Nr. 45. nbonnemcntS'Bedinpngen: Abonnement»> Preis pränumerando! «ierleljährl. 3,30 Mt,. rnonatl. 1.10 Mk,, «ich entlich 28 Psg. frei ins Hau». Einzelne Slnmnier 3 Psg, KonntagS« mimmet mit illustrierter KonntagS- Beilage.Die Neue»elf 10 Psg, Post. Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitung»- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mart. für da» übrige Ausland 8 Marl pro Monat, 23. Jahrg. «MOit Ulli» luBcr OtiUgi. Berliner Volksblntk. Die Tntcrflons'GebQljr beträgt für die sechsgespattene ttoloiiet. zeile oder deren Raum«0 Psg,, siic politische und gewerlschasilichc Verein»- und PersaiiiinInngS.Anzeigcn LS Pfg, „Ktelne Snreigen", da» erste lletl- gedruitlel Wort 10 Psg. jede» weitere Wort S Pfg, Worte über IS vuchslaben zählen für zwei Worte, Jnscrale sür die nächste Stuminer müssen bis S Uhr nachniitlag» in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen, tagen bi» 7 Uhr abend», an Sonn- und Fesltagen bl»«Uhrvorinittag» geSssnet, lelegraiinn-Adrefse: »S»z!>Ilielp»»»t Ittl»". �entralorgan cler fo2ialctemokrati scken Partei VeutfcklanÄs. Redabtion: SRI. 68, Lindcnstrasse 69 Fernsprecher:«mt IV, Str. liiKÄ. Gemeindevertreter-Wahlen. Die Agitation zu den Gemcindevertretcr-Wahlen in den Berliner Bororten ist im vollen Gange. Ueberall rüsten sich unsere Parteigenossen zum Kampfe, überall sind sie bestrebt. die Massen über die Bedeutung der Wahlen aufzuklären und sie an ihre Pflicht zu erinnern, damit dem Dreiklassen-Wahl- system zum Trotze in die BerNialtung selbst der kleinsten Gemeinde Vertreter des Proletariats einziehen. Aber auch unsere Gegner sind an der Arbeit; sie haben vergessen, was sie sonst im politischen Leben trennt, die äußerste Linke der Bourgeoisie hat sich mit der äußersten Rechten verbündet, auf daß die Cliquenwirtschaft fortdaure und kein Sozialdemokrat die Ruhe der Gemeinde stört. In der Gemeinde jedoch bedeutet die Ruhe nichts anderes als die Verhinderung einer gedeihlichen Entwickclung in sozialer Beziehung. Mehr als irgendwo anders gilt hier das Wort, daß Stillstand Rückschritt ist. Gerade aus sozialem Gebiete haben die Gemeinden soviel Gelegenheit, sich zu betätigen, daß schon allein aus diesem Grunde die Wahl von sozialdemokratischen Vertretern im Interesse der Kommunal- Verwaltungen selbst ein Gebot der Notwendigkeit ist. Die Berliner Vorortgemeinden, in denen jetzt die Er- gänzungswahlen ausgeschrieben sind, sind zwar ihrer Ver fassung nach immer noch Landgemeinden, in Wirklichkeit aber sind es zum großen Teil bereits Mittelstädte, vereinzelt sogar Großstädte. Nicht nur nach der Zahl ihrer Einwohner, sondern auch nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Wir haben unter ihnen Gemeinden mst eigenen Gasanstalten und Elektrizitätswerken, Gemeinden mit eigenen großen Kranken Häusern, Waisenhäusern und sonstigen gemeinnützigen Instituten. solche Gemeinden beschäftigen eine mehr oder minder große Zahl von Arbeitern und können in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber einen recht wesentlichen Einfluß aus die Arbeiterverhaltnisse im allgemeinen ausüben. In ihnen ftnden wir ein groß städtisches Proletariat, das nach Bildung dürstet und machtvoll verlangt, daß ivenigstens seinen Kindern die Bildung und Erziehung zuteil wird, auf die es selbst hat verzichten müssen. Von der Beschaffenheit der Volksschulen wird es in der Haupt fache abhängen, ob dieser Wunsch des Proletariats in Er- süllung geht. In diesen Gemeinden- mit ihrer ländlichen Verfassung haben sich Industriezentren herangebildet und Hand in Hand damit hat sich daS WohauilgSelcnd gezeigt, wie wir es in fast allen Großstädten antreffen. Die Zeiten, wo die in Berlin tätigen Arbeiter in den Vororten behaglich eingerichtete billige und gesunde Wohnungen fanden, in denen sie sich von des Tages Müh' und Arbeit erholen konnten, die Zeiten, wo sie vielleicht fernab vom Lärm der Großstadt sich ein eigenes Häuschen und ein Stück Land erivcrben konnten, gehören der Vergangenheit an. Auch in den Vororten hat die Mietskaserne ihren Einzug gehalten, auch hier muß der Proletarier sich mit unzuläng lichen Wohnungen begnügen, auch hier erscheint ihm zu jedem Umzugstermin das drohende Gespenst der Mietsstcigcrung. Em ebenso lebhaftes Interesse ivie an gesunden Woh nungen hat die Arbeiterklasse an den gesundheitlichen Zuständen in der Gemeinde im allgemeinen. Wenn infolge mangelhafter Kanalisation, infolge schlechten Trinkwassers oder dergleichen irgendwo eine Epidemie ausbricht, dann ist das Proletariat in erster Linie der Gefahr einer Erkrankung ausgesetzt. In dem ohnehin nicht ausreichend ernährten Körper der Proletarier finden die Krankheit und Tod bringenden Bazillen den besten Nährboden, in den engen Wohnungen verbreiten sich die Krankheitskeime am leichtesten, und so werden oft in wenigen Tagen ganze Familien dahingerafft. Auf all den genannten Gebieten aber kann eine Gemeinde Verwaltung, in der der richtige soziale Geist herrscht, viel wirken. Sie kann ihre Arbeiter so stellen, daß sie anderen Arbeitgebern ein Muster ist. Leider ist das heute nur ver cinzelt der Fall. In der weitaus größten Zahl wachen die Genieinden, in denen dank dem Dreiklassenwahlsystem der Geldsack herrscht, ängstlich darüber, daß ihre Arbeiter keine zu hohen Löhne bekonunen, daß ihnen kein Recht auf Alters- oder Jnvalidcnpension, kein Rechtsanspnich auf Witwen- und Waisenversorgung gewährt wird. Sonst könnten sie ja der Privatindustrie mit gutem Beispiel vorangehen und sie zwingen, es ihnen gleich zu tun. Und das muß auf jeden Fall ver- hindert, das Kapital muß geschont werden. Ebensowenig ist von den Gemeindevertretungen unter dem Dreiklassenwahlsiistem mit seiner Bevorzugung der Angescflcnen eine sozialpolitisch vernünftige Wohnungspolitik zu-rwarten. Die Erfahrung lehrt, daß sich die Interessenten mit Händen und Füßen jedem Eingriff in die schlechten Wohnungs- Verhältnisse widersetzen, daß sie nichts tun, um den Boden- Wucher zii bekämpfen, um die Erstellung billiger Wohnungen für die Minderbemittelten zu begünstigen oder auf irgendeine andere Weise dem Uebel zu begegnen. Wie alle privilegierten Klassen, so haben auch die Angesessenen das Privileg, das ihnen ein reaftionäres Gesetz geschenft hat, mißbraucht, sie haben sich selbst Vorteile auf Kosten der Gesamtheit zu ver- schaffen gesucht und machen von ihrem Vorrecht in der rücksichts- losesten Weise Gebranch. Neber die Stellung der Arbeiterklasse zur Volksschule etwas zu sagen, wäre eigentlich überflüssig. Die Arbeiter kennen die Bedeutung der Volksschule, sie wissen, welche Vorteile ihnen eine gute und welche Nachteile ihnen eine schlechte Schule gewährt. Wenn auch die Volksschul- gesetzgebung Sache des Landtages ist, so könnten doch die Gemeinden viel tun, um den Unterricht ersprießlich für die Kinder zu machen. Auf die Festsetzung des Lehr- Plans haben sie keinen Einfluß, der wird ihnen diktiert. Wohl aber könnten sie durch Anstellung und ausreichende Besoldung der genügenden Anzahl von Lehrkräften, durch den Bau hygienisch und pädagogisch einwandSfreier Schulhäuser, durch vernünftige Anordnung des Unterrichts viel zur Hebung der Volksschule beitragen. Die Gewährung freier Lernmittel, die Verabreichung warmen Frühstücks, die Errichtung von be- sonderen Klassen für geistig zurückgebliebene Kinder, die Ein- richtung von Erholungsheimen oder Waldschulen— all' das sind Maßnahmen, die zweifellos ihre gute Wirkung auf die Ausbildung unserer Jugend nicht verfehlen werden. An den Volksschulunterricht hätte sich ein obligatorischer Fortbildungsschnlnnterricht anzuschließen, nicht nur. wie es heute gewöhnlich der Fall ist, für gelernte männliche Arbeiter, sondern für gelernte und ungelernte Arbeiter beiderlei Ge- schlechts. Die Möglichkeit hierzu ist den Gemeinden durch Gesetz gegeben. Auch die Armen- und Waisenpflege bedarf dringend einer Ausgestaltung. Hier müssen vor allem soziale Gesichts- punkte maßgebend sein, die Gemeindeverwaltungen müßten erkennen, daß cS ihre Pflicht ist, für diejenigen ihrer Mit- glieder, die sich nicht selbst helfen können, zu sorgen, sie müßten in erster Linie vorbeugend wirken und ver- hindern, daß die Gemeindeangehörigen der Armenpflege zur Last fallen. All' das kostet natürlich Geld und die Gemeinden sind in bezug auf ihre Einnahmen ink wesentlichen beschränkt auf Zu- schläae zur Einkommensteuer, auf die Grund- und Gebäudefteuer, auf Ueberschüsse aus städttschen Betrieben und auf Gebühren. Trotz dieser Beschränkungen sind sie in der Lage, die not- ivcndigen Mittel aufzubringen. Aber leider nehmen sie auch hierbei meist zu viel Rücksicht auf die Besitzenden, die geschont iverden, aus Furcht, sie könnten sonst dem Gemeindegebiet den Rücken kehren. Noch gibt es Steueremellen, die die Minderbemittelten nicht treffen, Steuerquellen, die zu er schließen die Gemeindeverwaltungen in ihrer engherzigen Rücksichtnahme auf die Interessen der Besitzenden aber Be- denken tragen. Wieviel ließe sich zum Beispiel aus einer gerechten nnd von sozialpolitischen Grundsätzen geleiteten Be stcuerung des Bodens. auS der Besteuerung des unverdienten Wertznivachses, herausholen? schon aus diesen wenigen Andeutungen können die Arbeiter entnehmen, welche Bedeutung die Gemeindevcrtteter- wählen für sie haben. Gewiß ist der Kampf schwer, aber das darf das Proletariat nicht abhalten, alles aufzubieten, um schließlich doch den Sieg zu erringen. Es ist ein Kampf, des Schweißes der Edlen wert. Zeigen wir den herrschenden Klassen, daß der Gedanke des Sozialismus sich siegreich Bahn bricht und daß eS keine Gemeinde mehr gibt, die nicht schon vom„Gift der Sozialdemokratte infiziert" ist! Beweisen wir durch den Erfolg, daß die Arbeiterklasse auch den Wall des Dreiklassenwahlsystems mit kühnem Ansatz erklimmt I Vergessen wir nicht, daß Siege, die wir in Groß-Berlin erringen, anfeuernd, Niederlagen aber entmutigend auf unsere Genossen im Lande wirken! Wie Berlin selbst, so müssen auch alle Gemeinden in sekner Umgebung Hochburgen der Sozialdemokratte werden. Die Revolution in Rußland. Väterchens Beschützer müssen hungern. Vor einigen Tagen veröffentlichten wir den Aufruf des zweiten Urupschen KosakenrcgimentS. Wie die Lage der Familien dieser Be- schiitzer Väterchens am Don, Kuban und Ural ist. darüber be- richten jetzt einige r u s s i s ch e Blätter. In den früheren Jahren mußten die Kosaken höchstens Petersburg, Warsdiau und Moskau beschlktzen. Ein Ähil der Männer war wenigstens zu Haufe und bebaute den Boden oder half ihn zu bebauen. Allmählich mußten nicht allein die Residenzen vor «Nihilisten" und Studenten beschützt werden, sondern der„innere Feind war zu einer großen Armee herangewachsen, die ihre Mit- glieder überall da zählte, wo ein industrielleSProletariat vorhanden war. Während de» Krieges mit Japan mußte noch der Rest der arbeitsfähigen Kosaken mobilifieri werden. Und jetzt, wo ganz« Bezirke aufständischer Bauern„beruhigt" werden müssen, geht eS beim besten Willen nicht, die Leibwache Nikolaus', der er noch jüngst seinen tiefinnigsten Dank aussprach, zu vermindern. Und dennoch soll«S nach einer Meldung des„Wetscherny Goloß" geschehen. Das Blatt versichert zu wissen, daß bis zum 30. März alle in der Residenz und den Provinzstädten stationierten Kosakenregimenter aufgelöst und nach Hause entlassen werden, denn die Hungersnot in einigen Kofa ten g eb i eten, die infolge von Mangel an arbeitsfähigen Männern auS- gebrochen fei. nehme fürchterliche Dimensionen an. Eben sei wieder eine diesbezügliche Klage aus der Kosakennieder- lassung UrjupinSkaja eingelaufen.— Wir können zu Keier Notiz des russischen Blattes noch hinzufügen, daß, wie uns bekannt ist, tatsächlich uiisere Kosaken auS den Ostseeprovinzen schon in die Heimat abgereist sind, wobei die Obrigkeit ihnen erlaubt hatte. einige den lettischen Bauern abgenommene Flinten mitzunehmen. Inzwischen ist eS schon zu einem offenen Aufstände der Kosaken gekommen. Ein Telegramm meldet: Expedition: SRI. 68, Lindenetraaee 69. NfcrHtHrrrtt«;«in» IV. Rr. I»H4. Petersburg, 21. Februar.(SJon einem Spezialkorrespondenten.) In der Stanitza Gianinsl im Kubangebiete meutern 600 Kosaken vom Regiment Urup. Gegen die Meuterer, die sich verschanzt haben. sind Truppen mit fünf Maschinengcivchren entsandt worden. Der Chef des KübangebieteS begleitet die Truppen. ES ist bereits zu einem Zusammenstoße gekommen, doch liegen bis jetzt noch keine Einzelheiten vor. Abzug aus der Zwingburg Schlüffelburg. Der Geldmangel der russischen Regierung hat vorläufig schon eine gute Tat bewirlt. Die Unterhaltung der Festung Schlüsselburg mit den Tausenden von Gendarmen lastete der Regierung recht erhebliche Summen, dabei war die Zahl der Insassen in allerletzter Zeit auf zwölf zusammengeschrumpft. Die russischen Henker haben beschlossen, diese Opfer an irgend einem anderen Orte— billiger umzubringen. Die„Nowoje Wremja" schreibt, daß am 12. Februar die letzten zehn politischen„Verbrecher" mit einem Extrazuge von Schlüffelburg nach Petersburg gebracht wuiden. Hier erwarteten dieselben auf der Station Ochta eine Eskadron berittener Gendarmen und sechs geschlossene Equipagen. Die angekommenen„Vertreter des unterirdischen Rußlands" wurden eiligst in die verdeckten Kutschen gesteckt, wobei die nötige Begleitung nicht versäumte, ihnen auf dem Fuß zu folgen. Jede Equipage wurde von je zwei berittenen Gendarmen begleitet. Den Schluß des Zuges bildete eine ganze Eskadron Gendarmerie. Die Genoffen hatten die Tracht gewöhnlicher Sträflinge an. Um 12>/z Uhr nachts brachte ein anderer Zug die Genossen iveiter. Wohin, das verheimlicht uns der alte Diener des Zaren.— Unsererseits wollen wir nur noch eine Notiz hinzufügen: Einer der früheren Bewohner der Festung Schlüffelburg, N. A. M a r 0 s 0 s s, ist nach einem kurzen Aufenthalte bei Verwandten jetzt nach Petersburg gefahren und will dort seine sozialen und naturwissenschastlichen Studien, die er im Laufe der zwanzig- jährigen Einkerkerung geschrieben hat, veröffentlichen. Seine Arbeiten umfaffen 27 Bände. » � Wetterzrichea. Der„Lokal-Anzeigcr" meldet: Odessa, 22. Februar. In Ltschakow, wo der Prozeß gegen Leutnant Schmidt verhandelt wird, wurde ein Komplott entdeckt, das den Zweck hatte, Schmidt zu befreien. Aus Sewastopol sollte ein Kriegsschiff kommen und die Festung bombardieren. Ein Telcgravhenbcamtcr wurde zwischen Otschakow und Nikolajew ver- haftet, über die Festung der Kriegszustand proklamiert. In der Stadt sind revolutionäre Banden angekommen. Weitere Miteilungeu lauten: Petersburg. 22. Februar. Gegen fünfzig Personen drangen am 17. Februar in die Synagoge der Stadt Platel ein und forderten den sein Amt ausübenden Geistlichen auf, den Kirchen- dienst einzustellen, damit es ihnen gestattet sei, ein Meeting ab- zehn Agitatoren verhaftet.— In Warschau wurde gestern ein Jude verhaftet, der dreißig Hülsen für Rcvolverpatronen bcr sich führte. Riga, 22. Februar. Aus dem Kreise Tukkum laufen zahlreiche beunruhigende Nachrichten ein. Dieser Kreis steht wieder in volle ni Aufruhr. In der Umgebung von Neuenbürg plündern die Räuber die Gemeinden und Pfarrämter. Petersburg. 22. Februar, �n der Stadt Wjctka bei Hömel kam es neucrdmgs zr großen antsicinitifchen Exzessen. Die Häusex der Juden wurden überfallen, geplündert und in Brand gesteckt. Hierbei kamen zahlreich: Personen ums Leben. Die Duma soll dem ,.Ruß" zufolge am 1. Mai zusammentreten. ' politische(lebersicbt. Berlin, den 22. Februar. FiaSko des Generaltarifs. Als der Zolltarif im Jahre 1902 beraten wurde, priesen ihn die Zollfpeunde als ein vorzügliches Instrument zwecks Abschlusses von günstigen Handelsverträgen, insbesondere mit Amerika. Die Behauptung der Opposition gegen den Zoll- tarif, daß der Gcncraltarif mit seinen unsinnigen Sätzen nicht ein Instrument zuni Abschluß, sondern zur Hinderung guter Handelsverträge sein könne, ist durch den Verlauf der Dinge vollauf bestätigt. Die Notwendigkeit der� Vorlegung des Handelsprovisoriums mit Amerika zeigt dies" drastisch. Unsere heimische Produktion würde so gewalttg durch Inkraftsetzen der Generaltarifsätze gegenüber Amerika geschädigt, daß selbst die agrarischste Regierung davor zurückschrecken muß, dies „Instrument" anzuwenden, da es nicht dem Auslande, sondern Deutschland tiefe Wunden schlagen würde. Dem Handels- Provisorium mit Amerika mußten selbst die enragierten Schutz- zöllncr des Reichstages zustimmen.—. In der dann wieder aufgenommenen Debatte über den Justizetat ritt der Abg. Roeren sein Lex Heinze- Rößlein. Morgen Fortsetzung der Etatsberatung.—_ Abgeordnetenhaus. DaS Abgeordnetenhaus beriet am Donnerstag zunächst die zurückgestellten Positionen des ForstctatS, die sich auf die Gehälter der Förster beziehen' Nach längerer Debatte einigte man sich auf eine Resolution, durch welche die Regierung er sucht wird, dafür Sorge zu tragen, daß die Lage der mittleren und unteren Forstbcamten durch Erhöhung der Dienst- und Peusionsbezüge baldmöglichst gebessert werde. Mit dieser nichtssagenden Resolution werden die Beamten abgespeist. Dafür sollen sie endlich ihre„Agitation" einstellen! Hoffentlich werden die Forstbeamten sich nicht so leicht täuschen lassen. Hierauf begann die Beratung des Etats des Finanz- in i n i st e r i u m s. Die in diesen Etat eingestellten Korruptions- sonds, die den Oberpräsidenten in den„gemischtsprachigen" Gegenden zur Bekämpfung des Polen- und Dänentums zur Verfügung stehen, gaben Veranlassung zn einer ausgedehnten Polendebatte, die am Freitag fortgesetzt wird.— Die Marokkokrise. Die Stimmen mehren sich, die ein vollständiges Scheitern der Marokkokonferenz prophezeien. Frankreich werde Deutsch- lands Forderungen unmöglich ini vollen Umfange entsprechen können, und Deutschland werde Frankreichs Konzessionen als ungenügend ablehnen. Durch das Scheitern der Konferenz Werde dann wahrscheinlich der stutus quo in Marokko für einige Zeit gesichert sein. Frankreich werde wahrscheinlich davon Abstand nehmen, entgegen dem deutschen Widerstaude etwas in Marokko zu unternehmen. Deutschland seinerseits werde sich dann sicherlich nnt diesem vorläufigen Erfolg seines Einspruchs zufriedengeben und auf jede weitere Verschärfung des Konfliktes verzichten. Wenn der Ausgang der Konferenz in der Tat ein der- artiger wäre, so wäre an die Stelle der akuten die chronische Krise getreten, ein unerträglicher Zustand feindseligen Mißtrauens und arglistigen Sichbelauerns. Und in diese trostlose Situation wären zwei große Kulturnationen hineingetrieben worden durch die Intrigen einer Handvoll Beutepolitiker, durch die F r i v o l i» täten einer Diplomatie, die sich skrupellos über den Willen der Völker selbst hinwegsetzt I JaursS Appell an England. Aus dem gestern bereits erwähnten Briefe des Genossen Jaurös an die regierungsoffiziöse„Tribüne" seien nachfolgend die wichtigsten Stellen mitgeteilt: ..... In Frankreich gibt es keine Partei und keine Klasse, die nicht den hohen Wert eines guten Einvernehmens mit England anerkennt..... In England war es die konservative Partei, die das englisch-französische Einvernehmen offiziell abschloß, aber das geschah unter dem herzlichen Beifall der liberalen Partei. Der siegreiche Regierungsantritt der liberalen Partei kann nur ein Er- gebnis haben: die„Emtents cordiale" zu festigen.... Der Hauptpunkt ist, daß die Freundschaft der beiden Nationen von keinem aufrichtigen Menschen— selbst indirekt und annähernd— als eine Drohung gegen ein anderes Volk ausgelegt locrden kann. Der ganze Zweck der„Entente" kann von den beiden Nationen verwirk- licht werden, ohne daß dadurch Teutschland irgend ein Anlaß zum Aergernis gegeben wird, da es in gleicher Weise im Interesse beider Nationen liegt, daß ihre Beziehungen zu Deutschland korrekt, sicher, ja sogar herzlich sind..... Ich hoffe, mich keiner Indiskretion schuldig zu machen, wenn ich sage, daß ein Teil der englischen Presse uns(den französischen Sozialisten) gegenüber nicht gerecht gewesen ist. Wollte man nach der Pariser Korrespondenz der „Times" urteilen, so müßte man annehmen, daß wir gegenüber dem cnglisch-französischen Einvernehmen eine Art Kälte oder Miß- trauen und auf der anderen Seite der deutschen Politik gegen- über systematisch ein blinde Gefälligkeit an dm Tag legten. Doch davon kann keine Rede sein. Sondern wir hatten anzukämpfen gegen die Taktik kleiner, rühriger und unvorsichtiger Gruppen, die die englisch-französische„Entente" für abenteuerliche Zwecke aus- zubauten suchten. Tie auswärtige Politik moderner Nationen wird nicht immer in derselben Weise geleitet wie ihre innere Politik. Letztere wird durch die Demokratie gelenkt. Es ist einer Regierung unmöglich, in der inneren Politik längere Zeit gegen den Willen der Allgemeinheit zu handeln. In der internationalen Politik hin- gegen können kleine, verwegene Gruppen unvermutet nicht wieder gut zu machende Vorfälle und beklagenswerte Mißverständnisse herbeiführen. Die französischen Sozialisten haten schon früher jene Politiker energisch bekämpft, die davon träumten, eine Alliance Frankrcich-Teutschland-Rußland zu bilden mit dem Ziele, der britischen Politik systematisch in den Weg zu treten. Sie haben eine außerordentliche Befriedigung verspürt über die Wieder- Herstellung guter Beziehungen zwischen Frankreich und England, aber sie haben das Land veranlaßt, auf der Hut zu sein gegen Ver- suchungen von der anderen Seite. Im übrigen hat die große Mehrheit der französischen Bürger in der„Entente cordiale" ein Mittel gesehen, allen Völlern eine freie und friedliche Entfaltung zu sichern.?llles, was dazu bei- trägt, den Geist der Mäßigung und Gerechtigkeit in der Politik der beiden Nationen ans Licht zu bringen, wird dem Weltfrieden wirksam dienen..... Das französische Voll hat den lebhaftesten Wunsch, daß die Konferenz zu Algericas das niarokkanoische Problem lösen möge, ohne irgend welche Bitterkeit oder Argwohn zu hinterlassen. Frankreich ist England außerordentlich dankbar für das Wohlwollen und die Loyalität, mit der eS das englisch-französische Marokko-Abkommen beobachtet; und sicherlich hat die loyale Mitwirkung Eng- lands Frankreich beträchtlich geholfen, seiner Würde, seinen Fnter- essen, seinen Rechten Achtung zu schaffen. Wer das englische Volk wäre im Irrtum, wenn eS annähme, es erweise Frankreich einen Dienst, wollte es uns in Marokko in unwiderruflicher� Weise fest- legen. Marokko zu erobern, dort ein ausschließliches Mandat be- züglich der Polizei auszuüben, das würde eine schwere Last für uns bedeuten. Und— vorausgesetzt, daß die Sicherheit unserer Algeciras-Grenze garantiert ist und daß nichts das moralische An- sehen verletzt, das unser Land in der muselmännischen Welt haben »ruß— erfordert es das Interesse Frankreichs, sich nicht nur der Politik der offenen Tür zu widmen, sondern auch der möglichst umfassenden Ausübung einer internationalen Kontrolle, ob es sich nun um die Finanzen handelt oder um den Schutz der Person und des Eigentums. Unser Land ist mehr als einmal durch den Ton der deutschen Diplomatie gereizt worden. Es geriet in Empörung, als einige deutsche Publizisten forderten, Frankreich solle sich von seinem Ab- kommen mit England lossagen. Unsere eigene Presse hat sich auch Indiskretionen zuschulden kommen lassen. Aber die Nation selbst wünscht eine freundliche und friedliche Schlichtung der marokkanischen Verwickelung. Es wird der englischen Regierung dankbar sein für jede Beihülfe zu einer gemäßigten und versöhnlichen Lösung. Viel- leicht, wenn die Nlgeciras-Konferenz zum Abschluß gelangt, wenn sie in den Seelen nicht einen bitteren Gärungsstoff hinterläßt, kann es möglich sein, daß man für Europa und die ganze Welt eine lange Friedenszeit erhoffen darf. Schweres Unbehagen hat auf den Nationen gelastet, und doch haben sie niemals ein größeres Be- dürfnis nach Ruhe gehabt. Sie stehen neuen und schwierigen Problemen gegenüber. Ueberall in Europa erhebt die Demokratie ihr Haupt. Die Arbeiterpartei macht überall ihr Recht geltend, wenn auch noch undeutlich und unter Anwendung verschiedener Methoden. Ein englischer liberaler Minister sagte kürzlich:„Was wir jetzt brauchen, das find Ideen!" Ja, Ideen, umfassende, richtige Begriffe, um den Forderungen der Arbeiter Form und Leben zu geben. Doch wie ist die Durcharbeitung solcher Ideen möglich, wenn in den Gehirnen der Menschen Kricgsvisionen spuken, wenn ihre Herzen von chauvinistischem Haß durchdrungen sind? Wie können die Staaten des modernen Europa die nötigen Hülfsquellcn für eine große soziale Umgestaltung finden, wenn der Schlund des militärifthen Aufwandes ständig durch das allgemeine Mißtrauen erweitert wird?.... Wenn die Liberalen und die Demokraten der drei Länder(Frankreich,, England, Deutschland) im Einver- ständnis wären, wie die Arbeiter'der drei Länder ein gemeinsames Einverständnis und eine gemeinsame Organisation haben, wenn die englische liberale Partei, die jetzt für die englische Politik ver- antwortlich ist, die friedlichen Bemühungen des englischen, fran- zösischen und deutschen Proletariats bedachtsam unterstützen würde, so möchte es damit die rühmlichste