Ur. 69. BbonnemfnfS'Bedlngunaen; Abonnement«. Preis pränunierimdo: Nicrtkljährl. X30»«.. monatl. 1,10 Mk.. wöchciillich 28 Pfg, frei ins HauS. Einzelne Nummer S Pfg. Tonniug?. »iiininer mit illustnerlcr ZvnntagS» Seilage„Die Neue Seit" 10 Pfg, Post» Abonnemcm: 1,10 Marl pro Mannt. Eingetragen in die Post-ZeilungS. Preisliste, U»t« Kreuzband tür Deulichiand und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für das übrige tduSlaud 3 Marl pro Mona!. PastabonnelneutS nehmen an: Belgien. Dlincniarf, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal. Rumänien, Schweden und die Schweiz, 23. Jahrg. krlchtlol lSgllch suüer Monl-g». Verlinev Volllsblcrtk. vle lnlertionj-eedvhi' betrügt für die fechsgespaltene Kolonel- zcile oder deren Raum 00 PIg,. für politische und getverlschasllichc BercinS- und BcrsammIungS-iliizeigen L0 Psg, „Illelne llnrelgen", da« erste(seit gedruckte) Wort 20 Psg,, jede» weitere Wort 10 Psg. Slellengesuche und Schlas- slellen-Anzeigen das erste Wort 10 Psg,, icdcs weitere Wort 3 Psg, Worte über 13 Buchstaben zühlen sür zwei Worte, Inserate sür die nüchste Nummer niüssen bis 5 Uhr nachmittags i» der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm■ Adresse: ,�«ilal«Biokrit BcrlH", Zentralorgan der rozialdcniokratifchen parte! Dcutfchlande. Redaktion: BCQ. 68, Lindcnstrassc 6g, {trrnftirrifirr: iNmt IV. Nr. 1983. Freitag, den 33. März 1906. Expedition: 881. 68, Llndcnstraese 6g, Sfernftrerficr: Um» IV. Nr. 1984. Die Wucherprosite der GeseHschast von Courriöres. Das Spiel mit Menschenleben ist die natürliche Folge der kapitalistischen Produltionsweise. Da das Kapital bestrebt ist, seinen Anteil am Arbeitserträge möglichst hoch zu gestalten, hat eS«ine starke Scheu vor Ausgaben, welche die Selbst« kosten erhöhen, die kapitalistische Beute schmälern. Daher das Widerstreben gegen Schutzeinrichtungen, daher selbst krasseste Gesetzesverachtung lediglich um die Kosten zu ersparen, die die Sicherung von Gesundheit und Leben der Arbeiter bedingen. ES ist Unsinn, davon zu reden, dast die Unternehmer doch kein Interesse daran haben können, Menschen zu vernichten, Unglücksfälle herauf» zubeschwören. Gewiß, solche Absicht ist nicht vorhanden, aber die Gier, die wilde, brutale, unbesiegbare Gier nach Profit erstickt alle moralischen, ja auch oft genug naheliegende vernünftige Erwägungen. Der ganze Komplex dcS Gefühlslebens ist beherrscht von dem einen Gedanken: Gewinn! Der KapitaliSnius ist Hazardspiel in Wahn- witzigster Form: der Einsatz sind Menschenleben! Darum werden im Gelriebe der kapitalistischen Produktion so viele Leben geopfert. Bei der Jagd nach Gewinn hat die Gesellschaft von CourridreS zirka 2000 Bergarbeiterleben, das Wohl und Wehe von lOOOO Menschen auf» Spiel gesetzt! Die Toten schweigen, entsetzlich leiden die überlebenden Opfer; wir aber reden und klagen an. In allererster Linie machen wir für da» furchtbare verbrechen da» System verantwortlich. Seine Tendenz reizt zu Mißachtung der Arbeiterleben, setzt auf den Herrscherthron brutale Profitsucht. Aber bei jedem kapitalistischen verbrechen muß an den Einrichtungen ic. da» Schuldmaß der Träger de» Systems abgewogen werden. Bei dem letzten großen Unglück in Deutschland, bei der„Borussia"- Katastrophe, konnten die Aktionäre doch noch geltend machen, daß die Grube nicht glänzend prosperiert. Zu geradezu ungeheuerlichem Frevel wächst sich aber die Tat der Grubenmagnaten von Courriöres aus. Zu schwindelnder Höhe wuchsen ihre Profite, riesengroß war der Gewinn, de» sie aus der Arbeitskraft ihrer Lohnsklaven heraus- preßten. Aber sie knauserten und knickerten, als es darauf ankani, durch Vorsichtsmaßnahmen gräßliches, Menschen vernichtendes Un« heil zu verhüten. DaS Pariser Kapitalistenblatt„TcmpS" hat schon am Tage nach der Katastrophe einen Teil dcS allgemeinen Mitleids auf die Aktionäre der bettoffenen Gruben ablenken wollen und darauf hingewiesen, daß der KurS auf der Börse von Lille von 3680 Fr. auf 3050 Fr., also um 630 Fr. oder 17,11 Proz. gefallen sei. Wir haben bereits einige Zahlen angeführt, die bewiesen, wie wenig bedauernswürdig die Aktionäre sind, die in der europäischen Industrie fast unerhörte Profite eingesackt haben. In der Wochenschrist»Le Courrier Europöen" veröffentlicht der Genfer UniversttätSprosessor Edgard Milhaud über die Gesellschaft von CourriöreS einen Artikel, der über diesen Gegenstand geradezu verblüffende Details ent- hält.— Die Gesellschaft von CourriöreS wurde 1852 gegründet mit einem Kapital von nominell sechs Mllionen Frank, eingeteilt in 2000 Aktien zu 3000 Fr. ES wurden aber auf jede Aktie nur 300 Fr, eingezahlt. so daß sich daS eingezahlt« werbende Kapital auf nur 600 000 Fr. beläust. Und das Unternehmen wurde zu einer Goldgrube! Die Rentabilitätstabelle steht so aus: 1867.. 150 Fr. 1870.. 450 Fr. 1883.. 1300 Fr. 1858.. 150„ 1871.. 600, 1884.. 1200, 1859.. 150, 1872.. 800, 1885.. 1150„ 1860.. 150„ 1873.. 1600. 1886.. 1150„ 1661.. 200, 1874.. 1760„ 1887.. 1200. 1862.. 200, 1875.. 1600„ 1888.. 1300. 1863.. 200„ 1876.. 000, 1880.. 1450. 1864.. 250. 1877.. 500„ 1890 ,. 2000. '1865.. 300, 1878.. 600, 1801.. 2300„ 1866.. 500„ 1879.. 700„ 1892.. 2000. 1867.. 600. 1880.. 825„ 1803.. 1500.. 1868.. 400„ 1881.. 900, 1804.. 1600„ 1869.. 600. 1882.. 1000. 1895.. 1600. Also im 6. Jahre(1857) brachte eine Aktie von 800 Fr. 160 Fr.---- 50 Proz. Im 13. Jahre(1865) 300 Fr.--- 100 Proz.. 1867 schon 600 Fr.---> 200 Proz, 1 1 1890 aber 2000 Fr.--- 666,66 Pr»z,, 1801 gar 2300 Fr.-°- 766,66 Pro,.! k' In den 30 Jahren erbrachte jeder Anteil von 300 Fr. einen Gewinn von 35 725 Fr. oder durchschnittlich pro Jahr VIS Fr., da» heißt in jedem Jahre wurde mehr als das Dreifache des Gründung»- kapitals an Ausbeute verteilt! Die Gesamtsumme der auf 600 000 Fr. Gründungskapital ver- teilten Ausbeute beziffert sich auf 71450 000 Fr. DaS eingebrachte Kapital ist also schon rinhundertundzwanzigmal zurückgezahlt, aber immerzu bleibt die Arbeit dem Kapital tributpflichtig. Nochmal hundertfach, ja tausendfach wird auS dem Arbeitserträge daS ganze eingezahlt« Kapital herausgeholt, wenn nicht an Stelle der kapitalistischen die sozialistische Produktionsweise gesetzt wird. Nach einer Rechnung, die die.Aktion" ausinacht, belief sich in den sechs Jahren von 1807 bis 1904 der Gelamtüberschuß der Gesellschaft auf 74'/» Mill. Fr, Davon wurden 18'/, Mill. Fr. zu Neubauten ver- wendet. 14'/» Mill. Fr. verschwanden als Reservefonds. Der Ge- winn wurde bei 15«/, Mill. Tonnen Förderung erzielt, mithin Wirt- schaftete man auf je eine Tonne 4«/» Fr. Profit heraus. Auf den Kopf der Beschäftigten entfällt pro Tag ein Wehrwert von zirka 5 Fr. Eine tollere Bewucherung der Arbeitskraft und der Kon- sumenten ist kaum möglich. Kein Wunder, daß die Kurse fabelhast hoch standen. Milhaud hat gerade nur die Kurse von 1872—1881 zur tzand. also aiiS einer Zeit, da die Dividenden noch nicht die Höchsten Höhen erreicht Hatten. Trotzdem wurden die 300 Fr.-Aktien von CourriöreS 1372 bis 1881 an der Börse zu folgenden Preisen gehandelt: höchster„niedrigster' höchster„niedrigster" Kurs Kurs Geschäftsjahr Fr. Fr. Geschäftsjahr Fr. Fr. 1872 13100 11500 1877 29 000 23 000 1873 25 000 17 250 1878 27 500 23 000 1874 38 500 23 626 1870 27 500 22 550 1875 SS 000 37 350 1880 20 480 25 750 1876 30 825 24 000 1881 28 100 25 205 1806 wurde eine Transaktion mit dazu gehöriger Verschleierung de» wahren Charakters der Gesellschaft vorgenommen: Au« dem Fonds von 600 000 Fr. wird ein Fonds von„6 Millionen", aus den 2000 Stammaktien werden 60000 a 100 Fr.— 30 neue Aktien auf eine ursprüngliche Aktie usw. II Die 2000 Aktien von 1805 teilen sich in 8 200 000 Fr. Ucbcrschuß--- 1600 Fr. pro llltie. Die 60 000 Aktien von 1896 teilen sich in die Summe von 3 240 000 Fr.. so daß plötzlicki der Ertrag pro Aktie aus 54 Fr. gesunken scheint! In Wirklichkeit ist natürlich durch diese TranSalrion die enorme Höhe der Dividende nur maskiert. Man muß— um daS wahre Resultat zu ermitteln— da» durch jede Aktie repräsentierte Kapital auf seinen wahren Wert zurückführen, also auf Iv Fr« Dann erhäll man von 1896 bis 1902 folgende Dividenden: Jahr Fr. Jahr Fr. 1896... 54 1900... 125 1897... 60 1901... 110 1808... 70 1002... 100 1800... 00 Die Dividende 1903/04 hat Milhaud nicht zur Hand. Für 1905 sind bereits 3 Raten i 26 Fr. 25 Cent, verteilt. Die Gesamt- Dividende für 1905 würde also mit eiwa 104 Fr. anzusetzen sein. Also 104 Fr. für 10 Fr.--- 1040 Proz. 1 1 Der DurchschnittöklirS dieser Aktien mit ihrem Effcktivpreise von 10 Fr. betrug 1901---- 2393 Fr. 75 Centimes und 1902 ---- 2428 Fr. 41 Centimes! Zu der Berechnung des„TempS" vom Sinken um 17,11 Proz fügt Milhaud am Schlüsse hinzu, daß diesem„Verlust" ein Gewinn von 3670 Fr. vorhergegangen ist, das sind 36 700 Proz. Und bei dieser Nieseiivivideude hat die Gesellschaft jede Rücksicht auf Gesundheit und Leben ihrer Bergleute außer acht gelassen. Als der Brand schon unten wütete, durften die Arbeiter nicht aussetzen. Verzinsten sie doch den Kapitalisten da» eingezahlte Geld mit drei Prozent täglich! DaS verbrechen von CourriöreS spottet jeder Kritik._ Die Revolution in Rnsiland. Im Gefängnis verbraunt! Ueber einen GefängniSbrand in Moskau, bei dem vier politische Gefangene ums Leben kamen und zahlreiche andere schwere Verletzungen davontrugen, wird dem„Tag" gemeldet: Im Krankenhaußflügel de» Butyrki- Gefängnisses brach eine Feuersbrunst au«, die bei den jetzt in den hiesigen Gefängnissen herrschenden Zuständen entsetzliche Folgen haben mußte. In der chirurgischen Baracke, wo der Brand infolge ExplodierenS einer PrimuSlampe entstand, befanden sich 28 schwerkranke politische Verhaftete, von denen viele in Ketten geschmiedet waren. DaS Feuer ergriff den einzigen AuS- gang und verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit über den ganzen Raum. Da die Fenster mit eisernen Gittern versehen sind, sahen die Kranken sich von jeder Rettungsmöglichkeit ab- geschnitten. Die Feuerwehr drang mit Rauchmasken in das Innere des lodernden Gebäudes und rettete die mit f ü r ch t e r- lichen Brandwunden bedeckten, meist bewußtlosen, halberstickten Gefangenen, von denen vier ihren Verletzungen er- lagen. In den Moskauer Gefängnissen sind gegenwärtig 850 Politische interniert. Wachsen der Gärung. Petersburg, 22. März. Obgleich man in Regierungskreisen den Gerüchten von einer neucn Revolution keinen Glauben schenkt, werde» doch die größte» Vorsichtsmaßregeln getroffen. In allen größeren Städten sind die Bahnhöfe militärisch besetzt. Odessa, 22. März. Die Hinrichtung des Leutnants Schmidt hat hier sehr verbittert. Die Arbeiter halten hier und in Sewastopol Demonstrationsumzüge unter Boran- tragung schwarzer Fahnen ab. raphen- z i st e n _ dpost, wobei ihnen 38 000 Rubel in die Hände fielen. poUtilcbe a*beiTicht. Berlin, den 22. März. DaS Zentrum und das Kolonialamt. Die.Köln. VolkSztg." sucht im Leitartikel ihrer gestrigen Abend- nummer unter rührseligen Klagen über die Berdächtigungen der ZentrumSpolilik durch„die Presse der blmden Zenttumsfürchtlinge" den Beweis dafür zu erbringen, daß nicht persönliche Abneigung gegen den Erbprinzen von Hohenlohe, sondern prinzipielle Gründe daS Zentrum zur Ablehnung des Regierungsprojekts einer Ver- selbständigung de» Kolonialamtes bestimmen. Da» Blatt hebt hervor, daß daS Zentrum sich schon vor zwei Jahren, als zuerst der Plan auftauchte, daS Kolonialamt der Oberaufsicht dcS Auswärtigen Amtes zu entziehen und zu einem selbständigen StaatSsekretariat auszugestalten, gegen diese Absicht gewandt habe, also zu einer Zeit, als noch niemand an die Besetzung des StaatSsekrrtärpottenS durch den Erbprinzen von Hohen- lohe dachte. Und dann wendet cS sich mit forcierter GestnnungS- tüchtigkeit gegen alle jene, die in ihrer Verstocktheit die Sachlichkeit der Zenttumsmotive zu bezweifeln wagen: „Alle diese Herrschaften werden sich", meint daS Kölner Zentrumsblatt,„daran gewöhnen müssen, daß das Zenttum durch solche tölpelhaste Anwürfe sich auS der ruhigen Bahn fach- licher Erwägungen nicht herausdrängen lassen wird. Die Bedenken deS Zentrums gegen die Ausbildung der jetzigen Kolonialabteilung zu einem selbständigen Staatssekretariat liegen in der Gefahr der Schwierigkeiten, welche als- dann entstehen würden im Verhältnis zu dem dann nicht mehr übergeordneten, sondern nur mehr nebengeordneten Auswärtigen Amt. In England gibt'S bekanntlich unausgesetzt höchst unangenehme Reibungen zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Kolonialamt. Für die englischen Verhältnisse sind diese Reibungen lästig, ober nicht unbedingt bedenklich. Für unsere deutschen Verhältnisse könuten solche Reibungen geradezu ver- verblich werden. Unsere tntcrnatiouale Lage ist allmählich, nicht zum ivenigsten durch das törichte Draufgängertum unserer kolonialen Kraftmeier und Gewalt- m e n s ch e n, so gespannt geworden, daß wir internationale Schwierigkeiten durch allzu selbständiges Vorgehen eines von unserem Alldeutschentum vorangetriebenen SiaatSsekretariateS sorgfältig zu vermeiden alle Veranlassung haben. Darum wird es gut lein, das Kolonialamt bestehen zu lassen als eine dem Auswärtigen Amte untergeordnete Behörde. für welche daS Auswärtige Amt nach wie vor in alle n internationalen Beziehungen die Ber« aitlwortlichkeit trägt. Daran wird auch wohl das artige Jusiuuotiönchen unserer verehrten Gegner, daß nun einmal„per- sönliche Gründe die Haltung des Zentrums bestimmen, und die Frage nur sei. ob die Ablehnung sich lediglich gegen den Erb- Prinzen richtet oder— vielleicht auch gegen eine andere Stelle, welche die Berufung vollzogen hat", nichts ändern." Dieses Paradieren mit Grundsätzen nimmt sich für den, der nie hinter die Kulissen der Zentrumsschauspielerei gesehen hat, recht hübsch au«; uur fürchten wir, die prinzipiellen Gründe werden auf die Dauer nicht standhalten gegen das Einlenken in eine andere „Bahn sachlicher Erwägungen". AuS der ganzen Auslassung des ZentrumSblatteS spricht deutlich die Besorgnis darüber, daß die Angriffe gegen das Verhalten in dieser Frage an der„anderen Stelle, welche die Berufung voll- zogen hat", auf ein gewisses Verständnis stoßen könnten. Solche Folge wäre denen mn Spahn höchst unangenehm, und eS darf deshalb mit ziemlicher Sicherheit darauf gerechnet werden, daß die Zeulruinsgrößen, wenn derartige Wirkungen sich zeigen, zu der Erkenntnis kommen werden, ihre grundsätzlichen Bedenken seien doch nicht so ganz gerechtfertigt, zumal, ivenn ei» Modus gefunden werden sollte, wonach das Auswärtige Amt gegenüber den fremden Staaten für das Kolonialamt formell die Vertretung und Verantwortlichkeit übernimmt.—_ Väterchens Dank und Mosses Traum. Der Diplomatenschacher in AlgeciraS schleppt sich noch immer im Schneckentempo fort. Frankreich verteidigt seine Forderungen mit unerschütterlicher Zähigkeit. Und da auch die übrigen Mächte durchaus keine Miene machen. Herrn Bülow beizuspringen, muß sich die deutsche Diplomatie wohl oder übel in Geduld üben. Dem ftivolen Rat unserer Scharsmacher zu folgen und die Konferenz einfach provokatorisch zum Scheitern zu bringen, wagt die deutsche Regierung denn doch nicht. Umso weniger, als jetzt auch die russische Regierung mit aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben hat. daß sie von Deutschland weitere Konzessionen erivartet. Der russische Botschafter in Berlin hat dem Fürsten Bülow nämlich eine Instruktion seiner Regierung übermittelt, die in deutscher Uebersetzung lautet: „Telegramm Seiner Exzellenz de« Grafen Lambsdorff an Seine Exzellenz den Grafen Cassini. St. Petersburg, den 6./t9. März 1906. Die kaiserliche Regierung hält es für notwendig, den ver- breiteten Nachrichten entschieden entgegenzutreten, als ob sie sich im Widerspruch zu dem Standpunkt Frankreichs zugunsten der Schaffung einer besonderen Polizeiordnung in Casablairca ausgesprochen hätte. Diese Nachricht entbehrt der Begründung. Um daher jede falsche Auslegung in einer Frage von dieser Wichtig« Kit zu vermeiden, werden Sie dem französischen Bevoll n, ächt igten zu versichern haben, daß Sie bereit find, ihn in der Frage der Polizei in dem genannten Hasen zu unterstütze». Zur gleichen Zeit werden die auf der Konferenz vertreteneil Mächte vv» dieser Instruktion unterrichtet werden, um den mög- licherweise entstehenden Verdacht eines Doppelspiels Rußlands zu zerstreuen, während außer dein Wunsche, seinen Verbündeten m seinen berechtigten Forderunge» zu uilterstützen, seine Anstrengungen einzig auf ein hohes, versöhnliches Ziel gerichtet sind, nämlich eine Lösung der eingetretenen Schwierigkeiten zu finden, die der Würoe beider Parteien entspricht." ES ist also wieder einmal nichts mit der„Isolierung Frank« reichS" gewesen, von der in den letzten Tagen so viel geschwatzt wurde I Diese Tatsache gibt natürlich unserem Liberalismus wieder einmal Gelegenheit, sich zu blamiere». So zetert das„Berl. Tage- blatt" gleich einem Klageweib darüber, daß das die russische Quittung dafür sei. daß unsere Beamtenschaft, unsere Justiz den russischen Machthabern Schergendienste geleistet habe. Statt eine «vermittelnde Stellung' einzunehmen und an einer Verständigung zu arbeiten, stelle uns nun Rußland ein Bein und stärke Frankreichs Widerstand gegen„eine für uns an» nehmbare Vcrständiguiig". Das freisinnige Blatt scheint also erwartet zu haben, daß Rußland die Bauchrutscherei Deutsch- landS vor der zarischen Knute durch diplomatische HelferSdienste Belohnen würde! Diese Klagen hätte doch das Mosieblatt den deutschen Offiziösen überlassen sollen: der deutsche Liberalismus aber sollte sich freuen, datz die Selbstentwürdigung des offiziellen Deutschland eine so w o h l v e r d i e n t e Ouittung empfangen hat. Zumal für das deutsche Volk der ganze Marokkohandel das gleichgültig st e Ding von der Welt ist! Daß die„Norddeutsche Allg. Ztg." die russische Lektion empfindlich ärgert, ist umso begreiflicher. Das offiziöse Blatt gibt seinem Aerger auch ganz unverhohlen Ausdruck. Es findet Rußlands demonstrative Verwahrung gegen ein„Doppelspiel" überflüssig, namentlich ist es verschnupft darüber, daß der„ T e m p s" die Instruktion der russischen Regierung bereits mitteilen konnte, bevor der deutsche Reichskanzler davon amtlich Kenntnis erhielt. Das offiziöse Blatt mault deshalb: „Daß die sogenannte Casablanca-Frage für Deutsch- land nicht von entscheidender Bedeutung ist, haben wir unter demselben Datum, das die russische Instruktion trägt, in unserem Blatte dargelegt. Auch... wiederholen wir, daß uns ein triftiger Anlaß zu einer solchen Verwahrung der russischen Politik gegen den Verdacht eines Doppel- s p i e l e s nicht vorzuliegen scheint, und daß e r st recht die so- fortige Veröffentlichung dieses Akts in einem neuerdings gegen Deutschland so gehässigen französischen Blatte auffällig bleibt." Die deutsche Regierung hat das Deutsche Reich durch seine schändlichen Handlangerdienste gegen Rußland so sehr in die Rolle einer russischen Satrapie gebracht, daß ihr dieser Hieb der diploma- tischen Knute Väterchens von Herzen zu gönnen ist. Fruchten wird freilich auch diese Liebenswürdigkeit nicht: man wird wahrscheinlich künstig noch kräftiger schweifwedeln! Der gegenwärtige Schacher dreht sich darum, dem inter- nationalen Polizeiinspektorat, das die stanzösisch- spanische Polizeikonttolle seinerseits konttollieren soll, Machtbefugnisse einzuräumen, durch die ein überwiegender Einfluß Frankreichs und Spaniens verhindert werden soll. O e st e r r e i ch hat sich der undankbaren Aufgabe unterzogen, einen neuen Vermittclungs- Vorschlag zu formulieren. « London, 22. März.