Nr.4S. BbonntmfntS'BcdingungfB; Monnnnenls- PrelZ prümimerimda: BifttegdfA 8,80 MI, monatl. 1,10 MI,, «SchiNIItch 28 Psg, frei ins Haus, einzeln« Jlunimot 8 Pfg, Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags. Seilage.Die»eue Seit* 10 Psg, Post- flbonnement: 1,10 Marl pro Monat. eingetragen In die Post.gcitungZ. Preisltsle, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für daS übrige Uu-land 8 Marl pro Monat. 23* Jahrg. OK TnKrtlons'GtbflOr dekägt für die sechsgespaltene Kolonel- gelle oder deren»>aum 40 Pfg„ für politische und gewerlschastllche Vereins. und BersammlungS-ilnzeigen 26 Psg, „Kleine Hnteigen", das erste(fett- gedrucktes«ort 10 Psg. i'deS weiter« Wort b Psg, Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte, Inserate sü, die nächsle Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittag» in der Elpedition abgegeben werden. Die Tipeditlon ist an Wochentagen bl» 7 Uhr abends, an Sonn- und Sciltagcn bis 8 Uhr dormittags geSssuci, «cht»» t»g»» illlltt wooiig». Nerlinev Volksblstk. �entralorgan cler fozialckemokratiscken Partei veuttcktanäs. Zelegramm- Adresse: ftKUMiBtknt ItrUi". Redaktion t KW. 68, Lindcnetrasac 69. ihernsprecher:«mt IV, Rr. 19«*. Zur preußischen Schnlreaktion. In den trägen Gang der Beratungen der Schulgesetze komuiission soll neuerdings ein etwas regeres Leben Einzug gehalten haben. Der Finanzminister hat, wie die„Frank furter Zeitung" zu melden wußte, verschiedene finanzielle Sorgen der rechtsstehenden Parteien gehoben. Was das be deutet, ist unschwer zu erraten. Die den ostelbischen Junkern durch die neue Schulvorlage eingeräumte, geradezu monarchische Machtvollkommenheit gegenüber der Schule und ihren Lehrern war offiziell an die Voraussetzung größerer Leistungen der Gutsbezirke für die Schule geknüpft. Eine derartige unerhörte Zumutung an die Herren Junker, auch nur einen Pfennig mehr bezahlen zu sollen, hatte sie wie üblich, zu männlichem Widerstande autgerüttelt. �„Daß an dieser Klippe der Entwurf scheitern könnte, ist nicht ausge schlössen," so krächzte unheilkündend die agrarische Egeria in der„Deutschen Tageszeitung". Die bündlerfromme Bülowregierung wird diesen Wink mit dem Zaunpfahl verstanden und ihm wohl auch bereits Folge geleistet haben. Die Agrarier werden schon im Besitze der finanzministeriellen Zusicherung sein, daß die Regierung ihnen die mit den neuen Rechten verknüpften finanziellen Pflichten abzunehmen und sie auf den Staatssäckel zu über nehmen bereit ist. Nunmehr haben die Junker natürlich keinen Grund mehr, um die Kommissionsberatungen in die Länge zu ziehen: im Gegenteil können sie sich nur wünschen, daß sie ihre materielle Beute und die damit zusammen. hängende Verkirchlichung der preußischen Volksschule möglichst rasch unter Dach und Fach bringen, ehe beides unter einem etwaigen Protesthagelsckauer noch einen Schaden erleidet. Freilich brauchen sich die Mehrheitsparteien durch die bürgerliche Protestbewegung gegen die Schulvorlagc nicht aus der Gemütsruhe bringen zu lassen. Sie ist matt und ohne Durchschlagskraft»vie der ganze Liberalismus. Es fehlt ihm die kühne, unbeugsame Schärfe nach oben und nach rechts, und es fehlt ihm der Rückhalt im Volke. So ist er ein Spiel vor jedem Druck der Luft. Daher verläuft auch die vom Liberalismus ins Leben gerufene Protestbewegung gegen die Cchulvcrpfaffung ohne erhebende Momente und ohne Aussicht auf den geringsten Erfolg. Der liberalen Schulopposition fehlt das Rückgrat. Sie kann sich nicht darauf berufen, daß ihr wirklich das Wohl der Schule am Herzen liegt, denn hohnlachend wird ihr in solchem Falle von links und rechts das Verhalten des Liberalismus in Staaten und Städten, wo er bestimmenden Einfluß besitzt, unter die Nase gehalten. Die bürgerliche Klasse besitzt kein ökonomisches Interesse an einer weiteren Hebung der Volks- schule, ihre Ansprüche an die allgemeine Bildung der Arbeiter werden sogar geringer: darum ist es ökonomisch wohl zu er- klären, daß die Freikonservativen und die Nationalliberalen, die Parteien der Großindustrie und der Schlotbarone, die 1892 noch zur Schulopposition gehörten, inzwischen völlig ein- geschwenkt sind und sich zu den eifrigsten Befürwortern der Schulverpfaffung umgemausert haben. Ter regsamste der liberalen Schulpolitiker, Lehrer T e w s, macht den Nationalliberalen in seiner soeben erschie- neuen Schrift(„Die preußische Schulvorlage. Eine Abwehr.") einen bitteren Vorwurf aus der Hackenbergschen Unterschrift unter dem Schulkompromiß,„Nachdem dies ge�-chen, war allem späteren Widerstände die Kraft genommen." Schon recht. Aber Tews darf nicht veraoUgn. daß die National- liberalen eine Stütze für ihren Umfall in der wirtschaftlichen EntWickelung der letzten fünfzehn Jahre haben, und ferner sollte er auch bedenken, daß die gleichen harten Bemerkungen über Kapitulation vor reaktionären Mächten, mit denen er die Nationalliberalen regaliert, auch mit derselben Schärfe für seine eigenen Parteigenossen zutretfen. Der Liberalismus aller Linien hat so oft aus selbstischen Gründen die Interesse» des Volkes verraten, daß er sich nicht einmal zum politischen Moralprediger nach rechts eignet. Um wieviel weniger steht den Liberalen ihr dreimalgescheites Ratgeben nach links ant Herr Tews beliebt eS nämlich, die Arbeiterschaft mit folgen- den Worten anzurempeln: „Sie zerbrechen sich die Köpfe über den Zukunftsstaat und lassen es unterdessen unter Hohn und Spott auf die liberalen Idealisten geschehen, daß man ihren Kindern das geistige Brot perkümmert und damit die Bedingungen de? geistigen und sitt- lichen Wachstums entzieht. Es ist ein Vergehen gegen die Lebens- interessen des Volkes, daß sich die Führer der Arbeiterschaft der positiuen Mitarbeit an der Gestaltung des Volksschulunterrichts so lange entzogen haben. Mit einigen radikalen Phrasen ist da nichts getan. Hätte die sozialdemokratische Arbeiterschaft bei der LandtagSwahl diejenigen liberalen Kandidaten, die volle Gewähr für eine Förderung der Volksschule bieten, unterstützt, so würden diese beute nicht in so verschwindender Minorität im Abgeordnetenhause sitzen." Herr Tews ist sehr offenherzig und naiv. Wie kann er im Ernste der sozialdemokratischen Arbeiterschaft zumuten, sie solle als Schutztruppe hinter dem lendenlahmen Liberalis- mus herlaufen? Wenn wirklich noch einige liberale Abgeord- nete mehr gewählt worden wären, was wäre damit gewonnen worden? Nichts, gar nichts l Der Liberalismus würde sich darum genau so feige, opportunistisch und regierungsfürchtig benehmen, wie er es jetzt tut. Für die Volksschule würde nicht für eine Mark mehr herausgeholt werden. Uebrigens ist es eine alberne Behauptung des Herrn Tews, daß die Sozialdemokraten sich den Kopf über den Zukunftsstaat zerbrächen, anstatt zu verhindern, daß ihren Kindern das geistige Brot verkümmert wird. Abgesehen von dem unausgesetzten Vorwärtsdrängen liberaler Stadtverwal- tungen durch die sozialdemokratischen Stadtverordneten hat die Sozialdemokratie auch gegen die preußischen Schulgesetz- reaktionäre weit wirkungsvoller protestiert und demonstriert als der Liberalismus trotz seiner Vielgeschwätzigkeit. Die politische Ursache der Schulverpfaffungsbestrebungen ist das erbärmliche Dreiklassenwahlrecht. Würde dieses nicht sein, würde auch zum preußischen Landtage das allge- meine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht Geltung haben, so wäre ein gesetzgeberisches Ungetüm wie die Schulunter- Haltungsvorlage einfach unmöglich gewesen. Der weiteren Verschlechterung der preußischen Volksschule wirkt man des- halb am wirksamsten dadurch entgegen, daß man das allge- meine Wahlrecht, wie es für den Reichstag gilt, auch für den preußischen Landtag einzuführen sucht. Nichts hat aber diesen Bestrebungen einen so gewaltigen, hinreißenden An- stoß gegeben wie die W a h l r e ch t s d e m 0 n st r a t i 0 n e n vom 21. Januar. Es sind die Liberalen, auch die näheren Freunde des Herrn Tews, die an dieser großen Demonstration herumnörgeln und ihre Bedeutung zu der- wischen suchen, anstatt mit Begeisterung, auch im Interesse der Volksschule, dafür einzutreten. Zu gegebener Zeit wird die deutsche Arbeiterklasse zu einer ähnlichen oder noch imposanteren Bekundung ihrer Meinung über das Dreiklassenparlament aufgerufen werden. Da wird sich dann wohl Gelegenheit finden, auch die Schul- verpfaffung mehr in den Mittelpunkt der Protestreden zu rücken und die Notwendigkeit der Einführung des allge- meinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts zum preußischen Landtage auch von dieser Seite aus zu begründen. Die Revolution in Rußland. Der Hunncnhilnptling Orlow in Riga. AuS Riga wird uns vom 6. Februar geschrieben: General Orlow, der bisher die„PazifizierungSarbeit" m Livland leitete, ist vorgestern abend in Riga eingezogen und hat sofort seine blutige Zerstörungsarbeit begonnen. Den ersten lleberfall hatte der Industrie« Vorort zu ertragen. Hier hat der General, von dessen Grausamkeit ein jede? Kind in Livland zu erzählen weiß, und der in Walk allein über hundert Menschen hat erschießen lassen, zuerst seine Kanonenläufe gegen daS Gebäude des Abstinenz- Vereines„Morgenröte" gerichtet und das schöne Gebäude, welches der örtliche Fabrikant A. DambrowSky seinen Arbeitem gestiftet hatte, stark beschädigt. Das offizielle Telegramm, welches auch der„Vorwärts" vor einigen Tagen ab. gedruckt hat. malt sich diese Plünderungsarbeit so zureckt, als ob hier ein bewaffneter Widerstand geleistet worden wäre. Wer könnte dieser besoffenen Bande, die mit Maschinengewehren arbeitet, auf offener Straße Widerstand leisten und was würde ein solcher nützen?! Diese Ammenmärchen verbreitet die„Düna-Zeitung" mit der Absicht, um der ganzen Welt zu beweisen, daß die Militärmacht in den Ostseeprovinzen noch lange nicht stark genug ist, uni die Junker zu beschützen. Wer diese Gräuelszene miterlebt hat, wie in der„Morgenröte" der Oekonom von den Dragonern bearbeitet wurde und wie man den alten Holzfabrikanten DambrowSky an einen Baum band nnd erschießen wollte, wie der letztere seine Unschuld beteuerte. der wird sie nie vergessen. Den örtlichen Geistlichen gelang eö schließlich, den Hunnenhäuptling Orlow von der Unschuld des Herrn D. zu überzeugen; er wurde befreit, hatte aber unter- dessen seinen Verstand verloren und mußte inS Irrenhaus abgeführt werden. Der Oelonom wurde in barbarischer Weise getötet. Aehnlich ging O. gegen den zweiten lettischen Absttnenzverein„AusekliS" vor. Hier kamen zwei Menschen ums Leben. So wird Orlow aller Wahrscheinlichkeit nach gegen alle Arbeitervereine vorgehen, die in der letzten Zeit(nach dem 30. Oktober) ihre Räunie für Volksversammlungen gewährt hatten. Zugleich mit Orlow sind nach Riga alle Landgendarmen(llrjadniks) gekommen, die jetzt die Gasthöfe und Einfahrtsstellen auf flüchtige Bauern untersuchen, vorläufig jedoch mit wenig Ersolg. In der darauffolgenden Nacht hat Orlow dann das Laboratorium des rigaischen Polytechnikums beschossen und viele wertvolle Sachen zerstört. Als Gmnd wird angegeben, daß von diesem Gebäude aus einmal auf Dragoner geschaffen worden sei. In den anderen Vororten Rigas(am Jägel- see) hat Orlow extra 20 Arbeiter erschießen lassen. Und diesen Henker schlägt der deutsche Adel als den richtigen Kandidaten zum Posten eines baltischen Generalgouverneurs vor, weil der jetzige— Ssollugub abdanken will! Man nimmt an, daß in diesen Tagen Massen- Haussuchungen und Arretierungen stattfinden und ein Teil der Jnhas- tierten ldie Zahl dieser beläuft sich auf etwa 1200) hingerichtet werden wird. Furchtbar haben die Dragoner in der Umgegend von Riga gehaust: In RedenpoiS hat man einen 25jährigeii Agitator an eine Kiefer gebunden, ihm«inen Sack über den Kopf gestülpt und dann erschossen. Ztyei Bauern, die Proklamationen verteilt haben sollen, haben 60 bis 70 Rutenschläge erhalten. In Hinzenberg sind 11 Menschen erschossen worden, darunter ein Mädchen, das angeblich eine rote Fahne genäht hat. In Dahlen sind 10 Häuser eingeäschert und mehrere Bauern erschossen worden. Wir sind gespannt auf die„Beruht- gungsarbeit", die Orlow in Riga selbst vornehmen wird. Expedition: SM. 68» �indenstrasv« 69. ftenispfertieirt Ruit IV, Kr. 1084. Ei» russisches Genrebild. Aus dem kaukasischen Ort Zchinwal im Gouvernement TifliS erhält der„Russische Courier" folgendes ergreifende Genrebild: Am 26. Januar machte sich tmter der dortigen Ortsbevölkerung eine Aufregung bemerkbar, da herannahende Truppen signalisiert wurden und der Bevölkerung befohlen wurde, sich auf den großen Platz ein- zufinden. Bald kam auch der Truppenkommandant und richtete an die vieltausendköpfige vom Militär umzingelte Menge nachfolgende Ansprache:„Gebe Euch zehn Minuten zum Nachdenken. Ihr müßt folgende Forderungen erfüllen: Die Revolutionäre. daS Geld der Organisationskasse und neun Berdangewehre ausliefern." Hierauf trat ein Greis vor und sagte: „Ew. Hochwohlgeboren I Wir alle, die wir hier anwesend sind, schwören, daß sich unter unS weder Revolutionäre, noch unzu- verlässige Personen befinden. Vor Ihnen steht eine absolut fried- liche Bevölkerung. Werden Revolutionäre kommen, so.werden wir sie ausliefern. Für neun Berdangewehre. die wir nicht besitze», wollen wir sofort bezahlen. Auch sonst wollen wir alle Ihre For- dermigen erfüllen. Wir flehen Sie kniend— der Sprecher kniet und die ganze Menge, wie vom Schlage getroffen, fällt auf die Knie— machen Sie von unS keine unschuldigen Opfer.... Sollten Sie jedoch unsere Bitte nicht erhören, so soll unS Gott beistehen. Kniend erwarten wir die Entscheidung über unser Schicksal." Hierauf berührte der Greis mit seiner Stirn die Erde, was auch von der ganzen, noch immer knienden Menge befolgt wurde.... Der Kommandeur begab sich zu den Offizieren, kehrte aber bald wieder zurück und sagte:„Für neun Berdangewehre zahlt Ihr sofort ein Tausend Rubel, ferner habt Ihr neue Steuern zu zahlen, Re- kruten zu stellen und diejenigen Häuser anzugeben, wo sich die Miliz aufgehalten hat." Die Hochersteute Menge brach in Freudentränen aus, eilte zur Stadt und wies auf zahlreiche„anrüchige" Häuser hin, die auch sofort zerstört wurden.... Nach der Entfernung des Militärs lag Zchinwal in Trümmern und der größte Teil seiner Bevölkerung ist bettelarm geworden.... politifebe Gebcrficbt. Berlin, den 20. Februar. Ablösung PosadowSkys durch Nieberding. Der deutsch- äthiopische Handelsvertrag wurde heute nach kurzer Debatte in erster und zweiter Lesung erledigt. Dann schritt die Beratung über den Rest des Etats des Innern rüstig vorwärts, so daß Graf Posadowsky mit seinen Räten und einem Haufen Akten abziehen konnte, um seinem Kollegen vom Justizamt Platz zu machen. Vorher hatte er jedoch noch eine Reihe von Wünschen verschiedener Art entgegenzunehmen, für die er wohlwollende Versprechungen hatte, da sie sehr bescheidener Natur waren. Nur in einem Falle schien ihm die Verhandlung über sein Ressort noch einmalunangenehmzu sein, als nämlich unser Genosse Ledeb our die Ablehnung einer weiter geforderten Summe von 200000 M. zum Ausbau für die dem Kaiser von den ge- treuen Reichsländischen geschenkten Hohkönigsburg empfahl. Ledebour bezog sich dabei auf das Versprechen der Regierung, die bei der Bewilligung der ersten Dotatton in Höhe von 750 000 M. erklärt hatte, der Bauherr— also der Kaiser— werde etwa weiter nötig werdende Kosten selbst tragen. Unser Redner ironisierte dieses„Versprechen" und reizte damit den Abg. v. S t a u d y zu einem ungeschickten höfischen Tanz. Die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes. meinte der konservative Herr, interessiere sich für die HohkönigSburg und fei glücklich, zahlen zu können. Der Reichstag bewilligte die 200000 Mark aus der Tasche der glücklichen Steuerzahler. Und nun ging es mit dem Etat des Innern rasch zu Ende. Die Weinrcsolutton wurde angenommen, die Regierung soll also den Pantschern mehr auf die Nähte gehen: dagegen wurde die bekannte UeberrumpelungSresolittion, Burkhard und Genossen— die Bleizusatz zu Zinndeckeln, die mit Gläsern ans Ausland ge- liefert werden, gestatten will— abgelehnt. Die steisinnigen Abgg. Eickhofs. Mugdan und Müller- Sagan, die die Resolution mitunterzeichnet hatten, fehlten bei der Ab- stimmung. Die Lesung des Etats des ReichSjusttzamteS setzte mit einer temperamentlosen Rede des Abg. Bassermann ein. Er hatte dem Staatssekretär eine Reihe von Anstagen zugehen lassen, die er nun von der Tribüne des Hauses vortrug. Der Herr Staatssekretär Nieberding trug darauf seine bereit gehaltene Antwort vor, die im Kern eine weitere Hinaus- ziehung einer Reform des Strafgesetzbuches ankündigte. Eine spezielle legislatorische Erledigung einzelner brennender Fragen, die Bassermann angeregt hatte. lehnte et ab, da dieses Vorgehen eine Zerreißung der Strafrechts- reforni bedeutet. Dagegen versprach er eine Denkschrift über das Konkursverfahren. Bassermann hatte die Schwur- g e r i ch t e zu diskreditieren gesucht, was den freisinnigen Abgeordneten Barg mann veranlaßte. die Schwurgerichte als eine populäre Institution in Schutz zu nehmen und die Berufung gegen Strafgerichte, sowie eine Revision deS Straf- Vollzuges zu fordern. Tann gelüstete es dem langen D i r k s e n. seinen re- akttonären Klepper gegen die Sozialdemokratte zu spornen. Der Ritter machte eine recht klägliche Figur, als er darüber losbellte, daß ein Staatsanwalt— man denke!— in Elsaß- Lothringen die Sozialdemokratie als einen Wall gegen die Reaktion bezeichnet haben soll Die dcnunziatorische Absicht des verfehlten Staatsretters wurde von der Linken mit ge- bilhreuden Zwischenrufen gekennzeichnet. Hernach brachte der Abg. V.©erlach, der persönlich von Herrn v. Dirksen an- gegriffen worden war, demselben mit einer groben Bemerkung, die den reaktionären Bramarbas in Beziehung mit dein Tiere brachte, das vom Lantcnschlag nichts versteht, eine derbe Abfuhr. Die weitere Berahmg des Justizetats wurde vertagt. Morgen, am Schwerinstage, kommt der sozialdemokratische WaHlrechtZaiitrag zur zweiten Lesung. Die weitere Bcratnog des Justizetats. Das Abgeordnetenhans setzte am Dienstag die Beratung des Justizcta'ts fort. In der Generaldebatte, die sich an den Titel„Ministergchalt" knüpfte, wandte sich der konservative Abg. Pallaske gegen die Einstellung des Strafverfahrens im Plötzensee-Prozesi: er erblickt darin eine Kapitulation des Staatsanwalts vor der Sozialdemokratie. Auch Minister B e s e l e r erklärte, daß der Prozesi seiner Auffassung nach in höchst unbefriedigender Weise zu Ende gekommen sei; aber welche Erwägungen zu diesem Abschluß geführt haben, das entziehe sich seiner Kenntnis, da der Prozeß in die Amtspcriode seines Vorgängers gefallen sei. Nach Bewilligung des Ministergehalts verlor sich die De- batte in Einzelheiten. Auf verschiedene Anregungen ans dem Hause legte der Minister seinen Standpunkt zu einzelnen Fragen dar. Unter anderem sprach er sich für eine Reform des Strafgesetzbuches, speziell nach der Richtung hin aus, daß persönliche Ehrenkränkungen ihre volle Sühne finden. (Es scheint, als ob Herr Beseler nur für eine Reform im reaktionären Sinne zu haben ist.) Weiter betonte er die Notwendigkeit einer Vermehrung der Richterstellen und . einer Beschleunigung der Prozesse. Auch der Frage der jugendlichen Verbrecher will er seine Aufmerksamkeit widmen. Erfreulich ist es, daß er die Behandlung, die nianche Richter sich gegen Zeugen erlauben, scharf tadelte. Die geplante Neu- organisation des Berliner Gerichtswesens soll nach Mitteilung des Ministers bald durchgeführt werden. Im übrigen wurden nur lokale Angelegenheiten berührt. Am Mittwoch wird die Etatsberatung fortgesetzt.— Der Tanz auf dem Vulkan. In AlgeciraS treibt Deutschlands Diplomasie ein gefähr- liches Spiel. Frankreich hatte den Vorschlag gemacht, die leidige Polizeifrage dergestalt zu regeln, daß die vom Sultan zu erwählenden Offiziere Franzosen und Spanier sein sollten. Dieser„Vorschlag zur Güte" wurde rundweg abgelehnt. Das könnte man allenfalls noch begreifen. Aber höchst komisch lautet die„Begründung" dieser Ablehnung, nämlich: der Vor- schlag Frankreichs widerspreche dem Prinzip der Jutcr- uationalisierung und Gleichberechtigung aller Mächte in Marokko! Wenn die deutsche Regierung damit etwa sagen will, daß nach ihrer unmaßgeblichen Ansicht die Polizeifrage in Marokko s o geregelt werden müßte, daß aus allen Nationen Schutz- Männer, Gendarmen, Kriminalpolizistcn usw. zu einem inter- nationalen marokkanischen Polizeikorps zusammengewürfelt werden sollten, so wäre das ganz ersichtlich barer Unsinn; denn bei solcher Regelung der Dinge kämen die beteiligten Mächte aus den Konflikten überhaupt nicht mehr heraus. Kein Wunder, daß schwarzseherisch veranlagte Naturen be- hanptcn, es müsse zum Kriege kommen; denn Deutschland wolle offenbar den Krieg! Andere versprechen sich im jetzigen Stadium von der Vermittelung neutraler Mächte noch die Verhütung des Aeußersten. Aber darin sind sie alle einig, daß Deutschlands Diplomaten hier ein sehr gewagtes Spiel spielen, dessen Einsatz dem deutschen Volke teuer zu stehen kommen könnte. Im französischen Parlament verlas gestern Minister- Präsident Rouvier eine Botschaft des neuen Präsidenten Fallisres. Da hieß es an einer Stelle: „In ihrer auswärtigen Politik, die von Grobheit, Erleuchtung und Mäßigung, nicht minder aber auch von Festigkeit geleitet wird, gibt da nicht die Republik in ihrer andauernden Treue gegen ihre Freunde und Verbündeten ein Beispiel, um welchen Preis sie herzliche Beziehungen mit ollen Mächte» zu erhalten sucht?* Lauter Beifall erscholl bei diesen Worten. Man hat Frankreich sonst stets des allzngroßen Chauvinismus geziehen. Möge das deutsche Volk darüber wachen, daß seine Re- gierung nicht eine zu große Portion von Chauvinismus an den Tag lege und daß sie nicht bei ihrem Tanz auf gefähr- lichem Vulkun die Nation in den glühenden Krater des Krieges hineinzerre._ Lohnkämpfe mrd Getreidepreissteigerungen. Ei» Teil der agrarkonservativen und indUstriell-hochschutzzöllneri- scheu Presse leistete sich als Beweis der Bescheidenheit ihrer journa- listischen Ansprüche in letzter Zeit häufig daS kindliche Vergnügen, Ausführungen unserer Parteipresse über die handelspolitischen Fragen der Gegenwart irgend welche der Georg Bernhardschen Börsen- Wochenschrift„Plutus" entnommenen schutzzöllnerischen Aeußerungen gegenüberzustellen. Da nicht nur der Masse unserer Parteigenossen, sondern auch fast allen intelligenteren Gegner bekannt ist. daß Bernhards wirtschaftspolitische Ansichten in der sozialdemokratischen Partei nur ein ganz spärliches Echo finden und seine Wochenschrift eine rein private Gründung ist, die zur Partei nur insofern Be- Ziehungen hat, als Bernhard sich als Sozialdemokrat betrachtet und einige sozialdemokratische Abgeordnete gelegentlich für sein Blatt schreiben, so haben wir uns bisher enthalten, auf dieses lächerliche Zitatenspiel zu antworten. Es eiitspricht nicht unserem Geschmack, immer aufs neue zu wiederholen, daß Bernhards Argumentation für die Partei absolut nicht in Betracht kommt; haben doch das Verhalten unserer Partei in den letzten Zollkämpfen, der Ausgang der Affäre Schippe! und die Wahl Noskes im Chemnitzer Wahlkreise jedem, der sehen will, deutlich gezeigt, daß sich die sozialdemokratische Partei durch derartige schutzzöllnerische Velleitäten nicht im geringsten beeinflussen läßt. Gegenüber einer neuen, von der„Deutschen Tagesztg." frohlockend abgedruckten Aeußerung dcS„ PlutuS" fühlen wir uns jedoch verpflichtet, Stellung zu nehmen— schon deshalb, weil wahr- scheinlich diese Aeußerung gelegentlich gegen die Lohnkämpfe der Velverkschaften ausgespielt werden wird. Diese Notiz der„D. Tagesztg." lautet: Ein sozialdemokratisches Urteil über den Bund der Landwirte. Georg Bernhard, der sozial- demokratische Herausgeber der Wochenschrift„PlutuS" schreibt in Anknüpfung an die Generalversammlung des Bundes der Land- Wirte: „Man darf dem Zeitungsleser nicht einreden wollen, daß diese Zirknsparade da? innerste Wesen des Bundes bloßlege. Und man darf weiterhin die Landbündler nicht durchaus als eine ver« komuiene Rotte von egoistischen Gewaltmenschen hinstelle» wollen. Die Tatsache ist nicht mehr fortzuleiignen, daß der Bund der Landlvirte die berufene Organisation einer großen Er- werbsklasse ist. Er bedeutet heute für die Landwirte genau dasselbe, was die Zeutralorganisation der Gcwerlschaften den Arbeitern ist... Der Landwirt kämpft um hohe Getreide- preise genau mit dem gleichen Recht, wie der Arbeiter um hohe Löhne". Uns interessiert an dieser Auslassung nur der letzte Satz. Die Ansicht, daß in der heutigen Welt der wirtschaftlichen Gegensätze sowohl jeder einzelne als jede WirtschaftSgruppe(Erwerbsllasse) das „gleiche Recht" hat, sich die größten wirtschaftlichen Vorteile zu erkämpfen, ist keine sozialistische Theorie, sondern nichts als eine verflachte Fassung der kapitalistischen Lehre vom nützlichen Spiel der freien Kräfte und dem Recht des Stärkeren. Die Sozialdemokratie betrachtet den wirtschaftlichen Kampf in der heutigen Gesellschaft vom Standpunkt des Gemeinwohls und des historischen Fortschritts; und von diesem Standpunkt aus fällt es ihr keineswegs ei», allen „Erwerbsklassen", den absterbenden, der Entioickelung im Wege stehenden, wie den die Bedingungen des wirtschaftlichen Fortschritts vertretenden Gruppen, das gleiche Recht auf die Durchsetzung ihrer besonderen Interessen zuzilgestehen, zumal die Lebensbedingiingen dieser Gruppen sich widerstreiten und, wenn auch nicht formell, so doch Äs iacto die Anerkennung des Rechts der einen Gruppe die Negation des Rechts der ihr gegenübersteheilden schwächeren Gruppe in sich schließt. Kurz, die Sozialdemokratie faßt zwar den Kampf der Wirt- schaftlichen Jnteresseugruppen als Klasielikampf auf; aber sie folgert daraus nicht, daß alle Klassen das gleiche Recht auf Durch- setzung ihrer sozialen Interessen haben, sondern, daß daS Recht— daS historische Recht— auf der Seite jener Klasse oder Klassen ist, die in ihren Forderungen die Bedingungen der wirtschaftlichen Entwicklung vertreten. Ferner aber ist ein Kampf für Lohnerhöhungen in Volkswirt- schaftlicher Hinsicht etwas ganz anderes, als im Kampf für Getreide- Preiserhöhungen. Bekanntlich erhält der Arbeiter in seinem Lohn nur einen Teil seiner Arbeitslei st ung bezahlt; der andere Teil, der ihm nicht bezahlt wird, also aus unbezahlter Arbeit besteht, fetzt sich in Kapital- Profit sdcr sogen. Fabrikatiousgewinn. Zins und Handelsproftt sind nur Unterformen des Kapitalprofits) und Grundrente um. Ein Arbeiter, der in einer von einer Aktiengesellschaft betriebenen Schuh- fabrik beschäftigt ist, erhält z. B. in seinem Lohn nicht den ganzen Wert ersetzt, den er durch seine Arbeit den von ihm verarbeiteten Materialien hinzusetzt, sondern nur einen Teil. Wenn die Zutaten (Leder, Nägel, Garn usw.) für ein Paar Stiefel i M. kosten, die Abnutzung an Werkzeugen, Maschinen, Fabrikräumlichkeiten usw. 80 Pf. und die Kosten der Betriebsleitung ebenfalls 50 Pf. pro Stiefelpaar betragen, so erhält er nicht, falls die Stiefel im Durch- schnitt mit 12 M. in den Läden verkauft werden, 7 M. an Lohn, sondern vielleicht nur 2 M.; die übrigen S M. fließen teils als Dotation in die nicht der bloßen Ersetzung der Betriebsmittel dienenden verschiedenen Reservefonds der betreffenden Aktiengesellschaft, teils fallen sie als Dividende an die Aktionäre, als Zinsen an die Bank, die Geld zum Betrieb geborgt hat, vielleicht auch als sogenannter Bodenzins(Bodenrente) an einen Grundbesitzer, von dem das Fabrikrerrain gepachtet ist. und außerdem beziehen daraus noch der Grossist und der Kleinhändler, welche die Stiefel vertreiben, ihren Handelsprofit. Wenn demnach der Arbeiter einen höheren Lohn fordert, als er bisher erhalten hat, so verlangt er nur einen größeren Anteil an dem von ihm durch seine Arbeit geschaffenen Wert, eine Verringerung seiner unbe- zahlten Mehrarbeit. , Der Landwirt, der höhere Getreidepreise fordert, verlaugt aber im Gegenteil, daß der Anteil des Kapitalprofits und der Grundrente an den Preis des von seinen Arbeitern hergestellten Arbeitsproduktes(des Getreides) erhöht wird, das heißt, daß im Verhältnis zum Kapitalprofit und zur Grund- rente der Lohnanteil des Arbeiters an seinem Arbeitsprodukte geschmälert wird. Denn der Land- Wirt fordert die höheren Gctreidepreise nicht, um den Mehrertrag dazu zu verwenden, seinen„Leuten" höhere Löhne zu zahlen. Wenn er das Geld, was er für fein Getreide mehr erhält, an Lohn mehr zahlen muß, dann hat für ihn die ganze Getreidepreissteigerung keinen Sinn und Nutzen. Er will bei der Steigerung„ver- dienen", das heißt seinen Profit und, soweit er zugleich Be- sitzer und Verpächter von Grundstücken ist, seine Grundrente ver- größern. Während also der Arbeiter, wenn er für Lohnerhöhungen kämpft, einen größeren Anteil an seiner eigenen Arbeitsleistung fordert, verlangt umgekehrt der Land- wirt, der nach höheren Getreidepreisen schreit, eine Vergrößerung seines Anteils an der Arbeitslei st ung anderer, nämlich seiner Arbeiter. Weiter, der Arbeiter, der für höhere Löhne kämpft, fordert nicht, daß die Regierung durch staatliches Gebot die Löhne erhöht. Er sucht seine Lohnforderung dadurch durchzusetzen, daß er die Arbeit zu einen» niedrigeren Lohnsatz verweigert. Alles, was er vom Staat verlangt, das ist freies Koalitionsrecht und völlige Neutralität der Behörden bei Ausständen. Der bündlerische Landwirt aber fordert, daß der Staat durch Zölle und Einfuhrbeschränkungen auf Kosten der breiten Volksmasse die Preise künstlich verteuert und ihm auf diese Weise Extra-Revenuen verschafft. Das find so bedeutende Unterschiede, daß sie auch dem, der sich nie eingehender mit theoretischer Nationalökonomie beschäftigt hat, einleuchten. Wenn der Herausgeber des„PlutuS" sie nicht be- greift»md den Kampf der Landbündler für hohe Getreidepreise mit den Lohnkämpfcn der Gewerkschaften in Parallele stellt, so beweist er damit nur. wie sehr er noch in den naiven Anschauungen der oberflächlichsten kapitalistischen Vulgärökonomie steckt, und wie alißerordentlich wenig er noch von der sozialistischen Theorie kapiert hat. Der Kanzler der„Notleidenden". Die Rede, die gestern Fürst Bülow auf dem deutschen Handelstage gehalten hat, war ein echtester Bülow. Wie ge- wohnlich bewegte sich der Reichskanzler auf der mittleren Linie„staatsmännischer" Trivialität. An alle Erwerbsstände verteilte er seine Komplimente, am liebevollsten jedoch be- handelte er sein„Sorgenkind", die deutsche Land- Wirtschaft,„die draußen auf heimatlicher Scholle ar- beitet und die sozialpolitische Grundlage, das Fundament des deutschen Hauses bildet!" Daß der gefürstete Kanzler des Brotwuchertarifes die Agrarier am zärtlichsten in sein Herz geschlossen hat, ist ja eine allbekannte Tatsache. Eine ebenso bekannte Tatsache ist es, daß eine deutsche Landwirtschaft in dem Sinne des Reichskanzlers gar nicht existiert, sondern daß die Freundschaft Bülows nur dem Agrariertum gilt. nicht aber den Elementen der Landwirtschast, die wirklich auf der heimatlichen Scholle arbeiten. Die Liebesgabenpolitik des Kanzlers gilt wohl den Großgrundbesitzern und den Groß- bauern, nicht aber den in schwerer Arbeitsfron stehenden Kleinbauern und der großen Masse des ländlichen Proletariats, denen durch den Zollwnchertarif die Kompottschüssel keineswegs gefüllt worden ist. So bekannt diese Tatsache auch ist, so verdient sie doch immer wieder an der Hand der Statistik von neuem festge- nagelt zu werden. Wir stellen also fest, daß nach der Berufs- und Gewerbezählung vom Jahre 1895 3 236 367 landwirt- schaftlichcr Betriebe von weniger als 2 Hektar gezählt wurden mit zilfammen 2 415 914 Hektar Bodenfläche. Ferner wurden in der Betriebsklasse von zwei bis fünf Hektar 1 616 318 Be- triebe gezählt mit 4 142 671 Hektar Bodenfläche. Diese mehr als 4 Millionen Parzellenbauern besaßen also zusammen nur 6�2 Millionen Hektar Grund und Boden. Dagegen wurden 26 881 Betriebe gezählt mit nicht weniger als 6 571 164 Hektar Bodcnflächc! Diese noch nicht 21 666 Grundbesitzer verfügten also über mehik Land als die 4�2 Millionen Kleinbetriebe zusammen genommen! Tann aber gab es noch 4186 Groß- betriebe, die ebenfalls über ein Areal von 4 466 732 Hektar Bodenfläche verfügten. 25 666 Großgrundbesitzer also be- saßen annähernd doppelt so viel Land, als mehr als 4 Millio- ncn Klein- und Zwergbanern zusammen genommen! Und bekanntlich hat ja schon seinerzeit der Reichskanzler Fürst Hohenlohe erklärt, daß die Bauern mit weniger als 5 Hektar Besitz an den Getreidezöllen, die den 25 666 Großgrund- besitzern so enormen Gewinnst in den Schoß werfen, absolut uninteressiert sind. Wenn also in der Tat der Fürst Bülow nicht nur die 25 666 Großgrundbesitzer und die paarmal hunderttausend Großbauern als die Kinder seiner Fürsorge betrachtete, sondernauchdie 4MillionenKleinbauern,so müßte seine Agrarpolitik nicht nur darin bestehen, die A g r a r- zolle zu beseitigen, durch die die Existenz so vieler überschuldeter Großgrundbesitzer künstlich ausrecht erhalten wird, sondern auch darin, zunächst einmal eine durchgreifende Reform der Bodenbesitzverhältnisse herbeizuführenl Außerdem sollte aber auch der Reichskanzler wissen, daß es außer den 256 666 notleidenden Agrariern noch andere „Sorgenkinder" gibt. Die ganze Landwirtschaft umfaßte nach der Berufs- und Gewerbezählung vom Jahre 1895 nur 18 561 367 Personen von einer Gesamtbevölkerung von 51 776 284 Personen. Speziell die in der I n d u st r i e b e- s ch ä f t i g t e n Personen hatten sich seit dem Jahre 1882 von 7 346 789 auf 16 269 269 Personen, also um 39,9 Proz. vermehrt. Und diesen vielen Millionen von Jndustriearbei- tern ist keineswegs die Kompottschüssel gefüllt! Das hat un- längst auch ein ehemaliger preußischer Minister, Herr von Berlepsch, offen anerkannt. Nach seinen eigenen Angaben führte Herr von Berlepsch vor einigen Tagen in Jena aus, daß nach seinen sorgfältigen Berechnungen ein großer Teil auch gelernter Arbeiter und auch in den In- dustriezentren nicht mehr als 966 M. Jahresverdienst habe, eine Summe, die namentlich mit Rücksicht auf die hohe Wohnungsmiete„gerade nur zur Deckung der notwendigsten Lebensbedürfnisse" hinreiche. Seiner Auffassung nach lebe nur etwa ein Drittel aller gewerblichen Arbeiter in„b e- friedigenden Verhältnissen. Weitere drei SecbKel der Arbeiterklasse hatten einen„gerade auskömmlichen Verdienst", „der aber in vielen Fällen unauskömmlich werde, wenn Krank- heit und Arbeitslosigkeit eintrete." Ein volles Sechstel der Arbeiterklasse aber lebte in ungenügenden Verhältnissen mit häufiger Unterernährung und Wohnungselend. So urteilt ein ehemaliger preußischer Handelsminister, der allerdings vor neun Jahren von den Scharfmachern aus seinem Amte verdrängt und durch einen den Stümmlingen genehmeren Minister ersetzt wurde. Ein Sechstel der deutschen Arbeiter, also mindestens zwei Millionen, befinden sich selbst nach den Ansichten eines ehemaligen preußischen Ministers in den elendesten Berhältniffen, sie leiden unter Unterernährung und furchtbarem Wohnungselend— trotzdem betrachtet nicht sie. sondern die 25 666 Strohdachflickcnden der Reichskanzler als die eigentlichen Notleidenden und Sorgenkinder des Reiches! Dafür leben wir auch in dem Reiche der Sozialpolitik! *• # Dcutrchee Reich. Der Handelsminister über das Handelsprovisorium mit Amrrtta. Auf dem Deutschen HandelStag sprach der Handelsminister Delbrück über das Nichtz»lftandekommen eines Handelsvertrages mitAmerika und dieOppofition. die derRegierung wegen des Abschlusses des Handelsprovisoriums gemacht worden sei. Er müsse doch betonen, daß es nicht an der Regierung gelegen habe, weil»» sie nichts habe ausrichten können. Die Regierung habe angesichts der wirklichen wirtschaftlichen Machtverhältniffe das Provisvrium schließen müssen, weil Deutschlands einheimischer Marli einen erheblichen Teil der amerikanischen Produkte nicht entbehren könne. „Wem habe man denn helfen wollen? Doch der eigenen Industrie. Solange B a um w o ll e i»ur in Amerika wachse, solange ein großer Teil des Kupfers in Amerika produziert werde, werde unsere, wenn auch augenblicklich blühende Industrie aus den a>n e r i k a n i s ch e n Markt angewiesen sein.... Sorgen Sie dafür, daß die Baumwolle in unsere»»Kolonien wächst, sorgen Sie dafür, daß wir Kupfer in unseren Kolonien finden.