Katheter isierung unter- lassen, so daß die Patientin im Fieber vom Arzte aufgefunden worden sei. Nach der über sie erstatteten Beschwerde habe die Ober- Wärterin sich erlaubt, mit ihm nur noch schriftlich zu verkehren. Der unerhörteste Fall sei der gewesen, daß die Klägerin einer Kranken, der sie einen Einlauf von Digitalis geben solljte, statt dessen irrtümlich 93 Proz. Spiritus gegeben und dann verstanden habe, ihren Irrtum in raffiniertester Weise zu verdecken. Die einige Tage darauf verstorbene Patientin habe furchtbar geschrieen, die Oberwärterin habe sich aber gar nicht um die Patientin gekümmert, zu deren gunsten erst eine Intervention anderer Personen nötig gewesen. Dieser Vorsall sei Gegenstand eines gegen die Klägerin anhängig gemachten Verfahr e n s, welches nö ch s ch w e b e. Der Angeklagte trug nochmehrere derartige Fälle vor, die nach seiner Meinung grobe Pflichtwidrigkeiten der Klägerin darstellten und seine Erregung als berechtigt erscheinen lassen sollten.— Die Privatklägerin erklärte alle diese Vor- würfe für unbegründet. Sie habe zehn Jahre im Siechenhause ihres Amtes treu und gewissenhaft gewaltet und erst mit der amt- lichen Tätigkeit des Dr. Fraenkel habe sich ein unleidlicher Zustand herausgebildet. Sie habe die Anordnungen des Dr. Fr. nie anders ausgeführt, als sie sie verstanden habe, und wenn sie ein Ver- sehen begangen haben sollte, was sie bestreite, so sei der Umstand daran schuld, daß die sortgesetzte schroffe Behandlung durch Dr. Fraenkel sie ganz nervös gemacht habe. Dieser habe sie immer angeschrien, daß die Patienten in ihren Betten hochgeflogen seien, er habe sie stets in einem nicht passenden Ton behandelt und auf jede Weise schikaniert. Ihr habe es gänzlich fern gelegen, mit ihm nur noch schriftlich zu verkehren, er habe sie aber direkt dazu aufgefordert. Die sämllichen Behauptungen der Widerklage bestreite sie. Auf Befragen erklärte die Zeugin, daß sie nach regelrechter Aufkündigung ihres Dienstes durch das Kuratorium aus ihrer Stelle geschieden sei.— In der Beweisaufnahme bekundete unter anderem der Oberwärter Schneider: Dr. Fraenkel habe die Klägerin oft angeschrien,„daß die Wände knackten", er habe ihr bei einer Gelegenheit gesagt:„Wenn Sie das nicht'mal behalten können, dann sind Sie nicht fähig, Oberwärterin zu sein, dann kann ich Sie nicht gebrauchen." Es habe oft furchtbare Auftritte gegeben, bei denen die Ober- Wärterin geweint habe. Er, der Zeuge, habe dem Ober- inspektor einmal gesagt:„Wenn Fräulein Magaß noch vier Wochen mit dem Dr. Fränkel zusammen arbeiten muß, so müssen wir sie nach Herzberge bringen." Er habe die Klägerin immer nur als bescheidenes, an- ständiges und tüchtiges Mädchen kennen gelernt. Auch der Ober- inspektor und ein anderer Oberwärter geben der Klägerin ein gutes Zeugnis. Auf der anderen Seite wurde auch dem Dr. Fr. von einer Zeugin das Zeugnis ausgestellt, daß er„ein guter Doktor sei und alle gut behandelt habe", eine andere Zeugin bekundete, daß die Pattentinnen heute noch sagen, Fräulein Magaß habe nicht die Anordnungen des Arztes befolgt. Die Tatsachen der Widerklage konnten in bestimmter Form durch Zeugen nicht bekundet werden.— Auch der leitende Arzt des Siechen- Hauses, Sanitätsrat Dr. Graesfner, wurde vernommen. Er schickte voraus, daß Dr. Fraenkel im Unfrieden aus der An st alt geschieden sei und gesagt habe, er tverde gegen ihn eine Klage bei dem ärzt- lichen Ehrengericht einreichen. Der Zeuge bekundete, daß er selbst und auch die anderen jüngeren Aerzte der Anstalt nie Veranlassung gehabt haben, über Führung und Lei st un gen des Frl. Magatz zu klagen! Dagegen sei ihm vom Dr. Fraenkel eine ungewöhnliche Fülle mündlicher und schriftlicher Beschwerden über sie zugestellt worden. Wenn Fräulein M. die vom Angeklagten be- haupteten Versehen gemacht habe, die natürlich nicht vorkommen dürften, so sei zu ihrer Entschuldigung anzuführen, daß die s y st e- malischen Beschimpfungen und Bedrohungen, denen sie ausgesetzt gewesen, geeignet waren, ihr seelisches Gleichgewicht zu stören. Nachdem die Beweisaufnahme bis hierher gediehen war, regte der Vorsitzende einen Vergleich an, der aber nach längerer Verhandlung scheiterte. Schließlich ergab sich die Notwendigkeit, die Sache zu ver- tagen und noch eine Reihe weiterer Beweise zu erheben. Nach dieser Verhandlung müssen ja im Siechenhause recht er- bauliche Zustünde geherrscht haben. VcreinSrecht und religiöse Vereine. Bekanntlich sieht Z 1 des preußischen Vereinsgesetzes die Anmeldepflicht für Versammlungen vor, in denen öffentliche Angelegenheiten erörtert werden sollen, während Z 2 des Gesetzes die Vorsteher von Vereinen, welche eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezwecken, verpflichtet, Statuten des Vereins und das Verzeichnis der Mitglieder binnen drei Tagen nach Stiftung des Vereins und jede Aenderung der Statuten oder der Vereinsmitglieder binnen 3 Tagen der Ortspolizei zur Kenntnisnahme einzureichen, derselben auch auf Erfordern jede darauf bezügliche Auskunft zu erteilen.