und vielleicht die fruchtbarste Aufgabe übernehmen..... Diese(englisch-französische)„Entente" hat sicher den europäischen Frieden gerettet, der sonst der Er- schütterung durch den Krieg im fernen Osten nicht Widerstand geleistet hätte. Ein Einverständnis im weiteren Sinne, das dem Zustand der Spannung zwischen Frankreich und England auf der einen und Deutschland auf der anderen Seite ein Ende machte, würde unberechenbare Folgen haben. Sind die Menschen Träumer und Utopisten, die für dieses Ziel zu arbeiten wünschen? Die Darlegungen des Genossen Jauros beiveisen aufs neue, daß er sich von gewissen bürgerlichen Ideologien noch nicht völlig frei zu machen vermocht hat. Er erblickt in den internationalen Bündnissen, die lediglich zur Wahrnehniuug weltpolitischer Interessen abgeschlossen worden sind, Ver- bindungen zur Wahrung allgemeiner idealer Interessen, z. B. des Völkerfriedens. Er erivartet von dem Zusammengehen der liberalen Elemente der verschiedenen Nationen Friedens- garantien— als ob der Liberalismus irgend ein Band inter- nationaler Solidarität darstellte, als ob die liberalen Kapitalisten eines jeden Landes auch nur die geringsten Bedenken trügen, den Absolutismus eines anderen Landes zu unterstützen, so- fern sie sich nur einen materiellen Vorteil davon versprechen! So gut gemeint Zaukes Beschtvörung des englischen Libe- ralismus auch sein mag— solide Garantien für den Völker- frieden vermag einzig das sozialistische und deshalb auch internationale Proletariat zu schaffen,— Veutfcdes Reick. Konservative Hetze gegen das Reichstagswahlrecht. Die„Kreuzzeitung" veröffentlicht an leitender Stelle einen „eingesandten" Artikel„Ueber die Ursachen der sozialdemokratischen Bewegung", der in immer neuer Forinnlicrung die eine Kardinal- forderung erhebt: Fort mit dem Reichstagswahlrecht! Wenn Posadowsky unlängst behauptet habe, daß das Wachstum der Sozialdemokratie auf einem„krankhafte» Zustand unseres Volkes" beruht, und daß man mit Gesetzen Ltraniheilen überhaupt nicht behandeln könne, so sei zum mindesten die aus Lern Vordersatz ge- zogene Schlußfolgerung unrichlig. Selbst wenn die Sozialdemo- kratie das Symptom einer inneren Krankheit des Staatslebens sei, so lehre doch die tägliche Erfahrung, daß innere Krankheiten ebenso gut durch äußere Mittel bekämpft werden könnten, wie man auch äußere Krankheilserscheinungen durch innere Mittel zu kurieren imstande sei. Richtig sei, daß der soziale Organismus Deutschlands an einer Krankheit laboriere. Freilich nicht an der von Posadowsky beklagten Krankheit eines ungenügend entwickelten sozialen Sinnes der be- sitzenden Klassen, sondern daran,»daß— das Proletariat durch die industrielle Entwickelung allzu massenhaft in den Großstädten und Industriezentren zusammengedrängt werde. Speziell diese Zusammen- pferchung der industriellen Arbeiterschaft mache dieselbe empfänglich für die Pest des Sozialismus. Man disloziere die proletarische Arniee und man mache sie weit unempfänglicher für den„Bazillus der Sozialdemokratie". Da nun aber der Verfasser Wohl selbst einsieht, daß man eine solche Dislozierung des modernen Proletariats zwar sehr leicht wiinschen, aber um so schwerer durchfühlen kann, rückt er mit seinem „äußeren Mittel" heraus. Schon ein„anerkannt liberaler Mann", T r e i t s ch k e, habe 1874 erklärt, daß das allgemeine Stimmrecht den sittlichen Anschauungen des deutschen Staates ins Gesicht schlage und nur den H o ch m u t der Dummheit erwecke. Treitschke habe durchaus recht: „Es niüßte mit allen möglichen Mitteln gegen die unnatiir- lichen monströsen Massenanhänfungen gearbeitet werden, damit der Blutumlauf des Volkes, der zetzt an diesen Stellen zur Stockung und Neberhitzung gekoinmen ist, in zentriftlge und dadurch wieder in gesunde Bahnen geleitet werde. Zugleich müßte dem Größenwahn der Masse ganz energisch gesteuert werde». Seine Haupt sächlich sie Grund- läge ist das allgemeine gleiche Wahlrecht, daS Dummheit und Unbildung dem Verstand und der Bildung gleichstellt. Man könnte dieses also mit weit größerem Rechte als man das Landtags- Wahlrecht heruntermacht, das dümmste aller Wahlgesetze nennen. Da bei der augenblicklichen Strömung aber der Kampf gegen das Reichstagswahlrecht jetzt aussichtslos wäre, niüßte man zn- nächst-eben diese Strömung bekämpfen und mit allen Mitteln versuchen, die Gesellschaft aus dem hypnotischen Banne ihrer fixen Gleichheitsidee zu befreien. Modifikationest und Korrektionen des Gesetzes müßten aber möglich gemacht werden, damit der Herrlichkeit der Quantität, ivelche uns jetzt bei jeder Gelegenheit auf der Straße vordemonstriert wird, ein Ziel gesetzt werde. Wir halten die besprochene Krankheit für so schwer, daß Selbsthülfe und Naturheilkimde allein nichts nützen, sondern daß vor allem entschiedene ärztliche(gesetzliche) Berorduiiugen zu er- folgen haben, und wenn diese versagen— Operationen.(!)" DaS ist die Antwort eines der modernen Köckeritze auf den Wahlrechtsstnrm des preußischen Proletariates! Es genügt, diese maßlos siechen Verhöhnungen des arbeitenden Volkes niedriger zu hängen, um dem„Bazillus der Sozialdemokratie" weiteste Verbreitung zu sichern!— i_ Freisinn und Heiinarbeiterelend. Man sollte meinen, daß die schaurigen Elendsbildcr, die die Heimarbeits-Ausstellung entrollt, jeoem Menschen, nament- lich aber auch jedem Freisinnigen die Notwendigkeit eines endlichen gesetzlichen Eingreifens zum Schutze dieser Aermsten der Armen dargetan hätten. Das führende Organ der Frei- sinnigen Volkspartei scheint jedoch einen solchen Eindruck keineswegs empfangen zu haben. Nimmt doch die„Freie Deutsche Presse" gerade die Nachricht, daß der Kronrat einberufen gewesen sei, um sich mit der Heimarbeiterfrage zu beschäftigen, zum Anlaß, um über die„zerstörende Wirkung staat- sicher Förderung" einen Leitartikel zu verbrechen. Jetzt werde, so wehklagt das Blatt, wahrscheinlich die Gesetzgebungsmaschine in Bewegung gesetzt werden mit dem Ziel:„Beseitigung des Elends in der Heimarbeit". In der heutigen Wirtschafts- ordnung könne man der einen Berufsklasse auf künstlichem (lies: gesetzlichem) Wege eine wirtschaftliche Besserung nur auf Kosten der anderen zuführen. So werde auch das, was den Heimarbeitern an Existenzmitteln gesichert werden soll, anderen genommen werden. Da sei doch die Sozialdemokratie in ihrer Art wenigstens noch konsequent, wenn sie gleich aufs ganze gehe und den Staat„zur Futter- stelle für alle" machon wolle. Ein Gedanke allgemeiner sozialer Fürsorge, der aber natürlich einem Freisinnigen ab- «urd und verwerllich erscheint I Kläglicher als durch ein solch abgeschmacktes Gerede kann sich die manchesterliche Unfruchtbarkeit und Ratlosigkeit nicht offenbaren. Die Hebung der materiellen Existenz der Heimarbeiter, klagt das Blatt des Herrn Müller- Sagau, werde eine materielle Beeinträchtigung anderer mit sich bringen. Das ist schon richtig: der Profit des Unter- nehmertums würde geschmälert werden. Aber diese dem freisinnigen Blatte so zu Herzen gehende Wirkung tritt auch ein, wenn die Arbeiter durch ihre Gewerk schafts- orzanisationen Lohnaufbesserungen erringen! Oder hält es das freisinnige Blatt für eine Schädigung des sozialen Organismus, wenn nian den Schmarotzerexistenzen des Zivisckenmeistertums ein wenig zu Leibe gehen würde? Ihre„Arbeiterfreundlichkeit" verrät die„Freie Deutsche Presse" weiterhin dadurch, daß sie auch über die„treib- hausinäßige Entkvickelung des Genossenschaftswesens in den letzten zehn Jahren jammert. Auch an dieser„ungesunden" Entwickelung soll das staatliche Eingreifen Schuld tragen, nämlich das Genossenschaftsgesetz voni Jahre 1889, durch das bekanntlich auch den Genossen- schaften mit beschränkter Haftpflicht die Rechte einer juristischen Person eingeräumt wurden. Bisher galten speziell die Anti- semitcn und das Zentrum als Feinde der Ä o n s u m- g e n o s s e n s ch a f t e n, jetzt gesellt sich zu diesen famosen Mittelstandsretteru auch die Freisinnige Volks- Partei! Und das will dann mit seinem„Eintreten für die Interessen der Arbeiterklasse" paradieren!— Eine Warnung an die KonfliktSlüsterncn. In den„Berliner Neuesten Nachrichten" polemisiert ein Oberst a. D. Erich gegen eine kürzlich erschienene Schrift des Majors a. D. B r u ch h a u s e n, die daS Thema„der kom- meiide Krieg" behandelt. Bruchhausen täusche sich über die Kriegs- bereitschaft Frankreichs, wenn er meine,„die deutsche Mobilmachung macht so leicht kein fremdes Volk nach". Er für seine Person sehe keinen Grund, weshalb nicht auch Frankreich gegebenenfalls seine Mobilmachung auf das allerschnellste beenden könne, lieber einen Krieg selbst schreibt dann der genannte Oberst: Wer iiderninimt die unendlich schwere Verantwortung? England und Frankreich wissen, daß wir, obgleich schivach zur See, über 60 Millionen Menschen verfügen, und daß wir, wenn das Vater- land in Gefahr ist, 6 Millionen Streiter ins Feld stellen können. Diese Zahl kann bei Riicksästägen gesteigert werden, denn sechs Millionen Streiter bedeuten nur 10 Pcoz. der Bevölkerung, und ein Volk, daS um fein Dasein känipst, kann mehr leisten. Die Bewaffnungs- und Vorgesetztensiage überwindet in der Not ein entschlossenes Volk. Teils fehlende Ausbildung ersetzt ein vater- ländischer Sinn und verschwindet im Rahmen ausgebildeter Soldaten. Aber welch' naniculoses Unglück in den Fnmilien dies- seits und jenseits der Bogesrn und an der Wasserkante würde die traurige Folge saldier Massenaufgebote sein! Und ein sicherer Erfolg? Selbst der Sieger kann auf ihn nur hoffen, nicht rechnen. Die am Kriege nicht Beteiligten ernten die Früchte." Herr'Ench meint, daß diese Erregungen England und Frank- reich abhalten würden, an ein aggressives Vorgehen gegen Deutsch- land zu denken. Dieser Ansicht sind auch wir durchaus. Aber wir glauben, daß genau dieselben Erwägungen auch die konfliktslüsterneu Elemente in Deutschland abhalten sollten, den Bogen allzu- straff zu spannen und allzu frivol mit dem Säbel zu rasseln! Zu beachten ist aber, daß Oberst a. D. Erich durch seine obigen Darlegungen das gewichtig sie Argument gegen die geplanten Flotte nrüftun gen vorbringt! Wenn seiner Meinung nach schon Deutschlands Rüstung zu Lande ausreicht, um Deutschland bor einem Angriff zu sichern, so sind die Flotten- rüstnngcn nicht nur unnötig, sondern sogar vom II e b e l. Und zwar deshalb, weil sie ja von den anderen Nationen nicht als ein Mittel der Verteidigung, sondern als Mittel zu einer eventuellen Offensive angesehen werden müssen und deshalb nur zu geeignet sind, das sich bedroht fühlende Ausland zu p r o v o- zieren!—_ Moderne Folter. Noch immer schniachten in F o r st i. L. vier Setzer im Gefängnis, weil sie sich weigern, eine Vermutung darüber auszusprechen, wer der Verfasser eines Artikels sei, der durch ihre Hände ging. Noch immer schmachtet in Bielefeld unser Genosse Schumann im Gefängnis— uu» über sieben Wochen! Er weigert sich ebenfalls die Wißbegier, des Staats- anwaltes zn befriedigen, und weigert sich, wie die Setzer in Forst, weil er eine unehrenhafte Handlung begehen würde, käme er dem Wunsche des Staatsanwalts entgegen. Genosse S ch u m a n n ist Stadtverordneter. Dem Stadtverordneten Schumann machte irgend jemand Mitteilungen über die Person eines Kriminalkommissars, der jetzt a. D. gegangen ist. Als Stadtverordneter machte Genosse Schumann von diesen Mitteilungen in öffent- sichern Interesse Gebrauch, und jetzt lvill nun ver Staats- anwalt absolut wissen, wer dem Stadtverordneten Schu- mann vertraulich und im Hinblick auf dessen Ehrenhaftigkeit die fraglichen Mitteilungen gemacht hat. Das Vorgehen des Staatsanwalts muß die gewiß nicht beabsichtigte Nebenwirkung haben, ein Vertuschungssystem großzuziehen und die Korruption zu schützen. Wer wird nach solchen Vorkommnissen den Mut haben, Mißstände bei Be- Hörden den Leuten anzuvertrauen, bei denen er auf eine Aktion zur AbHülse rechnen könnte? Muß nicht in jedem, der Kenntnis von solchen Mißständen er- langt hat, der aber vielleicht durch die Art seiner Anstellung, durch die Furcht vor einem Verlust der Existenz auf selbständiges Eingreifen Verzicht zu leisten genöttgt ist, sich leise die Frage regen, ob der Abgeordnete, Stadt- verordnete oder sonsttge Vertreter des Volkes, dem er sich not- gedrungen anvertrauen mußte, Ehrenmann oder stark genug ei, der Tortur zu wiederstehen, die ihm durch die Zwangshast auferlegt ist? Ist es nicht notwendiger, das öffentliche Gewissen scharf und Ivach zu erhalten.. als einen armen Schlucker, der der Gesamtheit einen Dienst erweisen wollte, deswegen zur Rechenschast zu ziehen, weil er dabei vielleicht. formal ge- fehlt hat? Und ist die Zeugniszwangsfolter, die Einsperrung eines Ehrenmannes bis zur Dauer von sechs Monaten zu recht- fertigen int Hinblick auf das Resultat, das für die Staats- anwaltschaft im günstigsten Falle herauskommen könnte? Dies Resultat wäre auf j e d c n F a l l ein Fleck auf dem Namen des Schwachen, den unter der modernen Folter seine Wider- ftandskraft verließ, vielleicht auch— aber nur vielleicht, denn niemand kennt vor Klarstellung der Sach- läge die Verhältnisse so, uni auf ein juristisch faßbares Delikt chwören zu können— vielleicht also auch noch die Be- strafung irgend eines armen Schlnstcrs.?- Um dieses Resultat herbeizuführen, wird ein Verfahren eingeschlagen, daS an den Schnldtnrm der Vergangenheit oder an die mittelalterliche Tortur erinnert l Wir sind überzeugt, daß auch d<"' schneidigste 00" solchen M;' In- schrecken wurde, wenn wir nicht in den Zeiten deS Klassen- kampfes lebten, wenn der Klasseninstinkt nicht Handeln und Denken des Staatsanwaltes unbewußt derart beeinflußten, daß ihm bei dem Wunsche, die schlimmen Feinde der Gesell- schaftsordnung zu Falle zu bringen, zu deren Verteidiger er sich mit berufen fühlt, nicht nur jedes gesetzlich gebotene, sondern auch jedes gesetzlich erlaubte Mittel recht ist!— Unter der Kriegsflagge gegen die Mitternachtssonne! Ter Schnelldampfer„Hamburg" der Hamburg— Amerika-Linie, der als einstweiliger Ersatz der„Hohenzollern" gechartert worden ist, wird dem Kaiser, wie nach der„Magdeburgischen Zeitung" verlautet, aus Reichs Mitteln zur Verfügung gestellt,„da dieser bei seinen Reisen zur See unabhängig von deren sonstigem Zweck in seiner Eigenschaft als Reichsoberhaupt oder o b e r st c r Kriegsherr an Bord geht."— Wenn Kehrdreck Pfeffer wird— dann beißt er! .m 27. Januar d. I. wurde in Königsberg der Soldat Fritz Herrmann vom Jnfanteric-Regimcnt Nr. 44 zum e t a t s- mäßigen Feldwebel befördert. Gleich am 28. Januar be- gann er Soldaten zu mißhandeln. Sie wurden an die Brust gc- packt und gegen die Spinde gestoßen, geohrfcigt und mit dem Säbel geschlagen. Dabei verübte der„Herr Feldwebel" die Miß- Handlungen wegen Geringfügigkeiten. Schon am IN. Februar hatte er sich deswegen vor dem Kriegsgericht in Königsberg zu verantworten. Es wurden weder Zeugen vernommen noch Zeugenaussagen verlesen. Der Bcrhandlungsleiter, Dr. Kauen- hofer fragte den Angeklagten bei der Eröterung jeden Falles, ob nach der Mißhandlung die gequälten Soldaten Schmerzen oder Unbehagen gehabt h ä t t e n? l I Und als der Feldwebel das verneinte, wurde er zu drei Wochen gelindem Arrest verurteilt mit der Begründung: Ter Angeklagte habe sich aus dienstlichem Uebcrcifer hinreißen lassen und nennenswerte Verletzungen seien nicht zu verzeichnen gewesen.— Am Tage darauf wurde von demselben Kriegsgericht der Unteroffizier Hermann Sablowski vom Grcnadicr-Regiment Nr. 1 wegen Soldatenmitzhandlungen zu drei Monaten G e- fängnis verurteilt. Die Verhandlung fand hinter ver- schlosfenen Türen statt. Ein c-chornsteinfegergeselle hatte bei Aus- Übung seines Berufes gesehen, wie der betreffende Unteroffizier einen Soldaten mit dem>säbel bearbeitet hat. Er hat den Fall angezeigt und dadurch sind auch die übrigen Fälle ans Tageslicht gekommen. Mildernd fiel für den Soldatenschindcr, dem 28 Fälle nachgewiesen wurden, ins Gewicht, daß er„gute Soldaten habe erziehen" wollen. Deshalb wurde auch von der Tegra- dation Abstand genommen._ Gegen die künstlich hervorgerufene Teuerung und die neuen Steuern nahmen Dienstag bezw. Mittwoch in Ottensen und Altona zwei zahlreich besuchte Prolestvcrsammlungen Stellung. In jeder Versammlung waren über 2000 Personen, darunter viele Frauen, erschienen. Das Referat hielt in beiden Versammlungen Genosse H. M o l k e n b u h r- Berlin, der sich unter dem brausenden Beifall der Versammelten glänzend seiner Aufgabe erledigte. Bc- züglich der auf Grund des Wnchertarifs abgeschlossenen Handels- vertrüge erklärte Redner, daß diese sich nicht zehn bis zwölf Jahre halten würden. In beiden Versammlungen wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: „Die Versammlung erklärt sich gegen alle Steuerprojekte, durch welche die Konsumartikel des Volkes verteuert, das wirtschaftliche Leben und der Verkehr belastet und belästigt werden, insbesondere auch gegen die geplante Erhöhung der Reichssteuern auf Bier und Tabak, gegen die Fracktstempel-, die OuithuigS- und die Fahrkarten- steuer. Sie richtet au den Reichstag das Ersuchen, alle diese Steuer- Projekte abzulehnen, zumal der Ertrag dieser Steuern hauptsächlich der uferlosen Flottenvcrmehrung und ähnlichen Zwecken dienen soll. Gleichzeitig fordert die Versammlung, daß an die Stelle der in- direkten Steuern, welche das Volk besonders schwer belasten, eine progressive Reichseinkoinmen-, ReichserbschaftS- und Vermögenssteuer treten soll."—_ Zur Wahlrechtsfrage in Sachsen. Die freie Wahlrechtskommission der Zweiten Kanimer deS Landtages hat ihre Beratungen ausgenommen. In der einen Sitzung am Mittwoch erstattete der linksliberale Abg. Schulze das einleitende Referat. Er behandelte die einzelnen Wahlsysteme und sprach sich in der Hauptsache für ein Pluralwahlrecht mit Ziischlagsstimmen „ach Alter, Bildung und Steuerleistung aus. Bei der weiteren Be- Handlung begann man mit den weitgehendsten Wahlrechtssystemen. Und das war das vom Genossen G o l d st e i n kurz begründete System eines allgemeinen, gleichen, direkte» Wahlrechts niit geheimer Stimmabgabe, 21jährigen WahlrechlsalterS und Frauen- stiuunrecht. Der Lorsitzende, Vizepräsident Opitz, bemerkte dazu: Außer dem Abgeordneten Goldstein sei wohl niemand für den Vorschlag. Und so war es auch. Der Vorschlag Goldsteins wurde also kurz abgelehnt. Für ein Wahlrecht nach Art des heutigen Reichstagswahlsystems war von bürgerlicher Seite nur der Frei- sinnige Günther, der aber auch mit der Wiedereinführung des alten JensuswahlrechtS zufrieden gewesen wäre. Dann diskutierte man noch über einige Wahlrechtsvorschläge. Die bisherige Beratung ver- lief aber negativ. Alle bisher erörterten Systeme und Vorschläge fanden keine Mehrheit. ES kam nur zu einer allerdings völlig platonischen Erklärung der Mehrheit der Deputation für Allgemeinheit und Oeffentlichkeit der Wahl. Wie man diese schönen Grundsätze weiter verunstalten soll, ob durch Klassenwahlen oder Pluralwahlen, darüber wird man in der nächsten Sitzung beraten. Genosse G o l d st e i n beteiligte sich an den weiteren Beratungen nicht, nachdem sein auf Grund unseres Programms eingebrachter Vorschlag gefallen war. Die Wahlrechtskommission hat sich bereits als Ver- schleppungskommission bewährt. Die Regierung hat kürzlich erklärt, daß sie mit Rücksicht auf die Arbeiten dieser Kom- Mission davon absehen wollte, noch in diesem Landtage einen Gesetzentwurf einzubringen, was sie anfangs noch beabsichtigt habe. Sie will jetzt angeblich die Beratungen der Kommission abwarten und dann erst 1907 einen Wahlgesetzentwurf vorlegen. Badische Eifenbahu-Reform. Die Generaldirektion der badischen Eisenbahnen hat eine Ver- fügnng erlassen, die für die technische und soziale Entwickelimg deS badischcn Verkehrswesens von höchster Bedeutung sein wird. Die Verfügung bringt zwar weder Schnellzüge von 200 Kilometern und mehr, noch eine Verdoppelung der Veamtengehälter, wird aber dennoch die jetzige Verioallnng der badischen Eisenbahnen bis in die spätesten Zeiten unvergeßlich machen und ist geeignet, als geniale Lösung der sozialen Frage für die badischen Eisenbahner auch bei den schlimmsten Hypochondern ungetrübte— Heiterkeit zu erregen. Die Verfügung lautet: Karlsruhe, 10. Februar 1906. An sämtliche Gr. Betricbsinspektionen. Nr. 44.A. Dienstkleidung der Eisenbahnbeamten betr. Einem Wunsche des HanptvorstandeS des Vereins badischer Eisenbahnbeamten entsprechend, hat das Gr. Ministerium des Gr. Hauses und der Auswärtigen Angelegenheiten beschlossen. für Unisormrock und Joppe der mittleren Beamten des Stations- dienstes Achselstücke einzuführen. Es ist in Aussicht genommen, für diejenigen Beamten, welche an, Dienstrock gelbe Knöpfe tragen, goldene T r c s s e n a ch s e l st ü ck e iglattj, für die übrigen silberne Tressenachselstücke zu wählen, die Grad- abzeichen auf die Achselstücke zu verlegen und die einzelnen Beamtenklassen durch Anbringen von 1 oder 2 Sternen zu unterscheiden. Durch die beabsichtigte Aenderung wird auch die Dienst- kleidung der Großh. Betriebsinspektoren berührt, da diese jener der Großh. Bahnverwalter entspricht, abgesehen von einem weiteren silbernen Stern beiderseits am Kragen. Wenn nun Be- anite der letzterwähnten Klasse z. B. bei Fürstenempfängen neben einem Großh. Betriebsinspektor in Dienstkleidung erscheinen, so würde diejenige letzterer gegenüber jener der erstcren unscheinbar aussehen, wenn die Bahnverwalter zum Dienstrock Achselstücke tragen und die Großh. Belriebsinspektoren nicht. Zur Hervor- Hebung des höheren Ranges der Großherzoglicheu Betriebs- inspektoren sind daher für deren Dienströckc Achselstücke von goldenem, rotdurchzogenem zweifarbigen Schnur- geflecht mit aufgesetztem, vergoldete in badischen Wappenschild neb st Krone in Anssicht genommen, die am oberen Ende durch einen vergoldeten glatten Knopf befestigt werden. Beamte mit dem Titel„OberbetriebZinspektor" sollen dazu auf jedem Achselstück 1, solche mit dem Titel„RegierungS- rat" 2 zwei vergoldete, vierzackige Sterne tragen.... Etwaige Wünsche zu der in Aussicht genommenen Neuordnung können innerhalb 14 Tage mit Bericht geltend gemacht werden. I. V. W a s m e r. Man sieht: Preußische Sozialreform und Verwaltnngstechnik machen Schule auch südlich des Mains! Mehr noch: sie werden übertroffen! Die eingleisigen Schnellzugsstrccken und die mangelnden Blockstationen in Preußen geraten schnöde in Vergessenheit vor dem strahlenden Glanz der goldeneit Tressen und der silbernen Sterne in Baden. Welch ein erhebendes Gefühl. von einem Hunger- delirierenden, aber zwei gestirnten Lokomotivführer in den sicheren Tod geführt zu werden!— HualancL Italien. Tmati»nb das neue Kabinett. Rom, 20. Februar. sEig. Ber.) In einem sehr ironischen Artikel der soeben erschienenen zweiten Febrnarnilmmer der„C r i t i c a sociale"»iinmt Filippo Tnratt Stellung zum neuen Kabinett und zu der durch den Fall GiolittiS geschaffenen Situation. Zu- nächst drückt er seine Verwuiiderling über das Verhalten der sozio- listischen Presse dem Kabinelt Sonnino gegenüber aus. „Avanti",„Tempo" und„Lavooro" begrüßten die Aera Sonnino, als bedeute sie das Ende der Unredlichkeit und der Kaniocra in der Verwaltung, das Ende der Spekulation mit den staatlichen Lieferungen usw. Er, Turati, vermöge nicht einzusehen, warum alle diese Formen, die einer gegebenen Phase kapitalistischer Entwickelung eigen seien, unter Sonnino eher ver- schwinden sollten als unter Fortis und Giolitti! Auch verstünde er nicht, wie das Proletariat, das unter dem liberalen Ministerium unfähig war. Reformen zu erringen, diese jetzt durchsetzen könnte unter dem Regime aristokratischer Konservativer, die die Reformen nur als Gnadengaben von oben und als Mittel, die Monarchie zu festigen, gelten lassen wollen. Turati macht sich dann weiter über den„Avanti" und andere Parteiblätter luftig, die heute schreiben, auf die Personen käme es hier nicht an. vielmehr auf die„Dinge". Er, Turati, suche seit Wochen mit der Diogeneslaterne nach diesen berühmten„Dingen", auf die sich das Vertrauen der Partei zum Ministerium «onnino gründen sollte, er köiine aber nichts dergleichen entdecken. Auch von der gepriesenen Aera der politischen Aufrichtigkeit, die das neue Kabinett einleiten solle, vermag Turati nichts zu bemerken: Gegner und Freunde des Ministeriums zerfielen in je zwei Gruppen. Die einen bekämpften es, o b lv o h l Somiino an der Spitze stände, >o e g e n seiner Mitarbeiter von der äußersten Linken. Die andere», weil Sonnino Ministerpräsident ist und trotz der Mitarbeiter. Genau ebenso begründeten die beiden Gruppen der Ministeriellen ihre Anhängerschaft; wie jene ihr Mißtrauen, so bezeugen diese ihr Vertrauen: trotz der äußersten Linken die einen, trotz Soiminos die andern. Wo bleibt da die politische Aufrichtigkeit? fragt sich Turati. Nichtsdestoweniger sei dem vergangenen Ministerium keine Träne nachzuweinen. Man solle das neue Gewehr bei Fuß empfangen und seine Taten abwarten. Ein freundschaftlicher Empfang, wie ihn einige planten, wäre für die sozialistische Partei ein großer Fehler. Und ein großer Selbstbetrug wäre es, zu hoffen, daß die neue Situation die Partei einigen werde. Solange die Sozialisten in Untätigkeit und Ohnmacht verharrten, konnten die innere» Differenzen wenig fühlbar bleiben. Sobald aber eine neue Periode der Tätigkeit für die Partei beginne, würden sich wieder die beiden Tendenzen scheiden, von denen die eine das langsame Eindringen in die bürger- liche Gesellschaft wolle, während die andere auf den Handstreich hoffe Hier— wie so oft— befindet sich Turati also in diametralem Gegensatze zu Ferri. Während dieser die Möglichkeit einer be- dingungsweisen ministeriellen Taktik erwägt, lehnt sie Turati ab, und während Ferri und andere von einer Versöhnung der in der Partei bestehenden Gegensätze sprechen, sagt Turati ihre unvermeid- bare Verschärfung voraus. Wer die italienische Parteigeschichte ivährend der letzten Jahre verfolgt hat, der wird beständig diesen Antagonismus zwischen Ferri und Turati finden, der so beständig ist, daß es fast genügt, das Urteil des einen zu hören, um über das des anderen unterrichtet zu sein.