Nr. 67. flbonnemtntS'Bedlngansen: NbonnementS• Preis pränumerando; Vierteljährl. 3,30 Mk,, monatl. 1,10 Ml, wöchenllich 28 Pfg, frei Ins HauS, Einzelne Nummer S Pfg, eomitagS Eingetragen in die Post-ZcllungS- Preisiisle, Unler Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungar» 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark. Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz. S3. Jahrg. «chstil Ug»» wikr montags. Verlinev Volksblsltk. Die TnfertionS'Gebllbr beträgt für die sechZgefpaltene Kolonek- zcile oder deren Raum b0 Pfg,, für politische und gewerkschaftliche Vereins- und VersammlungZ. Anzeigen 30 Pfg, „Ililelne Anreisen", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg, Stellengesuche und Schlaf- flellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg,, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „Sozialdemokrat BcrliD* Zentralorgan der foztaldemokratifcben Partei Deutschlands. Redaktion: SRI. 68, Llndcnstraase 69. Kernwi-eciier:«m« IV. Nr. I9S3. Die Simultanschule. In der Pfingstwoche dieses Jahres findet wieder eine deutsche Lehrerversammlung statt. Diese imposanten Kon- gresse der deutschen Volksschullehrerschaft werden alle zwei Jahre abgehalten und stellen jedesmal neben der Erledigung einer Fülle von geschäftlichen Dingen einige aktuelle päda- gogischc oder schulpolitische Streitsragen auf die Tages- ordnun(j. So nahm die letzte Lehrerversammlung, die 1904 in Königsberg stattfand, Stellung zur Frage der allgemeinen Volksschule und der Schulaufsicht. Die bevorstehende Ver- sammlung, die in München tagen wird, hat sich mit der Simultanschulfrage und der Lehrerinnenfrage zu befassen. Ueber die Simultanschule referiert der Münchener Ober- lehrer Fr. Gärtner, dessen Leitsätze in der neuesten Nummer der„Pädagogischen Zeitung" veröffentlicht werden. Danach will der Vortragende unter Simultanschulen solche Bildungs- anstalten verstanden wissen, in denen Kinder aller Kon- fcssionen gemeinsam unterrichtet werden und in denen nur der Religionsunterricht nach Konfessionen getrennt erteilt wird. Diese Auffassung steht im Gegensatz zu der geistreichen Begriffsbestimmung, wie sie die preußische Regierung für ihre Zwecke für Konfessions- und Simultanschule einzuführen be- liebt hat. Danach soll das Kennzeichen nicht im Schüler- material. sondern im Lehrerpersonal der einzelnen Schule liegen. Wenn nur Lehrer einer Konfession angestellt sind, handelt es sich nach der Meinung der preußischen Schulbureau- kratie um eine Konfessions-, wenn Lehrer mehrerer Kon- fessionen unterrichten, um eine Simultanschule. Auf diese einfache Weise gelang es der preußischen Unterrichtsverwal- tung, die gesamten zahlreichen Schulen Preußens, die nur eine Klasse und demnach nur einen Lehrer mit einer Kon- fcssion haben, zu Konfessionsschulen zu stempeln. Für ihre gegenwärtigen Verpsafsungsbestrebungen erhielt sie dadurch die bequeme Ausrede, daß die geplante Konfessionalisierung gar nicht so schlimm sei, da schon jetzt die meisten Schulen Konfessionsschulen seien. Daß die deutsche Lehrerschaft dem preußischen Ministerium für den Kultus und gegen den Unter- richt diese faule Ausrede beiläufig aus der Hand schlagen will, findet unseren Beifall. Weniger aber können wir uns mit den übrigen Leit- fätzen befreunden. So heißt es darin:„Die von Gegnern der Simultanschule an ihre Einführung geknüpften Befürch- tungen in religiös-sittlicher Beziehung sind durch die Er- fahrung widerlegt. Die Simultanschule fördert vielmehr die sittlich-religiöse Erziehung, indem sie ihre Schüler zur Achtung gegenüber fremden Ueberzeugungen erzieht und so zu einer Pflegstätte der Religion der Liebe und der gegen- seitigen Duldung wird." Die Frage der Errichtung von Simultanschulen sei weniger eine religiöse als eine nationale, soziale und pädagogische: sie sei der entsprechende Ausdruck der nationalen Einheit, des paritätischen Staats und der moderen sozialen Gemeinschaften. In eineni weiteren Satze werden einige Vorteile der Simultanschule in bezug auf die Schul- organisation erwähnt, und schließlich wird für alle Staaten, in denen die Simultanschule noch nicht durch Gesetz anerkannt worden ist, mindestens die Gleichberechtigung der Simultan- schule mit der Konfessionsschule gefordert. Diese Auffassung der Simultanschule entspricht durchaus der landläufigen liberalen Schulpolitik. Es fehlen ihr die festen Grundsätze, dafür wirft sie verschwenderisch mit schönen Worten um üch, bei denen sich mancher manches denken kann. Wenn man ihnen aber näher auf den Leib rückt, so merkt man, daß kein Kern dahinter steckt. Schon die berühmte .�religiös-sittliche" oder„sittlich-religiöse" Erziehung in der Schule lehnen wir als eine unerträgliche Halbheit ab. Früher war die Schule rein religiös, sie war besonders nach dem westfälischen Frieden nichts anderes als ein Anhängsel der Kirche. Später erwachten die Selbständigkeitsgelüste der Volksschule. Aber ihre Vorkämpfer wagten nicht, resolut mit dem Alten zu brechen, und so schufen sie das Kompromiß der„religiös-sittlichen" Grundlage der Erziehung. Wer aber die wirkliche Befreiung der Schule von der Kirche will, der muß alle Halbheit von sich tun und alle Rechnungsträgerei energisch von sich weisen, der muß den Mut haben— wie die bremischen Volksschullehrer— zu erklären, daß für die „Grundlage" der Volksschule die Religion vollkommen ent- behrlich ist, ja daß nach ihrer Beseitigung die eigentliche Grundlage erst geschaffen werden kann. Es ist recht erfreulich, daß auch in der Frage der Simul tanschule die bremischen Volksschullehrer sich selbst getreu ge blieben sind. Gerade in diesen Tagen hat der bremische Lehrerverein Stellung zu dieser Angelegenheit genommen. und sich nach einem Referat des Lehrers Holzmeier, des Ver- fasserö der bekannten Denkschrift gegen den Religionsunter- richt, fast mit Einstimmigkeit auf folgende Thesen geeinigt: Der Gedanke der nationalen Einheitsschule verlangt, daß alle Schulen nach einheitlichen iGrundsätzcn und in einheitlichem Geiste eingerichtet und geleitet werden. Dieser einheitliche Geist kann nicht durch die Lehrmeinungen der verschiedenen Religionsgemeinschaften(Konfessionen) be stimmt werden; denn dies« Lehrmeinungen bilden vielmehr eine Quelle und einen Ausgangspunkt der Trennung und Zerfplitte rung im deutschen Geistesleben; auch werden sie von weiten Kreisen der Bevölkerung nicht mehr ge- glaubt- Deshalb kann weder die Konfessionsschule noch die Simultan- schule unseren Ansprüchen geniigen. Denn beide setzen einen An- spruch und ein Mitbestimmungsrecht der Konfessionen auf die öffentliche Schule voraus und sind nur über die Einschätzung und Befriedigung dieser Ansprüche verschiedener Meinung. Ten Bedürfnissen der einheitlich eingerichteten Staatsschule kann vielmehr nur die rein weltliche Schule genügen. Die weltliche Schule würde keinen Religionsunterricht er- teilen und die bisher an diesen Unterricht angeknüpfte sittliche Unterweisung durch eine Welt, und Lebenskunde ersetzen, die von den geistigen, seelischen und praktischen Bedürfnissen unserer Zeit auszugehen und ihre Unterlagen dem gesamten Kulturleben der Jetztzeit zu entnehmen hätte. Die Kenntnis der wichtigsten Religionsichren könnte in einem besonderen religionsgeschichtlichen Kursus vermittelt werden. Das ist eine Stellungnahme zur Frage der Konfessions- und Simultanschulen, die von dem festen Fundament sicherer und fortschrittlicher Grundsätze ausgeht. Es war deshalb auch nur konsequent, daß der Lehrervercin sich im Anschluß an obige Leitsätze ausdrücklich auf den Boden der Eingabe wegen Abschaffung des Religionsunterrichts in den öffentlichen Schulen stellte, die bisher nur eine allgemeine Versammlung der bremischen Lehrerschaft, nicht der Lehrerverein als solcher vertreten hatte. Der bremische Lehrervcrein be- auftragte ferner seine Delegierten, im Sinne seiner Beschlüsse auf der Münchener Lehrerversammlung tätig zu sein. Zu diesen Delegierten gehört erfreulicherweise auch der schon er- wähnte Lehrer Holzmeier, sodaß man erwarten darf, daß die radikalen Grundsätze der bremischen Lehrerschaft in München mit allem Nachdruck zur Sprache gebracht werden. Daß die Ansichten der bremischen Lehrer in München durchdringen, ist freilich nicht zu erwarten. Der größte Teil der deutschen Volksschullehrer schmachtet so sehr unter dem Joche der Kirche, daß er schon jede noch so leise Erleichterung, und wenn es selbst nur eingebildete Erleichterung ist, dankbar entgegen- nimmt. Es fehlt der Lehrerschaft leider noch sehr viel an dem notwendigen proletarischen Trotz, der sein ganzes Augenmerk darauf richtet, wie er das ihm aufgezwungene Joch mit einem kräftigen Rucke von sich abwerfen und zerbrechen kann, an- statt— worauf es bei der Simultanschule im günstigsten Falle hinausläuft— sich unter diesem Joche etwas behag- sicher einzurichten.—_ Die Revolution tu Rutzland. In PlehweS Fußtapfen. Die Ministerkrisis, die mit dem Austritte deS Ministers der Landwirtschaft Couttler auS dem Kabinette Wittes ansetzte, scheint noch lange nicht beendet zu sein. Die Schaffung deS Ministerkabinetts sollte seinerzeit der Welt— hauptsächlich der Börsenwelt— beweisen, daß Rußland geneigt ist, Schritt für Schritt die Umwandlung der Staatsform nach westeuropäischem Muster vorzunehmen. Die Grundlagen fehlten aber. Witte betonte schon dazumal, daß der Zar dabei„absolut" bleibe. Damit sicherte sich zwar Witte seine eigene Stellung als Ministerpräsident wenigstens augenblicklich, wo alle gekrönten Häupter ihn als den„großen Diplomaten von PortLmouth" begrüßten—, machte das Kabinett aber zum Scheinkabinett nach altbewährtem Muster, wo der leitende Mann sich die nötigen Kreaturen jeweilig zusammen� sucht und die Mnisterporteseuilles unter ihnen verteilt. Einheit« l i ch ist das russische Ministerkabinett nie gewesen. Damit Witte nicht zu weit gehe, bestand die Hofpartei auf die Anwesenheit Durnowos im Kabinett. Allmählich sank Witte zum Strohmann DurnowoS herab und alle„liberaleren" Minister ließen Witte im Stiche. Wie das russische„selbständige" Ministerkabinett beschaffen sein müßte, darüber sprach sich Witte am deutlichsten in den letzten Sitzungen auS. Gegenüber dem Handelsminister T i m i r- jaseff. der darauf bestand, daß die Verhängung des KriegSrechteS eingeschränkt werden müsse, weil sonst die Industrie und der Handel bald ganz zugrunde gerichtet sein würden, betonte Witte, daß solche Minister, die eine andere Meinung haben wie die Mehrzahl am liebsten zu Hause bleiben sollen. Die besseren zogen die Konsequenz und gingen. In der vorletzten Woche, als im Mnisterrate die Abänderung der am 7. Dezember verkündeten Preßgesetze besprochen wurde. kam nach der„Rußj" die oppositionelle Minorität wiederum mit dem Grafen Witte stark in die Haare;„eine solche Sitzung hat der russische Ministerrat noch nie erlebt", schreibt die„Rußj Die Minorität wollte die Verhandlung dieser Frage überhaupt von der Tagesordnung nehmen, weil ja das Gesetz erst unlängst eingeführt und weil zweitens der Zusammentritt der Reichsdnma kurz bevor stehe. Witte sprach sich wiederum im Sinne DurnowoS für Ver> schärfung der Zensur auS. Der Minorität ist eS aber ge- lungen, einen Borschlog durchzubringen, nach welchem die Gouver neure verpflichtet sind, in aller Bälde ein Verzeichnis der politischen Gefangenen einzusenden, die nach dem 3l>. Oktober aus administrativem Wege verhaftet oder schon verschickt worden sind. Dieser Vorschlag der Minorität gab Grund zu den jüngst verbreiteten Zeitungsnachrichten über ein neues A m n e st i e r u n g S- manifest. Vielleicht wird eine solche Nachfrage der obersten Behörde etwas die Massenarreste einschränken, eine Amncstierung der sozialdemokrattschen Arbeiter von der jetzigen Regierung zu er- warten, ist aber mehr als naiv. Jetzt können zehn Manifeste kommen, auch dann werden sich die Arbeiter überlegen, ob sie ihre geheime Tätigkeit verlassen können. Die Wunden, die das Manifest vom 30. Oktober geschlagen hat, sind zu schwer gewesen, als daß man sie so schnell vergessen Expedition: SM. 68» Lindcnstrassc 69. Kernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. könnte. Kein neues Manifest kann sie heilen.— Uebrigens dauern ja die scheußlichsten Repressalien im ganzen Reiche fort. Noch nirgends ist der Belagerungszustand aufgehoben worden. Auf dem Kaukasus und in den Ostsecprovinzen dauern die Massenmorde an. Immer von neuem werden Zeitungen sistiert, sogar konstitutionell- demokratische Wahlversammlungen werden verboten. Die Gefängnisse sind überfüllt, eS müssen Kasernen und Manegen zu Gefängnissen umgebaut und hier und da ganz neue Gefängnisse erbaut werden. In Dünamünde— der Festung an der Mündung der Düna— werden in aller Eile vier neue Kasematten errichtet, dieselben sollen SV Einzelzellen umfassen, die alle unter den F e st u n g S- wällen sich befinden werden. Im Januar mußte man für das Ministerium deS Innern eine Spezialsumme zur Verstärkung der Polizei von llN/z Millionen Rubel assignieren; am 19. Februar erbat Durnowo vom ReichSrate schon einen Zusatz von noch drei Millionen für die Reiterpolizei. Man hat die von Plehwe gutgefundenen„SKaschniki" auch in den Ostseeprovinzen ein- geführt. DaS Spitzelwesen greift kolossal um sich. Auf Grund anonymer Briefe werden wieder Verhaftungen und Verbannungen vorgenommen, die sich sogar auf Professoren, Aerzte, Geistliche und Semstwomänner erstrecken. Am schärfsten geht die Regierung gegen diejenigen Personen vor, die irgend welche Fühlung mit den Volksmassen haben, weil sie immer am meisten noch vor einem Aufstande der Bauern sich fürchtet. So erhielt die Semstwo- Verwaltung von Kursk in diesen Tagen die Vorschrift, alle Lehrer zu entlassen und von den neu anzustellenden doS Versprechen abzunehmen, daß sie an keinen polittschen Bewegungen teilnehmen werden. Man schätzt, daß augenblicklich in den Ostseeprovinzen 75 Proz. aller Volksschulen ohne Lehrer sind und daß im übrigen Rußland nicht weniger als IS Proz. aller Lehrer verhaftet sind. So weit ging ja nicht einmal ein Plehwe I Und dennoch oder trotz alledem nehmen die Baueruunruhc» täglich zu. In Estland haben sich die Spitzen der Administration für den Fortbestand des Belagerungszustandes erklärt. Im Gouvernement Nowgorod nimmt nach dem russischen Blatte „Nascha Schisnj" die Agrarbewegung an Umfang zu. In dem Kreise Borissowo allein sind 69 Bauern verhastet worden. Im Ge- fängnisse von Woronesch befinden sich 150 politische Gefangene, meist Bauern. Aus dem Gouvernoment Kasan schreibt das obengenannte Blatt unter dem 6. März:„Auf dem Gute des Edelmanns Aristor erschienen in diesen Tagen mit Stöcken und Heugabeln be- waffncte Bauern und verkündeten dem GutSverioalter, daß die Gemeindeversammlung beschlossen habe, daß der Besitzer das Gut sofort verlassen muß und daß der Boden von nun an in den Besitz der Gemeinde übergeht." Auch hier ging man wiederum nach PlehweS Muster vor: Viele Bauern wurden fürchterlich ge- prügelt, 39„Anführer" darauf verhastet. Aehnlich lautet eine Depesche der„Russj" auS T u l a: Bauern kamen aus den Nachbardörfern in die Stadt, zogen demonstrierend durch die Straßen, wobei sie bei den RegierungS- und SemstwoverwaltungSgebäudcn drohende Rufe nach Brot ausstießen. Aus den an die Ostsee- Provinzen angrenzenden Gouvernements sind die Nachrichten noch viel schlimmer. Die Unzufriedenheit der Hungernden ist groß, sie hoffen jedoch, daß die Regierung sie im Frühjahre mit Saat unterstützen wird, was leider nicht geschehen können wird, weil die Staatskassen leer und das bißchen, was einkommt, für Durnowo gespart werden muß. Die Semstwos haben schon jetzt getan, wieviel sie tun konnten. Dann ist noch in Betracht zu ziehen, daß in Rußland der Frühling und die Feldarbeit erst nach etwa anderthalb Monaten beginnen. Bis dahin wird die revolutionäre Bewegung Fortschritte gemacht haben, daran ist nicht zu zweifeln. Rian muß nur im Auge behalten, welchen Umfang die Agrarbewegung während der Wintermonate trotz aller denkbaren Repressalien gemacht hat und man wird getrost behaupten können, daß im Frühjahr eine neue gewaltige,«venu auch in ihren Erscheinungen ganz anders beschaffene RevolutionSwellc über das Zarenreich dahinbrausen wird. Ueber die Hinrichtung des Leutnants Schmidt wird tem„Tag" gemeldet: Leutnant Schmidt sowie die Ma- trosen �Tschastnikow, Gladkow und Antonenko wurden um 4 Uhr morgens erschossen, und zwar durch 69 Matrosen des Kanonenbootes„Tcrctz", deren Rücken auf alle Fälle durch einen Zug Infanterie gedeckt war. ischnndt war sehr gefaßt, er bat seinen Verteidiger, durchaus festzustellen, daß er nie mals zu schießen befohlen, mithin kein Menschenleben auf dem Gewissen habe. Seine letzten Stunden verbrachte er mit dem Schreiben von Briefen an seine Schwester, Frau Jsbach, und an seine Söhne. Die Exekution wurde auf der Insel Beresan vollzogen, während die Dämmerung bereits anbrach. Schmidt eilte schnell zum Orte der Erekution und bat, man möge ihm keine Kappe über das Gesicht ziehen, auch seine Hände nicht an den Pfahl anbinden. Dann nahm er rührenden Abschied von den Matrosen und Soldaten und rief laut:„Lebt wohl! Gebt Feuer!" Schmidt fiel erst bei der dritten Salve. Die Leichname der vier Erschossenen wurden sofort in bereit ge- haltene Särge gelegt und an Ort und Stelle verscharrt. poUtiscKe OeberHebt. Berlin, den 20. März. Mißlungene Vertuschung. , Die Rechtfertigung des Gouverneurs von Kamerun ist mißlungen, so viel sich auch die Kolonialhäuptlinge Arendt und Genossen Mühe gegeben haben, die Mißstände in der Kolonialregierung zu vertuschen. Heute vergeudeten nur die Afrikafahrer v. N i ch t h o f e n und L a t t m a n n ihrer Lungen Kraft in kolonialpolitischen Phantastereien, die um der Zukunft der Kolonie willen die Kritik über die bisherigen Mißstände hassen und verurteilen. Ihre höchst zweifelhaften moralischen Einwände gegen die Darstellung Puttkamerischer Wirtschaft fanden natürlich seitens unserer Genossen L e d e- bour und Bebel, die diese Wirtschaft riicksichtslos auf- deckten, kein Entgegenkommen. Im Gegenteil geißelte Bebel die Art der Vertuschung und die Prüderie, init der sich die Redner der Rechten gegen die behufs Beseitigung der Miß- stände geübten Kritik gewendet haben. Bebel meinte, die Herren auf der Rechten äußerten doch sonst ein sehr empfindliches-Ehrgefühl, wenn es sich um ge- wisse Verfehlungen handelt, die Puttkamersche Maitressen- Wirtschaft habe aber Ungesetzlichkeiten zur Folge gehabt, die bei d�n hochgespannten Ehrgefühl der Rechten diese erst recht hätte verurteilen müssen. Indessen, wenn die Junkerehre auch gern nach den Heineschen Versen handelt: Blamier' mich nicht, mein schönes Kind, Und grüß' midi nicht unter den Linden, Wenn Ivir nachher zu Hause sind, Wird sid) schon alles finden.— so findet sie sicher auch noch eine Entschuldigung dafür, daß Puttkamer sich offenbar den Teufel um diese Vertuschungs- inoral kümmert. Er fühlte sich als Herr und Gebieter, der über seine moralische Qualifikation niemand Rechenschaft ab- zulegen hat und seinen Neigungen für illegitime Cousinen freien Lauf lassen konnte. Diese hohle Hcrrennatur wirkt diirch die Nichtachtung seiner Mitmenschen gemeingefährlich. Die Roheiten gegen die Eingeborenen und die Versuche, Be- fchwcrden über ihn mit Strafen zu begegnen, die die Marimal- strafe wegen Majestätsbeleidigung übertreffen, charakteri- sieren das System Puttkamerun. Jesko von Pnttkamer, der Sohn des ehemaligen Ministers von Puttkamer, ist der Typus der herrschenden Klasse, wenn sie ihre„ideale" Natur, um an die Phantasien des Herrn Oberst Deimling zu er- innern, in Reinkultur zeigt. Der Abgeordnete Erzberger, den der Rüffel der Zentrumsbonzen noch nicht stumm gemacht hat. konstatierte, daß der jetzige württembergische Minister, Freiherr v. Soden, vor mhr als zehn Jahren sich gegen die Einsetzung Putt- kamers gewendet und vorausgesagt hat, daß Zustände, wie die gegenwärtigen, die Folgen Puttkamerischer Regierungs- Methode sein müßten. Auch Erzberger kritisierte scharf die Handlungen dieses Gouverneurs, der sich einer Reihe von Ungesetzlichkeiten schuldig gemacht habe. Zwar gab sich der„Kolonialprinz" alle Mühe, die ange- griffenen Beamten zu decken, aber deren Verfehlungen sind zu groß, als daß er sie rückhaltslos zu verteidigen wagte. Dann wurde der Kamerun-Etat bewilligt. Morgen: Schwerinstag. 1. Antrag Liebermanns von Sonnenberg, Versammlungsfreiheit betreffend, 2. Antrag Graf v. Bernstorf, Herabminderung der Verbrauchsabgabe auf Zucker betreffend, 3. Wahlprüfungen. Abgeordnetenhaus. Das Abgeordnetenhaus erledigte am Dienstag eine Reihe kleinerer Vorlagen und beriet sodann deii Gesetzentwurf betr. die Anlegung von Sparkassenbeständen in Inhaber- papieren. Die Vorlage, die bereits vom Herrenhause durchs beraten und angenommen ist, begegnete auf den verschiedensten Seiten lebhaften Bedenken und wurde schließlich einer Kom Mission iiberwiescn. Am Mittwoch sollen Anträge aus dem Hause beraten werden. Es ist dies der erste Schwerinstag in der Session. Die Verankerung der Drciklassenschinach- Die reaktionäre Presse hat gegen die preußische„Wahlreform" nichts einzuwenden. Die„ Kreuz- Ztg." erklärt mit jener brutalen Ehrlichkeit, die einen Konservativen einem Freisinnigen gegenüber menschlich beinahe sympathisch zu machen vermag, daß die vorgeschlagene Wahlreform dadurch klar gekennzeichnet sei.„daß in dem Entivurfe von einer„Reform des preußischen Wahlrechts" nicht d i e R e d e ist". Darin liege nach ihrer Auffassung gerade der V o r z u g der Wahlvorlage! Das führende konservative Organ setzt dann mit der gleichen nichts verschleiernden Aufrichtigkeit eingehend auseinander, daß alle die wahltechnischen Neuerungen der Vorlage nur dem Zwecke dienten, künstlich die Schwierigkeiten des Wahlaktes aus dem Wege zu räumen, die durch die Ungeheuerlichkeiten und Unsinnigkeitcn des Wahlsystems s e l b st augehäuft worden sind. Aber gerade diese politische Eisenbartkur findet den Beifall der„Krenz-Ztg.": da beide Entwürfe den wesentlichen Inhalt des DreiklassenwahlsystemS nicht a n- tasteten, sondern sich auf die notwendigen Aenderungen äußer- sicher Natur beschränkten, so werde die konservattve Partei der Vorlage ihre Zustimmnug nicht versagen. Auch der freikonservative Herr v. Zedlitz erteilt der Viegierungsvorlage seinen Segen: Sehr anzuerkennen sei, daß die Regierung zwar einige„über- mäßig bevölkerte" Wahlkreise teilen wolle, sich dabei aber auf die „dringendsten Fälle" beschränke. Sollten doch einmal in Berlin oder in Schöneberg-Rixdorf ein paar Sozialdemokraten gewählt werden, so sei das„vom politischen Standpunkt sicher kein Fehler". Herr V. Zedlitz denkt dabei sicher nicht an den Nutzen, den das Vorhandensein einiger sozialdemokratischer Hechte im Karpfenteich bringen könnte. sondern an das vermcintlidi„versöhnende" Moment, daß dann die Millionen preußischer Proletarier nicht mehr behaupten könnten, völlig ohne Vertretung im Dreiklassenparlament zu sein. Wir glauben nun, daß in einem solchen Falle die parlamentarische O h n- macht einer so lächerlich un Verhältnis in äßigen Vertretung da? Proletariat nicht minder erbittern würde als die jetzige absolute Rechtlosigkeit. Die Z e n t r u in s p r e s s e übt an den Vorlagen bis jetzt nur eine auffallend zurückhaltende Kritik! Bei der Beratung wird freilich das Zentrum, das sich im Reichstag hinter die be- rühmten Kompetenzbedenken verkroch, Farbe bekennen müssen. Aber nicht nur die Reden, sondern auch die Abstimmung der Zentrums- Herren wird man kontrollieren! Die freisinnige Presse ergeht sich weiterhin in einer unwilligen Kritik der Vorlage. So sagt die„Franks. Z t g.": „Man sieht, das Ganze läuft auf einige technische Aenderungen deS Wahlmodus hinaus, den Wählern wird die Sache etwas be- querner gemacht, das lange Warten bei der Wahl fällt fort usw. Einige Aenderungen sind dabei nicht ganz unbedenklich und namentlich scheint die W a h l k o n t r o l l e erschwert zu sein. Aber von einer Wahl-Reform ist keine Rede, nicht einmal von einem R e f ö r m ch e n. Die Klasseneinteilung bleibt unangetastet, die Oeffentlidsteit der Wahl bleibt bestehen, und die Wahlkreiseivteilnug wird so unwesentlid» geändert, daß diese paar Flicklappen ihr kein schöneres Aussehen verschaffen könne». Die Bevorzugung des B e s i tz e S f o l l d u r ch a u S aufrecht erhalten werden und mit Hülfe der ungerechten Wahlkreiseinteilung namentlich die Bevorzugung Großgrundbesitzes. Die große Masse der Wähler soll nach wie vor entrechtet bleiben. Es ist selbstverständlich, daß die Linke sich mit dieser Art von„Reform" n i d) t zufriedengeben kann; sie Ivird nun mit E n t- s ch i e d e n h e i t eine w i r k l i d) e Wahlreform in Preußen zu fordern haben." Aehulid) äußert sich auch das Mosseblatt: auch cS sagt der Regierung die W a h I r e di t s f e h d e des Freisinns an. Wenn von dieser freisinnigen Wahlredstskarnpagne nur erst etwas zu verspüren wäre!— • Veutlcltes Reich. Kanzlerkrise? Die„Schlei. Volksztg." weiß aus angeblich„bester Ouelle" zu berid>tcn, daß vielleicht ein Kanzl erWechsel bevor- sieht. Nach ihrer Mitteilung hat der Kaiser Bülow ein Ultimatum gestellt, falls er die Schaffung-des RcichskolonialauitcS nicht durd)- zusetzen wisse. Die Gründe seien lediglidi in der Person des künftigen Staatssekretärs des Reicvskolonialamtes zu sudien. der eventuell sogar Reiäiskauzler werden solle. Auch im Auswärtigen Amte krisele es, weil die Holsteinfrage akut geworden sei. Sehr glaubwürdig klingt die Meldung nicht: aber als ganz un- wahrscheinlich kann sie in Anbetracht der bekannten eigenartigen Stetigkeit und grundsätzlichen Festigkeit unseres Regieruugskurses auch nicht gelten. Das preußische Slaatssdstff hat seit etwa ändert- halb Jahrzehnten so manche Neigung zum Schlingern gezeigt, daß ein neuer Fall über Bord nicht ausgeschlossen erscheint.— Herr Theophil Krolik, stellvertretender Vorsitzender des christ- lichen oberschlesischen Arbeitervereins zu Beuthen und bisheriger Vertreter des Wahlkreises Bcuthen-Tarnowitz, hat jetzt, nachdem er schon vor einiger Zeit aus der ZentrumSsraktion ausgeschieden war, auch sein Reichsragsmaudat niedergelegt. Er motiviert diesen Schritt im„Katolik" folgendermaßen: Als ich aus der Zeutrumsfraktion ausschied, hatte ich die Ab- ficht, das Mandat, welches mir die Wähler des Beutheu-Tarno- witzer Wahlkreises anvcrlrauten, niederzulegen. Es war mir be- kannt, daß zwischen einer Gruppe obersd, lesischer Gcistlidier und einer Gruppe Abgeordneter der Polenfraktion Versudze zu einer Verständigung angebahnt wurden. Ich hielt mit dem Hervor treten nieincr Absicht zurück, um nicht durch eine neue Wahl diesen Bestrebungen Einhalt zu tu», da ich mit Berechtigung auf einen befriedigenden Abschluß rechnen durfte. Die bekannte Erklärung der schlesischen Abgeordneten des Reidistages und des Landtag vom Ib. Februar setzte, wie mir gemgi wurde, diesen Bestrebungen ein Ziel. In Anbetracht dessen habe idz die Absicht ausgeführt und teile meinen Wählern mit, daß ich das Mandat zum Reichs tage niederlege. ES wird also eine Ersatzwahl im Beuthener Wahlkreise nötig. Bei der letzten ReichstagSwahl im Jahre 1903 erhielten Krolik als polnischer Zentrumskandidat 29 ISS, Anteß(deutscher Zentrums kandidat) 7926, Steslicki(Pole) 6854, Bloch(frs. Vp.) 1284 und unser Genosse Winter 19 258 Stimmen. In der Stichwahl fielen auf Winter 12 421, auf Krolik 28 475 Stimmen.— Hans Mösts letzte Verurteilung im Jahre 1992 zu einem Jahre Gefängnis, die in unserem gestrigen Artikel erwähnt wurde, ist ein typisches Beispiel der Klassenjustiz. Am 6. September 1991, als Czolgosz in der Ausstellung in Buffalo auf Mc Kinley sdwß und ihn tödlich verwundete, erschien die„Freiheit" in New Jork mit einem Artikel, der„das Recht auf den Fürstenmord" in scharfer Sprache verteidigte. Der Artikel war geletzt und gedruckt, noch ehe das Attentat geschah, und es ist sicher, daß lvkost keine Ahnung hatte, daß ein Attentat beabsidstigt war. Noch mehr, der Artikel war nicht von Most geschrieben, sondern von deni Freidenker Karl Hciiizcu vor länger als fünfzig Jahren, nach der Revolution von 1348, und anstandslos in den Vereinigten Staaten publiziert worden!— Auf die Denunziation eines Mitarbeiters der„New Dorker Staatszeitung" hin wurde Most verhaftet und angeklagt. Die Klassenjustiz funktionierte gut. Es handelt sich nicht um T rechtigkeit, sondern um die Befriedigung der Radigier, des Hasses der herrschenden Klasse, die in heller Wut nach Opfern verlangle für den Tod Mc Kiuleys. Unser gestriger Artikel über Most ist leider durch einige Druck fehler entstellt worden. So mutz aus dem Satze:„Ende 1882 ging Most wieder nach Amerika" das Wort„wieder" gestrichen werden. Und zum Schluß muß eS natürlich statt„... so hat er vieles Bleibendes gesihaffen, nichts Wertvolles hinterlassen" heiße»: ,.... so hat er nichts Bleibendes geschaffen, nidsts Wertvolles hinter lassen".— Die„TtaatSbürger-Zeituug" ist über unsere versifizierte Geißelung ihrer an Freiligrath verübten Grabschändung so maßlos verdutzt, daß C1*.« rv 1 0J l'» rFk /> V M»•%-»>» Hill« ,-» Antisemitischer Schwindel. Die gestrige„Deutsche Tageszeitung� behauptet wieder in ihrer witzlosen Art, daß unter den Referenten der am Sonntag in Berlin und Umgegend abgehaltenen Versamm- lungen 37„Inden" gewesen seien und bricht zum Sdiluß in den Wehruf aus:„Das sind die Führer der deutsdien Sozialdemokratie".— Nun ist eS uns zwar, um berlinisch zu reden,„völlig s ch n u p p e", ob jemand romanischer, germanischer oder semitischer Abstammung ist; nach Durdisidd der Rednerliste können wir jedoch konstatieren, daß das Oertelsche Blatt„für deutsche Art" nacki der bekannten Eigenart seiner Gönner agrarisch anfgesdinitten hat. Es stempelt schlechtweg die Genossen Koblenzer, Litfin, Sillier, Nürnberg, Kosiol. Grauer, Leid, Freilvaldt, Sonnen bürg, Zacher, Wiese nthal, A h r e n s, P e s s i e r. Jacobsen, S a b a t h, Z a ch a u. B e i m s und Thomaser zu Semiten, die durchweg gute Arier sind und es in bezug auf„ A b st a m m u n g" nach den Begriffen der„Deutsdien Tageszeitung" sicher mit so manchein Junker auf- nehmen können. Also von 37 sind 13 zugelogen. 59 Proz. Auf- sckilag. Die„Deutsckie Tageszeitung" versteht demnach das Aufschlagen nock, besser als der beste Schacherjude. sie, diesmal in unverfälschter Pückler-Prosa, das erbarmungswürdig dümmste Zeug zusammenschwatzt. Wir schloffen unsere Verulkung mit einem Goethe-Zitat, das wir ausdrücklich als solches be zeichneten und obendrein durch Anführungsstriche kenntlich machten. Sei es nun, daß die Gelehrten der„Slaaisbürger-Zeitung" solche Genies in der Dumniheit sind, daß sie die Pointe über Haupt nicht kapierten, sei es, daß sie argwöhnten, man wolle sie aufs Glatteis führen: kurzum, sie gerieten in ihrer Ratlosigkeit ganz aus dem Häuschen. Und da offenbar auch unter ihrem Bekanntenkreise niemand ist, der einmal Goethe gelesen hat und sie warnen kann, begehen sie folgende Eselei: „Dem biederen„Vorwärts" ist es in die Krone gefahren, baß Ferdinand Freiligrath in die Reihe unserer Mitarbeiter ein getreten ist. Er rädst sich mit einem Gedicht, das mit einer Gemeinheit schließt, die sich n i ch t lv i e d c r g e b e n 1 ä ß t, die überdies nicht einmal den Vorzug hat, sich zu reimen— es sei denn, daß der„Dichte r" aus der Um- gegend von Pirna oder Zwickau gebürtig wäre. Der„Dichter" der„Gemeinheit",„die sich nicht wiedergeben läßt" und der nicht einmal reimen kann, ist kein anderer als der große Johann Wolfgang, der, wie wir der„Staatsbürger- Zeitung" weiter verraren wollen, weder aus Pirna noch auS Zwickau, sondern aus Franlfuit a. M. stammt! Aber die„SiaatSbürger-Zeitung" begnügt sich nicht mit dem Nachweis, daß sie Goethe nicht kennt, sie beweist auch, daß ihr Freiligrath völlig unbekannt ist. Um nämlich einen ganz besonderen Trumpf auszuspielen, beteuert sie. daß Freiligrath„in den s ü d- lve st afrikanischen Wirren ganz gewiß nicht auf die Seite der Hottentotten getreten wäre." Nun, die glorreiche deutsche Kolouialära hat Freiligrath ja leider nicht erlebt, aber wie er über die k o l o n i f a t o r i s ck) e R a n b w i r t s d) a f t dadite, das sagen deutlich genug folgende Strophen aus seinem Gedichte„Audubon": des Nadowesier, Tschippawäer, Heult den Kriegsruf, werft den Speer: Schüttelt ab die— Europäer I Schüttelt ab das Raupenheer! Euer Wild wird ausgerottet, Siech gemadst wird euer Leib, Euer großer Geist verspottet, Und geschändet euer Weib. Austritt aus der Landeskirche. Die Bestrebungen, die Volks- schule noch inehr zu verpfaffcn, führen in immer weiteren Kreisen der Arbeitcrschakt zu dem Erfolg, daß jene Arbeiter, die längst mit den Satzungen der Kirche gebrochen, auS allerlei Rücksichien aber bisher ihren Austritt aus der Kircheugemeinschaft nicht formell voll- zogen haben, sicki nunmehr zum formellen Austritt entschließen Wie uns auS Weißenfels a. S. gemeldet wird, haben dort nach einem Vortrage des Genossen Rühle aus Leipzig 159 Arbeiter und Arbeiterinnen ihr Ausscheiden aus der Landeskirche angemeldet.— Bietet Trotz, ihr Tätowierten, Eurer Feindin, der Kultur l Knüpft die Stirnhaut von ftal- Pierten Weißen an de? Gürtels Schnur! Zürnend ihren Missionären Aus den Händen schlagt das Buch; Denn sie wollen euch bekehren, Zahm, gesittet machen, klug! Nene Opfer der Kolonialpolitik. Ein Telegramm aus Windhuk meldet: Am 12. März 1996 im Gelecht bei Harlebeestmiuid gefallen Uuterofsiüer Karl Ewald, geboren am lib 2. 89 zu Asscnhcim, Gefreiter Adam Jünger, ge- boren am 24. 9? 83 zu Mandach, Bauchschuß: leicht verwundet Leutnant Willy Schlettwein, geboren am 16. 11. 75 zu Stielen, Streifschuß reckstc Handfläche, Sanitäts-Gefreiter Gustav Teschner, geboren am 14. 8. 84 zu Teicha, Streisschuß linken Oberschenkel, Gefreiter Heinrich Hotz, geboren am 13.9.83 zu Seckmauern. Stein- splitler linken Handrücken, Gefreiter Emil Neukirch, geboren am 23. 5. 84 zu Leobsdiütz, Prellschuß am Mund. Am 19. März 1996 auf Patrouille bei Pelladrift gefallen: Gefreiter Hermann Nossack, geboren am 6. 9. 82 zu Neu-Lübbenau, Gefreiter Johann Kubon, geboren am 27. 12. 89 zu Sabine. Am 11. März 1996 bei Pelladrift gefallen: Reiter Ferdinand Franz. geboren am 25. 3. 83 zu Sulzbacki; ferner Vizefeldwebel der Landivehr 2. Aufgebots Karl Göttig. geboren am 7. 8. 67 zu Stettin am 15. März 1996 im Lazarett Sloakopmund an Lebercierrhose ge- starben. Am 16. März 1996 an TyphuS g e-st o r b e n: Feldlazarett AminuiS: Gefreiter Gustav Stahr, geboren am 19. 3. 83 zu Bog- schütz. Krankcnsanunelstclle Romansdrift: Gefreiter Heinrich Bolterö- dorf, geboren am 25. 2. 81 zu Kreuzau. An Malaria g e st o r b e n: Lazarett Windhuk: Gefreiter Ernst Rosenhagen, geboren am17. 2. 83 zu Berensch am 7. März 1996. /Zuslancl. Frankreich. Die klerikale Revolte. Paris, 13. März.(Eig. Ber.) Der Aufruhr der Klerikalen hat in einigen Departeincuts einen wahren Krieg aller gegen alle entzündet. Die verpfafflcn Offiziere kühlen ihre Wut au denjenigen Mannschaften, bei denen sie Bereit- Willigkeit zur Befolgung der behördlichen Anweisungen finden, indem sie sie unter allen möglichsii Vorwänden in Arrest setzen. Die klerikalen Fanatiker gehen an manchen Orten sogar zu Repressalien gegen die republikanischen Institutionen über. So haben sie in Saint-Etienne-de-Mer-Morte die Gemeindeschnle halb demoliert. In der Kirche hatten sich ihrer 899 versammelt, um den Domänen- inspektor zu erwarten. Dieser, dem die fünf Mann Gendarmen, die ihn begleiteten, keinen genügenden Schutz bieten konnten, zog sidi zurück. Darauf zog das heulende Kreuzfahrerheer unter Führung des Pfarrers zum Schulhaus und verlangte, daß man ihm den als Antiklerikalen geltenden llnterlehrer ausliefere I Vom Direktor zurückgewiesen, versuchten die Wütenden das Tor zu sprengen und legten eine Bresche in eine Mauer. Als die telephonisch herbeigerufenen Gendarmen aus der nächsten Stadt ankamen, wurden sie von Hunderten, größten- teils betrunkene», mit Knütteln und Flinten bewaffneten Bauern angegriffen. Ein Gendarm erhielt einen Stockhieb über den Kopf und fiel. Der Gendarmeriewadstmeister forderte den Pfarrer auf zu intervenieren, dieser aber iveigerte sich. Als der Gendarm hierauf sagte, es werde ihm und seinen Leuten nichts übrig bleiben, als zum Revolver zu greifen, erwiderte der Priester:,, Wenn ihr schießt, könnten die Gewehre der Bauern von selbst losgehen!" Schließlich gelang es dem Bürgermeister, die Bauern zu beruhigen. Die Gendarmen sind sämtlich mehr oder minder schwer verletzt. Die Hetze der Pfaffen nimmt auch anderswo mit Vorliebe die Lehrer zuni Ziel. In Montregard hat der Lehrer mit seiner Familie unter Militärschutz fliehen müssen, da der Bürgermeister erklärte, nicht inehr für sein Leben einstehen zu können!— Schweden. Der Gcneralstreikgedanke. Die Sozialdeniokratie Schönens hielt vor einigen Tagen ihren Distriktskongreß ab, und zwar in Malmö. Von Lunds Arbeiter- kommune wurde hier der Antrag gestellt, einen besonderen Agitator zur Propaganda des GeneralstreikgedankenS anzustellen. Zur Be- gründung wurde unter anderem auf den Beschluß des deutschen Parteitages in Jena hingewiesen. Der Distriktsvorstaud schlug da- gegen Ablehnung des Antrages vor, da die Distriktsorgauisation als Unterabteilung der Sozialdemokratischen Partei Schwedens sich der von der Gesamtpartei beschlossenen Taktik fügen müsse. Diese Auffassung siegte nach einer lebhaften Debatte mit 13 gegen 17 Stimmen. In Schonen ist die Parteiorganisation vorzüglich entwickelt, sie zählt hier 19 Arbciterkommunen mit zusammen 29 929 Mitgliedern. Nicht weniger als 5 der 13 sozialdemokratischen ReichstagSabgeord- neten Schwedens sind in diesem Landesteile gewählt.— Norwegen. Staatskontrolle über die Seetüchtigkeit der Schiffe. Das norwegische Scksiffahrtswesen ist, wie kürzlich sogar der Staatsrat Arctander im Storthing ausftihrte, in Europa berüchtigt, weil es den höchsten Prozentsatz von Verlusten au Schiffen und an Mensd�nlebcn aufweist, was wesentlich aus Mangel an der nötigen Kontrolle über die Seetüchtigkeit der Fahrzeuge beruht. Nur zu oft müssen norwegische Schiffe in englischen Häfen, von den Dehördcni angehalten werden, weil sie überlastet oder über- Haupt seeuntüchtig sind. Im Juni vorigen Jahres beschloß das Storthing ein Gesetz über die Seetüchtigkeit der Schiffe, das— obgleich darin jegliche Bestimmung über eine Ladeliuie der Schiffe fehlt— doch geeignet ist, die Hinaussendung von schwimmenden Särgen zu verhindern. Von feiten der Reeder ist seitdem alles aufgeboten worden, um das Inkrafttreten des Gesetzes hinauszuschieben oder wenigstens die 'elbständige Staatskontrolle zu hintertreiben. Ihre Vertreter ver- langten im Storthing, daß die ganze Kontrolle der„Veritas", einer Privatgesellsthaft, die von den Reedern abhängig ist, übertragen werde! Am 14. März hat jedoch das Storthing diese Pläne, wenigstens einigermaßen, zunichte gemacht. Ein Borschlag, das Gesetz zu ver- tagen, wurde mit 193 gegen 12 Stimmen" verworfen. Ferner wurde beschlossen, daß nur die technische Kontrolle der„Veritas" übertragen, die seemännische Kontrolle dagegen von Staatsbeamten ausgeübt werde. Es sollen drei Schiffsinspektoren und vier Auf- 'ichtsbeamte fest angestellt, außerdem 37 andere Aufsichtsmänne: ernannt werden. Für besondere Fälle können anch noch andere Personen zur Ausübung der Kontrolle herangezogen werden. Das Gesetz soll am 1. April dieses Jahres in Kraft treten; technischer Schwierigkeiten wegen hat sich das Departement jedoch eine Verzögerung um einen Monat vorbehalten Hus der Partei. Rexljäuser wird weiter vom„Korrespondenzblatt der General- .ommission der Gewerkschaften" verteidigt. Das ist bedauerlich, bedauerlicher aber noch der Umstand, datz das Blatt kein Empfinden dafür zu haben scheint, das; das, was Rexhäuser der«Leipziger Volkszeitnng" vorwarf, keine sachliche Kritik darstellt, sondern eine vollständig haltlose Behauplniig war. die ein Redakteur eines Organs klassenbewufiler Arbeiter einfach nicht erheben durfte, weil er ihre Unsinnigkeit hätte erkennen müssen und weil er sich, auch wenn die„Leipz. Volkszeitung" nicht angeklagt gewesen wäre, sagen muhte, dah ein Angriff solcher Art unter allen Um- stände» der Staatsanwaltschaft Anlafi zu Mahnahmen gegen das bezicbtigte Blatt geben könnte. Es ist auch durchaus falsch, diesen Angriff Rexhänsers mit der Kritik Verswiedener Parteiblätter an der Taktik der„Leipziger Volkszeitung" gleichzusetzen. Kein Parteiblatt hat sich zu der unsinnigen und unwahreit Verdächtigung hin- reihen lassen, die„Leipziger Volkszeitung" reize zu gewaltsamer Revolution auf. Das„Korrespondenzblatt" hält uns zum Schluh eine Vor» lesung über das Verhältnis der Gewerksckiaftsbeamten zu ihrer Ge- werkschaft und gibt uns dabei indirekt zu verstehen, dah die Redakteure der Parteipresse, speziell des„Vorwärts", Beamte sind, denen der Lohn alles, die Arbeit nichts ist, die unter Vorausbezahlung eines Vierteljahresgchaltes plötzlich ent- lassen loerden können, um anderen, die vielleicht schon lange darauf gewartet haben, in deren Stellungen ein- zutreten, Platz zu machen, Fremdlinge, die herangeholt werden, um bestimmte Arbeiten auszuführen usw., während die Gewerkschafts- beaniten das alles nicht sind, sondern Vertrauensleute ihrer Or- ganisation. Wir nehmen die ziemlich offenbaren Bosheiten nicht tragisch, führen sie aber hier an für den Fall, dah man uns einmal sachliche Kritik als Verfallen in schlechten Ton ankreidet. Dah die Gewerkschaftsbeamten Vertrauensleute ihrer Organisationen sind, haben wir nie bezweifelt. Daraus aber zu folgern, loie das„Korrespondenzblatt", dah jeder Angriff auf einen Gewerkschaftsbeamten ein Angriff auf die Organisation sei, der er angehört, ist eine etwas halsbrecherische Logik. Wir werden uns nach wie vor erlauben. Personen und Sache zu trennen. Dabei leitet uns keineswegs das Bestreben, das das„Korrespondenzblat:" bei uns vermutet, einen künstlichen Gegensatz zwischen den besoldeten Vertrauensleuten der Gewerkschaften und ihren Mitgliedern zu schaffen. Zersetzungsbestrebungen werden von uns nicht gehegt. Das Thema Rexhäuser behandelt auch der„Grundstein", das Organ des Maurerverbandes. Bei einer kurz zusammen- fassenden Darstellung des Sachverhalts ist ihm dabei der Irrtum unterlaufen, zu sagen, dah Rexhäuser das Unglück gehabt habe, gerade solche Artikel der„Leipz. Volksztg." mit seiner„auch wieder zu weit gehenden Kritik"(das ist sehr zart ausgedrückt. Red. d. Vorw.") zu treffen, die später von der Staatsanwaltschaft angeklagt wurden. Bekanntlich hat Rexhäuser seine„auch wieder zu weit gehende Kritik" nach Einleitung der Anklage losgelassen. Nach Ansicht des„Grund- stein" ist der Angriff der„Leipz. Volkszeitung" gegen Rexhäuser völlig unmotiviert gewesen. Dann sagt er:„DaS mühte eigentlich selbst der„Leipziger Volkszeitung" zu denken geben, dah die Art, wie sie es beliebt, eine Vertrauensperson der Gewerkschaftsbewegung ohne jegliche tatsächliche Unterlage(!) des er- bärmlichsten Verrates zu bezichtigen, der in der Arbeiterbewegung denkbar ist, den Gewerkschaften selbst, in erster Linie dem Buch- druckerverbande, einen Schlag ins Gesicht bedeutet." So werden aus falsche» Prämissen falsche Schlüsse gezogen. Nliherdem beschäftigt sich dchd„Grundstein" mit dem Genossen Dr. Michcls-Marburg beziehungsweise seineu bekannten Pariser Vor- trägen. Als seine Quelle nennt er- die„Bergarbeilerzeitung". Was er der an Kritik der Michelsschen Ausführungen entnimmt, konnte er schon längere Zeit vorher im„Vorwärts" finden. Wir sagen daS nicht, weil wir eitel auf unsere Priorität sind. sondern weil wir Wert darauf legen, dah die Leser der Gewerkschafts- presse nicht bloh vom„Vorwärts" hören bei Gelegenheit einer Polemik mit ihm wegen angeblicher Vcrkennnng der Gewcrkschafts- bewegung, sondern auch einmal, wenn er Angriffe auf die Gewerkschaftsbewegung abwehrt. Zum Schluh seiner Ausführungen sagt der„Grundstein", er verwahre sich auch gegen die Vcrdächti- gungen seiner(Michels) Gesinnungsgenossen, der„Ucbcrradikalen". Soviel lvir wissen, hat bisher noch kein deutscher Genosse sich zustinnnend zu den Ausführungen geäuhert, die Genosse Dr. Michels in Paris getan hat. Es dürfte also schwer fallen, engere Gesinnungsgenossen des Genossen Dr. Michels in Deutschland aufzutreiben. Soziales. Hcimarbeiterschntz. Seitens der bürgerlichen Parteien find nun auch Anträge beim �Reichstag eingereicht, die auf Aenderung der Gesetzgebung zum Schutz der Heimarbeiter abzielen. Der lendenlahmste, arbeiterfeindlichste ist der von der freisinnigen Partei eingereichte. Diescr?lntrag wagt es, ganz im Sinne des Müller (Sagan)schcn freisinnigen Organs, trotz der seit Jahren auch für den behäbigsten Rkanchesterinann simrenfällig gemachten Lage der Heimarbeiter z u n ä ch st eine Enquete anzuregen und will e r st dann einen Gesetzentwurf zur Beseitigung der Mißstände vorgelegt haben. Dieser Antrag der freisinnigenBolkspartei lautet: „Der Reichstag wolle beschließen: den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, sofort eine Enquete über die Lage der Heimarbeiter, ins- besondere betreffs der Arbeitszeiten, der Arbeitslöhne sowie ihrer sanitären und sozialen Verhältnisse zu veranstalten und sodann auf Grund der Ergebnisse dieser Enquete möglichst bald dem Reichs. tag einen Gesetzentwurf zur Beseitigung vorhandener Mißstände vorzulegen." Ter zweite Antrag der bürgerlichen Parteien ist von Ver- tretern des Zentrums, der Nationallibcralen, der Freikonservativen, der Konservativen, der Freisinnigen Vereinigung, der Reformpartei, der Polen und der wirtschaftlichen Vereinigung eingereicht. Als Antragsteller dieser vereinigten Bürgerlichen fungieren die Abgeordneten: Dr. Hitze, Freiherr Hehl zu Herrnsheim, Graf v. Arnim, Bassermann, Dr. Burckhardt, Prinz Heinrich zu Schön- aich-Carolath, Telsor, Dietrich, Gamp, Gicsberts,«Gröber, Henning, Dr. Freiherr v. Hertling, Malkewitz, v. Oertzen, Graf v. Oriola, Dr. Pachnickc, Pauli(Obcrbarmm), Dr. Porzig, Fürst Radziwill, Freiherr v. Richthofen-Tamsdorf, Scback, E>. Stoccker, Stychel, Trimborn, Dr. Vonderfcheer, Dr. Wolff. Der Antrag ist nach dem Rezept fabriziert:„wasch mir den Pelz, aber mach ihn nicht naß". Seine Jnhaltlosigkeit steht in um- gekehrtem Verhältnis zu seiner Lange. Er lautet: „Ter Reichstag wolle beschließen: die verbündeten Regierungen zu ersuchen I. möglichst bald dem Reichstage einen Gesetzentwurf zur Rege- lung der Arbeitsverhältnisse in der Hausindustrie(Heimarbeit) vorzulegen, und zwar unter tunlichster Berücksichtigung folgender Gesichtspunkte: daß k. auf Anordnung des Bundesrats, oder soweit dieser von seiner Vollmacht keinen Gebrauch macht, der Landeszentralbehörden oder der zuständigen Polizeibehörden, die Gewerbe- ireibenden(einschließlich Zwischenmeister, Faktoren usw.), welche außerhalb ihrer Arbeitsstätten Personen mit der Anfertigung ge- Werblicher Erzeugnisse beschäftigen, verpflichtet sind, ein Verzeich- nis dieser Personen(Name, Geschlecht, Wohnort, Wohnung, Ar- beitsstätte; falls es jugendliche Personen unter 16 Jahren sind, Angabe des Lebensalters) zu führen und regelmäßig der Orts- Polizeibehörde oder einer von diescr bezeichneten Meldestelle mit- zuteilen� 2. soweit Lohnbücher für die Heimarbeit eingeführt werden (G.-O. Z 114s), entsprechend den Rubriken der Lohnbücher über die gegebenen Arbeitsaufträge Buch geführt und dieses den Auf- sichtsbeamtcn auf Verlangen vorgelegt wird: 3. die Gewerbeaufsicht(D.-O.§ 13310 auf die in der Heimarbeit beschäftigten Personen ausgedehnt und- möglichst durch besoiidere Beanite, auch weibliche, ausgeübt wirdg 4. auf Antrag der Gewerbeaufsichtsbeamten die Polizei- behörden befugt sind, zum Schutz der Gesundheit der Beschäftigten oder der Konsumenten oder der Sittlichkeit im W»-gv'. der Verfügung für einzelne Arbeitsstätten Vorschriften zu erlasse» oder die Beschäftigung von besonderen Bedingungen abhängig zu machen oder auf Zeit zu untersagen ffO 5. der Bundesrat, oder falls dieser von seiner Berechtigung keinen Gebrauch macht, die Landeszentralbehörden oder die zu- ständigen Polizeibehörden befugt sind, im Wege der Verordnung solche Vorschriften(Ziff. 4), sei es allgemein, sei es für bestimmte Gewerbszweige oder Bezirke zu treffen;�) 6. den jugendlichen Personen und Arbeiterinnen, soweit ihnen nicht schon durch das Kinderschutzgesetz von 1333 oder durch die Gewerbeordnung(§8 13S bis 133a, 154) ein weitergehender Schutz gesichert ist, die Sonntags- und Nachtarbeit(von abends 13 bis morgens 6 Uhr) verboten ist; 7. dem Bundesrat das Recht gegeben wird, für solche Gewerbe, in welch?» durch übermäßige Dauer der täglichen Arbeitszeit die Gesundheit gefährdet wird. Dauer, Beginn und Ende der zu- lässigen täglichen Arbeitszeit auch für» die Erwachsene" vor- zuschreiben, sowie solche Arbeiten, welche mit besonderen Gefahren für Gesundheit und Sittlichkeit verbunden sind, gänzlich zu unter- sagen oder von besonderen Bedingungen abhängig zu machen;*�) 8. den Arbeitgebern eS untersagt ist, die für Fabriken und Werkstätten festgesetzte Arbeitszeit(G.-O. 8§ 433 bis 13gs, 154) dadurch zu umgehen, daß den Arbeitern Arbeit nach Hause mit- gegeben wird; 9. für solche Bezirke, in denen die Hausindustrie stärker ver- treten ist, Schutzkomitees als Hülfsorgane der Gewerbeaufsicht ge- bildet werden; 13. die Gewerbegerichte allgemein und auch dann für zuständig erklärt werden, wenn die Hausgewerbetreibenden die Rohstoffe selbst liefern(Gewerbcgerichtsgcsetz 8 3); 11. für den Fall der Errichtung von Arbeitskammcrn ge- sonderte Abteilungen für die Hausindustrie(Heimarbeit), insbesondere auch zur Förderung von Tarifverträgen gebildet werden; 12. die Kranken-, Invaliden- und Ilnfallvcrsicherung tun- l i ch st ausgedehnt wird. II. auf Grund des 8 454 Abs. 3 und 4 der Gewerbeordnung die Arbeiterschutzbestimmungcn(G.-O. 88 43ös bis 133b) tun- l i ch st auf alle Werkstätten der Hausindustrie auszudehnen. Ein solck?cr Gesetzcnlwurf kann nur als eine außerordentlich geringfügige Abschlagszahlung auf die Forderungen erachtet werden, die in dem von der sozialdemokratischen Fraktion vorgelegten Gesetz- entwurf aufgestellt und durchaus durchführbar sind. Wer immerhin wäre es eine Abschlagszahlung, wenn die Resolution, von ihren vielen„tunlichst" und„wenns" befreit, Gesetz würde. Da aber die verbündeten Regierungen Reichstagsresolritionen, dank der Nachgiebigkeit der Parteien auf allen nicktagrarischen Gebieten, lediglich in den Papierkorb zu versenken pflegen, so ist die Einbringung dieser Resolution leider nur als eitel Schaumschlägerei zu bc- trachten.— Kommunales« Stadttzcrorductcn-Versammluug. 12.(außerordentliche) Sitzung vom Dienstag, de» 2 3. März 133 3, nachmittags 5 Uhr. Der Vorsteher Dr. L a n g e r h a n s eröffnet die Verhandlungen um ö'/s Uhr. Vor Eintritt in die Tagesordnung nimmt das Wort Stadtv. GlntzelEinc Stunde, meinte er. Als ich ihm riet, erst einmal acht Tage auf der Chaussee Steine zu klopfen, blieb er mir die Antwort schuldig. Seine Kolonien haben bedeutende Aehnlichkcit mit Gefängnissen, wenn auch jeder hinaus- gehen kann, lvenn's ihm beliebt; die Einrichtungen dieser Anstalten nähern sich bedenktich den ZwangSanstaiten an. Er selbst bält ja strenge Zucht für unbedingt notwendig und nimmt nicht nur für die Erziehungsleutc das Recht,„tüchtig zu hauen", in Anspruch, sondern ver- langt auch die Prügelstrafe wieder staatlich sanktioniert. Wenn irgend etwas diese Kolonien den Leuten zur Hölle machen kann, so sind eS derartige Zwangsmittel. Die Vorlage gewährleistet auch der Stadt keineswegs eine genügende Einwirkung auf die Kolonie und deren Verwaltung. Nach den finanziellen Vorschlägen des Magistrats handelt eS sich überhaupt mehr um eine Berliner, als um eine Bodelschwinghsche Anstalt. Wir würden für sofortige Ablehnung der Vorlage sein; nachdem aber der Antrag auf Ausschuß- beratung gestellt ist, stimmen wir diesem zu. Der Magistrat hat die Notwendigkeit von Berliner Asylen anerkannt und ich habe ja direkt Anlaß, der Stadt den Dank siir ihre Beiträge zur Anstalt des Asyl- Vereins auszusprechen. Gegen eine solche Anstalt wie die hier geplante, wehren wir unS aber, weil wir in dieser das Mittel zur Befriedigung des tatsächlichen Bedürsnisjes nicht erkennen können. Stadtrat Fischbeck: Ich behalte mir für den Ausschuß die Wider- legung einiger der Behauptungen des Stadtv. Singer vor. Wenn er aber behauptet, daß das Problem der Obdachlosigkeit mit den wirtschaftlichen Vorgängen zusammenhängt, so stehen hier zwei entgegengesetzte Aufsassnngen gegenüber. Wir haben nach- gewiesen, daß auch bei der größten wirtschaftlichen Anspannung sich in unseren Asylen große Massen von Leuten zusammen- drängen, die nicht arbeite» können und nicht arbeiten wollen. Da muß also doch anderes mitwirken, als nur die Lage des Arbeits- Marktes. Im Singerschen Asyl herrscht das Prinzip der absoluten Anonymität; wir als öffentliche Behörde dürfen das nicht, wir müssen nach Namen und Stand fragen, aber wie sollen wir, wo täglich sich 2—3303 Leute hiiieiiidrängen, genaue statistische Auf- nahmen machen? Die veranstalteten Stichproben haben indessen unsere Behauptung bestätigt. Trunkenbolde konunen nicht in sein Asyl, da werde» sie zurückgewiesen: aber sie kommen zu nnS, und wir m ü s s c n sie anfnehmen. Es handelt sich also nicht lediglich um Opfer der wirtschaftliche» Entwickelung, sondern vielfach nm Verbummelte, die vielleicht noch auf den Weg der Arbeit zurück- geführt werden können. Gefängnisartig sind die Anstalten nicht, aber bie Insassen müssen arbeiten und kriegen keinen Schnaps zu trinken. Als ivir unseren Ashlisten Arbeit beim Tellow- Kanal verschafften, gingen sie mit dem ersten verdienten Groschen in die Kantinen, ihn in Schnaps umzusetzen. Können wir eine Anzahl von ihnen vor dem wirklichen Gefängnis, dem Arbeitshaus, bewahren, so tun ivir ein gutes Weik. Von Prügeln wird in der Anstalt.Hoffnungsthal" nicht die Rede feilt._„Waiiderstationcn" und Arbeitcrkolonien darf man nicht ver- wechseln. Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dah der Andrang der Ashlisten nach Hoffnungsthal kolossal ist! wir können ihn nicht befriedigen. In Verbindung mit den Verpflegungsstationen steht auch ein über ganz Deutschland organisierter Arbeitsnachweis. Die Sub- vention soll ja immer nur auf ein Jahr bewilligt werden; eS handelt sich um einen Versuch. sBeisall.) Stadtv. Wernerchstündige Arbeitszeit beibehalten werden. Was in dem Entwurf an Akkordlohn geboten wird, sowohl für neue wie für Flickarbeit, entspricht ebenfalls lange nicht dem, was die Streikenden als recht und billig verlangen. In der Versammlung sprachen sich sämtliche Redner gegen die Annahme dieses Tarifentwurfs aus. Unbedingt soll an der For- derung der 9stündigen Arbeitszeit festgehalten werden, ebenso an der eines Wochcnlohncs von mindestens 33 M. Bei dem Lohn- angebot der Arbeitgeber würden, da man ja bei der Stunden- bczahlung auch mit Abzügen für Feiertage usw. rechnen müßte, Ivcnigcr als 32 M. herauskommen, ganz abgesehen davon, daß die 58 Pf. noch nicht einmal als Mindestlohn im Beruf gelten sollen. Auch der Verbandsvorsitzende Winkclmann aus Bremen, der in der Versammlung anwesend war, sprach sich entschieden gegen die An- nähme des Entwurfs aus, schlug jedoch vor. die Versammlung möge der Lohnkommission den Auftrag erteilen, die Angebote der Arbeit- gcbcr mit dem eingereichten Tarif, der über hundert Positionen cnt- hält, zu vergleichen und dann am Mittwoch einer neuen Ver- sammlung über das Ergebnis berichten, die über die weiteren Maß- nahmen beschließen soll. Dieser Antrag wurde mit allen gegen eine Stimme angenommen. Einzelne Firmen haben sich ganz oder teilweise mit den eingereichten Forderungen einverstanden erklärt. Die Lohnkommission soll diese Fälle untersuchen. Bor allem soll die unterschriftliche Anerkennung des Tarifs verlangt werden, bevor die Arbeit wieder aufgenommen wird. Die Versammlung war so zahlreich besucht, daß der Saal sich als viel zu klein erwies._ Köpenick Der Streik bei der Firma H Simon, Kalksandstein- fabrik, dauert unverändert fort. Verband der Fabrikarbeiter. Verwaltung Köpenick. Die Differenzen im Potsdamer Schncidergewerbe sind bei- gelegt. Dieses erfreuliche Resultat der wochenlangcn Verhand- lungen ist um so bemerkenswerter, als dadurch in Potsdam endlich auch ein korporativer Arbeitsvertrag für das Schncidergewerbe zustande gekommen ist, der in den nächsten Tagen vor dem Gewerbcgericht unterzeichnet werden wird.— Der neue Tarif enthält drei Klassen. Die Arbeitszeit ist eine zehnstündige. Ter Stundenlohn beträgt mindestens 3S— 40 Pf., je nach der Tarifklaffe. Die Akkordlöhne haben eine durchgreifende Regelung erfahren und sind vielfach erhöht. Für Sonn- und Fciertagsarbcit wird ein Zuschlag von 45—50 Ps. pro Stunde ge- zahlt; für Nachtarbeit 30 Pf.— Ter Tarif tritt am 1. April er. in Kraft. DeutMu» Rclcfc. Gebrochenes Unternehmerwort. Ein Privattelegramm meldet uns: Kassel, 20. März. 250 Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma Fröhlich u. Wolf wurden ausgesperrt. Die Ursache des Kon- fliktcs liegt in der Zurücknahme der während des letzten Streiks gr- machte» Zugeständnisse. Es handelt sich, ivie unsere Leser sich erinnern werden, um eine Weberei.— Textilarbeiter werden gut tun, Kassel zu meiden. Schifferstreik auf der Weser. Die Schiffsführer und Bestleute der Mindcner Schleppschiff- fahrtsgesellschaft sind am Sonnabend in einen Streik eingetreten. Das Vorgehen der Streikenden wurde auch von ihren Kollegen der anderen Gesellschaften mit großer Begeisterung begrüßt. In Hameln. Minden i. W. sowie in Bremen wehten den ganzen Tag die Flaggen, nicht allein auf den Mindener Schiffen, sondern auch auf den Schiffen der anderen Gesellschaften. Die Mindencr Gesellschaft hat in jedem Hafen ihre Schiffe auf den Liegeplätzen zusammengeschleppt. In Minden erfolgte diese Arbeit durch zwei Hameler Talmatrosen, welche sich zu Streikbrechern her- gegeben haben. Es erfolgte dabei eine Kollusion zwischen zwei Schiffen, ivodurch ein Schiff eine Beschädigung erlitt, welche etwa 1000 M. Reparaturkosten verursachen wird.— Auch die Talmatrosen sind am Sonnabend in einen Streik eingetreten. Im ganzen sind 85 Schiffer und Bestleute und 50 Talmatroscn am Streik beteiligt. Schneiderstreik in Königsberg. Ein Privattelegramm meldet uns: Königsberg i. Pr., 20. März. Eine imposante Schneider- Versammlung in Königsberg beschloß, um die Verschleppungstaktik der Unternehmer zu durchkreuzen, einstimmig den allgemeinen Streik. Zuzug ist fernzuhalten._ Streik der Hamburger Abbruchsarbeiter. In den letzten Tagen haben die Abbruchsarbeiter die Arbeit eingDellt, weil die Unter- nehmer gegenüber den Forderungen der Arbeiter— Neimstnndentag und 65 Ps. Stundenlohn— sich ablehnend verhielten. In den Streik eingetreten sind 452 Arbeiter, von denen bisher etwa die Hälfte anderweitig in Arbeit getreten bezw. abgereist ist. Arbeitswillige sind nicht zu verzeichnen. Auf der Zeche Moni Cents kündigten nach der„Kölnischen Volks- zeitung" 110 Grubenarbeiter wegen Lohndifferenzen. Auch unter den Pferdeführern gärt es._ Ter Zentralvorstand des Gewcrkvereins christlicher Bergarbeiter sendet uns folgende Zuschrift: Wir ersuchen Sie, zu dem Artikel„Ein bösartiger Verrat" in der Nr. 63 vom 15. März cr. folgende Berichtigung aufzu- nehmen. 1. DaS vom Zentralvorstand des Gewcrkvereins christlicher Bergarbeiter in der Lohnfragc an die Arbeiterausschußmitglieder versandte gedruckte Zirtular ist die Ausführung der von den Delegierten der drei Verbände— Gewcrkvcrein christlicher Bergarbeiter, Hirsch-Dunckerschen Gewerkverein der Bergarbeiter und dem Verein zur gegenseitigen Hülfe Obcrschlesiens— auf der Essener Bergarbciterkonfercnz ani 12. Februar cr. in Gegenwart der Delegierten des alten Verbandes beschlossenen Resolution Steeger. Diese Abstimmung leitete der Vorsitzende des alten Ver- bandes, Herr Reichstags-Abgeordnetcr Sachse. Herr Abgeordneter Hue hatte vor der Abstimmung zum Antrag erhoben, daß die Aus- fiihrung der ersten(Lohn) Resolution jeder einzelnen Organisation zu überlassen sei. 2. DaS in Rede stehende Zirkular unseres Gewerkvereins. unterzeichnet vom Vorsitzenden Köster, ist nicht„geheim" verschickt worden, sondern war bereit» am 18. Februar cr. in sehr vielen Tageszeitungen wörtlich abgedruckt. Am 24. Februar cr. war da» Zirkular im Organ des Gewerkvereins„Bergknappe" Nr. 8 an erster Stelle wörtlich veröffentlicht. 3. In diesem Zirkular ist weder in Fettdruck noch sonstwie enthalten, daß der Gcwcrkverein bezw. dessen Vorstand„i n Zu kunft den Verband und die Sicbener-Koinmis- sion nicht mehr akzeptiere n", sondern es heißt u. a. wörtlich: „Zur Zeit des letzten Streiks kam auf alle Eingaben an den Verein für die bergbaulichen Interessen an den Vorsitzenden der Siebener-Kommission die Antwort zurück: Wir verhandeln nicht mit der Siebener-Kommission, da wir dieselbe nicht als die legitime Vertretung der Bergleute anerkennen können." Tie neue Bcrggesctznovelle. so wenig sie auch unseren berech- tigtcn Wünschen entspricht, brachte uns wenigstens die Arbeiter- ausschüsse als legitime Vertreter der Bcrgarbeitcrschaft auf Gruben mit wenigstens 100 Mann Belegschaft. 4. Dieses Zirkular ist nur an die ArbeiterauLschußmitglieder. nicht a b e r an die Zechenverwaltungen gesandt worden. 5. Ihre Ausführungen und Schlußfolgerungen in dem Artikel, die diesen Tatsachen zuwiderlaufen, beruhen auf Unwahrheit. Zentralvorstand des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter Essen(Ruhr). I. A.: Köster. Wir haben diese Zuschrift sofort unserem Berichterstatter im Ruhrrevier zugehen laßen, der uns dazu schreibt: Wir können unsere Leser nur bitten, genau zu vergleichen, was w i r geschrieben haben und was da„berichtigt" wird. Man bc- richtigt eine Anzahl Sachen, die wir gar nicht behauptet haben. Das im„Bergknappen" veröffentlichte Zirkular muß doch nicht das sein, was die Ausschußmitglieocr den Zechenverwaltungen überreichten! Unser Gewährsmann behauptet, das Zirkular in Händen gehabt und wirklich gelesen zu haben „In Zukunft werden wir. den Verband und die Siebener- Kommission nicht mehr akzeptieren." In einer Zuschrift deS. Vorstandes des christlichen Gewcrkvereins an die bürgerliche Presse heißt es überdies fast genau so, nämlich: „Im übrigen ist der Gewerkverci» christlicher Bergarbeiter weder dem roten Verband noch der Siebener-Kommission über sein Tun Rechenschaft schuldig." Wenigstens das wird man doch wohl nicht leugnen wollen. l�et2te Nachrichten und Depefchen. Ein hartes Urteil. Thor», 20. März.(Privatdepesche des„Vorwärts".) DaS Kriegsgericht der vierten Division in Bromberg verurteilte den Reservisten Otto Müller vom 53. Feldartillerieregiment, der sich im August 1903 auf dem Hammersteiuer Schieß- platze in angetrunkenem Zustande gegen einen Unter- ofsizier eines anderen Regiments vergangen, auch mit der Säbelscheide geschlagen, wegen Achtungsverletzung. Gehorsams- Verweigerung. Beleidigung, tätlichen Angriffs auf einen Vorgesetzten zu fünf Jahren sieben Monaten Gefängnis. Das freie Wahlrecht ist das Zeichen... Oldenburg, 20. März.(B. H.) Die vldenburgischc Staatsregicrung beschloß, den Blättern zufolge, dem Paria- ment eine Vorlage auf Einführung des allgemeinen, gleichen nnd direkten Wahlrechts zugchen zu lassen, Ein schweres Verbrechen. Frankfurt a. M., 20. März.(B. H.) Das Kriegsgericht ver- urteilte den Musketier KoHaut wegen Achtungsvcrletzung und Be- drohnng zu 3 Jahren Gefängnis. Er hatte einem Gefreiten einen Stoß vor die Brust versetzt._ Brandunglück. Klagenfurt, 20. März.(B. J&.) In Mallnitz gerieten gestern aus bisher noch unaufgeklärter Ursache mehrere Arbciterbaracken in Brand, wobei sechs Personen verbrannten und fünf schwere Brandwunden erlitten._ Der französische Bergarbeitcrausstand. LenS, 20. März. Der Kongreß der Bergarbeiter, an dem 177 Delegierte teilnahmen, hat mit 157 gegen 10 Stimmen br- schloffen, die am Sonntag von den Bergwcrksgesellschaften angebotenen Lohnerhöhungen abzulehnen._ Textilarbeiterinnenausstand in Frankreich. Grenoble, 20. März. 4000 Arbeiterinne» der Seidenweberei von Boyron sind wegen verweigerter Lohnerhöhung in den Ausstand gc- treten. Ein kühner Ucberfall. Moskau, 20. März.(W. T. B.) In die im Mittelpunkt der Stadt, nahe der Börse gelegene Bank..Kreditgesellschaft auf Gegen- seitigkeit" drangen heute ungefähr 20 mit Revolvern bewaffnete Leute ein und raubten, indem sie die Angestellten mit ihren Zicvolvern bedrohten, ungefähr 850 600 Rubel in Gold und Kredit- billetten aus der Kasse; der Bande gelang es, zu entkommen. Den Schergen entronnen! Moskau, 20. März.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Heute sind aus dem Polizeigebäude drei politische Ver- brechet während deS Spazierganges geflohen. Schreckensurteil«. Reval, 20. März.(Meldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Das Kriegsgericht hat sechs Personen, die sic� an der Ermordung deS Gutsbesitzers Baranow und der Plünderung seiner Besitzung beteiligt hatten, zum Tode durch den Strang verurteilt, gleichzeitig aber beschlossen, für einige der Verurteilten eine Milde- rung der Strafe nachzusuches. Perantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u.Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagscmstalt xaulSingerLcCo.,BerIinLW. Hierzu 3 Beilagen». Unterhaltungsblatt Hr. 67. 23. Jahrgang. t MIM des Mmiirls" Knlim PIKsM Mittlvolh, 21. Parj 1906. Reichstag» 71. Sitzung vom Dienstag, den 20. März, nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstische: Erbprinz zu Hohenlohe. Die zweite Beratung deS Etats von Kamerun wird fort- gesetzt in Verbindung mit der Weiterberatung deS Gesetzentwurfs betreffend Uebernahme einer Reichsgarantie für die Eisenbahn nach denManengubabergen. Geheimer Legationsrat Rose antwortet auf die gestrigen An- fragen des Abgeordneten Ablah in betreff auf den Fall des Gouverneurs Horn: Die Kolonialverwaltung muh zu ihrem tiefen Bedauern erklären, daß die Vorkonnnnisse im wesentlichen so liegen, wie sie der Abg. Ablatz angegeben hat. Einzelheiten habe ich jedoch richtig zu stellen. Es handelte sich bei den 25 Hieben nicht um eine Folter zur Erpressung eines Geständnisses. Das Geständnis war vielmehr schon vorher erfolgt. Der Neger war ans Grund dieses Geständnisses zu 5 Jahren Krttenhaft und zweimal 25 Hieben ver- urteilt worden. Was den Fall Brauchilsch anlangt, so will ich ja zu- geben, datz dieser, der nicht Bezirksrichter, sondern Bezirksamlmann war, vielleicht etwas zu viel für seine Bauten ausgegeben hat, es liegt dies aber daran, dost damals kein sachkundiger Baumeister in Kamerun war.— Von einem Jagdverbot auf Tauben und einem Austcrnfangverbot, das der Convernenr von Pnttkamer zu seinen Gunsten erlassen haben soll, ist hier nichts bekannt geworden. Abg. Ledebour»ehmigung zum Antrag erhalten hat; denn das jetzige Verfahren öffnet dem Amts- mistbrauch Tür und Tor. Diese Tür aber mutz so bald ivie möglich zngeinacht werden. Wir behalten ilns vor. bei einer späteren Ge- legenheit. wenn der stellvertretende Kolonialdirektor nicht selbst eine dahingehende Verfügung erläßt, an dieses hohe HauS zu appellieren, damit es eine solche Verfügung veranlaßt und in Zukunft kein Beamter Leute, die sich über ihn beschweren, mundtot machen kann. WaS die Petition selbst anlangt, so hat zu meinem grasten Er- staunen auch jetzt der Abg. Dr. Arendt in Frage gestellt, ob die Petition wirklich echt sei. Bei einer früheren Gelegenheit hat er sogar auf eine Zeitungskorrespondenz in Hamburg hingewiesen als mögliche Verfasserin der Petition.(Widerspruch des Abg. Arendt.) Pardon, dann war es ein anderer Abgeordneter. Gerade die Akwa-Petition macht auf mich auf Grund ähnlicher Schriftstücke. die ich gelesen habe und die von Indern herrührte, die eine mangelhafte Kenntnis des Englischen hatten, den Eindruck. dast sie wirklich von Eingeborenen herrührt. Und zwar ist der Verfasser ein Eingeborener, der diese Schrift nach einer iechsjährigen Schulung in der Kolonialverwaltung ausgesetzt hat und dem man gerade soviel Kenntnis des Deutschen zutrauen kann, wie sie die Petition zeigt. Nu» haben erstaunlicherweise Herr v. Puttkamer und seine Fieunde und Verteidiger aus der Forderung der Akwaleute, dast der AssefforiSmuS ersetzt werden solle durch daS Konsulat, die Schlußfolgerung gezogen, diese Leute wollten Hochverrat treiben und sich von der deutschen Herrschaft freimachen. Erst ein Herr von der Kolonialverwaltung— die Beamten der Kolonialverwaltung sind noch immer weit vorurteilsfreier als die Beamten in den Kolonien— der Legationsrat Seitz gab die Erklärung für diese eigentümliche Wendung. Nicht Beseitigung der deutschen Herrschaft forderte die Petition, sondern dast in Kamerun ein ähnlicher Rechts- zustand eingeführt werde, wie er in der unmittelbar benachbarten englischen Kolonie bis vor kurzer Zeit bestanden hat. Die Neger beschweren sich auch über einen schweren Amts- mistbrauch des Herrn v. Brauchitsch— der zweifellos noch schlimmer gewesen ist als Herr v. Puttkamer— und eines Richters Dr. Meyer, die ein paar Negerinnen gekauft haben, obgleich dieselben schon an zwei junge Eingeborene verlobt waren. Von den Negern war schon das Lösegeld an die Eltern der Negerinnen bezahlt, aber die Beamten haben die Frauen mit einer weit höheren Summe gekauft, für welche sie sie angeblich als„Dienstmädchen" engagierten. In der Beschtverde der Eingeborenen bezeichneten diese daS Ver- fahren der Beamten als Wucher— das war zweifellos ein falscher Ausdruck, der aus ihrer schlechten Beherrschung der Sprache zu erklären ist—, und wegen dieses Ausdrucks wurden sie wegen Be- leidiguug der Beamten verurteilt! Dadurch, dast die Negerfrauen als angebliche Dienstmädchen in das Hau§ der Beamten übergeführt wurden, wurden sie nach der Auffassung der Neger verhindert, eine Ehe einzugeben, sie mußten von diesen für die Konkubinen der Beamten gehalten werden. Zweifellos stimmt der Negerbrauw, tvonach die Frauen durch Geld gekauft werden, mit unseren morali- schen Anschauungen nicht überein, aber es ist immer noch nicht so schlimm wie die Geldheiraten bei u»S durch Verinittelung von Schadchen. Es ist jedenfalls ein geradezu ungeheuerliches Urteil, wenn die Neger infolge dieser Eingabe wegen Beleidigung verurteilt wurden. Es beweist das nur, dast man die Beschtverde- führer mundtot machen wollte. Dieses ganze Verfahren ist ein genauer Abklatsch der bei uns herrschenden Zustände; hier zeigt sich das preustische Beamtentum, wie eS leibt und lebt, nur daß die Beamten in Kamerun etwas weniger vorsichtig sind und ihren Ver- gewaltigungSlüsten niehr freien Lauf lassen.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Sehr charakteristisch war es, dast em Beamter meinte, man hätte die Neger nicht wegen Beleidigung, sondern wegen— Verschwörung vor Gericht stellen müssen. Eine Anklage wegen Verschwörung gegen diese Neger, die nichts getan hatten, als dast sie gemeinsam eine Eingabe einreichten, wäre genau dasselbe, als wenn man unsere Beamten, die gemeinsanie Petitionen absenden, aus diesem Grunde wegen Verschwörung anklagen wollte. Wie gesagt, es ist charakteristisch für unser Beamtentum, dast ein solcher Gedanke überhaupt auftauchen konnte. Unsere Aufgabe ist eS. ein so scheust- liches Verfolgungsiystein energisch zu bekämpfe»; sind doch unsere Augen durch die Erfahrungen im eigenen Lande für solche Vorgänge geschärft.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Es ist eine gewisse Genugtuung für uns, dast die Mehrheit der bürgerlichen Parteien bei dieser Gelegenheit wenigstens zur Erkenntnis gekommen ist, welch grauenhafte Folgen dieses BeschwerdennterdrückungSsystcm gezeitigt hat. Ich hoffe, diese Erfahrungen werden dazu führen, ahnliche Vorkonnnnisse zu verhüten. Ein ordentliches Gerichts- verfahren gibt es in unseren Kolonien überhaupt noch nicht. Die Rechtsprechung wird nur im Nebenamte ausgeübt. Irgend ein Ver- waltungsbeamter wird damit beauftragt, der holt sich dann ein paar Leute heran und richtet darauf los.(Heiterkeit.) Ferner hat die Kolonialverwaltung ja selbst auf dem Verwaltungswege daS Urteil kassiert. Wenn sie das kann, kann sie auch die Hastentlassung ver- fügen. Wir verlangen diese dringend im Interesse deS GerechtigkeitS- gefühls.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Erbprinz zu' Hohenlohe: Ich möchte einige Punkte richtigstellen: Zunächst handelt eS sich um ein Mistverständni». Ich soll gestern geäußert haben. eS läge eine private Beschwerde des Konimandanten deS Kriegsschiffes in bezug auf die sogenannte«Frau von Eckardtstein" vor. Davon habe ich nichts gesagt. Ich habe nur erklärt: es hat an Ort und Stelle eine mündliche Aussprache zwischen den beiden Herren stattgefunden. Die Kolonialverwaltimg hat von dieser Aussprache damals keine Kenntnis erhallen. Ich habe erst jetzt davon erfahren. Wir sollen Ortschaften der Eingeborenen entgegen den Verträgen von 1884 verlegt haben. Das ist nicht richtig. Es handelt sich nur um die Verlegung einzelner Hütten der Eingeborenen innerhalb des ihnen garantierten Gebietes und zwar im sanitären Interesse. Die ganze einheimische Bevölkerung war mit dem Beschlüsse, in Dnala Strasten»ach europäischem Muster anzulegen, einverstanden. Ich bin min allerdings der Ansicht, daß jeder Zweifel darüber, ob die Verträge von 1884 verletzt sind oder nicht, beseitigt werden muß, und habe deshalb die Weisung gegeben, diese Frage an Ort und Stelle noch einmal ganz genau zu untersucheir.— Was nun die Freilassung der noch in Haft befindlichen Eingeborenen be- trifft, so ist meine Ansicht, wie ick schon gestern gesagt habe, die, dast erst das zweite Urteil abgewartet werden muß. Die Akte» sind unterwegs und werden Ende des MonatS eintreffen. Dann wird die Verhandlung sofort beginnen. Auch auS praktischen Gründen dürfen wir die Gefangenen jetzt nicht freilassen, da wir unter keinen Unlständen auf die s» wertvolle» Angaben dieser Menschen bei der zweiten Gerichtsverhandlung verzichten können. Auch mir find Zweifel erwachsen, ob die UntersuchungS- gefangenen zurzeit richtig behandelt werden. Dast eine fortgesetzte körperliche Züchtigung stattfindet, ist allerdings nicht der Fall. Nur wo Berlctzuttgen der Hausordnung des Gefängnisses vorkommen, werden die Inhaftierten gezüchtigt. Ich erkenne ferner an. daß es nicht richtig ist, die Untersuchungsgefangenen nnt schweren körperlichen Arbeiten zu beauftragen. Wohl aber können leichtere Arbeiten, wie Mattenflechten, von ihnen ausgeführt werden. Ich habe bereits in der Kommission ausgesprochen, dast es mir schon mit Rücksicht auf die Verwaltung dringend notwendig erscheint, die den Beschwerden zu- gründe liegenden Tatsachen genau zu untersuchen. Bisher schten mir da vieles noch ganz unzulänglich aufgeklärt. Dieser Auffassung bin ich heute noch und habe infolgedessen Vorkehrungen dafür getroffen, dast ein von den Kameruner Beamtenverhältnissen völlig unabbängiger richterlicher Beamter mit afrikanischer Erfahrung— ich habe bereits eine bestimmte Person in Aussicht genommen— eine eingehende Untersuchung über die verschiedenen Punkte an- stellen soll, unr der Zentralverwaltuitg die notwendige Aufklärung zu verschaffen, die es ihr ermöglichen wird, bessernde Hand an- zulegen, wo eS not tut, und den Beamten im Schutzgebiet die erforderlichen Instruktionen zu erteilen.(Bravo I rechts.) Abg. Lattmann(Wirtsch. Vg.): Es ist echt sozialdemokratisch, wie hier von der äustersten Linken der Fall Puttkamer ausgeschlachtet wird. Ich war von jeher ein Gegner des Systems Pnttkainer; aber die Art und Weise, wie hier die persönlichen Verhältnisse heraus- geklaubt werden und an den einzelnen Borgängen herumgedrechselt wird, liegt nicht im Interesse einer wirklichen Verwaltung in unseren Kolonien.(Sehr gut! rechts.) Redner wendet sich gegen die Ein- fuhr von Branntwein in Kamerun. Wir müssen die Branntwein« pest aus dem Innern Kameruns unter allen Umständen fernhalten. (Bravo I bei den Antisemiten.) Abg. Frhr. v. NichtHofen(k.): Wer den Verhandlungen in diese» Tagen beigewohnt hat. der begriff das Wort„Kolonialmüdigkeit". Eine Fülle unangenehmer Dinge sind hier breitgetrete» ivorden. Meine Verteidigung des Herrn v. Puttkamer in der Kommission kann ich heute nicht mehr aufrechterhalten, aber er bleibt doch ein Manu von grasten Verdiensten um Togo usw., daS soll ihm nicht vergessen iverden. Die Beschwerde der Akivahäuptliitge verdiente eine so auS- führliche Behandlung nicht. Ich bcdancre, daß diese Beschwerde über- Haupt Gelegenheit zu einem Slrafantrag gegeben hat. Abg. Bebel(Soz.): Die Erfahrung, die wir seit einigen Jahren in Südwestafrika gemacht haben, und die Befürchtung, dast auch in Kamerun uns ein ähnliches Schicksal droht, sollte die Kolonialverivaltung veranlassen, alles aufzubieten, damit Mißstände, die in den Kolonien zutage treten, rücksichtslos beseitigt und vorgekommene Verbrechen rückhaltlos zur Verantwortung gezogen werden. Denn so lange es nicht gelingt, bei den Eingeboreneil den Glauben an die Gereckuigkett der Verwaltung wachzurufen, wird man niemals das Vertrauen der Eingeborenen gewinnen. Nun läßt sich nicht bestteiten, dast vielfach nicht in dieser Weise verfahren worden ist; oftmals sind notorische Verbrechen so gut wie gar nicht verfolgt oder austerordentlich milde bestrast worden, oder man hat die Täter vorzeitig begnadigt, wie wir das leider auch in Deutschland häufig genug erleben. Einige Redner der Rechten haben sich darüber beschwert, daß der Fall Puttkamer von der Sozialdemokratie in breiter Oeffentlichkeit verhandelt worden ist. Der Fall Puttkamer ist aber nicht zuerst in der sozialdemo- kratischen Presse erörtert ivorden. sondern er ist von der bürger- lichen Presse in die Oeffentlichkeit gezogen und ist auch hier von den Rednern der verschiedensten Parteien kritisiert worden. Und wenn dieser Fall von feiten der Kolonialverivaltung so beurteilt worden wäre, Ivie es nötig war. so hätte er nicht zu diesen Erörterungen zu führen brauchen. Der Vertreter der Kolonialverwaltung hat gegenüber der Verteidigung des Herrn v. Puttkamer doch ein allzu großes Mast von Leichtgläubig- keit an den Tag gelegt. Der Vorgang mit der Dame hätte uns keine Veranlassung gegeben, ein Wort darüber zu verlieren. Herr v. Puttkamer ist Junggeselle und hat zweifellos das Bedürfnis nach weiblichein Anschluß. Aber er hat dies Bedürfnis nicht in diskreter Weise befriedigt, sondern die betreffende Dame überall in den Vordergrund geschoben, sie als seine Verwandte vorgestellt und sogar deutschen Offizieren zugemutet, mit ihr zur Tafel zu sitzen. Ich hätte ge- glaubt, daß gerade die Herren der Rechten, die doch in solchen Dingen ein besonders feines Ehrgefühl haben sollen, dagegen die lebhaftesten Proteste erheben würden. Zweifellos wußte Herr v. Puttkamer ganz genau, dast er es bei dieser v. Eckardtstein mit einer Halbweltdame zu tun hatte. Auster dem Herrn Vertreter des KolonialamtS wird wohl niemand in diesem Hause an- nehmen, dast Herr v. Puttkamer geglaubt habe, die Dame führe den Namen von Eckardtstein mit Recht. Wie kam Herr v. Puttkamer überhaupt dazu, der Dame einen Paß auszustellen? Besteht denn in Kamerun Pastzwang? Dmin hätte die Dame einen Paß haben müssen, als sie nach Kamerun kam. Aber Herr v. Putkamer hat ihr offenbar den Paß ausgestellt, damit sie, auf ihn gestützt, auch fernerhin den falschen Namen in Deutschland führen konnte. Anders läßt sich der Vorgang nicht erklären. Die Tatsache, dast Herr v. Putkamer eS für angebracht hielt, sich bei dem Kapitän des Habicdt" zu entschuldigen, weil er ihm zugemutet hatte, mit der Dame zu Tisch zu sitzen. beweist allein, dast er den Charakter der Dame sehr gut kannte. Danach ist gar kein Zweifel darüber möglich, daß er sich mit der Ausstellung deS Paffes eine schwere Urknndenfälschnng hat zuschulden kommen lassen, daß er wegen dieses Verbrechens ans die Anklagebank gehört und unter keinen Unistäuden mehr sähig ist, als Gouver- »eur, d. h. alS Vertreter deS Kaisers, in Kamerun fungieren zu können. Wenn man meint, die Neger würden seinen Rücktritt als Schwäche auffaffen, so ist das eine ganz falsche Psychologie, der wir auch in Deutschland vielfach begegnen, wenn man Beamtenvergehen kritisiert. Im Gegenteil, eS macht allezeit bei einer Bevölkerung, auch bei den sittlich tiefer stehenden Negern, den allerbesten Eindruck, wenn sie sehen, daß von den machthabenden Gewalten Recht und Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person geübt wird. Ueber die viel besprochenen Petitionen der Akumleute werde ich mich möglichst kurz fassen. Niemand, der sie gelesen hat, kann im Zweifel darüber sem. dast sie nach dem Herzen, dem Ver- stände, dem Gedankengange der Leute geschrieben ist. Eine ganze Reihe voit Punkten ist auch bei der Untersuchung durch den Nichter Lämmer- mann als richtig erwiesen worden, in einer ganzen Reihe anderer Beschwerdepunkte sind weilgehende Ziigeständniffe gemacht worden. Wenn man nun nnserein Antrag entgegenhält, er stelle einen Eingriff in die Gerichtsbarkeit dar, so hat der Kollege Ledebour schon mit Recht darauf aufmerksam gemacht, dast von einem eiaent- lichen Gerichtsverfahren dort aar nicht die Rede fein könne, wie schon die Tatsache beweist, dast die Kolonialverwaltung auS eigener Macht- vollkonunenheit das Urteil unigeslotzen, ein neues Verfahren ein- geleitet und einen Teil der Verurteilten freigelassen hat. Warum nicht daS gleiche mit dem Rest geschehen soll, können wir um so weniger einsehen, als ja die Hauptbefchwerde gegen das Urteil, die von allen Seiten, selbst von Herrn v. P., als gerecht anerkannt wird, dahin geht, dast gerade diese Leute zu sechs, acht und neun Jahren verurteilt worden sind, die in Deutschland höchstens mit drei oder vier Monaten bestraft worden wären. Warum will man die Leute, über deren uiigeheuerlich ungerechte Verurteilung so große Aufregung entstanden ist, noch länger in Haft be- halten? Fliehen würden sie ja doch nicht; denn damit würden sie alle ihre Lebens- und Existenzbedingungen zer- stören. Nach der eigentümlichen sozialen und wirtschaftlichen Verfassung dieser halbbarbarischen Stämme lebt jeder ja mit dem Nachkarstamm in keständiger Feindschaft, und nur die deutsche Kolonialverwaltuna verhindert, daß sie alle Augenblicke über einander herfallen. Uebrigens würden die Akwahäuptlinge durch ihre Freilassung nur die Neberzeugnng gewinnen, daß von nun an in gerrasier Weise gegen sie vorgegangen werden soll, und dieser Gedanke würde schon allein genügen, um sie zum Bleiben im Lande zu veranlassen. In der Petition der Alwaleute werden nun Mißstände auf- geführt— und sie sind durch die Gerichtsverhandlung nachgewiesen worden— die mit Notwendigkeit, wenn sie nicht abgestellt werden, früher oder spater in Kamerun einen Aufruhr hervorrufen müssen. Von diesem Gesichtspunkte aus haben wir alle Ursache, uns der Beschwerdeführer anzunehmen. In Ostafrika war die Hüttensteuer eine Hauptursache der Empörung. In Kamerun besteht die Kopfsteuer, die jede? Familienoberhaupt für jedes männliche Familienmitglied über 16 Jahre mit 3 M., für jedes weibliche mit 2 M. zu bezahlen hat. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß bei den Negern vielfach die Vielweiberei herrscht und die Familien sehr groß sind, so wird man zugeben, daß das eine exorbitante, eine enorme Steuer ist. Ich begreise gar nicht, wie die zahlreichen Familien im stände sind, dieKopf- steuer zu entrichten. Noch jüngst drohte selbst u»ter englischer Herrschaft in Südafrika ein Aufstand der Znlnkaffern wegen der Hüttensteuer. Welche Folgen muß da erst die viel drückendere Kopfsteuer in Kamerun haben I sSehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Bei der Sanierung von Duala haben die Eingeborenen lange Monate hin- durch überaus anstrengende Zwangsarbeit, zum Beispiel beim Straßenbau leisten müssen, ohne die geringste Entschädigung zu bekommen. Eine Anzahl Hütten' mußten int Jnter- esse der Straßeureinigung beseitigt werden. Daß die Ein- geborenen nicht sofort der Aufforderung, ihre Wohnstätten zu zerstören, die sie mit ihrem Schweiße errichtet hatten, auf Befehl eines beliebigen Beamten hin, dessen Motive sie nicht kannten, nach- kamen, das versteht sich doch von selbst. Sie sollten derartiges ein- mal einem deutschen Bauern oder einem deutschen Arbeiter auf dem Lande zumuten. Die Eingeborenen aber wurden gezwungen, ihre Pflanzungen zu zerstören, ja— in einzelnen Fällen ist man sogar dazu übergegangen, ihr bißchen Hansrat durch Feuer zu vernichten. Herr v. Brauchitsch hat zugegeben, daß die Eingeborenen für ihre zerstörten Häuser, Bäume, Pflanzen und Feldfrüchte keiiwrlei Entschädigung erhalten haben. Ja, nach der Aussage des Polizcidiencrs mußten die Eingeborenen sogar ihre eben erst neu aufgebauten Hütten wieder ohne Entschädigung niederreißen, weil die Straße nachträglich verbreitert werden sollte. Wenn ich den Kolonialdirektor richtig verstanden habe, hat er selbst zugegeben, daß dadurch Ziffer 3 des Vertrages, der über die Annektion von Kamerun zwischen Dr. Nachtigall und den Negerbnuptlingen abge- schloffen wurde, verletzt worden ist. Denn danach sollte ,',das kulti- vierte Land", ebenso die aufgebauten Plätze und Orte Eigentum der gegenwärtigen Besitzer und ihrer Rechtsnachfolger bleiben." Neben Herrn v. Puttkamer hat in erster Reihe v. Brauchitsch sehr aufreizend in der Kolonie gewirkt. Der Legationsrat Rose hat neulich gesagt, es wolle ihm nicht in den Kopf, daß der Landeshauptmann auf den Marschallmseln nicht berechtigt sein sollte, den Eingeborenen eine Tracht Prügel zu erteilen. Das ist echt ostpreußische Sitte und Anschauung.(Sehr gut! links.) Anderswo denkt man darüber anders, und die Eingeborenen in unseren Kolonien scheinen ja auch an die Prügelstrafe nicht gewöhnt zu sein und sie als eine offenbare markante Rechts- Verletzung zu empfinden. Sie klagen darüber, unter Ztr. 22 der Petition:„Von dem ersten hier regierenden kaiserlichen Gouverneur bis auf den heutigen regierenden Gouverneur werden wir trotz unserer mehrmaligen Bitten: die schreckliche Gewohnheit zu lassen— stets für ein jedes geringe Vergehen im Zivil- oder Strafprozesse mittels einer Seekuhpeitsche oder eines dicken, in Kohlenteer eingetauchten und im scharfen Sande umgewühlten und steifgetrockneten Taues ohne Rücksicht der Person mit 25 Hieben ge- peitscht; öfter, bei etwas schwereren Fällen, wird man mit 75 Hieben in drei Raten bestraft".— So werden mit einem direkt tödlichen Instrument Männer, Frauen und Kinder ausgepeitscht. Das ist einfach eine Barbarei, eine Gewalttätigkeit, die namens der Zivilisation und des Christentums ausgeübt wird, gegen die wir mit aller Energie protestieren müssen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Bei den Flußregulierungsarbeiten wurden die Neger nach ihrer eigenen Angabe 6 Monate, nach Angabe der Behörde 3 Monate lang mit Zwangsarbeiten beschäftigt, um eine bessere Fahrstraße herzustellen. All' diese schwere Arbeit ohne einen Groschen Entschädigung, ohne daß die Arbeiter auch nur das geringste zu essen bekamen. Nur die Privatunternehmer- gesellschaft lieferte ihnen den nötigen Rum!(Hört! hört! links.) Man hat der Petttion vorgeworfen, daß sie gewisse Dinge allzu deutlich mit Namen nennt. Aber Herr v. Brauchitsch brauchte doch deswegen nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten und die Alwaleute als Trunkenbolde, durchaus lügenhafte Menschen usw. zu beschimpfen. Das sind doch Ausdrücke, wie sie unter Leuten von Bildung nicht gebräuchlich sind. Sehr gewundert habe ich mich, daß in dieser Debatte die Herren Arendt und v. Richthofen die Verwaltung nach Möglichkeit in Schutz genommen haben, aber nicht ein Wort über die Beschwerden sagen, die ihnen seinerzeit selbst durch einen Vortrag zu Ohren gekommen sind, den im Sommer vorigen Jahres der Kameruner Missionar Lehnert speziell vor konservativen Abgeordneten gehalten hat. Nach dem sicherlich nicht z u u n g u n st e n der Kolonial- Verwaltung tendenziösen Bericht der„Deutlchen Tageszeitung" führte er Klage darüber, daß den Eingeborenen viel zu viel Land weg- genommen würde, daß Kakaopflanzen mitten in ihr Land hinein- gebaut würden, daß man ihnen den Zugang zu den Wasserstraßen verwehre und sie so in einen Berzweiflnngskampf treibe, von dem man noch nicht wisse, ob er nicht bald ausbrechen werde. Man habe vielfach den Eindruck, als ob die Regierung selbst keine Macht mehr über die Landgesellschaften habe. Ich frage wiederholt: Warum haben die konservativen Abgeordneten diese Mitteilungen nicht hier zur Sprache gebracht, wie es ihre Schuldigkeit gewesen wäre?— Charakteristisch ist ferner, daß die Plantagenarbeiter in Kamerun immer seltener loerden. Die Behandlung durch die weißen Besitzer hat dahin geführt, daß sie einfach davonlaufen. Sie finden das eingchendst in einer Broschüre des Konsuls Renö über die Kameruner Arbeiterfrage dargestellt. Teilweise haben im letzten Jahre Plantagen infolge Arbeitcrmangels den Betrieb einstellen müssen. Auch die Eingeborenen selbst denken natürlich nicht daran, neue Kulturen auf dem Lande anzulegen, das bereits im Prinzip den Landgesellschaften als Eigentum zuerkannt worden ist. Wenn man sich nicht entschließt, die Eingeborenen mensch- lich, gerecht und gut zu behandeln, haben unsere Kolonien gar keine Zukunft. So sehr wir gegen die Kolonialpolitik an sich sind, so müssen wir doch, solange wir Kolonien haben, mit aller Kraft darauf dringen, daß den gerechten und menschlichen Ansprüchen der Eingeborenen Rech- nung getragen wird.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Man wundert sich über die ungeheure Grausamkeit, die sich in der Geschichte der orientalischen Despoten findet. Was bisher in unseren tropischen Kolonien geschehen ist, entspricht genau der Geschichte dieser Despoten. Auch hier haben wir Akte der Grausamkeit und Brutalität, die wir gar nicht verstehen können bei Menschen, die sonst stolz auf ihre Kultur und Zivilisation sind. Dann hören wir wieder die schauder« haftesten Dinge aus dem Kongostaat. Und auch aus unseren eigenen Kolonien würden wir noch viel Schlimmeres erfahren, wenn nicht mit der allergrößten Strenge darauf gesehen würde, daß kein Deutscher, kein Europäer, der sich dort ansässig gemacht hat, das geringste über die dortigen Uebelstände an die Oeffentlichkeit bringt. Ein Mann, der Jahre lang in Kamerun tätig gewesen ist. hat mir versichert, daß jeder Kaufmann und jeder Angestellte, der nur im geringsten in Verdacht steht, etwas über die scheußlichen Zu- stände, die vielfach in den Kolonien herrschen, zu veröffentlichen, mit allen Mitteln ruiniert und ans dem Lande herausgedrängt wird. Und da auch die Beamten aus kollegialem Gefühl sehr schwer zu bewegen sind, Mißstände an den Tag zu bringen, kommt leider nur der geringste TeU der Mißstände zur Kenntnis der Oeffentlichkeit. Alle diese Gewalttätigkeiten und Ungerechtigkeiten entspringen daraus, daß die Beamten, daß die Weißen in den Kolonien von einem Gefühl der Selbsthcrrlichkeit und Unverantwort- lichkcit beherrscht werden, daß sie als Europäer den Schwarzen nicht als gleichberechtigten und gleichwertigen Menschen anerkennen, sondern ihn aufs tieffte mißachten und daß Gewinnsucht und Profitgier sie dazu drängen, alles mögliche zu tun. um in kürzester Zeit reich zu werden. Solange in allen diesen Mißständen keine Besserung ein- tritt, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn wir fortgesetzt mit Klagen und Beschwerden vor Sie kommen und einem derartigen Zustande niemals unsere Zustimmung geben.(Lebhafter Beifall bei den Sozial- demokraten.) Erbprinz zu Hohenlohe: Der Abg. Bebel hat mir den Vorwurf der Leichtgläubigkeit gemacht. Ich halte es aber für meine Pflicht. auch einen Beamten, gegen den allerdings sehr stark der Anschein spricht, so lange zu schützen, bis genau festgestellt ist, ob seine An- gaben richtig sind oder nicht. Ich gebe aber zu, daß. wie gesagt, in der Angelegenheit der„Frau von Eckardtstein" der Anschein sehr stark gegen Herrn von Puttkamer spricht. Die Kopssteuer ist längst durch die Hüttensteuer ersetzt worden. Die Arbeit an den Straßen geschah als Ersatz für nicht gezahlte Steuern. Frauen dürfen nicht geprügelt werden. Geichieht es doch, so ist das ein Mißbrauch der Ämtsgewalt. Kinder werden nicht, wie die Männer, mit dem Tau geschlagen, sondern mit Gerten, wie vielfach auch bei uns.— Wir müssen uns vor der Verwechselung von Gerechtigkeit und Schwäche hüten. Abg. Erzberger(Z.): Ich stehe den Kolonien gewiß nicht optimistisch gegenüber, aber Kamerun halte ich für entwickelungs- fähig. Um so notwendiger ist die scharfe Kontrolle des Reichstags. Ich stimme mit dem Abgeordneten Storz darin überein, daß weitere Gelder für Neubauten in Buca nicht mehr bewilligt werden dürfen. Angefangene Bauten aber müssen vollendet werden. Herr v. Putt- kamer hat nicht nur den Paß gefälscht, sondern auch die Person eigenhändig in das polizeiliche Anmelderegister in Kubeba als „Fräulein v. Eckardtstein" eingetragen! Das wäre also eine zweite Urkiiiidriifälschnng.(Hört! hört!> Erbprinz zu Hohenlohe: Gegen den Spirituosenhandel sind einzelne Gebiete im Innern Kameruns gesperrt worden. Die Ver- waltung wird das möglichste tun, um die Eingeborenen vor dieser Pest zu schützen.(Bravo!) Ueber den Fall der polizeilichen An- Meldung ist mir bisher nichts bekannt geworden; ich werde mich danach'weiter erkundigen. Abg. v. Gcrlach(frs. Vg.): Der Antrag Stortz ist offenbar ein Produkt jener Afrikareise und auch die Unterstützung dieses Antrages durch Herrn v. NichtHofen ist wohl auf die von ihm an Ort und Stelle gewonnene Erfahrung zurückzuführen. So hat diese viel- bespöttelte Reise doch einen Erfolg gehabt. Solche Reisen sollten von Reichs wegen arrangiert werden, dann würde keine Partei Be- denken tragen, daran teilzunehmen. Auch die Sozialdemokratie ist ja nicht programmatisch kolonialfeindlich, und sie wird es dann auch nicht ablehnen, aus eigener Anschauung die Kolonien kennen zu lernen. Erbprinz zn Hohenlohe: Finer gestrigen Anfrage zu genügen. teile ich mit, daß die Gouverneure theoretisch das Ausweisungsrecht gegen Deutsche besitzen, es aber praktisch meines Wissens noch nicht ausgeübt haben.— Die Anregung des Herrn Vorredners ist mir um so shm- pathischer, als ich es selbst am eigenen Leibe erfahren muß, wie mißlich es für mich ist, daß ich noch nicht in den Kolonien war. Sobald als irgend möglich, werde ich diesem Mangel nachhelfen und die Kolonien besichtigen. Abg. Dr. Arendt begrüßt ebenfalls die Anregung des Abgeord- neten v. Gerlach und polemisiert sodann gegen den Abgeord- ueten Ledebour. Ich freue mich, daß der Abgeordnete Bebel heute den Wert der deutschen Herrschaft für die Ein- geborenen anerkannt hat(Sehr gut! rechts), indem er zugab, daß ohne die deutsche Herrschaft ein fortwährender Vernichtungskrieg zwischen den Stämmen herrschen würde. Aber auch der vom Abg. Bebel kritisierte Straßenbau gereicht doch den Eingeborenen zum Vorteil. Eine Palmenhiitte zu verlegen ist keine so große Sache wie die Verlegung eines deutschen Bauernhauses. Ich wundere mich aber, daß der Abg. Bebel dafür eintrat, daß das deutsche Bauern- Haus erhalten werden soll. Das widerspricht doch dem sozial- demokratischen Programm. lLachen bei den Sozialdemokraten.) Hiermit schließt die Generaldiskussion. Jnbetreff der Pesition der Akwahäuptlinge beantragt die Kommission: I. in Ausführung des ß 4 des SchutzgebictgesetzeS vom 25. Juli 1900 tunlichst bald durch kaiserliche Verordnung die erforderlichen Maßregeln dafür zn treffen, daß den Eingeborenen der Schutzgebiete zunächst auf dem Gebiete des Strafrechts, des Strafprozesses und der Disziplinargewalt im Sinne der§Z 2 und 3 des Schutzgebietgesetzes erhöhte Recht sgarantien gewährt werden: II. schon jetzt Anordnung dahin zu treffen, daß gegenüber in Untersuchungshaft befindlichen Angeschuldigten die An- Wendung von körperlicher Züchtigung, Zwangsarbeit und Kettenhaft regelmäßig ausgeschlossen ist: HI. durch einen völlig unabhängigen, nach Möglichkeit mit Richterqualität bekleideten Beamten eine eingehende Unter« suchung über die Beschwerdepunkte der Akwaleute durchführen zu lassen und über das Ergebnis der Untersuchung und über die nach Ziffer I demnächst zu schaffenden Schutzmaßnahmen der Eingeborenen dem Reichstage Mitteilung zu machen; IV. im übrigen die Petition als Material zu überweisen. Diese Resolution wird angenommen. Ein Antrag Auer(Soz.) auf unverzügliche Frei- l a s s u n g der in Haft behaltenen Akwahäuptlinge wird abgelehnt! Für diese Resolution stimmen außer den Freisinnigen und Sozial- demokraten die Zentrumsabgeordneten Giesberts, Müller-Fulda und Erzberger. Ein Antrag des Abg. Storz(D. Vp.) auf Herabsetzung der Position für„Bauten und deren innere Einrichtung" von 431 350 M. auf 165 100 M. wird auf Antrag des Abg. Dr. Arendt(Rp.) der Budgetkommission überwiesen. Damit ist die Beratung des Etats von Kamerun bis auf die an die Budgetkommission verwiesene Position erledigt. Der Gesetzentwurf betreffend Uebernahme einer Reichsgarantie für die Eisenbahn von Duala nach den Manengubabergen wird in zweiter Beratung angenommen. Hierzu wird folgende Resolusion der Budgetkommission an- genommen:„Den Reichskanzler zu ersuchen, die Prüfung der Rechte und Pflichten und der bisherigen Tätigkeit der Land- und Bergwerksgesellschaften in Kamerun sowie die Frage, wie die Nach- teile der Konzessionen beseitigt werden können, der für Südwest- afrika berufenen Prüfungskommission zu überweisen. Das Haus vertagt sich. Nächste Sitzung: Mittwoch 1 Uhr(Antrag des Abg. Lieber- mann v. Sonnenberg(Ant.) betreffend Versammlungsfreiheit, Antrag des Abg. Graf Bernstorff(Welse) betreffend die Verbrauchsabgabe auf Zucker, Wahlprüfungen.) Schluß 6'/« Uhr._ parlamentarisches. Militäretat, Ostafrika, Auswärtiges Amt. Die Beratung des Militäretats wurde gestern in der Budgetkommission de? Reichstages zu Ende geführt. Ver- mehrung des TrainS und der Titel Viehdoktor machten der Mehrheit Schmerzen. Herr Müller- Sagan(frs. Vp.) scheint in ernster Sorge zu leben, ob die deutsche Armee auch genügend Train- truppen besitzt, und bat daher halb warnend, halb fragend den Kriegsminister, wie eS mit dem Train steht. Vom Kriegsminister erhielt er die tröstliche Versicherung, die Zahl der Traintruppen stehe im harmonischen Verhältnis zu den übrigen Waffengattungen. Als höflicher und gefälliger Mann, der über die neuerdings so heiß erwachte Liebe Dr. Müllers von Sagau zum Militarismus nariirlich sehr erfreut ist, setzte der Kriegsminister hinzu, es schweben Erhebungen über eine eventuelle Train Vermehrung. Die sorgenvoll gefurchte Stirn des Herrn Müller glättete sich bei dieser beruhigenden Erklärung. Herr B e u m e r(natl.), der parlamentarische Geschäftsträger der rheinisch-westfälischen Schlotjunker, wünschte, daß die Tierärzte den schönen Titel D r. Tierarzneikunde erhalten möchten. Die Herren militärischen Pferdedoktors sehnten sich nach diesem Titelchen, sofern sie in Bern ihr Examen gemacht haben. Genosse Bebel verspottete die Titelsucht und betonte, daß die in Bern erworbeue Doktorwürde z. B. in der Schweiz in wenig gutem Ansehen stehe.— Bei der Beratung des Etats für das Expeditionskorps in Ostasien teilte der Kriegsminister mit, daß ein Drittel der Truppen und die Gesandtschaftswache in Peking zurückgezogen wird; vermutlich werde dadurch der Etat um 4Vz Millionen erleichtert. Die fünfte Rate der von China an Deutschland zu zahlenden Kriegsentschädigung beträgt 10 847 363 M. Ab 1. Januar 1907 hat China an Deutschland noch 272,4 Millionen Mark bei 4prozentiger Verzinsung zu bezahlen.— Beim Etat des Auswärtigen Amtes wurden neue Ministerresidenten- bezw. Konsulatsstellen für Abessinien, Monte- negro, Mexiko und für Passai in China bewilligt. Kostenpunkt rund 141 000 M. Der Abg. Erzberger rügte es, daß ein deutscher Hauptmann, der einer abessinischen Handelsgesellschaft angehört, bei seinen Geschäftsempfehlungen sich auf die Geheimräte Holstein und Rosen beruft. Der Staatssekretär wollte anfänglich darin nichts von Belang erblicken. Nach einer Belehrung durch Genossen Bebel, daß mit der Berufung auf hohe Beamte vielfach schwerer Mißbrauch getrieben, das Publikum angelockt werde, Geld in diese Unternehmen zu stecken, die nur zu oft ein böses Ende nehmen, sagte der Staatssekretär zu, eine Aenderung herbei- führen zu wollen. Weiter wurde vom Abg. Erzberger(Z.) mitgeteilt, ein angesehener amerikanischer Großindustrieller habe ihm erklärt, wenn die Diplomaten von deutscher und amerikanischer Seite auch in Zukunft die Verhandlungen über den deutsch-amerikanischen Handelsvertrag führen, so werde vermutlich nie ein Abschluß zu« stände kommen, aber je zehn Geschäftsleute an Stelle der Diplomaten würden schnell eine Einigung erzielen.— Der Geheimfonds des Auswärtigen Amtes soll von 500 000 auf 1 000 000 M. erhöht werden. An diese Position knüpfte sich eine längere streng vertrauliche Debatte, die heute fortgesetzt werden wird. Solche Fonds vertragen das Licht der Oeffentlichkeit nicht._ Die Zigarettcnindustrie muß bluten. Die Finanzreformkommission trat gestern in die zweite Lefung der Tabak- und Zigarettensteuervorlage ein. Die erstere: Zoll- und Steuererhöhung auf Rohtabak und Zigarren wurde ohne weitere Diskussion glatt abgelehnt. Daraufhin erklärte der Reichsschatzsekretär v. Stengel, daß. wenn die Kommission nicht in den anderen vorgeschlagenen Steuern Ersatz für den Ausfall schaffe, die Regierung gezwungen sei, in der zweiten Lesung im Plenum auf Annahme der Vorlage dringen zu nmssen. Zur Zigarettensteuervorlage hatte der Nationalliberale Held einen die Banderolensteuer durchführenden umfangreichen Antrag eingebracht. Die Durchstaffelung der Steuersätze für Zigaretten grenzen danach die Preise pro Mille von 5 M. zu 6 M. ab, be- ginnend mit 1 M. pro Mille zum Preise von 10 M., 2 M. bis zu 15 M. pro Mille und steigend so bis zu 6 M. im Preise von 25 bis 30 M. pro Mille und für Zigarettentabak mit 0,50 M. pro Kilo im Preise von 3 bis 5 M. im Kleinverkaufspreise beginnend und steigend bis zu 5 M. pro Kilo im Preise von 30 M. Der so- genannte„swarte Kruse"— schwarzer krauser Kautabak— soll steuerfrei bleiben. Im übrigen bleiben aber alle Härten, wie sie durch die Beschlüsse der ersten Lesung für Fabrikanten und Händler herbei- geführt werden, durch das Banderolensystem bestehen. Müller- Fulda(Z.) wiederholt die schon in der ersten Lesung gegen das System geäußerten Bedenken und kommt auf seinen ersten Vorschlag: Zuschlagzoll auf Zigarettentabak zurück, welches System er für eiichacher und weniger beschwerlich für die Industrie erachtet. Demgegenüber trat der Regierungsvertreter Geheimrat Rein- b o l d und der nationalliberale Abgeordnete Held entschieden für das Banderolensystem ein. Unsere Genossen Geyer, Molke nbuhr und v. Elm er- hoben ihre warnende Sttmme gegen das Banderolensystcm, das nur zu sehr geeignet sei, die Regierung zu veranlassen, es in absehbarer Zeit auch auf die Zigarren auszudehnen. Mit der Einführung dieses Systems werde eine Beunruhigung für die gesamte Tabak- industrie geschaffen. Nach einer sehr umfangreichen Diskussion wurde vom Zentrum der Anttag eingebracht, eine Subkommission zur eingehenden Prüfung der Frage einzusetzen, womit sich unsere Genossen ein- verstanden erklärten, von der Ueberzeugung getragen, daß es möglich sei, die Mitglieder dieser engeren Kommission von der Schädlichkeit der Zigarettensteuer zu überzeugen. Genosse v. Elm wurde in diese Subkommission delegiert._ Ergebnis der Beratung der Zigaretten-Snbkommission. Die Subkommission hat sich in einer gester» nachmittag ab- gehaltenen Sitzung für die Einführung des Banderolensteuersystems auf Zigarettcntabak gegen den alleinigen Widerspruch unseres Genossen v. Elm entschieden._ Schlaganfall. Abgeordneter Lenzmann(frs. Vp.) ist gestern abend im Reichstagsgebäude von einem Schlaganfall betroffen worden. Das Verbrechen von Courriöres. Die„Arbeitgcber-Zeitung" als Retterin. Den letzten Rest von sozialem Kredit, den das UiiternchmerK.m vielleicht noch hat, zu untergraben bemüht sich erfolgreich die„Arbeit- gcber-Zeitung". Während alle Unternchmerblätter von der„Vossin" bis herab zur„Rhein.-Westf. Ztg." die Versuche, die Verwaltung von Courrieres zu retten, aufgegeben haben, fühlt sich die„Arbeitgeber- Zeitung" noch stark genug, die Wahrheit in das Gegenteil umzu- lügen. Sie macht das Ereignis zu einem Akt göttlichen Wollen-? und knüpft daran folgende Bemerkung: .... Sie— die himmlischen Prüfungen— erwecken alle guten und bösen Instinkte, sie sind die Prüfsteine der Wahrheit, und alle Eigenschaften, die der Alltag verbirgt und verschleiert, werden ans Licht gezogen, wenn das große Schicksal an die Pforten klopft." Daß man durch verbrecherische Leichtfertigkeit verschuldete Katastrophen dem Herrgott in die Schuhe schiebt, ist zweifellos ein Beweis für das Vorhandensein böser Instinkte. Daß bei dem ge- nannten Blatt Bösartigkeit in seltenem Maße vorhanden ist, beweist sie auch noch durch die Behauptung, unsere Anklagen seien„giftige, niederträchtige Verleumdung"! Sie salbadert weiter: „Es fehlt der Sprache an Worten, um den Abgrund dieser Gesinnungsart zu kennzeichnen. Die Leser aber der sozialdcmo- krattschen Presse, die doch selbst Arbeiter und mit den Verhältnissen der Industrie verkaut sind, sollten sich mit Enküstung dagegen auflehnen, nicht, weil man vor Abschluß der Untersuchung eine so unerhörte Beschuldigung aufzustellen wagt, nicht also wegen der moralischen Verworfenheit, die sich ihre Presse zuschulden kommen läßt, sondern schon wegen der Dummheit und Unsinnigkeit einer so verbohrten Agitation. Natürlich, die leitenden Geister des „Vorwärts", seine fanatischen Mitarbeiter und Berichterstatter können sich damit entschuldigen, daß sie von der Technik und von, Fabriklcben zu wenig verstehen, als daß man ein richtiges Urteil über so schwerwiegende Dinge von ihnen verlangen könnte." Wer in dumm-ftecher Weise voreilige, unwahre Behauptungen anfftellt, das hat die Unternehmerpresse während der Bergarbeiter- streiks, sofort nach der Borussiakatastrophe und jetzt wieder aus An- laß über die Schilderung der Verhältnisse in den Feuerbetricbe» sattsam bekundet. Daß der„Vorwärts" für das Unternehmertum unangenehm gut über die Technik des Bergbaues und Fabriklebcns unterrichtet ist, das ist jetzt hinlänglich bestätigt. Alle Fachmänner sind einig in dem Urteil, daß wir über die Ein- richtungen auf der Unglücksgrube gefällt haben. Der Versuch der „Arveitgever-Zeitung", die Verwaltung zu retten, ist nicht nur frech, sondern auch unglaublich dumm. Die Tatsachen, die ein Verschulden der Gesellschaft unzweifelhaft feststellen, können nicht fortgeleuguet werden, deshalb ist der klotzige Angriff der„Arbeitgeber-Zeitung" ein untrüglicher Beweis für ihr System der Irreführung der öffent- lichen Meinung. Sie wird dafür beim llnlernehmertum kaum Anerkennung finden: sie war plump genug, nicht zur rechten Zeit die Gesellschaft preiszugeben, um wenigstens das kapitalistische System zu retten. Sie hat enthüllt, was zu verbergen ihre Aufgabe ist. Ueber den Stand der Streikbewegung und die Stimmung der Bergarbeiter liegen folgende Nachrichten vor: Lcns, 19. März. Zu heute abend hatte das Bergarbeiter- fyndikat eine Versammlung einberufen. Bei der Wahl des Bureaus kam es zu einer stürmischen Szene. Durch Bermittelung des überwachenden Beamten ivurde die Ruhe wiederhergestellt. Ein Vertreter der Bergarb iter hielt dann eine Rede, in der er sich für Fortsetze ng des Ausstandcs aussprach. Der gegenwärtige Augenblick sei günstig, da die Bergwcrksgesellschaften keine Kohlenvorräte besähen. Man könne sogar auf einen inter- nationalen Ausstand hoffen, da auch die bclgi'cheu Berga, beiter Lohnforderungen zu stellen hätten und da die amerikanischen Berg- arbeiter im Begriff ständen, neue Vereinbarungen mit den Gesell- schaffen zu treffen. Die Versammlung sagte einen Beschluh zu- gunsten des achtstündigen Arbeitstages und löste sich dann ohne Zivischenfälle auf. Lcns, 29. März. Die Zahl der ausständigen Bergarbeiter im Departement Pas de Calais beträgt jetzt 51 376. Im allgemeinen herrscht Ruhe. An einigen Stellen wurden Arbeitswillige von Streikenden belästigt. Der Kongreh der Bergarbeiter wird heute nachmittag 2 Uhr zusammentreten; man glaubt, dasz er die Bedingungen der Arbeitgeber ablehnen und darüber durch eine Abstimmung der gesamten Bergarbeiter entscheiden lassen wird. Die Jngenieurkommission hat mitgeteilt, dag man in der der- gangenen Nacht bis auf 8 Meter an das Feuer herangekommen ist. Die Länge der gelegten Röhren beträgt 399 Meter. Die Er- Neuerung des Schachtholzes schreitet fort, und so wird man das Feuer gefahrlos mit dem Spritzenrohr bekämpfen können. Die Opfer. Lcns, 29. März. DaS Hülfskomitee, das; mit der Verteilung der gesammelten Gaben beauftragt ist, hat festgestellt, das; insgesamt die Familien von 1934 Bergleuten unterstützt werden müssen. Die Zahl der Opfer der Katastrophe ist aber bedeutend gröhcr, da sich unter ihneit zahlreiche unverheiratete Arbeiter befanden. )Ziis der Frauenbewegung. Gegangen? Fräulein Elben, Assistentin der Hamburger Fabrik- inspektion, ist aus dem Amte geschieden. Die Umstände rechtfertigen den Verdacht, dah sie nicht ganz freiwillig gegangen ist. Mit ihren sozialen Betätigungen, Einrichtung von Sprechstunden für Ar- beiterinnen usw. fand sie bei der vorgesetzten Bel'mde Widerstand, besonders wurde ihr übel vermerkt der Versuch, mit den Organisationen Fühlung zu erlangen. Als Nachfolgerin der Aus- geschiedenen wird ein Fräulein Nummehr genant, früher Volks- schullehrerin, zuletzt Lehrerin an einer höheren Töchterschule. Wilmersdorf. Der Frauen- und Mädchen- BildnngSverein hält am Donnerstag abends Uhr im Lokal von KäSler, Lauenburgcr- stratze 29, seine regelmäßige Monatsversammlung ab. Fräul. Baar wird über„Wohnung und Familienleben" sprechen. Erscheinen aller Mitglieder ist dringend geboten. Gäste, Männer und Frauen, haben Zutritt. Mitglieder werden aufgenoinmeu. Steglitz. Am Donnerstag, den 15. d. Mts. hielt der hiesige Bildungsverein für Frauen und Mädchen eine gut besuchte Mitglieder- Versammlung bei Wahreudorf. Schloßstr. 