Kr. 61. RbonnementS'Bedlngungen: Abonnements> Preis pränumerando: Pi-rleljührl. 330 Mb. monall. 1,10 Mb, wbchenMch 28 Pfg. frei ins HauS. Einzelne Nummer» Pfg, Sonntags- »ummer mit illuiniericr SonnlagS- Seilage.Die Neue Seit" 10 Pfg, Polt- 'Abonnement: 1,10 üSart pro Monat. Eingetragen in die Pofl-ZeitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deulfchland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat, PoftabonnemenIS nehmen an: Belgien. Dünemark. >>olland, Italien, Luxemburg. Portugal. Numünien, Schweden und die Schweiz. 23. Jahrg. vlchci»! lZgllch»Sek IvollUzi. Verlinev Volksblstt. Die InlcrtionS' Gebühr betrügt für die fechSgefpaltene Kalonel- zetle oder deren Raum 50 Pfg., für politifche und gewerkschaftlich« Vereins- und VerfammIungS-Anzeigen SO Pfg. „Kleine Hnrclgen", das erste(feil- gedruckte) Wort 20 Pfg., jede» weitere Wort 10 Pfg. Stellengeluche und Schlaf- flellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., ledes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zühlen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsse» bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bi» 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm-Adresfe: „SezliMcntknt Birll«". Zentralorgan der fozialdeniokrati fchen Partei Dcutfcblands. Redaktion: öLl. 68« Lindenstrasee 69. Slernfurrrfier: Zlin» IV. Nr. 1983. Em neues Kapitel ans dem alten Berliner Polizeisumpf! Kaum acht Taae sind vergangen, seit die politische Polizei in Berlin ihren Rcinfall bei der Spitzclwcrbung unseres Genossen Karl Fischer durch den Kriminalschutzmann Gustav Neu mann erlitten hat, und schon sind wir wieder in der Lage, eine neue Ruhmestat des Herrn Kriminalko in missars von Arnim unseren Ge- uossen zur fröhlichen Kenntnisnahme zu bringen. Herr von Arnim war nämlich der„Herr K o in m i s s a r". der unserem Genossen Karl Fischer für den nachgesuchten Verrat an seinen Grundsätzen und an seinen Freunden die 2l)v M. ausbezahlt hat. Diesmal hat Herr von Arnim seinen Spitzel a u f Reisen geschickt. Und wenn der arinc Kerl auch wenig Lorbeeren dabei geerntet hat, so ist er�doch vor dem Vorwurf geschützt, es habe nur an seiner Schlauheit gelegen, daß er so jämnierlich Schiffbruch dabei gelitten: er kann sich und seinen Herrn Vorgesetzten damit trösten, daß es ihm wahrscheinlich auch dann nicht besser ergangen wäre, wenn das Genie seines„Herrn Hauptmann s" über seinen schritten geschwebt hätte denn auch in Moabit und in Berlin, wo Herr von Arnim eigenhändig den Feldzugsplan entworfen und die Kampagne geleitet hat, war das Ende des genialen Feldzuges stets ein jämmerliches FiaSto. Zum internationalen Sozialistenkougres; nach London war seinerzeit Herr von Arnim persönlich geeilt: in der Riesenmctropolc glaubte er unerkannt seine Fäden spinnen zu können: doch wurde er damals genau so„zur Strecke ge- bracht", wie ein paar Jahre später in Moabit: und so gc- dachte er diesmal das Risiko des Erkanntwerdcns nicht auf sich zu nehmen, als er den Gedanken faßte, die Genossen Bebel und K a u t S k y auf ihrer Reiie nach Brüssel zur Konferenz des Internationalen Sozialistischen Bureaus und während ihrer Anwesenheit in Brüssel Person- lich überwachen zu lassen. Nebenbei sollte sein Mann auch noch Vcrbinduntjen mit dem Internationalen Sekretariate anknüpfen, damit die Berliner politische Polizei mit ihren guten Informationen aus„der Quelle der revolutionären Verschwörungen" sich rühmen könne. Sie trachtet nach der Ehre, das Mekka der internationalen politischen Polizei zu werden, und sie erntet den Ruhm, die Metropole der Polizei- blamagen zu sein. Und der Ruhm ist ihr schon länger eigen, denn vor zwei Jahren bereits hat die Londoner Polizei es abgelehnt, eine Deputation Berliner Polizcibcamten zu empfangen, die von Berlin nach London geschickt werden sollten, um dort Unterricht zu emp— fangen über Maßnahmen zum Schutz„allerhöchster Personen". Die Londoner Polizei kennt anscheinend Las Genie der preußischen Leutnants und Hauptmänner a. D., die bei uns mit ihren ehemaligen Unteroffizieren und Feldwebeln poli- tische Polizei spielen. Hören wir nun, was in unserem Brüsseler Parteiorgan „Peuplc" unser Genosse C a m i l l e H u i s m a n s. der internationale Sekretär, über den neuesten Reinfall der Ber- liner politischen Polizei schreibt unter dem Titel: Der reingefallene Spitzel! „Seit einigen Monaten wird das Brüsseler„VolkShauS" von Spitzeln aller Nationalitäten überflutet. „Als mich kürzlich anläßlich der sonderbaren Affäre KowalewSki der Untersuchungsrichter eines Besuches würdigte, erlaubte ich mir, ihm meine unparteiische Meinung auszudrücken, nämlich die, daß die belgische Justiz bester daran tun würde, die Handlungen der Nach- folger des russischen Barons Sternberg traurigen Andenkens zu überwachen, anstatt die ehrenhaften fremden Sozialisten zu drang- salieren, deren einziges Verbrechen der glühende Wunsch ist, die wirtschaftliche und geistige Befreiung der Arbeiterklasse im allge» meinen und des russischen Volkes im besonderen herbeizuführen. Ich sagte ihm auch, daß wir bisher zwar da« nahezu unerträgliche Be- nehmen gewisser Polizeiagenten ertragen hätten, die sich in unsere Reihen, wo lein Platz für sie ist, eingeschlichen, daß aber unsere außerordentliche Sanftmut nunmehr zu Ende sein dürfte. „Dieser Rat scheint nicht an scnn« richtige Adresse befördert worden zu sein. Auf alle Fälle ist di« Unverschämtheit gewisser Individuen gewachsen, und so entschlossen wir uns, ihr ein Ende zu be. reiten— mit dem guten Humor, der das belgische Temperament charakterisiert. Am S. März landete in Brüssel ein Individuum, daß sich Karl Wolff nannte, angab, 30 Jahre alt und Zeichner zu sein, und zur Wohnung ein Hotel in der Nähe de«„BolkShauseS" wählte; cr trat sofort in Beziehungen zu Genossen, die in unserem Zentral» lokale verkehren, interessierte sich für die EntWickelung unserer „Genossenschaft" und ihrer Bilanzen, abonnierte den„Avenir Sozial", wurde ein eifriger Kunde unseres Freunde» AertS, des Leiters unserer Buchhandlung, gab sich für einen deutschen Sozia» listen auö, besuchte dir verschiedenen Verkaufslokale der„Genossen- schaft" und kaufte den Kalender des„Peuple", derdiePorträts der Mitglieder des internationailen Bureaus enthält. „Am Vormittag stellte er sich im Cafe deS„BolkShauseS" ein und redigierte die Berichte an seine Chefs. Am 4. und b. März, während der Sitzungen des internationalen Bureaus, zeigte er sich besonders daran interessiert, was die fremden Delegierten sprachen und trieben. Da wir natürlich das Bestreben hatten, gut unterrichtet zu sein, mieteten wir in jenem Hotel das Zimmer, das sich an das unseres Mannes anschloß. Und du er es liebte, am Abend zu plaudern und«in Gläschen zu trinken, gaben wir ihm als Tischgesellschaft ein paar Freunde zur Seite, die, widerstandsfähiger als er selber, alle(mit Einschluß unseres Freundes Vandendorpe) Ehrenmitglieder des Abstinentenbundes sind, der von unseren Freunden Vandervclde und Leleu gegründet worden ist. „O arme deutsche Polizei l Sie stammt aus einem wundervollen Lande, dem Vaterlande der Hegel, der Schopenhauer und des München« Bieres I Und sie kennt nicht den Glanz dieser Philo- sophie und verträgt nicht das heimische Bier! Welch unverzeihliches Verbrechen vom vaterländischen Gesichtspunkt« aus. „Unser Spitzel meldete in seinen Berichten naiv alle Auf- schneidereien, die man ihm erzählte, siel auf jeden Mumpitz herein .und— was schwer« wiegt— verlor vertrauiliche Mitteilungen seiner Vorgesetzten. Zum Beispiel auch den letzten Brief aus Berlin, den cr nach Brüssel erhielt, und der lautet: Werter He« Wolfs! Auf Amvcisung des H«rn Geß uniß ich Ihnen heute diesen Brief und zwar auS folgenden Gründen schreiben: 1. Sie schicken heute Bericht Nr. 3. Wo bleibt ab« Nr. 2?, der hier nicht eingetroffen ist. Sollte derselbe verloren ge- gangen sein? 2. Sie sollen jeden Wcrbeversuch unterlassen. ES wird Ihnen untersagt, nach dieser Richtung irgend welche Schritte zu unter- nehmen. Geld für eine Werbung gibt cs auf keinen Fall.(Auch nicht für eine Zeitung.) ES wird hier so gedacht, daß Sie sich mit einem oder mehreren Herren ernstlich freundschaftlich stellen, daß Sie von hier auS brieflich mit ihnen verkehren können. 3. Wenn von hier aus bis zu der von Ihnen bewilligten Auf- enthallszeit keine Antwort eintrifft, ist eine Verlängerung des Aufenthaltes abgelehnt und müssen Sie zurückreisen. Ich bitte nochmals das Vorstehende genau beherzigen und befolgen zu wollen. Mit freundlichem Gruß Ihr H. 2 u d e w i g.") „Wir begreifen sehr gut. warum der Bericht Nr. 2 nicht zur rechten Zeit eingetroffen ist: c8 gibt belgische Bürger, welche die deutsche Sprache am Originaltext lernen wollen." Da der obige Brief den Befehl zur Abreise enthielt, so entschloß ich mich, gemeinsam mit MaeS, dem Parteisekretär, und unserem Bureauangestclltcn ArtoiS und einer?lnzahl Freunde, die wir bei der Gelegenheit gebrauchen konnten, solchem würdigen Herrn, der seinen Lebensunterhalt aus der Denunziation braver Leute gewinnt, der die Ausweisung tapferer Kämpfer begünstigt und sie an den Galgen zu bringen sucht, ein anständiges Abschiedsgelcit zu geben. „MaeS, ArtoiS und ich erwarteten ihn in der Bahnhofshalle. Ich nannte ihm auf Deutsch meinen Namen und meine Stellung und stellte ihm meine Begleiter vor. MaeS, der deutsch lernt— und cr kennt diese Sprache in der Tat schon sehr gut. denn« weiß alle Kraftausdrücke—, sagte ihm Dinge von wahrhaft rührender Liebenswürdigkeit. Der Unglückliche wollte leugnen, aber das dauerte nicht lange, man hielt ihm einige Tatsachen vor, die nur er allein zu wissen glaubte. Wir machten ihm auch begreiflich, daß er sein Geld auf gemeine Art verdiene und daß er künftig besser daran tun würde, sich an die Leute, die er ausspionieren solle, direkt zu wenden. „Sofort sammelte sich Publikum an und vor der Menge der Neu- gierigen und Reisenden verkündeten wir Namen und Charakter deS in große Angst geratenen Burschen. Eiligen Schrittes flüchtete cr in das Innere des Bahnhofes. Wir folgten ihm und nach Verlauf weniger Minuten gab es keinen Menschen mehr, der nicht die Rolle kannte, mit der dieser Mensch beauftragt war. Instinktiv wich die Menge vor ihm zurück, denn sie wollte nicht mit so einem Menschen in Berührung kommen, den sie für unsauber ansah. Bald hörte man auS allen Ecken des Bahnhofes die Rufe:..Wollt Ihr einen Spitzel sehen? Tann betrachtet Euch den Kerl mit dem Regenschirm." „Aufgeregt, fieberhaft, nicht wissend, was er machen sollte, lief er unter einer Lawine von Anzüglichkeiten und unter dem Ver- achtungsblick der Menge Spießruten. ..Die Hinrichtung war vollstreckt. „Und als der Zug abfuhr, luden wir den sauberen Burschen ein. bald wieder nach Brüssel zurückzukehren. Wir versprachen ihm ein seinen Absichten entsprechendes kräftiges Programm auszuarbeiten. in welchem das Vcrtobacken(pssssge ä tabac) und das Hosen- abziehcn eine der größten Attraktionen bilden würde." So weit unser Genosse Huismans: wir glauben nicht zu viel zu erwarten, wenn wir uns die Hoffnung machen, mit Hülfe unserer belgischen Freunde auch noch Kenntnis zu er- halten von dem Wortlaut der Berichte, die dieser„Karl Wolff" nach Berlin„an seinen Herrn Chef" gesandt hat. Für heute dürfte obiges genügen.. Die Revolution in RnMand. Der 14. März 1881. Der 14. März 1881, an dem Alexander kl. seinen Tod gefunden hat, wird für inunex cineS der wichtigsten Daten in den Annalen der russischen Geschichte bleiben. Wohl sind wenige Herrscher auS dem Hause Romanow ihren, natürlichen Tod gestorben. Aber dies •) Unser belgisches Organ unterdrückt in seinem Artikel den Namen Ludewig. Sollte es zarte Rücksicht auf die Berliner Neben. bcdcutung des Wortes fein? Wir dagegen setzen auS der uns mit- gesandten Abschrist dm Namen Lg. hierher. Expedition: SM. 68» I-indenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Rr. 1S84. geschah infolge innerlicher Verschwörungen am Zarcnhofc. die durch den schmutzigsten Meuchelmord dem neuen Kaiser oder Kaiserin zum Throne deS VaterS oder des Gatten verhalfen, an denen aber weitere Schichten der Gesellschaft weder Anteil noch Interesse hatten, so daß sie fast ohne Bedeutung für die allgemeine Entwickelung Rußlands blieben. Demgegenüber erscheint das Ereignis des 14. März 1881 als der Ausdruck einer bedeutenden gesellschaftlichen Bewegung, die bei näherer Betrachtung, trotz ihres eigenartigen von den spezifischen russischen Verhältnissen aufgeprägten Charakters, sich alS eine Form der allgemeinen sozialen Bewegung der Neuzeit erweist. ES ist dies die Bewegung der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, die ihren Höhepunkt in der Partei„dlarocknaja Wolja"(Volkswille) gefunden hat.— Oft wird die dlarocknaja Wolja, dank der verleumderischen Presse der Bourgeoisie, die schamlos ihre revolutionäre Vergangen- heit verneint, als eine Bande blutgieriger Terroristen dargestellt, die nichts als Dynamit wissen wollten. Tatsächlich aber waren cS die beispiellos grausamen Verfolgungen der russischen Regierung. die den Revolutionären ganz gegen ihren Willen und nach langem Widerstreben den terroristischen Kampf aufgezwungen hatten. In einem Lande, wo jedes freie Wort schonungslos verfolgt wird, wo das Volk in der Verwaltung nichts mitzureden hat, wo das Leben des einzelnen der Willkür einer korrumpierten Burcaukratie preis- gegeben ist, da muß ja der soziale Kampf ganz anders aussehen als in denjenigen Ländern, wo das Volk die gesetzlichen Mittel besitzt, die Gesetzgebung und Verwaltung zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Die russischen Revolutionäre, die sich anfangs der Austlärung und Belehrung des Volkes und einer friedlichen Propaganda sozio- listischer Ideen hotten widmen wollen und zu diesem Zweck in großer Menge ihr väterliches Heim verliehen und mit den arbeitenden Klassen sich zu verschmelzen suchten, mußten auch sehr schnell, nach, dem sie durch die Regierung den härtesten und gesetzwidrigsten Verfolgungen preisgegeben wurden, jene traurige Erfahrung mache», daß solange die Selbstherrschaft fortdauert, keine gesetzliche und friedliche Tätigkeit möglich sei und daß die erste Vorbedingung einer sozialistischen Bewegung der politische Kamps gegen den Ab- solutiSmuS und die Eroberung einer freiheitlichen demokratischen Verfassung sei. So ergibt eS(ich denn, daß der Terror nicht als das wesentlichste für die Narocknaja Wolja zu betrachten sei. sondern nur vorübergehenden Ursachen zuzuschreiben ist. Mögen diese Ur- fachen noch so mächtig die Taktik der Partei beeinflußt haben, so steht doch immerhin fest, daß sie eine sozialistische Partei war. Die damaligen Kämpfer erlagen im ungleichen Kampfe. Aber gelang es auch dem Despotismus, für einige Zeit seine Feinde niederzuschlagen und über Rußland die ärgste Rcaltion zu ver- hängen, so war er doch ohnmächtig, die Idee der Freiheit zu ver- Nichten. Diese Idee und die Forderung der Berufung einer iou- stituierenden Versammlung auf Grundlage des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts ist nun wieder aufgelebt in der neuen Befreiungsbewegung, die dcL ganzen russische" Volkes sich bemächtigt hat, Justizmord in Minsk. Die russische Regierung steht im Begriff, einen neuen Justiz- mord zu begehen. Zwar war das standrechtliche Niederschietzen in den Ljtsecprovinzen, Moskau und Sibirien auch nichts anderes als ein Massenjustizmord, doch lagen die Tatsachen so. daß man leider nur nachträglich protestieren konnte; dieseSmal spielt die Prozedur des Kriegsgerichts di« Scheinrolle der Gerechtigkeit, und eS gilt vorzubeugen. In der Zeitung„Ruß" wird folgender Brief der politischen Ge- fangenen in Minsk veröffentlicht: „Am selben Tage, cm dem man Ivan Pulicholo und Alexandra JSmajlowitsch für das am MinSker Gouverneur Kurlon verübte Attentat zum Tode durch den Strang verurteilte, wurde auch ein Todesurteil gegen einen gewissen Ochsenkrug, der angeklagt wird, auf den Polizeimeister Norow eine Bombe geworfen zu haben, gefällt. DaS war kein Justizirrtum, sondern ein Justizmord. DaS Kriegsgericht hatte keinen Anhalt für die Aufrechterhaltung der Beschuldigung, aber hingegen genügende Belveise für die Un» schuld des Angeklagten. Gleich nach d« Aerkündung deS Todesurteils erklärte die An- geklagteJSntajlowitsch, der Mann, der die Bombe aus den Polizei- meister geworfen habe, sei ihr bekannt und befinde sich momentan auf freiem Fuß, Ochsenkrug habe aber an dem Attentat keinen An- teil und gehört überhaupt keiner revolutionären Organisation an. Die Erklärung wird von uns allen bestätigt, die wir Mitglieder verschiedener revolutionärer Organisationen sind. Die ganze Anklage beruht auf einer Behauptung des Polizei- meisterS, in dem Angeklagten den Attentäter wiedererkannt zu haben. Aber weshalb erklärte der Kutscher des PolizeimcisterS, daß der Attentäter mit Ochsenkrug absolut keine Achnlich- i e 1 t hatte? Warum behauptete der Untersuchungsrichter, der doch alle Fäden in der Hand hatte, daß er Ochsenkrug für un, schuldig halte? Alle diese Beweise bezeugen nur. daß die ganze Komödie deS Kriegsgerichts nur pro korma abgehalten wurde. Es folgen 143 Unt«sch-rrftcn. Petersburg, 13. März. Gestern abend wurde im Schlüssel- burger Stadtteil die Kasse eines Branntweinmonopol» Ladens von bewafsneten Leuten beraubt, die unter Abseuerung von Rcvolverschüssen mit ihrem Raube entkamen. Petersburg, 13. März. Gras Witte beantragte in einer Denkschrift an den Zaren di- vollständige Aufhebung der Todesstrafe. Im besonderen trat er für die Aufhebung deS Todesurteils gegen den Leutnant Schmidt, den Führer des Aufstandes von Sewastopol ein, was derZarjedochablehnte. Die Schritte Wittes sind angeblich veranlaßt durch Justiz» morde, die in der letzten Zeit bei dem beschleunigten Verfahren des Standrechts mehrfach vorgekommen sein sollen. politische Qcberficl�t. Berlin, den 13. März. Kolonialpolitik— Eroberungspolitik. heute die 2. Beratung des Kolonialetats für die oeutsch-afrikanischen„Schutzgebiete" im Reichstage begann, wurden die Etats: Allgemeiner Pensionsfonds, Reichsinva- lidenfonds ohne Debatte erledigt und nur bei dem Etat des Reichsschatzamtes lieferten die Silberonkel K a n i tz, Kar- d o r f f, Arendt dem Schatzsekretär V. Stengel ein bimetallistisches Geplänkel, das den Bankrott des Bimetallis- mus resp. seiner Verteidigung bestätigte. Ten Serren Agra- riern fehlt es an Silbergeld zur Auszahlung der Arbeits- löhne, darum plädierten sie für eine Mehrausgabe von Talern statt Fünfmarkstücken seitens der Reichskassen. Den Herren kann geholfen werden: aber ihren Arbeitern, die mit menschenunwürdigen Löhnen abgespeist werden, wird damit nicht im geringsten geholfen, wenn, sie Taler statt Fllnfmark- stücke— viel erhalten sie deren nicht— ausgezahlt bekommen. Mit der Silberspekulation der Bimetallisten ist es also zu Ende, sie wird heut als eine unbeachtlichc Torheit betrachtet. Dann wurde die Systemlosigkeit und die mörderischen Folgen der Kolonialpolitik in den deutsch-afrikanischen Kalo- nien unter das Scziermcsser scharfer Kritik genommen. Der Abgeordnete Erzberger(Z.) zählte eine Reihe von Kolo- inalgräueln auf, die sich würdig den zivilisatorischen Leistungen der Peters, Leist, Wehlan anreihen. Alle diese Dinge ließen, meinte der Redner, einen entsetzlichen Blick in das Innere der Kolonialverwaltung tun. Aber niemand läßt sich darüber täuschen, daß das Zentrum durch scharfe Kritik an empörenden Freveltaten unserer Kolonisatoren die eigene Mitschuld an dieser Kolonialpolitik verdecken will. Genügten dem Abgeordneten Erzberger die Motive für den Kolonial- etat nicht, warum griff er die Frage nicht tiefer auf, warum untersuchte er nicht die Motive dieser Kolonialpolitik? Täte er das, dann müßte er bekennen, daß seine Partei diese Motive guthieß, daß sie dieser Eroberungspolitik die Mittel bewilligte und wissen mußte, daß deni Länder- und Völker- raub Krieg und Aufstand, Raub und Mord folgen mußte. Deshalb hat ja die Sozialdemokratie von Anbeginn dieser Kolonialpolitik feindlich gegenübergestanden: aus diesen Gründen muß ihre Kritik gegen die Kolonialverwaltung eine prinzipielle sein und tiefer greifen, als die der bürgerlichen Parteien. Darum traf heute Bebel mit seiner Kritik der deutschen Kolonialpolitik nicht nur die Regierung, sondern auch alle die, die den Kolonialetat bewilligen. Für unsere prinzipielle Bekämpfung der Kolonialpolitik zitierte er aus der Denkschrift des Gouverneurs, des Grafen Götzen Aus- sprnch, daß KolonialpolitikErobcrungspolitik s e i und koloniale Kriege zur Folge habe. Bebel schilderte aber auch die grausame Art, wie die berüchtigtesten Kolonisatoren die Eingeborenen zur Empörung treiben, nicht minder kennzeichnete er die Kriegführung gegen die Aufstän- dischen, wie die Gerichtsbarkeit und zieh den Reichstag der Aufhebung eigener Rechte, speziell des Budgetbewilligungs- rechtes, wenn er immer wieder der Regierung für ver- fassungswidrig gemachte Ausgaben zu dieser Kolonialwirt- fchaft Indemnität erteile. Geradezu Hülflos stand der neue Kolonialdirektor Prinz Hohenlohe diesen Anklagen gegenüber. Der Herr muß bei Antritt seines Amtes schauerliche Verhältnisse vorgefunden haben, sonst würde er in seiner sonst schätzens- werten Offenheit nicht so glattweg eigentlich alles bestätigen, Was von der Opposition heute vorgebracht worden war. Auch er ist der Anschauung, daß Kolonialpolitik Eroberungspolitik ist, aber er steht nun einmal als Verteidiger dieser Politik da und darf nicht die Konsequenzen seiner Anschauung ziehen. Will er die Folgen dieser Politik mildern, so wird es hierzu zu spät sein, falls er die Kraft und die Fähigkeit hierzu be- säße. Man hat heute bereits allgemein das Gefühl, daß er nur Platzhalter für einen kommenden Mann ist, der sich besser über die traurigen Zustände hinwegzuschwätzen und die Kolonien als eine Perle in? Ruhineskranze der deutschen Politik dem„dummen Michel" vorzusabeln vermag. Nach dieser Bestätigungsrede des Kolonialdirektors siir unsere Auffassung der Kolonialpolitik wurde die Beratung vertagt. Morgen Schwerinstag. Initiativanträge der Frei- sinnigen usw. betr. Ausdehnung und Schutz des Vereins- und Versammlungsrechtes._ Kehraus im Abgeorduetenhause. Das Abgeordnetenhaus hat am Dienstag die zweite Be- ratung des Etats beendet. In seltener Eininütigkeit strich das Haus mit allen Stimmen gegen die des konservativen Abg. v. Staudy und des nationalli'beralen Hospitanten v. Schubert die von der Regierung geforderte Gehaltserhöhung für Herrn Lucanus. Der Chef des Geheimen Zivilkabiuetts, der jetzt 20000 Mark bekommt, hat nach Ansicht der Regierung eine pensionsfähige Zulage von 10000 Mark verdient. Gewiß ist Herr Lucanus im letzten Jahrzehnt sehr angestrengt gewesen, ungewöhnlich groß ist die Zahl der Minister, denen er die Einreichung ihres Abschiedsgesuches aus Krankheits- gründen nahe legen mutzte, aber ihm deshalb gleich 10000 Mark zuzulegen, das ist doch etwas zuviel. Sollte es sich nicht empfehlen, ihn für jeden in den Orkus beförderten Minister einzeln im Akkord zu bezahlen? Uebrigens freue man sich über die Ablehnung der Summe nicht zu früh. Schon planen die Nationalliberalen für die dritte Lesung des Etats einen— Vermittelungsantrag. Die noch ausstehenden Etats wurden fast debattelos be- willigt, der Etat der Ansiedelungskommission gegen die Stiinmen des Zentrums und der Polen, die darin eine Ver- fassungswidrigkeit erblicken. Auch das Etatsgesctz gelangte ohne Debatte zur Annahme. Am Donnerstag beginnt die dritte Etatsberatung.