— Der Absatz 3 des 8 2 bestimmt ferner:„Die Bestimmungen des 8 1 und des 8 2 beziehen sich nicht auf kirchliche und religiöse Vereine und deren Versammlungen, wenn diese Vereine Korporationsrechte haben".— Das frühere preußische Obertribunal hatte während der Kulturkampfzeit aus dieser ausdrücklichen Vorschrift die kühne Schluß- folgeiung e contrario saus dem Gegenteil) gezogen, daß kirchliche und religiöse Vereine, die keine Korporationsrechte hätten, st e t s und ohne weiteres die Vorschriften der 88 1 und 2 befolgen müßten. Der Absatz 3 des 8 2 ergäbe eben, daß das Gesetz kirchliche und religiöse Vereine ohne Korporationsrechte grundsätzlich als solche ansehe, die eine Einwirkung auf öffentliche Angelegen- heiten bezweckten.— Dieser Auffassung folgte das Landgericht Duisburg als Berufungsinstanz in einem Straf- verfahren gegen Depa als Vorsitzenden des St. Antonius- P o l e n v e r e i n s zu Laar, indem es Depa wegen Nichtbeachttuyz des 8 2 Absatz 1 schon deshalb für strafbar erachtete, weil diejei: Verein u. a. kirchliche beziehungslveise religiöse Ztvccke verfolge.— Das K a m m e r g e r i ch t hob dies Urteil am Dienstag auf und verwies die Sache mit folgender Begründung noch einmal an das Landgericht zurück: Der Schluß, den das Landgericht mit dem früheren Obertribunal aus dem Absatz 3 deS 8 2 des Gesetzes ge» zogen habe, sei verfehlt. Er lasse sich weder grammatisch noch logisch halten. Der Gedanke beim Zustandekommen des Absatzes'3 des§ 2 sei offenbar der gewesen, das; die Tendenz und die Art der eventuellen Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bei solchen kirchlichen und religiösen Vereinen, welche Kor- porationsrechte erhielten, schon genügend geprüft sei. Deshalb die AuSnahmevorschrift. Entgegen dem Obertribunal und dem Land- gericht meine das Kammergericht: Bei religiösen und kirchlichen Vereinen sei zwar eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten sehr wahrscheinlich, sie brauche aber nicht notwendig damit verbunden sein. Darum sei in jedem Einzelfalle nach- zuprüfen, ob sie bezweckt werde. Diese Nacbprüfung, die hier aus Rechtsirrtum unterblieben sei, wäre nachzuholen. Eine unverstaudene Frau. Um eine richtige und eine falsche Frau Oberleutnant handelte es sich in einem Beleidigungsprozeh, der schon einmal das Strafgericht beschäftigt hatte und nunmehr in der Berufungsinstanz bor der fünften Strafkammer des Land- gerichts I zur Verhandlung kam. Aus dem Strafgefängnis, wo sie zurzeit eine einjährige Gefängnisstrafe verbüht, wurde die unver- ehelichte Anna Karow vorgeführt. Die bereits mehrfach wegen Diebstahls vorbestrafte Angeklagte war früher Verkäuferin in einem hiesigen Warenhaus, geriet dann aber auf Abwege und stand längere Zeit unter sittenpolizeilicher Kontrolle.— Eines Tages im De- zember 1904 wartete an der Ecke der Friedrich- und Leipzigerstratze ein Kaufmann Bohne auf das Erscheinen einer Droschke, da es sehr stark regnete. In seiner Nähe bemerkte er eine junge Dame, die der äutzerst eleganten Kleidung nach zu urteilen den befferen Ständen angehörte. Da die Dame keinen Schirm Hatte, bot B. ihr galanter- weise den seinen an, was mit gnädigem Kopfnicken akzeptiert wurde. Die Dame fand absolut nichts dabei, datz sie von B. zu einem kleinen Plauderstündchen beim Glase Wein eingeladen wurde. Hier er- zählte die junge Dame anscheinend sehr zaghaft und zögernd, datz sie die Gattin des Oberleutnants H. sei und in sehr unglücklicher Ehe lebe. Ihr Gemahl wäre durch eine Abkommandierung zum Generalstab so in Anspruch genommen, datz er sie über Gebühr der- nachlässige. Herr B. brachte nunmehr der„unverstandenen Frau" noch grötzeres Interesse entgegen und versprach, Abhülfe zu schaffen. Nach einigen Tagen fand ein Rendezvous statt, welches schlietzlich im Chanibre separee endete. Um die gleiche Zeit lernte ein Herr Hoch- berg auf ähnliche Weise die Frau Oberleutnant H. kennen und hielt gleichfalls sein Versprechen, die Wünsche der unverstandenen Frau zu erfüllen.