Ur. 80. Rbonntmenft'Redlnsunaen- SSonncmcntä- Preis pränumerando! Biertcljährl. 3,30 SSW,, ntonatl. 1,10 SKt., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer S Pfg. Sonntag?- numnier mit illustrierter Sonntags- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1.10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitmiaS- Preisliste. Unier Kreuzband siir Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 33. Iatyrg. CridKlnt tilg»» außer Montag». Verlinev Volklsblatk. Die TnfertlonS'GebQlfr beträgt für die sechSgespaltenc Kolonel- zeile oder deren Raum 50 Pfg.. für politische und gewerlschastliche Vereins- und BersammlungS-Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Hnzeigcn", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort S Pfg. Worte über 13 Buchttaben zählen für zwei Borte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expeditton abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „SnlaldtDiokrat Rcrl)itu. Zentralorgati der rozialdemokratifchen Partei Deutfchlanda. Rcdahtton: Söd. 68, Linden Strasse 69. Kernsprecher: Slmt IV, Nr. 1083. Donnerstag, den 3. April 1903. Expedition: 8M. 68, Lindenstrasse 69. Kernsprecher: Amt IV. Nr. 108». Bülow- Details. ii. Telcasses Wendung zu einer kriegerischen Politik seit dem Mai 1903 war an sich durchaus verständlich. Aber die sran- zösische Kammer, in erster Linie die Sozialisten, wollten den Krieg nicht, auch wenn man ihm mit Fug und Recht den Charakter des Verteidigungskrieges hätte geben können. Der Ministerpräsident Rouvier übernahm die auswärtige Politik und damit den Versuch, trotz der deutschen Schroffheit zu einem erträglichen Zustand zu kommen. Was er dabei erlebte, schildern die Aktenstücke des Gelbbuchs mit ziemlicher Ausführlichkeit. Das Weißbuch bietet darüber hinaus nur anderthalb neue Aktenstücke, und doch ist gerade hier einer der merk- würdigsten Charakterzüge der deutschen Diplomatie zutage getreten. Zunächst betrachtete die deutsche Regierung den Sturz Delcassüs als ihren Sieg und ihren Erfolg. Der Kaiser machte den Grafen Bülow zum Fürsten und stellte damit Bülows Tat der Reichsgründung des alten Bismarck gleich! Damit aber waren lediglich Lorbeeren auf Vorschuß erteilt; denn nun kam es erst darauf an, ob Bülow es wirklich er- reichen werde, daß Rouvier in die internationale Konferenz loilliate. Am 10. Juni fand darüber die erste Unterredung zwischen Rouvier und dem deutschen Gesandten v. Radolin statt. Rouvier erklärte, seine Entscheidung noch in der Schwebe alten zu wollen, aber er müsse doch sagen, daß ihm die nferenz unnötig scheine. Ohne eine vorherige Ver- ständigung darüber, was auf der Konferenz eigentlich be- schlössen iverden solle, sei es doch unmöglich, die Einladung anzunehmen. Und nach einer jsolchen Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich sei die Konferenz überflüssig; denn dann könne man eben nach dem gemeinsam festgesetzten Plan gemeinsam handeln. Und eine internationale Konferenz sti doch immer ein etwas gefährliches Ding, bei dem man nie wissen könne, was alles herausspringen könne. Also noch- malS der Antrag auf direkte Ver st ändigung! Und wieder lehnte die deutsche Regierung ihn ab! Der Gesandte schloß die Unterredung mit dem scharfen Wort: „Wir halten auf die Konferenz. Wenn sie nicht zu stände kommt, bleibt eben der swtus quo(der bestehende Zustand), und Sie müssen wissen, daß wir hinter Marokko stehen." Also nochmals die Kriegsdrohung, und zwar nunmehr in aller diplomatischen Form. So wichtig ist der deutschen R?" gierung die Konferenz, daß sie um ihretwillen jede niarokka iusche Sonderpolitik Frankreichs hindern wird, wenn's sein muß, selbst mit dem Schwert. Was will denn die deutsche Regierung mit dieser Konferenz? Glaubt_ sie denn wirklich, tvenn zehn oder zwanzig Diplomaten zusanimensitzcn, dann können sie mehr erreichen als unter vier Augen mit Frank reich allein? Hält sie dies für möglich, trotzdem daß Frank reich andauernd sie zu vertraulichen Verhandlungen einlädt? Es bleibt das Rätsel I Ja, es verdichtet sich gar. In derselben Unterredung sagt der deutsche Gesandte den anderen scharfen Satz: „Ihnen kommt es zu zu überlegen, ob es nötig ist, um einer Formfrage willen die Besserung der Beziehungen zwischen Deutsch- land und Frankreich zu hindern." Also eine Formfrage I Und darum die Kriegsdrohung? TaS verstehe, wer kann! Herr Rouvier hat es auch nicht verstanden. Er faßte schließlich seinen Standpunkt in den etwas nervösen Satz zu- sammen: „Es scheint nach Ihren Erklärungen, daß Sie beabsichtigen, alle unsere Borschläge zu vereiteln, welcher Art sie auch sein mögen. Wir können es aber unmöglich auf uns nehmen, uns zu einer Konferenz zu begeben, wo alle unsere Vorschläge von Ihnen bekämpft werden sollen. Daher, ehe wir die Unterhaltung weiter- führen, ist es nötig zu wissen, wie Deutschland sich zu den Reformen stellt." sGclbbuch Nr. 269). So wird die deutsche Regierung gezwungen, einen'Schritt nachzugeben. Sie tut es in echt Bülolvscher Weise: sie tritt nicht in Verhandlungen ein, sie nennt ihre Pläne nicht und macht keine Vorschläge. Das würde ja ihrem eben ein- genommenen Standpunkt widersprechen. Aber sie läßt ihren Gesandten„objektive Deduktionen" entwickeln, Folgerungen aus der Natur der Sache, die aber beileibe nicht als„Ver- Handlungen" betrachtet lvcrden sollen. Also Vokabelpolitik auch in der Diplomatie, wie tvir sie aus unendlich vielen Reden des Kanzlers schon kennen! Als solche„objektive Deduktion" entwickelt der Gesandte (Weißbuch Nr. 18) drei Forderungen: internationale Feststellung derReforinen aufdem Gebiet dcrPolizeiund Finanz und Grundsatz der„offenen Tür" für die Ivirtschaftliche Erschließung Marokkos. Rouvier fragt zurück, was unter dieser„internationalen" Organisation der Polizei zu verstehen sei, ob man daran denke, daß.die Mächte einer Nation(gemeint ist natürlich Frankreich) ein Mandat erteilen würden.(Weißbuch Nr. 19.) Das bejaht die deutsche Regierung und fügt hinzu: in den an Algier grenzenden Distrikten solle dies Mandat an Frank- reich erteilt werden; in den anderen Teilen aber, namentlich am Atlantischen Ozean, sollten„andere Mächte" das Mandat erhalten. Rouvier versteht diesen Satz, wie ihn jeder halb- weo" vernünftige Mensch verstehen mutz, als wolle die deutsche Regierung damit andeuten, daß sie auch ein Stück aus dem großen Kuchen für sich erhalten wolle. Er ant- wartet mit einer längeren Note(Gelbbuch Nr. 272), deren Schluß ist, daß eine direkte Verständigung besser sei als eine Konferenz, mindestens aber, daß sie die Vorbedingung dazu sei. Die Erörterung endet demnach am 2l. Juni an derselben Stelle, wo sie am 10. Juni begann. Das Rätsel der deutschen Politik ist immer noch nicht gelöst. Da erhebt sich der Leu— Fürst Bülow selbst tritt in höchsteigene Aktion(Gelbbuch Nr. 276). In einer langen Perhandlung mit dem französischen Gesandten in Berlin er klärt er rund heraus, ein Programm dessen, was auf der Konferenz verhandelt werden solle, könne er nicht geben. Das hieße in die Souveränität des Sultans eingreifen und seine Empfindlichkeit reizen!— Vokabelpolitik! Dann aber wird er mysteriös: man dürfe«diese böse, sehr böse Frage nicht verschleppen, nicht allzu lange verweilen auf einem Wege, der an Abhängen, ja an Abgründen vorbeiführt". Und dann wieder wird er verheißungsvoll lächelnd: „Er setzte mir auseinander, berichtet der französische Gesandte, wie nach seiner Ansicht die Konferenz zu diesem Ziele(Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich) führen werde; ohne jemand tadeln oder angreifen zu wollen, hat er mir erklärt, daß Deutschland heute nicht tun könne, was es sicher vor einem Jahre noch gekonnt haben würde und— fügte e r lächelnd hinzu— was es vielleicht in einem Jahre wieder tun kann So orakelhaft das klingt, es ist doch zu verstehen:„hätte Delcasss uns im Sommer 1904 gefragt, tvir hätten ihm alles bewilligt 1" Jetzt können wir's nicht— aber in einem Jahr, wer weiß? Der Minister kennt ja die Plötzlichkeit der deutschen Entschlüsse; er entblödet sich nicht, er selbst muß dabei lächeln, dem Gegner gegenüber an diese Plötzlichkeit zu erinnern und ihn darauf vertrauen zu lassen. Ein leiser Verdacht regt sich hier: sollte gar der Reichs- kanzler im innersten Herzen wünschen, er könne den Franzosen entgegenkommen; nur im Augenblick gibt es noch andere Stimmungen, die mächfiger sind als er, und darum rät er zu warten. Die Konferenz ist nötig, nicht um der auswärtigen Lage willen, sondern um gewissen Spannungen und Stimmungen in der deutschen Leitung selbst Zeit zu geben, sich zu legen? Ein Verdacht nur! Aber er würde den merkwürdigen Widerspruch erklären, der in den Ausführungen der deutschen Diplomaten steckt: eine Formfrage, und doch Kriegsdrohung I Jetzt nicht, aber wenn Ihr uns in der Konferenz den Willen tut, dann vielleicht später! Ein Locken und Drohen, aus dem nicht klug zu werden ist. „Kurz, der Ton des Kanzlers war sehr entschieden. Er hat mir sehr deutlich zu verstehen gegeben, daß, wenn Deutschland nicht den Zusammentritt einer Konferenz erreiche, eS seine eigene Politik bei dem Sultan verfolgen werde und daraus vielleicht Vorteile ziehen könnte. Die Eindringlichkeit, mit der Fürst Bülow eine rasche Lösung empfahl, hat mich lebhast berührt; sie ist von der Art, daß sie große Unruhe einflößen könnte, und scheint mir die Entscheidungen Eurer Exzellenz stark beeinflussen zu müssen.— Auf der anderen Seite hat der Kanzler mir versichert, daß, wenn wir die Konferenz annähmen, die kaiserliche Diplomatie in den späteren Verhandlungen eine Haltung annehmen würde, m i t d e r wir sehr zufrieden sein würden." Dies die Worte, mit denen der französische Gesandte seinen Bericht von dieser denkwürdigen Unterredung schließt. Man sieht ihnen an, daß er vollständig verwirrt ist und in diesem Chaos van Liebe und Drohung sich noch nicht zurechtfinden kann. Dann aber kam die Erleuchtung, als der Gesandte zwei Tage später wieder mit dem Reichskanzler sprach: nun er- klärte ihm Bülow die„böse Situation". „Nachdem der Kaiser sich einmal dem Sultan gegenüber ver- pflichtet hat, kann er ihn nicht im Stich lassen. Aber die Zukunft gehört dem, der warten kann. Man muß die Unabhängigkeit des Sultans proklamieren und eine Organisation durch die Intervention der Mächte versuchen. Wenn der Versuch mißlingt, dann kann Frankreich die Rolle wieder aufnehmen, die es wünscht." Auf diesen Punkt hat der Fürst besonderen Nachdruck gelegt. Das ist die Lösung des Rätsels Z Die Kaiserworte, die bei der Reise nach Tanger gesprochen wurden, haben die deutsche Regierung festgelegt. Nun kann sie nicht anders, als etwas tun,'detf den Anschein hat, als solle es dem Sultan helfen. Geling es nicht, so sind wir unserer Pflichten ledig, so kann Frankreich machen, was es will. Mso darum Räuber und Mörder? Darum die Konferenz mit all ihren Gefahren, darum der leidenschaftliche Drang, die Konferenz zu stände kommen zu sehen, darum die Bedeutung dieser„Formfrage", die uns bis beinahe zum Kriege brachte, darum die Unmög- lichkeit, private Abmachungen mit Frankreich zu treffen? Man weiß, daß Wilhelm II. in seiner ganzen Politik darauf ausging, sich höchst persönlich als den Freund und Schützer der muselmännischen Bevölkerung hinzustellen. Die Türkenpolitik, die Jerusalemreise, das große Wort in Damaskus, daß er der Freund der dreihundert Millionen Muhamedaner sei. und dann die Reise nach Tanger: Das liegt alles auf derselben Linie: die muselmännische Bevölkerung soll deutschfreundlich werden. Aus dieser Stimmung heraus hat der Kaiser offenbar in den Stunden in Tanger etwas gesagt, was ihn nun zwang, wirklich etwas für den Sultan zu tun. wollte er nicht auf seinen Zweck verzichten. Man weiß ja, wie auch die Zuchthausvorlage aus solcheinem rasch gesprochenen Worte entsprang. Es liegt aber in dieser Erklärung des Fürsten Bülow noch mehr: nämlich das Eingeständnis, daß er für seine Person den Franzosen ihre marokkanische Politik gar nicht er- schlveren möchte. Jenes vielsagende Lächeln und die Ver- heißung:„Vielleicht in einem Jahre," dann die direkte Auf- forderung:„Wenn aus den internationalen Reformen nichts wird, dann könnt ihr Widder machen, was ihr wollt!" Das sind Zeichen dafür, daß er selbst so bald wie möglich aus der unseligen Konfliktstelluug hinauskommen möchte. Die folgenden Unterredungen sind voll von solchen Ver- heißungen: noch am 25. Juni selbst heißt es: „Der Kanzler hat feierlichst erklärt, daß weder er noch der Kaiser, der befragt worden war, dem zustimmen würde, daß auch nur die geringste Demütigung Frankreich auf der Konferenz zu- gefügt werde." Am 1. Juli forderte Rouvier in einer Unterredung mit dem deutschen Gesandten in Paris, „daß wir darauf rechnen, daß die deutsche Regierung unseren Ab- sichten bezüglich des internationalen Mandates nicht widersprechen werde, das wir von der Konferenz fordern werden." Der deutsche Gesandte ließ dabei nicht die geringste Entgegnung merken.(Gelb- buch Nr. 284.) Am 8. Juli werden die gemeinsamen Erklärungen bc- schlössen, in denen die französische Regierung die Einladung zur Konferenz annahm. Sie enthalten den Satz:„daß die französische Regierung sich überzeugt habe, daß die deutsche auf der geplanten Konferenz keine Ziele verfolgen werde, die die berechtigten Interessen Frankreichs in diesem Lande in Frage stellen" usw. Am selben Tage schließt Fürst Bülow in Berlin die Besprechungen mit dem Satz: „Es sei ein Unterschied zwischen dem Widerstand, den er v 0 r der Konferenz glaube unseren Wünschen entgegensetzen zu müssen, und der Leichtigkeit, mit der er unsere legitimen Ansprüche an- nehmen werde, wenn man seinem Worte Vertrauen schenke und wenn die Konferenz zusammentrete."(Gelbbuch Nr. 28S.) Das also ist der große„Sieg",, den Bülow über Rouvier erfocht, als er Frankreich, ivie unsere Chauvinisten sagen,„aus die Konferenz zwang". Tatsächlich hat er versprochen, den französischen Wünschen entgegenzukommen, sobald sie ihm in der„Formfrage", nämlich in der Konferenz, nachgegeben hätten. Erst nachdem diese Versprechungen wiederholt und ein- dringlich abgegeben waren, hat die französische Regierung ihren Widerspruch gegen die Konferenz fallen gelassen. Mit anderen Worten: Bülows„Sieg", von dem Offiziöse und Freiwillig- Offiziöse in schmetternden Tönen posaunten, war nur ein Vokabelsieg; die wirkliche, sachliche Regelung der. marokkanischen Frage sollte doch nach französischen Wünschen geschehen. Es ist ein Kapitel für sich, zu untersuchen, ob die deutsche Diplomatie die Versprechungen gehalten hat, die sie im Sommer 1905 hatte machen müssen. Und dies Kapitel würde vielleicht nicht sehr viel von deutscher Treue zu erzählen haben. Aber gleichviel, das praktische Ergebnis der Konferenz, das heute offen zu Tage liegt, ist doch dasselbe, das man im Sommer 1905 schon erwarten konnte! Frankreich hat die Polizei in allen Häfen und die Mehrheit in der marokkanischen Staats- dank. Es ist wiederum nur ein Vokabelsieg, tvenn der„inter- nationale" Gencralinspektor der Polizei, der eben gerade Bc- richte schreiben, aber gar nichts befehlen darf, und die„inter- nationalen" Zensoren der Bank als deutsche Siege gefeiert werden. Alle Macht bleibt tatsächlich bei Frankreich. In diesem Zusammenhang aber kommt es noch auf etwas anderes an: in jenen Bülowschcn Beschwichtigungen und Ver- sprcchungen tritt deutlich zutage, daß ein Unterschied bestand zwischen dem Kaiser und dem Kanzler. Der Kaiser führte persönlich die Offensive, der Kanzler suchte den kaiserlichen Wunsch formell zu erfüllen, um materiell dann doch der französischen Regierung sehr erhebliche Zugeständnisse zu machen. Er hoffte wohl darauf. „in einem Jahre" werde der Elan seines Herrn verraucht sein und dann werde er die Hände frei haben, seine eigene Politik der Konzcssionen und der Verständigung fortzusetzen. Vielleicht, daß der ganze Konferenzgcdanke überhaupt dieser ZügelungZPolitik des Kanzlers entsprang. öne Internationale Arbeiterschutzkonferenz von 1890, die iismarck ausdrücklich einschob, um den„jugendlichen Elan seines Herrn zu zügeln", könnte hier ihre etwas ge- fährlichere Parallele gefunden haben. Vielleicht! Doch das ist heute noch nicht zu beweisen und mag daher dahingestellt bleiben. Was urkundlich zu be» weisen ist, ist das, daß irgend welche, nicht näher bekannte, Verpflichtung zum Schutze dcS Sultans, die der Kaiser in Tanger auf sich nahm, als sein Kanzler nicht um ihn war. für die deutsche Politik und das deutsche Volk ein Jahr ernster Gefahren und dauernder Isolierung zur Folge gehabt hat. Ob Bülow darüber im Reichstag nähere Auskunft gibt? Im Weißbuch hat er keine der hierher gehörigen Reden auch nur erwähnt I Die Revolution in Rutzland. Der„Sieg" der russischen Liberalen. Im Lager der russischen Konstitutionell-Demolraten herrscht großer Jubel, wegen des großen„Sieges", den sie bei den Wahlen erfochten haben. Triumphierend veröffentlicht ihr Organ „Rjetsch" die Namen jener Städte, wo„kadettische"(von K.-D,, Konstitutionell-Demokraten) Wählmänner durchgedrungen sind: Charkow, Witebsk, Kaluga, Mohilew und eine ganze Reihe größerer und kleinerer Städte. Wahr ist es, daß aus den kämpfenden Parteien in den� Städten die K.-D. gesiegt haben: ihre Gesamtzahl beträgt 218, während der um den„80. Oktober" bereinigte Bloc es auf nur 163 gebracht hat(nach vorläufigen Angaben aus den Orten, wo die Wahlen schon stattgefunden haben); selbst wenn wir zu den ersteren die SS„Fortschrittlichgcsinnten" und zu den letzteren die 41„Gemäßigten" und 84„Unbekannten" hinzurechnen, so sind die Liberalen mit 318 Wahlmännern den Reaktionären, die nur 273 haben, voraus. Jedoch muß man sich von diesen Zahlen nicht blenden lassen, vor allem aber nicht glauben, daß sie den Sieg eines wahren und echten Liberalismus bedeuten: in den Reihen der K.«D. herrscht ein wahrer Kuddelmuddel der verschiedensten politischen Ansichten und Programme. Während die einen heimlich vom Sozialismus träumen, stehen die anderen dicht an der Schwelle des „30. Oktobers", dasselbe gilt natürlich in erhöhtem Grade von den„Fortschrittlem". Da? einzige gemeinschaftliche Band, welches die Mitglieder der K. D.-Partei zusanrmenhält, ist. daß sie jedenfalls die entschiedensten Gegner der„schwarzen Hundert" sind. Deshalb hat auch ihre Wahl eine mehr symptomatische Bedeutung: die Wähler sind der Hooligans satt— aber das ist auch alles. Uebrigens sagt auch die Zahl der„kadettischen" Wahlmänner gar nichts über die Zahl der„kadcttischen" Vertreter in der Duma: die Wahlmänner der Städte wählen nämlich mit den Wahlmännem der Landbezirke zusammen, und die Verteilung der Wahlmänner ist so kunstvoll berechnet, daß dem Grundbesitz das Uebergewicht sicher ist, dieser aber gravitiert meist zum„30. Oktober" und noch weiter nach rechts. So werden auch„kadettische" Ver- treter der Gouvernements zu einer Seltenheit gehören. In den Städten, die eigene Vertreter in die Duma schicken, sind die Aussichten der K.-D. zwar günstiger, doch eine Mehrheit in der Duma zu bilden— davon dürfen sie nicht einmal träumen, sie werden es bloß zu einer mehr oder weniger bedeutenden Minderheit bringen. Aher nicht in der kleinen Zahl ihrer Vertreter in der Duma liegt die Schwäche der K.-D.; unter gewissen Umständen kann auch eine numerisch schwache Partei im Parlamente eine wirk- same Opposition bilden, nämlich wenn sie draußen im Lande die Massen hinter sich hat. Die K.-D. aber entbehren bestimmter gesell- schaftlichen Klasse als Grundlage, durch die sie gestützt werden könnte; sie sind eine Partei der Intelligenz— der Aerzte, Rechtsanwälte, Lehrer, Professoren usw.; die Intelligenz aber, so lange sie allein steht, vermag sich nicht zu einer bedeutenden gesell- schaftlichen Macht aufzuschwingen, sie muß immer eine Stütze in den breiteren Massen der Bevölkerung suchen. DieK.-D. entbehren aber einer solchen: die Mittel- undKleinbourgeoisie schart sich um den„30. Oktober", ebenso der Grundbesitz; die Großbourgeoisie mit ihren Anhängern hat die„kaufmännisch-industrielle Partei" inne, die Bauern gehören in ihrer Mehrheit überhaupt' keiner Partei an; die Arbeiterschaft aber befindet sich unter dem Einfluß der Sozialdemokratie. So hängen nun die K.-D. gewissermaßen in der Luft, aber sie selber bemerken es am wenigsten: sie glauben durch die flamnienden Reden ihrer Professoren die Regierung stürzen zu können. Die nicht allzuferne Zukunft, vielleicht schon die erste Session der Duma, wird sie wohl belehren, daß die Regierung darauf in aller Gemütlichkeit pfeift— vor den liberalen Schönrednern weicht sie nicht einen Schritt zurück; die einzige Kraft, die ihr den Boden unter ihren Füßen zum wanken bringen kann, wird nach wie vor das revolutionäre Proletariat�sein. Petersburg, 4. April.(Meldung der Petersburger Telegraphen- agentur.) Telegramme aus verschiedenen Orten nielden, daß die Wahlen zur Duma in friedlicher Weise verlaufen. Die Wahlen in Petersburg vollziehen sich in vollkommener Ordnung, siegreich in den Städten ist die kon st itutionell-demok ratische Partei, in den Dörfern die Partei der konservativen, bis- weilen auch die der äußersten Rechten. < Petersburg, 3. April. Die Petersburger Telegraphen-Agentur veröffentlicht folgende Meldungen: Moskau, 3. April. In einem lebenden Zaun bei einem Hause der Donstratze wurden heute zwei Bomben entdeckt. Mitau, 3. April. Mit Revolvern bewaffnete Räuber überfielen heute die Station Pfalzgrafen und bemächtigten sich der Kasse. Riga, 3. April. Heute wurde auf dem Fort Ust-DwinSk der Urheber eines gegen höhere Polizeibeamte in Libau gerichteten Anschlages, Speck, hingerichtet. Tiflis, 3. April. Tataren griffen heute in Agdama(Distrikt Schuscha) eine Anzahl Armenier an und verwundeten mehrere. Die Hülferufe der Ueberfallenen riefen Kosaken herbei. Diese schössen aus die Angreifer, töteten zwei und verwundeten fünf. RybinSk, 3. April. Heute nachinittag drangen zwei junge Leute, die sich durch falsche Bärte unkenntlich gemacht hatten, bei dem Priester des hiesigen Gymnasiums ein, bedrohten ihn mit Revolvern und forderten Geld. Dem Priester gelang eS, zu entkommen. Er schloß hinter den Eindringlingen die Türe und lieferte sie der Polizei aus, die feststellte, daß sie Schüler der hiesigen technischen Schule waren.______ Politifcbe Ucberrtcbt. Berlin, den 4. April. Ferienstimmung. Die Neigung zum Reden nimmt mit dem Herannahen der Ferien ab. Das ist eine allgemeine parlamentarische Er- fahrung, die auch heute wieder im Reichstag verstärkt wurde. Dieser Stimmung trägt auch das Präsidium Verständnis- innig Rechnung und setzt weniger wichtige Vorlagen auf die Tagesordnung, die für dieses Aufräumen vor den Ferien auf- bewahrt werden. Die gestern übrig gebliebenen Etatsreste wurden heute ziemlich schnell erledigt. Die Etats der Zölle, Ver» brauchssteuernundAversen sowie der S t e m p e l- abgaben passierten ohne Debatte die zweite Lesung. Beim Etat der Schutzgebiete aab der aus der früheren Debatte erwachsene, dem Wunsche des Zentrums entsprechende Antrag der Konservativen, die Schulen in den Kolonien kon- fessionell zu scheiden, zur Wiederaufrollung der Gründe Ver- anlassung, aus denen die Sozialdemokratie für die Stellung der Regierung in diesem Fall eintritt, die den � Schulen Simultancharakter bewahren will. Bebel hob in einer knappen, aber scharf zeichnenden Rede hervor, daß den kolo- malen Interessen durch religiöse Intoleranz nicht gedient wird. Es gelang denn auch, den konservativen Antrag gegen Zentrum und Konservative zu Fall zu bringen; die gesamte Linke stimmte dagegen. Noch ein weiteres Charakteristikum bot die Beratung des EtatZ dez Schutzgebiete. Bekanntlich hatte die Vudgetkom- Mission beschlossen, daß der berüchtigte Lieferungsöertrag zwischen der Kolonialverwaltung und der Firma T i p p e l s- kirch sofort gekündigt werde. Der Abgeordnete Arendt beantragte, das Wort sofort zu streichen in jenem Be- schlusse. Bei der Abstimmung stimmten die Führer der frei- sinnigen Volkspartei, Müller-Sagan und Eickhoff f ü r den Antrag Arendt, der aber trotzdem abgelehnt wurde. Der Beschlutz der Kommission wurde darauf vom Hause an- genommen. Ter Etat der Schutzgebiete wurde dann in schneller Folge in zweiter Beratung erledigt. Es folgte die zweite Lesung der Gesetzentwürfe über Wohnungsgeldzuschüsse der Beamten und über anderweitige Gestaltung des Servistarifs und der Einteilung der Alters- klaffen. Bezüglich des ersteren nahm Genosse Singer Ver- anlassung, gegen den Abgeordneten Werner— der bei dieser Gelegenheit die Sozialdemokraten glaubte ermahnen zu können, daß sie, wenn sie diese Zuschüsse bewilligten, auch für höhere Einnahmen sorgen müßten und die Steuervorlagen nicht pure ablehnen dürften— scharf und nachdrücklich fest- zustellen, daß ungeheure Ausgaben für kulturwidrige Zwecke gemacht werden und daß man Geld zur Erfüllung von Kultur- aufgaben genug erhalte, wenn man die von den Sozialdemo- kraten vorgeschlagenen Reichseinkommen- und Vermögens- steuern einführen würde, sowie die Erbschaftssteuer ertrag- reicher gestalte. Die Entwürfe wurden nach dem Beschlüsse der Kommission vom Hause in zweiter Lesung angenommen. Ebenso der Gesetzentwurf über die Natural- leistungen für die bewaffnete Macht im Frie- den. Genosse S ch ö p f l i n gab dazu dem Wunsche Ausdruck, daß, nachdem die Sätze für Naturalleistungen erhöht worden seien, auch den Soldaten eine bessere Verpflegung zuteil wer- den möge. Damit war die Tagesordnung nachmittags 5 Uhr erledigt. Donnerstag: Die Etats des Reichskanzlers und der Reichskanzlei, für das Auswärtige Amt so- wie für das Reichsschatzamt.—> Die englisch-französische Entente vor und nach Algeeiras. London, 1. April. Als vor genau zwei Jahren das freundschaftliche Uebereinkommen zwischen England und Frankreich abgeschlossen wurde, war die öffent- liche Meinung Frankreich keineswegs für ein Zusammengehen mit England gewonnen. In keinem Lande der Welt wird zwar so viel über äußere Politik geschrieben wie in Frankreich, aber die unmittel- baren Beweggründe menschlicher Reden und Taten sind gewöhnlich nicht Vernunft und Wissen, sondern Stimmungen, und auf dem Grunde der zeitgenössischen politischen Seele Frankreichs liegen zwei starke Empfindungen: Mißtrauen gegen England und Furcht vor Deutschland. Wenigstens war dem so bis zum Jahre 1906. Und diese Empfindungen diktierten eine ganze Reihe von Aeußerungen französischer Publizisten gegen die Entente mit England und für ein Uebereinkommen mit Deutschland oder— was dasselbe ist— ein Aufgeben der Politik Delcaffös und eine Wiederaufnahme der Politik Ferrys und Hanotaux'. Im Pariser„Korrespondent" vom 10. August 1904 machte Marcel Dubais über„La Question du Maroo" folgende Bemerkung: „Für ein freundliches Uebereinkommen mit Deutschland sprechen Gründe der größeren Sicherheit, an die man nicht oft genug denkt. Eine Entente mit England kann uns nicht im geringsten gegen die Gefahr schützen, die uns von der Ostgrcnze her drohen würde. Im Falle eines französisch-deutschen Krieges haben wir von Eng- lanb nichts zu erwarten.... Eine russisch- deutsch- ftanzöfische Koalition wäre weit stärker." In seinem Buche„La. Politique franco-anglaise" plädiert Jarah für Hanotaux. dessen Wunsch es war,„zusammen mit Deutschland in der Kolonialpolitik zu marschieren, um Großbritannien ein Halt zuzurufen. Man wallte die ägyptische Frage wieder eröffnen und England zwingen, Aegypten zu räumen.... Aber die geschickte Politik Hanotauxs' wurde von seinem Nachfolger nicht fortgesetzt, und sobald wir uns von Deutschland entfernten, müßten wir früher oder später nach der Seite Großbritanniens schwenken." Und denselben Gedanken vertrat auch Reclus in seinem Buche „DäcKons l'Asie, prenons rAfrique", der für ein allgemeines Ab- kommen mit Deutschland eintrat; nach ihm würde ein großer deutscher Staatsmann während des BurenkriegeS folgenden Ausgleich zwischen Deutschland und Frankreich erzielt haben: „Er würde eine Weltkarte zur Hand genommen und vor allem einen Strich durch die Niederlande gemacht haben. Holland und seine kolonialen Besitzungen an Deutschland. Belgien und Kongo an Frankreich. Jndo-China fällt an Deutschland, Kamerun und Togo an Frankreich; sodann unterhalten wir unS in fteundschaft- sicher Weise über Elsaß-Lothringen." Aber gerade einen solchen Ausgleich konnte England nicht dulden— bemerkt Kapitän Sorb in seinem Buche„(Juittous la Mediterranhe", und England habe es verstanden, die ftanzöfische Diplomatie so zu umgarnen, daß sie sich in seine Arme warf. Ebenso bekämpfte Renid Mller in der„Revue Positique' vom 10. November 1904 das Abkommen mit England, das er als ein- fettig zugunsten Englands betrachtete. DieS war vielfach die Stimmung in Frankreich bis zum Jahre 1906. Zufrieden mit der englischen Entente waren nur die Sozialisten, da sie überhaupt für den Frieden sind. Seitdem hat sich die Stellung Frankreichs zur„ütotsnts cordiale" wesentlich verändert. Die Haltung Englands auf der Konferenz m AlgeciraS hat das Vertrauen der französischen Politiker zur Politik Englands befestigt. Die deutsche Diplomatie stellte sich bei ihrer Behandlung der Marokko-Affäre drei Ziele. Ersten? sollte Delcassö das Ministerium deS Aeußern verlassen. Zweitens sollte die ftanzösisch- englische Entente einer Belastungsprobe unterworfen und ihre Schwäche vor aller Welt aufgedeckt werden. Drittens sollte Frankreich zur Ferry- Hanotouxichen Politik zurückkehren. Die ftanzösisch-englische Entente hat jedoch die Probe glänzend be» standen. Der Ausgang der Marolkokonferenz ist eine Stärkung Englands und Frankreichs im europäischen Konzert und die fast völlige Isolierung Deutschlands. Die Mittelmeermächte sind der- einigt— die lateinische Union ist eine Tatsache geworden, und auf ihrer Seite steht Großbritannien.