(Bureau Laffan.) Der neue deutsche Ge- sandte in Fez Dr. Rosen ist, wie der„Daily Telegraph"- Korrespondent in Algeciras erfährt, für seine Reise nach Fez. die er nach Schluß der Konferenz anttitt, mit einer wichtigen Mission beauftragt. Infolgedessen hat der französische Konsul in Fez, der jetzt in Algeciras weilt, Weisung erhalten, sich am Sonnabend nach Tanger zurückzubegeben und sofort nach Fez aufzubrechen. Der Korrespondent ist von dem Vertreter einer Großmacht ermächtigt, mitzuteilen, das Ende der Konferenz nahe heran. Oesterreich sei im Begriff, ein neues Projekt vor- zulegen, das sowohl für Deutschland, wie für Frankreich als annehmbar betrachtet werde. Dem Vernehmen nach würden der französisch-spanischen Polizei acht Häfen übergeben werden. . Deutsches Reich. Gegen den Abgeordneten Arendt. Dem Genossen Bebel ist folgender Brief des bekannten Astika- reisenden Dr. Eugen Wolf zugegangen: München, den 20. März 1906. Sehr geehrter Herr! In Nr. 128 der hiesigen„Allgemeinen Zeitung" vom 19. März 1906 lese ich unter den Reichstagsverhandlnngen, daß der Abgeord- nete Dr. Arendt gesagt hat, daß die Hinrichtungen, welche Dr. Peters am Kilimandscharo hat vornehmen lassen, von Herrn von Wißmann unter den damaligen Verhältnissen als notwendig erklärt worden seien und daß Herr von Wißmann Herrn Dr. Arendt persönlich gesagt habe, er habe das Urteil gegen Dr. Peters für einen Justiz- mord gehalten. Dem Andenken des Majors Dr. Hermann von Wißmann bin ich eS schuldig, zu erklären, daß diese Angaben im Reichstage des Herrn Dr. Arendt nicht richtig sind und wohl auf einer falschen Auslegung dessen, was ihm Herr von Wißmann vor sehr vielen Jahren gesagt haben soll, beruhen müssen. Wißmann hat sich mir gegenüber, und auch noch in den letzten Jahren, in dieser Sache ganz anders ausgesprochen, als Herr Arendt es angibt, und es wird außer mir auch noch andere alte Afrikaner geben, die das bestätigen werden. Wenn Wißmann noch am Leben wäre, hätte er wohl sofort telegraphisch dagegen Einsprache erhoben, daß man ihm solche Angaben in den Mund legt. Mit vorzüglicher Hochachtung usw. _ Eugen Wolf. Die Republik der Korruption. Die Republik Hamburg ist trotz ihrer von feilen Federn ge- rühmten Bürgertugend eine Brutstätte der Korruption. Als dort vor einigen Monaten Genosse P ä p l o w in der Hamburger Bürger- schast(Han, burger Parlament) Andeutungen machte über„Unregel- Mäßigkeiten" in einzelnen Zweigen der Bauverwaltung, zeigten die bürgerschaftlichen Mitglieder der Baudeputatton sich sehr enttustet. Wütend verlangte man Beweise. Da diese aus erklärlichen Gründe» nicht sofort auf den Tisch des Hauses niedergelegt zu werden vermochten, wurde eine förmliche Hetze gegen Päplow inszeniert. Inzwischen haben sich nicht allein alle Behauptungen bestättgt, sondern eS haben sich noch weit mehr Unregelmäßigkeiten, Unter- fchleife usw. im Bereiche der Baudeputation herausgestellt. Der frühere Bureauvorsteher, der den Staat in recht plumper Weise um Tausende geschädigt hat, machte vor kurzem einen Selbstmordversuch, und vor- gestern hat sich ein anderer Beamter erschossen, während der Staats- architelt Hähnel, der mit den von ihm„beaussichtigten" Unternehmern unter einer Decke gespielt hat, hinter schwedische Gardinen ge- raten ist. So war die Situation beschaffen, als in der Sitzung der Bürger- schast vom 21. März Päplow bei der'Beratung des Staats- budgets das Wort ergriff, um auch auf„Unregelmäßigkeiten" bei den Staatsschulbauten hinzuweisen. Während vor Monaten die Mehrheit der„Volksvertreter" lärmte und tobte, verhielt sie sich gestern mäuschenstill. Herr P e r s i e h l, Mitglied der Baudeputation, ersuchte sehr bescheiden die Herren von der äußersten Linken, der genannten Behörde ihr Material zu überweisen, damit die be- dauerlichen Fälschungen und Uuterschleife vor Gericht ihre Sühne finden würden. Genosse E. Fischer erwiderte, daß der von Herrn Persiehl vorgeschlagene Weg zur Aufdeckung der Betrügereien wohl der richtigste wäre, doch hätte man damit schlimme Erfahrungen ge- macht. Als seinerzeit ein stüherer Angestellter vom Werk- und Armenhause gegen dessen Direktor. Moraht, eine Denunziation wegen Betruges einreichte, wurde nicht der Direktor, sondern der Denunziant unter Anklage gestellt und wegen verleumderischer Be- leidigung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Erst einige Jahre später stellte sich heraus, daß Direktor Moraht den Staat in viel schlimmerer Weise bemogelt habe, als von dem früheren Angestellten behauptet wurde. Moraht wanderte darauf auf 4>/z Jahre ins Ge- fängnis. Selbst Herr R o h d e von der Linken erklärte: „Wenn solche Klagen sich von Zeit zu Zeit wiederholen, wenn wir schivere Fehler bei den Bauten sehen, wenn die Unterschleife sich mehren, dann liegt es meines Erachtens ani S h st e m. Wir müssen sehen, daß wir Beamte bekoinmen, die den Augiasstall reinigen." Die Tatsachen zeigen, wie durchaus nötig die Konservierung dieses edlen hanseatischen Bürgersinnes ist— einen Zweck, dem bekanntlich nach den eigenen Angaben der Hauptmacher die kürzlich vor- genommene Wahlentrechtung der Hamburger Arbeiter und Klein- bürger dienen soll._ Dir Rcichstagscrsatzwahl im Wahlkreise Kaiserslautern, die durch die Mandatsniederlcgung des kompromittierten Wein- pantscherS Sartorius nötig wurde, hat unserer Partei einen Stimmen- Zuwachs von S56 Stimmen gebracht, wie die Leser aus dem Depeschen- teil der gestrigen Nummer ersehen haben. Da derWahlkreis überwiegend ländlich ist, ist das ein ganz annehmbarer Erfolg, zumal da die Liberalen und das Zentrum ungefähr je S00 Stimmen verloren haben. Nur der Agrarier hat nicht ganz 500 Stimmen Zuwachs.— Der Wahl- kreis gehörte bekanntlich von 1898—1903 den Landbündlern. Trotz- dem tröstet sich jetzt die„Deutsche Tageszeitung" über den Umstand, daß Dr. Rösicke nicht in die Stichwahl gekommen ist. mit der Philosophie der saueren Trauben, ein Sieg des Bundes sei nicht zu erwarten gewesen. Für die Stichwahl gibt sie natürlich die Parole „Gegen die Sozialdemokratie" aus. Die bürgerliche Presse be- zeichnet deshalb de» Kreis als für die Liberalen sicher. Unsere wackeren Pfälzer Genossen Wersen sich dadurch, nicht abhalten lassen, auch im zweiten Wahlgange ihre volle Schuldigkeit zu tun.— Liebesdienste für Väterchen und kein Ende. Die„Breslauer Zeitung" nieldet, daß in Breslau zahlreichen russischen Flüchtlingen der polizeiliche Befehl zugegangen ist, bis zum I.Juni dieses Jahres die Stadt und Preußen zu verlassen. Ein Grund für die Maßregel sei nicht ersichtlich, da es sich, wie das liberale Blatt bemerkt, dabei um Leute handelt, die in Rußland angesehene Lebensstellungen be- kleiden und zum Teil sehr vermögend sind.— Dieser Umstand erklärt wohl die lange Frist, die den betroffenen gewährt wird. Russische Proletarier müssen innerhalb 24 Stunden fort, wenn die preußische Polizei sie nicht gar eigenhändig an die russische Grenze bringt.— Der vatcrlandslosen deutschen Sozialdemokratie wiffen die„Post" und geistesverwandte Blätter wieder einmal einen„patriotischen" ausländischen Sozialisten entgegenzustellen. Der Wiener Genosse Leuthner ist in der„Neuen Gesellichaft" gegen einen Artikel des Genossen Stampfer zu Felde gezogen, der der Sozialdemokratie im Anschluß an die letzten Beschlüsse des Internationalen sozialistischen Bureaus über die Maßnahmen, die die sozialistischen Parteien zur Verhinderung von Kriegen zu ergreifen haben, die Aufgabe zuweist, im Falle ein Krieg auszubrechen droht oder ausgebrochen ist, offen auszusprechen, welchem Teil sie den größeren Teil der Schuld beimißt und wessen Sieg sie am allerwenigsten wünschen würde. Leuthner meint, daß solches Verfahren nichts weiter sein würde, als die„Mobilmachung der internattonalen Sozialdemokratie gegen Deutschland", was er nicht nur vom Standpunkt der deutschen Arbeiter, sondern auch vom allgemeinen proletarischen Standpunkt aus nicht für wünschenswert hält. Wir verspüren zurzeit kein zwingendes Bedürfnis, uns mit den beiderseitigen Ausführungen eingehender zu beschäftigen. Wir wolle» lediglich den Schreiern in der Scharfmacherpresse, die durch Leuthners Kritik des Stampserschen Artikels die„landosverräterischen" Absichten der deuffchen Sozialdemokratie gebrandmarkt erklären und den Genossen Leuthner schon als Opfer eines„Borwärts"-Bannstrahls sehen, sagen, daß beide Genoffen in einer nicht unter Parteikontrolle stehenden Wochenschrist ihre Privatansichten dargelegt haben, die für die Partei als solche in keiner Weise verbindlich sind.— „Immer lustik". Ein hübsches Bild von dem Treiben des Kameruner Kolonial- königs„Immer lustik" entwirft ein Gewährsmann der„Franks. Ztg.". der sich nach dem Zeugnis dieses Blattes bisher stets gut unterrichtet gezeigt hat: „M a r i e B i el e ck i alias Marie Ecke(nach einer anderen Mitteilung Eckard. D. Red.), identisch mit Freiin von Eckard st ein, ist am 16. September 1902 mit Puttkamer und dessen Adjutanten v. Cramster(Kramsta?) und Ober- leutnant B r a u ch i t s ch, jetzt Regierungsrat von Puttkamers Gnaden, an Bord des Dampfer„ L u c i e Woermann" gekommen. Die sog. b. Eckardstcin bezog eine Kajüte zweiter Klasse, Kabine 30, und war in der offiziellen L i st e nicht mit Namen aufgeführt, wohl aber in einem nicht offiziellen Nachtrag als Marie Bielecki. Auf ihren Effekten prangte der Name Marie Bielecki. Sie selbst hat kein Hehl daraus gemacht, daß sie Puttkamer in einem Lebewelt-Lokal in Berlin kennen gelernt und dieser sie aufgefordert habe, gegen gute Bezahlung mit nach Kamerun zu gehen. Gleich bei ihrer Ankunft an Bord hatten der Kapitän und seine Offiziere aus den ersten Blick erkannt, daß die Bielecki eine Berliner Pflanze sei, aber die Augen zugedrückt, als sie hörten, die Halbweltdame sei Puttkamers Begleiterin. Puttkamer hat den Obersteward aufgefordert, für sie zu sorgen. In Madeira hat der Obersteward im Auftrage Puttkamers für die sogeuannie Eckardstein Sachen einkaufen müssen. Während der Reise nach Kamerun wurde Sekt i» Unmenge vertilgt und fast immer Hazard gespielt; die Mitspieler mußten sicb wegen ihrer Spielvcrluste von der Schiffsbesatzung Geld leihen. Als das Schiff in Kamerum angekommen war. weigerte sich die Bielecki. an Land zu gehen; der Polizeimeister mußte sie auf eine Aufforderung Puttkamers hin an Land bringen. Sie hat dann mit Puti- kamer im Regierungsgebäude gewohnt und ist mit ihm ausgefahren und geritten. Puttkamer ließ sich von Bord nocb masseuhaft Proviant auf seine Jacht bringen. Die Schiffsleitung erhielt später in Hamburg Vorwürfe, daß sie zu opulent g e w i r t s ch a f t e t habe. Bemerkt sei noch, daß die Bielecki ihren Namen in das Passagebillett eigenhändig ein- geschrieben hat." Das s ch l i m m st e an der Sache ist, daß Puttkamer noch heute als Kolonialpascha amtieren würde, wenn nicht durch die Beschwerdeschrift und die Verurteilung der Akwaleute sein tolles Treiben ans Tageslicht gekommen wäre l Wer garantiert dafür. daß es nicht unsere Kulturpioniere anderwärts genau so treiben?!— JrSkoS„Cousine". Herrn JeSko von Puttkamer und seinem„Cousinchcn" Mary Eckardt hagelts immer fürchterlicher in ihre zweischläfrige Bude. Nach den bisherigen Aufklärungen, die alle Welt über den wahren Sachverhalt informierten— nur den Kolonialprinzen Herrn v. Hohenlohe nicht—, folgt nun eine—„Feststellung" in der Paß- Angelegenheit, die gar keinen Zweifel daran läßt, daß der famose Herr Gouverneur sich über das Wesen der von ihm begangenen Urkundenfälschung im klaren sein mußte.„Der Roland von Berlin", der in Kokotten-Angelegenh�iten bekanntlich Autorität ist, hat nämlich herausbekommen, daß Püttkaniers„Büschen" im Jahre 1899 zu Dresden acht Wochen im Gefängnis brummen mutzte zur Strafe für die Benutzung des von ihrem Herrn„Vetter" ihr aus- gestellten falschen Passes!!-- Wir dürfen uns nicht wundern, wenn Herr Dr. Arendt bei seiner nächsten Puttkamer-Beweihräucherung den Ruf der berühmt gewordenen Puttkamer-.,Cousine" rettet, indem er sie dem Reichs- tage als eine Dame vorstellt, die sogar der Auszeichnung einer— „Staatspension" für würdig erachtet wurde.— Eine verhängnisvolle Verhaftung. Das„Volksblatt für Bockmm" berichtet, daß in Wanne bei� Bochum der Schlosser Emil Westeriiiaiiu beerdigt wurde. W. wurde vor acht Tagen aus einer Wirtschaft hinausgewiesen. Zeugen behaupten, daß der sehr achtbare Mann dazu keine Veranlassung gegeben habe. Draußen wurde Westermanu von einem Gendarmen verhaftet, gefesselt und nach der Wachlstube, später in die Arrestzelle gebracht. Am anderen Mvrgen rief der Verioalter des Polizeigefängnisses zwei Leute, die gleichfalls die Nacht im Polizeigefäuguis zugebracht hatten, in WestermanuS Zelle und sagte zu ihnen ungefähr:„Seht Euch den Mau» an, der will kaput gehen; daß es dann nicht heißt, ich hätte ihm was getan." Schließlich wurde Wesiermann ins katholische Krankenhaus gebracht. wo er bereits sterbend ankam. Der Schädel soll ihm zerttümmert sein und auch am Handgelenk sah man Spuren der Fesselung. Die gerichtliche Untersuchung ist eingeleitet.— Ein hartes Urteil wurde über einen Llürassier vom Königsberger Kriegsgericht wegen einiger Dummheiten gefällt. Der Kürassier August Hoppe, der schon 214 Jahre gedient und sich bisher gut geführt hat, stand wegen Widersetzung, tätlichen Angriffs gegen einen Vorgesetzten, Gehorsamsverweigerung und Beharrens im Ungehorsam vor dem Kriegsgericht. Hoppe hatte am 11. Februar in der Kantine mit mehreren Kameraden eine Kneiperei ver- anstaltet. Im angetrunkenen Zustande ging er zum Unteroffizier vom Dienst und forderte eine Urlaubskarte. Der Unteroffizier er- kannte den Zustand Hoppes und lehnte dessen Gesuch ab. Nun- mehr versuchte der Angeklagte ohne Urlaubskarte fortzugehen. Am Tor wurde er aber vom Posten angehalten. Der Angeklagte ver- suchte aber diesen beiseite zu schieben und versetzte ihm einen Stoß, so daß der Helm vom Kopf fiel. Als der Unteroffizier vom Dienst das sah, befahl er dem Angeklagten, auf seine Stube zu gehen. Das verweigerte dieser, worauf er drei Stunden eingesperrt wurde. Ter Mann wurde in Untersuchungshaft genommen und vor das Kriegsgericht zitiert, wo der Vertreter der Anklage ein Jahr und neun Monate Gefängnis beantragte. Der„Ver- leidiger" lehnte die Verteidigung ab und schloß sich diesem Antrage an. Das Kriegsgericbi gab dem Herrn„Ver- leidiger", einem Leutnant Freiherr von Esebeck, einen Nasenstüber, indem es meinte, der Herr Verteidiger sei mit seiner Aeußerung zu weit gegangen; er könne nur dem„Gericht anheimstellen", die beantragte Strafe über den Angeklagten zu verhängen. Das Urteil lautete auf ein Jahr und vierzehn Tagt« Ge- fängnis. /■liisUnd. Frankreich. Ein Geistlicher als Totschläger. Paris, 21. März.(Eig. Ber.) Der Ausstand der Klerikalen hat nunmehr das zweite Menschen- leben gefordett. Aber diesmal ist es nicht ein gläubiger Katholik. der im Kampfe gegen die bewaffnete Macht der heidnischen Republik als Märtyrer gefallen ist. Vielmehr ist der Tote ein„Ungläubiger", und derjenige, der ihn getötet hat, ein G e i st l i ch e r der „Religion der Liebe". Die genauen Umstände sind noch nicht festgestellt. Nur so viel ist sicher, daß eine klerikale Demoustratton, die ein Abbs aus Nancy am letzten Sonntag im Nachbarort Saint-Nicolas-du-Port veranstaltete, eine Gegen- kundgebung hervorrief. Zwei Vikare, die hernach den Prediger zum Bahnhof begleitet hatten, wurden von einer Schar höhnender Arbeiter verfolgt. Bei ihrem Wohnhaus angelangt, blieben sie auf der Schwelle stehen und ließen die aufgeregten Leute an sich heran- kommen. Ein. wie es heißt, stark angetrunkener Bergarbeiter Namens S ch o u m a ch e r soll nun mit dem Eisen einer Heugabel — die Geistlichen sagen: auch mit einem Messer— auf sie los- gestürzt sein. Da feuerte Abbs Claude einen Schuß aus einem kleinkalibrigen Revolver ab, der Schoumacher tödtlich ver- wundete I Claudes Begleiter, Abbs L a c o u r, gab aus dem Fenster noch weitere Revolverschnffe ab, die indes niemand ttafen. Be- zeichnend für die Moral der Frommen ist, daß, während die Arbeiter den Sterbenden in eine nahe Apotheke trugen, die Betschwestern des Ortes aus den Fenstern riefen:„So ist's recht!"— Die beiden Pfaffen sind ins Gefängnis von Nancy eingeliefert worden.— Nehmen ist seliger den» geben. Paris, 22. März.(W. T. 35.) Bis jetzt haben etwa 15 000 Geist. liche wegen des Trennungsgesetzes an das Kulttisministerium ihre Pensionsgesuche gerichtet. Auf den katholischen KleruS entfallen 14 258, darunter 7082 Gesuche um lebenslängliches Ruhegehalt und 7176 Ge- suche um vorübergehende Unterstützungen. Wo eS sich um'S Geldnehmen handelt, hat der Klerus noch niemals gestreift.— Italien. Zur KrisiS. Rom, 22. März 1906.(Privatdepesche des„Vorwärts".) Der Parteivorstand veröffentlicht im heuttgen„Avantt" eine Erklärung, in der er den Vorwurf der Disziplinlosigkeit gegen die Parlpmentsfraktton aufrechterhält, mit Bedauern die mi- nisterielle Haltung des„Avanti" feststellt und hervorhebt, daß Ferri von der durch den Parteitag zu Bologna gegebenen Richtschnur abgewichen sei. Der Parteivorstand erNärt zum Schluß, er sehe ver- trauensvoll dem Urteil des bevorstehenden Parteitages ent- gegen.— �, England. Ei» TadelSvotum gegen Lord Milner. London, 21. März.(Eig. Ber.) Heute stellte der liberale Ab- geordnete ByleS im Unterhause folgenden Antrag: „Das Haus tadelt Lord Milner, der als britischer Vertreter in Südafrika das Geietz gebrochen hat, indem er seine Erlaubnis dazu gab, die chinesischen Arbeiter in Transvaal schweren körper- lichen Züchtigungen zu unterziehen. Dies ist eine Maßregel die die Chinesenverträge verletzt, und die noch obendrein ohne Wissen de» Kolonialministers gettoffen wurde." Die liberale Partei ist sich über die Zweckmäßigkeit dieses An- träges nicht einig. Ein anderes Mitglied der Partei, Kapitän Kincaird-Smith, beantragte Uebergang zur Tagesordnung, da es im gegenwärtigen Moment„inopportun" sei. südastikaoische Fragen aufzurollen.- Chambcrlain bekämpfte die Resolutton unter Hinweis darauf, daß es eine große Ungerechtigkeit sein würde, einem ver- dienstvollen Staaisdirner wegen eines einmaligen Irrtums, den er selbst eingesehen und bedauert hätte. nachträglich noch ein Tadelsvotum zu erteilen. Unterstaatssekretär Churchill schlug ein Amendement zu der Resolution vor, nach dem das HauS erklären soll, daß eS zwar das ungesetzliche Auspeitschen veru» teile, aber im Interesse der Beruhigung in Südafrika davon absehe, jemand persönlich dafür seine Mißbilligung auszusprechen. Tie Resolution Byles wurde schließlich abgelehnt und das Amendement Churchills mit 355 gegen 135 Stimmen angenommen.— Niederlande. Zur Abschaffung des ZchntenrechteS. In Niederland, namentlich in den Provinzen Gclderland. Uttecht. Südbolland, Seeland und Nordbrabaut, habe» eine Anzahl Peuonen noch das Recht, von der Ernte auf landwirtschaftlichen Grundstücken, die im übrigen freies Eigentum anderer sind. Zehnten zu erheben! Die Regierung hat nun einen Gesetzentwurs eingebracht, der dieses altertüiuliche private Steuerrecht aufhebt. Den Zehnten b e- r e ch l i g t e n soll das Zwanzigfache des Wertes der Zehnten als Ersatz gezahlt werden. Die Zehnten p f l i ch t i g e n sollen dafür 30 Jahre hindurch eine Zehnlenreme an den Staat bezahlen, wodurch im ganzen ungefähr 20 Millionen Gulden ausgebracht werden, eine Sunime, die hinreicht, mn die Zehutenberechtigten schadlos zu halten und auch die Kosten der Durchführung des Gesetzes zu decken, die auf 400 000 Gulden berechnet sind. Es ist also jedenfalls dafür gesorgt, daß die Zehntenberechtigten bei dieser Expropriation nicht zu kurz kommen. Sie können wohl im Gegenteil stoh sein, daß ihnen statt des unbestimmten, wechselnden Ertrages der Zehnten gewisse Summe» garantiert werden, die sie noch dazu ohne jede Schwierigkeit einheimsen können. Dagegen sollen die Zehnten- Pflichtigen auf den letzten Pfennig bezahle», um endlich eines Joches ledig zu werde», das nicht nur sie selbst, sondern auch die landwirt- schastliche Produktion schwer belastet. Huö der Partei. Der Bericht de? sozialdemokratischen Zentralkomitees für das Königreich Sachse» für 1905, dessen ersten Teil wir gestern besprachen, bringt_ in seiner Fortsetzung einen Antrag auf Ab- änderung des sächsischen Organisalionssiatuts, um es den Beschlüssen deS Parteitags von Jena anzupassen. Sachsen ist in der Lage, die zentralistische Organisationsform streng durchzuführen: die meisten sächsischen Wahlkreise hatten längst ihren Zentral- wahlverein. � Der§ 1 des Statuts soll deshalb künftig lauten: Die Organisation der sozialdemokratischen Partei in Sachsen wird gebildet durch die sozialdemokratische» Reichstogs-Wahlkreisvereine. Erhalten bleibt die Einteilung des Landes in die vier durch Agitationskomitees verwaltete Bezirke Dresden. Leipzig. Chemnitz und Zwickau; an der Spitze der Organisation steht das aus drei Personen bestehende Zentralwahllomitce. dessen Sitz die Landesversammlung bestimmt.(Bisher Dresden.) Aus den sonstigen Bestimmungen heben wir hervor: Für Referate ist in der Regel zu zahlen als Mindestentschädigung b M., als Höchstemschädigung 10 M. und Fahrgeld 3. Klasse.