ipt« 00« RtonnementS'Bedlndnnaen: LloimementS. Preis pränumerando> N-rteljährl. ZL0«mt., monaü. 1,10 Ml, MSchentlich 28 Pfg. frei WS HauS. Einzelne Nummer K Pfg, Sonntags- «Ummer mit illustrierter Sonntags« Beilage.Die Neue Weit' 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-geitungS- Preisliste, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland Z Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien, Dänemark Holland. Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. 33. Jahrg. CrMjcinl täglich außer msntag». j&T* Berliner Volksblnlk. Die TnlcrHons* Gebühr beträgt für die scchsgespaltene Kolonel- zcilc oder deren Raum 60 Pfg,, für politische und gewerlschastliche Bereins- und Versaminluugs-Anzeigcn 80 Psg. „Kleine Hnieigcn", das erste(feit- gedruckte) Wort 20 Pfg,, jedes weitere Wort 10 Pfg, Stellengesuche und Schlaf- stellen-Aiizeigen das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für Zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöfsnet, Telegramm-Adresse: „SMlalltelliolirat Berlin". Zentralorgan der foztaldemohrat» f eben Partei Deutfcblands. Redaktion: SRI. 68» Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1983. Donnerstag, den 19. April 1906. Expedition: SRI. 68, Lindcnstrasse 69. Fernsprecher: Amt IT, Nr. 1984. Sie IProMtivität des Unter» neltmertums und der Arbeiter. 1. Die„Kreuz-Ztg." verspürt allem Anschein nach seit ihrem jüngsten Redaktionswechsel den Ehrgeiz, zu ihren alten Traditionen aus den sechziger Jahren zurückzukehren. In der richtigen Erkenntnis, datz ihrer junkerlichen Leserschaft auf den Rittergütern Ostelbiens nichts mehr fehlt als Volkswirtschaft- liches Wissen, beginnt sie wieder nach altem Wagnerschen Rezept Nationalökonomie zu dozieren; doch die Zeiten ändern sich— die politischen Größen, die heute als Nachfolger eines Hammerstein und Kropatscheck auf den Redaktionssesseln des feudalen Blattes thronen, haben von den geistigen Fähigkeiten des alten Bismarckschen Intimus nichts geerbt, und so besteht das Resultat ihrer Anstrengungen in Leistungen, die qualitativ fast noch tiefer stehen, als die malthusianisttsch-feudalistisch- freihändlerischen Leitartikel, mit denen Ende der vierziger Jahre Graf L. v. Pfeil die„Kreuz-Ztg." versorgte. Eine der schönsten Blüten dieses Ehrgeizes bildet der vor einigen Tagen von dem ehrsamen Blatt gegen die Marxsche Mehrwerttheorie veröffentlichte Artikel„Die Pro- duktivität des Unternehmertums und der Arbeiter". Das Blatt hat sich, wie es selbst gesteht, sehr darüber geärgert, daß jüngst im Reichstag von sozial- demokratischer Seite behauptet worden ist, der Reichtum werde so gut wie ausnahmslos nicht durch eigene, sondern durch Anwendung fremder Arbeit gewonnen und für einen Millionär müßten immer fünfhundert„armer Teufel" teilweise umsonst arbeiten. Nach Ansicht der„Kreuz-Zeitung" ist das natürlich eine grundfalsche Auffassung— in sonderbarer Ucberschätzung ihrer Qualifikation begnügt sie sich jedoch nicht damit, das nur zu behaupten, sie unternimmt es auch, die Richtigkeit ihrer Ansicht zu beweisen. „Der Unternehmer", schreibt sie.„bezahlt nach Marx in dem Arbeitslohne nur den Tauschwert, nicht den Gebrauchswert der Arbeitskraft: die Differenz, den„Mehrwert" an„unbezahlter Arbeit", eignet er sich widerrechtlich an, und aus diesem Raube bildet er seine Kapitalien. Wenn es hoch kommt, so wird dem Unternehmer ein Anteil an dem Arbeitsprodukt nach Maßgabe der von ihm geleisteten„notwendigen Arbeitszeit" zugebilligt; denn nur die Arbeitszeit der Arbeiter, und zwar die„gesellschaftlich notwendige", d. h. die nach dem jeweiligen technischen Standpunkt erforderliche, ist Maß des Wertes, wie die Arbeit einziger Quell der Wertbildung ist, so daß alle Waren, auch die wertvollsten, nur als„Krhstalle" der allein wertbildenden Substanz, d. h. eben der Arbeit erscheinen. Mögen nun die„führenden" Geister unserer Sozialdemokratie IvenigstenS stillschweigend noch einen Unterschied zwischen höherer und niederer, zwischen qualitativer und quantitativer Arbeits- leistung zugeben: in die verhetzten Mafien dringen solche Unter- scheidungen nicht. Hier gilt nur die ihnen allein verständliche und zugleich ihren unklaren Instinkten schmeichelnde Vorstellung von der alleinigen Berechtigung der niederen, äußerlich erkennbaren und meßbaren, in irgend einem körperlichen Gegenstande, z. B. einem Paar Stiefel oder einem Eisenbahnwagen, einein Bau und dergleichen, niedergelegten Arbeit, wie sie selber sie leisten und zu beurteilen wissen." Ganz recht, nach Marx bezahlt der Unternehmer in dem Arbeitslohn nur den Tauschwert, nicht den Gebrauchswert der Arbeitskraft— allerdings nur ungefähr den Tauschwert, denn wie der Preis aller anderen Waren wird auch der Preis der Ware„Arbeitskraft", der Arbeitslohn, durch Angebot und Nachfrage bestimmt und steht je nach der Lage des Arbeits- Marktes bald über, bald unter seinem Tausch- wert. Was ist nun dieser Tauschwert? Die Arbeitskraft setzt die Existenz des Arbeiters voraus, d. h. um Arbeit leisten zu können, muß der Arbeiter leben, und dazu gebraucht er eine gewisse Summe von Unterhaltsmitteln. Demnach besteht zu- nächst der Tauschwert seiner Arbeitskraft aus der Arbeitszeit- summe, die durchschnittlich zur Herstellung dieser Unterhalts- mittel unter den gesellschaftlich gegebenen Erzeugungs- bedingungen erforderlich ist. Außerdem aber gebraucht der Arbeiter in fast allen Arbeitszweigen— in dem einen mehr, in dem anderen weniger— eine gewisse Bildung und Arbeitsfcrtigkeit(Geschicklichkeit). Auch die Kosten zur Erlangung dieser Arbeitsqualität gehören zu den Erzeugungs- kosten der Arbeitskraft; und ferner gehört dazu die Summe der Lebensmittel, die der Arbeiter notwendig zur Erhaltung einer Familie braucht, denn soll der Produttionsprozeß seine stetige Fortsetzung finden, so ist dazu nötig, daß nicht nur der Arbeiter selbst existiert, sondern auch neuer Nachschub, neue Arbeitskräfte entstehen. Diesen Tauschwert der Arbeitskraft bezahlt der Unter- nehmer im Arbeitslohn nicht immer voll, sondern oft weniger. manchmal auch etwas mehr, je nach der Lage des Arbeits- Marktes. Der Unternehmer läßt nun aber den Arbeiter nicht nur so lange arbeiten, bis dieser so viel Wert erzeugt, als er an Arbeitslohn erhalten hat, sondern weit länger. Zahlt der Unternehmer dem Arbeiter z. B. pro Tag 4 M., so läßt er diesen nicht nur so lange arbeiten, bis dieser den von ihm bearbeiteten Gegenstand 4 M. an Wert zugesetzt hat, sondern darüber hinaus. Schüfe der Arbeiter nur so viel neuen Wert, als er an Lohn erhalten hat, so hätte für den Unternehmer das ganze Verfahren keinen Zweck; denn er würde dann an seinem Arbeiter rein gar nichts verdienen und hätte obendrein noch die Last und Sorge, die hergestellten Erzeugnisse zu ihrem Werte an den Mann zu bringen. Der Unternehmer läßt also den Arbeiter länger arbeiten, als dieser zur Erzeugung eines seinem Arbeitslohn entsprechenden Wertes gebraucht, und diese unbezahlte Arbeit nennt Marx„Mehr- arbeit", und den durch solche Mehrarbeit ge- schaffenen überschüssigen Wert„Mehrwert". Daß solche„Mehrarbeit" in unserem heutigen Wirtschaftssystem ständig stattfindet, vermag die„Kreuz-Ztg." nicht zu leugnen; sie sucht deshalb den Anschein zu erwecken, als berücksichtigten die marxistischen Theoretiker gar nicht die wertschaffende Tätigkeit der Unternehmer. Das ist eine ab- sichtliche Verdrehung. Soweit der Kleinmeister selbst mit Hand anlegt oder der Großunternehmer zur Aufrechterhaltung des Betriebes nötige technische oder kaufmännische Arbeiten leistet, haben sie, gleich dem Arbeiter, Anspruch auf eine Entschädigung, die dem Marktpreis ihrer Arbeitsleistung entspricht. Es ist eine direkte Fälschung, wenn die„Kreuz-Ztg." behauptet, die Sozialdemokratie bemesse alle unter dem heutigen Wirtschafts- system geleistete Arbeit gleichwertig, und nur die„führenden" Geister erkennten allenfalls stillschweigend einen Unter- schied zwischen höherer und niederer, qualitativer und quantitativer Arbeitsleistung an. Diese Unterscheidung wird nicht nur von Marx in seinem„Kapital" selbst auf- gestellt und begründet, sie findet sich auch in allen neueren sozialistischen Schriften, soweit diese sich mit der Mehrwert- theorie beschäftigen. Marx bestimmt— um ein Beispiel an- zuführen— den Unterschied folgendermaßen:„Die Arbeit, die als höhere, kompliziertere Arbeit gegenüber der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit gilt, ist die Aeußerung einer Arbeitskraft, worin höhere Bildungskosten eingehen, deren Produktion mehr Arbeitszeit kostet und die daher einen höheren Werh hat, als die einfache Arbeits- kraft. Ist der Wert dieser Kraft höher, so äußert sie sich auch in höherer Arbeit und vergegenständlicht sich daher, in denselben Zeiträumen, in verhältnismäßig höheren Werte n." Das ist kaum mißzuverstehen; und die ganze Unterstellung, die sich die„Kreuz-Ztg." gestattet, hat denn auch keinen anderen Zweck, als den sogenannten„Arbeitsverdienst" der Unternehmer mit dem Unternehmergewinn zu identifizieren und den letzteren als einfache Vergütung für die Arbeitslei st ung des Untern eh mers erscheinen zu lassen. Nachdem nämlich die„Kreuz- Zeitung" noch etwas über den zunehmenden Dünkel der Arbeiterklasse räsonniert und als Beispiel für deren Einfältigkeit erzählt hat, daß man heute selbst in Mecklenburg auf dem platten Lande Redewendungen höre, wie z. B.:„Wi möt Jug doch dat Geld verdeenen," leistet sie sich folgende hochkomische Widerlegung der Werttheorie: Als der unvergeßliche Fritz Reuter seine„Stromtid" schrieb, wußten die Tagelöhner von Pümpelhagen noch ganz genau. iveS- halb fie durchaus ihren„ollen Entfpekter Hawermann zurückhaben wollten; sie spürten cS an ihrem eigenen Leibe, datz ohne die sachkundigen, umsichtigen Dispositionen HawcrmannS ihre eigene noch so fleißige Arbeit nichts, aber auch rein gar nichts wert tvar. Und heute? Wenn eS mit der Verblödung und Aufhetzung der Mafien so weiter geht, so soll es uns nicht wundern, wenn man unS eines schönen Tages nachweist, die klassischen Bauwerke Athens, Roms und der anderen Hauptstädte seien durchaus nicht Schöpfungen genialer Künstler, sondern Arbeitsprodukt wackerer Maurer- und Zimmergesellen, oder wenn„wahrhaft auf- geklärte" Männer des Volkes uns mitleidig lächelnd auseinander- setzen, GoetheS„Faust" fei als«ökonomische" Leistung im wesent- lichen das Werk von Schreibern, Setzern und Druckern, die es innerhalb der„gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit" zu einem verkäuflichen Arbeitsprodukte gemacht hätten und eigentlich von dem alten Goethe oder seinen Rechtsnachfolgern allen über den gezahlten Arbeitslohn hinausgehenden Ertrag der sämtlichen Auf- lagen des Werkes als widerrechtlich einbehaltencn„Mehrwert", als «unbezahlte Arbeit" wieder zurückfordern müßten. ES ist jedenfalls Zeit, den der Menge ja leicht und angenehm eingehenden Vorstellungen von dem ausschließlichen Werte der äußern, körperlichen Arbeit planmäßig und energisch entgegenzutreten. Die Erkenntnis mutz wieder Gemeingut werden, daß der Unternehmer nicht einfach„Ausbeuter" oder Antreiber des eigentlich schaffenden ProduktionsfaktorS, der äußerlich erkennbaren und meßbaren Arbeit, sondern diesem Faktor völlig gleichwertig, ja zu dessen Führung berufen ist. Man denke doch nicht, daß eS sich dabei nur um einen theoretischen Streit handle. Ganz im Gegenteil! Der in unsere Arbeitermafien sich immer tiefer hineinfressende Irrtum, daß sie die alleinigen„Brotverdiener" seien und die Herren ihnen bloß als„Ausbeuter" gegenüberständen, ist die Wurzel, welche der Umsturzidee unaufhörlich auch die stärksten praktischen, weil aus den Tiefen der mißleiteten Volksseele her- vorgeholten Triebkräfte liefert. Der Grundirrtum der sozialdemokratischen Auffassung von der Wcrtbildung liegt aber in dem Mangel an UnterscheiduugS- vermögen für die beiden Seiten wcrtbildender Tätigkeit: der leitenden und der geleiteten. Die letztere mag nian mit Marx in Quantitäten, in Arbeitsstunden und dergleichen auflösen; bei der ersteren ist das nicht möglich. Der fleißigste Leiter(Unter- nehmer) kann unter Umständen in allen seinen Arbeitsstunden keinen Wert schaffen. Eine größere Begriffsverwirrung ist kaum möglich! Die Mehrwerttheorie bezieht sich auf die k a p i t a li st i s ch e Warenproduktion. Die„Kreuz- Zeitung" sucht ihre Unrichtigkeit dadurch nachzuweisen, daß sie sich auf die alten Bauwerke Griechenlands und Roms beruft und anstatt deren einstige Produktionskosten ihre jetzigen Kunst- und Raritätswerte in Betracht zieht— ungefähr dasselbe, als wenn die„.Kreuz-Zeitung" die Behauptung eines Fachmannes, daß in Deutschland die meisten Häuser aus Ziegeln errichtet werden, mit der Einwendung widerlegen wollte: das sei nicht richtig, denn gewisse alte Bauwerke der Assyrer oder Aegypter seien nicht aus Ziegeln gebaut. Und noch alberner ist die Berufung auf Goethes„Faust". Erstens ist die Abfassung eines Dichterwerkes keine kapitalistische Warenproduktion, und zweitens ist der„alte Goethe" unseres Wissens niemals als Unternehmer aufgetreten. Davon könnte höchstenfalls dann die Rede sein, wenn er seine Werke nicht selbst verfaßt, sondern sie von anderen hätte schreiben lassen und sie dann mit Gewinn an seine Verleger verkauft hätte. Der Unternehmer, der Mehrwert„einbehalten" hat, ist in diesem Falle gar nicht Goethe, sondern sein Verleger, der von ihm sein Geistesprodukt kaufte und dann daraus Bücher fabrizierte. Reicht das Unterscheidungsvermögen der„Kreuz- Zeitung" aber schon nicht so weit, um diese ganz einfachen Unterschiede zu begreifen, so vermag sie noch viel weniger die technische oder kaufmännische Mitarbeit des Unternehmers in seinem Betriebe von seiner Unternehmertätigkeit zu trennen. In ihrer geistigen Rückständigkeit geht sie noch immer von dem im eigenen Betriebe mitarbeitenden Handwerksmeister der ostelbischen Landstädte als dem Normaltypus des Unter- nehiners aus und eignet sich die in diesen Kreisen landläufige Auffassung an, datz das Jahreseinkommen eines solchen Meisters nichts anderes sei, als sein„Arbeitsverdienst". Man braucht nur von diesen kleinbürgerlichen Verhältnissen ab- zusehen und den Blick der großen modernen Warenproduktion zuzuwenden, um sofort zu erkennen, daß dieser„Arbeits- verdienst" aus zwei ganz verschiedenen Faktoren besteht. Nehmen wir eine Aktiengesellschaft, so sehen wir sofort klar und deutlich den Unterschied. Die Leitung liegt in den Händen der Direktoren, der Ober-Jngenieure usw.; die Unternehmer, d. h. die Aktionäre, haben mit der Leitung des Unternehmens absolut nichts zu tun, häufig haben sie sogar von der Betriebsweise nicht die geringste Kennwis. Für ihre Arbeitsleistung werden die Leiter bezahlt, meist sogar über- bezahlt; dennoch bleibt ein Betriebsüberschuß, der in der Form von Dividenden an die Unternehmer(Aktionäre) geht, obgleich diese, wie gesagt, keinerlei Arbeit für das Unter- nehmen geleistet haben. Hier zeigt sich deutlich, daß der Betriebsgewinn durchaus nicht als Bezahlung für die Leitung des Unter- nehmens gelten kann, sondern etwas ganz anderes darstellt: nämlich den Unter» nehmerprofit. Woraus fließt nun dieser Gewinn der Aktionäre? Sie selbst haben nicht die geringste Arbeit für den Betrieb ge- leistet: folglich muß der Gewinn aus der Arbeitsleistung anderer stammen, und zwar der im Betrieb Beschäftigten, der Kopf- wie der Handarbeiter. Ihre„Mehrarbeit" ist die Quelle des Unternehmergewinnes. Und nicht nur dieser ist von ihnen erarbeitet; auch d e r Z i n s, den das Unter- nehmen für geliehene Kapitalien zahlt, dieBodenrente, die es für das Fabrikgrundstück entrichtet: alles ist un- bezahlte Arbeit, und ebenso, was beim Vertrieb der hergestellten Produkte Groß- und Kleinhändler über die not- wendigen Kosten des Transportes, der Lagerung, der Arbeits- entschädignng hinaus an besonderem Handelsprofit„ver- dienen". Diese Tatsache läßt sich nicht bestreiten. Zwar lasseil manche Oekonomen den Mehrwert nicht im Waren- Produktionsprozeß entstehen, sondern im sogenannten Waren- austausch, indem sie Unternehmergewinn, Zins, Grundrente als besondere Aufschläge betrachtet wissen wollen, welche der Kapitalbesitzer vermöge seiner ökonomischen Ueberlegenheit erhebt. Aber ganz abgesehen davon, daß diese Theorie bei näherer Prüfung sich sofort als nicht stichhaltig herausstellt, ändert sie an der Tatsache der Ausbeutung nicht das geringste. Denn wer muß schließlich diese Aufschläge entrichten? Die Kapitalbesitzer schaffen durch das Einstreichen von Unter- nehmergewinnen, Zinsen, Grundrenten doch keine neuen Werte; die Werte, die sie sich aneignen, müssen also von anderen erarbeitet sein. Der Unterschied läuft schließlich nur darauf hinaus, daß die einen annehmen, der Arbeiter sei unter dem heutigen Wirtschaftssystem gezwungen, unbezahlte Arbeit zu leisten, die anderen dagegen, daß er zwar in seinem Arbeitslohn ein richtiges Aequivalent seiner Arbeitsleistung erhalte, hinterher bei der Verwertung seines Lohnes, d. h. bei dessen Umsetzung in Gebrauchsartikel, aber unverschämt ge- prellt werde. Die„Kreuz-Zeitung" mag ent- scheiden, welche Alternative ihrem Ge- schmack mehr entspricht. Die Revolution in Rußland. Die neue Anleihe. Der Telegraph bringt die Nachricht, der neue Riesenpump der russischen Regierung sei perfekt. Die Nachricht kommt zwar nicht überraschend, aber viele Begleiterscheinungen der Anleihe verdienen die Beachtung eines jeden, der sich über ihre Bedeutung im inner- politischen Leben Rußlands klar werden will. Vor allem deutet sie auf eine äußerste Geldnot der Regierung hin, da die Bedingungen, an die ihre Gewährung geknüpft war, äußerst schwerer Natur sind: n o m i n e I l erhält die Regierung 2 Milliarden Franken, in Wirklichkeit aber nur 176l) Millionen Frank, da der Emissions kurs 88 Prozent beträgt; von dieser Summe bleibt ein beträchtlicher Teil im A u S l a n d e zur Tilgung der Schulden, außerdem hat sich Rußland verpflichtet, im Auslände große Bestellungen zu machen. Bei solchen für die Geldgeber außerordentlich günstigen Bedingungen ist es ja ohnehin selbstverständlich, daß das Betteln der russischen Regierüng bei den ausländischen Bankiers willige Ohren fand, trotz der genügend bekannten, finanziellen Zerrüttung Rußlands. Aber noch andere Umstände haben bei der Unterzeichnung der Anleihe mitgewirkt: Frankreich, welches den größten Teil der Summe auf- gebracht hat, ist nicht nur im Innern Rußlands stark interessiert, sondern viel schwerer fällt der Umstand ins Gewicht, daß in den Händen des französischen Publikums— kleinen Rentiers, Beamten usw. — sich eine Menge russischer Staatspapiere und Schuldscheine be- finden, in denen sie ihre Ersparnisse angelegt haben, so daß ein Finanzkrach Rußlands sie schwer schädigen würde. Es liegt deshalb nichts näher als der Versuch, seinem„Verbündeten" wenigstens für einige Zeit auf die Beine zu helfen und damit auch sich selbst vor- läufig vor Geldverlust zu schützen. Sehr bezeichnend ist aber der innerpolitische Hintergrund, auf dem sich diese Anleihe abspielt. Ihre Unterzeichnung kaum einige Tage vor dem Zusammentritt der Duma verleiht ihr mehr wie den früheren Pumpen der Regierung den Charakter eines Kampf- mittels des alten bureaukratischen Regimes gegen die aufkeimende Volksherrschaft: die Macht des Goldes gewährt der Regierung einige Bewegungsfreiheit, gibt ihr die Möglichkeit, auch weiter ohne die Duma fertig zu werden; schon die Tatsache der Unterzeichnung der Anleihe ohne die Zu- st i m m u n g der Duma ist an und für sich eine Schmälerung ihres ohnehin kargen Budgetrechts und bedeutet einen Schlag ins Gesicht dieser„Volksver- t r e t u n g". Noch niehr wird aber diese Bedeutung unterstützt durch die Veröffentlichung eines Ukascs über die künftige Aufnahmeordnung von Anleihen, die Hauptrolle wird hierin dem Finanz» k o m i t e e zugeteilt, einer Art Gcheimkommission, gebildet aus Vertretern der hohen Finanzbureaukratie nach Bestininumg des Kaisers; die Duma kann fortan nur ihrer Meinung Aus- druck geben, ob eine Anleihe nötig ist— alles übrige— Emissions- und Realisationsbedingungen u. a. wichtige Fragen gehen sie nichts an und gehören zur Kompetenz des Komitees, dem überhaupt die ganze Verwaltung der Finanzen zufällt. So sehen wir, wie die Duma immer mehr zum Niveau einer Berat nngs- kommissi on herabgedrückt und ihr nach und nach jede Möglich- keit der Gesetzgebung, jedes Budgetrecht entzogen wird. Zuerst kam das Gesetz über den Reichsrat, das diesem halb ständischen, halb bureaukratischen Institut den Charakter mrd die Befugnisse einer zweiten Kammer verlieh; ihm folgte das Budgetgesetz vom 2. April, das der Regierung ein unkontrolliertes Wirtschaften mit den Reichsfinanzen gestattet; und endlich als Krone des Werkes— die neue Anleihe und das Finanzkonntee als Oberherr über die ganze Finanzpolitik! Stellen wir diesem Rückcntwickelungsprozeß der Duma die Pläne der Regierung über den Verlauf der ersten Session entgegen— möglichste Beschränkung der Redezeit, etwa zwölf Geschäftsordnungssitzungen und dann Schluß— so sehen wir klarer denn je den wahren Zweck der Dumakomödie: Die Regierung brauchte Geld und inszenierte die Duma; sowie sie den ruhigen Fortgang der Wahlen sah, beeilte sie sich, mit einer regelrechten Volksvertretung prahlend, die Anleihe abzuschließen. Hat sie nun einmal diesen Zweck erreicht, klimpert ihr das heißersehnte Geld in der Tasche, so sind alle schönen Versprechen vergessen, die Duma wird mit Füßen getreten und—„es lebe die Selbstherrschaft!" Alles bleibt wieder beim alten! Zum VO. Geburtstag Jguaz Auers. „Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst"... Genosse I g n a z Auer, der heute den 60. Geburtstag begeht, hat es erfahren. 40 Jahre Arbeiterbewegung liegen hinter ihm, und alle sind sie für ihn Jahre treuer und harter Arbeit gewesert. Im' demokratischen Arbeiterunterstützungsverein zu Passau hat sich in den 60er Jahren der eben aus der Lehre des Sattlerhand- Werks entlassene junge Jgnaz Auer die ersten Sporen verdient. Dort hat er zuerst jene Eigenschaften entwickelt, die ihn in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie als eine Persönlichkeit voller Eigenart vom Untergrunde der großen Bewegung abheben. Den gutmütig-sarkastischen Witz, die nie versagende Schlagfertigkeit. die packende zwingende Beredsamkeit. Und hier im kleinen Rahmen schon errang sich der 22jährige schnell die Anerkennung seiner organisatorischen itraft. 1868 ward er Vorsitzender des Vereins. Das Jahr 1369 sah ihn schon als sozialistischen„Hetzer" in großen Versammlungen zu München uno Augsburg. In Berlin wurde er 1872 Mitglied der Eisenacher und des Vereins der „Mühlcndammer", wie der stachelige Witz der feindlichen Brüder, der Lassalleaner, den demokratischen Arbeiterverein wegen seines großen Prozentgehalts an jüdischen Mitgliedern getauft hatte. Es war eine Sammelstelle vielversprechender junger Parteigenossen, von denen diele das Offizierspatent in der Tasche, aber alle noch keine Truppen hinter sich hatten. Sie haben sich ihre Armee später redlich erobert, hat Genosse Bebel in einem Auer-Artikel ge- schrieben, den er vor einigen Jahren in der leider wieder eingc- gangenen„Hütte" veröffentlichte. Mit demselben Eifer wie auf politischem wirkte Auer auch auf gewerkschaftlichem Gebiete. Er organisierte seine Berussgenossen in Berlin. Das Jahr 1873 ist der Beginn seines offiziellen Parteidienstes. Auer trat in die Expedition des Dresdener..Volksboten" ein. Bon dieser seiner Dresdener Tätigkeit hat er vor einigen Jahren beim Jubiläum der„Sächsischen Arbeiter-Zeitung" eine humorvolle Schilderung gegeben, die uns die unsäglichen Schwierigkeiten, womit die Partei in ihren Jugendjahren zu kämpfen hatte, lebendig vor- führt. Auer plaudert in der Jubiläumsnummer der„Sächsischen Arbeiter-Zeitung": „Zu jener Zeit war eS mit der Redaktion unseres Parte,- blattes gar sonderbar bestellt. Offiziell war der Genosse August Otto-Walster damit betraut, aber Freund Walster hatte Fam'lie und er war so anspruchsvoll, mit dieser, wenn auch noch so be- scheiden, so doch immerhin leben und sich satt essen zu wollen. Um dies aber zu können, mußte er arbeiten, um Geld zu der- dienen, solches war aber in der Kasse des„Volksbotcn" selten, ja fast nie vorhanden. Dazu kam. daß die jungen Parteigenossen — es gab auch damals schon„Junge" und ich gehörte dazu— überhaupt die Meinung vertraten, Bezahlung für partegenössische Tätigkeit— ist nicht. So tom es, daß Walster sich nur zu oft anderwärts Brot suchen mußte, und der„Volksbote" dann keinen Redakteur, dafür aber eine Kollektivredaktion hatte. Was auf die Redattionsstube kam und schreiben oder--- schnewev Petersburg, 18. April. In der hiesigen Baltischen Schiffs- bauanstatt ist von der Polizei eine Bombenniederlage entdeckt worden. Mukdcn, 16. April. Alle Juden sind aus Wladiwostok ausgewiesen worden; zur Erledigung ihrer Geschäfte wurde ihnen eine dreitägige Frist bewilligt. Die russischen Behörden machen bekannt, daß künftighin niemand ohne militärischen Erlaubnisschein nach Wladilvostok reisen darf. politiscke CUbcrficbt. Berlin, den 18. April. Auslandspolitik mit Zuckerbrot und Peitsche. Es scheint mehr und mehr bei uns Sitte werden zu sollen, die Methode der inneren Politik, die mit Zuckerbrot und Peitsche arbeitet, auch auf die äußere Politik zu übertragen. Während man die eine Nation heute mit Aufmerksamkeiten überschüttet und ihr ungewöhnliche Liebenswürdigkeiten geradezu aufdrängt, glaubt man eine andere Nation förmlich mit dem Korporalstock rcgalieren zu dürfen. So überhäufte und überhäuft man die Vereinigten Staaten mit den ausgesuchtesten, zuweilen geradezu seltsamen Aufmerksamkeiten, während man England, Frankreich und zuletzt Italien gegenüber in der letzten Zeit nicht einmal die Formen internationaler Rücksicht be- obachtete, die die Nationen untereinander selbst in gespannten Situationen zu beobachten pflegen. So war die Tanger-Reise des Kaisers und die dabei gehaltene marokkanische Programmrede eine diplomatische Kriegserklärung an Frankreich und England, eine Kriegserklärung von einer Schroffheit, die bis dahin ganz unerhört war. Und die Art, wie dann durch das Goluchowski- Telegramm Italien ein Rüffel erteilt wurde, überbot fast noch die Tanger-Reise. Daß sich die Politik des Zuckerbrotes und der Peitsche in der inneren deutschen Politik bewährt habe, wird selbst der enthusiastische Lobredner des neuen Kurses nicht behaupten können. Das deutsche Proletariat hat sich in dem Gefühle, Anrechte auf solidere Gerichte zu haben, durch die faden Süßigkeiten ebenso wenig ködern lassen, wie es vor der Peitsche kuschte. Und denselben Mißerfolg wird auch die in gleich naivem und impressionistischem Stile gehaltene Aus- lanbspolitik haben. Das zeitweilige intemationale Zusammengehen der Nationen be- ruht auf der zeitweiligen Gemeinschaft der Interessen. Existieren wiche Interessengemeinschaften, so ist jede übertriebene Liebcns- Würdigkeit zwischen den Verbündeten überflüssig. Existiert sie aber nicht, so vermag auch das exaltierteste Liebeswcrben einer Nation die andere Nation nicht zu einem zuverlässigen Bundesgenossen zu machen. Amerikas weltpolitisches Interesse läuft darauf hinauS, keine europäische Macht allzu übermächtig werden»nd keine europäische Kombination entstehen zu lassen, die Amerika bedrohlich werden könnte. Amerika kann es also ganz angenehm sein, wenn die europäischen Mächte sich gegenseitig im Schach halten. Es wird bei etwaigen Konflikten als Neutraler die Rolle des lachenden Dritten spielen, aber im Ernstfalle schwerlich jemals Partei ergreifen. An dieser durch Amerikas Interessen gebotenen Haltung wird auch die über- triebenste Umschmeichelung durch Deutschland nicht daS geringste ändern. Andererseits ist es genau so naiv anzunehmen, durch Drohungen Gefühle internationaler Zuneigung erwecken zu können. Italien Ichloß sich dem Dreibund an, weil es durch ihn seine Interessen am besten gewahrt glaubte. Aber Italien hat auch alles Interesse daran, sich mit Frankreich auf möglichst guten Fuß zu stellen, so daß es eine ganz unbillige Zumutung war, von ihm zu verlangen, sich bei dem ohnehin so nebensächlichen und an den Haaren herbei- gezogenen Marokkokonflikt blindlings für Deutschland ins Zeug zu legen und Frankreich vor den Kopf zustoßen. Wenn jetzt Italien dafür gerüffelt wird— italienische Blätter erblickten in der Verheißung des Goluchowski-Telegramms, daß Deutsch- land Oesterreich gegenüber sich gleichfalls als„brillanter Sekundant" erweisen werde, sogar eine bedrohliche Anspielung auf die Unterstützung einer österreichischen Offensivpolitik im Adriatischen Meere— so wird da? das Band zwischen Italien und Deutschland nicht um die Dicke eines SpinnwebfadenS verstärken. Im Gegen- teil, Italien muß unter solchen Umständen gerade bemüht sein, anderweitig Anschluß zu suchen, waS bei der Veränderung der politischen Konstellation auch keineswegs unmöglich wäre. Ist doch schon jetzt von einem englisch- französisch- italienischen Dreibund die Rede. konnte, wurde in Tätigkeit gesetzt, um Manuskript zu schaffen. Diese so gelieferten Geistcsprodukte sahen freilich manches Mal auch danach aus, aber unser Lescpublikum war nicht verwöhnt; nur kräftig mußte die Speise sein und daran— dafür sorgte unsere Jugend und Begeisterung für die Sache— ließen wir es nicht fehlen. Allerdings war auch, außer Walster, noch ein Journalist unter uns. Freilich stand er damals noch am Setz- kästen und hantierte noch mit dem Winkelhaken. Aber er hatte einen Vorzug, worin es ihm sobald keiner gleich tut. Max Kegel brauchte kein Manuskript— er setzte den Leitartikel aus dem Kopfe. So ging es in der Woche. Am Sonntag aber zogen wir kolonnenweise hinaus in die Dörfer des 4. und 6. Wahlkreises und suchten und fanden in Arbeiter- und Baucrndörfcrn neue Anhänger und Abonnenten für den„Volksboten". Die jüngeren Genossen mögen daraus ersehen, daß auch die Landagitation keine Errungenschaft der Neuzeit, sondern schon eine alte Einrichtung in der Partei ist. Es blieb so. bis die liebe Obrigkeit— sie hat sich auch damals unserer Partei schon liebevoll an- genommen— dem„Treiben ein Ziel setzte". Genosse Walster wurde wegen„Mücke"-Beleidigung auf mehrere Monate im Ge- fängnis zu Döbeln einquartiert. Ich aber hatte eine alte Schuld von 30 Talern, zu denen mich die Krcisgerichts-Deputation in Alt-Landsberg wegen„Verächtlichmachung" verknurrt hatte, zu berichtigen. Da ich aber nicht 30 Groschen, viel weniger Taler hatte, um sie dem Fiskus in den Rachen zu stecken, so mußte ich zehn Tage brummen. Die Folge davon war, daß ich„als be- strafte Person" aus Dresden— und wenn ich nicht irre— auch aus dem Königreich Sachsen auf ein Jahr ausgewiesen wurde. Damit war es mit meiner Redaktionstätigkeit zu Ende." Die Parteibeamtcnschaft wurde also unterbrochen. Auer griff in Berlin wieder zum Handwerksgerät. Aber noch im selben Jahre wählte ihn der Hamburger Ausschutz der Eisenacher ins Partei- sekretariat, das durch den Tod Korks verwaist war. Der Einigungskongreß zu Gotha vom Mai 1875, der die Eisenacher und Lassellaner verschmolz zu der einen sozialdemokratischen Partei— an der Vorbereitung der Einigung hatte Auer erheblichen Anteil— bestellte ihn neben Derossi zum Sekretär der neuen Organisation. 1877 eroberte er das Mandat des sächsischen Reichstagswahlkreises Rcichcnbach-Auerbach.' Er verlor es wieder 1878 in der Hetze der Attentatswahlcn. Es war das Vorspiel zu Schlimmerem. Das Soziali st engesetz krallte die Würgefinger, und neben vielen anderen büßte auch Auer seine Existenz ein. Im Jahre 1877 war er neben Most in die Redaktion der„Berliner Freien Presse" ein- getreten. Das Ausnahmegesetz erdrosselte sie und jagte 67 Genossen von der Stätte ihre Arbeit— unter ihnen war auch Auer. Ver- geblich waren seine Versuche� sich in der Redaktion der„Hamburger Gerichtszeitung", die im Dietzschen Verlag an Stelle des ver- botenen„Hamburg-Altonaer Volksblattes" erschien, erst in Ham- bürg selbst, dann, nachdem auch von hier die Ausweisungsukase er- gangen, in Harburg eine neue Position zu gründen. Der kleine Belagerungszustand folgte dem zähen Kämpfer, die„Gerichts- zeitung" verfiel dem Verbot. Jgnaz Auer stand abermals vor dem NiM> Jl» Bchlperin fand er als Gehülfe in der Altmöbelhandlung Andererseits freilich wird man auch sowohl in Oesterreich wie in Italien das GoluchowSki-Telegramm nicht überschätzen. Man weiß ja seit dem Krüger-Telegramm, daß höfische Kundgebungen nicht immer wörtlich genonnncn werden dürfen. Und Fürst Bülow erklärte ja erst vor wenigen Tagen im Reichstage, daß Deutschland— trotz der Tanger-Reise und-Rede— wegen Marokkos niemals zu den äußersten Mitteln gegriffen haben würde. Auch in Deutschland sprechen schließlich trotz aller impulsiven Kundgebungen die großen wirtschaftlichen Interessen das entscheidende Wort. Deshalb soll natürlich der Schaden, der durch unsere eigen- artige Auslandspolitik angerichtet worden ist und angerichtet werden kann, nicht gering veranschlagt werden. Umsoweniger, als durch Deutschlands Isolierung dem Volke immer unerträglichere Militär- und Marinelastcn aufgebürdet werden. Ein einziges Telegramm kann so dem Volke hunderte von Millionen kosten!— Wiederbeginn der rnssisch-borussischen Ausweisungsschmach. Wer sich je in dem Kinder-, richtiger Köhlerglauben gewiegt haben sollte, die preußisch-dcutsche Reaktion sei unter dem Erdbeben des russisch-japanischen Krieges und dem Gewitter der russischen Revolution über die feige Knutenschmach der Jahre 1902/1904 hinaus- gewachsen, findet prompt sein Damaskus. Am 14. April d. I.— vor vier Tagen— ist der neue russische Milliardenpump abgeschloffen. Am 14. April— am gleichen Tage noch— weist die Abteilung VII (die politische Abteilung) des Berliner Polizeipräsidiums zwanzig oder noch mehr russische Studenten und Studentinnen aus. Der Kredit des Zaren ist hergestellt— es lebe der Zar. Der russische Fußtritt von Algeciras ist vergeffen. Bülow machte Miene aufzumucken— seine in dieser Beziehung ihm sicherlich wohl- tätige Erkrankung im Reichstag verhinderte, Gott sei Dank I wird er jetzt sagen, die offizielle Absage an den Zarismus. Der Zar ist wieder mächtig— er hat Geld l Die russische Revolu- tion ist— so wähnt man— vorüber oder dem Ende geweiht— denn der Zar hat Kredit. Bor Schwachen Falstafftapferkeit, vor Starken Bauchrutschen. Das ist seit je die Ouintessenz der Bülow- scheu Politik. Rußland hat Kredit— kusch Bülow! Sei tapfer gegen— die Schwachen und Wehrlosen I Zeig Dich Untertan Deiner russischen Obrigkeit. Zwanzig russische Studenten und Studentinnen I Weshalb?„Als lästige Ausländer I" Weshalb lästig? Schweigen I Kein Wort der Begründung; jede Begründung schroff abgelehnt! 20 Existenzen schwer getroffen, zum Teil vernichtet. Mehrere der Ausgewiesenen sind lange Jahre in Berlin und hier fest eingewurzelt. Auch ganze Familien sind unter den Ausgewiesenen. Einige stehen mitten im Examen. Eine ausgewiesene Ehefrau ist, wie wir hören, in hoch- schwangerem Zustande. Tut nichts. ES gilt Lakei spielen und das heißt: brutal nach unten sein. Der Minister des Innern soll hinter der Schmach stehen; und hinter ihm natürlich der preußische Ministerpräsident und deutsche Reichskanzler Fürst Bülow. Die polirische Abteilung hat die Ausweisungen verfügt— politische Gründe haben also die erbärnrliche Maßregel diktiert, die gerade dadurch doppelt erbärmlich ist. Und keiner der Ausgewiesenen hat sich etivaS zuschulden koinmen lassen, keiner hat je Konflikte mit der Polizei oder den Gerichten gehabt. Und dafür die grau- same administrative, jeder Rechtsgarantie entbehrende Strafe der Ausweisung I Das deirtsche Volk, die deutsche Intelligenz, alles, was auf Kulturehre hält, jeder, der sich seines Vaterlandes schämt, wenn es sich zum Kosaken-Sticfelputzer erniedrigt, muß gegen diesen neuesten Russenkurs, gegen diese Wiederholung der Schnorrer« und Ver- schwörer-Schande aus dem März 1904 mit aller Macht protestieren. Das deutsche Proletariat wird seine Schuldigkeit tun. die Ehre Deutsch- lands vor der Welt zu retten. Wird nicht nur ein Freischärler des deutschen Bürgertums de» Kampf aufnehmen? » �» Deutfcbea Reich. Sonderbar! höchst sonderbar! Während Mossesche Gemütsmenschen es für recht und billig halten. daß Deutschland die durch den Aus- einer Schwiegermutter notdürftigen Unterschlupf. In diese Jahre zer Not und der Ausweisungen aber fällt seine zweite Wahl zum Reichstagsabgeordneten. Der sächsische Wahlkreis Glauchau-Merane fiel ihm 1880 in der Nachwahl zu. Zweimal noch, 1881 und 1887. verlor er ihn wieder. Seit 1890 aber ist der Kreis unverlierbarev Besitzstand der Partei geworden. Auer hat mit zu den eifrigsten, unerschrockensten Kämpfern unter dem Ausnahmegesetz gehört. An allen Kongressen der Partei hat er teilgenommen; mit Bebel, Vollmar, Frohme, Viereck, Heinzel, Müller-Darmstadt und Ulrich-Offenbach wurde er als einer der von der Polizei abgefangenen Delegierten vom Kopenhagener Kongreß am 4. August 1836 vom Freiberger Landgericht wegen „geheimer Verbindung zu ungesetzlichen Zwecken" verurteilt und mit 9 Monaten Gefängnis belegt, die er zu Zwickau verbüßte. In München, wohin er Mitte der 80er Jahre verzogen, mußte er 1888 abermals einen großen GeheimbundSprozeß mitbcstehen, der wesent- lich infolge des meisterhaften O�ericrcns Auers trotz aller Machen- schaften des Mcineidmichels. wie der Münchencr Polizeikommissar Gehret mit Recht genannt worden ist, mit dem Freispruch endete. Die Geschichte dieser schmachvollen Periode der Lockspitzelei und der Geheimbundsprozesse hat Genosse Auer in einer Broschüre ge- schrieben, die 1800 in Zürich unter dem Titel„Nach 10 Jahren"� erschien. Sie ist ein Spiegel der Schmach, die die bürgerliche Ordnung in jenen ersten 10 Jahren des Schandgesetzes auf sich ge- laden hat, ein wertvoller Beitrag zur Geschichte der Partei, ein Dokument ihres Heldenzcitalters. Der erste Parteitag, der nach dem Fall des Ausnahmegesetzes wieder auf deutschem Boden tagen konnte, hat Jgnaz Auer wieder zum Sekretär der Partei berufen. Was er als solcher, als Agitator und Reichstagsabgeordneter für die Partei geleistet hat, das brauchen wir hier nicht im einzelnen anzuführen. Auf fast allen Parteitagen ist seine kluge Rede gehört worden, hat sein kaustischer Humor die Kämpfe gemildert. Und wenn auch in den inneren Auseinandersetzungen, die die Partei seit Jahren bewegen, wir und viele Genossen mit manchen seiner Wege nicht einverstanden waren. keinen wird es in der deutschen Sozialdemokratie geben, der nicht überzeugt ist. daß alle«, was Genosse Auer getan hat. geschehen ist aus dem ticfinnersten Bestreben das Beste der Partei zu fördern. Keinen, der nicht wünschen möchte, daß er an der Schwelle des 7. Jahrzehnts mit gleichem Rechte von sich sagen dürfte, daß er alle Zeit mit allen Fasern seines Seins für die Partei gearbeitet und ihr Wohl über das seine gestellt hat, wie es Jgnaz Auer von sich sagen darf. Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst..- Jgnaz Auer hat es erfahren. Not und Verfolgung und Mühsal sind ihm in überreichem Maße zu teil geworden. Der tapfere Kampf, den er gefochten, hat ihm schwere Wunden gebracht. Noch immer ver- bieten ihm die Nachwehen langwieriger schwerer Krankheit, in der Ocffentlichkeit so für die Partei zu wirken, wie früher. Wir wissen keinen besseren Glückwunsch zum 60. Geburtstag als den, daß die Genesung in Bälde zur vollständigen Wiederherstellung der alten Kraft führen möge. Und in diesem Wunsche ist mit uns ditz ganze deutsche Sozialdemokratie einig, bruch des Vesuvs nicdevgebeugtcn Italiener zur Strafe für die Haltung der italienischen Regierung in Algeciras nicht unterstütze, scheint in gewissen hohen und höchsten Kreisen eine ganz andere Ansicht über derlei Dinge zu herrschen. Kaum ist Kaiser Wilhelms kühle Haltung zur Frage der Unterstützung der bedauernswerten� Opfer der Vesuv- katastrophe bekannt geworden, da muß selbstverständlich das „Berliner Tageblatt" in dieselbe Kerbe hauen. Es bringt folgendes Telegramm seines römischen Korrespondenten i Auch die Provinzpresse fährt fort, sich eingehend mit dem deutsch-italienischen Zwischenfall zu beschäftigen. Die„Stampa" schreibt, das deutsche Beileid komme, wenn der Bullau erloschen sei I Bei früheren Anlasse» sei die deutsche Reichsregierung immer die erste gewesen, ihre Teilnahme auszudrücken. Freilich, man könne einen nicht zur Höflichkeit zwingen. Immerhin habe die nachträgliche Kondolenz wenigstens den Anschein gerettet. Auch die„Capitale" beklagt, daß der Kaiser nicht sein Beileid persönlich telegraphiert habe, wie er es früher zu tun Pflegte, und sich des Botschafters bedient habe. Daraus gehe hervor, dah die Be- Ziehungen zwischen Deutschland und Italien nicht mehr so herzlich seien wie früher. Und zu diesem Telegramm bemerkt das edle„Berliner Tageblatt": In Italien scheint man geglaubt zu haben, die gutmütigen Deutschen liehen sich ungestraft allen Schimpf und Tort gefallen. Da irrt man sich freilich jenseits der Alpen gründlich. Wir sind gottlob nicht mehr so waschlappig gutmütig. Weder von Freund noch von Feind gedenken wir uns Knüppel zwischen die Beine werfen zu lassen, ohne solche Liebesdienste mit Zins und Zinsen heimzuzahlen. Weil wir keine Freunde nötig haben, können wir verlangen, dasi diejenigen, die sich als unsere Freunde ausgeben, auch wirklich unsere Freunde sind. Danach soll sich richten, wer unser Freund sein wrll. Ein so gemeiner Zynismus im Anschluß an einen so traurigen Anlaß ist uns denn doch noch nicht vorgekommen. Man spricht in Mosse-Kreisen sonst gern vom«jüdischen Herzen" I— Ein alte? Mann, wie der Kaiser von Oesterreich, muß den Mofseanern als ein komischer Kauz erscheinen. Hat dieser Monarch, als Drcibundsfürst seiner Pflichten zur Mitleids- losigkeit im deutsch-preußischen Sinne uneingedenk, doch ganz sonderbare Zeichen von Sympathie und Erbarmen mit dem schwer heimgesuchten Italien gegeben. Wir lesen an der Spitze der„Nordd. Allg. Zeitung": „Der Kaiser von Oesterreich hat von dem König von Italien folgendes Tanktelcgramm erhalten: Den Worten des Beileids und des Mitgefühls, die Eure Majestät aus Anlaß der Vesuv- katastrophe an mich gerichtet haben, haben Euere Majestät die hochherzige Spende für die Verunglückten folgen lassen und hier- durch Ihre Freundschaft für mein Land und Ihre Menschenliebe noch lnehr zu erkennen gegeben. Ich danke Ihnen hierfür von ' ganzem Herzen und versichere Sie meiner tiefgefühlten Dank- barlcit." Sonderbar! Höchst sonderbar! Was wird Rudolf Masse, was wird Wilhelm II. dazu sagen?.— Nene Kriegserklärungen des Herrn Erzbcrgrr. Stuttgart, 17. April. sEig. Ber.) Herr Erzberger hielt am Ostermontag drei Versammlungen ab, in Aulendorf, Biberach und Schnsscnricd. In A n I c n d o r f verbreitete er sich ausführlich über die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches, die er aufs schärfste kritisierte. Seit 1833 hätten wir 753 Millionen Mark für die Kolonien, abgesehen von den Kosten der Bekämpfung deS AufstandcS in Südwestafrika, ausgegeben und in dieser Zeit nur für zirka 213 Millionen Mark Waren in die Kolonien verkauft. Man könne zurzeit ohne Uebcrtrcibung von einem Zusavunenbruch des deutschen Kolonial systemS reden. Dann berichtete Herr Erzberger. was er getan habe, um diesem „Zusammenbruch" entgegenzuwirken. Auf mehrere semer Anträge hin, die der Reichstag angenommen habe, habe man in diesem Etats- jähr— 22 Millionen am Kolonialetat abgestrichen I(Fürwahr eine große Heldentati Wenn nian ein System für zusammengebrochen hält, dürfte eine solche Winzigkeit wie der Abstrich von 22 Millionen nicht zu der Beseitigung der im Wesen des Systems liegenden Schäden führen I) Diese Anträge aber, so führte Erzberger weiter aus, hätten ihm die Feindschaft der liberalen Presse zugezogen; denn durch den erwähnte» Abstrich sei für die Großindustriellen eine Verdienst-� schmälerung von 8—10 Millionen erfolgt. Doch je mehr diese Presse schreie, desto mehr ivisse er, daß er auf rechtem Wege sei. Nachdem Erzberger sich so den Lorbeer für die bereits er- rungenen Verdienste um die Stirn gewunden, kündete er neue Taten an. Eines der traurigsten Kapitel der deutschen Kolonial- Verwaltung sei die Prügel st rase, die nicht immer als gerichtliches Strafmittel, sondern auch als Dis- ziplinarstrafe angewendet werde. Zur Bekämpfung der hier vorhandenen Mißstande werde er bei der ersten sich gebenden Gelegenheit einen neuen Vorstoß mit schwerwiegendem Material unter- nehmen. Die Wirkungen der Prügelstrafe seien nach der Schilderung der Missionare geradezu entsetzliche. ES s ei daher nicht zu verwundern, wenn dieSchwarzen sichgegenuns erheben. Aber auch sonst sei„vieles faul, ja oberfaul" in der Kolonialverwaltung: Die„Provisions"«Bahn in Kamerun, der jetzt gekündigte Vertrag mit Tippelskirch, das Monopol der Finna Wör- mann, die Fälle Kannenberg, Puttkamer. Es gehöre nicht zu den Annehmlichkeiten eines Reichstagsabgeordneten, solche„unangenehmen und nicht wohlriechenden Dinge" zu berühren. Der Reichstag aber müsse scharf dagegen vorgehen, weil die maßgebenden Stellen von all diesen hoch st bedauerlichen Zu- ständen Kenntnis gehabt hätten, ohne dagegen einzuschreiten. Wenn er, Erzberger, erst einmal den Schleier über den Kulturkampf in Togo zerreiße, werde ein S ch r e i d e r Entrüstung durch d a stanze katholischeDeutschlaud gehen, und wenn alle Taten in dieser und der Nachbnrkolonie Kamerun in der Oeffentlichkeit bekannt loürden, werde das ganze zivilisierteDeutschland sich ent- rüsten. Ferner stehe ihm auS Deutschsüdwestafrika eine Unmenge durchaus beglaubigten Materials zur Verfügung, das keine Sympathie für die deutsche Kolonialpolitik zu erwecken ge- eignet ist. Also zittere, Kolonialverwaltung! Erzberger kündet dir neue Fehde an. Sagte er doch im weiteren Verlauf seiner Rede: Man könne es mit seine in Gewissen nicht vereinen, für die seitherige Art der Kolonialpolitik noch weitere Reichsgelder zur Verfügung zu stellen... Eine totale Reform an Haupt und Gliedern sei not- wendig. „Ein wackerer Schwabe forcht sich nit'— und so setzte sich Herr Erzberger in dieser Rede auch mit Herrn Spahn auseinander. Soweit Herr Erzberger zur Rechtfertigung seiner kolonial- politischen Haltung im Reichstag. MchtS liegt uns ferner, als uns über seine Ankündigungen noch aufzudeckender Mißstände lustig machen zu wollen. DaS kann uns nur recht sein, wenn die Auffassung von der UnHaltbarkeit der gegenwärtigen Kolonialpolitik auch in den bürgerlichen Kreisen zmimimt. H err Erzb erg e r wir d ab er n o ch denBeweis dafür zu erbringen haben, daß seine kolonialpolitische Opposition ernst genommen werden muß.„Große Spruch", wie man in Schwaben sagt, hat er schon oft gemacht, auch in der skizzierten Ostermontagsrede. Aber der Taten sind noch gar wenige zu verzeichnen. Wenn jemand es„mit seinem Gewissen nicht vereinen kann, für die seitherige Kolonial- Politik noch Reichsgelder zu bewilligen, und wen» er ferner von einem völligen»Zusammenbruch des deutschen Kolonialsystems" redet und sich dann rühmt, diesem System durch Abstrich on 22 Millionen Mark auf den Leib gerückt zu sein, so ist der Eindruck, der hierdurch erzeugt ivird, allerdings ein lächerlicher. Dann braucht sich auch Herr Spahn nicht weiter zu bemühen, um Herrn Erzberger in seiner Partei unschädlich zu machen, und die Kolonialverwaltung braucht sich bor Herrn Erz- bergcrs fürchterlichen Reden nicht niehr zu bangen, denn auf eine Opposition, die durch einige Abstriche so leicht zu befriedigen ist, paßt das altdeutsche Vcrslein: Da wird ein Berg schwanger und dick Und ist doch all Verlohren, Wenn man's beym Siecht und recht Besicht, So wird ein Mauß gebohren.— Die katholischen Arbeiter und der neue Zolltarif. Der katholische Arbeiterverein in Goch, einem Jndustriestädtchen von etwas mehr als 10 000 Einwohnern, im Kreise Kleve-Geldern, hat Stellung zu der Verteuerung der Lebensmittel nehmen müssen. Mit dem Inkrafttreten des neuen Zolltarifes hat nämlich die Ver- günstigung aufgehört, kleinere Quantitäten Fleisch und sonstiger Lebensmittel von der holländischen Grenze zollfrei einzuführen. Dieses Verbot wird von der arbeitenden Bevölkerung in Goch sehr schwer empfunden, weil die Löhne, die im allgemeinen am Niederrhein niedrig sind, dort durch die vielen holländischen Arbeiter noch mehr gedrückt werden. Der katholische Arbeiterverein hat nun durch den ZentrumSabgeordneten M a r c o u r dem Bundesrat eine, mit 1300 Unterschriften versehene Petition überreichen lassen, in welcher um Aufhebung des Verbots ersucht wird. Interessant ist die Be- gründiing der Petition, die von der Zentrumspresse geflissentlich verschwiegen wird. Nachdem in der Begründung auf die sehr schlechten Löhne, die die Zigarrenarbeiter, Schuhmacher und die Arbeiter in den Pinselfabrilen erhalten, hingewiesen worden ist, heißt es in bezug auf die Konlurrenz der holländischen Arbeiter: „Hier drücken die jenseits der Grenze wohnenden, zu Fuß und auf dem Rade oder mit der Eisenbahn in großer Zahl herüber- kommenden holländischen Arbeiter den Arbeitslohn dergestalt, daß die Konkurrenz des einheimischen Arbeiters fast unmöglich ist. Während nämlich die hiesigen Arbeiter eine hohe HauSmiete zahlen und alle Lebensbedürfnisse mit barem Gelde bestreiten müssen, haben die holländischen Arbeiter fast ausnahmslos jenseits der Grenze ein kleines Anwesen, welches sie selbst in der freien Zeit oder durch ihre Angehörigen bewirt- schaften. Dazu genießen sie noch den weiteren Vorteil, dort die für den Lebensunterhalt am meisten in Betracht kommenden Nahrungsmittel ivie Fleisch, Kaffee, Mehl usw. bedeutend billiger einkaufen zu können. Wenn eS nun bislang unseren einheimischen Arbeitern bei der größten Sparsamkeit möglich war, sich mit ihrer Familie not- dürftig zu ernähren, so hatte das eben seinen Grund in der bis« herigen Vergünstigung oer zollfreien Einfuhr der sogenannten freimenaen. Mit ihrem Aufhören aber werden die hiesigen rbeiterfamilien gezwungen sein, wenn nicht auf den Genuß von Fleisch ganz zu verzichten, so doch ihn ganz bedeutend ein- »schränken zun: Schaden der Arbeitsirast deS Mannes und er Gesundheit von Frau und Kindern." Es wird hier also unuiiiwunden zugegeben, daß der Zoll die Waren um die Höhe desselben verteuert. Dieses Zugeständnis ist um so wertvoller, weil eS von der Seite des Zentrums konimt, von welchem die stets von uns konstatierte Tatsache fortwährend bestritten wurde. Daß diese Kundgebungen der Zentrumsprcsso und den leitenden Personen in der Partei un- angenehm sind, läßt sich erklären und ist ein Vertuschen dieser Dinge zu verstehen. Bemerken wollen wir noch, daß es sich in Goch um gut katholische Unternehmer handelt, die die billigen holländischen Arbeitskräfte gegen ihre deutschen katholischen Glaubensgenossen ausspielen._ Neue Verluste. Im Gefecht bei Fettkluft am 3. April 1900 sind gefallen: Gefreiter August Jokisch, geboren am 27. 12. 82 zu Groß-Tillendorf. Zieiter Adolf Bolle, gebcren am 13. 1. 81 zu SieverSdorf. Reiter Karl Armbrecht, ge- boren am 3. 10. 82 zu Dorste. Reiter Karl Bienas, geboren am 7. 4. 84 zu KleimStanowitz. Reiter August Draeger, gcb oren am 16. 4. 84 zu Cziernien. Reiter Adolf Meyer, geboren am 7. 0. 62 zu Kraksdorf. Schwer verwundet: Leutnant Artur Gaede, geboren am 12� 2. 81 zu Stettin; Streifschuß über linkes Auge, rechten und linken Zeigefinger, Schuß rechten Arm, linke Schulter. Unteroffizier Josef Machner, geboren am 4. 6. 80, zu Saarau; Schuß linke Brust. Reiter Josef Büß- mann, geboren am 27. 4. 34 zu Hamm; Schuß Unterkiefer, rechten Oberarm, linke Ferse. Reiter Ernst Neumann, ge- boren am 1. 1. 84 zu Nikolaiken; Schuß Unterleib. Reiter Johann Gruber, geboren am 25. 5. 84 zu Bruck; Schuß rechten Oberarm. Reiter Friedrich�Kronenberger, ge- boren am 25. 5. 80 zu Gonsken; Schuß linkes Auge. Im Gefecht an der Onchatzschlucht am 10. April 1906: Leicht verwundet: Oberleutnant Leo v. Baehr, geboren am 6. 2. 72 zu Wittigwaldc. Sergeant PaulWiese, geboren am 21. 12. 80 zu Laukermühle. Ferner: Unteroffizier Erich von Hohendorfs, geboren am 27.. 3. 79 zu Jnowrazlaw, am 13. April 1906 im Lazarett Warmbad an Typhus gestorben. Der armen ausgebeuteten Arbeiter nimmt sich wieder einmal die„Post" an. Natürlich nicht gegen die ausbeutenden Unter- nehmer, sondern gegen die sozialdemokratischen„Mllionen- Proletarier", die ihrer Meinung nach nicht tief genug in den Beutel greifen. Wir haben nicht nötig, uns mit den gemeinen Anwürfen deS Scharfmacherorgans gegen die betreffenden Genossen weiter zu be- fassen. Wir wollen nur die stinkende Unehrlichkeit der„Post"- Skribenten an der einen Tatsache feststellen, daß sie z. B. vom Genossen Bebel schreiben, er sei ein„enorm reicher Mann", daß sie erzählen, er habe eine„Riesenerbschaft" eingestrichen, ohne zu ver- zeichnen, daß er von der Erhschast große Summen an die Partei gegeben hat, und daß sie endlich fragen, weshalb Bebel nicht Singer veranlasse,„einer vor noch nicht 25 Jahren ganz plötzlich entdeckten, bisher nicht gekannten, geschweige denn betätigten Liebe zur Arbeiterschaft endlich einmal praktischen Ausdruck zu verleihen, indem er einen Teil seines großen Vermögens für Parteizwecke opfert?" Genosse Singer pflegt seine Spenden für die Partei nicht an die große Glocke zu hängen und der Sozialdemokratie Art ist eS auch nicht, besser situierte Genossen wegen größerer Gaben für die Partei besonders zu feiern. Rindes ist es kein Geheimnis und die Postskribcnten, die berufsmäßig alle Aeußerungen unserer Partei verfolgen, müssen es wissen, daß Genosse Singer große Teile seines Vermögens für Partcizwccke gegeben hat und gibt. Aber diesen Menschen kommt es natürlich sehr wenig darauf an, ob sie der Wahrheit einige Male mehr oder weniger Gewalt antun. Reinliche Menschen werden das schwer begreifen können, aber es ist so.— Hualand. Ungarn. In de» Flitterwoche». Am Mittwoch enipfing Ministerpräsident Dr. Wekerle in Budapest eine Deputation der Stadt Temesvar. AuS Wekerles Rede ist folgende Stelle bemerkenswert: „... Wir müssen alles anstreben, um eine großangelegte Industrie zu gründen. Das geeignetste Hülfsmittel für die Wirt- schaftliche Entwickeluug ist die Regelung der Geld- und Kredit- Verhältnisse. Unerläßliche Vorbedingung hierfür ist die dauernde Sicherung der staatlichen Einnahmen' auf der Grundlage der Leistungsfähigkeit des Staates. Dazu gehört eine unseren Ver» Hältnissen entsprechende moderne Steuerreform. Ein geregelter Staatshaushalt bildet die Grundlage des Staatskredits. In einem Staate, der auf ausländisches Kapital angewiesen ist, ist der StaatSkredit der Maßstab für die Güte des Privatkredits. In dieser Beziehung zeigt sich leider in der letzten Zeit eine Stagnation, ja ein Rückgang, der beseitigt werden nniß. Wir müstcn uns insbesondere davor hüten, daß die uns zur Verfügung stehenden Kapitalien zur Ausnutzung ausländischer, gewinn- verheißender, abenteuerlicher Unternehmungen, sondern wir müssen dafür sorgen, daß sie im Jnlande zu fruchtbringende» Wirtschaft- lichen Anlagen verwendet werden...." Am wichtigsten ist der Schluß der Rede Weierles: „... Die von der Regierung durchzuführende Reform des Wahlrechts bezweckt, unter Wahrung der Unverletzlichkeit der ungarischen Staatsidee eine Gelegenheit zu schaffen, daß jeder berufene Faktor, insbesondere die Arbeiterklasse, die freie Aus- Übung des Wahlrechts erlangt. Das Wahlrecht wird ein all- gemeines und jedem Bürger zugängliches sein und in möglichst kleinen lokalen Kreisen ausgeübt werden."— Frankreich. Keine amtliche Wahlbecinfiussung. Der Finanzminister Poincars hat den Generaldirektoren der staatlichen Anstalten und den übrigen Finanzbeamten die Verfügung zugehen lasten: Bei den bevorstehenden Wahlen sich des Eingreifens zugunsten irgend eines Kandidaten, den sie vermöge ihrer Stellung unterstützen könnten, zu enthalten. In Deutschland hüten sich die Herren Minister, ihren Beamten zu verbieten, in den ÄSahlkämpfen den Regierungsparteien mit lauteren oder unlauteren Mitteln Stimmenfang treiben zu helfen. Sonst wären ja auch Wahlen a la Zimmermann, Bassermann usw. nicht möglich!—_ Der Bergarbeiterstreik. j Die Käpitalistenpresse fährt fort, kleine Plänkeleien, die in wirt- schastlichen Kämpfen, zumal bei dem Temperament der Franzosen nur zu erklärlich sind, phantastisch aufzubauschen und gegen die Streikenden auszubeuten. Durch das wilde Toben hofft man wohl, nicht nur die Arbeiter niederzuknüppeln, sondern auch die Empörung über die Schandtaten der Bergwerksgesellschaften zu ersticken. Anders als beim Kampf wider die Feinde der Ausführung des Trennungs- gesetzes finden sich genug Offiziere, die der Weisung von»oben" folgen. Es geht ja gegen das Voll! Nach Meldungen der Telegraphenbureaus herrscht überall helle Empörung. Mord und Totschlag. Am Mittwoch mittag berichtete aber das W. T. B. ebenso plötzlich wie lakonisch, daß im ganzen Becken von Lcns die Nacht vollständig ruhig verlaufen sei l-- lieber das Ergebnis der Verhandlung, die am Mittwoch zwischen den Direktoren der Bergwerksgesellschaft und dem Zentralkomitee stattfand, ist näheres nicht bekannt.— Portugal. Die Meutereien. Die„Agence HavaS" meldet aus Madrid von 18. April: Lissaboner Nachrichten zufolge soll in Lissabon eine_ äußerst strenge Telegrammzensur ausgeübt werden. Auch soll die Polizei den Blättern verboten haben, Einzelheiten über die Meutereien an Bord des KreuzerS„Dom CarloS" und des Panzers„Vasco da Gama" zu bringen. Die Ursache der Meutereien soll zuverlässigen Nachrichten zufolge in übergroßer Strenge der Borgesetzten bei geringen Dienst- vergehen zu suchen seien. Die fünf Schiffe des Geschwaders sind im Tajoflusse unter den Kanonen der Festungswerke verankert. 1400 Matrosen sind in Landkasernen konsigmert.— GewerKfcKaftUcdes. Hirsch-Dunckersche Generalverräter. Es ist ja eine allgemein bekannte Tatsache, daß die be- rüchttgten„ G e n e r a l r ä t e" der Hirsch-Dunckerschen Gewcrk- vereine ihre Mitglieder(oder besser gesagt: ihre Untergebenen) veranlassen, bei Streiks und Lohnbewegungen den verhaßten Zentralverbänden verräterisch in den Rücken zu fallen, sobald ihnen dies in den Kram paßt. Gegenwärtig bemühen sich diese Herrschaften nun, ihrem Ruhmeskranze ein neues Blatt einzuflechten. ■ In Frankfurt a. O. befinden sich etwa 450 Mit- glieder des Holzarbetter-Verbandes seit einigen Wochen im Streik. Die Forderungen auf Ver- kürzung der Arbeitszeit von 60 auf 56 Stunden pro Woche und fünfzehnprozcntige Lohnerhöhung waren anfangs nur bei den eigentlichen Tischlermeistern gestellt worden. Drei Großfirmen, darunter die Möbelfabrik von M a n tz u. Gerstenberger, waren in die Bewegung nicht ntit ein- bezogen. Bei den gesamten Meistern arbeiteten alles in allem nur 5(geschrieben: fünf) ganze Hirsche. Alle übrigen Gesellen waren im Holzarbeiter-Verbande organisiert. Als nun die Forderung gestellt wurde, glaubte die Verbandsleitung wegen der paar Hirsche nicht erst dem großen Generalrat noch extra Mitteilung von der Lohnbewegung machen zu brauchen, umso weniger, als die fünf Mann von dem Vorgehen völlig unterrichtet waren und auch aus freien Stücken Solidarität gelobt hatten. Anfangs schien es nun, als würde es überhaupt nicht zum Streik kommen, denn die Meister zeigten Neigung zu einer gütlichen Ver- ständigung. Die Sachlage änderte sich jedoch Plötz- lich. Von dem Inhaber der bereits erwähnten Firma Mantz u. Gerstenberger waren nämlich die ehr- samen Meister zu einer Versammlung eingeladen und dort von ihm nach allen Regeln der Kunst scharfgemacht worden. So kam es denn, daß die Meister unter gegen- fettiger Verpflichtung zu einer Konventionalstrafe die Forderungen rundweg ablehnten. Vereinbart war, daß die Meister für jeden Gesellen 10 M., die Firnia Mantz u. Gerstenberger, die ca. 600 Arbeiter beschäftigte, aber»ur 1 M. Konventional- strafe im Bewilligungsfalle zahlen sollten. Hierauf traten die Gesellen bei den Meistern in den Streik; die Finna Mantz u. Gerstenberger aber sperrte sofort 100 Mann von den bei ihr arbettenden Mitgliedern des Holzarbeiter-Verbandes aus. Darauf legten auch die übrigen 80 Verbandsmitglieder bei der Firma die Arbeit nieder. Die Unorganisierten aber und ca. 60 Hirsch-Dunckersche, die sich speziell bei dieser Firma eingenistet hatten, blieben stehen. Der Gauleiter des Verbandes, S t n s ch e- Berlin, begab sich nun sofort nach dem Berliner Gewerkschafts- bureau der Hirsche und machte dem..Generalrat" Wambach berechttgte Vorhaltungen über das unsolidarische Be- nehmen der Gewerkvereinler bei der Firma Mantz u. Gerstenberger. Darauf fuhr B a m b a ch unter Assistenz des„Generals" Schumacher nach Frankfurt, um Rücksprache mit den dortigen Hirschen zu nehmen. S t u s ch e bat, man möge ihn an der Unterredung teilnehmen lassen» damit er eventuell die Sachlage klären könne. Dies wurde von den Generälen jedoch aus„Zweckmäßigkeitsgründen" ab- gelehnt. Inzwischen war bereits bekannt geworden, daß die Firma Mantz u. Gerstenberger„ihren" Hirschen bereits frei- willig eine Lohnzulage nebst Arbeitszeitverkürzung gewährt hatte. Dies war denn auch wohl der Grund, daß die Generäle' dem Gauleiter Stusche kurzweg erklärten, die Geiverkvereinlcr würden sich ihren ausgesperrten und streikenden Arbeitskollegen vom Holzarbeiter-Verband nicht anschließen, sondern weiterarbeiten. Als äußerlichen Scheingrund z«r „Rechtfertigung" dieses durch und durch unsolidarischen Ver- Haltens gaben die Generäle an. das Weiterarbeiten erfolge, weil sie vom Holzarbeiter-Verband zu den Vorberatungen über die Lohnbewegung nicht hinzugezogen worden seien. Dieser Einwand richtet sich natürlich von selbst, da anfangs nur die erwähnten fünf Gewcrkvereinler in Frage kamen. Immerhin: die Hirsche arbeiten weiter und spielen für den Fabrikanten Gersten- berger die willkommenen Rausreiß.er. Wie angesehen und wohlgelitten das edle Hirschv— olk bei den Arbeitgebern in Frankfurt jetzt ist, geht zur Genüge aus den Annoncen hervor, in denen die Krauter überall Arbeitswillige suchen. Da heißt es:„Unorganisierte Holz- arbeiter sowie Mitglieder des Gewerkvereins Hirsch-Duncker und der christlichen Arbeiter- vereine finden in den hiesigen Betrieben dauernde und gut bezahlte Lebens st ellun g." Arbeitswillige Hirsche werden sogar gebeten, wenn möglich auch solche Kollegen mitzu- bringen,„die im Rechnen und Schreiben fortkommen, um sie eventuell als Werkführer auszubilden." Danach zu urteilen, scheint es unter den Frankfurter Gewerkvereinlern allerdings verflucht ivenig gescheite Leute zu geben.