Nr. 81. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Breis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 mt., monatl. 1,10 r., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage, Die Neue Welt" 10 Bfg. PostAbonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Beitungs Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 3 Mart pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Bortugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Ericheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblatt. 23. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonelzeile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereinsund Bersammlungs- Anzeigen 30 Pfg. ,, Kleine Anzeigen", das erste( fettgedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellen- Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Heinrich Meister& Tod entrissen worden. Freitag, den 6. April 1906. Für Weltpolitik und Volksknebelung! Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Versprechungen veranlaßte, schließlich in die Konferenz von Algeciras zu willigen Dinge, die wir in unseren letzten Leitartikeln eingehend genug behandelt haben. Und das EndBevor der Reichstag in die Ferien ging, sollte er noch ergebnis dieser deutschen Marokkopolitik war dann schließlich einen großen Moment erleben: eine allgemeine Vertrauens ein Kompromiß, bei dem Deutschland nichts durchsetzte, was fundgebung der Parteien für die Regierung und ihre we It es nicht viel bequemer und gefahrloser hätte erlangen können, politischen Bestrebungen, wie sie so markant her- ja was ihm nicht das französisch- englische Maroffoabkommen vorgetreten waren im Marokko konflikt. Dem Aus- ohnehin zugestanden hätte. Und dies klägliche Ergebnis wurde Unsere Hoffnung, daß unser Genosse Heinrich Meister sich land sollte als ob man dort schon die Mobilmachung der errungen durch eine Brüskierung Frankreichs von dem Schlaganfall erholen würde, der ihn vorgestern traf, deutschen Armee gegen das deutsche Proletariat vergessen und Englands, wurde erkauft durch die Gnt. hat sich leider nicht erfüllt. Unſer braber, treuer Partei- hätte!- gezeigt werden, daß das ganze Bolf geschlossen hinterhüllung der Tatsache, daß Deutschland wirklich genosse, der unermüdliche, selbstlose Kämpfer für die Befreiung der unter der Flagge Bülows segelnden Weltpolitik steht. Und böllig isoliert dasteht und in einem internationalen der Arbeiterklasse, ist uns gestern früh um 6 Uhr durch den dies erhebende Schauspiel bot denn auch heute der Reichstag, sehen würde, aber keinen einzigen hülfsbereiten Freund! Konflikte Feinde und schadenfrohe Neutrale genug um sich obgleich ein unvorhergesehener Zufall die Verhandlung zerriß Und wozu diese Machtproben, wozu die Verfeindung „ König von Hannover", auch„ Hein" und die Stimmung zu zerstören schien. Als nämlich nach mit mächtigen Nachbarstaaten, wozu die völlige Isolierung Heinrich Meister scherzhaft in seinem großen Freundeskreise genannt- wurde einer einleitenden Erklärung Bülows über die Marokkoamt 2. Oftober 1842 in Hildesheim geboren. Sein Vater lebte fonferenz und einer äußerst wohlwollenden Rede des Freiherrn Deutschlands? Handelte es sich um ein, sei es auch nur vervon Hertling, durch die das Zentrum der Marokko- und Welt- meintliches Lebensinteresse Deutschlands? Nein! Das in den einfachsten Verhältnissen als Pianist und Kirchen- politik der Regierung ihren Segen spendete- gerade Bebe I ganze Abenteuer wurde gewissermaßen nur in einer weltorganist. Hein erlernte zuerst das Buchbinderhandwerk, später an dieser auswärtigen Politik sachlich scharfe Kritik übte, wurde politischen Laune entriert, aus einer imperialistischen Marotte; das Zigarrenmachen. Anfangs der 60er Jahre siedelte er nach plößlich der Reichskanzler von einer schweren Ohnmacht be- man wollte den Mächten einmal zeigen, daß jetzt auch Deutschstand, benutzte er mit Feuereifer zur Erweiterung seiner und die fernere Debatte in Abwesenheit des verantwortlichen Marottos wegen nicht zum Schwert gegriffen haben Hannover über. Die geringe freie Zeit, die ihm zu Gebote fallen, so daß die Sigung auf eine Viertelstunde vertagt werden land weltpolitischen Tatendranges voll ist! Fürst Bülow gestand heute faltblütig ein, daß Deutschland Kenntnisse. Soweit es ihm seine fargen Mittel erlaubten, Chefs der Reichspolitik weiter geführt werden mußte. Troßerweiterte er die in der Hildesheimer Bürgerschule erworbenen dem ist es nicht richtig, daß hierdurch der ganzen Ver- würde, da die politischen und wirtschaftlichen Interessen Kenntnisse. Insbesondere dem Lesen gewerkschaftlicher und handlung der Charakter der Stimmungslosigkeit aufgedrüdt Deutschlands in Marotto einen solchen Einsatz nicht gelohnt politischer Literatur widmete er manche Winternacht im un frankung des Fürsten Bülow seine Ausführungen ab- den gefahr! Trogdem suchte man das Ausland in den Glauben worden sei. Einzig Genosse Bebel fürzte infolge der Er- hätten. Und troßdem spielte man mit der Kriegsgeheizten Zimmer. Der Eifer, mit dem er unermüdlich Vertretern der bürgerlichen Parteien, die ja teine Stritit üben zu versehen, daß Deutschland Marokkos wegen zum äußerst en seine Stenntnisse erweiterte, sich über Richtung und Ziel der wollten, wurde dadurch ihr Konzept nicht im mindeſten ver- schreiten würde! Segt man sich durch ein solches KomödiantenArbeiterbewegung unterrichtete, sollte noch heute als Muster rückt. Sie hätten ihre Reden genau so heruntergehaspelt, wenn mehr ernst genommen zu werden, auch dann, wenn man tum nicht der Gefahr aus, später überhaupt nicht für unsere Parteigenossen gelten, denen ja jetzt weit bessere der Zwischenfall nicht eingetreten wäre. und leichter zu erlangende Mittel zu Gebote stehen. Die erstaunliche Stimmungslosigkeit, mit der die so es wirklich bitter ernst meint? Legt man sich durch solches In den ersten Jahren der Parteibewegung finden wir enorm wichtige und vorbedeutungsreiche Intrigantentum nicht für die Zukunft diplomatische Minen, Heinrich Meister inmitten derselben, sowohl auf gewerkschaft Marottofrage- war sie doch der erste weltpolitische mit denen man selbst einmal in die Luft fliegen kann? Und lichem wie auf politischem Gebiete. Im Jahre 1865 stand er Konflikt, den Deutschland selbstbewußt heraufbeschworen und wenn der Reichskanzler schließlich erklärte, es wäre ein Mangel an der Wiege des Tabatarbeitervereins. In den liegt eben im Charakter der herrschenden Klassen Deutschlands. Punkte" die Konferenz hätte scheitern lassen In den hartnäckig durchgeführt! vom Reichstag behandelt wurde, an Augenmaß" gewesen, wenn man wegen untergeordneter waren es Jahren 1867 bis 1878 bis zur Auflösung des Vereins auf Ein fremder Beobachter, der diese nationale Eigentümlichkeit nicht gerade die jetzt so untergeordneten Punkte, um Grund des Sozialistengesetes war er Stellvertreter des nicht berücksichtigte, tönne zu der Ueberzeugung kommen, daß die sich der ganze Hader drehte, um derentwillen die Konferenz Verbandsvorsitzenden Frische. 1882 wurde dann der jetzige die bürgerliche Mehrheit des deutschen Reichstages aus einer überhaupt einberufen war? Tabatarbeiterverband gegründet, ihm gehörte er als Vor- Gesellschaft von Schlafwandlern bestehe, die in somnambuler Die Rede Bülows hätte auch für den zahmsten bürgerlichen sigender des Ausschusses von Beginn an. Ahnungslosigkeit in der Dachrinne dahinpromenierten. In Opponenten genug der Schwächen geboten. Aber der ZentrumsAuf politischem Gebiete errichtete er im Jahre 1867 mit England würde eine weltpolitische Debatte dieser Art in jener rebner Hertling deckte alle Blößen des Kanzlers mit dem 16 gleichgesinnten Genossen in Hannover eine Mitgliedschaft hochtrabend nichtssagenden Grandezza geführt worden sein, Mantel jener Nächstenliebe, von der das Zentrum, seitdem es des allgemeinen deutschen Arbeitervereins. Seine Mitgründer durch die die Diplomaten ihre Gedanken vorsichtig zu verhüllen herrschende Partei geworden, für die Regierung überfließt. sind vor ihm dahin geschieden. Im Jahre 1872 trat er auf pflegen; in Frankreich würde man wahrscheinlich ein So erfreulich es sei, daß die Regierung nicht daran gedacht Im Jahre 1872 trat er auf bravouröses Brillantfeuerwerk" patriotischer" Phrasen ab- habe, um Marokkos willen Krieg zu führen, und so lebhaft Drängen der Parteigenossen das erste Mal öffentlich als gebrannt haben; im deutschen Reichstage behandelte man heute das Zentrum auch eine bösartige Verwickelung beklagt Redner auf und entwickelte dann eine raftlose agitatorische die wichtigsten internationalen Probleme mit einer philiströsen haben würde, so habe Frankreich doch kein Recht gehabt, Tätigkeit. In packender Weise, von innerster Ueberzeugung Gelassenheit, als ob man sich über eine nebensächliche Geschäfts- Deutschland bei seinen Verhandlungen über Marokko einfach durchglüht, warb er Gesinnungsgenossen. Seine Rede wirkte ordnungsfrage unterhalte! auszuschalten. Deshalb mache er Bülow keine Vorwürfe wegen auf die Herzen, weil, was er sprach, von Herzen kam. Unserem Und doch enthält die Marokkofrage die Reime un- seiner Politit, ja es sei schließlich ganz gut gewesen, den Auslandspolitischer Ent, dahingeschiedenen Parteigenossen fällt ein wesentliches Verdienst absehbarer und Vermächten zu zeigen, daß man Deutschland nicht eine allzu an der Vereinigung der beiden Richtungen der Arbeiter- wickelungen. Die Art, wie die deutsche Regierung den weitgehende Friedensneigung zutrauen dürfe. Und bewegung, der Eisenacher und der Lassalleaner zu. Mit Konflikt schürte und zum Austrag brachte, entfesselte direkt die nachdem der Zentrumsredner so die Marokkopolitik völlig geEnergie hielt der alte Lassalleaner jederzeit auf Zusammen. Kriegsgefahr. Und wenn sich jetzt die bürgerlichen Parteien billigt hatte, hielt er es für angemessen, die deutsche Neden Trost spenden: das drohende Wetter habe sich glücklich gierungspolitik überhaupt des Wohlwollens seiner Partei zu schluß aller agitatorischen Kräfte. Im Jahre 1879 kandidierte berzogen, ohne sich zu entladen, so vergessen sie ganz, daß, wenn versichern. Die Klagen über die Neigungen zu Abenteuern, er im 9. Hannoverschen, im Jahre 1881 im 8. Hannoverschen einmal Gewitterstimmung herrscht, den ersten Wetter zu einem Zickzackfurs, über das persönliche Regiment seien Wahlkreis Hannover- Linden. Zum großen Entsetzen des wolfen eine Reihe weiterer zu folgen stark übertrieben. Im allgemeinen fei die deutsche Politik Philistertums der ehemaligen Residenzstadt Hannover wurde pflegen. So hat uns auch Algeciras erst recht Gewitter- eine durchaus gesunde. Das werde auch der revo Meister, der Zigarrendreher", wie ihn die Gegner nannten, ftimmung gebracht. Die Mächte haben es nun erfahren, daß Iutionäre Ansturm erleben, der an dem Deutschen zum erstenmal im Jahre 1884 in den Reichstag gesendet und Deutschland die Kaiserworte wahr zu machen gedenkt, daß Reiche und den deutschen Regierungen einen hat seit dieser Zeit bis zum Tode dem Reichstag angehört. nirgends mehr auf der Welt eine Entscheidung fallen werde unerschütterlichen Damm finden werde. Vom Jahre 1884 ab war Meister Mitglied des Fraktions- ohne Deutschlands Beteiligung. Die Rechte", die Deutschland bekannte sich das Zentrum logisch zur Weltpolitik nach außen borstandes und damit der Parteileitung während des heute für Nordafrika geltend macht, fann es morgen in Süd- und zur Senebelpolitit nach innen! Daß Herr Bassermann namens der Nationalliberalen Sozialistengefeges. Seit dem Jahre 1891 war Meister Mit amerika oder sonst irgendwo geltend machen! Fürst Bülow, und namentlich der Zentrumsredner taten gleichfalls die Regierungspolitik feierte und gleich Herrn glied und Vorsitzender der Kontrolleure der Partei. sich heute wieder sehr viel auf den Rechtsboden" zu gute, aufertling zum Zusammenschluß, der bürgerUnser so plöglich uns entrissener Genosse besaß in außer dem Deutschland mit seinen Forderungen gestanden habe. Nun lich e'n Parteien gegen die antinationale Sozialordentlich hohem Maße das allgemeine Vertrauen, die Achtung hat aber gerade ein deutscher Staatsrechtslehrer, Profeffor demokratie aufrief, versteht sich ebenso von selbst, und Verehrung der weitesten Kreise. Reich an Arbeit und Niemeyer Kiel, erst vor wenigen Tagen nachgewiesen, wie daß die Herren Limburg Stirum, Arendt und Entbehrungen, aber auch reich an Erfolgen war sein Leben. daß die Berufung Bülows auf die Madrider Konvention von Liebermann v. Sonnenberg im großen und ganzen Von den freiBei ihm war Grundsatz und Handeln eins. Sein Beispiel 1880 völlig hinfällig sei. Das Recht" aber, andere die Haltung der Regierung billigten. wirkte für viele anfeuernd. Sein offener Charakter, feine Kolonialmächte zu hindern, einen bisher unabhängigen Staat sinnigen Rednern Müller Sagan und Schrader übte nur fernige, gerade und doch so hülfsbereite freundliche Art, seine ganz oder teilweise in die Tasche zu steden, ist nichts als eine der letztere eine beachtenswerte Einzeltritit. So, wenn er die kernige, gerade und doch so hülfsbereite freundliche Art, seine Frage der Macht. Denn ein internationales Recht dieser Art Optimisten dringend davor warnte, die getroffene internatio treue Bflichterfüllung, in der er in selbstlosester Weise, jedes existierte bis jetzt noch nicht. Jede Macht nahm bis jetzt, was nale Vereinbarung von Algeciras nun als das fröhliche Ende persönliche Interesse hintenansehend, lediglich die Interessen der ihr in den Griff kam und befizenswert erschien. Und Deutsch- des Marokkohaders zu betrachten. Aehnliche internationale Arbeiterbewegung wahrnahm, ebenso streng gegen sich selbst land hat es bisher sogar st rift abgelehnt, irgend etwas vereinbarungen bewiesen vielmehr, daß gerade sie eine immerwie nachsichtig und doch fest gegen andere, schufen ihm allseitige gegen die Anneftion der Burenrepubliken durch England oder währende Quelle von Reibungen und Verstimmungen bildeten. Anerkennung. Als Agitator und als Organisator von der der Mandschurei durch Rußland zu unternehmen. Ebensowenig Das werde man auch an dem Algecirasabkommen erleben. Rein einziger bürgerlicher Redner hatte gegen DeutschPicke auf bis zu den höchsten Ehrenstellen innerhalb Partei fümmerte sich Deutschland selbst um das Recht, als es und Gewerkschaft hat Heinrich Meister großes geleistet. Der einerzeit Kiautschou annektierte. Und daß lands Weltpolitif an sich, gegen die Marokkodie Vereinigten Staaten sich eine Monroedoktrin schufen, durch affäre schlechthin etwas einzuwenden. Alle Parteien einzige Lohn war ihm die Freude der Pflichterfüllung. Die sie den europäischen Eroberungsabfichten auf Mittel- und gingen von der Voraussetzung aus, daß Deutschland num Millionen danken ihm seine entbehrungsreiche Arbeit über das Südamerika einen Riegel vorschoben, das hat ja seit jeher einmal Beltpolitik treiben müsse, selbst auf die Gefahr völliger Grab hinaus. Dank, Heinrich Meister, schulden wir gerade in deutschen Kolonialfreifen Aerger und Verdruß genug Isolierung hin. Und da Deutschland einmal so isoliert sei, deinem aufopfernden Wirken. Den Dank können wir nicht besser hervorgerufen. Wenn also die deutsche Regierung auch ihrer so tas betonten mit gleicher Bestimmtheit die abstatten als durch Nacheiferung im Lebenswerte unseres ver- feits so urplöglich eine Art Monroedoktrin durchzusetzen suchte, Herren Hertling, Bassermann, Liebermann ehrten Genossen, des unermüdlichen Mitkämpfers im Dienst so handelt es sich um eine simple Machtfrage, nicht b. Sonnenberg- müsse es nun zu Land und zur See doppelt eifrig rüsten, um auch allein jedem der Befreiung der Arbeiterklasse von dem Doppeljoch politischer um eine te dhtsfrage. Gegner gewachsen zu sein! Rechtlosigkeit und wirtschaftlicher Ausbeutung. Das schlimmste aber war, wie Deutschland plöglich die Machtfrage aufwarf, wie es Frankreich unversehens überrumpelte, den Sultan von Maroffo aufputschte und die französische Regierung teils durch Drohungen, teils durch zynische D So Der einzige Redner, der dem ganzen System dieser Weltpolitit entgegentrat, war der sozialdemokratische Sprecher: Bebel. Unbarmherzig berfolgte er die seltsamen Wandlungen der deutschen Marokkopolitik seit dem Jahre ICKM, unbarmherzig brandmarkte er die unerhörte Tatsache, daß die deutsche Diplomatie für eine— nach Bölow selbst!— so neben- s ä ch l i ch e Sache die Person des deutschen Kaisers selbst eingesetzt und damit die schwerste Provokation gegen Frank- reich und England geübt habe, lind was sei das Nesultai dieser ganzen Unbeqreiflichkeiten? Die absolute Jso- lierung Deutschlands! Der Verlauf des Marokkoabenteuers beweist, daß die deutsche Bourgeoisie die weltpolitische Abenteuerpolitik der deutschen Regierung vollständig billigt und sich jeder- zeit Ividerstandslos in j e d e s neue Abenteuer verwickeln lassen wird. DaßsichDcutschlanddadurchalle anderenMächte zu Feinden macht, das ficht unsere Bourgeoisie nicht an: im Gegenteil, die Heeres- und Flottenvermehrnngen lassen sich dadurch als um so unvermeidlicher hinstellen! Die Lasten für die Rüstungen und schließlich auch die Opfer der etwaigen Kriege hat ja znr Hauptsache das Proletariat zu tragen— weshalb sollte man da nicht Weltpolitik treiben � Und je einmütiger sich die besitzende Klasse in ihrem Willen z u r W e l t m a ch t- Politik zusammenfindet, desto einmütiger findet sie sich auch in der5luebelung des einzig enHe m in n i s s e s dieser frivolen Politik, des Proletariats. zusammen! politische debcrficbt, Berlin, den 5. April. Der neue Stenerstranft. Hatte schon die Stcuerkonimiision des Reichstages den Stempeischen Steuerstrantz in erster Lesung arg zerzupft, so ist das Ergebnis der zweiten Lesung eine noch weit grötzere Berwiistung. Blüte nin Blüte ist gefallen, lind in dein einst so schön gewundenen Bukett, mit dem der ReichSschatzsekretär das deutsche Volk zu be- glücken gedachte, befinden sich heute als Uebcrbleibsel des früheren BlilmenflorS nur noch einige halbentblätterte Rosen von zweifelhaftem Duft; doch hat die Steuerkommission reichlich für Ersatz gesorgt, so das; sich noch immer der Strautz recht voll ausnimmt, Gegenüber den Beschlüssen erster Lesung wurde in zweiter Lesung die� Steuer für Bier etwas verschärft. Nach den neueste» Beschlüssen beträgt die Steuer für die ersten LS0 Doppelzentner Malz 4 SR., von den folgenden Söll D,-Ztr. 4,50 M., von den folgenden 500 5 M,. von den folgenden 1000 5,50 M,, von den folgenden 1000 6 M., von den folgenden 1000 6,50 M., von den folgenden 1000 7 M.. von den folgendeu 1000 8 M,, von den folgenden 1000 9 M,, von dem Reste 10 M. Das Tabakstenergesetz, das in der ersten Lesung ge« fallen ist, hat auch in der zweiten Lesung vor den Augen der „Steiierkommisstonäre" keine Gnade gefunden; dagegen ist die Steuer für Zigaretten ein wenig gemildert und, um einen gerechten Ausgleich für die Reichsfinanzen zu schaffen, die Steuer für Zigarettentabak verschärft worden. Die Steuer beträgt nach den Beschlüssen zweiter Lesung für Zigaretten bis zum Werte von: 1. 10 Mark das Tcmstvd. für 1000 Stück 1 M,. 2. über 10-15„,„„„ 1.50 3.„ 15-20.. 2,50 4.. 20-25„„„„..„ 4,00 5.. 25-30„„ 6,00 6.. 30........„ 10,00 Die Steuer für Zigarettcntabake beträgt: 1. über 3 bis 5 Mark das Kilogramm, 0,50 Mark für 1 Klgr. 2»» 0„ 10„„„ 1„„ 1„ 3.„ 10. 20„„„ 2„, 1, 4.„ 20„ 30„„„ 3„„ 1„ 5. v o0„„» ß„ 1« In bezug auf die F r a ch t u r k u n d e n st e u e r wurde be- schlössen, das; für Konnossemente und Frachtbriefe im Schiffsverkehr zwischen in- und ausländischen Häfen und Wasserstraßen 1 M. zu ent- richten ist, zwischen in« und ausländischen Häfen der Nord- und Ost- see, des Kanals oder der norwegischen Küste 10 Pf.� Die Berechnung der Steuer für Personen fahr- karten nach der Länge der Fahrt wurde beibehalten. Die Steuer beträgt auf inländischen Bahnlinien in der 1. Wagenklasse 1, in der 2. Wagenklasse>/«, m der 3. Wagenklasse V« Pf- von jedem Kilometer. Bei Fahrkarten von und nach ausläüdischen Orten ist die Abgabe nur für die im Inlands zurückzulegende Strecke zu ent- richten. Stempelbeträge bis zu 5 Pf. bleiben unberücksichtigt, höhere Beträge werden auf 10 Pf. abgerundet. Fahrkarten von Straßenbahnen werden wie Fahrkarten dritter Klasse behandelt. Fahrkarten für Dampfschiffe auf inländischen Wasserstraße». Seen, sowie im Dampfschiffsverkehr der Nord- und Ostsee und zwischen in« ländischen Orten V* Pf- pro Kilometer, wenn die Dampfer nur eine Klasse führen, für höhere Fahrklassen beträgt die Abgabe'/, Pf- pro Kilometer. Bei Zeitkarten ist das fünfzehnfache des Steuersatzes zu erheben, eine Steinpelentrichtnng findet nicht statt, wenn ein Stempel- betrag für die einfache Fahrt nicht zu erheben sein würde. Die Steuer für Kraftfahrzeuge wurde in zweiter Lesung etwas erhöht, die A n s i ch t s p o st k a r t e n st e u e r, die in erster Lesung beschlossen worden ist, wieder fallen gelassen und dasür eine T a n t i e m e n st e u e r in das Stenergemisch aufgenommen. Danach trägt einen Steuersatz von 8 Proz. von der Gesamt- summe der Vergütungen: die Aufstellung der Aktiengesellschasten, Kommanditgesellschaften auf Aktien und Gesellschaften mit beschränkter Haftung über die Höhe der gesamten Vergütungen sGewinnaNteile, Tantiemen, Gehälter, Tagegelder über 50 M,, Reisegelder, abzüglich der baren Auslagen), die den zur Ueberwachung der Geschäfts- sllhrung bestellten Personen(Mitgliedern des Aufsichtsrates) seit der letzten Ausstellung gewährt worden sind. Befreit sind Auf- stellimgen, nach denen die Summe der sämtlichen an die Mitglieder des Aufsichtsrats gemachten Vergütungen nicht mehr als 5000 M. ausmacht. Die Erbschaftssteuer bleibt im wesentlichen in der Form bestehen, wie sie in erster Lesung beschlossen worden ist; nur in zwei Punkten wurden geringfügige Aenderungen vorgenommen. Der Sozialist im Bourgeoiskabinett. Paris, 4, April.v erb end er Feste: Bismarck-Kommers, Deutscher Tag und Vorführung eiueS nationalen Schauspiels zur Beratung. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, von einem Bismarck-Kommers abzuschen und gegen Ende Mai oder Anfang Juni einen Deutschen Tag tn kleinerem Umfange, als den vorjährigen abzuhalten, und an; Abend desselben Tages ein nationales Schauspiel zur Darstellung zu bringen. Der Vorsitzende erstattete hierauf den Jahresbericht der Ortsgruppe. Sie zählte zu Beginn de? Vereinsjahres 65 Mit- glicder, durch Verzug schieden aus 6, neu traten 15 Mitglieder ein, so daß der Verein gegenwärtig 74 Mitglieder zählt. Der Vor- fitzende beklagte im Verlaufe seines Berichtes, daß D a r l e h n s- gesuchein Höhe von etwa 10 000 M. von Mitgliedern an den Vorstand gerichtet worden seien und das bei einer JahreS- einnähme von 94 Mark, Gesuche an den Hauptvorstand. die Behörden und eine Sparkasse seien abschlägig beschieden worden. Der Hauptvorstand selbst erhielt bei einer Jahres- einnähme von 89 090 Mark Gesuche in Gesamt- öhe von gi/z Millionen Mark. Er rügte ferner, daß iSweilen Deutsche nur zu dem Zwecke beitreten, um Unter- stüyungen und Darlehne zu erhalten, j�ist aber Opfer nicht bringen wollen.—_ � Umbau der Kaiseryacht„Hohenzollern". Die„Hohenzollern" ist zu größeren Spazierfahrten, wie sie der Kaiser in den letzten Jahren mehrfach unternommen hat, wenig geeignet; vornehmlich t-shalb nicht, weil pe für eine länge« Steife nicht genügend Kohlen mitzuführen vermag. Es verlautete deshalb schon bor längerer Acit, daß die bisherige firitseryacht zu einem Lazarettschiff degradiert werden und als Ersah für sie eine neue größere, den fortgeschrittenen kaiserlichen Ansprüchen besser ent. sprechende Reiscyacht erbaut werden solle. Das Projekt scheint je- doch wieder fallen gelassen zu sein, denn die„Hohenzollcrn" wird jetzt modernisiert, daneben aber als Spezialttgcht für besonders ausgedehnte Exkursionen noch eine zweite Kaiseryacht gebaut. Die halbamtliche„Marine-Rundschau" weih darüber zu berichten: „S. M. Uacht„Hohenzollcrn" wird an Stelle der bisherigen vier Doppel- ssylinderkessel neun Wasserrohrkcsscl, System Schulz, erhalten und seine alten vier einfachen Zylinderkcssel gegen vier neue austauschen. Der durch Einbau der Wasserrohrkessel erlangte Ge- ivinn an Raum und Gewicht wird für schiffbauliche Einbauten und Aenderungen, welche die Seliwinrmsähigkeit des Schiffes erhöhen sollen, ausgenutzt. Insbesondere werden zu beiden seilen der Kessel Lwhlenbunker eingebaut und an Stelle der früheren zwei großen! vier kleinere wasserdichte Kesselräume abgeteilt. Die Re- paratur wird voraussichtlich über ein svahr in Anspruch nehmen und dem seit 14 Jahren tntunterbrochen in Dienst befindlichen Schiit wieder die erforderliche Sicherheit geben. Das hohe, die gesetzliche Lebensdauer für kleine Kreuzer demnächst erreichende Alter der Aacht wird trotzdem in den nach st en Jahren den Ersatz durch einen Neubau norwendig machen. Ueber den Zeitpunkt der Außerdienststcllung der„Hohenzollcrn" und den Uebergang der Besatzung auf den Dampfer„Hamburg" der Hamburg-Amerika-Linie wird später Bestimmung getroffen werden."_ Ein ins Wasser gefallenes Flickwerk. In der Mittwochsfitzung der sächsischen Zweiten Kammer fiel der konservative Antrag auf Abänderung der Zusamniensetzung der Ersten Kammer. Er ging insofern weiter als die RegierungS- Vorlage, als er den Industriellen für die vier ihnen z» ge- währenden Vertreter, die der König ernennen soll, daS Präsentattons- recht geben wollte. Der Antrag erlangte zwar die Mehrheit, aber nicht die notwendige Zweidrittelmehrheit, da die Nationalliberalen ihn als ungenügend ablehnten.