— In einem Hause der P...strahe gab es um die- selbe Zeit häufig unerquickliche Szenen. Der dort wohnhafte Ober- leutnant H. entdeckte wiederholt am seine Gemahlin gerichtete Briefe, deren Absender diese absolut nicht kennen wollte. Als sogar mehrere in Reimen gehaltene Liebesepisteln an Frau Ober« leutnant H. gelangten, setzte ihr Gemahl alle Hebel in Bewegung, um die unbekannten Absender der Briefe,„die sie erreichten", zu er- Mitteln. Der Zufall kam einer eigenartigen Aufklärung zu Hülfe. Eines Nachmittags klingelte das Telephon der H.schen Wohnung. Ein Herr, der sich„Gerold" nannte, verlangte die Frau Ober- leutnant zu sprechen. Der Oberleutnant spielte, einer plötzlichen Eingebung folgend, die Rolle eines Kammerdieners und nahm als solcher die Bestellung zu einem Rendezvous in der Wohnung der Frau Gemahlin, da der Oberleutnant nicht zu Haus sei, auf. Nach einiger Zeit erschien der Herr Bohne in der H.schen Wohnung, wo ihm anfänglich ein sehr warmer Empfang bereitet wurde. Als Herrn B. nun die Frau Oberleutnant vorgestellt wurde, war das Erstaunen nunmehr auf seiner Seite, denn diese war eine ganz andere, als die„Frau Oberleutnant" aus der Frtedrichstratze. Weitere Ermittelungen ergaben, datz sich die jetzige Angeklagte den Namen der Frau Oberleutnant H. zugelegt hatte und dadurch ge- wisse Vorteile zu erzielen hoffte. Diese Komödie der Irrungen fand schlietzlich in dem vorliegenden Beleidugungsprozetz ihren Abschlutz. Vor dem Schöffengericht wurde die K. zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Auf die Berufung hin ermäßigte die Strafkammer die Strafe auf zweä Wochen Gefängnis. Vermischtes. Im Polizcigefäiignis in Rathenow erhängte sich ein unbekannter, aus Berlin zugereister Mann, der in verschiedenen Hotels in Rathenow Schwindeleien verübt hatte. Der sehr elegant gekleidete. in der Mitte der dreißiger Jahre stehende Mann hatte sich den Namen Chapau beigelegt und behauptete, in Berlin ansässig zu sein. Diese Angaben erwiesen sich jedoch als falsch. Der Verhaftete dürste wahrscheinlich ein geriebener Schwindler sein, der sich einer ihm drohenden schweren Strafe durch den Selbstmord entzog. Katastrophen durch Flutwellen. Nach Telegrammen aus Guayaquil sind sämtliche kolumbischen Küstenstädte zwischen Tumaco und Buenaventura durch Flutwellen, die durch die jüngsten Erdbeben verursacht worden sind, zerstört worden. In der Nähe von Tumaco wurden 70 Leichen gefunden. Allgemeine Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter. (E. H. 29) Filiale 7. Sonnabend, den 17. Februar, abends 8 Uhr, bei Hofsmann, Pasewalkerstr. 3: Mitgliederversammlung.—(Filiale Rummels- bürg.) Sonnabend, den 17. Februar, abends 8st, Uhr, bei Gust. Tempel, Alt-Boxhagen, Ecke der Neuen Bahnhofstraße: Mitgliederversammlung. Zesitralverband der Handliingsgehiilfen und Eehülfinnen Deutschlands. Bezirk Süden— Süd-Osten.: Freitag, den 16, Februar, abends 9 Uhr, Sitzung im Reichenberger Hos, Reichenbergerstr. 147, Vor- trag der Kollegin Zkrauß über:„Mißstande in den Warenhäusern".— Bezirk Norden(Roscnthaler und Schönhauser Vorstadt): Freitag, den 16. Februar, abends 9 Uhr, Sitzung in Römers Festsälen, Elisabeth- lirchstraße 14, Vortrag des Kollegen Ucko über„Der Achtuhr-Ladenichluß eine hygienische und soziale Forderung".— Bezirk Norden— Wedding: Freitag,"den 16. Februar, abends 9 Uhr, Sitzung in den Germania-Sälen, Chausseestr. 103. Vortrag des Kollegen Julius Cohn über:„Die Ent- Wickelung derKranlensürsorge in Deutschland".— Bezirk Nord-Westen. Freilag, den 16. Februar, abends 9 Uhr: Sitzung in der Brauerei Moabit, Turm- straße 2S— 26. Vortrag der Kollegin Baar über:„Der Besreiungskamps der Frau"._ Eingegangene Druchrcbnftcn. K. v. Bruchhausen. Der kommende Krieg. 1 M.(Moderne Zeitfragen Nr. IS). Pan Verlag, Berlin W. 35. Haberlands Unterrichtsbriefe für da? Selbststudium. Englisch, herausgegeben von Professor Dr. Thiergen und A. Clav. Preis je 75 Ps. Unterrichtsbriefe der französischen Sprache. Von Rektor H. Michaelis und Professor Dr. P. Passy. Brief 11—15..Verlag von E. Haberland in Leipzig-R., Eilenburgerstr. 10/11. Ii» Itwll». Italienischer Sprachführer mit deutscher Ucbersetzung. einem grammatischen Anhange und einem phonetischen Wörterverzeichnisse- Von Proscssor R, Lovera. Preis geb. 2,50 M. Verlag E. Haberland- Leipzig-R. Hirsch- Wilking. Elektro- Ingenieur- Kalender 1906. 