(Große Heiterkeit.) DaS kommt Ihnen nun komisch vor, während es mir voller Emst ist.... Die Regierung kann Ihnen Eisenbahnen bauen, aber die Courage, ein paar Millionen dahineinzustecken, müssen Sie haben." Die„Deutsche Tageszeitung' widmet heute dem Provisorium einen ganzen Leitartilel, in dem sie über den Rückzug der deutschen Regierung stöhnt. Der Gesamteindruck des Provisorimns sei nicht nur vom wirtschaftlichen, sondern auch vom nationalen Standpunkt aus so unang e neh m und so niederdrückend luxe nur möglich; und es fei schwer, die Neigung zu»»»»terdriicken, eine Satire zu schreiben. Die„Deutsche Tageszeitung" hätte ihre an- gebliche Neigung lieber nicht»mterdmcken sollen. Sie hätte sich freilich selbst satirisieren müssen! Die Bemerkungen des HandclöministerS über die Zurück- Haltung des trotz aller Protektiv nSpolitik in kolonialen Dingen so s k e p t i f ch e n Kapitals liefern einen»ettc» Beitrag zu unserer sinnlosen Kolonialivirtschaft!~ Sozialistengesetzliches. Die„Post' behauptet, daß die Annahme des„Vorwärts", als ob eine Art von Ausnahmcgesetzgebung in Preußen gegen die Sozial- dcmokratie erwogen werde, unrichtig sei. Richliger dürfte es sein,, daß entsprechend ihren Anregungen Erwägungen darüber gepflogen würden,„ob das bestehende Strafrccht ausreiche, un» die modcme Form der Revolution, den politischen Massen- oder Generalstreik, und namentlich die Veranstalter und Vorbereiter solcher Revolutionen entsprechend strafrechtlich zur Verantwortung ziehen zu können". Sollte man zur Verneinung dieser Frage gelangen, so werde es sich darum handeln,„zweckmäßig diese Lücke im Strafrecht auszufüllen". Sollten die Vermutungen der„Post" zutreffen, so würde daS neue Sozialistengesetz sich nicht nur gegen die politische Agitation der Sozialdemokratie richten, sondern in erster Linie auch gegen die Gewerkschaften. Es lväre dann nichts Geringeres geplant, als ei» Knebelgesetz nach Art der berüchtigte»» Zuchthausvorlage I— Zentrum und Erbschaftssteuer. Der Zentrumsabgeordncte Dr. am Zehnhoff hat ein Erb- schaftssteuerprojekt ausgearbeitet, nach dem die Erbschaftssteuer bedeutend ertragreicher gestaltet werden soll, als es die Ncgierungs- Vorlage beabsichtigte. Der Vorschlag des Herrn am Zchnhoff, des Kommissionsberichterstatters, geht dahin, daß der an Kinder und Ehegatten fallende Nachlaß mit einer Steuer von eins vom Tausend belegt werden soll. Die an entferntere Verwandte und Nichtver- wandte fallenden Erbschaften sollen mit einer Steuer von ö bis IS Proz. belastet werden. Der Gesamtertrag aus dieser Steuer Wird von Herrn am Zehnhoff auf 120 Millionen Mark veranschlagt. Bezeichnend ist, daß das Zentrum diesen Steuervorschlägcn seines Fraktionsmitgliedes sehr reserviert gegenübersteht. Die „Germania" erklärt, daß Herr am Zehnhoff für s e i n e Person die Verantwortung für das Projekt trage. Die„Kölnische Volks- zeitung" nimmt eine weniger ablehnende Haltung ein. Doch bemerkt die agrarische Presse mit vollem Recht, daß der im Zentrum so einflußreiche rheinische Bauern verein Wohl schleunigst sein diktatorisches Veto einlegen werde. Die„Korrespondenz des Bundes der Landwirte" erhebt natürlich ein wütendes Geschrei über den Vorschlag des Herrn am Zehnhoff. Die Landwirte in allen deutschen Gauen müßten sich zu mündlichen oder schriftlichen Kund- gebungen gegen diese Steuervorschläge, zusammentun und darin ihren Vertretern im Reichstag, namentlich denen aus den Reihen des Zentrums und der Nationalliberalen, ihren Un- willen über derartige Absichten unzweideutig kundgeben. Noch sei es Zeit, aber es sei hohe, ja höchste Zeit. Die Notleidenden brauchen sich wirklich nicht aufzuregen. Das Zentrum denkt nicht im Ernste daran, das Projekt des Herrn am Zehnhoff zu realisieren. Der Steuereifer seines Fraktionsmit- gliedcs dient ihm nur dazu, seinen proletarischen Wählern Sand in die Augen zu streuen.—_ In den Wahnsinn gehetzt. Ueber die Verurteilung des Musketiers Gloy in Lübeck zu einer fast achtjährigen Gefängnisstrafe wird der„Frankfurter Zeitung folgender ausführlicher Verhandlungsbcricht mitgeteilt: Am 6. Januar d. I. schlug der Musketier Gloy beim Paradeschritt- üben seinen Leutnant Hcerlein mit dem Gewehrkolben nieder, als er von diesem zur Wiederholung einer Uebung zurückgerufen worden war. Neben Gloy war auch der Unteroffizier Hansen angeklagt, dem vorschriftswidrige Behandlung seiner Untergebenen und Unter- lassung einer dienstlichen Meldung zur Last gelegt wurde. Beim Griffeüben am Morgen des 6. Januar auf der Mannschaftsstube soll der Unteroffizier dem Gloy, obwohl dieser die Uebungen so gut niachte, wie er konnte, einen Stoß vor die Brust gegeben haben. Tatsächlich ist Gloy zurückgetaumelt und mit dem Rücken gegen einen Schrank gefallen. Hierauf schlug Gloy mit dem Gewehr- kolben den Unteroffizier Hansen auf die Schulter, so daß dieser zurücktaumelte. Sofort ließ er dann die ganze Korporalschaft in die Kniebeuge gehen un.d in dieser Stellung ungefähr eine halbe Stunde lang Griffe üben. Infolge dieses„Schleifens" waren die meisten Leute bei der darauf auf dem Kasernenhofe folgenden Uebung unter dem Kommando des Leutnants Heerlein schlapp. Leutnant Hcerlein, der von der vorangegangenen langen Uebung keine Ahnung hatte, forderte Gloy, der besonders schlecht marschierte, obwohl er sonst ein guter Soldat war, auf, die Beine besser zu werfen. Da die Mahnung keinen Erfolg hatte, rief ihn der Leutnant zurück. Da Gloy diesem Befehl angeblich nicht schnell genug nachkam, sollte er einmal um den Kascrnenhof Laufschritt machen. Gloy hatte bisher Gewehr bei Fuß gestanden. Plötzlich faßte er das Gewehr beim Lauf und schlug mit dem Kolben den Leutnant auf den Kopf. Der Schlag wurde durch den Mützenschild zwar etwas gemildert, aber der Angegriffene stürtzte trotzdem bewußtlos zu Boden, nachdem er den vergeblichen Versuch gemacht hatte, den Säbel zu ziehen. Gloy trat nach dem Schlage zurück und stand wieder Gewehr bei Fuß. Auf Befragen erklärte Gloy, daß ihm der gegen den Leutnant geführte Schlag sofort leid getan habe; auch sei er der Meinung gewesen. Unter- offizier Hansen werde ihn melden. Es sei ihm selbst nicht be- greiflich, wie er dazu kommen konnte, seinen Leutnant tätlich an- zugreifen, da dieser ihn stets freundlich und gut behandelt habe. Sein Bewußtsein reiche nur bis zu dem Marsch-Marsch-Befrhl des Leutnants, dann sei es ihm schwarz vor den Augen geworden. Als er wieder zu sich gekommen sei, habe der Leutnant blutend am Boden gelegen. Unteroffizier Hansen will den Gloy nicht vor die Brust gestoßen haben, von ihm auch nicht gestoßen worden sein; er habe ihm nur das Gewehr zurecht gelegt. Leutnant Heerlcin stellt dem Gloy ein sehr gutes Zeugnis aus; noch zwei Tage vor dem Vorfall habe er ihm einen Preis für gutes Turnen geben können. Von dem Schlage mit dem Gewehrkolben habe er keine nachteiligen Folgen für seine Gesundheit davongetragen; nur abends empfinde er mitunter nach langem Tragen der Dienstmütze etwas Kopfweh. Nach ärztlichem Gutachten ist Gloy geistig völlig intakt. Er wurde wegen Angriffs auf einen Vorgesetzten in zwei Fällen zu insgesamt sieben Jahren neun Monaten Gefängnis, Hansen wegen Miß- Handlung Untergebener zu 38 Tagen Mittelarrest vcr- urteilt. Von der Anklage der Unterlassung einer Meldung wird er freigesprochen. Diese Entscheidung wird, so bemerkt die„Franks. Ztg." zu dem Falle, nicht nur wegen des außerordentlich hohen Strafmaßes gegen den Gemeinen, sondern auch wegen des Gegensatzes zu der milden Strafe für den Unteroffizier auffallen, obgleich letzterer doch die unmittelbare Ursache des ganzen Vorfalles war. 38 Tage Mittel- arrest für eine nichtswürdige Soldatenquälerei und sieben Jahre neun Monate Gefängnis für die in einem Moment fehlender Zurcchnungsfähigkeit begangene Ausschreitung des Soldaten, für die bis auf zwei Jahre hätte heruntergegangen werden können, sind so schroffe Gegensätze, daß sich das Rcchtsgcfühl nimmermehr damit abfinden kann. Wenn der unglückliche Musketier auch sonst geistig normal ist, so hat er doch zweifellos unter einer seelischen Stimmung gehandelt, die ihm das Verantwortungsgefühl raubte. Daß das Gericht hierauf keine Rücksicht nahm, ist unverständlich. Wir halten die Aufrechterhaltung dieses Urteils für ganz ausgeschlossen. Arbeiter als Schöffen werden in diesem Jahre in Kiel zum ersten Male in Tätigkeit treten. Auf der Liste der Schöffen stehen, 20 Arbeiter, darunter ein Heizer, zwei Schiffszimmerleute und ein Schriftsetzer.— Oberschlestsche GcrmanisierungSkiinste. Unter den Polen in Micchowitz, Kreis Beuthcn, herrscht große Aufregung über eine Anordnung dcß neuen Gemeindevorstehers Schneider, wonach in den Gemcindebureaus mit dem Publikum künftig nur deutsch ver- handelt werden darf; sogar für das Standesamt gilt diese Be- ftimmung. Bis dahin wurde auf den Bureaus im Verkehr niit der polnisch redenden Bevölkerung, auch mit Schulkindern, stets die polnische Sprache gebraucht, und die preußische Monarchie war nie in Gesahr.—>__ AuS dem wstrttembergifchen Landtag. Stuttgart, 18. Februar.(Eig. Ber.) Die Abgeordnetenkammer beschäftigte sich in der abgelaufenen Woche in der Hauptsache mit Eingaben der Gemeinden und Bezirke um den Bau neuer Eisenbahnen. Diese Debatten, welche im wesentlichen nur lokale Bedeutung haben, werden sich auch noch in die neue Woche hineinziehen. Von allgemeinerer Bedeutung war die erste Lesung des Ge- sches über die Gewerbe» und Handelsschulen, das eine gründliche Reform des Fortbildungsschulwesens bezwecken soll. Leitende Gesichtspunkte des Entwurfs sind die Durchführung des Schulzwangcs, des Tagesunterrichts und cinheit- lichcr Mindestforderungen bezüglich der Unterrichtsdauer: ferner sollen die gewerblichen Fortbildungsschulen zu Berufsschulen um- gebildet und für diese Schulen dann besondere Lehrkräfte aus- gebildet werden. In der Debatte verlangte der Zenlrumsredncr, daß in den Lehrplan dieser Schulen auch religiöse Fächer auf- genommen werden sollten. Diese Forderung wurde von dem Redner der Sozialdemokratie Abg. Kloß aufs entschiedenste bekämpft. Auch der Kultusminister selbst zeigte sich wenig geneigt, den Reli- gionsunterricht der gewerblichen Fortbildungsschule als Pflichtfach einzuverleiben. Tie Grundzüge des Entwurfs, z. B. die Umwand- lung des Abendunterrichts in Tagesunterricht, wurden am schärfsten von einem Volksparteiler, dem Abg. Schmidt, bekämpft, der ein Klagelied auf die armen, Handwerker sang, denen ihre Lehr- linge durch das neue Gesetz 280 Stunden~ 40 Tage im Jahr cnt- zogen würden. Es ist beschämend, daß sich just ein Volksparteiler auf solche Art zum Sprachrohr reaktionärer, auf Lchrlingsaus- bcutung versessener Handwerkerbestrebungen machte; um so be- schändender, als dieser Abgeordnete selbst früher Lehrer war und mithin mit mehr Verständnis für die sozialpolitischen und Bildungs- bcftrcbungen unserer Zeit hätte ausgestattet sein müssen. Mit feiner Ironie wurde dieser Opponent vom Kultusminister abqe- führt, der sich Schmrdts Einwänden gegenüber auf das Partei- Programm der Volksparteiler berufen konnte. Auch Genosse Kloß trat den fortschrittsfeindlichen Ausführungen des Volksparteiler-, dem übrigens eigene Parteimitglieder widersprachen, entgegen. Das Gesetz wurde an eine Kommission überwiesen. Als Majestätsbeleidiger muß der 67 Jahre alte Jnvalidenrentner G. G ö t s ch e l von Kottersreuth sOberfranken) in seinen alten Tagen noch ins Gefängnis wandern. Er ist ein alter Feldzngsveteran und bezieht eine monatliche Invalidenrente von 21 M. Vor einiger Zeit befand er sich in der Puchtlerschea Wirtschaft in Kottersreuth. wo ihn oie Gäste wegen der Geringfügigkeit seiner Rente aufzogen. In seinem Unmut ließ er sich 8u einigen Aenßerungen hinreißen, rn denen eine Beleidigung des Kaisers enthalten sein soll. Der Wirt schickte sofort zur Gendarmerie, damit die Freveltat nicht ungefüynt bleibe. Das Landgericht Bayreuth sprach eine Gefängnisstrafe von drei Monaten auS.— Von Herrn Münch-Ferber. Der frühere nationalliberale Reichstagsabgeordnete für Hof, Webereibesitzer Münch-Ferber, sah sich, wie erinnerlich, zur Nicderlcgung seines Mandats veranlaßt, weil ihm in einem Beleidigungsprozch bedenkliche Manipulationen in einer Erbschaftsangelegenheit und in Steuersachcn nachgewiesen waren. Um eine Wiederaufnahme seines Prozesses zu erwirken, denunzierte er den Zeugen in diesem Prozeß und seinen Ver» lvandten Rudolf Münch wegen Meineids. Das Landgericht Hof faßte jedoch den bereits rechtskräftig gewordenen Beschluß, die?ln- geschuldigten außer Verfolgung zu setzen, da sich keine Anhalts- punkte ergeben hätten, daß sie in irgend welchen Punkten die Un- Wahrheit ausgesagt haben,.— Die Demokraten in Nürnberg haben sich bekanntlich bei den letzten Landtags- und Gemeindewahlen dem allgemeinen bürger- lichen Mischmasch angeschlossen, wofür sie eines der den Sozial- demokraten durch eine verwegene Wahlbezirksgeometrie abgenommenen Lan dtagsman date, sowie einen zweiten Sitz im Ge- incinderat zum Lohn erhielten. Das unliberale Auftreten des liberalen Blocks, vor allem die dicke Freundschaft mit der reaktiv- nären Mittelstandspartei und die Rückständigkeit und Arbeiter- fcindlichkeit der Nürnberger Gemeindeverwaltung, hat in den ehr- lichen Demokraten das demokratische Gefühl wieder erweckt, und man schämt sich schon allgemein dieses Bündnisses. In einer dcmo- kratischen Versammlung kam es deshalb zu einer lebhaften Aus- spräche, in der die meisten, Redner gegen die von den Liberalen vielfach beliebte Mißachtung des Blockprogramms Einspruch er- hoben und sich dafür aussprachen, bei künftigen Wahlen eine Ver- ständigung mit der Sozialdemokratie zu suchen.—■ Ans Sndwestafrika. Nach einer Meldung des Gouverneurs v. Lindequist hat sich der Bethanierhäuptling Cornelius mit seinem Anhang er- geben. Als einziger Gegner steht also nur noch Morenga mit seinen Leuten im Felde. Auf 500 Hottentotten kommen also 15000 Mann deutscher Truppen. Zugleich mit der Meldung von der Ergebung Cornelius' trifft die Nachricht von einem erfolglosen Gefecht gegen 200 Hottentotten ein, das am 14. Februar unweit Sandsontein geliefert wurde. Die Abteilung E r ck e r griff mit Teilen der 10. und 12. Kompagnie des Feld- regiments 2 die Hottentotten an und zersprengte sie nach zehnstündigem Gefecht. Von der Abteilung des Hauptmanns Ercker fielen fünf Reiter, schwer verwundet wilrden ein Arzt und zwei Reiter, leicht verwundet vier Reiter. Die Hotten- totten ließen nur einige Gewehre und Reittiere zurück. Ihre Verluste sind unbekannt.— HnaUnd. Frankreich. Sozialistischer Wahlsieg in Toulouse. Paris, 18. Februar. sEig. Ber.) Der Sozialismus hat heute Toulouse, die mächtig auf- blühende Industriestadt des Südens, erobert. In der Stichwahl für den Gemeinderat drang die sozialistische Liste mit 17 000 Stimmen gegen 10 000 progresistische durch. Die Siegesbotschaft erregte Be- geisterung und Jubel. AuS den Arbeitervorstädteu zogen ungeheuere Massen nach dem Rathause, vor dem bald über 10 000 Menschen versammelt waren. Auf dem Balkon wurde die rote Fahne auf- gepflanzt und die„Internationale", vom jauchzenden Volke an- gestimmt, grüßte das Siegeszeichen auf dem gewonnenen Stadthaus. Toulouse hat über ISO 000 Einwohner, es ist auch das geistige Zentrum des Südens. Die Eroberung dieser Stadt macht die cmpsiudlichen Verluste, die der französische Sozialismus in den letzten Jahren in anderen großen Gemeinden erlitten hat, reichlich weit. Es ist anzuerkennen, daß ein großer Teil der bürgerlichen Demo- kratie für unsere Genossen gestimmt hat— trotzdem radikale Führer, wie Clsmenccau, daS verräterische Verhalten der radikalen Wähler- schaft in LimogeS verteidigt und als nachahmenswert hingestellt hatten.—_ Die Enzyklika. Paris, 19. Februar.(Eig. Ber.) Die Enzyklika Pius' X. über die Kirchentrennung hat die Klerikalen aller Richtungen ziemlich verstimmt. Soivohl die kriegslustige» wie die sriedttchen Katholiken hatten gewünscht, daß der Vatikan endlich mit seiner hartnäckigen Tendenz, den Pelz zu waschen, ohne ihn naß zu machen, gebrochen hätte. Der Papst verspricht zwar,„zu gelegener Zeit"— das soll vielleicht heißen: nach dem Erlaß der Durchführungsverordnung zum Trennungsgesetz— genaueres zu sagen. Aber diese Vertagung beweist nur die Rat- losigkeit der Politiker der Kurie, die in dem sich verschärfenden Zank der beiden Gruppen nicht Partei zu nehmen wagen. So bleibt denn alles beim alten. Die Radauklerikalen können sich darauf berufen. daß Rom das Gesetz als ein Werk der Gottlosigkeit verdammt habe, die sanftere Richtung aber darf darauf hinweisen, daß der Papst gegen die Konstituierung der Kultns-Assoziationen kein Verbot erlassen hat. Für die kirchlichen Interessen ist indes eine rasche Eni- scheidung von höchster Wichtigleit. Behalten die Draufgänger recht und setzen sie den gewaltsamen Widerstand gegen die Staatsbehörden und den passiven Widerstand, der in der Weigerung besteht die Kiiltusverbände zu bilden, fort, so werden die Kirchen gesperrt werden müssen, und die Klerikalen werden sich darauf vorzubereiten haben, die Abhaltinig ihrer Gebetsversammlungen an anderer Stelle als Vergehe» gegen das VersaniuilliiigSgesetz behandelt zu sehe». Ob sie aber ihrer Anhängerschaft einen solchen Märtyrermut zutraueir dürfen, ist doch recht zweifelhaft. � Ein anderer Un, stand, der besonders die älteren Geistlichen für die friedlichere Taktik gewinnt, ist die Gefahr, daß der Staat nn Falle der offenen Revolte die im Gesetze vorgesehenen Pensionen sistiert. Nim mag der echte Römling keinen glaubenslosen Franz«» leiden, doch seine'Louisdors ilimmt er gern l Vorläufig wartet also der Vatikan weiter auf die Entscheidung darüber, wer bei der klerikalen Hausprügelei den Sieg davontragen wird, und er be« schränkt seine Tätigkeit aus die Besetzung der erledigten Bistümer, was allerdings schon eine Ausübung der durch die Konkordats- Aufhebung der Kirche gewährten Unabhängigkeit bedeutet. Sobald sich's zeigt, iver in der klerikalen Partei stärker ist, die feudale, i Politiker oder die gläubigen Kleinbürger und Bauern, wird der Papst wissen, was er„unfehlbar" zu verkünden hat, England. Thronrede und Adreßdebatte. Am Montag verlas König Eduard die Thronrede, in der die Beziehungen zu allen anderen Mächten als freundschaftlich be- zeichnet wurden! Er gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Algeciras- Konferenz den internationalen Frieden nicht stören werde und äußert sich dann über die nächsten Ziele der englischen Politik: Untersuchung über die Mittel, durch die eine größere Anzahl der Bevölkerung auf das Land gezogen und ihm erhalten werden könnte, ferner eine Abänderung des Schulgesetzes, Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen und Maßregeln betreffend die Gesetze über die Kauffahrteifchifsahrt. Dann begann die Beratung über die Adresse zur Beantwortung der Thronrede— daher der Name„Adreßdebattc". Die Führer der einzelnen Parteien gaben die üblichen Erklärungen ab. Außerordentlich wichtig ist ein Passus aus der Erklärung deS Marquis of Ripon, der u. a. sagte: „Ich wüßte im Augenblick nichts, was mich veranlassen könnte, an einem befriedigenden Abschluß der Marokko-Konferenz zu zweifeln. So wie die Sache jetzt liegt, werden wir bekanntlich Frankreich unsere volle diplomatische Unterstützung zuteil werden lassen, und der dortige britische Vertreter hat dementsprechende Instruktionen erhalten. Wir haben ohne Frage auch einige gleich- berechtigte Interessen in Marokko, aber diese Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Aufrechtcrhaltung der Ordnung und des Prinzips der offenen Tür sowie den Fortschritt dcv Zivilisation." Das sollten sich Deutschlands Diplomaten hinter die Ohren schreiben, umsomehr, als sich auch Chamberlain in demselbcck Sinne mit folgenden Worten äußerte: „Wir wissen, daß wir als Freund unseres großen Nachbar- staates Frankreich zur Konferenz gegangen sind und daß wir als Freund Frankreichs bereits ein Abkommen getroffen hatten, welches für uns zufriedenstellend war und von welchem wir hofften, daß es für andere Länder(gemeint ist natürlich Deutsch- land!) annehmbar sein werde. Wenn wir durch diplomatische Mittel das fördern können, was wir für das gerechtfertigte Jnter- esse Frankreichs halten, so bin ich ganz sicher, daß dies mit den Wünschen des ganzen Hauses übereinstimmen wird."(Beifall.) Schließlich äußerte sich auch noch Campbcll-Banncrmaii zur selben Frage, indem er sagte: Soweit der Regierung bekannt sei, schreiten die Angelegenheiten in langsamer, aber zufriedenstellender Weise fort. Die Beziehungen Englands zur französischen Regierung blieben gewiß dieselben, wie sie waren. Die britische Regierung lasse der französischen jede diplomatische Unterstützung angedeihen, die in ihrer Macht stehe, sie gebe dieselbe ohne das geringste Präjudiz, nicht nur für vollkommenes gutes Einvernehmen, sondern für direkte Freundlichkeit Englands zu allen in Betracht kommenden Mächten. Es sei recht und angebracht, daß dem britischen Volke immer und immer wieder gesagt werde, daß die Verständigung mit Frankreich, die in voller Stärke unverändert fortbestehe, keine schlimmen Absichten gegen irgend eine andere Nation oder Regierung in sich schließe, und daß die britische Regierung in dieser Ver- ständigung nur ein Mittel zu finden wünsche, jene freundlichen, jene sozusagen herzlichen Gefühle zwischen England und Frankreich zu bekräftigen, die sie zu fördern bedacht sei.— Hoffentlich hören Deutschlands Diplomaten auf all das, da- mit sie nicht nachher zu fühlen brauchen!— Der sechste Jahreskongreß der englischen Arbeiterpartei war von 350 Delegierten beschickt. Als Präsident des Kongresses wurde auf Vorschlag Kcir Hardics der Sozialist Hcnderson gewählt. „Die Arbcitcrvcrtreter", so führte er in seiner Eröffnungsrede aus, „haben größere Verantwortung als die Anhänger des Ministeriums; sie haben darüber zu wachen, daß die Politik der Regierung in Uebereinstimmung sich befinde mit den Interessen der Allgemein- heil." Im Parlament werde es an Versuchen, die Partei zu spalten, nicht fehlen, aber er sei der festen Ueberzeugung, daß zwischen den Sozialisten und den Gewerkschaften so viele gemeinsame Be- rührungspunkte bestehen, daß sie zusammenarbeiten würden für die Ziele, die ihnen gemeinsam sind. Die Erfolge der Wahlen haben gezeigt, daß die Arbeiter sich endlich zugunsten einer unabhängige» Politik bekehrt haben.„Die Prinzipien, aus Grund derer wir ver- einigt sind und unsere Wahlerfolge erzielt haben, müssen wir auch aufrecht erhalten." Die klaren und zielbewußten Worte des Präsidenten wurden mit großem Beifall aufgenommen und durch keinen anderen Redner abgeschwächt. Es folgten Begrüßungsreden, u. a. auch eine des als Gast anwesenden Genossen Jean Longuet (der bekanntlich ein Schwiegersohn von Karl Marx ist und jetzt in Paris lebt). Der 2. Vcrhandlungstag brachte Debatten von prinzipieller Wichtigkeit. Harry Queich und Fred Knee beantragten, das Exekutivkomitee der Partei zu beauftragen, ein Programm auszu- arbeiten, welches alle Kandidaten, die vom Arbeitervertreterkomitce unterstützt werden, anzuerkennen haben.„Welchen Wert", so sagte Queich,„hat eine Partei ohne Programm? Wir pflegen die Liberalen und die Torys zu verhöhnen wegen ihrer Programm- losigkeit; diese sind in der Beziehung aber noch immer besser versehen als die Arbeiterpartei." In einer Tageszeitung seien kürzlich die individuellen Auffassungen einer großen Anzahl von Mitgliedern der Arbeiterpartei wiedergegeben worden. Nun, eine Widerspruchs- vollere Sammlung von Prinzipien habe er noch nie gesehen.„Bis wir uns", so schloß Genosse Queich,„nicht ein festes, auf breitester Grundlage aufgebautes Programm geben, wissen wir nicht, wer wir sind."— Frank Smith schlug vor, daß die Kandidaten ihre Wahl- manifeste dem Komitee zur Durchsicht zu unterbreiten haben. Pete Curran sprach gegen Queich: Das erste Jahr wenigstens müsse der Arbeiterpartei Zeit gelassen werden. Prinzipien, Unabhängigkeit und eine gute Kampfesbereitstellung, das sei zunächst besser als programmatische Gesetze. Queichs Antrag wurde schließlich ab- gelehnt. Die Ablehnung des Antrages, ein festes Parteiprogramm zu schaffen, ist charakteristisch für die englischen Verhältnisse überhaupt. Die größere politische Freiheit Englands bringt es mit sich, daß geringere Abweichungen einzelner von den Grundsätzen einer Partei viel häufiger sind als bei unS und auch einer weitergehenden Duldung begegnen. Gleichwohl ist daS Verlangen der sozialdemo- kratischen Federation, zu deren Führern Queich bekanntlich gehört. ein durchaus berechtigtes, und wenn Pete Curran dagegen sprach, so geschah dies wohl nur aus Rücksicht auf die Nichtsozialisten inner- halb der Partei. Mehr Glück hatte Queich bei der Beratung über das Frauen- stimmrecht. Ben Turner beantragte, man solle sich für die sofortige Ausdehnung des bestehenden Wahlrechts auf die Frauen aussprechen. Dem Genossen Queich ging dies nicht weit genug. Davon würden nur die Frauen der besitzenden, nicht aber die der arbeitenden Klassen profitieren. Er beantragte deshalb folgendes Amendement: „Der Kongreß erklärt die Zeit für gekommen, das gleiche Wahlrecht auf alle Männer und Frauen auszudehnen; er ist ferner der Meinung, daß iede Maßnahme, welche eine Ausdehnung des Wahlrechtes auf Grund des Besitzes vorsteht, also nur einciu Teil der Frauen zugute kommt, einen Schritt nach rückwärts be- deutet und bekämpft werden muß." Diese Resolution wurde angenommen. Das Arbeitslosengesetz wurde als ungenügend selbst für bor- übergehende Abhülfe erklärt.— Zur Schulgesetzgebung lagen eine Anzahl Resolutionen vor, von denen die wichtigsten forderten: Freie Speisung der Schulkinder und Durchführung des weltlichen Unter- richts. Nach heftiger Debatte wurden diese mit 317 000 gegen TO 000 Stimmen zum Beschluß erhoben.— Der Plan: Gründung einer täglich erscheinenden Zeitung, wurde dem Exekutivkomitee uir weiteren Beratung überwiesen. Die Kosten sind auf 2 Millionen Mark veranschlagt.— Als Sekretär wurde Macdonald wieder- geivählt. Der nächste Kongreß wird in Belfast abgehalten werden. « � Eine Anzahl Abgeordnete der Trade Unions hat es doch nicht unterlassen können, sich zu einer besonderen parlamentarischcq Fraktion zusammenzuschließen. Unter diesen befinden sich Richard Bell, der bekannte Sekretär des Eisenbahuer-VerbandcZ, ferner genwirf, Ward usw. Sie wählten Enoch Edwards zu ihrem Präsidenten. Amerika. Aus New Dork wird gemeldet: Die Streitfrage zwischen den Bereinigten Staaten und Venezuela wegen der Angelegenheit der Asphalt-Gcscllsrfiaften wird auf Antrag des Präsidenten Castro dem Haager Schiedsgerichtshof zur Entscheidung zugewiesen werden. Der Panamakanal und die Zustände in der Kanalzone bc- schäftigten ein Komitee des Senats, welches eine Reihe von An- klagen zu untersuchen und— zu cutkräftcn hatte. Die ganze Ver- waltung in der Kanalzone soll miserabel sein, und der bureau- kratische Zopf soll überall den Fortgang der Arbeiten stören. Ucber» flüssige Beamte beziehen hohe Gehälter, und eS wird auch sonst noch über große Versrf>wcndung von Geldern geklagt. Für sanitäre Ver- bcsscrungen sind große Mittel zur Verfügung gestellt worden, aber die Verhältnisse lassen gerade in dieser Beziehung noch alles zu wünschen übrig. Tie Frage der Verwendung von Arbeitskraft ist eine schwierige; der Chef-Jngenieur des Kanalbaucs, John F. Stevens, erklärte vor dem Kongreßkomitee in Washington, dem der Bau des Panamakanals untersteht, daß Amerikaner die Arbeit nicht leisten könnten. Die Arbeiter von Jamaika, Martinique und andere, die an das tropische Klima gewöhnt sind, sollen nicht zufriedenstellend sein; das einzige, was mit Erfolg verwandt werden könne, sei die Arbeit von Chinesen! Das Achtstundengesetz, das für Regierungsarbeiten im all- gemeinden gilt, wurde durch einen Kongretzbeschluß für den Kanal- bau unwirksam gemacht. Eine Resolution erklärt, daß die Acht- stundcnbcstimmung sich nicht auf die ausländischen Arbeiter in der Känalzone erstrecke! SewerKlcKaftlicKes. Berlin und ttnigegend. Fordernngen der Herrenkonfektionsschneider. Der Verband der Schneider und Schneiderinnen hatte zum Montag zwei öffentliche Versammlungen, eine im Norden, die andere im Osten der Stadt für die Konfektionsschneider einberufen, die beide gut besucht waren. Referenten waren die Verbandsvertreter Mähr und K ä m i n g. Die Redner schilderten zunächst den Ein- druck, den die gegenwärtige Heimarbeit-Ausstellung in weiten Kreisen der Bevölkerung gemacht hat. Das Gerede von dem idyllischen Familienleben der Heimarbeiter, das nicht angetastet werden dürfe, sei jetzt in seiner ganzen heuchlerischen Haltlosigkeit ein für allemal ad absurdum geführt worden. Die Ausstellung biete einen unverwischbaren Anschauungsunterricht von dem ergreifenden Elend der Heimarbeiter. Besonders in der Konfektionsindustrie zeige es sich mit drastischer Deutlichkeit, daß die Konfeklionsarbeiter von dem viel- gepriesenen und auch tatsächlich vorhandenen geschäftlichen Ans- schwung so gut wie gar keinen Vorteil gehabt haben, sondern dieser lediglich den Konfektionären in den Schoß gefallen sei. Der erste Eindruck der Ausstellung sei nun auch für die Herren Konfektionäre ein niederschmetternder gewesen. Angesichts des dort einhüllten Elends hätten die Herren anfangs geradezu die Sprache verloren gehabt. Jedoch naäidem sie sahen, daß fast die gesamte Presse Deutschlands einer Abhülfe jener überaus traurigen Zustände das Wort redete, da fühlten sie ihre Interessen bedroht und schlugen Lärm in ihrem Organ, dem.Konfektionär". Was in den letzten Nummern dieses Blattes an augenfälligen Unwahrheiten enthalten ist, um die Lage der Heimarbeiter als eine durchaus rosige zu malen, das dürfte kaum seinesgleichen finden. Hat der„Konfektionär" doch„festgestellt", daß die Konfektionsschneider bei ganz normaler Arbeitszeit 40— SO M. Wochenverdienst erzielen. Ja besonders intelligente und fleißige Arbeiter sollen eS ohne große Anstrengung sogar auf M M. pro Woche bringen I Kein Wunder. daß der„Konfektionär" dann weiter„konstatiert", daß es unter den Berliner Heimarbeitern eine große Zahl von Hausbesitzern gäbe. Natürlich sind diese ungeheueren Ueberlreibungen in keiner Weise dazu angetan, die tatsächlichen Verhältnisse in der Heimarbeit auch nur um ein Jota zu verrücken. Im Gegenteil sprechen jene faust- dicken Flunkereien ohne weiteres gegen sich selbst. Interessant ist aber auch, daß die Herren Konfektionäre sich auf Grund einer m'ter sich veranstalteten Umfrage durchweg gegen die Er« richtung von Betriebswerkstätten ausgesprochen haben. Etwas anderes war da natürlich nicht zu erwarten. Die Herren haben sich eben geäußert, wie es Milchpanscher tun würden, denen eine sachverständig- gutachtliche Aeußerung über ein verbessertes Nahrungsmittel- Konwollgesetz abverlangt würde. In der Diskussion waren sich sämtliche Redner darin einig, daß von der Einsicht oder dem guten Willen der Konfektionäre eine Besserung der gegenwärtigen menschenunwürdigen Zustände nicht zu erwarten sei. Auch wurde allseitig ermahnt, sich nicht übertriebene» Hoffnungen auf die Gesetzgebung hinzugeben, loenn auch die Not- wcndigkeit gesetzgeberischer Aktionen durchaus anerkannt und gefordert wurde. Die Hauptsache sei und bleibe die Stärkung der Organi« sation, um das Unternehmertum aus eigener Kraft zu Zugeständnissen und Verbesserungen zu zwingen, wie es jüngst in Suddeutschland dank des ZufammenschluffeS der dortigen KonfeltionSarbeiter geschehen konnte.. In beiden Versammlungen wurde folgende Resolution ein- stimmig angenommen: Die Versammlung erklärt, daß die Heimarbeit-AuSstellung aufs neue den Beweis für die Unhaltbarkett der wirtschaftlichen und hygienischen Zustände sowohl speziell in der Konfektion als auch in allen anderen Zweigen der Hausindustrie erbracht hat uno fordert deshalb von der Reichsregierung, daß sie dem Reichstag unverzüglich einen Gesetzenrwurf vorlegt, der geeignet ist. mindestens diejenigen sozialpolitischen und hygienische» Forderungen zu verwirklichen, die der am 7. bis l>. März!ö04 in Berlin tagende Heimarbeiterschutz-Kongreß aufgestellt hat. Sollte die Reichsregierung diesem berechtigten Verlangen nicht Folgegeben, so erivartet die Versammlung von der sozialdemokratischen Reichs- tagssraktion. daß sie die Initiative dazu ergreift. Ferner erachtet eS die Versammlung lowohl im eigenen als auch im Interesse des kausenden Publikum» für dringend geboten. daß in der hiesigen Detailkonfektion sofort durchgreifende Maß- nahmen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Herren- Konfektionsschneider und Schneiderinnen herbeigeführt werden. Als solche Maßnahmen bewachtet die Versammlung folgende vom Verbände der Schneider, Schneiderinnen und verwandten Berufs- genossen Deutschlands im Januar d. I. an die hiesigen Detail- firmen gerichteten Forderungen: 1. Sämtliche Maß- und Lagerkonfektion wird in eigenen, den modernen Anforderungen der Hygiene entsprechenden Werk- ftätten hergestellt: 9. Die tägliche Arbeitszelt darf 10 Stunden nicht überschreiten; S. Der Minimaltagelohn beträgt für männliche Arbeiter 6 M., für Arbeiterinnen 2,50 M.; 4. Ueberstunden und Sonntagsarbeit ist nur in ganz dringenden Fällen zulässig und werden lieberstunden mit 25 Proz., Sonntagsarbeit mit 50 Proz. Ausschlag bezahlt; v. Sämtliche Arbeitsgeräte und Furnituren find vom Arbeit- geber zu liefern. Die Verbandsleitung wird beauftragt, diese Forderungen mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln— Versammlungen, Flugblätter, Boykott usw.