— Frauenstudium. Der Senat der Jenaer Universität hat bei den Regierungen der herzoglich sächsischen Länder beantragt, künftig in allen Fakultäten die Frauen unter gleichen Bedingungen wie die Männer zur Immatrikulation zuzulassen. Bisher ließ nur die philosophische Fakultät Frauen als Hörerinnen zu.— Haimover-Stadt-Lindcn, der Wahlkreis des uns soeben jäh ent- rissenen Genossen Meister, gehört seit dem Jahre 1884 zum festen Besitzstande der deutschen Sozialdemokratie. Waren 18S7 für unsere Partei nur 2387 und 1371 für die Lassalleaner gar nur 198S Stimmen abgegeben worden, so stieg die Zahl 1874 auf 8853. 1877 auf 5604, 1876 auf 6588. In diesem Jahre gelangte die Sozial- demokrotie zum erstenmal in die Stichwahl, in der sie noch erlag. Im Jahre 1881 sank unsere Stimmenzahl auf 5515 sin der Stichwahl erhielten wir 5986). Bon nun an siegte die Sozialdemokratie— in den folgenden sechs ReichitagSwahlen— und alle sechs Male ward Meister der Abgeordnete deS KreiseS: 1884, 1887, 1396 und 1893 in der Stich- Wahl, 1898 und 1963 im ersten Wahlgang mit 25 645(= 52,2 Proz.) bezw. 20 881(= 54,0 Proz.) Stimmen. Die Genossen deS Kreises werden sich in den ferneren Kämpfen der Treue und des unermüdlichen Fleißes ihres ersten Reichstags« abgeordneten würdig erweise».— Hiidland« Italien. Rom, 3. April. sEig. Bor.) Die letzten italienischen Ersatzwahlen geben zu mancherlei Betrachtungen Anlaß und beleuchten grell die ungesunden Seiten des politischen Lebens der Halbinsel. Mm vorletzten Sonntag wurde in Sciacca(Sizilien) der reformistische Sozialist Tasca di Cuto, ohne Gegenkandidaten gewählt. Der bloße Umstand, daß die sozialistische Parlaments« fraktion sich für Sonnino erllärte, hat genügt, um die Auf- stellung eines konstitutionellen Kandidaten zu verhüten, obwohl dieser Wahlkreis noch nie einen Sozialisten ins Parlament geschickt hat. Die 1183 Stimmen, die der vorige, jetzt verstorbene Abgeordnete Li rata bei den allgemeinen Wahlen davontrug(TaSca brachte eö damals auf 921). haben sich teils verkrümelt, teils dem neuen „Ministeriellen" zugewandt. So ist also in einem ganz ländlichen Wahlkreise, der auf beinahe 57 666 Einwohner nur 3437 Stimm- berechtigte zählt, in einem Wahlkreise ohne merkbare sozia- listische Bewegung ein Sozialist gewählt worden, dessen mit großem klerikalem Pomp gefeierte Eheschließung vor einem Jahre die elegante Welt eifrigst beschäftigt hat!— Als einen Beweis für die Unmündigkeit der sizilianischen Wählerschaft muß man auch die am letzten Sonntag fast einstimmig erfolgte Wiederwahl des Exministers Nunzio Rast in Tra- p a n i ansehen. Es ist nun das dritte Mal, daß die dortige Wähler- schaft den deS Diebstahls und Untcrschleifs überführten Minister, der als Flüchtling im Auslande weilt, zu ihrem ParlamentZvertreter , nacht, ohne daß st die Sozialisten oder die Regierungsparteien daran gedacht hätten, durch Aufstellung eines Gegentändidaten wenigstens die Stinimen derer zu z ä h l e n. die gegen dieses Per- trauensvotum protestieren. Von 3276 abgegebenen Stimmen erhielt Nasi 3226. Natürlich befinden sich hierunter Stimmen von ehrlichen Menschen, die Nast siir unschuldig halten; die meisten aber glauben zwar die ihm zur Last gelegten Dinge, finden sie aber„nicht so schlimm". Auch die Wahlen in B u d r i o, die am 1. April stattfanden. sind in mancher Hinsicht interessant. Dieser Wahltreis ist seit langem in den Händen unserer Partei. C o st a, der im Jahre 1900 doppelt gewählt war, trat den Kreis an B i s s o l a t i, Bissolati trat ihn 1964 an C h i e s a ab. Da hier die sozialistische Organisation sehr feste Wurzeln hat, fing man an, diese» Wahlkreis ohne weiteres zu„vergeben", sobald man einen Genossen im Parlament sehen wollte! Die Reformisten des Kreises sahen einen der Ihren, den Dr. Z a n a r d i, mit einer aus poli- tischen Gründen verhängten Strafe bedroht und proklamierten, wie wir damals berichteten, ihn als ihren Kandidaten, ehe auch nur ihr derzeitiger Abgeordneter Zeit hatte, zu demissionieren. Die revolutionären Sozialisten antwortete» durch Prvklamiernng des Genossen V e r r o, der gleichfalls 14 Monate Gefängnis sitzen' muß und sich dieser Tage gestellt hat. Die Folge war die Neuwahl vom 1. d. M., bei der Zanardi 2614, Vero 469 und der Klerikale 2276 Stimmen erhielt. Also: Stichwahl zwischen Zanardi— ministeriellem Sozialisten— und Ballarim, ministeriellem Klerikalen. Da die revolutionären Genossen für Zanardi stimmen werden, ist der Wahlkreis der Partei gesichert. Es fragt sich aber sehr, ob die Partei bei solchen Wahlkämpfen, die nur den Zweck haben, einen Genossen dem Gefängnis zu entreißen, an Prestige gewiimt. Gehen nicht taufende von Genossen in allen Ländern Jahr für Jahr inS Gefängnis, ohne daß man jedem ein Parlamentsmandat verschaffen kann?— England. Der Wortlaut der beide» Gewerkschaftsvorlaaen. London, 2. April.(Eig. Ber.) Im folgenden geben wir den Wortlaut der beiden am 28. und 31. März im Unterhause besprochenen Gewerkschaftsvorlagen, die jetzt— wie es bei allen Bills der Fall ist— auf Befehl des Parlaments durch den Druck veröffentlicht wurden. I. Die Regierungsvorlage. ,1.... Eine im Verfolg eines UebereinkommenS oder einer Verbindung ausgeführte Handlung ist nicht klagbar, wenn sie zum Zwecke der Einleitung oder Förderung eines gewerblichen Konfliktes unternommen wurde, außer ivenn eine solche Handlung auch ohne Uebereinkommen oder Verbindung als eine Gesetzesübertretung klag- bar ist. 2. Eine oder mehrere Personen, die entweder im eigenen Namen oder im Namen einer Trade-Union zum Zwecke der Förderung eines gewerblichen Konflikts handeln, sind berechtigt, sich in friedlicher und maßvoller(reasonablo) Weise neben einem Hause oder Arbeitsplatze aufzuhalten, wenn sie damit nur bezlvecken, Nachrichten zu erhalten oder zu übermitteln oder irgend eine Person zu überreden, zu arbeiten oder nicht zu arbeiten. 3. Eine von einer Person ausgeführte Handlung, die zur Förderung eines gewerblichen Konflikts unternommen wurde, kann nicht als eine Schädigung des Verkehr?, des Geschäftes oder der Besdjiiftigung irgend einer Person aufgefaßt und angeklagt werden ebenso wenig als eine Beschränkung des Rechtes irgend einer Person, über ihr Kapital und ihre Arbeit frei zu verfügen. 4. Wo von einer Trade-Union ein Komitee zur Leitung eines gewerblichen Konfliktes bestellt wurde, kann eine Schadenersatzklage, die ans die Gewcrkschaftsfonds zurückgreifen will, nur dann erhoben werden, Ivenn sie sich auf Handlungen bezieht, die entweder vom Komitee selber oder von Personen, die auf dessen Ermächtigung hin handelten, ausgeführt wurden; jedoch darf eine Handlung oder eine Reihe von Handlungen dieser autorisierten Personen nicht als vom Komitee ermächtigt betrachtet werden, wenn Beschlüsse des Komitees vorliegen, die solche Handlungen verbieten oder wenn sie— zur Kenntnis des Komitees gelangt— durch Beschlüsse des Komitees mißbilligt und zurückgewiesen werden." Die Regierungsvorlage macht somit Klagen wegen V e r- schwörung unmöglich; sie gestattet da? friedliche Streik- postenstehen, aber in„maßvoller Weise"— eine Redensart, die zu maßlosen juristischen Auslegungen Anlaß geben kann. Schließe lich macht sie die Kassen nur für die Handlungen von Streikkomitees und ihrer Agenten haftbar, aber sie öffnet den Gewerkschaften in schlauer Weise ein Hintertürchen, durch welches sie die ganze kollektive Haftbarkeit hinweg schaffen können. Gerade gegen diese Adbokatenklugheit wandte sich der Redner der Arbeiter- Partei. Er sagte, dieser Paragraph würde zu Lügen und Ehrlosig- keit führen. Wenn der kollektiven Haftbarkeit wirklich ein Ende ge macht werden solle— warum durch Meuchelmord? Besser ein offener Hieb als derlei Manöver. Aber auch abgesehen von diesen Schleichwegen ist die Regierungsvorlage schwerfällig, zu wortreich und würde deshalb in der Praxis dem juristischen„Scharfsinn" einen weiten Spielraum gewähren. Viel einfacher und klarer ist die Vorlage der Arbeiter. II. Die Arbeitcrvorlage. „1. Eine oder mehrere Personen, die im eigenen Namen oder im Namen einer Trade-Union zum Zwecke einer Einleitung oder Fort- setzung eines gewerblichen Konflikts handeln, sind berechtigt, sich neben einem Hause oder Arbeitsplatze aufzuhalten, um in friedlicher Weise Nachrichlen zu empfangen und zu übermitteln und um irgend eine Person friedlich zu überreden, zu arbeiten oder nicht zu arbeiten. 2. Ein Uebereinkommen oder eine Verbindung von zwei oder mehreren Personen, die sich vornehmen, eine Handlung auszuüben oder ausüben zu lassen, um dadurch einen gewerblichen Konflikt einzuleiten oder zu fordern, ist nicht klagbar, wenn die Handlung, von einer einzelnen Person ausgeführt, nicht klagbar ist. 3. Eine Trade-Union ist nicht klagbar auf Ersatz von Schäden. die irgend einer Person zngefiigt wurden durch eine Handlung eines oder mehrerer Mitglieder der Trade-Union. m Die GewcrlschaftZborlage der Arbeiterpartei legt also in klaren Worten drei Punkie nieder: die Arbeiter dürfen das Picketing in friedlicher Weife ausführen; sie dürfen nicht wegen Verschwörung angeklagt werden, ihre Gewerkschafts- lassen sind nicht haftbar. Diese Vorlage hat noch den schweren Prozeß der KommissionS« beratungcn und der Lordsberatungen durchzumachen, ehe sie Gesetzes- kraft erhält und den Arbeiterorganlsationen ihre Bewegungsfreiheit wiedergeben kann.— Kommunales. Stadtverordneten-Versammlung. 16. Sitzung vom Donnerstag, den b. Aprik, nachmittags 5 Uhr. Der Vorsteher Dr. Langerhcrns eröffnet die Sitzung um bVi Uhr. Zunächst hat die Fortsetzung der Beratung der Ausschuß- Vorschläge zur Vorlage wegen der am Rudolf Virchow- Krankenhause zu schassenden Abteilungen und wegen der Besetzung der Stellen der leitenden Aerzte für dieselben zu erfolgen. Bekanntlich ist der Vorschlag des Ausschusses, eine be> sondere u r o l o g i s ch e") Station einzurichten, auf lebhaften Wider *) Urologie bedeutet Lehre der Harnkrankheiten. stand in der Versammlung gestoßen, obwohl der bezügliche Ausschuß bcschluß mit 8 gegen 3 Stimmen gefaßt war. Außerdem hatten sich in der letzten Sitzung Zweifel darüber herausgestellt, ob in der Sitzung vom 22. März, die wegen Veschluhunfähigkeit nach WO Uhr abgebrochen werden mußte, die Debatte über diesen Punkt bereits geschlossen worden war. Stadtv. Bernstein(Soz.): Der Oberbürgermeister hat bor vierzehn Tagen den Aerzten die Fähigkeit zur Verwaltung der Krankenhäuser abgesprochen. Er hat vom rein juristischen Stand- Punkt aus gesprochen, seine Ansicht ist aber unhaltbar. Ich verweise auf die Praxis der Versicherungsgcsetzgebung.-Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß der Oberbürgermeister seinen Ausspruch zurück- nimmt.— Was speziell die Errichtung der urologischen Station angeht, so soll dadurch den kleinen Beamten und Leuten, die nicht in der Lage sind, Hunderte von Mark für eine notwendige Spezial- behandlung auszugeben, auch im Krankenhause Gelegenheit gegeben werden, eine ausreichende Behandlung durch einen urologischen Spezialisten zu erfahren. Vom Stadtv. Sachs liegt der Antrag vor, die besondere urologische Station abzulehnen, dafür aber für die chirurgische Station außer dem Direktor einen zweiten dirigierenden Arzt an- zustellen, der in der Behandlung der Kranken vollständig selbständig sein und der Spezialausbildung in der Urologie besitzen soll. Oberbürgermeister Kirschner: Ich habe seinerzeit nur gesagt und sagen wollen, daß der ärztlich-mcdizinische Standpunkt nicht der alleinige sein kann, sondern auch die Fragen der Verwaltung berücksichtigt sein ivollen. Gegen die Organisationsfähigkeit der Aerzte habe ich nichts sagen wollen, ich brauche ja nur an Virchow zu erinnern. Wenn ein neues Spczialitätcntum in der Medizin entstehen soll, so ist das zunächst Sache des Staates, geeignete Maß- nahmen durch Universitätslehrstühle usw. zu treffen, nicht einer Gemeinde. Herr Dr. Wehl will wohltun, er will allen Kranken helfen. Wir aber von der Verwaltung haben neben der sittlichen Pflicht zunächst die rechtlichen Verpflichtungen zu erfüllen und zu prüfe», die uns durch die stcuerzahlcnde Bürgerschaft auferlegt werden.(Zuruf des Stadtv. Singer: Und das alles um den einen Urologenl) Ja, aber doch nur, weil Sie ihn haben wollen. Stadtv. Dr. Wehl(Soz.): Ich kann es nicht begreifen, daß jetzt auch seitens des Oberbürgermeisters wegen der besonderen urologischen Station im Virchow-Krankenhause so schweres Geschütz aufgefahren wird. Er weist darauf hin, daß an der Universität kein Lehrstuhl für Urologie vorhanden wäre; das ist nicht richtig! Es gibt eine außerordentliche Professur und zwei Titularprofeffurcn für Urologie. Aber die Stadt hat ja auch>n bezug der Kehlkopf- und Nasenkrankhciten eine eigene Station errichtet, im Gegensatz zum Staate. Der Ausschuß hat mit 8 gegen 3 Stimmen die Not- wcndigkcit eines solchen Spezialisten für Urologie ausgesprochen. Der Magistrat bezieht sich auf das verneinciide Gutachten des Pro- fessors Körte. Aber selbst dieser muß anerkennen, daß urologische Operationen eine Spezialausbildung verlangen. Wenn Professor Körte meint, in den 16 Jahren seiner Tätigkeit am Krankenhause „Urban" sei keln Fall doli Blasenblulungen konstatiert worden- so rührt das eben daher, daß di« Erkenntnis solcher Fälle erst durch die unsterbliche Entdeckung Ritzes 1893 möglich wurde. In 16 Jahren ist die Sache also ausgereift genug, und in London, Paris, Buenos Aires haben wir spezielle Krankenhausabtcilungen für Urologie. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch noch einmal darauf hinweisen, daß nach der amtlichen Statistik von den 2331 Ab- Weisungen in den Krankenhäusern von Oktober 1965 bis Januar 1966 wieder über 566 wegen Platzmangels erfolgt sind. Gewiß ist meine Auffassung und die des Oberbürgermeisters über die Pflichten der Verwaltung verschieden. Wir haben nicht nur in engherziger Weise armenrechtliche Verpflichtungen anzuerkennen und zu erfüllen, sonst könnten wir mit unserer ganzen Sozialpolitik einpacken, wir haben auch sozialpolitisch-humane Verpflichtungen. Das liegt auch im Interesse der Verwaltung, denn durch Vor- beugung verhindern wir die Ueberfüllung der Krankenhäuser und das Anwachsen des Armenetats. Oberbürgermeister Kirschncr: Ich muß dabei bleiben, daß niemals ein ernst lich Erkrankter in der Zeit vom Oktober' 1965 bis Januar 1966 wegen Platzmangels bei den Krankenhäusern abgewiesen ist. Die 566 Fälle, von denen auf jedes Krankenhaus pro Tag ein Fall kommt, sind solche, bei denen sich der betreffende dirigierende Arzt sagte, daß diese Kranken gegenüber dringenderen- Fällen zurückstehen konnten, da bei ihnen Krankenhausbehandlung nicht erforderlich sei. In einer persönlichen Bemerkung hält Stadtv. Wehl seine Behauptung aufrecht, daß tatsächlich Fälle von Abweisungen Kranker durch die Krankcnl>äuser wegen Platzmangel erfolgt seien. In der Abstimmung wird der Ausschutzantrag mit geringer Mehrheit abgelehnt, der Antrag Sachs mit knapper Mehrheit an» genommen. Im übrigen kommen die Ausschußanträge zur Annahme, darunter der Beschluß, eine eigene hydrotherapeu- tische Abteilung in Verbindung mit dem in e d i c o- m e ch a- nischen Institut unter einem besonderen Leiter einzurichten. Zur weiteren baulichen Ausschließung der sehr geräumigen Stadtteils zwischen Seeftraße, Müllerstraße und Rei- nickendorf ist der Erwerb von Straßenland für die Lüderitz-, Togo-, Straße 26a, Straße 21s, Straße 29 und zur Frei- legung deS Platzes Z im Enteignungswege erforderlich. Die Versammlung gibt ihre Zustimmung. Zur Anlegung der projektierten neuen Verbindungs- straße zwischen der Blücher- und Joha n n i t« r st r a ß c soll eine 722 Quadratmeter große Fläche von dem Grundstück Blücherstr. 65(Eigentümer Verth) zum Preise von 335 M. vw Quadratmeter freihändig erworben werden. Die Vorlage wird angenommen. Zum Ausbau, zur Abrundung unÄ Erweiterung der n ö r d- l i ch e n Rieselfelder ist der Ankauf von Grundstücken in den Gemarkungen Schönow, Schmetzdorf, Ladeburg und Schöner linde beabsichtigt. ES handelt sich um Ländercic», Gräben und Waldparzellen im Umfange von zirka 46� Hektar, die rund 83 666 M. kosten sollen. Die Versammlung stimmt zu. Ein von Mitgliedern aller Fraktionen unterzeichneter A n- trag Stapf geht dahin: den Magistrat zu ersuchen, durch besondere, unter fach- kundiger Führung stattfindende Besichtigungen den Stadtverordneten, insbesondere den in zweijährigen ?lbständcn neu eintretenden Mitgliedern, Gelegenheit zu geben, städtische Anstalten, Bauten und Betriebe ge- nauer und auf leichtere Wbise, als es dem einzelnen auf eigenes Unternehmen hin möglich ist, kennen zu lernen und in ihrer Fortentwickelung zu verfolgen. Nach kurzer Begründung durch den Antragsteller erhebt die Versammlung den Antrag zum Beschluß. Zur Verbreiterung der Wall straße zwischen Neue Grün- und Jnsclstraße sind Verhandlunge» mit den Eigentümern geführt worden; die Absicht des freihändigen Erwerbes der crforder- lichen Flächen ist aber an den maßlösen Ansprüchen der Besitzer gescheitert. Nur die Proposition des Fabrik- und Rittergutsbesitzers Stock, der für die von seinen Grundstücken Wallstr. 23 und 24 ab- zutretenden 299 Quadratmeter 113 966 M. verlangt, glaubt der Magistrat der Versanimlung empfehlen zu sollen. Im übrigen wird für die Grundstücke Neue Roßstr. 16 und 14 und Wallstr. 23. 29, 36,34, 35, 78 und 79 die Einleitung des Enteignungsberfahrens beantragt. Auf Antrag Haberland(A. L.) wird die Vorlage bezüglich des freihändigen Erwerbes angenommen, im übrigen an einen Ans- schuß verwiesen. Oberhalb der Eisenbahnbrücke im Zuge der Eisenbahn. straße soll für 36 666 M. provisorisch eine Hülfsbrücke für Fußgänger erbaut werden. Eine weitere Vorlage des Magistrats betrifft den Erwerb des- jenigen militärfiskalischen Straße nlandes, daS für eine Zu fahrt straße zu der geplanten Brücke im Zuge der verlängerten Eisenbahnstraße auf der linken Spreeseite erforderlich ist. Ter Fiskus hat einen Preis gestellt, der einem Preise von 264 M- pro Quadratmeter entspricht. Der Fiskus will aber mit dem Verkauf dieser Parzelle eine andere Sache verkoppeln, nämlich den Erwerb einer zirka 11 866 Quadratmeter großen Fläche boin Plänterwaldo behufs Gewinnung eines Wasserübungsplatzes für das Gardcpionierbataillon. Diese Fläche soll für 96 Mi pro Quadratmeter in Tausch gegeben werden. Der Magistrat will darauf eingehen. Auf Antrag! Dinse, dem sich Stadtv. Vorgmann(Soz.)) auch aus der Erwägung anschließt daß hier die Interessen der Stadt nicht genügend gewahrt scheinen, gehen beide Vorlagen an einen Ausschuß. Die Vorlage wegen Festsetzung einer neuen Bauflucht- linie für die Grundstücke Jüdcn st raste 28— 83, vis-a-vis dem neuen städtischen Verwaltungsgebäude, hat der niedergesetzte Sonderausschuß abgelehnt; er empfiehlt, dem Magistrat an- heimzugeben, eine neue Vorlage zu machen, welche gleichzeitig die durchaus nötige Verbreiterung der Stralauer straße vom Molkenmarkt bis zur Jüdenstraße berücksichtigt. Außerdem soll der Magistrat ersucht werden, mit sämtlichen in Betracht kommenden Interessenten Verhandlungen darüber einzuleiten, unter welchen Bedingungen sie sich bereit erklären, das zur Straßen, Verbreiterung erforderliche Terrain an die Stadt abzutreten. Referent ist Stadtv. Gombcrt(A. L.). Der Ausschuß-! Vorschlag wird ohne Debatte akzeptiert. Der Magistrat legt der Versammlung das neu auf» gestellte Projekt für den Bau des Radialsystems XI der Kan alisatt on(Kostenbetrag überschläglich 19 266 666 M.)) bor mit dem Ersuchen, den früheren Beschluß von 1397, womit das damalige Projekt genehmigt wurde, aufzuheben. Die Versammlung nimmt den Magistratsborschlag ohne; Debatte an. Die Frage, ob und welche Gegenstände dem staatlichen Ver- kehrs- und Baumuseum, welches im Hamburger Bahnhofs- gebäude eingerichtet wird, hingegeben werden sollen, wird nach kurzer Debatte, an der sich Stadtv. Nathan(soz.-fortschr.), Dinse(N. L.)) und Cassel(A. L.) solvie Stadtrat Ramslau beteiligen, einem Aueschuß überwiesen, nachdem auch Stadtv. Zubcil(Soz.) sich für die Niedersetzung eines solchen ausgesprochen hat. Zum gastlichen Empfange des 5. Jnter» nationalen Kongresses für Versicherungs- Wissenschaft und des 4. Internationalen Kongresses für Versicherungsmedizin in den Festräumen des Rathauses (in der Zeit vom 16. bis 15. September d. J.X werden 6666 M, bewilligt. Die Vorlage wegen Verkaufs des Grundstückes MarkuSstr. 39 wird auf Antrag Gründe!.(Soz.), einem Ausschuß überwiesen. Gegen?L8 Uhr ist die öffentliche Sitzung beendet; die nächste Sitzung findet des Gründonnerstags wegen schon am Mittwoch. 11. April, statt, Gcwerhrchaftlicbee« Unternehmer und Behörden als Störer des sozialen Friedens. Mit frecher Stirn behauptet die im Solde des Unter- nehniertums stehende Presse stets, daß einzig die Sozial- demokratie durch ihre hetzerische Agitation das„gute Einoer- nehmen zwischen Kapital und Arbeit", den sozialen Frieden störe, und zwar lediglich deshalb, um dabei im Trüben fischen zu können. Dieser Tage hat nun ein in der Wolle gefärbtes Unternehmerorgan es eingestanden, daß die„Schürer und Hetzer" ganz wo anders zu suchen sind, als in den Reihen der Sozialdemokratie: daß die Unternehmer selb st es sind, die die Arbeiter unzufrieden machen: sie zu flammender Em- pörung aufpeitschen, und daß sie bei ihrer„Wühl"arbeit ab und zu sogar die Unterstützung von Behörden und bürgerlichen Parlamentariern finden. Man höre: „In zahlreichen Bergarbeiterversammlungen wird jetzt ver- stärkt die Lohnfrage erörtert. Die Arbeiterausschüsse werden zu- meist von den Grubenverwaltungen als inkompetent zur Verhandlung über Lohnangelegenheiten zurückgewiesen oder mit unverbindlichen Mitteilungen versehen. Infolge der unklaren und mangelhaften Fassung der neuen berg- gesetzlichen Bestimmungen sind den Grubenoerwaltungen genug Handhaben geboten, um die Arbeiterausschüsse nur in neben- sächlichen Angelegenheiten zu hören, ohne daß den Beschwerden und Wünschen Folge gegeben zu werden braucht. Auch klagen die Arbeiter über vorgenommene Gedinge- reduzierungen. Ueberschichten werden in großer Zahl verfahren. Scharenweise werden fremdländische Arbeiter in das Ruhrgebiet geführt. Auf Grund des neuen Berggesetzes werden Geldstrafen für unreine Förderungen ver- hängt, die vielfach empfindlicher sind, als es die nach dem alten Strafsystcm waren. Große Erbitterung erweckt auch die Verschlechterung der von der preußischen Re- gierung ausgearbeiteten Novelle zum Knappschaftsgesetze durch die Berggesctzkommission des Abgeordnetenhauses. Daß sich so wieder viel Zündstoff in der deutschen Bergarbeiterbevölkerung ange- sammelt hat, unterliegt keinem Zweifel." Welches Blatt ist es, das so zutreffend die Ursachen der gährenden llnzufriedenheit in den Reihen der Bergarbeiter beurteilt? Es ist der„Hannov. Courier", dasselbe Blatt, das im Vorjahre bei Gelegenheit des Bergarbeiterstreiks so scharfe Worte gegen die streikenden Bergarbeiter fand und die neue Berggesetznovelle als einen Ausbund sozialpolitischer Weisheit pries! Diese Erleuchtung kommt dem national- liberalen Blatte allerdings nur im Handelsteile, während im p o l i t i s ch e n Teile nach wie vor kräftig auf die „sozialdemokratischen Hetzer und Wühler" geschimpft wird. Das Blatt geht in seinem Anfalle von Wahrheitsliebe sogar so weit, die gegenwärtig wie Pilze aus der Erde schießenden Lohnkämpfe als d u r ch a u s b e r e ch t i g t zu erklären: „Die soeben(für den Ruhrbergbau) veröffentlichten totalen Lohnziffern für das Jahr IMS zeigen nur ein mäßiges Anziehen der Durchschnittslohne(umsomehr sind dafür die Dividenden gestiegen). In den meisten Distrikten standen die Löhne 1899 bis 1990 höher als 1995. Die Tatsache eines relativen Lohnrückganges ist unbe st reitbar. Eine e x z e p- tionelle Verteuerung der Nahrungsmittel und Mieten ist eingetreten; speziell sind innerhalb eines Jahres im Kleinverkauf die F l e i s ch p r e i s e um 15 bis 20 Pf. pro Pfund gestiegen. Allein diese Verteuerung bedeutet für die Arbeiter eine Verschlechterung ihres Reallohnes, auch wenn man die 5 Pf. Lohnsteigerung in Ver- r e ch n u n g bringt. Die Lohnforderungen werden deshalb überall begründet mit der anerkannten Steigerung der Lebensmittelpreise." Das hier von den Bergleuten des rheinisch-westfälischen Jndustriebezirks Gesagte trifft auch für alle übrigen Arbeiter zu. Selbst wo kleine Lohnerhöhungen stattgehabt, stehen diese auch nicht annähernd in einem richtigen Verhältnis zur Ver- teuerung der Lebensmittel usw. Wie übel sind nun erst d i e Arbeiter daran, die einer Lohnerhöhung nicht teilhaftig geworden! Ganz offen wird eingestanden, daß die Not, die bittere Not, hervorgerufen durch das kapitalistische System, durch die Herrsch- und Profitsucht des llnternehmerwms„ es ist, die die Arbeiter in die wirtschaftlichen Kämpfe hineinpeitscht. Und bei alledem finden gewissenlose Geldsackmenschen den ver- brecherischen Mut, den Arbeitern den einzigen Rückhalt bei den aufgedrungenen Kämpfen, die Organisation, zu rauben!