332 Seiten. Preis geb. 2,50 M. Verlag O. Coblentz, Berlin W. 30. Brockhaus' Kleines Konvcrsations-Lexikon. Heft 13 bis 16. Fünfte vollständig neubearbeitete Auflage. Zivei Bände in 66 Heften zu je 30 Ps. Verlag F, A. Brockhaus, Leipzig. Jahresbericht des Arbeitersekretariats für Bielefeld und Umgegend für 1905. 16 Seiten. Selbstverlag des Sekretariats. Lriefkasten der Redahtion. �furirtifcher CeU. Die juristische Spr-ll,ft»»dc finde««äglich mit AnSnahme»-» S-niiad-ndS von l'k bis»90«, uiorgeuv« Ilhr. Stationen Swlnemde. lierltn � Frankf.a.M. München Wie» Lg S= 2~ Wetter 758 SW 760 SW 760 SW 761 SW 762 Still 762 Still 2 Nebel 2Ncbel 2 bedeckt 3 bedeckt — bedeckt — halb bd. w si L? b*?a Stationen ■S H S c B« Haparanda! 763 SSO Petersburg 768 SSO Scilly Abcrdeen Paris 755 WNW 749 S 757 SSO Wetter 2'Schnce 1 bedeckt 5 wolkig 2 wolkig 2 bedeckt iöß! S 9 II = 13 W.? -5 -8 7 3 1 Wetter-Prognose für Freitag, de» 4V. Februar 199«. Ziemlich trübe mit geringen Nlederschlägen, schwachen südwestlichen Winden und wenig veränderter Temperatur. Berliner Wctterbureau. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Berautwortnug. 'Cbcztcv. Freitag, den 16. Februar Ansang VI, Uhr: Opernhaus.„Der Pscisertag": Fidelio. Zu Beginn: Ouvertüre „Leonore"(Nr. 3). Tchnuspielhaus. Götz von Ber lichingen mit der eisernen Hand. Ans. 7 Uhr. Deutsches. DaS Käthchcn von Heilbronn. Berliner. Die Jüdin von Toledo. Neues. Die Neuvermählten.— Salome. Anfang 8 Uhr: Lessing. Und Pippa tanzt. SMilier O.(Wallner-Theater.) Zapfenstreich. Schiller N.(Friedrich Wilhelm- städtisches Theater). Die Macht der FinstenüS. Weste». Letztes Gastspiel von Jsadora Duncan. Kletucs. Kinder der Sonne. Kölnische Oper. Don Pasquale. Residenz. Der Prinzgemahl. Driano». Loulou. Lustspieihans. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis früh um Fünse. Zentral. Das süße Mädel. Wieiropol. Ans ins Metropol. Walhalla. Nach Afrika, nach Ka- merun. Carl Weist. Die lebende Brücke ans Kuba. Luise». Die Karlsschüler. Teiitich-Ameritanisches. Er und Ich. Kasino. Die goldene Brücke. Sipollo. Insel Tulipatan. Im GrI- setten-Kabarett. Spezialitäten. Herrnfeld. Familienlag im Hause Prellstein. Folies Caprice. Nach dem Zapfen- streich. Der Bcheme. Wiulergarien. Tschin- Maa's Chincscn-Truppe.— Otto Reulter. ReiitiShalleu. Stettiner Sänger. Passage. Spezialitäten. Ilrxiiin, Tnnbensiraste 4S/49. Abends 8 Uhr: Am Golf von Neapel. Hörsaal 8 Uhr: Ingenieur Zechlin: Krastwagen. 2. Teil. Steriiivartc, Jnvalidenstr. 57/62. Zogliw geöflnei mm I bis 7 llbr. LiistspielKaus. Allabendlich 8 Uhr: Der iveg zur Hölle. rianon=Theater. Ansang JLOIllOU*« Uhr. Sonntag nachm.: llio Horbs krackt. Berliner Theater. Abends V\, Uhr: Die Jüdin von Toledo. Sonnabend: Hans in allen Gassen. Sonntag nachm. 21/, Uhr zu ermäßigten Preisen: Maria Stuart. Abends 71/, Uhr: Die Jüdin von Toledo. Heues Theater. Ansang VI, Uhr: Die Neuvermählten. Hierauf: Salome. Sonnabend, Sonntag: Ein Sommer- nachtstraum. Montag: Die Neuvermählten. Hieraus: Salome._ Kleines Theater. Zugunsten eines in Berlin zu er- richtenden Heinrich Heine«Denkmals. Prolog, versaßt und gesprochen von I'ranti Wedekind. Hieraus: Kinder der Stmue. Ansang VI, Uhr. Sonnabend; Kinder der Sonne. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Benefiz für Georg Wald: Die Karlsschüler. Sonnabend: Der Störevsried. Die Dienstboten. Sonntag nachmittag: Die lustigen Weiber von Windsor. AbendS: Die Anna-Ltse. Montag: Die Anna-Lise. Mittwoch: Gastspiel der königlichen Schauspielerin Frau Louiic Willig und Dr. Max Pohl: Maria Magdaleue. Komisehe tiper. Freilag, den 16. Febr., abends 8 Uhr: Don Dasquale. Komische Oper in 3 Akt. v.Donizetti. Sonnabend: Heitmanns Erzählungen. Sonntag nachm. 3 Uhr zu ermäßigt. Preisen: Hollmanns Erzählungen. Abends 8 Uhr: Don pasquale. Melropol-Theater Anfang 8 ühr. Große Jahresrevue mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Hauchen in all. Käumen gestattet. Schiller Schiller-Theater 0.(Wallner-Theater). Freitag, abends 8 Uhr: ienpken»ti>St«Ii. Drama in 4 Akten von Franz Adam Beyerlein. Sonnabend, abends 8 Uhr: Tlokor unsere Kraft. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Nora. Sonntag, abends 8 Uhr: Zwei glückliche Tage. Theater. Schiller-Theater N.(Frledr.