— zur Durchführung zu bringen. Den süddeutschen Konfektionsschneidcrn, die in dreiwöchent- lichem Kampf den Widerstand der Konfektionäre gebrochen haben. spricht die Versammlung ihre Anerkennung aus und verpflichtet sich, durch unausgesetztes Wirken für die Organisation auch die Berliner KonfektionSschneidcr in den Stand zu setzen, den hiesigen Konfektionären als geschlossene Masse gegenüberzuweten und Forderungen zu stellen, um unsere Lohnverhältnisse der Zeit anzupassen. OcutTdiee RrfA. Sämtliche Schiffbauer und deren Hülfsarbciter in Müllrosc lFrankfurt-LebuS) befinden sich seit dem 2g. Januar im Streik. Ihre am 27. Januar eingereichten Forderungen betrafen: Auf- besserung der Löhne von 36 auf 40 Pf. für die gelernten und 26 auf 30 Pf. für die ungelernten Arbeiter pro Stunde. Ferner eine Herabsetzung der Arbeitszeit von 11 auf 10 Stunden, sowie Be» seitigung gegenseitiger Kündigung. Die Annahme der Einschreibe- briefe, welche die Forderungen enthielten, wurde von den drei am Orte besindlickien Unternehmern verweigert, worauf die Arbeitsnieder- legung einmütig erfolgte. Nachdem die Arbeit auf den Werften voll- ständig ruhte, was zum erstenmal in Müllrose der Fall ist, ließen die Herren mit sich reden und wollten, großmütig wie sie nun ein- mal sind, einen Pfennig Zulage vom 1. April ab bei Ilstündiger Arbeitszeit für die besseren Arbeiter anerkennen. Am Streik beteiligt sind S8 Arbeiter. Streikende, die sich anderswo Arbeit verschafft haben, wurden aus Betreiben»ach ei» paar Stunde» wieder entlassen. Zuzug ist sweng fernzuhalten. Die Aussperrung auf der Neptunwerft in Rostock. In den letzten Tagen sind Versuche zur Beilegung der Diffe- renzen gemacht worden. ES handelt sich in erster Linie um die Bcciidigling deS Streiks der Schiffbauer. Die Direktion erklärte sich bereit, alle Schiffbauer mit Ausnahme von zwei Mann ein- zustellen, wollte aber die Abmachungen schriftlich niederlegen. In einer darauf abgehaltenen Schiffbaner-Versammlung erklärten die beiden Kollegen auf die Wiederciiistellling zu verzichten. Damit war die Grundlage für die Wiederherstellurg deS Friedens gegeben. Die darauf eingelaufenen schriftlichen Festsetzungen der Direktion waren so gut wie nichtssagend. Da entschloß sich die Kommission, ein Schreiben an die Direktion zu richten, in welchem um Fest- legung bestimmter Bedingungen für die Wiederaufnahme der Arbeit nach Vorschlag der Kommission ersucht wurde. Diese Vorschläge enthielten das Verlangen der Wiedereinstellung aller Streikenden und Ausgesperrten mit Ausnahme der zwei, die verzichtet haben. Wenn nicht sofort alle eingestellt werden können, wegen technischer Schwierigkeiten, so soll eine kurze aber bestimmte Frist gesetzt werden. Ferner verlangt die Kommission, daß die Lohn- und Akkordverhältnisse gegen früher unverändert bleiben, es sei eine Erhöhung eher angebracht, als die Belassung auf den jetzigen Stand. Maßregelungen aus Anlaß der Bewegung oder wegen Zu- geHörigkeit zur Organisation sollten nicht zulässig sein. Die Direktion antwortete darauf, sie könne r.ur 1600 Mann beschäftigen und deshalb nicht alle Streikenden und Ausgesperrten einstellen. Die Löhne und Akkordsätze sollten im allgemeinen be- stehen bleiben, doch müßten einige Akkorde, die bei den Konkurrenz. firmen niedriger seien, entsprechend geregelt werden. Weiter bemerkt die Direktion, sie könne nicht beurteilen, was unter Maßregelung aus Anlaß der Bctvcgunig zu verstehen sei. Welche Naivität I Man will sich wohl, unter dem Vorwande, nicht alle einstellen zu können, die Möglichkeit der Maßregelung offen halten. Wenn die Direktion 1600 Mann einstellen kann, so könnten auch sämtliche Streikende und Ausgesperrte wieder be- schäftigt werden. ES muß jedoch ausdrücklich festgestellt werden, daß diese Dinge noch kein Grund zur Ablehnung des Angebots gewesen wären. Was aber zur Ablehnung führte, daß war die Drohung mit Herabsetzung der Akkorvpreise. Wenn die Schiffbauer darauf eingegangen wären, so hätten sie den Tischlern und Schiffzimmerern das Einkommen hierabgedrückt; das ist es, was zur Fortführung des Kampfes geführt hat. Zuzug nach Rostock, insbesondere von Schiffbauern, ist nach wie vor auf das strengste sernzuhaltenc Zivilgerichtliche Aufhebung des Versammlungsrechtes. Was die Reaktionäre aller Schattierungen mit Hülfe des Strafrechts und der Polizei immer noch nicht ganz fertig bringen k onnten, das ist dem Brauereibesitzer Hähne! in Glauchau— Sachsen geht natürlich auch hier voran— durch Anrufung des Zivilgerichts mit Leichtigkeit gelungen. Der genante Unternehmer hat gericbtliche Einhalisbefehle erwirkt, wodurch die Verbreitung von Flugblättern und die Abhaltung von Versammlungen verboten werden, die be- stimmt sind, die Bevölkerung über Konflikte der Brauereiarbciter mit dem genannten Unternehmer aufzuklären und das Publikum vom Genutz des Bieres der betreffenden Brauerei abzuraten. Dieses eigenartige Vorgehen gegen das Versammlungsrecht ist kürzlich im sächsischen Landlage kritisiert worden. Trotzdem geht es in Glauchau in denselben Bahnen wie bisher weiter. Vor einigen Tagen sollte in Glauchau wieder eine Versammlung abgehalten werden mit der Tagesordnung:„Die Differenzen in der Stadtbrauerei Glauchau." Wieder machte der Brauereibesitzer das Anusgericht gegen den Ein- bcrufer der Versammlung mobil und erwirkte auch aus dem schnellsten Wege eine einstweilige Verfügung, welche unter Androhung einer Strafe von 500 M. dem Einberufer untersagt,„in öffentlichen VolkSversamm- lungen durch Kundgebungen irgendwelcher Art die Arbeiterschaft von Glauchau und Umgegend aufzufordern, die Schankwirtschaften, die Bier des Antragstellers verschänken, zu meiden oder den Wirten und Bierbändlern zu Glauchau und Umgegend die Vermeidung ihrer Gast- wirtschaften für den Fall in Aussicht zu stellen, daß sie Bier des Antragstellers zum Berkauf bringen."— Außer diesem ganz all- gemeinen Verbot von Versammlungen, die sich gegen den Konsum von Bier der Stadlbrauerei richte», ist durch dieselbe Verfügung des Amtsgerichts noch besonders die für einen bestimmten Tag bereits angemeldete Versamnilung verboten worden. An dieser gerichtlichen Außerkraftsetzung deS Versammlungsrechtes für bestimmte Fälle sieht man deutlich, daß wir in einer Gesellschaft leben, wo das GeschästSinterefle der Unternehmer weit mehr gilt als das gesetzlich festgelegte Recht der Staatsbürger, denn die amtSgerichtltche Verflignng kann sich doch nur auf der Annahme stützen, daß die geschäftlichen Interessen der Brauerei geschädigt werden, wenn jemand die Arbeiterschaft von Glauchau überzengt, daß es im vorliegenden Falle eine Pflicht der Solidarität und ohne Zweifel ihr gutes Recht ist, das in Frag« stehende Bier nicht zu trinken. Der Streik der Kohkenarbelter in Kiel dauert weiter, da die Firma JhmS u. Graf nach Scheitern einer Verhandlung alles Eni- gegenkoni.nen ablehnt. Durch große Annoncen werden letzt Arbeits- willige gesucht bei 6—8 M. Tagesverdienst, doch solche sind in Kiel nicht zu haben, weshalb Marinemannschaften zur Streik- arbeit kommandiert wurden. Ferner sind Agenten im Inland: auf der Suche nach„nützlichen Elementen", um den Riclcr Kohlcnarbeitern, von der Firma„Spriiköpse" genannt, die Streitlust auszutreiben. Wir ersuchen die organisierte Arbeiterschaft allerorts, etwa austaucheude Streikbrechcragenten heimleuchten und den Zuzug fernhalten zu wollen. Etwaige Nachrichten bitten wir zu richten an TranSportarbeiter-Verband Kiel, Fährstraße 24. Die Aussperrung der Gtnkkatme in Königsberg hat folgende Ursachen: Eine Firma holte Arbeitskräfte von außerhalb heran, ob- gleich in Königsberg arbeitslose Stukkateure genug vorhanden find. um den Bedarf zu decken. Diese Firma wurde gesperrt, die übrigen Unternehmer erklärten sich mit derselben solidarisch und sperrten daraufbin alle orgaiiisierten Stukkateure aus. Als Unorganisierten soll ihnen das Weiterarbeiten gütigst gestattet werden. Selbst- verständlich verzickten die Stukkateure lieber auf die Arbeit bei diesen Unternehmern als auf ihre Organisation. Die Holzarbeiter haben in vier Möbelfabriken in Lübeck die Arbeit niedergelegt, um ihre auf Verbesserung der Löhne gerichteten Forderungen durchzusetzen. Etwa 170 Arbeiter stehen im Streik. Die Tischler in Bcrnbiirg haben eine Lohnbewegung beschlossen. Sie fordern die S'/zstllndige Arbeitszeit, Erhöhung der bisherigen Stundenlöhne, Zahlung eines MindeststundenlohneS von 38 Pf. uud entsprechenden Zuschlags für Ueberstunden- und Sonntags- arbeit. Ruoland. Streikbewegungen in der Schweiz. Die Lohnbewegung der Konsektionsschneider in Zürich ist mit einer Lohn- erhöhung von 10 Proz. beendet worden.— Die Bauarbeiter in Zürich, Maurer. Handlanger, Zimmerleute, Maler, Stein- Hauer. Anschläger. Parkettleger und Monteure stehen in Lohn» bewegungen, 200 Gipser stehen im Streik. Auch in St. Gallen sind die Bauarbeiter in eine Lohnbewegung eingetreten.— Die Tischler in Lausanne streiken um den Neunstundentag. Ein kantonales Arbeitsamt ist in Fr ei bürg(Schweiz) er- richtet worden, dessen Aufgabe die nnentgeltl'che ArveitSvernnttelung ist. Das Arbeitsamt untersteht einer Kommission von Mitgliedern deS Gewerbegerichts, au» der Direktor des GewerbemuseumS und der kantonale Lehrlingsinspektor gehören derselben an. Das Arbritrrsekretariat für den Kanton Schaffhausen (Schweiz) erhält, einem Beschluß des Großen Rate? zufolge von jetzt an eine staatliche Subvention von 1000 Frank jährlich. Letzte r�achricbtcn und Depefeben» Sieben auf einen Streich. Erfurt, 20. Februar. Eine Privatdepcsche meldet uns, daß die Staatsanwaltschaft wegen sieben Artikeln Anksage gegen unser Erfurter Parteiorgan, die„Tribüne", erhoben hat. Die Anklagen lauten auf Aufreizung und Verächtlichmachung. Alle Delikte wurden in Artikeln gefunden, die kurz vor und nach dem 21. Januar veröffentlicht sind. Nachwirkung vom Bauarbcitcrstreik. Hamburg, 20. Februar.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Beim Jtzehoer Bauarbciterstreik stellten Bürgermeister und Stadtvertretung den arbeitswilligen Italienern und Polen die Cholerabaracken als Wohnung zur Verfügung. Redakteur Toepfer vom„Bauhülfsarbeiter" kritisierte die Parteinahme zugunsten der Unternehmer und nannte es einen Schandfleck für die Stadtverwaltung. Bürgermeister Haus- knecht und Unternehmer Paß strengten einen Prozeß beim Land- gericht Hamburg an. Toepser wurde Wahrnehmung berechtigter Interessen zugebilligt, er habe sich aber in der Form vergriffen. Das Urteil lautete auf 75 Mark Geldstrafe. In der Begründung wurde die Maßnahme der Jtzehoer Behörde als parteiisch dar- gestellt. Der Strafantrag lautete auf 350 Mark. Lohnbewegung der Hamburger Schauerleute. Hamburg, 20. Februar.(W. T. B.) In der Angelegenheit der Lohnbeloegung der hiesigen Schauerleute fand heute eine Sitzung der Arbeitgeber statt, in welcher beschlossen wurde, die Wünsche der Arbeiter entgegenzunehmen und zu prüfen. Zu diesem Zwecke soll am Donnerstag in der Handelskammer unter dem Vorsitz des Vereins Hamburger Reeder eine gemeinsame Sitzung der Arbeitgeber und Arbeitnehmer stattfinden. Irgendwelche Gefahr einer Arbeitsniederlegung besteht nicht. Ein liebliches Kolonialbild. Brüssel, 20. Februar.(W. T. B.) Kammer. Das HauZ und die Tribünen sind stark besetzt. Bandervelde, Sozialist, entwickelt seine Interpellation über de» Kongostaat. Nicht nur in England, sondern überall in der Welt hätten sich Stimmen erhoben gegen die unmenschliche Ausbeutung des Negers am Kongo. Der Bericht des Untersuchungsausschusses habe die Richtigkeit der bisherigen Anklagen bestätigt. Der im Kongostaate vollbrachten Erschließung sei Anerkennung zu zollen, aber von jenen, die dieselben betrieben, seien Mahnahmen deS Schutzes und der Zivilisation zu verlangen. Tie Berwaltungsform sei jedoch aus Landraub und Zwangsarbeit gegründet. Redner ednwet sich heftig gegen die Fronen. Das System der Zwangslieferungcn stachele die Eingeborenen zum Widerstande auf.— Die eingeborenen Wächter versähen ihren Dienst in der brutalsten Weise. Redner führt zahlreiche Stellen aus dem Berichte deS Untersuchungsausschusses zur Unterstützung seiner Behauptungen auf und erklärt, der Kongostaat habe den Sklavenhandel wieder gestattet, um Polizeimannschaften zu er- halten. Der Kongostaat sei verantwortlich für das Ausbeutung«. fyftem, dessen Hauptstütze der Staat selbst, die konzessionierten Gc- srllschaftcn und die Krondomänen seien. Redner wirst dem Kongostaat vor. daß er ein Preßburea» unterhalte, das Zeitungen und Journalisten besteche und von einem Brüsseler Richter gelritct werde. Statt dem Kongobüdget zuzufließen, würden die Gelder der Krondomänen für Luxus- ausgaben verwendet. Der Kongostaat nehme feine Zuflucht zu Anleihen, deren jetzige Höhe 130 Millionen betrag: und die Belgien eines Tages zurückzahlen müsse.— Redner empfiehlt eine parlamentarische Untersuchung über die Organisation der Kolonie im Falle der Angliedcrung an Belgien. Der Minister des Aeußeren, Baron de Favereau, bestreitet die Richtigkeit der vom Interpellanten gegebenen Ziffern. Kolonialgrruel. Paris, 20. Februar.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung der Deputiertenlammer behandelte Rouanet Grausamkeiten, die im Jahre 1903 am Kongo begangen worden seien, er dehanptet, daß in einer Gegend 20000 bis 30000 Eingeborene niedergemacht worden seien. Er führt verschiedene Vorgänge an. für welche er die Ver- antwortlichkeit dem Gouverneur Gentil zuschiebt. Er greift die Politik GentilS lebhaft an und macht es dem Kvlonialminister Clementel zum Vorwiuf, ihn zu stützen. Der Held von Sewastopol. Otschako«(Rußland). 20. Februar.(B. H.)«nkäßlich de» heute beginnenden Prozesses gegen den Marinelenlnant Schmidt wurde die Stadt von Truvpen stark besetzt. Im Hafen stz-Hen Kriegsschiffe in Bereitschaft. Dem Verteidiger Schmidts wurde gestattet, mit Schmidt zu sprechen, während die» den Verwandten Schmidts unter- sagt wurde. Schmidt sieht sehr krank aus. Attentat auf einen rnsfischrn General. Afchadad, den 20. Februar iMeldmig der PeterSb. Tel.-Agent.). In der vergangenen Woche während des BeiramsesieS wurde hier der General Dschnravek samt seiner Dienerschaft ermordet. Eine Bombrnfabrik. Eherson, 20. Februar.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Hier wurde in der Griedsiichen Straße eine Bomdenfairik entdeck«. ES wurde eine feriige Bombe gefunden und ferner«varen neun Bomben vorhanden, die noch nicht mit Explosivstoffen gefüllt ivarcn. Im Zusammenhange mit der Entdeckung wurde ein kürzlich hier eingetroffener Jude verhastet. Lerantw. Redakteur: H-n» Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: ZH.Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdr. u. Berlagsanftalt Paul Singer LrCo.. Be rlin L W. Hierzu4Beilaseno.U»ttrhaltungvblatt Hl. 43. 23. � WM des Jomiick" ßnliittr WsM Mittvoch. 21. Februar 1906. Reichstag. LS. Sitzung. Dienstag, den20. Februar, 1 Uhr. Am Bundesratstische: Graf Posadowskh. Erster Punkt der Tagesordnung ist die erste und event. zweite Beratung des deutsch-äthiopischen Freundschafts- und Handelsvertrages. Abg. Patzig(natl.) hofft aus dem Vertrage eine Zunahme des deutschen Handels in Abessinien. Irgend welche politischen Hinter- gedanken haben wir ja in diesem Teile Afrikas nicht. Wohl aber sind schon jetzt wirtschaftliche Interessen Deutschlands im äthiopischen Reiche vorhanden. Ohne weitere Debatte wird der Vertrag in erster und zweiter Lesung angenommen. Nunmehr wird die Etatsberatung beim Etat des ReichsamtS des Innern, Kapitel: Einmalige Aus- gaben fortgesetzt. Abg. Frhr. v. Hrrtling(Z.) begrüßt die Fertigstellung der Rcichspublikation über die durch die Meisterwerke PeruginoS, Ghirlandajos usw., vor allem aber durch die unsterblichen Decken- gemälde Michelangelos ausgezeichnete Sixtinische Kapelle im Vatikan. (Die Abgeordneten betrachten mit Interesse die großen, auf den Tisch des Hauses niedergelegten Reproduktionen.) �Abg. Eickhoff(frs. Vp.) gedenkt in warmen Worten des Gründers der.Gesellschaft für deutsche Erziehung", Prof. Kehrbach, welcher kürzlich gestorben ist. Abg. Schräder(frs. Vg.) schließt sich diesen Worten an. Staatssekretär Graf Posadowsk» dankt für die Anregungen der beiden Vorredner und verspricht eine Denkschrift über die Tätigkeit der Gesellschaft.(Beifall links.) Zum Titel 21(Beitrag des Reiches zu den Kosten des Ausbaues der Hohkönigsburg. VI. Rate 200 000 M.) erhält das Wort Abg. Ledebour(Soz.): Ich bitte Sie um die Ablehnung der Forderung. Die aus- führlichen Mitteilungen des Herrn Berichterstatters muß ich doch noch in einigen Punkten ergänzen. Er führt« aus. daß in der Kommission seitens des Vertreters der Regierung mitgeteilt sei, daß infolge des Baues der Hohkönigsburg sich der Besuch der Vogesen von ISOO auf 36 000 Besucher gesteigert habe. So wie ich den Herrn Staatssekretär in der Kommission verstanden habe,' hat er diese Steigerung nicht für den Besuch der Vogesen, wohl aber für den der Hohkönigsburg festgestellt. Er hat dann aller- dingS die Schlußfolgerung daraus gezogen, daß infolgedessen der Bau der Burg außerordentlich fördernd auf den Besuch der Vogesen eingewirkt habe. Das ist meiner Ansicht nach ein Trugschluß, Es kommt auf dasselbe hinaus, als wenn man behaupten wollte, die Schlösser auf den Gipfeln der bayerischen Alpen, die zweifellos eine große Anzahl Neugieriger heranziehen, bildeten die L>aupt. anziehungSkraft für den Besuch der bayerischen Alpen überhaupt. Tie bayerischen Alpen wurden besucht, ehe diese merkwürdigen Gebäude oben auf den Gipfeln standen. Ein noch viel größerer Trugschluß ist eS, wenn der Staatssekretär gleichfalls meinte, daß die Errichtung der Hohkönigsburg eine Hebung des deutsch- nationalen Gefühls für Elsatz-Lothringen und überhaupt eine innigere Verbindung zwischen Elsatz-Lothringen und dem Reiche herbeiführen würde. Um die Elsatz-Lothringer für das Reich zu gewinnen, gibt es nur ein einziges Mittel, daß man sie nämlich in allen Rechten vollkommen gleichstellt mit den übrigen Reichs- angehörigen. Durch überflüssiges äußeres Schaugepränge kann das nicht erreicht werden, wenn dies auch mit der Politik des Zick- Zack-KurseS, der Tangerreise und den sonstigen merkwürdigen Er- scheinungen des gegenwärtigen Regimes durchaus zusammenstimmt. Die wesentlichen Mehrkosten für den Bau der Hohkönigsburg sind dadurch erwachsen, daß— als man an den Bau heranging— es sich herausstellte, daß es sich nicht bloß handele um den Ausbau der Ruine, sondern daß der ganze Boden, der ganze Fels derartig verwittert ist, daß man geradezu einen neuen Fels aufbauen muß. Es handelt sich also gar nicht um den Ausbau einer alten Burg, sondern um die Herstellung cineS Untergrundes für eine neue, die dann allerdings das Facsimile der alten sein soll. DaS beweist. mit welcher Ungründlichkeit an die ganze Sache herangegangen ist. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Man ist frisch, frank, fröhlich, frei in die Sache hineingesprungen, und die Bevölkerung muß dann die Kosten für diesen Sprung inS Dunkele tragen. Nun hat ja der Reichstag leider— gegen unsere Stimmen— seinerzeit die erste Summe bewilligt. Wenn aber jetzt diese neue Forderung an uns herantritt, so liegt die Sache doch nicht so einfach, wie der Serr Berichterstatter sie dargestellt hat. ES liegt ein einschneidender Grund dafür vor. daß der Reichstag auch nicht einen Pfennig mehr für diesen Bau bewilligt. Nach Mitteilungen in der Kommission, denen nicht widersprochen worden ist, ist dem Elsaß-Lothringischen Landesausschuß seinerzeit erklärt worden, daß weitere Rosten nicht gefordert werden würden. Sollte der Bau mehr Mittel erfordern, so würde sie der Bauherr tragen. Weshalb trägt denn nun der Bauherr die Kosten nicht? In Abänderung eines bekannten Wortes möchte ich sagen: An eines Bauherrn Wort soll man nicht drehen noch deuteln.(Heiterkeit.) Wir haben gar keinen Grund, die Forderung zu bewilligen, nachdem die ausdrückliche Zusicherung des Bauherrn vorliegt, daß er die nicht erwarteten Mehrtosten tragen würde. Heute hat nun der Berichterstatter mit großer Befriedigung mitgeteilt, daß wiederum im Namen des Bauherrn Graf PosadowZky erklärt habe, es werde keinesfalls mehr gefordert werden, auch wenn diese Gelder nicht ausreichten. Aber wie sollen wir nach den bisherigen Erfahrungen auf diese Versicherung noch irgend welchen Wert legen? Wie sich gezeigt hat, daß der felsige Untergrund so brüchig ist, daß er das Gebäude nicht mehr zu tragen vermochte, so haben sich auch die früheren Zusicherungen als brüchiges Gestein erwiesen, auf das man nicht bauen konnte. Wir zweifeln gar nicht daran, daß der Herr Staatssekretär für seine Person fest davon überzeugt ist, daß weitere Forderungen nicht kommen werden. Wir wollen die persönliche Ehrenhaftigkeit ein- zelncr Minister gar nicht leugnen, aber wir können uns nicht auf sie verlassen, weil wir nicht wissen, ob sie nächstes Jahr noch im Amt find. Wir können nur die Zuverlässigkeit der gesamten Re- gicrung nach unser» bisherigen Erfahrungen beurteilen, und wenn sich die bisherigen Versprechungen als durchaus brüchw erwiesen haben, können wir den neuen keinen Wert beimessen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Dazu kommt noch ein allgemeiner Grund, der gegen diese Ruinenausbautcn überhaupt spricht. Das ist die Tatsache, daß der Neubau einer Burg an der Stelle einer alten abzubrechenden Ruine im gewissen engen Zusammenhang steht mit der ganzen romantischen Bauepidemie, die im gegenwärtigen Deutschen Reiche ausgebrochen ist. Ueberall hat diese Epidemie auf die Schönheit der Städte wie auf den Kunstsinn ihrer Bevölkerung verheerend gewirkt. Wenn jemand geneigt ist, diese Richtung der Perfönlich- leiten, die maßgebend sind für die moderne romantische Bauseuche in Deutschland, genau kennen lernen will, so möchte ich ihn einmal hinschicken nach dem Tiergarten zu der marmornen Halskragen- architektur, die um die Denkmäler herum errichtet worden ist. Der- artige Geschmacklosigkeiten sind kaum noch in einer anderen Stadt der Gegenwart zu finden. Diese neuromantische Bauepidemie ist ein gewisses Gegenstück zu der, die in früheren Zeiten in Berlin und Umgegend ausgebrochen war. Damals wurden nicht Ruinen ausgebaut, sondern aus romantischen Gelüsten künstliche Ruinen errichtet. Ein Gegenstück zum Ausbau der Hohkönigsburg bilden in diesem Sinne die künstlichen Ruinen auf der Pfaucninscl. Ten Herren, die sie noch nicht kennen, möchte ich einmal empfehlen, sich dieses Beispiel berlinisch-romantischer, modern-hohenzollernscher Kunst anzusehen, diese backsteinerne Abteiruine mit den verputzten Mauern und dergleichen unglaublich kunstwidrigen Geschmack- losigkeiten. Eine Regierung, die derartiges fertig bringt, ist gar nicht würdig, vom deutschen Reichstag noch für Kunstzweckc Geld zu erhalten. Wenn der Reichstag diese Richtung noch weiter fördert, wenn er den Ausbau der Hohkönigsburg bewilligt, so ist das nur ein Anreiz, auch das Heidelberger Schloß auszubauen. (Zuruf des Abg. v. Kardorff.) Ja, Herr v. Kardorff, in dieser Beziehung haben ja auch Sie der neuen Kunstrichtung schon eine gründliche Absage gegeben. Und daß der Plan in Deutschland besteht, auch das Heidelberger Schloß in noch schlimmerer Weise zu verschandeln als die Hohkönigsburg, darüber kann ein Zweifel doch nicht bestehen. Ein solcher Ausbau des Heidelberger Schlosses aber wäre vom Standpunkt der Kunst aus em Verbrechen, gegen das man jederzeit Verwahrung einlegen muß. Die Ruine des Heidelberger Schlosses ist infolge der geschichtlichen Erinnerungen im Laufe der Jahrhunderte ein eigenes Kunstwerk geworden, das durch einen Neubau nur zerstört werden kann. Wenn jemand das Bedürfnis hat. ein Schloß zu erbauen, das dem Heidelberger Schloß gleicht, so mag er sich doch einen anderen Berg aussuchen, und wenn in Baden kein Platz mehr ist, so sind wir bereit, ihm einen Platz anzuweisen, etwa den höchsten Gipfel der Rehberge.(Heiterkeit.) Aber dagegen, daß die Heidelberger Schlotzruine ausgebaut wird, mutz jeder Kunstfreund, jeder Vaterlandsfreund, jeder, der Sinn hat für die Schönheit dieses einzigen Kunstwerks, protestieren und mutz auch bei dieser Gelegenheit Sturm laufen gegen einen der- artigen kulturwidrigen BarbarismuS. Also auch auS dem Grunde, weil der Ausbau der Hohkönigsburg zu weiteren Ausbauten an- reizt, weil der Appetit beim Essen kommt und eine Barbarei die andere nach sich zieht, aus allen diesen Gründen lehnen wir unter allen Umständen jede Mehrforderung für den Ausbau der Höh- königsburg ab. Mögen doch die Leute, die ein Interesse an dem Ausbau der Burg haben, ihr Versprechen erfüllen, in die eigenen Taschen greifen und mit eigenem Geldc die Hohkönigsburg auS- bauen!(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Staatssekretär Graf PosadowSky: Wahrscheinlich ist doch, daß nicht die Schönheit der Vogesen. die seit Erschaffung der Welt dastehen, sondern erst der Ausbau der Hohkönigsburg die mit ihm zusammenfallende Steigerung des Besuches von 1500 auf 36 000 hervorgerufen hat. Bis vor kurzem wurden die Vogesen ganz überwiegend von Franzosen und Eng. ländern besucht. Da ist es von der größten nationalen Bedeutung, wenn der Besuch der Vogesen aus Altdeutschland in so erheblichem Matze steigt und eine Menge Badenser, Württembergcr, Bayern und Hessen dahin kommen, um die Hohkönigsburg zu besuchen. Wie hoch die Hohkönigsburg schon früher eingeschätzt wurde, geht daraus hervor, daß schon die französische Regierung seinerzeit Erhaltungs- und Restaurationsarbeiten gemacht hat. Der Irrtum deS Architekten über den Untergrund ist entschuldbar, da unter der Schuttmasse der Jahrhunderte sich nicht leicht erkennen ließ, daß der Felsgrund an einzelnen Stellen die nötige Tragfähigkeit nicht mehr besaß. Professor Gelger, einer der hervorragendsten Kunstkenner, der den Kunstakademien von Florenz, Paris und Rom angehört hat, fchlicßt einen Artikel mit den Worten, daß er schon jetzt der Ucber- zeugung sei, die Hohkönigsburg werde nicht nur eine der inter- cssantesten und großartigsten Sehenswürdigkeiten des Elsaß, sondern Europas sein. Daß nicht alle Restaurationsarbeitcn schlechthin zu verwerfen sind, zeigt die Wiederherstellung der Marienburg, die als schönstes weltliches gotisches Bauwerk, das in der Welt— wenigstens in Deutschland— existiert, wie aus der Erde hervor- gezaubert wurde. Es ist ein wesentliches nationales Element, wenn das neuerstandene Reich auch in Elsatz-Lothringen, wo noch viele alte französische Traditionen herrschen, ein altes Bauwerk wiederherstellt und dadurch zur Erscheinung bringt, daß Deutsch- land«inn hat für die geschichtlichen Erinnerungen des Landes und entschlossen ist, es bis zum letzten Soldaten DentschlanbS zu halten. (Bravo! rechts.) Der Abg. Ledebour hätte künstliche Ruinen, wie wir auf der Pfaueninsel eine haben, nicht mit dem Ausbau einer historischen Ruine gleichsetzen dürfen. Wenn der Abg. Ledebour jemals auf der Hohkönigsburg gewesen ist, kann er doch nicht bestreiten, daß noch so viel von dem alten Bau erhalten ist, daß von einer Phantasie- bürg bei dem Neubau gar nicht die Rede sein kann. Die Reichs- tagSabgcordneten hätten sich wirklich den Bau einmal ansehen sollen. dann würden sie die unbedeutende Reufordernng jetzt kaum noch bekämpfen. Man kann doch den Bau unmöglich jetzt«n halbfertigem Zustande zurücklassen. Abg. Dr. MLllrr-Sagan(frs. Vp.): DaS vorige Mal war eS die„letzte" Forderung, diesmal ist es die„allerletzte" Forderung. und das nächste Mal wird die„unwiderruflich letzte" Forderung kommen.(Heiterkeit.) Ich bin Gegner alles Restaurierens. Auf keinen Fall aber dürfen wir RcichSmittel dafür bewilligen, so lange wir ein persönliches Regiment in Deutschland haben.(Sehr richtig! links.) Abg. Staudt)(kons.): Ich möchte wünschen, daß Herr Ledebour derartige Ausführungen, die das Gefühl der Mehrheit verletzen müssen, nicht wieder macht. Daß man einen Bauanschlag überschreiten muß, kommt doch alle Tage vor, aber niemand denkt sonst daran, aus diesem Grunde einen fast vollendeten Bau wieder fallen zu lassen. Abg. v. Kardorff(Rpt.): Herr Ledebour hat die Befürchtung ausgesprochen, daß nach der Hohkönigsburg die Restaurierung des Heidelberger Schlosses folgen würde. Ich bin durchaus mit ihm darin einverstanden, daß das eine entsetzliche Barbarei wäre. (Bravo! links.) Abg. Ledebour(Soz.): Ich freue mich, daß ich einmal von ganzem Herzen mit Herrn v. Kardorff einverstanden sein kann.(Heiterkeit.) Er kann von Glück sagen, daß er nach Herrn v. Staudy gesprochen hat, sonst würde dieser dieselben wehmütigen Betrachtungen auch über seinen Ton angestellt haben.(Heiterkeit.) Der Herr Staatssekretär hat den Wiederaufbau der Hohkönigsburg in Parallele gestellt mit dem Wiederaufbau der Marienburg. Mit der Restaurierung dieser Burg sind wir wohl alle einverstanden; denn sie ist ein Bauwerk von großer geschichtlicher Bedeutung und architektonischer Schönheit. dessen Wiederaufbau in sich gerechtfertigt war. Aber die Höh- königsburg hat für die Elsatz-Lothringer keinerlei historische Be- deutung; sie ist ihnen nicht interessanter als eins der vielen anderen Schlösser, die dort oder sonst wo auf den Bergen stehen, die als Ruinen, als Abschluß eines Höhenzuges der Landschaft einen neuen Reiz geben, aber irgend welche Erinnerungen oder Sympathien nicht erwecken. Ein sprechender— oder vielmehr schweigender— Beweis dafür ist ja die Tatsache, daß von all den anwesenden Elsaß-Lothrinaern bei dieser das Herz Elsaß-Lothringens angeblich aufregenden Debatte kein einziger das Wort ergreift. Dadurch be- weisen sie. daß sie mit den Argumenten des Herrn Staatssekretärs innerlich nicht einverstanden sind. Durch ihr Schweigen stimmen sie uns zu. Mögen sie erklären, daß Elsaß-Lothringcn bereit ist. auS eigener Tasche alle Mehrfordcrungcn für diesen Bau zu be- willigen, dadurch würden sie einen durchschlagenden Beweis dafür liefern, daß ihnen die Burg wirklich ank Herz gewachsen ist. Wenn man sich einbildet, daß man die Elsatz-Lothringer mit solchen Mitteln gewinnen könne, so zeigt das nur deutlich den voll- kommenen RomantiziSmuS, in dem die maßgebenden Persönlich- ketten in Berlin, in deren Namen der Staatssekretär spricht, be- fangen sind. Bon ihrem eigenen beschränkten banausischen Kunst» ftondpnnkt aus beurteilen sie den Geschmack aller übrigen. Herr v. Staudy fragte, was denn jetzt so Wunderbares geschehen sei, weshalb man die Forderung nicht bewilligen will. DaS wäre eine Bloßstellung des Deutschen Reiches. Nun, etwas Wunderbares ist nicht geschehen, nur etwas ganz Natürliches; daß nämlich ein Ver- sprechen der Regierung nicht emgelöst worden ist, daß der Bauherr aus seiner eigenen Tasche die Mehrkosten zahlen soll, Wir sind eS in Preuße« ja gewöhnt, baß Versprechen der Könige nicht eingelöst werden (Lebh. Oho! rechts; Zustimmung links; Glocke deS Präsidenten.) Präsident Graf Ballestrem: DaS dürfen Sie nicht sagen: daß in Preußen die Versprechen der Könige nicht eingelöst werden; das verstößt gegen die Ordnung des HauseS; ich rufe Sie zur Ordnung.(Bravo! rechts.) Abg. Ledebour(fortfahrend): Historische Erinnerungen sind ja in Preußen lebendig; ich erinnere an das Versprechen Friedrich Wilhelms III., dem Volke eine Verfassung zu geben.... Präsident Graf Ballestrem: Sie dürfen nicht auf das zurückkommen, was ich gerügt habe. Abg. Ledebour(fortfahrend): Auf diese Tatsache hat der Staats- sekretär mit keinem Wort reagiert. Und das ist das Entscheidende. Nicht das Deutsche Reich wird bloßgestellt— ich will nicht erörtern, wer bloßgestellt wird, aber diesen Ausdruck des Herrn v. Staudy lehne ich unbedingt ab. Mögen die gegebenen Versprechungen erfüllt werden; ich denke, eine solche Forderung verstößt nicht gegen die Ordnung des Hauses. Man soll auf die Erfüllung von Ver- sprcchungen dringen, von wem sie auch kommen mögen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Schlumberger(natl.): Ich erkläre, daß ich als Elsaß- Lothringer mich zum Wort gemeldet hatte, bevor Herr Ledebour seine Vorwürfe gegen uns erhob. Die Landesvertretung in Elsaß- Lothringen hat seinerzeit sich beinahe einstimmig für die Gewährung dieses Postens ausgesprochen.(Hört? hört! rechts.) Sie ist damals dem Reichstage mit gutem Beispiel vorangegangen, möge diesmal ihr der Reichstag ein gutes Beispiel geben und die Mittel für die Restaurierung dieser großartigen Burg bewilligen.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Der Titel wird hierauf gegen die Stimmen der Sozialdemo- kraten und der Freisinnigen bewilligt. Eine Forderung von 43 850 M. als Beitrag zu den Kosten für eine Drachenstation am Bodcnsec zur Erforschung der oberen Luft- schichten wird vom Vertreter des Wahlkreises, Abg. H u g- Konstanz (Z.) empfohlen und genehmigt.— Zum nächsten Titel: 195 000 M. für die Beteiligung des Reiches an der im Jahre 1906 in Mailand zur Eröffnung des Simplontunnels stattfindenden internationalen Ausstellung liegt eine Resolution K ä m p f— Dr. Müller- Sagan— Schmidt. Elberfeld(frs. Vp.) betr die Abhaltung einer internationalen Verkehrsausstellung in Berlin spätestens im Jahre 1913 vor. Abg. Dr. Müller-Sagan(frs. Vp.) zieht den Antrag, da der Hauptantragsteller, der Abg. Kämpf, als Präsident deS deutschen Handelstages, heute am Erscheinen verhindert sei, bis zur' dritten Lesung zurück. Der Titel wird bewilligt. Zum letzten Titel des OrdinariumS: 20 009 M. als erste Rate für Forschungen auf dem Gebiete der Reblausbekämpfung gibt Abg. Preiß(Elsässer) eine Uebersicht über die Erfolge und Miß- erfolge der verschiedenen Mittel der RcblauSbekämpfung in den deutschen Bundesstaaten. Staatssekretär Graf PosadowSky: Die Infektion in Elsaß- Lothringen ist so intensiv wie in keinem deutschen Bundesstaate. Die Kommission wollte zunächst sogar den ganzen Weinbau in der Umgebung von Metz vernichten. Aber aus sozialpolitischen Gründen mußte man davon absehen, weil die dortige Bevölkerung Haupt- sächlich vom Weinbau lebt. Deshalb kam man zu dem Auswege der 10 Kilometerzone. Die am Weinbau interessierten Bundesstaaten sind einstimmig dazu gekommen, diese Sicherhcitsmaßregel zu er- greifen. Hiermit schließt die Debatte über die einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats. Die Resolution Dr. Jäger(Z.)— B aumann(Z.) und Genossen betreffend Einsetzung von hauptamtlichen Kontrollbeamten für die Wcinproduktion wird mit großer Mehrheit angenommen, während die Resolution Dr. Burckhardt(Wirt. Vg.)— Dr. Dahlem(Z.) und Genossen betreffend bleihaltige Bierkrugdeckcl abgelehnt wird. ES folgen die außerordentlichen einmaligen Ausgaben. Als Titel 1 werden zur Förderung der Herstellung geeigneter Kleinwohnungen 2 143 000 M. gefordert, um Darlehen an Private und gemeinnützige Genossenschaften zu gewähren. Abg. Günther(natl.) bestreitet, daß die Reichsgelder, die für diese Zweck« ausgesetzt werden, immer in der geeigneten Weise ausgegeben würden. Daher fühlen sich die Hausbesitzer in ihre» Joteressrn geschädigt.(Beifall rechts und bei den Nationalliberalen.) Regierungskommissar Geheimrat Grimm: Wir bemühen uns, von Fall zu Fall auf Grund möglichst eingehender Erkundigungen über die Gewährung von Darlehen zu entscheiden. Abg. Dr. Jäger(Z.)(Auf der Tribüne unverständlich) ver» breitet sich über das ganze Gebiet der Wohnungsfürsorge. Hiermit schließt die Debatte. Der Titel und damit das Kapitel wird bewilligt. Die Petitionen zum Etat deS ReichSamts de? Innern werden als erledigt erklärt. Die Einnahmen werden ohne Debatte bewilligt. Damit ist der Etat des ReichsamtS des Innern in zweiter Lesung erledigt. Der Etat des Rechnungshofes wird ohne Debatte an- genommen. Es folgt der Etat deS Reichsjustizamtes. Beim Titel„Staatssekretär" fragt Abg. Basscrmann(natl.), wie weit die Vorarbeiten des Gesetzes zum Schutze der Bauhandwerker gediehen sind, und berichtet über die Reichstagsverhandlungen über diese Frage vom 22. Januar 1596. Die Frage ist jetzt spruchreif. Es ist bekannt, wie oft die Bauhandwerker»hre Ansprüche dadurch verlieren, daß beim Konkurs der gesamte Ertrag durch die vorhandenen Hypotheken absorbiert wird, so daß an Melen modernen Bauten die Tränen geschädigter Handwerker kleben.— Weiter ist im Landtag der Ruf nach einer neuen Lex Heinze erhoben worden. Ich möchte dem dringend widerraten. Die Vorgänge bei der alten Lex Heinze verlocken nicht, mit dieser Materie wieder an den Reichstag zu kommen. ES ist nicht zu leugnen, daß Ausschreitungen auf diesem Gebiet vor» kommen. besönderS einzelne Witzblätter täten gut, ihr Geschäfts- gebahren zu revidieren. Ich meine aber, daß die bestehenden Ge. setze ausreichen, und auch der preußische Jusrizministcr Beseler hat sich auf diesen Standpunkt gestellt. Leider sind einige Schwur» gerichte zu Entscheidungen aus diesem Gebiete gekommen, die meiner Ansicht nach nicht geeignet sind, dem objektiven Recht Geltung zu verschaffen. Wie man dazu kommen kann, zur Auslegung des Begriffs„unzüchtig" auch noch Sachverständige zu Rate zu ziehen. da steht mir der juristische Verstand still.(Heiterkeit.) DaS muß der Richter selbst entscheiden können. Die Strafprozeßordnung, vor allem aber auch das Zivilprozeß- verfahren sind sehr reformbedürftig. In weiten Kreisen des Volkes herrscht große Unzufriedenheit über die Dauer der Prozesse, über die Umständlichkeit des Verfahrens und die dadurch entstehenden hohen Kosten. Eine großzügige Reform muß einsetzen mit einer Erweiterung der Zuständigkeit der Amtsgerichte. Ein Mißstand ist eS, wenn Richter mit Zeugenaufnahmen beauftragt werden, die mit dem Gang des Prozesses gar nicht vertraut sind. Auch dieser Mißstand wird beseitigt werden können, wenn wir die Landgerichte von den kleinen Prozessen befreien.