— Berlin una Clmgegcnd. Zum Malerstrcik. Eine stark besuchte Versammlung der AuS- ständigen nahm gestern in der„Neuen Welt" den Situationsbericht über den Stand des Streiks entgegen. Demnach haben sich bislang 7613 Gehülfen als am Streik beteiligt zur Kontrolle gemeldet. Davon sind 3748 verheiratet und 3865 ledig. Die Verheirateten haben insgesamt 4936 Kinder. Etwa 399 ledige Kollegen sind nach anderen Städten abgereist. Bewilligt haben bisher reichlich 599 Meister, bei denen mit Genehmigung der Streikleitung zirka 1 699 Gehülfen arbeiten. Was es mit dem Gerede der Meister auf sich hat, als sei die Lohnforderung der Arbeiter zu hoch, das zeigte I a k o b e i t an der Hand einer selbst von den Meistern als richtig anerkannten statistischen Aufnahme. Es ist demzufolge bis zum Aus- bruch des Streiks bereits ein durchschnittlicher Stundenlohn von 583/4 Pf. gezahlt worden. Von den Gehülfen hatten 65 Proz. mehr wie 56 Pf. pro Stunde; 32 Proz. der Gesamtheit verdienten über 69 Pf. Der jetzt geforderte Mindestlohn wurde als um so angemessener bezeichnet, weil ein Teil der Meister nach- gewiesenermaßen mehr Anstreicher wie Maler beschäftigt. Es liege daher im dringendsten Interesse der Organisation, die Differenz zwischen de» Anstreicher- und Malerlöhnen möglichst auszugleichen. Der Stand des Streiks wurde allgemein als günstig bezeichnet. Der Ausbruch des Streiks hat auch zu einer Einigung der divergierenden Elemente unler der Gchülfenschaft geführt. Die Ge- werkschaft der Maler beschloß, sich dem Vorgehen des Zentral- Verbandes anzuschließen, auch in der Zeit und Lohnfrage, doch soll überall dort. Ivo schon ein höherer Lohn gezahlt worden ist, ein diesbezüglicher Zuschlag erfolgen. Genosse Westpfahl als Ver- treter des Berliner Gewerkschaftskartells gab in der betreffenden Ver- sammlung die Erklärung ab, daß das Kartell die Gewerkschaft jeder- zeit unterstützen wird. Tapezierer. In der Werkstatt von Domeyer, Brunnen- straße 52, stelltet, die Tapezierer Forderungen, die jedoch abgelehnt wurden. Der Herr beruft sich darauf, daß im vorigen Jahre ein Akkordtarif aufgestellt wurde, der durch den Tarifvertrag auf ztvei Jahre Gültigkeit besitzt. Nun besagt Z 3 des Vertrages vom 15. Würz 1993: Die Akkordpreise müssen so erhöht werden, daß der Gehülfe im Akkord 19 Proz. mehr verdient, als sein Durchschnitts- lohn beträgt. Da nun der vertragsmäßige Durchschnittslohn auf 65 Pf. pro Stunde festgesetzt ist, hätte jeder mindestens 71 VH Pf. pro Stunde im Akkord verdienen müssen. Das war aber bei den, Nkkordtarif der Firma Domeyer unmöglich. Statt 33 M. erreichten die Gehülfen 18,29 bis 27 M. Ein Herr Kühne sühlt sich bewogen, der Firma weiter seine immense Arbeitskraft zu leihen, obgleich die Gehülfen seit dem 26. März angeblich recht- mäßig entlassen sind, und er selbst dort den horrenden Wochen- verdienst von 9— 12 M. erreicht. Die Entlassung vollzog sich so, daß Herr Domeyer jeden fragte, ob er bei dem alten Tarif zu- recht käme. Natürlich antwortete jeder mit Nein und erhielt darauf seine Papiere. Das Eingreifen der Kommission verlief ergebnislos, da Herr Domeyer absolut nicht nachgeben wollte, und ist diese Werkstatt somit gesperrt. Achte jeder darauf, daß nirgends Arbeit für diese Firma angefertigt wird, da Herr Domeyer sich brüstet, er bekommt Arbeit soviel er wolle. Die Achtzehner-Kommission. Achtung, Asphaltenre und Pappdachdeckcr! Auf vielfache An- fragen unserer Kollegen teilen wir ausdrücklich mit, daß den Unter- nehmen, in unserem Berufe noch keine Lohnforderungen zugestellt und alle anderslautenden Gerüchte unwahr sind. Die Arbeiter der Firma I. I e s e r i ch. Salzufer, hatten vor 5 Wochen eine Forderung gestellt, d,e noch nicht beantwortet wurde und durch den von der Lohnkommission gefaßten Beschluß hinfällig wird. Der Lohntarif für unseren Beruf wird am Sonntag, den 8 April, vor- mittags 19Vg Uhr, in der Versammlung in der Kronenbrauerei, Alt-Moabit 46/47, beraten werden. Zentralverband der Asphalteure und Pappdachdecker. Verwaltung Berlin. A. Kleinschniidt. Kürschner l Zuzug ist fernzuhalten von Stuttgart. Gesperrt ist in Berlin der Betrieb des Herrn K o h n, Neue Königstr. 24, für alle Arbeiter und Arbeiterinnen der Mützenbranche. Deutscher Kürschner-Verband. Filiale Berlin. Die neuen Tarifforderungen der Berliner Bäckergesellen wurden gestern in einer öffentlichen Meisterversammlung, die von der„Freien Bereinigung der Bäckermeister Berlins und Umgegend" einberufen war, sehr eingehend besprochen. Bekannt- lich setzt sich diese Vereinigung aus Meistern zusammen� die beim Bäckerstreik vor zwei Jahren die Forderungen der Gesellen aner- kannten und vor dem Einigungsamt auch einen förmlichen Tarif- vertrag mit dem Bäckerverband abgeschlossen haben. Gültig ist der Vertrag bis zum 1. Oktober dieses Jahres, er kann jedoch außer Kraft gesetzt werden, wenn mit den Berliner Bäckerinnungen>oäh- rend dieser Zeit ein den ganzen Jnnungsbezirk umfassender Vertrag zustande kommen sollte. Sämtliche Redner befürworteten auch dies- mal eine friedliche Verständigung mit den Gesellen. Sie erkannten an, daß ihnen keinerlei Nachteile aus dem Vertragsverhältnis er- wachsen seien; ebenfalls hielten sie das Bestreben der Gesellen nach einer zeitgemäßen Verbesserung ihrer Lohn- und Arbeitsbedin- gungen für berechtigt. Mit dieser Ansicht stießen sie bei den an- wesenden Jnnungsfanatikern allerdings auf Widerspruch, denn letztere sprachen sich gegen jedes Verhandeln mit der Gesellenorgani- sation aus. Schließlich gelangte eine vom Meister Fischer vor- geschlagene Resolution gegen die Stimmen der Jnnungskorona zur Annahme, die eine Verlängerung des jetzigen Tarifvertrages auf drei Jahre befürwortet mit der Maßgabe, daß die geforderte Lohnerhöhung vom Beginn des zweiten Tarifjahres ab anerkannt werde. Veutkdus K((d>. Der Kampf in der Holzindustrie zu Frankfurt a. O. spitzt sich immer mehr zu einer Machtfrage zu. Die Tischler, Drechsler usw. hatten in allen Betrieben Forderungen eingereicht, die auch von 12 Unternehmern mit 69 Beschäftigten bereits schriftlich anerkannt waren. Ausgeschlossen von der Bewegung waren nur die Piano- fabrik von Gruß, die Orgelfabrik von Sauer und die Möbel- sabrik von Gerstenberger. Die eingereichten Forderungen wurden von den Unternehmern wohlwollend aufgenommen, bis Herr Gerstenberger die Fabrikanten zu einer lokalen Arbeitgebcrorganisation zusammenschweißte, in deren Statuten die Beschäftigung von Mitgliedern des Holz- arbeiterverbandes bei Konventionalstrafe verboten ist. Darnach zahlt ein Arbeitgeber bis 5 Gesellen für jeden 19 Mark, Herr Gerstenberger mit 599 Beschäftigten für jeden 1 Mark. Bis jetzt steht die Sache der Streikenden und Ausgesperrten äußerst günstig. Bemerkt sei, daß auch die Klavierarbeiter von Gruß aus- gesperrt sind.— Da nun aber in allen Orten Deutschlands Arbeits- lräste gesucht werden, bitten die Streikenden alle Holzarbeiter wie Tischler, Drechsler, Polierer, Maschinenarbeiter, Hülfsarbeiter und Arbeiterinnen, den Verlockungen der Frankfurter Unternehmer nicht Folge zu leisten. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Ab- druck gebeten._ Die Machtprobe der sächsischen Mctallindustriellen. Der Verein sächsischer Metallindustrieller in der K r e i s h a u p t- mannschaft Dresden hat den Streik der Monteure bei der Nähmaschinenfabrik von Biesold u. Locke in Meißen tatsächlich zum Vorwande genommen, eine Machtprobe gegen die organisierten Metallarbeiter zu inszenieren. Am Mittwoch abend sind in Dresden und Umgebung 13 999 Metallarbeiter ausgesperrt werden. Alle größeren Betriebe stehen still. Bei den Firmen Seidel u. Naumann, Eschebach, Gebr. S i e ck und vielen anderen, sind alle Arbeiter ohne Unterschied aufs Pflaster geworfen worden.� In anderen hat man versucht, die Nichtorganisierten weiter zu beschäftigtigen und den Betrieb so aufrechtzuerhalten. Eine größere Anzahl kleinerer Betriebe haben die Aussperrung noch nicht durchgesetzt, es ist aber zu erwarten, daß die Machtprobe eine allgemeine wird. Diese Machtprobe der organisierten Metallindnstriellen ist die stivolste, die in Szene gesetzt worden ist. Die Arbeiter bei der Finna B i e s o l d und Locke waren in den Ausstand getreten, um unerträgliche Schikanierungen abzuwehren, die die organisierten Arbeiter zu erdulden hatten. Es scheint, als hätten die Dresdener Metallindustriellen einen großen Coup für dieses Frühjahr geplant und den Streik in der Meißener Nähinaschinenfabrik als Vorwand genommen._ Känigsberger Streikarbeit fertigen die Firmen Machol u. Lewin, Dirksenstr. 28, und Moral, Königstr. 46. an. Wir ersuchen die Kalle- gen, Streikarbeit unter allenUmständen zurückzuweisen. Den Kollegen ist es sehr leicht möglich, hier festzustellen, was ihnen an Streik- arbeit angeboten wird, da es sich um ganz feine Matzarbeit handelt. Man sollte nicht glauben, in welcher Weise das Publikum düpiert wird, lediglich deshalb, weil man dem Arbeiter kein menschenwürdiges Dasein gönnt. Verband der Schneider. Die Ortsverwaltung. 38 Silberwarenarbeiter der Firma Franz Bahner in Düsseldorf haben die Kündigung eingereicht. Die Firma ver- langt von den Arbeitern Austritt aus dem Metallarbeiterverbande. Die Arbeiter der Silberbranche f hauptsächlich werden bei dieser Firma Bestecke gemacht) werden ersucht, den Zuzug nach Düssel- darf fernzuhalten. Es ist der Firma vor einigen Jahren schon einmal gelungen, die Organisation in ihrem Betriebe zu sprengen. Der Versuch wird dieses Rial an dem festen Zusammenhalt der Kollegen scheitern, wenn der Zuzug von außerhalb ferngehalten wird. Verwaltung Düsseldorf des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes. Eine weitere Metallarbcitermisspcrrmig. In B r a u n s ch w e i g sind an: Mittivoch die Gießereiarbeitcr dreier Fabriken in Stärke von 299 Mann in den Ausstand getreten; gestern haben auch die Arbeiter in verschiedenen kleineren Fabriken die Arbeit niedergelegt. In der Maschinenfabrik Lutter find 999 Mann gekündigt worden, während bei einigen anderen Fabriken noch Verhandlungen schweben. Falls eine Einigung nicht zustande kommt, werden sämtliche Braunschweiger Maschincnfabrikcn ihren Betrieb schließen, wodurch etwa 5999 bis L999 Arbeiter ausgesperrt werden._ Die Blcistiftarveitcr in einigen größeren Fabriken Nürn- bergs haben eine Lohnaufbesserung von 2 Pf. pro Stunde er- zielt, ohne daß sie erst einen Kampf zu führen brauchten. Diese Nachgiebigkeit der Unternehmer ist darauf zurückzuführen, daß die früher der Organisation sehr schwer zugänglich gewesenen Bleistift« arbeiter endlich zum Bewußtsein ihrer Klassenlage erwachen. Ein Streik der Schneider ist in Erlangen zum Ausbruch ge- kommen, nachdem bei den Verhandlungen vor dem Gewerbegericht als Einigungsamt die Unternehmer nur einige ganz minimale Zu- geständnisse machen wollten. Die Seemannsbewegung greift um sich. Auch die Bremer See- leute haben dem Verein der Reeder des Unterwesergebiets Forde» rungen auf Erhöhung der Heuer eingereicht. Auch werden Aende- rungen in den Mnsterungsbedingungen, den Ueberstunden, dem Wachensystem und den Anheuerbedingungen verlangt. Eine Einigung ist noch nicht erzielt worden._ Das Unterstützungswcsen in den Gewerkschaften. Befürworter und Gegner des Ausbaues des Unterstützungs- Wesens innerhalb der Gewerkschaften wird es interessieren, daß die christlichen Gewerkschaften gegenwärtig ganz energisch daransind, für ihre Krankenzuschußkasse des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften Miiglieder zu gewinnen. Ganz besonders bemerkens- wert ist. wie„Der Arbeiter", das Zentralorgan der katholischen Arbeitervereine, für die„christliche" Krankenkasse agitiert. Das Blatt weist die christlichen Gewerkschaftler darauf hin. daß mit allen Kräften dafür gesorgt werden müsse, daß für die Unterstützungskassen der Christlichen Mitglieder gewonnen werden, denn damit seien diese auch für die christlichen Gewerkschaften gewonnen, ohne daß man dabei natürlich vom Terrorismus der christlichen Gewerkschaften sprechen könne. Die Erfahrung lehre, daß christlich gesinnte Arbeiter, wenn sie in„nichtchristliche" Kassen eintreten und mit nichtchristlichen Arbeitern zusammenkommen, für die christlichen Gewerkschaften ver- loren sind und damit in die Arme der„sozialdemokratischen" Ge- werkschaften hineingetrieben werden. (Wiederholt, weil nur in einem Teil der Auflage.)) HusUnd. Polizei in den Händen der Streikenden! AuS T o u l o n wird gemeldet: Der Präfekt sandte gestern einen Polizeikommissar zur Arbeitsbörse, um Einigungsversuche zu machen und die Ausständigen von seinen Absichten in Kenntnis zu setzen. Die Ausständigen bemächtigten sich jedoch der Person des Kom- missars und behielten ihn und noch einen Polizeibeamte» als Gefangenen zurück, wobei sie erklärten, sie würden beide nur freilassen, wenn man ihnen gestatte, einen Umzug in der Stadt zu machen; sie versprächen, sich dabei ruhig zu verhalten. Huf zur Aah! im 34. Bezirk! In letzter Stunde waren am Donnerstag die Kommunalwählec des 34. Bezirks nach einmal in den Berolina-Festsälen, Schönhauser Allee, versammelt, um ein Referat unseres Genossen Stadtverord- neten Koblenzer über die Bedeutung dieser Ersatz- w a h l zu hören. Der Referent hob hervor, daß seit den Wahlrechts- demonstrationen vom 21. Januar und vom 18. März alle Vorgänge in der Partei von unseren Gegnern mit noch größerer Aufmerksam- kcit als bisher verfolgt werden. Ein Prüfstein der Festigkeit, mit der die Parteigenossen für ihre Sache eintreten, sei der Ausfall der Wahlen. Auch eine Ersatzwahl, wie die des 34. Bezirks, dürfte in dieser Hinsicht nicht als Bagatelle behandelt werden. Sie stelle an das Pflichtgefühl der Parteigenossen dieselben An- forderungen, wie jede andere Wahl, bei der uns von unseren Gegnern ernstlich das Feld streitig gemacht wird. Koblenzer sprach die Hoffnung aus, daß die Kleinarbeit, die im Bezirk verrichtet worden ist, nicht ohne Erfolg bleiben werde, und daß am heutigen Freitag die Wähler den Kandidaten der Sozialdemo- kratie, Genossen Theodor Fischer, mit einer stattlichen Stimmenzahl zu ihrem künftigen Vertreter im Rathause machen werden. Der Vorsitzende der Versammlung, Genosse Stadtv. Mars, wies in einem Schlußwort darauf hin, daß Theodor Fischer, der gleichfalls an der Versammlung teilnahm, seit mehr als anderthalb Jahrzehnten im Kampfe für die Sache der Arbeiter stets seine Schuldigkeit getan hat. Nun sei es an den Wahlern, Treue mit Treue zu vergelten und ihrerseits ihre Schuldigkeit zu tun.— Das Wahlbureau für die Agitation am Tage der Wahl be- findet sich im Restaurant Behnseld, Hochmeisterstr. 13. Die Ver» kündigung des Wahlergebnisses erfolgt am Abend in den Berolina- Festsälen, Schönhauser-Allee 28. Letzte Nacbricbtcn und vepelcben. Ausstand der Maler in Mannheim. Mannheim, 5. April.(Prioatdepesche des„Vorwärts".) Die Maler und Tüncher von Mannheim und Ludwigshafen beschlossen am Mittwoch mit 477 gegen 1 Stimme in den Aus- stand zu treten. In der heutigen Versammlung der Aus- ständigen wurden 489 Streikende gezählt. Die Arbeiter aller- orts werden gebeten, Zuzug nach hier fernzuhalten. Verwerfung der Berufung im Prozeß Murri. Rom, 5. April.(Privatdcpesche unseres römischen Kor- respondenten.) Ter Kassationshof verwarf heute die Berufung im Prozeß Murri für alle Verurteilten, außer dem Angeklagten Bonetti. Der Eindruck, den die Verwerfung hervorrief, ist ein sehr großer. Der Anwalt hatte die Kassierung deS ganzen Urteilsspruches be-- antragt._ Der Hauseinsturz in Nagold. Nagold, 5. April.(W. T. B.) Die Zahl der tot aus den Trümmern Hervorgezogenen ist bis 7 Uhr abends auf 59 festgestellt, dagegen hat sich herausgestellt, daß die Zahl der Schwerverletzten bisher 39 beträgt, während über die Zahl der Leichtverletzten noch kein Ueberblick möglich ist. Viele Personen liegen noch unter den Trümmern, mit deren Aufräumung man heute abend fertig zu werden hofft. Die Toten sind sämtlich im Rathause aufgebahrt. Aus der Umgegend findet ein kolossaler Menschenzustrom statt Judenheden. Petersburg, 5. April.(Meldung der Petersburger Tele- graphcn-Agentur.) Das Ministerium des Innern empfängt fort- während amtliche Berichte der Gouverneure und Präfckten be- treffend die Anzeichen, die von ihnen über die Möglichkeit von gegen die Juden gerichteten Unruhen gemacht worden sind. Die in den letzten Tagen eingetroffenen Telegramme lauten in über- wiegender Mehrzahl beruhigend, nur die Berichte aus Odessa und Bjelostock melden,'daß dort eine Bewegung zugunsten von Unruhen im Gange ist. In Odessa wird die Agitation hierfür ziemlich offen betrieben, doch ist sie ihrem Umfange nach unbedeutend. In Bjelostock wird dieser Bewegung durch eine gegen die Unruhen ge- richtete Bewegung der polnischen Arbeiter das Gleichgewicht ge- halten. Aus Minsk wird gemeldet, daß ein im Bezirk Retschisk an fünf Juden begangener Mord lediglich zum Zwecke der Be- raubung verübt worden sei. Perantw. Redakteur: Haus Weber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th.Älocke, Berlin. Druck«.Verlag: VorlvärtSBuchdr.u.Verlagsanstalt KaulSingerL-Co.,BerliiiLW. Hierzu3Beilageiiu.Unterhaltungsblatt Nr. 81. 23. Jahrgang. I. WM»es Jonniirlü" Strliim plWInlt Freitag. 6. April 1906. Reichstag. lpril. 8S. Sitzung vom Donnerstag, den 5. vormittags 11 Uhr. Am Tische des Bundesrats: Fürst B ü l o w, Graf Posa- vowskh, v. Tschirschky, Freiherr v. Stengel. Haus und Tribünen sind gut besetzt. Das Haus ehrt das Andenken des Donnerstag früh um 6 Uhr verstorbenen Abgeordneten Meister(Soz.j durch Erheben von den Plätzen. Auf der Tagesordnung steht zunächst die zweite Beratung des Etats für den Reichskanzler und die Reichskanzlei. Reichskanzler Fürst Bülow: Meine Herren! Ich möchte die erste Gelegenheit ergreifen, die sich mir bietet, um mich nach dem materiellen Abschluß der Konferenz von Algeciras vor diesem hohen Hause über unsere Marokko-Politik auszusprechen. Sie werden es auf der anderen Seite verstehen. wenn ich heute meine Worte sehr sorgsam abwäge, nicht nur, weil der formale Abschluß der Konferenz noch nicht erfolgt ist und noch in keinem anderen Parlamente das Ergebnis der Konferenz und die Marokkofrage(?) besprochen worden sind, sondern auch weil ich die erreichte, die mühsam erreichte Verständigung nicht beeinträchtigen oder trüben will.— Will man unsere Marokkopolitik richtig ver- stehen, so muß man zu ihrem Ausgangspunkte zurückkehren, will man das Ergebnis richtig würdigen, den Anfang mit dem Ende vergleichen. Eine Zeit der Beunruhigungen liegt hinter uns. Es gab Wochen, wo der Gedanke einer kriegerischen Verwickelung sich der Gemüter bemächtigte. Wie kam das? Waren Lcbensinteressen des deutschen Volkes bedroht, so daß die Leitung unserer aus- wältigen Politik daran denken konnte, die Machtfrage aufzuwerfen? Sollten wir, wollten wir um Marokko Krieg führen? Nein, meine Herren: um Marokko nicht! Wir haben in Marokko keine direkten politischen Interessen, wir haben dort keine politischen Aspirationen. Wir haben weder, wie Spanien, eine jahrhunderte alte maurische Vergangenheit, noch, wie Frankreich, eine Hunderte von Kilometern lange LandeSgrenze mit Marokko. Wir haben keine mit großen Opfern erworbenen historischen oder militärischen Rechte wie diese beiden europäischen Kulturländer. Aber wir hatten wirtschaftliche Interessen an einem selbständigen und unab- hängigen, bisher noch wenig erschlossenen, zukunftsreichen Lande. Wir waren Teilhaber einer internationalen Konvention, die das Prinzip der Meistbegünstigung enthielt. Wir hatten einen Handels- bertrag mit Marokko abgeichlossen mit dem Recht der meist- begünstigten Nationen. Darüber nicht ohne unsere Zustimmung verfügen zu lassen, war eine Frage des Ansehens der deutschen Politik, der Würde des Deutschen Reiches, eine Frage, in welcher wir nicht nachgeben dursten.(Lebhaftes Sehr richtig! rechts und bei den Nationalliberalen.) Daraus folgt, was wir in der Marokko- frage wollten und was nicht. Wir wollten nicht in Marokko selbst festen Fuß fasten; denn darin hätte eher eine Schwächung als eine Stärkung unserer Stellung gelegen. Wir wollten Ansprüchen anderer Mächte keinen schikanösen oder überhaupt irgend einen Widerstand entgegensetzen, solange die deutschen Rechte und Interessen geschont und geachtet wurden. Wir wollten uns auch nicht mit England deshalb reiben, weil dieses in dem Vertrage vom April 1304 eine Annäherung an Frankreich gefunden hatte; denn in diesem Vertrag verfügt England, was Marokko anbetrifft, nur über seine eigenen Interessen, und was Aegypten betrifft, so hatte es in den uns angehenden Fragen nachträglich unsere Zustimmung herbeigeführt. Was wir wollten, war: zu bekunden, daß das Deutsche Reich sich nicht als guantito negligeahle(unbeachtliche Große) behandeln läßt(Sehr richtig! rechts), daß die Basis eines internatio- nalen Vertrages nicht ohne Zustimmung der Signatarmächte verrückt werden darf, daß zu einem so wichtigen, selbständigen, an zwei Welthandelsstraßen gelegenen Wirtschaftsgebiet die Tür für die Frei- heit des fremden Wettbewerbe» offen gehalten werden mutz. Das geeignete Mittel, dies Ziel auf stiedlichem Wege zu erreichen, war die Einberufung einer neuen Konferenz. Ich habe in den Zeitungen hie und da gelesen, daß wir mit einem sranzösisch-dcutschen Separat- abkommen mehr erreicht haben würden. Ich weiß nicht, ob ein solches überhaupt möglich gewesen wäre und ob nicht bei einem Versuch dazu im Gegenteil die Gegensätze sich noch mehr verschärft haben würden. Jedenfalls würden wir damit von vornherein unsere feste auf einem internationalen Vertrage beruhende Rechtsstellung geschwächt haben. Unser Vertrauen in die Sicherheit, die durch eine feste Rechtsgrundlage gewährt wird, war so groß, daß wir auf die Kon- ferenz drängten, obwohl jedermann wußte, daß drei Großmächte durch Separatabkommen an Frankreich gebunden waren, eine vierte ihm alliiert, wir also unsere Forderungen auf der Konferenz gegen eine Mehrheit der Großmächte durchzusetzen hatten. Das Vertrauen, von dem ich vorhin sprach, hat uns nicht getäuscht. Gewiß hat ja die Konferenz länger gedauert, als man erwartet hat. Die Sache war eben nicht leicht. Es gibt auch in der Diplomatie wie im bürgerlichen Leben wichtige Angelegenheiten, über die länger ver- handelt wird.(Heiterkeit.) Ich bin unseren Delegierten die Aner- kennung schuldig, daß sie die deutschen Forderungen mit ebensoviel Festigkeit und Zähigkeit wie Umsicht vertreten haben.(Beifall.) Die einzelnen Konserenzbeschlüsse sind durch die Presse veröffentlicht und Ihnen bekannl. Ich will sie in diesem Augenblick nicht näher erörtern und auch hinsichtlich deS Gesamtergebnisses nur vorläufig das Nachstehende betone»! Es wäre ein Mangel an Augenmaß ge- Wesen, wenn wir wegen untergeordneter Forderungen die Konferenz hätten scheitern lassen, wie: die Zahl der Zensoren für die Staals- bank oder die Polizeistationen.— Fragen, die für uns nicht Selbst- zweck, sondern Mittel zum Zweck waren. Für solche sekundären For- deruugen Kopf und Kragen daranzusetzen, wäre nicht praktische Politik ! gewesen. Auch ließ sich schwer bestreiten, daß kein Land vermöge einer Erfahrungen geeigneter war, die Polizriinstrultcure zu stellen, als die seiden Nachbarländer Spanien und Frankreich. Hätten wir uns dieser Tatsache nachträglich verschlossen, so würde der von der aus- ländischen Presse gegen die deutsche Politik so lebhaft erhobene Vorwurf der Jntrnnsigenz(UnVersöhnlichkeit) wirklich berechtigt ge- Wesen sein. Worauf es ankam, war: den internationalen Charakter der Polizeiorganisation zu verwirklichen. Frankreich hat sich mit gleicher Versöhnlichkeit hier zu einer loyalen Lösung dieser lchwierigcn Fragen bereit finden lassen. Wir sind nicht kleinlich ge- Wesen, wir sind in manchen Einzelfragen nachgiebig gewesen Aber wir haben unerschütterlich festgehalten an dem großen Grundsätze der offenen Tür, der neben der Wahrung des deutschen Ansehens uns in der ganzen Marolkoaktion geleitet hat und leiten nmßte. Manche Fragen waren ziemlich schwierig zu lösen. Manche Ueber- gänge waren nicht ohne Gefahr, eine Zeit der Mühe und Be- unruhigung liegt hinter uns. Ich glaube, daß wir jetzt mit mehr Ruhe weiter gehen können. Die Konserenz von Algeciras hat, wie ich glaube, ein für Deutschland und Frankreich gleich befriedigendes. für alle Kulturländer nützliches Ergebnis geliefert.(Lebhafter Beifall rechts und in der Milte.) Abg. Freiherr v. Hertling(Z.): Ich werde den Standpunkt meiner Fraktion mit aller der Reierve vertreten, die nach der Lage der auswärtige» Politik all denen geboten erscheinen muß, die die diplomatischen Verhandlungen nur von außen kennen. Ich glaube, wir müssen dem Reichskanzler dafür danken, daß er den Rückblick auf die Marokkokonferenz so kühl und nüchtern gestaltet hat. wie sie es verdiente.(Sehr gut! im Zentrum.) Sämtliche deutschen politischen Kreise waren von jeher in dem Gedanken ver- einigt, daß Ivir um Marokkos willen keinen Krieg führen dürften. Alle hätten es lebhaft beklagt, wenn aus Anlaß PeS Marokkohandels eine schwere Verwickelung entstanden wäre. Aber trotzdem müssen wir die Frage, ob es besser gewesen wäre, angesichts der Geringfügigkeit unserer wirtschaftlichen Interessen in Marokko uns passiv zu verhalten, uns als guantitö BegliZsabls behandeln zu lassen, verneinen! Man hätte dann von unserer Friedensliebe eine zu iveitgehende Meinung gehabt und geglaubt, daß wir auch in anderen Fällen, in denen wir entschiedenere Jnter- essen zu vertreten gehobt hätten, allzu nachgiebig gesinnt sein könnten, zumal kaum je so wie in diesem Falle das Recht unzweifel- Haft auf unserer Seite war.