— Grünbuch. Tic italienische Regierung hat ein Grünbuch über die maze- donischett Verhältnisse an die' Abgeordneten verteilen lassen.— Das Buch behandelt die Zeit von Januar 1903 bis Mai 190S. Es enthält 446 Dokumente und bespricht besonders den Anteil Italiens an den internationalen Maßnahmen bezüglich der Organi- sation der Finanzkontrolle in den mazedonischen Vilajcts.—- Amerika. Für Pensionen an Invaliden und Hinterbliebenen aus den Kricgszeiten zahlen die Vereinigten Staaten mehr als die ganze übrige Welt zusammen. Im Weißen Hause wurde der Bericht des Komitees für PensionLangelegenheiten angenommen, nach welchem 139 Millionen Dollar bewilligt werden. Die Zahl der Pensionäre beträgt fast genau eine Million. Mit Ausnahme von 63 424 Personen leiten sie � alle ihre Ansprüche vom Bürgerkriege l1861— 1864) her. Es ist bekannt, daß mit diesen Pensionen viel Schwindel getrieben wurde und noch getrieben wird. Es figurierten jahrelang Leute in den Listen, die längst gestorben waren; andere erhielten Pensionen als Gefälligkeiten durch ihren Vertreter im Kongreß; Ansprüche wurden geltend gemacht, die in keiner Weise berechtigt waren, aber mit Hülfe einflußreicher Personen anerkannt wurden. Viel Widerstand wird den Forderungen für Pensions- zwecke nie entgegengesetzt; denn das wäre nach amerikanischen Begriffen unpatriotisch, ein Verrat an den Verteidigern des Vater- landesl In der Presse wurde häufig der Unfug, der mit den Pensionen getrieben wird, gekennzeichnet. Man machte geltend, daß Teutschland 21 Millionen, Frankreich 26, Oesterreich 10, Groß- britannien 9 Millionen Dollar für denselben Zweck ausgebe, der den Amerikanern 139 Millionen kostet, und daß seit dem Ende des Bürgerkrieges für Pensionszwccke 3 Milliarden Dollar aus- gegeben worden seien. Aber ohne Erfolg. Für ihre Invaliden ist den Amerikanern nichts zu teuer. William Randolph Hearst trifft Vorbereitungen, um als Kandidat für den Gouvcrneurspostcn des Staates New Jork aufzutreten. Seine Zugkraft als Kandidat hat er bei der Bürger- meisterwahl in der Stadt Sleto Dort bewiesen. Hearsts Agenten gründen aller Orten im Staate Klubs, die nach dem Programm: „Uebernahme öffentlickier Betriebe durch den Staat oder die Ge- meinde" für Hearst tätig sind. Durch eine solche Bewegung zu scinen Gunsten hofft er, den Demokraten das Feld ain wirtsamsten streitig zu machen, wenn deren Partei nicht für seine Kandidatur eintreten will. Der jetzige Gouverneur ist der Republikaner Higgins. Hus der Partei. Der Vorstand der belgischen sozialdemokratischen Partei hat so» eben seinen Beucht vom Jahre 1905 veröffentlicht. Daraus ist er» sichtlich, daß die Einnahmen sich auf 12 595,25 Fr., die Ausgaben auf.10 473,25 Fr. beliefen. 609 Gruppen haben ihre Beiträge bezahlt. Der Vorstand der englischen Arbeiterpartei ist nach den Wahlen, die auf dem Kongreß vorgenommen worden sind, aus folgenden Mitgliedern zusammengesetzt: Von der Unabhängigen Arbeiterpartei: Keir Hardie und Snowden; von den Fabiern: Peace; von den Trade Unions: Hudson(Eisenbahner), Pete Curran(Gasarbcitcr), Abgeordneter Henderson(Eisengießer), Bell. Corlcy, Robinson(Textilarbeiter), Stephenson(Mechaniker). Ben' Turner(Weber), Abgeordneter Hodge(Metallarbeiter); von den Gewcrkschaftskartcllcn der Abgeordnete für Manchester ClyncS (Gasarbcitcr). Als Sekretär ist, wie schon mitgeteilt, der Genosse Macdonald wiedergewählt. polireilickea, OenthtHcbes ufw. Neues von der„Aufreiznngs"-Epidemie. In D a n z i g wurde bekanntlich auch das Wahlrechtsflugblatt beschlagnahmt. Bei vier Genossen wurden Flugblätter gefunden, und es ist gegen sie ein Strafverfahren wegen Beleidigung, Aufreizung zu Gewalttätigkeiten und ähnlicher„Schandtaten" eingeleitet worden. Sie sind bereits vom Untersuchungsrichter ver- nommen worden und hier hat man ihnen eröffnet, daß sie gegen die§8 183. 130, 131 des Strafgesetzbuches und gegen den§ 94 des Preßgesetzes verstoßen haben sollen.— Da.4 kann ja schrecklich werden! Damit aber nicht genug! Weil zehn Genossen die Flug- blätter„ ö f f c n t l i ch fortgegeben" haben sollen, hat man jedem ein Strafinnildat von 109 M. geschickt. Weiter soll jeder 6,30 M. Kosten bezahlen. Insgesamt verlangt man von den Genossen die Kleinigkeit von 1965 M. Wenn sie nicht bezahlen können, sollen sie 29 Tage in den Kerker. Natürlich ist Berufung eingelegt worden. Republikanisches. Der Hamburger Senat fühlt sich durch ein sozialdemokratisches Flugblatt beleidigt, das sich mit dem Wahlrechtsraub beschäftigt. Der Verleger des Flugblattes, Genosse C. Schaum bürg, hatte eine Vernehmung vor dem Ncqnisitionsrichter zu bestehen, wobei ihm mitgeteilt wurde, daß in dem Flugblatt eine Beleidigung des Senates und eine Aufreizung verschiedener Bevölkernngsklnssen zu Gewalttätigkeiten gegeneinander,§ 130 Str.-G.-B„ von der Anklage- behörde gefunden werde. Wie man diese Vergehen aus dem Flug- blatt destillieren will, ist unerfindlich. Eine Sonntagsplanderei in Nr. 305 deS„Echo" vom vorigen Jahre gefällt dem Staatsanwalt nicht, der sich deswegen mit dem damaligen Verantwortlichen des„Echo", Genoffen Heine, aus- einandersctzen will, lieber den Geschmack ist ja nicht zu streiten— vor allem nicht mit einem republikanischen Staatsanwalt— aber wir finden die Plaudereien im„Echo" immer sehr hübsch. Selbst der RegieningSpräsidcnt des RegieningöbrzirkS Königs- berg kennt das Bereius- und Bcrsammlungsrccht nicht! Kürzlich ver- bot in Königsberg der Polizeipräsident eine öffentliche Ver- sammlung. die eine Person einberufen und für L e h r I i n g e und jugendliche Arbeiter bestimmt war. Der Polizeipräsident berief sich aus den§ 3 Abs. 3 des Vereinsgeietzes vom 11. März 1850. Natürlich war das Verbot völlig ungesetzlich und der Einberufcr legte Beschwerde beim Regierungspräsidenten ein. Dieser hat dem Veranstalter der Versammlung folgenden Bescheid zukommen lassen: „Die auf den 11. d. M. nach LudwigShof einberufene öffent- liche Versammlung ist, wie die Umstände ergeben und durch die der „Königsbcrger Hartungschen Zeitung". Textilarbeiter-Aussperrung. Eine Privatdepesche ans Mülhausen(Elsaß) meldet uns: IVO Arbeiter der Baumwollspinnerei von Frey u. Co., die wegen der Forderung deS ZehnstundentageS gekündigt halten. traten am 22. d. MtS. in den Ausstand. Die Fabrikleitung sperrte darauf die übrigen SM Arbeiter und Arbeiterinnen aus, so daß der Betrieb völlig still steht._ In der Meißener Nähmaschiarnfabrik(Biesold u. JoSke in Meißen) ist ein Konflikt ausgebrochen, der seine Ursache darni hat, daß die Betriebsleitung schon seit Jahr und Tag den organisierten Arbeitern alle möglichen Schwierigkeiten macht, um sie zum Austritt aus den Metallarbeiterverband und zum Eintritt in einen den Unternehmern freundlich gesinnten Verein zu veranlassen. Um diesen fortgesetzten Beeinträchtigungen des Koalitionsrechtes ein Ende zu machen, haben die Monteure ihre Kündigung eingereickt. Sie fordern Anerkennung der gewerkschaftlichen Organisation. Die Arbeiter ersuchen darum, daß der Zuzug nach Meißen ferngehalten werde. Aus de« Tonwerk„Merkur" zu Jatznick befinden sich 34 Ton« gräber seit ungefähr sechs Wochen wegen Lohndifferenzen im Streik. Um Fernhaltung des Zuzuges ersucht die Zahlstelle deS Fabrik-, Land» und HülsSarbeiter-VerbandeS. HutUnd. Zum Streik in Finflte liegen diese Meldungen vor: B u d a p e st. 22. Februar. In Fiume haben mehrere Fabriken ihre Arbeiter ausgesperrt. Andere Fabriken haben die gleiche Maßregel angedroht. Fiume, 22. Februar. Da die Arbeiter dep königlichen Tabakfabrik heute die Arbeit wieder in vollem Umfange aufnehmen, haben die im Hasen liegenden Kriegsschiffe Befehl erhalten, ab- zudampfcn._ Äohlenarbeiterbewegung in Nordamerika. Die„Kölnische Zeitung" meldet aus New jflork: John Mitchell, der Präsident der Kohlenbergleute, erklärte in Pittsburg, der AuS. stand in den Kohlenzechen am 1. April sei unvermeidlich. Die Forderungen der Bergleute sind achtstündiger Arbeitstag und An-' crkennung der Union. Der Ausstand wird sich auf eine halbe Million Grubenarbeiter erstrecken. l Gegen den Gesetzentwurf über den Arbeitskontrakt, den die neue Regierung von dem Ministerium Äuyper übernommen hat, entfaltet die niederländische Arbeiterschaft seit seinem Erscheinen eine lebhafte Agitation. Bisher erreichte sie dadurch, daß der Entwurf bereits zweimal revidiert wurde. Aber annehmbar wurde er damit für die Arbeiterschaft nicht gemacht. Zur Bekämpfung der drohenden Gefahren, die dieser Entwurf für die ganze Gewerkschaftsbewegung in sich schließt, haben die Ar- bcitcrorganisationcn ein besonderes Agitationskomitee gebildet, daS am Sonntag, den 16. Februar, eine allgemeine Delegierten- Versammlung der niederländischen Arbeiterschaft nach dem PalaiS voor Volksvlyt in Amsterdam einberufen hatte. Hier waren acht- zehn Zcntralvcrbände und 26 Vorstandskartelle, die 40— 50 000 dem Komitee angeschlossene Arbeiter repräsentierten, vertreten. Außer- dem hatten 264 Arbeiterorganisationen 460 Delegierte gesandt und von vielen anderen waren Shinpathicertlärungen eingegangen. Einstimmig nahm die Versammlung eine Resolution an, in der die Ablehnung des Gesetzentwurfes verlangt wird. Sie soll der Kammer zugesandt werden. Die nngnrifche Gewerkschaftsbewegung hat in den letzten Jahren eine glänzende Entwickcluna durchgemacht. Nach schweren Kämpfen gegen die Willkür der Behörden war es endlich vor zwei Jahren gelungen, die Genehmigung von Landesverbänden durch- zusetzen. Von da an beginnt ein riesenhafter Aufschwung. Am 1. Januar 1903 betrug die gesamte Mitgliederzahl erst 15 270; am 1. Januar 1904 war ihre Zahl aus 41 138 und am 1. Januar 1905 auf 53 169 gestiegen, um Ende deS verflossenen Jahres annähernd die Zahl von 80 000 zu erreichen. Tie stärkste Organisation ist die der Bauarbeiter; sie zählte im Jahre 1905 188 Lrtsgruvpcu und 5 Fachsektioncn mit 22 000 Mitgliedern. Ihr zunächst stehen die Mctallarbciier mit zirka 18 000 und die Holzarbeiter mit zirka 10 000 Mitgliedern. Zum MctallnrbciterauSstand in Madrid wird berichtet: Die Lage der ausständigen Metallarbeiter in Asturien ist bereits eine sehr bedenkliche geworden. Die Zahl der Notleidenden wird bereits auf 15 000 geschätzt. Es werden ernste Komplikationen befürchtet. Versammlungen. Elende Zusiände bei einer kauftnilnnischen EngroSfirma. Der Zentralverband der Handlungsaehülfcn und-Gehülfinnen hatte die Angestellten der EngroSfirma Goldfeder u. Meyerheim, Neue König- straße 34, zu einer Betriebsversammlung zusammengerufen, in der durch Angehörige des Personals haarsträubende Mißstände zur Sprache kamen. Die Geschäftsordnung dieser Firma wurde bereits im„Vorwärts" veröffentlicht. Sie wird in rigorosester Weise in Anwendung gebracht; nicht selten müssen Angestellte von ihrem dürftigen Gehalt noch einen bcträchtlicl�n Teil als Strafgelder entrichten. Tavci fällt es der Geschäftsleituug nicht ein, wenigsten- die kümmerlichen gesetzlichen Bestimmungen zu beachten. Die Geschäftsräume sind so eng und verbaut, daß bei Ausbruch eines Feuers die größte Gefahr für das Personal besteht. Ebenso sind KlosettZ und Garderoben in miserablem Zustand. In den Arbeits- räumen ist cö so kalt, daß schriftliche Arbeiten niit frierenden Händen geleistet werden müssen. Auch hier zeigt sich wieder die Notwendigkeit der Errichtung von HandelSinsjx-ttionen unter Hinzuziehung von Handlungsgehülfeu. Um sich billige und willfährige Arbeitskräfte zu sichern, bemüht sich die Firma ständig um unerfahrene Leute aus Galizieu und deutschen zurückgebliebenen Gegenden. Gehaltszulagen werden nur in einzelnen Fällen gemacht; auch finden sich unsaubere Elemente, die sich zu Spitzeldienjten gegen ihre Kolleginnen und Kollegen erniedrigen. Bürgerliche Handlungsgehülfenvcreine, denen die Himmel- schreienden Zustände lange bekannt waren, haben selbstverständlich keinen Finger gerührt, um eine Besserung zu erzielen. Erst das Eingreifen des Zentralvcrbandes der Handlungsgehülfeu und-Ge- hülsiuncn Deutschlands, in dem sich jetzt das Personal in großer Zahl organisiert hat, wird den Herren Ehefs daö Gewissen schärfen. Der Verband der Hafenarbeiter(Berlin II) hielt am 18. Februar eine Versammlung ab. Der Kassierer gab die Abrechnung vom 4. Quartal 1905, welche eine Einnahme von 1972,95 M.. eine Ans- gäbe von 1954,71 M. und einen Kassenbestand von 768.43 M. ergab. Hinsichtlich des vom Vorstand eingeführten provisorisckien Arbeits- Nachweises kam es zu einer längeren Debatte, die zugunsten des Vorstandes ihren Abschluß fand. Dann wurde der früher ans- geschlossene Kollege Karl Vielgezogen wieder aufgenommen. Zentralvcrband der Stukkateure. Die Filiale Berlin beschäftigte sich in ihrer Versammlung am 19. d. M. mit de»» llnterstiitzungs- Wesen in ihrer Organisation. Der Hauptvorsitzende D d en t h a l, der über diesen Punkt rescrierte, empfahl die Einführung der Arbeitslosenunterstützung gemäß der Borlage, welche den diesjährigen Berbandstag beschäftigen wird.— In der Diskussion bc- mangelt Krebs, daß der Entwurf zwei Klassen schaffe und eine zu minimale Leistung vorschlage. Er bringt einen Vorschlag, der iveitgehender ist, aber auch höhere Beiträge fordert. Die prinzipielle Seite will er unerwähnt lassen, da die Praxis hier schon lange ent- schieden habe.— Giebler und Ditcliuö fürchten, daß die Mitglieder infolge der hohen Beiträge absallen werden. R ö s n e r ist nicht prinzipieller Gegner, doch lehne er den Vorschlag ab, weil er zu viel Verloaltnngskosten erfordern würde.— Ein Antrag, die Diskussion in der nächsten Versammlung sortznsetzci», wurde an- genommen. Micderholt, weil nur in einem Teil der Auflage.)! Eingegangene Druckschriften. Richard ikalwer. Das Wirtschaslojahr 1905. I. Teil. Handel und Wandel. 346 Seiten. Preis: drosch. M. 9,—, geb. M. 10,—. Verlag ©. Fischer, Jena. 2. Geschäftsbericht des ArbcilersekretariatS Lnckenwaldifür 1S0S nebrt Jahresbericht des Gewerlschastskartells daselbst. 15 Seiten. Selbstverlag. Die neue Frauentracht. Mitteilungen der Freien Vereinigung sür Verbesserung der Fraucnklcidnng, hcrausaegebeu von Ella Law. Verlag: Georg D. W. Callwcy, München. Monatlich 1 Heft. Halbjahr 1,50 M. Letzte Nachrichten und Dcpefchcn. Textilarbeiter-Aussperrung. Miihlhauscn(Elsaß), 22. Februar.(W. T. B.) Heute bc- gann hier ein Ausstand der Textilarbeiter. Bisher sind 600 bis 790 Arbeiter ausständig. Die Favritantenvereinigung der Baum- Wollwebereien droht mit der Aussperrung aller Arbeiter. Wahlreform in Oesterreich. Wien, 22. Februar.(W. T. B.) Die Einbringung der Wahl- reform vorläge wird zu Beginn der morgen stattfindenden Sitzung des Abgeordnetenhauses erfolgen. Neue Morde. Riga, 22. Februar.(Meldung der Petersburger Telegraphen. Agentur.) Eine Militäabtcilung verhastete gestern im Jxkul-Bezirk drei bewaffnete Ausständischc, weiche nach dem Urteil deS Kriegsgerichts hingerichtet wurden. Man hatte sie als Bandensührcr erkannt. Der kranke Manu regt sich. Konstantinopel, 22. Februar.(B. H.) Die Verhältnisse an der türtisch-persischen Grenze werden immer verwickelter. Dir Türkei scheint die gegenwärtige Ohnmacht Rußlands zur Herstellung ihres Prestiges in den dortigen Teilen Astens ausnützen zu wollen. I» Turkestan sind bereits 25 000 Mann Truppen konzentriert; die Truppenstärke soll aus 40 000 Mann gebracht werden. Perantw. Redakteur: Hand Weber, Berlin, Inseratenteil vcraniw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VerlagScmstalt Paul Singer LeEo., Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u.Unlerhaltungsblatt Kr. 45. 23. M 1. Cfüiifjt iw.Fmärls" Inlinct NxldMM Flkitllg. 23. Februar IM. KeicKsrag. Sl). Sitzung. Donnerstag, den 2 2. Februar, 1 u b r. Am BundeSratstische: Fürst B ü l o w, Graf Posadowsky, Tschirschky v. Bögendorf. Dr. Delbrück, v. Pod- bicl-ki. v. Mühlberg, v. Körner und viele Kommissare. Der deutsch-äthiopische Handelsvertrag wird in dritter Lesung ohne Debatte angenommen. ES folgt die erste Beratung des Handelsprovisoriums mit den Vereinigten Staaten. Reichskanzler Fürst Blllow: Räch Abschluß der dem Reichstage vor einem Jahre vorgelegten Handelsverträge mit den europäischen Staaten traten die ver- bündeten Regierungen an die Aufgabe heran, auch das wirtschaftliche Verhältnis zu den Vereinigten Staaten von Amerika neu zu ordnen. Die Vereinigten Staaten sind ein vorzugsweise landwirt» schaftliche Produkte und Rohstoffe exportierendes Land. Trotz- dem war, wie dies der Herr Abg. Graf Schwerin- Läwitz in einer im Oktoberheft der„Deutschen Monatsschrift* erschienenen interessanten Darlegung nachgewiesen hat, bei den mit Amerika klarzulegenden Verhältnissen die deutsche Landwirtschaft weniger und jedenfalls nicht in erster Linie beteiligt. Die deutsche Land- Wirtschaft hatte durch unseren neuen Zolltarif und die neuen Handelsverträge den für sie notwendigen Schutz erhalten und konnte deshalb ruhig der weiteren EntWickelung der Dinge entgegen- sehen. Bei den Vertragsverhandlungen mit Amerika galt es viel- mehr hauptsächlich, die Ergebnisse unserer neuen Handelsverträge für die Industrie und den Handel zu verwerten, welche bei der Ausfuhr nach der Union einmal unter der bedeutenden Höhe der amerikanischen Zollsätze und namentlich unter mancherlei Schwierig- leiten bei der Zollabfertigung leiden, die mit dem in Amerika be- stehenden System der Wertzölle zusammenhängeu und die auch durch den komplizierten Modus der Fakturenbeglaubigung durch die amerikanischen Konsule einen sehr empfindlichen Umfang an- genommen haben. Wir haben der amerikanischen Regierung bei der Kündigung des Abkommens vom 10. Juli 1000 einen Tarif- vertrag nach dem Muster der von uns mit den europäischen Staaten abgeschlossenen Handelsverträge vorgeschlagen, in dem Amerika uns gegen unsere Konventionalsätze die Herabsetzung seiner Zölle und die Beseitigung gewisser Härten bei dem Zollverfahren gewährt hätte. Ich begnüge mich mit der Feststellung, daß sich der Abschluß cineö Handelsvertrages mit Amerika bis zum 1. März d. I. als unmöglich erwiesen hat. Angesichts dieser Sachlage haben sich die verbündeten Regierungen entschlossen, den vorliegenden Gesetz- entwurf diesem hohen Hause zu unterbreiten, durch welchen cS dem Bundesrat ermöglicht wird, den Vereinigten Staaten bis zum öO. Juni 1907 die Sätze unserer Handelsverträge zu gewähren. Es handelt sich also um einen Akt der internationalen Gesetz- gebung. und dadurch wird zugleich zum Ausdruck gebracht, daß die Vereinigten Staaten bei uns ein Recht auf Meistbegünstigung nicht besitzen. Denn wir räumen ihnen die Zollermäßigungen nicht in dem Sinne ein, als ob sie dazu ein Recht hätten. Wir tun es, um Zeit zu gewinnen, um zu sehen, ob es nicht möglich ist. daß die Verhandlungen noch zu einem befriedigenden Ende führen. Wir tun cS, weil wir im Interesse beider Teile einen Zollkrieg vermeiden wollen. Ich lege hohen Wert darauf auch in bezug auf unsere guten politischen Beziehungen, die zum Segen beider Länder seit langer Zeit bestehen. ES wäre aber trügerisch zu glauben, daß wir die politische Freundschaft mit einer Benachteiligung unserer wirtschaftlichen Interessen erkaufen wollten. Im Zweifel konnte man nur sein, welche Dauer man dem Gesetz» entwürfe zu geben hätte. Wenn die verbündeten Regierungen sich entschlossen haben, den 30. Juni 190? als den Zeitpunkt vorzuschlagen, bis zu welchem die Zollermäßigungen den Vereinigten Staaten zu gewahren seien, so sind hierfür für uns gewichtige Gründe maßgebend gewesen. Eine längere Bemessung könnte den Anschein er- wecken, als wenn wir einen definitiven Zustand schaffen wollten, während es sich doch nur um ein Provisorium handelt. Gegen eine kürzere Abmessung spricht der Umstand, daß die schwie- rigen Verhandlungen in wenigen Monaten nicht beendigt werden können. Auch müssen wir Rücksicht auf unsere Industrie nehmen, die nicht der Gefahr ausgesetzt werden kann, binnen kurzem sich wieder neuen Verhandlungen und Aenderungen der Zollsätze ausgesetzt zu sehen, weil dadurch lang- fristige Licferungsverträge unmöglich lvürden. Also nicht um eine materielle Lösung handelt es sich bei dem Gesetzentwurf, sondern um ein Zweckmäßigkeitsvorgehen. Für die taktische Lösung solcher internationalen Fragen müssen sie uns aber etwas freie Hand geben und etwas Vertrauen schenken. Daß auch bei der Regierung der Vereinigten Staaten der Wunsch besteht, freundschaftliche Wirt- schaftliche Beziehungen mit uns zu erhalten, geht auch aus einer Rote hervor, welche unser Botschafter in Washington uns mitgeteilt hat. Aus ihr geht hervor, daß der Staatssekretär Root erklärt hat, daß. wenn Deutschland den Vereinigten Staaten die er- mäßigten Zollsätze des Konventionaltarifs bis zum 30. Juni 1907 gowährt, der Präsident der Vereinigten Staaten bemüht sein wird, in der Sektion 3 des Dingleytarifs gewisse Aenderungen eintreten zu lassen, so daß die Zollabfertigung weniger lästig für unseren Handel sein wird. Der Staatssekretär erklart weiter, daß es der ernsteste Wunsch des Präsidenten sei, die amerikanische Zoll- abfertigung von allem zu befreien, was den deutschen Exporteuren das Aussehen von Härten zu haben scheint. Er hofft, daß das Provisorium die wechselseitige Grundlage geben wird, zu neuen Vertragsbestimmungen zu gelangen. Der Staatssekretär Root gibt schließlich in dieser Note der Hoffnung Ausdruck, daß man zu einer Verständigung kommen werde, was immer auch eintreten werde. Soweit die amerikanische Note. Bei der Wichtigkeit unserer Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten haben die ver- bündeten Regierungen es jedenfalls für ihre Pflicht gehalten, alle Mittel zu erschöpfen, welche eine versöhnliche Regelung unserer Handelsbeziehungen herbeizuführen geeignet sind, und sie hoffen. daß dieses Hohe Haus diesem Gesichtspunkte Rechnung tragen wird. Abg. Graf Schwerin-Löwitz(kons.): Ich bcdaure, dem Reichskanzler, der unleugbar viel für die Landwirtschaft getan, in einer Frage entgegentreten zu müssen, an der die Landwirtschaft verhältnismäßig wenig beteiligt ist. Wir treten dem Reichskanzler in dieser Frage entgegen, weil dieselbe über das wirtschaftspolitische heraus ein großes nationales Interesse besitzt. Im Namen der weitaus größten Mehrheit meiner politischen Freunde habe ich zu erklären: Im Einklang mit den wiederholten Erklärungen des Reichskanzlers und seines Stellvertreters halten wir daran fest, daß die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Amerika auf dem Grunde völliger Gleichberech- tigung ruhen müssen. Jetzt aber werden Amerika ohne Gegenlei st ung die Vorteile unseres Konventionaltarifs ein- geräumt. Die unentgeltliche Einräumung des Konventionaltarifs an Amerika würde auch auf unser Meistbegünstigungsvcrhältnis zu den anderen Staaten von bedenklichem Einflüsse sein. Rußland und Italien haben höhere Generaltarifc als wir, und sie haben sie auch Amerika gegenüber in Kraft gefetzt. Die amerikanische Union hat einen 4mal höheren Tarif als wir, und wir haben deshalb keinen Zollkrieg begonnen. Wir müssen befürchten, daß cme so ungerechte Behandlung Deutschlands durch die Union das deutsche Nationalgcfühl auf das schwerste verletzt.(Sehr richtig! rechts.) ES wird aber auch die Stellung der uns feindlich Gc- sinntcn in Amerika gestärkt. Die unentgeltliche Einräumung unseres Tarifs wird auf die amerikanischen Wahlen einen sehr ungünstigen Einfluß ausüben. Unsere Haltung wird aber auch die europäischen Staaten schwächen. Das bedeutet einen neuen Sieg der amerikanischen Rücksichtslosigkeit.(Sehr richtig! rechts.) I?lber außer den politischen Gründen sprechen noch sehr erhebliche > sachliche gegen die Vorlage. Die Industrie wird mit größerer s Sicherheit vor die Frage gestellt werden, Zollkrieg oder Verein- barung. Heute ist ein Zollkrieg nicht in so starkem Maße zu befürchten, wie es 1907 der Fall sein wird. Das vorgeschlagene Provisorium verschiebt die Grundlage der Verhandlungen zu unseren Ungunsten. Nicht der Gencraltarif, sondern der Kon- ventionaltarif wird dann die Grundlage werden. Das schädigt auch vor allem die Landwirtschaft! Ich frage aber, besteht bei der amerikanischen Regierung überhaupt Neigung zum Abschluß eines Vertrages mit uns? Ohne eine bejahende Antwort hierauf ist ein Provisorium überhaupt überflüssig. Aus allen diesen Gründen können wir das Provisorium, das eine Kapitulation bedeutet, nicht annehmen. Wir werden deshalb dagegen stimmen.