— Preußische Knuten-Anbeter. Der sonst recht gut informierte Berliner Korrespondent der offiziösen„Russischen Telegraphen-Agentur" berichtete dieser Tage, daß etwa 7000 Russen die Ausweisung auS Berlin zu befürchten haben. Demgegenüber erklärt Berlins Polizeipräsident, Herr von BorrieS: Zurzeit befinden sich ungefähr 7000 unbemittelte oder wenig bemittelte beschäftigungslose Russen(darunter 6500 Juden) in Berlin. Es liege die Befürchtung nahe, daß diese Ausländer über kurz oder lang dem stävtischen Armenwesen zur Last fallen, zudem sei eine Anzahl van ihnen bereits durch ihr Verhalten den Behörden..lästig" geworden, ergo— müssen wächcntlich 59 bis 60 Russen ausgewiesen werden!!— Sollten die übrigen lästigen Ausländer trotz gütlicher Aufforderung sich nicbt freiwillig aus Deutschland entfernen und weiterhin unserer Bevölkerung und den Behörden zur Last fallen, so würbe man gleichfalls zu ihrer direkten lusweifung schreiten müssen U Herr von BorrkeS unierläßt es mit bekannter Polizei-GrunL- lichkeit, anzugeben, wodurch die Unglücklichen den Behörden und gar„unserer Bevölkerung" bereits zur Last gefallen sind. Der Beweis für diese Behauptung würde ihm auch schwer fallen. Zu Herrn von Borries' Glück aber ist August Scherl polizeilicher als die Polizei, �uud so versetzen denn seine beiden Zeitungen den russischen Flüchtlingen einen Extra-Esclstritt, indem sie schreiben: „Wie wir übrigens hinzufügen können, sind gcriibe von russischen Flüchtlingen in lehter Zeit zahlreiche Schwindeleien» Betrügereien und Diebstähle ausgeführt worden, die der hiesigen Polizei und anderen deutschen Behörden viel zu schaffen machten." Es sei uns erlasien, dies unter den obwaltenden Umständen selbst für einen„Lokal-Anzeiger" geradezu als schändlich zu be- zeichnende Gebaren wehrlosen Ausländern gegenüber gebührend zu charakterisieren. Jeder anständige Mensch müßte bei dieser Charakterisierung mit unserem Strafgesetzbuch in Konflikt kommen. Wenden wir uns einer anderen Seite der Frage zu: Es zeugt von einer geradezu polizeiwidrigen Naivetät, zu glauben, daß diejenigen Russen, die jetzt nach Preußcn-Deutschland kommen, die revolutionären Elemente Rußlands repräsentieren. Die wirk- lichen Revolutionäre werden sich schönstens hüten, unserer Polizei in die Arme zu laufen; denn die wissen, daß sie sich ebensogut gleich bei Durnowo, Pobjedonoszew oder Trepow stellen könntenl Russische Revolutionäre fliehen nicht nach Preußen, sondern in Kultur länder wie Belgien, England, Amerika, die Schweiz. Nun muß man aber vor allem in Betracht ziehen, daß in den Augen der gegenwärtigen russischen Machthaber jeder zweite Staatsbürger Revolutionär ist, daß daher täglich nicht nur Professoren und Redakteure, sondern sogar höhere Staatsbeamte und Offiziere als Rebellen verhaftet, angeklagt und verbannt werden und daß die Denunziation eines lumpigen Spitzels hin- reichend ist, um vom„temporären Kriegsgericht" zur Deportation, zur lebenslänglichen Zwangsarbeit, zum Tode verurteilt zu werden. Es ist eine Ehre, Männer, Frauen, Kinder, die bei solchen Zuständen aus Rußland fliehen, unter die bergenden Fittiche der Kultur zu nehmen. Doch nach dieser Ehre hat das offizielle Preußen-Deutschlaitd nie gegeizt, im Gegenteil: es hat sich stets danach gedrängt, den Peter, Nikolaus— und wie sie heißen mochten— blutige Liebesdienste zu erweisen. Es ist höchste Zeit, daß Preußen-Teutschland aufhört, russischer als Rußland, sibirischer als Sibirien zu sein. Das deutsche Proletariat wird das Seinige dazu beitragen, den Umwandlung?- Prozeß zu beschleunigen. � Deutfchea Reich. Polen und Zentrum in Obcrschlesiei.. Der Gegensatz zwischen den Polen und dem Zentrum in Ober- schlesien hat durch die Aufstellung de§ Herausgebers des„Katolik" Napieralski als Neichstagskandidaten für den durch die Mandats- niederlegnng KrolikS erledigten ReichStagSwahlkreiS Beuthen-Tarnowitz eine wesentliche Verschärfung erfahren. NapieralSli, der früher stets nach Kräften für das Zentrum in Oberschlesien eingetreten ist und noch bei den ReichStagSwahlen im Jahre 1903 den polnischen Zentrumskandidaten Krolik gegen den Polen Steslicki unterstützte, sagt sich jetzt völlig vom Zentrum los und hält diesem in seinem Blatt ein langes Sündenregister vor. Er führt miS, wie die Partei des„Katolik" seit 16 Jahren versucht hat, daS Zentrum in Oberschlesien zu einer wirklichen„Volkspartei" umzugestalten, wie sie immer wieder Verhandlungen mit der oberschlefischen katholischen Geistlichkeit angeknüpft hat, wie aber das Zentrum stets nur die Polen für seine klerikalen Parteizwecke auszunutzen versuchte. „DaS Zentrum," heißt es zum Schluß,„besitzt heute schon mehr Leute von der Anschauung des Kanonikus Franz, der im Landtage einmal sagte:„Auch ich bin für die Germanisation des polnischen Volkes in Oberschlesien, wünsche aber, daß die Germanisation eine milde und langsame und nicht eine scharfe und gewaltsame sei." In Anbetracht dessen sagte sich der„Katolik": „Die gemeinsame Sache mit dem Zentrum ist für dich beendet. 16 Jahre hast du daran gearbeitet, das Zentrum zu einer wirklichen Partei des oberschlefischen Volkes um- zuformen. Du gabst ihm zu erlenncn, daß du es zertrümmern kannst, und tatest es nicht. Du holfest ihm wider den Willen der Mehrzahl des oberschlefischen Volkes in den Zeiten der größten Gefahr. Du brachtest für das Zentrum außergewöhnliche Opfer. Wenn daS alles keinen Eindruck auf das Zentrum machte, so wäre jede weitere Unterstützung deinerseits nicht nur eine politische Dummheit, sondern eine direkt verderbliche Tat für das polnische Volk, für daS du arbeitest." DaS ist die Geschichte unserer Verhältnisse zur Zentrumspartei." Der Wahlkreis Beuthen-Tarnowitz geht durch die Kandidatur NapieralSkiS dem Zentrum verloren; doch bleibt die Wirkung des Schrittes auf diesen Kreis nicht beschränkt, sondern stellt dem Zentrum bei den nächsten allgemeinen Reichstagswahlen höchst erbitterte Kämpfe um seinen oberschlefischen Besitzstand in Aussicht.— Bon der Strategie des Bürgerkrieges. Die„Leipziger Volks- zeitung" veröffentlicht eine Zuschrift, die besagt, daß das Militär am 22. Januar in Leipzig angewiesen worden war, eventuell nicht geradeaus in die Menge zu schießen, sondern bei dem Zielen das Gewehr auf das Pflaster zu richten. Man wollte dadurch ver- meiden, daß die große Mehrzahl der Soldaten, wie sie eS sich vielleicht vorgenommen hatte, über die Meng« hinweg schießen würde. Bekanntlich richten die Geschosse, die mit Absicht auf das Pflaster gerichtet werden, durch den Rückschlag die furchtbarsten Ver- Wandungen an. Auf der Haager Konferenz ist von den Mächten beschlossen worden, daß im Kriege keine Waffen und Geschosse ge- braucht werden sollen, die geeignet sind, unnötigerweise Leiden zn verursachen.- Die Rücksichten, die feinolichen Truppen gegenüber beobachtet werden sollen, hält also die herrschende Klasse gegen die fordernde Arbeiterschaft, gegen Söhne des eigenen Volkes nicht für nötig!_ Wie man Knltnrpioiiicr wird. Warum JeSkovonPuttkamer, dieser leibhaftige Minister- sproß.. eigentlich den Beruf in sich entdeckte, Kullurpionier in Togo lind Kamerun zu werden, daS erläutert die„Münchencr Post" durch nachstehende Geschichte: „In seinen fröhlichen Jugendtagen war JeSko erst Bursche deS feudalen Leipziger Korps(jetzt eingegangen) der Meißner, und tat als solcher später das ebenso feudale weißbestürmerte Korps der Freiburger Hassoborussen aus. Beide Korps waren aber genötigt— infolge gewisser sehr— unschöner Handlungen—, ihm nicht nur das Band zu entziehen, sondern ihn ouminkaniia(als ehrlos) zu exkludieren, ihn also für der Ehre vollständig verluftig zu erklären. Man denke, daS geschah dem Sohn des allm ä ch. tigen Ministers, daraus kann man auf die Handlungen einen Rückschluß ziehen. Vater Puttkamer setzte es dann— nachdem sein Sohn natürlich gänzlich unmöglich für den Staatsdienst durch die Exklusion gemacht war— nach vielen Jahren nur durch die mächtige Unter- stützung des„alten Herrn" Otto Bismarck durch, daß diese Exklusion in perpcwelle Demission(Ausschluß für immer) umgewandelt ward, womit die Ehre fteilich nur auf das notwendigste geflickt wurde. Jm Jnlande ging das Dienen noch immer nicht, so wurde der Junge nach Afrika expediert, um dort denHäuptllngenzuimponieren."-. ZentrumSkritik«n der Morokko-Affare. Unter der Stichmarke:„Ein zweites Olm ütz" beschäftigt sich ein Berliner Mitarbeiter der„Köln. Volksztg." mit dem Ans- gang der Marolko-Konferenz. Er stehe, schreibt der Verfasser, noch immer auf dem w den Jahren 1903 und 1V04 von ihm w des »itölit. Volksztg/ vertretene» Standpunkte, daß es besser gewesen wäre, wenn siÄ Deutschland um die ganze Marokko-Angclegenheit nicht gekümmert hätte. Aber ein Zynismus ohne» gleichen sei.es, wenn jetzt die alldeutschen Schreier erklärten, man hätte lieber gar nicht erst die Finger in das marokkanische Feuer stecken sollen, wenn man doch keine Kastanien habe heraus- holen können. Seien es doch gerade die Alldeutschen gewesen, die zur Einmischung erst provoziert hätten. Daran, daß ihre Illusionen über den Ausgang der Einmischung sich nicht erfüllt hätten, trage doch ihre eigene Naivität schuld. Den F ü r st e n Bülow treffe diese Kritik nicht, da er ja nichts anderes als den erreichten mageren Erfolg— nämlich die offene Tür und den inter- nationalen Rechtscharakter der marokkanischen Frage— zu ernten erwartet habe. Man sieht, die Zentrnmskritik springt ungemein glimpf- lich mit dem Verantwortlichen der Marokka-Affäre uml Zwar wäre es beffer gewesen, man hätte die ganze Geschichte über� Haupt nicht angeschnitten, da dabei für Deutschland ja doch nichts herauszuschlagen war— allein, da Bülow mit diesem negativen Resultat ja von vornherein gerechnet hat, kann man ihm keilte Vor- würfe machen I Eine sonderbare Logik, eine echte Zentrum slogikl Der verantwortliche Leiter der deutschen Politik darf sich also m die sinnlosesten, gefährlichsten Abenteuer stürzen, er darf mit der Kri e g S g efa hr j o n g lier en— wenn er sich nur dessen bewllßt ist, datz diesfrivole Spiel keinerlei Gewinnchance bietet I Wie nun, wenn aus dem Spiel blutiger Ernst geworden wäre? Das Verhalten des Zentrum? in der Marokkofrage beweist, daß diese Partei die Interessen des Volkes auf dem Gebiete der inter- nationalen Politik' ebenso skrupellos preisgibt wie auf dem des Wahlrechts und der Steuerpolitik!— Das Opfer der Disziplin. Das furchtbare Urteil des Lübecker Kriegsgerichts gegen den Musketier G l o y, der, nachdem ihn ein Unteroffizier durch Mißhandlung und Quälerei gereizt hatte, halb besinnungslos einen Leutnant niederschlug, ist vom Oberkriegsgericht etwas gemildert worden. Die zweite Instanz hat die Strafe von 7 Jahren S Monaten Gefängnis auf 4 Jahre 11 Monate herab- gesetzt. Die Strafe für den Unteroffizier aber, der das ganze Unheil durch den Mißbrauch der Amtsgewalt verschuldet hat. wurde erhöht, nämlich von 38 Tagen Mittelarrest anf 43 Tage Gefängnis. Der exzedierende Vorgesetzte erhält sechs Wochen Gefängnis. Der Gemeine, der infolge des Vergehen« des Vorgesetzten die Selbst- beherrschung verliert und sich infolgedessen an einem Vorgesetzten der- greift, 4 Jahre 11 Monate Gefängnis I So bleibt auch nach dem korrigierenden Spruch des OberkriegSgerichts das krasse Miß- Verhältnis bestehen, das dem Volksempfindcn Hohn spricht und die schöne Phrase vom Voll in Waffe» Lügen straft. „Meuterei"! Wegen Meuterei ständen mehrere Füsiliere des Füsilier» regiments 37 vor dem Kriegsgericht der 10. Division in Posen. Das Verbrechen der„Meuterei" bestand in einem törichten Streich, den sie in h o ch g r a d i g a n g e t r u n k e n e m Zustande begangen hatten. Der Füsilier P et ni tz s ch hatte nachts seinen Stubenkollegen R a u p a ch, mit dem zusainmen er vorher gekneipt haste, geweckt und ihm zugeredet, sich, mit der Klopfpeitsche be- waffnet, mit ihm in eine benachbarte Mannschaftsstube zu begeben. um einem dm* schlafenden Unteroffizier einen Schabernack zu spielen. In dem Zimmer angekommen, warf Pernitzsch dem Unter- offizier ein mitgebrachtes Bettlaken über den Kopf und schlug mit der Klopfpeitsche aus ihn loS. Als sie dann wieder eiligst nach ihrer Stube flüchteten, verloren sie das Bettlaken und eine Klopf» peitsche, die sie verrieten. Pernitzsch wurde wegen dieser in der Angetrunkenheit begangenen That-wegen Meuterei zu 5 Jahren 3 Monaten Ge- fängnis verurteilt 1 Raupach, der bestritt, sich der Klopfpeitsche be- dient zu haben, kam mit etnem Jahre Gefängnis davon, da das Gericht annahm, daß er von dem Verbrechen der Meuterei noch vor der Vollendung zurückgetreten sei. Die Strafe gegen Pernitzsch ist geradezu ungeheuerlich hoch! Der Mann war doch angetrunken und sich seiner Handlungsweise gar nicht recht bewußt.. Und andererseits: Wieviel hundert G e- meine müßte!ein Unteroffizier im Dien st e und bei voller Besinnung mst der Klopfpeitsche geschlagen haben, um auch nur den zehnten Teil der Strafe des Pernitzsch zu erhalten!— Die beiden ReichstagSersatzwahle» in Westfalen. Der Zufall hat eS mit sich gebracht, daß eine Reichstagsersatz- wähl zu gleicher Zeit in zwei Wahlkreisen stattfinden muß, die an- einander grenze», in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht ziemlich gleich geartet sind und deren bisherige Vertreter Freisinnsinänner waren, die beide. zwar nicht in gleichem Sinne, eine charakteristische Vergangenheit haben. Wegen der historischen Bedeutung Eugen Richters und der mehr lokalpolitischen Be- deutung Julius LenzmannS spielten bei den bisherigen Wahlen diese beiden Männer durch ihre Person in ihren Wahlkreisen eine mehr als gewöhnliche Rolle, so daß es noch zahl- reiche Arbeiter gab, die.ihrem Eugen Richter" und„ihrem Justizrat Lenzmann" in mitunter fast fanatischer Weise anhingen. Der Aufmarsch der Parteien ist»och nicht erfolgt, nur unsere Partei hat bereits ihren Feldzugsplan entworfen, die Kandidaten- frage, die in beiden Kreisen neu zu regeln war, gelöst und die Organisation ausgebaut. Unsere Kandidaten sind Max König- Dörtmund für Hagen-Schwelm und �KarlHaberland- Barmen für Altena-Jserlohn. Die Kandidaten der Frei- sinnigen find noch nicht bestimmt, die bisher bekannt gewordenen Namen waren nur Vorschläge. Die Nationalliberalen Hagens haben den Professor M o l d e u h a u er- Köln aufgestellt und auch das Zentrum dürfte sich hier Wohl nach einem anderen Kandidaten— bisher kandidierte FuSangel— umsehen. Ob in Altena- Iserlohn die Nationallibcralen ihren bisherigen Kandidaten Landtags- Abgeordneten N ö l l e wieder aufstellen bezw. ob dieser zur Än- nähme der Kandidatur bereit ist, ist noch sehr fraglich. In diesem Kreise rechnen die Nationalliberalen nicht ohne Grund damit, die Freisinnigen aus der Stichwahl zu verdrängen und daß dann zwischen diesen Parteien eine Einigung dahin getroffen wird, daß in Hagen die Nationalliberalen offiziell für den Freisinn und in Altena-Jserlohn die Freisinnigen offiziell für die Nationalliberalen eintreten.— Die Nationalliberalen machten den Vorschlag., daß dgs Kompromiß sich nicht nur auf die Reichstagswahlen, sondern auch auf die Landtagswahlen erstrecken solle. Von maßgebender freisinniger Seite wurde darauf erwidert, daß man zu den nächsten allgemeinen Wahlen dies em Gedanken zweifellos näher tret en müsse, und zwarfür den ganzen w e st l ich e n In d u str ie- b e z i r k, um sich gegen den Ansturm der Sozialdemokratie zu schützen. Diesmal jedoch scheint der Freisinn denn doch das ehemalige Mandat Richters freiwillig den Ratwnalliberalen ausliefern zu wollen, wie letztere vorgeschlagen hatten. Wie man sieht, lmrä hier im Westen der in letzter Zeit von der Flotten- und Kolonial- Hurrastimmung befallene Freisinn recht bald auch formell im Nationalliberalismus aufgehen. UnS kann da» ganz recht sein, denn desto schneller kommen die Arbeiter und Kleineiseninduswiellen. welche hier törichter- weise bisher dem Freisinn nachliefen, zu unS. Die Folgen der neuen Handelsverträge werden gleichfalls das ihrige dazu beitragen.— Der wahre Schuldige von Seelze. Die Eisenbahnkatastrophe auf Station Seelze bei Hannover ist eine weitere Belastung des Schuldkontos der preußischen Eisen- bahnpolitik. Das ist heute schon klar, ganz gleich, welches Ergebnis die vom Eisenbahnfiskus und der Staatsanwaltschaft eingeleitete Untersuchung haben wird. Selbst wenn man dem einen oder anderen Beamten ein theoretisches Verschulden nachweisen kann— und das wird wohl sicher gelingen—, die öffentliche Meinung wird nichtsdestoweniger das ganze System des preußischen Eisenbahnfiskalismus zur Verantwortung ziehen. Schon der bloße Umstand, daß nicht weniger als drei Züge aufeinander- fuhren, daß gleich nach dem Zusammenstoß der beiden Wunstorfer Güterzüge noch der Hannoversche Güterzug auf das Chaos auffahren konnte, ohne daß es bei der schnellen Aufeinanderfolge der Ereignisse möglich war, diesen Zug aufzuhalten, dieses ganze Bild der Katastrophe klärt die wirkliche Schuldfrage schon zur Genüge auf. Das Unglück wäre nicht möglich gewesen ohne die ganz außergewöhnliche Uebcrlastung dieser Strecke(Lehrte-Wunstorf), die denn auch nicht von ungefähr eine alte Unglücksstrecke ist. Noch in den letzten Jahren ereigneten sich hier die schweren Unfälle in Lehrte und bei Leinhausen, denen sich jetzt das blutige Drama von Seelze ungezwungen anreiht. Es handelt sich um eine Strecke, die bereits in staatshannoverscher Zeit überlastet war, und zwar durch den in die Linie Lehrte-Wunstors eingeführten Hildes- heimer und Hamburger Verkehr. Der Grund für. diese in früheren Zeiten noch verhältnismäßig ungefährliche Vcrpfuschung des hannoverschen Eisenbahnnetzes war dieselbe Sparpolitik, die nach der „Uebernahme" der hannoverschen Bahnen durch Preußen diesen Zustand bestehen und sich von Jahr zu Jahr verschlimmern ließ. Das ist um so— preußischer, als die hannoverschen Bahnen bei der„Uebernahme" ohne Schulden waren. Anstatt daß der Staat Preußen daraus die Verpflichtung zu besonderen Auf- Wendungen hergeleitet hätte, hat er in Wirklickckeit das allcrnötigste im hannoverschen Eisenbahnverkehr vernachlässigt, obwohl es nie an Düngern und Mahnern gefehlt hat. Schon zur Zeit der Annexion wurde der Bau einer Bahn Hannover-Celle gefordert, die der Strecke Lehrte-Hannover die Hamburger Züge abnehmen sollte. Ebenfalls verlangte man schon damals die Errichtung einer Linie Hannover-Neustadt, wodurch die Strecke Hannover-Wunstors von dem Bremer Verkehr entlastet werden sollte. Eine dritte längst geforderte Neubaustrccke ist die von Hildesheim nach Sarstedt. Diese im eigensten fiskalischen Interesse mehr als notwendigen Forderungen sind heute noch zu verwirklichen.— Südwest afrikanische Opfer.. Berlin, 4. April. Ein Telegramm aus Windhuk meldet: Am 26. März beim Ueberfall eines OchsenwagenS nördlich Ariam Gefallen: Leutnant Kuno Keller, geboren am 6. 5. 7g zu HelmSheim, Brustschuß. Gefreiter Wendelin Riesner, geboren am 29. S. 84 zu Pohldorf, Brustschuß. Gefreiter Aloysius Advena, geboren am. 11. 10. S2 zu Köln. Gefreiter Sigis« mund Baron, geboren am 13. 8. 82 zu Rndki. Gefreiter L i ch t e r f e l d. Reiter Alfred Kimmel, geboren am 12. 11. 83 zu Buchwald. Reiter Ernst Heising, geboren am 2. 11. 84 zu Samtens. Reiter Otto H a u ck e, geboren am 6. 11. 83 zu Görlitz. Reiter Paul Gutsche, gebaren am 28. 4. 82 zu Seitendorf. Reiter Julius S i e r s z y n, geboren am 11. 2. 83 zu Jarotschin. Reiter Wilhelm Anders, geboren am 5. 4. 85 zu Görlitz. Schwervcrwundet: Unteroffizier Paul Herzog, geboren am 13. 1, 80 zu Saales. Gefreiter Hermann Skulzus, geboren am 24. 12. 81 zu Neppertlanken. Leichtverwundet: Gefreiter Georg Schäfer, geboren 17. 6. 83 zu Heisebeck. Gefreiter Otto Kol), geboren 2. 9. 82 zu Zaborze. Am 27. März auf Patrouille bei Ariam leichtverwundet: Reiter Paul S ch u l z e, geboren 25. 12. 82 zu Westerdusen, Fleisch- schuß rechten Oberarm. Ferner an Krankheiten grstorien: Gefreiter Stephan Panitz, geboren 26. 12. 81 zu Kadlub-Turawa, am 27. März im Feldlazarett Maltahöhe an Nierenentzündung; Sergeant Friedrich B a n n i e r, geboren 12. 8. 77 zu Daehre, am 29. März ds. Js. im Feldlazarett Kalkfontein an Lungenentzündung; Unteroffizier Ludwig D a nn'e in a u n, geboren 8. 10. 79 zu Ostcrburg, am 29. März im Feldlazarett Maltahvhe an Typhus. Bcninglttckt: Reiter A u g u st B eck er, geboren 24. 11. 83 zu Lonkortz, am 25. März infolge Herzschwäche im Staubecken zu Da- wignab ertrunken._ Berichtigung. Im gestrigen Resümee über einen Teil der Abgeordiietenhaus-Verhandlimgen, betitelt„Landtagsferien", muß eS statt 30 960 M. heißen: 30 Millionen 950 000 Mark. HuelamL Schweiz. Das neue Anarchistengcset, erlebigt. Bern, 2. April.(Eig. Ber.) Die Bundesversammlung ist am Sonnabend nach 14tägiger Session wieder bis zum Sommer in die Ferien gegangen, nachdem sie vorher noch mit affenartiger Ge- schwindigkeit die Lex Sylvcstrelli erledigte. Der Bundesrat stimmte ihr mit einer kleinen Abänderung einmütig zu, desgleichen der Nationalrat mit allen gegen 4 Stimmen. Wahrscheinlich wird unsere Partei das Referendum dagegen anrufen. Ebenso schnell erledigte die Bundesversammlung den 14.Mil. lionenkredit für Militärzwecke, auch der neue Handelsvertrag mit Oesterreich-Ungarn war im Handumdrehen verabschiedet. Ein Musterparlament!—_ Dem schweizerischen Fabrikgesetz waren nach dem soeben der- öffentlichten Geschäftsbericht des JndustriedepartementS Ende 1905 6638 Betriebe mit 277 000(1901 waren es 242 000) Arbeitern unterstellt. Die Fabrikinspcktoren haben 7482 Revisionen aus- geführt, also erheblich mehr, als Betriebe vorhanden sind. Und dabei gibt es trotzdem in zahlreichen Betrieben noch viele Mißstände, unter denen die Arbeiterschaft leiden muß.— Oesterreich. Musikalische Politiker. Laibach, 4. April.(W. T. 58.) Die Slovenisch-Fortschrittlichen, welche in der gestrigen Sitzung des Verfassungsausschusses gegen die Wahlreformvorlage obstruierten, setzten heute mit der Obstruktion auch in der Plenarsitzung ein; sie bedienten sich verschiedener Glocken, Pfeifen, Trompeten und einer großen Trommel, so daß der Vorsitzende des VerfassungZauLschusses, welcher über die Wahl- rcformvorlage berichten wollte, nicht zum Worte kommen konnte. Die Sitzung wurde schließlich nach vierstündiger Dauer bis nach» mittag 3 Uhr unterbrochen.— Frankreich. „Oberster Rat der nationalen Verteidigung." Paris, 4. April.(W. T. B.) Das Amtsblatt veröffentlicht heute einen Erlaß betreffend die Errichtung eines obersten Rates der nationalen Verteidigung. In den Motiven dazu berichtet der Kricgsminister, daß die Minister des Krieges, der Marine und der Kolonien, welche einzeln und getrennt vor der Kammer verant- wortlich seien, zu einer beständigen gemeinschaftlichen Arbeit be- rufen sind. Es sei daher in Kriegszeiten ein beständiges ein» vernehmliches Zusammenwirken unerläßlich, möge sich der Kriegs- schauplatz in. oder außerhalb Europas befinden. Die EntWickelung nationaler Interessen an allen Punkten der Erde habe die un- erlähliche Notwendigkeit erwiesen, eine zusammenfassende Körper- schaft zu schaffen, welche zu den allgemeinen Fragen der nationalen Verteidigung die Einheit der Anschauungen und der Entscheidung zu sichern hätte. Dieser Körperschaft würden die Minister deS Aeußeren, der Finanzen, des Krieges, der Marine und der Kolonien angehören. Der Vorsitz würde dem Ministerpräsidenten zukommen, aber der Präsident der Republik könnte den Vorsitz, so oft er es für nützlich halte, selbst übernehmen. Aicher den Ministern würden den jedeS Halbs Fahr mindestens einmal stattfindenden Per» sammlungen die Generalstabschefs der Armee und der Marine so» wie der Vorsitzende des Beirats für die koloniale Verteidigung bei- wohnen.— England. Altes Eisen! London, 4. April.(59. H.) Die Marineverivaltung ließ gestern 12 alte Panzerschiffe verkaufen. Der höchste erzielte Preis bclief sich auf 6000 Pfund. Amerika. Kommunalisierung. Chicago, 3. April.(W. T. 58.) Die Gemeindewähler faßten heute mit einer Mehrheit von 3837 Stimmen einen Beschluß zu- gunsten der Uebernahme der Straßenbahnen durch die Stadt. Die iÄusgabe von Zertifikaten in Höhe von 75 Millionen Dollar zum Zweck deS Ankaufes der bestehenden Linien wurde ebenfalls gut- geheißen.—_ Gcwcrhrcbaftlicbea. Eine Viertel-Million Kämpfer! Der Deutsche Metallarbeiter-Verband(Sitz Stntt» gart) veröffentlicht in der Nummer 14 der Metallarbeiter- Zeitung seine Jahresabrechnung für 1906. Nach den gewaltigen Kämpfen, die der Verband im vorigen Jahre zu bestehen hatte, bietet diese Abrechnung ein ganz besonderes Interesse. Die M i t g l i e d e r z a h l ist im Berichtsjahre von 198 964 auf 259 692, also un, 60 728— 30,52 Proz. gestiegen.(Zurzeit be- trägt sie nahezu 300 000). Der Rechnungsabschluß bilanziert mit 5 647 418,30 M.(1904: 3 517 367.48 M.). Die R e i n e i n n a h m e war 5 107 717,41 M.(3 309 887,86 M), im einzelnen: Beitrittsgelder 71 995,60 M.(64366,70 M.). Beiträge 4689576,10 M.(3226803,16 M.). sonstige Einnahmen 346145,71 M.(28718,01 M.). Die Reineinnahme ist gegen 1904 um 1 797 629,25 M. gestiegen, davon ergaben die lbeiträge mehr: 1 462 772,95 M. Die Ausgaben für Unter« st ü tz u n g e n an die Mitglieder zeigt diese kleine Tabelle: 1905 1904 1903 M. M. M. Reisegeld...... 247 373,13 192 098,14 146 773,14 Arbeitslosenunterstützung 480 187,58 400 803,75 320 859,59 Streikunterstützung.. 2 084 549,02 629 394,39 1 220 551,59 Rechtsschutz..... 81361,17 58 205,67 45 374,35 Maßregelungen... 103 504,651 128 329,33 84060,19 Besondere Notfalle.. i 0 623.20/ Umzugsunterstützung.. 51 421.62 19 800,—— Zusammen 3119 019,27 1 628 631,28 1 826 618,87 Die Summe der vom Verband geleisteten.Streikunterstützung" ist wesentlich höher wie sie diese Tabelle ausweist. Die 2 084 549,02 M. sind nur der Betrag, der auf die H a u p t k a s s e entfällt. Die gesamte 1905 an Mitglieder gezahlte Streikunterstützung zeigt folgende Tabelle: Art der Bewegungen: Hauptkaffe 9 Lokalkassen Abwesirstreiks...... 212 880,— M. 43 922,— M. Angriffsstreiks...... 551 413,—„ 138 779,—. Aussperrungen...... 1298 463,—, 500 242,—, Bewegungen ohne Arbeitseinstellung........ 8 026,—» 778,—» Von anderen Organisationen geführte Streiks, bei denen Mitglieder von uns beteiligt 13 767,02._—» 2 084 549,02 M. 743 721,— M. 2*28270,02 M. An weiteren Ausgaben find noch folgende bedeutende Posten zu erwähnen: Agitation 127 201,17 M.,„Metallarbeiter- Zeitung" 177 049,88 M., Streikunterstützung an andere. Organisationen 51 000 Mark, Aufrechterhaltung internationaler Beziehungen 4569,85 M., Beiträge an die Generalkommission 35 297 44 M., Gesamtkosten der 7. ordentlichen Generalversammlung 28 413 M., Verwaltungskosten: a) persönliche 35 146 54. b) sächliche 88 337,25 M.. zusammen 123483,79 Mark. Der Vermögens st and war am Jahresschluß ohne die den Lokalkassen gehörigen Bestände: 2 177 198,44 M.