Kr. 44. flbonnemcnts-Bedlngnngen: RSonncnientä• Preis pränumerando: Vierteljährl. S,Z0 Mr., inonatl. l,I0 Mr., wächentlich LS Pfg. frei tnS Haus, Einzelne Ziumnier K Pfg. Sonntags- nummer mii illuflrierter Sonntags- Beilage»Di« Neue Well' 10 Pfg. Pofl- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in dl« Post-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deulfchland und Oesterreich- Ungarn ii Marl, für d-e übrige tluilank 6 Marl pro Monat. «»tili tiglich-lllltl Mo»»»». w Berliner Volkcsblntk- S3. Jahrg. Sie lnltrNonz-Ledllhk betrigl für die fechSgcspaltene Kolonel- zeile oder deren Raum ZO Pfg., fiir politische und gewerlschaftliche BercinS- und PersammIuiigS-LInzeigen 25 Pfg. „Uleine Snreigen", das erste(fett- gedruSleZ Wort 10 Psg., jedes wettere Kort 5 Pfg. Worte über 15 Buchslabe» zählen für zwei Worte. Jnscrale für die nächste Nummer müssen bis 6 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festlagen bis« Uhr doruuttag» gcbfflict. Pelegramm-IIdrefse: uSHlaldtiiiskrit Rirlli". Zcntralorgan der Ibzialdemokrati fcbcn parte» Deutfcblanda. Redaktion: 8 AI. 68, Lindenetraeac 69. Ffernsvrecher:«ml IV. Nr.>»8». Expedition: 8 AI. 68»£.indenstrasse 69. SVernfPrcrtjer:«mt IV. Nr. I!)84, Der Londoner Kongreß der Arbeiter- Partei. London, 18. Februar.(Eig. Ber.) Der gestern geschlossene Kongreß der britischen Arbeiter« Partei war in seinen Verhandlungen ernster und an Delegierten« zahl stärker als der vorjährige in Liverpool. Der Gedanke der Selbständigkeit und der Opposition gegenüber den beiden bürgerlichen Parteien wurde klarer als früher ausgesprochen und seine Richtigkeit mit größerem Verständnis bewiesen. Von den sozialistisch gesinnten Delegierten war dies von vornherein zu erwarten und bedarf keiner besonderen Er- wähnung. Viel wichtiger ist es, daß die Gewerkschaftsführer dies ohne jeden Vorbehalt zugaben. Der Sekretär der Weber und Arbeiterabgeordnete Shaekleton, der offen erklärte, er sei noch nicht so weit, ein rein sozialdemokratisches Programm annehmen zu können, bemerkte gleichzeitig, die politische Loslösung der Gewerkschaften von den bürgerlichen Parteien werde in weiten Arbciterkreiscn als eine Er« lösung empfunden.„Man kann nicht zwei Herren dienen," meinte er; man könne nicht in der Fabrik gewerk- schaftlich und im Parlament kapitalistisch sein. Er erzählte von seinen früheren Leiden bei Parlamentswahlen, wo er es als einen Unsinn empfand, liberal oder konservativ zu wählen und dann in Lohnfragen gegen dieselben liberalen und kon. servativen Unternehmer zu kämpfen. Aber er konnte aus dieseni Gegensatze nicht heraus, bis die neue Partei gegründet wurde. Shackleton erzählte dies alles in der einfachen Sprache des Praktikers, der von sozialistischer Theorie nichts weiß, aber durch die gewerkschaft lichen Erfahrungen zum Nachdenken getrieben wird und von selbst auf die richttge Spur kommt. Er sagte weiter, die Partei besitze Lebenskraft genug, um alle gegen sie unter' nomnienen Jntriguen zu durchkreuzen. In diesem Sinne war auch die Rede gehalten, mit der Artur Henderson, der Präsident des Kongresses, die Verhandlungen einleitete. Henderson ist Former von Beruf, wurde dann Gewerkschaftsführer und liberaler Politiker. Erst nach Gründung der Arbeiterpartei trat er ihr bei und wandte sich vom Liberalismus ab. Er ist Abgeordneter für Barnard Castle(Durham), wo er über einen Liberalen und Konservativen siegte.„Das Grundprinzip unserer Partei ist Selbständigkeit. Es werden Anstrengungen gemacht werden, uns auseinanderzureißen, aber alle derarttge Versuche müssen verurteilt werden. Wir standen der letzten konservativen Regierung unsympathisch gegenüber, und dies wird auch unsere Haltung sein gegen über dem Ministerium Canipbell-Bannerman. llnserc Pflicht ist es, die Regierung an die Erfüllung ihrer Versprechen zu mahnen und sie zu zwingen, ihre Politik in Uebereinstimmung mft den Bedürfnissen des Volkes zu gestalteu. Die ivichtigste Tatsache der neuen parlamentarischen Lage ist, daß die Lohn arbeiter sich endlich entschlossen haben, aus eigener Kraft in die politische Aktion einzutreten. Die � Arbeiterpartei ist das Instrument, durch welches die Sozialisten und Gewerk- schaftler ihre gemeinsamen Ziele verwirklichen können." „Und je wirkungsvoller die politische Aktion wird", fügte Ketr Hardie hinzu—„desto sozialistischer wird die Partei werden. Wie die Presse jetzt mitteilt, wollen auch die liberalen Arbeiterabgeordneten, die sich uns nicht an- schließen können, eine eigene Gruppe bilden. Dies ist ihr erster Schritt zur Selbständigkeit. Das bisherige Pariamen- tarische System, das auf zwei Parteien beruhte, ist offenbar in Auflösung begriffen. Unsere Partei ist zur richtigen Zeit gekomnien, um einen Mittelpunkt für die ganze Arbeiter- bewegung zu bilden." Es waren derartige Aenßerungcn, die den sechsten Kongreß der Arbeiterpartei lehrreich und interessant machten. Während der Debatte über die Veriveltlichung der Schule kam es ebenfalls zu einer offenen Aussprache, da die Partei die verschiedenen religiösen Konfessionen in sich schließt. Es sprachen Katholiken, Änglikancr und Dissidenten. Gin irischer Katholik James Sexton. Führer der Dockarbeiter in Liverpool, trat lebhaft für die Verwerfung dieses Antrages ein, da er die religiösen Empfindungen der Arbeitermassen verletzen und zur Schwächung der Partei führen könnte! der Gedanke der Selbständigkeit sei gut und den Arbeitern wohl verständlich, aber die Parteiführer sollten das Tempo des Fortschritts nicht allzusehr beschleunigen. Ihm antworten zwei Katholiken, der Eisenbahner Thomas und der Gasarbeiterführer C u r r a n. Der ersterc sagte:„Der Antrag enthält keinen Angriff auf irgend welche kirchliche Gemeinschaft! der Kongreß hat mit theologischen Fragen nichts zu tun. Aber auch Schule und Staat sollen mit Theologie nichts zu tun haben. Diese gehört in die Kirche. Die Schule soll weltliche Dinge lehren; unsere Kinder sollen tüchtige Bürger und edle Menschen werden. Wollen die Eltern Religion für ihre Kinder haben, so sollen sie sie in der Kirche und Kapelle zum Priester und Pastor schicken. Curran, der zuweilen mit hinreißender Beredsamkeit spricht, fügte noch hinzu: „Wer noch so rückständig ist und an unserem Antrage Anstoß nimmt, würde besser tun. die Partei mit seiner Anwesenheit zu verschonen." Der Beifall, den diese Worte fanden, ivar ungemein warm. Der Antrag, die Schule zu verweltlichen und die Einrichtung von Schulkantinen obligatorisch zu machen, wurde mit 870000 gegen 76000 Stimmen angenommen. „Man wirft uns vor, wir von der Arbeiterpartei seien unpraktisch"— meinte M a c d o n a l d, der Sekretär der Partei, als er über die Reformen sprach, die zur Linderung und Beseitigung der Arbeitslosigkeit führen könnten.„Aber unsere Gegner, die auf ihre praktische Klugheit stolz sind, lassen weite Bodenflächen unseres Landes brachlicgen und die Hände von vielen taufenden von Arbeitern feiern und viele Millionen Pfund Sterling für Lebensmittel an das Ausland zahlen, ohne zur Einsicht zu gelangen, daß die Brache nach mensch- licher Arbeitskraft ruft, daß die beschäftigten Hände nach Arbeit verlangen und daß unsere Volks- und technischen Schulen Geld brauchen, um die Arbeit ergiebig und nützlich zu gestalten. Wir. die wir dies einsehen, sind Utopisten; unsere Gegner, die ihre Augen verschließen, um unseren daniederliegenden Ackerbau, die feiernden Hände und unsere Abhängigkeit von ausländischen Lebensmitteln nicht zu sehen. sind praktische Staatsmänner!" Der Arbeiterabgeordnete Parker aus Halifax meinte, die Ansichten, die John Morley neulich über die Arbeitslosenfrage äußerte, seien nicht nur eines Kabincttsnnnisters unwürdig, sondern auch eines halb gewaschenen Landarbeiters. Der Kongreß nahm sodann ein- stinimig den Antrag an, der die Amendierung des im letzten Parlamente angenommenen Arbeitslosengcsetzes verlangt. Der Antrag erklärt ferner, daß die Arbeitslosigkeit die direkte Folge des Privateigentums an den Produktionsmitteln ist. Sozialreform ist enge verknüpft mit Steuerreform. Die letztere vertrat Bruce Glasier, der besonders die Vor- staatlichung des unverdienten Zuwachses der Bodenwerte der- langte und allgemeine Zustimmung fand. Eine lebhaftere Diskussion rief die Frage des Frauen- Wahlrechts hervor. Ein Teil der Delegierten war der Ansicht, daß man für die Frauen vorläufig dasselbe Wahl recht verlaügen soll, wie es gegenwärtig für die Männer gilt. Dieses Wahlrecht ist kein allgemeines; in England ist bekanntlich nur derjenige wahlberechtigt, der Eigentum besitzt oder als Mieter eine Wohnung tnnc hat, für die er mindestens 200 M. an Jahresmiete zahlt. Die Verteidiger der Ausdehnung dieses Wahlrechts auf die Frauen behaupten, daß die Mehrheit der wahlberechtigten Frauen aus Arbeiterinnen bestehen würde. Sie treten deshalb für eine derartige Gesetzesvorlage ein. Ein anderer Teil des Kongresses behauptete, daß ein Fraucnwahlrecht, welches auf einem Zensus beruht, notwendigerweise den reichen, aber nicht den armen Frauen zugute kommen könne. Sie ver- langten deshalb eine Gesetzeövorlage, die mit dem alten Zensusrecht aufräumt und das allgemeine Wahlrecht einführt. Unter allgemeinem Wahlrecht versteht man in England ein Wahlrecht, das alle erwachsenen Männer und Frauen ein schließt, während das allgemeine Wahlrecht, wie es in Deutsch land gilt, hier �ciult Male Suff rage(Wahlrecht für erwachsene Männer) heißt. Der Kongreß beschloß mit 485000 gegen 432000 Stimmen, das allgemeine Wahlrecht zu verlangen. Dies waren in der Hauptsache die Arbeiten des sechsten Kongresses der Arbeiterpartei. Wichtiger als die Beschlüsse war die überall hervortretende Ueberzeugnng, daß die Arbeiter- klaffe nicht mehr zum Anhängsel der bürgerlichen Parteien werden kann, und daß die Befreiung der Arbeiter von ihrem selbständigen Vorgehen, von ihrem eigenen politischen und ökonomischen Anstrengungen abhängig ist. Unter den 350 Delegierten waren viele von der- Hobel bank, vom Webstuhl und vom Ladenttsch weg zum Kongreß gekommen. Alle freuten sich über den gemachten Fortschritt, aber alle waren sich auch bewußt, daß die Gegner in den Gewerkschaften tätig sind, um die minder aufgeklärten Kollegen gegen die neue Partei mißtrauisch zu nzachen oder gar zur Verweigerung der Geldmittel zu politischen Zwecken zu veranlassen. Die Gründung einer politischen Parteipresse stößt auf große Schwierigkeiten, da ZeitungSgrüudungen in England sehr kostspielig sind. So hat die liberale„Tribuns" zehn Millionen Mark zur Verfügung haben müssen, ehe sie er- scheinen konnte. Wir werden erst dann eine politische Arbeiterpresse haben, wenn London zehn, zwölf Arbeiter- abgeordnete ins Parlament schickt, also eine große Zahl Arbeiterleser stellen kann. Die Revolution in Rntzland. Di« Lage i» den Ostseeprovinzen. Aus Riga schreibt man UNS: Die letzten Tage brachten wieder fürchterliche Nachrichten aus Estland und Nordlivland, während in Kurland nur noch einzelne Hinrichtungen vor- gekommen sind. Die eben in Petersburg vom Zaren selbst cmpsangcnen Vertreter des örtlichen Adels, die B a r o n e L i e v e n und Mcyendorf, scheinen trotz der Preßstimmcn, die von den örtlichen lettischen und estnischen Blättern angefangen bis zur „Nowoje Wremja" hinauf gegen die Politik des deutschen Adels sich aussprachen, doch Gehör gefunden zu haben. Eben ist ein aller- höchstes Manifest deö Zaren an den Kriegsminister veröffentlicht worden, in welchem erlaubt wird, Boden für das Kriegsministerium in dem Bezirke Grobin zu konfiszieren. In den kleinen Städten wird überall Militär einquartiert. Der Adel nimmt vorläufig da- selbst, wo die Leibwache stationiert worden ist. sein Quartier. Viele BcreinShäuscr und Schulgebäude sind zu Kasernen umgewandelt worden. Die Lehrerseminare in Goldingen und Wolrnar bleiben für das nächste Jahr geschlossen. In letzterem sind alle Schüler ausgeschlossen worden. Dabei sind die noch nicht sistiertcn drei lettischen Zeitungen voll mit Bekanntmachungen, in denen die Gc- meindcn Lehrer suchen. In E st l a n d, in den Gemeinden M c r j a m a und Rappel, haben die Bluthunde wieder derart gehaust, daß es sich kaum beschreiben läßt. Nach der estnischen Zeitung„Pärwaleht" hatte hier der Gutsbesitzer v. R e n n e n k a m p f in der ganzen Ilingegend Leute einsangen lassen, die dann alle nach Merjama gebracht worden waren. Am 3. Februar begann dann das Feld- gericht seine Tätigkeit, die drei Tage dauerte und unter dem Vorsitz des Generals Berobrasow stattfand. Ucber hundert Bcr- haftete waren abzuurteilen. Auch über elf nicht Anwesende wurde das Urteil gefällt, das ausnahmslos auf Tod lautete. An den Verurteilten wurde die Exekution sofort vollzogen. Gegen 7 0 Personen wurden körperlich gezüchtigt, und zwar erhielten die meisten über dreihundert Hiebe. Das Volk wurde ge- zwungen, noch einmal dem Zaren den Treueid zu leisten. An dem Feldgericht nahm Teil der Kricgsprokureur v. K o tz e b u e. Den Geineindcn wurde die Reinigung der niedergebrannten Güter vom Schutt und die Anfuhr neuen Baumaterials auferlegt. Dasselbe ist in mehreren Gemeinden Kurlands geschehen. In Meeren wurden vier Knechte erschossen und sechs bekamen 100 bis 400 Schläge. Die Strafexpcdition hier leitete der aus Jcllin bc- kannte Rittmeister v. S i e w e r s. Die Gemeinde mutzte auch hier, wie in Fellin, der Hinrichtung zuschauen und eine„Belehrung" von diesem Bluthunde anhören. Für die in den Laiwaschen Waldungen vom Volke erschossenen Elentiere(nicht Edelleute!) muß die Gemeinde der Krone ein Strafgeld und der Gutsverwaltung einen Schadenersatz im Gesamtbetrage von 16000 M. erlegen. Auch in der Gemeinde Kasten wurde an 2 3 Personen die Körperstrafe vorgenommen. Es ist kein Wunder, daß die Strafcxpeditionen auf die Gesundheit der Einwohner einen zerrüttenden Einfluß ausüben. Die Fälle, wo Angehörige der Bestraften den Verstand verloren haben, können wir gar nicht alle aufzählen. Hier wollen wir nur die Nachricht des„Balß" hervorheben, nach welcher in den letzten Tagen mehrere Soldaten in die Stadt gebracht worden find, an welchen man Zeichen von Geistesstörung bemerkt hat. Sogar die Nerven der Soldaten sind zarter, als die des baltischen„Edelgeschlechtes"! Doch eine Ausnahme haben wir auch hier zu verzeichnen. Anfang Januar erschoß sich der Offizier v. K v r f f in Walk(aus der Armee OrlowS), weil er die Massen- niorde nicht auf sein Gewissen nehmen wollte. Soviel diesmal von der Tätigkeit der Edelhunnen auf dem Lande. Vielleicht genügt es jetzt der.Kreuzzeitung" und den Herren v. Maltzan und Liebermann v. Sonnenberg!— Jetzt aber noch ein Beispiel von der Tätigkeit der baltischen Deutschen in Riga. Der „BaltijaS Wehstnesis" beschreibt in seiner Nummer vom 13. Februar den Ucberfall im„Hoffnungsverein"(ein lettischer Arbeiterverein) folgendermaßen: Am 10. Februar wurden in der Nacht in den Räumen des Jonathan-, des HoffnungS- und des Thorensbergor Hiilfsvereins Haussuchungen vorgenommen, an welchen außer dem Militär noch Personen des„Selbstschutzes" teilnahmen.„Um IVi Uhr nachts drangen mit großem Lärm in die Wohnung des schlafenden Oekonomen mehrere maskierte Herren. Einer von ihnen habe dem Oekonomen seinen Revolver auf die Brust gesetzt und die Herausgabc aller Waffen verlangt, die er überhaupt nicht gehabt habe. Unten in den Vereinsräumen habe er etwa 5 0 maskierte Herren angetroffen, die sich für Mitglieder des deutschen„Selbst- schützeS" ausgegeben hätten. Alle diese Herren sind mit Revolvern und eisernen Schlägern bewaffnet gewesen. Sie schlugen damit alles Geschirr und die Bufetteinrichtung kurz und klein. Getränke und PapiroS hätten sie auch den Soldaten angeboten, die dieselben aber nicht nahmen, dabei bemerkend, daß sie zum Plündern nicht gekommen seien. Nachdem die Oekonomieräume zerstört waren. nahmen sie dieselbe Prozedur in den anderen Räumen vor und legten schließlich an vier Stellen Feuer an, nachdem sie die Dielen mit Petroleum begossen hatten. Die Soldaten mußten die Herren daran gewaltsam verhindern und das schon ausgebrochen e Feuer wieder löschen. Im Garten zündeten sie die Musikestrade a». Das Aushängeschild war vollständig zertrümmert." Die„Düna Zeitung" war anfangs mäuschenstill, sprach sogar von vorgefundenen Proklamationen und „Personen", gab dann aber zu, daß derartiges Borgehen des Selbstschutzes doch mißbilligt tverdcn müsse. In den beiden anderen Fällen, wo die Herren des„Selbstschutzes" nicht aktiv eingegriffen hatten, war die Untersuchung ohne Plünderungen abgelaufen.— Die Duma-Wahlen. Die Petersburger Telegraphen-Agentur meldet: Petersburg, 21. Februar. In der gestrigen Sitzung deS Ministerrats wurde festgestellt, man könne mit vollem Recht auf die recht- zeitige Durchführung der Reichsdumawahlen rechnen, ebenso auf den Zusammentritt der Reichsduma in der zweiten Hälfte deS April alten SiilS. Höchstens das Zusammenfallen der Wahlen mit dem Osterfest und Unwegsamkeiten in manchen Gegenden im Frühjahre könnten die Dnraisiihrung etwas verzögern. Daher wird eS vielleicht erforderlich kein, von der vorgeschriebenen Wahl der Abgeordnelen an einem Tage Abstand zu nehmen. Dazu schreibt man uns: Die Mitteilungen über die baldige i-Nnbernjung des russischen Reichstages finden in der russischen Presse wenig Glauben. Die„Nolv. Wr." hat kürzlich aus„kompetenter Quelle" berichtet, daß die Termine der NeichstagSwa�'len und der Eröffnuna de Reichstages auf den 25. März resp. 15. April anberaumt wären. Die„Rußj" bezweifelt die Richtigkeit dieser Angaben. Habe doch erst neulich Graf Witte durch den„Reg.-Anz." zu wissen gegeben, daß die Mitteilungen der„Now. SSr." über die«Beschlüsse des Reich-ZratS" im wesentlichen der Wahrheit nicht entsprechen. Noch weniger Glauben verdienten die Angaben der„Now. Wr." über den Reichstag. Graf Witte hätte vor nicht langer Zeit erklärt, datz selbst bei der vollkommensten Geschäftsführung zum 13. April kaum die Hälfte der Reichstags- abgeordneten einberufen werden könnte. Da eS aber auf Erden, besonders in Rußland, nichts Vollkommenes gebe, so sei auch diese Berechnung mehr als ziveifelhaft. Alle diese Gerüchte hätten lediglich die Bedeutung, daß sie andere Ge- rächte bestätigen, nämlich die Mitteilung, daß die ausländischen Banken jede russische Anleihe bis zur Eiuberufung des Reichstages kategorisch ablehnen. Somit wird der Reichstag um des Geldes willen notwendig; ist er aber notwendig, so wird er eben rechtzeitig „gemacht" werden, ebenso wie die Stadthauptmänner in Petersburg den Frühling machen. Aber Europa— so meint das Blatt— würde sich durch eine künstlich aus Liebkindern zusammengestellte Duma nicht düpieren lassen. Geld würde Rußland nur dann bekommen, wenn die Wahlen wirklich ehrlich und frei vollzogen werden würden. Der weiße Schrecke». Petersburg, 21. Februar. Die Administration begann die Ivegen politischer Bergehen Verhafteten der nördliche» Gouvernements per Schub zu expedieren. Der für Ostsibirien bestimmte Teil geht mit lltücksicht auf die Verbindung zeitweilig in abgelegenere Gegenden Westsibiriens. Ein Gendarmerieoffizier erklärte einem seit l'/z Monaten verhafteten Moskauer Studenten, die Studenten dürften'uuter Anklage gestellt werden, falls die Polizei genügend Material auf- bringe Ivegen ihrer Beteiligung an dem Eifenbahnerslreik. Falls das Material nicht aufgebracht werden könne, würden sie auf adiiiinistra- tivem Wege in entferntere Gegenden verschickt. Otschakow, 20. Februar.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Heute begann vor dem Marinekriegsgericht der Prozeß gegen den Leutnant Schmidt, 37 Matrosen von der Be- mannung des Kreuzers„Otschakow", zwei Studenten der Universität Odessa und einen Bauer. Es sind 09 Belastungszeugen und 27 Entlastungszeugen geladen. Der Prozeß wird zehn Tage dauern. politische(lebei'sichr. Berlin, den 21. Februar. Drei Tage Wahlrechtsdebatte. Noch einmal flammte heute die Debatte über den sozial- demokratischen Antrag auf Einführuitg des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts �für die Landtage der Einzelstaaten auf und füllte den ganzen Schtverinstag aus. Als erster Redner zur zweiten Lesung des Antrags widerlegte Genosse H e r z f e l d die Einwände der Gegner aus der ersten Lesung und entrollte dann ein Bild reaktionärer Zurück- gebliebenheit an den Zuständen in Mecklenburg, das den Mecklenburger V. M a l tz a n ans die Tribüne führte, mn die mecklenburgischen Verhältnisse unter ironischen Zurufen von der Linken als zeitgemäße und ivünschenSwerte hinzustellen. Dann fühlte der S t ö ck e r sich berufen, noch einmal seinen Haß gegen die Sozialdemokratie zu verspritzen. Es schien aber, als ob diese verunglückte Stöckerrede ein Gefühl des Unbehagens auf der Rechten verursacht habe und daß deshalb der Schriftführer Pauli das Haus zusammenläutete, als der Abg. v. Kardorff mit eineni Faszikel Redematerialien die Tribüne betrat, um zu einem schweren Schlag gegen die Sozialdemokratie auszuholen, der die Scharte auswetzen sollte. Es kam freilich anders. Vorher hatte indes Genosse Bern- st e i n die Stöckerschen Auslassungen auf ihren Inhalt ge- prüft und das parlamentarische Komödiantentum Stöckcrs, insbesondere auch durch Erinnerung an den famosen Scheiter- Haufenbrief Stöckers gekennzeichnet. Herr v. Kardorfs löste während seiner Rede wahre Lach- salven bei den Unserigen aus. Arg zerzaust wurden seine Ausführungen durch eure markige, herzerfrischende, die historische EntWickelung der parlamentarisch-politischen Zustände Deutsch- landS in den letzten vierzig Jahren scharf und klar zeichnende Rede Bebels. Auch der dritte Tag der Wahlrechts- antrags-Debatte stellt einen moralischen Sieg des Wahlrechts- kampses dar. Zur Abstimmung beantragten die Freisinnigen, über den ersten Absatz des Antrages getrennt abzustimmen, der dann gegen die Stininien der Sozialdemokraten, Freisinnigen, Polen und Elsässer abgelehnt wurde. Bei der Gesamt- abstimmnng stimmten nur die Sozialdemokraten für den An- trag. Eine dritte Lesung findet nach dieser Abstimmung nicht statt. Morgen: Handelsvertragsprovisorium mit Amerika, dann Justizetat.—_ Etatsberatung im Abgeordnetenhanse. Das Abgeordnetenhaus hat sich vorgenommen, bis Mitte März den Etat zu erledigen, damit die«Erste Kammer" auch noch Zeit zur Beratung hat und der Etat am verfassungs- mäßigen Termin, den: 1. April, in Kraft treten kann. Bei deni Redeeifer, von dem die Abgeordneten beseelt sind, läßt sich dies Ziel nur unter Zuhülfenahme von Abendsitzungen erreichen. Auch am Mitttvoch wurde mit einer dreistündigen Unterbrechung von Vormittags bis zum späten Abend über die Geschicke des preußischen Staates beraten, und zwar er- ledigte das Haus zunächst den I u st i z e t a t, der den Vcr- tretern der verschiedenen Parteien Gelegenheit gab, um die Gunst der Beamten zu buhlen. Der eine legte sich für diese, der andere für jene Beamtenkategorie ins Zeug. Ob niit oder ohne Erfolg, das wird die Zukunft lehren. Bei der Beratung des Etats der Bauvcrwaltung kam es zu einer eingehenden Erörterung der Frage der Erhebung von Gebühren für die Benutzung der natürlichen Wasserstraßen. Die Frage selbst ist bereits erledigt, da das Haus— in Widerspruch mit der Reichsverfassung— sich bei der Beratung der wasserivirtschastlichen Vorlage auf die Erhebung von Schissahrtsgebühren festgelegt hat. Die Konservativen scheinen sich mit dem früheren Beschluß nicht begnügen zu wollen. Der Appetit kommt beim Essen und es scheint, daß sie die Gebühren so bemessen wollen, daß nicht nur die Auf- Wendungen für Meliorationen amortisiert und verzinst werden, sondern daß noch ein Ueberschnß dabei herauskommt. Wie lange die Regierung sich diesem Streben der Vcrkehrsfeinde »vidersetzen wird, bleibt abzuwarten. Nach der entgegen- kommenden Haltung des Ministers Budde kann man sich auf alles gefaßt machen. Auch die Abendsitzung wurde noch mit der Beratung des Etats der Bauverwaltung ausgefüllt.— Das Spiel mit dem Ffener. Die Marokkokonfereuz kommt aus den Konflikten nicht mehr heraus. Zu dem noch unerledigten Konflikt wegen der Polizei- kontrolle ist nun bereits ein neuer Konflikt wegeir der Organisation der marokkanischen Staatsbank getreten. Der deutsche Vorschlag begegnet lviederum der französischen Opposition. Deutschland ver- langt, daß das Kapital der marokkanischen Bank aus gleichen An- teilen der beteiligten Staaten zusammengesetzt werde, während Frankreich vier Anteile für sich beansprucht, während den übrigen Mächten zusainnren elf Anteile zufallen sollen. Ferner verlangt der deutsche Entwurf, daß die Aufsicht über die Bank dem diplomatischen Korps in Tanger übertragen werde, während der französische Entwurf wünscht, daß die Aufsicht von einem durch die niarokkauische Regierung angestellten Kommissar ausgeübt werde. Weiter will der französische Bankentwurf die Bank unter die französische Konsulargerichtsbarkeit stellen, während Deutschland eine gemischte Gerichtsbarkeit nach ägyptischem Muster wünscht. Schließ- lich verlangt Frankreich, daß das Statut durch einen VerwaltnngSrnt gemeinsam mit der Versammlung der Aktionäre festgesetzt werden soll, während nach dem deutschen Entwurf diese Festsetzungen durch einen Verwaltungsrat und die Aussichtsbehörde stattfinden soll. Auch bei diesem neuen Konflikt handelt es sich darum, ob Frankreich in Marokko eine dominierende Stellung zukallen soll, oder aber ob den Wünschen Deutschlands gemäß Frankreichs Einfluß nur ebenso hoch bemessen sein soll, als der der übrigen Staaten. Mit anderen Worten: Frankreich soll gezwungen werden, auf die ihm durch den englisch-französischen und engliich-spanischen Vertrag ein- geräumten Sonderrechte vollständig zu verzichten. Angesichts der gegenwärtigen Situation fehlt es nicht an Pessimisten, die nicht nur ein vollständiges Scheitern der Marokko- konferenz voraussehen, sondern die tatsächlich befürchten, daß der Marokkokonflikt schließlich zu einer Spannung zwischen den beider- seitigen Mäcbten führen werde, die sich in einem Kriege entladen müsse. Wir haben wiederholt dargelegt, daß selbst vom Standpunkte der kapitalistischen Weltpolitik aus ein Krieg Marokkos wegen eine unglaubliche Frivolität wäre. Die deutschen Handelsinteressen in Marokko sind so minimaler Art, und die Znsicherungen, die von Frankreich in handelspolitischer Beziehung zu erlangen wären, sind zweifellos so beruhigende, daß es geradezu eine Ungeheuerlichkeit wäre, wenn die deutsche Regierung einen ernsthaften Konflikt vom Zaune bräche I Wie schlecht cS immer vom absoluten Rechtsstandpunkte aus um die französischen Souveräuitätsgelüste über Marokko aussehen mag: das steht fest, daß Frankreich nicht nur durch seine algerischen Interessen ein höheres Anrecht auf die Kontrolle über Marokko hat, als irgend ein anderer Staat, sondern datz es auch durch seine diplo- matischen Verhandlungen niit Marokko, die seit Jahrzehnten gepflogen worden sind, ein solches Anrecht nach den Gepflogenheiten der kapitalistischen Weltpolitik hinlänglich erworben hat. Umgekehrt hat Deutschland erst seit etwa Jahresfrist entdeckt, daß Frankreichs Ab- sichten auf Marokko den deutschen Interessen zuwiderlaufen und auf alle Fälle vereitelt werden müssen. Deutschlands Vorgehen ist um so beispielloser, als eS auch nicht einen Finger gerührt hat, um dem Vorgehen Rußlands gegen die Mandschurei und Englands gegen die Burenrepubliken auch nur die geringsten Schwierigkeiten zu be- reiten. Für so unmöglich wir es deshalb auch halten, daß die deutsche Diplomatie tatsächlich den Marokkohandel zum Anlaß nehmen könnte, einen Kneg mit Frankreich zu provozieren, für so not- wendig halten wir es doch, immer wieder mit allem Nachdruck zu betonen, daß schon das gegenwärtige Spiel mit drm Feuer eine Leichtfertigkeit ohne gleichen ist, und datz die Masse des deutschen Volkes dem mit so beispiellosen Eifer ge- schürten Marokkokonflikt mit absoluter Gleichgültig- keit gegenübersteht. Je skrupelloser die zünftige Dipso- matie vorgeht, desto wuchtigeren Protest hat die Oeffentlichkeit gegen dieses frevle Spiel zu erheben. Die deutsche Arbeiterschaft hat umsomehr Ursache, einen solchen Protest gegen die Politik der deutschen Regierung zu erheben, als auch die französische Arbeiter- schaft durch ihre Vertreter einen gleichen Protest gegen die französische Regierungspolitik erheben läßt. So hat Genosse I a u r e S, wie wir Telegrammen aus London entnehmen, an das regierungsosfiziöse englische Organ, die„Tribüne", einen offenen Brief gerichtet, in dem er erklärt, datz England Frankreich durchaus keinen Dienst leiste, wenn eS Frankreich zum Widerstand ermutige. In der Tat, das arbeitende Volt diesseits und jenseits des Rheins hat die Pflicht, den beiderseitigen Regierungen so ein- dringlich als möglich klar zu machen, daß es keinen An- teil hat an der konfliktslüsternen Politik der Regierungen, auf deren Häupter ganz allein alle Folgen einer solchen Politik fallen werden! Dentlcdes Reich. Der Zeugniszwang in Forst in der Lausitz wird fortgesetzt. Das Landgericht hat die Beschwerde der inhaftierten Setzer gegen das ihnen gegenüber ausgeübte Verfahren verworfen und die Un- geheuerlichkeit für Recht erklärt, daß die Justiz Ehrenmänner zu einer schäbigen Handlung zwingen darf!