(Beifall rechts.) Abg. Molkenbuhr(Soz.): Wir werden für das Provisorium stimmen. 1902 erklärte man, unser Zolltarif ist ein vorzügliches Instrument. Die Staaten würden sich darum reißen, mit uns Tarifverträge abzuschließen. Hätten wir damals gesagt, der Reichskanzler würde in kurzer Zeit seine heutige Rede halten müssen, so wäre das als Reichsfeind- schaft, wenn nicht gar als rcichsfcindliche Bosheit(Sehr gut! links) bezeichnet worden. Und doch lag es auf der Hand, daß es so kommen würde. Mit dem Zolltarif von 1902 haben wir uns nicht in eine günstigere, sondern in eine ungünstigere Lage gebracht. Deshalb haben wir uns gar nicht über die vorhandenen Schwierig- leiten zu beklagen. Sie sind nicht von außen zu uns gekommen. Wir haben sie mit unserer Zollpolitik verschuldet. Man weist uns auf die amerikanischen Zölle hin. Ich kenne Amerika aus Reisen sehr gut und ich kann Ihnen sagen: Die amerikanische Zollpolitik ist keine Maßregel, die v o n Anfang a n darauf zugeschnitten war, den amerikanischen Ein- wohncrn die Taschen zu leeren. Es war eine Repressalie für die Behandlung der amerikanischen Schweine. Trotz- dem kämpfe ich auch gegen die amerikanische Zollpolitik, weil ich die Interessen des deutschen Volkes wahre. Wir haben ja auch unsere Zollpolitik nicht so heftig aus Vorliebe für das Ausland angegriffen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Gewaltsam wurde auch in Amerika den Arbeitern eingeredet, daß, wenn sie erst hohe Zölle hätten, auch die Löhne der Arbeiter steigen würden. Nun werden wir ja in kurzer Zeit sehen, wie viel die Unter- nchmer von ihrem Gewinn aus den hohen Zöllen den Handarbeitern abgeben werden. Ich glaube, daß es sehr wenig sein wird.(Sehr wahr? bei den Sozialdcuw- kraten.) Jedenfalls bekämpfen wir jede Maßregel, die der anderen Seite Gelegenheit geben könnte die neuen Zölle zu erhöhen. Denn die ganze Zolltreiberci geht auf Kosten der Arbeiter in allen Länder».(Sehr wahr! links.) Unsere Agrarier wollen ja gar nicht den amerikanischen Weizen vom deutschen Markte fern halten, sondern hohe Preise für ihren eigenen Weizen durch Verteuerung des amerikanischen. Und genau so geht es den amerikanischen Fabrikanten; auch sie wollen nur die Auspowerung des amerikanischen Volkes.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Diese würde erreicht werden, wenn dem Provisorium hier die Zu- stimmung versagt würde und damit der Generaltarif in Kraft trete, gegen dessen Anwendung Amerika wiederum Abwehrmaß- regeln ergreifen würde. Schon j e tz t hat aber die deutsche Zoll- Politik die heimische Produltion wie die heimische Konsumtion empfindlich geschädigt. In England ist die Gefahr eines Sieges der Chamberlainschen gegenwärtig beseitigt. Da wird wohl auch in Deutschland allmählich noch mehr abbröckeln von dem eben erst geschaffenen Zollschutz. In Amerika freilich ist bis 1907 ein Umschwung nicht zu erwarten, da bis dahin der Senat, ohne dessen Zustimmung doch ein Handelsvertrag unmöglich ist, unverändert bleibt. Möglich, daß 1903 bei den allgemeinen Präsidentschafts- wählen sich der Umschwung zeigt. Aber schon vorher wird das deutsche Volk einsehen, daß dieser Tarif ihm nicht die versprochenen Vorteile bringt. Mit Rücksicht nur auf seine eigenen Interessen wird da? deutsche Voll bis dahin eine erhebliche Herabsetzung der Zollsätze durchgeführt haben. Darum, unterstützen wir jetzt jede Maßregel, die verhindert, daß der Generaltarif gegen irgend ein Land in Anwendung kommt.(Lebhafter Beifall bei den Sozial- dcmokratcn.) Abg. Herold(Z.): Ich will in eine zollpolitische Erörterung, wie es der Vorredner getan hat, nicht eintreten. Wir sind Schutz- zöllner, auch aus dem Grunde, weil wir die Interessen der heimischen Industrie und damit auch die unserer Arbeiter wahr- nehmen und nicht wie Sie(zu den Sozialdemokraten) nur so tun. UnS überrascht die Vorlage außerordentlich unangenehm. Unser Generaltarif von 1902 solle die Grund- läge sein; der Vorzugstarif nur gegenüber den Staaten, die uns Vorteile einräumen, in Geltung kommen. Ein Jahr vier Monate soll Amerika ohne Gegenleistung unseren Vorzugstarif erhalten. Das ist ein B r u ch mit unserer Politik. Nur weil ein Provisorium gewünscht wird, kann man an die Vorlage herantreten. Wir wissen, daß vertragliche Abmachungen lange Zeit in Anspruch nehmen. Nur auS diesem Grunde können wir unsere Zustimmung zu der Bollmacht für die verbündeten Regierungen geben. Wir werden deshalb für die Vorlage stimmen. Abg. Kaempf(frs. Vp.): Ich widerspreche mit Entschiedenheit der Behauptung, daß eS sich hier um eine Kapitulation Deutsch- lands handelt und um einen Akt nationaler Entwürdigung. Tie Industrie hat stets betont, daß sie Reziprozitätsverträge wünscht. Die bittere Pille muß geschluckt werden. Es ist ausgesprochen, daß unS Amerika 1900 über den Löffel barbiert hat. In den Zeitungen heißt es: Amerika hat sich 1892 unseren Vorzugs- tarif erschlichen: es habe uns über den Löffel barbiert. Das sind nur Phrasen. Vor allem sollten die Herren Schutzzöllner bei uns etwas vorsichtiger mit derartigen Angriffen sein.(Sehr richtig! links.) Der Amerikaner ist ein ebenso guter Rechner wie wir. Ich habe stets bezweifelt, daß eS möglich sein wird, bei den starken Zollmehrheitcn in Amerika und bei unS zu einem GegcnseitigkeitS- vcrtrage zu gelangen. Amerika gegenüber ist unser Generaltarif eine sehr unbrauchbare Waffe. Ein Zollkrieg schädigt unS mehr als Amerika. Denn von dort werden Welt- Marktwaren zum größten Teil exportiert. Einen Zollkrieg haben wir vor allem zu vernieiden. Neun Zehntel der gesamten deutschen Industrie sieht in dem Provisorium die einzige Möglichkeit zu einer Verständigung. Mit dem Hochschutzzollsystem wird auf beiden Seiten nicht weiter gewirtschaftet werden können. Wir werden f ü r daS Provisorium stimmen.(Beifall links.) Abg. Paasch«(natl.): Mit den Voraussetzungen des Vor- rednerS bin ich nicht einverstanden, wenn ich auch zu demselben Ergebnis komme. Wir brauchen uns nicht von Amerika be- handeln zu lassen wie es die Amerikaner wünschen. Wenn auf Grund unserer Politik die Amerikaner uns kein Entgegenkommen zeigen, so bedauern wir die« außerordentlich. Auf die Dauer ist cS nicht möglich, daß ein selbstbewußter Staat sich eine so wenig freundliche Haltung bieten läßt. Wir wünschen, daß Amerika endlich zur Einsicht kommt, daß wir uns auch zur Wehr setzen können. In Amerika regen sich bereits Stimmen, daß die Hochschutzzollpolitik nicht den eigenen Jnter- essen des Landes entspricht.(Heiterkeit links.) Wir wollen den Zollkrieg nicht heraufbeschwören. Im Interesse beider Länder ist eS richtig, das rettende Seil zu ergreifen, wenn auch in letzter Stunde. Nachdem Amerika nach der Erklärung des Reichskanzlers uns ein gewisses Entgegenkommen bewiesen hat. hoffen wir auf eine gute Beilegung. Deshalb stimmen wir für das Provisorium.(Beifall bei den Nationallibcralen.) Abg. T»ve(frs. Vg.): Daß die Vorlage auf irgend einer Seite Befriedigung erregen würde, hat wohl selbst die Regierung nicht er- wartet; alle nehmen sie nur an in Ermangelung eines Besseren. Wenn der Abgeordnete Herold von einer unangenehmen Uebcr» raschung sprach, so bestätige ich ihm die llnannchmlichkeit, aber die Ucberraschung nicht. Es ist so gekommen, wie es kommen mußt c. (Sehr wahr! links.) Wenn Herr Paaschc heute hier Amerika Freihandelsgrundsätze predigte, so antworte ich ihm: Sic habe» aller Welt das Beispiel gegeben!(Sehr gutl links.) Sie mit der starken Erhöhung fast aller Zollsätze.— Graf Schwerin-Löwitz rief der Industrie zu, sie werde behandelt, wie sie es verdiene. Nun, auf ihrem Gebiet stellt die Industrie schon ihren Mann; nur wenn von anderer Stelle ihre Interessen wahrgenommen werden sollen, so erhält sie nur Lobsprüche und keine reellen Vor- teile.(Sehr gut! links.) Ich hoffe, daß gerade der gegenwärtige Zustand die deutsche Industrie lehren wird, bei einem k ü n f» tigcn Zolltarif anders zu verfahren als sie größten» teils beim letzten Zolltarif verfahren ist. Wir stimmen der Vor- läge zu, mit dem bitteren Gefühl, daß eingetreten ist. was wir vorhergesagt und vorhergesehen haben.(Bravol links.) Abg. Liebcrmann v. Sonnenberg(Wirt. Ver.): Wir stehen auf dem Boden der Gemeinsamkeit der Interessen von Stadt und Land. Die Landwirtschaft ist nicht das Sorgenkind, sondern der Erstgeborene, der sich müde für die Nachgcborenen gearbeitet hat. Die Interessen der Landwirtschaft kommen heute weniger in Frage als die der Industrie und des Handels. Es ist durchaus ver- ständlich, daß unsere Industrie, die den veränderten Verhältnissen mit dem Jnkrastretcn des neuen Zolltarifs Rechnung tragen mutz, jetzt keinen Zollkrieg wünscht. Aber ist eine Operation notwendig, dann besser sofort als später. Das Provisorium ist in keiner Weise geeignet, den Zollkrieg zu vermeiden; es verschiebt ihn nur. Die Schuld daran trägt nicht die Industrie, sondern die Regierung. Warum ist der Vertrag nicht rechtzeitiger gekündigt worden! Warum zeigen wir den Amerikanern nicht die Zähne! Mit Liebenswürdigkeiten ist nichts zu machen. Petroleum, Weizen und Baumwolle bekommen wir auch aus anderen Ländern. Wir sind ein guter Kunde Amerikas. Zeigen wir einmal, daß wir uns eine schlechte Behandlung nicht mehr bieten lassen. Haben wir erst das Provisorium, so werden wir niemals Konzessionen aus Amerika herausschlagen, ohne daß wir, wie der Abg. Kämpf gesagt hat, Ermäßigungen auf dem Gebiet der agrarischen Zölle geben. Aber das können wir nach der Zusammensetzung unserer Wähler nicht.(Zuruf des Abg. Gothein: Der kennt noch nicht einmal die ReichSverfassungl) Die größere Hälfte unserer Partei sagt daher: Werst das Provisorium in die Wolfsschlucht I. die kleinere sagt: Wir wollen der Regierung ein Jahr Probezeit geben!(Beifall bei den Antisemiten.) Abg. Graf K a n i tz(k.) verzichtet.(Beifall.) Abg. Dr. Potthoff(frs. Vg.): Wir haben in der Tat keine Genugtuung über die Vorlegung dieses Provisoriums zu empfin- den. Aalt doch unsere ganze Zollpolitik nur dem Schreckgespenst der amerikanischen Handelspolitik. Gewaltsam setzte man über den Willen der Interessenten heraus die Zölle hoch, nur um die Kompensationsobjekte für Amerika zu haben. Aber einmal wuchs die agrarische Bewegung der Regierung und der Industrie über den Kopf und verhinderte die nachträgliche Herabsetzung der Zollsätze, und auf der anderen Seite sehen wir jetzt den u n g e» heuren Katzechjammer in diesem Provisorium. Wenn irgendwo, so sollte sich hier unser Zolltarif als wundervolles In- strument zur Erzielung von Handelsverträgen erweisen. Und wenn es noch eines Beweises bedurfte für die Verfcbltheit der traurigen und elenden Handelspolitik des jetzigen Reichskanzlers, so ist es neben dem Klagen des Zentralverbandes deutscher In- dustrieller, der jetzt alle Verantwortung für diese Handelsverträge ablehnen möchte, eben dieses Provisorium. Nichts ist erreicht, alle die leichtsinnig erweckten Hoffnungen sind getäuscht worden. Die deutsche Bevölkerung haben wir mit einigen neuen Steuern belastet, unsere Produktion und unseren Absatz erschwert, unsere Handelsbeziehungen zu den befreundeten europäischen VertragSstaatcn verschlechtert und Amerika gegenüber nicht daS geringste erreicht.(Sehr wahr! links.) Eine befriedigende Lösung der schwebenden Vertragsfragen ist nur mög- lich, wenn unsere Handelspolitik umkehrt und wirklich wieder Ver. träge zur Beförderung des Handels schließen will. So hoffe ich, daß der deutsch- amerikanische Handelsvertrag der Ausgang des Kampfes sein wird, den die deutsche Industrie und der deutsche Handel überall für den Freihandel werden führen müssen.(Bravol links.) Hiermit schließt die Debatte. DaS Haus tritt sofort in die zweite Lesung ein. Hierzu liegt ein Antrag Heyl zu Herrnsheim(natl.) m Genossen vor, nach welchem ine verbündeten Regierungen den Vereinigten Staaten nicht alle, sondern nur ein Teil der Ermäßigungen des deutschen Konventional» tarifS gewähren soll. Abg. Frhr. Heyl zu Herrnsheim(natl.) begründet seinen Antrag: Wir branchen Amerika gegenüber hohe Schutzzölle. Das haben ja auch einsichtige Sozialdemokraten anerkannt.— Redner führt einige Aenßernngen der früheren sozialdemokratischen Abgeordneten Sckippcl und Calwer an.— Deutschland hat sich einigermaßen für Tarif- Verträge begeistert. Ainerika dagegen hat sich absolut dichr ab» geschlossen. Wie ist daher eine dauernde Uebereinkunst zwischen zwei von so verschiedenen Prinzipien geleiteten Staaten möglich? Ich bin daher fest überzeugt, daß uns ein Zollkrieg mit Amerika nicht erspart bleiben wird.(Hört! hört!) Staatssekretär Graf Posadowsch: Der Antrag Heyl rät unS, das französische System gegenüber den Vereinigten Staaten einzuschlagen. Ich kann die Annahme dieses Antrages nicht befürworten. Die Annahme würde die ver- bündeten Regierungen zwingen, zwischen den verschiedenen amerika- »ischen Importen eine Auswahl zu treffen.(Beifall bei den Frei- sinnigen.) Die Annahme des Antrages würde bedeuten, daß wir entweder die Gesamtheit der amerikanischen Jndustrieeinfuhr dem autonomen Zoll unterwerfen, was für Amerika eine Zoll» erhöhung von 41 Millionen betragen würde. Diese Drohung würde von den Amerikanern nicht ernst genommen werden, so daß die Pression, welche doch durch den Antrag ausgeübt werden soll, sich nicht als ausreichend erweisen würde. Oder aber die Zahl der Positionen, für die wir entweder einen autonomen Zoll oder neue Zollsätze ent- werfen würden, lvürde so gering sein, daß wir mit Annahme des Antrages fast vollkommen zu derselben Maßregel kommen würden, als wenn wir gemäß der Borlage den ganzen amerikanische» Ja Port unserem Konventionaltarif unterwerfen lvürden. Die Annahme deS Antrages würde dann Amerika nur unnütz reizen. Im übrigen möchte ich gegenüber de» einzelnen Ausführungen noch bemerken, daß die staatsrechtliche Bedeutung deS gegenwärtigen Gesetzentwurfes nicht richtig beurteilt wird. Er ist em einseitiger autonomer WillenSakt der verbündeten Regierungen bezüglich der deutschen Gesetzgebung. Wir treffen auf Grund dieser Vollmacht keinerlei vertragsmäßige Abmachungen mit Amerika, sondern die verbündeten Regierungen werden erwägen, ob und wie lange vor der vom Reichstage zu erteilenden Bollmacht Gebrauch gemacht wird. Dafür wird maßgebend fein, was jenseits de» Meeres geschieht. Aber diese Bollmacht bildet nach keinerlei Richtung die Grundlage für irgend welche vertragsmäßigen Zollabmachungen. Abg. Dr. Semler(natl.): Ich weiß nicht, welchen Teil der 700 Tarifpositionen Herr v. Heyl Amerika einräume» will. Wie denkt sich Herr v. Heyl eigentlich die Ausführung feines Antrages? Wir wollen jetzt keinen Vertrag schaffen, sondern ein autonomes System, weil uns das von Frankreich erzielte Vertragssystem nicht genügt. Die landwirtschaftlichen Produkte Amerikas können lvir ja doch nicht entbehren. Wenn je ein Handelsvertrag, so muß der«nt Amerika nicht durch gegenseitige kleinliche Mißgunst, sonder» von großzügiger Förderung der beiderseitigen HandelSinteresse» diktiert werden. klvg. Lernst«!«(Sog.): Der Frhr. v. Hehl will mit seinem Antrag die Amerikaner „bleuffcn". Aber mir scheint, er ist ein schlechter Pakerspieler, denn durch einen derartigen Antrag lassen sich Leute wie die Amerikaner nickt einschüchtern. Wenn die Aufrage dc-Z Abg. Seniler, welcher Teil des Tarifes denn auf Amerika nicht Anwendung finden soll, nicht klipp und klar beantwortet wird, hat ja der ganze Antrag gar keinen Wert.— Ein Stück„Bleuff" versuchte Frhr. v. Hehl auch gegen unsere Partei. Er führte Schippe! und Calwer gegen die Handels- politischen Anschauungen nieiner Partei ins Feld und versuchte dieses Argu- mentzu verstärken, indem ersich auf eine Rede meines Parteigenosse» Bebel aus dem ChenmiherWahlkampf berief. Aber so wie er die Sache dargestellt hat, liegt sie doch nicht. Bebel hat nur gesagt, daß niemand von Schippels Absicht der Mandatsniederlegung etwas gelvuszt. niemand auf ihn einen Einflust ausgeübt hat. Das zeigt und bestätigt nur, daß keinerlei Gesiunnngszwang gegen Schippel ausgeübt worden ist. Aber andererseits hat Bebel auch durchaus nicht verschwiegen, dast Schippel mit seiner handelspolitischen Auffassung in der Partei vollständig isoliert dastand und dast er das selbst sehr gut gewustt hat. Man mag Schippel und Calwer persönlich für ihre Ansichten verantwortlich machen, aber als handelspolitische Autoritäten gegen die Partei kann man sie nicht ausspielen. Frei- Herr v. Hehl schilderte die Lage des freihändlerischen England gegen- über den Bereinigten Staaten als überaus traurig. Aber Englands Export hat sich von Jahr zu Jahr gehoben. Ainerika läßt die meisten seiner Schiffe in England bauen, weil sie dort billiger sind. Geschnittene Hölzer beziehen die amerikanischen Möbelfabriknnten aus England billiger als das Rohholz in Amerika. So blüht England nicht trotz, sondern infolge seines Freihandels. Inzwischen sieht ein großer Teil der deutschen Industriellen dem Inkrafttreten der neuen Handelsverträge außerordentlich ängstlich entgegen, so z. B. die ge- samte Textilindustrie. Ein Parteigenosse des Freiherrn von Hast, der Abg. Ben in e r, hat sich a u ß e r o r d e n t l i ch pessimistisch in bezug auf die Zukunft der deutschen Eisen- und Stahlindustrie gerade unter de» neuen Handelsverträgen geäußert.(Hört! hörtl links.) Wir sind durchaus Anhänger von Handelsverträgen. Aber man muß die Amerikaner hierzu überzeugen. Ein Zollkrieg ist aber das allerletzte Mittel; durch ihn würden nur dritte Staaten Vorteil haben. Darum ist es außerordeutlich leichtfertig zu sagen:„Um einen Zollkrieg kommen wir doch nicht herum! und deshalb: je schneller, desto besser I" Ein Zollkrieg ist anders als ein geivöhu- licher; er schädigt beide Staaten und wird auf beider Staaten Kosten geführt. Die Stellungnahme unserer Partei zu dieser Frage zeigt wie außerordentlich falsch die neulich bei der Wahlrechts- bcratung gefallene Aeutzerung ist, daß die Handels- und Hansastädte hier im Reichstage keine richtige Vertretung haben. Die Jutcr- esse» des Großhandels und der Schiffahrt und das ist in Hamburg selbst in der liberalen Presse, anerkannt worden— können keine bessere Bcrtrctnng finden als gerade in der Sozialdemokratie, in den Abgeordneten, die die Hansestädte vertreten. Nicht aus Sonderliebe für den Handel ist unsere Stellungnahme gegeben, sondern ivcil sein Juteresse mit dem G e s a in t r n t e r e s s e übereinstimmt. Wenn Sie den Antrag Heyl annehmen, würden Sie nicht nur unseren Seehaudel, unsere Schiffahrt auf das höchste schädigen, sondern auch unsere Produktion und unsere arbeitende Bevölkerung. Darum stimmen wir gegen den Antrag Hehl und für das Provi- sorium.(Beifall bei deir"Sozialdemokraien.) Abg. Graf Schwerin-Löivitz sk.): Wenn ich den Staatssekretär richtig verstanden habe, so ist er der Ansicht, daß die verbündeten Regierungen nach der Vorlage das Recht haben, nur für einen Teil der amerikanischen Importe den Kouvcutionaltarif zu gewähren. Dann verstehe ich aber die Gegnerschaft des Staatssekretärs gegen den Antrag Heyl nicht.(Beifall rechts.) Staatssekretär Graf Posadowsly: Wenn ich den Antrag des Abg. Heyl richtig verstanden habe, will er die Vollmacht der ver- bündeten Regierungen in der Richtung einschränken, daß wir nicht für das Ganze des amerikanischen Imports, sondern nur für einen Teil die Konventionalrarife einräumen dürfen. Wenn diese Auf- fassnng des Antrages Heyl richtig ist. so würde seine Annahme uns zwingen, eine Differenzierung vorzunehme» zlvischen den Waren, die wir nach dem Konventionaltarif und denjenigen, die wir nach dem Generaltarif behandeln wollen. Wir könnten dann den Generaltarif entweder auf einen großen oder auf einen geringen Teil der Positionen anwenden. Wenn wir ihn auf einen geringen Teil beschränken, so würde das gar keine materielle Bedeutung haben, sondern nur Verstimmung er- regen, und es würde dadurch für spätere VcrtragSverhäudlungen ein ungünstiges Präjudiz erzeugt werden. Wenn wir aber den General« tarif für eine» großen Teil der Importe festsetzen, so würde das ganze Handelsprovisorium gar keinen anderen Effekt haben, als wenn wir die amerikanischen Importe überhaupt nach dem autonomen Tarif behandeln würden. Jeder mutz sich aber bei der gegenwärtigen Situation darüber klar sein, daß es für die zukünftigen Vertrags- Verhandlungen notwendig ist, den verbündeten Regierungen unbedingte Vollmacht zu erteilen, ob und wie lange sie innerhalb der äußersten Frist des 30. Juni 1öl)7 Amerika die konventional- sätze einräumen will. Es handelt sich einfach darum, ob wir in dieser Frist Amerika als meist begünstigte Nation behandeln wollen oder ob wir es unserem autonome» Tarif unterwerfen, und die Folge» mutig tragen und bis zum Ende durchkämpfen wollen. Die verbündeten Regierungen haben es für richtig gehalten, bei der jetzigen Stimmung der amerikanischen Negierung, noch einmal eine Frist zu setzen, damit in ihr vielleicht ein neuer materieller Handels- vertrag zustande kommt. Ich kann nur dringend raten, im gegen- wärtigen Augenblick einer solchen Frist zuzustimmen. WaS in Zu« knnfl zu geschehen hat, darüber werden wir uns später zu unter- halten haben. Abg. Frhr. Heyl v. Herrnshein(natl.): Die Rede des Staats- sckretärS muß den Eindruck in Amerika erwecken, als ob Deutsch- land entweder alles oder nichts gewähren will. Während die An- nähme meines Antrages es zum Ausdruck bringen würde, daß wir einen Teil gewähren wollen und eventuell, wenn dies den Amerikanern nicht genügt, den Mut zu einem Zollkrieg haben. Allein die Ausnahme der Position Petroleum vom Konventionaltarif würde hierzu genügen. Staatssekretär Graf Posadowsly: Warn Sie unseren Antrag an- uehmen, so trifft das hohe Hans in bezug auf unsere künftigen Handelsbeziehungen keinerlei grundsätzliche Entscheidung. In sachlicher Beziehung bleibt dann das Vertragsverhältiiis zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten einfach ein neutrales. Wählen Sie dagegen den Antrag Heyl, so treffen Sie schon dadurch, daß Sie einen Teil der Positionen dem autonomen, einen andern dem konventionellen Tarif unterwerfen wollen, eine geloisse sachliche Entscheidung. Des- halb kann ich nur dringend bitten, die Vorlage der verbündeten Regierungen ohne Abänderungsantrag anzunehmen. Hiermit schließt die Debatte. Es folgt die Abstimmung Der Antrag des Abg. H e h l v. H er rn§ h e i m(natl.) wird gegen die Stimmen einer Minderheit der Nationalliberalen und einer Minderheit der Konfervativen unter Führung des Abg. Grafen Kanitz abgelehnt. Das Handelsprovisorium wird hierauf mit großer Mehrheit an- genommen. Dagegen stimmen einige Nationalliberale(Abgg. Bgrt- l i n g und Graf O r i o l a), die Wirtschaftliche Vereinigung unk» die Mehrheit der Rechten. DaS Haus setzt hierauf die zweite Beratung des JustizetatS mit den dazu vorliegenden Resolutionen Ablaß(fts. Vp.) auf Ausdehnung der Zuständigkeit der Schwurgerichte auf alle Preß- vergehen, Hompesch(Z.) auf Vereinfachung des Wechselprotest- Verfahrens. Hompesch(Z.) und M ü ll e r- Meiningen— H a u ß- m a n n(Bp.) auf Gewährung von Tagegeldern an Schöffen und Geschworene fort. Abg. Roeren(Z.) erklärt sich namens seiner Partei gegen die Jicsolution Ablaß. Mit den Ausführungen des' Abg. Bassermann über die L c x H e i n z e stimme ich im wesentlichen übercin. Tarin bin ich allerdings anderer Ansicht als er, wenn er meint, daß die gegenwärtige Fassung deS§ 184 zur Bekämpfung der unsittlichen Literatur ausreicht. Das Hauptorgan seiner Partei, die„Kölnische Zeitung", hat schon vor 2 Jahren sich für eine weitergehende Fassung des Z 184 ausgesprochen, und die Einführung der Begriffe „unanständig" oder„gegen die guten Sitten verstoßend" nach dem Vorbild aller modernen Strafgesetzbücher für notwendig erklärt. Ich hoffe, daß die Zeit nicht fern ist, wo wir alle gemeinsam wirksam gegen de»Schmutz einschreiten werden. Der H 184 wird in seiner Tragweite vielfach überschätzt. Wesentlicher als seine Fassung ist sicher die Art seiner Anwendung. Mit Recht hat Herr Bassermann die Zahmheit und Laxheit mancher Gerichte bei der Anwendung dieses Paragraphen gerügt. lLcbhafte Zustimmung im Zentrum.) Schon jetzt könnte der größte Teil des Schmutzes, der jetzt ungehindert vertrieben wird, beseitigt werden, wenn die bestehenden Gesetze schärfer angewandt würden. Das ist leider nicht der Fall. Vor allen Dingen könnte der Annoncen- teil derjenigen Witzblätter, die auf demselben Niveau wie das „Kleine Witzblatt", der„Sekt" und der„Satyr" stehen, und die jetzt wie Pilze aus der Erde schießen, von seinem Schmutz gereinigt werden. In jeder Nummer dieser Witzblätter befinden sich Annoncen pornographischen Charakters, die Empfehlung sogenannter„Akt- Photographien",„Aufnahmen nach dem Leben" und„Pikanterien". Der Kunstwert dieser Aktphotographien ist sehr zweifelhaft. So urteilt auch Dr. Ludwig Kenner in München in seinem Buche: „Die graphische Reklame der Prostitution". Herr Dr. Kenner ist kein Sittcnzelot und Mucker, sondern ein Mitglied des Goethe- bundes.