Ar. ö». BbonncmfntS'Bedingungfn; Wonncmcnlif-'JStriS piänumerand.': LieUeljShrl. 3,30 Mk. moiiall. 1,J0 Ms, i»öch?nlliau5. timzclne Äummci 5 Ptq, Sonntag.. uununcr mit Mulkicner Sonnlaao, LeUagc.Die«eue Solt' lOPfa. Puit. SUjonnmcnt: 1,10 fflotf pro Monat. emacttogcn>» die Poft.Zcitungö. PrciSIille. Unter«reit, band für Teutlchland und Oetlerrcich, Ungar» 2 Mark, für da» tibriac Sliiglanft 3 Marl pro Monat. Postadon»cnicnl-j »edmen an: Sclgien. DKnemart. Holland, Italien, Lurcmburg. Portugal. Rumänien. Schweden und die Schweiz. CrldKlnt täglldi außer Rlcntags. A3. Jahrg. Berliner VolKsblntt. Vit snltrtiant'eedilhr beträgt siir die sechzgclpaltene Ilolonel- , teile oder deren Raum 30 Plg., für politische und gcwerlschastlich« Berein». und«crl-imnlung».«njcigcn 30 Pf«. „steine Anreigen". das erste sictt- gcdrulllcs Wort 20 Plg., jede» weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Gchlas- itcllcn.Anzeigen da» erste Wort 10 Psg., jcdeS weitere Wort 5 Psg. Sorte Ober lö Buchstaben zählen stir zwei Worte. Iiiserate sär die nächste Nummer mässen vis S Ulir nachmittag» in der Eppeditton abgegeben werden. Dt«»ppeditiou tjl Vit 7 Uhr abends gcässnct. Telegramm-Adresse: ,.S»a>ald»>»ßral 5tr»»-. 2entralorgan cler roziatdemokratifchcn Partei Dcutfchlands. Rcdahtion: 8 LI. 68, Linden Strasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Slr. 1983. Sonnabend, den 8* März 1900, Expedition: 803. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Rr. 1984. l Kriegstreibereien und Marinepolitik. Man schreibt uns: Ein beständiges Wetterleuchten am politischen Horizont beunruhigt seit Jahren die Gemüter. Manchmal zuckt es grell aus und man vernimmt in der Ferne das Grollen eines heran- ziehenden Unwetters. Was ist die Veranlassung zu diesen Störungen gewesen? Unsere mißverstandene Weltpolitik, die eine ungesunde Marinepolitik nach sich gezogen hat. Tie all- gemeine politische Lage spiegelt sich seit Jahren in der Marinepolitik der Staaten wider, in ihren Flottcnprogrammen. ihrer hastenden Mobilisierung zur See — und dies ist mehr als jemals in D e u t s ch l a n d der Fall. Ein angesehenes cmslaiidisches Fachblatt schrieb kürzlich:„Der Kampf zwischen Deutschland und England uni den Vorrang, der notwendigerweise auf dem Wasser sich abspielen muß. zeichnet sich immer klarer und hat ein akutes Stadium erreicht, die Katastrophe scheint nahe gewesen zu sein, jedenfalls ist es die in Deutschland verbreitete Meinung." Wer die Vorgänge ver- folgt hat, wird erstaunt sein über die Leichtfertigkeit, niit der Broschüren den kommenden Krieg mit England an die Wand malen: die letzte Broschüre des Majors von Bruch- hausen trägt diesen Titel selbst. Als das englische Kanal- geschwader in die Ostsee kam, war unter den Offizieren unserer Marine die Ansicht verbreitet, daß es zun» Schlagen kommen würde! Die mißverstandene Weltpolitik, die dazu noch taktlos in alle Winde posaunt wurde, hat uns diese Bescherung gebracht. Mit dem Schlagwort„Weltpolitik" haben wir alle Welt mit Mißtrauen gegen unsere Politik erfüllt, ohne daß ihre tatsäch- licheu Erfolge deshalb größere geworden sind. Und kein un- vernünftigeres Gebaren gibt es, wie das des Flotten- Vereins, der nichts von einer gesunden Weltwirtschast ver- steht und verstehen will, sondern in prahlender Macht- Entfaltung der Flotte„unsere Zukunft auf dem Wasser" sucht. Dieses oft zitierte Wort war auf der letzten Weltausstellung in Paris in gochischen Lettern am AusstellungSpavillon des „Norddeutschen Lloyd" zu lesen. Da hatte es noch einiger- maßen Sinn. Der Kaufmann und der Arbeiter sind die großen wirtschaftlichen Eroberer, sie haben mit eigener Käst ausländische Märkte gewonnen und behauptet, die Wirtschasts- Politik der Regierung hat dabei mehr erschwert wie genützt. Schon lange bevor nach Panzerschiffgeschwadcrn geschrien wurde, flaggten bereits die Handels- und Kontorflaggen unserer Haudelsemporien in fernen Gewässern, und ungestört ging der iibersecische Güterverkehr von statten. Der Welt- markt gebrauchte unseren Gcwerbefleiß, unsere Erzeugnisse. selbst England, seine Kolonien und Dependenzen, und das „rnadv iu Gerrnany", das unsere Waren tragen, ist schließlich statt zur Herabsetzung zur Empfehlung geworden. Wir können nur sagen, daß England uns bis jetzt seine Märkte noch nie- mals verschlossen, daß es unserem Schiffahrtsverkehr keine Hindernisse in den Weg gelegt hat: die Ein- und Ausfuhrwerte des deutschen Zollgebietes sind stetig gestiegen, die deutsche Handelsflotte im Seeverkehr nach ihren Registertonnen ständig gewachsen in friedlicher Konkurrenz. Die Kriegs- rüstungen haben ganz und gar keinen Einfluß hierauf gehabt. Wohin geht eigentlich der KurS des Flotten- Vereins, wo will er landen? Er verliert sich in ein Wolkenkuckucksheim, er schädigt das Reich durch seine Phan- tastercicn. Dieser Flottenverein treibt in Worten und Werken sein Unwesen und schädigt das deutsche Nationalvermögen (3t spornt die deutschen Surften an. die Bereit Willigkeit der Bürger zum Steuerzahlen für Kriegsbauten zu steigern, statt dazu sich des Vorrechtes der Steuerfreiheit zu begeben. Dem Flottenverein, in dem zumeist Leute sind, die nur im gesellschaftlichen Ver- kehr ihre Langeweile dort totschlagen, ist es allerdings gleich- gültig, wann oer letzte Proletarier an der letzten Wurststrippe kaut. Ein wilder Parorismus von Nationalfieber hat sich der Metapher,„der Dreizack des Neptun gehört in unsere Faust". bemächtigt. Marineforderunaen folgen auf Marineforde- rungen. Keiner überlegt, daß alle Nationalität schließlich nichts ist als eine EntwickelungspHase. eine niedrigere Stufe im Vergleiche zu dem letzten Ziele der Zusammenfassung der Menschheit, das die Rüstungen und Kriege, diese Ausflüsse der Barbarei, beseitigen würde. Der Flottenverein hetzt aber mit Betonung nationaler Gegensätze zum Kriege. Dabei ist die Verstellung und Heuchelei stets dieselbe. Man schämt sich der Sache, denn jeder beteuert laut, nie anders als zur Selbstverteidigung die Waffen ergreifen zu wollen. Statt die Sache mit öffentlichen, offiziellen Lügen zu beschönigen, die fast noch mehr als jene selbst empören, sollte man sich alsdann lieber, frech und frei, auf die Lehre des Macchiavelli berufen: . Willst du nicht unterjocht werden, so unterjoche beizeiten den Nachbarn, sobald nämlich seine Schwäche die Gelegenheit darbietet. Denn, läßt du sie vorübergehen, so wird sie einmal sich als Ueberläuferin im fremden Lager zeigen: dann wird jener dich unterjochen, wenn auch die jetzige Unterlassungssünde nicht von der Generation, die sie beging, sondern von den folaenden abgebüßt werden sollte." Dieser macchiavcllistische Grundsatz ist für die Raublust immer noch eine viel an- ständigere Hülle, als der ganz durchsichtige Lappen handgreif- lichster Unwahrheiten. Glaubt denn der Flottenverein. daß die Engländer, diese intelligenteste, urteilskrästigste Klasse, sich so lange täuschen und hinhalten lassen werden? England ver 85 N steht sehr wohl zur rechten Zeit loszuschlagen nach An- Weisung des Macchiavelli. die Geschichte lehrt es. Im Jahre l8k)0 schlössen die nordischen Mächle die nordische Alliance zur Wahrung ihrer Seeinteressen. Die Veranlassung hatte die Anmaßung der Durchsuchung neutraler Schiffe durch englische Kriegsschiffe gegeben. Sobald das Kabinett von Saint-Jameö hiervon erfuhr, wartete es nicht ab, bis die entfernten russischen Kriegsschiffe, die vom Eise in Kronstadt blockiert wurden, sich mit dem dänischen Geschwader vereinigt haben würden. Ohne eine Kriegserklärung, am 12. April 1801. erschien die englische Flotte unter den Admirälen Parcker und Nelson vor Kopen- iiagen, bombardierte die dänischen Schiffe im Hafen, vernichtete einen Teil derselben und zwang die dänische Regierung zur Auslieferung der anderen. Somit hatten die Engländer auch ihre versteckte Absicht durchgeführt, nämlich zu verhindern, daß das starke dänische Geschwader die französischen Seestreitkräfte egen England bei dem damals drohenden Kriegsausbruch mit 'apoleon verstärken könnte. Aber vielleicht ist es angebracht, den Flottenvereinletn ihre sinnverwandten JingoL, die nun auch ihre Arbeit wieder aufgenommen haben, in Erinnerung zu bringen. Unter Palmerston entstand ihr Schlachtruf: „We don't want to figbt; But, by Jingo, if wo do, We've got tbe sbips, woVe got tbo wen, \Wve got tbe rnoney, too." Diesen trivialen Ruf könnte man sinngemäß folgender- maßen wiedergeben: „Wir wollen nicht Kriege—- GehtS doch loS— Hurra I Denn Schiffe. Matrosen. Geld.— alle» ist da!" Ja. die englischen Jingos sind unseren Chauvinisten über und besonders in einem, dem Gelde. was sie auch ganz selbst- gefällig aussprechen. Wenn man mit ansieht, wie die Steuer- kommission sich abquält, das Geld zusainmenzuschrappen, um sich den Lu�uS von 18 000 Tonnen Schiffen zu leisten, so macht es einen peinlichen Eindruck und muß den Hohn des Auslandes herausfordern. Und wozu dies alles? England hat unseren überseeischen Verkehr und Handel bis jetzt nicht brutal zu hemmen versucht. aber Marincfordcrungen unserer Regierung hat es stets mit Marineforderungen seinerseits beantwortet. Dieses Spiel be- gann im Jahre 1890, zwei Jahre nach dem Regierungsantritt des jetzigen Kaisers. Kein vernünftiger Mensch kann cS Eng- land verargen. Denn die Existenz des Jnselreiches. seiner Kolonien und Dependenzen hängt von der Flotte ab. England würde in diesem Wettstreit den letzten Schilling draufgeben oder beizeiten losschlagen. Die Entstehung des neuen Kriegs- Hafens Rosyth an der schottischen Küste, die Neuverteilung der aktiven Flotte mit Verstärkung der Position in der Nordsee. die außergewöhnliche Beschleunigung der Bauten der neuesten Schlackiischiffe, deren Bauperiode auf 16 Monate, eine bisher noch nicht erreichte Leistung der Wersten, heruntergedrückt ist. sind Schachzüge auf unsere Schachzügs zu seiner Deckung. lieber die Folgen eines Krieges gegen eine der Seemächte, über die Erfolge, oie wir auf dem Wasser erzielen können, und über das allgemeine Endergebnis herrschen bei uns die widersinnigsten Ansichten. Jedenfalls werden E r f o l g e i m Seekriege, sei es auf der einen oder der anderen Seite, vielzuhocheingeschätzt. Im Kriege mit angrenzenden Staaten entscheiden die Armeen: ja, auch wenn die Länder durch Gewässer von einander getrennt sind, fällt die endgültige Entscheidung nur durch Okkupierung des Landes. Eine gewonnene Seeschlacht gibt nicht den Ausschlag, wenn ihr nicht entscheidende Operationen auf dem Lande folgen. Seit den ältesten Zeiten bis ans unsere Tage lehrt es die Geschichte, daß ohne Armeen noch keine definitive Entscheidung im Kriegsleben der Völker ge- fallen ist. Karthago und Port Arthur sind die Marksteine. Die japanische Flotte konnte nicht Port Arthur nehmen, der japanischen Armee verblieb für Beendigung des Krieges der entscheidende Sieg. Wären die russischen Armeen in der Mandschurei siegreich gewesen, so nützten Togos Scesiege nichts. Die Integrität des Deutschen Reiches hat in einem Kriege mit dem seemächtigen England auch nichts zu fürchten. denn, wo sind die Armeen, die es. nachdem das Uebergewicht zur See erlangt worden ist. an unsere Küsten werfen könnte? In einer Koalition Frankreichs und Englands gegen uns. die sich zurzett durch die Marokko-Affäre ausdrängt, würde Frank- reich die Zeche zahlen müssen, sobald wir nur in Paris den Frieden diktieren können. WaS sich dabei auf See abspielt, ist nebensächlicher: die Bilanz, mit der wir auf unsere Kosten kommen werden, würde zu Lande gezogen. Dies fühlt man auch heraus und unsere Rüstungen zur See richten sich darauf. England begegnen zu können. Wie es aber geschieht, ist eben das Verhängnisvolle für Deutschland. Eine ungeschickte Diplomatte ist die, welche das anstrebt, was nicht gelinge» kann, welche Ziele verfolgt, die man nicht erreichen kann und wofür man die Opfer umsonst bringt und seinen überlegenen Gegner nur herausfordert! Die Ansicht, daß wir England zur See schlagen und an seinen Küsten landen könnten, ist ein Hirngespinst. Ein Krieg mit dem seebeherrschenden England würde ein Handelskrieg zur See werden. Die Fahrstraßen unserer Handelsflotten der Weser und Elbe, die im Strahlenbündel den Kanal passieren und dann fächerförmig nach allen Haudelsemporien der Erde sich ausbreiten, sind mit der Kriegserklänuig verlegt. Der Seeverkehr unter schwarz-weiß-roter Flagge hört auf. Das ist nicht zu ändern, auch wenn noch eine neue Flottenvorlage durchgedrückt werden sollte. Die Folgen des Handelskrieges sind sehr schwer abzuschätzen und vorherzusagen. Einfuhr und Ausfuhr werden sich andere Wege suchen müssen, da die Häfen blockiert sind, vielleicht über Holland, Genua, Trieft. England schädigt sich aber selbst mit dem Ausfall des Warenaustausches. Was die Operation der englischen Flotte gegen unsere Kriegs- Häfen, die unsere weit stromauflvärts an Weser und Elbe liegenden Handelsstädte decken, anbetrifft, so geben die lang- wicrigen, resultatlosen und verlustreichen Versuche Togos, sich des Hafens von Port Arthur zu bemächtigen, ein annäherndes Bild. Minensperren, Torpedoboote und Unterseeboote sind eine so große Gefahr, daß kein Admiral in unsere Gewässer einzudriiigen wagen wird. Hiermit ist schon das erreicht, was Teutschland, das sich England gegenüber stets in der Defensive befinden wird, erreichen kann, nämlich der Schutz seiner reichen Haudelsemporien. Tie Schlachten auf hoher See interessieren uns nicht. sagte Bismarck. Sie können für uns absolut keine realen Er- gebnisse zeitigen, die nur einigermaßen im Einklang zu den ungeheueren Opfern stehen, die wir uns selber dieser Lorteile wegen aufbürden: sie können nicht verhindern, daß unsere Fahrstraßen unterbunden, unsere Kolonien bedroht werden. Mit den Flottenprogrammen seit 1890 ist aber gerade auf die Schlachten Huf hoher See hingearbeitet worden, auf die wir klugerweise uns nicht einlassen sollten— und annähernd eine Milliarde haben die Schiffbautcn bereits gekostet. Aber das genügt noch nicht, wenngleich heute schon England sein Kanal- geschwader und sein in Gibraltar stationiertes atlantisches Ge- schwader nach der Nordsee zur Begegnung einer Offensive unsererseits entsenden müßte. Eine gefällige Statistik muß aushelfe» und in vergleichenden Flottenlisten unseren Rück- stand darlegen, ähnlich, wie von Bismarck behauptet wird, daß er durch das statistische Amt die Kornpreise so machen ließ, wie er sie für seine innere Politik gebrauchte. In Wirklichkeit ist unser zahlenmäßiger Bestand nunmehr der, den das Flotten- Programm von 1900 an Schlachtschiffen vorsieht, nämlich 33. und nunmehr kommen die Ersatzbauten für die alternden Schiffe an die Reihe. Andere Marinen haben auch solches veraltetes Material in ihren Beständen. Aber der Flotten- verein schreit„schneller bauen". Das wird bedeuten, daß der § 2 des Flottengesetzes, der die Bereitstellung der erforder- lichen Mittel für die Ersatzbauten regelt und die Lebensdauer der Schiffstypcn festsetzt, umgestoßen würde. Damit würde auch der finanzielle Teil des Gesetzes, ebenso wie jetzt durch die sehr bestreitbaren Forderungen für Deplaceinentssteigcrungen der Schisse, abermals durch weitere Mehrforderungen atteriert werden. Und noch kann der Schatzsckretär die Steuern für jene nicht finden, ohne den 8 6 des Flottengesetzes anzutasten. der den Massenverbrauch des Volkes zu besteuern verbietet. Die Flottenprogrammc werden für uns das Faß der Danaiden. Und warum dies alles? Einer fixen Idee halber, deren Nutzen und deren Notwendigkeit kein klarer Politikcl. einzusehen vermag. Ein Philosoph könnte hier über die bis zum Schein der Absichtlichkeit gehende Tücke und Bosheit des Schicksals im Leben der Völker seine Betrachtungen anstellen, die ohne ihr Zutun in Unglück verflochten werden. Preßstimmen über Ver- stinunungen zwischen Onkel und Nesse diesseits und jenseits der Nordsee und die Kriegstreibereien des Flottenvereins sind günstig dazu. Das Wort des Abb«S Gr6goire, die Ge« schichte der Fürsten ist das Martyrium der Völker, hat noch nichts an Wert verloren. Das Voll hat kein Interesse an Kriegen. Es kann durch sie mir verlieren. nie gewinnen, und der Soldat von heute sollte nicht vergessen, daß er morgen wieder der Arbeiter des Kapitalismus ifc Die Revolution in Rntzland. Die Wahrheit über Hömel Die auch die MassakreS ie letzte Iudenmetzelei in Hömel ist die neueste und zugleich »ie fürchterlichste Form der von der Regierung veranstalteten ,, Ire«. Früher pflegte die Polizei die Metzeleien geheim zu organisieren, das Militär verhielt sich teilnahmlos und hinderte die Hooligans nicht an ihrer Arbeit. Später blieb die Rolle der Polizei dieselbe, die Hoolcgan» raubten und inordetcn wie früher— aber schon mit Hülfe de« Militärs. Jetzt aber ist ein Wandel in der Rollender- teilung eingetreten: Das Militär hat selbst da» Rauben und Morden begonnen: Hooligans waren in Hömel fast gar nicht zu sehen: Soldaten und nur Soldaten haben geplündert, gemordet, ganze Stratzenviertel eingeäschert und die Stadt mit Schrecken erfüllt. sei W ___________________ WW In der Feststellimg dieser Tatsache stimmen alle überein. die diese Schreckcnstage imi erlebt yabein Noch mehr: au« ihren Aussagen lätzt sich ohne jeden Zweifel feststellen, daß das ganze Benehmen de» Militär». mit dem die Stadt überfüllt war, schon einige Tage vor der Metzelei das schlimmste ahnen ließ. Am 22. Januar war ein all- gemeiner Streit anberaumt als Zeichen der Trauer über die Gefallenen in Petersburg: die Läden waren vom frühen Riorgcn an geschloflen. aber nachher öffneten sie sich.. da die Polizei die Inhaber bedrohte, daß loidrigenfalls Kosaken die Laden plündern würden. Jeder, der sich abends auf die Straße hinauswagt«, wurde seines Geldes und aller Wertsachen beraubt und unbarmherzig ge- schlagen. E» sind auch einige Raubanfälle auf Läden vorgefallen, wormi Polizei und Kosaken sich beteiligten. Am anderen Tage, dem 23. wieder dasselbe, aver in noch verstärktem Maße: die Raubansalle häuften sich, in einem geplünderten Laden entstand Feuer, da die Räuber die Waren mit Raphta Übergossen und angezündet hatte». Aber diesmal ge- kang daZ höllische Machwer! nicht: das Feuer lnurde vald gelöscht. � Am folgenden Tage wurde der Polizeipristow Assanotv ermordet: das war die Rache für die furchtbaren Mißhandlungen, die er den in seine Hände gefallenen Revolutionären widerfahren ließ. In der Stadt entstand eine Panik, man ahnte Unheil; und wirklich, auf den Straßen zeigten sich berittene Tscherkessen, welche aiifingen, nach rechts und links zu schlagen und zu stechen. Jus Krankenhaus wurden an diesem Tage vier Schwerverwimdete gebracht; es gab auch viele Minderverletzte. Die richtige Metzelei begann am 26. Bis dahin war es nur ein„Kinderspiel" der Tscherkessen gewesen. Am diesem Tage, gegen 4 Uhr nachmittags, wurde in einer Kirche geläutet— es war dies ein Signal: gleich darauf erschien auf der RnmjanzewSkaja Straße der Bankbeamte Sch wandt sein Deutscher) mit noch einem Hoolegan und begann mit eincnr Säbel die Scheiben in den benachbarten Läden einzuschlagen, sein Begleiter gab einige Revolverschüsse ab. Der ganze Vorgang war auch früher verabredet, denn auf die Schüsse kamen sofort Tscherkessen herbei und begannen die Straße entlang zu schießen. Man hörte weder die üblichen Rufe„Schlagt die Inden", noch das Pfeifen und Johlen der Straßenjungen, man sah keine zerrissenen Federbetten, eS fehlten alle Merkmale der„gewöhiilichen" Judenmetzeleicn. Als erstes Opfer hatten sich die Tscherkessen die Buchhandlung von Ssyrkin auSerschen: Bücher wurden zerrissen, die Ladeneinrichtung kleingeschlagen, daß ganze mit Naphta über- gössen und angezündet. Dasselbe Schicksal ereilte noch mehrere Geschäfte, loobei es auch Verlvundete und Getötete gab. In derselben Zeit begab sich eine Abteilung Dragoner zmir Arzt Salkind, der weit abseits von der Rnmjanzewskajastraße wohnt und als freiheitlich gesinnter Mann bekannt ist. Die Soldaten begannen sein Haus zu beschießen und töteten dabei einen dort wohnhaften Schuhniacher. Wenn nicht der Befehl eines benachbarten Obersten zum Rückzüge gekommen wäre, so wäre das Haus samt feinen Einwohnern vernichtet worden. Ein anderer Arzt. Dr. Sacharjin, war nicht so glücklich: als er, un- gefähr um dieselbe Zeit, eine Abteilung Soldaten mit einem Offizier an der Spitze kommen sah, flüchtete er sich »nt seiner Familie zu seinem Nachbar, einem Christen. Die an- gekommenen isoldaten fanden in der Wohnung des Dr. Sacharjin mir ein christliches Dienstmädchen, das, von den Soldaten mit dem Tode bedroht, ihnen den Zufluchtsort ihres Herrn entdeckte. Sofort begab sich der Offizier mit vier Mann dahin und verhaftete Sacharjin, die übrigen Soldaten plünderten unterdessen seine Wohnung, eigneten sich alles Wertvolle an, das klebrige wurde kurz und klein geschlagen. In derselben Zeit begaben sich einige Tscherkessen nach einer kleinen Synagoge, brachen die Türen gewaltsam auf, mißhandelten furchtbar einen vierzehnjährigen Jungen, der sich dort versteckt hatte, zertrümmerten alle Lampen, die gerade mit Oel angefüllt waren, zündeten es an und begaben sich ruhig weiter an ihre„Ar- beit." Der Junge entkam mit Mühe und Not aus dem brennenden Hause. In der RuinjanzewSkaja ging daS Brennen, Morden und Plündern weiter vor sich; die Einwohncr befanden sich in einer schrecklichen Lage: blieb man im Hause, wurde man verbrannt bei lebendigem Leibe, ging man ans die Swaße, wurde man niedergeschossen. Man entkanr durch Hintertüren, kletterte auf die Dächer und ließ sich von da auf Stricken herunter, man brach Löcher i» die Mauern und rettete sich aus diese Weise durch Höfe und Gärten. Auf den«traßen sieht man Soldaten, Tscherkessen, Kosaken mit vcr- schiedensten Waren bepackt, ganze Wage voll geraubter Sachen loerden fortgebracht, ein jeder, der den Plünderern Widerstand entgegensetzt oder sie nur genauer ansieht, um sie sich zu merken, wird niedergeschossen. Der Brand verbreitet sich allmählich auf andere Straßen; die Tscherkessen versuchen den Laden von Ljnbin anzuzünden, von da aus konnte das Feuer ins ärmste Stadtviertel hinübergreifen, aber mit Hülfe von sechs Rubeln gelingt es, den Laden zu retten. Nach Mitternacht steht die halbe Stadt in Flammen, die besten Straßen, die reichsten Magazine lodern. Das Löschen ist unmöglich, jeder, der es wagt, wird niedergeschossen; Feuerwehr ist nicht da. die Polizei läßt sie nicht znr Brandstätte heran. Erst egen Morgen gelingt es den Arbeitern vom Depot der Eisen- ahn, mit einer Dampfspritze deni Feuer Einhalt zu tun. Am folgenden Tage bietet die Stadt ein trauriges Bild: der beste Stadtteil ist verwüstet: auf den Straßen siebt man nur Kosaken und Soldaten, jeder Eisenbahnzug führt Hunderte von Honieker Einwohnern aus diesem Schreckensorte fort. Um 5 Uhr ist die Stadt wie ausgestorben, niemand ivagt sich in die Straßen, der bloße Name des Generals Orloff, der zur„Ruhe"stiftung in der armen geplünderten und beraubten jüdischen Bevölkerung nach Hömel gekommen ist, erweckt Schrecken in jedem: man iveiß ja, auf welche Weise er in den Baltischen Provinzen„Ruhe" gestiftet hat.... Aus allen diesen Tatsachen geht ohne jeglichen Zweifel hervor, daß in Hömel es sich nicht um eine solche Judeumetzelei handelte, lvie wir sie in Kischinew und später in Kiew. Odessa usw. gesehen haben, und daß das Ganze vorher systematisch organisiert war. Wie gesagt, spielten in allen Vorgängen Soldaten die Hauptrolle, Hoolegans waren nur in einer verichwindend kleine» Zahl am Platze. Die Polizei hat schon einige Tage früher ihren guten Bekannten erzählt, daß eine Niedernietzelung der Juden stattfinden werde. DaS lvird u. a. von der Aussage eines Konditors bestätigt; der Polizeipristaw hatte ihm gesagt, einen offiziellen Befehl hätte die Polizei zwar»och nicht erhalten, aber sie würde nicht imstande sein, dem Pogrom zu widerstehen, da das„Volk" sich dazu vor- bereite. Woher der Pristaw so genau über die Wünsche des russischen„Volkes" unterrichtet ist, hat der folgende Tag gezeigt: Von den Hoolegans war beinahe nichts zu sehen. das wahre Volk aber, die christlichen Arbeiter, wollten daS Feuer löschen, wurden jedoch daran gehindert. Ueber die Rolle des Militärs und der Polizei sind alle Zeugenaussagen einig, auch die der zahlreichen Verwundeten, die durchweg alle ohne AuS- nahine von Kosaken und Tscherkessen gelitten haben. Was den Ursprung und die Organisation des Pogroms anbetrifft, so behauptet die Polizei, er wäre eine Autwort auf die Ermordung des Pristaws Assanow gewesen. Aber es liegen schlagende Beweise vor, daß die Metzelei schon seit langem geplant lvar. Schon vor einer geraumen Zeit bekamen die Aerzte Salkind, Sacharjin und andere Personen Drohbriefe von dem„Verband russischer Leute", in denen ein„baldiges Ende" prophezeit wurde. Dr. Sacharjin sollte„einer der ersten sein". Und tat- sächlich, als Dr. Sacharjin nach seiner Verhaftung abgeführt wurde. schrie der Anführer der Tscherkessen dem kommandierenden Offizier zu:„Ihr habt jetzt einen der ersten l" Und überhaupt, wie anders ist es erklärlich, daß gleichzeitig mit dem Anfang der Schießerei Dragoner und Soldaten sich gerade zu Salkind und Sacherjin begaben, die doch ganz abseits wohnten? Wäre� denn das anders möglich gewesen, als durch vorhergehende Verabredung, durch Organisation? Die ganzen Vorgänge auf der Rumjanzewskaja bestätigen auch den Gedanken der Organisation: das Läuten in der Kirche, das Revolverschieben— das Ivaren alles verabredete Signale. In vielen Fällen ist das Schießen bloß ein Zeichen gewesen, man solle in dem und deni Ort Feuer anlegen. Häufig ist folgendes Bild beobachtet UOrden: Ein Laden wird geplündert, es ertönen Schüsse, die Minderer verlassen das Haus— und in ein paar Minuten steht es in hellen Flammen. Die Polizei behauptet, die Brände wären durch eine Bombcnexplosion hervorgerufen; dieselbe Ansicht vertritt auch der berüchtigte General Orloff in seiner Bekanutmachung. Dieser tapfere Krieger— gegen Wehrlose — beorderte nach seiner Ankunft durch Vermittelung der Polizei eine Deputation der angesehensten Juden zu sich, empfahl sich ihnen als„Freund der Wahrheit" und begann sie über den Pogrom auszu- fragen. Alle bekundete» einstimmig, daß nur die P o I i z e i und das Militär die Schuld daran tragen, die jüdische Bevölkerung habe sich ganz ruhig verhalten; weder seien Bomben geschleudert, noch sei das Militär aus den Fenstern heschossen worden. Und am anderen Tage veröffentlicht dieser„wahrheitsliebende" General dasselbe Märchen von jüdischen Bomben und jüdischen Schüssen. Soll es da lvlmderuehmcn, daß die Bevölkerung in der gedrücktesten Stimmung ist, daß täglich neue Grcueltateir crlvarter werden, daß alles aus Hömel flieht? Diese neuen Greueltaten der Regierung, dieses Morden und Brennen, diese Niedernietzelung Wehrloser, das ist nur eine Methode zur Bekämpfung der Revolution. Oder vielmehr die Methode ist alt, wir haben sie schon in vielen Städten Rußlands gesehen, neu ist nur die Offenheit, mit der die Regierung hier zu Werke ging. Die anfänglich zur Bekämpfung der jüdischen Arbeitcrbewe- gung von der Regierung erdachte M a s.s a k e r t a k t i k hat sich, wie wir es in Hömel gesehen, zu einem System von Mord und Raub entwickelt, welches an Bestialität auch nicht annähernd seinesgleichen in der Geschichte zivilisierter Völker auszuweisen hat. Die erste Homcler Metzelei der Hooligans(September 1603), die von der Polizei geheim organisiert und vom Militär bcscchitzt wurde, denen sich aber das Militär nicht aktiv angeschlossen hatte— mißlang dank dem heldenhaften Austreten des vom„Bunde" daselbst zum erstenmal organisierten„Selbstschutzes". Den bewaffneten Kolonnen des Selbstschutzes gelang es damals unter Leitung des Ortskomitees des„Bundes", die geplante Nicdcrmetzclung der jüdischen Bcvölkc- rung durch die Hooligans in eine förmliche Schlacht zwischen Hooligans und>s c l b st s ch ü tz l c r n zu vcr- wandeln, und obgleich das Militär auf feiten der Hooligans war, gelang es damals den Selbstschützlern, die Stadt zu retten und die Hooligans unschädlich zu machen. Jetzt sandte die Regierung Tscherkessen und Kosaken aus. Es war dies ein bewaffneter Auf st and der Regierung gegen das Volk.... Damit hat die Regierung aber auch ihr letztes Wort gesprochen. DaS Proletariat wird darauf antworten — die nächste Zukunft wird es beweisen. Tie Revolution schreitet vorwärts und nichts in der Welt kann sie mehr aushalten! Nach berühmte» Mustern. Petersburg. I.März.