— Briand. Paris, 11. März. sEig. Ber.) Aristibe Briand ist Minister in einem linksrepnblikanischen Kabinett. Das ist kein europäisches und nicht einmal ein fran�ösi- sches Ereignis. Die m Erfüllung gegangenen A-ünsche dieses ebenso klugen wie Willensstärken Ehrgeizigen haben mit den Ideen und Methoden des Sozialismus nichts zu schaffen. Der„Fall Millerand' konnte in der ganzen Welt die Frage entzünden, ob das Proletariat im gewöhnliche» Verlauf oder doch unter außerordentlichen Um- ständen an der Regierung eines bürgerlichen Staatswesens teil- nehmen dürfe. Die Mehrheiten der sozialistischen Parteien haben seither die Frage verneinend beantwortet, der Amsterdamer Kongreß hat diese Entscheidung bestätigt. Diesmal fehlen auch die un- gewöhnlichen Verhältnisse, um dcrentivillen die Anhänger des Ministerialismns seinerzeit den Eintritt Millerands in das Kabinett Waldeck-Ronsscau gebilligt haben. Der Bestand der Republik ist nicht in Frage gestellt, und die radikalen Parteien können sich bei der Durchführung der Trennungsgesetze, der einzigen wichtigen politischen Frage der nächsten Zukunft, mit der sicheren Unterstützung der Sozialisten begnügen. Die Erledigung deS Budgets, die außerdem noch aussteht, ist wohl keine Aufgabe, die dem eifrigsten An- Hänger des Ministerialisnius als zureichender Grund erscheinen könnte. Im übrigen ist das neue Ministerium doch so offenbar ein Geschöpf der Not und Verlegenheit, daß niemand ihm im Ernst ein durchgreifendes soziales Reformprogramm zutrauen ivird. Nur der in ihrer Regierungstreue unersättlichen„Pelite Republiqne" zaubert der»och fortdauernde Portcfeuillehandel ein rosiges Zukunftsbild vor, in dem auch die„Versölmuiig der Rechte der Arbeiter und der Unternehmer" eine Rolle spielt, worunter man wohl im besonderen Falle das den Gewerkichaftsinicresse» so sehr widerstreitende Mille- randsche Schiedsgerichtsgesetz verstehen soll. Man nimmt Briand ins Ministerium als Ausdruck und Ver- treter der gesellschaftlichen Macht, die das Proletariat schon gewonnen hat, und man nimmt ihn nicht einmal als eine Persönlichkeit des Sozialismus. Das Mißtrauen, das manche bürgerlichen Kreise zuerst gegenüber Herrn Millerand erfüllte, die prinzipiellen Bedenken gegeil die sozusagen gesellschaftliche Anerkennung des Sozialismus fehlen diesmal. Die Radikalen rufen nach Briand. weil sie sich von seiner Intelligenz viel versprechen, ferner auch, um die Verantwortung teilweise von sich abzuwälzen, und schließlich ein wenig in der Hoffnung auf die Vorteile, die ihnen eine durch Briands Minister- schaft verursachte Verivirrung und Spaltung der Sozialisten just vor den Wahlen bringen könnte. In dieser Hinsicht täuschen sie sich allerdings vollständig. Außer in der Loire-Föderation. deren Ab- geordnete Augs und Charpentier bisher mit Briand durch dick und dünn gegangen find, ist die Genngtnung über die er- rungene Einigkeit und das Fieber des gegen die gesamten Bourgeois- Parteien eröffneten Wablkauipfes zu stark, als daß die Partei einen Abbruch zu befürchten hätte. Was nun Briand bewogen hat, nach dem dargebotenen Portefeuille zu greisen, ist der in der Bourgeoisdemokratie so stark wirksame »nbedingte Trieb zur persönlichen Macht. Im Spießbürgerland Frankreich ist alles aufs Praktische, unniittelbar Nützliche- gestellt. Der Deutsche glaubt an keinen Gott, tveil er ihm nicht denkbar erscheint, der Franzose, weil er ihn nicht sehen, hören und greifen kann. Der gesunde Wirklichkeitssinn dieses Volkes artet leicht in den seichtesten Philister-Egoismus ans. dessen Argumente man sogar unter dem Phrascnnebel des Marxismus und„Anti- Patriotismus" wiederfinde» kann. Je schwächer die Gemcinschasts- geiiihle entwickelt sind, desto stärker begehrt der Einzelne„Resultate". — Der junge Rechtsanwalt und Journalist Briand hat nie etwas anderes im Auge gehabt. Vorstand, Energie, Nednerbegabnng waren ihm in seltener Bereinigung gegeben. Eine allgemeine Geistes- bildung und ein tieferes Wisie» hat er nicht angestrebt. Er hat politische Projekte, denen er einen leidenschaftlichen Advokateneiser widmet, nicht politische Idee n. Vom Sozialismus, der er innerhalb weniger Jahre in seinen verschiedensten Auffassungen vertreten hat, weiß er wohl weniger als ein halbwegs routinierter französischer Gewerk- schastler. Aber sein Demagogentum hat er mit einer beinahe ver- söhnenden Naivelät ausgeübt. Man darf ihm zutrauen, daß er die Leute, die an seinem Eintritt ins Ministerium etwas auszusetzen haben, wirklich nicht begreift. Als er seinen Ausstieg begann, stand er in der nächsten Nähe der Anarchisten. Den Generalstreik, ver- Hunden mit dein Armeestreik, bat er noch lange als die entscheidende Waffe des Proletariats angepriesen ldas nationalistische„Echo de Paris" ist so boshaft, ihn heute mit einigen kräftigen Zitaten aus einer seiner Broschüren zu begrüßen), während er schon inner- halb der sozialistischen Partei bis an die äußerste Rechte glitt. Mit den alten Kameraden mit der„direkten Aktion" verbinden ihn noch heute freundliche Beziehungen: denn ein herzhaftes Naturburschentum hält ihn von lächerlicher Parvenüeitelkeit entfernt. Er ist nicht treulos im moralischen Sinn, aber ein Mensch, dem der Begriff der Disziplin un- verständlich ist. Der Klassenkampf mag ihm als eine von unnützen Theoretikern ausgeheckte Abstraktion erscheinen. Man bringt sich hinauf, wenn es anders nicht geht, gruppenweise, besser aber einzeln. Das ist der ganze Slnn des Lebens. Aber Tüchtiges muß man leisten, anders bringt man nichts zuwege. Im verweichlichten Frankreich sind solche nüchternen Fanatiker deZ eigenen Glücks die Sieger: Die Rasse der Doumer,. Millerand. Briand. Das praktische Genie BriandS hat im Gesetz über die Kirchentrennung ein juristi- sches und politisches Meisterwerk geschaffen. Der Entwurf P r e s s e n s v s war eine originale, aus der Idee der tveltlichen Gesellschaft heraus gestaltete Schöpfung. Die Arbe.it BriandS war ihr kluger Ausgleich mit den Vorurteilen, Besorgnissen und Gelvohn- heilen. Briand ist also kein Verräter, denn er hatte nichts zu verraten. Man darf ihm selbst die Illusion zutrauen, daß er redlich und sogar pflichtgetreu zu handeln glaubt. Die Radikalen sagen ihm: Du hast das Trennungsgesetz gemacht, also mußt Du es auch vertreten und durchführen. Das mag ihm zwingend erscheinen. Daß es eine Parteipflicht geben soll, die persönliche Entsagungen fordert, kommt ihm sicher wie eine Kinderei vor. Wenn er vielleicht bei seinem Schritt ein gewisses Mißbehagen enwsindet, so wohl nur darum, weil ihm die Trennung von den Kameraden leid tut und weil er ihre Bestrebungen ungeni schädigt. Daß er dem bürger- lichen Klassenstaat dienen soll, ohne die sozialistischen Ziele zu fördern, das empfindet er schwerlich. Man versichert wohl, er habe die Erfüllung einiger Wünsche der Arbeiterschaft als Bedingung seines Eintritts aufgestellt: die Anerkennung der Gewerkschaftsrechte der staatlichen Angestellten— wozu allerdings die Tatsache, daß Barth ou, der entschiedenste Gegner dieser Rechte, als neuer Minister der öffent- lichen Arbeiten und des Post- und TelegraphenwesenS genannt wird. in einem merkwürdigen Gegensatz steht— ferner die Einstellung der Verfolgung der Antimilitaristen, vielleicht auch die Amnestie der Verurteilten des Prozesses vom Dezember. Das sind sehr berechtigte Forderungen. Aber auch wenn man von der einen Frage absieht: ob sie nicht— zum Teil wenigstens— ohne den Eintritt eines Sozialisten in das Ministerium hätte durchgesetzt werden können. so bleibt die andere doch bestehen, ob sie den üblen Eindruck auf- wiegen, den dieser neue Abfall eines sozialistischen Parlamentariers auf die Seele des Proletariats üben mag. Wobei der kaum er- freuliche Humor nicht zu übersehen ist, daß den antiparlamentarischen Gewerkschaftlern die doppelte Freude beschieden ist, ihre gerecht- fersigten Wünsche von ihrem alten Freunde auf die für die politische Aktion des Proletariats kompromittlerendste Art erfüllt zu sehen. Innerhalb der sozialistischen Partei selbst hat BriandS Schritt eine einmütige Verurteilung gefunden. Es ist begreiflich, daß sich manche seiner alten Kameraden an die Hoffnung einer Ablehnung in letzter Stunde anklammerten oder ihm selbst einen„schlichren Abschied" zubilligen mochten. Daß aber darüber vollständige Einstimmig- reit herrschte, daß die Beschlüsse der nationalen und internationalen Kongresse bindend seien und daß schließlich von der Gesamtheit deS Nationalrates die Formel gefunden wurde, die Briands Loslösung von der Partei feststellt, daS war eine bedeutungsvolle Probe des Einigungsbewußtseins der Partei. Man darf nun dem Wirken Briands mit Ruhe entgegensehen. Vielleicht wird er ein tüchtiger und tatkräftiger Minister der De- mokratie sein. Um so besser für ihn. Die Partei hat ein sehr be- deutendes Talent weniger, das sozialistische Proletariat aber hat keinen Genossen verloren. Die Partei war für ihn eine not- wendige Staffel seines Ausstiegs. Sie braucht es ihm nicht nach- zutragen. Denn sein Scheiden ist das Ende, nicht der Anfang einer Verwirrung. Paris, 13. März.(W. T. B.) Das Kabinett ist nunmehr folgendermaßen gebildet: S a r r i e n Präsidium und Justtz. Clömenceau Inneres(mit S a r r o u t als Unterstaatssekretär. B o u r- g e o i s Aeußeres. E t i e n n e Krieg. Thomson Marine. Briand Kultus und Unterricht. D o u m e r g u c Handel. B a r t h o u öffentliche Arbeiten. R u a n Ackerbau. P o i n- c a r ö Finanzen. L e y g u e s Kolonien. D u j a r d i u- B e a u m e tz Unterstaatssekretär für die schönen Künste. Gerard Unterstaatssckretär für die Post. Das Kabinett wird sich morgen der Kammer vor- stellen.— •• Deutfcbeö Reich. Das Fiasko der Ausiedelungspolitik. Die Kehrseite des tcntschen Patriotismus ist bekanntlich die brutale Unterdrückung fremdsprachlicher Volksstämme. Statt diese fremden Nationalitäten durch kulturelle Geschenke für das Reich zu gewinne», versucht man, ihnen durch den Polizcibüttel Anhänglichkeit an die Nation der Eroberer einzublänen. Namentlich die polnische Bevölkerung in unserer„Ostmark" hat ieit jeher unter dem preußischen Liebeswerben etwas auszustehen gehabt. Das natürliche Resultat dieser Vergewaltigungspolilik ist die wachsende Erbitterung der polnischen Elemente und ihr um so zäheres Festhalten an den nationalen Eigentümlichkeiten gewesen. Dabei vernrehrten sich die polnischen„Kaninchen" von zwei Millionen im Jahre 185t) auf gegen- wärtig mehr als drei Millionen. So verfiel man denn auf die geniale Idee, die Polen auszukaufen und deutsche Bauern an ihrer Stelle anzusiedeln. Diese Ansiedelungspolitik hatte den Vorzug. nicht nur deutsche Bauern ansiedeln, sondern auch verschuldeten preußischen Junkern ihre Güter zu horrenden Preisen abnehmen zu können. Und dies letztere Ziel ist denn auch in ausgiebigster Weise erreicht worden! Nach der Denkschrift der Ansiedelungskommission für daS Jahr 1905 sind in den zwanzig Jahren Ansiedelungspolitik bis zum Dezember 1905 370 Millionen ftir Güterankäufe ausgegeben worden. Die Gesamteinnahmen bettagen 86 Millionen, so daß die reinen Ausgaben 284 Millionen betrugen! Dafür sind nun Güter angekauft worden aus polnischer Hand mit einer Fläche von 101 810 Hektar, aus deutscher Hand mit einer Fläche von 194 513 Hektar, also zwei Drittel aller angekauften Güter stammten an� deutscher Hand! Eine famose Art der Bekämpfung des Polen- tums I Dabei würde die Situation für die Germanisierungspolitik noch viel schlechter werden, wenn die Denkschrift auch Angaben machte über die Anzahl der Güter, die umgekehrt aus deutscher Hand in die der Polen übergegangen sind! Die Denkschrift führt lebhafte Klage darüber, daß die deutschen Besitzer bei ihren Verkaufsangeboten stets den Drucks aus- übten, zu drohen, daß sie den Verkauf mit polnischen Käufern abschließen würden, falls nicht die Anfiedelungs- kommission sofort zugreife. Und unter diesem„Druck" sieht sich dann die Regierung zur Gewährung immer höherer Preise gezwungen. Im Jahre 1886 zahlte sie für den Hektar durchschnitt- sich 568 M.. im Jahre 1896 648 M., 1898 760 M., 1899 818 M., 1902 867 M., wäbrend sie 1904 gar 1025 und 1905 1184 M. pro Hektar zahlte! Die ausgekauften preußischen Junker haben also ein Bombengeschäft gemacht I Der germanisatorische Effekt dieser Verschleuderung von Hunderten von Millionen ist aber gleich Null geblieben!—_ „Borussia." Die Interpellation unserer Fraktion über das„Borussia"-Unglück hat anscheinend gewirkt. Die Dortmunder Staatsanwaltschaft hat an die Redaktton der„Bergarbeiter-Zeitung" die An- frage gerichtet, ob sie gewillt sei. in der Sache als Zeuge aufzu- treten unter Vorlegung des gesamten Materials. Natürlich tvurde sofort zustimmend geantwortet, und wurde daraufhin die Ver- nehmung bereits auf heute— den 13. März— angesetzt. Die Fülle deS Materials, das die„Bergarbeiter-Zeitung" veröffentlichen konnte, wird nun wohl das gerichtliche Verfahren in ein schnelleres Tempo bringen und damit die Ursachen des großen Unglücks an dai Licht der Oeffentlichkcit ziehen. Die Angelegenheit hat aber auch noch eine andere, polittschc Bedeutung. Minister Delbrück, der seine Aufgaben als Handels- minister wohl nach dem Bekenntnis eines seiner Kollegen auffaßt, der da erklärte:„Meine Herren, wir arbeiten ja nur für Sie I", gab im Abgeordnctenhause in Beantwortung der Interpellation eine für die Verwaltung sehr g ü n st i g e Darstellung von den Verhältnissen. Es wurde der Anschein eriveckt, der Minister stütze seine Behauptung auf gerichtliches Aktenmaterial. In dieser Annahme ist die Oeffentlichkeit indes getäuscht worden. Nicht amtliches Material, sondern private Mitteilungen, die von den an der Sache sehr interessierten Grubenbeamten"geliefert wurden, hat der Minister im Abgeordnetenhause vorgetragen!— Abermals§§ 130 und 110. Am roten Sonntag verbreitete der Fabrikarbeiter Franz Junker aus Düsseldorf daselbst auf öffentlicher Straße anarchistische Flug- blätter. Er wurde wegen Aufreizung verschiedener Klassen der Be- völkerung zu Gewalttättgkeitcn und wegen Aufreizung zum Un- gehorsam gegen die bestehenden Gesetze unter Anklage gestellt. DaS Flugblatt enthielt neben den alten anarchistischen Phrasen Haupt- sächlich die bekannten Schimpfereien gegen die sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften. Der Angeklagte machte den Eindruck eines durchaus harmlosen und unklaren Mannes. Er vermochte nicht darzulegen, welche Ziele er anstrebe. Er meinte, das werde das Gericht schon selbst wissen. DaS Urteil lautete auf— acht Monate Gefängnis. Der Angeklagte erklärte, diese sogleich antreten zu wollen. Interessant war die Begründung, weshalb denn in dem Flugblatt etwas Straf- bareS liege und solch' ungeheuer hohe Strafe nach sich ziehe. Der Vorsitzende führte auS, daß durch die Verbreitung eines solchen Flugblattes der öffentliche Frieden gefährdet worden sei. Wenn das Flugblatt auch gegen die Sozialdemokratie gerichtet sei, so gebe es unter diesen doch noch Leute, die sich beuilruhigt gefühlt haben. Der Vorsitzende und die anderen Düsseldorfer Gerichtsherren bezeugen durch diese fehlsame Begründung, wie unbekannt sie mit den Ansichten und Gefühlen von Sozialdemokraten sind. Die Sozial- demokraten müssen es dankend ablehnen, sich durch irgendwen be- unruhigt zu fühlen und protestieren energisch dagegen, daß ihnen die bürgerliche Tugend der Furcht und deS Schreckens unterstellt wird, um ein lmrichtiges Urteil zu begründen.— Militärjustiz. München, 10. März.(©ig. Ber.) Bekanntlich wurde vor einiger Zeit vom Kriegsgericht der I. bayerischen Division(s. Nr. 21 des „Vorwärts") der 28 Jahre alte Sergeant der 5. Batterie des 1. Feld- Artillerie-Regiments Johann Kopp(von Profession Schmied aus Speyer, wegen Mißbranchs der Dienstgewalt zu der auffallend niedrigen Strafe von 21 Tagen Mitielarrest verurteilt. Beim Ein- exerzieren der jungen Mannschaft gab der Sergeant dem Kanonier Friedinger den Befehl, den hinter ihm stehenden Rekruten Wille, der eine Uebung schlecht machte, ins Gesicht zu spucken. Wille befolgte den Befehl erst dann, als er von dem Sergeanten zum zweiten Male und in energischem Tone aufgefordert wurde. Gegen dieses Urteil ergriff der Gerichts- Herr, Prinz Rnpprecht von Bayern, Berufung au das ObexkriegS- gericht des I. Armeekorps, weil nicht auf eine höhere Strafe erkannt wurde; ebenso der Sergeant, weil ihm die Strafe zu hoch schien. Wie in der ersten Instanz wurde auch diesmal auf Antrag des Verteidigers Oberstleutnant Freiherr von Gagern wegen Gc- fährdung militärischer Jntcrcsjcn die Oeffentlichkeit während der ganzen Dauer der Verhandlung ausgeschlossen. Der Herr Sergeant fand heim Oberlriegsgencht für seine Gemeinheit noch mildere Richter als beim Kriegsgericht, denn die Berufung des Gerichtsherrn wurde verworfen, der des Angeklagten da- gegen staltgegeben und die Strafe auf 14 Tage Mittelarrest herab- gesetzt I Das Oberkriegsgericht kam zu der Anschauung, daß Sergeant Koppe den Soldaten Friediuger nicht vorsätzlich(trotzdem er zweimal den Befehl dazu gab), sondern nur infolge seines erregten Zustandes und seiner starken dienstlichen Inanspruchnahme zu dieser Beleidigung Willes bestimmt habe.— Bcrmlndcrung der Ostasiatischen Besalzungsbrigade. Offiziös wird gemeldet: „Im Verfolg der im Oktober v. I. durch den Kaiser augeregten Zurückziehung der internationalen Besatziiugstruppen aus der Pro- vinz Tschili in China ist nunmehr die Zurückführung der Ostasiatifchen Besatzungsbrigade unter Belassung eines Detachements in T i cd i l i nach Deutschland befohlen worden. Dieses in Ostasien vorläufig verbleibende Detachcment— rund 26 Offiziere, 6 Sanitätsoffiziere, 9 Beamte und 700 Mannschaften— besteht aus der Gesaudtschaftsschutzwache in Peking in ihrer bisherigen Stärke, d. h. 1 Bataillon zu 2 Kompagnien mit einem Zug Artillerie, und aus einer in T i e n t s i n slaliouierten Reserve. Diese Reserve gliedert sich in: Kommando mit Ver- waltuugsbeh.örden und Lazarett. 2 Jufanterie-Konrpagiiien, davon 1 beritten. Außerdem ist jeder dieser Kompagnien ein Zug Maschinen- gewchre zugeteilt. � Alle übrigen Offiziere, Sanitätsoffiziere, Beamten und Mann- schaften, zusammen etwa 1900 Köpfe, werden Ende April 1906 in Tientsin-Tangku beztv. Shfang-Tsingtau eingeschifft und treffen voraussichtlich in den ersten Tagen des Juni in Bremerhaven ein." Wir haben schon seinerzeit darauf hingewiesen, daß die Be- satznngsbrigade schon längst hätte zurückgezogen werden können. Auch scheint eS uns sehr fraglich, ob die sog. Gesandtschaftswacheu notwendig sind. Die Reorganisation der chinesischen Truppen hat derartige Fortschritte gemacht, daß sie mehr als ausreichend wären gegen einen neuen Boxeraufstand; sollten aber die Truppen sich an dem Aufstande beteiligen, so wären die Gesandlschaftswachen viel zu schwach. Die Amvesenheit fremder Truppen in der chinesischen Residenz kann schließlich nur aufreizend wirken.— Starke Erregung hat sich der Bevölkerung an der holländischen Grenze bemächtigt: seit Inkrafttreten der Handelsverträge dürfen nämlich nicht mehr die kleinen Onantitäteu Lebensmittel zollfrei über die Grenze gebracht werden. Mit diesem„Segen" der Handels- Politik sind auch die katholischen Arbeiter nicht einverstanden. Sie verlangen ganz energisch eine Aenderung. Der katholische Arbeiter- verein in Emmerich beschloß einstimmig, eine Petition an den Reichstagsabgeordneten Amtsgerichtsrat Fritzen in Berlin, den Ver- treter des Wahlkreises Mörs-Rees, zu senden. Der Abgeordnete wird darin aufgefordert, unverzüglich Schritte zu tun, daß die bis zum 1. März im Grenzverkehr gewährten Freimengen an Fleisch nud Mühlenprodukten auch weiter zollfrei eingeführt werden dürfen. Antikonfessionclle Studentenbcwcgung. Von den Unterzeichnern des bekannten antikonfessionellen Ltudentenaufrufes, über den wir vor einigen Wochen berichteten, erhalten wir folgende Zuschrift: Unser Auftuf hat, wie zu erwarten, die denkbar verschiedenste Beurteilung gefunden bei Profesforen und Studenten und weiterhin in der Oeffentlichkeit, als deren Repräsentant die Presse der ver- schiedensten Richtungen anzusehen ist. Im großen ganzen recht- fertigten unsere Kommilitonen das im Aufrufe über sie gefällte Urteil: soweit sie nicht ängstlich sich überhaupt zurückhielten, oder gar nach der Polizei riefen, wie das in München geschah. blieben sie uns gegenüber indifferent. Einzelne„Auchakademiker" sandten uns bezeichnenderweise anonyme Expektorationen. Seinen Hauptzweck aber, die Verbindung mit den weiter- blickenden Kommilitonen, hat der Aufruf erfüllt und gleichermaßen ist uns jetzt auch bestäsigt, daß der überwiegende Teil der Studierenden innerlich sich frei fühlt, also im Grunde schon überkonfessionell ist. Denn im Ernste konnten vernünftige Leute doch wohl nicht von uns annehmen, daß wir auf einen Massenaustritt der Akademiker aus ihren respektive» Konfessionen hofficu. Mit dem Erfolg sind wir durchaus zufrieden, weil er unS nun die Möglichkeit positiver Arbeit gewährt, zufrieden um so mehr als es fast ausschließlich gerade ältere Koinmilitmien sind, die sich an uns wandten. Und wir hoffen, daß alle Dunkelmänner über unser Arbeits- und Kulturprogramm und dessen verständnisvollzahme Planmäßigkeit sich noch mehr wundern— oder erschrecken?