(Bravo I rechts und im Zentrum.) Die sensationellen Enthüllungen des„Matin" können ja nicht als authentisch gelten, aber ein gewisses Unbehagen haben sie doch zurück- gelassen; denn— wo Rauch ist, ist auch Feuer. Schon die Tatsache, daß eine Verständigung erzielt worden ist, ist als ein erstculicher Erfolg für Deutschland zu begrüßen. Ja, sogar daß überhaupt eine Konferenz der europäischen Mächte zu- sammengebracht werden konnte, ist von unserem Standpunkt aus lebhaft' zu begrüßen; denn jede fühlt in solcher Lage in sich das gesteigerte Verantwortlichkeitsgcfllhl, für eine Friedens- störung mitverantwortlich zu sein. Was die einzelnen Bestimmungen angeht, so haben wir besondere Borteile weder gesucht noch erwartet! Ich glaube, daß es in Algeciras weder Besieger noch Besiegte ge- geben hat.(Zustimmung.) Wir erblicken in der getroffenen Ver- ständigung eine verstärkte Bürgschaft für ein dauernd friedliches und freundliches Nebeneinanderbestehen der beiden großen Kontinentalmächte. In dieser Hoffnnng bestärkt uns das wunderbare Ereignis der letzten Tage. Mit großer Freude haben wir anläßlich des furcht- baren Grubenunglücks in Courrisres deutsche Bergleute zu Hülfe eilen sehen. So trägt wohlwollende Gesinnung über trennende politische Gegensätze hinweg.(Lebhafter Beifall.) An Bundesgenossen stand uns während der Konferenz nur Oesterreich-Ungarn mit unwandelbarer Treue zur Seite. Möge das energische und besonnene Eintreten dieses unseres Nachbar- staates für die Sache des Friedens uns noch über manche Fährlich- keit hinweghelfen, und möge eS ihm auch im Inneren gelingen, diejenigen Krisen zu überstehen, die diesseits und jenseits der Leitha noch bestehen.(Beifall.) Die Haltung Italiens hat eine gewisse Beunruhigung her- vorgerufen. Wir haben vollstes Zutrauen zu den maßgebenden Kreisen Italiens, aber in der italienischen Presse haben sich die Stimmen gemehrt, die wir nur tief beklagen können. Das entspricht dein Wachstum des Radikalismus und der revoluttonären Tendenzen in Italien. Möge es der italienischen Rczicruiig gelingen, einen Ausgleich zwischen den staatlichen»nd den kirchlichen Interessen zu finda», damit die konservativen Elemente ihr kirchliches Interesse mit der Teilnahme am öffentlichen Leben vereinige» können.(Lebhafter Beifall im Zentrum.) Das würde auch unsere feste Bundesgenossen- schaft stärken! Was England betrifft, so bin ich auch der Ansicht, daß die Haltung Englands auf der Konferenz durchaus loyal war. Unser Verhältnis. zu diesem Lande kann nur ein freundliches sein, weil es ein friedliches sein muß.(Sehr wahr! im Zenttum und links.) Was Rußland betrifft, so muß ich allerdings der Verstimmung Ausdruck geben, die in allen nationalen Kreisen herrscht über die Aniveisung des russischen Ministers an den russischen Vertreter in Paris. Wenn auch die erste Veröffentlichung des„Temps" den Schlußsatz fortgelassen hatte, in dem von der gleichmäßigen Wahrung der Ehre Deutschlands die Rede war, so ist doch in dieser An- Weisung auch nach der Ergänzung noch recht viel Unfreundliches übrig geblieben.(Sehr wahr! auf allen Seiten des HauseS.) Das haben wir um Rußland nicht verdient! (Sehr wahr!) Wir sind ihm stets ein freund- lichcr Nachbar gewesen.(Erneutes Sehr richtig I) Wir hoffen, daß es in die Reihe der Kulturstaaten endlich eiiiriickeu möge(Sehr gut I im Zentrum und links) und wünschen, daß es sich dann auch uns gegenüber freundlich verhält. Ein dauernd geschwächtes Rußland ist im Interesse des europäischen Friedens nicht zu wünschen. Der Wunsch»ach einer Gesundung Rußlands geht aber doch nicht soweit, daß ich wünschen möchte, daß das dcuffchc Kapital sich an der Gesundung beteiligt. (Große Heiterkeit im ganzen Hause.) Nordamerika ist nicht auf der Konferenz vertreten gelvesen. Wäre es vertreten gewesen, so würde eS im Interesse des Friedens gewirkt haben. Dankbar erinnern wir uns des Eingreisens seines Präsidenten zur Bceudigung des russisch-japanischen Krieges.(Sehr wahr I im Zentrum.) Unser Verhältnis zu Nordamerika muß ein gutes sein, ich kann nur an vorübergehende Verstimmungen, nicht aber an dauernde Mißstimmung glauben.(Sehr wahr I im Zentrum und links.) In diesem Sinne begrüße ich auch den Professoren- austausch.(Schallende Heiterkeit.) Für die Wissenschaft wird nicht viel dabei herauskommen(Große Heiterkeit und Sehr richtig! im Zentrum und links), aber es ist recht nützlich, wenn die Spitzen der Intelligenz sich verstehen lernen. Wie komint es, daß wir trotz unserer notorischen Friedensliebe im Auslande so angefeindet werden? Wir haben in Rußland den furchtbaren Vorstoß der Revolutton erlebt; die revolutionäre Presse sprach eS aus, daß dieser Vorstoß in anderen Ländern Folgen' haben müsse. Solche revolutionären Bestrebungen stoßen aber auf Wider- stand bei dem mächtigen Drulschcu Reiche, das als Hort christlicher Kultur alle revolutionären Anstürme mit voller Macht abwehrt. (Biavo! rechts und im Zentrum.) Darin erblicken wir einen Grund der Abneigung, welche die revolutionäre Presse des Auslandes gegen Deutschland schürt. Es ist ferner von dem Zickzackkurs, von dem persönlichen Moment in unserer Politik gesprochen worden. Wir billigen nicht alles in unserer auswärtigen Politik, nicht jede Rede, nicht jede Depesche, aber wir haben zu dem gegenwärtigen verantivortlichen Leiter der deutschen Politik das Vertrauen, daß er sie ruhig und sicher führen wird, daß wir nach wie vor eine Politik vertreten werden, die stark ist in, Bewußtsein der eigenen Kraft und ohne Chauvinismus und Verzagen, ohne jemand zu brüskieren, unsere Interessen nachdrücklich verlritt.(Lebhafter Beifall rechts und im Zentrum.) Abg. Bebel(Soz.): Was der Herr Reichskanzler gesagt hat, genügt nicht, um die deutsche Politik, die wir Marokko und Frankreich gegenüber in den letzten zwei Jahren beobachtet haben, hier in das rechte Licht zn stellen. Er hob selbst hervor, daß wir in Marokko keine politischen Aspirationen(Ansprüche) haben, und er stellte die Frage: Sollten und tvollten wir wegen Marokko Krieg führen? Wenn dem aber so war und wir keinerlei politische Interessen in Marokko zu vertreten haben, so entsteht doch die Frage, woher kam denn der Lärm, der im ganzen vorigen Sommer die Welt beuurnhigt hat? Soviel ich weiß, war es der Reichskanzler selbst, der hier erklärt hat, daß allerdings in den letzten Monaten die Situation eine bedenkliche und gefährliche gewesen sei! Ist die Situation aber derart, daß es sich bei dem ganzen Streit nur darum handelte, das Prinzip der offenen Tür zur Geltung zu bringen, so verstehe ich nicht, wieso der ganze „Marokkorummcl" zwei Jahre lang Europa hat in Aufregung versetzen können. Es ist mir nicht verständlich, woher der scharfe Gegensatz in der deutschen Politik im April 1905 zu der im April 1904 kam. Am 14. April 1904, als eben der Vertrag zwischen England und Frankreich öffent- lich bekannt geworden war. erklärte der Reichskanzler hier im Reichs- tage auf meine Anfrage: Deutschland habe keinerlei Ursache, dem Vertrage mißtrauisch gegenüber zu stehen, Deutschland freue sich vielmehr, daß die materiellen und ökonomischen Interessen, die eS in Marokko z» verfolgen habe, bei diesem Vertrage geivahrt seien.— Ein Jahr später klang eS freilich ganz anders, und darüber befragt, welches die Ursache der veränderten Haltung sei, sagte der Reichskanzler: Darüber wolle er sich nicht aussprechen, aber wenn er jetzt anders auftrete wie vor einem Jahre, so liege das auck> daran, daß er den Zeitpunkt für fein Auftreten selbst wähle. M. H.! Wir haben sicher- lich Interesse an der Aufrechterhaltung des Prinzips der offenen Tür in Marokko. Aber der Vertrag vom 14. April 1904 zwischen England und Frankreich hat dieses Prinzip auf 30 Jahre stipulicrt, und es wäre also nur die Frage gewesen, ob es nicht möglich war. daß an Stelle dieser Bestimmung die des freien Handels im Vertrage von 1880 getreten wäre. Die Situation für Deutschland lag aller- dings dann sehr eigentümlich. Denn der Vertrag vom 8. April 1904 war auch von Italien, Spanien und Rußland gebilligt, also von drei Mächten, die an dem Vertrage von 1880 interessiert waren. Fünf Mächte hatten demnach bereits ihre Zustimmung zu den, Vertrage gegeben. Gleichwohl wäre es unseres Erachtens not- wendig gewesen, daß Deutschland in dieser Beziehung sein Jnter- esse wahrte. Ich möchte aber hervorheben: Wenn der Reichskanzler die Notwendigkeit anerkennt, den Reichstag über eine diplomatische Frage zu unterrichten, daß er das möglichst ausreichend tue. Aber dem Gelbbuch gegen- über zeigt sich die Stellung des deutschen Reichstages im Verhältnis zur französischen Dcputiertenkammer als eine geradezu klägliche, die ganze Unbedeutendheit, die der Reichstag in bezug auf die Auslandspolitik besitzt, kommt zum Ausdruck. Das deutsche Weißbuch enthält 28 Akten- stücke auf 27 Seiten. Das französische Gelbbuch dagegen 368 Akten- stücke auf 323 Seiten. Nun wird in den meisten Aktenstücken darauf hingewiesen, daß es insbesondere das Verhalten des französischen Gesandten in Fez gewesen sei, das die deutsche Regierung zu ihren: Vorgehen veranlaßt habe. Es wird nämlich darauf hmgewiesen, daß der französische Gesandte dem Sultan erklärt habe, er stelle die Forderungen im Namen Europas, und demgegenüber war Deutschland zweifellos berechtigt, Einspruch zu erheben. Wenn man näher zusieht, so muß man gegen die Versicherungen des Sultans mißttauisch sein. Nicht allein hat der Sultan von Marokko erklärt, daß der französische Gesandte eine derartige Erklärung ab- gegeben hat. sondern es ist auch Iviederholt dem deutschen Gesandten gegenüber bestättgt worden, daß der Sultan Frankreich gegenüber Zusicherungen über die Annahme von Reformen gemacht hat. Aus den Akten ergibt sich, daß man in Marokko dankbar war für die französischen Reformen, die in Vorschlag gebracht waren und daß der Maghzen bereit war, die Reformen einzuführen. Erst im Dezember 1904 machte der französische Gesandte die Bemerkung, daß bei der ma- rokkauischen Regierung ein Widerstand gegen die französischen Reformen eingetreten war, und der französische Gesandte ist der Meinung ge- wesen, daß dieser Widerstand im wesentlichen hervorgerufen sei durch die Unterstützung, die dem Sultan seitens des deutschen Gesandten zuteil geworden. Das geht aus einem Schreiben des französischen Gesandten vom 5. Februar 1905 hervor. Da war in Deutschland die Absicht vorhanden, die Dinge in Marokko in ein anderes Fahr- wasser zu leiten. Es war ein Wandel in der deutschen Politik ein- getreten, und der Sultan hatte seine Haltung gegenüber Frankreich geändert! Wenn ich durch etwas überrascht lvorden bin, dann durch die Mitteilung des Reichskanzlers, der meinte, daß die ganze marokkanische Angelegenheit eigentlich eine ziemlich unbedeutende gewesen sei. Es ist doch auffallend, daß gegenüber einer solchen Erklärung der Kaiser in eigener Person mobil gemacht wird, um eine Reise dahin zu unternehmen. Diese Reise hat in der ganzen Welt ungeheures Aufsehen erregt und viel- fach außerordentliche Mißstimmung erzeugt.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Mau bestreitet, daß dadurch der Widerstand deS Sultans gegen den französischen Gesandten gesteigert worden ist. In einer der Reden ist aber ausdrücklich gesagt, der Besuch gelte dem Sultan als unabhängigen Herrscher. Man wird doch zugeben müssen, daß eine derarttge Aeußerung das Selbstbewußtsein des Sultans steigern mußte. Wenn in einer späteren Rede erklärt wird, der Kaiser' werde sich mit dem Sultan ins Einvernehmen setzen, so wird auch eine solche Aeußerung wieder in Verbindung ge- bracht mit der ungeheuren Ehre, die dem Sultan durch den Kaiser, einem der mächtigsten Kaiser der Welt, zuteil wird, der die Reise unternahm, um dem Sultan jene Versicherung zu geben. Es lvird immer auf die Haltung Englands hingewiesen. Aber man nehme einmal an, der König von England hätte die Reise nach Tanger unternommen und hätte ähnliche Reden gehalten I Was wäre die Folge gewesen, die ein solches demonstratives Verhalten in Deutschland gehabt hätte? Als Delcassö am 9. April davon hörte, daß der Sultan sich aus naheliegenden Gründen für eine internationale Konferenz erklärt habe, war er sehr unangenehm davon berührt. Er nahm die Gelegenheit ivahr, auf einem Diner in der deutschen Botschaft mit dem deutschen Gesandten Rücksprache zu nehmen. Das geschah am 13. April. Delcassö erklärte sich bereit, falls noch irgend welche Mißverständnisse vorlägen, jede Aufklärung zu geben. Der deutsche Gesandte erwiderte, er könne die Frage nicht beantworten, er werde nach Berlin berichten, und es fand ein Depeschenwechsel statt. Auf französischer Seite machte sich die Auffassung geltend, daß Deutschland zum ktriege treiben wolle, und Delcassö erklärte sich bereit, einzulenken. Inzwischen hatte sich der marokkanische Gesandte geweigert, die Zusage Marokko? Frankreich gegenüber zu halten. Jedenfalls geht aus all dem hervor, daß durch die Reise des Kaisers nach Tanger da? Selbstbewußtsein des Sultans von Marokko gesteigert worden ist. Jetzt macht allerdings von allen in Algeciras vertretenen Mächten der Sultan das allerbetrübteste Gesicht, weil er durch den Verlauf der Konferenz enttäuscht ist. Nach 1895 wurde» ja auch die Chinesen enttäuscht durch die deutsche Polittk. Damals trat Deutschland beim Frieden von Shimoniseki für China ein. augeblich ohne irgend einen Vorteil für sich zu erwarten. Und wenige Jahre darauf kam dann trotzdem die Pachtung von Kiautschou. 1896 hat das Telegramm an den Präsidenten Krüger bei den Buren ganz ungerechtfertigte Hoffnungen erweckt. Aehnlich haben die Reisen nach Budapest, Konstantinopel und Jerusalem durch Erweckung unbegründeier Hoffnungen die fremden Regierungen schwer gereizt und damit wesentlich dazu beigetragen, daß Deutschland in d i e Lage kam. die in Algeciras der ganzen Welt vor Augen ge- treten ist. Das ist das allerschlimmste, was die Konferenz Deutsch- land gebracht hat.(Lebhaste Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Auch heute glaube ich noch, daß eine andere Taktik der deutschen Regierung bei dem Vertrag vom 8. April 1904 Deutschland all' das verlchafft hätte, was es jetzt mühselig und unter schweren Kämpfen in Algeciras erreicht hat. Schon bei der Debatte über den Etat habe ich geäußert, daß eine Tangerreise unter der Kanzler- schast des Fürsten Bismarck niemals möglich gewesen wäre. Ich darf heute hinzufügen, daß ein Bismarck auch nie die Konferenz von Algeciras veranlaßt hätte.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Er hätte sich nicht ohne Not der Gefahr ausgesetzt, nach monate- langen Verhandlungen als isolierter Mann, als Vertreter des iso- lierien Reichs dazustehen.(Erneute Zustimmung bei den Sozialdemo- traten.) Der Abg. Frhr. v. Hertling hat nacheinander die Stellung der verschiedenen Staaten Deutschland gegenüber Revue passieren lassen. Ich will diesem Beispiel nicht folgen, obgleich ich vielfach zu ganz anderen Schlüssen kommen würde.(Sehr wahr bei den Sozial- demokrateu.) Aber feststeht, und dahin kann man das Resultat von Algeciras zusammenfassen, daß Frankreich, England, Spanien, Italien und Rußland vereinigt gegenuns stehen, Nord-Amerika sozusagen neutral ist und Oesterreich-Ungarn zwar seine guten Vermittlerdienste in Algeciras ausgeübt hat. aber doch nur in höchst rückgratloser Weise. Da nun die Verstimmung, die in den Beziehungen verschiedener Staaten zu Deutschland in Algeciras hervortrat, keineswegs über- wunden ist, so ist das Resultat der Konferenz bedauerlich.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Man rühmt in den deutschen Zeitungen, daß es der Regierung gelungen sei, das marokkanische Gebiet intakt zu erhalten. Aber aus naheliegenden Gründen wäre es weder Frankreich noch England eingefallen, marokkanisches Gebiet zu besetzen. F-ankreich hätte nach den Erfahrungen, die es seil Jahrzehnten in Algier gemacht hat, sicherlich nicht wieder in ein Wespemiest greifen wollen. Daß auf Antrag Deutschlands ein internationaler Polizei- inspektor geschaffen wurde, ist doch nur eine Dekoration. Frankreich und Spanien aber haben durch die ausschließliche Herrschaft über die Hafenpolizei einen realen Vorteil erreicht. Auch diejenigen Deutschen, die gehofft hatten, wir würden an der Westküste Marokkos einen Hafen bekommen, sind schwer enttäuscht worden. Dem Abg. v. Hertling kann ich durchaus darin zustimmen, daß die Rolle. die Rußland in dieser Angelegen- heit gespielt hat, höchst herausfordernd und beleidigend war.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die russische Depesche war ein unerhörter Affront(Schimpf) für die deutsche Reichsregierung. Das also war die Antwort auf all' die Liebe- dienereien und Gefälligkeiten, die Deutschland seit Jahrzehnten und besonders in den letzten Jahren der russischen Regierung hat zuteil werden lassen! Für wichtige Dienste hat Rußland der deutschen Regierung eine moralische Ohrfeige gegeben.(Vielfache Zustimmung.) Ich habe in den letzten Wochen die Kaltblütigkeit bewundert, mit der Deutschland und die deutsche Regierung sie hingenommen haben.(Sehr gut! links.) Frhr. v. Hertling sprach den Wunsch aus, das deutsche Kapital möge nicht länger Rußland unterstützen. Es verlautet ja augenblicklich, daß Rußland— wie wohl selbstverständlich— wieder mit dem Gedanken umgeht, eine neue Anleihe bei den wcst- . europäischen Staaten unterzubringen, und da konimt Teutschland natürlich in erster Linie in Frage. Durch die Gefälligkeit der deutschen Reichsrcgierung— ohne ihre Zustimmung wäre es nie möglich gewesen— ist ja erst vor einem Jahre Rußland in Deutsch- land eine Anleihe von 600 Millionen Mark bewilligt worden. Da- nmls veröffentlichte der Regierungsrat Martin sein Buch:„Die Zukunft Rußlands und Japans", in dem er die Verhältnisse Ruß- landS in treffender Weise darstellte und nachwies, daß die inneren Wirren zur vollkommenen Zerrüttung des Reiches und in letzter Instanz zum russischen Staatsbankerott führen müßten. Aber in jener Zeit herrschte bei unserer Regierung noch die liebenswürdige Stimmung gegenüber Rußland vot. Kaum war das Buch vcr- öffentlicht, so erschien in der„Nordd. Allgem. Zeitung" am 3. Scp- tember ein Artikel, in dem Martin sehr scharf zurechtgewiesen, seine Folgerungen als„durchaus willkürlich" und„auf haltlosen Vor« »ussetzungen beruhend" bezeichnet wurden.' Mochte man es auch für notwcudig halten, zu erklären, daß das Buch ohne Wissen und Willen der Regierung veröffentlicht worden sei, so war es doch ein großer Fehler dessen Folgen die Regierung noch aus- zubaden haben wird— die Beweisführung und die Folgerungen des Regierungsrats Martin für falsch und unangebracht zu erklären.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Das Buch hat damals ganz gewaltiges Aufsehen erregt, war von Zeitungen aller Kulturländer meist in zustinmiendem Sinne zitiert worden und erzielte eine große Auflage. Neuerdings hat nun Herr Martin ein neues Buch herausgegeben, in dem er seine Kritik der russischen Zustände fortsetzt. Ich halte es danach fiir� dringend notwendig, von dieser Stelle aus das deutsche Publikum ausdrücklichst zu warnen, falls mit Zu- stimniung der deutschen Reichsrrgierung in Deutschland wieder russische Staatsanleihen aufgelegt werde» sollten, Rußland auch nur das geringste Vertrauen zu schenken.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Alles, was Martin in seinem Buche vorausgesagt hat, hat sich heute vollständig bestätigt. Und all' dw ■ trüben Aussichten auf die Gestaltung des russischen Staats- lebens, die das neue Buch darstellt, werden ebenfalls durch die Entwickelung der Dinge bestätigt werden.(Vielfaches Sehr wahr!) Der russische Staat ist schon heute überschuldet. Die fran- zösische Nation, die aus mancherlei Gründen demZ russischen Kredit- bedürfuis allezeit nach Möglichkeit entgegengekommen ist, hat die freundlichen Dienste Rußlands bisher mit 10 Milliarden Mark bezahlt. Der deutsche Besitz an russischen Werten wird gleichfalls schon auf 2'/? Milliarden geschätzt. Der russische Finanzmiuister Schippof hat selbst angegeben, daß das Defizit für ISOö= 317 Millionen Rubel betragen habe und für das Jahr 1903 es auf 481 Millionen Rubel geichätzt. Wahrscheinlich ist das aber viel zu niedrig; Martin schätzt es doppelt so hoch.(Hört, hört!) Weiter weist Martin nach, daß die russische Eisenbahn 758 Mill. Rubel Zuschuß erfordert, daß Ruhland notwendigerweise Anleihen in Höhe von zirka 3 Milliarden Mark aufnehmen muß. Wenn wir nun betrachten, wie gegenwärtig das ungeheure Reich durch revolu- tionäre Bewegungen erschüttert wird, wie die Steuerkraft der Nation auf Null gesunken ist, wird man zugeben müssen, daß allerdings die Lage Rußlands eine so traurige ist, daß Martin mit Recht sagt, Nußland stände vor dem Staatsbaukrott. Es ergibt sich für Nuß- land ein Ausblick in eine Zukunft, die furchtbar genannt werden muß.(Sehr wahr I bei den Sozialdemokraten.) Ich hoffe deshalb, daß die deutsche Reichsregierung alles aufbieten wird, um die Auf- nähme neuer Anleihen in Deutschland zu verhindern.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Freiherr v. Hertling hat gegen Schluß seiner Rede auch die Frage erörtert, woher es kommt, daß man Deutschland im Auslande mit Mißtrauen behandelt. Als eins der Hauptmomente hat er angeführt, daß der Umschwung, der sich in Rußland vollziehe, durch den Einfluß der Macht Deutschlands verhindert würde und daß die revolutionäre Presse des Auslandes es in erster Linie sei, die Deutschland deshalb angreife. Wir stehen gar nicht an, zu er- klären, daß«vir. die Beseitigung des russischen Despotismus von Herzen wünschen im Interesse der Kultur, der Zivilisation und in erster Linie deS russischen Volkes selbst.(Stürmischer Beifall bei den Sozialdemokraten.) Kommt Rußland auf die Bahn der Zivili- sation und der Kultur, wie Frhr. v. Hertling es selbst gewünscht hat, so muß das notwendigerweise auch auf die Geschicke der übrigen Staaten und ganz speziell Deutschlands von Einfluß sein. Die russische Revolution hat herbeigeführt, daß in Ungarn die Dinge jetzt ganz anders aussehen, daß in Oesterreich die Regierung das all- gemeine Wahlrecht gelvährt usw. Aehnlich würde ein Umschwung der Dinge in Rußland auch auf die deutschen Verhältnisse von sehr erheblichem Einfluß sein.(Sehr richtig I bei den Sozial- demokraten.) Wenn aber eine Mißstimmung vorhanden ist, so ist die Ursache in erster Linie in der eigentümlichen Haltung Deutschlands in der auswärtigen Politik zu finden.(Sehr richtig! links.) Auch da hat Frhr. v. Hertling mit seinen Ausführungen über Italien sehr unrecht. Ich kann nur sagen, die Rede des Frhrn. v. Hertling hat in bezug auf Italien nur Oel ins Feuer gießen können.(Zustimmung links.) In Italien werden seine Ausführungen einen ganz außerordentlich unangenehmen Eindruck machen(Lebhaftes Sehr richtig! links.) und in weiten Kreisen Italiens, der bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie, die Anschauung verbreiten, daß unter allen Ländern der Welt Deutschland dasjenige sei, das am reaktionärsten ist. (Lebhafter Beifall links.) Italien hat aber noch ganz andere Gründe, um seine Stellung zum Dreibund einer Revision zu unterziehen. Es hat jetzt gesehen, daß seine Interessen am Mittelmeer in Gefahr sind und daß es eine« Tages von diesen seinen Lebensinteressen abgedrängt, in einen Krieg gelrieben werden kann, der im Interesse seines Verbündeten liegt, dem seinigen aber nicht entspricht. Mit anderen Worten, daß der Dreibund Italien Verpflichtungen auferlegt, die mehr und mehr mit den Interessen Italiens im Widerspruch stehen.(Sehr richtig! links.) Die Marokkoangelegenheit hat dazu beigetragen, dort die Augen zu öffnen über den ZickzackkurS unserer Politik. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Marokkokonferenz hat dahin gewirkt, ein anderes Maß der Einsicht zu erzeugen, als es bisher vorhanden war.(Sehr wahr! links.) Wenn ich den Wunsch habe, daß Deutschland Rußland gegenüber sich r e s e r v i e r e, so gibt es doch auf der anderen Seite einen Punkt, in dem ich wünschte, daß Deutschland im Verein mit anderen Mächten es über fich gewänne, im Jntereffe der Kultur und Zivilisation Rußland gegenüber zu inter- vcnieren. Die Revolution hat zur Folge gehabt, daß viele Männer und Frauen in Prozesse verwickelt sind. Ich bin der Ansicht, daß. wenn jemand sich an revolutionären Bewegungen beteiligt, er auch die Konsequenzen seines Handelns tragen muß. Und ich habe die feste Ueberzeugung, daß allen den Männern und Frauen, die sich an der Revolution beteiligen, nichts femer liegt. als die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht tragen zu wollen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Es ist aber doch etwas ganz anderes, ob der Staat nach dem Gesetze sie für ihre Handlungen verantwortlich macht, oder ob er Barbareien und Grausamkeiten ihnen gegenüber betreibt.