(1 543 353,13 Mark), mehr gegen das Vorjahr: 636 845,31 M. Dieser riefige Fortschritt unter immerwährender Anfeindung durch das Unternehmertum sollte den Scharfmachern zeigen, daß es sich hier um eine unaufhaltsame EntWickelung handelt, der man nicht entgegentreten kann, sondern mit der man rechnen muß. Selbst, wenn es den Unternehmern mit Hülfe von Polizei und anderen Behörden da und dort einmal gelingen sollte, eine Organisation wie diese nicht im offenen Kampfe aus dem Felde zu schlagen, sondern sie um einen Erfolg zu betrügen, gilt von ihr doch das Wort Freiligraths: Bald richf ich mich raffelnd in die Höh', Bald kehre ich reisiger wieder I— Der Metallarbeiterverband hat neben dem Bergarbeiterverband mit dem kapitalkräftigsten und einflußreichsten Unternehmertum zu kämpfen. Wenn die EntWickelung in der aus obigen Zahlen ersichtlichen Richtung weitergeht, wird sich aber bald zeigen, daß Hammer und Amboß ihre Rolle wechseln I Blvlkii una amgegtnd. Ter Malerstreik beschäftigt« gestern nachmittag sehr cmgelegent. lichst eine mißerordentliche Meisterversammlung. Von, den rund 1800 Rtalermeistern Berlins und der Vorort« waren trotz dringlicher Einladung nur etwa 400 erschienen. Diesem Häuflein setzte der Obermeister Kruse sehr rührend auseinander, wie not- wendig außer der Innung noch ein selbständiger Arbeitgeber» verband sei. Um die Werbetrommel besser rühren zu können, hatte sich der Herr Obermeister einen Assistenten in der Person des als Patentscharfmacher bekannten' Generalsekretärs Nasse von der berüchtigten Abteilung II des Kühnemännerverbandes mit- gebracht. Dieser hielt denn auch eine seiner gewohnten Hetzreden gegen die Arbeiter, wobei er besonder? betonte, daß es bei dem gegenwärtigen Streik gar nicht mehr auf einen oder zwei Pfennige Lohnzulage ankomme. Die Herren Arbeitgeber Hütten den Streik vielmehr als eine pure Machtfrage zu betrachten. Sie müßten den Arbeitern zeigen, daß sie Herren im Hause seien und die Regelung der Lohn- und Arbeits- bedingungen nur ihrem eigenen Ermessen unteriiege, und so fort in der bekannten Litanei. Natürlich stärkte eine derartige Rede das Selbstgefühl der Anwesenden um so mehr, als Herr Nasse ihnen die moralische Unterstützung der anderen Nrbeitgebervcrbände in Aussicht stellte und obendrein noch versprach, den Arbeits nach- weis in der D r e s d e ne r st r a ße III sowohl als Streik- brccheragvntur wie auch als Streikbrechcrherberge in den Dienst der Malermeister zu stellen. Auch der Ober- meister Hansen von der H a m du r ge r Malerinnung, der auch zugleich das Haupt des dortigen Arbeitgebcrverbandes ist, war an- wesend und schlug die höchsten Töne scharfmacherischer Siedekunst cm. Zwischen den Hamburger und Berliner Malermeistern besteht nämlich ein Kartellvertrag dahingehend, daß die Hamburger ihre Gehülfen aussperren sollen, wenn die Berliner Gehülfen mal streiken, und umgekehrt. Nun hat der Vertrag allerdings ein Loch bekommen, weil die Hamburger Meister infolge einer siegreich durchgeführten Lohnbewegung der dortigen Gehülfen mit diesen einen Tarifvertrag abschließen mußten. Deshalb waren die Erörterungen über eine eventuelle Generalaussperrung auch etwas unklar und gewunden. Die Herren trösteten sich schließ- ficf) damit, daß die Bauuntcrnehiner und Hausbesitzer ihnen aus Solidarität den erbetenen Aufschub zur Fertigstellung der über- nomnienen Arbeiten gewähren würden. Inzwischen wächst die Zahl derjenigen Mieistcr ständig, die den neuen Tarif der Streikenden unterschriftlich anerkennen. Von der Lohnbewegung der Brunnenmacher. Bis gestern hatten vier Firmen die Forderungen bewilligt. Die Verhandlungen mit der Innung als solcher führten zu keinem Abschluß. Dagegen sind die Verhandlungen mit einzelnen Jnnungsmeistern insoweit von Erfolg gewesen, als sie sich bereit erklärt haben, den Tarif mit einigen unwesentlichen Aenderungen anzuerkennen. In Betracht kommen Bittcrhof, Wilsgade und Obermeister Lohdc.. Die gestern bei Augustin, Oranienstraße 103, abgehaltene gutbesuchte Ver- sammlung der Brunnenmacher und ihrer Helfer beauftragte die Leitung, mit den Firmen unverzüglich ab- zuschließen, die noch nicht bewilligt haben und den Tarif in der neuen Fassung anerkennen wollen. Ferner soll die Leitung versuchen, auch bei den vom Streik noch nicht bc- rührten Firmen die Durchführung des Tarifs in dieser Fassung zu erzielen. Nach einigen Mitteilungen aus der Versammlung stehen die Bewilligungen der beiden Wleißenseer Firmen Teichcrt und Kranich in sicherer Aussicht, sobald Obermeister Lahde unterschrieben hat, was heute(Donnerstag) sicher geschehen dürfte. Die Bauklempner beschlossen gestern abend in ihrer Branchen- Versammlung, bei neun kleineren Firmen, die außerhalb der Arbeit- gcbervereinigung resp. der Innung stehen und den kürzlich ab- geschlossenen Tarifvertrag noch nicht anerkannt haben, heute die Arbeit niederzulegen. Gleichzeitig wird über die Bauten dieser Firmen die Sperre verhängt. Die übrigen 67 der Innung nicht angehörigen Firmen haben den Tarif unterschciftlich anerkannt. Sämtliche Metallarbeiter, Mobelltischler und Stellmacher der Reinickendorfer Motorwagenfabrik(G. m. b. H.) sind ausgesperrt worden. Mit der genannten Firma hatten die Verbände der Metall- arbeiter und Holzarbeiter einen Tarifvertrag abgeschlossen, der sowohl von der Firma wie auch von den beiden Organisationen zum 1. April d. I. gekündigt lourde. Auf die Ueberreichnng der neuen Forderungen antwortete die Firma, daß sie auf eine Vertrags- erneuerung verzichte, da sie sich dem Verband Berliner M etallin du st riellera n geschlossen habe. Wenige Tage darauf wurde durch Fabrikanschlag sämtlichen 130 Arbeitern ge- kündigt und ihnen nach Ablauf der Kündigungsfrist die Papiere aus- gehändigt. Offenbar glaubte die Firma durch eine derartige Maß- nähme die organisierten Arbeiter loszuwerden und die Fabrik mit unorganisierten zu besetzen, die an einem geregelten Tarifverhältnis kein Interesse haben. Diese Hoffnung ist bisher fehlgeschlagen. Die Arbeiter betrachten sich als ausgesperrt. Ueber den Betrieb, der völlig lahmliegt, ist von den beiden Organisationen die Sperre ver- hängt worden. Dir Tischler der Nähtischbrnnche haben jetzt nach längerem Kampfe eine Erhöhung der Akkordpreise um 6 Proz. bei den meisten Finnen durchgesetzt. Nur bei zwei Firmen dauert der Streik noch fort. Bemerkenswert ist auch hier, daß die mehrfache» VerHand- luiigen mit der Gesamtheit der Arbeitgeber resultatlos verliefen. Erst als jede Firma einzeln vorgenonnnen wurde, erfolgte die Be- willigung ohne größere Schwierigkeiten. Auch die beiden erwähnten Firmen, wo noch gestreikt wird, disrften demnächst zum Nachgeben gezwungen werden. Der Tarifabschluß zwischen den Gctreideträgern und Speichern- bcsitzern ist gestern vollzogen worden. Die Forderungen der Träger wurden von den Unternehmern in allen Hauptpunkten anerkannt, u. a. auch die. daß der I.Mai vertraglich als Feier- tag gilt. Für die Träger bedeutet der neue Tarif eine Lohn- erhöhung von zirka 7 M. pro Woche, vorausgesetzt, daß volle Be- schäftigung vorhanden ist. Der Vertrag gilt bis zum 1. April 1908. Die Hülfsarbciter der Daimler-Motorwagenfabrik in Marien- selbe haben in einer Anzahl von 110 die Arbeit niedergelegt. Ur- fache ist, daß die Direktion sich an die getroffene Regelung der Hülfs- arbciterlöhne nicht hielt. Köpenick! Schuhmacher! Die Tarifverhandlungcn haben zu keiner Einigung geführt. Sämtliche Arbeiter sind bei den Jnnungsmeistern in den Aus st and getreten. Zuzug ist streng fernzuhalten. Bewilligt haben folgende Arbeitgeber: E. Tcrnick, Grünaucrstraße; R. Liepe, Elisabethstraße; G. Poek, Glienickerstratze; G. Schröder, Müggelheimerstraße. Der Stcllmacherstreik in den größeren Wägenfabriken und Stell- niachereien dauert noch unverändert fort. Gestern haben wieder vier kleinere Firmen die Forderungen bewilligt. Auch in S ch ö n w a l d e in der Mark, an der Liebenwalder Bahn, sind die Stellmacher in den Streik getreten. Es handelt sich dort durchweg um Firmen, die ihre Arbeiten nach Berlin liefern. Oeutlcv«» Rcidi. In Wittenberge sind die Maurer und Zimmerer ausgesperrt. Sie hatten eine Lohnerhöhung von 42 auf 46 Pf. pro Stunde ge- fordert. Obwohl sich die Arbeiter bereit erklärten, in diesem Jahre noch für den' alten Lohn zu arbeiten und die Lohnerhöhung bei Zusiandekominen eines neuen Tarifes erst im nächsten Jahre zu beanspruchen, griffen die Unternehmer doch sofort zu dem Mittel der Aussperrung. Wiederaufnahme der Arbeit im Kalirevier. Der Streik der Kalibergarbeiter im Revier Volpriehausen ist plötzlich nach drei- wöchiger Dauer beendet worden; leider ohne Erfolg für die Arbeiter. Am 26. März hatten Verhandlungen stattgefunden, an denen auch Oberbergrat Ernst aus Clausthal teilnahm. Dieser war leider auch nicht der Mann, den Werksgewaltigen in Volprie- Hausen das Barbarische ihres Standpunktes klar zu machen. Obwohl die Situation auf den Werken die Verwaltung in nächster Zeit zum Nachgeben gezwungen hätte, wurde jetzt die Zahl der Arbeitswilligen größer, und das veranlaßte den Verbaudsvertreter, in einer Ver- sammlung der Streikenden vom 30. März, den Abbruch des Kampfes zu enipfehlen. Die Abstimmung ergab nur eine geringe Mehrheit für die Fortsetzung des Streiks; hierauf' wurde eine von der Streikleitung eingebrachte Resolution für die Wiederausiiahme der Arbeit ein- stimmig angenommen. Die Organisation der Hannoverichen Kali- arbeiter war noch zu jung und die gewerkschaftliche Schulung zu mangelhaft, als daß dieser wider den Willen der Organi- s a t i o n ausgebrochene Streik Erfolg haben konnte. DaS kapita- listische Kaliparadies ist noch einmal vor dem Untergange gerettet. Aber die Organisation behaufuet ihr Feld und auch die Lehren dieses Kampfes werden ihre Frucht tragen. (Wiederholt, weil nur in einem Teil der Auflage.)! Die Bergleute melden sich. Am Sonntag tagte in Dortniund eine Versammlung der Zechen „Tremonia" und„Kaiserstuhl I und II". Es wurden Lohnforderungen formuliert und einstimmig beschlossen, dieselben durch daS Bureau der Versammlung den betreffenden Zechenverwaltungen zu unterbreiten. Ferner protestierte die Versammlung gegen die vom Geldsacksparlameut beliebte Art Knappschaftsreform, die noch schlechtere Verhältnisse herbeiführt, als zurzeit schon bestehen. Durch eine Resolution wurde endlich der Vorstand deS Berg- arbeiterverbandeS ersucht, den Bergbaulichen Verein zu warnen, noch serner Kohlen ins französische Streikgebict zu emsenden. Die Ver- sammlung sprach ihren lebhaften Unwillen über diejenigen Kameraden aus, die trotz des französischen Bergarbeiterstreiks es nicht unter- lassen, Ueberschichten zu verfahren. Die Kölner Reparaturschuhmacher beschlossen, am kommenden Montag in den A u s st a n d zu treten. Sie fordern: zehnstündige Arbeitszeit, 24 M. Mindestlohn, 40 Pf. Stundenlohn, Erhöhung der Lllkordpreise, 10 Pf. Auffchlag für alle Ueberstunden; sämtliche Zu- Kerantw. Redakteur; Hans Weber, Berlin. Inseratenteil verantv. taten hat der Unternehmer zu liefern; Kost und Wohnung darf nicht vom Arbeitgeber gestellt werden. Die Maler und Aiisireicher in Köln haben den Unternehmern folgende Forderungen unterbreitet: neiuistiindige Arbeitszeit, öS Pf. Miiideststmideiilohn, für Gehülfen unter 20 Jahren nicht weniger als 52 Pf., Ueberstunden 25 Pf. Auffchlag, nach 10 Uhr und Sonn- tags doppelter Lohn, bei Stuhlarbeit und Gerüstbau 10 Pf., bei Stehgerüst 5 Pf. Aufschlag die Stunde, Verbot der Akkordarbeit. Die Unternehmer antworteten auf die Forderungen— mit der Gründling eines Arbeitgeberverbandes. Die Bewegung der Hamburger Seeleute scheint schnell zu einem günstigen Abschluß zu kommen. Die Woermarnt-Lmie, die Ost- afrika-Linie inid die Hamburg-Amerika-Linie haben die Forde- ritngen der Seeleute bewilligt. Letztere in einer bombastischen Proklamation an„ihre" Seeleute, Heizer und Trimmer. In dieser heißt es: „Nachdem wir in der letzten Zeit Lohnerhöhungen bei ver- schiebencn Kategorien unserer Arbeiter haben eintreten lassen, standen wir im Begriff, auch die Heuer unserer See- leute, Heizer und Trimmer entsprechend zu erhöhen, als der See- mannsverband die bekannte Eingabe an den Verein Hamburger Reeder richtete. Auf diese Eingab« konnte der Verein sich nicht einlassen, da der Seemannsvcrband seit langen Jahren eine ge- hässige Agitation gegen die Reedereien betreibt. Dem Verbände wurde daher erklärt, daß mit ihm nicht verhandelt werden könne. Dieser Bescheid ist von den Führern des Verbandes unter dem Vorgeben, daß die llkeeder jede Erhöhung der Heuer abgelehnt hätten, benutzt worden, um einen Streikbeschlutz zu provozieren. Obwohl dieses Vorgehen für uns Veranlassung sein sollte, die beabsichtigte Heuererhöhung nicht zur Ausführung zu bringen, wollen wir im Interesse der Aufrechterhaltung des Friedens und um zu vermeiden, daß weitere Kreise in Mitleidenschaft gezogen werden, an unserem Beschlüsse festhalten und erklären daher hierdurch, daß wir die Heuern unserer Seeleute, Heizer und Trimmer(einschließlich der Bootsleute, Quartiermeister und Oberheizer) rückwirkend vom 1. April ab um monatlich 5 M. erhöhen." Die Seeleute werden schmunzelnd konstatieren, daß das Wohl- wollen der Gesellschaften zeitlich zusammenfällt mit dem energischen Vorgehen des Seemannsverbandes, und natürlich desto fester zum Verlande halten, dessen Austreten die günstige Nebenwirkung hat, die hartleibigen Hamburger Reeder zu ungeahnten humanitären An. Wandlungen zu begeistern, an denen sie sogar trotz ihrer Verbands- seindschaft festhalten._ Eine Unternehmtrniederlage, wie sie selten so gründlich da war, ist, wie uns aus Mülhausen im Elsaß geschrieben wird, die am Sonnabend dort erfolgte Beendigung der Aussperrung von 5000 Arbeitern und Arbeiterinnen der Baum- Wollindustrie. Die Aussperrung war erfolgt, weil vor sechs Wochen in der Baumwollspinnerei Frey u. E i e. und dann— Ivegen der Anfertigung von Stteikarbeit— in der Spinnerei Knllmannu. Cie. die Arbeiter mit der Forderung des Zehnstundentages(bei 15prozent. Lohnerhöhung) in den Streik getreten waren. Die von den Arbeitern nachgesuchte Vermittcliing des Bürgermeisters K a y s e r wurde von den koalierten Fabrikanten protzig abgelehnt mit dem Bedeuten, daß vor allen Dingen die Wiederaufnahme der Arbeit in den beiden ge- nannten Fabriken erfolgen müßte, und daß die„Herren" eS über- Haupt ablehnen müßten, mit den Bevollmächtigten der Arbeiter- organisation zu verhandeln. Diese brüske Haltung ist, nachdem die sozialdemokratische Gemeinderatsmehrheit in mehrtägigen Kämpfen mit der Stadtverwaltung und der hinter dieser stehenden staatlichen Aufsichtsbehörde sowie mit den gegnerischen Parteien im Gemeinderat die Einstellung einer größeren Anzahl vonAuSgesperrten seitens der Stadt gegen den Minimallohn von 2,60 Mark zur Ausführung von Wegebauten und dergleichen durch- gesetzt hatte, und nachdem eine städtische Hülfsaktion in Forin der direkten Unterstützung durch Lebensmittel und Geld in Wirksamkeit getreten war, überraschend schnell in die. Brüche gegangen. So sehr die durch drei Sitzungen andauernden Debatten im Gcmeinderat über die sozialdemokratischen Notstands- anträge den Stempel des Klaffenkampfes trugen, so entschieden trat andererseits zutage, daß unter dem Eindrucke dieser von der sozialdemokratischen Partei teilweise im stenographischen Wort- laut der großen Oeffentlichkeit zugänglich gemachten Debatten und angesichts der herausfordernden Brutalität des Vor- gehens der Fabrikanten die öffentliche Meinung bis in die großbürgerlichen Schichten hinein die Aussperrung mit Wort und Tat zu verurteilen begann. So illustriert es grell die Lage, daß, während der Reichstagsabgeordnete Kommerzienrat Theodor S ch l u m b e r g e r als Vorsitzender des Syndikats der Baiimwollindustriellen die Aussperrung mitmachte, dessen eigene Schwester, Frau Schwartz-Schl um berger, mit Frau Bürger- meister K a y s e r, Frau Kreisdirektor D i e ck h o f f usw. den Aufrnf zur Unterstützung notleidender Ausgesperrter unterzeichnete und mit jenen Damen ganze Tage hindurch fleißig an der Seite au?- gesperrter Fabrikarbeiterinnen unter der Leitung sozialdemokratischer Stadträte bei der Verpackung und Verteilung von Lebensniittcln an die Ausgesperrten Hand anlegte. Die Gaben flössen reichlich, Wagen voll Spezereiwaren trafen gleich in den ersten Tagen an dem städtschen Lokal, in welchem die Ausgabe stattfand. ein— der Gemcinderat selbst hatte dafür zunächst 20 000 M. votiert— und da der deutsche Textilarbeiter- Verband ebenso wie der christ- liche Verband seinen Mitgliedern regelniäßig jede Woche die statutengemäße Unterstützung auszahlte, wurde den Herren in den Fabrikkontoren allmählich klar, was sie offenbar nicht erwartet hatten, daß die Arbeiterschaft viele Monate lang im Kampfe auszuharren in der Lage sein könnte. Und da gab das Signal zum Rückzüge niemand anders als— der Leiter des Fabrikantensyndikats, Reichs- tagsabgeordneter Theodor Schlumberger selbst. Die Aiissperrung hatte nur erst wenige Tage gedauert, als die Firma Schlumberger fils u. Cie. Plötzlich bekannt gab, fir bezahle ihren Arbeitern für die Dauer der Aussperrung die— Hälfte deS Lohnes. Ergebnis— ein Krach im Fabrikantensyndikat und der Austritt des„langen Theodor", der von Mülhausen weg zur Erfüllung seiner plötzlich ihr Recht verlangenden Abgeordnetenpflichten nach Berlin flüchtete und im Augenblick der Abreise, am Mittwoch, den 28. v. M.. noch seine Fabrikmeister imd andere dienstbare Geister bei den ausgesperrten Arbeitern zu Hause vorbeischickte mit der freundlichen Bitte, doch am anderen Morgen wieder zur Arbeit erscheinen zu wollen: eS würde ihnen sofort eine Arbeitszeit- Verkürzung von einer Viertelstunde mit entsprechender Lohn- erhöhung gewährt, und weiteres folge bald später. Der Betrieb bei Schlumberger filS u. Cie. wurde infolgedessen bei etioaS verkürzter Arbeitszeit schon am Donnerstag wieder aufgenommen. Am selben Tage akzeptierten die Kollegen SchlumbergerS vom Fabrikanten- syndikat die von dem Staatssekretär'v. Koller durch den Landes-. ausschußabgeordneten Emmel den Arbeitern angetragene und von diesen angenommene Vermittelung, und am Freitagnachmittag kam dann unter der Mitwirkung des Staatssekretärs v. Kölker und des Oberregierungsrats v. Putlkamer nach zweistündiger Verhandlung zwischen drei Fabrikanten- und vier dem Deutschen Textilarbeiterverband angehörenden Arbeiter de legierten ein Protokoll Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. VirlagsariftaU zustande, in welchem die Fabrikanten den Zehneinhalbstundentag mit 10 Minuten Frühstückspause, also insgesamt eine Arbeitszeitverkürzung von 40 Minuten zugestanden und zwar bei„verhältnismäßiger Lohnerhöhung derart, daß der künftige Verdienst für 10'/, Stunden mindestens dem bisherigen Verdienst für 11 Stunden Arbeits- zeit gleichkommt". Maßregelimgen ausständiger Arbeiter sollen nicht stattfinden usw. In einer am Sonnabendnachmittag abgehaltenen Massenversammlung der Arbeiter aller beteiligten Fabriken wurden darauf diese Bedingungen mit der Fest- setzung angenommen, daß— was von den Fabrikanten in- zwischen angenommen worden ist— während der Frühstückspause von 10 Minuten der Betrieb still zu stehen hat; gleichzeitig wurde beschlossen, Montag früh die Arbeiten in allen Fabriken wieder auf- zunehmen.— Wie sehr den Helden der Aussperrung von gestern diese Wieder- aufnähme der Arbeit am Herzen lag, zeigt der an sich kleine Um- stand, daß einer der beteiligten Fabrikanten die Saalmiete für diese Arbeiterversanimlung auf seine Kosten übernahm. In der an- genommenen Resolution wird betont, daß an der Forderung des Zehnstundentages unverändert fest gehalten wird und daß zu dessen baldiger vollständiger Erkämpfung die Organisation besser auszubauen sei. Gegen eine fast verschwindende„christ- liche" Minderheit sprach die Massenversammlung dem Deutschen Textilarbeiterverbande für die Führung in diesem Lohnkampfe die Anerkennung aus. Als guanüt« negligeable haben übrigens auch die Fabrikanten mit dem Staatssekretär v. Kölker. trotz der im Landesausschuß seinerzeit betonten Vorliebe des letzteren für sie. die„Christlichen" bettachtet, denn eS wurde zu den Einigungsverhandlungen, welche die angeführte Lösung brachten, kein Verttcter von ihnen zugezogen. Sie blieben während dieser ganzen Bewegung ständig im Hintertreffen, hielten sich aber, was im Gegen- satz zu anderen Wahrnehmungen gesagt sein mag, korrekt, ohne einen Streikbruchversuch zu machen. Das Syndikat der Baumwollindustriellen Mülhausens ist ge- sprengt, und eS wird bei der großen gegenseittgen Erbitterung unter den in völliger Deroute befindlichen Jnduftriemagnaten viele Mühe kosten, es wieder znsammenzukitten. Die Arbeiterorganisation hin- gegen, die diesen hübschen Erfolg davongetragen und sich in den Wcchselfällen des Kampfes glänzend bewährt hat, nimmt gegen- wärtig Hunderte auf Hunderte von Mitgliederaufnahmen vor. In der Arbeiterbewegung des Elsaß sind diese Märztage von 1906 eine geschichtlich wichttge Etappe. Die Arbeitsaufnahme ist am Montag früh überall erfolgt mit Ausnahme von zwei Fabriken, in welchen die allgemeine Arbeits« ruhe während der 10 minutigen Frühstückspause von den Firmen verweigert wurde. In einer dieser Fabriken(Frey u. Cie.), in welcher 90 Proz. deS Arbeiterpersonals der Organisation angeüört, gab die Firma noch im Laufe des Montagvormittag den Widerstand auf. Ja, sie erweiterte die bisherigen Zugeständnisse, indem sie eine öprozentige Lohnerhöhung über den bisherigen Lohn hinaus zusagte. HiisUnd. Der Streik in Amerika. Die Besprechung zwischen den Anthvazitkohlen-Grubenbefitzem und den Arbeitervertretern ist auf heute vertagt worden. An- scheinend besteht auf keiner der beiden Seiten Neigung, die Ursprung- lichen Forderungen zu modifizieren. Die Arbeitseinstellung dauert so lange die Unterhandlungen in der Schwebe sind, fort. Die Regierung des Staates Missouri hat die Erklärung ab- gegeben, daß im Falle eines Ausstandes die Behörde sich selber mit der Kohlengewinnung befassen wird. Die Grubenarbeiter würden dann entsprechend dem Tarif von 1903 vom Staate bezahlt, der die Gruben von den Besitzern pachtet. Sollte sich dies nicht beWerk- stelligen lassen, so würden die Gruben einfach beschlagnahmt. Letzte Nachrichten und Depeschen. Fortdauer deS Hamburger SeemannSstreikS. Hamburg. 4. April.(W. T. B.) In einer heute abend in Altona abgehaltenen Versammlung von Seeleuten, die von etwa 800 bis 900 Personen besucht war, gelangte nach einem längeren Referat des Vorsiendtzen des Verbandes der Seeleute über die gegenwärtige Lage folgende Resolutioi zur Annahme: Die heutige, autzeerordentlich stark besuchte öffentliche See- mannsversammlung erklärt sich mit dem Bericht der Stteik- leitung vollkommen einverstanden, spricht der Leitung volles Vertrauen aus, lehnt das Angebot der Reeder von heute ab und fordert nach wie vor Unterhandlungen zwischen den Reedern und der BerbandSleitung. Bis dahin wollen die Seeleute ein- mutig am Streik fesGalten. Wirkungen der Wucherzölle. Hamburg, 4. April.(W. T. B.) Die Bürgerschaft beschloß in ihrer heutigen Sitzung, den Senat zu ersuchen, nach Prüfung der gegenwärtigen Teuerungsverhältnisse der Bürgeerschaft einpn An- trag auf Bewilligung einer angemessenen Teuerungszulage für mittlere und untere Beamte sowie für die in unmittelbarem Dienste des Staates befindlichen Angestellten und Arbeiter vor- legen zu wollen. Angedrohte Massenaussperrung. Fiume, 4. April.(B. H.) Da die Fuhrleute noch immer streiken und infolgedessen der Verkehr überall stockt, beschlossen die Arbeitgeber sämtlicher Branchen, daß, falls die streikenden Ar- beiter bis zum Freitag die Arbeit nicht wieder aufgenommen haben, sämtliche Arbeiter, auch die in den Fabrikbetrieben, auszusperren. Dieser Beschluß ruft große Erregung hervor. Die Suche nach den Schuldigen. Paris, 4. April.(W. T. B.) In parlamentarischen Kreisen wird behauptet, daß Minister Barthou die Einleitung einer ge- richtlichen Untersuchung auch gegen die mit der Ueberwachung der Bergwerke beauftragten Staatsingenieure beantragt hat, weil sie nicht sofort die notwendigen Maßnahmen zum RettungLwerke er- griffen hätten. Lews, 4. April.(W. T. B.) Der GeneralstaatSanwalt in Douai hat heute die gerichtliche Untersuchung gegen die Ingenieure eeröfsiet, die die Rettungsarbeiten in CourriereS unternommen haben._ Neun Menschenleben vernichtet. Mailand, 4. Apri.l(B. H.) Im Serianatale ist ein Arbeits- Haus samt seinen 9 Insassen durch einen Felssturz zertrümmert und verschüttet worden. Die Verschütteten konnten nur als Leichen aus den Trümmern hervorgezogen werden. Keine Vermittelung. Washington, 4. April.(W.T. B.) Präsident Roosevelt hat sich entschlossen, in den Bergarbeiteerftreil nicht einzugreifen. Unruhen in China. Peking. 4. April.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Der Tob des chinesischen Beamten in Nanchang. der einen Angriff aus die Missionsgebäude zur Folge hatte, ruft nach wie vor unter der Bevölkerung in Nordchina eine erbitterte Haltung gegen die Missionare hervor. An vielen Orten sind Truppen in die Nähe der Missionen beordert worden. � Laul Singer LcCo.. Berlin L W. HierjuZvtil-geno.Up- Nr. 80. 23. Jahrgang. 1. Stilnjc kä Jotiüirtä" Kcrlim WIIisdlM Donnerstag, 5. April lOOO. Reichstag. 84. Sitzung vom Mittwoch. den 4. April. nachmittags 1 Uhr. Am Bundesratstische: Freiherr v. Stengel. Erster Punkt der Tagesordnung ist die zweite Beratung des Etats der Zölle, Verbrauchssteuern und Aversen. Die Kommission bat die Einnahmen aus den Zöllen um 88, S Millionen Mark höher angesetzt. Abg. Dave(frs. Vg.) erinnert daran, daß seine Partei schon bei den Zolldebatten die jetzt zu beobachtende Auswanderung der deutschen Industrie vorausgesagt hat. Sodann geht er auf die am 1. Januar erlassene Taraordnung des Bundesrates ein. Nach dieser Ordnung wird diejenige Verpackung, die dazu dient, die Ware ansehnlicher zu machen, mit zum Reingewicht gerechnet, muß also mitverzollt werden. Bei Waren, die an sich wenig wiegen, führt das zu Ungeheuerlichkeiten: Bei Spitzen, die 6,S Kilogramm wiegen, wiegt die Kartonnage 10 Kilogramm. Für die Ware wird hier also ein Zoll von 97 M., auf die Kartonnage ein solcher von 150 M. bezahlt.(Hört! hört! links.) Bei Straußen- federn gar wird die Ware mit 3,10 M., die Kartonnage mit 33,90 M., bei Schleiern die Ware mit 9,20, die Kartonnage mit 29,90 M. verzollt!(Erneutes Hört! hört I links.) Reichsschatzselretär Freiherr v. Stengel: Es wird jetzt ein amt- licheS Nachrichtenblatt für alle Zollangelegenheiten herausgegeben. Die Handelskammern können auf dieses Blatt bei der Post oder auf dem Wege deS Buchhandels abonnieren. Die neue Taraordnung ist dem Handel im ganzen günstig. Was die vom Vorredner gerügte Einzelbestimmung anlangt, so sind bereits die einleitenden Schritte geschehen, um Remedur zu schaffen. Hiermit schließt die Debatte. Der Kommissionsantrag wird an- genommen. Bei der Zuckerstcuer beantragt die Kommission 2 Resolutionen, in denen noch in der gegenwärtigen Session die Vorlegung eines Gesetzentwurfes verlangt wrrd, durch welchen die Zuckersteuer von 14 M. auf höchstens 10 M. für den Doppelzentner herabgesetzt und weiter verlangt wird, bei den handelspolitischen Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika dafür Sorge zu tragen, daß der deutsche Zucker mit dem kubanischen Zucker wie überhaupt mit dem Rohrzucker auf dem amerikanischen Markte gleichgestellt werde. Ohne Debatte werden die Resolutionen angenommen und die Zuckersteuer bewilligt, desgleichen die Branntwein-, die Schaum� wein- und die Brausteuer. Es folgt der Etat der Stempelabgaben, der debatteloS be- willigt wird. Hierauf wird die zurückgestellte Position auS dem Etat für Ost afrika betreffend die Regierungsschulcn zur Debatte gestellt. Die Abgg. Graf v. Schwerin-Löwitz(k.) und Dr. Bachem(Z.) beantragen neben dieser Position eine neue zu bewilligen:„Zum Betrieb einer evangelischen Regierungsschule in Dar es Salam und einer reformierten Regierungsschule am Meruberge— 11 200 M." Abg. Dr. Arendt(Rp.): Diese Forderung ist bekanntlich nur zurückgestellt worden, weil ihre Freunde durch die Art, wie die Sozialdemokratie dafür eintrat, kopfscheu gemacht wurden. In der Tat aber haben alle Hinweise auf das deutsche Schulwesen und das preußische Schulgesetz vollkommen daneben gegriffen: all solche Ver- gleiche dienen nur zur Verwirrung der Begriffe. Wir müssen unS nach den praktischen Bedürfnissen in Afrika— es handelt sich um Schulen für Schwarze, nicht für Weiße— richten, und da können wir christlich-lonfessionelle Schulen deshalb nicht durchführen, weil wir dann die schwarzen Kinder nicht in den Schulunterricht be- kommen, sondern in die Koranschulen treiben. Ich bitte Sie, den Antrag Dr. Bachem- Schwerin-Löwitz, der von falschen Voraus setzungen ausgeht, abzulehnen. Abg. Er, bergeren mir großen Mitteln arbeitenden katholischen Vereinen besitzt, geht der Bericht zur Entwickelnng der sozialdemokratischen Organisarionen im verflossenen Jahre über. Die Erhöhung der Bei- träge auf wöchentlich 10 Pfennig, die der vorjährige Provinzial- Parteitag beschloß, hat die Mitgliederzahl nicht beeinträchtigt. Es ist im Gegenteil fast allerorts eme wesentliche Mitgliederzunahme zu verzeichnen. In einigen Kreisen hat sich die Mitgliederzahl ver- doppelt in Mülheim fast verdreifacht. Während der vorjährige Bericht in zehn Kreisen sozialdemokratische Vereine, darunter acht Kreis- vereine, aufführte, zählt der jetzige 13 Kreisvereine, die Zahl der organisierten Genossen beträgt 4500. Die vereinigten Vereine Köln- Stadt und Köln-Land haben einen eigenen Sekretär in der Person des Genossen P. Müller angestellt. Die Einnahme der Partei- organisationen betrugen 15 348,28 M. gegen 11644,48 M. im Vor- jähre, obgleich diesmal wegen Verlegung des Geschäftsjahres nur neun Monate verrechnet wurden. Frauen- und Mädchen-BildungSvereine bezw. Arbeiterinnenvereine bestehen in Köln-Stadt, Kalk, Ehren- feld und Trier, in Oberstein(zu Oldenburg gehörig) konnten sich die Frauen als besondere Gruppe des sozialdemokratischen Vereins konstituieren. In Mülheim, Poll, Koblenz und Düren sind Iveibliche Vertranenspersonen eingesetzt. Der L o k a lmang el bereitet den Genossen ungeheure Schwierig- leiten. Die Zentrumspartei hält ihre Devise:„Für Wahrheit, Freiheit mid Recht" mit dem schäbigsten Saalabtreiben vereinbar. Mehrfach sind daher die Organisationen zum Bau eigener Lokale übergegangen. In Köln ist das neuerbaute Saalgebäude, enthaltend einen großen 1200 Personen fassenden Saal und mehrere kleinere Säle, zu der am 21. Januar stattgehabten Demonstrationsversammlung gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht zum erstenmal in Be- Nutzung genommen worden; auch das Restaurationsgebäude dürfte in nächster Zeit fertig werden. In Trier wurde ein über 500 Per- sonen fassender Saal erbaut und der Benutzimg übergeben. Die Trierer Behörde verweigert die Erteilung der offenen Konzesfiorr, der Schankbetrieb ist also auf Mitglieder betchränkt; in Köln wurde die offene Konzesston anstandslos erteilt. In Koblenz ist ein Lokal ge- mietet worden. In Mülheiin a. Rh. wurde ein größeres Restaurations- anwesen käuflich erworben. Die Parteipresse hat eine wesentliche Steigerung ihrer Abonnentenziffer zu verzeichnen. Die Bewegung in Lippe. In Detmold hielt in der vorigen Woche der sozialdemokratische Verein für das Fürstentum Lippe seine Generalversammlung ab. Der Kassenbericht für 1905 ergab eine Einnahme von 506,89 M., eine Ausgabe von 245,60 M.; Bestand 261,29 M. Die Verhandlungen galten der Organisation und der Agitation. Gewünscht tvurde, daß das Bielefelder Parteiblatt, die „Volksmacht", einen besonderen Teil für die lippischen Genossen reserviere und daß dafür ein besonderer Berichterstatter angestellt werde. Gewerkschaften und Partei. Eine von der Filiale Dresden des Verbandes der Lithographen und Steindrncker ver- anstaltcte Befragung über Zeitungslektüre usw. ergab folgendes: Von 243 Fragekarten kamen 221 zurück, auf 20 der retour« gesandten Karten wurde die Antwort verweigert.(!) Abonnenten der Arbeiterpresse sind 107 Mitglieder und zwar: alleinige Abonnenten(Vollabonnenten) 71 Mitglieder, Halbabonnenten (mit Logiswirt, Kollegen usw.) 84 Mitglieder, auf den„Vorwärts" abonniert(Vollabonnenten) 2 Mitglieder, das sind 48'/, Proz. Abonnenten bürgerlicher Zeitungen sind 46 Mitglieder, das find 202/a Proz. Gelegentliche Leser beim Mtttagstisch im Restaurant usw. sind 43 Mitglieder. Nur 34 Mitglieder der Zahlstelle gehören dem sozialdemo- kratisckien Verein an, obgleich selbst nach Abzug von 75 Ausländern und Minderjährigen(die Ausländer fürchten die Ausweisung und die Minderjährigen dürfen in Sachsen politischen Vereinen nicht an- gehören) immer noch 168 Organisationsfähige verbleiben.— Die Verwaltung der Filiale hat. wie sie der„Sächs. Arbeiterzeitung" schreibt, die Lehre gezogen, daß energisch und unablässig agitiert werden muß, um die Gewerkschaftsmitglieder für die allgemeinen Aufgaben der modernen Arbeiterbewegung zu interessieren.— Sehr richtig I Gemeindewahlfieg. In G r ä b e n bei Striegau(Schlesien) wurde ew Genosse gewählt. potlMlUesie», Oerfchtlichea uto. 1753 beschlagnahmte Wahlrechtsflugblätter sind dieser Tage dem Genossen Schröder zu Elbing zurückgegeben worden. Da ist also wieder eine geplante Anklage zu Wasser geworden. UebrigenS hat die Polizei noch nicht alle beschlagnahmten Exemplare des Flug- blatteS herausgegeben. Ob sie den Ueberbtick über die verineintlich staatsgefährlichen Dinger verloren hat? „Sie sind viel zu dumm, um über politische Angelegenheiten zu reden!" Durch diese Worte soll der Gen. Fischer zu Breslau einen Schutzmann beleidigt haben, der sich, als Fischer fälschlich als Boykott- Posten zur Wache sistiert war. absprechend über den Saalboykott der Sozialdemokraten geäußftt hatte. Fischer soll für die zu geringe Tarierung der polizeilichen Intelligenz 10 M. zahlen. Das Verbrechen von Courriöres. Aus Paris wird uns geschrieben: Zu dem Verbrechen, das die Kapitalisten von ConrriöreS be- gangen haben, als sie aus schmutziger Profitsucht die wichtigsten SicherheitSniaßregeln verabsäumten und die Arbeiter in dem schon brennenden Schacht weiterarbeiten ließen, hat sich, wie nun feststeht, ein nicht minder grausige? gesellt: Die sträfliche Unterlassung der noch möglichen R e ttu n g s«r b e i ten. Man darf eS heute ohne etwa leichtfertiger Vor'chnelligkeit überiviesen zu weiden. aussprechen, daß, wie sich die 13 von N8my Geführten selbst gerettet haben, noch viele andere, vielleicht hunderte der im Bergiverk Begrabenen, lebendig hätten ans Licht gebracht werden können, wenn nicht die Ingenieure, sowohl die zur Kontrolle bestellten Staatsbeamten, als auch die von der Gesellschaft Angestellten in bornierter Besserwisserei, wie sie oft dünkelhaften Schnliiienschen eigen ist, die von den mit den Gruben seit Jahren vertrauten Arbeitern erhobenen Vorstellungen und Beschwörungen mit dreistem Hoclmnit zurückgewiesen hätten,«aum 4< Stunden nach der Katastrophe erklärten die aufgeblasenen Herren, wie der staatliche Inspektor D e l a f o n d. daß nicht ein Mann mehr am Leben sein könne! Ans Grund solcher Urteile konnte die Ge'ell'chaft mehr Fleiß aus die Löscharbeiten verwenden lassen, als auf die Rettung von Menschenleben. Es ist Tatsache, daß die Eingesperrten aus Hinder- niste stießen, die von den sauberen Leitern der„NettiingSarbeilen" errichtet worden waren. Die Haare stehen einem zu Berge, wenn man jetzt daran denkt, daß diese Leute Pläne ernsthaft erwogen hatten, ivie den, das ganze Bergwerk unter Wasser zu setzen oder auch vollständig zu verstopfen! Hätten nicht die Arbeiterdclegierten mit aller Macht gegen die Verstopfung der Schachiöffnnitgen protestiert, so wären auch die 13 dem Hungertod ausgeliefert, von den un- wissenden Handlangern des Kapitals e r m o r d et worden. Der Schacht 3 ist tatsächlich verstopft worden! Unter den Arbeitern haben die Ersahreneren von Ansang bis zuletzt behauptet, Rettung sei noch möglich. Der Vater des tapferen Nomy hat sich in seiner Zuversicht sogar bis zuletzt ge- weigert, Trauer anzulegen. Besonders der Arbeiterdelcgierte Vincent und der Arbeiter Simon, gcnanm Rick, erklärten, daß man auf dem Grund des Schachtes Nr. 3 zu suchen habe, dort, wo sich die Schar Nsniys wirklich durchzuschlagen vermochte. Ver- zeblich aber waren ihre Angebote, selbst nachzuforschen. Rick bot ögar der Gesellschaft schriftlich einen Verzicht auf alle Rentenansprüche für den Fall an, daß er nicht mehr lebendig zurückkehren würde. Aber man verbot ihm einzufahren l Es ist übrigens durch die Aussagen der Arbeiterdelegierten festgestellt, daß außer den Geretteten auch noch andere Arbeiter bis in die letzten Tage gelebt haben. Die parlamen- tarische UntersuchnngSkommisflon hat gestern eine Reihe von Arbeitern vernommen, die wahrhaft grauenerregende Berichte über ihre Nach- forschungen gegeben haben. Simon hatte am Abend der Katastrophe nicht weit vom Förderschacht der Grube 3 drei Leichen liegen ge- ehen, darunter die des Ingenieurs Berrault und des Steigers C e r f. Vorgestern abend fand er an derselben Stelle acht Leichen. Fünf davon waren noch warm und ohne eine Spur von Zersetzung. Seine Angaben zwingen zu dem Schluß, daß der Tod vor höchstens 48 Stunden ein- getreten war. Diese Gruppe hatte also 18 Tage in der Grube ninhcrgetappt, um einen Ausweg zu finden und war schließlich in Erschöpfung zusammengebrochen. Hätte man die Nachfors�nngcn in der von Simon geforderten Art fortgesetzt, so wären ste sicher zu retten gewesen I Aber nicht sie allein. Simon hat zwischen dem Schacht 2 und dem Schacht 3 100 Leichen gefunden. Es waren Leute. die sich vor ihrem Rettungsversuch angekleidet hatten, was beweist, daß sie nicht sofort durch Gase getötet worden sind. Wäre man in den Schacht 3 eingedrungen, hätte man sie gefunden. Aber die Ingenieure haben gerade diesen Schacht noch künstlich verstopft. Als Siinan nach einem Tag Erholungspause seine vom Tag der Katastrophe an unternommenen Rettungsversuche fortsetzen wollte, fand er den Schacht dnrch drei gemauerte Sperrvorrichtungen mit Eisentüren unpassierbar gemacht. Die Ingenieure wollten so die ftische Luft auf Müricourt zu treiben. Erst nach dem heftigen Einspruch der Arbciterdelegierten wurde der Schacht von den künstlichen Sperren wieder befreit und die eindringende ftische Luft war es auch, die den 13 die Kräfte aufgefrischt und sie den Rettungsweg hat finden lassen. Die In- genieure gingen überhaupt mit einer jämmerlichen Hülflosigkeit vor, bald auf dieses, bald auf jenes Mittel verfallend. Der Arbeiterdelegierte H u r b a i n hat an einer Stelle des Schachtes Nr. 3 das erste Mal keine Leichen gefunden, vorgestern dagegen, in zwei Gruppen, neun, die, wie im Schlafen, an die Wände gelehnt und ebenfalls noch nicht zersetzt waren. Der vorsichtige Hurbain, dessen Urteile sich bisher immer be- stätigt haben, schätzt aus Grund seiner Wahrnehmungen die Zahl derjenigen, die noch zu retten gewesen wären, wenn man die Einsturz- stellen gesäubert hätte, auf 150. Nach den Angaben seiner Kameraden kommt man zu einer Gesamtziffer von 800 Mensche», die der Un- wisseiiheit und sträflichen Fahrlässigkeit der Handlanger der Aus- beutergcsellschaft zum Opfer gefallen sind. Eme geradezu unerhörte Schurkerei hat der Arbeiter- delegierte Hurbain aufgedeckt. Ingenieure haben Arbeiter als Rettungsmannschaften angeworben und sie hinter- er verlocken wollen, in anderen Gruben Kohlen zu ordern, also Strcikbrecherdienste zu leisten. Dieser schuftige Mißbrauch des Solidaritätsgefiihls der Arbeiter setzt der Nichts- Würdigkeit, deren sich das AuSbeutertnm im Verlaufe der Katastrophe schuldig gemacht hat, die Krone auf. Dabei hat daS kapitalistische Preßgesindel behauptet, der Streik habe die Retiungsarbeitcn ver- zögert I Sogar der Direktor L a v a u r s der Gesellschaft von Courriores hat vor der parlamentarischen Kommission sein Ehren- wort gegeben, daß er nienials eine solche Behauptung, die eine Ab- scheulichleit sei. gemacht habe. Ueber den Stand der Untersuchung wird berichtet: Len., 4. April. Der Untersuchungsausschuß, der beaufttagt war, die Organisation der Rettuugsarbeiten zu prüfen, hat seine Arbeiten beendet. Die Kommission hat die Kontrolleure, die In- genieure. Arbeiterdelegierten und zahlreiche Bergleute verhört. Die Erklärungen der Ingenieure stimmen in bezug auf die getroffenen Maßnahmen nicht überein. Die Arbeiterdelegierten äußerten sich sämtlich, daß die Ingenieure die Schuld an der Katastrophe tragen. Der Arbeiterdelegierte Simon erneuerte seine Erklärung, daß er Leichen gefunden habe, bei denen der Tod höchstens wenige Tage vorher stattgefunden haben konnte. Dem Grabe entstiege»! Am Mittwoch früh ist wiederum einer der Eingeschlossenen lebend auS der Grube hervorgeholt. Es ist der 32 Jahre alte Berton. Nach einer Erklärung ist er der einzige Ueberlebende aus Schacht 4. Das Bekanntwerden der Rettung steigerte erneut die Erregung gegen die Grubengesellschaft und gegen die Ingenieure. Es kann aber auch gar nicht bezweifelt werden: die neue Rettung läßt das Schuldkonto der von der öffentlichen Meinung Angeklagten wiederuni gewallig anwachsen! Berton ist ein neuer lebender Zeuge dafür, daß viele, viele Knappen den Tod lediglich der lässig be- triebenen Bergungsarbeit zu danken haben. Erst ließ man aus schnöder Gewinnsucht über 1000 Menschen in den Schacht ein- schließen, dann ließ man wieder aus Sparsamkeit vielleicht Hunderte, die gerettet werden konnten, unten in der Erde ersticken. verschmachten! Das Verbrechen von ConrnöreS wird für alle Zeit eines der schwärzesten Blätter m der Geschichte des Kapitalismus bilden. Wie groß die Erregung ist, geht auS folgenden Meldungen hervor: LcnS, 4. April.(W. T. B.) Als um 1 Uhr der Ingenieur Fournier mit einer Abteilling Arbeiter auS dem Schacht zurück- kehrte, stürzte sich eine große Anzahl Frauen auf ihn mir dein Schrei:„Tötet ihn!" Die Dragoner kamen noch zur rechten Zeit heran, um den Ingenieur zu befreien. Die Erregung der Bevölkerung ist außerordentlich und man befürchtet ernste Zwischenfälle. Auf daS Eeriicht hin, daß sich trotz der entgegen« gesetzten Aussage BertonS doch»och Lebende in der Grube befänden, stiegen Aerzte mit Sauerstoffballons in die Grube hinab. Eine Menschenmenge drang in die Zugänge zu Grube 4 ein. Frauen krochen zwischen den Beinen der Pferde der die Ein- gänge bewachenden Dragoner durch und rissen die Holz- abdämmungen ein. Mehr als tausend Menschen erzwangen sich Eingang. Der Gendarmeriehanptmann suchte die Menge zu be- ruhigen, die von dem Glauben befangen ist, daß man ihr die Wahr- heil»crbeimlicht und sich noch Lebende in der Grube befinden. Von den dreizehn am 80. März Gecetteten wurde zwölf gestattet, sich nach Hanse zu begeben. Nur einer ist wegen heftigen Fiebers im Lazarett behalten worden. LcnS, 4. April.(W. T. V.) Fünf RettungSabteilungen, die heute früh in den Schacht 4 eingefahren sind, haben bis heute nachmittag l'/z Uhr dort niemanden gesunden. Es gehen neue Rettungs- Mannschaften in den'elben Schacht. Der kontrollierende Oberingenieur iveilt am Boden des Schachtes und wird die Nach: über dort bleiben. Der Steiger Payen erinnert daran, daß von den 34 Mann, die am Tage der Explosion mit dem geretteten Bertan ziisamnitiigea>beitct haben, 22 sich damals retten konnten. Unter ihnen war der Bergmann Cerf, der am nächsten Tage zum Minister Diibicf sagte, man müsse mehrere seiner Kameraden lebend finden können. Man begann seinerzeit sogleich die Nachforichnngen an jener Stelle, gab sie aber der Schwierigkeiten und der Geiahr halber wieder auf. Heute früh erklärte der Arbeiter- Vertreter Dacheville. er sei an der Stelle, wo sich Berton befand, gestern vorübergegangen, habe aber niemand gesehen. Die zu- hörenden Frauen riefen:„Ihr seid Feiglinge, wären wir herunter« gefahren, wir hätten unsere Männer lebend gefunden I" Der Streik. Von unserem Korrespondenten: Die neuesten Ereignisse haben den Eifer der Streikenden natürlich noch verstärkt I Man kann annehmen, daß morgen auch im Nord-Departement nur wenig Arbeiter einfahren werden. Die Unternehmer sind in einer ungünstigen Situation, da keine Kohlen- Vorräte vorhanden sind. Die nationalistische Presse spricht deshalb schon von der deutschen Kohle, die jetzt zu hohen Preisen Absatz finden werde. Daß das„Vaterland" auch von den Grubengesell- schaften gerettet werden könnte, wenn sie einen kleinen Teil ihrer Wncherprofite den Arbeitern opfern wollten, bekommt man nicht zu lesen. Dafür erhebt dieser Zeitungspöbel Geschrei über den „TerrorismuS" der Streikenden und die gemäßigte Presse, wie das „Journal des DsbatS", das Blatt deS reaktionären Bildungsphilisters klagt die Regierung der Untätigkeit gegenüber den„Agitatoren" an. DaS sentimentale Intermezzo ist vorbei und die HumanitätS- Phrase ist wieder der Wirklichkeit deS Klasienkampfes gewichen. Mit welcher Verlogenheit die arbeiterfeindliche Presse übrigens operiert, geht daraus hervor, daß sich der„Terrorismus" darauf beschränkt hat, daß streikende Arbeiter einige Streilbrecher gezwungen haben, sich Tafeln mit der Inschrift:„Wir sind falsche Brüder" umhängen zu lassen und den Streik hochleben zu lassen. Daß aber vor drei Tagen, ein Streikbrecher einen Streikenden er- schössen hat, erscheint diesen edlen Seelen nicht der Rede wert. Die„Presse" beklagt sich im Gegenteil, daß die Gendarmen dem Mörder die Waffe iveggenommen und ihn so verhindört haben, noch andere Arbeiter niederzuknallen. Es ist doch etwas Schönes um die patriotische„Liebe zu den Volksgenossen"... Aus Paris schreibt unser Mitarbeiter sodann unterm 2. April: Die Delegierten der Bergwerksunternehmer baben heute dem Genossen Basty eine Erklärung übersandt, worin sie weitere Unter» Handlungen ablehnen. Sie beklagen, daß sich die Gewerkschaften der Arbeiter vor den„zweifelhaften Ergebnissen einer mitten im Streik improvisierten Abstimmung" beugen. Gleichzeitig drohen sie mit der Zurückziehung der ftühcren Zugeständnisse, wofern die Arbeiter fie nicht annehmen. Diese anmaßende Sprache ent- spricht durchaus nicht den tatsächlichen Verhältnissen, da die Gesellschaften gar keine Vorräte haben und riesige Verluste erleiden. Dabei ist der Streik mit Ausnahme von Maries und B r u a y. wo die Arbeiter, die dort unter besonders günstigen Bedingungen arbeiten, den Anschluß abgelehnt haben, jetzt vollständig. Es arbeiten im Pas de Calais 12 898 Arbeiter, die Tagarbeiter mit eingerechnet, 41 228 stehen im Streik. Sehnlich ist das Verhältnis in Anzin. Die Stimmung der Arbeiter ist erregt, namentlich durch das parteiiftbe Vorgehen der Gendarmerie, aber unbedeutende Prügeleien und Steinwürfe in Wirtshausfenster find das einzige„Aufrührerische", da» die Streikenden begangen haben. Die reaktionäre Presse bringt natürlich Schauermärchen über die Untaten der Streikenden. Dieselben Leute, deren Heldenmut und tatkräftige Menschlichkeit vor ein paar Tagen in sentimentalen Redens» arten gefeiert wurden, sind auf einmal wieder zu rohen Barbaren geworden, denen man die grausamsten Schandtaten zur Last legt. Die Proklamation des Generalstreiks stellt die nachfolgende Meldung in Aussicht: St. Etienne, 4. April. Die Bergarbeiter legen große Unruhe an den Tag, die Lage im Kohlenbecken bleibt unverändert. Heute nachmittag 3 Uhr traten die neun Bertteter des Arbeiterausschusses und die Beauftragten der Grubengesellschaften zusammen. Nach Beendigung dieser Besprechung wird der Bergarbeiterkongreß zu- sammentteten, um einen definitiven Beschluß zu fassen. Alles deutet daraus hin, daß der Generalansstand proklamiert wird, da es unwahrscheinlich ist, daß die Gesellschaften die Forderungen der Arbeiter bewilligen. Paris, 4. April.(W. T. B.) Die Vertretung der Gruben- gesellschasten der Departements Nord und PaS de Calais sandte beute ein Schreiben an den Ministerpräsidenten Sarrien mit der Mitteilung, daß sie die Vorschläge der Regierung zur Beendigung des AuSstandcs annehme. Danach soll ein Fünftel der bisherigen Prämie in den Grundlohn selbst aufgenommen und zu dem so erhöhten Grundlohn noch eine siebenprozentige Prämie gewährt werden. Der Streik in den mitteidentschen Drannkohien- revieren. Zeitz, 3. April.(Eig. Der.) Der heutige Bericht über den Stand der Bewegung läßt sich dahin zusammenfassen: Der Ausstand nimmt zu an Breite und Tiefe, die Situation verschärft sich, die Lage ist c r n st! Im Reviere Zeitz-WeißenfelS kommen neue Arbeits» einstellungen zur Meldung. Tic Leute werden sich im Schachte einig, fahren unter Umständen mitten in der Arbeitszeit mit ihrem Gezähe aus und melden sich auf ihren StrcikbureauS. Durch die Einstellung der Förderung ist bewirkt, daß die Aufbereitungs- anstalten. wie Schwelereien. Destillationen. Kerzcngießereicn usw. die teilweise kontinuierlichen Betriebe schließen, die Feuerungen zuschmieren�mutzten. So werden über kurz oder lang auch die Leute feiern müssen, die sich dem Streik nicht angeschlossen haben. Im Helmstedt» Schöningen. Hötenslebener Revier im Brmmschweigischcn ist der Ausstand perfekt, nachdem die Belegschaften Forderungen gestellt haben auf Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung des Lohnes. ES ist gar nicht auS- geschlossen, daß auch die Kaliwerke von Siaßfurt-Aschersleben» Leopoldshall in die BewMng mit hineingcrissen werden! Im Revier H a l l e- W e st waren bis gestern abend, wie bereits kurz gemeldet. 200 Mann ausständig geworden. Von 690 Mann unterirdischer Belegschaft find heute<50 im Streik. ES sind dies etS die kräftigsten, im besten ManneSalter stehenden eigentlichen örderleute, und so bedeutet ein derartiger Prozentsatz dre völlige instellung der Förderung für die Gruben. Im Meuselwitzer Revier im Altenburgischen ist der Ausstand ein vollständiger. Fast alle Betriebe stehen still, die Bahn- Höfe sind angefüllt mit leeren LowryS. der Verkehr"[ach hier hat sich die Situation verschä>- Tendarmerieaufgrboke Valien Weg artJi Steg besetzt, weisen Streikende davon und drohen mit Verhaftung. Auf die Einrede eines Streikenden, dah der{| 1B2 der Reichsgewerbeordnung das Streikpostenstehen gestatte, meinte der ganz besonders Pfiffige Hüter der Ordnung:„Ja, wir sind hier im Altenburgifchen; da gelten unsere Landesgesetze II" Sprach? und strich sich den Bart. — Weiter spielen hier Zentrumsagitatorcn die ekelhafte Rolle der Streikbrecheragenten. Sie haben hier katholische Bergleute meist polnischer Zunge im München-Gladbachcr katholischen Fochverdne vereinigt. Da sich die Leute dem Streik anschlössen, versuchten die „Gesalbten des Herrn" den Leuten unter der Androhung des höllischen Fegefeuers begreiflich zu machen, daß es ein sündhaft Beginnen sei, den„Herren die Arbeit zu verweigern. Während anfangs die Leute standhaft blieben, ist es ihnen heute doch gelungen, einige wenige dieser Armen im Geiste zu Abtrünnigen zu machen I Im Revier Borna, Königreich Sachsen, hat man die Lohn- zahlung unter Hinweis auf den Kontraktbruchharagraphen ver- weigert und den Leuten unter Hinweis auf„die schamlose Auf- reizung gewissenloser Hetzer" die Räumung der Werkswohnungen angedroht. Die Industriellen haben wieder einen neuen Waschzettel an die Scharfmacherprefle versandt, der nichts als ein dummes, geistloses Gewäsch darstellt. Hier ist er: Ten Entschluß der Bergarbeiter, in den Ausstand zu treten: hat zweifellos die ausdrückliche Erklärung eine? Angestellten deS sozialdemokratischen Bergarbeiterverbandes wesentlich erleichtert, wonach dieser Verband die Braunkohlenarbeiter mit den angeblich reichlich vorhandenen Mitteln unterstützen werde. Solche Rucken- deckung ist allerdings wichtig, sie fehlt aber auch den Bergwerks- besitzern nicht, was anscheinend weniger bekannt ist. Zunächst gehören sie einem engeren Verbände an, der seine Mitglieder aus einem seit Jahren angesammelten Fonds satzungSgemätze Bei- hülfe gewährt, um sie in ihrer Verteidigung zu verstärken. Dieser Verband wiederum ist der Hauptstelle deutscher Arbeitgeber-Ver- bände angegliedert; hinter den BcrgwerkSbesitzern steht also die deutsche Industrie. WaS dieser Schutz aber zu bedeuten hat, das hat der Ausgang des Crimmitschauer TextilstreikS im Jahre lS04 gelehrt, denn der Streik brach sofort zusammen, als die Industrie sich wie ein Mann auf Seite der angegriffenen Fabrikanten stellte. Damals wie heute handelte es sich um eine Machtprobe der Sozialdemokratie I Fast gleichzeitig veröffentlichen sie aber auch die amtlichen L o h n n a ch w e i s e, die die Forderungen der Bergleute glänzend rechtfertigen. Es heißt da: Nach den letzten im Druck vorliegenden Jahresberichten der königlichen Regierungs- und Gewerberäte und Bergbehörden be» trugen die Löhne im Bergrevier Weißenfels: 1. für die eigent- lichen Bergleute pro Schicht 3.öl) M., pro Jahr 1067 M.; 2. für die sonstigen Bergleute dementsprechend 3,11 M.(933 M.); 3. die Arbeiter über Tage 2,91 M.(994 M.);4. die fugend- lichen Arbeiter 1,24 M.(393 M.); 5. die weiblichen Arbeiter 2,20 M.(624 M.). Im Bergrevier Zeitz empfingen beim Braunkohlenbau: 1. Bergarbeiter bei Gewinnungsarbeiten unter Tage an Tagelohn 3,8o M.; 2. Bergarbeiter bei Nebenarbeiten unter Tage 3,24 M.; 3. männliche erivachsene Tages- arbciter2.92M.; 4. jugendliche Arbeiter 1,63 M.; b. Arbeiterinnen 1,75 M. Auch die Unfallziffern reden eine erschreckende Sprache. Natur- gemäß sind die Gefahren im Steinkohlenbergbau weit größer als im Braunkohlenbergbau. Tatsächlich liegen aber die Ver- Hältnisse so, daß die Unfallziffer im Braunkohlen- bergbau doppelt so groß ist wie im Steinkohlenbergbau. Es verunglückten tödlich pro 1000 Arbeiter: im Steinkohlen« im Braunkohlen» bergbau bergbau 1896....... 1,29 US 1897....... 1,68 3,61 1898....... 1,23 4.97 1003....... 0,86 3,24 1904....... 0,94 3.44 Die höhere Unfallziffer im Braunkohlenbergbau ist ohne weiteres auf Konto der überlangen Arbeitszeit und des mörderischen AkkordsystemS zu setzen. Daraus folgt, daß, wenn je eine Streik- bcwegung berechtigt, ja eine unbedingte Notwendigkeit war, so war es diese, die als Zielpunkt die Beseitigung jenes menschenmoroenden gräßlichen System? im Auge hat! Um Kohlen für den eigenen Bedarf zu haben, hat man über Tage beschäftigte und auch Kroaten und G alizier bereits herangezogen. Sofort rächt sich diese Maßnahme aber furchtbar: Die ersten beiden Tage dieser Woche weisen mehrere schwerste Unfälle auf. Wo bleibt hier die Bergbehördcl? Aber auch sonst beweisen die Kohlcnmagnaten ihre Schwäche. So war auf einer weithin sichtbaren Stelle in Frakturschrift zu lesen:„Der Streik ist beendet, es ist kein Geld da!" Erbärmlich wie immer ist die Haltung der Leitung beS Hirsch- Dunckcrschen GewcrkvereinS. Während sie sich in den ersten Tagen mit den Streikenden solidarisch erklärte, versucht sie jetzt, die Kämpfenden zu trennen, zu zersplittern! So ist in dem in Weißenfels erscheinenden.Thüringer GewerkvereinSboten" zu lesen: „Ueberall ist die Stimmung der Bergleute eine sehr ruhige, die meisten Kollegen lehnen jede Beteiligung am Vorgehen des Verbandes ab, eS muß ganz entschieden versucht werden, selb- ständig zu bleiben und selbst bei den Grubenverwaltungen vor- stellig zu werden." Die Bergleute im Zeitz-Weißenfelser Reviere haben sich durch diese echt„freisinnige" Handlungsweise nicht täuschen lassen. Im Bornaer Revier hingegen tagte eine Gewerkvereinsversammlung, zu der man den Verbandlern den Zutritt verweigerte. Anderen TageS wurden die GewerkvereinSmannen zu Streikbrechern!— Die Kohlennot wächst. Aber auch die Zufuhr aus Böhmen! Schon aber haben auch die böhmischen Brüder sich nach Her Lage der Dinge erkundigt. Mißbraucht man sie länger dazu, durch Kohlen- licferungen in die Streikgebiete ihren kämpfenden Brüdern in den Rücken zu fallen, so werden sie einmütig die Arbeit niederlegen! Die in den letzten Tagen abgehaltenen Versammlungen waren vom besten Geiste beseelt und massenhaft besucht. Ueberall wurde die Fortsetzung deS Streiks einmütig beschlossen. Donnerstag geht die erste Auszahlung der Streikunterstützung vor sich. Ist diese vorüber und sehen die Ausständigen, daß sie tatsächlich finanziell unterstützt' werden, so steht zu hoffen, daß sie sich noch viel fester zusammenschließen wie bisher. Ihre Zahl gibt heute sogar die bürgerliche Presse auf 5000 an. In Wirklidjleit überschreitet sie bereits das sechste Tausend. � Zeitz, 4. April.(Privattelegramm des„Vorwärts".) Der Leiter des Streiks im Zeitzer Revier, Genosse Pokornv, wurde in Stollberg wegen Beleidigung z» 6 Monaten Gefängnis bestraft und sofort verhaftet. Ktvtralvtrsammlvvg dn Steinarbetter, 2. SitzungStag. Der Redestrom über den Vorstandsbericht wurde durch einen Schlußantrag eingedämmt. In den Schlußäußerungen stellen die Berichterstatter eine Reihe Irrtümer richtig. Bezüglich deS groben Tones verweist Starke darauf, daß die Mitglieder ihn auf das schwerste gekränkt, selbst ihn grundlos verdächtigt haben, so daß die Antwort nur immer der sdywächere Widerhall gewesen sei. Stau- dinger konnte mit Genugtuung feststellen, daß die Kritik sich an kleine Dinge gehalten, die prinzipielle Haltung des„Steinarbeiters" aber nicht angefochten worden sei. Dmn Vorstand wird einstimmig Entlastung erteilt. Beschlossen wurde, den„Steinarbeiter" mindestens sechs Seiten stark erscheinen zu lassen, die Veröffentlichung der Versanunlungs- berichte einzuschränken und die Sterbetafel in kleinerem Unifange zu veröffentlichen. Die Beschlußfassung über die Beseitigung der Zeitungsmark« wurde ausgesetzt Hierauf erstattet der erste angestellte Gauleiter, Mitten- m e i e r- Aürzburg, über seine gemachten Erfahrungen Bericht. Er, der Gezner von festbesoldeten Beamten gewesen, habe sich von einem SauluS zu einem Paulus gewantelt. Er habe versucht, Stetigkeit in die Verwaltung alter Zahlstellen zu bringen, und es sei ihm gelungen, neue Zahlstellen zu gründen. In der Zeit vom 2. Mai bis Ende 1905 habe er die Zahlstellen von 9 auf 33 im Gau Würzburg gebracht und die Mtgliedcr von 289 auf zirka 1500 bis Ende 1905. Zurzeit dürfte die Mitgliederzahl zirka 1800 be- tragen. Er habe eine Reihe von Forderungen ohne Lohnkampf durchdrücken können, habe sich die Anerkennung der Arbeiter und Unternehmer, sowie d«s Gewerbeinspektors erworben, und auf Durchführung der Bundesratsverordnung in 79 Fällen dringen können. Er habe ferner die Ungleichheit der Entlohnung bei einem Unternehmer für dasselbe Stück auS demselben Material beseitigen können, habe den Arbeitern bei ungesetzlichen Lohnabzügen zur Seite gestanden, habe st« auf die Bedeutung der Gemeinderats- Wahlen aufmerksam gemacht, und habe durch Revisionen die Kassen- geschäfte zur geregelten Erledigung in den Zahlstellen bringen und die Fluktuation der Mtglieder aufhalten können. Auch gegen die christlichen Gewerkschaften sei er erfolgreich tätig gewesen. Seine Erfahrungen haben ergeben, daß die Anstellung� von Beamten lohnend und zweckmäßig sei, und er empfiehlt, auf dieser Grund- läge wdter zu bauen. Ter Vorstand erklärt sich bereit, drei Gauleiter für Elsaß, Württemberg und Rheinland-Westfalen anzustellen. Alle Redner erklären sich für Anstellung von Gauleitern: MdnungSverschieden- heiten bestehen mir über die Kreise, die berücksichtigt werden sollen. Schließlich wird eine Kommission gewählt, die Grundsätze für die Anstellung und die Gehaltshöhe feststellen soll. Sozialdemokratischer Lese- und Diskutierklub„Norden«. Vor- trag deS Genossen Kirsch: Arbeitsentlohnung.— Gäste willkommen. Verband der Friseurgehülfen Deutschlands, Zwcigverein Berlin. Donnerstag, den 5. April er.. abends Ost. Uhr, Rosenthalcrstraße 11/12: Autzerordentliche Generalversammlung: Beschlußsassung über die Vorschläge der Freien Vereinigung. Zahlreiche Betelligung erwünscht. Berliner Marktpreise. AuS dem amtlichen Bericht der städtischen Markthallen-Dircktion. Nindfleilch l» 65—68 pr. IVO Psund, Ha 56—64, lila 50-54, IVa 40-48, engl. Bullen- 00—00, dän. Bullen- 00—00, Holl. Bullen. 00-00. Kalbfleisch, Doppelländer 105—120, la 80—88, IIa 66-78, lila 52-62. Hammelfleisch la 62—72, IIa 55—61. Schweinefleisch 70—74. Kaninchen 0,80—0,90. Hühner, alte, Stück 1,80—2,25, alte per Psd. 1,40—2,30, junge, per Stuck 1,40. Tauben, junge 0,60—0,68, alte 0,00—0,00. Enten, junge per Stück 2,00—2,80, per Psd. 00—00, russ., gesr. per Stück 00—00. Gänse, junge, per Psd. 1,25—1,30, russ. per Psd. 0.47-0,48. Hechte 86-93. Schleie 00-00. Bleie 53, groß 00- 00. Aale, gross 00—00, mittel 00—00, klein 00—00, unsortiert 00—00. Plötzen 35—49. Flundern, pomm. I, per Schock 00—00, Kieler, Stiege la 4—7, do. mittel, per Kiste 3— 4, bo. klein, per Kiste 00—00. Bücklinge, schwed. per Wall 00—00, norw. 3,00, holländ. 3.00, Kieler 2—4, engl. 2-3,00. Aale, gross, per Psd. 1,10-1,20, mittelgross 0,80-0,90, klein 0.50-0.60. Sprotten, Kieler, 2 Wall 0,75—1,20, Elb- per Kiste 0,40—0,50. Sardellen, ISOScr, per Stüter 74,00, 1904er 72,00, 1905er 70,00. Schottische Vollheringe 1905 00—00, largo 40-44, füll. 36—38, med. 33—35, deutsche 37—44. Heringe, neue MntjeS, per*/, Tonnen 60—120. Hummern, IIa, 100 Psd. 00—00. Krebse, per Schock, grosse 00—00, mittelgrosse 11,50, kleine 0,00, unsorttert 00 00. Eier, Land-, per Schock 00—00, srischc 3,20—3,40. Butter, per lOO Psund, la 120, Na ll7— 120, NIa 113—116, ab- sallende 110—114. Saure Gurken, Schock 3—3,50 M., Psesscrgurkcn 3—3,50 M. Kartoffeln per 100 Psd. magn. bon. 2,10—2,35, rote Dabersche 2,00—2,20, runde weisse 1,80— 2,00. Wirsingkohl per schock 0,00—00,00. Wcisskobl per 100 Psd. 4,50-5,50, Notkohl per Schock 00-00, Holl. 16—24. Grünkohl, per 100 Psd. 12—15. Rüben, weisse 12—16, Teltower 16—18. Kohlrüben, per Schock 2,50—4,50. Uoflbsktroffen«, vollendete Auewahl in aparten, reichhaltigst. Sortimenten. Viele TmendeEieniplare neuester Fmiijalirs- Moden. 50.-, 45.-, 40.-, 36.-, 33.-, 30.-. 27.-. 24.-, 21-, 13.- Vielseitigste Ausmusterungen vornehmster Moden und Fassons. 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Für den Inseratenteil veraniw.: Th. Älaitr, Berlin. Druck u Verlag i VerwärtSBuchdruckerci u. BerlagSanstalk Paul Singer J &. Co.. i 9r.80. 23. Z Ktüllßt iltS.Fümalts" Ktr!ll!tl NülliSdlR Bergarbeiterleben in der Mark, .(Eigener Bericht des„Vorwärts".)� Fünfzehnter BerhaudlungStag. KottbuS, 4. April. Nach Eröffnimg der Sitzung erhält Staatsanwalt Coler vaS Wort zur Anklagerede. Die Beleidigungen, die unter Anklage stehen, feien begangen in zwei Versammlungen und iu Flugblättern. ffür die Bekundung der in Bersammluiige» gefallenen Aeuxerungen eien die Polizeibemnten zuve» lässigere Zeugen als andere Ber- sammlungsbesucher, denn die Beamten seien ja dazu da, genau ans- zupassen, was gesprochen wird, sie haben die Aeusterungeu sofort schriftlich fixiert und sind deshalb glaubwiirdige Zeugen, um'omehr als sie in amtlicher Eigenschaft unter ihrem Diensteid gehandelt haben. Die Beschuldigung, die Polizei habe einen aufgegriffenen Bettler als Streikbrecher auf die Stadtgnibe geschickt, sei nicht erwiesen. Ebensowenig sei erwiesen worden, das; die Polizei es unterlassen habe, Fälle von Mißhandlungen, die ihr bekannt geworden waren, zu verfolgen.— Die schwerste Beschuldigung habe Gärtner gegen die Bergbehörde gerichtet. Er habe gesagt, der Bergrat habe nichts sehe» wollen, der Geldsack spiele bei gewissen Körperschaften eine große Rolle, wie, das werde wohl jeder wissen.— Diese Aeußenmg könne nur so aufgefaßt werden, wie sie auch die Polizeibeamten aufsaßten, nämlich daß Gärtner ans eine Bestechung der AufsichtSbeamlen habe hindeuten wollen.— Erwiesen sei, daß die Bergrevierbeamten bei den Revisionen pflichtgemäß gehandelt haben.— Der Betriebsinspeklor Möller sei beleidigt worden durch die Äußerung: Er sei ein Knochen- schinder, der den Arbeitern den letzten Tropfen Blut auspresse, er habe für ein Frühstück 600 Mark ausgegeben. Für die Wahrheit dieser Behauptungen sei nichts erwiesen.— Die Verwaltung der Stadtgrube sei ganz allgemein beleidigt worden durch die Bc- hauptung: Brutal sei die Behandlung auf der Stadtgrube immer gewesen, Beamte bis herunter zun; Steiger prügeln die Arbeiter.— Es seien wohl einzelne Fälle von Mißhandlungen erwiesen. Nur zwei Zeugen hätten bekundet, daß sie am eigenen Leibe Miß- Handlungen erfahren haben. Andererseits seien aber auch, wie durch Zeugen bekundet, die Betriebsbeamten angegriffen worden. Daß selbst Ausdrücke ivie„Lausejunge" oder„halt die Fresse" als Be- weise brutaler Behandlung angeführt worden seien, habe der Redner kaum für möglich gehalten. Solche Reden, wie „ich schmeiße euch raus" kämen in jeder Landivirtschaft, in jedem Fabrikbetriebe vor. Solle denn der Steiger etwa sagen: Meine Herren, ich werde mir erlauben. Sie zu entlassen, seien Sie doch so freundlich und ver- lasten Sie die Grube.— Der Angeklagte habe gesagt: Die Stadt- grübe setze Leben und Gesundheit der Arbeiter aufs Spiel, sie habe schon viele Menschenleben auf dem Gewissen.— Wenn auch einzelne Unfälle vorgekommen seien, so könne daraus ein Verschulden der Grubenverwaltung nicht hergeleitet iverden. Daß die Kraukenziffer der Stadtgrube besonders hoch sei, sei nicht erwiesen worden. Der Bergbau bringe immer Gefahren mit sich, die wohl nie beseitigt werden können. Wer solche Gefahren nicht auf sich nehme, der sei kein richtiger Bergarbeiter.— Hinsichtlich der Maßregelungen der- tritt der Staatsanwalt seinen schon während der Verhandlung be- kannt gewordenen Standpunkt. Von diesem Standpunkt aus hält er keine Maßregelung als erwiesen. Zeidlcr habe allerdings auf Betreiben der Grubenverwaltung keine Arbeit auf anderen Gruben bekommen. Wenn die Grubenbesitzer in bestimmten Fällen so handeln, so sei das nichts anderes, als wenn die Arbeiter ein Restaurant boykottieren. Uebrigens habe ja Direktor Lehder be- kündet, daß ein Kartell zur Boykottierung von Arbeitern nicht be- stehe, daß niemand zu solchen Boykottierungen verpflichtet sei und auch keine Konventionalstrafe erhoben werde. Der Sachverständige Bergrat Baselt habe die Zustände der Stadtgrube als eben noch normal bezeichnet.— Es sei nun behauptet worden, nach dem Streik seien die Verhältnisse bester geworden. Andererseits hätten die Grubenbeamten gesagt, die Arbeiter seien besser geworden. Auch die Einschränkung des Alkoholgenusses, die auf Gärtners Tätigkeit zurückzuführe» sei, möge dazu beigetragen haben. Gärtners Ver- dienst in dieser Hinsicht sei anzuerkennen. Der Staatsanwalt beantragte gegen Gärtner eine Gefängnis st rafe von einem Jahr und gegen T ä tz, der ja nur eine untergeordnete Rolle spiele, aber schon bestrast sei und deshalb am wenigsten Recht zur Kritik habe, zwei Monate Gefängnis. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Liebknecht leitet seine Ausführung ein mit dem Hinweis, daß man die Situation berück- sichtigen müsse, unter die die zur Anklage stehenden Beleidigungen fielen. Es handelte sich um die Zeit eines Streiks, wo, wie ja auch der Staatsanwalt sagte, eine besondere Erregung herrschte. Auch hier im Gerichtssaale seien, wie der Redner an der Hand der bekannten Einzelfälle ausführt, Beleidigungen gegen ihn und den Augeklagten gebraucht worden. Wenn man das berücksichtige, werde man auch die Aeußerungen Gärtners unter dem versöhnenden Gesichtspunkte der Menschlichkeit betrachten müssen und ihm nicht Ausdrücke als Beleidigung zur Last legen, die getan sind in einer erregten Situation und in einem Milieu, wo nach Ansicht des Staatsanwalts kräftige Worte, von den Grubenbeamten gebraucht, nicht als be- leidigend anzusehen sind.— Der Redner gehl nun auf die Einzel heitcn der Anklage ein. Erwiesen sei, daß die Polizei einen legitimationslosen Mann legitimierte, damit er auf der Stadtgrube wahrend des Streiks arbeiten könne. Die Glaubwürdigkeit der Polizeibeamten, besonders des Wachtmeisters Amin, sei ent- schieden in Abrede zustellen. Wachtmeister Amm sei selbst hier iniGcrichts� saale so feindselig gegen den Angeklagten aufgetreten, die Polizei Verwaltung habe in ihrem Bericht an den Staatsanwalt eine solche Gehässigkeit gegen Gärtner bekundet, daß man die Polizeibeamten nicht als objektive Zeugen ansehe» könne.— Bestimmend für das vom Staatsanwalt beantragte Strafmaß scheine die Beleidigung deS Bergrats Netto zu sein. In dieser Hinsicht sei erwiesen daß Beschwerden von Arbeitern an den Revierbeamten der Grubcnverwaltung zugestellt und infolgedessen die Beschwerdeführer entlassen worden seien. Wenn der Angeklagte sagte, Bergrat Netto habe wohl nichts sehen wollen, so sei das eine Redewendung, die nicht wörtlich genommen werden könne. Jedoch sei in diesem Punkte erwiesen, daß der Berg- rat den Tagebau nicht besichtigt habe, obgleich ihm bei seiner An- Wesenheit auf der Grube Mitteilung von Mißständen im Tagebau gemacht wurden.— Die festgestellte Zahl der vom Bergrat Netto vorgeuonrmenen Revisionen könne nicht als ausreichend angesehen werden. Die Grundlage jeder wirksamen Revision müsse die un- erwartete Revision sein, die das Werk in seinem normalen Zustande kennen lernt. Da aber auch die unerwarteten Revisionen vorher angezeigt wurden und anscheinend auch in bestimmten Zeitabständeu vorgenommen wurden, so sei immer noch Zeit gewesen, gelvisse Mißstände, die in der Regel vor- handen waren, zu beseiligen. Im Ruhrrevicr komme eine Revision auf 12,4 Arbeiter, im Bezirk Halle aber erst eine Revision auf 33, ö Arbeiter. AnS diesen Gründen müßten die Revisionen im Senftenberger Bezirk als ungenügend bezeichnet werden.— Dem Angeklagten werde zur Last gelegt, daß er dem Bergrat Netto den Vorwurf der Bestechlichkeit gemacht habe. In diesem Punkt stehe die Verteidigung der An- klage machtlos gegenüber. Eine Verständigung in dieser Hinsicht sei deshalb schwer, weil sich hier zwei Weltanschauungen gegenüber- stehen, deren Angehörige sich so tveni� verstehen wie zwei Menschen. die verschiedene Sprachen reden. Keineswegs habe der Angeklagte von einer Bestechung sprechen wollen. Die betreffende Redewendung kennzeichne nur die Macht deS Kapitals und dessen wirtschaftlichen Einfluß, der ein gewisses, den Betreffenden gar nicht zum Be- wußtseiu kommendes Abhängigkeitsverhältnis niit sich bringe. Der Verteidiger geht nun aus die einzelnen Redewendungen ei?, welche als Beleidigungen des Inspektors Möller aufgefaßt werden.— Alle die Fälle, wo leicht zu gewinnende Kohle aus getährlichen Brüchen geholt wurde, b e st ä t i g e n. daß auf der Grube Antreib erei herrschte, und darauf sei eS auch zurückzuführen. daß die Löhne der Stadtgrube noch verhältnismäßig günstig seien. Was in dieser Hinsicht durch die Zeugen bekundet wurde, sei eine Illustration zu dem bekannten Worte: Akkord- arbeit ist Mordarbeit.— Die Vernagelungen in der Grube habe der Staatsanwalt zu leicht genommen. Daß Vernage- lungen vorgenommen wurden, sei eriviesen und die Schlüsse, welche die Arbeiter daraus zogen, seien begreiflich.— Die Frage der Mißhandlungen habe der Staatsanwalt doch zu burschikos behandelt. Demgegenüber sei darauf hinzuweisen, daß Berg- rat Baselt sagte, so viele und so schwere Mißhandlungen wie auf der Siadtgrube habe er auf keiner Grube kennen gelernt. Es sei dem Angeklagten nicht eingefallen, für solche Leute ein- zutreten, die in der Trunkenheit Exzesse verübten. Außer den voni Staatsanwalt herangezogenen Mißhandlungsfällen seien aber noch verschiedene andere Fälle vorgebracht worden, wo der Name des Mißbandelten nicht ermittelt iverden konnte und die dafür sprechen. daß Mißhandlungen durch den Inspektor Möller öfter vorzukommen pflegten.— Auch mit den groben Ausdrücken und Roheiten der Steiger habe es der Staatsanwalt zu leicht genommen. Einige Zeugen hätten in dieser Hinsicht der zutreffenden Meinung Ausdruck gegeben: Wenn mich ein Kamerad schimpft, dann gebe ich ihm eine Schelle, aber von dem Vorgesetzien muß ich mir solche Worte gefallen lassen.— Die Bor- gesetzten sollen auf einem höheren Niveau stehen und erzieherisch auf die Arbeiter einwirken. Das Verhallen der Beamte» der Stadtgrube zu den Arbeitern müsse entschieden verurteilt werden. Bei der Beurteilung der ganzen Sachlage dürfe man sich nicht auf den Standpunkt stellen, daß nur so und so viele Fälle von Mißhandlungen erwiesen seien. Der Angeklagte befinde sich in der ungünstigen Lage, daß er keine größere Zahl von Zeugen hierüber benennen konnte, weil es sich um eine ziemlich weit zurück- liegende Zeit handelt und weil auch ein Teil der hierzu vernommenen Zeugen, die jetzt noch auf der Stadtgrnbe, teils in Vertrauensposten, beschäftigt sind und deshalb nicht recht niit der Sprache herauswollten. Immerhin sei so viel erwiesen, daß man sagen könne, die Prügeleien und Roheiten ghörten zum System derStadtgrube. Der Verteidiger geht die vorliegenden Kranken st ati st iken durch und führt änS, daß die Gcsundheitsverhältnisse auf der Stadtgrube doch nicht so günstig seien als wie sie der Sachverständige darstellte. Wenn man die Frage der Mißstände behandelt, so dürfe man nicht sagen: ES ist ja noch nichts passiert, deshalb waren die Zustände nicht gefährlich.— Der Zweck der bergpolizei- ticheir Vorschriften sei der, daß Zustände herbeigeführt werden, die jede Gefahr allsschließen. Man soll den Brunnen nicht e r st dann zudecken, iv e n n jemand hineingefallen ist. Auch das große Unglück in Courieres sei ja darauf zurückzuführen, daß man den seit längerer Zeit vorhandenen Brand nicht für gefährlich hielt.— Gewiß würde man gewisse in der Natur des Bergbaues liegende Gefahren nicht ganz beseitigen können. Aber den Gefahren vorzubeugen, das sei die Pflicht des Betriebsnnternehmers, die auf der Sradtgrube nicht erfüllt worden sei. Der Verteidiger geht die einzelnen in der Ver- Handlung zur Sprache gebrachten Unfälle durch und zeigt unter Be- nifung auf die Angaben der Zeugen, daß in allen diesen Fallen Mängel in den Betriebseinrichtungen die Ursachen der Unglücksfälle waren. Die festgestellte ungenügende Beleuchtung der Grube sei ja auch von dem Sachverständigen als„Bummelei" bezeichnet worden. Die Maßregelungen sind als etwas besonders Bösartiges zu betrachten, denn sie sind geeignet, die Arbeiter in der Ausübung ihrer Rechte zu beschränken. Eine Verwaltung, welche Maß regelungen vornimmt, verdient die schärfste Verurteilung. Die vom Staatsanwalt vertretene Auffassung des Begriffs Mast regelung widerspricht der herrschenden Judikatur, die in Erprcssungs- Prozessen aus Aulatz gewerkschaftlicher Tätigkeit die Kündigung als ein Uebcl für den Arbeiter betrachtet. Nicht auf das formale Recht komme es an, sondern auf den Zweck, der mit der Kündigung erreicht werden soll. An Maßregelungen sei er- wiesen, daß cm Arbeiter wegen eines Artikels in der„Bergarbeiter- Zeitung" eine schlechtere Arbeit erhielt, daß der Vertrauens� mann des Bergarbeiter-Verbandes bei passender Gelegenheit ge� kündigt und auf die schwarze L i st e gesetzt wurde. Der Ver teidiger zieht noch andere Fälle dieser Art heran und stellt dann die Ursachen des Streiks dar.— Die Auffassung des Herrn Lehder, daß Gärtner die Arbeiter verhetzt und den Streik herbeigeführt habe, fei gründlich widerlegt worden. In den Akten sei ja Gärtner so gekennzeichnet Ivorden, daß man ihn für einen besonders bös- artigen Menschen halten müsse. Tatsache sei dagegen, daß Gärtner als Vertreter des Bergarbeiter- Verbandes erzieherisch auf die Arbeiter ein- getvirkthabe und zwar mit Erfolg, er habe sich be- müht, ein friedliches Verhältnis zwischen der Betriebs- leitung und den Arbeitern herzustellen. Eine Verein- barung in diesem Sinne sei auch zu stände gekommen und habe eine Zeitlang. auf der Stadt- grübe bestanden. Dann wurden aber die dem Arbeiter- a u s s ch u ß vorgetragenen Beschwerden unbeachtet gelassen und dadurch sei das Verhältnis gestört worden. Hierauf legt der Verteidiger im einzelnen dar, daß Gärtner nicht für, sondern gegen den Streik gewirkt habe. Gärtner sei nicht der Hetzer, als den ihn die Anklage hinstellt. Er habe hingewirkt auf die Abschaffung von Mißständen. Einer der größten Mißstände seien die schwarzen Listen, deren Vorhandensein Direktor Lehder bekundet habe. Wenn man frage, wer schuld sei an dem Streik, so müsse geantwortet werden: Die Werksleitung und in letzter Linie terr Möller, denn er habe durch die Entlassung des Arbeiters alweit dem Fasse den Boden ausgeschlagen und dadurch umnittelbar den Streik verschuldet. Nach Ausbruch des Streiks wandten sich die Arbeiter um Vermittelung an die Bergbehörde, aber d i e Gr üben Verwaltung lehnte jede Vermittelung ab. Die Summe der Verhandlung sei dahin zu fassen: Der An- geklagte habe wohl in einigen Punkten formell beleidigt, aber man möge nicht jedes Wort auf die Goldwage legen. Der Angeklagte habe aus idealen Interesse» gehandelt, er habe sich durch Bekämpfung der Schnapsseuche ein Verdienst er- warben, da? auch der Staatsanwalt anerkannt, aber bei seinem Strafantrage wieder vergessen habe. Manches von dem, was der Angeklagte behauptet, möge übertriebe» sein, vieles aber sei erwiesen worden. Die Absicht der Beleidigung habe der An- geklagte nicht gehabt, ebenso wenig Ivie diejenigen, welche im Laufe dieser Verhandlungen formelle Beleidigungen begingen. Von dem, was Gärtner durch die Anklage vorgeworfen werde, sei nur wenig übrig geblieben, und für dies» Fälle stehe dem Angeklagten der Schutz des ß 193 zur Seite. Es handle sich nur um einzelne Ent- gleisungen, die man beurteilen»nüsse unter dem Gesichtspunkte der erregten Zeit, in der die Aeußerungen fielen. Dieser Prozeß spiele in einer sehr ernsten Zeit. DaS große Unglück in Courriöres habe gezeigt, daß man den Bergarbeitern eine gewisse Bewegungsfreiheit gewähren müsse, denn sie haben ein sehr großes Interesse, Mißstände zu beseitigen, die eine beständige Gefahr für Lebe» und Gesundheit sind.— AuS allen diesen Gründen � so schließt der Verteidiger— bitte ich, Humanität walten zu laffeu und die Angeklagten milde zu verurteilen, wenn man sie überhaupt verurteilen will. Nach IVz stmidiger Beratung deS Gerichtshofes verkündet der Vorsitzende, Landgerichtsrat Buchholz das Urteil. Der Gerichtshof habe beschlossen, die Polizeiver- waltung von Senftenberg in Schutz zu nehmen gegen die Angriffe, welche hier gegen sie gerichtet worden sind. ES solle hier öffentlich konstatiert werden, daß Bürgermeister Ziem, Stadtsckretär Schütze, Polizeiwachimeister Amm und Polizeisergeant Tröder durchaus ihre Pflicht erfüllt haben, sie seien objektiv und korrekt aufgetreten. Besonders der Polizeiwachtmeifter Amm sei dem Gericht als pflichtlreuer Beamter bekannt, jeder Angriff gegen diesen Beamten sei vollständig verfehlt.— Dem Angeklagten Gärtner sei zur Last gelegt worden, daß er vierzehn Fälle von Beleidigung in zwei Versammlungen und in einem Flugblatt begangen habe.— Gärtner sei selber Berg- mann gewesen, er sei Verrrauensmann deS Bcrgarbeiterverbandes und hatte deshalb ein Recht, die Interessen der Bergarbeiter wahr- zunehmen, ihm sei daher der Schutz des§ 193 im weite st en Maße zugebilligt worden. Es frage sich mm. wie weit aus der Form und den Umständen die Absicht der Beleidigung hervorgehe. Gärtner sei zwar ein sehr intelligenter Arbeiter, aber doch kein hochgebildeter Mann. Deshalb könne man ihm einen VerstoßgegendieFormnichtanrechnen. Was nun die Umstände betrifft, so seien sie derart, daß Gärtner berechtigt war, die Verhältnisse der Stadtgrube zu kritisieren. Es sei hinsichtlich der Mißhandlungen erwiesen, daß die Gruben- beamlen in mehreren Fällen in der Notwehr gebandelt haben, andererseits seien aber auch Fälle erwiesen, wo das Verhalten der Beaniten gegen die Arbeiter ent« schieden gemißbilligt werden müsse. Was die Unfälle betrifft, so sei zu berücksichtigen, daß solche auf der Stadtgrnbe in den letzten fünf Jahren häufiger vorgekommen sind wie vordem, Gärtner habe also daraus folgern können, daß die Un« fälle durch besondere Mißstände ans der Stadtgrnbe veranlaßt seien. Es seien hier auch verschiedene Mißstände festgestellt ivorden, an denen die Grubenverwaltung die Schuld trage. Anderer- seits seien verschiedene behauptete Mißstälide n i ch t e r w i e s e n.— Die Löhne der Stadtgrnbe entsprächen den in der Senftenberger Gegend üblichen, jedoch sei festgestellt worden, daß hinsichtlich der U c b e r st n n d e n und gewisser Ungleichheiten in den Löhnen ein Teil der Arbeiter bevorzugt, ein anderer Teil benachteiligt worden sei. Das sei nicht zu billigen.— Hinsichtlich der Strafen, die Inspektor Möller verhängte, sei erwiesen, daß sie in einigen Fällen in Widerspruch mit den Bestimmungen der Arbeitsordnung stehen, jedoch habe Herr Möller geglaubt, diese Strafen wären milder als die Entlassung, zu der er berechtigt war.— Die Maßregelungen zu rügen, habe Gärtner ebenfalls ein Recht gehabt. Nicht zu billigen sei der Brief, durch den die Grubenverwaltung die Entlassimg ZeidlerS anderen Werken mitteilte, aber die Führung schwarzer Listen sei nicht erwiesen. Wenn auch nicht alle behaupteten Fälle von Maßregelung erwiesen seien, so habe doch Gärtner ein Recht gehabt. Kritik zu üben und zwar iu der Form, wie er cS getan hat.— Mit den gegen den B e r g r a t Netto gerichteten Beleidigungen habe Gärtner das Maß erlaubter Kritik weit überschritten. Es sei nicht erwiesen, daß Bergrat Netto seinen Grubenanzug vorausgeschickt habe, um seine Revision anzuzeigen. Durch diese Behauptung sei Bergrat Netto, der in der ganzen Gegend als ein entgegenkommender und pflichttreuer Beamter bekannt sei, schwer beleidigt. Ebenso durch die Bemerkung der Abhängigkeit vom Gcldsack. Der Gerichts- Hof nahm auch an, daß der Angeklagte von einer Bestechung des Bergrats gesprochen habe, aber der Vorwurf der Abhängigkeit vom Geldsack sei eine äußerst frivole Beleidigung. In diesem Falle sei aus der Form die Absicht der Beleidigung zu erkennen.— ferner halte der Gerichtshof eine Beleidigung der Polizei» eamten Amm und T r ö d c r für vorliegend sowie eine Beleidigung deS Betriebsinspektors Möller durch die Be- merkung, Möller schinde die Arbeiter, er sauge ihnen das Blut aus. Es bleiben somit für den Angeklagten Gärtner vier Fälle von Beleidigung bestehen, von denen zwei öffentlich begangen seien.— Dem Angeklagten Tätz falle ein Fall von Beleidigung der Polizei zur Last, begangen in einer Ver- samnilung durch die Aeußerung mit Bezug auf die Legitimation deS Arbeitswilligen: Die Polizei sollte sich ins Gesicht schäme», Pfui. An> schwersten wiegt die Beleidigung des BergratS Netto. Für dieselbe sei in den, einen Falle eine Gefängnis st rafe von vier Monaten, in dem anderen Falle eine solche von einem M o n a t als angemessen erachtet. Für die Beleidi- gung der Polizeibeamten seien zwei Monate, für die Beleidigung des Jnsvektors Möller zwei Wochen Ge- fäugnis festgesetzt worden. Diese Strafen seien zusaimnengezogen auf eine Gesamtstrafe von sechs Monaten Gefängnis. Wegen der übrigen de», Angeklagten Gärtner zur Last gelegten Beleidigungen erfolgt Freisprechung. Tätz wird wegen Beleidigung zu sechs Woche» Gefängnis ver- urteilt. Er ist außerdem wegen Betruges und Uutcrschlaguug zu einer Woche rechtskräftig verurteilt. Diese beiden Strafen werden auf sechs Wochen und drei Tage zusammen gezogen. Den Beleidigten steht die Publikationsbeftignis zu. Die Kosten tragen, soweit Verurteilung erfolgt ist, die Augeklagten, soweit auf Freisprechung erkaimt ist,� die Staatskasse. � Dies ungeheuerliche Strafmaß beseitigt die Tatsache nicht, daß in Wahrheit die furchtbaren Mißstände im Senftenberger Kohlen- revier zur Anklage und Verurteilung gestanden haben. Dem An» geklagten gebührt, auch wenn seine Verurteilung Rechtskraft er- laugen sollte, das hohe Verdienst, die fast unglaublichen, nuimiehr gerichtlich, teilweise durch das gefällte Urteil bestätigten Mißstände aufgedeckt und auf deren Abstellung im Interesse der Bergleute furchtlos hingelvirkt zu haben. Soziales. Einschränkung des Kinderschuhes. Eine Petition selbständiger Handwerker des Erzgebirges an den Reichstag fordert, den Handlverkern die Beschäftigung von Kindern in Haus- und HandarbeitS- betrieben entgegen der bestehenden Verordnung des Bundesrats noch bis zum 31. Dezember 1908 zu gestatten. Unsere Genossen bekämpften gestern in der Pctitionskommission diese Durchlöcherung des KinderschutzgesetzeS. Leider gelangte ein Antrag des Abgeord- netcn Froelich sWirtsch. Vg.), die Petition dem Reichslanzler als Material zu überweisen, zur Annahme, da die drei freisinnigen Kommissionsmitglieder und der Pole Korfanty bei der Ab- stimmung fehlten._ Rnhetahi für Hoteldiener. Der Verband deutscher Hoteldiener in Berlin petitioniert beim Reichstag um gesetzliche Festsetzung eines wöchentlich wiederkehrenden Ruhetages für die Angestellten im Gastwirtsgewerbe. Auf Antrag des Genossen Thiele beschloh gestern die Petitionskommission-, die Petition dem Reichskan-ler alz Material zu überweisen._ Rachwehen' des Leipziger AerztekonflikteS. Wegen Vergehens gegen daS Reichsgesetz über die privaten Versicherun gsunterneh- m u n g e n ist am 21. Juni v. I. vom Landgericht Leipzig der Geschäftsführer Eduard Alfred Di ehe. jetzt iu Plauen,»u t Kflet Geldstrafe von 75 M. verurteilt worden. Auf den 17. Juni 1904 hatte der Genosse Pollender aus Anlatz des Kon- fliktes der Ortskrankenkasse mit den Aerzten eine Versammlung einberufen, um einen Sanitätsverein zu gründen. In die Statuten beantragte er den Passus aufzunehmen, Nifc die Mitglieder keinen Anspruch auf ärztliche Behandlung haben, «mit die Behörden keine Kontrolle darüber hätten. Die Ver- sammlung nahm das Statut an und wählte Dietze, der die Ver- Handlung geleitet hatte, zum Vorsitzenden. Der Polizei und der Kreishauptmannschaft machte Dietze Anzeige von der Gründung des Vereins. Die letztgenannte Behörde forderte ihn auf, die Genehmigung der Aufsichtsbehörde für diesen Verein zur gegen- seitigen Unterstützung nachzusuchen. Der Angeklagte tat es nicht. eröffnete aber den Geschäftsbetrieb. Erst nachdem die Kreishaupt- Mannschaft deshalb Schritte tat, reichte der Angeklagte das Ge- nehmigungSgesuch ein. Nun wurde'in die Statuten eingefügt, daß die Mitglieder Anspruch auf ärztliche Behandlung haben, aber keinen Rechtsanspruch. Der Sanitätsverein gewährte demnach seinen Mitgliedern freie ärztliche Behandlung; daher bedurfte er nach Auffassung des Gerichts der Genehmigung der Aufsichts- behörde.— Das Reichsgericht erkannte aber am Dienstag auf Verwerfung der Revision. Beschäftigung von Frauen in Steinbrüchen. Die Bundesratsverordnung vom 29. März 1902 bestimmt, daß in Steinbrüchen bei der Steingewinnung oder der Rohaufarbeitung von Steinen, desgleichen beim Transport oder Verladen von Steinen Arbeiterinnen nicht beschäftiglt werden dürfen. Gegen diese Be- stimmung wendet sich eine aus Diera bei Meißen an den Reichstag gerichtete, von 80 Arbeiterinnen unterzeichnete Petition, welche gestern zur Verhandlung in der Petitionskommission gelangte. Die Petentinnen geben an, vor dem Inkrafttreten der BundesratSver- ordnung in dem Steinbrüchen mit„Kmrschlagschlagen", d. h. als Steinklopferinnen beschäftigt gewesen zu sein. Sie haben die zu Chausseeaufschüttungen und zu Aufschüttungen zwischen den Eisen- bahnge leisen verwendeten Steine hergerichtet und behaupten, bei dieser Arbeit sich ganz wohl gefühlt zu haben. Von einer Schädi- gftng ihrer Gesundheit durch die ihnen jetzt verbotene Arbeit könne keine Rede sein, man solle sie also zu dieser Arbeit wieder zulassen. Genosse Tntzauer als Berichterstatter trat der Forderung der Petition entgegen und beantragte, über diese zur Tagesord- nung überzugehen. Die Begründung der Petition habe in ihm das Empfinden wachgerufen, als sei die Petition von den Unter- nehmern veranlaßt worden, um sich wieder billige Arbeitskräfte zu verschaffen. Sicher wirke die Arbeit des Steineklopfens schädigend auf die Gesundheit der Frauen ein. Da der Bundesrat bei Erlaß solcher Verordnungen sehr vorsichtig vorgehe, müssen ihn zwingende Gründe zu der Verordnung veranlaßt haben. Der zur Beratung zugezogene Regierungskommissar Geheimer Ober-Regierungsrat Dr. Sprenger wies auf die große Sterblich- keitsziffer der in Steinbrüchen beschäftigten Arbeiter hin. Die große Staubentwickelung beim Steineklopfcn wirke unbedingt schädlich auf die Gesundheit der Arbeiterinnen. Der Erlaß des Bundesrats sei daher notwendig gewesen. Abg. Lehmann(natl.) trat den Ausführungen Tutzaucrs und des Regierungskommissars entgegen. Es handele sich nur um leicht« Arbeiten, die man den Frauen gestatten solle. Nachdem noch Genosse Thiele gegen die Forderung der Petition gesprochen, stimmte die Kommission dem Antrage Tutzauer zu. Verbot bleihaltiger Abziehbilder. Wie seinerzeit berichtet, hat ein Düsseldorfer Arzt, dessen Töchtcrchen nach dem Hantieren mit Abziehbildern erkrankte, das kaiserliche Gesundheitsamt veranlaßt, eine Untersuchung der Abziehbilder zu bewirken. Diese Unter-/ suchung ergab, daß zur Herstellung der Abziehbilder bleihaltige Farben verwendet werden, und daraufhin wurden die Regierungen der Bundesstaaten aufmerksam gemacht, daß solche Verwendung gegen den§ 4 deS Reichsgesetzes vom 5. Juli 1387 verstoße, wonach zur Herstellung von zum Verkauf bestimmten Spielwaren(ein- schließlich der Bilderbogen) bleihaltige Farben nicht verwendet werden dürfen, so weit es sich nicht um Bleioxhd in Firnis oder um chromsaureS Blei als Oel» oder Lackfarbe oder mit Lack- oder Firnisüberzug handelt. Dis bayerische Staatsregierung erließ hierauf eine Entschließung, in der die Verwendung bleihaltiger tarben untersagt wurde. Die Nürnberger Kunstanstalten, die solche bziehbildcr in Unmengen herstellen, liefen gegen diese Ent- schließung Sturm, weil sie meinen, sie müßten zugrunde gehen, wenn sie daS schädliche Blei nicht mehr verwenden dürfen. Die Regierung wurde um Rücknahme der Entschließung gebeten mit der Behauptung, daß das angezogene Gesetz nur auf die Herstellung solcher Spielwaren durch Steindruck zutreffe, bei denen arsenhaltige Farben verwendet würden. Die Abziehbilder würden schon seit 75 Jahren in der gleichen Weise-hergcstellt, aber noch nie hätten sich infolge ihrer Verwendung gesundheitliche Schädigungen ergeben. Es kämen nur solche Farben zur Verwendung, die mit Firnis ver» Kunden seien und die daher beim Trocknen glashart würden. DaS Ministerium lehnte es ab, seine Entschließung zurückzunehmen, da nach den zahlreichen vorgenommenen Untersuchungen zur Herstellung der Abziehbilder als weiße Deck- färbe Bleiweiß, das mit Druckfirnis angemacht sei, verwendet werde. auS diesem Grunde seien die Bilder gesundheitsschädlich und ihre Verwendung als verboten und strafbar anzusehen. Der Einwand, daß die Ausschließung von Bleifarben aus technischen Gründen nicht möglich sei und durch das Verbot der Bestand der ganzen Industrie in Frage gestellt werde, wird durch den Hinweis entkräftigt, daß sich unter den untersuchten Proben auch solche befunden hätten, die in tadelloser Weise mit-Zinkweiß gedeckt seien. Hua Induftnc und Handel. 15 Prozent Dividendr, 15—16 Stunden Arbeitszeit! Die am Dienstag stattgefundene Generalversammlung der Allgemeinen Berliner Omnibus-Aktien-Gesellschast setzte bei beträchtlichen Abschreibungen die sofort zahlbare Dividende auf 15 Prozent fest. In den beiden Vorjahren wurden 15 resp. 14 Proz. verteilt. Ein Aktionär konstatierte anerkennend, daß die Betriebskostenquote außerordentlich niedrig sei und man ge- nehmigte ohne Widerspruch eine— weitgehende soziale Maßnahme der Verwaltung. Wie großmütig l Die Verivaltung hat nämlich nach der Erklärung des Direktors Schmoll die tägliche Arbeitszeit um 4 Stunden herabgesetzt, so daß die Fahrer und Schaffner nur noch — 11—13 Stunden zu arbeiten haben! Eine 15— 16 stündige tägliche Normalarbeitszeit, das sollte man nicht für möglich halten. wenn nicht der Direktor es ausdrücklich bestätigte. Auf Kosten der Angestellten hat also die Gesellschaft die hohen Dividenden heraus- gewirtschastet. Vor dieser Tatsache erblaßt die„soziale" Tat vollständig. Daß eine 11— 12 stündige Arbeitszeit als eine gewaltige Erleichterung gegen den bisherigen Zustand betrachtet werden muß, gereicht der Gesellschaft nicht zum Lobe, sondem bildet die schärfste Anklage, die fich denken läßt._ Nicht auf der Nase herumtauzen lassen! Dank der Preistreiberei in Briketts, die den im Braunkohlen- bergbau angelegten Kapitalien eine hohe Verzinsung garantiert, hat ein wahres Wettrennen nach Braunkohlenfeldern begonnen. Da be- kanntlich Appetit beim Essen sich einstellt, bestürmten auch ewige Akttonäre der Gesellschaft„Einwacht" die Verwaltung, da» Augenmerk auf Bereicherung des FeldcrbesitzeS zu lenken. In der am Montag stattgeftmdensn Generalversammlung der Aktionäre zerstreute Direktor Werninghoff die Befürch- tungen der Aktieninhaber, daß der Divideudengoldstrom bald versiegen könnte, er bemerkte, das Werk habe noch auf 30—40 Jahre reichliches Vorkommen guter Qualitäten, trotzdem werde man Reservefelder unter günstigen Bedingungen erwerben. Nachdem er die Aktionäre über die Rentabilität der Anlage und über die Dividende der Zukunft beruhigt hatte, erinnerte der Herr Direktor sich auch der— Arbeiterl Mit Hinweis auf den ausgebrochenen Streik der Braunkohlengräber erklärte er, die Verwaltung sei entschlossen,„sich nicht auf der Nase herumtanzen zu lassen". Und die Dividende wurde auf 18 Proz. festgesetzt I Achtzehn Prozent Dividende, Durchschnittslöhne von 3,25 M., fortgesetzte Preis- steigerungen, das besagt, daß die Bergwerksbefltzer auf der Nase der Arbeiter und der Konsumenten herumtanzen. Die Bergarbeiter haben durch die Aufnahme des Kampfes bewiesen, daß sie es leid find, lediglich für die„Papierarbeiter' zu säen, diesen allein die reiche Ernte aus dem Segen des Bergbaues zu überlassen. Es ist aber auch notwendig, daß die Konsumenten fich nicht länger mehr ge- duldig aus der Nase herumtanzen lassen. Daß die Forderungen der Arbeiter nach höheren Löhnen, daß die Forderungen: Herab mit den Preisen I berechtigt find. daS belegen die folgenden Angaben. Es betrugen die Jahresdurchschnittslöhne: Steinkohlenbergbau 1904 1905 M. M. Ruhrrevier.... 120» 1186 Saargebiet.... 1097 1117 Bezirk Aachen... 1169 1225 Braunkohlenbergbau Bezirk Halle.... L34 959 Linksrheinischer Bezirk 946 932 Die Löhne stehen im Braunkohlenbergbau nicht nur erheblich niedriger, wie im Steinkohlenbergbau; im Bezirk Halle zahlt man besonders schlecht, wie die vorstehenden Ziffern ausweisen. Aus Ausgleich für die niedrigen Löhne sind die Braunkohlen arbeitet mit hohen Unfallziffern gesegnet. Ueber die herrlichen Ver hälwisse, über das„kollegiale" Verhältnis zwischen Arbeiter und Vorgesetzte im Braunkohlenbergbau gibt ja der zurzeit in KottbuS stattfindende Prozeß dankenswerten Aufschluß. Und die Unternehmer finden, daß alles aufs beste bestellt ist, denn ein stark weibender Dividendenstrom ergießt sich in ihre Taschen. Man betrachte folgende Tabelle. Es verteilten u. a. Dividende in den letzten sechs Jahren: Gesellschaft Golpa Jeßnitz...... Werscheu-Weißenfelser A.-G... Fortschritt Meuselwitz(Prior.-A.) (St.-A.). Caroline......... Phrelitzer A.-G.(Prior.-A.).. „(St.-A.)... Vereinsglück(Prior.-A.)... (St.-A.).... Einwacht........ Friedensgrube pr. A.a300M.:M. Das sind jedenfalls ganz respektable Gewinne; sie erklären die Vorliebe des Anlage suchenden Kapitals für Braunkohlenwerke, sie rechtfertigen aber keineswegs die fortgesetzten Preissteigerungen und die miserable Entlohnung und Behandlung der Arbeiter. imouenlieferant und Anleihcvermittler. Wie daS„Herold _ eau" berichtet, hat die Firma Krupp die serbische Regierung ver- udigt, daß sie im Falle der Annahme ihres Geschützmodells auch ie Finanzierung der Geschützanleihe zu übernehmen geneigt sei. Der Patriotismus der Kanonenfirma geht also noch über die Lieferung von Kriegsmaterialien an das Ausland hinaus. Die 'iirma sorgt auch dafür, daß das Ausland in Deutschland das Geld ekommt, mit welchem Krupp bezahlt wird. Ja— man muß eS nur verstehen und das Geschäft floriert l Krieg in der Kaliindnftrie. Die Generalversammlung des Kali shnditats lehnte gegen die Stimmen von Aschersleben die Aufnahme von Sollstedt in das Syndikat ab. Der Vorsitzende deS Kali syndikatS, Geheimrat SSHreiber, erklärte darauf, daß nunmehr die Vorbedingung erfüllt fei für den Eintritt des§ 17 des Kalisyndikats- Vertrages, das heißt, daß nunmehr der AuffichtSrat in der Lage sei, zu erklären, daß die Verhandlungen mit einem außenstehenden Werk endgültig gescheitert seien und damit eine Auflösung deS Syndikats auf Grund der Kündigung von'/» der Stiinmen erfolgen könne. Der AuffichtSrat beauftragte den Vorstand, mit Konwrrenzmaßregeln und Kmnpfpreisen gegen Sollstedt vorzugehen. Aluminium. Wie die Produktton von Aluminium in den Ver» einigten Staaten zugenommen hat, zeigt eine Stattstik von Bradstreets. Im Jahre 1883 wurden nur 83 Pfund erzeugt, im nächsten Jahre 150 Pfund und 283 Pfund iin Jahre 1885. Dann nahm die Produktion rapide zu. Im Jahre 1893 wurden 333 629 Pfund gewonnen und wieder zehn Jahre später waren eS 7 500 000 Pfund, und im letzten Jahre, 1905. stieg die Produktionsmenge auf 10000000 Pfund. Versammlungen. Die Dreherbranche des Metaltarbeiterverbandes hielt am Sonn» tag in den„Musikersälen" eine gut besuchte Versammlung ab. woselbst der Redattcur Genosse D ü w e l l über den zweifelhaften Wert von„Wohlfahrtseinrichtungen" sprach. An der Hand eines reich- haltigen Tatsachenmaterials und gestützt auf eigene praktische Kenntnis der Dinge lieferte der Redner den überzeuge! wen Nach- weis, daß sämtliche vom Unternehmertum geschaffenen Wohlfahrts- cinrichtungen, soviel sie auch in der bürgerlichen Presse oder von bürgerlichen„Sozialpolitikern" besungen werden, nur den einen Hauptzweck haben: die Arbeiterschaft von der Wahrung ihrer Klassen- interessen abzubringen und den Jndustrierittern abhängige und wllige Lohnsklaven zu sichern. Zum besten Beweis für die un- cmtastbare Richtigkeit seiner Ausführungen konnte fich der Redner überdies auf verschiedene Auslassungen der„Arbettgeber-Zeitung" berufen, die bekanntlich ausdrücklich empfohlen hat, Wohlfahrts- einrichwingen irgendwelcher Art nur da n n zu schaffen, wenn sie dem Unternehmer Vorteil bringen. Das Referat wurde mit all- fettigem Beifgll aufgenommen. In der ausgiebigen Diskussion stellten sich sämtliche Redner rückhaltos auf den Standpunkt des Re- ferenten und übten gleichzeitig ein« lebhafte Krittk an ähnlichen Einrichtungen verschiedener Berliner Grotzfirmen, wie der All- gemeinen Elektriztätsgesellschaft, Borsig, Siemens u. Halske und anderer. Es gelangte sodann folgende Resolution zur Annahme: „Die Bvanchenversammlung der Eisen-, Metall- und Rcvolverdreher spricht hiermt ihr offenes Mißtrauen gegen die vom Unternehmertum geschaffenen„Wohlfahrtseinrichtungen" aus und erklärt, überall dort, wo solche neu eingeführt werden sollen, energisch Front da- gegen zu machen." Zmn Schluß erörterte die Versammlung noch eine Reihe interner Branchenangelegenheiten. Die Möbelpolierer hielten am 26. März im Königstädttschen Kasino eine Branchenversammlung ab. Schreiber gab den Bc- richt von der Gaukonfercnz des Holzarbeiterverbandes in Frank- furt a. O., deren Verlauf er eingehend schilderte. Er bedauerte sehr, daß der Anwag abgelehnt wurde, der dahin zielte, den Möbel- Polierern eine Konferenz der deutschen Kollegen zu ermöglichen. Er stehe nach wie vor auf dem Standpunkt, daß solche Konferenz nicht nur zweckmäßig, sondern sogar notwendig wäre. Von Sonder. bündelei und dergleichen wäre gar nicht die Rede. Trotz der Ab- lehnung des Antrages brauche man sich aber jetzt nicht erregen. Man müsse Material sammeln, um den Hauptvorstand zu überzeugen, wie notwendig eine Konferenz der Möbelpolierer Deutschlands sei. — Es entspann sich eine Diskussion über Fragen der Taktik bei Lohnbewegungen und Aussperrungen, anknüpfend an die Aus- führungen von Leopold auf der Konferenz, die zum Teil bekämpft wurden. Die Maifeierfrage führte zu einer lebhaften De- batte, weil die Ortsvcrwaltung der Zahlstelle Berlin des Holz- arbetterverbandes für die einzelnen Branchen keine gesonderten Mai- feierversammlungen zuläßt, sondern alle Mitglieder nach der„Neuen Welt" einladet. Verschiedene Redner locrm der Meinung, daß die anerkannte Uebertrittsbedingung der Möbelpolierer, ihre eigenen Versammlungen nach wie vor abzuhalten, auch die Maifeierversamm- lung einbegreife. Ihnen wäre es lieber gewesen, wenn nach wie vor am ersten Mai die Möbelpolierer ihre eigene Versammlung ab- hielten. Es wurde schließlich ein Antrag angenommen, am Morgen des ersten Mai gemeinsam mit den Tischlern usw. nach der„Neuen Welt" zu gehen.— Darauf erledigte man noch einige andere Branchcnangelegenheiten. Die Asphalteurr und Pappdachbecker hchtcn sich am Sonntag im GewerffchaftShause versammelt, um über einen Lohntarif zu beraten. Gegenwärtig sind ihre Lohn- und Arbeitsverhältnisse, besonders bei einigen großen Firmen, recht elende. Es werden Stundenlöhne von 42i4 Pf., 40 Pf. bis hinunter zu 35 Pf. bezahlt. Die Firma Jeserich, eine Aktiengesellschaft, die im vorigen Jahre Riesenprofite eingeheimst hat, brachte es sogar fertig, im letzten Winter die Löhne ihrer Arbeiter um 2V2 Pf. herabzusetzen, was inzwischen bei einem Teile der Arbeiter wieder ausgeglichen worden ist. Daß es möglich ist, ohne den Profit der Unternehmer allzusehr zu schmälern, an- ständige Löhne einzuführen, beweist der Umstand, daß einige Firmen ihren Spachtlern 60 bis 70 Pf. Stundenlohn bezahlen und auch die übrigen Arbeiter dementsprechend entlohnen. Der Referent Klein- sch m i d t sprach sich für die Durchführung eines Lohntarifs aus, der diesen Verhältnissen gleichkommende Stundenlöhne enthielt. Auf Antrag des Verbandsvorsitzenden W e i g l i n wurde jedoch zunächst eine Kommission gewählt, die nach Prüfung der bestehenden Lohn- und Arbeitsverhältnisse einen Lohntarif ausarbeiten soll, über den dann eine neue Versamnilung beschließen wird. Die Angelegenheit soll so schnell wie irgend möglich erledigt werden. Besonders wird auch die Arbeitszeit einer Regelung bedürfen. Wie in der Versammlung erwähnt wurde, kommt es vor, daß 108, ja 115 Stunden in einer Woche gearbeitet wird, was den Unter- nehmern Veranlassung gibt, sich mit den Löhnen zu brüsten, die bei solcher Arbeitszeit verdient werden. Bei der anstrengenden, gesundheitsschädigenden Arbeit der Asphalteure ist diese Ueberzeitarbeit um so verwerflicher. Die Tapezierer versammelten sich am Donnerstag bei Wendt in der Beuthstraße. Zuerst wurde die Hauskassierung beraten und beschlossen, dieselbe vorläufig fortzusetzen und den Bericht der Kommission abzuwarten. Die Hauskassierung soll sich soweit sehr gut bewährt haben; die Gelder kommen besser ein, neue Mitglieder sind gewonnen worden und die alten Mitglieder werden der Or- ganisation erhalten. Es ist wahrscheinlich, daß man von dein teil- weisen Versuch zur allgemeinen praktischen Einführung der Haus- kassierung übergehen wird.— Zum Punkt Maifeier trat der Bor- sitzende Wels mit warmen Worten für die allgemeine Ar- beitsruhe am 1. Mai ein. Wenn auch nach dem Tarifver- trage es der freien Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und den Angestellten in jeder Werkstätte überlassen bleibt, ob am 1. Mai gefeiert wird, so sollte es doch jeder als Ehrensache ansehen, für die Arbeitsruhe einzutreten.— Der reiche Beifall, der den Aus- führungen des Redners gezollt wurde, bewies, daß die Versamm- lung vollständig mit demselben einverstanden war. In der Dis- kussion wurde noch zum Anschluß an die politische Organisation und zum Abonnement auf die Parteipresse ausgefordert. Der Arbeitersängerbunb hielt am Sonntag eine außerordent- liche Generalversammlung ab. Zur Vorftandswahl stellte„Liedes- fteihcit l" den Antrag, daß die 7 Vorstandsmitglieder aus sieben verschiedenen Vereinen ausgewählt werden müssen. Dieser Antrag wurde nach kurzer Debatte angenommen. Hierauf erfolgte die Wahl des Vorstandes. Gewählt sind: Julius Meyer(„Kreuz- berger Harmonie") 1. Vorsitzender, Hermann Bartel(„Berliner Männerchor 1905") 2. Vorsitzender, Wilhelm Wehlitz(„Nord- deutsche Schleife") I. Kassierer, Emil Karg(„Bleib Treu") 2. Kassierer, Max Siggelkow(„Typographia") 1. Schriftführer, Max Heidemüller(„Freier Männerchor Berlin") 2. Schriftführer. Als Beisitzer hat der jeweilige Obmann der Kontrollcure zu fungieren, zurzeit Karl P r z 1 b i l l a(„Freie Sänger") Weißensee. Da der alte Vorstand nicht in der Lage ist, Vorschläge zum Sängerfest machen zu können, wird auf Antrag der Delegierten die Besprechung des Sängerfestes bis zur nächsten Ausschußsitzung vertagt. Zum Provinzialsängersest sind 4 Anträge eingegangen und zwar von Rathenows Luckenwalde, Brandenburg und Zehdenick. Man beschloß, das diesjährige Provinzialsänger- fest am 15. Juli in Rathenow abzuhalten. Es wurde noch darauf aufmerksam gemacht, daß der Dampfschiffsreeder T i s m e r zu» gleich Eigentümer des Lokals„KyfMuser" an der Oberspree ist. Da dieses Lokal der Arbeiterschaft nicht zur Verfügung steht, so werden die Vereine darauf hingewiesen, dieses Lokal zu meiden. Schönthal führte noch an, daß Genosse Bernstein die Bearbeitung einer Berliner Parteigeschichte übernommen hat; der Bund ist auch in der Lage, hierzu beitragen zu können; Redner wünscht, daß der Vorstand sich alle Dokumente aus der Zeit des Sozialistengesetzes, als der Bund aufgelöst wurde, beschafft und dieselben dem Genossen Bernstein zur Verwendung übergibt. Auf eine Anfrage wird noch bekannt gegeben, daß die Ausgabe des neuen Liederbuches jedenfalls in der nächsten Ausschußsitzung erfolgt. Der Preis ist mit 30 Pf. berechnet,_ Singegangene Dmchrchrlftcn. „Hlatolre de 1» Dßinocratie et da Socialisme en Bolglqae"(Geschlchte der Demokratie und deS Sozialismus w Belgien) von LouiS Bertrand.(6. Lieserung.) Brüssel(Dechemie& Sie.). Babeuf, La Dootrine des Egaux, Extrait des oeavres com- pl&tes, publies par Albert Thomas.(Paris, E. Cornely et Oie.) Vertiand der Scimelder, Schneiderinnen und verwandten Berolsgenossen Deutsehlands. (Filiale Berlin.) Todes- Anzeige. Den Mitgliedern qeben wir hiermit bekannt, daß der Kollege kriedf. Gaßner am 2. April 1906 im Mter von 47 Jahren gestorben ist. Shre seinem Sludenken k Die Beerdigung findet am Donnerstag, den S. April, nach- mittags 5 Uhr, auf dem Friedhosc der Simeons-Kirchciigemeinde in Britz statt. 168/1_ Die Ortsverwallung. SozialdeiDohr&t. Merets für Schöneberg, 4a Bezirk. Am Montag oerslarb plötzlich ganz unerwartet unser lang- jahrigeS Mitglied, der Friseur Rudolf Hankel. Ehre seinem Andenken t Die Beerdigimg findet am Donnerstag, den 5. April, nachmittags 5 Uhr, von der Leichen- Halle des«chöneberger Fried- Holes, Maxslrafie, aus statt. Um zahlreich sucht Beteiligung er- 15/6 Dar Vorstand. Deutscher Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todea-Anzclce. Den Kollegen und Kolleginnen zur Nachricht, daß unser Mitglied, Frau Marxaretde Porr6e gestorben ist. Ehre ihre« Andenke«! Die Beerdigung findet am Donnerstag, den S. April, nach- mittags 6 Uhr, von der Leichen- Halle der Luther-Gemeinde in Lankwitz aus statt. Rege BeteUigung wird erwartet. 115/20 via Ortsverwaltuni. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und die reichen Kranz» spenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres gute» Vaters Albert Heyne sagen wir allen Beteiligten unseren herzlichen Dank. 1026b Frau Heyne km Kinde«. Für de» Inhalt der Inserate übernimmt die Redattio» dem VublUum gegenüber keinerlei Verantwortung. �Keater. Donnerstag, den ö. April. Anfang?>/, Uhr: Opernhaus. Fidelis. Zu Beginn- Ouvertüre„Leonore"(Nr. H. Schauspielhaus. Die Räuber. Ansang 7 Uhr. Neues Operntheater. Die Zauber- Wurzel. Deutsches. Der Gral von Cha- rolaiS. Sessing. RoSmerSholm. Berliner. Der Geigenmacher von Cremona. Der G'wifsenSwurm. Neues. Ein Sommernachtstraum. Westen. Der Troubadour. Ansang 3 Uhr: Schiller O.(Wallner-Theater.) Zwei glückliche Tage. Schiller IV.(Friedrich Wilhelm. städtisches Theater). Der Vogel im Käfig. Komische Oper. Don PaSquale. Kleines. Kinder der Sonne. Residenz. Der Prinzgemahl. Zentral. Die Fledermaus. Trianon. Loulou. Lustspirlhans. Die von Hochsattel. Carl Weift. Geschlossen. Uhalia. Bis srüh um Fünse. Bniseii. Die lustige» Weiber von Wwdsor. Metrovol. Aus inS Metropol. Walhalla. Einer von unsere Leufit Trnlsch.Amcrikanischeo. Er und Ich. Kasino. Di« Herren Söhne. Slpollo. Das bummelnde Berlin. Spezialitäten. Folies Gaprice. Der Schmock. Dalles u. Co. Wintergarten. Spezialitäten. Belle-Alliance. Spezialitäten. Rrtciishallen. Stelliner Singer. Passage. Spezialitäten. Urania. Tauvenslrafte 48/49. WcndS 8 Uhr: Aus dem Innern OswsrikaS. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57/32. verliner Idester. Ansang 7'/, Uhr. Der KeigtnmachtrvollSremollll. Der G'wisstnswllrm. freitag: vor Niittoabsdltror. onnabend: Kean. Neues Theater. Ansang 71/j Uhr. Li» Sornraernachtstrauw. treitag- Caesar und Cleopatra. ionnabend: Ein Sommernächte. träum. Sonntag- Caesar und Cleopatra. Kleines Theater. Ansang 8 Uhr. Kiidn der Sonnt. Freitag; Kinder der Sonne. (Station Zoologischer Garten) »ff» KantatraBe 19."MM Ansang VI, Uhr. Der Troubadour. Frellag: 22. Vorstellung im Frei- tags-Monnement Gastsp. D'Andrade- von tun». Sonnabend nachm. 3 Uhr kleine Preise: Cor Goldbauer.—. Abends VI, Uhr: Die»ier Grobiane, Komisehe Oper. Donnerstag, den 5. April 1906, abends 8 Uhr: Don Pasquale. Freitag: Hoffmanns Erzählungen. Sonnabend: Figaros Hochzeit Sonntag nachmittag 3 Uhr: Die Boheme. Abends 8 Uhr: Hoffmanns Erzählungen.__ Zentral-Theater. (Operette.) 8 Uhr: Fledermaus. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr; Die lostlp Weiber von Winäsor. Freitag: Aus eigenen Füßen. Sonnabend: DaS Käthchen von Heil- bronn. Sonntag nachm.: Die Räuber. Abends: Das Käthchen von Heil- bronn. Montag- Die Hattbenlerche. Lustspielhausa Allabendlich 8 Uhr: Die von Hochsattel. Carl Weiß-Theater Gr. grantsurterstr. 132. Senfe bis inkl. 7. April geschl onntag, 6. April, ab-nids 8 -Im ZcifgtmöJie 1 In V�bere�aiig ilB Thcrlock Holme», l„.. sation�.�-.auspiel- Gesang U.Ballett von k, Fox. Schiller« Schiller-Thealer 0.(Wallner-Theater). Donnerstag, abendS8Uhr: Zwei elUcbllche Taue. Schwank in 4 Akten von Franz v. Schönthan und Gustav Kadelburg. Freitag. abendS8Uhr: Helden. Sonnabend, abendS 8Uhr: Helden. Theater. Schiller-Theater N.(Friedr.-Wilh.TH.) Donnerstag. abendSSUHr: Der Toeel im Kliflg:. Schausp. w 5 Alten v. St. Grotzmann. Freitag, abends 8 Uhr: Der iHUtärstaat. Sonnabend, abends 8 Uhr: Oelber onsere Kraft,(2. Teil.) Freie Tolksbühne. Sonntag, den 8. 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April, abends S'/g Uhr, in Hermsdorf im Lokal von Dimke(Forsthaus) seine regelmäßige Mitgliederversammlung ab. Außer anderen wichtigen Punkten steht ein Vortrag des Genossen Stürmer und Stellungnahme zur Mai» feier auf der Tagesordnung. Zahlreiches Erscheinen erwünscht Der Vorstand. Die Genossen werden darauf aufmerksam gemacht, daß die Wahlvereinsversammlungen in den Sommermonaten jeden Sonnabend nach dem Ersten des Monats stattfinden. Kerttner I�acKricKten. Dt» Kultusminister und die„sozialdemokratischen Turnvereine". Herr Dr Studt, der Kultusminister für Preußen, soll auf seine alten Tage noch einmal umlernen. Diese wunderliche Zu- mutung wurde an ihn gerichtet in einer öffentlichen Turnerversammlung, die für Montag nach Buggcnhagens Saal cmberusen worden war. um den Herrn Minister darüber aufzuklären, daß es„sozialdemokratische Turnvereine" nicht gibt. Als„sozialdemokratische" Vereine hatte Herr Studt vor etlichen Wochen im Abgcordnetenhause wieder mal die Arbeiter- Turnvereine bezeichnet. Manche der Arbciter-Turner wollen das nicht auf sich sitzen lassen, weil sie wissen, daß Herr Studt, sobald er erst mal mit seiner Behauptung Glauben findet, kein Bedenken mehr zu tragen braucht, die Arbeitcr-Turn vereine abzuwürgen. Für Leute, die nicht Turner sind, sei bier hinzugefügt, daß man solchen Turiwcrcinen, die sich unter das Rubrum ..sozialdemokratische Vereine" bringen ließen, voraussichtlich die Schulturnhallcn auch für die Erwachsenen entziehen würde, daß man ihnen die Erteilung regelrechten Turnunterrichtes an Jugend- liche noch schulpflichtigen Alters, selbst wenn private Turnhallen dazu benutzt werden, gänzlich untersagen würde, daß man ihnen auch die Pflege des Frauenturnens zu erschweren suchen würde, und so weiter. Bei dieser Sachlage kann man es zur Not verstehen, daß die Arbeiter-Turncr dem abwürgungslüsternen Minister nicht die Zähne zeigen, sondern zu dem für Arbeitervereine ungewöhn- lichen Mittel greifen, dem allmächtigen Herrn aller Schulen und Schulhäuscr gut zuzureden. Ucbrigcns wollen wir hier bc- kennen, daß auch wir nicht selber Turner sind, und daß uns daher manches unverständlich bleibt. Die Versammlung war sehr stark besucht— ein Beweis, wie groß die Erregung ist, die in den Kreisen der Arbeiter-Turner durch die vielsagenden Worte des Ministers hervorgerufen worden ist. Geleitet wurde die Versammlung von Darmer, dem jetzigen Vor- sitzenden des Berliner Arbeitcr-Turnvereins„Fichte". Das Referat gab G e n tz, Krcisvertreter für Kreis Brandenburg des Arbeiter-Turncrbundcs. Gcntz begann mit einer geschichtlichen Darstellung der Drangsalicrungen, die den von dem Gebahrcn der„Deutschen Turncrschaft" angewiderten Arbcitcr-Turnern schon sehr bald nach der Gründung des Arbeiter-Turncrbundes bereitet worden sind. Zunächst sahen sie sich beschnüffelt durch allerlei dunkle Ehrenmänner, die wohl„Material" sammeln wollten. So- dann wurden die Arbeiter-Turnvercine zu Vereinen erklärt, die eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezwecken, sintemal und alldieweil sie dann und wann die Feste anderer Arbeitervereine, die eine solche Einwirkung bezwecken, durch turnerische Dar- bietungen zu verschönen und erfolgreicher zu gestalten sich bemüht hatten. So ging das weiter, und schließlich kam dann die Aus- Weisung der Schülerabteilungcn aus den Schulturnhallen, die den Berlinern noch in frischer Erinnerung ist. Durch die Entziehung der Schulturnhallen wenigstens für die Schülcrabtcilungen hoffte man, den Arbciter-Turnern den Nachwuchs nehmen zu können. An jene Turnhallcnspcrre war im Abgeordnetenhause Mitte März erinnert worden aus Anlaß einer Besprechung der in den Schulen getriebenen Agitation des Flottenvereins und der dort ein- gesammelten Flottenspende. Dabei hatte der Minister des Geistes sich einen heftigen Ausfall geleistet gegen die Berliner Gemeinde- Verwaltung, die den„sozialdemokratischen Turnvereinen" für ihre Schülerabteilungcn die Schulturnhallen überlassen sehen wolle. In der Versammlung vom Montag zeigte Gentz, daß des Ministers Ansicht, die Arbeiter-Turnvercine seien„politische" oder gar„sozial- demokratische", bisher von keinem Gericht unterstützt worden ist. Auch das Petroleumlicd eines Turnliederbuchcs, vor dem Herr Studt sich schüttelte, wie wenn er dabei an Brandstiftungen revolutionärer Turner-Petroleure dächte, ist nichts weiter als ein simples Kneiplied, das den Gerstensaft als Petroleum bezeichnet. Gentz schloß unter lebhaftem Beifall der Versammlung mit dem Wunsch und der Aufforderung, der Minister möge seine Irrtümer als solche erkennen und sie öffentlich eingestehen. Der Versammlung legte der Referent eine Erklärung vor. Sie bestreitet, daß es„sozialdemokratische Turnvereine" gibt und beruft sich hierfür auf Gerichtsurteile, z. B. auf ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts', daß der Verein„Fichte" nicht ein politischer sei.„Wir erwarten," so heißt es dann,„vom Herrn Minister, daß er für seine Ausführungen über die sozialdemokra- tischen Turnvereine stichhaltige Beweise erbringt oder aber diese Acußerung zurücknimmt. Wir erwarten ferner, daß, wenn der .Herr Minister von seinem Irrtum überzeugt ist, er seine Vcr- fügungen. das Kinderturnen betreffend, wieder zurücknimmt und den Knaben nach wie vor gestattet, in städtischen Turnhallen als Angehörige der Arbeiter-Turnvercine turnen zu können." Diese Erklärung ist nicht etwa ein Scherz. Ter Minister mag sie so auffassen, aber sie ist durchaus ernst gemeint. Sic wurde auch in der Diskussion ohne nennenswerte Bemängelung hingenommen und nachher einstimmig zum Beschluß erhoben. Von einigen Diskussionsrednern wurde übrigens festgestellt, daß mancher Arbeiter-Turnverein und auch der Verein„Fichte" nicht mal als „Verein von Sozialdemokraten" gelten kann. Es wurde beklagt, daß so viele Arbeiter-Turner gerade in Fragen der Politik sich noch ganz indifferent ver- halten. Man könne nur wünschen, daß jetzt die Acußerungen des Ministers aufklärend wirken möchten. Wird der Minister sich durch diese Protestresolutionen in seinen ?lbsichten und Plänen beirren lassen? Wir glauben es nicht. Dem Wunsche, daß sein Vorgehen aufklärend wirken möge, schließen wir unS an. Zwar dürste der Herr Minister dann erst recht nicht geneigt sein, den Arbeitcr-Turnern wieder seine Gnadensonnc scheinen zu lassen. Aber dafür würden die Arbeiter-Turnvercine sich in um so höherem Maße die Achtung der klaffen- bewußten Arbeiterschaft erwerben. Stadtverordneten- Ersatzwahl im 34. Wahlbezirk. Die am Mittivoch von uns veröffentlichte Uebcrsicht über die zum 34. Wahl- bezirk gehörenden Straßen und Häuser sowie über die vier Teile deS Bezirkes mit ihren Wahllokalen enthält einen Druckfehler. Zun, zweiten Teil mit dem Wahllokal Danzigerstr. 23 gehören die Häuser Danzigerstr. 2— 24 und 74—!Z7 stricht 71—97, wie in unserer Mittwochsnummer stand.) Zum ersten Teil mit dem Wahllokal Danzigerstr. 71 gehören die Häuser Danzigerstr. 25— 31 und 65—73(wie in unserer Mittwochsnummer richtig angegeben war). Am Tage der Wahl, dem 6. April(Freitag), möge jeder Wähler sich beizeiten mit einer Legitimation versehen, die er dem Wahlvorsteher vorweisen kann. Die bequemste Legitimation ist die vom Magistrat übersandte Wählerkarte. Ist eine solche nicht in die Hände des Wählers gelangt, so können wich Steuerqnittung, MietS» des Jomiirts" kontrakt oder ähnliche Papiere als Legitimation verwendet werden. Besonders denjenigen Wählern, die inzwischen aus dem 34. Be- zirk weggezogen sind, aber dort noch mitwählen dürfen, ist dringend zu raten, daß sie eine Legitimation mitbringen. Die amtliche Wählerkarte dürste den allermeisten dieser Wähler nicht zu- gegangen sein. Die Tagesordnung der heutigen Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung enthält folgende wichtige Punkte: Fortsetzung der Be- ratung über die Vorlage betreffend die stellcnleitendcu Äerzte der einzelnen Abteilungen des Rudolf Virchow-KraukenhauseS,— die Abtretung von Slraßenland zur Regulierung der Liebigstraße in Rummelsburg,— den Erwerb von Straßenland in dem Gebiete zwischen Müllerstrahe und Jungfernheide,— den Erlverb einer Fläche des Grundstücks Blücherstraße 65 zur Anlegung der projek- tiertcn neuen Verbindungsstraße zwischen der Blücher- und Johanniter- straße,— den Erwerb von Grundstücken in Schönau, Schmetzdorf, Ladeburg und Schönerlinde zu Zwecken der Nieselwirtschaft,— den speziellen Entwurf zuin Umbau des Schulhauses in ein Siechenhaus und des Hauses 2 in ein Schnlhaus bei dem Waisenhause in Rummelsburg,— Antrag von Mitgliedern der Versammlung betreffend die Herbei- sührung von Besichtigungen städtischer Anstalten, Bauten und Betriebe durch die Mitglieder der Versammlung,— den Erlverb der zur Ver- breiternug der Wallstraße zwischen der Neuen Grünstraße und der Jnselstraße erforderlichen Flächen,— die Genehmigung des neu auf- gestellten Projektes für das Radialsystem XI,— den Bau einer Fußgängerbrücke oberhalb der im Zuge der Eisenbahnstraße über die Spree führenden Brücke,— Berichterstattung über die Vorlage betreffend die Festsetzung einer neuen Baufluchtlinie für die Grundstücke Juden- straße 28 bis 33,— die Herrichtmig der für das Verkehrs- und Baumuseum herzugebenden Gegenstände,— den Einpfang des fünften internationalen Kongrcsies für Versicherungswissenschaft und des vierten internationalen Kongresses für VersicheruugSmedizin,— den Verkauf des Grundstücks MarkuSstratze 39,— den Austausch einer städtischen Fläche des PläntcrwaldeS gegen das zur Verlängerung der Eisenbahnstraße erforderliche Straßcubahnland.— den Ankauf des zur Anlegung eines Hafens im Nordwesten Berlins erforder- lichen Geländes der Neuchatel Asphalte Company. Osterzügr vom Anhalter und Görlitzer Bahnhof. Osterzüge gehen vom Anhaltey Bahnhof folgende: am Mittwoch, den 11. April 620 abends nach Weißenfels; am Donnerstag, den 12.. 5� nachm. nach Bitterfeld, 5� nach Röderan, 8" nach Dresden. 945 nach Weißenfels und Frankfurt a. M.; am Freitag, den 13.. 7 50 nach Elstcrwerda- DreSdcn; am Ostersonnabend 342 nachm. nach Leipzig, 4�„ach Bitterfeld-Leipzig. 505 nach Halle, 5 20 nach Röderau, 62ä nachm. nach Dobrilugk, 6" nach Röderau, 6M nach Falkenberg, 750 nach Bitterfeld; am Ostersonntng, den 15., 750 nach Elsterwcrda-Drcsden, 905 nach Wittenberg; am Dienstag, den 17., 4� nachm. nach Vitterfeld- Leipzig, 330 nach Röderau, 7™ abeuds nach Leipzig, 5� nach Halle, 637 nach Röderau, II55 nach Bitterfeld. Vom Görlitzer Bahnhof gehen Osterzüge nach KottbuS an folgenden Tagen: am Grün- donnerstag 6J5 abends, am Sonnabend vor Ostern 332 nachm., am Osterfest T®2 morgens, am Mittwoch nach Ostern ö" abends. Statistik des Elends. Im Berliner Asylverein für Obdachlose nächtigten im Monat März im Männerasyl 21 363 Personen, wovon 9279 badeten, im Frauenasyl 4762 Personen, wovon 1230 badeten. Tie Wahrnehmung vaik gerichtlichen Terminen gehört sicherlich nicht zu der angenehmsten Beschäftigung eines deutschen Staats- bürgers. Mit dem Gericht hat niemand gern zu tun; weder der, der angeklagt ist, noch diejenigen, die als Zeugen zu erscheinen haben. Die Wahrnehmung dieser Termine wirv aber noch dadurch verbittert, daß Angeklagte wie Zeugen oft stundenlang warten müssen, che sie vernommen werden. Dieses lange Warten auf den vielfach recht zugigen Korridoren der Gerichtsgebäude ist deshalb auch so oft Gegenstand lebhafter Klagen geworden. Jetzt hat der Justizministcr Dr. Beselcr eine allgemeine Verfügung erlassen, in der es beißt: „In neuerer Zeit mehren sich wiederum die Klagen darüber, daß vor Gericht geladene Personen auf die Erledigung der Ter- minc übermäßig lange zu warten genötigt sind. Da regelmäßig auf einen Tag eine größere Anzahl von Terminen anberaumt werden muß und die Dauer der einzelnen nicht immer mit Sicherheit im voraus zu übersehen ist. läßt sich ein genaues Innehalten der Tcrminszeit nicht in allen Fällen erreichen. Es ist aber eine selbstverständliche Pflicht aller Justizbehörden, bei der Anberaumung und Abhaltung der gerichtlichen Termine auf die Interessen der geladenen Personen die gebührende Rücksicht zu nehmen und in umsichtiger Weise darauf bedacht zu sein, daß die mit dem Erscheinen vor Gericht stets verbundenen Störungen. Zeitverluste und Belästigungen nach Möglichkeit eingeschränkt werden. In den Mgemeinen Verfügungen vom 14. Oktober 1884 und vom 5. April 1898 ist auf eine Reihe von Gesichtspunkten hingewiesen, deren Beachtung geeignet ist, eine sachgemäße An- bcraummig und Erledigung der Termine zu erleichtern. Indem ich diese Verfügungen wiederholt in Erinnerung bringe, gebe ich der bestimmten Erwartung Ausdruck, daß es dein Verständnis- vollen Zusammenwirken aller Organe der Rechtspflege gelingen wird, im allgemeinen Interesse die hervorgetretenen Un- zuträglichkeiten auf das nach Lage der Sache unvermeidliche Maß zurückzuführen." Hoffentlich trägt diese Verfügung dazu bei, die Klagen über zu langes Warten verstummen zu lassen. Mit dem Bau der neuen städtischen Volköbadcanstalt, der größten Berlins, ist jetzt auf dem Gelände der ehemaligen Baumschule zwischen der Gericht- und Ravensstraße an der Pauke begonnen worden. Die Anstalt wird zwei mächtige Schwimmbassins für Frauen und Männer erhalten. Die Baukosten sind, wie schon er- wähnt, auf 1 571 800 M. veranschlagt worden. Für die Niederlegung deS SchcnncnvicrtclS ist, soweit das Terrain für die östlich geplante Diagonalstraßc in Frage kommt, der 1. Oktober d. I. festgesetzt. Innerhalb dieser Frist gibt eS für die einzelnen Häuser keinen bestimmten Termin, bis zu dem sie nieder- gelegt sein sollen. DaS Hinwegräumen richtet sich vielmehr völlig nach dem Zeitpunkt, an dem die letzten Mieter sie verlassen haben, denn Abstandsgelder sollen nicht gezahlt werden. Mit dem 1. April k. I. wird damit begonnen werden, das Terrain für die westliche Diagonalstraße freizulegen. Wenn diese Arbeit für die ostwärts projektierte Straße bereits zum Herbst d. I. beendet sein soll, so hängt dies mit dem Bau des XI. Radialsystems zusammen, für das NotauSlässe dort hindurchfühlen sollen. Wenn Diplomaten Konkurs machen. Der frühere braun- schweigische Gesandte in Berlin Freiherr v. Cramm-Burgdorf hat bekanntlich Konkurs anmelden müssen. Jetzt wird berichtet, daß der Konkursverwalter in Berlin an eine Anzahl Gläubiger folgendes Zirkular gerichtet habe:»In Sachen v. Cramm Konkurs teile ich Ihnen ergebenst mit. daß ich Ihre Forderung im Prüfungstermine vom 26. d. M. deshalb habe bestreiten müssen, weil ein Gutachten des Medizinalrats Dr. Leppmann, eines Spezialisten für Geistes« krankheiten, in der Entmündigungssache v. Cramm vorgelegt worden ist, wonach letzterer in dem Verdacht steht. mindestens drei Jahre geisteskrank zu sein. Wenn das Entmündigungsverfahren dieses bestätigt, so würden Sie nur einen Anspruch aus der Bereicherung«heben können, und stelle ich somit anHeim, das Resultat abzuwarten, zumal zurzeit Dividende nicht in Aussicht steht." ES ist ganz sonderbar, wenn Leute anS den besitzenden Klassen sich ettvas zuschulden kommen lassen, Ivie schnell der Verdacht der Geisteskrankheit auftaucht. Das ist immer das einfachste und sicherste Mittel, dem Strafrichter zu entgehen. Hier soll sogar die Geistes- Alttlnerstag, 3. April IM. krankheit mindestens drei Jahre zurückliegen. Die Glänbiger mögen sich gratulieren! Eine traurige Austläruug hat jetzt da» rätselhafte Verschwinden des Milchhändlers Wieweh gefunden. W. betrieb in der Tilsiter- straße 50 ein gutgehendes Milchgeschäft und wohnte dort auch mit seiner Familie. Anfang Dezember vorigen JahreS entfernte er sich von seinen Angehörigen und vergeblich wartete man aus seine Rück- kehr. Die polizeilichen Nachforschungen nach dem Verschwundenen blieben erfolglos. Die Familie deS Vermißten setzte schließlich eine hohe Geldbelohnung für die Auffindung des W. aus. Gestern nach- mittag ist nun seine Leiche aus dem Tegeler See gelandet worden. Die Brüder Pieper entdeckten den Toten auf dem Wasser treibend zwischen der Insel Hassellverder und der Badeanstalt und zogen ihn ans Land. Ob W. freiwillig aus dem Leben geschieden oder ob er einem Unglücksfall zun: Opfer gefallen, ist noch nicht festgestellt. In den Taschen deS Toten fand man noch 88 M. bares Geld. Einen humoristischen Beigeschmack hat ein Vorfall, der gegen« wältig in den Ortschaften zwischen Berlin und Strausberg viel besprochen wird. Vor einigen Tagen unternahmen drei StrauSberger Bürgerinnen einen AuSflug nach einem benachbartrn Restaurant. Auf der Chaussee wurden sie von einem vorübcrfahrenden Auto« mobilisten über den Weg nach Berkin befragt. Sie gaben auch die gewünschte Auskunft und da das Auto an dem betreffenden Nestau- rant vorüberfahren mußte, baten die Frauen den Führer, sie doch bis dorthin mitzunehmen. Der letztere kam dem Wunsche gern nach. und stolz stiegen sie in das elegante Gefährt ein. In rasendem Tempo ging nun die Fahrt dahin. Als da» Ziel erreicht war, wollten die drei aussteigeli, doch vergeblich warteten sie aus ein Halten des Autos. Jni Gegenteil ivurde die Schnelligkeit, welche der Kraftwagen ent- wickelte, von Minute zu Minute erhöht und bald war das erste Dorf passiert. Die Insassen klopften an die Scheiben, schrien usw.. doch umsonst. Ein Dorf wurde nach dem anderen passiert und bald gc- wahrte man die ersten Häuserreihen Berlins. Hier am Alexander- platz endlich hielt das Auto an und kaum waren die Frauen aus- gestiegen, so fuhr es wieder davon und war bald den Blicken der Drei entschwunden. Es blieb nun den„Autoinsassiimen" nichts weiter übrig als mit der Bahn wieder heimzukehren. Bon ein« Brücke abgestürzt. Ein schwerer Unglücksfall hat sich gestern nachmittag an der Stadlbahnüberführung in der Grolman- straße zugetragen. Dort werden gegenwärtig durch die KönigShütter Eisenwerke Reparaturarbeiten vorgenommen. Der 22 jährige Monteur Josef Böhnisch, aus der Wallstraße, stürzte gestern nachmittag, während er oben an der Brücke beschäftigt war. in die Tiefe hinab und blieb besinnungslos liegen. Er wurde nach der Unfallstation am Zoologischen Garten gebracht, wo man eine schwere Gehirn- erschütterung feststellte. In bedenklichem Zustande kam der Ver- unglückte nach dem Krankenhaus in Westend. Weil kein Krankenwagen da war. Mit dem Krankentransportwesen scheint es in Berlin noch sehr im argen zu liegen. Am Sonntag erlitt, wie wir bereits mit- teilten, der Hausdiener Hering bei einer Terpcntinexplosion im Hause Elsasserstraßc 97 schwere Brandwunden, an denen er im Lazarus-Krankenhause in der gestrigen Nacht verstorben ist. Die Samariter der Feuerwehr legten dem entsetzlich Verstümmelten einen Notverband an und der Brandinspcktor verfügte die Herbei- rufung eines Krankenwagens. Obwohl ein Haus von der Unfall- stelle entfernt sich ein Krankentransport-Jnstitut befindet, in welchem stets Krankenwagen bereit stehen, lief ein Schutzmann erst nach der Polizeiwache in der Linienstraße, von wo aus der Trans- portwagen der Rettungsstation in der Zicgelstratze telephonisch bestellt wurde. So verging natürlich geraume Zeit, bis der Krankenwagen erschien, und aus diesem Grunde ließ der Brand- inspektor den entsetzlich leidenden H. auf dem für Krankentransporte wenig geeigneten Mannschaftswagen der Feuerwehr nach dem Lazarus-Krankeckhause schassen. Das verspätete Eintreffen des Krankenwagens hatte bei dem bor der Unfallstelle versammelten Publikum erklärliches Aufsehen hervorgerufen. Dieser Vorgang zeigt wieder, wie notwendig es ist, daß die Stadt Berlin das gesamte Rcttungswcscn einschließlich des Krankentransportwescns selbst in die Hand nimmt. Der heute be- stehende Zustand, daß teils die Rettungsgcsellschaft, teils private Krankentransportinstitute diesen Zweig des Rettungswesens in der Hand haben, führt zu so viel Unzuträglichkcitcn, daß es äußerst wünschenswert erscheint, daß die Stadt das Krankentransportwescn in eigene Regie übernimmt und planmäßig ausübt. Lebhafter Unwille des Publikums gegen die polizeiliche Bureau- kralie machte sich gestern nachmittag gegen'/s? Uhr gelegentlich eines Unglücksfalles in der Gegend der Potsdamer Brücke geltend. Dort war ein Straßenbahnwagen mit einem Geschäftswagen, der Kartons enthielt, zusammengestoßen. Der Kutscher des KartonwagenS flog vom Wagen herunter und wurde überfahren. Schwerverletzt wurde der Mann an die Seite geschafft und von einem Schutzmann zunächst die Feststellung der an dem Vorfalle Beteiligten vorgenommen. Weil aber während dieser Zeit der Verunglückte sich selbst überlassen war, wurden aus dem Publikum lebhafte Rufe des Unwillens laut, weil es der Meinung war, daß die Sorge der Polizei doch zunächst dem Verletzten zu gelten habe. Schließlich wurde derselbe in einem Plan» wagen nach einem Krankenhause gebracht. Ein schwerer Unglücksfall«eignete sich vorgestern Nacht gegen >/zl2 Uhr am Blücherplatz bor dem Halleschen Tore. Wied« einmal versuchte ein in den mittleren Jahren stehender Mann, einen sich in schneller Fahrt befindlichen Straßenbahnwagen zu verlassen. Sein Vorhaben gelang auch, im selben Augenblick jedoch sauste eine voll- besetzte Automobildroschle daher und ritz ihn zu Boden, sodatz die Räder des AntoS über seinen Körper hinwegglitten. Der Aermste blieb regungslos liegen, bis Passanten ihn zur nahen Rettungs- ftation am Tempelhofer Ufer brachten, wo ihm dann die erste ärzt- liche Hülfe zu teil wurde. Inwieweit dem Verunglückten bezw. dem Droschkenführer die Schuld an dem Unfall beizumessen, dürste noch festzustellen sein. Straßensperrung. Die Neue Wilheln, straße zwischen der Doro- theenstraße und der Straße Unter den Linden wird behufs Ab- brucheS der Häuser 8K, 10 und 11 und Ausbaues von Läden im Hause 8 s. vom 4. d. Mtl. ob bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Wintergarten. Die Direktion deS Wintergartens sucht durch bunte Zusammensetzung des Spezialitätenprogramnis den vielseitigen Ansprüchen des internationalen Publikums, das in diesem Vacists sich einfindet, möglichst gerecht zu iverden. Man muß schon umfang- reiche Sprachkenntnisse mitbringen, um den Inhalt der gebotenen Vorträge zu erfassen. Die zum notwendigen Requisit eines VariätS- Theaters gewordenen französischen Soubretten lind Tänzerinnen scheinen bereits wieder aus der Mode zu kommen, denn diesmal mußte eine englische Sä ir gerin Margnerite Broad- f o o t e diese Lücke ausfüllen: trotzdem ist aber die Pariser Wirbel- tänzerin Alexia noch beibehalten worden. Erstaunen erregte ein Fräulein S a n d w i n a durch ihre athletischen Tricks als Handstand- künstlerin, die sie mit ihrem Partner dem Publikum vorführte, während die Balljongleure Robertus und Vilfredo ihre Geschicklichkeit auf dem Gebiete der Jonglenrkunst zeigten. D e D i o entzückt durch reizende farbenprächtige Tänze. Die John Tillersche Ballett- gesellschaft brachte diesmal eine Ballettszene„König Dollar" zur Aufführung, die locniger durch Inhalt als durch die prächtigen Kostünie die Schaulust des Publikums befriedigte. Ueberhaupt ist bei dem ganzen Programm das Hauptgewicht auf eine glänzende Ausstattung und farbiae Lichteffekts gelegt. Dl« Leitung des Passage-TheaterZ hat für ihr neues Speziali- tatenprogramm eine Reihe hervorragender Kräfte engagiert Interessante gymnastische und akrobatische Leistungen wechseln in bunter Reihenfolge mit oen die Lachlust reizenden GesangS- und Tanz- Produktionen sogenannter GroteSk-Komiker und den nicht mehr zlvei-, sondern vielfach schon reckt eindeutigen Vorträgen fescher Soubretten ab. Vornehmlich daS Sonbrettengenr» ist gut vertreten. Marko Rfreya ist eine Soubrette, die tatsächlich eine ganz ungeivöhnliche Charakterisierungsgabe besitzt. Neben ihr kommen als Akrobaten Georgi und Albaca und das Teddy-Trio in Betracht, das einige ganze neue, bisher von uns noch in keinem Zirkus oder Gpeziali- tätentheater gesehene Tricks bietet. Auch die japanischen Jongleure. die aufs neue für einen Monat engagiert sind, leisten Hervor- ragendes. Feuenvehrbericht. In der letzten Nacht hatte die ffeuerlvehr in der Kaiserstr. 36a zu tun, wo das Zwischengebälk des HauieS brannte. Zweimal wurde die Wehr nach der Anklamerstratze gerufen. Nr. 11 brannten Lumpen usw. in einem Keller und Nr. 51 Betten, Möbel usw. Kurz hintereinander liefen ffeuermcldungen aus der Elbingerstr. 8, Linkstr. 12. Wienerstr. 25, Elsasserstr. 8, Schliemannstr. 42 und einigen anderen Stellen ein. Dort brannten Betten, Kleider. Putz- waren im Schaufenster, Gardinen, Möbel ustv. Gestern früh um 6 Uhr kam in der Artilleriestr. 12 in einem Keller Feuer aus. In der Möckernstr. 71 wurde» Betten ein Raub der Flammen. Auber- dem hatte die Feuerwehr noch in der Plautagenstr. 43, am Tempel- hofer Ufer 17 und anderen Orten zu tun. Arbeiter-Iamariter-Kolonue. Heute abend finden die letzten Lehrstunden des WinterlursnS statt. 8. Abteilung: Schöneberg bei Obst. Meiningerstr. 8. 4. Abteilung: Lichtenberg bei Pickenhagen. Sckarnweberstr. 69. Vortragsthema: lieber Krankenpflege. Gäste sind willkommen. Wiederbeginn des Kursus am 10. bezw. 17. Mai. Vorort-l�aclmckteu. Freireligiöse auf dem Standesamt in Lichtenberg. Den Frommen haben die Standesbeamten lange als die natür- lichen Gegner der Kirche gegolten. Der Standesbeamte, so sagte sich manch' gläubiges Gemüt, macht die Pastoren überflüssig— mithin bildet schon seine bloße Existenz eine schwere Gefahr sür die Kirche. So schien es; aber die Standesbeamten haben feurige Kohlen auf ihrer Verleumder Häuptern gesammelt. Ein Standesbeamter, der sich seiner„höheren Pflicht" bewustt ist, wird jede sich bietende Gelegenheit wahrnehmen, sein Publikum in mehr oder minder zarter Form darauf hinzuweisen, daß die Pastoren noch immer nicht abgeschafft sind. Im übrigen lehrt die Erfahrung, daß der Durchschnitts-Standesbeamte nur eine sehr dunkle Vorstellung von der antikirchlichen Bewegung unserer Tage, von ihrem Wesen und ihrem Umfang hat und nicht im entferntesten daran denkt, ihr gar noch Vorschub zu leisten. Daß es Menschen gibt, die es mit keiner der behördlich abgestempelten Religionen halten, das will manchem der Standesbeamten noch heute nicht recht in den Sinn. Wer diesen im Aktenstaub ergrauten Männern sagt, er sei aus der Landes- kirche ausgetreten, wolle als Dissident gelten, zähle sich zu den Freireligiösen, der riskiert, daß ihm mit ungläubigem Lächeln begegnet wird und in rasch rege werdendem Mißtrauen die dokumen» tarischen Beweise verlangt werden.* Dissidenten. Freireligiöse, Konfessionslose, die auf Standes« ämtern zu tun gehabt haben, wisse» hiervon allerlei zu erzählen. Ein Abenteuer dieser Art ist kürzlich auf dem Standesamt in Lichtenberg der Frau eines dort wohnenden Parteigenossen Sch. passiert. Frau Sch. meldete die Geburt ihres Kindes« an— eine Pflicht, die sie am achten Tage nach ihrer Entbindung selber erfüllen mußte, weil der Ehemann am Sonntag mit seiner Meldung abgewiesen worden war und in der Woche durch seine Berufs- tätigkeit verhindert wurde. Frau Sch. legitimierte sich durch die EheschließungSurtunde. Als der die Meldung entgegennehmende Beamte auf Grund der Angaben dieser Urkunde, die den Ehemann als evangelisch bezeichnete, auch das Kind für die evangelische Kirche reklamieren wollte, antwortete Frau Sch.:„Nein, freireligiös I" „DaS verstehe ich nicht!" erwiderte der Beamte. Da er bei einer höheren Instanz wohl ein besseres Verständnis voraussetzte, so begab er sich in ein Nebenzimmer, um dort den Rat eines Vor» gesetzten einzuholen. Nach einiger Zeit kehrte er zurück und nötigte Frau Sch. in daS Zimmer dieser höheren Instanz. Hier begann nun ein neues Verhör.„Ihr Mann heißt Paul? Evangelisch?" „Wir sind aus der Landeskirche ausgetreten und sind jetzt frei. religiös."„Wo sind Sie her?"„Aus Schwarzburg-Rudolstadt." „Haben Sie da keine Kirchen?"„Ja! Aber wir sind ausgetreten." Da tadelte der Beamte die Frau:„DaS verstehe ich nicht! Sie müssen doch eine Religion haben." Die Frau erwiderte:„Genügt Ihnen denn das nicht, wenn ich sage: frei- religiös?" Aber hier fuhr der Beamte auf und verwies die frei- wütige Thüringerin mit rauhen Worten zur Ruhe. Frau Sch. versickert, sie habe verstanden:„Bleiben Sie mit Ihrer Frechheit. wo Sie sind!" Doch das wird der Beamte gewiß als ein Miß- Verständnis zurückweisen. Er fragte schließlich, wann denn das Ehepaar aus der Kirche ausgeschieden sei. Als er hörte, das sei erst vor kurzem geschehen, erklärte cr:„Wenn Sie nicht innerhalb drei Wochen die Bescheinigung bringen und nicht bis dahin das Kind angemeldet haben, werden Sie bestraft." Damit entließ er die Frau. Der Ehemann hat sich entschlossen, zunächst mal durch eine Beschwerde festzustellen, ob das Vorgehen dieses Beamten von der ihm vorgesetzten Behörde als korrekt angesehen wird. Er will warten, bis er Antwort kriegt. Bis dahin wird er sich keine grauen Haare darum wachsen lassen, ob das Kind standesamtlich gebucht ist oder nicht— mögen auch Monate bis zum Eintreffen der Antwort vergehen. Die Behörde wird sich hoffentlich nicht damit beynügcn. Auskunft darüber zu geben, ob in dem vorliegenden Fall cme Be- schcinigung über den Austritt aus der Landeskirche nötig war. ES ist dringend zu wünschen, daß sie zugleich den Beamten anweist, künftig sich um die Kirchlichkeit, oder Unkirch. lichkeit seines Publikums nicht zu kümmern. DaS sind Dinge, die ihn nichts angehen, und dem Publikum kann eS sehr gleichgültig sein, ob er sie„versteht" oder nicht. Solche Er- Mahnungen an Freireligiöse, Dissidenten und andere Ilnfromme mögen ja der Kirche sehr erwünscht sein und ihr als dankenswerte Förderung ihrer Interessen gelten. Aber diejenigen, die sie über sich ergehen lassen müssen, empfinden sie nicht selten als arge Be» lästigung. In Berlin hat die Veröffentlichung eines StandeSamts-Aben- teuerS durch den„V o r w ä r t S" dazu geführt, daß dem betreffen. den Beamten, der auf dem Standesamt in der Willdenowstraße tätig ist. vom Oberpräsidenten*in Rüffel erteilt und für den Wiederholungsfall d i e Entlassung a ng e d roh t wurde. ES könnte nichts schaden, wenn allgemein die Standesbeamten an- gewiesen würden, sich jeder überflüssigen Rederei zu enthalten- Rixdorf. Bon der Verweigerung der Turnhallen Arbeiterturnvereinen gegenüber, weiß die„Freie Turncrschaft Rixdorf-Britz" ein Lied zu singen. Noch bevor der Kultusminister Studt im Abgeordneten- hause seine feindliche Stellung gegen Arbeiterturnvereinc an der, Tag legte, verlveigerte die Rixdorfer Sckulbehorde bereits unter den nichtigsten Gründen dem Turnverein die Turnhallen. Man gab an, daß die Turnhallen bei weitem nicht dem Turnunterricht der Gemeindeschüler Genüge leisten und glaubte die Verweigerung auf technische Bedenken zurückführen zu löimen, vergaß jedoch anzu- geben, worin die Bedenken, bestehen. Nun scheint aber nur der Arbeiterturnverein im Genuß höchster Fürsorge zu stehen, denn den deutschnationalen Vereinen überläßt man die Turnhallen ohne jcg- lichq Bedenken. Das nmg genügen, um die Rixdorfer Schulder- tsaltung in ihrer Unparteilichkeit erscheinen zu lassen. Ein gtsuudtues Kind abzugeben. Im städtischen Waisenhause zu Rixdorf befindet sich ein etwa 2Vb Jahr altes Mädchen, dessen Eltern vergeblich gesucht werden. Die Kleine ist am Sonnabend- nachmittag gegen 5 Uhr in hülfloscm Zustande aufgefunden und beim 6. Polizeirevier abgegeben wordeir ES hört auf den Vor- namen Martha. Bekleidet ist es mit blauem Kleidchen, schwarzer Schürze, blauer Mütze und schwarz-weiß kariertem Umhängetuch. Wer zur Auffindung der Angehörigen des KindeS Angaben machen kann, wird gebeten, dies im Bureau der Waisenverwaltung, Bcr- linerstr. 