-Wilh. Th.) Freitag, abends 8 Uhr: Zum erstenmal: Die Macht der Finsternis. Schauspiel in 5 Akten v. Leo N. Tolstoj. Uebersetzt von Raphael Löwenseld. Sonnabend, abends 8Uhr: Die Macht der Finsternis. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Zapfenstreich. « 0 n 11 t a g, abends 8 Uhr: Flachsniann als Frziehcr. >«l"°d°l-. Neue Welt. Hasen- heide 108/114. Großes Bockbier«Fest.;! Letzte Woche: Freitag, den 16. Febrnnr 4666: ISkÄr Sf Damen-Tag.® Diejenigen drei Damen, welche bei einem Körpergewicht von mindestens 130 Pfund über das geringste Taillenmaß verfügen, — werden prämiiert.= 3 preise: 60 Mark, 40 Mark, 20 Mark. Damen, welche an der Konkurrenz teilzunehmen wünschen, wollen sich gefl. bis spätestens 10 Uhr im Bureau melden. X X Die Prämiierung findet um 10'/, Uhr auf der Bühne statt, X X Anfang 7 Uhr.•««« Fntree 36 Pf. Zirkus Albert Schumann Heute abend präzise V/, Uhr: Große außerord. Gala-Vorstellung. Sensationelle neue Debüts I U. a.: Zum 1. Male! Größte Novität! Ein Souper bei Maxim. Zum 1. Male: I.es 7 Perczolf. Ferner die phänomenale The Ergotti und King Louis Troupe. Ihre Exz. Margaretha Fehim Pascha. Die ausgezeichnete Morgana Troupe. The greal Crhard Troupe. Außerdem die großartigen neuen Spezialitäten und DireMor Alberl Schumanns neueste Original-Schul- und Freiheitsdressuren. Zum Schluß: Das größte Pracht- Manegenschaustück der Gegenwart ITawmIh'* das neue rcliniHSI Frnueli reich. Sonntag; 2 Vorstellungen, nachm. 3'/, Uhr(ein Kind srei) und abends V), Uhr. Iii beiden Vorstellungen das neue Programm und zum 57. Male Femin». Carl Weiß-Theater. Gr. Frauksurlerstr. 132. Täglich abends 8 Uhr: Die lebende Brücke auf Kuba. Großes amerikan. iensationelleS Aus- stallungsslück mit Gesang und Ballett in 7 Bildern von James Fox. Sonnabend nachm. 4 Uhr: Rühezahl und das lustige Schneiderlein. XI. Berliner Saison. Zirkus Busch. Neu!"VBfM IW Sensationell! Der automatische Mensch. Zum ersten Male in Europa. DM" Noch nie dagewesen! Zwergclown Francois. Dackelpferd. Herr Ernst Schumanns Neudressuren, usw. usw. i Zum Schluß(um 91/, Uhr): Die neueste und größte Sehens- { Würdigkeit Berlins: ' ♦ Iiulleii. ♦ Origin.-Hanege-Ausstattungs- stück des Zirk. Busch in 8 Bild. Passage-Theater. Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Miß Gertrude, Tänzerin. Karl Bernhard, der Humorist. — Vierzehn Nummern.— „Und Pepi singt" XPepl Weiß). Urania 1,"./.°: Abends 8 ühr: Am Golf von Neapel. Hörsaal 8 ühr: Ingenieur Zechlin: Kraftwagen. H. Teil. Sternwarte lnval,den str. 57/82. Friedrichstr. 165. Ohne Gxtra-Bntree.| Bergbewohner Abessiniens. 65 Eingeborene Männer, Weiber und Kinder, sowie das Baby„Berollna". Eintritt 50 Pf. Folies Caprice Budapester Possen■ Theater 132 Linisnstr. 132, Ecke Friedrichstraße.—■ Zum 151. Male: Wach d. Zapfenstreich. Vorher: Der Beheme I u. d. auSgczeichn. Spezialitätellteil. Antang 8 Uhr. Vorwerk, tägl. b. Werlheim u. an I der Theaterkasse von 10 Uhr vor- mittags an. Residenz-Theater. Direktion: Richard Hlexandcr. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Prinzgemahl. Satirischer Schwank in 3 Akten von L. Xanros und I. Chance!. Sonntag nachm. 3 Uhr: Dsnise. Bernhard Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstraße 58. Heute Freitag, den 11. Februar: Die Blnthochzeit. Trauerspiel in 2 NM. und 5 Allen von Fr. Adaini. Ansang 8 Uhr. Kassencröffnung 7 Uhr. Sonntag nachmittag bei ermäßigten Preisen: Die Bluthochzeit. Apollo-Tiieater. Nur neue Spezialitäten nnd Gobert BeSlireg mit seinen vierbeinigen Komikern. liatsukuitia Higashi, der Meister d. Selbstverteidigungslchre. Jtn-.litsn. Vorher; Die Insel Tulipatan, Operette. Sonntag, den 18. Februar, nachm. 3 Uhr: Große Familienvarstellung; Berliner Luft und Spezialitäten. DeiitscHiiieitaniselies Tfisater. Köpeniokerstraße 67/68. Jeden Abend 8 Uhr: Gastspiel Adolf Philipp *|8n]di Sonntag nachmittags 3 Uhr: „Eeber'n groltcii Teich". Montag, 19. Februar, abends 8 llbr: Fest-Vorstellung anläßlich des 25jährigen Künstlerjubiläums von Adolf Philipp. Billetts sind jetzt zu haben. KasinosTheater Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr. Hur noch bis 1. März iültl. Die goldene Brücke. Am 2. März zum erstenmal: Die Herren Söhne. Sonntag nachmittag 4 Uhr: Hotel Klingebusch. W. Koacks Theater. Dircktio»: Roh. Dill. Brunnenstr. 