(Meldung der Petersburger Telegrapheu- Agentur.) Das Gesetzblatt veröffentlicht das vom Kaiser am 20. Februar genehmigte Reglement, nach welchem das Vorgehen der mit der Unterdrückung von Unruhen betrauten Truppen künstig einzurichten ist. Dasselbe enthält namentlich die Bestimmung, daß die Truppen in solchen Fällen weder in die Luft noch blind schießen dürfen. Zur Duma-Posse. Petersburg, 2. März.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Das zum Gesetz erhobene Reglement betreffend die Reichsduma wird demnächst veröffentlicht werden, ohne daß es vor- her dem Reichsrat vorgelegt wird. Das neue Reglement bestimmt, daß kein Gesetz ohne die Bestätigung durch den Staatsrat und die Duma Kraft haben kann. Die Mitglieder des Reichsrats setzen sich in gleicher Zahl zusammen auS ernannten Mitgliedern und solchen, die von der orthodoxe» Geistlich- k'eit. dem Adel, den Semstwos, der Akademie der Wissenschaften, den Universitäten, dem Handel und der Industrie gewählt sind. Der Reichsrat und die Duma werden jährlich durch kaiserliche Ukase einberufen. Jede der beiden Äörperschasleii besitzt das Recht zu Vorschlägen über die Abänderung oder Abschaffung bestehender Gesetze und zu Vorschlägen neuer Gesetze mit Ausnahme der Grundgesetze. Der Reichsrat und die Duma erhalten das Recht, an die Minister über Handlungen, die nicht mit den Gesetzen übereinstimmend erscheinen, I n t e r- pellationen zu richten. Die Sitzungen deS ReichSrateS und der Duma sind im allgemeinen öffentlich. politische(lebersidn. Berlin, den 2. März. Juristische Beklemmungen. Noch harrt der Staatssekretär des Reichsjustizamtes der Bewilligung seines Gehaltes, aber auch der Repliken Stadt- Hägens und Heines, die Herrn Nieberding über das Justizwesen noch einiges zu sagen haben. Ehe die Beratung über den Justizetat fortgesetzt wurde, erledigte der Reichstag nach kurzer Debatte die erste und zweite Lesung des Gesetzentwurfes, betreffend die 1l e b e r- leitung von Hypotheken des früheren Rechts; von der beantragten Ueberweisung des Entwurfes an eine Kommission sah die Mehrheit des Hauses ab. Dann aber wandten sich die Abgeordneten R o e r e n(Z.) und W a l l a u(natl.) gegen die gestern von Heine an der Justiz geübte Kritik. Aber merkwürdig— während diese Redner die sozialdemokratische Kritik an einer Reihe gravierender Gerichtsurteile, die das innerste Wesen der Justiz erkennen lassen, verurteilen, tragen andere Redner der bürgerlichen Parteien noch mehr Material herzu, die die Berechtigung der sozialdemokratischen Kritik erweisen. Die Antisemiten B ö ck l e r und K r ö s e l l hatten dem Staatssekre�ir nianches Unliebsame zu sagen, besonders der erstere riet dem Staats- sekretär, ernstlich an die Beseitigung der gerügten Mißstände zu denken, weil sonst das Vertrauen zur Justiz völlig erschüttert werde. Unser Genosse Thiele trug ebenfalls zur Vervollständigung des von der Justiz selbst gelieferten, ihr eigenes Ansehen untergrabenden Materials bei. Daß der regierende Zentrumsführer Spahn die Klassen- justiz leugnete und die Richter durch das sie umgebende Milieu zu entschuldigen suchte, schafft die Tatsache nicht ans der Welt, daß eben dieses Milieu in der Interessensphäre der besitzenden und herrschenden Klassen liegt, die im Gegen- satze zu den Interessen der werktätigen Klassen steht und eine universelle, rein objektive Erfassung und Beurteilung der all- gemeinen Verhältnisse verhindert. Eben aus diesem Milieu heraus wachsen alle die Verfehlungen der Justiz, die vor dem Forum der Gesetzgebung aufgedeckt werden müssen, soll anders der Gerechtigkeit nur einigermaßen Genüge geleistet werden. Darum sind die Znsammenstöße zwischen der Opposition und der Regierung gerade auf diesem Gebiete die notwendige Begleiterscheinung eindr im Klassenstaate unvollkommenen Ein- richtung. Die von der Rcgierungsbank geübte Gepflogenheit, selbst äußerst markante Fälle unzulässiger juristischer Amts- Handlungen entschuldigend zu decken, wirkt nicht bessernd, sondern umgekehrt. Ihr Bestreben geht ja auch als Sach- walterin der herrschenden Klasse auf die Benutzung ins- besondere der Strafrechtspflege als einer Waffe gegen das Proletariat. Naturgemäß muß dies Bemühen zur Erschütte- rung der Grundlagen einer unparteiischen Rechtspflege führen und Klagen über ihre Mängel auch bei der bürgerlichen Klaffe selbst im Gefolge haben. Der von Jahr zu Jahr reaktionärer und selbstgefälliger gewordene freisinnige Abgeordnete Lenzmann suchte die Beschlüsse der Kommission zur Strafrechtsrcform zu verteidigen, stieß aber auf starken Widerspruch auf den sozialdemokratischen Bänken. Der Abgeordnete Müller- Meiinngen ließ als Antipode Roerens seinem Unmut über die Lex Heinzestimmung des letzteren freien Lauf. Morgen geht die Beratung über den Justizetat weiter.— Schulfragen im Abgeordnetenhause. Das Abgeordnetenhaus setzte am Freitag die Beratung des Kultusetats beim Kapitel Elementor-Unterrichtswesen fort. Ten interessantesten Teil der Debatte bitdetcn die Auseinander- setzungen einzelner Abgeordneten mit der Schulverwaltung wegen der Ueberschreitungm ihres Schulaussichtsrechies. Uni« Anführung zahlreicher Beispiele konnte der Abg. Cassel (frs. Vp.) daraus hinweisen, daß unter dem Ministerium Studt das Selbswerwaltungsrecht zu einer Bevormundung der'Gemeinden ausgeartet sei, die diesen die Freude an ihren Schulen nehmen. Lwgar die Abgg. Dr. F r i e d b e r g(natl.) und Frhr. ».Zedlitz(freik.) pflichteten dem freisinnigen Redner bei und fanden scharfe Worte gegen das Verhalten der Regierung. Ter Minister aber ähnelte dem bekannten Greise, der auf denl Dache sitzt und sich nicht zu helfen weiß. In seiner Vcrleg»i- heit ließ er durch seinen Ministerialdirektor erklären, daß ihflt die meisten Fälle unbekannt seien und legte dann selber Ver- Wahrung dagegen ein, daß die Abgeordneten rechtskräftig noch nicht entschiedene Fälle vorbringen. Mit Recht erwiderte ihm Abg. Dr. Fricdberg, daß, weitn man diesem Grundsatze folgen wollte,— überhaupt keine Fälle im Parlament besprochen werden könnten, da doch nur bei der Etatsberatung dazu Gelegenheit gegeben sei. Wenn im übrigen Herr Friedberg als einer der Väter des Schulkompromisses Angst� hat, die Rc- gierung könnte durch ihre Eingriffe in das Selbstvcrwaltungs- recht die großen Gemeinden erbittern und infolgedessen das Zustandekommen des Schulunterhaltmigsgesetzes in Frage stellen, so mag sich der nationalliberale Redner nur beruhlgen: die von seiuem Freunde Hackenberg inszenierte Auslieferung der Schule an die Kirche wird vollendet werden. Die schwachen Protestrufe der Bourgeoisie werden verhallen, und das Prole- tariat hat in Preußen nichts zu sagen. Mit nationalliberaler Hülfe werden die Konservativen und die Klerikalen die Ver- pfaffung der Volksschule besorgen. Des weiteren unterhielt man sich kurze Zeit über die wichtige Frage der S ch u l a u f s i ch t. ES ist bekannt, daß die Konservativen und das Zentrum unbedingte Anhänger der g c i st l i ch e n Schulaufsicht sind, während die Linke und die Freikonservativen für die weltliche Schulaufsicht eintreten. Diesen Standpunkt wahrten die Redner der verschiedenen Parteien auch bei der diesmaligen Etatsberatung, und auch die Regierung erklärte ausdrücklich, daß unter den heutigen Ver- Hältnissen die geistliche Schulaufsicht nicht zu entbehren sei. Von Herrn Studt kann man natürlich etwas anderes nicht erwarten. Den Schluß der Sitzung bildete eine Erörterung der Frauen frage, wenn man das oberflächliche Gerede für und gegen das Frauenstndium, für und gegen die Gewährung des allgemeinen Stimmrechts an die Frauen überhaupt so nennen darf. Die Regierung plant bekanntlich eine Reform des höheren Mädchenschulwesens, sie hat außerdem ihre Ge- nehmignng zur Einrichtung von Gmnnasialkursen für Fraiien an einigen Orten erteilt, und aus diesem Grunde wurde i..r von konservativer Seite der Vorwurf gemacht, sie weiche vor der Frauenbewegung zurück. Arme Regierung! Ein so un- berechtigter Vorwurf ist gegen sie noch nie erhoben worden, und es ist geradezu unbegreiflich, wie es möglich ist. daß die preußische Regierung in den Verdacht geraten kann, für irgend einen Forlschritt einzutreten. Daß bei der Debatte nichts nennenswertes herausgekommen ist, bedarf keiner besonderen Betonung...,.., Am Sonnabend wird die Beratung des Kultusetats fortgesetzt._ Aus dem Sultanat Jesko v. Puttkamer. Di« viel besprochene Petition der Akwahäuptlinge an den Reichstag und Rcich-tmizker stand endlich gestern in der- Budgetkommission zur Beratung. Die Petition erhebt schmore Anklagen gegen das System Puttkamer und behauptet, die Akwaleute würden gequält, ja viehisch behandelt. Die Häuptlinge bitten daher. Jesko v. Puttkamer mit all seinen Amtmännern und Richtern aus der Kolonie zu entfernen und dafür Konsulate einzurichten. Die Petition enthält auch 24 detaillierte Anklagen über das Pütt- laniersche Regiment.?lls Jesko v. Puttkamer von dem Wortlaut der Petition Kenntnis erhielt, stellte er Strafantrag, und 22 Häupt- lingc als Petenten wurden verhaftet, am 6. De- z c m b e r v. I. zu i n s g c s a m t 27 Jahren und 6 Monaten Ge« fängniö mit Zwangsarbeit verurteilt; darunter der Oberhäuptling Dika Akwa zu neun Jahren, zwei andere Häuptlinge zu sieben bezw. einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis. Die übrigen Petenten erhielten je drei Monate Gefängnis. Das Bluturteil gegen die Häuptlinge hat allgemeine Empörung hervorgerufen, so daß die Koloinalvcrwaltung kraft der ihr zustehenden Befugnis da» Urteil aufhob und die mit drei Monaten Gefängnis bestraften Häuptlinge aus der Haft entließ, ferner die Angelegenheit einem anderen Gerichtshof zuteilte. Jesko ivurde nach Deutschland zurückgerufen, um sich zu rechtfertigen. Es liegt bekanntlich auch ein schriftlicher Versuch dazu vor, worin Herr Jesko erklärt, auf die Gerichtsverhandlung habe er keinen Einslutz gehabt, und über daS Urteil sei niemand e r st a u n t c r gewesen als er s e l b st. Herr Jesko ergeht sich des weiteren in recht schwach substantiierten Anklagen über den Akwastamm, redet viel von� Empörung und Auf- lehnung gegen Teutschland und sagt zum Schlüsse wörtlich sol- gendes: „... Es erscheint mir nicht zweckmäßig, das Urteil umzu» stoßen und die Sache einem anderen Richter zu überweisen; das würde die Stellung des Bezirksrichters schwer erschüttern und die Rechtsbegriffe der Bevölkerung verwirren und auch sonst üble Folgen haben. Ich kann nur vorschlagen.... das Strafmaß etwa von neun auf zwei Jahre, von sieben auf ein Jahr, die übrigen Strafen entsprechend herabzumindern..." Weiter verlangt Jesko, daß der Sohn des Dika Akwa. der zurzeit in Altona wohnt und schon vielfach genannt worden ist, nach Kamerun zurückbefördert wird. Bor Eintrüt in die gesttigen Verhandlungen in der Kam- Mission gab namens der Regierung Erbprinz Hohenlohe folgende Erklärung ab: „Der Vorschlag des Gouverneurs, die Strafen von hier auS herabzusetzen und daS Urteil mit dieser Niatzgabe zu bestätigen, erschien nicht annehmbar, da das vorliegende Material nicht aus- reichend ist, um eine der Sachlage nach allen Richtungen hin gerecht werdende Entscheidung zu treffen. Der Möglichkeit gegenüber. eventuell eine unrichtige Entscheidung zu fällen, mutzten die Folgen einer Umstoßung deS Urteils, die hier durchaus nicht ver- kannt werden, als das kleinere Uebel erscheinen. Auch der Gou- vcrneur hat sich bei nochmaliger Prüfung dieser Ansicht nicht ver- schließen können. Das Urteil selbst war wegen der Höhe der erkannten Strafen und aus juristischen Gründen nicht haltbar. Insbesondere hat der Richter ohne jede Begründung eine Reihe verschiedener Fälle angcnommen, während doch anscheincnd nur eine einzige be- leidigendc Handlung vorliegt. Ferner ist die Frage der An- lv c n d b a r k e i t des§ 103 R.- S t r.- G.- B. in den Fällen der einfachen Beleidigung nicht zur Erörterung ge- langt. Die Freilassung der zu dreimonatiger Gefängnisstrafe Ver- urteilten konnte nach Aushebung des Urteils in Uebereinstimmung mit dein Vorschlage des Gouverneurs unbedenklich erfolgen. Da- gegen lvar die Belassung der fünf zu längeren Frciheitsstrascn verurteilten Häuptlinge in Hast unbedingt erforderlich, um zu verhüten, daß dieselben sich einer nochmaligen richterlichen Untersuchung durch die F l u ch r, die bei den Verhalwisscn in Kamerun außer- ordentlicl, leicht zu bewerkstelligen ist, entzöge», Was nun die Beurteilung der Beschwerden selbst vom Stand- punkte der Verlvaltung anlangt, so bin ich zurzeit nicht in der Lage, zu den Beschwerden endgültig Stellung nehmen zu können. Einmal bedürfen, wie ich bereits vorher erwähnt habe, einzelne Punkte noch der lvcitercn Klarstellung, die nur im Schub- gebiete selbst erfolgen kann, andererseits aber muh, da die ganze Angelegen heir sich im Stadium des richterlichen Verfahrens befindet, zunächst dessen Ausgang abgewartet werden." Der Abg. Kalkhof(Z.) übch als Referent Kritik an dem Prozchvcrfahren gegen die Häuptlinge Zur Verurteilung habe man die schärfste» Bestimmungen herangezogen, den Schutz des 8 lül-5 des St.-G.-B. aber versagt. Auch die Dolmetscherfrage scheine nur mangelhaft gelöst worden zu sein. Tos Urteil sei um so bc- fremdender, weil der Gerichtshof die Ziehrzahl der Beschwerde- pnnkte in der Petition gar nicht bestreite. Beim Studium des Aktcnmaterials komme man zur Uebcrzeugung daß das Urteil sich auf Wahrnehmungen aufbaue, die in der Verhandlung gar nicht festgestellt worden sind. Wenn der Gouverneur richtig verfahren wollte, muhte er gegen sich und die mit angeklagten Beamten ein Tisziplinarverfahren beantragen, statt Strafantrag zu stellen. Im deutschen Volke erwarte man, dah diese Angelegenheit gründlich er- örtert werde. Prinz v. Hohenlohe machte Angaben über das Verhalten der Kolonialverwaltung, die nichts von der Erhebung der Anklage und von der Verurteilung gewuht habe. Tic Strafprozeh. ordnung sei in den Schutzgebieten nicht eingeführt, weil das ein- fach unmöglich sei. Abg. K o p s ch wies darauf hin, dah die Akwaleute schon im Jahre 1902 eine Deputation nach Deutschland geschickt haben, unter der Führung Dika Akwas, um sich über das Puttkamerschc Regiment zu beschweren. Die Deputation sei von der Regierung mit dem Trost entlassen worden,„es wird schon alles in bester Weise erledigt werden". Heute aber sind die Akwaleute überzeugt, dah eS nicht besser, sondern viel schlimmer geworden ist, wie aus einem Brief hervor. geht, den Dika Akwa an seinen Sohn in Altona gerichtet hat. In dem vom Abg. Kopsch verlesenen Brief wird gesagt, die Neger wollten lieber sterben, als noch lange die Behandlung erdulden, die ihnen zuteil wurde. Tic Gefahr eines Aufstandes drohe, ob- wohl die Akwaleute gut kaisertreu seien. Dikas Sohn antwortete mit dem Rat, die Häuptlinge möchten sich an den Reichstag und Reichskanzler wenden. Wenn der Kaiser die Wahrheit erfahre, wert« er schon einschreiten. Abg. Kopsch beleuchtete weiter den Puttkamerschen Rechtfertigungsversuch, der Widersprüche auf Widersprüche enthalte und sogar auch die dreiste Behauptung auf- stelle, die Petition sei in Deutschland veranlaßt bezw. verfaßt lvorde», während die Gcrichtsakten klipp und klar ergeben, wie die Petition zustande kam, nämlich bei Zusammenkünften der Häupt- linge. Die sozialdeni akratischen Mitglieder stellten den An- trag, die noch inhaftierten Häuptlinge unverzüglich auf freien Fuß zu setzen. Der Abg. Dr. Arendt hielt eine vom höchsten staatsanwalt- schaftlichen Eifer beseelte Anklagerede gegen die Häuptlinge und gerierte sich nebenbei als freiwilliger, aber sehr unbrauchbarer Re- gierungskommissar. Der vom Abg. Kopsch vorgetragene Brief scheine eine grobe Täuschung zu sein, denn die darin enthaltenen unglaub- lichen Großsprechereien könnten gar nicht aus dem schnapsumflorten Gehirn des Dika Akwa kommen, der überhaupt ein herunter- gekommenes und versoffenes Individuum sei. Für ein Glas Schnaps sei jeder Neger für alles zu haben, mit Ausnahme des Häuptlings Akanga Bell.(Manga Bell ist ein Intimus des Je s k o von Puttkamcr und jetzt so rcgicrungsfromm, daß er jedem hurra- patriotischen Verein in Teutschland zur Zierde gereichen könnte. Früher war aber Manga Bell englandfreundlich und ist dcslvegen einmal zu zwei Jahren Deportation verurteilt worden.) Herr Dr. Arendt gab ferner die Ansicht zmn besten, dah der Reichstag gar nicht über die Petition zu verhandeln brauche, denn sie sei nicht unter schriftlich beglaubigt.(Die Petition ist von Dika Akwa diktiert, von einem des Schreibens kundigen Neger niedergeschrieben und von den Petenten durch Kreuze unter- zeichnet worden.) Schliehlich versuchte Dr. Arendt, die Kam- Mission mit der auftauchenden äthiopischen Bewegung in Afrika graulich zu»lachen und propagierte allen Ernstes den Vorschlag, Puttkamcr solle wieder auf seinen Posten zurückkehren, damit die Reger nicht glauben, eine Petition von ihnen breche dem Gouverneur den Hills. Sei Pnttkamer wieder einige Zeit in Kamerun gewesen, dann könne man ihm den Prozeß machen, wenn das nötig werde. Geheimrat Dr. S c i tz erklärte, daß die Beschwerden der Akwa- lcute sicherlich ihren Grund auch darin haben, daß der ihnen feind- liche Stamm der Bellcute von der Regierung vorgezogen werde. Aber die Bellcute seien eben sehr ergeben und viel besser, auch lveiter in der Entwickclung fortgeschritten. Abg. Ledcbour führt aus, der Kern der Angelegenheit sei schnöder Amtsmißbrauch, bc- gangen durch die Beamten in Kamerun. Von diesem Gesichtspunkt aus müsse die Petition bchandcll werden. Die unverzügliche Ent- Haftung der Häuptlinge sei ein Gebot der Gerechtigkeit. Die lveitcre Beratung der Angelegenheit wird in der nächsten Sitzung erfolgen, die am Montag abgehalten werden soll. � Deutrchce Reich. Hie Kapital— hie Proletariat! Die„Königsberger BolkSzt g." ist in der Lage, ein Zirkular zu veröffentlichen, das das KönigSberger„Schutz- komitee für durchreifende russische Juden" an die übrigen deutschen Schutzkonntees versandt hat. Das überaus charakteristische Schreiben lautet: „Der Ausivanderepstrom von jungen Leuten, welche der- schiedentlich sogar mit jungen Mädchen, angeblich Frauen, erscheinen. nimmt täglich stärkere Dimensionen an. Nach unserer Sichtung gehören die Ankömmlinge fast durchweg dem„Bund" an und sind ganz gewissen- und charakter- lose Leute, von welchen unsere russischen Glaubensgenoffen über alle Maßen zu leiden haben. Die Beförderung derartiger Leute bedeutet nichts anderes, als eine Seuche überall- hin zu verbreite ir und unsere Glaubensgenossen anderer Länder in Gefahr zu bringen. Wir haben daher beschlossen, die Unterstützung und Beförderung derartiger Elemente gänzlich auSzu- schließen und hoffen wir, daß Sie in gleicher Weise verfahren. Mit Achtung M. Perlmann." Unser KönigSberger Bruderorgan bemerkt zu dem Schreiben: „Der Brief spricht Bände. Ueber die Mädchen, die, um nicht von den Kosaken vergewaltigt und mit Nagaikahieben traktiert zu werden, als„angebliche Frauen" fliehen, entrüstet man sich. Das ist satte Spießerinoral. Man blickt mit Verachtung auf jene Mädchen herab und dankt dem lieben Gott, daß die Töchter der deutschen Juden nicht so wie jene sind. Aber trotzdem sZnd die russisch-jüdischen Mädchen Heldinnen, weil sie zusammen mit den Männern den Zarismus bekämpfen. Und leichten Herzens trennen sie sich gelviß nicht von d« Heimat, von den Eltern und Geschwistern, aber sie fliehen, weil sie sonst dem Henker in die Hände geraten. Daß es sich um Kämpfer für dieFreiheit desBolkes handelt, sagt ja daS Schutzkomitee selber. Es meint, die Ankömmlinge ge- hören fast durchweg dem„Bunde" an. Gemeint ist damit der jüdische A r b e i t e r b u n d. Die Mitglieder dieses Bundes haben sich in hervorragender Weise an der Revolution beteiligt. Deshalb wird jtjzt auch Jagd auf sie gemacht und daher der immer stärker werdende Auswandererstrom." Dies Vorgehen des Königsberger Schutzkomitees ist ein treff- licher Beitrag zu dem blöden antisemitischen Märchen von der Ver- brüderuilg der„roten" und der„goldenen Internationale". Die Mitglieder des Bundes sind Proletarier, revolutionäre Proletarier, und deshalb gelten sie dem beschnittenen Kapital genau so als„gerissene und charakterlose Leute", wie dem nicht- beschnittenen Kapital! �_ Zur Wahlrcchtsfrage in Sachsen. Der freie Wahlrechtsausschuß der Zweiten sächsischen Ständekammer hat in seiner letzten Sitzung das Resultat der bisherigen Beratungen zu„Grundsätzen" zusammengefaßt, denen die konservativen und nationalliberalen Ausschußmitglieder ebenfalls zugestimmt haben. Es soll nach diesen Grundsätzen keinem das Stimmrecht entzogen werden, der es jetzt besitzt. Den Angehörigen der dritten Wählerklasse soll der Zutritt zur Kammer in größter, jedoch nicht in solcher Anzahl ermöglicht werden, daß dadurch— angesichts des Uebergewichts der Sozialdemokratie in dieser Klaffe— eine „gedeihliche Weitelführung der Staatsverwaltung erheblich erschwert oder unmöglich gemacht wird". Unter diesen Voraussetzungen erachtet der Ausschuß, so heißt es weiter, ein all- gemeines direktes und geheimes Wahlrecht mit Znsatz- stimmen, bei dem mindestens das Alter, die Steuer- l e i st u n g und die Bildung zu berücksichtigen sind, für das empfehlenswerte st e. Für den Fall, daß sich der Durchführung eines solchen Systems unüberwind- liche Schwierigkeiten entgegenstellen, wünscht man ein System, wonach die Wähler nach der Steuerlei st ung oder nach sonstigen Grundsätzen in zwei Klassen geteilt werden und jede Klaffe in besonderen Wahlkreisen die Abgeordneten erwählt. Einer dieser Vorschläge, auf den man sich für den Eventual- fall stützt(System Dr. Wagner), geht dahin: Alle Wähler mit 1500 M. Einkommen wählen in den jetzigen Landtagswahlkreisen 82 Abgeordnete. Für die Wähler mit weniger als 1500 M. Einkommen (2. Klasse) werden 15 große Wahlkreise gebildet. In jedem Wahl- kreise soll(jede Klasse für sich) ein Abgeordneter auf Grund des allgc- meinen, gleichen, direkten Wahlrechts gewählt werden.' Danach sollen also die Besitzenden 82, die Besitzlosen und Minder- bemittelten 15 Vertreter erhalten. Ein ähnlicher Antrag Opitz, auf den man sich für den Eventualfall ebenfalls mit stützt, ivill aber den Besitzlosen nur sechs Vertreter zugestehen, die lediglich in den drei größten Städten des Landes gewählt werden sollen. Im übrigen soll nach Opitz alles so bleiben wie es ist. Das Festhalten an der Drittelernenerung der Kammer hat man für nötig erklärt und eine Vermehrung der Wahlkreise unter Um- ständen gutgeheißen. Durch diese Beschlüsse ist man auch nicht einen Schritt weiter gekommen. Was in den„Grundsätzen" über das Plural- Wahlrecht gesagt wird, haben die Nationalliberalen schon bor zwei Jahren betont. Die„Grundsätze" haben den Fehler, daß ihnen gerade die wichtigsten Grundsätze fehlen. Denn über die eventuelle Ausgestaltung des Plnralwahlrechts sagt man so gut wie nichts. Die Hauptfrage ist hier aber doch, in welchem Maße die Stimmen- Häufung eintreten soll. Da man darüber gar nichts vereinbart hat, ist die Zustimmung der Konservativen zum Pluralwahlrccht, auf die man so großen Wert legt, völlig bedeutungslos. Denn die Gegen- sätze treten hier ja gerade dann zutage, wenn festgestellt werden soll, in welcher Weise und in welchem Maße die Zuteilung der Stimme» erfolgen soll. Was man aber für den Eventualfall plant, ist nichts weiter als ein etwas inodifizierteS Klaffenwahlrecht, durch das die Arbeiter mit einer minimalen Vcrtreterzahl ab- gefunden werden sollen. Auf jeden Fall will man sich zu nicht s lveiter ver st ehe n, als das herrschende Wahl- unrecht in eine andereForn, zubringen, anBe- seitigung der Wahlentrechtung denkt ernstlich niemand von de» bürgerlichen Parteien. Genosse G o l d st e i n hat bereits vor der letzten Sitzung seinen Austritt aus dem freien WaHlrechtSansschufc erklärt und dadurch schon nachdrücklich gegen die eingeleiteten Versuche protestiert, ein Wahl unrecht in anderer Form durchzuführen. Die oben erwähnten Beschlüsse sind gegen die Stimme des Freisinnigen Günther gefaßt worden.— Immer nobel! „Die l i t c r a r i s ch e P r a x i s". eine Fachzeitung für Journalisten, Schriftsteller usw., nagelt in ihrer Nummer vom ,1. dieses Monats ein eigentümliches Verhalten der„P o st" fest. Das noble Blättchcn soll in bestimmten Fällen Mitarbeiter zur Er- Mäßigung ihrer gerechten Honoraransprüchc haben veranlassen wollen,„indem mit dem Abbruch der Beziehungen gedroht würde, falls das Verlangen der„Post" nicht erfüllt werde". Die Ver- sammlung, die sich mit dieser Angelegenheit beschäftigte, nahm folgende Resolution an: „Der Verein hat mit Bedauern davon Kenntnis genommen, in welcher Art und Weise die Zeitung„Die Post" sich in ver- schiedenen Fällen ihren Honorarpflichtcn zu entziehen und die üblichen Honorare hcrabzudrückcn versucht hat." Daß„Die Post" die Gelder nicht„allzu dicke" hat, ist zwar eine alte Sache. Daß sie aber auf die oben geschilderte Weise an den Honoraren ihrer Mitarbeiter herumknausert, ist ebenso neu wie pikant. Gerade diesem Blatte gegenüber muß ein solches Gcbahren scharf gekennzeichnet werden. Gehört doch nicht allzu viel Phan- taste dazu, um sich auszumalen, was„Tie Post" zusammenge- schmiert hätte, wenn der— allerdings undenkbare— Fall ein» ?etreten wäre, daß sie ein gleiches Verfahren einem sozialdcmo- ratischen Blatte nachzuweisen imstande gewesen wäre. Aber natürlich! Die„ Arbeitgebe rzeitung" scheint es als ihre Aufgabe zu betrachten, für das wüste demagogische Geschimpfe auf die Sozial- demokratie, das die Leser in jeder Nummer über sich ergehen lasten müssen, diese dafür durch etliche logische Purzelbäume zu er- heitern. In sittlicher Entrüstung legt sie in der letzten Nummer gegen den„Vorwärts" los, weil dieser für alle Vergehen der Proletarier in erster Linie die Verhält- nisse verantwortlich macht. Hocherfreut, eine sunkelnagelneue Entdeckung gemacht zu habe», richtet das Blatt an uns die Auf- forderung, konsequenterweise für die Vergehen der Reichen eben- falls die Verhältnisse als Ursache gelten zu lassen. Aber natürlich sind wir so konsequent! Wir sind sogar noch konsequenter! Weil wir in beiden Fällen, hier die Armut, dort den müßiggängerische» Reichtum, als Nährboden und Triebkraft der Vergehen und Verbrechen erkenne», wollen wir ja gerade die ungesunden Verhältnisse beseitigen, wollen wir sowohl die Armut, als auch den prassenden, übermütigen Reichtum ab- schaffen, und dergestalt für Arm und Reich die Fallstricke forträumen. über welche so viele stolpern. Hoffentlich ist die„Arbeitgeberzeitung" nun mit uns zufrieden.—■_ Preußen in der Welt voran! Zu den trostlosen Zuständen auf dem Gebiete des preußischen Schulwesens liefert die„Berliner Volkszeitung" folgende Beiträge: In Pfaffendors, einem Ort zwischen Fürsteuwalde und BeeSkow, hat ein bejahrter Lehrer in einer Halbtagsschule gegen 110 Kinder zu unterrichte». Die Gemeinde hat eine zweite Schul- klaffe eingerichtet und das Gehalt für den zlveiten Lehrer bewilligt. Nunmehr petitioniert sie schon seit vier Jahren bei der R c g i e r n n g in Potsdam vergeblich nm die neue Lehr- kraft! Besonders schlimm steht es stellenweise in der Neumark. Die dreiklassige Schule in F i ch t tv e r d e r mit 170 Kindern hat seit dem 1. Oktober 1906 nur eine Lehrkraft. Zum 1. April er. wird auch dieser Lehrer versetzt; ob für ihn Ersatz geschaffen ist. darüber verlautet noch nichts. In Pyrehne ist seit dem Herbst 1005 ebeiffalls die zweite Stelle unbesetzt; 100 Kinder müssen von einem Lehrer unterrichiet werden. Py rehner- Holländer hat seit drei Jahren keinen Lehrer und Unter-Germ in seit dem 1. Januar er. für 100 Kinder nur eine Lehrkraft. In Staffelde werden 203 Kinder in vier Klassen seit dem 1. Juli 1005 von zwei Lehrern unterrichtet. C a r z i g hat in sechs Klassen 255 Kinder, für die seit einem Jahre nur drei Lehrer vorhanden sind. Groß-Fahlen- Werder hat bei 200 Kindern zwei und K l e i n- F a h l e n w e r der bei 100 Kindern einen Lehrer. Da die Reaktion befürchtet, daß trotz alledem die proletarische Jugend zu aufgeklärt werden könnte, will sie durch die Verpfaffung der Volksschule deren Niveau noch weiter herunterdrücken!— Ein„sozialdemokratisches" Urteil. Im„Plutus" bertritt der Herausgeber in der Frage des deutschen HandelsprobisoriumS mit Amerika einen Standpunkt, der sich mit dem der zollhungerigen Agrarier deckt. Der Unterschied besteht nur in einer teilweise anderen Argumentation. Die„Deutsche Tageszeitung" nimmt das Urteil des„Plutus" schmunzelnd aä notam und fragt: „Was werden zu dieser Kritik die Genossen sagen, die im Reichslage nicht nur für das Provisorium gestimmt, sondern eS auch am wärmsten befürwortet haben?" Die Genossen sagen: daS was der„Plutus" schreibt, ist für die Sozialdemokratie genau so unverbindlich, wie das, was z. B. die „Deutsche Tageszeitung" von sich gibt.— Eine Werkstattbesprechung eine„öfsentlichc Angelegenheit". In O b e r h a u s c u standen vor einigen Monaten die Ar- beitcr der Becker scheu G l a s h ü t te wegen Lohndiffcrcnzen mit ihrem Arbeitgeber auf Kriegsfuß. Da etwa zwei Fünftel der in Bc- tracht kommenden Arbeiter„christlich" und zirka drei Fünftel frei- gewerkschaftlich organisiert waren, so konnte selbstverständlich der eine Teil der Arbeiter ohye die Solidarität des anderen Teiles nichts unternehmen. Zwecks gegenseitiger Verständigung über das Vorgehen wurde daher eine Werk st attbc sprechung ein- berufen, zu der seitens des„christlichen" Kcrainikarbeiterverbandcs der Bezirksleitcr Korr und seitens des Glasarbcitcrvcrbandcs Arbeitcrsckrctär T h i e l h o r n als Bevollmächtigte delegiert waren. Diese lediglich aus Angehörigen des GlaShüttcnbctriebes bc- stehende Zusammenkunft, die sich n u r mit den im Betriebe Herr- schcnden Mißständen befaßte, wurde plötzlich volizeilich auf- gelöst—„im Namen des Geseves" natürlich! Welches Gc» sctzcs, darüber schweigen sich wie gewöhnlich die Polizeibeamten aus. Ein Strafmandat von je 30 M. für die beiden Verbands- bevollmächtigten, für den Wirt, in dessen Lokal die Besprechung stattfand und für den Vorsitzenden der Zahlstelle war die Folge. Selbstverständlich wurde gegen die polizeilichen Strafmandate richterliche Entscheidung angerufen. Diese ist denn auch vor einigen Tagen vom Schöffengericht in O b e r h a u s e» dahin er- folgte daß der Einspruch verworfen und die Strafmandate somit bestätigt wurde». Natürlich ist damit die Sache nicht erledigt, sondern es wird die höhere Instanz angerufen, aber die B e- g r ü n d u n g des fchöffengerichtlichen Urteils ist doch derart, daß sie verdient, festgehalten und der Vergessenheit entrissen zu werden. Die kautschnkarUge Dehnbarkeit der Urteilsbegründung eröffnet geradezu wunderbare Perspektiven auf dem Gebiete der Juristerei. Die Verurteilung wird damit begründet, daß zwei Polizei- bcamte hinter den Saalfenstern gestanden und gehorcht und dabei gehört haben wollen, daß jemand im Saale gesagt habe, die Anwesenden möchten sich alle der Organisation„anschließen", a n der Organisation„festhalten" oder„so etwas ähnlickieS". Nun deduziert das Schöffengericht in Obcrhausen so:„Wenn auch die Persammlung von Anfang an den Charakter einer privaten Werkstattbesprechung getragen habe» möge, so sei doch einwandsfrei durch die Polizeibcamten festgestellt, daß in der Zu- sammenkunst auch über Organisationsfragcn gc- spräche» sei. Schon hierdurch habe die Zusammenkunft den privaten Charakter verloren! Denn: das Kammcrgericht habe entschieden, daß die gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter aus„öffentliche Angelegenheiten" einzuwirken suchten, ergo sei die Besprechung von Organisationsangelcgcnhciten ebenfalls eine— öffentliche Angelegenheit! Abgesehen davon, daß in der Zusammenkunft die„Erörterung von Organisationsfragen" überhaupt nicht erforderlich war, weil sämtliche Glashütlcnarbeitcr längst organisiert waren, ist auch schon deshalb die Urteilsbegründung eine geradezu ungeheuerliche, weil die Polizeibcamten ihre unsicheren Bekundungen aus Wahr- nehmungcn stützen, die sie von der Straße aus bei geschlossenen Fenstern erhorcht haben wollen. Wenn schon die bloße Nennung deS Wortes„Organisation" oder„so etwas ähnliches" eine öffentliche Angelegenheit darstellt, dann können wir ja in eine Rechtsprechung hineingeraten, die überhaupt nicht auszudenken ist.— Morenga abermals entkommen. Zur Lage auf dem südwestafrikanischen Kriegsschauplatz me „Laffan"-Telegramm aus Kapstadt, 1. März:._ Morenga wurde bei einem Versuch, in VamgaO ranbe», von deutschen Truppen u>n z i najff sich jedoch einen Ausweg. Er verlor dabei MM all» au Toten. In allen Kämpfen seit Oktober habenDq. Hokientotten die deutschen Soldaten angegriffen. Im Westen voji Keetmans- hoop ist Cornelius Herr der Lage. Zufuhren können dieses Gebiet vorläufig nicht passieren. Eine amtliche Bestätigung dieser Meldung liegt bis jetzt noch nicht vor.— Hueland. Ungarn. Betrogene Betrüger. Was vorauszusehen war. ist eingetroffen. Die regeln, welche bislang nur der ungarischen Arbeite? angewendet und von sämtlichen im Reichstage Verb Parteien stets mit Genugtuung aufgenommen wurde nunmehr auch den privilegierten Patrioten zu Geiniite stete Gleichgültigkeit gegenüber den arbeiterfeindlichen gebührender aar nicht gerächt werden konnte! Die„taniendjährige Verfassung" soll derzeit angebliH�. fahr schweben! Dies konstatieren nämlich erst heute all' jch doch stets daran gelegen war, daß diese Verfassung nie» Geltung gelange. Im großen Ganze» nämlich ivärc die unj. Verfassung gar nicht io schlecht. Bloß haben Klerikalismus Feudalismus bisher stets mit dazu beigetragen, daß die Versa nicht beachtet wurde. Und eben diese Berfasstmg wollte die Reg FejervaryS endlich— modernisiert— durchführen! Dieser 18 gerechtfertigte Schritt hat aber bei den privilegierten Patrioten! fallen erregt Statt daß sie ihre bei den letzte» Wahlen abgegebenen Versprechnngen einhielten, denen sie doch zweifellos ihren kolossalen Wahlsieg verdanken konnten, haben sie leichtsinnigerweise von der Emlösuna jener Bersprechungen Abstand genommen, und sie forderte» BIo& die Einführung der magyarischen Kommandosprache, obwohl sie selher davon überzeugt waren— Franz Kossuth gestand eS selbst ein l — diese Forderung nicht durchsetzen zu können, solange sie der Stütze der rechtlosen Millionen entbehrten. Dieses Geständnis des Führers der größten oppositionellen Partei, der gleichzeitig auch Obmann der Koalition war, ist für das gewissenlose Verhalten der vereinigten Opposition umsomehr charakteristisch, als sie fiir eine unerreichbare Forderung vorerst fast alle Komitatsbehörden zur Aufsässigkeit zwang. Als diese Behörden aber durch die Regierung suspendiert wurden, da ließen die Koalitionshelden die von ihnen aufgehetzten Beamten einfach im Stich. Es bedarf keiner besonderen Erörterung darüber, woran derKampf derKoalition gescheitert sein dürfte. Sie hat einfach ihre Kraft überschätzt. und sie hat versucht, das Volk siegesbewußt zu hintergehen. Daß ihr diese Infamie nicht gelang, das ist einzig und allein dem kühnen Auftreten unserer ungarischen Genossen zu verdanken. Während des einjährigen Kampfes hat die Koalition bewiesen, daß sie absolut nichts zu tun, viel weniger durchzuführen vermag. Sie begnügte sich daher mit dem Protestieren! Doch nun, nachdem der Reichstag aufgelöst ist, hat die Regierung dafür Sorge getragen, daß die Helden ihr zweideutiges Spiel wenigstens in öffentlichen Versammlungen nicht tortsetzen können. Selbstredend wütet jetzt die Koalitionspresse ,nit Recht. Als aber dasselbe Schicksal die Sozial. demokratie ereilte, als die Sozialdemokratie jahrelang leine Volks« Versammlung abhalten konnte, da jubelten jene vor Freude. Als die Behörden die Arbeiterpresse verfolgten, ja sogar total vernichten wollten, fand sich kein einziger„Volksvertreter", der im Parlamente die Regierung zur Verantwortung gezogen hätte. Das edle Kartenspiel»md das vergnügte Nachtleben der Hauptstadt bot ihnen viel mehr Interesse, als etwa der Schutz der Rede« und Preßfreiheit. Unsere Genossen schmachteten Jahrzehnte im Gefängnis dank der strengen Urteile der ungarischen Klassenjustiz! Dann die enormen Geldstrafen, welche über sie verhängt wurden! Und um all' das kümmerte sich das Parlament nicht, da eS stets nur die „Nation" und niemals daS„Volk" vertrat! Die goldenen Zeiten der Koalition dürften künftig kaum je wiederkommen I Denn heute darf die Macht der ungarischen Sozialdemokratie nicht mehr unter« schätzt werden l— Jtalieu. Die italienische Partei und das Kabinett« Rom, 28. Februar.(Eig. Ber.) Die Tagesordnung Ferri über die Tattik. die in Bologna die Mehrheit erlangte, besagt wörtlich: „Der Kongreß erklärt, daß die Methode des Klassenkampfes unvereinbar ist mit der Unterstützung irgend einer Regierungs« richtung(Lndirizzo di governo) oder mit der Teilnahme der Sozialisten an der politischen Macht.. Danach erscheint eS unzweifelhaft, daß die Parlamentsfraktion dem Kabinett S o n n i n o nun und nimmer ein Vertrauensvotum gewähren kann. Trotzdem rechnet Ferri in einem langen Artikel im„Avanti" mit der Möglichkeit eines solchen Votums, daS seines Dafürhaltens nicht die Unterstützung einer RegierungSrichtung, sondern eine' von Fall zu Fall gewährende Bestimmung zu koukrrten Gesctzentwürscn bedeuten würde.— Es ist dies ledenfallö eine neue Auffassung des politischen VotumS, das seinem Wortlaut nach ausdrücklich dem Kabinett Ver- trauen ausspricht und eine Billigung des gesamten ministeriellen Programms, nicht einzelner Rcgierungsentwürfe einschließt. Am 7. und 8. März werden der Parteivorstand und die Fraktion erst einzeln, dann gemeinsam über die Stellung der Fraktion bei der Wahl des Ltammerpräsidenten sowie beim nächsten politischen Votum beraten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß beide keine Einigung er« zielen, da der Parteivorstand in der Mehrheit revolutionär, die Fraktion dagegen reformistisch ist. Immerhin ist die Fraktion in ihrem Verhalten autonom und kann auch den Beschluß des Vor« standes unberücksichtigt lassen.— England. Weltpolitik. Nach einer Meldung des„Reuterschen Bureaus" wurde am 26. Februar in London ein Abtomincn zwischen England und Frank- reich betreffend die Neuen Hebridcn unterzeichnet. Das Abkommen regelt alle Fragen, welche hinsichtlich der Verwaltung der Neuen Hcbriden bisher zwischen den beiden Regierungen strittig ivarcn. Die Neuen Hebridcn liegen im Stillen Ozean zwischen den Fidschiinseln und Neucaledonien. Weit und und breit nichts als Meer und Inseln, die Ostküste Australiens mehr als 166 deutsche Meilen entfernt. Da wird die deutsche Diplomatie sich entschieden einmischen und eine Hebridenkonfercnz in der Fingalshöhle bc- antragen müssen. Wenn dann England und Frankreich nicht parieren, wird die deutsche Flotte nach dem Indischen Ozean geschickt. Sie bombardiert Melbourue und annektiert Australien.— Amerika. Arbeitersirg in Kanada. Infolge des Ablebens des MarinesekrctärS Prefontaine wurde i» Ottawa eine parlamentarische Nachwahl nötig. Für die Liberalen (Regierungspartei) kandidierte Grothe; für die Arbeiter Verville, der Vorsitzende des Gcwerkschastskartells. Letzterer siegte mit großer Mehrheit. Die Kanadier schreiben diesen unerwarteten Sieg dem englischen Beispiele zu.—_ GcwcrhrcbaftUcbca. Berlin und arngegend. Lohnbewegung der Friseurgrhülfen. Der im Juni vorigen Jahres zwischen dem Verband der Friseur« gehülfen und der Freien Vereinigung selbständiger Barbiere ab- geschlossene Tarifvertrag ist von dieser Bereinigung gekündigt worden und läuft am 1. Mai ab. Vor der Kündigung haben Verhandlungen .stattgesuudcn: sie scheiterten hauptsächlich daran, daß die Arbeitgeber . MüN Stqjse.ltarif eingeführt wissen wollten, wonach für die jungen Gchulfeii iiermgere Löhne festgesetzt werden sollten als für die älteren, waS Nach Miuung der Gehülfen dazu führen wurde, daß es den älteren Kollege-, mehr und mehr unmöglich gemacht wird, Stellung zu erhaltest. Am DoimerStag fand nun eine außerordentliche General- versannnlung des ZivcigvereinS des Verbandes der Friseurgehülfen statt, in der beschlossen wurde, in eine Lohnbewegung einzutreten. Wie der Referent Paul Liere ausführte, war dies ursprünglich nicht die Absicht der Gehülfen; die Lohn« bewegung wurde erst notwendig durch die Kündigung des Tarifvertrages. Der Vorstand hatte nun im Auftrage einer vor acht Tagen abgehaltenen Versammlung Minimalforderungen ausgestellt, die sämtlichen Arbeitgebern zugesandt werden sollen. Sie enthalten nur geringe Abänderungen des alten Tarifs. Der Wochen- lohn, von 20 M. ohne Kost und Logis soll bestehen bleiben. Statt des Lohnsatzes von 12 M. bei halber Kost und Logis soll jedoch 15 M..bei halber Kost ohne Logis gesetzt werden. Der Lohnsatz vo« i IDL mit Kost für Aushülfe am Sonnabend und Sonntag soll fdtfsaneft und der von 8,56 M. ohne Kost bestehen bleiben. Ebenso pllen für Aushülfe an Wochentagen wie bisher ohne Kost 4 M. gezahlt . und der Satz von 3 M. mit Kost fortfallen; für halbe tage 2,50 M. statt 2 M. mit Kost. Die der„Freien Ver- uig" bei den Einigungsverhandlungen im vorigen Jahre hrte Vergünstigung. Sonnabends bis lO'/a Uhr arbeiten zu jsen, soll aufgehoben werden, so daß dann die Arbeitszeit an den >, nabenden nicht über 10 Uhr ausgedehnt werden darf. Im igen sind die alten Bestimmungen über die Arbeits- tit beibehalten worden. Die Vertragsbestimmung, daß die Schlafstellen aus den Läden beseitigt werden sollen, hat vielfach dazu geführt, daß sie auf die Korridore verlegt wurde». Die Bestimmung fällt fort durch die Beseitigung des LogiSwesenS. wie sie die geforderte Aufhebung des Lohnsatzes von 13 M. mit LogiS in sich schließt. Die Versammlung erklärte sich mit den ausgestellten Forderungen einverstanden und beauftragte den Borstand, sie den Arbeitgebern zu unterbreiten. Der Vorstand des Verbandes deutscher Barbiere usw. gibt folgende Geschäfte bekannt, welche die Forderungen durchbrochen haben: Bukuiviczki, Waldstr. 6; Ludwig, Rominteuerstr. 2öa; Wachmeisler, Cadinerstr. 22.— Stralau: Lange, Alt-Stralau 17 und sämtliche Geschäfte der Firma Gros u. Co. Die Kranführer, Transporteure, Packer, Lager- und HülsS- arbciter der Allgemeine» Elcttrizitäts-GcscUschaft waren bei den Direklionen der drei Werke Acker-, Brunnen- und Huttenstraße um eine Teuerungszulage von 5 Pf. pro Stunde vorstellig geworden. Während nun die Leitung des Werks Ackerstraße jede Lohnerhöhung strikte ablehnte, erllärteu sich die Leitungen der Werke Brunnen- und Hutteustraße zu einer geringfügigen Zulage bereit. Berück- sichtigt sollen jedoch nur die untersten Lohnstufen lverden. Bislang hatten nämlich die Packer, Transporteure und Kranführer einen Anfangslohn von 32 Pf. und die Hülssarbeiler einen solchen von 36 Ps. pro Stunde. Nach den Borschlägen der beiden genannten Werkleitungen soll mm in Zukunft für die Arbeiter dieser Kategorien der Anfangslohn auf 34 Pf. aufgebessert werden: serner soll die stufen- weise Lohnsteigerung nach einjähriger Beschäftigungsdauer auf 46 Pf. bemessen werden, während dieser Satz bisher erst nach l'/z resp. 2jähriger Beschäftigungsdauer erreicht wurde. Ueber höher zu ge- währende Löhne sollen jedoch die Meister je nach der Qualität und Arbeitsleistung des einzelnen Arbeiters entscheiden.-- Mit dieser Antwort der Werksleitungen befaßte sich am Donnerstag eine über- aus stark besuchte Versammlung der Arbeiter. Es wurde eine Resolution angenommen, in der die Versammelten entschieden da- gegen protestieren, daß der stellvertretende Direktor des Werkes Acker- straße es überhaupt nicht der Mühe für wert hielt, mit den Arbeiter- Vertretern über die Angelegenheit zu verhandeln. Die Versammlung bedauerte auch. daß die beiden anderen Werkleitunge» nur ein so geringes Entgegenkommen gezeigt haben. Be- sonders nachteilig erscheint eö den Arbeitern, daß die Mi-ister daS selbständige Entscheidungsrecht über weitere Zulagen haben sollen. Der Arbeiterausschuß soll noch einmal bei den Werkleituugen vorstellig werden und energisch darauf dringen, daß den berechtigten Wünschen und Forderungen der Arbeiter in höherem Matze Rechnung getragen werde. Scharf bemängelt ivurde in der Versannnlung auch das bei der Allaemeincn Elektrizitäsgesellschaft jetzt eingerissene Ucberstundenuiiwesen. Verschiedene Redner äußerten sich dach», die Direktion scheine von der Auffassung auszugehen, daß sich die Arbeiter durch Ableistung von Ueberslunden die genügenden Mittel zum Lebensunterhalt ja verdienen könnten; es bedürfe dann auch keiner Lohnerhöhung. Auch erwecke eS den Anschein, als solle mit der ewigen Ucberstniidenarbcit der durch die große Aussperrung verursachte Verlust für die Gesellschaft wieder eingebracht werden. Die Lohnicwcgung der Hausdiener und Packer in den Papier- groß Handlungen hat bis jetzt das Ergebnis gehabt, daß von den 34 in Betracht kommenden Firmen sich 11 zu Zugeständnissen bereit er- klärt haben. Bei der Firma B e st h 0 r n ist gestern die Arbeit wieder aufgenommen worden, nachdem die Forderungen der Arbeiter bewilligt wurden. Dafür traten die Arbeiter der Firma Gebr. Jung in der Wallnertheaterstraßc in den Streik, der jedoch bald wieder beigelegt wurde, weil sich die Firma mit deck Streikenden einigte. Die Firma Herzberg, Beuthslr. 7, wo sich die Arbeiter ebenfalls im Ausstand besinden, hat sich zu einer Einigung noch nicht herbeigelassen. Sie annonciert nach Arbeitswilligen, die sich gestern zwar m großer Zahl einstellten, jedoch auf dem Hofe nur allerlei Allotria trieben, sodaß der Chef froh war, sie wieder los zu werde».~ Mit dem bisherigen Ergebnis der Lohnbewegung beschäftigte sich am Donnerstag eine Bersanimlung der zirka 366 beteiligten Arbeiter. In einer Resolution wandten sich die Versammelte» gegen das ab- lehnende Verhalten des Vereins der Papiergroßhändler und wiesen die Behauptung desselben, als fei das Berhäliniö zwischen Arbeit- gcbern und Arbeitnehmern in der Papier-Engrosbranche ein günstiges, als unwahr zurück. Die Arbeiter verpflichteten sich, ihre begonnene Lohnbewegung mit aller Energie durchzuführen, und beauftragten die Leitung des Handels- und Tranöportarbeiter-VerbandcS, zum Sonntag eine neue Versammlung einzuberufen, in der dann endgültige Bc- schlüsse gefaßt werden sollen. Die Fensterputzer der Firma B. Fietz. Mantcuffel. straße 22(Glasreiniguugs-Jnstitut). haben am Mittwoch die Ar- beit niedergelegt. Ter Grund war eine geringe Lohnforderung, und ztvar 21,30 M. Wochcnlohn. Der Unternehmer glaubt dies nicht bewilligen zu können und versucht den Betrieb mit Streikbrechern und mit Hülse der übrigen Institut sin Hab er aufrecht zu er- halten.— Alle Fensterputzer werden dringend ersucht, Streikarbeit für die Firma B. Fietz zu verweigern. Alle von seitcn�der Organisation angebahnten Berhandliingeu sind bisher an dem Starrsinn des Unternehmers gescheitert. Zwecks Berichterstattung über den Stand der Bewegung und weiterer Bc. schlußfassung findet heute, abends 6 Uhr, im Lokal von G. Ladewig, Alte Jakobstrahe 83, eine Versammlung aller Fensterputzer statt. Das Erscheinen aller Kollegen Berlins in dieser Versammlung ist Ehrenpflicht. Verband der Handels- und Transportarbeiter. Ter Streit der Packer, Packerinnen und Lagerarbeiter aus der Lanolinfabrik(Vereinigte Chemische Werte) dauert jetzt nach vier Wochen unverändert fort. Tic vorhandenen Arbeitswilligen sind zum Teil bereits wieder entlassen, weil sie die vorkommenden Arbeiten nicht leisten können. Der Fabrikationsbetrieb steht voll. ständig still und kann nicht eher wieder in Betrieb gesetzt werden, bis die alten erfahrenen Arbciter die Arbeit aufnehmen. Die Aus- Hungerungstaktik, welche die Direktion befolgt, ist zwecklos. Die Ausständigen halten nach wie vor fest zusammen und kehren nicht eher an ihre Arbeitsplätze zurück, bis ihnen von der Gesellschaft an- nehmbare Zugeständnisse gemacht werden. Verband der Handels- und Transportarbeiter. Metallarbeiter. Die Differenzen bei der Firma Stolzenberg, Reinickcndorf-West, sind durch Verhandlungen beigelegt worden. Die Sperre ist hierdurch aufgehoben. Ebenso ist die Sperre von der Rinnc-Motor-Gescllschaft, Siemensstraße 12, und der Firmcnschfldcrfabrik Hakenbeck u. March, Uorkstraße 44, hiermit aufgehoben. Deutscher Metallarbeiterverband. OtlitM»»» Reich. Bcrgarbeitcrstreik im Zwickauer Revier. Aus Anlaß des Streiks auf dem Kvhlcnwerk„Altgememde Bocklva" erhielt unser in Zwickau erscheinendes Parteiorgan eine Zu- schrift aus Bcrgarbeiterkreisen, welche die Situation im dortigen Bergbaurevier und die Stimmung der Arbeiter schildert. Die Zu- schrift verweist darauf, daß die Unternehmer vor kurzem der Oeffcnt- lichkcit begreiflich zu machen suchten, was für ein Unrecht es wäre, daß die Bergarbeiter des Zwickaucr Reviers Lohnforderungen stellten und sich dabei ihrer Organisation bedienten, anstatt durch die an- geblich bestehenden Arbeitcrausschüsse, die in Wirklichkeit nur Kassen- Vertreter sind, den Unternehmern ihre Wünsche vorzutragen. Dann sagt der Verfasser der Zuschrift: Die Arbciter forderten— die WerkSbesitzcr kamen diesen Forde- rungen auf halbem Wege entgegen und die Konsumenten trugen die Kosten. Dann sollte Frieden fem! Mehr noch. Die Grubenbesitzer gestanden offen die Berechtigung einer geringen Lohnforderung zu, nur sollten die Arbeiter zur Erreichung der letzteren sich nicht ihrer Organisation bedienen.„Kommt selber, wir lassen mit uns reden!" war ihre Weisung. Wer kann es den Bergarbeitern verdenken, wen» sie den von ihren Arbeitgebern angedeuteten Weg beschritten? Hatten doch diese nur in der Lohnfrage einiges Entgegenkommen gezeigt und vieles ist zu tun. um das Arbeitsverhältnis der sächsischen Berg« arbeiter nur einigermaßen zu einen, erträglichen zu gestalten. Tie Arbeiter benutzten ihre„Arbeiterausschüsse" und dieses Verbrechen hat sich bitter gerächt. In jedem Revier setzten die Kündigungen ein —. feige und versteckt suchte man die Arbeitcrvertreter aus den Schächten zur Strecke zu bringen. Wir würden uns einer Täuschung hingebe», wollten wir die vorgenommenen Maßregelungen als das Werk einzelner Personen dezw. jGrul�nvcrwaltuiigen betrachten. Für uns steht fest, daß die Herrschaften sicher im Einverständnis der „Vereine für bergbauliche Interessen" handelten, nicht anders. Mehr noch. Auch die Bergbehörde hat hier in einer Weif' ge handelt, die entschieden verurteilt lverden muß. Wenigstens führen wir die Maßregelungen auf„Altgemeinde Bocklva" auf das Vorgehen der Bergbehörde mit zurück. Die dortigen Arbeitervertrcter hatten der Bergbehörde nämlich Thermometer zur Begutachtung übersandt und diese wieder hatte nichts eiligeres zu tun, als das Werk von dem Vorgehen der Arbeitervcrtreter in Kenntnis zu setzen. Schließlich kommen wir immer auf eins zurück. Tie Arbeitervertreter erfüllen gesetzliche Pflichten, wenn sie aus Schäden in den Gruben aufmerksam mache>?; die Grubenbesitzer selbst verweisen die Arbeiter auf diese Vermittelungsinstanz, doch dringt eins wie da» andere die Gefahr mit sich, aufs Siratzenpslaster zu fliegen, sobald die Unternehmer es für angebracht hakten. Und so ist es gekommen, daßcher Belegschaft auf „Altgemeinde Bockwa" der Geduldsfaden riß. Hie legten zu einen, großen Teil die Arbeit nieder. Wenn das Recht des Arbeiters so mit Füßen getreten wird, wie auf der„Allgememde", kann es keinen anderen Weg geben als den streik. Wenn dieser vorläufig rum nur aus ein Wer' beschränkt ist, so weiß man nicht, was die nächsten Tage bringen lverden. Nicht/ Streikkust, wohl aber herrscht starke Verbitterung auf den meisten Schächten unter den Arbeitern. Der Ausstand der Textilarbeiter in Bramsche hat. wie die Streik- leituny mitteilt, verschärfte Formen angenommen. Die Situation ist für die Arbeiter günstig, es wird ersucht, den Zuzug fernzuhaltcu. Lederarbeiter. In Magdeburg und Burg stich die Wcißgerber in eine Lohnbewegung eingetreten. Ter bestehende Tarif läuft am 1. April ab. Gefordert wird eine Lohnerhöhung sowie Herabsetzung der Arbeitszeit von 16 auf 9% Stunden. In Merseburg besinden sich die Lohgerber in einer Lohn- bewegung. Tie Schneider in Goslar haben den Arbeitgebern einen Lohn- tarif eingereicht, der eine Erhöhung der bisherigen Lohnsätze um 16 bis 12 Prozent fordert. Man hofft auf eine friedliche Vereinbarung. Busland. / Zur Bergarbeiterbewegung in Nordamerika meldet das Bureau Lassan: Der Stahltrust hat eingegriffen, um den drohenden Streik der Kohlenberglcute abzulvenden. Er hat die Bergloerksbesitzer genötigt. den Arbeitern entgegen zu kommen und ihnen eine Lohnerhöhung zu gewähren. Der Trust erreichte dies durch Hinweis auf seinen 25 jährigen Kohkcnlieferungsvcrtrag. Er machte geltend, daß et für ein volles Jahr Aufträge habe, und cS sich nicht leisten könne, seine Werke auch nur einen xinzigen Tag stilliegen zu lassen. Der Eisen- bahnmagnat Gould hat ebenfalls zur Abwendung des Streiks ein- gegriffcii, und es wird jetzt auch bereits mitgeteilt, daß es mindestens in den Bitumin-Kohlenbergwerlcn nicht zum Ausstand kommen wird. Singegangene Druchfckntten. Der Arbeitsmarkt. Nr. 11. Halbmonatsschrist der Zentralstelle für ArbcitSmarlwcrichte. Herausgeber Professor Dr. I. Jaslrow.— Das Gewerbe- und Kaufmannsgericht. Nr. v. MonalSschrist d«S Ver- bandes Deutscher Gewerbe- und KausmannSgerichte.. Herausgeber: Dr. I. Jastrow, Berlin, und Dr. K. Flesch, Franlsnrt a. M. Verlag von G. Reimer. Berlin IV. 35. Plutus. Kritische Wochenschrift für Volkswtrffchast und Finaiizweseu (Herausgeber- Georg Bemfmrd). 9. Hest. Abonnements(einschließlich der WutuS-Merktasel) vierteljährlich per Post und Buchhandel 3,59 M., direkt vom Verlag 4 M. Verlag, Berltn-Charlottenburg, Goethestr. SS. Letzte Nach nebten und Depefeben. Zugentgleisung durch Hochwasser. Freiburg i. Br., 2. März.(W. T. B.) Heute nachmittag ist ans der Elztalbahn ein Personenzug infolge Damm- rutscheS. hervorgerufen durch daS Hochwasser der Elz. ent- gleist. Lokomotive und Wagen stürzten bis auf zwei die Böschung hinunter. Der Lokomotivführer und der Heizer find schwer verletzt, einige Passagiere leicht. Die Flüsse und Bäche des Schwarzwaldes sowie der Rhein. Neckar und die Donau sind bedeutend gestiegen. Die Riederungen sind vielfach überschwemmt. Duellfexrrei! Paris, 2. März.(W. T. B.) Dcputicricnkammer. Justiz minister Chaumiö führt unter Lärm der Rechten aus, daß die Aussage des Majors Cuignct vor dem Gericht erfolgen werde, und wirft Lasies vor. die Agitation am Vorabend der Wahlen in das Land hinauszutragen.(Beifall links.) Jaures bemerkt, daß die von Cuignet gegen die Loyalität Andres vorgebrachte Beschuldigung einer Fälschung in sich zusammenfalle, denn das Aktenstück, von dem Lasies spreche, sei 5 Jahre früher als Andre Minister gc- worden sei, registriert worden. Aufsray(von der Rechten) sagt, wenn jemand das Recht habe, von Loyalität zu sprechen, so sei dies nicht Jaures. Bei den Worten AuffrayS erheben sich alle Mit- glicdcr der Kammer zu heftigem Widerspruch. Der Lärm dauert mehrere Minuten am JaureS bezeichnet Auffray als einen traurigen und widerlichen Jesuiten. Er fügt hinzu, die Rechte sei sehr tief gesunken, wenn sie zu derartigen Beleidigungen greife. (Stürmischer Beifall links. Heftiger Widerspruch rechts.) Der Zwischenfall ist hiermit erledigt und die Sitzung wird aufgehoben. Jaures und Auffray haben sich ihre Zeugen geschickt, ES wird nicht geschossen: Paris, 2. März.(W. T. B.) Räch Prüfung der im Parlament gewechselten Worte kamen die Zeuge» JauriS und AnffrayS zu der Ansicht, daß es sich in diesem Fall nur um einen Fall parlamentarischer Polemik handle und r»in Anlaß zu einem�Zwrikampf vorliegt. Arbeiteraussiand. Lyon. 2. Mörz.(W. T. B.) Sämtliche Packer der hiesigen Scidensabriten und SeidcnhänRer sind wegen Entlassung eines Mit- glicdes ihrer Genossenschaft in den Ausstand getreten. Die Freilassung StephanyS abgelehnt. Lausanne, 2. März.(W. T. B.) Heute nachmittag trat das Bundcsgericht unter dem Vorsitz seines Präsidenten Monnier zu cincr Plenarsitzung zusammen, um über den Antrag der deutschen Regierung den ehemaligen Pouzeikommissar in Straßburg, Stephany. der in Zürich verhaftet worden war. auszuliefern, zu verhandeln. Das Bundcsgericht beschließt im Sinne des Antrages Reichel, die Angelegenheit zu erneuter Untersuchung und Akten. crgänzung zurückzuverweisen und lehnt hierauf einstimmig und endgültig dir Freilassung StephanyS ab. Streik in Algier. Algier, 2. März.(28. T. B.) Etwa 1299 Arbeiter der im Bau befindlichen Bahnlinie Themccnhallc-Maghnia sind in den Ausstand getreten. Sic verlangen Lohnerhöhung und zehnstündigen Arbeitstag. Verantv. Redakteur: Hans Weber, Berlin, Inseratenteil verantw-i D.h. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag: VocwäctsBuchdr.u.Verlagsanstatt Paul Singer LcCo., Berlin LW. Hierzu 3 Beilagen u.Unterhaltungsblatt it. 52. 23. mm i. Keilllge hes„lloriitirts" Ktrliner PolbMalf.»•«m Reichstag. 55. Sitzung vom Freitag, den 2. März, nachmittags 1 Uhr. Am Tische des Bundesrats: Dr. Nieberding. Erster Punkt der Tagesordnung ist die erste Beratung des Gesetz- entwurfeS betreffend Ueberleitung von Hypotheken des früheren Rechtes. Der Entwurf sieht, besonders mit Rücksicht auf Bayern, mildernde Uebergangsbestimmungen für das Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzes auf dem Gebiete des Gruiidbuchlvcseiis vor und stellt den Einzelstaaten anhei»,, ob sie solche llebcrgangs- bestimmungen erlassen wollen oder nicht. In zweiter Lesung wird die Borlage mit großer Mehrheit au- genommen. Es folgt die Fortsetzung der Generaldebatte iibor den Justizetat. Abg. Rorrcn sZ.): Wenn die Vorwürfe deS Abg. Heine gegen den Richterstand auch nur zu Vtn richtig wären, so müßte ich als Richter ja um Entschuldigung bitten, hier überhaupt noch den Mund aufzumachen. Aber wer zu viel beweisen will, beweist gar nichts. Leider find die Haupt- atteniäler unter den Richtern, die Herr KollcgeHcine anführte, nichtmehr um Leben. Wenn insbesondere der Fall des Amtsrichters, der dem Reie- rendar vorschrieb, dieZeugenaussagen zu protokolliere», bcvorsie gemacht waren, wirklich so liegt, wie eS jilollege Heine darstellte, so muß der Mann entweder verrückt oder ein Zuchthäusler gewesen sein. Ich bezweifle aber ganz entschieden, daß ein Richter sich irgendwie anders benimmt, wenn der Kollege Heins als Anwalt auftritt und wenn er nicht austritt. Kollege Heine unterschätzt hier entweder die Richter, oder er überschätzt sich selbst, oder beides. Dem Kollegen Ablaß gegenüber muß ich feststellen, daß ich in meiner Rede neulich eine neue Lex Heinze zurzeit nicht für opportun erklärt habe. In der neulichen Debatte ist der..SimplizissimuS" vom Kollegen Dr. Müller-Meiningen als das vielleicht geistreichste Blatt Deutschlands bezeichnet worden. Ich konstatiere demgegeiiüber, daß das absprechende Urteil über den„SiinplizissinmS" in der ganzen gebildeten Welt feststeht. sGroße Heiterkeit links.) Wenn aber der Kollege Heine den„SimplizissimuS" als eine nationale Errungenschaft gepriesen hat, so müssenunS solche Aeußerungen dem Auslände gegenüber geradezu bloßstellen. Ein Blatt, das. um geistreich zu sein, zum Schmutz und zur Zote greifen muß. das sich geradezu zu einer Kloakengrube der schmutzigsten Erzeugnisse Deutschlands gemacht hat, sollte nicht geduldet werden. Ich lege hier die schweinischen Bilder, welche in dem monströsen Münchener Prozesse als nicht strafbar bezeichnet wurden, auf den Tisch des HauseS nieder, und ich bitte die Herren Kollegen, sich selbst von ihrer Gemeinheit zu überzeugen. sDie Ab- geordneten umlagern in dichten Haufen den Tisch deS HanfeS und inachcn sich gegenseitig auf besonders bezeichnende Bilder aufmerksam. Insbesondere die Abgeordneten deS Zentrums zeigen großes Interesse für den Gegenstand.) Abg. Dr. Wallau(»all.): Dein Antrag Müller-Meiningen auf Diätengewährung an Schöffen und Geschworene können wir nur zustimmen.— Was die Ausführungen des Herrn Roeren betrifft, so wiederhole ich, daß wir die Bestimmungen des§ 184 für aus- reichend erachten, aber zugestehen, daß besonders in letzter Zeit diese Bestimmungen nicht so ausgenutzt werden, wie es möglich wäre.— tlledner tritt des weiteren für besondere Gerichtshöfe für jugendliche Verbrecher ein. lieber die Ausführungen des Herr» Abg. Heine inuß wohl jeder anständig denkende Manu entrüstet sein. Was uns empörte, waren die Verallgemeinerungen, mit denen er die gewiß recht krassen Fälle vortrug. Damit hat er die Wirkung feiner Aeuße- rungen abgeschwächt. Was berechtigte ihn zum Beispiel, da er doch nur preußische Urteile vorbrachte, seine aburteilende Kritik ohne weiteres auch auf die badifchc», bayerischen und hessischen Gerichte, die er gar nicht kennt, auSzu- dehnen? Wenn cr Preußen kritisieren will, mag er sich doch in das preußische Abgeordnetenhaus wählen lassen!(Heiterkeit bei den Nationalliberalen, Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Wir sind der Ueberzeugung. daß das deutsche Volk auf unseren Richterstaild wegen seiner gründlichen Vorbildung, Unbestechlichkeit. Unparteilichkeit und Gewissenhaftigkeit— Ausnahmen bestätigen die Regel— stolz sein kann.(Bravo! bei den Nationalliberalen.) Staatssekretär Nieberding: Die Frage der Behandlung jugend licher Verbrecher unterliegt unserer sorgfältigen Prüfung: ihre Re gelung bildet einen integrierenden Bestandteil der Strafprozeß' revision. Abg. Dr. Böckler(Antis.) führt Beschwerde über die schikanöse Behandlung, die seitens der Polizei, der Gerichte und Staatsanwälte seinem Parteigenossen Krösell in Pyritz widerfahren sei. Redner greift insbesondere den Amtsanwalt, Polizeichef und Bürgermeister Dr. Weiß in Pyritz an, dem in öffentlichen Flugblättern die schlimmsten Dinge, auch in sittlicher Beziehung nachgejagt wurden. Leider sind ja gerade die Amtsblätter oft dir größten Schmutzblättcr,(Hört! hört l link«) und das Pyritzer Amtsblatt ist es gewesen, das gegen den Abg. Krösell die schlimmsten Verleumdungen veröffentlicht hat. Natürlich eine ausländische Tänzerin in Deutschland,(Zuruf: Jsadora!) die bekommt einen neuen Termin, Ivenn sie eS will. Boshafte Leute behaupten, eine jede solche leichtfüßige Dame hätte ihren Eleovold. (Stürmische Heiterkeit.) Unsereiner aber wird von solch einer Obrig- keit mit Borladungen bedacht, auf denen man noch nicht einmal mit„Herr" angeredet wird. Der von der Stargarder Staatsanwaltschaft steckbrieflich verfolgte Krösell wurde von der Bauernschaft zum Ehrenmitgliede eines Vereins gewählt. Gegen einen reichen Juden wäre lein Steckbrief erlassen worden I Präsident Graf Ballestrem: Jetzt gehen Sie zu weit. Sie be- leidigen die Staatsanwaltschaft und ich rufe Sie deshalb zur Ordnung. Abg. Böcklcr(fortfahrend) kritisiert dann die Gefangeneu- beschäftignng und Gefangeuenbehandlung in Moabit, Plötzeusee usw.: Der SanitätSrat Baer, ohne Zweifel von jüdischer Abstammung, ist eine derartig hygienisch unreiiiliche Persönlichkeit, daß man nicht be- greift, wie man ihn zum Austaltsarzt machen konnte.(Beifall bei den Antisemiten.) Abg. Dr. Müller-Meininge»(frs. Vp.): Der Herr Abg. Heine hat Fälle vorgebracht, die mir als Süddeutschen ganz unglaublich vorkommen. Die von ihm beliebten Verallgemeinerungen aber stehen durchaus in Widerspruch zu dem, was ich in meiner Praxis als Richter kennen gelernt habe. Ich habe noch nie bemerkt,.daß sich ein Richter bei der Urteilsfindung von politischer Leidenschaft leiten ließe.(Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Dann muß eS bei Ihnen im Norden anders sei» als bei uns im Süden. An der Institution der Schwurgerichte halten die freisinnigen ParHen, wie ich erklären kann, unter allen Umständen fest. Vor allem treten wir für die Ausdehnung ihrer Zuständigkeit auf Preß- fachen ein. Hier Fehler der Justiz zu kritisieren ist jedenfalls verdienstvoller als liberale Beamte zu kritisieren. wie eS Herr v. Dirkscn leider getan hat. Von diesem Standpunkte aus mutz man es aus das tiefste bedauern, daß doch Fälle vorkommen, in denen das Strafmaß so verschieden ausfällt je nacki der sozialen Lage, und daß auch die formale Be- Handlung vor Gericht sehr verschieden ist. In einem Artikel der „Dresdener Rundschau", einem bürgerlichen Blatte, für dessen Tendenzen ich an sich nicht viel übrig habe, war bedauert, daß bei der Thronbesteigung des neuen Königs leine Amnestie erlassen und daß die Zivilliste in einer Zeit erhöht wurde, in der das Volk„bis zum Verbluten mit neuen Steuern" bedacht würde. Wegen dieses Artikels wurden vier Monate als Strafe gegen den Redakteur er- könnt. Man darf also in Sachsen, wie der Fall Kotschubey beweist, eher einen Menschen lebenslänglich zum Krüppel machen, als einen oppositionellen Artikel schreiben, au dem die Mehrzahl der deutschen Juristen kaum etwas Straffälliges finden würde! Um das Flugblatt der Herren Ludwig Thoma, Gukbransion„Fort mit der Liebe" zu verstehen, und über das sich Herr Roeren so auf- regte, muß man wissen, daß es auf Veranlassung des Ausspruches jenes Lizentiaten Bohn auf dem Pastorentag in Magdeburg:„Ganz Deutschland ist verhurt" erschien. Aber sogar Diderots„Nonne" ist von einem deutschen Gericht konfisziert worden, jenes Werk, welches dereinst vom Konsistorial Präsidenten Herder gepriesen wurde, und welches Goethe und Schiller als edles Kunftprodukt angesehen haben. Den Herrn Staatssekretär aber möchte ich im Hinblick auf die schioeren Angriffe auf das deutsche Richtertum ersuchen, alle Anregungen i» bezug auf eine baldige Reforinicrung deS materiellen wie deS formellen Rechtes zu berücksichtigen. Abg. Dr. Spahn lZ.): Gegen die Bilder in Mainz ist an sich nichts einzuwenden, aber sie sind an der Stelle ausgestellt, wo alle Kinder, die zum Dome gehen, vorbeigehen müssen. Das ist für uns das Bedenkliche.— Die weiteren Ausführungen des Redners bleiben auf der Tribüne unverständlich. Abg. Tchiele-Halle(Soz.): Daß die Richter wider besseres Wissen ihre Urteile abgeben, hat noch niemand behaupiet. Wohl aber ist behauptet worden- und das mutz aufrechterhalten werden—, daß temperameut volle Richter sich zu leicht von den in ihrem Milieu herrschenden Anschauungen beeinflussen lassen und dadurch zu Urteilen kommen, die wir als Älaffenurteile be' zeichnen müssen. Es ist uns vorgeworfen worden, Ivir verallgemeu »ertcn einzelne Fälle. Ganz mit Unrecht; wir haben noch nie behauptet, daß alle deutschen Richter Betrüger und Lügner seien, weil Blumenberg einer war. Wir haben nur betont aus den vielen Einzelfällen ergebe sich, daß mehr oder weniger, namentlich in politischen Prozessen, eine Richtung zu tage trete, die einer objektiven Rechtsprechung fernbleiben sollte. Auch Herr Müller-Meiningen hat zugeben müssen, daß die Uiizufriedeuheit im Wolke mit unserer Rechtsprechung im Wachsen begriffen ist. Es ist Tatsache, daß daS Volk sich der Rechtsprechung gegenüber vollständig hülflo« fühlt und daß Urteile ergehen, die seinem Rechtsempfinden direkt entgegenlaufen. Es ist sicher kein Zn- fall, daß unsere Justizdebattcn von Jahr zu Jahr länger werden. Der Uebelstand liegt darin, daß man unsere Richter nicht auf ihre moralische Qualitäten und ans ihre Fähigkeit, objektiv zu urteilen, prüft, sondern nur auf ein gewisses Maß von Kenntnissen. Im Anschluß an die AuSführnnaen des Abg. Gerlach über die Verwerflichkeit der Zengniszwangsha'ft möchte ich folgenden Fall a» führen: Im vergangenen Soinmer stand in dem Blatte, an dessen Redaktion ich mit tätig bin, ein Artikel, durch den sich jemand beleidigt fühlte, der gegen mich Privatklage erhob, obwohl ich nicht ver- antwortlich für den Artikel war, sondern ein Kollege. Nun wird mein Kollege als Zeuge vernommen darüber, ob ich den Artikel geschrieben habe. Er erklärt, er sei verantwortlich für den Inhalt der Nummer und übernehme diese Veranlwortung. Grundsätzlich würde er auch nichts darüber aussagen, weil das eine ehrlose Handlung Wäre. Darauf nimmt das Gericht ihn wegen Zengnisverwcigerung in 75 M. Strafe, und das Landgericht bestätigt auf eine Beschwerde hin die Strafe. (Hört! hört I bei den Sozialdemokraten.) Wenn nach der Beendigung der Session das Verfahren seinen Fortgang nehmen ivird. wird der Kollege einfach erkläre», daß er der Verfasser sei und daß er deshalb mit Recht das Zeugnis verlveigert hat.(Heiterkeit.) In einem anderen Prozesse hatte eine Frau unter Eid in Ab rede gestellt, den Mitzeugen gegenüber gewisse Aeuhmmgen getan zu haben. Der llmsall der Frau brachte meinem Kollegen drei Monate Gefängnis ein. Es wurde gegen die Frau Anzeige wegen Meineides erhoben, aber bis in die oberste Instanz das Verfahren abgelehnt, obwohl die anderen Zeugen beschwören wollten, daß die Frau die von ihr geleugneten Aeußerungen wiederholt und zu ver- schiedenen Personen getan hatte. Ein alter Kriegervereinler aber, der gegen ein schwachsinniges Mädchen sich sittlich schwer vergangen hatte, blieb gleichfalls von Verfolgung frei; auch der Oberstaatsanwalt ging nicht gegen ihn vor Wenn man sich an die Meineidsprozessc in Güstrow, Bromberg und anderwärts erinnert, die gegen Sozialdemokraten geführt worden sind, so glaubt doch niemand, daß in jenen anderen Fällen gleich falls von der Verfolgung abgesehen worden wäre, wenn es sich etwa um Sozialdemokraten gehandelt hätte. Wer das glauben wollte, soll einen Taler bekommen.(Heiterkeit.) Die Justiz scheint auch die Moden zu lieben. Nachdem jähre- lang mit dem groben Unfugsparagraphen der gröbste Unfug ge- trieben ist, biö wir endlich einen Damm dagegen aufgerichtet haben. komme» neuerdings die§8 lgv und 131 in Mode. Seit 32 Jahren besteht unser Strafgesetz. Niemand hat bisher daran gedacht, diese beiden Paragraphen in Fällen anzuwende», wie eS jetzt geschieht. In Mode zu kommen scheint auch» daß Beleidigungsklagen auch dann aus 8 185 angestrengt werden, wenn 18V angezogen werden mühte. Bei 185 liegt es allerdings im Ermessen der Richter, ob und inwieweit sie eine Beweisaufnahme zulassen wollen. Ein Kollege von mir sollte eine Bergwerksdirektion beleidigt haben. Zweifellos hätte müssen, Ivenn einnial geklagt wurde. ans§ 186 geklagt werden. Das Gericht tat das nicht. ES erkannte auf mehrere Monate Gefängnis wegen formeller Beleidigung nach 8 185. obwohl in Wirklichkeit von formellen Beleidigungen in dem Artikel nicht dL Rede sein konnte. DaS Verlangen meines Kollegen auf Zeugenvernehmung wurde damit abgelehnt, daß das Gericht versprach, alles was die Zeugen beweisen sallten. als be- wiesen anzunehmen. Aber, meine Herren, wie kann ein Richter wissen, welchen Eindruck die Zeugenaussagen auf ihn machen tverde»? Fortgesetzt und fast überall komint eS vor, daß Arbeiter, die einem Streikbrecher ein übles Wort gesagt oder einen Knuff ver- setzt haben, zu den härtesten Freiheitsstrafen verurteilt werden, während Stuocntcn oder andere Angehörige der besitzenden Klaffen selbst bei sehr schweren Beleidigungen und Tätlichkeiten gegen Polizeibeamte mit geringe» Geldstrafen davonkommen. DaS ist Klassenjustiz. Auch auf dem' Gebiete des VerwaltungSwcsenS und der Polizei macht sich die Erscheinung der Klassennrteile geltend. Die Regierung wird nicht in der Lage sein, da« zu Verbindern; denn eS liegt eben darin der Ausdruck unseres KlassenstaateS. Wenn es zum Zusammenbruch unserer Gesellschaft kommen wird, dann wird die Untergrabung allen RechrsempsindenS durch die Gerichte eine große Rolle dabei gespielt haben. Die Regierung erweist sich selbst und der von ihr vertretenen Rechtsordnung de» besten Dienst. wenn sie rücksichtslos gegen alle Justizbeamte vorgeht, die Objektivität in politischen Prozessen vermissen lassen.(Beifall bei den Sozial- demokraten.) Abg. Lenzmann(frs. Vp.): Die Debatten beim Justizetat sind für die Nichtjuristen so langweilig, daß ich auch al« Jurist nicht das Wort ergriffe» hätte, wenn meine Stellungnahme in der Reichs- justizkommisston nicht zu lebhaften Angriffen gegen meine Person geführt hätte. Mein Kollege Müller-Meiningen hat vollständig recht, ivenn er betonte, daß die Freisinnige Volkspartei in ihrer großen Mehrheit auf dem Standpunkte steht, daß die Schwurgerichte in der gegenwärtigen Form beibehalten werden sollen. Man hat mich wegen meiner persönlichen Abweichung in dieser Frage als Verräter an der Freiheit bezeichnet. Nun aber wird jeder, der meine politische Entwickelung kennt, davon überzeugt sein, daß ich sehr weit davon entfernt bin, die Freiheit zu verraten und daß ich mich höchstens mehr nach links hin entwickle, nicht aber nach rechts Ich habe mich bei aller Hochachtung vor den Herren v. LiSzt und Kahl doch gewundert, wie diese beiden Autoritäten über die Kommission und ihre Arbeiten abgeurteilt haben. Ich wäre ganz aerne aus der Kommission ferngeblieben und hätte es für viel richtiger gehalten, wenn Herr Kollege Heine berufen worden wäre oder der Herr Abg. Stadthagen.(Heiterkeit rechts.) Vielleicht hätte Herr Stadthagen in der Kommission seinen Vorschlag durchgesetzt, daß jeder Richter, der einen Zeugen nach seiner Konfession fragt, wegen Versuchs der Verleitung zum Meineid ins Zuchthaus gesteckt werden soll.(Große Heiterkeit.) Die Kommission hatte kein Gesetz zu machen oder auck nur in Vorschlag zu bringen, sondern die Regierung darüber zu unterrichten, wie man in Fachkreisen über die strittigen Fragen denkt. — Ich bin heftig angegriffen worden, weil ich mich für die Ver- Wandlung der Schwurgerichte in große Schöffengerichte aus- gesprochen habe. Ich will aber keineswegs mit dem bewährten Grundgedanken der Schwurgerichte— der überwiegenden Teilnahme des Laienclenienis— brechen, sondern diesen Grundgedanken viel- mehr in lebensfähiger Weise entwickeln. Ich bin aber überzeugt. daß diese Teilnahme im Rahmen des großen Schöffengerichts sich besser durchführen läßt als im Rahmen der Schwurgerichte. Ich möchte hier einmal einen Fall vorführen, der die Schattenseiten der Schwurgerichte beleuchtet. Der Fall ist eüvas erotisch: eS war ja aber heute schon so viel von erotischen Dingen die Rede, daß eS auf einmal mehr nicht ankommt.(Heiterkeit.) Der Fall lag so: Ein Jude war angeklagt, an einem blödsinnigen Mädchen Notzucht verübt zu haben. Der Angeklagte machte den Einwand, er habe far nicht gewußt, daß das Mädchen blödsinnig sei. Da gab der lichter folgende Rcchtöbelehrung: Wenn ein deutsches Mädchen sich von einem Juden geschlechtlich mißbrauchen läßt, so spricht in der Tat von selbst die Vermutung dafür, daß daS Mädchen verrückt sein muß.(Heiterkeit.) Wenn einer von den Geschworenen auch nur halbwegs verständig war, so mußte er dein Richter antworten, nicht das Mädchen, aber Sie sind blödsinnig. — Der Kollege Heine erklärt, baß die Kommission keine nennen«- werten Berbefferiinaen im Vorverfahren in Vorschlag gebracht habe. DaS ist nicht zutreffend. Die Kommission hat z. B. die Rechte der Verteidigung bedeutend erweitert. lieber die sehr bedeutsame Frage, die durch die bekannte Entscheidniig des Kaisers in Sachen der französischen Karikaturensammlung wieder brennend geworden ist, ob Majestätsbcleidignngen ein Alilragsdetikt sein sollen oder nicht, d. h. ob sie überhaupt oder nur auf Antrag zu verfolgen sind, können wir uns vielleicht gelegentlich des sozialdemokratischen Antrages auf Ab- schaffiing des§65(MajcstätSbeleidigiingSparagraph) unterhalten.— Ein großer Fortschritt ist es auch, daß die Kommission verlangt, die Ver- bafluiig ivegen„Fluchtverdachts" müsse schriftlich begründet werden. Damil ist jüngeren Richtern, die sehr gern verhasten, ein Riegel vorgeschoben.' Auf den Standpunkt, daß man lieber hunderttausend Schuldige laufen lassen als einem einzigen Unschuldigen unrecht tun soll, kau» und darf man sich nicht stellen. Ich bin stolz darauf, daß lvir im Westen keine Klassenjustiz kennen.(Widerspruch des Ab- geordneten Stadthagen.) Herr Abgeordneter Stadthagen, Sie kennen ja den Westen nicht. Ich wiederhole: in Westdeutschland gibt eö ebensowenig Klassenjustiz wie in Süddentschland. Kam da einmal ein schneidiger Asseffor ans den» Osten nach dem Westen und fungierte in einem Prozeß als Staatsanwalt. Als er in dieser Eigenschaft den Angeklagten fragte, ob er Sozialdemokrat sei, erklärte der Vorsitzende:„Wie kommen Sie zu dieser Frage? Die politische Gesinnung tut nichts zur Sache, Unserethalber kann der Mann Anarchist sein."(Zuruf bei den Sozial- demokraten; Weißer Rabe!) Nun— dann sind im Westen alle Raben weiß.(Große Heiterkeit.) Ich habe alle diese Ausführungen gemacht, um zn betonen, daß ich meine Sonderstellung in der Frage der Schwurgerichte vor meinem Gewissen verteidigen kann, und daß ich kein Verräter an der Freiheit bin. Daß großes Mißtrauen im Volke gegen die Strafiechtspflege herrscht, gebe ich zu. Deshalb wollen lvir ja eine gründliche Reform der Strafprozeßordnung, die nicht zu denken ist ohne Wiedereinführung der Berufung. Diese Berufung verlangt da-Z Boll seit Jahrzehnte», daher dürfen wir an kleine» technischen Fragen— wie der des Schwurgerichts— die Reform nicht scheitern lassen.(Bravo! links.) Abg. Krösell(Antis.) kommt auf seinen eigenen Fall, in dem er steckbrieflich verfolgt wurde, zurück und bedauert unter Anführung einiger Fälle, daß man als friedlicher Mensch so leicht mit der Polizei in Konflikt geraten kann. Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Sonnabend 1 Uhr. Schluß gegen v'/e Uhr._ Hbgeordnetenbaiis. 34. Sitzung. Freitag,, den 2. März, vormittags 11 Uhr. Am Ministcrtisch: Dr. Studt. Fortsetzung der zweiten Beratung des Kultusctats. Abg. Boß(natl.) führt Beschwerde, daß der Stadt Hannover das Recht der Lehrerbcrufung genommen sei. Abg. Cassel lfrs. Vp.) bringt Beschwerden über Eingriffe des ProvinzialschulkollegiuinS in die Selbstverwaltung des Berliner Schulwesens� zur Sprache. Die Beschwerden gehen dahin, daß mitten im Semester Abberufungen von Lehrern erfolgen, ohne daß die Schuldcputation rechtzeitig unterrichtet wird; daß das Provin- zialschlilkollegium die Stadt Berlin drängt, disziplinarisch vor- bestrafte Hülfslchrcr fest anzustellen und schließlich, daß das Pro- vinziaffchulkollegium das Behandeln Schillerscher Dramen, wie„Die Jungfrau von Orleans" i» den oberen Klassen der Berliner Genieindcschulen verboten hat, die dort behandelt wurden, weil die Schüler aus den Mitteln einer Stiftung in die Aufführungen dieser Schillerschcn Dram.ei� geführt wurden. Das Schulwesen kann nur gedeihen, wenn die Schulleitung nicht fortwährend bevormundet wird.(Beifall lints.) Ministerialdirektor Schwarzkopsf: Die Schule ist eine Bercni staltung des Staates, der die Aufsicht nicht aus der Hand geliert' kann. Es liegt der staatlichen UntcrrichtSverwaltnng aber fern. in die Rechte der Selbstverwaltung ungerechtfertigt einzugreifen. Der letzte Fall ist der Zentralstelle nicht bekannt. Das�me kann ich aber schon heute sagen: Was an Lehrstoff in der Schule be- handelt wird, wird von der Unterrichtsverwaltung angeordnet. Darüber kann nicht von privater Seite befunden werden. Abg. Dr. Friedberg(natl.): In dem letzten vom Abg. Cassel erwähnten Falle hat die Schulaufsichtsbehörde es am nötigen Talt fehlen lassen, und eS zeigt sich da eine gewisse burcankratische Uebcrhcbung. Abg. Freiherr v. Zedlitz(sk.) tritt für eine gesetzliche Regelung der Verhältnisse zwischen Staatsaufsicht und Selbstverwaltung ein. ' Abg. Cassel(fr. Vp.): Wir bringen die Beschwerden hier vor, weil uns ei» anderes Mittel zur Abhülfe nicht zu Gebote steht. Auf dem Instanzenwege erhalten wir keine Abhülfe. Die Aeuße- rung des Ministerialdirektor« verschiebt aber die Sachlage. Unsere Beschwerde richtet sich gegen die Behandlung der städti» schen Schuldeputatton, von der verlangt wurde: E« müsse der Aufsichtsbehörde mitgeteilt werden, was in der Schule gelesen werden solle. Die Leiter des Berliner Schulwesens sind Mannes genug und wohl geeignet, selbst zu entscheiden, welche Stücke aus- gewählt werden sollen. Sie brauchen nicht arff Schritt und Trstt von Männern überwacht zu werden, die keine höhere Bildung haben als sie selbst.(Sehr richtig! links.) Aus der Dchulaufsicht darf keine Bevormundung der Schule werden. Minister Dr. Studt bestreitet, daß es der Berliner Schukdevn- tation unmöglich fei, auf dem Instanzenwege Abhülfe auf Be- schwerden herbeizuführen, und protestiert dagegen, daß das Abgeordnetenhaus zum Gericht über noch nicht rechtskräftige Fälle aufgerufen wird.(Sehr richtig! recht.) Abg. Friedbcrg(natl.): Der Minister mag über Fälle, die noch nicht endgültig entschieden sind, Schweigen beobachten; wir Ab- geordnete aber Tonnen uns das Recht nicht nehmen lassen, solche <5älle zur Sprache zu bringen. Hiermit schlieft die Besprechung. Beim Abschnitt„Schulaufsicht" empfiehlt Abg. Heckenroth(k.), die geistliche OrtsschulinspeTtion beizu- behalten. Die Abgg. Dr. Dittrich(Z.) und Geisler(Z.) sprechen in demselben Sinne. Abg. Ernst(frs. Vg.): Die Lehrer verkennen gar nicht, daß sie viele Aufgaben mit den Geistlichen gemeinsam haben, sie können aber verlangen, nicht unter ihnen, sondern neben ihnen zu arbeiten. Abg. Freiherr v. Zedlitz(fk.): Für die schultcchnischc und methodische Aufsicht müssen die Geistlichen ausgeschaltet werden. Äultusministcr Dr. Studt� Wir halten daran fest, daß wir zurzeit die Geistlichen bei der Schulaufsicht nicht entbehren können. Beim Kapitel„Höheres Mädchcnschulwesen" bespricht Abg. Dr. Krüger(k.) die Vorschläge der vom Kultusminister gebildeten Kommission zur Reform des Mädchenschulwesens. Die Vorschläge stellten ein Nachgeben gegenüber der Frauenbewegung dar. Die Frauen würden das gelehrte Proletariat vermehren, die Sozialdemokratie stärken und das aktive und passive Wahlrecht fordern. Kultusminister Dr. Studt: Die Frauenemanzipation ent- spricht der deutschen Eigenart nicht. An die Gleichstellung der Frauen und die Gewährung politischer Rechte denken wir nicht; auch die Bcrcchtigungsfrage soll nicht entschieden werden. Abg. Ernst(frs. Vg.i: Den Hauptwert des Reformplanes sehe er darin, daß vom Abc an bis zum Universitätsbesuch eine einheitliche Regelung des Unterrichtes erfolge. Abg. Mctger lnatl.): Die Forderung des gemeinsamen Unter- richtcs für beide Geschlechter halte ich nicht für richtig. Abg. D. Hackenbcrg fnatl.): Wenn man befürchtet, daß durch eine höhere Bildung die Frauen nicht zu guten Hausfrauen und Müttern erzogen würden, so üvcrsicht man doch, daß gerade die Aufgaben der Hausfrauen und Mütter heute so sehr gesteigert sind. Man soll doch die Frauen heute hineinführen in alle Probleme. damit sie ihre Kinder wirklich führen und leiten können.(Unruhe und Gelächter rechts. Beifall links.) Der Titel„Mädchcnschulwcscn" wird bewilligt. Das Haus vertagt die Weitcrbcratung auf Sonnabend früh 10 Uhr. Schluß S Uhr._ parlamcntarircbca. Erbschaftssteuer. Die FinanzreformTommission beschäftigte sich gestern mit der LrbschaftSsteuervorlage der Regierung und zwar zunächst mit dem ß 12, der den Betrag der Steuer betrifft, sowie dem dazu vorliegenden, schon in Nr. 38 des„Vorwärts" veröffentlichten sozial- demokratischen Antrag. Ein von Dr. am Zehnhoff dazu gestellter Antrag ist auf Veranlassung des Zentrums zurückgezogen worden. Dr. am Zeh nh off(Z.) als Referent berichtet, daß die meisten der eingegangenen Petitionen sich gegen eine Reichserbschaftssteuer richten, einige dafür eine stärkere Steigerung bei großen Erbschaften an entfernte Verwandte usw. befürworten. Er veriveist auf die englische Erb- schaftssteuer, die etwa 300 Millionen Mark bringe, gerade so wie der sozialdemokratische Antrag die Nachlatzmasse besteuert und nicht wie die Regierungsvorlage vorschlägt, den Erbschaftsanfall. Dadurch entständen aber Härlen und Ungerechtigkeiten, die bei Versteuerung des Erbanfalles vermieden würden. In Frankreich bringe die Erb- schaftssteuer 200 Millionen Mark, jedoch sei zu berücksichtigen, daß in Frankreich die Einkommen- und Vermögenssteuer nicht so ausgebildet sei wie in Deutschland. Der Korreferent Dietrich bringt den grimmen Haß der Agrarier gegen eine Erb- schaftssteuer zum Ausdruck, noch weitgehendere Berücksichtigung deS Grundeigentums befürwortend, als wie sie ohnehin schon in der Vorlage gefunden hat. Die Erbschaftssteuer, meint er, sei schädlicher wie die Einkommensteuer für den Grundbesitz. Entschieden wendet er sich gegen den Antrag, der den Ehegatten und Kindern eine un- erschwingliche Last aufbürde. Genosse Bernstein bestätigt dem Referenten, daß der Antrag dem englischen Erbrecht angepaßt sei;_ dies bestehe seit 1890 und habe seit jener Zeit noch nie Anlaß zu irgendwelcher Aenderung gegeben, ein Beweis, daß es sich be- währt habe. Alle Bedenken, die von den beiden Referenten dagegen erhoben werden, find auch damals in England geltend gemacht worden, ohne daß sie durch die Erfahrung bestätigt worden wären. Der Antrag sei noch verbesserungsfähig in der Weise, daß die Steigerung bei Erbmassen von über 10 Millionen Mark noch über 16 Proz. fortgeführt werden könne. Ein solcher Steuersatz sei nach der ganzen Natur unseres Wirtschaftslebens, das die Vermögens- bildung bis ins ungeheuerliche ermögliche, durchaus nicht zu hoch. An Stelle des Einzelkapitals ist das Kollektivkapital getreten, die Aktiengesellschaften. Die alten Firmen verlchwinden, gehen in Aktien- gesellschasten über und diese führen zu der ungeheuerlichen Bermögens- bildung. Diese müßten mehr zur Steuer herangezogen werden, als es nach dem Vorschlage der Regierung möglich ist. Erfreulich sei, daß der Gedanke, entfernte Verwandt» als Intestaterben von der Erbschaft auszuschließen, auch schon von konservativer Seite(Gamp und v.Damm) befürwortet sei und würde der vorliegendeAntrag anch da« rauf ausgedehnt worden sein, wen» nicht die Bestimmungen des Bürger- lichen Gesetzbuches dein entgegenständen. Durch Annahme hps An- träges, der sich durch Einfachheit auszeichne!, werden eine ganze Anzahl Bestimmungen der Vorlage überflüssig. Selbstverständlich sei die Beseitigung aller Ausnahmen bezüglich der Steuerfreiheit landesfürftlicher Familienerbichaften, weil diese keine Berechtigung haben und der gesetzlichen Gleichheit widerspricht, ebenso tvie die Ansnahmebestimmung bezüglich deS Grundbesitzes. Einbezogen »nußten ferner nach dem Antrage Mitgiften und Schenkungen werden. So werde hinreichend Geld genug zusammenkommen, um die kulwr- widrigen indirekten Steuern aus Salz und Petroleum ausheben zu können und alle anderen VON der Kommission im Prinzip schon beschlossenen Stenern auf Ansichtspostkarten, Zigaretten und Fahrkarten gänzlich tiberflüssig zu machen, die sämtlich geeignet sind, große Erwerbs- klaffen zu schädigen, während die Besteuerung der Erbschaften ent- sprechend dem Antrage niemand schädige. Die großen Vermögen saugen an eine soziale Gefahr zu bilden, sie repräsentieren eine große Macht in unserem Staatsleben, deshalb ist es notwendig, sie durch eine hohe Steuer zu treffen. Es sei dies ein Akt steuer- politischer Gerechtigkeit. Deshalb möge die Mehrheit den Antrag an- nehmen, zumal er durchaus den Grundsätzen der bürgerlichen Wirt- schaftsordnung entspreche.._ Der preußische Finanzminister v. Rhernbaben wendet sich sehr entschieden gegen den Antrag. Er behauptet, die kleinen und mittleren Vermögen würden dadurch am schwersten getroffen,, und verteidigt die von der Kommission beschloffene Ansichtskartensteuer. Seine ganzen Ausführungen sind nicht nur gegen den Antrag, sondern mindestens in dem gleichen Matze gegen die ganze Erbschasts- fleuer gerichtet.. �. Der Antrag wird von Dr. Wiemer(Freif.) bekämpft, der sich für die Regierungsvorlage erklärt. Der Reichsschatzsekretär v. Stengel bemüht sich in längeren Ausführungen den Nachweis zu führen, daß die Erbschaftssteuer nach der Vorlage nicht wie Dr. Wiemer gemeint hat, mit dem Grundsatz des indirekten Steuersystems breche. Nach dem Reichsrecht sei die vorgeschlagene Erbschastssteuer als eine indirekte ge- dacht. Der sozialdemokratische Antrag gehe über die gesteckte Grenze hinaus, deshalb mutz er abgelehnt werden. Müller- Fulda(Z.). Raab(Autif.) und Dr. Becker(natl.) finden, daß ber Antrag die kleinen Leute am schwersten treffe, da er schon eine Nachlaß», äffe von 2000 M. mit einer Steuer von 1 Proz. treffe. Bei kleinen Nachlässen in großen Familien würde diese Steuer am schwersten empfunden werden. Dr. Becker bindet der Kommission aui. daß in seinem Wahlkreise die Arbeiter alle so hohe Löhne erhalten, daß es ihnen in verhältnismäßig kurzer Zeit möglich ist, Vermögen von 2000 M. und mehr zu sparen, woher es auch komme, daß so viele Hausbesitzer seien bezw. werden. Genosse Geyer macht die Gegner darauf aufmerksam, daß es ihnen ja frei stehe, AbänderungSanträge zu dem Antrage cinzubringen, und gibt die untersten Steuerstufen bis zu 500Ö M. gern preis. Die Gegner haben auch nicht beachtet, daß die Steuer auf Erbschaflen als Aequivalent die Aufhebung zweier drückender indirekter Steuern biete und ckndere indirekte Steuern überflüssig mache, Für M. 2 Belastung werden die Erben um M. 20 pro Jahr ent- lastet. Bemerkenswert sei. daß gerade diejenigen Herren sich so sehr über diese Belastung der unteren Klassen entrüsten, die unbedenklich der viel schwereren Belastung mit den Zöllen auf Lebensmittel zu- gestimmt haben. Die Zurückziehung des Antrages am Zehnhoff durch das Zentrum läßt darauf schließen, daß diese der Furcht vor einem Sturm der Entrüstuiig der Besitzenden entsprungen sei. Die Weiterberawng wird auf heute vertagt. Büfings Wahl beanstandet. Im Wahlkreise Schwerin-Wismar sind bei der Nachwahl am 23. November 1904 24 668 Stimmen abgegeben worden, davon erhielten Antrick(Soz.) 10 590, B ll s i n g(natl.) 7036, Dade 7033 Stimmen; bei der Stichwahl siegte Büsing mit 13 315 Stimmen gegen II 213. Gegen die Hauptwahl richten sich vier Proteste, zwei zugunsten Büsings. Nach den Behauptungen eines Protestes sind in einzelnen Orten nur zwei Beisitzer ernannt worden, und der zugunsten Büsings eingereichte Protest verlangt die Kassierung dieser Wahlakte, weil durch die Kafsierung die Stimmenzahl Büsings vor der DadeS einen größeren Borsprniig erhält, während die gegnerischen Proteste Fälle anführen, die. wenn sie sich als richtig erweisen, die Stimmenzahl BüsingS so verringern, daß nicht er, sondern Dade in die Stichwahl mit Antrick gekommen wäre. Die Wahlprüfungskommission hielt in ihrer Sitzung am Freitag die angeführten Behauptungen nicht für erheblich, dagegen beschloß sie, Erhebungen darüber anzustellen, ob in Groß-Rogahn, Hof, die Wahl vor 10 Uhr begonnen habe und schon vor 10 Uhr wieder geichlosien worden sei, obgleich ein Wähler nicht gewählt hatte. Müßte dieser Wahlakt kassiert werden, dann behielt Büsing noch den Vorsprung einiger Stimmen vor Dade, anderenfalls aber bleiben die Dadeschen zurück. Die Kommission beschloß daher, die Wahl zu beanstanden und Erhebungen über den Fall anstellen zu lassen. Stos der Partei. Als Fastnachtsscherz hat die Mannheimer„Volksstimme" die Geschichte über einen Besuch des Genoffen Dreesbach bei den Zähiingern aufgetischt. Der Mannheimer..Volksstimme" scheint das Empfinden dafür zu fehlen, wie sehr sie sich selbst durch die An- nähme charakterisiert, ihr„Scherz" werde als Ernst aufgefaßt werden. Wir begnügen uns im übrigen damit, wiederzugeben was die „Bremer Bürgerztg." und das„Echo" zu dieser Affäre sagen. Unser Bremer Parteiorgan bemerkt: „Einen höchst geschmacklosen Faschings„scherz" macht die Mannheimer„Volksstimme", indem sie mitten zwischen Notizen ernsten Inhalts die Mitteilung bringt. Reichstagsabgeordneter Dreesbach habe zwei Tage nach der Geburt eines neuen Zähringer- sprößlings„dem Prinzen einen Besuch abgestattet" und daran die ziemlich alberne Bemerkung knüpft:„Es darf wohl er- wartet werden, daß der Gang unseres Parteigenossen zu Hofe, der lediglich als ein Akt des Anstandes zu bettachten ist, von ge- wiffer Seite keine Mißdeutung erfährt und nicht über Gebühr zu einer causs celebre aufgebauscht wird, wie es kürzlich in unserer Nachbarstadt Darmstadt geschah."—„Der Hinweis auf CramerS Hofgängerei zeigt", so schreibt dazu das„Hamb. Echo",„daß der „Volksst." der höchst bedauerliche Mangel an demokratischem Gefühl, wie er sich im Fall Cramer linidgab, und die von der Parteipreffe geübte Kritik— spaßhaft erscheint. Das Blatt hat übrigens erst neulich eine unglaubliche Leistung vollbracht, indem eS anläßlich der Verurteilung des Genossen Heinig von der„Leipziger Volks- zeitung" den Redakteuren und Mitarbeitern dieses Blattes vorwarf, sie hätten sich hinter daS Preßgesetz verkrochen, indem sie sich nicht als Verfasser bezeichneten. Sicherlich hätte nach der allseitigen Ab- fertigung die„Volksstimme" Anlaß zum Ueberlegen gehabt; doch fand sie dies wohl nicht nötig, wie der oben erwähnte„Scherz" zu beweisen scheint."— Partcikandidaten. Die Frankfurter„Volksstimme" berichtet unter Oberursel aus einer WahlvereinSversammlnng: „Ueber den weiteren Punkt der Tagesordnung: die BommerS- heimer Gemeinderatswahlen betreffend, entspann sich eine lebhafte Debatte. Es sind in der dritten Klaffe diesmal zwei Vertreter zu wählen. Demgemäß schlägt die Wahlkommission zwei Kan- didaten vor. zwei angesehene Handwerker, den Schmied Jckstadt, seit kurzem Mitglied des Wahlvereins und den früheren Gemeindevertteter Schmied Braun, nicht organisiert. Ein Teil der Bommersheimer Genossen glaubt durch die Aufstellung dieser beiden Herren einen Erfolg zu erzielen, der andere Teil will an dem Parteibeschluß festhalten und nur organisierte resp. überzeugte Genossen aus- stellen, was auch von den Oberurseler Genossen für selbstverständ- sich gehalten wurde. Nach langem Hin und Wieder, wobei auch die Lauheit der Bommersheimer Genossen kritisiert wurde, die zwar im Wahlverein, aber leider noch zum großen Teil nicht einmal Leser ihres Parteiorgans, der„Volksstimme", sind(überzeugte Parteigenossen I?), wurde über die vor- geschlagenen Kandidaten der Kommission abgestimmt. Die Mehrheit stimmte für die obengenannten zwei Kandidaten. Unseres Er- achtens sollte man lieber auf die Aufstellung von Kandidaten ver- zichten, als Leute zu nominieren, die absolut noch keinen Beweis von ihrer sozialdemokratischen Ueberzeugung erbracht haben." Der letzteren Ansicht stimmen wir vollständig zu. Durch solche Opportunitätskandidawren, wie die BommerSheimer Genoffen be- lieben, werden Stegmüllereien geradezu provoziert. Gerichtliche Nachklänge zum roten Sonntag in Italien. Die fünf Genoffen. die am 20. Januar bei der Turiner Demonstration für Rußland verhaftet wurden, sind am 24. Februar sämtlich mit un- verhältnismäßig hohen Strafen bedacht worden. Genosse Gallo er- hielt 5 Monate, Palliedro 4, Sobrito 3, Elte 2 und die Genossin Pczgorno ebenfalls 2 Monate. Für die lejfte wurde die bedingte Verurteilung angewendet, aber es ist eine ziemlich nutzlose„Milde", da die Verurteilte bereits über die Hälfte der Strafe in Unter- suchungShaft verbüßt hat. Die diesjährige Märzschrift, herausgegeben von der Wiener Volksbuchhandlung ist dem Andenken des revolutionären Dichters Ferdinand Freiligrath, dessen Todestag sich am 18. März zum dreißigsten»«! jährt, gewidmet. Und man muß zugeben, daß die Festschrist ihrer Bestimmung vollauf und auf das würdigste entspricht. Man lese nur den prächtigen Auffatz von Dr. I. Ingwer:„Der Trompeter der Revolution", in dem in kurzen Worten ein geradezu greifbares Bild von Freiligraths Werdegang geboten wird. Franz Lill und S. Kasf haben mit ihren Aufsätzen(.Freiligrath als Dichter des Klassenkampfes" und„die soziale Lyrik der vierziger Jahre") nicht unwesentlich zur befferen Kenntnis des Dichters in den Reihen der Arbeiterschaft beigetragen. — Der Auszug aus einem Freiligrathschen Briefe gibt Aufschluß über deS Dichters Wirken und Leben. Interessant ist em Aufsatz, der zwei gegen Freiligrath erlassene Steckbriese widergibt.— Ruß- lands Freiheitskampf betitelt sich ein Aufsatz von Karl L e u t h n e r.— Der russischen Revolution ist auch ein großartiges Gemälde von Otto Friedrich gewidmet. Wir glauben uns in ein Shakespearesches Drama versetzt beim Anblick des Bildes.— Die von der Wiener Volksbuchhandlung, Wien VII, Gumpendorferstr. 18, verlegte Festschrift kostet 20 Heller. Soziales. Ein Kulturbill» aus Rheinland-Westfalen. In welch unglaublicher Weise das Kapital mit seinen Lohn- sklaven umspringt, darüber gibt nachstehender Bericht ans dem Reiche der rheinisch-westfälischen Jndustriekönige ein anschauliches Bild: In Kettwig an der Ruhr übt der Textilkönig W. Scheidt in jeder Beziehung eine fast absolute Herrschaft aus. In seinem Reiche sind kürzlich mehrere Sendungen Oester- reicher. Italiener und Deutsch-Russen als frische Ware zum Schutze der— nationalen Arbeit eingetroffen. Die Deutsch-Russen, Spinner und Weber aus Lodz, sind durch Vermitte- lung des evangelischen Pastors Rosenberg, früher in Konstansin, jetzt in Bekowitsch, nach dem Rnhrrevier importiert tvordcn. Durch massenhaft verbreitete Flugblätter und in Zeitungsinseraten wurden Leute gesucht, denen man gute und leichte Arbeit in Deutschland versprach. Und der Leichtgläubigen, denen die Bermittelertätigkeit des Pastors als sichere Garantie dafür galt, daß sie, den Werbungen folgend, einer besseren Zilkunft entgegen gingen, fanden sich in Menge. Zwecks Deckung der ersten Kosten verkauften viele von ihnen alles, was nur eben verkäuflich war. Um dem Vater die Reise ins— gelobte Land zu ermöglichen, mußten sich die Familienmitglieder in manchen Fällen des Notwendigsten entäußern. Die Reise bis Ostrowo verschlang fast alle Barmittel, mancher hatte sogar den Rock vom Leibe ver- kauft. An der Grenze waren ihnen die Pässe abgenommen, nun waren sie frei wie der Vogel in der Luit! In Ostrowo nahm sich der„Verein für deutsche Rückwanderer"— liebevoll der Aermsten an, sie wurden verpflegt und— damit nicht das bittere Gefühl der Armut in ihnen stark werde— wurde ihnen mitgeteilt, daß ihnen für jeden Verpslegungstag später 1,25 M. vom Lohne gekürzt werde.— Welche Gefühle solcher Zartsinn auslöste, läßt sich denken I Später ging die Reise weiter nach— Bochum in Westfalen. Dort, in der G u ß st a h l f a b r i k des Bochumer Vereins brachte man die Leute unter.sdenen als Texttlarbeiter dichter verlangte Beschäftigung über die physischen Kräfte ging. Bald stellten sich Gliederschwellungen und andere Beschwerden ein, sodaß die Neugeworbenen die Arbeit wieder einstellen mußten. Da sie bares Geld nicht in die Hände bekamen. mußten sie am Tage der Abkehr um die Gnade betteln, die Nacht noch in der Fabrikmenage, wo sie untergebracht worden waren, zubringen zu dürfen, um nicht obdachlos aus der Straße zu liegen. Am nächsten Tage wurden die armen Menschen durch Vermittelung eines Herrn NeuhauS in Bochum der Firma Scheidt in Kettwig überwiesen. Hier durften sie zunächst für etliche Tage auf einer Diele im Stroh ihr Nachtlager aufgeschlagen. Polizeibeamte gaben ihrer Entrüstung über eine solche Art mit Menschen umzugehen, lebhaften Ausdruck. Die Firma Scheidt zahlte den Leuten, die teilweise eine zahlreiche Familie in der Heimat zurückgelaffen haben, Stundenlöhne von— 23 P f.! Um von diesen horrenden Löhnen doch noch etwas zu erübrigen, leben die armen Teufel durchgängig von trockenem Brot und Kartoffelsuppe. Einer von sihnen zog es vor, nach sechstägiger— Beschäftigung bei der Wohlfahrtsfirma Scheidt, das Eldorado zu verlassen und bei einem Bauern als Knecht einzutteten. Die Firma verlangte von ihm in rührender Bescheidenheit 35 Mark»Schadenersatz wegen KontraktbrucheS und hielt als Pression gegen Recht und Gesetz sogar mehrere Tage die Jnvalidenkarte zurück. Und an Energie läßt es die Firma in dem Streben, die armen Teufel auf irgend eine Weise als Profitquelle zu benutzen, nicht fehlen. Einen Gefindevermieter beglückte sie jetzt mit folgendem Schreibebries: Herrn... Kettwig(Ruhr) Wie ich höre, haben Sie einen der von mir engagierten Deutsch-Russen namens Hugo Fischbach verleitet anderweitig Arbeit anzunehmen, obwohl Ihnen bekannt war. daß derselbe bei mir in einem festen Arbeitsverhältnis stand. Ich fordere Sie daher auf Grund des§ 125 der Gewerbe-Ordnung hiermit aus. den mir hierdurch entstandenen Schaden von 35 M. innerhalb 3 Tagen zu ersetzen, andernfalls ich gegen Sie klagbar werde. Achtungsvoll I. Wilh. Scheidt. Wie Figura zeigt, bei Herrn Scheidt können selbst unsere oft» preußischen Junker noch lernen. Aus dem Bericht der Essener Handelskammer pro 1904 ent- nehmen wir über die Verhältnisse bei der Firma Scheidt noch folgendes: Die allgemeine Lage der Kammgarnindustrie hat sich ge- bessert..... Die Beschässigung darf im allgemeinen noch als eine normale bezeichnet werden. Die Arbeitslöhne wurden wegen Arbeitsmangel(!) um einige Prozent erhöht. Die Zahl der Arbeiter betrug Ende 1904 im Vorjahre männliche..... 325 356 weibliche...» 652 507 Knaben 1 unter. 32 37 Mädchen J 16 Jahren. 44 40 953 949 Also obwohl die Gesamtzahl der Beschäftigten um 4 gestiegen ist, nahm die Zahl der männlichen erwachsenen Arbeiter um 31 ab. die Zahl der beschäftigten Frauen dagegen stieg um 45. Da� die Frauen billiger arbeiten als Männer, braucht man nach der Ursache der Veränderung nicht weiter zu forfchen. Wenn Herr Scheidt bei Stundenlöhnen von 8—23 Pf. die an- geführte Schadencrsatzforderung geltend machen kann, so muß ja sein Profit ein gewalttger sein. Daß der Arbeiter gar nicht sähig war die Arbeit bei ihm fortzusetzen und deshalb be- rechtigt war die Arbeit sofort einzustellen, geht schon daraus hervor, daß sein Magen schon zu schwach war. die bei dem Bauer übliche Kost aufzunehme». Ueberdies aber ist der Arbeitsverttag wegen der in demselben vereinbarten niedrigen Löhne ungültig, weil gegen die guten Sitten verstoßend. Wir erinnern unsere Leser an die vor wenigen Wochen von uns geschilderte Herüberlockung russischer Glasmacher: es liegt in dem wachsenden Hinüberziehen ausländischer, mit den Verhältnissen in Deutschland unbekannter Arbeiter ein auf Schwächung der deutschen Arbeiter, insbesondere auf Schwächung ihrer Organisationen ab- zielendes System der„patriotischen" Jndusttiebarone. Zum Aerztekonflikt in Königsberg. Gestern teilten wir bereits mit. daß das Landgericht in Königsberg am 28. v. M. zum Ausdruck gebracht hat, daß von den Aerzten durch Einstellung ihrer kasscn- ärztlichen Tätigkeit Vertragsbruch an dem bis Ablauf des Jahres verpflichtenden Verttag begangen ist. Charakteristisch ist daS Zirkular, durch welches die Aerzte zum Vertragsbruch auffordern. ES lautet: „Sehr geehrter Herr Kollegel Der Vorstand des Vereins Königsberger Aerzte macht S,e, bezug- nehmend aus das Rundschreiben vom 22. Februar und die letztenin der Versamnilung vom 21. Februar gefaßten Beschlüsse, nochmals darauf ausinerksam. daß von Mittwoch, den 28. Februar 1906 Ihre kassen- ärztliche Tätigkeit bei der Gemeinsamen Ortskrankenkaffe aufhört und demgemäß von diesem Tage ab zu unterbleiben haben: 1. Jegliche Krankenanmeldungen(sowohl von Mitgliedern der Gemeinsamen Ortskrankenkaffe, als auch von deren Auge- hörigen) bei der Kasie. 2. Jegsiche Bescheinigungen über Erwerbsfähigkeit resp. Unfähig- keil(Krankenbücheri. g. Verschrcibungen vonArzneien, Heilmitteln, Bäder, Massagen usw. auf Rezeptsörmularen der Kassen Handlungen anzudrohen. Es wäre anzunehmen, daß die Arbeits- willigen durch das fortgesetzte Auflauern und durch die drohende Haltung bei ihrer Verfolgung durch die Straßen hätten mürbe ge- macht werden sollen, sich wieder der Verabredung anzuschließen, Ueberstunden nur zu einen, höheren Lohn zu machen. In jener Behelligung mit einer drohenden Halttuig, die den Arbeitswilligen habe Furcht einflößen sollen, wäre die Androhung eines Uebels zu sehen. Da die Absicht, Mißhandlungeu anzudrohen, hierbei nicht bestanden habe, so käme§ 153 der Gewerbeordming in Betracht und nicht der Nötigungsparagraph des Strafgesetzbuchs.— Der Augeklagte wurde außerdem noch zu drei Tagen Gefängnis wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung verurteilt, weil er sich an einem anderen Tage in einer Menge befunden habe, aus der heraus auf Arbeitswillige geschlagen wurde.(Ein Zeuge wollte auch B.'s erhobene Hand gesehen haben.) Die zwei und drei Tage wandelte das Gericht in eine Gesamtstrafe von vier T a xpe n um.— Angeklagter legte wieder Revision ein. Der erste Straf- senat des KammergerichtS wies aber dieser Tage das Rechtsmittel zurück, weil das Landgerichtsurteil diesmal keinen Rechlsirrtnm erkennen lasse. Briefkasten der Redaktion. Zuriktikeffer Ceti. C. K. Zum Eid kann man gezwungen werden. Entschädigung wird nicht gezahlt. Die Möglichkeit der Ausklagung besteht noch.— F. T. Moabit 1k. 1. Ein Strasantrag wäre noch möglich. 2. Beleidigung oder Verleumdung können im Wege der Prwatklage versolgt werden. Es kann aber auch die StaatSanwaltschasl die Sache verfolgen.— R. E. 34. Nein. — F. S. 17. Darüber bestehen keine gesetzlichen Vorschriften.— Lachmann& Scholz Turmstraße 76. Warenhaus. Ottostraße 1. 308L gM"' Besonders billiges Angebot für: Kleiderstoffe. vamen- Konfektion. (�•OS tlim s Cheviot,„röius IVolls", solnvarr u. tarblK, äoppsltbr.. dltr. 98 Lk. 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Ueber die Verschmelzung soll nach dem Vor- schlage Paul Müllers- Hamburg auf Grund eines von den be- tciligten Zentralvorständen auszuarbeitenden Entwurfes eine U r- a b st i m m u n g. im Verbände stattfinden, die für die Binnen- schiffer mit Rucksicht auf die eigentümlichen Arbeitsverhältnisse bis zum Winter 1906/07 verschoben wird. Selbst über die Frage der Verschmelzung abzustimmen, um die Meinung des Verbands- tages zu dokumentieren, wird nach dem einstimmigen Votum für die Urabstimmung abgelehnt. Es folgt die Berichterstattung über die internationalen Kon- gressc in Amsterdam 1901. Referent Decker- Magdeburg gibt eine eingehende Dar- stcllung zunächst der Verhandlungen des internationalen Sozia- listenkongresscs und geht dann auf den 4. Kongreß der internatio- nalcn Transportarbeitcrföderation ein. Ergänzend führt der gegenwärtige internationale Sekretär Jochade-Hamburg aus: Tie Uebertragung der Geschäfte an mich sollte am 1. Oktober 1904 erfolgen. Leider war erst viel später durch Drohungen aller Art Ben Tillet zu bewegen, wenigstens ein Adressenverzcichnis zu übersenden; mehr war von ihm nicht zu er- halten. Das Sekretariat wandte sich also um Auskunft an die Landessekretäre und wurde von diesen allgemein bereitwilligst unterstützt. Es wurde das internationale Äorrespondenzblatt ge- schaffen, dessen 6. Nummer vom 15. Februar d. I.(2. Jahrgang, Nr. 1) in einem dreisprachig geschriebenen Band von 56 Quart- selten vorliegt. Gepflegt wurde besonders die Lohnstatistik und die Statistik über die Organisationsverhältnisse. Unterstützt wurden durch Material über die Arbeitsbedingungen in anderen Ländern die Eisenbahner in Oesterreich und Italien, sowie in Holland bei den jetzt schwebenden Beratungen der Kammer über die ihnen versprochene Lohnausbesserung. Ueber die Organisationsverhält- nisse ist folgender Ueberblick zu geben: In den Vereinigten Staaten sind in lokalen Sektionen 100 000 Hafenarbeiter organisiert. Eine Zeitung in verschiedenen Sprachen soll erst geschaffen werden. Die Engländer haben sich seit Amsterdam ja von der Internationalen Transportarbeitcrföderation zurückgezogen, werden aber hoffentlich bald nach Ueberwindung ihrer verständlichen Empfindlichkeit zu ihr zurückkehren. Sie haben in drei gemeinsamen Organisationen für Hafenarbeiter und Docker starke Kräfte vereinigt. In Schweden sind 5500 Hafenarbeiter organisiert. Tatz sie gut diszipliniert und opferwillig sind, beweist die Tatsache, daß sie im letzten Jahre 250 000 M. aufgebracht haben. Sie haben gute Tarifverträge mit den Unternehmern durchgesetzt. In Norwegen ist die junge Or- ganisation in günstiger Entwickclung. Auch die lange zurückge- haltene Organisation der dänischen Hafenarbeiter geht vorwärts und bereitet ihren Anschluß an die Internationale Transport- arbeiterföderation vor. In Oesterreich versucht man jetzt, die Triester Hafenarbeiter zu organisieren. Man muß jedoch für sie erst italienische und tschechische Zeitungen anschaffen. In Ungarn ist seit zwei Jahren das Statut für eine Hafcnarbeitcrorganisation eingereicht, hat aber bis jetzt die erforderliche Genehmigung nicht gefunden. In Holland haben die Getreidearbeiter jetzt trotz der Einführung von' Elevatoren die Beibehaltung der gleichen Lohn- sätzc und der gleichen Arbeitcrzahl erreicht. Ein Erfolg der Rotter- damer Organisation, der bisher in dieser Art ohne Beispiel dasteht. Doch dürfte dieser Erfolg wohl vorübergehend sein, da diese Bc- kämpfung der Maschine doch gründlich unmodern und zünftlerisch ist. In Belgien bestehen Lokalvereine, die sich auf dein demnächst stattfindenden Landeskongreß zentralisieren wollen, mit zwei Zeitungen. In Frankreich sind die Organisationen durch die vielen Streiks, die durch die Selbständigkeit der einzelnen Syn- dikatc mitverscknildet sind, finanziell und an Mitgliedern sehr ge- schwächt. Trotz ihrer schlechten Kassenverhältnissc und der Herr- schenken Arbeitslosigkeit betreiben sie jetzt, die direkte Aktion:„Vom 1. Mai 1906 an arbeiten wir nur noch acht Stunden." Vom Er- folg dieses Vorgehens sind sie so überzeugt, daß sie Vernunft- gründen überhaupt nicht zugänglich sind. Italien hat eine kräftige Organisation nur in Genua; die Hafenarbeiter haben dort ein genossenschaftliche» Vereinshaus, in dem täglich 3000 bis 5000 Hafenarbeiter gespeist werden. In Spanien haben die Hafen- arbeiter soeben einen schweren Kampf um die Existenz ihrer Or- ganisation überstanden. Die erbetene Unterstützung wurde ihnen in jeder Beziehung gewährt. Durch die portugiesische Organisation stehen wir mit den organisierten Kameraden Südamerikas, in Buenos Aires, Montevideo und Rio in Verbindung. In heftigen Kämpfen sind sie im letzten Sommer teilweise auseinandergesprengt worden. Teilweise der Einfluß der Hamburg-Südamerika-Gesell- schast auf die Regierung, teilweise auch politische Unruhen mit folgender Berhängung des Belagerungszustandes erschweren die Organisationsarbeit ungemein. In Australien wirken starke Vcr- bände in Melbourne, Sidncy und Brisbane. Durch die Schied»- gerichtsakte erreichen sie mehr als die Kollegen anderswo durch Lohnkämpfc. Schließlich sind auch die Hafenarbeiter in den balti- schen Provinzen und in Odessa mit der Bitte um Material an uns herangetreten, weil sie ihre Lokalvcrcine zu großen modernen Or- ganisationcn umgestalten wollten. Ob ihnen das jetzt möglich sein ivird, bleibt ja abzuwarten. Neuerdings hat in Marseille ein Kon- greß von Hafenarbeitern des Mittelmecrs getagt und beschlossen, das tragbare Gewicht auf 50 Kilogramm festzusetzen. Nähere Nachrichten stehen noch aus. Wir arbeiten jetzt noch an einem Tclographencode, der ermöglichen soll, uns Streiknachrichten rasch zu übermitteln und uns damit von der bürgerlichen Bericht- crstattung gänzlich frei zu machen. Die Maifeier hat die großartigen Erwartungen, die man einst auf sie setzte, jedensglls nicht»rfüllt. Sie hat weder großen Wert für die Organisation, noch die Unternehmer so furchtbar er- schreckt. Vielfach ist sie zu einem gewöhnlichen Fest entartet, hinter dem Fcstzugc läuft die ganze Masse der Unorganisierten her, ohne im geringsten von idealen Gedanken der modernen Arbeiter- bewcguna erfüllt zu sein. Der jetzt geltende Beschluß ist wegen seiner Vteldcutigkeit und Dehnbarkeit ganz unbrauchbar.„Ohne Schädigung" kann tatsächlich nur ein ganz minimaler Teil der Arbeiterschaft am 1. Mai die Arbeit ruhen lassen. Ich steh« deshalb noch immer auf dem Standpunkte: Entweder Durch- führung der allgemeinen Arbcitsruhe oder Verlegung der Feier auf den Sonntag oder den Abend. Nicht abschaffen, umgestalten. wirksamer gestalten wollen wir die Maifeier. Wir sind fest über- zeugt, in allen unseren Entschlüssen das wahre Interesse der Arbeiter gewahrt zu haben. Wir haben einen Mitgliederbestand von etwa 100 000 übernommen und ihn in kaum einem Jahre auf 177 000 gesteigert. Bis zum nächsten Kongreß im August in Mailand hoffen wir, die 200 000 voll machen zu können. Doch haben wir immerhin von den 500 000 organisierten Hafenarbeitern der Welt erst ein Drittel bei uns vereinigt. Hier müssen wir weiter- kommen, soll auch unsere internationale Organisation dem Unter- nehmertum imponieren können.< Lebhafter Beifall.) Die beiden Referate werden debattelos zustimmend zur Kenntnis genommen. Es folgt die Berichterstattung über den Kiilner Gewerkschafts- kongretz- Referent S ch l e e f- Hamburg beschäftigt sich hauptsächlich mit den Verhandlungen über den Massenstreik und die Mai- fcier. Er führt aus: Man hat davon gefaselt, der Gewcrk- schaftskongreß habe den Massenstreik und die Massenstreikdebatte für verwerflich erklärt. Das ist nicht wahr; nur die Festlegung der Taktik, die sich doch nach den jeweiligen Verhältnissen richten muß, hat der Kongreß für unsinnig erklärt. In der Tat hat denn auch das ganze bisherige Gerede über den Massenstreik keinerlei Anhaltspunkte ergeben, nichts als leere Vermutungen sind laut geworden. Jedenfalls batten die Gewerkschaften die Pflicht, gegen die Verbreitung der völlig verkehrten* Friedebergschcn Ideen in die unorganisierten Massen auszutreten. Eine kleinere Zahl von Kölner Delegierten hat es ja nachträglich für gut gehalten, sich wegen der Zustimmung zur Resolution Bömelburg zu entschul- digen. Demgegenüber betone ich, daß ich noch heute auf dem Boden dieses Beschlusses stehe und ihn noch heute ganz unter- schreibe.(Beifall.) Vorsitzender Döring teilt den Eingang folgender Reso- tution mit: „Da das Für und Wider der Beschlüsse des Kölner GeWerk- schaftskongresses an allen Orten Deutschlands in ausgiebiger Weise erörtert worden ist. verzichtet der Verbandstag auf eine Diskussion. Grundsätzlich werden die Beschlüsse des Kölner Ge- werkschaftskongresses von den Delegierten anerkannt. Der Bcr- bandstag beauftragt die am nächsten Gewerkschaftskongreß teil- nehmenden Vertreter der Hafenarbeiter und verwandten Be- rufe, die Beschlüsse des Vcrbandstages dort dem Sinne nach zu vertreten." Die Resolution wird dcbattelos gegen 2 Stimmen ange- nommen. Zum nächsten Punkte der Tagesordnung: Bedeutung der Bersicherungsgcsebe für die Arbeiter erstattet der Vertreter der Generalkommission Robert Schmidt ein mehr als zwei- stündiges Referat. Er legt all die Mängel und Lücken der geltenden Gesetze und ihrer Handhabung dar, aber auch alle die vielfach über- sehcnen Möglichkeiten, die sie den Arbeitern bieten. Es folgen die Anträge zum Statut, die von der fünfgliedrigen Mandatsprüfungskommission vorberatcn worden sind.§ 6(Erlaß des Eintrittsgeldes und der Karenzzeit an übertretende Mitglieder anderer Verbände) wird auf die 24 Zcntralorganisationcn bc- schränkt, die mit dem Verbände in ein Gegenseitigkeitsverhältnis eingetreten sind. � Inmitten der Debatte über eine Beitragserhöhung wird die Verhandlung abgebrochen und ihre Fortsetzung auf Freitag vertagt. Berichtigung. Im Bericht über die Verhandlungen des ersten Tages(Kritik D e ck e r s an den Dienstverträgcn der Elb- schi ffahrtsgcs ells chaften) bezieht sich die Bemerkung:„Vom Mai bis September dürfen die Arbeiter nicht kündigen" auf die Sächsisch-böhmische Dampfschiffahrtsgcsellschaft. die Wendung:„Es dürfe» sich nie mehr als drei Arbeiter zugleich beschweren" auf den Speditionsvercin Mittelelbische Hafen- und LagerhauS-Akticn- Gesellschaft zu Kl.-Wittenberg. Versammlungen. Philharmonie-Boykott und Reue frei« BolkSbühttr. In einer außerordentlichen Generalversammlung der Neuen freien Volksbühne, die am Mittwoch in den Musiker-Festsäleir tagte, stand als einziger Punkt auf der Tagesordnung:„Wie stellen sich unsere Mitglieder zum Philharn, onie-Boykott?" Der erste Bor- sitzende Dr. E t t l i n g e r als Referent behandelte die' bekannte Bvykottangelegenhcit, namentlich auch mit Bezugnahme auf den vor- jährigen Streit um die Schillerfeicr der Neuen freien Volksbühne in der Philharmonie, um dann auszuführen: Dieses Jahr liege die Sache ähnlich, wie im vorigen. Für Ende April sei eine Becthovenfeier großen Stils beabsichtigt. ES solle ein langgehegter Wunsch der Mit- glieder«rsiillt und daS Gipfelwerk klassischer Tonkunst, die Neunte Sinfonie mit dem Schlußchor geboten werden. Für diese große Feier stehe ein anderer würdiger Raum als die Phil- Harmonie nicht zur Verfügung. Der Saal sei reserviert. Obwohl man nun nach dem Statut des Vereins ohne Iveitcres*ut Ausführung schreite» könnte, so habe man doch mit Rücksicht auf die große Zahl der Mitglieder, die den Wahlvereinen und sonstigen Orgauilatlonen angehörten, um ihnen die Teilnahme zu erleichtern. »och einmal den Antrag gestellt, den Boykott für rein künstlerische Vercnistoltungen von Vereinen mit Kunstzwecken, also nicht allein für die Nene freie Volksbühne, aufzuheben. Der An- -rag sei an die einzelnen Wahlkreise verwiesen worden und die am 17. Februar eingelaufene Antwort deS Aktionskomitees des Verbandes der sozialdemokratische» Vereine Berlins laute dahin. daß der Antrag in allen Kreisen mit sehr großen Mehrheiten abge- lehnt sei. Die Motive wären überall, daß ein Lokal. waS der Partei nicht für Versammlungen zur Verfügung stehe, auch für VereiiiSveranftaltungen zu meiden sei. umso mehr, als die Direktion der Philhannonie den Saal anderen politischen Parteien eingeräumt habe.— Diese Antwort entspreche in den beiden Hauptpunkten nicht der Wahrheit. Bis zum 17. Februar habe erst der fünfte Wahlkreis offiziell und der sechste Wahlkreis ii» einer Vorbesprcckung die Angelegenheit beraten gehabt, während die Mitglieder der anderen Wahlvereine noch keine Gelegen- heit dazu erhielten. Und der Behauptung. in letzter Zeit Hab? die Direktion noch anderen politischen Parteien den Saal zur Verfügung gestellt, se, folgende, der Verwaltung der Neuen freien Volksbühne gemachte authentische Erklärung �er Direktion entgegen zu halten: Seit längerer Zeit lverden die Säle l e in e r polltischen Partei zu volitischen Versammlungen hergegeben. Nicht der Bund der Landwirte, sondern die Landwirtschaftliche Gesellschaft veranstalte alljährlich im Oberlichtsaale gegen eine Saalmiete Sitzungen, wo Vorträge fachwissenschaftlicher Art gehalten würden. Zu gleichen Zwecken und unter gleichen Bedingungen würde die Direktion auch anderen Bereinigungen ihre Säle zu Verfügung stellen.— Somit zerfielen die Gründe für Ablehnung de« Antrages auf Freigabe für rein künstlerische Veranstaltun-zen in nichts. Man sehe, daß der Antrag ohne jede sachliche und gründliche Prüfung be- handelt sei, daß man ihn aus bloßer Voreingenommenheit tzegen die Neue freie Volksbühne rücksichtslos unterdrückt habe. Vielleicht wäre man anders verfahren, wenn die Freie Volksbühne den Antrag ge« stellt hätte oder ein anderer Verein. Der Eindruck»verde noch ver- stärkt,»venu man den„VorwärtS"bericht über die Verhandlungen im 5. Wahlkreise lese.— Zu betone» wäre noch, daß mit der Phil- Harmonie das an sich völlig sewständige, aber kontraktlich an den Saal der Philharmonie gebundene Philharmonische Orchester boykottiert werde. Nur dieses mrd die Kapelle der Hosoper genügte» in Berlin allen großen Ansprüchen. Die gaitzen Nachteile dieses Boykotts, der nicht da» geringste ausrichte, habe die Arbeiter- schaft zu tragen, vornehmlich die großen Vereine, die lediglich künstlerischen Zwecken zustrebten und dem Volke die höchste Kunst bringen wollten. Die Neue freie Volksbühne wäre im Recht, wenn sie sich durch einen Boykott, wie den über die Philharmonie, nicht beeinträchtigen lasse, sondern von der Philharmonie und dem Philharmonischen Orchester Gebrauch mache, wenn es der künstlerische Zweck erfordere. Obwohl die Verwaltung selber entscheiden könne, solle doch der Mitgliedschaft Gelegenheit gegeben werden, ihr Volum ' iL folgte eine sehr lebhafte Diskussion. Vierzehn Redner sprachen, von denen d,e Hälfte sich für organisierte Parteigapaflen erklärten. Alle erachteten den Philharmonieboykott auch für VercinSberanstaltungen, soweit es sich um r�in künstlerische Veranstaltungen handelt, für verfehlt und reif für die Aufhebung. Nur einer protestierte dagegen, daß er grundlos und veraltet sei, aber auch er bedauerte ihn sehr vom künstlerischen und kunstfreundlichen Standpunkt aus. Auseinander ginge»» jedoch die Anschauungen darüber, ob der Boykott von der Neuen freien Volksbühne trotz der Ab- lehnung seiner Aufhebung bezüglich künst- l e r i s ch e r V e r e i n s v e r a n st a l t n n g e n z»i beachte»» wäre oder nicht. Verschiedene Redner verlangten entschiedei», daß der Boykott, so lange er bestehe, und Ivcnn er auch»och so töricht wäre, auch von der Neuen freien Volksbühne zu beachte» sei. Sie mißbilligten die Festmachung des Saals durch die Verwaltmrg.— Ihnen standen gegenüber diejenigen, die im Sinne der AuSfübrungen des Referenten dafür eintraten, daß der Verein die Philharmonie ohne Rücksicht auf den Boykott für die Beethoveir-Feier benutze. In der Diskussion wurde mehrfach als Widersinn bezeichnet, daß nach dem modifizierten Boykottbeschluß(Freigabe für den einzelneil) die bessergestellten Leute aus der Arbeiterbeivegung, die Zeil und Geld dazu hätten, die großen Mnsikveranstallnngen der Philharmonie einzeln ungeniert besuchen könnten, während der Arbeiter, dein es nur durch Veriititteluitg feines Bühnenvcreins »nöglich wäre, gezwungen sei, darauf zu verzichten. Ein sehr scharfes llrteil über die Art, wie im ftinften Wahlkreis der Antrag auf Aufhebung abgetan sei. wurde von einem� Genossen ailS diesem Wahlkreise gefällt. Und ein Genosse aus dein vierten Kreis rügte, daß dort der crlveiterte Vorstand allein geurteilt habe. Wer sich als guter Demokrat einem Beschlüsse fügen solle, müsse auch seine Stimme dagegen erheben können.— Die Stellungnahrne einzelner Ausschußmitglieder der„Freien Volksbühne"(Robert Schmidt iiild Friedländer wurden genannt) hat in der Reuen freien Volks- bühne lebhaft verstimmt. Mit etwa 400 gegen 70 Stimmen wurde beschlossen:„Auf Grund des ihr bekannt gegebenen Tatsachenmaterials erklärt die Versammlimg den seit 16 Jahren bestehenden Boykott für sachlich linbegründet' und in» Interesse der Kimstbestrebiingen der Arbeiter- schaft für schädlich. Sie bedauert die wiederholt ans Grund irriger Voraussetzungen und ohne genügende Prüfung erfolgte Ablehnung de? Antrages auf Aufhebung des Boykotts und erklärt� sich mit dein bisherigen' Verhalte»» von Vorstand und Verwaltung in dieser An- gelegcnheit einverstanden." Dazu»vnrde noch auf Antrag Dr. B r u n o W i I l e S be- schlössen:„Die Rede des Dr. Ettlingcr ist als Flrlgblatt in allen Berliner Arbeiterorganisationen zu verbreiten, damit die Haltung der Neuen freien Volksbühne verstanden»vird. Die Mitglieder lverden ersucht, für schnelle Aufhebung des Bovkotts in ihren Organisationen zu Ivirke». Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands soll um Aufhebung deS Philharinonieboylotts angegangen werden." Nach der zu diesem Antrag vorher von Dr. Wille gegebenen Erklärung soll seine Ausführung die Veranstaltung der Beethoven- feier in der Philharmonie>»icht hindern, sondern eilten Versuch zur Wahrung der Interessen der gelverkschaftlich und politisch organi- sierten Mitglieder darstellen. Protest gegen die AnsichtSpoftkartensteuer. Die Arbeiter und Arbeiieriniten aller graphischen Berufe,»vie Buchdrucker, Lithographen, Stcindrucker, Chemigraphe», Kupfer- drncker, Lichtdruckcr Postlarteniitoler und-Koioristen sowie die bc- tciligten HülfSarbeiter, waren am Donnerstag im großen Saale de»: „Neuen Welt" etlva 2000 Pcrsonc», stark vcriammelt. um gegen die geplante Steuer auf Ansichtspostkarten Protest zu erheben. Das Refc- rat hielt der Reichstagsabgeordnete Richard Llpinski. E»: schilderte in großen Zügen die verfehlte Steuerpolitik des Reiches. Schon durch dte Bülowsche Zollpolitik sei das graphische Gewerbe, daS sich in der ganzen Welt einen guten Absatzmarkt geschaffen habe. schwer getroffen. Beim Abschluß der neuen Handelsverträge haben sämtliche Staaten ihre Eingangszölle auf Erzeugnisse der deutschen Lithographie und Chromolithographie bedeutend erhöht, so daß unbe- dingt mit einem erheblichen Rückschlag für den Absatz dieser Produkte im Ausland zu rechnen fei. In einzelnen Staaten komme die Höhe des Zolles fast einem Einfuhrverbote gleich. Zweifellos würden die Arbeiter der graphischen Berufe auch durch die von der Steuer- konuirission des Reichstags beschlossene Zigarcttcnpapiersteuer gc- schädigt. Am schtverstcn zedoch müssen die Arbeiter der graphischen Berufe durch die geplante Ansichtskartensteucr getroffen werden. Durq dieses Steuerprojekt feien die graphischen Arbeiter direkt überrumpelt worden. Erst in der Kommission wurde sie in Vor- schlag ge brockst und angenommen. Falls sich der Reichstag ebenfalls auf den. Standpunkt der Kommission stellt, so»verde»» die Ansichtskarten um 50 bis 400 Prozent verteuert. Eine derartige Mehr- belastung müsse unbedingt elnen Rückgang in dem Verbrauche der Ansichtspostkarten herbeiführen und damit Arbeitslosigkeit und Not für die Arbeiter der graphischen Berirse. Es sei daher eine unab- wcisbare Pflicht dieser Arbeiterkategorie, auf das entschiedenste gegen eine solche Stcuermachc zu protestieren. Die ganze Zollpolitik se» ja unter der Devise eingeleitet»vorden: Schutz der nationalen Arbeit! Tatsächlich»verde die nationale Arbeit aber geschädigt. An der Diskussion beteiligten sich u. a. auch Haß von den Stcindruckcrn, Reich von den Malern und Kloth von den Buch- bindern im Sinne des Referats. Hierauf gelangte einstimmig folgende Resolution zur Amrahme: „Die versammelte»» Arbeiter und Arbeiterinnen sämtlicher graphischen Berufe Berlins protestieren acgeir dio geplante Bc- steuerung der Ansichtspostkarten. Die geplante Steuer würde die hochentwickelte deutsche Ansichtspostkartenindustrie, die schon durch die am 1. März in Kraft getretenen Handelsverträge und Zoll- torife eine schwere Schädigung erlitten hat, auf das empfindlichste schädigen. Viele Tausende graphischer Arbeiter und Arbeiterinnen lvürdeit durch die Besteuerung der Ansichtspostkarten arbeitslos lverden,»vodurch das gesamte graphische Gelverbe in seinen Existcnzmöglichkeitcn erschüttert uitd somtt der soziale und Wirt- schaftliche Schaden unermeßlich sein»vürde. In der geplanten Steuer erblickt die»Versammlung auch ein bildungsfcindlichcS Unternehmen, da die A»'sichtSkorte vielfach künstlerische» und erzieherischen Zlvecken dient. Diese Gründe ver- anlassen die Versairanlung, entschiedenen Protest zu erheben. Tic Versammlung beauftragt das Bureau, diese Resolution dem Deutschen Reichstag zu übermitteln, an de« sie das Ersuchen richtet, der Ansichtspostkaricnstcucr die Zustimmung zu versagen." Von den Photographen-Gehülse«, die an demselben Abend ebenfalls eine Versaminlung abhielte»»,»var den graphischen Arbeitern folgcitde Syinpathic-Depcsche übermittelt »vorden, die der Vorsitzende M a s s i n i unter großem Beifall der Anwesenden zur Verlesung brachte. Sie lautet: „Die heute bei Träsel versammelten Photographen-Gehülfen senden den in der..Neue» Welt" versaiiuncltcn Angehörigen der graphischen Berufe brüderliche Grüße. Sic protestieren ebenfalls energisch gegen die Ansichtskartensteucr und dokumentieren dies durch einstiminige Annahme gleichlautender Resolution." Mas sin» teilt« sodain» mit, daß sich das graphische Kqrtell demnächst mit der Frage der Einberufung»vcitercr Protcstverswnnf. lungen beschäftigen werde ui»d bemerkte zum Schluß: Wenigstens könne man sagen, daß durch die Steuerpolitik der Regierung die Ar- bester der graphischen Berufe zusammengeführt worden smd. Er hoffe, daß sich aus dem gegenwärtige» Zusammengehen ein dauern- des«ntwickclil werde.(Beifall.) Kund der sozialdemokratischen Kese- und Diskutier- Klnks. Anfragen und Zuschriften sind zu richten an den Bundesvorsitzenden Adolf Buhl. dl. SS, Lhchenerstr. 133. Sitzung haben Montag: „Wilhelm Liebknecht" bei&. Dcgner, N., Kopenhagenerstr. 29,— „Gesundbrunnen" bei Globig, dl., Koloniestr. 1ö.—„Moabit" bei Bachstein, dl., Salzwedelcrstr. 18. Mittwoch(mit Ausnahme dcZ Zahltages): „Süd-Ost" bei Tolksdors, Görlitzerstr 59.—„Dcmosthcnes" bei Dorn- busch, dl.. Prinz Eugenstr. 8.—„Emil Noscnotv" bei Schwarz, dl., Dall- dorserstrahe 5.—„Mehr Licht" bei Knapp, dl., Grünthalerstr. 5.— .Wedding" bei Hossmann. N., Pasewalkerstrage. Jeden 2. und 4. Mittwoch im Monat„Sokrates" bei Fietz, O., Warschauerstr. 61.—„Eintracht" bei Dörrwald, O., Stralauer-Allee 17 E. �rcttag nach dem 1. und 15: „Vorwärts" bei Knötsch, C., Hirtcnstr. 5.—„Johann Jacobh" bei Dugge, dl., Kastanien-Zlllee 95/96. Sonnabend: „Freie Zusammenkunst" im Gewerkschastshause(Zimmer 25), LO., Engel- User 15. Vermifcdtes. Lachende und sehende Laternen. Die Potsdamer Straßenlaternen, die sich im allgemeinen nicht durch zu große„Helle" auszeichnen, scheinen nach einem Bericht der„Potsdamer Tageszeitung"(In- telkigenzblatt) über die Illumination am Abend des Silbcrhochzeits- tages des Kaiserpaarcs doch recht„helle" gewesen zu iein. Das Blatt leistet sich nämlich folgende köstliche Stilblüte:„Fahlen, halb- erloschenen Geisteraugen gleich starrten neidisch ob der sie siegreich verdrängenden Helle die Straßenlaternen melancholisch vor sich hin. Heut ward ihre sonst oft heißbegehrte und ersehnte Hülfe übersehen und mißachtet.„Wer zuletzt lacht, lacht om besten" dachten sie schadenfroh.„Die zweistündige Herrlichkeit ist bald vorüber, und dann kommen wir wieder an die Reihe." flüsterten sie hämisch den dicken, schweren Regen- tropfen zu, welche neugierig durch die Glasscheiben ihnen ins H e r z sehen wollten. Grinsend und gallsüchtig stimmten die feuchten Sendboten schlechter Himmelslaune ihnen bei— hui— Melancholisch vor sich hinstarrende Laternen, welche lachen, schaden- froh denken, hämisch flüstern können und dazu ein Herz haben, dazu' grinsende und gallsüchtige Regentropfen, mehr kann man doch wahr- lich nicht verlangen. WaS werden die Potsdamer Straßenlaternen für Augen gemacht haben, wenn sie diesen Herzenserguß des Stadt- moniteurs gelesen haben. Hui! Der verbrannte Thron. Die deutsche„St. Petersburger Zeitung" berichtet aus Moskau: In hiesigen Künstlerkreisen wird gegenwärtig eine höchst ergötzliche Geschichte viel belacht. Im Großen Theater sollte die Neuinszenierung einer bekannten Oper von statten gehen, und dazu brauchte man unter anderem einen neuen ägyptischen Thron- scssel. Einer der jüngeren Theatermaler wurde beauftragt, dieses Pracht- stück mit Hieroglyphen zu schmücken. Er tat, wie ihm geheißen und auf der Rücklehne des Thrones prangten bald die schönsten Zeichen der ägyptischen Zeichenschrift. Einem Freunde jedoch vertraute der Maler an, was diese Inschrift bedeute, wenn man sie nur richtig zu lesen verstünde, nichts anderes als:„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Die Kunde von dieser kühnen Tat des Theater- malers verbreitete sich wie ein Lausfeuer unier den Schauspielern und gelangte endlich auch zu den Ohren der Verwallung. Schreckensbleich stürzlen die würdigen Herren Iherbei, um das provokatorische Möbel- stück in Augenschein zu nehmen. Unter den Angestellten des Theaters wurde eine Rundfrage veranstaltet, ob jemand Hieroglyphen zu lesen verstehe. Es fand sich auch richtig ein Aegyptologe aus Berditschew, der im Tonfalle des beiligsten Ernstes versicherte, die sichtbaren Zeichen auf dem Thronsessel hätten allerdings jene fürchterliche Bedeutung, die der verbrecherische Maler seinem Freunde verraten habe. Daranthin lourde der ganze teure Thronsesiel sofort vernichtet und der Maler zur Verantwortung gezogen. Zu ipät beteuerte er. daß es sich nur um einen Spaß handle und daß er von ägyptischen Hieroglyphen ebensowenig eine Ahnung habe wie die Richter keines Kunstverbrechens— das Werk seiner Hände brannte schon im Theateroscn. Ein russisches Sprüchwort meint in solchen Fällen sehr richtig:„Die Furcht hat große Augen", von langen Ohren schweigt es jedoch nachweislich. Oesseutliche Bibliothek »»tning für jedermann. SW., 51;,— 10 Uhr abends, an Ionm In den Lesesälen liegen zurzeit und Richtung aus Freireligiöse Genieinde. und Lesehalle zu uncntgeltlicher Be- Alcrandrinenstr. 26 Geöffnet täglich von und Feiertagen von 9— l und 3—6 Uhr. 515 Zeitungen und Zeitschristen icder Art Sonntag, den 4 März er, vormittags 8'/, Uhr, im Rathause, Saal 109, Eingang Jüdcnstrahe' Versammlung. Freireligiöse Vorlesung.— Um 10% Uhr vorm. in der Schul-Aula, Kleine Franksurterstr. 6: Vortrag des Herrn Dr Bruno Wille:„Die Mythe vom Süiidensall" Gäste, Damen und Herren, tchr willkommen. In der ftnnianisiischen Gemeinde, Niederwallitr 12. in der Aula der Friedrichwerderschcn Oberrealichule, hält am Sonnlagvormittag 10'/, Uhr- Herr Waldcck Manasse bei freiem Eintritt einen Vortrag über-„Der Un< glaube als Kulturträger". Berel» der Buchdrucker und Schriftgiester für Rixdors-Brktz. Sonntag, den 4. März, nachmittags 3 Uhr, im Restaurant Hoppe, Herinaim» strahe 4>t/50: Versammlung mit Damen. Vortrag des Kollegen Fclz über; „Die Historie der Juden". Gäste willkommen. Gemütliches Beisammensein. Lrlefkaften 6er keäaktlon. M. H. Kommen Sic damit zwischen 12 und 1 Uhr mittags auf die Redaktion, Zimmer 10.— H. F. S7. Ist uns nicht bekannt.— Sind. Stupel Oeffentliche Bibliothek und Lesehalle, Berlin, Alerandrinenslr. 26. — Hans Hein. Fragen Sie einen Arzt.— L. L. 190«. Offiziell kann es in Prcusjcii-Dcutschland dergleichen Organisationen nicht geben. Unsere Ideen verbreiten sich aber trotzdem auch in dicjen Kreisen immer mehr. Berliner Marktpreise. Aus dem amllichen Bericht der städtischen Markthallen-Direklion. Rindfleisch la 63-66 pr. lOO Psnnd, IIa 54—62, lila 49-53, IVa 39-47. Kalbfleisch la 80-88, lka 63-75, lila 54-60, Hammelfleisch la 60—71, IIa 54—60. Schweinefleisch 72—77. Rotwild Psd. 0,60, Damwild 0,00—0,00. Kaninchen Stück 0,90—1,00. Hühner Stück, alte 1,55— 2,60, junge 0,80— 1,30. do. llaO.OO- 0,00. Tauben, junge 0,50—0,60, alte 0,45. Enten, Stück 1,25—2,00. Gänse pr. Psd. la 0,00, IIa 0,00—0,00, russische 0,30-0,50 M. Schellfische 00-00 M.. Flunder 8-ll M.. pro 100 Psd. Hechte 91—106, Schleie 100,00; Aale, groß 00,00, mittel 0,00—0,00; Plötze» 62—66, Karpfen 00, Rheinlachs 675, Seelachs 20—25 M. pr. 100 Psd. Schoitischc Vollheringe(gesalzen) 40- 44 M. Eier, Schock 3,40—3,50. Butter pro 100 Psnnd la 121-123. IIa 118-120. lila 115-118, absallcnde 108—110 Kartoffeln pr. 100 Psd. rote Daberschc 2,00—2,20, magn. bon. 2,10—2,35, runde weiße 1,80— 2,00. Wirsinglohl pr. Schock 7,60-12,00. Weisjlohl pr. 100 Pfd. 4.25-4.50. Rotkohl pr Schock 6.00-10.00, Holl. 15—20 M Saure Gurken. Schock 2.00 M., Pjefscrgurken 2,00 M. «StttcriinqsnberNckit vo», S. März I9«6. niorgens S»Hr. Stationen swiiicmde ö C l>C -KS e e Is |tä s C Sr Setter! 9 n !h.c I -0 1 0 8 4 stallonen L§ ig ÄS i s Haparanda 742 Ztill Petersburg 739 ONO Scilly '/lberdeeu Paris Weller «s ~ u H 5 > 1 748 23: 4 heiter Haniburg 752WSW 3halbbd. Berlin j 753 WNW i 3 heiter Franls a.M) 756 SW! 2bedeckt München 758 sW i 7 bedeckt Wien 754 W 7 molkig Wetter-Prognose kür Sonnabend, den 3. März 1906. Ein wenig wärmer, zeitweise heiter, aber sehr veränderlich mit Nieder- schlägen und ziemlich srijchen westlichen Winden. Berliner W e l t c r b ll r ca u. Mebel—12 1 Nebel-3 760 W i 5 Nebel 1 0 757 WNW 3 Schnee 0 759 WSW 2 bedeckt 1 9 Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Rcdaklion dem ipnblitnm gegenüber keinerlei Beraniwortnng. Ukearer. Sonnabend, den 3. März. Ansang VI, Uhr: iOPernhaiis. Samson und Dalila. Schauspielhans. König Richard der Zweite. Deutsches. Der Kaufmann von Venedig. Neues. Erdgeist. Westen. Schützenliesel. Nachmittags 3 Uhr: Zopf und Schwert. Berliner. Nachtasyl. Ansang 8 Uhr: Schiller<».(Wallner-Theater.) Die Macht der Finsternis. Schiller(Friedrich Wilhelm- städtisches Tbeater). Ueber unsere Krast.(2. Teil.) Lessing. Und Pippa tanzt. Metropol. Aus WS Metropol. Walhalla. Heinrich Heine. Die BallhauS-tzlnna. Kleines. Kinder der Sonne. Komische Oper. Don Pasquale. Residenz. Der Prinzgemahl. Zentral. Die Fledermaus. Nachmittags 4 Uhr: Schneeweißchen und Rosenrot. Driano». Loulou. Carl Weist. Die lebende Brücke ans Kuba. Nachmittags 4 Uhr: Der gestiefelte Kater. Lnstsptelhans. Der Weg zur Hölle. Thalia. Bis früh um Jünse. Nachmittags 3 Uhr: Maria Stuart. Luise». Ein Sommernachtstraum. Dentsch-Amerikanisches. Er und Ich. Kasino. Die Herren Söhne. Apollo. Insel Tullpatan. Spezla- lltäten. Herrnseld. Familientag im Hanse Prellstein. Folies Caprice. Nach dem Zapsen- streich. Der Beheme. Wintergarten. Saharet:„Die Kaiserin der Sahara".— Spezialitäten. Bellc-Allianee. Der grüne Tcuscl. Spezialitäten. Relchshallen. Stettiner Sänger. Passage. Spezialitäten. IIr»»ia. Tanbenstraste 48/49. 3 Uhr: Am Golf von Neapel. Hörsaal 8 Uhr: Dr. Donat: Elektro- motore und Dynamomaschinen. Theater 4 Uhr: Ttcrleben in der Wildnis. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57/62. Tägllch aeöfinei von l bis 7 Uhr. Berliner Theater. Abends VI, Uhr: Gastspiel deS Moskauer Künstlerischen Theaters. Nachtasyl. Senntag 2'/. Uhr zu ermäßigten Preisen: Oer Widerspenst. Zähmung. Sonntag: Nachtasyl. Montag; Zar Feooor Joannowitsch. enes Theater. Ansang VI, Uhr. Erdgeist. Sonntag, Montag: 5ommernse!lt5lrsum. üues Theater. Ansang 8 Uhr. lder der Somit. mtagmittag 12 Uhr: Matinee ramatischen Gesellscnaft. „ds 8 Uhr: Kinder der Sonne. Urania Sä Abends 8 Uhr: Am Golf von Neapel. Hörsaal 8 Uhr: Dr. Donath: Elektromotore und Dynamomaschinen. Theater 4 Uhr; Tierleben in der Wildnis. Sternwarte rÄ Zentral=Theater. (Operelte.) 4 Uhr halbe Preise: Schnccwcistchen und Rosenrot. 8 Uhr: Die Fledermaus. Komische Oper. Sonnabend, 3. März, abends 8 Uhr: Don Pasquale. Sonntag nachmittag 3 Uhr zu er- mäßigten Preisen: Den pasquale. 8 Uhr: Hetlmanns Erzählungen. Montag: Don Pasquale. Luisen-Theater. Ansang 8 Uhr. Ein Somtnemachtstraum. Senntag nachm.: Ein Sommcrnachts- traum. Abends: Gras Essex. Montag: Die Waise aus Lowood. �mn 71 1 Male: Deutsch- Amerikanisches THEATER. jeden Abend 8 Uhr!! Gastspiel Ad. Philipp. Sonnt, nehm. 3 Uhr, halbe Preise: Ueber'n großen Teich. Lustspielhaus. LIbendS 8 Uhr: Der Weg zur Hölle. Morgen nachm. 3 Uhr: lahrmarki in Pulsnitz. Abends 8 Uhr: Der Weg zur Hölle._ Apollo-Theater. Hente neues Programm: Liane(TEyb pS1�. Herkules u. Venus prolongiert! Gobert Helling mit(einen vierbeinigen Komikern. Prolongiert! GibSJ WOOlf und ihre 6 PiccaniniS. 8 Uhr: Insel Xnlipatan, Operette. Hetropol-Theater Anfang 8 Uhr. -Is Große Jahresrevue mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Bauchen in all. Ränmen gestattet. Passage-Theater. Ansang 8 Uhr. DaS neue März- Programm. �rrtoinette Sohns Koloratursängerin. Fritz Schönbauar ( mit seinen lustigen Geschichten.. Ferner: 1 14 originelle Spezialitäten. i.WWOMWMVMM WM W WM' Schiller-Theater. Schiller-Theater 0.(Wallner-Tbeater). Sonnabend, abends 8 Ubr: Ille Macht der Finsternis. Schauspiel in 5 Alten 0. Leo N. Totsloj. Ueb ersetz! von Raphael Löwensetd.. S 0 n n l a g, nachm. 3 Uhr: Xora. Sonntag, abends 8 Uhr: Der Vogel im KUilg. Montag, abends 8 Ubr: Die Zlacht der Finsternis. Schiller-Theater N.(Friedr.-Wllh. Th.) Sonnabend, abends 8 Ubr: Feder unsere lirnTt.(2 Teil). Schauspiel in 4 Ausz. von Björnftjerne Björnion. Sonntag, ii 0 ch m. 3 U h r: Zapfenstreich. S 0»» I« g, abends 8 Ubr: DerPfnrrervon Kirch! cid. Montag, abends 8 Uhr: j Feder nnscre Kraft.(2. Teil.) Zirkus Albert Schumann Heute abend präzise 8 Uhr: XXIV. Grande Soiree High Life. U. a.; Der gröstte u. sensationellste Dressurakt der Gegenwart, vorgesührt von einer DttSNe. Herrn Julius Seeths wunderbar dressierte Eisdiire« von Mlle' Luise Mary. Ferner: Zum TS. Male: Das größte Pracht- Mancgenschaustück in 7 Abt.: Femina Sonntag: 2 große Vorstcll.. nachm. 31/, Ubr(ein Kind frei) und abends 7>/z Uhr. In beiden Vorstellungen Mite. Louise Mar>s Eisbären._ Walhalla Theater Keinrich Keine. Lustspiel in 3 Akten von A. Mels. Hieraus: Sie SsUkaus-Anna. Posse m. Ges. i. 2 Akt. v. Daun u. Saskel. Ans. 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. Residenz-Theater. Direktion: Richard Htexander. Heute zum 123. Male, morgen und folgende Tage 3 Uhr: Der Prinzgeenahl. Satirischer Schwank in 3 Akten von L. Zkanros und I. Chancel. Sonntag nachm. 3 Uhr: Der Schlaf- wagenkontrolleur._ Folies Caprice Budapester Possen• Tbeater 132 Linienstr. 132, w Ecke Friedrichslrabe. Zum 167. Male: Nach d. Zapfenstreich. Vorher: Der Beheme u. d. auSgezeichn. Spezialitätentcit. Anlang S Uhr. Vorverk. tägl. b. Werthelm u. an der Theaterkasse von 10 Uhr vor- mittags an. wmaummmmmamKmmM T rianon-Theater. Ansang liOlllOll* 8 Uhr. Sonntag nachm.: Die herhe ssrucht. SanssoucUÄ' Dir. Wilhelm Reimer. Sonnt.. Moni., Donnerst.: Kolfmnnns Uottlileukolte 8gngsF und Tanzkränzchen. Sonnt. Bg. 5, Wochcnt. 8 U. Dienst., Mittw.: Theat.-Ah. . Anmcld. f. d. gr. Theatersaal z. nächst. Saison(a. s. Mitt- wochS) w. schon jetzt cntg. XI. Berliner Saison. Zirkus Busch. Gnln-Abcnd. den! Dressierte Ken! 70 Eisbären 70 im terpersönli eher Vorführung des Herrn lingenbeck. Zum Schluß(um 9'/« Uhr): Die neueste und größte Sehenswürdigkeit Berlins: ♦ Indien.# Orig.-Pantom. d. Zirkus Busch. Besonders hervorzuheben: Eine Witwenverbrennung. Avis! Morgen 2 gr. Vorstellungen, nachm. 4 Uhr u. abends VI, Uhr. Nachm. 4 Uhr zahlen Kinder auf allen Sitzplätzen halbe Preise. SS Mir in Castans Panoptikum Friedricbstr. 165. Kein Extra-Eniree! KasinosTheater Lolhriugerstr. 37. Täglich 8 Uhr. Die Herren Söhne. Vollsstück in drei Akten von Walter u. Stein. neae bunte Härzprogramm. Sonntag 4 Uhr: Hotel Klingebusch. Bernhard Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstraße 58. Merzen Sonntag, den 4. März, nachmittags 3 Uhr bci volkstümlichen Preisen: )Zäam iinä Sva. ülbcndZ 8 Uhr; Die tflrtlidjfu DemaMell. Billeit-Borverkaus Sonntag vorm. von 10 bis 1 Uhr an der Theaterkasse. HSZlBttlgNl„?ttm pszlgtklt" Rurnmelshurg. JnH.: F. Boragk. Montag, den 5. März: ßrlginal- Jiarburger Singer. Direkteren: C. Frick und Fr. Kasche-Krause. Stuf. 8 Uhr. Entree 30 Pf. Vorzugskarten gelten. SomiIagS: Ks. KMiMlkll'Ml. Gsrl Veik-Iliealek'. Gr Frankiiirterttr 132. Täglich abends 8 Uhr: Sonnabend nachm 4 Uhr: Kinder- Vorstellung(steine Preise)' Ter gestiefelte Kater. V. Noacks Theater. Direktion: Roh. Olli. Bruinieiiilr. 16. Maskenball des fioltatbttttr-DtrlittttdtS (Branche der Stellmacher). Sonntag: Von Stute zu Stute. Ansang VI, Uhr. Entrcc 30 Pj. Fröbels Allerlei-Theater Schönhauser Allee 148. Jeden Sonntag und Mittwoch: Konncrt Theater, Spezialitäten, Tanz. Ans. Sonntags 6 Uhr, Mittwochs 8 Uhr. D>ff~ Sonnabciide für Sommcr- sestc find noch frei. Palast-Theater � Burgstr. 24, 2 Min. v. AH. Börse. Täglich 8 Uhr. Entrce SV Ps. Signor Montani Hunde-«. Katzendressur. Soeurs Magda u. Else Doppcl-Draht. Margarit et Dettmar Exzcntrik-Tanz-Duo. ne feilte Nummer! Burleske von Mar Kodfi Mückcnsett..• Dir. R. Winkler. Familie nkartcn in Barbier-, Friseur- und Zigarreiigcschästcii unentgeltlich. Guslav Behrens Spezialitäten- Theater Frankfurter Allee 85. Das sensationelle, vollständig neue März-Programm. Mr Schlager. »iglMMVMVMillfij S* Sy??? 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Vereinigung der JAaler, £aeUtererf Anstreicher. Filiale 3evlin. \ Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 36._ Telephon: Amt IV, 9720. Sonntag, den 4. März, mittags 1Ä Uhr, in„Kellers Festsälen", Koppenstraße ÄS: Mitglieder- Versammlung. Tages-Ordnung: iSF" Unsere Lohnbewegnng."HW Zu dieser Versammlung haben nur Mitgfieder Zutritt und erwarten wir, daß diese vollzählig erscheinen. Mitgliedsbuch legitimiert. �_ 124)10 Die Ortsverwaltang. t. En detail. " Briidcnstr.1l. irrst r. 20. ich 1906 wird ugesandt.■ )os'en ist die .chrittlänge, bei die Bruslwcite 5688L' an franko.— Deutscher Metallarbeiter- verbaut!. Arbeitsnaclm-els; Verwaltungsstelle Berlin. Hanpt-Bnrean: Zimmer 34, Amt IV, 3358. Engoi-l fer 15. Zimmer 1—5. Amt IV, 0670 Am Sonntag, den 4. März, vormittags 10 Uhr, in der „Nenen Welt", Hasenheide 108/114: jvatban Wand(Zeneral-VersammlunL. ISS Skalitzerstr. iSS. m Die schönsten 2992* Herren-Sommer-Paletots Na»! riltt Verbote»! und Anzüge Monats-Garderobel von Kavalieren getragene Sachen, fast neu, für jede Figur passend, speziell Bauchanzüge sind in großer Auswahl stels zu staunend billigen Preisen zu haben._ Nathan Mancl 129 Skaliherstr. 129._ ochbahnstatio» Kottbusci Tor. itte ausHausnummer zu achten. I I VechMll des hleeellieieleii iilill Heizer sowie Berufsgenossen Deutschlands. bK'si.?.!!:., Sonntag, den 4. Mörz, nachmittags 4 Uhr, bei Voigt, Ritterstr. 75:" ■JiäF" Versammlung."Wss Tages-Ordnung: 1. Fortsetzung der Anträge für die General- Versammlung zu Mannheim. 2. Verschiedenes. 3. Fragekastcn. 138)8__ Tie Ortsverwaltung. Deutseher Senefelder-Bund Jubanti der Lithographen, Steindrucker u. verw. Berufe). Ntag, de» 5. Mörz 1906, abends 8 Uhr, im groften Saale des GewertschaftShanseS. Engel-User 15: Oeffentliche Versammlung. 'JiSiS ag«S-Ordnung: Berichterstattung über die Tarisverhandlungen lMVöipzh. Referent: Kollege Joh. Haß. Diskussion. 288/20 DOV Die Verwaisungen erwarten vollzähligen Besuch dieser wichtigen Mtung! Kleber. Achtung! Von Montag, den 5. d. M., an tritt für die nächsten drei Wochen die rote Marke in Kraft, und muh dieselbe im S. Felde der Karte geklebt sein. Jeder zu tarifmäßigen Preisen arbeitende Kleber muß im Besitze dieser Karte sein. Die Marken werden verabfolgt: Sonntag den 4. Mörz, von 9—12 Uhr vormittags bei Krüger, Lychenerstr. 8- Stephan, Wienersir. 31: Pade, Knnkelstr. 6; Pankow, Perlebergerstr 32- Rickert, Stemmetzstr. 35; Büttner, Fruchtstr. 54, sowie Sonnabend und Sonntag bei Merket, Bergstr. 10; Raikh, Charlottenburg. Pestalozzistr. 82. Quergeb. I. sowie täglich im Serba, idsbnrean, Engel- Ufer 15, Zimmer 35. rfUltltft! 3u.r bewen Kontrolle der am 1. März ei». ♦ getretenen Tariferhöhung ist es unbedingt nötig. daß jede Firma am Sonntag vertreten ist. Meldungen sind obige Stellen sowie an das BerbandSbureau z» richte». 177 9 Hie Verbaiulwlrltnng. Tages-Ordnung: 1. Jahresbericht der Ortsverwaltung. 2. Kassenbericht. 3. Dis- kussion. 4. Neuwahlen(1. Bevollmächtigter, 2. Kassierer, ein Re- visor und zwei Beisitzer). DM- Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt.-MM Zahlreicher Besuch wird erwartet. 113)9______ Die Ortsverwaltung. deutscher Holzarbeiter-Verband. Zahlstelle Berlin. Die Wahl der Delegierten zum Verbandstage findet Sonntag, den 4. März, von 10— IS Uhr vormittags in folgenden Lokalen statt: Borussia- Säle, Ackerstraße 6/7. Stechents Festsäle, Andreasstraße 21. Graumann, Naunynstraße 27. Arminhallen, Kommandantenstraße 20. Jeder Kollege kann in dem Lokal wählen, welches für ihn am bequemsten zu erreichen ist. Mitgliedsbuch legitimiert. MF* Ohne JVlitgUcdsbucb kein Zutritt Die Vertrauensleute werde» ersucht, ihre» Werkst« ttkollege» die Mitglieds- biicher zum Sonntag zu übermitteln. 81,9__ - Ordentliche_- General-Versammlung der Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer der Orts- Krankenkasse ' der Maschinenbauarbeiter an msepungs- in den neuesten Fapons Ripskammgarn u. Cheviot, reich- Tuchkammgarn, haltieste Auswahl, gute\ erarbeit.ung zu den billigsten Pro' Proisen, empfiehlt L Julius indenbaum, Große Fraukfurterslr. 141, Ecke Fruchtet rultc. 3021.� Größtes Etablissement des Ostens, Noriostens.... Anerkannt reellste u. billigste Bezugsquelle und verwandten Gewerbe zu Berlin am Freitag, den 16. Mörz er.. abends 8'), ilhr, im IVilkeschen Lokal. Vrunnen-Straste 188. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes über das abgelaufene Geschäftsjahr 2. Bericht der Nevisore» zurPrüsung der Jahres- rechnung und Erteilung der Decharge. 3. Statutenänderung: a) Antrag des Vorstandes aus Abänderung des H 12. b) Antrag Geister und Genossen aus Abänderung des§ 13. c) Antrag des Vorstandes aus Abänderung des K 53. 4. Verschiedenes. Anfragen und Beschwerde», zu welchen die Einsicht in die Kassen- bücher noiwendig ist, müssen mündlich oder schriftlich behuss Beaiitworlung derselben in der Generalversammlung bis zum lt. Äiärz er. dem Vorstand mitgeteilt werden. Nach Schluß dieser Generalver- sammuing findet in demselben Lokal eine Generawersammlimg der Ver- treter der arbeitnehmenden Mitglieder behuss Vornahme der Wahlen von 2 Vorstandsmitgliedern statt.(Ausscheiden die Herren H. Blank. Emil Damaschke, letzterer hat bereits am 15. Januar d. I. sein Amt nieder- gelegt.) 161b Um recht zahlreiches und pünktliches . Erscheinen wird gebeten. o. Tos'lliandat legitimiert. JPJ I'; Barlin, den 2 März 1906. Voi' Vorstand. M Blank._ Die OrtsTcrrcaltnng. ttM««« zu Berlin. Sonntag, den 25. März, vormittags lOVa Uhr, im großen Saale des Gewerkschaftshauses, Engel-Ufer 15: Ordentl. General- Versammlung;« Tages-Ordnung: 1. Rechmnigsleguiig pro 1905 durch den Rendanten. 2. Bericht des RechuungSausschusses bezw. Dechargeerteilung. 3. Ergäiizungswahl des Rechnungsausschusses für das Jahr 1906. 4. Verschiedenes. Her Verstand. I. B l e n z, Vorsitzender. Otto Wonitzki, Schristsührer. 12. Abänderung des Kaffenstatuts. Ans Beschluß der ordentlichen Generawersammlnng vom 19. November 1905 haben nachstehend ansgesührte Paragraphen des Kassenstatilts folgende Aenderunge» cl-fahrcn: § 10 Absatz 1 Nr. 3. Im Falle der Erwerbsnusähigkeit vom Tage des Eintritts derselben für jeden Arbeitstag und für die Festtage, welche nicht aus einen Sonntag fallen, die Hälfte des durchlchiiiltlichen Tagelohnes(§ 9) als Krankengeld; diejenigen Mitglieder, welche der Kasse unullterbrochcn mindestens 26 Wochen angehört haben, erhalten im Falle der Erwerbslinsähigleit bis zu 26 Wochen 60 0/0, sür die fernere Erwerbsunfähigkeit bis zu 52 Wochen 50 01 � durchschnittlichen Tagelohncs«IS Kranlengeid. Das Krankengeld beträgt somit bei 60% Klasse 0,60 M. „ 0,90„ . 1,50. . 2,10. . 2,40„ °/° des 271/2 �MltungJ Achtung Lederarbeiter! Sonntag, den 4. d. 9)1 W., vormittag« 9>/, Uhr Pankstraße Ecke Thurneysserstr. AräÄ Letzte Woche. Sonntag, den 11. März N' Ztosses umschlossene, elektrisch konzentrische Stufenbahn «ctftc ssochc. 1626«sonnlag, den 11. März: Letzter Tag. der Filiale I Berlin im Harienbsd, Bbdstraße 35. T a g e s- Ordn uyg: 1, Vortrag über:„Vertelterung unserer Lebensmittel", K5 nur 3 Treppen. 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Heute, Sonnabend, den 3. März, abends 8Vz Uhr, findet im„Wendenschloß- eine öffentliche Versammlung für Wtänner und Frauen statt, in der Genosse Dr. Borchardt über:„Unsere Volksschule und die Stellung der Sozialdemokratie zu derselben" sprechen wird. Zahlreiches Erscheinen erwartet Der Einberufer. Mahlsdorf. Am Sonntag, den 4. März, nachmittags S Uhr, findet im Lokale von Wernele eine Gemeindewählerversamnilung statt. Tagesordnung: 1. Die Bedeutung der Gemeindewahlen. Referent: Hans Weber. 2. Diskussion. Wilhelmsruh-Rordend. Achtung I Sonntag, den 4. März, vor- mittags 9'/, Uhr, Flugblattverbreiwng zur Gemeindewahl von Barths Lokal, Prinz Hemrichstraße, aus. Jeder muß zur Stelle fein.— Die öffentliche Wahlerversammlung findet Montag, den 5. März, bei Deutschmann statt. Genossen, agitiert für fleißigen Besuch I Pankow. Für die Bezirke„Rochlitz" und„Krause"(Kaiser Friedrichstraße) findet am Sonntagmorgen T'/a Uhr von den Lokalen Griffel und Piper aus eine Handzettelverbreitung statt. Die Genossen, deren Mitgliedsbücher noch nicht an die Bezirksführer abgegeben waren, werden ersucht, dieselben mitzubringen, damit die Ausstellung und Ausgabe der neuen Bücher glatt Vvnstatten gehen kann. Boxhagen-RummelSburg. Zu der am Dienstag, den 6. März, anberaumten Wählerversammlung findet am Sonntag früh V'/a Uhr Flugblattverbreitung statt. Die Genossen treffen sich in folgenden Lokale»: A. Gorgas, Reue Prinz Albertstr. 78; P. Ritter. Schiller« slraße 20; Lorenz, Wühlischstr. 38; Langfeld, Simon Dachstraße. Ecke Romintcncrstraße,' Setzepfand, Goelhestr. 10; Halwaß, Kant- stratze 44; P. Jage, Prinz Albertstt. 11/12; G. Tempel, Alt-Box« Hägen SO. Es ist Pflicht eines jeden Parteigenossen, zur Stelle zu sein. Jeder Genosse muß es als Ehrenpflicht betrachten, bei der Wahlarbeit Hülfe zu leisten. Das Wahlkomitee. Steglitz. An» S o n n t a gm orgen Flugblattverbrei» tung von den bekannten Stellen aus.— Nachmittags 2 Uhr: Oeffentliche Wählerversammlung im„Birkenwäldchen". — Kein Mann darf fehlen! Weißens«. Die Sammelliste Rr. 314 für die Kommunalwahlen ist verloren gegangen. Gezeichnet waren hierauf 9,2V M. Der ehr» liche Finder wrrd gebeten, dieselbe beim Genoffen Frentz, König Ehauffee 41, abzugeben. Vorort- JVacbnchtcn. Zur Semeinäetvahlbetveguitg. In Ober-Tchiineweide finden heute, Sonnabend, nachmittags von 3 bis 0 Uhr, die Wahlen der dritten Klasse zur.Gemeinde- Vertretung statt. Durch Bersammlungsbefchluß haben wir nur im ersten Bezirk einen Kandidaten aufgestellt. Jeder wählt dort, wo er am 1. Oktober gewohnt hat oder zu diesem Termin hingezogen ist. Ter erste Bezirk umfaßt die Tabbert-, Siemens-, Nalepa-, Teul-, Watt-, Ohm-, Reuleaux--, Helmholtz-, Edisonstraße. Wahllokal ist die Turnhalle Wattstraße. Wir ersuchen die Genossen, vor 3 Uhr dort antvesend zu sein, uin unsererseits das Wahlbureau zu besetzen. Kandidat ist Genosse G r u n o w. Genossen, sorgt dafür, daß unfer Kandidat mit möglichst großer Stimmenzahl gewählt wrrd. In Groß-Lichterfcldc finden die Gemcindcvertretcrwahlen am F r c, t a g, den 9. März, statt. Wahlzeit 4 bis 8 Uhr nachmittags. Wahllokal für den Westen: Haffkcs K a s i n o, A Y l l n» a n n st r a ß e 7, f ü r d c n O st c n: Restaurant H e n n i g, I u n g f e r n st i e g 5. Die kurze Spanne Zeit muß gründlich zur Agitation von?1dund zu Mund, in den Werkstätten, auf den Bauplätzen usw. ausgenutzt werden. Kein Arbeiter versäume diese seine Pflicht: Die Kandidaten der Sozialdenwkratie sind: für den Westbczirk: Hermann Senst, Maurer, Moltkestraße 21; Kaspar Wenzel, Zcitungsexpedient, gehlcndorserstraße 3; für den Ostbezirk: Kurt Eisner, Schriftsteller, Boninstratze 3. Donnerstag, den 8. März, abends 8 Uhr, im Saale des Herrn Reisen, Ehausscestraße 1V4: Oeffentliche Ä o m m u n a l lo ä h l e r- V e r s a m in l u n g. Zur Steglitzer Gemeindewahlbewegung. Nachdem die höfischen deshalb bis jetzt im geheimen. Im ersten Bezirk kandidiert neben dem Bücherrevisor Denckewitz der bisherige Vertreter, Reichstags st enogra pH und Rcdakteurder„Stegl. Ztg." Hänc ke, jener„Ueberpatriot", der kürzlich bei Gelegenheit der Geldbewilligung zu patriotischen Zwecken erklärte:„Auf jene Seite(die Arbeiter) brauchen wir keine Rücksicht zu nehmen!" Im zweiten Bezirk wird neben dem Obcrpostassistcnten Templiner der in den Kreisen der organisierten Arbeiter sich ganz besonders großer„Beliebtheit" erfreuende Oberscharf- in a che r, der Tischlermeister S e ba st i a n, empfohlen.— Parteigenossen! Kein Mann darf an der Wahlurne fehlen, wenn diesen „Arbeitcrfrcundcn" der Eintritt zum Rathaus verivehrt werden soll! Der Hausbesitzer- und Kommunalvcrein haben gemeinschaftlich folgende jiandidaten aufgestellt: Erster Be- zirk: Architekt Buchholz, Bäckermeister Bank; zweiter Bezirk: Rcichstagsabgeordnctcr Dr. B ö t t g e r, Rechnungsrat K ä d i n g. Dr. Böttger war bisher Vertreter der ersten Klasse, er ist also„zwei heruntergekommen", der„Durchfall" wird dadurch weniger schmerz- hast werden. Aus Friedenau wird unS geschrieben: Jüngst wurde es im hiesigen„Lokal-Anzeiger" so dargestellt, als hätten wir in Friedenau so eine Art kleinen Zulunftsstaat. Wer aber gestern die Gemeinde- vätcr bei Flaschenbier unb Zigarren sich über die kommunalen An- gelcgcnhciten unterhalten sah, mußte zunächst annehmen, daß der Verfasser des Geistesproduktes in der Fricdciiaucr unparteiischen Zeitung recht habe. Und doch, wer aufmerksam den Verhandlungen folgte, ersah£ar bald, daß manches reckst faul ist selbst im lieblichen Friedenau,«o wurde z. B. in getreuer Kopierung der Regierung»- gepflogcnhcit dem Reichstag gegenüber die Bewilligung der Mittel für die Veranstaltungen zur Äaiseraeburtstagsfeier und zur Silber- Hochzeit(zirka 1900 M.) erst nachträglich von den Gemeinde- Vertretern eingeholt Mit der Erklärung des Bürgermeisters, daß ihm dieses Verfahren unsympathisch sei/kann man sich nicht zufrieden geben, denn warum hat er es dann nicht vermieden?! Zeit genug war vorhanden, mußte vorhanden sein. Vom Armenhaus, das zum Zeichen einer umfassenden Armenfürsorge als tadellose Villa hinge- stellt wurde, hörten wir, daß es in seinen größeren Räumen ganz unzulänglich heizbar sei und daß das unterste Geschoß, welches als Arrestlokal dient oder dienen soll, hierzu wegen der darin herrschen- den Kälte und Feuchtigkeit nicht benutzt werden kann. Auch unsere Forderung betreffs der Nichtübertragung von Gcmeindearbcitcn und Lieferungen an Gcmeindevertreter scheint uns trotz des kategorischen „Haben wir schon" des Friedenauer„Lokal-Anzeigers" in unseren» Ort durchaus nicht erfüllt zu sein. Wir erfuhren vielmehr, daß ein gewisser Gemcindevertreter gleichzeitig für die Gemeinde als Bau- Unternehmer tätig ist. Als Termin für die notwendigen� Gemeindevertreter-Er- gänzungswahlen ist, wie mitgeteilt wurde, der 2V. und 21. März 19V0 in Aussicht genommen. Unsere Genossen werden kräftig ins Geschirr gehen müssen, damit endlich einmal ein Vertreter der Arbeiterklasse seinen Einzug ins Gemeindeparlament hatten kann. Die Wahlzeit der am 0., 7., 8. und 9. März stattfindenden Gc meindewahlen der dritten Abteilung in Wilmersdorf fft nunmehr nach Vorstellung beim Gemeindevorsteher geändert worden. An den ersten drei Tagen wird die Wahlzeit nach Bedarf bis 3 Uhr abends verlängert. Am letzten Tage jedoch wird die Wahl um 0 Uhr beendet. Möge jeder, der bis zum letzten Tag« sein Wahlrecht ausübt, bis 0 Uhr im Wahllokal sein. Wer im Wahllokal ist, wird zur Stimmen- abgäbe zugelassen. Die Verlängerung der Wahlzeit am letzten Tag« wurde mit der Begründung abgelehnt, die Wahlhandlung nicht bis in die sinkende Nacht hinziehen zu lassen. Eine amtliche Bekannt- machung erfolgt nicht. Wahllokal ist der„Viktoria-Garten". Wilhelms-Aue 114. Die Gemcindewahlen für HermSdorf finden in der dritten Ab tcilung am Mittwoch, den 7. Mörz, nachmittags von 2 bis 0 Uhr, im Lokale des Herrn Gustav Lauk statt. Am Abend vorher, am nächsten Dienstag, ist im Restaurant von Dimke(Forsthausstadt), abends 8 Uhr, eine öffentliche Gemeindewähler-Vcrsammlimg anbe- räumt, in welcher ein Vortrag über Gemeindepolitik gehalten wird. Der Kandidat für unsere Partei ist Genosse Heinrich Schrauer, Stukkateur, Augusta Viktoriastraße 9. Pflicht und Aufgabe der Genossen muß es sein, für diese Versammlung rege zu agitieren. Ferner wird am Sonntag früh 8 Uhr von Dimke eine Flugblatt- Verbreitung vorgenommen, bei welcher die Genossen gleichfalls um zahlreiche Beteiligung ersucht werden. Zur Gemeindewahlbewegung in RummelSburg. Am Dienstag. den 6. März, nehmen unsere Parteigenossen in einer öffentlichen Gemeindewählerversammlung im Saale der Witwe Weigel Stellung zu den bevorstehenden Gemeindevertreterwahlen. Unsere kommu- nalen Forderungen werden in eingehender Weise zur Erörterung kommen, auch wird in dieser Versammlung die Aufstellung von drei Kindidaten für die Wahlen zur Gemeindevertretung erfol Von einer öffentlichen Agitation unserer Gegner ist bis jetzt nichts zu bemerken, aber desto intensiver wird im geheimen ge- arbeitet. Bei den früheren Gemeindewahlen gab es neben der Arbeiterpartei nur noch die im Rummelsburger Grundbesitzerverein organisierte bürgerliche Mischmaschpartei. Durch die Entwickelung des Boxhagcncr Ortstcilcs hat sich nun auch für diesen Teil des Orte» ein eigener Grundbesitzcrvcrein gebildet. So erleben wir denn bei der diesmaligen Wahl das ergötzliche Schauspiel, daß zwei bürgerliche Mischmaschparteien gegeneinander und gegen die Sozialdemokratie in den Wahlkampf ziehen. Durch die Wahl- agitation dieser beiden zurzeit feindlichen Brüder wird auch das Forcnscnwahlun recht(Papicrwähler) sehr gut beleuchtet. So ist in den beiden Grundbcsitzcrvereinen nicht nur eine wilde Jagd zur Erlangung recht vieler solcher papierner Vollmachten ein- getreten, sondern die Herren beklagen sich auch noch öffentlich in der Ortszeitung, daß bereits glücklich ergatterte Vollmachten vom gegnerischen Grundbcsitzervcrcin wieder abgetrieben worden sind. Daß demnach die Wahlparole dieser Art Grundbesitzcrvereine nur die sein kann:„Hie die Interessen der Boxhagener Grundbesitzer� hie die Interessen der Rummelsburger Grundbesitzer," kann nicht weiter Wunder nehmen. Als Zählkandidaten hat der Boxhagencr Grundbesitzervcrein für die 3. Klasse einen Maurermeister, einen Ober- und einen gewöhnlichen Sekretär aufgestellt. Für die 2. Klasse ist außer drei unbekannten Größen noch der bisherige Gemeindevertreter Krägenbring in Aussicht genommen. Der Vor- stand des Rummelsburger Grundbesitzervereins ist sich zurzeit noch nicht einig, ob sich auch die Kosten bei Aufstellung von Zahlkandi- daten in der 3. Klasse verlohnen würden. Für die zweite Klasse sollen, wenn sich bis zur Wahl keine besseren Kandidaten finden, die folgenden Herren kandidieren: Eigentümer Bergmann, bis- heriger Gemeindevertreter der 3. Klasse, und die Bauunternehmer Oerie! und Gädicke; diese beiden Herren waren bereits Vertreter der 2. Klaffe. Bekannt ist von ihnen nur. daß sie an der AuSfüh- rung von Gemeindearbeiten ein außergewöhnliches Interesse nehmen, und daß sie eine gewisse Uebung darin erlangt haben, bei Abstimmungen möglichst gleich schnell mit dem Vorsteher zusammen die Hand erheben. Als vierter wird der jetzige Bauunternehmer Lcichnitz, ein früher sehr bekannter Partei-Restaurateur aus dem Osten, kandidieren._ Charlottenburg. Ein Deckeneinstmz ereignete sich gestern morgen 7'/z Uhr in der Hofenwageufabrik von Kühlstein. Salzufer. Kaum hatten die Arbeiter die Arbeiten begonnen, brach mit großem Krach der Fußboden der Lackiererei durch und fiel in die Schlosserei. Zwei Klempner, welche an der Unglücksstelle beschäftigt waren, wurden dabei so schwer verletzt, daß beide ins Krankenhaus gebracht werden mußten. Dem einen wurde die Nase abgeschlagen, auch erlitt er an den Schultern schwere Verletzungen, während der andere innere Verletzungen davon getragen haben dürste. Am besten kam der Lackierer davon, welcher mit herunterfiel und fich trotzdem keinen erheblichen Schaden zuzog. Wie verlautet, hat man schon längere Zeit Befürchtungen an die schadhaste Decke gekmipft, eS wurde jedoch nichts getan. Erst nachdem nun das Unglück geschehen, dürfte wohl eine standfeste Decke eingezogen werden. Eine Art Reformthrater soll das neue Schiller-Theater werden, da«, wie Direktor Löwenfeldt gestern in einem Vortrage in Char- lottenburg erklärte, am 1. Januar 1997 eröffnet wird. Eine Reihe Neuerungen von weittrageiiver Bedeutung werden in diesem.Gebäude. das an der Ecke Grolmann- und Bismarckstraße sich erhebt ymimgt sein. Das Haus soll der Typus des Volkstheaters sein. Nicht das alte italienische Theater mit seinen Rängen und Logen, sondern das griechische Theater tn entsprechender Form ist als Vorbild genomisten" Schinkel sei seinerzeit, so führte Direktor Löwenfeldt aus, zu diesem alten System zurückgekehrt und auch Meister Wagner habe den Semperscken Entwurf bei seinem Balyrenther Festspielhaus zum Vorbild genommen. Der griechische Typus, wie er in» nenen Schiller-Theater in Charlotten- bürg, im Gegensatz z» allen Berliner Theatern, zur Geltung kommen soll, hebt die Rauguirterschiede auf. Das HauS wird»ach dem El»t- lvurf des Professors Jittmann-München, den die Autoritäten im Bau- fach: Schwechten und Messel, begutachtet haben, ausgeführt. ES wird 1450 Plätze enthalten, und zwar 1000 im Parkett und 450 auf einer Gallerte, die sich Wer den hinteren Parkettplätzen erhebt. An der Hand von Plänen und Skizzen erläliterte der Vor- tragende die innere Einrichtung des Theaters, das einen sieben Meter breiten Wandelgang besitzt und durch eine große Anzahl von Airen, die auf diesen Gang münden, die größt- möglichste Sicherheit stir das Publikum bietet.' Auf Anordnung des Ministers sei nach den eingeholten günstigen Referaten des Bau- meisters Launer und des RegiernngSrats Schwartzkoppen die Zahl der nebeneinanderlöegenden Plätze, die sonst 28 im Maximum be- trägt, auf 40 erhöht worden. Von einer Drehbühne hat man nach langer Erwägung abgesehen, dagegen ist eine Drehscheibe geplant, die ohne große Schwierigkeiten aufgelegt werden kam». Die Garderobenfrage wird in diesem neuen Theater dadurch ge- löst, daß im„Kassenflur"(Vestibül) acht Garderoben»»eben- einander angelegt sind und daß jeder Besucher die Garderobe benutzt, deren Rummer auf seinen» Billett angegeben ist und die er gleich bei der Entnahme des Billetts mit bezahlt. Einen Einheitspreis, der angestrebt fei. konnte n»an nicht durchfiihreu, weil sonst die letzten Plätze des Parketts, die im Abonnement 35 Pf. kosten solle»», sehr erhöht werden müßten, ein Verfahren, das die minder- bemittelten Schichten v»m Theater ferngehalten hätte. Das Theater soll auch einen Orchesterraum enthalten, so daß Opern gegeben werden können. Man wird wahrscheinliüi. wie im Berliner Schiller-Theater O,, die Sommersaison dazu benutzen. Nebe» den, eigentlichen Theater wird ein großer Saal gebaut, in den, VolksunterhalwngSabende nach Muster der Tondichterabende im Berliner Rathause veranstaltet werden. Der Vertrag mit der Stadt Charlottenburg basiert darauf, daß die Gc- sellschast Schiller-Theater einen Betrag von 2'/« Millionen erhält. den sie mit 113 000 M. pro Jahr verzinst. Sie ist Pächterin des Schiller-TheaterS auf vorläufig 25 Jahre. jener Wüstlinge, esti"' Ein gelynchter SittlichkeitSverbrccher. Einem die sich gern als„Kinderfreund" aufspielen, ist gestern nachmittag sein gefährliches Handwerk gelegt worden. In der fünften Stunde wurden die Einwohner des Hauses Schillerstr. 10 plötzlich durch das Angstgeschrei eines Mädchens aufgeschreckt. Die Rufe drangen vom Boden her. und als mehrere Personen dort nachsehen wollten, was passiert war. kamen sie gerade noch rechtzeitig genug, um ein schweres Sittlichkeitsverbrechen an einen, 9jährigen Mädchen zu verhrnder». Der Attentäter, der nun aus dem Bodenfenster hinauszuspriiigcn versuchte, wurde festgenommen, auf die Straße gebracht und dort von der empörten Menge gelyncht. Sodann brachte man ihn zur Polizei. Personen, die am 25. November vergangenen Jahres in da- Wilmersdorferstraße 158 und 59 Zeuge des Auftritts eines Schutz- mannes mit einem Kutscher waren, werden gebeten, sich möglichst bald bei Frau Flöricke stüher Hollenbach, Röntgenstraße 5, Seiten- flügel 4 Tr., zu melden. Schöneberg. Niederdeutscher Humor in seinen besten Vertretern, wie Reuter, Dreyer, Brinckman«, Klaus Groth. sowie Lilien- cron, Stor»n und Wilhelm Raabe kommet» in gesprochenen und gesungenen Dichtungen in VerS und Prosa anläßlich deS Volks- tümlichen KunstabendS am Sonntag, den 4. März, abends'/s8 Uhr, in der Hohen zollern schule zu Schöneberg zum Vorttag. Außerdem wird Julius St in de durch einen Nachruf und durch Vorttag aus niederdeutsche!» Dichtungen geehrt werden. Beß Brenck, ein großes RezitationS- talent, die Sängerin Elsbeth Markte wicz, Dr. Gustav Manz, der Schriftsteller Dr. Max Möller, sowie der Komponist JameS Roth st ein haben die Ausführung des Pro- gramms übernommen. Karten a 0,30 M. in allen Schönebeiger Buchhandlungen, sowie im Verein z. F. b. K., Genthinerstr. 17, Dürerhaus, Kronenstt. 18, zu haben. Weistensee. Ein Opfer sein« Ueberzcugung. Weil die Gemeindevertretung gegen den Wunsch des erst vor einem Vierteljahr gewählten Schöffen Keller stimmte, hat dieser seinen Posten als Schöffe sowie olle übrigen Ehrenämter niedergelegt. Herr Keller wollte durchaus die Leiterin der Privat-Töchterschule an die neu zu errichtende höhere Gemeinde-Töchterschule übernommen wissen; die übergroße Mehrheit der Gemeindevertreter war aber aus verschiedenen Gründen dagegen, und das konnte der genannte Herr nicht ertragen. In stetem Wider- spruch stand Herr Keller mit unseren Genossen und die sehr oft statt- gehabte Kritik seiner Widersprüche hat wohl ein gut Teil dazu bei- getragen, daß ihm sein Amt so— schwer lvurde. Steglitz. Bis an den Hals im Sumpfe. Ein mühevolles Rettungswerk vollbrachte gestern der Arbeiter Heinz aus der Lichterfelder Chaussee 8 in Steglitz. Auf den sogciianntei, Bäkewiesen hatten Schulkinder gespielt, wobei ein Knabe sich an einen Suiiipf herangewagt hatte und darin stecken blieb. Verzweifelt wollte sich der Schüler aus dem Morast herausarbeiten, doch er sank immer tiefer ein und steckte schließlich bis zum Hals im Sumpfe. In seiner Todesangst rief er nun kläglich um Hülfe, woraufhin Heinz hinzueilte und sich an die Rettung des Gefährdeten machte. Nur mit Mühe und Not gelang es dem Braven schließlich unter eigener Lebensgefahr, den Jungen zu bergen. Bor dem Betreten der Bäkewiesen kann also dringend gewarnt werden. Alt-Glienicke. In der letzten Gemeindevertreterfitzung von Alt-Glienicke wurde nach langer Beratting der Bau einer elekttischen Sttaßenbahn zwischen Alt-Glienicke und Bahnhof Adlershof beschlossen. Die Ge- meinde übernimmt die Bahn in eigene Regie. Die gesamten Kosten für den Bau belaufen sich schätzungsweise auf 225 000 bis 230 000 M. Jni Interesse des Verkehrs soll derselbe so bald als möglich in An- riff genommen werden. Arbeiter-Wochenkarten zum Preise von 0 Pf. sind vorgesehen. faßte. Alsdann gav der Gcmeindebertreter Genosse PrieS den Etat der hiesigen Gemeindeschule pro 1305 bekannt und erläuterte bei dieser Gelegenheit verschiedene Mängel in ausführlicher Weise. schlössen wurde, den Wahlverein in vier Bezirke einzuteilen und für jeden Bezirk einen Bezirksführer zu wählen. Zur General- Versammlung, welche am 11. März stattfindet, wurden die Genossen Wilhelm Dürre, Reiuhold Schulz und Karl Rühle delegiert. Ei wurden in dieser Versammlung sechs Neuaufnahmen vollzogen. Nieder- Schöneweide. In der letzten Gemeindevcrtretersitzung gelangte nach kurzer Er örterung der Voranschlag des Haushaltsetats zur einstimmigen Au- nähme. Die Kanalisation, sowie Pumpstation ist soweit fertig gestellt, daß sie.»ach Fertigstellung der HauSanschlüsse dem Betrieb über- geben werden kann. Es sollen ein Vorarbeiter und zwei Arbeiter angestellt werden, die zum Teil bei den durch die Kanalisation entstehenden Arbeiten, sowie zur Straßenremigung verwandt werden sollen. Eine Petition der Lehrer, die Erhöhung der Lehrer- und Beamten- gehälter betreffend, wurde abgelehnt.— Es werde anderen Orten gegenüber schon der Durchschnittsgehalt bezahlt. Im vergangenen Jahre sei bereits eine Regelung erfolgt. Für die Zukunft soll ein besoldeter Gemeindevorsteher angestellt werden. Lankwitz. Die Lankwitzer Gemeindevertretung hat den Regierungsbanmeister Görke in Bremen zum Gemeindebaurat gewählt. Der Einkommen- stenerzuschlag wurde, wie bisher auf 125 Proz., einschließlich der Kreissteuer, festgesetzt. Ein Ortsstatut über die Aufbringung der 5losten für die Straßenuntcrhaltung, das sich eng an das Normal- statut des LandratsamteS anschließt, wurde von der Gemeinde Vertretung angenommen. Die Lehrerbesoldungsordnung ist von der Aufsichtsbehörde nur teilweise genehmigt worden und bedarf deshalb einer Abänderung Potsdam. Eine arge Enttäuschung haben die Einwohner Potsdams erlebt. Einige Zeit vor der silbernen Hochzeitsfeier des Kaiserpaares brachte eine Berliner Zeitung die Meldung, daß der Kaiser beabsichtige, an- läßlich seines Ehejubiläums der Stadtgemeinde Potsdam die Ge- nehmigung zum elektrischen Betriebe der Straßenbahn über die Lange Brücke hinweg, wie solche seit zwei Jahren vergeblich erstrebt wird, zu erteilen. Diese Nachricht, bei der wohl nur der Wunsch der Vater des Gedankens war, wurde vielfach geglaubt, weil selbst der Bürgermeister Vorkastner in der Stadlverordnetenversammluiig mit Siegeszuversicht erklärt hatte, er hoffe bestimmr, daß der zukünftige Oberbürgermeister bei dem nächstjährigen nach dem Verwaltungsberichl die Vollendung der elektrischen Straßen- bahn als Tatsache melden könne. Um so größer ist nun die Eni- täuschung in Potsdam, weil das sehnlichst' erhoffte Silberhochzeits- gescheuk des Kaisers für die Stadt a u s g e b l i e b e n ist. Es wird deshalb jetzt öffentlich dafür Stimmung gemacht, überhaupt auf die Einführung des elektrischen Betriebes bei der Straßenbahn zu ver- zichten und statt dessen etwa 40 Automobilomnibnsse. welche auf dem städtischen Elektrizitätswerk mit elektrischer Kraft geladen werden können, einzuführen. Man berechnet die Kosten für diese Gefährte auf etwa 1 Million Mark, während die Umwandlung des Pferde- bahnbetriebes in einen elektrischen etwa 2>/g Millionen Mark kosten würde._ Bcvlimv Nachrichten. Bom Segen der Fürsorgeerziehung. Die Hoffnungen, die auf das Fürsorgeerziehungsaesetz von 19tw.: Th. Glocke» Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts tief sind, dürste der Kaufpreis unter Zugrundelegung eines Einheit?« Preises von 20 000 M. pro Ouadratrule die Summe vou 10 Millionen Mark übersteigen. Die auf dem Komplex stehenden Baulichkeiten sollen dem Vernehmen nach für die Neubebauung demnächst nieder- gelegt tverden. Man wird demnack bald einige Zeit lang Gelegen- heit haben, auch von der Königstraße her die monumentale Fassade des neuen Gerichtspalastes in der Grunerstraße zu erblicken; gegen- wärtig ist diese architektonische Zierde Alt-Berlins von jener Seite aus fast gar nicht zu sehen. Es gibt in Berlin keine KraiikenhanSilot. Diese Behauptung wird stets und nändig von den Vätern der Stadt ausgestellt, wenn Sozialdemokraten auf die Ueberfüllung der Krankenhäuser hinweisen und Abhülfe fordern. Wir wollen heute dieser ständigen Behauptung nur nackte Tatsachen entgegenstellen. Am 2. März wird der kranke Maurer P. vom Arzt nach dem Krankenhause geschrieben. Die Ortskrankenkasse der Maurer überweist den Mann nach dem Augnsta- Hospital. Als P. dort ankommt, wird ihm gesagt, es sei kein Platz, dies wird auch auf seinem Schein bescheinigt. P. geht zur BerlinerRettungs- gesellichast. Dort erhält er folgende schriftliche Auskunft:„Es ist heute in keinem der öffentlichen Krankenhäuser Platz." Der schwäch- liche P. wandert nach Charlottenburg, weil er glaubt, dort Unter- kunft zu finden. Wieder vergebens.„Wegen Platzmangel ab- geiviesen!" heißt es auf dem Scheine. Morgen geht die Reise von neuem los, und wenn der Kranke mif der Straße zusammenbrechen sollte, was schadet's I Es würde nach wie vor behauptet:„Es gibt keine Krankenhausnot!" Ein schwerer Ncberfall ist in der vergangenen Nacht am Ncttel- beckplatz verübt worden. Als der 52jährige Maschinenarbeiier Julius Schütz, Neue Hochstr. 15 wohnhaft, auf dem Heimivege begriffen war. ivnrde er plötzlich von mehreren RowdieS angefallen und mit den Messern bearbeitet. Auf die Hülfernfe deS Sch. hin ergriffen die gefährlichen Burschen die Flucht und entkamen auch. Aus zahl- reichen Wunden blutend, schleppte sich der Schwerverletzte»ach der Unfallstation in der Lindowerstraße. Nach Anlegung von Not- verbänden wurde er in einem Krankenwagen dem Augnsta-Hospital zugeführt. „Gefleddert" wurde auf einer Bierreise der Kaufmann Sch. aus Charlottenburg. Er hatte vom Bahnhof Friedrichstraße einen Stadt- bahnzng benutzt und wollte»ach der Station Savignyplatz fahren. Unterwegs schlief er ein und als er erst morgens gegen 7 Uhr er- wachte, befand er sich auf dem Bahnhof Börse. Sch. machte nun die unangenehme Entdeckung, daß er während der Fahrt beraubt worden war. Ein Fledderer hatte ihm die Taschenuhr samt der goldenen Kette, eine silberne Zigarrendose und die Geldbörse im Gesamtwerte von 180 M. gestohlen. Durch die Explofio» von Kolophonium schwerverletzt wurde gestern der 19jährige Lehrling Otto Bahn, Dunckerstr. 14 wohnhaft. B. ist in einer Klempnerei beschäftigt und wollte gestern nachmittag Röhren biegen. Zur Erleichterung dieser Arbeit benutzte er Kolophonium. Dieses kam plötzlich zur Explosion und die brennende Masse ergoß sich dem jungen Manne in das Gesicht und verbrannte ihm besonders die Augen schwer. Von der Unfallstation IV mußte B. in die königl. Klinik in der Ziegclstraße gebracht werden. Hcnnig als Kohlenträgcr. Ein Stücklein aus dem Verbrecher- leben des Hennig wird aus Friedrichshagen gemeldet. H. hatte bei dem dortigen Kohlenhändler Neumaim im Dezember vorigen Jahres eine Stellung als Kohlenträger angenommen. Dies hatte er jedoch lediglich aus dem Grunde getan, um sich über die Vermögens- Verhältnisse des N. zu„orientieren". Den Mitfahrer fragte Hcnnig über die Vermögenslage des Kohlenhändlers aus, doch mit wenig Erfolg. Eines schönen Tages war der neue Kohlenträger plötzlich unter Mitnahme einer Geldsumme, die er N. gestohlen, verschwunden. Die Habseligkeiten des Verbrechers befinden sich noch heute im Besitz des N. Wege» Hennig-Unfug polizeilich festgestellt wurde in dem Städtchen Sachsenhausen bei Oranienburg der Kaufmann W. aus Berlin, ivelchcr dortselbst mit zwei Freunden in einer Gastwirtschaft weilte. Die drei hatten untereinander vereinbart, daß W. den RaOb- mörder Hennig markieren und sich verdächtig benehmen sollte, während seine beiden Freunde durch anzügliche Redensarten die Aufmerksamkeit der Gäste und des Wirtes herbeiführen sollten. Der „Scherz" gelang auch. Der Gastwirt benachrichtigte die Polizei von der Anwesenheit der drei verdächtigen Personen, und als nun mehrere Gemeindediener erschienen, ergriffen die Drei die Flucht. Zwei der Burschen gelang eS zu entkommen, während der Pseudo-Hcunig festgenommen wurde. Nach der Feststellung seiner Personalien wurde W. entlassen, jedoch hat er sowohl, wie auch seine nachträglich er- mittelten Freunde, ein Strafmandat wegen groben Unfugs zu gewärtigen. Mit einer Frage von weittragender Bedeutung, sowohl für das kaufmännische als auch für das Gastwirtsgewerbe, wird sich demnächst das Landgericht zu beschäftigen haben. In großen Konzertlokalen und Etablissements, wie z. B. Zoologischer Garten, werden Plätze resp. Verkaufsstellen an einzelne Unternehmer vermietet, welche dort Handel mit verschiedenartigen Waren treiben. In dem Verlauf solcher Waren nach 9 Uhr abends oder an Sonntagen nach dem ge- setzlichen Geschäftsschluß wird nun von verschiedenen gewerblichen Ver- einen eine Verletzung der Bestimmungen über den 9-Uhr-Abendschluß resp. der Jnnehaltung der Sonntagsruhe gefunden, indem der Ver- kauf dieser Waren nicht durch den Inhaber des Etablisse- ments oder den von diesen» beauftragten Personen, sondern durch Geschäftsleute ausgeführt wird, welche für ihren Stand Miete (Pacht) zahlen. Gegen ernen Zigarrcnhändlcr. der in einem Konzert- lokal an einein Sonntagabend fünf Zigarren an einem Kunden ab- gegeben hat, ist nun die Strafanzeige erstattet worden. Die Staats- anwaltschaft stellt sich auf den Standpunkt, daß die Verkaufsstelleir in Konzertlokalen usiv. ebenfalls den Bestimmungen über die Sonn- tagsruhe unterliegen und hat bei der Strafkammer des Landgerichts I die Eröffnung des Strafverfahrens gegen den betreffenden Zigarren- Händler beantragt. Vermißt. Der Arbeiter Ernst Gommert, 40 Jahre alt. hat sich am 23. Dezember 1905 aus seiner Wohnung entfernt und ist seitdem nicht wieder zurückgekehrt. Gründe für sein Verschwinden sind nicht bekannt. Der Vermißte ist H68 Meter groß, blond, Stirn niedrig, Augenbrauen dunkel, Ohren jgroß, Zähne gesund, blonden Schnurr- bart, rundes gesundes Gesicht, kräftig.— Bekleidet»vor er mit schloarzem, steifen Hut, grüner Joppe, schwarzer Hose und Weste, Gummizugstiefeln, hellgrauen Strümpfeu. blaugestreiftem Hemd.— Angaben über den Verbleib des Vermißten werden iu jedem Polizei- Revier oder im Polizei-Präsidium. Zimmer 324 zu 9033 IV/12. 05 entgegengenommen. Personen, die Zeugen eines RcnkonterS zwischen einem Schutz- »nann und einer Zivilverson waren, das sich in der Nacht vom 24. zum 25. Februar in der Gegend der Spandauerbriicke abspielte und bei der die Zivilperson erheblich verletzt wurde, werden um Angabe ihrer Adresse an Wilh. Woltersdorf, Koblankstr. IIb, gebeten. Besonders wichtig wäre es, wenn sich der Verletzte melden würde. Feucrwehrbcricht. Wegen eines elektrischen Kurzschlusses in einem Akkumulator wurde die Wehr nach der Roßstr. 7 gerufen und wegen eines SchornsteinbrandeS nach der Gotzkowskystr. 19. In der Allen Jakobstr. 42 hatte die Feuerwehr imt der Löschung eines BrandeS zu tun, der das Zwischengebälk erfaßt hatte.' Papier brannte in der Memelerstr. 11. Ferner hatte die Wehr in der Cadinerstr. 21 und Baerwaldstr. 49 sowie an einigen anderen Stellen zu tun._ S»»i»7erstaud am 1. März. Elbe bei Slusstg-ff 1.44 Meier, bei Dresden— 0,50 Meter, bei Magdeburg-ff 1,82 Meter.— 11» ft r u l bei Straußfurt-ff 3,40 Meter.— Oder bei Ratibor-ff 1,52 Meier, bei Breslau Oberpegel ff- 5,02 Meter, bei Breslau Unterpegel— 1,12 Meter, bei Franksurt ff- 1,50 Meter.— Weich! el bei Bräljeinände ff- 2,78 Meter.— Warthe bei Posen-ff 1,13 Meter.— Netze bei Usch— Meter.________ Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,