— Gewerbegerichte und Kauf- mannSgerichte haben sich im ganzen bewährt. Auch Handwerker wollen ein Standesgericht, wie eine hier vorliegende Petition beweift. Ich möchte den Handwerkergerichten nicht das Wort reden, wohl aber der Zuziehung von Handwerkern zu den Handelsgerichten. Das Reichsjustizamt steht ja jetzt unter dem Zeichen einer um- fassenden Refonn des gesamten Strafrechts. Ich hebe für eine Refonn folgende dringliche Fragen hervor: Bei Lappalien, z. B. geringen Diebstählen, soll nicht immer schwere Strafe. Gefängnisstrafe, eintreten müssen; bei geringen Vergehen soll nicht immer das ganze Borstrafenregister verlesen werden, auch solle» die Borstrafen in gewisser Zeit verjähren. Die Jugendlichen könnten besonderen Richtern überwiesen und die Oeffentlichkeit des Verfahrens für sie eingeschräult werden. Einig ist sich die Juristen- Welt in der Forderung der Heraufsehung des Strafalters von 12 auf 14 Jahre. Die Fortschritte dez neuen Entwurfes zcig.n sich vor allem in der Durchführung zweier Prinzipien: der Einführung der Berufung gegen alle StrafgerichtSurteile und die Beteiligung des Laienclements an der Strafrechtspslege in olle» Instanzen bei allen Gerichten. Weiter«st ein besserer Schutz der Zeugen gefordert Ivorde». Auf diesem Gebiete werden zweifellos mit Recht grosse Beschwerden laut, doch tänn hier weniger die Gesetzgebung tun als die richterliche Behandlung. Es ist bedauerlich, dass viele Richter geneigt sind, die Beweisausnahme ins uferlose schweifen zu lassen. Weiter wünsche ich, dass der ZeuguiSzwang der Presse endlich beseitigt werde. Noch ein kurzes Wort über die Schwurgerichte. Bekanntlich hat die einstimmige Ablehnung der Schwurgerichte durch die Kommission den lebhafteste» Widerspruch gefunden. Ich bin nicht gegen Schiour- gcrichte eingenommen. Ich habe wiederholt vor ihnen plädiert und habe ganz gute Erfahrungen gemacht. Besonders seitdem ich RcichStagSabgeordncter bin, haben sich meine Erfolge, insbesondere die Zahl der Freisprechungen vermehrt. Ich erinnere an drei der be- tanntesten Schivuraerichtsurteile, die auch die Kritik der sozial- dcinolratischen Presse gefunden habjr. Zunächst an das Lödtauer Urteil. ES hat da Befremden erregt, dass einzelne Angeklagte wegen Land- friedensbruch verurteilt sind, die von gelehrten Richtern doch wohl freigesprochen worden wären. Weiter an das Urteil des Altonaer Schwurgerichts in dem bekannten Fall, in dem vier Burschen, die ein Mädchen trotz heftiger Abwehr vergewaltigt hatten, freigesprochen wurden. Und drittens an den Fall in Dort- »nund, wo auch entgegen dem Antrage des Staatsanwalts trotz eines vorliegenden Geständnisses Freisprechung erfolgte. Diese Rechtsprechung der Schwurgerichte ist, wie gesagt, lebhaft kritisiert worden, auch von der sozialdemokratischen Presse. Ihre Kritik deckte sich mit der von Treitschke in seinem Buche„Politik" geübten. Treitschke sagt dort:„Schwerlich hätten im Leipziger Hochverrats- prozess gelehrte Richter Bebel und Liebknecht verurteilt. Aber der Laienrichter fürchtet für seinen Geldbeutel und fühlt sich der sozial- demokratischen Partei gegenüber auch als Partei." Die Umgestaltung der Schwurgerichte zu grossen Schöffen- gerichten ist von der Reichsjustizkomniission znletzt einstimmig angenommen worden. Dass das Vertrauen auf die Rechtspflege im Volke sinkt, ist sehr bedauerlich. Durch die Ueberlastung der Schöffengerichte mit 30, 40, bv Fällen an einem Tage muss das Vertrauen im Volke sinken. Ich spreche nicht von den Ucbcr- treibungen der sozialdemokratischen Presse, sondern berufe mich beispielsweise auf Prof. Kahl.(Lebhafter Beifall bei den National- liberalen.) Staatssekretär Dr. Nieberding: Der Entlvurf zum Schlitze der Bauhandwerker wird in nicht allzulanger Zeit an den Reichstag gelangen. Wenn er, der dem Bundesrat schon lange vorliegt, noch nicht erledigt ist, so liegt das teilweise an der Geschäftslage dieses hohen Hauses, teils daran, dass einer der Referenten im Bundesrat leider schlver erkrankt ist.— Von Vorarbeiten, Plänen oder Wünschen zur Verschärfung der so- genannten Lex Heinze ist mir aus den Regierungskreiien nichts bekannt. Eine Besserung kann nicht von einein Appell an die Iie- gierung oder Gesetzgebung, sondern nur von einein Appell an die Presse erwartet werden, dass sie die richtigen Grenzen hält und nicht auf Kosten de? guten Geschmacks an die äusserste Grenze dessen geht, was strafrechtlich zulässig ist. WaZ die Reform des Zivilprozesses anlangt, so bin ich in d'r angenehmen Lage, meine vorjährige Erklärung dahin zu erlveitern, dass wir im Reichsjustizamt bereits in die Vorb rcitung hierzu"in- geweten sind. Wir sind aber zu der Ueberzcugung gokommen, dap — wenn wir sofort in eine Reform dcS ganz n Zivilprozesses ein- treten würden— wir damit ine Aufgabe übernähmen, di- sehr langwierig und der lebhaftesten Kritik von den verschiedensten Seiten ausgesetzt sein würde. Das Konkursverfahren wird im Sinne eine" Beschleunigung und Vereinfachung umgestaltet werden. Besondere Handwerksgenchte zu schaffen, ist schon deshalb abzulehnen, weil unsere Berufsrichter dadurch aufs neue von einem Wichligen Gebiete des Lebens ferngehalten würden. Mit Ausschluss der Wechsel- und Urkundenprozesse hatten wir im letzten Jahre 44 800 Prozesse; die Handwerker waren an ihnen als Kläger in 490, als Beklagte in 3400 Fällen beteiligt, besonders wegen gelieferten Materials. Endlich sind Handloerker gegen Handwerker in 280 Fällen aufgetreten. Da- nach empfehlen sich Sondergerichtshöfe für Handwerker nicht. Dass die Strafrechtsresorm noch einige Jahre in Anspruch nehmen wird, ist richtig. Gegen eine Vorwegnahme der Einführung der Geldstrafe für kleine Diebstähle haben sich auf Befragen sämt- liche Einzelstaaten erklärt.— Ich hoffe, meine Ausführungen haben bewiesen, dass ich den guten Willen habe, die hier gegebenen An- regungen eingehend zu prüf--'. Abg. Bargmann(frs. Vp.): Der Plan, die Schwurgerichte zu beseitigen, hat in ganz Deutschland die grösste Beunruhigung hervor- gerufen, die sich erst legte, als das bayerische Jnstizministerimn sich entschieden dagegen erklärte. Gegen die Schlvurgerichte hat nun der Abg. Bassermann Bedenken auf Grund persönlicher Einzelerfahrung geäussert. Sie würden allesamt beseitigt durch Annahme der Resolution Dr. Ablast auf Ausdehnung der Zuständigkeit der Schwurgerichte auf alle Preß- vergehen und der Resolution Dr. Müller- Meiningen auf Heran- giehung von Geschworenen auch aus den arbeitende» Klassen und Gewährung von Diäten für Geschworeue und Schöffen. Wie steht es mit der vom Reichstag angenomnienen Resolution betreffend bessere Behandlung der Üntcrsuchnngsgefangenen? Wie weit ist man mit der Ausbildung der Zwangserziehung, der Schaffung besonderer Gerichte und der Durchführung der gesonderten Strafvollstreckung für Jugendliche? Ein sehr unangenehmes Kapitel ist die Schaffung zweier Klassen von Freigesprochenen durch das Entschädigungsgesetz für unschuldig erlittene Untersnchuilgshaft. Der Kellner Meier— Ruhstrat Angedenkens— ist zwar freigesprochen worden, aber nicht entschädigt I(HörtI hört!) Ich möchte dann noch«inen Fall vortragen: Ein Lehrer bei Steltin ist nach fünfundzwanzig Jahren rehabilitiert worden— er »var auf Grund des Meineides eines Steuerexekutors verurteilt worden. Aber die Regierung verweigert ihm-sowohl eine Ent- schädigung für die verflossenen 25 Jahre des Darbeus wie eine Revision des Disziplinarverfahrens, das ihn ans dem Amte ent- fernt hatte.(Hört! hört! links.) Das Disziplinargesetz soll an- geblich kein Wideraufnahmeverfahren kennen.(HörtI hört! links.) Staatssekretär Nieberding: Was den letzterwähnten Fall an- langt, so handelt es sich um das preußische Disziplinargesetz, also nicht unr ein Reichsgesetz. Dadurch übrigens, dast der betreffende Lehrer eine Pension bekommen hat, ist' alles geschehen, was von feiten der Regierung unter den obioaltönden Umständen getan werden konnte. Neuerdings ist nun ein Erkenntnis des Reichsgerichts ergangen, wonach ein Wiederaufnahmeverfahren auch bei disziplinar- gerichtlichen Entscheidungen zulässig ist.— Was die Resolution über die Beschäftigung von Strafgefangenen betrifft, so hat der Bundes- rat dieselbe abgelehnt. Die Resolution hat auch der Strafprozeh- reform-Kommissio» vorgelegen, und diese hat sich dahin ausgesprochen, daß dem ersten Teile der Resolution, soweit es sich um Unter- fuchungsgefangene handle, bereits heute entsprochen werde, dast aber dem zweiten Teile nicht stattgegeben werden könne, so lange nicht im Wege der Abänderung der Strafgesetzgebung dem Richter die Möglichkeit gegeben sei, im Erkenntnis auszusprechen, dass eine ehr- lose Gesinnung des Täters nicht zugrunde gelegen habe. Abg. v. Dirkse»(Rp.): Die Frage der unsittlichen Literatur verdient die ernste Aufmerksamkeit des Parlaments. Auch auf pornographischem Gebiet wird Deutschland leider bald in der Welt vorangehen. Nicht mit einer neuen Lex Heintze, wohl aber mit einem Aufruf an die Oeffentlichkeit können wir da gute Erfolge er- reichen. Zufällig hat auch das preußische»rückständige Dreiklassen- Parlament", das manchem Parlament ein Borbild fein könnte, jüngst ähnliche Fragen behandelt. Wo soll es mit den Sondergerichten hin? Nächstens wird Herr v. Gerlach auch noch Dienstboiengerichte beantragen.(Heiterkeit.) Hoffentlich wird auf dem Gebiete des Mädchenhandels bald eine Besserung eintreten I— In einer liberalen Versammlung trat kürz- lich ein Staatsanwalt auf und befürwortete ein Zusammengehen mit der Sozialdemokratie. Es ist ja das gute Recht der Beamten, sich politisch zu betätigen. Aber die richtige Ergänzung dazu ist, dast sie sich ihrer Pflichten gegen- über Kaiser und Reich bewußt bleiben.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Grosse bürgerliche Parteien machen ja aller- dingS Wahlkompromisse mit der vaterlaudslosen Partei I Wir haben es ja erst kürzlich erlebt, daß ein bürgerlicher Abgeordneter, der als politischer Verwandlungskünsiler bekannt ist, in einem Artikel voll und ganz sich auf die Fahne der Sozialdeinokratie eingeschworen hat. Da muß man aber sagen: Quoel licet bovi, non licet Jovi. (WaS einem Ochsen erlaubt ist, ist einem Jupiter nicht erlaubt.) Ich möchte an den Staatssekretär die Frage richten, ob er es für zulässig hält, dass ein deutscher Justizbeamter sich öffentlich mit der Sozialdemokratie verbrüdert l (Lebhafter Beifall rechts.) Präsident Graf Ballestrem: Der Mg. v. Dirksen hat ein be- kanntes Sprichwort umgedreht. Ich will nicht hoffen, dast er mit dem„Ochsen"(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Sich selber meint. Grosse Heiterkeil links.) einen Abgeordneten gemeint hat. Staatssekretär Dr. Nieberding: Ich habe keinen Anlast und kein Recht, nach der Verfassung, gegen einen Justizbeamten einzuschreiten. Wo ich kein Recht habe, jeniand zur Verantwortung zu ziehen, schweige ich lieber. Die elsiisfische Landesvcrwaltung kennt de» Fall! Aber auch eine Anfrage meinerseits, was sie zu tun gedenke, über- schritte meine Kompetenz: denn sie wäre nicht verpflichtet, mir darüber Auskunft zu geben, was sie verfassungsmässig zu erledigen allein berechtigt und verpflichtet ist- Hierauf vertagt sich das Haus. Persönlich stellt Abg. Baffermann(natl.) gegenüber dem Mg. v. Dirksen fest, daß er nicht für Verschärfung der Strafbestimmungen gegen die unzüchtige Literatur eingetreten sei, im Gegenteil! Abg. v. Gcrlach(frs. Vg.): Ich habe niemals irgend etwas ge- sagt, was auf die Absicht schließen ließe, ich sei für Dienstboten- gerichte. Meinen Artikel, von dem Abg. Dirksen sprach, kann er nicht gelesen haben; denn wer ihn gelesen hat und daraus das ab- leitet, tvas der Abg. v. Dirksen daraus ableitet, hätte zum Artikel- lesen kein grösseres Verständnis als ein gewisses Tier zum Lauten- schlagen.(Heiterkeit.) Nächste Sitzung Mittwoch 1 Uhr. Tagesordnung: 1. Zweite Lesung des Antrages Alb recht(Soz.) und Genossen auf Wahl- rcchtsrcform. 2. Antrag Nisler(k.) auf Aenderung des PenfionS« gefetzes. 3. Antrag Baffer m a n n(natl.) betreffend die Gehalts- auszahlungsfrist bei Krankheit der H a n d e l s g e h ü l f e n. 4. An- trag Dr. Müller-Meiningen(frs. Vp.)— Haustmann (südd. Vp.) betreffend Gewährung von Diäten an Schöffen und Ge- schworene. Schluss 6-/z Uhr._ Hb�cordnctenbaud. 27. Sitzung vom Dienstag, den 20. Februar. vormittags 10 Uhr. Am Miuistertisch: Dr. B e s e l e r. Die zweite Beratung des I u st i z e t a t S wird fortgesetzt beim Titel„Gehalt des Ministers". Abg. Pallaste(f., sehr unverständlich) bespricht den Plötzenseer Prozeß, dessen Ausgang er mit dem Abg. Lüdicke für eine Kapitulation vor den sozialdemokratischen Redakteuren und als einen Schlag gegen das Ansehen unserer Justiz bezeichnen müsse. Er sei empört darüber, daß eS gelungen sei, durch skrupellose Demagogie und die Mittel schrankenloser Rabulistik die Staatsgewalt derart lahm zu legen. Abg. Brütt(frk.): Unser Zivilprozeß ist austerordentlich langsam. Das zeigt namentlich ein Vergleich mit Oesterreich. Dort wird doppelt so rasch gearbeitet wie bei uns. Abg. Pcltasoh»(frs. Vg.) regt unter Bezugnahme auf einen Ar- tikel in der„Deutschen Juristen-Ztg." über die Behandlung Jugend- licher in Amerika die Einführung von Jugendgerichten an und be- fürwortet sodann die Gewährung von Diäten an Schöffen und Ge- schworene. Justizminister Dr. Beseler: Der Ausgang des Plötzensee- Prozesses hat auch mich nicht befriedigt. Dast der Oberstaatsanwalt auch geprüft haben wird, wie der Prozeß ausgegangen wäre, be- ztveisle ich nicht. Eine Reform des Strafgesetzbuches halte ich für dringend; dabei wird dann einem verstärkten Schutz der persönlichen Ehre Rechnung getragen werden.(Beifall rechts.) Die VerHand- lungen über eine Reform der Strafprozeßordnung schweben noch. Mit der Vermehrung der Richterstellen gedenke ich fortzufahren. Dast die Rechtsprechung jetzt zu langsam arbeitet, ist richtig. Es wird sich aber nur ändern lassen, wenn unser bestehendes Gesetz geändert wird. Vorbereitungen in dieser Richtung sind bereits ge- macht. Die Aenderungen sollen sich insbesondere auf das amtS- gerichtliche Verfahren erstrecken. Die Behandlung der Jugendlichen in unserer Rechtsprechung ist in der Tat noch eine offene Frage. Die Gefängnisverwaltung ist heute schon bemüht, eine Trennung der älteren Gefangenen und der jugendlichen durchzuführen. Abg. Kirsch(Z.) bittet den Minister, von der im Herrenhause angeregten Neuregelung deS Vorbereitungsdienstes der Juristen abzusehen. Ein Antrag auf Schluß der Besprechung wird an- genommen. Das Gehalt des Ministers wird be- >v i l l i g t. Abg. Dr Keil(natl.) tritt für eine Erhöhung der Gehälter der Senatspräsidenten ein. Abg. Dr. v. Campe(natl.) klagt über zuviel Entgegenkommen der Gerichte gegen das Ouerulantenwesen. Abg. Tourneau(Z.) befürivortet eine Besserstellung der Kanzlisten. Abg. Kcruth(frs. Vp) ersucht den Minister, die Kanzlei- ordnung einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Abg. Cassel(frs. Vp.) bespricht die neue Berliner Gerichts- Organisation und fragt, ob es nicht möglich sei, sämtliche Zivil- kanimern der drei Landgerichte in einem Gebäude unterzubringen. Justizminister Dr.'Beseler: Eine Vereinigung aller Berliner Zivilkanunern in einem Gebäude läßt sich nicht durchführen. Abg. Dr. v. Campe(natl.) bittet den Minister, dafür zu sorgen, dast bei dem neuen Gesetz über die Berufsoereine Kautelen geschaffen würden, damit nicht ein ultramontaneS Knkuksri ausgebrütet würde, aus dem dann nachher der Jesuit herauskäme. (Grobes Gelächter und Unruhe im Zentrum). Schon jetzt ließen sich die katholischen Orden als Gesellschaft mit beschränkter Haftung inS Handelsregister eintragen. So etwas müsse in Zukunft beseitigt werden. Vizepräsident Dr. Porsch: Die Herren werden es verstehen, wenn gerade ich den Redner nicht unterbrochen habe. Ich bitte jetzt aber diese Debatte nicht fortzusetzen, sondern dies beim Kultusetat zu tun. (Beifall). Abg. Tourneau bittet, in konfessionell gemischten Gegenden auf die katholischen Feiertage mehr Rücksicht zu nehmen. Ein Regierungskommissar erklärt, dast für solche Gegenden, in denen starke katholische Minoritäten vorhanden seien. schon jetzt die Bestimmungen mastgebend wären, die für die Rhein- Provinz erlassen seien. Das Haus vertagt die Weiterberatung auf Mitt- woch, 11 Uhr. Außerdem steht der Etat der Bau- Verwaltung auf der Tagesordnung. Schluss 4 Uhr._ parlarncntanfcbcö. Ablehnung einer Rcichscinkommen- und BennögenSstener. Die Finanzreformkommission beschäftigte sich gestern zunächst mir dem sozialdemokratischen Antrage, dem Reichstage ein Resolution vor- zuschlagen durch die der Reichskanzler ersucht wird, dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen Reichseinkommen- und Vermögenssteuern eingeführt werden. Genosse Singer spricht in seiner kurzen Begründung die Hoffnung aus, dast der Antrag zur Annahme gelangt. Im Laufe der Kommissionsberatung haben die Redner fast aller Parteien sich der Erkenntnis nicht ver- schließen können, dast eS auf dem eingeschlagenen Wege nicht mehr gut weiter geht und zu dem direkten Steuer- system werde übergegangen werden müssen, um die Finanz- not zu beseitigen und die stets steigenden Ausgaben ftir das Reich auszubringen. Nur dadurch, dast jeder fühlt und emp- findet, was ihm des Reiches Herrlichkeit kostet, würde die Er- kenntnis von der Notwendigkeit eines rationellen Sparsystems durch Einschränkung der Ausgaben für Militär, Flotte und Kolonien Platz greifen. Es sei durchaus nicht einzusehen, weshalb zwischen direkten und indirekten Steuern der Unterschied zwischen Reich und Einzelstaaten auftecht erhalten werden solle. Nur durch Annahme des Antrages sei es möglich, dem mehrfach hier zutage getretenen Streben nach Gerechtigkeit, Belastung der starken Schultern Ausdruck zu verleihen. Selbstverständlich mußte der Gesetzentwurf nach den Grundsätzen des preußischen Einkommensteuer- Systems die kleinen Einkommen bis 900 M. freilassen, dann aber progressiv höher greisen und nicht bei 4 Proz. bei hohem Einkommen Halt machen. Der preußische Finanzminister Freiherr v. Rheinbaben be- zeichnet den Antrag als unannehmbar für die Regierung, sowohl aus materiellen wie aus formellen Gründen.Er stehe im prinzipiellen Widerspruch mit der ganzen Steuergesetzgebung, schwäche die Finanz- kraft der Einzelstaaten und sei bei Verschiedenartigkeit der Grund- sätze der Steuererhebung in den Einzelstaaten nicht nur undurchführ- bar, sondern enthalte auch einen Eingriff in die Rechte der Einzel- staaten. Müller- Fulda hält die Annahme des Antrages wohl für geeignet, den Hurrapatrioten im Flottenverein einen Dämpfer auf- zusetzen, wünscht ihn aber in der Weise„verbessert", dast die Einzel- staaten je nach finanzieller Leistungsfähigkeit einen ReichSzuschlag zu der Einkommensteuer zu erheben hätten, um nicht die finanziell schlechtgestellten Staaten zu schwer zu belasten durch eine einfache Erhöhung der Matrikularbeiträge. Dieser Weg erscheint dem Reichs- schatzsekretär nicht gangbar, da es bei der Verschiedenartigkeit der Einkommensteuer an einem geeigneten Massstab der Wohlhabenheit der Einzelstaaten fehlt. West ermann(natl.) erklärt, daß viele von seiner Fraktion dem Antrage nicht gerade unsympathisch gegenüberstehen, jedoch sei bei Annahme eine Störung des föderativen Charakrers des Reiches zu befürchlen. Zurzeit vertrete die Mehrheit die Ansicht, daß das indirekte Steueriystem noch nicht genügend erschöpft ist und noch weiter ausgebaut werden könne! Die Genossen Bernstein und Singer erwiderten: Die sämtlichen angedeuteten Schwierigkeiten, sowohl materielle wie formelle, seien nur scheinbar und leicht überwindbare, wenn man das Prinzip anerkennen wolle. Bei der stets steigenden Zunahme riesenhafter Gewinne aus Betrieben, die den Monopolcharaktcr tragen, sei eS eine Kleinigkeit, durch Besteuerung des Einkommens und des Vermögens die fehlenden Mittel aufzubringen und jedenfalls doch viel unbedeuk- licher und weniger gemein schädlich als die Beun- ruhigung und Störung kleiner und mittlerer Ge- s ch ä f t c und aufstrebender Industrien durch das Suchen nach Steuerobjekten. Sie geißeln auch die Betonung des föderativen Charakters deS Reiches gerade durch die Nationalliberalen. Mit Müller-Fulda erklären sie sich insofern einverstanden, als sie die direkten Steuern beweglich zu gestalten beabsichtigen, auch seien sie nicht abgeneigt dem Vorschlage des Zuschlages zu den Einkommensteuern der Einzelstaaten, je nach deren LeistungS- fähigkeit. Da Singer die Westermannschen föderativen Be- denken, als mit der neulicheu hochpatriotischen Rede Büsings von der Freude an des Reiches Herrlichkeit im Widerspruche stehend ironisiert, meint Büsing, daß ein solcher Widerspruch nicht vorhanden sei und die Freude am Reich mit Erhaltung der Selbständigkeit der Einzelstaaten in VerfassungS- und Sreuerfragen nicht kontrastiere. Der Reichsschatzsekretär vertritt die Ansicht, daß der Ge- danke einer progressiven Vermögenssteuer schon in der Erbschafts- steuervorlage zum Ausdruck käme und beklagt, daß diese und sämtliche anderen Vorlagen so wenig Gegenliebe bei der Kom- Mission gefunden haben. Nachdem sich Dr. W i e m e r(frs.) im zustimmenden Sinne zu dem Antrage geäußert, erklärt Gröber (Zentrum), dass die Annahme des sozialdemokratischen Antrages unmöglich fei. Er sowohl wie später sein Fraktionskollege Herold bekämpfen denselben mit so entschiedener Gegnerschaft, daß von der lauwarmen Freundschaftserklärung ihres Kollegen Müller nichts, absolut gar nichts mehr übrig blieb, nicht einmal die Aussicht auf eine anderweitige, gerechtere Verteilung der Matrikular- beitrüge. Namentlich Herold erweist sich als der wahre Fanatiker des indirekten Steuer sy st emS und meint, dast ein Sturm der Entrüstung unter den Ar- beiteni entstehen würde, wenn sie Plötzlich statt der indirekten nunmehr direkte Steuern zahlen müßten, worauf ihm Genosse Thiele erwidert, dast die Sozialdemokratie den Stunu nicht zu fürchten hätte, der entstehen würde, wenn die Arbeiter statt 80 M. indirekter Steuern in Zukunft nur noch vielleicht 10 M. zu zahlen hätten. Nachdem sich noch der christlich-soziale Burkhardt sür den Antrag ausgesprochen, trotz der mancherlei Bedenken, die er dagegen habe, wird der Antrag mit 18 gegen 10 Stimmen(Soz. und Freis.. Pole und Burkhardt) abgelehnt. Sodann wird zur Beratung des Antrages der Freisinnigen übergegangen. Derselbe schlägt einen Gesetzentwurf vor, durch welchen eine Reform der Branntweinbesteuerung, insbesondere durch Festsetzung einer einheitlichen Verbrauchs- abgäbe und durch Aushebung der Maischraum- wie der Braustcucr herbeigeführt wird. Dr. Wiemer begründet diesen Antrag eingehend und resümiert sich dahin, dast durch Aufhebung der Liebesgabe in Höhe voif 45 Millionen und Reform der veralteten Maischraum- und Brau- steuer, Beseitigung der Extraprämien für Ausfuhr und Denaturierung eine weitere Einnahme von 15— 16 Millionen zu erzielen sei. Einer der Reaierungskommissare vertritt die Ansicht, dast durch Aufhebung der Liebesgabe gerade der arme Branntwein- trinker am meisten getroffen werde, weil durch die Liebesgabe das Produkt, also der Schnaps verbilligt werde. Die 45 Millionen tviirden denn auch von den Branntweinkonsumcnten aufgebracht werden müssen. Müller- Fulda(Z.) erkennt diesen Einwand nicht an, tritt aber dem Antrage aus anderen Gründen entgegen und ebenso sein Fraktionskollege H u g. Der Reichsschatz sekretär bittet doch nur ums Himmelswillen, die armen Branntweinbrenner Zetzt noch nicht zu beunruhigen, die ohnehin schon schwer unter der Anticilkoholbewegung leiden. Man soll sie doch nur bis 1912 in Ruhe lassen, dann solle ja auch die ganze Materie neu geregelt werden. Weiterberatung heute._' Straflose Schießereien auf Menschen, detailliert aufgestellte Be- Häuptlingen über Korruptionen und erschreckender Aberglaube über „Wünschelruten" bildeten die Themata, die die kunterbunte Diskussion der gestrigen Beratungen des Etats für Südweslafrika in der Budget- kommission bracbte. Nachdem ein Regierungsvertreter dargelegt hatte, der in voriger Woche vom Abg. Erzberger gegen den Geheimrat v. König erhobene Vorwurf entbehrte der tatsächlichen Grundlage, gab Oberst Ohne sorg Aufklärung über die Angelegenheit des früheren Hauptmannes Kannenberg. Die dem Manne nachgesagte Erschießung einer Frau und ihres Kindes ist zwar nicht Wahr- heit, aber skandalös genug der wirkliche Vorfall. K. saß eines Abends vor seinem Zelt. In einer nahe gelegenen Eingeborenenhütte war Lärm. K. schickte darauf zweimal Boten in die Hütte mit einem Ruhegebot. Als diesem nicht Folge geleistet wurde, schoß er erst in die Luft, ging dann auf die Hütte zu und gab einen scharfen Schuß in das Innere der Hütte ab; einer auf dem Bette liegenden Frau drangen eine Anzahl Schrotkörner in das Gesäß und in den Oberkörper. Einzelne Schrotkörner saßen so tief, daß der Arzt sie nicht entfernen konnte. Angeblich soll der Schuß das Dach der Hütte bezw. eine Wanne getroffen haben, von wo die Körner abgeprallt sein sollen. Für diese Schießerei ist der Hauptmann nicht bestraft worden, weil die Frau keinen Strafantrag gestellt hat. Daß eine solche frivole Körperverletzung, begangen durch einen Be- amten, ohne weiteres zur Strafverfolgung führen mußte, scheinen unsere herrlichen Koloniehäuptlinge nicht anzunehmen. Auf eine Anfrage über den Ankauf von Reittiere» und deren Verwendbarkeit bemerkte Oberst Ohnesorg: In Argentinien sind lööl) Pferde und b8S9 Maultiere augekauft worden. Die Verlustziffeni sind ungefähr diese: von 10 315 deutschen Pferden sind 7530 eingegangen; von den argentinischen Pferden 000; vo» 9781 afrikanischen Pferden 7318. Insgesamt sind von rund 21 000 Tieren 15 500 eingegangen, sodaß die Verluste also ganz enorme sind. Abg. Erzberger verlangte Auvkunst, ob tatsächlich beabsichtigt sei, das Gebiet der Ovambo neger zu okkupieren und den Leuten ihr Land zu nehmen. Eine solche Maß- nähme würde einen neuen schweren Krieg mit dem sehr kriegerischen Volk bedeuten. Lächerlich und verurteilenswert sei das Verfahren bei den Landenteignungen. An den Anschlage- tafeln der Regierungssitze werde einfach der Umfang der geplanten Annektionen mit dem famosen Hinweis bekannt gegeben, Interessenten können innerhalb vier Wochen Einspruch erheben. Da nun die Neger nicht deutsch lesen können, und in den räumlich großen Bezirken von dem jeweiligen Anschlag nichts erfahren, gehen sie ihres Landes Verl u st ig, ohne davon Kenntnis zu erhalten. Daher nillßten Eingeborenen-Kommisfare ernannt werden, die den Negern die nötigen Aufklärungen geben. Prinz v. Hohenlohe sagte das letztere zu und erklärte, zurzeit ser nicht beabsichtigt, den Ovambos das Land abzunehmen. Sie seien die besten Arbeiter. Die Landregelung mit den Eingeborenen sei so gedacht. daß ein Teil der Neger in der Nähe der weißen Ansiedelungen, auf denen sie als Arbeiter zu verwenden sind, der andere Teil der Neger in der Nähe der Missionäre domiziliert werden solle, die eine Art Vertrauensmänner bilden sollten. Abg. S ü d e k u m bekämpfte die Auflösung der Stammesorganisation, ebenso auch das Projekt, die Missionare gewissermaßen zu Eingeborenen- Tribunen zu ernennen. Die Missionare sollen sich ausschließlich ihren idealen Aufgaben widmen. Weiter brachte Genosse Südekum zur Sprache, daß nach Informationen, die er aus Kapstadt erhalten hat, die Regierung beim Einkauf von Reit- und Zugtieren schwer übervorteilt worden ist. Besonders richten sich die Anklagen gegen den deutschen Konsul in Kapstadt, Herrn v. Jakobsen, und gegen den amtlichen Tierarzt Dr. Frank, die zusammen große Lieferungen an Reit- und Zugtieren für die Regierung zu besorgen hatten. Ein Herr Blumenthal habe Schlachtochsen zu 290 M. pro Stück offeriert; die Lieferung sei an einen Herrn Scharfschehr für 350 M. pro Stück gegeben. Sch. sei ein intimer Freund des Konsul s. Blumenthal habe ferner Zugochsen zu 250 Mark pro Stück angeboten, die Lieferung habe ein gewisser Krüger zu 300 Mark pro Stück erhalten. Die Vermittelung der Krügerschen Lieferung besorgte ein �konsulatsbeämter v. Bülow. Krüger ist ein Bierhändler. Ein gewisser Gerber habe dem Konsul Esel zu 100 Mark pro Stück angeboten; die Lieferung haben Krüger, Schultze und der amtliche Tierarzt Dr. Frank zu 240 Mark pro Stück erhalten. Bei der Abnahme von Eseln und Maul- tiercn lasse sich der amtliche Tierarzt 00—100 Mark In- spektionskosten für das Stück bezahlen. Weiter soll Dr. Frank cur sehr große Zahl von Maultieren an die Regierung für 490 M. pro Stück geliefert haben, die er selbst für 450—400 M. pro Stück gekauft habe. Ein Händler Friedländer habe der Regierung 500 Maultiere zu 370 M. pro Stück angeboten, Dr. Frank habe die Tiere als unbrauchbar zurückgewiesen, sie dann durch dritte Hand sehr billig ankaufen lassen und hierauf die von ihm erst als un- brauchbar zurückgewiesenen Tiere an die Regierung zum Preise von 490 M. pro Stück abgegeben. Bei einer großen Esellieferung (1500 Stück) von Sachs und Levy in Johannesburg für die Re- gierung sei die letztere in ganz außerordentlicher Weise überteuert worden. Dr. Frank habe sich von dieser Firma 10 M. Unkosten pro Stück der so teuren Tiere bezahlen lassen. Gcheimrat Dr. Seitz erklärte, daß die von Südekum vor- getragenen Fälle ihm unbekannt sind... Eine längere Debatte zeitigte die Regierungsforderung von 1 223 320 M. für weiße Hülsskräfte in der Zentral-, Justiz- und Lolalverwaltung und für die Landespolizei. Die Mehrforderung beträgt 420 780 M.. darunter allein für die Polizei 274 000 M. Die Forderung wurde mit dem Hinweis auf die. 14 000 Soldaten be- kämpft, die gegenwärtig noch in Südwestafrika stehen. Ein Geheim- rat teilte mit. daß allein in Swakopmund jetzt durchschnittlich achtzig weiße Mensche» im Gefängnis sitzen. Die folgende Debatte betraf— die Wünschelrute. St. P a a s ch e und konservative Redner begeisterten sich nämlich für die Wünsche!- rutc und muteten der Kommission allen Ernstes zu. an diesen Unsinn zu glauben. Der Vizepräsident des Reichstages erzählte, daß ein Herr v. Bülow mit der Wünschelrute in einem ihm fremden Terrain sofort die Stelle aufgefunden habe, wo der Blitz zwei Pferde er- schlagen hatte. Der Konservative v. Riepenhause» hat sich selbst einmal die Augen verbinden lassen, eine Wünschel- rute in die linke Hand genonunen, der v. Bülow eine Rute in die rechte Hand und— auf einmal senkten sich die Ruten; die beiden Zauberkünstler hatten richtig Wasser gefunden. Auch der Edle v. Böhlendorf-Kölpin ist von der wundertätigen Wünschelrute fest überzeugt. Bekanntlich hat sogar die Reichs» regierung denLandrat v. Uslar in dieKolonien ge- schickt, der mit der Wünschelrute Wasser suchen soll. Diese Wünschelrutendebatte spricht ganze Bände für die geradezu erschreckende geistige Rückständigkeit der Junker und der ihnen eng verwandten Nationalliberalen. Von den sozialdemokratischen Kommissionsmitgliedern wurde beantragt, der Reichskanzler möge eine vollständige deutsche Urbersetzung des französischon Gelbbuches über die Marokkofrage her- stellen lassen und den ReichstagSmitgliedern die Uebersetzung über- mittel». Die Beschlußfassung wurde auf heute vertagt, um zuerst dem Auswärtigen Amte Gelegenheit zu einer Aenßerung über den Antrag zu geben. Inzwischen möge die Wünschelrute den hervor- ragendsten Körperteil der edlen Kolonialfexe suchen und dann ihres Amtes walten. Eue der Partei. „Vorwärts". Unter diesem Titel erscheint seit kurzem in Lodz ein neues Kampforgan für unsere Partei. Wann es erscheint, wie oft es erscheint, das alles geht aus dem Titelblatt nicht hervor. Man will es offenbar zwanglos nach Bedarf als eine immer wiederkehrende Flugschrift erscheinen lassen. Interessante Aufschlüsse über die Art der Agitation in Rußland gibt der Notizcnteil, dem wir deswegen auch in unserem Blatte Raum geben möchten. Wir lesen da: Am 10. Januar sollte in der Fabrik von F. K. PoznanSki eine Diskussion mit P. P. S. über Gewerkschaften stattfinden. Es versammelten sich zirka 1000 Arbeiter und da Diskussion infolge des Nichterscheinens des Vorstehers der P. P. S. nicht stattfinden konnte, sprach unser Genosse von der gegenwärtigen Lage und den Zielen des Proletariats. Am 17. Januar versammelten sich in der Fabrik von M i t k e, D l u g a 113 zirka 150 Arbeiter, welchen unser Genosse das Programm 8. V. erläuterte und das Programm der dl. O. einer scharfen Kritik unterwarf. Am 18. Januar sprach unser Genoffe in der Fabrik von R o s e n b l u m u. H e 1 1 m a n, in Gegenwart von 100 Arbeitern, von der jetzigen Revolution und der Klassenbewegung des Pro- letariats. Am selben Tage war eine Versammlung in der Fabrik von Martens u. Zemek, Dluga 57. Unser Genosse unterzog einer Kritik die gegenwärtige Staatsform und erläuterte die Be- deutung des sozialistischen Staates. Versammelt waren zirka 100 Arbeiter. Am 20. Januar versammelten sich in der Fabrik von R. Kellier zirka 300 Arbeiter. Unser Genosse sprach vom Kampfjahre, vom 22. Januar und der Errungenschaft der Re- Volution. Am 24. Januar in der Fabrik von A. Daube wurde unser deutscher Genosse von den dort Versammelten mit Ovation begrüßt. Er hielt eine längere Ansprache und entfernte sich als- dann durch den zweiten Ausgang, nach der Wölczanskastraße. Der Fabrikant, der von der Versammlung Wind bekam, ließ die Polizei zu sich in das Kontor holen mit der edlen Absicht, unseren Genosse» beim Verlassen des Saales verhaften zu lassen. Als ihm das Warten zu langweilig wurde, lies er in den Fabriksaal, wo er alle Arbeiter bei ihrer Arbeit ruhig arbeitend antraf. Wütend über das Mißlingen seines Planes fing er zu schimpfen an und drohte zwölf Arbeitern, welche, seiner Ansicht nach, den Redner holen ließen, sie sofort zu entlassen, da er nicht gesonnnen sei, seine Leute von solchen Rednern aufhetzen zu lassen. Wir raten Herrn Daube, seine Zornesansbrüche ein wenig zu hemmen. Er wird sich schließlich doch daran gewöhnen müssen, daß seine Arbeiter, trotz seines Zornes, sich auch ferner das Klassenbewußtsein aneignen werden. Am 30. Januar erklärte unser Genosse in der Fabrik von Rothe u. Hugo den dort versammelten 50 Arbeitern die Not- wendigkeit sich unter der Fahne der 8. v. zu organisieren. Am selben Tage versammelten sich in der Fabrik von W i s l i ck i zirka 150 Personen, welchen unser Genosse den Stand- Punkt unserer Partei den anderen Parteien gegenüber klarlegte und den Klassenkampf erläuterte. Am selben Tage fand in der Bäckerei v. KopczhnSki eine Versammlung statt. Es wurde von der nächsten Aufgabe der Arbeiterklasse sowie von der.Duma" gesprochen. Wer der kühne deutsche Genosse ist, der so unter Ein- setzung seines Lebens die Fahne des Sozialismus hochhält und der russischen und polnischen Arbeiterschaft die Lehre des Marxismus Predigt, geht aus keiner Stelle des Blattes hervor. Vielleicht wird nie ein Lied, ein Heldenbuch den Namen dieses. Helden nennen. Vergessen wird seine Tätigkeit deswegen im Buche der Geschichte nicht werden, und daß sie schon Früchte trug, zeigt das Verhalten der Arbeiter, die ihren Lehrer und tührer den Händen des Häschers und damit dem sicheren ode entrissen I_ Achtung. Spitzel! Unser belgisches Parteiblatt„Le PeupIe" teilt das Signalement und das Porträt eines russischen Spitzels mit, der in Deutschland und in Belgien tätig ist. Er ist klein, blond (färbt aber seinen Schnurrbart), hat eine heisere Stimme, tränende Augen und trägt oft eine blaue Brille. In Berlin und in der Schweiz ist er bei der Ausweisung zahlreicher russischer Genossen der Polizei behülflich gewesen._ Allzu scharf gespannt zerbricht der Bogen. Den Görlitzer Arbeitern hatte man durch Bedrohung der Wirte mit allen möglichen Nachteilen ihr Versammlungsrecht rlluso- risch gemacht. Sie drehten nun den Spieß um. Seit dem roten Sonntag besuchten sie kein Lokal mit Saal, hielten kein Vergnügen ab und mieden die Veranstaltungen der Wirte. Die Folge davon ist die folgende Erklärung in Görlitzern Blättern: Tie unterzeichnete» Saalbesitzer verpflichten sich, allen poli. tischen Parteien und allen wirtschaftlichen Vereinigungen jeder- zeit ihre Versammlungsräume zu gesetzlich erlaubten Zwecken zur Verfügung zu stellen, soweit sie Nachweis.,») nicht anderweitig bestellt sind. Sollte das durch Artikel 29 der preußischen Ber- fassung(alle Preußen sind berechtigt, sich ohne vorgängigc obrig- keitliche Erlaubnis friedlich und ohne Waffen in geschlossenen Räumen zu versammeln) gemährleistete Versammlungsrecht von irgend welcher Seite zu beeinträchtigen versucht werden, so ver- pflichten sich die Unterzeichneten, mit allen gesetzlich erlaubten Mitteln solidarisch, und zwar unverzüglich, gegen solche Maß- nahmen vorzugehen. Oskar Röder, Europäischer Hos. August Schulze, Konzerthaus. C. F. Gaertner, SchützenhauS. Otto Gähler, Tivoli. Adolf Fürll, Stadt Prag. Ferdinand Nopper, Aktien-Brauerei. Herm. Sckiröder, Deutsche Eiche. Adolf Böhm. Gewerbehaus. August Wcißke, Kronprinz. Albert Faber, Englischer Garten. Aloys Wersche!, Kat. Vereinshaus. Göttlich Bansmann, Wilhelm-Thcater. DaS ist eine Erklärung gegen die„Ordnungsftützen", die den Wirten durch ihre Drohungen bisher das Leben schwer machten. Noch einmal der Fall Löbe. Mehrere Parteiblättcr haben sich durch die Erklärung des jetzt im Gefängnis weilenden Genossen Löbe über die Ursache zur Zurückziehung seiner Revision noch nicht für befriedigt erklärt. Sie meinten, wenn die Arbeitsfähigkeit Lobes durch die Aussicht auf die ihm drohende lange Strafe litt, dann hätte man ihn entlasten oder ganz von der Arbeit befreien müssen. Die Breslauer„Bolkswacht" stellt demgegenüber fest, daß>Genosse Löbe vom Tage seiner Verurteilung ab beurlaubt war, daß ihm auch fernerhin jeder Urlaub gewährt wurde. Seine Kollegen haben ihm sogar den Vorschlag gemacht, noch eine Reise zu unternehmen. Genosse Löbe hat jedoch alle diese Vorschläge abgelehnt, da sein Fleiß und sein Arbeits- eifer ihm das Untätigsein unleidlich machten. Lediglich der eigenen Entschließung des Verurteilten ist die Zurückziehung der Revision geschuldet. Die mangelnde Befähigung. Ter Fabrikarbeiter Licht ist zum Schultheißen von I ch t e r s- Hausen gewählt worden. Die gothaische Regierung versagte jedoch seine Bestätigung mit folgender Begründung: „Nach den angestellten Ermittelungen steht folgendes fest: Licht hat in seiner Arbeitsstätte, der Nadelfabrik, bereits vor vielen Jahren sozialdemokratisch? Flugblätter verbreitet, er war sowohl bei den Landtags« als Reichstagswahlen für die Sozialdemokratie die AuS« kunftsperson über die Wählerlisten und bei den Landtag?- Wahlen im Jahre 1900 sozialdemokratischer Wahl- mann. Er hat früher die Jchtershäujer Geschäftsstelle des „Volksblatt" gehabt und bis in die letzte Zeit die„E r- f u r t e r Tribüne" den Genossen zugänglich gemacht. Licht selbst bestreitet auch in seiner Beschwerd- seine Zugehörig- keit zur sozialdemokratischen Partei nicht. Es mag richtig sein, daß er in den letzten Jahren mehr in den Hintergrund getreten ist. Dies ändert aber an der Tatsache nichts, daß er nicht nur der Partei angehört, sondern daß er als erster für die Sozial- demokratie in Ichtershausen zielbewußt agitiert und sie b o ch- gebracht hat. Daher besitzt Licht, wie das Staatsministerium mehrfach entschieden hat, nicht die besondere Befähigung, die für das Amt eines Schultheißen als Vertreter der Staatsgewalt gc- fordert wird und das Landratsamt hat mit Recht seiner Wahl die Bestätigung versagt. Richter. Wenn Licht das alles, was ihm hier„vorgeworfen" wird, richtig ausgeführt hat, ist er zweifellos ein Mensch von besonderer Befähigung, der— ebenso wie die Sozialdemokratie— auch die Gemeinde Ichtershausen in die Höhe gebracht hätte.— Muß denn an der Spitze einer gothaischen(Gemeinde absolut ein ton- s ervatives Licht stehen?_ Die„blaue" Ente. Die bürgerliche Provinzpresse imponiert ihren Lesern nicht bloß init theoretischen Vernichtungen der Sozialdemokratie, sondern unterhält sie auch besonders gern mit kleinen Histörchen von der Gefühlsroheit der Sozialdemokratie. Was. da mitgeteilt wird über die angeblichen Gebräuche, namentlich bei sozialdemokratischen Hoch- fiten und Begräbnissen, erinnert stark an die Reiseerlebnisse kühner orscher bei den Niam-Niam und anderen sagenhaften Völker- stäimnen, mit dem einen Unterschied in der Wirkung, daß der deutsche Spießer dem Gelehrten nicht gern glaubt, aber auf seinen Spezial-Schmock schwört, der ihn mit Lügennachrichten über die Sozialdemokratie füttert. Jüngst brachte die Mansfeldischc Presse folgenden«Fall sozial- demokratischer Gefühlsverrohung": „In Berga a. d. Elster starb bor einigen Tagen eine Witwe, deren einzigster Sohn der sozialdemokratischen Partei angehört. Um seinen politischen Standpunkt aller Welt kundzugeben, ließ er den Sarg seiner Mutter feuerrot anstreichen. Da sich aber der Geistliche weigerte, vor einem solchen Sarge einherzuschreiten, erhielt der Sarg in aller Eile einen passenderen Anstrich." Die„Greizer Zeitung", welche die Notiz auch übernommen hatte, mutzte nun eine Berichtigung bringen, in welcher der Sohn der Verstorbenen erklärt, daß er— kein Sozialdemokrat sei, daß der Besteller dem Tischler zuerst die Auswahl der Farbe überließ, daß er jedoch später, ohne daß der Geistliche je den Sarg noch seinen ersten Anstrich gesehen hätte, eine andere als die ge- lieferte Farbe wünschte.— Es handelt sich also bei der ganzen Sache also nicht um einen „roten" Sarg, sondern um eine„blaue" Ente! Der Fall Cramer. Die Vertrauensleute der sozialdemokratischen Partei des Wahlkreises Darmstadt-Groß-Gerau waren am Sonntag in Groß-Gerau versammelt, um zur Mandatsnieder- legung des Genossen Cramer Stellung zu nehmen. Nach längerer Beratung wurde die Resolution der Darmstädter Parteivcrsammlung akzeptiert. Bezüglich der einzuleitenden Agitation wurden die Beschlüsse der Agitationskommission in Darmstadt gutgeheißen und eine Wahlkreiskonferenz für den 4. März nach Darmstadt einberufen. Einstimmig wurde beschlossen, der WahlkreiSkonferenz den Genossen B e r t h o l d als Kandidaten vorzuschlagen. Totenliste der Partei. Die wiirttembergischen Parteigenossen haben den Tod eines ihrer tätigsten Mitglieder zu beklagen. Genosse Friedrich Herrmann, der zehn Jahre lang in der Expedition der„Schwäbischen Tagwacht" tälig war und während dieser Zeit rastlose AgitationSarbett verrichtet hat, ist, noch nicht 35 Jahre alt, freiwillig aus dam Leben geschieden. Man fand seine Leiche in der Nähe des VierwaldstätterseeS. Am 1. Oktober 1905 hatte er seine Stellung in der„Tagwackit" aufgegeben, um Teilhaber in dein Geschäft eines Freundes in Ulm zu werden.— Welche Motive seinen Einschluß bestimmt, und ob er sich bei Begehung der Tat im Zu- stände vorübergehender geistiger Trübung befunden hat, kann nicht sestgestellt werden. Herrmann war zwei Jahre lang Vertreter der Partei auf dem Stuttgarter Rathause, war Reichs- und Landtags- kandidat in den verschiedensten Kreisen gewesen, die er auch mehrfach auf Parteitagen vertreten hat. Die Parteigenossen werden sein An- denken stets in Ehren halten.— Eingegangene Vrucsilckriften. Die Fastiiiichtsrnimmer des«Wahren Jacob- ist soeben er. schienen. Wir erwähnen aus dem Inhalt derselben die farbigen Bilder „Der neueste Barrikadenkamps in Deutschland" und„Fürstliche Faswacht", die weiteren Bilder„Oesterreichs Schmerzen-,„Ein Unzusricdener".„Bülow und das Duell".„Demaskiert",„Wie der kleine Hansel das Lausen lernte", „Der kostümierte Erbprinz",„Neue Jagdgruppen für den Berliner Tiergarten",„Aus unseren Kolonien" und„Im Zeichen der Fleischnot". Der tertliche Teil der Nummer bringt die Gedichte„Karneval",„Kaschingsttaucr", „Der Hamburger Wahlrechtsraub",„Ein frommer Wunsch" und außer zahl- reichen kleineren Beiträgen noch das größere satirische Feuilleton«Faswachts- sitzung deS deutschen Reichstags". Der Preis der 12 Seiten starken Nummer ist 19 Pf. Dr. H. Bayer. Die Menftruatwn in ihrer Beziehung zur Kou- zeptionssähigkeit. 32 Seilen. M. 1.—. Verlag: Schiesier u.«chweikhardt, Sttaßburg i. E. Dr. I. Wolf. Zcitschrist für Sozialwilsenschaft. Sest 2. Monatlich ein Hest. Preis: vierteljährlich M. 5,—. Einzelheit M. 2,—. 12 Heste bilden einen Band. Verlag: G. Reimer, Berlin W. 35. Wegweiser durch das neue bayerische Wahlrecht nebst Wahl, kretS-Emteilung. Für die Wähler zusammengestellt von W. Herzberg. Verlag: Gerisch u. Cie., Ludwigshasen a. Rh. E. Funke. Was mutz jeder Versicherte von der Arbeiterverstchening wissen? 31 Seiten. Preis 35 Pf. Verlag: Fr. Bahlen, Berlin W. 8. Von der«Neuen Gesellschaft-, Sozialistische Wochenschrist. Heran»- geber: Dr. Heinrich Braun und Lily Braun. Verlag: Berlin W. 15. Preis für das Einzelheit 10 Pf., pro Monat 40 Pf., pro Vierteljahr 1,20 M., ist soeben das 8. Hest des 2. Bandes erschienen. Dr. Paczkolvski. Wie erlangt man gefunden Schlaf, heitere Sttm- muna, Arbeitsjreudigkeit? 32 Seiten. Preis 80 Ps. Verlag: E. Dcmrnc, Leipzig. Siebenter Jahresbericht des Kartelles deutscher und österreichischer Rad- und Motorfahrer-Verbände pro 1905. 39 Seiten. Druck: H. Hasner, München. R. Goldscheid. VcrelendungS. oder Meliorationstheorie? 54 Seiten. Gehcstet 60 Pf. Verlag der Sozialistischen Monatshefte, Berlin W. 35. Februarheft der Süddeutschen Monatshefte. Verlag A. Banz u. Co., Stuttgart, ist soeben erschienen. Abonnement: pro Jahr M. 15,—, Quartal M. 4,—. Einzelhest M. 1,50. Mit dem Titel«Soziale Medizin und Hygiene- wird unter Redaktion der Herren Drcs, Fürst und Jaffs im Verlag von Leopold Voß in Hamburg eine Monatsschrlst erscheiiien, deren erste beide Hest« bereits vorliegen. K. Zeitz. Die geplante Erhöhung der Brausteuer für das norddeutsche Braugewerbe und deren Folgen. 01 Seiten, Verlag: Deutscher Brauer- bund. Berlin N.W. 40. ßriefhaften der Redahtfon. D. R. 100. Die Preise schwanken zwischen 100—115 Mark für Zwischendeck und 200— 250 Marl sür 2. Kajüte. Eine genau« und detaillierte Auskunft erfahren Sie in den Bureaus der Hamburg- Amerika- Linie, des Norddeutschen Lloyd und der Slmerican Line, alle drei linier den Linden. Die Hauptbedingungen sind: Barmittel im Betrage von 50 Dollar, Ge- sundheit und keinerlei kontraktliche Verpflichtungen zu einem Arbeit- geber in Amerika.— Balkan 00. Zweiseitig beschriebene» Manuskript ist nicht verwendbar. S"*> «k-» töährend unserer langjährigen Praxis haben wir stets unsere Cigaretten der schärfstet 11 Kritik sachverständiger Kenner unterworfen. Die meisten Kritiker mit aus. gebildetem Geschmack, deren Urteil über feine türkische Cigaretten als absolut massgebend zu betrachten ist, haben unsere Cigaretten— wir können dies ohne Selbstüberschätzung behaupten, da unsere offenkundigen Erfolge dies als Thatsache feststellen lassen— stets als hervorragend gut bezeichnet. Wir haben jedoch fort. während nach noch grösserer Vollkommenheit unserer Erzeugnisse gestrebt und. jedes neue war besser als die früheren und wenn wir jetzt behaupten, dass JOSETTI CIGARETTEN in ihrer heutigen Vervollkommnune da» höch« erreichbare, was- feine Oualitäu-Eigenschlften beater türkischer Cigaretten anbelangt, in sich zusammenfassen, sprechen wir nicht nur unsere eigene Meinung, sondern auch das sachverständige Urteil der besten Kenner aus. 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Gustav Lustig Berlins. Prinz onetr. 46 ERaorbt AWAAB ee-Blume- Rigaretton. WWW J-Rr. z» verlin. Ger. 06. Zwischen der Verewigung'der Holz» treppen» und TreppcngelSnder-Fa- brikanten Berlins und der Vororte und dem Deutschen Holzardetter-Verdand (Treppenacländcrdranche) ist heut« folgender Verttag geschloffen worden: 8 1. Die Arbeitszeit beträgt 52 Stunden. ß 2. Der ZKwdestlohn w der Werkstatt bettägt pro Stunde 5V/, Pf. Dieser Lohn ist an jeden gelernten Arbeiter zu zahlen, der noch nicht w der Treppengelanderbranchc gearbeile: bat. Aür die durch Unfall. Alier oder tivalchtiät mwderleistungSsähigcn ciellen sowie für Junggesellen im ersten Gesellenjahre unterliegt die Festsetzung de» Lohne« der freien Äerewbarung. Diejenigen neu Angetretenen gelernten Arbeiter, welche vier Wochen w derselben Werkstatt gcardcili" haben, erhalten einen SRwdestlohn von 62'/, Pf. pro Stunde. Alle anderen Arbetter haben entsprechend ihrer Fäbigkett höhere Löhne zu per- langen. Die zurzeit gezahlten Löhne find um 4 Proz. zu erhöhen. 8 3. Jeder aus dem Bau beschäs- ttgte Lohnarbeiter erhall pro vollen Arbeitstag 90 Pf., bei nur stunden- weifer Beschäftigung 10 Pf. pro Stunde Zuschlag. 8 4. Die Abrechnung erfolgt von Freitag zu Freitag. Die Auszahlung erfolgt am Sonnabend gleich na« Arbettsschwß. Lohnstunden werdlii voll ausgezahlt, Allordarbeiten in Höhe des dem Gesellen zustehenden 'Stundenlohnes für wirklich gearbeitete Zell. Das Rcwigen der Maschine am Sonnabend muß vor Arbeits- schlub beendet seht. § 6. Bei Arbeiten, die außerhalb der Werkstatt geleistet werden, müssen bei Lohnarbctt die Fahrgelder vergütet werden, bei Attoroarbett wird nur dasjenige Fahrgeld vergütet, welches mehr betragt als 20 Ps. für die Hin- und Rückfahrt. Falls Aktordarbeiter nach der Werkstatt fahren müssen, um sich Material zu holen, wttd Ihnen daS ganze Fahrgeld vergütet. Die Vergütung für alle anderen Unkosten. die durch Arbeiten außerhalb von Groß-Beriin entstehen, erfolgt aus Grund freier Verabredung. 8 6. Der Arbettgeber ist verpflichtet, dem ANordarbetter ans dem Bau soviel SRaterial zu liesern, daß er sortarbetten kann. DaS Austragen des Material« im Bau hat der Arbeiter selbst zu besorgen. Neben- arbeiten, alS Abladen deS Holzes vom Wagen an der Sttaße. das AuSspänen deS Holzes gedrehter Zraillen, sowie daS Zuschneiden und Hermischaffen der Drechslerhölzer werden w Lohn bezahlt. 8 7. DaS eigene Berkzeug der Arbeiter wttd gegen FenerSgefahr vom Arbeitgeber versichert. Ein Abzug für BetriebSkrast findet nicht statt. 8 8. In denjenigen Betrieben, w denen günstigere Lohn- und Arbeits- bedwaunaeu für die Arbeiter bestehen, als m diejem Vertrage jeslgcleg: sind, bleiben dieselben während der VerttagSdauer in Geltung. Maßregelungen wegen Eintretens für die Organisation dürfen nicht stattfinden, auch darf wuerhalb des Betriebes für die Orgamsatton nicht «gittert werden. 8 9. Differenzen zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern. welche sich aus diesem Vertrage er- geben, sollen von der SchüchtungS- kommission der Holzindustrie gc- schlichtet werden. Alle Beitnnmungen üb er die Schiich ttmgStommisfion, welche enthalten sind in dem Vertrage vom 14. Januar 1905 t�RcichS-Ärbeil-?. blatt" in. Jahrgang Nr. 2 Seite 157), gelten auch für die Parteien dieses Vertrages. 8 10. Dieser Berttag gilt vom 1. gebruar 1906 bis 1. Februar 1907. Die Schlich tungskommisfion der Solzwdustrie hat vor Ablauf de« VerttageS für Abschließung eines neuen Sorge zu ttagen. Bcrlw, den 25. Januar 1906. gez. v. Schulz. E. Bernhard. C. Rahardi. Robert Ahrens. Eugen Brückner. Unter Derbebalt der Genehmigung der Generalversammlung. Seiten« der Arbeitgeber: Richard tiundt. Oskar lange. Seiten« der Arbeitnehmer: H. MaaB. Fr. Hsnks. 6. Maler. Otto Dahlkc. Alb. Schmidt. F. iosewski. Vorstehendem, den Parteien vom EtnigungSamt w der Sitzung am 25. Januar 1906 vorgeschlagenen Vergleiche haben w der weiteren Sitzung de» EinigungSamte« vom 10. Februar 1906. an welcher unter dem Borfitz des MagiftratSratS v. Schulz teilgenommen haben: 1. Obermeister Rabardt, 2. Tischlermeister Schwenke, als Vertrauensmänner der Arbeitgeber, 3. Tischler AhrenZ. 4. Buchbinder Brückner, als Vertrauensmänner der Fttbeitnebmer, die Bertreter der Parteien mtt der Maßgabe zugestimmt, daß zu dem letzten Satz des 8 2:.die zurzeit ge- zahlten Löhne find um 4 Pro,, zu erhöhen*, der SchlichtungSkommission daS Recht eingeräumt wird, in be- sonders gearteten Fällen über den Satz von 4 Proz. hinaus die Löhne zu erhöhen. Berlw, den 14. Februar 1906. Der Versitzende des Einigangsamtes. gez. v. Schulz. Dr. Simmel, l»".'* Speziiilarzl für 29/14* Haut- and Harnleiden. 10—2.5—7. Sonntag« 10— 12, 2— 4 ' Verantwortlicher Redakteur: Hau» Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glscke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. VerlagsanstÄt Paul Singer& Co., Berlin SW. ».«. aww» 2. Irillljt iltt Jotlürtä" fcttot loMlltl»»"».a«»,« Hus Induftric und Handel, i Bessere Trinkgelder. Aus den in den letzte» Jahren stattgesundenen Gründerprozessen sind unS einige charakteristische Episoden erinnerlich. Die blinde Dame der Gerechtigkeit brachte an den Tag, daß es bei manchen Aufsichts- ratssitzungen hoch hergehe. Feiner Zigarren, pikfeiner Weine und sonstiger exquisiter Dinge Güte wurde von den.Räten" fachmännisch untersucht. Zu welche» schweren Aufgaben ihn sein Amt sonst noch verpflichte, darüber lehnte der Herr Aufsichtsratzeuge, aus sehr natürlichen Gründen, die Auskunft ab. Ans gütliches Zureden verriet er jedoch das Geheimnis: wenn er sich nicht irre, seien auch wohl einige Bücher— herumgereicht worden I Wohlerzogene Menschen sind aber nicht so indiskret, überall ihre Nase hineinzustecken, der Inhalt der Bücher blieb den„Räten" selbstverständlich ein Buch mit sieben Siegeln. Ein anderer Herr Zeuge bemerkte ganz lakonisch, der AufsichtSrat könne die inneren Verhältnisse gar nicht kennen.— Bei mancher Gesellschaft werden die Herren vielleicht gerade deshalb sehr gut bezahlt, weil sie verstehen, nichts zu sehen. Manche Aufsichtsräte werden eS auch ernst nehmen mit ihrem Amt, das soll nicht bestritten werden; dass aber eine Person nebenamtlich bei 20 bis 30 Gesellschaften ordnungsmäßig Aufsicht führen kann, wird man keinem vernünftigen Menschen einreden wollen. Bei solcher Massenbetätigung besteht die Haupt- arbeit zweifelsohne in der Einstreichung, der Anlage und der Ver- waltung der erzielten Tantieniensnmmen. Bei den Banken wachsen die Tantiemen ja ins Riesenhafte, aber auch in der Industrie verschlingen sie enorme Summen, die manchmal die Rentabilität der Unternehme» künstlich verschleiern, die Lohnquote gegenüber den erzielten Ueberschüssen ziemlich hoch erscheinen lassen. Was in einzelnen Fällen die Tantiemen und sonstigen Geschenke wegfressen, dafür ein Beispiel, was nicht mal als besonders krax bezeichnet werden kann. Die Metallwarenfabrik A.-G. Ring, Niirn- berg verteilte für das letzte Geschäftsjahr 136 686 M. Tantieme und 137 1S6 M. Remuneration. Die Gesamtzahl der Arbeiter belief sich auf rund 2700. Jeder Arbeiter mußte mithin rund 101 M. für jene Auswendungen erarbeiten. So fließt zu Gold kristallisierter Arbeiterschweiß rn Gestalt von besseren Trinkgeldern in fremde Taschen. Daß ein paar Aufsichtsratssitzungen— vielleicht vier im Jahre — so viel Werte schaffen als 2700 Arbeiter in einem ganzen Monat. wer wills behaupten?_ Nnstimmigkeiten. In die Jubelklänge, die das hohe Lied von der günstigen Kon- junktur künden, niischen sich bereits einige Mißtöne. Selbst Leuten, deren Naturell mehr dem Optimismus als dem Pessimismus zu- neigen läßt, können sich gegenüber der aufdringlichen, ceklamehasten Betonung von der außerordentlich rosigen Lage der Industrie eines gewissen Mißtrauens nicht erivehren. Angeblich soll B. das Siegerländer Roheisensyndikat in letzter Zeit wiederholt amerikanischen Anfragen auf Lieferung von Spiegeleisen wegen Ueber- lastung der Werke ablehnend beantwortet haben. Merkwürdig, daß man die Anftage wiederholt, wenn sie bereits wegen Arbeitsüberlndnng abgelehnt warl Verdächtig ist auch folgende Stimmungsreklame: Vor 14 Tagen verlautbarte, eine amerikanische Anfrage auf Lieferung von 30 000 Tonnen Bessemerroheisen sei aus dem angeführten Grunde abgelehnt worden. Jetzt haben angeblich sowohl das Siegerländer wie auch das Düsseldorfer Roh- eisensyndikat wieder mal die amerikanische Anfrage auf 30 000 Tonnen Besse in erroheisen ablehnen müssen. Wir glauben fast, die 00 000 Tonnen Roheisen sind eine— Ente. Aber die Anftagen selbst, die gerade darum eingehen können, weil man weiß, daß die deutschen Werke ans etliche Monate beschäftigt find, können durchaus nicht als Zutunslcgaranlien bewertet werden. Wie die Spekulation arbeitet, enthüllt ein Londoner Korrespondent des„B. T." Dieser teilt mit, daß die vorjährige Konjunktur in der englischen Eisenindustrie künstlich gehalten worden ser, von einem schottisch-amerikanischen Cornersyndikat, das seit Juli jede Woche durch- schnittlich 20—30 000 Tonnen auf Lager nahm, um die Preise in der gewünschten Höhe zu halten. Die Lagerbestände des Konzern sollen sich auf zirka'/s Million Tonnen st e l l e n. Daß das Syndikat nichts unversucht läßt, die Konjunktur noch weiter im rosigen Licht erMieinen zu lassen, dazu schließlich auch Stimmung macht durch LiejerungSanfragen, der Gedanke liegt nahe. Und das schottisch-amerikanische Syndikat wird leicht glelchgestimmte Seelen finden._ Ein Ereignis in der Wirffchastögeschichte des modernen Rom stellt die gestern erfolgte Fertigstellung zweier Eisenbahnwaggons in der römischen Fabrik Tabanelli u. Co. dar. Bisher haben die Zentralbehörden alles getan, um die Eutwlckelung Roms zur Industriestadt zu verhüten. Die noch aus päpstlicher Zeit be- stehenden Industrien hat man künstlich umS Leben gebracht, so zum Beispiel die einst so blühende Möbelindustrie, die man durch Be- lastmrg des Rohmaterials mit hohem Oktroi und durch Oktroifreiheit der fertigen Möbel systematisch zugrunde gerichtet hat. Die Furcht vor.dem dröhnenden Schritt der Arbeiterbataillone" gab diese Hirn- verbrannte Politik ein, die die Hauptstadl zu einer Stadt von Beamten, kümmerlich lebenden Handwerkern, Schmarotzer» und Bettlein machen wollte, der als einzige Industrie die aller- unwürdigste: die Fremdeninvustrie blieb. Jetzt fangen aber die sogenannten maßgebenden Kreise an, em- zusehen, daß die wirtschaftliche Berelendung Roms und der Mangel einer disziplinierten Arbeiterschaft am Ende doch bedenklichere Zu- stände zeitiger, als die Jndustriealisierung. Deshalb beginnt man die Gründung von industriellen Betrieben zu begünstigen und— was noch nie dagewesen ist— der Staat vertraut eine Lieferung von 2ö Eilenbahnwagen einer römischen Firma un. Hoffentlich gelingt es auch, den eisernen Widerstand zu durchbrechen, dein die natürliche Tendenz Roms, sich zur Industriestadt zu entwickeln, in der Stadtverwaltung begegnet. Ein seil Jahre» ausgearbeitetes Projekt zur Gewinnung gewaltiger elektrischer Energie aus dem Tiber hat bis heute an dem hartnäckigen Widerstand des Stadtrats seine Verwirklichung scheitern sehen. Auch der Bodenwucher und die mangelnde EntWickelung der Flußschiffahrt versetzen Rom künstlich in eine JnfecioritätSsteltung gegenüber den norditalienischen Städten und sogar gegenüber Neapel.— Die Zolleiimahmen der Schweiz betrugen im verflossenen Jahre 63 545 715 Frank gegen 53 850 624 Frank in 1004, also mir 0 605 000 Frank mehr. Damit ist das bisherige Maximum erreicht. Vorausstchilich wird die diesjährige Zolleinnahme nicht m, erheblich geringer sein. Der Außenhandel der Schweiz hat im Jahre 1005 eine relativ bedeutende Steigerung erfahren. Die Einfuhr betrug ohne gemünzte Edelmetalle 1350.22, die Ausfuhr 069,31 Millionen Frank gegen 1240.07 und 801.47 Millionen im Jahre 1004. Elftere ist um 110, letztere um 78 Millionen Frank gestiegen. Rette Ordnung in Rußland. Die Verkehrsstockungen an der russischen Grenze nehmen immer bedenklichere Formen an. Die Eisenbahnstation Wirballen nimmt deutsche Güter nur in be- schränktem Umfang entgegen. Am Sonnabend wurde nur ein einziger Zug übergeführt, dessen Annahme trotz angeordneter Sonntags- arbeit verweigert wurde. Ebenso lehnt das Zollamt Wirballen wegen Uebersüllung die Annahme von Gütern ab, und zwar sowohl von Bahnsendungen als auch von Fuhrwerken. Die Zahl der in Eydtkuhnen stehenden, nicht weiter zu transportierenden Güter- wage» war am Sonnabend bereits auf 470 gestiegen! Telegraphische dringende Porstelliingen deutscher Interessenten an die russischen Ministerien blieben ohne Ergebnis. Irgendwelche Petersburger Verfügungen zur Besserung der Berlehrsstockung find bisher nicht erfolgt. Die Anregung, daß wenigstens allen den- jenigen Waren, welche nachweisbar bis zum Ende des 28. Februar die russische Landesgrenze passiert hätten, noch die Zollsätze des alten Tarifes gewährt würden, wurde vom russischen Handels- minister telegraphisch dahin beantwortet: das Finanzministerinm sähe keine Möglichkeit, dieses Gesuch zu bewilligen, behalte sich jedoch vor,„in außergewöhnlichen Fällen Ausnahmen zuzulassen", Von den Grenzstationen Prostken-Grajewo, PodwoloczhSka- Woloczysk und Thonr-Alexandrowo werden dieselben Verkehrs- stockungen und Zollschwierigkeiten gemeldet. Auch an anderen Zoll- grenzen machen sich ähnliche Verhältnisse geltend. Steigerung des Reingewinns um 52 Proz. Die Nationalbank für Deutichland erzielte im letzten Jahre einen Bruttogewinn von 11677 653.38 M. Nach Abzug der Verwaltungskosten und Steuern 2 164 006,84 M. (1 701 982,30 M.), Restabfindung an die früheren Inhaber der Firma Born u. Busse 025 000 M.. Abschreibung ans Jnventarkonto 48 441,18 M.(26 622,40 M.) und Abschreibung auf Hanskonto Behren- straße 68,'60 1 000 000 M.. verbleibt ein verfügbarer Reingewinn von 7 540 205.36 M.(4 059 330,80 M.). Auf Antrag der Direktion wnrde beschlossen, der auf den 24. März 1006 einzuberufenden Generalversammlung die Verteilung einer Dividende von 7 Proz. vorzuschlagen, dem Beamten-Pensions- und Unterstützungsfonds 73 000 M., dem Reservefonds II 800 000 M. zu- zuweisen und den nach Abzug der statnten- und vertragsmäßigen Tantiemen und Gratifikationen verbleibenden Rest von 345 386,50 M. auf neue Rechnung vorzutragen. Marokko-Schmerzen. An der Börse herrschte am Dienstag ans Anlaß der Gerüchte über die Friedenskonferenz gedrückte Stimmimg. die, als an der Nachbörse die Nachricht verbreitet wurde. Deutschland habe die Vorschläge Frankreichs abgelehnt, Kursrückgänge nicht aufhalten konnte. Auch an der Pariser Börse war die Stimmung gedrückt._ Sozialed. Bon der Wasserkante. Die„Romantik" desSeeinannsberufeS treibt immer noch viele junge Landratten an die Wasserkante. Es hält dort für Mittellose äußerst schwer, eine Schiffsheuer zu erhalten. Nur der- jenige, der imstande ist, Schmiergelder in der nötigen Höhe zu verausgaben, hat Aussicht, eine Stelle als Schiffsjunge zu erhalten, der nach allen Regeln der Kunst vom Ausrüstungshändler. Schlaf- und Heuerbaas sowie vom Kapitän ausgebeutet wird. Durch das StellcnvermittelungSgesetz für Seeleute vom 1. April 1903 ist der ärgsten Auswucherung der Seeleute durch die an der Wasserkante„Landhaie" genannten Heuerbaase(Stellenvermittler) Einhalt getan. Die großen Reedereien, wie die Amerika-Linie, Südamerika-Linie usw., haben eigene Heuerbureaus errichtet, so daß das Heuerbaswesen hauptsächlich für die mittleren und kleineren Reedereien sowie für die ausländischen Schiffe in Betracht kommt. Nach dem genannten Gesetz müssen die Stellenvermittler um die Konzession bei der unteren Verwaltungsbehörde(in Hamburg die Polizeibehörde) nach- suchen. Da nicht jeder, und namentlich nicht der von früher her übel beleumundete Landhai die Konzession bekommt, wenden sich die betreffenden der«indirekten Stellenvermittelung" zu, indem sie ein Ans- rüstuiiasgeschäft für Seeleute errichten und den Seeleuten bei der Beschaffung einer Heuer„behülflich" sind. Ausrüstungshändler, Heuerbaase und vielfach auch Schiffskapitäne arbeiten sich gegen- feitig in die Hände und teilen sich den Rebbach. Im letzten Jahre haben die Polizei und die Hamburger Ge- richte den„AuSrüftungshändlern" scharf auf die Finger gesehen. Wiederholt find Geldstrafen in der Maximalhöhe von 300 M. er- lassen worden. Wie es jetzt gemacht wird, davon zeugen mehrere Gerichtsverhandlungen, die gegen Ausrüstungshändler stattgefunden haben. Diese versenden Prospekte nach dem Binnen- lande und erlassen Annoncen, in denen der betreffende auf sein AuSrüstungsgeschäft hinweist und fich auch zur weiteren Fürsorge für die angehenden Seeleute bereit erklärt. Kommt auf diese Anpreisungen ein Junge nach Hamburg, so muß er. um oer Fürsorge teilhaftig zu werden, von seinem Vater mit einem großen Portemonnaie ausgerüstet sein. Denn eine„erstklassige Aus» rüstung nebst Fürsorge" kostet in der Regel 450 M., wovon 100 M der Kapitän, 20—40 M. der Heuerbaas erhält, währeno für die verbleibenden 310— 330 M. der Ausrüstungshändler die Ausrüstung stellt, die in der Regel keine 100 M. wert ist. Viele Kapitäne haben ein großes Interesse daran, möglichst viele junge Seeleute„auszubilden". Nehmen sie doch oft zwei bis vier unbefahrene Jungen mit, und so wird die schamlose Ausbeutung jede Reise betrieben. Anzuerkennen ist, daß die Gerichte den„Landhaien" nach Möglichkeit auf die Hühneraugen treten. Vor einiger Zeit wurde vom Landgericht einer der„Händler", der schon wiederholt wegen dergleicheen Sachen vor- bestraft ist, wegen Vergehens gegen das qu. Gesetz»u einer Geld- strafe von 300 M. verurteilt, weil das Gericht annahm, daß er die Stellenvermittelung gewerbsmäßig betreibe, da er an die Kapitälie bedeutende Summen zahle, falls diese seine„auf Lager" befindlichen Jungen anmusterten. In der vom Angeklagten beim Hanseatischen Oberlandesgericht eingelegten Revision wurde die gewerbsmäßige Stellenvermittelung bestritten und darauf hin- gewiesen, daß der tatsächliche Stellenvermittler der Heuerbaas fei, und daß zur Empfehlung und Anpreisung keine polizeiliche Er- laubnis erforderlich sei, weil dies im Widerspruch zur Gewerbe- ordnung stehe. Der Angeklagte fügte noch hinzu. daß ihm die Fürsorge für seine Kunden nicht verboten werden könne. Wenn er dem Heuerbaas einen Schiffsfungen zur An- mustenmg empfehle, könne er fich unmöglich strafbar machen. Da« Oberlandesgcricht verwarf diese Revision sowie die eines anderen „Ausrüstungshändlers", weil nach den tatsächlichen Feststellungen der Vorinstanz die Angeklagten durch die betrieben« Art der Stellen- oermitteluiig ihr Gewerbe— das Ausrüstungsgeschäft— gefördert hätten, und eine materielle Verletzung von Rechtsnormen fei nirgends zu erblicken. Wer an die Wasserkante geht, habe trotz der kleinen Besierung des Heuerbasenwesens acht vor Landhaien. Zur traurigen Lage der Siegcrländer Bergleute. Kürzlich meinte der christlich-soziale Abgeordnete Burkhardt im Reichstag, den Sieger- länder Arbeitern könne es wohl nicht so schlecht gehen, wie der Genosse Hue schildert, denn sonst wären ihm und seinem Kollegen Stöcker aus ihrem Wahlkreise doch schon Klagen darüber laut ge- worden. Im Reichstag ist bereits dargelegt, wie diese Aeußeruug zeigt, wie wenig Kenntnis jene Abgeordneten von der Lage der Arbeiter ihrer Wahlkreise haben, wie fern sie ihnen in der Tat stehen. Vor uns liegt eine Nummer der„Rhein- und Wied-Zeitung". In dieser werden die Gedingverhältnisse der auf der an Roheisenstein reichen Grube„Luise" beschäftigten Arbeiter geschildert. Der Durch- schnittslohn in den letzten 20 Jahren nach Abzug der Knapp- schaftSgefälle und Klebemarken beträgt danach 2,50 bis 2,80 M. für die Schicht. Hiervon gehen noch 10 Pf. für tägliche Oelunkosten ab. Der Monutslohn beträgt mithin, da etwa 25 Schichten verfahren werden, 62 bis 70 M. Wer kann bei diesem Lohn sich und seine Familie erhalten? Der Mangel an hinreichendem Lebensunterhalt wirkt neben den schädlichen Einflüffen der gefährlichen Bergmannsarbeit auf eine Minderung der Gesundheit und eine Kürzung des Lebens der Berg- leute hin. So steht man in dem der Grube„Luise" liegenden Kirchspielen Puderbach, Horhausen, Peterslahr und Oberlahr In» validcn von 30 bis 45 Jahren. Früher wurden in der der Grube„Luise" benachbarten, jetzt still gelegten Grube„Harzburg" 4— 6 M. für die Schicht gezahlt. Von all dem Elend, das im Siegerland unter den Arbeitern und m den armen Gemeinden herrscht, wissen die Abgeordneten Stöcker und Burkhardt nichts. Freilich noch mehr als eine Aufklärung der christlich-sozialen Abgeordneten über die Lage der Arbeiter in ihren Wahlkreisen wäre eine Aufklärung der dortigen Arbeiter über den Grund ihrer elenden Lage und über die Unwiffenheik der von ihnen gewählten Abgeordneten am Platze. Dirnstbotenbewegung in Nürnberg. In Dienstbotenkreisen wächst die Erkenntnis, daß die Dienstmädchen sich zusammenschließen müssen, wenn sie ihre oft recht unwürdige Lage verbessern wollen. Auf An- regung aus den Kreisen der Dienstmädchen wurde eine Versainmlung einberufen, die außerordentlich stark besucht war und in der die Genossin Grünberg über die Mißstände im Dienstbokenwesen referierte. Dem Vortrage schloß sich eine sehr rege Diskussion an, in der viele Mädchen Sachen erzählten, die auf oftmals geradezu grauenhafte Zustände schließen ließen. Die Versammlung beschloß einstimmig, einen Berein zu gründen, dessen Hauptaufgaben zunächst sein sollen: die Hebung der sozialen Lage der Dienstmädchen. Beseitigung des ZeugnisweienS und Schaffung eines eigenen Stellennachweises. Dieser ist besonders wichtig, da die Dienstmädchen auch in Nürnberg von den privaten Verdingerinnen oft in der unerbörtesten Weise ausgebeutet werden. Die Versamm- lung wählte aus ihrer Mitte eine Kömmission, die das Weitere wegen Gründung des Vereins zu veranlassen hat. Etwa 100 Dienstmädchen erklärten sofort ihren Bei- tritt. Der Bewegung schließen sich auch die Zugeherinnen, Wasch- und Putzftauen an._ Gerichts-Zeitung. Ei» Lebensglück durch Urteil vernichtet. Völlige Vcrständnislosigkeit des gelehrten Richtertums von den Folgen einer Strafe offenbarte eine Verhandlung deL Landgerichts Nürnberg. Ein l-tjähriges Schulmädchen hatte sich wegen„schweren Raubes" zu verantworten. Sie hatte auf der Straße einem 6jährigen Knaben ein Zweimarkstück aus der Hand gerissen. Der Lehrer des Mädchens, der als Sachverständiger vernommen wurde, erklärte, sie sei eine sehr gute Schülerin, nur habe ihre Erziehung dadurch gelitten, daß der Vater und die Mutter in die Fabrik gehen und das Mädchen sich selbst überlassen müssen. Der Staatsanwalt hielt eine von sittlicher Entrüstung triefende Rede, in der er nicht etwa die herrliche Gesellschaftsordnung geißelte, die die Mutter zwingt, in der Fabrik zu fronden und ihre Kinder unbeaufsichtigt zu lassen, sondern er deklamierte nur gegen das„schlechte verwahrloste" Mädchen und beantragte sechs Monate Gefängnis. Das Gericht erkannte auf drei Monate. Gegen Kinder ist die Möglichkeit eines Verweises an Stelle einer Strafe gegeben. Das Mädchen ist unerzogen, weil die Gesellschaftsordnung ihre Eltern zur Arbeit zwingt. Sie selbst ist eine„sehr gute Schülerin". Das unbeaufsichtigte Kind begeht einen bösen Streich, dessen Tragweite sie schwer- lich ermessen konnte. Wer bessern will, hat auf die Ursachen des Vergehens einzugehen, zu suchen, diese zu beseitigen. Und unser gelehrtes Juristentum? Schickt die trotz der Verwahr» losung„sehr gute Schülerin" in das Gefängnis. Dadurch zwingt es die arme Kleine fast auf die Bahn des Verbrechens. Hätten die gelehrten Herren am eigenen Leibe zu fühlen ge» habt, was der Mangel elterlicher oder sonstiger Aufsicht be- deutet— unmöglich hätten sie dann zu dem Urteil kommen können, das einem hoffnungsvollen Menschenkind einen ehr- lichen Lebensweg fast unmöglich macht. Derartige Urteile zeigen, wie den Verhältnissen des werktätigen Lebens fremde Richter eine Gefahr für den einzelnen und für die Allgemein» heit bedeuten._ Briefliche Androhung eines Antrages auf Ausschluß anS der Gewerkschaft— 2 Wochen Gefängnis. Jedem„Bricfboten" eine Woche Gefängnis. Die Anwendung deS 8 153derGewerbeordnung gegen die Arbeiterschaft treibt immer seltsamere Blüten juristischer Feinkunst. Wieder haben wir über einen jetzt in letzter Instanz entschiedenen Rechtsfall zu berichten, der Aufsehen und Kopfschütteln erregen dürfte. Die Steindrucker der Firma Gustav Kühn in Neuruppin beschlossen am Abend des 4. August 1005, in den Streik zu treten. Vom selben Tage datiert sind Briete, welche die bei Kühn beschäftigten Oberdrucker Heier und Hoffmann er- hielten und die unterzeichnet waren: Der Vorstand des Zweig- Vereins desSenefelder Bundes(Verband deutscher Steindrucker und Lithographen"), im Austrage: Schüler. In dem Schreiben wurden die beiden Herren auf die Ausschluß- Vorschriften des§9 des Statuts des Bundes(dem sie seit Jahren angehörten) aufmerksam gemacht, und zwar, wie es in den Briefen hieß:„In Anbetracht der Sachlage". ES wurde weiter darin gesagt, daß„eventuell" ihr Ausschluß aus dem Bunde be- antragt werden müßte.— Schüler, der damalige Vorsitzende der Zweigstelle des Bundes, wurde vom Landgericht Neuruppin wegen der Briefe auf Grund des§ 153 der Gewerbeordnung zu einer Gefängnis st rase von zwei Wochen verurteilt, weil er versucht habe, die beiden Oberdrucker durch Drohungen zur Teilnahme an einer„Verabredung behnfS der Er- langung günsttger Lohn- und Arbeitsbedingungen" zu bewegen. Ferner wurden Knüppel und Füllgrebe wegen Bei- hülfe zu je einer Woche Gefängnis verurteilt, weil sie, obwohl sie den Inhalt gekannt hätten. Heier und Hoffmann die Briese überbrachten.(Also für den Botengang, je eine Woche Gc- sädgniS!!) Das Landgericht»ahm an, daß den Oberdruckem, die später auch wirklich wegen Nichtbeteiligung am Streik ausgeschlossen worden seien, durch die Briefe der Ausschluß für den Fall habe angedroht werden sollen, daß sie sich nicht am Streik beteiligen würden, und daß die Absicht dabei gewesen wäre, auf sie einen Druck zu- gunsten einer Beteiligung ihrerseits auszuüben. Es gehe aus den ganzen Umständen hervor. Die Absicht, zu streiken. habe vorgelegen. An der Teilnahme der beiden Werkmeister babc man ein großes Interesse gehabt. Der§ 0 des VerbaildSstavus. auf den die Leute hingewiesen worden seien, schreibe auch u. a. vor. oaß der Ausschluß erfolgen»nüsse, wenn ein Mitglied Handlungen begehe, die den Interessen des Senefelderbundes zuwider liefen. ES sei nicht den Angeklagten zu glauben, daß H. und H. nur durch die Briefe hätten gewarnt werden sollen, nicht gegen den Streik zu agitieren, wen» auch zugegeben werden müßte, daß in der Versammlung am 4. August Klagen erhoben worden seien darüber, daß Hoffmann die Leute schlecht be- handele und der andere die Mädchen gegen die Teilnahme an einem eventuellen Streik zu beeinflussen versuchte. Wesen.— Diese Art juristischer Ueber- und Auslegung zeigt, wie das juristische Handwert des Urteilfindens zu Annahmen und »kolgerungen führen muß, die den Verhältnissen des praktischen Lebens ebenso fern steh?» wie sie der herrschenden Klasse gefallen. I» immer wachsendem Maße scheint es die historische Aufgabe der Gerichte zu sein, auch die der Sozialdemokratie Fernstehenden davon zu überzeugen, daß die Gerichte der heutigen Gesellschaftsordnung lediglich unbewußte Instrumente der herrscheudcu Klasse zur Unter- dtuckung der Rechte der arbeitenden Klasse sein können. Wenn ein paar Arbeiter zusammenkommen, soll das gleich eine öffentliche Versammlung sein— so meinen gelehrte Richter in Schlesien. Zu einer Werkstattzusamnienkunft waren die Arbeiter der Schuhfabrik Bossel in Neustadt i. Schl. von dem Gewerkschafts- beamten Grnnow eingeladen worden. Es erschienen in dem an- gegebeneu Lokal zwölf Arbeiter. Es handelte sich um ein ganz ziuaugloseS Zusammensein, bei dem gesprächsweise die Lohn- und Arbeilsverhältuisse der Fabrik erörtert wurden, indem Grnnow Fragen an die Anwesenden richtete, die von diesen beantwortet wurden, und umgekehrt. Grunow sprach dabei auch davon. daß die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in Ratibor weit günstiger seien wie in Neustadt, und daß der Zusammenschluß in einer Organisation manchen Vorteil biete. Er gedenke auch in Neustadt die Schilhinacher zu organisieren. In einer demnächst statt- findenden allgemeinen Versammlung werde sich das weitere finden. Als jemand einwarf, es gäbe mehrere Arten von Organisationen, wies Angeklagter eine Erörterung darüber mit der Bemerkung zurück, er werde in der erivähuten Versammlung darüber sprechen.— Weil die Zusammenkunft dieser zwölf Arbeiter der Boeselschen Fabrik, die nur Stunden dauerte, nicht bei der Polizei angemeldet worden war, wurde Grunolv vom Landgericht Neustadt wegen Ucbcnretung des Z 1 des preußischen Vereinsgesetzes zu einer Geldstrafe ver- urteilt. Das Landgericht erblickte in dem Zusammensein eine Ver- sammlung, in der öffentliche Angelegenheiten erörtert werden sollten und auch erörtert worden seien, die also der Anmeldung bedurft hätte. Der Angeklagte legte Revision ein. In der Verhandlung vor dem Kammergericht am IV. Februar vertrat ihn Rechtsnnwalt Heine, der geltend machte, die Zusammenkunst der zwölf Schuh- machcr dieser einen Fabrik sei keine Versammlung im Sinne des K 1 des Vercinsgcsetzes gewesen. Unter anderem betonte er auch, daß es noch lange keine Erörterung öffentlicher Angelegenheiten, sondern nur eine solche p r i v a t e r Angelegenheiten der Anwesenden sei. wenn gesagt werde:„Ihr Schuhmacher aus dieser Fabrik müßtet Euch organisieren, Euch geht es schlecht, denn wo anders stehen sich die Schuhmacher besser." Und ein Hinweis anf eine demnächst stattfindende Versammlung, in der öffentliche Angelegenheiten erörtert werden sollten, lasse nicht einen Rückschluß auf eine solche Erörterung in der eben abgehaltenen Werkstattsitzung zu. Das K a m m e r g e r i ch t hob das Urteil auf und verwies die Sache zu nochmaliger Verhandlung und Entscheidung an ein anderes Landgericht, nämlich nach Neisse. Begründend wurde ausgeführt: Zunächst habe das Landgericht nicht einmal erörtert, wieso es sich denn bei der zwanglosen Zusammenkunft der zwölf Schuhmacher einer bestimniten Fabrik überhaupt um eine„Versammlung" handele. Wenn das Urteil sage. cS seien viel mehr Leute eingeladen gewesen, und es hätten noch mehr kommen können, dann würde das nur be- weisen, daß eine„Versammlung" im Entstehen begriffen gewesen, aber noch nicht, daß sie schon vorhanden gewesen sei. Die Frage, ob öffentliche Angelegenheiten erörtert worden seien oder erörtert hätten werden sollen, sei ebenfalls durchaus nicht geklärt worden. Zum Beispiel sei ein Hinweis auf eine spätere Versamm- lung, die sich mit öffentlichen Angelegenheiten befassen sollte, nicht geeignet, das Zusammensein, wo der Hinweis erfolge, als eine Ver- sammlung zur Erörterung öffentlicher Angelegenheiten zu stempeln. Prcßpiraten. Die am 9. Januar vertagte Privatklage des Herausgebers des„Roland von Berlin" Dr. Leo Leipziger gegen den verantwortlichen Redakteur des von dem Reichstags- abgeordneten B r u h n herausgegebenen Sensationsblatts„Wahrheit", Alfred L e u p o l d, beschäftigte gestern wiederum das Schöffen- gericht. Die„Wahrheit" hatte einen sensationell zugespitzten Artikel unter der Ucberschrift„Preßpiraten" gebracht. Dieser Artikel bc- sprach die Tatsache, daß das„Kl. Journal" am 29. Januar 1899 einen von Map P o l l a c z e k verfaßten Roman„Die Wohl- t S t e r" angekündigt hatte, in welchem die„Macher" einer großen Versicherungsgesellschaft in ihrem Tun gekennzeichnet werden sollten, daß dann aber nur das erste Kapitel deS Romans erscbienen und die Fortsetzung völlig unterblieb. Es wurde in dem Artikel darauf hingeiviesen, daß der Subdirektor Krojanker von der„Viktoria" dem Verfasser den Roman für 1909 Mark abgekauft habe und unter starken Ausfällen auf die Person des Dr. Pollaczek wurde an- gedeutet, daß Dr. Leipziger den Roman wahrscheinlich zurückgezogen habe, weil ihm dafür von der„Viktoria" indirekte Vorteile zuge- flössen seien. Die Beweisaufnahme ergab die völlige Haltlosigkeit der in der „Wahrheit" erhobenen Anschuldigung. Darauf kam zwischen den Parteien ein Vergleich zustande, in dein der Angeklagte eine längere Erklärung zu Protokoll gab. Er erklärt darin, daß der Ausdruck „Preßpiraten" sich nicht auf Dr. Leipziger beziehen sollte, ebensowenig die Erörterungen des Artikels über die mit diesem Ausdruck gemeinten Kategorien von Personen. Der Angeklagte bedauert, daß die Fassung des Artikels eine irrige Meinung hat zulassen können. Er erkennt an, daß„die auf Wunsch des Dr. L. geführte Beweis- aufnähme auf das bündigste und unzweifelhafteste dargetan hat, daß Dr. L. in jener Affäre sich absolut korrekt benommen hat und das Abbrechen des Romans ohne jeden materiellen Vorteil für Dr. Leipziger und ans sachlichen Gründen erfolgt ist". Der Angeklagte übernimmt die Kosten.— Der Privatkläger zog hierauf die Klage zurück._ Versammlungen. Zentralverband der Dachdecker. In der Mitgliederversammlung am 18. d. M. erstattete Görnitz Bericht über die Verhandlungen deS Verbandstages. Die Diskussion wurde bis zur nächsten Ver- sammlung vertagt. Für die Wahl des Gaubeaniten für den Osten Deutschlands schlug der Vorstand den Kollegen Höppner vor, welcher auch gewählt wurde. Da dieser bisher Lokalbeanitcr war, so wurde an seiner Stelle Görnitz zur Verwaltung der örtlichen Angelegen- heiten gewählt. Ilm die Ajfftation in dem Lohn�ebiet intensiver be- treiben zu können und die Organisationsverhältnisse zwischen den Filialen Berlin und Steglitz zu regeln, legte der Vorstand ein Ortsstatut vor. Dasselbe nimmt Bezug auf die Beitragszahlung, die Errichtung von Zahlstellen. Regelung der Streik- und Geniaß- regeltenunterftützung und auf die Organisation und Agitation der Werkstellei,. Dieses Ortsstatut wurde nach längerer Debatte mit einem kleinen Zusatz angenommen. Kinderfürsorge und Arbcitcrschutz. Der Schneiderverband hatte am Montag eine öffentliche Versammlung der Arbeiterinnen und Arbeiter der Damenkonfektion nach Milbrodts Gesellschafts- Haus in der Müllerstraße einberufen, in der Herr Dr. L i s s a u e r über:„Die Bedeutung der Kinderfürsorge und des Kinderschutzes für die Arbeiterschaft" sprach. Seine Ausführungen boten namentlich den zahlreich erschieueucn Frauen eine Fülle von Belehrung und Anregung, sowohl für das Verhalten der Eltern selbst wie für die so notwendige öffentliche Fürsorge. Der Redner wies auch auf die Nützlichkeit der städtischen Fürsorgestellen hin, wo jeder Mutter, und selbst schon vor der Geburt des Kindes, unentgeltlich ärztlicher Rat erteilt wird und einwandfreie Kindermilch, wenn es nötig ist, eben- falls unentgeltlich geliefert wird, was aber nicht als Wohl- tätigkeit zu betrachten ist, sondern als eine Einrichtung zum Wohle der Gesamtheit, zu der jeder Steuerzahler sein Teil beiträgt. Ferner machte der Redner aus den verderblichen Einfluß aufmerksam, den im späteren Kindesalter in körperlicher wie in sittlicher Hinsicht die Straße ausübt, und hob den Wert guter Kindergärten hervor. Für die Säuglingspflege innerhalb der Arbeiterschaft müßte, meinte der Redner, auch dadurch gesorgt werden, daß man Unternehmer, die Arbeiterinneu beschäftigen, die Pflicht auferlegt. Kinderkrippen einzu« richten, wo Säuglinge untergebracht werden und die Mütter ihnen die Brust geben können. Die Muttermilch sei für die Säug- finge der Knhniilch durchaus vorzuziehen. Sorgsame Pflege, pein- lichste Sauberkeit, gute Ernährung seien die besten Vorbeugungsmittel gegen die gefährlichsten Kinderkrankheiten und gegen die in den Arbeiterkreisen so außerordentlich hohe Sterblichkeit der Kinder.— An den Vortrag schloß sich eine rege Diskussion. Es wurde anf die traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse hingewiesen, die es den Arbeitern und Arbeiterinnen nur zu oft unmöglich machen, ihren Kindern die nötige Pflege angedeihen zu lassen, auf die Polizei- schikanen bei Lohukämpfen. die ihnen die Verbesserung ihrer Lebens- läge erschweren, und auf die elenden politischen Zustände im all- gemeinen, die einer wirklich zweckinäßigen Gestaltung der öffentlichen Kinderfürsorge und des gesetzlichen Kinderschutzes hindernd im Wege stehen. Der Handels-, Transport- und Berkehrsarbeiter-Berdand hielt am Montag eine Generalversammlung bei Buggenhageu ab. Der Jahresbericht der Ortsverwaltung Berlin lag vor und wurde zur Diskussion gestellt. Die Redner gaben ihrer vollen Zufriedenheit über die Leistungen des Verbandes Ausdruck und der Verwaltung wurde große Anerkennung gezollt: einige empfahlen hier und da mehr Sparsamkeit. Der Kassenbericht zeigt folgende Zahlen: Ein- nähme im Jadre 1905 238 571,93 M., Ausgabe im Jahre 1905 229 810.02 M., Ucberscbuß 8 761,91 M., Kassenöestand vom 1. Januar 1905 20 363,93 M., Kassenbestand am 1. Januar 1906 29 125,89 M. Das verflossene Geschäftsjahr war ein arbeitsreiches, aber es brachte auch viele Erfolge und Fortschritte. Die Mitgliederzahl ist von 12 507 ain 1. Januar 1905 auf 17181 am 31. Dezember, also um 37>/z Proz. gestiegen, trotzdem die Beiträge erhöht worden sind. Unter den bei der Allgemeinen Elektriziläts-Gesellschast be« schäftigten Packer», Lager-, Hülfs- und Transportarbeitern hat sich die Zahl der Verbandsmitglieder nabezu verdoppelt, so daß zurzeit in diesem Betriebe 2000 dem Verbände angehören, die dadurch manche Verbesserung der Arbeitsbedingungen durchgesetzt haben. Von den Mitgliedern gehören 7435 dem Handelsgewerbe an: 5053 sind Kutscher; 4103 sind Arbeiter: 49 sind Selbständige; 533 Weib- liche Mitglieder sPackerinnen, Zeitungsausträgerinnen,'Arbeiterinnen) gehören denl Verbände an.— Für Krankenunterstützung, die aus der Hauptkasse gezahlt wird, wurden im verflossenen Jahre 21235,20 Mark ausgegeben. Rechtsschutz wurde den Mitgliedern in hundert Fällen belvilligt und ist dafür die Summe von 2549,70 M. bezahlt worden. Für Arbeitslosenunterstützung wurden 11 757,95 M. an 623 Mitglieder gezahlt. Die Zahl der Arbeitslosen betrug im vergangenen Jahre 4360, die sich beim Arbeitsnachweisbureau meldeten. Aus der Bibliothek wurden 4948 Bücher entliehen: die Hausdiener und Packer stellten die meisten Leser.— Durch die Lohnbeivegungen, die größtenteils ohne Streiks erfolgreich durch- geführt werden konnten, haben die Mitglieder Erhöhung der Löhne, Verkürzung der Arbeitszeit, Erholungsurlaub, Zuschuß zum Kranken- gelde usw. erzielt. Die Neuwahl der inneren Ortsverwaltung wurde vorgenommen, nachdem die Berichte erledigt waren, und es ergab sich folgendes Resultat: Werner, erster Bevollmächtigter; S l e i n i ck e, Kassierer; U t h e s, Schriftführer: M e u e r, zweiter Bevollmächtigter; B e r n e r, Friedrich, Wolf, Freude, Franke, Beisitzer; Küsche, Markgraf, Förster, Revisoren. Zentralverband der Handlnngsgehülfen und Gehülfinnen Deutschlands(Bezirk Berlin). Mittwoch, den 21. Februar, abends 9 Uhr tagen: Bezirk Osten. Sitzung im Restaurant R. Kern, Gr. Frankfurter- straßc 18. 1. Vortrag des Kollegen Otto Urban über:„HandlungSgehülse oder Gewerbegchülsc". 2. Skandalöse Vorgänge im Warenhause Löwinsohn Nachs.— Bezirk Südwest und Westen. Sitzung im Restaurant Köntashof, Bülowstr. 37. Vortrag des Kollegen Kussel über:„Die Konkurrenzklausel, eine SNavenketle".— Bezirk Rixdors. Sitzung im Restaurant Schmidt, Rixdvrs, Bcrlinerstr. 14. Vortrag. Sozialdeinorratischcr Zentral Wahlvcrcin für de» Reichstags- Wahlkreis Kalau-Lnckau. Ortsverein Berlin Donnerstag, den 22. d. M., abends 8'/, Uhr: Generalversammlung bei Weinacht, Grün» straße 21. Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Bericht über die Flugblatt« Verbreitung. 3. Vereinsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. Sozialdemokratischer Lese- und Diskutierklub„Süd-Ost". Heute, Mittwochabend Sfl, Uhr bei Tolksdors, Görlitzerstratze 58: Vortrag deS Redakteurs Rudolf Lange über:„Das Wesen des Anarchismus im Gegen- sah zur Sozialdemokratie". Berichterstattung von der Bundcskonjerenz. VcrcinSangclegcnhcitcn. Gäste willkommen. Verband der Friseurgehülfen Deutschlands, Zweigverein Berlin. Donnerstag, den 22. d. MtS., abends 91/, Uhr, Rosenthalerstraße 11/12: Außerordentliche Generalversammlung. Tagesordnung: Die Kündigung des Tarifvertrages. Nur Mitglieder haben Zutritt. Arbkittr-Siingtrbund Kerlins u. Umgegend. 1. Vorsitzender: Julius Meyer, Berlin, Urbanstr. 131. I.Kassierer: A u g u st Seikrit, Berlin, Bergmann- straße 104 IV. Alle Acnderungcn im VereinSkalcnder sind zu richten an: Max Sinneckcr, Rixdors, Fuldastr. 59, vorn II. Sitzung haben Sonntag: Oranienburg, GetverlschastShaus, Mühlew „Freie Sänger" strasie 15. Sitzung haben Montag: „ESmcralda", Berlin, Kirsten, Elbingerstr. 15. „Freier Männerchor Ost", Berlin, Schumacher, Wilhelm Stolzcstr. 28. „Freiheil IV", Bernau. Elysium, Hussitenstrasje. „Frisch aus I", Fricdrichsberg, Friedrich. Frankfurter Allee 198. „Harmonie Damcnchor", Berlin, Bütlncr, Stargarderstr. 58. „Solidarität", Berlin, Augustin, Oranienstr. 103. „Tonblütc", Berlin, Güiig, Slalitzerstr. 83. Sitzung haben Dienstag: „Alpeiiglockc", Berlin, Bocker, Weberstr. 17. /Bruderbund", FriedrichSbcrg, Prictzcl, Kronprinzcnstr. 49. „Doiurvsc", Berlin, Beetz. Fruchtslr. 20. „Edelweiß I". Berlin, Liphke, Mclchiorstr. 15. „Einig", Berlin, Feist, Markusslr. 18. „Flora", Pankow, Suchland, Florasw. 35. „Freie Feldblume", Berlin, Fröhlich. MuSkauerstr. 1. „Freier Männer-Thor", Berlin, Brauerei Psesserbcrg, Schönhauser Allee. .Freie Säuger", Zernsdorf, bei I. Knarr. „Freier Sängcr-Chor", Zllt-Gliemckc. Witte. Köpenicker- „Fr-midichast", Berlin, Strauß. KoSlerstr 16. Freya I gem. Chor", Berlin, Pscfser. Rolenthalerstr. 57. .Freiheit il gem. Chor", AdlcrShos, Töpfer, Helbigstraße. „Freiheitsllänge", Berlin, Engel, Seydelstr. 30. .Frisch auf, Berlin, Maaß, Briinnenstr. 96. �Frohe Hossuung", Neu-Hardenberg, übt Berlin, Henzc, Kraulstr. 38.. �, „Frohsinn I", RummelSdurg, Schulz, Goethe- und Kant- ftraße-Ecke. „Frohsinn*1", AdlerShof, Meißner, BiSmarckftr. 61. „Frisch loran", Berlin, Wils, Schulstr. 74. „GaslmirtSgehüIsen", Berlin, Großer, Dircksenstr. 39. „Gesundbrccnner Harmonie", Berlin, Neuendors, Bult- mannslr. 15. „Harmonie Ost". Berlin, Neuser, Heidenseldstr. 17. „KonlordiaS Zukunst", Berlin, Becker, Rcichcnbergexsw. III. „Lerche", Berlin, Schütz, Stargarderstr. 3. „LiedcSlnst III". Platkow-Gusow, übt Berlin bet Zühlsdorf, Kraulstr 6. .Maibund", NowaweS, Hiemke, Wallftr. 55. „Maiengrusi", FrtcdrichShngen. Conrad. Friedrichstr. 137 „Maler", Berlin, MerkowSki, AndreaSstr. 26. „Maurer", WUinerSdors, Ritter, Psalzburgerstr. 66. „Myrtenblätter", Berlin, Spart, Georgenkirchstr. 65. „Nord-Ost", Berlin, Bormann, Zorndvrscrslr. 6. „Ober-Schöncweider Liedertafel", Ober-Schöncweide, Kauf hold, Wilhelminenhosstr. 18. „Olympia", Berlin, Zimmermann, Grüner Weg 29. „Rosenrot", Berlin, Werth, Schwedensw. 13. „Rosalia", Berlin, Placyn. Königsbcrgcrstr. 34. „Rote Nclte", Berlin, Rosien, Ruppinerstr. 41. „SangeSlust III", Tempclhos, Müller, Berlinerstr. 41/42. „Schneeglöckchen", Potsdam, Ladcnihien, Kaiser Wilhelirn 1 siraßc 38. „Schneider", Berlin, Augnstin, Oranienstr. 103. „Jorgensrei", Berlin, Märkischer Hos, Admiralstr. 18o. „Vorwärts IV", Rathenow, Thie,"Jägerstr. 25. „Borivürts VIII", Marwitz, Schurbaum. „Zimnicrer", FfiedrichSberg, Ts-Hinte. Kronprinzenslr. 16, „Zulu, ist I", Steglitz, Schellhase, Ahornftr. 15». Sitzung haben Mittwoch: „Allegro", Berlin, Hollmach, Wrangelstr. 136. „Britz", Britz, Grüning. Chausseesw. 69/70. „Bruderherz", Berlin, Schweiger, Prinz Eugenstr. 17. „Deutsche Buche", Berlin, Borchardt, Köpemckerstr. 158. „Deutsche Eiche I", Berlin, Zimmermann, Grüner Weg 29. „Einigkeit III", RummelSburg, Valentin, Neue Prinz Älbertstr. 44. „Eintracht II", EbcrSwalde, Zur Mühle, Eichwerderswaße. „Freie länger", Charlottenbnrg, VolkShaus, Rosinenftr. 3. „Freiheit Grusi", Berlin, Sängcrhcim, Beteranenstr. 18. „frisch aus III", Bornim, Schulz, Bornstedt, Friedrich. Wilhelnistr. 6-,. „Frohsinn III", Zebdenick, Buchholz. Amtsfreiheit. „Heiniatklänge", Köpenick, Kohlt, Roscnstr. 10. „HklaritaS", Berlin, Olbötter, Ilsedomstr. 33. „Höchstem", Berlin, Hiepcl, Britzerstr. 22. „Hoffnung I", Brandenburg a. H., Vettermann, Wilhelms- dorserslr. 111. „Hossuung II", Spandau, Böhle, Neumeisterstr. 5. „Licdcrliist 1865", Berlin, Wollschläger, Adalberlsw. 21. .Liedertafel", Senzig. Otto Kühne� Senzig. „Lustige Sänger", Berlin, Uhlig. Schliemannstr. 39. „Maicngruß", Charlottcnburg. Bartsch, Scsenheimerstr. lt. „Maiglöckchen II", Köpenick. Dörnbrack, Müggelheimerslr. 36. „Senesclder". Berlin, GicSle. LandSbcrgerstr. 89. „Vorwärts I", Berlin, Benoit, Lausitzer Platz 8. „Vorwärts III", FriedrichSlelde, Habcrland, Wilhelmstr. 33 „VorivärtS IX", Charlottenburg. Wernicke, BiSmarckstr. 34. „Vorwärts", Nauen, Schützenhaus, Chausseestr. 36. „Wacht aus I". Berlin. Danzigerstr. 71. „Zimmerer", Berlin, Wiesenthal, Ackcrstr, 123. „Zündholz", Berlin, Apet. Prinzen-Allee 38. „Zukunft II", Velten. Grnnow, Wilhelmstr. 19. „Zukunst III", Nieder- Schönhauscn, Settekorn, Linden- slraße 1. Sitzung haben Donnerstag: „Alpenrose", Berlin. Kunze, Forsterstr. 36. „Becher klang", Berlin. Kienast. Gubcncrstr. 43. „Bummelsdorier", Luckenwalde, Gerhardt, Haag 5. „Deutsche Eiche II", Brandenburg, Neust. Hcidcstr. 7v. „Echo". Zehleudors. Mickley, Polsdaiuerstr. 25. Einigkeit I", Ärosi-Lichterselde, Nichter, Chausseestr. 101 „Eiutiacht III", Pmilow, Nachhut, Heynstr. 4. „Fichte". Berlin, Lippke, Melchiorstr. 15. „Freie Liedertascl", Berlin, KönigSsäle, Neue Königstr. 26. „Freie Sängervcreinigung Fackel", Berlin, Pieisch, Lübbencrstr. 1. „Freie länger", Trebbin, Wolf, Bahnhosstraße 1. „Freiheit West", Berlin, Goßmann, Kreuzbergstr. 48. „Gerechtigkeit", Berlin, Lehmann, Bülowstr. 59. „Geselligkeit", Charlottcnburg, Wernicke, BiSmarckstr. 34. „Geselligkeit", Hennigsdors, Brase, Chausscestraße. „Glasarbeiter", Köpenick, Zeidler. Müggelheimerstr. 29. „Gleichheit", Berlin, Sauer, Schönhauser Allee 135. „Gips- und Zementbranche", Berlin, Schmidt, Pappel Allee 114. „Hoffnung", Dahme i. M., Kaiscrgartcn, Grünstr. 15. „Hoffnung III", FriedrichSbcrg, Äobn, Friedrich Karlstr. 34. .Kornblume", Berlin, Buchwald, Gr. Franksurterstr. 133. .Kreuzberger Harmonie", Berlin, Raabe, Fichtestr. 29. .Kürschner", Berlin, Feind, Weinstr. 11. „Lied hoch", Berlin, Sängerheim, Beteranenstr. 18. .Liederlust II", Berlin, Vollmann, Beusselstr. 32. „Liederkranz", Brandenburg. Menger, Bergstraße. „LicdcSsrciheit II", Strausberg, Schulz. Wnczcncrstr. 10. „LiedcSIust", Fürstenwaldc, Schön, Küslrinerstr. 9. „Lyra", Charloltcnburg, Bartsch, Seesenheimerstr. 11. „Morgengrauen", Berlin, Hummel, Sophienstr. 5. „Morgenrot", Köpenick, Helling, Schöncrlindcrstr. 5. „Nordwachi", Berlin, Fahrow, Ravenesw. 6. .Rote Nelke I". Schönebcrg, Krüger, Borbergstr. 9. Rote Rose", Berlin. Stcnzcl, Ererzierstr. 20. Sängerkranz", Berlin, Boeker, Weberstr. 17. Schneeglöckchen I", Rixdors, Hoppes Festjäle, Hermann- straßc 49/50. .Schubmacher", Berlin, Rübsam, AndreaSstr. 32. „Süd-Ost I", Berlin, Stephan, Wienerftr. 31. „Stcinnclke", Berlin, Schumann, Buttmannftr. 13. .Unverzagt", Berlin, Bachstein, Salzwedelerstr. 16. St. Urban", Berlin, Augustin, Oranienstr. 103. „Bincta", Berlin, Erteil, Graunstr. 16. „Wach aus", Berlin, Hilgcnseld, Bcrgstr. 61. „Wach aus", Franz. Buchholz, Kähne, Berlinerstr. 39. , Waldchor". Borsigwalde, Reuter, Eriist- u. Räuschstr.-Ecke. ,WaldeSrauIchen",Ka>tshorst, Sabrowski, Trcskow-Allec66. .Waldkapellc 1862", Berlin. Ladewig. Alte Jakobstr. 83. „Wilhclmsbera- Hohen- Schönhausen", WilhelmSberg, Krause, Berlinerstr. 66. .Zaget nicht", Steglitz, Kramer, Marksteinstr. 1. Sitzung haben Freitag i „Alpenglühen", Berlin, Kühner, Hascnheide 89. „Berliner Männer-Chor 1905", Berlin, Fürstenhof, Köp- nickerstratze 137/38. Bleibt treu", Berlin. Bcrgcmann, Waldemarstr. 38. .Borax", Berlin, Passoke, Naunynstr. 6. „Brandenburger", Brandenburg. Menger, Bergstraße. „Buchbiiider-Männerchor", Berlin, Lippke, Mclchiorstr. 15. „Einigkeit", Köpenick. Braubach, Bahnhosstr. 44. „Einigkeit II". Reiiitckendors, Bethcvcll, Wittestraße 22. „Eintracht", Nicder-Schöneweide, Reimami, Grünauerstr. 4. „Erster Mai". Berlin, Gaule. Schönhauser Allee 57. „Flöterschcr", Berlin, Böhm. Zorndorserstr. 9. „Freier Männerchor Nordwest", Berlin. Müller, Bredow (imße 11, „Freiheit Ost", Berlin, Köhler, Zorndorserstr. 44. „Freie Sänger", Weißensce, Koburg, Lchderstratze. „Freiheit Moabit", Berlin, Kohn, Rostockerstr. 2. „Freiheit Nord", Berlin, MatzkowSky, Liebenwalderftr. 16. „Freie Sänger", Fredersdorf, Bresicke, PeterShagen. „Freie Sänger", Luckenwalde, Schultze, Beelitzerstr. 34. „Froh Hoffnung", Berlin, Schilling, Kyffhäuserstr. 16. „Frohsinn l", Ruinmclsburg, Schulz, Goethe- und Kant» firaßen-Ecke. „Gemüllichkeit", Berlin, Kube, Alte Jakobstr. 38. „Georginia 1879", Berlin, Grünauer Garten, Grünaukr» slraße 14. „Glaser", Berlin, Augustin, Oranienstr. 103. „Handels- und Transportarbeiter", Berlin, Nemnann, Stallichreiberstr. 29. „Kaiserscher", Bertin, Wernau, Schwcdterstr. 23/24. , Kupferschmiede", Berlin, Feind, Weinstr. II. „LicdcSsrciheit I", Berlin. MerkowSki, AndreaSstr. 26. „Liedersreunde", Johannisthal, Senstleben, Friedrichstr. 43. „LiedcSfreundschast", Baumschulcnwcg, Christ, Ernststraßc. „Liedcslust II", Potsdam, Viktoriagarten, Alte Luisen- straßc 32. .Lorbeerkranz", Berlin, Späth, Weinstr. 23. „Lorcley", Berlin, Schellbach, Schulstr. 66. „Lustige Sänger", NowaioeS, Gruhl, Priesterstraße. „Maibund", Dalldors, Böhm, Oranienburgerstr. 7. „Maiculraum", Berlin, Kutscher, Urbanstr. 87. „Maiglöckchen I", Berlin, Sachse, Linbowerstr. 26. „Melodia I", Rirdors, Gellert, Stcinmetzstr. 113. „Morgenrot I". RummelSburg, Sctzcpsandt, Goethestr. 9. „Morgenrot HI", Friedenau, Thiel. Rheinstr. 14. „Neu erwacht", Berlin, Olbötter, Uscdomstr. 33. „Neue Zeil", Berlin, Abcndrvth, Baditr. 42/43. „Nord", Berlin, Dietrich, Lrunnenstr. 41. „Norddeutsche Schleisc", Berlin, Rcichenberger Hof, Reichen- bergcrstr. 147. Nordwest", Berlin. Better, Bredowstr. II. „Osten". Berlin, Plöger, Rigacrstr. 127. „Porzcllanarbeiter", Berlin. Wollschläger, Adalbertstr. 21. „Putzer", Berlin, Ernst. Prcnzlauerslr. 41. „Rixdorfer Männerchor", Rixdors, Schmidt, Bcrgstr. 137. „SängerkrciS", Neu-Wcißcnsee, Neuendors, Friedrichstr. 5. „saiigcsireue", Brandenburg a. H., Herberße, Wollen- _ weberstr. 3. ».Sängervereinigung Südost", Berlin, Waldemarstr. 75. „Solidarität II", Potsdam. Ladenthieu, Kaiser Wilhelmstr. 33. .TcxtUia", Berlin, Machill, Boxhageucrstr. 3. „Typographia", Berlin, Arminhallcn, Kömmandantenstr.20. . Vereinte«angeSbrüder", Berlin, Nagel, Putlitzstr. 10. „Wcddinger Harmonie", Berlin, Janßcn, Chausseestr. 72. Weiße Rose"', Rcinickendors, Schiller, Provinzstr. 79. Sitzung haben Sonnabend: Eintracht", Teltow, Dertz, Zehlendorscrstraße. „Freie Sänger", Zossen, Rüffcr, Baruthcrstraße. „Gemütlichkeit Ii". Mühlcnbeck, Gasthoj zur Sonne. „Glück zu", Berlin, Löhrig. Pankstr. 32 ck. „Immergrün", Tegel. Kittkc, Berlinerstr. 15. „Liedertasel", Senzig, /Otto Kühne. Senzig. „Ouartett-Bcrein 1897", Berlin, MuSkauerstr. 1. Vorwärts VI", RummelSburg, Bicbergchl, Kant- und Goelhestraßen-Ecke. Vminfcbtcö. Eine Kohlenstaubexplosion. Trinidad sColorado). 13. Februar. In der Victor Mine bei Maitland erfolgte eine Kohlenstaubexplosion. durch die 16 Grubenarbeiter getötet sein sollen. Bisher sind 6 Leichen geborgen. Ein Eisenbahnunglück bei Mockrehna. Aus Mockrehna in der Provinz Sachsen wird telegraphiert: Gestern, den 13. Februar, 3 Uhr 30 Minuten abends, fuhr der von Eilenburg kommende Ve- darssgüterzug Nr. 8657 auf Bahnhof Mockrehna dem ausfahrenden Bedarfszuge Nr. 6422 in die Flanke. Hierbei entgleisten die Loko- motive und 19 Wagen des letzteren. Ein Bremser wurde getötet, der Zugführer leicht verletzt. Der Personenverkehr wurde durch Um- steigen aufrecht erhalten. ßmfhartcn der Redahtion. �urirtirdicr Cell. SUc Sbrcrfiftmitit Rubel lünllifi mit 9(ii9uafiuie Res SominbeubS bl>n bis Sl'/t Ulir abends statt.(Reöffuct: 7 Nbr. Jeder Anfraae ist ei» Buchstabe»>id eine Zahl als Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Alter Genosse 2V. Die Darlchusklage müssen Sie bei dem Amts- gericht tAmtsgericht II, HallescheS User) anstellen. Ein Beispiel für eine solche finden Sie S. 223 deS dem„Nrbeiterrecht" beigefügten Führers. DaS Buch liegt in den öffentlichen Bibliotheken aus.— Schankwirtschaft F. Daraus wird schwerlich Rücksicht genommen werden.— Nachiwachter. Anspruch aus Schadenersatz steht Ihrem Vater nicht zu. Im übrigen ist § Ivöo und Abs. 3 der Gewerbe-Ordnung mastgebend. Danach inust dem Fabrikwächter, sosern seine Arbeit am Sonntag länger als drei Stunden dauert oder ihn am Besuch des Gottesdienstes hindert, entweder an jedem dritten Sonntag volle 36 Stunden oder an jedem zweiten Sonn- tag. mindestens in dcrZeit von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends freie Zeit gelassen werden.— A. S. i. H. 1. Das ist möglich, wenn die Mahnung bereits ausgeschrieben war. 2. Nein.— M.(55. 25. 1. und 2. Ja.— Fürstenwalderstr. 3000. Ihre Frau haftet sür Ihre, des Ehemannes, Schulden nicht. Werden die Sachen gepfändet, so kann sie Jnterventions- klage erheben. Ihr Eigentum must sie nachlveisen. Die anderen Fragen sind ohne Kenntnis des Sachverhalts nicht zu beantworten.— E. 95. Ja. — 1906. 1. Ja. 2. Nein, indessen müssen Sie die Anwaltskosten erlegen. 3. Aber!.Loknlanzciger" vertritt keine Richtung mit Ausnahme der je- weiligen behördlichen.„V." ist sreisinnig. 4. Die Höhe der Renten können Sie nach Mastgabe der Ausführungen Seite 487—563 des in den öffent- lichen Bibliotheken ausliegenden„Arbeiterrechts" berechnen. 5. Ohne Einsicht in die Eintragung und den Vertrag nicht zu beantworten.— Heckman»- Ufer 4� Nein: H 9 des Vereinsgesetze�.— Petersburgcrstr. 88. 1. Die Sachen(mit Ausnahme der unpfändbaren) hasten sür die ganze Miete. Bei Gericht können Sie eine bestimmte Frist beantragen.—<£. 5. Klage hätte keine Aussicht aus Ersolg.— K. B. 100. Legen Sie den Sie betreffenden Fall dar und knüpsen Sic daran die Sie interessierende Frage. Eine Antwort aus allgemein gehaltene Fragen führt zu weit.— Triberg. Die Beschlagnahme ist gültig. Der Verein darf nicht zahlen, das Mit- glieb hätte darzulegen, daß die Forderung nicht bestehe.— Dalldorf 15. 1. Nein. 2, Ja._ Berliner Marktpreise. Ans dem amtlichen Bericht der städtischen Markthallcn-Dircktion. Rindfieisch la ,63—66 pr. 100 Pfund, IIa 54—62, lila 49-53, IVa 39-47, Kalbfleisch la 80-88, Ha 63—75, lila 54—60, Hammelfleisch la 62—73, IIa 56—62. Schweinefleisch 73—78. Rotwild Psnnd 0,50—0,60, Damwild 0,62—0,68. Hasen Stück 0,00—0,00. Kaninchen Stück 0,80—1,10. Hühner pro Stück, alte 1,40—2,80, junge 0,80—1,50, do. Na 0,00—0,00. Tauben, junge 0,40—0,75, alte 0,40—0,45. Enten, Stück 2,25—2,50. Gänse pr. Pfd. la 0,00—0,00, IIa 0,00—0,00, russische 0,30-0,48 M. Schellfische 00 M.. Flunder 12-18 M. pro 100 Psd. Hechte 100—108, Schleie, unsort. 00,00. Aale, grast 00,00, mittel 00,00; Plötzen 58, Karpfen 00,00, Rhcinlachs 0,00, Seelachs 20— 25M. pr. 100 Psd. Schottische Vollheringe(gesalzen) 40—44 M. Eier, Schock 3,50—3,80. Butter pro 100 Psund la 120—121, IIa 116—119, lila 115—116, abfallende 00-00. Kartoffeln pr. 100 Psd. rote 2,00-2,20, Rosen 0,00-0,00, blaue 0,00—0,00, runde meiste 1,80—2,00. Wirsingkohl pr. Schock 7,00-12,00, Weistkohl pr. 100 Pfd. 3,25-3,75, Rotkohl pr. Schock 6.00—10,00, Holl. 14—16 M. saure Gurken, Schock 2,00 M., Pjeffergurken 2,00 M. ilvasserstaud am 13. Februar. Elbe bei Aussig-p 3,03 Meter, bei Dresden— 1,30 Meter, bei Magdeburg-s- 1,27 Meter.— U n st r u t bei Swaustfurt-s- 1,35 Meter.— Oder bei Ratibor-s- 1,18 Meter, bei Breslau Oberpegel-ff 4.94 Meter, bei Breslau Unterpegel— 1,32 Meter, bei Frankfurt—,— Meter.— Weichsel bei Brahemünde -ff 2,38 Meter.— Warthe bei Posen-ff 0,30 Meter.— N e tz e bei Usch Meter. Für den Jnlialt der Inserate übernimmt die Nedattio» dein Publituin gegenüber keinerlei Beraniuionnug. Zheater. Mittwoch, den 21. Februar. Ansang 7'/, Uhr: Opernhauö. Der Barbier von Se- Villa. Schauspielhaus. Wie die Alten sungen. Deutsches. Der Kaufmann von Venedig. Berliner. Der Widerspenstigen Zähmung. Neues. Em SommernachlZtranm. Lessing. Die Wildente. Ansang 8 Uhr: Schiller O.«Wallner-Theater.) Der G'wissenswurm. Schilter(Friedrich Wilhelm« städtisches Tbeater). Die Macht der Finsternis. Kleines. Kinder der Sonne. Westen. Die Hugenotten. Zentral. Das süste Mädel. Metropol. Aus WS Metropol. Walhalla. Nach Asrika, nach Ka- merun. Komische Oper. Der Corregidor. Residenz. Der Prinzgemahl. Trianon. Loulou. Lnstspielhans. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis srüh um Fünfe. Carl Weist. Die lebende Brücke aus Kuba. Luisen. Maria Magdalena. Deutsch-AmerikanischeS. Er und Ich. Kasino. Die goldene Brücke. Belle-Allianee. Der grüne Teufel. Spezialitäten. Apollo. Insel Tulipatan. JmGri- settcn-Kabarett. Spezialitäten. Herrnfeld. Famitienrag im Hause Prellstein. FolicS Eaprice. Nach dem Zapfen- streich. Der Beheme. Wintergarten. TIchin- Maa'S Ehinesen-Trnppe.— Otto Remter. 9U- ichs l)n II cii. Stettiner Sänger. Passage. Spezialitäten. Urania. Taubenftraste 48/49. Abends 8 Uhr: Am Golf von Neapel. Sternwarte, Jiivalidenstr. 57/62. Täglich geöffnet»on l bis 7 Uhr. £talnllv»' Schiller-Theater 0.(Wallncr-Thcater). Mittwoch, abends 8 Uhr: ver Cwissenswnrin. Bauenitomödie mit Gesang in 4 Aus- zügen von Ludwig Anzengruber. Donnerstag, abe Ii ds8 Uhr: Uoder unsere Kraft.(I. Teil.) Freitag, abends 3 Uhr: KOni�ssIanbe._ Urania Tauben' Str. 48/49. Abends 8 Uhr: Am Golf voll Neapel. Sternwarte ln,alldfln Str. 57/62. Frlcdrichstr. 165. Ohne 8xira-8nfree. Bergbewohner ibessiniens. 65 Elnsreborcne Männer, Weiber und Kinder, sowie das Baby„Berplina". Eintritt 56 Pf. Berliner Theater. Ansang T'/j U h r. Der Witepänstip Zatimung. Donnerstag: Die Jüdin von Toledo. Sonntag nachm. 2'/, Uhr zu ermäßigten Preisen: Hamlet._ Neues Theater. Ansang 71/, Uhr. Sin Scnunernachtstraum. Donnerstag: Die Neuvermählten. Hieraus: Salome. Freitag: Die Morgenröte._ Kleines Theater. Ansang 8 Uhr. Kiltdcr litt Zliline. Berliner Theater. Caslsplel des islauer ErOfTnungü-VorHleilnng: Freitag, den 23. Februar: Zar Feodor Joannowitscb. Tragödie in 5 Akten V. Alexe! Tolstoj. Sonnabend und«onntag: Zar Feodor Joannowitsch. Ansang 71/, Uhr. Romische Oper. Mittwoch, 21. Februar, abends 8 Uhr: Der Corregidor. Donnerstag: Don Pasquale. Freitag: Hoffmanns Erzählungen. Sonnabend; Don Pasquale. Sonntag nachm. 3 Uhr u. abends: Hoffmanns Erzählungen. Residenz-Theater. Direktion: Richard Hieran der. Heute und solgende Tage 8 Uhr: Der Prinzgemahl. Satirischer Schwant in 3 Akten von L. Tanrof und I. Chancel. Sonntag nachm. 3 Uhr: Oer Schlaff «agenkontrolleur. Zirkus Albert Schumann Heute Mittwoch, den 21. Februar, abends präzise 7>/, Uhr: Krnnd« SoIr6 äanostre. Das ScnsationS-Programm. U. a.: Die gröstte Novität k Ein Souper bei Maxim. Lea 7 Perezolf. DaS Rätsel des Orients: Ihre Ezz. Margaretha Pehim Pascha. Borguna Troupc. The Ergotti und King Louis Troupe. Tronpe Creard. Ferner: Die großartigen neuen Spezialitäten und� Dir. Albert Schu manns neuesten schul- und Freiheit� dreffurcn. gW Zum Schtust: Riesen- Ersolg! keinins «las nene Francnreich. Gröstte Ausstattungs-Panlomime der Gegenwait mit scenhastcn hier noch _ nie gesehenen Effekten. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr; Gastspiel der königlichen Schauspieler Frau Lulle Willig u. Dr. Max Pohl: �Vlarm Magdalena. Donnerstag: Ein SommernachtZ- träum. Freitag: Maria Magdalena. Sonnabend: Kausmann von Venedig. Sonntag nachm.: Gastsp. Frl. Ursiis vom Lessing-Theater. Abends: Die Karlsschüler. Montag: Ein SommernachtStraum. Apollo-Theater. Interessant! Amüsant! Die glänzenden Spezialitäten u. Gobert Solling mit seinen vierbeinigen Komikern. Katsnknma lllgashi, Meister des Jiu-.l itsu. Vorher: Die Insel Tulipatan, Operette. Sonntag, den 25. Februar, nachm. 3 Uhr: Berliner Luit u. Spezialitäten. Metropol-Theater Anfang 8 Uhr. M- ia's itropol! Große Jahresrevue mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Hauchen in all. Räumen gestattet. Walhalla Thealer ilnrij Afrikl!, tindj Klünmtn. Ausstattungsposse in 6 Bildern. Ans. ö Uhr. Rauchen überall gestattet. Tlz�iktoi*. Schiller- Theater N.(Frtedr..WiIH. Th.) Mittwoch, a b e n d S 8 U b r: Die Täacbt der Finsternis. Schauspiel in 5 Akten v. Leo N. Tolstoj. Uebcrsetzt von Raphael Löwenseld.. Soiiiierstag,ahendS8Uhr: Ptypricnnc. Freitag, abends 8 Uhr: Der VcllchciilVcsscr. XI. Berliner Saison. Zirkus Busch. Wohltätigkeitsvorstellung z.Besten des Zweigvereins Rotes Kreuz für den Landkreis Niederbarnim. Neu!-33K) FrST" Sensationell! Der autoiiiatische Mensch. Zum ersten Male in Europa! DV" Noch nie dagewesen!"TJbf} Zum Schluß(um 9'/, Uhr): Die neueste und grollte Sehenswürdigkeit Berlins: � liiclieii.+ Origin.-Manege-Ausstattungs- stück des Zirk. Busch in 8 Bild. Deutsch- Amerikanisches THEATER. J eden Abend 8 Uhr! I Gastspiel Ad. Philipp. Zum 61. Male: Sonnt, nehm. 3 Uhr, halbe Preise: Ueber'n großen Teich. ' Passage-fheater.l Anfang d. Abendvorstellung 8 Uhr.| Miß Gertrude,» Tänzerin. j Karl Bernhard, der Humorist. --- Bierzehn Nummern.— „Und Pepi singt" (Pepi Weiß). Zum erstenmal in Berlin! Tschin-Maa's Chinesen-Truppe Außerdem Otto Reutter und das sensationelle Fehriiar-Pripinni. Lustspielhaus. Allabendlich 8 Uhr: Der IDfö\\\t(0t. (äebrütier to. Heute zum 107..Male: Der größte Herrnfeld- Schlager: Tamilientag Im Hause frelistein. Komödie in drei Alten mit den Autoren A. u. D. Herrnseld in den Hauptrollen. Ans. 8 Uhr. Vorverk. II-2 Uhr (Theaterkasse). Fröbels Allerlei-Theater Schönhauser Allee 148. Jeden Sonntag und Mittwoch: Konzort Theater, Spezialitäten, Tanz. Ans, sonntags 6 Uhr, Mittwochs 8 Uhr. t}mf~ Sonnabende für Sommer- feste sind noch srci. Zur Beachtung! Der Jahresbericht�wird an die Werkstattvertrauensmänner gegen Vorzeigung ihrer Karte auf dem Verbandsbureau sBibliothckzimmer) ausgegeben.-MG Freitag, den 23. Februar, abends S'/z Uhr, im Saale der Brauerei „Fricdrichshain", Am Friedrichshain 22/29: General-Versammlung. Tages- Ordnung: Kassenbericht vom vierten Quartal. Bericht des Vorstandes, der Werk« stattkontrollkommission. der Arbeitsvcrm!ttter und der Schlichtungskominission. Ersatzwahlen für die OrtSvcnvaltung. Antrüge der Ortsverwallung. Aus- stellung der Delegicrtcnkandidaten zum Verbandstag. Mitgliedsbuch legitimiert._ Die Ortsverwaltuug. SalonmSbel-Tisehler. Mittwoch, 21. Februar, abcndS 8 ff, Uhr, in den AndrcaS-Festsälen, Andrensstr. ZI: 80/18» Branchen-Vcrsaftim tun g ollft in der Saloiimöhfl-Krlinche drslhiistigten Wiler. Tages-Ordnung: 1. Wie gestatten sich unsere Lohn« und Arbeitsbedingungen. 2. DiS« kussion. 3. Verschiedenes. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung wird zahlreicher Besuch erwartet._ Donnerstag, 22. Februar, abends 8V2 Uhr, im Lokale von Fr. Kubat, Blumenstr. 38: WF ßrancben-Versammlung'Wi aller auf Mk- und ZZamensekreidttseke arbfitfudeu Kollegf». Tagesordnung: Wie können wir unsere Lage verbessern. — Es ist Pflicht jedes Kollegen der Branche zu erscheinen.——. Die Kommlszlon. I. A.: Wenzel, Krautstr. 3. Zentral-tferhanil der Maurer Deutsehlamls. Zweigvcrcin Berlin. Sektion der Putzer. Unseren sowie den Mitgliedern des Gesangvereins der Putzer hiermit zur Nachricht, dast der Kollege Vilbelm Büttner verstorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung sindet am Donnerstag, den 22. Februar, nachmittags 3'/, Uhr, von der Charite nach dem Gethsemane. Kirchhof in Nordend statt. Rege Beteiligung wünscht Die örtliche Berwaltnng. 133/13 I. A.: H. Neumann. Danksagung. Für die herzlidie Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Wiilieim Castrop sage ich allen Teilnehmern, besonders seinem Meister und Mitarbeitern und dem Deutschen Metallarbeiter- Verbände meinen innigsten Dank. 2gt0b Witwe Oiil in» Castrap. Danksagnttg. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und schönen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und guten Vaters, des Stein- trägers Fmil Mchrinner, sage allen Freunden und Verwandten so. wie dem Gesangoerein der Zimmerer- Friedrichsberg meine» innigsten Dank. Witwe lSeiieinnee 2916& nebst Kindern. Carl Weiß-Theater. Gr. Franlsurterstr. 132. Täglich abends 8 Uhr: Sonnabend nachm. 4 Uhr Kinder Vorstellung, kleine Preise: Rübezahl und das lustige Schneiderlein. (.-» V. Noacks Theater. Direktion: Roh. Dill. Brunnen str. 16. Zum letzten Male: Die Räuber. Schauspiel in 5 Akten v. Fr. v. Schiller. Ansang 8 Uhr. Entree 30 Ps. Donnerstag: Extravorstellung: In russischer Leibeigenschaft. KasinosTheater Lothrlngcrslr. 37. Täglich 8 Uhr. Nur noch bis 1. Mörz iiifel. Die goldene Brücke. Am 2. März zum erstenmal: Die Herren Söhne. Sonntag nachm. 4 Uhr zum letzten- mal: Das Opferlamm. Donnerstag, den LS. Februar, abends 8'/, Uhr Srsnvden- Vör8smmwng de? Sfeilmachev im„Roseuthaler Hof", Noseuthalerstr. 11—12. Tages-Ordnung: Der Kampf der Wagenfadrskauten und Stellmachermcistcr gegen den Deutschen Holzarbeiter-Lerband. Diskussion.— 3. Branchenangelegenheiten.— 4. Verschiedenes. Die Kommission. Bernhard Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstraste 58. Voranzeige! Dienstag, den 27. Febr.(Faswacht): Ein WiMftj! am Rhein. (Großes Kostüm-Ballsest.) Eine Rhcinreise v. St.Goar bis Caub Gr. Bacchus-Huldigiings-Fcstzug. Winzcrinuen-Ballctt. 2 Orck>cstcr. Beginn 3 Uhr. TYWnon-Tkeater. Ansang liOlllOSl. 8 Uhr. Sonntag nachm.: Die herbe Frueht. Mit. Qeseltschajtshaus. Wiclefstr, 24. Jnh.: H. Peters. Heute Sonntag: Grolle Extra■ Soiree der Origlnal- Rarburger Sänger Direktion: K. Frick u. Kasche-Krause. Ans. 6 Uhr. Entrcc 20 u. 50. Nachher sowie im P<,ii oberen Saale: Udll. Anfang 4 Uhr. 'tuZurOm.liarli.Siiiger. für den lOerh'nerReichstapahlkreis (Köpcnicker Btertcl). Den Mitgliedern hiermit zur Kenntnis, daß unser Genosse, bei Arbeiter Aug. Neufert wohnhast Lübbcnerslr. 19, Stadtbezirk 109, gestorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung finde! heute nachmittag 3 Uhr von der Leichen- halle des Emmaus- Kirchhofes aus statt._ (Görliber Biertcl.) Den Mitgliedern hiermit zur Kenntnis, daß unser Genosse, der Sattler Ott« kreier wohnhaft Rcichcnbcrgcrftraße 18,! Stadtbezirk 88, gestorben ist. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung sindet heute nachmittag 4 Uhr, von der Leichen- balle des Thomas-Kirchhoscs aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 242/3 Der Vorstand. ! Verband der Sattler! Ortsverwaltung Berlin. Allen Kollegen zur Nachricht, daß niiscr Kollege Ott« am Sonnabend, den 17. d. M., in der Heilstätte Beelitz ver- starben ist. Wir betrauern in ihm eines unserer ältesten und besten Mit- glicder. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute Mittwoch, den 21. Februar, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Tbomas-Frledhoses in Rixdors aus statt. 156/8 Um allseitige Beteiligung ersucht Die Drtsvorwattung. Am Sonntag, den 18. Februar. abends 7>/z Uhr, starb nach schwe- rem Leldcn mein lieber guter Manu, unser iinvcrgeßlichcr Vater, Bruder, Schwager, Schwieger- und Großvater Vitheim Büttner. Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittags 3'/z Uhr, von der Charite aus nach dem Gethsemane- Kirchhos in Nieder- Schönhausen statt. Dies zeigt tiesbetrübt an Familie JBMttner, 29231) Stargarderstr. 58. SoziälileniDkrätisrhJahlvereiQ für den Totles-Ahzeige. Am 18. Februar verstarb unser Mitglied, der Putzer Wilh. Büttner, Stargarderstr. 58. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 22. Februar, nachmittags 3'/, Uhr. von der Charite aus nad, dem Gethsemane- Kirchhof in Niederschöllhausen- Nordend statt. 247/2 Um zahlreiche Beteiligung ersucht Der Vorstand. Dauksagnng. Für die herzliche Teilnahme und die vielen Beweise von Verehrung bei der Beerdigung meines lieben Mannes, imseres herzensguten PaterS tugiist Schönicke sagen wir allen Verlvandten, Freunden und Bekannten, dem Verband der Fabrik-, Land-Hülssarbeiter und Str. beilcrimien Deutschlands, Zahlstelle Charlottenburg, unseren innigsten Dank. 29226 Marie Schönicke nebst Folies Caprice Budapester Possen• Theater 132 Linienstr. 132, Ecke FriedrichstraBe. Zuni 157. Male: Xach d. Zaptcnstrelch. Vorher: Der Beheme u. d. ouSgcjeicHn. SpczialitätentciT Anfang 8 Uhr. Vorverk. tägl. D. Wertheim u. an der Theaterkasse oo» 10 Uhr vor- mittags an. KvivKsKsHon. Täglich: Stettiner Sänger (SHchfcl, Pietro, Britton, Bückniann, Böhme, Waiden, Seidel, R. u. O. Schräder). Ansang Wochentags 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. palasl-Theater Burgstr. 24, LMin.v.BH. Börse. Heute 8 Uhr. Entree 50 Ps. Mlle. Eugenie Schulreiteri» im Herrensattel mit Goldsuchshengst Monte Christo. Ui vello WK Astre dlortoa die zweite Gaharct. La belle Leona ©clenk)) Hantaftin. Die Herbstparade. Schwank. Familienkarten in Barbier-, Kriseur- und Zigarrengeschästen unentgeltlich. CarKSndHel» Volks-Museum Friedrichstr. 112a, am Oranienb. Tor Zirka 2000 Ausstellungsobjekte 1 Entree 30 Pf. Sold.u.Kind.20Pf. Sämt.Räum.60Pf. SanSSOUCi.sÄd" Dir. Wilhelm Reimer. Heute Mittwoch z. 1. Male: Die Wogen des Glücks. Orig.-Schausp. in 4 Akten von Oskar Walther. Sonnt. Bg. S, Wvchent. 8 U. Sonnt., Moni., Donnerst.: Hoffmanns Nordd. Sänger und Tanrkränzchen. Otto Pritzkows Berliner Älinormitäten-Tiifiater nunistitr. 16. 9iea!"WO SV* Ken! Die Elite-Liliputaner-Truppe die kleinsten BortragSkünftler und Sterne der Liliputaner der Welt. Die Fuß- Künstlerin Margarete Marjot. Hellseherin Armida, wahr- sagende Bmiderdame. Pluto, Wunderhahn, geb. mit 4 Beinen, 2 Körpern, 1 Kops, lebend,-c. Riesen, Kwerge, Phänomen, Fakire usw. Gustav Behrens SpeziaMten- Töeater Frankfurter Allee 85. Die größte Sensation des Ostens>md Die kleinen Mäiieiien von Berlin. Im zweiten Bilde: Die sechs schönen Mauolizigaretten. Außerdem X da? neue Februar-Programm. X Horltzplutz. DSglich � in den unteren Säle« ♦ Gottschalk-Konzert. Meiler- Hairer Mitglied des A.-R. B.„Solidarität". Sonnabend, den 24. Februar 1906-MF Gr. Wiener Maskenball verbunden mit Reigenfahren, Vorträgen u. anderen Ueberrascfamgen. im Restaurant„Bergnügungs-Park", Tegeler Weg 74/7». Anfang 8 Uhr. Eintritt SO Pf. Es ladet hierzu sreundlichst ein Das Komitee. NB. Da der Wirt in den.Germania-Sälen" in Charlottenkurg, Herr E. W o d r i ch, seine Unterschrift in betreff des freien Lokales zurückgezogen hat, ist auch unserer Vertrag wegen Abhaltung eines Vergnügens in seinem Lokal hinfällig geworden, und waren wir demnach gezwungen, uns ein anderes Lokal zu suchen, um diesen schon mit mehr Kosten verlnüpsten Ball überhaupt stattfinden zu lassen. as Lokal«Vergnügungs-Park- ist 10 Minuten vom Bahnhoff Jungfern- Heide entfernt, und können auch Gäste, wdche schlechte Fahroerbindung haben, unter Vorzeigung ihrer Einlaßkarte jinen Kremser kostenlos benutzen. Die Kremser halten an der Spree- Ecke Schulstrage. Da es uns nun durch diese Umstände bedeutend schwerer gemacht, dieses Vergnügen zu veranstalten, bitten wir alle Freunde und Gönner des Vereins, unS hierin gütigst zu unterstützen. 2924b Arbeiter-Radfahrer-Berein Charlottenburg. [C leine /Inzeigen. D y als IS Buchstabtn xdhlen doppelt. JB y Strasse 6 Anzeigen den Annahmestellen für Berlin bis! Uhr, für die Vororte bis 1 2Ubr, der Hauptexpedition Linden- Strasse 69 bis S Ubr angenommen. ebste A verden jO trlin Verkäufe. Regulatoren, Freischwinger, Tafcheu uhren, verfallene Pfänder Weiden� weg neunzehn.-sg» "feettenlagcrct spottbilligst Pfand keihhauS Wetdenweg neunzehn.+35' Gardinenverkauf. Teppichverkauf Weidenweg neunzehn. j-3Z» Steppdecken, Tischdecken Weiden. weg�neunzehn.+35' Bettciiverkanf. Bettinlette, Herrengarderoben, Damensachen, Aussteuer Wäsche. Verschiedenes. Spottpreise. Verkaufszeit genehmigter Ladenschluß Psandlethhaus Weidenweg. P35' Deckbett, Unterbett, Kisten mit glatttotem Inlett, zusammen 10,50, nur(Pfandleihe) AndreaSftraste 38.' Rotrosa-gestreistes Deckbett, Unter bett. zwei Kissen, 18,00, Andreas. ftrafec 38. 1243K» PommerscheS Bauernbett, Deck- bett, Unterbett, zwei Kisten, 27,00. ©rohes Laken, Stuck 1,00. Pfandleihe AndreaSstratze 38. 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Stetner, Köpenickerstraße 33; von Einsetzern vom Bau Gerhardt in Halensee, Schweidnitzerstr. 6 und 7, und Bau Kramer, Crossenerstt. 2? die Bauten der Wolgaster Holzmdustrie: Hiller, Charlottenbura, Dcrnburgjtr.51, Meier, Wllmersdon, Pragerstr. 17, Bietropp, Charlottenburg, Tauroggen»; fttaße, höhere Schule in Spandau, Friedrichstraße, und Bau Dr. s thal in Nikolassee, und Dischderu von Ebers Möbel- tischlerei, Manteusfelsttatze 22, und von Parkedtbodenleger» vom Bau Zchossow. Giesebrechtstr. 12. Die Ortvverwaltans- **!£• Kürschner! Da wir gemäß dem Beschluß der öffentlichen Versammlung vom 7. Februar betreffend die Sperre über die Werkstatt des Hofkürschuer- meifters Karl Salbacb an alle Organisationen mtd Zahl» stellen die Plakate versandt haben, so gilt es, die Sperre bis auf Widerruf unsererseits streng zu beachten. Deutscher Kürschncrverband, Zahlstelle Berlin. Berband der Kürschner Berlins nnd Umgegend. 102/6 3 Vergolder f. Barock, farbig n. Derfilbern können sofort gut lohnende Beschäftigung er- halten. 205L* Goldleiftenfabrik Parchim i. M. Achtung! Achtung! Stellmacher, Schmiede, Sattler, Lackierer und Metallarbeiter! Die Arbeiter der Firma Dittmann, MarkusstraUc Slö befinde» sich im Stteik. Zuzug ist fernzuhalten l 80/19*_ Die Ortsverwaltungen. Zentralverband der Töpfer Filiale Berlin. verband der Kanarbeiter. Aus dem Bau des UnieruehmerS Jinrl I*ollinvoker, Lichten- bcrg, Dofsestr. SO, ausführender Töpfermeister Emil Pokrzykownkl, hier. Wöhlertstr. SO, ivobnhast. haben die dort beschäftigten Döpfer und Träger den ihnen zu- ftehenoen vorwöchentlichen Lohn in Gesamthöhe von zirka 900 SR. nicht erhalten. Da es trotz wiederhottcn VerHandelns mit den Unternehmern nicht möglich war, den Kollegen zu ihrem Rechte zu verHelsen, erklären wir den Bau für gesperrt. 38/3 Di» Ortsverwaltung der Tbpfer und des Bauirbeiterverbandes. Hnnabmc-öteUcn für„Kleine Hnzeigen". Outen: Wengels, Frankfurter Allee 79. Gustav Bogel, Koppenstr. 83. Zioi-tlouten: 8. Zucht, Keibelstt. 42. I. Rcul, Barnimstr. 42. IUeeelen: H. Raschkc, Ackerstt. 36. F. Drapp, Rügenerstr. 24. Karl Mars, Lychenerstt. 123. Karl Weiße, Wiesenstt. 41/42. 8. Dechand, Ruheplatzstr. 24. H. Bogel, Demminerstr. 32. A. Die», Jnvalidenstr. 124. Reecksventen: Karl Anders, Salzwedelcrstr. 8. hiiielweuten: H. Werner, Mittenwotderstr. 30. H. Schröder, itreuzbergstr. 15. ksticken: St. Fritz. Prin/enstt. 31. F. Gutschulidt, Kottbuser Damm S. SOdouten: Paul Böhm, Lauiitzer Platz 14/15. P. Horsch, Engel-Ufer 15. tUms-lettenkni-g;: G. Scharuberg, Sefenheimcrftr. 1. FriedricheibeFe: O. Seilet, llrouprinzenstt. 50. Rixdorf: M Heinrich. Prinz Hanbjerystr. 7. Conrad, Hermannstr. 50. tziobOnebsrjr: Wilh.Bäumler.MarttnLutherftr.bl. Weittenuee: W. Reskc, Sedanstr. 105. Jul. Schillert, König-Chauffee 39». RFlnlFkondorf: P. Gursch, Provuizstr. 108. &ne Weber, Berlin, gut den Lnjeratenteil vcranttv.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Bcrlag: Vorwärts Buchdruclerei». Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin S\V Nr. 43. 23. 3. StilM te Lmiick" Knlmr lolMIntt. Mittwoch, 21. Februar 1906. Zu den Arbeits- und Fohnverhiiltnifftv der städtifcheu Gärtner und der Garten- und Parkarbeiter wird uns aus gewerkschaftlichen Kreisen geschrieben: „Wie aus einein Bericht im„Vorwärts" ersichtlich, schlägt die Park- und Gartenbau-Deputation der Stadt Berlin dem Stadt. vcrordnetenkollegium für die obengenannte Arbeiterkategorie fol- gende Lohnskala vor: 1. Die Saisonarbeiter, also die nur im Sommer be. schäftigten Arbeiter und alle Rentenempfänger, bleiben aus- geschlossen. 2. Für die ständig beschäftigten Gärtner und Ar- beiter wird nachfolgende Lohnskala ohne rückwirkende Kraft vom 1. April 1806 eingeführt: Anfangslohn der Gärtner 4 M., nach 3 Jahren 4,26 M., nach 6 Jahren 4,50 M., nach 9 Jahren 4,75 M., nach 12 Jahren 5 M. Anfangslohn der Arbeiter 3 M., nach 3 Jahren 3,26 M.. nach 6 Fahren 3,60 M., nach 9 Jahren 3,76 M.. nach 12 Jahren 4 Ml Alle iGärtner und Arbeiter, die am 1. April 1996 3 Jahre hintereinander im Gartenbau ständig beschäftigt sind, erhalten 4,23 M. bczw. 3,26 M. Die elf stündige Arbeitszeit soll noch aufrecht er- halten werden. Es ist für die Reichshauptstadt geradezu beschämend, eine der- artige Lohnskala aufzustellen, und zwar beschämend sowohl anderen Städten gegenüber, wie auch gegenüber der Privatindustrie, der gewerblichen Gärtnerei. In Ludwigshafen a. Rh. z. B. fand vor zwei Monaten auch eine Ikeuregelung der Arbeits- und Lohnverhältnisse der städ- tischen Arbeiter statt."Bei dieser Gelegenheit wurde für die Gärtner und Gartenarbeiter folgende Lohinskala festgelegt: Gärtner, die über 21 Fahre alt sind, erhalten einen Anfangslohn von 4 M., jedes Jahr um 10 Pf. steigend bis nach 10 Jahren mit dem Höchst- lohn von6M. Gartenarbeiter: Anfangslohn 3 M., 10 Jahre um je 10 Pf. steigend bis 4 M Sämtliche Gärtner und Gartenarbeiter werden als st ä n d i g e Arbeiter anerkannt. Zlach zweijähriger Dienstzeit werden 6 Tage, nach dreijähriger 10 Tage Urlaub im Jahre gewährt. Arbeiter mit eigenem Haushalt erhalten nach einem Jahre in Krankheitsfällen bei einer Krankheitsdauer von länger als zwei Wochen einen Kranke n ge l d z u s chu tz bis zur Höhe des regel- niäßigen Tagelohns. Bei Eimveisuug in ein Krankenhaus oder in eine sonstige Heilanstalt wird der Familie das Krankengeld bis zu .?« des regelmäßigen Tagelohnes ergänzt. Bei Krankheiten von mindestens acht Tagen Dauer wird die von den Krankenkassen festgesetzte Karenzzeit, der Differenzbetrag vergütet. Nach zehnjähriger ununterbrochener Dienstzeit uird dauernder Erwerbsunfähigkeit erhält der Arbeiter ein jährliches Ruhe- gehakt und beim Ableben dessen Hinterbliebene eine Reliktenversorgung nach Maßgabe eines Versorgungs- statuts. Nach dreijähriger Dienstzeit ist zur Entlassung eines Arbeiters die Zustimmung des Hauptausschusies des Stadtrats notwendig. Ferner nehmen die Angestellten cm dem einzusetzenden, in die Einzelnen Betriebe der Stadt eingegliederten, ArbeiterauSschutz teil. D i e Arbeitszeit beträgt täglich neun Stunden. Für Ueberftunixn werden 26 Proz., für Arbeiten an Sonn» und Feiertagen sowie für Nachtarbeiten werden 60 Proz. Zuschlag gezahlt. Arbeiter, welche an gesetzlichen Feiertagen ar- besten müssen, erhalten Doppellöhnung! Wir meinen, das eine Beispiel wird vollauf genügen, die geradezu jämmerliche Rück ständigkeit der reichs- hauptstädtischen Lohnpolitik den Park- und Gartenarbestcrn gegenüber vor Augen zu führen. Aber die Rückständigkeit erscheint in einem noch weit grelleren Lichte, wenn man sich vergegenwärtigt: e r st e n s, die Art und Weise, wie bei der Verwaltung der Stadt Berlin zwischen �Gärtnern und Gartenarbeitern unterschieden wird, und zweitens, wie die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in der gewerblichen Gärtnerei sind. Die Stadt Berlin beschäftigte im Fahre 1901 zufolge einer damals von der Gartenbau-Teputation vorgenommenen Zählung 929 Gärtner, Arbeiter und Arbeitsfrauen, worunter sich 277 von der Armenverlvaltung zugewiesene Männer und Frauen befanden. „Gärtner. Arbeiter und Arbeitsfrauen" sagte man Summa. Summaruni, um damit zu vertuschen, daß nur etwa 7 bis Ist (sage und schreibe: sieben bis zehn!) wirklich als Gärtner in den Listen figurierten(nämlich die sogenannten„etatsmäßigen", das heißt in praxi Obergärtner oder Abteilungsführer), während alle anderen Gärtner einfach als Arbeiter gc- führt wurden! Das Verhältnis wird heute jedenfalls noch das gleiche sein und soll wohl auch bei der neuen in Vorschlag gebrachten Lohnskala so bleiben. So ergibt sich in Wirklichkeit für die Gärtnergehülfen der Stadt Berlin ein Tagelohn von 3 bis 4 M. bei elfstündiger Arbeitszeit— gegenüber 4 bis 5 M. bei neunstündiger Arbeitszeit in Ludwigshafen I— Von all den sonstigen sozialen Wohlfahrtscinrichtungen in Ludwigshafen gegen dem Garnichts in Berlin ganz zu schweigen. Zu schweigen auch von den teureren Lebensverhältnissen in Berlin, deren Unterschied sich z. B. schon aus den behördlich festgesetzten„ortsüblichen Tage- löhnen" widerspiegelt. Ludwigshafen 2,60 M. für erwachsene männliche Arbeiter— Berlin 2,90 M.l Und zweitens die Löhne der Stadtverwaltung gegenüber dem Gärtnergewerbe, der Privatindustrie also.(Wir nennen hier der Kürze halber nur die der Gärtnergehülfen, die der Arbeiter stehen immer in dem entsprechenden Wstande.) A. Ludwigshafen: 1. gewerbliche(Landschafts-) Gärtnerei pro Tag 3,60 bis 4 M. und zehnstündige Arbeitszeit: 2. Stadtverwaltung 4 bis 6 M. und neunstündige Arbeitszeit. L. Berlin: 1. gewerbliche Land- schaftsgärtnerei 6 bis 6,60 M. und zehnstündige Arbeitszeit; 2. Stadtverwaltung(vergleiche die oben gegebene Aufklärung!) 3 bis 4 M. und für etwa ein Dutzend Mann bis 6 M. und elfftündige Arbestszeit. Und wie lächerlich wenige sind in Berlin in„stän- diger" Arbeit; die meisten müssen jedes Jahr wenigstens einige Wochen aussetzen, bannt sie ja Saisonarbeiter bleiben! Der Lohntarif in der Berliner Landschaftsgärtnerei, der 60 Pf. Minimallohn vorsieht, wurde schon 1903 vor dem Gewerbegericht mit dem Allgemeinen Deutschen Gärtnerverein abgeschlossen; gegen- wärtig wird von derselben Organisation eine Bewegung geführt, die auf 66 Pf. Mindestlohn und 9)4 stündige Arbeitzeit abzielt. Das weitere Streben geht dahin, die Verhältnisse der gelernten Bauarbeiter zu erreichen, was innerhalb einiger Jahre gelingen dürfte, wenn— ja, wenn die Stadtverwaltung Berlin nicht noch so unerhört weit zurück wäre; den Privat- Unternehmern ist der Hinweis auf diese Rückständigkeit immer eines der willkommensten Mittel gewesen, weitere Aufbesserungen zurück- zuweisen. So ist die Stadtverwaltung der Reichshauptstadt in der Tat eine„Musteranstalt"— für Niedrighaltung der Lebenslage der Arbeiterschaft. Die um die Verbesserung ihrer Lebenslage kämpfenden Berliner Gärtner und Gärtenarbeiter appellieren an alle, die es angeht, dem unwürdigen Zustand ein Ende zu bereiten und mindestens diejenigen Lohn- und Arbeitsverhältnisse bei der Berliner Park- und Gartenverwaltung einzuführen, die in der gewerblichen Landschastsgärtnerei Grotz-Berlins schon eingeführt sind! Eine gemeinsame Versammlung der in der Stadtgürtnerei und in der gewerblichen Landschaftsgärtnerci tätigen Gehülfen und Arbeiter wird noch diese Woche zur Sache Stellung nehmen, um gemeinsam in der oben gekennzeichneten Richtung zu wirken." 3119 der fraiicnbcwegun<*. Britz. In einer hier am 16. Februar stattgefundenen öffent- lichen Volksversammlung für Frauen und Männer sprach Schrift- steller Störmer über:„Die Frau in der heutigen Gesellfchafts- ordnung und der Klassenkampf". In einstündiger Rede erläuterte Redner den Unterschied zwischen reich und arm. Er führte au?, daß von den notwendigen materiellen Gütern der Arbeiter am wenigsten habe, während die Reichen von allem im Ueberflnß bc- sitzen. In Punkto Religion sei es anders; gerade das arme Volk müsse am meisten davon aufnehmen. Besonders den Frauen hafte recht viel von dieser Verdummungslehre an. Und das alles zusammen nenne man göttliche Weltordnung. Redner vergleicht den Aufbau der heutigen Gesellschaftsordnung mit einer Pyramide, deren Grundpfeiler nur aus Arbeitermassen besteht. Versagen diese Pfeiler den Dienst, dann gerät die Pyramide inS Wanken, und schließlich stürzt der ganze Bau in sich zusammen. Ans den Trümmern iverde erst eine Weltordunilg entstehen, die von jedermann gutgeheißen werden könne. In der Diskussion unterzog Fr. Thiel die militärischen und religiösen Verhältnisse einer herben Kritik. Sie vertrat den Standpunkt, daß jeder, der innerlich mit der Kirche gebrochen habe, aus der Landeskirche austreten müsse. Fr. Kllmmeritz unterstützte die Ausführungen. Nach dem sodann erstatteten Bericht der weiblichen Vcrtrauenspcrson ist eine Einnahme von 117,36 M. erzielt worden, der eine Ausgabe von 2,86 M. gegenübersteht, so daß 114,60 M. an die Kreiskasse abgeliefert iverden konnten. Ein- stimmig wurde Fr. Vogt als OrtSvcrtrauenSperson wiedergewählt. Leider war die Versammlung nur schwach besucht. Mit einer Auf- forderung zum Abonnement ans die„Gleichheit" und einem Hoch auf die Sozialdemokratie schloß die Versammlung.. Wilmersdorf. fBerichtigung.) Die für Donnerstag angekündigte Versammlung findet bei Fischer. Bruchsalstr. 1 statt, irrtümlich ist Nr. 7 angegeben. WtttrrungSuberficht vom SO. Februar 1006, morgens 8 Uhr. Stationen »■= I i m f Wetter Swincmde. tainburg erlin______ Franks a.M. 763 ZW München 7651$® Wien 764 Still 763O$O 761 SO 762 OSO llbedeckt 3 Nebel 2 Regen 3 bedeckt 4 wolkig Nebel w« uS. w& Stationen = 1 i« Haparandch 761 NW Petersburg 762 W Scilly 176893 Aberdee» 1760®«® Paris|766$S Wetter Äwolkenl stbedcckt 4 wolkig 2>voltig üwolkenl >-»N Ä i> -11 _ 2 6 2 0 Wetter-Proguose für Mittwoch, den 21. Februar 1906. Storch trübe und nebelig mit geringe» Niederschlägen und schwachen südwestlichen Winden; Temperatur wenig verändert. Berliner W e t t e r b u r e a u \ / Her Joppen 10__ 7.50 5 Mk. 75 Tiroler Hosen 5.— 4 Mk. 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Bauarbeiter, äsi Donnerstag, den 22, Februar, abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel-Ufer 15, Saal 3: Baudeputi ertens V ersammlung. __■ Tagesordnung: Siehe Inserat im„Bauhülssarbeiter".'__ : Sorge jeder dafür, daft seine Arbeitsstätte vertreten ist. i Achtung! Achtung! Träger»nh HUgMetter in ledien-f nngefrijnften. Donnerstag, den 22. Februar, abends 8 Uhr, im Lokal von Augustin, Oranienstraße 103: Versammlnug aller in DtlKku-KallgkschSften hesdiüstigteu Träger n. Glfsarbeiter. DV Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gemacht."iMZ _ Zahlreiches Erscheinen der Kollegen erwartet 33; 1"_ Der Zwciguereins-Borstand. Dr. Schünemann, Deutscher Metallarbeiter-Veiband. -- Torwaltnngsstelle Berlin.== Hauht-Bureau: Engel-User 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV 9679. Arbeitsnachweis Zimmer 34. Amt IV 3353. Donnerstag, den 23. Februar 1006, abends 8'/z Uhr in Frankes Fcstsäle», Scbastianstrahe 30 Bi'anvKsn-VvnsaninHuvig der Elektro-Montenre und HilfS-Monteure Tages-Ordnung: 1- Vortrag des Reichstacssabgeordneten Adolf v. Elm:„Unsere Taktik im Wirtschaftlichen Kampfe". 2. Diskussion. 3. Verbands- Angelegenheiten. 4. Ausnahme neuer Mitglieder. Donnerstag, den 22. Februar 1006, abends 8'/- Uhr im Lokale von tinmke, Spandau, Schönwalderstrasic 80 NW" Bezirks-Versammlung"WW für Spandau und Umgegend. 113 Tages-Ordnung: 1. Vortrag:„Der politische Massenstreik". Reserent: Reichstags- Wgeordneter Bernstein. 2. Diskussion. 3. Verbands-Angelegenheiten. Zur Beachtung! Alle Vertrauensleute, welche von dem bisherigen Bezirkskassicrer A. Klemt, Rixdorf, Steinmetzstr. il? wohnhaft, Material entnommen haben, ersuchen wir, sich zwecks Nachprüfung und Feststellung mit den noch in ihrem Besitz befindlichen Beitragsmarken und Kassen- buch am Mittwoch, den Äl. Februar, abends 7 Uhr, in unserem Bureau, Engel-User 15, 1 Tr., Zimmer A ein- zufinden. Um pünktliches Erscheinen ersucht Tic Ortsverwaltnng. Spezial-Arzt sür* Hanl- und Harnleiden, Frauenkrankheiten. Jetzt: Friedrichstr. 203 schüuetVaee. 10-2, 5-7, Sonnt. 10-12 Uhr. Zweigverein Berlin. W" Sektion der Gips- und Zementbranche.'W Donnerstag, den 22. Februar 1906, abends 8 Uhr, in den Armin-Hallen, Kommandantenstr. 20: General-Versammlung. Fortsetzung der Tagesordnung der General-Bersammlung vom K». Februar 1906, Um rege Beteiligung an der Versammlung ersucht 137/8* Der Vorstand. Vereinigung der Alsler, Sacklerer, Anstreicher. Bureau: 7iUale Serlin. Engel-Ufer 15, Zimmer 36. Telephon: Amt IV, 9730. Donnerstag, de» 22. Februar 1006, abends 8 Uhr. im„Gewerkschaftshause", Engel-User 13 t Generalversammlung der Filiale Berlin. Tagesordnung: Bericht des Vorstandes. Neuwahl des Vorstandes. Vereinsangclegenheiten. Zu dieser Versammlung ist es Pflicht jedes Kollegen zu erscheinen. 124/9_ Die Ortsverwaltnng._ Vereinigung der Fliesenleger Dcntschlands(Ortsverein Berlin, Abt. I n. II). Donnerstag, de» 22. Februar, abends S'/o Uhr, im Neuen Klubhaus, Kommandantenstr. �2; Versammlung mit Frauen. Tages-Ordnung: Bortrag des Direktors FanlA- über:„Feuerbestattung". Mit Modell-Krematorimn.— 288(7 Regen Besuch erwartet Ber Vorstand. Achtung i Portefcuiller! Achtung l Verband der Portefeuiller u. Ledergalanterie-Arbeiter n. Arbeiterinnen Zahlstelle Berlin. Mittwoch, den 21. Februar, in Graumanns Festsälen, Naunynstr. 27: Mitglieder- Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Die Arbeiterbewegung w der Porteseuille-Jndustrie seit 50 Jahren. Reserent: Vcrbandsvorsitzendcr Kollege Herrn. Weinschild. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Gäste willkommen k— Das Erscheinen aller Mitglieder erwartet Die Ortsverwaltung. DM- Die Versammlung wird Punkt 9 Uhr eröffnet. 109/2 MralvertauU der Steinarbeitcr. ====== Berlin I.= Mittwoch, 21. Februar, abends 8 Uhr, im Alexanderstr. 27c; .Englischen Garten', Mitglieder Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Die Zugeständnisse der hiesigen Innung. Wie stellen wir uns dazu? 2. Die Delcgicrlcnwahlen zum Verbandstagc. 3. Bericht von der Gau- konserenz in Stettin. 3. Verschiedenes. JJWjr- In dieser Versammlung darf kein Kollege schien. -»»»—»-»- Mitgliedsbuch legitimiert. 172/6� IMe Ortsverwaltung. ZlmortoiiKisleitklther Donnerstag, den 22. Febrnar, abends S'/j Uhr, findet im Lokal von Feind. IVeln-SltraLe 11, eine Oeffeutl. Versammlung statt. Referenten sind: die Kollegen Karl Arnbold und Reichstaas- Abgcordneter A. v. Firn-Hamburg. 2914b Das Erscheinen Alle r ist dringend notwendig.~WI Der Einbernfer. 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März, 8 Uhr abends, finden in Grofi-Berlin die Generalversammlungen der Wahlvereine statt, welche sich mit dem Normalstatnt und den Satzungen für die Einzettreise beschäftigen. Wie bitten Partei und Gewerkschaften, an diesem Tage keine anderen Veranstaltungen zu treffen. Der Aktious-Ansschufi. Zur Lokalliste! Am 24. b. Mts. veranstaltet der Männer- Turnverein in Schenkendorf bei Königs- Wuslerhausen im Lokal des Gastwirts Albert Schulz einen Maskenball. Da das genannte Lokal der Arbeiterschaft nicht zur Verfügung steht, weise man alle etwa angebotenen Billetts entschieden zurück. In Rudow, Kreis Teltow-Beeskow, steht das Lokal von Franz Reime, jetziger Inhaber Schäfer, der Arbeiterschaft nicht mehr zur Verfügung. Die Lokalkonnnission. Zossen. Am Mittwoch, den 21. d. M., findet unsere Wahl- Vereinsversammlung bei Schimke, Barutherslr. 51, statt. Wahlkreis Prenzlau-Angermünde. Sonntag, den 11. März, mittags 1 Uhr, tritt in Schwedt a. O. im Gasthof zum deutschen Hause unsere Parteikonferenz zusammen. Tagesordnung: 1. Bericht der Kreisvertrauensperson. 2. Gründung eines Kreiswahlvereins. 3. Verschiedenes. Der Vertrauensmann. Vorort- l�ackricdten. Charlottenburg. Eine außerordentliche Stadtverordneten- Sitzung findet am Donnerstag statt. Auf der Tagesordnung steht u. a. die Vor- läge betreffend Zuschlagserteilung auf die 1905er Anleihe, die sozial- demokratische Interpellation, die beim Magistrat anfragt, was er zu tun gedenkt, um die seit nunmehr zwei Jahren vorgenommenen Arbeitslosenzählnngen fruchtbar für die ermittelten Arbeitslosen zu gestatten, sowie die erste Lesung des Etats. Der Hauptetat balanciert in Einnahme und Ausgabe mit SV/g Millionen. Die Steuern sollen wie folgt festgelegt werden: Perionen mit einem Einkommen von nicht mehr als 900 Mark haben keine Gemeindeeinkommensteuer zu zahlen. Im übrigen beträgt der Zuschlag zur StaatSeinkommen- steuer 106 Proz. Die Gemeindegrundsteuer ist in Höhe von 162,34 Proz. der staatlich veranlagten Grund- und Gebäudesteuer °=- 2,4 pro Mille des gemeinen Wertes der bebauten und unbebauten Grundstücke, die Gemeindegewerbesteuer in Höhe von 1 Proz. der staatlich veranlagten Gewerbesteuer zu erheben, und zwar soll der Ertrag der Grund- und Gewerbesteuer zusammen einem Satze von 150 Proz. der staatlich veranlagten Realsteuern gleichkommen. Die Gewerbesteuer der in Klasse lV veranlagten Steuersätze von 4, 8 und 12 und— soweit der Bettag der im Jahre 1S05 aufgekommenen Warenhaussteuer ausweist— auch noch von 16 M. wird außer Hebung gestellt. Die Bettiebssteuer wird in Höhe von 100 Proz. der festgesetzten Bettiebssteuer, die Gemeindeumsatzsteuer in Höhe von 1 Proz. des Umsatzwertes der bebauten und 1�/g Proz. des Umsatzwertes der unbebauten Grundstücke erhoben. Die nach Maßgabe des Gebäudenutzungswertes zu erhebende Kanalisations- gebühr wird auf 1 Proz. festgesetzt. In der Automobilfabrik in der Wallstr. 13 war dem dort be- schäfttgten 20jährigen Schlosser Gustav Preuß, Charlottenburger Ufer 51 wohnhast, am Montagabend Benzin über die Arme gespritzt. Ohne darauf zu achten, nahm er eine brennende Petroleumlampe in die Hand, um sie auf einen anderen Tisch zu stellen. Dabei fing das Benzin Feuer und verbrannte dem Schlosser den linken Unter- arm sehr erheblich und brachte ihm am rechten Unterarm zwei fünf Markstück große Brandwunden bei. Er begab sich sofort zur Unfallstation in der Hertzstratze, wo ihm seine Wunden verbunden wurden. Gestern nachmittag um 8 Uhr schob der 27jShrige Telegraphenarbeiter Gustav Stolzenburg aus der Elbingerstr. 97 einen Hand- wagen über den Damm des Rankeplatzes. Als er die Straßenbahn- gleise kreuzen wollte, überhörte er das Warnungssignal eines daher- fahrenden Straßenbahnwagens der Linie 78, er wurde auf das Pflaster geschleudert und blieb erheblich verletzt liegen. Stolzenburg wurde nach der Unfallstation Zoologischer Garten gebracht, wo Hautabschürfungen an der linken Schulter, am linken Unterschenkel und ein Knöchelbruch festgestellt wurden. Nach Anlegung eines Not- Verbandes wurde er in einer Droschke nach seiner Wohnung geschafft. Lichtenberg. Tic Gemeindevertretung genehmigte in ihrer letzten Sitzung den kostenlosen Austausch einiger Grundslücke in der Rathausstraße und beivilligte aus vorhandenen Uebersckiiiffen früherer Jahre 10 679 M. zur Deckung der Unkosten, die anläßlich der Errichtung des eigenen Fuhrparks für Feuerwehr und Sttaßenreinigling entstanden sind. An die Bureaubeamten der Geineinde sind 1111 M. für Mehrarbeit gelegentlich der Bolkszädlung neben den mit Berlin ge- meinsam zu tragenden Unkosten gezahlt worden. Die Vertretung erteilte nachträglich die Zustimmung zu dieser Ausgabe, nachdem auf Anregung unserer Genossen der Gemeindevorsteher zugesagt hatte, das Resultat der Sondernusnahme den Gemeindevertretern nach Fertigstellung zu übermitteln. Die Polizeiverordnung, die Reinigung der Bürgersteige durch die Hausbesitzer betreffend, wird auf Antrag des Gemeindevorstehers aufgehoben. Der Antrag ist eine Folge des Ausganges eines Rechtsstreites, den die angeblich„besonderes Interesse an der Ent- Wickelung der Gemeinde nehmenden" Hansbesitzer anstrengen ließen und der da§ Ergebnis hatte, daß auf Unterhaltung und Reinigung der Bürgersteige durch die Gemeinde erkannt wurde. Die Anfrage unserer Genossen, ob der Gemeindevorstand nun die Kostenfrage auf Grund des Kommunalabgabengesetzes durch Erlaß eines Ortsstatuts zu regeln gedenke, rief sofort vier der Herren vom Besitz auf den Plan. Sie beruhigten sich erst, als der Gemeindevorsteher die Er- klärnng abgab, daß der Vorstand zu der Frage noch nicht Stellung genommen habe.— Die Kosten für Herstellung von Straßen- deleuchtnNgSvorrichtungen wurden für das Rechnungsjahr 1906 in gleicher Höhe wie im Jahre 1905 festgesetzt und weiter die Grundstücksbesitzer in der Hohen-Schönhausenerstraße, der Frankfurter Chanssee, der Eitelstraße und Wilhelm- straße, soweit im abgelaufenen Rechnungsjahre Bürgersteig- regulierungSkosten entstanden sind, in Gemäßheit des Ortsstatuts zu 75 Proz. der Kosten herangezogen.— Für die zu errichtende Desinfektionsanstalt, die am Feuerwachgebäude ihren Platz finden soll, werden 12 900 M. bewilligt und beschlossen, dort zugleich einen Unterkunftsraum für die Laternenwärter mit anzubauen.— Die erhobenen Einsprüche gegen die Gemeindewählerlifte wurden sämt- lich zugunsten der Einsprechenden erledigt.— Daß eine Gemeindevertretersitzung vorüber zehen sollte, ohne daß sich die Herreu Haus- besitzer aus Geineindeinitteln die in früheren Jahren einmal auf- gelvandten Bütgersteigherstellungskosten zurückbewilligen, erscheint ausgeschlossen. Dabei ist zu beachten, daß die größere Zahl der Antragsteller längst nicht mehr Besitzer der Grundstücke sind, für die sie jetzt Ersatzforderungen stellen, und obwohl bei den Verkäufen dieser Grundstücke die gehabten Aufwendungen längst in barer Münze wieder eingesäckelt worden sind, die Gemeinde muß bluten! Diesmal betrug der Aderlatz 2869 M.— Die Erteilung neuer Pflasterkonzessionen für den Ortsteil am Bürgerheim gab unseren Genossen Gelegenheit, darauf, hinzuweisen, daß es bei dem Mangel an öffentlichen Anlagen praktisch sein dürfte, die Terraingesellschaften, auf deren Baugelände öffentliche Plätze im Be- bauungsplane vorgesehen sind, zur BePflanzung dieser Plätze schon jetzt zu veranlassen. Das hätte den Vorteil, daß mit dem Einsetzen der Bebauung diese Plätze schon wirkliche Anlagen darstellen. Der Anregung soll Folge gegeben werden. Rixdorf. Die kürzlich bei dem Brande in der Münchenerstr. 20 in Rixdorf ums Leben gekommene Frau ist jetzt rekognosziert worden. Es handelt sich bei der Toten um die 88 Jahre alte auS Stettin ge- bürtige eheverlassene Martha Just, geb. Papke. Schöneberg. Der Stadtverordnetenversammlung lag am Montag eine statt- liche Anzahl wichtiger Punkte zur Beschlußfassung vor. Zunächst handelte es sich um die Petition eines Bezirksvereins wegen Ber- mehrung der hiesigen Schittimannschaft, die der Ausschuß dem Magisttat zu überweisen beanttagte, damit dieser bei dem Minister des Inneren in diesen Tagen vorstellig werden möge. Diese Angelegenheit gab dem Genossen K ü t e r Gelegenheit, auf die Bedürfnisfrage näher einzugehen. Unser Redner geißelte gebührend die Tätigkeit der Polizei am 21. Januar. Zu den zwei Versammlungen waren eine große Anzahl Beamten aufgeboten, die vielleicht dem wirklichen Zweck ihres Vorhandenseins, dem Schutz der Bürger entzogen waren, wie überhaupt politische Aktionen, wenn sie von Sozialdemokraten ausgehen, sich einer ganz besonderen polizeilichen Aufmerksamkeit erfreuen. Leider hat die Gemeinde selbst sich des Rechtes der Mitbestimmung über diese Institution begeben. Durch die Angliederung an die Berliner königliche Polizeiverwaltung habe die Bürgerschaft wohl das Recht zu zahlen, aber„nix to seggen".— Stadtv. Möllmann sang ein Loblied auf den schweren Stand der Schutzleute, Darauf wurde unseren Rednern durch einen Schlußantrag eine Er- widerung unmöglich gemacht. Der Ausschußantrag wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. Eine Petition des hiesigen Gastwirtevereins betreffend Erteilung derKonzessionenzum Ausschank einschließlich vonSpiritnosenusw. wurde einstimmig durch Nebergang der Tagesordnung erledigt. Ein Gesuch um Erhöhung der Mietsentschädigung der unver- heirateten Beamten sowie des Beamtenvereins um Aenderung der Besoldungsordnung wurde dem Magistrat als Material überwiesen, nachdem K ü t e r(Soz.) namens der Fraktion aus Gründen der Billigkeit dafür eingetreten war. Sodann gab es wieder eine länger als zweistündige Kranken- Hausdebatte. Der Stadtv. Leidig, früher Mitglied des Magistratskollegiums, schien seinem Unmut bei Gelegenheit der Kostenbewilligüng für Ausstattung des neuen Krankenhauses Ausdruck geben zu wollen. Er bemängelte zunächst, obgleich er früher als Vorsitzender der Hochbau- und der Krankenhausbau- deputation die Voranschläge selbst begutachtet, die Kostenüber- schreitungen der nur bis vier Millionen festgesetzten ersten Bauperiode. Nach seiner Ansicht hätte alles bedeutend billiger hergestellt werden müssen, nur um den diesjährigen Etat, über dessen ungünstige Balanzierung verschiedene Gerüchte um- laufen, nicht zu hoch zu belasten.„Müßte man nicht die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen", so ruft der Vertreter der zweiten Klasse aus,„daß die bewilligte Summe schon um 800 000 M. über- schritten sei?" Jedenfalls befürchtet dieser Stadtverordnete nicht, jemals ein Krankenhaus in Anspruch nehmen zu müssen.— Die meisten Redner, unter anderen auch unsere Genossen Küter und Hoffmann, wandten sich scharf gegen diese Ausführungen. Hoffmann betonte, daß Gelegenheiten zu wirklichem Sparen schon oft vorhanden waren, z. B. als es sich um den Beitrag zum Hochzeitsgeschenk des Kronprinzen oder um das teuere Experiment des Zleformgymnasiums handelte. Die Arbeiterschaft würde ein Sparsystem bei Ausgaben kultureller Natur nicht verstehen. Es sei schon ohnehin genug geknausert worden, und wie sollte eö erst beim Siechen- und Armenhause Iverden, dessen jetziger Zustand eine Schande für Schöneberg bedeute.— Die geforderten Mittel in Höhe von 341 600 Mark wurden einstimmig bewilligt. Unter Absetzung einer Reihe weiterer Punkte wurden sodann noch 20 000 M. zur Errichtung von Baulichkeiten und zum Ankauf von 15 Ackerpferden zur vorläufigen Bewirffchaftung unseres Riesel- gutes in Ragow bewilligt. Nach den Angaben des Dezernenten sind von der in Betracht kommenden Fläche bereits 700 Morgen optiert, während weitere 2000 Morgen noch brach liegen. Mit seinen Autoinobil- Löschwagen hat die Schöneberger Feuer- wehr anscheinend großes Pech. Vor einiger Zeit wurde die Auto- dampfspritze in der Maxstraße bei einer Karambolage schwer be- schädigt und mußte vier Wochen außer Betrieb gesetzt werden. Gestern nachmittag hatte der Automobil-Löschzug, der von der Automobilausstellung nach dem Depot zurückgebracht werden sollte, großes Malheur. Beim Äusbiegen eines elektrischen Straßenbahn- wag...s kam es zu einem Zusammenstoß, wobei dem Auto die Achse gebrochen wurde. Man mußte das Fahrzeug daher ins Schlepptau nehmen. Rummelsburg. Der Boxhageuer Gniudbesitzerverein wendet sich in einer Petition um Herabsetzung des Kommuualstener-Zuschlages von jetzt 150 Proz. auf 130 Proz. an die Genieindevertretung solvie an die Oeffentlich- keit. Eingangs der Petition wird behauptet, daß dem Boxhagener Grundbesitzerverein im vorigen Jahre wiederholt das Versprechen gemacht worden sei, daß auch in diesem Jahre eine weitere Herab- setznug des Steuerzuschlages erfolgen würde. Wer ein solches Ver- sprechen abgegeben hat, ist leider vergessen worden anzuführen, daß es ein Mitglied vom Geineindevorstand sein sollte, ist kaum i Inserate Sechszelpaltene Rolonelzellt 20 Pf 9. 1 I Bei arOBeren Bukträgen entsprechenden Rabatt. anzunehmen. Bezeichnend für die Boxhagener Grundbesitzer ist eS aber, daß die Herren allem Anscheine nach kein Verständnis dafür haben, daß von vernünftigen Leuten ein solches Versprechen überhaupt nicht gegeben werden kann. Bei einem Orte von der Größe und Entwickelung wie Boxhagen- Rummelsburg können die Steuerverhältnisse mit Bestimmtheit niemals voraus be- urteilt iverden, auch konnte speziell in diesem Jahre, wo weit über zwei Millionen Mark zu Zwecken bewilligt wurden, ans denen Einnahmen nicht zu erwarten find, auf eine Herabsetzung nicht gerechnet werden. Weiter wird behauptet, daß bei Nichterniäßigung der Steuern eine große Anzahl Wohnungen und Läden trotz billiger Mieten leer bleiben, auch würden diejenigen Mieter, welche bereits gemietet haben, bei Bekanntwerden der Nicht- ermäßigung so schnell wie möglich den Ort wieder verlassen. Auch die annen Fabrikbesitzer und Geschäftsinhaber seien bei Nichtermäßigung gezwungen, sich in der Stadtbahn in den Abteilen zweiter Klasse zu drängen, da sie durch Er- sparungen an den Kommunalsteuern, die sie hier zu zahlen hätten, in den westlichen Vororten mietefrei wohnen. Aber auch für die nun einmal nicht zu leugnende Tatsache, daß der Zuzug im letzten Jahre bei einer Einwohnerzahl von jetzt 35 000 über 9000 betrug, wissen die Herren Grundbesitzer eine Erklärung. Es heißt in der Petition:„Der große Zuzug ist nur zurückzuführen auf das Be- kanntwerden des Versprechens, daß auch in diesem Jahre eine weitere Herabsetzung des Steuersatzes erfolgen wird. Ob wohl auch nur einer von den Zugezogenen von einem solchen Ver- sprechen etwas weiß, und nur auf Grund dessen zugezogen ist? Es wird dann weiter gesagt, daß die vorjährige Herabsetzung um 10 Proz. einen Ausfall von etwa 14 000 M. ergeben habe, und demnach der Ausfall in diesem Jahre bei einer Herabsetzung um weitere 20 Proz. nur etwa 28 000 M. betragen wird. In Wirklich, keit betrug aber der Ausfall im vorigen Jahre nicht 14 000 M., sondern 33 930 M. und zwar 14 200 Pk. bei der Einkommensteuer, 17 600 M. bei der Grundwertsteuer und 2130 M. bei der Gewerbesteuer. Bei einer Ermäßigung»nchveitere 20 Proz. in diesem Jahre würde der AuS- fall dieSumme von mindestens 75 000 M. erreichen, und zwar 33 000 M. bei der Einkonnnensteuer, über 37 000 M. bei der Grundwertsteuer und etwa 5000 M. bei der Gewerbesteuer. Daß eine solche Summe für eine Gemeinde, welche fast noch alle Wohlfahrtseinrichtungen für die ärmere Bevölkerung zu schaffen hat, keine Rolle spielen sollte, werden auch die Boxhageuer Grundbesitzer kaum behaupten wollen. Wenn man die Herren Hausbesitzer so lameniieren hört, so sollte man wirklich meine», ihnen sei das Wohl der armen Mieter an das Herz gewachsen, in Wirklichkeit kommt die Sache aber darauf hinaus, durch noch größeren Zuzug die Nachfrage nach Wohnungen und Läden zu erhöhen, um dann anstatt der Steuerschraube die Miets- schraube anziehen zu können. Daß eine Herabsetzung des Steuersatzes allen Steuerzahlern sehr erwünscht sein würde, haben wir nicht nötig weiter zu betonen. DaS ganze Geschrei der Herren war ganz überflüssig, denn es liegt in der Hand dieser Hausbesitzerpartei, ob die schrecklichen Verhältnisse, wie sie in der Petition geschildert werden, eintreten sollen oder nicht. Wenn die Vertreter des Grundbesitzes einer Erhöhung des Zuschlages zur Grundwertsteuer von jetzt 3 Proz. auf 3Vio Proz. zustimmen würde», so erzielte die Gemeinde einen Mehrertrag von etwa 40 000 M., der Ausfall bei einer Ermäßigung der Einkommen- steuer von 150 Proz. auf 130 Proz. und der Gewerbesteuer von 225 Proz. auf 195 Proz. würde etwa 38 000 M. betragen, es wären dann sogar noch 2000 M. für Wohlfahrtseinrichtungen übrig. Die Mehrbelastung der Hausbesitzer würde bei einem Grundstückswert von 100 000 M. 40 M. pro Jahr betragen; wenn dadurch aber die Vernichtung von Boxhagen- Rummels- bürg verhütet werden kann, so müßte dieser Grund allein schon genügen, um diese kleine Belastung gern zu tragen.— Dazu kommt aber noch, daß sämtliche Wohnungen und Läden preiswerte Mieten erhalten, mithin auch die finanziellen Vorteile sehr große sein würden. Also wie wäre eS? Ein dreister Einbruchsdiebstahl ist am gestrigen frühen Morgen in dem Beamtenhause in Rummelsburg verübt worden. Während die Wohnung des LehrerS I. auf kurze Zeit leer stand, drangen die Einbrecher mittels Nachschlüssels ein und als später die Töchter des Wohnungsinhabers erschienen, bemerkten sie zwar, daß die Zimmer beleuchtet waren und daß Personen darin herumgingen, konnten jedoch keinen Einlaß erhalten. Es wurde nun die Polizei be» nachrichtigt, welche die Korridortür gewaltsam öffnen ließ. Die Einbrecher, welche„Lunte gerochen", hatten sich jedoch inzwischen durch die Hintertür entfernt, Einen großen Neisekorb, in welchen sie Silbersachen. Wäsche usw. eingepackt hatten, ließen die Diebe bei der Flucht im Stich. Sie waren auch gerade bei einem Zechgelage gestört worden, denn auf dem Tische standen noch eine unbenutzte Flasche Wein und eine Reihe von Gläsern. Erbeutet hatte die Bande bares Geld und mehrere wertvolle Gegenstände. Steglitz. Der erste Zusammenstoß ans der neuen Grunewaldbahn hat gestern stattgefunden. In der Nähe des Rathauses in Steglitz fuhr das Automobil 55 1166, das sich, in der Richtung nach Berlin be- wegte, mit dem Wagen Nr. 1 der Grunewaldbnhn zusammen. Die fünf Insassen des Automobils kamen glücklicherweise nur mit dem Schrecken davon. Dagegen ist der entstandene Materialschaden recht erheblich. Ober-Schöneweide. Fast ertrunken wäre gestern nachmittag der vier Jahre alte Sohn de? Arbeiters Wadke aus der Rathenaustr. 3. Der Kleine hatte mit änderen Kindern an der Böschung des SpreeuferS gespielt, als er plötzlich hinunterstürzte und gegenüber dem Lokale„Zum Kysihäuser" in de» Fluten verschwand. Während die Gespielen die Flucht er- griffen, machten sich die in der Nähe weilenden Arbeiter Schäfer und Wikas an die Rettungsarbeit und warfen sich in das nasse Element. Nach einigem Suchen gelang es den Braven, den leblosen Körper zu erfassen. Sofort angestellte Wiederbelebungsversuche Ivaren von Erfolg begleitet und so konnte der Kleine der geängstigten Mutter übergeben werden. Wenn keine weiteren Folgen sich einstellen, ist die Hoffnung vorhanden, den Knaben am Leben zu erhalten. Bei dem am Soimabend, den 17. Februar, bei Mörner, Ostendstraße, stattgefundenen MaSkenballl des Arbeiter-GesangvereinS Liedertafel ist einem Genossen auf dem Nachhausewege ein Porte- monnaie mit zirka 43 Mark verloren gegangen. Der ehrliche Finder wird gebeten, dasselbe bei Noack, Marienstr. 1(bei Ehle) gegen Belohnung abzugeben. Johannisthal. Der Berkauf des v. Trützschlerschen Geländes zu Bauzwecken hat den Verweser der Pfarrei Rudow veranlaßt, an die Geineide- Vertretung etn Gesuch um Uekerlassung etneS Platzes zu etnem Kirchenbau zu richten. Die Religion mutz doch dem Volke erhalten lverdcn. Die Vertretung nahm indes ihren Beschlutz vom Jahre 1S()3 wieder auf. nach dem sie den Kirchenbau der Kirchengemeinde ilberlützt. Ein Gesuch, dem Schuyverein zur Erhaltung deS Deutschtums im Auslände einen jährlichen Beitrag von 2S M. zu leisten, wurde dahin erledigt, daß eine einmalige Unterstützung von 100 M. bewilligt wurde. Unsere Genossen brachten ihren gegenteiligen Standpunkt dahin zum Ausdruck, datz es in erster Linie die örtliche Schule zu verbessern gelte, dafür solle man lieber Mittel be willigen.— Der Gemeindevorsteher gab bekannt, datz auf den Antrag der Gemeindeverwaltung, am Aufgange zur Bahn einen Fahrkartenschalter zu errichten, vom Eisenbahn minister die Antwort eingelaufen sei, datz ein solcher Schalter an der Nieder-Schöneweider wie Johqnnisthaler Seite eingerichtet werden solle.— Da auch unsere Patrioten anlätzlich der Silber- Hochzeitsfeier des KaiserpaareS nicht zurückbleiben wollen, beantragte Herr Dr. Rich, 5000 M. zum Fonds eines TurnhallenbaueS zu stiften, natürlich auS Steuermitteln. Unsere Parteigenossen fanden mit ihren Darlegungen, doch eine solche gemeinnützige Sache nicht mit einem derartigen Anlatz in Verbindung zu bringen, kein Gehör. Der Antrag wurde angcnomnien. Der Antrag des Rektors, einen zwölften Lehrer anzustellen,, fand keine Zustimmung, jedenfalls ist für einen derartigen kulturellen Zweck kein Geld da, ganz wie wo anders. Am Schlüsse der Sitzung weigerte sich der Gemeinde- Vorsteher, auf einige an ihn gerichtete Fragen Antwort zu geben, auch die Protokollierung dieses Vorganges verweigerte er. Es handelte sich darum, warum wichtige, zum Teil schon über ein Jahr alte Gemeindebcschlüsse nicht ausgeführt feien. Die Schuld schiebt der Gemeindevorsteher auf die Gemeindevertretung, die ihm die dazu nötigen Kräfte vorenthalte. Die Parteigenosse« der Orte AdlerShof, Alt-Glienicke, Köpenick, Nieder-Schöncweide, Johannisthal, Britz, Rudow» Baumschulenweg werden darauf aufmerksam gemacht, datz Herr Zahn in Rudow unseren Genossen seinen Saal zu Versammlungen verweigert, und zwar weil er sich besseres Publikum heranziehen will. Da Herr Zahn aber auch Bäckermeister ist und feine Ware in den obigen Orten zum Berkauf bringt, so dürfte eS eine Ehrenpflicht der Partei- genossen in den obigen Orten fein, dafür zu sorgen, datz Herr Zahn auch das bessere Publikum feine Backware konsumieren lassen möge. Wird in diesem Sinne überall verfahren, so dürste der Herr bald einsehen, datz er mit der organisierten Arbeiterschaft rechnen muß. Die Wahlvereinsvorstände von Johannisthal, Rudow. AdlerShof, Nieder-Schöneweide und Alt-Glienicke. Wilmersdorf. Ein bedauerlicher Unglücksfall ereignete sich am Montag auf dem Neubau Berliner-, Ecke Uhlandstratze. Beim Abbruch des Fahrstuhls fiel eine Eisenschiene einem untenstehenden Lehrling auf den Kopf. Mt einer klaffenden Kopfwunde wurde der Bedauernswerte mittels Krankenwagens dem 5lrankenhause zugeführt. Biesdorf. Eine UngkückSstätte. Als der gestern nachmittag g Uhr 55 fällige Güterzug nach KaulSdorf eben den Uebergang bei Biesdorf passiert hatte, kreuzte ein Gespann vom Dominium Biesdorf da» Gleise in dem Augenblick, als der Güterzug von KaulSdorf herangesaust kam. DaS auf den Schienen befindliche Pferd wurde gänzlich zer- malmt, der Kutscher kam noch glücklich davon. Da nun in der frag- lichen Zeit von 3 bis 3'� zwei Stadtbahn- und zwei Güterzüge je einer von und einer nach Berlin diese UebergangSstelle passieren, autzerdem aber alle mit dem 312 fälligen Stadtbahuzuge mitwollende Personen dies. Stelle kreuzen müssen, so wäre dringende Abhülfe am Platze; auf dahingehende Gesuche an die kgl. Eisenbahndirektion ist bis dato nichts geschehen. Nun ist aber Biesdorf auch gleichzeitig Station für Wuhlgarten, und alle von Berlin kommenden Besucher sztrka 25 000 Personen im Jahre) müssen diesen Unglückspunkt über- schreiten; ein Unglücksfall in größerem Maßstäbe steht also täglich bevor. Kalkberge- Rüdersdorf. Zu dem großen Einbruch in Kalkberge- Rüdersdorf. 6460 M. deutscher ReichSanleihe, welche bei dem kürzlich in Kallberge'- RüderS- dorf verübten Einbruchsdiebstahl erbeutet wurden, stnd jetzt in Wilmersdorf ermittelt worden. Bei der dort wohnhasten Rentiere W. erschien kurz nach Ausführung deS Diebstahls ein Mann, der sich als Reutier Bauer aus Strausberg vorstellte und angab, er sei in höchster Not. Frau W. möge ihm doch kür 6460 M. Papiere ab- nehmen. Da die Rentiere von dem Diebstahl noch nicht» wutzte, »ahm sie dem angeblichen B. auch die Papiere, die in deutschen Reichsanleihen bestanden ab. Zweifellos steckt unter dem Rentier Bauer der Urheber des Einbruchs selbst. Es existiert allerdings in Strausberg ein Rentier Bauer, doch hat derselbe mit der Angelegen- heit nicht das geringste zu tun. Den gleiche» Namen hatte der ae- jährliche Einbrecher auch am Morgen nach dem Diebstabl dazu mitz- braucht, um in einem Berliner Bankgeschäft einen Teil der ge- stohleiien Papiere loszuschlagen. Die Polizei hat zur Ermittelung des falschen Rentiers Bauer eine eifrige Tätigkeit entwickelt. Spandau. Der Rückgang der Schlachtungen am hiesigen Orte wird durch folgende Zahlen recht lebhaft illustriert. Es wurden geschlachtet: Großvieh Jungvieh.. Kälber. Schafe... Schweine Pferde.. 1904 8259 Stück 609„ 3787_ 3307„ 21010, 322„ 1905 8037 Stück, weniger 222 633„ mehr.. 24 3593„ weniger 189 3799, mehr.. 492 Stück. 18212„ weniger 3404. 396. mehr.. 73. Die Schweineschlachtungen sind in ganz erheblicher Weise zurück- gegangen, während die Pferdeschlachtunaen zugenommen haben. Ob die vom Minister Pod in Aussicht gestellten Schweinemeister eine Aenderung Herbeiführen werden? Der Bericht über das Asyl für Obdachlose liefert einen krassen 'Beitrag für die„Herrlichkeit" unserer Gesellschaftsordnung. Die stärkste Frequenz im Jahre 1904 hatte der Monat Februar mit 475 Personen. Im Januar 1906 wurde daS Asyl von V08 Personen aufgesucht. Berliner IVacbricbten. DaS verkrachte„Silberfest". Das sogenannte„Silbersest", daS gestern abend im Neuen Opernhause(Kroll) stattfinden sollte, ist in letzter Stnndc aufgeschoben werden. Der Rechtsanwalt BuderuS, der nun doch noch existiert, hat verschiedenen Zeitungen eine ErNSrung ge- schickt, in der eS heißt: „Wegen eingetretener Erkrankung mehrerer Künstler, an deren Mitwirkung mit Rücksicht auf die hohen Eintrittspreise besonders gelegen war. ist das Silberfest vom 20. Februar 1906 auf Sonntag, den 11. März, abend» 7 Uhr. bei Kroll verlegt worden. Die Einlatzkarten behalte» Gültigkeit." Natürlich sind die Erkrankungen ebenso fingiert, da ja die Künstler, an deren Mitwirkung Herrn BuderuS gelegen war, niemals zugesagt haben. In diesem Falle bedeutet aufgeschoben aufgehoben. Der Schluß dieses Festes dürfte sich günstigen- falls in Moabit abspielen, denn es wird berichtet, daß bereits ein polizeiliches Ermtttelnngsverfahren gegen die Veranstalter eingeleitet sei. Ob dabei etwas herauskommen wird, steht dahin, da ein Redakteur des„Wolssscheu Telegraphenbureaus" schreibt, daß Herr B. Morphinist und Alkoholist sei und den Eindruck eineS geistig abwesenden Menschen mache, man ihn also schwer wird gerichtlich verantwortlich machen können. Er soll in den letzten Tagen 635 M. Schulden für Automobil- fahrten gemacht, die Bezahlung aber einer bekannten Familie überlassen haben. Auch habe er keine dauernde Wohnung. Er wohnte in der letzten Zeit in der Winterfeldt-, Lützow- und Bülowstraße, besorgte den Umzug auf einem Auto und ist gegenwärtig unbekannten Aufenthaltes. Er befindet sich stets in Begleitung zweier großer Hunde und trägt einen Revolver, um sofort„Rechtfertigung" zu verlangen, wenn ihn jemand schief ansieht. Zur Charakterisierung deS ganzen WohltätigkeitShumbugS bilden die Vorbereitungen zu diesem Silberfest einen köstlichen Beitrag. Ueber diesen Hergang wird folgendes geschrieben: „In den ersten Tagen des Januar versandte Rechtsanwalt BudsruS gedruckte Karlen, in denen die Empfänger eingeladen wurden, durch Unterschreiben einer beiliegenden gedruckten Beiiritts- erklärung in daS Komitee des nunmehr iattiam bekannten Silber- festes einzutreten. Offenbar ist also Rechtsanwalt BudürnZ der geistige Urheber dieser eigenartigen Unternehmung. Hier- für sprechen noch mehrere andere Umstände. In einer von ihm geleiteten gesellschaftlichen Vereinigung, die ihre Reunions und Bälle meist an Donnerstagen veranstalteten, hat Rechtsanwalt BudöruS nämlich wiederholt ein- gehende Mitteilungen über daS geplante Silberfest gemacht und, wie bestätigt werden kann, die Mitwirkung aller in den versandten Programmen genannten Persönlichkeiten, unter denen — nebenbei gesagt— kaum ein einziger berühmter Name fehlte, als vollendete, feststehende Tatsache hingestellt. Obwohl die bombastischen Erklärungen, die Rechtsanwalt B. vom Stapel Uetz, stark angezweifelt wurden und klar auf der Hand lag. datz das Silberfest auf unglaublich schwachen Grundlagen vorbereitet wurde, Uetz sich doch eine ganze Anzahl Mitglieder bestimmen, für das Silber- fest Propaganda zu machen, und da Rechtsanwalt BudvniS versprochen hatte, datz eine grotze Firma die erforderlichen Kostüme für eine „Silber-Brautqua drille" gratis ziw Verfügung stellen würde, fanden sich auch mehrere jüngere Mitglieder.meist Damen, die sich bereit erklärten, bei dieser Ouadrille mitzuwirken. ES haben auch tat- sächlich schüchterne Versuche. Proben hierzu zu inszenieren, statt- gefunden und zwar im Restaurant Fürst Blllow, Potsdamerstratze, und im Hotel Prinz Albrecht, Sie blieben aber Versuche, denn die meisten der Mitwirkenden waren sich der Zweifelhafttgkeit der ganzen Sache bewutzt und zogen sich allmählich zurück. Bei einem Balle der schon mehrfach erwähnte» Gesellschaft, der am 6. Februar im Hotel Kaiserhof abgehalten wurde, erklärte Rechtsanwalt BudsruS in einer Tischrede. Prinz Joachim Albrecht habe in einer ihm gewöhnen Audienz den Wunsch geäutzer», datz bei dem Konzert, das gelegentlich des Silberfestes stattfinden sollte, eine Komposition von ihm zum Vor« trag gelangen möchte. Diese Mittteilung konnte in der Form, wie sie Rechtsanwalt B. machte, den Eindruck erwecken, datz der Prinz fein Erscheinen aus dem Feste zugesagt habe. Es scheint, al« ob er durch seine unwahren Behauptungen nur den Zweck verfolgte, da» Publikum mit den Namen der Berühmtheiten und die Berühmt« Heiken mit der feststehenden Tatsache, datz so nnd so viel tausend Teilnehmerkarten ausgegeben feien, zu ködern. Wie Rechtsanwalt B. zur Vorstandschast der erwähnten ge- sellschaftliche» Vereniigung kam, ist wohl keinem der Mitglieder klar; offenbar sind die Veranstaltungen dieser Vereinigung lediglich geschäftliche Veranstaltungen des Herrn B., von dem stets die Einladungen ausgehen und der von den„Mitgliedern" alljährlich Mitgliedsbeiträge einzuziehen pflegt. ES ist vielleicht nicht uninteressant, datz der„Vorstand" der Vereinigung, bei der übrigens auch zahlreiche Offiziere in Uniform verkehren, auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege des ZeittingSinseratS Gäste aufzutreiben bemüht ist, denen nach einiger Zelt MitgliedSbeitragSquittungen präsentiert werden." Nachdem diese Veranstaltung so elendiglich in die Brüche gegangen ist, wird wohl bei unseren Flottenschwärmern tiefe Betrübnis einkehren, denn der Ertrag oeS Festes sollte ja für die Flotte verwendet werden, natürlich gedeckt worden wären, und die waren Wieviel Personen bei dieser Geschichte zieht sich unserer Kenntnis.--- nachdem die„Unkosten� sicherlich keine geringen. die Geleimten sind, ent- MietSvertröge. DaS Polizeipräsidium warnt davor, Mietsverträge über Räume in neuerbauten oder umgebauten Häusern für eine Zeit abzuschlietzen, zu welcher die von der Ausfertigung des Rohbauabnahme- Scheines ablausende Frist von sechs Monaten für die Gebrauchsabnahme- Prüfung noch nicht verstrichen ist. da die Polizetorgane vor Ablauf dieser Frist das Beziehen der fraglichen Räume nicht dulden und nach den gesetzlichen Bestimmungen auch nicht dulden können. Die Polizeireviere werden nach wie vor auf Anfragen au» dem Publikum über den voraussichtlichen Termin der Beziehbarkett von Wohnungen in neuen beziehungsweise umgebauten Häusern bereit- willigst Auskunft erteilen. Die neue Untergrundbahn. Der AuSschnh zur Vorberawng der Untergrundbahn Siemen« u. HalSke verwendete seine heutige Sitzung lediglich zur Erörterung der F>age, ob die Bahn in der Schönhauser Allee als Untergrund- oder Hochbahn gebaut werden soll. Seiten» der sozialdemokratischen Vertreter war ein Eventualantrag eingebracht, wonach, falls der Vertrag genehmigt werden sollte, der Gesellschaft auszngeven ist, die Bahn auch in der Schönhauser Allee al« Unter- a r u n d b a h n auszubauen. Der Antrag wurde gegen fünf Stimmen abgelehnt. Die Schöndaufer Allee wird also zu- gunsten der«»SdeutungSgelüste einer privatkapitalistischen Gesellschaft verhunzt werden. Die Weilerberatung wurde dann vertagt. Der Arbeitsnachweis für stödtische Arbeiter, welcher dem ZentralarbeitSnachwei« angegliedert ist, erfreut sich, wie un» auS den Kieisen städtischer Arbeiter geschrieben wird, seit einigen Woche» einer wachsenden Unbeliebtdeir einzelner slädiischer BerwaltungS« zweige, wie aus folgende»» ersickilich ist. In der verflossenen Woche ivurden fünf Arbeiter für die öffentliche Beleuchtung von dem betreffenden BetriebSinsvekior verlangt. Anstatt nun die ein- geschriebenen arveitslose» städtischen Arbeiter zu berücksichtigen, wurden ausdrücklich solche Arbeiter verlangt, welche noch nicht in städtischen Beirieben beschäftigt getvesen sind. Gestern wird unS der gleiche Fall gemeldet, der dieselbe Verwaltung beliisst. DaS gab Bernnlaslnng. den Verwalter deS Nachweise« über dieie sonderbare Angelegenheit zu interpellieren. Die Antwort lautete, datz in der Tat anSdrückiich betont � worden fei, datz die einzustellenden Arbeiter noch nicht in städtischen Dienste» be» schäftigt gewesen sein dürfen, obwohl der Venoaller de» Rachweise« ans die bezügliche MagistratSversügung hingewiesen habe. Während seinerzeit vom Magistrat versichert wl»de. datz die einzelne» Ver- walinngSzweige ihren Bedarf an«rbeitsträften beim RachweiS für släd'iiche Arbeiter decken sollten, scheinen die unteren Betrieb»« inspeltoren sich absolut nicht daran zu lehren. ES ist nicht da» erste Mal. daß die unteren Organe der Stadtverwaltung sich Dinge herausnehmen, die ihnen nicht zustehen, wü» slt enswert wäre e« ober sestznsirllen, ob der Magistrat und die Stadtverordnetem mit diesen. Vorgehen einverstanden sind. Ein Konknrrenzmanöver? Gegenwärtig verschickt ein Anonym»? an Architekten und Maurermeister ein gedrucktes Zirkular mit der Ueberschrift: AuSzug au» der Nr. 10 dcS„Vorwärts" vom 13. Januar 1906. In diesem Zirkular ist eine in unserem Blatte enthaltene Gerichtsverhandlung abgedruckt, die sich auf eine Privat klage der Fahrstuhlunternehmerfirma W. Ritsch gegen den Bor- sitzenden der Berliner Filiale deS BauhülfSarbeiter- Verbandes Genossen Karl Heidemann bezieht und die für Herrn Ritsch nicht gerade schmeichelhaft verlief. DaS Resultat war, datz Herr Ritsch die Klage zurückzog. AuS dem Umstände, datz dieses Zirkular an Architekten und Maurermeister versandt wird, kann nur auf ein niedriges Konkiirmizmanöver geschlossen werden. Wir brauchen wohl nicht erst besonders zu erklären, datz wir dieser Sache vollständig fern stehen, das gleiche trifft zu aus die Organisation der Bau- hülfsarbeiter. Die Beschwerde der Droschkenkutscher gegen die Polizeiverordmmg vom 23. November v. I. betreffend den Verkehr unbesetzter Droschken in der Leipziger- und Friedrichslratze, am Potsdamer Platz usw. hat der Minister des Innern Herr v. Bethmann- H o l l w e g nunmehr nach eingehender Prüfling der einschlägigen Verhältnisse beantivortet. Der Bescheid lautot in ablehnendem Sinne. Wie seinerzeit gemeldet, richtete sich die Beschwerde der Droschkenführer hauptsächlich gegen die R e ch t S g ü l t i g k e i t der Polizeiverordirung und zioar aus dem Grunde, weil die Interessenten bei der Neuregelung dieser Dinge nicht mitgewirkt hätten und Vor Erlatz der Verordnung nicht geHort worden teien. Neber Hrnnig wird gemeldet, datz er noch in Berlin vermutet wird und allem Anscheine nach ftemde Hülfe genietze. Der anhaltende Hochwasserstand der Spree hat bereits einen fast unberechenbaren Schaden verursacht, am so mehr, al» auch die Früh- jahrSbestellung der überschwemmten. an der Spree belegenen Ländereien unmöglich ist, auch wenn das Wasser noch bis zum nächsten Monat zurücktreten sollte. Aber nicht nur auf dem Lande, sondern auch in den Städten verursacht das Hochwasser erheblichen Schaden. Die Bautätigkeit auf den Jndenwiesen in Moabit ist teilweise zer- stört: schon seit Monaten ist ausgeschachtetes Gelände durch das von dem Wasserstande der Spree abhängige Grundwasser überflutet und obwohl mit Hand- und Dampfpumpen Tag und Nacht gearbeitet wird, ist es bisher noch nicht gelungen, das Gelände wassmrei zu halten. Das Grundwasser ist auch in zahlreiche Keller in Moabit und im Schlesischen Tor-Viertel eingedrungei», so datz hier schon seit Monaten die Räume unbennvbar sind. Aehnlich liegen auch die Verhältnisse in den an der Oberspree belegenen Städten, woselbst das Grundwasser teilweise zu Tage tritt. An einen Rückgang des Wasserstandes ist vorläufig noch nicht zu denken, da svivohl die Oberspree-Seen als auch der Spreewald noch anhaltendes Hoch- wasser aufzuweisen haben. Einen rohen Bubenstreich, welcher leicht zu einer Verhängnis- vollen Katastrophe hätte führen können, verübten vorgestern abend gegen 7 Uhr in der Allguststratze, nahe am Koppenplatz, zwei etwa zwanzigjährige RowdieS. Zur genannten Zeit stand vor einem Zigarrengeschäft eine Dame, deren Mann in den Laden getreten war. um Einkäufe zu machen. Zwei junge Burschen näherten sich unbemerkt der vor dem Schaufenster stehenden Frau, zündeten ein Streichholz an und setzten die kostbare Federboa in Brand, welche die Dame um den Hals trug. Sofort loderten die hellen Flammen einpor. Glücklicherweise gelang es Passanten, die Boa von dem Körper der Bedrohten herunterzureihen, bevor die Kleidung Flammen fing, so datz die Dame vor ernstlichen Verletzungen bewahrt blieb. Ein Wächter, der sich nach seinem Dienst begeben wollte»lnd den Vorfall mit ansah, nahm die Verfolgung der beiden RowdieS auf, und es gelang ihm auch dieselben einzuholen und mit Hülfe von Passanten nach der Polizeiwache zu schaffen. Und immer wieder Lysol. Wegen starker Eifersucht unternahm gestern die 24jährige Plätterin Albine Votz einen Selbstinordversuch. Sie war mit einem Bauarbeiter verlobt und glaubte, dieser gebe ihr Grund zur Eifersucht. Da« bedauernswerte Mädchen beschlotz nun in den Tod zu gehen. Kurz bevor sie zu dem Selbstmordversuch schritt, schickte sie ihrein Bräutigam ein Telegramm und setzte ihn dadurch von ihrem Borhaben in Kennwis. Die sofort benachrichtigte Polizei muhte gewaltsam in die Behausung der Lebensmüden eindringen. Die V. hatte bereits ein grotzes Ouantum Lysol ge- trunken und kam in bedenklichem Zustande in daS Krankenhaus.— Gleichfalls durch Lysol versuchte der Arbeiter Albert Rode, Glasow- stratze 3t wohnhaft, seinem Leben, ei» Ende zu bereiten. Auch da» Befinden des R. ist trostlos. DaS Motiv zu dem Selbstmordversuch ist auf Familieiizivistigkeiten zurückzuführe».— Ein älterer Herr in der Blumenstratze, der später als der Posthülfsbote Ernst Dietze fest- gestellt wurde, genotz gleichfalls von dem Gift. Er mutzte nach dem Krankenhaus am Friedrichshain gebracht werden, wo er auf den Tod dairiederliegt. Sin folgenschwerer Zusammenstoß im Straßenbahnvetrirbe fand gestern nachmittag am Ranleplay statt. Dort stietz der Straßen- bahnwagen Nr. 2717 der Linie 78 mit einem Posikabelwagen zu- sammen nnd zivar mit solcher Geivalt, datz der 27jährige Telephon- arbeiter Gustav Stolzenburg, Elbingerstr. 17 wohnhaft, auf die Stratze geschlendert und schwerverletzt davoirgetragen wurde. Der Bedauernswerte halte an der Schulter und an den Unterschenkeln zahlreiche Hautabschürfungen sowie einen Knöchelbruch und innere Verletzungen davongetragen: er erhielt die erste Hülfe in der Uiifall- station XX am Zoologischen Garten. Etn Einbrecher und Scheckfälscher ist jetzt ermittelt und ver- hastet worden. Vor einiger Zeit wurde in der Schallplattenfablik von Dr. Grünbaum, Schlnkeftr. 18, ein EinbrnchSdiebstahl verübt. wobei den Dieben ein Grammophon. 60 Schallplatte» sowie eine eiserne Geldkasselte mit zwei Scheckbnchformularen, mehreren Wechseln und barem Gclde zur Beute fielen. Am Tage nach dem Einbruch wurde in dem Bankgeschäft von Löwenderg u. Co. in der Jägersir. 10 durch einen Hoteldiener etn Scheck über 6000 Mark mit der gefälschten Unterschrist de? Herrn Dr. Grün- bäum zur Zahlung präsentiert. Da aber daS Bank- hauS von dem Diebstahl bereits unterrichtet war, wurde der Holeldiener festgel alten und die Polizei herbeigeholt. In- zwischen war jedoch der unbekannte Anstraggeber, der auf der Stratze gewartet hatte, fpurlo» verschwunden. Ter Vergleich zahlreicher Handschriften führte schliehiich auf die Spur eineS Reisenden Friedrich, der früher in der erwähnten Fabrik rätig war. ES wollte jedoch nicht gelingen, den Verdächtigen dingfest zu machen, da er keine feste Wohnung besah. Jetzt hat jedoch F. in der Voltastratze sein Schickial ereilt. Er wurde dort von Knmiiialbeamteii erkannt und verhaftet. In seinem Besitze fand man ei» ganzes Arsenal von DiebeshaildwerkSzeug. F. ist dem UulersuchungSrichter vor- geführt worden. Vermiß». Seit dem 14. Dezember 1906 wird der Milchhändler Ferdinand Wisweh. am II Mai 1840 zu Königsberg i. Pr. geboren. oerniitzt. Beschreibung: Grütze l,75 Meter; Statur: schlank, kräftig; Haare: blond, voll: Bart: blonder Schirnrrbait, Augen: grau. Zähne: sevlen oollsländig, Gesicht: rund. Kennzeichen: Trauring H.T gezeichnet. Bei seinem Fortgänge war derselbe betleidet mit schwarzem, steifen Hut, grauem Rock, dunkler Weste und Hose(Pfeffer und Salz), ichwarze» Zngstiefeln. schwarzen, langen Strümpfen. Trilvthemd. darüber ein weihe» Leinenheind(gez. F. W.), schwarzem Servileur, und führte eine» ichtvarze» Regen'chirm mit silberner Krücke bei sich. Bon den Kleidern sind am 15. Dezember l90S einige, wie Joppe, Hut. Schirm, am Tegeler See in einem Kahn anfgesunden worden, die Leiche de« W. ist jedoch bisher nicht gefunden und wird angc- nommen. datz der Genannte sich vielleicht anderwärt» da« Leben ge- nommen hat. oder datz die Leiche vom Wasser fortgetragen worden ist. Personen, welche Angaben zur Sache machen können, werden gebeten, die« der Kriminalpolizei, Zimmer 826, oder einem Polizei- nvier zur J.-Nr. 610 IV 87. 06 mitzuteileu. Angemessene Be- lohuung wird von den Angehörigen gewährt. Fenerwehrdrricht. Gestern ftüh um 3 Uhr hatte die erste Kompanie in der GreifSwalderstr. 13 einen WohnungSbrand zu löschen. In der Griebenoioslr. 20» brannten Möbel und Mirbackstr. 18 Papier usw. Autzerdem liefen Alarme auS der Echulzendorferstr. 17 a und anderen Stellen ein. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u. Vrrlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.