16. Mit dem Strom! oder: Auf Wogen des Glücks. Volksstück in 4 Alt. v. Oskar Walther. Anfang 8 Uhr. Entrec 36 Ps. Nach der Vorstellung: Tanzkränzchen. An den Sonnabenden sinden bis aus weiseres keine Vorstellungen statt. frödeis Äiierlei-Thealer Schönhauser Allee 148. Jeden Soniitag nnd Mittwoch: ipfijr— Konzert-"WiZ Theafer, Spezialitäten, Tan' Ans. Sonntags 6 Uhr, Mittwochs' IW Sonnabende jür So feste sind noch frei. Zum erstenmal in Berlin! Tschin-Maa's Gliinesen-Truppe Außerdem Otto Reutten und das sensationelle Februar-Programi Ocbritder Heute zum 103. Male: Der größte Herrnfeld- Schlager: Janulientan Im Kanse Prellstein. Komödie in drei Akten mit den Autoren Sl u. D. Her�rnseld in den Hauptrollen. Ans. S Uhr. Vorverk. 11-2 Uhr (Theaterkasse). VsIIialla Ilieatei' AuSstattuiipSPosse in K Bilder». Ans. 8 Uhr. Zimichen überall gestattet. Sanssouel.s'träge"' � Dir. Wilhelm Reimer. «sonnt., Moni., Donnerst.: livtki»»,»,,» hoslilikiiszebe 8gngös. teute: I.Gastsp. d.Tenorist. »oh» ,. 0»anott a. Odessa. leneliriinrohen. Sonnt. Ba. S, Wocheut. 8 U. Dienst., Mtttw.: ilieat.-ltd. Palast-Idealer Burgstr. 24, 2Min.v.BH. Börse. Heute 8 Uhr. Entree 60 Pf. Mite. Eugenie Schulreiterin im Herrensattel mit (Äoldsuchshengst Monte Chritto. Ei vello*0i�r Miß Astre Norton die zweite Saharet. La belle Leona Gelenkphantastin. Die Herditparade, Schwank. Familienlarteii in Barbier-, Friseur- Ztgarrengeschästen nnentgeltlich. Lll5la? Behrens Spezialitlten- Theater Franklurter Alice 85. Die gröPe Sensation des Ostens iwd llie iiieinen Illeben von Kerlin. Im zweiten Bilde: Die sechs schöne» Manolizigaretten. Außerdem X das neue Februar-Programm. X Otto Pritzkows Berliner Abnormitäten-Tbeater monztitr. IO. Wen!"WM W Nea! Die Elite-Liliputaner-Truppe die Bein Ion Vortragskünstler und Steine der Liliputaner der Welt. Die Fuß- Kltnstleri» 8argarol» »arjot. ttsllsohsrln»rrnlilit, wahr-! sagende Wunderdame. Rwt», Wunderhahn, geb. mit 4 Beinen, 2 Körpern, 1 Kopf, lebend.?c. Riesen, Zwerge, Phänomen, akire usto. Vni'i«l-nbelvls Volks-Alusöum Frieilrlohetr. tI2a, am Oranisnd. Dar ZIrk» IVOS zus- stellnnzsobjekte! Lntroo SD Pk. Sold.\i.Kinii.20Pf. Säiut.Räum. 60 Pf. TischlersVereln(E. H. 89). Soitiiabend, den 17. Februar, abends 8V3 Uhr, Melchiorstraße: Versaminluiig. Tagesordnung: 1. Vortrag des GewerkfchaftSsekreiärs Herrn tZuotav link über daS„NnfallversicherungSgesetz". 2. Diskussion. 3. Nereinsangelegenheiten. 108/6 Vvr Vorstand. Haupt-Bureai« Vcrrvaltungsstollc Berlin. : Engel-User 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Ami IV, 0670. Arbeitsnachweis: Zimmer 34. Amt IV, 3353._ Sonntag, den 18. Februar l'JOti, vormittags 10 Uhr, im„Rosen- thaler Hof", Rofenthalerstr. 11/12; 112/14 � M evsammlun aller in der technischen Hartgmnmibranche beschäftigten Kollegen. TaaeS-Ordnung: 1. Unsere Arbeitsverhättnisse. 2. Dlskussion. Zu dieser Versammlung muß jeder in der Branche tätige Kollege er- scheinen. BI« OrtsverwaUnnE. Ortsverwaltung Berlin. Sonntag, den 18. Februar 1000, vormittags 10 Uhr, bei Belnd, Weinstraße 11: 54/4 I�itgliecker Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Berichterstaltmig vom Verbandstag 2. Wahl eines Gaubeamten. 8. Wahl des Beamten für Berlin. 4. Beschlußfassung über da» Ortsstatut. Pflicht eines jeden Mitgliedes ist eS, in dieser Versammlung zu erscheinen. DeS weiteren werden diejenigen Mitglieder, welche die Verbandsbücher noch nicht abgegeben haben, nochmals aufgesordert, dieselben sosort all zuliesern, da am 1. März die Ausgabe der neuen Bücher erfolgt. Ol«? Ortsverwaltung Verband der Hafenarbeiter u. verw. Berufsg. 1 Bentsclilunds. BitElicdschaft Berlin II. Brettertritger und Brettschneider! Sonntag, den 16. Februar 1908, vormittags 10'/, Uhr Mitglieder- Uersammlung im„Komgstadt-Kasino", Holzmarktstr. 7S. TageS-Ordnung: lg/2 I. Abrechnung vom 4. Quartal 1965. 2. Vortrag des Kollegen Lörllte aus Hamburg. 3. VerbandSangelegenheiten, Verschiedenes und Ausnahme neuer Mitglieder. vor Vorstand. NE. Kollegen! Der wichtigen Tagesordnung wegen und da ein Kollege vom»auptvorstand anwesend sein wird, ist eS Sure Pflicht, Mann für Mailii in dieser Versammlung zu erscheinen. Agitiert und ermahnt die Säumigen, belehrt die Indifferenten, damit sie sich endlich unseren Rethen anschließen. Also, hinein in die Organisation k-Hm ReichshaBlen. Täglich: Stettiner Sänger (Meysel, Ptetro, Britton, Böckmann, Böhme, Waiden, Seidel, R. u. O. Schräder). Ansang Wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Variete Elysium Kommandantenstraßc 8/4. Um 0'/« Uhr: Auftreten des berühmten Stegreifdichters Paul StelnltT. » mipnt 91»ritB|>latz. »»glich � in den unteren Sälen ♦ Gottschalk-Konzert. («oßmanns festsäle Kreuzbergstr. 