— werden als über unseren Aufruf, dessen Radikalismus auf sie gewirkt hat wie das rote Tuch auf den Stier. Die Profefforenschaft zeigte sich, soweit sie nach Aeußerungen in den Hörsälen nicht offensichtlich sich geärgert oder entrüstet hat oder mit seltenem Wohlwollen und Verständnis den guten und ehrlichen Kern unseres Aufrufs anerkannte, von einer beneidenswerten„Objektivität", und hätten nicht einige jüngere Dozenten uns geschrieben, so dürften wir getrost konstatieren, daß die deutschen Universitätslehrer ein Interesse für die inneren Angelegenheiten ihrer Hörer und weiterhin des gesamten Volkes verloren haben oder ablehnen. Denn die einzige Zuschrift, die wir von einem älteren Professor erhielten, kam uns aus dem Auslande, und zwar von keinem Geringeren als August Forel. Der berühmte Gelehrte sandte uns nachfolgendes Schreiben, das am besten die eben berührte Situation charallcnsiert und das auf unsere Bitte der hochverehrte Lehrer zu veröffentlichen gestattet hat. Es lautet: Sehr geehrter Herr I Ich begrüße Ihren mutigen Auftuf I Da? fft männlich! Mögen Sie Wiederhall überall finden und nicht zu viele Ver- folguugen zu erleiden haben. Ich kann Ihnen sagen, daß ich niemals einer Kirche angehört habe, indem ich die res. Kon- firmation verweigerte: das gleiche gilt von meinem älteren Sohne, stuck, weck, in Zürich. Nichtsdcstofteuiger erfuhr ich, während ich Professor der Psychiatrie und Direktor der Irrenanstalt in Zürich lvar, daß ich der logenannteu reformierten Landeskirche zugeieilt worden fei,„weil ich nicht ausdrücklich meinen Austritt erklärt hatte." Daraufhin erklärte ich sofort„meinen Austritt aus einer Kirche, in die ich nie eingetreten sei und der ich nie angehört habe." Ich habe diese? ausdrücklich und ungefähr(soweit ich mich er- innere) wörtlich in dieser Form getan, um den staatlichen Kirchen- Herren klar zu mawen, was sie für ein grausiges Spiel mit dem Gewissen und der Ehre der Bürger treiben. Ich erhielt darauf meine Entlassung, mit einige» bissigen Bemerkungen, die mich sebr amüsierten. Der staatliche und kirchliche Älaubenszwaug ist ein Anachronismus und eine Schmach für das 20. Jahrhundert. Die� akademiiche Jugend hat in der Tat hier eine hohe Mission zu erfüllen, denn die Alten sind bereits zu sehr verphilistert und fürchten für Einkomme» und Stellung. Ich werde Ihren Aufruf in unserem Lansanuer Blatt „La Libre Pcnsee" übersetzen lassen. Es ist eine Schmach, daß in Primarschulen und Gymnasien religiöse Glanbensmärchen den Kindern aufgezwungen werden, die in der Hochschule für Unsinn und Ammenmärchen bezeichnet werden müssen: durch diesen Zwie- spalt schändet sich der Staat selbst. Es ist eine Schmach, daß noch abhängigen Jünglingen und Mädchen von 16 Jahren(bei Katholiken gar von 12 Jahren) scharenweise bei der Konfirmation ein Glaubensschwur abgezwungen wird. den. die meisten und die besten bald darauf zu verleugne» gezwungen sind. Verzeihen Sie— aber wessen Herz voll ist, dem läuft der Mund über.— Nochmals meine volle Sympathie und Zustimmung zu Ihrem Kampf. Ihr Kampfgenosse Dr. A. Forel, vorm. Professor in Zürich. ftistaud. Frankreich. Die Ausschließung Briauds. Paris, 12. März.(Eig. Ber.) Der Nationakrat der sozialistischen Partei, der gestern ber- sammelt war, hätte ein wenig würdiges Blindekuhspiel aufgeführt, hätte er die Frage des Eintrittes Briands ins Ministerium, die iu aller Munde war und in allen Zeitungen verhandelt wurde, einfach ignoriert. Es herrschte auch keine Meinungsverschiedenheit darüber. daß die Partei einen neuen Fall Millerand nicht dulden dürfe. Nur die Form, in der man die Konsequenzen von Briands Schritt ziehen sollte, wurde Gegenstand einer längeren Debatte. G u e s d e und V a i ll a n t vertraten den Standpunkt, daß sich— zufolge den Beschlüssen der internationalen und nationalen Sozialistenkvngreffe— Briaud selbst schon durch die bloße Tatsache seiner Verhandlungen mit Sarrien selber ausgeschlossen habe. I a u r s s, dem der Abschied vom alten Freunde sichtlich schwer fiel, bemühte sich, ihm eine Galgenfrist zu erwirken: Er trat dafür ein, zu warten, bis Briaud den Eintritt ins Ministerium wirklich vollzogen habe. Al le ma n e. Longuet u. a. beantragten: Briand, der sein Mandat für die Loire-Födcration einem anderen Genossen übertragen hatte, vorzuladen, R v v e l i n berief sich, auf das Parteistatut, das vorerst die Entscheidung der Föderation verlange. Die Versammlung wollte aber keine Berlagnng, die jetzt— vor den Wahlen— nur eine neue Konfusion in der Partei hervorgerufen hätte. Gegen Jaures' Autrag sprach insbesondere auch der Umstand, daß Briand, wie man erfahren hatte, plante, nach der Annahme des Portefeuilles der Partei seinen Austritt anzuzeigen! Er hätte so die Ausschließung umgangen; denn diese kann man doch an einem AuS- getretenen nicht vornehmen. Zum Schluß wurde einstimmig der Antrag angenommen, der— ohne den Namen Briand zu nennen— folgender: Grundsatz ausspricht: „Angesichts der Behauptungen der Presse, daß ein Sozialist berufen worden sei, am nächsten Ministerium teilzunehmen, er- innert der Nationalrat daran, daß durch die bloße Talsache, an einer bürgerlichen Regierung teilzunehmen oder über die Teil nähme daran zu verhandeln, sich dieser S o z i a l i st selbst außerhalb der Partei st e l l t." Damit ist Briands Ausschließung natürlich vollzogen. Sein Name wurde in der Resolution nicht genannt, da eine authentische Bestätigung der Zeitungsmeldungen fehlte. In der„Humanitö" schreibt Jaurös heute:„Warum mußte sich Briand, um seine Regierungstalente und seine Kraft zur un- mittelbaren Aktion auszuüben, von der großen sozialistischen Partei trennen, die allein in ihrer Lehre und in ihrem Gedanken die ganze Zukunft des Proletariats trägt? Man kann über die Methoden des organisierten Proletariats in diesem und jenem Punkte seiner Entwickelung streiten, aber man muß stets dabei in Geistes- und Herzensgemeinschaft init ihn: bleiben, wenn man an, seinen Marsch einwirken will. Briand wußte wohl, daß er sich durch seinen Eintritt ins Ministerium in absoluten Widerspruch mit den Erklärungen und Entscheidungen der sozialistischen Partei und mit dem Einigkeitspakt setzte, der ihr als Grund- läge dient. Er hatte seinen Freunden, seinen Parteigenossen, gesagt, daß er, um der Partei keine Schwierigkeiten zu bereiten und keine neuen Streitfragen hervorzurufen, seinen Austritt aus der Partei erklären wolle, bevor er ins Ministerium eintreten werde. Ich habe gestern im Nationalrat inständig darum gebeten, sich an diese Prozedur zu halten. Der Nationalrat hat es vorgezogen, die Initiative zu ergreifen mit einem Beschluß, der an den Klassen charakter der Partei erinnert.... Nacb all' dem ist es besser, daß der Nationalrat einen klaren Beschluß gefaßt hat, der eine sichere Situation schafft und eine Erneuerung der Streitigkeiten und Konflikte nickt zuläßt, die solange anläßlich des Falles Millerand die Partei erschöpft haben."— Schweden. Der Wahlrcchtsvorschlag der Sozialdemokraten. Am Mittwoch, den 7. März, hat Geuvsic B r antin g in der Zweiten Rammer im Namen der sozialdemokratischen Fraktion einen Vorschlag zur Wahlrechtsrcform eingebracht, der seinem Inhalte nach den von unseren schwedischen Parteigenossen in den Jahren 1904 und 190ö eingercichteu Vorschlägen entspricht. Die Siiiiation hat sich jedoch seitdem insofern geändert, als unsere Genossen jetzt im wesentlichen dem Wahlrecktsvorschlage der Regierung zustimmen können und nur einige Verbesserungen verlangen, die allerdings wichtig genug sind. Zunächst schlagen sie vor, daß das Wahlrechtsaller ivie bei dem jetzt geltenden Wahlrecht mit dem vollendeten 2l. Lebens- jähre beginne und incht, wie die Regierung vorschlägt, erst nach dem 24.: ferner daß Armcnschulden nickt als Grund der Wahl- rechtsentziehung gelten sollen, wen» es sich um vorübergehende, durch Krankheit oder unverschuldete Arbeitslosigkeit notwendig gewordene Unterstützung handelt. Die wichtigste Aenderung. die unsere Cle- nosien vorschlagen, ist jedoch die, daß das Wahlrecht weder von der Erfüllung der staailichcn noch der kommunalen Steuer- pflichten abhängig gemacht werde. Außerdem erklären sie es für überflüssig, daß die Erfüllung der Wehrpflicht als Be dingung des Wahlrechts aufgeführt wird, da ja der Staat sowieso Machtinittel genug besitzt, Verletzungen jener Pflicht zu verhindern oder zu ahnden. Schließlich verlangen sie die Aufhebung des'„Wohnsitzzwanges", nämlich der Bestimmung, daß man nur in dem Kreise oder, bei größeren Städten, in der Stadt zun: Abgeordneten gewählt werden kann, wo man seinen Wohnsitz hat. Diese Abänderungsvorschläge sind außer von den 13 Sozial- demokraten noch von 4 Radikalen unterzeichnet. Der Anschluß der Radikalen wäre wohl stärker gewesen, wenn man auf dieser Seite nicht beabsichtigte, besondere.Vorschläge einzubringen, die sich auch auf das Frnnenwahlrecht erstrecken sollen. Es ist nur zu wahrscheinlich, daß die reaktionärsten Elemente in den beiden Kammern, die bisher sogar jede Untersuchung über die Zweck- Mäßigkeit dcS FraucinvahlrechtS ablehnten, sich nun plötzlich daiür erwärmen: vielleicht ein Damenwahlrecht in die Wahlrechtsreform einznichinnggeln, auf jeden Fall aber den Zwiespalt unter den Freunden des allgemeinen Wahlrechts dazu aus- zunutze», die ganze Reform soviel ivie möglich hinnuszuschieben. In der Ersten Kainmer hat ja der Abgeordnete Lilhander, Ivie wir bereits mitteilten, schon eine Handhabe dazu geboten.- Amerika. Roosevelt gratuliert zu der Btenschrnschlächterei. Dem General Wood auf den Phtlippinen sendete Präsident Roosevelt ein Glück- wnnschtelegramm zu der„glänzenden Waffentat" gegen die Moros. Weiteren Berichten aus Manila zufolge betrug die Zahl der ge- töteten und verwundeten Moros über 990, darunter Frauen und K i n d e r. Es heißt in den Berichten, daß so viele Frauen und Kinder sich um die aufständischen Krieger drängten, daß es uiimög- lich gewesen wäre, erst lange zu unterscheiden, wen man traf!— Besonders brutal—„tapfer" heißt es— sollen die Marinetruppcn, die sich in den Kampf mischten, vorgegangen sein. Im Marincamt habe man, schreibt der„New Aork Herald", mit Stolz von den Waffen- taten der Seesoldalen Kenntnis genommen.— Moros sind der einzige Stamm, den die Amerikaner bisher nicht zur völligen Unter- werfnng zwingen konnten; sie leben nicht an den Küsten, wie die meisten übrigen Stämme, sondern im Innern der Inseln, an oft unzugänglichen Stellen, wohin die Amerikaner ihnen nicht folgen konnten, sie besitzen einen starken Unabhängigkeitssinn und bekämpfen die Amerikaner als Eindringlinge. Die jüngste Niederlage ist eine der schwersten, die sie bisher erlitten haben.— SewerklcbaftUckes. Die«guten Sitten" der Kühncmänner vor Gericht. Bekanntlich betätigen die Kühnemänner ihre„hochherzige Arbeiterfürsorge" besonders darin, daß sie„mißliebige" Ar- beiter auf ihrem Arbeitsnachweis sperren und sie dadurch auf willkürlich bemessene Zeit hinaus arbeitslos machen. jahrelang haben die Berliner Metallindustriellen in der un- geniectesten Weise dieses gemeingefährliche Treiben ausgeübt, ohne daß es gelungen wäre, ihrer Sperrwut Einhalt zu tun. Erst nachdem das Reichsgericht im vorigen Jahre in einem grundsätzlichen Urteil den solchergestalt gemaßregelten Arbeitern einen Schadenersatzanspruch gegen die sperrwüti- gen Arbeitgeber zuerkannt hat, scheint jetzt ein Mittel ge- geben, den Kühnemännern auf diesem Gebiete wirksam zu Leibe zu gehen. Wir haben seinerzeit über die Verurteilungen der Firma Keyling u. Thomas und O. Herbcrg berichtet, gegen welche die Metallarbeiter Steinland und L e s s e r erfolgreich die Schadenersatzklage angestrengt hatten, weil sie auf Veranlassung dieser Firmen auf dem Ar- beitsnachweis der Kühnemänner gesperrt worden waren und infolgedessen trotz aller Bemühungen lange Zeit hindurch keine Arbeit zu erhalten vermochten. Jetzt liegt wieder eine solche Verurteilung vor, und zwar betrifft sie die aus dem Streik des Jahres 1903 sehr unrühmlich bekannte Firma I. M e h l i ch. � Genannte Firma hatte es bei der Vertrauenskommission der Metalliudustriellcn bewerkstelligt, daß der Schlosser G r i e g c r wegen seiner Beteiligung an dem erwähnten Streik auf die„schwarze Liste" gesetzt wurde. Wiederholt war er auf dem Arbeitsnachweis in der Gartenstraße: stets aber wurde ihm der Handschcin verweigert, ohne den ein Arbeiter eben keine Arbeit erhält. Die unausbleibliche Folge für ihn war eine längere Arbeitslosigkeit und damit notwendiger- weise auch der Ausfall von Verdienst. Unter dem Beistand der Rechtsanwälte Roth und Dr. H e i n e m a n n verklagte Gricger hierauf die Firma M e h l i ch auf Schadenersatz. So- wohl das Landgericht wie auch das Kammergericht erkannten feinen Klagcanspruch unter Bezugnahme auf das vorjährige Reichsgerichtsurteil dem Grunde nach für gerecht- fertigt an. Interessant ist es nun, wie sich bei dieser Klage die Kühnemänner als die unschuldigen Lämnier hinzuste�'en ver- suchten, um ihr Verhalten zu rechtfertigen und die jqruitdfätz- lichcn Urteilsgründe des Reichsgerichts zu erschütkrn. Be- kanntlich war ihnen das derzeitige Rcichsgerichtsurteil der- artig auf die Nerven gefallen, daß sie darüber in der Unter- ncbmerpresse die bcwcglickisten Klagelieder anstimmten. Sie haben daher die Zeit gewissenhaft ausgenutzt, unt durch ihren juristischen Beirat die„Gründe" für einen„Umsturz" der er- wähnten Reichsgerichtsentscheidung herbeizuführen. So behaupteten sie frischweg, es sei unwahr, daß der größte Teil(90 Proz.) der Berliner Metallindustricllen ihrem Verbände angehören. Mitglieder seien bei ihnen„nur" die Eisengießereien, Maschinenfabriken und die elektrotechnischen Betriebe, nicht aber die anderen großen und größten Be- triebe der Metallbranche wie Metall gießereien, Lampen- und Bronzewarcnfabriken usw. Nun ist es zwar Tatsache, daß die Fabrikanten dieser letzterwähnten Branchen ihre eigene Organisation haben, die„Vereinigung Berliner Me- tallwarenfabrikantcn". Es ist das aber die ebenso berüchtigte Abteilung II des Kühuemänner-Verbandes unter der Leitung des bekannten Generalsekretärs Nasse. Beide Organisationen sind von ein und demselben Geiste ge» tragen und stehen in denkbar innigstem Konnex mitcin- ander, vornehmlich wenn es sich um die Sperrung verfemter Arbeiter handelt. Bestritten wurde ferner, daß der G e- samtverbau d deutscher Mctallindustrieller den größten Teil der Metallbetriebe Deutschlands umfaßt und mit staat- lichen oder anderen außerhalb des Verbandes stehenden Be- trieben in einem derartig solidarischen Verhältnis steht, daß hierdurch ein Einfluß auf die Anstellung oder Nichtansiellung von gesperrten Arbeitern ausgeübt werde. Dabei ist es Tat- fache, daß der„Zentralverein deutscher Arbeitgcberverbände", dem doch die v e r s ch i e d e n st e n Unternehmerorganisa- tionen angehören, permanent schwarze Listen verschickt, in denen meistens ausdrücklich betont ist, daß die Vcrfemung der bezeichneten Arbeiter„auf Antrag des Gesamtverbandes deutscher Metallindustriellcr" erfolgt. Die Berliner wie auch die übrigen deutschen Kühnemänner begnügen sich also nicht damit, mißliebige Arbeiter nur für die ihren: Verbände an- gehörigen Metallbetriebe zu sperren, sondern sie suchen ihnen gleichzeitig durch die Zcntralvcreinsfeme eine fernere Be- schäftigung auch in allen übrigen Industriezweigen unmöglich zu machen. Als unantastbaren Beweis hierfür hat der„Vor- wärts" erst kürzlich eine ganze Reihe solcher Uriasbriefe, die aus dem Geheimsekretariat des Zentralvereins stammen, in ihrem vollen Wortlaut veröffentlicht. Tatsache ist ferner, daß sich auch die Staatsbetriebe(Werften, Eisenbahnwerkstätten) nach den schwarzen Listen der Metallindustriellen richten und verfemten Arbeitern die Beschäftigung verweigern. Ja selbst solche Firmen, die bis vor kurzem gänzlich außerhalb eines Arbeitgeberringes standen, wie beispielsweise die Firma Siemens m H a l s k e, haben laut urkundlichem Beweis auf Verlangen der Kühnemänner solche als mißliebig ge- kennzeichneten Arbeiter wieder entlassen. Angesichts dessen aber ließen die Metallindustriellen durch die Beklagte dennoch dreist und gottessürchtig behaupten, der Kläger hätte mit Leichtigkeit bei Nichtverbandsfirmen trotz der Sperre genügend Arbeit finden können. Weiter behaupteten die Kühnemänner, ihr Verband be- zwecke nicht Hemmung oder Unterdrückung der Arbeiterbcwe- gnng, sondern Herbeiführung eines gedeihlichen Verhältnisses zwischen den Mitgliedern und ihren Arbeitnehmern u n d d i e Werktätige Förderung des Wohles der in der deutschen Metallindustrie beschäftigten Arbeiter. Jedoch gegen ungerechtfertigte Be- strebungen, insbesondere gegen die größtenteils fri- Pol angezettelten Streiks, durch welche die Ar- beitgeber geschädigt würden, müßten sie sich schützen, und dazu diene das Mittel der Sperre. Die Maßnahmen, welche die Arbeitgeber träfen, seien nicht bloß zu ihrem eigenen Schutze, sondern auch zum Schutze der Arbeiter bestimmt, die durch die Arbeitsein- stellungen ebenfalls geschädigt würden. Nnwahr sei auch, daß der Verband solche Arbeiter nicht zur Arbeitsnachweisstelle zulasse, die sich durch Agitation für die Arbeiterorganisation, insbesondere durch ihr Auftretest in politischen oder gewerk- schaftlichen Versanimlungen„mißliebig machen". Der Ver- band kümmere sich um solche Agitation der Arbeiter über- Haupt nicht.(Das Verbandsstatut besagt das direkte Gegen- teil.) Nur Werkstattagitation, durch welche die Arbeit ge- stört und Arbeiter belästigt würden, dulde der Verband nicht, (Damit vergleiche man die Tatsache, daß dem Kläger der Ar- beitsnachweis lediglich wegen seiner Teilnahme am Mehlich- schen Streik gesperrt wurde.) Die Sperre dauere auch nur wenige Monate: sie werde auch nur nach sorgfältiger Prüfung durch die Vertrauenskommission verhängt und in der Regel wieder aufgehoben, sobald der betreffende Arbeiter einen dahingehenden Antrag stelle. Tatsache dagegen ist nun. daß Arbeiter schon jahrelang unter einer derartigen Sperre zu leiden hatten. Meistens wissen es die Arbeiter auch gar nicht einmal, daß sie gesperrt worden sind. Sie erfahren es viel- fach erst dann, wenn ihnen zu verschiedenen Malen der Ar- beitsschein auf dem Nachweis verweigert worden ist und sie trotz aller Bemühungen keine Arbeit erhalten konnten. Eben- sowenig wird ihnen(Gelegenheit zur Verantwortung gegeben, bevor die Vertrauenskommission die Sperre über sie verhängt. All die Einwände der Kühnemänner wurden auf Grund der Beweisaufnahme von den Gerichten denn auch als völlig unstichhaltig zurückgewiesen und darauf die Verurteilung ausgesprochen, weil solche Sperren zweifellos einen Verstoß gegen die guten Sitten in sich schließen.— Es ist daher allen Arbeitern, die von einer der- artigen Sperre betroffen werden und nachweisbar Schaden davon haben, nur anzuraten, ebenfalls mit Schadenersa�- klagen gegen die Kühneniänner vorzugehen. Vielleicht wird den Herren die Sache auf die Tauer doch etwas zu kostspielig. Freilich, eine moralische Bessernng dürfte von ihnen nach wie vor kaum zu erwarten sein. SerUn»na Llmgegena. Die btverstchende Lohnbewegung der Bäcker wurde an, Dienstag- nachmittag in einer stark besuchten öffentlichen Bäckerversammlung erörtert, die in Kellers Saal tagte. Die Bäckermeister, welche die Forderungen des vorigen Streiks bewilligt und ehrlich gehalten haben, sollen geschont werden, während den anderen höhere Forderungen gestellt werden. Die Forderungen selbst werden dem- nächst von einer VertrauenSmännerversammiung beraten und eine am 27. dS. Mts. stattfindende Verbandsversammlung wird die Forde- rungen endgültig beschließen, die• dann den Meistern ein- gereicht werden. Ueber den Zeitpunkt, wann ein etwa notwendig iverdender Streik beginnen soll, sowie über die sonst einzuschlagende Taktik soll erst dann etwas bekannt ge- geben werden, wenn es den Beauftragten der Arbeitnehmer an- gebracht erscheint. Der Verband der Bäcker hat in Berlin gegen- wältig rund 2000 Mitglieder, eine Zahl, die man bei reger Agitation angefichts der bevorstehenden Lohnbewegung in kurzer Zeit auf 8060-4000 bringen kann. Di« Organisation, stärker als je zuvor, sowie die sorgfältigen, wohlerwogenen Vorbereitungen der Bewegung, lassen einen guten Erfolg derselben erwarten. Die Versammlung »ahm einstimmig eine Resolution an, wodurch sie sich für den Eintritt in eine Lohnbewegung ausspricht und im übrigen den vorstehenden Ausführungen des Referenten hinsichtlich der Taktik und der Voll bereitung zustimmt. Die Lohnbewegung der Potsdamer Tapezierer hat einen raschen und guten Erfolg gehabt. Die Unternehmer haben die Haupt- sächlichsten Gehülfenforderungen bewilligt. Die Unterzeichnung deS oemeinsamen Tarifvertrages dürfte schon in den nächsten Tagen er- folgen. Der Stundenlohn beträgt 60 Pf., die Arbeitswoche 63 Stunden. Dies erfreuliche Resultat ist um so bemerkenswerter. als es ohne Arbeitseinstellung, nur durch den Einfluß der Organi- sation zustande gekommen ist. Oeutkd,«» Rcld». Herr Dr. Biiumrr und die Kruppschen Arbeiter. Die Kruppschen Arbeiter hielten am Sonntag in Essen eine überfüllte Versammlung ab. Zu dieser Versammlung war Herr Dr. B ä u m e r eingeladen, hatte aber mitgeteilt, daß er am Er- scheinen verhindert sei. Der Genosse Gemoll und der Bor« sitzende Jakobs des Hirfch-Dunckerfchen Gewerkvereins referierten und schließlich wurde nachstehende Resolution einstimmig an« genommen: „Die am 11. März in Essen tagende Protestversammlung, welche von 2500 Kruppschen Arbeitern besucht ist, erklärt:„Ueber die Lohn- und sonstigen Arbeitsverhältnisse bei der Firma Krupp werden in der Oeffentlichkeit von Firma freundlicher Seite Schilde- rungen verbreitet, welche nicht zutreffend sind. Wenn auch die Arbeitsbedingungen bei der Firma Krupp in einigen Betrieben nicht die allerschlechtesten sind, so entsprechen die an viele von tausend Arbeitern gezahlten Löhne und die sanitären Einrichtungen vieler Betriebe, besonders Feuerbetriebe. nicht entfernt der außer- ordentlich günstigen wirtschaftlichen Lage, in der sich die Firma infolge ihrer weltbekannten Monopolstellung befindet. Die Tatsache, daß 1904 von 100 Kruppschen Arbeitern über 70 Proz. erkrankten, beweist zur Geniige, unter welchen gesund- beitSschädlichen Verhältnissen die Arbeiter in der Eisen-, Stahl- und Metallindustrie noch zu arbeiten genötigt sind. ES ist unwahr, wie Herr Dr. Bäumer im Reichstage er- klärt hat, die Ueberschichten werden mit dem Einverständnis der Arbeiter gemacht oder angeordnet. Das Gegenteil ist wahr: Die Arbeiter müssen oft unter Androhung der Ent- l a s s u n g überarbeiten und SonntagSarbeit machen. Gegenüber dem Dr. Bäumcr, der im Reichstage versuchte, die hohe Krauten- ziffer der Kruppschen Arbeiter ans Simulation und Sucht nach den „hohen Krankengeldern" zurückzuführen, erhebt die Versammlung nachdrücklichst Protest. Herr Dr. Bäumer hat sich in der Verteidigung deö Hütten- besitze« als so mangelhaft informiert erwiesen, daß es um so erstaunlicher ist, wie dieser Herr eS wagt, die pflichtgetreuen Arbeiter in solcher Weise als zur Faulheit und Simulation neigend, zu verdächtigen. Die Bänmersche Verdächtigung weisen wir mit aller Entschiedenheit zurück und sprechen andererieitS den Volksvertretern, die für den Schutz der Eisen-, Stahl- und Metall- arbeiter eingetreten sind, unseren Dank aus." Im München-Gladbacher Jndustricbezirke sieht man einem Auf- leben der Te�-ilarbeilerbewegung entgegen. Während der Streik der 100 Arbeiter der Weberei Gebrüder Junker in Rheydt noch an- dauert, haben jetzt nach Ablauf der Kündigung auch in der Seiden- Weberei von Gebrüder Hölzermann etwa 70 Weber die Arbeit niedergelegt. Die Firma hatte einen Weber entlassen, was von den anderen Webern wegen der begleitenden Umstände als Maßregelung auigefaßt wurde. Nunmehr hat die Firma 80 weitere Arbeiter und Arbeiterinnen gemaßregelt, weil sie angeblich infolge des AuSstandeS