117 ab. Ein Vortrag über „Staat und Volksschule" fand großen Beifall. Dem Vortrage folgte eine sehr rege Diskussion. Es wurde der Wunsch geäußert, öfter solche Themata auf die Tagesordnung zu setzen. Mehrere Mitglieder wurden aufgenommen. Die nächste Mitgliederversammlung tagt am Mittwoch, den 11. April. Zahlreicher Besuch wird erwartet. Britz. Ani Donnerstag, den 22. d. Mts., abends 8>/z Uhr, findet bei Weniger, Werderstrafie 27, die Versammlung des Frauen- und Müdchen-Bildungsvcreins von Britz statt. Herr Händel spricht über „Heimarbeit" Zahlreiches und pünktliches Erscheinen der Mitglieder ist erwünscht. Gäste willkommen. Der Vorstand. Treptow- Baumschulenweg. Am Donnerstag, den 22. d. Mts., abends 8>/g Uhr, findet bei Herrn E. Christ, Marienthalerstrahe, Ecke Ernslstrafie, die regelmäßige Mitgliederversammlung des hiesigen BildungSvereinS für Frauen und Mädchen statt. Herr Dr. Wollheim spricht über:„Naturcrkcnntnis und Weltfortschritt". Gäste will- kommen. Um pünktliches Erscheinen bittet Der Vorstand. Sozialdemokratischer Lese- und DiSkntierklub„Dcmostbcucs". Heute abend S1/, Uhr bei Herrn. Dornbusch, Prinz Eugenstr. 8:„Organi- sation und Agitation". Rescrent Genosse Bactbke. Gäste sehr willkommen. Sozialdemokratischer Lese- und Disknticrkliib„Süd- Ost". Heute Mittwochabend pünktlich 3yz Uhr bei Tolksdors, Görlitzerstr. 58: Vortrag des Genossen Teuring über„Politische Zeit- und Streitsragen". Verband der Friseurgehülfen Deutschlands, Zweigoercin Berlin. Donnerstag, den 22. März er., abends gyz Uhr, Nosenthalerstrahe 11/13: Versammlung. Vortrag dcS Genossen Stoermer:.Der 18. März und seine Bedeutung"._ eingegangene Dmchrchrlften. Don der„Reuen Zeit"(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben da» 25. Hest dcS 24. Jahrganges erschienen. Es hat folgenden Inhalt: Eugcn Richter.— Der Poalci- Zionismus. Eine neue Strömung im russischen Judentum. Von A. L.— Die Stahlindustrie der Vereinigten Staaten von Amerika. Von Pius Julmann.— Zur Gerichtschronik der Parteiprcsse. Von U. Flüchtig.— Die 5irankcnvcrsichcrungspslicht der Haus- gcwcrbclrcibcnden. Von Julius Fräßdorf.— Die Gewerbeinspektion im Jahre 1994. Von D. Stückten.— Die Untcmehmerorganisation der deutschen Buchbinder. Von E. Kloth.— Reisende Kriegsrichter. Von I. Ebeling.— Literarische Rundschau: Verfassung und Verwaltungsorganisation der Städte. Von ad. br. Die„Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch« Handlungen, Postanslalten und Kolporteure zum Preise von 3,25 M. pro Quartal zu beziehen: jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Heft kostet 25 Ps. Probenummern stehen jederzeit zur Versügung. Ter„Wahre Jacob" hat soeben die 6. Nummer seines 22. Jahrganges erscheinen lassen. Aus dem Inhalt derselben erwähnen wir die beiden farbigen Bilder„Im Hotel Bülow" und„Die privilegierte Ham- monia", sowie die Illustrationen„Berliner Scharssinn",„Ein neues Denk- mal für den Schloßplatz in Berlin",„Der letzte Herrscher",„Satans Zeit- vertreib",„Der Ringkamps der Staalssormen in Rußtand und der deutsche Liberalismus als Preisrichter" und„Beim Reichskanzler". Ferner enthält die Nummer die Porträts von vier Märtyrern der russischen Freiheits- bewegung, von Gilet Sakheim, Esther Ris ind, David Krause und dem in letzter Zeit zum Tode verurteilten Leutnant Schmidt, dem Führer der Rc- bellion von Sewastopol. D r textliche Teil der Nummer bringt die Gedichte „Märzgcdanken",„Märzbctrachtungen eines Mastbürgers",„Maulasientum", „Wieder Sechshundert!" von Paul Enderling,„Der sterbende Proletarier an seinen Sohn" und außer zahlreichen kleineren Beiträgen das satirische Feuilleton„Die Einigung der Mächte in Algeciras" und„Die Schneiderin", eine Novelle von Max Eitelberg. Der Preis der 12 Seiten starken Nummer ist 19 Ps. Von der„Neuen Gesellschaft", Sozialistische Wochenschrist, Heraus- gebcr Dr. Heinrich Braun und Lily Braun(Verlag: Berlin W. 15. Preis für das Einzelhest 10 Ps., pro Monat 40 Ps., pro Vierteljahr 1,29 M.) ist soeben das 12. Hest des 2. Bandes erschienen. Kurt Eisner. Der Sultan des Weltkrieges. Ein marokkanisches Sittenbild deutscher Diplomalcnpolilik. 72 Seiten. Elegant broschiert. Preis 49 Ps. Verlag: Kaden u. Co., Dresden. Dr. j»r. N. Rctchcsberg, Handwörterbuch der Schweizerischen VolkSwirtschast, Sozialpolitik und Verwaltung. II. Band, zweite Hälfte. 951 Seiten. Verlag Enzyklopädie, Bern(Schweiz). Die neue Fraueutracht. Hest 3. Mitteilungen der Freien Vercini- gung für Verbesserung der Francnklcidung, redigiert und herausgegeben von Ella Law in Dresden. Verlag von Georg D. W. Callweh in München. Monatlich 1 Hest. Preis sür das Halbjahr 1,59 M. Th. Fork, Kretzschmar& Co vereinigte Tischler- und Tapezierer-Meister. An der Jannowttzi>rttcke Diclil neben dem Sladlbahnhok Jannowilzbrilcke Deutschlands größtes Möbel»Kaufhaus für Wohnungs-Einrichtungen in allen Preislagen. linser großes Musterbuch mit über 1200 Abbildungen ver-enü-n«e frei uns«ml. 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Die geplante Konferenz der LuruSmöbcl- Branche für den IV. Gau(Berlin). Die Iioini»i»»ioi>. VcrwnUnnghstellc Berlin. Haupt-Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Slmt IV 9679. Zlrbeitsnach>veis' Zimmer 31. Achtung! GUntleP! Achtung! Donnerstag, den 22. März 1906, abends Vs® Uhr, im Gewerkschaftshausr, Engel-Ufer 15, grober saal: Versammlung dn Gürtler nnii iilter in Gürtlereien beschäftigten Kollegen und Kolleginnen. Tages- Ordnung: 1„Kriminalrecht und Strafvollzug.« Referent: psul?a«Io«It»ed. 2. Diskussion. 3. Neuwahl der gesamten Agitationskoinmission. 4. Acr- fchicdcneS. 111/15 � Die Vernnmininns wird pünktlich ertifTnct. Rege Beteiligung erwartet llio r>rt»vor»esltung. VmiiiSelünelllMiIism �/ gegründet I88S. Arbeitsnachweis u. Bureau: Alte Leipzigerstraßc t. Eing. RauleS Hof. Geöffnet von 3— 6 Uhr. Sonntags geschiossc». Telephon: Amt I, 2632 Donnerstag, den 22. März 1906, abends 9 Uhr. Zentral-Festsäle, Alte Jakobstrafte 62- JVEItgltcdcr-Tcrtattitnliiiig. Tagesordnung: ). Bericht deS Vorstandes. 2. Vortrag des Genossen llugan Sriloknee:„Die Arbeiterbewegung einst und jetzt.« 3. Diskussion. 1. KefchäsllicheS. Kollegen! Es ist Pflicht eines jeden Mitgliedes, der wichtigen Tages- ordnung wegen �pünktlich zu erscheinen. Berufskollegen als Gäste willkommen. 637b Der Borstand. Verbmüüer7gdM-,Lsnü-,WfZsrdeiter unü Meiterinnen Leutsemnüz. •—-mm— Zahlstelle Berlin. i. Bureau: Linienstraße 215 Telephon: Amt Hl, 038. — Geöffnet von 8—1 und 4—8 Uhr.— Donnerstag, den 22. März, abends 8'/, Uhr: Dezirks-Uersammlnngen. $iü' Norden bei nothea, Hussitrnstr. 40. Tagesordnung: 1. Bortrag des Herrn Dr. Hannig über: »Nervosität und ihre Heilung.« 2. Diskussion. 3. Verbands- angelegenheilen. 4. Verschiedenes. Mir Moabit bei Pieleke, Waldstr. 8. Tagesordnung: 1. Bortrag deS Genossen Hiethke über:„Neue Waisen im Klassenkampf.« 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. �l'ir SlSHanot Behrends Ffeftsälen, »ur«Ma-WSZ Manteuffelstr. 95. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Bari Mtrlpp:„Maxim Gorki.« 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenheiten. 4. Verschiedenes.' Aür Rixdorf bei Hennig, Zicthenftr. 69. Tagesordnung: 1. Vortrag deS Kollegen Brnna:„Der Bezirk Rixdorf im Berhältnis zu den anderen Bezirken unserer Zahl- stelle." 2. Diskussion. 3. Verbandsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. NB. Wir ersuchen die Kollegen, möglichst ihre Frauen zu den vor- stehenden Versammlungeil mitzilbringen. 61/7 Bie Bealrkalcttnngen. Köstficheo feioeo Duft. liebUcften doch voll- saftigen Geschmack, gehaltvolles, reiches Aroma. trotzdem milde Qualität, eine Befriedigung stets vollkommen- das sind die Eigenschaften, welche J OSETTI CIGARETTEIV dem Raucher bieten. Bei der Herstellung von Josetti• Ciga» retten werden mustergiltige Mischungen, welche die Qualitäts- Eigentümlichkeiten ausgesuchter feiner türkischer Tabake besitzen, verwendet Cigaretten„gerade so gut" kosten zweimal so viel Joselli-Juoo 10 St. 20?sg. Joselti-Grlseldis 10 81. 30?sg. Ächtung! Ächtung! Zweifirverein Bprlln. Mittwoch, den 21. März, abends 8'/z Uhr, in Kaller« FestsÄlen, Koppenstr. 29: General- Versammlung für sämtliche Bezirke und Zahlstelle» der Maurer sowie der Sektion der Putzer und der Gips- und Zeiiientbranche. gleichzeitig der Gruppe der Fliesenleger. Tag�S-Ordnung: 1. Geschäfts- und Kassenbericht für das Jahr 1905. 2. Diskussion. 3. Ergänzungswahl zweier ZluSschuß- miigliedcr. 4. Berichtcrstailulig von der am 4. Marz stattgesundene» Gautonscrenz. 5. GewerlfchastlicheS. i r Mitgliedsbuch legitimiert, ohne dasselbe kein Zutritt. � Regen Besuch erwartet Der Zwcigrcreinavoratand. J. S(.: Emil Thäns. NB. Di« für die Zahlstelle Reinickendorf am felbc« Tage ongcsctztc Berfammlnug findet der General-Bersammlung wegen nicht statt._ 1131* MMemlkjWcil zPiiednzs! M!a Donnerstag, den 22. März 1906, abends 8 Uhr, bei Obst, Meiningerstr. 8; OeffenlL Oetuerksehafls-Versamtnlung. TageS-Ordnung: i Vsrtrag des Geuosseu S. Llrödel über:„Der politische iMeuflreik". 2. Diskussion. 3. Berichterstattung und Neuwahl deS Obmannes. In Anbetrocht der Tagesordnung dars niemand in der Versammlung fehlen. 289/19*__ Per AnaachnB. I. A.: Karl Henkel, Prinz Gcorgstr. 4. Orts-Krankenkasse für daS Gewerbe der Tischler u. Pianoforte-Arbeiter zu Berlin. Aasscnlokal vom 23. März 1906 ab: Dranlenatr. 87. General-Yersanimlung der Vertreter der Kassenmitglieder und der Arbcitaeber am Donnerstag, ide» 29. März 4906, abends 8 Uhr. (m Geworkschaftshause, Engel-User 15 Saal I). TageS-Ordnung: 1. Abnahme der JahreSrechnung pro 1905 nebst Bericht der Revisoren. 2. Wahl eineS Kassierers. 3. Wahl von zwei Hülfsarbeitern. 1. Antrag des Vorstandes: Dem dauernd er- werbSuntähigeil Hülssarbeiter Herrn Ziemer ein Drittel seines zuletzt bc» zogencn Gehalts als Unterstützung zu gewähren. 5. Antrag deS Vorstandes aus Anrechnung von zwei Dienst- jahl-rn für sämtliche Angestellten. 6186 Der Vorstand. 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Dortrag des Genossen äöolt Stern über:„Gibt eS ein Fortleben nach dem Tode?" 2. Diskussion. 3. Der 7. Kongreß der freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften. 290/1 Es werden die Mitglieder und ihre Frauen ersucht, zahlreich zu er- scheinen.__________ Der vorstand. � � �----------—-----------------------,_.._._-- Verantwortliche« Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: VorwärtSBuchdruckerci u. Verlagsanstalt Paul Tinger& Co., Berlin SW bEbLIV isw., Benaaeiatr. O l9�" kleiner SZi\ :;: stehen täglich zu;:: Versammmlungen und Var- zur Verf&gung. X X X V Terelnarlmmer einige Sonnabende noch frei. X XXX Ich Ädert ltelne,»naikdlrigent. Bi»d»rr, Bergatrave SS, erkläre, bah ich 10 Jahre Mitglied der Freien Verewigung der ZwtlberufS- musiker war. Den Grund, wcShalb ich nicht auch Mitglied deS Zentral- Verbandes der Zivilmusiker bin, werde ich den Vereinen, welche mich mit Musikbcstcllungen becbrcn, persönlich mitteilen. Ich bcschästige nur Berufs- mnstkcr. nicht aber Leute, die am Tage den Arbeitern und abends de» Musikern das Brot nehmen. Ich weise daher alle unwahren Angrisic „„j-Mch iHriw. Albert Heine, Model w?o!stenvsren --. Theodor Knorn HJl Gerichtstr. 10°m Hochplatz. Reichhaltiges Lager gut bürgerlicher sowie einfacher Einrichtungen. Hnmpiette bnntc Küchen von 50 Bark an sowie große Zluswahl einzelner HUbci, Holaterwaren — nur eigener Fabrik, daher laugjährtge Garantie. Besichtigung chne Kaufzwang bereltwIlHgsl gestattet Nr. 67. 23. Iichrgang. 2. Krilqe des Jumärfs" KM» NcksdlM. Witwch. 21. Um I« Bcrgarbciterlcbcn in der Mark. (Eigener Bericht des„Vorwärts".) Zweiter Verhandlungstag. K o t t b u s, 20. März. Obgleich von den gestern vernommenen Zeugen schon mehrere entlassen wurden, sind immer noch mehr als 100 Zeugen zur Stelle. Genosse Hue wohnt der Verhandlung als Vertreter des Berg- arbeiterverbandes bei. Nach Eröffnung der heutigen Sitzung beantragt Rechtsanwalt Liebknecht die Ablehnung eines Knappschaft sarztes, der als Sachverständiger geladen ist. Der Antrag wird damit be- gründet, daß der Sachverständige als Knappschastsarzt in einem indirekten materiellen Abhängigkeitsverhältnis zu der am Prozeß interessierten Grubenvcrwaltung steht. Der Vorsitzende ist bereit, ban Antrage stattzugeben. E S stellt sich aber heraus, daß alle Senftenberger A e r z t e Knappschafts. ä rzt e sind. Da nach Lage der Verhältniste nur ein Arzt aus Senftenberg als Sachverständiger in Frage kommen kann. zieht der Verteidiger seinen Antrag zurück. Zur Verhandlung steht heute zunächst eine dem Angeklagten Gärtner zur Last gelegte Behauptung des Inhalts: Auf der Grube seien Arbeiter durch Vorgesetzte miß- handelt worden, solche Fälle seien der Polizeibehörde bekannt geworden, es sei aber nach Misten des Angeklagten nichts darauf erfolgt. Ter Bürgermeister und Polizeiverwalter von Senftenberg gibt als Zeuge an, daß keine Anzeigen über Körperverletzung von Bergarbeitern bei ihm eingegangen sind. Mehrere als Zeugen ver- nommene Arbeiter bekunden dagegen, daß Mißhandlungen auf der Grube oft vorgekommen sind. Die Gcniißhandelten wandten sich an Gärtner und dieser schickte sie zur Polizei. Ob die Weisung, zur Polizei zu gehen, von den Be- treffenden befolgt wurde, läßt sich nickst mehr feststellen, weil es sich um Arbeiter handelt, deren Aufenthalt nicht mehr zu ermitteln ist. Weiter wird bekundet, daß in Bergarbeiterversamm- l un gen öfter Fälle von Mißhandlungen besprochen worden sind, die also durch die überwachenden Beamten zur Kenntnis der Polizei- behörde gekommen sein müssen. Einzelne Fälle von Mißhandlungen wurden durch Zeugen be- kündet. Hieraus ergibt sich im ganzen folgendes Bild: Den Ar. beitern ist bekannt, daß der Grube ninspektor Möller ein sehr„ schlagfcrtiiher" Mann ist. In seinem Kontor steht ein eichener Knüppel in der Ecke, mit dem oft Arbeiter geprügelt werden. So sagte ein Zeuge, der einen Ar- beiter, welcher seine Papiere haben wollte, an den Inspektor wies. Der Arbeiter, der allerdings angetrunken war, ging unverletzt in das Kontor des Inspektors. Bald darauf sah ihn der Zeuge im buchstäblichen Sinne des Wortes hinausfliegen und auf den Damm, fallen. Als der Msan» hinausgeworfen wurde, zeigte sein Gesicht blutende Verletzungen.— QHn anderer Fall: Die Frau eines im Grubenbetrieb verunglückten polnischen Arbeiters wird von einem Kameraden des Verunglückten an die Unfallstelle geführt. Der Schachtincister weist den Begleiter der Frau, der ihr, die kein Deutsch spricht, als Dolmetscher dienen will, von der Stelle. Der Mann geht. Als ihn der Schachtmeister kurz darauf nach am Eingang der Betriebsstelle findet, packt er ihn rnS Genick und befördert ihn so hinaus.— Ein anderer Arbeiter, der von demselben Schachtmeister mißhandelt wurde, ist zu Gärtner «gangen. Dieser sah, daß der Mann viele braune und blaue Flecken am Körper aufwies und durch die Mhhandlungen so ge- litten hatte, daß er das Krankenhaus auffuchcn muhte. Er wurde dort auf Kosten der Armenkasse behandelt; trotzdem weiß die Polizei auch von diesem M i ß ha n d l u n g s fa l l e nicht».— Au» den Akten wird festgestellt, daß derselbe Schacht, meister, der die obengenannten Mißhandlungen verübt hat. noch einen weiteren Fall von Mißhandlung auf dem Konto hat, der allerdings zur Kenntnis der Behörde gekommen ist. In diesem Falle handelt es sich um einen Arbeiter, der durch Mißhandlungen de» Schachtmeistcrs eine blutende Wunde und Beulen im Gesicht davongetragen hat. Dieser Fall ist der Staatsanwaltschaft angezeigt worden, die aber kein öffentliches Interesse für vorliegend hielt und den Verletzten auf den Weg der Privat- klage wies.— In einem anderen Falle hat ein Schmied den ihm unterstellten Zusckiläger eine Ohrfeig« gegeben, dafür ist er vom Schöffengericht mit 15 M. bestraft worden. Hierauf kommt eine Aeußerung des Angeklagten Gärtner zur Verhandlung, worin der Vorwurf gegen die Bergbehörde erblickt wird, daß„unvermutete" Revisionen des Aufsicht s- beamten der Betriebsleitung vorher angemeldet werden und daß Bergrat Netto, der frühere Vor- fteher des Bergreviers West-KottbuS, Mißstände in der Stadtgrsube. auf die ihn die Arbeiter aufmerksam machten, anscheinend nicht habe sehen wollen.— Hinsichtlich dieser Behauptungen will die Verteidigung den Wahrheitsbeweis führen. Bergrat Netto, der zu dieser Sache vernommen wird, sagt aus: Er sei zur Zeit des Streiks auf die Stadtgrube gx, kommen, um wegen des Streiks zu vermitteln. Die Grubenverwaltung lehnte die Vermittelung ab. Bei dieser Gelegenheit habe der Bergarbeiter Koblitz dem Zeugen Mitteilung von Mißständen in der Stadtgrube gemacht; er, der Zeuge, habe sich diese Mißstände an Ort urid Stelle von Koblitz zeigen lassen; er könne aber nur sagen, daß Mßstände nicht vorhanden waren; es habe sich alles in Ordnung befunden. Es seien wohl zerbrochene Kappen(die den Stollen stützen sollen) vorhanden gewesen, aber daneben seien neue Kappen gewesen, so daß die Sicherheit nicht ge- sährdet>var. An der Signalvorrichtung habe er einzelne Mängel gefunden, deren Abstellung er von dcm Betriebsleiter gefordert habe. Einige Monate vor diesem Vorgang habe der Zeuge den Betrieb revidiert und alles in Ordnung gefunden.— Sehr interessant ist die Aussage des Zeugen über die„unvermuteten" Revisionen. Berg- rat Netto sagt herüber: Es besteht eine Verfügung, welche besagt, daß wir unvermutete Revisionen der Be- triebsleitung erst kurz vorher anzeigen, damit etwaige Mißstände nicht vertuscht werden können. Bei eingehender Befragung des Zeugen stellt sich heraus, daß die Anmeldung der„unvermuteten" Revision in der Regel einige Stunden bis einen halben Tag früher eintrifft wie der revidierende Beamte. Manchmal sei die Anzeige auch erst später eingetroffen wie der Beamte. Später schränkte der Zeuge sein« Aussag, dahin ein, daß zwischen der Absenduno der Anzeige und seinem Eintreffen auf der Grube ein halber Tag lag. Be. fiimmtcs kann der Zeuge hierüber nicht sagen.— Da der Bergrat iviederholt den Zustand der Stadtgrube alv in jeder Hinsicht in Ordnung und cinwandSfrei hinstellt, will der Verteidiger feststellen. wie oft der Zeuge den Betrieb revidiert habe.— Der Zeuge gibt an. er habe im Jahre 1001 in seinem Revier etwa 150 Revisionen und sein Assistent etiva halb soviel.— Der Verteidiger bemerkt dazu: Nach der amtliehen Statistik für den Oberbergamtsbezirk Halle, zu dem auch das Revier West-5iottbuS gehört, kommen auf jeden Betrieb nur durckuchnittlich 3 Revisionen im Jahre. Die Angabe des Zeugen könne also nicht zutreffen.— Der Zeuge bleibt bei seiner Be- hauptung und gibt an, er habe auch Revisionen vorgenommen, die in der(Statistik nicht verzeichnet seien.— Der Verteidiger wendet ein. daß doch alle amtlieben Revisionen in der Statistik auf- geführt werden. Als der Verteidiger versucht, festzustellen, ob denn die Zahlen der amtlichen Statistik falsch seien, oder ob die An» gaben des Jeugen nicht zutreffen, erklärt dieser unter Be- rvfung auf seinen Diensteid, aus solche Fragen gebe er leine Antwort. Er wird auf die Pflicht zu ant- »orten hingewiesen und gibt Sann sehr unbestimmte Antworten. Der Verteidiger hält dem Zeugen vor. daß nach der amtlichen Statistik im Oberbergamtsbezirk Halle im Jahre 1901 nur 19 nächtliche Revisionen vorgenommen worden sind. Er fragt, wie viele nächtliche Revisionen der Zeuge vorgenommen habe. Der Zeuge schweigt betroffen, besinnt sich, kann aber nicht angeben, daß er den Betrieb überhaupt bei Nacht revidiert hat. Schließlich gibt er zu, daß er wohl nach Schluß der Arbeitszeit revidiert habe, aber nicht zur Nachtzeit. Eine Sonn- t a g s r e V i s i o n hat er im Jahre 1904 nur einmal vor- genommen. Weiter geht aus den Aussagen des Zeugen hervor, daß er niemals den ganzen Betrieb der Grube bei der Revision be- sichtigt hat. Er hat nur durch Besichtigungen einzelner Abteilungen Stichproben genommen. Er habe zu dem Betriebsinspektor Möller volles Vertrauen und glaube nichr, daß ihm derselbe von den Zu- ständen der Grube ctlvas verheimlichen würde.— Bei einer be- stimmten Revision soll dem Revidierenden durch einen Bretter» verschlag ein hinter dem Verschlage befindlicher Mißstand ver- borgen worden sein. Bergrat Nerto sagt jedoch, er habe den Ver- schlag von beiden Seiten gesehen und kein« Unordnung gefunden. Es handele sich um einen Verschlag, der zwei verschiedene Betriebe voneinander scheidet. Ter Verteidiger fragt den Zeugen, ob er denn sicher sei. daß er den Verschlag wirklich von beiden Seiten ge. sehen habe, woraus der Zeug« antwortet: Man kann sich ja auch irren, ich halte das aber für ausgeschlossen.— Bei der weiteren Be- fragung dieses Zeugen stellt sich heraus, daß er Beschwerden, welche Arbeiter über Mißstände im Betriebe an ihn richteten, in manchen Fällen an die Betriesleitung abgegeben hat. Es wird be- hauptet, daß solche Arbeiter wegen ihrer Beschwerden entlasten worden seien. Bergrat Netto meint aber, das glaube er nicht. Ter Angeklagte Gärtner bringt einen bestimmten Fall vor. An die Bergbehörde war eine Beschwerde wegen eines schadhaften Kessels gelangt. Als daraufhin ein revidierender Beamter eintraf, um den Fall zu revidieren, wollte er zuerst wissen, wer die Beschwerde eingereicht hat. Auf die Frag« an den Zeugen Bergrat Netto, ob er von dieser Tatsache etwas wisse, er- klärt er wieder, er antworte nicht darauf. Wie vorhin, so beruft sich der Zeuge auch wieder darauf, daß er von seiner vorgesetzten Behörde nicht die Erlaubnis habe, diese Frage zu beantworten. Ohne ausdrückliche Genehm i- gung gebe er hierauf keine Antwort.— Ter Ver- teidiger bemerkt, die Antwort dürfe doch nur in dem Falle ver- weigert werden, Ivenn durch ihre Beantwortung die Staatssicherheit gefährdet sei. Es sei doch nicht einzusehen, wieso cS das Staats» interesse erfordern solle, die Auskunft darüber zu verweigern ob der Bergrat einen Beschwerdeführer ermitteln wollte. Schließ- lich gibt der Zeuge in unbestimmten Rede- Wendungen zu. er könne wohl nach dem Be- schwe r de führe r gefragt haben, er müsse doch wissen, von wem solche Beschwerden kommen. Es wird nun Beweis darüber erhoben, ob die S i g n a l v o r richtung in der Stadtgrube zeitweise nicht wnktionicrte. E bandelt sich um ein elektrisches Signal, welches�dm Abgc...�... Förderwagen im Förderstollen anzeigt, um zu verhüten, daß Ar. beiter durch die in Bewegung gesetzten Wagen getroffen und vor- letzt lverden. Als Bergrat Netto mit dem Arbeiter Koblitz den Betrieb besichtigte, funktionierte das Signal an einer Stelle nicht Die Zeugen der A.nklage behaupten, der Mftschimst. dcm das Signal galt, habe das Signal wohl gehört, aber nicht darauf reagiert, weil er glaubte, es habe jemand zum Spaß das Signal in Tätigkeit g«. setzt. Soviel geht aber doch aus den Zeugenaussagen hervor, daß di« Signalvorrichtung tatsachlich zeitweise nicht funktionierte. In solchen Fällen sollten Posten aufgestellt werden, die durch Abgabe von Zeichen das elektrische Signal er- sehten. Immerhin vergeht aber geraume Zeit, ehe die Signal- Posten ausgestellt werden können, auch wird es nicht sogleich bemerkt wenn das Signal versagt, so daß die Möglichkeit von Unfällen in solchen Momenten nie ausgeschlossen und eS nur den: glücklichen Zufall zu danken ist. wenn unter solchen Um- ständen keine Unfälle eintreten. Es Die März-Feier. Noch immer gehen unS Nachrichten über den erhebenden Verlauf der Märzfeier zu. sodaß wir die Fülle des Stoffes kaum zu be- wältigen vermögen. Nachstehend registrieren wir noch die wichtigsten.: Tchlesien. Die Polizei hat versagt. In Breslau wenigstens und soweit tsie Nachrichten aus der Provinz Schlesien vorliegen, sind die Demon- strationen des 18. März ruhig und still verlaufen. Jedenfalls war das Straßenbild in Breslau durchaus ruhig, ganz anders wie am 21. Januar. Von einer Absperrung, überhaupt von Schutzleuten. war auf der Straße kaum etwas zu spüren. Eigentümliche Stille I Allerdings, vorher hatten Breslaus Arbeiter schon einen Sieg errungen. Seit Wochen hatten sie um die Versammlungsfreiheit um die Säle gekämpft, und als nun der 18. März kam. da hatten dieselben Arbeiter, denen bisher allein das Gewerkschaftshaus zur Verfügung gestanden hatte, fünf Säle für ihre Versammlungen bereit. In den Versammlungslokalen standen die demonstrierenden Arbeiter Kopf an Kopf, und mit Begeisterung folgten sie den Aus- führungen der Refereuten. Besonders groß war die Begeisterung im„Tivoli", einem Saale, der in der Parteigeschichte Breslaus eine denkwürdige Rolle spielte, aber seit etwa acht Jahren uns nicht mehr zur Verfügung stand. Genosse Tutzauer geißelte in scharfen Worten das Dreiklaffenwahlrecht, aber ein Sturm der Begeisterung ging durch die Versammlung, als der alte 85jährige Genosse Cohn, ein Achtundvierziger, aufstand und mit zitternder Stimme darauf hinwies, daß sie Träger aller revolutionären Traditionen heut nicht mehr die bürgerlichen Demokraten, sondern allein die Arbeiter seien. In mustergültiger Ordnung und Ruhe verliefen die Bersamm- lungen und einstimmig, mit Heller Begeisterung wurde nicht die allgemeine, sondern die folgende Resolution einstimmig ange- nommen:„Die Versammlung protestiert auf« neue gegen das in Preußen bestehende Dreiklassenwahlsystcm. Wider Recht und Ge- setz ist das Geldsackswahlrecht am 30. Mai 1849 dem preußischen Volke von der Regierung aufgedrängt worden, nachdem sie zuvor das Gesetz vom 8. April, da» eine allgemeine, gleiche und geheime Wahl verbürgte, beseitigt hatte. Die Versammlung fordert energisch, daß diese» rückständige und widersinnige Wahlgesetz beseitigt werde. An seine Stelle trete das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für alle über 20 Jahre alte preußischen«taatsange- hörigen ohne Unterschied deS Geschlechts. Das preußische Bürgertum hat eö durch seine Schlaffheit verschuldet, daß bis heute eine Junkermehrheit unter dem Schutze de» Geldsack-Wahlrechts unge- stört im Landtag schaltet. Die preußische Arbeiterschaft gelobt. nicht zu ruhen, bis sie ein freies, ihren Wünschen gemäßes Wahl- recht errungen hat." Freiburg. Die Vormittagsversammlung im Gewerkschaft«- Hause im benachbarten Polsnitz war überaus zahlreich besucht. Der Reichstagskandidat des Kreises. Genosse Redakteur Feldman»- Langenbielau. referierte unter stürmischer Zustimmung der Ver- sammelten. Die Resolution de» Parteivorstande« wurde ein- stimmig angenommen. Zirka 50 Genossen wurden für die politische Organisation gewonnen. Es geht auch in Schlesien vorwärts I Ueber gut besuchte Versammlungen wird noch berichtet aus: Schweidnitz(zirka 400 Personen). S t r i e g a u(zirka 900 Personen). Schmiedebera(400 Versammlungsteilnehmer). Ja uer(200 Demonstranten). Landeshut. Priebu«(30 Personen). Ohlau(600 Besucher). Ueberall verhielt die Polizei sich reserviert, vom besonderen Aufgebot war kaum etwas zu merken. In allen diesen Versammlungen gelangte einstimmig die allgemeine Resolution zur Annahme. Schleswig-Holstein. In Kiel und Umgegend waren 12 Versammlungen anberaumt, von denen hauptsächlich diejenige im größten Etablissement der Stadt, im„Englischen Garten", überfüllt war. Der Riesensaal des Lokales konnte, obwohl lange vor Beginn der Versammlung die Tische und Stühle entfernt worden waren, die in immer kompakteren Trupps einrückenden Proletariermaffen der Außeuquartiere kaum fassen und bot schließlich ein Bild, wie er es erst einmal seit seinem Bestehen, am 21. Januar d. I.. gesehen. Geradezu lebensgefährlich war der Andrang auf den Galerien, wo Kopf an Kopf in dichten Reihen hintereinander bis an die Oberlichtfenster die Menge sich staute. Die Versammlung im Bezirk der kaiserlichen Werft mußte wegen Ueberfüllung polizeilich gesperrt werden. Auch die übrigen Versammlungen waren durchweg brillant besucht und legten jede einzelne durch ihre Teilnehmerzahl von der politischen Erregung der Bevölkerung, wie sie vor der mit dem„roten Sonntag" dieses JahreS einsetzenden Wahlrechtsbewegung in auch nur annähernd tief greifendem Maße hierorts unbekannt gewesen, anschauliches Zeugnis ab. Redner waren in Kiel-Gaarden die Genossen Reichstags-Abgeordneter L e g i e n, Metallarbeitersekretär Garbe, Arbeitersekretär Niendorf. Redakteur Adler, Expedient Rindfleisch. Sämtliche Veranstaltungen verliefen in muster- gültiger Oordnung und Ruhe. Von dem hiesigen Jnfanteriebataillon stand eine Kompagnie feldmarschmäßig ausgerüstet und Mann für Mann mit 20 Patronen versehen im Kascrnenhof. Von der An- spräche, die der Hauptmann an die Kompagnie hielt, wurden in der benachbarten GcwertschaftSherberge die Worte gehört, daß jeder, wenn es zum Einschreiten kommen sollte, voll und ganz„seine Pflicht tun" möge. Aber das Militär so wenig wie die städtischen und königlichen Polizeimannschaftcn, die in der Nähe der Ver- sammlungslokale an„sicheren" Plätzen zusammengezogen waren und die durch zahlreiche vor den Lokalen patrouillierende„Ge- Heime" über den Gang der„Ereignisse" auf dcm Laufenden er» halten wurden, hatten Gelegenheit, in Aktion zu treten. So war auch hier wieder einmal der Säbel vergebens geschliffen und das Magazin„für die Katz" gefüllt. Neumünster. Die Versammlung war gut besucht; 1800 Personen waren anwesend. Das Referat hatte Genosse Poiler-Kiel über» nommen. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Eine Anzahl Abonnenten wurde auf die Presse sowie eine Reihe Mit- glicder für die politische Organisation gewonnen. Auch die Versammlungen in den übrigen Orten Schleswig- Holsteins waren, wie unS Meldungen auS Barmstedt, Pinne- berg, Heide, Wedel und Schleswig beweisen, mit AuS- nähme des letztgenannten Ortes sehr gut besucht. | Oft- und Weftpreuften. Königsberg i. Pr. Die Demonstrationen sind würdig verlaufen. In Königsberg fanden zwei überfüllte Versammlungen statt. Nach Schluß der Versammlungen großer Zug nach der Stadt. In Memel, Gumbinnen, Tilsit, Raanit, Tanzig, Marienwerder, Thorn, Elbing usw. fanden ebenfalls große Versammlungen statt. In Rastenbiirg mußten drei Versammlungen hintereinander abgehalten werden, da die Polizei die Zahl der VersammlungSbesuckzer genau abgemessen hatte und bei 30 M. Geldstrafe nicht mehr Personen, als vorher festgesetzt war, in den Saal hineingelassen werden durften. Rheinland- Westfalen. In Köln und den Vororten fanden 8 Versammlungen statt, die alle sehr stark besucht waren. Tai gleiche wird auS der gesamten oberen Rheinprovinz gemeldet, lleberall herrschte Be- geisterung. Die Resolution fand allerorts einstimmige Annahme. Die Polizei trat nirgends hervor. In Elberfeld-Barmen fanden 5 stark besuchte Versammlungen statt, die einen imposanten Verlauf nahmen. Die Polizei war recht nervös. Auch aus der Ilmgegend sind Nachrichten über den guten Verlauf der Demonstration eingelaufen. Im Wahlkreise Dartmund-Hörde wurde die Märzfeicr durch 14 V e r s a m in l u n g e n, die durchweg einen guten Besuch auf- wiesen, in würdiger Weise begangen. Selbstverständlich trugen alle Versammlungen einen demonstrativen Charakter und wurde überall eine das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht im Landtag fordernde Resolution angenommen. Bielfach wurden die Feiern durch die Mitwirkung von Arbeitergesangvereinen, die der Bedeutung deS TageS entsprechend« Lieder zum Vortrag brachten, verschönt. Zwischenfälle haben sich, soweit bisher bekannt geworden, nicht ereignet, wenngleich die Polizei, namentlich in der Stadt Dortmund selbst, wieder große Vorbereitungen ge- troffen hatte. Sie war der Meinung, daß in der Nacht zum Sonn- tag oder Sonntag früh wieder ein Flugblatt zur Verbreitung gelangen sollte. In einer Konferenz der Polizeibeamten, die am Sonnabend stattfand, wurde das als feststehende Tatsache an- genommen. Man traf denn auch Vorkehrungen, daß eventuell in der Sonnabendnacht alle Beamten möglichst per Telephon herbei- gerufen werden könnten. Sonntag früh hatten sich alle Beamten zu stellen. Die Umsturzbefürchtungen scheinen in Dortmund wirklich sehr tief Wurzel gefaßt zu haben. ES gibt dort Leute, die unheilbar am Rotkoller leiden und durch keine Erfahrungen gewitzigt werden. Und wenn alle Welt über sie lacht, sie merken'« nicht. In Bielefeld und nächster Umgebung fanden am Vor- und Nach- mittag 9 Versammlungen statt: In Bielefeld 3. in Brack- wede, Gadderbaum. Hcrpe n, Quelle, Schildesche und Seudbrak je eine Versammlung. Die Besucherzahl war die gleiche wie am 21. Januar. Die Versammlungen in Bielefeld selbst hätten teilweise besser besucht sein können. Als Referenten fungierten die Genossen Castrup, Haupt. Hcitland, Kühne, Mademann, Scvering und Ziert. Die all- gemeine Resolution wurde in allen Versammlungen mit großer Be. geisterung angenommen. Die Ueberwachung der Versammlungen war die gewöhnliche. Mittel-Deutschland. Braunschweig. Am Vormittag protestierte eine von mehr als 2000 Personen besuchte Volksversammlung gegen die Rechtlosigkeit de» Volke» durch lw» Dreiklassenwahlrecht und die Beschränkungen der Vereins, und Versammlungsfreiheit feiten» der Polizei. Ge. nasse Dr. Jasper sprach über die„Revolution von 1848 und die Rechtlosigkeit des braunschweigischen Volke»". Die Bekanntgabe dieser Tagesordnung an den Anschlagsäulen hatte die Polizei, deren Chef zugleich Vorsitzender des Instituts ist. dem die Litfaßsäulen unterstehen, verboten. Statt dessen hieß es nun„die Rechte des braunschweigischen Volle»", lvas allgemeine Heiterkeit erregte. Re- solutionen zugunsten eines freien Wahlrechts und freien Bersamm- lungSrechtS wurden einstimmig angenommen. Zum Schluß der Versammlung hatte die Polizei etwa 00— 70 Mann aufgeboten, die die Versammlungsbesucher»ach Hause geleiteten. Es verlief gleichwohl alles ruhig. Am Abend fand eine leider nur mäßig besuchte Familienfeier zu Ehren der Märzkämpf« statt. Reust ä. L. Der Gedenktag der Revolution von 1848 wurde durch niehrere Versammlungen in Greiz und Umgegend begangen. di« sich trotz de» herrlichen Wetter», da» gerade nicht zum Ver, sammlungSbesuch anreizte, größtenteils guten Besuche» erfreuten. Die Stimmung in den Versammlungen war ein« ausgezeichnete. In Greiz referierte Genosse Hugo Dressel- Schönfeld, in Pohlitz Genosse Franz F e u st e l- Greiz, in Herr m a n n»- grün Genosse Friedrich Bergner- Pohlitz, in A u b a ch• thal-Jochwitz Genosse Gustav Dillner. in Dölau» SachSwitz Genosse Karl Spindler-Jochwitz, in Cascl» fb! tz Genosse Paul Körner- Greiz, in Gommla-Kurt- schau Genosse Friedrich Le i n e n- Herrmannsgriin. Die Gcldsainmlungen waren vom LandratZamt verboten worden. Auch hatten die überwachenden Beamten Auftrag, die Vor- sitzenden zu ermahnen, nicht aufreizend sprechen zu lassen. In sämtlichen Versammlungen wurde eine gleichlautende Resolution angenommen, in welcher gegen die Entrechtung des arbeitenden Volkes protestiert wird. In mehreren Orten wurden die Vecsamm- lungen durch FrciheitZlieder der Arbcitergcsangvereine eingeleitet und geschlossen. Im Grotzherzogtum Sachsen-Weimax rang sich überall zugleich mit dem Andenken an die Märzrevolution eine Proteststimmung gegen die neulich vollzogene Aenderung des Landtagswahlrcchtes zweiten Male nicht gewagt, in ungesetzlicher Weise die Frauen aus der Ver- sammlung auszusperren. Redakteur H a e n i s ch- Leipzig sprach vor mehr als 1000 Personen, während in zwei Vororien ebenfalls gut besuchte Versammlungen tagten. Die Arbeitcrgesangvereine sangen angemessene Lieder. Von Zwischenfällen konnte auch dies- mal nirgends die Rede sein, da man durch tolle„Rüstungen" nirgends provozierte, wohl aus der richtigen lleberzeuguna heraus, daß man weder dem Volk, noch den in polizeilichen oder militärischen Waffen starrenden uniformierten Volksgenossen derartiges zum zweiten Male bieten darf, ohne starke seelische Beeinflussung im Sinn« der Sache des demonstrierenden Volkes zu riskieren. All das nahm dem 18. März die leidenschaftliche Kampfesstimmung und Schärfe. Aber ein zweiter Rekrutierungstag der Partei ist es doch gewesen, indem wieder viele Parteimitglieder und Abon- nenten der Parteipresse überall gewonnen wurden. Gotha. Die 25 Versammlungen, die im Gothaer Ländchen veranstaltet worden waren, erfreuten sich meist eines starken Be suchs. Eine scharfe Resolution wurde überall angenommen. Baden. In Baden leitete eine Episode in der Zweiten Kammer die Märzfeier ein. Am Sonnabend protestierte der Parteigenosse Frank beim Etat des inneren Ministeriunrs gegen die neuesten polizeilichen Masziiahmen, welche der autokratische Polizeidirektor Schäfer-Mannheim wegen der für den 18. März getroffenen Ehrung der Mannheimer Srandrechtsopfer anordnete. Man werde massenhaft den Friedhof besuchen. Kränze am Grabdenkmal nieder- legen und dann einen DemonstrationLspaziergang durch die Bismarck- strafe an der Dienstwohnung deS Polizeidirektors vorüber inszenieren. Minister Schenkel deckte die Anordnungen seines Beamten und nannte die 1840er Standrechtsopfer„Militärmeuterer". Als der sozialdemokratische Abgeordnete Kräuter sich der Proletarier im Schutzmaunsrocke annahm, kanr es zu einer ivirkungsvollen Szene. Die sozialdemokratische Fraktion beschloß, durch ihren Bor- sitzenden einen Kranz mit Widmung am Freischärler-Denkmal des Mannheimer Friedhofes niederlegen zu lassen. Die Maiiuhcimer Demonstration verlief beim herrlichsten Frühlingswetter imposant. Die Arbeiter zogen zu Tausenden am Vormittag auf den Friedhof, Ivo stillschweigend die Korporationen ihre Kränze mit Widmungen auf den roten Schleifen niederlegten. Die Polizei war durch vier Mann vertreten und hielt sich vollständig zurück. Gegen mittag zogen die Arbeiter und Frauen— die Bourgeoisie hatte sich an der Ehrung ihrer Toten nicht beteiligt— nach der Stadt und belebten das Strafenbild. Die Häuser waren beflaggt zu Ehren des Tages, da vor 300 Iahten der erste Stein zur Festung Mannheim gelegt wurde. In der Z e n t r a l h a l l e sammelten sich die März- leiernden.« Bayern. In München hat die Gedächtnisfeier für die Märzereignisse von seher zu den am besten besuchten Veranstaltungen der klassenbewnften Arbeiterschaft gezählt. Auch in diesem Jahre nahm die Feier, die vormittags stattfand, wieder einen durchaus würdigen Verlauf. Der Riesensaal des Münchener Kindl-Kellers war trotz des herrlichsten und verlockendsten Frühlingswetters stark besucht, auch von zahl- reichen Frauen, daf viele Teilnehmer sich mit einem Stehplatz be- gniigen mnften. Reichstagsabgeordneter Genosse Bios hielt die Ge- vächtnisrcde, die mit stürmischem Beifall aufgenommen wurde. Dem Charakter des Tages entsprechende Vorträge deS Arbeiterfängerbundes eröffneten und schlössen die Feier. Augsburg. Das organisierte Proletariat unserer Industriestadt gedachte in würdiger Weise der hohen Bedeutung des Tages, der auf der Walstatt der Freiheit gefallenen Kämpfer für die Freiheit. Die am Vormittag stattgefundene Versammlung war überfüllt; viele, die herbeigeeilt waren, konnten keinen Einlaf finden. Der Inhalt der Feier bestand in einer der Bedeutung des Tages würdig an- gcpaften Gedächtnisrede, sowie im Bortrag mehrerer unserer be- kannten Kampfeslieder. ES war ein stimmungsvolles, eindruckreiches Gedenken._ Erster Schutzkongreß für alle in der Schiffahrt und im Schiffban beschäftigten Arbeiter. Berlin, 20. März. Zweiter Verhandlungstag. Tie Sitzung begann mit der Erörterung der Arbeitsverhältnisse und sozialen Fürsorge für die Hafendrbeiter» Binnenschiffer, Flöher, Flußmaschinisten und Heizer. Als erster Referent nahm hierzu der Vorsitzende des Hafen- arbeiter-Verbaüdcs. Johann Döring- Hamburg das Wort. Redner beleuchtete die Zustände, unter denen die im Lösch- und Ladcwesen des Schiffsverkehrs tätigen Arbeiter ihr mühevolles Dasein fristen, mit der. Routine des vollendeten Sachkenners. In fast allen Hafenstädten Deutschlands ist die A r b c i t s z e i t in diesem Beruf noch überaus lang; für die Akkordkolonnen sogar fast unbegrenzt. Für Hamburg läht sich die durchschnittliche Tages- arbeitszeit auf 10% Stunden bemessen. In Königsberg, Stettin und den Binnenhäfen dehnt sie sich aber häufig über 14 Stunden aus. Nachtarbeit ist in allen Seehäfen gang und gäbe. Verschiedene Gruppen von Schauerlcuten sind nicht selten sogar bis zu 80 Stunden in einer Tour tätig. In Hamburg besteht eine Be- stimmung, wonach die Stauer gehalten sind, die Schauerleutc nicht über 36 Stunden hintereinander zu beschäftigen. Vor dem Ham- burger Hafenarbeitcrstreik im Jahre 1896 waren die Zustände noch schlimmer. Erst als hernach auf das Drängen der Arbeiter hin dort ein Hafeninspektor angestellt wurde, sind die Verhältnisse ein wenig besser geworden. Jedoch zeigt der Umstand, daß erst auf Ver- anlassung des Hafeninspektors jene Bestimmung betr. Nichtbeschäf- tigung der Arbeiter über 36 Stunden getroffen wurde, wie sehr es auf dem Gebiet der regulären Arbeitszeit noch im Argen liegt. Außer in Hamburg gibt es aber in keinem anderen Hafenort Hafen- inspektorcn'. Trotz der schweren Arbeit der Hafenarbeiter ist den Anforderungen der Hygiene behördlicherseits nur sehr mangelhaft Rechnung getragen. Auf diese Unterlassung ist denn auch meistens die Einschleppung von sporadisch auftretenden Seuchen, wie z. D. der Cholera, zurückzuführen. Speziell die Beschaffung von Trink- Wasser auf den nicht am Quai liegenden Schiffen bereitet den Arbeitern grofe Schwierigkeiten� Kommt es doch sehr häufig vor, daß die Wassertanks auf den Schiffen infolge der mangelhaften Reinigung völlig ungenießbares Wasser enthalten, in dem Algen und allerhand Weichtiere umherschwimmen und den Genuß ver- ekeln. Geradezu unbeschreiblich aber sind die Abortvcrhältnisse. Für Bedürfnisanstalten an den Quais oder Bollwerken ist meistens auch nicht annähernd ausreichend gesorgt. Ganz besonders lässig aber sind die Unternehmer in der Beachtung der Unfallverhütungs- Vorschriften, so daß wohl mit Recht behauptet werden kann, daß ihnen überhaupt der Wille zur Jnnehaltung der Vorschriften fehlt. Laut Bericht des Hamburger Hafeninspektors mußte dieser im Jahre 1904 in 937 Fällen Abstellungen von Betriebsmängeln an- ordnen; in 39 Fällen mußte sogar die Fortführung der Arbeit untersagt werden. Betriebsunfälle waren 9393 gemeldet, davon wurde nur 1 Unfall als durch Trunkenheit des betreffenden Ar- bciters verursacht festgestellt. Es sei endlich die höchste Zeit, daß energische Maßnahmen zu einem vermehrten Schutz für Leben und Gesundheit der deutschen Hafenarbeiter getroffen würden. Der L�stündige Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Der Referent stellte in einer Resolution folgende Forderungen für die in den Hafenbctricben, der Binnenschiffahrt sowie der Flößerei beschäftigten Arbeiter auf: 1. Wirksame Schutzbestimmungen für das gesamte Deutsche Reich; 2. die Festlegung einer Maximalgrenze für die im Höchst- falle zu leistende Arbeitszeit und eine gesetzlich garantierte Nacht- und Sonntagsruhe; 3. Anstellung von Hafeninspektoren durch das Reich, zur Ueberwachung der erlassenen Vorschriften und Bestimmungen; 4. Anstellung von Assistenten, deren Wahl durch die Berufs- organisationen vorzunehmen ist; 5. Beschaffung von Aufenthaltsräumen und Bestimmungen über die Beschaffenheit einzuführender sanitärer Einrichtungen zum Schutze der Arbeiter bei Unglücksfällen. Da die Arbeiter zu den einzelnen Landesregierungen kein Zu- trauen haben, fordern sie die Regelung dieser Materie durch das Reich.— Das zweite Referat hierzu hielt der Zentralvorsitzende des Ver- bandes der Maschinisten und Hetzer. Karl K i r s ch n i ck- Berlin. In sachkundiger Weise schilderte Redner die Arbeitsverhältnisse deS Maschinenpersonals in der Fluh- und Schleppschiffahrt. Außer dem ReichLgcsctz haben die Maschinisten auch die verschiedenen Dampfkesselverordnungen der Einzelstaatcn zu beachten. Meistens stehen die gesetzlichen Vorschriften allerdings nur aus dem Papier, eine strikte Jnnehaltung ist schon deswegen nicht möglich, weil auf Veranlassung der Unternehmer häufig mit unzulässig hohem lieber- druck gefahren werden muß. Um die Strompolizei zu täuschen, verlangen die Schiffsführer nicht selten, daß sogar die Manometer „verstocht" werden, damit nicht zu sehen ist, mit wieviel Atmosphären Ueberdruck die Maschine arbeitet. Meldet ein Maschinist aber einmal in berechtigtem Unmut über derartige Zu- mutungen solche lcbenSgefährlickicn Uebertretnngcn, dann wird er bei dem Unternehmertum als Denunziant verschrien und brotlos gemacht. Die Arbeitszeit ist für das Maschinenpcrsonal schier un- begrenzt. Daß 59 bis 60 Stunden hintereinander gearbeitet werden mutz, oder die Leute 7 Tage und auch noch 7 halbe Nächte vor dem Kessel stehen, ist keine Seltenheit. Schon der Umstand, daß den Maschinisten und Heizern der Rheindampfer die geforderte sechs- stündige Nachtrubc verweigert wurde, beweist.�ur Genüge, wie es mit der Arbeitszeit und der Arbeitsruhe für dicien Beruf bestellt ist. Bei einer derartigen Ueberanstrengung kann die große Zahl der Unfälle denn auch nicht wundernehmen. Ueber ein Zehntel der Beschäftigten haben verkrüppelte Finger, die sie sich bei der chronischen Ucbermüdnng in den engen Räumen beim Schmieren verletzt haben. Große Ucbelstände herrschen ebenfalls bei der Kcssclreinigung. Also auch hier tue eine Besserung der Verhältnisse dringend not.(Beifall.) Redner legte dem Kongreß folgende Resolution bor: Bei Regierung und Reichstag ist dahin zu wirken, daß a) durch bundesrätliche Verordnung oder Reichsgesetz be- stimmt wird, daß sowohl der Binnenschleppschiffahrts- als auch ' der Biniienfrachtschiffahrtsbetricb den Bestimmungen über Sonn- und Festtagsruhe unterworfen wird. Besonders ist Bezug zu nehmen auf den Binnenschleppschiffahrts- und Binnenfrachtschiff- fahrtsbctrieb der deutschen Binnenwasserstraßen wie schiffbaren Flüsse, Ströme und Kanäle; b) durch bundcsrätliche Bestimmung oder Reichsgesetz den Mannschaften der Schlepp- und Frachtschiffe im Binnenschiffahrts- betriebe, wenn sie an Bord logieren, eine nächtliche Mindestruhe von 6 Stunden gewährt wird, wenn nicht durch ein wechsclschicht- liches Wachesystem eine anderweitige Regelung der Nachtruhe erfolgt; c) für Hafen- und Revierschlepp- oder Frachtfahrzeuge durch bundesrätliche Verordnung oder Reichsgesetz ein Maximalarbeits- tag von höchstens 12 Stunden festgesetzt wird; ck) für Dampfschiffe, die auf Strömen, Flüssen oder Kanälen zur Beförderung von Personen dienen, durch bundesrätliche Per- ordnung oder Reichsgesctz eine Arbeitszeit von höchstens 12 Stunden festgesetzt wird; bei Fahrten oder Reisen, die länger als 12 Stunden dauern, ist für Ablösungsmannschaftcn zu sorgen, die eine zweckentsprechende Ablösung bczw. Wechselschicht er- möglichen; e) für Dampfschiffe, die in Häfen oder Revieren zur Be- förderung von Personen dienen, gleichfalls eine maximale Arbeitszeit von höchstens 12 Stunden festgesetzt wird; wenn nicht bei längerer Fahrtdaucr eine zweckentsprechende Ablösung ge- währleistct ist. {) Im Interesse der Betriebssicherheit im allgemeinen, sowie des Lebens und der Gesundheit des reisenden Publikums und der Schiffsmannschaften sind Maschinisten und Heizer zu anderen Axheiten, als den mit der Ausübung des Berufs unmittelbar zu- sammenhängenden, nicht heranzuziehen. Auf kleineren Schlepp- und auch Passagierdampfern, sobald sie größere Stromstrecken be- fahren, mutz das Maschinenpersonal aus mindestens drei Mann, nämlich einem Maschinisten und zwei Heizern, bestehen. Weiter ist den Mannschaften aller zur Beförderung von Personen an Sonn- und Festtagen verwandten Fahrzeuge alle zwei Wochen eine ununterbrochene Ruhepause von mindestens 36 Stunden zu gewährleisten. Weiter wendet sich der Schutzkongreß mit Nachdruck dagegen, daß der Arbeitslohn für Maschinisten und Heizer durch prozen- tüale Anteilnahme am Frachtgcwinn gewährt wird. Dieses System des sogenannten„Prozcntsahrcns" führt, wie die Er- fahrnng lehrt, zu strafbaren Handlungen, in erster Linie zur Belastung oder Verkeilung der Sicherheitsventile, um dadurch eine höhere als die zulässige Dampfspannung herbeizuführen und die Schleppkraft und die Fahrgeschwindigkeit zu erhöhen. In der Diskussion würdigte Decker- Magdeburg besonders die Arbeitsverhältnisse der Binnenschiffer. Gegen die Durchführung der Sonntagsruhe wendet sich vor allem der Zentralverein zur Hebung der Fluß- und Kanalschiffahrt ans egoistischem Geldsacksinteresse. Unter aller Kritik sind meistens die Logisverhältnisse. Es kommt vor, daß mehrere BootSmänner mit ihren Frauen und Kindern in dem gleichen engen Raum schlafen müssen. Auf vielen Kästen gibt es zudem eine Unmasse Ungeziefer, Ratten, Schwaben, Kakerlaken usw., von denen die Mundvorräte angefressen werden. Besonders schlinim aber geht es den Flößern, die den Unbilden der Witterung fast schutzlos preis- gegeben sind. Redner mißbilligt entschieden da? Verhalten des Zentralvereins, der die angestellten Erhebungen in der Binnen- schiffahrt durch wahrheitswidrige Mitteilungen an die Regierung in negativem Sinne zu beeinflussen suche.(Beifall.) An der Debatte beteiligten sich ferner die Hafenarbeiter H ä h n e l- Hamburg, Rippten-Bremerhaven und Haber. k o r n- Schönebeck und die Maschinisten U n g r i ch t- Ludwigshafen. N e u w e h n e r- Hamburg und S ch n e i d e r- Breslau, die unter Anführung drastischer Einzelfälle daS allgemeine Elendsbild ver- vollständigten. Hierauf wurden die vorgelegten Resolutionen einstimmig an- genommen.— An den Nachmittagsverhandlungen nahm auch der antisemitische NeichStags-Abgcordnete Raab als Zuhörer teil, be- ein als die Sericdts-Teitung. Prcßton vor Gericht. Ueber die„Hibcruia"- Affäre, einzelne Unteriichmilngen der Dresdner sowie der Deutschen Bank, Emissionen der Diskonto- Geicllickmft und noch manche andere Dinge wurden gestern vor dem Schöffengericht in einer Privatklagesache sehr lebhafte Erörterungen gepflogen. Ans der einen Seite stand als Privatkläger Herr Edmnnd Klapper, Herausgeber der„Deutschen Agrarzeilnng", ans der anderen Seite Herr Dr. W. M a n ck e, Herausgeber der ..Bank- u.Handelsztg.", als Angeklagter und Widerkläger. Die„Deutsche Agiarztg." hatte unter dem Stichwort„Die Rechnung derDresdnerBank" einen Artikel vcrössentlicht. in dem an der Hand der von der Dresdner Bank der Seehmidliing Über den Ankauf der„Hibernia"- Aktien gelegte» Rechnungen ausgeführt wurde: ma» müsse bezüglich der Dresdner Bank vermuten,„daß der vorher billig erworbene Privatbesitz" ihrer Direktoren und intimen Freunde nunmehr zu den jetzt geltenden Hochkursen von 270 und 280 Prozent in den„Bankbesitz" hiueingenommen werden dürfe und daß der Staat diese Art von„Einstandsknrsen" zu zahlen habe". Daraufhin erließ die Dresdner Bank Rundschreiben an die Zeilimgen, in welchen! jene Behauptung „Preßverlcunidung" bezeichnet und mitgeteilt wurde, daß Dresdner Bank Anlaß genommen habe. Strafverfolgung gegen Herrn Edmund Klapper zu beantragen. Diese Zuschrift der Dresdner Bank wurde in der„Bank- u. Handels-Ztg." unter der Ueberjchrist „Edmund Klapper, der Verleimider" wiedergegeben und daran die Bemerkung geknüpft:„Es sollte uns herzlich freuen, wenn Herr Edmnnd Klapper, der systematisch das Handwerk des Verleumders und Ehrabschneiders betreibt, endlich einmal die längst verdiente Strafe fände." Dies bildete den Inhalt der Pnvalbcleidigimgsklage. Dr. M a n ck e suchte gestern aus per- ichiedeiieu scharf geschriebeneu Artikeln des Privalklägers über die Dresdner Bank, die Deutsche Bank, die Diskontogesellschaft und über den Angeklagten selbst, seine Berechtigung herzuleiten, Herr» Klapper einen systeniatisch vorgehenden Verleumder zu nenne». Es wurde» die betreffenden Artikel verlesen und daran stuitdenlange Erörterungen geknüpft. Ter Angeklagte suchte in jedem Falle darzulegen, daß es sich um Verleumdungen, die in krassester Tonart vorgebracht worden, handle, während von der Gegenseite behauptet wurde, daß Herr Klapper bei seinen scharfen Angriffen und kritischen Betrachtungen sich auf Vorgänge gestützt habe, die in jedem Einzelfalle ertveisbar und notorisch seien. Von Verleumdungen könne keine Rede sein.— Die Verhandlnng endete mit der V e r n r t e i l u n g des Dr. Mancke zu 100 Mark Geldstrafe und Freisprechung des Privatklägers von der gegen ihn erhobenen Widerklage. Dem Privatkläger wurde die Pnblikalions- befugilis zugesprochen. Der„gnädige Herr" mit Reitpeitsche imd Revolver. Ein Rittergutsbesitzer ans dem Liegnitzer Kreis, dessen Namen wir ans der„Breslaner Volkswachi", der wir diesen Bericht entnehmen, leider nicht ersehen können, hatte eines Tages im vorigen Jahre mit seinem Dienstmädchen eine lebhafte Szene gehabt; e'r war nämlich mit der Reitpeitsche auf das Mädchen losgegangen und hatte demselben mehrere Schläge a u f den Rücken versetzt. Dann hatte der Angeklagte, nachdem er sich' einen Revolver geholt, ausgerufen:„Wenn ich das H.... ast erwische, schieße ich sie tot." Um dem Worte die Tat folgen zu lassen, hatte er auch wirklich— freilich mir in die Luft— einen Schuß aus dem Revolver abgegeben. Er wurde darauf vom Schöffengericht zu Liegnitz zu ganzen fünfzehn Mark Geldstrafe verurteilt. Gegen seine Be- strafung legte er Berufung ein und beantragte Freisprechiiitg. Dijr Staatsanwalt hatte gleichfalls Berufung eingelegt und verlangte eine Erhöhung der Strafe auf 60 Mark. Die Strafkammer er- kannte im Hinblick auf den Bildungsgrad und die Vermögens- Verhältnisse und die sonstigen erschwerenden Umstände auf ein- hundert Mark Geldstrafe oder 10 Tage Gefängnis. Immerhin eine recht milde Strafe. Wäre avohl die gleiche Strafart und das gleiche Strafmaß eingetreten, wenn das Dienstmädchen wegen ähnlicher gegen den Rittergntsbcsitzcr begangener Handlungen unter An- klage gestanden hätte? BBKJBmM——IIBII II Ii aEgW» Allen Verwandten, Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß mein lieber Mann, der Zigarren- sabrikaut Lmst Ferber am 19. März früh 6';, Uhr nach langem Leiden im 40. Lebensjahre verstorben ist. Die Beerdigung findet ani Donnerstag, den 22. März, nach- mittags 3 Uhr. von der Leichen- halle des Freireligiösen Friedhofes. Pappel-Allce, aus statt. Lö2b Die trauernde Hinterbliebene Ww. Berta Ferber. SozialdemokraüseliJahlvereiD dos 6. Berliner Wahlkreises. TodcS-Anzeige. Am 19. d.M. verstarb unser Mit- glied, der Zigarrcnmachcr Ernst Ferber Schwedterstraße 18. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Donnerstag, nachmittags 3 Uhr, von der Halle des Friedhofes der -"V___ T* I W n V*- /\ i S,« Im Sa«« Gemeinde aus statt. in der Freiieligiölcn Pappel-Allce Um zahlreiche BeteUigung ersucht Der Borstand Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß meine liebe �Frau, unsere gute Mutter und Schwiegermutter LKrististie Jahrsetz geb. Kabuse im 62. Lebensjahre sanft entschlafen ist. Die Beerdigung findet am 23. März, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus- KirchhoseS aus statt. 640b Um stilles Beileid bitten Der trauernde Satte nebst Kindern. Zentral-örankeu- und Sterbekasse der Zimmerer. (Filiale Friedrichsberg.) Ten Mitgliedern zur Nachricht, daß der Zimmerer Manv Pilacynski am 16. März plötzlich im Alter von 33 Jahren verstorben ist. Ehre feinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 21. März, nach- mittags 4'/, Uhr, vom Trauer- Hause, Frankfurter Chaussee 7, Lichtenberg, aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 642b Der Borstand. ZönUal-Veriisnl! der Zimmerer Oeutsclilands. Bezirk 16. Hiermit den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Kamerad, der Zimmerer Mann Pilacynski am 16. März im 3(1(et von 33 Jahren plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Zlndcnkcn! Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 21. d. M., nach- mittags 4'/, Uhr, vom Trauer- hause, Lichtenberg, Frankstirtcr Cbmissee 7, aus statt. Um rege Beteiligung bittet 6416 Ter Borstanb. Zentrai-üerliand der Maurer Deutsehlands. Zsvcigvereiu Berlin. Sektion der Putzer. Nachruf! Am Sonnabend, den 17. März. verstarb unser Mitglied Frit? Orte! im Aller von 63 Jahren. Ehre seinem Andenken I Die örtliche Bcrwaltung. I. Zt.: H. Neumann. Inhalt der Jnicrvte lt die Redaktion dem shür den ubcrnimint Biiblikum geneniiber keinerlei Beranttvortnng. HKeater. Mittwoch, den Lt. März. Slnsang 7'/, Uhr: Opernlians. Der Barbier von Sevilla. Schanspielhans. Othello, der Mohr von Venedig. Deutsches. Der Kaufmann von Venedig. Neues. Ein SonimernachtZtraum. Berliner. Ein Volksfeind. Weste«. Die vier Grobiane. üessing. Rosmersholm. Altfang 8 Uhr: Schiller O.(SBnllncr-Theater.) Die Macht der Finsternis. Schiller �i.(Friedrich Wilbelm- IlädtifcheS Tbealer). Ueber unfere Kraft.(II. Teil.) Mctrovol. Auf ins Metropol. Neutral. Die schöne Helena. Walhalla. Heinrich Heine. Die BnllhaiiS-Anna. Komische Oper. HofsmannS Er- Zählungen. Kleines. Kinder der Sonne. Nachm. 3 Uhr: ZIntigone. Residenz. Der Prinzgemahl. Triano». Lonlou. Carl Weist. Die lebende Brücke aus Kuba. Lnstspielhaus. Die von Hochfattel. Thalia. Bis früh um Fünje. Luisen. Der Verschwender. Tentsch-Anierikauiiches. Er und Ich. Kasino. Die Herren Söhne. Zlpollo. Das bummelnde Berlin. Spezialitäten. Herrnfeld. Familientag im Hause Prellstein. Folie« Cnprice. Der Schmock. Dalles u. Co. Wintergarte». Saharet:»Die Kaiserin der Sahara".— Spezialitäten. Bellc-Alliance. Spezialitäten. Reichshnlle». Stettin« Sänger. Passage. Spezialitäten. llrauia. Taiibcniiraste 48/40. 8 Uhr: Die Fortschritte der draht« losen Telegraphie. Gternwarle, Znvalidenftr. 57/82. Täglich geöstnei von l bis? Uhr. Berliner Tbealer. Abend? 7'/, Uhr: Gastspiel deS Losllauer Xiinsllsritchen Theaters. Zar Feodor Joannowitsch. Donnerstag: Zar Feodor Joannowitsch. Freilag zum letztenmal: Ein Volksfeind. Neues Theater. Ansang VI, Uhr. Sin Sommernachtstraum. Donnerstag: Boubouroche. Vorher: Die Neuvermählten. Freitag: Ein Sommernachtstraum. Sonnabend: Boubouroche. Vorher: vis Neuvermählten. Nleines Tbealer. Nachmittags 3 Uhr: ZIntigone. Schülervorstellung zu bedeutend er- mägigten Preisen. AbendZ 8 Uhr;"MW Kinder der Soiine. Donnerstag: Kinder der Sonne. Zentral«»Theater. (Operelte.) 8 Uhr. Halbe Preise: Die schöne Helena. Komische Oper. Mittwoch, den 21. März 1905, abends 8 Uhr: Hoffmanns Erzählungen. Donnerstag: Don Pasquale. Freitag: Hoffmanns Erzählungen. Luisen-Thealer. Abends 8 Uhr: Der Verschwender. Donnerstag: Die Hanbenlerche. Freitag: Benefiz sür Uhlig: Aus eigenen Füßen. Sonnabend: Der Störenfried. Die Dienstboten..__ Sonntag nachm.: Wilhelm Tcll. Abends: Aus eigenen Füßen. Montag: Aus eigenen Fußen. Täglich abends 3 Uhr: Die von Hochsattel. Walhalla Theater Keintieh Keine. Lustspiel in 3 Alten von A. MelS. Hieraus: Sie IaUkaus-Amts. Posse m Ges. i. 2 Akt. v. Daun u. HaSkel. Ans. 8 Uhr. Rauchen über« ll gestattet. Zum 89. Male: Deutsch Amerikanisches THEATER. Jeden Ab end _ 8 Uhr!! Gastspiel Ad. IMiilipp. Sonnt, nehm. 3 Uhr, halbe Preise; Ueber'n großen Teich, Urania Abends 8 Uhr: Dr. Donath: Die Fortschritte der drahtlosen Telegraphie. Sternwarte Apollo-Theater. 9 Ilhrl Täglich: 0 llhrk Das bummelnde Berlin. Burleske mil Gesang und Tanz in drei Bildern von Benno Jacobson. Musik von Rudolf Nelson. Im 3. Bilde: IjH JlatHohlche. Solo: Liiane d'Eve. Vorher 8 Uhr: Die glänzenden Spezialitäten. Sonntag nachm. 3 Uhr: Berliner Luft und Spezialitäten. Metropol-Thealer Anfang 8 Uhr. !U- ifs Große Jahresrevue mit Gesang u Tanz in 9 Bildern v. Jul. Preund. Musik von Viktor Hollaender. Rauchen in all. Räumen gestattet. i-Theater. Residenz-Theater. DirchtSon: Richard Hlcxandcr. Heule zum 143. Male, morgen und folgende Tage 8 Uhr: Der Prinzgemahl. Satirischer Schwank in 3 Alten von L. Zanros und I. Chancel. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Seine Kammerzofe. ! tage Ansang 8 Uhr. DaS neue März- Programm. �ntoinette Lohns! Koloratursängerin. Gcschn-iater Fiokatl, Gesang und Tanz-Duo. iPHta Meiiönbancr mit seinen lustigen Geschichten. 14 originelle Spezialitäten. volles Lnprice liiudapester Possen-Theater| 132 Linienstr. 132, Ecke Friedrichstra6e. Zum 5, Male: Der Schmock und Dalles& Co. Ansang 8 Uhr. I Kaste den ganzenTag geöffnet. I Vorverkauf bei Wertheim. Larl Weiß-Theater. Kr. Franksnrlerstr. 132. Täglich abends 8 Uhr: Vorletzte Woche."•8 Die Itbende Krücke aiifünda Sonnabend nachm. 4 Uhr Kinder- Vorstellung, kl. Pr.: Schneewittchen. W. Noacks Theater. Dtrektio»; Rod. Dill. Briuiiicntlr. 16. 9er Kirf von Qotdan. Großes valerländisches Märchendrama in 3 Stücken(5 Bildern) v. M. Pseifer. Frieds, Hirt von Goldau: Dir. Di». Ansang 8 Uhr. Entree 30 Pf. Donnerstag: Dthello, der Mohr von Venedig._ Letzte Vorstellungen der australischen Tänzerin Saharet als Kaiserin der Sahara. Außerdem das gllnzende März- Programm. KasinosTheater Lothringerstr. 37. Täglich 3 Uhr. Die Herren Söhne. Poilsslück in drei'Akten von Walter u. Stein. V neue bunte MarzpFograim Sonnt. 4 Uhr: Arbeit schändet nicht. SanssoueUÄa' Dir. Wilhelm Reimer. Heute Mittwoch: Gretebeos PolteralM Schwank in 5 Akten. Sonnt., Moni., Donncröt.: IlolTmiuiit» Norddeutsche Sanger. Sclilller-Tlieater. Schiller-Theater N.(Friedr.-Wilh. Th.) Mittwoch, abends 8 II b r: Dekol» Husevc KraTt.(2. Teil). Schauspiel in 4 Ausz. von Björnstjernc Björnson. Donnerstag, adendS8Udr: V!v ltlnolit<1 c i Finsternis. Freitag, abends 8 Uhr: Der Vogel im Kilflg. Schiller-Theater 0.(Wallner-Thealcr). Mittwoch, abend» 8 Uhr: Dle Iklnelit der Finsternis. Schauspiel in 5 Akten v. Leo R. Tolstoj. Uebersetzt von Raphael Löwenseld. DonnerStag,abendS8Uhr: Feder nnsere Kraft.(2. Teil.) ffieitng, abends 8 U b r: Feder nnsere Kraft.(l.Sioil.) ••••••••seeSeeVelt. Kasenheide 108/114. Heute Mittwoch, den 21. März er.: Gdzpiel des Benih. Rose-Iheaters. Kommas ober: Die beiden Harfenmädchen. Original-Eharaltergemäide m. Gesang in 4 Akten von Gallert. Ansang 8 Uhr. Kastencröstnung 7 Uhr. Vorzugskarten haben Gültigkeit. PsIsst'Tbssler Burgstr. 24, 2 Min. v.BH. Börse. Heute-/z« Uhr. Entvee 5© Pf. = Jolrnke Compapie~ Reck-Pantomime. Elsa& Magda Evolution aus Doppel-Draht. Montaiiis Hnude nnd Katzen. Maryarit üiid Bettmar Tanz-Duo. ne feine Nummer! Burleske von Ma� Koch_ Ikrcsdcnerstr. 07 Spezialitäten ötioStei!lelsHÄer Anfang 8 Uhr. Sonnlags 7 Uhr. Eintritt 30 u. 50 Pf. Gustav Behrens Spezialitäten- Theater Franklurter Allee 85. Das sensationelle, vollständig neue Marz-Prosraim Kur Schlager. Moabit, Qeseilsehaftshaus. Wiclefstr. 24. Jnh.: st. Peters. Jede» Mittwoch: öriginal- Zlarizurger Sänger Direktion: 0. Frick u. Kasche-Krauso. Ans. 8 Uhr. Entree 20 Pf VorzugSkartcn gelten. «Ii»ei!l IMWÜHM in Morltzplatz. Täglich den unteren Sälen Gottschalk-Konzert. 93 Krug zum Men Kranze Alexanderpialz =(im Keller) Allabendlich; FideHitas!" Damen-Orchcstcr Bedienung nach Münohener Art. Sntree frei. �Beste Bettenfölinng� find dle vorzüglich füllenden, lehr h «laftischen, echt chinesiichca lüanspalllaunen (gesehl. geschützt) Pfund MF. 3,85. a— t ysund genügen, gr. Oberbett. Vers. geg. Nachnahme. Verpackung frei. (ZustQV lustig Berlins. 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Lohn-Konto, noch zu zahlen Unkostcn-Konio, noch zu zählen 550,— Reingewinn.....: 1495,66 36721,27 Mitglieder am 1. Januar... 15 Hinzugekommen im Lause des Ge« schästsjahres.....■■ 1 Mithin 16 Haftsumme it. Genossenschasts- anteile am 1. Januar.. 450,— Dieselben vermehrten sich uni je 30,— Haftsumme u. GenostenschastS- anteile am 31. Dezember 480,— Der Vorstand. 106/10 Karl Bartsch. Theodor Friederici. Dr. Simmel, ISX Svczialaizl sür 29/14' Haut- nnd Harnleiden. 10—2.3—7. SouiitagS 10—12, 2—4 Dr. Schlinemann Spczial-Arzt für* Haut- und Harnleiden, Frauen kr an k heften. Friedrichstr. 203, Ecke Schützeustr. 10-a, 5-7, Sonnt. ,0-1» Uhr. Kran;- lind Kiniiltiiliiiidtrei voii Doberl Kiefer,. nur MlitiliuiikN-Stliiße 2. VereinS-Kränze, Palmen- u. Blumen» Arraugenrenis, Buketts, GuirlaNden usw. werden fein».preiswert geliefert Soeben erschien: Der Zukiiiiftsstaat. Von I. Stern. Thesen über den Sozialismus. Sein Wesen, seine Durchsührbarkeit und Zweckmäßigkeit. 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Mit der ungünstigen Festsetzung der Wahlzeit bezweckt der Gemeindevorsteher wahrscheinlich der Sozialdemokratie am Orr« Abbruch zu tun. Das dürfte indes eitel Täuschung sein. Unsere Parteigenossen werden zahlreicher denn je am Wahllisch erscheinen, um unserem Kandidaten mit noch größerer Majorität wie bei der Hauptwahl zum Siege zu verhelfen, Arbeiter, Parteigenossen! Agitiert deshalb unablässig, um dem als Durchfallskandidat berühmt gewordenen Drogisten Stockbausen eine ungeahnte Niederlage zu be- reiten. Rüttelt die Arbeiterschaft auf, damit unser Kandidat, Genosse Hermann Dühring, mit überwältigender Majorität* gewählt wird. Die Wahl findet im„Lindenhos" statt. Stralau. Die Ergänzungswahlen zur Gemeindevertretung finden heute nachmittag von 4—6 Uhr für die dritte Wahlabteilung statt. Unsere Partei hat in der dritten Abteilung zwei Sitze. Hiervon scheidet der Genosse Gustav Mütze aus. Derselbe war als Grund- besitzer gewählt und kann infolge eines schweren körperlichen Leidens das Mandat nicht wieder annehmen. Das Mandat geht uns daher in Ermangelung eines Kandidaten verloren. Da die Ausstellung eines Kandidaten in der ersten und zweiten Abteilung vollständig aussichtslos ist, werden die Genossen aufgefordert, sich der Wahl zu enthalten. Genossen, Arbeiter von Friedrichsfelde! Morgen, Donnerstag nachmittags von 12 Uhr bis abends 8 Uhr findet die Gemeinde- Vertreterwahl der dritten Klasse statt. Für den Bezirk Friedrichsfelde ist unsererseits ein Kandidat nicht aufgestellt, da der m diesem Bezirk zu Wählende ein Angesessener sein muß; somit geht uns ein absolut sicheres Mandat verloren. Für den Bezirk Karlshorst ist unser Kandidat der Redakteur Heinrich Stühmer; hier wird ein äußerst harter Kampf stattfinden. An unseren Genossen wird es liegen, den Gegnern zu beweisen, daß die dritte Klasse der Sozial- demokratie gehört. Daß die Wahl in Karlshorst nicht aussichtslos ist, beweist die Wählerliste; sind doch die Mehrzahl der eingetragenen Wähler Arbeiter. Es ist Pflicht aller Genossen, die Säumigen auf- zurütteln und darauf hinzuweisen, daß die Nichtbeteiligung an der Wahl nichts anderes als eine Begünstigung der Gegner bedeutet. Auch diejenigen Genossen, welche mit Karlshorster Arbeitern zu- summen beschäftigt sind, bitten wir, dieselben auf ihre Wahlpflicht aufmerksam zu machen. Die Wahlzeit ist so, daß jeder ohne Arbeits Verlust fein Wahlrecht ausüben kann. Herzfrldr. Genossen! Morgen, den 22. März, finden die Gemeinderatswahlen statt; gewählt wird in der dritten Abteilung nachmittags von 3 bis 6 Uhr. Parteigenossen, eS ist nun unsere Pflicht, dafür zu sorgen, daß kein Arbeiter der Wahl fern bleibt. Wenn jeder Arbeiter seine Pflicht tut, muß der Sieg unser sein. Sorge also jeder dafür, daß unser Kandidat, Genosse Schuhmacher meister Karl Schröder, als Sieger hervorgeht. Aus zur Wahll Auf zum Kampf I Wilmersdorf. Die Stichwahl der III. Abteilung findet am 22., 23., 24. und 26. März statt. Es kann sich bei dieser Wahl, da unser Genosse Reiche kein HanSbefitzer ist, nur noch um einen Wahl- kämpf der bürgerlichen Parteien unter einander handeln. Und in dieser Beziehung bieten uns unsere Gegner ein ergötzliches Schau- spiel. Es wird, nachdem sich die Sozialdemokratte am Stichwahl- kampt nichtz' beteiligt, bei den Bürgerlichen ei» Kampf um die Kon- session geführt. Es ist Herr Römermann, der ja bei der Hauptwahl die meisten Stimmen auf sich vereinigte, von seiner Kandidatur zurückgetreten und dürfte dem in Betracht kommenden Kandidaten Menzel das Mandat mühelos in den Schoß fallen. Für unsere Ge Nossen lautet also die Parole: Strenge Wahlenthaltung! Schmargendorf. Achtung, Gemeindewähler! Am Donnerstag den 22. März, abends 8 Uhr, findet im Restaurant„Sans- fouci. Ruhlaer st r. 26/21, eine öffentliche Gemeindewähler- Versammlung statt, in welcher die Aufstellung unseres Kandidalen erfolgt. Da außerdem ein Bortrag über unsere Forderungen auf kommunalpolitischem Gebiete gehalten wird, ist es Pflicht jedes Wählers, zu erscheinen. Die Wahl findet am Montag, den 26. März, nachmittags von 4—8 Uhr im hiesigen Rathause statt. _ Das Wahlkomitee. Wahlergebnisse. Wittenau-Borfigwalde. Die gestem stattgehabten Gemeinderats- wählen brachten unserer Partei einen erfreulichen Erfolg. Genosse B u ch Ivurde mit 216 Stimmen gegen 47 Stimmen, die auf den bürgerlichen Kandidaten, Restauratenr Bader entfielen, gewählt. NowaweS. Die am Montag stattgefundene Gemeindevertreter- wähl für die dritte Wählerklasse brachte einen glänzenden Sieg der Sozialdemokratie. Trotzdem unsere Gegner große Anstrengungen machten und noch am Sonntag mit einem Flugblatte aufwarteten, hat der Wahlausfall ihre Mühe nicht gelohnt. Es wurden Stimmen abgegeben: im 1. Bezirk für Ernst Zöllner fSoz.) 311, für Rein- Hardt 163, im 2. Bezirk für Gruhl und Gomoll fSoz.) 3öS, für Schwarze und Haase 116 Slimmen, im ganzen für die Sozialdemo- kralie 666, für die Gegner 213 Stimmen. Bei der letzten Wahl vor LJahren wurden abgegeben für die Sozialdemokraten 47ö, für die Gegner 257 Stimmen, demnach hat die Sozialdemokratie einen Gewinn von 161, die Gegner einen Verlust von 44 Stimmen zu verzeichnen. Bemerkt sei noch, daß auch bei dieser Wahl die Gegner das Glück durch Abgabe einer ganzen Reihe von Forenfen- stimmen zu korrigieren versuchten, aber mit negativem Er- folg. Wahrscheinlich haben sich diesmal die Gegner zum letztenmal an der Wahl für die 3. Klasse beteiligt; haben doch die- selben vor der Wahl selbst erzählt, daß sie diesmal alle Kräfte an- spannen werden— bei negativem Erfolge würden sie in Zukunft aus die Ausstellung eigener Kandidaten verzichten. Das Wahlresultat ivurde von unseren Genossen in beiden Lokalen mit stürmischem Bravo aufgenommen und ist die Sttmmung unter denselben eine äußerst begeisterte. Chnrlotteudurg. Der Wissenschaft wegen wird hier und da in den Krankenhäusern mancherlei getan, was nicht sein sollte. Der Wissenschaft wegen doktert mancher an einem Kranken herum, ohne daß immer der Kranke einen Gewinn davon hat— der Wissenschaft wegen werden die Leichen Verstorbener zerschnitten, auch wenn das zur Fest- stellung der Todesursache nicht erforderlich ist. Nun, am Ende läßt ' sich dagegen nicht viel sagen, mindestens nicht gegen die Verwendung von Leichen zu Studienzwecken. Aber— nicht wahr?— es gibt doch sehr zu denken, daß man nur vom Unbemittelten verlangt, er solle J>ie Leichen seiner verstorbenen Angehörigen dem Messer und der Säge des forschenden Arztes ausliefern. Wäre es gesetzlich vorgeschrieben, daß zcde Leiche— vom Bettler hinauf bis zum Millionär— zu Studienzwecken hergegeben werden muß, so wären wir hiermit ganz einverstanden. Doch so lange eine solche Gesetzes� Vorschrift nicht besteht, muß gefordert werden, daß zur Sezierung einer Leiche vorher die Genehmigung der Familie des Verstorbenen eingeholt wird. Auch da, wo es etwa nach irgend welchem Brauch als selbstverständlich gilt, daß eine in ein Krankenhaus auf- genommene und dort verstorbene Person seziert wird, sollte es als mindestens ebenso selbstverständlich gelten, daß man bei der Auß nähme den Angehörigen von solchem Brauch Kenntnis zu geben hat. Aus Charlottenburg wird uns mitgeteilt, daß im Krankenhaus auf Westend ein dort verstorbenes Kind ohne Willen und Wissen der Familie seziert worden sei. Das Kind, ein zweijähriger Knabe des Kutschers A., litt nach Ansicht des Arztes an Lungenentzündung und mußte dem Krankenhause überwiesen werden. Hier wurde mit Zustimmung der Eltern an dem Halse des Kleinen ein operativer Eingriff gemacht. Zwei Tage nach der Einlieferung starb dann das Kind. Als nun der Vater kurz vor der Beerdigung seines Kindes sich die Leiche noch einmal ansah, schöpfte er Verdacht, hob das Leichenhemd auf und entdeckte, daß Leib und Brust vollständig auf- geschnitten waren. Er begab sich sofort zur Leitun) des Kranken- Hauses, um gegen diese Eigenmächtigkeit zu protestieren. Man suchte ihn zu beruhigen und stellte ihm dabei in Aussicht, daß man ihm die Kurkostcn erlassen werde. Der Vater hat es vorgezogen, die Sache der Oefsentlichkeit zu übergeben, weil er wünscht, daß solchen Eigenmächtigkeiten entgegengetreten und ihre Wiederholung verhütet werde. Wir sind der Ansicht, daß dieses Vorkommnis, wenn es sich so zugetragen hat, allerdings die Entrüstung des Vaters rechtfertigt. Vielleicht äußert sich die Krankenhausverwaltung hierzu? Aus den Beratungen des Etatsausschusses. Der Etatsausschuß hat u. a. das wichtige Kapitel des Gcmeindeschulwesens beraten und dabei einen Antrag von prinzipieller Bedeutung angenommen. Es wurde nämlich die Einstellung einer Position von 7S66 M. zur Gewährung von Lernmitteln für sämtliche Kinder der untersten Klasse der Gcmeindeschulen beschlossen. Falls dieser Antrag Ge- mcindebeschluß wird, ist der erste Schritt zur Gewährung der Lerw mittel für alle Kinder der Gemeindeschulen getan, es würde dann alljährlich für eine weitere Klasse die entsprechende Summe bewilligt werden. In erster Lesung ist der Antrag mit% Mehrheit angenommen, über sein weiteres Schicksal läßt sich vorläufig nichts sagen. Abgelehnt wurde ein weitergehender Antrag, der schon jetzt allen Kindern der Volksschulen die Lernmittel gewähren will und zu diesem Zweck 126 666 M. fordert. Das ist ein durchaus bcrech tigtes Verlangen. Heute kostet der Stadt jedes Kind der Volks schule im Durchschnitt nur 99,24 M., während sie für jeden Schüler des Realgymnasiums 158,11 M., des Gymnasiums 261,32 M., der Kaiser Friedrich-Schule 141,11 M., der Oberrealschule 165,68 M. und der Realschule sogar 229,81 M. bezahlt. Selbst wenn alle Kinder der Gemeindeschulen alle Lernmittel frei hätten, würde jedes Kind nur etwa 6 M. mehr als heute, also im Durchschnitt etwa 165 M. kosten, d. h. etwa halb so viel wie jeder Gymnasiast. Gleichfalls abgelehnt wurde ein Antrag, der die für den Bau von Gemeindeschulcn ausgeworfene Summe von 456 666 M. auf 556 666 M., d. h. um 166 666 M. erhöhen will. Zwei Resolutionen, die den Magistrat um Erwägungen darüber ersuchen, ob sich die Einführkjng von Schulärzten für ue höheren Lehranstalten für Knaben und ob sich die Einführung von Zahnärzten für die Äe- meindeschulen empfiehlt, hat der Etatsausschuß angenommen. Die kostenlose Stellenvermittelung für weibliches Personal, welche als Zweigstelle des städttschen Arbeitsnachweises Charlottenburg, Am Wittcnbergplatz 4(Ecke Bayreutherstr. 8) eingerichtet ist, wird nicht nur von solchen Stellungsuchenden in Anspruch genommen, welche Beschäftigung in Privatfamilien wünschen, jondern eS werden auch' Anstellungen in Krankenhäusern. Sanatorien usw. verlangt und sind zurzeit sowohl chirurgisch ge- schulte Oberinnen, wie auch Pflegerinnen und Haus- d a m e n gemeldet. Berlin als künstlerisches Objekt bildet den Gegenstand des nächsten Volkskunstabends der Stadt Charlottenburg am Sonntag, den 25. d. Mts., in der Kaiser Friedrichschule. Savignyplatz. Fritz Stahl spricht unter Benutzung von Lichtbildern über „Berlin, als es noch eine Stadt war". Johannes Cotta und Martha Altenberg-Ungnad rezitieren Berliner Dichtungen von Glasbrenner bis Julius S t i n d e. Preise der Eintrittskarten 56 Pf., einige numerierte 1 M., in allen Charlottenburger Buchhandlungen, sowie Westbuchhandlung, Tauenzienstr. 12u; Dürerhaus. Kronenstr. 18 und Verein zur För- derung der Kunst, Genthinerstr. 17. Schöneberg. Stadtverordnetenversammlung am IS. März. Gemäß dem An- ttage deS Wahlprüfungsausschusses werden die Wahlen der Stadt- verordneten Magna»(Soz.), Wolframm sSoz.) und Gottschalk slib.) sür gültig erklärt. Eine Nebersckireitung deS ArmenetatS in der Höhe von 17 696 M., die sich durch die Unterbringung der städtischen Armen in Privalkrankenhäusern notwendig macht, wird nachbewilligt. Die Petition der sechs Schulärzte um Erhöhung ihres Gehalts von 1666 auf 1266 M. wird vertagt, bis die Anstellung eines Stadtarztes erfolgt und die Schularztordnung ge- regelt ist. Eine längere Debatte schließt sich dann an die Petitton um Aenderung der Zustände des Armenhauses und der Baracken. Der PetitionsanSschuß hatte beschlossen, den Magistrat zu ersuchen, der Stadtverordnetenversammlung recht bald eine Vor- läge bezüglich Errichtung eines Armenhauses zu machen. Stadtv. � o b e l übt eine scharfe Kritik an dem traurigen Zustande der etreffenden Baulichkeiten. Er habe sich selbst davon überzeugt, daß seit zwei Jahren nicht» renoviert worden sei. Redner beantragt die sofortige Schließung des Annenhauses und der Baracken. Stadt- verordneter H e p n e r erkennt ebenfalls die in der Petttion ge- schilderten Mißstände an, ist jedoch der Meinung, daß diesen Uebel- ständen nicht durch den Bau eines neuen Armenhauses abgeholfen werden kann, sondern in anderer Weise Abhülfe geschaffen werden müsse. Große Städte errichteten keine Armenhäuser. Stadt. Hoff- mann(Soz.) betont, daß wohl selten eine Petition so berechtigt sei, wie die vorliegende. Das Vieh fände vielfach eine bessere Unterkunft, wie die städtischen Armen in Schöneberg. Was sollte geschehen, wenn Schöneberg plötzlich in die Lage versetzt würde, die Baracken zu ihren eigentlichen Zwecken zu verwenden; es sei aus- geschlossen, daß dies ohne Bedenken geschehen kann. Redner weist darauf hin, daß die Mißstände schon mehrfach in der Stadt- verorduetenveriammlung sowohl wie im Magistrat gerügt worden sind und beantragt, in dem Antrage des Ausschusses statt der Worte, „recht bald", zu sagen:„im koimilenden Etatsjahre". Wir könnten sonst noch zahrelang auf Abhülfe warten. Die Stadtvv. Luley, L l n i c u s und V. Fröhlich treten den Ausführungen der Vor- redner entgegen und suchen die hervorgerufene Wirkung der Petition abzuschwächen. Sie sind der Meinung, daß die Angelegenheit etwas stark übertrieben ist. Stadtv. Dr. Freund spricht sogar sein Be- dauern darüber aus, daß man in breitester Oeffentlichkeit auf die Zustände des Armenhauses eingehe. Seiner Ansicht»ach sei der Gesundheitszustand im Armenhause der allerbeste, da dasselbe auf der höchsten Stelle in Schöneberg liegt. Die weiteren Ausführungen des Redners machten in der Versammlung den Eindruck, als ob derselbe das ArinenhauS als„Luftkurort" empfehle. — Ein Schlutzantrag machte der für die Mehrheit so unliebsamen Debatte ein Ende. Am Magistratstische schwieg man sich den geschilderten Zuständen gegenüber aus. Angenommen wurde ein Antrag Hepner in Verbindung mit dem sozialdemokratischen Antrage, wonach der Magistrat ersucht wird, im kommenden Etats- jähre eine Vorlage zur Abänderung der Mißstände zu machen.— Eine Reihe weiterer Petitionen fanden entsprechend dem Ausschuß- antrage ihre Erledigung. Sodamr ging' die Versammlung zur zweiten Beratung der Einzeletats über. Dem Grund st ückSetat wurde ohne Aende- rung debnttelos zugestimmt. Der S ch u l e t a t dagegen setzte mit außerordentlich lebhaften Debatten ein. Seitens der Minderheit war beantragt, die Gehaltsverhältnisse der Oberlehrer, Lehrer usw. den- jenigen unserer größeren Nachbargemeinden gleichzustellen. In der Begründung wurde mit scharfen Worten das Verhalten des Etatsausschusses gegenüber den Forderungen der Lehrer und Beamten verurteilt. Man brandmarkte das Gebahrcn der Hausbesitzersraktton, die den Etatsausschuß vollständig beherrsche und im Plenum verlange, daß die Minderheit sich ihren Wünschen ohne weiteres zu ftigen habe. Der Vorsteher, Professor Heyne, ebenfalls Mitglied der Hausbesitzerfraktion, glaubte seine Fraktionskollegen in Sämtz nehmen zu müssen und hielt es hierbei für angebracht, in geschäftswidriger Weise jedem Redner der Minderheit eine Lektion über den guten Ton zu erteilen. In einer umfangreichen Geschäfts- ordnungsdebatte suchte die Minderheit diese relrutenmäßige Be- Handlung durch den Vorsteher von sich abzuwehren und verlangte von demselben, daß auch er sich der Geschäftsordnung zu fügen habe. Der Vorsteher seinerseits antwortete darauf mit der Er- teilung von Ordnungsrufen.— In namentlicher Abstimmung wurden sodann sämtliche Anttäge auf Abänderung der Besoldungs- Verhältnisse gegen die sozialdemokratischen und ebenso vielen bürgerlichen Stimmen abgelehnt. Die Herren der Hausbesitzer- Fraktton glaubten damit nun vorläufig genug geleistet zu haben und stellten den Anttag, die weiteren Verhandlungen zu vertagen. Im Interesse der rechtzeitigen Fertigstellung deS Etats wurde der Antrag aber mit einer knappen Majorität abgelehnt. Darauf verließen die Herren einer nach dem andern den Saal, bis dle Beschlußunfähigkeit hergestellt wurde und mußten dadurch die Verhandlungen um Ill'/g Uhr vertagt werden. Es ist uns unmöglich, auf die gemachten Ausführungen näher einzugehen. Di« Fortsetzung der Etatsberatungen dürfte wahr- scheinlich noch manche Kämpfe zeittgen. Ein schwerer Zusammenstoß eines Arbeitswagens mit einem Straßenbahnwagen fand Montag abend gegen 8 Uhr in der Haupt- straße in Schöneberg statt. Ein mit Sand beladcner Ragen der Firma Karl Dogus, Erfurterstraße 16, bog vor du.! Grundstück Hauptstraße 88 so unmittelbar vor einem in gleicher Richtung fahrenden Straßenbahnwagen der Linie 66 auf das Gleis, daß die Achsen deS Arbeitswagens gegen die Vorderplattform des Motor- Wagens stießen. Von dem Straßenbahnwagen wurde die Border- Plattform vollständig zertrümmert, Personen glücklicherweise jedoch nicht verletzt. Von dem Sandwagen wurde die Deichsel zerbrochen und der Führer des Gefährtes auf den Fabrdamm geschleudert. Er kain ebenfalls mit leichten Kontusionen davon. Arbeiter-Samariter-Kolonne. Am Donnerstag, den 22. März, abends 9 Uhr. hält die III. Abteilung ihren Lehrabend beim Genossen Obst, Meiningerstr. 8, ab. Dr. Großinann spricht über Augen- Verletzungen. Nach dem Vortrage praktische Uebungen. Gäste haben Zutritt. Mitglieder werden an den Lehrabenden ausgenominen. Wilhelmsberg. Ein Betriebsunfall ereignete sich am Sonnabend in dem Knochen- Extrakttonswerk von Kohn am Weißenseer Weg. Dortselbst kam ein 21 Jahre alter Galizier der Transniission zu nahe, wurde von derselben erfaßt und so schwer verletzt, daß er noch in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag im Krankenhause seinen schlvere» Verletzungen erlegen ist. Pankow. Schwere Borwürfe gegen den EisenbahnfiskuS wurden in der letzten Versammlung des Bürgervereins für Pankow-HeinerSdorf er- hoben. Vor einigen Wochen itürzte bekanntlich die Frau des Maler- nieisterS Raaple aus Franzöfisch-Buchholz beim Ueberschreiten der sogenannten„Schwindsuchtsbrücke", die über die Gleise des Bahn- Hofes Pankow-Heinersdorf führt, so unglücklich, daß sie auf der Stelle tot war. In der Versammlung kam es über diesen Unglücks- fall zu einer lebhaften Aussprache. Alle Redner machten dem Eisenbahnfiskus den. Vorwurf, daß seine hier völlig unangebrachte Sparsamkeit den Tod der Frau R. zur Folge hatte. Trotz aller Eingaben habe der Fiskus eS bisher unterlassen auf de», dortigen Vorortsbahnhof geordnete Zustände zu schaffen, insbesondere die Brücke, welche vollständig frei steht, mit einem Schutzdach zu ver- sehen. Der Unglücksfall, dem die Frau R. zum Opfer fiel, stehe keineswegs vereinzelt da, auch neuerdings seien dort wieder Personen gestürzt aber glücklicherweise ohne schweren Schaden zu nehmen, so daß die Lorfälle weniger bekannt wurden. Die Folgen des Unglücksfalles der Frau R. werde die Eisenbahn zu tragen haben, weil der Malermeister Raapke gegen den EisenbahnfiSkus gerichtlich vorgehen will. Friedrichsfelde. Durch eine fehlgehende Kugel wurden die Bewohner der Viktoria- straße 2 erschreckt. Am Sonntagmittag wurden die Liebschen Ehe- leute durch Fensterklirren aus der Ruhe gestört. In der Vorderstube war das äußere Fenster der Doppelfenster durch eine Kugel glatt durchschlagen. Das Geschoß, eine 6 Millimeterkngel, hatte nicht mehr die Kraft auch daS innere Fenster zu durchbohren und lag in dem Zwischenraum auf dein Fensterbrett. Von de»' Schützen war anfangs nichts zu sehen. Kurze Zeit später war derselbe jedoch wieder auf dem Anstand, es war der vis-a-viZ wohnende erwachsene Besitzerssohn L., welcher mit zwei Freunden aus einem Tesching nach Sperlingen schosz. Die sofort herbeigerufene Polizei machte diesem gefährlichen Spiel ein Ende, ehe noch schwereres Unheil angerichtet wurde. Wären die Inhaber der Wohnung in dem Zimmer geweseil und beide Doppel fenster waren nicht geschlossen, hätte leicht ein Unglück geschehen können. Die Polizei wird den Leuten wohl klar machen, daß bc- wohnte Häuser keine Kugelfänge sind. Ober-Schöneweide. Wie«ns erst jetzt nntgeteilt wird, ist der vor einiger Zeit unter dem schweren Verdacht, in Rochlitz in Sachsen an einem Morde be- teiligt zu sein, verhaftete Dreher Ernst Hermann nach ganz kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt worden, weil ein solcher Verdacht nach keiner Richtung hin sich als begründet erwies. Bernau. In der Stadwerordneteit-Versanimliliig vom 16. März 1966 wurde der Etat für 1966/67 in Einnahme und Ausgabe auf je 266 666 M. festgestellt. Bei den Einnahmen für Bier- und Lust- barkeitssteuern wurde von unseren Genossen auf die Ungerechtigkeit derselben hingewiesen, dafür eine Erhöhung der Grundsteuer und Einführung einer Wertzuwachssteuer angeraten. Die Kreissteuer. welche bisher extra erhoben wurde, soll von jetzt ab mit den Kommunalsteuern eingezogen werden und sind daher nicht. mehr 166 Proz. Kommunal- und 36 Proz. Kreissteucrn, sondern zusammen 136 Proz. zu erheben. Die Ausgaben für Kreissteuern betragen 18 665,96 M. Für die Schulverwaltung werden 38 663,53 M. ausgegeben, für Kranken- und Armenpflege 31,965 M., für Bauten, Wege und Promenaden L8 546,48 M., für einzelne Kommnnalzwecke 18 935,22 M., für Besoldung der Beamten 26 276 M. In dietem Etat ist den Lehrern vom 1. April 1966 ab eine Erhöhung von 166 M. und den Lehrerinnen eine solche von 56 Mark zum Grundgehalt zugesichert. Der Stadtkassenrendant, sowie der Stadtsekretär und der Magistratsbureauassistent sind ebenfalls mit einer Zulage von je 166 M. bedacht worden. Sehr kleinlich aber zeigten sich unsere Stadtväter gegenüber dem Antrage unserer Genossen Helbig, Werner und Wünsche, welcher eine sehr lange und lebhafte Diskussion hervorrief, nämlich, den bei der städtischen Verschönernngsdeputation beschäftigten Arbeitern den Stundenlohn von 25 Pf. auf 36 Pf. zu erhöhen. Der Antrag unserer Genossen wurde gegen die drei Stimmen derselben ab- gelehnt._ Berliner]Sacbrlcbten. Städtische Berkehrsdepiitatio». In der gestrigen Sitzung der städtischen Verkehrsdepntation wurde zunächst über die Verhandlungen mit den Ministerial- Vertretern über Ermäßigung des Preises für die für den Hafen am Stralauer Anger anzukaufende Spreefläche und wegen der Gebührenerhebung berichtet. Während der Fiskus bezüglich des ersteren Punktes der Stadt ein kleines Entgegen- kommen zeigen will, indem er den Preis für die anzukaufenden Spreeflächen um 25 Proz. zu ermäßigen bereit ist, lehnt er den Verzicht auf Erhebung des„Liegegeldes" für daS Liegen der Schiffe im Wasser ab. Der Hinweis auf den Ilrban-Hafen, für dessen Benutzung auch keine staatlichen Gebühren erhoben werden, sei nicht zutreffend, weil die Stadt die Wasser- fläche am Ilrban-Hafen erst neu geschaffen hat, während für den Hafen am Stralauer Anger schon bestehende Spreeflächcn benutzt werden sollen. Nach längerer Diskussion beschloß die Deputation, noch einmal mit der Ministerialinstanz wegen des gänzlichen Ver- zichts auf Erhebung des Liegegeldes in Verhandlung zu treten. Die Anfrage des Magistrats, ob das projektierte Speicher- unternehmen der Weizenmühle Karl Salomon an der Mühlenstraße ans öffentlichen oder Verkehrsgründen zu fördern ist, soll ablehnend beantwortet werden. Der Antrag des Dampfschiffsführer-VereinS zu Berlin, die freien Stellen am Gröben-Ufer zwischen den Boots- und Dampferanlege- stellen als Liegeplätze für Schleppdampfer unentgeltlich herzugeben, ivurde abgelehnt. Die Gesellschaft für den Bau von Untergrundbahnen beabsichtigt ihre Straßenbahn von Nieder-Schöne weide nach Treptow weiter zu führen und auch mit ihrer Tunnelbahn zu verbinden. Sie beantragt die Zustimmung zu dieser Verbindung. Die Zustimmung wurde gegen eine jährliche Anerkennungsgebühr von 366 M. erteilt. Es gelangte sodann ein Schreiben des Polizeipräsidenten vom 13. März zur Verlesung, in welchem sich dieser endlich über die vor mehr als Jahresfrist beantragten fünf städtischen Straßen- b a h n l i n i e» äußerte. In diesem Schreiben heißt es, daß gegen drei dieser Linien keine Erinnerungen vorlägen. Bezüglich der Linie Großgörschenstraße- Dönhoffplatz'wurde die geplante Benutzung der Angustabrücke beanstandet und eine andere Ueberquerung des LandwehrkanalS, etwa im Zuge der Köthenerstraße, vorgeschlagen, wobei gleichzeitig mitgeteilt ivurde, daß diese neue Brücke dann auch von einer größeren Zahl von Linien der Großen Straßenbahngesellschast mitbenutzt werden würde. Die fünfte Linie, die sogenannte Ringlinie Baltenplatz— Stettiner Bahnhof, könnte, da die Belegung der Petersburgerstraße mit vier Gleisen, zwei der Großen gehörigen und zwei städtischen, untunlich sei, zwischen Baltenplatz— Landsberger-Allee auf den Gleisen der Großen Straßenbahngesellschaft unter Bedingungen geführt werden. die in dem beigefügten Schreiben dieser Gesellschaft des näheren auf- geführt lverden. Er, der Polizeipräsident, halte diese Bedingungen für billig, gebe anHeim, mit der Gesellschaft über dieselben in Unter- Handlungen zu treten und erbiete sich als Vermittler für diese Ver- Handlungen. Die Große Straßenbahngesellschaft verlangt in ihrem Schreiben für die Mitbenutzung ihrer Gleise in der Petersburger- straße die Zustimmung zu fünf Verbindungen, welche die Verkehrs- deputation im Laufe der letzten Zeit nach reiflichster Ueberlegung im städtischen Interesse versagt hatte, führt an, daß diese Verbindungen vom Polizeipräsidenten bereits genehmigt seien und daß sie bei weiterem Widerspruch der Stadt beantragen würde, die Zustimmung im Wege des Ergänzungsverfahrens zu ergänzen. In der Debatte wurde von allen Seiten dem stärksten Unwillen darüber Ausdruck gegeben, daß hier wiederum mit zweierlei Maß gemessen werde. Der Stadt werde der Bau einer neuen Brücke auf- erlegt mit der Verpflichtung, diese neue Brücke zu sieben Achteln von Wagen der Gesellschaft befahren zu lassen, während auf der anderen Seite die Mitbenutzung einer kurzen Gleisstrecke der Gesellschaft von der Stadt mit drückenden Verpflichtungen erkauft werden solle! Unter diesen Umständen beschloß die Deputation einstimmig, den städtischen Behörden zu empfehlen, die Linie Großgörschenftraße— Dönhoffplatz fallen zu lassen und den Polizeipräsidenten zu ersuchen, nunmehr die Konzession für die nicht beanstandeten drei Linien, sowie für die Teilstrecke der Ringlinie Stettiner Bahnhof— Landsberger Allee zu erteilen. Die Verhandlungen mit der Gesellschaft sollen aufgenommen tverden und, falls sie zu einem befriedigenden Ergebnis kommen, soll dann später die Ringlinie bis zum Baltenplatz durchgeführt werden. Der Antrag der Kontinentalen Gesellschaft für elektrische Unternehmungen betreffend den Bau einer Probestrecke für die Schwebebahn in der Skalitzerstraße wird abgelehnt und der Ge- sellschaft aufgegeben, diese Probestrecke, wie bereits verlangt, in der Brunnenstraße. an der Kreuzung der Jnvalidenstraße, zu erbauen� der Subkommission entsprechend wird für den AutomobilomnibnSverkehr unter Fortfall der 5 Pf.-Strccken der 16 Pf.-Tarif genehmigt und schließlich beschlossen, im Mai eine Reise nach Paris und London zum Studium der dort kürzlich eröffneten neuen Unterpflasterbahnen zu unternehmen. Der EtatsauIschust der Stadtverordnetenversammlung hielt am Montag seine erste Sitzung ab. Von der sozialdcmokra- tischen Fraktion gehören dem Ausschuß an die Genossen Antrick, Arons, Borg mann und Bruns. Bei den Etats der städtischen Krankenhäuser wurden von sozial- demokratischer Seite der Verwaltung lebhafte Vorwürfe gemacht wegen der noch immer miserablen Entlohnung und der teilweise recht minderwertigen Beköstigung des Pflegepersonals. Darunter hat nicht nur das Personal, sondern auch die Wartung der Kranken zu leiden, weil ein geübtes Personal bei der Behandlung und der ausgedehnten Dienstzeit nicht zu haben ist. Dazu komme, daß die Angestellten von den unteren Beamten drangsaliert werden, wenn sie sich der Organisation anschließen oder gar für dieselbe tätig sind. Ferner hätten die verheirateten Pfleger die Teuerungszulage nicht erhalten. Wie gewöhnlich wurde vom Magistratstisch bestritten, daß die geschilderten Uebelständc vorhanden sind. Insbesondere wurde betont, daß die Verwaltung nicht daran denke, Angestellte deshalb zu entlassen oder anders zu behandeln, weil sie der Organi- sation angehören, auch nicht, wenn sie für dieselbe agitieren, wenn sie sich bei der Agitation nur innerhalb der Grenzen halten, die zur Ausrcchterhaltung der Ordnung im Krankenhausc durchaus not- wendig sei. Vom Magistratstisch wurde auch erklärt, daß die in den Anstalten tätigen verheirateten Pfleger, die nicht von den Ver- waltungcn beköstigt werden, die Teuerungszulagen erhalten haben. Im Etat der Armenverwaltung hatte die Armen- direktion beim Magistrat beantragt, 156 666 M. einzustellen, die im Interesse der vorbeugenden Krankenpflege sich als notwendig herausgestellt hatte. Die Summe sollte verwendet werden, um solche der Armenpflege bereits anheimgefallene Kranke(Kinder oder Erwachsene) der Heilstättenbchaudlung zuzuführen, uin sie als gebessert oder geheilt dem Erwerbsleben wieder zuzuführen oder sie vor dauerndem Siechtum zu bewahren. Der Dezernent der Armenverwaltung, Stadtrat M ü n st e r- b e r g, führte aus, daß die moderne Armenpflege Vorbeugungs- maßregeln für eine wichtige und wirkungsvolle Maßregel halte und daß eine Verwaltung heut als rückständig bezeichnet werden müsse, die diese Maßregel nicht fördere. Der Magistrat hat die vor- geschlagene Position gestrichen, weil die erforderlichen Mittel vor- läufig noch aus anderen Positionen bestritten werden könnten. Von sozialdemokratischer Seite wurde die Ausfassung der Armen- Verwaltung unterstützt und beantragt, den Magistrat zu ersuchen, noch im diesjährigen Etat 66 666 M., die beim Krankenhaus Friedrichshain abgestrichen waren, einzustellen oder aber, wenn der Etatsausschuß dies nicht wolle, den Magistrat zu ersuchen, in dem nächstjährigen Etat eine entsprechende Summe zu beantragen. Beide Anträge wurden indes abgelehnt. Die WaiIenverwaltung wendet in immer größerem Maßstabe die Familienpflege an, eine Maßregel, die von unseren Genossen stets bekämpft worden ist, weil nach unserer Auffassung eine vernünftige Anstaltspflcge vorzuziehen sei. Im Etatsausschuß wurde von unseren Genossen namentlich bemängelt, daß Waisen- linder noch innner in solchen Orten untergebracht werden, in denen nur sehr unvollkommene Schulen vorhanden sind, so daß die Kinder nur mangelhaft für den Kampf um die Existenz ausgerüstet ins Leben treten. Die Verwaltung sollte nur dort Zöglinge in Pflege geben, wo mindestens eine sechsklassige Schule vorhanden sei. Vom Magistratsvertreter wurde diese Forderung als erstrebenswert bc zeichnet; die Verwaltung könne aber dieses Ziel nicht mit einem Male erreichen. Bei der Fürsorgeerziehung bemängeln die sozial- demokratischen Vertreter, daß in dem Reglement noch immer die P r ü g e l st r a f e als Erziehungsmittel vorgesehen sei, trotzdem sie von den auf dem einschlägigen Gebiete berufenen Vertretern als verwerflich bezeichnet werde, zumal es sich hierbei in vielen Fällen um geistig minderwertige Kinder handle. Eine bessere ärztliche Aufsicht sei jedenfalls empfehlenswerter als Prügel. Ter Vertreter des Magistrats hält die jetzige ärztliche Ucberwachung für durchaus gut, doch ist nach seiner Ansicht die Prügelstrafe trotz- dem nicht ganz zu entbehren, wenn sie auch nur in seltenen Fällen und unter strengster Kontrolle ausgeübt werde. Der Etat der Irrenanstalten gibt unseren Genossen Ver- anlassung darauf hinzuweisen, daß trotz der am 1. April dieses Jahres zu eröffnenden Anstalt in Buch schon wieder soviel Kranke in den Privatanstalten untergebracht sind, um noch eine neue Anstalt schon jetzt zu füllen. Auch hier werden wieder die niedrigen Löhne des Pflegepersonals nachgeroiesen. Der Magistrat gibt zu, daß der Bau der vierten Anstalt gefördert werden müsse, um dem Bedürfnis nachzukommen. Zu den Löhnen des Pflegepersonals wird im Laufe diese- Sommers im Magistrat Stellung genommen werden. Der Sommcrfahrplan der königlichen Eiscnbahndirektion Berlin ist soeben im Entwürfe erschienen. Auf der Ringbahn werden, ab- gesehen von mehreren Zugverbesserungen und Anschlüssen der Halb- riugzüge, zwölf neue Vollringzüge, Westend— Gesund- brunnen— Halensee— Westend und umgekehrt, zur Einführung ge- langen. Diese neuen Züge sollen sowohl zur Herstellung besserer Anschlüsse zwischen den Stationen der Strecke Treptow— Nieder- Schöneweide— Johannisthal— Königswusterhausen und dem Nordring, wie auch wegen des fortgesetzt steigenden Ringbahuverkehrs ein- geführt werden. Neue Südringzüge zwischen Westend und Potsdamer Ringbahnhof sind in jeder Richtung sechs vorgesehen; außerdem werden die Südringzüge 2666 und 2617, die bisher in Schöneberg endigten, bis Berlin Potsdamer Ringbahnhof durch- geführt werden. Im Vorort- Verkehr werden zwischen Berlin, Potsdamer Ringbahnhof und Groß-Lichterfelde-Ost in jeder Richtung drei neue Züge befördert werden, welche hauptsächlich dem Arbeiter- verkehr dienen sollen. Die sonstigen Zugverbesserungen im Vorort- verlehr betreffen u. a. die Strecken Stettiner Bahnhof— B e rn a u, Stettiner Vorortbahnhof— O r a n i e n b u r g und— T e g e I. Auf der Strecke Berlin— Werneuchen werden zwei neue Züge eingelegt, wodurch die vielfach gewünschte Spätverbindung von Werneuchen(ab 11.63 Uhr abends) bezw. Berlin(ab 12.46 Uhr nachts) hergestellt wird. Das Tegeler BootSmiglück. Zu der Bootskatastrophe auf dem Tegeler See wird noch mitgeteilt: Durch die Polizeibehörde in Tegel sind jetzt die genauen Personalien der vier ertrunkenen jungen Leute festgestellt. Es sind dies der am 8. Jnli 1884 zu Berlin ge- borene Schuhmacher Artur Uecker, dessen am 9. Dezember 1887 ge- borcner Bruder Bauarbeiter Max Uecker, der am 23. August 1836' zu Berlin geborene Fabrikarbeiter Karl Fuhrmann und schließlich der 26jährige Stellmacher Fritz Dobbert. Der fünfte Insasse des Bootes, der bekanntlich den Fluten entrisse» werden konnte, ist der Bau- arbeiter Karl Heinz. Die verunglückten jungen Leute hallen sämt- lich bei der Wilwe Meißner in der Pankstr. 45 gewohnt. Trotz an- gestrengtester Tätigkeit tonnte bis jetzt noch keine der Leichen gelandet werden. Ein rätselhafter Todesfall beschäftigt die hiesige Polizeibehörde. Am Sonnabendabend besuchte die 16jährige Frida Z. aus der Hussitenstraße ihre Verwandten, eine Familie N. in der Müllerstraße. Da das junge Mädchen infolge der späten Stunde nicht mehr zu ihren Eltern heimkehren mochte, schlief es bei Frau N. Am Sonntag frühmorgens klagte die Z. plötzlich über heftige Schmerzen im Leibe und an den Knien. Da sich der Zustand immer niehr verschlimmerte, wurde gegen 8 Uhr ein Arzt herbeigeholt, welcher der Patientin ein Pulver verschrieb. Die Wirkung'diese- Medikamentes war eine äußerst seltsame. Im Laufe von kaum zwei Stunden war das Mädchen im Gesicht und am ganzen Körper gelbbraun gefärbt. Infolge dieser eigentümlichen Umwandlung glich die Kranke in der Hautfarbe förnilich einer Indianerin. DaS Innere der Mundhöhle war schwarz gefärbt. Unter qualvollen Schmerzen starb die Z. bald darauf. Da ein hinzugerufener zweiter Arzt auf Grund der rätsel- haften Begleiterscheiiumgen einen Totenschein nicht auszustellen ver- mochte, so wurde die Leiche polizeilich beschlagnahmt und zur Obduktion in daS Schauhaus gebracht. Auch die noch übrig ge- bliebenen Pulver sind von der Polizei mit Beschlag belegt worden. Durch die Untersuchung dürfte der seltsame Todesfall bald feine Aufklärung finden. Eine Jagd nach einem Zopfabschneider verursachte gestern abend gegen 8 Uhr in der Schönhauserstraße große Aufregung. Die. 13jährige Elisabeth Eiserstädt auS der Neuen Schönhauserstr. 14 be- fand sich um die genannte Zeit auf dem Wege nach der elterlichen Wohnung. Ein etwa 25jähriger Mann folgte dem Kinde, betrat mit diesem gleichzeitig das Haus Neue Schönhauserstr. 14 und schnitt dem Mädchen, bevor dasselbe noch einen Hülfcruf auszustoßen ver- mochte, das in einem Doppelzopf getragene Haar ab. Der Zopf- abschneider flüchtete dann, verfolgt von einer größeren Menschen- menge, durch die Neue und Alte Schönhauserstraße und leider gelang es ihm in dem Straßengewirre des Scheunenviertels zu entkommen. Was durch Lesen von Schmökern alles angerichtet wird. Die „Weltreise" eines 12 jährigen hoffnungsvollen Bürschchens hat gestern durch daS Eingreifen der Polizei ein jähes Ende gefunden. Der Sohn des Kutschers K. aus Hohen-Ncucndorf, der infolge fleißiger Lektüre von Jndiauergefchichte» von starker Abenteuerlust getrieben wurde, hatte seinen Eltern 15 M. entwendet und glaubte im Besitze dieses Geldes zu den Rothäuten zu gelangen. Doch bereits in Lichtenberg ereilte den jungen Auswanderer sein Schicksal. Unglück- licherweise erkundigte er sich dort bei einem Gendarm„über den Weg nach Amerika". Anstatt zu seinen„Lieblingen" wanderte der Knabe zur Polizeiwache und von dort in Begleitung des Vaters nach Hohen-Ncueudorf zurück. Verhaftung eines Pompadourräubcrs in der Friedrichstraße. Eine aufregende Dicbesjagd gab es gestern abend in der nördlichen Friedrichstraße. Einem dreisten Barsch che», das sich nicht scheute, an einem der verkehrsreichsten Punkte sein verbrecherisches Gewerbe auszuüben, ist dort durch die Aufmerksamkeit einer Passantin das Haudiverk gelegt worden. An der Ecke der Karlstraße versuchte ein etwa 16 iährigcr junger Mensch einer Dame gewaltsam den Pompadour zu entreißen. Es gelang ihm dies auch und schleunigst entfloh er mit seiner Beute. Die Beraubte nahm jedoch fofort die Verfolgung auf, es schlössen sich ihr andere Passanten an und bald hatte sich eine regelrechte Hetzjagd hinter dem Flüchtling gebildet. Am Oranienburger Tor lief der Dieb zwei Schntzlenten in die Arme, wurde festgenommen und nach der nahen Polizeiwache gebracht. Hennig ist gestern abend unter besonderen Vorsichtsmaßregeln von Potsdam nach dem Ilnter« uchungsgefängnis in Moabit über- geführt worden. Diese Ueberführung'ist erfolgt, um die Vorunter- suchung zu beschleunigen, da die Mehrzahl der zu vernehmenden Zeugen ihren Wohnsitz in Berlin hat. Die Hauptverhandlung findet aber in Potsdam statt, wohin der Mörder nach Abschluß der Voruntersuchung übergeführt werden wird. Beim„Hcnnig"-Spielcn erschossen. Vorgestern nachmittag ging Frau Spann auS der Eberiystr. 50 wach ihrem Laubengrund- stück hinter der Landsberger Allee, um den Garten zu bearbeiten; sie nahm ihren 16 Jahre alten Sohlt Rudolf mit. Dieser wollte kurz nach 4 Uhr nach der in der Nähe gelegenen Laube seines Bruders gehen, um zu sehen, wie weit dieser mit der Bestellung gekommen sei. Ter Knabe benutzte einen Seitenweg, an dem vier andere Knaben„Hennig und Schutzmann" spielten. Plötzlich sah ein Knabe, der sich allein in einiger Entfernung befand, daß Spann hinfiel und nicht wieder aufstand, während die anderen vier eiligst davonliefen. Ter Knabe eilte nach der Spannschcn Laube und berichtete Frau Spann, daß ihr Sohn Rudolf auf dem Wege liege und ganz blaß sei. Tic Frau eilte hin und fand ihren Sohn tot daliegen. Ein Arzt, der mit dem Revicrvorsteher kam, konnte nur noch feststellen, I-aß der Tod durch einen Schuß in den Rucken, der das Herz verletzt hatte, sofort eingetreten war. Die Leiche wurde beschlagnahmt und nach dem Schauhause gebracht. Die Nachforschungen nach dem Schützen wurden sofort eingeleitet. Ein Mann hatte gesehen, wie ein Knabe auf dem Felde etwas vergrub; man ging dieser Spur nach und entdeckte in der Erde einen Rc- volver, aus dem ein Schuß abgefeuert worden war. Diese Waffe wurde von dem Schuhmacher Telge aus der Landsbergcrstraße als sein Eigentum erkannt. Sein Sohn Otto hatte sie sich airgecignet, um sie beim„Hennig"-Spielcn in der Laubenkolonie zu benutzen. Hieran nahmen außer ihm noch die vierzehn und elf Jahre alten Söhne Max und Georg des Schlächters Schivarz auS der Landsberger Allee und ein bisher noch unbekannter Knabe teil. Der jiiijgere Schwarz spielte, wie die weiteren Ermittelungen ergaben, den„Hennig". Er floh durch die Laubenkolonie, verfolgt von Telge und den anderen Gespielen, die die„Schutzleute" waren. Während gerade der kleine Spann vorüberging, tauchte plötzlich der Verfolgte vor Telge auf. Dieser schlug die Waffe au und drückte ab. Die Kugel durchbohrte Spann den Rücken und das Herz. Ter Unglücksschütze wurde heute vormittag auf dem Polizeivräsidium von der Kriminalpolizei vernommen. Ev sagte, daß er geglaubt habe, der Revolver sei nicht geladen. Telge konnte Minen Sohn vom Polizeipräsidium einstweilen wieder mit nach HM sc nehmen. Vermißt. Seit dem 12. Februar 1966 wird der Handelsmann Karl Döll, am 31. August 1853 zu Berlin geboren, vermißt. Be- schreibung: 1,76 Meter, Gestalt: schlank, Haare: dunkelblond, Platte. Augen: blau, Zähne: defekt, Schnurrbart: klein, blond, Gesichts- färbe: rötlich. Kleidung: schwarzen, weichen Filzhut, graugrünes Jackett, dunkelbraune wollene Weste, dimkelgeftrcifte Hose, wollene Strümpfe, wollenes und leinenes Hemd, braunen Wintenibcrzieher und Gummizugstiefel. Personen, welche Angaben zur Sache machen können, werden gebeten dies der Kriminalpolizei Zimmer 326, II oder einem Polizeirevier zu den Akten: 1235 IV. 4. 66 mitzuteilen. Die Kindergcs»ugsa»fführnngen im Zirkus Busch sollen Sonn- tag, den 25. März, mittags um 12 Uhr, noch einmal wiederholt werden. Der Betrag dieser Aufführung soll zu gleichen Teilen dem Erzichungs. und Fürsorgevcrein für geistig zurück- gebliebene(schwachsinnige) Kinder und dem Berliner Verein für Ferienkolonien zugute kommen. Der Billetverkauf findet diesmal nur an der Kasse des Zirkus Busch und im Bureau der Neuen graphischen Gesellschaft(Unterwasserstr. 7) statt. Beim Konzert der„Typographia" am Sonntag in der„Neuen Welt" ist eine Taschemchr mit Kette gefunden worden, die der Ver- lierer sich zwischen 7—9 Uhr abends, Waldemarstr. 63», Ouergeb. III bei Berger, abholen kann. Straßensperrung. Der Kottbuser Damm zwischen Lachmann- und Lenaustraße sowie die Lachmann- und Boppstraße werden behusS Umpflasterung des Kottbuser Dammes vom 26. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Lriefksiften cler Redafotföii. Dornbusch. Bedeutet Mottetet.— Frau Obst(Berlin). Simon, Hermann und Ella Böhm-Stistung. Rathaus, Zimmer 54»(Vors. Stadtrat «elberg).— C. Z. 1.— 3. Wenden Sie sich an die Expedition der „Königsberger Volkszig.-, Königsberg i. Pr., Vorder-Rosigarten 50.— Käthen 3000. Verein der Maschinisten und Heizer, R. Kirschnick, Berlin, Pücklerstr. 45. Dort erfahren Sie daS Nähere.— Z. 1. Charits. Charitö- stratze. Täglich geöffnet. Sluskunft daselbst oder durch Stadtv. Hossinann, Blumenstr. 14.— Sch. B. New. Wetter-Prognose für Mittwoch, den Sl. März 1908. Vielfach heiter, am Tage ziemlich mild bei mäßigen westlichen Winden; keine erheblichen Niederschläge. Berliner Wetterbureau. ivafierftand am 19. März. Elbe bei Attsfig-st 4,00 Meier, bei Dresden-st 2,20 Meter, bei Magdeburg-st 3,33 Meter.— 11 u ft r u t bei Straußfurt-st 3,40 Meter.— Oder bei Ratibor-st 3,43 Meter, bei Breslau Oberpegel-st 5,44 Meter, bei Breslau Iluterpcgei— 0,12 Meter, bei Franksmt-st 2,33 Meier.— Weichsel bei Brahcäuüide -st 5,20 Meier.— Warthe bei Posen-st 1,54 Meter.— Netze bei Usch-st t,40 Meter. Verantwortlicher Redakteur; Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.