(Hört! hört! im Zentrum.) Es ist gar nicht zu verwundern, daß bei solchen Zuständen ein Schrei nach einer neuen Lex Heinze durch weite Kreise geht. Wer sie nicht will, sorge dafür, daß§ 184 des Strafgesetzbuches, der ja sehr oft genügen würde, scharf angewendet wird. Nicht das Par- lamcnt allein, sondern auch die öfseniliche Meinung sollte schärfer gegen diesen Schmutzbctrieb vorgehen. Abg. Bassermann ist auch zu sprccbcn gekommen auf den Sachverständigenapparat bei Anklagen aus 8 184. Ich weiß nicht, was Künstler bei Verhandlungen über 8 184 R. St. G.B. zu suchen haben. Die Frage, ob das Scham- gefühl verletzt wird, muß der Richter so gut wie der Künstler bc- antworten. Kann er das nicht, so ist er eben ein unfähiger Richter. Ob künstlerisch ausgeführt oder nicht, ist für die Entscheidung aus§ 184 R. St.�G. B. ganz gleichgültig.� Zu welchem Mißbrauch dieser Sachverständigen- apparat führt, zeigt der Prozeß gegen den„Siniplicissimus" und Thoma in München. Man gewinnt aus dieser Verhandlung nicht den Eindruck einer ruhigen Gerichtsverhandlung, sondern den einer turbulenten Parteivcrsammlung. Diese Vorgänge zeigen die Schattenseiten der Schwurgerichte in sehr grellem Gesichte. Vor der Stellungnahme zu dem Antrage Ablaß wird man sehr lange mit sich zu Rate gehen müssen. Ist das Privileg der Presse, in Süd- deutschland vor dem Schwurgericht abgeurteilt zu werden, wirklich nach solchen Urteilen noch zu halten! Bei der Beratung der Straf- prozcßrcform werden wir dem Antrage Ablaß gegenüber Stellung nehmen. Für heute lehnen wir ihn ab.(Beifall im Zentrum.) Darauf vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr. Tagesordnung: 3. Lesung des Handclsprovisoriums mit Amerika auf Antrag Bassermann(natl.) und Fortsetzung der 2. Beratung des Justizetats. Schluß 5Vi Uhr._ par lam cn tari feb C9. Portoerhöhung— Krüppelstcuer. Bei Eröffnung der gestrigen Sitzung der Finanzreformkommission teilte der Vorsitzende mit, daß der gestern von uns veröffentlichte Antrag zugunsten des folgenden, von Gröber eingebrachten An- träges zurückgezogen ist: „Der Reichstag wolle beschließen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, auf eine Erhöhung der Einnahmen der Reichs-Post- und Telegraphenverwaltnng durch Maßnahmen Bedacht zu nehmen, welche 1. die Beseitigung der im Orts- und Nachbarortsverkehr be- stehenden Ausnahmetarife für Postkarten und Drucksachen, Warenproben und Geschäftspapiere. 2. die anderweite Festsetzung der Gebühren für außerordentliche Zeitungsbeilagen zum Gegenstand haben." Mitunterzeichnet ist dieser Antrag von Dr. Becker-Hessen, Dietrich, Bocketmann, Held, Herold, Dr. Jäger, Freiherr v, Maltzan, Müller- Fulda, Nacken, v. Oertzen, Speck, Westermann und Dr. Wolff. Abg. Speck(Z.) führt aus: Der neue Antrag hat aus den gestrigen Ausführungen des Reichspostsekretärs die Konsequenzen ge- gezogen. Einer der maßgebendsten Gründe sei die Erhöhung der Gebalter der llnterbeamten. Ferner inüssen die Aufwendungen der Postverwaltungen mit den Leistungen in ein richtiges Verhältnis gebracht werden. Demgegenüber stellt Genosse L i p i n s k i fest, daß die Einnahmen für den Zeitungsversandt infolge der Ver- b i l l i g u n g gewaltig gestiegen sind. Sie haben im letzten Jahre über eine Million Mark Mehreinnahmen gebracht. Die Kommission habe doch übrigens nur die Aufgabe, die Steuervorlagen der Re- gierung zu beraten, nicht aber nach neuen Steuern zu suchen oder sich über die ja längst erforderlichen und durchführbaren Gehalts- erhöhungen der Postunterbcamten zu unterhalten. Müller- Fulda und Dietrich treten für den Antrag ein. Nur will letzterer auch nichts davon wissen, daß die GehaltSfrage damit verquickt wird. Der Antrag soll eine ungerechtfertigte Bevorzugung der Großstädte beseitigen. Abg. Müller meint, die Herabsetzung des Portos für den Ortsverkehr sei ein verunglücktes Experiment gewesen, mit dem so schnell wie möglich ausgeräumt werden müßte. Der Posisekretär erklärt, daß die Regierung wahrscheinlich geneigt sein würde, dem eventuellen Beschlüsse der Kommission Rech- nung zu tragen, da der Ansuahmetarif für Ortskarten und Druck- fachen in der Tat zu niedrig sei und der dafür erforderliche Auf- lvand nicht gedeckt werde, daß aber Handel und Wandel nicht allzu- sehr gestört werden dürfe. Darauf gratuliert Genosse Singer dem Staatssekretär zu den Geistern, die er durch seine gestrigen Aeußerungen gerufen habe und nun nicht wieder los werden könne und die die Hand nehmen, nachdem er ihnen den kleinen Finger geboten. Es sei bezeichnend, daß auch hier wieder die städtefeindliche Tendenz wie ein roter Faden durch die Gesetzgebung der letzten Jahre zum Vorschein komme. Die Antrag- steller lassen gänzlich unberücksichtigt, daß in jüngster Zeit große Aufwendungen für das flache Land gemacht worden sind, dieses in das Zentrum des Verkehrs hineinzuziehen. Falsch sei, die Ver- billigung des Ortsverkehrs ein verfehltes Experiment zu nennen. Es sei das Aequivalent für die Aufhebung der Privatpostanstalten gelvesen, die den Verkehr zu den billigen Tarifsätzen in den Groß- städten vermittelten. Der darin enthaltene Vorteil sollte dem Publikum erhalten bleiben, und daher sei der Anttag illoyal— welchen Ausdruck der Vorsitzende rügt—. Durch Aushebung deS billigen Tarifs werde zweifellos das Vertrauen zu den Institutionen der Gesetzgebung erschüttert. Singer ist mit Dietrich insofern einverstanden, daß die Gehaltserhöhung der Postbeamten hier außer Spiel bleibt, weil sie ja doch nur als eine Dekoration für die beabsichtigte Verkehrs- Verteuerung benutzt werde. Auf die Leistungen der Postverwaltung, die gar nicht zu ihrem Betriebe gehören und Aufwendungen für politische und sonstige Zwecke näher eingehend, kommt er zu dem Resultat, daß die Post- und Telegraphenverwaltung nicht mit Schaden arbeite, sondern durchaus rentabel sei. Da der Antrag genau so wie der Zolltarif und die neuen Handelsverträge durchaus dazu angetan sei den Handel und Verkehr zu erschweren, würden er und seine Freunde ihn ablehnen. Eine gleiche Erklärung wird vom Abg. Merten(frs, Vp.) abgegeben. Der P o st s e k r e t ä r ist der Meinung, daß es nicht als illoyal bezeichnet werden könne, wenn dieselben Faktoren zu der Einsicht gekomnien seien, einem nicht klugen Beschlüsse zugestimmt zu haben, ihn später rückgängig machen. Bei der Abstimmung wird der Antrag auf Erhöhung der Postgebühren mit allen gegen die S Stimmen der Sozialdemokrattt», der Freisinnigen und der Polen angenommen. Es folgt nun die Beratung des von Müller- Fulda ein» gebrachten und von Dr. Becker, Bockelmann, Liebcrmann v, Sonnen- berg, Nacken, Ortel, Raab, Scheck, v. Tiedemaun und Westermann unterzeichneten Antrages: „Der Reichstag wolle beschließen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstage möglichst beschleunigt, jedenfalls noch während der Dauer der Kommissionsberatung über die Vorlage, betreffend die Ordnung des Reichshaushalts und die Tilgung der Reichsschuld, einen Gesetzentwurf vorzulegen, welcher Ausgaben des Reiches in der Höhe, in welcher solche zurzeit zum Zlvecke der Sanierung des Reichsinvalidensonds als Veteranenbeihülfen aus allgemeinen Einnahmen bestritten werden sollen, durch eine Reichs- wrhrsteuer deckt," Dr. Müller bezeichnet die Wehrstener für einen Akt aus- gleichender Gerechtigkeit und ist der Meinung, daß, wenn die schweizerische Wehrstener, die eine Kopfsteuer sei und auf den Kopf der Bevölkerung 80 Pfennig ausmache, über 3 Millionen bringe. der von ihm und den Mitnuterzeichnern berechnete Ertrag sich auf mindestens 2S Millionen Mark stellen werde. Der R e i ch s s ch a tz s e k r e t ä r ist den freiwilligen Steuer- suchern für ihren guten Willen dankbar, aber sie mögen ihm seine schweren Bedenken gegen den Vorschlag nicht übel nehmen. Die offiziellen Steuersucher haben die Wehr- st euer auch in Erwägung gezogen, haben aber, nach Prüfung der Akten von 1881, wo der Reichstag eine diesbezügliche Vorlage einmütig ab- gelehnt hat, von einer Wiederholung Ab st and genommen, Weim der Abg, Müller(Fnlda) damals schon M. d, R, gewesen wäre, würde er wahrscheinlich der Regierung den Rat gegeben haben(wie neulich bei Beratung der Stempelsteuer- vorläge), die sämtlichen darauf bezüglichen Akten zu ver- brennen. Er geht dann näher auf die technischen Schwierigkeiten bei Erhebung einer solchen Steuer ein. Wenn der Antrag von der Kommission und dem Reichstage angenommen werden sollte, so würde die Regierung in eine nochmalige Prüfung eintreten. Der preußische F i» a n z ni i n i st e r v, R h e i n b a b e n be- gründet sehr eingehend die ablehnende Haltung der Regierung zu dieser Steuer lvegen steuertechnischer Schwierigkeiten und sozialer Rücksichten. Die letzteren Rücksichten sind hervorgegangen aus den Erfahrungen, die man in Preußen in den 6(>er und 70er Jahren mit der alten Klassenstcuer gemacht hat, wo die Eintreibungen von den Zensiten der untersten Klassen mit Einkommen von 420— lXX) M. mehr Kosten ver- ursachten, wie die Steuer brachte, und in den Städten mit industrieller Bevölkerung wurden die Zensiten überhaupt nicht ge- inuden, so daß die Zwangsvollstreckung gegen diese gar nicht ver- sucht werden lonnte. Hinzu komme noch das Bedenken, daß wenn der Sohn des Reichen auf ein ärztliches Attest freikomme, bei dem diensttauglichen Armen das Gefühl erwecken.müsse, der Reiche hat seinen Sohn sreigekanft. Auf die Erfahrungen anderer Länder über- gehend, kommt der Minister zu dem Resultat, daß der Reinertrag der vorgeschlagenen Steuer in keinem Verhältnis zu den Auf- Wendungen für die Durchführung stehe, weshalb er zu demselben Schluß komme wie der Schatzsekretär. Der Nationalliberale Dr, Becker glaubt alle Bedenken gegen eine Wehrsteuer spielend lösen zu können. Seitens der Regierung werde heute der Antrag mit derselben Wärme belämpft, mit der er 1881 verleidigt sei. Die Zensiten zu finden, sei heute nicht mehr so schwierig wie' in den 70er Jahren, heute haben wir die Versichernngs- gesetzgebung und jeder nichtdienstfähig befundene Ganz- oder H a l b k r ü p p e l kann auf Grund seiner Invalidenrente sehr leicht ermittelt und vom Exekutor gepfändet werden. Es könne eine Grundtaxe festgesetzt usid dann Zuschläge vom Einkommen von 1000 M. an erhoben werden. Genug, der Wunderdoltor operiert alle Schwierigkeiten, auch nachdem das von ihm behandelte Kind zu Tode gekommen war, Nach dieser nationalliberalen Glanzleistung wurde die Debatte bis auf heute vertagt._ Wasscrfrage in Südwestafrika, Biwenverschwöruiig» der entwischte Häuptling Cornelius; Sterblichkeit in den Kolouir», Prügelstrafe aus den Marschallinscln. In der gestrigen Sitzung der Budgelkommission machte der Oberst V. D e i m l i n g zur Begründung einer Forderung von 300 000 M. zur Unterhaltung von 15 Bohrkolonnen zwecks Bohrungen nach Wasser über die Wasserverhältnisse in Südwestafrika folgende Aus- führungen: Rur drei Flüsse, einer im Süden und zwei im Norden, führen dauenid Wasser; alle übrigen nur wenige Tage zur Regenzeit, wo sie zu gewaltigen Strömen anschwellen. Das Regenwasser ver« schwinde sehr schnell in die Erde und fließe unterirdisch weiter. Wasser sei in sogen. Lehmpfannen vorhanden, wo eS sich monatelang hält, ferner in natürlichen Wasserstellen, und in 4—8 Meter tiefen Wasserlöchern, die von den Eingeborenen, gegraben werde». Manchmal müsse allerdings 40— 00 Kilometer marschiert werden bis sich wieder eine Wasserstelle findet. Mit Bohrungen jedoch werde reichlich Wasser gefunden werden, wie auch die Engländer in der Kapkolonie 1550 Bohrlöcher angelegt hoben, wobei sie allerdings manchmal 200—300 Fuß tief bohren mußten. Wasserbohrungen und Eisenbahnbauten, meinte der Oberst, würden die Kolonien so ent» wickeln, daß der Reichstag seine Freude daran haben werde. Abg. v, Riepen Hausen beklagte sich über den„Vorwärts", der die W ü n s ch e l r u t e- D e b a t t e in der Kommission l ä ch e r» l i ch gemacht habe.— Ist dem Abgeordneten v, Riepenhauscu noch immer nicht erfindlich, daß nicht der„Vorwärts" die Debatte, sondern daß die Herren Wünschelrute-Gläubigen sich selbst lächerlich gemacht haben? Der Reichszuschuß ist fiir das kommende Etatsiahr auf 100,9 Millionen veranschlagt, das sind 23 Millionen mehr als im Vorjahre. Abg. Ledebour verlangte Aus- kunft über die seinerzeit gemeldete Burenverschwörung, da inzwischen eine Anzahl Buren verurteilt, nach Deutschland trans- portiert und in Harburg inhaftiert worden sind. Die Antwort soll im Plenum deS Reichsiages gegeben werden. Prinz von Hohenlohe gab ein Telegramm aus Süd- westaftika bekannt, daß der Häuptling Cornelius, dessen Gefangennahme vorgestern amtlich gemeldet wurde, wieder ent» wischt ist. C, schützte vor. die anderen Häuptlinge auch zur Unterwerfung überreden zu wollen, guig fort und ist nicht mehr gesehen worden. Im Etat für Neu-Guinea werden 10 000 M, zur Unterstützung von Ansiedlern gefordert. Abgeordneter Ledebour verlangte Auskunst. ob mit dieser Summe Farmer unterstützt werden sollen, die Queensland ver- lassen haben, weil durch die Gesetzgebung die Beschästignng von Kulis verboten worden ist, während in Neu-Guinea derarttge Gesetzesbestimmungen nicht bestehen. Ein Geheimrat gab zu, daß die Farmer aus Queensland gekommen sind, dieses Land aber nicht der Kulistage wegen verlassen' haben wollen. Ein Antrag Ledebour, die verlangten 10 000 M, zu streichen, wurde abgelehnt. Die Forderung für den Bau eines Postgebäudes in Swakopmund führte zu einer Debatte, bei der verlangt wurde, mehr verheiratete Beamte in den Kolonien zu stationieren, Staatssekretär Kra etke machte dabei die Mitteilung, daß von den weißen Frauen rn den Kolonien 00 Pro z. krank werden, also in diesem Prozentsatz dem Klima nicht gewachsen sind. Und trotzdem propagieren Regierung und Kolonialpatrioten die Einwanderung weißer Männer und Frauen nach Südwestafrika.— Beim Etat für die Karolinen- und Marschallinseln brachte Abg, Erzberger zur Sprache, daß der Landeshauptmann Brandeis(Marschallinseln) die Prügel st rafe anwende, darüber aber keine Strafliste führen lasse, um diese gesetzlich imzuläsfige Strafe zu vertuschen. Als sein Sekretär Kühn diesen Zustand zur Anzeige brachte, einließ Brandeis den Kühn und schickte ihn in die Heimat, wo er jedoch wieder ange- stellt wurde, angeblich weil man fürchtete, K. könnte sonst Unan» genehmes ausplaudern. Gcheimrat Rose gab zu. daß Brandeis prügeln lasse, aber—— ohne Brutalität. Wenn der Geprügelte Hot Schmerz aufschreie— dann werde mit Prügeln aufgehört. <�r müsse auch zugeben, daß im StrafverzcichniS die Prügelstrafe nicht enthalten sei: aber ohne Prügel sei c i n f a ch n i ch t a u s z u k o m in e n. Kühn sei wieder angestellt, weil der oon ihm gegen den Fiskus angestrengte Prozeß wegen Gehaltszahlung zu- Ungunsten des Fiskus ausgefallen wäre. Enthüllungen habe die Re- gierung nicht zu fürchten gehabt. Durch Verordnung sei be- stimmt worden, daß bis zehn Hiebe verabreicht werden dürfen. Diese Verordnung ist, wie Abg. Südekum betonte, ungesetzlich und müsse rückgängig gemacht und über ihren Urheber genaue Ans- kunft gegeben werden. Wie die Prügelstrafe auf die Eingeborenen wirkt, betontÄvg. Erzb erger an der Hand eines Bericht des Generalkonsuls Knappe, der einer Prügelexekution auf den Marschallinseln bei- gewohnt hat. Die Wirkung sei eine ganz abscheuliche gewesen; die Eingeborene» wurden in höchste Erregung versetzt und nur der zn- fälligen Anwesenheit eincS deutschen Geschwaders war cS zu danken, daß nicht sofort ein Aufstand ausgebrochen ist.— Diese Angelegen- heit wird noch in, Plenum des Neichstages zu einer scharfen Aus- einandersetzung führen._ Die Prüfung der Wahl Hvltz. Im Wahlkreise Schw etz, Regierungsbezirk Marienwerder, wurden bei der Hauptwahl für den Pole» v. Saß-Jaworski 7091, für den Konservativen Holtz 7025. für den Sozialdemokralen 99 Stimmen abgegeben. Bei der Stichwahl erhielt Holtz 7399, v. Saß-Jalvorski 7213 Stimmen. Gegen die Wahl ist Protest erhoben worden. Die Wahlprüfungskommission beschloß, Beweiserhebung über mehrere Punkte zu beantragen. Es sind dies folgende: Im Wahlbezirk Dulzig find 16 Stimm- zettel für ungültig erklärt worden, weil der Wahlvorsteher diese zur Kontrollierung der betreffenden Wähler an seinen Körper gedrückt und durch einen verborgenen Gegen- stand durchlocht hatte. Durch Gerichtsurteil ist der Betreffende mit 2 Monaten Gefängnis bestraft worden. Ein ferner für erheblich erachteter Punkt bezieht sich auf den Wahlbezirk Liechowo. Dort haben 29 Wähler sich gemeldet, die v. Saß-Jaworski gewählt haben wollen, obgleich nur 26 Stimmen als für denselben abgegeben bezeichnet worden sind. Der dritte erhebliche Protestpunkt bezieht sich auf die Wahl in L a s k o w i tz. Dort soll an der Bahn bc- schäfligten Arbeitern durch den Bahnmeister Eugelskirchen befohlen worden sein, Stimmzettel für Holtz abzugeben, auf dem �der Name einer Persönlichkeit gestrichen und darüber der Name Holtz geschrieben war. Ein Gegenprotest liegt vor, der in der nächsten Sitzung beraten werden soll. Huq Induftric und Handel. Bittere Pillen sind eS, die die agrarisch-zcntrümisch, fchars- macherisch gestützte Hochschutzzollpolitik der beut! che» Industrie und dem deutschen Handel zu schlucken gibt. Läßt sich eine größere Ironie denken, als die augenblickliche Situation? Agrarier und Industrie- feudale schwatzten den übrigen Interessenten vor, der Zolltarif sei ein Rüstzeug gegen Amerika. Die Waffe sollte gebraucht werden, um dem deutschen Export nach den Vereinigte» Staate» große Er- leichterungen zu bringen. Und nun? In de» bisbcr abgelchlosfenen Handelsverträgen hat das Ausland die Erhöhung der deutschen Ein- gangszölle aus Getreide bcaulwortet durch Heraufsetzung der eigenen Zölle auf Jndnstrieprodukte. Die deutsche Industrie muß die Beute bezahlen, die unsere Agrarier heimbringe». Dazu müssen Industrie und Handel noch froh sein, die amerikanischen Zölle in alter Höhe weiter tragen zu dürfen, den» als glücklichster Ausweg aus der Situation, in die der neue deutsche Zolltarif uns gebracht hat, ist die Zustimmung zu einem Provisorium zu betrachten, das Amerika alle Vergünstigungen gewährt, die wir Vertrngsslaatcn eiuräumten, während die amerikanischen Zölle bestehen bleiben. Stinnut Deutschland dem Provisorium nicht zu, dann koinint es zu einem Zollkriege, in dem Amerika lediglich mit den Mnximalzöllen für Getreide zu rechnen hat, denn unsere autonomen Jndustriezölle kommen für die Vereinigten Staaten nicht allzusehr in Betracht. Anders liegt die Sache siir Deutschland. Rohbaumwolle und Kupfer müssen wir noch von Amerika kaufen, unseren Export von Industrie- artikeln nach dort ivürde man dagegen durch Höhcrziehen der Schutzzollmauer vollständig unterbinden, mindestens auf ein Minimum beschränken. Und das ist des Schicksals Hohn: die Agrarier lassen nichts unversucht, der deutschen Industrie zu den Schäden, die sie ihr bereits zugefügt, auch noch den Zollkrieg auf den Hals zu laden, lediglich in Befriedigung des habgierigen Strebens, durch die Wirkung der Getreidcmaximalzölle den deutschen Konsumenten noch etliche Millionen Mark mehr aus den Taschen zu holen, als bei geregelten Haudelsverhältnisseii auf Grundlage der Minimalzölle ohnehin schon möglich ist. So lohnen die Agrarier die ihnen in den Schoß gelvorfenen Geschenke. Und die Vertretungen des Handels, die jetzt über agrarische Begehrlichkeit lanientiercn, die nun wie betrübte Lohgerber den sortschwimmenden Fellen»ach- schauen, erinnern sich dabei wohl, daß die Agrarier die Einheimsung des Zollraubes nicht zuletzt dem berufeneu Vertreter des Handels— Eugen Richter— mit zu danken haben, lind eS inutel wie eine Satire an, wenn nun der Handelsvertragövercin in einer Resolution zugunsten des Provisoriums mit Amerika sagt: Ter„Entwurf eines Gesetzes betreffend die Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika" liefert den unwiderleg- licheu Beweis dafür, daß die Handelspolitik der letzten Jahre per- fehlt war. Der neue deutsche Zolltarif, der in erster Linie als Rüstzeug gegen Amerika der deutschen Industrie aufgedrängt ist, hat keine der auf ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Von den im Interesse der deutschen Ausfuhr dringend erforderlichen Zoll ermäßigungen und Erleichterungen der Zollabfertigung ist mchts erreicht. Heute bildet das Provisorium den einzigen Ausweg aus ver- hängniSvoller Lage. Wir bitten daher den Reichstag, ihm zu- zustimmen, da es unser Wirtschaftsleben vor schweren Erschütterungen bewahrt und für eine künftige bessere Regelung mehr Aussicht bietet als ein Zollkouflikt. Voraussetzung einer den wahren Interessen Deutschlands entsprechenden Regelung der Handelsbeziehungen zu den Ver- einigten Staaten ist die Umkehr unserer eigenen Zollpolitik. Ihre Herbeiführung ist in erster Linie Sache der deutschen Kaufmaunschafl selbst. Möge sie sich dessen bewußt werden und den Kampf zur Erreichung dieses Zieles mit aller Energie unter- stützen." Solche„Ziclklarheit", solcher„Kampfesmut" reizen zum— Lachen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß derselbe Handels- vertragSverein, der nun als Kämpfer gegen die Schutzzöllnerei auf die Schanzen steigt, erst vor wenigen Wochen einen' innigen Bund schloß mit dem Zentralvcrbande der Industriellen, jener politisch einflußreichen Gesellschaft, die als Hülfstruppe der Agrarier bei den Zollräubereien hervorragend mitwirkte. Ohne Hülfe des Zentralverbandes hätten die Junker den Zoll- tarif nicht in Sicherheit bringen können. Da wirkt eS noch etwas mehr als grotesk, wenn eine mit jener Clique Versippte Gesellschaft als Kapitolswächterin Handel und Industrie zum Kampfe aufruft. Der Verfall, die wirtschaftspolitische Rück- släudigkcit und Rückgratlosigkeit des deutschen Bürgertums kann gar nicht besser gekennzeichnet werden, als durch solche Verhältnisse. Ohne den Widerstand, den das Junkertum in der klassenbewußten Arbeiterschaft findet, würde das Bürgertum von der Junkersippe einfach an die Wand gedrückt, daß es quietschte, und solche Gesell- schaff protzt noch mit seiner politischen Macht, ohne welche angeblich die Arbeiterschaft gegen die Reaktion machtlos sei. Umgekehrt wird ein Swuh daraus: Nur durch die politische Betätigung der Arbeiterschaft, deren Interesse unter den obwaltenden Verhältnissen teilweise mit dem des Bürgertum? zusammenfällt, hat dieses noch einen Schein von wirklicher Bedeutung konservieren können. Es wäre für die politische und wirtschaftliche Entwickelung ein Vorteil, wenn die Mumie, die man politisches Bürgertum nennt, bald von der zusammenhaltenden Bandage befreit würde— das Häuflein verbleibender Asche wäre bald spurlos in alle Winde zerstreut. Italiens Außenhandel im Jahre 1905. Der italienische Außenhandel ist im Jahre 1905 gegenüber dem Vorjahre um rund 275 Millionen gestiegen. Der Wert der eingeführten Waren bclief sich auf 2 078 369 953 Lire init einer Erhöhung von 161 645 275 Lire; der der ausgeführten auf 1707.368 145, mit einem Zuwachs von 110148 446 gegenüber dem Vorjahre. Die Werte für Einfuhr und Ausfuhr sind noch nicht die endgültigen, da man vorläufig die Preise von 1904 auch für die Waren des Jahres 1905 eingesetzt hat. Fast ein Drittel des gesamten Zuwachses ist durch die Getreideeinfuhr gegeben. Da das wacbscnde Bedürfnis nach Getreide im Jahre 1905 nicht durch eine Mißernte veranlaßt ist, sondern durch den wachsenden inneren Konsum, ist es auch ein erfreuliches Zeichen für den wachsenden Wohlstand. Auch industrielle Rohstoffe und Produktionsmaterial stellen einen beträchtlichen Anteil zur Vermehrung der Einfuhr, so die SeidenkokonS und Rohseide(27,/2 Millionen mehr als im Vorjahre), die Baumwolle H- 15s/z Millionen). Eisenabfälle H- 2,2 Millionen), Steinkohle(-|- 12,6 Millionen), Kupfer {-(- 3,4 Millionen), Maschinen 17,8 Millionen) und gesägtes Holz (-ff 5,5 Millionen). Zwei Drittel des Zuwachses der ausgeführten Waren fällt in die Rubrik der Seidenwaren, aber auch die landwirtschaftlichen Produkte haben einen nicht unbeträchtlichen Teil an der Verinehrung, so z. B. die Mandeln mit-f- 14,5 Millionen, die Eier mit 12,4, Butter und Käse mit 6,2, Reis mit 4,5, getrocknete Früchte mit 3,4 Millionen usw. Zurückgegangen ist die Ausfuhr au Ocl (— 13,7 Millionen), an Hanf(— 6,7), an Wein in Fässern(— 6) und an Orangen und Zitronen(— 8). Während in der Einfuhr die fcrsigen Jnduslrieartikel stationär geblieben sind, haben sie in der Ausfuhr ganz ansehnlich zugenommen, so z. B. die Seidengewebe um 4,2 Millionen, die Fässer um 3,3, die Filzhiite um 2,7, die Automobile um 2,5, die Teigwaren um 1,9, die Wollgewebe um 1,4, die Horn- und Knochenwaren um 1,2 und die Guinmiwaren um 1,1 Millionen. Auch der Austausch der Edelmetalle ergibt Zahlen, die die günstigsten Schlüsse für das italienische Wirtschaftsleben zulassen. Der Auffichtsrat der Dortmunder hat zu der Forderung der Er- höhung des Aktienkapitals um 6 Millionen Mark, wo, über die nächste Generalversammlung Beschluß fassen soll, eine Begründung heraus- gegeben, in der es heißt: «Wir haben daher seit längerer Zeit auf Grund sorgfältiger und eingehender Vorarbeiten die Kosten der Neuanlagen erinitielt, durch deren Ausführung sich ein alsbaldiges besseres finanzielles Ergebnis nachweisen läßt. Wenn wir uns hierbei, um unsere Mittel nicht ühermäßig in Anspruch zu nehmen, auch vielfach Be- schränkungen unterwerfen mußten, so sind wir doch zu der lieber- zeugung gekommen, daß sich das aufzuwendende Kapital nicht nur lelbst gut verzinsen, sondern auch wesentlich dazu bei- tragen wird, dem übrigen Aktienkapital eine bessere Rente zu sichern und die noch vorhandenen schwebenden Schulden herab- zumindern." Solche Zusagen sind bei allen voraufgegangenen Kapitals- erhöhunge» gemacht worden, aber noch jedesmal erwies sich die Union als Sumpf, in dem die Millionen spurlos verschwanden. DaS langt! Der Rheinisch-Nasiauische Bergwerks- und Hütten verein erzielte im abgelaufenen Geschäftsjahre einen Reingewinn von 2 433 793 M., gegen 2 172 057 M. im Vorjahre. Die Aktionäre erhalten 24 Proz. Dividende.