(Lebhafte Zustimmung links.) Wir lesen jetzt Tag für Tag von Greueln, die gegen Männer und Frauen begangen sind. In der letzten Zeit hat ein Fall ein ganz besonderes Maß von Entsetzen in Europa verursacht. Eine junge Dame hat ein Attentat auf einen russischen Gouverneur unternommen. Das wird nach russischein Gesetz mit dem Tode bestraft. Die betreffende Dame ist sich der Konsequenz ihrer Handlung auch vollständig bewußt gewesen. Nun haben sich aber ihr gegenüber die russischen Offiziere in ganz barbarischer und bestialischer Weise be- nomine». Ein Schauder muß uns überkommen, wenn wir es lesen. Das ganze gesittete Europa muß beim Lesen einer solchen Schilde- rung auffordern, einem System ein Ende zu machen, das solcher Schandtaten fähig ist. Die Dame, Fräulein Spiridonowa, ist auf der Bahn transportiert und bei dieser Gelegenheit von russischen Offizieren in der schamlosesten, barbarischsten Weise mißhandelt und geschändet worden.(Bewegung.) Die Mißhandlungen gehen aus dem Bericht des Arztes hervor. Es heißt da: „Beide Augen stark geschwollen, das eine Auge hat die Seh- kraft eingebüßt. Der Mund kann nicht geöffnet werden, da die Lippen geschwollen sind. Ueber dem linken Auge ist die Haut in der Größe eines Markstückes abgerissen. Beide Hände sind blau und geschwollen. Ebenso sind beide Füße blau und geschwollen und an verschiedenen Stellen die Haut abgerissen. Die Lungen sind stark beschädigt, infolgedessen hat ein Blutsturz statt- gefunden..." ES hat sich auch herausgestellt, daß sie mit Syphilis infiziert ist. Auf die Frage: woher? hat sie angegeben, daß sie vergewaltigt wurde und dabei wohl angesteckt sei. Der Arzt erwiderte, daß die Vcr- gewaltigung sich jetzt nicht mehr feststellen lasse. Weshalb sie sich anfangs der Untersuchimg energisch widersetzt habe? Sie erklärte, sie habe sich deshalb nicht untersuchen lassen, weil sie glaubte, sofort nach dem gerichtlichen Verhör hingerichtet zu werden. Während der letzten Worte des Redners wird der Reichs- kanzler abwechselnd rot und blaß, wird dann ganz bleich und läßt den Kopf zur Seite sinken. Er ist ohnmächtig. Mehrere Abgeordnete und Mitglieder des Bundesrats eilen auf ihn zu. Abg. Bebel unterbricht seine Rede. Vize- Präsident Graf Stolberg unterbricht die Sitzung ans eine Biertelstunde. In der Pause wird der Reichskanzler aus dem Saale getragen. Nach einer viertelstündigen Pause eröffnet Vizepräsident Graf Stolberg die Sitzung wieder. Abg. Bebel: Ich habe Ihnen das furchtbare Wüten der russischen Reaktion, der Beamten und Offiziere gezeigt. Mögen endlich die Kulturstaaten diesen Grausamkeiten ein Ende machen. Abg. Graf Limburg-Stirum(k.)(sehr leise sprechend) will sich in- folge deS Unfalls des Herrn Reichskanzlers auf das notwendigste beschränken. Der Abg. Bebel sollte bedenken, daß man eine Situation der auswärligen Politik nicht aus Blaubüchern, Gelb- bücheru und Zeitungsartikeln beurteilen kann. Ich kann der deutschen Marokkopolitik die vollste Zustimmung meiner politischen Freunde aussprechen. Bedenklich ist dagegen die geplante Verfassungsänderung, die darin besteht, daß man den Reichs tagsabgeordneten Diäten ge- währen will. Man will durch diese Maßnahme die Beschlußfähig- keit des Hauses erhöhen und die Sitzungen verkürzen. Aber ich fürchte, die Sitzungen und Sessionen werden nur noch länger werden, (Widerspruch links, Beifall rechts.) Abg. Basscrmann(natl.): Ich bedauere auf das lebhafteste das Unwohliein des Herrn Reichskanzlers und verbinde damit die wärmsten Wünsche für seine baldige Wiederherstellung.(Lebhaftes Bravo!) In weiten Kreisen unserer Nation würde man es tief be- klagen, ivenn der Herr Reichskanzler auch nur auf kürzere Zeit sich den Geschäften fern halten müßte. Mein Borredner hat in bezug auf unsere innere Politik den Satz ausgesprochen, daß wir uns auf abschüssiger Bahn befinden. Demgegenüber betone ich, daß weite Kreise des Volkes gerade wegen der maßvollen sozialreformatorischen Tätigkeit Vertrauen zu dem Reichskanzler haben. Bezüglich der Dtätenfrage sind wohl in jeder Partei bei einzelnen Bedenken vorhanden. Wenn aber hier eine so große Mehrheit sich dafür zusammengefunden hat, unter deren Einfluß auch die verbündeten Regierungen zu der Bewilligung von Diäte» geführt wurden, so hat die bittere Notwendigkeit dazu geführt, die Tatsache, daß unsere Arbeitsfähigkeit unter der Diätenlosigkeit leidet. Wo die auswärtige Politik in Frage kommt, werden sich hoffentlich die bürgerlichen Parteien wenigstens immer eine gewisse Reserve auferlegen. Die Marokkopolitik der verbündeten Regierungen billigen wir in ihrem Endziel. Man ist in Deutschland an der Teil« nähme des Reiches an solchen internationalen, überseeischen Ver- Wickelungen noch nicht genügend gewöhnt, unterschätzt daher die Schwierigkeiten, wird leicht ungeduldig und vergißt, daß nur das zähe Festhalten an jeder einzelnen Position zum Ziele führen kann. Die Schwierigkeiten sind dadurch entstanden, daß England einseitig Marokko an Frankreich verschenkt hat. Das konnte Deutschland nicht dulden, es ist eingeschritten und hat damit einen Erfolg erzielt. Deshalb sind wir niit dieser Politik der verbündeten Regierungen durchaus zufrieden.(Sehr gut! bei den Nationalliberalen.) JaureS und andere haben darauf hingewiesen, daß es Finanz- interesscn waren, die die leitenden Kreise Frankreichs aus der anfänglichen Position festlegen wollten. Tatsächlich ist aber die Einigung aus der mittlere» Linie erfolgt. Was erreicht ist, darf nicht unterschätzt werden: Offene Tür, Meistbegünstigung, inter- nationaler Charakter der Polizei. Durch den Generalinspekteur ist erreicht, daß Spanier und Franzosen von der Polizei nicht bevorzugt werden können. Vor allem ist aber durch die Marokkopolitik das eine erreicht worden, daß ein Wahrzeichen aufgesteckt ist, daß Deutsch- land sich, loa seine materiellen Interessen in Frage kommen, nicht bei Seite schieben läßt,(Sehr gut I bei den Nationalliberalen.) In Rußland sind Roheiten von hüben und drüben verübt worden. Dies berechtigt aber noch nicht zu einer Intervention unsererseits.— Wenn der Abg. Bebel über den„Lärm" des„Marokko- Rummels" geklagt hat, so sollte er bedenken, daß die vielen„Vor- wärts"-Artilel ihr gut Teil dazu beigetragen haben. Die Krone wird durch einen kürzlichen„Vorwärts"-Artikel, der überschrieben ist„Bülow- Details I" aufgesetzt. Dieser Artikel gibt einfach dem französischen Gelbbuche recht und bezichtigt die Bülowsche Marolkopolitik der Ränke. Tatsache ist doch aber, daß Delcassös Tätigkeit darauf ge- richtet war, Deutschland zu brüskieren, es beiseite zu schieben und England zu helfen. Der Abg. Bebel sprach lobend vom französischen Gelbbuch. Von anderer Seite ist das Gelbbuch mit Recht als eine Tendenzschrift bezeichnet worden, aus dem wichtige Dinge weg- geblieben sind. Die innerpolitischen Verhältnisse Italiens möchte ich nicht, wie es Frhr. v. Hertling getan hat. einer Kritik unterziehen; ich möchte aber betonen, daß Italiens Lage auf der Konferenz in Algeciras eine schwierige war. Der russische Minister des Aeußeren hat, wie Freiherr v. Hertling zutreffend dargelegt hat. mit seiner Anweisung, Deutschland einen Nasenstüber erteilt. Daß dieses Verhalten inkorrelt war. hat selbst die„Nowoje Wremja" anerkannt. Mit dem Abg. Bebel bin ich der Anficht, daß die Auf- nähme weiterer russischer Anleihen ausschlössen ist. Stark sind wir nur, wenn wir im Innern eine gewisse Einigkeit erzielen, DaS wird nicht möglich sein mit den Sozialdemokraten wegen ihrer anti- nationalen Politik.(Ironisches Sehr richtig! bei den Sozialdcmo- traten.) Was aber das Verhältnis der bürgerlichen Parteien zu einander betrifft, so ist schon mancher Street begraben und«in näheres Aneinanderrücken der bürgerlichen Parteien erzielt.(Sehr richtig! rechts und bei den Nationalliberalen.) Möge diese Isolierung der Sozialdemokratie weiter fortschreiten!(Rufe bei den Sozial- demokraten: Wir fühlen uns ganz wohl dabei!) Präsident Graf Ballcftrem: Ehe ich das Wort weiter erteile, fühle ich mich verpflichtet, Ihnen über das Befinden des Herrn Reichskanzlers zu berichten. Der Herr Reichskanzler war in den letzten Tagen sehr stark erkältet, er war auch überarbeitet infolge der Arbeiten, die er in der letzten Zeit hatte und die«vir ja alle kennen. Gegen den ärztlichen Rat ist er heute hierher gekommen, weil er glaubte, bei der Beratung seines Etats anwesend sein und die Erläuterungen geben zu müssen, die von ihm erwartet wurden. Hier hat ihn nun infolge der Hitze ein Ohnmachtsansall erreicht, der ziemlich tief war. Sein Arzt, Geheimrat Renvers, hat mir gesagt, daß er hofft, daß in einer bis l'-fo Stunden der Reichskanzler wieder ganz so sein würde, daß er sich würde nach Hause begeben können. Wir«vollen alle hoffen, daß die Besserung dann anhält und er in vorzüglicher Frische und Gesundheit wiedererscheint. Das glaube ich im Namen des Reichstages aussprechen zu dürfen.(Allseitiger Beifall.) Abg. Dr. Miillcr-Sagan(frs. Vp.): Ich werde mir mit Ruck- ficht aus die ernste Situation große Zurückhaltung auferlegen. Wir haben gar keinen Anlaß, unzufrieden zu sein, daß das Deutsche Reich bei den Abmachungen in Algeciras von der Teilhaberschaft am Polizeikorps ausgeschloffen ist; denn das hätte uns finanziell große Opfer auferlegt; selbst wenn die Häfen an der Nordlüste Afrikas besser wären als ihr Ruf, würde ein solcher Hafen dem Reiche doch mehr Schaden bringen als Nutzen. Es genügt uns vollkommen, dort als gleichbercchtigl anerkannt zu sei» und dauernd die offene Tür gesichert zu haben. Vielleicht wäre ohne die Demonstration von Tanger das Er- gcbnis von Algeciras günstiger und leichter zu erreichen getvesen als so. Abg. Lieber mann v. Soiuicnburg(Wirtsch. Vg.): Wir dürfen dem Auslände nicht Gelegenheit geben, sich über Fehler der deutschen Politik zu freuen. Deshalb müssen wir auch, selbst wenn wir mit dem Ergebnis der Konferenz von Algeciras nicht zufrieden sind, nach außen so.tun, als ob wir damit zufrieden seien.(Lauter Widerspruch und Heiterkeit.) Eine Bemerkung des Abg. Gras Limburg- Stirum über das allgemeine Wahlrecht muß ich kurz zurückweisen. Das allgemeine Wahlrecht ist für � uns unantastbar. Wir werden das Volkstümliche, das wir da haben, nicht zugunsten unübersehbarer Zukunftsideale herab- mindern oder gar lveggeben.— Die Bemerkungen des Abg. Bebel über die Grausamkeiten und Roheiten gegen die russischen Revo- lutionäre hat er selbst sehr durch die Feststellung abgeschwächt, daß jeder verantwortlich sei für das, was er täte und daß die russischen Revolutionäre sich dessen bewußt seien. Jedenfalls haben wir danach keine Veranlassung, uns einzumischen. Wenn Frau Rosa Luxemburg in Warschau verhaftet worden ist, so haben wir keine Veranlassung zu intervenieren.(Große Unruhe und stürmische Proiestrufe bei den Sozialdemokraten— Zuruf des Abg. Bebel.) Ich allerdings könnte ihr nicht helfen— ebensowenig wie Sie. iHeiterkeit.)(!) Jedenfalls haben wir kein Jiitmssc daran, jemand seiner verdienten Strafe zn entziehen!(Große Unruhe links.) Ein sehr großes Inter- esse aber haben wir daran, die Massen derer, die nicht bereit find, die Folgen ihrer Handlungen zu tragen, sondern— flüchtig— unser Land überschwemmen, möglichst rasch»ach Rußland zurückzuschicken. (Großer Lärm links. Stürmische Zurufe: An Rußland ausliefern I?) Ja, natürlich, ausliefern!(Große Bewegung links.) Oder sollen wir hier die Tätigkeit der schwarzen Banden bei uns fortsetzen lasten? Eine Massenauswcisung wäre die beste Antwort auf Rußlands Haltung in Algeciras.(Stürmischer Wider- sprnch links.) Die Leute schädigen uns, überschwemmen Berlin, über- schwemmen die Landstraßen in allen Teilen des Reiches, das Reich hat also alle Veranlassung, diese sehr lästigen Ausländer so rasch wie möglich abzuschieben.(Starker, anhaltender Widerspruch und Lachen links.) Abg. Schräder(frs. Vg.) spricht die Hoffnung aus, daß der Reichskanzler möglichst bald seiner Tätigkeit wiedergegeben werde. In Abwesenheit des verantwortlichen Chefs geziemt es uns. sich auf das notwendigste zu beschränken. Daß die Diätenvorlage heute noch nicht gekommen ist, ist eine der üblichen Reichstagsenttäuschungen. die ich mit christlicher Demut hinnehme. Den Abschluß der Marokkopolitik begrüße ich, eS hätte schlimmer werden können. Wir sind keine Mittelmeermacht und werden keine werden, und das marokkanische Reich liegt so weit ab, daß wir uns nicht allzusehr dafür rngagicrrn konnten. Gelehrt hat uns die Konferenz, daß wir uns auf unsere Bundes- genossen nicht unter allen Umständen verlassen können. Nötig ist aber, daß unsere Politik sich zweier Dinqe bewußt wird: Erstens, daß Deutschland und Preußen sich durch seine reaktionäre Politik die Sympathien in England, Frankreich, Italien und anderen Kultur- Nationen immer mehr verscherzt. Würden wir dem Rate des Frei- Herrn von Hertling folgen und„christliche Politik" treiben, so würden wir Italien, welche eine antiklerikale Politik treibt und treiben muß. ganz den französischen Einflüssen ausliefern. Zweitens muß Deutschland eine Wirtichaflspolitik treiben, die nicht immer aufs neue die anderen Staaten vor den Kopf stößt. Wir sind in inancher Beziehung in Deutsch- land noch in einem früheren Jahrhundert. Einig bin ich mit dem Abg. Bassermann darin, daß ich glaube, daß die bürgerlichen Parteien einig sein sollten. Ob das der Sozialdemokratie nützt oder nicht, daraus kommt es dabei nicht allein an. Wir müssen auch gegen die Sozialdemokraten gerecht sein. Will man eine solche gerechte Politik, so werden wir mit Freude dabei sein.(Lebhafter Beifall links.) Abg. Dr. Arendt(Rp.) will ebenfalls dein Umstände Rechnung tragen, daß der Reichskanzler nicht an seinem Platze sitzt. Rußland ist entschieden reaktionärer als Deutschland und erfreut sich doch des Wohlwollens der ganzen Welt!(Widerspruch links.) Algeciras ist an und für sich ein Erfolg, iveil künftig nicht mehr über unsere Kopse hinweg an internationalen Verträgen geändert werden wird. Eine neue russische Anleihe bei uns würde ich sehr bedauern; denn ich bin der Ansicht, daß unsere tvieder aufblühende Volkswirtschaft das Geld selbst braucht. Wir dürfen unsere Mittel nicht zersplittern.(Beifall.) Eine Verquickung der Diätenfrage mit der Wahlrcchtsfrage würde ich unter allen Um- ständen ablehnen. Die von größter staatsmännischer Weisheit ge- tragenen Ausführungen des Abg. Frhrn. v. Hertling werden hoffent- lich in Italien die richtige Beurteilung finden. Ich gebe mich der Hoffnung hin, den Herrn Reichskanzler nach der Osterpause bei der dritten Lesung hier wieder im Hause zu sehen.(Beifall.) Abg. Frhr. v. 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Die Rettungskolonne, welche unter Leitung des Arbeiterdelegierten Simon ohne Führung eines Ingenieurs auf eigene Gefahr die Gruben befahren Allen Ernstes ist gestern in der Generalversammlung der Milch hatte, ist gestern wieder zutage gestiegen. Die Kolonne erzählt, daß zentrale in Berlin also beschlossen. Die Versammlung begann mit sie in der Nähe eines der Förderschächte neun Leichen aufgefunden habe, Die Nr. 13 des Sonntagsblattes für die Diözese einer Hinausweisung der Wortführer der gegen die Be- die noch in guter Verfassung waren. Die Leichen lagerten zusammenTrier und Westdeutschland" vom 1. April gibt bekannt, steuerung der Kleinbauern durch Ring und gekauert und ihre Haltung ließ erkennen, daß sie einen furchtbaren daß Reiseerleichterungen für katholische Geistliche und Missionare Genossen auftretenden Landwirte, voran den Landwirt Postel Todeskampf infolge Hungers ausgestanden haben. Der Tod muß nach Rußland eingeführt worden sind. Eine Wirkung der aus Alt Thymen. Das ist zwar zipeifellos gesetzwidrig, erst gestern oder vorgestern eingetreten sein. Sie begründen dies. Revolution! Nicht wahr? Immerhin doch ein Fortschritt, auch gegenüber der Milchzentrale bereits durch damit, daß die Leichen noch keine Spur von Verwesung aufein Anfang von Toleranz gegen Andersgläubige, wenn rechtsträftigen Entscheid als gesezwidrig an weisen. indes was schert δας die Geschäftsleiter Der Generalausstand. auch noch nicht gegen Ungläubige!" fo möchten naive der Milchzentrale! Der Defonomierat Ring teilte mit, daß es einen Gemüter vermeinen. Aber wie grausam Es ist kaum noch daran zu zweifeln, daß es zum Generat fie Rechtsanwalt gibt, der die Ausweisung für gesetzmäßig erachtet. ausstand kommt. Diese Gewißheit äußert sich in der bürgerlichen enttäuscht, die meinen konnten, auch nur folchen Diese wohl selbst unter Juristen einsame Ansicht mußte herhalten, Bresse durch eine wüste Sozialistenhezze. Der kapitalistischen Gesell Fortschrittes sei das, was man die russische Regierung nennt, fähig um den Antrag zu begründen, durch ein Dritteil der Genossenschaft macht der Ausstand mehr Schmerzen als das furchtbare Ungewesen. Nicht, weil sie keine Furcht mehr vor der Römlinge von 1053 stimmberechtigten Genossenschaftern waren nach Mitteilung glück. In den am Mittwochabend stattgefundenen Delegiertenfigungen schwarzer Schar hat, nicht weil sie ihren Untertanen selbst die Ent- des Vorsitzenden, Herrn v. Bredow, 451 erschienen eine Er wurden die Vorschläge der Unternehmer abgelehnt. Es liegen darüber scheidung überlassen will, ob griechisch, ob römisch- katholisch ihnen höhung der Geschäftsanteile zu beschließen. Denn folgende Meldungen vor: genehmer sei, sondern als Hülfstruppen gegen die Revolution sollen es gelte, einen guten Zweck zu erfüllen. Nach der Darlegung des die Sendboten Roms mummehr in Mütterchen Rußland, das„ recht- Herrn Ring ist die Genossenschaft in geradezu gemeingefährlich hoher Weise überschuldet. Ihre Schulden betragen: gläubige", einziehen dürfen. " werden erkannt 115 000 m. die als eigentliche" Schulden bezeichnet wurden, 1200 000 m. iurden Wechselschulden an die genossenschaftliche Bentraltasse des Bundes der Landwirte" und von dieser an die Preußenkasse begeben, ferner ungefähr 8 000 000 m." nach den Reichsgerichtsurteilen an Landwirte zurückzuzahlende unberechtigte Steuern( Milchabgeben). St. Etienne, 5. April. Die Delegierten des Arbeitersyndikats des Loire- Beckens hatten gestern abend eine Unterredung mit den Grubendirektoren. Die. Sigung verlief äußerst stürmisch. Die Vertreter lehnten die angebotenen Konzessionen ab. Der General ausstand ist somit besiegelt, trotz des Anerbietens des Präfekten, das Schiedsrichteramt zu übernehmen. Die Arbeiterbelegierten versammelten sich gestern abend zu einer Konferenz; die getroffenen Beschlüsse werden erst heute bekannt. In Nouen streiken auch die Dockarbeiter, infolgedessen können die englischen und deutschen Kohlenschiffe nicht entladen werden. Der Streik in den mitteldeutschen Braunkohlenrevieren. genannt Braunkohlenwerke des Berginspektionsbezirtes Leipzig" der Verein mit dem langen Namen. antwortet im letzten Bassus seines Schreibens wie folgt „ Die gesetzliche Vertretung einer jeden Belegschaft dem Werksbefizer gegenüber ist innerhalb der im Gesetz gezogenen Schranken der Arbeiterausschuß und wo ein solcher nicht bestehen sollte, weil die Gruben zu klein sind, die Belegschaft im ganzen oder auch Vertreter der Belegschaft, die aber aus ihrer Mitte genommen werden müssen." Das Blatt schreibt nämlich: Seitens des russischen Vizekonsuls zu Thorn wird der der„ Gazeta Torunska" folgendes mitgeteilt: Ausländischen katholischen Ordensgeistlichen war bis jetzt bekanntlich der Eintritt nach Rußland verboten. Nunmehr hat die russische Regierung die Verfügung getroffen, daß katholische Ordensgeistliche und Missionare unter folgenden Bedingungen nach Rußland fahren dürfen und Das ist in Summa eine Schuldenlast von 9 315 000 M. Diesen und anstands- 91%, Millionen Schulden standen nur 400 000 M. Geschäftskapital los, ohne vorherige Genehmigung des russischen Ministers am 30. September 1905 gegenüber. Ueberdies sei zum 1. Oktober des Innern, das Visum ihrer Pässe erhalten können: 1. Wenn sie eine weitere Herabminderung der Geschäftsanteile auf mur sich genügend als katholische Drdensleute und Missionare legitimieren; 298 000 m. eingetreten. Bei dieser Sachlage müsse die Milchzentrale 2. der Zweck ihrer Reise nach Rußland Propaganda selbstverständlich, gab Herr Ring zu, den Konkurs anmelden, gegen die agrarischen und sozialistischen Be- wenn nicht die Genossenschafter sich heute zu einer Erhöhung der wegungen ist; 3. sie in Rußland nicht länger als Geschäftsanteile und Haftsummen entschlössen. Jeder Geschäftsanteil, 3eiz, 4. April.'( Eig. Ber.)' zwei Monate zu bleiben gedenken." der bei Beginn der Milchzentrale nur 1 M. betragen habe und inDurch die bürgerliche Presse läuft wieder ein Waschzettel, Da das Sonntagsblatt für die Diözese Trier und Westdeutsch- zwischen auf 19,50 M. erhöht worden sei, solle jetzt auf 260 m. woraus für uns nur das eine Interesse hat, daß nämlich die vererhöht werden. Ebenso sollten sollten die Haftsummen, die land nichts weiter dazu zu sagen hat, scheint es doch, daß die ursprünglich 10 Mark betrugen, einigten Kohlenmagnaten der Welt beweisen wollen, daß sie gar auf 260 Mart erhöht römisch- katholische Welt die Sache für sich ganz in der Ordnung werden. findet. Ein schönes Selbstzeugnis! Viel Interessantes aber sagt der Konkurs vermieden, der sonst 4 bis 5 Jahre dauern und sicher novelle vom 14. Juli 1905, in der im§ 80f bestimmt ist, daß der Wenn die Generalversammlung dieses beschließe, dann sei nicht befugt feien, mit der jetzt auf 7 Mann ergänzten Lohnkommission zu verhandeln. Sie stützen sich dabei auf die Berggesezjene Mitteilung jedem denkenden Menschen: eine halbe Million an kosten verzehren würde. Der Haupt: Arbeiter ausschuß Anträge, Wünsche und Beschwerden der Wie jämmerlich schwach muß sich die russische Regierung" zweck der Erhöhung der Geschäftsanteile sei gegenüber dem ständig anschwellenden Strome der Revolution allerdings der, die ausscheidenden Genossen Belegschaften zur Kenntis der Bergwertsbesizer zu bringen hat. fühlen, daß sie, wie der Ertrinkende nach dem Strohhalme, selbst empfindlich zu treffen. Es solle der Forderung der aus- Dazu sei bemerkt, daß für Preußen die Wahl eines Arbeiternach der Hülfe katholischer Ordensgeistlicher und Missionare greift, auf Einzahlung der neuen Geschäftsanteile entgegengesetzt werden, borgesehen ist, die vielen kleineren Werke also gar keine gefeßlich scheidenden Genossen auf Rückzahlung der Milchabgabe der Anspruch ausschusses nur für solche Gruben mit über 100 Mann Belegschaft denen„ bisher bekanntlich", ebenso wie jüdischen Kaufleuten und auch würde man die Bilanzen der vorangegangenen Geschäftsjahre nach- Altenburg, wo das Revier Meuselwitz- Rosib sich befindet, fo= bestehende Arbeitervertretung haben, während in Sachsen== Maschinenschreiberinnen und gelegentlich auch Aerzten, der Zutritt träglich so berichtigen, daß die ausgeschiedenen Genossen zu empfindlichen zum heiligen russischen Reiche nur auf Entscheid des Ministers ge- Bubußen verurteilt werden müßten. Bei dem Konkurs einer wie im Königreich Sachsen mit Revier Borna und Anhalt- Braunstattet wurde. Hannoveranischenlandwirtschaftlichen Genossen- schweig es eine Institution der Arbeiterausschüsse gar nicht gibt! Wie echt christlich vergebend müssen aber die bisher so fchaft habe man das gleiche Mittel angewendet Daraus folgt, daß es an sich schon ein Nonsens ist, wegen der in schnöde behandelten und durch die dritte Bedingung, daß und die Bilanzen sogar bis auf elf Jahrerüd- den einzelnen, mit Streit überzogenen Ländern herrschenden verihr Aufenthalt nicht über zwei Monate dauere, wärts rebidiert, um ausgeschiedene Genossen- schiedenen Gesetze, einzig und allein die Arbeiterausschüsse zu Verlich unerhört beschimpften katholischen Ordensgeistlichen und und Aufsichtsrat einschließlich des ausgeschiedenen Grafen Schulen nach welchen es die Herren ablehnen, mit der Siebenerkommission eigenthafter zu 3ahlungen heranzuziehen. Der Vorstand handlungen heranzuziehen. Aus dem Revier Borna liegen drei weitere Schreiben vor, Missionare denken, gleichviel, ob fie fich dazu erboten haben, burg Lehne es ab, für den Schaden, der der oder ob sie darum gebeten worden sind, dieser sie so schimpflich Milchzentrale aus dem Geheimvertrag mit der zu verhandeln. Der Verein für bergbauliche Interessen der behandelnden Regierung Helfersdienste zu leisten durch Propaganda Meierei Bolle erwachsen sei, persönlich Ents gegen die agrarische und sozialistische Betvewegung! Da sie nicht das schädigung zu leisten. Allerdings hätten Vorstand gegen protestieren, müssen sie wohl dazu bereit sein. Wollen sie und Aufsichtsrat gegen das Statut gehandelt. Aber bei der traurigen feurige Sohlen fammeln auf das Haupt der russischen staatlichen und Geschäftslage, der Milchzentrale sei damals der Abschluß des Geheimzugleich auch firchlichen obersten Macht? oder meinen die Herren, weiter wirtschaften wollte, sodaß Vorstand und Aufsichtsrat durch bertrages eine Notwendigkeit getvesen, wenn die Milchzentrale noch auch in zwei Monaten könnte jeder von ihnen neben der Propaganda Abschluß des Vertrages eigentlich nur ihre Pflicht erfüllt hätten. gegen die agrarischen und sozialistischen Bewegungen, um derentwillen Die Erhöhung der Geschäftsanteile solle auch nur vorübergehend erdie Drden ja wohl nicht gegründet sind, noch so viel von ihren eigent folgen: die genossenschaftliche Zentraltasse des lichen Geschäften verrichten, daß es sich schon lohnt, dafür auch Bundes der Landwirte' Der Verein bersteift sich demnach ebenfalls auf die Arbeiterhabe sich ihm gegenüber ein bißchen Beschimpfung, so einen fleinen Fußtritt, daß sie aber bereit erklärt, mit ihren Forderungen zu warten, wenn die Geschäfts- Ausschüsse und will sogar mit der Belegschaft im ganzen in zwei Monaten wieder hinaus müßten, mit in den Kauf zu anteile auf 260 M. erhöht würden, um nach einigen Monaten verhandeln! Das würde ein schönes Tohuwabohu werden! Wollten die Gesellschaften ehrlich und ernstlich Verhandlungen; wiederum auf 19,50 M. herabgesezt zu werden. Die Für jeden Kämpfer um Freiheit im Denken und Tun ist diese treuen Genossenschafter würden auch die Geschäftsanteile nicht bar so müßte es ihnen sogar ungemein lieb sein, daß durch eine unscheinbare fleine Mitteilung recht erfreulich als Selbstzeugnis 3 bezahlen brauchen, vielmehr werde ihnen der Vorstand gestatten, Kommission von 7 Mitgliedern, die das sei ausdrüdlich hergegen die an sie zurückzuzahlende Milchabgaben aufzurechnen. Die vorgehoben! unter Zuziehung der gesamten Arbeiterausschüsse der Schwäche des einen Freiheitsfeindes und der würdigkeit" Hauptfache sei, den Konkurs zu vermeiden, damit die märkischen und aus deren Reihen gewählt worden sind, die Fordedes anderen, als ein Zeichen zumeist, wie gut es steht um den Landwirte ihre Unabhängigkeit vor dem Berliner Handel retteten. rungen der gesamten Bergarbeiterschaft vertreten werden. Kampf unserer russischen Brüder und Schwestern; ob sie gleich aus Diefen Ausführungen des Herrn Ring schloß sich die große Herren wollen aber gar keine Verhandlungen! Indem sie vortausend Wunden bluten. Sie müssen mächtig vorwärts tommen, Mehrheit der zusammengetrommelten 451 Genossenschafter an. In wenn so die sonst einander tödlich hassenden Freiheitsfeinde sich zu- gleicher Weise wurde eine Bestimmung angenommen, nach der die fammentun wollen, um sich nicht den letzten Rest ihrer Gewalt ent- Milchzentrale alle Milchpachtungen ihrer Genossenschafter selbst für winden zu lassen. eigene Rechnung ausführt und das Milchgeld für die felben eintassiert, auch selbständig je nach Geschäftslage zu bestimmen hat, welcher Be Ein kaiserlicher Ukas schreibt bezüglich der Preffe die Beob- trag von dem Milchgeld all wöchentlich an die achtung neuer Verfügungen vor. So sollen die Druder in Zukunft Genossenschafter auszuzahlen ist." verpflichtet sein, von periodisch erscheinenden Veröffentlichungen, Uns interessiert tweniger die formelle Üngültigkeit dieser Beziehung und die Bergarbeiterschaft wäre wieder in unerträgliche bevor sie in Umlauf gelegt werden, der Verwaltung für schlüsse und Versprechungen als die Frage, ob in der Tat die Brezangelegenheiten ein Probeblatt vorzulegen. Drud Staatsbehörden dieser gefezwidrigen Benach schriften, welche Zeichnungen enthalten, deren Veröffentlichung mit teiligung von Kleinbauern noch weiter mit bei den Strafgefeßen im Widerspruch steht, können eingezogen werden. schränkten Armen gegenüberstehen muß? Der Herausgeber einer periodischen Druckschrift, deren Aufhebung Würde ein sozialdemokratischer Leiter einer Genossenschaft so oder Unterdrückung von dem Gerichte verfügt worden ist, wie die Milchzentralleitung vorgehen längst wäre er, und das Yann für seine Person oder durch Vermittelung eines anderen mit vollem Recht, wegen gröblichen Berstößen gegen neue periodische Schriften nicht mehr herausgeben das Genossenschaftsgesek, wegen versuchten BeVor dem„ Bismarcschacht" bei Meuselwitz in Sachsenbis er von seiten des Gerichts dazu ermächtigt oder der im truges, wegen Untreue und wegen Konturs. Urteil bestimmte Termin abgelaufen ist. Zuwiderhandelnde haben vergehens berfolgt. Herr Ring ist ein konservativer Altenburg lagerten gestern im Freien gegen 50 Kroaten. ArmHerr Ring ist ein konservativer felig und herabgekommen aussehende, stumpf und stier dreineine Geldstrafe bis zu 3000 Rubel und im Rückfalle eine Ge- Mann, der andere Geschäftsführer, Krause, wegen Er fängnisstrafe bis zu 16 Monaten zu gewärtigen. pressung mit 21jähriger Gefängnisstrafe vorbestraft- fehlt denen schauende, fuſelſtinkende Gestalten. 24 davon fuhren, mit FahrDieselben Strafen sind festgesetzt für Druder, die nach Verurteilung der berühmte Dolus? Der geschilderte Plan der Milchzentrale zur Schließung ihrer Druderei ihre Tätigkeit fortsetzen. Wer schuldig übertrifft die Schädigungen, die alle Schwindellaisen zubefunden wird, periodische Druckschriften vor Einholung der Er fammen genommen, verübt haben. Es ist interessant, daß zu der laubnis oder vor Unterbreitung eines Probeblattes der betreffenden selben Zeit, wo die bürgerlichen Parteien angeblich nach Mitteln Publikation in Umlauf gefegt zu haben, hat eine Geldstrafe zu ge- fuchen, um Schwindelfassen bekämpfen zu können, eines der rührigsten wärtigen. Außerdem ist das Gericht befugt, die Druderei Mitglieder des für unsere Regierung tonangebenden konservativen solcher Personen auf eine Dauer bis zu sechs Bundes der Landwirte, die nicht Not leiden, ungeniert erst acht Millionen Monaten zu schließen. rechtswidrig von Landwirten heischen und dann die geschilderten Manipulationen betreiben darf. Die Zentrumspresse scheint nach ihrem bisherigen Verhalten mit der dargelegten Schädigung ber kleinbauern genau so einverstanden zu sein wie mit der Drangfalierung folider Genossenschaften und Kaffen, gegen die der neue Entwurf cines Gesetzes über die Hülfstassen neue Waffen nehmen? Presknebelung. " Eine Mitrailleuse gestohlen. Boltawa, 4. April.( Meldung der Petersburger TelegraphenAgentur.) Ein nach Chartow gehender Güterzug wurde von einer bewaffneten Bande angegriffen. Der Bug führer wurde verwundet. Herbeigeeilte Gendarmen schmieden soll. eröffneten ein Feuer auf die Räuber; festgenommen wurde niemand. Auf dem hiesigen Güterbahnhofe traf ein aus 17 Wagen bestehender mit Mitrailleusen beladener Zug ein, von dem unterwegs die Schlußplombe eines Wagens ge löst und eine mitrailleuse gestohlen worden war. Man fand dieselbe aber in der Nähe wieder. Der Bahnkörper wird von Truppen bewacht. 4 Das Verbrechen von Courrières. Petersburg ,. 5. April. In Twer wurde eine Arbeiter bersammlung durch Gewehrfeuer auseinander geäußerste steigt. Und es bleibt nicht bei, heftigen Drohungen, im trieben. Mehrere Personen wurden verwundet. Konservative Pleite. Die geben, sich auf dem Boden der Geschmäßigkeit zu bewegen, stellen sie sich nur auf den brutalen Standpunkt des Herr- im- Hause- seins! Die Herren wissen ganz genau: In dem Augenblicke, in dem sie mit ihren einzelnen Grubenausschüssen resp. der" Belegschaft im ganzen" Verhandlungen führen, haben sie gewonnenes Spiel. Einige kleine Lohnaufbesserungen, Versprechungen, da, wo es angängig ist", die Schichtzeit um ein Geringes zu verkürzen, sonstige Palliativberbefferungen in sanitärer und sonstiger Bedeffeln geschmiedet! Darum das trampshafte Bemühen, Verhandlungen mit den einzelnen Belegschaftsausschüssen herbeizuführen, darum auch das Bestreben, alles, was mit der Bewegung zu tun hat, in Mißkredit zu bringen. Gestern ist auf den Werken, die mit 1. April Jahresabschluß machen, die Rest löhnung vorgenommen worden und ist dabei alles glatt abgelaufen. farte bis Bitterfeld versehen, abends fort. Sie werden in der dortigen Gegend, wo so schon meist Ausländer, Polen, Italiener usw. beschäftigt werden, im Tagesbau Verwendung finden. Jm Braunschweigischen, in und um Helmstedt feiern gegen 1000 Mann. Ebenso liegt in Wangleben und Oberröblingen ein Teil der Werke still. Im Bornaer Revier haben die Streifenden schwer mit den ekelhaften Quertreibereien der Vertreter des Hirsch- Dunckerschen Gewerkvereins zu kämpfen. wie uns berichtet wird, reist Herr Generalrat" ahn aus Burg bei Magdeburg von Grube zu Grube, um Verhandlungen auf eigene Faust an. 3uknüpfen! Jm Meuselwißer Revier hat die Agitation der katholischen Geistlichkeit, Streitbrecher zu werben, bis jetzt nennenswerte Erfolge nicht zu berzeichnen gehabt. Im Zeiz- Weißenfelser Revier haben sich weitere Metallarbeiter dem Streit angeschlossen, außerdem einige Grubenmaurer. Die Gendarmerie ist weiter verstärkt, obgleich auch nicht die geringsten Ausschreitungen vorgekommen sind. Weitere Berichte über Sohlen mangel sowie über weitere verstärkte Lieferungen aus Böhmen liegen nicht vor. * Neun noch warme Leichen und ein lebendes Pferd hat man vorgestern ans Tageslicht gebracht. Jeder Tag vermehrt das Anflagematerial gegen die Grubengesellschaft und die Ingenieure. Es ist nur begreiflich, daß die Erregung der Bevölkerung, besonders bei den Frauen und sonstigen Angehörigen der Eingeschlossenen aufs richt in den Revieren eingeschlagen, daß der Streitleiter Botorny lebermaß des Schmerzes und Bornes geht man aggressiv gegen die Schuldigen vor. Frauen versuchen sich Zugang zu den Schächten zu verschaffen und bombardieren die Posten mit Steinwürfen, die Ingenieure dürfen sich faum noch bliden lassen. Gegen sie wird nun auch gerichtlich vorgegangen. Schade, daß der frühere konservative Abgeordnete, Dekonomierat Der Generalstaatsanwalt in Douai hat, wie gemeldet wird, Ring. Leiter der Milchzentrale, nicht Reichsschaziekretär ist. Er am Dienstag bereits die Untersuchung eröffnet. Der gerettete hat ein famoses Mittel entdeckt, wie man ein Defizit deden könne: Berlon ist noch sehr schwach. Am Donnerstag wurden 50 Särae Wie eine Bombe hat die schon telegraphisch gemeldete Nach3widau vom Gericht in Stollberg wegen Beleidi gung" au 6 Monaten Gefängnis berurteilt wor. den und außerdem sofort in Untersuchungshaft genommen ist! Der Vorstand des Bergarbeiterverbandes hat sofort die nötigen Schritte getan, um die Freilassung des Genoffen gegen Stellung einer Kaution zu erwirken. Aus der Partei. " zwischen unserer Zahl und unserem Einfluß im Staate wird erst arbeitungsindustrien zu entwickeln. Deshalb find die Zölle, auf dann ganz aufgehoben werden, wenn wir die Herrschaft im Staate Rohstoffe, zum Teil auch auf Halbfabrikate durchweg herabgefekt erobern. Die bürgerliche Gesellschaft wird ihren Todfeinden, als die jedenfalls nicht erhöht, dagegen die Zölle auf Fertigfabrikate vielfach Zwei Kritiker. fie uns fennt, nie mehr Einfluß gewähren, als sie notgedrungen auf eine prohibitive Höhe gebracht. Um ein paar Beispiele herausUeber die attit der Sozialdemokratie hat Gemuß. und daß wir ihre Todfeinde sind, darüber würde sie keine zugreifen, die für den deutschen Export von besonderer Wichtigkeit noffe Bernstein im letzten Hefte der Sozialistischen Monatshefte" Milderung unserer Sprache täuschen, wenn sie nicht einer Ab- find, ist der Zoll auf Roheisen ermäßigt worden von 2 P. auf einen Artikel veröffentlicht, auf den wir eingehen möchten, da er der schwächung unserer grundsätzlichen Forderungen entspränge. 1,40.( Minimaljäße), Stahl von 5 auf 3,25, Eisen- und Stahlbürgerlichen Presse Anlaß zu allerlei unzutreffenden Ausführungen Genosse Dr. Michels' Kritik erfordert keine ins einzelne gehende stangen aller Art von 9,50 auf 6,40, Eisenplatten über 5 Millimeter gibt. Bernstein behandelt in diesem Artikel zunächst den Fall Briand Betrachtung. Er hat den Maßstab völlig verloren. Wir wollen gern dick von 10,70 auf 7,20, Eisenbleche von 20 auf 14. Der Hauptin Frankreich und den Konflikt zwischen Parteivorstand und Fraktion zugeben, daß in der Partei nicht alles Gold ist, daß man der zweck dieser Ermäßigungen ist, eine große spanische Maschinenin der sozialistischen Partei Italiens in der Frage der Unter- Meinung sein fann, sie hätte mehr Tätigkeit zeigen fönnen bei industrie zu schaffen. Tatsächlich sind auch die Bölle auf Maschinen, stützung des Ministeriums Sonnino. Natürlich plädiert er für verschiedenen Gelegenheiten, neuerdings in der Wahlrechtsbewegung. die gerade Deutschland mehr als irgend ein anderes Land nachh Ministerialismus. Eine Auslassung des Genossen Dr. Robert Michels wir selbst haben das manchmal gewünscht. Von solcher Meinung Spanien einführt, mit wenigen Ausnahmen außerordentlich erüber die deutsche Sozialdemokratie in der französischen Zeitschrift bis zu der völlig ungerechtfertigten hahnebüchenen Anklage Michels' höht worden, zum Beispiel landwirtschaftliche Maschinen Mouvement socialiste" gibt dann den Anlaß, zur deutschen Sozial- ist aber noch ein Siebenmeilenstiefelschritt. bon 14( vertragsmäßig 12,50) auf 15, Motore jeder demokratie überzugehen. Genosse Michels ist mit der deutschen Genosse Dr. Michels und Genosse Bernstein, so grundverschieden Gattung mit oder ohne Refsel von 18 auf 35, Lokomotiven und Sozialdemokratie sehr unzufrieden. Die Furcht, ihre Wähler ihr beiderseitiger Standpunkt ist, stimmen in einem überein: beide Lokomotiventender mit mehr als 35 Tonnen Gewicht von 28( verund ihre Ersparnisse zu verlieren," so flagt er sie vor glauben, daß der Einfluß unserer Partei heute schon größer sein tragsmäßig 24) auf 20, dieselben bis 35 Tonnen Gewicht, ferner den Franzosen an, das ist das höchste Gesez der Sozial- könnte, als er ist, wenn die Partei anders handelte. Michels sieht Maschinen für die Marine, Lokomobilen von 28( 24) auf 40, demokratie. Diese Furcht erklärt ihre schläfrige Strategie und ihre den Fehler in mangelndem wahren Opfermut, in spießbürgerlicher Maschinen aus Kupfer und dessen Legierungen von 44 auf 80. Passivität. Diese Furcht ist es, die aus der deutschen Sozialdemo- Furcht der Partei um ihre Fonds, im Fehlen dessen, was er als Gleich geblieben ist der Zoll für Nähmaschinen( 70 P.) und für fratie troß ihrer großartigen Hülfsmittel an Menschen und„ revolutionär" betrachtet. Bernstein sieht umgekehrt das Unheil darin, Maschinen anderer Art als aus Kupfer und Teile davon( 20 p.). Geld die schwächste aller sozialistischen Parteien macht daß wir nicht ganz find, was wir sind, daß wir dem angeblich Prohibitiv würde die Zollerhöhung für Dynamos und Elektround uns den Schlüssel gibt für ihre Haltung in der parlamentarisch- antirevolutionären Charakter der Partei nicht in motore wirken, nämlich von 20 auf 100%. bei einem Gewichte Frage des Krieges und des Militarismus." Diese Stellung unserer Sprache vollen Ausdruck geben. Beider Kritik entspringt bis 400 kilogramm, bei mehr als 400 Kilogramm sollen sie 50. ist nach Michels philisterhaft, träge und Kleinmütig, wie einem Außerachtlassen der realen Kräfte, die der deutschen Sozial zahlen. Kabel zu elektrischen Leitungen sind erhöht von 20( ber für ihn ihr untätiges Verhalten während der Lage, da demokratie entgegenstehen, und deshalb wird diese Kritik die Partei tragsmäßig 18,50) auf 50. Recht günstig würde der bedie Marokkofrage afut wurde, erwiesen hat. Der deutschen Sozial nicht befruchten fönnen. deutende deutsche Export in künstlichen Farben abschneiden, demokratie, so orakelt Michels weiter, fehle der wahre Opfermut, was sich daraus erklärt, daß diese Farben ein wichtiges die Regierungen wüßten, daß ihre Drohungen nichts als Drohungen Warnung vor einem Schwindler. Die Sächs. Arbeiterzeitung" Rohmaterial für verschiedene Verarbeitungsindustrien bilden. Leerseien. Beherrscht von der Sorge um den Kriegsfonds, den sie mit meldet: Der Serbe Nakoluh hat eine ganze Reihe von Partei- und farben aus Steinkohle und andere künstliche Farben, gepulvert oder der Pfennigfuchferei eines Kleinbürgers anhäufe, verliere fie völlig Gewerkschaftsgenossen beschwindelt. Er gab an, aus der Schweiz in Kristallen find ermäßigt von 2,50( 1,50) auf 1,80, Anilin und den Sinn für die Zwecke des Kriegsfonds. Im besonderen hat Michels noch auszusetzen, daß Genosse Bebel in seiner Etaterede, wegen politischer Tätigkeit ausgewiesen worden zu sein, und zeigte Cochenille von 54( 15) auf 37,50( 15), Farbstoffertrakte sind nach wie worin er die Haltung der Sozialdemokratie im Falle eines Krieges zur Bestätigung deffen ein vom Genossen Greulich unterfertigtes vor mit 5 P. angesezt. Eine erhebliche Erhöhung findet sich ferner behandelte, die Arbeiterklasse nicht unnachgiebig jenem Vaterland Schreiben vor. Wie Genosse Greulich auf Anfrage dem Dresdener für Zement von 0,20 auf 0,50, Silber in Geräten und Schmucksachen Arbeitersekretariat mitteilt, ist dieses Schreiben resp. seine Unter- materialien aller Art von 1,50 auf 2. Nicht erhöht ist der Zoll auf von 3,50 auf 7, ordinäres Backpapier von 10,85 auf 15, Schreibgenannten Wesen der bürgerlichen Welt" gegenüberstellte. schrift gefälscht. Da sich der Schwindler besonders auch an die Spielwaren( 3 P.). Der wichtige Zoll auf Buder( 85 P.) ist auf Bertrauensleute des Hülfsarbeiter Verbandes wendet, so seien diese derselben prohibitiven Höhe belassen worden. nuch besonders gewarnt. " M " Polizeiliches, Gerichtliches ufw. Wegen Beleidigung der Elberfelder Kriminalpolizei- wurde der verantwortliche Redakteur der Elberfelder Freien Breffe", Genosse Oskar Hoffmann von der Strafkammer zu 100 M. Geldstrafe verurteilt. Es handelt sich um die Wiedergabe einer Stritit, die in der Stadtverordnetenversammlung an der Tätigkeit der Polizei in einem bestimmten Fall geübt worden war. Aus Induftrie und Handel. Interessenten erhalten im Bureau des Handelsvertragsvereins, Berlin W. 9, Köthenerstr. 28/29 eingehendere Informationen. Goldproduktion in Deutschland. Die Produktion der Siebenbürger Goldbergwerke( Harkortsche Bergwerke und chemische Fabriken, Aktiengesellschaft) betrug in den letzten acht Monaten 1362 629 Kilogramm gegen 1301 543 Kilogramm in der forrespondierenden Zeit des Vorjahres. Wertsteigerung der Produktion. Daß die Robproduktion mit den vorgenommenen Preissteigerungen vorteilhaft abschneidet, ergibt sich schon aus der Produktionsstatistit des Oberschlesischen Berg- und Hüttenmännischen Vereins. Danach betrug die Erzeugung der Oberschlesischen Berg- und Hüttenwerke: Eisenerz Mengen in Tonnen 1904 1905 25 376 258 26 910 754 287 285 272.831 678 472 1 447 203 1 772 600 702 086 1456 845 1 832 274 355 544 im Werte von Mark 1904 172 962 974 1 793 491 30 473 652 9 191 061 134 315 398 1905 190 024 564 1 658 180 37 571 675 16 606 544 154 514 132 351 573 89 311 315 108 472 309 Zink- und Bleierz Koks und Zünder Eisen und Stahl Zink- u. Nebenprodukte... Die Gesamtproduktion beläuft sich auf 31 576 498 Tonnen gegen 30 013 292 Tonnen im Jahre 1904; der Gesamtwert stieg von 438 047 892 M. auf 510 237 305 M. und der Durchschnittswert von 14,25 M. auf 16,11 M. pro Tonne. Bernstein ist mit diesen Ausführungen Michels nicht ganz einverstanden, aber er findet in ihnen doch ein großes Stück Wahrheit". Auch ihm ist die deutsche Sozialdemokratie während der Marokkofriegsgefahr zu gleichmäßig fühl gewesen. Er erklärt das aus dem Umstande, daß das deutsche Volt keinen Einfluß auf die deutsche aus- Bon den Organisationen. 6500 Mitglieder zählte am 1. April wärtige Politik habe und deshalb ihren Problemen fremd gegenüberstehe. der Sozialdemokratische Wahlverein Hannover, 2007 der SozialUnd so wird Bernstein die Frage, weshalb die deutsche Sozialdemokratische Verein Lübeck. demokratie in der Marokkofrage nicht tätiger gewesen, zu der Frage nach den Ursachen des Mißverhältnisses zwischen der numerischen Stärke der deutschen Sozialdemokratie und ihrem Einfluß auf die der Genosse Schumann- Bielefeld, weil er keinen Verrat Ein Bierteljahr in Zeugniszwangshaft befand sich am Mittwoch deutsche Politik, ein Mißverhältnis, das die ganze sozialistische Welt mit Enttäuschung erfülle. Statt nun aber die Ursachen dieses Mißverhältnisses begehen will. Anscheinend ist die Staatsanwaltschaft entschlossen, in den besonderen sozialen und politischen Verhältnissen Deutschlands die Haft bis zur äußersten gesetzlichen Grenze( sechs Monate) aus zu suchen, ergeht sich Bernstein in allerlei ideologischen Be- zudehnen. Sie wird den Genossen Schumann dadurch nicht mürbe trachtungen über das Wesen unseres Volkes, das nicht revolutionär machen, aber das schändliche Institut der Zeugniszwangshaft wider ist, und das deshalb und nicht wegen des Berrats der Leute, die, wenn sie Ehrenmänner bleiben wollen, ihre GewährsBourgeoisie die Früchte der 1848er Revolution zum großen männer nicht nennen dürfen, vor aller Welt noch weit mehr Teil wieder verlor. Wobei Bernstein den Schniper begeht, diskreditieren, als es durch andere Fälle ohnehin schon ge- Steinkohlen die Behauptung, das deutsche Bürgertum habe durch einen Verrat den kläglichen Ausgang der Revolution verschuldet, damit abzuweisen, schehen ist. daß die damalige Groß- und Mittelbourgeoisie wegen ihrer geringen Bahl gar nicht mftande gewesen wäre, die Revolution zu verraten, we die große arbeitende Masse der Bevölkerung Kleinheger, Bauern, Arbeiter revolutionär gewesen wäre! Als ob nicht damals die große arbeitende Masse mit verhältnismäßig geringen Ausnahmen im geistigen Banne der Bourgeoisie gestanden hätte, als ob nicht die heutige Klassenscheidung und das Klassenbewußtsein damals erst in ihren Anfängen vorhanden waren! Das Fazit dieser Betrachtungen ist dann endlich die Entdeckung, die freilich seit dem Erscheinen der Voraussetzungen des Sozialismus" nicht mehr neu ist, daß das Mißver- Roheisen und Stahlproduktion. Mit feiner Eisengroßindustrie hältnis zwischen mumerischer Stärke der Partei und ihrem Einfluß nimmt Deutschland heute die zweite Stelle auf dem Weltmarkt ein. auf die deutsche Politik seinen Grund habe in dem Zwiespalt zwischen In der Produktion von Roheisen und Stahl haben wir England der parlamentarischen Taktik das Wort parlamentarisch als die weit überflügelt, in Halbzeug ist Deutschland der größte Verkäufer Bezeichnung einer Methode genonimen und der anti- auf dem Auslandsmarkt. Von 1891 bis 1904 ist Deutschlands Proparlamentarisch revolutionären Sprache der Sozialdemokratie: duftion an Roheisen relativ auch stärker gestiegen als die der Ver- Verband der Berliner Kohlen- Großhändler. Der Vorstand Um Formeln willen, die unter dem Einfluß der Ent- einigten Staaten, im letzten Jahre aber haben diese wieder einen schreibt uns:„ Mit der Bildung der Berliner Brikettkonvention wickelung der Verhältnisse jede Berechtigung verloren haben, ver- fräftigen Vorsprung erlangt. In die Verschiebung des Produktions- ist an sich nichts Neues geschaffen worden. Die Preise für Brenngräbt sie( die deutsche Sozialdemokratie) ihr Pfund", ruft Bernstein anteils gewährt folgende Zusammenstellung einen Einblick. Es be- materialien waren bereits seit Jahren in jeder Saison durch ge= gegen den Schluß hin aus. Seiner Ansicht nach könnte also die trug die Roheisengewinnung in 1000 Meter- Tonnen: meinsame Verständigung des Berliner Kohlen- Großhandels einSozialdemokratie weit mehr Einfluß, weit mehr Macht haben, heitlich geregelt worden. Diese Preisregulierung hat für das wenn sie einige revolutionäre Vokabeln aus ihrem Wortschaze striche. laufende Jahr insofern eine Erweiterung erfahren, als dieselbe Wir vermögen nicht an die Wirksamkeit des Bernsteinschen Vordieses Mal den Wünschen und den Interessen des Berliner Kleinschlages zu glauben. Unsere Sprache möge noch so parlamentarischHandels entsprechend in Gemeinschaft mit letterem unter Schaffung antirevolutionär werden, wie Bernstein es wünscht, so lange wir fester, gleichartiger Normen erfolgt ist. Ausdrücklich sei hervordas revolutionäre Ziel der Vergesellschaftung der Produktionsgehoben, daß eine Preisverteuerung hiermit nicht bezweckt und auch mittel verfolgen, fo tatsächlich nicht eingetreten ist. Im Gegenteil wird künftig durch politische Macht sichern wollen, werden wir nach wie vor Das jezige Verhältnis der Produktionsanteile bei der Roheisen- Festsetzung besonderer Ausnahmepreise für einzelne Sommerden herrschenden Klassen als Unstürzler gelten. Ihnen find ja erzeugung deckt sich ziemlich mit dem Anteil an der Stahlgewinnung. monate dem großen Publikum Gelegenheit geboten, das Heizmaterial schon der Bernsteinsche Demonstrationsstreit und die friedlichste Jn 1904 erzeugten( rund in Millionen Tonnen): Vereinigte Staaten zeitweilig billiger einzudecken, was früher nicht der Fall war. Die Straßendemonstration revolutionäre Mittel. Nicht die Sprache, 15, Deutschland 9, Großbritannien 5%. Rußland 15. Frankreich 1/3 ganze Tendenz der Konvention geht lediglich dahin, dem gesamten die Taktik und das Biel muß Bernstein ändern, wenn er die Desterreich- Ungarn 1/5, bei einer Weltproduktion von 35½ Millionen Kohlenhandel eine dauernde solide Grundlage zu geben, da vielMacht der Sozialdemokratie im heutigen Klassenstaate in höherem Tonnen. fach Preisschleudereien in Erscheinung getreten waren, die jeder Maße steigern will, als ihre Anhängerzahl und ihre Waffen sich Die toloffale Broduktionssteigerung in Deutschland war von foliden Kalfulation entbehrten, und so die wirtschaftliche Eristena mehren. Die Sozialdemokratie würde dann freilich verschwinden eine intensive Ausnutzung der Arbeitskraft spielen dabei eine Haupt- Die Brifettfonvention, welche demnach auch den Interessen, des verschiedenen Faktoren begünstigt. Die deutsche Bollpolitik und eines großen Teiles der Kohlenhändler zu untergraben drohten. und eine Reformpartei an ihre Stelle treten. Und zul wollen, dagegen wird sich Genoffe Bernstein ber- rolle. faufenden Publikums Rechnung trägt, ist ein Werk des geeinigten Berliner Kohlenhandels und nicht der Niederlaufizer Braunkohlenwerke und Brikettfabriken." Verfammlungen. lange tvir der Arbeiterklasse die . 1891 1900 8412 4641 1904 1905 14011 16781 23360 8521 10119 10987 9103 8699 9746 1897 2714 3000 . 1005 2934 2949 Bereinigte Staaten. Deutschland. Großbritannien und Jrland 7525 Frankreich Rußland.. Warenhaus H. Tiet A.-G. Köln. Die Gesellschaft erzielte im verflossenen Geschäftsjahre nach Abschreibungen in Höhe von 725 905 M. einen Reingewinn von 907 242 W., woraus 6 Proz. Dividende zur Verteilung gelangen. 150.000 20. werden für Re ferbefonds abgestoßen; die Tantieme beansprucht 82 941 W. wahren, wie er denn in dem Artikel zum Schluß, um jeder Miß- Emission der neuen deutschen und preußischen Anleihe. Ein deutung vorzubeugen, fagt, das Anerkennen des parlamentarischen Stonfortium unter Führung der Reichsbant bezw. der fönigl. See Charakters unseres Kampfes bedeute noch nicht das geringste Preis- Handlung übernahm die neue 31%, proz. Anleihe im Betrage von geben des Unterschiedes, der die Sozialdemokratie als Partei der 560 millionen Mark. Auf das Reich entfallen 300 Millionen, auf Arbeiterklasse von allen anderen Parteien trennt. Preußen 260 Millionen Mart. Zur öffentlichen Zeichnung werden Die ganze Deduktion Bernsteins geht von falschen Voraus die Beträge am 11. d. M. aufgelegt. Der Zeichnungspreis beträgt Berichtigung! In der Nr. 80 vom Donnerstag, den 5. März fegungen aus. Taktik und Sprache der deutschen Sozialdemo- a) für diejenigen Stücke von Reichs- oder Preußischen Staats- steht im Versammlungsbericht der Krankenkassenvertreter, daß der tratie stehen nicht im Widerspruch zu einander. Es ist zunächst anleihen, für welche der Erwerber sich einer Sperre bis zum Antrag Banders, des Vertreters der Ortskaffe der Schneider", einnicht wahr, daß unsere Sprache, namentlich auf Stongressen, anti- 15. Oftober unterwirft, und gleichzeitig die Einlieferung an die be- stimmig angenommen wurde. Genoffe Bander bittet uns richtigzuparlamentarisch- revolutionär ist wenn das Wort revolutionär züglichen Schuldenverwaltungen behufs Eintragung in das Schuld- stellen, daß er nicht Vertreter dieser, sondern der„ Freien Hülfsnicht in dem in unserer Partei gültigen Sinne, sondern, wie bei buch beantragt, 100 m. für je 100 m. Nennwert; b) für alle übrigen lasse" der Schneider ist. Bernstein, als Ausdruck der Tendenz zu gewalttätiger Er- Stüde 100,10 m. für je 100 m. Nennwert. hebung gebraucht wird. Unsere Sprache ist die Sprache Die legte 3 proz. Anleiheim April 1905- wurde 1 Proz. einer Partei mit geseglichen Mitteln und revolutionärem Ziel, höher zur Zeichnung aufgelegt. einer Partei, die sich bewußt ist, daß sie eine Welt von Feinden Eingegangene Druckfchriften. Bom Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik", heraus. gegen fich hat, die sich nicht bedenken werden, an die Gewalt zu Ueber den neuen spanischen Zolltarif schreibt man aus dem Bureau gegeben von W. Sombart, M. Weber und E. Jaffé, welches als Neue Folge des Archivs für soziale Gesetzgebung und Statist it" im Verlage appellieren, wenn ihnen das für ihre Sache notwendig erscheint. des Handelsvertragsvereins: von J. C. B. Mohr( B. Siebec) in Tübingen erscheint, wurde cben das Deshalb find wir auch nicht in dem ausschließlichen Sinne, wie Der Entwurf trägt, wie das faum anders zu erwarten war, 2. Heft des 12. Bandes ausgegeben. Bernstein meint, eine Partei der gefeßlich- parlamentarischen Altion; einen extrem schutzöllnerischen Charakter, der für manche deutsche Trockene Fußbekleidung für die Kinder in der Schule. Von wir sind uns bewußt, daß unser revolutionäres Ziel uns in einen Exportbranchen die schlimmsten Erwartungen übertrifft. Der Dr. H. Berger. Sonderabdrud aus der Zeitschrift„ Das Schulzimmer" solch scharfen Gegensatz zum Staate und zur Gesellschaft bringt, neue Tarif soll bereits am 1. Juli in Kraft treten und bis zu 1906. Heft 1. Verlag B. Müller, Charlottenburg, daß wir immer darauf gefaßt sein müssen, daß uns der gefeßliche diesem Termin müßte auch mit Deutschland ein Handelsvertrag ab- Heimarbeit. Herausgegeben von der literarischen Kommission der Sozialer Fortschritt: Heft 63/64: Bilder aus der deutschen Weg versperrt wird, daß wir zur Notwehr gezwungen werden. geschlossen sein.... Deutschen Heimarbeitsausstellung. 50 Pf. Heft 65: Die deutschen Der von Bernstein behauptete Widerspruch zwischen unserer Ueberall tritt in dem neuen Tarifentwurf das Bestreben zutage, Arbeiter Fachverbände von O. Neve. 25 Pf. Leipzig, Berlag: Felir Sprache und unserer Taktik besteht nicht. Und das Mißverständnis mit Gewalt neue Industrien, besonders Verfeinerungs- und Ver- Dietrich. Teures Fleisch billige Seefische!! Bester Fleischersatz, schmackhaft und durch hohen Nährwert sich auszeichnend! Große Fänge in lebendfrischer Ware sind soeben eingetroffen! Ein Versuch mit diesen äußerst schmackhaften Fischen ist jeder Hausfrau zu empfehlen. Seefisch Kochbücher gratis. Deutsche Dampffischerei- Gesellschaft Nordsee" Filiale: Berlin C. 2, Bahnhof Börse, Bogen 8-10. Zentral- Fernsprecher: Amt III No. 8804. Verkaufs- Niederlagen: || Madaistraße 22| Landsbergerstraße 52-53 Prinzenstraße 30 ( am Moritzplatz). 13 Seefische- Volksnahrung! Gr. Schellfisch mit Kopf. 27 PL im Anschnitt 35 Pf. Cabliau 22 ohne Kop! im Anschnitt 25 Pf. . Pf. 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Für die zahlreichen Beweise herz licher Teilnahme anläßlich des Hin scheidens meines lieben Bräutigams Paul Radau sage ich dem Gesangverein Frei", sowie den Kollegen im Namen aller Hinterbliebenen innigsten Dant. Berlin, den 3. April 1906. 7652 Anna Hartwig, als Braut. Danksagung. Für die zahlreiche Beteiligung und die schönen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unferes guten Vaters sagen wir allen Teilnehmern unseren herzlichsten Dant. 7662 Die trauernden Hinterbliebenen Emilie Fischer nebst Kindern. Alexanderstr. 12 Alexanderplatz Dr. Simmel, Sr. 41, und Jannowitzbrücke. Kränze. Blumen empfiehlt* F. Jacobitz, Koppenftr. 44. Lunge. Hals. Bei Susten, Seiferkeit, Verschlei mung, Bruftleiden. Afthma c. gebrauche man nur den garant. echt. Russischen Knöterich Balete mit wiffenichaftl. Gutachten W. 1.-, 3 Std. 2.75. Bel 6 Bateten franko überall hin. 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Wahlbezirk findet heute Freitag, den 6. April statt. Der Bezirk, der zum sechsten Reichstags- Wahlkreis gehört und einen Teil der Schönhauser Vorstadt bildet, war im Besiz der Sozialdemokratiesein bisheriger Vertreter, Genosse Namlow, hat bas Mandat wegen Verzugs nach außerhalb niedergelegt und in ihrem Befiz wird dieser Bezirk bleiben. Aber seit der legten Wahl bom Herbst 1901 ist da draußen die Bebauung so weit vorgeschritten und die Zahl der Kommunalwähler ist so erheblich gestiegen, daß die Zusammensetzung der Wählerschaft dieses Bezirks inzwischen manche Henderung erfahren haben könnte. Man muß daher auf das Ergebnis der Wahl einigermaßen gespannt sein. n Freitag, 6. April 1906. Nuzen sein, denn die Geschichte der Mode bildet einen nicht den mannigfaltigen Bestimmungen des Kontraktes und sich auf unwesentlichen Teil unserer Kultur- und Sittengeschichte. Gnade und Ungnade einem Haustyrannen überliefern. Wie Um die Mode mitmachen zu können, dazu gehört ein willfürlich und eigenmächtig die Hauswirte oftmals den großes Portemonnaie und viel Zeit. Da aber über beides Mietern gegenüber vorgehen, dafür gibt es genug Beispiele. die arbeitende Bevölkerung nicht verfügt, so geht schon aus Es gilt ja als vollständig in der Ordnung, daß einer, der diesem Umstande allein hervor, daß die Mode mehr oder minder seine Miete nicht pünktlich bezahlt, zum Hause hinausgeworfen bei der besitzenden Klasse in Erscheinung tritt. Die Mode im wird. Eine Frau in Wilmersdorf mußte vor kurzem aus engeren Sinne erstreckt sich gewöhnlich auf die Art, sich zu ihrer Wohnung heraus, weil sie entgegen den Bestimmungen kleiden, beschränkt sich aber nicht darauf, sondern wird auch des Kontraktes cine Stube vermietet haben sollte. Der Wirt auf Sitten und Gewohnheiten eines Volkes übertragen. aber gab ihr die Möbel nicht und verlangte unter allerlei VorMit der Kleidermode wollen wir uns heute weniger be- wänden, daß die Frau 150 M. deponieren sollte, um ihn vor schäftigen, diese Mode ist international und nichts besonderes. Schaden und Kosten zu schüßen. Da half feine Polizei, Trotzdem treten auch auf diesem Gebiete Erscheinungen zu sondern die Frau mußte die Hülfe eines Berliner Rechtstage, von denen sich ein einfacher Proletarier oder eine anwalts in Anspruch nehmen, um einen Gerichtsbeschluß gegen Proletarierin nichts träumen läßt. So wird es jetzt unter den Hauswirt zu erwirken. Wer im Besize ist, der Der Freisinn hat dort keinen nennenswerten Anhang mehr, den englischen Damen natürlich denen der Geldaristokratie hat die Macht und kann sich schon etwas erlauben in unserem das ist gewiß. Aber es wohnen im 34. Bezirk, und namentlich in Mode, mit einem Chamäleon auszugehen oder spazieren Rechtsstaat". Manchmal lassen sich die Leute durch die den neu entstandenen Straßen feines außerhalb der Ringbahn ge- zu fahren, und das Tierchen wird wohl in der kommenden Dreistigkeit der Hauseigentümer geradezu verblüffen und legenen Teiles, viele fleine Beamte. Diese müssen für jeden Londoner Saison in feinem eleganten Salon fehlen dürfen. glauben in ihrer Einfalt und Harmlosigkeit, daß sich jemand Kandidaten stimmen, den der sonst so bitter von ihnen gehaßte Frei- Die Nachfrage nach Chamäleons soll schon so groß sein, daß nicht die Rechte ohne weiteres anmaßen könne, die er nicht sinn ihnen präsentiert. Auf einen Wink von oben, der ihnen die die Aufträge gar nicht alle ausgeführt werden können, weil befize. Da hatte ein Mann ein Gasthaus gepachtet in der Wahl in empfehlende Erinnerung bringt, treten sie an und fein genügender Vorrat da ist und der Chamäleonmarkt erst umgegend von Berlin und es verkehrten bei ihm viele gewert geben ihre Stimme Stimme selbstverständlich dem, alleinigen im Juni wieder genügend versehen sein wird. Der Umstand, schaftlich organisierte Arbeiter. Das behagte dem Eigentümer Kandidaten aller bürgerlichen Parteien". Selbst daß dieser seltsame Bruder der Eidechse so häufig seine nicht und er jagte den Pächter davon. Dieser ließ sich diese wenn die freifinnigen Macher erst im letzten Augenblid noch mit Färbung wechselt, ist für eine Modedame von nicht geringer Willfür auch gefallen, nahm dann aber den Rechtsschutz eines einem Zähltandidaten herauskommen, dürfen sie doch mit Sicher- Bedeutung, denn jo kann das Chamäleon zu wenigstens sechs Vereins in Anspruch, und die gerichtliche Entscheidung sprach heit auf die Beamten rechnen. Sollten heute früh um 10 Uhr verschiedenen Toiletten getragen werden und wird bald zu ihm einen Schadenersatz zu.-In der Auswahl ihrer Mieter Bettelverteiler des Freisinns vor den Wahllokalen auftauchen, so einem grünen oder violetten, bald zu einem gelben oder dunkel- find die Hauswirte oft sehr vorsichtig, sie haben ihre Ver möchten wir wetten, daß die Beamten des Bezirks noch im blauen Kleide passen. Deshalb wird das Tierchen als ein einigungen zum Schutz und Truz gegen die Mieter und lassen Laufe des Vormittags den üblichen Wint samt dem nötigen Urlaub überall zu verwendender Schmuck betrachtet. Eine englische sogar schwarze Listen zirkulieren zur Warnung vor friegen. Marquise, die ihr Chamäleon sehr liebt, schickt es den Winter solchen Beuten, die nicht immer zahlungsfähig sind. Die Von den Wählern aus der Arbeiter bevölkerung wird über, der Witterung wegen, nach Biskra und läßt es im Mieter hätten wahrlich viel mehr Ursache, schwarze Listen von erwartet, daß fie in flarer Erkenntnis der Bedeutung dieser Waht Sommer wieder zurückkommen. ,, nicht empfehlenswerten" Hauswirten anzufertigen. Eine ihre Stimme für den von der Sozialdemokratie empfohlenen Aber was sollen wir uns lange mit den Damen der eng- solche Liste würde wohl etwas umfangreicher werden als die Kandidaten abgeben, für unseren Genossen Zimmerer Theodor Fischer. lischen Bourgeoisie beschäftigen, wo wir in Deutschland leben. nicht empfehlenswerter" Mieter. Wenn arme Leute die Die Stimmenzahl, mit der die Wähler des Bezirks unseren Genossen Die Damen der deutschen Bourgeoisie tun es ihren englischen Miete schuldig bleiben, dann ist es gewöhnlich die bittere Not, Fischer in das Stadtparlament entfenden, muß so stattlich ausfallen, Klassengenossen ja gleich, auch sie leiden unter der Mode. Da die sie dazu zwingt, nicht aber Böswilligkeit, denn jedermann daß der Berliner Rathausfreifinn aufs neue und nachdrücklich darauf bei haben diese Damen nicht nur für sich zu sorgen, sondern weiß, daß die Miete rücksichtslos wie die Steuer eingetrieben hingewiesen wird, wie start das Vertrauen ist, das die Sozialdemo- wenden ihre Aufmerksamkeit auch ihren Lieblingen, den wird, er mag hinziehen, wo er hin will. Der Hauswirt aber fratie in der werktätigen Bevölkerung genießt. Kein Wähler, der von Hunden, zu. Wie so ein moderner Hund bisweilen rechnet damit, daß sein Haus sich hoch verzinsen muß und bei der Mitarbeit der Sozialdemokratie in der Kommune einen fegens- beschaffen sein muß, das ersehen wir aus einer Schilderung, 12 Proz. jammert, er noch, wie niedrig die Wohnungsmieten reichen Einfluß auf die Gestaltung unserer kommunalen Verhältnisse er die wir in der Zeitschrift für Tierkunde und Tierschutz finden. heutzutage seien und wie hohe Steuern er bezahlen müsse. wartet, darf der Wahl fernbleiben. Auch auf diejenigen Wähler Dort heißt es: wird gerechnet, die im Sommer 1905 im 84. Bezirk wohnten, aber " Jetzt geht ein vornehmer Hund nur noch mit Gummischuhen Die Einführung der neuen Automobil- Omnibuslinien durch die inzwischen berzogen sind. Sie dürfen auch an der Wahl und Paletot auf die Straße. Das Tuch, aus welchem die Hunde- Allgemeine Omnibusgesellschaft wird nur langsam vonstatten gehen teilnehmen, weil sie noch nach den damals aufgestellten Listen vorpaletots gefertigt werden, fommt aus Paris, in Berlin gibt es und das projektierte ausgedehnte Liniennes faum vor Ablauf von teins in solcher erstklassigen Qualität. Ist aber die Herrin ganz drei Jahren fertiggestellt werden. Die mit der Herstellung von genommen wird. Und sie werden nicht darüber im Zweifel sein, daß m- odern veranlagt, so trägt der Herzensliebling, sei es Dadel, Automobilmotoren beschäftigten Fabriken sollen derartig mit es ihre Pflicht ist, das ihnen noch zustehende Recht auszuüben. Pinscher oder For, den Paletot in derselben Farbe, in welcher Arbeiten überhäuft sein, daß neue Aufträge nur auf Grund langs die Madame ihr Tailor made- Kostüm spazieren führt. Kommt fristiger Lieferungstermine angenommen werden können. Die Auss Hündchen von seinem Spaziergange zurück, dann werden ihm die lieferung jest etwa in Auftrag gegebener Automobilomnibusse im Gummischuhe ausgezogen, der Paletot mit dem Stuartkragen Jahre 1906 foll bei der gegenwärtigen Konjunktur vollständig ausfommt an die Hundegarderobe und die Salontoilette beginnt. geschlossen sein. Gewählt wird von 10 Uhr vormittags bis abends 8 Uhr, doch möge jeder möglichst zeitig zur Wahl kommen. Als Legitimation fann dienen die amtliche Wählerkarte oder die Steuerquittung, der Mietskontrakt, die Militärpapiere usw. Ueber die zum 34. Bezirk gehörenden Straßen und Häuser sowie über die Lage der Wahllokale ist in der Mittwochnummer des" Bortvärts" eine Zusammenstellung veröffentlicht worden. Und nun auf zum Brotefte gegen die kommunale Mißwirtschaft des Berliner Freisinns, auf zur einmütigen Stimmabgabe für den Bertreter des arbeitenden Voltes, den Kandidaten der Sozialdemo Iratie Zimmerer Theodor Fischer! Partei- Angelegenheiten. Rummelsburg. Am Sonntag, den 8. April, nachmittags 2 Uhr, findet im Saale der Wt. Weigel, Türrschmidtstr. 45, die Generalversammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Borstandes. 2. Diskussion. 3. Neuwahl des ersten Massierers und Bibliothekars. 4. Vereinsangelegenheiten. Ms Legitimation ist das Mitgliedsbuch mitzubringen. Der Borstand. Berliner Nachrichten. Die Stadtverordnetenversammlung Ein silber- und goldplattiertes Halsband mit eleganter seidener Das Projekt für die Straßenbahnlinie Berlin- Grünau mit AbRüsche wird umgetan, die vier Pfötchen werden je nach Geschmack zweigungen Johannisthal- Nixdorf und Johannisthal- Glienice, welches mit schwarzen, roten oder hellgelben Lackstiefeln bekleidet und in diesem Jahre zur Ausführung gelangen sollte, ist auf vers die rechte Borderpfote bekommt ein goldenes Kettenarntband. schiedene Schwierigkeiten gestoßen, durch welche der vom Forstfiskus So angegekleidea nimmt dann der Liebling am Fünfuhr- Tee unterstützte Plan zu scheitern droht. Die Straßenbahn sollte einen teil. Da aber selbst Schoßhunde auch an Regentagen das Be- eigenen Bahnlörper erhalten, welcher neben der Chauffee entlang dürfnis" haben, auszugehen, und fein moderner Mensch verlangen führt und sowohl den Ausflüglerverkehr als auch den Verkehr der fann, daß sie sich erfälten, hat die Hundemode" elegante, feidene Regenmäntel mit Capouchon in den Handel gebracht, die vollständig wasserdicht, Hündchen vor der Unbill der Natur schützen. Einen nach der letzten Mode gefleideten Forterrier fonnte man in der Automobilausstellung bewundern. Da stand er, ausgestopft allerdings, aber trotzdem ein Wahrzeichen des Fortschrittes der Weltstadt Berlin. Fertig gekleidet, um mit seiner Herrin eine größere Automobilreise anzutreten. Ein englischer Reisepaletot aus grau fariertem Stoff mit roter Garnitur um schloß die schlanken Glieder. Aus den Seitentäschchen gudten neugierig ein Taschentuch und ein Portemonnaie heraus. Eine veritable Automobilbrille schützt die Augen. Neben dem Forl liegt ein Automobilpelz, welcher bei der sausenden Fahrt den Körper bot sich gestern nachmittag den Passanten der Alten Jakob- und schützen soll. Die junge Dame, welche in der Automobilausstellung Seydelstraße. Weinend stand an der dortigen Straßenbahnhaltedie Auskünfte über die Hundemoden so bereitwillig erteilte, ver- stelle eine Frau mit einem Säugling auf dem Arm; es waren die ficherte, daß Autokostüme, Brillen, Schuhe immer ausverkauft fcien, und die Nachfrage viel größer sei, als man sich denken fönne. Die höchsten Herrschaften halten ihren vierbeinigen Lieb lingen einen regelrechten trousseau, welcher alles für einen Hund Begehrenswerte in Hülle und Fülle enthält." Bewohner der genannten Ortschaften untereinander vermitteln sollte. Der Forstfistus hatte sich bereit erklärt, einen namhaften Zuschuß zu leisten, weil die Bahnstrecke nach dem Projekte verschiedene fiskalische der Bebauung zu erschließende Forstterrains berühren sollte. Die Gesellschaft hat aber außerdem mit Rücksicht auf die hohen Anlages tosten Geldzuschüsse von den beteiligten Gemeinden gefordert, doch sind diese Anträge zum Teil abgelehnt worden. Hierdurch soll, fo wird berichtet, die Rentabilitätsfrage der Bahn in eine so ungünstige Bosition geraten fein, daß der gesamte Plan vorläufig aufgegeben werden müsse. wurde gestern zeitig mit ihrem Pensum fertig. Eine Debatte von Belang entstand nur noch einmal über die Vorlage be- Mit dieser Sorge für die Hunde vergleiche man die Lage treffend die Stellen der leitenden Aerzte des der Arbeiterklasse. Ist es denn zuviel, wenn wir behaupten, Virchow Krankenhauses. Der Ausschuß, dem diese ein Hund der Bourgeoisie ist zehnmal besser daran als ein Angelegenheit zur Vorberatung überwiesen worden war, hatte Arbeiter? bereits in einer früheren Sigung seinen Bericht erstattet. Die Hauswirt und Micter. Ein Bild trostlosen Elends 65jährige Bitte Emma N., Andreasstr. 19 wohnhaft und ihr Pflegekind, die Tochter eines hiesigen jungen Mädchens. Die Mutter hatte für ihr sind seit einiger Zeit fein Pflegegeld bezahlt und da Frau N. nicht imstande war, ohne dies den Säugling zu erhalten, machte fie sich gestern auf den Weg, um die Kleine irgendwo unterzubringen. Sie lief mit dem Stind auf dem Arm vergeblich hin und her und landete schließlich im Waisenhaus in der Alten Jakobstraße. Dort ward ihr aber der Bescheid, erst bei dem Waisenvorstand vorzus fprechen. Die Greisin war inzwischen so ermattet, daß sie sich mit ihrer Last nicht mehr weiter zu schleppen vermochte. Vergeblich einem Groschen, damit sie weiterfahren könne. Mitleidige Bassanten suchte sie jedoch an der Straßenbahnhaltestelle in den Taschen nach forgten schließlich für die Weiterbeförderung der Bedauernswerten und Debatte, die damals abgebrochen worden war, wurde gesternberger Magistrat hat dem Berliner Magistrat die Mitteilung zu Schöneberg und der ehemalige Botanische Garten. Der Schönes fortgesetzt und führte zu einer bemerkenswerten Auseinander gehen lassen, daß er die Leistung eines Zuschusses für die setzung zwischen den Rednern der Sozialdemokratie und dem Erhaltung eines Teiles des alten Botanischen Gartens ablehne. ihres Pflegekindes. Vertreter des Magistrats.„ Alles um den einen Urologen!" Damit wird der Plan, wenigstens einen Teil des alten Botanischen bemerkte in einem Zwischenrufe Genosse Singer, als der Ober- Gartens vor der Bebauung zu retten, ernstlich in Frage gestellt. bei Dranienburg," der bekannten vegetarischen Gründung, soll in Ein zweites ,, Eden". Eine Filiale der Obstbaukolonie„ Eden" bürgermeister Kirschner in umständlichen Ausführungen Einst dachte man in Schöneberg über diese Angelegenheit ganz Birkenwerder an der Nordbahn ins Leben gerufen werden. darzutun suchte, daß die Stadtgemeinde in ihrem neuen großen anders. Die städtischen Behörden waren mit aller Entschiedenheit zu diesem Zwede bereits ein größeres Gelände mit umfangreichem Krankenhause nicht so Vollendetes zu bieten brauche, wie etwa für die Erhaltung des alten Botanischen Gartens als Park ein- zu diesem Zwecke bereits ein größeres Gelände mit umfangreichem ein Universitätsinstitut. Um den einen Urologen blamierte batte sich selbst an die Spike eines Ausschusses gestellt, der die Er- Die Mutterkolonie bei Dranienburg hat sich, nachdem sie in den Gartenland erworben und auch schon mit dem Bau einfacher Landein Universitätsinstitut. Um den einen Urologen blamierte getreten; der borstorbene Stadtverordnetenvorsteher Gustav Müller Gartenland erworben und auch schon mit dem Bau einfacher Landhäuser für die„ Kolonisten" des zweiten„ Eden" begonnen worden Der Herr Oberbürgermeister die Stadt Berlin vor der ganzen haltung des Gartens zum 3wved hatte. Jedenfalls werden die Be- ersten Jahren ihres Bestehens mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen Welt. Den Standpunkt der sozialdemokratischen Fraktion wohner des hier an Berlin angrenzenden Teiles von Schöneberg hatte, in legter Zeit recht günstig entwidelt. verfochten unsere Genossen Bernstein und Weyl. Bernstein, mit dem Beschluß ihres Magistrats wenig einverstanden sein. der die Debatte eröffnete, wies darauf hin, welche kläglich Unfallchronit. Beim Beseitigen eines Verkehrsniedrige Auffassung der Magistrat von den Aufgaben sozialer hindernisses schwer verunglüdt ist gestern nachmittag Fürsorge hat, die der Stadtgemeinde auf dem Gebiet der der 23jährige Schlosser Fritz Kaliesky aus der Grunewaldstr. 117. Krankenpflege gestellt sind. Weyl, der nach dem Ober- Der Aprilumzug ist vorbei und mancher seufzt erleichtert St. war auf einem Rettungswagen vom Straßenbahnhof XIII nach bürgermeister sprach, kennzeichnete den hier zutage tretenden auf, daß, das Schwerste überstanden ist. Freilich, die ersten einer Unfallstelle gefahren, um beim Beseitigen des VerkehrshinderGegensatz zwischen der Anschauung der Aerzte und derjenigen Wochen in der neuen Wohnung bringen noch viel Ungemach nisjes, eines Stohlenwagens, der auf dem Gleise zusammengebrochen der Verwaltungsbeamten. Der engherzige Standpunkt, den und man findet, daß da noch so manches verbesserungsbedürftig war, behülflich zu sein. Bei der Rettungsarbeit stürzte der Lastder Magistrat einnimmt, will nur armenrechtliche Ver- ist, daß vieles den gehegten Wünschen in den neuen Räumten wagen plöglich zur Seite und K. geriet mit dem rechten Arm pflichtungen gelten lassen. Schwerverletzt wurde der Berunglückte nach der UnfallLeider fand dieser Standpunkt nicht entspricht. Aber der Hauswirt hat ja versprochen, station am Zoologischen Garten gebracht. Abgestürzt und gestern in der Versammlung wieder einmal eine Mehrheit. alles machen zu lassen, was nötig" sei. Leider muß man verbrüht. Doppelt verunglückt ist gestern abend der 18jährige Ein Antrag Sachs baute die Brücke, die zum Siege der Auf- ihn oftmals erst an sein Versprechen mahnen, und das ist ausdiener Karl Wangemann, welcher in einem Restaurant am Kurfaffung des Magistrats führte. Ein Sieg, der eine moralische peinlich. Man erkundigt sich bei Nachbarsleuten, ob mit dem fürstendamm 220 angestellt ist. W. war im Begriff gewesen, ein Niederlage war! Herrn Hausbefizer gut Kirschen essen ist, aber was man da Faß mit kochendem Wasser die Kellertreppe hinunterzutragen, stürzte hört, ist nicht sehr ermutigend; es bestätigt nur die alte Er- dabei ab und die kochende Flüssigkeit ergoß sich über den Aermsten. fahrung, daß die Hauswirte die elendesten Wohnungen immer von den Fingern bis zur Schulter war ihm der rechte Arm vollUeber Moden in einem Arbeiterblatt zu schreiben, könnte noch für gut genug halten, um teure Mieten dafür zu nehmen, ständig verbrüht. Die erste ärztliche Hülfe erhielt B. auf der Unfallauf den ersten Blick als ein frevelhaftes Beginnen erscheinen, aber nur nichts zur Verbesserung dieser Wohnungen tun hat doch unter den heutigen sozialen Verhältnissen die Arbeiter- möchten.- Gewöhnlich stehen sich Mieter und Hauswirt nicht Durch gellende Hülferufe wurden vorgestern am späten Abend die klasse wichtigeres zu tun, als sich über Moden den Kopf zu zer- sehr freundlich gegenüber, und es sind immer die kleinen Spaziergänger im westlichen Tiergarten an den Spreetanal gelockt. brechen. Die heutigen Zustände nötigen die Arbeiterklasse, Mieter, die am rücksichtslosesten behandelt werden. Das Miß- Am Gartenufer sah man im Wasser eine männliche Person, welche den ökonomischen und politischen Kampf zu führen, Kämpfe, trauen gegen sie ist groß, daß sie etwa mal die Miete nicht fant der Mann schließlich unter. Zwei Herren machten sich sofort an die vergeblich versuchte, dem nassen Element zu entkommen. Erschöpft die zunächst auf Verbesserung ihrer Lebenslage hinauslaufen, pünktlich bezahlen könnten. Dabei sind die Mietskontrakte Rettung und es glückte ihnen auch nach längeren Bemühungen, den in letzter Linie aber die Beseitigung der kapitalistischen fast durchgängig so abgefaßt, daß der Mieter möglichst wenig Gefährdeten in Sicherheit zu bringen. Es war der Schiffersknecht Produktionsweise zum Ziel haben. Nichtsdestoweniger aber Rechte gegenüber dem Hauswirt genießt. Es kommt oft Otto Schmädicke aus Mühlow a./h. Sch. war am Steuer des dürfte ein Hinweis auf den obigen Gegenstand nicht ohne genug vor, daß arme Leute gar nicht recht klug werden auslegten Kahnes eines Schleppauges gewesen und war während der Moden. darunter. station XX. Fahrt im Dunkel der Nacht in den Kanal gestürzt, ohne daß von den übrigen Schiffsmannschaften etwas davon bemerkt wurde. Etwa eine halbe Stunde hindurch mußte er mit den Wellen kämpfen, bis er endlich gerettet wurde. In einer Droschke brachte man Sch. nach der Unfallstation in der Kronenstraße und von dort ins Krankenhaus. Zirkus Schuman». Im neuen Programm dieses Zirkus finden besonders die sibirischen Springhunde, von dein Clown Hodgini dressiert, großen Beifall. Direktor Schumann führt verblüffende neue Dressurnummern vor. Die japanische Truppe Jokoda weist wahre Hexenkünstler auf. Diese Truppe besteht aus zwanzig japanischen Gauklern, die endlich einmal neue Tricks darbielen. Die chinesischen Fischer mit ihren Kormorants bleiben auch in diesem Monat dem Zirkus treu. Den Beschluß bildet nach wie vor die farbenreiche Pantomime..Femina". Feuerwchrbcricht. In der letzten Nacht um 2 Uhr kam ein größerer Brand in der GreifSwalderstr. 72 zum Ausbruch. Bei An- kunft der Wehr brannten dort Korke und Korkmehl usw. Ter I. Löschzug mußte kräftig Wasser geben, um des FenerS Herr zu werden. Gestern früh um 9 Uhr entstand ein gefährlicher Brand m dem Kesselhause Ritterstr. 8ö. Kohlen nslv. waren dort in Brand geraten. Der 17. Zug nahm mehrere Schlauchleitungen vor, wo- durch es gelang, die Flammen auf das Kesselhaus zu beschränken. Der 7. Zug hatte in der Nüdersdorfcrstr. 26 zu tun. wo Bretter- wände, Transmissionen, die Schaldecke und anderes brannten, Die 1. Kompagnie hatte in der Kaiserstr. 36a einen Brand zu löschen, wobei das Zwischengebälk aufgerissen werden mußte. In der Görlitzerstr. 66 mußte der 8. Zug einen Kellerbrand loschen. Außer- dem wurde aus verschiedenen Anlässen die Wehr noch nach der Zimmerstr. 67, Petersburgerstr. 20, Katzbachstr. 27, Anklamerstraße und anderen Stellen gerufen, wo Gardinen, Möbel nsw. Feuer gc- fangen hatten._ Vorort- JVachrichten. Charlottenburg. Anzengruber ist der vorletzte Knnstabend dieses JahrcS am Sonntag, den 8. April, abends 8 Uhr, in der Kaiser Friedrich- Schule ain Savignyplatz gelvidmet. Die Charlottenburger Knustkommission hat sich dieses Mal aus- schließlich solche Kräfte gesicherl, ivelche durch ihre künstlerische Tätigkeit eingehend mit den Meisterwerken dieses Großen vertraut find, Landslcutc des Dichters, wie Fritz Richard, der neue Regisseur des Deutschen Theaters, ein hervorragender Anzengruber-Darsteller und Rezitator, und Carla Ernst(Kleines Theater). Der Bühnen- Schriftsteller Dr. Richard Fellingcr, Autor des„Feiertag", hat den einleitenden Vortrag und die Prosa-Rezitation übernommen. frieden«». Ein gewaltiger Dachstnhlbrand wütete am Mittwoch abend auf dem ausgedehnten Gnmdstück air der Ecke der Kaiser-Allee und Stubenraiichstraße. In der achten Stunde war das Feuer auf dem Bodeit des Wohnhauses zum Ausbruch gekommen, und da es erst spät bemerkt wurde, stand der Dachstuhl beim Eintreffen der Schöne berger, Steglitzer und Friedeuauer Feuerwehren bereits in hellen Flammen. Die Löschmaimschaften der Schöncbergcr Wehr gingen sofort mit der Dampfspritze vor, doch gelaug es erst gegen 11 Uhr den vereinten Kräften der Mannschaften, dos Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Der Dachstuhl ist durch die Nammen vollständig vernichtet worden, während das oberste Stockwerk, aus dem die Mieter flüchten mußte», stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Entstehung des Brandes dürfte auf Unvorsichtigkeit' zurückzuführen sein. Angeblich ist ein Mieter mit einem offenen Licht nach dem mit Papier und anderen leicht entzündlichen Stoffen versehenen Boden- verschlag hinanfgegangen. wobei jedenfalls das Feuer gezündet wurde. Wilmersdorf. Bürgerliches Wahlrüstcn. Der Stimmenzuwachs unserer Partei bei den letzten Gemeindewahlen ist auf die Bürgerlichen sicherlich von erheblicher Wirkung gewesen. Es geht dies daraus hervor, daß in den bürgerlichen Vereinen bereits Vorbereitungen zu den wahr- scheinlich in der ersten Hälfte deS Herbstes stattfindenden Stadt- verordnetentvahlen getroffen werden. Allem Anschein nach dürften eS unsere Genossen bei den Stadtverordnetenwahlen mit einer bürgerlichen Koalition zu tun bekomnien. Wie verlautet, ist der Streit um die Konfession jetzt vorüber und denkt man schon nach Ostern an die Bildung eines Wahlausschusses zu gehen, in welchen jeder Verein Mitglieder entsendet. Es kommen bei den Stadt- verordnetenwahlen 18 Mandate in Betracht. Unsere Genossen werden dafür zu sorgen haben, daß der Sozialdemokratie, als der stärksten Partei am Orte, der ihr gebührende Einfluß im zukünftigen Stadtparlament gesichert wird. Die Arbeit des bürgerlichen Wahl- ausschusses ist umsonst, wenn unsere Genossen ihre Pflicht erfüllen. In wie leichtfertiger Weise häusig gebaut wird, um nur äußerst billig und schnell ein Haus zum Bewohnen fertig zu stellen, beweist ein Fall, der zugleich ein typisches Beispiel dafür bietet, wie bc- rechtigt die Anträge sind, Baukontrolleure auch aus dem Kreise der Arbeitnehmer anzustellen. In Wilmersdorf, in der Berliner- straße 106, ist zum 1. April ein Neubau soweit fertig geworden, daß die Mieter einziehen sollten. Komisch mußte ihnen aber die Eröffnung scheinen, daß sie nicht einziehen dürften— wegen drohender Einsturzgefahr des Hauses! Manche mögen mit dem Kopf geschüttelt haben, daß ein erst neu aufgeführtes Haus schon vor dem Gebrauch eine Gefahr für die Einwohner bietet, lind doch ist dem so. Dieser Neubau ist von einem Herrn Wilhelm Gimpel für den Zimmcrmcistcr Ahlde rs in Akkord aufgeführt worden. Die Mnirer haben, um recht viel Geld zu der- dienen, darauf los gepfuscht. Genügend Aufsicht war nicht vor- handen, da ja diese Unternehmer etwas anderes zu tun haben, als nach guter Arbeit zn sehen. Auf diesem Bau sind die wichtigsten Regeln der Baukunst und alle technischen Vorschriften außer acht gelassen: von einem regelrechten Steinverband ist keine Rede. Im Keller sind die Hauptpfciler so schlecht gearbeitet, daß sie dem Druck der Last von oben nachgeben. Ringsherum nur einen Stein stark gemauert, sind sie inwendig ohne den nötigen Mörtel auf- geführr, lose sind die Steine aufeinander geschichtet, weshalb sie jetzt wie Schutt auseinander bröckeln. Zeigen sich an dem Hanse in den oberen Etagen schon Riffe und Sprünge, so ist im Keller die Baufälligkeit so fortgeschritten, daß die Hauptpfeiler jetzt neu aufgeführt werden niüssen. Die Vorarbeiten dazu sind schon getroffen. Jetzt wird das Haus zwecks Umbau schon abgesteift.— Ter Leser wird fragen, ob die Aufsichtsbehörde diese Pfuscharbeit nicht gesehen hat? Allem Anscheine nach nicht: sonst müßte der Lau schon im Anfang inhibiert wordeil sein. Daß auch bei der Rohbauabnahme niemand darauf gestoßen ist, nimuit uns weiter nicht wunder bei der Auffassung der Behörde über die Akkord« Maurerarbeit. Oft wurden Maurer bei Meldung derartiger Miß- stände von den Behörden abgewiesen mit der Motivierung, daß die Anzeige wohl nur aus Rache gegen den Unternehmer erstattet sei. In solchen Fällen wurde die Untersuchung strikte abgelehnt. Der beste Beweis ist der Fall bei dem Schillertheatcr in Charlottenburg. Tort wurden die Lohnmaurer ausgesperrt, toeil sie gute Arbeit hin- stellen wollten. Die Antreiber des Unternehmers wollten nur viel Steine verarbeitet haben. Tics verlangte Quantum konnte nicht im Interesse der guten Arbeits geleistet werden: dazu gaben sich die Maurer nicht her im Interesse der Stadl und das Resultat war fhre-Entlassung und die Einstellung von Akkordmaurcrn. Im vor- liegenden Fall hat ja nun die Behörde den besten Beweis, wohin die Akkordarbeit führt. Wir wollen hoffen, daß sie das berechtigte Ve- streben der Arbeiterschaft, derartige, das Allgemeinwohl schädigende Auswüchse auszurotten, nach bestem Können unterstützt. Reinickendorf. Bon einer Autoinobildreschke überfahren wurde vorgestern in der Proviuzstraße der 6 jährige Sohn des Bahnarbeiters Stehberg. Der Knabe geriet unter die Räder des Kraftwagens, die ihm über die Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber. Berlin, Für den Beine hinweggingen. Er erlitt außer Knochenbrücheit eine schwere Schädelverletzung und mußte nach dem Paul Gerhardt-Stift über- geführt werden. Wilhelmsruh. Der Wahlvcrem befaßte sich in seiner letzten Mitgliederver- sammlung mit der Lokalfrage; beschlossen wurde, das VerkebrSlokal zu Barth, Viktoriastraße, zu verlegen. Außerdem machte sich die Ersatzivahl eines Obmanns für die Abtcilnngsführer notwendig; dafür wurde der Genosse Heise einstimmsg gewählt. Unter„Ver- schiedeneS" wurde auch die Maifeierfrage erörtert. Die Versammlung beschloß, eine Tagcsfeier stattfinden zu lassen. Zum Schluß wurde nock eine Resolution folgenden Wortlauts angenommen:„Die Ver- sammelten sprechen ihre Verwunderung über die Abstimmung der Fraktion im Reichstage in Sachen des Rcichseinkommensteuergesetzes und der Schaffung eines Staatssekretärs für das Kolonialanit aus Es ging aus der Abstimmung hervor, daß nur eine geringe Anzahl unserer Abgeordneten vorhanden Ivar, während es doch nötig wäre, daß bei derartigen Abstimmungen die Fraktion vollzählig ver- treten ist." Potsdam. Die letzte Stadtverordnetenversammlung beschäftigte sich in vierstündiger Sitzung mit dem Projekt der elektrischen Straßenbahn. Dasselbe wurde in die zweite Lesung verwiesen. ES zeigte sich bei dieser Beratung, daß zu der Magistratsvorlage mannigfache Wünsche der einzelnen Hans- und Grundbesitzer laut wurden, die wohl schwer- lich erfüllt werden können.— Die Unselbständigkeit der hiesigen Kommunalverwaltung trat wieder einmal klar in die Erscheinung, als Stadtrat Dr. Over die schwankende Stellungnahme der Ver- waltung in der nun seit Jahren schwebenden Straßenbahnangelegen- heit zu begründen suchte. Danach konnte man mit Recht sagen, daß die„Selbstverwaltung" der zweiten Residenzstadt Preußens nicht im Potsdamer Rathause zu suchen ist. Alsdann wurde der Elektrizitötsvertrag mit der Gemeinde Alt- Geltow genehmigt. In demselben verpflichtet sich die Gemeinde, eine Jahrescinnahme von 2ö00M. und die eventuell von der Provinzial- behörde zu fordernde Gebühr für Benutzung der Chaussee zu gewähr- leisten, bis ein Gesamtverbrauch von 40 000 M. stattgefunden hat.— Die Gesamtkosten der Anlagen fiir Alt- und Nen-Geltow betragen 28 000 M. Der Vertrag gilt bis zum Jahre 1936. Zu erwähnen ist noch die Mandatsniederlegung des Stadtv. Hellriegel wegen Verzugs nach Berlin. Ferner eine Beschwerde des Apotheker Krurnbholtz, der sich gegen die einseitige Uebertragung von Rtedikamcntliefcrungen an das hiesige Krankenhaus richtet. Die Vergebung ist bisher nur immer auf ein Jahr geschehen, man hat aber dem bisherigen Lieseranten. Hofapotheker Herz berger. die Versorgung des Krankenhauses mit Medikamenten stillschweigend auf zwei weitere Jahre übertragen. Verschiedene Redner kritisierten diese Günstlingswirtschaft.— Der Magistrat glaubte sein Vorgehen insofern zu rechtfertigen, als Grund zur Klage gegen den bisherigen Lieferanten nicht vorgelegen habe und er, ohne eine NruauSschreibung vornehmen zu lassen, die Lieferungen der alten Firma auf weitere zwei Jahre übertragen habe. Die heute bereits stattfindende Stadtverordnetenversammlung, wird sich außer der Straßenbahn angelegenheit noch mit 12 TagesordnungSpmiklen zu befassen haben, die- wegen vor- gerückter Zeit vertagt werden mußten. Gerichts Leitung. Bergarbeiterleben in der Mark. In dem gestrigen telegraphischen Bericht über die Urteilsbegründung muß es nicht heißen:„Der Gerichtshof nahm auch an, daß der Angeklagte von einer Be- stechung des Bergrats gesprochen habe", sondern:„Der Gerichtshof nahm nicht an usw." In dem Plaidoyer des Verteidigers ist tav sächlich ausgeführt:„Das große Unglück in Eourrisres habe gezeigt, daß man den Bergarbeitern eine m ö g l i ch st große(nicht eine „gelvisse", lvie das Telegramm behauptet) Bewegungsfreiheit ge währen müsse." Ein Abenteuer auf der Polizeiwache lag einer Anklage wegen HerauSforderns zum Zweikampf und Kartelltragens zugrunde, die gestern vor der neunten Strafkammer des Landgerichts I zur Ver Handlung kam. Angeklagt waren der Studiosus der Medizin Wilhelm Meyer, der Student der Medizin Alexander M u s a l l und der Ingenieur Hans O e st r e i ch.— In der Nacht zum 11. Februar d. I. hatten die Angeklagten an einer Sitzung ihrer Ver bindung teilgenommen. Gegen drei Uhr morgens betraten Meyer und Musall in ziemlich angeheitertem Zustande die Elsasserstraßc. Am Oranienburger Tor hatte sich ein Auflauf gebildet, da ein eben falls angeheiterter Passaut mit mehreren Bockbierschildern allerlei Unfug trieb. Als der Schutzmann Backhaus gerade im Begriff war, den Unfngstifter festzustellen, kamen die beiden Angeklagten hinzu Musall soll den Beamten sofort zärtlich umarmt und ihm belehrend mitgeteilt haben, daß das Schwmze in seinem Notizbuch die Schrift sei. Als die Anulkerei zu arg wurde, sah sich der Schutzmann schließlich gezwungen, auch die Angeklagten festzunehmen. Auf der Polizeiwache des 7. Reviers in der NovaliSstraße sollen sich nun, wie die Angeklagten behaupten, die ungeheuerlichsten Dinge zugetragen haben. Als sie gegen das Hinaus weisen der Zeugen protestierten, wären die Schutzleute sofort über beide hergefallen und hätten auf sie losgeschlagen. Schließlich hieß es:„Fesselt doch die Kerls." Tatsächlich wurde der Angeklagte Meyer auch gefesselt. wie von den Schutzleuten bekundet wird, um ihn an Iveiteren Uebergriffen auf die Beamten. denen er wiederholt ins Gesicht geschlagen habe, zu hindern. Nachdem M. etwa eine Viertelstunde mit den Hand schellen in der Zelle gesessen hatte, wäre, wie er behauptet, Plötz lich ein Man», der' eine braune gestrickte Weste trug, hinein geschlüpft und hätte ihm ein paar wuchtige Faustschläge ins Gesicht versetzt. Als sie sich wieder in der Wachstube befanden, wären plötzlich mit dem Rufe:„Haut doch die Studenten- bände zusammen!" mehrere Schutzleute auf sie eingedrungen, hätten sie zu Boden geworfen und mit Fäusten und Stiefel- absähen mißhandelt. Dann wiederum wäre �zanz plötzlich eine Pause eingetrelen, da das Erscheinen de? Reviervorstandes an- scheinend signalisiert worden sei. Bald darauf habe der Polizei leutnant Möllhusen das Bureau betreten. Als sich Meyer und Musall an ihn wendeten und um Schutz vor den angeblichen Roheiten der Schutzleute baten, soll der Reviervorstand in brüskem Tone geantwortet haben:«Solche bes--- e Kerls müßte man immer gleich in Arrest stecken!" Dieser Darstellung widersprachen die Be- amten fast in jedem Punkte. Am nächsten Tage erschien in der Polizeiwache der dritte Angeklagte Ocstreich und überbrachte dem Polizeileutnant Möllhusen wegen dieser Aeußerung eine F o r- d e r n» g a u f P i st o l e n bei 13 Schritt Distanz und dreimaligem Kugelwechsel. Das Duell selbst fand infolge des Einschreitens der vorgesetzten Behörde des Geforderten nicht statt.— Staatsanwalt Assessor Paaschs beantragte gegen Meyer und Mnsall je drei Monate Festungshaft, gegen Oestreich sechs Wochen Festungshaft. Der Ge- r i ch t S h o f erkannte gegen die beiden Erstgenannten auf vier bezw. zwei Wochen, gegen Oestreich auf drei Tage Festungshaft. Mit seltenem Raffiiiemeut hatte der 19 jährige Drogist Artur H e r r m a n n eine Anzahl Gaunerstreiche verübt, die ihn gestern unter der Anklage des wiederholten Betruges und der schweren Ur- kundenfälschung vor die 4. Strafkammer des Landgerichts I führten. — Der jugendliche Angeklagte, der sich rühmen kann, daß auf Wieder- ergreifung seiner Persönlichkeit schon eine Belohnung von 300 M. aii'gescyt war, hat durch eine» neuartigen Gaunertrick mehrere Gc- schäftSleute um erhebliche Geldbeträge geprellt.— Eines TageS erschien bei einer Firma Stolzenberg in der Neuen Friedrichstraße ein nett gekleideter junger Mann und bat um Auskunft, ob die Stellung eines Lehrlings vakant sei. Da der Betreffende, eS war die? der Angeklagte, einen sehr gute» Eindruck machte und auch ausgezeichnete Zeugnisse aufweisen konnte, wurde er engagiert. Schon am nächsten Tage mußte die Firma eine sehr unangenehme Ueberraschung durch den neuen Lehrling erleben. Der Angeklagte wurde am Vormittage zur Post geschickt, um Geld abzuholen und zugleich wieder einzuzahlen. Er zog auch ordnungsgemäß zirka 3000 M. ein, ließ sich dann aber nicht wieder bei der Firma S. sehen. Wie sich bald herausstellte, war der erst neunzehnjährige Angeklagte nach einem wohlüberlegten Plane vorgegangen. Die vorgelegten Zeugnisse waren sämtlich gefälscht: Herrmann hat nur dieStellung an- genommen, um so schnell wie Mötzlich mit einem ihm anvertrauten Geld- betrage zn verschwinden. In einer gleichartigen Weise hatte der An- geklagte sich auf einen Tag eine Stellung als Hausdiener besorgt imd war bald am nächsten Tage mit photographischen Apparaten im Werte von 300 Mark verduftet.— Vor Gericht verteidigte sich der Schwindler mit großer Zungenfertigkeit. Insbesondere be- hauptete er, ein gewisser„Wolf" habe ihm die gefälschten Zeugnisse besorgt und ihm auch später das Geld auf der Straße abgenommen. Der Staatsanwalt hielt mit Rücksicht auf das raffi- nierte Vorgehen des jugendlichen Angeklagten eine exemplarische Strafe fiir angebracht und beantragte zweiJahreGefängnis. Der Gerichtshof erkannte wegen Betruges und schwerer Urkunden- fälschung auf ein Jahr sechs Monate Gefängnis. Schadenersatzansprüche können nicht auf Grund mündlicher Lehr- vertrage geltend gemacht werden. Der Luxuspapierfabrikant Hahn hatte durch Inserate junge Mädchen zum Erlernen des Kolorierens verlangt. Es meldete sich auch das schon volljährige Frl. R., da? sich bereit fand, zu denselben Bedingungen einzutreten, wie die anderen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren stehenden Kolorier- lehrlinge. Die Bedingungen waren: eine 13wöchentliche Lehrzeit, während dieser Zeit Zahlung von 20 M. pro Monat an die Mädchen. dann Akkordarbeit, sowie die Verpflichtung, ein Jahr im Geschäft zu bleiben. Für vorzeitiges Verlassen der Stellung war eine Kon- ventionalstrafe von 100 Mark ausbedungen worden. Nach etwa vier bis fünf Wochen, also noch innerhalb der Lehr- zeit, verzichtete das Mädchen auf die weitere„Lehre", da sie der Meinung war. daß sie nicht genug bei der Firma lernen könne. Herr Hahn klagte nunmehr beim Berliner Gewerbegericht gegen Fräulein R. auf Zahlung der 100 Mark Konvenlionalftrafe. Tie Kammer VIII wies ihn jedoch ab, weil Lchrverträge schriftlich ab- geschlosien sein müssen, wenn aus ihnen ein Recht zur Klage solle hergeleitet werden können, hier aber nur eine mündliche Abrede vor- gelegen habe._ Vermischtes. Ein furchtbares Unglück Hat sich gestern in Nagold im Schwarzwald zugetragen. EZ wird darüber telegraphiert: Heute nachmittag gegen 1 Uhr stürzte der in letzter Zeit von einem Bauunternehmer gehobene Gasthof„Zum Hirsch", während zahlreiche Gäste,— die Angaben schwanken zwischen 100 und 300—, an einer Metzelsuppe teilnahmen, in sich ziisammen. Die Zahl der Opfer ist noch nicht festgestellt, mehrere Tote sind bereits aus den Trümmern bervorgczogeu. Um 3 Uhr wären 42 Leichen sowie zirka 70 Schwerverletzte gc- borgen; viele befinden sich noch unter den Trümmern, an deren Beseitigung mit großer Anstrengung gearbeitet wird. Acrztliche Hülfe ist in ausreichendem Maße vorhanden. Das Unglück dürfte auf das Nichteinhaltcn der nötigen Vorsichtsmaßregeln zurückzu- führen sein. Ter Gasthof war erst im Laufe des Vormittags gc- hoben worden, aus welchem Anlaß dann eine Feier abgehalten werden sollte. Wie berichtet wird, soll getanzt worden sein, was bei der Ucberfüllung des Hauses zum Einsturz beigetragen haben dürfte._ lieber einen Gerüsieiiisturz wird aus Hamburg telegraphiert: Gegen 3 Uhr nachmittags stürzte ein Baugerüst des im Bau befindlichen Zentralbahnhofes ein, mehrere Menschen wurden unter dem zusammengestürzten Gerüst begraben. Die Feuerwehr eilte zur Hülfeleistung herbei. lieber einen erneuten Ausbruch des Vesuvs wird aus Rom bc- richtet: Seit gestern ist die Kratertätigkeit des Vesuvs beträchtlich erhöht, so daß die Umwohner teilweise über daS Schicksal der Ort- schaftcn und Besitzungen in Besorgnis sind. Neuer Lavastrom fließt gegen Pompeji hinab, während derjenige auf der Seite nach Neapel schwächer wird. Der Hauptkrater zeigt gewaltige Rauchentwickelimg. Die Asche fällt auf Porti« nnd Resina und wird bis Neapel getrieben. der neue Krater des kleinen Gipfels ist eingestürzt. Der Telegraph des BesuvobservatoriumS ist imterbrochen. Die Bewohner von BoScotrecai'e und Umgebung suchen in BoSeoreale Zuflucht. Die Flüchtlinge verbreiten Panik in den Küstenortschaften, wohin Gendarmerie ans Neapel gesandt wurde; man glaubt an einen Zusammenhang dieser Erscheinungen mit dem Erdbeben in llstiea und Kalabrien. Gestern abend um 11 Uhr wurden bei Neapel zwei leichte Erdstöße verspürt.— Neapel. 5. April. Seit gestern abend geht infolge eine» Ausbruches des Vesuvs ein Regen von schwarzer Asche über Neapel nieder._ 121 Personen ertniiikrn. Honolulu. 4. April.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Der hier eingetroffene Dampfer„Moana" berichtet, daß während eines Orkans, der in der Gegend von Tahiti und den benachbarten Inseln wütete, 12l Personen ertrunken seien. Berliner Marktpreise. Aus dem amtlichen Bericht der städtischen Marltballcn-Dircktion. Rindsleisch la 65—68 pr. 100 Pfund, IIa 56—64, lila 50-54, IVa 40-48, engl. Bullen- 00-00, dän. Bullen- 50—56, Holl. Bullen- 00—00. Kalbfleisch, Doppelländcr 105—120, la 80—88, Na 65-78, INa 52-62. Hammelfleisch la 62-72, Na 55-61. Schweinefleisch 70—74. Kaninchen 0,80—1,00. Höhn er. alte, Stück 1,40—2,40, alte per Pfd. 0,80—0,85, junge, per Stück 0,00. Tauben, junge 0.60—0,70, alle 0,50. Eulen, junge per Stück 1,80—3,60, per. Psd. 00—00, rusf., gesr. per Stück 00—00. Ganse, junge, per Psd. 1,25—1,33, russ. per Psd. 0,47—0,48. Hechte 88—93. Schleie 00—00. Bleie 00, groß 00—00. Aale, groß 00—00, mittel 00—00, klein 00—00, unsortiert 103. Plötzen 37—42. Flundern, pomm. I, per Schock 00—00, Kieler, Stiege la 4—7, do. mittel, per Kiste 3—4, do. Hein, per Kiste 00—00. Bücklinge, schwed. per Wall 00—00, nortv. 3,00, Holland. 3,00, Kieler 2—4, engl. 0,00. Aale, groß, per Psd. 1,10—1,20, mittelgroß 0,80—0,90, klein 0.50—0.60. Sprotten, Kieler, 2 Wall 0,75—1,20, Elb- per Kiste 0,40—0,50. Sardellen, 1902er, per Anker 74,00. 1901cr 72,00, 1905er 70,00. Schottische Vollheringe 1905 00—00, larga 40-44, füll 36-33, med. 33—35, deutsche 37—4-1. Heringe, neue MatjeS, per'/, Tonnen 60—120. Hummern, IIa, 100 Psd. 00—00. Krebse, per Schock, große 00—00, mittelgroße 00,00. kleine 0,00, unsortiert 00—00. Eier, Land-, per Schock 00—00, srisch« 3,20—3,40. Butler per 100 Pfund, la 120, IIa 117—120, lila 115-116, ab- fallende 110—114. Saure Gurken. Schock 3-3.50 M., Pfeffergurken 3—3,50 M. Kartoffeln per 100 Pid. magn. bon. 2,10—2,35, rote Dabersche 2,00—2,20, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl per Schock 0,00—00,00. Wcißkobl per 100 Psd. 4,50—5.50, Noliobl per Schock 00-00, Holl. 16—24. Grünkohl, per 100 Psd. 12-15. Rüben, weiße 12-16, Teltower 16-18. Kohlrüben, per Schock 2,50—4,50. evttierungsiiderslcht vom 5. April 1906, morgen» 8»he. Swinemde Hamburg erlt» 770 SD 767 OSO 769 SO Franks a.M 765 s Rüiichen 768 S SW Wie»|772 3 4 wölken! 4 wollen! 2 wolkenl 2bedcckt 1 wolkenl 2 wolkenl Haparanda' 765 SW Petersburg 770 WNW Scillq i- 54 W •.'II erbten I7S7s Pari» 762 �SO 2 wolkenl 2 Nebel 3sbcdeckt 3bedcckt 2 halb bd. Wetter, Prognose sür Freitag, den ti. April 1900. Nachts etwas wärmer, am Tage ein wenig kühler, vorherrschend wollig äßigen slldwesUlchc» Winden. MMWHWWDWWWWMWWWWWWWWMIIDWW� mit leichten Regensällen und mäßigen____ Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: BorwärtSBuchdruckerei u. VcrlagSanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW,