Nr. 76. itoMiMMfltS'Bdiiwrogfli! Stoimtmentf- Preis pränumerando z Bierteljähr!. S30 SM., mono«. 1,10 Ml, wächenUich 28 üffl. frei m» HauS. Einzelne Nummer S Psg. Sonntags, nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage.Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. «Angetragen in die Post-Zeitungs- fceisliste. Unter Kreuzband für eutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland » Marl pro Monat. Postabonncmems nehmen an: Belgien, Dänemars. ollanb. Italien, Luxemburg. Portugal, ' en, Schweden und die Schweiz. A3. Jahrg. «»»Ii» lZgll» uBtr nsatigs. mm Verlinev Volksblslk. Die Tn?ertlons*Gebttl)r beträgt für die sechSgespaltene»olonel. zeile oder deren Raum 60 Pfg., für politische und gewerlschastllche BereinS- und Bersammlungs-Anzeigen SO Psg. „Ultine Sn-elg-n", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Psg., jedes weitere Wort 10 Psg. Stellengesuche und Schlas- stellen-Anzeigen daS erste Wort 10 Psg., jedes weitere Wort 6 Psg. Worte über 15 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen diS Kllhr nachmittags in der tkxpedition abgegeben werden. Die Expeditton ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm-Adreffe: ,,S»Ii»tt»m»Imt BtrlU". Zcntralorgan der rozialdemokratifcben Partei Deutfchlande. Redaktion: SA. 68, Lindenstrasee 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1083. Sonnabend, de« 31* März 1906. Expedition: SM. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1084. Aerbt für den„Vorwärts"! Die Regierung und ihre Helfer, die bürgerlichen Parteien haben das dringliche Wahlrechtsbegehren des preußischen Pro- letariats mit einer unerhörten Brüskierung beantwortet: mit der lächerlichen Wahlkreisflickreform, die, statt dem Proletariat das mindeste Zugeständnis zu machen, das„elendeste aller Wahlsysteme", die preußische Dreiklassenschmach, für alle Zu- kunst festlegen soll. Die Regierung und ihre Verbündeten haben damit dem Proletariat in der beleidigendsten Weise ihre vollendete Nichtachtung bewiesen. Man hält die Arbeiterklasse noch sür derartig ohnmächtig, daß man ihre Wünsche und Forderungen ignorieren zu können glaubt. An dieser Behandlung trägt das Proletariat zum guten Teile selbst die Schuld! Die herrschenden Klassen haben vor der Dreimillionen- Partei noch keinen genügenden Respekt, weil sie glauben. daß sich unter den sozialdemokratischen Wählern zahlreiche Mitläufer befänden, also Leute, die im Grunde gar nicht hinter der Partei und ihren Forderungen ständen. Und e. muß zugegeben werden, daß ein großer Teil der Arbeiter dieser Auffassung dadurch direkt Vorschub leistet, daß er sich seinen Klassenpflichten aus Gedankenlosigkeit entzieht. Jsicht durch die Abgabe eines sozialdemokratischen Stimmzettels läßt sich die Herrschast der besitzenden Klassen brechen, sondern nur durch unausgesetzte und nachdrücklichste Betätigung der sozial- demokratischen Gesinnung. durch Organisation und Agitation. Durch Organisation in den politischen und gewerkschaftlichen Kampfverbändeu, durch Agitation vor allen Dingen durch Unterstützung der sozialdemokratischen Presse. Aber noch immer— trotz des gewaltigen Wachstums der Abonnentenzahl in den letzten Jahren— besitzt der „Vorwärts" bei westem nicht die Leserzahl, die er besitzen müßte. Wurden doch in den sechs Berliner Wahlkreisen im Jahre 1903 nicht weniger als 218238 sozialdemokratische Stimmen abgegeben, wozu noch weitere 112218 Stimmen in den Kreisen Teltow-Beeskow und Niederbarnim kommen! Ein gewaltiges Feld steht also der Werbetätigkeit der Genossen noch offen I Will daS Proletariat der herrschenden Klasse den Respekt abnötigen, endlich auch seine Forderungen erfüllt zu sehen, so liegt daS völlig in seiner Hand. Eine Klasse verdient die Behandlung, die sie sich gefallen laßt. Darum zeigt der Bourgeoisie, wer und wie stark Ihr seid, stärkt Eure Kampfes- orgauisationen, bekämpft diebürgerlicheKlatfchpresse und agitiert unermüdlich für Euer wichtigstes Agitasions- Nüttel, den „Vorwärts". Ein Opfer der Junker. n. Wir sagten in unserem gestrigen Arttkel. Stein habe mit sehr bescheidenen Reformen begonnen. Dieser ReichSritter wer bei alledem ein Freund des Adels; sein fähigster Mit- arbeiter in den Jahren 1807 und 1808, Schön, hat ihn be- schuldigt, im Innersten stets ein Reaktionär geblieben zu sein, und der bürgerliche Historiker Hans Delbrück sagt, gegen die ständische Vertretung des Adels, die Stein in seinem Alter geplant habe, sei selbst unser heutiges Herrenhaus eine demo- tratische Einrichtung. Das niag nun mehr oder weniger an- fechtbar sein; auf keinen Fall war Stein im heutigen Sinne auch nur ein Liberaler, geschweige denn ein grundstürzender Revolutionär. Er begann seine refonnatorische Tätigkeit mit dem Edikt vom 9. Oktober 1807, das auch seine bedeutendste Leistung geblieben ist, bis auf die Städteordnung vom 19. November 1308, die er noch kurz vor seinem Sturze fertig brachte. Das Oktober-Edikt zerbrach die schroffen Unterschieoe der stände, indem es dem Bauer und Bürger gestattete, adelige Güter zu erwerben, und den Edelmann berechtigte,„ohne allen Nachteil seines Standes", bürgerliche Gewerbe zu treiben, und es hob die Erbnntertänigkeit der Bauern auf. Es blieb nicht nur hinter dem zurück, was in England. Holland, der Schweiz ulid Italien längst erreicht war; es hinkte selbst nur den Fortschritten nach, die Oesterreich. Dänemark und sogar einzelne deutsche Staaten, wie Baden und Schleswig-Holstein, schon seit Jahrzehuten gemacht hatten. Besonders nngiinstig fällt der Vergleich aus mit seinem un- mittelbaren Vorbilde, den bekannten Beschlüssen der französischen Nationalversammlung aus der Augustnacht des Jahres 1789. Diese Beschlüsse überboten das Oktober-Edikt in jedem Betracht, wie auch Lehmann hervorhebt. Sie verkündeten die Freiheit nicht nur der Person, sondern auch des Eigentums, während das Oktober- Editt alle feudalen Dienste, Fronden und Lasten bestehen ließ, die den Befreiten vermöge des Besitzes eines Grundstücks oder vermöge eines besonderen Vertrages oblägen. Es gab den Bauern eben nur die persönliche Freiheit, schaffte den Zwangsgesindedienst ab. ferner das gutsherrliche Recht, jeden„Untertanen" zur Annahme einer dienstpflichtigen Stelle zu zwingen oder zwischen mehreren Kindern eines Erb- lassers zu wählen, endlich den Konsens des Gutsherrn bei Veräußerung, Verpfändung oder Belastung eines Grundstücks. bei der Verheiratung, beim Erlernen eines bürgerlichen Ge- werbes. Darüber hinaus behandelte das Edikt den Adel mit größter Schonung; es hob nicht einmal die Patrimonial- aerichtsbarkett, ja sogar nicht die Fideikommisse und Lehne auf. Gleichwohl erhoben sich die Junker gegen das Editt mit einem Heldenmut und einer Zähigkeit, die sie bei Jena so gänzlich hatten vermissen lassen. Da sie die bureankratisch� Maschinerie in der Hand hatten, versuchten sie es zunächst mit dem feinen Mittel, dem Bauer überhaupt die Existenz des Editts zu verheimlichen. Selbst in Ost- und Westpreußen, wo der Hof und die Regierung immer noch ihren Sitz hatten, war das Edikt im August 1808 weder in? Lithauische noch ins Polnische übersetzt, auch noch nicht von den Kanzeln verlesen worden, was damals zu den üblichen Publikationsformen der Gesetze gehörte. Aehnlich in den anderen Provinzen, die noch zu dem preußischen Staate gehörten. Aber wieLehmann sagt:„Große Neuigkeiten haben Flügel in allen Zellen, auch in denen. welche nur kümmerliche Zeitungen besitzen. Der Bauer wußte ullenthalben bald, woran er war." Er verlangte sein gesetz- licheS Recht, das ihm die Junker nunmehr— nach dem ja auch heute noch praktizierten Grundsatze: Nun erst recht nicht — nicht nur vorenthielten, sondern auch in das schamloseste Un- recht verkehrten, indem sie die Gewalt über die Bauern, die ihnen das Ottober-Edikt genommen hatte, mit verdreifachter Brutalllät geltend machten. So kun es zu Bauerntumulten namentlich in Schlesien, wo die Junker sich nicht schämten, die Hülfe der französischen Truppen, die noch im Lande standen, gegen die Bauern anzurufen. Der Kanzler Schrötter, der da- malige Justizminister, der anfangs nicht übel Lust bezeigt hatte, das junkerliche Kesseltreiben gegen das Edikt mitzumachen, schrieb nun doch entsetzt an Stein: Es sind nicht die Untertanen, sondern die Gutsherren, welche das Oktober-Editt vorsätzlich nicht verstehen> es ist kein Wunder, daß die erbitterten Gemeinden tumultuieren; es sind die Gutsherren, die eigent- lich bestraft werden müßten, sie, die die Bauern zur Verzweiflung treiben.„Eigentlich" natürlich nur, denn tatsächlich wurden, >vie sich in Preußen von selbst versteht, nur die tumultuierenden Bauern bestraft. Stein war jetzt aber doch von seiner Adelsfreundschast wenigstens halb und halb kuriert. Einen gründlichen Tanz mit dieser Rotte Korah wollte er freilich noch immer nicht. aber er sah doch ein, daß die ostelbischen Zaun- junker, diese scheußlichste Landplage, unter der je ein gesittetes Volk gelitten hat, mit Stumpf und Stil ausgerottet iverden müßten. Er sagte:„Der Adel im Preußischen ist der Nation lästig, weil er zahlreich, größtenteils arm und anspruch voll aus Gehälter, Aemter, Privilegien und Vorzüge jeder Art ist. Eine Folge seiner Armut ist Mangel an Bildung, Not- wendigkeit, in unvollkoinmen eingerichteten Kadettenhäusern erzogen zu werden, Unfähigkeit zu den oberen Stellen, wozu man durch Dienstalter gelangt, oder Drängen des Brotes halber nach niedrigen, geringfügigen Stellen. Diese große Zahl halbgebildeter Menschen übt nun ihre Anmaßungen zur großen Last ihrer Mitbürger aus. Man verringere also die Zahl der Edelleute, man hebe den armen Adel auf". Danach braucht nicht ausführlich dargelegt zu werden, wie nunmehr die ostelbischen Zaunjunker gegen diesen gefährlichen Menschen auf die Beine kamen, und mit jener Noblesse, die sie stets in der Wahl ihrer Mittel bekundet haben und bekunden, denun- zierten sie Stein beim Landesfeinde. Steins historische Stellung hatte ihren dialettischen Wider- spruch ebenso wie die Stellung Napoleons. Als bürgerlicher Reformer war er nationaler Patriot, versteht sich, deutscher Patriot, denn für den preußischen Staat, der ihin nur Mittel zum Zivecke war, hatte er an und für sich nichts übrig. Er meinte, nachdem er den Krebsschaden des ostelbischen Junkertums kennen gelernt hatte:„Preußen»vird unbedauert und ohne Nachruhm untergehen und man wird es für ein Glück halten, daß eine Macht, die durch ihren Ehrgeiz anfangs Europa erschüttert, nachher durch ihr Tripottren beunruhigt, keine Pflicht weder gegen sich, noch gegen den europäischen Staatenbund erfüllt hat, zu sein aufhöre." Bei alledem aber— wenn Stein die französische Fremdherrschaft so schnell wie möglich abzuschütteln gedachte, so konnte er die Hülfe der preußischen Junker nicht entbehren; ernstiveilen hielten sie noch ihre Hand über den militärischen und zivilen Machtmitteln des preußischen Staats. So vertraute Stein ihnen, gegenüber dem Landesfeinde, mehr als billig und klug»var. Die Junker von Königsberg wußten, daß Stein einen Kurier an den llr- junker Wittgenstein in Mecklenburg gesandt hatte, mit einem Briefe, der eine nattonale Erhebung erörterte, und diesen Kurier hoben die französischen Truppen, die noch in der Mark Brandenburg standen, bei Spandau auf. Sie»varen unterrichtet »vorden,»velchen Fang sie machen kvnnten. Aber das ideale Mittel fiihrte noch nicht ganz ans Ziel. Napoleon ließ Steins Brief an Wittgenstein zwar im Moniteur vom 8. September 1803 veröffentlichen und sprach sich drohend gegen einen preußischen Prinzen aus, der sich damals in Paris als Unterhändler auf- hielt, aber die Absetzung Steins verlangte er nicht. Immerhin war Steins Stellung ituct erschüttert, und die Junker faßten nun noch einmal frisch nach, indem sie die Königin Luise für sich gewannen. Der goldene Strahlen- kränz, womit die patriotische Legende das Haupt dieser preußischen Nationalheiligen geschmückt hat. ist natürlich aus eitel Blech geschmiedet; Alexander v. Humboldt, der die Königin gekannt hat, nennt sie„äußerst selbstsüchttg. verschlagen und versteckt", und nicht viel günstiger urteilte Stein über sie. Er meinte, bei mehr Bildung, Konsequenz und tieferen Gefühlen hätte sie einen wohltätigen Einfluß auf den König haben können; sie sei auch eine angenehme, sehr gut- müttge Frau, aber gefallsüchttg, von mangelhafter Bildung. fürs Gute leicht auflodernd, jedoch wegen der Oberflächlichkeit ihres Geistes unglücklich in der Wahl der Mittel, wenig aus- dauernd in ihrer Anivendung; auch erfülle sie sehr unvoll- kommen ihre Pflichten als Mutter. Immerhin war die Königin nicht so borniert wie der König, enipfand auch die Demütigungen des Staates ttefer und hatte in ihrer Weise Steins Wiederberufung begrüßt. Aber deshalb hatte sie doch keine Ahnung von der Art der notwendigen Reformen; Stein hatte sofort ihren Unwillen erregt, als er eine Einschränkung der Versch»vendenschen Hofhaltung forderte und durchsetzte; im November 1807 bereits schrieb diese sorgende Landesmutter jammernd an ihren Bruder:„Wir haben zu Mittag vier Gänge, zum Abend drei. Das ist alles. Wir leben von der Luft"; das war zur Zeit, wo Hunger und Not wie die apo- kalyptischen Reiter durch das ausgesogene und verwüstete Preußen jagten. Im Herbst des nächsten Jahres aber kam es zum Bruch, als die Königin, um sich zu zerstreuen und sich huldigen zu lassen, einer Einladung des Zaren nach Petersburg folgen wollte und Stein widersprach. Er wurde dazu sowohl durch polittsche Gründe der- anlaßt, als namentlich dadurch, daß kein Geld da war, die kostspielige Prunkreise zu bestreiten, es sei denn, daß man eine Summe angriff, die dem verheerten Masnren gehörte und zu dessen notdiirfttger Wiederherstellung bestimmt war. Darauf mochte sich Stein ebensowenig einlassen, wie die Königin auf ihren höfischen Pomp verzichten»volltc. Stein siel bei der Dame in völlige„Ungnade" und nun unternahm alles Hof- und Junkergesindel einen Generalsturm, dem Stein erlag. Am 24. November 1808 erhielt et die von ihm nach- gesuchte Entlassung, nachdem er wenig über ein Jahr an der Spitze der Geschäfte gestanden hatte. Die Junker aber zeterten ihm durch den Mund des reaktionären Generals Jork nach: „Ein unsinniger Kopf ist zertteten; nun wird sich das übrige Natterngeschmeiß in seinem eigenen Gifte auflösen"... Brauchen wir danach noch ausführlicher darzulegen, wie wenig sich die ostelbischen Junker, die wir heute sehen, von den Jutikern von Jena unterscheiden? Was sie beseelt, ist heute»vie damals das gleiche: der adlige Eigennutz, der jede Rücksicht auf das Gemeinivohl hintansetzt, und die erhebende Wahl der Mittel, diesen Eigennutz auf Kosten des Gemein- »vohls zu befriedigen.__ poUtifcbe CUbcvficbt. Berlin, den 30. März. Militärische Ohnmacht zum Gesetzesgehorsam und gegen Militärmißhaudlungcn. Einen seltsamen Einblick bot heute der Reichstag. Es waren 249 Abgeordnete anwesend, sie waren herbeordert worden, um die Entscheidung über die Forderung eines Staatssekretärs für ein eigenes Kolonialamt zu treffen. Aber auch heute trat die Taktik mit dem doppelten Boden in der Zentrumsfraktion auffällig in die Erscheinung: Dcks Zentrum war am sch»nächsten vertreten u n d außerdem enthielt sich ein Teil der Zeil- trumsabgeordneten der A b ,t 1 n, in u n g, um der Forderung zum Durchbruch zu verhelfen, obgleich für die Fraktion die Ablehnung beschlossen war. Diese Spaltung und zwiespältige Haltung des Zentrums führte denn auch zur Bttvilligung der Forderung. Es stimmten l27 Abgeordnete dafür, 110 dagegen, 12 enthielten sich der Abstiminung. Die Bewilligung hing also an einem Faden— das Zentrum hat sie ermöglicht. Nebenher haben auch die fr e i s i n n i g e n Parteien durch ihren U m f a l l zugunsten der Forderungen ihre Hof- fähigkeit zu erweisen gesucht. Sie rutschen schnell die schiefe Ebene zum reaktionären Sumpf hinab. Dann begann die ziveite Lesung des Militäretats. Der freifinnige Abgeordnete Müller- Meiningen bemängelte die Militärgerichtsbarkeit und der Abgeordnete Spahn »vendcte sich gegen das Dnellunwesen in der Armee und die zweideutige Stellung der Regierung dazu. Der Kriegsministcr v. Einem suchte die Stellung der Regierung in der Duellfrage durch ide Verlesung einer Erklärung zu rechtfertigen, rief aber eine starke widersprechende Bewegung hervor, als er trotz aller eindämmenden Bemerkungen betonte, daß für bestimmte Verletzungen der Offiziers- ehre auch künstig Genugtuung mit der Waffe gefordert »verden»vird. Dann urteilte der Kriegsminister selbst streng ab über die Soldaten Mißhandlungen� Mit lebendiger Frische griff Bebel in die Debatte eia Daß sich der erste Beamte des Reiches, der Reichskanzler, durch seine bekannte Erklärung über das Duell in direkten Wider- sprnch mit dem Gesetz gestellt hat, apostrophierte Bebel als eine Mißachtung des Gesetzes, die von dieser Stelle ausgehend die Achtung vor den Gesetzen erschüttern muß. Daß ferner seit einem Jahrzehnt die Heeresverwaltung selbst gegen die Soldatenmißhandlungen oftmals sich ausgesprochen hat, ohne sie doch verhindern zu können, hat tieferen Grund. Das Ausbeutungssystem der bürgerlichen Gesellschaft erfordert militärischen Schutz. Dies und das größte Uebel der diesem System dienenden Politik, der Krieg, wirkt demoralisierend auf alles, was dem Militarismus vcrfallen�ist. Der bürger- liche Staat wird darum auch nur bedingt Soldatenmißhand- lungen verhindern. Weitere Uebel dieses Systems— unter anderem die religiöse Unduldsamkeit— traf die scharfe Kritik Bebels, nach dessen Rede die Sitzpng geschlossen, aber eine neue Sitzung für ein? halbe Stunde später einberufen wurde, um die zweite Lesung des Notgeietzes zu vollziehen. Diese letzte Sitzung bot nichts Bemerkenswertes. Sonnabend 11 Uhr: Notgesetz: Militäretat. Preußischer Landtag. Das Abgeordnetenhaus hielt am Freitag nur eine kurze Sitzung ab, in der es sich nochmals mit dem Kreis- und Provinzialabgabcngesetz beschäftigte. Das Schick- sal dieses Gesetzes ist typisch für das Zweikammersystem. Zuerst hat das Herrenhaus die Vorlage beraten, dann kam sie ans Abgeordnetenhaus Da keine Uebereinstimmung zwischen beiden Häusern crzu-st wurde, ward der Entwurf dem Herren- hause zurückgesandt: dwses schickte ihn wieder an das Abgeordnetenhaus. und das Abgeordnetenhaus hat den Entwurf nun nochmals dein Hcrrenhause zur Beratung überwiesen. So geht das Hin und Her weiter, und das Ende ist nicht abzusehen. Am nächsten Montag werden die Novellen zum Wahlgesetz in zweiter Lesung beraten werden. Im Hcrrenhause ging es etwas lebhafter her. Die Bc- ratung des I u st i z c t a t s gab dem Frankfurter Ober- bürgermeister A d i ck e s Gelegenheit zu recht interessanten, allerdings rein akademisch gehaltenen Behauptungen über die Ursachen des schwindenden Vertrauens des Volkes zur Rechtspflege. Herr Adickes erblickte den Grund hierfür darin, daß bei uns im Gegensatz zu England kollegiale Gerichte in erster Instanz urteilen und nicht Einzclrichtcr und daß die Richter das praktische Leben zu wenig kennen. Wir glauben, Herr Adickes hätte nicht so weit auszuholen brauchen. Die wahre Ursache des schwindenden Vertrauens ist die Klassenjustiz. Das Vertrauen wird erst dann zurück- kehren, wenn vom und aus dem Volke gewählte Richter, Männer, die mit dem Volke empfinden, an Stelle der heutigen Richter treten, welche infolge ihrer Umgebung, ihrer Er- ziehung und des ganzen Milieus, aus dem sie hervorgehen, selbst beim besten Willen sich nicht in die Lage der Angeklagten hineinzuversetzen vermögen und nicht nach den Beweggründen des Täters fragen, sondern nach dem starren Buchstaben des Gesetzes urteilen. Der Etat des Ministeriums des Innern gab so gut wie keine Debatte, dagegen wurde der Kultusetat diesmal gründlich„beraten". Das heißt: einige Herren äußerten ihre Ansichten über die Schulreform, wobei wieder der alte Gegen- satz zwischen Real- und humanistischer Bildung zutage trat. Von anderer Seite wurde, wie bereits im Vorjahre, über die zu hohe Belastung der Gymnasiasten, besonders in Schlesien, geklagt. Auch die Frage der Reform des höheren Mädchen- schulwesens wurde wieder gestreift. Voraussichtlich wird, wie der Kultusminister erklärte, bald der Schlußstein zu dieser Reform, die den jungen Mädchen das Univcrsitätsstudium ermöglichen soll, gelegt werden. � Die weitere Beratung wurde auf Sonnabend vei-taat. Preußische Wahlkreisgeometric. Selbst die Herren Ralionalliberalen sind mit der Vermehrung der Mitgliederzahl des preußischen Abgeordnetenhauses, die man in unbegreiflicher Ullslininmng„ W a h l r e f o r m" getauft hat, be- kanntlich nicht ganz einverstanden. Der geschäftSsiihrende Ausschuß des Verbandes der nationalliberalen Ortsvereine im Reichstags- Wahlkreise Teltow-Beeskow hat sich sogar— zu einer großen oppositionellen Tat aufgerafft. Er hat nämlich an das preußische Abgeordnetenhaus eine Petition gerichtet, in welcher er ersucht, die Gemeinde Wilmersdorf von dem Wahlbezirk Potsdam S(Kreis Teltow und Kreis Beeskow- Storkow) abzutrennen und mit dem Wahlbezirk Charlottcuburg zu vereinen und ferner auS Nixdorf und Schöneberg zwei selbständige Wahlbezirke mit je einem Abgeordneten zu bilden. In der laugen Begründung dieser Wünsche heißt es: Es ist schwer verständlich, daß die königliche Staatsregierung Wilmersdorf, dcssen Interessen mit Charlotten bürg und S ch ö n e b e r g, mit denen es nnnnterscheidbar zusammenhängt, völlig gleichartig sind, bei dem Wahlbezirke der beiden Landkreise belassen will, trotzdem es wohl mit Sicherheit am 1. April 1907 Stadtkreis wird, und voraussichtlich dann auch alsbald dem Landespolizeibezirk Berlin eingefügt werden wird. Wird aber, was allein der Sachlage entspricht, auch Wilmersdorf von dem alten Landtagswahlbezirk abgetrennt, so gestaltet sich das Per- ' hälinis der einzelnen Teile des Wahlkreises dahin,� daß der alte Wahlkreis 350 000 Einwohner, die neuen Wahlkreise, die zudem erheblich stenerkrästiger als der alte Wahlkreis sind, S9ti 000 Ein- wohner umfassen. Werden aber die sich auS der Natur der Sache ergebenden Erwägungen berücksichtigt, so ist der großstädtische Teil des Wahlbezirkes, die Stadlkreise Charlottenburg. Schönebcrg. Rixdorf und der künftige Stadtkreis Wilmersdorf, von dem Wahlbezirke der beiden Landkreise abzutrennen. Geschieht dies, so ergibt sich als natürliche, der örtlichen Lage und der Bcvölkerungsschrchtung entsprechende weitere Gliederung die Zusammenfassung von Charlottenburg und Wilmersdorf mit zusammen 300 000 E i n>v o h n e r n zu e i u c ni W a h l b e z i r k. der mit Rücksicht auf seine Bevölkerungszahl, das schnelle Anwachsen der Bevölkerung und mit Rücksicht auf seine erhebliche und noch innncr zunehmende Stenerkraft wohl berechtigt ist, zu erwarten, daß ihm gleich dein Nesllreise zwei Abgeordnet» zugeteilt werde».„ � � Die Stadtkreise S ch ö n e b e r g und R r x d o r f, die von der Regierungsvorlage zu einem Wahlbezirke zusammengesaßt werden, haben nach ihrer örtlichen Loge nichts genieinsam und weisen in der ökonomischen und sozialen Zusauiinensetzung jeder der beiden Städte ungemein große Unterschiede auf. Es ist kaum verständlich, wie die königliche StaalSregierung darauf hat kommen können, diese beiden so sehr verschiedenartigen Städte zu einem Wahlbezirke znsammenzukoppeln. Das sachlich Gegebene ist unseres Dafürhaltens, je einen selbst- ständigen Wahlbezirk mit einem Abgeordneten ans Schönebcrg (110 000 Einwohner) und Rixdorfst>illdigen Audienz gewürdigt worden. Vor wenigen Wochen war der.König' Akwa noch ein versoffenes Subjekt und der„Prinz' Akwa ein Bummler und Hochstapler, nach dem die Polizei fahndete. Jetzt, nach der Enthüllung der Putkamer- Wirtschaft, sind die Trunkenbolde und Zuckthänsler und die Zechpreller schleunigst wieder zum„King" und zun,„Prinzen" avanciert. Der„Tag' berichtet u. a. über den Empfang des Kameruner Prinzen: Lcgationsrat Gleim ließ sich die Begleiter AkwaS vorstellen und umerhielt sich mit ihnen mehr in liebenswürdigster Weise, als daß er eine formelle Audienz erteilte. Herr Gleim kam alsbald auf das bekannte Urteil gegen die Akwa- Häuptlinge zurück und erwiderte, er werde die Verhandlung vor einem Gerichte in Teutschland stattsiudcn lassen. Sckion in den nächsten Tagen werde die Vorverhandlung in Kamerun beginnen, und zwar vor einem Richter, der an der Sache über- Haupt nicht interessiert sei und der die Fehler des ersten Richters sicherlich vermeiden werde. Damit die Akwahäuptlinge nicht wieder ganz ohne Verteidigung stünden, habe das Auswärtige Amt angeordnet, daß irgend ein Missionar in Kamerun, der mit den Akivas und ihrer Sprache vertraut sei. als Verteidiger gestellt würde. Auch bezüglich der amtlichen Auskunft Branchitschs über Akwa würden von der Regierimg Erhebungen angestellt. Herr Gleim sickerte nochmals strenge Niitersuchiing der in der Bcschwcrdeschrift enthaltenen einzelnen Punkte� zu; dafür werde auch schon die Verwaltung Sorge tragen. Schließlich stellte Legationsrat Gleim dem jungen Akwa in Aussicht, daß die Regierung nach Prüfung des Berickts Brauchitscks an Niemann in Hainburg Akivas Gesuch an den Senat in Hamburg um Zurückziehung des Aus- Weisungsurteils befürworten werde. Bezüglich der an den Kaiser und Reichskanzler gerichteten Beschwerden wegen der durch den Gouverneur v. Puttkamer erlittenen Geldverluste und wegen der Behinderung des Jagdrechtes bemerkte Legationsrat Gleim, daß das Beschiverdematcri'al nach Kamerun geschickt worden sei zur weiteren Untersuchung. Bezeichnend für den sozusagen gemütlichen Ton der Audienz war, daß, als die Herren sich verabschiedeten und Akwa zum Legationsrat Gleim sagte, er hoffe, Gleim werde als Gouverneur nach Kamerun gehen, der Legationsrat erwiderte:„Gehen Sie nur erst dorthin!" Es will uns scheinen, als ob es sehr ratsam wäre, wenn der „Prinz' ruhig in Deutschland bliebe, damit sich nicht erst wieder ein neuer Puttkamer in Kamerun einnisten kann!