— Eine Amnestie tvird von verschiedenen Seiten für den Tag der silbernen Hochzeit des Kaisers angekündigt. Unter die Amnestie sollen angeblich alle wegen Vergehens oder Uebertretung bis sechs Wochen Gefängnis bezw. Haft oder bis zu 150 M. Geldstrafe Verurteilten fallen.— Da das Mindeststrasinaß für Majestätsbeleidigungen zwei Monate beträgt, darf kein Majestätsbeleidiger hoffen, so gliinpflich davon zu kommen, wie jener bekannte französische Spötter.— Ein Studcutcnaufruf. Ein trauriges Zeichen des geistigen Verfalls unserer Universitäten war eS, daß die neuerliche» Verstöße unserer junkerlich pfäffischen Reaktion gegen die GeisteSfreiheit, wie z. B. die Schul- verpfaffnngsvorlage, an den deutschen Universitäten völlig un- beachtet blieb. Die geistigen Väter des deutschen Sozialismus haben eS allerdings schon vor mehr als einem halben Jahrhundert im kommunistischen Manifest ausgesprochen, datz der Kapitalismus auch die Wissenschaft in eine käufliche Ware verwandle. Die Praxis hat seitdem immer drastischer bewiesen, daß es eine unparteiische,„freie" Wissenschaft nicht gibt, sondern daß die Wissenschaft sich aus allen ihren Gebieten, bewußt oder unbewußt, in den Dienst der herrschenden Klassen und ihrer Interessen stellt. Diejenigen freilich, die noch nicht ahnen, daß die geistige Kultur nur der Reflex der ökonomischen Triebkräfte und Interessen ist, denen die schöne Wahnvorstellung von einer wirklich unabhängigen und freien Wissenschaft noch als eine wenigstens mögliche und erstrebenswerte Wirklichkeit erscheint, hätten an der kläglichen Kapitulation der Universitäten vor der immer frecher auftretenden Geistesbarbarci in der Tat den härtesten Anstoß gcbeir müssen. Und wo sollte sich dieser naive Idealismus in den Kreisen des Bürgertums noch finden, wenn nicht unter den Studenten, die den sozialen Kämpfe» noch eelanv unbeleiligt«egenüberstehen'< Aver lelbst in der deutschen Studentenschaft hat sich bisher kein Lüstchen geregt. Man hat den lächerlichen Frosch- Mäusekrieg um die„akademische Freiheit" der Unterdrückung konfessioneller Studentenverbindungen geführt, man hat gegen die russischen Studenten gehetzt, man hat sich von den Flottenferen ins Schlepptau nehmen lassen; aber von einem Eintreten für wahre GeisteSfreiheit ist niemals die Rede gewesen. Ein Beweis, wie sehr in unserer Studentenschaft aller ideale Geist verschwunden ist und öder Karriere- schnauferei den Platz geräumt hat. Da berührt es denn beinahe befremdend, daß sich jetzt wirklich ein kleines Häuflein von Studenten gefunden hat, das dem gesinnungslosen Strebertum den Handschuh hinwirft und von den angeblichen Repräsentanten der freien Wissenschaft auch ehrlichen Bekennermut und Kampf gegen Zelotentum und Volksverdummung heischt. Fünf Leipziger und Berliner Studenten erlassen nämlich einen Aufruf an die Lehrer und Schüler der deutschen Universitäten und technischen Hochschulen, in denen sie an alle„akademischen Mitbürger" die Aufforderung ergehen lassen,„offen und mit höchster Aktivität in den konfessionellen Kämpfen der Gegenwart(Schulgesetzvorlage, Toleranzantrag) Stellung zu nehmen". Der Aufruf beginnt mit den Sätzen: „Die schwer erkämpfte Freiheil des deutschen Geistes ist in Gefahr. Keinen offenen Vorstoß wagen die Gegner. Sie führen einen stillen schleichende» Angriff wider die Selbfibestimmnng der Persönlichkeit, die sie wie im Mittelalter in dogmatische Fesseln schlagen wollen. Und nur a l l z u s ch w a ch ist die Wider- st a n d s k r a f t der zur Abwehr berufenen Männer, immer kleinmütiger und schüchterner wird ihr Protest. Schon ist der deutscheStaat ganz ins Schlepptau dieser Mächte geraten. Der Geist der Unfreiheit durchdringt ver- Heerend immer weitere Schichten unseres zu den höchsten Kultur- aufgaben berufenen Volkes. Wir sind der Ueberzengung, daß an diesen traurigen und un- würdigen Zuständen die zweideutige und unent- schiedene Haltung der Hochschulen die Haupt- schuld trägt. Wenn die Hochschulen versagen, muß die seelische Kraft des deutschen Volkes erlahmen. Und die Hoch- schulen haben in Professoren und Studenten seit Jahr- zehnten gänzlich versagt. Professoren und Studenten in ei den jede entschiedene Stellungnahme in dem großen Kampfe, von dessen Ausgang die geistige Zukunft unseres Volkes abhängt. Diese Charaklerschiväck'e der Hochschulen muß notwendig unser Volk vergiften, es dem geistigen Verfall ausliefern." Zum Schluß ergeht dann speziell an die Studenten der Aufruf. sich dadurch„von den henimenden Fesseln der überlebten Kon- fessionen" loszulösen, daß sie in Massen ihren Austritt aus der Landeskirche vollzögen. Schon die von uns zitterten Stellen des Aufrufs beweisen, daß derselbe sich sehr in allgemeinen Wendungen bewegt und die Er- kenntniS der tieferen Ursachen der Entartung unserer offiziellen Wissenschaft vollständig vermissen läßt. Trotz alledem: Der Aufruf ist ohne Zweifel eine charaktervolle Tat, er ist getragen von dem ehrlichen Enthusiasmus und dem rücksichtslosen Wagemut der Jugend. Wie nun werden die Professoren und„Kommilitonen" auf diesen Appell reagieren? Wohl nicht viel anders, als vor numnehr beinahe 100 Jahren der akademische Senat der Universität Oxford, der über das Verbrechen eines jugendlichen Studenten abzuurteilen hatte, der so unbesonnen gewesen war, ihm eine Ab- Handlung zuzusenden, in der die„Notwendigkeit des Atheismus" dargelegt wurde. Dieser junge Oxforder Student war kein anderer, als der geniale Dichter Shelley, einer der kühnsten dichteri- scheu Propheten des Sozialismus. Shelley wurde relegiert I Seitdem sind ja nun hundert Jahre vergangen, trotzdem fürchten ivir, daß es auch im„Lande der Denker" den fünf Unterzeichnern des Aufrufs nicht allzu viel besser ergehen wird als ihrem berühmten Vorläufer in England. Vielleicht wird man sie nicht relegieren, sondern nur durchs Examen lallen lassen. Auf alle Fälle stehen ihnen die interessantesten Erfahrungen über das bevor, was man innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft unter Freiheit der Wissenschast versteht I—_ Ein gerichtliches Nachspiel zur Elberfelder Stadtverordneten- wähl gab es am Montag am Landgericht in Elberfeld. Die letzten Stadtverordnetenwahlkämpfe sind in Elberfeld mit beispielloser„ Heftigkeit geführt worden. Dank des in den rheinischen Städten besonders schlechten Wahlsystems hielt sich bisher das bürgerliche Stadtratskartcll für unzerstörbar, und in seinem Herrscherdünkel zugleich für ein noli nie längere. Bei der Wahl leuchtete nun einmal unsere Partei gründlich hinter die Kulissen. Ein großes Register von Kartellsünden wurde durch Flugblätter aufgedeckt. Tie Wut der Gegner war groß, aber sie konnten die Vorwürfe nicht entkräften. Doch halt— zwei Punkte sollten nicht stimmen: der eine betraf die S ch u l v e r w a l t u n g � der andere die Lebensmittellicferung nach dem städtische» K r a n k e n h a u s e. Tic sofort angekündigte B e l c i d i g u n g s» klage wurde als Wahltrick benutzt. Am Montag wurde über die Sache zu Gericht gesessen. Die Verhandlung dauerte über sieben Stunden. Angeklagt waren die Genossen U l l e n- bäum und G r i m p e als Herausgeber bezw. Drucker der Flug- blätter und Genosse H o f f m a n n als verantwortlicher Redakteur der„Freien Presse", welche einen Teil der inkriminierten Behaup- tungen gleichfalls gebracht hatte. In der Schulangelegcnhcit wurde die aufgestellte Behauptung fast voll erwiesen, aber die Schul- Verwaltung behauptete, in dem Flugblatt sei der Sache eine falsche Bedeutung beigelegt worden I— In dem anderen Fall wurde durch Zeugen zweifellos erwiesen, daß ein Waggon Kartoffeln schlechter Qualität nach dem Krankenhause geliefert worden ist, die vielfach faul, matschig und zum größten Teile außen schwarz waren. Trotz- dem nahm das Gericht auch in diesem Falle an, daß die Beweis- aufnähme nicht zugunsten der Angeklagten ausgefallen sei und verurteilte den Angeklagten Ullenbaum zu 300 M., H o f f- man» zu 100 M. Geldstrafe. Grimpc wurde freigesprochen, da seine Mittäterschaft nicht erwiesen sei. Bemerkenswert ist. daß der Stadtverordnete Friderichs, der die erste Geige in der Aufsicht über die städtischen Krankenanstalten spielt, seit langer, langer Zeit Lieferant(in Manufakturwaren) für das städtische Krankenhaus ist. Auf die Frage, ob die Firma auch in den letzten zwei Jahren noch Lieferungen gehabt habe, sagte er, seines Wissens nicht!— In den letzten Jahren hat unsere Partei heftige Opposition dagegen erhoben, datz Stadtber, ordnete mit Lieferungen für die Stadt betraut werden.— Der Wahlrechtskampf in Sachsen nimmt seine» Fortgang. Aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens des Dreiklassen- Wahlsystems zum sächsischen Landtag werden am 3., 4. und 5. März dieses Jahres m ganz Sachsen Ptotestversammlungcn abgehalten lverden mit dein Thema: Zehn Jahre Dreiklassen- Wahlrecht in Sachsen I_ AnS de? Hamburger Bürgerschaft. In der Sitzung des Hamburger Parlaments vom r"V Februar gelangte der Antrag des Senats auf Entschädigung der durch die Exzesse am Abend des 17. Januar in Mitleidenschaft gezogenen Grundeigentümer und Ladeninhaber aus Staatsmitteln zur Ver- Handlung. Der Senat beantragte die Bereitstellung einer Summe von 50 000 M. und die Einsetzung einer aus Senats- und Bürgerschaftsmitgliedern bestehenden Komwchsion, der die Bemessung der Entschädigung je nach Lage des einzelne� Falles überlasjen werden soll. In der Begründung deS Antrages durch den Senat wird u. a. ausgeführt: ..... Ein Teil der Geschädigten hat an den Senat einen Antrag auf Schadloshaltiing gerichtet und in diesem Gesuch u. a. die Behauptung aufgestellt, die Polizei habe schuldhafterweise den Schoppenstehl während der kritischen Zeit ohne jeden Schutz ge- lassen. Aus dem vorliegenden amtlichen Bericht, welcher aus der Kanzlei der Bürgerschaft niedergelegt wird, ergibt sich, daß diese Behauptung jeder Berechtigung entbehrt. Da überdies die Tatsache, daß bei einer Zusammenrottung, einem Auflauf oder Aufruhr Eigentumsverletzungen vorgekommen sind, nach hamburgischem Rechte zweifellos nicht genügt, um dem Staate gegen- über einen Anspruch auf Schadloshallnug zu begründe», so muß ein Rechtsanspruch der Geschädigten als unbegriindet zurückgewiesen werden." Der Senat führt Billigkeitsgründe zugunsten der Schadloshaltung der Geschädigten an. Die„amtlichen Berichte" sind Mitteilungen der Polizeibeamten, deren Anwesenheit zur fraglichen Zeit von Augenzeugen entschieden bestriiten wird. Wie mögen die„amtlichen Berichte" wohl zustande gekommen sein? Wie dem Schreiber dieser Zeilen von im Exzeßgebietc wohnenden Leuten mitgeteilt worden ist, sind tags darauf Beamte in der Gegend an« Schopenstchl vorstellig geworden und haben„Umfrage" ge- halten. Di.s scheinen die amtlichen Berichte zu sein, auf die der Senat sich stützt.—_ Die bis ins hohe Alter„gesicherte Existenz". Wegen Majestätsbeleidigung verhandelte das Land- gericht Schweinfurt gegen den Klempner Mich. G e b s a t t e I aus fsürth. Um. wie er selbst angab, im Gefängnis versorgt zu werden, stieß er im Wirtshanse Aeußernngen aus. die als Beleidigungen des Kaisers und des Priuzregenten von Bayern betrachtet wurden. Das Gericht erfüllte seinen Wunsch und verurteilte ihn zu Monaten Gefängnis.— Hifslamt. Italien. Bauernrevolten. Abermals kommt die Nachricht von Bauernrevolten. Diesmal ist der Schauplatz Altri, 17 Kilometer vom adriatischen Meer ent- fernt. Die Bauern erhoben sich wegen Steuerüberlastung. Das Rathaus wurde demoliert. Wie in Italien Bauernunruhen entstehen, zeigt recht deutlich der schon einige Zeit zurückliegende Fall von Ostia in der Romagna: In jener Gegend ist, wie auch sonst in Italien, noch viel unbebautes Land vorhanden, und die proletarischen Ackerbauern sind es, die es mit ihrem Schweiß der Menschheit nutzbar machen. Der Druck auf sie ist aber ein so großer, daß sie häufig genug zur Verzweiflung und zu Ausschreitungen getrieben werden. In der obcnbezeichncten Gegend ist die Regierung Besitzerin der von den Bauern urbar gemachten Ländcreicn geworden. Die Bauern bildeten eine Genossenschaft, und die Kolonie wurde ihnen zur Bebauung überlasse». Im August vergangenen Jahres sollte aber die Kolonie air den Meistbietenden ausgeschrieben werden. Darüber war große Erregung unter den Bauern, die mit allen gesetzlichen Mitteln die Ausschreibung rückgängig zu machen suchten. Sic erhielten auch vom damaligen Ministerpräsidenten Jortis, von, Finanzminister Majorana und von Luzzatti. der jetzt wieder Minister ist, das Versprechen, ein Gesetzentwurf werde der Kammer unterbeitet Iverdcn, der den Bauern die Frucht ihrer Mühen sichern, und durch den ihnen die Kolonie Ostia in Erbpacht über- lasten werden sollte. Die Kolonie wurde aber wieder an den Meistbietenden ausgeschrieben, und die Aufregung der Bauern stieg bis zur Siedehitze. Schon sahen sie, wie so oft, die Groß- grundbcsitzer sich ihrer Scholle bemächtigen, denen sie bei 80 Cen- tesimi(öb Pf.) Tagelohn und schlechter Behandlung wieder fronden müßten. Ein Blutbad wäre unausbleiblich gewesen. Die Bauern begaben sich nochmals zum Minister der Finanzen, Salandra, der die für den nächsten Tag angesetzte Versteigerung zurückzog und den llnterstaatssekretär Alcssio beauftragte, die Verhandlung mit den Bauern ihrem Wunsche gemäß zu Ende zu führen.— Niederlande. Die Koalitionsfreiheit der Staatsbeamte» in der Kammer. Bei der Etatsberatung im Dezember hatte die Zweite Kammer die Debatte über die Lage des Postpersonals vertagt, um den Etat bis Weihnachten zu erledigen. Vorige Woche hat nun die Debatte stattgefunden, deren Ursache die allgemeine Unzufriedenheit der Staatsangestellten bildet. Die Organisationen der Unzufriedenen haben die Frage nicht von der Tagesordnung verschwinden lassen, umsomehr als die Kollegen anderer Länder ihnen mit gutem Beispiel vorangegangen waren und die Koalitionsfreiheit der Staatsbeamten und-Arbeiter debattiert hatten. In Holland hatte man diese Freiheit früher nie bestritten. Erst die vorige— die klerikale— Regierung begann damit, indem sie im Jahre 1903 sogar die im Dienste von Privatgesellschaften stehenden Eisenbahner mit den„Arbeitern in öffentlichen Diensten" gleichstellte und diesen wie jenen das Streikrecht raubte! Auch ließ die Regierung dem„Bund der Marineinatrosen" die juristische Persönlichkeit ab- sprechen, der Generalpostdirektor weigerte sich, Petitionen von Organisationen des ihm unterstellten Personals entgegenzunehmen, weil er jene nicht als vertretungsberechtigte Körperschaften anerkennen wollte usw. In der Debatte brachten unsere Genossen die argen Mißstände bei der Post sowie die Organisationsfeindlichkeit der Regierung zur Sprache. In bezng auf die Aufbesserung der nmteriellen Lage des Personals gab der neue liberale Minister. Kraus, einigermaßen befriedigende Auskunft. Nicht annähernd so deutlich drückte er sich aber in der anderen, der Prinzipienfrage aus. Weder„Ja" noch „Nein" lautete die Antwort, sondern echt liberal: der Minister iverdc die Vereine beobachlen; er werde sie nicht hindern, wenn sie nicht gegen die Interessen des Dienstes handelten: dagegen werde er den Dienst schädigende Handlungen nicht dullden— und was der- gleichen nichts- oder richtiger vielsagende Redensarten mehr waren. — Die Parteigenossen des liberalen MinistcoS hieben selbstverständlich in dieselbe Kerbe. Zwischen den Klerikalen und unseren Genossen entspann sich eine scharfe prinzipielle Debatte, da jene den Staatsarbeitern das Koalitionsrecht rundweg absprachen, weil es der Staatshoheit widerspräche! Auch die holländischen Konservativen also, die gegen die „Staatsallmacht", welche die persönliche Freiheit töte, Zeter und Mordio schreien, sobald es sich uni soziale Gesetze handelt, sind sofort Befürworter des unbedingten Stuatsabsolutismus. sobald es sich um Knebelung der Arbeiter handelt. Auch die„Demokraten" unter diesen„Christen", selbst die christlichen Arbeiterführer Talma und van Vlint stellten sich auf den gekennzeichneten urreaktionären Standpunkt. Genoffe Troelstra wies darauf hin. daß auch die Staatsarbeiter für ihre Interessen zu kämpfen haben. Sonst geschehe ja doch nichts für sie, und zn ihrem Kampfe ist die Organisation unbedingt not- wendig. Worauf Herr Talma sagte:«Herr Troelstra stempelt diese Organisationen zu Kampfmittelnl Damit hat er deutlich gesagt, warum er sie will, und damit hat er ebenso deutlich gesagt, ivarum wir sie n i ch t wollen," Die Regierung will zur Vertretung der Interessen des Personais eine Art Gruppenvertretung einführen. Sie will die Organisationen also offiziell nicht verbieten, ihnen aber den Wind ans den Segeln nehmen. Nicht für, nicht g e g e n; nicht rechts, nicht links; nicht ja, nicht nein, das rft die hohe Weisheit der liberalen Balanzier- Politik.—_ Schweden. Klassenjustiz gegen„Social-Demokraten". „Social-Demokratens" verantwortlicher Redakteur C. N. C a r- l c s o n ist am Montag vom Swea Hofgericht zu zwei- Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil in einer Streiknotiz ein Kutscher mit dem in der Arbeiterschaft üblichen und den Tatsachen ent- sprechendem Worte„Streikbrecher" bezeichnet worden war! Die Unterinstanz, das Rathausgericht zu Stockholm, hatte Carleson dafür zu einigen hundert Kronen Geldstrafe und zu Schadenersatz verurteilt. In einem zweiten Falle, in dem ein anderer Arbeitswilliger gegen„Social-Demokratens" Redakteur eine Beleidigungsklage er- hoben hatte, beließ es das Hofgcricht bei der vom Rathausgericht festgesetzten Geldstrafe. Damit bestätigte es aber ein Urteil, das nicht minder als der Ausfluß einer rücksichtslosen Klassenjustiz be- zeichnet werden mutz. Hier war nämlich in der Streiknotiz selbst keinerlei Grund zu einer Anklage gegeben. Aber in einer an- deren Nummer von„Social-Demokraten" war ein Artikel er- schienen, in welchem klargelegt wurde, was innerhalb der organi- sierten Arbeiterschaft als Verräterei angesehen wird. Die Streik- notiz mit dem Namen des Arbeitswilligen und jenen Artikel brachte das Nathausgericht miteinander in Verbindung, und das auf diese willkürliche Kombination gegründete Urteil schien auch der höheren Instanz gerechtfertigt. Asien. Kinkerlitzchen-Politik. Tokio, 20. Februar.(Meldung des„Reuterschcn Bureaus".) Der Kaiser empfing heute in feierlicher Audienz den Prinzen Arthur von Connaught, der ihm den von König Eduard verliehenen Hosenbandorden überreichte. Der Kaiser stattete später dem Prin- zen Arthur einen Besuch ab und brachte zum Ausdruck, einen wie hohen Wert er auf ein Zeichen der Freundschaft und der Zuneigung des Königs Eduard lege. Tokio, 20. Februar.(Meldung des„Reuterschen Bureaus".) Der Kaiser verlieh dem Prinzen Arthur von Connaught, den Chrysanthcmumordcn.— Soziales. Die Heimarbeit im sächsische» Erzgebirge. Ueber diese Thema sprach Genosse Paul Göhre am Diens- tag im Einigungssaal des Berliner Gewerbegerichts. Zunächst gab er ein Bild von dem Gebiet der erzgebirgischen Hausindustrie, so- wie von ihren verschiedenen Produktionszweigen" und ihrer Ver- teilung. Es folgte dann eine zum Teil auf selbst ermitteltem Material gestützte Darstellung der Verhältnisse. Zweierlei Arten der Heimindustrie seien hier zu unterscheiden, eine ältere und eine jüngere. Tie ältere sei nichts als eine Resterscheinuug der alten Handwcrkstätigkcit in dortiger Gegend, die jüngere dagegen eine Begleiterscheinung der modernen Fabrikindustrie. Die ältere bilde ausschließlich den Lebensberuf, sei Männerarbeit, ver- Kunden mit der Arbeit der ganzen Familie. Bei der jüngeren handelt es sich um die Arbeit von Frau und Kindern zur Erzielung eines Nebenverdienstes dort, wo der Mann in die Fabrik zu gehen oder sonstigen Geschäften außerhalb des„Heims" nachzugehen pflege.— Die ältere Heimindustrie sei faßbarer, das Material darüber deshalb ein festeres und erschöpfender. Das Schlimmste, was es in Teutschland gebe, sei die Spielmacher- industrie im sächsischen Erzgebirge. Die Produktion der arm- seligen Machwerke sei, wirtschaftlich gesehen, kompliziert. Der Mann, der die Dinge mache, sei„selbständiger" Unternehmer. Er kaufe das Holz ein oder er kaufe Halbfabrikate, d. h. bereits be- hacktes oder bedrechseltes Holz, aus dem er wieder die einzelneu Teile herausspalte und die Schnitzarbeit vornehme, um die Sache dann als Dreiviertelfabrikat wieder weiter zu ver- kaufen: an den Maler oder den Leimer, je nachdem. Die stellten sie fertig und suchten nun die Spielsächclchen an die so- genannten Verleger zu verkaufen, die ihren Sitz in der einen Gegend besonders in Olbernhau, in der anderen Gegend besonders in Grünhainichen hätten. Namentlich Sonnabends zögen sie mit großen 5k'örben heran. Jeder habe seinen bestimmten Verleger, dem er jedesmal neu seine Ware anbieten müsse. Lehne der den Kauf ab, so sei die Möglichkeit der Verwertung gleich Null und der Heimindustrielle stehe direkt vor dem �Hungertuch, vor dem Ruin. Er sei abhängig von dem Mann. So gehe es seit achtzig Jahren. Die Verleger wüßten das zu nutzen. Wenn sie auch nicht alle gleich wären, so gebe es doch harte, ungeheuerliche Naturen unter ihnen, die den Leuten, die die Ware anbieten kämen, erst klar zu machen suchten, daß sie„Mist" brächten, um so die Abgabe um jeden Preis zu erzielen. Oder sie redeten zum gleichen Zweck ihnen vor, sie hätten den ganzen Boden voll zu liegen und brauchten den Kram nicht. Und nun der Verdienst. Der Katalog der Heimarbeiter-Ausstellung nenne Wochenverdienste von einer Mark und zwanzig Pfennige bis 32 M., und einen von 82 M. Er müsse sagen, während seiner siebenjährigen Wirksamkeit im Erzgebirge sei ihm noch niemals die Familie mit dem Wochen- verdienst von 82 M. begegnet.(Zuruf: Ter Man» hat eigenen Verkaufsstand.) Wenn man den Wochenverdienst der im Katalog berücksichtigten 150 Familien zusammenrechne und durch 150 divi- diere, so käme ein Durchschnitt von 11 M. pro Familie heraus. Das sei natürlich aus verschiedenen Gründen eine ganz willkürliche Berechnung. Aber 11 M. seien als Wochendurchschnittsverdienst der Leute gar nicht festzustellen. Es sei viel zu hoch gegriffen da- mit. Ter Mann, dessen Familie mit ihm zusammen durchschnitt- lich 11 M. dort oben in der Woche verdiene, sei ein kleiner Baron und fühle sich unendlich glücklich. Durch Besuch in den Häusern der Epielwarcnmachcr und durch Umfragen im Gespräch habe er selber Feststellungen gemacht, die er Dutzende von Malen den Leuten in den Versammlungen zur Kontrolle vorgehalten habe, ohne daß jemals Widerspruch erhoben worden sei. Höchstens hätten die Leute sie als noch zu hoch bezeichnet. Nach seinen Feststellungen und da habe er noch optimistisch gerechnet— käme für die Familie im Durchschnitt ein Wochenverdienst von 7— 8 M., ein Jahresverdicnst von 350— 400 M. heraus. Da käme aus den Tag 1—1,25 M., 1,35 M. Das sei der Familienverdicnst, und nach seinen Erfahrungen bestehe die Familie der Spielmacher dort durchschnittlich aus 5 Köpfen. In Betracht kämen etwa 10 000 Menschen(Männer, Frauen und 5linder) in der Spielmacher- Heimindustrie des sächsischen Erzgebirges; vor 10 Jahren seien es noch 12 000 bis 14 000 gewesen. Jener erbärmliche Jahres- durchschnittsverdienst von 350 bis 400 M. werde aber nur erreicht, wenn der Verleger keine Späne mache, wenn keine Absatzkrise auf dem Markte eintrete und keine Krankheit dazwischen komme. Jeder Zwischenfall verringere ihn. Natürlich gebe es. wie schon aus dem Katalog der Ausstellulig hervorgehe,, Ausnahmen nach oben und nach unten. Die Arbeitszeit sei 13— 15 Stunden durchschnittlich im Tage, worin nicht etwa Mittags- oder Vesperpausen eingerechnet seien. Dränge die Arbeit, komme der Liefertag heran, so dehne man die Arbeitszeit in den letzten Tagen noch weiter aus, auf 17, 18 und 19 Stunden, und es gäbe Familien, die, wenn es pressiere, die letzten zwei Nächte durcharbeiteten. Nicht bloß Vater und Mutter, sondern auch diit älteren Kinder, worunter mau dort schon die 9- und 10jährigen verstehe. Tie Arbeit beruhe auf absolutester Arbeitsteilung. Jede Handbcwegung sei genau ausgerechnet. Jeder mache dieselbe Bewegung am selben Produkt Woche um Woche, Jahr um Jahr, das ganze Leben lang. Es werde der Mensch zur Maschine. Es sei infolge der unendlich spezialisierten Arbeitsweise die geisttötendste Arbeit. Mann, Frau und Kinder arbeiten in„Gleichberechtigung" neben einander. Das Kind, das in die Schule gehe, sei von vornherein an den Arbeits- tisch gebannt. Der Schulweg sei ihre einzige Erholung in frischer Luft.— Es sei ein furchtbarer Gegensatz: diese wirndervolle Gegend, der Gang des Gebirgs mit seiner wunderbaren feinen Linie und seiner wohltuenden unendlichen Ruhe; die dichten Fichtenwälder, duftend nach Frische und Gesundheit— und droben die Menschen in ihrem Elend, die festgeschmiedet sind an die Arbeit. Die„Wohnung", das heißt die eine Stube, über die die Familie verfügt, sei die Arbeitsstätte, die Kochstelle, sei alles; ja sogar darin geschlafen werde zum Teil, zum Teil in einer gewöhnlich zugehören- den Dachkammer, die oft kein Fenster habe. In dem Wohn-, Koch-, Arbeitsraum sei die Hauptsache der Arbeitstisch.—- Einen tiefen Eindruck machten aus die Versammelten die detaillierten Schilderungen, die Redner von dem Leben und der Ernährung der armen Leute gab, wie sie bei dem erwähnten Familieneinkommen von durchschnittlich 7— 8 M. pro Woche nur� möglich seien. Eine chronische Unterernährung, das Leben ein fortwährender Kampf mit dem Hunger! Klar wäre, daß die Kinder schon schwächlich seien im Mutterleib, schwächlich bei der Geburt, zu leichter Er- krankung angelegt. Leichter Untergang beim Eintreten einer Krankheit sei die Folge.— Wenn er dort oben eine Versammlung mit den Leuten unter freiem Himmel abhalte, und sie ständen da ohne Ueberzieher in ihrer ganzen Armseligkeit, und der Wind sause über die Höhe, ein Schneegestöber oder Regen peitschend, dann ergreife es ihn mit packender Gewalt; und wenn er je wütend sei, je der herrschenden Gesellschaft den Kampf bis aufs Messer schwöre, dann in diesen Stunden!(Allgemeine Bewegung.)— Redner behandelte weiter die Verhältnisse dcr� heimindustriellen Nagelschmiede, Ivo der schlechteste Wochenverdienst 6 M., der beste 10 M.. der Jahresdurchschnitt etwa 400 M. sei. Ihre Frauen und Kinder, wie die der Bauhandwerker(die im Jahresdurchschnitt wegen der kurzen Saison hier nur 500— 600 M. hätten) machten zu Hause Posamenten, wodurch Frau und Kinder einen jährlichen Zuschuß von 100—200 M. verdienten, natürlich bei zwölf- und mehrstündiger Arbeitszeit und Halbsonntagsarbeit. In der Poiamcntenindustrie vermische sich die ältere Form der Heimarbeit mit der neuen. Der llebergang der Posamentenindustrie in die Fabrik sei in bestimmten Orten des Gebirges schon stark vor- geschritten. Die männlichen Posamentenarbeiter älteren Schlages in Buchholtz, die bei der Heimarbeit in altgewohnter Weise blieben, verdienen jährlich 400 bis 500 M., der männliche Arbeiter in der Fabrik 600 bis 700 M. bei zwölf- und mehrstündiger Zeit. Den Fabrikarbeitern verdienten Frau und Kinder durch Heimarbeit einen Zuschuß von 120 bis 150 Mk. jährlich. In der Umgegend, wo die Heimarbeit in Posamenten stärker verbreitet sei, werde ein Jahresdurchschnitt von 400 M. erzielt.— In allen Orten an den Hängen des Gebirges bis nach Chemnitz hinunter, gebe es Heim- arbeit in der Textilindustrie. Weber und Wirker säßen da. Ueberall dieselben traurigen, unsagbaren Erscheinungen. Da das Miß- trauen hier sehr eingewurzelt ist und auch eine erhebliche Unfähig- keit, etwas' darzustellen, besteht, sei allgemeineres Material schwer zu haben. Selbst die von der Textilarbeitcr-Organisation ein- gesetzten Kommissionen hätten nur äußerst wenig erlangen können. Nach Einzelmitteilungen habe Redner in Gelenau in der heim- industriellen Strumpfwirkerei Wochenverdienste von 6 bis 8 M. seststcllcn können, in Zschopau bei Hauswebern(Krawattenstoffe) 7 bis 9 M. Familienverdienst, in Ober-Lunkwitz(Strumpfwirkerei) 6 bis 10 M. In Hohenstein verdiene ein alter Mann mit seiner Frau 5 bis 6 M. bei 13- bis 15stündiger Arbeitszeit. Es sei ein alter Krieger von 1870/71. Ten Ehrensold von jährlich 120 M. habe man ihm zu zahlen abgelehnt, weil er„noch nicht gebrechlich genug" sei. So heiße eS. Von hinten herum habe man ihm aber nahegelegt, ans dem sozialdemokratischen Wahlverein auszutreten und nicht das sozialdemokratische Blatt zu lesen, dann würde er wohl aus den Ehrcnsold rechnen können.(Bewegung.) Dsr alte Mann habe das indessen abgelehnt und so, bei seinen Verhältnissen, den wundervollsten Mut edler Charakterfestigkeit gezeigt.— Es gebe Spezialitäten in der hier üblichen Textilindustrie, die es hier und da zuließen, daß«in besonders intelligenter, auf eine be- sonders komplizierte Arbeit eingefuchster Heimarbeiter unter günstigen Umständen ausnahmsweise auch 12 bis 14, bestenfalls bis 18 M. die Woche verdiene.— Die Arbeitszeit sei immer wieder 13, 14 und 15 Stunden. Wenn man abends durch die Jndustriedörfer gehe, sei kein Mensch auf der Straße. Aber die ganzen Fenster seien erleuchtet, der Ort gleichsam illuminiert. Es mache einen unendlich festlichen Eindruck. Ja, ein Fest werde gefeiert: DaS Fest nie rastender Arbeit. Es sei die Illumination der Not, die sich hier zeige!--- Nachdem Redner noch eine Fülle charakteristi- scher Einzelheiten aus dem jammervollen Leben der Heimarbeiter des Erzgebirges ergreifend erzählt hatte und auch in ihr inneres Leben interessante Einblicke hatte tun lassen, legte er dar, daß die Heimarbeit des Erzgebirges wie ein Vampir über der ganzen Be- völkerung des Gebietes und darüber hinaus liege. Kleinbauern, kleine Kaufleute und Handwerker litten unter der mangelnden Kaufkraft der Hunderttausende von Heimarbeitern. Sogar die Lebens- und ganzen soziale» Verhältnisse in Chemnitz, dem deutschen Manchester, seien beeinflußt. Auf Grund authentischer Zahlen weist Redner dies unter anderem hinsichtlich der Lohnverhältnisse in verschiedenen Industrien nach, so der Holzindustrie und Metall- industrie. Die Löhne werden durch den Zuzug von Leuten aus dem Gebirge niedrig gehalten, denen gegenüber dem Elend daheim das glänzend erscheint, was der Werlstatt- und Fabrik- arbeiter von Deutsch- Manchester oder auch von anderen Fabrik- orten als schlecht empfindet und gern bessern möchte. Die Ge- werkschaft mache z. B. in der Holzindustrie zu Chemnitz usw. Ver- suche, Tarife abzuschließen. Die Unternehmer gingen auch darauf ein. Nicht lange aber und die Tarifgemeinschaft krache aus- einander, weil der Zuzug auS dem Gebirge de» Unternehmern billige Arbeitskräfte biete. Die Konkurrenz der erzgebirgischen Posamenten sei fühlbar bis nach Wien und andererseits über Berlin hinaus bis nach Hamburg mit seinen paar Posameutenfabrikeu.— Die zweite, jüngere Form der Heimindustrie(Heimarbeit von Frau und Kindern) mache sich infolge der niedrig gehaltenen LebenS- bedingungcn von Fabrik- und Werkstattarbeitern, Kleinbauern usw. überall geltend. Drei Fünftel von ganz Sachsen ständen unter dem Druck der Heimindustrie.— Bei Findung der Mittel zur Abhülfe müsse spezialisiert werden. Für das Erzgebirge könne man weder an ein einfaches Verbot der Heimindustrie überhaupt, noch an ein solches der Kinderarbeit denken. Beides würde bedeuten, Hundert- taufende dem Hunger auszuliefern. Auch andere Mittel, die schon allgemein vorgeschlagen seien, würden bei den im Erzgebirge obwaltenden Verhältnissen versagen. Im Erzgebirge wäre für die ältere Form der Heimindustrie das einfachste Mittel die Schaffung von Stnatssabriken, und für diese die Festsetzung von Mindestlöhnen. Dann könnte mau dort oben die Kinderarbeit und Heim- arbeit untersagen. Und Freiheit für die Gewerkschaftsbewegung namentlich könnte gegen die jüngere Form der Hausindustrie helfen. Daß aber die heutige Gesellschaft sicki dazu herbeilasse, wage er nicht zu hoffen. Sewerksckaftttckes. Serltn un«t Llmgegenck. Die Maszregeluiige» bei der Großen Berliner Straßenbahn haben bei der großen Mehrheit des Fahrpersonals eine hoch- gradige Erbitterung hervorgerufen. Auf allen Bahnhöfen bildet die willkürliche Entlassung der acht Vcrbandsmitgliedcr fast den ausschließlichen Gesprächsstoff. Am schärfsten kam der Groll über das schroffe Vorgehen der Tirektion in einer Riesenversammlung der Straßenbahner zuni Ausdruck, die am Dienstag abend in der Brauerei Friedrichs- Hain abgehalten wurde. Der geräumige Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Aus allen Stadtgegcnden und den Vororten waren die Angestellten der„Großen Berliner", so- weit sie dienstfrei waren, herbeigeeilt,« m den G'c maßregelten ihre S h in p a t h i c zu bekunden und gegen die Verkümmerung des Koalitions- rechts durch die Direktion Protest zu erheben. Bis nach Ii ithi fwnfrto 6fr Zudrang zinii VersaininlungL- lokal. Es war dies die stärkste Straßenbahner-Versanimlung, die seit dem großen Streik im Jahre 1900 stattgefunden hat. Tab einleitende Referat hielt der Verbandsvertreter R a t h m a n n. In beredten Worten schildcrke er die abhängige gedrückte Lage der Straßenbahnangestellten. Große Bewegung rief die Mitteilung hervor, daß schon tagelang vor der letzten Maßregelung einige„Wissende" unter den Vereins- brndern Wetten angeboten hatten, daß demnächst acht Mann entlassen würden. Als außerordentlich kleinlich charakterisiert sich auch ein Bahnhofs« n schlag, der besagt, daß die Entlassenen der Polizei übergeben werden sollen, falls sie den Versuch machen sollten, sich, da sie noch im Besitze der Uniform sind, etwa unentgeltlich auf der Straßen bahn befördern zu lassen. Damit werden die Gemaßregelten also noch obendrein als Betrüger verdächtigt. Die „Große" wird sich jedoch beruhigen können: auch die ent lassenen Verbändler haben noch einen Groschen iibrig, wenn sie fahren wollen; auf die in dem schäbigen Bahnhofsanschlaq gedachte Art werden sie die Dividende der Aktionäre gewiß nicht zu schmälern suchen. Als wirksamstes Gegenmittel gegen Maßregelungen und Denunziationen empfahl der Referent schließlich den Austritt ans dem blauen Dircktiousverein lGroßer Beifall.) Von den Entlassenen richtete der Fahrer Höhle im Namen seiner gemaßregelten Kollegen einige Worte an die Versammlung. Er stellte es in Abrede, daß von ihnen irgendwie in unzulässiger Weise„agitiert oder gehetzt" worden sei, allerdings hätten sie auch kein Hehl daraus gemacht, daß sio dem Transportarbeiter-Verbande angehörten. Sie hätten geglaubt, dazu auch umsoweniger Veranlassung zu haben, als von der Direktion doch wiederholt betont worden sei, daß niemand wegen seiner Zugehörigkeit zur Organisation eine Schädigung zn erwarten brauche. _ Nach beendeter Diskussion empfahl der Verbandsvorsitzcnde S ch u m an n die Wahl einer Kominission. die wogender W i e d e r e i n st e l l u n g der Entlassenen bei der Direktion vorstellig werden solle. Er betonte dabei, daß wenn die Wiedereinstellung abgelehnt werden sollte, dann die Straßenbahner in einer dem- >1 ä ch st i a e n Versammlung über die Anwendung weiterer Mittel Beschluß fassen würde.(Stürmischer Beifall.) Es könne keinem Zweifel unterliegen: Die Direktion habe mit der Maßregelung der acht Verbandsmitglieder verhetzender gewirkt wie es sämtliche Verbündler je Hütten tun können. l Lebhafte Zustimmung.) Aber die Direktion möge machen was sie wolle, eins stehe fest: Die Organisation wird s i e i n i h r e m B e t r i e b e nicht>v i e d e r l o S.(Lang anhaltender Beifall.) Es wurde hierauf eine fünfgliedrige.Kommission gewählt, die wegen der Wiedereinstellung der Entlassenen vorstellig werden soll. Sodann gelangte folgende Re s o l u t i o n zur einstimmigen Annahme: Die versammelten Bediensteten der Großen Berliner Straßen Lahn erblicken in der Entlassung der drei BertrauenSmänner und weiteren fünf BerbandSmitglieder eine Maßregelung wegen Be tätigung des ihnen zugestandenen Koalitionsrechtes. Die Versammelten stellen fest, daß mit Genehmigung der Direktion der sogenannte Berein der Angestellten ein Bureau n» DireklionSgebände eröffnet hat. um diejenigen beobachten zu lassen, welche cS wagen, an den Arbeits- und L o h n v e rch ä l t it i s s e n der Gesell- s ch a f t Kritik zu üben. Die Bersauunelten bedauern, daß sich Angestellte gefunden haben, welche der Direktion zur Unter drückuug des KoalitionSrechteS der Bediensteten die Hand boten. Die Bersainmelte« stellen weiter fest, daß die BereinSzeitung »Die Straßenbahn" ebenfalls den Weg der Denn n- z i a t i o n beschritten und dadurch B e d i e n st e t e brotlos gemacht hat. Ganz besonders aber protestieren die Bersauintelten gegen das Verhalten der beiden Ziedaltenre dieser Zeitnng. weil sie die Verantwortung der Denunziationsartikel auf einzelne Br dienstete abwälzen. Die Versammelten erklären, daß sie Z w a n g S m i t g l i« d e r in dem von der Direktion protegierten Verein find, weil sie wirtschaftliche Nachteile befürchten, falls sie dem- selbe» nicht angehören. Die Versammelte» protestieren ganz entschieden gegen den Abzug der Vereinsbeiträge vom Lohn, weil gesetzwidrig und verlangen, daß diese Abzüge in der Znlmtst unterbleibeii. S» den angeführten Maßnahmen erblicken die Versainmelteit eine Gesährdnng ihres Äoalitionsrechts und ver- pflichten sich, dahingehend zu arbeiten, daß die KoalniottSfreiheU iit jeder Beziehnng gewahrt bleibt. DcS weiteren(ordern die Versamtnelten: 1. Die Wieder« ciiistrllnttg der Geniaßregelteit; 2. die Besettigtitig des lieber- wachtinaSburcouS; 8. die volle Koalitionsfreiheit in jeder Beziehnng. Die Bersaminelteu verpflichten sich, dahingehend zu wirken. daß die Angestelltett in der Ortsverwaltung 8 des Zentral- Verbandes der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter Deutschlands ihre ivahre Jitteresseiivertrettmg erkennen und sich dieser etn- miilig als Mitglieder anschließen. Ii» der Perltmitterwarenfabrik von A b r a m o>o S k y u n d S t e i n e r t. Küpenickerstr. 3Sa, befinden sich die Arbeiter im Streik. Am 20. Januar legten die P e r l m n t t e r a r b e i t e r die Arbeit nieder, weil einer ihrer Kollegen gemaßregelt und weil ihre Forde- rung einer Lohnerhöhung abgelehnt wurde. Der Durchschnittslohn der Perlmutterarbeiler betrug 20 M. pro Woche bei SO stündtger Arbeitszeit. Es ist sogar vorgekommeu, daß Arbeiter nur 12 M. in der Woche verdient haben. Dies« ungiinsttgeit Lohnverhältnisse sollen jetzt aufgebessert werden. Nachdem die Perlmutterarbeiter in den Ausstand getreten waren, schlössen sich ihnen eine Woche später auch die Horndrechsler und HnlfSarbeiter an. Die Streikettdett gehören dem Holzarbeiterverbande an. sie ersuchen, den Zuzug von Arbeitskräften nach der Firma AbramolvSly u. Steinert fernzuhalten. Zum Streik bei der Firma Gebr. Reichstein in Brandenburg teilt die Streikleitung mit: Von seilen der Meister werden Ver- suche unternommen,' die Streikenden eiuzeln zur bediiiguiigSloseit Wiederaufnahme der Arbeit zu veranlassen. Die Firma beabsichtigt damit Zwietracht und Uneinigkeit in die Reihen der Kämpfenden zn tragen. Ebenso inseriert die Firma Reichstein in allen Blättern größerer Städte nach ArbeitSwtlltgett. Besonders werden Lackierer und Maler verlaitgt. Bisher ist es de» Streikenden gelungen, den Betrieb reiitztthaltctt. Der Zuzug von Metall- itrbcilern aller Braitchen, ferner von Sattlern. Lackierern, Maler», Holzarbeitern, Korbmachern und Tapezierern ist fernzuhalten. Oeutkeheo Relch. Ein gctvcrkschastlicher Zivtlprozcsi. Die letzte Aussperrung der Holzarbeiter in Düsseldorf hat einen der beteiligten Unternehmer veranlaßt, das Zivilgericht unter Berufung auf§ 820 des Bürgerlichen Gesetz« bnches gegen die Arbeiterorganisationen anzurufen. Nachdem die Aussperrung ins Werl gesetzt war, stellten die Ausgesperrten natürlich- Streikposten ans, um die Besetzung der Fabrik mit Arbeitswilligen zu verhindern. Dadurch soll nach Ansicht des Unternehmers die Voraussetzung des L 820 des Bürgerlichen Gesetz- bucheS erfüllt fem. welcher benjettigett zum Schadenersatz verpflichtet, der einen, anderen in einer gegen die guten Sitten verstoßenden Weise vorsätzlich Schade» zufügt. Die Klage richtete sich gegen die Vorsitzenden der beteiligten Verbände(Deutscher Holz- arbeiterverband sowie christliche nnd Hirsch-Dnnckersche Organisation.) Der Klgger verlangt Schadenersatz in Höhe von S000 M., wovon vorerst 2000 M. eingeklagt sind. ES handelt sich also bei diesem Borgehen gegen die Gcwerlschasten tun nichts anderes, als ein Urteil nach Art des ettglischet» Taff-Vale-EntscheideS gegen das kümmerliche deutsche GewcrtsckiastSrecht herbeizusühren. Der Borstoß ist den Unternehmern jedoch nicht gegliickr. Vor einigen Tagen ist die Klage vor dem Düsseldorfer Landgericht verhandelt worden. Gestern wurde daS Urteil gefällt. Es lautete auf kostenpflickitige Abweisung der Klage. Da das Reichsgericht bekamitlich auf dem Standpunkte steht, daß das Strcikpostenstehcn ein Ansflttß des KoalitionSrechteS ist und deshalb nicht durch Poltzeiverordmtitgett cm sich verboten werden kann, konnte das Düsseldorfer Landgericht allerdings kauin anders, als die Klage deS UttternehmerS abweisen. Eine nach reichSgericht- licher Praxis gesetzlich ertaubte Handlung kamt nicht leicht als gegen die guten Sitten verstoßend und deshalb unter K 820 des Bürgerlichen Gesetzbuches fallend bezeichnet Iverden. Die Bekämpfung des Koalitionsrechts durch Schadenersatzklagen werden die Nnternehincr also wohl aufgeben müssen._ Parteiisch gegen streikende Arbeiter sind nach einem Urteil des Hamburger Landgerichts der Bürgermeister und die Stadtvertretung von Itzehoe vorgegangen. Im Depeschenteil des gestrigen Blattes teilten Ivir das Urteil des genannten Gerichts gegen de» Redakteur des gewerkschaftlichen Organs.Der Bauhülfsarbeiter" mit. Derselbe hatte de» Bürgermeister kritisiert, weil er bei einein Streik den Arbeitswilligen die städtischen Eholerabaracken als Onartier eingerätimt hatte. Ans dein ausführlichen Bericht, der uns über jenen Prozeß zugeht, sei erwähnt, daß der angeblich beleidigte Bürgermeister als Zeuge aus- sagte, er habe zwar die Ursachen des Streiks nicht gekannt, habe ihn aber für unberechtigt gehalten.— Das ist allerdings nichts weniger als eine objektive Beurteilung von Tatsachen. Wie der Herr Bürgermeister weiter angab, stützt sich seine Ansicht darauf, daß sie in den Kreisen, in denen er verkehrt, geteilt wird.— Das wird man ohne weiteres glauben, daß ninn in der Umgebung eines Bürgermeisters jeden Streik für nitberechtigt hält. So erklärt sich denn auch die weiter vom Bürgermeister beknndete Anffassniig. daß er die Stadtvertretung für verpflichtet gehalten habe, die U n t e r n e h m e r zu n n t c r st ü tz e n. Aus dieser bürgermeisterlichen Ansfassnng erklärt sich dann auch der sonst nicht recht verständliche Umstand, daß den Unternehmerit die städtischen Eholerabaracken vom A u g u st bis zum Jahresschluß für die lächerlich geringe Summe von sechzig Mark vermietet wurden. Nach diesen Darlegnngeit erscheint es selbstverständlich, daß das Gericht zn einem in Hinsicht auf prenßisch-deutsche Verhältnisse milden Urteil kaut und ausdrücklich anerkannte, der Angeklagte habe sich sagen müssen, daß die Stadtvertretung gegen die streikettdett Arbeiter parteiisch vorgegangen sei. Die Trnttsportnrbcitcr verschiedener Firmen in G r ü tt b e r g (Schlesien) befinden sich seit dem 10. d. M. int Streik. Verlangt wird, daß die Löhne pro Woche tun zwei Mark erhöht werden und daß ab 1. Oktober er. der Lohn für Kutscher 10 M. und für Arbeiter 15 M. pro Woche beträgt. Der Kampf wird den Streikenden dadurch erschwert, daß Eisenbahn- und städtische Arbeiter Streikbrecherdien st e leisten. Bei einem Spediteur sind vier städtische Arbeiter als Kohlenschipper beschäftigt und bei ciitcrt anderen müssen 10 bis 12 Eisenbahnarbeiter schon einige Tage die Arbeit der Kohlenschipper verrichten. Am verganaetten Sonntag mutzten die- selben den ganzen Tag, auch während die Kirchzeit, arbeiten. Eine seitens der Organisation an die Eisettbahndirektion Posen gerichtete Beschwerde ist unbeantwortet geblieben; solgedessen wurde imterin 18. Februar er. per Depesche eine ausführliche Beschwerde an den Eisenbahnmiinster von Budde gesandt. Außerdem ist beim ersten Bürgermetstcr in Grünberg, wegen Beschäftigung von städtischen Arbeitern. an Stelle der Sireiletiden. Beschwerde geführt worden. Einige dieser Arbeiter werden auch als Kutscher beschäftigt und soll ihnen mit Ent- lassung gedroht worden sein, wenn sie nicht fahren wollten. Die Uitteritehincr versuchen, unter Versprechnng höherer Löhne, die Kutscher zur Aufnahme der Arbeit zu bewegen, es wird aber ver langt, daß dieselben attS dem Verbände austreten. Bon den Streikenden ist bis jetzt nur einer zur Arbeit zutiickgekehrt. Die in Frage kommenden Arbeiter gehören dem Zentralverbande der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter an. 800 Spinner und Sptmierittuen der Firma I. D. Gruschwitz u. Söhne in G l o g a u t. S ch l. sind in den Ausstand getreten. Sie verlangen höhere Stundenlöhne, eine geregelte Arbeitszeit und Wiedereinstellung derjenigen Arbeiter, die wegen ihrer Zugehörigkeit zum Verbände gemaßregelt wurden. Eine V e r j a m m l u n g der Streikenden wurde polizeilich aufgelöst; diePoli- z i st e n zogen dabei blank und zeigten den Revolver. In den Streik traten die Walzwerkarbeiter der.Marthahütte" in Kalt o witz, weil ihnen am letzten Lohntag für Bruch Abzüge bis zu 14 M. gemacht worden sind. Die Zahl der Streikenden beträgt nach dem.Oberschl. Tgbl." gegen 400. Käserstreit im Allgäu. Dst Arbeiter der zahlreichen Käsereien des baherischen Allgäus sind nach Einreichung eines Lohittarifs teils ausgesperrt werden, teils in den Ausstand getreten. Den Käse- äbnkanten war bisher die Arbeiterbewegung in ihren Betrieben etwas Ungewohntes. Ein Teil der Unternehmer hat es auf die Vernichtung der Organisation abgesehen, wobei sie von der liberalen Presse bereitwillig st unter st ützt loerden. luaUnd. Die Streikbewegung in Fimne hat neuerdings wieder eine AuSdehmmg erfahren. Am Dienstag ind die Arbeiter der Papier-, Tabak-, Schokolade-, Petroleum-, ReiSschäl- und Torpedofabriken in den Ausstand getreten. Es werden Lohiterhöhnngen gefordert. Die Zahl der Streikenden wird auf 5000 angegeben.— Hierzu liegen noch folgende Meldungen vom 21. d. M. vor: Das Fütattzministerinm hat telegraphisch auf die Forderung der 8000 Arbeilertmteit der königlichen Tabakfabrik die Schließung der Fabrik auf unbestimmte Zeit angeordnet. Ztvei Kontpagnien Infanterie und eine starke Polizeiwache bewachen die Fabrik. Versammlungen. Eine Versammlung der Bäcker, die nttgewöhttlich stark besucht war, wurde am DienStagnachmittag in Kellers großem Saal in der Koppcnstraße abgehalten. Es war dies gewissermaßen die Antwort ans jene Versammlung vom 7. Februar, die von den Jnmtngsober- meistern besucht und von ihren.gelben" oder„christlichen" Gesellen- chäfchcn einberufen war, in der die Einberufcr mit'atnt ihrem An- hang bekanntlich von den Verbandsgesellen gründlich heimgeführt worden waren. H e tz s ch o l d gab unter häufiger stürmischer Hetterkeit nnd großem Beifall der Attwesenden eine Sachdarstelluiig von dem Verlaufe jener Versammlung in der Köpettickerstroße, wobei er be- onderS die vielen humoristischen Zwischenfälle erwähnte, die sich für die Meister und Meistergesellen so überaus blamabel gestaltet hatten. Sein Vortrag klang ans in einem eiiergischeu Appell zur Stärkmig der Organisation, damit die Berliner Bäckergeselle» jederzeit zu neuen Kämpfen gerüstet seien. An der DiSknssion beteiligte sich n. a. auch ein christliches Meisterlöhttchen. da? sich in richtiger Würdigung seiner Zugehörigkeit zu einem gelben Gesellenvereitt selbst als„Gelbschnabel" vorstellte. Die AuSfithrungen dieses JünglingS sollten sich natürlich gegen den Verband und dessen Bestrebungen richten, sie bermochtett jedoch nur Heiterkeit oder bedauerndes Achsel- zucken hervorzurttfen. Folgende Resolution wurde aitgeitomnten: Die Bersannnltntg erklärt die Berliner Bäckerinnuttgen für die volksfeindlichsten und rückständigsten Arbeitgeberbereiitigiingen, die bisher alle, selbst die bescheidennett und berechtigsten Wünsche der Gesellenschaft schroff und trotzig abgelehnt haben. Ferner erklärt es die Versammlung für eitieit Verrat an den Interessen der Berliner Bäckergesellen, daß sich Aitchkollegeit zu Handlangern der Innung hergeben und Vereine gründen, die nnr als Streikbrecherorgatu- sationeii dienen können. Die Anwesenden verpflichten sich daher, für die größtinöglichslc Skärkttttg des Bäckerverbandes zu wirken, tmt durch die Orgaiiisation, allen Gegeitbestrebungen zum Trotz, tatkräftig für die Verbesserung der ivirtschaftlichen Lage aller Bäckereinrbeiter einttcicn zu können. Die Deutsche Metall, trieitcr-Gcwerkschaft(Verwaltung Berlin) hielt am 11. Februar(Der Bericht ist uns am 21. d. M. zugegangen. D. Red.) im..Rosenthaler Hof" eine Generalversammlung ab. Den Kassenbericht für das 8. Quartal 1905 erläuterte der Kassierer Wtesener. Die Gesamteinnahme betrug einschließlich 5520,30 M. Bestand vom 2. Quartal 14 837,00 M. Denigegenüber steht die Ausgabe von 7379,24 M. Danach bleibt Bestand 7458,00 M. 388 Mitglieder wurden neu aufgenommen. In der Ausgabe sind folgende Posten enthalleii: Für Streik- te. Unterstützung 4223,29 M., dieielbe an andere Dtgaitisatioiteit inklusive 000 M. Markengeld an das Kartell 950 M., für Agitation 258,90 M., Rechtsschutz 128,35 M, der Hanptkaffe überwiesen 1497,31 M. Der folgende Punkt der Tagesordnung lautete: Stelluiignahme zum 7. Rongretz der Freien Vereiitigititg deutscher Geiverkschasteii. Hierüber referierte Schröder. Er entpsahl denProgrammenttourf. welcher dem Kongreß vorgelegt wird. Derselbe betont, daß es Aufgabe der Gewerkschaften sein müsse, nicht nur den TageSkampf für bessere Arbeitsbediitgungen zu führen, sondern auch die auf Beseitigung der Klassenherrschaft gerichteten Bestrebungen zu unterstützen. An der darauf folgenden sehr lebhaften Diskussion betelligten sich Schleitker, Groth, Wolter, Bastigkeit, Krüger, Wiesner, Keder, Schröder, zumeist zitstimmeitd ztmt Programmentwurf. Da jedoch noch eine größere Anzahl Redner vorgemerkt war, so wird beschlossen, in einer Versammlung am 11. März die Diskussion über diesen Pnnkt fortzuführen. Letzte INfacbncbten und Depefeben. Pergewaltigungsgcluste. Hamburg, 21. Februar.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Unter den Eingängen zu Beginn der heutigen Bürgerschafts- sitzung befindet sich ein Antrag Dr. Mönckebcrg und Genossen (Rechte): Die Verfassung dahin abzuändern, daß geheime Ab- stimmung nur stattfindet, wenn vierzig Mitglieder dies ver- langen. Bisher genügten zehn, und ist dadurch den Sozialdcmo- koatcn die Möglichkeit genommen, Anträge auf geheime Ab- stimmung zu stelle». Ter Antrag kommt in der nächsten Sitzung zur Verhandlung. Das Staatsbudget schließt voraussichtlich mit neun Millionen Mark Uebcrschnß ab. Mit den Ueberschüsscn früherer Jahre stehen 17',(• Millionen Mark zur Verfügung. Ter Senat beantragt 10 Millionen Mark zur Sanierung der Neustadt zn verweitden. Ter Antrag auf Entschädigung im Exzehgebict wird angenommen. Weitere Ansprüche werden einem Ausschuß überwiesen. Die Christen unter sich. Essen(Ruhr), 21. Februar.(B. H.) Der Verband der christlich- »attoimlgesinntcit Arbeiter, welcher sich in der Hauptsache auf das Siegerläuder Gebiet erstreckt, lehnte den Anschluß an den Bcrbaud der christlichen Bergarbeiter ab, indem er ihm vorwarf, den Lohn- kämpf auf Zeche„Glücksgrund" lediglich ans Machtgelüsten hervor- gerufen zu haben._ Demonstration in Budapest. Budapest, 2l. Februar.(B. H.) Heute mittag gegen 1 Uhr ver- anstalteten llniversitätshärer einen Demonstrationszug durch die Straßen. Unter Vorantragung der Trauerfahne wollten sie zum Grabe KossnthS in den Gerapel'er Friedhof ziehen, doch stellte sich ihnen Polizei in den Weg. Die Fahne wurde konfisziert und mehrere Verhaftungeit vorgenommen. Die Polizei mußte schließlich die Demonstranten mit flachem Säbel anscinanderttcibrn. Mehrere Personen wurden verletzt._ Ganz wie bei uns. Budapest, 21. Februar.