— Alljährlich tritt eine Landesverlommlung zusammen, die vom Zentralkomilee berufen wird. In dringenden Fällen kann das Zentral- komitee im Einverständnis mit den Bezirls-Agitationslomitees eine austerordentliche Landesversammlung einberufen Dies must geschehen, wenn sechs Wahlkreise eS beantragen.— Jeder Reichstags-Wahllreis hat das Recht, vier Delegierte zur LandeSversammlung zu entsenden. Austerdem sind stimmberechtigt auf der LandeSversammlung: die sächsischen Landtags- und Reichstagsabgeordneten der Partei, die Mitglieder des Zentralkomitees und der Bezirks-AgitatiouslomiteeS. Gleichzeitig mit diesen Aenderungen wurde die Einführung einheit- licher Mitgliedsbücher in allen sächsischen Organisationen beschlossen. Die Kommunale Praxis ist für die Gemeinderatsmitglieder der Partei obligatorisch eingeführt worden und hat eine besondere sächsische Beilage erhalten, die Genosse Ernst Schulze-Cossebaude ce- digiert. Sie geht in einer Anzahl von über 1200 den Gemeinde- Vertretern zu. Die P a r t e i p r e s s e hat sich günstig entwickelt. Ihre Abonnentenzahl ist von 134 000 auf 142 000 gewachsen. Für den Wahlkreis Plauen wird demnächst vom Verlag deS Zwickauer „Sächsischen VolkSblatt" ein Kopsblatt mit selbständiger Beilage herausgegeben werden; ein Lokalredakteur wird in Plauen eingesetzt. Für die lebhaft betriebene Agitation wurde auster den Flug- blättern zur Landtagswahl und den Gemeinderntswahlen ein einheitliches Flugblatt für daS ganze Land in einer Auflage von 920 000 Exemplaren hergestellt. Die Auflage deS Agitationskalenders stieg auf 200 000 Stuck. Zur Unterstützung der LandtagSwahl- bcwegung gab das Zentralkomitee das erste ErgänzungSheft zur „Sächsischen Politik"(Verfasser: Einil Nitzsche) heraus. Eine Samm- lung von Material gegen das Dreiklassenwahlsqstem erschien in der Broschüre: Zehn Jahre unter dem Dreiklasscnwahlunrecht(Verfasser: Richard Jllge). Ueber den Stand der Organisation gibt der Bericht noch keine Zahlen, er bemerkt aber, aus den bisher dem Komitee ein- gesandten Fragebogen gehe hervor, dast fast überall ein starkes An- wachsen der Mitgliederzahl vorhanden war. Der Kasienbericht des Komitees verzeichnet eine Einnahme von 16 451,29 M., eine Ausgabe von 13 286,07 M., einen Kasienbestand von 3165.22 M. Zum Schlust erinnert der Bericht daran, dast uns nur noch zwei Jahre von den nächsten Reichstagswahlen trennen. Er bemerkt dazu: .ES ist drollig, dast unsere politischen Feinde sich schon Hoff- NUNgen machen, eine Anzahl Mandate uns entreihen zu können. Parteigenossen allerorts I Sorgt dafür, dast diese Hoffnung zu einer glänzenden Täuschung wird.... Für uns gilt nur die eine Parole: Neber allen Reichstagswahlkreisen Sachsens must bei den nächsten Wahlen unser stolzes Banner wehen!" Eine Erhöhung der AbonnementSgrbiihr auf monatlich 76 Pf. llistt das.Nordd. Vollsblatt" in Bant eintreten. Es begründet die Mastregel mit der fortgesetzten Verteuerung der Rohmaterialien und der Herstellungskosten überhaupt. poUreiUltie», OerichtHchra ufw. Eine große Staatsaktion scheint die Staatsanwaltschaft in Gommern zu planen. Sie hat auf Grund der bekannten Rund- Verfügung des Justizministers vom 26. Januar 1906 wegen des Flugblattes vom 22. Januar die Anklage wegen Vergehens gegen die§Z 130. 77 des Str.-G.-B. gegen den Mitinhaber der Buch- druckerei Vorwärts, Genossen Hermann Schubert, erhoben. Austerdem sind angeklagt wegen Verbreitung des Flug- blatteS die Arbeiter Braun und Genossen in Gommern und der verantwortliche Redakteur Genosse Preczang- Rahnsdorf. Schubert wurde gestern von dem Untersuchungsrichter in Moabit vernommen und lehnte selbstverständlich jede Auskunft über Verfasser und dergleichen ab. Eine andere Haltung nimmt die D a n z i g e r Staatsanwalt- schaft ein. Sie hat vier Genossen, die wegen Verbreitung der Wahlrechtsflugblätter in Untersuchung gezogen waren, niitgeteilt, dast das Verfahren wider sie eingestellt wird und die beschlagnahmten Flugblätter freigegeben werden. kommunales. Stadlvcrordnctcn-Vcrsanimlung. 18. Sitzung vom Donnerstag, den 2 2. März, nachmittags 5 Uhr. Der Vorsteher Dr. Langerhans eröffnet die Sitzung gegen 5% Uhr. Auf der Tagesordnung steht die Spezialberatung deS Entwurfs des Stadthaushaltsetats für 1906, an der Hand der Berichte des Etatsausschusses. � Nicht weniger als 20 Spezialetats hat letzterer bereits in einer Sitzung erledigt. Ueber die Etats„G rundstücke in der Stadt",„Ländliche Grund st ücke in und austerhalb sowie Mietsgrundstücke austerhalb der Stadt und Kalksteinbruch zu Rüdersdorf" und„B e- rechtigungen" referiert Stadtv. A n t r i ck lSoz.). Der Etats- ausschust hat den folgenden Gencralvorbehalt beschlossen:„Die Bc- willigung der neuen Stellen und der Gehallsverbesserungen im Etat erfolgt vorbehaltlich der Zustimmung der Versammlung zu den betr. Magistratsvorlagen." Die Verjannulung tritt diesem Vorbehalt ohne Debatte bei und genehmigt die genannten Etats unverändert. Referent für die Etats der 6 städtischen Krankenhäuser ist eben- falls Stadtv. A n t r i ck. Im Etat für das Krankenhaus „F r i e d r i ch s h a i n" ist eine Gehaltserhöhung für die Apotheker und Prosektoren an den städtischen Krankenhäusern vorgeschlagen. Der Ausschust hat dies für nicht zulässig erachtet und empfiehlt, den betr. Antrag dem Ausschuh für die Gehaltserhöhungen usw. zu über- weisen. Ferner hat er an der Ausgabe für„Beköstigung" 63 000 M. gestrichen und nur 400 000 M. eingestellt. Endlich wird folgende Resolution empfohlen:„Die Versammlung ersucht den Magistrat, zur besseren Uebersichtlichkcit des Etats die Durchschnitts- ziffer für die einzelnen Tische bei den Krankenhäusern in den Er. läuterungen anzugeben." Im AuSschuh ist auch eingehend auf die Klagen des Krankenhanspersonals hingewiesen worden; ungenügende Löhne, schlechte Verpflegung und Behandlung bildeten nach wie Vörden Gegenstand ständiger Beschwerden, insbesondere führten die unteren Beamten gegen die organisierten Krankenwärter einen ge- hössigcn Kleinkrieg. Die Magist ratsvertretcr hätten aber alles be- stritten; in„Moabit" seien Entlassungen erfolgt, aber wegen Auf- hetzung und ungebührlichen Benehmens, nicht wegen der Zugehörig- keit zum Verbände. Stadtv. Wallach(A. L.): Die Charitä soll nach ZeitungSnach- richten den Kurkostensatz für Kinder von 2 M. auf 2,50 M. erhöht haben. Wir sind bei diesen Sätzen sehr stark beteiligt. Der Magistrat sollte die Erhöhung des Satzes auch in unseren Anstalten trotz des ablehnenden Standpunktes, den die Mehrheit der Versammlung vor kurzem eingenommen hat, erneut ins Auge fassen. Ohne weitere Diskussion beschließt die Versammlung nach den AuSschustanträgen. Auch die Etats für die Krankenhäuser„Moabit",„U r b a n", „G i t s ch i n e r st r a st e",„Virchow-Krankenhaus" gelangen en bloc zur Annahme. Ueber die Etats für das Armenwesen berichtet Stadtv. Dr. B ü t o w. Im AuSschust ist ein Antrag auf Erhöhung dei? Pflegegeldsätze für Erwachsene und Kinder abgelehnt, ebenso ein Antrag, der darauf abzielte, die Unterbringung armer und kranker Personen in die Heilstätten und Heimstätten zu erleichtern und zu diesem Zweck eine Summe von 60 000 M. in den Etat für 1906 einzusetzen. Beide Anträge werden heute im Plenum von den sozialdemokca- tischen Mitgliedern wieder aufgenommen. Stadtv. Hintze(Soz.): Wir hoffen, daS Plenum wird zu einer anderen Ansicht kommen als der Ausschust. Die Preissteigerung der Lebensmittel und der Mieten ist natürlich auch an den Almosen- empfängern nicht ohne Wirkung vorübergegangen. Wir halten für notwendig, die Armenkommissionen zu ermächtigen, die bisherigen Sätze für Erwachsene und Kinder von 20 bczw. 6— 9 M. auf 30 bezw. 9— 12 M. zu erhöhen. Die meisten Unterstützten erhalten ja zurzeit nur geringe Pflegegelder, 6—9 M. Mehr als die Hälfte der Almosenempfänger ist über 65 Jahre alt. Die bisherigen Sätze cnügen absolut nicht mehr, auch nicht für die Kinder, von denen einahe dje Hälfte heute noch mit monatlichen Beträgen unter 6,50 M., also mit zirka 20 Pf. pro Tag, abgespeist werden.— Zum Zweck der Unterbringung von Personen in Heil- und Heimstätten sind 1904 100 000 M. ausgegeben worden, wovon die kleinere Hälfte aus Wohltätigkeitsfonds floh. Die Armcndirektion hatte in den Etat für 1906 zu diesem Zweck 150 000 M. einzusetzen beantragt, der Magistrat aber hat das abgelehnt, nachdem der Kämmerer aus- geführt hatte, dast es zweifelhaft sei, ob man innerhalb der öffent- lichen Armenpflege solche Dinge in größerem Umfange betreiben dürfe, dast im Etat für das Armenwescn nur wirkliche Armen- pflege Platz finde und Wohltätigkeit in größerem Stile auszuscheiden habe. Dem gegenüber ist hervorzuheben, daß schon eine Reihe anderer Kommunen, so Königsberg, im Sinne unseres Antrages vorgegangen sind. Namentlich im Interesse unserer ärmeren Be- völkerung und ganz besonders im Interesse der Kinder muß hier die vorbeugende Krankenpflege eingreifen. Wir beantragen also, die 60 000 M. für 1906 zur Gewährung an Heilstätten usw. einzu- stellen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Stadtv. Liebcnow(A. L.) tritt diesen Anträgen entschieden ent- gegen. Schon jetzt hätten die Krcisversammlungen in besonderen Fällen Almosen bis zu 30—40 M. bewilligt, was die Geschäfts- anweisung gestatte. Die Stadt tue auf diesem Gebiete voll und ganz ihre Pflicht und sei nie engherzig verfahren.(Lebhafte Zu- stimmung bei der Mehrheit.) Bezüglich der Heilstättenpflege könnte man höchstens in einer Resolution den Magistrat zur Erwägung der Sache auffordern. Stadtv. Hintze: Die Armcnkommissionsvorsteher bringen keines- weg» die bezüglichen Gesuche alle vor die Kreisversammlungen. (Große Unruhe und Widerspruch.) Ich könnte Ihnen dafür eine ebenso lange Liste vortragen wie vor 3 Jahren. Die Vorsteher erklären selbst, daß die bisherigen Sätze nicht genügen. Im Durch- schnitt erhält ein Almosenempfänger mit eigener Wohnung monatlich 21 M., d. h. 70 Pf. pro Tag oder so viel, wie Pastor v. Bodelschwingh als Zuschuß für jeden Pflegling in„Hoffnungsthal" verlangt! Wir nehmen für die Versammlung das Recht in Anspruch, eine solche Summe in die Ausgaben neu einzusetzen; für die Balanzierung des Etats wird der neue Kämmerer schon sorgen I(Große Heiterkeit.) Stadtv. Liebenow: Mit seiner langen Liste vor 3 Jahren hat Herr Hintze Fiasko gemacht; er braucht ja bloß seinen Kollegen Antrick zu fragen. Stadtrat Mllnfterberg: Die Frage des Existenzminimums hier aufzurollen ist nicht opportun. Wenn den Armenkommissions- Vorstehern Mangel an Pflichtgefühl vorgeworfen wird, so tritt man dadurch nur unserem blühenden und gedeihenden ehrenamtlichen Verwaltungswesen zu nahe; ich protestiere daher mit allem Nach- druck gegen eine solche Behauptung.(Lebhafter Beifall bei der Mehrheit.) Stadtv. Borgmann(Soz.): Die gegenwärtigen Sätze bestehen schon seit mehr als einem Jahrzehnt, und die Existenzverhältnisse haben sich in dieser Zeit ganz außerordentlich verändert. Die Armenkommissionen haben heute nicht das Recht, über 20 M. hin- auszugehen; sie müssen sich erst an eine übergeordnete Instanz wenden. Das Richtige wäre, eine generelle Erhöhung zu beschließen. Stadtv. Liebenow bemerkt, daß an Almosenempfänger Million Extraunterstützungen gezahlt werden. Stadw. Hintze: Nach dem Armenetat sind eS nur 155 000 M., mit allen weiteren Extraunterstützungen kommt allerdings etwa Vi Million heraus(Aha!), aber Herr Liebenow hat nur von den Almosen- empfängern gesprochen. Es steht fest, daß zahlreiche Petenten von den Armenkommissionsvorstehern abgewiesen werden, zum Teil mit großer Härte.(Heftiger Widerspruch bei der Mehrheit.) In manchen Fällen habe ich durch persönliche Intervention erneute Untersuchung durchgesetzt. Nach einer nochmaligen Erwiderung deS Stadtv. Liebenow wird der erste Antrag der Sozialdemokraten abgelehnt; für denselben stimmen auch die Soz.-Fortschr. Der zweite Antrag fällt gegen die Stimmen der Antragsteller und des Stadtv. Ullstein. l Der Etat für daS Armenwesen wird unverändert genehmigt. Die Etats für das Friedrich-Wilhelms- Hospital für Männer und die S i e ch e n a n st a l t in der Fröbelstraße und für das F r i c d r i ch- W i l h e l m s- H o s p i t a l für Frauen in der Palisadenstraße gelangen cn bloc unverändert zur Annahme, ebenso der Etat„Waisenpflege im engeren Sinn e". Zum Etat der„Fürsorgeerziehung" bemerkt Stadtv. Dr. Bernstein(Soz.): Das Reglement für unsere Anstalt sieht auch die Prügelstrafe als Erziehungsmittel vor. Man darf nicht bei der Fürsorgeerziehung an den Symptomen her- umpfuschen; bei den meisten oder doch bei vielen Jungen kommt hier ein krankhafter Seelenzustand in Frage. Ich erinnere an das Drama, welches sich vor Jahresfrist in Moabit mit dem jugendlichen Mörder Grosse abgespielt hat. Die Prügelpädagogik in Lichtenberg muh aufhören. ES kann vielleicht vorkommen, daß der Erzieher selbst bedroht wird und ihm die Galle so überläuft, daß er zum Stock greift. Aber einen Zweck hat daS Prügeln nie. ES kommt aus den Geist an. der eine Anstalt beherrscht, nicht auf daS Reglement. Wir Sozialdemokraten urteilen von der Warte der sozialen Erkenntnis und bitten den Magistrat, die Prügelstrafe ab- zuschaffen. Stadtrat V. Fricdberg: Man muh nach den tatsächlichen Verhält- nissen urteilen. Die Fürsorgezöglinge sind eben erst über daS Schulalter hinaus und doch zum Teil schon Verbrecher und Zuhälter. Der ErziehungZdircktor hat allein die Vollstreckung zu vollziehen, es sind alle Vorsichtsmatzregeln gegeben, daß nur im äußersten Falle geprügelt wird; eS wird eine Liste über die Straffälle geführt. Zu dem Vorwurf, daß eine Anzahl der Zöglinge geistig minderwertig sei, bemerke ich. daß jeder Zögling bei der Aufnahme geprüft wird. ob er nicht einer anderen Anstalt zuzuführen ist. Epileptiker werden in keinem Falle geschlagen. Der Etat wird genehmigt. tum Etat für da? A r b e i t s h a u S in RummelSburg nimmt tadtv. Hoffmann(Soz.) das Wort, um eine Erweilcrung der Räumlichkeiten zu befürworten. Wiederum erhebt er Einspruch gegen den Posten für die Photvgraphierung der Häuslinge, einen bloßen Sport deS Vorstehers, womit für die Ergreifung von Flüchtigen absolut noch nichts erreicht worden sei. Habe doch auch die Polizei mit all ihrer Photograpbiererei den Hennig nicht gefangen! Es zieme sich sür die Stadt Berlin ein solches Verhrecheralbum nicht. Am MagistratStijche bleibt eS still; der Etat wird ohne weitere Diskussion bewilligt. Der Etat sür daS städtische Obdach gibt dem Stadtv. Hoffmauu(Soz.) Gelegenheit, diesmal auch ein Wort der Anerkennung zu sagen.(Allgemeines Ah! und Heiterkeit.) Dieses Lob konnten Sie schon Jahre früher haben, aber Ihre Einsicht ist eben zu spät gekommen.(Heiterkeit.) Mit dem neuen Inspektor ist auch ein neuer. besserer Geist eingezogen; auch daS liebenswürdige Wesen des Stadtrats Jacoby, der Herrn Stadtrat Fischbeck vertrat, hat ein gut Teil zu dieser Besserung beigetragen(Heiterkeit). Auch der neue leitende Arzt der Geschlechtskrankenabteilung hat Reformen durchgeführt, die, als wir sie verlangten, von seinem Vorgänger einfach als„Unfug" abgewiesen wurden. Hoffentlich werden wir diese Station noch los, denn wir brauchen den Raum für das Hausdienerpersonal.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten. Stadtv. Werner ruft wiederholt: Lauterl, nachdem der Redner die Tribüne verlassen hat!) Stadtrat Fischbcck: Herr Stadtrat Jacoby lehnt durch mich diese Anerkennung ab.(Heiterkeit.) Der neue Inspektor ist auf meinen Borschlag gegen die Stimmen der Herren Hoffmann und Augustin gewählt worden.(Stürmische Heiterkeit.) Stadtv. Ritter(Fr. Fr.) gibt dem Stadtrat Fischbeck namenS deS übrigen Obdachkuratoriums ein ausdrückliches Vertrauensvotum. Stadtv Hoffmann: Wenn wir den Herrn nicht gewählt haben, ist doch unser Lob um so unverdächtiger. In der Zeit, wo Stadtrat Fischbeck durch Herrn Jacoby vertreten wurde, ist eS im Kuratorium am beste» gegangen.(Heiterkeit.) Der Etat wird genehmigt. Ueber die folgenden Etats referiert Stadtv. F r i e d e r i c i(A. L.) Der Etat für die Irren- und Jdiotenanstalt Dali« darf passiert ohne Debatte, ebenso derjenige für die Irren- an st alten Herzberge und Buch, sowie für die A n st a lt für Epileptische Wnhlgarten bei Biesdorf. Damit ist für heute die Etatsberatung beendet. In den Elat sollen außer den bereits beantragten und ge« nehmigten neuen und erHöhlen Z u w en d u n g e n an g e m ein» nützige Anstalten, Vereine und dgl. noch eingesetzt werden: 300 M. für den Verein pensionierter Feuerwehrmannschasten zu Berlin. 1000 M. für den ErziehungS- und Fürsorgeverein für geistig zurückgebliebene Kinder. Der eingesetzte Sonderausschuß hat beide Positionen zu ge» nehnngen empfohlen, die zweite jedoch nur„unter der Bedingung, daß dieser Beitrag nur zur Unterbringung und Ueberwachung der- artiger aus der Schule entlassener Kinder Verivendung findet". Die Verjammlung tritt de» Ausschußanträgen ohne Debatte bei. Den Antrag Cassel betr. die Erhöhung der Gehälter der nichttechnischen(juristischen) Magistrats Mitglieder hat der betr. Ausschutz angenommen und zwar die Erhöhung des Anfangs- gehalts von 8000 auf 8500 M. mit 6 gegen 3 Stimmen. DaS Höchstgehalt von 12 000 M. soll in sieben Steigungen a 500 M. nach je zwei Jahren, also in 14 Jahren erreicht werden. Diese Bestimmung ist einstinunig zur Annahme gelangt. Berichterstatter ist Stadtv. M i ch e l e t. Ohne Debatte stimmt die Versammlung dem Antrage zu. Die Vorlage wegen der Stellen der leitenden A e r z t e der Abteilungen des Rudolf Virchow-Kranken Hauses ist vom Ausschuß mit erbeblichcn Modifikationen angenommen worden, indem u. a. das Gesuch des Berliner AerztevereinS für physikalisch-diätettsche Therapie teilweise Berücksichtigung ge- funden hat. Der Antrag, auf je 100 bis 160 Kranke einen dirigierenden Arzt anzustellen, hat keine Mehrheit gefunden. Beschlossen wurde dic Einrichtung einer urologiichen Abteilung auf der äußeren Slation, der ein dirigierender, chirurgisch gebildeler Urologe mit 3000 M. Gehalt vorstehen soll; ferner die Vereinigung der hydrotherapeutischen Anstalt mit dem mediko- mechanischen Institut unter einem selbständigen Leiter: auch daS Röntgen-Institut soll einen solchen erhallen. Der letztere wird mit 4000. der Therapeut mit 3200 M. Gehalt dotiert. Ferner empfiehlt der Ausschuß die Zuziehung eines approbierten Zahnarztes und Einstellung von 1000 M. für zahnärzlliche Behandlung in den Etat des Krankenhauses. Berichterstalter ist Stadtv. Landau(A. L.). Stadtv. Sachs(A. L.): Die Vorlage verlangte für die Ge» schlechtskrankenabtcilung 2 dirigierende Aerzte, von denen der eine nrologisch vorgebildet sein soll. Professor Landau und sämtliche Aerzte im Ausschutz behaupten nun, die Urologie habe mit den Geschlechtskrankheiten nichts zu tun und man brauche einen beson- deren Urologen mit chirurgischer Vorbildung. Für einen solchen aber wird kein ausreichendes Krankenmaterial vorhanden sein. Wir stellen so wie so einen zweiten Chirurgen mit urologischer Vor» bildung an, da brauchen wir keinen besonderen Urologen. Ich bitte daher, diesen Antrag des Ausschusses abzulehnen. Das Äirchow- Krankenhaus ist von vornherein überhaupt viel zu groß angelegt. Stadtrat Weigert: Der Magistrat hat neuerdings eine Rund- frage an die drei Krankenhausdircktioncn erlassen. Danach ergibt sich, daß für speziell urologische Fälle durchschnittlich nur 8 Betten i» den letzten 3 Jahren erforderlich waren. Hiernach dürste der Magistrat für den Augenblick sich nicht für die Einstellung dieses Spezialisten entscheiden. Stadtv. Dr. Weyl(Soz.): Wir stehen durchaus auf dem Boden der Ausschußanträge, die zu unserer Genugtuung den von uns in der ersten Lesung gegebenen Anregungen entsprechen. Was die urcwgischc Station betrifft, so sind alle 5 Aerzte des Ausschusses der» selben Meinung gewesen undjne Laien haben sich vor dieser Ueber- einstimmung gebeugt. Herr Sachs hat sich nun privatim bei Aerzte» erkundigt, die die Urologie so nehenhei betreiben. Aber dic Urologie ist eine selbständige Wissenschaft und darf im neuen Krankenhouse nicht als Aschenbrödel behandelt werden. Im Interesse der Blasen- usw. Kranken muß eine selbständige Station vorhanden sein; diese Kranken dürfen schon aus äußeren Gründen nicht auf die Ge- schlechtskrankenstation gelegt werden. Auch in letzter Zeit sind zahlreiche Abweisungen Kranker in unseren Krankenhäusern wegen Raummangels erfolgt, wie die amt- lichen Rapporte ergeben� in vier Monaten nicht weniger als 575. Auch Herr Sachs hat diese Rapporte erhalten und dennoch tut er jctzl so, als