49/50, zu tun. Charlottenlmrg. Ueber den politischen Massenstreik referierte Genosse Stönner in der letzten Bezirksversammlung des Metallarbeiter- Verbandes. An den Vortrag schloß sich eine kurze Diskussion. Im 3. Punkt der Tagesordnung gelangte der Antrag des Kollegen Giese, die HauS- kassierung aufzuheben, zur Annahme. Gleichzeitig wurde die Bezirks- leitnng beauftragt, zwe» neue Zahlstellen zu errichten. Die Bekannt- gäbe derselben wird laut Beschluß im„Vorwärts" erfolgen. Nach Erledigung verschiedener interner Bezirksangelegenheiten erfolgte Schluß der Versammlung. Pankow. In der am 28. März im großen Saale des„Eesellschaits- hausei," tagenden Mitgliederversammlung des Wahlverems referierte G. uosie Max Kiesel über den„politischen Massenstreik". Redner leme seinen Ausführungen Beispiele der fortschreitenden wirtschaftlichen EntWickelung zugrunde und wies daran eine Verschärfung der Klassengegensätze und der daran» resultierenden Verschürfung der wirtschaftlichen und politische» Kämpfe nach. Zum Schluß ermahnte er zur intensiven Aufklärung und Organisation. An der Diskussion beteiligten sich die GenossenÄronfeld. Tobler. Körte und Jacob. Al.dann bcschäfligte sich die Versammlung mit dem Boykott der Philharmonie. Ueber die bezüglichen Aniräge auf Aushebung resp. Verschärfung des Boykotts ging die Versammlung zur Tagesordnung über, nachdem man sich darüber einig war. daß die Frage bereit« durch die' Parteiinstanzen endgültig erledigt sei. Der Borsitzende machte noch bekannt, daß mit den zur Gemeindewahl ausgegebenen Listen unverzüglich abzurechnen sei. und schloß darauf die Ber« sammlung. Lichtenberg. Die Samariter-Kolomie, Abteilung 4. hält ihren UebungSabend heute abend 8 Uhr bei Pieckenhagen. Scharnwcberstr. 69. ab. Herr Dr. Sotrecht wird über„Krankenpflege" sprechen. Gäste willkommen. Tchmargeudorf.' Die Gemeindevertretung beschloß i» ihrer letzten Sitzung den Umbau der Kanalisation und die Einführung des TreiuishstemS, zu tvelchcm Zwecke eine Anleihe von 300000 M. aufgenommen werden soll. Zum Ankauf des vom Ingenieur Nemneyer-WilmerS- dorf angefertigten Kanalisationsprojektes wurden 7000 M. bewilligt. Nowawcs. In der letzten Sitzung der Armendeputation teilte der Ge- meindevorstehcr unter anderem mit, daß die Gesundheitskommission einem Beschlüsse der Armendcputation nachgekommen sei und die Räumlichkeiten des Hauses Rdühlenstr. 1. in welchen ein Teil der in der Deutschen Jutespinncrei A. G. beschäftigte» ausländischen Arbeiter untergebracht ist, inspiziert habe. Es hat sich ergeben, daß die Zustände in genannten, Gebäude ein polizeiliches Ein» schreiten nicht notwendig machen, indem die Kommission die in der Beschwerde angegebenen unsauberen Zustände! nicht habe entdecken können.— Hiernach gewinnt cS den Anschein, als ob sich unser Genosse Wagner maßlose Ucbertreibungen hatte zuschulden kommen lasse». Dem ist aber nicht so; am 3. Marz fand die Sitzung statt. in der über diese Angelegenheit verhandelt wurde. Einige Tage daraus erschien im„BorlvärtS" und in der„Brandenburger Zeitung" ein Bericht über diese Sitzung; wie uns mitgeteilt wird. ist dcrielbe auch der Direktion der Jutespinnerci zu Gesicht ge- kommen, denn kurz darauf wurden die ledigen Arbeiter aus dem Hintergebäude genannten HauseS entfernt, die Wohnungen rc» noviert und verheiratete Leute darin untergebracht, so daß beim Erscheinen der Gesundheitskoinmission am 23. März alles in schönster Ordnung war. Haben sich somit die Verhältnisse in dem geiiannteii Hause durch unsere Kritik etwas gebessert, so bleibt doch die Gefahr bestellen, daß unsere Gemeinde durch den fortlvährendcn Zuzug ausländischer Arbeiter schweren Schaden erleiden kann. Es ist jetzt bereits unter diesen Leuten eine Krankheit aufgetreten, die wir früher nicht gekannt haben, nämlich das Trachoin, eine Augen- erkrankung, die in Polen und Rußland unter der armen Bcvölke- rung stark verbreitet ist. Man hat jedenfalls alle Ursache, den Verhältniisscn nicht so optimistisch gegenüber zu stehen. Eine wenig erbauliche Szene spielte sich am Dienstag bei der Beerdigung unseres Genossen Schuhmacher PiotrowSki auf dem Friedhofe ab. Tie Beerdigung desselben faild von der Leichenhalle auS statt, wozu sich die Mitglieder des Wahlvereins sowie der Schuh» niacherorganisation mit je einem Kranze mit roter Schleife vor der Halle eingefunden hatten. Als mm der Pastor Dessin auS der- selben nach Beendigung seiner Rede heraustrat und die roten Schleifen bemerkte, wandte er sich an die Frau des Verstorbenen und forderte sie auf, dafür zu sorgen, daß die roten Schleifen von den Kränzen entfernt werden, da er sonst nicht die Leiche zum Grabe geleiten könne. Die Antwort der Witwe lautete nun dahin, daß sie das nickst könne und ihr die Anwesenheit der Genossen und Kol- legen ihres Mannes mindesten« ebenso lieb sei wie die eines Pastors, verließ letzterer schleunigst den Friedhof. Hoffentlich hat t«r An- blick der roten Schleifen weiter keine nachteiligen Folgen für die Gesundheit des Gcistlickicn gehabt, denn Nowawcs würde den Ver- lust eines so eifrigen Scelcnhirtcn wohl schiverlich überstehen können. Königs» Wusterhausen. Unterschlagene Steurrgelder. Mit dem Verschwinden de? GemeindesekretärS Fischer, der seit dem 17. v. M. vermißt wird, und dessen Flucht, wie feststeht, aus Furcht vor der unverniddlichen Entdeckung begangener Unterschlagungen von Gemeindegeldern erfolgte, beschäftigte sich die geschädigte Gemeinde KönigS-Wusterhausen. Zunächst wurde ermittelt, daß Fischer Steuergelder in nicht unbeträcht- licher Höhe einkassiert hat, ohne sie an die Gemeindekasse abzuliefern. Einige Steuerzahler waren sogar so vertrauensvoll, daß sie Fischer ihre Steuerbeträge ohne jede Quittung einhändigten, weshalb die Höhe der veruntreuten Summe nicht genau festzustellen ist. Die Gemeindevertretung beschloß nach erregten Auseinandersetzungen: 1. nur ordnungsmäßig quittierte Steuerbeträge als gezahlt anzu- erkennen, 2. die Beschlußsassimg über die Deckung des Fehlbetrages bis nach Beendigung der Untersuchung aufzuschieben. Sencbts Leitung. Ein Bigilant als Dieb angeklagt. Der stühere Kunstschlosser Paul Süßkind stand gestern unter der Anklage des schweren Diebstahls vor der VII. Strafkammer des Landgerichts I. Er hat schon eine einjährige Gefängnisstrafe hinter sich und verivertcte alsdami seine in der Verbrecherwelt er- wordenen Kenntnisse in der Art, daß er sich der Kriminal- Polizei als Vigilant zur Verfügung stellte und als solcher eine eifrige Tätigkeit entwickelte. Er erklärte auf Befragen des GerrchtSvorsitzenden, daß er bei dieser interessanten Beschäftigung weit mehr Geld verdiente, als er in seiner Profession ver« dienen könnte. Nach seiner Behauptung ging sein Einkommen bis auf 500 Mark monatlich hinauf. Trotz dieser guten Finanzlage ließ cr doch daS Mausen nicht und be- stahl seine eigene Tante, eine Händlerin Flau Nußbaum. Dieser waren mittels Einbruches aus ihrer Wohnung zwei Sparkassenbücher über je 1000 M., eine goldene Uhr und verschiedene andere Gold» und Silbersachen gestohlen lvorden. Die Sparkassenbücher waren, nachdem je 100 M. darauf abgehoben worden waren, auf der Treppe eines Hauses der Probststraße vorgefunden worden. Von den Gold- fachen fehlte zunächst jede Spur, schließlich wurde die gestohlene goldene Uhr in dem Besitze der„Braut" des Angeklagten vor» gefunden. Als galanter Ritter hatte er diese Uhr dem Madchen ge» schenkt und er behauptete vor Gericht, daß er sie in einem Schani» lokale von einem Unbekannten gekauft habe.— Die Beweisaufnahme ließ keinen Zweifel darüber, daß der Angeklagte den Einbruchs- diebstahl begangen hat. Der Gerichtshof verurteilte ihn zu zwei Jahren Zuchthaus.— Die Kriminalpolizei ist um einen hoch besoldeten Helfer auf 2 Jahren beraubt— wenn der Vigilant nicht „wegen guter Führung" früher entlassen wird. I» daS Reich dcS Aberglaubens führte eine Verhandlung, die gestern die 2. Strafkammer des Landgerichts II beschäftigte. Wegen Betruges im straferschwerenden Rückfalle war die Kochlehrerin und „Kartenkünstlerin" Willve Wilhelmine Fischer jetzt zu Charlotten- bürg wohnhaft angeklagt.— Die Angeklagte gehört zu jenen modernen Sibyllen, die es immer noch fertig bringen, Leuten, die „nicht alle werden", aus den Karten, auS dem Eidottter oder aus Kaffee- grund gegen schweres Geld Blicke in die Zukunft zu gestatten. Da das Vertreiben dieses höheren Unsinns infolge der stetig wachsenden Konkurrenz immer mehr erschwert wird, nahm die 72jährige Angeklagte zu verschiedenen unlauteren Mitteln Zuflucht, um sich eine grögerc Kundschaft heranzuziehen. Diese setzte sich in der Haupt- fache auS Dienstboten und älteren und alten unverhclrateten Damen zusammen, die fast allwöchentlich mit ihrem Strick« strumpf und ihrem„MopS" unter dem Ann in der Sprech- stunde der modernen Pythia erschienen. Im Herbst 1904 er« schienen in zahlreichen VorortSzeitungen Inserate, in denen sich die Angeklagte als weltberühmte Kartenkünstlerin anpries. Sie wohnte seinerzeit in der HubertuSstraße in Steglitz und versprach sogar den von Berlin kommenden.Kunden" da» Fahrgeld zu vergüten. Die Inserate waren gewöhnlich in der Form einer Danksagung abgefaßt und mit allen möglichen Namen unterzeichnet, wie z. B. Freiherr v. Schleinitz, Freiherr v. Hont, Dr. Graf v. Deval und Cleo de Merode(!). Zugleich wurde Rat und Hülse in juristischen Angelegenheiten an- geboten, da die Angeklagte angeblich einen eigenen juristische» Rat- geber und.Gerichtsvertreter" halte. Dieser war. wie sich später herausstellte, der Ivegen Geisteskrankheit entmündigte Sohn der An» ge'ckutdiglcn. Als die Polizei in Steglitz diesem Unfug etwas mehr Ausmerksainkeit widmete, verlegte Frau F. ihren Wohnsitz nach der Pestalozzistraße in E h a r l o t t- n b u r g. Im Anschluß hieran erschien in einer Steglitzer Zeitung ein Artikel, der vor dem Treiben der Angeklagten warnte. Am nächsten Tage empfing der Redakteur Sinderson einen Brief von der Frau F.. der von Beleidigungen strotzte und ein Strafverfahren wegen Beleidigung zur Folge hatte. Zu den Geschädigten gehört u. a. auch eine Anzahl Kinder, die von der Angeklagten zum Austragen vo» Reklamezetteln engagiert worden waren. Auf diesen Zetteln teilte Frau F. mit ziemlicher Unverfrorenheit mit, daß ihre„Kunst" durch Gerichtsbeschlüsse deö LaildgerichtS II behördlich kon« zessio»iert worden sei.— Do sich gewisse Zweifel an der Zurechnungöfähigkeit der Angeklagten herausgestellt hatten, war zu der gestrigen Verhandlung als psychiatrischer Gutachter der Professor Koppen geladen worden. Dieser stellte den Antrag, die An- geklagte zur Vorbereitung eine? Gutachtens auf ihren Geisteszustand untersuchen zu lassen. Der Gerichtshof beschloß, die Sache zu ver» tagen und die Angeklagte zwecks Untersuchung ihres Geisteszustandes auf die Dauer von sechs Wochen w der köntglichen Chart tö unter- zubringen. Milde Richter fand in Mühlhausen i. Th. der christliche GewerkschastSagitator Höppenstein, der gegenüber den freien Gewerkschaften mit Vorliebe das Bülowsche Ziiat„Und willst Du nicht mein Bnider sein, so schlag ich Dir den Schädel ein", an» wandte. Jetzt stand der Prediger wider TerroriSmuS selbst wegen vorsätzlicher Körperverletzung vor Gericht. Wegen einer Lappalle schlug er in seiner Arbeitsstätte einen Lehrling. Ein Arbeitskollege, ein freier Gewerkschaftler, riß die Streitenden auseinander, worauf H. mit einem schweren Eisensunda» ment ans seinen Kollegen einschlug und ihn derartig verletzte, daß dieser vier Tage völlig arbeitsunfähig war. Wäre H. nicht im Schlagen behindert worden, er hätte seinem Gegner mit dem schweren Eifenstiick deit Schädel zertrümmert. Das Schöffengericht nahm an. der Angeklagte habe in Notwehr gehandelt— daß cr diese un» zweifelhaft auch überschritten habe, müsse seiner Aufregung zugute gehalten werden— und erkannte auf kostenlose Freisprechung. Der Sohn des JustizmiuifierS Beselcr nicht verurteilt. DaS„Berl. Tageblatt" teilt mit. daß seine Meldung, der wegen eine« Duell» zu Festungshaft verurteilte Referendar Beseler sei em Sohn de» Justiz» ntinifterS ein Irrtum ist._ ßuQ der frauenbeivegung. Vom heiligen Krieg gegen die Sozialdemokratie. In Saarabiett haben die christlich frommen, staatSerhaltenben Frauen den Kampf gegen die Sozialdemokratie aufgenommen. Der Frau unsere» ge» maßregelten Genossen Hcttrich ging dieser Tage folgender Schreibe» brief zu: Neuukirchen, den 17. März 1906. Sehr geehrte Frau Sozialdemokratin Frau Hettrich I Du wirst mal sehen, wenn Dein Mann die Leute verschwätzt. was eS dann gibt. Er hat auch unsere Männer verschwätzt. Wenn unsere Männer und unsere Söhne abgelegt werden, so stecken wir Dir Dein Haus über dem Kopfe an. Und wenn der Sozialdemo» krat lebendig Heranskommen sollte, so schütten wir ihm soviel Pfeffer und Gift ins Gesicht, daß cr nicht mehr ans Verschwatzen der Leute beult. Wir schwören(hui!) Dir es heilig und sicher. Mehrere Frauen. Feuer, Gift und— Pfeffer als christlich-patriotische Kampfmittel gegen die Sozialdemokratie. Wenn das mcht hilft,— Hilst gar nichts mehr! Berein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse. Montag, den 9. April, abends 8>/„ Uhr. in„Feuersteins Festiälen", Alte Jakobftr. 75: Vortrag des Herrn Ernst Aarmmm über da» Thema: „Die künstlerische Strömung vor 100 Jahren". Gäste willkommen. Die Zahlstellen deö Vereins, in welchen auch neue Mitglieder auf» genommen werden, sind folgende: Frau Kühnemann. Müllerstr. 160, Frau Matschke, Wolgasterstr. 8, Frau Steinkopf, Schwedlerstr. 34, Etrni Kulicke, Prinzeustr. 102, Frau ZeiSke, Manteuffelftr. 8. Frau lotzsch, Koppenstr. 81, Frau Jordan, Lübeckerstr. 43, Frau Reinke, Litthauerstr. 15._ Versammlungen. Eine Versammlung der Krankenkassenvorstände und Verwaltung«- beamten fand am Freitag im Gewerkschaftshause statt. Hier hielt zunächst«rbeitersekretär G. Bauer einen Vortrag über:„Die Begriffe Heimarbeiter und HanSindustrielle naih der Rechtsprechung." Der Redner wie» darauf hin, wie schwierig es im allgemeinen ist, mit Rücksicht auf die VersicherungS- Pflicht diese beiden Begriffe zu linterschciden. Die Recktsprechung ist seit einer Reihe von Jahren dazu gekommen, die Frage so zu entscheiden, daß eS kaum noch unselbständige Heimarbeiter giebt. Nach einer Entscheidung deS ReichSversicherungSanileS vom Jahre 1891 wird ein Heimarbeiter nur dann als unselbständiger, ver- ficherungspflichtiger Arbeiter angesehen, wenn er nicht nur Wirt- schaftlich. sondern in gewissem Sinne auch persönlich von einem Arbeitgeber abhängig ist, so daß er z. B. auch hinsichtlich der Arbeits- zeit kontrolliert wird. ES kann sich hier nur um Ausnahmefälle handeln, während die große Masse derer, die man gemeinhin als Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen bezeichnet, nach dieser Recht- sprechung nicht als versicherungspflichtig gelten. In emer Eni- scheldung dom 12. Oktober 1901 bot denn auch das Reichsver« sicherung'Zamt erklärt, daß Heimarbeit ein Ausnahmezustand. HauS-> industrie die Regel ist. Dementsprechend lauten auch die Eni» scheidungcn des preußischen wie desbayrischenOberverwaltungsgerichts, wogegen in Sachsen teilweise anders entschieden worden ist. Im all- gemeinen ist die Rechtsprechung»och immer schwankend. Wr die Stadt Berlin ist die Krage praktisch dadurch entschiede», daß die VerstcherungS- Pflicht am 1, Januar 1902 durch Ortsstatut auf die HauSindustriellen ausgedehnt wurde: ebenso für«schöncberg. In der Diskussion über den Vortrag wurde an verschiedenen Beispielen gezeigt, welche Schwierigkeiten aus diesen Umständen für die Krankenkasien und Versicherungspflichtigen selbst erwachsen. Der Rendant Avnig(Rixdors) erklärte, daß die Äassenverioaltungen, um Schädigungen der Kassen zu vermeiden, sich streng an die Entscheidung des ReichsversichcrungSamteö halten müßten, und brachte cinen dem- etUsprechenden Antrag ein, der jedoch nicht angenommen wurde, weil er etwas Selbstverständliches besagte. Dagegen wurde cinstinmiig ein Antrag Zanders, des Vertreter? der Ortskrankeiikajie der Schneider, angenommen, worin rcichsgesetzliche Bestimmungen zur Ausdehnung der 5kranken-, Jnvaliditäts- und UnfallvcrsicherungS- Pflicht auf alle Haus- und Heimarbeiter verlangt werden. K�ncr wurde auf Antrag von D a n n e f e l d- Schvneberg folgende Rc- solution einstimmig angenommen: »Die Versammlung beschließt und macht es den Kassen- Vertretern zur Pflicht, intensive Agitation zu betreiben für die Schaffung der Bersiwerungspflicht für die Hausindustriellen Groß- Berlins durch statutarische Bestimmungen/' Der zweite Punkt der Tagesordnung war ein Vortrag des Reichslagsabgeordneten Robert Schmidt über die im Reichstage zum Heimarbeiterschutz eingebrachten Anträge. Der Redner erwähnte zunächst die Schwierigkeiten, die mit gesetzgeberischen Maßnahmen zum Schutze der Heimarbeiter und Hausgewerbetreibenden verknüpft sind, und gab dann eine llebersicht über die sozialpolitischen Maß- nahmen der letzten Jahre, die für die Heimarbeiter nichts anderes geboten haben als die Bestimmungen über die Lohnbücher in der Konfektionsindustrie, welche leider nur zu oft umgangen werden. Sodann ging der Redner zu den Anträgen im Reichstage über und erläuterte namentlich die verschiedenen Bestimmungen des Gesetz- entwurfes der sozialdemokratischen Fraktion. Ausführlich er- örterte er die Frage der Ausdehnung der Krauken- vcrsicherungöpflicht auf die Heimarbeiter lind trat der Auffassung emgegen, daß die Kasseiiverwaltungen init Rücksicht auf eine allzu ichwere finanzielle Belastung der Kassen durch die Heimarbeiter diese Maßregel ablehnen müßten, bis einmal die allerdings außer- ordentlich wünschenswerte Zentralisation der Kassen durchgeführt sei. Der Redner halte eine, wen» auch nicht erschöpfende Prüfung der finanziellen Belastung verschiedener Berliner Ortökraiikenkassen vorgenommen, und sie hat ergeben, daß die Schnciderkasse, die doch die meisten Heimarbeiter unter ihren Mitgliedern hat, wohl mit einer den Durchschnitt übersteigenden Zahl von Erkrankungen und Krankheitstagcn belastet ist, aber in dieser Hinsicht keineswegs am ungünsfigsten steht. Noch etwas ungünstiger sind z. B. die Kassen der Brauer und der Schmiede daran. Ans keinen Fall sollten sich Kafsenverwaltiingen wegen einer höheren finanziellen Be- lastung durch die Heimarbeiter gegen eine so wichtige und notivendige Maßregel wie die Ausdehnung der Per- sichcrungspflicht auf die Heimarbeiter, wenden. Die Beitrags- Pflicht müsse hierbei ganz dem Unternehmer auferlegt werden, da cS sich um Leute handele, die größtenteils in so elender Lage leben, daß sie keine Beiträge aufbringen können. lieber den Vortrag, der mit Beifall aufgenommen wurde, fand eine Diskussion nicht statt. Eine Versammlung der Tischler der photographischen und Trlcphonbranche, die am 28. März im Gewerischaftshause tagte, bc- schloß»ach einer Debatte einstimmig, durch eine Kommission bei der Berliner Ortsverwaltuitg des Holzarbcitcrvcrbandcs den Antrag zu stellen, daß die Branche als eine selbständige anerkannt wird und Sitz und Stimme in der Ortsverwaltuitg erhält. Man hält das wegen der besonderen Branchenvcrhältnisse und im Interesse einer begercii Agitation in der Branche für geboten.— Von dem Streik bei der Firma Metzger, jetzt Röschkc, wurde berichtet, daß nach siebentägiger Dauer eine Einigung zustande gekommen sei, die zur Wiedcrancrkcnnung des bisherigen, vom Unternehmer angefochtenen Tarifs führte und auch einige Verbesserungen umfaßt. Vermischtes. Ueber eine Tampferexplosion wird aus Hamburg telegraphiert: Gegen 4 Uhr nachmittags hat auf dem Dampfer.Hamburg", der am Monckebergquai liegt, eine Explosion stattgefunden. Soweit bis jetzt(i'/i Uhr) feststeht, wurden drei Personen schwer verletzt. Eine weitere Nachricht besagt: Die Erploston, die sich auf dem Dampfer„Hamburg" der Hamburg-Amerika-Linie heute nachmittag ereignete, erfolgte durch Entzündung von Rohlenstanb, vermutlich ver- anlaßt durch Selbslentziindung von Oeltwist, etwa um 3 Uhr im vordersten Kohlenraunie des Schiffes. Durch die Explosion wurden Luken gesprengt, die PaStry und die Okfiziersinesse beschädigt. Die beriimfliegenden Stücke verletzten vier Mann am Kopf und an den Beinen. Gegen S Uhr konnte die Feuerwehr wieder abrücken. 1 1 383 Einwanderer kamen am Montag auf sieben Dampfern in New Aork an. Das ist die höchste bisher erreichte Zahl an einem Tage� Ein Tag mit etwa 9000 Einwanderern stand bis dahin an der Spitze. Die Zahl der Einwanderer steigt seit Jahren beständig trotz aller Beschränkmigen und erschwerenden Maßregeln, durch welche man die Flut zurückdrängen möchte. Brnfhaften der Redafttfoti. Tic jurlfttschc«vrechstiiiidc findet«äalich mit Zl»s»ahm«d«s ediineUKtz# von T'/a bis Off. Udr abciid» statt, wciiffiic»:? Nbr. 9>eder Anfraa» tH ci» Biiififtabc»nd cine Zahl als Merkzeichen bcizufüfl-n. Brichltch» Slntwort wird nicht erteilt. H. D. 1905. Schildern Sie den Sie betreffenden Falk, allaemetne Darlegungen in der von Ihnen gewünschten Weise, sind unmöglich. In welchen Fällen der Betrag der Mebrinarken von der Versicherungsanstalt zurückgezahlt wird. Iii Seile 591 bis 509 des in de» ösfrnilichc» Bibliotheken auslicgciidcn.Arveiterrcchis" dargelegt.— Tchrriber v. Lankwitz. Ob Sic sich einige», oder ob Sie es aus Unpfändbarkeit ankommen lassen, steht ganz in Ihrem Belieben. Die ausgeNagte Forderung verjährt erst t» 39 Jahren nach der lehien Pfändung.— M. W 13. Ja.— P. B. 80. Gegen gcsctzlichc Beitiminungtn dürste die Arbeitszeit leider nicht verstoßen. Die Angelegenheit selbst würde am besten der Gewerkschast zu unterbreiten sein. Ob sie zur Erötlerung im Blatt sich eignet, kann ohne genaue Kenntnis des Falles und ohne Mitteilung de» Gewähr«» manne» nicht cnttchiedcn werden. Was sollen die beigefügten 30 Pf.? — G. P. 14. Beide Schreibweise» sind richtig.— B. W. 12. Ohne Einsicht in das Statut ist eine Beantwortung unmöglich.— Matz. Aus» kunst crhalie» Sie i» der junsiiicheii Sprechstunde oder durch den Bries- kästen. Ist Ihnen ei» Entgelt versprochen und Sie haben das Versprechen angenommen, so ist das Enigelt auch zu bezahlen. Das Kapital haben Sie, soweit ersichtlich, geborgt und haben nur einen Anspruch aus Rückzahlung, nicht aber aus Teilnahme an dem Gcschäst. F. M. 4. 1, Die Bescheinigung kann als Legitimation gelten. 2. Nein. 3. Nein. 4. Mit Eisolg würde nach Lage der Sache lediglich gegen die Schwindlerin vorzugehen fein.— A. S. 20. Ja.— Fritz 07. Sie können sich au die Armendircklion, Mühlendamm, wende«. Wtttcrniigoiibcrstlht vom 4. April 1900. morge»« 0»Hr. Etattonen i* S'S Seilet Swinemde. 778SW 1777 OSO Hainburg Berlin Fraiikßa i München Wien 773 SO 774 NO 775 O 778 Still 3 Ivolkcitl 2 ivoilenl llwolkenl 3 wölken! 5 wollig wölken! v« ä II E* H% 4 3 1 6 —2 X Staltonen -| » 3 B S Haparanda 7iiX W Petersburg 700 WSW Ä Setter Seilly Abcldeen Pari» 764 D 765 S 789 DSD �heiter fiwolkenl 1 heiter llwolkenl 2'wollenl »s --Ä »II g ts w Ä 7 6 4 Wetter-Prognose für Donnerstag, de» 5. April 1900. » Etwa« wärmer, zunächst meist heiter und trocken bei mäßigen südlichttk Winden, später zunehmende Bewölkung. Berliner Wetterbureau. Wasserstand am 3. April. Elbe bei Ausslg-s- 1,33 Meter, bei Dresden— 0,20 Meter, bei Magdeburg ff- 2,88 Meter.— U» st r u t bei Straußsurl ff- 2,50 Meter.— Oder bei Äiatibor 2,20 Meter, bei Bieslau Obcrpkgel ff- 5,24 Meter, bei Breslau llnlcrpegel ff- 0,18 Meter, bei Frauksurt ff- 2,65 Meter.— Weichsel bei Braheniünd« ff- 6,14 Meter.— Warthe bei Posen ff- 2,24 Meter.— Netz» bei Usch Meter. Die Nervosität der heutigen Menschheit ist zum nicht geringen Teil aus die zweckwidrige Beschaffenheit der meisten Schlafstätten zurückzuführen. Keine von allen modernen Reformbestrcbungen hat daher eine größere Wichtigkeit und Bedculung für die Gesundheit und Lebensdauer des Menschen, als die Reform-Betten-Bewegung: fast die Hälfte feine» Lebens bringt der Mensch im Bett zu, und doch wie wenig wird an die Beschaffenheit und Zweckmäßigkeit des Bettes gedacht. Raffet Euch auf und denkt an die Erhaltung des köstlichsten GuteS auf dieser Erde, bevor eS zu spät ist.„Schlafe Reform' ist das Mahnwort an alle Gesunde und Kranke. JaekelS Rcform-Bett muß das Jdeälbett des Menschen werden, wenn er sich an seinem Körper nicht versündigen will. Jede Hausfrau lasse sich bei Neubeschaffung oder Ergänzung wichfiger vetleile da« Wohl der Familie angelegen sein und lasse sich zunächst zum Studium von R. JackelS Patcnt-Rcformbett-Fabrik, Verlin, Markgrafenstr. TV, München, Tonncnftr. 28, den Illustrierten Katalog II gratis kommen mit der Anleitung:„Wie sollen wir schlafen"? k-LII�I/, Dos«>/, Doae 80 50 36 30 23 Leipziger Allerlei extrafein Leipziger Allerlei la Leipziger Allerlei i Morcheln I Morcheln II Champignons l. Wahl Pfefferlinge Schmorgurken 90 70 50 120 95 155 45 70 50 40 30 65 53 83 40 Melange-Früchte la Mirabellen Walderdbeeren Reineclauden Aprikosen Fmche Aprikosen V, Frucht Pfirsiche I a Vi Fracht gesebllt Pfirsiche IIa'/, Fracht geschSlt Ananas-Erdbeeren la Ananas-Erdbeeren Kaiserkirschen rot, ohne Steine Kaiserkirschen rot, mit Steinen Birnen weise, V, Fracht Melange-Marmelade ca. 5 Pfund-Elm er ca. 10 Pfund-Bimer Confituren in 5 Sorten ca. 2 Pfund-Bimer Confituren in oiäaern ca. I1/, Pfund Btto Confituren in Bimern ca. 6 Pfund Btto. Marmelade in Töpfen, Topf Ingber dunkelblaue Töpfe '/. Topf Ingber hellblaue Töpfe V» Topf Dunstobst; Pflaumen, Stachelbeeren, Birnen, Heidelbeeren, Johannisbeeren, Kirschen 116 2« 75 70 266 55 180 100 1«6 90 53 Tätlich frisch gebrannter Kaffee: pflmd qq MiiohnngVI» M.r Apfelsinen Dup,:.rnd 30 40 50 60 Pf. Orig. Kisten lülult: 6« Stitck 128 Stück 200 Stück 550 900"fo00 Back-Obst"Ä 28 38 45 55 � CitronenperDutZend28 35 40 50pt Traubenrosinen,"0,,oütpÄis 55pi Deufsehe )ifefallariieifer�8i»erhsehaft Vcrwaltmissstelle Berlin Bureau u. Arbeitsnachweis Rosenthalerslr. 57(S. Eingang:©ovmannftr. 28). Geöffnet von 9'/,— 2 und 4-8 U5v.__ Telephon: IN, Nr. 1296. Montag, den S. April 19(1«, abends 8 Uhr, im»Rosenthaler Hof«, Roscnthaler. Straffe 11-18: Beschlietzende Mitglieder-Versammlung i. 2. 3. Tages. Ordnung: Forisetzmig der Beratung des Regulativs. Punkt:„Organ". Stellungnahme zum t. Mai. Gewerkschastliches. Die Aussperrung in Hannober. Mitgliedsbuch legitimiert.-Mg Um den Wünschen der Kollegen gerecht zu werden, findet am 8. April und außerdem am 29. April er. eine weitere Urania-Vorstelliing statt, zu der schon jetzt bei den bekannten Stellen Billetts zu erhalten sind. 286/8 Die Ortöverwattnng. Shikkaiettre! Montag, den 9. April, abends pünktlich 8'/z Uhr, bei Franke, Sebaslianstraße 39: Außerordentliche Versammlung mit Frauen. Tages-Ordnung: 1.„Schule, Kirche, Arbeiter!« Vorwag deS Genosse» Faul Biilire. 2. Diskussion. 3. Gewerkschaftliches(Antrag Weichbrodt). Zahlreiches Erscheinen der Kollegen mit ihren Frauen erwartet 173/12» Die Ortsvrrwaliung. Ns-AsBaltöliFö.I'gpiillgeltll�llSs Ardsiter-SilSungLLSkule?ot8äam. Freitag, den L. April 19V6, abends 8'/., Uhr: WW Außerordentliche Generalversammlung bei Ladcnthin, Kaiser Wilhelmstr.«8. Tages-Ordnung: Ausnahme neuer Mitglieder. Statuicnberakmg. Vereinsangelcgen- hcitcn. In Anbetracht der wichtigen Tagesordnung bittet um pünktliches und zahlreiches Erscheinen. Der Borstand. Die ani 25. März in der Mitgliederversammlung gewüh... Lohn- kommission hat zum Toniitag, den 8. April, vormittags 16 Uhr, in der Kronenbranerei, Alt-Moabit 46/47, eine Versammlung einbcrusen. 291/7 TagcS-Ordnung: Der Lohntarif sür unser Gewerbe usw. IM" Es ist Pflicht aller Kollegen, auch der Nichtorganisierten, zu erscheine». _ Die Lohukommission.(6. Henschel.) Trete Vereinigung der Jdanrer SentsehL Ortsverein Berlin. IM- Freitag, den S. April er., abends 8'/, Uhr, bei Patt, Dragonerstr. 15: AkitgUeUer«Versammlung der Abteilung der Putzer. Tages-Ordnung: 1. Vortrag über Organisation und Agitation. Rcscrent: Kollege Metikc. 2. Diskussion. 3. Ausnahme von Mitgliedern. 4. Verschiedenes. Zahlreiches Erscheinen erwartet 129/15 Der Borstand. Phänomen Gigarett®!! Phanomen-Cigaretten sind aus echten türkischen Tabaken hergesteilt PSvanomen-Cigaretten sind garantiert Handarbeit Phänomen-Cigaretten sind nach ägyptischer Art hergestellt Phänomen-Cigaretten übertreffen Importen Phänomen-Cigaretten sind überalt zu haben Stück S, 3, 4 und 5 Ffg. 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Wegen Streik und Differenzen ist Ziisiig sernsnhllltcn von Tischlern von Franz Schulz Franksurter Allee 28, Ruppel in Reinickendorf; von Treppengclünder- Arbeitern (Drechsler, Tischler, Stellmacher. Polierer. Maschiuenorbetter und Bildhauer) von derTreppengeländer- sabrik Joseph Drechsler, Gubener- swatze 33; von Bodenlegern von den Bauten in Buch(Firma Damke, Frankfurt a. O.); von Stellmachern von sämtliche» Stellmacherciei», Wagensabriken und Drehrollensabrik Plään, Watzmann- ftraße: Mokorwagensabrik Gottschall in Reinickendorf; von Korbmachern von Bcckert, Langestraße 35; Ptc Ortsverwaltnng. Verband der Verwaltungsbeamten dti Krankenkassen. Die Ortskrankenkasse der Schneider ist sür jeden Kollegen des Verbandes der VerwaltungSbcamken der Kranken- kästen gesperrt! Niemand darf dort in Stellung treten. 29l/4* BezirkSgrnppe Berlin. I. A.: Paul Bürkert.