der Weber keine Beschäftigung mehr für sie hat. Ein Streik der Tischler ist in Nürnberg ausgebrochen. Die Arbeiter hatten an sämtliche Unternehmer Forderungen eingereicht, die in der Hauptsache auf Verkürzung der Arbeitszeit von 54 auf 53 Stunden und Lohnerhöhung hinauslaufen. Die Unternehmer wollen nur die Hälfte der Lohnforderungen bewilligen und sich tveder auf eine Verkürzung der Arbeitszeit noch aus anderes ein- lassen. Darauf ivurde am Montag in 30 Betrieben mit über 500 Ar- beitern die Arbeit eingestellt. Die übrigen Betriebe sollen im Laufe der Woche folgen, wenn die Unternehmer sich zu keinen weiteren Zu- geständnissen herbeilassen. Eine Gaukonferenz der Schuhmacher Bayerns fand am Sonntag in Nürnberg statt. Nach den gegebenen Berichten sind in Süd- bayern 1090(bei 2000 bis 3000 Beschättigten), in Nordbayern 1376, (bei 4000 bi» 6000 Beschäftigten) Schuhmacher im Zeiitralverband; der Schuhmacher Deutschlands organisiert. Die Forlichritte sind besonder« in Südbayern sehr erfreuliche. In München sind sämtliche gibrikschuhmacher organisiert. An das Referat über Agitation und rganisation schloß sich eine mehrstündige Debatte, die sich m der l Hauptsache um die Frage drehte, wie das Verhältnis zwischen der I Zahl der Beschäftigten und der Zahl der Organisierten besser aus- � zugleichen sei, ferner um die vorliegenden Anträge auf Anstellung eines vom Zentralvorstande unabhängigen, besoldeten Gaubeamten für Bayern. Diese Anträge wurden mit 9 gegen 7 Stimmen abgelehnt. Beschlossen wurde, daß, nachdem in München und Augs- bürg die neunstündige Arbeitszeit überall durchgeführt imd Tarif- vemäge abgeschlossen sind, das gleiche auch in Nordbayern an- gestrebt werden soll. Ferner soll umgehend die Errichtung von Arbeitsnachweisen für Fabrik- und Schoßschuhmacher in Angriff genommen werden. Angenommen wurde auch ei» Antrag, wonach im Gau sofort eine rege Agitation für Abschaffung der Akkordarbeit eingeleitet werden soll. Der Brrdand der Schneidergehülfen Oesterreichs überreichte der GenoflenschaftSleitung der Schneidermeister eine Reihe von Forde- rungen. Falls darauf bis zum 24. d. M. keine Antwort erfolgt, die eine Besserung der Lage der Gehülfen verspricht, werden dieselben in den allgemeinen Streik eintrete». Glasarbeiter- Aussperrung in Dänemark. Die Arbeiter von „FhnS Glasvärk" in Odense sind ausgesperrt worden, weil sie dem Verlangen des Unternehmers, aus ihrer Organisation aus- zutreten, nicht nachkommen wollten. Der Unternehmer. LandSthings- mann Hey, sucht jetzt aus Deutschland und auS Schweden Arbeitsivillige, besonder« Glasschleifer, heranzuziehen. Die AuS- gesperrten erwarten, daß ihre ausländischen Kollegen sich nicht zu Streikbrecherdiensten verleiten lassen. Der Bergarbeltcrstreik in Pennsylvanien unvermeidlich! Der Ausschuß der Kohlenbergwerlbesitzer in Pennsylvanien lehnte die Forderung der vereinigten Bergwerkarbeiter auf Wiederherstellung der früheren Löhne und eine Besserstellung der Lage der Arbeiter in der Anthrazitindustrie ab. Unter den Bergleuten der Anthrazitgruben herrscht Erbitterung über die Ablehnung ihrer Anträge durch die Gesellschaften. Beide Parteien bereiten sich auf einen Streik vor, der am 1. April bc- ginnen würde. Seine Dauer wird auf sechs Monate be- rechnet. Die Bergwcrksbcsitzcr lassen Pallisade» um die Gruben ziehe« und stellen Nichtorganisierte Arbeiter ein. Versammlungen. Zur Tarifbewegung der Berliner Schlosser. Zwischen den beiderseitigen Kommissionen der Gesellen und Meister sind die Verhandlungen über den Abschluß eines neuen Tarifvertrages in der vorigen Woche fortgesetzt worden; ein positives Ergebnis haben sie aber auch diesmal nickt gezeitigt, obwohl der alte Tarifvertrag bereits am 1. April abläuft. Im Gegenteil, die Situation ist durch da« zünftlerisch- rückständige Verhalten der Jnnungsmcistcr recht bedenklich verschärft worden. Die Herren Schlosscrmeister legten nämlich in der letzten Sitzung den Gcsclleuvertrctern einen selbstsabrizierten Tarifentwurf vor, der geradezu eine BrüSticrung und Herausforderung der ganzen Gesellcnschaft bedeutet. Schon die sachliche Gegenüberstellung einiger Hauptpunkte in den Forde- rungen der Schlosser und dem„Angebot" der Meister zeigte zur Genüge, wie wenig Entgegenkommen die Jnnungshcrrcn gegen- wärtig beweisen. So verlangen die Gesellen beispielsweise den Abschluß des neuen Tarifs von Organisation zu Organisation, also zwischen der Schlosscrinnung und dem Verband Berliner Schlossereien einerseits und dem Metallarbeitcrverband andererseits. Tie Meister wollen dagegen nur ihre eigene Organisation als Kontrahenten benannt wissen, nicht aber den Metallarbeitcrverband. Als Mindrstlohn fordern die Gesellen für Ausgekernte 50 Pf. pro Stunde; für Leute, die zwei Jahre aus der Lehre sind, 55 Pf.; für selbständig Arbeitende 65 Pf. und für Kolonncnfiihrcr 70 Pf.; zudem eine Bauzulage von 5 Pf. für Arbeiten außerhalb der Werkstatt. Dagegen bieten die Meister einen Mindestlohn von— 40 Pf. ohne jede Abstufung und ohne Bauzulage; höhere Löhne wollen sie je nach Leistung einzeln vereinbaren. Fahrgeld wollen sie erst dann gewähren, wenn die Arbeitsstelle mindestens 4 Kilometer von der Werkstatt entfernt liegt; bei einer Entfernung von über 7% Kilometer gedenken sie dann schließlich auch die Fahrzeit zu bezahlen. Gefordert wurde die generelle Vergütung von Fahrgeld und Fahr- zeit für Außenarbeitcn ohne Rücksicht auf die Wohnungsentfernung des Arbeitgebers. Für Uederstunden bieten die Meister nur 20 Proz. und für Nacht- und SonntagSarbeit 33(s Proz. Aufschlag, während 30 biS 75 Proz. gefordert werden. Alle Bestimmungen über Ventilation, Werkstattreinigung, Wascheinrichtungen, Beleuchtung, Schutzvorrichtungen usw. wollen die Meister a u S dem Tarifvertrag entfernt wissen, weil diese Dinge angeblich nur in„Werkstattordnungen" hineingehören, dagegen verlangen sie die tarifliche Festlegung des— Rauchverbotes für die Gesellen wahrend der Arbeitszeit. Eine volle Bezahlung der Arbeitstage vor den großen Festen, wo um 4 Uhr Feierabend fein soll, lehnen sie ebenfalls ab; ebensowenig wollen sie deS Sonnabends eine Stunde früher Feierabend machen lassen. Auch die Pünktlichkeit der Lohnzahlung erscheint ihnen undurch- fübrbar. Während die Gesellen verlangen, daß die Lohnzahlung spätestens eine halbe Stunde nach Beendigung der Arbeitszeit er- folgt sein muß, wünschen die Meister diese Zeit nicht beschränkt zu sehen. Sie begründen ihr Verhalten mit dem„zeitgemäßen" Hin- weis daraus, daß cö doch Meister geben könne, die bei den gegen- wältigen Zeitläuften des Sonnabends nach Arbeitsschluß noch nicht das nötige Geld zur Lohnzahlung beisammen haben, wenn sie auch dum dcS Montags wissen, daß sie des Sonnabends Lohn zahlen müssen. Geradezu kurios aber ist ihr Ansinnen an die Gesellen, daß diese eine aus 5 Meistern und 5 Gesellen bestehende Schlich- tungSkommission anerkennen sollen, in welcher der Obermeister der Schlosserinnung den„unparteiischen" Vorsitz führt! Was würden die Herren Jnnungsmcister wohl für Gesichter gc- chnittcn haben, wenn die Gesesien gefordert hätten, den Vorsitz in )er Schlichtungskommission dem 1. Bevollmächtigten des Mctall- arbeiterverbande« zu übertragen! Um aber ihrem Angebot vollends die Krone aufzusetzen, verlangen die Meister nichts mehr und nichts weniger, als voß ihr 40 Pf.-Tarif auf dje Dauer von 4 Jahre«, also bis zum 1. April 1910, abgeschlossen werde! Di« Gesellen hatten eine zweijährige Vertragsdauer in Vorschlag gebracht. So also präsentieren sich die Berliner Schlosscrmeister als„wohlwollende" Arbeitgeber. Mit diesem Angebot der Meister befaßte sich am Sonntag im „Feenpalast" eine von zirka 3000 Personen besuchte Schlosser- Versammlung. Der erste Bevollmächtigte des Metallarbeiter- Verbandes. Cohen, beschränkte sich in seinem Referat lediglich auf eine sachlich-kritische Gegenüberstellung der beiden Vertrags- entwürfe. Aber das genügte auch vollkommen, um einen wahren Entrüstungssturm unter den Anwesenden hervorzurufen, der nur hin und wieder von schallenden, Gelächter unterbrochen wurde, wenn einige besonders krasse Rückständigkciten der Meister ihre cnt- sprechende Würdigung fanden. Der Referent schloß, indem er hervorhob, daß die Meister in den Kommissionssitzungen fast zum Ueberdruß immer wieder beteuert hätten, welchen Wert sie auf eine friedliche Verständigung mit den Gesellen legten. Denselben Wunsch hegten natürlich auch die Berliner Schlosser. Wenn jedoch die Meister keine ganz erheblich größeren Zugeständnisse wie die vorliegenden zu machen gedächten, dann werde sich aller Wahr- scheinlichteit nach ein Streik nicht mehr vermeiden lassen. Die Ver- Handlungen seien noch nicht abgebrochen; an den Meistern liege es jetzt also selbst, ob sie Krieg oder Frieden in ihren Betrieben haben wollen. In der kurzen Diskussion wurde das Angebot der Meister ein- fach als eine Verhöhnung der Gesellen bezeichnet. ES gelangte darauf einstimmig eine Resolution zur Annahme, kaut welcher die Vorschläge der Mcistcrkommission als gänzlich u n a n n c h m- bar zurückgewiesen werdni. Die Gesellenkommission wurde beauf- tragt, bei den weiteren Verhandlungen auf der Durchführung der den Meistern vorgelegten Forderungen zu bestehen. Der Bercin der Zimmerer Bcrlm-Z hielt am Sonntagvormittag eine außerordentliche Versammlung in den Jndnstriejälcn, Beuth- straße, ab. Nach Erledigung einiger kleiner VereinSangelcgenhcitcn ivurde die Stellungnahme der Zimmerer zum ersten Maifeicrtag bc- sprachen und einstimmig der Beschluß gefaßt, überall die Arbeir ruhen zu lassen und, wie bisher üblich eine große Versammlung zu arrangieren. — Es folgte der Bericht der Delegierten von der sechsten Konferenz der Zimmerer Deutschlands im Bolkshause zu Charlotten bürg am 4. und 5. März. Berichterstatter war R c p- s ch l ä g e r.(Die Leser des„Vorwärts" haben einen auS- sührlichen Bericht über diese Konferenz in Nr. 54, vom 6. März, gefunden.) Nach längerer Diskussion wurde bei, Beschlüssen der Konferenz die Zustimmung erteilt.— In die AgitalionSkommission wurden Webers, Smilowski und Schimmelpfennig gewäblt. Punkt 4 und 5 der Tagesordnung wurden wegen der vor- gerückten Zeit auf die nächste Versammlung vertagt. Es handelte sich um die Stellungnahme zum 7. Kongreß der Freien Bereinigung deutscher Gewerkschaften und die Wahl der Delegierten zuni Kongreß.— (Wiederholt, weil nur in einem Teil der Auflage.) Der Mnhlenerbeiter-verband, Zahlstelle Berlin, hielt am 11. d.M. im GewerkschaftMause seine gutbesuchte Monatsversammlung ab. Genosse Li»! hVclt seinen zweiten, mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Bortrag über die sozialpolitische Gesetzgebung, diesmal das Krankeniassengebiet behandelnd. Die kurz« Diskussion bewegte sich in zustimmendem«inne.— Beim zweite» Punkt. Lohnbewegung, teilte der Vorsitzende Ost- iv a l d mit, daß die Forderungen bei der einen in Frage kommenden Firma emgereicht sind und daß die gc- stellte Frist am 15. d. M. abläuft. ES werden Löhne gezahlt von 21 bis 24 M. pro Woche, wahre Jammcrlöhne, welche bei den jetzigen Preisen der notwendigsten Bedarfsartikel zum Himmel schreien. Die Versammlung sanktioniert daS Vorgehen des Vorstandes und beschließt einstimmig, daß in, Falle eines Streiks von jedem Mital'-d der Zahlstelle Berlin pro Woche 1 M. Ertrabcitrag zur Ergäiizu..g der statutarischen Unterstützung zu erhebe» ist.— Am 18. März soll ein Kranz auf dem Friedhof der Märzgefallenen niedergelegt werden. Letzte IVaebnebten und Depefeben. Stellungnahme gegen die italienische Parlamentsfraktiv». Rom, 13. März.(Privatdcpeschc des„Vorwärts".) An- geregt durch die Redaktion der„Avantguardia" fand in Mai- land eine Zusammenkunft der Syndikalisten statt, die bc- schlössen, ein Manifest gegen das Vorgehen der sozialistischen Parlamcntssraktion an alle Parteigenossen zu erlassen und den Parteiborstand aufzufordern, Ami der Leitung des „Avanti" zu ciithrbcn. Auch die Ärwerkschaftskommission Italiens protestirrt gegen die Fraktion und bestreitet ihr das Recht, sich als Vertretung der Interessen des Proletariats an- zusehen.— Zahllose Protesttelegranime der Organisationen sind eingelaufen; einige davon veröffentlicht der„Avanti". Freigesprochener Pfarrer. Woldhut, 13. März.(Privatdepesche dcS„Vorwärts".) Der katholische Pfarrer Garsert wurde heute von der Anklage wegen versuchter Verleitung zum Meineid freigesprochen. Der Pfarrer hatte eingeweicket, er habe nicht gewußt, daß die Zeugen vereidet werden und habe geglaubt. Malermeister Krämer wisse in der Tat nichts. Ter Brief an ihn habe ihn nur über die Rechtslage auf- klären sollen. Des Sturmes Gewalt. Cuxhaven, IS. März.(W. T. B.) Die Sturmflut hat hier namentlich in dem niedriger gelegenen Stadtteil Ritzebüttel großen Schaden angerichtet. Die Wellen haben tiefe Löcher in die Deiche gewühlt, besonders am Leuchtturm, dessen Fundament« freigelegt wurden. Die neue Schnellfeuerbatterie hei Duhnen, die ganz unter Wasser stand, soll auch jehr beschädigt sein. Etwas für unsere Regierenden. Budapest, 13. März. T. B.) Ministerpräsident Baron Fejervarn hielt heute eine Ansprache an eine bei ihm erschienene Deputation auS Neu-Peft, in der er u. a. erklärte, daß die Lösung der Krise nur durch daS allgemeine. Stimmrecht bcwirtt werdru wird. Ein Abgeordnetenhaus auf Grund des allgemeinen Stimm- rechtes wird nicht staatsrechtliche Kampfe provozieren, sondern die Lösung der großen Fragen des Bolkswohlrü in Angriff nehmen. Die Katastrophe von Courriires. LenS. 13. März.(28. T. B.) Bei der Trauerfeier in Mcri- cvurt verlas der Bischof ein Beileidstelegramm des Papstes. Minsster Dubicf hielt eine Ansprache, in welcher er seinem Schmerz über dac; Unglück Ausdruck gab, den Rettern seine Anerkemiung aussprach und tatkräftige Hülfe in Aussicht stellte. Die sozialistischen Dewi- tiertcn Lainendi»»nd SclleS hielte» Reden, in denen sie die Berg- werksgefellschaft anfS schärfste angriffen und für daS Unglück ver- antwortlich machte». AuS der Menge ertönten Rufe:„Nieder mit den Kapitalisten! Nieder mit den Mördern!" Zwischenfälle er- eigneten sich nicht._ Ertrunken dnrch Sturmflut. Brüssel, 18. März.(W. T. B.) Durch Sturmflut wurde gestern an der belgischen Küste großer Schaden angerichtet. In Antwerpen wurden die Kai« überschwemmt. In Melsen durchbrach das Wasser der Scheide die Deiche und überschwemmte die Niederung auf eine Strecke von dreiviertel Meilen. Mehrere Häuser wurden bis ans Dach unter Wasser gesetzt. Drei Frauen ertranken; zehn Personen, darunter ein« Familie mit vier Kindern,«erden vermißt. Wahrscheinlich find alle umgekommen. In Ostende drang da» Wasser über die Deiche. Ein in den Hafen einlaufende« Fischerboot ist mit seiner ans sechs Man» bestehenden Besatzung untergegangen._ Zugentgleisung. Amsterdam, 13. März.(88. T. B.) Heute entgleiste zwischen Roosimdaal und Vlissingcn der Zug mit der englischen Post. Zwei niederländische Beamte sowie zwei deutsche von Obrrhausen gc- (outmene Beamte erlitten Berletziingcu. Der Bahnverlehr ist unter- brachen._ Für den Freihandel. London, 13. März.(W. T. B.) Unterhaus. Das Haus führte im Verlaufe der Sitzung die Debatte über die gestern von Kitson(Lib.) eingebrachte Resolution betreffend die Aufrechterhaltung deS Freihandels zu Ende und nahm die Resolution mit 474 gegen 98 Stimmen an. Tie Mitteilung über das Stimmenverhältnis wurde von der Mehrheit mit Lachen aufgenommen- Lerantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: VorwärtSBuchdr.u.BcrlagSanstalt Paul Singer LcCo.. Berlin SW. Hierzu 3 Beilagen u.Nnterhallungsblatt Nr. 61. 23. ZahtMg. 1. SrilW in Jonitts" jütrlinrr Jlollislilntt. Wwoch. 11. Mörz 1906. Reichstag. 64. Sitzung vom Dienstag, den 18. März, nachmittags 2 Uhr. Am BimdeZratStische: Freiherr v. Stengel, Prinz Hohenlohe. Auf Vorschlag des Präsidenten Graf Balle st rem lvird zu- nächst die z w e i t e B e r a t u n g des Gesetzentwurfs Betreffend die E n t l a st n n g des Reichst nvalidenfonds vorgenommen. Nach dieser Vorlage sollen sich vom 1. April 1906 ab die AuSgaden des Reichsinvolidenfonds auf diejenigen beschränken, die sich auS feiner eigentlichen Zweckbestiinmung bei seiner Gründung ergaben: auf die Fürsorge für die Kriegsinvoliden von 1870/71 und ihre Hinterbliebenen. Die übrigen Jnvalidengelder sollen in Zukunft aus dem Reichsbausbalt bestritten werden. Die Kommission beantragt unveränderte Annahme. Das HauS beschliesit ohne Debatte in diesem Sinne. Sodann wird der Etat des allgen, einen Pcnsionsfond� in zweiter Beratung ohne Debatte angenommen, ebenso der Etat des Reichst n validenfonds. Es folgt der Erat des Reichsschatzamts(mit Ausnahme einiger Titel). Die Kommission beantragt unveränderte Annahme und anhcrdem eine Resolution aus Einbringung eines Nachtrags- ctats für die Vcteranenbeihilfen. Die Regierung hat diesen Nach- tragsetat Bereits eingebracht. Abg. Dr. Arendt(Rp.) freut sich über die Bereits erfolgte wesent- liche Erfüllung der Resolution seitens der Regierung und beantragt Absetzung der Resolution von der Tagesordnung. Das HauS beschließt in diesem Sinne. Eine Reihe von P e- ti Honen um Gewährung eines EhrensoldeS an alle Kriegsteilnehmer werden den verbündeten Regierungen als Mu t e ri a l überwiesen, weitere Petitionen um Gewährung der Veteranenbeihilfen werden als erledigt erklärt. Bei den Einnahmen deS Reichsschatzamts fragt Abg. Gras Könitz(k.) den Reichsschatzsekretär, nach welchen Grund sähen das Verkehrsbedürfnis für die Ausprägung von Reichsmünzen bestimmt wird. Reichsschatzsekretär Freiherr v. Stengel: Die Vorlage Betreffend die Aenderung in der Ausgabe der Reichskassonscheine ist vom Reichs schatzamt bereits ausgearbeitet und wird jetzt vom Bundesrat be raten werden. Was die andere Frage anlangt, so liegt die Regelung des Geldumlaufes nach dem Miinzgesetz der Reichsbank ob. Diese ist dafür die am meisten sachverständige Stelle. Es werden von der Münze jetzt 1E> Millionen in Zweimarkstücke», 10 Millionen m Mark« stücken, 3 Millionen in halben Markstücken, 2>/z Millionen in Zebn- pfeunigstücken, 1 Million in Fünfpfennigstücken, 0,85 Mill. in Zwei und 0,4 Mill. in Einpfennigstücken ausgeprägt. In Kronen sind 20 Millionen ausgeprägt und weitere 20 Millionen werden solgen. Besonders stark ist jetzt das Bedürfnis nach Zehnpfennigslücken, zum Teil wegen der Zunahme des Straßenbahnverkehrs, zum Teil wegen der Automaten. Abg. Dr. Arendt(Rp.): Wenn die Ausprägung der SilBermünzen in dem Tempo weitergeht, in dem es jetzt geschieht, und das durch- aus notwendig eingehalten werden muß, so werden wir in drei Jahren das gesetzliche Maximum von Silbermünzen ans Grund der letzten Volkszählung erreicht haben. Die nächste Volkszählung findet aber erst in fünf Jahren statt. Diesem Dilemma zu entgehen, wird man am besten der AilSprägung von Talerstücken nähertreten müssen. ReichSschatzsekretär Frhr. v. Stengel: Die Taler haben sich als Münzen erwiesen, die der Verkehr nicht gern annimmt. Was die Enquete über das Bedürfnis an Talern anlangt, so ist sie bereits ab geschlossen. Ihre Ergebnisse sind aber jetzt den preußischen Ministerien zum Studium der Frage zugegangen, so daß ich Ihnen das Resultat nicht angeben kann. Abg. Gothein(frs. Vg.): ES liegt durchaus kein Bedürfnis vor, die Silbcrquote von 15 auf 20 M. pro Kopf der Bevölkerung zu erhöhen. Die Banken liefern so viel Silber, als man haben will. Bei einem großen industriellen Etablissement, bei dem ich Er kundigungen einzog, ob Schwierigkeiten in der LohnauSzahlnng vor- lägen, erhielt ich die Antwort: An Eilbennünzen und Scheide- münzen fehle es durchaus nicht, die bekäme man jederzeit bei der Bank, wohl aber bestände ein Mangel an Kronen und kleinen Kasienscheinen. Sollte also irgendwo im Lande ein Mangel an Silbermünzen bemerkbar werden, so liegt das nur an einer schlechten Organisation der Kreditverhältnisse. Man darf nie vergessen, daß das Silbergeld auf jeden Fall minderwertig ist, während das Papiergeld seine gesetzliche Deckung in den ReichSbankbeständen findet. Abg.». Kardorff(Rp.) gibt zu, daß dort, wo Filialen der Reiche Bank in der Nähe sind, das BedürstiiS nach Silbermünzen leicht ge� stillt werden kann. Hiermit schließt die Diskussion. Die Einnahmen und der Rest des Etats werden bewilligt. Der N a ch t r a g s e t a t, der 188 700 M. für Veteranenbeihilfen verlangt, wird in erster und zweiter Beratung erledigt. Es folgt die zweite Beratung deS dritten Nachtragsetats zum Etat für 1005 für das o st a f r i k a ni s ch e S ch u tz g e b i e t. Berickiterstatter Abg. Dr. Paasche(natl.) empfiehlt die Beschlüsse der Kommission. Abg. Erzberger(Z.): Es wird dem Reichstage nichts weiter übrig bleiben, als der Regierung für die ohne Genehmigung des Reichstages gemachten Ausgaben die Indemnität zu erteilen! Bedenken haben wir gegen die Einrichtung einer weißen Kompagnie. da diese nicht überall verwendet werden kann. Bedenken müssen wir auch dagegen haben, daß Schulen ohne Religionsunterricht eingerichtet lvcrden sollen, da dadurch der Mohammedanismus gefördert wird. Soddann haben wir zu rügen einen Mangel an Offenheit seitens des KolonialamteS gegenüber Anfragen aus dem Reichstage. So ist am 11. März 1905 augefragt worden, was ist in Ostasrika dem Hauptmann Kaunenberg geschehen sei, der, durch das Geschrei eines ilindes gereizt, das Kind und die Mmter erschoß. Kolonialdircktor Stübel antwortete, der Hauptmann sei bestraft, hat aber nicht mit- geteilt, daß er Pension erhalten hat. Gegen einen Beamten, der an der PcnsionSgewährung an Kannenberg berechtigte Bedenken hatte und diese Bedenken loyal auf dem Dienstwege äußerte, ist daraus- hin daS Disziplinarverfahren eingeleitet worden.(Hört! hörtl) Ich erinnere auch an den später mit einem Orden dekorierten Hauptmann BrandeiS, der Fälle von Verhängung von Prügelstrafen, um Unliebsamkeiten zu entgehen, einfach nicht in die Straflisten eingetragen hatte.(Hört I hört!) Der Referent des Kolonialamts erklärte hier, es könne nicht angenommen werden, daß Hauptmann BrandeiS die Grenzen des Zulässigen überschritten habe, während in der Kommission ein Lcgationsrat offen zugab, daß jener in der Tat diese Grenze überschritten habe.(Hört! hört!) Ebenso hat der Personalreserent der Äolonialabteilung erklärt, amilich sei ihm von dem Fall Thiery. der Schwarze wie Spatzen von den Bäumen schoß, nichts bekannt, während bereits ein Jahr vorher alle von Herrn Ablaß über diesen Fall angeführten Einzelheiten in einer Eingabe an den Reichskanzler bekannt gegeben waren.(Hörtl hört!) Auch in Ostasrika herrscht ferner das System, daß man Be- schwerden über den Gouverneur diesem selber zugehen läßt und sich dann nach diesen Angaben richtet.(Hört! hört! links.) Durch die Schilderung der Fälle, die ich aktenmäßig gegeben habe, habe ich be- wiesen, daß dem Reichstage seitens der Kolonialbehörde unrichtige Angaben gemacht wurden. Abg. Bebel(Soz.): Ich Bin im höchsten Grade überrascht, daß nach der Anklage- rede, die soeben der Abg. Erzberger gegen die Kolonialverwaltung im allgemeinen und gegen einzelne Beamte im besonderen gehalten hat, keiner von den Herren sich veranlaßt sieht, auch nur mit einem Worte darauf zu antworten.