ob wir das Birchow-Krankenhaus überhaupt nicht würden füllen können! Oberbürgermeister Kirschner tritt der Auffassung entgegen, daß medizinische Gesichtspunkte hier allein entscheiden könnten. Dic Aerzte ließen die Verwaltungs- und organisatorischen Rück- sichten zu sehr außer acht. Die Stadt habe nicht sowohl auf urologischc Fälle, als vielmehr auf die Armcn-Krankcnpflege Rück- ficht zu nehmen, die ihr gesetzlich obliege. In keinem dringlichen Falle sei ein Kranker abgewiesen worden. Für alle Eventualitäten. auch für die leichten Fälle zu sorgen, gehe über die Verpflichtung und Fähigkeit der Stadt hinaus. Stadtv. Dr. Lnngertzans spricht sich entschieden gegen die An- stellung eines Hydropathen aus, denn für solche Kranke sei in dem Krankenhause überhaupt kein Platz. Stadtrat Strasimann gibt sich ebenfalls große Mühe, die selbständige ur alogische Abteilung als überflüssig darzustellen. Stadtv. Weyl: Die Ausführungen des Oberbürgermeisters bekunden wieder eine gewisse Animosität gegen all« Vorschläge, die von Acrzten misgehen. Die Blasen- und Blasensteinkranken und dergleichen, die jetzt in Privatkliniken behandelt werden, sind nicht etwa Wohlhabende. Hieraus stellt sich die Beschlußunfähigkeit herauS und die Sitzung muß gegen?U0 Ilhr abgebrochen werden. GexverK lckaftlickes. Der ehrsame Bürger iu der Streikpostenfalle. Beim Streik in der Buchbinderei von Kämmerer in der Kochstraße zu Berlin tat sich die Polizei ini Kampfe gegen die ihr Koalitionsrecht ausübenden Streikposten und gegen sonstige Verdächtige ganz besonders hervor. Der„Vorwärts" wußte mancherlei Schönes davon zu berichten. Der Redakteur Erdmannsdörffer von der„Berliner Morgenpost" fand einige der mitgeteilten Tatsachen s o ungeheuerlich, daß er meinte, nicht eher daran glauben zu können, bis er sich s e l b st davon überzeugt hätte. Als Polizeistudent fand er sich an einem schönen Tage in der Nähe des Kämmererschen Betriebes ein und ging ftötl auf und ob. Es war dor 12 Uhr mittags. Wenige Minuten nur. und der Schutzmann Kössel.hatte ihn weg". Ob er da etwas zu tun habe, meinte der Hilter des Gesetzes. Das gehe dem Schutzmann gar nichts an. war die Antwort. Worauf Herr Erdmannsdörffer aufgefordert wurde,„im Interesse der Ruhe, Ordnung und Sicherheit des Aerkehrs" weiterzugehen. Der Schutzmann dachte dabei an den Wortlaut der überall erlassenen Straßcnpolizei» Vorschrift, wonach zu befolgen sind die Aufforderungen von Polizeibeamten, welche„zur Erhaltung der Ruhe, Ordnung, Sicherheit und Beqeumlichkeit des Verkehrs auf der öffentlichen Straße ergehen". Herr E. kam dem Verlangen des Beamten nicht sofort nach, sondern erklärte, er werde weitergehen, wenn es ihm passe. Als er nach einigen weiteren Minuten sich nach seiner in derselben Straße befindlichen Redaktion begeben wollte, sistierte ihn der Schutzmann und nahm ihn mit zur Wache. ES folgte ein Strafverfahren wegen Uebertretung der fraglichen Vorschrift der Berliner Straßcnpolizeiverordnung. Der Angeklagte wurde auch in zweiter Instanz vom Land- gericht zu einer Geld st rase verurteilt. Es stehe unzweifelhaft fest, meinte das Landgericht, daß die Auf- forderung des Schutzmanns, weiterzugehen, ergangen�sei„im Interesse der Erhaltung der Ruhe, Ordnung und Sicherheit des Verkehrs" auf der Straße. Es hätten schon mal an etilem anderen Tage Reibereien zwischen Arbeitswilligen der Firma und Streikenden stattgefunden. ES sei gegen 12 Uhr mittags gewesen. Der Schutzmann sei bei seiner Aufforderung von der Erwägung ausgegangen, daß es, wenn Angesagter da stehen bleibe, bis die Arbeits- willigen beim Eintritt der Mittagspause den Betrieb verließen, leicht zu Reibereien zwischen Arbeitswilligen und Streikenden kommen könnte. Angeklagter hätte der Ausforderung a l S- bald folgen müssen. Es wäre unerheblich, daß er sich dort aufgehalten habe, um für s e i n e Z e i t u n g ein Bild vom äußeren Verlaus des Streiks bei Kämmerer zu er- langen. Erdmannsdörffer legte Revision ein, über die der erste Strafsenat des Kammergerichts am 22. März zu befinden hatte. Rechtsanwalt Moses vertrat das Rechtsmittel. Er ging auf die besonderen Umstände dieses Falles ein und hob unter anderem hervor, daß das Verweilen des Redakteurs, der seinem Blatte ein Stimmungs- bild liefern sollte, ganz unmöglich die Ruhe, Ordnung und Sicherheit des Verkehrs hätte stören können. ES habe sich in seiner Person doch weder um einen Arbeitswilligen, noch um einen Streikenden, noch etwa um einen Agitator gehandelt, der mit dem Streik irgend etwas zu tun hätte. Der Oberstaatsanwalt verwies auf die Praxis beS Kammergerichts— das bekannte Schema— und betonte, daß die Notwendigkeit oderZweckmäßigkeit einer solchen polizeilichen Anordnung nicht nachzuprüfen sei. Ter Angeklagte selber hielt dem entgegen, daß die Ausschließung einer derartigen Nachprüfung des Handelns des Schutzmannes zu den ungeheuerlichsten Konsequenzen führen müßte. Er trug noch einmal den Hergang vor und teilte dabei mit, daß er nachrecherchieren habe wollen, ob die Mitteilungen einer anderen Zeitung(„Vorwärts") zuträfen. wonach eine wahre polizeiliche Schreckensherr» s ch a f t in der Kochstraße etabliert sein mußte. Bei seinen weiteren Darlegungen unterbrach der Senatspräsident den An- geklagten mit einem Hinweis darauf, daß an den„tatsäch- lichen Feststellungen" in dieser Instanz nicht zu rütteln sei. An- geklagter verlas dann noch Stellen aus der„Kölnischen eiwng", dem sonst einseitigen Unternehmer- latt. worin selbst dieses die unteren Instanzen gegen die Judikatur des Kammcrgerichts bezüglich der Streikposten scharfmacht und von unhaltbaren Zuständen spricht, die jedem Passanten dem Belieben des Schutzmanns ausliefern und den Schutzmann zu einem über Gesetz und Gericht stehenden Be- Herrscher der Straße machten. Das Kanimergericht verwarf die Revision mit der Begründung, daß es dabei bleibe, daß sich kein Individuum hinwegsetzen dürfe über d i e Aufforderung eines Polizeibeamten, die, wie hier tatsächlich festgestellt, zu dem Zwecke ergehe,„die Ruhe, Ordnung und Sicherheit des öffent- lichen Verkehrs" zu erhalten.— Die konsequente Unterordnung des KammcrgcrichteS unter die Rechtsbegriffe der in der Kaserne juristisch gedrillten Schutz- Mannschaft wird so lange dauern, bis auch einmal ein Kammer- gerichtsrat den Weg zur Polizeiwache antreten muh und dann das Bedürfnis empfindet, die Auffassung der Schutzmannschaft über die Berechtigung ihrer Anordnungen nicht als„tat- sächliche Feststellung", sondern als Rechtsauslegung an- zusprechen. Bis dahin können wir uns weiter dem diabolischen Ver- gnügen darüber hingeben, daß die Anordnungen der Polizei zur„Aufrechterhaltung der Ruhe, Ordnung und Sicherheit des öffentlichen Verkehrs" die öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit s o gründlich zerstören, daß die sanftesten Spieß- bürger darüber in helle Raserei geraten.— Beweis: der Fall Erdmannsdörffer! keelln uns Omgeaentf. Branchenftreiks im Berliner Holzarbeiterberuf. Von den Stell- .u a ch e r n befinden sich seit Montag 470 Mann im Streik. Da- von lvaren 3ö0 in Stellmachereien und 120 in Wagenfabriken be- schäftigt. Ihre Forderungen lauten auf Einführung der b2stnndigen WochenarbeitSzeit. ferner auf Zahlung eines MindeftlohneS für Rad- macher von 55 Pf., für Kastenmacherhelfer von 55 Pf. und für Kastenmacher von 63 Pf. pro Stunde, sowie eines Ausschlages von 10 Prozent auf die zurzeit gezahlten Löhne mit der Maßgabe, daß durch diesen Zuschlag auch für die schlechtest entlohnten Arbeiter der Mindestlohn erreicht wird; schließlich aus eine Erhöhung der«klord- sätze und Einführung deS paritätischen Arbeitsnachweises. Die Unternehmer haben nun am Mittwoch abend in ihrer General- Versammlung beschloffen, sich in keinerlei Verhandlungen einzulassen und anch nichts zu unterschreiben. Neue BestelUmgen wollen sie nicht mehr annehmen, sondern nur noch die vorliegende Arbeit mit den Lehrlingen fertigzustellen suchen. Dies Verhalten ist um so schnurriger, als der Jnnimgsvorstand bei den Verhandlungen am letzten Sonnabend die Forderungen der Stellmacher selbst als b e- rechtigt anerkennen mußte. Freilich meinten die Herren auch damals: Bewilligen könnten sie trotzdem nichlS, weil sie angeblich selbst zu wenig an den Arbeiten verdienten. Mit diesem Verdienst scheint eS indessen noch nicht so schlecht bestellt zu sein, sonst würden sie eS sich wohl kaum leisten können, einen Beschluß auf Zurück- Weisung der neuen Bestellungen zn fassen. Denn daß sie damit ihren eigenen„geringen" Verdienst erhöhen und etwa auch die Streikenden in ihren Forderungen irgendwie wankend machen können, das glauben die Wagenfabrikanten und JnnungSmeister doch wohl selbst nicht._ In der Nähtischbranche streilen zurzeit zirka 70 Mann m tt Werkstätten. Sie fördern einen Aklordanfschlag von durchschnittlich 7 Prozent. Am Mittwochabend fanden mit den gesamten Meistern lverantv. Redakteur: Hans Weber. Berlin. Inseratenteil verantA. Verhandlungen statt, die fedoch kein endgültiges Ergebnis zeitigten. Doch versprachen die Meister, am Donnerstag nochmals mit ihren Leuten zu verhandeln und sich dann zu erklären, wieviel sie in jeder Werkstatt zu bewilligen gedenken. Die K o r b ni ach er der Grünbranche haben ihre Lohn- bewegung jetzt mit Erfolg beendet. Durch ihr einmütiges Vorgehen in den einzelnen Werkstätten haben sie die Arbeitgeber belvogen, die WochenarbeitSzeit von 5S auf 55 Stunden zu verkürzen und den Akkordtarif um 10 Prozent zu erhöhen. Der Tarif ist gegenwärtig bereits in allen Werlstätten zur Anerkennung und Durch- führniig gebracht. Die Tischler der Küchenmöbelbranche befinden sich ebenfalls in einer Lohiibeweguiig. Sie fordern die Anerkennung eines Grundtarifs mit erhöhten Lohnsätzen. Die Lohnsätze der einzelnen Werkstatt-TarifS sollen eoentuell durch Streiks soweit erhöht werden, daß sie dem aufgestellten Grundtarif gleichkommen. Bisher haben bereits fünfzehn Welkstätten, in denen gestreikt werden mußte, die Forderungen bewilligt. Den übrigen Arbeitgebern dürften die gleichen Forderungen während der nächsten Wochen vorgelegt werden. Bei der Finna Edinson, G. m. d. H., Sü d-Ufer 2 4/25, wurden gestern morgen sämtliche sech«Packer entlassen, weil sie sich weigerten Uebcrstunden zu machen. Als Arbeitswillige fungieren ein dort beschäftigter Tischler und ein Mechamler. Bor Zuzug wird gewarnt. Vereinigung der Hausdiener, Packer und GefchästSkirtscher. BauarbeitcrauSsperruiig am Eharlittenburger Schill er-?heatcr. Die Maurer am Schiller-Theater in Eharlottenburg sind anS- gesperrt.� Herr Oberbürgermeister S ch u st e h r u s sprach in der letzten Stadtverordneteiiversammlimg von einem aus Ueberrmit unternommenen Streik. Sollte Herr SchustehruS feine Weisheit von Herrn Maurer»>cister B a e t g e haben, so ist es ja erklärlich. wie er zu einem solchen Urteil kommen konnte, obgleich der Tat- bestand ein ganz anderer ist. In einer Versammlung der Ausgesperrten wurde folgendes fest- gestellt: Dem Herrn Maurermeister B a e t g e aus Spandau sind die Maurerarbeiten angebliib von einer Münchener Firma über- tragen worden. Die städtische Banverioaluing verlangt eine gute und solide Arbeit, welche auch von de» Maureni, welche dort in großer Zahl zirka 15 Wochen beschäftigt sind, hergestellt wurde. Dies ging aber dem Herrn B a e t g e gegen den Strich. Er nahm oö mit der Qualität der Arbeit nicht so genau, sondern sah mehr auf das Quantum. Die Maurer konnten aber Herrn Baetge in dieser Beziehung nicht entgegenkommen, weil sie sich sagten:„Bon der Bauverwaltimg wird gute Arbeit verlangt und wir sind als Steuerzahler zugleich Bauherren." Sie stellten daher, ohne Rücksicht auf das Quantum nur gute und solide Arbeit her. Herr Baetge glaubte nun sein Ziel vor einiger Zeit durch Matz- regelung einiger Kollegen zu erreichen. Durch Verhandlung der BerbaudSleitnng wurden aber die Maßregelungen rückgängig gemacht und Herr Baetge erklärte sich im Laufe der Verhandlungen bereit, alle Beschwerden sofort de» Bandeputierten zu unterbreiten und nicht gleich das schärfste Mittel, die Eiillossnng in Anwendung zu bringen Aber nicht nur die Ausführung der Arbeit führte zu Differenzen. Es sind nach Aussage der dort beschäftigt gewesenen Maurer fünf Unfälle vorgekoinmcn, welche alle auf die Mängel des Gerüstbaues, der Abdeckmigen»nd der Schutzdächer zurückgiführcn sind. Die Maurer sind wiederholt wegen Abstellung dieser Mängel vorstellig geivorden. Als Antivort bekamen am Sonnabend, den 10. d. M., inin alle 68 Maurer ihre Entlassung mit dem Bemerken, die Bude zu räumen und das Geschirr event. in die Zementbude zu stellen; es kämen an, Montag Akkordmaurer. Die Akkordmaurer kamen dann auch am Montag. terr Schnstehrusl Wo ist da die Arbeitseinstellung? Wo ist treik an« Ucbermut? Eine Aussperrung ist eS. wie sie krasser nicht gedacht werden kann. Es ist selbstverständlich, daß nachdem die Maurer ausgesperrt sind, jeder verständige Maurer den Bau zu meiden hat. Deut Mt» Rt(d>. Die Tischler sind am Mittwoch in Frankfurt a. O. in den Streik getreten. Gefordert wird dort dl« neunstündige Arbeits- zeit a» Stelle der bisherigen zehnstündigen. Die Arbeitgeber lehnten jedes Entgegenkommen schroff ab.«usaenoinmen von den, Sireik ist nur eine größere Firma. ES ist jelbstverständlich Pflicht für jeden organisiklteil Tischler, den Zuzug nach Frankfurt a. O. fem- halten zu helfe». MaurernuSspernmg in Echneidrmühl. Die Maurer in Schneide- mühl sind in eine Lohnbelvegnng getreten; sie verlangen eine Er- höbllilg des StundenlohiicS, die von den Arbeitgebern„mit Rücksicht auf die abgeschloslenen Bauten" jedoch abgelehnt wurde. Statt dessen haben sämtliche Bauunternehmer SchneidemühlS am Sonn- abend einen großen Teil Maurer entlassen. Als Ersatz sind bereits tegen 50 der hier so beliebten Italiener eingetroffen. Ein weiterer ransport soll noch in dieser Woche eintreffen. Dir Arbeiterinnr» der Bnchdrnckerei von Belhagelt u. Klasing in Bielefeld haben ihren Streik aufgegeben, ohne die Haupt- forderung, die Wiedercinstellulig von vier gemaßregelte» Kommiistons- Mitgliedern, durchsetzen zu können. Die Dresdener Buchdrucker hielten am Dienstag eine Berfamni- lung ab. die sich mit der Haltung der„Sächs. Arbeiterzeitung" Herrn Rexhäuser gegenüber bcschäftiyen sollte. Eine scharf- gehaltene Resolution gegen die„Arbeiterzeltung" lvurde abgelehnt. Die Schuhmacher in Jena haben den Meistern anfangs März einen neuen Tarif vorgelegt, der eine ungefähr 20prozentige Lohn- erhöhung vorsieht. Damit kamen sie aber bei den Meistern schön an. Unter Führung der Innung wurde den Gehülfen ein Gegen- tarif unterb reitet, der in einzelne» Punkten sogar die bisherigen Lohnsätze unterbot. Außerdem suchten sie die ganze Sache möglichst bis Ostern zu verschleppen. Darauf haben die Gehülfcn den Meistern ein Ultimatum gestellt und wollen»och im Laufe dieser Woche kündigen, wenn ihnen nicht das nötige Entgegenkommen be- wiesen wird. Der Lohnkommission gehören Verbands- und Gcwerk- vereinsinitglieder an.— Der Streit der S t e i n a r b e i t e r bei der Firma H. ConraduS in Jena dauert sort. Schiihmachcrbewegung in Nürnberg. Die Arbeiter deS Hauptbetriebes der Vereinigten Fränkischen Schuhfabrilen in Nürnberg sind in eine Bewegung«iiigeireten. Sie fordern die neunstündige Arbeitszeit ohne Lohnmiiiderung und �Freigabe des ersten Mai. Ferner haben die in den Maßgeichäften und Reparaturwerkstätten inkl. der Schnellsohlereien beschäftigten Schuhmacher«ine Tarifbewegung inszeniert. Gefordert wird unter anderem der Zehnstundentag, Lohnerhöhung von 2 M. pro Woche, Festsetzung von Miiideftlöhnen, Zuschlag für Ucderstunden- und Sonntagsarbeit, Beseitigung der Heimarbeit und in den Fällen, wo sie nicht zu ver» meiden ist, Extrabezahlung von 15 Proz. für jede Arbeit, Abschaffung des Kost- und LogisioesenS, unentgeltliche Lieferung der Furnituren. Der Tarifvertrag soll auf ein Jahr abgeschlossen werden. Die Errichtung eines ArbeitersekretariatS in Bayreuth ist fetzt beschlossene Sache. Zur Aufbringung der Kosten hat jedes Mitglied der modernen Gewerkschaften einen Wochenbeitrag von 3 Pf. zu leisten. Mit der Einhebung der Beiträge ivird am 1. April be- gönnen Am 1. Juli tritt das Institut ins Leben. Die Bäckergehülfen in München haben den im Jahre 1004 mit der Bäckerinnung abgeschlossenen Tarif für den 31. März gekündigt und der Innung emen neuen Tarifentwürf unterbreitet, der in der Hauptsache die Beseitigung deSLogi» wesenS(Kost wird bereits feit zwei Jahren vom Meister nicht mehr gegeben). Umwand- lung des derzeitigen dreiklassigen in einen zwei klassigen Tarif, Schaffung eines paritätischen Arbeitsnachweises und Gewährung eines wöchentlichen Ruhetages fordert. Entsprechend einer Bestimmung Ztz.Gl»ck«,N«rlm. Druck» Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsqnjtalt des derzeitige» Vertrages hatten die Gehülfen das EinigungSamt angerufen, das am Mittivoch vormittag Verhandlung, zu der Sl l l m a n n- Hamburg und der Sekretär des Gcrinaniavcrbandes. Dr. W e stp h a l- Berlin erschienen waren, anberaumt. Nach vier- stündiger Verhandlung einigte man sich auf einen Kompromiß- Vorschlag des Vorsitzenden Gerichtsrat Dr. Prenner, wonach unter Beibehaltung des Dreiklasienshstems die Anzahl der in den einzelnen Betrieben beschäftigten Gehülfen herab- gesetzt, wodurch eine Verschiebung der in den unteren Klassen ent- lohnien Gehülfcn in eine bessere Lohnklasse möglich, die Lohnsätze selbst erhöht und die Beseitigung deS LogiSwesenS bei den Meistern ab 1. April 1908 vertragsmäßig festgelegt wurden. Zur Uebcrwachnng des Arbeitsnachweisesie schlugen mit einem Hammer auf die dort aufgestellten Fässer mit solcher Gewalt, daß man sein eigene» Wort nicht hören konnte. Der stark nervöse Oberstleutnant lief in den Keller, um sich Ruhe auszubieten. Kaum hatte aber der Oberstleutnant den Keller betreten, da schlugen die Männer, jeder mit einem Hammer be- waffnet. ihn derartig auf de» Kopf, daß er sehr bald betäubt zur Erde fiel. Die Männer schlugen trotzdem weiter ans ihn. bis sie die Ueberzeugung erlangt hatten, der OberstlenMant sei tot. Dann frühstückten die Unholde und beratschlagten, wie man am unauffälligsten die Leiche beseitigen könne. Dabei wurde der Borschlag gemacht, sich zunächst deS Geldes zu bemächtigen, dann aber der Polizei zu melden: Der Oberftleutnant habe Adolf BlömerS angegriffen, infolgedessen habe letzterer den Oberstleutnant in der Notwehr erschlagen. Plötzlich drang ein leiseS Stöhnen aus dem Keller empor. Kein Zweifel, der Obcrstlenwant war noch nicht tot. Frau Blömrrs rief zornentbrannt: „Das hadt Ihr schlecht gemacht. Nu» schlagt den Kerl vollständig tot. Ihr habt dir Sache einmal angefangen, nun führt sie anch aus." Die beiden BlömerS liefen in den Keller. Der Oberstleutnant war inzwischen anS seiner Betäubung erwacht und hatte sich am Geländer der Kellertreppe aufgerichtet. Die entmenschten Gesellen schlugen mit Hammer und Bell auf den unglücklichen Oberstleuinant ein. Alsdann sägten sie dem noch zuckenden Körper den Kopf ab. Da der goldene Ring sich nicht vom Finger ziehen ließ, so wurde der Leiche auch der Ringfinger abgesägt. DaS Fehlen des Oberst- leutnantS und die Ausgaben der Angeklagten— sie hatten im ganzen 280 M. geraubt— sowie der Berkauf und Versatz von Wertgegcn- ständen machten die Mörder verdächtig. Sie wurden verhaftet, de» Mord und llianb gestanden sie ein. Das Schwurgericht erkannt« gegen die Gebrüder BlömerS und Frau BlömerS auf schuldig wegen Mordes und Raubes. Sie wurden zum Tode verurteilt. Clngegsngene vrucksckritten. Dr. Georg Liebe. Werde gesiiiid I Zeitschrift für BolkSgrsundhrits. pflege. 3. Hest. Monatl. ein Heft. Preis Viertels. 75 Ps. Verlag: Th. Krische, Erlangen. Zum Beginn der Bansalson evschemt ein Spe, lachest der illultr Zeilschrist„Der Süddeutsche Möbel- und Bauschreiner" unter dem Titel „Düren und Dore". Preis 75 Pf.(Lreiner u. Pseisser, Stuttgart. Letzte Nachrichten und Dcpefchen« Wahlsieg. Bremerhaven, 22. März.