— Der Holzarbeiter- Verband wird den Lohnkampf in Frankfurt n. O. auch ohne den Gewerkverein zu Ende führen Bisher haben 14 Meister mit 70 Gesellen bewilligt. Es dürfte aber demnächst im Verbände ernstlich die Frage ventiliert werden, ob es nicht richtiger ist, den Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen gegenüber die Taktik völliger Kaltstellung anzuwenden. Mehr wie Verrat üben können sie doch nicht. Beriln und Umgegend. Achtung, Metallarbeiter! Infolge des Bauschlosserstreiks in Berlin werden jedenfalls m den nächsten Tagen die hiesigen Schlossermeister, Innung und der Nachweis in der Dresdenerstratze, versuchen, in einer Reihe von Städten Arbeitswillige anzuwerben. Wir ersuchen, sobald dies geschieht, uns sofort Mitteilung zu kommen zu lassen. Deutscher Metallarbeiter-Verband, Ortsverwaltung Berlin. Arbeiterfreundliche Blätter werden um Nachdruck ersucht. Die Forderungen der Friseurgehülfcn sind nunmehr den Arbeit- geben! unterbreitet worden. Bis zur Beantwortung ist von der Gehülfeuschaft Zeit bis zum l. Mai gegeben. Für die Lohnbewegung kommen von den 2870 Geschäften loOO in Betracht, lieber LA) Ge- hülfen(Damenfriseure) haben heute schon bessere Arbeitsbedingungen. An der Bewegung sind drei Arbeitgeberkorporationen beteiligt, welche ungefähr 1200 Gehülfen beschäftigen, daneben auch noch 900 Lehr linge. Ein Teil der Arbeitgeber hat die Forderungen sofort bcimlligt. Der Streik und die„Aussperrung" der Berliner Schlosser hat noch immer keine nennenswerte Veränderung erfahren. In einer gut besuchten Schlosserversammlung, die gestern abend in der„Neuen Welt" stattfand, konnte der Vcrbandsbevollmächtigte Cohen mit- teilen, datz wieder mehrere Firmen bewilligt haben. Der Stand des Streiks ist ein durchaus normaler. Die bestreiktes Betriebe sind von Arbeitswilligen so gut wie frei. Im übrigen lauert der Metall arbeiterverband noch immer auf die Aussperrung der IS 000 Schlosser. Die Bäckermeister und ihre Gesellen. Eine Bäckenneister Versammlung tagte gestern in den Germania-Prachtsälen in der Chausseestrahe, in welcher der Generalsekretär Westphal über den gegenwärtigen Stand der Lohnbewegung berichtete. Er erklärte u. a., die Berliner Innungen hätten schon, ehe ihnen Forderungen der Gesellen unterbreitet worden seien, beschlossen, in Verhandlungen eintreten zu wollen und berechtigte Forderungen zu bewilligen. Die Innungen hätten ihr Entgegenkommen schon darin gezeigt, datz sie Vertreter der freien Organisationen zu den Verhandlungen zulassen wollten, lvas doch früher ausgeschlossen gewesen sei. Wenn nun der „Verband der Bäcker und Berufsgenossen Deutschlands" da? Recht in Anspruch nehme, als alleinige Vertretung der Gesellenschaft zu gelten, so gehe das nicht an, da auch der Verband der meistertreuen Gesellen, der sogenannte„gelbe" Forderungen gestellt habe, die zeitgemäh seien und die gleiche Berücksichtigung finden mutzten, schon um einen ein- heitlichen Tarif vereinbaren zu können. Die Forderungen des „gelben" Verbandes würden am Freitag bei den eventuellen Vev Handlungen bekanntgegeben werden, in dieser Versaminlung sei eS nicht tiuilich usw. Dem Vorstehenden entsprechend wird dann eine Resolution verlesen und angenommen, in der es schlietzlich heitzt: datz den verschiedenen Gesellenorganisationen, von denen Forde- rungen eingereicht sind, auch das gleiche Recht zuzubilligen ist. Eine Organisation von den Verhandlungen ausznschlietzen, wie es der„Verband der Bäcker und Berufsgenossen" verlaugt, wird daher abgelehnt. OeutMi» Rddi. Der Holzardeitervcrband hat mit den Arbeitgebern in Forst (Lausitz) einen Tarifvertrag abgeschlossen, wonach die Arbeits- zeit daselbst auf 57 Stunden wöchentlich verkürzt und der Lohn für dieses Jahr um 3 Pf., für nächstes Jahr um 2 Pf. erhöht wird. Der Korbmacherstreik in Guben- Neuzelle ist mit einem schönen Erfolg für die Arbeiter beendet. Die Arbeitgeber be- willigten einen Lohnanfschlaz von 20 Prozent und die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 66 aus S9 Stunden. In F ü r st e n b e r g dauert der Streik noch fort._ Die Aussperrung der Weber in Aachen ist am Sonnabend in allen dem Arbeitgebcrverbande angeschlossenen Betrieben angekündigt worden. Die angefangenen Stücke sollen vollgewebt und die Weber, sowie sie liefern, entlassen werden. In einzelnen Fabriken wurde dem gesamten in Lohn arbeitendem Personal gekündigt; in anderen erstreckte sich die Kündigung auch auf die Meister. Die Arbeiter nahmen die bombastischen Ankündigungen im allgemeinen recht heiter entgegen, umsomehr, als sie sahen, datz die Arbeitgeber sich bemühten, den Webern noch schleunigst neue Stucke aufzugeben. Wer sei» Stück bis z» dreiviertel voll hatte, mußte abreißen und neu auflegen. Vielfach gab man Stücke von doppelter Länge, bis zu 100 Meter auf. Augenblicklich würde die Aussperrung die Arbeitgeber schwerer treffen als die Arbeiter. Die Saison ist in vollster Blüte. Bis Ende März arbeitete man mit aller Anspannung, um noch recht viel Ware zn den alten Zollsätzen über die Grenze zu bringen. Die Jnlandsbestellungen hielt man bis auf die äutzerste Frist zurück. Jetzt drängen die Ab- nehmer auf Lieferung. Jeder Fabrikant möchte da gerne noch reichlich verkaufen, um so mehr, als man nach Sättigung des deutschen Marktes eine grotze geschäftliche Krise befürchtet. Be- greiflich also, datz dem einzelnen Fabrikanten die Aussperrung sehr ungelegen kommt. Viele von ihnen befinden sich in größter Ver- legcnheit. Sie bedauern zu spät, datz sie durch Hinterlegung von Sichtwechseln auf 60 M. pro Kopf der Belegschaft sich zur Durch- flihrung der Aussperrung verpflichtet haben. Zudem ist wohl selten eine Aussperrung so leichtfertig und unverantwortlich be- schloflen lvorden wie hier. Man beachte: Zweimal hat der Arbeitgebcrverband die Lohnfrage des einzelnen Betriebes als zur Behandlung durch das Schiedsgericht nicht geeignet bezeichnet. Jetzt verlangten die Meyerschen Weber eine Revision des seil 12 Jahren bestehenden Tarifs. Die geringen Aufbesserungen, die sie verlangen, sind so bescheiden, datz sie noch vielfach hinter den in anderen Be- trieben seit Jahr und Tag bezahlten Sätzen zurückbleiben. Die Arbeitgeber haben selbst im Schiedsgericht mitbeschlossen: es sollten die Tarife der einzelnen Fabriken revidiert und so gestellt werden, datz den Webern ein hinreichender Durchschnittslohn gesichert sei. Und jetzt, wo zum drittenmal versucht werden soll einen Tarif zu verbessern, handeln sie durch Androhung der Aussperrung gegen ihren eigenen Schiedsspruch. Bei Gebr. H i r tz und bei Marx u. Auerbach wäre es vielleicht auch dazu gekommen, doch wich in beiden Fällen der christliche Verband mutig zurück. Diesmal hielt er eine Woche stand; vielleicht aus Berechnung, um der infolge seines Umfalles in der Frage des Zweistuhlshstems stark einsetzenden Mitgliederflucht Einhalt zu tun. Unterdessen haben der Gewerbeinspektor Storp und der Rcichstagsabgeordnete S i t t a r t sich bemüht, erneute Verhandlungen zwischen den Parteien anzubahnen. Am Sonnabend kam eine Be- sprechung des christlichen Verbandsvorsitzenden Schiffers mit dem Vorsitzenden des ArbeitgeberverbandeS D e l i u s zustande. Darüber wird von beteiligter Seite gemeldet: Herr DelinS erklärte, der Arbeitgeberverband sei bereit, den Aussperrungsbeschlutz aufzuheben, sowie eine Sitzung des Schiedsgerichts, welche baldmöglichst in den nächsten Tagen stattfinden und eine Regelung bezw. Aufbesserung der Löhne für Knupp- und Rübstielartikel vornehmen solle, zu beantragen, falls die streikenden Weber am Osterdienstag die Arbeit wieder auf- genommen hätten. Der christliche Verband nahm den Vorfchlag an unter der Bedingung, datz die Firma Meyer nach Wiederausnahme der Arbeit am Dienstag mit dem Arbeiterausschutz sofort in neue Unterhandlungen über den Tarif eintrete. Der Vorsitzende des ArbeitgeberverbandeS erklärte sich namens seiner Organisation damit einverstanden. Darauf hat der christliche Verband seinen Mitgliedern die Wiederaufnahme der Arbeit empfohlen._ Die Differenzen auf dem Eisenhüttenwerk zu T h a l e sind zur Zufriedenheit der Arbeiter beigelegt. Das gesamte Personal der Zcllstofffabrit Waldhof bei Mann- heim ist in den Ausstand getreten. I» der Zahnrndcrfabrik von Geiger zu D ü sis e l d o r f sind die Former und Gießer wegen Lohndifferenzen in den Ausstand getreten. Zluslanck. Die französischen Buchdrucker sind in eine Bewegung zur Erringung des Neun stundentages eingetreten. Die Unternehmer haben sich bereit erklärt, diese Verminderung der Arbeitszeit anzunehmen, aber es bestehen noch Differenzen über den Lohn und den Tarif für die Nachtarbeit. Die Pariser Gewerkschaft hat eine Urabstimmung vorgenommen, die 1709 Stimmen für, 1190 gegen den Streik ergab. Im ganzen hat die Gewerkschaftskammer 4046 Mitglieder. Nach den Mitteilungen bürgerlicher Depeschenbureaus haben sich unter dem Drucke der Ausstandsbewegung soviel Arbeitgeber zur Bewilligung der Forderungen bereit erklärt, datz die Zahl der Streikenden nur noch 2500 beträgt. Inzwischen hat aber die Bewegung weitere Kreise gezogen. Wolfis Depeschenbureau meldet, datz 3S00 Maschinenarbeiter in den Druckereien den Ausstand begonnen hätten. Ob es sich dabei um Drucker oder Hülfspersonal oder um beides handelt, die sich der Bewegung anschlössen, bleibt unklar. Außer den Pariser Buchdruckern sind auch die von Lille, Cambrai und ValencienneS in die Bewegung eingetreten. Große Erdbeben-Kataftrophe in San Franeiseo. Der crdgestaltcnden Gewalten sind in eine Periode wilder, zen störender Betätigung eingetreten. Kaum ist am Besuv Stillstand ein getreten, da kommt die Meldung von einem furchtbaren Erdbeben ans Kalifornien. Die Metropole der Pazific-Küste der Union, das 400 000 Einwohner zählende Sa» Francisco ist durch mehrere Erdbcbenstöße furchtbar verwüstet worden. Die bislang vorliegenden Meldungen geben freilich über die Ausdehnung der Katastrophe nur un vollständige Angaben, doch sprechen sie schon von Hunderten von Toten. - Die Meldungen lauten: Chicago, 18. April.(Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die Telegraphengesellschaften sind ohne jede Verbindung mit San Francisco und Sacramento. Wie die Western Union Telegraph Company mitteilt, ist durch ein heftiges Erdbeben in den westlichen Staaten beträchtlicher Schaden angerichtet worden. Dasselbe soll auch in San Francisco und Sacramento der Fall sein. New Jork, 18. April. Das Erdbeben, welches San Francisco heute vormittag heimsuchte, wurde auch im ganzen Staate Nevada verspürt. Wie der New Jork Postal and Telegraph Company kurz vor 11 Uhr telegraphisch gemeldet wurde, hat das Erdbeben in San Francisco fünf bis acht Stratzengevierte im Ge schäftsdistrikt zerstört und im Bankdistrikt ebenfalls großen Schaden angerichtet. New Dork, 18. April. Der Geschäftsteil der Stadt San Francisco ist zum größten Teil zerstört worden. Zahlreiche Ge bände sind eingestürzt. In dem Bezirke der billigen Mietshäuser sind Hunderte von Menschen getötet worden. Die Geschäfte liegen still. New Dork, 18. April.(„Lok.- Anz."-Meldung.) Heute morgen 6 Uhr 13 Minuten erfolgten drei Erdbebenstötze in San Francisco. Die ersten beiden waren nur leicht, der dritte zerstörte nach den bisherigen Meldungen die Stadt. Wer überlebte, floh mit Ans nähme von sehr wenigen Personen, die dort blieben, um die Ver letzten aus den Trümmern und den überall entstehenden Feners brnnsten zu retten. Es fehlt an Wasser. Der Telegraph ist unter- brachen. Der letzte meldende Telegraphist drahtet aus dem ein- stürzenden Gebäude, datz er sein Leben retten müsse. Immerhin mögen diese ersten Meldungen wohl von Panik beeinflußt sein. New Jork, 13. April. Das heute morgen in Kalifornien statt- gefundene Erdbeben hat in San Francisco die meisten öffentlichen Gebäude, darunter das Rathaus, zerstört. Die elektrischen und Gas- leitungen sind abgeschnitten, so daß die ganze Stadt in Dunkel ge- hüllt ist. An allen Ecken der Stadt sind FenerSvrünste ansgevroche», die grotzen Schaden anrichten. ES ist unmöglich, die Zahl der Opfer auch nur annähernd festzustellen: sie beläuft (ich aber auf Tanscndc. Die meisten kleinen Gebäude der ärmeren Stadtteile liegen in Trümmern, während die modernen Paläste der reicheren Stadtteile der Katastrophe besseren Widerstand entgegensetzen konnten; sie weisen aber viele Risse auf. Das Erdbeben dauerte volle drei Minuten an und verursachte unter der Bevölkerung eine unbeschreibliche Panik. Die Bewohner buchteten auf die Straßen, wo viele von einstürzenden Gebäuden getötet wurden. Aus den Trümmern hört F>an laute Hülferufe; doch ist es teilweise nicht mög- lich, den Verunglückten Hülfe zu bringen. Die Rettungsarbeiten werden von der gesamten Bevölkerung ausgeführt. Ans den benachbarten Ortschaften eilen Aerzte und Helfer zur Hülfe; auch die Feuerwehren der verschiedenen Ortschaften sind herbeigeeilt und bemühen sich, des Feuers Herr zu werden, das ganze Stadtviertel einzuäschern droht. Infolge der Telephon- und Telegraphenstörungcn laufen die Nachrichten nur spärlich ein. Sacramento liegt ebenfalls teilweise in Trümmern. Ob auch andere Ortschaften von der Katastrophe betroffen worden sind, läßt sich infolge der Leitungsstörungen noch nicht feststellen. New Jork, 18. April, 11 Uhr vormittag.(W. T. B.) AuS Satt Francisco werden große Verluste an Menschenleben gemeldet. Alle Telegraphenleitungen, mit Ausnahme von einer, sind zerstört. Durch das Erdbeben wurden die Rohre der Wasser- und Gasleitungen zer- brachen. Das Feuer nimmt seinen Weg die Market Street entlang. Das Rathaus, welches sieben Millionen Dollar gekostet hat, liegt in Trümmern. Die Furcht und die Erregung, die in San Francisco herrschen, sind unbeschreiblich. Aus vielen Häusern stürzten die Be, wohner in leichter Nachtkleidung auf die Straßen. Viele Gebäude gerieten plötzlich ins Wanken und stürzten mit Krachen ein, die Bewohner unter den Trümmern begrabend. In den Hotels im Innern der Stadt entstand fürchterliche Aufregung Am meisten sind die Gebäude südlich von Market Street beschädigt, wo zumeist in Fachwcrkbau errichtete Mietshäuser stehen. An vielen Stellen brachen Brände aus. Die Lage wird dadurch verschlimmert, daß alle Beleuchtungsanlagen, Gas wie Elektrizität, vernichtet sind. Da es an Wasser fehlt, wurden Häuser in die Luft gesprengt, um de» Flammen Einhalt zu tun. Ganze Straßenzüge sind durch die Trümmerhaufen versperrt. New Aork, 18. April, 12 Uhr mittags.(23. T. 23.) Ein Telegramm aus Sacramento meldet, daß eine drei Meilen lange Strecke der Eisenbahn zwischen der Stadt Snisu» und Bcnicia versunken ist. Durch das Erdbeben sind acht Häuserblocks des Fabrikviertels, welches den nordöstliche» Teil Sa» Franciscos bildet, zerstört worden. Geringerer Schaden ist in allen übrigen Teilen der Stadt angerichtet worden. Die Häuser der Zeitungen„Call" und„Examiner" sind zerstört. Hunderte von Todesfällen werden ans den weniger gut gebauten Teile» der Stadt gemeldet. Die neueren Nachrichten lasse» die Sterwüstung noch größer erscheinen, als bisher angegeben wurde. New York, 18. April. 1 Uhr mittags.(W. T. B.) Nach de» letzten Nachrichten aus Sa» Francisco nimmt die dort durch das Erd» beben verursachte Feuersbrunst eine» Umfang an, daß man befürchtet, das gesamte Geschäftsviertel werde ihr zum Opfer fallen. Stockton(Kalifornien).(W. T. B.) Auch hier hat heute ein Erdbeben stattgefunden. Die Bahnbrücke über den San Joaquin- Fluß hat sich gesenkt. San Francisco, 18. April.(W. T. B.) Kurz nach 8 Uhr vor- mittag ereignete sich ein zweites Erdbeben, welches die Panik erhöhte. Die Einwohner flüchteten auf die Straßen. Das Erdbeben war jedoch nur von kurzer Dauer. New York, 18. April. 2zh Uhr nachmitags.(W. T. B.) Der ganze vom Meer auS sichtbare Teil von San Francisco steht in> Flammen. Das Feuer greift rasch um sich, und wenn kein West- wind einsetzt, droht die Gefahr, daß die ganze Stadt niederbrennt. Ein fünfstöckiges Hotel stürzte ein, dabei wurden siebenzig Personen unter den Trümmern begraben und diese gingen dann in Flammen auf. In gleicher Weise fiel ein großes Wohnhaus, wobei etwa achtzig Personen ums Leben kamen. Das Palacc Hotel steht in Flammen. Im Süden der Market Street flog ein großer Gasbehälter auf, wodurch eine neue große Feuersbrunst veranlaßt wurde. Die Banken sind ge» schloffen. In den Straßen patrouillieren Truppen, die Befehl haben, jeden, der beim Diebstahl betroffen wird, niederzuschießen. New Aork, 18. April, nachmittags.(23. T. B.) Nach den letzten Nachrichten aus San Francisco sind bereits vierhundert Tote nach einer in der Eile errichteten Leichenhalle gebracht worden, und treffen fortgesetzt neue Leichentransporte ein. Das ganze Stadt- viertel, das durch die Market Street und Folsom Street, sowie die dritte und neunte Straße begrenzt wird, ist ein Flammenmeer. Letzte Nachrichten und DepeFchen. Ein Tag Gefängnis. Münster, 13. April.(W. T. B.) Der Didisionspfarrer Bachstein« Minden wurde heute vom hiesigen Oberkriegsgericht, an welches das Reichs-Militärgericht am 3. März die Angelegenheit zurückverwiesen hatte, wegen seiner bekannten Osnabrücker Rede zu einem Tage Ge- fängnis verurteilt. Es wird nichts helfen! Paris, 13. April.(W..T. B.). Dem Blatte„Croix" ge ist die Vollversammlung der französischen Bischöfe zur Beschlußfassung über die gegenüber dem Trennungsgesetz einzunehmende Haltung auf den 30. Mai einberufen worden. Die Versammlung werde wahrscheinlich nur zwei Tage dauern. Die Beschlüsse der Bischofs- Versammlung werden dem Papste unterbreitet werden, von welchem die rndgüktigc Entscheidung abhängt. Untersuchungen in Courrieres. Lens, 18. April.(W. T. B.) Vertreter der Gerichtsbehörden fuhren heute in Schacht zwei der Kohlengrube von Courrieres ein, um den Zustand des Absperrdammes des Cäcilicnganges auf der 326 Meter-Sohle festzustellen, wohin man bisher nicht hat gelangen können. Der Staatsanwalt, dem Ingenieure als Führer dienten, stellte fest, daß der Brand im Josephinengange nahezu erloschen sei, die Gerichtsbcamten gelangten dann, stets von Ingenieuren geführt. nach deni Cäciliengang auf 326 Meter. Man stellte dort fest, daß der ausgeführte 2lbsperrdamm nicht die geringste Veränderung auf. wies und nicht einmal warm war, daß daher, wie es scheine, der Brand von vornherein mit dem Grubenunglück nichts zu tun hatte, da das Feuer im Cäciliengange in seinen Absperrdämmen ein- geschlossen war. Der französische Bergarbeiterstreik. Paris, 18. April.(W. T. B.) Aus Dcnain wird gemeldet, datz dort heute mittag zwischen'Ausständigen und arbeitswilligen Berg- leutcn blutige Raufereien stattgefunden haben. Die Gendarmerie und die Truppen seien nicht imstande gewesen, die arbeitswilligen Bergleute und Ingenieure zu schützen, auch mehrere der letzteren sind arg mißhandelt worden. 12 666 Arbeiter sind, wie es heißt in den Baulichkeiten der Bergwerksgcsellschaften eingeschlossen, welche von den Slusständigen regelrecht belagert werden. Mehrere Ingenieure sind nach Paris abgereist, um vom Minister Clemcncean Hülfe zu verlangen. Wie verlautet, beabsichtigt der Arbeitsminister Berteaux infolge der neuesten Meldungen, nach denen die Lage im Kchlenstreikgebiet im Departement Nord und Pas de Calais immer bedenklicher wird, noch heute nach Lens abzureisen. Lens, 18. April.(W. T. B.) Während eines Auflaufs versuchte der Deputierte Basly an die AuSstächdigen eine Ansprache zu halten; er wurde jedoch mit Steinwürfcn angegriffen und mußte sich zurück- ziehen. Die Ausständigen plünderten die zu dem Hause des Gruben- direktors Reumaux gehörige Stallung und bemächtigten sich der Bahnlinie der Grubengesellschaft sowie der Wachthäuser auf der Eisenbahnbrückc. Auf die Gendarmen wurde mit Steinen geworfen. Auf die Meldung, datz eine starke Bande gegen die Werkstätten der Gesellschaft marschiere, verlangten diese Verstärkungen. Blutiger Zusammenstoß. Rom, 18. April.(W. T. B.) In Calimera(Provinz Lecce) kam eZ infolge eines Ausstandes zu Ruhestörungen. Die Streikenben warfen eine Bombe gegen das Gemeindehaus. Mehrere Polizei. benmte und der Sohn des Bürgermeisters wurden verwundet. Als Karabinieri mehrere Verhaftete nach dem Gefängnis bringen wollte», versuchte die Menge die Verhafteten zu befreien und warf mit Steinen. Die Karabinieri schaffen, mehrer« Personen wvrdey tzezz, wundct. � Vercmtw. Redakteur: Hans""eber, Berlin. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck U.Verlag: VorwärtsBuchdr.u.Verlagsanstaltzßaul Singer LcCp.,BerlwLW. Hierzu 3 Beilagen u. ynttthltllMtZsikiilt Nr. 90. 23. Jahrgang. 1. Zrillige des„flotmiits" Krlim WIKsM»•"•%»»« Zwickau. 17. April. Im festlich geschmückten Saale des Zwickauer Arbeiterlokals Beide de re traten heute die Vertreter des sächsischen Proletariats auf zwei Tage zusammen. Der Vertrauensmann des Zwickauer Kreises, Genosse Müller,) eröffnete die Konferenz mit einer Begrüßungsrede. Nach Erledigung der geschäftlichen Formalitäten, berichtete _ Genosse Sindermann als Vorsitzender des Zentral- Agitationslomitees über die Parteitätigkeit im vergangenen Ge- schästsjahre. Auch in diesem Jahre— so führte er aus- könne er über einen erfreulichen Mitgliederzuwachs der Partei berichten, etwa 8000 neue Mitglieder seien gewonnen. In der Zeit von 1901 bis 1905 ist die Mitgliedcrzahl von 25 000 auf 54 000 gestiegen. Den gleichen Auffchwung wie die Organisation habe auch die Presse genommen; auch sie hat im verflossenen Jahre weit über 8000 neue Abonnenten_ gewonnen. In Anbetracht der kommenden scharfen Kämpfe müsse die Organisation noch immer mehr ausgebaut werden. Die Gegner hätten sich schon ausgerechnet, welche Wahlkreise sie uns abnehmen wollten. In Aktion solle dabei besonders der Reichs- verband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie treten. Wenn jetzt von den Jungliberalen Hofsnungen auf den kommenden Ministerpräsidenten, den Grafen H o h e n t h a l, gesetzt würden, daß mit ihm eine freiheitlichere Entwickclung in Sachsen anbrechen würde, durch die sie uns dann besser bekämpfen könnten, so stünden wir diesen Hoffnungen sehr kühl gegenüber. Der Redner geißelte die Dresdner Schreckensurteile gegen die Wahlrechts- demonstranten und das ungeheuerliche Urteil gegen den Genossen Hcinig von der„Leipziger Volkszeitung" und besprach darauf die Anträge. Zu dem Antrag auf Schaffung von Jugendorganisationen beincrkte der Redner, daß dieser das sächsische„Juwel" sehr hinderlich sei. Außer- dem würde sich auch der nächste Parteitag ausführlich damit zu be- schäftigen haben. Einen Parteisekretär für Sachsen anzustellen, sei von den Komitees einstimmig abgelehnt worden.(Lebhafter Beifall.) Genosse Braune, der Kassierer des Zentral-AgitationSkomitecS, teilte mit, daß die Einnahmen im verflossenen Jahre bedeutend gc- stiegen seien, sie betrugen über 16 000 M. 80 000 Stück Agitationskalender seien an unbemittelte Kreise gratis abgegeben worden. Die„Kommunale Praxis" sei in über 1200 Exemplaren für die Gemeindevertreter gehalten worden. Mit dem Handbuch„Sächsische Politik" sei auch ein kleiner Ueberschuß erzielt worden. So zeige auch sein Bericht einen Fortschritt auf dem ganzen Gebiete. Zahlen- gemäß wies er dann nach. wie die besser sitmerten Kreise für die schwächeren mit Geldmitteln und Agitationsmaterial gesorgt hätten. Nach der Begründung der Anträge setzte in der Nachmittags- sitzung eine äußerst lebhafte Diskussion ein. Zu Beginn derselben berichtete die Mandatsprüfungskommission, daß samtliche 23 Kreise vertreten seien, und zwar durch 58 Delegierte. Außerdem sind 16 Agitationskomiteemitglieder antvesend sowie Genosse G e r i s ch für den Parteivorstand und 12 Reichstag?- abgeordnete. Für die„Kommunale Praxis" ist Genosse Dr. S ü d e k u m erschienen. Neben verschiedenen Wünschen nach besserer Agitation, Aus- gestaltung der Presse— das letztere besonders für den Plauener Kreis, wo man ein eigenes Blatt wünscht— rief der Antrag auf die Schaffung einer Jugendorganisation durch daS Eingreifen des Genossen Edmund Fischer eine fast hitzig geführte Debatte hervor. Dieser meinte, daß die Jugendorganisation mit der Kindcrerziehnng zusammenfalle und daß gar keine Rede davon sein könnte, daß man die Kinder im sozialistischen Geiste, in der sozialistischen Weltanschauung er- ziehen dürfe. Alle Pädagogen seien darüber einig, daß jede politische Tendenz bei der Erziehung ferngchallen werden müsse. In diesem Sinne hätten sie sich auch in unserer Presse.„Gleichheit" und„Hamburger Echo" vcr- nehmen lassen. Ihm dienten die Genossen G o l d st e i n, Geyer, Slndermann und andere, indem sie seine Anschauung zeichneten mit der Bemerkung, daß von der heutigen Gesellschaft die Kinder hurrapatriotisch versimpelt und bis in spätere Jahre hinein bevor- mundet würden, obwohl sie oft längst im wirtschaftlichen Leben ständen. Der Antrag wurde schließlich dem Zentralkomitee zur Be- rücksichtigung überwiesen. Der Antrag auf Anstellung eines Partei- fekretärs für Sachsen wurde abgelehnt. Im übrigen wurde das Landesorganisationsstatut in der von den Komitees Vorgeschlageue» Faffung angenommen. Die Konferenz entlastete dann noch einstimmig das Zentralkomitee. Ueber die Tätigkeit des Landtages berichtete Ge- nosse Goldstein in eine, n längeren Referate. Erzeigte, daß in dieser Körperschaft nichts anderes als agrarische Jnteresienpolitik und arbciter feindliche Politik getrieben werde. Beherrscht worden feien die Vcrhand lungen von Anfang bis Ende von der Wahlrechtsbcwegung. Jeder höhere Geistesflug fehle, was den agrarischen Interessen nicht direkt diene, werde einfach niedergestimmt. Sei aber die Ziocite Kammer ja nicht agrarisch genug, so werde sie von der Ersten zurechtgewiesen und ihre Beschlüsse einfach umgestoßen. Die Mittelständler trieben die gleiche blödsinnig rückständige Politik ivie die übrigen Parteien. Eine eigentlich antisemitische Richtung verträten die Mittelständler gar nicht mehr, entweder seien sie konservativ oder Richterisch-„freisinnig". Auf die Liberalen sei überhaupt in keiner Beziehung zu rechnen. Daß es unter dem neuen Ministerinin anders werden würde, daran sei nicht zu denken. So sei für uns die Richtung klar vorgezeichnet: Kampf der ganzen Gesellschaft!(Lebhafter Beifall.) (Schluß der ersten Tagessitzung.) Zwickau, 13. April. Zweiter Verhandlungstag. (Eigener Tclephonbericht.) In der Debatte über daS Referat Goldstein gab Geyer zu. daß Goldstern als einziger Vertreter unserer Partei in, Landtage eine schwere Stellung habe. Das Defizit deS Etats sei nur rechnerisch verschwunden�, in'Wirklichkeit aber als Kulturdefizit vorhanden. Die Resolution z* oiesem Punkte wurde einstimmig angenommen. Darin wird dem Genossen Goldstein daS Vertrauen ausgesprochen und gesagt, daß der Landtag nur eine einseitige Klassenvr.rctung der Herrschenden sei. Genosse Geyer referierte über die Wahlrechtsbewegung. Er schilderte die politische EntWickelung Sachsens sowie die neuere WahlrechtSbeweguug der Arbeiterklasse, die das Ministerium Mctzsch hinweggefegt hat. Der Kampf müsse fortgeführt werden, bis die Dreiklassenherrschaft gestürzt sei. Die jelveilige Aktion sei nach den Situationen zu bestinimen. Die Debatte darüber drehte sich in der Hauptsache um die S t r a ß e n d e m o n st r a t i o n e n und darum, ob der politische Massenstreik zur Erringung des all- gemeinen Wahlrechts für Sachsen in Frage komme. Befürwortung fand das letztere nicht. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt. Genosse S ch u l z e- Eossebaude referierte endlich über die Taktik bei den Gemein deVertreter wählen. Erbe- sprach u. a. die Uebersührung der„Kommunalen Praxis" in den Verlag deS Parteivorstandes. Das Blatt habe für die Ge- meindevcrtreter großen Wert. Eine lebhafte Diskussion folgte. Eine im Sinne des Referats gehaltene Resolution wurde eiustimmig angenommen. Nach Erledigung einer Reihe von Anträgen bestimmte die Landeskonferenz als Sitz des ZentralagitationskomiteeS wiederum> Dresden. Die nächstjährige Landeskonferenz findet in Dresden statt. Nach einem Schlußwort des Vorsitzenden wurde die Konferenz mit einem Hoch auf die revolutionäre internationale Sozialdemo- kratie geschloffen. Schlveizenslher GkwerKschastsKlmgreß. Basel, 15. April.(Eig. 93«.) In Anwesenheit einer großen Zahl von Delegierten wurde gestern abend in dem hübsch dekorierten großen Saale der„Burg- vogteihalle" der Gewerkschaftskongreß eröffnet. Seine Hauptauf- gäbe war die Stellungnahme zur„direkten A k t i o n". In der lebhaften Debatte hierüber traten nur ein Basier Anarchist und der Sekretär des Malerverbandes, Genosse Strude, dafür ein; alle anderen Redner, darunter auch Gw e u I i ch, bekämpften sie. Das Ergebnis war die Annahme der folgenden von den Berner Ge- werkschaften beantragten Resolution: „Die Delegierten am Gewerkschaftskongreß sind der lieber- zeugung, daß nicht durch die„direkte Aktion", fondern nur durch beständige und praktische Organisationsarbeit eine Verkürzung der Arbeitszeit erreicht werden kann. Sie empfehlen daher den Gewerkschaften, an ihrer bisherigen Taktik festzuhalten, im Be- wußtsein, daß dies der einzige richtige Weg ist, welcher zu- nächst zum Achtstundentag und schließlich zur wirklichen Volks- freihcit führt. Heute die„direkte Aktion" ernsthaft zu propa- gieren, hieße nichts Anderes als was durch jahrzehntelange, müh- selige und opfervolle Arbeit aufgebaut wurde, in einem einzigen Augenblick mutwillig aufs Spiel zu setzen. Unsere Arbeiter- organisationen müssen ihre ganze Tätigkeit darauf richten, die Arbeiter durch eine planmäßige und unermüdliche Agitation zu sammeln und zu einigen. Unter den bestehenden Verhältnissen würde durch die„direkte Aktion" nicht der Arbeiterorganisation, wohl aber deren Gegnern ein Dienst erwiesen. Wer es aber mit der Arbeitersache ernst meint, kann dies nicht wollen. Der Ge- wcrkschaftskongreß lehnt es daher ab, sich mit der„direkten Aktion" näher zu befassen und geht damit zur Tagesordnung über." Heute wurden die Verhandlungen mit der SÖehandlung der Berichte des Bundeskomitees eröffnet. Die Sekretärin Ge- nossin Haas- Bern berichtete mündlich über ihre Tätigkeit, da sie es verpaßt hatte, ihren Bericht im offiziellen Berichte des Gewcrk- schaftsbundes zu veröffentlichen. Aus ihrer Berichterstattung ergibt sich, daß die Gewerkschaftssckretärin sich sehr viele Mühe mit der Agitation und Organisation unter den Arbeiterinnen gegeben und damit auch viele Erfolge erzielt hat. Sie hielt 147 Vorträge in allen Teilen des Landes und wirkte dadurch auch zur Förderung der allgemeinen Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung. Ihr Bericht wurde mit Beifall und Anerkennung aufgenommen. In der an- schließenden Debatte richtete sich die Kritik gegen die Mängel in der Berichterstattung, namentlich gegen das Fehlen der Gewerk- schaftsstatistik für 1905. In dem Berichte des Kassierers war die Mitteilung unerfreulich, daß der frühere Kassierer sich Unrcgel- Mäßigkeiten zu schulden kommen ließ. Er verpflichtete sich jedoch. den Schaden wieder gut zu machen. lieber die Reorganisation des Gewerkschafts- bundes durch entsprechende Revision der Statuten referierte. Ge- nosse Greulich. Beschlossen wurde zunächst die völlige Aus- schcidung des Strcikwesens auS dem Aufgabenkreis des GeWerk- schaftsbundes. Lebhafte Debatte veranlaßte die Frage der zu- künftigen Gestaltung der Agitation und der Prcßverhältnissc. Da- bei wurde wiederholt auf die Generalkommission vcr Gewerkschaften Deutschlands als vorbildlich hingewiesen, ebenso auf daS von ihr herausgegebene„Correspondenzblatt". Bei Eröffnung der NachmittagSsitzung teilte der Präsident mit, daß 23 Verbände mit 38 068 Mitgliedern durch 411 Delegierte vcr- treten sind, ferner die meisten Arbciterunionen, die schweizerische sozialdemokratische Parjci, der Grütlivercin, der schweizerische Ar- bcitcrbund und die Redaktionen der sozialdemokratischen Partei- blättcr. In seinem Resümee wandte sich Greulich entschieden gegen die Meinung, den GcwcrkschaftSbund aufzulösen. Verjüngt soll er werden, nicht aufgelöst. Der'Antrag auf Auflösung, den die Holzarbeiter gestellt hatten, wurde denn auch mit 196 gegen 65 Stimmen abgelehnt und andeterserts mit 206 Stimmen folgende Resolution angenommen: „Die Aufgaben der Gewerkschaftskommission sind: 1. Auf- klärung der verschiedenen BcrufSverbände über die Punkte, in welchen ihre Kampfinteressen sich berühren; 2. die Verbindung und Verständigung zwischen den Berufsverbändcn herzustellen in den Punkten, in welchen gemeinsames Handeln von Vorteil ist; dahin gehört namentlich die einheitliche Regelung allgemeiner Be- wcgungen; 3. die Agitation unter denjenigen Berufsverbändcn zu leiten und zu treiben, welche aus eigener Verbandskraft nicht genügende oder nicht geeignete Agitation betreiben können und 4. die Förderung der Entwickclung derartiger Verbände zu all- gemeinen starken Jnduftrieverbänden, um sie auf diesem Wege zu befähigen, ihre speziellen BcrufSaktionen jclbst zu regeln. Ilm die Erfüllung dieser Aufgaben zu ermöglichen, gibt die Gcwerkschaftskommission eine monatlich zweimal erscheinende gewerkschaftliche und sozialpolitische Revue heraus. daS „Korrcspondenzblatt", in welchem das den ökonomischen Be- sreiungskampf der Arbeiterschaft betreffende Material derart übersichtlich zusammengestellt wird, daß sich hieraus allgemein weglcitende Gesichtspunkte für die Bewegung ergeben." Eine weitere mit 157 gegen 51 Stimmen angenommene Re- solution verpflichtet die Organisationen, mindestens 14 Tage vor Einleitung von Lohnbewegungen und anderen wirtschaftlichen Aktionen hiervon unter genauer Bezeichnung der aufzustellenden Forderungen und genauer Angabe der beteiligten Arbeiter und der Organisierten sowie über die bestehenden ArbcitSverhältniffe dem Bundcskomitce Mitteilungen zu machen. Weiter soll das Bundcskomitce wie bisher bei Lohnkonflikten kleinerer Verbünde vermitteln, auch in bczug auf Berichterstattung der Sektionen an die GewerkschaftSkommission und Pflege der Statistik soll es in der Hauptsache fernerhin wie bisher bleiben. Eine' lange Diskussion verursachte die Höhe der Beitrags- lciftung. Bei schon etwas gelichteten Reihen wurde mit 120 gegen 117 Stimmen ein Betrag von 3 Cts. beschloffen, wobei die weiblichen Mitglieder und die Heimarbeiter nur die Hälfte zahlen sollen. Zur finanziellen Unterstützung außerordentlicher Streiks oder Aussperrungen können durch das Bundeskomitee, aber einzig nur durch dieses, Gcldsammlungen im ganzen Lande veranstaltet werden. Den lokalen Arbciterunionen(Gcwcrkschaftskartcllen) wird unter- sagt, obligatorische Extrasteuern für Streiks einzuziehen, wenn ein Streik nicht länger als 3 Wochen dauert. Am Montagmorgcn wurde Wiedcrcrwägung des Beschlusses be- treffend den 3 Rappen-Beitrag mit 71 gegen 65 Stimmen be- schloffen und im Anschluß daran der weitere Beschluß gefaßt, die Frage, ob 3 oder 4 Rappen, der Urabstimmung zu unterbreiten. lieber die Zusammensetzung der künftigen Kongresse wurde festgesetzt daß auf je 300 Mitglieder oder auf einen Bruchteil von 150 Mitgliedern ein Delegierter entsandt werden soll. Schließlich kam man noch auf den Artikel 2 zurück und beschloß. daß nur auf dem Boden des Klassenkampfes stehende gewcrkfchaft- liche und berufliche Arbeiterorganisationen der Schweiz dem Gc- Werkschaftsbunde angehören können. Um die ordentliche Liquidation der Streikkasse zu ermöglichen, wurde, da sie noch eine Schuld zu tilgen hat, die Erhebung eines Extrabeitrages von 50 Rappen pro Mitglied beschlossen. Als Vorort wurde mit 84 gegen 42 Stimmen, die auf Zürich fielen, Bern wieder bestätigt, als Vorort der Beschwerdekommission Winterthur. Auf die Behandlung des Punktes„Bauarbeiterschutz" wurde verzichtet und der Referent L a t t m a n n ersucht, sein Referat in der Arbeiterpreffe zu veröffentlichen. Nach Erledigung einiger weiterer Geschäfte wurde vom Präst» Kenten mit einer wirksamen Ansprache der Kongreß geschloffen. 6. Uerbandstllg der Sattler in Dresden. Dresden, 17. April. Zum 2. Punkt der Tagesordnung: Streiks, Lohn- und Tarifbewegungen, referierte Verbandssekretär Blum- Berlin in Vertretung des erkrankten ersten Vorsitzenden S a s s e n- dach. Er hält dafür, daß bei dieser Gelegenheit zugleich insoweit statutarische Aenderungen besprochen werden, als dies durch die vor- liegende Materie bedingt wird. Redner weist auf die Intensität der gegenwärtigen Lohnbewegungen hin und erwähnt die Tatsache, daß die Berliner Koffermacher nach sechswöchentlichem Streik sich nennenswerte Vorteile erkämpften. Desgleichen würde es wahr- scheinlich schon diese Woche zu einer größeren Aussperrung BreS- lauer Waggonarbeiter kommen. Auch sonstige Anzeichen lassen da- rauf schließen, daß der KampfeScharakter unserer Lohnbewegungen in Zukunft bedeutend schärfer zum Ausdruck gelangen dürfte, als jemals zuvor. Wir muffen Uns daher fragen, ob es nicht notwendig sein wird, in Aussicht stehende Lohnbewegungen früher als bisher beim Hauptvorstande anzumelden, damit Vorstand und Ausschuß rechtzeitig disponieren können. In Zukunft darf nicht mehr inS Blaue hinein gestreikt werden, sondern der Vorstand mutz die Fäden der Lohnbewegung in der Hand behalten und auf Grund der be- stehenden Konjunktur disponieren können. Oft ist es möglich, bei gehöriger Erstarkung der örtlichen Verwaltung durch Lohn- bewegungen im richtigen Moment ohne Streiks größere Vorteile von längerer Dauer zu erzielen, als dies durch die Schärfe des Streiks möglich geworden wäre. Natürlich gilt auch hier der Satz: Keine Regel ohne Ausnahnrel Besonders möchte er vor der Ueber- stürzung bei der Einleitung von Lohnbewegungen warnen und darauf hinweisen, daß die Vorbereitungen dazu bedeutend vorsichtiger getroffen werden müssen. Man solle nicht Mitglieder werben unter dem bestimmten Versprechens dann und dann wollen wir in eine Lohnbewegung eintreten, lveil man niemals die Geschäftskonjunktur auf längere Zeit voraus sicher berechnen könne, auf der anderen Seite aber zur Einlösung des einmal gegebenen Versprechens ge- drängt und solcherart mitunter in einen aussichtslosen Lohnkampf getrieben werde. Man darf bei der Werbung von Mitgliedern nur sagen, daß der Verband die Verbesserung der Lohn- und Ar- beitsverhältnisse seiner Mitglieder erstrebe. Auch möchte er davor warnen, daß man T a r i f bewegungen allzu sehr schablouisicre. In Anbetracht der so sehr verschiedenartig gelagerten Verhältnisse in den verschiedenen Städten sei dies keineslvegS von Nutzen. Zum Abschluß eines gedeihlichen Tarifvertrages gehöre nicht nur eine fcstgeschlossene Arbeiterschaft, sondern auf der anderen Seite auch eine geschloffene Unternehmerschaft, welche den gedeihlichen Wert eines stabilen Tarifverhältnisscs auch anerkennt und zu würdigen weiß. Fehlt diese letztere Erkenntnis, so bleibt der Wert eines ein- geführten Tarifes fraglich. Mgemeine Vereinbarungen über Lohn- zahlung, Arbeitszeit usw. sind als leichter durchführbar und besser zu kontrollieren weitaus vorzuziehen. Innerhalb dieses Rahmens bleibt dann ein größerer Spielraum für die Bemessung der einzelnen Arbeiten. Ter Hauptvorstand muß in allen Fällen darauf dringen, daß seitens der örtlichen Verwaltungsstellen klare Antwort auf alle gestellten Einzelfragen erteilt wird; das ist kein überflüssiger Bureau- kratiSmuS, sondern wird durch die Verantwortlichkeit der Verbands- leitung diktiert, wenn zu gleicher Zeit größere Lohnben�gungen und Kämpfe in verschiedenen Städten ausbrechen. Ein großer Uebelstand fei es, daß bei jeder Kleinigkeit von einzelnen Vcr- waltungSstcllen verlangt werde: der Zuzug ist fernzuhalten, oder daß sofort die Sperre verhängt lverde. Die erste Seite des Ver- bandsorgancs wimmele manchmal von solchen Notizen, die sich oft nur gewissermaßen als Gratisannoncen für Indifferente zum Nutzen des Unternehmertums darstellen. Man müsse dafür sorgen, daß künftighin nur der Hauptvorstand nach Erwägung aller Einzelheiten berechtigt sei, Sperren zu verhängen oder vor Zuzug zu warnen. Die Streikrcglemcnts aller Verbände sind bedeutend verschärft und auch wir müssen uns dazu entschließen. Dafür hat auf der anderen Seite auch eine namhafte Erhöhung der Streikunterstützung platzzu- greifen, da die bisherigen Sätze angesichts der gewaltigen TeuerungS- Verhältnisse in keiner Weise niehr genügen. Auch eine Erhöhung der Karenzzeit zum Bezüge der Unterstützung ist nötig, denn wir müssen verlangen, daß die Kollegen sich bei Zeiten organisieren. (Beifall.) Vor der heute Vormittag einsetzenden Generaldebatte gab der Vorsitzende noch bekannt, daß anstelle S i lb e r s ch m i d t S von der Generalkommission K n o l l- Berlin delegiert und erschienen sei. Die Debatte selbst war eine rege und äußerst instruktive. Die Er- fahrungen der Vergangenheit wurden rückhaltlos besprochen und daraus Schlüsse für die Zukunft gezogen. In der Hauptsache drehte sich die Diskussion um die Erörterung, ob und in welchem Maße die unorganisierten Kollegen bei Angriffsstrciks heranzuziehen sind!' bczw. ob der Prozentsatz der Organffierten bei Beschluß eines solchen von vornherein festgelegt werden soll oder nicht. Schu lze-Berlin erklärt unter anderem, daß in Berlin Be- deutcndes i» bezug auf Lohnbewegungen ohne Aroeitscinstellungcn geleistet wurde und daß dafür gesorgt werden müsse, auch die anderen Verwaltungsstellen zu gleichem Vorgehen zu ermuntern. Unorgani- sierten Kollegen mutz es rechtzeitig klar gemacht werden, daß sie keinerlei Anspruch auf Streikunterstützung hätten, damit sie sich danach richten und rechtzeitig dem Verbände beitreten könnten. Die Forderung dagegen, daß bei Angriffsstrciks mindestens zwei Drittel der Beteiligten organisiert sein müßten, halte er für praktisch un- durchführbar und er freien Bewegung hinderlich. Die Verhältnisse allein müßten dabei auskchlaggebcnd sein. W e i n s ch i l d- Offenbach verbreitet sich als Vertreter des Portefeuille rvcrbandcs über die Gcgenseitigkeitsverhältnisse der beiden Organisationen, deren weiterer Ausbau namentlich in Äreik- und Ausspcrrungsfällen dringend notwendig erscheint. Die Vcr- Handlungen über Einzelfälle dürften nur von Hauptvorstaud zu Hauptvorstand erfolgen und nicht wie bisher durch die Zahlstellen- Verwaltungen, was zu zahlreichen Unzukömmlichkeiten geführt habe. DaS Gegenscitigkcitsverhältnis müsse ein innigeres Iverden, das sei eine Vorbedingung für spätere Verschmelzung. In der SpezialdiSkussion wird sodann beschlossen, daß die Ge- nehmigung zu Angriffsstreiks in Zukunft nur erteilt tverdcn soll. wenn vier Fünftel aller in Betracht Kommenden sich in geheimer Abstimmung für eine Arbeitseinstellung erflären. Die Abstimmung darüber war eine namentliche und wurde mit Vierfünftclniajorität gefaßt. Derselbe Abstimmyngsmodus gilt übrigens auch für die Kündigung bestehender Tarifverträge. Die Prozentfcstsetzung dlV Organisierten bei Inszenierung von Angriffsstreiks fällt somit fort. Weiter beschloß die Generalversammlung, die Unterstützungssätze bei Streiks und Aussperrungen wie folgt zu regeln bezw. zu erhöhen: bei mindestens halbjähriger Mitgliedschaft(26 Wochen) für männ- liche verheiratete Mitglieder wöchentlich 15 M., für ledige 13 M., für tveibliche 8 M.; bei mehr als 13 und weniger als 26 Wochen- beitragen betragen die entsprechenden Sätze 12, 10 und 7 M. Familienväter erhalten für jedes Kind 1 M. pro Woche bis zu 5 M. Weibliche Mitglieder mit Kindern ohne Ernährer erhalten 10 M. pro Woche und gleichfalls bis zu 5 für jedes Kind 1 M. Bei einer Mitgliedsdauer von weniger als 13 Wochen werden für männliche Mitglieder 9 und für weibliche 6 M. wöchentliche Streikunterstützung gezahlt. Unorganisierte erhalten selbstredend keinerlei Unterstützung. '* Nach längerer Debatte wird auf Antrag Berlin die Bestimmung gestrichen, daß die Verwaltungsstellen keine Sammellisten heraus geben dürfen. Das Hauptinteresse der Diskussion nahm ein Leipziger Antrag in Anspruch, der wünscht, dah bei Streiks und Aussperrungen poli- tischer Natur, sowie durch die Maifeier entstehende Konflikte die Unterstützungssätze für Matzregelungen in Kraft treten sollen. Hier- an beteiligte sich ein grotzer Teil der Delegierten für und Wider, desgleichen auch der Vertreter der Generalkommission. Es wird von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen, datz bei Inszenierung von Massenstreiks politischer Art rein ideelle Interessen in Frage kommen und schon infolge der allgemeinen Beteiligung die Mittel des Verbandes sofort aufgebraucht würden. Das fet aber auch schon um deswillen nicht nötig, weil ein politischer Massenstreik femer ganzen Natur nach nur von kurzer Dauer sein könne. In der Ab- stimmung wird denn auch eine Unterstützung in Fällen politischen Massenstreiks abgelehnt, dagegen eine solche im Falle von Matz- regelung gelegentlich der Maifeier mit grotzer Majorität an- genommen. Damit ist auch der zweite Punkt der Tagesordnung erledigt and der Punkt„Agitation und Gauleitung" wird verhandelt, aber bis zum Schluß der NachmittagSsitzung nicht zu Ende geführt. Wir werden daher auch hier das einleitende Referat Blums zusammen mit der Quintessenz der Debatte bringen. Die Tendenz der Generalversammlung geht jedoch unverkennbar auf den weiteren Ausbau der Institution der Gauleiter hinaus. Eue der Partei. DaS„Bolksblntt für Bochum" gibt sonderbare Randglossen zu unseren Notizen über die Verhaftung der Genossin Luxemburg. Es behauptet, sich nicht mehr zurechtfinden zu können, da der„Vorwärts" sich widersprochen, einen Wechsel in der Beurteilung des Falles vorgenommen habe. Wir müssen die Verantwortung für die Verwirrung des„Volksblatt für Bochum" ablehnen. Seine Redaktion hat aus den Notizen des„Vorwärts" zunächst etwas herausgelesen, was nie darin gc- standen hat. Der„Vorwärts" hat nie behauptet, datz Genossin Luxemburg sich in Rußland überhaupt von politischer Tätigkeit ferngehalten habe. Solches hat die Ordnungspresse in wohlbewußter Absicht verbreitet. Es ist sonderbar und für ein Parteiblatt gerade nicht sehr schmeichelhaft, daß es die zur Verunglimpfung der Genossin Luxemburg fabrizierten Meldungen oer Ordnungspresse mit den Mit- teilungen des„Vorwärts" verwechselt.... Weiter glaubt das„Volksblatt für Bochum", daß unsere Er- klärung, die Genossin Luxemburg habe in Rußland nichts selbst nach russischen Gesetzen Strafbares begangen, im Widerspruch stehe zu unserer Notiz in Nr. 86, daß die deutschen Freunde der Genossin Luxemburg keine Intervention der deutschen Reichs- regierung fordern würden, so lange nicht gesetzwidrig gegen sie ver- fahren werde. Und diese Notiz soll nach dem„Volksblatt für Bochum" wieder in Widerspruch stehen zu der in Nr. 87, worin wir dagegen protestierten, daß deutsche konservative Blätter die russische Negierung aufforderten, die Genossin Luxemburg völkerrechtswidrig zu behandeln. Das könne kaum in Frage kommen, wenn es sich so verhalte, wie der„Vorwärts" es in Nr. 86 darstellt. Wir meinen, es dürfte nicht so schwer sein, zu verstehen, daß die russischen Justizbehörden im Rahmen ihrer gesetzlichen Befugnisse ein Verfahren gegen die Genossin Luxemburg einleiten können, auch wenn sie nach russischem Recht unschuldig ist, wie dergleichen ja auch in Deutschland nicht selten geschieht. Wir sind überzeugt, daß die Untersuchung iin Sande verlaufen mutz, wenn die russische Justiz im Nahmen des Gesetzes bleibt.(Bis jetzt ist unserer Genossin die An- klage nicht zugestellt, offenbar weil die Staatsanwaltschaft kein Anklagematerial zusammenbringt.) Ob das Verfahren im Rahmen des Gesetzes bleibt, das ist die Frage und deshalb protestierten wir gegen die Aufforderung konservativer Blätter, die Genossin Luxemburg für eine russische Staatsangehörige zu erklären, die den russischen Gerichten dann auch für ihre im Auslande begangenen Handlungeii verantwortlich wäre. Wir protestierten also mit Fug gegen solche Aufforderungen, die Genossin L. Völkerrechts- widrig zu behandeln. Inwiefern das in Widerspruch stehen soll zu unserer Erklärung, daß die deutsche Sozialdemokratie nur dann die Intervention der deutschen Regieruiig fordern werde, wenn die russische Justiz das Gesetz breche, das ist das Geheimnis des „Volksblatts f. B.". Wir sind jedenfalls an seinem mangelnden Verständnis unschuldig und müssen es seineu merkwürdig kühlen Bedenken,„es sei unter diesen Umständeil außerstande, noch ferner ein Urteil darüber abzugeben, ob das Verfahren gegen Genossin Luxemburg zulässig ist und ob das Verhalten der deutschen Behörden in diesem Falle korrekt ist oder nicht", überlassen. Zur Kandidatenfrage im Reichstagswahlkreise Hannover. Die bürgerliche Presse bringt aus Hannover folgende Reporternotiz: Die Sozialdemokraten Hannovers beabsichtigen an Stelle de« verstorbenen Abgeordneten Meister den Genossen Rauch auszilstellen, während es der Parteivorstand in Berlin gern sähe, wenn der Sohn Karl des alten Liebknecht als Kandidat aufgestellt würde. Die Notiz ist freie Erfindung eines Reporters. Die Aufstellling des Kandidaten wird durch die Genossen des 8. hannoverschen Wahlkreises vollzogen. Nach unserer Kenntnis der Sachlage ist die Angelegenheit über unverbindliche Vorbesprechungen nicht hinaus gediehen. Aber zu keiner Zeit, auch nicht nach dem Tode des Genossen Meister, ist es dem Parteivorstand eingefallen, den Genossen Hannovers den einen oder anderen Genossen als Kandidaten zu enipfehlen. Genosse Karl Liebknecht ist Kandidat des osthavelländischen Kreises, den zu erobern sein Stolz ist. Wäre dem nicht so, hätte Genosse Liebknecht bereits Gelegenheit gehabt, Reichstagsabgeordneter zu werden in einem Kreise, der zum sicheren Besitzstand der Partei gehört. Die französischen Genoffen vor den Wahlen. Das Exekutiv« komitee der Seineföderation erläßt einen Aufruf an die Partei- genossen von Paris und den Vororten, in welchem zu energischer Ägitation aufgefordert wird. Es ist das erste Mal, daß die fran- zvsischen Sozialisten als eine einzige Partei in den Wahlkampf ziehen. In jedem Wahlkreis ist nur ein einziger Kandidat auf- gestellt. In der„Humauitö" werden die Kandidaten für das Seine- departement veröffentlicht; es sind ihrer 38 in Paris und 10 in den Vororten, zusammen also 43 Kandidateu in 48 Wahlkreisen. Unter den aufgestellten Kandidaten befinden sich unter andern Groussier, Allcmane, Paul Lafargue, LouiS Dubreuilh, Bracke, Uhry, Sembat, Rounnet, Vaillant und andere. Wie man sieht, sind unter den Kan- didaten viele Vertreter des ehemaligen revolutionären Flügels; im 12. Wahlkreise ist an Stelle des ehemaligen Genossen Millerand der Genosse Paul Lafargue aufgestellt.— Die Agitation wird mit großem Eifer betrieben, die bekanntesten Redner der Partei sind fast ununterbrochen unterwegs, um in der Provinz Versammlungen ab- zuhalten. Der 21, Kongreß der belgischen Arbeiterpartei tagte am 15. und 16. April im Maison du Peuple zu Brüssel. Der Genosse De Brouckere eröffnete denselben mit dem Hinweise auf die Be- deutung des nahenden Wahlkampfes. Vertreten waren 262 Gruppen durch 461 Delegierte. Die Rechenschaftsberichte waren schnell er- ledigt. Nur bei dem Berichte der parlamentarischen Fraktion kam es zu einer etwas lebhafteren Diskussion über die Anwesenheit der Deputierten in der Kammer. Es wurde schließlich eine Resolution angenommen, wonach unter Berufung auf frühere Beschlüsse an der bisher geübten Kontrolle festgehalten werden solle. Auf Anregung des Genosse» Huysmans, Sekretär des iiiternationalen Bureaus, wird die Absendung einer Syrnhathieadresse an alle gegenwärtig tageuden sozüilistischen Kongresse beschlossen. Der nächste Punkt betraf die K a m m e r w a h l e n, die auf Sonntag, den 27. Mai festgesetzt sind. Hierbei werden von einigen Delegierten, so vom Genossen Maes, Vorwürfe gegen Ans eele erhoben wegen des vlämischen Wahlkartells. Dieses Kartell ist ganz kürzlich abgeschlossen worden zwischen den Liberalen, Christlich- Deinokraten und Sozialisten in den vlämischen Gebieten Belgiens. Dagegen wurde von A n s e e I e und anderen geltend gemacht, daß dieses Kartell allen Parteien ihre volle Selbständigkeit sichere. Der Zusammenschluß der Parteien sei veranlaßt von dem Bestreben, die klerikale Regierung zu stürzen, ein Bestreben, das allen ge- meinsam ist. Vandervelde referiert sodann über die Wahlen. Er konstatiert, datz heute alle Parteien der Opposition über das Prinzip des allgemeinen Wahlrechtes einig sind. Es sei kein Zweifel, die erste Reform, welche nach dem Sturz der klerikalen Regierung in Angriff genommen werden wird, sei die Einführung des allgemeinen Wahlrechts mit der proportionellen Vertretung. Da- gegen wandte er sich gegen die Vorschläge der Liberalen, welche das Wahlrecht erst mit dem 25. Lebensjahre und an die Familienväter nach zurückgelegtem 35. Lebensjahre eine zweite Stimme geben wollen. Die sozialistische Partei erklärt sich nach wie vor für die Erteilung des Wahlrechts an alle Staatsbürger im Alter von 21 Jahren. Eine im Sinne des Referats gehaltene Resolution wurde angenommen. Genosse D e w i n n e referirte über den obligatorischen Schul Unterricht. Nach seinen Ausführungen, die auf amtlichen Er Mittelungen beruhen, ist e« mit dem Schulunterricht in Belgien noch sehr traurig bestellt, lieber 160 000Kinder besuchen überhaupt keine Schule Mehr denn 85 Proz. der Schüler verlassen die Schule, ehe sie den Elementarunterricht bis zu Ende absolviert haben. Unter den Rekruten befinden sich 88 Proz., deren Schulbildung über das not wendige Lesen, Schreiben und Rechnen nicht hinausgeht. Das ist die Bilanz einer 20 jährigen klerikalen Herrschaft. Der Referent unterbreitet eine Resolutton. in welcher der obligatorische Schul Unterricht bis zum 14. Lebensjahre, der gewerbliche Fortbildungs� Unterricht bis zum 18. Jahre gefordert wird; ferner die Errichtung von Schulkautinen und das gesetzliche Verbot jeder Kinderarbeit unter 14 Jahren. Diese Resolution gelangt nach einer ausgiebigen Debatte zur Annahme. Endlich wurde über die Errichtunx einer Versicherungsgesellschaft durch die Partei verhandelt. Der Referent, Genosse Senator H e n d r i ck, weist darauf hin, daß die Zahl der Versicherungsgesellschaften immer mehr zunehme, daß diese Gesellschaften ungeheure Profite einheimsen, die zum großen Teil aus den Taschen der Arbeiter kommen. Er schlägt vor, daß die Partei selbst eine Versicherungsgesellschaft bilde, wodurch dem Versicherten und auch der Partei größere Vorteile zugeführt werden könnten. Nach längerer Diskussion für und wider beschließt der Kongreß die Ein- setzung einer Kommission, welche zunächst noch weitere Berechnungen und Ermittelungen anzustellen hat. Die ungarische Sozialdemokratie vor dem Wahlkainps. Die Leitung der ungarischen Sozialdemokratte beschloß, in der kommenden Wahlkampagne 120 Kandidaten aufzustellen. fJollrelllctao. verlcbtllcbeo tili». Bom Leipziger Justizkurse. Aus Leipzig wird uns vom 13. April telephonisch berichtet: Vor dem hiesigen Schöffengericht wurde heute vormittag der verantwortliche Redakteur der„Leipziger Volkszeitung", Genosse K r e s s i n wegen angeblicher Beleidigung des bekannten Lim an von den„Leipziger Neueste» Nachrichten" zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Herr Liman ist einer der unanständigsten Sozialistentöter. Die „Leipz. Volkszeitung" hat gebührend gedient und das hat den Herrn so gekränkt, daß er zum Kadi lief. Wie hoch die Leipziger Richter seine Ehre bemaßen, zeigt das Urteil. Ob Herr Liman nicht selbst überrascht ist?_ Zur Ausstandsbemglmg In den mMeldeutschen Kohleureuleren. Zeitz, 17. April. sEig. Ber.). Der heutige erste Tag nach den Feiertagen, welcher ja bekannt lich für derartige Beivegungen als ein kritischer Tag erster Ordnung gilt, ist ohne besondere Vorkommnisse verlaufen. Aus allen Revieren laufen Meldungen über geringe Zunahmen von Streikenden ein. Ueberdies haben die Aufbereitungsanstalten sKerze» gießereien, Destillationen usw.) bereits unter empfindlichem Mangel an Rohmaterial sBraunkohlenteer) zu leiden, so daß sie jetzt zum Teil gezwungen feiern inüssen. Schneller als man befürchtet hatte, ist ettvas eingetreten, was stets mit der Eintvanderung von Leuten aus kulturell rückständigen Gegenden des Auslandes jGalizien, Kroatien usw.) zu befürchten ist: Augenkrankheiten, oie gefürchteten Krankheiten der Bindehaut und der Lider sind eingeschleppt I Bereits sind Personen der eingesessenen Bevölkerung, Männer und Kinder, an- gesteckt und ins Krankenhaus geliefert worden. Auch eine Anzahl der fremden Arbeitsteiligen" befinden sich dort in ärztlicher Be Handlung. Die Streikenden haben durch die geivählte Siebener-Kommission das Oberberaamt Halle sowie die Berginspekttonen Altenburg und L e i p z i g als Einigungsinstanzen angerufen. Alle Beamten erklärten sich zur Vermittelung behufs Verhandlungen über die auf- zestellten Forderungen zwischen den streitenden Parteien bereit.< siegt also lediglich an den Vertretern des Kapitals, eine Einigung und damit Wiederaufnahme der Arbeit herbeizuführen. Im Bornaer Revier haben mehrere Gewerkschaften resp. Aktteugesellschaften Werkswohnungen gebaut. Daß diese Wohlfahrts- einrichtungen bei Ausständen eine schwere Waffe gegen die Streikenden darstellen, beweist ein hektographierteS Schriftstück. welches den Leuten, die Werkswohnungen innehaben, zugestellt wurde und also lautet: „Auf Grund unseres Mietvertrages fordern wir Sie auf, die Ihrerseits ermietete Wohnung bis... mittags 12 Uhr zu räumen und sofern Sie ausständige Schlafburschen beherbergen, diesen für... die Wohnung zu kündigen. Sollten Sie unserer Aufforderung nicht nachkommen, so werden wir einen entsprechendeu Teil Ihres rückstänoigen Lohnes zur Sicherung unserer Ansprüche zurückbehalten. Wir bedauern, daß durch gewissenlose He'tzer das bisherige Einvernehinen zwischen uns gestört worden ist und daß wir aus diesen Gründen gezwuiigeli sind, die Wohnungen für Ersatznlannschaften frei zu machen. Hochachtungsvoll Aktiengesellschaft„Ramsdorfer Braunkohlenwerke". Max Venator. Sollten Sie eine Wcksprache hierüber wünschen, so sind wir Sonnabend vormittag 10 Uhr auf dem Werke hierzu bereit." Unter den„gewissenlosen Hetzern" sind jedenfalls diejenigen ge- meint, die die erbärmlichen Zustände in den Braunkohlendistrikten durch ihr Auspowerungssystem hervorgerufen haben und so das Volk in einen Verzweifliuig'skampf hineintrieben I Wie in letzter Minute bekannt wird, haben die Bergprotzen des Jnspektionsbezirkes Leipzig durch die Vermittelung des Berg- inspektionsbeamten eS abgelehnt, mit den Streikenden zu verhandeln, bevor die Arbeit bedingungslos wieder aufgenommen ist. Von den übrigen Jnspektionsbezirken liegen Berichte noch nicht vor. Eue Industrie und Handel Ausgebeutete Aktionäre! Wie die armen Akttonäre durch die Arbeiter ausgebeutet werden, zeigt der Geschäftsbericht der A.-G. Eisenwerk Kraft bei Stettin für 1903. Man denke nur, der Lohn, den die Arbeiter einsackten, ist zwei Drittel so groß als der— Bruttogewinn der Gesellschaft, und die Aktionäre bekommen nicht mal ganz so viel an Dividende als die Arbeiter an Löhnen chlucken. Die absoluten Ziffern sind folgende: Die Zahl der Beschäftigten belief sich auf 1021. wofür insgesamt 1 182 865 Mark Löhne verausgabt wurden. Bei 1 705 361 M. Bruttogewinn verbleibt nach Absetzung der HandlungLunkosten mit 142 444 M-, der Schuldenzinsen mit 9o927 M. und der Ab- schreibungen mit 607 505 M. ein Reingelvinn von 859 484 M. Hiervon werden dem Reservefonds 43 000 M. und der Unter- stützungskasse ganze 2000 M. überwiesen. Der Auffichtsrat begnügt sich mit der Kleinigkeit von 41 976 M. 770 000 M. gelangen als elfprozenttge Dividende zur Verteilung. Ueber das Verhältnis zwischen Lohn und Profit machen wir folgende Zusammenstellung. Auf den Kopf der Be- schäfttgtcn entfällt: Tantieme Dividende Reingewinn Bruttogewinn Jahreslohn M. M. M. M. M. 41,1 764 841 1670(!) 1158 Also nachdem man 10 Prozent des Aktienkapitals an Ab- schreibungen und für den Reservefonds hat verschwinden lassen, entfällt pro Kopf der Beschäftigten an Tantieme und Dividende nur noch die— Kleinigkeit von 805 M. und die Arbeiter, die dabei noch das Vergnügen hatten, das ganze Jahr schwer schuften zu dürfen, sacken 1158 M. Jahreslohn ein. Das geht der„Gutmüttgkeit" der Dividendenschlucker denn doch zu weit und die kapitalistischen Zuhälter suhlen sich veranlaßt, in den Scharfmacherblättern über die Begehrlichkeit der Arbeiter zu toben._ Ein- und Ausfuhr in Eisen und Eisenwaren. Die Ziffern des Außenhandels pro Januar und Februar 1006 im Vergleich zu den Ziffern der Parallelzeit des Vorjahres ergeben folgendes Bild: Insgesamt wurden an Eisen und Eisenwaren eingeführt 1905: 49 613. 1906: 88 042 Toniien, ausgeführt 1005: 499 481, 1906: 790 143 Tonnen. Ferner wurden eingeführt 40 resp. 47 Stück Fahr- zeuge(Eisenbahnfahrzeuge, Schlitten, Wagen und Schiffe), die Zahl der ausgeführten Stücke belief sich auf 4409 resp. 6714. Die beiden ersten Monate dieses Jahres erbrachten gegenüber dem Vorjahre sowohl in der Einfuhr als auch in der Ausfuhr ganz' erhebliche Steigerungen. Ganz besonders stark war das Mehr m der Einfuhr bei feinen Eisenwaren und Maschinen, es beläuft sich auf 80 resp. auf 140 Proz., während bei der Ausfuhr in denselben Gruppen die Steigerung nilr 40 resp. 70 Proz. beträgt. Gleich stark wuchs die Ausfuhr in Roheisen und Halbzeug sowie bei Fassoueisen, Schienen, Blechen usw. Die Steigerung betrug ebenfalls 40 resp. 70 Proz. Mißglückte Ehrenrettung. Daß durch die Behauptungen des Herrn Dr. Micke von der Großen Berliner Sttatzenbahu-Gesellschaft über angebliche Durchschnittslöhne die Öffentlichkeit irregeführt worden ist, das wäscht kein Wasser ab. Die Große flüchtet sich daher auch in die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinende„Straßen- bahn", die sich als offizielles Organ des Vereins der Angestellten der Großen Berliner Straßenbahu uiid als amtliches Publikations- organ der Gesellschaft bezeichnet. Die Redaktton hat wohl den Auf- trag bekommen, wenigstens an dieser bescheidenen Stelle die„Große" etwas herauszuhauen. Pflichtschuldigst stammelt die Redaktion denn auch einiges zusammen und reißt die Verwaltung noch tiefer herein! Sie bestättgt, daß Dr. Micke in der Generalversammlung der „Großen" tatsächlich die Gehälter aller Beamten mit den Bezügen der Fahrer und Schaffner zusammengeworfen hat, daraus den Durchschnittslohn berechnete, während der Anschein erweckt wurde, der von Dr. Micke angegebene Satz von 1400 Mk entspreche dem Einkommen des Fahrpersonals, der Handwerker und Tagelohn- arbeiter. Wir verfehlen nicht, solches Eingeständnis seitens der zur Verteidigung angesprochenen Redaktton dankend zn registrieren. Technischer Fortschritt. Ein HauptbeschäftigungSfeld für Stahl- werke bietet die Herstellung von rollendem Eisenbahnmaterial. Neben den Umwälzungen in der Materialerzeugung hat auch daS Guß- und Walzverfahren bei der Herstellung von Bandagen und Rädern große Veränderungen erfahren; der Schmiedeprozeß für Sveichenrädcr ist vollständig ausgeschaltet, das gegossene Speichen- rad herrscht heute unbeschränkt. Der seit einigen Jahren auf- gekommene Schnelldrehstahl hat aber auch in den mechanischen Betrieben den Arbeitsprozeß gewaltig beschleunigt. Bei manchen Arbeitsprozessen war die Vorbedingung für zweckentsprechende Verwendung des Schnelldrehstahles die Koiistruknon neuer Drehbänke. Bohrmaschinen usw. Für das Abdrehen der Radsätze hat die Werk« zeugmaschiiienfabrik Schieß-Düsseldorf die gestellte Aufgabe nun ailscheincnd mit einer sogenanilten Radsatz-PräzisionS-Schuelldrehbanl gelöst. Durch eine neue einfache Spaiinungsweise, die jedes Verspannen des Radsatzes ausschließt und durch gleichzeittges Ansetzen von vier Supporten für jedes Rad, wird die ganze Bearbeittlngszeit, die früher 4—6 Stunden dauerte, auf 25—30 Minuteu herabgesetzt. Ein besonderer Vorzug der Bank ist das selbsttätige Aussetzen der Supporte, sobald das Drehmaß erreicht ist. Wie die Zeitschrift „Stahl und Eisen" mitteilt, sind in Gegenwart in- und ausländischer Interessenten auf der neuen Satzbank auch abgelaufene Wagen- und Tenderradsätze von besonderer Härte und mit fehr harten Stellen in derselben Zeit wie gewöhnliche Radsätze vorschriftsmäßig abgedreht worden, ohne daß die Drehstähle lediert wurden. Die Präzisions- bau! stellt an die Qualität deZ Arbeiters nicht etwa höhere An- spräche, im Gegenteil, sie selbst übernimmt die bisher besondere Fähigkeit und Intelligenz erheischenden Fuiiktiouen; der Dreher ist weiter nichts sinehr als der Diener, der Knecht, der Sklave der Maschine. Erst in der sozialistischen Gesellschaft wird der Gesamt- heit der volle Segen aller solcher Fortschritte zuteil werden, jetzt dienen sie meist nur dazu, die menschliche Arbeitskraft zu entwerten, die Lohnausgaben zu verringern. 64 Millionen Dollar Dividenden. Soweit wie bisher Berichte vorliegen, werden nach einer Zusannnenstelluug der„New Dorkcr HandelSztg." im nächsten Monat die leitendeii industriellen. Dampf- bahn- und Straßenbahn-Gesellschasten Dividenden im Gesamtbetrage von 64 772 425 Dollar zur Verteilung bringen. Von der neuesten Totalsumme entfallen 30 011065 Dollar auf Gewinnverteilungen von feiten Aktteugesellschaften industriellen Charakters, und ist die diesmalige die höchste Ziffer, welche je bisher für einen Monat zu melden war. Denn auch im Januar, einem der größten Divideiiden- Monate des Jahres, gelangten an Jndilstrie-Dividendcn insgesamt nur 27 288 597 Dollar zur Auszahlung. Am uächsteii kounnl der diesmaligen Ziffer die für Oktober 1995 mit 29 028 237 Dollar, während für April v. I. nur Zahliingen von 24 861 940 Dollar zu melden waren. Für die ersten vier Monate dcS laufenden Jahres stellt sich die Gesamtsumme der Jndustrie-Dividciiden bereits auf 100 536 657 Dollar, gegen solches von 259 775 997 Dollar bezw. 225 974 236 Dollar für die ganzen Jahre 1905 bezw. 1904. Zunahme der Kohleiiförderung. Kürzlich ließ sich das Kohlen« hndikat gegen den Borwurf verteidigen, zugunstell eines forcierten Exportes nach Frankreich die deutschen Verbraucher in der Kohlen- Versorgung zu vernachlässigen. In der„Verteidigung" wurde u. a. behauptet, infolge vielfachen Feierns der Arbeiter und wegen Wagenmangel sei die Fördermig zurückgegangen. Daß das nicht richtig ist, wird nun durch den Mär�anSweiS über den Kohlenabsatz bestätigt. Nach Meldung der„Rh,-Westf.-Ztg." betrug der rechnunas- . � vw». t/tiLUy WCfc tUUJUUUU»� mähige Kohlenabsatz des Kohlensyndikats im Monat März dieses Jahres bei 27 Arbeitstagen 8 S32 361 Tonnen gegen 5 666 48g Tonnen bei 261/s Arbeitstagen im gleichen Zeitraum des Vorjahres, Der Absatz hat demnach um 16,54 Prozent zugenommen und von der Beteiligung sind also 86.88 Prozent gegen 77,06 Prozent im Vor- jähr abgesetzt worden. Das deutsche Russenkonsortium ist wütend darüber, daß ihm durch die Stellungnahme der Regierung nicht auch ein Happen von der russischen Milliardenanleihe zugefallen ist. Ein erheblicher Teil der Pumpsummc bleibt nämlich bei den freundlichen Helfern kleben; anstatt 2250 Millionen bekommt Rußland tatsächlich nur zirka 1800 Millionen Frank. Die ollen ehrlichen Seeleute, welche das Pumpgeschäft vermitteln, plündern Ruhland gerade so, wie jeder vor dem Bankrott stehende Hochstapler ausgenommen wird. Aber man steckt nur die Beute ein, das Risiko wälzt man auf die Schultern des grohen Geld gebenden Publikums ab. Wenn dieses nachher von dem Hochstapler gründlich hineingelegt wird, dann waschen die Vermittler ihre Hände in Unschuld und halten den Beutel zu l Um zu zeigen, wie deutsche Interessen durch die Fernhaltung der Anleihe vom deutschen Markte geschädigt worden find, läht sich die —.National-Ztg," durch ein Privattelegramm aus Wien melden: Im Anschlüsse an die russische Anleihe werden die österreichisch ungarischen Eisenwerke größere russische Bestellungen von Eisen- bahnmaterial, speziell von Schienen erhalten, doch ist das Ausmah der Bestellungen noch nicht bestimmt. Vor wenigen Tagen berichtete die„Petersburger Ztg.", dah die rusfischen Eisenwerke und Waggonfabriken keine Arbeit haben und der Krone anboten, ihr Waggons und Lokomottven mietsweise zur Verfügung zu stellen. Und bei solchem Stande der Dinge soll am Tage nach Perfektwerden der Anleihe schon über große Bestellungen nach dem Auslände entschieden sein l Die Mendelssohns sind doch etwas gar zu— gescheit in Stimmungsmache. Daß in Rußland nicht die freundlichen Nehmer und Helfer, Nehmer für sich und Helfer der Reaktion, allgemeine Sympathie erweckt haben, besagt eine Meldung der„Vossischen Ztg." aus Petersburg. Danach wird vielfach für einen Boykott der französischen Waren Stimmung gemacht, weil man in der jehigen Placierung der An- leihe eine den wirtschaftlichen Reformen hinderliche Stärkung der Re- aktion erblickt. Das russische Drama ist noch nicht zu Ende, es werden noch Szenen genug folgen, die eS für Deutschland als er- freulich erscheinen lassen werden, wenigstens von dem letzten Pump verschont geblieben zu sein. GericKts-�eiUiug. Berliner Wohnsitz oder Forense? Der Erbhofmeister Graf Königsmark zu Plaue a. H., Mitglied des Herrenhauses, war vom Berliner Magistrat für das Jahr 1005 mit 1487 M. zur Ge- meindeeinkommensteuer herangezogen worden. Der Magistrat ging davon aus, dah der Graf in Berlin einen zweiten Wohnsitz habe, da ihm auf seinem Villengrundstück Genthinerstrahe 13 eine eigene Wohnung zur Verfügung stehe, wo er auch in den Wintermonaten Aufenthalt nähme: Die Wohnung wurde auf 2500 M. Mietswert eingeschätzt.— Graf Königsmark erhob Einspruch und klagte nach dessen Verwerfung im Verwaltungsstreitverfahren, indem er be- stritt, in Berlin einen zweiten Wohnsitz zu haben, und sich nur zur Zahlung der Forensalsteucr bereit erklärte.— Der Bezirksausschuß stellte auch den Kläger von der Einkommensteuer frei. Er führte u. a. aus: Der Annahme des Magistrats, daß dem Kläger das Haus Genthinerstrahe 13 das ganze Jahr hindurch zur Ver- fügung stehe, ständen die Behauptungen des Klägers gegenüber, daß das Haus überhaupt nur während einiger Wintermönate in bewohnbarem Zustande sei und daß Kläger, als er im Sommer 1004 zu den Sitzungen des Herrenhauses nach Berlin gekommen sei, im Hotel gewohnt habe. Es sei anzunehmen, daß Kläger nicht die Absicht gehabt habe, den Mittelpunkt seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Tätigkeit von seinem Wohnsitz Plaue nach Berlin zu verlegen. Die Begründung eines zweiten Wohnsitzes in Berlin müsse verneint werden. Mitglieder der gesetzgebenden Körper- schasten, die wegen ihrer parlamentarischen Tätigkeit genötigt seien, in Berlin längere Zeit Aufenthalt zu nehmen, begründeten dadurch an sich noch keinen zweiten Wohnsitz. Die Umwandlung des Aufent- Haltsverhältnisses in ein Wohnverhältnis erfolge auch nicht schon dadurch, daß in einem solchen Falle die Unterkunft in eigenen, ent- weder mictsweise oder anderweitig benutzten Räumen derjenigen in einem Hotel oder Pensionat vorgezogen werde, zumal wenn die Wohnung während des Aufenthaltsverhältnisses mit zeitweisen Unterbrechungen benutzt und nach Beendigung desselben in unbe- wohnbaren Zustand versetzt werde. Das Oberverwaltungsgericht als Revisionsinstanz billigte die Freistellung des ErbhofmeisterS von der Gemcmde- cinkommensteuer in Berlin mit der Begründung: Es könne nicht angenommen werden, dah es sich hier um eine Wohnung im Sinne des Gesetzes handele. Die fraglichen Räume mögen sich ja objektiv als Wohnräume kennzeichnen. Indessen wären sie bei Berück- sichtigung der sozialen Stellung des Klägers und seinem dement- sprechenden Wohnbedürfnis nicht als Wohnung, sondern als Absteige- quartier zu betrachten. Somit könne schon deshalb von einem zweiten Wohnsitz des Klägers in Berlin nicht die Rede sein. Geltung war, laufen bekanntlich die agrarischen Grohgrundbesitzer seit Jahren Sturm. Die Gesundheit und das Leben ihrer Mit- menschen gilt ihnen so wenig, daß sie sich scheuen, ein paar Mark Versicherungsgelder auszugeben und verlangen, wenn ein Mensch durch ein Vieh, das für die Landwirtschaft gebraucht wird, Schaden erleidet, soll der Schaden in der Regel nicht ersetzt werden. Die Reichsregierung ist bekanntlich diesem agrarischen Verlangen gehorsam und schleunigst entgegengekommen und hat eine dahingehende Aende- rung deS ß 833 des Bürgerlichen Gesetzbuches dem Reichstage vor- gelegt. Wie völlig hinfällig die zur Begründung der agrarischen Schmerzen aufgestellten Behauptungen sind, ein Landwirt'müsse in- folge der Reichsgerichtsrechtsprechung unter dem Leichtsinn und der Habgier jener Leute schrecklich büßen, die angeblich zu taufenden herumlaufen und kein höheres Vergnügen kennen, als eine Verletzung durch Vieh zu erleiden, um dann von dem Besitzer eine Schaden- ersatzrente rauszuschlagen, zeigt die nachfolgende Reichsgerichts- entscheidung: Aus Furcht vor einem bissigen Hunde hatte sich der Handels- mann Löwe in Blumberg bei Berlin einen Beinbruch zu- gezogen und gegen den Gutsbesitzer G. als Tierhalter auf Schadlos- Haltung geklagt. Vom Reichsgericht wurde dieser Anspruch wegen eigenen Verschuldens aber abgewiesen. Kläger hatte den Gutshof des Beklagten betreten, vor dem eine Tafel angebracht war: „Fremden ist der Zutritt des Hofes streng verboten. Achtung! Bissige Hunde!" Kläger war mit den Verhältnissen vertraut und wußte, daß der Hund fort war, wenn die Hoftür offen stand. Das war der Fall, und er betrat das Haus. Als er wieder aus dem Hause in den Hos trat, war der Hund, vor einen Karren gespannt. mit einem Führer zurückgekehrt. L. glaubte aber unter diesen Umständen den Hof verlassen zu können. Inzwischen hatte sich der Führer mit Milchkannen von dem Hunde entfernt und dieser ging plötzlich aus L. los, den Karren hinter sich herziehend. L. lief ins Haus zurück und kam vor Angst und Schrecken auf der ersten Treppenstufe so unglücklich, wie oben gesagt ist. zu Fall. Der Hund wurde indessen von dem zurückgekehrten Führer aufgehalten. Das Landgericht Berlin erkannte auf Abweisung der Klage des L. wegen eigenem Verschulden. Dagegen sah das Kammergericht zu Berlin die Ansprüche des Klägers zur Hälfte für begründet an, indem eS annahm, daß Schrecken und Unfall des Klägers durch den Hund verursacht worden sind, eigenes Verschulden aber nur teilweise vorliege.— Das Reichsgericht war auf die Revision des Beklagten anderer Ueberzeugung und wies die Klage unter Aufhebung des Vorderurteils ganz ab: Kläger hätte nicht den Ho betreten dürfen, als er den Hund sah, dessen Gefährlichkeit ihm be- kannt war. Trotz alledem wird in wenigen Wochen im Reichstage wieder darüber geklagt werden, welch' entsetzliches Unrecht dem Großgrund- besitzer dadurch zugefügt wird, daß§ 833 B. G.-B. in der Regel Menschenleben und Menschengesundheit höher schätzt, als agrarischen Leichtsinn, agrarische Scheu, zu zahlen, und antisozialen Egoismus. Folgen einer Kontrollversammlung. Vom Landgericht Braunschweig sind am l.7. Juni v. I. der Zimmermann Friedrich Eicke aus Ahlshausen, der Schuhmacher August Brand und der Dienstknecht Wilhelm Kretz er aus Ritterode zu mehrmonatiger Gefängnisstrafe verurteilt worden. Sie waren auf der Konkollversammlung gewesen und hatten nachher dem Biere reichlich zugesprochen. Dann ivar eine Prügelei entstanden, bei welcher sie ihre Gegner erheblich verletzten.— Die von den Angeklagten eingelegte Revision wurde am Dienstag vom Reichsgerichte verworfen. Wer haftet für bissige Hunde? ß 833 des Bürgerlichen Gesetzbuches lautet:„Wird durch ein Tier ein Mensch getötet oder der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist derjenige, welcher das Tier hält, verpflichtet, dem Verletzten den daraus entstehenden Schaden zu ersetzen". Gegen diese an sich sehr verständige Vorschrift, die in den Rheinlanden unbeanstandet ein Jahrhundert lang in Beleidigung durch das Wort„Streikbrecher�'. Das Schöffengericht zu Düsseldorf hatte fünf Maurer, die mehrere Arbeitswillige bei Gelegenheit eines Streiks durch das Wort Streikbrecher beleidigt haben sollen, freigesprochen. Es war der An- ficht, daß das Wort keine Beleidigung enthalte, es würde oft von Arbeitern als leere Phrase gebraucht. Gegen dieses Urteil legte der Amtsanwalt Berufung ein und kain die Sache vor die Straf- k a m m e r in Düsseldorf. Diese stellte sich nun auf den Standpunkt, daß in dem Worte Streikbrecher etwas Höhnisches und Verächtliches liege, die Arbeitswilligen sollten sich durch die Anwendung des Wortes beleidigt fühlen und dadurch veranlaßt werden, die Arbeit einzustellen und sich den Skeikenden anzuschließen. Es sei eine exemplarische Strafe am Platze. Zwei der Angeklagten wurden zu je 14 Tagen Gefängnis verurteilt, während drei der- selben, weil ihnen nicht bewiesen werden konnte, daß sie das ominöse Wort gebraucht, freigesprochen wurden. Die Verurteilten gehörten den christlichen Gewerkschaften an, die Freigesprochenen waren Sozial- demokraten.— Das Urteil setzt eine außerordentlich hohe Strafe fest. Und wofür? Weil die Angeklagten durch Aussprechen der Wahrheit ihre Arbeitsgenossen zum Bewußtsein des Törichten und Verwerflichen ihrer Handlung bringen wollten. Also weil die Ver- urteilten das gesetzlich gewährleistete Koalittonsrecht gebrauchten und einen anderen zum Anschluß an den Gebrauch des Koalionsrechtes .durch Aussprechen der Wahrheit bewegen wollten, sind sie bestrast. Die verurteilten Christlichsozialen kommen jetzt vielleicht zu der Einsicht, was eine von den Zentrumsleuten und Christlichwzialen so eifrig geleugnete Klassenjustiz ist, und baß die Arbeiter längst ein wirkliches und geschütztes Koalitionsrecht hätten, wenn nicht gar so viele Arbeiter noch sich von den Klassenjustizschwärmern und Preis- fechtern des Kapitalismus im Zentrum und in der christlichsozialen Partei irreführen ließen._ Der beleidigte„Muttersohn". Der Schriftsteller Johannes Dose hat einen Roman unter dem Titel„Muttersohn" erscheinen lassen. Die Hauptrolle in diesem Roman spielt em Asmus Berg. Rechtsanwalt Ritter aus Tondern nahm an, in dem„Muttersohn" sei er eigentlich der SSmuS Berg und sei durch einige Verzeichnungen beleidigt. Er klagte wegen Be- leidigung. DaS Schöffengericht in Lübeck wies die Klage ab. Die Strafkammer hob gestern das freisprechende Urteil auf, verurteilte Dose wegen Beleidigung zu 200 M. und erkannte auf Einziehung de« Romans.— Bestätigt das Oberlandesgericht dies in Gestalt eines Beleidigunasprozesses geübte Zensurslücklein, so wird der „Muttersohn" verbrannt und die zu seiner Erzeugung gebrauchten Platten vernichtet werden. Ob damit wirklich dem Rechtsanwalt Ritter gedient ist? Euq der Frauenbewegung. Heber den Kampf der Polizei gegen die proletarische Frauen- bewegung berichtet„Die Gleichheit" u. a. aus Sachsen: In Köthens» darf sollte die Äeferentin über die Lohnforderungen der Arbeiter und Arbeiterinnen in der Stosfhandschuhbranche sprechen. Der überwachende Gemeindevorstand entdeckte jedoch, daß das Thema ein politisches sei. Er verlangte deshalb die Entfernung der Minder- jährigen, die etwa in der Versammlung anwesend sein sollten. Mehrere Redner gaben sich Mühe, den guten Mann von seinem Irrtum zu überzeugen. Daraufhin erfolgte dte Auflösung, noch ehe der Vortrag den Hüter des Gesetzes ctncs Besseren belehren konnte.— Einen ergötzlichen Beigeschmack hatte das Vorgehen der Behörde gegen eine Versammlung in Oberschlema, welche von den Genossinnen einberufen worden war mit der Tagesordnung: „Welches sind die Waffen der Arbeiterklasse im Befreiungskampf?" Das Thema erschien der Wohllöblichen höchst verdächtig. DK Ein- beruferin sollte angeben, welche Waffen die Rcferentin empfehlen soder vielleicht nach polizeilicher Meinung in ihrer Kleidertascha mitbringen) würde. Kurz und gut, die Ortsbehörde fand es für ratsam, die drohende Gefahr im Keime zu ersticken, sie perbot di« Versammlung. Die Genossinnen änderten daraus die furchtbar« Tagesordnung. Genossin Wackwitz sollte das Thema behandeln: „Die gewerkschaftliche Organisation und die Stellung der Frau zu ihr." Nun durfte die Versammlung tagen, die sich offenbar dank der unfreiwilligen Agitation der Behörde eines sehr guten BesuchS erfreute.— Der Eifer der' Behörden gegen die Frauen wird nicht ohne Erfolg bleiben. Solche ungewollte Hetze wirkt, sie wird die Frauen aufpeitschen, sie erst recht aufmuntern, in zähem Wider- stand gegen Gewalt und Unrecht, ihre Interessen als Frau und Lohnsklavin zu verteidigen. Druck erzeugt Gegendruck. Berichtigung. In der„Literarischen Rundschau" sArtikel„Ethik und materialistische Geschichtsauffassung") der Sonntagsnummer ist an einer Stelle eine Zeile herausgefallen. Es muß in der zweiten Spalte nach dem Zitat aus Kautskys„Ethik" heißen: „In der griechischen Philosophie dieser Epoche kommt dieser Ausgang deutlich zum Ausdruck; denn worauf sie sich konzentriert ist jene spezielle Forin der Ethik, die man alsStaats- od et: politische Ethik bezeichnen darf. Zwar geht sie nicht, wie später, von einem konstruierten abstrakten Staatszweck aus; sie ist zunächst rein intuitiv, d. h. sie fußt auf bloßen sinnlichen Anschauungen, und diesen Anschauungen nach ist ja der Staat nichts anderes als eine Summe von Individuen; aber sie be« trachtet den Menschen auch nicht fiir sich als Einzelwesen, sondern so, wie er sicb im täglichen Leben darstellt, als Zoon politikon, d. h. als Teil eines Gemeinwesens, dessen Existenzbedingung sich seine Sittlichkeit unterzuordnen hat." MrsIveM der Handels-, Transport- und Meiirsarbeiter Deutschlands. Verwaltungsstelle Berlin I. Hierdurch diene zur Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied, der Kohlenarbeltcr Wilhelm Golla am 16. d. M. verstorben ist. Ehre seinem Andenkenl Die Beerdigung findet morgen, Freitag, den 20. Zlpril, von der Leichenhalle des Emmaus- Kirch- Hose?. Rixdorf, Hermannstraste, aus statt. 68/1 Um recht zahlreiche Beteiligung bittet die Ortsverwaltung. Deutseher Holzarbeiter-Verband Nachruf. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege, Tischler Walter Bienko am 14. April verstorben und am 18. SIpril zur letzten Ruhe gebettet wurde. Ehre seinem Andenke»! 34/3 Oie Ortsverwaltung. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß am 13. d. Mts. der Brauer �.uxust Busch im Krankenhause am Friedrichs- Hain an der Lungenschwindsucht verstorben Ist. Die Beerdigung findet am 19. April, nachm. 3 Uhr, aus dem Zentral-Friedhos ln Friedrichsseide statt. 12S7b Oie liinterblledenen. Llm 16. April, abends 10 Uhr, verschied nach kurzem Leiden unsere liebe Mutter, Schwieger- mutier und Großmutter W\\m Johanna Kurzer im säst vollendeten 77. Lebens- jähre. Die Beerdigung findet am 20, April, nachm. 3 Uhr, vom Trauerhause, Rixdorf, Reuter- straße 64, au? aus dem neuen Rirdorser Kirchhof, Mariendorser Weg, stalt. 1270b Oie trauernden Hinterbliebenen. A. Bogen ncbst Frau und Kindern. Am zweiten Ofterseiertag abends 10'/, Uhr verschied sanst nach langem, schwerem Leiden meine innigstgeliebte Frau, unsere gute Mutter lHU8el!HZl!!iMDD!i.WMk im 55. Lebensjahre. 12576 Schmargendors, den 18. April 1906. August Schuschenk nebst Kindern. Die Beerdigung findet Freitag, den 20. April, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des Schmargcn- dorser Kirchhofes aus statt. Danksagung. Hiermit sagen wir allen Freunden und Bckamstcn für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung unseres lieben Gatten und Vaters unsere» innigsten Dank. S1SL Frau Starck und Tochter. DankHa Sans- Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben ManoeS Max Schmidt sage ich allen Kollegen und Bekannten, insbesondere dem Gastwirtsverein „Südost" und der Zenwal-ivranke»- taste der Schunedc beste» Dank. Witwe Selma Schmidt geb. Paschke. 12666 Johannisthal. H.&P. Uder, Sjä-lleA. Tabak-Großhandinng u. Tabakt'abrik. 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Wir ersuchen die Kollegen aller Bronchen nach den obige» Be- trieben keine Arbeit anzn- nehmen. 176/3 Die Agitationskoinmission. veul8eker Hotoarbeiter- Verband. Wegen Streik und Differenzen ist Illing scrii/iihliltc» von Tischlern von Franz Schulz, Frankfurter Allee 28, Rnppcl in Reinickendorf: von Treppengeländer- Arbeitern (Drechsler, Tischler, Stellmacher, Polierer, Maschincnorbciter und Bildhauer) von der Treppengeländer- sabrik Joseph Drechsler, Gubener- straße 33; von Bodenleger» von den Bauten in Buch(Firma Damkc, Frankfurt a. O.); von Stellmachern von sämttichc» Stellmachcrcicii. Wagensabriken und Drehrollcnfabrik Plään, Waßmann- straße; Motorwagensabrik Gottschall in Reinickendors; von Korbmachern von Bockert, Lange» straße 35; von Mcerschaumdrechslern von Wcith, Köpenickerstr. 38. von Klavicrarbcitern nach Däne« mark. Bl« Ortsvcrwaltnng. •tn ai*»* 2. Dtililge des.FWlirts" Kerlilm WldsdlM. Der Kongreß der Freien Vereinigung deutscher Gkjverkjchasteu. Die gestrige Sitzung begann mit der Beratung über »Ergänzung und Erweiterung des Programms der Freien Bereinigung deutscher Gewerkschaften". Den einleitenden Vortrag hielt Julius Gehl. Er sprach für den gedruckt vorliegenden Progrannnentwurf der Geschäfts- Kommission, schilderte die in Deutschland immer stärker hervor- tretende Reaktion, die es notwendig macht, zu prüfen, ob die bis- herigen Waffen der Arbeiterschaft' noch ausreichten. Das sei ge- schehen, und dadurch sei man dazu gekommen, Propaganda für den Massen- oder Generalstreik zu betreiben und diesen Gedanken in den Prograimncntwurf aufzunehmen. Man müsse es jedoch ablehnen, sich von den Anarchisten ins Schlepptau nehmen zu lassen, und dem- gemäß sei der zum Entwurf vorliegende Antrag, das Wort„Aniit- Parlamentarismus" einzufügen, zu verwerfen. Die Arbeiterschaft brauche zurzeit den Parlamentarismus, zur Aufklärung der Massen sowohl wie zur Wahrung der wenigen Rechte, die die Arbeiter heute noch haben. Der Redner wandte sich ferner gegen die Auf« fassung, daß in den Worten des Entwurfs:„revolutionärer Sozialismus" ein Abrücken von der sozialdemokratischen Partei liege. Die Sozialdemokratie sei nach wie bor diejenige Partei, an die der allergrößte Teil der Mitglieder innerhalb der Freien Vereinigung mit Leib und Seele hängen. Aber diese Gewerkschaften sollten alle revolutionären Elemente der Arbeiterschaft in sich aufnehmen, und demgemäß sollten sie von jeder Partei unabhängige Gewerk- schaften sein, die den revolutionären Sozialismus propagieren und bereit sind, den Klassenkampf mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zum Siege zu ftihren. Im übrigen wandte sich der Redner gegen einige Aeußerungen Bebels auf dem Jenaer Parteitag: daß die Lokalorganisierten verärgert seien, weil sie keine Fortschritte machten, daß sie früher noch vom alten Keßler im �aum gehalten worden seien usw. Bebel habe die Verhälwisse offenbar nicht hinreichend gekannt. Die Organisationen seien keineswegs verärgert; sie seien auch nicht lokalisiert, sondern zentralisiert, wenn auch absichtlich nicht so streng wie die Zentral- verbände, und der alte Keßler sei schon im Jahre 1903 für die Idee des Generalstreiks eingetreten. Entschieden äußerte sich der Redner gegen die revisionistische Richtung in der Partei und gegen verschiedene Aeußerungen auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß über den Generalstreik, sowie gegen die Neutralität der Zentralverbäude im allgemeinen. Die Freie Vereinigung werde durch den neuen Programmentwurf keineswegs neutral, sie stelle sich dadurch klar auf den Boden des revolutionären Sozialismus. An den Vortrag knüpfte sich eine lebhafte Debatte, in der die meisten Redner im Sinne des Referenten und für den ersten Ab- schnitt„Grundlage" des Programmes in der vorliegenden Fassung sprachen. B i e st e r(Tapezierer) trat dagegen für einige Abänderungs- antrage ein, die hauptsächlich die Einfügung der Worte:„direkte Aktion"—„SiitimilitarisinuS"—„Antiparlamentarismus" bezweckten. Reg ge(Kürschner) wünschte, daß„die politischen Aktionen der sozialdemokratischen Partei" unter die Bestrebungen aufgeführt werden sollten, die die Gewerkschaften unterstützen. Die Debatte über die„Grundlage" im Programmentwurf wurde in der NachmittagSsitzung fortgesetzt. Sepp Oerter- Fürth ist mit ganz geringen Abweichungen mit dem Programm- entwurf emverstanden.'legt auch kein großes Gewicht darauf, daß Antimilitarismus und AntiParlamentarismus darin genannt werden, hält eö jedoch für notwendig, daß man die Konsequenzen aus der Resolution � vom 23. August ziehe. Die sozialdemokratische Partei stehe nicht mehr auf den, Boden des revolutionären Sozialismus, darum müßten die revolutionär-soziakistischen Gewerkschaften sagen, daß fie mcht mehr aus dem Booen der Partei stehen.— Die folgenden Diskusfionsredner sprachen sich teils mehr oder minder scharf gegen den Parlamentarismus aus, teils entschieden für die „Grundlage" in der vorgeschlagenen Fassung. Einzelne Redner wünschten, daß AntiParlamentarismus, Antimilitarismus und ferner Religionslosigkeit und Vaterlandslosigkeit propagiert werden sollten. In seinem Schlußworte antwortete Gehl auf die verschiedenen Anwendungen gegen die„Grundlage" und wies auch einige im Lause der Debatte gegen die sozialdemokratische Partei und Fraktion erhobenen Angriffe zurück, wobei er allerdings den Revisionismus keineswegs in Schutz nahm. Bei der Abstimmung wurden alle zum ersten Absatz des Programmentwurfs gestellten Anträge abgelehnt: ein Antrag von Hinrichsen(Zinnnerer), in der„Grundlage" der Hauptsache nach die Programmerklärung vom ersten Kongreß der Vereinigung zu wiederholen, gegen 8 Stimmen; der Autrag für Antimilitarismus gegen 10, der für Antiparlamentarismus gegen 7 Stimmen.— Danach wurde die„Grundlage" in namentlicher Abstimmung gegen eine Stimme(Frauenverein) unverändert angenommen. Sie lautet: „Ausgehend von der Erkenntnis, daß in der jeweiligen bllrger- lichen Gesellschaft die Merkmale der Klassenherrschaft auf allen Gebieten in zunehmender Weise schroffer denn je in die Er- scheinung treten, insbesondere die wirtschaftlichen Kämpfe durch das gewaltige Erstarken der Reaktion inimer schärfere Formen an- nehmen, andernfalls durch fortwährende Knebelungs- und Unter- druckungsversuche seitens der Machthaber die Rechtlosmachung und Ausbeutung der Arbeiter systematisch betrieben wird, und zu diesem Zweck die Besitzenden aller religiösen und politischen Schattierungen sich geschlossen ihrer wirtschaftlichen sowie der politischen Macht bedienen, ist es notwendig, wenn der wirtschaftliche und politische Kampf mit Erfolg und Nachdruck von den Arbeitern geführt werden soll, daß er als Klassenkampf im Sinne des revolutionären Sozialismus geführt wird. Dazu gehört: Die Bildung und der Ausbau solcher Gewerkschaften, die so- wohl den auf Verbesserung der Lebenshaltung und Arbeits- bedingungen gerichteten TaaeSkampf führen, wie auch die auf Be- seitigung der Klassenherrschaft gerichteten Bestrebungen unter- stützen; die begründet sind in der sozialistischen Weltanschauung und ihren Ausdruck finden in der Propaganda für die Idee des Massen- resp. Generalstreiks." Die Beratung über diesen Punkt hatte den ganzen Tag in An- spruch genommen. Die Sitzung wurde um»/zS Uhr geschlossen. Berichtigung. Eine genaue Zusammenstellung der Mitgliederzahlen hat ergeben, daß die Freie Bereinigung am 31. Dezember 1905 in 13 Zentralisationen 13177, in 11 Einzelvereinen 1631, also im ganzen 11803 Mitgliederzählt. Der Kassenbestand der Organisationen bclief sich zur selben Zeit auf 216 516.13 M. Allgemtiner Handklshölfsllrlstittr-Kiingreß. Berlin. 18. April 1906. Dritter Verhandlungstag, Die Diskussion über die Forderungen deS A ch t u h r- L a d e n- s ch l u s s e s und des Sechsuhr-Po st schlusses wurde im Laufe des Vormittags zu Ende geführt. Sämtliche Redner erklärten sich für die gesetzliche Durchführung beider Maßnahmen, weil dadurch der endlosen Ueberarbeit der Handelshülfsarbeiter am besten ein wirksamer Tamm entgegengesetzt werden könne. Einstimmig gelangte hierauf folgende Resolution zur An- nahnie: „In Erwägung, daß die gegenwärtige Dauer der Arbeitszeit der HülfSarbeitcr im Handelsgewerbe eine die Gesundheit und das Familienleben schwer schädigende ist, in weiterer Erwägung, daß durch die Unregelmäßigkeit und das lauge Hinausschieben des Geschäfts- und Arbeitsschlusses, durch die übliche Sonntagsbeschäftigung, sowie durch den späten Postschalterschlutz der Ausdehnung der Arbeitszeit wesentlicher Vorschub geleistet wird, in fernerer Erwägung, daß die notorische Unfallhäufigkeit auch in den Kleinbetrieben des Handelsgewerbes, die mangelhasten und uuhygienischen Arbeits- und Aufenthaltsräume ivesentliche Nachteile für Gesundheit und Leben der beteiligten Arbeiter und Arbeite- rinnen zur Folge haben. fordert der Kongreß: 1. Reichsgesetzliche Festlegung einer täglichen Maximalarbeitszeit von neun Stunden für alle Arbeiter und Arbeiterinnen über 18 Jahre und von acht Stunden fiir jugendliche Personen bis zu 18 Jahren. 2. Unterbrechung dieser Arbeitszeit durch regelmäßige Paussn, von denen die Mittagspause in der Mindestdauer von zwei Stunden festzusetzen ist. 3. Einheitliche gesetzliche Durchführung des 8 Uhr-Laden-, Ge- schäfts- und Arbeitsschlusses für alle Handelsbetriebe. 4. Generelle Einführung des 6 Uhr-Postschalterschlusses für das ganze Deutsche Reich. 5. Vollständige Sonntagsruhe für alle kaufmännischen Bettiebe. 6. Ausdehnung der Unfallversicherung auf das gesamte Handels- gewerbe. 7. Erlaß von Vorschriften betteffs der hygienischen Beschaffenheit der Arbeits- und Aufenthaltsräume. 8. Verbot des Kost- und Logiszwanges beini Arbeitgeber. 9. Verbot der Verwendung jugendlicher Arbeiter unter 21 Jahren als Transportradfahrer. 10. Errichtung von Handelsinspektoraten analog der Fabrik- inspektion unter Hinzuziehung von im Beruf erfahrenen Arbeitern als Assistenten. 11. Ausdehnung des obligatorischen Fortbildungsunterrichts auf die jugendlichen Handelshülfsarbeiter und Arbeiterinnen." Damit war die Tagesordnung des Kongresses erledigt. 5. Generallitrsammlung des Verbandes der Stukkateure und verw. Kerufsgeuoffeu Deutschlands. Leipzig, 17. April. Erster Verhandlungstag. Heute vormittag begann im Volkshause die fünfte Tagung dieser Organisation. Außer 42 Delegierten sind anwesend drei Vertreter vom Hauptvorstand und ein Vertreter vom Ausschuffe; ferner B ö m e l b u rg- Hamburg als Vertreter des Maurer- Verbandes und L ü t t i ch- Leipzig als Delegierter des Zentral- Verbandes der Bildhauer. Begrüßungstelegramme und-Schreiben sind eingelaufen von den Bruderorganisationen in Frankreich, Oesterreich-Ungarn, Hollgud, Bukarest, sowie aus Wien und verschiedenen deutschen Städten. Odenthal- Hamburg, der Vorsitzende deS Verbandes, erstattete den Geschäftsbericht. Taraus sei folgendes hier wieder- gegeben. Die von der Organisation geführten vielen Kämpfe seit dem letzten Verbaudstage sind infolge einer guten Baukonjunktur alle erfolgreich verlaufen. Von 4121 im Jahre 1903 ist die Mit- gliederzahl auf 7283 im Jahre 1905 angewachsen, was die Gründung einer Anzahl weiterer Filialen zur Folge hatte. Diese Erfolge hat ausschließlich die intensive Agitation ermöglicht. Der Verband hat fett seinem Bestehen überall Verkürzungen der Arbeitszeit erkämpft. Die Arbeitszeit schwankt zwischen 8V2 und 11 Stunden, die Stundenlöhne zwischen 25 und 90 Pf. Lohnbewegungen wurden in 57 Filialen mit 6763 Kollegen geführt. In vielen Filialen wurden mit den Unternehmern Lokaltarise ab- geschloffen. An Reiseunierstützung wurden vom dritten bis Ende des vierten Quartals 1905 8323 M. gezahlt. Die Ausgaben für Rechtsschutz betrugen von 1903— 1905 2233 M. Die Auflage des Fnchorgans ist von 5300 auf 10 000 Exemplare gestiegen. Die Gesamteinnahmen des Verbandes in der Berichtsperiode betrugen 239 724,30 M.. die Ausgaben 157 886 M. Das Gesamtvermögen beziffert sich auf 81 838,26 M. Odenthal wendete sich scharf gegen die Quertreibereien der sog. Christlichen bei Lohnbewegungen der Stukkateure. Ueberall macht sich in Rheinland-Westfalen die Agitation der Kapläne be- merkbar. In der Diskussion über den Vorstandsbericht wird die Nicht- anstellung eines Gauleiters für das Rheingebiet bemängelt, das Ein- gehenlassen der Filiale Stuttgart mit 600 Mitgliedern, ferner, daß in Stettin kein Vorstandsmitglied des Verbandes politisch organisiert sei und daß in Süddeutschland, besonders in Nürnberg, nichts geschehen sei, gerade dovt, wo ein besoldeter Beamter not- wendig gewesen wäre. Man wünschte den Abschluß von Kartell- vertragen mit den übrigen Organisationen, die endliche Beseitigung der Grenzstreitigkeiten, eine Vermehrung des Hauptvorstandcs um drei Mitglieder(da der jetzige Vorstand die ihm zugewiesenen Auf- gaben nur ungenügend erfüllen könne) und schließlich den Anschluß an den Maurerverband. Der Vorsitzende verteidigte die Tätigkeit des Hauptvorstandcs gegenüber den Angriffen der einzelnen Delegierten und betonte, auch er sei für einen großen Jndustrievcrband der Bauarbeiter. aber dagegen, daß die Organisation vom Maurcrverband auf- gefressen werde. Das Ziel des Stukkateurverbandes sei die Wirt- schaftliche Aufklärung der Mitglieder, wodurch auch deren politische Erkenntnis reife und sie in die politische Organisation hinein- getrieben würden. Bömelburg legte alsdann seinen Standpunkt zur Vcr- schmelzung mit dem Maurerverbande dar und bemerkte, die Eni- Wickelung im Baugewerbe setze sich immer mehr nach der Richtung durch, daß ein Beruf in den anderen übergreife. Je mehr aber die beruflichen Berührungspunkte wüchsen, desto schneller reiften die Konflikte. Er bedaure lebhast das Nichtzustandekommen eines Kartellvcrhältnisses. Das Aufgehen der kleinen Organisationen in den großen liege nur im Interesse der ersteren. Gleich nach der vorigen Generalversammlung der Stukkateure habe sich der Maurerverband an den Stukkateurverband gewandt um das Zu- standekommen eine? Kartellvertrages. Odenthal habe davon aber nichts wissen wollen. Für beide Organisationen sei der Zusammen- schluß unbedingt notwercktig, da die Zahl der Personen, die eine bestimmte Arbeit ersetzen könnten, beständig wachse. Die Agitation und die Leitung bei Lohnbewegungen könnten nur bei der heutigen Ausdehnung des Maurerverbandes erfolgreich betrieben werden. In den künftigen wirtschaftlichen Kämpfen der Bauarbeiter werde die Situation so sein, daß nur an kleinen Orten gestreikt zu werden brauche, um gleich eine große Aussperrung zu haben. Die EntWickelung im Baugewerbe werde bald die Lohnkämpfe in ganzen Bezirken bringen. Am 30. März 1908 laufe der Tarif ab, der für das ganze Rhcingebiet mit 30 000 Bauarbeitern gelte. Dann werde es einen Riesenkampf auf der ganzen Linie geben, von Kassel bis hinauf nach Mannheim. Die Unternehmer würden da vor den Stukkateuren nicht Halt machen. Solchen Situationen sei eine kleine Gewerkschaft nicht gewachsen. Aus diesen Gründen brauche die Arbeiterbewegung den Zusammenschluß. Odenthal erwiderte, bei Ablehnung des Kartellvertrages habe den Hauptvorstand der Stukkateure der Grundsatz geleitet, daß er seine Angehörigen bei Maurcrstreiks nicht auf die Straße werfen lassen wollte. Das hätte die Stukkateurorganisation zum Weißbluten gebracht. Bei einer Verschmelzung würde die Stukkateure zwar nicht der Hauptvorstand, wohl aber die Maurer in den einzelnen Zahlstellen an die Wand drücken. Hierauf trat die Vertagung des Verbandstages ein. Sechste Geueralöersmmlung des ZenKalverMes der Vergslder DenWands. Zweiter Verhandlungstag. Leipzig, 17. April. Nachdem der erste Teil der heutigen Sitzung sich mit statistischen Erörterungen beschäftigte und Klagen über schlechte hygienische Ver- Hältnisse und Arbeitsmaterialien sowie über das Ueberstundenwesen, namentlich in Altona, vorgebracht wurden, erstatteten die De- legierten ihre Filialberichte. In Altona werde die Hausindustrie eingeführt. Genth- Brandenburg empfahl die Augliederung der A l t 0 n a e r Mit» glieder an die Krankenunterstützung des Verbandes. Auf die Klagen, daß in Berlin die Frauenarbeit und die Schmutzkonkurrenz sowie das Zwischenmeistersystem herrsche, hoben die Berliner Delegierten hervor, daß in großen Berliner Fabriken die Ueberstundcnarbeit abgeschafft sei. G l 0 ck e l-Köln be» merkte dazu, daß die Bekämpfung der Ueberstunden deshalb schwie» riger geworden sei, Iveil die Leistenbranche eine Saisonindustrie ge» worden wäre. Aus Wien berichtet S�chmidt, daß mit Hülfe der Jugendorganisationen und der Behörden die Sonntagsarbeit mit Erfolg bekämpft werde. Genth-Brandenburg ineinte, daß die Lehrlinge in Brandenburg ja beinahe bessere Löhne be- kämen als die bei Zwischenmeistern beschäftigten Berliner Kollegen. Ans Burg bei Magdeburg wird von einer blühenden Lehrlingszüchterci berichtet. Bei 87 Erwachsenen arbeiten 26 Lehrlinge. Der Lohn schwanke zlvischen 15 und 30 Mark. In Düsseldorf sei seit Jahresanfang ein jsrischcr Zug in die Bewegung gekommen, nur müsse der Berufsdünkel zwischen Rahmen- und Leistenvergoldern gerügt werden. Das Haupthindernis einer schnellen Vorwärtsentwickelung sei der religiöse Fanatismus der „Schwarzen". In Fürth liegen die Verhältnisse durch die schwere Krisis der Vergolderbranche in den letzten drei Jahren sehr un- günstig. Hamburg habe in den letzten Jahren in der Leisten« brauche eine gute, in der Rahmenbranche eine weniger gute K011- junktur gehabt. Der Delegierte hofft von der Verschmelzung mit deni Holzarbeiterverbande eine Verbesserung der zlvischen 21 und 30 Mark schwankenden Löhne. In Köln herrsche unter den 500 bis 600 Arbeitern der Brauche Egoismus und Gleich« gültigkeit. Leipzigs Rahmenbranche habe nur vor Weihnachten guten Geschäftsgang. Die Berufskollegen seien meistens im Fabrik» arbeiterverbande organisiert. Der 1. Mai sei bisher nur von einigen Kollegen gefeiert worden. In M e e r a n e, wo die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Branche nicht allzu schlechte seien, werde diesmal der 1. Mai ganz gefeiert werden. M ü n ch e n mit 100 Organisierten von 200 Vergoldern konnte einen Tarifvertrag erreichen. Dort sei an der Vergolderfachschule ein Kollege als Lehrer tätig. Nachdem noch die Vertreter der Filialen in Nürnberg, Rudolstadt, Neu-Ulm, Zürich, Stendal und S t r e I i tz i. M. ihre Be» richte über ihre Zahlstellen abgegeben hatten, wurde mit der Be« ratung deS wichtigsten Punktes, dem Anschluß an den Deutschen Holzarbeiterverband, begonnen. 8. Gtueral-Dersammlung des Deutschen Teltilarbeiter- Verbandes. Mühlhausen i. Th.. 17. April. Vierter; Verhandlungstag.; Nach Eröffnung der Sitzung gibt das Bureau folgende Reso» lution bekannt, die in der gestrigen geschlossenen Sitzung ange» nommen ist: Die 8. Generalversammlung beauftragt den Vorstand, als» bald an die Ausarbeitung von Einheitslohntarifen für die ver- schiedenen Branchen unseres Berufes heranzutreten. Er hat inS- besondere zu diesem Zweck für jede Branche eine Konferenz zu- sammenzuberufen, welche aus den Hauptindustrieorten des Reiches in der betreffenden Branche besucht werden muß. Diese Konferenz hat zum Zweck, unter Zugrundelegung schon vorhandener Tarife, das Gerippe für den Einheitslohntarif aufzustellen. Nachdem dies geschehen, hat der Vorstand oder an dessen Stelle«ine besondere Tarifkommission den Tarif zu entwerfen und den Entwurf den einzelnen Orten zur Diskussion und Rückäußerung zu übersenden. Sobald die hierzu festgesetzte Frist abgelaufen ist, ist der Entwurf mit den etwaigen Abänderungsvorschlägen an den Vorstand bezw. die Tarifkommission einzusenden. Sobald dies geschehen ist, werden die Teilnehmer der ersten Konferenz zu einer neuen Tagung zusammenberufen, um unter Berücksichtigung der ein- gegangenen Abänderungsvorschläge den endgültigen Tarif auf- zustellen. Sämtliche Einheitslohntarife sind dann der nächsten Generalversammlung im Jahre 1908 zur Annahme vorzulegen. Die Verträge sollen Bestimmungen enthalten über die Dauer der täglichen Arbeitszeit, über Beginn und Ende der Pausen inner- halb der Arbeitszeit, über Ueberstunden, Nacht- und Feiertags- arbeit, über den Arbeitslohn für die festgesetzte tägliche Arbeits- zeit, über den Arbeitslohn für Ueberstunden, Nacht- und Feier- tagsarbcit, über die Zeit der Lohnzahlung, über die Kündigung des Arbeitsverhältnisses, über die sanitären Einrichtungen in den Arbeitsräumen. Aborten usw., über die Einsetzung einer paritätisch zusammengesetzten Kommission der Arbeiter und Unternehmer. welche Differenzen zu untersuchen und zu schlichten hat, über die Tauer des Vertrages, über die Kündigungsfrist desselben. Die Vertragsdauer soll in der Regel aber zwei Jahre nicht über» schreiten. Eine Dauer bis zu drei Jahren ist nur dann zu- lässig, wenn mit einer Lohnerhöhung eine Arbeitszeitverkürzung und die Freigabe des Sonnabendnachmittages verbunden ist. Ferner sollen Bestimmungen aufgenommen werde» über den Grundlohn, die verschiedenen Zuschläge zum Grundlohn, die Nebenarbeiten, das Verarbeiten von schlechtem Material, das Warten auf Material und Reparaturen, die Bezahlung der Ueber- stunden, Nacht- und Feiertagsarbeit. Die Lohnbcrechnung in den Webereien hat nach folgenden einheitlichen Bestimmungen zu erfolgen: Hinsichtlich der Feststellung der Schußzahl ist überall das S ch u ß u h r s y st e m zu erstreben und der Lohn nach 1000 an- gezeigten Schuß zu zahlen. Bezüglich der Nebenarbeiten muß der Lohntarif Bestim- mungen enthalten, die dieselben günstig regelt. Der Bericht vom internationalen Textil- arbeiterkongreß und vom Kölner Gewerkfchafts- k 0 n g r e ß wird vom Vorsitzenden Hübsch gegeben. Redner spricht seine Unzufriedenheit über die internationale Bewegung aus, es seien recht wenig Errungenschaften gemacht worden. Dies sei aber zum großen Teil auf die geringen Mittel, die dem Sekretär zur Verfügung gestanden haben, zurückzuführen. In drei Jahren sei nur die Summe von 2889 M. aufgebracht worden und diese genüge nicht, um, wie notwendig, Agitation zu betreiben. Redner wünscht, daß die deutschen Delegierten stets für die Beschafffung der nötigen Mittel eintreten. In seinem Bericht über den Kölner Gewerkschaftskongreß ver- tritt Redner bezüglich der Maifeier die Meinung, daß trotz allen eventuellen Meinungsverschiedenheiten die Textilarbeiter in der vollständigen Arbeitsruhe nach wie vor die vornehmste Feier zu erblicken haben. Eine lebhafte Debatte, die den ganzen Vormittag ausfüllt und wobei die zu diesem Punkte gestellten Anträge mit zur Verhandlung stehen, finden statt. II m b r e i t— Vertreter der Generalkommifsion— stellt verschiedene Ausführungen, die von den �Diskussionsrednern gemacht wurden, richtig. Redner sieht in der Resolution zum Generalstreik von Köln und Jena gar nicht einen so großen Unterschied; beide wollen unter keinen Umstanden eine Beschneidung der Volksrcchte dulden, nur dah in der Kölner Resolution keine bestimmte Taktik festgelegt ist. Redner verbreitet sich weiter über die Maifeier und hofft, daß der nächste inter- nationale Kongreß eine Form findet, wodurch die Maifeier zu einer würdiger auszuführenden Demonstration gestaltet wird. Aus der ganzen Debatte geht hervor, daß die Textilarbeiter in bczug auf die Maifeier auf dem Boden der Pariser Resolution stehen. Durch die ganzen Beratungen zieht sich wie ein roter Faden immer wieder die Betonung der Tatsache, daß sich die Tcxtil- arbciter eng mit der Sozialdemokratie liiert fühlen und daß" sie nicht nur die alten Volksrechte erhalten, sondern neue hinzu- gewinnen wollen. Beschlossen wird, daß in Zukunft die internationalen Textil- arbeitcr- sowie Gewerkschaftskongresse nach folgender Norm zu be- schicken sind: auf je 10 000 Mitglieder soll 1 Delegierter entsandt werden, und die allgemeinen internationalen Arbeitcrkongresse sollen durch 3 Delegierte beschickt werden. ... Zu Beginn der Nachmittagssitzung erstattet die Kommission über ihre Arbeiten Bericht. Es kommen die Beitragserhöhungen zur Beratung; hierzu stehen 13 aus den Zahlstellen gestellte An- trage mit zur Debatte Nachdem 20 Delegierte die Notwendigkeit der Beitragserhöhung betont, wird ein fakultativer Staffelbeitrag beschlossen, der in der I. Klasse 20, II. 30, III. 40 und IV. SO Pf. betragen soll. In Klasse I können jedoch nur Arbeiterinnen und männliche Personen nur bis zum 18. Lebensjahre eintreten. In Klasse I und II bleiben die jeweiligen Unterstützungssätze bestehen; während einer Lohnbewegung kann kein Mitglied einer höheren Klasse beitreten. Ferner muß die erhöhte Einnahme, die aus Klasse III und IV erzielt wird, voll an den Zentralvorstanid abgeführt werden. Weiter wird beschlossen, daß Mitglieder, die erwerbsunfähig sind und 10 Jahre dem Verbände angehört haben, unter Beibehaltung ihrer Rechte vom Beitrag befreit werden. Dadurch ist die von der Kommission vorgeschlagene Resolution zur Regelung der Bcitragsleistung abgelehnt.— Alsdann erfolgt die Berichterstattung der Kommission über die Unterstützungen des Verbandes. Vor Schluß der Sitzung gelangt ein Telegramm aus Aachen zur Verlesung. Dieses meldet, daß 4000 Textilarbeiter ausgesperrt sind, weil sich die christlich organisierten Arbeiter weigerten, 'n die gesperrten Fabriken zu gehen. Der christliche Verband drohte mit Entziehung der Unterstützung. Soziales. Wissenschaftliche Kurse zum Studium des Alkoholismus. " Unter Beteiligung von etwa 140 Hörern wurden die Kurse zum Studium dos Alkoholismus vorgestern begonnen. Der Vor- sitzende des Zentralverbandcs zur Bekämpfung des Alkoholismus, Senatspräsident des Oberverwaltungsgerichts, Dr. v. Strauß und Torney, führte zur Begrüßung etwa aus: Bedarf es wissenschaftlicher Kurse zum Studium deS Alkoholismus? Diese Frage wurde noch vor einem Jahrzehnt zweifellos verneint worden sein. Die Tatsache, daß die Kurse in diesem Jahre zum drittenmal eingerichtet, mit jedem Jahre stärker besucht werden, bejaht die Bedürfnissrage. Die Wissenschaft beschäftigt sich gründlich und ernstlich mit der Alkoholsrage. Was die Wissenschaft an Untersuchungen angestellt und an Ergebnissen festgestellt hat, wollen diese Kurse weiteren Kreisen vermitteln. Das Interesse der Regierungen und Behörden, an der Lösung der Alkoholsrage mitzuwirken, steigt. Dies ist verständlich und nötig. Ist doch die Atkoholfrage nicht nur eine individuelle Frage, welche den ein- zelnen Trinker, dessen Familie und die Behörde, welche mit ihm zu tun hat, angeht, sondern eine Frage von allergrößter sozialer und nationaler Bedeutung für Deutschlands Gegenwart und Zu- knnft. Aber noch fehlt es vielfach auch in den Reihen der Ge- bildeten an genauer Kenntnis über die verschiedenartigen Not- stände gesundheitlicher, wirtschaftlicher und sittlicher Art, welche der Alkoholismus als Folge- und Begleiterscheinungen verursacht; noch gehen Ansichten über die Mittel und Wege der Bekämpfung dieser Notstände stark auseinander. Deswegen wollen diese Vor- lesungen sicheres Tatsachenmaterial bieten und berichten, was sich im Kampfe gegen dieses soziale Ucbel bewährt und erprobt hat. Sie wollen nicht agitatorisch einer Partei oder Richtung, sondern rein informatorisch denjenigen dienen, welche, sei es innerhalb oder außerhalb ihres Berufs, sich für die Alkoholsrage interessieren. Aus den bislang gehaltenen Vorträgen seien einige Aus- führungen hervorgehoben. Professor Dr. Arthur Hartmann «Berlin) sprach gestern über Alkohol und Jugend. Nach der Ueberzeugung des Redners ist die Bekämpfung des Alkohol- mißbrauches, der Trunksucht, mindestens ebenso wichtig für das allgemeine Wohl als die Bekämpfung der Tuberkulose und der Säuglingssterblichkeit. Eine große Anzahl von statistischen Erhebungen in Schulen verschiedener Städte zeigt, in welchem Umfange schon von Kindern alkoholische Getränke genossen werden. Die erste grundlegende Arbeit verdanken wir dem Schuldirektor Bahr in Wien, welcher schon den Nachweis liefern konnte, daß diejenigen Kinder, welche alkoholische Getränke gar nicht oder nur ausnahmsweise genießen, die besten Noten bekommen, daß dagegen diejenigen, welche regel- mäßig ein oder mehrere Male am Tage alkoholische Getränke be- kommen, sich in der Schule schlecht bewähren. Diese Erfahrung wurde bei den späteren Erhebungen durchgehends bestätigt. In Berlin wurden auf. Veranlassung von Hartmann an zwei Volks- schulen Untersuchungen angestellt; vier Fünftel der Kinder be- kommen wöchentlich mindestens einmal Bier oder Schnaps zu trinken, ein Drittel täglich. Günstiger waren die Verhältnisse bei der kürzlich in Braunschweig an 17 385 Kindern angestellten Erhebungen. Es erhielten dort nur 11 Proz. der Kinder täglich Wein, Bier oder starke alkoholische Getränke. Ein ungünstigeres Verhalten zeigen die höheren Schulen, wo bis zu 80 Proz. der Schüler täglich alkoholische Getränke zu sich nehmen. Bei diesen Kindern wird die Aufmerksamkeit, die Denkfähigkeit und das Gedächtnis gemindert. Besonders beweisend seien die in zwei Familien angestellten Ex- perimente, über welche Demme berichtet. Es wurde den Kindern monatlich abwechselnd zu Tisch mit Wasser vermischter Wein oder alkoholfreies Getränk gegeben. Während der Weinperioden erschienen die Kinder den Eltern matter und zur Arbeit weniger aufgelegt, namentlich war der Schlaf un- ruhiger, häufiger unterbrochen, deshalb weniger ausruhend und erquickend. Bei zweien der Knaben waren die Erscheinungen so ausfallend, daß sie ganz aus freien Stücken ihre Eltern darum baten, mit Wein verschont zu werden. Der Alkohol ist ein auf das Nervensystem wirkendes Mittel. ein Nervengift, das hauptsächlich auf das Gehirn, außerdem aber auch auf das Gefäßsystem und den Stoffwechsel wirkt. Der Tod eines dreijährigen Kindes wurde schon durch 75 Gramm, der Tod eines Erwachsenen durch 330 Gramm reinen Alkohols herbeigeführt. Kleinere Mengen wirken meist erregend, später ermüdend auf das Nervensystem, größere äußern eine deprimierende Wirkung; cS kommt zu Bewußtlosigkeit in Verbindung mit Krämpfen- Die tägliche Zuführung von Alkohol führt beim Kind häufig zu Verdauungsstörungen, dre Entwickelung wird beeinträchtigt, all- mählich entwickelt sich chronischer Magenkatarrh. Durch die Ein- Wirkung auf das Nervensystem werden die Kinder reizbar nervös. Scklvere Alkoholvergiftungen bei Kindern mit Hirnkongestion. Be- wußtlosigkeit und Krämpfen kommen ,n den Krankenhäusern zur Beobachtung. Bisweilen tritt Epilepsie oder Veitstanz nach Alkohol- genuß auf, auch Säuferwahnsinn wurde bei 4 beziv. 5 Jahre alten Kindern schon beobachtet Die allseitig gemachten Erfahrungen machen es zur Pflicht. daß insbesondere die Kinder vom Genuß alkoholischer Getränke fern gehalten werden, um sie vor Schädigung zu bewahren und um sie Nicht an den Genutz dieser Getränke zu gewöhnen'. AuS Ge« wohnheitötrinkern werden übermätzige Trinker. Trunksüchtige. Ersatzgetränke sind Milch, Kakao, zuckerhaltiges Wasser, Limonaden, welche den Kindern dargeboten werden müssen. Durch die Acrzte und durch die Lehrer mutz die Aufklärung über die Altoholschädigungen gegeben werden. In Berlin wird neuerdings durch die Schulärzte den Eltern bei der Einschulung ein Warunngsblatt übergeben. Durch Ministerialverfügung wird der Lehrer beauftragt, die Kinder in der Schule über die Gefahren des Alkohols zu unterrichten. Leider finden die Verfügungen nicht die ihnen gebührende Be- achtung, da sowohl die dem Ministerium unterstehenden Behörden als auch die Lehrer der höheren Schulen und der Volksschulen mit der Bedeutung der Mkoholsrage noch nicht genügend bekannt gemacht wurden. Es wäre zu wünschen, daß durch diese Vorkehrungen ähnliche Erfolge erzielt werden, wie in Nordamerika, wo durch die Einführung des obligatorischen Alkoholunterrichtes in der Schule ein großer Teil der Lehrer enthaltsam, der übrige Teil sehr mätzig wurde, und durch die Belehrung und das gegebene Beispiel der Alkoholmißbrauch in allen Volksschichten, insbesondere unter den Arbeitern, außerordentlich gemindert wurde. Man schätzt dort die Anzahl derer, die sich des Alkohols gänzlich enthalten, auf zehn Millionen, abgesehen von den vielen Bürgern, die sehr mätzig sind. Dr. med. et phil. R. O. Neumann(Heidelberg) sprach über Alkohol als Nahrungsmittel. In keinem anderen Kapitel über den Alkohol ist bis auf den heutigen Tag so heftig gestritten worden, wie darüber, ob der Alkohol ein Nahrungsmittel ist. Die Beantwortung, so führte der Redner etwa aus, läßt sich nicht durch empirische Erfahrungstatsachen oder oberflächliche Ueber- legungen geben, sondern kann nur durch experimentelle Versuche an Menschen herbeigeführt werden. Die hierbei ermittelten Er- gebnisse sind aber auch als Grundlage für den weiteren Kampf gegen den Alkohol zu betrachten, da durch sie am besten allen irrigen Vorstellungen und Aufbauschungen der Boden entzogen toird. Die Ansichten über den Nährwert des Alkohols standen sich bisher diametral gegenüber, indem die einen für, die anderen sich gegen die Annahme eines solchen entschieden. Eine Einigung konnte bis vor kurzem nicht erzielt werden, da auch die Wissenschaft- lichen Versuchsergebnisse nicht übereinstimmten. Die Ansicht, der Alkohol besitze Nährwert, geht bis in das Altertum zurück; namcnt- lich ist sie durch Aerzte gefördert worden, die seit jeher den Alkohol als Stärkungs- und Kraftmittel in der Medizin verordneten. Auch der allergrößte Teil des Publikums sieht im Alkohol ein Nähr-, Kraft- und Stärkungsmittel, dessen Gebrauch aber leider dort, wo gerade die Stärkung am notwendigsten wäre, durch übermäßigen Genuß zu Schädigungen des Organismus und zur Unterernährung führt. Die Ausgaben, die für Alkoholika gemacht werden, beweisen, wie wenig richtig noch ihr wirklicher Wert beurteilt wird, und zwar in erster Linie deshalb, weil man das verhältnismäßig geringe Quantum an Nahrung, das man im Alkohol bezw. in alkoholischen Getränken zu sich nimmt, unverhältnismäßig hoch bezahlen muß. Andererseits ist man sich dessen nicht bewußt, daß man für das teure Geld Gefahren für den eigenen Organismus mit in Kauf nimmt. Durch wissenschaftlich einwandfreie Ex- perimente ist jetzt festgestellt, daß in der Tat dem Alkohol ein gewisser Nährwert nicht ab- zusprechen ist, weil er im Organismus ähnlich wie andere st ick st offfreie Stoffe, z. B. FeG und Kohlehydrate, durch seine Oxydation oder Nahrung Spannkräfte frei werden läßt, die dem Körper zugute kommen. Er wird bis zu etwa 98 Proz. im Organismus verbrannt und wirkt dadurch auf den respiratorischen Stoffwechsel ein. Wird er mit genügender Nahrung aufgenommen, so kann er Stoffe wie Fett und Kohle- Hydrate vor der Verbrennung schützen und wirkt so als Sparmittel. In seinem Verhältnis zum Körpereiweiß verhält er sich in Stoff- wechselversuchen so. daß bei genügender Nahrung der Stickstoff- zerfall geringer wird, d. h. er wirkt Eiweiß sparend. Dies findet aber erst statt, wenn die deletäre Wirkung des Alkohols durch Ge- wöhnung ausgeschaltet ist. Bei ungenügender Nahrung bezw. bei bestehender Unterernährung und bei großen Alkoholdosen tritt die protoplasmaschädigende Wirkung in den Vordergrund, wobei ein größerer Eiweißzerfall die Folge ist. Die Frage nach der eiweitzsparenden Kraft dcZ Alkohols hat bisher am meisten der Erörterung unterlegen, sie wurde vom Vor- tragenden von neuem wieder aufgenommen und in 2 sehr langen Stoffwechselversuchen in bejahendem Sinne beantwortet. Seine Arbeiten sind von anderer, auch von früher gegnerischer Seite be- stätigt worden. Trotz der theoretisch intereissanten Tatsache, daß Alkohol physiologisch ein Nahrungs- mittel genannt werden muß. kann keine Rede davon sein, daß man praktisch ihn als solches empfiehlt, und der Vortragende verwahrt sich ausdrücklich da- gegen, daß aus seinen Versuchen derartiges geschlossen iverden könnte. Denn erstens wäre es ein außerordentlich teures Nahrungs- mittel, und dann sind doch die Schädigungen, die der dauernde Genuß von Alkohol auf die Organe und Funktionen des Organismus ausübt, derartig in die Augen fallend und bekannt, daß es frevel- Haft erscheinen mühte, ihn als Nahrungsmittel anzupreisen. Des weiteren sprach der Professor Dr. G. Aschaffenburg (Köln a. Rh.) über Alkohol und Seelenleben. Der Vor- tragende versuchte, an der Hand der durch die Experimental- Psychologie gewonnenen Ergebnisse fremder und eigener Forschungen die Wirkung des Alkohols auf das geistige Leben darzustellen. Fol- gende Wirkungen des Alkohols auf die seelischen Funktionen sind. nach Ansicht des Redners, nachgewiesen: Die Auffassung der Vor- gänge wird durch Alkoholgenuß erschwert und verfälscht, daS Gedächtnis und die Merlfähigkeit leiden Not, die Verarbeitung der gewonnenen Eindrücke wird oberflächlicher, der Zusammenhang des Denkens gelockert, die Auslösung von Willenshandlungen erleichtert auf Kosten ihrer Zuverlässigkeit. Diese Wirkung zeigt sich schon bei ganz kleinen Mengen; sie wird bei größeren deutlicher und überdauert bei Mengen, die etwa 2— 2Vi Liter Bieres entsprechen, gelegentlich zwei durchschlafene Nächte. Längere Versuchsreihen haben gelehrt, daß die verschlechternde Wirkung durch die Ge- wöhnung nicht abgeschwächt wird, sondern sich verstärkt. Ueber„Alkohol und Arbeiterversschcrung" sprach RegicrungL- rat Dr. W e y m a n n. Der Vortrag ging auS von der durch die Reichsstatistik festgelegten Tatsache, daß im Jahre 1903 auf den Kopf der Bevölkerung 9,4 Liter absoluten Alkohols getrunken worden sind. Diese Zahl gebe ein falsches Bild, weil nicht jeder Deutsche alkoholische Getränke, und niemand reinen Alkohol trinkt. Wenn man den absoluten Alkohol in 30prozentigen umrechne (Schnaps und Liköre enthalten in Deutschland zwischen 20 und 30 Proz. Alkohol), so entfallen davon auf den Kops 31,3 Liter, und wenn man die Kinder unter 14 Jahren ausscheide(ein Drittel der Bevölkerung) und auf den Kopf der Frau ein Fünftel dessen rechne, was auf den Kopf des ManneS— damit sei wahrscheinlich der durchschnittliche Anteil der Frauen v i e l zu hoch eingeschätzt—, so entfallen auf Mann und Frau zusammen 3 Kopfteile mti 94 Liter. davon auf den Mann— joden über 14 Jahre alten Mann— fünf Achtel gleich 79 Liter, also wöchentlich etwas über 1}H Liter Mprozentigen Alkohols. Diese Menge entspreche dem Alkoholgehalte von 10,5 Liter Bier(daS Bier wie üblich zu 4 Proz. Alkoholgehalt angenommen) oder, da die übliche Bierflasche% Liter enthalte, 35 Flaschen Bier. ES verzehre also jeder deutsche Mann vom 14. Lebensjahre ab Tag für Tag fast Bierflasche voll Mprozentigen Schnapses oder 5 Flaschen Bier. Daß dies den als mäßig anzuerkennenden Alkoholverbrauch bedeutend übersteige, wurde einmal aus den Forschungen namhafter Gelehrten(Kräpelin, Forel, Ziehen, Strümpell, König), sodann aber aus den Statistiken zahlreicher englischer und anderer Lebens-' versicherungs- Gesellschaften abgeleitet, nach denen sich die Abstinenten als überraschend viel günstigere Risiken selbst da er. wiesen haben, wo ihnen nur durchaus müßig Lebende gegenüber- standen. Sodann schilderte der Vortragende an der Hand zahlreicher Zahlennachweise und wissenschaftlicher Untersuchungen das Heer von Kraoihciten, die als häufige Folge der Unmößigleit im Trinken bekannt sind, den verderblichen Einfluß der Unmätzigkeit auf Tuber- kulosc. Geschlechtskrankheiten und andere verbreitete Leiden, die bedeutende Erschwerung, die die Heilung von Wunden, Knochen- brächen und ähnlichen Verletzungen durch den Trunk erfährt(95 bezw. 99 Proz. aller Betriebsunfälle in der Industrie bezw. in der Landwirtschaft bestehen in gewaltsamen mechanischen Insulten). die Steigerung der Unfälle durch den Trunk(die auf den Montag entfallenden Unfälle verhalten sich zum Durchschnitt der übrigen Wochentage wie 11 zu 10, obwohl am blauen Montag viel weniger Arbeiter tätig sind als sonst), die ebenfalls durch verschiedene statistische Reihen nachgewiesene verheerende Einwirkung des Alkoholmißbrauchs auf die Nachkommenschaft, und endlich die aus diesem allen sich ergebende enorme Belastung der Arbeiter- Versicherung, die der Vortragende meinte mit 50 Millionen' jährlich mäßig veranschlagt'zu haben. Hierauf ging der Vortrag über zur Schilderung der Hemm« nisse, die der Alkoholmißbrauch der sozialen Wirkung der Arbeiter- Versicherung bereite, indem er das Bestreben, sich zunächst auf die eigene Kraft zu verlassen und die Zufriedenheit mit dem Gebotenen verringern, dagegen das Verlangen nach mühelosem Gewinn und nach Genuß steigern. Die Arbeiterversicherung müsse daher mit den zahlreichen ihr zur Gebote stehenden Mitteln auf die nachdrückliche Bekämpfung des übermäßigen Alkoholgenusses ausgehen, vor allem sich die aus- giebige Belehrung des Volkes im allgemeinen und der Jugend im besonderen über die Gefahren des übermäßigen Alkoholgenusses angelegen sein lassen und ihren Einfluß für eine allgemeine Um- bildung der Trinksitten einsetzen. Wir haben vorstehend sehr ausführlich über die bislang be- handelten Themata berichtet. Der Leser mag selbst sich ein Urteil darüber bilden, ob die von den Bortragenden gezogenen Schlüsse zutreffen. Aus eins sei aber hingewiesen. Mag man ein noch so strenger Enthalffamkeitsapostel sein, so darf man doch aber die Tatsache nicht außer acht lassen: alle schönen Redensarten über Enthaltsam- feit berühren die Ursache der verheerenden Wirkung deS Alkohol- mißbrauchs nicht. Es steht der Regierung und den bürgerlichen Parteien schlecht an. gegen den Alkoholgenuß zu donnern, wenn sie selb st durch künstliche Verteuerung der Nahrungs- mittel, durch Erschwerung der Arbeitsgelegen« h e i t, durch Niedrighaltung der Lebenslage, durch Vorenthaltung der geistigen Genüsse Tansende und Abertausende dazu veranlassen, zum Fusel als Betrüger des Magens und als Betäuber zu greifen. Wer gewerkschaftliche und politische Arbeiter- Vereinigungen bekämpft, leistet dem Alk oho l- mißbrauch unendlichen Borschub. Es ist pharisäisch, gegen den Alkoholmißbrauch loSzudonnern, aber den Arbeitern den Weg zu besserer Lebenshaltung, zur Widerstandsfähigkeit gegen den Alkohol, zu geistiger Erholung und Freude zu erschweren. DaS ge- schieht aber von Tag zu Tag. Noch jüngst haben die gesamten bürgerlichen Parteien und die Regierung in der Hülsskassenkommisfion es abgelehnt festzulegen, daß die Krankenkassen berechtigt sind, Anti- alkoholkongresse zu beschicken, Merkbüchlein gegen Alkohol zu ver- breiten usw. In unserer Nummer vom 10. April konnten wir mitteilen, wie in Königsberg Polizeipräsident, Magistrat und Stadtverordnetenkolleg den Kampf der Arbeiter gegen Alkohol- mißbrauch durch Versagen von Versammlungen und Entziehung von Beihülfen bekämpften. Unendlich wertvoller als all die gut gemeinten Vorträge ist für den Kampf gegen den Alkoholmißbrauch: freie Bahn auf ge» werkschaftlichem und politrschem Gebiete, ge« sichertes Koalitionsrecht, Beseitigung der die Nahrungsmittel verteuernden Zölle. DaS Tat« sachenmaterial aus diesen Gebieten, die wiffenschaftlichen Er« gebnisse des verheerenden, auch Alkoholgenuß fördernden Einflusses der herrschenden Ausbeutungspolitik enthalten so reichlichen Anklage« stoff, daß all den bürgerlichen Antialkoholisten dringend zu empfehlen ist, diese Ergebniffe zu studieren und zu beherzigen. Der Reichsverband in der Ortskrankenkasse der Schneider m Berlin. Der Reichsverband wird trotz des allgemeinen Mißtrauens gegen seine der Kasse abträglichen Tätigkeit vorab die große Mehrheit der Kasse weiter terrorisieren. Bekanntlich errang die Liste deS Ver- bandrs der Schneider und Schneiderinnen mit zwei Drittel Mehrheit einen Sieg über die durch Ueberrmnpelung in den Kassenvorstand bugsierten Leute des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozial» demokratie. Gegen die Wahl legten die ReichSverbändler Protest ein. Jetzt— nach Verlauf von fünf Monaten I— hat die Aufsichtsbehörde die Wahl der vom Vertrauen der Kassenmitglieder ae« tragenen Vorstandsmitglieder für ungültig erklärt. Es muß also, falls nicht gegen den Bescheid der Aufsichtsbehörde Rechtsmittel er- griffen werden, Neuwahl stattfinden. Die Begründung des Entscheides der Aufsichtsbehörde ist uns nicht bekannt. Von Interesse würde eS auch sein, ob die wirkliche Aufsichtsbehörde(der Magisttat) und nicht ein Magistratskommissar entschieden hat. Versammlungen. Zenttalverband der Maurer. Am Freitag fand in Keller? Saal eine Generalversammlung des Zweigvereins Berlin statt. Der erste Punkt der Tagesordnung war die Berichterstattung von der Gau-( konferenz. In der Debatte, die den Berichten der Delegierten � folgte, wurde hauptsächlich die den Gaubeamten von der Konferenz! beivilligte Gehaltserhöhung kritisiert. Es war weniger die Gehalts- erhöhung selbst, welche von den Rednern angegriffen wurde, viel- mehr tadelte man den Vorstand deshalb, weil er den von ihm ge- stellten Anttag auf Gehaltserhöhung nicht vor der Konferenz bekannt- gegeben habe, damit die Mitglieder dazu hätten Stellung nehmen können.— Nachdem die Diskussion über diesen Punkt geschlossen war, »ahm die Versammlung Stellung jnr Maifeier. Der Vorsitzende T h ö n s bemerkte hierzu, die Beteiligung an der Maifeier habe von Jahr zn Jahr zugenommen, es sei selbstverständlich, daß die Kollegen auch m diesem Jahre den 1. Mai durch Arbeitsuche feiern, wenn auch der Verband der Baugeschäste wie früher so auch in diesem Jahre beschlossen habe, jeden Arbeitnehmer, der am 1. Mai feiert. am 2. Mai auszusperren.— Nach kurzer Besprechung nahm die Versammlung eine vom Vorsitzenden eingebrachte Resolution an. welche besagt: Die Versammelten sind der Ansicht, daß der 1. Mai nach wie vor als Feiertag zu begehen ist. Jeder Kollege hat in der Versammlung zu erscheinen, die ani Vormittag deS 1. Mai in der Bockbrauerei stattfindet. Die Ausgabe von Maikarten unterbleibt, die Beteiligung an der Maifeier wird durch Stempel im Verbands- buche bescheinigt. Am 2. Mai findet keine Kontrolle statt, wer länger als bis zum 3. Mai ausgesperrt wird, hat sich zur Konttolle zu melden. Herr Schlächtermeister Gerigk, Adalbertstr. 2, ersucht uns mit- zuteilen, daß er nicht, wie in einem in Nr. 78 des„Vorwärts" ab- gedruckten Bericht ans einer Schlächterversammlung behauptet wurde, seine Gesellen verpflichtet habe, bei der Krankcnkassenwah! gegen die Verbandsliste zu stimmen. Auch die in Frage kommenden Ge- sellen bestätigen uns, daß an sie niemals ein solches Ansinnen gestellt wurde._ eingegangene Druckrcbnften. 3. Bericht des Slrbcitcrscttetariats und GewerkschastSkartells Magde- bürg für das Jahr 100 j. 95 S. Selbstverlag. Der Tärmann, Monatsschrift sür pädagogische Reform(Schrislleiter Karl Götze). I. Jahrgang 1905. Geh. M. 5,—, in Leinwand geb. M. S,—. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig. Otto Lyon, Die Fortbildungsschule für Mädchen. Leipzig, B. G. Teubner Preis geh. M. 0,60. SvasserNand am 17 April. Elbe bei Nnsslg-f l.og Meter, bei Dresden—0,42 Meter, bei Magdeburg+ 2,07 Meter.— Unftrnt bei Straichsurt-f 2,27 Meter.— Oder bei R atibor+ 2,39 Meter, bei Breslau Obcrpegel-s- 5,10 Meter, bei Breslau Unterpegel— 0,42 Meter, bei Frankjiirt-f 1,76 Meter.— Weichsel bei Brahemüode -s- 4,14 Meter.-(Warthe bei Posen ff- 1,00 Meter.— Netze bei Uich 0.00 Meter. Jviit den Jndalt der Inserate überniuimt die Redaktion dem Vnblikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Hbcatcr. [ d r i!. Er» Un» Donnerstag, den IS. Ansang VI, Uhr: Opernhans. Orpheus und Eurtjbifc- Schauspielhaus. Wie die Wen sungen. Deutsches. Der Kaufmann von Venedig. Westen. Die vier Grobiane. Berliner. In der Sommcrfrisch'n. iiessiug. Der einsame Weg. Ansang 8 Uhr: Schiller O.«Wallner»Theater.) Der Militärstaat. 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II 2a, am Oranienb. Tor I. Serie Mord- oder Selbstmord> Außerdem 2000 Nuram. Volkskrankheit. u. d. Bekämpf. Anat. Samariterlehre Entree30 Pf. Sold. u. Kind. 20 Pf. Sämtl. Räum, mit Vortrag ohne Nachzahlung 60 Pf. »JJtffrt m. 2 Morgen gr. Obstgart.. �?111U j. jeil fest Beim. i. Riesengeb. 6. Bad Warmbr. s. 22 b. ca. 3000 Mark Anz. bald zu Verl. Off. D. 3 Expedition dieser Zeitung. 206/18 Bruch-Pollmann empfiehlt sein Lager inBruchbandagen, Leibbinden, Geradehaltern, Spritzen, Suspensorien sowie sämtliche Artikel zur Krankenpflege. Eigene Werkstatt. Liefer. f. Orts- u.HülsS-KranIenkaffcn Berlin C„ 6939L» 30. Linitn- Straße 80. Alle Bruchbänder mit elastischen Pe- lotten, angenehm u. weich am Körper. Dr. Schlinemann Spezial-Arzt für» Haut- und Harnleiden, Frauenkrankheiten. Priedrichstr. 203, Ecke Schützenstr. 10— Ä, 5-7,(sonnt. 10—18 Uhr. An allen Orten werden Verkauf stlellen errichtet. Vertreter gesnetat. Gebrüder Krayer, Mannheim. Olga Preise• beliebige Teilzahlung. 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I. vorgenommene Revision. 6. Bericht über den Verband der aus der Grundlage deS gemeinschaftlichen Eigentums stehenden deutschen Bau- genossenschasten. 7. Bcschlugsassung über den Gesamtbetrag, welchen An- leihen der Genossenschaft und Spar- einlagen bei ihr nicht übersteigen sollen. 8. Beschlußfassung über die AuS- sch ließung von säumigen Genossen. Die Bilanz, sowie die Gewinn- und Verwst-Bercchnung für daS Jahr 1995 sind in der Gcschästsstelle, Sickingen- stratze 8, einzusehen. 1263b L. Schmidt. Ernst Roscher. llllMM»MM« zu Berlin. Am Freitag, den 27. April ISOK, abends k Uhr bczw. 81/, Uhr, findet in Dräsels Fcstsälen. Neue Friedrichftr. 35, die == Ordentliche General- Versammlung statt, zu der die für 1996/1997 ge- wählten Vertreter hiermit crgebenst eingeladen werden. Um 8 Uhr: der Vertreter der Arbeitgeber. Tagesordnung: Wahl eines Vorstandsmitgliedes für den Rest des Jahres 1906 an Stelle des ausgeschiedenen Herrn Rosenstock. Um S'/, Uhr: n'V.O rf N Langjährige Erfahrung hat uns gelehrt, dass milder, lieblicher Geschmack eine der hervorragendsten Qaa]itäts>Eigenschaften feiner türkischer Cigaretten ist. Wir haben aber auch gelernt, dass milder Geschmack ohne Einbusse an Aroma nur erreicht werden kann durch sachkundige Mischungen der sorgfältigst gewählten reifen Blätter türkischen Tabaks, zusammengestellt in genau harmonischem Verhältnis. Wir sind sicher, dass Jeder Kenner welcher :v iSJ A 3 r/: 'f. probiert, zu der Ueberzeugong gelangen vrtfd, dass Misehiingen es erreicht haben, feinen, milden Geschmack mit köstlichstem, qualitätvollem Aroma zu verbinden. Josetti-Cigaretten sind deswegen aussergewöhnliche Cigaretten nach jeder Richtung hin. Sie repräsentieren-ciclzt aHein den besten türkischen Tabak, welchen wir zu kaufen wissen, und nicht nur die sachverständigste Fürsorge in der Behandlung' desselben, die man obwalten lassen kann, sondern auch sachkundig zusammengestellte und daher vollkommene Mischungen, die nur durch unermüdliche Aufmerksamkeit verbunden mit kritischer Beurteilung erreicht werden können. Es sind die Mischungen, welche den Josetti-Cigaretten ihren eTgentümliQheQ) hochfeinen, qualitätvollen Geschmack geben. M \ s? ■ttnitllchcF Vertreter. Tagesordnung: 1. Mnahme der Jahrcsrechnung pro 1905. 2. Bericht des Prüsungs- AusschusieS und Entlastung des Ren- dantcn. 3. Definitive Fesl'ctzung deS GehalteS der Bureauvorstehcr. 4. De- finitive Anstellung von bisherigen Hülfsarbeitern. 5. Die Errichtimg eines diagnostischen JnftiwtS. 6. Mit- tcilungcn des Vorstandes. 272/20 Berlin, den 18. April 1906. Der Vorstand. Wilh. Riehl, Bors. Orts-Kranhenbasse der Stellmacher. Donnerstag, den LS. April 1906, abends S'/j Uhr, in DrUsela Festsälen. Neue Friedrichstraste: General-Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Abnahme der Jahresrechnung für das Jahr 1905. 2. Bericht der Revisoren. 3. Verschiedene Kassenangelegenheiten. 273/1 Der Vorstand. I. A.: R. Josewski. Kranken-Unterstützungs- und Ä ii) Joselli Juno 10 St. 20 Pfy. Joselti Griseldis 10 Sb 30 PI& V h >>-V in... üweigverem Berlin und Umgegend. {jeWerü iclier Arbeiter. gfr(.iiflg( den 20. April 1906, abends 8 Uhr, in den„Jndustrie-Feftsäleu", Bcuthstr. 19—20: Vrüentl. Keneral-Vsrssmmwng. TageS-Ordnung: 1. Kassenbericht vom 1. Quartal 1906. 2. Stellungnahme zum 1. Mai. 3. Verbandsangclcgcnheitcn imd Verschiedenes. Der wichtigen Tages-Ordnung wegen ist das Erscheinen aller Kollegen erforderlich. 34/2» ver Zweigverelng-Yorntand. I. A.-: Karl Heidemann._ Konnabend. den LR. d. ZI., abends 8'/, Uhr, im Gewerkschafttthanse, Engel-Ufer 15: Qeneral- Versammlung. TageS- Ordnung: 1. Borrrag des Herrn Dr. med. Idavldsolin über:.DaS Licht in der Heilkunde". 2. Kassenbericht pro I. Quartal 1906. 3. Verschiedenes.— Gäste willkommen. ssrivlir. Rrsudonroich, Vorsitzender. 8. 59, Wtßmannstr. 17 IV. Orts- Krankenkasse der Stach Seböiiederg ssr-oilag, den 27. April 1906, abends 8 Uhr, in der SchloBbrauerei, Haupistr. 112/114: ----------- Ordentliche> General-Tersammlung. TageS-Ordnung: 1. Wahl eines Vorstandsmitgliedes (Arbeitnehmers). 272/19 2. Geschäftsbericht. 3. Bericht der Revisionskommission und Entlastung des Vorstandes und deS GcschastSsübrcrs. 4. Bericht in der Bauangelegenheit. 5. Statutenänderungen. 6 Verschiedenes. Schönebcrg, den 17. April 1906. Oer Vorstand. E. Flamme, Vorsitzender. F. Geist, Schristsührcr. Ortskrankenkasse der Drechsler v. verw. Gewerbe zu Berlin. Die ordentliche 1253b Genera!- Versammlung findet anr Donnerstag, den 26. April 1906, abends 7'/, Uhr, im Dresdener Garten, Dresdener- ftraße 45, statt, wozu die Herren Vcr- lrcter hiermit eingeladen werden. Tagesordnung: 1. Wahl von 2 Vorstandsmitgliedern(l Arbeitgeber, Arbeitnehmer). Die Wahl findet r die Herren Arbeitgeber und Arbeit- iiehmer getrennt statt. Hieraus um 8'/, Uhr für sämtliche Vertreter: 2. Jahresbericht. 3. Be- richt der Revisoren. 4. Statuten- änderung(Zß 13 al. 3; 41, Abs. 1 u. 2; 62, Abs. 1). 5. Verschiedenes. Der Borstand. I. 8t.; G. Tiedt, Vorsitzender. Verband or baugewerbl. Hülfsarbeiter Deutschi. Donnerstag» 19. April, abends 8 Uhr, im Lokal von Augustin, Oranicnstraßc 103: Versammlung"'WU aller in Deckenbaugeschäften beschäftigten Hülfsarbeiter. Tages-Ordnung: t. Vortrag. 2. Die Bertretersitzung. 3. Die Maiseiersrage. 4. Verschiedenes. Zahlreiches Erscheinen der Kollegen erwartet 34/3 Ger Zwoigeereins-yorsland. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Am htonntac, den An vormittagH 10 Uhr, findet eine statt." r11' Urania Am Golf von Neapel» wird gegeben. Vorstellung 84/4 Billetts find aus dem Bureau zu haben.-M» Die Ortsverwaltonff. Dr. Simmel, so"""" Speztalarzt für 29/14» Haut- und Harnleiden. lO— 2,6— 7. Sonntags 10— 12, 2— 4 Mmeuemtilltl. Suche zu dessen Verkauf überall Geschäftsleute, Händler u. Hausierer. 291/5» Fr. Neumann-Hoker, Kasse l. £�s Zag oll fOr Jout6-Qgarcttca baüqw&US T*b*lt beUdeaer P.cklierc. Deutscher Buchbinder-VerbandT Xahlntelle Berlin. Donnerstag, 19. April, abends S'/, Uhr, in den„Arminhalle«». Kommandantcnftraftc 20: Brauchen-Versammlung = der Etuiarbeiter.== Tages-Ordnung: 1. Tmisliches. Reserent: Kollege B. Brucks. 2. Branchenangclegenbeiten und Verschiedenes. Zahlreichen Besuch erwartet 23,18 Der Vertrauensmann. Zentralverband der Steinarbeiter Berlin I. Freitag, den 80. April, abends 8 Uhr. im„Englischen Garten», Alexanderstraste 87e: Mitglieder-Versammlung Tagcs-Ordnltng: 1. Maifeier. 2. Bericht vom Verbandslage in Nürnberg. 3. Verschiedenes.__ 172/12* aller Das Erscheinen aller Kollegen ist Pflicht. Dia Ortsverwallung. Achtung! J{raftttini6r! Achtung! Mieten! Artisten««a Ringhämpferl Sonntag, den 88. April lOOO, nachmittag« 8 Uhr, im Lokale von Anton Boeker, Weberstr. 17; Oesfentl. Versammlung. Tagesordnung: WaS beabsichtigt und bezweckt der Arbeiter-Athleten- Bund Deutschlands? Reserent: Paul L i t s i n._ Freie AaH*prachc.»Mw Der wichtigen Tagesordnung wegen ist es Pflicht aller Sportgcnossen, zu 291/19 erscheinen. I. A.: feane XsIIoe. diev�-Departure-t�rsZlÄuL-Dremsnade vis beste der Welt Fahrrad diu na. Millionen im Gebrauch Erhältlich in Jeder besseren Fahrradhandinn x. FnarroH-Vertrieb: Romain Talbot, Berlin S. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil veravtw.: Th. Glocke. Perlin' Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. |lr. 90. 28. Ichrgaug. 3.(ifilniif des Joimirts" Knlim JolksMutt, Dottlmstag, 19. April 1906. parte!-Hngelegcnbciten, Zur Lokalliste l In Fredersdorf an der Ostbahn steht das Lokal von Max Girke am Bahnhof der Arbeiterschaft zu den be- kannten Bedingungen zur Verfügung. Zur diesjährigen Baun, blute in Werder ersuchen wir im Auftrage der dorliger Parteigenossen die organisierte Arbeiterschaft Berlins und Umgegend, speziell alle Vereine. Klubs usw., welche zur Baumblüte nach Werder fahren wollen, sich vorher mit dem Ob- mann der dortigen Lokalkon, misfion. Genossen Aug. Heimlich, Werder, Baderstratze 52, in Verbindung zu setzen. Auch sind die dortigen Genossen gern bereit, bei rechtzeitiger vorher i-g er An- Meldung die Führung zu übernehmen. Das Verkehrslokal ist: Max Koch. Fischerstratze»8. Die Lokalkommission. Ncucnhagcn a. Ostbahn. Am Sonnabend, den 21. April, abends 8 Uhr findet bei A. Wünsche, Bahnhofstrahe, die Generalver- sammlung des Wahlvereins mit folgender Tagesordnung statt: 1. Abrechnung vom 1. Quartal. 2. Berichterstattung von den Ge- meindewahlen. 3. Verschiedenes. Um zahleiche Beteiligung ersucht Der Vorstand. Kerliner JVacbnchtcn. Schneckentempo! Wenn unsere Stadt Berlin für ihr Schulwesen, ihr Gesundheitswesen. ihr Armenwesen neue An st alten braucht, so kommt dabei die gemütliche Mahnung„Immer langsam voran!" allemal wieder zu verdienten Ehren. Mögen die Gcmcindeschulkinder hineingcpfercht tverden in Mietshäuser, deren enge Räume als Klassenzimmer dienen müssen. Mögen Kranke von Anstalt zu Anstalt irren, ohne irgendwo ein Bett frei zu finden. Mögen körperlich oder geistig Sieche in Privatpflegestellen vollends verkümmern, in Familien, die gar nicht in der Lage sind, ihnen eine ztveckmäßige Pflege zu ge- währen. Im Rathausc haben sie's nicht nötig— immer langsam voran! Der minder bemittelten Bevölkerung, dem Arbeiter, wird hiermit nichts Neues erzählt. Der„Vorwärts" hat diese Zu- stände oft geschildert und einzelne besonders schlinime Beispiele deni Urteil der Oeffentlichkeit unterbreitet. In, übrigen kennt die Berliner Arbeiterbevölkerung die ganze Misere aus eigener Erfahrung und lernt sie immer wieder aufs neue kennen. Dem Rathausfreisinn sind diese Zustände sehr egal— und die Presse, die ihm dient, bedeckt alles nnt dem Mantel der Liebe. Zwar begegnet man zuweilen auch in diesem oder jenem der Freisinnsblättcr einer Klage über das„Schneckentempo", das die Stadt bei der Vermehrung ihrer Anstalten für zulässig hält. Aber die heuchlerische Klage pflegt dann noch unangenehmer zu berühren, als das sonst übliche verlegene Schweigen. Wenn die Freisinnspresse diese Dinge erörtert, so weiß sie nichts Besseres zu tun, als die ganze Schuld auf die B a u v e r w a l t u n g zu wälzen. Der langsam bauende Baurat, der Stadtbaurat Hoffmann, ist dann regelmäßig der Sündenbock, der alles auf sich nehmen muß, was andere Verwaltungen versäumt haben. Daß die Verivaltungen des Schulwesens, des Gesundheitswesens, des Armenwesens bis zum allerletzten Augenblick warten, ehe sie mit Vorschlägen auf Vermehrung der Anstalten und Errichtung von Bauten hervortreten, das wird vorsichtig verschwiegen. Gewöhnlich kommen diese Vorschläge erst zn einer Zeit heraus, wo die längst notwendig gewesenen Neubauten eigentlich schon seit Jahren in Benutzung fein müßten. Wehe dann der Bauver- waltung, wenn hinterher auch sie sich das im Rathause zur Gewohnheit gewordene Schneckentempo gestattet I Dann wird sie als die allein Schuldige hingestellt und muß alle Ver- antwortung für die unerträglich werdende Misere sich auf- packen lassen. Lange hat besonders die„Volkszeitung" den billigen Sport Seübt, auf den langsam bauenden Baurat loszuhauen. Dem iathausfreisinn war damit nicht wenig gedient; denn solche Angriffe mußten die Wirkung haben, die Aufmerksam- keit von dem Hauptschuldigen abzulenken. Zur Abwechselung ist es jetzt wieder mal das„Berliner Tageblatt", das dem Rathausfreisinn diesen Gefallen tut. In einem Arttkel„Stadtbauangelegenheiten" äußert es sich über das„Schneckentempo", das man draußen in Buch an dem Neubau der Irrenanstalt und auch hier in Berlin am Virchow-Krankcnhause hatte beobachten können. Der Artikel des„B. T." ist ein bißchen konfuse geraten. Aus all dem verklausulierenden„obwohl",„indessen",„allerdings" usw. wird nicht recht klar, was der Verfasser eigentlich sagen will. Aber das eine wenigstens ist deutlich zu erkennen, daß auch er es als eine dankbare Aufgabe ansieht, dem langsam bauenden Stadtbaurat etwas am Zeuge zu flicken. Solchen Ablenkungsmanövern kann nicht scharf genug entgegengetreten iverden. Die freisinnigen„Feinde" des „Schneckentempos" wissen sehr Wohl, daß die beklagten Miß- stände in nicht viel geringerem Grade schon zu einer Zeit vorhanden waren, wo die Bauverwaltung noch gar nicht in Aktion treten konnte, weil noch keinerlei Beschlüsse gefaßt waren. Aber damals fiel es ihnen nicht ein, von einem „Schneckentempo" zu reden und zur Eile zu mahnen. Der langsam bauende Baurat ist, bei Lichte besehen, eine Not- wendigkeit für die Macher des Berliner Rathausfreisinns. Womit sonst sollten sie sich um die Verantwortung herumschwindeln, wenn er schneller baute? Dampfer zur Baumblüte in Werder läßt die Sterngesellschaft von heute an bis auf weiteres verkehren. Sie gehen von der Laugen Brücke in Potsdam zu folgenden Zeiten: 1OXK), 11.55, 2.55 und 3.55. Bei grotzem Verkehr werden weitere Schiffe eingelegt. Von Werder zurück gehen die Dampfer 11.45, 1.25, 5.25 und 6.25. Von Berliil nach Werder gehen Dampfer zum erstenmal am nächsten Sonntag. Auf der Havel verkehren schon jetzt folgende Dampfer täglich vom Bahnhof in Wannsee nach Potsdam: 11.40, 2.40, 4.40 und 5.40. Die Dampfer um 11.40, 2.40 und 5.40 gehen über Cladow. Von der Langen Brücke in Potsdam nach Waunsce gehen Dampfer um 12.00, 3.05, 4.05 und 6.05. Die Dampfer ab Potsdam 12.00 und 6.05 gehen über Cladow. Die Schiffe legen auf allen Zwischen- stationen an. Auf der Oberspree wird der Verkehr ebenfalls am nächsten Sonntag wieder aufgenommen. „Was fangen wir mit unseren Verbrechern an?" Der Berliner„Verein zur Besserung der Straf- gefangenen" hielt am Dienstag seine diesjährige General- Versammlung ab. Er erörterte die sorgenschwere Frage: jungen wir mit unseren Verbrechern an.? Ja, was fangen wir mit ihnen an?„Wir": d. h. die bürger- liche Gesellschaft, die besitzende Klasse— samt dem Staat, in dem sie organisiert ist. Tatz es„i h r e" Verbrecher sind, das beginnt die bürgerliche Gesellschaft allmählich zu begreifen.„Ihre" Ver- brcchcr in d e in Sinne, daß sie selber mit ihrem Wirtschaftssystem dem Verbrechen den Boden bereitet, auf dem es kräftig gedeiht! Und auch das wird ihr immer klarer, daß sie in dem Kampfe gegen Verbrechen und Verbrechertum mit den alten Mitteln nicht aus- kommt. Was soll sie tun? Soll sie das Wirtschaftssystem preisgeben, das ihr selber die Herrschaft sichert—?! Beantwortet wurde aus der Generalversammlung des Ver- eins nur die Frage, was nicht getan werden soll. In neuerer Zeit haben sich bei uns in Deutschland die Stimmen gemehrt, die laut und immer lauter nach Deportation der Verbrecher rufen. Die Frage nach dem Wohin wird rasch genug beantwortet, seit wir unsere vielgepriesenen Kolonien haben. Gerade die kolonialbegeisterten Kreise fordern am eifrigsten, daß Deutschland seine Verbrecher deportieren möge. Bei dem Wort„Verbrecher" denken sie nicht nur au Diebe, Einbrecher, Raubmörder usw., sondern auch an„politische Verbrecher", die sie irgendwo in den Tropen auf der„trockenen Guillotine" enden sehen möchten. Sie heben hervor, daß man durch Deportation gleich zweierlei erreiche: man befreie das Heimatland von unbequemen Elemcuteu und man verschaffe den Kolonien die so notwendigen Arbeitskräfte. Diese Begründung ist so alt, wie der Gedanke der Deportation. Und ebenso alt, wie die Deportation, ist die Erfahrung, datz alle auf sie gesetzten Hoffnungen zunichte werden müssen. Im„Verein zur Besserung der Strafgefangenen" wurde das von dem Geheimen Ober-Regierungsrat Dr. Krahne, einem der besten Kenner des Deportationswesens, in einem sehr lehrreichen Vortrage über- zeugend nachgewiesen. Krahne erklärte sich a«fs entschiedenste gegen die Deporta- tion. Er zeigte, datz alle Staaten, die dieses Mittel versuchten— Frankreich, Rutzland, Portugal, England— schwere Mißerfolge gecrutet haben. Im Heimatlande hat die Kriminalität nicht nachgelassen, die Verschickung hat gewaltige Kosten verursacht, aber die Verbrecher nicht gebessert, und den Kolonien haben diese eher Schaden als Nutzen gebracht. Krahne berichtete über grauen- hafte Sittenverwilderung, die in solchen Strafkolonien sehr bald eingerissen sei, und zivar nicht nur unter den Deportierten, sondern ebensosehr auch unter den zu ihrer Bewachung nötigen Beamten und Soldaten. Zur Erschlietzung Sibiriens für die Kultur hätten höchstens die„politischen Verbrecher" beigetragen; es müsse „rühmend anerkannt werden, daß gerade diese Männer für Sibirien mehr geleistet haben als die Beamten". Doch die„Politischen" seien nur ein ganz kleiner Teil der dorthin Verschickten. Die Freunde der Deportation, die in Deutschland ihr Wesen treiben— einer von ihnen, der Vorsitzende des die Deportations- idee propagierenden Deutschen Kolonialbundes, beteiligte sich an der dem Vortrag folgenden Diskussion—, wurden von Krahne in seinem Vortrag scharf zurückgewiesen. Deutlich genug spielte er auf gewisse Vorkommnisse an, durch die unsere Kolonien einen traurigen Ruhm erlangt haben. Er erinnerte daran, datz in den Kolonien„selbst gute Elemente sehr bald tief herabsinken", datz Roheit und Grausamkeit" über sie die Herrschaft erlangen, was man dann beschönigend als„Tropenkoller" bezeichne. Und da wolle man Verbrecher hingeben, um sie zu bessern! Tie Frage, ob Deutschland eine Deportation nötig habe, wurde hiernach von dem Vortragenden ver- n e i n t. Er gelangte zu dem Ergebnis:„Wir müssen mit den Rechtsbrechern, die wir uns erziehen, selber fertig werden." Die wir uns erziehen! Krahne steht auf dem Standpunkt, daß die Gesellschaft mitschuldig sei an der Zunahme der Verbrechen. Er hat das oft erklärt und hob es auch diesmal wieder hervor. Doch darf man nicht glauben, daß der Geheime Ober- Regierungsrat Krahne, vortragender Rat im Ministerium des Innern, nun auch bereit wäre, aus seiner Einsicht die Konsequenzen zu ziehen. Ob er übrigens die Wurzel des Uebels wirklich richtig erkennt, das steht noch nicht mal fest. Eher ist das Gegenteil an- zunehmen; er denkt offenbar weniger an ökonomische Momente als an ethische. Er schloß mit dem Goetheschen Wort von den „harten Nüssen", die„es zu kauen gibt". Von der bürgerlichen Gesellschaft selber wird eZ abhänge», ob sie„daran erwürgen" will. Waisenpflege und FamilienzugehSrigkeit. Die Berliner Waisenverwaltung versichert gern, sie habe von dem erziehlichen Wert des Familienlebens eine hohe Meinung. Wiederholt ist gefordert worden, sie solle die ihr anheimfallenden Kinder nicht gegen ein erbärmlich geringes Pflegegeld in fremde Familien geben, sondern sie lieber in gut eingerichteten Anstalten unterbringen und dementsprechend die eigenen Waisenanstalten der Stadtgemeinde vermehren. Regelmäßig hat sie darauf erwidert, keine noch so vortreffliche Anstalt könne mit all ihren Leistungen den Segen der Familienzugehörigkeit aufwiegen. Da wird nun mancher sich um so mehr wundern, wenn dieselbe Waisenverwaltung gegenüber den Eltern solcher Kinder, die nicht im eigentlichen Sinne verwaist sind, aber doch zeitweilig in Waisenpflege gehen müssen, es an der notwendigen Rücksicht auf die Familienzugehörigkeit fehlen läßt. Darf sie über diese Kinder verfügen, ohne erst die Eltern zu fragen? Darf sie Kinder, die in absehbarer Zeit wieder zu den Eltern zurück- genommen werden sollen, in fremde Familien hineinstecken und sogar nach außerhalb weggeben, ohne auch nur die Eltern zu benach- richtigen, wo die Kinder geblieben sind? Dürfen oder nicht dürfen! Sie meint, daß sie es darf, und sie tut es. Beispiele davon sind wiederholt im„Vorwärts" besprochen worden, und immer wieder kommen neue Fälle zu unserer Kenntnis. Der neueste Fall reiht sich den früheren würdig an. Eine Frau, die mit sechs Kindern ins Obdach gegangen war, mußte von dort aus drei ihrer Kinder, die ertrankt waren, in Krankenhäuser bringen lassen. Das war in der Zeit etwa von der letzten Woche des Februar bis in die erste Woche des März. Zum April nahm die Familie wieder eine Wohnung, die Frau verlieh mit den drei anderen Kindern das Obdach, und auch ihr Ehemann, der bis da- hin in Herbergen Unterkunft gesucht hatte, konnte nun wieder zu der Familie zurückkehren. Von den drei kranken Kindern war das eine schon in der ersten Hälfte des März aus dem Kranken- hause Friedrichshain als gesund entlassen und vorläufig dem Waisen« hause in der Alten Jakobstratze überwiesen worden. Der Mutter wurde das im Krankenhause gesagt, als sie dort daS Kind besuchen wollte, Sie ging daraufhin nach der Alten Jakobstratze, aber in- zwischen war das Kind schon in Familieupflcgc gegeben worden, und zwar hier in Berlin. Die Eltern suchten das Kind dann in der Pflegestelle auf. doch den Pflegeleuten bereiteten sie damit keine Freude, Diese erklärten, sie hätten ein Kind gewünscht, um das sich keiner mehr kümmere und das sie eventuell adoptieren könnten. Da sie sich hierin verrechnet hatten, so gaben sie jetzt daS Kind wieder ab. Von der Waisenverwaltung wurde es nun nach einem Vorort in Pflege gegeben. Wiederum blieb die Mutter zu- nächst ohne Mitteilung, obwohl ihr Aufenthalt(vorläufig immer noch im Obdach) bekannt war. Die Waisenverwaltung ist wohl der Ansicht, datz die Eltern solcher Kinder von deren Verbleib erst Kenntnis zu erhalten brauchen, wenn sie sich mal wieder zu einem Besuch einfinden. Schlimmer noch erging es den Eltern mit einem der beiden anderen kranken Kinder. Es war nach dem Urban- Krankenhause gebracht worden, gesundete aber bald und wurde bis ans weiteres an das 5La isenhaus in der Alten Jakobstraße über- wiesen. Dort wurde das Mädchen von der Mutter besucht. Hinter- her erkrankte es von neuem, aber eine Benachrichtigung der Mutter hielt niemand für nötig. Der Zustand verschlimmerte sich so, datz Ueberwrisung an das Waisenlazarett Rummelsburg angeordnet wurde, aber noch immer dachte in der Alten Jakobstraße kein Mensch darüber nach, ob nicht am Ende die Angehörigen des Kindes ein Anrecht darauf hätten, benach- richtigt zu werden. Als die Elter», die inzwischen ihre neue Wohnung bezogen hatten, sich rüsteten, das Kind aus dem Waiscnhause herauszunehmen, erhielt die Mutter plötzlich einen Rohrpoftbricf, durch den die Waisenverwaltung sie benachrichtigte, daß das Kind im Lazarett zu Rummelsbnrg an Brustfellentzündung gestorben sei. Jetzt endlich hatte das Waisenbureau sich erinnert, daß man die„traurige Pflicht" hatte(so stehts im Brief sehr schön zu lesen), der Famitlicnzugehörigkcit des Kindes ein Opfer zu bringen und der Mutter ein paar Zeilen zukommen zu lassen. Wo die Mutter zu finden war, darüber können die Herren vom Waisen- bureau nicht einen Augenblick in Zweifel gewesen sein. Sie mutzten, datz sie im Obdach gehaust hatte, und man versichert uns sogar, auch die neue Wohnung sei dem Waisenbureau bereits bekannt gewesen. Der Brief wurde noch nach dem Obdach geschickt, gelangte aber von dort aus ohne große Verzögerung sofort nach der neuen Wohnung. Wer trägt die Verantwortung für solche Vorkommnisse? Hat da ein Beamter eine Vorschrift vernachlässigt? Wir glauben: nein. Die Rücksichtslosigkeit gegen die Eltern, die ihre Kinder zeitweise der Waisenverwaltung anvertrauen müssen, gehört zum System unserer städtischen Waisciipflcge. Es entspricht nur den im Rathause herrschenden Anschauungen, wenn nach dem Grundsätze verfahren wird, datz solche Eltern überhaupt nichts zu verlangen haben. Lob und Preis sei der Familie, wenn die Stadt die ihr anheimfallenden Kinder in Familienpslcge abschieben kann! Doch die Familien dieser Kinder selber werden behandelt, wie wenn sie nicht vorhanden wären._ Eine aufregende Einbrechers agd gab eS in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch in der Lindenstrahe. Schon vor dein Feste wurden in dem Hause Nr. 45 wiederholt drei verdächtige Männer gesehen, die sich anscheinend Lokalkenntnisse sammeln wollten. Mittwoch früh bald nach 4 Uhr wurde nun im ersten Stock und zwar in dem Konfektionslager von O e st r e i ch e r u. C o. G. m. b. H., Gepolter gehört. Ein Gastwirt schlug sofort Lärm. Ehe inde? die erschreckten Hausbewohner herbeieilten, hatten die Einbrecher die Flucht ergriffen, aber sorgfältig die Türen hinter sich ver- schloffen. Sie versuchten das Nachbarhaus Nr. 46 zu erreichen und mutzten hierbei einen etwa l'/o Meter langen Zwischenraum überspringen, um aus dem Fenster auf eine niedrige Mauer zu ge- langen, wobei sie sich an Telephondrähten iesthielten. Einer von ihnen stürzte in die Tiefe und zog sich eine klaffende Kopfwunde zu, die ihn aber an der weiteren Flucht nicht hinderte. Durch den Lärm waren die Gesellen des Schlächtermeisters R. Habeck mobil gemacht worden, die nun mit Rauchspietzen bewaffnet den Flüchtlingen zu Leibe gingen. Es gelang diese» trotzdem noch eine zweite Mauer nach dem Hause Nummer 47 zu überklettern und dort zu verschwinden. Die Verfolgung ging weiter. Aufgefundene Blutspureu wiesen nach dem Boden dieses Hauses. Mit Knüppeln, Revolvern und mit einem Jagdgewehr ausgerüstet ging es nun an die Durchsuchung der Bodenräume und bald war auch der Schlupfwinkel der Bursche» aufgefunden. Diese stellten sich harmlos und schlaftrunken und ver- langten nach einem Krug Wasser. Die Verfolger lietzen sich aber darauf nicht ein, prügelten vielmehr die Ergriffene» dermahen, datz einer von den Männern nach der Unfallstation geschafft und dort verbunden werden muhte, worauf alle drei nach der Wache des 30. Polizeireviers eingeliefert wurden. Sie weigern sich hart- näckig, ihre Namen anzugeben; dem Aussehen nach sind sie 17, 25 und 35 Jahre alt und dieselben Männer, die man vor dem Feste in dem Hause Nr. 45 beobachtet hatte. Beute in Waren hatte» sie noch nicht gemacht, wohl aber hatten sie die Portokasse der Finna er- brochen und zirka 60 M. daraus mitgenommen, die indes bei der Festnahme noch vorgefunden und dem Besitzer zurückerstattet werden konnten. Mit gefälschten Kassenstemprln operierte ein Gauner, der gestern in einem grotzen Warenhause in der Leipzigcrstratze festgenommen wurde. Der Mann hatte für zirka 500 M. Waren durch den Schwindel an sich gebracht, und zwar auf die Weise, datz er die von den Verkäuferinnen ausgestellten Verkaufszettel selbst mit einem ge- fälschten Bezahlungsstempel versah und dann sich an der Aus- liefeningSstelle die Waren verabfolgen lietz. Durch Zufall kam der Betrug ans Licht. Der Gauner zeigte einen gefälschten Ablieferung?- schein an einer verkehrten Kasse vor, wodurch man stutzig wurde und den Schein näher ansah. Trotzdem min die Fälschung sofort bemerkt wurde, lieferte man doch die Waren anstandslos aus, gab aber gleichzeitig die Weisung, den Mann beim Verlassen des Ge- schäftes festzunehmen, was denn auch geschah. Die erschwindelten Waren wurden ihm wieder abgenommen, wahrend er selbst nach dem Polizeipräsidium wanderte. Unterschlagungen im konigl. Leihamt. Der Rechnungsrat und Rendant beim königl. Leihamt. Abteilung I, Zägerstr. 64, Robert Osterinann, ist wegen Unterschlagung im Amte verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis zu Moabit eingeliefert worden. Es heiht, daß Unterschlagungen in Höhe von etwa 8000 M. fest- gestellt worden seien. Zwei schwere Unglücksfälle sind durch wild gewordene Pferde herbeigeführt worden. Gestern vormittag fuhr der 37 jährige Paul Dempke, Belzigerstr. 58 wohnhaft, mit einem Arbcitslvagcn, der von jungen Pferden gezogen wurde, durch die Herbcrtstratze. Die Tiere wurden plötzlich scheu und gingen durch. D., der die Gewalt über die wilden Tiere verloren hatte, wurde vom Bock herunter- geschleudert und unter den Wagen geworfen. Die Räder des ichlveren Geführtes gingen dem Bedauernswerten über den Kopf und die Arme hinweg. In fast hoffnungslosem Zustande kam D. nach der nahen Klinik in der Herbertstratze.— Ein ähnlicher schwerer Unglücksfall ereignete sich in der Kastanicn-Allee. Der 22 jährige Sohn des Schlächtermeisters Lincke aus der Stralsuuder- stratze 40 war mit dem Fuhrlverk auf Kundschaft gefahren und als sich daS Pferd störrisch zeigte. stieg L. vom Bock herunter, um es zu beruhigen. Das Tier wurde aber»och wilder, es ging durch und der junge Mann wurde mitgcschlcift und überfahren. Schwer verletzt mutzte er nach der kgl. Klinik in der Ziegelstratze gebracht werden. Das Pferd war inzwischen weiter gerast und erst, als es mit einem Laternenpfahl karambolierte, konnte es zum Stehen gebracht werden. Ein Opfer der Straßenbahn. Bei einem Unglücksfall im Stratzenbahnbetriebe hat der vierjährige Knabe Max fhströni aus der Königchausiee 70 zu Weitzensee sein junges Leben lassen müssen. Der Kleine war beim Spielen auf der Stratze vor dem Elternhmise an einen vorüberfahrenden Sttahenbahnwagen geraten und über- fahren worden. Im Krankenhause starb das Kind an den Folgen der schweren Verletzungen. In den Tod getanzt. Vom Tode überrascht wurde in einein Lokale(Sachon, Müllerstr. 136) der 40jährige Arbeiter B., der sich mit seinen Verwandten in dem Restaurant aufhielt. B. beteiligte sich auch am Tanzen und wurde, als er sich»ach den Klängen eiiieS Walzers drehte, plötzlich von Unwohlsein befallen. Der Arbeiter begab sich nach seinem Platze zurück und brach im nächsten Augen- blick auf dem Stuhle zusammen. Ein von der Unfallstation in der Lindowerstratze herbeigerufener Arzt konnte nur noch den infolge Herzschlag eingetretenen Tod bei B. konstatieren. Die unbekannte Leiche einer anscheinend dem Arbeiterstande an- gehörenden Frau wurde heute morgen im Landwehrkanal angetrieben und an der Kottbnser Brücke gelandet. Die Tote mutz schon mindestens zwei Monate im Wasser gelegen haben. Der Körper war bereits derartig in Verwesung übergegangen, datz auch das mutmaß» liche Alter der Frau nicht mehr festzustellen war. Die Leiche wurde nach dem Schauhause geschafft. - Wegen einer großen Splritn-Zczplosion wurde am Dienstag- nachmittag die Feuerivehr nach der Griinstr. 4 gerufen. Dort war in der Buchdruckerei von W. u. S. Löwenthal Frau Jablonski mit offenem Licht einem Spiritnsbehälter zunahe gekommen. Sie erlitt dabei schwere Brandwunden au den Händen, dem Gesicht und der Brust. Die Feuerwehr brachte die Schwerverletzte sofort mit dem Mannschaftswagen nach dem Krankeuhauie Bethanien, wo sie ver bunden wurde. Die Flammen hatten Kleidungsstücke, Verschlage und das Zwischengebäll ersaht, konnten aber durch energisches Vor- gehen des 20. Zuges auf ihren Herd beschränkt werden. Nicht so leicht war ein Brand z>l löschen, der etlvnS später im Meßpalast, Alexandrinenstr. 110, angeblich durch Uilvorsichtigkeit in einem Lager keller auf dem Hofe ausgekommen war. Die Feuerwehr, die schon mehrfach dort Brände zu löschen gehabt hat. fänd schon einen anS gedehnten Brandherd vor. Es brannten Kisten, Stroh und anderes Verpackungsmaterial unter großer Qualmentwickelung, so daß die Wehr längere Zeit Wasser geben mußte, um die Flammen zu löschen. Ein zlveiter größerer Kcllerbrand beschäftigte die Feuerwehr in der Dresdenerstr. 34. Dort braimten besonders Papiervorräte und in der Magdeburgerstr. 20 in einem Keller Stroh. Außerdem hatte die Feuerivehr noch in der Leipzigerstr. 114 zutun, wo in einem Blumen laden Regale usw. in Brand geraten waren. Der Landcsausstcllungöpark wird zusammen mit der Großen Berliner K u n st a u s st e I l u n g ain Sonnabend, den 28. April, eröffnet. Freie Fortbildungskurse für Arbeiter, veranstaltet von der sozial wissenschaftlichen Abteilung der Wildenschaft der Technischen Hoch' schule zu Berlin. Im Sommer 1906 werden in der Gemeinde- schule III zir Charlottenburg. Schloßstr. 2, abends 8—10 Uhr folgende Kurse abgehalten: Deutsch(Ober-, Mittel- und Unter- kursuS: Freitag), Geschichte, Rechnen sOber-, Mittel- und Unterkursus: Dienstag), Algebra oder Rechnen mit Buchstaben sMontag), Geometrie/g— S'/, Uhr in der Gemeindeschnle HI. Programme erhältlich von Ingenieur Alfons Finkelstei», Charlottenburg, Wilmersdorferstr. 100. UnterrichtSknrsc für Arbeiter» veranstaltet von der freien Studentenschast der Universität Berlin. Sommer 1000(4. Halbjahr. Die studentischen Unterrichtskurse für Arbeiter und Arbeiterinnen wollen den Hörern, besonders älteren Arbeitern, die die Fori« bildnngSschule nicht mehr besuchen können, zu einer gründlichen Ausbildung in den elementaren Unterrichtssächern, in Deutsch, Rechnen und Geographie Gelegenheit bieten. Jeder Kursus findet wöchentlich einmal statt in den Abend> stunden von 8 bis 10. Beginn des Unterrichts am 3. Mai. Ende: Anfang August. Zur Deckung der Kosten wird für jeden Kursus ein einmaliger Betrag von 50 Pf. erhoben. Die Kurse finden statt in dem Gebäude des Zentralarbeitsnachweises, Gormannstr. 13 und Rückcrstr. 9(5 Minuten vom Bahnhof Börse) und in der Friedrich Werderschen Oberrealschule, Niederwallstr. 12 und 7. Realschule, Mariännenstr. 49. Die Anmeldungen zu allen Kursen(auch denen der Niederwallstraße) werden vom 25.-28. April abends 8— O'/i Uhr Gormannstr. 13, rechter Seitenaufgang IL, entgegengenommen.' Die Hörer des vorigen Halbjahrs können sich schon am 23. und 24. April 8— 9Va abends dort anmelden, damit sie den Kursus, den sie belegen wollen, nicht besetzt finden. Vorort- I>sadmd)ten. Rixdorf. Berschwundencr Familienvater. Seit dem 4. d. M. wird der 34jährige Drechsler Paul Ohlmeyer ans der Berlinerstr. 85 in Rixdorf vermißt. O. war schon drei Wochen hindurch arbeitslos und eS wird angenommen, daß er sich in der Verzweiflung ein Leid angetan hat. Der Verschwundene hat blondes Haar, hohe Stirn, graue Augen, starken, blonden Schnurrbart, längliches, blasses Gesicht und war mit schwarzer Hose, graublanknricrtcr Weste und Jackett bekleidet. Ein mysteriöser Todesfall hat sich am zweiten Feiertag im Rix- dorfer UnteriuchungSgefängnis ereignet. Ans bisher noch nicht auf- geklärte Weise hat sich der 03 Jahre alte, ans Schillgallen gebürtige Geschäftsreisende Ernst v. Fritschcn erschossen. Der Lebensmüde war früher bei der Ostbahn Lademeister, er wurde aber vor vier Jahren entlassen, weil er trank. Seitdem war er als Reisender tätig, zuletzt vier Monate lang in Magdeburg bei einem Zahntechniker. Hier zog er Geld für gelieferte Gebisse ein, verbrauchte es aber für sich. Er wurde deshalb wegen Unterschlagung verfolgt. In der vergangenen Woche kehrte der Gesuchte nach Rixdorf zu seiner Familie zurück; er suchte eine neue Stellung als Reisender bei einem Kaufmann. Hier wurde er aber ermittelt und festgenommen, um nach Magdeburg gebracht zu werden. Am zweiten Feiertagabend tötete sich der Gefangene im AmtSgefängniS zu Rixdorf durch einen Revolverschnß in die Brust. Wie er zu der Waffe gekommen ist, bedarf noch der Aufklärung. Der„Volks-Zeitimg* wird von anderer Seite folgende Dar- stellung des Vorfalles gegeben: Gegen abend, kurz nach 8 Uhr, klopfte v. Fritschen an seine Zellentiir, und, obwohl eS gegen die Instruktion war, sich in so später Stunde noch zu den Gefangenen zu begeben, ging der Gefangenenaufseher R., der erst seit vier Wochen sein Amt im Rixdorfer Gefängnis versieht, doch hin, um nach dem Gefangenen zu"sehen. Gleich darauf krachte ein Schuß von v. F.s Zelle her, und völlig verstört und' fassungslos kam der Gefangenen- aufseher R. zurückgelaufen. Als der Gefangenenaufseher R. ieine Fassung wiedergewonnen hatte, erzählte er, daß er beim Betreten der Gefangenenzelle mit dem Schlüsselbunde unversehens seinen Dienstrevolver aus der Tasche gerissen, daß dieser sich sofort ent- laden und die Kugel v. Fritschen getötet hätte. Der Gefangenen- aufseher liegt jetzt vor Aufregung schwerkrank danieder. Diefe An- gaben haben wenig Anspruch aus Glaubwürdigkeit. Nach einer anderen Version soll der Gefangene nach einer vertraulichen Unter- rednng mit dem Aufseher diesem die Schußwaffe entwunden und sie dann blitzschnell auf sich gerichtet und abgedrückt haben. Die Unter- suchung über diese mysteriöse Affäre ist im Gange. Die Leiche wurde nach dem Berliner Schauhause gebracht. Charlottenburg. Der Magistrat von Charlottenburg ersucht uns folgendes mitzuteilen:„Die Stellenvermittelung für weibliches Hanspersonal, lvelche als Zweigstelle des städtischen Arbeitsnachweises Charlotten- brirg, Am Wittenbcrgplatz 4(Ecke Bayrentherstr. 8). eingerichtet ist, befaßt sich nicht nur mit dem Nachweis von Dienstboten, sondern auch von Lehrkräften für wissenschaftlichen, Musik- und Sprachunterricht, Kinder-Gärtnerinnen, Ki nd er- P fle g e rinnen, Wirtschafterinnen und Stützen der Hausfrau. Auch Fanzösinnen und Engländerinnen, selbst wenn sie nicht des Deutschen mächtig sind, ist Gelegenheit geboten sich der Vermittclnng des Arbeitsnachweises zu bedienen, da sie sich dort auch in ihrer Muttersprache verständigen können. Sowohl für Stellunggcber als auch für Stellunaiuchende ist die Vermittelmig unentgeltlich." Köpenick. Nach zehn Monaten exhumiert. Ein seltsamer Fall beschäftigt zurzeit die Untersuchungsbehörde in Köpenick. Vor einiger Zett traf bei der dortigen Polizei ein anonymes Schreiben ein, worin ihr mitgeteilt wurde, daß eS bei dem Tode der vor zehn Monaten verstorbenen Klara B., einem jungen Mädchen, das bei seinen Eltern in der Grünstraße wohnte und das verlobt war, nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Die weitere Untersuchung in der Affäre führte schließlich zur Ausgrabung der Leiche. Sie wurde gerichtlich obduziert, doch mußten verschiedene Körperteile zwecks genauerer Feststellungen zn weiteren Untersuchungen abgenommen werden. Trotz der langen Zeit war die Leiche verhältnismäßig frisch erhalten. Die Untersuchung dürfte bald ergeben, ob die in dem Schreiben gemachten Andentungen richtig sind oder nicht.„ Hermsdorf. Zwei Selbstmorde in der Hermsdorfer Heide. Aus dem Sana. torium„Jungborn" in Hermsdorf war vor einigen Tagen die hoch- gradig nervöse 52jährise Frau eines Berliner Kaufmanns ent- wichen. Bei einer Streife durch den angrenzenden Wald fand man die Unglücklich« an einem Baume erhängt vor.— In derselben Heide wurde der Speditionsgehülfe Artur Elkan aus Weißensee mit einer Schußwunde in der linken Brustseite aufgefunden. Noch lebend wurde er der Berliner Charite zugeführt, wo er bald nach seiner Einlieferung verschied. Die Motive zu diesem Selbstmord sind noch nicht bekannt. Töpchin(Kreis Teltow). Ein Eldorado für ausländische Arbeiter scheint das ungefähr 1000 Einwohner zählende Dorf Töpchin zu sein. Nach einer Notiz des„Teltower Kreisblattes" herrscht dort gegenwärtig eine Wohnungsnot, wie man sie bisher noch nicht kennen gelernt hat. Die Mieter wurden bis um 100 Proz. gesteigert Schuld an diesem Umstand, so teilt das„Teltower Kreisblatt" mit, sind die vielen fremden Arbeiter, welche durch den sich ihnen bietenden hohen Verdienst(pro Tag bis 6 M.) angelockt wurden und sich hier niederließen. Die Mitteilung des„Teltower Kreisblattes" wird für jeden, der die Motive der Unternehmer kennt, wenn sie ausländische Arbeiter heranziehen, recht zweifelhaft sein. In Töpchin ist meist Ziegelbrennerei vorherrschend: mag sein, daß hier oft ein Arbeitermangel zu verzeichnen ist,— das aber nur, weil man in der Regel einheimischen Arbeitem wahre Hungerlöhne an- bietet, unter denen dieselben die ungesunde und schmutzige Arbeit nicht verrichten wolle». Würde das Unternehmertum einheimischen ländlichen Arbeitern einen Tagesverdienst von 0 M. gewährleisten, man hätte sicher nicht notwendig, ausländische Arbeiter heranzuholen. Insofern dürfte die Mitteilung des.Teltower Kreisblattes" nicht ganz einwandsfrei sein. Wenn oem aber auch so wäre, wie eS das „Kreisblatt" mitteilt, so charakterisiert sich die ungeheure Miets- steigerung der Hanseigentümer als ein Raubzug auf die Taschen der Arbeiter, wie er schlimmer nicht gedacht werden kann. Das„Tel- tower Kreisblatt" hätte demnach alle Ursache, die horrende Miets- steigerung von einem anderen Gesichtspunkte als von dem Zuzug fremder Arbeiter und deren hohen Löhnen zu beleuchten, Spandau. Die Lohn- und Arbeitsbedingungen für das Maurergewerbe in Spandau und Umgegend sind neu geregelt. Es ist mit den Arbeit- gebern ein Vertrag abgeschlossen, der bis zum 31. März 1907 gilt. Der Stundenlohn ist darin von 65 auf 70 Pf. erhöht worden. Alle anderen Nebenbestiinmungen bleiben bestehen wie im Vorjahre. VermifeKtes. Wenn der Bourgeois reist ist nach jeder Richtung hin für seine Bequemlichkeit gesorgt. Benutzt er die Bahn, so stehen ihm mit allem Komfort der Neuzeit aus- gestattete Wagen der ersten Klasse zur Verfügung und unermüdlich ist die Bahnveirwaltung besorgt, den Aufenthalt in den E)° und Luxuszügen angenehmer zu gestalten, während von Reformen der vierten Wagenklasse nicht das geringste verlautet. Ter Proletar muß sich in dieser Wagenklasse mit seinen Klaffengenoffcn wie ein Hering zusanimenpferchen lassen und darf obendrein für sein teures Geld nicht mucksen. Genau so liegt es bei einer Reise zu Schiff. Wir haben schon manche Schilderung der Zwischendcckpaffagiere gebracht, aus der hervorging, was diese Passagiere alles üher sich ergehen lassen müssen; heute wollen wir zeigen, wie der Bourgeois zu Schiff fährt. Die Hamburg-Amerika-Linie hat jetzt ein Schiff bauen lassen, die„Kaiserin Auguste Viktoria", das mit allen Errungenschaften der Neuzeit versehen ist. Es wird das erste Schiff sein, das einen immergrünen Wintergarten, ein Palmgartenhaus besitzt. Auf dem zweithöchsten Promenadendeck des Riesenschiffes— 9 Decks türmen sich auf diesem Wolkenkratzer übereinander— auf dem Kaiserdeck wird der schwimmende Garten zu finden sein. Man tritt durch windfangartige Lorräume in eine große Halle, in der gegen 190 Personen Platz finden, und die auf das anmutigste mit Palmen, Ziecgc wachsen und Blumen geschmückt ist. Die Lorderwand ist von einer Reihe großer Fenster durchbrochen, wie man sie in dieser Größe noch niemals auf einem Ozeanschifs gehabt hat. Hier öffnet ich dem Besucher des Gartens ein iveiter Blick über das Meer. Eine runde Glaskuppel im Plafond, die auf kunstvoll geschnitzten Pilastern ruht, hilft malerische Helligkeit über den Garten verbreiten. Blumenberanktes Gitterwerk zieht sich an den Wänden entlang, auch das Oberlicht ist mit reizvollem Spaliergestänge bekleidet. Der Eintretende sieht in den gegenüberliegenden Ecken der Vorderwand zwei Grotten, die Versailler Motiven nachgebildet sind: Schwäne, von Putten gehalten, speien Wasser in marmorne Muschelschalen. Ringsherum laden bequeme Korbstühl« und Sofabänk« zum Sitzen ein, seidene Kissen liegen umher, an kleinen Tischen wird Nach- mittags Kaffee und Tee in feinem Porzellan serviert, lieber weiche Perserteppiche tritt der Fuß. Frische Blumen lugen aus gesloch- tenen Vasen, ans Körben, aus Gitterkästen längs der Wände am Bode». Die Rückwand läßt zwischen Palmengrün eine Parkland. chaft sehen mit Schlöffern und Springbrunnen, ein Motiv, wie es in diese Umgebung paßt. Bei Abend wird eine magische Beleuch- tung durch Wandleüchter und einen großen Lüster in der Mitte des Saales erzielt: hier glühen bunte Blumen aus reizenden: Laub- werk hervor, dort in Grotten schimmert das niederträufelnde Wasser in bunten Lichtern. Ein Märchenbild aus Tausend und eine Nacht mitten auf dem Ozean!_ St. BureaukratiuS im Postwefcn. In Zeitz befindet sich im Lokale eines bekannten Genossen das Zentralstreikbureau für den Ausstand im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau. EineS Tages kamen mehrere Pakete Flugschriften, po st lagernd und mit der Adresse des Wirtes verschen an. Gleichzeitig wurde der Adressat per Depesche von der Ankunft unterrichtet. Ter Genosse schickte nun zwei Streikende mit dem Telegramm und einer Bescheinigung, die ie zum Abholen der Pakete berechtigen sollte, zur Post. Sie kehrten unverrichteter Sache zurück:„Ter Adressat müsse selbst kommen." Skun ging der Genosse allerdings selbst. Er versah sich zum lieber» luß mit einem ganzen Stoß Legitimationspapieren und verlangte solchergestalt ausgerüstet unter Vorlage der Papiere sein Eigentum. Neue Schwierigkeiten. Er müsse eine polizeilich abgestempelte Be- glaubigung beibringen, daß er tatsächlich der auf der Adresse an- gegebene Empfänger sei. Nach einigen gewechselten Liebenswürdig» leiten machte er sich auf den Weg zum Polizeiamt. Dort kannte man ihn. Auf Wunsch wurde nun die verlangte Bescheinigung aus- gefertigt, einem Polizeier ausgehändigt, welcher wiederum auf Wunsch dem Genossen auf dem Wege zur Post das Geleit gab. Hier angekommen stellte der Mann des Gesetzes laut und feierlich die Identität der anwesenden Person mit dem auf den Paketen angegebenen Adressaten fest. Zugleich überreichte er die polizeiliche Beglaubigung. Und nun erst bekam der Mann oh ne weiteres seine Pakete! So geschehen im Fahre des Heils 1900 dB1 mittleren Deutschland unter dem Zeichen des Verkehrs! Sarah Bernhardt in Texas. Auf ihrer Gastspielreise durch die Vereinigten Staaten kam Sarah Bernhardt Ende März auch nach Dallas in Texas. Der Theaterirust, von dem sie sich nicht aus- beuten lassen wollte— sie ist selber vom Stamme Nimm— � verhinderte, daß irgend ein Theater für sie zu haben war. Aber Sarah und ihr Manager wußten Rat; ein großes Zirkuszelt wurde er- richtet und 8000 Texaner und Texanerinnen kamen, sahen und hörten,— soweit es zu hören war— wie sich die göttliche Sarah als Camille in der„Camelien-Dame" zu Tode hustete und röchelte. Sie tat das in einer Weise, welche die kunstsinnigen Texaner auf das höchste befriedigte; sie röchelte, wie nur je eine Antilope röchelte. der ein Texaner den tödlichen Stahl ins Herz gesenkt, und ,hre edelmütige Entsagung entlockte den Augen der abgehärtetsten Ranchers bittere Tränen. 11 000 Dollar gingen an der Kasse ein und mehrere Tausend Menschen konnten keinen Einlaß finden. Sarah empfing großartige Huldigungen; die Damen sandten ihr Riesenbuketts von Veilchen in Menge. Sie wandert jetzt mit ihrem Zelte weiter durch Texas. Die Opposition des Theatertrusts wird zu einer großen Reklame für sie, denn die Texaner sind auf die Trusts sehr schlecht zu sprechen. Vom Vesuv. Aschenregen wird nur aus Somma Vesuviana gemeldet: nachgelassen beziehungsweise ganz aufgehört hat derselbe in St. Anastasia, Ottajano und Cercola. Ueberhaupt ist eine ständige Abnahme der Eruptionserscheinungen zu verzeichnen. Die Freiküchen arbeiten überall zur Zufriedenheit. Tie Aufräumungs- arbeiten schreiten rüstig vorwärts. In Ottajano wurden laut telegraphischer Meldung aus Neapel zwei Greise im Alter von 04 und 34 Jahren noch lebend unter den Trümmern hervorgezogen. In San Giuseppe wurden 120 Leichen geborgen, eine große Anzahl von Leichen liegt noch unter deti Trümmern. Die in Verwesung übergegangenen LeUjen verbreiten einen schrecklichen Geruch und erschweren die Nettungs- arbeiten. Ter in Ottajano durch den Ausbruch des Vesuvs angerichtete Schaden wird auf 15 Millionen Lire geschätzt. Sozialdemokratischer Zentral-Wahlverein für den Reichstags» Wahlkreis Kalaii-Lnckan..Ortsverein Berlin. Donnerstag, den 19. ilpril, abends 8'/, Uhr: Monatsverlammlung bei Weihnacht, Grün- straße 21. Erscheinen aller Mitglieder notwendig. Verband der Friseurgehülfen Deutschlands, Zweigverein Berlin. Donnerstag, den 19. April er., abends 9'/, Uhr, Nosenthalerstr. 11/12: Versammlung. Vorttag. Der 1. Mai. Zahlreiche Beteiligung wird er- wartet. LnefKaften der Redabtion. Tie juristische e»>reit,»»»de find-»«äalich mit ZliiSnahme de» e-nnabeud» von?>/, bie»>/,»lir abcudS«LkUNiiet: 7 lttir. Jeder Slilfraae ist ein Buchstabe»Ild eine Zahl als Merkzeichen bcizusiigcu. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Schulden. Ein Schuldschein ist auch gültig, wenn er nicht gestempelt ist. Die unterlassene Stempelung kann aber Strafe nach sich ziehen. Die' Höhe des Stempels hängt von der Höhe der Summe ab. Wegen der Stempelmarke wenden Sie sich an den Ihnen zunächst wohnenden Stempel- distributeur. Die Adressen finden Sie im Adreßkalender.— ffi. K. in(f. Die Witwe würde eine Abfindung erhalten, die 60 Proz. deS JahreS- arbeitSverdienftes ihres Ehemannes beträgt.— K. P. 5. Die Pakclsahrt ist Ihnen hastbar, wenn isie die Unversehrtheit nachweisen.— H. Heinzc. Die Sachen werden nicht durch Zeitablaus Ihr Eigentum. Sie müßten sie aufbewahren und können lediglich, lvenn Sie mit Ihrem Schuldner keine andere Vereinbarung treffen, Ihre Forderung einklagen und sodann in die bei Ihnen besiudlichcn Sachen die Zwangsvollstreckung vornehmen. — H. 39. 1. Wer Geld leiht, ivissen wir nicht. 2. Im Adreßkalender finden Sie im II. Teil die Zeitungen zusammengestellt. 3. Nein, Sie müßten Ihren Wirt auffordern, das Ungczieser zu entfernen, ihm an- drohen, falls inncrhaw einer angemessenen Frist dies unterbleibt, würden Sie durch einen Kammerjäger aus seine Kosten die Vertilgung vornehmen lassen. Die Drohung führen Sie dann aus und klagen eventuell die Kosten ein. 4. Zur Umschreibung des Namens eines KindeS, das außerehelich geboren, mit in die Ehe gebracht, aber nicht vom Ehemann erzeugt ist, ist die Einwilligung der Mutter, des Vormundes und des Ehemannes erforderlich. Die Erklärungen können bei dem Standesbeamten zu Protokoll erNärt oder notariell oder gerichtlich beglaubigt ihm überreicht werden. Ein Beispiel für solchen Antrag finden Sie Seite 221 Nr. 12 deS dem„Arbeiter- recht" beigefügten„Führers". Das Buch liegt in den öffentlichen Bibliotheken aus. — C. H. 9. 1. und 3. Sie find zu Alimentationen des KindeS bis zu deffen vollendeten 16. Lebensjahr verpflichtet. Lediglich der Nachwels, daß innerhalb der Empsängniszeit von der Mutter auch anderen Berkehr gc- stattet war, befreit Sie von der Zahlungspflicht. 2. und 4. Nein. — H. M. 100. l. und 2. Nein.— A. V. Samtliche Bücher erhalten Sie in unserer Buchhandlung Lindenstr. 69. Dort erhalten Sie auch nähere Auskunst darüber, welche Bucher aus den verschiedenen Gebieten erschienen sind.— K. tt. Leider besteht eine gesetzliche Vorschrist nach dieser Richtung nicht. In erster Linie ist der Vertrag maßgebend. Außerdem würden Sie sich an die Gewerbedeputatio» unter Umständen wenden können. Ohne Einsicht in den Vertrag, ohne Kenntnis des Gewerbes und der näheren Umstände laßt sich weitere» nicht sagen. — F. B. 7. ES wird wohl schwerlich das von Ihnen Besürchtete ein- treten. Sollte aber ein Fürsorgebeschluß ergehen, so wenden Sie sich sofort um Rat an einen Anwalt oder an uns.— R. B. 49. 1. und 2. Nein. — 91. 3. 2. Zur Versicherung der Schausensterscheiben ist weder der Wirt noch der Mieter verpflichtet. Die Versicherung ist aber ratsam. Wird das Schausenster durch Zufall zerschlagen, so hastet der Wirt für Ersatz, falls nicht durch Vertrag eine gegenteilige Vereinbarung getroffen ist. Die Vereinbarung dieses Gegenteils ist in Berlin und Umgegend die Regel.— M. B. 10. Nein, nur das, was Ihrem Mann gehört. 2. Nein. 3. Ja. Verliner Marktpreise. AnS dem amtlichen Bericht der städtischen Marklhallen-Direktion. Rindfleisch In 64—66 pr. 100 Pfund, IIa 54—63, nia 49—52, IVa 40— 48, engl. Bullen- 00—00, dän. Bullen- 00—00, Holl. Bullen. 00-00. Kalbfleisch. Doppelländer 105-120, la 80-88, IIa 65-78, lila 52-62. Hammelsieilch 1» 60-70, IIa 54—60. Schweinefleisch 68—72. Kaninchen 0,40—0,50. Hühner, alte, Stück 1,00—1,60, alte per Psd. 0,00, junge, per Stuck 1,10. Tauben, junge 0,55—0,65, alte 0,40—0,45. Enlen, junge, per Stück 1,80—2,40. per Psd. 00—00, ruff., gcsr. per Stück 00—00. Gänse, junge, per Psd. 0,75—1,20, russ. per Psd. 0,00—0,00. Hechte 96-102, Schleie 114-212. Bleie 00,00, groß 00—00. Aale, groß 111—116, mittel 0,00, klein 71—78, unsortiert 0,00. Plötzen 30—54. Flundern, pomin. II, p. Schock 1,00—2,00, Kieler, Stiege la 4—7, do. mittel, per Kiste 3—4, do. klein, per Kiste 00—00. Bücklinge, schweb, per Wall 0,00, norm. 3,00, holländ. 2,50, Kieler 1—3, engl. 0,00. Aale, groß, per Psd. 1,10—1,20, mittelgroß 0,80—0,90, klein 0,50— 0,6o! Sprotten. Kieler, 2 Wall 0,00—0,00, Elb- per Kiste 0,00—0,00. Sardellen 1902er, per Anker 74,00, 1904er 72,00, 1905er 70,00, Schottische Vollhcringe 1905 00—00, large 40—44, füll. 36—38, med. 33—35, deutsche 37—44. Heringe, neue Matjes, per'/, Tonnen 60—120. Hummern. IIa, 100 Psd' 00—00. Krebse, per Schock, große 00—00, smittelgroßc 9,00, kleine 0,00 bis 0.00, unsortiert 0,00. Eier, Land-, per Schock 00—00, frische 2.90—3.30. Butter per 100 Psund, la 120, IIa 117—120, lila 115—116, abfallende 110—114. Saure Gurken, Schock 3—3,50 M., Pfeffergurken 3—3,50 M. Kartoffeln per 100 Psd. mag», don. 2,10—2,35, rote Dabersche 2,00—2,20, runde weiße 1,80—2,00. Wirsiuglohl per Schock 0.00—00,00.'Weißkohl per 100 Psd. 4.50—5,50. Rotkohl per Schock 00—00. Holl. 16—24. Grünkohl, per 100 Psd. 12—15. Rüben, weiße 12-16, Teltower 16-13. Kohlrüben, per Schock 2,50— 4,50. «ttternugSüderflchtlvom 18. April 1906, morgens» Nyr. Stationen C= K- Swlnemde. Hamburg Berlin Franks.a.M München Wien = I Weiter 755 NO 755 NNO 7543 753 NNO 753 O 755Still Zheiter 2 wölken! I halb bd. 2 bedeckt 5 halb bd. �Wolken! v»« Zt Stallonen i I i S Saparanda!759S eterSburg!758«W Seilitz Aberdeen Paris 759 N 763 WNW 750 NNO Setler 2wolkenl iRegen 5 bedeckt 3 heiter 2Regen *S! ä n £ H% -2 7 6 2 7 Wetter.Progiiose für Donnerstag, de» 19. April 1006. Etwas lühler, ziemlich trübe und regnerisch bei mäßigen nördlicher» Winden. Berliner Wetterbureau. iiamchende lst die Vermtttelunq unentgeltlich."_ polizeiliche LZegiamngung. Und nun erst bekam der Mann ohne_ Berliner Wetterbuream Reiantsvortlichec Redakteur: Hans Web». Berlin, Für der, Inseratenteil verautw.: TS. Glocke» Berlin. Dnick u. Fcrlag:.Vorwärts Ludjdrrnkera u. Verlagsanstalt Paul Singer L- Co.. Bulia SMk"