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Stellvertretender Kolonialdirektor Erbprinz Hohenlohe(unter- brechend): Ich hatte mich zum Wort gemeldet...(Die folgenden Worte bleiben unverständlich). Abg. Bebel(Soz.): Dann Bitte ich um Entschuldigung. Vizepräsident Graf Stolbcrg: Der stellvertretende Kolonial- direktor Erbprinz zu Hohenlohe hat sich bis jetzt noch nicht zum Worte geitieldet. Ich bitte fortzufahren.(Erbprinz zu Hohenlohe meldet sich zum Wort). Abg. Bebel: Der Herr Vorredner hat die Jndemnitätsfrage Berührt. Wir find der Meinung, daß das Bndgetrecht des Reichs- tageS unter allen Umständen gewahrt werden muß. Es geht nicht an, daß der Reichstag stets, wenn die Regierung nachträglich mit dem Verlangen der Indemnität kommt, erklärt, man sei nun in einer Zwangs- läge und müsse alles bewilligen. Wenn derReichStag diesen Standpunkt als selbstverständlich ansieht, dann brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn die Fälle von Jndemnitätsgesuchen sich häufen. Gerade nach den Vorgängen im vorigen Jahre, wo man den Reichstag so plötzlich nach Hause schickte, wäre es jetzt doppelt an der Zeit, ein Exempel zu statuieren und die Indemnität zu versagen. Ich betrachte den ganzen Vorgang als eine Mißachtung des Reichstags, und wenn der Reichstag sich gegen eine derartige Mißachtung nicht wehrt, darf er sich nicht wundern, wenn daS Gefühl der Achtung vor ihm noch tiefer sinkt.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Der Herr Abg. Erzberger hat dann weiter mit vollem Recht die mangelhafte Begründung vieler wichtiger Maßnahmen der Kolonialvrrwaltung gerügt. Er hat darauf aufmerksam gemacht, daß eS in der Kom- Mission manchmal stundenlanger Debatten bedurft hätte, um erst nachträglich Klarheit darüber zu erhalten, äuS welchen Motiven be- siinnnte Forderungen erhoben wurden. DaS ist auch von unserer Seite wiederholt beklagt worden. ES mutz aber hier konstatiert werden, daß an der Fortdauer diese? Zustandes den Reichstag die Hauptschuld trifft, weil er sich bisher mit denkbar mangelhaftesten Begründungen beim Kolonialetat begnützt hat. Herr Erzberger hat es dann kritisiert, daß die Regierung in Ostafrika die sogenannten religionslosen Schulen fördere, und hat gemeint, es müsse eine christliche Schulpolitik in den Kolonien betrieben werden. Wir haben uns über den sogenannten christlichen Charakter unserer Kolonialpolitik nie getäuscht. Wäre er in der Tat vorhanden, dann hätten all' die Dinge, die wir seit vielen Jahren hier vorgebracht haben, nicht passieren können. Die Kolonialpolilik ist keine christliche, sondern sie wird rein vom Staudpunkt des materiellen Nutzens des Profits betrieben. Fürst Bismarck hatte sehr recht, als er sagte, die Kolonialpolitik werde nur be- trieben, um Millionäre zu züchten.(Sehr richtig I bei den Sozial- demokraten.) Die große Mehrheit des Volkes ist an der ganzen Kolonialpolitik ungeheuer wenig interessiert. Im übrigen sind wir der Meinung, daß. wenn nun einmal Kolonialpolilik getrieben werden soll, daim der Standpunkt der verbündeten Regierungen in der Schulfrage als durchaus vernünftig anzuerkennen ist: Wenn die Kolonialpolitik Erfolg haben soll, so muß sie notwendigerweise die einflußreichen Kreise der Eingeborenen für sich gewinnen, und es ist unbestreitbar, daß es in Ostafrika, wo das mohamcdanifche Element das eigent- liche Kulturelement ist, im höchsten Grade den verbündeten Re- gierungen darauf ankommt, gerade dieses Element für ihre Politik zu benutzen. Herr Erzberger wies darauf hin, daß der deutsche Kaiser von den Eingeborenen als„Chef des MohaininedaniSmiiS" angesehen werde. Nun, ich habe die sckiarfc Vermutung, daß dem deutschen Kaiser sehr viel daran liegt, als Schntzherr der Mohammedaner angesehen zu werden. Ich finde, daß die deutsche Politik seit einer Reihe von Jahren darauf hinausgeht, im Orient sich möglichste Sympathien zu erwerben. Ich ermnere an die Reise nach Konstautinopel, die Reise nach Jerusalem, die Fahrt nach Marokko und die schönen Reden, die dort zugunsten der Selbst- ständigkeit des Sultans von Marokko gehalten worden find. All' diese Vorgänge sind in der orientalischen Welt von Mund zu Mund gegangen, und der deutsche Kaiser ist allen Fürsten gegenüber der Mann, der die Fahne des MohammedaniSmnS hoch hält. Vom Stand- punkt eines Mannes, der bestrebt ist, gewisse politische Zwecke im Orient zu erreichen, ist die Politik nur konsequent.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Herr Erzberger warf der Kolonialverwaltung Mangel an Offen heit, Angabe von falschen Tatsachen und ein BertuschungSsystem vor. Ich habe im Jahre 1901 die Kolonialverwaltung gefragt, Iva« mit dem Hauptmann Kaunenberg geschehen sei, der einige Ein- geborene erschossen haben sollte. Darauf kam die Erklärung, daß der betreffende Herr mit der Entlaffung aus dem Staatsdienst bestraft worden sei. Die Strafe war ja für einen Doppelmord außerordent- lich milde, aber wir find ja daran gewöhnt, daß in den Kolonien die Vergehen von Weißen viel milder bemteilt werden als die der Ew geborenen. Ich war erstaunt, als ich hier von den A� geordneten Erzberger und Ablaß hörte, daß eine Bestrafung in dem von mir erwähnten Falle überhaupt nicht ein- getreten und daß dem Hauptmann Kastnenberg auf dem Gnadenwege eine Pension bewilligt worden sei. Erst jetzt ist durch die Darlegungen des Obersten Ohnesorg in der Budget- kommission Klarheit in die Angelegenheit gekommen. Man hat von einem Sirafantrage abgesehen, weil man annahm, daß eS sich um eine„Körperverletzung" handele. ES wurde mitgeteilt, daß weder die Frau noch deren Kind, um die eS sich hier handelte, gestorben seien. Nach den Aussagen KannenbergS hat er einen Schuß gegen das Dach gerichtet, und da seien die Schrotkörner abgeprallt und hätten die Frau getroffen. Er habe dann der Frau 70 M. Schmerzensgeld gegeben und auch noch eine Summe für einen wohltätigen Zweck gezahlt. Ein Missionar aber erklärte, er habe im Rücken der Frau eine große Zahl von Sckmsien gefunden, und die Frau hat ausgesagt, daß Kaunenberg das Gewehr durch die Kraalswand gesteckt und es dann aus sie abgedrückt habe. Hauptmann Kannenberg war wegen schwerer Körperverletzung bereits vorbestraft und da ist wohl kaum ein Zweifel möglich, daß er absichtlich auf die Frau geschossen hat, und wir können die Darstellung des Hauptmann« unmöglich als richtig anerkennen. Nach ß 232 des Strafgesetzbuchs wird die Körperverletzung nur dann auf besonderen Autrag verfolgt. wenn sie nicht in Ausübung einer Amtspflicht begangen worden ist. Bei Kannenberg aber lag eine solche Handlung vor. und man hat dadurch, daß man den Attentäter laufen ließ, bei der Bevölkerung keinen guten Eindruck hervorgerufen. In den früher von mir erwähnten Fällen Leist und Wehlan ist doch wenigstens eine. wenn auch nur milde Strafe eingetreten, und wir waren bisher in dem Glauben, daß die Koloniaiverwaltung, wenn ihr Vergehen ihrer Beamten bekannt werden, einigermaßen dagegen vorgehen würde. Wenn nun aber der Abg. Erzberger betont, daß keine Sttafe, sondern eine Auszeichnung in derartigen Fällen stattfindet, so muß ich sagen, daß lch von seinem Standpunkt auS nichts für die Kolonialpolitik bewilligen würde.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Als vor drei Jahren die ersten Nachrichten über einen Aufftand in Südwestafrika kamen, hatte man uns angegriffen, weil wir die Schuld daran auf die Kolonialverwaltung und auf einen Teil der Kolonisten geschoben haben. ES ist ja nun ein kleiner Fortschritt zu verzeichnen, wenn wir sehen, daß hier bei der Frage nach den Ur- fachen im ostafrikanischen Aufstande kein Mensch gewagt hat, zu fagen, daß die Eingeborenen einen Aufftand auS Uebermut unter- nommen hätten. Alle Parteien haben vielmehr zugegeben, daß die Maßnahmen der Kolonialverwaltung und das Verhalten der Kolonisten die Ursache dazu gegeben haben. Das geht ja auch ans der Denkschrift hervor, die uns vorgelegt worden ist. Wenn allerdings in der Denkschrift gesagt wird, daß die deutsche Kolonialverwaltung sich von jeder AuSbeutnngS- Politik fernhält, so möchte ich das bestreiten. Kolonialpolitik ist Aus- licuiungSpolitik, und wenn keine Ausbeutungsmöglichkeit vorhanden wäre, so wäre keine Kolonialpolitik ii>,zeniert worden. Mögen einige Herren auS dem Zentrum annehmen, daß es sich dabei darum handele, die Einwohner auf eine höhere KulAirstufe zu heben, in Wirklichkeit handelt eS sich bei der Kolonialpolitik um Ausbeutung und Raub.(Sehr richtig l bei den Sozialdemokraten.) In der Denk- schrift werden als Ursachen für den Anistand angegeben die Forderung übermäßiger Arbeitsleistung von den Eingeborenen seitens der Unter- beamlen, die Verhängung der Strafen und die Erhebung der Hüttensteuer. Ferner wird angeführt,' daß die Eingeborenen schwere Klagen über daS Vordringen der Wildschweine erheben. Ja, die deutschen Bauern klagen ja auch über die schlechte Handhabung der Wildschadengesetze. Der deutsche Bauer ist die Jahrhunderte hindurch viel zu geduldig geworden. 1525 aber war der furchtbare Schaden, den das Wild anricbtete, eine Hanvtursache für den Bauernkrieg. Ein weiterer Punkt für die Unzufriedenheit ist die Anwendung der Prügelstrafe, die sehr oft erfolgt. Einer meiner Freunde bat ja vor einigen Jahren hier eine Nilpferdpeitsche vorgelegt, und es ist kein Wunder, wenn Züchtigungen mit einer solchen Peitsche in der Bevölkerung Empörung hervorrufen. Außerdem erinnere ich au die große Menge Todesurteile und schweren Freiheitsstrafen, die verhängt worden sind. Graf Götzen erklärte im„Tag" anfangs September des letzten Jahres, daß das Eintreiben von Rückständen seitens der Europäer zu Ausschreitungen geführt habe. Bezirköhauptmann Kilwa hat ge- schrieben, eS gäbe drei Dinge, die die friedlich veranlagten Em- geborenen in Ostafrika zum Aufstande reizen könnten: die Hütten- steuer, der Arbeitszwang und die Schmälerung des Landbesitzes. ES ist ein deutscher Bezirkshanptmann, der diese Anklage erhebt und eS ist sehr charakteristisch, daß er am Schlüsse seiner Ausführungen be- merkt:„Bin neugierig, wie lange e§ noch gut geht!" Ebenso hat Oberstabsarzt Dr. Arnim bereits im Mai 1905 in der„Täglichen Rundschau" darauf hingewiesen, daß unter der ganzen Bevölkerung eine unbehagliche Stimmung vorhanden sei. Sehr bezeichnend ist auch ein Bericht in der„Deutsch- Ostafrikanischcn Zeitung" vom 29. April, tvorin mitgeteilt lvird, daß zwei Vieh« Händler den Eingeborenen hundert Stück Vieh und Tausende von Schafen und Ziegen nicht etwa abgekauft, sondern einfach weggenommen hätten, wobei 47 Eingeborene, die sich dem widersetzten, ihr Leben einbüßten. Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Man darf sich wirklich nicht wundern, wenn solchen Gewaltmaß» regeln gegenüber die verzweifelten Schwarzen zuni Aufftand greifen. Sehr charakteristisch ist die Bemerkung der betteffenden Zeitung zu dieser Notiz: Daß diese Eingeborenen ein geradezu prächtiger Menschenschlag und durchaus friedlicher Natur wären. Kollege Paasche bestätigt mir das soeben durch ein„Sehr richtig!" Unter diesen Umständen wird auch in den Personen eine grundlegende Aenderung eintreten müssen, die jetzt das entscheidende Regiment in der Kolonie führen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokralen.) Auch über die Art, wie der Aufstand Bekämpft worden ist. sind schwere Klagen laut geworden. Nach einem Briefe, der aus Ostafrika am 23. August abgeiandt wurde, hat man die wehrlosen Schwarzen haufenweise niedergcschosieu und die Gefangenen regelmäßig auf- geknüpft.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Das ist doch keine Art des Kriegführens gegen arme, fast waffenlose Schwarze. In demselben Briese wird auch ausführlich dargelegt, wie die Ein- geborenen durch die kolossale Hütlensteuer und die unwürdige Be- Handlung in den Aufstand gettieben worden sind. Ich habe weiter die„Deutsch-Ostafrikanische Zeitung" vom 23. September 1905 vor mir. Darin wird unter anderen Ursachen des Aufstandes auch der angeführt. daß der Schwarze nach seiner Bildungsstufe in den letzten fünf Jahren ein ganz anderer Mensch geworden sei. Sehr charakteristisch wird also auch dort von den Weißen Klage erhoben, daß die schwarzen Kinder viel zu viel lernten! Man solle sich nur die ver- dummien Analphabeten europäischer Länder neben den Schwarzen vorstellen, die im reinsten Suaheli geschriebene Zeitungen läsen. Wenn solche Anschauungen unter den Weißen i? den Kolonien herrschen, und nach all den anderen Mißständen, die ich Ihnen hier vorgeführt habe, dürfen wir uns über den Ausbruch eines Auf- standes nicht wundern. Ich möchte aber an die Kolonialverwaltung die Anfrage richten, was sie zu tun gedenkt, um die Mißstände in Ostafrika, die durch den Aufftand seit einem Jahre aller Welt zur Kenntnis gekommen sind, dauernd zu beseitigen, ob sie bereit ist, ein ganz anderes System anzuwenden, und ob sie endlich ein- sieht, daß wir es in den Schwarzen mit Menschen zu tun haben, die, wenn sie ungerecht behandelt werden, mit vollem Recht zur Empörung greifen. Sieht die Kolonialverwaltung daS nicht ein, so werden wir niemals daran denken können, einigermaßen Ruhe in unseren Kolonien zu bekommen. Jedenfalls kann uns auch dieser Aufstand und alles, was mit ihm zusammenhängt, nur in dem ab- lehnenden Standpunkt Bestärken, den wir der deutschen Kolonial- Politik gegenüber von jeher eingenommen haben.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Stellvertretender Kolonialdirektor Prinz Hohenlohe: Ich habe auf die Rede des Abg. Erzberger hin nicht sofort das Wort ergriffen, weil eine Ergänzung seiner Ausführungen durch den Abg. Bebel bereits angekündigt war. wie sie ja tatsächlich jetzt auch erfolgt ist. Hinsichtlich deS Falles Kannenbcrg gebe ich zu, daß er sich tatsächlich so verhalten hat, toie er vom Abg. Bebel dargestellt ist.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten) Rur möchte ich be- merken, daß die Darstellung, welche Hauptmann v. Kannenberg von dem Schuß gegeben hat. denn doch nicht absolut unmöglich er- scheint. Die Bedeckungen der dortigen Häuser bestehen aus Stangen aus sehr hartem Holz. Wenn also der Hauptmann v. Kannenbcrg erklärt, er habe gegen diese Bedeckung geschossen und der Schuß sei abgeprallt, so ist das immerhin' möglich. Sodann möchte ich inBezug auf diesen Fall konstatieren, daß sich die Akten Beim zuständigen Militärgericht befanden und eine Bcnach- richtigung der Kolonialabteilung nicht erfolgt ist. Beim Kriegs- gericht ist auch dieser Fall zur Sprache gekommen.— Zum Fall Tiöry darf ich wohl eine kurze Denffchrift verlesen.(Der Redner verliest eine Sachdarstellung, wonach von Grausamkeiten TiöryS vor seinem Tode nichts bekannt geworden sei; in einem Falle hat er Neger deshalb getötet, weil sie einen Prätendenten gegen den recht- mäßigen Herrscher unterstützt hatten und im Kampfe den Sohn deS Häuptlings niedermachten. Die Beschuldigung, daß Tiöry sich einen Harem gehalten habe, habe sich nicht erweisen lasten. Gegen den Landeshauptmann Brandei« find auf Grund einiger weit zurück- liegender Fälle schwere Anklagen erhoben worden. Die Prügelstrafen, die er verhängt hat. wurden stets nur in Gegenwart des Polizei- meisterS und RegienmgSrateS vollstreckt und bestanden stets nur in einer geringen Anzahl von Hieben. Daher hat fein Verhalten auch an Ort und Stelle keinen Anlaß zur Beschwerde gegeben. Die spätere Untersuchung ist auf die Anzeige eines entlassenen Unter- Beamten zurückzuführen, mit dem BrandeiS in Konflikt geraten war. Wir haben an der Erklärung des Landeshauptmanns, daß er sich zur Vcrhängung der Prügelstrafe für berechtigt hielt, ebensowenig Zweifel gehabt, wie daran, daß nach dem Wortlaut deS Gesetzes die. Prügelstrafe nicht gerechtfertigt war. Immerhin lag hier ein Konflikt vor: Da eS sich um die Handlung eines Eingeborenen gegen seinen äuptling handelte, versagte unser gewöhnliches Strafrecht, und randeis glaubte, nach freiem Ennessen handeln zu dürfen. Daraus wird ihm ein allzuschwerer Vorwurf nicht gemacht werden können. (Unruhe links.) Äuf den Fall Koch möchte ich kei der vorgerückten Stunde nicht mehr eingehen, ich werde heute oder morgen eine aktenuiäßige Dar- stellung dieses Falles geben lassen.— Gegenüber der Behauptung, dah die Kolonialverwaltung es immer an Offenheit habe fehlen lassen, möchte ich bemerken, daß in der kurzen Zeit, in der ich im Amt bin, es stets mein Bestreben gewesen ist, mit vollster Offenheit alle Anfragen zu beantworten.— Was die nicht genaue Beantwor- tung der Anftagen des Herrn Abg. Ablaß betrifft, so ließ sich damals nicht übersehen, auf welche Fälle Herr Ablaß eingehen würde. Wenn damals eine unvollkommene Beantwortung erfolgt ist, so möchte ich mir teilweise die Schuld selbst beimessen. Es war eine der ersten Sitzungen, denen ich beiwohnte, und ich beanftragte den Personal- referenten. sofort Antwort zu erteilen, während das Material teilweise noch nicht zur Stelle war. sodaß die Antlvort m vielen Fällen nicht ganz vollständig und sachlich sein konnte. Ich bestreite aber, daß damals schlechter Wille die Schuld an der unvollständigen Antwort gewesen ist. Ich wiederhole, daß ich jedes Vertuschen von unliebsamen Vorkommnissen in den Kolonien nicht uur für unklug, sondern in jeder Hinsicht für schädlich halte. Bei den Verbindungen, wie sie heutzutage durch die ganze Wellt Sehe», ist es doch unmöglich, solch aufsehenerregende Fälle zu ver- Es ist weiterhin kritisiert worden, daß die Kolonialverwaltung die Beschwerde gegen den Gouverneur Herrn v. Puttkamer diesen gegeben hat. Die Beschwerde ist allerdings zunächst an ihn gegangen, damit er sich darüber äußern kann. Das muß immer geschehen. Die Einsperrung der Akwawute ist nicht auf diesseitigen Beschluß hin erfolgt, wie behauptet wurde. Man hat die„Eroberungspolitik", die wir treiben, für die Kolonialausstände und-Kriege verantwortlich gemacht. Aber nur wer prinzipieller Kolonialgegner ist, dars die Eroberungspolitik ver- werfen. Wer aber nach unserer ganzen volkswirtschaftlichen Ver- fassung Kolonien für notwendig hält, muß auch die Kämpfe mit in Kauf nehmen, die auch einem in der Behandlung der Eingeborenen so erfahrenen Volk wie dem englischen nicht erspart geblieben sind. Wir haben Fehler, gemacht, wie jede andere Kolonialmacht. Wir haben Mißgriffe begangen, teilweise aus Ncbcrhastung, weil wir in wenigen Jahren alles Versäumte nach- holen wollten, teils aus der natürlichen Veranlagung des Deutschen: unserem schroffen Naturell. Wie dem auch sei, der Gouverneur hat sich nicht gescheut, einzugestehen. daß auch er Fehler gemacht hat, er hat in seiner Denk- schrift anerkannt, daß deutsche Fehler zum Teil an dem Aufstande schuld sind. Es herrscht also das Gegenteil des Vertuschungssysteins. Ueber die Hüttensteuer und ihre eventuelle Veranlassung des AufstandeS werden jetzt Uutersuchuiigeil angestellt. Sie willen ja, wie unbeliebt die Steuern selbst in zivilisierten Ländern sind. sHeiter- keit.) Wie viel mehr bei der Negerbevölkerung. Auch die Engländer haben die Hüttensteuer eingeführt. Man muß abwarten, wie es gehen wird! Zivilisieren ist eine schlvere Sache! In den anderen Staaten ist der Kolonialdienst schon populär; die Engländer finden es gar nicht mehr so außerordentlich, sich eine sichere Existenz in Afrika oder Indien zu suchen. Aber wir haben jetzt auch ein vorzügliches Instrument in der Kolonialschule in Witzlcben und immer zahlreichere junge Leute werden uns bekannt, die nicht nur ein paar Jahre lang ein höheres Gehalt in unseren Kolonien verdienen ivollen, sondern dauernd dort dem Vaterlande nützliche Dienste zu leisten beabsichtigen. Auf diese Weise werden wir Kolonialbcamte erhalten, die nicht mit Vorurteilen hinausgehen, sondern vorurteilsfrei die Eingeborenen nach ihrer Art zu behandeln suchen. Es ist meine feste Absicht, einen selbständigen tüchtigen Kolonialbeamtenstand zu schaffen und zu sichern./z Proz. vorzuschlagen. Nach dem von dem Generaldirektor Dr. Wiegand an den AufsichtSrat erstatteten Bericht, ist die Eutwickelung der ersten Monate des neuen Geschäftsjahres sowohl im Passagier- wie im Frachtverkehr eine sehr günstige und auch die nächsten Monate versprechen gute Erträgnisse. Zug zur Konzentration. Einen internationalen Hoteltrust will Mr. Hilliard, der ftühere Direktor des Waldorf-Astoria-Hotels in New Jork, gründen. Mr. Hilliard weilt zurzeit in London, um englische Kapitalisten für seinen Plan zu interessieren. Er will in den größten amerikanischen Städten von New Jork bis San Francisco und in ganz Europa eine Reihe Hotels, 50 bis 100, errichten. Bestehende Hotels sollen dem Trust, der mit einem Kapital von 150 Millionen Dollar unter einem Generaldirektorium arbeiten soll, angeschlossen werden. Stimmung in Amerika. Zum Abschluß des Zollprovisoriums zwischen Deutschland und Amerika sagt die„New Jork Sun": Seit mehreren Jahren hat sich nichts ereignet, was so für die Förderung sreundschaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und den Ver- einigten Staaten wirken dürste, ivie die prompte Annahme der vom Fürsten Bülow eingebrachten Vorlage durch de» Reichstag, auf Importe aus Amerika bis zum 30. Juni 1907 die Mindestsätze des neuen deutschen Zolltarifs anzuwende». Die Tatsache, daß eine solche Differenzierung zu unseren Gunsten gemacht wird, zeugt von dem Wunsch der Berliner Regierung, Amerikas Freundschaft zu gewinnen und zu erhalten, und sie sollte und wird ein gleiches Gefühl auf dieser Seite des Atlantischen Ozeans hervorrufen. Nach dem No- vember d. I., wenn ein neues Repräsentantenhaus und zahlreiche Staatslegislaturen neu zu wählen sind, wird die Opposition gegen Reziprozität vielleicht weniger umfassend und ticfgewurzelt sein, als sie es gerade jetzt in Washington ist. Sicher ist, daß nach dem am Donnerstag vom Reichslage getanen Schritt daS Deutsche Reich die erste europäische Macht sein sollte, mit der wir einen Reziprozitätsverttag schließen. 8o2ia!es. Beachtenswerte Erscheinungen. In der westlichen Ecke des rheinisch-westfMschen Industrie- jcbietes, im Wahlkreise Duisburg-Mülheim-Obcr- jausen-Ruhrort, spielt sich die industrielle Eutwickelung mit all ihren Begleiterscheinungen in erheblich anderen Formen ab als im übrigen industriellen Teutschland. Tie wie Pilze aus der Erde schießenden industriellen lliiesenunternehmungen sowie die damit zusammenhängende amcrikanisch-sprunghafte Bevölkerungszunahme zeitigen Erscheinungen, die nicht nur das ökonomisch-wirtschaftliche Gebiet interessieren, sondern auch für den gctverksckiastlichcn und politischen Kampf manchen Fingerzeig geben, und die daher von den Organisationen nicht unbeachtet gelassen werden sollten. Ein solwcr beachtenslverter Fingerzeig ist auch die am 9. d. M. in der un obigen Wcchlueffe luvenden größten preußischen Land- den ge- die gemeinde Hamborn stattgehabte Geworbegerichtswahl. Die Gemeinde Hamborn, aus mehreren zusammenhängenden Ort- schaften bestehend, ist die richtige„Wild-W-est-Ecke", in der mit menrgen Ausnahmen wohl so ziemlich alle Nationeir Europas vertreten sein dürften. Kein Wunder, da st daS einheimische Element nur noch eine untergeordnete Rolle spielt und der. Ausfall der Wahlen, an denen die Arbeitcrmasscn beteiligt sind, von mehr oder minder stark hervortretenden Zufällen abhängt. Ein Grund mehr, die Agitation s p st c m a t i s ch und p l a n m ä st i g zu betreiben. Der jetzige Ausfall der GeNierbegerichtsioahl hat zweifellos gezeigt, dast es hiermit noch hapert. Bei der letzten Wahl hatten die Hirsch-Tunckerschcir mit damals noch schwach organisierten freien Gewerkschaften eine me infame Liste aufgestellt, die mit rund 800 Stimmen über vereinigten„Christen", die es auf rund 400 Stimmen brachten, siegte. Demgegenüber zeigt die jetzt stattgehabte Wahl ein geradezu beschämendes Resultat, aber nicht nur für die freien Gewerkschaftler, sondern für die Organisierten überhaupt. Trotzdem über 7000 eingeschriebene Wähler(bei der letzten'Wahl 5000) vorhanden, wurden nur 1103 Stimmen abgegeben. Von diesen erhielten der „katholisch-evangelisch-nationalsoziale" Misch- masch 235, die freien Gewerkschaften 260 und die Hirsch-Dunckerschen 243 Stimmen. Ter Rest von 315 stimmen entfiel auf— die Polen(!), von denen noch am Tage vor der Wahl nicht öffentlich bekannt war, dast sie eigene Kandidaten aufstellen würden. Tie„Christlichen", in dem Wahne, die Polen ins Schlepptau nehmen zu können, hatten noch kurz vor der Wahl dafür gesorgt, dast die Polen in einer Versammlung zusammen- kommen konnten, während den freien Gelverkschaftlern nicht ein einziges Lokal zur Verfügung stand, obwohl sie f a st drei- mal so zahlreich organisiert sind wie bei der letzten Wahll Dieser polnische Wahlerfolg zeigt, dast die Polonisierung des Westens durch die Industriebarone erfolgreicher ist als die sogenannte„Germanisierung" des Ostens durch die Junker und Juniergenossen. Während im Osten das Geld der Steuerzahler erfolglos verpulvert' wird, erreichen die Jndusrriebarone im Westen die Polonisierung nicht nur ohne Aufwendung besonderer Mittel, sie profitieren vielmehr noll> erheblich durch die Polonisierung. Für die gewerkschaftlichen und die politischen Organisationen dürfte cS sich lohnen, den Ursachen des Wahlaus- falles ein wenig nachzuforschen, namentlich auch mtter Berücksichtigung dessen, dast von den 260 für die Kandidaten der freien Gewerk- schaften abgegebenen Stimmen noch zirka 150 von Nicht- organisierten kamen I Lästt das nicht„tief blicken"?— Wohin soll es auch führen, wenn Geivcrkschaftsbemnte erklären, keine Zeit zu haben, um sich auch noch um die Gewerbe- gerichtswahlen zu kümmern! Oder wenn ein GeWerk- schaftsbeamter ostentativ in öffentlicher Versammlung erklärte, kein Sozialdemokrat zu sein, oder ein dritter bei Aufnahme seiner Kollegen in die Organisation darauf verwies, dast sie sich im Be- triebe ja nichts davon merken lassen sollten, dast sie organisiert seien, da ne sonst aufs Pflaster geworfen werden könnten! Ist das nicht eine shstcmatische Vcrsimpelungs- taktik? Tie Arbeiter werden bei solcher Methode ja geradezu zur Feigheit erzogen. In einer so bunt durcheinander gewürfelten Menge kann nur eine klare und entschiedene Agitation fruchtbringend wirken, während das Gegenteil zur Demoralisation auf gewerkschaftlichem und politischem Gebiete führen must. Daher keine Anlehnung an die christliche Taktik, sondern offen und klar aussprechen. Iv a s ist. Wenn das schon im allgemeinen das einzig Richtige, sö trifft dies noch um so mehr für die Ver- Iiältnist'e in der westlichen Metterecke des rheinisck-westfälischen Industriegebietes zu. Es wäre gut, wenn die Vcrbandslcitungen bei Anstellung von Beamten nach„Klein-Amcrika" die Personenfrage besonders gründlich behandeln würden, und wenn die polikischc Or- ganisation sich bemühen würde, falls die gewerkschaftlichen Organe versagen, zu prüfen, ob nicht ihrerseits die von gewerkschaftlicher Seite vernacklässigte, im Vertrauen auf ihre Kampffreudigkeit ihnen überlassene Aufgabe zu erfüllen ist. Im industriereichen Westen bei der Gcwerbegerichtswahl zu unterliegen, entspricht nicht der Stärke der dort politisch und gewerkschaftlich aufgeklärten Arbeiterorganisationen. Ter Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dast sämtliche drei unterlegenen Richtungen gegen die Gültigkeit der Wahl pro- testieren wollen, d. h. nicht deshalb, weil nun fünf Polen das Ge- Werbegericht in Hamborn besetzen sollen, sondern wegen babhlonischer Verwirrung in der Wählerliste, weil für die 7000 Wähler nur e i n Wahllokal zur Verfügung stand und weil die Listen einen Tag zu wenig ausgelegt gewesen sein sollen.— Darf der Vuchdruckergehiilfe von ihm angefertigte Proben von Drucksachen für Akzidenzaebeiten an sich nehmen? Ein Buch- druckereifaktor in Haynau hatte, wie das allgemein üblich, einige von ihm gefertigte Druckmuster von Akzidenzarbeiten im Werte von etwa 50 Pf. mitgenommen. In der Arbeitsordnung war die Mit- nähme von Drucksackien, auch der kleinste», verboten. Als sein Chef lBuckidruckerei Wageinann in Haynau) mit ihm in Differenzen geriet, liest er Haussuchung bei deni Faktor halten, entdeckte hierbei die Proben und— stellte Sirafantrag wegen Diebstahls. Das Schöffengericht verurteilte den Angeklagten auch mit Rücksicht auf den Passus in der Arbeitsordnung und zwar zu einem M o n a t G e f ä n g n i s. In der Berufung an die Strafkammer machte der Angeklagte geltend, dast solche Entnahme von Druck- proben, die man selbst gefertigt oder»ach eigenen Angaben habe anfertigen lassen, durch das technische Personal in der ganzen Buch- druckerwelt üblich sei, weil man solche Proben zu seinem iveiteren Fortkommen brauche und dieselben auch von den Prinzipalen ver- langt würden. Zum Beweise für diese Behauptung hatte der An- geklagte auch mehrere Ausschnitte des Arbeitsmarkles aus Fachschristen dem Gericht eingereicht. Das Verbot in der Arbeitsordnung legte der Angeklagte dahin aus, dast sich dasselbe weniger auf das technische Personal als vielmehr auf solche Arbeiter bezöge, die mit niederen und gewöhnlichen Arbeilen beschäftigt seien. Dieser letzteren Auffassungpflichtete dergeladene Sachverständige. Buchdruckerei- besitzer H e i n z e- Liegnitz, nicht völlig bei. Er bestätigte aber die Behauptung deS Angeklagten, dast es allgemein gebräuchlich sei, Proben von Drucksachen, die man selbst gearbeitet, an sich zu nehmen und zur Weilerernpfehhing zu benutzen. Auf Grund dieses Gutachtens nahm die S t r a f k a m m e r an, dast dem Angeklagten das Bewusttsein der Rechtswidrigkeit der Mitnahme der Drucksachen gefehlt habe und sprach. ihn frei. Die Buchdruckereifirma Wagemann liegt recht häufig mit den organisierten Buchdruckern und mit dem Tarife im Kampfe. Es dürfte kaum selbst ein scharfmacherisches Blatt geben, das seine Handlungs- weise als ehrenvoll anerkennen möchte. Die geschilderte Verhandlung legt den Arbeitern aller Berufe nahe, in ihren Tarifen ausdrücklich zu vereinbaren, in welchem Umfang und unter welchen Voraus- setzungen derartige für den Unternehmer fast wertlose, für das Fort- kommen der Gehülfen fast unentbehrliche Arbeiten mitgenommen werden dürfen. Das Vorgehen der Hagenauer Firma Wagemann zeigt eine besonders tiefe Nichtachtung des Werts der Arbeit und be- sonders hohe Schätzung der Arbeitsmaterialien. Wenn auch eine gleiche Rückständigkelt selten anzutreffen sein möchte, so geht eS doch nicht an, des Arbeiters straftechtliche Verfolgung von dem Zufall ab- häugig sein zu lassen, ob nach Ansicht des Gerichts ihm das Be- wusttsein der Rechtswidrigkeit seines Tuns beigewohnt hat. Was von derartigen später als Probearbeit zu verwertenden Arbeitsprodukten gilt, giltauch von wertlosen Materialabfällen, z.B. in der Textilindustrie. Insbesondere in den Fällen, in denen vereinbart ist, dast für den Fall des NichtauSkommens mit den gelieferten Stoffen(zum Beispiel Garn) Ersatz geleistet oder niederer Lohn gezahlt werden solle, widerspricht es der Billigkeit und dem Rechtsgefühl, dast im anderen Fall ein Zurückbehalten der Reste als Diebstahl oder Unterschlagung zu. charakterisieren sei. Wir erinnern an das ungeheuerliche, vor 15 Jahren in Schlesien gegen Weber gefällte Urteil, die zu Zucht- hausstrafen verurteilt wurden, weil sie Garnabfälle für sich behielten und gemeinsam verwerteten, und weil das Gericht annahm, das Bewusttsein der Rechtswidrigkeit habe ihnen beigewohnt. Durch Fälle wie den geschilderten, wird die Forderung von neuen» als berechtigt hin- gestellt, alle auf das Arbeitsverhältnis bezüglichen Rechtsverhält- nisse, einschliestlich der strafrechtlichen Fragen, den Gewerbegerichten und einem obersten, noch immer fehlenden, Reichsgericht für Arbeitersachen zu übertragen, dessen Mitglieder aus sachverständigen Laien bestehen. Zum Aerztestreik in Königsberg. Am Sonnabend ist der Streik der Aerzte in Königsberg beigelegt. Die Orlskrankenkasse hatte die Aerzte auf Schadenersatz wegen Vertragsbruchs verklagt. Nach der von uns mitgeteilten Entscheidung über den Erlast einer einstweiligen Verfügung und angesichts der gesamten Sachlage konnte eine Ver- urteilnng der Aerzte keinem Zweifel unterliegen. Die Kasse hat trotzdem zu einem Vergleich sich herbeigelassen, weil ihr die Sorge um erkrankte Arbeiter naturgemäst höher steht als eine Ver- urteilung der Aerzte zu einigen zehntausend Mark. Der Vergleich stipuliert die bestehende Vorschrift über die Funktion der Vertrauenskommission etwas präzie und wiederholt den bereits im Dezember 1005 vom'l or land gefatzten Be- schlust, vorab an dem System der fteien Arztwahl festzuhalten. Selten ist frivoler als im Köniasberger Fall der Vertragsbruch als ein Erpressungsmittel, das sich freilich als untauglich erwies, zwecks Verlängerung des bis zum Schlust dieses Jahres gültigen Aerzte- Vertrages um 5 Jahre vom Zaune gebrochen. Nach der von Ge- richten leider gegen Arbeiter dem Erpressungsparagraph gegebenen Auslegung war diese Forderung der Aerzte eine zweifellose Er- Pressung und das Ansinnen an die Auffichtsbehörde, der ärztlichen Forderung Geltung zu verschaffen eine der gröbsten Beleidigungen, die einer Behörde zugefügt werden können. Wir erwarten dennoch nicht, dast gegen die Aerzte strafrechtlich vorgegangen werden wird. Wohl aber fordert die Erscheinung, dast Aerzte in wachsendein Mäste den Krankenkassen die Erfüllung ihrer Aufgabe unmöglich zu machen suchen, ein Einschreiten auf gesetz- lichem Wege eiitiveder nach der Richtung, dast mit der Approbation die gesetzliche Verpflichtung zur Behandlung von Krankenkassen» Mitgliedern verbunden wird(ähnlich liegt es in der Schweiz), oder dast die Kassen ermächtigt iverden, wenigstens im Notfall, den Kranken statt ärztlicher Hülfeleistung erhöhtes Krankeitgeld zu ge- währen. ?Sttirr»»aSüt>erslck>t von, 13. März 1006, morgens 8 Ith«. Stationen .5 H e K Wetter I Sivinemde j745W Hamburg 75035335 Berlin 750® Franki a ilH. 760® München 762 W Sien 753 NB 5 wolkig 5 Schnee 7 wolkig 4ivolkenl 7 heiter 5 halb bd. ÖSt 0 — 1 0 — 1 — 3 o Stationen ä e Wetter taparaiida!735 O 2 Schnee etersbürg 744 SO 4 bedeckt Scilly ,762 WSW 5 Regen Aberdeeii j755WNW 4 halb bd. Paris|764(2S 2 wölken! II Ii Wetter Prognoie für Mittwoch, den 14. März 1066. Vielfach heiter, aber kühl und veränderlich mit geringen Niederschlägen und ziemlich starken wesUichen Winden. Berliner W e tt e rb u r ea u. nist C 5, gl) h r- -8 —6 7 -5 -1 LEIPZIG ER5TRM5 5 E ALEXANDERPLATZ Mittwoch, Donnerstag, Freitag.— Soweit der Vorrat reicht Besonders vorteilhaftes Angebot ca»0000 Dosen Gemüse-Conserven 80 50 36 Vi 0var. In dem Antrage auf ein Jahr Gefängnis liegt unbewußt das Ein- geständnis des bösen Gewissens der Klasse, die für die Rechtlosigkeit der Arbeiterklasse eintritt, des bösen Gewissens der bürgerlichen Klasse, die fühlt, daß die politische Entrechtung der Arbeiterklasse im Widerspruch mit der wirtschaftlichen EntWickelung Preußens steht, und die nur noch durch Gewalt das bestehende Unrecht verleugnen zu können meint. Vor kurzem wurde im Reichstag gewarnt, das Ansehen der Justiz im Aus lande herabzusetzen. Das Gericht hat ja im vorliegenden Falle freigesprochen. Aber die Tatsache, daß eine Staatsanwaltschaft und daß drei Richter diese Anklage erheben konnten, wird wahrlich zur Hebung des Ansehens der preußisch- deutschen Justiz nicht beitragen. Als Antwort auf solche Anklage lese und wäge man die Broschüre: Gegen Volksverdummung, Bolkskncdeltung und BolkSausbeutungk Gerickts- Leitung. Ei» mildes und ein hartes Urteil wegen Bedrohung. Im Sommer v. I. beschäftigte der Maurer- und Zimmermeister Pankstadt aus Goldap auf einem Gute eine größere Anzahl Maurer. Der Besitzer dieses Gutes teilte dem Meister mit. daß einer dieser Maurer im sozialdemokratischen Sinne aus die übrigen Arbeiter ein- wirke. Darauf stellte Pankstadt wegen dieses Verbrechens den sozialdemokratischen Maurer in derben Worten zur Rede. Um auch die nötige Nachwirkung dieser Strafpredigt bei dem Maurer zu hinter- lassen, äußerte er bei dem Verlassen der Arbeitsstelle:„A u f e i n e Hand voll Noten kommt es mir nicht an, ich nehme den Spaten und spalte Ihnen den Schädel!" Wegen dieser Aeußerung stellte der Maurer Strafantrag. Es er- folgte auch Anklage wegen Bedrohung mit der Begehung eines Ver- brechcns. Das Goldaper Schöffengericht nahm Rücksicht darauf, daß sich der Angeklagte in großer Erregung befunden habe, als er hörte, daß einer seiner Lenle sozialdemokratische Agitation betrieben habe. Es verurteilte den Meister zu drei Mark Geldstrafe oder einen Tag Gefängnis. Gegen dieses auffallend milde Urteil legte P. dennoch Berufung ein bei dem Jnsterburger Landgericht, welches dieselbe aber verwarf. Nun rief P. das Oberlondesgeri�cht zu Königsberg an. Das Urteil wurde aufgehoben und die Sache an die Vorinstanz zurückverwiesen. Am 7. März hatte sich die I n st e r b u r g e r Strafkammer wiederum mit diesem Fall zu beschäftigen. Nach längerer Beratung enlschied die Strafkammer dahin: nach subjektiver Hinsicht fehlen die Voraussetzungen einer Verurteilung gänzlich. Es sei nicht er- wiesen, daß der Angeklagte eine strafbare Absicht gehabt, auch habe ihm das Bewußtsein der Straf- barkeit gefehlt. Es sei daher auf kostenlose Frei- sprechung erkannt worden. Ein anderes Urteil wegen Bedrohung wurde am 3. März vom Schwurgericht in Allenstein gefällt. Ein Schuh- macher aus Allendorf war mit dem dortigen Gemeinde- Vorsteher verfeindet. Er wollte ihm einen Schabernack fpielen.j Zu diesem Zweck tat er in einen eisernen Topf ein Fünftel Pfund Schießpulver vermischt mit Eisen- stücken. Von einer alten Pistole brachte er den Hahn und Abzug mit einem Zündhütchen an. Durch eine kleine Oeffnung im Topf zog er ein an dem Abzug befestigtes Stück Bindfaden und stellte dann den Topf in eine Kartoffelmiete seines Feindes. Außerbalb der Miele befestigte er den Bindfaden an einen Stein. Der Ge- nieindevorsteher entdeckte diesen seiner Miete zugedachten Schabernack. Er schnitt den Bindfaden vorsichtig ab und machte der Staatsanwaltschaft Anzeige. Es wurde eine Probe veranstaltet, bei der sich herausstellte, daß der Topf wirklich eine heftige Explosion herbeiführte. Der Angeklagte beteuerte, er habe den Gemeindevorsteher nur erschrecken wollen. Die Geschworenen verneinten auch die Schuldfrage des Verbrechens gegen das Gesetz betreffend Gebranch von Sprengstoffen. Sie be- jahten nur die Schuldfrage, welche auf Bedrohung lautete. Der Gerichtshof erkannte auf sechs Monate Gefängnis. Asiatische Kriminalstndentrn. Große? Aufsehen erregte gestern im Moabiter Kriminalgerichtsgebäude das Erscheinen einer größeren Gesellschaft vornehmer Chinesen und Japaner, die unter Leitung mehrerer höherer Justizbeamten die sämtlichen Einrichtungen inner- halb des Kriminalgerichts in Augenschein nahmen. An der Spitze der Gesellschaft soll ein chinesischer Vizekönig gestanden haben, der mit„Exzellenz" von seinen Begleiter» angeredet wurde und die von einem Dolmetscher übersetzten Erläuterungen des Landgerichts- Präsidenten Geh. Ober-Justizrat Dr. Braun und des Ober- staatsanwaltS Dr. I s e n b i e l mit großem Interesse und Aufmerk- samkcit vei folgte. Auch verschiedene Japaner, unter denen sich ein Prinz Tsukimai befunden haben soll, nahmen an der Expedition teil. Nachdem die Söhne de» Reichs des Mikado und des Himmels einige Zeit einer Verhandlung vor dem Schwurgericht(Kniehaase- Prozeh) beigewohnt, �begaben sie sich in das neue Kriminalgerichts- gebäude an der Ecke der Turm- und Ratbenowerstraße, wo sich bei der Erläuterung der verschiedenen Einrichtungen wiederholt heitere Mißverständnisse ergaben. Erst nach ziveistündiger Wanderung durch die Hallen des Kriminalgerichts hatten die Herren aus dem fernen Osten ihren Wissensdurst gestillt. Der Anklagerede gegen unseren Genossen Preczang wohnten die Herren leider nicht bei. Schade: hätten daraus etwas Neues lernen können. Prozeß MilewSky. In der Affäre des Fräulein M i l e w S k y ist der von der Angeklagten gegen die Richter der ersten Straf- kammer des Landgerichts II gestellte Ablehnungsantrag jetzt durch Beschluß des Landgerichts II zurückgewiesen worden. Die Angeklagte hatte bekanntlich behauptet, daß nach einer Mitteilung des Rechts- anwaltS Gräfe der Herzog Ernst Günther erklärt habe,„der Richter habe ihn versichert, daß die Angeklagte mindestens ein Jahr Ge- fängnis erhalten würde". Die zur Aeußerung hierüber auf- geforderten Mitglieder der Strafkammer haben versichert, daß sie weder mit dem Herzog Ernst Günther, noch mit einem Beauftragten desselben, noch mit sonst jemand über die fragliche Affäre ge- sprachen hätten. Darauf ist die Zurückweisung des Antrages erfolgt. so daß nunmehr die Anberaumung eines neuen Verhandlungstermins zu erwarten steht._ Sitzung haben Mittwoch: Arbeitcr-Raucherbund Berlins und Umgegend. Aeiideruiigen im Vereinskalcndcr sind zu richlcn an Adolf Braun, Licbcnwalderstr. 50,' II. „Varinas", Jänickc, Gubenerstr. 7.—„Oualmbrüder", Wolfs, Rummelsburg, Kantstr. II.—„Waldcsgrün", Kunze, Forstcrstr. 3(5.—„Sieben roocht", Adlershos, Reichert, Bismarckstr. 28.—„Sicdleis", Wienert, Weitzcniee, Sedanstr. 60a.—„Rosenblütc", Zobel, straßmannstr. 4.—.Gemütlich- keit II LG.", Kurth. Wrangelstraße t05.—„Fidele Brüder", Lasse, Friedrichsselde, Luiscnstraße 20.—„Glühlicht II", Prose, Maxstr. 13c.— „Die Dauchsenden", Edel, Waldcmarstr 64a.—„Intelligenz", Bosold, Manteusselstraße 66.—„Flicderdust", Böhm, Zorndorfcrstraße 9.— „Weichselblatt", Zcldlcr, Franksurtcr Allee 176.—„Kornblume", Sasse, Plan-Uicr, Ecke Am Urban.—„Alts- Schöneberg", KcrsU.u, Tchöneberg, Sedanstr. 52.—„Sumatra", Beter, Lübbenerslr. 11.—„Fidele Raucher", Krüger, Rixdorf, Reutcrstr. tö.—„Sumatra SO.", Krone, Liegnitzcrstr. 18. —„Äonseguent", Klos. Schlesischestr. 37.—„Gerade aus", Maaßen, Woldenbergerftr. 14.—„Bruderbund", Kolms, Grünauerstr. 9.—„Veilchen- dust", Behrend, Schroartzkopffstr.8.—„Vorwärts", Hahn, Adalbcrtstr, 4.— „Blauer Ring", Charlottenburg, Gantke. Goelhcstr. 59.—„Rcgalila", Lconbardt, Koloniestr.>47.—„Ringclwolke", Vetter, Bredowstr. 11.— „Alpenrose", Wunderlich, Reinickendorf, Gescllschaststr. 24.—„Frohes Leben", Laue, Adlershos, BiSmarckstr. 10.—„Immer blau", Reinickendorf, Kluge, Berlinerstr. 128.—„Blütcndust", Fedtte, Cotheniusstr. 8.— „Morgenrot", Schmidt, Bwmcnstr. 43.—„Lustige Sieben", Leonhardt, Rixdorf, Prinz Handjerystr. 69,—„Rosenblatt", Schmidt, Pallisadenstr. 66, —„Lebensblüte". Niest, Kovpenstr. 17.—„Geselligkeit", Lobeke, Ober« Schönewcide. Wilhelminenhosiir. 15,—„Goldene Sonne", Gryger, Char- lottcnburg, Nehringstr. 27.—„Portorico", Höser, Skalitzcrstr. 17. Arbeiter-Radfahrcrbund„Solidarität--. Gau 9(Prov. Branden- bürg). Anfragen und Zuschriften sind zu richten an den Gauvorsitzcnden Karl Fächer, Waldstraßc 8. Berlin,„Berliner Arbeiter-Radsahrcroerein", Abteilung III jeden 1. und 3. im Märtischen Hos, Admiralstr. 18c: Abteilung IV jeden 1. und 3, bei MerkowSli, Andreasstr, 26; Abteilung VII jeden 1. und 3. bei Cranz, Köslinerstr. 8: Abteilung VHI jeden 1. und 3. bei Piclckc, Waldsw, 8.— Bergholz bei Potsdam,„Condor" nach dem t. bei Schulz,— Alt-LandSberg,„Stern" nach dem t, und 15. bei Rudolf Scidler.— Brandenburg a, H,,„Arbeiter-Radfahrvcrein" nach dem 1. im Volksgartcn.— Köpenick,„Vorwärts" nach dem 8, und 22. bei Helling, Schöncrlinderstr, 5,— Frankfurt a. O., A.-R.-V, nach dem 1. und 15, im Vorwärts, Breiteftraßc,— FricdrichSbcrg,„Glück auf" im Kronwunzen- garten sGürfch),— Friedrichshagcn,„Wanderer" nach dem 1, und 15 bei Kmrad, Friedrich str. 137.— Rowawes-Neuendorf, A.-R-V. jeden dritten Mittwoch im Volksgarten,— Rudow,„Blitz" nach dem 1, und 15, bei Reime, Bcndastraße,— Schönebcrg, Ä,-R,-V, nach dem 1. und 15, bei Obst, Meinmgerstraße 8,— Strausberg,„Frisch aus" vor dem 1, im Bürger- garten,— Velten, A.-R,-V, nach dem 1, bei Paris, Luisenstraße 17.— Wcißcnsce, A.-R.-V, nach dem 1. und 15, König-Chaussee 26.— Wilhelmsruh, „Frohes Ziel" jeden 2, Mittwoch bei Schneider, Hauptstraße,— Wilmersdorf, „Vorwärts" alle 14 Tage bei Seite, Brandenburgischestr, 100,— Schenken- vorj bei Gr,-Beer«n, nach dem t,— Korbiskrug,„Frei weg" naib dem 1. bei Kaczmarak.— Johannisthal.„Expreß" nach dem 1. und 15, bei Krüger, Friedrichskr, 10.— Alt-Glienicke,„Vorwärts" nach dem J. und 15. bei Witte,— Falkcnhagen,„Wanderlust" nach dem l, bei Schönebcrg,— Schönow,„Frisch aus" vor dem t, und 15, bei Otto Schulze,— Kirch- Hain N,-L,, A.-R.-V. nach dem 15, bei Wilde.— Reinickendorf, A-R.-V, jeden 1, und 3. bei Meiner!, Hauptstr. 50,— WaidmannSIust, A,-R,-V, jeden t, und 3. bei Büsch, Oranienburger Chaussee, Zlrbeiter-Radfahrerbund„stzrctheit". Geschäftsstelle bei F. Licr, Wemstr. 3, I,„Panther", Rixdorf, Dietrich, Ltmbcsw 7.—„Halt Stopp" bei Wagner, Stargarderftr. 73.—„Freie Radler", Spandau bei Schuster, Wörmannstr. 4, Arbciter-Turnerbund. Mittwoch und Sounabend: Turnverein „Jahn" in Trcptow-Baumschillenwcg, 8>t,— 10'/, in der Turnhalle Kicsholz- straßc 273: Männer- und LchrlingS-Abteilung,' Damen-Zlbteilung ebenda Montag von 8'/,— 10'/, Uhr,— Slrbcitcr-Turnverein„Froh und Frei", Groß-Lichterfclde(Damen-Abteilungl, bei A. Reiser, Chaussccstr. 104,— Freie Turnerschajt Ober-Schönewclde von 8—10 Uhr in der Turnhalle Frischenstraßc, Gefellige Vereine.„Nvmpstasa alba", Verein für Aquarien- und Terraricnkundc, jeden Mittwoch nach dem 1. und 15. des Monats im Eberl- Bräu. Jerusalcmcrstr. 8,— Mundharmonika- und Mandolinenvcrein „Svinphonie", Restaurant Storchnest, Müllerstr. 161.— Verein ehemaliger Schüler der 60. Gemeindcschule Blücherslr. 61.— Lottericvercin„Fidel" alle 14 Tage Solms- und Barutherstraßen-Eckc.— Verein der Aquarien« und Tcrraricnsrcunde Berlin, jeden Mittwoch vor dem 1. und 15. im Monat in GieSkeS Wirtshaus, LandSberarrftr. 80,— Skatklub„Revolution", außer dem 2, Mittwoch im Monat bei Voigt, Grünauerstr, 3.— Psropsen- verein„Nordost" bei Beiersdorf, Elbinacrstr. 9,— Sparvcrcin„Titus", Wicnerltr, 44,— Geselliger Verein„Weiße Nelke 1904" bei Bachmann, Langestr, 84.— Verein zur Bekämpfung der Tuberkulose(ehem. Bclzigcr) jeden 1. Mittwoch im Monat KönigSsäle, Königstr. 26. Deutscher Zlrbeiter-Abftiiientcnbuiid, Ortsgruppe Berlin. Ver« sammlung jeden 1. Mtlwoch im Monat im„Englischen Garten", Sllerander- ftraße 27o. Unterstüiiungsverein der Bierabzieher. Mittwochs nach dem 15. bei Ladcwig, Alte Jakobstr. 83. Verband deutscher Goftwirtsgehülfen. Jeden Mittwoch Sitzung Dirlsenflr. 39. I. Fachverein der Pbotographen. Jeden Mittwoch nach dem 1. und 15. im Prälaten, Alexanderplatz. Für de» Inhal» der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Veraiilwortnng. Cbcatcr. Mittwoch, den 14. März. Ansang 7'/, Uhr: Lperuhauö. Die weiße Dame, Schauspielhaus. Der Schwur der Treue, Deutsches. OedlpuS und die Sphinx, Reucs. Ein Sommernachistraum, Berliner. Zar Feodor yoannowltsch, tlÄesten. Die Asrikanerin. Ansang 8 Uhr: Schiller O.(Wallner-Theater.) Schiller«!.(Friedrich Wilhelm« städtisches Theater), Der Vogel im Käsig, Lessing. Und Pippa tanzt, Zentral. Der Bettel ftudent. Komische Oper. Hosimann» Er« Zählungen, Kleines. Antigone, Residenz. Der Pnnzgemahl. Trianon. Loulou. Gart Weih. Die lebende Brücke aus Kuba, LustsPiellimiS. Der Weg zur Holle, Dhalia. Bis srüh um Fünse. Luise«. Die Haubenlerche, Mctrovol. Aus ins Metropol, Walhalla. Heinrich Heine, Ballhaus-Anna, Deutich-Amerikanilches. Er Ich. Kasino. Die Herren«ohne. glpollo. Das bummelnde Berlin Spezialitäten. Herrnfeld. Familienlag Im Hause Prellstein. Folies Gavrice. Nach dem Zapfen- streich. Der Bcheme. Wintergarten. Saharet:.Die Kaiserin der Sahara".— Spezialitäten. Bcllc-AUiance. Spezialitäten, »teichsimllen. Stetitner Sänger. Passage. Spezialitäten. Urania. Taabciisirasie 43/49. 8 Uhr: Am Gols von Neapel. Sternwarte, Jiivalidenstr. 57/62. Täglich geösjnetvon l bis?'' Die und Berliner Theater. Abends 7'/„ Uhr: Gastspiel de? Moskauer Künstlerischen Thealers. Zar Feodor Joannowitsch. Donnerstag zum letzten Male: Onkel Wanja. Freitag: Nachtasyl. Sonnabend nachmittag 2'/, Uhr zu ermäßigten Preisen: Maria Stuart. Heues Theater. Ansang 7'/, Uhr. Lin 8mmernselll8traum. Donnerstag: üehesleute(Ämants). Freitag: Boubouroche. Vorher: Ole Neuvermählten. Sonnabend: Ein Sommernachtstraum. Kleines Theater. Anfang 8 Uhr. Hntlgom. Donnerstag: Antigone. Zentral-Theater. (Operette.) 8 Uhr(halbe Preise l): ver Bettelstudent. Komische Oper. Mittwoch, 14. März, abends 8 Uhr: Zum 7». Male: Hoftmanns Erzählungen. Donnerstag: Don Pasquale. Freitag: Die Boheme. Sonnabend: Hottmanns Erzählungen. Luisen-Thealer. Abends 8 Uhr: Die Haubenlerche. Denncrslag: Gras Esiex. Freitag: Ein Sommernachtstraum. Sonnabend: Der Verschwender. Sonntag nachm.: Der Kausmann von'Venedig.— Abends: Ein Sommernachtstraum. Montag: Die Haubenlerche. Schiller-Theater N.(Friedr.-Dilh.Th) Mittwoch, abends 8Uhr: vvi- Voixvl Im Käfig. Schausp. in 5 Alten v. St. Großmann. Donnerstag, nbc n ds8 Uhr: T/edvi» anncrv Kraft.(2. Teil). Freitag, abends 8 Uhr: Der Vogel Im Käfig. Sohilter-Theater 0.(Wallner-Theater). Mittwoch, abends 8Uhr: �apteii>«trelel>. Drama in 4 Auszügen von Franz Adam Bcyerlein. Donnerstag. abendSSUHr: Der Vogel In» Kätlg. Freitag, oben 68 8 U a r: Velber unsere Kraft.(1. Teil.) 65 Abessinief" Gastans Panoptikum Frledrichsti*. 165. Kein Exira-Entree. Zirkus Albert Schumann .Heute abend präzise 7'/. Uhr: Grande SoirOe equestre. Ganz hervorragendes Sport-Programm. U. a: Direktor Albert Schumann mit seinen anerkannt unerreicht dastehenden Original, Schul- und Freiheitsdreffuren. Vorführung großer equettrischcr DableauS. Koiikurrcnzspringen der besten Springpferde des Marstalls. Ferner: Hille, k.nlve IUarzi mit ihren großartig dressierten Eisbai'sii. U a. zum 1. Male: Oer singende Bär. Zum Schluß zum 87. Male: Die Perle aller Pantomimen Ikf" vaa■ aa das neue ■ emiiia Fraiienreich. Außerdem: Ein Souper bei Maxim. Les 7 PerezoffS. King Louis und Creard Troupe. Cashmore. d Stelzen- länig und sämtliche Spezialitäten. '_ Lustspielhaus. Allabendltch 8 Uhr: pft Weg zur Hölle. XI. Berliner Saison. Zirkus Husch. X/en! Dressierte A'ea! 70 Eisbären 70 unter persönlicher Vorführung des Herrn Ilagenbeck. Zum Schluß(um 9'/, Uhr): Zum 115. Male: Die neueste und gräBte Sehenswürdigkeit Berlins; ♦ Indien. ♦ Besonders hervorzuheben: Eine Witwenverbrennung. IPfT" Gewähnliche Preise.-WfZ Walhalla Thealer Heinrich Heine. Lustspiel in 3 Akten von A Mets. Hieraus: Sie 3siihsns-Anns. Posse m Gej.> 2 Akt o Daun u Hostel Ans 8 Uhr. Rauchen überall gestattet Trianon-Tbeater. Anfang IdOnlOU. S Uhr Sonntag nachm.: Die herbe Frucht, Urania Jr«;«; Abends 8 Uhr: Am GolMron Neapel. Sternwarte Deutsch- Amerikanisches THEATER. Jeden Abend 8 Uhr!! Gastspiel Ad. Philipp. Sonnt, nehm. 3 U Zum 82. Male: or, halbe Preise; Ueber'n großen Teich. Melropol-Theater Anfang 8 Uhr. - I's Große Jahresrevuo mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Rauchen in aU. Räumen gestattet. Residenz-Theater. Direhtion: Richard Hlexander. Heute zum 136. Male, morgen und folgende Tage 8 Uhr: Der Prinzgemahl. Satirischer Schwant in 3 Akten von L. Zanroj und?. Cbanccl, Sonntag nachm, 3 Uhr: Der Schlak- wagenkontrolleur. Neue Welt. Hasenheide I OS 114. Heule Mittwoch, den 14. März er,: GiKfcpIel des Bernti. Rose-Thealers. Das Milchmädchen von Schöneberg. Polksstück mit Gesang in 6 Bildern van Mannstädt. Ansang 8 Uhr. Kasseneräftn. 7 Uhr. VorzugSkaricn haben Gültigkeit. volles CaprlcQ Budapester Possen■ Theater 132 Linienstr. 132, Ecke FriedrichstraBe. Rur noch einige Tage: Der Beheme und Vach d. Zapfenstreich. Sonnabend, den 17. März: PREJ1IERE: Der Schmocb und Dalles& Co. Sm* Anfang 8 Uhr.._ Kaste den ganzen Tag geöffnet. Borvcrkaus bei Wertheim. Dtf! Weiß-Thealer. Gr. Fraiiksurterstr. 132. Täglich abends 8 Uhr: Die lebende Krücke auf Kulm Sonnabend nachm. 4 Uhr Kindervorstellung, kleine Preise: Hansel und Gre g. t tel. W. Noacks Theater. Direktion: Hob. Olli. Brnniieustr. 19. Zum letzten Male: In ruMkcher leibeigen sckaft. Schauspiel in 4 Akten v. P. Pawliczck. Ansang 8 Uhr. Entree 30 Pf. Donnerstag: Bcnesiz für Hans Adotti. Fröbels Allerlel-TheäleT Schönhauser Allee 148. Jeden Sonntag und Mittwoch: DM- Konzert � Theater, Spezialitäten, Tanz. Ans, aomilags 6 Uhr. Mittwochs 8 Uhr. DM- Soniiahendc sür Sommer« sestc sind noch jrei. KasinosTheater Lolhringcrstr. 37. Täglich 8 Uhr. Die Herren Söhne. Dolksstück in drei Alten von Walter u. Stein. ''das" neue bimte Härzprogramm. Sonnlag 4 Uhr: Die goldene Brücke. Neues Programm. S ah ar e t in der Burleske „Die Kaiserin der Sabara." Alonzo Bracco• Truppe, spanische Akrobaten. Madame Lo, lebende Bilder. Franca Piper, Banjo- Virtuose. „Rokoko"-Ballett v. d. John Tiller- Co., London. Newhouse und Ward, kom. Radiahr. Alexia, Pariser Tänzerin. Die 4 Rassos, Lttft�ymnastiker. Gabriele Modi, Soubrette. De Biäre, Zauberkünstler. Emil Sendermann. Der Biograph. Debrilder Zum 129. Male: Tatnilientag im Kause Prellstein. Komödie in drei Akten mit den Autoren A. u. D. Herrnseld in den Hauptrollen. Ans. 3 Uhr. Vorvert. 11-2 Uhr. Tonntag, den 1. April: fSF" Schluß"WD diesjähriger Spielsuisou! Abschieds-Vorstellung ----- im alten Hause!!----- palast-Theater Burg str. 24, 2 Min. v. Bh. Börse. Täglich 8 Uhr. Entree 59 Ps. Pro1! Mlle. Eugenie � Schulreiterin. Magda& Elsa Evolutionen aus Doppel-Draht. Manls Hunde u. Katzen. ne feine Nummer! 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Iferein der„Fideleo Geister" Freunde des Wassersports. Am 9. d. M. verstarb infolge eineS Unfalles unser Mitglied l�ickard Raetzig. Er war uns allen ein lieber, ausrichtiger und hnlssbereiter Freund, deffen edle Gesinnung wir stets in Ehren halten werden. Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 15. d. M., von der Leichenhalle des EmmauS- Kirchhofes in Rixdors, Hermann- straße, aus statt. 437b Ual-VeM der Ziminerer Deutschlands. Zahlstelle Berlin u. Umgegend. Bezirk 5. Den Mitgliedern hiermit zur Nachricht, das; unser langjähriges, treues Mitglied RicFiard Rätzig am Freitag, den 9. März, ein Opfer seines Berufes geworden ist. Die Beerdigung findet am Donnerstag, de» 15. d. Mts., nachmittags 5 Uhr, von derLeichen- halle des EmmauS-Kirchhofes in Rixdors, Hennannstrafie ans statt. Um recht rege Beteiligung ersucht Ter Borstand. Mräl-Meu-u.Metei der Zimmerer. Oertllche Verwaltungsstelle Berlin Filiale 5. Den Mitgliedern hiermit zur Nachricht, dafi unser Mitglied Richard Rätzig am Freitag, den 9. März, infolge Absturzes verstorben ist. Ghre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 15. März, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Emmaus-KirchhoseS in Rirdors, Sermannsti afie, aus statt. Um recht reg« Beteiligung er- sucht Ter Borstand. Dr. Schlinemann Spezial-Arzt für* Haut- und Harnleiden, Francnkrankhcitcn. Friedrichsir. 203, Ecke Schiitzeristr. 10—8, 5-7, Sonnt. 19-1» Uhr. Den Genossen des»»».Bezirks sagen hiermit unseren herzlick sten Dank für die erwiesene Aufmurffamkeit zu unserer Silberhochzeit. Emil Kulisch nebst Frau. Raumerstroche 22. Beuiselier Holzarbeiter- Verband. Den Mitgliedern zur Nachricht, dah der Kollege, Tischler Paul Dechow am 12. März nach langem Leiden verstorben ist. Ehre seinem Llndcnke«: Die Beerdigung findet am 15. März. nachmilt»MS 4 Uhr, von der Leichenhalle /es Emmaus- Kirchhofes in der rHermannstrafie aus statt. Um rege Beteilhzung ersucht 82j5 Die De tsverwaltung. Zentralverliand tor Handels-, Transport- und Wehrsarbelter und Arbeiterinnen Deutscblands Verwaltungsstulle Berlin I. Hierdurch dieiu: den Kollegen zur Nachricht, d-s; unser lang- zährigeS Mitglied der Packer Alex Sobeck an der Proletar ierkrankheit ver- starben ist. 67/11 Ehre seinem. Andenken! Die Beerdigwlg findet heute Mittwoch, na, hm. 1 Uhr, von der Leichenhalle des Jakobi-Kirch- Hofes, Heimansb /ajze 99, auS statt. Um zahlreiche! Beteiligung etfucht Die Drtsvei'waltung Berlin I. Daukhaguniz. Für die vielen Zheweise inniger Teil- nähme und die zahlreichen Kranz- spenden bei. der Beerdigung unseres lieben, unucrgesjli chcn einzigen Sohnes .AIfceü sagen wir allen Freunden, Verwandten und Bekannten und meinen Gästen sowie dem Gesang- verein„Schneeesiöckshen I(Rridor'l unseren herzlichs ten D>nk. C. Siel«ff nebst Frau, 440L Reuterstrafic 96. S ttMdecken I tilligst direkt in der Fabrik 7». 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März er«, abends von 8— S Ubr, im Ber- liner Ratskeller(Fraltwnszimmer), Jüdenstrasic, Zu wählen find 86 Vertreter zur Generalversammlung pro 1306/07. § 44 des Statuts, Die Wahlen sind geheim und finden mitteis Stimmzettel statt. Nach Schluß dieser Wahlversamm- lung findet die Ordentl. General-Versammiung der arbeitgebenden Mitglieder behuss Bornahme der Wahl zum Vorstand statt, Ausscheidet Herr Otto Seiffert. Das Mandat legitimiert. 2, Die Wahlen von 171 Vertretern der versicherungspflichtigen und zehn Vertretern der sreiivilligen Mitglieder für die Generalversammlungen pro l 306/07 gemäß§ 44 des Statuts finden statt am: Sonntag, den 25. März 1906, von 10 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags, Es wählen: Abteilung 1(3, und 30.): 40 Vertreter im Märkischen Hof lMöhring), Admiralstr, 18c. Zlbteilung II(W., 8W. und 0.): 22 Vertreter im Linden- Kasino. (Bariäts). Lindenstr, 106(Kleisch- mann). Zlbteilimg HI(N. und NW.): 32 Vertr.i.r in Randes Festsälen, Aolbergerftr. 23. Abteilung TV(O. und NO.): 17 Vertreter im Lokal von Heumann, Fiirstenwalderslraße 17. Abteilung V(Freiwillige Mitglieder): 10 Vertr eter im Lokal von Franr Lange (Drei Raben), Neue Schönhauser- Itratze 20. Die Wahlen find geheim! Abgabe der Sttmmzettel von 10 bis 1 Uhr. Die Stimmzettel dürfen nicht mehr Namen enthalten, als in den einzelnen Abteilungen Vertreter zu wähle» sind. Ferner müssen die Stimmzettel ent- halten: Vor- und Zunamen, die genaue Wohnung und die Buchnummer der zu Wählenden. Stimmzettel, welche obige Angaben nicht oder mehr Namen enthalten, als in der betreffenden Abteilung zu wählen find, sind ungültig. Um 1 Uhr nachmittags wir.d der Dahlakt geschlossen und beginnt daraus die Ermittelung des Dahl- resultates. Wahlberechtigt und wählbar sind nur Mitglieder, welche daS 2l. Lebensjahr erreicht haben und sich im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befinden. 448b Das LegitimattonSbuch oder die Legitimationskarte ist am Eingange des Wahllokals und bei Abgabe der Sttmmzettel vorzuzeigen. Die Herren Arbeitgeber bezw. Betriebsünter- nehmer werden dringend ersucht, die zum Zwecke der Wahlen besonder« angeserttgten LegitimattonSkarten zuvor im Kassenlokal abheben oder aber den Mitgliedern ihre LegstimationS- bücher— mit dem Tagesstempel de« Wahltage« versehen— an diesem Tage aushändigen zu lasten Ilm recht zablreiches und pünktliches Erscheinen wird gebeten. Berlin, den 13. März 1306. Her Vorstand. H. Blank. K. Köster. Orts- Krankenkasse d-r Gastwirte n. verwandten Gewerbe kh Berlin. Bekanntmachung. Gemäß dem Generawerstimmlimgs- ! Beschlüsse vom 24. November 1305 findet eine .—~ Anßerordentllche■ General-Yersanißilnng der Arbeitgeber- Vertreter am Mittwoch, den 28. Adirz er.. nachm. 4 Uhr, im Lokale des Herrn B. Gllesinjt. Wassertorstr. 68, zur Wahl csnc-3?uchcitgeöcr-93erfrcter3 im Kässenvorstande für die AmtS- dauer vom 1. Januar 1306 bis 31. Dezember 1308 statt. Die Versammlung wird pün Vilich 4 Uhr eröffnet. Hieralst findet eine •3=s Außerordentliche■■ General-Versammlung sämtlicher Vertreter der Slrdeilgeber und Kässenmilglieder in demselben Lokale präzise 4'/, Uhr mit folgender Tagesordnung statt: 1. Rendantenwahl. 2. Aenderung der Beamten- Ge- haltsskala. 271/6 3. Statutenänderung. 4. Kasfenangelegenbeiten. Berlin, den 12. März 1306. Der Vorstand. . Poppe, Braun, Vorsitzenoer. Schriftführer. Dr. Simniel, Svezinlaizl für 20/14* Haut- und Harnleiden. 10_2.5— 7. Sonntag« 10—12, 2—4 KuchhasSllmg Uorwarts, Berlin SEI. 6$ 3n unserem Verlage erschien: onntage eines groji- städtlseben Arbeiters mmmm in der Mtur von Curt Grottewitz, SÄ»» 5111b. Bölsdjc Mit Buchschmuck und dem Portrait des Verfassers Brosckiert 60 Pfennig Gebunden 1 Marh §1 II Mlstelw Kölsche schreibt in seinem Vorwort: »Ich glaube, daß eS in der ganzen Literatur nicht leicht wieder so schlichte Datinschilderungen gibt, mit so scheinbar allereinfachstea Mitteln, wie in diesem Büchlein.' Der„ValKsfireonck" in Karlsruhe schreibt: »Sine hübsche Babe, ein liebenswürdige« Buch, ein lehr- reiche« Wertchen. Sa« ganz« Jahr in feinen zwölf Monate», wie e« draußen ist vor den Sleinwällen der chrvhstadt, da« schildert mit feinem Sehvermögen, dichterischer Gestaltung«. traft, ader auch mit vrm Wissen de« Naturforscher» der vor ewigen Monaten so jäh um« Leben gctommene Natur- Wissenschaftler in diesem fteinen Buche.— Ich lann da« Wcrlchen federn, der seine SonntagSsreiheil nicht in rauch- gcschwängrrvr» Bierlokalen, oder wcnigstcn nicht dort allein auslosten will, aufs allerwärmste eawfehlen. Auf diesem Gebiete gilt nicht nur da« oiebknechtsche Wort, daß Wissen Macht ist, sondern Wissen ist hier auch Freude und Genuß.» A. F. Jed(»3 Wort 10 Das erste Wort(fettgedruckt) und Schlakstellrn-Anzewen s (fettgedruckt) lilPIg. Worte mit Pfennig. 20 P(g. Stellengesuche Pto.; das erste Wort mit mehr als IS Buchstaben zählen doppelt. Kleine Anzeigen ANZEIGEN für die nächste Nummer werden In den Annahmestellen für Berlin bis t Uhr, für die Vororte bis 12 Uhr, In der Haupt-E.xpedition, Lindcnstrasse 69. bis 5 Uhr angenommen. Verkiiufe. Tedbett, Ilnleilbcft, Kisten mit glatftotem Inlett,.zusammen I0,S0, nur(Pfandleihe) 31 1 dreasslrasie 38. Rotrosa-aesttcisljs Deckbett, Unter- Belt, zwei Kissen, 18,00, Andreas stratze 38.__ 1342.(1* PoinnierscheS iiauernbett. Deck bett. Unterbett, ztni'i Kisten, 27,00. GrotzeS Laken, Stück! 1,00. Psandleibe AndreaSstratze 38. Elektrische nach liberall.! 1343,(1* Inventnr-AuSve ikaus. Gardinen Stores, 10 Prozent Mabatt. 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Scharuberg, Sesenheimerstr. t. ÜVicdHchahcr-g;: O. Teilet, Kronprinzenstr. 50. Blxdorf: M. Heinrich. Prinz Hanbjerystr. 7. Eourad, Hermannstr. 50. stichvachcr-»;: Wilh.Bäumler,MartinLuIherstr.5I. HPcivcnncc: W. ReSke, Sedanftr. 105. Jul. Schillert. König-Ehauss« Mu. Bclaloltcudor-r: P. Gnrsch, Provinzirr. 108. Hans Wrbrr. Berlin. Für den' Inseratenteil verantw.: T». Blöcke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Bailagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. Der Zablabend für Berlin und Vororte findet am heutigen Mitwoch statt. partei-)Znge!egenkeiten. Zln die Parteigenossen von Berlin, Teltow-Bceskow, Nieder- barnim und Potsdam-Osthavelland! Zu der Aniang April erscheinenden Lokalliste ersucht die Lokal- kommission, alle Aenderungen resp. Neuaufnahmen an die nach- verzeichneten Kommissionsmitgliedcr bis spätestens Mittwoch, den 2t. März er., gelangen zu lassen: Für den I. Wahlkreis an den Genossen Jakob Ege, Roststr. 23. Für den II. Wahlkreis an den Genossen Heinrich Schröder, Äreuz- bergstraste 16. Für den M. Wahlkreis an den Genossen Karl König, Jahn- straste 24. Für den IV. Wahlkreis an den Genossen Karl Rott. Straß- mannstraße 2S. Für den V. Wahlkreis an den Genossen Friedrich Rausch, Winsstrahe 12. Für den VI. Wahlkreis an den Genossen Richard Henschel, Wollinerstraße 61. Für Teltow-BeeSkow an den Genossen Karl Rohr, Rixdorf, ThomaSstr. 27. Für Nieder-Barnim an den Genossen Robert Rieck, Stummels- bürg, Kantstr. 22. Für Potöoam- Osthavelland an den Genossen Karl Linz. Spandau, Mittelstr. 13. Für diverse Orte an den Genossen L. Rowag, Strausberg (Stadt). Walkmühlenstraße. Besonders weisen wir darauf hin, daß nach dem 21. März ein- laufende Meldungen für die Lokalliste nicht mehr berück- sichtigt werden können. Alle Zuschriften, Mitteilungen usw. aus den einzelnen Kreisen find stetS durch die oben angegebenen Kommissionsmitglieder an den Obmann der Kommission zu senden und nicht direkt an die Redaktion deS„ Vorwärts da hierdurch nur unnötige Verzögerungen eintreten. Alle im Verbreitungsgebiet der LokaNiste erscheinenden Partei- blätter werden um Abdruck ersucht. Der Obmann der Lokalkommission Richard Henschel, N. 28, Wollinerstraße 61 II. Zur LokaMfte l In Grünheide bei Erkner steht das Lokal von Franz Fielitz der Arbeiterschaft zu den bekannten Bedingungen zur Verfügung. Die Lokallommission. Tempelhof. Der Zahlabend wird jetzt für die Dörfler bei Noack, Berlinerstr. S und für die in Neu-Tempelhof wohnenden Genossen bei Müller, Berlinerstr. 41/42, abgehalten. Regen Besuch erwartet_ Der Vorstand. Vorort- JVacbrlchtcn. Zur Geraclndcwalslbcuiegung. (Äemeindewahlen finden heute in Steglitz(Stichwahl) und Kolonie Sndende im Restaurant Thal nachmittag von— 5 Uhr statt. Pankow. Auf welche Kapriolen unsere Gegner bei den bevor- stehenden Gcmeindewahlen verfallen, um am Tage der Wahl billige Hülfskräfte zur Verfügung zu haben, beweist die Tatsache, daß das bürgerliche Wahlkomitee die Realschüler zum Schleppen und Aus- tragen von Wahlaufiorderungen benutzen will. Da wir grundsätz- liche Gegner der Kinderarbeit sind, finden wir eine derartige Ver- Wendung von Kindern sehr verurteilenSwert. Will man schon die Sozialdemokratie mit allen Mitteln aus dem Gemeindeparlament hinausdrängen, so mögen die Herren Gegner wenigstens selbst die Opfer bringen und die Agitationsarbeiten leisten. Komisch wird es ja wirken, wenn sich politisch reise und denkende Männer von Schuljungen zum Wahltisch schleppen lassen müssen. Im übrigen weisen wir nochmals darauf hin, daß die Wahl morgen Donnerstag, den 15. März, in der Zeit vormittags 11 Nhr bis abends 8 Uhr, stattfindet. Wenn auch alle Wähler, welche um 8 Uhr im Wahllokale anwesend sind, noch ihre Stimme abgeben können so ersuchen wir im Interesse unserer Sache, so viel wie möglich die Mittagsstunde zur Wahl zu benützen. Die Wähler der dritten Abteilung wählen in zwei Bezirken. Der erste Bezirk wählt im Restaurant Ebersbach. Kurfürsteniäle, Berlinerstt. 102, und der zweite Bezirk im Restaurant Rozycki, GesellschastshauS, Kreuzstt. 3/4. Die Stichwahlen in Steglitz finden am heutigen Mitt- w o ch st a t t Der Mieterverein setzt alle Hebel in Bewegung, um mit Hülfe der Hausbesitzer den Sieg der„Mieter"- Kandidaten zu erringen. Im.letzten Augenblick hat er sogar noch die„schwarze Garde" mobilisiert. Die Zentrumsleute haben angeblich beschlossen, die Mieterkandidaten zu wählen, und die „St. Ztg.". daö Organ des„unpolitischen" Mietervercins, bittet die frommen Schäfchen inbrünstig um vollzähliges Erscheinen. Ohne Zweifel werden unsere Gegner eine wesentlich höhere Stimmenzahl aufbringen, wie bei der Hauptwahl; deshalb müssen auch unsere Genossen ausnahmslos auf dem Posten sein. Parteigenossen l Nach Ausweis der Wählerlisten haben Hunderte organisierter Arbeiter bei der Hauptwahl gefehlt; sorgt dafür, daß diese Säumigen heute abend erscheinen, dann wird der Sieg unser sein. Unsere Kandidaten sind: im ersten Bezirk �AlbrechtShof) A ß m a n n und Krug, im zweiten Bezirk(Turn- Halle des Gymnasiums) Krug und L e i m b a ch. Bei der Sttmm- abgäbe istdieReihenfolge der Ramen strengzubc- achten, um Ungültigkeit der Stimmen zu vermeiden. Riederschönhausen. Nur ein Tag trennt uns noch von der Gemeindewahl. Den gilt eS, nach Kräften auszunutzen. Nur die regste Agitation jedes einzelnen kann uns zum Ziele, zum Siege führen. Wie vorauszusehen war. haben sich die bürgerlichen Vereine aller Schattierungen auf gemeinsame Kandidaten geeinigt. Mieter und Hausbesitzer marschieren nun unter einein Banner gemeinsam an den Wabltisch. Und alles das. diese dicke Freundschaft, diese Liebe und Eintracht, hat die Sozialdemokratie zustande gebracht. Wo sie auf dem Platze erscheint, da werden Feinde zu Freunden, Gegner zu Kampfgenossen. Nun, wir fürchten unsere politischen Gegner nicht, auch wenn fie geschlossen gegen uns anmarschieren. Wir wissen, daß wir ganze Arbeit machen müssen. Keiner darf uns im Stiche lassen. Alle müssen mittun, dann werden unsere Kandidaten morgen sicher als Sieger aus der Wahl hervorgehen! In die Wahlagitation sind auch jetzt die Genossen in Reinicken- darf cingetteten. In einer am Montag abend bei Benker, Nord- bahnstraße einberufenen Versammlung sprach Genosse Paul Hirsch über Gemeindepolitik. Hoffentlich wird das instruktive Referat auch die Genossen unseres Ortes zu eifriger Wahlarbeit veranlassen. Wilhelmsruh-Roscnthal-Nordcnd. Morgen, den 16. März, findet die Gemeindevertreterwahl der dritten Abteilung statt. Unsere Gegner suchen mit allen Mitteln ihre Position in der dritten Ab- teilung zu behaupten. ES kann ihnen dies nicht gelingen, wenn die Arbeiterschaft unserer Orte aus dem Posten ist. Unsere Kandidaten sind die Genossen Fritz Willmeroth, Schlosser und Robert Hascheck, Posamentier. Das Wahllokal befindet sich bei Schneider. Hauptstraße. Gewählt wird nachmittags von 8—7 Uhr. Parteigenossen I bringt die Säumigen an die Wahlurne, damit ihr von einem Wahlsieg berichten könnt. Wir machen noch besonders daraus aufmerksam, daß die von der Behörde versandten Wablkarten als Legitimation dienen können. Das Wahlkomitee. Neucnhagen a. d. Ostbahn. Am letzten Sonntag hielt der hiesige Wahlverein eine gut besuchte Versammlung ab, in welcher Genosse W a r t i g eingehend über die bevorstehenden Gemeindewahlen referierte. Referent wie auch die sich an der Diskussion beteiligenden Genossen forderten zu der am 16. März stattfindenden Gemeinde- wahl zu lebhafter Agitatton auf.— Die diesjährige Maifeier beschloß die Versammlung durch eine Vormittagsversammlung zu begehen. Ziim Schluß wurde noch zu reger Beteiligung an der am 18. März in Fredersdorf stattfindenden DemonstrattonS- Versammlung aufgefordert. Pctcrshagcn bei Fredersdorf. Am Sonnabend, den 17. d. M. finden hier die Gemeindewahlen statt. Die in Betracht kommenden Personen befürchten, daß durch die Wahl eines Sozialdemokraten ihr bisher sehr beschauliches Dasein arg gestört wird und haben wohl infolgedessen die Wahl für die dritte Abteilung aus nachmittag von 3—4'/, Uhr festgesetzt. Arbeiter, Parteigenossen, opfert diesen halben Tag. seid alle pünktlich zur Stelle und macht den Herrschaften einen Strich durch die Rechnung. Kandidat der Sozialdemokratie ist Erwin Höselbarth._ Wahlergebnisse. Mariendorf. Bei der gestern stattgefundenen Gemeindewahl er- hielt unser Kandidat Genosse R e i ch a r d t 344 Stimmen und die drei gegnerischen Kandidaten zusammen 183. Wie oben angeführt, findet heute in Südende Wahl statt. Das Ergebnis beider Wahlorte wird zusammengezogen. Es dürste das erfreuliche Resultat der Marien- dorfer Genossen für die Genossen in Südende ein Ansporn sein, nun auch ihrerseits die bürgerlichen Kandidaten in gleicher Weise an Stimmenzahl zu übertreffen. Boxhagen-RummclSburg. Ein geradezu vernichtendes Fiasko er- litten bei der heule stattgefundenen Gemeindewahl die Kandidaten der Bürgerpartei. Im 1. Wahlbezirk fielen von 246 abgegebenen Ssimmen auf unfern Genossen B e r g e r 233, auf Parade(Bürgerl.) 13 Stimmen. Im 2. Wahlbezirk von 468 abgegebenen Stimmen auf Genossen Tempel 452, Grosse(Bürgerl.) 4, zersplittert 2 Ssimmen; und im 3. Wahlbezirk von 178 abgegebenen Ssimmen auf Genossen Ritter 169. Heise(Bürgerl.) ü Stimmen. Dies glänzende Wahlresultat gewinnt noch dadurch an Be- deutung, daß seitens unserer Gegner mit allen Mitteln gearbeitet wurde, um die verhaßten Sozis zu Falle zu bringen. Caputh. Bei der am Montag stattgefilndenen Gemeindewahl siegte unser Genosse mit 36 Stimme» über den Gegner, auf welchen nur 23 Stimmen entfielen. Somit ist die Sozialde, nokratte unseres Ortes in dem Gemeindeparlament vertteten. Schöneberg. Stadtverordnetenversammlung am 12. März. Nachdem bor acht Tagen der Eintritt in die Etatsberatungen durch die Hausbesitzer fraktion vereitelt wurde, hatten die Herren heute ihren Einsprw' aufgegeben und konnte die erste Lesung des Etats vor st gehen. Als erster Redner nahm namens oer Hausbesitzcrfraktion der Stadw. v. G l a s e n a p p das Wort, der zunächst sein Bedauern darüber aussprach, daß vom Oberbürgermeister in diesem Jahre kein Ausblick in die Zukunft gegeben sei; Redner zieht daraus den Schluß, daß der Magistrat der Zukunft pessimistisch entgegensehe. Im übrigen wandte sich derselbe gegen die vom Magistrat beschlossene Erhöhung der Umsatzsteuer für unbebaute Grundstücke und ebenso gegen die aus der Versammlung vorgeschlagene Wcrtzuwachssteuer. indem er betonte, daß eine stärkere Belastung des Grundbesitze? vermieden werden müsse. Sache des Ausschusses werde es sein, mit den Abstrichen nicht zu sparen. Dr. Gottschalk(Lib.) fordert eine größere Berücksichtigung der Wünsche der städtischen Beamten und den Ausbau der Wohlfahrtspflege. Er bedauert, daß Schöne- bcrg Wasser und Licht immer noch von Privatgesellschaften entnehme und sich nicht selbst die Vorteile verschaffe, die diese Gesellschaften daraus ziehen. Ferner spricht er sich für eine Wertzuwachssteuer aus, da diese dazu angetan sei, die steuerkräftigsten Zahler mehr heranzuziehen. Stadtv. Küter(Soz.) spricht sich ebenfalls für eine Wertzuwachsstcucr auS. Die wirtschaftlich Schwächeren können unmöglich höher belastet werden, zumal im allgemeinen die Vorteile und Annehmlichkeiten der städtischen Einrichtungen in erster Linie den besitzenden Klassen zugute kommen. Die Wertzuwachsstcucr, die schon in vielen Gemeinden eingeführt sei, habe auch bei uns ihre volle Berechtigung. Man führe sich nur vor Augen, wie früher die Grundstücke in Schöncberg zum Zwecke der Ansiedelung verschenkt wurden und heute teilweise zum Preise von 2600 M. pro Quadrat- rute zum Verkauf angeboten werden. Bezüglich des Armenwcsens werde in Schöneberg viel zu wenig geleistet. Der Satz von 2 M. pro Kopf der Bevölkerung ist im Verhältnis zu dem, was unsere Nachbarorte leisten, viel zu gering. Auch der schleppende Gang bei der Errichtung des Krankenhauses sei zu tadeln. Die Arbeiter- Wohlfahrt betreffend bedurfte es erst großer Anstrengungen seitens der sozialdemokratischen Vertreter, ehe hier wenigstens einmal der Anfang gemacht wurde. Die so selbstverständliche Forderung der städtischen Arbeiter, einen ArbeitemuSschuß zu bilden, hat immer noch keine Zustimmung seitens des Magistrats gefunden; man weiß wirklich nicht, welche Gründe den Magistrat abhalten, den Wünschen der Arbeiter entgegenzukommen. Der Ausbau der Wohlfahrts- pflege, der noch nicht einmal in der zu diesem Zwecke eingesetzten Deputation seine Erledigung gefunden hat, ruft schon jetzt in den Kreisen der bürgerlichen Vertreter eine heftige Opposition hervor. Das, was in unserem Orte für die öffentliche Wohlfahrt geleistet werden soll, geschieht in anderen Gemeinden schon seit vielen Jahren. Die Einwohnerschaft Schöncbergs möge auf die bürgerlichen Stadt- verordneten, die diesen Forderungen ablehnend gegenüberstehen, ein wachsames Auge haben und ihnen den wohlverdien.en Durchfall bei späteren Wahlen bereiten. Auch betreffs der Schulverhältnissc stehe Schöneberg keineswegs auf der Höhe der Zeit, außerordentlich viel bleibe hier noch zu tun übrig. Redner verurteilt dann die Ver- schleppungStaktik des Etatsausschusses, die derselbe den Petitionen der städtischen Beamten gegenüber geübt hat und behält sich namens seiner Freunde eine gründliche Prüfung und Kritik der Einzeletats vor. Die Stadtvv. Dr. M a r r w i tz und G o t t h e i n c r sind eben- alls für die Wertzuwachssteuer. Letzterer wandte sich noch gegen >en Stadtv. v. Glasenapp. der hier nur als Syndikus des Haus- und GrundbesitzervereinS gesprochen habe. Unseren Genossen hielt er entgegen, daß man sich mit der Wohlfahrtspflege nicht nach anderen Orten richten könne, die uns in der Entwickelung um Jahr- ehnte voraus sind.— Nachdem die Versammlung von der Petition teä BezirkSvercins„Nordost" Kenntnis genommen hatte, der der Umsatz- und Wertzuwachsstcuer sympathisch gegenübersteht, wird der gesamte Etat dem schon bestehenden Ausschusse überwiesen. Die Vorlage deS Magistrats betreffend den Neubau des zweiten Flügels der G e m e i n d c f ch u l e am Platz?. wird ohne Debatte genehmigt. Die Kosten belaufen sich insgesamt auf 166 000 Mark. Dem Wunsche des Stadtrats T e m o r auf Entbindung von seinem Amte wird Rechnung getragen. Dem Ausschuß zur Errichtung eines Stadttheaters gehört auch der Stadtv. Wollermann(Soz.) an. An der Sttaßenbahn�alteftrlle vom Tode überrascht. Ein tragischer Vorfall hat sich gestern in der Fuldastraße abgespielt. Der Oberpostassistent C. auS Schöneberg hatte mit seiner Familie Bekannte m Rixdorf besucht und wartete später an der Haltestelle in der Fuldastraße auf einen Sttaßeiibahnivagen, um heimzufahren. Zum Entsetzen seiner Angehörigen brach C. plötzlich zusammen und ivar im Laufe weniger Sekunden bereits tot. Das neue Krankenhaus, welche? bestimmt am 1. Oktober d. I. dem Betrieb übergeben werden soll, schließt für die Hälfte des Etats- jahres in Einnahme mit 123 744 M., die Ausgabe mit 196 433 M. ab, so daß ein voraussichtticher Zuschuß von 72 694 M. zu leisten sein dürfte. Die Kur- und Verpstegungskosten betragen: Für Er- wachsene 2,60 M. für Einheimische, 8 M. für Auswärtige; für Kinder 2 M. bezw. 2,60 M., für Kranke in der Pflegeklasse I 16 bezw. 2-i M. Pflegeklosse II 7,76 M. dezw. 12 M. pto Tag. Bei einer durchschnitt- lichen täglichen BelegungSziffer von 220 Köpfen entfallen auf das halbe Jahr 122 914 M. an Einnahmen. Die Besoldungen der Aerzte und Apotheker erfordern 18890 M.. diejenigen der Schwestern und sonstigen Personals 10 906 M. und der Beamten 10 776 M. Steglitz. Schwer gebüßt hat der in der Fichtestraße 71 wohnhaft gewesene 26jährige Kutscher Wilhelm D. eine Jugendtorheit. D. hatte sich in ein um 12 Jahre ättereS„junge? Mädchen" derart verliebt, daß er ihr alles opferte, lvaS er von seinem Arbeitsverdienst erübrigen konnte; selbst daS Mittagessen versagte er sich, um das dadurch er- sparte Geld in Form von Geschenken der Geliebten zu Füßen zu legen. AlS daS Mädchen in letzter Zeit dem jungen Menschen zu verstehen gab, daß er ihr gleichgültig sei, nahm er sich daS so zu Herzen, daß er zu sterben beschloß. Er kaufte sich einen Revolver und Herzen, daß er zu sterben beschloß. Er kaufte sich< ließ sich von dem nichtsahnenden Logiswirt den Mechanismus er- klären. Am Freitagmorgen knallten in seinem Zimmer plötzlich zwei Schüsse; die erste Kugel war fehlgegangen und an der Wand ab- geprallt, die zweite harte sich der auf dem Bette sitzende Selbssinord- kandidat in den Mund gejagt. Die zu Tode erschrockene Wirtin sorgte für Ueberführung des Schwerverletzten nach dem Lichterfelder Krankenhause. Dort wurde festgestellt, daß das Geschoß die Zunge durchbohrt und auch sonst arge Verwüstungen angerichtet hat. Trotz Röntgenstrahlendurchleuchtung konnte bis jetzt jedoch der Sitz der Kugel nicht festgestellt werden. Der Leichtsinnige befindet sich heute außer Lebensgefahr, aber er hat die Sprache und da? Gehör verloren. Schmargendorf. Dir Schmargcndorfer Gemeindevertretung genehmigte in ihrer letzten Sitzung die Eingemeindnng des bisher dem Eisenbahnfiskus gehörende» Geländes der FriedrichSrnherstraße, westlich vom Ring- vahnhof Halensee. Die Gemeinde mußte sich verpflichten, die Straße zu regulieren, zu entwässern, zu pflastern und zu beleuchten und dem Fiskus daS Recht einzuräumen. Teile der Sttaße bei einer Er- Weiterung des Bahnhofes ohne weiteres mitzubenutzen. Ferner wurde der für die Entwickelung Schmargendorfs bedeutsame Bc- schluß gesaßt, auch nur einseitig regulierte Straßen für anbaufähig zu erklaren und den Grundeigentümern bei der Bebauung die pro- visorische Pflasterung der Straßenzüge auf ihre eigenen Kosten zur Bedingung zu machen. Weiftensee. Aus der Gemeindevertretung. In der letzten Sitzung fand eine Schöffenwahl statt, aus der Gemeindevertteter Rothe als gewählt hervorging. Genosse Schillert erhielt 7 Stimmen. Bei der Ersatzwahl zum KmStagSobgeordueten wurde Schöffe Rathmann mit 14 Stimmen gewählt, während Genosse Taubmann 11 Stimmen erhielt; außerdem lvurden drei weiße Zettel abgegeben.— Dem Gemeindevorsteher Dr. Woelck ist der Tirel Bürgermeister ver- liehen worden; der diesbezügliche Beschluß einer geheimen Sitzung ist also zur Tatsache geworden, verschiedene Gönner behaupten, daß der Ruf Weißensees auS diesem Anlaß um einige Prozent gestiegen ist.— Einer Befchwerde an den Justizminister, den aus dem Ort verzogenen Notar Kayser wieder zurückzuberufen, hat derselbe Rech- nu»g getragen und verfügt, daß der RechtSanlvatt Kayser vom 1. Juli ab wieder hierorts zu wohnen hat. Derselbe hatte seinerzeit seinen Fortzug damit bemündet, daß er eine seinen Ver- hältnissen entsprechende Wohnung nicht finden könnte. Eine zweite Notariatsstelle zu errichten, hat der Justizminister abgelehnt.— Die Anstellung zweier HandarbeiiZlehrerinnen zum 1. April wurde genehmigt.— Die Leiterin der Privat-Mädchcnscbule hatte nochmals den Antrag gestellt, an der höheren Töchterschule angestellt zu werden, wurde aber wiederum durch Mehrheitsbeschluß abgewiesen. — Das Abfuhrwesen wurde für die nächsten fünf Jahre an den Unternehmer Allers vergeben für den Preis von 17 500 M. jährlich. Die Anregung unserer Genossen, dieses Unternehmen in eigener Regie auszuführen, wurde zwar wohllvollend behandelt, jedvch erschien den meisten Herren das Angebot so günstig, daß man vor- läufig noch Abstand davon nehmen könnte.— Gute Interpellation unserer Genossen, betreffend das Verhalten des besoldeten Schöffen Herni Dr. Pape gegen einzelne Vorstandsmitglieder der Orts- krankcnkasse wurde vom Genossen Schmutz begründet. Herr Dr. Pape als Aufsichtsbehörde der Krankeukasse hatte seinerzeit versucht, den Beschluß des Vorstandes, den Kongreß des Verbandes der Krankenkassen zu Dresden zu beschicke» und hierfür S0 M. als Delegationskosten zu bewilligen, aufzuheben, da nach seiner Meinung hierfür Kasfengelder nicht zur Verfügung gestellt werden dürfen. Der Vorstand der Krankenkasse kam dieser Verfügung uichr»ach und es wurden die einzelnen Vorstands- Mitglieder mit 5 M. in Strafe genommen. Hierauf wurde das Äcrwaltungsstreitverfahren anhängig gemacht, jedoch kümmerte dies dem Herrn Dr. Pape wenig, denn noch Ablauf der achttägigen StuudungSfrist ließ er unverzüglich pfänden. Die VollziehniigS- bcamten teilte» mit, sie hätten den Auftrag, mit aller Schärfe vor- zugehen. Dieses Gebaren wurde aber durch Ginivirkuug des Gemeindevorstehers vereitelt, da die gesetzliche Handhabe fehlte. Zwei ebenfalls in Strafe genommene Arbeitgeber erhielten nicht nur ihre bereits bezahlten 6 M. zurück, auch ihre Strafmandate wurden aufgehoben, weil sie als Person gegen die Beschickung des Kongresses gestimmt haben. Eine andere Ungesetzlichkeit war, daß Dr. Pape ohne weiteres den Gastwirt Content, welcher als zweiter Vorsitzender gewählt war, von seinem Posten ent hob, da er ihn als Arbeitgeber nicht betrachtet. trotzdem derselbe eine nach den Bestinnnungen des KrankeiiversicheruugS gesetzeS versicherungspflichtige Person beschäftigte. Diese Person wiirde von Herrn Dr. Pape vernommen und d'aS Resultat ivar, er betrachtete die Person als Dieustbotin und nicht als Gewerbe gchülfin; Gegenzeugen zu vernehmen hielt er für überflüssig, indem er erklärte, diese ivürden doch nicht die Wahrheit sagen. Und dieser Serr ist Jurist! Genossen Schmutz und Taubmann verlangte» vom emeindevorstande, dem Gesetze Rechnung zu tragen, da»ach dem selben der gesamte Gemeindevorstand als Aufsichtsbehörde zu gelte» habe und nicht eine einzelne Person. Sie verlaugten serner. Herrn Dr. Pape das Dezernat zu entziehen, da er in allen Sachen parteiisch handele, was übrigens nach dem Gesetze strafbar sei. Diese wuchtigen Anklagen rührten Herrn Dr. Pape absolut nicht, er' lehnte es ab, irgendwie zu antworten. Während der ziemlich einstündigen Verhandlungen unterhielt er sich mit seinem Nachbar; außerdem schrieb er eine— Ansichtspostkarte, was ihm jedenfalls nützlicher erschien. Die übrigen Herren der Gemeindevertretung verhielten sich auch passiv, was kümmert ihnen auch weiter das Interesse der Arbeiterschaft und die Handhabung der sozialen Gesetzgebnng, sie selbst haben ja von dieser Seite keine lliiaunehmlichkeiten z» erivarte», ihre Zoruesader kommt erst wieder in Wallung, wenn die Frage der Grundversteigerung auf der Tagesordnung steht. Nur der„freisinnige" Herr Raspe konnte es sich nicht verkneifen, seinem Freunde Mtigda» recht zu geben, die Selbstverwaltung der Krankenkassen müsse aufgehoben tverden. „Hotel Heinerici" bor dem„inneren Feind" zu schützen... Leider i wehr brachte den Schwerverletzten nach der Klinik in der Ziegel- sind die findigen RcklamechefS um ihren so heiß ersehnten Erfolg straße. gekommen! die Polizeimannschaften Wetter stehen müssen berliner l�ackmklm haben umsonst im*„inb um. � � lFcuer kam am Dienstag in den Berliner ElektrizitätZwerken in der Luiscustraße 25 zum Ausbruch. Dort war Schmieröl linter dem Seilschacht eines Fahrstuhls in Brand geraten. GS gelang, die Flammen auf den Brandherd zu beschränken. Gin Kellerbrand be- schäftigte die Feuerwehr in der Schillingstraße 13. Potsdam. Die Versammlung dcS WahlvcrcinS, die ain 7. März stattfand, zeigte erfreulicherweise wieder einen befferen Besuch und erledigte die interessante Tagesordnung in anregender Weise. Die auch an diesem Abend wieder recht zahlreich erfolgten Ausnahmen liefern den Beweis, daß die Nützlichkeit und Notwendigkeit auch der p o l i t i- f ch e n Organisation bei den Gewerkichaflen immer mehr anerkannt lvird. Genosse S t a a b macht alsdann einige Mitteilungen über den Stand unserer ZeitungSangelegenheit. Bekanntlich beschloß die vorige Versammlung, die„Brandenburger Zeitung" vom April ab noch am Abend des Erscheinungstages auszutragen, lvas jedoch mit zu vielen Schivicrigkeiten verbunden war, da die schlechte Zugverbindung die Ausführung dieses Beschlusses nicht zuließ. Die Versammlung nahm nach langer Diskussion fol- gende Resolution an: „Die am 7. März tagende Versammlung des Potsdamer Wahl- Vereins erklärt, daß eS diesem nach Kenntnisnahme aller in Betracht kommenden Nnistände unmöglich ist, für die Austragung der „Brandenburger Zeitung" noch am Tage der Ausgabe zu sorgen, wenn die Zeitung nicht mit dem um 2,17 Uhr von Brandenburg ab- gehenden Zuge»ach Potsdam usw. befördert werden kann. Der Wahlverein stellt deshalb an die Geschäftsleitung der„Branden« burger Zeitung" den Aulrag, die für Potsdam und Umgegend be- stimmten Exemplare zu der angegebeneil Zeit verfandferlig zu halten. Bei Ablehnung dieses Antrages wi eine Vermehrung des Abonncntenstandcs nicht zu erwarten, vielniehr sei ein Rückgang unausbleiblich." Im Anschluß hieran wurden die letzten Vorgänge im Potsdamer SlathauS bezüglich der Bürgermeisterwahl erörtert. Namentlich nahm Genosse Staad Bezug auf da-Z„Jntelligenzblatt", welches kommunale Fähigkeiten und diplomatische Eigenschaften in dem kommenden Mann voraussetzt, die nur bei eineni Schlangenmenschen vorhanden sein können. Redner hält den Posten eines Ober- bllrgenncisterS für die zweite preußische Residenzstadt für vollständig überflüssig. Zum Schluß wurde auf das am 25. März stattfindende Stiftungsfest des Wahlvereins Gatow sowie auf die am 16. März im Viktoria-Garten stattfindende öffentliche Versammlung hingewiesen und zu reger Beteiligung an der Märzfeicr ermahnt. Auch empfahl man die Teilnahme an der hiesigen Arbeiterbildungsschule. Dir erste„christlich-uationale"— Gewerkschaft hat nun auch in Potsdam einen Einzug a la Barnum gehalten. Die„Gründer" dieser mehr oder minder„'freiwillig" zusammengetretenen„Arbeiter"- organisation scheinen aber wenig Vertrauen zu der Wervekraft ihres „christlichen" Programms zu haben, sonst hätten sie ihre Versamm- lung nicht unter Ausschluß der Oeffentlichkeit abgehalten. Trotz des großen Aufgebots an„Autoritäten", die sich aus P a st o r e il, einem General a. D. und sonstigen christlich- nationalen Arbeitern zusammensetzten, fanden sich doch nur zwei bis drei Dutzend derjenigen, die auch in der zweiten Residenz- stadt Preußens nicht alle werden, mn auf den„christlich- nationalen" Leim zu gehen. Die im Stil des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie gehaltene Rede dcS Lizentiaten M u m m- Berlin hat wenigstens das eine gute gehabt, daß sie vielen der auch eingeladenen Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinler die Augen öffnete über die unwürdige Rolle, die sie in diesem„chnstlich-uationalen" Bauernfängerstück spielen sollten....„Der schlimmste Feind des Arbeiters ist die Gleich g« l t i g k e i t!" Dieses Wort des Referenten unterschreiben wir: hoffentlich werden es die PotS- damer Arbeiter inehr als bisher beherzigen. Daß ihnen aber nicht der verdummende..christliche", sondern vielmehr der auiklärcnde s o z i a l i st i s ch e Geist not tut,— diese Ueberzeugung den noch indiffe- reuten Arbeiterschichten hier beizubringen, da? muß die nächste Aufgabe der auf modernem Boden stehenden Arbeiterorganisationen sein. — Wie immer, wenn c§ sich darum handelt, der gehaßten und doch so gefürchtetcn Sozialdemokratie ans dem Hinterhalt feige eines auszuwischen, war auch diesntal das be— rühmte„PotS- damer Jntelligenzblatt" dabei. Dieses echt„christlich- nationale" Scharfmacherorgan hat nämlich die ebenso dumme wie gemeine Sensationsnachricht in die Welt gesetzt, die S o z i a l d e IN o- traten hätten die Parole ausgegeben, die hinter verschlossenen Türen tagende bestellte Muster- V e r- s a m in l n n g„u nter allen N m st ä n d e n zu sprengen"... Die Polizei war denn auch in ansehnlicher Stärke unter dein Kommando eines Polizeikoinmiffars erschienen, um— mehr der beweglich geschilderten.Not der kriegerischen Angstmeier, als dem eigenen Triebe gehorchend— das so arg bedrohte„Vaterland" im Ein Flugblattverteiler, der am Sonntag seine Parteipflicht er- füllte, teilt uns ein Erlebnis mit. das auch weitere Kreise interessieren dürfte. Er schreibt uns: „Am Sonntag hatte ich das Haus Königstraße 32 zu belegen. Ich bin schon oft in jenem Hause gewesen, es ist für Flugblatt- veibreitungen sc. sozusagen„mein Haus". Ich steige mit nicincm Packen Flugblätter eine Treppe vorn herauf, trete in das Kontor der Weinhandlung Milscher u. Röstell— an der Tür steht: Ohne anzuklopfen, herein!— präsentiere einem dort an einem Pult schreibenden jungen Manne mit einem höflichen„Guten Morgen, bitte, etwas zum Lesen" ein Flugblatt und geh' heraus. Wie ich draußen bin, bemerke ich erst, daß ich in der Eile einen halb- verlöschten Zigarrenstummel ini Munde behalten habe. Ich gehe in die oberen Elagen, um auch da meine Flugblätter an den Mann zu bringen. Wie ich nichts ahnend herunterkomme und an dem bewußten Kontor vorbeigehen will, kommt ein dicker Herr, stark wie ein Preisringer, mit zornigem Gesickt und drohend erhobenem Arm auf mich losgestürmt wie ein Ungewitter und brüllt mich an:„Wie köimen Sie sich unterstehen, da reinziikommen, und noch dazu mit der Zigarre in der Schnauze. Ich haue Ihnen in die Schnauze, daß Ihnen Hören und Sehen ver- geht, Sie Lümmel!"1.22 Meter, bei Magdeburg 4- 3,37 Meier.— N n st r u I bei Strauvstirt-> 2,00 Meter.— Oder bei Ratlbor 2,65 Meter, bei B>csiau Oberpegcl+5,42 Meter, bei Bieslau lliitcrpegel— 0,64 Meter, bei Fralikjmt+ 2,04 Meter.— Weichsel bei Brahenulnde + 5,04 Meier.— Warthe bei Posen— Meter.— Netze bei Usch+ 1,40 Meter. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den __ eine____ Inseratenteil verantw.: Th. Glocke�Beclin. Druck n. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer Ä Co.. Bern» civ,