(Privatdepcsche des„Vorwärts".) Bei der heutigen Stadtverordnetenwahl haben unsere Ge nassen einen glänzenden Sieg errungen. In der dritten Ab- teilung erhielte» wir eine Mehrheit von 325 Stimme». Eine angesehene Persönlichkeit. Effegg, 22. März. gab dabei der Hoffnung Ausdruck, daßim Plenum derKolonial-StaatSsekretär doch noch bewilligt werde. Herr v. Richthofen scheint demnach bereits den Unfall de» Zentrums vorauszusetzen. Eine recht niedliche Geschichte deckte der Abg. Erzberger sZ.) aus. Für einen geheimen Kalkulawr im Kolonialamt ist eine Zulage von 600 M. festgesetzt. Der Mann, der zurzeit diesen Posten inne hat. bekommt aber die Zulage nicht, sondern ein beliebig anderer BeanNer. Das Un- zulässige eines solchen Verfahrens wurde von S ü d e k u m(Soz i und Erzberger fZ.) der Regierung scharf erklärt; die 600 M. unter Protest gegen das Verfahren der Regierung für dieses Jahr bewilligt. Die übrigen Verhandlungen waren ohne allgemeines Interesse. Sieg der nntionalliberalen über die konservativen Ttenersucher. In der Finanzreformkommission wurde gestern die Debatte über die Besteuerung der Fahrkarten für Eisenbahnen und Dampfschiffe fortgesetzt. Während Herold(Z.j mit der Drohung für den in der ersten Lesung angenommenen national- liberalen Antrag auf kilometrische Zuschläge eintrat, daß im Ab- lehnungSfalle die Koalition der freiwilligen Steuersucher sich auflösen werde und die Verantwortung für die Folgen alsdann die Regierung treffe. die sich dem Vorschlage entgegen- stemme, tritt Dietrich fl.) für seinen, gestern veröfient- lichten Antrag ein, der, wenn auch keine 50. so doch innner- hin zirka 38 Millionen bringen werde. B ü s i n g(natl.) macht auf die Gc'ahr aufmerksam, die entstände, wenn der KommissionSbeschluß niit Hülfe der Konservativen und dann auch deren Antrag abgelehnt würde. Der alsdann entstehende Ausfall würde sich auf zirka 65 Millionen beziffern, was ein Scheitern der ganzen Borlage bedeute. Dr. W i e m e r(frf.) rechnet mit dieser Möglichkeit, weist aber darauf hin. daß daran die Finanzreform nicht scheitern brauche; man habe immer noch als Auskunltsmittei die Reform der Branntweinsteuer, wodurch sehr leicht 60 bis 70 Millionen zu beschaffen seien. Dr. Becker u l- technischen Prinzipien des Staates entspreche, könne nur von der Schulaufsichtsbehörde nachgeprüft werden. Dagegen sei es Sache des Richters nach- zuprüfen, ob der betreffende Vater, der beim Hausunterricht des Kindes das nicht erreichte, was die Schulbehörde als nötig ansehe,„säumig" verfahren sei im Sinne des§ 46 II. 12 des Allgemeinen Landrechts und darum auf Grund der Strafvorschriften der Regierungs-Polizeiverordnnng zn bestrafen sei oder nicht. Unter Berücksichtigung der vom Senat aufgestellten Grundsätze be- züglich der Aufgaben von Schulbehörde und Richter müsse das Landgericht den Tatbestand noch einmal nachprüfen.— Diese Rechtsausfastung des Kammergerichts engt die Zu- ständigkeit des Richters gegenüber Verwaltungsbeaniten abermals erheblich zuungunsten einer gedeihlichen Unterrichtsmethode ein. Nach der Annahme des obersten preußischen Gerichts würde ein Vater zu bestrafen sein, wenn er seinem Kinde b e s s e r e n Unterricht, als e§ in der Schule haben kann, angedeihen läßt, sofern nur nach Ansicht der Schulanfsichtsbehörde nicht die„nötige" Methode angewendet werde— ganz wie beim Sireikpostenrecht. wo das Kammergericht dem Richter daS Recht nimmt, entgegen der falschen Ansicht einer Nr. 3844— der Träger dieser Nummer ist übrigens seit fünf Tagen außerhalb Berlins— festzustellen, daß der Angeklagte der Sicherheit des Verkehrs nicht im Wege gestanden hat. Schutz auf der Straße. Schwere Folgen hat für den Kellner Albert H. die Belästigung einer anständigen Dame auf der Straße gehabt. Unter der Anklage des groben Unfugs stand H. gestern vor der achten Strafkanimer des Landgerichts L— Am 10. November v. I. ging der Kaufmann von W. mit seiner erwachsenen Tochter durch die Charlottenstraße. Durch irgend einen Vorfall wurde die Aufmerksamkeit des Herrn von W. etivas abgelenkt, wo- durch er zugleich etwas zurückblieb. Als er seine Tochter wieder einholen wollte, bemerkte er gerade, wie dieselbe einem unsitt- lichen Altentat ausgesetzt war. Der Angeklagte war auf die junge Dame zugegangen und hatte sie oberhalb der Hüften so derb umfaßt, daß sie laut aufschrie. Herr v. W. eilte sofort hinzu und unterzog den Attentäter erst einer derben Lynchjustiz, bevor er ihn einem Schutz- manu übergab. Die Folge war gegen H. ein Strafmandat wegen groben Unfugs über 30 Mark. Hiergegen erhob H. Widerspruch und kam damit buchstäblich au? dem Regeln unter die Traiife, denn das Schöffengericht hob das Strafmandat auf und erkannte auf drei Wochen Haft mit der Begründung, daß derartige Be- lästigungen von Damen auf der Straße nur mit empfindlichen Freiheitsstrafen geahndet werden müssen. Die Berufung wurde daher unter Bestätigung des schöffengerichtlichen Urteils verworfen. Unterschlagung im Amte. Das Zweibrückcncr Schwurgericht verurteilte am Mittwoch den früheren Gemeindeeiimehmcr Lieb von Zweibrücken wegen Verbrechens im Amte und Unterschlagung von 61 000 M. zu vier Jahren Zuchthaus unter Anrechnung von drei Monaten Untersuchungshaft. )Ziis der f rauenbcwegimg. Lichtenberg. In der am Montag, den 19. d. M., tagenden außerordentlichen Generalversammlung des hiesigen Bildungsvereins für Frauen und Mädchen hielt Fräulein Hanna einen Vortrag über „Die Gewerkschaften als soziales Heilmittel". Das Referat wurde mit Beifall aufgenommen. Die darauffolgende Diskussion bewegte sich im Sinne des Vorträges. In ihrem Schlußwort wies die Rcferentin nochmals auf die dringende Notwendigkeit der gewerk- schaftlichen Organisation, auch für Frauen und Mädchen, hin. Bei der vorzunehmenden Ersahwahl der Kassiererin wurde Frau Goltsch einstimmig gewählt. Nachdem Frl. M. die Versammelten auf- gefordert hatte, die Feier der Jugendweihe der Freireligiöseu Ge- meinde am Sonntag, den 23. d. M., zu besuchen, zu der man auch die größeren Schulkinder mitnehmen solle, wurde die Versammlung geschlossen. Die nächste Versammlung findet der Osterfeicrtage wegen eine Woche später, also am Montag, den 23. April, statt. Die Mitglieder, die verziehen, werden gebeten, ihre neue Adresse dem Vorstande anzuzeigen._ eingegangene Drudtfebriften. Von der„Gleichheit", Zeitschrist für die Interessen der Arbeiterinnen (Stuttgart, Verlag von Paul Singer), ist uns soeben Nr. 6 des 16. Jahr- ganges mgegangen. Sie hat solgciidcn Inhalt: Zum 18. März. Bon 0. L. — Die Nürnberger Dienstboten rühren sich. Von Helene Grünberg.— Die britische Arbeiterpartei und das Frauenwahlrccht. Von M. Beer.— Von der Heimarbeitsausstellung in Berlin: IV. Konfektion und Wäsche. V. Die Metallindustrie. Von m. I.— Erziehung ohne Prügel. Von Heinrich Schulz.— DaS Frauensttmmrecht im Reichstage. II.— Aus der Bewegung: Von der Agitation.— Von den Organisationen.— Jahresbericht der KrcisverwauenSperson deS sechsten sächsischen Wahlkreises Dresden Land. — Jahresbericht der Vertrauensperson für Crakau und Prester.— Vor- hastung von Rosa Luxemburg in Warschau.— Poutische Rundschau. Von Gl. L. — Genossenschastliche Rundschau. Von Simon Katzcnstein.— Notizentell: Soziale Gesehgebung.— Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen.— Gcwerk- schaslliche Arbeiterinncnorganisation.— Weibliche Fabrikinspektoren.— Frauenftimmrecht.— Vcreinsrccht der Frauen.— Frauenbewegung.— Säuglingssterblichkeit.— Quittung.— Feuilleton: Märzensturm. Von Ernst Hordel.(Gedicht.)— BesähigungsnachweiS. Von Ludwig Thoma.— Die Heimarbeiterin. Bon Emma Döltz.(Gedicht.)— Veränderte Welt. Von Nikolaus Lenau.(Gedicht.) Jsür unsere Kinder: Ueberzeugung. Von Karl Gutzkow.(Gedicht.) epp, der Tunichtgut. Von Anton Fendrich. I.— Au» dem schlesischen Gebirge. Von Ferdinand Frelligrath.(Gedicht.)— Ueber Nistkästen. Von Brand.— Meeresstille. Von H. Heine.(Gedicht.)— Zum Andenken au Jumbo. Ein Naturmärchen von Hebe.(Fortsetzung.) Die.Gleichheit' erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Ps., durch die Post bezogen beträgt der AbonnementSprciS vierteljährlich ohne Bestellgeld SS Ps., unter Kreuzband SS Ps. Jahresabonnement 2.60 M. Berliner Marktpreise. AuS dem amtlichen Bericht der städtischen Markthallen-Direktion. Rindfleisch la 63—66 pr. 100 Pfund, IIa 54— 62, lila 49-53, IVa 39-47. Kalbfleisch la 80-88, IIa 65—78, lila 52-62, Hammelfleisch la 60—71, IIa 54— 60. Schweinefleisch 73— 77. Rotwild P(b.0,65 bis 0,69, Damwild—,—. Kaninchen Stück 0,80—0,95. Hühner, alte, Stück 2,00—3,00, junge 0,00, do IIa 0,00—0,00. Tauben, junge 0,55—0,65, alle 0,40—0,50. Enten, Stück 2,00—2,70. Gänse, junge, Stück 3,80—5,40, russische 0,30—0,58 M. pr. Psd. Schellfische 0,00 M., Flunder 13—16 M., pro 100 Psd. Hechte 73—81, Schleie 108-118: Aale, groß 00-00, mittel 00-00: Plötzen 58. Plötzen in EiS, große 41,00, kleine 30—34, Karpfen 00-00, Rheinlachs 500,00, Seelachs 24—26 M. pr. 100 Psd. Schollische Vollheringe(gesalzen) 40—44 M. Eier, Schock 3,30—3,50. Butler pro 100 Pfund la 122-123, Ila 118-121. lila 116-118, absallcnde 110—115. Kartoffeln pr. 100 Psd. rote Daversche 2,00—2,20, magn. bon. 2,10—2,35, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl pr. Schock 0,00—00,00, Weißkohl pr. 100 Psd. 3.75—4,00, Rotkohl pr. Schock 00—00, Holl. 12—18 M. Saure Gurten. Schock 2,00 M., Pfeffergurken 2,00 M. Für de» Juliali der Juiervie übernimmt die Redaktion dem Pnblitnm gegenüber keinerlei Bcranlworinng. UKeater. Freitag, den 23. März, Ansang VI, Uhr: Opernhaus. Lohengrin.(Ansang 7 Uhr.) Schauspielhaus. Der Schwur der Treue. Deutsches. Der Kausmann von Venedig. Nencö. Ein Sommcrnachtslraum. Berliner. Ein Volksseind. KSesteu. Die vier Grobiane. Ansang 8 Uhr: Schiller 4d. lWolliiei-Tbenter.) Ueber unsere Krast.(I. Teil.) Schiller N.(Friedrich Wiwelm- slädiilcheS Theater). Der Vogel im Käfig. Lesting. Und Pippa ianzt. Metropol. Aus iuS Metropol. Zentral. Die Puppe. Walhalla. Heinrich Heine. Die BnllhauS-Zliina. Romische Oper. HoffmannS Er- Zählungen. Kleines. Kinder der Sonne. Residenz. Der Prinzgemahl. Triano». Loulou. Ikarl Weih. Die lebende Brücke aus Kuba. LustsPtelhaiiS. Die von Hochsatlel. Thalia. BiS früh um Füufe. Luisen. Aus eigenen Füßen. Teutsch-Zlmerilauischcs. Er und Ich- Kasino. Die Herren Sohne. Slpollo. Das bummelnde Berlin. Spezialitäten. Herrnfeld. Familientag im Hause Prellstein. golies Capricc. Der Schmock. Dalles u. Eo. Wintergarten. Saharct:„Die Kaiserin der Sahara".— Spezialitäten. Bellc-Alliauce. Spezialitäten. Meiclishaltcn. Stelliuer Sänger. Passage. Spezialitüten. »rauia. T»ul>e»iirahe 4K/I!>. Abends 8 Uhr: Hauptmann Fonck: Dcutsch-Ostasrila. Sternwarte, Juvalidenstr 57/62. Tögllw geoliim ovn 1 bls7 Itdr. Zentral-Theater. (Operette.) 8 Uhr: Die Puppe. Lustsptelhaus, Täglich abends 8 Uhr: Die von Hochsattel. Berliner Theater. ZibendS 71/i Uhr: Gastspiel deS Moskauer Künstlerischen Theaters. Zum letzten Male: Ein Volksfeind. Sonnabend letzte Vorstellung: Zar Feodor Joannowitsch. Nachm 2'/, Uhr Schülervorstellung zu ermäßigten Preisen: Maria Stuart. Sonntag: Kean. Nachm. z.«nnäß. Pr.: Maria Stuart. Montag: Kiwiio. Heues Theater. Anfang VI, Uhr. Lm Sommemachtstraiim. Sonnabend; Boubouroche. Vorher; Die Neuvermählten. Sonntag: Ein Sommernachtstraum. Montag: Boubouroche. Vorher: Die Neuvermählten. Kleines Theater. Ansang 8 Uhr. Kinder der Sanne. Sonnabend: Kiiidkr der Sonne. Komische Oper. Freitag, den 23. März 1906, abends 8 Uhr: Mntanns Erzählungen. Sonnabend: Hoffmanns Erzählungen. Sonntag nachm. 3 Uhr ermäßigte Prelle: Heitmanns Erzählungen. ZlbcudS 8 Uhr: Hettmanns Erzählungon. Luisen-Theaier. Benefiz für E. U h l i g: Auf eigenen Fiitzen. Sonnabend: Der Störenfried. Die Dienstboten. Sonntag nachm.: Wilhelm Teil. Abends: Aus eigenen Füßen. Montag: Aus cigcuen Füßen._ Walhalla Theater Kehtrich Keine. Lustspiel in 3 illktcu von A. MclS. Hieraus: Sie SalNmns-Anns. Posse m. Ges. i. 2 Akt. v. Daun u. HaSkel. Ans. 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. ista h iH er-Tli eater. Schiller-Theater 0.(Walliicr-Theatcr). Freitag, abendS 8lldr: Ulvder linzUrt.(I.Teil.) Schauspiel in 4 Ausz. von Björnstjeime Björnson. Sonnabend, abends 8 Uhr: ves- Im Kttflg. Sonntag, nach»>. 3 U v r: VIv llaclit der Finsternis. s o n n I a g. abends 8 Uhr: I»ie Klirc. •CWWAWWi Schiller-Theater N.(Friedr.-Wilh. Th.) Freitag, abends 8 Uhr: I>er Vogel im Kililg. Schausp. in 5 Akten v. St. Großinann. San ii abend, abends 8Udr: Feder unsere Kruft.(1. Teil). Sonntag, nachm. 3 Uhr: Romeo und Julia. Sonntag, abends 8 U b r: Fcber anscre Kruft.(2. Teil,) 65 Abessinler" Castans Panoptikum Fricdrichstr. 165. Kein Extra-Entree. Zirkus Albert Schumann Heute abend präzise VI, Uhr: Zum 2. Male: Wirklich feiisationelle Novität! Hl von China WM Chinesische Fischer mit ihren hier noch nie gesehenen Gormorauts Chinesische Fische fangende Tauchervögel. Das gr. Naturwunder. Außerdem daS vorzügl. Progr. und Rlle. I.onise Marys Eisbären. Sonntag! 2 Porst., nachm. 3'/, Uhr (ein Kind frei) u. abends V/, Uhr. Metropol-Theater Anfang 8 Uhr. üb!- iD's Oroßo Jaliresrovue mit Gesang u. Tarn; in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Bauchen in all. Bäumen gestattet. XI. Berliner Saison. Zirkus Busch. Oulu-Abend. UmS'/jUhr! Sien! Dressierte 70 Eisbären 70 unter p.ersönli eher V orfüh rung des Berrn liuscnbcck. Zum Schloß(um 9'/, Uhr): Zum 124. Male: Die neueste und gräfite Sehenswürdigkeit Berlins: # Imlieii. � Orig.-Pantom. d. Zirkus Busch. Besonders hervorzuheben: Eine Tlgerjugd. Urania S,«?.'.: Abends 8 Uhr: Hauptmann Fouck; Deutsch-Ostafrika. Sternwarte lnv,,llden Str. 57 92. Apollo-Theater. 9 Uhr! Täglich: 9 Uhr! Das bummeinde Berlin. Burleske mit Gesang und Tanz m drei Bildern von Benno Jacobson. Musik von Rudolf Nelson. Im 3. Bilde: I n Hutsirlliclic. Solo; V.iune d'Eve. Vorher 8 Uhr: Die glänzenden iLpezialitäicn. Sonntag nachm. 3 Uhr: Berliner Luft und Spezialituteu. Hesidenz-Thealer. Direktion; Richard Hieran der. Heute zum 145, Male, morgen" und folgende Tage 8 Uhr: Der Prinzgemahl. Satirischer Schwank in 3 Akten von L. Tanros und I. Chance!. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Seine Kammerzofe. Zum gl. Male: Deutsch- Amerikanisches THEATER. Jeden Abend 8 Uhr!! Gastspiel Ad. IMiillpp. Sonnt nehm. 3 Uhr, halbe Proiso: Ueber'n großen Teich. ÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄAÄUÄÄÄÄ Passage-Theater.| Anfang 8 Uhr. DaS neue März- Programm. �ntolnette LoTins! Koloratursängerin. Gcftcliwlstor Fiokatl, Gesang und Tanz-Duo. 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Gesang in i Akten von Gallert. Anfang 8 Uhr. Kasseneröfsnung 7 Uhr. Billett-Vorverkaus von 10—1 Uhr minder Theaterkasse. Sonntag nachm. 3 Uhr: Komm»». Otto PrltzkoTvs Berliner Abnormitäten- und Biograph-Theater MSnzstr. 16. Münzstr. 16. Welt-Biograph ifi" Sy Sy?????? Die Wunder- Liliputaner! Die Fustkünstlerin! Letzte Vorstellungen der australischen Tänzerin Saharet als Kaiserin der Sahara. Außerdem das glänzende März-Propim Reichshallen. Stettiner Sänger. = Einpartierung. Mil. Humoreske v. Meysci Ansang Wochentags 8 Uhr, Sonntags 7 Uhr. Gustav Behrens Spezialitäten- Theater Frankfurter Allee 85. Das sensationelle, vollständig neue März-Programm. Kur Schlager. ts Verwaltungsstelle Berlin. Sonntag, den 25. März, vorm. 10 Uhr, bei Feind, Weinstr. 11: JVntglieder-Tcrfanitnluiig« Tagesordnung: 1. Stellungnahme zum 1. Mai. 2. Ergänzungswahl des Ausschusses. 3. Diskussion über die Verhandlungen des Verbandstagcs. 4. Verbands» angelcgcnheitcn._[54/8] Der Vorntand. Mal-Vp riii! itr Wim. PappMier usv. Sonntag, den 25. März, vormittags 10 Uhr, im„Gewerliseltaftsliause", Engel-Ufer Rr. 15: Versammlung. Tages-Ordnung: l. Wie stellen wir uns zum diesjährigen Lohntarif? 2. Diskussion. 3. Vcrbaudsangelegcnheite». 4. Verschiedenes. —_ Es ist Pflicht aller Asphaltarbcitcr und Kleber zu erscheinen.— 290/7 Wie Ortsverwaltung. isil iS�raiscjses�raul/aus. � gERUW' Empfehlen unser helles u. dunkles TafeHdier: Gambrinusbräu(Münchener) Nepomukbräu(Pilsener) Böhmisches Brauhaus NO. FaG• Abteilung: f.andHberger Allee 11/18. T. VII. 5088. Flaschen-„ Frieden-Straße 98. T. VII. 1670. Unsere Orlglnnl-Abzng-FIaMchenblere in fast allen Kolonialwaren-Handlungen. 2781.» III. Wahlkreis. Sonntag, den 25. März er., abends 6 Uhr, in de»„Arminhallen'*, Kommandantcnstr. 20: Oeff entliehe Versammlung ——— für Männer und grauen.— Tages-Ordnung: 240/9* Vortrag des Genassen Stripp über: Heinrich Heine, mit Rezitationen. Nach der Versammlung: GkIDlÜliCitSS BBKglWöllBöill. Entrce inkl. Garderobe 20 Pf. IW Tanz frei. Zu recht zahlreichem Besuch ladet ein Der FInbernfer. Verwaltungsstelle Berlin. Haupt-Bureau: Engel-User 15, Zimmer 1—5. Fenisprecher: Amt IV 9579. Jlrbeilsiiachlveis Zimmer 34. Amt IV 3353. Sonntag, den 25. März 1906. vormittags 10 Uhr Pünktlich, im grosten Saale des»Äereins Beritner Musiker">M.ZS! prima Halbdaunen M. 1.75; EÄufc- rupffedcrn M. 2.00- prima weiße Gänsehalbdauncn M 2.S0-S.va-Z.so echt ch'.ues. Monopoldaunem 1- � IUI. 2.1)5, echt rusiifch. Maw-}§S dor-Gänsedauneu 9K. 3.50J Von den Daunen genügen g— 4 Ptd. zun» groß Oberbett.— Eänscfedern <, Reißen) M. 0 00 per Vwnd; Gän se- ich l achtfedern, wie sie von der Sans fallen,»nt allen Daunen M. 1.50. Proben und PreiSttfie gratis. Um- tausch oder Rücklcnduua gestattet. Verpackung kostensrei. Lehtjähriacr Umsatz über 2600 Zentner Vcttfcdern, von keinem zweiten Betten- n. Bett- � sederngeschäft erreicht. Möbel-Halle yarry fioldschmidt Moritzplatz 59. 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Den Kollegen zur Nachricht, dast unser Mitglied, der Bestoszer ümis Hummel gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 24. März, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Louisen-Kirch- hoses in Rixdorf, Hermannstrasze, aus statt. Rege Beteiligung erwartet 114/18 Die Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen und Kolleginnen zur Nachricht, daß unser Mitglied, die Arbeiterin Frida Zimmermann gestorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 25. März, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Friedhofs der Himmel- fahrts- Gemeinde, Nieder- Schön» Hausen(Nordend) aus statt. Rege Beteiligung erwartet 114/17 Hie Ortsverwaltung. Am 18. März verschied plötzlich unsere eifrige Mitarbeiterin und Kollegin Frida Zimmermann. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 25. März, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Himmelsahrcks-Kirchhoses in Nordend(Nieder-schönhausen) aus statt. Um zahlreiche Beteiligung bitten Oie Vertrauensleute der Firma Siemens& Halske(Wernerwerk). Für die vielen Beweise innigster Teilnahme, sowie die zahlreichen 5lranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, des MaurerS Karl Schilske sage ich allen Verwandten und Be» kannten, besonders den Kollegen der Freien Vereinigung der Maurer Deutschiands, sowie Herrn Stern für die trostreichen Worte am Grabe des Entschlafenen meinen tiefgefühltesten Dank. 56012 Oie trauernde Wittwe Minna Schilske nebst Kind. extra billige Sehnh-Tagel Von Sonnabend, den 24. März, bis Dienstag, den I. April. Abteilung für Damen; 28 Sämtliche Waren sind von durchaus tadelloser, garantiert fehler» freier �Beschaffenheit und mit minderwertigen Angeboten absolut nicht zu vergleichen! Preisherabsetzungen teils bis zu 20%! 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Min IM. Bergarbeiterleben in der Mark. (Eigener Bericht des„Vorwärts".) Vierter Verhandlungstag. K o t t b u s, 22. März. Me heutige Sitzung begann mit einer Erörterung zwischen dem Staatsanwalt und dem Verteidiger darüber, wie weit die Beweiserhebung über die Betriebssicherheit und die sanitären Verhältnisse auf der Stadt- grübe sich zu er st recken habe. Der Verteidiger will für diesen Punkt Beweis erheben lassen über einen Unfall, bei dem ein Arbeiter verschüttet wurde. Der Staatsanwalt verlangt, daß dieser Fall ausgeschieden werde, weil sich der- selbe erst nach dem Streik, also nach der Zeit, wo die unter An- klage stehende Beleidigung gefallen ist. ereignet hat. Der Wahrheits- beweis könne sich nur auf die Tatsachen erstrecken, die vor dem Zeitpunkt der Beleidigung liegen. Sollten die Zeugen über den Unfall vernommen werden, dann müsse er, der Staatsanwalt, noch weitere Zeugen laden. Er beantrage deshalb die Verhandlung zu vertagen!!