— In den Tod getrieben durch das Schäften, d. h. durch die Miß- Handlungen, die er von älteren Kameraden zu erdulden hatte, ist der Rekrut Ohe vom 2. Husarenregimcnt zu G r i m m a. Am Mitt- woch wurde sein trauriger Fall vor dem Kriegsgericht zu Dresden verhandelt. Ohe hat sich gleich nach einer araiisamcn Mißhandlung durch die„alten Leute' erhängt. Seine Pciiiiger erhielten jetzt fünf, vier und drei Monate Gefängnis und wurden sofort verkästet; zwei Rekruten, die sie gezwungen hatten, den Oys zu schlagen, erhielten unter Zubilligung mildernder Umstände je zwei Wochen Gefängnis.— Zentrum und Polen in Obcrschlesie». Im ReichStagSwahlkreise Beuthen-Tarnoivitz ist von den Polen an Stelle deS zurückgetretenen Krolik der Herausgeber des„Katolik", Herr NapieralSki, als RcichStagskandidat aufgestellt worden. Die Aufstellung bedeutet eine vollständige Zerschneidimg dcö Tischtuches zwischen Zentrum und Polen in Oberschlesien. DaS große Sterben des Zentrums im oberschlesiscken Jiidustriebezirk ist damit besiegelt. Das empfindet auch das schlesische ZeutnnnSorgan, die„Schief. Volksztg.", denn trübselig schreibt sie: „Deni Hinüberschielen mancher allzu vertrauensseliger Leute in unserem Lager, vor allem der„Köln. Volks-Ztg.' nach der angeblich gemäßigten Richtung in der poluischeu Partei ist nur dieser Kandidatur ein für allemal ein unsanftes Ende bereitet worden. Es gibt jetzt in Oberscklesien, was schon seit längerer Zeit feststand, nur nock eine einzige geschlossene Polenpartei, deren Ziel die Bekämpfung des Zentrunis bis aufs äußerste ist. Hiernach müssen wir uns richten!'— Ersatzwahl im RcichstagSwahlkreisc Altcna-Jscrloh». Wie da Bureau Herold' meldet, ist von dem Frcifiimigcn Verein in Iserlohn für den verstorbenen Reickstagsabgeordneten Jnstizrat enzmann Dr. Langerhans-Vcrlin für den Wahlkreis Altena- Iserlohn in Aussicht genommen. Dr. LaugerhanS hat bereits den Wahlkreis von 1881 bis 1893 mit einer Unterbrechung von einem halben Jahre vertreten. UnS erscheint die Meldung weing glaubwürdig.— Der sächsische Landesverband evangelischer Arbeitervereine hat in leiner letzten Generalversammlung, die in Bautzen abgehallen wurde, konstatiert, daß eine V e r m i n d e r n u g der M i i g l i e d e r um 344 eingetreten ist. Schon seit mehreren Jahren war zu beobachten, daß die Evangelischen im Zeichen des Krebses stehen.— Der antisemitische hessische LandtagSabgcordnctc Hirschek, zweiter Direktor der landwirtschaftlichen Hauptgcnossensckaft zu F r i e d b e r g ist von seinem Kollegen, dem ersten Direktor Schlenke, der Staats- anwaltschaft wegen Unrerschlagmig angezeigt worden.— Ein„Schutzmann". Wegen Körperverletzmig im Amte wurde der frühere Polizeiscrgeant Rasch aus Schivelbein, jetzt Ver- icherungsinspcktor in Stettin von der Strafkaminer zu 10 Monaten Gesänguis verurteilt." Am 1. April v. I. wurde in Schivelbein ein neuer Polizei- ergcailt aus Probe angestellt. Dieser und Rasch machten zur Feier des Ereignisses eine Bierreise, Wobei sick beide gründlich bekneipten. In diesem Zustande erschienen dem Rasch nun hockst wahrscheinlich alle Straßenpassamen gefährliche Verbrecher, und so nahm er denn kurzerhand und ohne jeden Grund einen zufällig an ihm vorbei- zeyenden Ziegler fest, den er auf der Straße mit den Handfesseln 'chlug und dem er in' der Arrestzelle, nachdem er sich den Uniformrock ausgezogen hatte, in drei Auflagen etwa 20 Hiebe mit seinem Seitengewehr beibrachte, so daß der Mann 14 Tage arbeitS- unfähig war.—_ Zur Fleischnot. Vom Stattstischen Amte in Düsseldorf werden vergleichendv Ucbersichten über die Frcqlienz deS Schlachthofes, deS Viehmarktes und die Höhe der Fleischpreise veröffentlicht, die ein grelles Schlaglicht auf die Fleischnot und Fleischieuerung werfen. So erschien vor einigen Tagen eine Ueberficht der Monate Jaimar 1905 und 1906. welcher wir einige Zahlen entnehmen. Der Fleischkonsum in Düffel- dorf ist pro Kopf der Bevölkerung von 5,6 Kilo im Januar 1905 auf 5,2 Kilo im letzten Ja»uar gefallen. Schweine wurden im Januar des Vorjahres 5907 aufgetrieben. wogegen im letzten Januar nur 3474 der Borstentiere zum Berkauf standen, also 2433 weniger. Der Austrieb an Ochsen war auck um 55 Sttick geringer als im Vorjahre im nämlichen Monat, höher war die Zahl der geschlachteten Pferde, und zwar um 16 Stück. ES wurden im Januar deS Vorjahres insgesamt 9366 Stück aufgetrieben, in dem nämlichen Monat 1906 aber nur 7031 Stück Vieh. Durch das Miuderanaebot stieg der Preis für das Vieh ganz enorm und wurden 'ür 50 Kilo Schlachtgewicht im Januar 1906 gezahlt: Ochsen 70 bis 81 M., Kühe 56— 68 M. und für Schweine 69—75 M. Die Preise landen im Vorjahre für Schweine auf 50—57 M., für Kühe auf 56—05 M. und für Ochsen ans 63—73 M. Druckfehlerberichtigimg. J,, den Leitartikel der gestrigen Nummer bat sich ein siiinentstellender Druckfehler eingeschlichen. In der ersten Spaite, 34. Zeile von unten, muß es heißen:„im Herbst 1805' latt„im Herbst 1905'. Ferner ist zu lesen in der Notiz„Die Kronöbeinsche Post', 5. Zeile von unten:„Die Richtigstellung ithrer Fälschungen' statt„Die Richttgkeit ihrer Fälschungen'. Huatand. Schweden. Noch 1 Millionen für eine„Rnttenfalle". Bei Boden im schwedischen Nordland baut man seit einer Reihe von Jahren an einer Festung, die nach der Meinung militaristischer Sachverständiger von außerordentlichem Wert für die Landesverteidignng sein soll. Die Sachverständigen hatten die Kosten ursprünglich auf tm ganzen 4Vz Millionen Kronen berechnet, neuerdings hat jedoch das zur Prüfung der Frage eingesetzte„Bodenkomitre" herausgefunden, daß die FestungSbauerei nicht weniger aL 19 Millionen kosten wird. 10 Millionen waren schon bewilligt. Es fehlten also noch 9. Die Regierung begnügte sich damit, in ihrem Budgetvorschlag 7 131 500 Kronen zu verlangen, davon 1 575 000 Kronen für das Jahr 1907. Der EtnatSausschuß hieß diese Forderung einstimmig gut. Am Mittwoch hat sich der Reichstag damit befaßt. Die Erste Kannner stimmte ohne Votierung für den Regierungsvorschlag. In der Zweiten Kannner fand eine längere Debatte statt. Dia Sozialdemokraten waren die einzige Partei, die entschieden gegen den Borschlag austrat. Genosse C h r i st i e rn s o n bezeichnete die Festung als„Rattenfalle" und meinte, wen» der schwedische» Armee einmal das Unglück zustoßen sollte, gefangen zu werden, wäre es in Boden. Die Ziveite Kammer nahm den Regierungsvorschlag schließlich mit 169 gegen 36 Stimmen an. Die 7 Million. n sollen auf die Budgets der Jahre 1907, 1908, 1909 und 1910 ver- teilt werden. Ob dann die Festung nach Meinung der Militarist.!, wirtlich vollendet sein wird, ist recht fraglich.— Amerika. Die organisierten Arbeiter und die Politik. Eine Abordnung der„American Fcderation of Labor"(Ameri- kam scher Arbeitcrbund) wurde jüngst beim Präsidenten Roosevelt vorstellig und beschwerte sich darüber, daß die Interessen der organi- sierlen Arbeiter vernachlässigt werden. Mit richterlichen EinHalls- befehlen gegen Streikende würde Mißbrauch getrieben, das Acht- ftundengesctz für Regierungsarbeitcn würde oft verletzt und die Aus- scklietzungsbestimmungen gegen die Chinesen zugunsten von Kapita- listen sehr lar gehandbabt. Roosevelt antwortete in einer wenig entgegenkommenden Weise und erklärte, daß er die Klagen der Arbeiter für unbegründet halte I Diese Antwort verstimmte bei den Arbeitern sehr, und es dauerte nicht lange, da sandte Roosevelt einen Brief an den Arbeitcrbund mit dem Ersuchen, ihm eine Liste der Klagen und Gesctzesüber- tretungen zuzustellen. Er versicherte zugleich, daß er t-cn Bc» strebungen der organisierten Arbeiter die größte Sympathie ent- gegcnbringc. Im amerikanischen Arbeiterbund sind, wie schon gemeldet, Stimmen laut geworden, eigene Kandidaten für den Kongreß auf- zustellen. Ein anderer Vorschlag, der mehr Aussicht auf Durch- führung besitzt, ist der: unter den Kandidaten der alten Parteien eine Auswahl dahin zü treffen, welche zu unterstützen, welche zu bekämpfen seien. Wer sich als Arbeircrfcind bemerkbar mache, der solle natürlich keine Unterstützung erhalten, und man nimmt an, daß er dann auch nicht gewählt werden könne. Das ist die schon öfter angewandte, sehr beliebte, aber stets erfolglos gebliebene Politik der konservativen Arbeiterführer, die von den sozialistischen Mitgliedern des Arbeiterbundcs heftig bekämpft wird. Die Notwendigkeit, sich selbftäirdig an der Politik zu beteiligen, wird immer dringender und ist durch den Erfolg der englischen Arbeiter noch mehr in den Vorder- grund gedrängt worden, wenn auch der alte Grundsatz„Keine(posi- tivd) Politik in den Gewerkschaften" im amerikanischen Arbcitcr- bunde noch zahlreiche Anhänger zählt.— Par larn entar i reb ee. Nachverstenerung der Ladenhüter— Erbschaftsstener. Die Finanzreformlominiision. wurde gestern von der Mogck- koalition mit einem ganz neuen Antrag zu dem. die UebergangS- bestimmungen euthallendcn Z 26 der Zigarettcnsteuervorlage über- rascht. Um mit einemmal„reinen Tisch zumachen" wie Held snatl.) erklärte, hat die Koalition alle Schwierigkeiten dadurch beseitigt, daß sie den ganzen§ 26 über Bord wirft und dafür zu setzen bc- antragt: „Verkäufer und Händler haben die am Tage des Inkrafttretens des Gesetzes in ihrem Besitze befindlichen Vorräte an Zigaretten- tabak, Zigaretten, Zigarettenhülsen und-Blättchen unter Angabe deS Kleinverkausspreises' des Zigarettentabals und der Zigaretten, sowie der Stückzahl der Hülsen und Blättchen innerhalb acht Tagen dem zuständige» Steueramt anzumelden und nach den Sätzen des § 2 zu versteuern. Ob die Waren in- oder ausländischer Herkunft sind, bleibt dabei unberücksichtigt. Die erfolgte Versteuening wird durch Anbringung von Steuerzeichen an den Packungen kenntlich ge- inacht. Gegen Sicherheitsbcstellung ist die Steuer für eine Frist von drei Monaten zu stunden. Trotzdem»nscrc Genossen Geher, der diese Bestimmung als „eine neue Brutalität zur Erdrosselung des Kleinhandels" bezeichnete, Singer, der namentlich gegen die Einführung des Prinzips der Nachbesteucrung in diese Stenergesetze protestierte, und A l b r e ch t die gcschästsschädigende Wirkung dieser Maßnahme scharf kritisierte, ließ sich die Mehrheit dadurch nicht beirren, sondern nabm den Antrag, den Müller- Fulda als eine weitgehende Milde bezeichnetc, an. Die Frist wurde von 3 auf 6 Monate verlängert. Nach längerer GeschästSordnungSdebatte wurde sodann auf Antrag Singers eine Redaktionskommission gewählt, welche die Bc- schlüsse der zweiten Lesung einer Prüfung unterziehen und sobald sie materielle Abänderungen für notwendig erachten sollte, darüber Bericht erstatten soll, um alsdann eventuell weitere Beschlüsse der Gesamtkommissiou herbeizuführen. Hierauf wurde in die zweite Beratung der Kommissionsbeschlüsse erster Lesung zu der E r b s ch a s t s st e u e r und den dazu gestellten neuen Anträgen eingetreten. Sozialdeinokratischerseits ist der schon in der ersten Lesung gestellte Prinzipalantrag auf Versteuerung der Nachlaßmaste mit einigen Aendernngen wieder eingebracht und dazu für den Fall der Ablehnung der Eventualantrag, der sich den Kommissionsbeschlüssen ini Prinzip anschließt, aber die Steuer auf Ehegatten und Kinder ausdehnt, auch im Prinzip der Progression weiter geht wie der Regicrungsvorschlag und die Kommissions- beschlüssc. Begründet wurden unsere Anträge in eingehender Weise vom Genossen B e r n st e i n und vom Genossen Singer gegen die An- griffe von allen Seiten energisch verteidigt. Bemerkenswert find die Aeußerungen der Konservativen Dietrich und Graf K a n i tz. die eifrig bestrebt sind, die Erträgniste aus diesem Gesetz möglichst herunter zu drücken. Dietrich äußerte sich dahin, daß die Kommission ja. e i n e n erheblichen B o r r a t an Steuern" beschafft habe und GrafKanitz, der das ErbschaftS- jleuergcjetz als„Notbehelf" bezeichnet im Gegensatz zu Dr. Becker, der es das Rückgrat genannt hatte, trat lebhaft für seinen Autrag ein. die Steuer von 4 Proz. auf 3 Proz. herab- zusetzen. Auch Herold vom Zentrum will den Ertrag der Erb- sckiaslssteuer nach Mvglicbleil herunter drücken. Es entfuhr ihm im Eifer des Gefechts das Geständnis, daß das Kompromiß in der ersten Lesung fast ohne U e b e r l e g u n g in einciiihalbstlliidiger Beratung zustande gekommen sei. Zu einer Abstimmung kam eS noch nicht, da um 1 Uhr noch fünf Redner eingetragen waren. Die Fortsetzung der Beratung er- folgt am Dienstag._ Die Bndgetkommisfion beendete gestern die Vorberatungen des Etats. Am Dienstag soll die Vorberatung des Militärpciisions- gesetzes beginnen._ Huö der partei» Gemcindcratswahlsicge. In Thaldorf bei Ouerfurt(Provinz Sachse») wurden je ein Genosse in der dritten und in der zweiten Klaffe gewählt, in der ersten Klaffe kommt ein Genosse mit zwei Stinimen gegen einen Bürgerlichen mit drei Stimmen in die Stich- Wahl, ein zweiter Bürgerlicher erhielt eine Stimme. Die dritte Klasse ist jetzt völlig im Besitz der Partei. In Webau und in Frohse(Provinz Sachsen), sowie in Groß-Rosen und OberlangenölS(Schlesien) wurde je ei» Genosse gewählt. Ein billiger Vorschlag. In Liebertwolkwitz(Königreich Sachsen) hatten die Genossen den Schuldirektor Messerschmidl, der in der Schule gegen die Sozialdemokratie losgezogen ist, eingeladen, in einer Versammlung sein Herz über die gehaßte Partei auszuschütten. Der Herr erklärte sich dazu scheinbar bereit, da ihm aber offenbar bei der Geschichte nicht geheuer ist, so stellt er eine Reihe von Be- dingungcn, deren schönste die folgende ist: Als Honorar verlange ich 1000 Mark, die Sie beim Kömglichen Amtsgerichte oder ans hiesigem Gemeindeamte zunächst zu deponieren hätten. Diese 1000 M. werden von mir dem hiesigen Vaterländischen Verein überwiesen und müssen verwendet werden zu wirksamer Bekämpfung der Sozialdemokratie einmal, und dann zur Unterstützung armer Nrbeitersrmie» und Kinder, deren Versorger durch die Sozial- dcmokratie irregeleitet und dann von derselben treulos im Stiche gelassen worden sind. polfceillcheg. OerichtUches uk». BersaiiimsiliigSverbote in Preußen. Sehr wenig orientiert über ihre Befugnisse ans dem Gebiet des Vereins- und Versammlungs- rechts scheint die Polizeiverwalrung des guten vorpommersche» Städtchens T c i b s e e S zu sein, wo in letzter Zeit sozialdemokratische Agitation das kleinstädtische Stilleben unangenehm gestört bat. Dem Einbernfer der März-Protestversammlung ging folgender Ukas zu: Magistrat TribseeS. Tribsees, den 18. März 1906. Die von der hiesigen Zweigstelle des Verbandes der Maurer Deutschlands auf heute nachmittag 3 Uhr in das Holzsche Lokal Hierselbst einberufene öffentliche' Protestversammlung wird ans Grund des§ 10 Tit. 17 Teil II Allgemeinen Landrechts hiermit verboten, weil ausweislich des gestern hier verbreiteten Flug- blattes in dieser Versammlung schon wieder ein auswärtiger Agitator— wie nach dem Thema: „Große Protestversammlung gegen da? Dreiklassenwahlunrccht in Preußen. Tagesordnung: „Die bürgerliche Revolution von 1843— 1849 und das preußische Dreiklassenwahlsystem. Referent Dr. Matz" zweifellos anzunehmen ist— in aufreizender Weise referieren wird, nachdem erst durch die am 2t. Januar d. I. in eben- demselben Lokale stattgehabte sozialdemokratische Protest- Versammlung, in welcher gleichfalls ein auswärtiger Agitator eine Hetzrede gehalten bat, die Geinüter der hiesigen nicht sozial- demokratischen Bevölkerung in Aufregung versetzt worden sind, durch solche fortgesetzten aufreizenden Reden auswärtiger sozial- dcmolratischer Agitaroren aber die öffentliche Ruhe und Ordnung in hiesiger Stadt gefährdet erscheint. Die Polizeiverwclltung. Dr. Kluge Herr Dr. Kluge dürfte von seinen Vorgesetzten darüber belehrt werden, daß in Preußen so etwas wie ein Vereins- und Versamm- lungsrecht besieht: In G r ä b ch e n bei Breslau ist eine Versammlung verboten worden, weil das Lokal in sanitäts-, sowie fever- und sonstiger sicherheitSpolizeilicher Hinsicht den Ansprüchen des Anits- Vorstehers nicht genügt. Am 18. März fanden in dem Lokal niehrere öffentliche Bersanmrlungen ungehindert statt. — Preßprozeß. Der Redakteur der Fürther„Bürgerzeitnng", Genosse Zöllner, wurde wegen Beleidigung eines Gemeinde- bevollmächtigten zu 1 Monat Gefängnis verurteilt. Immer»och Nachspiele zum roten Sonntag. In M ü n st e r wurden drei Genossen aus Haltern vom Schöffengericht wegen Ver- breitung des Wahlslugblatts zu je 10 M. Geldstrafe verurteilt, obgleich die polizeilichen Zeugen kein stichhaltiges Belastiingsmatcrial liesern konnten. Ebenso erging es zu S a u d a u(Provinz Branden- bürg) zwei Genossen aus Rathenow. Sie sollen angebliche Eni- Heiligung des Sonntags mit je 10 M. büßen. Gegen beide Urteile ist Berufung eingelegt worden. Freigesprochen wurde zu Merseburg ein Flugblatt- Verbreiter._ Erdrosselung der freien Mskassen und freie Kahu für Schwindelkasscu! Die Kommission zur Vorberatung deS„Entwurfs eines Gesetzes über die Hülsskassen" beendete gestern ihre erste Lesung. Hatten im Plenum alle Parteien sich gegen daS Gesetz erklärt, so änderte sich das Bild in der Kommission von Sitzung zu Sitzung. Bekanntlich schlägt der Entwurf vor, dasHülfSkassenge setz aufzuheben und die Hülfskassen als Vereine dem Gesetze über die privaten Ver- sicherungsnnternehnningen vom 12. Mai 1901 zu unterstellen. Die Mehrheit der Kommission hielt es für ratsam, zunächst fest- zulegen, welche Bestimmungen deS Gesetzes über die privaten Ver- sicherungsunternehnmngen für daS Fortbcstehen der Hülfskassen unbedingt auszuschließen sind. Unsere Genossen F r ä ß d o r f, L e s ch e und Stadthagen legten dar, daß der eingeschlagene Weg völlig ungeeignet zur Bekämpfung der Schwindelkassen oder zur Aufrechterhaltung oder Förderung der sozialen Zwecke der Hülfskassen sei, dennoch würden sie sich an der Beratung und Beschlußfassung beteiligen und eventuell für die zweite Lesung Vorschläge zur wirklichen Bekämpfung der Schwindel- lassen stelle». Dementsprechend handelten sie. Die Annahme, daß die bürgerlichen Parteien ihren im Plenum geäußerten Dar- legungen entsprechend, die Hülfskassen vor Willkür schützen würden, wurde durch ihre Stellung gründlich zerstört. Von Sitzung zu Sitzung offeiibarer wurde, daß der Zweck des Gesetzes im Sinne der bürgerlichen Parteien keineswegs ans Schutz gegen Schwindelkassen gerichtet ist, sondern auf Erdrosselung der H ü l f s k a s s e n'und daß daS Gesetz eine II m a r b e i t zur Ver- nichtung des RestcS voi, Selb st Verwaltung der OrtSkrankenkasfen sein soll. Nur einige Punkte mögen zur Jllustrierung des Vorgehens der Mehrheit angeführt werden. Die sozialdemokratischen Mitglieder der Kommission, insbesondere Lesche, legten dar, daß eine Reihe Schwindelkassen also operieren: zunächst lassen sie sich die Bescheiiiigimg aus§ 75a deS Kranken» VersicherungsgesctzeS geben; dann ändern sie die Statuten zunn- gunsten der Mitglieder: man müsse in solchen Fällen die Be- scheinigung wieder zurücknehmen können. Die Mehrheit anerkannte diesen Uebelstand, lehnte aber einen auf Beseitigung dieses offenbaren SchwindelinanöWerS abzielenden Antrag ab. Der Vorsitzende, Zentrunisabgeordncter Trimborn, vertröstete— auf die zweite Lesung! Ferner: die sozialdemokratischen Mitglieder wiesen darauf hin, daß insbesondere nach Erlaß des Privat- versicherungsgesetzcS die Uebersicht über das, was Rechtens sein soll, so unüberfichtlich sei, daß niemand die Tragweite der einzelnen Vorschriften übersehen könne. Es möge doch die Regierung vor Beginn der z w e i t e n Kommissionslesnng ein Normalstatut vorlegen. Abg. Trimborn vertröstete aus solch Normalstatut— nach Schluß der zweiten Kommissionslesung! Dabei wiinmclt der Entwurf von technischen Nnzuträglichkeiten, Unklarheiten und Unsicherheiten, wie sie besser ein auf Betätigung von Behörden ivitlkür und Gründung von Schwindel- lassen abzielendes Gesetz nicht schaffen könnte. Die Karten der Mehrheit wurden in der gestrigen Sitzung offen gelegt. Die Sozialdemokraten beantragte», das Hülfskassen- qesetz bestehen zu lassen und lediglich§ 36, der die Knapp- I ch a f t s k a s s e n und sonstigen rückständigen lande-sgesetzlichen Kassen aufrecht erhält, zu streichen. Die Kommission stiinmte gegen die Sozialdemokrale» indes für Aufhebung des gesamten HülfskassengesetzeS. Der„freisinnige' Abgeordnete Mugdan enthielt sich der Stimme. Nunmehr schlug Trimborn vor, schleunigst� spätestens heute die zweite Lesung zu beginnen. Die Sozialdemokraten be- autragten, zunächst den Interessenten Gelegenheit zur Aeußerung zu geben und die Sitzungen erst am 24. April wieder aufzunehmen. Was für alle anderen Interessentenkreise als billig erachtet ist, vor der Einbringung des Entwurfs und während aller VorbereilnngSstadicn Gelegenheit zur Aeußerung zu haben, müsse doch dem M i t t e l st a n d und Arbeiter gegenüber wenig st ens, soweit dies der Reichstag in derHand h'at, gewährt werden. Die gesamten nicht sozialdemokratischen K o m m i s s i o n s m i t« g l i e d e r stimmten gegen diesen Vorschlag und setzten die zweite Lesung bereits aus Montag an! Alle aus Arbciterlreisen der verschiedensten Richtungen eingelaufenen Petitionen haben um Ablehnung der Vorlage ge- beten. Der Schars macherverband hingegen hat um An« nähme ersucht— das reicht vorab zur Klarstellung der Stellung der bürgerlichen Parteien hin. Durch Annahme der Vorlage, 7anf die wir noch später eingehen werden, wurde das Hülfskassen Wesen auf dieselbe Lage zurückgeworfen, in der es sich vor 1869 in Preußen befand. Der Entwurf, wie ihn die Kommission gestellt hat, lautet wie folgt(die Aendernngen gegenüber dem RegierungSentwurf sind durch Sperrdruck kenntlich gemacht): Entwurf eincS Gesetzes über die Hiilfskaffe». § 1. Das Gesetz über die eingeschriebenen Hülfskassen(Reichs« Gesetzbl. 1876 S. 125, 1884 S. 54) Ivird aufgehoben. Z 2. Im§ 122 des Gesetzes Über die privaten Versichernngs« Unternehmungen(RcichS-Gesetzbl. 190l S. 139) fallen die Wone: „die auf Grund des Gesetzes über die eingeschriebenen Hülfs« kasscii vom 7. April 1876(llieichs-Gesetzbl. S.'l25> in der Fassung des Gesetzes vom 1. Mni 1884(RcichS-Gesetzbl. S. 54) errichteten Kassen," fort. Der§ 122 daselbst erhält folgenden zweiten Absatz: „Die beteiligten Landesregierniigen können bestimmen, daß und von welchem Zeitpunkt ab auch die im Abs. 1 bezeichneten, auf Grund landesrechtlicher Vorschriften errichteten Hülfskassen den Vorschriften dieses Gesetzes unterliegen, und die zur Durchführung der Anordnung erforderlichen Bestinmumgen erlassen." § 3. Die Vorschriften der Reichs- und Landesgesetze. die sich a»f die eingeschriebenen Hülfskassen und deren Mitglieder bezichen, gelten ffir die Versicherungsvcreine auf Gegcnseitigleit, die zum Betriebe der Versicherung'ihrer Mitglieder gegen Krankheit befugt sind, und für deren Mitglied«. Jedoch sind die Miiglieder der im Absatz 1 bezeichneten Ver- sichernngsvereine von der Verpflichtimg. der Gemeinde- Kranken« versichcruiig oder einer nach Maßgabe des Krankenversicherniigs- gesetzes errichteten Krankenlasse anzugehören, nur dann befreit, wenn die Satzung außer den Bestiinmungen des Z 75 deS Kranken- Versicherungsgesetzes den nachstehenden Anfordcrniigcn genügt: 1. Der Beitritt darf von der Beteiligung an andere» Gesell- schaften oder Vereinen nur dann abhängig gemacht werden, wenn eine solche Beteiligung für sämtliche Mitglieder bei Errichtimg deS Verstcherungsvereins durch die Satzung vorgesehen ist. Im übrigen darf den Mitgliedern die Verpflichtung zu Handlungen oder Unter» lassungen, welche mit dein Zwecke des VersichennigSvereius in keiner Verbindung stehen, nicht auferlegt werden. 2. Als Krankeilimterstütznng dürfen den Mitgliedern nur Krankengeld, ärztliche Behandlung. Arznei und andere Heilmittel, Verpflegung in einem Krankenhanse sowie die geeigneten Mittel zur Erleichterung der ihnen nach der Genesung verbliebenen körper- lichen Mängel gewährt werden. Auch darf die Kraiikenmiterstützung an Wöchiieriimcn solvie eine Schwaiigcnchaftsunterstütznng gewährt und die Gewährung ärztlicher Behandlung, von Arznei und s o n st i g e n Heilmitteln auf die Familienangehörigen der Mitglieder ausgedehnt werden. Den Hinterbliebenen verstorbener Mitgleder darf ferner eine Beihülfe gewährt werden, welche das Zehnfache der wöchentlichen Unterstützmig, auf welche das ver« slorbene Mitglied Anspruch hatte, nicht überschreitet. 3. Zu anderen Zwecken als den in Nr. 2 bezeichneten Ulster- stützungen und der Deckimg der VerivaUmigskosteii dürfen weder Beiträge von den Mitgliedern erhoben werden, noch Verwendungen aus dem Vermögen des Vcrsicherungsvcrvins erfolgen. 