— Die Aktiengesellschaft Schriftgießerei u. Maschinenbau in Offeubach schüttet diesmal 8 Proz. Dividende aus, 2 Proz, mehr wie für das Jahr 1904.— Die Gerresheimer Glas� Hüttenwerke vorm. F. Heye brachten einen Reingewinn von 1 404 453 M. heraus. Die Dividende beträgt 7*/$ Proz. und 125 514 M. fließen in die Taschen der Aufsichtsräte. Da die Tan siemen im vorigen Jahre„nur" 65 816 M, betrug, erfreuen sich die Herrschasten einer respektablen Teuerungszulage. Ob die Löhne der Arbeiter auch um zirka 100 Proz. gestiegen sind? Anteil des Lohnes am Erlös. Bei der Argumentation gegen Forderungen der Bergarbeiter wird von dem Werksvertreter der Anteil des Lohnes am Erlöse auf 50 bis 60 Proz. angegeben. Daß es sich bei solchen Angaben um Rechenkunststücke handelt, beweist die Abrechnung der Gewerkschaft König Ludwig pro Januar 1906, Die erzielte Einnahme beziffert sich auf 1 135 888 M„ die_ Summe der gezahlten Löhne einschließlich Branchen- gehälter aus 467 265,26 M. Berücksichtigt man die Verminderung des Kohlenbestandes der Gesellschaft— um 1400 Tonnen—, dann ergibt sich, daß der Lohnanteil nur rund 42 Proz. vom Erlös aus- macht. Andere Ergebnisse findet man, wenn die ganze Lohnsumme einschließlich der Beamteugchälter einfach aus die Kohlenförderung verrechnet wird, ohne Berücksichtigung der Koksprodnktion und sonstiger Nebengewinnung. Solche Berechnungen sind aber nur darauf angelegt, die öffentliche Meinung irre zu führen. Serickts-Leitung. Beleidigende Form einer Mahnung. Die Geschäftspraktiken eines Schuldencinziehungsbureaus lagen einer Anklage wegen Be- leidigung des Amtsrichters Dr. L. zugrunde, welche gestern den Kaufmann Georg Wenderoth vor das Schöffengericht I führte. Der Angeklagte ist Inhaber der„Internationalen Auskunftei und des Detektiv- und Schuldeneinziehungs-Bureaus Rhcnania". Dieses Institut arbeitet in der Weise, daß es von säumigen Zahlern mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln die Schuld- summen einzieht, Arrangements trifft oder Ratenzahlungen mit den Gläubigern vereinbart.— Vor mehreren Jahren kaufte der Amtsrichter Dr. L. bei einer hiesigen Firma eine kleine Statuette, die er jedoch wieder zurücksandte, weil sie nicht den beim Kauf gestellten Bedingungen entsprach. Die Firma nahm die Figur wieder zurück und alles schien erledigt zu sein. Um so erstaunter war der inzwischen nach einem Städtchen in Mecklenburg versetzte Amtsrichter als er eines Tages von dem Institute„Rhenania" einen Brie/ in knallrotem Umschlag erhielt, in welchem er auf- gefordert wurde, die Statuette zu bezahlen. Herr Dr. L. reagierte natürlich gar nicht hierauf. Das Institut„Rhenania" schien des- halb zu schärferen Mitteln Zuflucht zu nehmen. Eines Tages traf in dem kleinen Städtchen eine knallrote auffällige Karte ein, auf deren Kopf in großen Buchstaben nur das Wort„Schulden- einziehungs-Bureau" stand. Auf der Rückseite wurde an ein an- geblich gegebenes Versprechen erinnert und um Erledigung in drei Tagen gebeten. Herr Dr. L. stellte wegen dieser beleidigenden Mahnungen Strafantrag.— Der Gerichtshof erkannte auf 50 Mark Geldstrafe. Eisenbahnunglück. Von einem Zuge zermalmt wurde am 24. Oktober v. I. ein Mann namens Hermann Günterbcrg aus Werneuchen, als er gegen 6 Uhr früh dicht beim Bahnhof Ahrensfelde der Nebenbahnstrecke Berlin— Werneuchen mit einem Handwagen auf dem Wegübergang den Bahnkörper kreuzen wollte. Er mußte denken, daß die Strecke frei war, da die Schranken offen waren. In demselben Augenblick brauste aber ein um 5 Uhr 58 Minuten von Station Blumenberg nach Ahrensfelde abgelassener Zug heran. G. wurde mit seinem Handwagen von der Lokomotive gefaßt und zermalmt. Er wurde als Leiche von der Unfallstätte fortgetragen. Die Schuld an diesem Unglücksfall wurde dem Hülfs- Weichensteller Gustav G l a e s e r aufgebürdet, der sich deshalb gestern vor der fünften Strafkammer des Landgerichts II zu verantworten hatte. Er hatte an jenem Tage pünktlich um 6 Uhr morgens einen anderen Hülfsweichensteller, der während der Nacht den Dienst zu versehen hatte, abzulösen. Er hätte, wie die An» klage behauptet, bei seiner Kenntnis von dem Fahrplan sofort nach Dicnstübernahme sich zu dem Ucbergange begeben müssen, um die Schranken zu schließen. Der Angeklagte soll dagegen zuerst noch auf dem Bahnsteige geblieben sein und einem Postboten, der einen Briefkasten zu öffnen hatte, mit der Laterne geleuchtet haben. Er habe dann plötzlich den Zug herankommen gesehen und trotz Beschleunigung seiner Schritte sei es. ihm nicht mehr möglich gewesen, noch rechtzeitig die Schranken zu erreichen.— Nach sehr umfangreicher Beweisaufnahme beantragte der Staats- an Walt vier Monate Gefängnis,— Der Verteidiger bestritt, daß das Unglück durch eine Fahrlässigkeit des Angeklagten verschuldet sei. Eine Verpflichtung, sich sofort nach dem Bahn- Übergang zu begeben, habe für ihn nicht bestanden und selbst wenn eS der Fall wäre, würde dadurch das Unglück nicht verhindert worden sein, da der Zug die kritische Stelle 2— 3 Minuten zu früh passiert habe.— Der Gerichtshof erkannte auf Frei- s p r e ch u n g des Angeklagten. Die Gefahr zu hoher Borschiijse. In einer Verhandlung deS hiesigen Kaufmannsgcricht am Dienstag, die der Lackfabrikant Sigmund Lewin gegen einen seiner früheren Angestellten an- gestrengt, trat wieder einmal grell zutage, daß Angestellte dadurch in Abhängigkeit geraten, wenn sie zu viel und zu hohe Vorschüsse sich bewilligen lassen, deren Zurückzahlung die so großmütig Be- dachten nach Lage ihres Einkommens nicht vorzunehmen vermögen. Erst wenn sie von ihrem Chef sich freimachen möchten, sehen sie, daß sie ein Danaergeschenk erhielten. Als der Beklagte, der Reisende W,, in ein Konkurrenzgeschäft eintrat, begann der Kläger die Vorschüsse, die 1584 M. betragen haben sollen, zurückzuverlangen. Kläger klagte nicht den ganzen Restbetrag auf einmal, sondern in drei verschiedenen Klagen nacheinander ein. Der Vorsitzende bemühte sich, den Beklagten zu einem Vergleich zu ver- anlassen, und es war auch schon eine Einigung darüber erzielt. daß Beklagter monatlich 20 M. abzahlt; als der Kläger, während der Gerichtsschreiber den üblichen Passus:„Parteien entsagen allen weiteren Ansprüchen aus ihrem bisherigen Rechtsverhältnis" vor- las, erregt rief:„Nein, das unterschreibe ich nicht!"—„Na. was wollen Sie denn nun noch vom Kläger?", fragte verwundert der Vorsitzende, wollen Sie denn etwa noch eine vierte Klage gegen ihn anstrengen?"—„Das hängt von seinem weiteren Verhalten ab," erwiderte der Lackfabrikant. Das Kaufmannsgericht faßte nach längerer Beratung den Be- schlnß, durch zwei Sachverständige begutachten zu lassen. ob Kläger dem Beklagten tatsächlich 1534 M. Vorschuß geq geben habe. Beretn der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins und Umgegend. Abteilung IVa. Sonntag, den 25. Februar, nachmittag? '1,3 Uhr: Abtcilungsversammlung bei Giehniann, Fricdenstr. 36, am Lands- berger Platz, Vortrag des Kollegen Karl Lüpnitz, Sozialdemokratischer Lese- und Disrntierklnb«Borwürts«. teutc abend 81/, Uhr bei Patt, Dragonerstr, 15: AgitationSvcrsammlung. ortrag des Genossen Tarnow über:„BildungSbeftrebungen im Proletariat". Diskulston. Der„Berliner Konsumverein" hält heute, den 23, Februar, abends 81/, Uhr, im großen Saale des GewerrfchastShauscS eine öffentliche Ver- sammlnng ab, in der Genosse M, Hoppe, Vertreter der Großeinkaufs- gesellschast deutscher Konsumvereine(Hamburg) über„Verfälschungen von Waren in der LcbenSmittclbranche und deren Bekämpfung durch die Konsumvereine" sprechen wird. Näheres siehe Inserat. LriefKaften der RcdahÜon. Heilstätte B. 1. Natürlich muß cS„ihren" heißen. Wasterftand am 21, Februar, Elbe bei Aulflg-I- 0,26 Meter, f>t\ Dresden— 1,17 Meter, bei Magdeburg-si 1,33 Meter,— U u ft r u t bei Etrallßftirt-p 1,80 Meter,— O d c r bei Natibor-si 1,29 Meter, bei 4h eMail Oberpcgcl+ 4,98 Meter, bei Breslau Uutcrpcgcl—1,20 Meter, bei Franttiirt-si 1,34 Meter,— Weichsel bei Brahemünde 4- 2,84 Meter,— Warthe bei Posen si. i gq Meter.— Netze bei Usch-j- 1,29 Meter. 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Allen Freunden hiermit die traurige Nachricht, dast am Diens. tag, den 20. d. M. meine ließe Frau Pauline Lehmann geb. BieSnak nach längeren Leiden verstorben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 25. Februar, nach- mittags 2 Uhr von der Leichen- halle des Schöneberger Kirchhoses in der Maxstraße aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Oer trauernde Gatte Gustav l/Chmann(Putzer) nebst Kindern. 215L Dattkfagnug. Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Krüger sage ich hiermit allen Verivandten, insbesondere seinem Ches und Kollegen soivie dem Deutscheu Holzarbeiter- verband meinen innigsten Dank. 2l3L Frun Wwe. Min na Kr Heer. Danksagune- Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes und VaterS, sagen wir allen, ins- besondere den Genossen des Wahl- Vereins, den Kollegen vom Bau- arbeiterverband und dem Gesang- verein unsere» ausrichtigslen Dank. Witwe Emma Neufert nebst Tochter. Orts- Kraukenkasse der Steindrucker und Lithographen. ITroltag, den S. Jlttrz er., abends T1/, Uhr, findet im Restaurant„Zum Schul- tßeifj", Brückenstratze 6b die Wahl von 276 Vertretern der Arbeitgeber statt. Wahlberechtigt sind die Arbeit- aeber, welche für von ihnen beschäs- tigten Personen Beiträge aus eigenen Mitteln zur unterzeichneten Kasse zahlen(§ 49 des Statuts). Der Wahl- akt beginnt um 8 Uhr und wird um 9 Uhr geschlossen. 2966b vor Verstand. I. A.: Ha» Stuhlmann, Vorsitzender. Heraus ans Kirche und Tempel als einzig wirksamen Keckst M« te SchcktlMmgsgkskh! Formulare zur Anmeldung des Austritts in allen mit Plakaten belegten Ausgabestellen unentgeltlich. DS" Zur Beachtung!"WE Austritt a«S Kirche und Tempel! Protest gegen das BcrpfaffungS-Schulgesetz Wer vor vier Wochen seinen Kirche» austritt angemeldet hat, versäume nicht, innerhalb der nächsten 14 Tage vor Gericht persönlich zu erscheinen.(Niemand lasse sich durch Vorstellungen einschüchtern, daß der Austritt Schädigungen verschiedener Art herbeiführen kann.) Später darf es nicht geschehen, aber Gerichtskosten wegen Versäumnis des Termins sind doch z« zahlen. Der Agitationsausschuß der Freireligiösen Gemeinde zu Berlin. 62/8» I. A.: A. Hoffinann, Blumenstr. 14. New-Departure-Freilauf-Bremsnabe Die beste der Welt Engros-Tertrleb Millionen im Gebrauch Romain Talböt, Berlin S. Erhältlich in jeder besseren Fahrradnandlnng. Jedes Wort: atJ IS Buchstäben zahlen doppelt •MiÜ t�Ieine ßnzesgen. M zählen dopptLt dB** r Strasse t Verkäufe. Gardine», Stoves, Bettdecken, enorm billtq. Reste 1 Bis 3 Fenster Extraermäsiigung. 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Schweidnitzerstt. 6 und 7, und Bau Kramer, Erossenerstt. 27; von Tischlerei Angrick. Heizkörper- Verkleidung nach folgenden Bauten: Bau 8ehmldt. Halens«, Joachnn- Friedrilbstt., EckeHalberstädter, Bau Albrscht. Eharlottenburg, Gtefebrechistt. 13, Bau Thsising, Taubensttasse» Ecke Markgrafensttasse, Bau V/alter, Schöneberg, Grüne- waldsttasse 91. Bau K/Ipperiing, Schöneberg, Eise- uachersttasse 89; und Tischlern von EberS Möbel- tischleret, Manteuffeiftrasse 22, und von Parkettbodenlegern vom Bau Schossow, Giesebrechtstr. 12. l»ie Ortsvcrwaltaa,*. a Nr. 43. 23. Iahrgaug. 2. Icilnot des Jotniiitts" Kerlim lotMIntt. Freitllg, 23. Ftbrmr 1906. Heimarbeit-Ausstellung. Schuhwaren-Industrie. Die maschinelle Herstellung von Schuhen und Stiefeln hat zwar in der Neuzeit eine früher nicht geahnte Vollkommenheit und damit auch eine erhebliche Ausdehnung erfahren, doch ist auch die Heim- arbeit in der Schuhindustrie noch weit verbreitet. Zum Teil handelt es fich bei den durch Heimarberl angefertigten Schuhwaren um solche Produkte, die wohl mit der Maschine hergestellt werden könnten, die aber um deswillen noch in der Hausindustrie verblieben sind, weil sie hier billiger hergestellt werden als durch die kostspieligen Maschinen möglich wäre. Andererseits werden aber auch Teilarbeiten an maschinellen Erzeugnissen der Schuhindustrie von Heimarbeitern ausgeführt, und endlich ist es— namentlich in Berlin— die feinste und teuerste Maßarbeit, die fast ausschließlich von Heimarbeitern hergestellt wird. Die Ausstellung gestattet einen interessanten Einblick in fast alle Zweige der heimarbeitenden Schuhmacher. Durch ihr elegantes Aus- sehen fallen hier besonders auf: die sorgsam unter Glas verwahrten feinen Ball schuhe aus Seide, Goldbrokat, Glaceleder usw., ebenso die eleganten lackledernen Husarenoffiziers st iefel, die gelben Reiteroffiziers, st iefel und andere Produkte der vorhin erwähnten feinen Matzarbeit. Solche erstklassige Maßarbeit wird geliefert von den in der Fricdrichstadt zu Berlin domizilierenden Geschäften, deren Kundschaft den feinsten und zahlungsfähigsten Kreisen der ReichShauptstadt angehört. Die Arbeiter, welche diese eleganten Schuhe und Stiefel für die aristokratische Gesellschaft an- fertigen. Hausen in elenden Hofwohnungen. Der Inhaber einer solchen Wohnung vermietet— um die teure Wohnungsmiete er- schwingen zu können— Schlafstellen nebst Arbeitsplätzen an andere Kollegen. So sitzen denn tagsüber drei bis vier heim- arbeitende Schuhmacher in solcher Stube, die ihnen für die Nacht auch als Schlafstelle dient. In solchen Winkeln großstädtischer Hinterhäuser wird das feinste Schuhwerk angefertigt, dessen Ausführung die größte Sorgfalt und Geschicklichkeit erfordert. die nur von den tüchtigsten Arbeitern des Faches ausgeführt werden. Die Herren und Damen, die mit den Schuhen der Friedrichstädter Maßgeschäfte Staat machen, müssen dafür horrende Preise bezahlen. Was aber verdienen die äußerst geschickten Schuhmacher, die diese elegante Arbeit anfertigen? Nach einer Erhebung, die der Zentral- verband der Schuhmacher im Jahre 1902 vornahm, erzielten von den Friedrichstädter Maßardeitern einen Wochenverdienst bis 15 M. 4S Personen, 15—20 M. 106 Personen, 20—25 M. 127 Personen. über 25 M. 25 Personen. Der durchschnittliche Wochcnvcrdirnst be- trug somit 19,60 M. Die Industrie der Ball- Zund Salonschuhe, sowie der leichten, eleganten Straßen- und Promenaden stiefeln hat ihren Sitz im Osten Berlins sowie in Dresden. Die Produkte dieses Industriezweiges find— wie die ausgestellten Gegenstände zeigen— sehr verschiedenartig in Form, Farbe und Ausführung. Die Löhne find auch in diesem Zweige der Heimindustrie so niedrig, daß sie in aar keinem Verhältnis zu der hocheleganten Arbeit stehen. Die ausgestellten feinsten Ballschuhe brachten Stundenlöhne von 30 bis höchstens 50 Pf. Die genngere Arbeit dieses Zweiges, die gewöhnlichen Stapelartikel, werden natürlich noch viel schlechter be zahlt, so daß nur besonders flotte Arbeiter dieser Branche einiger- maßen auskömmliche Löhne erzielen. Der Zentralverband der Schuhmacher hat auch für diese Branche im Jahre 1904 Erhebungen in Berlin vorgenommen und dabei folgende Wochenlöhne fest- gestellt: 59 Personen 18 M., 53 Personen 18—21 M., 32 Personen 21—24 M., 44 Personen 24—27 M., 15 Personen 27—30 M. Danach beträgt der durchschnittliche Wochcnlohn 21,24 M. Dabei ist aber zu berücksichtigen, daß meistens die Frau dem Manne bei der Arbeit hilft, und daß von dem Verdienst auch noch kleine Zutaten bezahlt werden müssen. Am traurigsten sind die Verhältnisse natürlich in den Zweigen und in denjenigen Gegenden, wo die Handarbeiter im aussichtslosen Konkurrenzkampf mit der maschinellen Produktion noch ein kümmerliches Dasein fristen. N a i l a im Frankenwald und Vetschau in der Niederlausttz sind zwei Orte, wo noch gewöhnliche Marktware mit der Hand angefertigt wird, obwohl dieser Zweig der Schuhmacherei von der mechanischen Großproduktion fast völlig erdrückt ist. Stunden- löhne von 13—19 Pf. sind an den Gegenständen verzeichnet, welche der Zentralverband der Schuhmacher aus den genannten Orten aus« gestellt hat.— Ein Industriezweig derselben Art scheint es zu sein, den der Verband christlicher Schuh- und Lederarbeiter durch seine Ausstellung veranschaulicht. Da sehen wir derbe Schuhe und schwere Stiefel, wie sie von den Arbeitern im rheinischen Industriegebiet getragen werden. Sie sind in der Gegend am Niederrhein angefertigt, in Cleve, in dem bekannten Wallfahrtsort Kevelaer, sowie in anderen Orten jener Gegend. Dort herrscht nicht mehr ausschließlich Hand- und Heimarbeit. 1000 Arbeiter sind in Schuh- fabriken, 1500 in der Hausindustrie beschäftigt, die aber in einer Reihe von niederrheinischen Orten ausschließlich betrieben wird. Die aus diesen Orten stammenden Ausstellungsgegenstände weisen Stunden- löhne von 11—22 Pf. auf. Der dnrchschnittlichc Wocheuverdicnst der heimarbeitenden Schuhmacher am Niederrhein beträgt nach An- gäbe des Verbandes christlicher Schuh- und Lederarbeiter 9—14 M. bei den schweren Artikeln, 15—20, höchstens 21 M. bei besseren Sachen. Dieser Verdienst kann aber nur erzielt werden, wenn die Familienangehörigen mitarbeiten, auch sind die Furnituren vom Arbeiter zu bezahlen. Die Handschuh-Jndustrie ist in der Ausstellung nur wenig vertreten, doch hat die Organisasion der Handschuhmacher eine Broschüre ausgelegt, welche die Ver- hältnisse dieses Arbeitszweiges übersichtlich darstellt. Etwa ein Fünftel aller Berufsangehörigen sind als Heimarbeiter beschäftigt. Die Akkordlöhne der Heimarbeiter sind durchweg niedriger als die in der Fabrik gezahlten. So müssen Handschuhinacher, die für einen schlesischen Fabrikanten arbeiten, das Dutzend für 1,50 bis 1,60 M. machen, das sind 60—70 Pf. weniger, als in der Fabrik desselben Unter- nehmcrs, und 1 M. weniger, als in norddeutschen Fabriken für dieselbe Arbeit bezahlt wird. Bei einem Arbeitsquantum von 10 Dutzend pro Woche verdient der Heimarbeiter demnach 5—6 bezw. 10 M. weniger als der Fabrikarbeiter. Durch ungeheuere Ausdehnung der Arbeitszeit sowie durch Heranziehung von Frau und Kindern sucht der Heimarbeiter seinen geringen Verdienst zu erhöhen. Der Organisation ist es in 36jähriger Tätigkeit gelungen, die Löhne der Arbeiter zu heben und der Verbreitung der Heimarbeit entgegenzuwirken. Bei der Herstellung von Handschuhen— hier kommen nur Glace- und Waschlederhandschuhe in Frage— herrscht eine weit- gehende Teilarbeit. Soweit es sich um Maschinennäherei und -Stepperei handelt, werden nur Arbeiterinnen, etwa 6000 in Deutsch- land, beschäftigt. Aber auch Handarbeiten, soweit nicht gelernte Handschuhmacher dazu nötig sind, werden von weiblichen Arbeits- krästen verrichtet, die 6—7, 10—15, bei besonders anstrengenden Arbeiten 20—30 Pf. pro Stunde verdienen. Die meisten Maschinen- Näherinnen verdienen pro Tag 1,20—1,40 M., davon haben sie aber Gani, Oel, Nadeln selbst zu kaufen. Der Verdienst der gelernten Handschuhmacher wird auf 2.50—3 M. pro Tag angegeben. Sattlerarbeite«. Der Verband der Sattler hat einige Erzeugnisse der Heimarbeit seines Berufszweiges ausgestellt. Sie stammen alle aus Görlitz. Da sind Schultoniister, für die Stundenlöhne erzielt wurden von 26, 15. 7i/z Ps., Markttaschen, die 12 Pf., Handtaschen für Damen, die 10 bis 11 Pf. und eine Frllhssiickstasche für Schulkinder, die 8 Pf. pro Stunde bringen. Portefcuillcsindustrie. Die Anfertigung von Lederwaren, als Portemonnais, Brief- taschen, Zigarrenetuis. Handtäschchen usw. gehört in diesen Industrie- zweig, der hauptsächlich in Berlin. Nürnberg. Frankfurt am Main und Offenb ach betrieben wird. Die Heimarbeit in der Portefeuillesindustrie wird selten als Nebenbeschäftigung be- trieben, denn sie erfordert gelernte Arbeiter. Vielfach herrscht die Unsitte, daß Arbeiter, die in der Fabrik beschäftigt sind, Arbeiten mit nach Hause nehmen, um sie Abends und Sonntags fertigzustellen. Der so erzielte Mehrverdienst der Arbeiter hat die Unternehmer veranlaßt, die Stücklöhne zu drücken. Nach Angabe des Portefeuiller-Verbandes sind auf diese Weise in den letzten Jahren viele Artikel um 30— 50 Proz. im Lohne herabgesetzt worden. In Offen bach stützt sich die PortefeuilleSindustrie fast ausschließlich auf Arbeiter aus ländlichen Gegenden, die sehr schwer für die gewerkschaftliche Organi- sation zu haben sind. Trotz aller Schwierigkeiten ist es aber dem Portefeuillersverbande gelungen, 70 Proz. der in dieser Industrie tätigen Heimarbeiter der Gewerkschaft zuzuführen. In der Portefcuillesindustrie sind 2117 Werkstatt- und 2021 Heimarbeiter beschäftigt. Das Verhältnis ist jedoch in den ver- schiedenen Orten ein verschiedenes. Es sind zum Teil sehr elegante Artikel, welche die Ausstellung vorführt, die aber nur in seltenen Fällen Stundenlöhne von 40 bis 45 Pf. bringen. Viel häufiger sehen wir Angaben von 30, 25, 20 Pf. und bei den geringeren Artikeln noch viel niedrigere Löhne. Das sind z. B. Bürstenctuis, die 12 Ps., Damengürtel. die 10—11 Pf., und Taschenspiegel, in Nürnberg augefertigt, die Stundenlöhne bis herab zu 5'/z Pf. einbrachten. Sehr elende Löhne lverden auch für Porte- monnais bezahlt. Der Portefeuillerverband führt in einer Flugschrift Beispiele aus dem Offenbacher Jndustriebezirk an. Ein Arbeiter verdient mit seiner Frau zusammen in zwölf- stündiger Arbeitszeit 2,40 bis 2,58 M.— Ein Arbeiter, in Offenbach ivohnhaft, arbeitet mit seiner Frau und vier Kindern in» Alter von 7— 11 Jahren zusammen. Die ganze Familie verdient in der Woche bei angestrengter Arbeit höchstens 12 M.— In Algau und Kälberau, nahe der bayerischen Grenze, wohnen Anschläger(sie bringen die Bügel und Schlösser an Portemonnaies ans, denen der Ossenbacher Fabrikant sämt- liche Zutaten zuschickt. Die Arbeiter haben die fertige Ware zu verpacken und sie nach bei» vom Fabrikanten gemachten Angaben direkt an dessen Abnehmer zu schicken. So er- spart der„geniale" Unternehmer nicht nur Transportkosten, sondern auch verschiedene Hülfsarbeiter, Packer, Hausdiener usw., denn deren Verrichtungen lverden ja von den Anschlägern mitbesorgt, welche die Waren l'/a Stunden weit auf einem Karren zur Bahnstation zu befördern haben. Diese Heimarbeiter, die zugleich Expedienten und Hausdiener des UnternehinerS sind, verdienen in der 7 0stündigen Arbeitswoche unter Mithülfe von Frau und Kindern etwa 10 M. Bon einein dieser Arbeiter berichtet die erwähnte Flugschrift, daß er zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern von 10 und 12 Jahrcir täglich 16 Stunden arbeitet und doch nur 7 M. in der Woche yerdient. Für den Inhalt der Jnieraee übernimmt die Redaktion dein Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. UKearer. Freitag, den 23. Februar. Zlnsang 71/, Uhr: Opernhaus. Fidello. Schauspielhaus. König Richard Hl. Deutsches. Der Kallsmann von Venedig. Berliner. Zar Feodor Joannolvttsch. NeueS. Die Morgenröte. Lessing. Und Pippa tanzt. Ansang S Uhr: Schiller O.(Wallner-Theater.) KomaZalaube. Schiller W.(Friedrich Wilhelm. städtisches Theater). Der Veilchen« lresfer. Kleines. Kinder der Sonne. Weste». Schützenliesel. Zentral. Der Zigeunerbaron. Atetropol. Aus ms Metropol. Walhalla. Nach Afrika, nach Ka- merun. Komische Oper. HofsmannS Er- Zählungen. Residenz. Der Prinzgemahl. Driauon. Loulou. Lustsptelhaiis. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis srüh um Fünfe. Carl Weist. Die lebende Brücke auf Kuba. Luisen. Maria Magdalene. Tciitsch-ZimerikauischeS. Er und Ich. Kasino. Die goldene Brücke. ilpollo. Insel Tulipatan. Im Tri- settcn-Kabarett. Spezialitäten. .Herrnfeld. FamIIientag im Hause Prellstein. Folieo Eaprice. Nach dem Japsen- streich. Der Beheme. Wintergarten. Tschin- Maas Ehinescn-Truppe.— Otto Reulter. Reillwtiallen. Stettiner Sänger. Passage. Spezialitäten. Ii,»»in. Tniibrnstrntie 4R/40. Abends 8 Uhr: Dr. Donath: Die Fortschritte der drahtlosen Tele« grapdie. Hörsaal 8 Uhr: Ingenieur Zechlin: Der Kraftwagen In Betrieb. Ttcrnuiarte, Ziwalidenstr. 57/62. Tägliw neöffnci nun t bis 7 Udr. Komische Oper. Freitag, 23. Februar, abends 8 Uhr: Hoffmanns Erzählungen. Phantastische Oper von I. Ostenbach. Sonnabend: von pasqualo. Sonniag nachm. 3 Uhr u. abend» 8 Uhr: iiottmsnno cerlidlungen. �usKspilIKsus. Allabendlich 8 Uhr; Der Weg\m Hölle. Berliner Theater. Gastspiel de» Moskauer Künstlerischen Theaters. Zar Feodor Joannowitsch. Sonnabend, Sonntag und Montag: ?ar Feodor Joannowitscb. Ansang 7'/. Uhr. Sonntag nachm. 2>/, Uhr zu er» mäßigten Preisen: Hamlet._ Heues Theater. Anfang VI, Uhr. Die Morgenröte. Sonnabend: Ein Sommernachtstraum. Sonntag: Erdgeist. Montag: Die Neuvermfihlten. Hieraus: Salome._ Kleines Theater. Ansang 8 Uhr. Kllidn bei Sonne. Morgen: Kinder der Sonne. Luisen-Thealer. Abends 8 Uhr: Maria Magdalena. Sonnabend: Kaufmann von Venedig. Sonntag nachm.: Gastsp. Frl. Ursns vom Lesfing-Theater: Faust. AbendS: Die Karlsschüler. Montag: Em SornmernachtStraum. Zum 63. Male: Deotsch- Amerikaniscbes THEATER. Jeden Abend 8 Uhr!! Gastspiel Ad. Philipp. Sonnt, nehm. 3 Uhr, halbe Preise: Ueber'n großen Teich. Apollo-Theater. Interessant! Amüsant! Die gläuzeodeu Spezialitäten«. 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Sternwarte S«: Pastans W Panoptikum Frledrlchstr. 165. OhneExtra-Siitree. Bergbewohner Abessiniens. 05 Eingeborene Männer, Weiber und Kinder, sowie das Baby„Berolina". Eintritt 5« Pf. Fröbeis Alleriei-Tiieaier Schönhauser Allee 148. Jede» Sonntag»»d Mittwoch: OUf' Konzert-T&Q Theater, Spezialitäten, Tanz. Ans, sonntags K Uhr, Mittwochs 8 Uhr. DWf Sonnabende für Sommer- feste sind noch ftei. Palasl-Ibeater Burgstr. 24, LMin.v.BH.Börse. Heute 8 Uhr. Entree 56 Pf. �Hle. Eugenie Schulreiterin im Herrensattel mit GoldsuchShengst!Nonte Christo. Ui Bell© AL"' Miß Astre Norton die zweite Saharet. La belle Leona Gclenkphantastin. Die verbsibarade. Schwank. Familicnkarten in Barbier-, Friseur- und Zigarwcngeschästcn unenigeltiich. KvivKsKallvn. Täglich: Stettiner Sänger (fvleqsel, Pictro. Britton, Bölkmanii, Böhme, Waldcn, Seidel, R. u. O. Schräder). Ansang Wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Siistav Behrens Spezialitäten- Tlieater Frankfurter Allee 85. 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Geschäfts- und Kassenbericht pro 1905. Bericht der Beschwerde- kommission, der Schlichtungskommission und der Delegierten der Berliner Gewerkschastskommispon.— 3. Wahl der Revisoren, der Beschwerdelommission, der Schlichtungskommission und der Delegierten zur Berliner Gewerk- schaslSkommissson.— 4. Verbandsangelegenheiten und Verschiedenes._ Das Erscheinen aller Mitglieder ist erforderlich I Ter Zweigvereins-Vorstanb._ 33/4» ..Berliner Ardeiter- ilMrer-Verein" Mitglied des Arbeiter« Radfahrer-BundeS „Sotibarität". Sonntag, den 25. Februar: Vereinstour nach Baiiinschnlen- weg(bei Jabang. Baumschulenstr. 78). Start 2'/, Uhr Schlesische Brücke. Heute abend Fahrwart-Siiuing bei Qstrowski._ 11/13 F"grässtes5 SpezialgesctiSil� ■ Bettfedern Erste Setifedernlab. m.elelit. Betriebe Gustav Lustig BERLIN S. Prinzenetr. 46 verlendet geg. Nachnahme garantiert neue»IIb gut entstäubte, gut liiltenbe Bettfeder» p. tlsb. M. 0. 55-1.00-1. SS! vrimaHalbdannen M. I.7S! 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Es ladet hierzu freundlichst ein Das Komitee. Das Lokal„Vergnügungs-Park" ist 10 Minuten vom Bahnhos Jungfern- Heide entfernt und tonnen auch Gäste, welche schlechte Fahrverbindung haben, unter Vorzeigung ihrer Einlassfarte einen Kremser lostenlos benutzen. Die Kremser halten an der Spree- Ecke Schulstrasse. 11/14 Arbeiter-Rabfahrer-Berein Eharlottenbnrg. Lese- u. Diskutierklub„Norden11 heute, Freitag, abends 8°/.»hr: (füsiiWHIiiliWr. 18 dri Korfl Parteigenossen als Gäste willkommen. 2948b Sonntag, den 25. Februar,»achmittagS 5 Uhr, bei Bärsch („Gasthof zur Sonne») in Mnhlenbeck: Verzsmmlung für Männer und Tranen. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Han« Weber über:„Lebensmittelzölle". 2. Die Bedeulung der Gcmcindewahlcn. 3. Verschiedenes. 288/10 Das Erscheinen aller Genossen und Genossiiinen ist Pflicht. IIISWllllU- a' Anzöge in den neuesten Fapons Tuchkammgarn, Ripskammgarn n. Cheviot, reichhaltigste Auswahl, gute Verarbeitung zu ....... 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Vortrag der Genossin Frau JKIcsel.— 8. Diskussion. Versammlung:(5fiiiiitlid)cg|>f ifaniinf nffiii mit Tanf. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Heute Freitag, abends SV., Uhr, im Saale der Brauerei„Friedrichshain"» Am' Fricdrichshain 22/29: General-Bersammluug. Tages-Ordnung: Kassenbericht vom vierten Ouartal..Bericht des Vorstandes, der Werk- stattkontrollkommission, der Arbeitsvermitstler und der Schlichtungskommission. Eriatzwahlen für die Ortsoerwaliung. Anträge der Ortsoerwaltung. Aus- stellung der Delegiertenkandidalen zum Verbandstag. 84/1 Eintritt nur mit Mitgliedsbiich. Die Ortsverwaltung. Srsnelie der Musikinstrumenten- Arbeiter. Montag, den 26. Februar 1906, abends 8>/z Uhr: Krancben-l�itglieclerversammwng im Gewcrkschaftshausc(Saat 1), Enget-User 15. TageS-Ordn ung: 4. Bericht von der Klavierarbciterkonserenz in Zeitz. 2. Diskussion. 3. Zlbrcchnung vom Weihnachlsvergiiügen. 4. Der im Mai stattfindende Verbandstag in Köln. 5. Verschiedenes. Mitgliedsbuch legitimiert.— Gäste haben Zutritt. Zahlreichen Besuch erwartet Die Branchenkommission. Sonntag, den 25. Februar, vormittags 10 Uhr, Turmstr. 25/26: Kezirksversammlung für Moabit. Bortrag Tages-Ordnung: Diskussion. Berbandsaiigelegenheiten. Verschiedenes. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Verwaltungsstelle Berlin. Haupt-Bureau: Engel-User 15, Zimmer 1— 6. Fernsprecher: Amt IV, 9679, Arbeitsnachweis: ftimmer 34. Amt IV, 3353. Sonntag, den 85. Februar ItkUK. vormittags 10 Uhr, im Englische» Garten, Alexanderstr. 870: Brauchen-Versommlung aller in der Metall- und Eisen-Industrie beslhästigten Hobler, Sohrtr» Stoßer und Fraiser. Tages-Ordnung: 1. Vortrag:„Die christliche und die sozialistische Weltanschauung'-. Referent; Genosse S t ö r m e r. 2. Diskussion. 3. Verbcmdsangclegen« heiten und Verschiedenes. 112/20 hlP. Die Kollegen werden ersucht, die Versammlung pünktlich und zahlreich zu besuchen._ Die Ortsverwaltang. Meiter-Sildungssetrole Berlin Sonntag, den 25. Februar, abends 7 Uhr, im„Königstadt-Kaslno". Holzmarktstraße 72: Vortrag des Genossen Emil Dlttmer über: „Darwinismus und Sozialismus".«,8» Nach dem Vortrag; CtemUtllches Beisammensein u. Tanz. - Eintritt 80 l*f. inkl. Garderobe.— Bauhandwerker-Krankenkasse Berlins it. Uini,egend. (Eingeschriebene Hülsskasse Nr. 118.) Sonntag, dm 4. März, vormittags 10 Uhr» in den Musikcrsälm, Kaiser Wilhclmstr. 18m: Aulierordentl. Generalversammlung Tages-Ordnung: 38/3» t. Berichterstattung vom Hülsskassen--Kongreß. 2. Innere Kassen- angelegenheilen. Der Borstand. NB. Die Versammlung wird aus Beschluß der letzten Generalversamm» lung einberusen und erwartet der Vorstand zahlreichen Besuch. Mitgliedsbuch legitimiert.-Mst D. O. I Kapitän-Cigaretten — gesetzlich geschützt! : nncrrcicht in Qualität darch nischong— der feinsten türkischen Tabake. Carl Röcker,«��ii«. X X Amt vn, 3861. 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Februar, nachmittags 4 Uhr, findet in Hamanns Gesellschaftsbaus, Frankfnrterstraße, eine öffent- liche Versammlung statt. Genosse O. Gratler wird über„Sozial- demokratische Gemeindepolitik" referieren. Alt-Glirnickc. Am Sonntag, den 25. Februar, nachmittag? 5 Ubr, hält der Wahlverein seine Mitgliederversainiiilung ab. Tagesordnung: Vortrag des Genossen A. Pagets aus Rixdorf über„Die preußische Volksschule". Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Schcnkendorf. Am Sonntag, den 25. Februar, nachmittags ö Uhr, findet bei O. Pätsch eine öffentliche Versammlung für Männer tmd Frauen statt. Tagesordnung: Vortrag des Stadtverordiieten Genossen Schubert-Berlin über:„Konnnnnale Fragen", Diskussion, Verschiedenes. ES ist Pflicht der Genossen, für die Versammlung zu agitieren und zahlreich und pünktlich mit Frauen zu erscheinen. Sonntag früh 8 Uhr findet die Händzettclverteilung bei Pätsch statt. Eichwalde. Die Mitgliederversammlung des Wahlvercins findet am Sonntag, den 4. März, nachinittags 4 Uhr, bei Witte-Eichwaldc statt. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Jeden Sonnabend findet Zahlabend bei Witte statt. Vorort- l�acdricbten. Zur Sewelnäetvahlbeivegung. Die Genossen in NowaweS-Neucndorf befaßten sich im Wahlverein mit den Geincindewahleii. S'ach Darlegungen des Genossen O b st- Schöneberg über die Ausgaben der Kommunen wurden in der De- batte die Neuendorfer Schul- und Steuerverhältuisse einer scharfen Kritik unterzogen. Allgemeine Entrüstung rief die Mitteilung hervor. daß der Gemeindevorsteher den Antrag, die Wahlzeit für die dritte Klasse in die Abendstunden zu verlegen, abgelehnt habe. Auch das Verhalten des von den Bürgerlichen vor zwei Jahren ge- ivählten Bertteters Oelmann, des Paradearbeiters in der Neuen- dorfer Gemeindevertretung, wurde treffend charakterisiert und betont, daß derselbe verschiedentlich bei Beratung wichtiger Au- gclegenheiten nicht ein Wort gesagt, sondern sich stets in Schweige» hüllte, wohl in der Erkenntnis, daß seine Meinung für die Ber- tretung ja doch unmaßgeblich ist, da er sa keine Partei hinter sich hat. Wie verlautet, ist derselbe auch diesmal wieder von den bürgerlichen Parteien als Kandidat aufgestellt worden. Am nächsten Mittwoch wird im Schmidtschen Lokale in NowaweS Genosse Zubeil in einer Volksversammlung ebenfalls die Gemeindevertreterwahlen besprechen. In Friedrichsfelde werden die disjährigen Gemeindewahlen der dritten Abteilung einen harten Kampf bringen. Diese Abteilung wählt in zwei Bezirken, in Karlshorst und Friedrichsselde. Die erste und zweite Abteilung wählt wie bisher in einem Bezirk, doch ist genau die Zahl für Karlshorst bezw. Friedrichsfelde vorgeschrieben. Bei dieser sonderbaren Einteilung könnten immerhin noch Ueber- ra schlingen stattfinden. Für die dritte Abteilung gilt eS außer den vorhandenen noch zwei neue Sitze für die Sozialdemokratie zu erobern. Es wird um diese beiden Sitze ein äußerst heftiger Kampf entbrennen besonders im Karlshorster Bezirk. Die Agitation auf beiden Seiten ist rege im Gange. Für Karlshorst fällt diesnial der Schlachtruf: „Hie Karlshorst, hie Friedrichsfelde I" fort, dafür wird es heißen: „Gegen die Sozialdemokraten!" Im Ortsteil Friedrichsfelde scheint für die zweite bezw. erste Abteilung auch eine Aenderung bevorzustehen: Die Hausbesitzer wollen sich von der Vormundschaft der Erbeingesessenen, der Grund- bcjitzer, anscheinend befreien. Vielleicht gibt es dann eine Klärung der Ansichten. Für Fichtenau— Klein-Schönebeck fand am Sonntag eine Ver- fammlung statt, in der Genosse Freiwaldt-Pankow nach einem Referat über unsere kommunalpolitischen Forderungen die Anwesenden an- feuerte, alles daran zu setzen, das jetzt frei werdende Mandat zu er- ober». Der zu Wählende muß aber Hausbesitzer sein. Zur Sprache kam, daß bei der Gemeindewahl vor zwei Jahren zwei Fichtenauer Einwohnern, die noch nicht ein Jahr am Orte ivohuten, das Wahlrecht zuerkannt wurde, während jetzt die- selben Gcmeindevertreter es zwei anderen verweigerten. Nach den Erklärungen des Gemeindevorstehers scheine es, ob man des- wegen einen Unterschied mache, weil es sich früher um die hoch- klingenden Namen Leutnant a. D. v. Winterfeld und Herr Rechnung?- rat a. D. Schneider handelte, und diesmal um zwei einfache Arbeiter. Als Kandidat zu der bevorstehenden Wahl wurde Genosse Max Tobias aufgestellt. Die Wahl findet aller Wahrscheinlichkeit nach am 9. März statt. Am 4. März wird bei Süßmilch eine Volks- Versammlung abgehalten.___ Schöneberg. Die Mitgliederversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins zu Schöneberg tagte am 20. Februar in„Obst's Festsälen". Genosse C Hajes referierte über„Der preußische Landtag". Er führte etwa folgendes aus: Die erste dem preußischen Volke im Jahre 1843 unter dem Eindrucke des blutigen 18. März gegebene Verfassung sührte das allgemeine Wahlrecht ein. Aber schon im Jahre 1849, als sich die herrschenden Kreise wieder als Herren der Situation fühlten, verschwand dasselbe wieder, und an seine Stelle trat das famose Dreiklassenwahlrecht, auf Grund dessen von nun an die„Vertreter des preußischen Volkes" gewählt wurden. Dje schon durch dieses Dreillasieuwahlrccht auf das allerbescheidenste- Maß zu- rückgedrängten Rechte des größte» Teils des Volkes wurden dann bei den ersten Wahlen fast vollständig illusorisch gemacht durch die Taktik der Parteien der Linken. Dieselben be- teiligten sich nämlich nicht an den Wahlen, und infolgedessen erhielt diese? neue Parlament eine Zusammensetzung, wie sie reaktionärer nicht zu denken ist. Redner gibt sodann einen Ueberblick über die Entwickelung der einzelnen Parteien im Abgeordnetenhausc, besonders der Liberalen und geht auf das Unsinnige des ganzen Wahl- systems näher ein. DeS weiteren beschäftigt sich Referent- mit dem„Hause der Herren", den geborenen„Volksvertretern" und kommt dann zu sprechen auf die jüngeren gesetzgeberischen Leistungen beider Häuser, auf die Lex AronS, die Bergarbeiternovelle und schließlich die Schulgcsetzvorlage. Aus alledem gehe hervor, daß die aufgeklärte Arbeiterschaft, die Sozialdemokratie, es sich selbst schuldig sei, für Beseitigung dieses veraltete», nicht eristenzberechtigtcn Dreiklasien- Wahlrechte? einzutreten. Die letzten Wahlen hätten gezeigr, daß wir auf uns allein angewiesen seien. Durch unermüdliche Aukklänings- arbeit, durch rastlosen Ausbau der Organisationen, durch weiteste Verbreitung der Parteipressc müsse darauf hingewirkt werden, das ganze arbeitende Volk für dieses Ziel zu gewinnen. Redner schloß mit den Worten Bebels:„Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns!" Wir werden uns das allgemeine Wahlrecht erkämpfen, trotz alledem!" In der Diskussion kam das Einverständnis aller Redner mit den Darlegungen des Referenten zum Ausdruck. Es sprachen die(ü nosscn Müller, Steuermann, Urban und Stenzel.— Zum zweiten Punkt der Tagesordnung erfolgte die Delegation der Genossen Küter, Schenk und Henkel zur Kreis-Generalversammlnng.— Unter Vereinsangelegenkciten wurde ein Antrag des Genossen Steuermann, der die Philharmonie-Sperre ausgehoben wissen Ivill, nach einer kurzen Erklärung des Genossen Wollermann dem Vorstande über- wiesen. Ucber fortgesetzte Flcischdiebstähle führen die Schlächtermeister in Schöneberg lebhafte Klagen. Bei der augenblicklich herrschenden Fleischseuerung werden die gestohlenen Waren bei den Hehlern gut abgesetzt und auch recht hohe Preise erzielt. Da die Diebstähle mit großer Raffiniertheit ausgeführt werden, gelingt es nur in seltenen Fällen, die Täter zu überführen. Trotz aller möglichen Vorsichts- maßregeln werden die Fleischdiebstähle unentwegt foitgesetzt. Der Kriminalpolizei ist es jetzt gelungen, einen der markantesten Fälle klarzulegen. Bei dem Schlächtermeister K., Kaiser Wilhelm-Platz 4, waren schon früher permanent Fleischdiebstähle ausgeführt worden. Im Laufe von Jahren betrug der„Umsatz" der Diebe etwa 6000 M. Die Kriminalpolizei ermittelte als Täter und Hehler ins- gesamt 11 Personen,, upd zwar Gesellen und kleinere Restau- räreure. Da die gestohlene Beute stets durch die nach � der Kolonnenstraße führenden Hoftüren in Sicherheit gebracht worden war, ließ der Schlächtermeister diese Ausgänge sämtlich vermauern: aber auch dies nützte nichts. Nach kurzer„Ruhepause" begannen die Diebstähle von neuem. Fortwährend wurden aus dem Kühl- raum Schinken. Würste. Fleischteile usw. vermißt. Da sämtliche Personen, Angestellte und Publikum beim Verlassen des Hauses jedesmal die Ladcuiür passieren mußten, so blieb eS für den Ge- schäftsinhaber ein Rätsel, auf welche Art die Fleischware» unbemerkt entfernt werden konnten. Trotz des großen Vertrauens, das er in seinen Werksührer Richard Kühne gesetzt hatte, schöpfte er schließlich doch Verdacht und er licß K. durch Kriminalbeamte beobachten. Eine Haussuchung in der Wohnung des Verdächtigen führte denn auch zu dessen Verhaftung. Inwieweit noch andere Angestellte des Schlächter- meisters an den Diebstählen beteiligt sind, dürste die eingeleitete Untersuchung ergeben. Charlottenburg. Die Rachsucht des Unternehmertums kennt oft keine Grenzen. wie folgender Fall beweisen dürfte. Im Vorjahre hatten sich die Kutscher der Firma Göhrke u. Co., Christstr. 39, veranlaßt gesehen. zur Wahrung ihrer Interessen ihrer Berufsorganisation beizutreten. Zu diesen Kutschern gehörte auch einer namens D.. der bei dem Arbeitgeber in den Verdacht kam, daß er der Urheber dieses sehr vernünftigen Schrittes der Arbeiter sei. Vor gut Jahresfrist mußte deshalb D. springen, und es wurde ihm sehr schwer gemacht, wieder andere Arbeit zu finden. Am 20. Februar dieses Jahres gelang es D., eine Stelle als Geschäftskutscher in der Tischlerei von Schauder in der Magazinstraße, zu erhalten. Nun wollte es der Zufall, daß dieser Tischlermeister seine Stallung auf dem Grundstück des Herrn Otto Göhrke hatte. Am Morgen des zweiten Arbeitstages mußte D. dort anfahren. Als Herr Göhrke seiner ansichtig wurde, da mag wohl der Groll wach geworden sein und Herr G. verwies den Kuticher vom Hofe mit dem Hinweis auf den Haus- friedensbruchparagraphen. D. verließ das Grundstück, mußte aber gleichzeitig seine Tätigkeit bei dem Tischlermeister einstellen. Und dieser Herr, der in dieser Weise Arbeiter verfolgt und aus Lohn und Brot bringt, rühmt sich noch, arbeiterfreundlich zu sein. Beim Berg- arbeiterausstand„vergaß" er sich soweit. 20 M. auf eine Sammel- liste zu zeichnen. ES wird versucht werden, dem Herrn auf anderem Wege klar zu machen, daß auch ein Arbeitgeber einen Arbeiter nicht in dieser Weise verfolgen darf. Wäre die Organisation unter den Kutschern in Charlottenburg eine stärkere alS jetzt, Herrn Göhrke würde bald die Lust vergehen, an Arbeitern seine Rachsucht zu kühlen..- Ein tödlicher Unfall ereignete sich in der Nacht zum Donnerstag gegen 1 Uhr in den Deutscheu Waffen- und Munitionsfabriken, Kaiserin Augusta-Allee 30. Dort war in der Schmiede der vierzig- jährige Arbeiter Ernst Wandrich aus der Huttenstr. 5 damit be- schäftigt, Eisenstäbe zu sortieren. Dabei kani er in die Nähe des im Betriebe befindlichen Dampfhammers. Aus bisher noch unaufgeklärter Ursache sauste der schwere Dampfhammer gegen den Kops des Wandrich, so daß der Arbeiter besinnungslos niederstürzte. Er wurde sofort durch seine Kollegen nach der Unfallstation in der Huttenstraße ge- tragen, wo ihm seine schweren Wunden verbunden wurden. Der Dampfhammer hatte ihm die Nase zertrümmert und in ihrer ganzen Länge gespalten, ihm eine 6 Zentimeter lange Ouetschwunde an der Stirn beigebracht und ihm die Zähne herausgeschlagen. Mit einer schweren Gehirnerschütterung wurde er in einer Droschke nach dem Krankenhaus Moabit gebracht, wo er gestern vormittag, ohne die Besinnung erlangt zu haben, gestorben ist. Straßemmfall. Von einem Möbelwagen überfahren und schwerverletzt wurde gestern nachmittag gegen 1 Uhr der 24jährige Arbeiter Max Lutz aus der Potsdamerstt. 89. Lutz fiihr auf seinem Jwei- rade aus der NUrnbergerstraße in die Tauenzicnstratze hinein, als ein schnell fahrender Möbelwagen ihn umriß und überfuhr. Passanten brachten den Schwerverletzten nach der Unfallstation Zoologischer Garten, wo der Arzt eine fünf Zentimeter lange Wunde über dem linken Auge, ferner drei je 4 Zentimeter lange Wunden unter dem linken Auge, eine Schädelverletzung und schwere innere Verletzungen feststellte. Nach Anlegung eines Not- Verbandes wurde Lutz in einem Krankenwagen nach dem Kranken- Hause Westend geschafft. Der Kutscher, der ihn überfuhr, suchte sein Heil in der Flucht und konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Lichtenberg. Die Anstellung von Baukontrollcurcn aus den Reihen der Bau- arbeifer erachtet der Gemeindevorsland„für bedenklich"� Diese An- schauung brachte der Vorstand zum Ausdruck, als bei Beratung deS Antrages betreffend Vermehrung der technischen Beamten des Bau- amtes zur ordnungsgemäßen Erledigung der Bausachen unsere Ge- nossen wiederum den Vorschlag machten, aus den Reihen der Bau- arbeiter einen Kontrolleur anzustellen. Der Kontrolleur könne bei der stark einsetzenden Bautätigkeit das Bauamt erheblich entlasten, dann aber ancv dem infolge der wüsten Terrainspekulation sich breit machenden Raubbau auf die Finger sehen. Auf das Beispiel Breslaus und anderer Orte verweisend, besprach der Antragsteller die Aufgaben einer solchen Baukontrolse. Der Gemeindevorsteher äußerte Bedenken, nicht gegen die Nützlichkeit einer Arbeiterkontrolle, aber dagegen, daß eine solche amtliche Tätigkeit von anderen als technisch vorgebildeten Berufsbeamten ausgeübt werden sollte. Die Majorität der Kommission war mcht geneigt, den Gründen unserer Genossen Rechnung zutragen, und lehnte den Antrag wieder ab. Er wird aber wiederkommen.— Das Ersuchen unserer Genossen, Park und Herrschaftshaus des Gutes Tasdorf zu Erholungs- bezw. RekonvaleSzentenzwecken nutzbar zu machen, ist jetzt durch den Vorstand deS Äanalisatiouszwcckverbandes ablehnend beantwortet worden. Ein Revolvrrattentat hat sich in der Nacht zum Mittwoch in der KronpriUzeiistraße abgestnelt. Ein Mann, der über einen Zaun auf das Grundstück Nr. 5 gelangen wollte, feuerte aus den ihm entgegen- tretenden Bäckermeister Lieseberg einen Revolverschuß ab, aber ohne ihn zu verletzen. Der Täter entkam. Aus LebcuSüberdriist erhängt hat sich der Droschkenkutscher T. in der Fraukfurter-Allee 173. Treptow-Baumschulenweg. Erhängt nufgcsunden wurde gestern nachmittag 4 Uhr in seiner Laube hinter dem Straßenbahndepot an der Köpenicker Landstraße der etiva 50 Jahre alte Arbeiter Schlabit. Der Verstorbene hatte von seiner Familie getrennt gelebt und würde nach der Leichenhalle gebracht. Köpenick.'.> Achtung, Gewerbegerichtswählen! Am Sonntag, den 25. Februar. finden im„Hotel Kaiserhof". Gkünstr. 10, Hof l Treppe, kleiner Saal. die Wahlen zum Gewerbegericht statt. Wahlberechtigt ist nur der- jcnige, welcher sich in die Wählerliste hat eintragen lassen. Als Legitimation hat jeder Wähler eine Bescheinigung seines Arbeitgebers mitzubringen, aus welcher zu ersehen ist, daß der betreffende Wähler zurzeit ni Köpenick wohnt oder beschäftigt ist. Die Formulare hierzu können noch bei den Genossen Gühne, Grünstr. 11. Helling. Schönerlsnderstraße 5, Tauchcrt, Müggelheimerstraße 4, Weber, Bahnhofstr. 