(B. H.) Die Regierung verbot die Ab- Haltung von Protrstversaminlungen. Aus der freien Schweiz. Bern, 21. Februar.(W. T. B.) Wegen der zunehmenden antimilitarüstischen Propaganda hat der Bundesrat verfügt, daß Ausländer, welche sich an dieser Propaganda dadurch betetligen, daß sie zur Verweigerung der Wehrpflicht oder des tttilitärtscheit Gehorsams auffordern, ans dem Gebiet der Eidgenossenschaft ans- zuweisen sind. Metallarbeiterstreit in Madrid. Madrid, 21. Februar.(B. H.) Die Metallarbeiter sind in den Ausstand getreten.' Bis jetzt ist die Haltung der Streikenden eine ruhige, doch werden Zwischenfälle befürchtet. Infolgedessen hat die Regierung beschlossen, Triippe» an Ort und Stelle zu entsenden. Ein neuer Mahdi. London, 21. Februar. Wie das„Reutersche Bureau" erfährt, sollen die Unruhen in Nigeria vom Auftreten eines neuen Mahdi unter dem titächtigeit Stamme der Tuaregs, der seinerzeit den Franzosen soviel Muhe gemacht hat. herrühren. Obgleich noch kritte weiteren Einzelheiten vom Oberkoinmissar vorliegen, so geben doch aus anderen Quellen eingegangene Depeschen zu der Ver- mutung Veranlassung, daß nicht nur ciigltschc sondern auch französische Truppen In die Niederlage verwickelt worden sind. Das Gefecht hat am 14. Februar stattgesundett. Ter Ort ist mt- bekannt: doch ist wahrsthcinlich, daß es dicht an der französischen Grenze, nordöstlich Sokccko, stattgefuitden hat. Man hegt die Er- Wartung, daß Frankreich beim Vorgehen gegen den neuen Mahdi seine Unterstützung gewähren wird. Innerhalb dreier Wochen werden 1090 Man» engltsther Truppen in Kano versammelt sein. Ein sonderliches Mißverständnis. Wilna, 21. Februar.(Meldung der Petersburger Tele- graphen-Agentur.) Nach Mitteilungen der Militärbehörden sind die Gerüchte übcx eine Beteiligung der Truppen an der Plünde- rung bei der Feuersbrunst im Hömel auf ein Mißverständnis zurückzuführen. Der Führer einer Abteilung hatte seinen Soldaten befohleii, die in den brennenden bczw. vom Feuer bedrohten Häusern besindlichen Gegenstände herauszuschaffen und an einen bestimmten Platz zusammenzutraaen. um sie nachher ihren Eigen- tümern wieder zuzustellen. Biclc Einwohner, die das mit an- sahen, sind dadurch zu der Annahme verleitet, daß es sich hierbei um Plünderung handele.__ Massenmorde in den Ostfeeprovinzen. Libau, 21. Februar.(Meldung der Petersburger Tele- graphen-Agentur.) In der Nähe von Haseupot sind am 15. Februar 32 Personen erschossen,«nd am nächsten Tage ein Schtillehrer gehängt und zwei Persotrott erschossen worden. In der Umgegend von Grobin sind gestcr» acht Personen erschossen worden. Veraittw Redakteur- H-"is Weber Berlin. Inseratenteil v-rantw.: Glocke. Berlin Dn'ck u.Perlao- VorwörtZBiich>>r." Verlaosanstalt NmlSinaerL-Co.,BerlinSW. Hierzu 3 Be�-gen».l'itterh>'ltungStlast 8t. 44. 23. lolnpg. j.{l fjlfljjf|)f$.IgUlltlS" Attlllltk NillliSltlllü. 22. KW« IM. l Ein Sozialdemokrat sollte die Worte„Liebe und Duldung" überhaupt nicht in den Mund nehmen! Wenigstens nicht seit dem Dresdener Parteitag, seitdem ein wilder Fanatismus iir der Partei herrscht, seitdem sich die Herren gegenseitig � die Ehre abschneiden. DaS„Reich" bringt jeden Tag eine»' Abschnitt„Aus dem Partei-Sumpf". Aus der gestrige» Nummer folgendes Beispiel: Der Vorstand des Buchdrucker- Verbandes nennt Herrn Mehring einen„Ehrabschneider". Die „Leipziger Volkszeitnng" antwortet mit„elende Lakaienblätter", „Achselzucken der Verachtung",„Schwindelsilcht",„Unmoralische Heuchelet" usw.(Hört! hört I rechts.) Das ist so Ihr Repertoir, das Repertoir einer Partei, die die Menschheit in eine bessere Zukunft hineinführen will.(Stürnüsche Heiterkeit rechts.) Da können wir Sie doch nicht mit Liebe und Duldung behandeln, nachdem Sie sogar die russische Revolution gebilligt haben. Herr Bebel hat, als er über das Sckiwabenalter schon hinaus war, gesagt: Wer glaube, auf dem heutigen parlamentarisch- konstitutionellen Wege das letzte Ziel erreichen zu können, der kenne die Verhältnisse nicht oder sei ein Betrüger. Wenn man so steht, ist es dolb eine geloisse Anniaßiing, parlamentarische Körperschaften in Bewegung zu setzen, um dieses Ziel zu erreichen. So macht es aber die Sozialdemokratie: einmal spricht sie von Revolution, das andere Mal von Evolution. Wie niiser gutmütiges deutsches Volk bewogen und belogen wird, zeigt der„Vorwärts". Da wird zum Beispiel erzählt, die baltische Revolution sei dadurch entstanden, daß Sckcüsse von den Herrenhöfen kamen. Die Herrenhöfe seien an- gezündet, damit die Besitzer die hohen Versichnungsprämien erhielten, heißt es weiter. Herr Bebel hat Männer von unserer Ansicht einmal als kreuzhageldumm bezeichnet. Ich sage, daß. wer so etwa» glaubt, noch dümmer als kreuzhageldumm ist.'(Heiterkeit.) Daß wir Menschen, die eben hon der Revolution in Rußland kommen und es dann wagen, solche Reden zu halten, nicht noch die Tür zn den Landtagen öffnen, damit sie auch dort ihre ver- wüstende Tätigkeit entfalten. versteht sich von selbst. Wir habe» die ziveitgrößte Handelsflotte, aber unsere größten >audelsstädte, unser überseeischer Handel hat keinen Vertreter im Reichstage. Hier zeigt sich klar, daß wir eine Vertretung nach verufsstäiidcn brauchen.(Zurufe bei den Sozialdemokraten.) Vom Handel und der Slhederei verstehen Sie doch nichts.(Erneute Zu- rufe bei den Sozialdemokraten) Nur auf die„Rederei"— ohne h— verstehen Sie sich ausgezeichnet.(Heiterkeit.) Abg. Wiltbcrgcr(Elf.) polemisiert gegen den Abg. Blumenthal: Seine Angriffe gegen die Haltung unserer Partei im elsaß- lothringischen Landesausschuß zum allgemeinen Wahlrecht waren ganz unberechtigt. Unsere Partei ist einstimmig für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht eingetreten. Abg. Schlumbcrger(Hosp. der Natl.): Man spricht über den Volkswillen in Elsaß-Lothringen. Wer kennt den denn? Die Sozialdeinokraten sollen ihn Vesser kennen als die Einheimischen. Möglich!(Heiterkeit.) Ich habe da eine verschiedene Auffassung! Der Wahlspruch lautete früher: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Die Freiheit wollen wir lieber beiseite lassen.(Heiterkeit links). Die Freiheit des Polizeistaates macht mir Angst! Von Brüder- lichkeit will ich auch nicht reden.(Heiterkeit links.) Aber die Volks- seele ist für die Gleichheit. Aber die Klassemingleichheit der Sozial- demokratcn— nein, dafür sind wir nicht l(Heiterleit b. d. Sozialdem.) Abg. Bernstein(Soz.): Herr Stöcker, der Mann de« ScheiterhaiifenbriefeS, hat kein Recht, über den Ton innerhalb der sozialdemokratischen Partei zu rechten. Seine Rede hat mich lebhaft erinnert an jenes Wort der Geliebten des Mannes, an den der Scheiterhaufcnbrief gerichtet Ivar:„Kouiödiantc» seid Ihr doch alle!"(Sehr gut!) Ich erinnere auch an den Prozeß Stöcker-Witte. Da sind Aeußernngen gefallen, die sich auch in keinem Konversationslexikon des guten Tones finde»«Verden. Herr Stocker hat dann auch wieder von der russischen Revolution gesprochen. Diese Nevolntton ist keine sozialdemokratische Revolution. Selbst die„Schlesische Zeitung" hat ein objektiveres Urteil über die russische Revolution gesällt als Herr Stocker. Sie hat anerkqnnt, daß die Regierimg in Rußland, die dem Volke jeden Schimmer der geistigen Bewegungsfreiheit versagt hat, selbst schuld an den jetzigen Zustanden ist. Durch daS herrschende System wird daS Volk dazu gedrängt, sich zu sagen: Meines Feindes Verlegenheit ist meine Gelegenheit.(Sehr richtig I bei den Sozialdeinokraten.) Wer hat denn geplündert und getötet in Rußland? Nicht die Sozialdemokraten, nicht die Industriearbeiter, sondern die armen. univissenden, ausgebeuteten Bauer», die man gewaltsam in Unwissen- heit und Elend gehalten hat und deren Schulen man stets unter- drückt, überall geschlossen hat. Für deren Morden, Plündern und Zerstören kann man eine Partei nicht verantwortlich machen, die alle politischen Streitigkeiten auf der Tribüne, in der Volksversammlung, mit dem Stimmzettel, mit der Organisation und der Aufklärung ausfechten will.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Unter den vielen Bibelworten, die Herr Stöckcr vergessen hat, ist auch da» vom Splitter und vom Balken. Herr Stöcker warf mir vor. daß ich nicht auch von dcn Plünderungen in Hamburg gesprochen hätte. Ueberall finden sich bei großen Volksversammlungen Elemente, die — wie mein Genosse Heedfeld ganz richtig sagte— noch in voller Barbarei leben und die Gelegenheit benutzen, um Unfug zu stiften. Es gehört die Sinnesart eines Pharisäers dazu, bei einem großen Kampf ums Recht zuerst daran zu denken. In Stettin fanden beim Zapfenstreich zu Kaisers Geburtstag vor zwei Jahren ganz ähnliche Ausschreitungen statt: will Herr Stöckcr deshalb die Kaiscrgeburtstagsfeier verbieten? So sehr wir die Ausschreitungen bedauern, sie sind in einem so großen Kampfe eine zu untergeordnete Erscheinung, als daß wir uns ernsthaft daran kehren könnten.(Sehr wahr! bei den Sozial- dcmotraten.) Ob baltische Adlige selbst ihre Schlösser angezündet haben, um die Versicherungssumme einzustreichen, wird sich ja hier schwerlich feststellen lassen: für die Zeit der Kommune sind gleiche Manipu- lationen jedenfalls gerichtlich festgestellt.— Was ivir über christliche Liebe sagen, wird der Abg. Stöcker ivohl immer mißverstehen wollen. Aber darauf kommt eS nicht an; wir wollen nur zeigen, wie wenig er selbst die„Liebe" hat, die er zu haben behauptet und daß er nicht der ist als den er sich ausgibt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten. j Die Revolution von 1K48, bei der es sich darum handelte, dem Bürgertuni Einfluß zu schaffen, hat auch große soziale Aendenuigen bewirkt. Weiß Herr Stöcler das nicht? Herr Stöcker meint, die Interessen des Handels seien hier nicht vertreten. Das ist ja eigentlich ein Konipliment für Herrn Dr. Semlcr I(Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Auch bevor die Sozialdemokraten in den Handelsstädten gewählt wurden, waren diese Städte doch nicht durch Reeder vertreten, sondern durch Juristen, Handwerker usw. Wenn Herr Stöcker aber alle Bernfsstände vertreten sehen lvill, dann trete er doch für das Proportionalwahlshstem ein!(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Herr Slöcker will den Arbeitern das Wahl- recht geben, wenn sie nicht mehr Sozialdeniokraten wählen. Wollen Sie denn den Arbeitern vorschreiben, wen sie wählen sollen? Das heißt doch das Wahlrecht umstoßen! Es handelt sich nun aber darum: Soll die politische Grundlage deS Reiches eine so wesentlich andere sein als die einzelner Bundes- stauten. Trcitschke hat diesen Zustand seiner Zeit für ganz unhaltbar erklärt. Wie da? Verschanzen hinter die Rechte der Einzelstaaten in einem föderativen Staate wirkt, sehen wir am besten in Amerika. Dort ist jede wirkliche Sozialreform unwirksam gemacht durch die Einzelstaaten. Auch die Handelspolitik leidet in den Vereinigten Staaten an diesem Fest- halten am föderativen Charakter, der zum Hemmnis jedes Fort- schritts wird. Wie aber ein lebensfähiger Föderalismus be- schaffen sein muß, zeigt uns die Schweiz.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Was für ein Geist dagegen in unseren Bundesstaaten herrscht, sehen wir an Lübeck. Es ist mir da daS letzte Mal ein Irrtum passiert. Es gab in Lübeck allerdings vor dem jetzigen Wahlrecht noch keine Arbeitervertreter. Jetzt aber hat man eine Klassen- Vertretung eingeführt, wonach den herrschenden Parteien 105 Mandate zustehen, der Bevölkerung mit einem Einkommen unter 2000 M. — also über dreiviertel der Bevölkerung— nur 15 Mandate! Und das Wahlrecht der Arbeiter ist noch mehr gesiebt durch die Be- stimmung, daß man fünf Jahre in Lübeck gewohnt und Steuern gezahlt haben muß, ehe man überhaupt ein Wahlrecht hat. Diesem Geiste gegenüber hat der Reichstag die Pflicht, für die Schaffung eines modernen Wahlrechts in allen Bundesstaaten zu sorgen. Graf PosadowSky hat eS für gut gehalten, darauf hinzuweisen, wodurch Preußen nach seiner Meinung groß geworden ist. Ich will nicht darauf verweisen, daß hier— wie in anderen Staaten— Taten geschehen sind, die vor der Maral nicht standhalten können. Wer hat denn aber Preußen groß gemacht? Das sind doch die Bauern, die Männer, die durch Bauernlegen und andere Mittel der Junker zci Arbeitern geworden und heute in die Industrie gedrängt sind. Die Nachkommen dieser Bauern sollte man doch nicht zu Heloten machen. Die Herren, die hier Kompetenzbedenkcn geltend machen, sollten doch im preußischen Landtag einen Antrag auf Einführung der allgemeinen, geheimen, gleichen und direkten Wahl stellen. Wir werden jedenfalls nicht aufhören. immer wieder die Aufhebung des elendesten aller Wahle systeinS zu fordern. Immer drohender wird das Volk seine Stimme erheben! Mein Parteigenosse Bebel hat einmal von einer August- nacht gesprochen, die nicht ausbleiben und mit allen Vorrechten und Privilegien aufräumen wird. Ich möchte Sie daran erinnern, daß es auch einen Augusttag in der französischen Geschichte gab. Ich mahne Sie(nach rechts) deshalb, warten Sie nicht, bis Zeiten kommen, in denen die?lrbeiterschaft ihre Forderungen selbst auf anderem Wege durchsetzt. Hören Sie die Stimme» jetzt! Deshalb fort mit dem Dreiklassenwahlsystem und dafür das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht!(Beifall bei den Sozial- demokralen.) Abg. v. Gerlach(frs. Vg.): ES wird beantragt werden, über den Antrag getrennt abzustimmen. Dadurch wird manchem ein Bor- wand genommen, gegen den Antrag zu stiminen. Ich persönlich hätte auch für den ganzen Antrag gestimmt, stimme aber jetzt aus rein praktischen Erwägungen gegen daS Wahlrecht der 20jährigen und der Frauen. Für das Frauenstimmrecht bin ich ein alter Vor- kämpfer und sähe es lieber heut als morgen durchgeführt. Doch will ich den Antrag nicht mit diesem Gepäck belasten. Denn das wichtigste ist doch im Augenblick eine einheitliche, immer mächtiger anschwellende Bewegung gegen die ungerechten Wahlsysteme der Einzelstaaten. Herr Stöcker ist wieder für das Berufswahlrecht eingetreten. Auf alle Fragen aber, wie er sich denn dies Berufswahlrecht näher denkt, wie viel Stimmen er den Großgrundbesitzern, wie viel den Arbeitern einräumen will, schivcigt sein sonst so beredter Mund. — Herr Stöcker incinte, es erfülle ihn mit Ekel, daß drei Tage über einen solchen Antrag diskutiert werden könne. Ich bin gerade der umgekehrten Ansicht: Wenn jemals der Reichstag seine Zeit gut ausgefüllt hat, so mit dieser Debatte. Ich loerde es mit Freuden bcarüßen, loenn dieser Antrag immer wieder kehrt, bis er zum Siege gelangt.(Beifall links.) Abg. v. Kardorff(Rp.): Ich habe wiederholt mit dem Fürsten Bismarck über die soziale Bewegung gesprochen. Es mag richtig sein, daß er diese zuerst als Waffe gegen den Liberalismus begrüßt hat. Der Hauptbeweggrund für die soziale Gesetzgebung war aber dem Fürsten Bismarck sein Gewissen, sein warmes Herz für dir Arbeiter. Wiederholt hat er aber auch betont:„Ein notwendige? Korrelat der sozialen Gesetzgebung ist die AuSnahniegesetzgebung gegen die limsturzpartei."— In die Verhältnisse des russischen NachbarreicheS können»vir uns nicht einmischen. Ein strenges zäsaristisches Regiment hat schon oft in der Geschichte die Revolution in segens- reicher Weise abgelöst. Der Abg. Bebel möge doch mal bei Herodot nachlesen, was er bei der Erzählung der Vorgänge nach dem Tode des Cyrus sagt:„Erst durch einen neuen strengen Gewalthaber konnte das Reich von seinen Unruhen erlöst werden." Ich erinnere auch an Napoleon I. und HI., die ihre Länder aus der Revolution erlöst haben. Der Abg. Bebel hat sich hier auch auf ein Wort des Prinzen Ludwig von Bayern berufen. Ein geschulter Höfling hätte ihn nicht geschickter umschmeicheln können, als Herr Bebel, der ihm für den Fall, daß Deutschland ein Wahlrcich wäre, die Kaiserkrone in AuSficht stellte. Ich bin gegen alle höfische Kunst. gegen alle Umschmeichelung der Throne ebenso wie gegen die Umschmeichelung der Massen. Herr Bebel scheint für beides zu sei».(Große Heiterkeit rechts.) Ich möchte dem Prinzen Ludwig eine andere gewichtigere Autorität entgegenstellen(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Bismarck!), den Fürsten Bismarck!(Stürmische Heiterkeit bei den Sozialdemo- kraten.) DaS allgemeine Wahlrecht erkenne anch ich noch heute praktisch als berechtigtes Prinzip an; aber die Heimlichkeit steht mit den besten Eigenschaften des germanischen Blutes in Wider- fpruch.(Stürmische Heiterkeit links.) Fürst Bismarck schreibt also (Znruf bei den Sozialdemokraten: lieber das elendeste aller Wahl- fysteme!— Heiterkeit) in seinen„Gedanken und Erinnerungen: Der Widerspruch zwischen der Fiktion des Staatsrechts, daß alle Urteils- fähig seien, und den Realitäten des Lebens müsse zu einem Konflikt führen, der nur aus dem Wege sozialdemokratischer Verrücktheiten lösbar sei.(Heiterkeit und Zustinimung rechts.) Nun ist ja, nachdem für den Reichstag das geheime Wahl- recht eingeführt worden ist, noch niemand eingefallen, eine Aenderung der Verfassung zu verlangen.(Lachen und Widerspruch bei den Sozialdenrokratsn.) Wenn Sie selbst aber eine beantragen, so kann sie auch einmal umgekehrt kommen.(Lachen bei den Sozial- demokraten.) Das allgemeine Wahlrecht auch auf die Einzelstaaten und Kommunen ausgedehnt, führt zur Herrschaft der Masse, die nicht zur Herrschaft berufen ist. Jedenfalls hat die jetzige Haltung der Sozialdemokratie und die russische Revolution das auch mir an sich nicht sympathische Dreiklassenwahlsystem nicht erschüttert, sondern befestigt.(Sehr wahr I rechts.) Der Abg. Bebel hat behauptet, die Wähler der ersten Klaffe verdankten ihren Reichtum den Arbeitern. Das ist ungefähr so, als wenn man sagte: Napoleon verdankt seine Siege der Tapferkeit seiner Soldaten. Gewiß gehört beides zu- sammen. Aber noch heute kommen Leute aus geringen Verhältnissen zu geachteter Stellung und überspringen durch Fleiß, Sparsamkeit und natürliche Anlage die leider viel zu tiefe Kluft, die das Volk von den höheren Ständen trennt. Die Organisationen bringen es mit sich, daß die Arbeiter glauben, alles von der Organisation beanspruchen zu können, und daß sie glauben, nichts aus eigener Kraft werden zu können. Ich hoffe, daß der vorliegende Antrag mit einer möglichst großen Mehr- heit abgelehnt wird.(Beifall rechts.) Abg. Bebel(Soz.): Ich will nicht auf all' das eingehen, was im Laufe der Debatte gegen unfern Antrag gesagt ist, sondern nur auf die Ausführungen des Herrn Kardorff. Herr von Kardorff kennt offenbar die Aeußernng des Fürsten Bismarck über die Urheber der Sozialreform, die ich in meiner Rede erwähnt habe, nicht. Fürst Bismarck hat allerdings nickt von der„Angst", wohl aber von der„Furcht" der bürgerlichen Parteien gesprochen. Im November 1384 fagte Auer in einer Rede über die Snzialreform, daß wenn die deutsche Sozialdemokratie nicht vorhanden wäre, die deutschen Arbeiter 'auf die Sozialreform vergebens gewartet hätten. Darauf führte Fürst Bismarck auS, er müsse darin dem Vorredner zu- stimmen, daß— loenn es keine Sozialdemokraten gäbe und wenn nicht eine Menge von Leuten sich vor diesen fürchteten — die mäßigen Fortschritte, die überhaupt unsere Sozialreform bisher gemacht habe, auch noch nicht existieren würden.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Geheimrat Wagner hat offenbar in jenen Jahren einen großen Einfluß auf den Fürsten Bismarck ausgeübt, er ist eS wohl auch gewesen, der ihn zur Ein- fiihrunA des allgemeinen Wahlrechts veranlaßt hat. Bismarck glaubte, dieses allgemeine Wahlrecht dem Volke geben zu müssen, um für die Schöpfung deS Norddeutschen Bundes in der Masse der Bevölkerung Propaganda machen zu können. Gewiß kam er dazu durch die Erfahrungen, die der Zäfarismus Napoleons III. mit dem Wahlrecht gemacht hatte. Der ZäsarismuS wird immer da auftreten, wo scharfe Klassengesätze bestehen, die zu keinem Ausgleich kommen. In solchen Zeiten entsteht daün auch die Revolution. Das ist eine Situation, die in allen ent- scheidenden Epochen sich als notwendig herausgestellt hat. Daß möglicherweise die Entwickelung der Verhältnisse auch bei uns in Deutschland einmal wieder zu einer zäsaristischen Periode führen könne, wird uns aber nicht bestimmen, von unseren Grundanschanungen abzugehen. Es ist behauptet worden, wir hätten die russische Revolution verherrlicht. Das ist nicht ivahr. Wir haben uns nur bemüht, gegenüber den Angriffen von Ihrer Seite die Ursachen klarzustellen; wir haben ferner darauf verwiesen. was die Folge sein würde, wenn die politischen Forderungen des deutschen Volkes von Ihnen aus die Dauer verweigert werden. In diesem Sinne haben wir erklärt, daß alle Zeit die Revolution von dem inS Werk gesetzt werde, der berechtigte Forderungen ab- lehne. ES wurde uns vorgeworfen, wir hätten die russischen Re- volutionäre unterstützt. Haben nicht anck die italienischen Freiheitskämpfer und andere Revolutionäre früher die wärmste Auf- nähme beim deutschen Bürgertrim gefunden? Herr v. Kardorff hat den Wunsch nach einer AuSnahniegesetzgebung gegen die Sozial- demokratie zum Ausdruck gebracht. Er vertritt die Auffassung, daß die Sozialdemokratie nur mit Gewalt bekämpft werden könnte. Nun ist es doch der von Ihnen hochverehrte Fürst Bismarck gewesen, der daS Sozialistengesetz einführte. Mit welchem Erfolge? 312 000 Stimmen fielen ini nächsten Jahre auf unsere Kandidaten. 1884 hatten wir schon 500 000 Stimmen und 1890 1 127 000 Stimmen. Man sieht also während der Dauer des Sozialistengesetzes ein fortwährendes Steigen der Stimmenzahl. Sie glaube» gar nicht, wie wenig wir uns aus einem neuen Sozialistengesetz machen würden. (Widerspruch rechts.) Mit derartigen Gewaltgesetzen hätten Sie doch wahrhastig schon genügend Erfahrungen sammeln können. Soll ich denn an den Kulturkampf erinnern? Ist denn da das Zentrum der Besiegte? Sie sind der Besiegte!(Lebhafter Beifall bei den Sozial- demokraten.) Ihr großer Meister Bismarck ist bezwungen worden. (Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Heute fteilich ist es so weit gekommen, daß das einst so verfolgte Zentruin die maß- gebende Partei geworden ist und Herr v. Kardorff so und so oft gezwungen ist, den Schleppenträger des Zentrums zu spielen.(Sehr richtig! links.) Ihre Polenpolitik hat doch auch schon sehr deutlich gezeigt, wohin Sic kommen. Das Polentum hat Sie heute schon tatsächlich unter. Und die ganze Politik, wie Sie sie gegen das Polentum einschlagen, hat das Gegenteil erreicht.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Die letzten 30 Jahre in Elsaß-Lothringen hätten Sie doch manches lehren können. Bezeichnend war der früher einmal geinachte Vor- schlag, die Verwaltung von Elsaß-Lothringen ausschließlich süd- deutschen Beamten in die Hände zu geben. Das war eine Selbst- erkcnntiliS, die man sonst bei Hohcnzollcrn selten findet. Der Abg. v. Kardorff hat mir vorgeworfen, ick hätte von der Unfruchtbarkeit unserer Gesetzgebung in neuerer Zeit gesprochen. Ich habe aber nur gesagt, daß in den letzten 30 Jahren kein einziger politischer Fortschritt erzielt sei. Auf die preußische Steuergesetzgebung soll Herr v. Äardorff nicht verweisen; denn anch dabei haben die Herren von der Rechten ihre besonderen Vorteile eingeheimst. Ebenso hätte er das Fttrsorgeerziehungsgesetz wohl besser nicht erwähnt. Ich kann Ihnen sagen, daß mir eine so ungeheure Zahl von Beschwerden zu Ohren gekommen ist, daß ich zu der Ueberzeugung gelangt bin, daß es in der Gestalt, wie eS ausgeführt wird, eins der schlechtesten Gesetze ist, die wir haben. Wenn ein bayrischer Prinz sich in so entschiedener Weise für das allgemeine, gleiche, direkte und geheinie Wahlrecht ausspricht, so ist es doch ganz selbstverständlich, daß wir das gebührend hervorheben, umsomehr, da preußische Prinzen von dieser Couleur bisher noch nicht auf die Welt gekommen sind.(Heiterkeit.) Herr von Kardorff hat eS offenbar nicht verstanden, daß ich mit der Hervor- Hebung dieser Tatsache zugleich nach der andern Seite, nach Preußen hin, einen moralischen Hieb austeilen wollte.— UebrigenS haben sich ja 1869 auch die National- liberalen unter Führung der Bennigsen. Miguel usw. für die Ein- sührung des allgemeinen Wahlrechts auch in Preußen ausgesprochen; sie erklärten eS damals nicht für angängig, daß auf die Dauer daS Wahlgesetz der Einzclstaaten von diesem Wahlrecht wesentlich differiere und 1867 stellte Herr v. Kardorff selbst im preußischen Landtag den Antrag, die Regierung aufzufordern. dem Landtag ein Wahlsystem vorzulege», das in seinen Grundlagen dem des norddeutschen Bundes möglichst genähert werde. Herr v. Kardorff erklärte, er fei jetzt gegen die geheime Wahl. Ja— hier, wo wir alle freie und unabhängige Männer sind, können wir ja offen stimmen, aber im Lande draußen, wo es noch eine große Mehrzahl abhängiger Leute gibt, ist das geheime Stimmrecht eine absolute Notwendigkeit, um die freie Meinung zum Ausdruck kommen zu lassen. Und Sie wissen das auch selber ganz genau. Sie plädieren gegen die geheime Wahl, weil Sie sich ärgern, daß so viele Staatsbeamte bei den Reichstagswahlen für die Oppositions- Parteien stimmen, ja daß jetzt selbst Laudarbeiter wagen, einen sozial- demokratischen Stimmzettel abzugeben.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Nun hat Herr v. Kardorff weiter damit gedroht, daß Anträge auf Verfassungsänderungen auch einmal in umgekehrter Richtung kommen könnten. Darauf müssen wir es nun schon ankommen lasse». Gewundert aber habe ich mich, daß Herr v. Kardorff heute so lebhaft gegen das Franenslimmrecht polemisiert hat. Als im Jahre 1896 derselbe Antrag von uns gestellt wurde, war Herr v. Äardorff der einzige von der rechten Seite des Hauses, der meinte, es ließe sich darüber reden.(Große Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Herr v. Äardorff tut so, als sei die Forderung des gleichen, geheimen und direkten Wahl- rechts für die Landtage etwas ganz Unerhörtes, Ungeheuer- liches. Aber wir haben es in ganz Süddeutschland, in Lothringen und Württemberg sogar für die Kommunen. Was ist denn da passiert? Sie werden auch nach der wiederholt ab- gegebenen Erklärung über die geistige Höhe der deutschen Arbeiter ihnen nicht weniger Rechte geben können als ihren schweizerischen und ftanzösischen Klassengenossen, die vom 20. Jahre an das Wahlrecht für alle gesetzgebenden Körperschaften haben. Die- selben„unreifen jungen Leute" wählen in der Schweiz sogar die Richter, Staatsanwälte. Lehrer und die ganze Reihe der Funktionäre. Aber außerordentlich charakteristisch ist der Gegensatz: Einrichtungen, die im Ausland mrd in Süddeutsch- land bestehen, ohne daß auch nur ein Mensch darüber redet, gelten, ivenn sie für Preußen gefordert werden, als die ungeheuerlichsten Zumutungen an den preußischen Staat und die herrschenden Klaffen. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Herr v. Kardorff velwies serner auf die angeblich zahlreichen Leute, die aus dem Handwerkerstande zu Reichtum emporgestiegen sind. Aber er hat uns noch immer nicht den Mann gezeigt, der von sich sagen kann, daß er nur auf Grund persönlicher Leistungen ein großes Vermögen erworben habe.(Lachen rechts.) Ja um einen Millionär zu haben, braucht man mindestens 500 arme Teufel. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wir bestreiten. daß es einer in Betracht kommenden Zahl von Besitzlosen möglich ist, sich in der heutigen entwickelten kapitalistischen Gesellschaft noch selbständig zu machen. In der Zeit, wo ich nicin Geschäft gründete. reichten dazu noch 2—300 Taler aus. Heute wäre man damit in vier Wochen bankerott(Heiterkeit) und brauchte wahrscheinlich daS Zehnfache. In einer großen Zahl von Produktionszweigen ist eS überhaupt nicht mehr möglich, ohne große Kapitalien anzufangen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokralen.)— Sind umcr den 123 Rcichgewordenen, die Herr v. Kardorff anführte, vielleicht auch ehemalige ländliche Tagelöhner?(Große Heiterkeit bei den Sozial- demokraten.— Abg. v. Kardorff ruft; Ja! Sogar zwei!— Erneute Heiterkeit.) Ich dachte, es wären ni ehr, weil ja nach der Theorie des Herrn v. Kardorff nur die Organisation das Streben nach Unabhängigkeit verhindert. Da müßten doch aus den Land- arbeitcrn, die weder eine politische noch eine gewerkschaftliche Or- ganisation haben, eine große Zahl von Millionären hervorgehen. Behaupten wollen, daß alle Menschen hente noch selbständig werden könnten, heißt den kleinen Leuten das nette Kompliment machen, daß sie allesamt Dummköpfe, Esel oder Faulenzer find.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn die gewerkschaftliche Bewegung so verderblich für die Energie ist, so wundere ich mich, daß Herr v. Kardorff nicht das gleiche von einer Organisation wie dem Bund der Landwirte sagt, (Große Heiterkeit und: Sehr gut! bei den Sozialdemokraten) der seit Jahren nichts weiter tut, als im Reichstag und Landtag von der Gesetzgebung Hülfe für die Landwirte zu fordern. Auf der einen Seite begründete Herr von Kardorff die Ablehnung unseres Antrages mit Kompetenzbedenken, auf der anderen Seite aber richtet er und unser Freund, der Freiherr von Zedlitz, Tag für Tag die lebhaftesten Appelle an den Fürsten Bülow, er möchte sich doch in die Angelegenheiten der Einzelstaaten einmischen, damit der Süden nicht immer radikalere Gesetze an- nehme.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ich fürchte, daß dieser Gegensatz zwischen dem Norden und dem Süden immer schärfer werden wird, aber die preußische und die deutsche Regierung wird nur die Sympathien eines sehr kleinen Häufleins haben, während die übergroße Mehrheit der Nation auf feiten der süddeutschen Staaten steht.(Lebhafter Beifall bei den Sozial- demokraten.) Damit schließt die Debatte; eS folgen persönliche Bemerkungen. Auf Antrag Eickhoff(frs. Vp.) wird über den ersten Absatz des Antrages, dahingehend, daß in allen Bundesstaaten und i» Elsaß- Lothringen ein allgemeines gleiches direktes und geheimes Wahlrecht eingeführt werde, getrennt abgestimmt. Dieser Absatz wird gegen die Stimmen der Sozialdcmolraten, der drei freisinnigen Parteien, der Polen und der Elsässer a b- gelehnt. Der zweite Absatz wird gegen die Stimmen der Sozial- demokraten ebenfalls abgelehnt. Präsident Graf Ballestrcm: Ich kann annehmen, daß dann die Ueberschrift des Antrags ebenfalls abgelehnt ist.(Heiterkeit.) Ich muß das bemerken, da diese Ueberschrift sonst in die dritte Lesung genommen werden müßte.(Erneute Heiterkeit.) Hierauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung: Donnerstag 1 Uhr mit der Tagesordnung: 1. Dritte Lesung des deutfch-äthiopischen Freund- schafts- und Handelsvertrages. 2. Erste und eventuell zweite Lesung des Handelsprovisoriums mit den Ver- einigten Staaten. 3. Fortsetzung der zweiten Lesung des Justizetats. Schluß O'/a Uhr..________ Parlarnentanrchea. Liebesgabe und Portoerhöhung. In der Finanzreforntkommission wurde gestern zunächst die Debatte über den schon mitgeteilten fteisinnigen Antrag betreffend Aufhebung der Liebesgabe für Schnapsbrenner fortgesetzt. Genosse Singer gab die kurze Erklärung ab, daß er und seine Freunde für den Antrag stimmen würden: Die ganze Branntweinsteuer sei einzig und allein darauf zugeschnitten, den Schnaps brennenden Agrariern Vorteile zuzuwenden. Mit diesem gesetzgeberischen Unfug aufzuräumen, sei es endlich an der Zeit, und da der Antrag dazu den Anstoß gebe, würden die-Sozialdemokratcn dafür stimme». Dr. Wolfs(Wirtsch. Ver.) und Speck(Z.) treten im angeb- lichen Interesse der süddeutschen kleinen landwirtschaftlichen Brenne- reien sür die Beibehaltung der Liebesgaben ein, ohne welche die kleine» Betriebe zugrunde gehen müßten, jedoch ist Speck nicht abgeneigt, einem Antrage zuzustimmen, der sich auf die Forderung einer Reform der Bramitivcinbesteuerung beschränkt und nicht auf eine Festsetzung einer einheitlichen VerbrauchSabgabe und Aufhebung der Maischraum- und Brennstener ausgedehnt lvird, weil in bezng auf die Regelung der Maischrauuifteucr für den Herbst dieses Jahres ein Gesetzentwurf in Aussicht gestellt sei. Da B ü s i n g die Ansicht äußerte, daß der Antrag einen praktischen Wert sür die gegenwärtige Aufgabe der Kommission nicht habe, indem es sich für diese nur darum handle Steuern zu bewilligen die bald und schnell fließen, » weist Dr. W i e m e r darauf hin. da? doch sSAar in den zur Beratung stehenden Vorlagen Steuern in schlag gebracht seien, deren volle Wertung auch erst nach Jahren ihre volle Wirksamkeit äussern. Genosse L ip i n S k i geihelt da-Z Jivischenspiel mit Beratung neuer Steucrvorschläge vor Ein- tritt in die Beratung der Erbschaftssteuervorlage. Man sei offenbar bestrebt, die aufzubringende Summe zuvor derart durch Steuern auf alle nlöglichen Dinge soiveit zusaminenzudrülken, das; die Besteuerung von Erbschaften entweder gar nicht mehr nötig sei oder doch den Besitzenden loenig fühlbar zu gestalten. Wen» darauf verwiesen werde, da? es mit einer gründlichen Reform der Bräunt- tveiiisteuer und Aushebung der Liebesgabe nicht so schnell gehe, nun, die Regierung habe seit Jahren das Defizit wachsen sehen und hätte während dieser Zeit einen diesbezüglichen Gesetzentwurf vorbereiten können. Unbeschadet unserer prinzipiellen Stellung zu den indirekten Steuern werden wir für den Antrag stimmen. Nachdem noch Dietrich00 Psund la 120—»2». IIa 116—119, Hin 115—116, absallcndc 00-00. Kartosseln pr, 100 Psd. rote 2,00-2,20, Rosen 0,00-0,00, blaue 0,00—0,00, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl pr. Schock 7.00-12.00. Weißkohl pr, 100 Psd, 4,25-4,50. Rolkobl pr. Schock 6,00-10.00. Holl. 14—16 M, Saure Glucken, Schock 2,00 M,, Psessergnrcken 2,00 M. llvIteerungsttberNlbt vom LI. Februar 1906, moraens 8»Ihr. Stationen ~ H fe c a e>~ £ H a« Weller 764® 761«SW 765 SSW 767 SW 1768 SW l766W 2 Nebel 3 bedeckt 2 wolkig 3 halb bd, 2 Schnee 3 wollig ü i I» H& — 1 3 Stationen £ B S? Haparanda�764NO Petersburg 761 WNW Scillh elberdeen Paris 769 SSW 767 WNW 69 SSO ! Wetter 2 heiter 2 bedeckt 3 wolkig 1»voikenl s« » II w& -17 —5 8 1 1 Nebel!—1 Swinemde Hamburg Berlin gra, Mü» che» Wie» Wetter-Prognose für Donnerstag, den SL. Februar IS««. Vorherrschend wolkig mit geringen Niederschlägen, schwachen südwestlichen Winden und wenig veränderter Temperatur, Berliner W e t t e r b u r ea u. Svasscrftand am 20. Februar, Elbe bei Aussig-tz 0,12 Meter, bei Dresden— 1,25 Meier, bei Magdeburg-s- 1,31 Meier.— 11 II>t r II I bei Gkranßsiirt-s- 1,30 Meter,— Oder bei Raiibor+ 1,31 Meter, bei Bicslan Obcrpcgel-f 4,96 Meter, bei Brcsian llntcrpcgcl—1,21 Meter, bei Franksiirt 1,32 Meter,— W e i ch! e t bei Brahemünde + 2,92 Meter.— Warthe bei Pose» ff- 0,91 Meter,— Netze bei Usch 1,29 Meier, New-Departure-Freilauf-Bremsnabe Die beste der Weit Elijcroa-Tertrieb Millionen im Gebrauch Komain Talbot, Berlin S. Erhältlich in jeder besseren Fahrradhantllong' FT M Brauerei F. 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Bezüglich ihrer Leistungen steht diese Session keiner der vor- hergegangenen Legislaturperioden nach Die rücksichtslose Kühnheit der Reaktion ist nämlich die Quelle einer ausgiebigen Tätigkeit, die einen tiefgehenden Prozeß der sozialen Umwandlung des Landes befordert. Von Anfang bis zu Ende stellt diese Session einen parla- mentarischen Skandal dar, wie er bisher nie dagewesen ist. Dieser Skandal besteht nicht bloß darin, daß die Regierung ihre Misse- taten durch eine unter allerlei Wahlmißbräuchen zustande gebrachte Parlamentsmajorität im Schatten der Verfassungsmäßigkeit vcr- schwinden ließ. Dies harmlose Verfahren hat sich in den Gebräuchen der Staatsführung Bulgariens während der letzten zwanzig Jahre so eingelebt, daß man von einer Wendung der Politik und von einem außergewöhnlichen Skandal gar nicht reden dürste, wäre sonst nichts passiert. Die Dinge liegen diesmal anders: Nachdem das ganze Jahr hindurch sich allerhand politisch-kommerzielle und räuberisch-burcau- kratische Affären rasch nacheinander gefolgt waren und das auf- geregte Interesse der sonst nicht feinfühligen Bürgerschaft in An- spruch genommen hatten, gestaltete sich an der Jahreswende die Parlamentstagung zu einer zynischen Farce, deren äußeres Wesen dem naiven Bolkswitz reiches Material bot und deren inneres Wesen wohl den Abschluß einer ganzen politischen EntWickelung bedeutet. Die ein Vierteljahrhundert lange Geschichte des„freien Fürstentums Bulgarien" ist ein erbitterter Zweikampf zwischen der volkstümlichen Demokratie einerseits(die ihre Verteidiger vor- wiegend aus den Reihen der Stadthandwerker und der Volksintclli- genz rekrutierte und die zum vollen Ausdruck gelangte in der heute noch auf dem Papier unverletzt bestehenden„Verfassung") und dem Monarchismus andererseits, der— anfangs allein von einer Handvoll Wucherern und altertümlichen Aristokraten unterstützt— steh allmählich eine treue Militär- und Bureaukratiekaste zu er- ziehen verstand und entscheidenden Einfluß auf das politische Geschick des Landes zu gewinnen wußte. Die monarchisch-burcaukratische Reaktion fühlt heute ihre Lage mehr als je befestigt. Die beiden Erbfolger des altnationalcn Liberalismus und der traditionellen Demokratie, nämlich die Par- teien der Fortschrittsliberalen und der Demokraten, liegen dar- nieder, zusammengekracht unter dem Drucke der Fehler ihres eigenen politischen Unverstandes, und der verachtenden Gleichgültigkeit der gedrückten Bauernmasse. Tie Arbeiterbewegung liegt noch in den Windeln, und vorläufig hofft man, sie mit einer Reihe von kleinen Konzessionen auf lange Zeit still zu machen. So— durch keine gefährliche Opposition mehr bedroht und der altmodischen Phrasen- kampagne gegenüber völlig abgestumpft, die immer im Andenken an die Flitterwochen des konstitutionellen Liberalismus geführt wird— sieht sich die Reaktion bemüßigt, mit dem Parlamentarismus, mit allen demokratischen Institutionen des Landes offenen Spott zu treiben. Das heutige Ministerium, das gerade sein drittes Lebensjahr angetreten hat, ist nicht der einzige Träger dieses siegreichen Zuges zur Zuspitzung der monarchischen Gewalt. Im direkten oder in- direkten, im bewußten oder unbewußten Dienst« dieser EntWickelung stehen alle bürgerlichen Parteien des heutigen Bulgariens, die sich wm die Gunst des Fürsten bewerben, wobei die Fortschrittsliberalen und die Altdemokraten ganz besonders zur Kompronntticrung des Parlamentarismus und der Demokratie beigetragen haben. Der eigentliche Inspirator dieser Politik ist Fürst Ferdinand selbst, der seit Jahren die Zermalmung der bürgerlichen Parteien zielbewußt verfolgt, was ihm auch endlich gelungen ist, dank dem Anwachsen des Lumpenproletariats und der Schicht jener Stellenjäger, die die sicherste Kampfeskraft des aufblühenden Monarchismus garantieren. Gegenüber einer Ermahnung der Opposition: das Ministerium möge seinen Platz räumen, nachdem es sich nun von seiner aggres- sivcn Politik in Hinsicht der macedonischen Frage losgesagt habe, erklärte der Chef der Regierung, Herr Dimitcr Pctkow:„Seid ruhig! Es gibt einen über uns, der seinerzeit uns zurufen wird: Genug, meine Kinder I und dann gehen wir unseren Weg." Man kann der Regierung eine eigentümliche offenherzige Kühnheit nicht absprechen. Die Opposition, die zur vollsten Ohnmacht reduziert ist, wird nur zu oft beschimpft.„Plaudert ihr, so viel ihr wollt", ruft Herr Petkow seinen politischen Gegnern zu,„wenn ihr meine Mehrheit überzeugen könntet, dann nehme ich den Hut und gehe fort." Bei einer aufgeregten Szene, wie sie in der Nationalversanrm- lung nur zu oft vorkommen, rief Herr Petkow, der ein geborener Zyniker ist, seinen eigenen politischen Freunden zu:„Bleibt ihr still. sonst werde ich euch zunächst hinauswerfen!"„Man befürchtet", so sagte einmal derselbe offenherzige Minister,„ich habe die Absicht, die Preßfreiheit zu vernichten. Wozu brauche ich denn all' das? Ihr profaniertet die Preßfreihcit. so daß heute niemand mehr der Zeitung Achtung und Glauben schenkt!" Die belehrungsreichcn Er- klärungen des kühnen Ministers gipfeln in seiner Aeußerung. daß Bulgarien ein Preusien auf der Baltanhalbinsel sein kann und muß — ein militär-burcaukratischer Staat, der die Einigung der Balkan- Halbinsel zustande bringe! Durch keine beachtenswerte Opposition verhindert, beginnt die monarchisch-bureaukralische Reaktion ihren positiven Aufbau. Das Ministerium ist eifrig besorgt, die Posten der Staatsautorität zu befestigen und die Lage seiner Partei nach Möglichkeit sicherzustellen. Es sucht wirksame Methoden der Steuererpressung zu erdenken und anzuwenden, im, die hohen Kosten seiner verschwenderischen Staats- Wirtschaft zu decken, die Schlagfertigkeit der Armee, dieser„Hoffnung de» bulgarischen Zukunft", auf die Höhe der Zeit zu stellen und auf ihr zu halten, die materielle Lage der einzelnen seiner Anhänger aus den Reihen der höheren Bureaukratic und des Unternehmer- tumS gründlich aufzubessern, die Intelligenz der sogenannten freien Berufe durch allerlei Konzessionen an sich zu fesseln, wo nicht direkt durch materielle Vorteile zu bestechen. Durch eine kühne Einführung erhöhter Accise-Taxen und Staatsmonopole für den Handel mit wichtigen Konsumartikeln lSakz, Zündhölzern, Zigarettenpapier) hat die Regierung wirklich vermocht, das erhöhte Budget im Gleichgewicht zu halten. Das ordentliche Budget für 190ö ist in der Höhe von 117 673 000 Frank mit 117 656 568 Frank Ausgaben angesetzt, wobei 27 821 804 Frank auf das Kriegs- und 10 680 704 Frank auf das Volksunterrichts- miuisteriuui entfallen. Dazu kommt aber noch eine reiche Liste außerordentlicher Ausgaben, die aus den vermeintlichen Ueber- schössen der Einnahmen von 1005, in Wirklichkeit aber aus der zu beschließenden neuen Staatsanleihe zu decken sind. Die außer- ordentlichen Ausgaben, die alljährlich große Ziffern darstellen und von denen besonders das Kriegsministerium profitiert, sind nämlich in der Höhe von 40 000 000 Frank vorgesehen, wovon 6 000 000 auf das Kriegsministerium entfallen. Allerdings ist der größte Teil dieses Kredits dem Bau zweier wichtiger Eisenbahnstrccken gewidmet: 1. Radomir— Küstendil(die türkische Grenze) und 2. Tirnovo— Boruschtiza— Stara-Sagora. Was die zweite Bahn betrifft, so ist sie von großer Bedeutung für den bulgarischen wie auch für den ganzen europäischen Handel im Osten. Sie bringt eine direkte Ver- bindung zwischen dem östlichen Arm der Donau(Rüste) und Kon- ftantinopcl zustande. Die Interessen des Verkehrs und Handels erheischten— wie in der Presse und in der Nationalversammlung bewiesen wurde—, daß die Strecke auf einem dafür sehr geeigneten ebenen Tefilcc angelegt würde. Trotz alledem ließ die Regierung die oben angegebene Trace auf einen Abhang von 25/1000(die höchste Steigung, die überhaupt existiert) wählen. Man will also einen sinnlosen Bahnbau unternehmen— und all' das, weil eine Handvoll von einflußreichen Aktionären(worunter einige Minister!) daran interessiert sind, daß die Strecke die Kohlenminen von Trjevna- Balkan durchkreuzt, die, wie bewiesen wurde, sehr unfruchtbar sind und einen Eisenbahnbau durchaus nicht rechtfertigen. Die all- mächtige Regierung ließ sich von ihrem halsstarrigen Entschluß nicht abbringen, trotzdem die Opposition zu einem Kompromiß bereit war, durch den die Interessen der Minenaktionäre bezw. der Bank- gescllschaften befriedigt werden sollten, welche die Aufnahme der er- forderlichen Staatsanleihe von der Verbindung der Minen mit dem Eisenbahnnetz abhängig machten! Diese Frage wuchs sich zum wahren Skandal noch dadurch aus, daß sie die Abdankung des Eisenbahn- Ministers hervorrief, der wenigstens so viel Ehrgefühl bei sich ge- funden hatte, um die Verantwortlichkeit für eine solche Unter- nehmung nicht auf sich zu laden. Ein weiteres Merkzeichen der heutigen bulgarischen Reaktion ist, daß sie sich nicht mehr durch eine allgemeine, zum System er- hobene Vergewaltigung der individuellen Freiheiten und Volks- rechte, sondern durch Korrumpicrung des ganzen öffentlichen LcbenS über Wasser halten will. Auf diesem Wege hofft z. B. das schönste Früchtchen der Re- aktion, der Unterrichtsminister Dr. Ivan Schischmanow, Erfolg zu erzielen. Seine Toleranz gegenüber den Ueberzeugungen der Schullehrer, sein Wohlwollen gegenüber der Notlage der Volks- schulen und der Volksschullehrer, seine Wohltätigkeit gegenüber einer Anzahl von Talenten aller Art ist unendlich. Dazu kommt das unheimliche„Wohlwollen" der Regierung der Arbeiterschaft gegenüber: Der Gesetzesschutz für Kinder- und Frauenarbeit, die Invaliden- und Ärankenunterstützung der Staatsarbciter, die Be- seitigung der Verpflichtung der Arbeiter, in die Handwerks- Innungen einzutreten, die Erhöhung des Lohnes der unteren An- gestellten der Staatseisenbahnen— all das sind Reformen, die innerhalb Jahresfrist mit einem Nu bei der ersten Forderung der Arbeiter durch die Regierung ausgeführt wurden! Es leuchtet ein, welche tiefe wirtschaftliche Umwälzung die geschilderte Staatsführung zur Folge hat. Bulgarien durchlebt heute eine Periode der Volksberaubung und der Zusammenhäufung großer Kapitalien, wie sie lehrreicher kaum anderswo zu beobachten ist. Man sieht da, wie eine kühne monarchisch-bureaukratische Koalition ans Ruder gelangt, sich über alles Recht, über alle politische Moral hinwegsetzt, unter der Regungslosigkeit der den Wucherern preisgegebenen Baucrnmasse und unter dem dumpfen Protest der untergehenden Handwerkerschaft große Volksreichtümer flüssig macht und sie durch Vermittelung der Staatskasse in die Tafchen einzelner hochgestellter Bureaukraten und ihrer ver- bündeten privelegierten Unternehmer steckt. Auf diese Weise ist eine bureaukratische„Elite" zur Treue gegen den Thron groß- gezogen und eine heimische Kapitalistenaristokratie gefüttert und gezüchtet, auf welche beiden Säulen sich das moderne Staatswesen Bugariens nun verlassen soll. Man war besonders im verflossenen Jahre Augenzeuge großer Beraubungen der Staatskasse seitens einzelner Staatsbeamten. Die Ziffer der entdeckten und unentdeckten Diebstähle verschiedener Bc- amten ist nicht anzugeben, da sie statistisch nicht gebucht zu werden pflegt. Allerdings weiß man aber, daß die eüiflutzreiche Stellung der höheren und selbst der mittleren Behörden eine Quelle der Be- reicherung vieler eifersüchtigen Anhänger der herrschenden Koterie bildet. Aber diese Quelle ist bei weitem nicht die ausgiebigste, die Leute von Ehrgeiz zufriedenstellen kann. Da kommen die Staats- lieferungen, die die verantwortlichen Bureaukraten und im Ein- Verständnis mit ihnen.ihre verbündeten verantwortungsfreien Unternehmer zu großen Preisen regeln. Ein recht interessanter Prozeß zeigte, daß durch die Vermittelung eines angesehenen Re- gierungsmanncs das Kriegsministerium ein Geschäft unter recht ungünstigen Bedingungen abgeschlossen hatte, das eine reiche Ernte für die Lieferanten ergab. Der Kläger ersuchte das Gericht aber um nichts weniger, als ihm den nach Zurückziehung des Auftrages ihm entgangenen Teil der Beute zuzusprechen, was auch geschah, obwohl Bulgarien ein Gesetz hat, das die gesetzwidrige Bereicherung verfolgt. Jener famose Kläger war aber kein anderer, als der erste Vizepräsident der Nationalversammlung, der seinen Ehrenposten noch heute glücklich inne hat II Diese EntWickelung schafft natürlich gleichzeitig die Kräfte, die den Zusammenbruch der monarchisch-burcaukratischen Herrschaft vorbereiten. An erster Stelle ist es die Arbeiterbewegung Bulgariens, die— heute noch jung und schwach— im Hinblick auf das sozialistische Ideal sich den Schlaf aus den Augen zu reiben be- ginnt— Em der Partei. Der niederrheinische Aufreizungsprozeß. Wohl in keinem anderen Bezirke Preußens war die Staats- anwaltschaft mit so heißem Bemühen dabei, an die Verbreitung der Wahlrcchtsflugblätter vom 14. Januar d. I. eine große Prozeßära zu knüpfen, wie es bei der Staatsanwaltschaft in Elberfeld der Fall war. Nicht nur, daß in der Druckerei in Elberfeld etwa 60 000 Exemplare konfisziert wurden, nein, auch an alle Orte und Bahn- stationen des niederrheinischen Agitationsbezirks war telegraphiert und telephoniert worden, um Jagd auf die Flugblätter machen zu lassen. Haussuchungen gab es in Masse, und noch in den letzten Tagen haben in verschiedenen Orten Vernehmungen stattgefunden, um die Verbreiter unter Anklage stellen zu können. In Elberfeld war gegen neun Genossen, die man im Verdacht hatte, an der Herausgabe und dem Versand der Flugblätter beteiligt zu sein, das Strafverfahren aus§ 130 St. G. B. eingeleitet worden. Zur Hauptverhandlung kani es indessen nur gegen den Ge- nossen U l l e n b a u m. der Geschäftsführer der„Freien Presse" ist. Die Verhandlung fand am Montag statt. Die Anklage wegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten zu konstruieren, war aber selbst der Staatsanwaltschaft nur möglich, indem sie die Wahlrechtsauf- rufe in beqc„Freien Presse" und der„Bergischen Arbciterstimme" vom 5. Dezember v. I. in Verbindung mit dem Flugblatt brachte. Die Verteidigung protestierte gegen die Verlesung der Artikel, aber das Gericht beschloß die Verlesung des Artikels in der„Freien Presse", obwohl der Angeklagte zu diesem Artikel in gar keiner ver- antwortlichen Beziehung steht. In der Vernehmung erklärt Ullenbaum, daß in unserer Partei kein Mensch daran gedacht habe, von unserer altbewährten Taktik abzuweichen. Wenn im Bürgertum irgendwo für den 21. Januar Beunruhigung entstanden sein sollte, dann nur durch das Vorgehen und die Maßnahmen der Polizei- und sonstigen Be- Hörden. Der Borsitzende, Landgerichtsdirektor Kiltz, will wissen, was unter der Redewendung:„Auf zum Kampf gegen das Drei- klassenwahlshftem!",„laßt die Stunde nicht ungenützt vorübergehen", „blicket auf Rußland",„erhebt auch ihr euch in gewaltigen Massen" zu verstehen sei, er wollte die so oft angewandten bildlichen Rede- Wendungen offenbar buchstäblich verstanden wissen. Eine mehr als in einer Beziehung bemerkenswerte Rede hielt der Staatsanwalt Dr. Freitag. An Kenntnis unserer Partei- grundsätze übertraf er den Leipziger Staatsanwalt. In dem VreLlauer Urteil, so führte Dr. Freitag aus, sei festgestellt, daß die Sozialdemokratie Gewalt anwenden wolle, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Jeder wisse, daß daö letzte Ziel der Sozialdemokratie die Vernichtung der bürgerlichen Gesellschaft und die Aufrichtung der Diktatur des Proletariats sei. Wohin das führe, zeige die französische Kommune; solch eine Schreckensherrschaft, wie da ge- herrscht habe, wolle auch die Sozialdemokratie herbeiführen. Daß die Sozialdemokratie von Gesetzlichkeit nichts wissen wolle, gehe aus den Verhandlungen des Wiedener Kongresses hervor, wo beschlossen wurde, das Wort„gesetzlich" aus dem Programm zu streichen!— Er erinnere an die anarchistischen Attentate und an die Attentate auf Kaiser Wilhelm I., die die Folge der— sozialdemokratischen Hetz- und Wühlarbeit seien. Man solle bedenken, daß das Flugblatt in einer Zeit erschienen sei, als in Rußland die Revolution über die Regierung zu siegen schien, als in Oesterreich- Ungarn, in Sachsen und Hamburg Unruhen infolge der Wahl- rechtsbewegung ausgebrochen, seien, und man solle ganz besonders erwägen, daß gerade in diesem Moment Deutschland einem Kriege so nahe gewesen sei wie nie seit 1870. Nach alledem sei eine hohe Strafe am Platze. Der Staatsanwalt beantragte darauf ein Jahr Gefängnis! Der Verteidiger, Rechtsanwalt. Lands, zerpflückte die Dar- legungen des Staatsanwalts und legte insbesondere dar, der Aufruf richtet sich an das ganze preußische Volk, an alle Wähler dritter Klasse, zu denen recht Wohlhabende gehören. Es könne also von einer Aufreizung gegen die besitzende Klasse keine Rede sein. Das Flugblatt richte sich entweder gegen die Regierung oder gegen das Herrenhaus, oder gegen die bürgerlichen Parteien. Tatsächlich hängen aber noch Millionen Arbeiter den bürgerlichen Parteien an. Nirgends in dem Flugblatt findet man eine Aufreizung gegen die besitzende Klasse, und deshalb könne der§ 130 nicht herangezogen werden. Von einer Auf- reizung zu Gewalttätigkeiten könne auch gar keine Rede sein. Der Staatsanwalt kenne, wenn er es auch anders gesagt habe, die Sozialdemokratie nicht aus deren Schriften, z. V. Marx und Engels, sondern wahrscheinlich aus der„Kölnischen Ztg." und der„Rheinisch-Westfälischen Ztg." Die EntWickelung der russischen Revolution habe der Staatsanwalt völlig verkannt, dort seien nicht verschiedene Klassen gegen einander gegangen, sondern fast das gesamte Volk, jedenfalls auch die besitzende Klasse gegen die Regie- nmg. Die Plünderungen in Rußland seien nicht von den Revolutionären, sondern von Banden, oft angestachelt durch die Polizei gegen die Revolutionäre, ausgegangen. Die viel- fachen Phrasen von Gewalttätigkeit der Sozialdemokratie usw. brauche man nur logisch in einen bestimmten Satz zu bringen und man werde an die Lächerlichkeit erinnert, die nach dem Sprichlvort tötet. Wenn der StaatSamvalt sich einmal genau überlege, auf welche Weise der Angeklagte eigentlich Gewalttätigkeit in dem ge- dachten Sinne begehen wollte, so müßte er wohl über seine eigenen Schlußfolgerungen lachen. Das Gericht erkannte, wie schon kurz gemeldet, auf Frei- sprcchung. Es schloß sich im wesentlichen den Ausführungen der Verteidigung an. Der Antrag der Verteidigung, auch die Ver- teidigungskosten der Staatskasse aufzuerlegen, wurde jedoch ad- gelehnt. Staatsanwalt Dr. Freitag mag sich mit seinen Vorgängern in Elberfeld trösten, die sich in ihrem übergroßen staatSretterischcn Eifer große Schlappen holten. Wir erinnern nur an den großen Geheimbundsprozeß und der letzterem vorausgegangenen Vor- bercitung zu einem großen Geheimbundsprozeß, der aber aus dem Anfangsstadium nicht herauskam. AufreizungSprozeß in Stargard. Am Dienstag standen eine Reihe Genossen wegen des Wahl- rechtsflugblattes unter Anklage. Als Verteidiger stand ihnen Genosse Wolfgang Heine zur Seite. Vier Genossen, die die Flug- blätter verteilt hatten, Ivurden freigesprochen, zwei Genosten, die die Pakete den Flugblattverteilern übergeben hatten, wurden zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Verteidiger wies darauf hin, daß ja keiner der Angeklagten das Flugblatt gelesen hatte. Dem Gericht fiel da tvohl ein. daß die Kenntnis des Inhalts zweifellos zum Tatbestand der eventuell strafbaren Handlung gehöre. Es nahm aber ohne jeden Beweis an, daß die verurteilten Genossen das Flugblatt jedenfalls gekannt hätten. Eine Anreizung liege vor, da auf Rußland hingewiesen seil DaS Urteil hätte auch nicht ungerechter lauten können, wenn es ohne Anhörung der An- geklagten vor der Verhandlung gefällt worden wäre. Es ist Revision eingelegt._ Die neueste„Anfreiz«ngs"-Massellaktiou! Wie wir bereits telegraphisch meldeten, sind gegen unser Parteiblatt„Tribüne" in Erfurt siebe» Anklagen wegen„Aufreizung zu Gewalttätigkeiten" eingeleitet worden. Der Ausgang der Aufreizungsaktion in Leipzig scheint die Staatsanwaltschaft angeregt zu haben, denn obgleich die erste „Aufreizung" bereits am 10. Januar begangen sein soll, leitet man erst jetzt das Verfahren ein. Dieser erste„aufreizende" Artikel wendet sich an die F r a u e n und sagt ihnen: Tu» res agitur, um deine Sache handelt es sich. Er schließt: „Daher auf zum Kampfe(!). Keine darf fehlen in den Reihen der Sozialdemokratie." Das entsetzliche Wort„Kampf" hat es dem Staatsanwalt angetan. Wie die Genossin Zictz mitteilt, ist auch gegen sie als Verfasserin das Strafperfahren von Erfurt aus bereits eingeleitet worden, so daß sie, da sie den Artikel mit ihrem vollen Namen unterzeichnete, mit dem verantwortlichen Redakteur Gen. v. Lojewski zugleich auf der Anklagebank sitzen wird. Die weiteren angeklagten Artikel enthalten folgende Auf- reizungcn:„Wir werden die reaktionären Gegner bei den nächsten Wahlen zerreiben(!) und bereiten jetzt schon große geistige Entscheidungen(I) vor."