4. Dem Vorstand und dem AufsichtSnste dürfen nur volljährige und im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte befindliche Mitglieder angehören; auch dürfen nur solche Mitglieder im obersten Organe(Versammlung von Mitgliedern oder von Ver- trctern der Mitglieder) ein Stimmrecht ausüben. 5. Wegen lieberschrcitung der Altersgrenze, über welche hinaus nach Bestinmiung der Satzung Mtglieder nicht aufgeiiomnien werden, und wegen Veränderung des GesimdheitszustaudeS, von welchem nach Bestimmung der Satzung die Aufnahme abhängig ist, darf der Ausschluß nicht erfolgen. Wegen des Austritts oder Ausschlusses aus einer Gesellschaft oder einem Vereine können Mitglieder nickst ansgesckilossen werden, ivcnn sie dem Versicherinigövereiiie bereits zwei Jahre angehört haben. Erfolgt ihre AuSichließung vor Ablauf dieser Zeit, so haben sie mmdestcuS Anspruch aus Ersatz deS von ihnen be« zahlten Eintrittsgeldes. Die Befteiuug von der Verpflichtung der Gemeindekranken» Versicherung oder einer uacki Maßgabe deS Kraistcuvcrsicherimgsgesctzc-Z errichteten Krankeiikassc anzugehören, ist ferner davon abhängig, daß dem Vcrsicheruiigsvcrein eine Vescheiiiigung gemäß ß 75 a. des KrankeiivcrsicherungSgesetzeS erteilt ist, welche sich zugleich darauf erstreckt, daß die Satzung dieses Vereins den Anfordcruilgen deS Abs. 2 Nr. 1 bis 5 entspricht. 8 3».(Neu.) Versichcriiiigsvereiiie der im 8 3 Abs. 1 bczeich« neten Art, deren Leist uiigen sich iuiierhalb der i» 8 9 Abs. 2 Nr. 2 bezeichneten Grenzen halten, sind, sofern nicht auf ihren Antrag von der Anfsichlsbehörde anders bestimmt wird, als kleinere Vereine (8 5,3 des Gesetzes über die privaten Versicherungsunternehmuugcn vom 12. Mai 1901, ReichS-vlesetzblatt 3, 139) anzuerkenneii. 8 3b.(Neu.) Tie Kasse kann für bestimmte Bezirke örtliche Verwaltuiigssieuen(Abteilungeu, Zweigvercine) errichten. Tie Befugnisse und die Verfassung der örtlichen BcrwaltuugS- stellen< Abteilungen, Zweigvercine) werden durch Statut geregelt. 8 3c.«Neu.) Die 88 II, 12 und 115 des(stesctzcs über die privaten VersicheruiigSunternehmungen finden auf die in diesem Ge- setze genannten Kassen keine Anwendung. 8 36.(Neu.) Die Versicherungsvereine im Sinne des 8 3* dieses Gesetzes haben einen Reservefonds im Mindestbetrage der duräischnittliche» Jahresausgnbe der letzten fünf Rechnungsjahre an- zusammeln und erforderlichenfalls bis z» dieser Höhe zu ergänzen. So lange der Reservefonds diesen Betrag nicht erreicht, ist dem- selben mindestens ein Zehntel des Jahresbetrags der Mitglieder- beitrage zuzuführen. 8 3e.(Reu.) Eine Vereiniaiiug mehrerer Kassen zu einem Verbände behufs gegenseitiger Aushülfe im Sinne des 8 46 Ziffer 1 bis 4 des Kranlenversicherungsgesetzes, laiin unter Zustimmung der (steneyalversaininlung der einzelnen Kasse und auf Grund tineS schriftlichen Statuts erfolgen. § 4. Versicherungsunternehmungen, die beim Inkrafttreten dieses Gesetzes auf Grund des Gesetzes über die eii'�eschricbcuen Htlfskasscn oder beim Inkrafttreten einer für sie gemäß 8 2 Abs. 2 erlassenen Bestimmung als aus Grund landesrechtlicher Vorschriften errichtete Hilfskassen zum Geschäftsbetriebe befugt sind, bedürfen zur Fortsetzung ihres Geschäftsbetriebs in den bisher durch die Zulassung geswtleten Grenzen keiner Erlaubnis nach Maßgabe deS Gesetzes über die privaten Versichcrungsunternehmungen. Z 5. Die einer Vcrsick?eruugsumernehmung als eingeschriebener Hilfskasse auf Grund des§ 75a des KrankeuvecsichcruiigsgcsctzeS auSgestellre Bescheinigung kann widerrufen werden, wenn die Ver» sichcrungsunternehmung den in den Bestimmungen des 8 2 Abs. 2 Nr. 1 bis 5 gegebenen Voraussetzungen nicht mehr entspricht und der Auflage der Aufsichtsbehörde, diesem Mangel abzuhelfen, innerhalb ter gesetzten auf mindesten? 6 Wochen z» btmessenben Frist nicht nachgekommen ist. Alle Bescheinigungen der bezeichneten Art ver- licren om 1. Januar 1908 ihre Gültigkeit, sofern sie nicht nach der Verkündung dieses Gesetzes von neuem erteilt worden sind. § 0. Berficherungsuntrrnehmungen, die beim Inkrafttreten einer für sie gemäß§ 2 Abs. 2 erlassenen Bestimmung als auf Grund landesrechtlicher Vorschriften errichtete Hilfskassen zum Gc- schäftsbetriebc befugt sind und sich im Besitz einer amtlichen Bescheini- gring gemäß§ 75a des Kraulenversicherungsgesetzes befinden, unter- liegen nicht der Vorschrift des§ 3 Abs. 2 und 3. Die Bescheinigung ist jedoch zu widerrufen, sofern bei Aendernng ihrer Satzung darin eine dem Abs. 2 Nr. 1 bis 5 daselbst zuwiderlanstirde Bestimmung neu aufzenommen wird._ ßewer fi rebaf tllchca. Christliche„Gelbsucht". Ucber ein neues Stück christlicher Arbeiterinteressenver- tretung macht Genosse Redakteur W i ß m a n n, der als Ver- treter des Bergarbeiterverbandes in Courri�res weilte, inter- cssante Mitteilung. Der christliche Gewerkvercin hatte den Redakteur des„Bergknappen", R u r u p, nach Courriöres entsandt. Und was machte der Arbeiterführer dort? Er begab sich zu dem Organisator der„gelben" Streikbrecher- banden, dem bekannten Monsieur C o t t o n. Vielleicht hat R u r u p dort nützliche Dienste geleistet. Ein ultramontanes Blatt schrieb: „Tie Katastrophe hat Gott gewollt. Krieg, Pest, Ueber- schwemmung, Erdbeben usw. sind Strafen Gottes, um die Menschen für ihre Gleichgültigkeit und Missetaten zu bestrafen." Und C o t t o n erliest einen Aufruf, in dem er seine 'christlichen Gefühle bekundet; er demonstrierte gegen den Streik und reproduzierte folgenden»Brief an das Mini- sterium: „Revolutionäre Banden suchen die freie Arbeit zu hindern.(III) Im Namen unserer 6000 Mit» glicder bitten wir den Minister, die Arbeiter zu schützen, die gewillt sind, zuarbeiten. Mr wollen keinen Streik. Hochachtend C o t t o n. Und Herr R u r u p kehrte nach dem Besuche bei C o t t o n nach Deutschland zurück! Er hatte nach seiner Weise Ar- beiterinteressen vertreten._ Berlin una amgegena. Streikbeschluß der Berliner Maler und Anfireichrr! Die geheime Abstimmung der an» Donnerstag in der„Reuen Welt" abgehaltenen Massenversammlung der Maler und Anstreicher über die sofortige oder spätere Arbeitsniederlegung hat laut Auszählung das vorauszusehende Resultat ergeben. Demnach ist mit erdrückender Majorität beschlossen worden, am Montag, den 2. April in den Streik zu treten. Von zirka 6000 an der Abstimmung beteiligten Mitgliedern deS MalcrverbandeS haben«/,<, für die Arbeitsniederlegung gestimmt. Somit beginnt am Montag ein Lohnkampf, wie er im Berliner Malergewcrbe bisher noch nicht zu ver- zeichnen war. In Betracht kommen für das gesamte Lohngebiet Berlin rund 8000 Maler und Anstreicher. Der Maleriimung resp. den, Arbeitgeberverbande scheint der Streikbeschluß schon jetzt arge Belle, nmungen zu verursachen. Eine iolche Einmütigkeit unter.ihren" Arbeitern hatten die ehrsamen Meister offenbar nicht erwartet. Sie haben sich denn auch bereits dahin geäußert, daß ihnen als einziges Mittel gegen die Streikenden nur die Heranziehung von Arbeits- willigen bleiben würde. Um dies„einzige Mittel" nach Möglichkeit in Anwendung zu bringen, hat die Innung mehrere Tausend Mark ausgeworfen, damit i» den bürgerlichen Zeitungen aller Teile Deutschlands, besonders aber in der Arbeiterpresse nach arbeitswilligen Malergeh ü Ifen annonciert werden kann. Vor allem gedenken die Herren, alle verfügbaren Malcrgehülfrn aus den öst- lichen Provinzen nach Berlin zu locken, indem sie ihnen einen Stundenlohn von 6S Pf. versprechen, während sie den Berliner Anstreichern— und das ist die große Mehrheit der im Maler- gewerbe beschäftigten Arbeiter— nur einen Minimallohn von öS Pf. zahlen wollen. Bei den eigenartigen Arbeitsverhältnissen im Berliner Baubcruf kann den auswärtigen Malergehülfen in ihrem eigensten Interesse während des Streiks nur auf das dringendste von einer Fahrt nach Berlin abgeraten werden.— Die gesamte Arbeiterpresse Deutschland» wird daher ersucht, aus den Berliner Malerstrei» aufnicrksam zu machen und die Malergehülfen allerorts vor Zuzug nach Berlin zu warnen. Zur Lohnbewegung in de» Berliner Handelsgärtnereien. Am Donnerstag fand bei DräselS, Neue Friedrichstraße, eine große öffentliche Gchülfenversammlung statt, in, der die Lohn«- kommission einen Bericht gab über den bisherigen Verlauf der Streik. bewegung. Die Kündigungen zum 1. April sind, von einigen un- rühmlichen Ausnahmen abgesehen, durchgehend» geschlossen er- folgt. Bewilligt haben die Forderungen bisher eine nur geringe An- zahl von Betrieben, dagegen sind fast allenthalben und teils verhält- nismäßig erhebliche Lohnaufbesserungen erfolgt. Da die allgemeine Lohnaufbesserung der Hauptzweck der gegenwärtigen Bewegung ist und bei vielen Unternehmern die Geneigtheit besteht, den geforderten Ricdrigstlohn von 22 Mark pro Woche anzuerkennen, wenn die erst aus der Lehre Gekommenen davon ausgenommen werden,.so einigte sich die Versammlung zu folgendem Beschlüsse:„Die Versammlung erklärt sich mit dem Vorschlage der Lohnkommission einverstanden, Betriebe, in denen den jüngeren Gchülfen im ersten und zweiten Gc- hülfenjahre als Mindestlohn 20 Mark pro Woche gezahlt wird, als geregelt zu erklären. Die Versammelten verpflichten sich, in diesem Sinne mit" einzutreten nicht bewilligt.......— r-..... erfolgt. Die Versammelten appellieren an alle diejenigen, die bisher ihrer Pflicht noch nicht nachgekommen sind, dieses umgebend noch nachzuholen. Ter Lohnkommission wird der Auftrag erteilt, alle Maßnahmen zu ergreifen, die sie zur energischen Durchführung der Forderungen für notwendig erachtet." Ein christlicher Arbeitgeber. Der Streit der Hausdiener bei der Hoflieferanten-Firma Hein- „ich Jordan in der Marlgrafenstr. 104—107 dauert unverändert fort Von den Ausständigen ist niemand abtrünnig geworden. Die Inhaber der Firma, welche mehrere Arbeitsnachweise in Anspruch nahmen, inußten erfahren, daß Streikbrecher für ihr Haus nicht zu finden waren. Man benutzte alsdann die Presse vom Schlage Scherl usw. Hier fanden sich dann auch so- genannte nützlich« Element«, die ihren ArbeitSbrüdern in den Rücken yelen. Wieweit die Firma mit diesen Streikbrechern kommen wird, mag die Zeit lehren. Die Firma hat auf die Fliia- blätter hin, in denen die erbärmlichen Lohn- und Arbeitsverhältnisse gesckildert werden, im.Lolal-Anzeiger" die Löhne der Diener ver- osfentlicht. ES heißt da unter anderem, daß an Lohn SO— 120 M. gezahlt werden. Die Finna vergaß aber anzugeben, wann diele Löhne erreicht werde«! Bis dahin hatten eine Anzahl Diener trotz ausgedehntester und jahrelanger Tätigkeit nur 60 bis S5 M., ja sogar bei einer Beschäftigungsdauer von 10, 15 und 20 Jahren und darüber hinaus mir sage und schreibe 100 bis 10S M., wovon noch Abzüge verschiedener Art gemacht wurden. Wieweit die Nächstenliebe der Hoflieferantenfirma geht, war am besten daraus zu ersehen, daß man die Verhandlungen, welche die Kommission erbeten hatte, ungemein lange hinzog. Welcher Art die sogenannten Zugeständnisse sind, geht am besten daraus hervor, daß man den Anfangslohn, trotz der Teuerung, woran ja die Arbeiter nicht schuld sind, auf 85 M. pro Monat für Entlassene vom Militär und 90 M. fürHausdiener festsetzen wollte, welchemindestenS zwei Jahre in ähnliche» Geschäften tätig waren und dieses durch gute Zeugnisse nachweisen müssen. 95 M. wollte man nach dreijähriger Tätigkeit, 100 M. nach sechs Jahren und 105 M. nach zehn Jahren zablen und eventuell mehr, wenn normalerweise ein Hausdiener längst über den Jordan ist. Die Hausdiener, welche mit diesen Zugeständnissen nicht zufrieden sein konnten, ersuchten nunmehr die Lereinsleitung, bei der Firma vorstellig zu werden. Herr Fritz Jordan erklärte dieser gegenüber: Ich verhandle mit beiden Herren nicht I Sprach's und verschwand.— Nach diesem Vorkommnis war der Streik unvermeidlich. Die Inhaber der Firma scheinen zu vergessen, daß sie das Geld auch von Arbeiterfamilien ganz gern einheimsen, des- gleichen von den Steuergroschen der Arbeiter Riesenausträge für Afrika allsftihren, woran Abertausende verdient werden, auch zu JllmninationSzwecken genug übrig bleibt, während man für die An« gestellten ein soziales Empfinden nicht besitzt. Den Berufsgenossen rufen die Streikenden zu: Meidet diesen Betrieb und übt Solidarität!_ Eine neue Lohnbewegung der Barbiere steht bevor. Die Barbier- und Friseurgehilfen hielten am Donnerstag in den Vororten von Berlin sechs Versammlungen ab. In allen Versammlungen wurde der Meinung Ausdruck gegeben, daß die Lohnbewegung der Ge- hülfen von feiten der Arbeitgeber aufgezwungen wurde. Eine herbe Kritik wurde auch an dem Kost- und Logiswesen geübt und für die Beseitigung desselben besonders Propaganda gemacht. In Er- wägimg desien, daß die Erfolge der vorjährigen Lohnbewegung durch die Arbeitgeber illusorisch gemacht werden sollen, verpflichteten sich die Versammelten, für die diesjährige Lohnbewegung ein- zutreten und für Durchführung derselben Sorge zu tragen. Oeutld»«» Rc(d>. Eine Machtprobe des Unternehmertums in Hannover. Hannover, 29. März.(Eig.©er.) Aus dem Streik und der Kündigung der 2000 Former und Gießereiarbeiter in de» 23 Maschinenfabriken Hannovers hat das organisierte Unter- nehnrertuin mit einer den Kapitalisten eigenen Virtuosität glücklich eine„Machtprobe der Gewerkschaften und der organisierten Arbeiter" hervorgezaubert. In kapita- listischen Blättern verbreitet die ihre Atlionäre mit 25 Proz. Dividende segnende Maschinenfabrik vorm. Georg Egestorfs in Hannov-'r-Linden folgende Mär: Die Werke haben eine Verhandlung mit der Organi- sation abgelehnt, sich aber bereit erklärt, mit den Ar- beitern ihrer Werke zu verhandeln. Bei diesen Berhand- lungen stellte sich heraus, daß den Forderungen, welche die Organisation aufgestellt hatte, in den Betrieben fast durch- weg s.chon Rechnung getragen» st oder doch seitens der Werke die Zusicherung gegeben wurde, daß denselben in weite st gehender Weise entgegengekommen werden würde, sodaß seitens der Arbeiterkommissionen, welche dir Verhandlungen mit den WerkSleitungen führten, wieder« holt konstatiert wurde, daß eine Differenz eigentlich überhaupt nicht e x i st i e r e. Man muß die Arbeiter schon für Idioten halten, wenn man glauben will, daß sie wirklich ohne„Differenz" mit den Unter- iiehmern in den Streik eintreten würde». Was die Unternehiner schreiben, ist eben völlig unwahr, denn alle Forderungen sind soft- malS nicht ohrne höhnische Bemerkungen) abgelehnt worden. Die Hauptsache war der Lohn und da schreibt die genannte Fabrik selbst:„Eine Forderung wurde von allen Werken üb er ein- st i n, m e n d abgelehnt, und das ist die Forderung der GarantieeineSMinde st lohne? für jedenGießerei- arbeiter bezr.v. Former ohne Berücksichtigung seiner Arbeitsleistung. Den Arbeiter nnch Altersstufen zu honorieren, und hierfür eine Garantieleistung zwischen den Werlleitungen und der Arbeiterschaft deS Werkes schriftlich zu vereinbaren, konnte unter keinen Umständen bewilligt werden." Warum unte t keinen Umständen? Nun, die Unternehmer wollten nach bewährtem Muster„Zusicherungen" geben und diese wie gewöhnlich nicht halten. In dieser Beziehung haben die Metallarbeiter Hannovers schon derart trübe Erfahrlmgen gemacht, daß iht-ren nicht mehr zugemutet werden konnte, sich noch einmal darauf einzulassen. Und im übrigen ist gar nicht«„zugesichert"»vorden. Leere Redensarten battc man für die Arbeiter übrig gechabt, aber sonst nichts. Der Streik ist wirklich nicht grtmdlos begonnen. Nunmehr rüstet sich das übermütige Kapital zur Machtprobe! Am S. April sollen die Fabriken„stillgelegt" werdenl IV 000 Arbeiter werden— kehrt nicht noch die Vernunft bei den prosienhaften Unternehmern ein— an diesen» Tage aufs Straßenpflaster fliegenl Ein Riesenkampf, der mindestens den zehnten Teil der Einwohnerschaft Hannover-Lindeas direkt in Mitleidenschaft zieht, existenzlos macht. Außer in der Metallindustrie ist auch in der T e x t i l- industrie ein Kan»ps entbrannt. 300 Arbeiter der Mechanischen Weberei, einem Betriebe von 1500 Arbeitern, haben die Arbeit niedergelegt, weil ihnen d«e Lohnforderungen rundweg abgeschlagen sind.— Die Stellmacher sind in einer Zahl von etwa 200 in den Streik getreten.— Fn der Continental-Kautschuk» und Guttapercha-Compagnie, dem weltbekannten Be- triebe, der 40—50 Proz. Dividende verteilt, deren Auf« s i ch t S r ä t e ein jeder jährlich 50 000—70 000 Mark Tantiemen erhalten, befinden sich die Maschinisten und Heizer um geringer Lohnforderungen seit Wochen im Kampfe. — Ein weiterer Kampf besteht in der Zigarettenfabrik von C o n st a n t i n. Gefordert wird hier Wiedereinste llting der Gemäß« regelten, Anerkennung deS FabrikaiisschusleS, Anerkennung des Verbandes»md noch zwei weitere unbedeutendere Punkte.— Nach der bisherigen Haltung der llnbernehmer wird eS auch in den Tischlereibet rieben zu einem Karnpfe kommen.— Die Brauereiarbeiter baben Forderungen gestellt, die Schuh- macher verhandeln mit den Arbeitgebern und noch einige lveitere Berufe planen die Verbessen, ng ihrer Lohn« und Arbeitsverhälttiisle. Das Proletariat HaniioverS �cht schweren Kämpfen entgegen. Es steht einem in festen Organisationen zusammengeschlossenen Unter- nehmertum gegenüber, aber auch die Arbeiterorganisationen sind derart gefestigt, daß die Arbeiterschaft allen Ereignissen mit kühler Ruhe, mit Selbstvertrauen und Energie entgegensehen kann. Huslanet. Bierhunderttausend streikende KohlengrSber! AuS Indianapolis meldet ein Telegramm vom gestrigen Tage: Der Lohnskala- Ausschuß der Anthrazu kohlen- Arbeiter hat völlige Einstellung der Grubenarbeit in den Anthrazitkohlenbrzirkea von» L. April an angeordnet und an die Grubenbesitzer tele- graphiert. daß er mit ihnen am 8. April in New Dork zur weiteren Erörterung der Lohnsklala ziisauimentretcn wolle. Dieser Schritt deutet'auf die Absicht gleichzeitiger Ausstände der Arbester in den Anthrazit- und Weichkohlenfeldern, der direkt oder indirekt 15V Ovv organisierte Anthrazit- und 26V EOV»rganisierte Weich- kohlen-Bergleute umfassen würde. Die Weichkohlengrubenbesitzer, die sich der Lohnerhöhung widersetzt haben, beschlossen, den Präsidenten R o o s e v e l t zu ersuchen, eine Untersuchuog über die Lage an- zustellen. Jnr Nlchmhl im 84. Kommunal-Wahlbemk. Die Genossen der Schönhauser Borstadt hatten zu gestern abend nach ben„Berolinasälcn" eine gut besuchte Kvmm»malwähler-Ver- sammlung einberufen, um zu der Neubesetzung des durch den Fort- zug des Genossen Ramlow sreigewordenen Stadtverordneten- Mandats Stellung zu nehmen. Nach einem sehr beifällig aufge- nommenen prograninmtisck'cn Vortrag des Genossen Dr. Wehl über die koiim»ur.alpolitischen Aufgaben der sozialdemokratischen Partei wurde von der Veriammlung einstimmig der Genosse Theodor F i sche r als Kandidat für den Bezirk ausgestellt. In einer Schluß- anspräche ermahnte sodann der Vorsitzende Mars zu reger Agitation unter der Arbeiterschaft, damit am 6. April das Mandat als alter Besitzstand der Partei nicht nur erhalten, sondern mit einer möglichst großen Stimmenzahl behauptet werde. Ob die Freisinnigen über- Haupt einen Gegenkandidaten aufstellen werden, steht noch dahin. Letzte Nachrichten und Depeschen. Die Stichwahl im Wahlkreise Kaiserslautern. Kaiserslautern, 30. März. sW. T. B.) Bei der heutigen Reichstagsstichwahl im Wnhlkreise Kaiserslautern-Kirchheimbolande» erhielt der„Pfälzischen Presse" zufolge, Bürgermeister Swmidt- Odernheim snatl.) 12 034»»nd Klemrnt sSoz.) 9515 Stimmen. Ersterer mithin gewählt._ Eisenbahnunglück. Hannover, 30. März.(W. T. B.) Amtliche Meldung. Auf Bahnhof Seelze der Strecke Hannover— Wunstorf ist gestern nacht Eilgüterzng 6001 bei der Durchfahrt auf den infolge Nach- lässigkeit beim Aussetzen von Wagen in Richtung auf das Haupt- gleis anstatt in Richtung auf das Nebengleis vorgezogenen Güter- zug 7l15 gestoßen»md hat die Lokomotive desselben zur Seite geworfen. Infolge deS Anpralles sind die Lokomotive des Eilzuges und nachfolgende Wagen entgleist. In die Trümmer des eben entgleisten Zuges ist der von der entgegengesetzten Richtung kommende Güterzug 6416 gefahren. Getötet sind Zugführer Wenig vom Eilzug 6001 aus Hannover und ein Begleiter von lebenden Fischen aus Utrecht, dessen Name noch nicht festgestellt ist. Ferner sind leicht verletzt Hülfsbremser Karl Möller aus Minden, Lokomotivheizer Loges aus Hainholz und Friedrich Knospe aus Berlin» Luisenstr. 55. Die Schuldfrage ist noch nicht aufgeklärt._ Grubenunglück auf Zeche„Shamrok". Dortmund. 30. März.(W. T. B.) Auf der Zeche„Shamrol" verunglückten 4 Bergleute durch den Zusammenbruch der Holzbe- kleidung. Einer von ihnen blieb tot. die anderen wurden schwer verletzt._ Der Streik im Braunkohlenrevier. Weißenfels, 30. März.(W. T. B.) Die Lage des Streiks im Weihenfels-Zettzer Revier ist ernster geworden. Auf die Bekam»!- machung der Werlleitungen, daß Nichtaufnahme der Arbeit die Ent- lossung zur Folge habe, hat die Zahl der Streikenden zugenommen, sie beträgt im Weihenfels-Zeitzer Revier Herste abend 1400 Manu, den llebertagarbeitern»st eine fünfprozentige Lohnerhöhung von den Verwaltungen zugestanden worden. Tie Meldungen von größerei» Ausschreitungen sind unrichtig. Die Streikenden verhalten sich voll- ständig ruhig. Im Weißenfelser Revier ist die Zahl der Streikenden auf 2000 stehen geblieben, auch ist hier die Lage im allgemeine» ruhig. In den von der Braunkohlenindustrie abhängigen industriellen Werken macht sich Kohlenmangel bemerkbar. Die angekommene u Arbeitswilligen von auswärts erklärten sich mit den Streikenden solidarisch. Die„Rettungsaktion". Paris, 30. März.(Telegramm unseres Pariser Kor- respondenten.) Die Rettung der 13 Bergarbeiter kompro- initiiert die die Rettungsaktion leitenden Ingenieure, die im Profitinteresse der Grubengesellschaft einzig die Feuerlöschung betrieben haben; eine Rettung der Verunglückten aber für unmöglich erklärten. Die Arbeiterdelegierten behaupteten noch in der vorigen Woche die Möglichkeit der Rettung von Menschenleben. Im Jntnesse des Geldsacks sind Hunderte dem Verderben überliefert worden. Die Stimmung in Courrieres. LenS, 30. Msärz.(W. T. B.) Das Gerücht von der Rettung weiterer Bergleute hat sich bisher bis zun» Abend nicht bestätigt. Es mag darauf zurückzuführen sein, daß die heute morgen. Geretteteu mitteilten, daß ihre Gruppe ursprünglich aus 20 Mann bestanden habe, daß aber 7 davon sich in einein Stollen verirrt hätten. Unter den Frauen der Bergleute herrscht große Erregung, sie stoßen Be- schimpfungen und Drohungen gegen die Ingenieure und Direktoren aus und rufen, hätte man uns hinabsteigen lassen,»vir hätten unsere Männer gerettet. Es sind große Sicherheitsmaßregeln getroffen worden, da man ernste Unruhen befürchtet. Paris, 30. März.(W. T. B.) Die Meldung von der wunder- baren Errettung der Bergleute hat in Paris freudige Bewegung her- vorgerufen, gleichzeitig werden aber lebhafte Vonvürfe gegen die BergwerkSdirektion laut. Man behauptet, daß. falls die Rettung der Arbeiter sofort in energischer Weise in Angriff genommen worden wäre, offenbar viele Bergleute hätten gerettet»verdrn können. Sicherung der Tradrs-UnionS. London, 30. März.(W. T. B.) Unterhaus. Hudson(Arbeiter- Partei) beantragt die zweite Lesung eines Gesetzentwurfes über die Frage der Trades-Unions und der Ausstände, der im ganzen sich deckt mit der am 23. März von Lawson Walto» vorgelegten Bill über den- selben Gegenstand. Jedoch dürfen nach der heute eingebrachten Bill die Fonds der Tradev-Unions in leiner Weife herangezogen werden zur Leistung»>oii Entschädigungen wegen ungesetzlicher Alte von Mit- gliedern der Trades-Unions. Premierminister Campbell Bannerman empfiehlt, die ziveite Lesung der Bill Hudson anzunehmen. Wyndham lkons.) bemerkt, er sei im Hinblick auf die vorgestrigen Erklärungen deö KronanwaltS Lawson Walton erstaunt über daS heutige Ver- halte» deö Premierininisters. Tie Haltung der Regirrung sei ein feiges Nachgeben. Die zweite Lesung der Bill Hudson wird hierauf mit 416 gegen 66 Stimmen angenommen. WennS nun nicht wird! Petersburg, 30. März.(©. H.) Blättermeldungen zufolge wurde der preußische Artilleriroberst von Nanck mit einen, JaHreSgeHalt vvu 12 000 Rubel» zum Eintritt in die russische Armee verpflichtet. Der Oberst soll Fachmann für die Herstellung von Bomben und Wurfgeschossen sein.__ Ein Gendarmerieoberst erschossen. SmolenLk, 30. März. lMclduna der Petersburger Telegraphen- Agentur.) LberstGladhschew, derGehulfe des Chefs der Gendarmerie- Verwaltung wurde heute nachmittag in einer Straße im Mittel- punkte der Stadt erschossen. Der Attentäter entkam. Tunneleinsturz Algier, 30.(W. T. 33.) Tnrch Einsturz eines Tunnels beim Bau der Bahnlinie Tlemcen au der marokkanischen Grenze wurden 2 Arbeiter getötet, 15 verwundet. UNS 2V yaijren uno oarnoer ymaus nur»ige uns|u;iciue ivv ui»__ p"_ Berantw. Redakteur: Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke. Berlin. Druck u.Verlag: VorwärtSBuchdr..u.VirIaasanstallPaulSing«r�Eo.. Berlin ZW. Hierzu4Brilagenu.UnttrhaltungSblal» Nr. 76. 23. Jahrgang. t KtilW i>cs„Nmiirls" Knlim NiIlisdlM. Sonnabend, 3t. Mar; 1966. Reichstag. carz. 79. Sitzung vom Freitag, den 39. nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstische: v. Einem, v. Tschirschky.Frhr. V. Stengel. Die namentliche Abstimmung über den Antrag des Abg. Bas s ermann(natl.) und v. Normann(kons.) auf MederHer- stellung der Regierungsvorlage betreffs Schaffung eines Reichs- kolonialamtS. bei der sich gestern die Beschluffunfähigkeit des Hauses ergeben hatte, hat folgendes Ergebnis: Abgegeben werden 249 Stimmen, davon stimmen mit ja: 127 Abgeordnete, mit nein: 110 Abgeordnete, 12 Abgeordnete enthalten sich der Abstimmung. Das Reichskolonialamt ist somit bewilligt.(Bei der Abstimmung stimmten auch mehrere Zentrumsabgeordnete, wie der Abg. v. Savigny und Graf B a l l e st r e m für das Reichskolonialamt! Andere Mitglieder deS Zentrums enthalten sich der Abstimmung.) Darauf wird die zweite Beratung des Etats des Reichs- k o l o n i a l a m t S an der Hand der Regierungsvorlage(nicht der durch die Abstimmung beseitigten Kommissionsfasfung) fortgesetzt. Die übrigen Positionen dieses Etats werden, soweit sie Kon- sequenzen der ersten Abstimmung darstellen, nach der Regierungs- Vorlage angenommen, im übrigen entsprechend einem Antrag des Abg. v. Normann(k.) nach den Beschlüssen der Kommission. Es folgt die zweite Beratung deS M i l i t ä r e t a t S. Beim Titel„Gehalt des Kriegsministers" liegt folgende Re- solution der Abgg. Dr. M ü l l e r- Meiningen(frs. Bp.)- Pahcr ID. Bp.) vor: Den Reichskanzler zu ersuchen, im Anschlich an die vom Reichstage mit Beschluß vom 21. März 190Z geforderte und daher baldigst anzubahnende Reform des Reichsmilitärstrafgesetz- bucheS im Interesse der energischen Bekämpfung der Militär- Mißhandlungen zu veranlassen, daß auch die Bestimmungen über daS Beschwerderecht der Soldaten einer neuerlichen gründlichen Revision im Sinne der Erleichterung der Beschwerden des Soldaten gegen mißbräuchliche Anwendung der Dienstgewalt unterzogen werden. Abg. Dr. Müller-Meiningen(frs. Bp.): Wie im vergangenen, müssen tvir auch in diesem Jahre eine Reform deS Militärstrafgesetz- buches fordern. Nach dem bestehenden Rechte wird der Soldat bestraft, der eine unberechtigte Beschwerde vorbringt. Dies macht das Beschwerderecht tatsächlich illusorisch, eS ist ein Hohn auf die Gerechtigkeit, ein Hohn auf die Bekämpsimg der Soldatenmißhandlungen. Dazu kommt der ß 117 des Militär- strafgesetzbucheö, der dem Vorgesetzten daS Recht gibt, den Beschwerdeführer auf die Folgen einer unberechtigten Beschwerde aufmerksam zu machen, das heißt ihn durch versteckte Drohungen einzuschüchtern. Wer sich durch diese Ermahnungen nicht von der Beschwerde abbringen läßt, der handelt nach der Judikatur„leicht- fertig" und erleidet deshalb doppelt schwere Bestrafung! Sehr hart wirkt auch die Bestimmung, daß der Soldat unter allen Um- ständen die Strafe erst verbüßen muß, ehe er sich beschweren darf. Nur eine grundlegende Revision des gesamten Beschwerderechts kann Besserung schaffen. Diese Revision muß vor allein die Bestrafung der objektiv unbegründeten Beschwerde beseitigen, die mündliche und unmittelbare Vorbringung der Beschwerde beim Hauptmann oder Eskadronschef festsetzen, die sofortige Versetzung des Beschwerde iührers in ein anderes Regiment vorfchreiben, bestimmen, daß sofort Bericht über jeden Mißhandlungsfall an das Generalkonnnando zu erstatten ist und daß sofort untersucht werden muß, wer die Verant- ivortung für die mangelnde Beaufsichtigung trägt. Ein grausamer, sadisttscher Zug geht durch die raffinierten Miß fiondlliiigen der Unteroffiziere. Ein sogenannter„Bettnässer" wurde ausgehängt wie ein zum Tode Verurteilter und erst wieder tos geschnitten, als er blau im Gesicht und besinnungslos war. Dann iviirde er mit Schlägen mit der Klopfpeitsche wieder inS Leben zurückgerufen, ihm das Glied mit Bindfaden unterblinden und beide Hände an die Bettlade gefesselt. Ain schlimmsten verwirrend aber wirken im Lande Fälle wie der deS württembergischen Hauptmanns Haupt, der Ivegen Miß- braucheS der Dienstgewalt in 59 Fällen zu neun Monaten Festung verurteilt wurde, aber nicht nur begnadigt, sondern auch iin gleichen Range in die preußische Armee wieder eingestellt wurde I(Hört! hört! links.) Wie muß das auf das Volk wirken?(Zuruf bei den Sozialdemokraten: Aufklärend!) Da sehen Sie. ivie es Ivirkt! Heiterkeit.) Auch der Oberst v. Blumenthal, der Vorgesetzte des un glückseligen Selbstmörders Leutnant Dietz in Frankfurt a. M., ist, trotzdem er in höchst verdächtiger Weise das Testament des Ver- storbenen eigenmächtig geöffnet hatte, noch heute im aktiven Dienst. In demselben 13. Husareuregiment hat sich ein Soldat, der viel über Mißhandlungen seinein Vater, einem Ritter des Eisernen Kreuzes, geklagt hatte, mit seinem Karabiner erschossen. Ein Zettel, den er seinen: Vater hinterließ, geriet dem Sergeanten in die Hände, und war zur kriegsgerichtlichen Verhandlung nicht mehr aufzufinden! I (Vielfaches Hört! hört! links.) Obwohl ein Kamerad deS Selbstmörders aussagte, daß dieser Mann kurz vor dem Selbstmord von anderen Soldaten auf Anstiften der Unteroffiziere mit einem Gummischlauch bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen worden war. verlief die Untersuchung wiederholt ergebnislos. Aber ge- meinsam ist allen diesen Fällen das Versagen des Beschwerde- rechts, gemeinsam die Weigerung des FiskuS, die unschuldigen Opfer zu entschädigen. Da sollten diese im Zivilprozeß, der auch den sonst noch immer so sehr vermißten Borzug der vollen Ocffenllichkeit hat. die aussichtführenden Offiziere verantwortlich machen oder auch, falls es sich um einen im Dienst belassenen Soldatenschinder handelt, den Staat.(Sehr gut I links.) In Worms hieß die 4. Kompagnie allgemein die Prügelkowpagnie— und alle wußten es außer den aussichtführenden Offizieren! Dort wurde einer armen Mutter einziges Kind so geschlagen und gestoßen, daß er Beulen bekam, er mußte auf den Ofen kriechen, in das Ofenseuer hinein immerzu Hurrah! schreien, bis er schließlich Tobsuchlsanfällc bekam. Bis heute hat der Mann, weil der„Kausalzusammenhang" nicht nachgewiesen lvar, keinen Pfennig Entschädigung erhalten I Kann man es ihm übelnehmen, wenn er schreibt: Man muß alle Eltern bedauern, die ein Kind großgezogen haben und es dieser Bande in die Hände liefern müssen."(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Ein Zeuge bat bei der wegen dieses Falles stattgefundenen Untersuchung aus- gesagt, sich zu beschweren hätte sich keiner getraut. Er wäre auch totgeschlagen worden! I(Hört I hört! links.) Der Brief der Sol- darenbrmit Martha(Heiterkeit) an den Hauptniann um Schutz ihres Schatzes ist geradezu ein kulturhistorisches Dokument. Soll vielleicht demnächst ein„Schutzverein von Bräuten mißhandelter Soldaten" das homerische Gelächter der Welt erwecken? Der Reichstag hat die Pflicht, durch sofortige Reform des Beschwerderechts den deutschen Soldaten die Dieustfreudigkeit wieder zurückzugeben.(Lebhafter Bei- fall links.) Abg. Dr. Spahn(Z.): Ich bm eigentlich der Ansicht, daß der Beschluß auf Reform der Militärstrafprozeßordnung den Antrag Müller-Meiningcn-Payer. der sich auf ein bestimmtes Gebiet dieses Strafprozesses bezieht, schon mit enthalt. Ich sehe aber keinen Grund, warum wir nicht auch diesen Antrag annehmen sollen, und ich empfehle ihn der Regierung. Auf die Interpellation Roeren hat der Kriegsminister eine Er- klärung verlesen— und zwar im Auftrage des Reichskanzlers—, in der das Duell unter Offizieren verteidigt wurde. Diese Er» klärung hat in ganz Deutschland ungeheueres Aussehen gemacht. Am meisten Aufsehen hat der Schlußpassus der mit früheren Be- mmmungen nicht im Einklang stehenden Erklärung erregt, in dem cS heißt:„Wir können kein Mitglied im Offizierskorps dulden, das nicht bereit wäre, gegebenenfalls mit der Waffe in der Hand für seine Ehre einzutreten". Wer zum Militär gehört, soll hiernach also nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht haben, sich über die Strafgesetze hinwegzusetzen. Das darf kein Reichskanzler er- klären, der doch auch die Justiz mit zu vertreten! hat.(Lebhafter Beifall im Zentrum.) Kriegsminister v. Einem: Im Anschluß an die Worte des Abg. Spahn möchte ich im Auf- trage und im Einverständnis des Herrn Reichskanzlers Ihnen folgende Erklärung vorlesen: „Gegenüber den vielfachen Mißverständnissen(Z), die meine Erklärung vom 15. Januar erfahren hat, halte ich es für notwendig, diese Mißverständnisse zu beseitigen. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe hat am 17. November 1896 erklärt, daß es beabsichtigt sei, Streitigleiten zwischen Offizieren stets der ehrengerichtlichen Ver- Handlung zu unterwerfen, daß das Ehrengericht genötigt werden würde, seine Entscheidungen niemals im Sinne eines Duellzwanges abzugeben und daß diese Entscheidungen für die Offiziere verbindlich gemacht werden würden. Diese Versprechungen wurden eingelöst durch die allerhöchste Kabinettsorder vom 1. Januar 1897, welche von den segensreichsten Folgen gewesen ist. Jeder Offizier ist jetzt verpflichtet, sich gegebenenfalls einem Ehrengericht zu stellen, und die Entscheidungen des Ehrengerichts müssen dem Kommandeur vor- gelegt werden. Durch diese Inanspruchnahme des Ehrengerichts und des Kommandeurs wurde bewirkt, daß Streitigkeiten zwischen Offizieren entweder ohne weiteres erledigt werden oder daß sie vor dem Forum des Ehrengerichts beigelegt werden. Mit Sicherheit kann gesagt werden, daß Duelle zwischen Offizieren aus kleinlichen Veranlassungen aufgehört haben und daß leichtfertige Duelle zwischen Offizieren kaum mehr vorkommen dürften. In der Tat sind die Duelle zwischen Offizieren so selten geworden, daß hier von einem Duellunwcsen nicht mehr die Rede sein kann.(Sehr gut! rechts.) An diesen Bestimmungen vom 1. Januar 1897 ist durch meine Er- klärung nicht das geringste geändert worden. Wir sind vielmehr nach wie vor bestrebt, dafür zu sorgen, daß in der Anwendung dieser Kabinettsorder weder dem Wortlaute noch dem Geiste nach irgend etwas geändert werde. Es ist behauptet worden, daß die Bestim- inung, wonach ein Offizier verabschiedet wird, der sich weigert, seine Ehre standesgemäß zu wahren, ungerecht und unbillig sei, weil sie es in das Belieben zedes einzelnen stelle, einen Offizier zum Duell zu zwingen oder um seine Stellung zu bringen. Dem ist aber nicht so: Genugtuung mit der Waffe kann nur gefordert werden, wenn auch der Gegner ein Ehrenmann ist.(Lautes Lachen links.)... Sie werden aus meinen Darlegungen ersehen haben, daß in der Armee alles geschieht, um das Duell zu bekämpfen, und daß die er- griffenen Maßnahmen zu einem günstigen Resultate geführt haben. Unser grundsätzliches Ziel bleibt: das Duell in der Armee völlig zu unterdrücken."(Lautes Lachen links und im Zentrum.) Ich habe dieser prinzipiellen Erklärung nichts hinzuzufügen. Ich wende mich nun zu den Ausführungen des Abg. Dr. Müller Meiningen über die Soldatcnmißhandlungen. Ich muß sagen, diese Stunden, in denen mir diese Vorkommnisse in der Armee hier vor- getragen werden, sind mit die schwersten, und ich fühle die ganze Demütigung, die darin liegt, daß in der Armee derartig schwere und auf keine Weise zu entschuldigende Misihandlnngen vorkommen. Wenn der Vorredner aber meinte, dergleichen könne nur vorkommen, weil das Beschwerderecht nicht funktioniere, so bin ich doch anderer Ansicht. Ich glaube, daß die Neigung zu Mißhandlungen durch die Leute— auch solche Fälle hat ja der Abg. Müller-Meiningen erwähnt— nicht in der Kaserne erzeugt, sondern vielfach in die Kaserne hineingetragen wird. Allerdings findet diese sadistische Richtung durch die Einrichtungen des militärischen Lebens einen gewissen Nährboden.(Zurufe link»: Na also!) Sie wissen alle, daß wir in die Armee rohe und ungesittete Elemente, die schon viel- fach vorbestraft sind, hineinbekommen, die im Umgang mit anderen Menschen eine gewisse hypnotische, dämonische Kraft zu haben scheinen, welche jeden Widerstand unterdrücken. Solche Fälle sind häufig vorgekommen, und ich glaube, es ist niemals möglich, sie aus der Armee vollständig herauszubringen. Sic finden sich beinahe in jedem Internat. Also die Schuld liegt nicht au der 5lasernc, an dem System, an der Armee, wenn derartige Tinge passieren, sondern sie werde» immer vorkommen, wo junge Leute zusammenleben, namentlich wo eine gewisse Disziplin besteht(?), die bei den Soldaten bestehen muß und die natürlich auch dahin wirkt, daß der Untergebene sich scheut, sofort gegen den Vorgesetzten mit Bc- schwerdcn vorzurücken. Nach der von uns aufgemachten Statistik wurden im Jahre 19V3 wegen Mißhandlung bestraft 665 Vorgesetzte, darunter 57 Offiziere, 555 Unteroffiziere und 53 Gefreite. Im Jahre 1995 sind bestraft worden 390 Vorgesetzte, also 275 weniger. Diese Verringerung ist nicht ganz unerheblich und jedenfalls umsomehr erfreulich, als namentlich die Fälle brutaler Mißhandlung ganz wesentlich zurück- gegangen sind. Von 25 auf 6 Fälle!(Hört! hört! rechts.) Die Zahl der Geschlagenen, Gestoßenen usw. betrug im Jahre 1993: 1294, 1995: 996. Auf eine Kompagnie kamen im Jahre 1993: 9,89 Miß- handelte, 1995: 9,39. Herr Müller sprach von dem Fall Schäfer. Ein Offizier, der Schäfer gekannt hat, hat mir versichert, daß dieser Mann seiner Schwadron die allergrößten Schwierigkeiten gemacht hat, nachdem er vor seiner Dienstzeit seine Eltern zur Verzweiflung gebracht hatte; er war ein schlechter, fauler, leichtsinniger Mann, der das Geld, das er als Soldat bekam, vertrank. Schließlich ist den Leuten die Geduld gerissen, und sie haben ihn verhauen. Die ganze Schwadron ist der Meinung gewesen, daß der Versuch, sich zu töten, nur ein Scheinmanövcr war, um sich dem unangenehmen Drenst auf dem großen Truppenübungsplatz zu entziehen.(Hört! hört! rechts.) Und nun der Fall Haupt: Wenn man nur die Darstellung des Herrn Müller-Meiningen hört, so begreift man in der Tat nicht, wie ein solcher Mann wieder angestellt werden kann. Wie lag der Fall aber in Wirklichkeit? Der Betreffende wurde mit 9 Monaten Festung bestraft. Nach 7 Monaten wurde er vom König von Württemberg begnadigt. Er hat dann nachher 3 Jahre gedient, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen. Tarauf hat er seinen Abschied gc- nommen als„zeitlich vollständig garnifon- und felddienstunfähig". Er ist dann wieder gesund geworden(!) und hat den Wunsch gehabt, hier einzutreten. DaS württembergische Kriegsminiftcrium hat ihn hierher mit guten Zeugnissen überwiesen und hat aufs wärmste seine Wiedereinstellung befürwortet. Das klingt auch wieder anders als die Darstellung, die Herr Müller gegeben hat. Im vorigen Jahre hat uns hier der Fall deS Leutnants Dietze beschäftigt, der sich infolge schlechter Behandlung erschossen haben soll. Durch die eingehende Untersuchung ist festgestellt, daß tvohl mit Sicherheit angenommen werden kann, daß die scharfe Kritik des Obersten vielleicht der letzte Tropfen gewesen ist, der das Glas zum Ucberlaufen brachte, daß aber dies Glas nicht gefüllt war durch schlechte Behandlung, sondern durch andere Umstände, die den Mann haben krank loerden lassen; nach meiner festen Ueberzeugung ist er in geistiger Umnachtung in den Tod gegangen. Was die Ocffnung des Testaments durch den Obersten betrifft, so hat der Kriegsgerichts- rat, nachdem der Oberst erklärte, er halte sich für verpflichtet, von diesem letzten Willen des Verstorbenen den Eltern Mitteilung zu machen, ausdrücklich die Verantwortung für die Oeffnung des Briefes übernommen, sie ist also nicht gegen seinen Willen erfolgt. Auch der Fall Gessert hat sich nach meinen Akten anders zu- getragen. Durch die Aussage der Leute, die mit ihm zusammen- gelegen haben, ist festgestellt, daß von einer Schikanierung dieses Mannes durch den Vizctvachtmeister keine Rede sein kann. Die Kvta- strophe ist erfolgt, als Gessert in seine Stube kam und man ihm mit» teilte, es sei eine Unterhose gestohlen, und in seinem Bett seien ihm nicht gehörende Sachen gefunden worden. Es ist zu einem Wort. Wechsel gekommen, ein Soldat. Schultheiß, hat Gessert mit einem Stock über den Rücken geschlagen, und deshalb ist Gessert mit ge- zogenem Mssex auf ihn losgegangen und hat ihn in die Schulter gestochen. Er ist dann in die Stadt gegangen und hat sich nach der Rückkehr auf dem Korridor die Wttnde beigebracht, die seinen Tod herbeigeführt hat. Der Fall Gessert liegt drei Jahre zurück, der auch erwähnte Fall Reiniger fünf Jahre.(Hört! hört! rechts.) In diesem Fall sind drei Unteroffiziere bestrast mit sechs, vier und zwei Monaten. Nun wird vielfach von der mangelhaften Aufsicht gesprochen. Wie es aber vielen Verbrechern gelingt, eine noch so gute Aufficht zu durchbrechen, so gelingt auch beim Militär manchem, der eine schlechte Tat ttm will, sie hinter dem Rücken seiner Vorgesetzter, auszuführen. Sie selbst haben es mit Freuden begrüßt, daß jetzt die Unteroffiziere aus den Mannschaftsstubcn in andere Stuben verlegt werden. Da werden vielleicht Mißhandlungen der Leute durch Unteroffiziere ver- mieden werden. Ob aber immer Mißhandlungen junger oder äugst- licher Leute durch ältere, das lasse ich dahingestellt.(Sehr richtig! rechts.) Herr Muller hat einige Grundzüge für die Revision unserer Strafordnung aufgestellt. Er führte das Wort eines hohen Militärs aus dem Jahre 1892 an. Unsere jetzige Strafordnung stammt aber aus dem Jahre 1994 und hat die tiefen Mängel der alten- voll- kommen beseitigt. Die Reform mußte vor allein dahin gehen, die Schranke zwischen den Soldaten und dem Kompagnieches zu be- scitigen, die früher bestand, indem ein Soldat sich nicht bei ihm direkt beschweren, sondern erst andere Instanzen durchlaufen mußte. Die Meldung an den kommandierenden General und die Versetzung von Beschwerdeführern in andere Truppen können wir aber unmöglich akzeptieren. Dadurch würde eine große Schädigung der Autorität aller übrigen Vorgesetzten herbeigeführt.(Sehr richtig! rechts.) Wir wollen tun, was in unseren Kräften steht. Es müssen aber auch diejenigen, die mit der Erziehung der Jugend zu tun haben, darauf hinwirken, daß veredelter, sittlicher erzogen wird.(Sehr richtig!) Eine große Bewegung, die viele Kreise durchzieht, hat nach meincrAnsicht aber nicht veredelnd, sondern entsittlichend gewirkt. (Sehr wahr! rechts.) Gerade die Presse dieser Bewegung hat durch ihre Tonart, ihre Roheit, ihr Schimpfen vielfach dazu beigetragen, die Gemüter zu verwildern und zu verrohen.(Sehr richtig! rechts.)- Wenn wir dafür sorgen, daß bessere Erziehungs-, Lebens- und Um- gangsformen zum Durchbruch kommen, dann werden wir auch die Mitzhandlungsfonnen zurückgehen sehen.(Beifall rechts und in der Mitte.) Abg. Bebel(Soz.): Die Antworten, die wir heute aus Anlaß der Mißhandlungen erhalten haben, lassen cS geraten erscheinen, heute an dieser Stelle des Mannes zu gedenken, der am 12. November 1995 seinen 150. Geburtstag hatte. Ich meine Schornhorst, der der größte Armeeorganisator war, den Preußen je gehabt!(Beifall links.) Den Leistungen dieses Mannes hat eS Preußen zu danken, daß eS gc- lungen ist, andere Grundlagen für den Staat zu schaffen. Jene Organisation bildet heute noch die Grundlage. Aber Schorn- Horst ist damals viel weiter gegangen. Seine besten Gedanken sind leider nicht zur Ausführung gekommen oder, als die schwersten Zeiten vorbei waren, verhunzt worden. Wäre Scharnhorsts Plan die Grundlage der Heeresorganisation geblieben. ich habe die felsenfeste Ueberzeugung: wir würden uns über eine Menge von Zuständen nicht zu beschweren haben, die wir jetzt fort- gesetzt zur Sprache bringen müssen. Bei einer solchen Organisation iväre es unmöglich gewesen, daß das Mißhandlungssystem einen solchen Umfang angenommen hätte wie heute. Sein Augenmerk lvar in erster Linie darauf gerichtet, die schauderhaften Zustände, die Sklaverei, die bis 1897 geherrscht hatte, zu beseitigen. In erster Linie sah er darauf, daß fedein tüchtigen Manne, einerlei lvoher er stamme, auch die Offizierskarriere geöffnet werde. Es hat mich eigentümlich angemutet, als ich gestern in einer Berliner Zeitung las, daß ein KanfmannSsohn zunächst als Offiziers- aspirant angenommen sei, nach einiger Zeit aber die Antlvort er- halten habe, für ihn sei kein Platz vorhanden, und daß der junge Mann, als er sich nach dem Grunde, weshalb man ihn erst an- nahm und später abschob, erkundigte, erfuhr, die Ursache sei darin zu finden, daß sein Pater einen offenen Laden habe I DaS diS- qualifiziert den jungen Mann also schon. Scharnhorst war sodann der Vertreter der Milizidee, er lvar der Meinung, daß durch die Miliz militärischer Geist und lebhafter Enthusiasmus geweckt Iverde. Einer seiner Grundsätze war: man solle alles, was im Heerwesen überflüssig und auf den Schein berechnet sei, preisgeben und den Soldaten ausschließlich für den Krieg vorbereiten. Wäre dieser Grundsatz auch heute in der deutschen Armee geltend, dann wären auch die Mißhandlungen nicht möglich; denn zum guten Teil ist die Ursache für die Mißhandlungen die, daß den Mannschaften, die vollständig unvorbereitet in den Militär- dienst eintreten, viel zu viel zugemutet wird. Scharnhorst würde sich im Grabe umdrehen, wenn er einmal ein Garderegiment im Parademarsch sähe.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Noch ein anderes! Auch heute waren wir wieder in der Lage, über den Duellunfug zu sprechen. Der Unfug würde längst in der Armee berschivunden sein, wenn Scharnhorsts Geist vorhanden wäre. Ich stehe gar nicht an, Ihnen zu sagen, daß, wenn Scharnhorsts Prinzipien bis heute in der deutschen Armee Geltung hätten, auch die Sozialdemokratie elivas anderes zu der gegenwärtigen militärischen Organisation stände. Man wird mir sagen, ich forderte Einrichtungen von Zuständen, die längst überholt seien. Demgegenüber rufe ich Ihnen ins Gedächtnis, daß Scharnhorsts Militärorganisation den Zweck erreicht hat, den sie verfolgte: die preußische Armee gegen den größten KriegSmcister aller Zeiten, gegen Napoleon ins Feld zu führen und ihn auch zu schlagen I Eine lebhafte Erörterung gab es bei Besprechung des südwestafrikanischen Aufstaiides darüber, ob unsere Truppen allen An- sprächen genügt hätten. Mein Freund Ledebour hat sich schon energisch gegen den Vorwurf verwahrt, daß ivir nicht anerkennen, daß die deutschen Truppen alle Strapazen im höchsten Maße ertragen haben. Eine andere Frage ist es, ob die militärischen Leistungen in der Tat dem entsprachen. ivaS man hätte erwarten können. Die Frage wird von Sachverständige» ctlvaS anders beantwortet als von Oberst Deimling. Ich habe hier einen Artikel deS Oberst Gädke emS dem„Berliner Tageblatt". (Heiterkeit rechts und am BundeSratsttiche). Daß der Name deS Oberst Gädke in Ihren Ohren und denen der Militärverivaltung keinen guten Klang hat. gebe ich zu. Oberst Gädke hat Ihnen zahlreiche unangenehme Wahrheiten gesagt. Er gehört zu denjenigen Militärs, die noch Ivagcn Kritik zu üben. Oberst Gädke führt also aus, daß die Soldaten im Dulden und Er- tragen bewunderungswürdig gewesen seien, daß eS aber sehr zweifelhaft sei. ob die Führung zur Erreichung des Kriegszweckes richtig gewesen sei. Die Herren von der Militärverwaltniig sind natürlich über eine solche Kritik erhaben. Das lvar aber auch zu Napoleons Zeiten so. Napoleon war für unsere Garde- offiziere eil« elender Kerl, mit dem sie kinderleicht fertig würden. Derartigen Kritiken sollte man also, auch wenn sie von an sich un- angenehmen Persönlichkeiten ausgehen, doch einige Beachtung schenken. Einer der bekanntesten englischen Militärbcrichterstatter schrieb nach dem Ausfall der letzten Manöver, daß Deiitschlnnd weder aus dem südafrikanischen, noch aus dem rnssisch-japanischen Kriege etwas gelernt habe und bei Beibehaltung der dichten Formation durch die wachsende Treffsicherheit schwere Verluste erleiden müßte; geradezu verhängnisvoll aber würden für Kavallerie und Infanterie die weithin sichtbaren Uniformen werden.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Eine derjenigen Bestrebungen, die Schanihorst und andere da- malS verfolgten, richtete sich auf die Beseitigung der Prügelstrafe. Die ReorgauisationSkoininission ging damals sogar so weit, den Gebrauch von Schinipftvorten zu verbieten. Heute, nach einem Jahrhundert, haben wir noch einen schweren Kampf gegen die FArperüchen Mißhandlungen der Soldaten zu führen. An die Ve- fritigung des furchtbaren, rohen und gemeinen Schiinpfeüs. das ja in der Kaserne seine Hauptstelle hat, kann heute noch niemand denken. Ich habe den Herrn Kricgsminister ferner zu fragen, ob neben den neuen Felduniformen, die ja schon vor einigen Jahren probe- roeise der Budgetkommission vorgelegt und mit denen jetzt nrehrere Regimenter ausgestattet worden sind, die gegenwärtigen Uniforme» beibehalten oder ob sie völlig abgeschafft worden sollen. Sonst käme das deutsche Volk in die sarale Lage, die kolossale Mehr- aufwendung für zwei verschiedene Arten von Uniformen machen zu müssen. Wenn aber die gegenwärtige, probeweise eingefiibrte Feld- uniform sich als praktisch und zweckmäßig erweist, so sollte man ohne jede Rücksicht auf die Tradiiion die gegenwärtigen unpraktischen Uniformen gönzlich beseitigen. Eine andere Frage, die ich hier stellen möchte, auf die ich die Antwort allerdings schon weiß, ist die, ob in dem neuen, für den Monat März angekündigten vereinfachten Exerzierreglement der gegenwärtige Parademarsch beibehalten werden"soll. Ich erinnere daran, daß er nach Ansicht aller Physiologen und Aerzte so Vernunft- widrig wie nur denkbar ist. Ich selbst bin ja nie Soldat gewesen. fHeiterkeit rechts) aber wenn man zufällig einmal zusieht, wie plötzlich, wenn ein Offizier an einein kleinen Trupp vorübergeht, der vielleicht die Wache ablösen soll, die Soldaten mit aller denkbaren Wucht auf das Pflaster hauen, daß es dröhnt, so machen diese Menschen, die an allen Fasern ihres Körpers beben, doch eineil recht lächerlichen Eindruck. (Große Unruhe recht?. Sehr wahr! links.) Wenn der Marsch natür- lich ausgeführt würde, entsprechend der ganzen Körperkonstitntion des Menschen, so würde man den Soldaten ein großes Maß von Zeit, Kraft, Mühe und Mißhandlungen aller Art ersparen. Jw habe mich Ivirklich sehr gefreut, als der oberste Kriegsherr im Mai vorigen Jahres in Straßburg eine Rede hielt, die gelautet haben soll:„Meine Herren, der Parademarsch meines Regiments war nicht gerade berühmt, aber ich habe beide Augen zugedrückt, weil man mit dem Parademarsch den Feind nicht schlägt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das haben die Japaner gezeigt, die zwar keinen Parademarsch machen, aber tüchtig marschieren und kämpfen können".(Heilerkeit.) Das ist ja mal eine ganz außerordentlich vernünftige Ansicht(Stürniische Heiterkeit), die genau mit dem über- einstimmt, was ich schon seit Jahrzehnten gesagt habe.(Anhaltende Heiterkeit.) Nach einem Monat freilich las man es in einem Erlaß an das 2. und 3. Garderegiment schon wieder ganz anders. Ich bedaure lebhaft, daß an der maßgebendsten militärischen Stelle in so kurzer Zeit ein so starker Wechsel der Anschauungen eintritt. (Heiterkeit.) Die Duellfrage hätte ich heute kaum in meine Erörterungen einbezogen, wenn nicht die voraufgegangene Debatte mir dazu Än- laß gegeben hätte. Herr Spahn hatte von seiner Anfrage die Ne- giening wohl vorher informiert,(Sehr wahr! bei den Sozial demokraten) sonst wäre wohl die Antwort nicht so rasch und prompt erfolgt. Ich gestehe ganz offen: wenn LtwaS im höchsten Maße unbefriedigend war und unbefriedigend sein mußte, so war es die heutige Erklärung des Kriegsministers.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Erklärung des Reichskanzlers voin 20. Januar konnte in keinerWeisc durch eine weitere Erklärung irgendwie abgeändert oder abgeschwächt werden.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Ich verstehe ja, daß gerade der Abg. Spahn ein lebhaftes Bedürfnis nach einer solchen Abschivächiuig hatte. Er weiß ja am besten, welch außerordentlich unangenehmen Eindruck die Er klärung des Reichskanzlers im ganzen Lande erweckt hat. Ihm, als einem der höchsten Richter der preußischen Monarchie, mußte der außerordentlich peinliche Eindruck klar werden, den es machte, als der erste Beamte des' Reiches klipp und klar erklärte, da? Duell fei zwar verboten und verstoße gegen göttliches und menschliches Gesetz, aber solange weite Kreise es für ein Mittel zur Wiederherstellung ihrer Ehre ansehen, könne das Offizierkorps kein Mitglied dulden, das nicht bereit sei, mit der Waffe für seine Ehre einzutreten. (Sehr wahr! rechts, Unruhe und Hört I hört I bei den Sozial- demokraten.) Ihre(nach rechts) Zustimmnngsrufe sind wenigstens offen und ehrlich. Aber das Duell steht im Wider- sprach mit unseren Gesetzen, die der erste Beamte Deutsch- lands zu wahren hat.(Vielfaches Bravo! bei den Sozial- demokraten.) Statt dessen hat sich der Reichskanzler vor Deutschland und der ganzen Welt in den offenbarsten Widerspruch mit dem deutschen Strafgesetz gestellt.(Unruhe rechts.) Ja, Gesetz ist Gesetz, und auch Ihr„höherer Ehrbegriff" gibt Ihnen nicht das Recht, es zu brechen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) An dieser Tatsache, daß der Reichskanzler eine gesetzwidrige Handlung empfohlen hat, können auch die heutigen Schlußivorte des KriegS- ministerS nichts ändern. Der Offizier muß sich dem Duell- zwang unterwerfen oder er erhält glatt seinen Abschied. Gelten in unserem„christlichen Staat" christliche Gesetze, so darf unter keinen Umständen jemand auf eigene Faust die Grundsätze des Christentums verletzen. Trotzdem verkündigt der Vertreter der Staatsgeivalt hier die Lehre, daß höher als alle Staatsgesetze und dS alle religiösen Ueberzengungen der falsche Ehrbegriff stehe. Das bleibt an dem Reichskanzler haften, er mag machen, was er will. (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Er hat in einer Erklärung in feierlichster Weise sich mit allen bestehenden Gesetzen des Staates, der Moral und der Sittlichkeit in Widerspruch ge- setzt und zum Ungehorsam gegen das Strafgesetz aufgefordert, ohne daß er bisher dafür zur Verantwortung gezogen worden ist. Die Wirkung eines derartigen Vorkommnisses können Sie daraus sehen, daß wenige Tage später in Dresden bei einem Prozeß zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn, einem Studenten, der Vorsitzende Landgerichtsdirektor erklärte, er begreife es nicht, toie angesichts einer so schweren Beleidigung er als Student seinen Schwiegervater nicht zum Duell gefordert hätte!!(Vielfaches Hört! hört! und Große Heiterkeit links.) Wenn ein Richter, der zur Anwendung des Gesetzes berufen ist, in dieser Weise seine Verwunderung äußert, so ist dos eine Demoralisation unserer öffentlichen Zustände, wie ich sie mir schlimmer gar nicht vorstellen kann.(Lebhaftes Sehr wahr! links.) Aber freilich, ein großer Teil unserer Richter sind Reserveoffiziere. Nun wird ja keiner nach seiner Stellung zum Duell gefragt, man läßt es auf die Probe ankommen, aber wer diese Probe nicht be- steht, fliegt als Reserveoffizier und wahrscheinlich auch sehr bald als Richter. Es steht im schroffsten Widerspruch mit einer vernünftigen Staatsordnung, wenn Männer, die eidlich verpflichtet sind, das Recht zu wahren, es auf der anderen Seite bei dieser Gelegenheit über- treten müssen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Seit geraumer Zeit gehen durch die Presse, namentlich auch der rechtsstehenden Parteien, Nachrichten darüber, daß zu einem wichtigen Familienereignis des preußischen Königshauses 10 Millionen Mark gesammelt und dem obersten Kriegsherren übergeben worden sind, damit man hülfsbedürftigen Offizieren unter die Arme greifen könne. Wenn der Staat oder das Reich an seine Beamte, an seine Offiziere, an alle diejenigen Männer, die im Reichs- und Staats- dienst stehen, Gehälter zahlt, so ist eine selbstverständliche Annahme. daß diese Gehälter auch den Leistungen der betreffenden Personen entsprechen und ausreichend sind, ihnen eine ihrer sozialen Stellung entsprechende Lebenshaltung zu ermöglichen. Nun ist es für uns tatsächlich wichtig, zu erfahren, ob eine Anzahl reicher Börsenherren — in der Mehrzahl jüdischen Stammes—(Heiterkeit) zehn Millionen Mark für notleidende Offiziere zmammengebracht haben und dafür geadelt worden find.(Unruhe rechts.) Aus uns hat ja die Lehre, wie man bei uns den Adel bekommt, sehr erheiternd gewirkt.(Heiterkeit.) Weite Kreise hatten noch immer geglaubt, der Adel sei die Krönung besonderer Verdienste, und sehen jetzt, daß die„Barone",„Grafen", und„Fürsten" jetzt dutzendweise getauft werden.(Große Heiterkeit und Sehr gut! links.) Der Nimbus, der dem Adel angehaftet hat, wird dadurch in höchst erfreulicher Weise zerstört. Nun treiben aber schon weite Kreise der Armee schon jetzt eine große Verschwendung. Gerade durch das neue kapitalistische Element, das jetzt in die Offizierswclt eingeführt worden ist, wird ein Ausivand getrieben, der vielen Offizieren, die keinen großen Zuschuß haben, das standes- gemäße Mitmachen unmöglich macht. Das verdient unsere jorgfältioste Beachtung. Gerade der oberste Kriegsherr hat allerdings stet? bor Verschwendung gewamst Vomehmlich hat mir da eine Rede gefallen, die ER wiederum in Straßbnrg gehalten haben soll:„Die japanischen Offiziere haben sich äußerst tüchtig gezeigt, auch der japanische Adel hat sich voll bewährt. Das russische Offizierskorps dagegen hat völlig versagt. Mein Sohn hat mir erzählt, daß sie während des Feldzuges allen Champagner auf- gekaust hätten. An solche Dinge sollte der Soldat nicht denken." Da möchte ich wohl wissen, wieviel Sekt alle Tage in der preußisch- deutschen Armee verzehrt wird.(Große Heiterkeit links.) Jedenfalls sollte mit der äußeisten Schärfe gegen die vielen kostspieligen Geschenke in der Armee eingeschritlen werden, die alljährlich gemacht werden, und es sollten die teuren Liebesmahle nicht nur eingeschränkt, sondern gänzlich beseitigt werden. Ein ausländisches großes Blatt veröffentlichte jüngst ein Interview mit einem hochgestelllcn Japaner, der als ersten Grund für den Sieg der Japaner die Tüchtigkeit des Offizierkorps angab, das fast durchweg aus ärmlichen Verhältnissen, aus sehr einfachen Land- familien stamme.(Hört! hört! links.) Auch in dieser Richtung. gegen die Einfachheit der Lebensführung, wird in der deutschen Armee vielfach gesündigt.— lieber die Verwendung des nun ge- sammelten Zehnmillionensonds fehlt dem Parlament jede Möglich- keit der Kontrolle. In der Kolonialverwaltung sind Gelder. die auf ähnliche Weise gesammelt waren, so verwendet worden, daß wohl kein Reichstags- Abgeordneter damit einverstanden ist. Wer gibt uns die Garantie, daß eS mit diesem gewaltigen Fonds nicht ebenso geht, daß dieser Fonds nicht allmählich eine Art Korruptionsfonds wird.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Es widerspricht allen parlamentarischen Grund- säyen. daß man der Verwaltung für als notwendig anerkannte Zwecke Mittel zur Verfügung stellt, über die sie nach eigenem Er- messen und Gutdünken, ohne jede Kontrolle verfügen kann. Das muß zu sehr bedenklichen Konsequenzen führen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Man munkelt in Berlin schon jetzt allerlei über verschiedene Zwecke, zu denen jene Börscnherren herausgeholt werden sollen, daß sie für diese und jene Orden und Titel diese und jene Summe zahle» sollte».(Hört! hört! links.) Von den Militärmißhandlungen will ich heute keine größere Anzahl von Fällen zur Erörterung stellen. Das Versprechen, das der jetzige Kricgsminister bei seinem ersten Auftreten hier im Hause abgab: die Mißhandlungen aus der Armee herauszubringen, hat sich leider erst in sehrgeringem Maßeerfüllt. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ich erkemie sehr gern an, daß der gegenwärtige Kriegsminister mit ganzer Seele bestrebt ist, die Mißhandlungen aus der Armee herauszuschaffen. Aber gerade die Tatsache, daß die ersten Autoritäten in der Armee wit Jahrzehnten bemüht sind, die Mißhandlungen zu be- seitigr» und daß es trotzallcdem nicht möglich gewesen ist, beweist denn doch, wie außerordentlich tief eingewurzelt dieie Mißhandlungen sind und daß doch andere Gründe vorliegen müssen, als die, welche der Herr Kriegsminister anführte. Der Herr Kricgsminister hat den Schäfer als ein ganz verlumptes Subjekt hingestellt. Zugegeben, daß er es war, aber eS ist auch festgestellt, daß er eng gebaut, zum Reiten schlecht veranlagt war und an Lungenblutungen litt.(Hört! hört! bei den Sozialdemo- kraten.) Die können doch nicht künstlich herbeigeführt oder auf seine rohe Natur zurückzuführen sein! Der Herr Kriegsminister hat als Zeugen für sich den Offizier angeführt, der in diesem Falle die Verteidigung geführt hat. Da muß ich doch nach den vorliegenden Zeitungsberichten die Art der Verteidigung dieses Herrn— es ist ein Graf v. Gersdorff— etwas näher charakterisieren. Er führte auS, daß Schäfer ein schlapper Soldat mit mangelndem Ehrgefühl sei und beantragte, ihn nicht zu vereidigen. Das Gericht beschloß trotzdem die Vereidigung. Dann sagte der Verteidiger: Schäfer ist der einzig Schuldige, er habe die Waffe auf sich gerichtet, um sich selbst zu verstümmeln. In seinem Regiment sei es schon viermal passiert, daß Leute angeblich Selbstmordversuche gemacht hätten. Hätte man den ersten Mamr gleich wegen Selbstverstümmelung vor ein Kriegsgericht gestellt, so wäre dieser Fall vermieden worden!(Hört! hört!) Daß Schäfer eng gebaut sei, sei Unsinn, er hätte nur gut Kommißbrot essen sollen, dann wäre er schon dick geworden.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Die beantragte Strafe sei unerhört und darauf zurückzuführen, daß im Kriegsgericht der 3. Division eine furchtbare Antipathie gegen die Unteroffiziere und Gefreiten bestehe.— Diese Ausführungen veranlaßten den Gerichtsvorsitzenden, den Offizier zur Ordnung zu rufen. Dann sagte er. das Militär sei keine höhere Töchterschule— genau wie heute der Kriegsminister— die Kürassiere seien alle stramme BengelS, denen es nicht schade, wenn ihnen einmal um die Ohren geschlagen werde.(Hört! hört!) Eine solche Verteidigung ist denn doch etwas Unerhörtes! Wie sollen die Offiziere die Reden gegen die Mißhandlungen ernst nehmen, wenn ein Oberleutnant vor dem Militärgericht solche Ausführungen machen darf. All' daS, was der Herr Kriegsminister zur Erklärung der Fälle angeführt hat, trifft doch z. B. aus den einen besonders rohen Fall, den Herr Müller anführte und auf den ich mit Rücksicht auf die Tribünenbesucher nicht ausführlich eingehen will, nicht zu. Ich habe hier einen ähnlichen Fall: Der Unter- offizier ließ die Soldaten in einer kalte» Nacht eine halbe Stunde auf der Treppe stehen, er ließ ihnen keine Zeit zum Mittagessen usw. Solche Roheiten kommen bei den Uuterofffzieren sehr häufig vor. Meines Erachtens sollte ein solcher Unteroffizier auf jeden Zall ohne weiteres aus der Armee ausgestoßen werden. Wenn wir einmal zu einer Aenderung der Milirär-Strafprozeßordiumg kommen und wenn eS nicht möglich sein sollte, die Strafen, die auf Widersetzlichkeit gegen Vorgesetzte stehen, herabzusetzen, dann ist es notwendig, daß die Strafen für Mißhandlungen um so mehr in die Höhe gesetzt werden. Im vorigen Jahre wurde gegen zwei Soldaten, Pauer und Brockmann, die am letzten Tage als sie glaubten, sie wären schon frei von der Militäriustiz, sich einen Rausch antranken und im Zustande totaler Betrunkenheit Widersetzlichkeiten begingen, ein ungeheuerliches Urteil ausgesprochen: Trotzdem daS Gericht„mildernde Umstände" annahm, erkannte es gegen Pauer auf 7 Jahre 3 Monate, gegen Brockmann auf 6 Jahre 3 Monate.(Hört I hört! links.) DaS ist doch ungeheuerlich! Der Leutnant Haupt wurde für univürdig erklärt, der württembergischen Annee anzugehören. Aber dann wurde er wieder ein- gestellt, und zwar in einem preußischen Regiment l Warum tut man daS? Warum, wenn er unschuldig war, kam er nicht wieder in sein Regiment zurück? Vor einigen Jahren passierte schon einmal ein ähnlicher Fall mit einem bayerischen Offizier. In Preußen nimmt man solche disqualifizierten Offiziere ruhig wieder auf. Welchen Eindruck muß das auf die ganze Armee machen? So groß kann der Mangel an Offizieren doch noch nicht sein, daß man Leure, die unwürdig sind, wieder aufnimmt! Ich muß anff einen Fall zurückkommen, der in der General- debatte zum Etat schon eine Rolle gespielt hatte. Es wurde da von einem nationalliberalen Redner gesagt, man könne aus einem Artikel der„Münchener Post" sehen, wie die Sozialdemokratie zur Armee stände: denn in diesem Artikel würden die Mann- schaffen der Armee mit Schweinen verglichen. Ich will dem Abgeordneten die Meinung nicht übel nehmen, die durch falsche Preßberichte, die absichtlich entstellt sein mögen, zu- stände gekommen sein mag. Ich halte eS aber für dringend notwendig, diesen Fall hier richtig zu stellen, damit er uns später nicht etwa wieder vorgehalten wird. Der Artikel besprach die deutsche Marokkopolitik und die daraus entstehende Kriegsgefahr lind erläuterte, daß, wenn diesseits und jenseits der Vogefen die Mobil- machungsorder erlassen würde, der deutsche Reichstag überhaupt gar nicht gefragt würde. ES wurde die Tatsache kritisiert, daß der Reichstag zwar die Mittel für den Krieg bewilligen muß. aber wegen der Kriegserklärung mit keinem Worte(je- fragt würde. ES sei ein Skandal, daß auf diese Manier der lvehrhafte Teil des deutschen Volkes zur Schlachtbank geschleppt würde. Und es hieß dann weiter: In gewisser Hinsicht hat es der Soldat noch schlechter als das Schlachtvieh. Das Schwein hat auch kein eigenes Recht, aber es hat wenigstens den Vorteil, daß es fem Schicksal nicht bormiS weiß. Die Männer, die in den Krieg geschleppt werden, willen aber, was ihnen bevorsteht. Ein solcher Krieg wegen seiner Majestät deS Sultans von Marokko wäre aber unmöglich, wenn der deutsche Reichstag dabei gefragt würde. Weiterhin hieß es in dem Artikel: Auch der roheste Mensch würde einem Schwein nicht eine schwere Verletzung beibringen und eS dann langsam verschmachten lassen. Im Kriege aber verschmachten Tansende von Menschen in Wassergräben, in Abort- gruben und im Sonnenbrande. Könnte ein Schwein denken, so würde es immer noch tröstlicher über sein Schicksal denken als die deutschen Soldaten, die wegen Marokkos in den Krieg geschleppt würden. DaS ist der Artikel.(Zuruf rechts: Schlümn genug! Geschmacklos!) Ob er geschmackvoll ist, darüber will ich mit Ihnen nicht streiten. Aber daß die deutschen Soldaten durch diesen Artikel hätten beleidigt sein ninssen, das ist nicht wahr? denn in diesem Artikel werden doch die Zustände, ans welche ein solcher Vergleich aiizuwenden ist. bedauert und bekämpft.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Als Beweis für die Scheußlichkeit und Verrohung durch den Krieg kann ich auch auf ein Urteil hinweisen, welches auf das Ver- halten der deutschen Soldaten während des internationalen Feld- zuges in China ein grelles Licht wirft. Ich habe schon einmal hier im Hause auf die Plünderungen, auf die Schändungen, Mordtaten aller Art hingewiesen, die von Deutschen dort begangen wurden. Diese Ausführungen haben damals im Hause die lebhaftesten Kontroversen hervorgerufen. Der Kriegsminister hat damals alles bestritten. Gegen den„Vorwärts", der einen Artikel darüber gebracht hatte, wurde Klage erhoben. Als aber der Redakteur Schmidt- Berlin den Wahrheils- beweis anbot, lehnte das Gericht diesen ab und verurteilte den Redakteur wegen formaler Beleidigung der Armee zu sechs Monaten Gefängnis.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Als unser Genosse Kunert am 16. Mai 1S03 in seinem Wahlkreise ebenfalls Aeußernngen über jene Vorgänge gemacht hatte und auch gegen ihn geklagt wurde, erklärte er sich gleichfalls bereit, den Wahrheits« beweis anzutreten, insofern er zwar nicht die ganzen Truppen, wohl aber einen Bruchteil beschuldigt harte. Auch hier wollte das Gericht den Wahrheitsbeweis ab- schneiden, aber es gelang der Verteidigung, fünfzehn Zeugen aus ganz Deutschland, und zwar Leute, die nicht unserer Parrei an- gehören, aufzubriugen. und aus deren Aussagen ging die Wahrheit der Kunertschen Behauptungen hervor. Zwar wurde Kunert auf Grund des ß 185 wegen formaler Beleidigung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Wären aber die Tatsachen, die Kunert behauptet hatte, nicht wahr gewesen, so wäre die Bestrafung viel härter ausgefallen. Der Wahrheitsbeweis dafür, daß ein Teil der deutschen Truppen in China Mordtaten und Schändungen begangen hat, ist also erbracht. Ich begnüge mich damit, daS an dieser Stelle festzustellen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Ich habe schon häufiger darauf hingewiesen, daß Leute, die keiner religiösen Gemeinschaft angehören, in der Armee durch den Einfluß ihrer Vorgesetzten dazu gebracht werden, in eine Kirche ein- zutreten. DaS ist' aber unerlaubt. Die Armee ist eine paritätische Anstalt.(Sehr richtig! links.) Als am 23. Januar hier die Jnter- pellation Slfichel eingebracht worden war, erklärte der Kriegs- minister, ein Eingriff in das religiöse Leben sei in keiner Weise be- absichtigt. Wenn nun aber ein Dissident, sagen wir Atheist, zum Militär kommt, so dringen Militäraeistliche und vorgesetzte Offiziere ans ihn ein und bedenlen ihm. es tei nötig, einer bestimmten Kon- feffion beizutreten. Sie werden zugeben, daß ein großer moralischer Mut dazu gehört, wenn jemand in solchen Fälle» fest bei seiner Ueberzeugung bleibt. In Hamburg, beim 56. Jnfanterie-Regiment, sind in den Jahren 1001— 1903 eine ganze Reihe von Fällen vor« gekommen, in denen Soldaten, die entweder nicht getauft oder die verheiratet, aber nicht kirchlich getraut waren, veranlaßt wurden, nach- träglich sich taufen oder trauen zu lassen. Nur 3 Mann widerstanden. Dem einen davon erklärte der Pfarrer bei der Eiitlassung: Ihre Seele ist ja doch dem Teufel verfallen!(Große Heiterkeit links.) In dem Bericht einer evangelischen Kirchenbehörde wird mit Genugtuung darauf hingewiesen, welche großen Erfolge die evangelische Kirche bei den Soldaten habe. Beispielsweise hätten 136 verheiratete Mannschaften sich nachträglich kirchlich trauen lassen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Es heißt dann in dem Bericht, diese Erfolge wären zum großen Teil dem Entgegenkommen der Herren Offiziere zu danken,(Hört! hört! links.) Nun frage ich den Herrn Kriegsminisler: Wie will er diese Beeinflnsiung mit seiner Erklärung am Tage der Interpellation Stychel in Einklang bringen? Nicht nur katholische. nicht nur polnische Mannschaften sind dagegen zu schützen, daß man sie zwingt, zu einem Gottesdienste zu gehe», den sie nicht wollen! Die Soldaten dürfen nicht durch moralischen Zwang veranlaßt werden, Schritte zu tun, die sie nach ihrer Entlassung wieder be- reuen müssen. Ich weiß es ja, daß man keinen Offizier duldet, der nicht kirchlich getraut ist, keinen Offizier, der seine Kinder nicht taufen läßt. Aber das mögen die Offiziere mit sich selber ausmachen, ich kann eS ja begreifen, daß sie in ihrer Lebensstellung sich manches gefallen lassen, was ein freier Mann sich nicht gefallen ließe. Für den einfachen Soldaten aber bedeutet der Dienst nur einen vorübergehenden Zustand. Eine Armee, die ihren paritätischen Charakter leugnet, muß sich noch mißliebiger bei denen mache», die schon an und für sich ihren Institutionen nicht günstig gesinnt sind.(Sehr richtig! bei den«Sozialdemokraten.) Ich muß dann noch aus einen anderen Punkt eingehen. Wir haben eine Statistik bekommen, aus der zu ersehen ist, wo die Soldaten geboren sind und welchem Berufe sie angehört haben, als sie in die Armee eintraten. Der Zweck der Statistik war, fest- zustellen, in welchem Verhältnis Land- und Jndustriebevölkerung gegenwärtig in der Armee vertreten sind. Nach der Statistik sind im Jahre 1003 endgültig abgefertigt 403 403 Mann, davon find auf dem Lande gebore», aber nicht landwirtschaftlich beschäftigt 166 840, da- von wurden eingestellt und waren überzäblig 05 800"— 71,41 Proz. In der Stadt geboren und nicht landwirtschaftlich beschäftigt waren 177 728, davon eingestellt und überzählig 02 029— 51,78 Proz. Das macht eine Differenz von nahezu 10 Proz. zugunsten der auf dem Lande Geborenen. Von den 493 403 endgültig Abgefertigten sind auf dem Lande geboren und landwirtschaftlich beschäftigt 131034 gewesen, davon eingestellt und überzählig 75 075— 57,59 Proz. In der Stadt geboren und landwirtschaftlich beschäftigt find 16 982. davon eingestellt und überzählig 9547— 56,22 Proz. Daraus geht die Tatsache hervor, daß die Leute, die in der Stadt geboren werden. wenn sie auch nachher in landwirtschaftliche Bezirke übergehen, doch bereits gegenüber den anderen minderwertig sind. Diese Zahlen beweisen, daß das Geboren- und Erzogenwerden auf dem Laude erheblick gesünder ist als das Aufwachsen in der Stadt. Dabei. hat die soziale Revolution, die sich im Laufe der Jahrzehnte vollzog, dahin geführt, daß das Verhältnis der von der Land- Wirtschaft lebenden Bevölkerung im Vergleich zu der Ge- famtheit der übrigen Erwerbszweige sich bedeutend ver- mindert hat. Ferner werden die Verhältnisse in den großen Städten immer ungesunder, die physische Leistungsfähigkeit der Arbeiterbevölkerung in ihnen geht immer mehr zurück. Unter diesen Umständen ist eS die erste Pflicht gerade des deutschen und preußi- schen Kriegsministers, alles aufzubieten, um da ein energisches Fort- schreiten der sozialen Reform herbeizuführen. ES gibt keinen, der so sehr dabei interessiert ist, daß eine ernsthafte Sozialreform in Deutsch- land durchgefiihrt wird, wie gerade der Kriegsminisler.(Sehr richtig! rechts und links.) Wenn die Verhältnisse in dieser Weise fortschreiten, dann mutz eine ganz gewaltige Schwächung der physischen Kraft der Nation und auch der militärischen Macht die Folge sein.(Sehr richtig!) Der KriegSimnister ist sich dieser seiner Aufgabe vielleicht bis zu diesem Augenblick noch nicht bewußt.(Heiterkeit.) Vor allem sollte er darauf hinwirken, daß wir bald den zehnstündigen Maximalarbeitstag, in drei Jahren den neunstündigen und in fünf bis sechs Jahren den achtstündigen bekommen, dann ist er unser Mann.(Große Heiterkeit.) Es war mir ganz intereffant, daß neulich im bayerischen Landrage ein ZeiitrumSmitglied, Herr Heim, darauf aufmerksam machte, daß er der physischen Entioickelung der Landbevölkerung in Bayern mit großer Unruhe entgegensehe, weil durch die Entwickelung der länd- Uchen Molkereigenossenschaften den Kindern die Milch, das HauptnahnmgSmitte! entzogen werde.