15, und in der Gewerbegerichtsschreiberei, RalhanS, Zimmer 28, in den Dienststunden bis 6 Uhr abends cnt- nommen werden. Arbeiter! Parteigenoffen! Wem: schon bei der Einzeichnung in die Wählerlisten eine Saumseligkeit geherrscht hat. so ist eS jetzt doppelt Pflicht eines jeden, der in die Liste eingetragen ist, sein Wahlrecht auszuüben. Die Wahlzeit ist von nachmittags 4 Uhr bis abends 9 Uhr festgesetzt. Köpenick in elektrischer Beleuchtung. Vom 1. Ottober ab wird Köpenick eine von den wenigen Städten im Deutschen Reiche sein, die vollständig durch elektrisches Licht Beleuchtung erhalten. Bis zu dem erwähnten Termin wird das im Entstehen begriffene Elektrizitätswerk vollendet sein. Der Magistrat in Köpenick hat nun gestern beschlossen, die Straßen und Plätze durchweg mit elektrischem Licht zu versehen. In den Hauptstraßen werden in der gleichen Weise wie in der Friedrichstraße Kandelaber mit großen Bogen- lampen angelegt. Auch der Straßenbahnverkehr wird vom 1. Oktober an durch das städtische Elektrizitätswerk betrieben werden. Steglitz. Schöffenwahl. In geheimer Sitzung wählte gestern die Gemeinde- Vertretung den Bürgermeister Dr. Beyendorf in Bad Kösen zum besoldeten Schöffen auf zwölf Jahre. Ferner wurde der Architekt F l e in in i n g zum unbesoldeten Schöffen auf sechs Jahre wiedergewählt. Friedrichshagen. Eine seltsame ExplofionSkatastroPhe hat sich gestern nachmittag in FriedrichShagcn zugetragen. In dem Hause deS Bäckermeisters Magdeburg in der Kirchstraße war der Schornsteinsegergehülfe Gustav Bux dabei beschäftigt, den Bäckereischornstein zu reinigen. Plötzlich gab es einen Knall und B., der sich bereits in dem Schornstein befand, stand in hellen Flammen. Der junge Mann hatte im Gesicht und am Körper so schwere Brandwunden davongetragen, daß er in das Britzer Krankenhaus gebracht werden mußte. Die Explosion war dadurch berbeigeführt worden, daß der in dem Schornstein an- gesammelte Ruß durch eine i» der Backstube unmittelbar an der Oeffnung des Schornsteins angebrachte Gaslampe entzündet worden war. Nieder- Schöneweide. Eine öffentliche Tcxtilarbcitcrvcrsammlung tagte am 13. Februar im Restaurant Hassclwerder in Niederschöneweide, um ein Referat des Kollegen Kotzke über die Notwendigkeit der Organisation anzu- hören. Leider war die Versammlung nur schwach besucht, weil viele Arbeiter außerhalb des Ortes wohnen und schon sehr frühzeitig ihr „trautes Heim" verlassen müssen, um spät abends abgerackert und müde heimzukehren. Zur Sprache kam in der Versammlung, daß die Firma Anton und Alfr. Lehmann in Niederschöncweide selbst anzuerkennen scheine, daß bei den jetzigen Zeiten die Arbeiter die teueren Fleischprcise nicht erschwingen können, denn sie hat größere Posten Seefische bezogen, die den Arbeitern zu ennäßigten Preisen abgegeben werden. Auf recht erbauliche Zustände in dieser Fabrik läßt der Umstand schließen, daß die Arbeiter immer„Helfer" im Verzehren der Frühstücks- und MittagSstullen haben. ES gibt näm- lich eine große Menge„vierfüßige Langschwänze", die den Arbeitern das Essen erspare», oder aber die Arbeiter haben„Fleischnahrung" in Form von Schwaben auf ihrem Brote. Auch in punkto Behand- lung wurden erhebliche Beschwerden laut. Würden sich alle Arbeiter ihrer Organisation anschließen, so dürften solche Zustände mit der Zeit bald abgeschafft sein._ Hus der frauenbewegung. Köpenick. Am 14. d. M. hielt, der hiesige Frauen- und Mädchen- Bildungsvcrein seine Mitgliederversammlung ab. Genosse Störmer referierte über„Genossenschaftswesen". Die Ausführungen wurden mit Beifall aufgenommen. J» der Diskussion erläuterte Genosse Woick die örtlichen Konsumverhnllnisse und. ersuchte zu gleicher Zeit alle Hausfrauen. Mitglieder des Konsuuivereins zu werden. Acht Neuausnahmen wurden erzielt. ßerliner IVacbncbtcn. Aus der Stadtverordnetenversammlung. Männer, die seit langem für den weiteren Ausbau unserer Schulgesundheitspflcge werben und wirken, sah man gestern auf der Tribüne des Stadtverordnetensaales. Sie waren gc- kommen, um zu erfahren, welche Entscheidung, die Ber- sammlung über die Schularztsrage treffen würde, die infolge des bekannten Antrages der sozialdemo- k r a t i s ch e n Fraktion wieder'mal in einem Ausschuß erörtert worden ist. Die Herren erlebten eine Enttäuschung: nach dem Vorschlage des Ausschusses wurde der Antrag m i t sehr großer Mehrheit abgelehnt. Unser Genosse Wehl hatte in der gestrigen Sitzung in zusammenfassender Darlegung noch einmal alles vorgebracht, was zur Be- gründung des Antrages dienen konnte. Er zeigte, wie un- zulänglich das ist, was bei der gegenwärtigen Organisation der ärztlichen Schulaufsicht von den Schulärzten geleistet werden kann. Aber solche Argumente Pflegen freilich keinen Eindruck auf die Mehrheit zu machen, wenn der Kostenpunkt in Frage kommt. Herr Lütow, der Redner der„Freien Fraktion", machte gegen den Antrag die von früher her bekannten..ethischen" Gesichtspunkte geltend, damit der Ab- lehnung ein Mäntelchen umgehängt würde. Selbst für Spezialärzte, gegen die nicht einmal der Ausschuß etwas ein- zuwenden gehabt hatte, mochte er sich hier nicht begeistern— im Gegensatz zu seinem Fraktionskollegen Ritter, der wenigstens für diese Forderung eintrat. Die Abstimmung ergab Ablehnung sogar der Resolution, die der Ausschuß bezüglich der Spezialärzte vorgeschlagen hatte. Das war die zweite und noch größere Enttäuschung, die die Herren auf der Tribüne erlebten. Feststellen wollen wir hier, daß die „sozial'Fortschrittler" durch ihren Redner Preuß sich zwar für die Spezialärzte erklärten, im übrigen aber den von der Mehrheit aufgestellten Grundsatz„Immer langsam voran!" billigten und mit ihr gegen den Antrag Antrick stimmten. Die Pläne der fünf städtischen Straßenbahnlinien sind, wie ver- lautet, vom Minister der öffentlichen Arbeiter grundsätzlich ge- nehmigt worden, allerdings unter der Voraussetzung, daß sie an einer Stelle eine wesentliche Aendernng erfahren und bezüglich einer notwendigen Mitbenutzung der Gleise der Großen Berliner Straßenbahn mit dieser ein Uebereinkommen zustande�kommt. Der ersterwähnte Punkt betrifft die eine der S ü d l i n i e n, Großgörschenstraße— Dvnhoffplatz, speziell deren ssührung über den Landwehrkanal am Hasenplatz. Hier beabsichtigte der Stadt- baurat zunächst die enge und steile Auaiista- Brücke zu benutzen, bemerkte aber bei der AuSichnßberatung, daß. falls die Aufsichtsbehörden hiergegen Bedenken erheben sollten. die Bahn im Zuge der Köthenerstraße über eine neu zu erbauende Brücke geführt werden könne. Minister v. Budde soll diese Frage eingehend geprüft haben und zu dem Resultat gekommen sein, daß eine Mehrbelastung der Angustabriicke unzulässig erscheint.— Der zweite Punkt betrifsl die eine'der beiden N o r d l i n i e n Stettiner Bahnhof sElsasserstraße— Baltenplatzj, die in der Petersburger- straße von der Landsberger Allee ab eine Strecke von etwa neun- hundert Meter neben de» Gleisen der Großen Berliner Sttaßcnbahn nach dem Baltenplatz geführt werden sollte. Auch hier sind Er- Hebungen angestellt lvorden, ob in diesSr Promenadenstrahe eine viergleisigc Slraßenbahnanlage zugelassen werde» könne. Es sprachen aber geiuichlige Gründe gegen diese» Plan. Zur Mitbenutzung der Gletse der letzteren ans Strecken von 400 Meter ist die Stadt bekanntlich ohnehin laut Pertrag berechtigt, es würde sich also nur um eine Ausdehnung dieses Rechtes auf weitere 500 Meter handeln. Ob die Stadt mit der Großen Berliner.paktiert", ist nach Lage ber Sache sehr zweifelhaft, vielleicht auch gar nicht notwendig. Die Linienführung dürfte in diefem Falle eine Veränderung erfahren. Der Stadtverordnete Genoffc Ramlow hat sein Mandat niedergelegt, Iveil er seinen Wohnsitz nach Nieder-Schönhausen verlegt, Genosse Ramlow vertrat den 34. B ez i r k dritter Ab- teilung, in dem mm eine Ersatzwahl notwendig wird. Sein Mandat galt btS End« 1007. Im Zeitalter des Automobils. Sieben Automobil-Omuibus- linie» hat die Allgemeine Berliner OnmibuS-Aktieiigesellschast gestern beim Polizeipräsidium zur Genehmigung eingereicht. Neben der be- stehenden Aiitomvbillinie 4 Hallesches Tor— Liesonstraße soll als zweite zuerst die Linie 8 Potsdamer_ Brücke— Spitlelmarkt— Ale« anderplatz— Frankfurter Linden ttraftbetrieb erhalten. Die Pferde soll'» hier vollständig durch Motoren ersetzt werden. Im Osten soll der Endpunkt den zweckmäßigeren Namen Straußberger Platz er- halte». Durch diese Linie wird die längst und dringend gewünschte Schnellverbindmig zwischen dem Osten und dem Westen der Stadt hergestellt werde». Außerdem sind sechs vollständig n»Ui! Antomobillinien beantragt. Sie erhalten die Nummern :!4 bis 30. Linie 34 geht vom Rathaus in Schöneberg zum Bahnhof Fricdrichstraße und mächt folgenden Weg: Hauptstraße, Potsdamer-, Viktoria-, Lemie-, Äöniggrätzcrstraße, Unter de» Linden, Neustädtische Kirchstraße. Linie 35 Bahnhof Zoologischer Garten— Neuer Markt sähst durch die Hardenberg-, Tauenzien-, Kleiststraße. Nollendorf- platz, Motz-, Geiilhiner-. Lützow-, Magdeburgerstraße, Schöneberger Uff t, Pikloria-, Leuns-, Koniggrätzer-, Boßstraße, Wilhelm- und Ziethcnplatz, Kanonier-, Französiichestraße, Wcrderscher Markt. Schloßfreiheit. Lustgarten, Kaiser Wilhelmbrücke, Kaiser Wilhelm- straße. Linie 30 Sauiginzplatz— Blücherplatz macht folgenden Weg: Kantstraße. Kursürslendamm, Kurfürsten-, Schillstraße, Lützow- platz, Lützow-, PotSdamerstraße, Schöneberger Ufer, Tempel» hoser Ufer. Linie 3? Moabit sTurmstraße. Ecke Bensselstraßei— Reichenbergerstraße geht durch die Turmstraße, Stromstraße, Alt- Moabit, Moltkebrücke, Moltkestraße, Königsplatz, RcichstagSPlatz, Sommerstraße, Unter den Linde», Platz am Opernhause, An der Hedwigskirche, Behren-, Markgrafen-, Junker», Ritter-, Reichenberger Straße bis zur Ecke der Glogauerstraße. 38. Neues Tor(Ecke Jnvalidenstraße)— Stralauer Allee iMarkgrafeudammf fährt Luise»- straße, Neue Wilhelm-, Wilhelm- und Kochstraße, Jerusaleiner Kirche, Oranien-, Alte und Neue Jakob-, Köpenicker-. Oberbaumstraße, Overbaumbrücke, Stralaner Allee, 30. Bahnhof Lichtenberg- FriedrichSfelde— Alexanderplah(Dircksenstraße) geht über die gram- furter Ehaussce und Allee und die Große Franlfurtcrstratze. Neue BerkehrSverblndung für Dahlem. Eine neue Vollbahn für die westlichen Vororte ist jetzt beschlossen« Sache und wird bereits in den nächsten Etat des preußischen Abgeordnetenhauses eingestellt »verde». Es handelt sich in der Hauptsache daruin, die neue Villen- iolonie Dahlem ii» bessere Verbindung zu bringen und einen direkten Schienemveg zwischen Berlin und Dahlem zu schaffen. Die Auf- teilungskommissiou ist nachgerade zu der Ueberzeugnng gekommeii, daß die Ansiedelung auf Dahlemer Gebiet vollständig ins Stocken gerät, weil es a» einer gllten und schnellen Verbindung mit der ReichShauprstadt fehlt. Aber auch die vielen öffentliche» Gebäude, die dort errichtet»vordcn sind, haben notgedrungen das Bedürfnis nach einer direkten Bahiwerbmdlliig im Gefolge, und diesem Bedürfnis soll durch den neuen Bahnbau mit möglichster Paschleimigimg abgeholfen loerden. Die Bahn soll von der Stadt- und Ringbahnstatio» Haleiisee ahz>o«ige,i und durch Schniargeudorser bezw. Grunewald- gebiet direkt in das Zentrum der Kolonie Dahlem führen. Um sie aber nicht als einen loten Schienenstrang verlanfei». zu lassen, soll sie weiter durch den Gruneivald und über Zehlendorfer Gebiet nach dem Bahnhof Schlachtensee geführt loerden. wo sie mit der Waimsce- bahn in Verbindimg kommt. Zwischen Dahlem und Schlawtensee ist borläufig nur eine Station geplant, und zwar im Zuge der Alsenslraße, sa daß die Gegend am Schlachtensee.und an d-r "Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber,' Berlin. Für den und Geschäftsleute, wurde verhaftet, aber vom Untersuchungsrichter wieder freigelassen. Die unwürdige Behandlung hatte dem Pseudo- mimen indes die schöne Alsterstadt verleidet, er suchte das schönere Berlin auf, wo er daS alte Gewerbe eines Hochstaplers wieder auf- nahm. Hier endigte die Herrlichkeit aber damit, daß man ihn wieder sistierte und als einen von Dortmund steckbrieflich verfolgten Reisenden Sützenlyein, geboren in LehnSlesken, erkannte. Dabei wurde auch ermittelt, aus welchem Grunde er sich den Titel eines Schauspielers anmaßte. Bei kleinen Bühnen und niedrigen Varietes wirkte er als Komiker mit, wobei er sich für seine geringe Gage durch Garderobendiebstähle entschädigte. Auch die Wohnungen seiner Kollegen plünderte er bei Gelegenheit. Keine Aufhebliiig des Chauffcegcldes in den nördlichen und östlichen Vororte». Abschlägig b e s ch i e d e n hat der Landrat des Kreises Niederbariiim, Graf Noedenr, eine Petition aus 41 Ortschaften des Kreises um Aushebung des den Verkehr hemmenden Chausieegeldes. TodeSsturz von der Treppe. Bei der Heimkehr seinen Tod ge- funden haf gestern abend der 43jährige Arbeiter Ferdinand Krippen- dorf aus der Stargarderstraße 70. K. wollte die Treppen zu seiner Wohnung hinaussieigen, als er plötzlich von einem Unwohlsein be- troffen wurde und kopfüber die Stufen hinunterstürzte. Der Be- dauernswerte erlitt einen Schädelbruch und starb fast auf der Stelle. Vermißt. Die 30 jährige unverehelichte Martha Maßker ist am S.Januar 1006 abends 7 Uhr von ihrer Arbeitsstelle Hausvogieiplatz nicht nach ihrer elterlichen Wohnung, Bartelstr. 14, zurückgekehrt. Die Maßler ist hochschwanger. eS wird vermutet, daß ihr ein Unglück zugestoßen ist oder daß sie von ihrem Bräutigam verborgen gehalten wird. Die Vermißte ist 1,50 Meter groß, hellblond, hat blaue Augen, lückenhafte Zähne, blasseS rundeS Gesicht und ist schlank. Bekleidet war sie mit Pelzboa, blauem Barett, grün karierter Samt- jacke, grauweißem Kleiderrock und Knöpfstiefeln. Zweckdienliche Au- gaben über den Verbleib der Vermißten werden m jedem Polizeirevier oder im Polizeipräsidium, Zimmer 334 zu Nr. 101 IV/36. 06 entgegengenomme»._ Gerichts Leitung. Die Herner Kobe-Afiäre endete gestern mit einer Vcnirteilung per Angeklagten, Frau Amtsrat Dr. la Roche, zu 3 Monaten Gefängnis. Auf Grund der Sachverständigengutachten in Ver- bindung mit einer Reihe anderer Umstände erachtete das Gericht die Täterschaft für erwiesen.' Allein die Vernehmung der Sch r e i b s a ch v c r st än dig e n über die Autorschaft der anonyme» Schmahkartcn hat für die Oeffentlichkeit ein weiteres Jntcrcise. Es bekundete Gerichts- cheiniker Dr. Loock(Düsseldorf): Tie anonyme» Briefe weisen vier verschiedene Schriftarten auf. Die lateinische Druckschrift, gotische Druckschrist und die lateinische verschnörkelte Schrift habe er ausgeschieden, da aus diesen etwas Bcstimintes sich nicht fest- stellen lasse. Dagegen habe er aus der etwas verstellten deutschen Schrift mit hoher, ja höchster Wahrscheinlichkeit eine volle Ueber- cinstimmung der anonymen Schreiben mit der authentischen Schrifi: der Angeklagte» festgestellt. Hauptsächlich enthakte der an Hölscher gerichtete anonyme Brief eine derartige Ucbereinstimmung, daß letztere fast zur Gewißheit werde.(Große Bewegung im Zuhörer- räum.) Dafür sprechen ganz besonders die charakteristischen Schrift- zeichen, die in den anonymen Briefen und in der authentischen Schrift vollständig übereinstimme». Der Sachverständige hat die Briefe in vergrößerter Form photographiert und alsdann auf Gelatine übertragen. Er zeigt die Phowgramme dem Gerichtshof und erläutert in eingehender Weise die ciiizeliicn übereinstimmenden �chriftzeicheii.— Gerichtschemiter Dr. I e s e r i ch(Berlin) schließt sich vollinhaltlich dem ersten Gutachter an. Es komm« ja vor, daß unter den Millionen von Menschen Handschriften übereinstimmen. es gebe aber geivisse charakteristische Schriftzüge, die nicht zweien Menschen vollständig gleichmäßig eigen seien. Er habe ebenfalls die authentischen und anonymen Briefe in vergrößerter Form photographiert, alsdann auf Gelatine übertragen und festgestellt, daß die charakteristischen Schriftzüge sich gegenseitig decke». Dieser Sachverständige erklärt dies ebenfalls an der Hand der Photageainme.— Auf Befragen des Staatsanwalts bemerkt Dr. Jeserich�Die porhandcneu Abweichuiigeu sind derartig, daß sie sich durch die verstellte Hand in zivanglaser Weise erklären lassen und die Uebereinstimmung nicht in Frage stellen.— Auf ferneres Befragen des Vorsitzeiiden bemerkt. Dr. Jeserich: Er habe auch die Tinten der anonymen Briefe untersucht und festgestellt, daß sieben Briefe mit einer Tinte geschrieben seien. Od die Tinte aus dem Hause la Roche stammt, habe er nicht unter- sucht.— Schriftsteller Hans Busse(München) schließt sich voll. ständig Pen anderen Gutachtern an. Ganz besonders hahe er die Uebereinftimniung zwischen de», Kuvert einer authentischen Schrift der Angeklagten und dem eines der anonymen Briefe festgestellt. Ans Befragen des Staqtsanivalts bemerkt der'sachverständige: Er sei der Ansicht, daß die verschiedenen Schriftarten von ein und derselben Hand geschrieben seien. � Bert.: Herr Sachverständiger: Als Ihnen im Februar �'.>05 der Schriftsatz der Angeklagten vor» gelegt wurde, pa habe» Sie eine liebere mstimmung nicht feststellen können?— Sachv.: Ter Schriftsatz war auch mit verstellter Hand geschrieben, deshalb vermochte ich eine llebereiustimmung picht fest- zustellen.— Irrtum eines Schreibsachverständigen. Bert. Justizrat Dr. Wallach: Bon einem hiesigen Kollegen ist mir mitgeteilt worden, daß in einem vor dem hiesige» Schöffen- gericht verhandelten Prozeß wider einen Tclegraphenbeamten Herrn Dr. Loock drei Postkarten zur Begutachtung übcrsandt wurden. Dr. Loock photogrnphierie die drei Karlen und die autheu- tische Handschrift des Angeklagten erklärte: Alle drei Karten seien von der Hand des Angeklagten geschrieben: ganz besonders zeige die Karte eine fast vollständige Uebereinstimmung. Da meldete sich Telegraphen träger Richter und erklärte: Er könne es nicht mit ansehen, daß der An- eklagte unschuldig verurteilt werde, die Karte abe er geschrieben.( Bewegung im Zuhörerraum.) Ich beantrage, hierüber Beweis zu erheben. Dr. Loock bemerkt: Er sei in jenem Prozeh überhaupt nicht vor Gericht vernommen worden, er könne sich, da ihm die Akten nicht vorlägen, nicht hierüber äußern. Ein Irrtum sei selbstver- ständlich immerhin möglich, Der Gerichtshof beschließt»ach kurzer Beratung, das Urteil der betreffenden Schöffengerichlsverhandlung zu verlese». AuS diesem geht hervor, dasj der Angeklagte freigesprochen wurde, da sich das Gutachten des Schreib» sachverständigen als irrig erwiesen habe. Berliner Marktpreise. Aus dem amtlichen Berich« der städtischen Martihallen-Tirettia,,. Rindfleisch 1» 63-08 pr. 100 Psmid, IIa 5t-IL. lITn 40-53, IV» 39-17. Kalbfleisch I» 60-83. N» 63-75. III» 54—60. Hammelfleisch 1» ßZ�73. IIa 56-63. Schweinefleisch 71—79. Rotwild Psmid 0,48-9,60, Damwild 0,40- 0,65, Hasen Stück 0,00-0,00. Kaninchen Stück 0.80—1,10. Hiifmcv pro Stück, alt« l ,40—0,50, jimge 0.60-1.60. do. IIa 0,00-0,00, Taube», junge 0,40—0,70, alle 9,49—0,45. Eulen, Stück 1,50-8,50.«önje pr. Psd. la 0,00-0,00. IIa 9,00-0,00, russische 0,35- 0.55 M. Schellfische 00 M., Flnuder 10-15 4». vre 100 Psd. Hechte JOl-llä, Schlei«, unsort. 00,00 Aale, gros 09,00. mittel 60-91; Plöseii 65, Karpfen 00,00, RheinlachS 675, Seelachs 90—85 M. pr. 100 Psd. Schottische Vollhcriiige sgesalze») 40-44 M. Eier. Schock 3,40-3,70. Butter pro>00 Pumd I» 130-182, II» 116-1,0. Uta 115-11«. absaUende 00- 00. Kartoffeln pr. JOO Psd. rote 8,00-380. Rosen 0.00-0.00. blaue 0.00- 0,00, runde wtitze 1,80- 2,00. Wirst, Igkohl pr. Schock 7,00—«8,00,«eikkohl pr, tOO Psd, 4,S5 4,60, Rotkohl pr, Schock 6,00-10.00. Holl. 14-16 M, Saure Gurke». Schock 8,00 M, Psefforgurien 8,00 23 Wcttcr-Prognose für Frettag, den 33. Sebruar 1906. Zeitweise neblig, sonst eiemljch heiter stet mätzigen südöstlichen Winden, etwas kälterer Nacht und langsam steigendtr TageSIkiuperatur, stine er» heblichen Niederschläge.„ m, fcysv.v,,,... v..„,v«,Uy. V....._ Mseratenteilverantiv.:Th7Mckr, Berlin. Dni« u. vcrlag: BorwärtSBuchdruckerci u. Verlagsanstalt Paul Singer Li Co., Berlin sw. Krummen Lanks eine direkte Verbindung mit der Stadt- und Ring- bahn erhält. Die Bauarbeiten am Tcltowkaiial werden zurzeit noch in drei Abschnitten ausgesührt und gehen ihrer Beendigung entgegen. Es sind noch Ausschachtiiiigsarbeiten auf Rixdorfer, Teuipelhofer rcsp, Maricndorfer und Groß-Lichterfelder Gebiet auszuführen. In Nixdorf iverdcn gegenwärtig die Böschungen planiert, die am Mariendorfer Wege eine Höhe bis zu 18 Metern erreichen. In den nächsten Tagen wird die Ausschachtung unter der Brücke vor- genommen und dadurch die Verbindung der bereits fertiggestellten Kanalstrecken östlich und westlich der Baustelle hergestellt. Hierauf bedarf es dann nur nocd der Gleis- und Kabellegung für die elektrische Treidelbahn. Auch aus Tempelhofer Gebiet handelt eS sich im wesentlichen nur noch um die Ausschachtiiiigsarbeiten für den Hafen und einen Teil des Kanalbettes, die in wenigen Wochen beendet sein werden. Am schwierigsten sind noch die Bauarbeiten in Groß-Lichterfelde, wo die ungünstigen Bodenverhältnisie Nach- senkungen des Erdreiches herbeiführen. Lediglich den Schwierigkeiten, welche der Morastboden am Südende der Kanalstrecke bei den Bau- arbeiten verursachte, ist die Verzögerung der Fertigstellung deS Kanals zuzuschreiben._ Berliner Spielklubs. Da fahren so viele Leute nach Monaco, um ihr Glück im Spiel zu versuche» und schließlich zugrunde zu gehen, und doch haben wir in Berlin das.Gute so nahe". Bon einem Klub des Wesieus, der sich im Palast„Ält-Bayern", Poisdamerstr. 10/11, befindet, berichtet der .Konfektionär", daß in diesem Klub an manchen Abenden Einsätze gemacht lvorden seien, die die Höhe von 30 000 Mark erreichten. Der Klub hat bei den Spielern Außenstände im Betrage von zirka 85 000 Mark und er besitzt manche Schecks, die für ihn wertlos geworden sind. Das Geschäft blüht trotzdem derartig, daß die bisher bewohnte Etage nicht mehr genügte und noch liiritere Räume hinzugenommen wurden, so daß der Mietspreis allein zirka 30 000 M, jährlich beträgt, Uni die enormen Regiekosten, decken zu können, ist der Klub auf den Leichtsinn der Mitglieder direkt an- geiviesen. Charakteristisch ist eine verbürgte Aeußerung, welche der Direktor Bettiner in den letzten Tagen getan hat. In ruhiger� Weise erklärte er, es sei noitvendig. daß sich jährlich mehrere Spieler ruinierten, denn sonst könnten die hohen Regiekosten nicht gedeckt werden. Wie der in Liquidation gegangene Klub von 1900„gearbeitet" hat, dürfte aus folgendem Bericht erhellen: „Die Liquidation des Klubs von 1000 ist nunmehr beendet. Die At.iven bestehen a»S 70 000 M,, die dem Klub von S, Joseph, der das Klilbhaus mit Einrichtung, Bildern usw. für 830 000 M, sehr billig gekauft hat, für den Erwerb desselben herausgezahlt worden sind. Diese 70000 M, haben hingereicht, um alle Pasiiven - zu begleichen, so daß solche bei Auflösung des Klubs nicht mehr Vorhanden sein loerden. Interessant ist es, in die Interna de-Z Klubs einen Blick zu werfen. Da erfährt man z. B.. daß die Unterbilanz der Küche in einem einzigen Jahre 60 000 M, betragen hat. Das gute Essen und die vorzügliche» Weine wurden zum Teil von den reichlich fließenden Kartengeldern bezahlt. Das Kartengeld betrug im Jahre 1900 15 000 M,, 1001 50 000 M,. 1002 175 000 M., 1903 350 000 M,. 1904 595 000 M. — immer das Jahr vom 1, April bis 31. März gerechnet. Die ersten drei Monate in der Bellevuestraße brachten ein tägliches Kartengeld von zirka 2000— 3000 M. Nachher, als der Krach kam, wurde es natürlich weniger. Der April brachte immerhin noch etwa"80 000 M., der Mai 70 000 M. an Kartengeldern. Unter den Aktiven befinden sich nach dem„Konfektionär"», a. die Summe», die der Klub noch von verschiedenen früheren Mit- gliedern zu fordern Hai, und deren Eingang ivohl ziemlich illusorisch ist. Ein bekannter Aristokrat schuldet dem Klub noch 000 91, dafür hat er sich's einige Monate lang gut schmecken lassen, Ein anderes Mitglied, das dem Klub durchaus keine Kleinigkeit für bar geliehenes Geld schuldig geblieben ist. macht den Spieleinwand-, ein Dritter, der sich augenblicklich weit vom Schuß im Auslande befindet, hat Schecks gegeben, die vergeblich der Einlösung harren, — Der Umbau des Hauses kostete 150 000 M, Das Silber, das die Tafel schmückte und von dem die Mibmitglieder in mancher fröhlichen Stniide. ohne Ahnung der Dinge, die da kommen sollten, speisic». wurde für 27 000 M. geliefert. Elektrische Aulageil und Lampen kosteten 25 000 M. Fünf Monate lang hat der Klub in seinem Hei», in der Bellevuestraße gehaust. Man nimmt an. daß der S P i e l u m s a tz während dieser Zeit zirka fünf Millionen Mark hejragen hat." Auch ein Sittenbild I_ Durch die Rücksichtslosigkeit eines Wagenführers ist gestern nach- mittag der 24jährige Arbeiter Max Lutz. Poisdamerstr. 80 wohnhast. so schwer verletzt worden, daß er wohl kaum am Leben erhalten bleiben dürfte. L, fuhr auf eine,» Zweirade die Tauenzienstraße entlang und wurde an der Ecke der Nürnbergerstratze von einem Möbelwagen umgefahren. Bewußtlos blieb der BedaueniSwerte auf der Straße liegen. Als der Kutscher des Möbelwagens hemerlte, welches Unheil er aiigerichtet. schlug er auf die Pferd« ein»Mb raste davon. Schmerverletzt wurde tz. nach der Uniallstation am Zo?» logischen Garten gebracht. Außer Fleischwunden im Gesicht hatte er einen Schädelbruch und schwere innere Berletzungen erlitten. In fast hoffnungslosem Zustande wurde der Unglückliche in das Kestender Krankenhaus eingeliefert. Erdrosselt. Ein Kindesinord liegt einem Leichenfunde zweifellos zugrunde, Ivelcher gestern im Lnisenstädtischen Schifiahrtskanal gemacht wurde. Vor dem Grundstück Luisenuser 10 �og man den Leichnam eines neugeborenen Knaben aus dem Wasi-r, Das tote Kind war zunächst'in Zeitungspapier eingewickelt und dieses war durch starken Bindfade» fest um den Körper herumgeschnürt. Die äußere Umhüllung bestand aus grauem Packpapier.- Die Leiche ist zur Obduktion nach dein Schauhause gebracht worden. Von der inutmaßlichen K>»desinörderin fehlt vorläufig jede Spur. Hennig wird sogar schon inS.achsen gesucht. ES wird berichtet: Auch die Polizei in Sachsen hat ihr besonderes Augenmerk auf die Wiedererlangung des Hennig gerichtet. In der Dienstag- nacht wurde in T e t s ch e n in dem aus Berlin kommenden Zuge von Gendarmen der Mörder gesucht. Der Kondukteur und die Mit- reisenden hatten ihn in Dresden zu erkennen geglaubt und die Dresdener Polizei verständigt, die nach Tetschen telegraphierte. Der betreffende Reisende, dessen Aeußeres genau mit dem Sigiialement des Heunig übereinstimmte«— sogar die Halsnarbe fehlte nicht---- wurde im Schlafwagen geweckt, konnte sich aber als ein auf der Fahrt nach Wien begriffener Aristokrat legitimieren. Derselbe war natürlich keineswegs darüber erbaut, für den flüchtige» Mörder ge- halten worden zu jein. Unfall eines Offiziers beim Gewehrprüfen. In der militär- technischen Bersuchsausialt in der Faianenstraße in Eharloitenburg hat sich gestern abend ein schwerer Unglückssall zugetragen. Leutnant v. Eberhard war mit anderen Offizieren beim Prüfen von Gewehren, Als er eine der Waffen versuchsweise abschießen wollte, beabsichtigte er vorher noch ei»mal etwas am Objekt zu prüfen. Plötzlich krachte ein Schuß, die Waffe hatte sich von selbst entladen, DaS Geschaß war Herr,! v. E, in die linke Hand eingedrungen und hatte sie fast völlig zerschmelkert. Der Ringfinger war gänzlich und der Damnen nith, als zur Hälfte weggeschossen. Vom Mitlelfinger�ivar das dritte Gelenk vernichtet worden. Kameraden brachten de» Schiververletzteii nach der Unfallstation XX am Zoologischen Garten, wo ihm die erste ärztliche Hülfe geleistet wurde. Bon dort kam Herr V. E. nach der tgl. Klinik in der Ziegelstraße. Pcnnarini, der Pscndomime. Der Berliner Kriminalpolizei ist ei» Hochstapler in die Netze geraten, der sich Pennarini oder auch Emil Hugo iiaunie, und der vorgab. Schauspieler au ersten Hanl- burger Theatern zu sein, Er brandschatzte Hanchurger Hotelbesitzer