48. Jnh. Otto Entert. Jeden Jreitag: Srigins!- Direktion: Karl Frlck-Kascha-Kranse. Anfang 8 Uhr. Eritr. LVPf. Vorzngökarten gelten. Nachher: Frei-Tanz. Jeden Montag: Frei- Tanzkränzchen. Ansang 0 Uhr._ VI. Wahlkreis! Sonntag, den 18. Februar, abends 6 Uhr, im Kolbe rger Salon, Kolbergerstrahe Nr. tCZ: Oeffentl. Versammlung für Männer«. Fronen. Tages-Ordnung: Vortrag und Diskussion. Zu recht zahlreichem Besuche ladet ein Der Eiliberufer. Nach der Versammlung: 247/1" GemUtl. Keilarnrneulein mit'Canz. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Freitag abends 8'/, Uhr im Gewerkschaftshause, Engel-User Nr. 15: SitzilUg der WttkjiaüboiitrallkBiiiliisjlan und der OrtsverMgltnng. Sonatabeud, den 17. Februar 1000. abendS 8'/, Uhr: Vranchen-Versammlung -t-rSUrtten- unckpinkelmaeker ut«. bei Wohlfahrt, gtosenthalerstrafte 57. Tages-Ordnung: 80/10 1. Lohn- und Akkordarbeit. Referent: Kollege B. I-eopoId. 2. Diskussion. 3. Bericht über die Lohnbewegung in der Schleisbürslen- brauche. 4. Branchenaiigelegenheiten. Bio Branchcnkonmileslon. Treppengeländerliranche. Sonntag, den 18. Februar, vorm. 0'/, Uhr, im BOulUstadt- Kasino, Holzmarktstr. 712: Vertrauensmänner-Versammlung. PV Aus jeder Werkstatt und jeder Branche ist ein Delegierter zu entsenden._ r O.utichlandi grösstes für Beirfedern EnteBattfedemfab. m.eleki. Botriebe Gustav Lustig BERLIN 3. Prlnzenstr. 46 versendet geg. Nachnahme garantiert neue und gut entstäubte, gut stillend» Bettjedern p. Istd. M. 0.d;-I.00-I.«! prima Halbdanne» M. 1.74: ttAnfc« tupffefcem M. 2.00; prima weihe G>r»iel>.rktdannen M 2b0-S.00.Z 00 echt chinei.'Monopvldanne»> �„ M. 2.80. eck« Tuintch. Mata»\§S »or- Gänsedaunen M. 8.50 j K» Von de» Daunen genügen 3—4 Psd. zum groß, vdorbett.— Gänsefedern t, R«>ben>M.0.60 ver Vsundi Gänse- sch t achtfedcrn, wie ste von der Bans fallen, mit ollen Daunen M. ILO. Proben und Preislifte gratis. Um- tausch oder Pücksenduna gestattet. «erpacAina kostenfrei. Lehtlährtaer Umsatz über 2000 Zentner Bettssedern, von keinem zweiten Betten- n. Bett- feterngeschäft erreicht. Verband des technischen Bühnen-Personals ■— Site Berlin, i■.■■ Sonnabend, den 17. Februar 1900, abends 11 Uhr Mitglieder- Versammlung im„Gewerkschaftshans", Engel-User 13. Tages-Ordnung: 190/2 1. Verbandsangeregemheiten. 2. Verschiedenes.— Mitgliedebiieb legitimiert I Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwünscht Der Vorstand. NB. Am 17. März 1000 findet unser Kostümfest: „Bauernfest in PlnnderSwciler" in dem„Bllhambra- Krng', Wallnerlheaterstr. 15, statt.— Ansang 9 Uhr. Pas Komitee. Zentral-Krankenkasse der Maurer „drnndsteln aar Einigkeit". Sonntag, den 18. Februar, vorm. 10 Uhr, im Gewerkschaftshai, se, Engel-User 15: Mitglieder-Uersammtung. TageS-Ordnung: 1. Kassen- u»d Revisionsbericht. 2. Wahl des ersten Kassierers, zweiten Bevollmächtigten, zweiten Schristsührers und zweier Revisoren. 3. Ber- schiedcnes. 149/4 Mitgliedsbuch legitimiert. vle Örtliche Ortsverwaltwwg. Achtung! Zicgelstrahe gebracht. Auf einer Berg- und Talbahn schwer verunglückt ist der Messingputzer Felix Lowade aus der Christburgerstr. 55. L. war abends auf der an der Behmstraße befindlichen Berg- und Talbahn gefahren und hatte sich in einem von ihm selbst, betriebenen Schiff einen solch gewaltigen Schwung gegeben, daß die Kette brach und L. über den Schutzzaun hinüberflog. Bewußtlos wurde der Ver- unglückte davongetragen. Er hatte eine schwere Gehirnerschütterung und andere Verletzungen erlitten. Vor einem falschen Kassierer warnt die Verwaltung der Paket- fahrt-Gesellschaft. Ein unbekannter Mann besucht unter dem Vor- geben, daß er Angestellter der Pakctfahrt-Gesellschaft sei, die Annahmestellen und teilt dort mit. daß die Postanweisungsgelder nicht mehr wie früher durch die Schaffner der Paketwagen, sondern durch besondere Boten abgeholt würden. Auch er sei mit Abholung der Gelder beauftragt und legt den Inhabern der Annahmestellen ein Kontrollbuch vor, in welches die aufgegebenen Anweisungen an- gcblich einzutragen find. Der Schwindler, dem es bereits an drei Stellen gelungen ist, sich in den Besitz von nicht unerheblichen Geld- betrügen zu setzen, ist vermutlich ein ehemaliger Angestellter der Paketfahrt-Gesellschaft, der das Kontrollbuch zweifellos ge- stöhlen hat. Festgenommener betrügerischer Almoscnschwiudler. Wegen Rück- fallSbetruges festgenommen wurde der vielfach bestrafte Reisende Eisig Heimann, 12. August 1871 zu Labischin geboren. Während er früher den Stellenschwindel betrieb, hat er sich jetzt auf betrügerisches Betteln verlegt. Er telephonierte an irgend eine Firma unter dem Namen einer- anderen Firma, von der er aus seiner Reisetätigkeit weiß, daß sie mit der ersteren in Verbindung steht, und sagt dabei. daß sich bei ihr ein unbedingt hiilssbedürftiger und würdiger Mann befinde, der bald hinkäme. Im Anschluß daran erscheint Heimamt als dieser Unterstützungsbedürftige und erhält auch 20 M. Heiniann ist in einem Falle geständig, bestreitet aber, noch in anderen Fällen ebenso gearbeitet zu haben. Ein„Bund zur Bekämpfung der Tuberkulose" ist Mittwoch abend in einer Versammlung von ehemaligen Pfleglingen der Lungen- Heilstätten Belzig, Beelitz, Gütergotz, Görbersdorf, Grabowsee usw. im Königstadt- Kasino, Holzmarktstraße, gegründet worden. Es ist damit der Zusammenschluß der vielen Pfleglingsvercine der einzelnen Heilstätten vollzogen. Der Zweck des Bundes ist, durch Veranstaltung öffentlicher Vorträge, Verbreitung von Flug- schriften usw. aufkläreiid im Sinne einer planmäßigen Bekämpfung der Tuberkulose zu wirken, ehemaligen Heilstättenpfleglingen Unter- stützung und Fürsorge angcdeihen zu lassen und durch Veranstaltung gesunder Vergnügungen und Ausflüge in, Freien die Geselligkeit mtter seinen Mitgliedern zu pflegen. Der Bund, der schon bei seiner Gründung über 200 Mitglieder zählt und sich der Unterstützung hervorragender Hygieniker erfreut, wird demnächst mit einer großen Versammlung an die Oeffentlichkeit treten. Vom Tode ereilt. Mitten im Kirchenkonzert wurde vorgestern abend in der Marienkirche eine ältere Frau vom Tode überrascht. Als das dritte Stück eben begonnen hatte, erblaßte die Frau plötzlich, griff sich an das Herz und ging langsam in den Vorraum hinaus. Der Küster nahm sich der Erkrankten an und ließ sie auf einem Stuhl Platz nehmen. Auf seine Frage, ob sie herzleidend sei, nickte sie be- jahend. Mit schwacher Stimme sagte sie dann noch„Droschke, Kleiststraße", konnte aber die Hausnummer oder ihren Namen nicht mehr angeben. In der nächsten Sekunde verlor sie das Bewußtsein und starb bald daraus. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Die Frau Ivar schwarz gelleidet.— Aus der Hochbahn Ivurde gestern abend der Stadlrat Hetzer aus Zeulenroda in Thüringen, der sich zum Besuch bei seinem Schwager in Stralau aufhielt, vom Tode ereilt. Hetzer bestieg kurz vor 6 Uhr am Stralauertor einen Wagen, um nach dem Westen der Stadt zu fahren. Plötzlich erkrankte er so schwer, daß ihn die Beamten auf Bahnhof Oraiiienstraße aus dem Zuge heraustragen mußten. Er hatte schon die Besinnung verloren und starb nach wenigen Minuten. Am Montag, den 19. Fcbnmr, findet in Kellers F e st s ä l e n, Koppenstr. 29, das dritte Sinfonie-skonzert des auf 60 Künstler ver- stärkten„Berliner Sinfonie-OrchesterS", Dirigent: Kapellmeister Maximilian Fischer statt; als Solist Ivirkt der königl. Kammermusiker Max Salzwedel mit. U.a. kommen zur Äufführimg: Mozart. Sinfonie Ls-äur. Wagner: Ouvertüren:„Tannhäuser",„Nicnzi". Preislied aus„Die ZNeisterstnger von Nürnberg". Violin-soli. Konzert G-moU von Max Bruch ui'lv. Im Herrnfcld-Thcatcr erlebte am Mittwoch der„Familien- tag im Hause Prell st ein" seine hundertste Aufführung. Blumen und Kränze gab es in Masse. Die beiden Hauptdarsteller Anton und Donat Herrnfeld wurden stürmisch gerufen. Feuerbericht. Gestern früh um 9 Uhr kam im Hygienischen In- stitut der Universität in der Hessischenstraße 4 Feuer aus, das vom 13. Zuge durch schnelles Eingreifen und kräftiges Wassergeben auf einen Raum beschränkt werden konnte.— Gestern nachmittag entstand in der Oranicilstraße 21 in der Werkstatt einer Fahrradfabrik ein Brand durch Entflammung von Petroleum, der ans die Werkstatt beschränkt blieb. Nack, Mitternacht kam dort ein zweiter Brand auS. ES brannte eine Metallschleiferei. Auch diesmal glückte es, die Gefahr schnell zu beseitigen.— Gestern früh um 6 Uhr wurde die Feuerwehr nach der Lessingstraße 20 und dem Anhalter Güterbahnhof gerufen, wo Preßkohlen, Bette», Gardinen usw. in Brand geraten waren.— Ferner liefen Feuernieldmigen auS der Ruppinerstraße 3, Köpenickerstraße 6 a u. a. Stellen ein. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Aür den Inseratenteil verantw.: Tb. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Sc Co., Berlin SW,