„Und setzet ihr nicht euer Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein"— hier ist in das Zitat hinter dem ersten Wort„Leben" in Klammern eingefügt„für gesetzliche Poliftsche Betätigung". Demnach ist es aufreizend, den Idealismus zu haben, für gesetzliche poliftsche Betätigung sein Leben einzusetzen. Drei Notizen wurden als Preßäußerungen über die sächsische Reaktton unter Quellenangabe zitiert. Auch eine andere Preß- äußerung fällt unter diese Rubrik. Die„Tribüne" hatte Preßstimnien über den„roten Sonntag" zittert und auch folgende Worte wiedergegeben:„Kampf(!) also, Kampf auf der ganzen Linie! Sturmlaus(!) gegen die Reaktion, Sturm- lauf(I) gegen die angeblichen, so kläglich untättgen Freunde des demokrattschen Wahlrechts! Der Kampf(!) ist nicht vor- über, er beginnt erst! Ein Verräter au der Sache des Volkes, wer tatenlos(!) beiseite steht!" Da haben wir den Auf- rcizungssalat: Kampf, Stunulauf, Taten— entsetzlich! Damit auch die„Verächtlichmachung von Staats- eiurichtungeu" nicht fehle, hat man dieses Delikt in einer Notiz entdecken müssen, die unter der Stichmarke:„Die Vor- bereitung" einfach und ohne jede Bemerkung meldete, daß in Gelsenkirchen am 21. Januar das Gefängnis zur Aufnahme der zu Verhaftenden frei gehalten wurde. Demnach scheint das Gefängnis— allerdings die wichtigste und kultur- fördcrndste Einrichtung des preußischen Staates—„Der- achtlich" gemacht zu sein. Leider muß inan dem Staatsanwalt zugestehen, daß die Aufreizungen der„Tribüne" Erfolg gehabt haben: in ihrem Verbreitungsgebiet sind zwei gelv alttätige Exzesse vorgekommen. In Wandersleben bei Erfurt veranstalteten Patriotische Kriegervereinler als Gegendemonstration gegen den roten Sonntag eine patriotische Feier, wobei zwei patriotische Gestochene vom Patriotischen Schlachtfelde getragen werden mußten. Und in Langensalza kam es zwischen patriotischen Soldaten und patriotischen Zivilisten zu einer patriotischen Schlägerei und Stecherei, bei der es auf beiden Seiten mehrere Verwundete gab. Grund genug, jetzt gegen die„Tribüne" ein Aufreizungsverfahren einzuleiten. Es erscheint ausgeschlossen, daß der Staatsanwalt eine Verurteilung erzielen wird. Das' wäre nur möglich, wenn die Erfurter Richter sich durch ihren engeren Kollegen und Freund, den Erfurter Landgerichtsrat Hagemann, beein- flusseu ließen, der bekanntlich als nationalliberaler Scharf- macher kürzlich im Reichstage eine noch energischere und tollere Verfolgung der Sozialdemokratie forderte. Daß das die Erfurter Richter tun werden, dafür liegt zunächst kein An- zeichen vor, zumal ein Gericht, das in derartigen rein ideellen Wendungen eine Anreizung zu physischen Gewalttätigkeiten „feststellen" würde, dem Fluche der Lächerlichkeit airheinifiele. Nichtsdestoweniger wird dieser Masscnprozeß der„Tribüne" neue Scharen von Abonnenten bringen. Weil er eben für uns und für das Volk ein— Aufreizungsprozetz ist!-_ Die diesjährige Lirndesverfammlung der sozialdemokratischen Partei Sachsens beginnt am Dienstag, den 17. April, vormittags 10 Uhr, im„Belvedere" zu Zwickau. Zur Erledigung der Geschäfte sind vorläufig zwei Tage in Aussicht genommen. Auf der Tages- ordnung steht: 1. Bericht des Zentralkomitees: a) Organisation. b) Agitation. Referenten: Sindermann und Braune. 2. Bericht über die Tätigkeit des Landtages. Referent: H. Goldstein. 3. Die Wahlrechtsbewegung. Referent: Fritz Geyer. 4. Die Taktik bei den Gemeindewahlcn. Referent: E. Schulze. 6. Anträge der Partei- genossen. 6. Wahl des Ortes für das Zentralkomitee. 7. Wahl des Ortes für die nächste Landesversammlung. Totenliste der Partei. Der Stadtverordnete Genosse Dreher ist in Löbtau nach wenigen Wochen schwerer Krankheit gestorben. Paul Dreher ist einer der alten Garde, ein Genosse, der, 57 Jahre alt geworden, den größten Teil seines Lebens in uneigennützigster Weise in den vordersten Reihen des Proletariats gekämpft und gewirkt hat. Er stand schon als junger Mensch mitten in der Be- wegung, da noch zwei Richtungen in der sozialdemokratischen Partei als feindliche Brüder sich gegenüberstanden. Und in den schwersten Zeiten des Sozialistengesetzes hat Paul Dreher seinen ganzen Mann gestanden, wie nur einer; er hat sich unvergängliche Verdienste um unsere große Sache erworben, die ihm von der Parteigcnossenschaft Dresdens unvergessen bleiben. Wiederholt wurde er von den Löbtauer Genossen zum Gemeinderatsmitglied berufen, und er hat diesen Posten unter den schwierigsten Umständen, teilweise als ein- ziger Sozialdemokrat, wirkungsvoll im Interesse der Arbeiter ver- treten. Auch sonst hat unser ins Grab gesunkener Genosse wieder- holt auf den exponiertesten Posten der Partei gestanden. Er kan- didierte wiederholt zum Landtag, und als Redner war er auf be- stimmten Gebieten sehr geschätzt und erfolgreich tätig. Er war ferner der tätige Mitschaffer der jetzt bestehenden Organisation im k>. Kreise, deren erster Leiter er auch war. Und trotzdem unser Genosse Dreher seit Jahren zeitweilig von der Gicht geplagt wurde, hat er bis zum Beginn seiner tödlichen Krankheit ununterbrochen im Interesse der Sozialdemokratie gewirkt. treffenden Angelegenheiten sind die Gelverbe-AufsichtSbeainten zu sprechen: A. Für Arbeiter und Arbeitgeber: Dienstags und Freitags von 1 bis 2 Uhr mittags. B. Für Arbeiter allein: Donnerstags von 7 bis 8 Uhr abends und am 1. Sonn« tag des Monats von 9 bis 19 Uhr vornnttagS. C. Für Arbeiterinnen allein halten die Geiverbe-JnspektionS- Assistentinnen Fräulein Reichert, Fräulein Kümmert und Fräulein Conradt zu den unter B angegebenen Zeiten Sprechstunde» in den Räumen der Gewerbe-Juspektion Berlin 0 bezw. C und N ab. Außerdem sind zur Anskunftserteilung über alle die Gewerbe- Aufsicht betreffenden Angelegenheiten täglich von 1 bis 3 Uhr Geiverbe-Aufsichtsbeamte in den Dienstlokalen der Gewerbe-Jn- speklionen anwesend. Die Bezirke der Gewerbe-Jnspektionen für Berlin, Charlotten- bürg, Schöneberg und Nixdorf sind wie folgt abgegrenzt: 1. Gewerbe-Jnspektion Berlin C., umfassend die Bezirke der Polizeireviere 1. 2. S. 12 bis 16, 19 bis 22, 27, 29, 38, 40, 55 und 93. 2. Gewerbe- Inspektion Berlin 0., umfassend die Bezirke der Polizeireviere 23 bis 26, 43 bis 45. 48. 49. 52 bis 54. 65. 66. 79. 79, 86, 87. 94 bis 96, 192 und 193, sowie den Stadtkreis Rixdorf. 3. Gewerbe-Jnspektion Berlin L., um'assend die Bezirke der Polizeireviere 28. 39. 31. 34 bis 36. 39. 4>, 42. 47. 56. 63. 67. 71 bis 73, 78 und 85, sowie den Stadtkreis Schöneberg. 4. Gewerbe-Jnspektion Berlin W., umfassend die Bezirke der Polizeiveviere 3 bis 5, 8. 32, 33. 37. 57, 58. 64. 74 bis 77. 83, 84, 91, 199 und 194, sowie den Stadtkreis Charlottenburg. 5. Gewerbe-Jnspektion Berlin N., umfassend die Bezirke der Polizeireviere 7. 9. 19. 11. 17. 18. 46. 59. 51. 59 bis 62. 63, 69. 89 bis 82. 38 bis 99. 92. 97 bis 99, 191 und 195. Uebcrsicht der Gewerbe-Jnspektionen und der Gcwcrbe-Aufsichtsbeamten von Berlin, Charlottenburg, Schöncberg und Rixdorf. Arbeiter, Arbeiterimlen Kerlius, wahret Eure Rechte! Die Bestimmungen der Gewcrbe-Ordnung, die zum Schutze der Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeiter erlasten sind, werden viel- fach seitens der Unternehmer nicht beachtet und die Rechte der Arbeiterinnen werden oft gekürzt. Das Gesetz bestimmt: Die Arbeitszeit dauert für Arbeiterinnen über 16 Jahre 11 Stunden täglich, mit einstündiger Mittagspause; an Vorabenden von Sonn- und Festtagen nur 19 Stunden, und es muß die Arbeitsstätte an diesen Tagen bis spätestens 5Vz Uhr verlassen sein. Jugendliche Arbeiter von 14—16 Jahren dürfen täglich nur 19 Stunden mit einstündiger Mittagspause sowie je'/sstimdiger Frühstücks- und Vesperpause beschäftigt werden. Kündigungen und Entlassungen. Gründe für sofortiges Ver- lassen der Arbeit sind z. B.: Unsittliche Angriffe der Unternehmer oder ihrer Vertreter, Tätlichkeiten, grobe Beleidigungen, un- regelmäßige Lohnzahlung, bei Akkordarbeit nicht ausreichende Be- schäftigung usw. Die Kündigungsfrist beträgt 14 Tage; sie kann durch gegen- seitige Vereinbarung ausgeschlossen werden. Wenn Kündigungsfristen bestehen, müssen sie für beide Teile gleich sein. Ausstellung von Zeugnissen. Die Arbeiterin hat das Recht, ein Zeugnis über Art und Dauer ihrer Beschäftigung zu verlangen; be- sondere Merlinale, welche die Schädigung der Arbeiterin zur Folge haben können, sind ungesetzlich und zurückzuweisen. Strafgelder. Bestimmungen über Lohnabziige in Form von Strafgeldern müssen in der Fabrikordnung, die sichtbar aushängen muß, bekannt gegeben sein. Die Verhängung jeder Strafe muß der Arbeiterin ohne Verzug mitgeteilt werden. Hygienische und Schutzmaßregeln. Arbeitsräume, Betriebs- Vorrichtungen, Maschinen und Gerätschaften sind so einzurichten und zu unterhalten, daß die Arbeiterinnen gegen Gefahren für Leben und Gesundheit geschützt sind. Es ist für genügend Licht, reine gute Luft, Beseittgung von Staub und Abfällen zu sorgen; ebenso sind Schutzvorrichttlnaen an Maschinen anzubringen. In Anlagen, deren Betrieb es mit sich bringt, daß die Arbeiterinnen sich umkleiden und nach der Arbeit reinigen, müssen ausreichende, für beide Geschlechter gekennte Ankleide- und Waschräume vorhanden sein. Bedürfnis- anstalten müssen in genügender Zahl vorhanden und so eingerichtet sein, daß Sitte und Anstand nicht verletzt tverden. Arbeiterinnen, achtet darauf, daß diese zu Eurem Schutze erlassenen gesetzlichen Bestimmungen durchgeführt und innegehalten werden. Wir weisen darum von neuem darauf hin, daß nachstehende Personen bereit sind, um es den Arbeiterinnen zu ermöglichen, ohne Nachteile für ihre Existenz auf Beseitigung der Mißstände in den Arbeitsstätten hinzuwirken, wahrheitsgetreue Beschwerden entgegen- zunehmen und für schleunigste Abhilfe Sorge zu tragen. Die Nameu der Beschwerdeführer werden streng geheim ge- halten! Beschwerden nehmen entgegen: Fräulein Baader, Blücher- siraße 49, Hof IL Frau Bauschke, Rostockerstr. 43, Quergcb. I. Frau Dr. Wetzl, Lothringerstr. 67, l. Frau Lutz, Waterloo-Ufer 9, im Laden. Frau Pauzeram, Pappel-Allee 128, vorn I. Frau Tietz, Blumenstr. 63, I rechts. Frl. Heidemann, Alte Jakobstt. 108, IV. Frl. Grimberg, Köpnickerstr. 8d, IV. Frau Zeetze, Rixdorf, Steinmetz- stratze 129, vorn I. Frau Schmidt, Charlottenburg, Wilinersdorfer- straße 139. Sprechzeit jeden Mittwochabend von 7—9 Uhr. Gcwcrrschafts-Burcan, im G e Iv e r k s ch a f t s h a n s e, Engel- Ufer 15, im Laden. Vorm. 9— 1 und nachm. 6— 8 Uhr. Zill Auslunftserteilung über alle die Gewerbe-Aufsicht be- Serickts Leitung. Ferdinand Bonn vor dem Gewerbegericht. Ferdinand Bonn hatte gestern wieder einmal sich mit seinen Bühnenarbeitern vor dem Gcwerbegericht auseinander zu setzen. Nicht weniger wie dreißig Klagen, meist wegen Uebcrstunden- sorderungen, sollten zum Austrag kommen. Gleich bei Beginn der Verhandlung lehnte Bonn den Vorsitzenden, Gewerberichtcr Assessor W ö l b l i n g, wegen Befangenheit ab. Dieser Einwand wurde aber als unbegründet zurückgewiesen und die einzelnen Klagen zur Verhandlung gebracht. In vier Fällen wurden Vergleiche ab- geschlossen und einige andere Klagen mußten wegen Fehlens von Zeugen vertagt werden. In einem Falle erfolgte nur die Ver- urtcilung zur Bezahlung der Ueberstunden.— Ferdinand Bonn selbst dauerte die Sache zu lange, er verließ den Verhandlungsraum und beauftragte seinen Sekretär K. mit seiner Vertretung. Als in dem schon erwähnten Fall Bonn zur Bezahlung der Ueberstunden verurteilt wurde, berief sich K. auf das Zeugnis des Bühnenchefs Dr. Mathull, der bekunden sollte, daß die Arbeiter bei Bonn keinen Rechtsanspruch auf Ueberstundenbezahlung hätten.(!) Der Gerichts- Hof hielt die Vernehmung dieses Zeugen für unerheblich, zumal von anderer Seite bekundet wurde, daß in allen Berliner Theatern die Bezahlung der Ueberstunden üblich sei. Wegen dieser Z e u g e n a b l e h n u ng lehnte der Vertreter Bonns in allen weiteren 16 Klagen den ganzen Ge- richtshof als befangen ab. Nach längerer Beratung er- klärte der Vorsitzende, daß ein neuer Termin demnächst stattfinden werde. Inzwischen wird über den Einwand der Befangenheit ent- schieden werden. Der Bewcisantrag darüber, daß die Arbeiter keinen Rechts- anspruch auf Bezahlung für Ueberstunden haben, ist offensichtlich unbeachtlich. Der Arbeiter hat einen Anspruch auf Bezahlung für Ueberarbeit und selbst wenn entgegenstehende Abreden wären, im vorliegenden Fall offenbar gegen die guten Sitten verstoßend und deshalb uygültig. Die Ablehnung wegen Befangenheit unter diesen Umständen legt die Vermutung nahe, daß die Ablehnung überhaupt nicht ernst gemeint war, sondern zur Hinziehung der Entscheidung dienen soll. Den Arbeitern wäre zu raten, eine einstweilige Ver- fügung in Höhe ihrer Ansprüche zu extrahieren, damit später ihnen die Pfändung erleichtert werde. Hütet die Kinder! Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit ver- handelte die 3. Strafkammer des Landgerichts I eine Anklage gegen die Masseuse Marie Otto, den Kapellmeister Wilhelm P f a r r und zwei junge Mädchen. Letztere hatten sich in die„Behandlung" der Frau Otto begeben, um mit deren Hülfe die Folgen eines von ihnen begangenen Fehltritts abzuwenden. Pfarr wurde beschuldigt, unter Mißbrauch seines Ansehens und durch Ueberredung eine feinere minderjährigen Schülerinnen, die bei ihm Violinunterricht hatte, zu Falle gebracht und dann selbst zu Frau Otto geleitet zu haben.— Die Verhandlung endete mit der Verurteilung P f a r r s zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis, der Frau Otto zu 9 Monaten Gefängnis. Die beiden jungen Mädchen kamen mit geringeren Gefängnisstrafen davon. Biß in den Daumen. Schweres Unheil hat der Arbeiter Paul Erpach angerichtet, der wegen schwerer Körperverletzung vor der 3. Strafkammer des Landgerichts I zur Verantwortung gezogen wurde. Die Sache hatte seinerzeit das Schöffengericht beschäftigt. Dieses hatte sich aber für unzuständig erklärt, weil der Verletzte ein wichtiges Glied des Körpers verloren hatte. Der Angeklagte war bei einer hiesigen Getreidefirma beschäftigt und geriet eines Tages mit einem Vorarbeiter bei der Lohnzahlung in Zwist, der in Tätlichkeiten ausartete. Dabei hat der Angeklagte seinem Gegner den Daumen der linken Hand beinahe abgebissen, so daß der Finger amputiert werden mußte und der Verletzte dauernd eine Steifheit im Arm zurückbehalten hat. Der Angeklagte, der schon einmal in eine solche Biß-Affare verwickelt war, wurde zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt. Versammlungen. sie noch mehr verlangen. Man spricht von der„vollen Kompott- schüssel", aber die Arbeiter sind der Meinung, daß sie noch nicht bei der Suppe angelangt keien. Wir stehen erst am Anfange einer vernünftigen Sozialrefornr. Man solle sich nicht täuschen lassen, daß den Arbeitern zuliebe Reformen eingeführt werden. Das Kapital ist selbst stark daran interessiert. daß nicht unnötiger Raubbau mit der Arbeitskraft des Volkes ge- kieben wird. Was an Arbciterschutz zugestanden wird, ist nur minimal; jedes weitere Zugeständnis ist immer das Resultat laug- wieriger Kämpfe und nur schwer aufrecht zu erhalten. Was die Arbeiter vor allen Dingen brauchen, das sind Freiheiten, um sich ihre Rechte zu erkämpfen auf wirtschaftlichem wie auf politischem Gebiet. Sie müssen als Klasse mit der Sozialdemokratie kämpfen, denn solange Klassen im Staate bestehen, wird auch der Klassen- kämpf nicht aufhören, der mit aller Schärfe geführt werden muß. An der Diskussion beteiligten sich nur einige Redner, welche die Ausführungen des Referenten durch treffende Beispiele zu bekräftigen wußten und auf die Notwendigkeit der Organisation hinwiesen. Die Wahlrcchtsftage stand auf der Tagesordnung in fünf Ver- sammlungen, die der sozialdemokratische Wahlverein für den vierten Berliner Reichstagswahlkreis am Dienstag in den verschiedenen Stadtteilen des Kreises veranstaltet hatte. In der Versammlung sür das Gvrlitzer Viertel bei Graumann in der Naunynstraße hatte Ge- nosse E r n st Brückner das Referat übernommen; in der „Drachcnburg", Vor dem Schlesischen Tor, sprach Genosse Wüsche, bei Litfin, Memelerstraße, Genosse Eugen Brückner; bei Boeker, Weberstraße, Genosse Büchner, und im„Elysium", Landsberger Allee, Genosse Litfin. In allen Bersamnilungen ttat der Ernst und die Entschlossenheit zutage, womit das preußische Proletariat den Kampf um seine politische Gleichberechtiguug führt; aber ebenso deutlich zeigte es sich, daß die Arbeiterschaft durchaus nicht gewillt ist, der Reaktion die ihr wohl wünschenswert erscheinende Gelegenheit zu geben, die Bewegung in einem Blutbad zu ersticken. Auch gab man sich nicht der Täuschung hin, daß der Kampf ein leichter sein werde, daß man das allgemeine Wahlreckt so ohne weiteres erreichen könne. Genosse Litfin bemerkte am Schlüsse seines Vortrages, daß die ganze Kraft auf die Jugenderziehung gerichtet sein müsse, damit sich die heranwachsende Generation nicht zu blindeu Werkzeugen der Reaktion gebrauchen lasse. Er verglich die Volksbewegung mit dem Druck in einem Dampfkessel, der bei ungeschickter Wartung den Kessel zersprengt und den Maschinisten beiseite schleudert— eine Warnung an die Reaktion, nicht allzu ftech die Forderungen des Volkes zu mißachten.— An den Vortrag knüpft sich eine re�e Diskussion, in der der Mißmut und die Empörung über die schmählichen politischen Zustände in Preußen unmittelbar und kräftig zum Aus- druck kam. Einigen pessimistisch klingenden Aeußerungen gegenüber bemerkte der Referent in seinem Schlußwort, daß, wer die letzten Jahrzehnte der Arbeiterbewegung miterlebt hat, doch trotz all' der herrschenden Reaktion erkennen müsse, daß eS vorwärts geht. Im übrigen sei es vor allem auch Sache jedes einzelnen Partei- genossen, seine ganze Kraft dafür einzusetzen, daß es schneller vor- >värls gehe.— Deutscher Kürschnerverband. Die Zahlstelle Berlin hielt am 19. Februar eine Versammlung ab. E. S ch n b e rt- Hamburg hielt einen Vortrag über das Thema: Unternehmerverbände und Arbeiter- organisotionen. Hierauf erfolgte Bericht und Neuwahl des Dele- gierten zur Gewerkschaftskommission. Den Bericht erstattete Sellinann, gewählt wurde Krause II. Der Kürschner Demeter, der beim letzten Streik Arbeitöivilligeudienste geleistet hat, wurde aus dem Verbände ausgeschlossen._ Zweiter Wahltreis. In einer Volksversammlung bei Goßmann, Kreuzbergstraße, sprach am Dienstag der Reichstagsabgeordnete Genosse S t ü ck l e n über„Die Entwickelung der Sozialpolitik im Reiche". In der gutbesuchien Versammlung waren auch Frauen zahlreich vertreten. In feinem Vortrage erklärte Genosse Stücklen, wie winzig und unzureichend die vielgepriesene Fürsorge für den Arbeiter im Deutschen Reiche ist. Dennoch ist man in RegicrnngS- kuisen der Meinung, daß die Arbeiter recht undankbar feien, wenn Vermilektes. Schwere SchiffSunfälle, bei denen viele Menschen ihr Leben ver- loren, haben sich in und bei Portugal ereignet. Wie aus Porto ge- drahtet wird, geriet bei dichtem Nebel auf dem Duoro eine Bark auf einen Felsen und schlug um; 16 Personen ertranken. — Nach einer Meldung deS„Morning Leader"(London) aus Lissabon stieß ein portugiesischer Küstendampfer auf Felsen an der atlantischen Küste und ging innerhalb weniger Minuten unter. 25 Fahrgäste ertranken. Viele Leichen wurden bereits anS llfer geschwemmt._ Deutscher Arbeiter- Abstinenten- Bund. Ortsgruppe Berlin. 1. Bezirk. Freitag, den L3. Februar, abends 1/19 Uhr: Agitations- veftammlung sür die östlichen Vororte in Rummelsburg, Mt-Boxhagen SS, bei Tempel. Vortrag des Genossen 21. Slörmer über:„Unsere Mittel im Klassenkamps". Diskussion. Eingegangene Driichrdrnften. Dr. O. Wettstein. Die Tagespresse vor hundert Jahren. 24 Seiten. Preis Sv Ps. Verlag: A. Müller, Zürich. I. Bericht über die Tätigkeit der Zahlstelle Berlin deS Holz- arbeiterverbandes sür das Jahr tS0S. II. Die Lohn- und Arbeits- Verhältnisse der Berliner Holzarbeiter nach statistischen Erhebungen im September tS95. Eine von der Zahlstelle Berlin des Deutschen Holz- arbeiterverbandes herausgegebene Broschüre. Zu haben im Verbandsbureau, Engel-User IS. KflefKaften der Redahtion. 165. I. An den Verband der GastwIrtSgehülfen, Berlin, Dirksen- straße 39. I.- A.®. 250. Beim Juwelier.- A. B. 000. Ersuchen Sie den Kastellan im Reichstag, Portal V, um Ueberlassung einer Tribünen- karte. Ausgabe derselben nur vormittags.— Natzke, Stciiifördc. Zenttalverband der Konsumvereine Deutschlands. Sekretär: Heinrich Kausniaim, Hamburg, 8, Gröningerstr. 24/27.— N. 11. Dresden.— E. K. 100. Uns nicht bekannt.— Zwei Streitende, Gollnowstratzc. 1. 9. Juni 1894. 2. IS. November 1897. 3. 18. Dezember 1897. Briefkasten der Redaktion. Furiftifcher C«U. TI« iurtftlfche Sprechft»»d- findet innlich ml« Ausnahme de? Snnunbeud» von 7'h bis O'l, Uhr abends statt.(Öcörfnct: 7 Uhr. Jeder Antra ae ist ei» Buchstabe»nd eine Zahl alS Merkzeichen beizufüge». Briefliche Autwort wird nicht erteilt. 50 I. W. Sie müssen sich an die Gesellschaft wenden, eventuell die Police aufbieten lassen.— P. 250. 1. und 2. Nein. Sie müssen sich aber vertreten lassen. Di« juristische Sprechstunde steht jedem 2lbonnentcn offen, eS mutz abgelehnt werden, zu einer bestimmten Zeit durch den Brics- lasten zu antworte».— H. 09. Die Klage wäre im Auslande au- zustrengen, sie hat wenig Zlusstcht ans Erfolg.— E. S. 100. Ehebruch ist, wenn wegen desselben die Ehe geschieden ist, aus 2lnkag des beleidigten Galten strasbar. Der Antrag ist spätestens innerhaw drei Monaten nach Rechtskraft des Scheidungsurteils zu stellen. Die SKase beträgt zwischen einem Tage und sechs Monaten Gefängnis.— A. G. 12. Soweit ersichtlich, erbte nur der Ehemann und Ihr Vater.— Kahn 5. Jedes Beweismittel kann als hinreichend zum Beweis erachtet werden. Die Anzeige dürft« aber leider resultailos verlausen.— M. Z. 37. Nein. — 20. Etwa 30 Ps. bis I M.— E. K. und K. M. 1. Wenden Sic sich an das Amtsgericht uiit dem Slntrag, Sic von der Wartezeit zu dispensieren.— K. B. 68. Alter Abonnent 100. Nein.— Berbelc. l. Sie können nicht vor dem 2. Juni heiraten. 2. Nein.— I. 20. Sie haben keine Verpflichtung. Die betreffende gehört auch einer Kranlcnkaffe nicht zu.— A. H. 7. Wenn bewiesen wird, datz lltägige Kündigungssrist vereinbart und diese Vereinbarung auch mit dem Schwager getroffen ist, so haben Sie, sonst der Schwager Recht.— Pech. 1. Die Psändung geschieht durch Gerichtsbcschlutz. 2. Das Hai das Gericht nach Mahgabe deS Familieiiuuterhalls zu entscheiden. 3. und 4. Nein. S. Ja.— Schn. 10. Sie mußten sich das Urteil holen.— Dalldorf 15. 1. Nein. 2. Ja. Briefkasten der Expedition. Patienten in Beelitz. Grabowsee sc. Diejenigen unserer Swonnenten, die noch während des ganzen nächsten Monats in der Heilstätte bleiben, wollen uns wegen der Ilebcrweisung von Freiexemplaren sosort ihre Adresse einseilden, da bei verspäteter Bestellung die ersten Nummern des neuen Monats von der Post nicht gelles ert werden. Für>en Julia!« drr Jnirrnte übmiiinmt die Nedaktio» dem Viiblituin griKiiübrr(einerlei jtrrnnnuortiiiig. Cbcatcr. Donne rstag, den 22, Februar, Slnjang 7'/, Uhr: Opernbaiis. Cavalleria rusticana. Cappelia. SlliauipielhaiiS. Wilhelm Teil. TriitkrheS. Kabale und Liebe, verliner. Die Jüdin von Toledo, Neues. Die Neuoerinähllen, Sa- lome. Lesjiug. Rosmersholm. Slnsang 8 Uhr: etlilNer<».«Wo Nuer-Thealer,) Ucber unsere Kraft. 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Februar, nachmittags 2';, Uhr: Melrnpol-Theater. 17./18. Abteilung IVlaria Magdalene. Carl Weiß-Thealer. 8 /7. Abteilung Ein Friihlingsopfer| Oebr tider Heute zum 108. Male: Der größte Hemifeld- Schlayer: Tamilientan Im Kause frellstein, Komödie in drei Akte» mit den Autoren A. u. D. Herrnseld in den Hauptrollen. Ans. 8 Uhr. Vorverk. 11—2 Uhr lThealerkasse). F. von Kayscrllng. KrUirniings Vorstellung Freitag, den 23. Februar: Zar Feodor Joannowltsch. Tragödie in 5 Sitten o. Alcxei Tolstoj. Sonnabend und Sonntag: Ist feodoi loannoMoli. Anfang 7'/, Uhr. Apollo-Theater. Interessant! Amüsant! Die glänzenden Spezialitäten n. Gobert Bölling mit seinen vierbeinigen Komiker». Katsnknraa lllgashl, Meister des Jln-Jitsu. Vorher: Oie Insel Tulipatan, Opeirette. Sonntag, den 25. Februar, nachm. 3 Uhr: Berliner Luft u. Spezialitäten. Zum 62. Male: Deutsch- Amerikanisches THEATER, Jeden Abend 8 ühril Gastspiel Ad. Philipp. Sonnt, nehm. 3 Uhr, halbe Preise: Ueber'n großen Teich. Lustspielhaus. Allabendlich 8 Uhr: Der Weg zur Hölle. nr�or-TL— Kater Lampe. Komödie aus dorn oberen sächsischen Ei-zgebirge in vier Aufzügen von Emil Rosenow. MÄRZ�FEIER Sonnabend, den 17. März, Brauerei Friedrichshain. IBeethoven-BerliozI G Großes Sinfonie-Konzert G f i Instrumental- und Vokalmusik unter Mitwirkung hervorragender Solisten und Feslball. Festmarken und Gastkarten in allen Zahlstellen. 228/8 Der Vorntand. I. A.: G. Winkler. Zirkus Albert Schumann Heute Donnerstag, den 22. Februar, abends präzise Vit Uhr: Eliteabend. Ellteprogr.ua.: Dir gröftte Roviliit! Ik Souper bei Maxim. Eck 7 PerezolT. Das Rätsel des Orients: Ihr» Exzellenz Residenz-Tiieater. Direktion: Richard Alexander. Heute und folgende Tage 8 Uhr: Der Prinzgemahl. Satirischer Schwank in 3 Akten von L. Zanros und I. Chancel. Sonntag nachm. 3 Uhr: Der Schlaf. Wagenkontrolleur._ Carl Weiß- Theater. <Är. Frankfurterstr. 132. Täglich abends 8 Uhr: Sonnabend nachm. 4 Uhr Kinder- Vorstellung, kleine Preise: RQdezahl und das lustige Scluieiderlein. W. Noacks Theater. Dtrektio»: Rob. Olli. Brunuenttr. 16 Extra- Elite- Vorstellung. N eul Zum erstenmal: Neu! In ruffikcher leibeigen fcdaft ZolkStlück in 4 Akten v. A. Pawliez VolkSstück Anfang 8 Uhr. . Pawliezek. Entree Zv Pf. Ball. Elysium Landsberger Allee Nr. 48-41. Jnh. C. Eisermann. Jeden Donnerstag: Drlgluul- Knrbnrgcr Sdnger Direktion: C. Frick und F. Kasche-Krause. Anfang 8 Ehr. Entrec 10 Pf. VorzugSkarten gelten. Nachher: Vans. Margaretha Jehim Pascha. norgana Troupe. The Ergctti und King Louts Troupe. Troupe Creard. Ferner: Die großartigen neuen Spezialitäten und Dir. Albert Schumanns neuesten Schul- undIreiHeitS- dresfuren. Zum Schluß: Riesen- Erfolg>' Femina das nene Eranenrelch. Größte Pracht- SluSstattungS-Panto- mime der Gegenwatt. T rianon-Theater. Anfang IsOUlOU. Sonntag nachm. 8 Uhr. Die herbe Frucht. KasinosTheater Lothringerftr. 37. Täglich 8 Uhr. Nur uoch bis!. Mär; inkl. Die goldene Brücke. Am 2. März zum erstenmal: Die Herren Söhne. Sonntag nachm. 4 Uhr zum letzten- mal: Das Opferlamm. Eoties Capriee Bndapester Possen- Theater 132 Llnienstr. 132, Ecke Friedrichstraße.— Zum 158. Male: Vach d. Zapfenstreich. Vorher: Der Beheme u. d. ausgezeichn. spezialitätenteil. Anfang S Uhr. Vorverk. tägl. b. Northeim u. an der Theaterkasse von 18 Uhr vor- mittags an. XI. Berliner Saison. Zirkus Busch. Neu!-ma OV~ Sensationell! Der automatische Mensch. Zum ersten Male in Europa! Noch nie dagewesen!"Wzz Eine Springpferde-Konkurrenz zwischen 3 Springpferd. u. die vorzügl. Programmnumraern. Zum Schluß(um 9'/. Uhr): Die neueste und größte Sehenswürdigkeit Berlins: ♦ Indien. ♦ Origin.-Manege- Ausstattungsstück des Zirk. Busch in 8 Bild. Zum erstenmal in Berlin I Tschin-Maa's Chinesen-Truppe Außerdem Otto Reutter und das sensationelle Fehruar-Prograni. in noritzplatz. Täglich den untere« Sälen Oottschalk-Konzert. Passage-Theater. Anlang d. Abendvorstellung 8 Uhr. Miß Gertrude, Tänzerin. Kar! Bernhard, der Humorist. = Vierzehn Nummern.= „Und Pepi singt" (Pepl Weiß). SanssouciitS" Dir. Wilhelm Reimer. Sonnt.. Mont., DonnerSt.: HotTmanu» Norddeutsche Sänger Sonnt. Bg. ö, Wochent. 8 U. Dienst., Mittw.: Theat.-Ab. Anmeld. f. d. gr.Theateriaal z. nächst. Saison(a. s. Mitt- wochs) w. schon jetzt entg. (iold- u. Silberwaren Wecker-Uhren mit Abstellor.... v. 1,46 an Nickel-Remontcir-Uhren, 38 St.-Werk. v. 2,65 an Echt silberne Remontcir-Uhren.... v. 5,50 an Echt silberne Remontoir-Uhren, 6 Rubis v. 7,— an Echt gold. Dtmenhalsk. m. Schieb., 138 cm 1. v. 1 1 ,50 an Echt goldene Ringe........ v. 0,90 an Stadt-Theater Moabit Alt-Moabit 47/49. Heute Donnerstag, 22. Februar: Die tiirtlidttii Umuaudten. Lustspiel in 3 Auszügen von Roderich Bcncdix. Ansang 8 Uhr. Kasseneröffnung 7 Uhr. _ VorzugSkarten haben Gültigkeit. frödeiz Allerlei-Tiieaier Schöndanser Allee 148. 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Mbruar, abend» 6 Uhr, in Voigts„Rittcr- Tälen«, Ritterstr. 71/75: Geffentlielie Versammlung für Wnuer und frauen. Tagesordnung: Vortrag des Genossen Stripp(Rezitation). ?ammiun?-� ür Gemütliches Beisammensein. Entree inkl. Garderobe SS Pf. Tanz frei. 210/8* Zu recht zahlreichen Besuch ladet ein Der Einberufer. Nnbliiid im Frisciirgkhiilstn Dciitslhllinds. ZL�voIgvervIn Rerlln und Vororte. ------ Bureau und lostcnloser Arbeitsnachweis: Rofenthalerftr. 57----- 9—12 u. 2—4 Uhr geöffnet.— Fernsprecher: Amt III, 1296. Donnerstag, den 22. Februar er., abends 9'/. Uhr, Rosenthalerstr. 11/12; = Außerordentliliie Geutralversamullliug.= Taaes-Ordnung: t. GeschästlicheS. 2. Die Bedeutung der Tarifverträge. Referent: Frltr Firliorn-Hamburg. 3. Die Kündigung des Tarifvertrages durch die F> eie Vereinigung der sclbftänd. Barbiere usw. und wie verhalten wir uns hierzu? Referent: Paul Liere. 4. Gewerkschaftliches. 288/8 Nur Mitglieder haben Zutritt. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreichen Besuch erwartet Her Vorstund. I.A.: Faul liere Üfreie Vereinigung s°r Maurer DeutseW. Bureau: Hirienstr. 20. Ortsverein Berlin. Telcphon-Aint VU: 4999. Freitag, den S». Februar er., abendS 8 Uhr, bei �rlt� Wilke, Brunnenstr. 188: Mitglieder Versammlung Abteilung rämtl putzer. Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gemacht. Sämtliche Mitglieder, welche sich mit Putzarbeit bcschästigen, sind der- pflichtet, an dieser Versammlung teilziuiehmen; auch diejenigen, welche Mitglieder werden wollen, sind hiermit eingeladen. 129/6 Vor Vorstund. r» t Heute Donnerstag abends 8'/z Uhr, in den„A r m i n h a l l e n", Kommandantenstraß« 20: Sitzung der Ortsverwaltung. Freitag, den 23. Februar, abends 8'/t Uhr, im Saale der Brauerei „Friedrichshain", Am Friedrichshain 22/29: General-Versammlung. Tages'Ordnung: Kasiendericht vom vierten Quartal. Bericht des Vorstandes, der Werk- stattlontrollkoinmission, der Arbeitsvcrmittler und der SchlichtungSkommission. Ersatzwahlen sür die Ortsverwaltung. Anträge der Ortsocrwaltung. Auf- stellung der Delegiertenkandidalen zum Berbandstag. 81/1 Mitgliedsbuch legitimiert. Die Ortsverwaltnng. DonuerStag, den LS. Februar, abends S1/- Uhr Branchen- Versammlung der Steilmaoher im„Rosenthaler Hof", Rosenthalerstr. Tages-Ordnung: 1. Der Kampf der Wagenfabrikanten und Ttevmachermeister gegen den Deutschen Holzarbeiter-Berband. 2. Diskussion.— 3. Branchenangelegenheiten.— 4. Verschiedenes. MLI»vI|ioIivi*vn. Montag, den LS. Februar, abends 8'/, Uhr, im Königftadt-Kafino, Holzmarktstratze 72: Kraneken-Verlammlung. TageS-Ordnung: 1. Vortrag deS Kollegen W. Haak über: Moderne Bechen. 2. Diskussion. 3. Branchenangelegenheiten. 4. Verschiedenes. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung wird zahreicher Besuch er- wartet. Der Branchenleiter. Der jetzige Branchenleiter Dsbar Dumko wohnt Käftrincrplatz 10. Adressen der Obleute: Bezirk 0.: Vranz»ollfralt. Am Ostbahnhos 7. SO.: Albort Schreiber, Kottbuser-Damm 4. . K.: Karl KnU, Lortzingstr. 26, NB. Der diesjährige Maskenball findet am Sil. März im Lokale „KönigSbanl", Gr. Franksurterftr. 1t7 statt. Es wird den Kollegen zur Pflicht gemacht, sür regen Vertrieb der Billetts zu sorgen._ Möbelfabrik "„pbonlje" Eingetragene ßenossenechaft m. b. Haftung. Sonnlag, den 4. März, vorm. 9 Uhr, Frankfurter Allee 130: Ordeatlleke Genera!-Versammlung. Tagesordnung; 1. Jahresbericht. 2. Neuwahlen. 3. Geschästkiches. 105/18 Der Vorstand. Karl Bartsch Th. Friederioi. tau-fem Fneliu und Umgebung E. G. in. b. H. General- Versammlung Donnerstag, den SS. Februar, abends 8 Uhr, im Gesellschaftshanse, Rheinstr. 14. Tages-Ordnuug: 1. ErgänzungSwahlcn des BorslandeS und des Aussichtsrates. 2. Verschiedenes. 105/12» Der AnfiichtSrat. I. A.: K. Dhlellke. G =m Berlin C., Sophlcnstr. 18. 4 neueste FeStSÜle sind täglich unter den kulantesten Bedingungen zn vergeben....... lO Verelnezimmer. 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Berlagsanjtalt Paul Singer& Co., Verlm SW. Sozlaldemokratiseher Wahlrerein für den 6. Berliner Reielistags-f ahlkreis. Sonnabend, den 10. Mävz 130C, in den Gesaulträumen des„ZKoabiter tzeLeUsebaftsbauses", (II. I'eters), Lindenerstr. 3A—35, Wiclefstr. Ä4: Achtzehntes Stiftungsfest. - Festrede.—- Tbeater- und Spezialitäten- Vorstellung. ♦ Gesangs- JLuffüiirungen. — Nach der Vorstellimg: Tanz.— Anfang/ abends 8 Lihr. Billett»5 PI. 6cwerfrfchaft5h4usr SO.,€ngc!-CIfcr 15* Sonntag, den 25. Februar 1906, abends 7 Uhr: XII. VolkstümliGlier Vortragsabend(Heine-Abend) von Maria Holgers. -m,__ Konzertsänger Eugen Briese r. Musikalische Mitwirkung. Komp0niat Hans Hermann. 288/6* Eintrittskarten zu 30 Pf. bei Borsch, Engel-Ufer 13, Gottfried Schulz, Admiral- Straße 40a u. in allen durch Plakate kenntlich gemachten Geschäften und abends an der Kasse. Hrbeiter und Hausfrauen! IParteigenonen! Am Freitag, den«3. Februar, abends 8'/, Uhr. findet im Gewerkschaftshausr, Engel- Ufer 13, eine öffentliche Versammlung statt, in der Genosse H. Hoppe, Vertreter der Grosteinkaufsgesellschaft dentscher Konsumvereine (Hamburg) einen Vortrag halten wird über: Die Verfälschung der Waren in der Lebensmittelbranche und deren Bekämpfung durch die Consnmvereine. Arbeiter und Hausfraue» k Parteigenossen! Dies Thema ist ein so interessantes und vielen die Berfälschnng der Lebensmittel so unbelannt, daß ein volles HauS erwartet«nd erwünscht wirb Tellersammlung findet nicht statt. Her Elnbernfer. Arbeiter! Hausfrauen! Parteigenossen! Die gegenwärtige Heimarbeit- Ausstellirng, deren Besuch warm empsohlen werden lann.. entrollt unS ein Bild unsägliche» Elends und daher PStcht jede» ehrliche» Sozialpolitikers, Gewerkschaftlers und Parteigenossen nach Möglichlcit zur Bekämpfung der Heimarbeit beizutragen. Die wirksamste Bekämpfung geschieht allerdings durch die Gesetzgebung. Es kann aber heute schon jeder sein Teil zur Bekämpsung der Helmarbeit tun, wenn er fich genossenschaftlich organistert, also den Konsumvereinen beitritt. Dmch Ifiaisenetottitt in die Gonfumvereine werden dieselben in die Lag- gebracht, Genossenschaftsbetriede zu errichten, in denen Heimarbeit vollständig ansgeschlossen. bessere Löhne und kürzere Arbeitszeit, kurzum unbedingt die gewerkschastlichen Forderungen von vornherein gewährt werden. Arbeiter und Hausfrauen k Parteigenossen! Die Ihr noch nicht einem Konsumverein an- gehört, tretet unverzüglich bei, denn zögert Ihr erst mit dem Beitritt, dann ist die jetzige Begeisterung rasch verpufft und der Konsumverein kommt bald wieder in Vergessenheit, der Eure Ilnterstüüung notwendig, aber auch zu verlangen hat. Ihr aber, die Ihr schon Mitglieder seid, werbet unermüdlich für Emen Verein, schafft m den Fabriken, Versammlungen, in Bekannten- und Frenlideslreisen neue Anhänger unserer Idee; solche Anhänger, die nicht nur uns Sympathie entgegenbringen, sondern durch fleißiges Kaufen aller Ware«, die wir führen, auch tatkräftige Mitglieder unseres Vereins werden. Der Berliner Consumverein»»wi-: Krant/fr.?> hat 11 Geschäfte, in denen die Ausnahme sofort vollzogen wird und nur das Eintrittsgeld von 80 Pf. zu zahlen ist. Die vorgeschriebenen 2 Geschästoanteilc a 10 M. können durch allmähliche Abzüge von der Rückvergütung aufgespart werden; dieselben bleiben Eigentum des Mitgliedes. Die Geschäfte des Berliner Gonsütn-Vereins befinden sich: 105/15 1. Michaelkirchplah 4 4. Zorndorferftraste SS S. Krantstraste 7 5. Havelbergerstraste S 3. Liebigstraste 7 v. Rostockerstraste SV 7. Emdeuersiraste SV. 8. Ruinmelsburg: Türrschmibtstraste S S. Berlin-Stralan: Dtralauer Allee ZOA ll.'J»nVn»".sN'l° 103) Sriedrichsberg-Lichtenverg. (Zmeiguerein Berlin und Umgegend.) Sonntag, den 25. Februar 1906, vormittags 10 Uhr: General-Versammlung im Gewcrkschaftshausc, Engel-Ufer 15(Großer Saal). Tages-Ordnung: 1. Abrechnung vom 4. Quartal 1905.— 2. Geschäfts- und Kassenbericht pro 1905, Bericht der Beschwerde. lommission, der Schlichtungskommission und der Delegierten der Berliner Gewerlschastskommisfion.— 3. Wahl der Revisoren, der Bcschwerdekommission, der SchlichtungSkommission und der Delegierten zur Berliner GeWerk- schnslskommtsfion.— 4. VerbandSaiigelegeiiheiten und Verschiedenes. Dos Erscheinen aller Mitglieder ist erforderlich! IB® 33/4' Der Zweigvereinö-Vorstand._ Achtung! Achtung! Maschinisten und Heizer! Donnerstag, den 22. Februar, abeuds 8'/z Uhr, in Voigts Festsälen, Ritterstr. 75, 2. Hos: 138/7 Oeftentlielie Versammlung der Maschinisten und Ketzer. Tages-Ordnung: Vortrag des Genossen Paul Miiller, Vorsifiender deö Seemanns-VerbandeS'aus Hamburg, über: „Die Nnznfriedcnhcit als Förderin des Kultnrfortschritts." Diskussion und Verschiedenes. Zeder Maschinist«nd Heizer sowie Berufsgenosse ist hiermit eingeladen.>. Bor JEllnbernfer. Sozialdeiiiüki'atisEberWalilYerei!] für den Oerlinep Relebstags-Wablkrels. Todes- Anzeige. Am 20. d. Mts. verstarb unser Mitglied, der Arbeiter 'Theodor Koch Pappel-Allee 105. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet morgen, Freitag, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des Gethsemane-Kirch- hoses in Nieder- Schönhausen (Nordend) aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 247/3 Ter Porstaud. |Wziid der bauijewertilieben Hiilisarbeiter Deutscblaniis. Bezirk Schönhauser Vorstadt. Todea- Anzeige. Den Mitgliedern zur Kenntnis, daß unser Ehrenmitglied, der Kollege Theodor Koch am 20. Februar verstorben ist. Die Beerdigung findet am s Freitag, den 23. d. M., nach- mittags 3'L Uhr. von der Leichen- 1 Halle des Gethsemane-Kirchhofes! in Nordend aus statt. 33/5 1 Um rege Beteiligung ersucht vcr Zweigvereinsvorstand. qrm Dienstag, den 20. Februar verschied nach langem, schwerem Leiden meine liebe Frau Marie Jonas geb. Kiehl. 2935B Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 24. d. M., nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- balle des St. Simeon- Kirchhofes aus statt. Emil Jonas, Wafferthorstr. 23. Danksagung. Für die zahlreiche» Beweise inniger Teilnahme bei der Beerdigung unseres lieben Gatten und Vaters 2939b Karl Maer sprechen wir hiermit unseren besten Dank auS. Die Hiuterbltcbeue«. Dr. Simmel, �7°' Spezialarzt(ür 29/14* Hant- und Harnleiden. 10— 2,5— 7. Sonntags 10—12, 2—4 ?üUe Sein Sett mit neuen Gänsefeder« k Ungeriffen mit allen Daunen von 1,30 M. an . gleich süllserttg„ 1,75.. Gerlffene Federn..„ 2,00,, Reelle Bedienung! 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Vereinsangelegenheiten. Um pünktliches und zahlreiches Erscheinen ersucht der Vorstand. Gäste haben Zutritt. Vorort- l�admcbteri. Zur Lememäeivahlbelvegung. Die Vorarbeiten zu den im März in vielen Vororts- gemeinden stattfindenden Wahlen zur Gemeindevertretung sind überall im vollen Gange. Die Genossen haben sich über die Kandidatenfrage verständigt und wo das noch nicht geschehen ist, muß es in kürzester Frist nachgeholt werden. In immer verstärktem Matze setzt die Agitation für unsere Forderungen ein, die wir auf kommunalpolitischem Gebiete erheben. Durch Versammlungen und Flugblätter wird diese Agitatton ge- fördert; die wichtigste und wirksamste Agitatton aber ist die von Mund zu Mund. Bei allen Zusammenkünften, in der Werkstatt muß auf die Wichtigkeit der Beteiligung an den Gemeindcvertreterwahlen hingewiesen werden. Um den Arbeitern die Teilnahme an den Wahlen zu er- leichtern, haben schon eine Anzahl sozialdemokratischer Organisationen an die Gemeindevertretungen Anttäge gerichtet, die Wahlzeit in eine für die Arbeiter günstige Zeit — also des Abends— zu verlegen. Wo das noch nicht ge- schehen ist, müssen solche Anttäge sofort an die Gemeinde- Vertretungen gestellt werden, entweder von unseren Genossen, die in den Verttctungen sitzen oder von der polittschen Orgauisatton oder auch von beiden Körperschaften. Werden die Anträge abgelehnt, so dürfte dieses Argument im Wahl- kämpfe ein ganz nützliches Agitationsmittel bieten. Bei dieser Gelegenheit richten wir an unsere Genossen in den Vororten das Ersuchen, uns die erscheinenden Flug- blätter. die eigenen wie die gegnerischen, zusenden zu wollen. Groß-Lichterfelde. Die Gemcindevertreterwahlen stehen vor der Tür. Während die Sozialdemokratie ihre Vorbereitungen getroffen und ihre Kandidaten nominiert hat, herrscht im bürgerlichen Lager— wenigstens nach antzen— noch vollkoiilmene Ruhe, die jedoch in der allernächsten �eit ein Ende haben dürfte. Die behaglich spiestbürgerlich-politische Sonntagsruhe, die ihren Schimmer auch über die Kommuualwahlen unseres OrteS vor dem Austreten der Sozialdemokratie verbreitete, ist dahin und wird nicht wiederkehren. Die allbewährte Methode, im Hinterstübchen einer standesgeniästen Kneipe die sogenaiillten Gemeinde Vertreter-Kandidaten einfach anSznknobcln und am Tage der„Wahl' durch ein paar Dutzend„aiigesessener Bürger" ins Rathalls spedieren zu lassen, ist init dem Erscheinen der Arbeiterklasse auf dem ge meindepolitischen Kampfplatz zur Unmöglichkeit geworden. Im Jahre 1899, als die Sozialdemokratie zum erstenmal sich an den Geineiiidewahleu beteiligte, lvar die Beteiligung noch schwach Damals erhielt bei einer Ersatzwahl im W e st e u der Sozialdemokrat 95, der bürgerliche Kandidat 128 Stimmen in der III. Ab« teilung. Dieses erste Resultat in dem„vornehmeii Villenort peitschte für die Folge das Grundbesitzertum auf, und alle späteren Wahlen gingen unter weit stärkerer Beteiligung vor sich. Im Jahre 19<1<1 hatte unsere Partei im gleichen Bezirk bereits 183, 1902 3l16 und in der Stichwahl 314 Stimmeii und nur 1904 brachte uns leider keinen Zuwachs. Es ist daher begreiflich, dast der reaktionäre Klüngel, dessen geistige Impotenz erst jüngst aus Anlast der die Ge» meinde im ernstesten Mäste berührenden Verkehrssragen sich in glänzendstem Lichte zeigte, alles aufbietet, seine dominierende Stellung im Genieindeparlament zu erhalten und das Eindringen von Sozialdemokraten in die Gemeindeverwaltung zu verhindern. Zwar leistete sich einmal einer unserer Ortsschöffen den billigen Witz, indeni er meinte, daß„einem jeden, der sich dazu berufen und geneigt fühle, an der Fortentwickelung seines Heimatortes niitzu- arbeiten, reichliche Gelegenheit geboten sei— s e i n e politische Partei st ellung sei nicht bestimmend dafür, ob er im Gemeindeparlament sitzen darf oder nicht." Aber der Herr Schöffe erschrak offenbar vor seinen eigenen Motten, denn er fügte sofort hinzu:„Man würde sich in den Vororten schwer daran gewöhnen können, von einer Stadtvcrordneten-Versammlung abhängig zu sein, in der die Herren Singer und Genossen mehr und mehr den Ton angeben." Diese Aeusterungen fielen gelegentlich der Anregung der Fraget Zentralisation Berlins und seiner Vororte unter einem gemeinsamen Verivallungskörper. Tatsächlich handelt es sich darum, unter allen Umständen eine Vertretung der Arbeiterklasse im Ge- meinderate unmöglich zu machen. Das geht aus den von bürger- sicher Seite verbreiteten Flugblättern, in denen man sich„an die ftaats erhaltenden Parteien" wendet, mit aller Deutlichkeit hervor, und schließlich wird noch in naiv unverschäniter Weise bekundet, dast der gewählte bürgerliche Kandidat„die Juter- essen des Vereins, dem er angehört, in der Gemeindevertretung wahren werde". Von solch' hoher Geisteswarte aus werden dieBedürfnissc. Rechte und Pflichten einer Gemeinde von 33 000 Einwohnern beurteilt und die Entscheidungen nach den Interessen irgend eines Kegelklubs be- einflustt. Die soziale und politische Versumpfung, wie sie besonders auch in unserem Vororte in die Erscheinung tritt, ist naturgemäst in erster Linie deni reaktionären Gemeiudewahl-.Recht", der famosen Laiidgemeindeordnung zuzuschreiben. Was das Grundbesitzer- regiiuent, das sich auf dem Rathause etabliert hat, auf gemeinde- politischem Gebiet geleistet bat, werden wir später noch unter die kritische Sichel nehmen und gleichzeitig der Arbeiterfreundlichkeit dieser Gesellschaft gebührend gedenken. Nowawes- Nenendorf. Der sozialdemokratische Wahlvercin Noivawes-Nenendorf hatte bekanntlich in seiner letzten Sitzmig beschlossen, Petitionslisten aufzulegen, in welche sich diejenigen Reuendorfer Kommunalwähler ein- zeichnen sollten, die wünschen, daß die Wahlzeit für die im März stattfindenden Wahlen zur III. Abteilung der Neuendorfer Gemeinde- Vertretung in die Abendstunden verlegt werden soll. Daß damit dem Wunsche weiter Kreise Rechnung getragen war, bewies die Tatsache, dast in wenigen Tagen über hundert Wähler ihre Namen in die Listen eintrugen. Letztere wurden am Montag von dem damit beauftragten Genossen Fester dem Gemeindevorsteher überreicht und persönlich begründet. Fesser wies darauf hin, dast viele Wähler ge- zwungen sind, ihrem Berufe in Berlin und seinen Vororten nach- zugehen und es diesen daher bei einer anderen Wahlzeit nur unter großen Opfern möglich sei, ihr Wahlrecht auszuüben. Das Resultat war ein negatives, denn der Gemeindevorsteher lehnte eS rundweg ab, die Wahlzeit in die Abendstunden zu verlegen, und erklärte kategorisch, daß die Wahl auch diesmal in der Zeit von vormittags 10 Uhr bis nachmittags 2 Uhr stattfinden werde. Die Vorbereitungen dazu seien bereits getroffen. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, dast es den Machthabern in Neuendorf bei der Festsetzung der Wahlzeit hauptsächlich darum zu tun ist, die auswärts arbeitenden Wähler, welche zum größten Teil für die sozialdemokratischen Kandidaten stimmen würden, möglichst von der Wahlurne fern und damit das Neuendorfer Gemeinde- Parlament auch in Zukunft sozialistenrein zu halten. Hoffentlich werden die genannten Arbeiter daS nun einmal notwendige Opfer im Interesse unserer Sache nicht scheuen, sondern dem Neuendorfer Genieindevorsteher durch die Wahl unserer Kandidaten die Ouitwng für sein autokratisches Verhalten geben. Karlshorst. Eine öffentliche Gemeindewähler-Bersammlung, die am 20. Februar im Restaurant Knpsch stattfand, nahm den Bericht über die Geineinde- Vertretung in Fricdrichsselde- Karlshorst entgegen. Genosse Pinseler legte zunächst in der kritischen Würdigung der Schulverhältnisse dar, wie heilsam die Kritik der sozialdemokratischen Grmeindevertteter gewirkt hat. auch wenn man anfangs deren Berechtigung zu be- Itreiten bemüht war. Dagegen lassen die öffentlichen Gesundheits- Verhältnisse vieles zu wünlche» übrig, was der Redner an drastischen Beispielen beweist. Auch das Armenwesen sei noch recht rückständig. Leider seien die bürgerlichen Gemeindevertreter sehr wenig auf die Wahrung der Reckte der Gemeindevertretung bedacht, sonst würden sie sich das Recht, bei der Vergebung von Gemeindearbetten mitzureden, vom Gemeindevorstand nicht streitig machen lassen. Bei der bevorstehenden Wahl müsien die Arbeiter jedoch Männer wählen, die Rückgrat genug besitzen, ihre Ueberzeugung ungescheut zu ver treten. In der Diskussion bemühte sich der bürgerliche Gemeinde Vertreter Hintze, eine Divergenz der Friedrichsfelder und der Karls- Hörster Gemcindeintercsten nachzuweisen. Die vom Referenten dar- gestellten Dkiststände träfen lediglich auf Friedrichsfelde zu. Obgleich sich Herr Hintze als Vertreter der Minorität bezeichnete, konnte er es doch nicht unterlassen, den Standpunkt der Majorität in einer ganzen Reihe von Fragen und Fällen zu recht serttgen.— Dr. Roseufeld nagelte Herrn Hintze in sehr ge> schickter Weise auf diesem Widerspruch fest und konstatierte, dost derselbe die Anklagen Pinselers nicht entkräften, sondern nur bestätigen konitte. Redner betonte unter allgemeiner Zustiinmung der Mehrheit der Versammlung, wie notwendlg sozialpolitische Re- formen in den Berlin umgebenden Landgemeinden seien, und fordert, da alle Anregungen zu solchen Reformen lediglich von sozialdemo- kratischer Seite ansgingen, auf, bei der bevorstehenden Wahl nur sozialdemokratische Gemeindevertreter zu wählen.— Genosse Stühmer wies den Versuch des Herrn Hintze, einen Gegensatz zwischen den Wählern beider Ortsbezrrke zu konstruieren, zurück und erklärte, daß die Sozialdemokratie für beide Ortsteile bessernd eingreifen wolle. Er beleuchtetzahlreiche rückständige Verhältnisse derGesamtgemeinde und die Haltung der bürgerlichen Vertreter, auch derjenigen vonKarlShorst, gegenüber den Anträgen der Sozialdemokratie.— Herr Fürstenheim wundert sich, daß keiner der anwesenden bürgerlichen Gemeinde- Vertreter den Versuch mache, die Gemeindeverhältnisse vom liberalen Standpunkte aus zu beleuchten. Herr Gemcindevertreter Grosse be- mühte sich darauf, einige Reformen zu finden, die von bürgerlicher Seite angeregt loorden seien. Genosse Pinseler erwiderte ihm in seinem Schlutzwort, dast es sich hierbei um die nachträgliche Auf- »ahme seiner früheren Anregungen handele, die man damals als übertrieben oder sozialdemokratisch zurückwies. Er erinnerte die Karlshorster Hausbesitzer daran, wie sehr sich manche dieser Herren selbst an der öffentlichen Gesundheitspflege versündigen, indem sie den Inhalt der Abortgruben in die Erde ableiten, anstatt diese in vorgeschriebener Weise räumen zu lassen. Die bürgerliche Gcmeindeniehrheit drücke sich um die notwendigsten sozialen Gemeinde» pflichten herum, um die Äemeindesteuerzuschläge möglichst niedrig zu kalten, was sie nicht hindert, für Kirchenbauten zu stimnien, die die Kirchensteuer weit höher treiben, als das Mehr an Gemeindesteuer- zuschlug beträgt.— Nach einer Reihe persönlicher Bemerkungen der bürgerlichen Genceindevertreter teilte der Vorsitzende mit. dast der sozialdemokratische Wahlverein am Sonnabend, den 24. Februar im Restaurant Kupsch einen Familien-UnterhaltungSabend für Mitglieder nebst Gästen veranstaltet, der der Erinnerung an Heinrich Heine gewidmet ist. und appelliert mit energischen AnSführungen an die Karlshorster Wähler, für die Wahl der sozialdemokratischen Kandidaten einzutreten. Friedrichshagen. Im sozialdemokratischen Wahlverein besprach Genosse Sonnen- bürg am 17. Februar unser Kommunalprogramm. Nach Bericht- erstattung der Gemeindevertteter über ihre Tätigkeit gab der Bor- sitzende bekannt, dast wir zwei Mandate in der 3. Abteilung zu besetzen haben und zwar handelt es sich um Hansbesitzer. Wir sind mm in der glücklichen Lage, vier Hausbesitzer als Mitglieder zu haben und wurde in der 1. Abteilung der Genosse Wilhelm S ch m i d. Maurer, und in der 2. Abteilung der Gürtler Hermann Grau aufgestellt. Neu aufgenommen wurden 10 Mitglieder. Der Vorsitzende gab dann noch bekannt, die Lese- und Zahlabende besser zu besuchen. Steglitz. Achtung, Buschklepper! Unsere Patrioten scheinen ttotz der filr die nächsten Tage geplanten Jubilänmsfestlichkeiten, als oa sind: Festkouirnerse, Festspiele ssogar mit Freibilletts auf Kosten der Steuer- zahler) arge Herzbeklemmungen zu haben, dast die Sozialdemokraten bei den bevorstehenden Gemeindeioahlen schließlich doch noch siegen könnten. Da haben sie sich in ihrer Not eine Schntzttuppe zur Hülfe eholt, die die Verleumdung der Sozialdemokratie und deren Führer erufsmästig betreibt: den„Reichsverband zur Be- känlpfnng der Sozialdemokratie". Die hiesige Orts- grnppe dieses Verbandes, die bis jetzt im Verborgenen blühte, ver- auslaltet am Donnerstag, den 22. Februar, abends 8 Uhr. im„Schloßpark" eine»Politische" Versammlung, in der ein Redakteur L a e u f f e n- Berlin die Steglitzer Sozialdemo- traten noch vor der Gemeindewahl totreden soll. Unsere Partei- genossen werden sich die Gelegenheit, in dieser Versammlung die Llkteure der hiesigen Ortsgruppe persönlich kennen zu lernen, gewiß nicht entgehen lassen. Auf nach dem„Schloßpark" am Donnerstagabend 8 Uhr! Wenn wir bekämpft werden sollen, müssen wir doch mindestens dabei sein l_ Chnrlottenburg. Freie Volksbühne Chnrlottenburg. Freitag, 23. Februar, abends 8>/z Uhr, im„Volkshanse": Vorstellung. Zur Aufführung gelangt Halbes„Jugend". Mittwoch, 28. Februar. abends 8>/z Uhr: Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Dr. Broh:„Gerhard Hauptmann". 2. Geschäfts- und Kassenbericht, Bericht der Revisoren. 3. Wahl des Vorstandes, des Ausschusses, der Revisoren und der Ordnerkommission für das neue Geschäfts- jähr. 4. Verschiedenes. Der letzte der volkstümlichen Vortragsabende, welche von der hiesigen Allgemeinen Orlskranlenkasse im Laufe dieses Winters ver- anstaltet wurden, findet am Freitag, den 23. Februar 1900, abends 8>/z Uhr, im Saale Rosinenstr. 3 statt. Sprecher ist Herr Dr. med. Hirschlaff über die Niere und deren Krankheiten. Zu diesem Vor- trage hat jedermann unentgeltlich Zutritt. Rauchen ist jedoch der- boten und Gettänke werden nicht verabreicht. Bauunfall. In der Helmholtzstt. 3 läßt seit einigen Tagen die Firma Reh u. Komp. eine neue Asphaltmühle erbauen. Als gester» vormittag die Arbeiter mit dem Aufstellen der Rüststangen be- schäftigt waren, fiel eine Stange um und traf den 2Sjährigcn Arbeiter Em i l S ch u n k aus der Cauerstr. 20 so unglücklich auf die rechte Schulter, dast sie ihm ausgerenkt wurde. Schunk begab sich sofort znr Unfallstation in der Hertzstraste, wo ihm ein Verband angelegt wurde. Bei der Schmerzhaftigkeit des Gelenkes ist die Wahrscheinlichkeit eines Bruches deS Schulterknochens nicht von der Hand zu weisen. Schöneberg. Statistisches vom Dezember. Die Zahl der Lebend- geborenen war im Berichtsmonat um 5 Proz. höher als im November; sie betrug 202(224), darunter uneheliche 25 oder 9,54 Proz. Die auf das Jahr und Tausend berechnete Geburten- ziffer stellte sich auf 21,78(19,42).— An Eheschließungen sind 90(III) zu verzeichnen.— Um 20 Proz. höher als im Vor- monat waren die Sterbefälle, nämlich 110(88). An Infektionskrankheiten starben 22(13), darunter an Lungenschwindsucht 15(9). Im Alter bis zu einem Jahr starben un ganzen 27(18). das ist 24,55 Proz.(20.45) aller Sterbcfälle deS Bericht-- monats. Die SterblichkeitSgiffer, berechnet auf daS Jahr und Tausend der mittleren Bevölkerung, betrug 9.13(7,03). Der Monat Dezember hat demnach reichliche Ernte gehalten.— Zu» und Fortzüge erbrachten ein Mehr von nur 239 Personen und 88 Haushaltungen(1030 bezw. 29). Der Austausch mit Berlin und seinen Vororten stellte sich derart, daß 185 zugezogenen Ilä fortaezogene Haushaltungen gegenüberstehen. Die fortgeschricbcn- Bevölkerung betrug Ende September 141323 Personen, etwa 400 mehr als im Vormonat. Die Barunterstützungen aus der Armenkasse beliefen sich auf 14 994 M.(November 13 837 M.). Die Zahl der unterstützten männlichen und weiblichen Personen betrug zusammen 1112(282 bezw. 830). Beim Ge Werbegericht anhängig gemacht wurden 00 Streit- fachen, davon übernommen aus dem Vormonat 32. Erledigt wurden 47 und zurückgestellt 19.— Dem Kaufmannsgericht lagen 22 Streitfälle vor, davon blieben unerledigt 9. Die Ortskrankenkasse hatte am 1. Januar d. I. 17 852 Mitglieder gegen 19 170 des Vormonats. Die große Inanspruchnahme der Volksküche im Berichts- monat läßt nur ein schwaches Sinken gegenüber dem November konstatieren, nämlich von 10 415 auf 10158 Portionen, das ist 5380 Portionen pro Tag. In den zehn Monaten ihrer jährlichen Tätigkeit wurden im ganzen 148 490 Portionen verabfolgt. Bekanntlich leistet die Kommune an die Volksküche einen festen jährlichen Beitrag. Dieselbe verlegt ihre Lokalitäten vom 15. März ab nach der Grüne- waldstr. 42 und eröffnet sie wieder am 19. März. Lichtenberg. Brandstistnng in Lichtenberg. In der gestrigen Nacht ging eine zum Rittergut Lichtenberg gehörige Scheune, in welcher obdachlose Personen zu nächtigen pflegten, m Flammen auf. Der Brand ver- breitete sich austerordentlich schnell, und in wenigen Minuten bildete das ganze Gebäude ein Flammenmeer. Die Feuerwehr von Lichtenberg sowie die Wehren der benachbarten Ortschaften Biesdorf, Wilhelmsberg, Friedrichsfelde, Stralau, Hohen-Schönhausen, RummclS- bürg und Ober-Schöneweide hatten bis gegen 3 Uhr morgens zu tun, um die Gefahr einer weiteren Ausdehnung des Brande» zu be- fettigen. Ob vorsätzliche Brandstiftung vorliegt, konnte nicht fest- gestellt werden. DaS zum KrankenhanSba» anaekanste Grundstück in der Krank- futter Chanssee mit 7�« Morgen Grundfläche durch Hinzukauf von 322 Ouadratruten zu vergrößern, schlägt der Genieindevorstand der Gemeindevertretung vor. Bei Zugrundelegung von 100 Quadratmeter pro Bett würde daS augenblicklich vorhandene Gelände für etwa 180 Betten Raum bieten. In der Vorlage nimmt der Gemeindevorstand an, dast auf 1000 Seelen zwei Betten dem Bedürfnis genügen dürften: das Krankenhaus würde dann für eine Einlvohnerzahl von etwa 90 000 berechnet sein. Wenn nun für Lichtenberg bei voller Bebauung auf eine Einwohnerzahl von mehr als 200 000 gerechnet werden muß und eine Zahl von zwei Betten bei 1000 Seelen sehr niedrig gegriffen sein dürste, so würde eine jetzt noch mögliche Ver- grösterung des Grundstücks nur eine pflichtgemäste Fürsorge m sich schließen. Der Anttag wurde vettagt. Gleichfalls vertagt wurde der Antrag, die Zahl der Polizei- und Gemeindebeamten dem Anwachsen der Gemeinde entsprechend zu erhöhen. Für die Vertagung beider Anträge wurde besonders geltend gemacht, dast noch immer mit der Ausgemeindung des Orrs- teils vor der Ringbahn gerechnet werden müßte. Auch bei endlicher Verwirklichung des StadiwerdungsprojektS könne im besonderen die weiter- Anstellung von Polizeibcamten der Gemeinde Lasten bringen. auch sei eine Erhöhung der Beamten- und Lehrerbezüge geplant, alles Gründe, die dafür sprechen, erst den Voranschlag von 1906 vor sich zu haben.— Gnade fand nur der neue Baumeister mit seinem Verlangen, durch Anstellung von fünf Beamten das Bauamt leistungsfähig zu gestalten. Zwei Beamte dem Steuerbureau zuzuschreiben, stimmte die Gemeindeverttetung nach hitzigem Wortgefecht zu.— Mit der Errichtung der höheren Knaben- schule hatte cS die Majorität eiliger. Trotz des Hinweises, daß der 1. April vor der Türe stehe, wurde dem Autrage zugestimmt, am 1. April die drei Vorschulklassen und die Sexta eine» Neal- Progymnasiums sReformschnle nach Frankfurter System) einzurichten. Alle Bedingungen der Regierung wurden gutgeheisjen, als da sind: Verzicht auf jeden Staatszuschuß, Verzicht auf die Eigentumsrechte an Grund und Gebäude dcS künftigen SchulhauseS und Direktorial- gcbäudes durch grundbuchliche Eintragung während der Dauer der Benutzung durch die Anstalt usw. Und wenn's noch mehr gewesen wäre, diese Majorität war für alles zu haben. Lichtenberg hat mit dem 1. April sein Gymnasium und die Hausbesitzer die Aussicht, „besseres" Publikum nach hier zu ziehen und als„gute" Mieter zu bekomnien. Steglitz. Großes Pech hatten Einbrecher, welche nachts dem Warenhause von Henry Wicky in der Albrechtstr. 7 in Steglitz einen Beiuch ab- statteten. Die beiden Burschen hatten sich bei ihrer Arbeit Lichter angezündet und hierdurch wurden Nachtwächter aus. ihr Treiben auf- merkjanr gemacht. Sofort wurden elektrische Alarmglocken in Tätig- keit gesetzt. Die Diebe ivurden dadurch gestört und entflohen. Sie hatten bereits große Ballen aller möglicher Waren znsammcngepackt, mußten ihre Beute jedoch im Stich lassen. Berliner jVaebriebten. „23'/« Millionen Berliner Rrmenetat." Unter dieser sensationellen Ueberschrift teilt die„Volks- z e i t u n g" mit, daß in Berlin die Kosten aller Zweige der städtischen Arntenpflegc sich im letzten Etatjahr(1904) auf rund 23'/« Millionen Mark, pro Kopf der Bevölkerung rund 12 M., belaufen hätten. Diese Summe stimmt, sofern man zur Armenpflege mehr zählt als die Unterstützung mit Almosen, Pflegegcld usw. Zur„Armenpflege" gehören da nicht nur die Siechcnpslege, die Waisenpflegc, die Fürsorge für vcrivahrloste Kinder, die Unterbringung im Arbeitshause, die Aufnahme im Obdache, sondern auch noch die gesamte Kranken- und Irren Pflege. Mancher wird es für ein starkes Stück halten, daß heute ein sozial empfindender Mensch sogar die Kranken- und Irre«Pflege noch zur Armenpflege zählen soll. Die „Volkszeitung" tut es, und sie erzählt danach ihren Lesern, daß„alle Zweige der Armenpflege" die oben genannte Summe von 23'/� Millionen Mark an Ausgaben erfordert hätten. In Wirklichkeit wurden ausgegeben; für das„Armenwesen" im engeren Sinne 10 642 738 Mk., für Siechenpflege, Waisenpflege, Fürsorgeerziehung, Arbeitshaus. Obdach 4 174 626 M., also für die gesamte„Armenverwaltung" 14 817 364 M., ferner für Kranken- und Irrenhäuser 8 288 301 M., macht für„alle Zweige der Armenpflege" 23 105 655 M.— sind, wie oben, rund 23'/« Millionen Mark. Als Personen, die aus Mitteln der städtischen„Armenpflege" unterstützt werden, gelten der„Volkszeitung" hiernach nicht nur alle mit Almosen, Pflegegcld usw. unterstützten Armen, sowie alle, die die Segnungen der Siechenpflege, der Waisen- Pflege, des Arbeitshauses und des Obdachs genießen, sondern auch noch alle diejenigen, die in den Krauken- und Irren- Häusern verpflegt lverden. Auch die Krankenkassenmitglieder, die die städtischen Anstalten in Anspruch nehmen, sollen sich nur nicht einbilden, daß sie eine Ausnahme machen, denn auch s i e haben teil an den 23'/« Millionen Mark, die da als „Kosten aller Zweige der Armenpflege" vorgeführt werden. Wir wollen den oben von uns angegebenen Zahlen, aus denen diese Summe sich zusammensetzt, noch hinzufügen, daß durch Zuschuß aus dem Stadtsäckcl gedeckt wurden: Die Ausgaben für das„Armen- Wesen" engeren Sinnes beinahe gänzlich, die Ausgaben für Siechenpflege, Waiscnpflege, Fürsorgeerziehung, Arbeitshaus, Obdach zu drei Vierteln, die Ausgaben für Kranken- und Irrcupflege zu zwei Dritteln. Seit langem schon behandelt der Magistrat alljährlich in seinem Entwurf des Stadthaushaltsetats das Gesund- heitswesen als ein besonderes und selb- ständiges Kapitel, nicht— wie einst— als einen Teil der Armenpflege. Nur in den nach Schluß des Etatsjahres herausgegebenen Verivaltungsberichten über die Armenpflege werden die Ausgaben für die Kranken- und Irrcnpflege noch neben denen für Armenwesen, Siechenpflege, Waiseupflcge usw. mit aufgeführt, doch ist auch hier deutlich zu erkennen, daß Irren- und Krankenpflege als besonderes Ressort zählt. Die„Volkszeitung" meint übrigens:„Auch die Geni ein beschulen werden von der Stadt auf Konto Armenetat verrechnet". Was denn noch? I Dem Verfasser der Notiz ist verniutlich mal ein alter Etat aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts in die Hände gefallen, den er versehentlich für Allerneuestes gehalten hat. Der„Bcrli»cr Lokal- R»zc!gcr" schreibt gestern:„Ein Bombengeschäft" macht die Stadt Berlin mit ihren öffent- lichen Wagen. Es gibt deren zwei: die eine am Alexanderplatz, die andere ain Oranienplatz. Auf der ersteren wurden im letzten Jahre 3,20 M., auf der anderen— 60 Pf. Wagegeld vcreimiahmi." Berlin besitzt nicht zwei, sondern vier sogenannte Ratswagen. Ver- einnahnit wurden im letzten EtatSjahre am Alexanderplatz: 11990 M., am Oranienplatz: 8914 M.. am Gartcnplatz: 6589 M. und in der RüderSdorferstraße 2111 M., zusammen: 29 613 M. Wie der„Lokal-Anzeiger" sich einen solchen Bären hat aufbinden lassen, ist unbegreiflich. Der Stadtvcrordileten-AnSschuß zur Vorberawng der Magistrats- Vorlage über den Bau von einer Gemeinde-Doppel- schule init einer Stenerannahmestelle in der Bötzowstraße sowie von zwei Gemeinde-Doppclschulen in der Driesenerstraße und Christ- bnrgerstraße 7/11 hat gestern die Vorlage ohne den geringsten Widerspruch fast debattcloS einstimmig angenommen. Der AuS- schnß fand die Pläne der drei Bauten so vorzüglich und den Wünschen der Siadtverordileten-Veriammlung entjprechend, daß keinerlei Anträge gestellt wurden. Die Fassaden mit ihren viel Licht spendenden Fenstern usw. gefielen allgemein, ebenso die innere An- orduung der Klassen. Turn- und Baderäume. Die Baukosten in Höhe von 2'/« Millionen Mark wurden dann auch nicht bemängelt. Mit dem Bau der Verlin— DSbcriyrr Heerstraße wird jetzt auch im Grunewald selbst vorgegangen. Die Forstverwaltung hat Anweisung erhalten, den Landstreifen für die Straße auf der ganzen Strecke von Neuwestcnd bis Pichelsberge von dem Wald- bestand freizulegen. Tie AbHolzungen beginnen dieser Tage und müssen in drei Monaten beendigt sein. Da die Straße eine Breite von 56 Metern erhält, und da die Strecke durch die Forst ungefähr fünf.Kilometer lang ist. fallen bei dieser Gelegenheit rund hundert Morgen Wald. Nach der Abholzung wird sogleich die Einevnung des Strahcnlandeö in Angriff genommen lverden. Die Straße wird von der Höhe der Pichelsberge über die Grunewaldchaussee, die ctioa 15 Meter tiefer liegt, hinweggeführt und geht dann über den Stötzensee unmittelbar neben der allen Grunewald- bcsuchern bekannten Gastwirtschaft„Kaiscrgarten". Im Stößen- sce, der gegen 390 Meter breit ist, wird ein Damm für die Straße aufgeschüttet werden, der in der Mitte für die Durchfahrt der ' Peramwortlichcr Redakteur: HanS Weber, Berlin. Für den Schiffe eine Brücke erhält. Von Pichelswerdcr führt die Heer- stratze über die Havel durch Pichelsdorf nach Spandauer Gebiet, wo seitens des Magistrats die Vorbereitungen für den Weiter- bau der Straße bis Staaken hin getroffen werden. Bei diesem Torf mündet die Heerstraße in die alte Hamburger Chaussee, die zum Barackenlager beim Bahnhof Dallgow-Döberitz führt. Die städtische Ticfbaudeputation hat in ihrer gestrigen Sitzung eine Verbreiterung der Invaliden- und Gartenstratze an der Kreuzung beider Straßen erwogen. Es ist zu diesem Zweck erforderlich, in der Gartenstraße von den Grundstücken Nunzmer 154 und 155 und in der Jnvalidenstraße von dem Grundstück Nummer 18 Terrain zu erwerben. Obwohl die Kosten voraus- sichtlich recht erhebliche sein dürften, hat die Deputation beschlossen, im Interesse des Verkehrs das Projekt durchzuführen und das erforderliche Gelände entweder freihändig oder im Enteignungs- verfahren anzukaufen.— Zurückgestellt wurde dagegen zunächst ein anderes Straßcnprojekt, das die Durchlegung der Linden- straße bis zum Spittelmarkt ins Auge faßt. Wie man weiß, bildet heute die Kommandantenstratze mit ihrer Nordseite für die Lindenstratze eine Barriere, die nun durchbrochen werden und eine Fortführung nach dem Spittelmarkt ermöglichen soll. Schließlich wurde noch die endgültige Regulierung der Christianiastraße beschlossen._ lieber die geplante LustbarkcitS» und Theaterbillettsteuer wissen verschiedene Blätter zu melden, daß dieselbe voraussilbtlich nicht zur Einführung gelangen werde. Die Finanzen der Stadt hätten sich so erfreulich entwickelt, daß man auf den Ertrag dieser so mißliebigen Steuer verzichten könnte, zumal ihr Ertrag nicht im Verhältnis zu den Schwierigkeiten stehe, die ihre Einziehung und Abgrenzung verursachen. Zu diesen Meldungen möchten wir be- merken, daß der Magistrat mit der Vorlage einer solchen Steuer nur einem Beschluß der Stadtverordnetenversammlung nachkommt. In der Suche nach Steuerquellcn kamen findige Stadtverordnete auf den unglücklichen Gedanken, Theater und Lustbarkeiten zu besteuern. Im Prinzip hat die Stadtverordneten-Versammlung diese Steuer, wenn auch nur mit geringer Mehrheit, bereits beschlossen. Jetzt handelt es sich nur um die Aussührimg. Natürlich braucht das die Stadtverordneten- Versammlung nicht abzuhalten, eine vom Magistrat eingereichte Vorlage abzulehnen. DaS ist erst ganz kürzlich mit der Vorlage betreffend die Erhöhung der Kurkostensätze für auswärts wohnende Kranke so gegangen. Besser aber wäre eS schon, die Vorlage einer Theaterbillettstener erst gar nicht einzu- bringen und die Stadt Berlin vor dem Ruf der Krähwinkelei zu bewahren. �_ Ein Einbruch mit Musikbegleitung wurde am Montagnach- mittag in der Adalbertstratze 86 bei dem Gastwirt Kieburg aus- geführt. Von drei dort zechenden jungen Leuten entfernten sich zwei, während der dritte das Orchestrion des Wirtshauses dauernd spielen ließ. Unter dem Schutz dieses Geräusches brachen die beiden Genoffcn in die Wohnung hinter dem Schankraum ein und entnahmen den gewaltsam geöffnclen Behältern Wäsche und Klei- der in beträchtlichem Wert. Endlich hörte die Musik auf und auch der dritte Gast entfernte sich, da seine Freunde doch wohl nicht zurückkehren würden. Zu spät, um die Täter noch einholen zu können, bemerkten die Wirtsleute den Einbruch. Die bei der An- zeige gegebene Personalbeschreibung führte zu der Beobachtung zweier bestrafter Einbrecher, des Arbeiters Leingärtner und des früheren Kausinanns Karl Stampitz. Einer kam aus der Woh- uung einer Witwe, die als Hchlcrin diente, heraus und begab sich nach dem Görlitzer Ufer, wo er in Gemeinschaft mit einem anderen Mann einen Heuboden aufsuchte. Hier wurden später alle drei Einbrecher angetroffen. Der dritte ist der Fürsorgezögling Walter Runiat. Auf dem Heuboden wurde auch noch andere Diebcsbeute gefunden, wie feine Wäsche mit einem Wappen und dem Buchstaben L, ja sogar Weckeruhren, Standurhren usw. Das Einbrecherklecblatt wurde eingesperrt. Hennig-Phantasieu. WaS über den Hennig alles für seltsame Phantasiegebilde hervorgezaubert werden, davon zeugt am besten der folgende Fall. Auf der Unfallstation XX am Zoologischen Garten erschien gestern ein Verletzter, welcher angab, Äuszinki zu heißen und Forsterstraße 26 zu wohnen. W. wies am Kopf eine blutige Stichwunde auf, und über die Herkunft derselben befragt, tischte der Verletzte nachstehendes Märchen auf: Er sei gemeinsam mit einem Arbeitskollegen die Warschauerstratze entlang gegangen und dort auf Hennig gestoßen. Sofort habe er sich auf den Lang- gesuchten gestürzt und ihn im Verein mit seinem Freunde nacb verzweifelter Gegenwehr unschädlich gemacht. Er habe Hennig nicht weniger als drei Revolver abgenommen. Durch ein großes Dolch- mcsser sei ihm von seinem Gegner die Verletzung am Kopf bei- gebracht worden und erst auf der Fahrt nach dem Bahnhof Zoologischer Garten habe er, W.. große Schmerzen verspürt. Der Raubmörder sei aber von hinzukommenden Schutzleuten gefesselt und abgeführt worden. Das von diesem Vorfall sofort in Kenntnis gesetzte Polizcibureau am Zoologischen Garten stellte jedoch bald fest, daß es sich bei der Erzählung des W. um ein leeres Phantasie- gcbilde, eine sog.„Hennigiade" handelte.— In Friedenau wurde die Polizei durch die übereifrige Meldung eines jungen Mannes irre geführt. Der betreffende hörte nachts auf der Straße, wie ein vorübergehender Passant zum andern sagte, Hennig habe sich in der dritten Etage des Hauses Rhcinstr. 3 einlogiert. Sofort eilte der junge Mann zur Polizei und machte dort die Meldung. Daraufhin begab sich ein größeres Aufgebot von Schutzleuten nach dem erwähnten Hause und durchsuchte dasselbe trotz der späten Nachtstunde. Natürlich blieb die Hennigjagd er- folglos. „Dort schwimmt Hennig!" Dieser Ruf alarmierte Mittwoch mittag die Passanten in der Nähe des Hallcschen Tors. Alles, was sonst die Welt bewegt, war vergessen. Man stürzte zur Brücke, um hier den gefundenen Hennig zu erblicken. Auch die Leute, die sonst keine Zeit haben, blieben stehen und schauten un- verwandt mit den anderen, die immer da zu finden sind, wo etwas los ist, auf ein großes schwarzes Etwas, das langsam auf dem Wasser schwamm. Zwei Straßenreiniger, zwei Schutzleute und ein Straßenbahnangestellter standen unten an der steinernen Brücke mit Stangen aller Art bewaffnet und warteten auf das Näher- kommen des verdächtigen Gegenstandes, auf den sicy tausende von Augen in fieberhafter Spannung richteten. Endlich ist er so nahe, daß man ihn mit den mit Haken besetzten langen Stangen fassen kann. Mit Anstrengung ziehen die Männer die schwarze Masse aus ddm Wasser. Es ist. wie man schließlich feststellte, ein großer Sack, der die Konturen eines menschlichen Leibes hat. Schnell ein Messer zur Hand, damit man weiß, an wem hier ein furchtbares Verbrechen begangen ist. Nun zeigt es sich, daß man in der Tat einem Ver- brechen auf bis Spur gekommen ist, das man— an einem großen Hunde verübte, den man in ein schwarzes Tuch nähte und den Fluten überantwortete. Hennig läuft aber immer noch frei umher. Eine öffentliche Belobigung veröffentlicht der Polizeipräsident in folgender Form: Herr LouiS Wankelmuth, hier, Königgrätzerstr. 56c wohnhaft, hat am 17. Januar d. J.� auf dem Belle-Allianceplatz zwei vor einem mit Fahrgästen besetzten OmnibuS der Linie 4 laufende durchgehende Pferde aufgehalten und dadurch größeres Unheil verhütet. Für das hierbei bewiesene entschlossene und mut- volle Handeln wird derselbe hierdurch öffentlich belobt. ttvwon Kein Doppelselbstmord, sondern ein Unglücksfall liegt bei dem Tode des Hennigfchen Ehepaares in der Reinickendorferstr. 64 vor. Die Obduktion der beiden Leichen hat ergeben, daß der Tod infolge Einatmens von KohlenoxydgaS eingetrelen ist. Bei der Untersuchung fand man zwar den Ofen in dem Schlafzimmer des Ehepaares in vollkommener Ordnung, doch wurde festgestellt, daß der Ranch durch die offenstehende_ Ofenlnre ungehindert in Inseratenteil peräutw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckern u. Verlagsanjtalt Paul Singer ö Co., Bccli�LIV. da? Zimmer eindringen konnte. Dicht bor dem Ofen stand nämlich ein Waschtisch, der die Ofentüröffnnng vollständig verdeckte. Da das Schlafzimmer nie geheizt wurde, versäumten es die Leute, die Tür zuzuschrauben. Sobald der Nebel den Ranch durch die Schornsteinleitungen hinabdriickte, drang er in den Ofen und dadurch auch in das Zimmer. Auf diese Weise fand das Ehe- paar den Tod durch Erstickung während deS Schlafes. Georg Hennig war in der Nacht infolge von Atembeschwerden noch auf- gestanden in der Absicht, das Fenster zu öffnen. Auf dem Wege dahin war er aber vor dem Bell seiner Frau zusammengebrochen. Die Beteiligung an den Bewegungsspielen der Schüler ist auf den höheren Schulen sehr ungleich. Für die städtischen Gym- nasien, Realgymnasien, Oberrealschulen und Realschulen veröffent- licht jetzt der Magistrat eine Znsammenstellung, die über das Schul- jähr>604/65 berichtet. An den einzelnen Spieltagen betrug� die Durchschnittszahl der spielenden Schüler z. B. beim Askanischen Gymnasium 260, beim Falk-Realgyrnnasiuin 225, beim Königstädtischen Gymnasium 319, beim Königstädtischen Realgymnasium sogar 356. aber z. B. beim Lcibniz-Gyinnasiinn nur 160. bei der Friedrichswerderschen Oberrealschnle 72, beim Andreas- Real- gtinmasium 63. Das sind die Höchst- und die Mindestzahlen, zwischen denen die Beteiligungsziffern der übrigen Anstalten liegen. (Fnedrichswerdersches Gymnasium und Friedrichs- Realgymnasium befinden sich wegen bevorstehenden Umzuges im UebergangSzusland und bleiben außer Betracht.) Aehnlich sind die Gegensätze bei den Realschulen. Am stärksten war die Beteiligung bei der 5. und der 12. Realschule mit 297 und 351, am schwächsten bei der 11. Real- schule mit 82. Die Unterschiede erklären sich nicht lediglich aus der Ungleichheit der Schülerzablen. Das Königstädtische Gymnasium zum Beispiel ist nicht viel größer als das Leibniz-Gymnasium, hat aber eine reichlich dreifach so starke Beteiligungsziffer. Das König- städtische Realgymnasium ist nicht viel größer als das Andreas« Realgymnasium, hat aber eine fünffach so starke Beteiligungsziffer. Dasselbe gilt für die Realschulen. Zu den Ursachen, die die Be« teiligung beeinfluffen, gehören Lage und Art des Spielplatzes. Eine städtische Fahrschule für Automobildroschken wird von den Berliner Automobildroschkenfiihrern angestrebt. In zwei Versamm- lungen sprachen sich gestern die Führer für die Errichtung eines solchen Jnstilnts aus, um damit die„LehrliiigSzüchterei" im Berliner Antomobildroschkenwescn zu beseitigen. Wie in den Versammlungen ausgeführt wurde, herrschen auf diesem Gebiete jetzt schwere Mißstände. Die Kosten der Ausbildung eines Automobil- droschkenführers betragen in den jetzigen privaten Fahrschulen 50— 160 M., 20— 30 Mann würden oft zugleich ausgebildet, wachen- lang hingehalten und dann wegen Mangels an Beschästignng auf die Straße gesetzt. Man will deshalb jetzt an die zuständigen Stellen mit der Forderung herantreten, daß eine Fahrschule unter Aufsicht der städtischen Behörden gebildet werden soll. Als Lehrer- sollen zu gleichen Teilen Antodroschkenbesitzer und-Führer fungieren. Ein durchgehendes Gespann raste gestern in der Mittagstunde die Weserstraße entlang, als gerade die Kinder die Schule verließen und in dichten Scharen vor dem Schulgebäude die Straße überschritten. Der Kutscher hatte die Gewalt über die wilden Tiere vollständig verloren und es hätte großes Unglück geben lönnen, wenn sich nicht im letzten Augenblick der Schützmann Casinala den Pferden entgegengeworfen und die rasenden Tiere zum Stehen ge- bracht hätte. Ein Unglücksfall ereignete sich gestern mittag in der Friedrich- straße Ecke Ziegclstratze. Dort wollte ein Mädchen im Alter von 6— 7 Jahren den Fahrdamm überschreiten, als eine herrschaftliche Kutsche im vollsten Trabe herankam und das Mädchen überfuhr. Ein gerade des Weges kommender Soldat holte das bewußtlose Kind unter dem Wagen hervor und brachte es sofort nach der Unfallstation in der Ziegelstraße. Anscheinend hatte das Mädchen schwere Verletzungen nicht davongetragen. Urania. Der Experimentalvortrag über„Die Fortschritte der drahtlosen Telegraphie" wird von Herrn Dr. B. Donath am Freitag- abend 8 Uhr im wissenschaftlichen Theater de» Instituts wiederholt werden. Er ist in durchaus gemeinverständlicher Form gehalten und wird durch Versuche in großem Maßstabe unterstützt Karten zu diesem Vortrag, sowie zu den Vorlesungsreihen im Hörsaal und einer Wiederholung des geographischen Vortrages„Im Lande der Mitter- nachtssonne"(Sonnabendnachmittag 4 Uhr zu kleinen Preisen) sind an der Kaste des Instituts Taubenstraße erhältlich. Feuerbericht. Wegen eines Kellerbrandes wurde am Dienstag- abend die Feuerwehr nach der Holzgartenstr. 9/16 gerufen. Betten, Kleider usw. waren dort in Brand geraten. Es gelang, die Flammen auf den Keller zu beschränken. Gleichzeitig müßte in der Krausen- straße 39 ein Brand gelöscht werden, der in einer Badestube aus- gekommen war und den Fußboden ergriffen hatte. Betten, Möbel, Kohlen, Fußböden usw. brannten in der Lothringerstr. 32, Samariter- straße 34 und an anderen Stellen. An der Ecke der Großen Frank- stirterstraße und Friedenstraße fand ein Zusammenstoß zwischen einem Straßenbahnwagen und einem Kohlenwagen statt, wobei der Kutscher vom Bock stürzte und Verletzungen erlitt, die seine lieber- führung nach einer Unfallstation erforderlich machten. Der Kohlen- wagen war so beschädigt, daß die Feuerwehr das Verkehrshindernis beseitigen mutzte. Auch der Straßenbahnwagen hatte Beschädigungen erlitten. Arbeitcr-Samariter-Kolonne. Heute abend 3. Abteilung Schöne- berg bei Obst. Mciningcrstr. 8. Herr Dr. Großmann spricht über gefahr- drohende Krankheitszustände. Außerdem Freitagabend im Saale dcS Genossenschaftshauses. Stargardcrslr. 3 Herr Dr. Wunsch über Ver- giftungen. An den Vorträgen schließen sich praktische Uebungen an. Neue Mitglieder können jederzeit eintreten. Gäste haben einmaligen freien Zutritt. Ltlusnl Möller 307 V* Rute, JMiitzen, pdzwaren 34. Weitestes Kon?. Leihhaus Charlottenbnrg, WilmersdotTerstr. 40 1. Hohe Beloihung. Qiskr. Sprechzimmer. Gelegenheitskäufe in Brillanten, Uhren, Gold- u. Silbersachen.[329L* Leih-fiaus Charlottenbnrg, Friedrich- Karl- Plati IS, «erUa. Anklniiicr-Ztrasic S. Beleihung von Brillanten, Gold, und Silbersachen. Uhren, Büchern, Wäsche, Kleidungsstücken zc. 354 V» Vereinsfahnen und Vereinsabzeichen etc. Ww. Marg. Grillen- barger, Nürnberg, Unschlilwlah 2. Emil Hoegner GrunewaldsMe i08. Wäsche-, Weiß-, Woll- nml IIa im f«K t urrvavon. Vorgezeichnctc and fertige Handarbeiten. Mitglied von 8 Rabatt- u. Sparvereinen. 263V