— Rechtsanwalt Liebknecht vertritt der. Standpunkt, zur Feststellung der Betriebs- sicherheit und der sanitären Verhältnisse seien auch die Zustände nach dem Streik beweiskräftig, da man doch nicht an- nehmen könne, daß sich die Verhältnisse auf der Grube seit jener Zeit verschlechtert haben. Das Gericht be- schließt, die Erörterung des von der Verteidigung angezogenen Unfalles zuzulassen, da Ae hierzu geladenen Zeugen vernommen werden müssen. Im übrigen loird der Beschlutz über den Antrag des Staatsanwalts ausgesetzt. Nach einigen unwesentlichen Zeugenaussagen kommen Mißhandlungen von Arbeitern zur Sprache. Den Anlatz dazu bietet ein von Gärtner heraus- gegebenes Flugblatt, worin gesagt wird: Beamte vom Inspektor bis zum Steiger haben Arbeiter geprügelt, darunter alte Leute, die bis 20 Jahre auf der Grube beschäftigt sind. Ein Zeuge, der ruhig und sicher auftritt, hat im Herbst 1S03 gesehen, daß ein Mann, den er nicht kennt, den er aber seinem i&utzeren nach für einen Grubenarbeiter hielt, aus dem Kontor des Betriebsinspektor Möller kam. Möller, der mit dem Manne einen Wortwechsel hatte, lief demselben auf der Stratze imch und schlug ihn mit einem dicken Stock ein paarmal über das Kreuz.— Inspektor Möller, der hierzu vernommen wird, besmnt sich wohl auf mehrere Fälle, wo er gegen Arbeiter handgreiflich wurde, über diesen Fall kann er aber nichts Bestimmtes sagen, lveil sich die Persönlichkeit deS Gemitz- handelten nicht feststellen lätzt. Ein anderer Zeuge bekundet, datz Möller einem Arbeiter, der angetrunken war und einen Wortwechsel mit ihm hatte, eine Ohrfeige gab. Der Mann hatte den Inspektor„Lump" ge- nannt.— Möller bestätigt diese Angabe und bemerkt, der Mann habe ihu vor der ganzen Belegschaft„Lump" genannt, als Antwort darauf habe er dem Manne eine Ohrfeige gegeben.—„War das eine kräftige Ohrfeige?" fragt der Verteidiger den vorigen Zeugen, worauf der Vorsitzende mit kräftigem Ton sagt: „Na, auf einen„Lump" gehört eine kräftige Ohrfeige. Das würde ich dem Inspektor nicht verdenken, wenn er da ordentlich zugehauen hat."— Der Verteidiger bemerkt, das Verabreichen einer Ohr» feige sei doch eine strafbare Handlung, worauf der Staats, anwalt es für unzulässig erklärt(l). datz derartige Erörterungen an die Zeugenaussagen geknüpft werden. Rechts. anwalt Liebknecht verweist darauf, datz die Aeutzerung des Vorsitzenden ihn zu seiner Zwischenbemerkung veranlaßt habe.— „Ja." sagt der Vorsitzende darauf,„ich gebe zu, datz ich die Aus- fuhrung de» Verteidigers provoziert habe." Es kommen noch mehrere Fälle von Mitzhand- lung zur Sprache, die dem Inspektor Möller nachgesagt werden. Die Feststellung der Einzelheiten macht insofern einige Schwierig- keft, als die Zeugen nicht immer mit Sicherheit angegeben können, welcher Arbeiter es ist, von dessen Mißhandlung sie Kenntnis haben.— Erörtert werden auch zwei Mißhandlungsfälle, die schon am zweiten BerhandlungStage erwähnt wurden. Es ist der eine Fäll, wo ein Zeuge einen Arbeiter blutend aus dem Kontor des Betriebsinspektors hinausfliegen sah.— Inspektor Möller be- streitet, diesen Mann geschlagen zu haben. Er habe den An- getrunkenen nur hinausgedrängt, dann sei der Mann in der Zechen- stube von den Arbeitern so zugerichtet worden, wie ihn die Zeugen gesehen.— Der andere Fall betrifft den Arbeiter, den der 'Angeklagte Gärtner mit Verletzungen und blauen Flecken sah und der dann inS Krankenhaus aufgenommen wurde.— Inspektor Möller gibt zu, daß er einen Zusammenstoß mit diesem Manne batte. Derselbe sei angetrunken gewesen, habe sich im Kontor einen Schlüssel angeeignet. Um ihm den Schlüssel abzunehmen, habe der Betriebsmspektor Möller den Mann„hingelegt" und ihm dabei„ein paar übergezogen". ES kommen noch andere Mißhandlungen zur Spräche, die teils in bezug auf den Inspektor Möller, teils in bezug auf den Steiger M a a ß behauptet werden. Bei dem Versuch, die einzelnen Fälle festzustellen, wiederholt sich fast immer derselbe Borgang: die Zeugen haben zwar nicht den Vorgang der Miß- Handlung sechst gesehen, wohl aber den Mißhandelten und dessen Verletzungen. Auf der anderen Seite stellen die der Mißhandlung Beschuldigten die Sache so dar. als habe es sich immer um Arbeiter gehandelt, die sich„ungehörig" benahmen und deshalb mit den Grubenbeamten in Konflikt kamen. Die Ansicht des Gerichtsvorsitzenden Wer den UmgangSton im Bergwerk wird an folgendem Zwischenfall illustriert: In bezug auf einen Schachtmeister wird behauptet: WS einmal eine Betriebsstörung eintrat, welche der Schachtmeister auf Verschulden der Arbeiter zurückführte, schnauzte er die Arbeiter an:„Ihr Bande, verfluchte, ich haue Euch, datz Ihr Lumpen kotzt I" Der Schachtmeister gibt zu, daß er sich so ausgedrückt haben könne.— Der Vorsitzende bemerkt dazu: Sehr höflich ist man wohl überhaupt nicht im Berg- werk?— Der Schachtmeister will das jedoch nicht zugeben.— Darauf sagt der Vorsitzende: Na, solche Aeußerungen werden unter wenig gebildeten Leuten oft gebraucht. Die Bergarbeiter reden untereinander auch in solchem Ton. Der Schachtmeister steht doch nicht so hoch über den Arbeitern, daß es etwas Besonderes wäre, wenn er auch in diesem Tone spricht. Dadurch wird sich keiner beleidigt fühlen. Bestrafung eines Zeugen. Ein Zeuge, der als Arbeiter der Stadtgrube beschäftigt war, hat von seiner Arbeitsstelle aus gesehen, wie Inspektor Möller einen Arbeiter schlug. Der Zeuge erzählt seine Wahrnehmung so: Möller und der Arbeiter Schiemenz waren im Wortwecksse l; Schiemenz fuchtelte mit den Händen. Möller ging zurück und schlug den Schiemenz mit seinem Stock über den Kopf, datz Blut herunter- lief.— Der Vorsitzende macht dem Zeugen verschieden« Vor- Haltungen, dieser bleibt aber bei seiner dem Inspektor Möller un- günstigen Aussage, die sich noch auf weitere Fälle erstreckt. Tarauf fragt der Vorsitzende den Zeugen, ob und wie er schon bestraft sei.— Der Zeuge gibt mehrere Strafen an und nach einigem Zögern und Vorhalten des Vorsitzenden gibt er zu, daß er auch schon mit Zucht- Haus bestraft ist.— Ter Vorsitzende macht dem Zeugen in erregtem Tone Vorwürfe, die dahin gehen, der Zeuge habe seine Zuchthaus- strafe verschweigen wollen. Infolgedessen wird auch der Zeuge er- regt und sagt in heftigem Tone zu dem Vorsitzenden: Sie haben ja alles bei den Akten, Sie kennen ja meine Strafen so gut wie ich, was fragen Sie mich denn danach.— Der Staatsanwalt beantragt hierauf, den Zeugen wegen Ungebühr in eine Strafe von 24 Stunden zu nehmen. Das Gericht zieht sich zurück, kehrt wieder und gibt dem Zeugen Gelegenheit, sich über den Antrag des Staats- anwalts zu äußern. Der Zeuge erklärt sein Auftreten durch die Erregung, in die ihn die Frage nach seinen Strafen, die doch dem Gericht bekannt sein müssen, versetzt habe, und bittet um Ver- zeihung.— Der Vorsitzende verkündet: Das Gericht sehe, weil der Zeuge sein Unrecht einsehe, davon ab, ihn 24 Stunden einzusperren und verhänge über ihn eine Ordnungsstrafe von S M. Der angegeben« Mißhandlungsfall, den dieser Zeuge bekundete. wird vom Inspektor Möller wieder ganz anders dargestellt. Er will sich auch diesmal wieder einen betrunkenen Arbeiter, der ihn angegriffen habe, abgewehrt haben. Er habe den Stock zur Abwehr benutzt, weil er den einen Arm infolge einer Verletzung nicht ge- brauchen konnte.— Ein vermeintlicher Widerspruch zwischen den Aussagen Möllers und des Vorzeugen gibt dem Vorsitzenden wieder Anlaß, dem Vorzeugen in heftigem Tone Vorwürfe zu mache», weil derselbe es zuerst so hingestellt habe, als sei Möller der An- greifende gewesen, während er jetzt zugegeben, daß Möller, während er schlug, zurückging. Erst habe der Zeuge von einem Angriff Möllers gesprochen, jetzt gebe er zu, datz Möller in Abwehr ge- handelt habe.— Andere Richter stimmen dem Vorsitzenden zu.— Der Zeuge betont, er habe gar nicht gesagt, daß Möller der An- greiser gewesen sei. Er habe den Vorgang so dargestellt, wie er ihn gesehen habe, und ausdrücklich bemerkt: Schiemenz fuchtelte mit den Händen, Möller ging zurück und schlug ihn.— A m R i ch te r t i sch wird diese Behauptung des Zeugen bestritten.— Rechtsanwalt Liebknecht beantragt, ihn als Zeugen darüber zu vernehmen, daß der Zeuge in der Tat fo aus- gesagt habe, wie er behaupte. Das Gericht geht auf diesen Vor- schlag nicht ein. Die Beweiserhebung fetzt sich in derselben Weise wie bisher fort. Es handelt sich jetzt hauptsächlich um das Verhalten der Steiger den Arbeitern gegenüber. Auch in dieser Hinsicht machen mehrere Zeugen Angaben über Mißhandlungen von Arbeitern durch die Steiger. Da cS sich durchweg um Tatsachen handelt, die etwa zwei Jahre zurückliegen, so können sich die Zeugen aus den Reihen der Arbeiter nicht mehr auf alle Einzelheiten be- sinnen, sie werden meist auch, wenn sie der Vorsitzende in seiner Art befragt, etwas unsicher und zeigen sich dann immer geneigt, ihre ursprünglichen Angaben einzuschränken, namentlich dann, wenn sie der Vorsitzende, wie es öftex geschieht, darauf aufmerksam macht, daß auch die gering st e Nebensächlichkeit unter dem Eide ausgesagt wird. Nur ein Beispiel dafür: ES war bei der Feststellung einer Miß- Handlung, die dem Betriebsinspektor Möller nachgesagt wird. Ein teuge sagte, Möller habe mit einem eichenen Stocke geschlagen. ogleich fragte der Vorsitzende den Zeugen mit Nachdruck, ob er denn dabei bleiben wolle, daß es ein eichener Stock gewesen sei, denn er müsse auch das auf seinen Eid nehmen. Der Zeuge meinte dann. der Stock könne auch wohl von anderem Holz gewesen sein, er habe nur wegen der be- sonderen Stärke des Stockes denselben für einen eichenen gehalten. Darauf benierkte dann der Vorsitzende: Also so leicht- fertig gehen Sie mit Ihrem Eide um! Unter solchen Umständen inachen die meist etwas unbeholfenen Zeugen keine bestimmten Angabe».— Wenn dann der Ver- teidiger Fragen an die Zeugen stellt, die sie anscheinend besser verstehen wie die Fragen deS Vorsitzenden, dann ändert sich mitunter das Bild der Zeugenaussage etwas. U n» willig bemerkt dann der Staatsanwalt unter Zustimmung des Vorsitzenden: Nach der Fragestellung des Verteidigers käme immer etwas andere? heraus, wie nach der Befragung durch den Borsitzenden. Er, der Staatsanwalt, wisse aar nicht mehr, woran er fei.— Die Angaben des Betriebs- inspektorS wie auch der Steiger sind dagegen, falls sie sich der angeführten Fälle überhaupt erinnern, sehr be- stimmt. Nach ihrer Darstellung handelt es sich immer um betrunkene Arbeiter, die gegen die Borgesetzten borgingen und dann mit Gewalt abgewehrt lverden mußten.— Ein Fall dieser Art wird vom Schachtmeister Kolessa, dem schon am zweiten BerhandlungStage verschiedene Mißhandlimgen nachgesagt wurden. ausführlich geschildert. In diesem Falle scheint eS sich m der Tat um einen betrunkenen polnischen Arbeiter zu handeln, der den Schacht- meister durch Redensarten belästigte. Um den Mann loS zu werden. stieß ihn der Schachtmeister so. daß der Mann mit dem Kopfe auf die Schienen der Förderbahn fiel.— Die anschauliche Schilderung der Trunkenheit des Arbeiters erregte am Richtertische allgemeine Heiterkeit. Als dann aber Rechtsanwalt Liebknecht zum Schachtmeister Kolessa sagte, einen so schiver betrunkenen Mann konnte man doch wohl anders abwehren als durch einen so kräftige» Stoß, da bezeichnete der Staatsanwalt diese Bemerkung als eine ins Plaidoyer gehörende Kritik der Zeugenaussage, worauf dann der Verteidiger, um sein Recht zu wahren, in aller Form die Frage an den als Zeugen auf- tretenden Schachtmeister richtete: War es nötig, daß der Mann durch einen fo kräftigen Stoß, daß er fallen mußte, von der Betriebsstätte entfernt wurde?— Das ist nur eine Stichprobe von vielen derartigen Szenen, die sich während der Verhandlung in großer Zahl abspielen. Außer von Mißhandlungen ist auch von groben Kraft- ausdrücken die Rede, deren sich die Steiger im Verkehr mit den Arbeitern bedienen.„Ich schlage Ihnen die Knochen entzwei und drehe Ihnen d a S G e nick uml'—„ I ch schlage Euch mit der Lampe in die Fresse!"— Solche und ähnliche Roheiten lverden den Steigern nachgesagt.— Die als Zeugen vemommenen Arbeiter können nur zum Teil angeben, daß und bei welcher Gelegenheit solche Worte gebraucht sind. Andere Zeugen wissen zwar nichts Bestimmtes, meinen aber, solche Redensarten kommen vor.— Der Staatsanwalt, der Vorsitzende und der Referent gaben der Ansicht Ausdruck, daß solche Redensarten im Verkehr der Bergarbeiter untereinander g e- b r ä u ch l i ch seien. Schließlich werden auch einige Zeugen darüber befragt, ob eS so ist. Sie geben zu, daß das wohl vorkommt, ohne daß man daran denkt, solche Drohungen in die Tat umzusetzen.— Na also— sagt darauf der Vorsitzende— werden doch solche Redensarten nicht als beleidigend aufgefaßt, worauf Rechtsanwalt Liebknecht bemerkt: Wenn das keine Beleidigungen sind, dann könnte man doch fragen: Warum sitzt denn Gärtner wegen Be« leidigung auf der Anklagebank.— Hierauf der Vorsitzende: Ja, das ist denn doch etwas anderes. Rua Inäultrie und Handel. Wir sind die Herren! Die„Franks. Ztg." beklagte sich, daß sie bon der Gelsenkirchener Gesellschaft boykottiert sei, darauf teilt das„Berl. Tagebl." mit, daß auch ihm die Gnadensonne des Herrn Kirdorf nicht mehr scheine. Das Blatt veröffentlicht dazu einen Brief, den eS als Antwort auf eine Anfrage an Herrn Kirdorf erhalten hat. Das für den Kultur- Historiker nicht umntereffante Dokument lautet: „Antwortlich Ihrer gefälligen Anfrage vom 13. d. M. bin ich der Ansicht, daß die Beteiligten der Industrie freiwillig keine Beziehungen zu derjenigen Preffe unterhalten sollen, welche systematisch die Hetzarbeit gegen sie betreibt. Neben der sozial« demokratischen und ultramontanen Preffe zähle ich dazu auch das „Berliner Tageblatt". Hochachtungsvoll gez. Kirdorf." DaS Selbstgefühl des JndustriekönigS spricht auS jeder Zeile, aber der Brief ist auch ein Zeugnis der Erbfeindschaft zwischen Kapital und Arbeit. Zum Teufel mit den Harmoniednseleien! Wer für die Arbeiter eintritt, ist ein Feind deS Kapitals; Interessen- gemeinschast gibt eS nicht I Wir herrschen! Die Lohnsklaven haben zu gehorchen, bedingungslos!-- DaS steht zwischen den Zeilen deS Kirdorfschen Briefes. Und man mag sagen, was man will, die nackte, rücksichtslose Proklamation der Klassenherrschaft, der Diktatur des Kapitals berührt immer noch viel sympathischer als die erlogene, künstliche, rührselige Arbeiterftenndlichkeit joner Leute, die den Arbeiter auf den trügerischen Weg der Harmonieduselei zu locken versuchen, welche Humanität zur Schau tragen, oder sich, von Ich- interessen beeinflußt, fälschlich einreden, das soziale Allheilmittel gefunden zu haben, mit sozialen Pflästerchen und Salben die Klassen- gegensätze vertuschen oder überkleistern wollen. Was Herr Kirdorf rücksichtslos ausspricht, die unüberbrückbare Feindschaft zwischen Kapital und Arbeit, hat den Vorzug der Wahrheit. Anersättlichcr Kapitalismus. Die große Aktienspinnerei in Gau- stadt- Bamberg verteilt für das abgelaufene Geichäftsjahr eine Dividende von 20 Proz. DaS Unternehmen zahlt seinen Arbeitern und Arbeiterinnen außerordentlich schlechte Löhne und die Arbeiter- familien leben daher im tiefften Elend, oft haben sie zum Mittag- essen nur Kartoffeln und Kaffee. Aber die 20 Proz. Dividende sind den Aktionären»och nicht genug. Da auS den heimischen Arbeitern kein höherer Entbehrungslohn mehr herausgeschunden werden kann. werden jetzt italienische Arbeiterinnen in Massen importiert, die zum halben Preise arbeiten. Um die Leute mit den einheimischen Arbeitern nicht in Berührung kommen zu lassen, werden sie in einen, Neben- gebäude der Fabrik untergebracht, wo sie auch schlafen und ihr Essen kochen müssen. Das ist das Wiederaufleben der Sklaverei, verschärft durch die kapitalistische Hungerpeltsche, die an schmerzhafter Wirksamkeit durch kein Marterinstrumeilt überboten werden kann. Der„Phöniz" steigt! Der„Phönix". Bergbau- und Hütten-Mien- gesellschaft, der in de» letzten drei Jahren 8 Proz.. 0 Proz. und 9 Proz. Dividende verteilte, erzielte für das erste �nnester des neuen Geschäftsjahres einen das vorjährige Ergebnis der gleichen Periode um 1300 000 M. übersteigenden Ueberschuß. Segen der Arbeit— anderer I Der Unio»- Sumpf. Die Generalversammlung der Mtien« gelellschaft Union-Dorttnund genehmigte die Erhöhung de? Atticli- kapitals. Die Begründung des Antrages der Verwaltung auf Kapitalserhöhung bietet einige interessant« Punkte. ES wurde be- tont, daß in den letzten Jahre» 8'/- Millionen Mark für Neuanlagen verwendet worden sind. Damit hätte eS sich schon schaffen lassen, daS Unternehmen technisch auf die Höhe zu bringen. Wer das voraussetzt, dürfte sich eines Tages wohl betrogen sehen. Es wurde nämlich bei Erörterung über den Stahlverband ausgeführt, daß wenn die Verbände, an denen das Werk interessiert ist, späterhin versagen sollten, die Union darauf bedacht sein müsse, ihre maschinelle» Anlagen den modernen Anforderungen anzupassen und die Selbstkosten zu verringern. DaS besagt: D,e Verbände konser- vieren rückständige Einrichtungen und wenn eines Tages die tech- nische Höhe der Produktion allein entscheidet, dann wird der Dort- munder Dumpf sich austun— um Millionen zu den anderen verschwinden zu lassen. DonnerSmnrckhütte. Obwohl im letzten Geschäftsjahr viele vor- richtungSarbeiten zu bewältigen waren, schließt die Gesellschaft doch mit einem höheren Gewinn ab. init3732200 M. gegen 8078991 M. in 1904. Die zur Verteilung gelangende Dividende beträgt 14 Proz.; 00339 M. Tantieme erhalten die AuffichtSratSmitglieder. Slngegangene Druck IcKriftm Wochenschrift für Soziale Medizin. Nr. 12. Herausgeber. Dr. R. Lennhoff. Preis: Viertels. t.K) M., Einzelnummer 80 Ps. Verlag: .Gutenberg"«Druckerel, Berlin W. 35. Dr. Fr. Hoeniger. Berliner Gerichte. Band 24 der Großstadt- Dokumente. Preis l M. Verlag: H. Seemann Nachf., Berlin. Leipzig. Teures Fleisch— billige Seefische!! Bester Fleischersatz, schmackhaft und durch hohen Nährwert sich auszeichnend! 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Köpenickcrstraffc 143, 6825 SO Malergehülsen, tüchtige, ver- langt Emil Höborn, Eiscnacher- straffe 25. 673b Graveurlehrling verlangt Wolter, Kommandantcnfwaffe 53,_ 6866 Plättcrtiinen auf gereinigte und aesärbte Damengarderobe gesucht, SNtcnbergs Färberei, Weiffensee, Lang- banSstraffe 4._ ff138* Zeitiiiigosraueu sofort verlangt Prinzenstraffe 41. 103/17* Zeitungsfrauen finden daqcnide Beschäftigung, /Tour Mauerstraffe.) Meldungen Schützeustraffe 22. 103/18* Im Arbeitsmartt durch besonderen Druck hervorgehobene Anzeigen kosten SO Pf. die Zeile. 106/16 Für das am Nonnendamm neu er- richtete Werk Bogenlanrpensabrik der Stemens ii, Schuckert-Werke Aktiengesellschaft werden gesucht für den Hontminvercin: 1 liagcrhalter, 1 Kassiererin, 1 Itamscll, 1 Köchln, welche mit Dampf kochen kann(sür 800 bis 1000 Per- sonenl, I Blerabuleher, 8 Hanstliener, 1 Schliichtcr, 4 KUrhcnmfidchcn zur Einstellung in der Zeit vom 1. bis 15, April, Bewerbungen sind schriftlich zu richten an Zlax Hypnicwskl, Siemens u, Schuckert-Werke, Ehar- lottenburg, Franklinstraße, Dentsllitr Suchbindtr-Vtrbaud. (Zahlstelle Berlin) Wegen Lohndifferenzcn Ist daS Personal der Firma frite Leenatdin, Luxuspapicrffabrik, Köpenickerstr. 112, entlassen worden, 23/12 Der Betrieb ist sür Goldschnitt- macher. Luxuspapicr- und Karto- nagcnarbeitcr und-Arbeiterinnen, Präger und Präger! nncn, sowie Monogrammprägcrinnen gesperrt, Die Ortsversvaltang. Verantwortlicher Redakteur; Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Redahtion und Expedition: Berlin, Clndcnltr. 69. fcrnlprcicr: Amt IT. 198J. I Nr. 69. Freitag, den 23. Marz 1996.| Inserat« Secftsgclpaltcne Rolonelzelle 26 Plg. Bei größeren Hufträgen entfprecDenden Rabatt. partei-Hngclcgcnbcxtcn. Nieber-Schönhause«. Sonntag, bcn 25. März,: eine Flugblattverbreitung in großer Anzahl daran Tür. Den Genossen zur Nackricht, daß am /z8 Uhr von D ü ck e r. Eichenstr. 70 auZ stattfindet. Es ist Pflicht der Genossen, sich zu beteiligen, die Stichwahl steht vor der Das Wahlkomitee. Rudow. Die nächste Mitgliederversammlung des Wahlvereins findet am Sonnabend, 8 Uhr bei Palm statt. Tagesordnung: Be« richterstattung von der Kreisgeneralversammlung.'Vereinsangelegen- Helten und Verschiedenes Pflicht aller Genossen ist es, pünktlich zu erscheinen._ Die Charlottenburger Armen- nnd Waisenpflege. Die Charlottenburger Armendirektion veröffentlicht ihren Bericht für das Jahr 1904, der in mancher Beziehung recht lehrreich ist und auch den Einwohnern anderer Gemeinden, insbesondere den Gemeindevertretern viel Interessantes bieten dürfte. Die Ausgabe des Jahres 1904 weist bei einzelnen Positionen nicht unerhebliche Steigerungen auf, die freilich zum Teil durch die Vermehrung der Bevölkerung um mehr als 12000 bedingt sind. So bei den Ausgabeposten für bare Unterstützungen, für Arzneien und Milch, für die Unterbringung von Geisteskranken. Sehr erheblich angewachsen gegen das Vorjahr sind infolge der verstärkten Fürsorge für Lungenkranke die Ausgaben für die Entsendung Lungenkranker in Heilanstalten, und ferner die Ausgaben an Pflege geldern für Kinder, deren Zahl in fortschreitender Zunahme begriffen ist. In vielen Fällen handelt es sich um eine In pflegenahme wegen Krankheit der Eltern, wegen häuslicher Verhältnisie, die demnächst zur Fürsorgeerziehung führen, usw. Zum Teil ist die Erhöhung der Ausgaben auch bedingt durch die noch immer nicht völlig gehobene Wohnungsnot. Die Preise der kleinen Wohnungen sind auch jetzt noch außerordentlich hoch: dadurch werden vielfach Ex Missionen hervorgerufen, die die Eltern nötigen, wenigstens für eine gewisse Zeit die Kinder der Stadt anHeim fallen zu lassen. Die im Jahre 1904 fortgeführte Feststellung der Mietspreise der Armenwohnungen für 1904 hat bei 142 gezählten Wohnungen von Stube und Küche einen Durchschnittssatz von 20,84 M. monatlich (darunter in 16 Fällen über 25 M., in 3 Fällen über 30 M. monatlich ergeben. Bei weiteren 36 im ersten talbjahre 1905 neu gezählten Wohnungen stellt sich der urchschnittsmietspreis für Stube und Küche sogar auf 21, 24 M. monatlich. Bei den Wohnungen mit Aftermietern sind die Preise noch höher gewesen, für sie betrugen im Vorderhause die Durchschnittsmietspreise 23 und 23,50 M., im Hinterhause 22,70 M. monatlich für Stube und Küche. Das geringe An gebot kleiner Wohnungen— die im November 1904 zu ver zeichnen gewesene etwas größere Zahl leerstehender kleinerer Wohnungen war schon im Mai 1905 wieder erheblich herafr gegangen— in Verbindung mit der Höhe der Mietspreise nötigen naturgemäß die Armenbevölkcrung dazu, sich mit dem denkbar geringsten Raum zu begnügen. Ueberfüllte Wohnungen sind daher keine Seltenheit. Unter 284 Wohnungen von Stube und Küche waren 59 von mehr als fünf Personen, 16 sogar von mehr als sieben Personen bewohnt gewesen; bei den Wohnungen mit Aftermietern ist leider eine Auszählung dieser Personen nicht erfolgt. Familien mit zahlreichen Kindern sind bei dieser Sachlage dauernd noch immer erheblichen Schwierig- leiten bei der Erlangung einer Wohnung ausgesetzt. Vor allem aber ist die Armenvcrwaltung in unverminderter Weise genötigt, wegen der Höhe der Mieten höhere Unterstützungen zu gewähren, als es bei niedrigen Mietspreisen geschehen könnte, ohne daß doch die Armen selbst dadurch etwas mehr erhalten. Eine weitere Vermehrung der Ausgaben ist durch die verbesserte Fürsorge für Lungenkranke entstanden. Dieser Frage ist auch im Jahre 1904 weiter besondere Auf- merksamkeit gewidmet worden. Die Armenpflege hat dabei wie bisher mit der Lungenkrankenfürsorge vom Roten Kreuz des Vaterländischen Frauenvereins ständig Hand in Hand ge> arbeitet. In den Lungenheilstätten sind im Jahre 1904 ganz oder teilweise auf Kosten der Armenverwaltung 243 Personen behandelt worden, für die die Kosten für die Armen- Verwaltung 40828 M. betragen haben. 7 nicht mehr heilbare Lungenkranke sind mit einem Kostenaufwand von 1682 M. in den beiden Pflegeheimen Bergfrieden und Eckardshcim bei Bielefeld verpflegt worden; für Weib liche nicht mehr heilbare Lungenkranke fehlt leider noch immer ein Pflegeheim. ab- genkranke, be- tragen. Zum erstenmal war eS im abgelaufenen Jahre mög» lich, mäDiliche Lungenkranke auch im Winter in der Erholungsstätte Eichkamp unterzubringen, die als erste solche Stätte auch für den Winterbetrieb eingerichtet worden ist. Mit dem 1. April 1905 ist von der Armenverwaltung ein besonderer Vertrauensarzt stür Tuberkulose angestellt worden, der alle für die Heilstätten bestimmten Personen untersucht und sie nach der Entlassung aus der Heil- stätte in regelmäßigen Zwischenräumen nachuntersucht. Ihm ist zugleich die Leitung der am 1. April 1905 eröffneten, mit der Lungenkrankenfürsorge vom Roten Kreuz zusammen- arbeitenden städtischen Fürsorgestelle für Lungenkranke über- tragen worden. Auch der Bekämpfung des Alkoholismus ist weitere Aufmerksamleit gewidmet worden, acht Personen sind in Trinkerheilstätten behandelt worden. Die vom Rcgieruugs rat Ouensel verfaßten Alkoholmerkblätter sind durch die Armen kommissionen an alle laufend Unterstützten und durch den frei willigen Erziehungsbeirat an seine männlichen Pfleglinge ver teilt worden. Der Prozentsatz der Unterstützungen zur Bevölkerung ist im Berichtjahr gegen 1903 etwas gesunken, von 3,04 auf 2.98. Die Zahl der laufend unterstützten Personen ist dagegen von 2500 im Jahre 1903 auf 3004 gestiegen. Unter ihnen befinden sich nur 758 Männer, dagegen 2246 Frauen, unter den überhaupt Unterstützten nicht iveniger als 1919 Witwen. Ursache der Unterstützung sind bei den laufend Unterstützten auch in diesem Jahre überwiegend Krankheit, Altersschwäche, Gebrechen, Tod des Ernährers, allein oder in Vev bindung mit anderen Ursachen gewesen: Auf sie entfallen nicht weniger als 2487 von den 3004 Fällen. Die Annahme, daß in übermäßig großer Zahl eheverlasscne oder getrennt lebende Frauen unterstützt würden, hat in den Zahlen keine Bestätigung gefunden; die Zahl solcher laufend unterstützten Frauen hat nur 317 betragen. Auch die früher gehegte Annahme, daß im Uebermaße ältere Angehörige von ihren jlindern und Schwiegerkindern nach Charlottenburg hingeholt werden, um dort die Wohltaten der Armenpflege zu genießen, erweist sich als nicht süchhaltig. Im ganzen sind nur 231 Frauen und 42 Männer, die bei Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen und Schwiegertöchtern wohnen, laufend unterstiitzt werden. Sehr erfreulich ist die geringe Zahl der Unterstützungen wegen Arbeitslosigkeit; nur 31 solche Fälle sind gezählt worden. Im ganzen ist die Gesamtausgabe pro Kopf der Ein wohnerzahl von 1886 bis 1904 von 1,79 auf 4,32 M. ge> stiegen. Trotzdem sind die Ausgaben prozentual niedriger als in einer großen Reihe anderer Gemeinden, vor allem in Berlin. Was ergibt sich aus dem Bericht? Einmal, daß die Ausgaben der Armenverwaltung erheblich angewachsen sind infolge der verbesserten Armenpflege, sodann aber, daß mit dem Augenblick, wo die Gemeindeverwaltungen wirklich vorbeugende Armenpflege auf allen Gebieten treiben würden, die Ausgaben wieder abnehmen. Das gilt be sonders für die durch Wohnungsnot, Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit hervorgerufene Notlage. Es hat keinen Zweck, stets und ständig über die zunehmenden Ausgaben zu klagen; viel angebrachter wäre es, zu verhindern, daß die Leute in Not geraten und der Armenverwaltung anHeim fallen. Läßt sich das Ziel auch innerhalb der kapitalistischen Wirtschafts- ordnung nicht erreichen, so wäre es doch bei gutem Willen leicht möglich, wenigstens einen Teil der Ausgaben zu er sparen— nicht, indem man den Armen weniger gewährt als heute, sondern indem man vorbeugende Anuenpflege treibt. Hierauf hinzuwirken, ist vor allem die Pflicht der sozialdemo kratischen Gemeindevertreter. Vorort- I�acdricdten. Zw Semelnäetvadlbetvegung. Tegel. Auch für Tegel sind nun die Gemeindewahlen öffentlich ausgeschrieben. Die für uns in Betracht kommende dritte Abteilung wählt am Dienstag den 27. März von vormittags 11 bis abends 8 Uhr im Rabitzschen Saal(Alter Krug). Hauptstr. 14. Zu wählen ist ein Nichtangesessener. Es soll dies der zweite sozialdemokratische Vertreter im Tegeler Gemeindeparlament werden, daher ist es Pflicht eines jeden wahlberechtigten Genossen, an die Wahlurne zu treten und seine Stimme nur dem Kandidaten der Sozialdemokratie, dem Genossen Max Lichtenberg, zu geben. Die festgesetzte Wahl zeit ermöglicht es einem jeden, seiner Wahlpflicht zu geniigen. Also auf zum Kampf und Sieg l Das Wahlkomitee. Friedenau. Die Gemeindewahl sollte bekanntlich am 20. März staltfinden; sie hat nun aber eine Verspätung erfahren, indem die Firma Haasenstein u. Vogler an den Anschlagsäulen das Datum falsch angegeben hatte. ES mußten, wie der Bürgermeister in der letzten Gemeindevertretersitzung ausführte, die 2500 Wähler der dritten Klaffe durch Postkarten benachrichtigt werden. Für die dadurch entstandenen Unkosten soll die Firma verantwortlich gemacht werden. Die Wahlen finden nun am 27. und 28. März statt. Die Unsinnigkeit des zu den Gemeindewahlen geltenden Drei- fiaffenwahlsrislems erhält durch die in Schönerlinde statt gefundene Wahl einen netten Beitrag. Dort sollten an Stelle des Herrn Dr. Schneider und des derzeitigen Gemeindevorstehers Schmidt zwei Gemeiudevertreter in der ersten Wählerklaffe gewählt werden. Es erschien aber niemand zum„Wahlakt� und so konnte die Wahl nicht stattfinden. Uebrigens ein BeioeiS, welches Interesse manche Kreise an der Entwickelung der Gemeinde nehmen. Wahlergebnisse. Reinickendorf. Bei den gestrigen Gemeindewnhlen eroberten unsere Genossen das letzte noch fehlende Mandat der dritten Wählerklasse. Unser Genosse Schiller erhielt 348 Stimmen, der gegnerische Kandidat Stoß blieb mit 206 Stimmen im Hinlertreffen.— Wir machen unsere Wähler der zweiten Wähler» klaffe noch darauf aufinerffam. daß für sie die Wahl heute nach- mittag von 3—5 Uhr stattfindet. Tue jeder seine Pflicht, damit wir auch in dieser Wählerklasse Bresche legen können. Zehlendorf. Die gestrigen Gemeindewahlen, die bei einer sehr starken Beteiligung stattfanden, brachten für unseren Genossen S ch e l e r im ersten Bezirk 12g Stimmen, den Gegnern 169 Stimmen. Im zweiten Bezirk erhielt Genosse Göhrs 170 Stiminen, der Gegner Hammer 214 Stimmen. Im ersten Bezirk findet Stichwahl statt, zu der wir ersuchen, mit allen Kräften zu agitieren, um dem Genossen Scheler zum Siege zu helfen. Groß-Besten. Bei der am 21. März stattgefundenen Stichwahl wurde unser Genosse Julius Rölke mit 26 gegen 12 Stiminen gewählt. Auch in Kleiu-Besten siegte unser Genosse mit 13 gegen 4 bürgerliche Stimmen. Trotz aller Saalabtreibereien marschieren nun die ersten Genossen ins Gemeiudeparlament und werden das in sie gesetzte Vertrauen in jeder Weise rechtfertigen. Charlottenburg. Tot in seinem Bette aufgefunden wurde gestern vormittag daS etwa 22jährige Dienstmädchen Anna Duwe. Das bei einer Herr- schaft in der Bleibtreustraße 20 bedienstete Mädchen, das als sehr lebenslustig im Hause bekannt war, erschien gestern vormittag nicht zur Ausführung seiner Obliegenheiten. Als man nach der Ursache forschte, fand man das Mädchen tot im Bette auf. Da ein sofort hinzugerufener Arzr die Todesursache nicht feststellen konnte, wurde die Leiche von der Polizei beschlagnahmt und dem Schauhause über- wiesen. Die Obduktion wird das Nähere ergeben. Rixdorf. Genossen! Nur wenige Tage trennen uns noch von den Wahlen zu den Gewerbegerichten. Versäume niemand, sich die Legitimatton von der Polizei zu holen. Gleichzeitig machen wir auf die heute abend 8 Uhr im Lokal von Thiel, Bergstr. 151/162, stattfindende öffentliche Versammlung aufmerksam, in welcher Genosse Adolf Ritter über die Bedeutung der Gewerbegerichte sprechen wird. DaS Gewerkschaftskartell. Mitgliederversammlung vom 20. März in Hoppes Festsälen. Daß sich die Rixdorfer Arbeiterschaft die Beleidigungen der Herren Beiß und Konsorten nicht so ohne weiteres gefallen lassen, bewies der außerordentlich starke Besuch der Versammlung. Genosse B ö s k e hatte das einleitende Referat übernommen. Redner ging in kurzen Zügen auf einzelne Punkte bei der Etatsberatung zum Stadthaushalt ein, dabei selbständlich die„soziale Fürsorge" unserer bürgerlichen Stadtväter ins rechte Licht rückend. Hauptsächlich seien die Armenpflege sowie die Verkehrs- Verhältnisse dringend der Verbesserung bedürftig. Die Fahrt auf der Stadt- und Ringbahn sei des Morgens geradezu lebensgefährlich; in den Wagen dritter Klaffe seien die Passagiere eingepfercht, ivährend die zweite Waaenklasse fast leer fahre. Wenn bis jetzt kein Unglück vorgekommen, sei dies lediglich der Besonnenheit der Ar- beiter zu danken. Entweder müßten die Wagen zweiter Klasse durch solche dritter Klasse ersetzt, oder auch dem großen Verkehr frei- gegeben werden. Während vom Magistratstische diese Mißstände zum größten Teile zugegeben, wurden sie von bürgerlicher Seite direkt in Abrede gestellt.— Hier gefiel sich besonders Herr Beiß, der ja durch sein eigenartiges Austreten nicht nur bei der Arbeiterschaft, fondern auch bei seinen„Freunden" rühmlichst bekannt ist, darin, dem Fiskus rettend zuzuspringen. Die zweite Wagenklasse ist nach diesem Herrn notwendig, um Schutz vor Anrempelungen seitens der Arbeiter suchen zu können. Die Sozialdemokraten möchten ihre Leute besser erziehen, denn diese seien bisweilen sehr ungezogen, dann würden sie auch ihre Eltern besser unterstützen und nicht der Armenpflege zur Last fallen lassen. Wenn sie die Macht hätten, würden sie es genau so machen, wie in Rußland, den Besitzenden alles wegnehmen und selbst vergeuden. Daß die Begehrlichkeit der Arbeiter eine immer größere werde. schiebt der Herr auch der Regierung in die Schuhe, die durch den herrschende» Humanitätsdusel dieselbe nur fördere. Es stehe auch nirgends geschrieben, daß wir Kinder»ach der Sommer- Heilstätte schicken müssen.— So das Elaborat des Herrn Belß.— Wurde dem Herrn nun schon in der betreffenden Stadtverordnetensitzung seitens unserer Genossen klar gemacht, wie wir ihn einschätzen, in der Versammlung hätte er, wenn er der Ein- laduug stattgegeben, noch ganz andere Dinge zu hören bekommen. Gen. Böske ging mit der Rechten im allgemeinen und Herrn Belß im be- sondereu scharf ins Gericht; denn erstere müsse man mit ver« antwortlich machen, sie stimmen ein Bravogeheul an, wenn einer von ihrer Seite das schäbigste Mittel anwendet, die Arbeiterschaft zu verdächtigen. Wir werde» bei der nächsten Wahl der zweiten Klasse e» an nichts fehlen lassen, den Wählein, besonders den kleinen Geschäfts- leuten über diese Herren die Augen zu öffnen. Ge». G r o g e r führt aus, daß wir uns nicht mit Belß beschäftigen würden, wenn er der einzige wäre, der so spricht, wie er denkt; er sei das Sprachrohr seiner Partei. Man müsse die Arbeiterschaft mehr mit der Kommunalpolittk vertraut machen. Die Bürgerfchaft muß eS wissen, daß sich die Herren der Rechten allen Verbefferuugsauträgen gegen- über, aus den nichtigsten Gründen ablehnend verhalten. Redner regt den Gedanken au, daß gleich den Hausbesitzern auch die Mieter sich der schwarzen Listen bedienen sollten, denn wie erstere sich die Mieter aussuchten, hätten letztere daS Necht, in der Wahl ihrer „Hausherren" etwas wählerischer zu sein. Nachdem sich noch die Genossen Conrad und Köcher im Sinne BöSkeS ausgesprochen, gelangte eine entsprechende Resolution einstimmig zur Annahme. Zu Pnntt 2: Berichterstattung von der Kreisgeneralversammlung referierte Genosse Zirkel.— Die Genossen Scholz und Conrad können sich nicht mit der Ablehnung des K 5 betr. die Vertretung der einzelnen Wahlvereine bei der Generalversammlung einverstanden erklären und wird ein Antrag angenommen, mit den größeren Orten des Kreises zwecks einer Belprechung, zu der der Zeulralvorstand sowie Genosse Zubeil geladen werden sollen, in Verbindung zu treten. Genosse R ei n ke wünscht, daß der Vertreter des Kreises in der Neunerkomiuission sich auch einmal in Rixdorf sehen lassen möchte, um den Mitgliedern über die Geballsregulierungen im „Vorwärts" Kenntnis zu geben. Unter Vereinsaugelegenheiten wird vom Genossen Heinrichs auf die am 25. April stattfindende Urania- Vorstellung ausmerksam gemacht. Genosse F i n k e l teilt mit, daß in der Münchenerstr. 25 eine Geuosseufchastsbäckerei eröffnet wurde, und ersucht um Unterstützung derselben. Mehr als fünfzig Fahrräder gestohlen. Ein äußerst gefährlicher Fahrradmarder, welcher Fahrraddiebstähle fleißig als Geiverbe betrieb und der hauptsächlich die westlichen Stadtteile unsicher machte, ist jetzt durch die Kriminalpolizei verhaftet worden. In der Neuen AuShacherstraße in Schöneberg beobachtete gestern ein Knininal- beamter, wie sich ein junger Mensch aus ein unbeaufsichtigt stehen gelassenes Fahrrad schwang und mit seiner Beute davonfahren wollte. Der Beamte kam ihm jedoch zuvor und verhaftete ihn. Auf der Polizeiwache entpuppte sich der Festgenommene als der ehemalige Lackierer Richard Schmidt aus der Wanzlickstraße 4 in Rixdorf. Es wurde sofort in seiner Wohnung eine Haussuchung abgehalten, und in der Werkstatt des Sch. fand man etwa 50 zerlegte, und drei vollständig neue Fahrräder vor. Der Dieb hatte sämt- liche gestohlenen Räder auseinandergenommen, die einzelnen Teile vertauscht und den dann wieder zusammengesetzten Maschinen einen neuen Anstrich gegeben. Auf diese Weise war es niemals möglich, ein gestohlenes' Fahrrad wiederzuerkennen. Die Kriminalpolizei hatte Sch.. dessen Bruder gleichfalls ein gewiegter Fahrradmarder ist, schon längst im Verdacht gehabt, sie vermochte ihn jedoch nicht jn vverführen, da die don ihm verfauften Raber nicht mit den im Verzeichnis enthaltenen gestohlenen Maschinen übereinstimmten. Jedenfalls hat Sch. außer den bei ihm vorgefundenen Fahrrädern noch mehr Zwciräder gestohlen. �riedrichsfelde. Die Wohnungsverhältnisic der bei den hiesigen KonalisationS arbeiten beschäftigten Ausländer haben bei unserer Behörde, wie es scheint, noch nicht die nötige Ausinerksamkeit auf. sich gelenkt. Als im vorige» Jahre anläßlich der Entwässerungsanlogen unsere Genossen auf die mißlichen Wohnverhältnisie der ausländischen Arbeiter hinwiesen und Abhülfe forderten, wurde die Beseitigung dieser Mißstände versprochen,— Den Unternehmern wurde auf gegeben, möglichst hiesige Arbeiter zu beschäftigen und bei Heraw ziehunei fremder Arbeiter für gute Unterkunftsräume Sorge zu tragen. Vor zirka 6 Wochen sind nun eine ganze Anzahl italiciiischcr Arbeiter herangezogen worden, die erwünschten Unterkunftsräume aber waren nic'.i vorbanden. Man wies de» Arbeitern Heuböden, Ställe usw. zu vorlSnfiger Unterkunft an. Als diese Angelegenheit unter der hiesigen Bevölkerung Staub aufzuwirbeln begann, erschien die Behörde und gab dem Unternehmer auf, entweder Baracken zu bauen oder aber die Arbeiter wieder zu entlassen. Einige Tage darauf berichteten die beiden Ortsblättchen, das Karlshorster sowohl wie auch das Friedrichsfelder, daß die Firma Bruck u. Schlee für die Kanalisationsarbeiter habe Baracken aufstellen lassen; sie seien äußerst solide aufgebaut und so gut ein- gerichtet, daß jedem Bedürfnis Rechnung getragen sei. Nach dem Hymnus dieser Ortsblättchen konnte man glauben, die Sache sei in schönster Ordnung. Nicht trauend des Lobes haben nun einige Genossen vor vierzehn Tagen die Baracken besichtigt und gefunden, daß in Karlshorst nicht eine Baracke, sondern sechs Ställe von höchstens 1t Quadratmeter Grundfläche und zwei Meter Höhe errichtet sind, ES sind die gewöhnlichen Baubuden, Das Licht wird durch ein einziges Fenster von der Größe eine? halben Quadrat meterS gespendet. DaS sind nun die nach den Ortszcituugen jedem Be dürfnis Rechnung tragenden Wohnbaracken. Fürwahr eine schärfere Kritik kann nicht geübt werden. Dem Redakteur bezw. Berichterstatter kann nur empfohlen' werden, sich zur besseren Information einmal den Sommer über in diesen Räumen aufzuhalten, Die Behörden, die ans sanitären, wie auch aus baupolizeilichen Rücksichten das Bewohnen von Lauben usw. verbieten, würden gut tun. auch hier einmal Umschau zu halten, ob den erforderlichen Vor schriften Genüge geleistet ist. Pankow. Heute Freitag, nachmittags 4V, Uhr, wird die Leiche unseres seit dem 6, Februar er. vermißt gewesenen Genossen Gustav Bolle zur letzten Ruhe gebettet werden. Auf welche Art der unglückliche junge Mann umS Leben gekommen, ob durch Unglück oder Ver« brechen, ist nicht festgestellt worden. Die Leiche wurde am 17. März aus dem Nordhafen gezogen. Zahlreiche Beteiligung bei der Beer- digung erwartet Der Vorstand. Lichtenberg. 193 901 M. 11 Pf. weist die für das Jahr 1904 zur Dechargierung gekommene JahreS�echnung für die Gemeinde als„Ueberswuß"' auf. Die Umsatzsteuer brachte ein Mehr von 130090 M,. die Gemeinde- einkommensteuer ein Mehr von 26 000 M, Daß die Armenlasten gegen den Voranschlag um 13000 M. zurückgeblieben sind, wird in allen Tonarten seitens der„Satteir* gefeiert. Bezeichnend für die „Auffassung" der Gemeindepflichten den Unglücklichen gegenüber, die„der Armut" verfallen sind, war der„öffentliche Dank", den ein Gemeindevertreter der ersten Wählcrllaffe»den am Orte wirkenden Wohltätigkeitsvereinen" abstattete, Ober-Schöncweide. Di« letzte GemeinderatSsitzung hatte sich zunächst mit dem Wahl- Protest unserer Genoffen zu beschäftigen. Genosse Grunow be� gründete denselben und richtet er sich namentlich gegen die FesP stellung der Zahl der zu wählenden Ansässigen und Nichtansässigen. Nach längerer Debatte lvurde der Wahlprotest gegen drei Stimmen al« nicht begründet abgelehnt.— Der Antrag unserer Genossen auf Abänderung der AmtSbezirkSgrenzen. welcher von einer Kommission vorbcraten ist, wurde abgelehnt mit der Be gründung. daß die inaßgebende» Körperschaften diesem Antrage doch nicht staltgeben würden.— Gegen die Anregung deS Herrn Feld- mann, ha li S wirtschaftlichen Unterricht in den Lehrplan der Schule aufzunehmen, ist seitens der Lehrerschaft Protest eingelegt worden.— Der Antrag der Gemeinde, das I ni p f g c s ch ä f t ortsansässigen Aerzten zu übertragen, ist vom Bezirksausschuß sonderbarerweise abgelehnt worden,— Bei dieser Gelegenheit wurde vom Vorsteher auf Anfrage festgestellt. daß nach der letzten Volkszählung die Gemeinde im Kreistage Anspruch auf vier Sitze habe. Bisher war die Genreinde dort nicht vertreten.— Ein Antrag, die Wilhelminenhofstraße stückloeise mit demselben Pflaster umznflastern, wird von den meisten Vertretern als unzweckmäßig bekämpft und abgelehnt,— Vom Vorsteher wurde mitgeteilt, daß die K a t h o l i l e n sich dem Be- schlusse der Vertretung, die Einrichtung der katholischenSchule zum 1. April 1906 betr., nunmehr fügen wollen.— Die Anträge auf Vermehrung der Zahl der Gemeindevertreter und betreffs der Vergebung von Gemeindearbeiten an Mitglieder der Gemeindevertretung werden vertagt. berliner j�ackrickten. Di« Trancrfeirrlichkelt für den verstorbenen Direktor de» Reichs- tagSbnreauS Geh. Reg.-RatS Knack fand gestern inittag um 1 Uhr in dem Sterbehausc, Sommerstraße 7, dem Präsidialgebäude des Reichstags, statt. Kränze hatten niedergelegt, der Reichstag, sowie die beiden Hättser deS Landtages, ferner sämtliche Fraktionen der drei Häuser, darunter auch die wzialdemokratische deS Reichstags, das KriegSministcrium, das RcichSmarineamt, das Offizierkorps des SS. Jnsanterie-RegtS,, bei dem ein Sohn des Verstorbenen als Oberleutnant dient, der Verein Berliner Preise, die Norddeutsche Buchdruckerei und Verlagsanstalt, die Schriftführer, Beamten und Unterbeamten deö Reichsmgs und viele andere mehr. In der zahl- reichen Trauerversammlung bemerkte man den HauSminister von Wcdel-PieSdorf, den SiaatSminister Grafeu v. PosadowSty, die Präsidenien und Vize-Prästdenten des Reichstags, des Herren- und Abgeordnetenhauses mit Ausnahme deS Grasen von Stolberg-Wer- nigrrode, und zahlreiche Abgeordnete, die sozialdemokratische Fraktion wurde durch Bebel. Singer, Stadthagen und Psanukuch vertreten. Der Reichskanzler hatte mit seiner Vertretung den Chef der Reichs- kanzlei v. Loebell beauftragt. Die Beisetzung erfolgte auf dem alten Dreifaltigkeitskirchhof an der Barnther Straße. Der zweigleisige Ausbau der Nordbahn ist nunmehr in Aussicht genommen und soll zunächst bis Löwcnberg durchgeführt werden. In erster Reihe wird jedoch die Strecke HermSdorf-Oranienburg das zweite Gleis erhalten, da eine weitere Ausdehnung des Vor- ortverkehrs besonders für den SonntagSfahrplan in Aussicht ge- nommen ist. Der Bau deö zweiten Gleifcö bis Löwcnberg wird bedingt durch die starke VerkehrSzunahme. die besonders an Sonn- abcnden so bedeutend ist, daß schon seil längerer Zeit Sonnabends und Montags für den Abend- reip. Frühvcrkehr Borzüge ein- gelegt werden mußten. Außerdem hat sich auch eine Erweiterung deö regelmäßigen Fahrplans als notwendig erwiesen. Die Eröffnung der Personenschiffahr» auf dem TSmerktz- und Kalksee ist für nächsten Sonntag in Aussicht genommen. Bei günstigem Wetter werden die regelmäßigen Dampferfahrten zwischen Erkner— WoltcrSdorfer Schleuse— Kalkbcrge, und zivar mit Anschluß an die Vorortzüge, stattfinden. I verantwortlicher Redakteur: HanS Weber, Berlin, Für den Der verbesserte GcschSftSvericht. Herr Direktor Micke war so liebenswürdig, auf der General- Versammlung der Großen Berliner Straßenbahngesellschast den „Vorwärts" zu berichtigen. Dannt nicht genug I Da wir für seinen Versuch nicht das ihm erwünschte Verständnis bekundeten, sondern aus dem unS übersandten Geschäftsbericht nochwiesen, daß die darin enthaltenen Angaben die Korreklhcit unserer Berechnung ergeben, regulierte die Verwaltung uns mit einer Berichtigung, in der so- wohl die Angriffe ans den„Vorwärts", als auch die Berechnungen des Herrn Micke über Gewinn- und Lohnqnoten aufrecht erhalten wurden. Und man berief sich ausdrücklich auf den Geschäfts- bericht. Es mußte demnach eine verbesserte Auflage vor- Händen sein. DaS konstatierten wir sofort und so ist es! Doch zunächst geben wir zum besseren Verständnis hier nochmals der Be- richtiguna Raum. Sie lautet: „In der Ausgabe Ihres geschätzten Blatte? vom 10. d. M. bestreiten Sie die Richtigkeit der von Herrn Ministcrial- dircktor a. D. Dr. Micke in unserer Generalversammlung mit- octeilten Berechnung deS Verhältnisses der ausgegebenen Lohn- summe zu dem Gewi»» der Aktionäre. Es entfallen demnach auf 1 M. Lohnsuinme 69 Pf. verteilte Dividende. Dieies Verhältnis ergibt sich daraus, daß für die Zahlung der Dividende von ViX Proz. auf ein Aklienkapital von 100 082 400 M. ein Betrag von 7 766 386 M. entfällt und nicht von 0 292 204 M.. wie Die in Ihrem Artikel anführen. Letztere Zahl ist, wie aus dem Wort- laut unseres GeschäfiSberichteS hervorgeht, der Vriittoreingewinn. von dem erst die Abschreibungen in Abrechnung gebracht werden müssen, bevor man die für Dwidendenzahlung verfügbare Summe erhält. Ferner halten Sie Ihre Angabe aufrecht, daß die Jahres- durch! chnittSlohnsumme 991 M. betrüge. Diese Zahl ist unrichtig. Sie ergibt sich, wenn man die bei der Großen Berliner Straßen- bahn entstandene Endsumme deS Lohn- und GehallkantoS durch die Zahl von 8496 Beschäftigten dividiert. In dieser Zahl sind zcdoch, wie auf Seite 12 unseres Geschäftsberichtes hervorgehoben, 476 Personen enthalten, die bei der westlichen und südlichen Berliner Vorortbahn beschäftigt sind. Deren Gehälter werden von diesen Gesellschaften unserer Unternehmung erstattet, müssen daher abgezogen werden. Ferner sind die Löhne und Gehälter der bei der Unterhaltung der Wagen, bei der Hof- und Bahn- rcinigung, sowie der Jnventarnnterhaltnng usw. beschäftigten An- gestellten und Arbeiter auf die beteiligten Nebenkonlen verbucht. erscheinen daher ebenfalls nicht in der Lohn- und Gehaltssumme von 8 423 03V.S7 M. Auch dieS ist auf Seite 12 bemerkt. Mit Berücksichtigung dieser Korrekturen ergibt sich die von uns be- rechnete DnrchschnittSlohnsiimme von 1400 M." Unsere erste Kritik erschien am 16. Februar; sie fußte auf den uns zugesandten Berich!, der kein Wort von den in der Bericht! guug angezogenen Erlänterimgen enthält. Am 23. Februar, also eine Woche später, ist dann wirklich ein erweiterter Bericht herausgegeben, der in einem besonderen Kapitel die vermerkten Hin weise e'nthätt. Aber an Hand des Berichts müssen wir die Berech nunßen des Herrn Micke als völlig inkorrekt zurück- Welsen! Zur Illustration, wie leichtfertig Herr Micke in feinen Be hauplungen ist, diene folgendes: Er sagt in der Berichtigung, von der von unS als Reingewinn bewerteten Summe von 9 202 204,23 M. müßten noch die Abschreibungen in Abzug gebracht werden. Wir vermuten, Herr Micke hat auch eine verbesserte Bilanz zur Der fügnng. Nach der im verbesserten Geschäftsbericht enthaltenen Bilanz betrug nämlich der Bruttogewinn tb 959 80t, 14 M. und nach Abzug aller Zinsen und Abgaben, einschließlich 1 871 908,85 M. für„Gesamt- adschrcibungrn, einschließlich der Tilgnngsquote auf daS 3'/, Proz. und 4 Proz. Obligalionskapital". verbleibt ein Reingewinn(I) von 9 292 204.23 M. Hinzu kommt noch der Vomag au« dem Jahre 1904 mit 14 008.41 M. Der Reingewinn gibt ab: 463 009,79 M. für die Spardose genannt Reservefonds. 681 263 M. Tantiemen. 377 789,12 M. Gewinnanteil der Stadt Berlin, 7 756 886 M. Dividende und 12 855.53 M Vortrag auf neue Rechnung. Nach dieser Probe könnten wir schließen, wollen aber noch an den anderen Angaben des Herrn Micke zeigen, wie vorsichtig man solche Berechnungen genießen muß. Der ver« besserte Bericht enthält nicht den geringsten Nachweis über Ein stellung und Absetzung der au die 476 bei Vorortbahnen Be- schäftigten gezahlten und von den resp. Verwaltungen wieder eingezogenen Löhuc, ferner fehlt jeder Nachweis über die Höhe der angeblich auf Nebenkonten gebuchten Lohnsummen. Infolge desicn entzieht sich die Berechnung deS Herrn Micke der konkreten Nach- Prüfung, daß sie aber der Korrektur bedarf, ist sehr schnell nach- gewiesen. Herr Micke gibt an, auf je 09 Pf. Dividende entfalle M. Lohn. Demnach müßte eine Gesamtlohnsumme don 11 241 140 M. eingesetzt werden. Auf das Konto Gehälter und Löhne find 8 423 039,57 M. verbucht. � Der Durchschnittslohn beläuft sich nach der Behauptung des terrn Micke auf 1400 M. Mithin sind an der unter Gehälter und öhne gebuchten Summe 6016 Personen beteiligt. Insgesamt weist der Geschäftsbericht 8496 BesckiSftigte auS. ES verbleibt nach den vor« stehenden Angaben für 24S0 Personen nur noch eine Gesamtlohn- summe von 2 SIS 101 M.. sie müßte nach der angegebenen Durch- schnittSlohnsumme aber betragen 3 472 000 M, Eine Unstimmig- keit l Aber selbst die Summe von 2 818 101 M. ist schwerlich vorhanden, denn die acht in Betracht kommenden Konten weisen einschließlich der sächlichen Ausgaben nur 3 643 343 M. aus. Bei dem Konto: Unterhaltung de« Bahnkörpers stehen die sächlichen Kosten zu den Löhnen wie 10: 1. DaS Gcsamtkonto ist belastet mil 751 166 M. Im Geschäftsberichte sind sodann unter dem Titel: Instandhaltung der Gleise und Pflasterungen 102 313 geleistete Arbeitsstunden angegeben. Selbst wenn man einen Stundenlohn von 75 Pf. einsetzte, würde die Lohnquote erst'/ro der Gesomtposition ausmachen. Nach diesem Verhältnis darf man wohl annehmen, daß vielleicht nur>/, der nach der Berechnung des Herrn Micke erforderlichen Lohnsumme tatsächlich vorhanden ist. Wieder eine Unstimmigkeit I Doch enden wir den Weg der Irrungen und Wirrungen. aus den die Berechnungen und Behauptungen des Herrn Micke führen! DeS Rätsels Lösung ist nicht schwer. Der Herr hat einfach die höheren und höchsten Gehälter der Beamten mit den Bezügen der Schaffner und Fahrer zusammen- geworfen, danach sowohl die Gewinnrate als auch die Durchschnitts- löhne berechnet l!! Die Löhne der schlecht bezahlten Arbeiter sind vollständig unberücksichtigt geblieben. Durch solche Frisuren bekommt man die zur—„Aufklärung" des Publikums und Abinurksung de» „Vorwärts" erforderlichen, mit der Wirklichkeit in Widerfpnich tehenden Durchschnittslöhne heraus. DaS besagt der verbesserte Geschäftsbericht der Großen Berliner.-- Beim Schornsteinfrge« vom Dache gestürzt. Ein schrecklicher Unglücksfall hat sich heute morgen in der Schlciermacherstraße 5 ereignet. Der Schornsteinfegcrlehrling Mittelstedt, welcher bei seinem Meister Pocthke in der Fidizinstraße 13 wohnt, loollle auf dem Hause Schleicrmacherstraste 5 den Schornstein reinigen, verlor da- bei auf dem Dache daö Gleichgewicht und stürzte auS einer Höhe von 5 Etagen auf den Hof hinab. Mit zerschmetterten Gliedern blieb der Bedauernswerte bewußtlos liegen. In fast hoffnungS- losem Zustande wurde er in daS Krankenhaus am Urban ein- geliefert. Selstmordchronik. Selbstmord eines Ehepaare». In ihrer Wohnung in der Passauerstraße 25 wurde der b3jährige «tubcnmaler Moritz Krasemann und seine um 3 Jahre ältere Frau Auguste vergiftet aufgefunden. In einem hinterlasienen Briefe gaben sie Schwermut infolge deS Todes ihre» einzigen KindeS als Motiv zur Tat an. An Einzelheiten wird folgende» mitgeteilt: Moritz Krasemann lebte mit seiner Frau in glücklicher Eh«. Mit schwärmerischer Liebe hing daS Paar an seinem einzigen Kinde. einem 2vjährigen Mädchen, das seit Jahren an der Schwindsucht litt. Als die Tochter trotz aller Aufwendungen, welche die Eltern � für die Wiederherstellung des Mädchens machten, vor einem Moimt i starb, bemächtlgie sich b?r Ekkent eine große Schwermut, die sie um so weniger zu bannen vermochten, als sie keinerlei Verkehr suchten und nähere Angehörige in Berlin nicht besaßen. Nur mit einer Frau M. auS der Schillerstratze zu Charlottcnburg unter- hielten sie einige Beziehungen. Gestern erhielt Frau M. durch die Post einen Brief, in welchem das Ehepaar ihr den Entschluß nntteilte, gemeinsam in den Tod zu gehen, weil sie nach dem Acr- lust ihrer Tochter deS Lebens überdrüssig wären und die auf ihnen lastende Schwermut und Vereinsamung nicht länger ertragen könnten. Frau M. wurde in dem Söbreiben zur Erbin deS Nachlasses eingesetzt und gebeten, die Vorbereitungen zu einem würdigen Begräbnis nach den Wünschen der Verstorbenen zu treffen. Als Frau M. zu der im vierten Stock deS Gartenhauses Pasiauerstr. 25 belegenen Wohnung des Malers K. eilte, fand sie die Türen fest verschlossen. DaS Ehepaar war vorgestern abend zum letzten Male im Hause gesehen worden. Nach gewaltsamer Ocffnung der Wohnung fand man die beiden Elielcute im Bette alS Leichen. Auf einem daneben stehenden Tisch stand ein GlaS Wasser, das Gift—- wahrscheinlich Arsenik— enthielt. Den Trank muß das Ehepaar. das in guten Verhältnissen gelebt hatte, in der Nacht vorher zu sich genommen haben. Die Leichen wurden nach dem Schauhause gebracht. Ein UnglückSautomobil. Mit demselben Automobil, mit welchem sich seinerzeit jener schwere Unglücksfall am Kurfürstendamm er- eignete, bei dem u. a. der Ehausfeur Hummel seinen Tod fand. sind heute in früher Morgenstunde wieder zwei Personen ver- nnglückt. ES wurde dieSmal'von dem Chauffeur Heinrich Lehmann. Neue Steinmctzstraßc 2 wohnhaft, gelenkt. Im Innern deS Autos saß der Kaufmann Rehwald, Kurfürstendamm 62. Als der Kraft- wagen in der dritten Morgenstunde vom Kurfürstendamm in die JoachiinSthalerstrahe hinüberfuhr, schlug er plötzlich wieder um und beide Insassen wurden auf den Strahcndamm geschleudert. Der Chauffeur hatte bei dem Sturze eine stark blutende Kopf- Verletzung davongetragen und außerdem klagte er über heftige Schmerzen am Rücken und an beiden Beinen. R. war mit Schnitt- lvundcn am rechten Knie und an der Hand, herbeigeführt durch Glasscherben, davongekommen. Die ersten Notverbände erhielten die Verunglückten auf der Unfallstation am Zoologischen Garten. Die Schuld an den Unglücksfällen liegt hauptsächlich an dem Auto- niobil selbst. Sobald der Wagen vom Asphalt auf Steinpflaster hinüberfährt, springt er hinten hoch und kippt um. Chauffeur L. will das Unglücksauto nun nicht mehr führen. Der Automobil-OmnibuS 1301 der Linie 4(HallcfcheS Tor— Chausieestraße) versagte gestern bei seiner mittags 1 Uhr zu er- folgenden Abfahrt vom Halleschcn Tor. Der Omnibu« blieb, nach- dem er zirka 30 Meter weit gefahren war, plötzlick, auf der Belle- Alliance-Brücke stehen und verursachte ein nicht geringes Verkehrs- Hemmnis. Alle Bemühungen der Chauffeure an der Luftpumpe und der Kurbelwelle ivaren erfolglos und es mußte der Wagen, um den Verkehr nicht länger zu hindern, in der Richtung nach dem Waterloo- Ufer zurückgestoßen werden. Unterdessen war ein höherer technischer Beamter der Allgemeinen Omnibusgesellschaft eingetroffen und nach dessen Anweisungen gelang eS endlich, den Wagen wieder flott zu machen. Um 1,35 Uhr konnte der Omnibus endlich abfahren. Wem gehört das Kind? Ein kleiner Ausreißer ist gestern in RummelSburg von der Polizei aufgegriffen worden. Der KnirpS ist etwa fünf Jahre alt und gibt an. Hermann Döring zu heißen. Tie Wohnung seiner Eltern vermag der Kleine nicht anzugeben. Er hat vorläufig aus dem Polizeiburcau in RummelSburg Unter- kunft gefunden und kann dort von seinen Angehörigen abgeholt werden. Ein Selbstmordversuch ist gestern abend in dem Hotel Epha. Leipzigerstraße 119— 120, verübt worden. Gestern nachmittag stieg dort die Inhaberin des Kurhauses in Bürz auf Rügen. Frau Johanna R.. ab. Gestern morgen wartete man vergeblich auf das Oeffnen der Tür ihres Zimmers, und al» dies auch im Laufe des Tages nicht geschah, schöpfte mau Verdacht und ließ nach vergeblichem Klopfen die Tür gewaltsam öffnen. Da» Zimmer war vollständig mit GaS angefüllt und Frau R. lag leblos auf dem Bette, der GaShahn war aufgedreht. Es wurde nun die Rettungswache in der Maucrstraße alarmiert und sofort eilten der Arzt sowie der Heil- gehülfe mit ihrem Sauerstoffapparat versehen zur Stelle. Nach längeren Bemühungen waren die Wiederbelebungsversuche mit Erfolg gekrönt. Es liegt zweifellos Selbstmord vor und die Motive dürften auf große Geldverluste zurückzuführen sein. Wege« Arbeitslosigkeit und aus Furcht vor dem Siechtum Selbstmord verübt hat gestern der 64iährige Bürstenbinder Franz Sch. auS der Frankfurter Alle« 135. Schon seit längerer Zeit hatte der Greis großen Arbeitsmangel und sein karger Verdienst reichte nicht mehr dazu hin. um sich und jeine Angehörigen zu unterhalten. Dazu kam noch, daß Sch. von quälender Furcht vor dem Siechtum befallen wurde. In der Verzweiflung griff der Unglückliche zum Strick; er erhing sich in seiner Wohnung, und als man die Tat später bemerkte, war der Lebensmüde bereit» tot. Sozialdemokratischer AgieattonSveretu für de» Wahlkreis NrnSwaidr-Fricdcbcrg. Sonntag, den 25. bs. MlS„ nachmittags 4 Uhr, im Lokal« von A, Docker, Weberftr. 17: Versammlung mit Frauen. Vortrag de» Genossen Störmer über!„Die Interessen de» Proletariats". Landsleute willkommen,_ ßriefharten der Redahttan. H. v. Wenden Li« sich an einen Arzt.— 123. A. 1. Jagdbar. 2. Nein,—®. St. AuSkunit durch da» Sekretariat der verliner Gewerk- lchaftokommission, Engclnler 15, parterre,— R. M. 1. Ja, 2. Indien. — F. S. Machen Sie damit einen Versuch bei dem Dirigenten der Fort» bildungsschulen Herrn Sadowsly, Turmstr, 86.— It. P. 1. China. 2. Nein. — Manuskript. Nein: Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort, da» schwer sich handhabt wie des Messers Schneide.— 91. 101. Jacquerie, stanzösisqer Bauernausstand.— S. St. New. JuriMTther Cell. Sir e Sprechwinde flnvcl liiglich mit SIn?nah«» de««»nnabrndv von 7'V bio O'/, Uhr obrnv« statt. MriiNnr»: 7 llbr. Jeder Antraae ift ei» Buihstab« und eine Zahl al« Merkzeichen beizufügen. Briefliche Äntloori wird nicht erteilt. F. W. l. u. 2. Nein. Erkundigen Sie sich aus dem BezirkSkommand». — ff. H. 65. Sie können lediglich aus Abnahme gegen Zahlung klagen und sollten das baldigst tun.— F. N., Ripdorf. Wenn bewiesen wird, daß bedingungslos w die Aushebung de« Vertrage« gewilligt ist(nicht nur die Bereitwilligkeit zur Aushebung ausgesprochen ist), so ist diese verewbarte Aufhebung gültig.— H.<ö. Ja.— Klara SS. Ja. aber ein Recht aus Ausnahme in ewer Hcilstötte hat niemand, mir die Möglichkeit— P. 1000. Tie können einen Anwalt mit Ihrer Vertretung ermächtigen. Der Bctlagte kann Einwendungen jeder Art erheben.— VI.&, 18. New. — Vorwärts 05. Beschlagnahme ist zulässig und zwar ohne neue Klag«. —&. ffi. 66. 1. Tie können verdienen was immer Ihnen möglich ist. 2. Da« ist nicht möglich.— W. St. 70. 1. Ja. 2. Sri der Einziehung ist der Antrag an den Magistrat zu richten.— B. 44. Rein, nur im ersten Jahr.— M.». v. f.®.*. H.« Rein.—«. S. in Rird. Wenn Sie einen Arrestgrund glaubbast machen können, so können Sie Arreftanirag an daS Gericht richten. Zuständig ist da« Amtsgericht, da c« sin, nach>wrer Schilderung»m dt« Forderung eines Apoldckergebülfen zu handeln icheint.— F.£. 100. Sie haben nicht zu warten, sondern wie wiederholt dargelegt ist, ohne Ladung vor dem Gericht in der Zeit zwllchen dem 29. und 42. Tage Ihre AuSIrlttsertlärung zu Protokoll za erklären.— gf. Ii. 46. Sie könnten WiederNag« erheben und den Beweis der Wahrheit Ihrer Behauptung antreten.— V. K. 47. 1. I». aber Sie können einen Antrag aus Erlaß an di« Steuer veputalion richten.». Rem. Wetter-Prognote ftir Freitag, den LS. März 1006. Zeitweise heiter, aber iühl und veränderlich mit leichten Schneefällen und mäßigen nördlichen Winden. Berliner Wetterbureau. stVasirrsiand am 91. März. Elb« bei»lnlftg 4- W® Meter, brt Dresden+ 2,05 Meier, bei Magdeburg-f 3,78 Meter.— 11 n st t u I bei £ liaußsnrl 4- 3,40 Meter.— Oder bei Ratibor 4-».06 Meter, bei Bi eslaii Oberpcgel ch- 5.38 Meter, bet Breslau llnicrpegct— 1.10 Meter, bei Frantfnrt ch- 2.68 Meter.— W e t ch> e I ort Brabemnndr ch-»,12 Acter.— Warthe bei Posen ch- l.üt Meter.— R e tz e bei Usch— Meter. Inseratenteil verantw.lTH. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: VorwfoS BpAtud�rei«. Perlagsanitalt Paul Singer Sc Co.. Berlin SW.