(Sehr richtig! recht-Z.) ES werde alles zu Geld umgewandelt und das habe notwendigerweise eine Schwächung der künftigen Generation auch auf dem Lande zur Folge. Das ist ein sehr beachtenswerter ver- nünftiger Standpunkt. Wenn der Herr Äriegsmimster hiergegen Maszuahmen befürworten will, die zu einer physischen Wiedergeburt der Nation in erster Linie in den Städten führen, dann wird er uns auf seiner Seite finden, aber in allem, was er heute ver- treten hat. in den seltensten Fällen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Präs. Graf Lallcstrcm: Ich schlage, dem Hause nunmehr vor. sich zu vertagen(Zustimmung), da ich die Absicht habe, heute noch eine neue Sitzung anzuberaumen.(Heiterkeil.) Da? Haus ist mit der Bertagnng einverstanden. Ich beraume die nächste Sitzung an auf heute 5� Uhr mit der Tagesordnung: Zweite Lesung deS Eiats- Notgesetzes. Schluß ö'/z Uhr. � m 80. Sitzung vom 30. März. 5� Uhr. 0m Bnndesratstische: Kommissare. Einziger Gegenstand der Tagesordnung ist die zweite Lesung deS Elalnotgesetzes. Die B u d g e t k o m m i f f i o n hat den Truppenübnngsplatz für das 11. Armeekorps von den schon jetzt zu bewilligenden Forderungen ausgenommen: im übrigen beantragt sie die unveränderte Annahme deS Gesetzes. Ohne Diskussion wird das Gesetz in dieser Fassung an- genommen. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Nächste Sitzung i Sonnabend l l Uhr. Dritte Beratung deS Etatsnotgesetzes; Berichte der GeschäftSordiiungskomiiiission.(Fall FuSaugel.): Fortsetzung der Beratung des Piililäretats. Schluß 6 Uhr. £lus Induftnc und Handel. Geschäft und Unglück. In das Getue über den anläßlich der gräßlichen Kata- strophe in Courriörcs bekundeten reinen Idealismus, die alle materielle Gedanken zurückdrängende, nur auf Hülfe, und Not- linderung gerichtete Nneigennützigkeit, klingen bereits häßliche, kratz materialistische Töne hinein. Trotz aller Weihrauchs- Wolken kommt die grinsende Fratze des Kapitalismus doch zum Vorschein! Ein widerliches Katzbalgen um die Beute, als dessen Quelle das Unglück auserkoren ist, hat bereits begonnen. Wir registrieren nach einem von dem Drägerwcrk Lübeck versandten Memorandum folgende Tatsachen: Bei den Rettungsarbeiten wurden Apparate der Lübecker Fabrik, der Berliner Sauerstofffabrik und der Westfalia A.-G. in Gelsenkirchen gebraucht. Die Berliner Firmil beihvendet Datente des Herrn Direktors Meyer, des Leiters des Rettungskorps von Shamrok, an dem Gelsenkirchener Werk, das die Apparate der Berliner Firma in Vertrieb hat, sind Beamte der westfälischen Gruben als Aktionäre und Aufsichtsräte beteiligt. Die Lübecker Fabrik sandte einen Vertreter nach Courriöres, um über die Verwendbarkeit der Apparate Erkundigung ein- zuziehen. Der Vertreter telegraphierte, nach Aussage des Herrn Branddirektors Koch hätten sich die Dräger-Apparate vorzüglich bewährt, in dem Urteil über die Konkurrenz- apparate halte er zurück. Die Firma Drägerwcrk Lübeck wollte natürlich Material für Rcklanie sammeln, das, wie sie mitteilt,, auch zu einer Rede im Abgeordnetenhause am 20. März Verwendung finden sollte. Sie kam damit anderen Interessen in die Quere, auch die anderen Werke hofften, aus dem Riesenunglück Riesenprofitc ziehen zu können. Der Plan zu einem großen Fischzuge war bereits fertig! Von Herrn Branddirektor Koch ging dem Drägerwerk folgender Brief zu: Gelsenkirchen 3, den 19. März 1906. An das Drägerwerk Lübeck. In Erwiderung Ihres Geehrten vom 17. ds, teile Ihnen er- gebenst mit, daß ich natürlich dem Bcrichtersiaiter des„Tag" auch Ihren Apparat in der List? der in Frage kommenden Apparate mit aufgeführt habe. Wie es kommt, daß die Benennung in dem Artikel unterblieben ist, kann ich nickt sagen. Herr Oberschuir war zugegen, als der Berichterstatter hier war. Die ganze Bewährung der Rettnngsapparate in Eonrrieres, wo ja neben dem einen Apparat Ihres Systems in meiner An- Wesenheit mehrere Apparate der von der Westfalia A.-G. hier, vertriebenen Shamrok-Type gebraucht wurden, während seitdem und jetzt dort nur mehr diese letzteren Apparate in Tätigkeit sind, hat mir den Gedanken nahegelegt, daß eine Vereinigung der drei in Frage kommenden Firmen dem jetzt wohl sich entwickelnden Geschäft eine ungeahnte EntWickelung bringen könnte, während eine Konkurrenz dieses Geschäft nur verringern kann. Ich habe in dicseni Sinne mit Herrn Direktor Ehristiansen von der hiesigen A.-G, Westfalia bereits gesprochen und ist er dem Gedanken an sich nicht abgeneigt. Nach mciner�Erfahrung werde ich nicht umhin können, die Apparate der Westfalia, die ja am meisten und längsten in Eourriercs gearbeitet haben und noch arbeiten, an erster Stelle auf die zahlreichen bei mir eingehenden Anfragen zu nennen und zu empfehlen. Schließt man jedoch durch ein« Vereinigung der Westfalia mit Ihnen und der Berliner Senierstoff-Fabrik jegliche Konkurrenz aus, so wird die Herkunft der Apparate ohne Belang fein und sich zn guten Preisen, für alle Beteiligten erfolgreiches ge- memsames Arbeiten ermöglichen lasten. Ich kann Ihnen daher nur dringend empfehlen, zu versuchen, mit Herrn Christiansen zu einer möglichst baldigen Verständigung zu kommen, da sonst vielleicht der Erfolg einzig und allein auf Seite der Westfalia sein wird. Hochachtungsvoll gez. Hugo Koch, Brandinsperwr. Zur näheren Erläuterung der Bedeutung des Vorschlages und der Motive dazu, erzählt die Firma Drägerwerk dann folgendes: „Am Nachmittag desselben Tages erhielten wir in Berlin telephonisch die Nachricht, daß der Direktor der Westfalia(d. i. die Firma, welche in dem Schreiben des Herrn Brcmdinspektor Koch erwähnt ist) uns am Miliwochabend in Hamburg erwarte, um die von Herrn Vrandinspekior Koch vorgeschlagene Vertriebsvereinigung zu besprechen. Wir sagten zu, dorthin zu kommen. Herr Christiansen. der Direktor der Gesellschaft Westfalia, machte im Laufe der Unter- Haltung die im Nachstehenden wiedergegcbenen Mitteilungen, für die wir ihm die Verantworiung überlassen müsten: „Die Westfalia sei eine A.-G. für die Herstellung und den Vertrieb von Bergwerksbedarf. Aktionäre und Aufsichtsrat seien Beamte der westfälischen Gruben. Auch Direktoren der Gelsen- kirchencr Bcrgwerks-A.-G., die die Vorgesetzten des Brandinspektor Koch sind, seien im Aufsichtsrat der Westfalia vertreten. Die Westfalia vertreibe seit einigen Monaten die RetwngS- apparate„Melier" auch Shamrok-Thpe genannt, hergestellt von der Sauerstoff-Fabrik Berlin, wesivegen die an der Westfalia beteiligten Beamten der westfälischen Gruben ein Jntereste daran hätten, daß. die in nächster Zeit benötigten Rettungsapparate von der Westfalia und nicht vom Drägerwerk geliefert würden. Aus diesem Grunde', Herr Christiansen betonte dies aus- drücklich, habe auch Herr Brandinspcktor Koch bereits„von oben einen Wink bekommen", seine Vorliebe, für unsere Apparate auf- zugeben und nur noch für die Westfalia einzutreten. Die Westfalia wolle mit uns und der Sauerstoff-Fabrik Berlin(Dr. Michaelis) eine Vertriehövereinigung bilden, weil sie befürchte, daß unsere Fabrik, die so außerordentlich leistungs- fähig sei, die Preise herabsetzen würde, und es sei doch schade ldarum, Kenn wir nicht alle Aorteike des Grubenunglückes 1« Eourriercs ausnutzen wollten. Er, als Vertreter seiner Gesell- schaft, schlage vor, falls die Vereinigung zustande käme, die Preise der Apparate sofort um 50 M. zu erhöhen." Die Herren Dräger erklären dazu, daß sie den Gedanken, das Unglück in solcher Weise auszunützen, abweisen. Sie be- absichtigen vielmehr, den Preis der Apparate entsprechend der durch evcnt. Massenfabrikation bedingten Vorteile herabzusetzen. In diesem Sinne haben sie das Angebot abgelehnt. Am nächsten Tage sei nochmals der Versuch gemacht worden, sie zur Annahme des Vorschlage? geneigt zu machen. Man braucht den Idealismus der Lübecker Firma nicht zu hoch einzuschätzen, man kann ruhig der Meinung sein, sie glaube ohne Verbindung mit den anderen Werken geschäftlich besser abzuschneiden, wotzdcm muß die Art, wie versucht wird, da? Unglück geschäftlich aus- zuschlachten, als ein kapitalistischer Skandal sondergleichen be- zeichnet werden. Das umsomchr, als nach weiteren Mit- teilungen der Lübecker Firma Cliquenwesen den geplanten Fischzug unterstützen soll. In dem Memorandum heißt es weiter: Herr Christiansen erklärte uns bei der oben erwähnten Unter» redung weiter noch: „Die bisher von der Sauerstoff- Fabrik gelieferten Apparate seien unbrauchbar gewesen, und die Firma sei seiner Ansicht nach auch nicht imstande, gute Apparate zn fabrizieren. Erst die Fabrik der Westfalia habe die von Bergwcrksdirektor Meyer für die„Hibernia" angekauften Apparate zu einer Funktion und zu einer gewissen Leistungsfähigkeit gebracht, indem die Westfalia das bisher von der Sauerstoff- Fabrik verfochteue Prinzip der hohen„Saug- Depression" Verlasien habe, um dafür eine große Luftzirkulatton einzurichten(d. h. also, die Apparate nach den Grundiätzen des Drägerwerkcs, die man bisher so sehr bekämpft hatte, umzubauen). Wir möchten uns nur mit dem Gedanken abfinden, daß wir in Westfalen ausgespielt hätten, denn die sämtlichen in Betracht kommenden Betriebsbeamten seien unsere Gegner.— Direktor Meyer habe sich von französischen Mineningenieuren bescheinigen lasten, daß unsere Apparate unbrauchbar seien. Aus den„Meyer'-Apparaten(auch Ghamrock-Type oder West« falia genannt) laste eine hohe Lizenzabgabe(Herr Christiansen nannte 40 M., für jeden verkauften Apparat)." Wir bemerken hierzu: Herr Bergwerksdirektor Meyer, dessen Namen diese Apparate wagen, läßt sie von der Sauerstofffabrik nach dem Grundpatent Dräger-Michaelis Nr. 132 021 unter Hinzüfügung von Konstruktionen nach seinen eigenen Patenten und Gebrauchsmustern anfertigen. In der Frage von Rettungsapparaten ist deshalb Herr Bergwerksdircktor Meyer Partei. Er ist trotzdem Sachverständiger in der vom Handels- minister eingesetzten Kommission für die Prüfung von RetwngS- apparaten. Nach den Behoupftingen der Herren Dräger drängt sich der Gedanke auf, bei Inszenierung der Rettungsaktion habe die Geschäftsspcknlaiion schon als Faktor mitgewirkt. Als er- frculichcr Rest der Aktion bleibt schließlich nur die Gewißheit, daß wenigstens bei den Arbeitern keine materiellen Er- wägungen in Betracht kamen. Die Versuche sie zur Parade zu stellen, paffen vorzuglich' in den Rahmen systematischer Reklame., evasserstand am 29. März. Elbe bei Anshg-st 2, OS Meier, bei Dresden Y- 0, SO Meter, hei Magdeburg-fi 3�0 Meier.— Uuftrut bei Straujisurt.-fi 2,15 Meter.— Oder bei Ratibor+ 3,32 Meter, bei BicSIau Oberpegcl+ 6,5« Ueter, bei Breslau Ilnierpegel— 1,42 Meters tei Frankfurt+ 2,67 Meter.— Weichte! Bei Brahemünde + 5,45 Meter.— W a rth e Sei Posen 1,92 Meter.— Netze bei Usch st. 1,3* Meter., SozialiieiDOkrai Wablverein j j t SozialdemokratisebJablvereio I filr den Reiebstai (Landsberger viertel) rodeS-Anzeige. Ten Mitgliedern zur Nachricht. das; unser tSenosse, de» Möbel- Polierer Hennsim Treitel gestorben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet am Sonntagnachmittag 1 Uhr von der Leichenhalle des»lufcrstchungs- Kirchhofes, Weitzenscer Weg, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 212(15 Ter Borktand. oeuizelier Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege, Polierer Hermann l'reitei am 23. März plötzlich verstorben ist Ehre seinem Zlndenken l Die Beerdigung findet am Sonntag, den 1. April, nach- mittags um 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Auserstchungs-Kirchhoses in Kcißensee aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 83(1 Oie Ortsverwaltung. Deutscher Metallarbeiter-Verbandj Verwaltungsstelle Berlw. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, her Metall- drüikcr Karl Seidel gestorben ist. Ehre seinem Andenken: Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 31. März, nach- mittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des Krankenhau'eS Westend aus aus dem Luisen-Kirchhof. Eharlottenburg, statt. Rege Beteiligung wird erwartet. 115/11 Oie Ortsverwaltung. des 6. Berliner Wahlkreises. Todes-Anzeige. Am Montag verstarb an den durch Ucberjall erhaltenen schweren Verletzungen unser Mitglied, der Restauratcur Max Brosy (Am Spandauer Schiffahrtskanal). Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet Sonntag,| nachmittags'(,3 Uhr, vom Trauer- Hause aus aus dein�altenJolianuiS. Kirchhos in der Secstraße statt. Um zahlreiche Beteiligung ersuch! 217/17 Der Borstand B Am Mittwoch, den 28. März, ver- schied nach langen, schwere» Leiden an der Proleiarierlraiikhcit unser treuer Freund und lieber Kollege der Swreolnpeur Otto Würzburg im 31. Lebensjahre. Sein Andenken werden stets in Ehren halten 910d Oie Kellegen der Ltereeftple u. Oalvaneplsstlk von Ullstein& Co. Die ZZeerbigung findet Sonntag, den 1. April, nachmittags 2 Uhr, aus dein Rixdorscr evangelischen Kirch hak, Mariendorfer Weg, statt. Zentral-Üranken- u. Sterbekasse der deutschen Wagenbauer. (E. H. 8.) Berlin. Bezirk 6. Nachrnf. Am Montag, den 25. März, verstarb unser Mitglied, der Former fr. Bartoszek an Lungenentzündung. Ehre seinem Andenken. ß9Sb Tie Ortsverwaltung. Am 27. d. M. verstarb plötzlich mein Werkmeister, der srühcrc Blocksägcnschneider .toet Volkmann im 65. Lebensjahre. Der Verstorbene war über 10 Fahre in meinem Betriebe be- schästtgt, für welche langjährige Täligkeit ihm auch im vorigen Jabre die silberne Verdienst- mcdaille verlieben wurde. Der- selbe war mir stets ein fleißiger und gcwissenhaster Beamter, dessen Andenken ich immer in Ehren ballen werde. Berlin, den 30. März 1906. I-ouIn Treitel, Sägewerk und Nutzholzhandlung, Koppenstr. 61. 899b Die Beerdigung findet am Sonntag, den 1. April er., nach- mittags 1 Uhr, von der Leichen- Halle des neuen St. Michael- KirchhoseZ in Britz, Mariendorscr Weg. aus stall. Verein derStereetWureundl löalvanoplastiker Berlins und Umgefrend. Den Kollegen die traurige Nach- richt, daß am 28. März, nachmittags I 5 Uhr, emser langjähriges Mitglied, I der Siicreothpeur>230(7 1 Otto Würzburg im Alter von 31 Jahren von feinem I langen, schwerem Leiden durch den Tob erlöst wurde. Ehre keinem Aiidenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den I.April, nachmittags 2 Uhr, von der Leichenhalle des Rixdofter Kirchhofes, Mariendorscr Weg, aus statt. Rege Beteiligung erwartet ver Voi-stund. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeigte. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Silberarbeiter Kar! Himmelfahrt gestorben ist. Ehre seinem Andenke« k Die Beerdigung findet am Sonntag, den 1. Avril, nach- mittags ly.Uhr, von der Leichenhalle de» Gemciiidc-KirchhoseS in Ritzdorf, Mariendorscr Weg, aus statt. Rege Beteiligung wird erwartet. 115(12 0!e Ortsverwaltung. Schmöckwitz» p**a,.■ MVUUiUViv uiiie(Endstation der ,18t«r«".DampteP) Hermann Peter* Telephon: Gronau Mo. 39. Empschlc mein allbclannteS, herrlich am Wald und Wasser belegenes Lokal den geehrten Vereinen und GescMchaften zu Ausflügen.* Ausspannung und Dampjcrstegc, Kegelbahnen, große Kafieclüche. Slile, tlsllen, grober sodettlger Gerten, 2666 Personen kassend. 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Es handelt sich um die Feststellung, ob der Unfall auf Nachlässiglciten in den Einrichtungen des Be- triebes zurückzuführen ist, insbesondere, ick die Steigung der Strecke. wo der Wagen, welcher Fleischer tötete, zurückrollte, so stark ist, daß eine Bremsvorrichtung zur Verhinderung des Hinabrollens, hätte an- gebracht werden müssen.— Betriebsinspektor Möller behauptet, die im Verhältnis von 1: 32 oder 36 ansteigende Strecke sei nur etwa 30 Meter lang. Ein früherer Stationswärter meint, die Steigung sei erheblich beträchtlicher.— Bei dieser Gelegenheit gibt ein Zeuge an, als die Leiche des Verunglückten hinaustransportiert wurde, war das Signal zum Halten der Fördermaschine gegeben. Tic Förderung stand auch still, ging aber bald wieder los, ohne daß das Signal „Los!" gegeben war. Unter diesen Umständen waren die Träger der Leiche gefährdet.— Ter Sachverständige Bergrat B a s e l t be- merkt dazu: Es sei Vorschrift, daß die infolge eines Haltsignals zum Stillstand gebrachte Maschine erst dann wieder in Bewegung gesetzt werden darf, wenn das Signal„LosI" gegeben ist. und zwar darf lein anderer das„Losl"-Signal geben als der, welcher»Halt" signalisiert hat.— Gegen diese Anordnung ist, wie aus anderen, schon früher ge- machten Zeugenaussagen hervorgeht, öfter verstoßen worden. Die Maschine wurde ohne Signal wieder in Bewegung gesetzt, wenn dem Maschinisten die Pause nach dem Haltsignal zu lang schien. Hierauf machen noch mehrere Zeugen Angaben über vorschrifts- widrige Arbeiten unter gefahrdrohenden Umständen, die sie auf An- ornung der Steiger verrichten mußten. Der Vorsitzende fragt einen dieser Zeugen: Haben Sie sich nicht geweigert, die gefährliche Arbeit zu verrichten? Der Zeuge antwortet: Wenn man sich weigert. verliert man seine Arbeit. Nunmehr folgt die Beweiserhebung über Lohnabzüge. Maßregelungen usw. Zunächst kommen einige Fälle zur Sprache, welche die Hand habung des Strafsystems beleuchten. Ein Zeuge hat an einer Stelle der Grube gearbeitet, wo die Luft so schlecht war, daß die Lampe nicht brannte und dem Arbeiter unwohl wurde. Es war nicht mög »ich, dort weiter zu arbeiten. Der Zeuge verließ deshalb eine Stunde bor Schluß der Schicht die Grube. Ter Inspektor legte ihm deshalb eine Strafe von t M. auf, die damit begründet wurde, daß der Ar- beiter sich nicht beim Steiger abgemeldet hatte. Der Arbeiter sagt, der Steiger sei nicht dagewesen, er habe doch nicht noch stundenlang in der Grub« bleiben können, da er ja doch nicht arbeiten und nichts verdienen konnte. Betriebsinspektor und Steiger sagen hierzu, der Arbeiter hätte sich unter allen Umständen melden müssen, ihm lväre dann andere Arbeit zugewiesen worden.— Ein anderer Zeug«, der auch wegen schlechter Lust die Grube vor Ende der Schicht verließ und sich beim Steiger meldet«, hat wohl andere Arbeit zugewiesen bekommen, aber solche, die nicht bezahlt wird. Da hat er denn lieber die Arbeit Verlasien.— Inspektor und Steiger behaupten, das käme gar nicht bor. daß Arbeiten nicht bezahlt werden. Der Zelige bleibt aber da- bei. daß er solche Arbeiten, wie die hier in Rede stehenden, nie bezahlt bekommen habe. Derselbe Zeuge ist vom Inspektor Möller mit sechs Mark bc straft worden.—„Weil er einen Diebstahl begangen hat," sagt der Inspektor.— Der angebliche Diebstahl wird hierauf näher erörtert, und es stellt sich nach der nicht ciitträsteten Angabe des Zeugen her aus. daß es sich damit so verhielt: Als der Zeuge nach Beendigung des Streiks wieder in die Grube fuhr, fand er seine am Arbeits platz zurückgelassene Haue nicht mehr vor. Statt dessm lag eine mtdere Haue dort, die der Arbeiter nmnnehr benutzte. Es hatte also nur ein Tausch zweier Hauen stattgefunden. Nun ist aber die Haue, welche der Arbeiter anstatt seiner eigenen in Gebrauch nahm, ein« solche, die das Werk für die Streikbrecher angeschafft und des' halb gezeichnet hatte. Ferner bestehen noch Zweifel darüber ob die fragliche Haue nicht rechtmäßiges Eigentum eines anderen Arbeiters geworden ist, der den ersten beim Schichtwechsel ablöste.— Aus diesem Vorgang hat der Betriebsinspektor aus eigener Macht- Vollkommenheit einen Diebstahl konstruiert, den angeblichen Dieb mit sechs Mark bestraft und ihn dnräi öffentlichen Aushang auf der Zeche„zum warnenden Exempel" als Dieb gekennzeichnet.— Ter Vorsitzende fragt den Zeugen, warum er sich, wenn er im Recht war, nicht beim Direktor des Werkes beschwert habe. Darauf antwortet der Zeuge: Es sei allgemein bekannt, daß der Direktor jede An- ordnuug des BetricbSinspcktors billigt, eine Beschwerde des Arbeiters habe in solchen Fällen niemals Erfolg. Dem Betriebsiiispeltor wird vorgehalten, daß er nach der Arbeitsordnung gar kein Recht hat, eine Strafe in der Höhe von sechs Mark zu verhängen. Die„verhetzten" Arbeiter. Grubendirektor L e h d e r wird vernommen, um fein Ver- hältnis zu den Arbeitern darzustellen. Er sagt, in den Jahren 1361 bis 1903 herrschte zwischen ihm und seinen Arbeitern ein geradezu ideales Verhältnis. Die Arbeiter tvaren zutraulich zu ihm, sie be- suchten ihn Sonntags, es herrschte vollkommene Zufriedenheit. Da kam im Jahre 1904, einige Monate vor dem Streik, der Angeklagte Gärtner in den Bezirk, und mit einem Schlage änderte srch das Bild. In der„Bergarbeiter-Zeitung" erschienen Artikel, deren Ur- Heber Gärtner war, und nun mit einem Mal wurden die bisher so zufriedenen Arbeiter so unzufrieden, daß gar nicht mit ihnen aus- zukommen war. Das sei das Werk des Angeklagten Gärtner. Rechtsanwalt Liebknecht macht darauf aufmerksam, daß Gärtner nicht einige Monate, sondern schon 2Ms Jahre vor dem Streik seine Tätigkeit als Vertrauensmann des Bergarbeiterver- bnndcs im Senftenberger Bezirk aufnahm. Da nicht mir diesem Zeitpunkt, sondern erst einige Monate vor dem Streik nach Angabe dcS Direktors die Unzufriedenheit der Arbeiter eintrat, so müsse die Unzufriedenheit doch einen anderen Grund haben, als den vom Direktor angegebenen. Die Tätigkeit Gärtners habe der Direktor erst wahrgenommen, nachdem sich die Unzufriedenheit der Arbeiter be- merkbar gemacht habe, und die Unzufriedenheit erkläre sich dadurch, daß in der Zwischenzeit der Betriebsinspettor Möller an die Leitung gekommen sei. Unter Möllers Leitung hätten sich die Berhältniffe verschlechtert und deshalb sei die Unzufriedenheit der Arbeiter ent- standen, die der Direktor auf Gärtner zurückführt. Direktor Lehder tritt mit großer Wärme für seinen Betriebs- inspcktor Möller ein, der ein tüchtiger Bergmann sei, und dem er keine schlechte Behandlung der Arbeiter zutraue. Ter Angeklagte Gärtner verweist nun darauf(und seine Angaben werden durch einen Brief, den er an Direktor Lehder am 24. Februar 1904 richtete, unterstützt), daß der Arbeiterausschntz der Stadtgrnbc eine Reihe von Beschwerden an die Betriebsleitung gerichtet habe, es sei aber nichts darauf erfolgt. Der Arbeiteraus- schuß habe deshalb den Eindruck erhalten, daß seine Vorstellungen überhaupt nicht beachtet werden, der Ausschuß habe deshalb sein Amt niedergelegt. Gleichzeitig habe Gärtner dem Direktor mitgeteilt, daß unter diesen Umständen ein früher mit ihm getroffenes Abkommen, wonach ihm Beschwerden vorgetragen werden sollen, als aufge- hoben gelte. Schwarze Listen. Zu, weiteren Verlauf der Vernchimmg des Grubendirektors Lehder wird die Frage erörtert, ob er mißliebige Arbeiter durch! schwarze Listen brotlos zu machen pflege. Der Direktor bestreiket! ganz entschieden, daß es ,n feinem Betriebe schwarze Listen gebe. Er 1 legt aber den Nachdruck auf die Bezeichnung„schwarze Liste" und muß schließlich zugeben, daß das, was man in Arbeiterkreiseit „schwarze Listen" nennt, aus feinem Werke doch in Gebrauch ist. Sckstvarze Listen haben wir nicht, aber der Boykott ist unser Recht, sagte der Grubendirektor.— Rechtsanwalt Liebknecht legt einen Bref der Grubenverwaltuug vor, der, augenscheinlich gleichlautend an mehrere Werke gegangen ist und die Mitteilung enthält: Wir teilen Ihnen mit, daß wir den Hauer Zeidler entlassen werden, weil er Agitator und Vertrauensmann des Bergarbeiterverbandcs ist. Die Identität dieses Briefes erkennt der Direktor an. Zeidler sei ein guter Arbeiter, man habe ihn ungern entlassen, aber es ging nicht anders, denn er konnte das Agitieren nicht lassen. Steiger Maß habe dem Direktor gejagt, solche Elemente dürfe man im Be- triebe nicht dulden.— Als seine eigene Meinung über diese Maß- regelung sagt der Direktor: Ein solcher Mann könne ja einen ganzen Haufen Gift in die Belegschaft tragen. Da werde Haß in die Brust der Arbeiter gesät, und das müsse doch verhindert werden. Der Verteidiger legt einen von einer anderen Senftenberger Grube herrührenden Brief vor, der sich als schwarze Liste im ge- bräuchlichen Sinne des Wortes darstellt und fragt den Direktor Lehder, ob er einer Vereinigung angehöre, die solche Uriasbriefe versende.— Der Zeuge Direktor Lehder will diese Frage nicht be- antworten. Auch der Vorsitzende erklärt die Frage als nicht zur Sache gehörend.— Der Verteidiger beantragt einen Gerichtsbeschluß un'd führt aus, diese Frage diene der Feststellung, ob die Arbeiter Grund hatten, Entlastungen und Boykottierungen zu fürchten, wenn sie Beschwerden vortrugen. Die Frage sei notwendig für den Wahrheitsbeweis hinsichtlich der Maßregelungen.— Das Gericht beschließt, dem Direktor Lehder die Frage vorzulegen, ob er sich mit anderen Grubenbesitzern vereinbart habe über gegenseitige Mt teilung von Entlasiungcn von Arbeitern und Empfehlung der Nicht' wiedereinstcllung solcher Arbeiter. Direktor Lehder beantwortet die Frage dahin: Ein förmliches 5kartell dieser Art besteht nicht, aber die Boykottierung von Arbeitern werde gewohnheitsmäßig betrieben. Im' Laufe der vorhergegangenen Erörterungen betoute der Direktor Lehder fortgesetzt, daß in seinem Betrieb« alles aufs beste bestellt sei und die Löhne sowie die sonstigen Arbeitsbedingungen der Stadtgrube wesentlich bester seien, wie in den benachbarten Gruben. Die Arbeiter hätten keinen Grund zur Unzufriedenheit, sie seien nur durch Gärtner verhetzt worden. Der Vorsitzende fragt den Zeugen: Wie denn das möglich sei, daß die Arbeiter trotz der guten Verhältnisse durch den An- geklagten zur Unzufriedenheit aufgereizt werden könnten. Ja. antwortet der Direktor, den Arbeitern ist nur etwas vorgespiegelt worden. Wenn das Böse in der Brust des Menschen ge- weckt wird, dann ist es eben'da. Früher sind die Arbeiter immer zu mir gekommen, wenn sie Beschwerden hatten, seit Gärtners Zeit aber nicht mehr.—„Inzwischen ist der Inspektor Möller gekommen und die Verhältnisse sind seitdem andere geworden," bemerkte der Verteidiger.» Eine Frage des Staatsanwalts. Als die Vernehmungen über die vorstehenden Angelegenheiten im Gange waren, fragt der Staatsanwalt den Angeklagten Gärtner, ob er nicht von Hannover nach Senftenbsrg gekommen sei, um sich mit Zeugen für diesen Prozeß zu besprechen. Der Staatsanwalt legt ei» aus Hannover datiertes Schreiben Gärtners vor, worin er die Kameraden, welche während des Streiks auf der Stadtgrube gearbeitet haben, zu einer Zusammenkunft ein- ladet. Der Staatsanwalt legt Gewicht darauf, daß das fragliche Schreiben hektographiert ist. Er scheint dasselbe als Beweis da- für verwerten zu wollen, daß Gärtner versucht habe, Zeugen zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Gärtner klärt diese Angelegenheit dahin auf: Er sei etwa zwei Wochen vor Beginn de? Prozesses von Hannover nach Berlin gefahren, um mit seinem Verteidiger zu konferieren. Bei dieser Ge- legenheit habe er in Senfteilberg eine Versammlung abgehalten. Zu der Zusammenkunft, zu der das vom Staatsanwalt vorgebrachte Schreiben einlud, seien nur die Eingeladenen erschienen, er, Gärtner, aber nicht, denn er habe schon vorher wieder von Senftenberg ab- reisen müssen.— Rechtsanwalt Liebknecht bemerlt dazu: Wenn der Angeklagte in seiner Sache Ennittelungen vornehmen wollte. dann habe er ein ebenso gutes Recht wie die Staatsanwaltschaft.— An einem der ersten Ver- Handlungstage sei einem der Zeugen der Vorwurf der Spionage gemacht worden, weil er dem Angeklagten eine zufällig gehörte Aeußerung des Polizeiwachtmeisters Amm mitteilte. Er, der Ver- teidiger, wolle den Ausdruck„Spionage" nicht anwenden, er sage aber, nur durch einen Vertrauensbruch könne das Schreiben Gärtners in die Hände des Staatsanwalts gelangt sein. Das sei nicht unbedingt der Fall— meint der Vorsitzende, Landgerichtsrat Buchholz— eS lönne ja jemand den Brief verloren haben. Im übrigen sei es mit dem Briefe doch etwas anderes, wie mit der Mitteilung der Aeußerung des Polizeiwachtmeisters. Der„Hetzer" als Friedensapostel. Durch die ganze, ziemlich ausgedehnte Aussage des Gruben- direltorS Lehder ging ersichtlich die Tendenz, den Angeklagten Gärtner als den bösen Geist hinzustellen, der die zufriedenen, dem Direktor zugetanen Arbeiter zur Unzufriedeuheit aufgestachelt und gegen die wohlwollende Betriebsleitung aufgehetzt habe. Gärtner soll nach der Darstellung des Direktors auch den Arbeiterausschuß aus geschaltet und die Arbeiter veranlaßt haben, nur bei ihm Beschwerden anzubringen, er soll auch, nur um sein fricdenstörendes Werk zu fördern, den Streik veranlaßt haben. Natürlich iveiß der Direktor von alledem nichts aus eigener Wahrnehmung. Aber«andere haben ihm solche Mitteilungen gemacht. Gärtner bemerkt demgegenüber, und einige als Zeugen ver- nommene Arbeiter bestätigen eS, daß er gar nicht daran gedacht habe, das zu wn, was ihm der Direktor nachsagt. DaS Gegenteil sei der Fall. AlS die Arbeiter, nachdem das neue Regiment unter Leitung des Betriebsinspektors Möller eintrat, sich über mancherlei Mißstände beklagten, da habe er, Gärtner, die Arbeiter daraus verwiesen, daß ja bald ein Arbeiterausschuß errichtet werde und daß eS durch denselben besser werden könnte. Als der Arbeiterausschuß sah, daß seine Vorstellungen nichts nutzten, und die Ausschußniitglieder eine Wiederwahl nicht annehmen wollten, da habe Gärtner— wie zwei Zeugen bcstäligten— zur Annahme der Wahl ausdrücklich geraten. Ferner bestättgen diese Zeugen, daß Gärtner gegen den Streik aufgetrelen, derselbe aber, entgegen seiner Abmahnung, von den Arbeitern der Stadtgrube be- schlössen wurde, weil sie jede Hoffnung, die Mißstände auf anderem Wege abzuschaffen, ausgegeben hatten. Als während dieser Erörterungen die Rede davon war, daß Gärtner für die Wahl des ArbeiterauslchusseS gewirkt habe, was ein Zeuge inkorrekt mit den Worten ausdrückte:„Gärtner hat die Wahl des Ausschusses vornehmen lassen"— da fiel der Grubendirektor mit der Bemerkung ein:„Was geht ihn denn die Wahl des Aus- schusses an, das ist doch unsere Sache." Darauf bemerkte Rechts- anwalt Liebknecht: Aber wenn sich Gärtner um die Wahl des Ausschusses bemühte, dann beweist das doch, daß er nicht die Absicht haben konnte, den Arbeiterausichuß auszuschalten. Eine andere Bemerkung der Grubendirektors zeigt, wo die Grenze liegt, über die hinaus nach seiner Meinung der Arbeiter- auSschuß nicht gehen soll. Der Direktor sagte, er habe öfter den Arbeiterausschuß empfangen und Beschwerden entgegen- genommen. Dann sei aber der Ausschutz auch vorstellig geworden. um die Wiedcreinstellung eines entlassenen Arbeiters zu erwirken. In solchen Sachen könne er aber den AuS- schuß nicht mitreden lasten. Das gehöre nicht zur Kompetenz des Ausschusses. Eine Freudenbotschaft aus Conrriöres. Aus dem Grabe gerettet? Wider alles Erwarten sind am Freitag früh 13 Bergleute aus dem großen Grabe von CourriereS lebend herausgebracht worden. Sie haben während dieser Zeit von Lebensmitteln gelebt, die sie bei den Verunglückten gefunden hatten und von Hafer aus den Pferde- ställen. Die Geretteten befinden sich wohl, nur ein einziger ist krank. Der Führer der Geretteten, Nemh, erzählte nach einem er- greifenden Wiedersehen mit seinem Vater folgendes: Durch die Explosion aufs höchste erregt, suchte ich mich in Sicherheit zu bringen; ich fiel dabei über etwa fünfzig am Boden liegende Leichen. Später gelang es mir, nach einer höher gelegenen Förderungsstelle durchzudringen, wo ich mit meinen zwölf Kameraden, die sich in einen geschützten Winkel hatten flüchten können, zusammentraf. Diese hielten mich zuerst für einen Retter und waren verzweifelt, als sie hörten, daß ich gleich ihnen ein lebendig Begrabener sei. Ich sprach ihnen Mut zu und wir blieben dann acht Tage an jener Stelle. Ich wußte stets, wie wir mit der Zeit daran waren, da ich nie vergaß, meine Uhr aufzuziehen. Da es uns an Lebensmitteln fehlte, aßen wir Erde, Rinde, Holzwcrk, kurz alles, was wir fanden. Vergebens suchten wir in dem Dunkel durch Trümmer und über Leichen aus der Sackgasse, in der wir eingeschlossen waren, heraus- zukommen. Eines Abends kamen wir an einen Stall; dort fanden wir Hafer und von diesem lebten wir zwei Tage. Dann atzen wir von einem toten Pferde. Zu trinken hatten wir nur den Inhalt unserer Feldflaschen. Während der letzten Tage suchten wir in drei Gruppen getrennt nach einem Ausgang. Gestern abend fühlten wir frische Luft eindringen, wir folgten der Richtung und gelangten an eine durch die Explosion eingestürzte Stelle in der Nähe des Fahrstuhles. Erklärlicherweise löst die Befreiung der 13 Mann aus den Armen des Todes großen Jubel und Aufregung aus. Verwandte und Freunde von Vermißten treffen in Massen ein. Ein besonderer Sicherheitsdienst mutzte eingerichtet werden, um zu verhindern, daß die Leute in den Schacht von Billy-Montigny eindringen. Die Namen der Geretteten gehen von Mund zu Mund, jeder will sie sehen, in der Hoffnung, von ihnen zu hören, daß sich noch andere Bergleute lebend in der Tiefe befinden. Gerüchtweise verlautet, man habe Rufe von anderen Ueberlebenden gehört, die bald gerettet sein würden. Ueber den Rettungsvorgang wird gemeldet: Lens, 30. März. Ein Trupp Arbeiter, die mit der Löschung des Brandes beauftragt waren, stand im Begriff, heute früh gegen 7 Uhr die Grube wieder zu verlassen, als sie 13 Leute aus sich zukommen sahen, die sich mit Mühe auf den Beinen hielten. Ihr Führer Nömy sagte, sie kämen von Schacht 3 bei Mericourt, in dem sie seit 20 Tagen lebendig begraben waren. Die Ueber- lebenden wurden unter großen Vorsichtsmaßregeln zu Tage be- fördert. Die Grubendirektion und der ärztliche Dienst, welche telcphonisch benachrichtigt waren, leisteten dabei Hülfe. Die Ge» retteten, die kaum das Tageslicht ertragen konnten, und sehr schwach, jedoch sonst bei guter Gesundheit sind, wurden in das Lazarett gebracht, wo man ihnen eifrige Sorge angedeihen läßt. Fast alle antworteten auf Fragen, daß sie von Lebensmitteln, die sie bei den Opfern des Unglücks fanden, und von Hafer aus den Pferdeställen gelebt hätten. Man reichte den Geretteten löffel- weise Kaffee und Milch, was sie aber nur mühsam zu sich nehmen können. Alles will die dreizehn sehen und drängt, unter dem An- erbieten, in der Pflege helfen zu wollen, in die Lazaretträume. aber die Aerzte weisen jeden, der nicht zum ständigen Pflege- personal gehört, hinaus. Nur Angehörigen wird von den Gen- darmen der Zutritt gestattet, doch wird ihnen empfohlen, die Geretteten nicht zu viel sprechen zu lassen. Die Ingenieure erklären, man habe die Ueberlebenden nicht eher gefunden, weil die zuerst durch den kürzesten Weg, den Josephincngang, versuchte Rettung durch den Brand abgeschnitten wurde, den man bekämpfen mutzte, und weil die später versuchte Rettung auf dem Umwege durch den Juliengang mit großer Gc- fahr verbunden war. weil dieser durch die Explosion sehr m Mit- leidenschaft gezogen war. Die Ueberlebenden fanden einen Rettungsweg dank der großen Menge der in den Juliengang hineingelassenen Luft, durch den ein Ingenieur noch gestern. jedoch ohne Erfolg, einzudringen suchte. Nach einem Telegramm des„B. L.-A." bewahrheitet sich die Meldung, daß noch mehr Lebende im Schacht sind. Ungestüm wird von Frauen, deren Männer eingeschlossen sind, die Fortsetzung der Nachforschungen verlangt. •** Berichtigung. In dem gestrigen Artikel über das„Rettungs- wesen im deutschen Bergbau' muß eS nicht heißen Zeche„Wanne" sondern„Chamrok" und„Werne". Versammlungen. Deutscher Holzarbeiter- Verband. Eine Vertrauensmänner- Versammlung für sämtliche Bezirke und Branchen der Berwaltungs- stelle Berlin fand am 21. März im Böhmischen Brauhause statt. Ter große Saal Ivar voll besetzt. Zunächst befaßte man sich mit den Anträgen zur Regelung der Gehälter'der Angestellten. Die letzte außerordentliche Generalversammlung hat bekanntlich beschlossen. eine Urabstimmung darüber entscheiden zu lassen. Die Vertrauens- männer-Versannnmlung beschloß, nun nochmals über die Anträge zu beraten, nachdem ein Redner gegen die Vorlage der Orts- Verwaltung gesprochen und Anträge gestellt hatte, die der jetzt geltenden GehaltSsiala entsprechen, also für die Urabstimmung nicht in Frage kommen konnten. Stach Beendigung der Diskussion lag zur Urabstimmung außer der Vorlage der Verwaltung noch der Antrag vor, die Gehälter der ersten Kategorie von Angestellten dieser Vorlage entsprechend zu regeln, für die übrigen Angestellten das Gehalt auf 2000 M. ohne Sieigcrung zu bemessen. Die Ab- stiinmungszettel werden in der nächsten Vc r trauensmänu er. Sitzung ausgegeben. Zur Feststellung des Ergebnisses der Urabstimmung wählte die Versammlung eine Zählkommission von 11 Mitgliedern. Hierauf berichtete Henke über die Lohnbewegung der S t e l l- macher, die sich auf die beiden Gruppen Ider in den Wagen- fabrikcn und der bei Jnnungsmeistern tätigen erstreckt. Für die erste Gruppe kommen 5 Fabriken in Betracht und die Zahl der streikenden Stellmacher ist 120. Außerdem streiken in 1S0Jnnungs- betrieben 809 Stellmacher. Am Sonnabend ist mit dem Jnnungs- vorstand verhandelt worden, wobei sich herausstellte, daß ein Ent- gegenkommen von den Meistern zu erwarten ist. Am Mittwoch sollte sich eine Generalversammlung der Innung mit der Angelegen- heit befassen. Ueber Werkstattstreiks und Differenzen be- richtete Leopold an Stelle des Obmannes Maaß, der durch Ver- Handlungen in der Nähtischbranche verhindert war. Seit der Generalversammlung vom 23. Februar waren 112 Werkstatt- diffcrenzen zu verzeichnen. I» 25 Werkstätten wurde in den Streik getreten, und zu einem Teile dauern diese Streiks noch fort. Der Redner erwähnte ferner die Lohnbewegung der Korbmacher, die zn einem günstigen Abschluß gebracht ist, ferner den Streik der Stell-- macher und den in der Nähtijchbranche. In dieser Branche streiken seit Montag 70 Kollegen von 14 Werkstätten. Zurzeit finden hier Verhandlungen statt.— An diesen Bericht schloß sich eine Debatte, die sich hauptsächlich auf einzelne Maßnahmen bei Differenzen und Streik! bezog. Nur den Jnftatt der Jn»ervte Übernimm» die Rednttion dem Vublitnm gegenüber keinerlei Bernntwortnng. HKeater. Sonnabend, den 31. März. Ansang VI, Uhr: Opernhaus. Der Ring des Mbe- langen. Die Walküre.(Ans. 7 Uhr.) Schauspielhaus. Wie die Alien sungen. Der Kaufmann von Der Widerspenstigen Deutsches. Venedig. Berliner. Zähmung. Neues. Cäsar und Kleopatra. Westen. Die vier Grobiane.— Nachmittags 3 Uhr: Figaros Hochzeit. Ansang 8 Uhr: Schiller t».(Wallner»Theater.) Chprienne. Schilter lV.(Friedrick Wilfielm» städtisches Theater). Der Militär- staat. Lessing. NoSmersholm. Komische Oper. HosstnannS Er- Zählungen. Zentral. Der Betlelftudent. Metropol. Aus ins Metropol. Walhalla. Einer von unsere Leut'l Kleines. Hidalla. Residenz. Der Prinzgemahl. Trianon. Loulou. Carl Weist. Die lebende Vrücke aus Kuba.— Nachmittags i Uhr: Aschenbrödel. Sustspielhniis. Die von Hochsattel. Thalia. BiS früh um Fünse.— Nachmittags 3 Uhr: DeS Meeres und der Liebe Wellen. Luisen. Auf eigenen Füßen. Deutsch-Auierikauisches. Ich. Kasino. Die Herren Söhne. Slpollo. Da? bummelnde Berlin. Spezialitäten. Herrnfeld. Familientag im Hause Prellstein. Nolies Caprice. Der Schmock. Dalles u. Co. Wintergarten. Saharet:»Die Kaiserin der Sahara".— Spezialitäten. Belle-Alliancc. Spezialitäten. Reietishallen. Stcltiner Sänger. Passage. Spezialitäten. llrniiin. Z-aiiveiistrniie 48/4S. Abends 8 Uhr: Aus dem Innern Ostasctkas. Nachmittags 4 Uhr: Tierleben in der Wildnis. Sterurnarte, Jnvalidenstr. S7/S2. Er und Berliner TKestei'. Anfang VI, Uhr. Oer iitepensüp Zaiiiuimg. Sonntag nachm.- 2'/, Uhr zu er. mäßigten Preisen: llesn. Abends 7'/, Uhr: vor tlllttonbesitrvr. Montag: vor Keigenmacdor von Leemona. Oer G'wissenswurm. Neues Tbealer. Zum erstenmal: Caesar und Cleopatra. Ansang 7 Uhr. Sonntag: Caesar und Cleopatra. (Ansang 71/, Uhr.) Montag: Boubouroche. Vorher: Oie Neuvermählten. Kleines Theater. Ansang 8 Uhr. Hidalla. Sonntag nachm. 3 Uhr: Nachtasyl. Abends 8 Uhr: Kinder der Sonne. Zentral»Theater. (Operette.) 8 Uhr: Bettelftttdent« Komisehe Oper. Sonnabend, den 31. März 1906, abends 8 Uhr: Hoffmanns Erzählungen. Sonntag nachm. 3 Uhr zu ermäßigt. Preisen: Holtmanns Erzählungen. Abends 8 Uhr: Figaros Hochzelt. Montag und Dienstag: HoHmanns Erzählungen._ Luisen-Theater. Abend? 8 Uhr: Auf eigenen Füßen. Sonntag nachm.: Othello. Abends: Der Verschwender. Montag: Auf eigenen Füßen._ Luslspieihausn Abends 8 Uhr: Die von Hochsattel. Apollo-Theater. s Uhr! Täglich: s Uhr! Das bummelnde Berlin. Burleske von Benno Jacobson. Mulik von Nndols Nelson. Im 3. Bilde: Ii» Matschlche. Solo: Unne(l'Eve. Borher 8 Uhr: Die glänzenden Spezialitäten. Sonntag nachm. 3 Uhr: Venn» «H»k Erden und Spezialitäten. Scliillei*- Schlller-THeater 0.(Wallner-Theater). Sonnabend, abends 8Uhr: EhypHteime. Lustspiel in 3 Aufzügen v. Victorien Sardou und E. de Najac. Bühnenbearbeitung v. O. Blinnenthal. Sonntag, nach m. 3 U d r: lM« Macht der Flnaternla. Sonntag, abends d U br: Va« Glück im Winkel. Montag, abends 8 Uhr: Der Vogel im Kilfig. Theater. Schiller-Theater N.(Frledr.-Wilh. Th.) Sonnabend, abends 8 Uhr: Der Militürstaat. Lustspiel in 4 Auszügen von Gustav o. Moser und Thilo v. Trotha. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Die Häaber. Sonntag, abends 8 Uhr: Der Militürstaat. Montag, abends 8 Uhr: Der Militürntaat. T rianon-Theater. Ansang liOalOÜ. 8 Uhr. Sonntag nachm.: vis herb« Frueht. J 65 Abesslnier'» Cattaus Panoptikum sEriedricdstr. 165. Kein Extra-Entree. Zirkus Albert Schumann Heute abend präzise VI, Uhr: Grande Soiree Hlgb Life. Letztes Auftreten der großartigen März- Spezialitäten. Ferner: Brclins größte Sensation! Chinesische Fischer mit ihren hier noch nie gesehenen Cormorants Fische sangende Tauchervögel. Zum Schluß: Fcbmiira:» das neue rem loa Franenrctch. Sonntag: 2 Vorst., nachm. 3'/, Uhr (ein Kind frei) u. abends 7'/, Uhr. Urania Abends 8 Uhr: Aas dem Innern Ostafrikas. 4 Uhr: Tierleben in der Wildnis. Sternwarte ,Bva,IÄen- Str. 57/82. Hetropol-Theaier Anfang 8 Uhr, -in SB Große Jahresrevuo mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v..Tut. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Hauchen in all. Räumen gestattet. Walhalla-Theater Einer von unsere Leul'! Volksstück in 6 Bildern nach O. F. Berg von D. Kalisch. Ans. 8 Uhr. Rauchen überall gestattet. Hcntscl»- Amerikanisch. Theater. Köpenickerstr. 67/68. SflP Heilte TCfll Gastspiel Ad. Philipp Er und Ich 100. Male Sonnt, nachm. 3 ühr,halb0Preise: llcber'n gx-oßen Teich. Abends 8 Uhr: ER und ICH. W. Noacks Theater. Dtreltto»: Roh. Dill, vrnmtenstr. 18 Benefiz sür die Damen: Karsten, Paroni, Reich, Rochow und Seslen; Die beidttt Woiseti. Schausp. in 5 Alien v. G. Scherenberg. Ans. 8 Uhr. Eniree 30 Ps. bis l M. Nach der Vorstellung: Gonefizhall. Hcbcüdci- Tamilientag Im Kause Prellstein mit den Autoren Anton u. Donath Hcrruseld in den Hauptrollen. Ans. 8 Uhr. Vorverk. 11—2 Uhr. VoeaaiEClge! Sonntag, den 1. April: mit vorhergehendem Festakt u. Verabreichung eines SouvenierS in Form eines Albums, welches den Werdegang deS Hcrrnjeld- Thealers mit interessanten Ab- bildungen enthält. Lusla? Behrens SpezialitHten- Theater Frankfurter Allee 85. Das sensationelle, vollständig neue März-Programm. Ku? Sehlagev. XI. Berliner Saison. Zirkus Busch. dresulepte"70 ■W Eisbaren KV unter persönlicher Vorführung des Herrn Ilagenbeck. 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IZfcMftbis,: Seathstrasse 14 (am SpiUflmano. 1 Besch»n: Koppensir. 82. i8— dhaoai&ao— fla«« Vereinigung der JUaler, Sacklerer, Anstreicher. Bureau: Engel-Nfer lä. Zimmer-ik. 7inAik ILViin» Telephon: Amt IV, Nr. g7SY. Die Mitglieder- Versammlung vom Donnerstag, den 29. d. Mts., welche in der„Neuen Welt" stattfand, hat das Angebot der Arbeitgeber von 55 PI. Minimallohn einstiuimig abgelehnt. Darauf haben über nenn Zehntel von den zirka 6000 Anwesenden lür die Arbeitseinstellung vom �lontag, den 2. April, entschieden. Zur näheren Information findet am Montad, den Ä. April, vorm. 8'/z Uhr, in der „Neuen Welt", Haseicheide 108-114, eine Nrrsinnmlnng statt. Wir fordern nunmehr sttmtliehe in unserem Hernie besehäitigten Arbeitnehmer auf, soweit sie im Berliner Lahngebiet in Arbeit stehen, in der Versammlnng am Montag Mann für Mann zu erscheinen. Gleichzeitig bitten wir die organisierte Arbeiterschaft, besonders die auf Bauten Beschäftigten, um die nachdrücklichste moralische Unterstützung. 124/15 Die Ortsverwaltung. Veutscher Ifietallarbeiter Verband. Verwaltungsstelle Berlin. Arbeitsnachweis: Zimiucr 3-1, Amt IV, 3353. Engel-Ufer 15. Haapt-Bnrcan: Zimmer 1—5. Amt IV. 9070. Aciitong! Scfiilosser! Achtung! Tienstag, 8. April er., abds. Lv-Uhr, in der„Neuen Welt", Hasenheide 108/114: Kllgm. sislSWililling llöl Berlins u. Umg. 115/10 �tnkkateure. Sonnabend, 31. März. vorm. 11 Uhr, bei Franke, Sebastianstr. 39: Versammlung der arbeitslosen Kollegen.== ieS»Ordnuna Tac 1 1..Untere wirtschaftliche Lage V.2. Diskussion. -Uflicht jedes organisierten aber arbeitSIolen Mitgliedes ist es, der Versammlung beizuwohnen.— Auch Richtmitglieder des V-rbandeS haben TageS-Ordnung: Bericht der Kommission über die Verhandlungen mit den Meistern. Pflicht eines jeden Kollegen ist cS, inZdieser Versammlung zu erscheinen."�6_ Die Ortsverwaltung. Berichtigung. Die der Firma Cobn u. Sohn, Berlin, Alosterstrafte 64, an. gebotene AnscrtigungKiliitgsberger Streikarbcit ist von dieser Firma »ariiehgewiesea worden und aus Anordnung der Firma Cnsparz, Königsberg nach Breslau an Schlesinger u. Grüubaum gesandt worden. 152/18 Verband deutscher Schneider und Schneiderinnen(Filiale Berlin). Orts-Kraukenkasse der Klempner. Am Sonntag, den 8. April. vormittags präzise 10 Uhr, findet im GewcrkichaftShause, Engel-User 15, Saal 8, die Veveral-VerZammIung der Vertreter der Kasien-Vkit- glieder und Arbeitgeber unserer Kasse statt. TageS-Ordnung: 1. Verlesung der Protokolle. 2. Bericht des RechnungS- AUS» schusieS und Dechargc-Erteilung. 3. Verschiedenes. 892b Her Vorstand. Zutritt. (173/11*) Ortsverwaltung. Iinin Montag, den S. April, abends 8'/- Uhr: fMentliche Turner-Versammlung bei Suggenhsssn. am Moritzplatz. TageS-Ordnung: i.„Herr Kultusminister Dr. Studt und die sozial- demokratischen Turnvereine". Referent: Frans«entzs. -j Diskussion. 8956 in Anbetracht der wichtigen Tagesordnung bittet um pünktliches und f, ii eiche# Erscheinen I»er Einbernfer. Orts- Krankenkasse WeiKensee. General- Versammlung der Vertreter am Donnerstag, den 12. April 1905, abends 8 Ubr, im Restaurant Prälaten, Weißensee, Lebderslr. 122. Tages-Ordnung: 1. Rechnungslegimg sür da§ Jahr 1905 durch den Vorstand. 2. Bericht der Rechnungs-Prüsungskommistion und Dechnrgccrtcilung sür den Vor- stand und den Rendanten. 3. Er- gänzungswahl sür ein ausgeschiedenes Vorstandsmitglied(Arbeitnehmer). 4. Bewilligung von Kosten zur Bc- slbiikung von Kongressen. 5. Ver- schicdenes. Bemerkung: Eventuell Beschwerden gegen den Vorstand jc. werden in der Keneraloersammlung nur beantwortet, wenn diese mindestens drei Tage vor der Generalversammlung im Kassen- lokal schristlich abgegeben werden. Der Vorstand. I. A.: W. R c s k e. Vorsitzender. Zum Eintritt berechtigt sind nur die mit LegitimationSkarten ver- sehenen Vertreter. 271/14 Mslmhuiill der Maschinisten nd Heizer-°m° Berufsgenossen Deutschlands. �naciunlttags VCrLÄMMlUNg TageS-Ordnung: Slewerkschaft und Klassenkampf. Referent: Genosse F. IHeger. Verschiedenes. Ausnahme neuer Mitglieder. 138/11 Die Versammlung am 15. April fällt des Osterfestes wegen aus. IMe Ortsverwaltnng. bei Robert Voigt, Ritterstr. 75. w\ r Dent und deren Hiiifsarbeitcr. Filiale Berlin. Sonntag, den 1. April, nachmittags 2 Uhr, Andreasstr. 26; Suntglieder-Versammlutig. Tages-Ordnung: Die Lohnbewegung in der Bierfasibrauche. Die Kollegen von den Brauereien sind besonders dazu eingeladen. 39/7 ver Vorstand. Verband deutscher Gastwirtsgehiilfen Orts-Krankenkasse der Uhrmacher Berlins. Die ordentliche General-Versammlung sindet Dienstag, den 16. April, abends 9 llhr, im„Schultheis;-, Nene Jakobstr. 25, statt. Tages-Ordnung: 1. Kassenbericht und Bericht der Revisoren. 2. Festsetzung des orts- üblichen Tagelodns. 3. Festsetzi des Gehalts sür den Kasseufüh 4. Verschiedenes. Hierzu ladet ei» 271/15 Der Vorstand. <5. litttsch, Vorsitzender. ung rer. Vollständig erschienen ist nun- mehr die Kulturbilder aus der preußischen Ge. schichte vom 12. bis zum 20. Jahrhundert von Maurenbrecher. Reich illustriert mit Bildern und Dokumenten aus der Zeit. Zu beziehen in 50 Lieserungen a 20 Ps. oder in 2 Leinenbänden geb. a 7,— M. . 2 Hawsranz„„„ 8.—„ durch die 233/17 Expedition des Vorwärts Ortsverwaltnng Berlin. Die Differenzen zwischen dem Gastwirt Cranz, Inhaber der „Prachtsäle des Ostens", und dem„Verband deutscher Gastwirts- gehiilfen" find beigelegt. Herr Cranz hat die seitens der Organs- sation gestellten Forderungen anerkannt und ist deshalb die über das Lokal verliäniste Sperre für unsere Mitglieder nnfgeljoben. 290 18 I. 9(.: Fr. Brau n. MW, / 1 M V//, Vornehm! Praktisch! 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Zu gleicher Zeit wurden K große Agitations- Versammlungen in den verschiedenen Teilen des Kreises für Dienstag abend einberufen, in denen bekannte und in der Qrganisationsarbeit erfahrene Genossen sprachen. Die Ver- sammlungen waren durchweg gut besucht. Sämtliche Referenten dehandelten in ihren Vorträgen das Thema:»Was braucht das Proletariat?" In der„K ö n i g s b a n k" sprach Genosse D ü w e l l. Seinem Bortrage stellte er folgende Leitsätze voran: DoS Proletariat braucht vor allem die Erkenntnis seiner Klassenlage, die Einsicht in die ökonomische und politische Struktur der heutigen kapitalistischen Gesellschaftsordnung, den Willen, diese Zustände abzuändern, und die Mittel, um seinen Willen durchzusetzen. Die populär-wissen- fchaftliche Erläuterung dieser Grundthesen wurde von der Versamm- lung mit lebhaftem Beifall aufgenommen. In beredten Worten wandten sich hierauf die Genossinnen W e n g e l Z und Baader an die anwesenden Frauen, sie zur ebenfalls regen Teilnahme an dem Emanzipationskampf der Ar- beiterklasse auffordernd. Es wurden 00 neue Abonnentinnen auf die»Gleichheit" gewonnen. In der Germania-Brauerei hielt Genosse Kloth das Referat. Sehr wirkungsvoll war seine Gegenüberstellung der Lebenshaltung des Proletariats mit derjenigen der besitzenden Klassen. Auf Grund der Einkommenstatistik veranschaulichte er in drastischen Bildern die mühelose Bereicherung der herrschenden Ge- fellschaftsschichten, gegen welche die von den Gewerkschaften für die Arbeiter erkämpften Lohnerhöhungen nur sehr unwesentlich ins Gewicht fallen und durch die Steuerpolitik der Regierung wieder völlig weit gemacht werden. Diese Tatsachen müßten jjedem Arbeiter ernsthaft zu denken geben und seinen Anschluß an die Sozialdemo- kratie beschleunigen.(Beifall.) Im»E l y s i u m" des Landsberger Viertels sprach Genosse Liepmann. Redner schilderte in großen Zügen die nationale i'.ui) internationale Organisation des Kapitals, daS mit seinem Bankwesen, seinen Aktiengesellschaften und seiner planmäßigen Ailvbcutung des Proletariats der heutigen Gesellschaftsordnung ihr charakteristisches Gepräge verleiht. Er ging ferner auf die Organi- satuV unserer bürgerlichen, agrarischen und kirchlichen Gegner ein und ermahnte dringend zum Anschluß und Ausbau unserer politischen wie auch getverkschaftlichen Organisationen, damit die heutigc.r ungerechten Zustände in Staat und Gesellschaft beseitigt loerden ,'ännten und dem Proletariat endlich die langersehnte Frei- heit blühe» Die Ausführungen des Referenten fanden allgemeinen Beifall. An die«.'nwesendcn Frauen richtete die Genossin Frau Kroll sodann den Llppell. auch ihrerseits nach Kräften die Arbeiter- bcwegung zu ivrdern. Iii der„D r a ch e n b u r g" sprach Genosse Block. Er wies unter anderem darauf hin. daß die herrschenden Klassen ihre Organisation im Staate, in der Schule, Kirche und im Militär» tvcjcn haben, so paß sie eigentlich keiner besonderen politischen Organisation bedürfen. Umsomehr ist eine starke Organisation. sowohl politisch wie gewerkschaftlich, für den Befreiungskampf dcS Proletariats notwendig.— Die versammelten Männer und Frauen folgten dem Vortrage mit großer Aufmerksamkeit und spendeten dem Redner lebhaften Beifall. In Litfins Saal sprach Genosse S t ö r m e r. Packend wirkte seine Schilderung der bestehenden Gesellschaftsordnung, die. einer Pyramide vergleichbar, mit ihrer ganzen Last die unteren Schichten bedrückt, während die Spitzen in den höheren Regionen leben und im Ueberfluß schwelgen. Wir brauchen mehr Brot, mehr Freiheit, mehr Licht, erklärte der Redner, und um das zu erreichen, müssen wir dafür sorgen, daß die ganze Arbeiterklasse organisiert wird, damit dieser aller Vernunft und Gerechtigkeit Hohn sprechenden Gesellschaftsordnung ein Ende gemacht werden kann.— Der Vortrag wurde mehrmals von lebhaften Beifallsäußerungen unter- brachen. In Graumanns Saal schilderte Genosse Wiesenthal die geschichtliche Entwickelung der Klassengegensätze, die verschiedenen Formen der Klassenherrschaft und der Ausbeutung der Unter- drückten. Er führte den Versammelten vor Augen, wie sich aus der Sklaverei und Hörigkeit die bestehende Lohnsklaverei entwickelt hat, die zu bekämpfen und schließlich zu beseitigen daS große Ziel der Arbeiterbewegung ist. Hierzu ist nicht nur die gewerkschaftliche. sondern vor allem auch die politische Organisation notwendig. Jeder muß bereit sein, seine ganze Person, wenn's gilt, sein Leben, sein Alles für die Ideale der Arbeiterklasse einzusetzen.— Auf den stürmischen Beifall auS der Versammlung bemerkte der Redner, daß Am Mittwoch fand sodann ein Extra. Fahlabend statt, zu dessen Besuch die organisierten Genossen die nicht dem Wahl- verein angehörenden Arbeiter noch durch persönlichen Besuch ein- luden. Ebenso wurden auch die von den Genossen verteilten Auf- nahmeformulare von diesen überall wieder abgeholt, so daß es nicht dem Zufall überlassen war, ob dieselben in die Hände der Wahl- Vereinsleitung gelangten oder nicht. Wenn auch die Erfolge dieser planmäßigen Agitation sich bis jetzt noch nicht zahlenmäßig feststellen lassen, so kann doch schon gesagt werden, daß sie ganz hervorragende waren. /•Jus der frauenbewegung. Di« Hamburger Frauenbewegung ist durch die Reorganisation der Hamburger Partei in ein neues Stadium getreten. Bisher lag, wie überall in Deutschland, die Agitation unter dem weiblichen Proletariat in den Händen von weiblichen Vertrauenspersonen. Die Frauen hatten keine besondere Organisation, sondern sie waren, da daS Vereinsgesetz in Hamburg dies gestattet, Mitglieder der Partei. Die weiblichen Bertrauenspersonen besorgten also lediglich die Werbearbeit für die Parteiorganisation, sowie für die örtliche Parteipresse und für die.Gleichheit". Nach dem Jenaer Parteitag, wo das neue Organisationsstatut für die Gesamtpartei geschaffen wurde, beantragten die Genossinnen Hamburgs bei der örtlichen Parteileitung, zu gestatten, daß die Wahl der»veiblichen Vertrauenspersonen von jetzt ab in den Mit- gliederversammlungen der einzelnen Wahlkreise vorgenommen werde. Selbstverständlich stille der alljährliche Rechenschaftsbericht ebenfalls dort gegeben werden. Die vereinigten Vorstände lehnten dies ab und nindeten den Genossinnen an, sie würden bei der Reorgani- sation der Partei befürworten, daß als sechstes Vorstandsmitglied in den einzelnen Wahlkreisen in Zukunft eine Frau gewählt oierde, die zusanunen gemeinsam die Agitation unter den Frauen zu leiten hätten. Die Genossinnen haben sich gegen diesen Plan gewehrt» Nicht etwa, weil sie nicht gern gemeinsam mit den Genossen arbeiten wollten, sondern weil sie, die sie in ihren Dispositionen dann von den VorstandSbeschliissen abhängig würden, eine Becinträshtigung ihrer Bewegungsfreiheit und dadurch einen Nachteil für die Erfolge ihrer Agitation befürchteten. Also aus reinen Zweckmäfzigkeits- gründen wandten sie sich gegen den Vorstandsvorschlag. Mit großer Majorität entschied die kombinierte Mi tglieder- Versammlung der drei Hamburger Wahlkreise sich für den B-orstands- Vorschlag. Danach beschlossen die Genossinnen nach besten Kräfte n auf der neuen Basis für die Agitation unter den Frauen zu wirke.'.», was an ihnen liege alles zu tun.»vas die gehegten Befürchtungen, die ihre ablehnende Haltung begründeten, zunichte zu machen. Als sechste Vor- standsmitgliedcr der drei Wahlkreise wurden gewählt die(Genossinnen Fahrenwald, Sander und Zietz. Hoffentlich wird es gelingen, in gemeinsamer Arbeir auf dieser Basis das beste zu leisten für die Aufklärung unter den Frauen und damit für unsere P>artei. L. Z. I« Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse sprach am Montag der Reichstagsabgeordnete Molkenbuhr über„Heim- arbeit". In lichtvoller Weise erläuterte der Referent die Heimarbeit in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, gab ein lebendiges Bild ihrer zerstörenden Wirkung auf die Lage der Arbeiterschaft, und zeigt die Auswege zur Milderung der schlimmsten Schäden, die im wesent- lichen zum Verbot der Heimarbeit führen müssen. Die Diskussion war sehr lebhast; eine langjährige Heimarbeiterin«»klärte sich gegen die Bettiebslverkstätten. Bon verschiedenen Seiten wurde ihr aber klar gemacht, daß die Tendenz unbedingt dahin gehen nrüsse, Bc- triebswerkstätten zu errichten. Braucht man die F.rau im Arbeits- prozeß, so mutz auch die Konimune für gute Ar.fbewahrung der Kinder sorgen. Teltow. Der hiesige Frauen- und Mädchenbilloungsverein hielt Mittwoch, den 28. März, seine MonatSversammluwz ab. Frau Jäger aus Ripdorf hielt einen Lesevortrag über»Gesundheitspflege des Nervensystems". Die Mitgliederversaimnlungen finden von jetzt ab jeden letzten Donnerstag im Monat statt. Jedes Mitglied hat die Pflicht, fleißig zu agitieren und dem Vereän neue Mitglieder zuzuführen.________ «SttternngSüdersicht vom 30. MSrz 1006» morgens 8 Uhr. Stationen Swlnnnde. erlin Frmiks.a.M München Wien " f £ 2 Öf BeUer 75SWNW 762 339228 760 NW 765 NW 764 NW Shaw id. 3 wölken! 2 wolkig 4 wolkig 4 wolkig 4wolkig » K dtf 1 1 0 1 —3 -i Stationen I- »— -§ zs H x: tuparanbai 7589228 etcrsburq! 750920 Scilly 1769 92920 «berveen 1766 28 Paris 768, NNO K Better LWolkeni Schnee 2 baw bd. tlwoINg 2bedeckt ds u ti o -15 —7 7 7 6 2 Wetter-Prognose für Sonnabend, den 31. März 1000. Zunächst meist heiter, nachts Frost, am Tage etwas wärmer bei mäßigen westlichen Winden: später neue Trübung und geringe Nicderlchlänc, Berliner Westerbur ea». I?«iedd»ItiFstv Auswahl in den neuesten Moden und Webarten, Kammgarnen, Satins, Cheviots, Drapes, Meltons, Tuchen u. b.w. 33.- 30.- 27.- 24.- 22.- 20.- 18- 10.- 14.- 12- 9 50 M. •V /frfer Klaftr«/»M£/» Utgnmnf. Antue— erbUt reizende Beigeben umeoart. M, Sitte. 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Achtung I Kartonarbeiter und Arbeiterinnen, Präger, Karten- und Monogramm- Prägerinnen, Spritzerinnen und Koloristinnon I DaS Personal der Firma 23/15 ßronhardi$ Komp. Köpenickerstraste 112 ist wegen Lohndisscrenz in einen Streik eingetreten.— Vor Arbeitsannahme wird gewarnt! Ms Ortsvervtaltung. Deutscher ßüchbinder-Verband Zahlstelle Berlin. Achtung! Achtang! Karton» Nieter, Karton- Arbeiter u. Arbeiterinnen. Wegen Nichtanerkennung des Tarisz ist bei der Firma Weisel, Neue Königstr. 4, ein Streik ausgebrochen. 23/16* Bio OrUverwaltung. Vera"twortlicher Redakteur: HauS Weber, Berlin. Für den Lnseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer Sc Co., Berlin SW. Redahtion und Expedition: Berlin, Cindenltr. 69. fernfpretljer: Bmt II. 1985. Nr. 76. Sonnabend, den Bl. März 1906. Inserate Srdisgefpaltene Kolonelzeile 20 Pfg. Bei größeren Huiträgen entlprecDcndcn Rabatt. Vorort-JSachricbtcn. Wahlergebnisse. Könlgs-Wusterhansen. Bei der am Donnerstag stattgefnndenen Stichwahl zur Gemeindevertretung erhielt Genosse Bernhard Schmidt 153 Stimmen, während auf den Gegner 214 Stimmen entfielen. Dem bürgerlichen Kandidaten standen über 20 Papierstimmcn zur Verfügung._ Schöneberg. Mitgliederversammlung des„Sozialdemolratischen Wahlver- eins Schöncbcrg". Einer Anregung aus den Reihen der Mitglieder Folge leistend, den Genossen die Gelegenheit zu bieten, den wissen- fchaftlichcn Sozialismus mehr kennen zu lernen, hatte der Borsi�eude einen Vortrag über„Materialistische Geschichtsauffassung" auf die Tagesordnung gesetzt. Ter Referent Genosse Grunwald entledigte sich dieser Aufgabe in zirka eineinhalbftündiger Rede; seine gemein- verständlichen Ausführungen wurden von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit entgegengenommen. Diskussion fand nicht statt.— Danach gaben die Genossen Henkel und Schenk, sich gegen- seitig ergänzend, Bericht von der Kreis-Gcneralversammlung. Be- sonders hervorgehoben wurde die von der Generalversammlung des Kreises statutarisch festgesetzte Regelung der Delegationen. Es wurde betont, daß durch dieselbe die Vertretung der großen Städte zugunsten der kleinen Ortschaften in vcrhältuiswidrigcr Weise be schränkt werde. Es sei dies ein unleidlicher Zustand, indem die Minderheit des Kreises dessen Mehrheit majorisicre. Ferner wurde erwähnt, daß Genossen Wollermann nach den längere» Ausführungen des Genossen Zubeil zu dieser Sache durch einen angenommenen Schlußantrag die Möglichkeit genommen worden sei, zu erwidern Das sonst übliche Schlußwort sei Wollermann nicht gegeben worden. — Genosse Täumig, als Borsitzender, teilte im Anschluß hieran mit, daß der Wahlvcrein Rixdorf sich an Charlottenburg und Schöncberg gewandt habe, um gemeinsam in geeigneter Weise gegen die fest gelegte Verteilung der Delegierten zu protestieren. Genosse Däumig ersuchte die Versammlung namens des Vorstandes, die Genehmigung hierzu zu geben— dieselbe wurde erteilt. Weiter gab der Vor sitzende der Versammlung Kenntnis von einer aus den Reihen der Mitglieder eingebrachten Resolution, die scharf die Haltung des G« nossen v. Vollmar im Finanzausschuß der bayerischen.Kammer vor urteilt. Die Besprechung derselben wurde zurückgestellt.— Nach einem Hinweis des Vorsitzenden auf das am 1. Osterfeiertag bei Obst stattfindende Vereinsvergnügen, wurde die Versammlung ge schlössen.> seinen städtischen Mcdizinalrat als besoldetes Mitglied des Magislratskollegiums beabsichtigt die Stadtaemeinde Schöneberg an zustellen. Eine dementsprechende Vorlage ist jetzt der Stadt verordnetenversammlung seitens des Magistrats zugegangen und wird am Montag zur Verhandlung kommen. Dieser Medizinalrat soll ein ständiger Berater der städtischen Körperschaften und speziell der Deputationen in allen Fragen der öffentlichen Gesundheitspflege sein und als Dezernent alle sozialpolitischen Unternehmungen der Gemeinde, soweit sie hygienische Interessen berühre», bearbeiten. Hierzu gehören insbesondere die Angelegenheiten der Bekämpfung der Tuberkulose und der Säuglingssterblichkeit. Ihm soll ferner die Leitung der Fürsorgeftellen übertragen werden und ist von ihm der Beschluß der städttschen Körperschaften betreffend Errichtung einer Heimstätte für Lungenkranke zur Ausführung zu bringen. Auch hat derselbe die Untersuchungen der städtischen Angestellten vorzunehmen und die be ziiglichen Alteste und Zeugnisse auszustellen, sodann Gutachten über medizinische Fragen abzugeben. Das Arbeitsfeld dieses Beamten ist also ein außerordentlich umfangreiches. Es kann daher nur einem Manne übertragen werden, der genügende Erfahrungen auf diesem Gebiete hinter sich hat. Mit Rücksicht darauf soll derselbe das Gehalt eines höheren städtischen Beamten beziehen und ihm nicht gestattet werden, nebenbei noch Privatpraxis zu betreiben. Die Wohlfahrtsdeputation hält die Anstellung eines solchen Arztes für dringend notwendig und erwartet die Zustimmung der Stadt' verordnetenversammlung. Unter den Hausbesitzern hat sich aber eine lebhaste Agitation gegen den Stadtarzt bemerkbar gemacht; es wäre bedauerlich, wenn diese in sozialpolitischer Beziehung so überaus toichtige Frage an der Halsstarrigkeit der Hausbesitzer scheitern sollte. Seine Bestätigung hat nunmehr auch der vor längerer Zeit ge- wählte Kämmerer M a ch o w i c z erhalten. Die Einführung wird am Montag erfolge». Am Sonntag, den 1. April, abends 8 Uhr. findet im Saale des Hohenzollern-Gymnasiums ein vom Verein zur Förderung der Kunst arrangierter Kuustabend statt. Zur Aufführung gelangt:„Berlin im Bild und. in der Dichtung" und„Die Berliner in Wort und Lied". Vortrag mit Lichtbildern. Einlaßkalten sind zum Preise von 30 Pf. in unserer Parteispedition beim Genossen W. Bäumler, Martin Lutherstr. 51(Laden) zu haben. Weiheusee. Einer WertznwachSfteuer- Ordnimg hat die letzte Gemeinde- vertretersitznng zugeftimnit. Damit hat Weißensee in der Umgegend Berlins den Anfang geinacht, den unveldicnte» Wertzuwachs an Grund und Boden zu beftenern. Natürlich ging die Annahme dieser Steuer nicht ohne Widerspruch der in der Vertretung sitzenden Direktoren der Terraingesellschaften vor sich; sie wehrten sich mit Händen und Füßen dagegen. Aus der aus zwanzig Para- graphen bestehenden Ordnung kommen folgende Hauptpunkte in Betracht: Neben der Umsatzsteuer ivird eine Wertzuwachs- ftcuer erhoben, loenn der gegenwärtige Erwerbspreis beziehung?- weise der gemeine Wert des Grundstücks den für den EigentnniSwcchsel in Betracht komnicnden Preis um mehr als 10 Proz. übersteigt, gleichviel ob der frühere Eigentumswechsel vor oder nach deni In- krafllreten dieser Ordnung stattgefunden hat. Für die Höbe des Steuersatzes ist die ganze Werterhöhung einschließlich des nicht zu versteuernden Teiles maßgebend. Der Unterschied zwischen dem Werte bezw. Erwerbspreise beim früheren Eigentnmstvechsel zuzüglich der gestatteten Anrechnungen und dem gegeiiwältigen VeräußerungS- preise oder Werte gilt als Wertsteigerung. Ter Wertzuwachs wird besteuert mit 5 Proz. bei einer Wertsteigerung von mehr als 10 bis einschließlich 20 Proz.; 6 Proz. bei einer Wert- steigcruug von mehr als 20 bis einschließlich 30 Proz. usw., je 1 Proz. bei weiteren je 10 Proz. Wertsteigerung. Diese Sätze komme» bei bebauten Grundstücken jedoch nur zur Erhebung, wann seit dem früheren Eigeniumswechsel höchstens fünf Jahre verflossen sind. Beträgt der Zeitraum aber mehr als fünf Jahre, so wird die Hälfte der vorgenannten Sätze erhoben. Läßt sich der frühere Erlverbs- preis oder Wert nicht ermitteln, so treten an die Stelle der Wertzuwachssteuer Zuschläge des gegenwärtigen Erwerbspreises, welche betragen: bei einer Besitzzeit bis zu 20 Jahren 3 Proz., nach mehr als 20 Jahren 4 Proz. Auf diesen Hauptbestiinmungen ist die weitere Neuordnung aufgebaut und man hofft dadurch der weiteren Grundstücksspekulation Einhalt zu tun. Gegen 4 Stimmen, darunter der Direktor der Bangesell- tchafr für Mittelwohnungen Könitz und der Direktor des Bauvereins Weißensee i. Liqu. Schöffe Rathmann, wurde diese Vorlage ange- nommen und soll am 1. April 1906 in Kraft treten.— Ferner wurde noch gegen die Stimmen der Sozialdemokraten eine Lustbar- keitS- und Billettsteucr-Ordnung angenommen. Fürldie Billetftcner sind die für alle möglichen Veranstaltungen, als Theatervorstellungen, Konzerte. Vorträge. Schaustellungen. Weltveranstallungen usw., ans- gegebenen Eintrittskarten bis zu 24 Pf. frei, von 25 bis 50 Pf. beträgt die Steuer 5 Pf. und für jede iveitere angefangene halbe Mark wiederum 5 Pf. Auch diese Steuer soll vom 1. April 1900 ab erhoben werden. Man hofft nunmehr imstande zu sein, in nächster Zeit den Kommunalsteuerzuschlag etwas herabzusetzen. Der in dem HolzarbeitervcrsammlimgSbcricht angegebene Möbeb Polierer Emil Schütz, gegen den sich der Ausschlußantrag richtete, heißt, wie uns mitgeteilt wird. Emil Schulz. Charlottenbilrg. Die Stadtvcrordneten-Vcrsammlimg beendete am Donnerstag die Beratung des Etats. Zum Etat der Armen Verwaltung ge langte eine Resolution des EtatSansschusses zur Annahme, die den Magistrat ersucht, in Erwägung zu ziehen, ob sich die Einführung der freien Arztwahl für die Annenkrankenpflege empfiehlt. Ein sozialdemokratischer Antrag, der die Inangriffnahme des Baues des bereits genehmigten Asyls für Obdachlose noch im Laufe deS Etatsjahres verlangt, fand nicht die Znstimmnng der Mehrheit. Die Pläne sind längst genehmigt, auch das Geld ist vorhanden. aber man will erst dann bauen, wenn die Obdachlosigkeit einen großen Umfang angenonnnen hat. Von vorbeugenden Maßregeln »vollen die Herren vom Magistrat und von der bürgerlichen Mehrheit nichts wissen. Beim Etat der K r a n k e n a n st a l t e n beantragte Stadtv. B o l l m a n n(lib.), die beabsichtigte Erhöhung der Position für Seelsorge im Krankenhause abzulehnen, während Stadtv. Bartsch lSoz.) sich prinzipiell gegen die Bewilligung von Mitteln für Seeb sorge im Krankenhanse aussprach. Gegen den liberalen Fraktions' redner zogen seine eigenen Parteifreunde zu Felde, und mit großer Mehrheit wurde die Position bewilligt. Eine lange Debatte rief ein zum Etat der G e m e i n d e st e u e r n gestellter Antrag der Sozialdemokraten hervor, den Magistrat um Prüfung der Frage zu ersuchen, ob sich die Einführung einer Wert zuwachssteuerin'Charlottenburg empfiehlt, und ev. der Vcrsamm- lung im Laufe des Jahres eine entsprechende Stcnerordnung vorzulegen Genosse Dr. Borchardt begründete an der Hand eines reichhaltigen Materials den sozialdemokratischen Antrag und wies sowohl dessen theoretische Berechtigung als auch seine praktische Ausführbarkeit nach. Aber vergebens! Unser Genosse hätte mit Engelsznngen reden können, es hätte ihm nichts genutzt, die bürgerlichen Parteien, in deren Nanicn die Herren Dr. Crüger/g Uhr ohne jede Extravergütung arbeiten müssen. Vom Borsteher wurde diesen Arbeitern allerdings das Versprechen gegeben, daß sie dafür etwas früher abends nach Hanse gehen könnten, wenn etwas weniger Verkehr sei. Bis jetzt ist dieser Fall aber noch nicht eingetreten und tverden die Arbeiter aucki tvohl noch recht lange hierauf warten können. Die Arbeiter, welche Tagschicht haben, müssen Sonntags vormittags von 6—11 Uhr arbeiten, sie haben dann frei von 11 Uhr vormittags bis 6 Uhr abends und arbeiten dann wieder bis morgens 6 Uhr. In 48 Stunden haben sie also 25 Stunden Arbeitszeit. Daß bei einer solchen miserablen Be- zahlung die Arbeiter sich nicht gerade nach dieser Arbeit drängen, ver- sieht sich von selbst. Die Arbeiter wechseln infolgedessen sehr häufig und in letzter Zeit konnte man schon gar keine Leute mehr bekommen. Man hat sich aber in anderer Weise zu helfen gewußt, indem man militärische Hülfe in Anspruch nahm. So sehen wir denn, daß im Umladeschuppen des Spandaucr (ssüterbahiihofes seit einiger Zeit mehrere Soldaten vom Garde-Fnß-Artillerie-Regimcnt arbeiten. Darunter ist sogar ein Rekrut, und da sage noch jemand, daß die zweijährige Dienstzeit für die Ausbildung eines Soldaten nicht ausreicht. Einer dieser Arbeits- soldaten wird von früh bis mittags in der Kasernenküche beschäftigt. Er ist dann von mittag bis abends 6 Uhr dienstfrei und um 6 Uhr abends tritt er dann seine Arbeit im Umladeschuppen des Güter- bahnhofs an, um bis früh 6 Uhr zu schuften. Das ist auch so ein kleines Bild aus dem vielgepriesenen Buddeschen Musterbetrieb. Potsdam. Im Gcwerkschastskartell bildete die Maifeier den Hauptpunkt der letzten Sitzung. Von den Rednern, namentlich des Baugewerbes. wurde möglichst allgemeine A r b e i t s r u h e am 1. Mai befürwortet. Beschlossen wurde, die Maifeier wieder in der Weise zu begehen, daß vormittags bei Ladenthin eine Versammlung, nachmittags rcsp. abends eine entsprechende Festlichkeit im„Viktoria- garten" stattfindet.— Die Nachbarorte B o r n st e d t und E i ch e werden diesmal besondere Maifeiern veranstalten.— Der Kassenbericht für das letzte Quartal des vorigen Jahres wies eine Einnahme von 313.40 M., eine Ausgabe von 82,85 M. auf; Bestand 230,55 M. Sind die Kassenverhältnisse auch, wie der Kassierer Wesenberg ausführte, in diesem Jahre bessere als im Vorjahre. so wird sich die Erhöhung der bisher verhältnismäßig niedrigen Kartellbeiträge über kurz wendig machen. Der Zentralkommission wurden zur Bekämpfung der neuen zehn Mark bewilligt. Ferner wurde öffentlichen Vortrages über„Arbeitcrbildung" beschlossen. — Als Kandidat für die H a n d w e r k e r k a m nr e r wurde der Sattler Bau ermann- Potsdam normiert.— Zum Schluß der Sitzung wurde noch von dem Streik der Käserei- arbeiter im Allgäu Kenntnis genommen. Ebenso von den Mitteilungen über die hiesige Arbeiter-Bildnngs» schule, die in jeder Weise von den Gewerkschaften gefördert werden soll.— Ferner wurde von Drescher- Nowawes die Organisierung der Frauen und Mädchen, na- mentlich in der Textilindustrie, angeregt.— Sämtliche dem Kartell angeschlossenen Geiverkschaften werden ersucht, die Adressen ihrer neuen Delegierten bis zum 1. April cr. an den Vorsitzenden Nutzung iür jedermann, SW., Alexaudrinenstr. 28. Geöffnet täglich von 8'/,— 10 Uhr abends, an Sonn- und Feiertagen von g— l und 3—8 Uhr. In den Lelclälcn liegen zurzeit 515 Zeitungen und Zeitschriften jeder Art und Richtung au». Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 1. April er., vormittag» 8'/« Ilhr. im Rathause(Saal 109), Eingang Jüdensiratze, Versammlung: „Freireligiös- Borlesung".— Um 10"/, Uhr vormittags in der Schulaulo. Kleine granlfutlrrllr. S: Vortrag de» Herrn Professor Dr. Albert Gehrke: „Der andere bist du I"— Gäste, Damen und Herren, sehr willlommen. ßrlefhaften der Redahtfon« im©eiimrc«iivveyvmq jtcioj: caiio-icu--— w.« Für den sehr Ungewissen Fall Ihrer Einziehung werden Sie der Tele Abteilung zugewiefcn.— Bruderkrieg. Da» geschah nicht 1888, im siebenjährigen Kriege.— C. 7. 1. Die Erkundigungen zie 91. H. 100. 1. Bürgerrettungsinstitut, Friedrich WilhelmZ-Anstalt für Arbeitsame oder Kiedersee-Stistung. Sitz aller im Rathause. 2. Schlagen Sie im Berliner Adreßbuch nach: Saud 2. Teil 4, Seite 2.— W. Bs. lOO. *....." �ie der Tetcgraphcu- '18, sondern ______ ziehen wohl selbst bei der Reichsbank ein. 2. Zu den„sicheren" JiistillUcn zähll auch die Deutilbe Bank. Rädere Angaben auch dort durch die Verwaltung. - St. 10. Rein.— L. 100. Durch die Adresse: KeSltnke, hier. Fürsten. (traß* 22, 0. S. Etage. Bureau der Fleischer, hier, Dragonerstr. 15. �urikttreher Cell. Sic liirUNM)« etirrififtmilx finde,>««11»»>l» Anonadmcd»» Sannabcnd« v»u?>/, die»>/, Ulie adeud» ,in„. I«cöil»cl! 7 Udr. Jeder Anfraac ist ei» Buchstab« und ei», Zahl al« viert, eichen betzutugen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt, H. I. 20. Die Alulter wird von ihren Kindern beerbt. An Stelle der verstorbene» Kinder treten deren Kinder.— E. E. 07. Sie sind nur ichadenersatzpslichlig, wenn Ihnen ein Verschulden nachgewiesen wird.- Grete 52. Einen Anspruch haben Sie nicht, Sie können aber eine Ein- gäbe an da» Kriegsministerium vielleicht mit Aussschi aus Erfolg richten.-»- G, Köblrr.(&. G. Nein.— SO. Böhm. Sie sind an den mündliche» Bertrag gebunden, Sie können denselden nur mit Einwilligung des Haus- wirleS löien.— Berufsgenosienichast. Rein, eS kann in jedem einzelne» Fall gegen die Katastriermig mit Erfolg vorgegangen werden.— P. F. ditst Leider steht dem Mädchen nach dem Gesetz gar kein AuSgehtag zu, tommi eine Einigung nicht zustande, bleibt nur die Kündigung übrig.—»120-122, II» 117-120. III« 115—116, ab. (allenhf 110-114. Saure Gurken. Schuck 3-3.50 M.. Psestergurk-ii 3—3.50 M. Karlossein per 100 Psd msxn. dem. 2,10-2,85, rote Dabertche 2,00-2.20, runde weifte J, 60- 2,00, Wüsiiigtohl per Schock 0,00 00.0». Ueißlohl per 100 Psd, 4.50 5.50. Roltodi per Schock 00 00. boll. 14—24. Grünkohl, per 100 Psd. 12-15. Rüben, weihe 12—16, Teltowcr 16-18. Kohlrüben, per Schock 2,50—4,50, £11. ifc»»ve«»~-----''■—/ e�-"—----"''___ y___"____!_____ W________——_---—-- �---,—— �"'M" Veläntwortiicher Redakteur: Hau» Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw,: Xh. Gl»ck«. Berlin. Druck». Verlag: Borwärt» Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW