Kr. 91. Bbonnemenb'Bedlngungcn s Abonnements- vrciS prSnumerande: BierteljShrl. S,M®!f, monall. 1,10 Ort, loöchenttÄ 5» Pfg- frei ins HouS, Einzelne Rümmer S Pfg, SonnugS- Klimme, mit illustrierter Sonntags» Seiloa«.0b*"» Welt" 10 Pf« Post. Wonnen�M! 1.10 Mark pro Monat. CiiifleirnSen m die Poft.ZeitunaS. Preo-Ii»«' Unter Kreuzband für DeutchiüNd und Oesterreich> Ungarn 2 Ipnrt, für das übrige Ausland 2 sumt pr» Monat, PostabonncnientS nnen an: Belgien, Dänemark, klon», Italien, Luxeniburg, Portugal. —'iten. Schweden und die Schweiz. 23. Jahrg. VMxlBt ög»»»Btr Bratagt. Verlinev Volksblcltk. Die InlertlonS'Gebaijr detrügt für die sechsgespaltene Kolonel- zetle oder deren Raum 60 Pfg,, für doli tische und gcwerlfchaftltche Vereins- und verfammlungS-Anzeigen 30 Pfg, „Kitint Bnztigtn", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- slellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen biS S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist »tS 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: „Sozlaltfcnokrat Berlin". Zentratorgan der rozialdcmokratifcben Partei Deutfchlands. Rcdahtion: SM. 68, Lindenetrasse 69. Kernfprecher: Amt IV, Nr. 1983. Freitag, den 20. April 1906. Expedition: SM. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Parteigenossen! Die Kontroll-Kommission wählte in ihrer heutigen Sitzung als Nachfolger des verstorbenen Vorsitzenden H. Meister den Genossen «ugust Kaden Reichstagsabgeordneter in Gohlis bei Dresden Post Cossebaude lElbtal). An diese Adresse sind lünftig alle für die Kontrolleure bestimmten Zuschriften zu richten. Berlin. 19. April 1906. Im Austrage der Kontroll-Kommission: Ad. Geck, Schriftführer. Sie Produktivität des Unter' nestmertums und der Arbeiter. ii. Die„Kreuz-Zeitung" behauptet aber nicht nur, daß der Unternehmergewinn die Vergütung für die Arbeitsleistung des Unternehmers ist: sie beweist das auch— allerdings auf eine Art und Weise, die direkt zum Spott herausfordert. Wieder geht sie in ihrer Folgerung von dem ostelbijchen Hand- oerksmeister als dem Normaltypus des heutigen Unter- ehmers aus. Die Großproduktion der Aktiengesellschaften zit ihrer deutlichen Unterscheidung zwischen Unternehmer- rofit und Betriebsleitungskosten paßt ihr nicht in ihre Deduktion, so hilft sie sich damit, daß sie die Existenz der Aktiengesellschaften einfach ignoriert. Oft könne der fleißigste 'eiter, führt sie aus, in allen seinen Arbeitsstunden keinen gert schaffen, ja sogar verhindern, daß aus der Tätigkeit einer„Untergebenen" Werte entstehen; während um- .ekehrt ein süchtiger Leiter manchmal einen bisher«un« iroduktiven Betrieb"—(soll heißen: unrentablen betrieb) produktiv(rentabel) zu gestaltm vermöge. Als tfeispiel führt das feudale Blatt an: „Zwei Hutmacher arbeiten mit demselben Kapital und dem« selben Arbeiterpersonal von gleicher Tüchtigkeit. Beide stellen jährlich 1990 Hüte her. Nicht mit Unrecht werden die Arbeiter beider Unternehmungen ihre Tätigkeit für gleichwertig halten. Aber o Schrecken! Nur die Hüte de? eine» Unternehmers werden alle mit Gewinn verkauft, die des anderen bleiben im Laden, weil der Unternehmer den Geschmack der Käufer, die Absatz- Möglichkeit usw. nicht richtig kalkuliert hat. Dafür können seine Arbeiter nichts. Sie werden denselben Lohn verlangen wie die des anderen Unternehmers, und das ist von unserem Stand« punkte nicht mehr als recht und billig. Aber gerade vom Stand» punkte der sozialdemokratischen Wertlehre könnten sie eigentlich keinen Lohn verlangen. Denn wenn sie den vollen Wert einer absatzfähigen Ware für sich allein verlangen, ohne dem Unter- nehmer so etwas wie„Mehrwert" über den gezahlten Arbeits- lohn hinaus zu gönnen, so müßten sie bei einer absatzunfähigen, also wertlosen Ware auch auf jeden Arbeitslohn verzichten. Da ihre eigene Mitwirkung in dem einen wie in dem anderen Falle dieselbe gewesen ist, wird das gegenwärtige System ihnen viel mehr gerecht: es gewährt ihnen den Lohn in den beiden Fällen, höchstens mit dem Unterschiede, daß sie unter einem geschickten Unternehmer auch auf höhere und mehr gesicherte Löhne rechnen dürfen als unter einem ungeschickten." Fälle, in denen ein Unternehmen keinen Gewinn ab- wirft, ja der Produktionsertrag selbst nicht-die Produktions. kosten deckt, kommen sicherlich häufig genug im heutigen kapitalistischen Wirtschaftssystem vor. Wird auch der Tausch- wert einer Ware nicht durch ihren Gebrauchswert bestimmt. sondern durch die zu ihrer Herstellung erforderliche gesellschaft- lich notwendige Arbeitszeit, so vermag sich doch der Tausä»vert einer Ware nur dann beim Verkauf in einen angemessenen Preis umzusetzen, wenn die Ware einen gesellschaftlichen Ge- brauchswert hat, d. h. einem gesellschaftlichen Bedarf entspricht. Kommt z. B. der Leiter einer Fabrik auf die Idee, Waren herstellen zu lassen, für die kein entsprechender Bedarf vorhanden ist oder die dem Geschmack des Publikums widersprechen, so wird er allerdings für diese Waren cnt> weder keinen Absatz finden oder sie zu einem die Herstellungs- kosten nicht deckenden Preis verkaufen müssen— aber was folgt daraus? Doch nur, daß der Leiter seiner Stellung nicht gewachsen ist. Wie es unfähige Arbeiter gibt, die nicht nur keinen Mehrwert produzieren, sondern das Roh- oder Halb- Material obendrein noch versauen, so gibt es natürlich auch Fabrikleiter, welche die gekaufte Arbeitskraft nicht nutz- bringend für ihr llnternehmeu anzuwenden wissen. Daraus zu folgern, daß, wenn ein Unternehmer eine „absatzunfähige" Ware hat produzieren lassen, seine Ar- bester eigentlich auf ihren Arbeitslohn verzichten müßten, heißt Vichts anderes, als für die Un- fähigkeit des Unternehmers seine Arbeiter verantwortlich machen, obgleich diese keinerlei Ein- fluß auf die Geschäftsführung haben. Das ehrsame Organ der Kreuzritter scheint gar nicht zu fühlen, wie sehr es sich mit dieser einfältigen Deduktion in Widerspruch zu der Auf- fassuug des offiziellen„Konservativen Handbuchs" setzt, in welchem es in bczug auf die Produktivität der Unternehmer und Arbeiter heißt: „Soll aber ein Unterschied gemacht werden, so muß er zu- gunsten des Unternehmers und nicht der Arbeiter gelten; denn das eigentlich Bestimmende in der Produktion sind Wille und Geist des Unternehmers; die Arbeiter sind nur seine Hülfsorgane, und so nahe sie ihm als Menschen stehen und stehen sollen, so sind sie als Produktionsfaktoren ihm gegenüber eben so unselb- ständig wie die Maschinen und anderen Produktionsmittel." Das Handbuch vergleicht also die Arbeiter, was ihre Selbständigkeit im Produktionsprozeß anbelangt, mit den „Maschinen und anderen Produktions. mittel»". Nach der Logik der„Kreuz-Zeitung" wäre danach, wenn jemand eine Maschine verkehrt anwendet und infolgedessen nicht das gewünschte Resultat erzielt, nicht dieser Jemand verantwortlich, sondern die Maschine. Allerdings nicht in allen Fällen ist die Ursache der Un- rentabilstät eines Unternehmens in der Unfähigkeit seines oder seiner Leiter zu suchen. Die kapitalistische Wirtschafts- weise beniht auf der Konkurrenz. Nur durch diese und die durch sie bewirkten stetigen Schwankungen der Warenpreise setzt sich das Wertgesetz der Warenproduktion durch. Lediglich vermittelst der stetigen Entwertung und Ueberwertung der Produkte wird in der heutigen planlosen Warenproduktion eine gewisse Ordnung aufrecht erhalten, denn allein durch dieses Steigen und Fallen werden die Produzenten darauf gestoßen, was von ihren Erzeugnissen die Gesellschaft braucht. Deshalb kann z. B. auch ein Unternehmer nicht mehr als sonst pro- duziert und den Geschmack des Publikums richtig getroffen haben, und doch zu seinem Schrecken bemerken, daß er seine War« nicht zu einem angemessenen Preise abzusetzen vermag — nur deshalb, weil seine Konkurrenten überproouziert haben und nun durch ihr Angebot die Preise drücken. Ebenso können natürlich auch ohne sein Verschulden Verschiebungen der Ab- satzmärkte, Wirtschaftskrisen, Trustgründungen usw. den Er- trog seines Unternehmens mehr oder weniger beeinträchtigen. In allen diesen Fällen handelt es sich aber um„E i g e n> heiten" der heutigen Produktionsweise, für die nicht die Arbeiter als gezwungene Verkäufer ihrer Arbeitskraft und als„Maschinen" im Produktionsprozeß veranstvortlich ge- macht werden können, sondern nur jene, die nach der Aeuße- rung des konservativen Handbuchs„Wille und G e i st" der Produktion sind und mit allen Mitteln das heutige kapitalistische Wirtschaftssystem nebst seinen schönen Eigen- heiten zu erhalten suchen. Wenigstens nach vernünftigen Gründen kann der Arbeiter nicht dafür verantwortlich ge- macht werden: in Wirklichkeit wird er es aller- dings doch— denn die Folgen sind meist für ihn: Lohn- druck, Arbeitslosigkeit und Elend. Selbst wenn wir aber alles zugeben wollten, was die „Kreuz-Zeitung" behauptet: was wird dann durch ihre Litanei schließlich bewiesen? Doch nur, daß die Fähigkeit der Leiter eines Unternehmens für dessen Rentabilität von großer Bedeutung sein kann und daß manchmal der Ertrag eines Betriebes die Betriebskosten nicht deckt. Das ist sicher richtig: aber inwiefern folgt hieraus, daß nicht die Arbeiterim allgemeinen„Mehrarbei t". d. h. un bezahlte Arbettlei st en und nichtKapital- Profit(Unternehmerprofit und Zins) wie Grundrente aus dieser unbezahlten Ar» b e i t S l e i st u n g st a m m e n? Indes die Logik der„Kreuz-Zeitung" ist ein urkomisches Gewächs: beruft sich doch schließlich das Blatt zum Beweis dafür, daß der-Unternehmerprofit nur eine Entschädigung für daS Arbeitsquantum des Unternehmers ist, sogar a u f die Schlacht bei Leuth en— eine Leiswng, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten dürfen: „Die Tätigkeit des Führers ist auf allen Gebieten wichtiger als die der Geführten, in der Politik, im Kriege und so auch im wirtschaftlichen Leben. Die Griechen meinten, ein Heer von Hirschen unter Führung eines Löwen sei gefährlicher als ein Heer von Löwen unter Führung eines Hirsches. Vielleicht der ruhmreichste Sieg deutscher Waffen ist der von Lcuthen, wo Friedrich der Große mit 33 999 Mann 89 990 Oesterreicher nach tapferster Gegenwehr bis zur Vernichtung schlug. Wäre es allein oder wesentlich auf die Truppe angekommen, so war das umgekehrte Ergebnis wahrscheinlich. Die Geschichte und die BolkSempfindung sind denn auch niemals darüber unsicher gewesen, daß das Hauptverdienst um den Erfolg dem preußischen Führer gebührte. Slehnlich ist cS in der Volkswirtschaft bei allen schwierigen Unternehmungen, die besondere, nicht bei einer beliebigen Anzahl von Menschen wohnende Eigenschaften de« Leiters voraussetzen." Die„Kreuz-Zeitung" scheint demnach die„glorreichen" Schlachtenlenker für eine Art Unternehmer und das Schlachten- schlagen für eine ähnliche Erwerbstätigkcit wie da8 Waren- produzieren zu halten. Vor dieser Leistungsfähigkeit strecken wir resigniert die Waffen. Die Revolution in Rutzland. Ostcrstimmnngen im Reiche Väterchens. Man schreibt unS: Unter Glockengeläute und mit dem heuchlerischen Gebete: „Friede auf Erden l" begannen die Rcgierungsbestien in der Weihnachtszeit ihre Blutarbeit. Die Reaktion hatte sich schneller erholt als es mancher erwartete. Unterstützt von einigen Politischen Parteien, die sich nach dem 30. Oktober gebildet hatten—„Vereinigung russischer Leute",„Partei der Rechtsordnung" usw.— unternahm die Reaktion ihren Lcr- nichtungsfeldzug gegen die eben eroberten Freiheiten. Das Ministerkabinett Witte-Durnowo erließ nicht allein Dutzende neuer provisorischer Gesetze, die die Presse wieder zum Schweigen bringen sollten, sie unterdrückte nicht nur wiederum das Versammlungsrecht und die Redefreiheit, sondern sie schickte mit Kanonen bewaffnete„Strafexpeditionen" in die Ge- biete aus, wo die Gegenrevolution auf hartnäckigen Widerstand gestoßen war. DieseGebiete wurden für„außerhalb jeglicher Gesetze stehende" erklärt und das Leben der Bc- völkerung einigen erprobten Bluthunden anvertraut, die dann im Laufe der verflossenen vier Monate die„Autorität der Regierung" und die„Ruhe" mit solchen Mitteln wieder- hergestellt haben, daß, wie einer von diesen Henkern sich aus- gedrückt hat,„das Volk ewig daran denken wird". Eine ganze Menge dieser Satrapen, die nach dem Ausspruch des Tomsker Gencralgouverneurs S s u ch o t i n mit den Waffen so gewirtschaftet hatten, daß Material weder für Kriegs-, noch für Zivilgerichte übriggeblieben war, haben soeben hohe Ordensauszeichnungen erhalten und begehen das christliche Osterfest nach Pfaffenvorschrtft, indem sie beim Champagner einige interne Stückchen aus der Tätigkeit der Strafexpeditionen zum besten geben. Die Reaktion befindet sich noch auf der Höhe ihrer Macht. Sic veranstaltet Osterorgien. Wir wollen hoffen. eS sind die letzten! Außer sich vor Freude sind auch die sogenaimten russischen Liberalen, oder wie ihr linker Flügel sich seit Beginn der Wahlkampagne nennt,„die Partei der konstitutionellen Demokraten". Sie haben bis zur letzten Stunde nicht einen solchen Sieg erwartet. Es ist auch in keinem Falle als i h r Sieg zu betrachten, obgleich die, Herreu Kadetten ihn als einen solchen in die Welt hinausposaunen. Die Wahlen konnten einen solchen Verlauf nur deshalb nehmen. weil die Repressalien der Regierung, die ja in erster Linie gegen die Arbeiterschaft gerichtet waren, allen einiger- maßen denkenden Einwohnern gezeigt hatten, welche Wege die Regierung auch in der Zukunft zu gehen gedenkt. Die Sozialdemokratie, weit davon entfernt, die politische Bedeutung der Wahlen zu unterschätzen, findet, daß der Jubel der Kadetten verfrüht ist und weist die Behauptung, daß die eben vorgenommenen Dumawahlen den„Willen des Volkes" ausdrücken, mit aller Entschiedenheit zurück. Wir wissen ja, daß d a S Volk schon etliche Male seinen Willen kundgegeben hat, und zwar in viel energischerer Weise als jetzt bei den Wahlen. Wir erinnern an den Zug der bittenden Petersburger Arbeiter am 9./22. Januar 1905 zum Winterpalais, an die Massenstreiks der Arbeiter von Petersburg, Warschau, Lodz, Riga, Baku, Rostow usw. im Laufe des vorigen Jahres, dann an den allgemeinen Eisen- bahnerstreik, die alle die Regierung eigentlich zum Unter- handeln über die Konstitution zwangen und zuletzt an die Riescnmeetings, die nach dem 30. Oktober überall in den Städten und vielfach auf dem Lande veranstaltet wurden und überall mit dem Rufe:„Nieder mit dein Absolutismus! Hoch die internationale Sozialdemokratie! Hoch das allgemeine, gleiche. direkte, geheime Wahlrecht und die konstituierende Versammlung!" geschlossen wurden. Das war auch Volksstimme I Außerdem verkörperten diese Versammlungen und Massenstreiks eine große organisierte Kraft, und dennoch schreckte die Regierung davor nicht zurück, mit Flinten- und Kanonensprache zu ant- warten. Und jetzt sollen einige Hundert von u n o r g a n t- s i e r t e n Bauern und anderen unzufriedenen Bevölkcrungs- schichten gewählte Kadetten die Regierung mit der hinter ihr stehenden bewaffneten Macht zur Kapitulation zwingen l? Darin liegt die ganze Kurzsichtigkeit der russischen Liberalen. Es ist wahr, daß auch die ruffische Regierung nach Anwendung aller Wahlbeeinflussungsmittel nicht ein solches Wahlresultat erwartet hat. Sie hat sich aber schon längst beruhigt und. wie die„Nowooj-Wremja" meldet, hat die Regierung viele Hoffnungen, aus den 90 Proz.„Parteilosen", die auf dem Lande gewählt worden sind, sich die nötige Majorität zu schaffen. Das glauben wir zwar nicht, wir sehen aber ein anderes Finale der Komödie. In diesen Tagen machte das offizielle Organ des Grafen Witte, die„Russkoje Gossudarstwo" folgende wichtige Erklärung, die uns in Vielem an die«Sprache Wittes nach dem Kongresse der noch vereinten Liberalen vom 9. November erinnert. Die Regierung läßt nämlich den jetzigen siegestrunkenen Kadetten erklären, sie werde vor der Duma nicht zurück- schrecken. Es gebe nur zwei Möglichkeiten: Entweder ivürden sich die konstitutionellen Demokraten mit dem Verbände vom 30. Oktober verbinden, dann werde auch die Reichspolitik ruhig(wir kennen die Ruhe I) entwickeln, oder aber sie würden auf ihren Forderungen(von Forde- rungen der Kadetten kann unserer Meinung nach keine Rede sein), wie z. B. auf das allgemeine, aleiche. geheime Wahlrecht, Amnestie. Verantwortlichkeit der Minister usw. bestehen, dann werde es der Anfang einer neuen Revolution sein. Etwas früher hatte die Organi- sation der Schwarzen Hunderte, der sogenannte„Ver- band russischer Leute" einen ähnlichen Gedanken aus- gesprochen:„Die erste Duma wird mit Bajonetten ausein- andcrgetrieben werden, dann wird eine zweite kommen, eine solche wie wir sie brauchen." Die Sprache der Regierung ist recht deutlich. Hoffentlich haben sie auch die neuen„Lenker der Geschicke der russischen Völker" verstanden. Witte und auch die russischen Sozialdemokraten erinnern sich noch gut genug, daß es sich bei der ersten Spaltung der im Lager der russischen Liberalen gerade um das„vierschlvänzige" Wahlrecht handelte und daß die jetzigen Mitglieder des Ver- bandes vom 30. Oktober, Gutschkow und andere, diese Forde- rung fallen ließen und zu Witte übergingen. Wir wollen abwarten, wer von den Kadetten die Volksrechte für einen Sessel im Taurischen Palast preisgeben wird! politische(lebersicdt. Berlin, den 19. April. Wieder etwas Neues von der sächsischen Justiz. „In Sachsen ist ja schon mancherlei geschehen," schreibt die „Sachsische Arbeiterzeitung",„die Aktion aber, die jetzt in Dresden gegen die Arbeiterbewegung geplant ist, hätte man doch nicht für möglich halten sollen." Die Aktion, die unserem Dresdener Parteiblatt diesen Ausruf erpreßt, besteht in der Einleitung einer Untersuchung wegen— M a s s e n- betruges gegen den verantwortlichen Redakteur der „Sächsischen Arbeiterzeitmig", Genossen G r ö tz s ch, und die Führer der Dresdener Metallarbeiterbewegung, die Genossen H a a ck und Held. Die Sache hängt mit den Lohnkämpfen im Dresdener Metallgewerbe zusammen und hat folgende interessante Vorgeschichte: Die Metallindustricllen haben bekanntlich die Arbeiter brutal ausgesperrt. Um aber die„guten" Arbeiter nicht vor den Kopf zu stoßen, haben die schlauen Unternehmer den Arbeitern einen Revers vorgelegt, in dem die Arbeiter die ehrenwörtlichc Erklärung abzugeben hatten, daß sie weder jetzt noch in den letzten vier- zehn Tagen einer Organisation angehört haben, auch keine Streik- Unterstützung erhalten. Den Unterzeichnern war eine Unter- stützung an Stelle des Lohuausfalls in Aussicht gestellt. Wörtlich heißt es dann in dem NeverS: Weiterhin bekenne ich, daß ich mich des Betrugs schuldig mache, falls ich mich der Wahrheit zuwider als Nichtorganisierter Arbeiter bezeichne und in die Listen eintrage bezw. Unterstützung von der Firma in Empfang nehme. Es ist mir ausdrücklich er- klärt worden, daß die Zahlung auch unter der Voraussetzung nicht erfolgen würde, daß Ersatz durch den Metallarbeiterverband in Aussicht gestellt wird. Die ganze Aktion war, wie gesagt, von den Industriellen ein- geleitet worden, um die Organisierten erkennen und maß- r e g e l n zu können. Tic Leitung des Metallarbeiterverbandcs veröffentlichte deshalb folgende Verhaltungsmaßregeln: Es herrscht nun darüber Unklarheit unter den Arbeitern, wie sie sich dazu zu verhalten haben. Dazu bemerken wir, daß dort. wo alle Voraussetzungen dafür gegeben sind, die Kollegen die Unterzeichnung verweigern können. Anderseits steht aber auch der Unterzeichnung nicht das geringste im Wege. So gefährlich auch der Inhalt des Reverses aussieht, so kann dem Unterzeichner darum nichts passieren, weil ja die Alisicht, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vcrmögensvortcil zu verschaffen, weg- fällt. Obwohl wir keine Freunde von Heuchelei sind, so erscheint es doch in diese m Falle angezeigt, Verwirrung in die Reihen der Gegner zu bringe», indem die Absicht zu deutlich erkennbar ist und der Revers als gegen die guten Sitten verstoßend keinerlei Rechtskraft haben kann. Die Kollegen mögen sich darum betreffs ihres Verhaltens dazu betricbsweise schlüssig werden, aber dann auch einheitlich handeln. Alles weitere dazu wird in den Sonnabendversammlungen gesagt. In dieser Erklärung soll allen Ernstes eine Aufforderung zum Massenbetrug liegen. Das Lustigste bei der ganzen Geschichte ist zweifellos, daß viele Betriebsleiter und Werkmeister die Arbeiter selbst beschworen haben, doch zu unterschreiben, damit man nicht auszusperren brauche. Eine Firma schickte die Leute direkt ins Bureau der Metallarbeiter, um sich dort die Erlaubnis zur Unterschrift zu holen.� Bei einer anderen wurden die Reverse den Arbeitern ohne Unterschied bereits unterschrieben vorgelegt und gleich danach wieder eingesammelt. Die Firma hat dann auch nicht aus- gesperrt. Freilich, die Rcversgeschichte ist für die Industriellen eine arge Blamage geworden. Sie sind schmählich damit hinein- gefallen und haben sehr bald die Auszahlung der Unterstützung eingestellt und die Unorganisierten auf später vertröstet oder sie in die Betriebe zum Arbeiten hereinzuholen versucht. Nur ganz vereinzelt sind überhaupt ein paar Mark an Unorganisierte ausgezahlt worden, weil der Metallarbeitervcrband seinen Mit- gliedern gebot, kein Judasgeld anzunehmen. Da haben nun die geärgerten Industriellen die Leiter des Metallarbeiterverbandes und die„Sächs. Arbeiterzeitung" der Staatsanwaltschaft wegen Betruges denunziert und diese hat geglaubt, sich der ehrenwerten Herrschaften annehmen zu müssen. Die„Sächsische Arbeiterzeitung" glaubt nicht an einen Erfolg der Aktion.„Daß aber," fährt sie fort,„dieser Versuch gemacht werden konnte, ist außerordentlich charakteristisch für unsere Zustände. Nach den Erpressungs- Prozessen, nach der Streikjustiz, nach dem Löbtauer Zuchthaus- urteil, dem Garnisonlazarett-Prozeß, dem letzten Bäcker-Prozeß wegen der Meißener Prügelaffäre haben wir eigentlich auf- gehört, uns noch über irgend etwas nach dieser Richtung hin zil wundern. Wir glaubtcir schon mit Bülow sagen zu können: Ein sozialdemokratischer Redakteur muß ein Fell wie ein Rhinozeros haben. Daß wir aber noch in den Verdacht kommen könnten, zum Massenbetrug aufgereizt zu haben, das hätten wir denn doch nicht gedacht. Alles ist schon vorgekommen: Sozialdemokratische Redakteure haben„groben Unfug" begangen,„Sittlichkeitsvergehen",„Beleidigung der wertvollsten Elemente der Arbeiterschaft, der edlen Arbeits- willigen", sie haben ohne Unterschied alles beleidigt, was den Hurrapatrioten heilig ist, vom Nachtwächter angefangen bis zu dem unterschiedlichen aus- oder inländischen Potentaten, der„Gotteslästerung", des„Diebstahls von Aktenstücken" hat man sie schon beschuldigt. Aber Aufforderung zum Massen- betrug, das hat noch den Reiz der Neuheit für diese hart- gesoltcneir Sünder. Das fehlte gerade noch, um das Sünden- register komplett zu machen!"— Geh. Rat v. Holstein. Die in den letzten Tagen von der gutgesinnten Presse viel- erörterte Frage, ob der Wirkl. Geh. Rat v. Holstein gehen oder nochmals bleiben werde, ist erledigt. Er geht. Wie die„Nordd. Allgcm. Ztg." meldet, hat der Kaiser seinen Rücktritt genehmigt. Herr v. Holstein galt bisher als der eigentliche Hauptleiter des Auswärtigen Amtes, der hinter den Kulissen die Drähte dirigierte und die diplomatischen Fäden spann. Seine eigentliche Karriere begann nach dem deutsch-französischcn Kriege, als er bei dem Vorgehen Bismarcks gegen den Grafen Harry v. Arnim— er war damals Botschaftssekretär in Paris— dem Reichskanzler wertvolle Dienste leistete. Zum Dank wurde er als vortragender Rat in die politische Abteilung des Auswärtigen Amtes berufen, der er seitdem ununterbrochen angehört hat. Das Personal dieses Amtes veränderte und ersetzte sich ununterbrochen, aber Herr v. Holstein blieb, ein ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht. Wenige hatten wie er das Vertrauen Bismarcks, und als deshalb Bismarck gehen mußte� nahm dieser an, sein Vertrauter werde ihm folgen; doch Herr v.'Holstein blieb und patzte sich mit gleicher Virtuosität dem neuen Reichskanzler an. Die„Köln. Ztg." weiß über diesen Vorgang zu berichten: „Fürst Bismarck, und in vielleicht noch höherem Grade Graf Herbert Bismarck, scheinen der Ansicht gewesen zu sein, daß Holstein, der nicht nur mit der BiSmarckschen Politik aufs engste verbunden war, sondern auch mit dem Bismarckschen Hause freundschaftliche Beziehungen unterhalten hatte, dem scheidenden Kanzler in die Nichtaktivität hätte nachfolgen sollen. Daß er selbst diese Meinung enttäuschte und auch fernerhin auf seinem Posten blieb, konnte eigentlich diejenigen nicht überraschen, die wußten, wie er mit allen Fäden seines Lebens mit der aus- wältigen Politik verknüpft war. ES traten dann in der Folge- zeit unerfreuliche Erscheinungen zutage, die in der Kampagne Austernfreund-Spätzlc-Trouüadour ihren Ausdruck fanden und zu persönlichen Zusammenstößen führten, von denen das Duell Kiderlen-Wächter-Poljtorf allein an die Oeffentlichkeit trat. Der damals gemachte Versuch, ihn mit einigen Freunden als den In- haber und Ausüber einer geheimen Gewalt und als einen der schlimmsten Intriganten zu verdächtigen, bedeutete für ihn eine schwereBeeinträchtigung seiner Lebenssreudigkeit, und wenn er sich in späteren Jahren immer mehr in sich selbst zurück zog und selbst auch seinen Freunden gegenüber nur zu leicht von starkem Miß- trauen ergriffen wurde, so sind die Gründe für diese Eni- Wickelung in jenen Vorgängen zu suchen. „Aus jener Zeit stammt auch der Vorwurf, daß er in rück- sichtsloser Herrschsucht alle anderen Einflüsse und Persönlichkeiten niederzuhalten strebte und nichts neben sich emporkommen lasse. Während er der breiten Oeffentlichkeit gegenüber so gut wie unbekannt blieb, galt er einein kleineren Kreise als der eigent- liche Macher, als der Mann, der über die hohen Stellen im Reichsdienst verfügte und selbst Minister-Porteseuilles verteilte." Wiudmühlen-Politik. Wilhelm II. versteht es— wie der liebe Gott— seine Mühlen recht, recht langsam mahlen zu lassen. Aber er kann seine Mühlen- räder auch in rasender Eile drehen. Je nachdem!— Kanin ist die niederbeugende Kunde von dem entsetzlichen Erd- beben in Amerika zu unseren Ohren gedrungen, da bekommen wir auch schon folgende Wolfi-Depesche zil lesen: Berlin, 19. April. Se. Majestät der Kaiser und König hat den Botschafter in Washington, Freiherrn Speck von Sternburg, beauftragt, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten seine tiefe und aufrichtige Teilnahme an dem Elementarunglück in den West- lichen Landen der Vereinigten Staaten auszusprechen, das auch in weitesten Kreisen des deutschen Volkes Mitgcfiihl und Trauer erwecken. Gleichzeitig wurde der Botschafter angewiesen, auch die warmen Sympathien der deutschen Regierung auszudrücken. Sehr erfreulich und sehr begreiflich! Hat doch Roosevelt eben erst nach Beendigung der Marokkokonferenz einen scheinbar deutsch- 'reundlichen Phrasenschwall vom Stapel gelassen. Da wird denn Speckchen in Ausführung des kaiserlichen Befehls in einer Flut von Gegenphrasen plätschern können! Das betrübliche Pendant zur Fixigkeit, mit der Roosevelt seine Kondolenz erhält, ist das Schneckentempo, in dem Wilhelms II. Beileidsbezeugung nach Italien kroch, als jetzt eben der Vesuv seine verderbenspeieude Lava herniederreguen ließ. Italien sollte eS fühlen, daß Deutschlands Kaiser dem Viktor Emanuel grollt, weil dieser seine Diplomaten nicht anwies, in Algeciras sich blind- lingS der deutschen Politik mit Haut und Haaren zu verschreiben I Also es ging keins der bewußten Telegramme von Berlin oder Potsdam nach Rom. Nur dem deutschen Botschafter wurde Huld- vollst gestattet, nachträglich eine Art offizielles Beileidsschreiben an den italienischen Minister des Aeußern zu senden. In allerallerletzter Stunde aber— und sozusagen hinten- herum— lächelt dem italienischen Volk ein steundlicher Blitz anS Wilhelms II. Kaiseraugen. Ein Wolff-Telegramm vom selben Datum wie daS oben zitierte besagt darüber: Nachdem das für die Opfer des Erdbebens in Calabrien tätig gewesene deutsche HülfSkomitee in gleicher Eigenschaft auch für die durch den Ausbruch des Vesuvs Geschädigten neu konstituiert worden ist. hat seine Majestät der Kaiser und König dem Vorsitzenden des Komitees, Prinzen Salm Horstmar, eine Spende im Betrage von 10(X)V M. überwiesen._ Zur Zlnsweisungsschmach. Von unserer gestrigen Meldung über die Ausweisungen russischer Studenten durch die hiesige politische Polizei nimmt bisher auch nicht ein bürgerliches Blatt Notiz. Wird sich der„Chor des Schweigens" wiederholen, den wir vor zwei Jahren schimpflich an den Pranger stellen mußten, als Freiherr V. Richtbofen die russischen Studentinnen von der Tribüne des Reichstages schmähte, als Fürst Bülow, damals noch Graf Bülow, von gleicher Stelle durch seine unwürdigen antisemitischen Mätzchen über die„Silberfarb und Mandelstamm" und die„Schnorrer und Verschwörer" den dröhnenden LachchoruS der Junkersippe und die Empörung aller gesitteten und kulturellen Elemente entfesselte, als der Reichskanzler dann seine Macht ausnutzte, um die von ihm be- leidigten Russen, da fle sich gegen den ihnen angetanen Schimpf wehrten, zu dezimieren und— ein Hausknecht des Zarismus— wegen der ihm angeblich zugefügten persönlichen Kränkung vierzehn von ihnen aus Preußen und sodann auch aus ganz Deutschland herauszuwerfen? Der russophile„AtaviSmuS". zu dem sich Bülow damals in einem lichten Moment offen bekannte, ist nach einer Pause der scheinbaren äußerlichen Befferung wieder mit aller Macht aus- gebrochen. Mit Halali und Hussah beginnt die frische, fröhliche Jagd auf Freiwild von neuem, Die Tatsachen sind, wie wir jetzt hören, noch weit schlimmer, als gestern vermutet. Nicht 20, sondern weit mehr Ausweisungen find an dem einen 14. April ergangen; man spricht von nahezu 300 sdreihunderif, die allerdings zum großen Teil wohl nicht von der politischen. sondern von der V. Abteilung des hiesigen Polizeipräsidiums verfügt sind. Als im März 1904 bei der Ausweisung der Vierzehn Friste» von einer Woche zum Verlassen Preußens gesetzt wurden, sprach man mit Recht von Barbarei. Dieses Mal aber ist fast überall nur eine Frist von drei Tagen gesetzt, auch für ganze Familien! Drei Tage für Per- sonen und ganze Familien, die oft viele Jahre hier ansässig und mit allen Fasern ihrer Existenz hier eingewurzelt sind. Drei Tage für die Regelung aller Angelegenheiten. Alle AnSgelviescnen sind mindestens noch auf mehrere Wochen, die meisten find noch auf einige Monate— bis 1. Juni— viele sind bis zum Oktober an ihre Wohnungen gebunden und haben, da fie für die Miete bis dahin voll haften, schwere, umnitteßare pekuniZre Schädigungen zu er» leiden!- Wahrlich eine raffinie.te Bestrafung ohne Urteil, ohne Be- gründung, ohne Grund, ohne nennenswerte Rechtsmittel! Ohne Grund! In einigen Fällen V>ll, so hören wir, angedeutet sein, daß die Ausweisung erfolge, weil de BetroffelM.»nKehlich an den Versammlungen V o m 18. M � r z teilgeiloliMcNyabcn sollen— ohne irgendwie hervorzutreten natürlich! Eine besondere Rolle soll hierbei die Beb elf che Versammlung bor» 18. März spielen. Wir können diese Nachricht, so schlecht unsere M««»ng über die Gründe des Polizeipräsidiums ist, vorläufig nichk'M�möglich halten.'l" miihgni, Der russische Konsul verhält sich dem Vernehmen Uch�egen alle Bitten um Intervention höchst passiv. Er soll crkl«rI:Men: „Sie sind nun einmal Gäste Preußens und haben kein Rertzffilfcer zu sein. Wir können nichts für Sie tun! Warum bleiben Sie stcht in Rußland I" Als ob nicht nach Völkerrecht für Ausländer so ln*jje ein Recht auf Anwesenheit in Preußen bestände, als sie sich niht lästig machen! Wir inachen darauf aufmerksam, daß auch der Berliner Handel die Berliner Aerzte, die Berliner Hotels und Vermieter durch daS Vorgehen der Polizei ernstlich geschädigt werden können. Die hiesige russische Kolonie bringt viel Geld nach Berlin, wenn natürlich auch viel arme Schlucker zu ihr gehören. Die polizeiliche Briiskierungs- taktik kann leicht zur Folge haben, daß sich diese Kolonie, angeekelt und unsicher gemacht, ganz erheblich verringert, weit über das von der Polizei unmittelbar angestrebte Maß hinaus. Vielleicht regt das unsere bürgerlichen Zeitungen zu einem Protest gegen die Polizei und die preußische Regierung an. Wir fragen, wie wir schon gestern fragten: Wird sich auch nur ein Freischärler des deutschen Bürgertums dem Kulturkampf gegen die erneute Russenschrnach anschließen?— � � veutlckes Reich. Ein neues Tendenzurteil. Die Leipziger Klassenjustiz hat, wie wir gestern schon kurz ge- meldet, am Mittwoch gegen den verantwortliche» Redakteur der „Leipziger VolkSzeitung", den Genossen K r e s s i n, ein Urteil gefällt, daS sich offen als Tendenzurteil gibt. In ihrer Stummer 17 vom 22. Januar brachte die„Leipziger Volkszeiwng" einen Artikel, überschrieben„Eine Erbärmlichkeit", worin eS als Beweis der politischen Verlumpung des deutschen BürgerhimS bezeichnet wurde, daß ein Mann von dem geistigen Kaliber eines Lima», des„Hof"redakteurS der„Leipziger Neuesten Nachrichten", zu seinen politischen Heerführern zählen könne. Die Veranlassung zu dieser Charakterisierung dieses bürgerlichen Preßhelden hatte der„Leipziger Volkszeitung" ein Artikel Limans in den„Leipziger Neuesten Nachrichten" über den„roten Sonntag" gegeben, worin er die Ge« nossinnen Wera Saffulitsch und Klara Zetkin in der erbärmlichsten Weise beschimpfte und verhöhnte. Zum Schluß wurden die Arbeiter aufgefordert, ein solches Blatt aus ihrem Hause hinauszuwerfen. denn der Geldbeutel sei die empfindlichste Stelle, wo solches Preß- gelichter getroffen werden könne. Durch diesen Artikel fühlte sich die literarische Größe des Leipziger Spießertums so sehr in ihrer politischen Makellosigkeit verletzt, daß sie zum Kadi lief, um sich dort bescheinigen zu lassen, daß sie ein braves Lämmlein sei, das nie ein Wässerchen getrübt. Jawohl, derselbe Herr, der auf Befehl des ZeiwngSindustriellen Herfurth in Leipzig in deffen Jnseratenplantage die Sozialdemokraten und ihre Führer in der gewünschten Weise zu beschimpfen und zu beleidigen hat, und zwar auS dem sicheren Verstecke der Anonymität, dieser Mann ging hin und erhob gegen unseren Genoffen Kressin von der„Leipziger Volkszeitung' Privatllage. Doch lassen wir jetzt den Bericht über den Prozeß folgen: Vor Eintritt in die Verhandlung beantragte Rechtsanwalt Dr. Hübler die Ladung des ProfefforS Delbrück als journa- listischen Sachverständigen darüber, daß der Privatkläger kein Politiker sei, sondern seine Sache nur aus persönlichen Motiven führe. Ferner beantragte er die Verlesung aller der Nummern der«Neuesten Nachrichten", in denen Liman die Sozialdemokratie und speziell Mehring beschimpfte. Liman protestierte gegen Delbrück« Ladung, da er verschiedentlich mit ihm polemisiert habe. An seiner Stelle schlage er den Cheftedakteur Rippler von der„Täglichen Rundschau" vor. Dr. Hübler übergab als Beweismaterial für die Gemeinheit, womit in den„Neuesten Nachrichten" die Sozialdemo» kratie und einzelne ihrer Führer verunglimpft werden, dem Gerichte die Nummern dieses Blattes vom 5. Dezember bis zum 22. Januar. In einem dieser Artikel werde von einem intimen Verhältnis zwischen Rosa Luxemburg und Stadthagen gesprochen, Ledebour werde als Bursche bezeichnet. Weiter heiße es, Priester Gapon diniere in Monte Carlo mit Dirnen, wobei Singer als Schutzheiliger dieser Sorte Sozialdemokraten bezeichnet werde. Der Vorsitzende bemerkte, daß auch ihm der Artikel über Rosa Luxemburg und Stadthagen noch im Gedächtnis sei. Darauf fiel Liman ein, eS gehe den Angeklagten Kressin doch gar nichts an, wenn er andere beleidigt habe. Sollte er das schon seit Jahren getan haben, we-shalb hätten ihn dann die betreffenden Sozialdemokraten nicht verklagt? Er würde selbst heute auf den Einwand der Verjährung verzichten. Darauf erwiderte Kressin, er sei Sozialdemokrat und verantwortlicher Redakteur, Liman habe aber nicht den Mut, die„Neuesten Nachrichten" zu zeichnen. Liman erwiderte, die„VolkSzeitung" habe von ihm als von einem Affen auf dem Leierkasten gesprochen, er sei der Angegriffene. Die Herren Stadthagen und Mehring gehe der Prozeß nichts an. Das Gericht lehnte die Verlesung der von der Verteidigung, vorgelegten Nummern der„Neuesten Nachrichten" ab, mit der Vc- gründung. es sei gcrichtsbekannt, daß die„Leipziger VolkSzeitung" ihre politischen Gegner persönlich beleidige. Rechtsanwalt Dr. H ü b l e r betonte, wohl könne das Gericht der Meinung sein, daß der Artikel, der den Gegenstand der Privat- klage bilde, beleidigend sei, aber er sei gegen einen Gegner gerichtet, der die gröblichsten Beschimpsimgen gegen Redakteure und Mitglieder der sozialdemokratischen Partei geschleudert habe. So sei Rosa Luxemburg beschimpft worden, obgleich sie den Mut gehabt hat. in der für sie so gefahrvollen Situation nach Rußland zu gehen. Aehn- lich sei Frau Klara Zetkin von dem Privatkläger behandelt worden. Mehring sei als ein Mann bezeichnet worden, dessen Traum eS sei, wie Marat von seinem Redaktionssessel über Leichen zu blicken. Wenn solche Dinge geschrieben würden, müsse dem Redakteur eines sozialdemokratischen Blattes die Galle überlaufen. Ein solcher Hetzer habe auf persönliche Schonung keinen Anspruch mehr, und der Sozial- demokrat befinde sich in der Abwehr. Liman bemerkte, der Artikel, worin er beleidigt worden, sei keine politische Polemik, sondern ein Konkurrenzmanöver. Er ent- halte keinen Funken politischen Idealismus, fondern sei ein Versuch, sich durch persönliche Herabsetzung des Konkurrenten persönlichen Gewinn zu verschaffen. Kressin bezeichnete die Ausführungen von dein Konkurrenz- manöver als puren Unsinn, da die Ueberschüsse der„Leipziger Volkszeitung" der Partei zu gute kämen, während die Ueberschüsse b«t„Leipziger Neuesten Nachrichten' in die Tasche eines Pridat- Unternehmers flössen. Liman habe fortgesetzt mit Kot nach der Sozialdemokratie geworfen. Aus Empörung darüber habe er den Artikel, dcssentlvegeu Liman Klage erhoben, aufgenommen. Das Urteil lautete, wie bekannt, auf einen Monat Gefängnis. Der Artikel sei eine Kette der gröbsten Beschimpfungen und wirke bedenklich verrohend. Es sei gerichtsbekannt, das; der„Leipziger Volkszeituug' fortgesetzt mit den schärfsten Waffen gegen ihre politischen Gegner kämpfe. Deshalb habe das Gericht auf Freiheits- strafe erkannt. Wohl kaum jemals ist ein Tendenzurteil so offen von dem Gericht als solches bezeichnet worden wie hier. Also deshalb die drakonische Strafe, weil die„Volkszeiiung" ihre Gegner fortgesetzt mit den schärfften Waffen bekämpft! Nicht oder nur nebensächlich kam die Handlung des Angeklagten selbst bei Aus- Messung der Strafe in Betracht. Nur munter so weiter. Wir profitieren dabei nur.— Die nach dem borstehenden Berichte über Genossin Rosa Luxemburg von dem Liman verbreitete Lüge charakterisiert diese Sorte Tintenkulis der Blätter vom Schlage der„Leipziger Neuesten Nachrichten" zuiceffender, als es die mit einem Monat Gefängnis geahndete austerordentlich zurückhaltende Kritik der„Leipziger Volks- zeitung" vermochte. Besonders hervorheben würde ich nicht, daß das. was der Liman geschrieben hat, erlogen ist, wenn nicht der sächsische Schöffenrichter hervorgehoben hätte, dast er das von ihm freilich nicht als Lüge gekennzeichnete Limansche Machwerk selbst gelesen habe. Dast unter seinem Vorsitz eine Beleidigung des mit Schlviudel und Verdächtigung hausierenden Liman wie geschehen taxiert ist, erklärt sich ineines Erachtcns lediglich durch die dem Gefühl für Wahrheit abgewendete Voreingenommenheit, in die sonst wohl nur Leute mit sehr geringer Erfahrung durch die Lektüre Limanscher Pöbeleien getrieben werden können. _ Artur Stadthagen. Gamaschenknöpfe. In der„Krenz-Ztg." bekrittelt der von uns erst kürzlich als trauriger Ignorant cmlarvte Generalmajor a. D. C. v. Zepelin die Kritik, die im Reichstag von unberufener Seite an der Armee geübt ivorden sei. Namentlich die sozialdemokratische Kritik hat es dem Manne angetan. Trotzdem er behauptet, dast die„Redereien der Herren Bebel, Ledebour und der anderen Strategen des„Bor- wärts""„nicht besser und kürzer zu charakterisieren" seien, als dies Oberst Deimling„in markiger Weise" getan habe, kann er eS sich seltsamerweise nicht versagen, diese„markige" Kritik durch ein breites und lendenlahmes Geschwätz zu vertiefen. So polemisiert er weitschweifig gegen die von dem Genossen Ledebour und dem„Vorwärts" vollzogene Brandmarkung jener gencralstäblerischen Albernheit, die in dem Satze gipfelte:„Unsere Gegner(nämlich die Hereros) standen an Gewandtheit und Schust- fertigkeit den von den Engländern bekämpften Buren nicht nach. An kriegerischem Wert und Entschlossenheit des Handelns übertrafen sie diese sogar bei weitem." Aber es fällt dem Manne dabei gar nicht ein, die von uns an- gezogenen kriegsgeschichtlichen Tatsachen aus dem Burenkrieg etwa entkräften zu wollen. In solche geistigen Unkosten stürzt sich General- major Zepelin ebenso wenig wie Oberst Deimling. Dafür schimpft er aus vollem Halse auf die Vaterlandslofigkeit der Sozialdemo- kratic, die für die Buren und gegen den deutschen Gcneralstab Partei ergreife und die Taten der deutschen Soldaten hämisch herabsetze. ES müßte wirklich traurig um die Leitung der deutschen Armee aussehen, wenn die Herren Zepelin, Deimling und der Verfasser deS obigen Satzes aus dem Generalstabswerk über den Hererokrieg als Typen aufzufassen wären. Denn jeder einsichtige Offizier mutzte uns geradezu dankbar sein für die Geißelung jener abge- schmackten und im Grunde ganz unsoldatischen Renommiersucht, die einen Kolonialkrieg, wie ihn andere Kolonialmächte unzähligeinale geführt haben, zu einer unvergleichlichen nationalen Ruhmestat auf- bauscht und sich dadurch vor aller Welt lächerlich macht. Zumal diese Renommiersucht sich obendrein darin gefiel, die Leistungen dritter in skandalöser Weise herabzusetzen. Es hat aber in der Tat fast den Anschein, als ob wir glücklich wieder da angekommen wären, wo das preußische Offizierkorps vor hundert Jahren angekommen war: in einem Zustande blinder Selbstvergötrerung und bornierter Gamaschengläubigkeit, der dann urplötzlich in den ftirchterlichsten Katzenjammer umschlug I— Parteigemengsel. Die„Deutschen Stimmen" charakterisieren mit beißender Ironie die beiden deutschen Relchstags-„Parteien": Deutsche Re- formpartci und Wirtschaftliche Vereinigung. Da heißt es: „In der äußersten Ecke des Sitzungssaales, rechts vom Prä- fidcnten gesehen, haben sich zwei Gruppen gebildet, die als solche auch in der„Fraktionsliste" des Reichstages aufgeführt sind und in einem Maße die Aufmerksamkeit auf sich lenken, das ini um- gekehrten Verhältnis zu ihrer ziffernmäßigen Bedeutung steht. Das Mißverhältnis wird ein geradezu schreiendes, wenn man die„Einheitlichkeit" dieser Gruppen zum vergleichenden Maßstab nimmt. Da ist zunächst die Deutsche Reformpartei, '— deren geistiges Haupt früher Herr Zimmermann aus Dresden war, jetzt"aber Herr Bruhn zu werden scheint,— sechs Mann an der Zahl, jeder eine Partei für sich. Einig sind sie wenigstens im Rassenantisemitisiuus. Da dieser aber niemals Gegenstand der Beratung im Reichstag wird, kommt die Einheit dieser„edlen Sechs" nie recht zur Geltung. Schon auf dem Gebiete der „Mittelstandspolitik", das sie agitatorisch besonders abgrasen, schillern sie in allen Farben, vom reinsten Zünftlertum bis zur flachesten Phraseologie, aus der praktische Ziele überhaupt nicht heraus zu finden sind. In allem übrigen reden und stimmen" sie bald so, bald so. wie's trifft. Und leben in glückseliger Pro- grammlosigkeit dahin. Etwas mehr tritt die Fraktion der Wirtschaft- lichen Vereinigung mit 14 Mitgliedern und 1 Hospitanten hervor. Da begegnen wir ö Deutschsozialen(Krösell, Lattmann, Liebermann v. Sonnenberg, Raab, Graf Reventlow, Schack): 4 Repräsentanten des Bundes der Landwirte (Stausfer-Pfalz, Vogt-Crailshcim, Vogt-Hall, Dr. Wolff-Stutt- gart); 2 Christlichsozialen(Stöcker. Dr. Burckhardt); 2 Vertretern des niederbayerischen Bauernbundes (Bachmeier. Mittcrmeier) und 1 Braunschweiger Welsen (v. Damm) als Hospitanten. Eine„Vereinigung" ist dies auf alle Fälle.—„wirtschaftlich" ist sie wohl auch, wenigstens treibt sie politisch eine Wirtschaft zum Ergötzen. Daß sie den Anspruch erhebt, als„Fraktion" beachtet und bewertet zu werden, ist jeden- falls das Ergötzlichste..." Am Beispiel der Abstimmungen vom 27. März d. I.(Antrag Ablaß zur Flotteugcsctznovelle) wird dann gezeigt, wie 3 Mit- glieder der Wirtschaftlichen Vereinigung gegen, 3 für den Antrag Ablaß stimmten. Vom schäbigen Reste der„W. V." fehlten 4 Mann unentschuldigt. 2 waren krank, einer beurlaubt, einer entschuldigt. Schließlich weist der zitierte Artikel darauf hin, daß am 28. März bei der Abstimmung über die Gültigkeit oder Ungültigkeit der Wahl Baffcrmanns Herr Dr. Wolsf für Ungültigkeit stimmte (die 3 anderen Landwirtcbündlcr fehlten). während sämtliche sonst anwesenden Mitglieder der„W. V." selbstverständlich für Gültig- k e i t der Wahl Bassermanns eintraten. Ein liebliches Stilleben!— Bestrafter Patriotismus. Etwas ganz Ungeheuerliches hat sich in Elbing ereignet; alle Staatsstützen werden darüber in helle Empörung geraten. Es sind nämlich elf Polizisten be- st rast worden, weil sie an einer patriotischen Fei-'r teilgenommen haben. Und das kam so! Am Abend vor der Silberhochzeit des deutschen Kais erpaares veranstaltete der Elbinger Kriegervercin einen Umzug durch die Stadr. Als er ins Vereinslokal einrückte, um beim Gerstensaft den hohen Tag festlich zu beschließen, lud der Vorsitzende des Ver- eins die Polizciscrgeanten von Elbing zu dem Feste ein. Elf Poli- zisteir hatten soviel Patriotismus, der Einladung Folge zu leisten. Doch sie sollten dafür büßen, denn das städtische Oberhaupt be- trachtete das Mitfeiern des patriotischen Festes als„D i c n st v e r- gehen" und verhängte über die Polizisten Strafen von 1,S0— 3M. Tie armen Kerle, die ohnehin ein geringes Einkommen haben, find beim Oberbürgermeister vorstellig geworden behufs Zurücknahme der Strafverfügungen. Doch das Herz des gestrengen Herrn hat sich nicht erweichen lassen. Die Strafe soll durchaus bezahlt werden. Hoffentlich wenden sich die Polizeisergeanten noch schnell nach Berlin; von hier aus dürfte ihnen rechtzeitig geholfen werden. Denn sonst besteht die Gefahr, daß die elf Polizisten ihren Patriotis- mns. der jetzt schon wesentlich abgekühlt sein muß, an den Nagel hängen.— Die ReichStagsersabwahl in Hannover-Linden ist auf den 22. Juni festgesetzt. Wie der„Voss. Ztg." berichtet wird, planen die Nationallibcralcn eine Unterstützung der Welsen. „Wenn sämtliche Parteien, also auch das Zentrum, sich auf einen Kandidaten vereinigen, so wird ungefähr die Zahl der Stimmen zusammenkommen, die der sozialistische Abgeordnete früher in Hannover erhielt. Man rechnet ferner damit, daß im Lager der Sozialdemokraten eine Zersplitterung der Stimmen eintritt: es verlautet hier, daß die Parteileitung den Rechts- anwalt Liebknecht als Kandidaten aufstellen werde. Sollte das zur Tatsache werden, so dürfte eine starke Meinungsverschieden- heit in der Partei zutage treten, denn die hiesigen Sozialdemo- traten bestehen darauf, daß ein Mann aus ihrer Mitte gewählt werde." Unserer Partei kann es gleich sein, ob die reaktionären Gruppen sich zu einem nationalliberal-welfisch-klerikal-konservativen Gemisch zusammenfinden; denn wir dürfen darauf rechnen, aus eigener Kraft zu siegen.— Kolonialfrenden. Einige Briefe eines Mannes, der hoffnungs- freudig nach Afrika auszog, sind der„Königsbcrger Volks-Zeitung" zur Verfügung gestellt worden. Aus den Schreiben geht hervor, daß der Betreffende bald merkte, wie trostlos es in den Kolonien ist. Der erste Brief wurde an Bord des Schiffes auf der Ueber- fahrt geschrieben und trägt den Datum vom 6. Februar d. I. Die markantesten Stellen seien hier wiedergegeben: Liebe Eltern! .. Wir haben vom 1. bis 6. eine sehr große Hitze gehabt; es waren 42— 48 Grad. Im Winter ist das gerade genug. Es liegen von der Schutztruppe 20 Mann krank und zwei wurden gestern über Bord versenkt, die an Hitzschlag g e- starben sind. Der eine schrieb gerade an seine Braut. Mir ist es so, als wenn ich schon zwei Jahre van Hause bin, und es sind doch nur erst einige Tage. Zwei Mann muß ich mit Essen unterhalten. Der eine hat sieben, der andere 10 Tage bei Wasser und Brot. Sie komme» wegen der großen Hitze alle zwei Stunden 20 Minuten heraus." Der zweite Brief ist am 16. Februar d. I., kurz nach der Landung in Lüderitzbucht geschrieben. Es�eißt in demselben: Liebe Eltern! ..... Das Land ist eine Wüste. ES sind nur Berge und Berge, und Sand und Felsen zu sehen. Die Ar- beitszeit ist von 6 Uhr morgens; von 11 bis 3 Uhr ist Mittag und dann wird wieder bis 6 Uhr abends gearbeitet. Ist die Sonne untergegangen, dann ist es sehr kalt. Zur Arbeit sind auch Gefangene da. Die Hälfte sind Frauen und Kinder. Die Frauen müssen wie die Männer arbeiten und das Essen ist Reis und Mehl. Ich gebe mein Essen sehr viel weg. Ich kann das nicht mit ansehen, es ist zum Weinen. Wir haben in der Schmiede auch 20 Schwarze, aber die haben es gut. Wir schlagen sie nicht wie die Schachtmcister. Eine Flasche Bier kostet 80 Pf. Das Essen den Monat 90 M." Im dritten Brief, der am 1. März d. I. geschrieben ist, schildert der Schreiber, daß er schon 10 Tage an der Ruhr im Lazarett gelegen hat. Dir Professoren gegen die SchulverpfaffungSvorlage. Der Protest, den 27 deutsche Universitätsprosessore» gegen die Schul- verpfaffungsvorlage erhoben hatten, ist nicht nur von den reaktiv- nären Parteien, sondern auch von der Regierung als unbefugte politische Einmischung einiger gelehrter Querköpfe höhnisch abgetan worden. Wie nunmehr der„Köln. Ztg." aus akademischen Kreisen mitgeteilt wird, sollen sich inzwischen gegen 900 weitere Professoren dem Protest angeschlossen haben. Bon dem Protest einer kleinen Minderheit kann also jetzt nicht mehr gesprochen werden. Daß aber der Protest politisch wirksam sein wird, ist trotzdem nicht an- zunehmen. Die Herren Akademiker irren sich eben ganz gewaltig, wenn sie sich einbilden, sie brauchten bloß einmal ihre Unterschrift unter ein Protestzirkular zu setze», um der Regierung und den Parteien Respekt einzuflößen. Wenn es den Herren faktisch ernst ist mit ihrer Abwehr der reaktionären Volksverdummungsbestrebungen, so müßten sie ihre Gegnerschaft gegen diese reaklionären Tendenzen konsequent und energisch betätigen. Sie dürften dann nicht politisch indifferent bleiben oder gar, wie das vielfach der Fall ist, Parteien unterstützen, die, wie die Nationalliberalen, der Schulverpfaffung durch ihre verräterische Kompromisselci selbst den Weg geebnet haben. Da aber die Herren Professoren sich in ihrem engen Gelehrten- dunkel um die Politik entweder überhaupt nicht kümmern oder aber sogar den reaktionären Parteien politische Handlangerdienste leisten, so wird ihnen nur die verdiente Behandlung zuteil, wenn man jetzt über ihren Protest als das belanglose Dokument eines Häufleins unklarer Ideologen mit Achselzucken zur Tagesordnung übergeht!— Ultramontaner Schwindel! Die„Germania" erklärt den Protest der Professoren gegen die Schulverpfaffung für einen Be- weis gröblicher Intoleranz, da sie, die Toleranten, frei- heitlich Gesinnten, dem Volke ihren Willen aufzwingen ivollen, während„die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung die konfessionelle Schule will." Das ist eine überaus dreiste Behauptung, für die das Zentrumsblatt auch nicht den Schatten eines Beweises zu erbringen vermag. Mau brauchte nur das preußische Abgeordnetenhaus aufzulösen und die Neuwahlen unter dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht stattfinden zu lasten, um die Schulverpfaffungsvörlage in den Orkus zu befördern! Das weiß das Zentrum auch ganz genau, daher seine Abneigung gegen eine demokratische Wahlrcform!— DaS Beschwerderecht des Soldaten. Vor dem Königs- berger Kriegsgericht stand dieser Tage der Kanonier K i a u k e von der 3. Kompagnie des Artillerie-Regiments von Linger Nr. 1 wegen Fahnenflucht und Unterschlagung von 9 5 Pfennigen angeklagt. Der Angeklagte, ein etwas be- schränkter Rekrut, hatte sich am 31. Januar von seiner Truppe entfernt und dabei 95 Pf. unterschlagen, die er von einem Kameraden bekommen hatte, um etwas zu besorgen. Am 12. März ist er verhaftet worden, nachdem er versucht hatte, sich Zivilkleider zu verschaffen. Als Grund für seine Flucht gab der Angeklagte vor Gericht an. daß er von den„alten L e u t en" auf der Stube zu sehr dressiert worden sei. Er habe allen die Stiefel putzen und die Kleider in Ordnung bringen müssen. Ebenso habe man ihn fortgesetzt zum Reinigen der Stubenutensilien gezwungen. Auf die Frage des Verhandlungsleiters, warum er sich nicht beschwert habe, entgegnete der Angeklagte, daß er Angst gehabt hätte, sich zu beschweren! DaS Gericht verurteilte den Soldaten zu sechs Monaten unfl einen Tag Gefängni» und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes._ Der Vesuv und die Politik. Die„Berk. Neuest. Nachr." hatten bekanntlich erklärt, daß Deutschland sich für Italiens Verhalten in Algeciras dadurch räche, daß es bei der Vesnvkatastrophe alle Gebote werktätiger Humanität ignoriere. Und das ftihrende Zentrumsblatt, die„G e r m a n i a", hatte sich dies Bekenntnis zur ungeheuerlichsten Barbarei zu eigen gemacht— mit dem Erfolge, daß ein Schrei der Empörung durch ganz Italien, ja durch die ganze zivilisierte Menschheit ging. Ver- gebens sucht jetzt die Zentrumspresse den unerhörten Roheits- ausbrnch ihres Hauptorgans vergessen zu machen. So schreibt heute die„Köln. V o l ks zt g.": „So ist denn der Vesuv auch in Beziehung zur Politik gesetzt. Unrichtig ist freilich, daß die deutsche Presse es an Teilnahme für die vom Vesuv Geschädigten habe fehlen lassen, aber während seinerzeit in den Äomiteeaufrnfen zu- gnnsten der Opfer der Erdbeben in Kalabrien das Dreibund- Verhältnis Italiens, also ein politischer Grund geltend gemacht wurde, scheint es, daß jetzt aus einem politischen Grunde leine Komitees sich bilden. Wir meinen, in dieser Sache habe nur die Menschlichkeit zu sprechen, und es heiße sich jetzt oder für die damalige Zeit kein besonders gutes Zeugnis geben, wenn man anders handelt als damals." Die„Köln. Volksztg." scheint also das führende Zentrumsorgan nicht zur Presse zu rechnen I Eine derartig feige Ableugnung schafft die Zentrumsschmach nicht aus der Welt!— Ein empörender Justizirrtum. Die Mannheimer„Polls- stimme" erzählt die Leidensgeschichte des Elektromonteurs Albert Schlicht, der neun Tage unschuldig in Untersuchungs- hast saß. Schlicht wurde am 30. März frühmorgens verhaftet. Statt daß der Mann, wie es die Strafprozeßordnung vorschreibt, spätestens 24 Stunden nach seiner Verhaftung dem Richter vor- geführt wurde, geschah dies erst am 4. Tage. Dem Manne wurde dabei eröffnet, daß er beschuldigt sei, in der Nacht vom 5. ans 6. Februar vorigen Jahres in Berlin-Nüdcrsdorf einen Ein- bruch begangen zu haben. Scklichc war in der Lage nachzuweisen, wo er um jene Zeit sich auf Montage befand und wies sein Alibi auch in einer Protesterklärung an das Berliner Landgericht II nach. Nach der Vernehmung wurde er wieder abgeführt. Vier Tage später eröffnete ihm der Richter, daß ein Irrtum vorliege. Es handle sich um den Februar dieses Jahres(1906.) Nun arbeitete aber der Mann schon seit Anfang Dezember v. I. in Mannheim bei der„Allgemeinen Elektrizitäts- gesellschaft". Er hatte dies auch bei der ersten Vernehmung zu Protokoll gegeben. Aber erst andern Tags wurde Schlicht auf freien Fuß gesetzt, und der Herr Amtsrichter erklärte, daß er wohl die beiden Jahre verwechselt habe, die Hauptschuld aber das Landgericht Berlin II treffe. Als skandalöse Begleitumstände führt das Blatt noch an. daß ein Brief Schüchts an seine Haus- frau, Ivorin der Verhaftete um frische Wäsche bat, nicht abgeschickt, daß seine Firma von seiner Verhaftung nicht benachrichtigt wurde und seinem Hauslvirt ein Kriminalpolizist bemerkt«, er könne das mi Schlicht gemietete Zimmer ruhig Iveiter vermieten, seine Sachen werde er tvohl nie loiedcr brauchen!—< Personentarifreform. Die Arbeiten zur Reform der Eisenbahn- Personentarife sollen nach dem Bericht der„Schles. Ztg." wieder einen Schritt vorwärts gerückt sein. Nach ihrer Behauptung hat der Minister der öffentlichen Arbeiten die Eisenbahndirektion Berlin beauftragt, die einschlägigen Arbeiten, so weit sie Regle- ments und Tarife betreffen, der ständigen Tariskommission zu unterbreiten und die Angelegenheit so zu beschleunigen, daß sie noch in diesem Jahre der alljährlich im Dezember tagenden General- konferenz der deutschen Eisenbahnen zur Beratung und endgültigen Beschlußfassung vorgelegt werden kann. Ferner sind sämtliche Eisenbahndirektioncn angewiesen worden, an die Umarbeitung der Personentarife auf der bereits früher angekündigten Grundlage heranzugehen. Hierbei dürften allerdings die Vorschläge des Landesciscnbahnrates, der Berliner Handelskammer und der Vor- stände verschiedener kaufmännischer Vereine, betreffend Abänderung des Gepäcktarifes, in keiner Weise Berücksichtigung finden. Man darf nach diesen bedeutenden Fortschritten darauf rechnen, daß in den nächsten zehn Jahren doch vielleicht noch so etwas wie eine Personentarifreform zustande kommt. JHiiofoticl. Ungarn. Koulissenschieber. Budapest, 19. April.(B. H.) Nur durch eine Jndis- kretion ermöglicht— veröffentlichte abends das Koalitions- organ den Wortlaut des vom Monarchen und Baron Fejervary unterzeichneten Manifestes an die ungarische Nation, in dem das Unterbleiben der Neuwahlen mit der gegen- wärtig herrschenden Stimmung und damit begründet wird, daß die verbündeten Parteien die Regierung ohne Beeinträchtigung der Herrscherrechte nicht über- nehmen tvollten. Das Manifest versichert die Nation aller bisherigen Freiheiten und stellt die Vornahme der Wahlen in ruhigeren Zeiten in Aussicht. Dieses Manifest sei in mehreren Millionen Exemplaren gedruckt und zur Versendung bereit gewesen, als plötzlich der Friede zu stände kam. Die Exemplare wurden der Regierung übergeben, wobei ein Exemplar abhanden gekommen ist. ES ist recht gut, daß dergleichen Manifestexeniplare auch mal„abhanden kommen". So sieht das Volk doch wenigstens, wie seine Regierer bei ihnen passend scheinender Gelegenheit Verfassung Verfassung sein lassen. Die Ungarn werden gut tun, sich diesen Vorfall inS Ge- dächtnis zu schreiben. Krankreich. Der Ausstand der Kohlcngräder. Die Scharfmacher haben ihr Ziel erreicht. Ihrem Verlangen gemäß ist massenhaft Militär aufgeboten, und da dieses aggressiv vorgeht, so komnit es zu immer schärferen Zusammenstößen. Diese Gelegenheit machen sich unsaubere Elemente zunutze, um zu plündern und zu stehlen. Am Mittwoch kam es zu blutigen Konflikten, bei denen vielfach Militö'personcn durch Stcinwürfe verletzt wurden. Die Ausständigen errichteten Barrikaden, die Soldaten gingen mit scharfer Waffe vor. Clcmencau hatte eine Unterredung mit den Grubendirektoren, aber den Arbcitervertreter Basly zu empfangen, weigerte er sich I Im Becken des Departements Pas de Calais sind 17000 Sol- baten aufgeboten. Eine telegraphische Meldung aus LenS vom 19. April lautet: DaS Syndikat der Grubenarbeiter, an dessen Spitze die Deputierten BaSly und Lamendin stehen, richtete an die Gruben- arbeiter einen Auiruf, in dem die während der Streikunruhen vorgekommenen Diebstähle und Plünderungen auf das schärfste verurteilt werden. Ein solches Vorgehen könne die Opfer, welche die Grubenarbeiter brächten, um sich eine bessere Stellung zu erobern, nur aufs Spiel setzen.— Der Aufruf schließt mit der Mahnung an die Grubenarbeiter, sich ruhig zu verhalten und den fremden Agitatoren zu mißtrauen.— England. Um die Schulvorlagc. Die Pfaffen Englands rüsten zum Kampfe gegen das von uns am 15. d. M. bereits in seinen Grundzügen dargelegte Birrelsche Schulgesetz. Die Anglikaner vornehmlich sind aus dem Häuschen geraten, da sie ihre Privilegien bedroht sehen. Sie wollen durch Abhalten bon Versammlungen einen Proteststurm entfaHön. Am 11. Mai soll der Rummel mit einem großen Eröffnmigs-Moeting in London beginnen, dem die Bischofsgarde Versammlungen in allen Teilen Londons und in den Provinzen folgen lassen will, damit die Eltern über die große„Gefahr" aufgeklärt werden, die ihren Kindern— vergeblich— droht:„Mit GotteS Hülfe" hoffen die anglikanischen Hirten samt ihren Schafen den schweren Kampf in ihrein Sinne durchzufechten. Auch die Katholiken Englands rücken an. Der Erzbischof von Westmiuster will, umringt von katholischen Deputierten aus Irland, am 5. Mai in London ein großes Meeting abhalten, um besonders dem kirchenfeindlichcn Sozialismus das Fell zu versohlen. Uebrigeus sind die englischen Sozialisten natürlich mit der Nor- läge des Herrn Unterrichtsministers Birrel durchaus nicht voll eän- verstanden. So hat z. B. Snowden bereits erklärt, daß Birrels Entwurf eine Halbheit bedeute und daher von Englands Arbeiterschaft bekämpft werden müsse.— 6ewci'krchaftUcbC9. Maifeier und Uuteruehiuer. Wie alljährlich, so üben sich auch in diesem Jahre wieder verschiedene Unternchmergruppen in allerhand schönen Beschlutz- fassungen über zeitweise Aussperrungen von Arbeitern, die den I.Mai feiern. So beschloß jüngst die Generalversammlnng des Verbandes der Baugeschäfte von Berlin und den Vororten(E. V.), dieselben Matzregeln zu ergreifen wie im vorigen Jahre, nämlich: Alle dieicuigcn Arbeiter, die am 1. Mai feiern, sofort uuter Rückgabe von Buch mid Karte zu entlassen und vor dem 3. Mai nicht wieder eiiiziistelleu. Die Herren Unternehmer wissen zwar, daß derartige Be- schlüsse der Maifeier auch nicht den allergeringsten Abbruch tun. Törichterlveise aber glauben sie noch immer, es ihrer „Ehre" als staatserhaltende„Arbeitgeber" schuldig zu sein, die fruchtlosen AuSsperrungsdrohungeu jedes Jahr zu wieder- holen. Die Maurer, Zimmerer und Bauarbeiter werden denn auch diesmal den Beschlutz achselzuckend zur Kenntnis nehmen und— das Maifest feiern. Recht rabiat gebärdet sich auch die„Freie V e r- einig int g der Holzin du st riellen Berlin s". Bei näherem Zusehen aber steckt nichts dahinter. Der Beschluß lautet: Ter 1. Miü ist unter keinen Umstände» freizugeben. Allen Mitgliedern wird die Berpflichwng auferlegt, diesen Beschluß durch Anschlag in den Fabrikränmen usw. den Arbeitern zur Kenntnis zu bringen und iür strikte Durchführung zu sorgen. Das Nähere lvird allen Mitgliedern durch Zirkulare nutgeteilt werden. Mit anderen Worten heißt das: Freigeben werden wir den 1. Mai nicht, doch»venu die Holzarbeiter ihn trotzdem feiern, so— können wir nichts daran ändern. Das Hannlose Vergnügen, für strikte Durchführung des Aus- ha n g s dieses Beschlusses pflichtschuldigst zu sorgen, werden die Holzarbeiter den Arbeitgebern mit Freuden gönnen. Bertln und einliegend. Tie Arbeit niedergelegt haben gestern in der Nähmaschinen- fabrik von F r i st e r u. R o ß m a n n. Skalitzerstraße, sämtliche Holzarbeiter und Arbeiterinnen, sowie die Masch ine narbeiter, Packer und das Expedt- t i o n s p e r s o n a l. Verursacht wurde die Arbeitsniederlegung dadurch, daß den Arbeiterinnen Lohnabzüge von rund 10 Proz. gemacht wurden, weil sie nach Ansicht des Chefs mit Löhnen bis zu 20 M. zu viel verdienten. Auch die Polierer sollten sich Abzüge gefallen lassen. Verhandlungen führte» zu keinem befriedigenden Ergebnis. An dem Streik sind bisher zirka 120 Arbeiter und Arbeiterinnen beteiligt. Wie das Unternehmertum sich um seine tariflichen Ver- pflichtimgen herumzudrücken sucht, davon lieferte die Vre n n- spiritus-Gesellschaftzu Tempelhof jüngst einen drastischen Beweis. Diese Gesellschaft hat den Vertrieb für die bekannte agrarische Spiritus-Verwertungsgesellschaft und ist daher aus guten Gründen bestrebt, möglichst große Uebcrschüsse herauszuwirtschasten. Im vorigen Jahre hatte nun der Transportarbeiter- V e r b an d mit der Gesellschaft einen Tarifvertrag für die dortigen Geschäftskutscher abgeschlossen. Dem jetzigen Direktor mögen die Lohnvereinbarungen aber wohl zu hoch erschienen sein. Da er ver- traglich nun nicht weniger zahlen konnte, umging er den Tarif. indem er eine Anzahl Kutscher entließ und den verbleibenden die Arbeit der entlassenen mit aufbürdete. Damit nicht genug, entließ er auch noch einige Lagerarbeiter und mutete den Kutschern zu, auch deren Arbeiten mit zu verrichten. So sparte er erheblich an Lohn und gericrte sich trotzdem als„taristreu". Natürlich hatten die Kutscher nicht die mindeste Lust, sich eine derartige UebeTbürdung ihrer Arbeitskrast stillschweigend gefallen zu lassen, um so weniger. als sich der Umsatz steigerte und daher die Fahrtouren immer länger und ausgedehnter wurden. Als ihnen der Direktor obendrein noch zumutete, anstatt um 6 schon um E> Uhr morgens die Aebeit zu beginnen und ihnen noch eine Frühstücksvergünstigung entzog, da riß ihnen die Geduld. Es kam zu Auseinandersetzungen, in deren Verlauf der Direktor mehreren Kutschern„tarifmäßig" kündigte— nur scheinbar, wie er später sagte,»m sie in Willfährigkeit zu er- halte». Taraus kündigten aber auch alle übrigen Kutscher„tarif- mäßig" ihr Arbeitsverhältnis, da sie„tarifmäßig" nicht sofort in den Streik treten konnten. Jetzt geriet der Herr Direktor allerdings in die Klemme, denn die Kündigung läuft am Sonnabend ah, und neue Kutscher bekommt er nicht. Er hat bereits a» die Organi- sation geschrieben, daß sie ihm doch neue Kutscher besorgen möge, wenn die verflixte Kündigung nicht rückgängig zu machen sei, weil im Tarifvertrag stehe, daß, wenn die Kutscher abgingen, vom Arbeitsnachweis des Verbandes Ersatzkutscher besorgt würden. Der Verband dürfte dem Direktor aber begreiflich machen, daß die Kün- digung nur dann zurückgenommen wird»nd Ersatzkutscher nur i»ann geschickt werden, wenn er die Gesamtzahl der Kutscher wieder den Arbeitsanforderungen entsprechend erhöht und ebenfalls wieder .öüilfsctrbeiter einstellt. Auch von der schlauen Spiritusgesellschaft läßt sich die Organisation eine derartige Umgehung des Tarisvertrqgs nicht gefallen.»u Den neuen Malertarif hat jetzt auch die Innung für Köpenick- Friedrichshagen anerkannt.— In Berlin und den Vororten ist jetzt nach beendetem Streik die Arbeit überall wieder aufgenommen worden. Der Arbeitsnachweis des Malerverbandes hat zudem un- gewöhnlich stark mit der Vermittelung von Arbeitskräften zu tun. tvas wohl zweifellos darauf zurückzuführen ist, daß tvährend des Streiks so viele Arbeiten unvollendet liegen geblieben find, die jetzt in beschleunigtem Tempo fertiggestellt werden müssen. Oeurld»«» Reich. Achtung, Besteckarbeiter! Bei der Firma Franz Bahner, Silberwarenfabrik in Düsseldorf, find 38 Besteckarbeiter in den Ausstand getreten. Es handelt sich bei dem Kampfe um die Ver- tei digung des Koalitionsrechts. Die Firma verlangte von den Arbeilern den Austritt aus den, Verbände, woraus diese die Kündi« gung einreichten. Wenn der Zuzug von auswärts ferngehalten wird, muß die Firma nachgeben. Zuzug von Besteckarbeitem, Schleifern, Vergoldern usw. ist deshalb fernzuhalten. Die Ortsverwaltung des Deutschen Mclallarbeiter-VerbandeS. Der Streik in der Zellsiossfobrik Waldhof bei Mannheim ist beendet, nacljfcem gestern nachmittag durch Verhandlungen zwischen der Fabrikleitung und Vertretern der Arbeiterschaft eine Einigung herbeigeführt worden ist. /ckuslanck. Die Streikbewegung in Frankreich. Ministerpräsident Sarrien weigerte sich, die Abordnung der aus- ständigen Postunterbeamten zu empfangen; er erklärte, er wolle nicht Beamte bei sich sehen, die sich im„Aufruhr" befänden.(Huhu!) Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Zündholzfabriken haben im Prinzip beschlossen, in den Ausstand zu treten, wenn die For- derungen der Postunterbcamten nicht erfüllt und wenn die 300 cnt- lassenen Beamten nicht wieder eingestellt werden. Sämtliche vereinigte Gewerkschaften in L o r i e n t haben für morgen den Generalausstand beschlossen. Zur Erdbeben- Katastrophe in San Francisco. Kaum sind die Schreckensnachrichten aus Italien verstummt, ist Amerika der Schauplatz einer Katastrophe geworden, wie sie noch niemals vorher in diesem Lande sich ereignet hat. Zahlreiche Städte in Kalifornien sind zerstört, Tausende von Menschen sind umgekommen mid viele Tausendc obdachlos und aller Existenzmittel beraubt. Ju Ergänzung unserer gestrigen Mitteilungen geben wir die inzwischen eingelaufenen weiteren Meldungen wieder: New Uork, 18. April. Beim Eintritt der Dunkelheit nahmen dZe Schrecken der Erdbebenkatastrophe noch furchtbarere Gestalt an. Altze Gas- und Elektrizitätsleitungen waren unterbrochen und die Sk.adt war infolgedessen in Dunkelheit gehüllt. Der 11 Stockwerke höh»:„Wolkenkratzer" des„San Francisco Chronicle" ist anscheinend das einzige derartige aus Eisen errichtete Bauwerk, das ohne Be- schät»iguiig davongekommen ist, während alle anderen Gebäude mit Stahägerippe ihre Gestalt geändert haben. DaS acht Stockwerke hohe HauS des„Examiner", das 20 Stockwerke hohe Gebäude des„Sau Francisco Call" und das 12 Stockwerke hohe Geschäftshans der„Mutual Bank" liegen sämtlich in Trümmer. Zahlreiche Schiffe wurden bei jedem Erdstoß ans Ufer geworfen und von der zurücktretenden Flut dann wieder nntgenommen. Viele von ihnen treiben steuerlos auf die hohe Seo hinaus. Die Behörden befürchten entsetzliche Szenen für den Fall, daß das Feuer das Chinesenvicrtel erreicht, wo 20 000 Chinesen ans einen kleine» Ranm in Häusern zusammengedrängt sind, die sämtlich aus sehr leicht brennendem Material gebaut sind. Auch hegt mnn Befürchtungen für das Leben des bekannten Opern- sängers Caruso, der Frau Sembrich und der übrigen Angehörigen der New Uork Metropolitan-Oper, die, 253 Köpfe stark, im Palast- Hotel abgestiegev waren. Man hat von ihnen bisher nicht das ge- ringste gehört. Nach gestern hier eingetroffenen Depeschen aus Oalland sind die Mitglieder des Conried-Ensembles in San Francisco sämtlich ge- rettet worden. In Tracy(Kalifornien) stürzten alle Fabrik- und Hausschorn- steine ein. Die Stadt Berkeley, der Sitz der kalifornischen Staatsuniversität, steht in Flammen. Die Regierung läßt schleunigst eine Verbindung durch drahtlose Telegraphie zwischen dem heimgesuchten Gebiete und der Goatinsel herstellen, da die Drahtleitungen beschädigt sind. Die Stanford Universität in Palo Alto, die am reichsten dotierte Hochschule in den Vereinigten Staaten, ist nur noch ein Schutthaufen. Die Stadt San Jose, 00 englische Meilen nördlich von San Francisco, steht in Flammen. Das StaatSirrruhauS in Agnew bei San Jose ist eingestürzt und hat viele Insassen unter seine» Trümmern begraben. Oalland(Kalifonncn), 10. April. In Oalland treffen Flücht- linge aus anderen kalifornischen Städten ein. Die Städte Santa Cruz, Montercy, Gibroy und Mollister sind zerstört, eine Anzahl von Menschen sind umgekommen, die Zahl der Toten in Santa Cruz soll bedeutend sein. Wie verlautet, sind 200 Personen in Santa Rosa getötet und 10000 obdachlos. 120 Leichen sind unter den Trümmern des Agnew- Irrenhauses in der Nähe von San Jose hervorgezogen, weitere 150 befinden sich wahrscheinlich noch uuter den Trümmern. Die hiesigen Gebäude sind erheblich beschädigt, aber es sind keine gänzlich zerstört: Fünf Personen sind getötet. Die Schiffe im Hafen von San Francisco sind unversehrt, die Münze und die Handels- börse in San Francisco sollen in Flammen stehen. Dir Zahl der in San Francisco Umgekommenen wird auf 3000 angegeben. Eine um 8 Uhr 4S Mi», abends eingetroffene Depesche meldet, daß fast die ganze Stadt zerstört ist. New Uork, 19. April. Ueber die Erdbebenkatastrophe in San Francisco sind noch fernere Meldungen eingetroffen: Unter zahlreichen anderen Gebäuden wurde auch das der Western Union and Postal Telegraph Company mit Dynamit in die Lust gesprengt, um eine weitere Ausdehnung des BrandeS zu verhindern. Das Palace und das Grand Hotel sind eingeäschert. Die meisten Theater, darunter das Columbia- und daS Orphemn-Theater, sowie das Grand Opern- Haus sind infolge des Erdbebens eingestürzt und dann in Brand geraten. Die am Strande gelegenen Schuppen der Southern Pacificbahu sind eingestürzt, tausende Tonnen von Kohlen sind infolgedessen in das Meer geschüttet worden, die eingestürzten Ge- bände sind meistens alte Holz- und Steingebäude, während die modernen Stahlbauten durch das Erdbeben weniger gelitten haben. Das Waisenhaus in San Francisco ist eingestürzt, 200 Kinder wurden unter den Trümmern begraben. Auch die Gebäude der Leland Sianford-Universität liegen in Trümmem. Eine Bolls- Herberge in der Siebenten Straße geriet nach ihrem Einsturz durch ausströmendes Gas in Brand, wobei 75 Wohngäste umkamen. Eine Mietskaserne in der Zehnten Straße flog ebenfalls durch Gas- entzündung in die Luft. Dabei kamen 80 Personen um. Viele Menschen liegen unter den Trümmern der eingestürzten Häuser am Fischmarkt begraben. DaS Lsiatenviertel in San Francisco ist vernichtet. Auch die Kirche und das College St. Ignatius, eines der größten Jesuiten« Jnstiwte, dessen Bau zwei Ntilltonen Dollars gekostet hat, sind zerstört. Die letzten Berichte aus Palo Alto besagen, daß die steinernen Gebäude der Leland Stanford Junior Universith schwer beschädigt sind und daß viele Mauern Risse erhalten haben. Da- gegen ist die auf der Ostseite der Bai von San Francisco belegene StaatS-Universität von Kalifornien nicht sehr beschädigt. New York, 19. April. 4 Uhr 57 Min. Aus Oalland wird weiter gemeldet: Während der Nacht sprang das Feuer auf die vornehmen Viertel von San Francisco über. Das von panischem Schrecken er- griffen« Volk stürzte aus den Häusern heraus, seine tragbaren Wert» gegenstände mit sich führend. Die Menge flüchtete sich in die Parks und auf die öffentlichen Plätze, alle Theater sind zerstört, der Verlust an Menschenleben wird niemals genau bekannt werden, da Hunderte den Tod in den Flammen gesunden haben. Menlopark und Burltngame, die beiden vornehmen Paläste, und die beiden vornehnien Vorstädte haben ebenfall» gelitten. Ferner sind auch Napci und Vallejo und alle Städte in der Umgegend der Bai be- schädigt worden. Z.ir Hülfeleistung sind nach der Unglücksstätte Truppen entsandt. Diese machen übermenschliche Anstrengungen, um die Ausbreitung des Feuers zu verhindern. Um 11 Uhr waren bereits 400 Leichen 'geborgm. Mehrere hundert Verletzte wurden in den Palast der Mechaniker gebracht. Für San Francisco allein beläuft sich der Materialschaden bereits auf über 200000000 Dollar.— Der „Evening World" zufolge sind in zwei Hotels, welche einstürzten, allein 250 Personen umgekommen. In der Valencia-Strect ist ein Riß von 1 Meter Breite gebildet worden. Die Gleise der Straßen- und Eisenbahnen sind zerstört. In einem Teile der Stadt, wo zahl- reiche Mietswohrnnigen sich befinden, beläuft sich die Zahl der Toten auf Hunderte. General Funston hat den Befehl über sämtliche Truppen übernommen. Es ist Befehl erteilt worden, jeden nieder- zuschießen, der plündernd angetroffen wird. Die Leichen und die Verwundeten werden in öffentlichen Gebäuden niedergelegt. Eine Depesche des Generals Funston an das Kriegsdepartement verlangt Zelte und Lebensmittel für 200 000 Personen. Kriegssekretär Taft erwiderte, er habe die Entsendung von 200 000 Rationen aus den Kasernen in Bancouver angeordnet und werde die Lieferung von Zelten sofort veranlaffen. San Francisco, 19. April. Die St. JgnatiuS-Kirche steht in Flammen. Die Regierung verteilt Medikamente, Lebensmittel und Geld unter die Verunglückten. Unter den eingestürzten Gebäuden befinden sich die beiden Paläste der Zeitungen„Examiuain" und „Call". Alle Journalisten, die sich in den beiden Gebäuden befanden, sind umgekommen. New Jork, 19. April. Ein Telegramm auS Chicago meldet. daß die Versicherungsrisiken der Feuerversicherlings-Gesellschaften, die die in San Francisco entstandenen Verluste zu decken haben werden, sich auf etwa 250 Millionen Dollar belaufen. Eine spätere Meldung besagt: Washington, 19. April, 6 Uhr 17 Minuten. General Funston telegraphierte heute dem Kciegsdcparlement aus San Francisco, daß die Stadt tatsächlich zerstört sei. Die französische und die italienische Regierung sowie der König von Italien haben der Regierung der Vereinigten Staaten ihrer Teil- nähme an dem Unglück Ausdruck gegeben. San Francisco, 19. April.(W. T. B.) Während der Nacht haben die Flammen viele der schönsten Gebäude der City vernichtet. Das Feuer ist dann in den verschiedensten Richtungen nach alle» Teilen der Stadt übergesprungen, hat den Stadtteil der Nordküste ergriffen und sich im Süden über die Hafenstadt bis zum Strand der Bucht und über die Hügel nach der dritten und der Townscnd Street weiter verbreitet. Ter ganze Distrikt der südlichen Market Street ist vollständig zerstört. Wie weit das Feuer im Süden über den Kanal gegangen ist. läßt sich zurzeit nicht angeben, da dicscc Stadtteil gänzlich abgeschnitten ist. Fabriken und Geschäftshäuser liegen in Trümmern, alle Zeitnngsd ruckereien sind unbrauchbar ge- worden. New Jork, 19. April.(W. T. B.) Aus allen Teilen dcS Landes kommen von den Bürgermeistern der Städte die groß- herzigsten Anerbictungcn von Hülse für San Francisco. Der Stabschef, General Bell, hat die schleunige Sendung von Hülfs- Mitteln nach San Francisco von verschiedenen Plätzen m, geordnet. Ter Bürgermeister und der Präsident der Handelskammer von New Jork haben ihre Hülfe angeboten und gleiche Anerbietungen sind aus Philadelphia, Pittsburg, Duluth und Chicago eingegangen. Die nationale Gesellschaft vom Roten Kreuz hat beschlossen, Gamm- jungen zu veranstalten. Wie gemeldet wird ist das Feuer in San Francisco auch auf den Nobhill-Distrikt übergesprungen, in dem sich viele vornehme Privathäuser befinden. Washington, 19. April. General Funston hat das Krieg?- dcpartement telegraphisch ersucht, so viel Zelte und Nahrungsmittel wie möglich zu senden, da gegen 299 090 Menschen obdachlos und nur geringe Vorräte von Lebensmitteln vorhanden seien. Alle Regierungsgebäude in der Stadt seien zerstört. Der Staatssekretär hat telegraphisch 10 Millionen Dollars von New Kork nach San Francisco überweisen lassen. New Kork, 19. April. Eine Nachricht auS San Francisco sagt bezüglich der telegraphischen Erkundigungen über de» Berb.'eib von Amerikanern«nd Ausländer», die sich während der Katastrophe dort ailsgehakten haben sollen, daß solche Ermittelungen zurzeit wegen der herrschenden Verwirrung ganz unmöglich seien, doch sei an» zunehmen, daß die Besucher der großen Hotels sich meist hätten retten können. Oalland, 19. April.(Meldung des„Reuterschen BureauZ.) ES besteht in der Tat keine Hoffuung mehr, irgend einen Teil der Stadt zu retten. Diejenigen, die bis jetzt noch auf einen schließlichen Er- folg der Feuerwehr gehofft haben, haben diese Hoffnung jetzt auf- gegeben und fliehen verzweifelt vor den Flammen. Letzte IVaebnebten und Dcpercbcn, Ein starkes Verlangen. Hamburg, 19. April.(Privatdepesche des..VorlvärtS".) Der Reedcrverein beschloß in einer Sitzung, mir mit einer Kommission, die aus aktiven Seeleuten besteht, zu verhandeln. Weiter wurde in der Sitzung das Verlangen gestellt, den Borstand des Seemannsvcrbandcs nen zu besetzen, der nicht, wie der jetzige Vorstand, die Reeder maßlos angreift. Die Seeleute werden in einer am Freitag Abend statt- findenden Versammlung Stellung nehmen zn dem Verlangen der Reeder._ Beleidigte Polizeiverwaltung. Mannheim, 19. April.(B. H.) Der Redakteur der sozialdemokratischen..Volksstimme". Emil Mayer, stand heute abermals vor dem Schwurgericht wegen Beleidigung der hiesigen Polizei- Verwaltung durch eincn Bericht über die Demonstrationen om roten Sonntag. DaS Urteil lautete auf 150 M. Geldstrafe, eventuell 20 Tage Gefängnis._ Aussperrung. Mannheim, 10. April.ks JwiirtB" ßftlimt WIKsM Frckltg, 20. April 1900, Nklluter Parteitag der polmsch-sozialdemokratischell Partei tP. P. Z.) in Deutschland. Ueber die Verhandlungen, deren Ergebnis wir schon kurz mit- geteilt haben, geht uns folgender ausführliche Bericht zu: In Kattowitz<£X-S.) tagte in den Osterfeicrtagen wiederum der Parteitag der P. P. S. Erschienen waren Delegierte aus vielen Orten Oberschlesiens, aus Posen, Gnesen, Jnowrazlaw, ferner aus Breslau, Berlin, Hamburg. Bremen und aus Rheinland-Westfalen, Mit den Mitgliedern des Vorstandes, den Kontrolleuren usw. waren im ganzen 56 Teilnehmer an den Verhandlungen im Kattowitzer Gewerkschaftslokale versammelt. Ausländische Teilnehmer wurden von dem überwachenden Beamten, Polizeirat M ä d l e r, im Auftrage de? Regierungspräsidenten nicht zugelassen, auch als Gäste nicht; sie wurden mit sofortiger Ausweisung be- droht. Selbst ein aus Russisch-Polen erschienener bürgerlicher Bericht- erstatte! mußte auf Erfordern der Polizei das Part�itagslokal ver- lassen. Im Vordergrunde der Verhandlungen, die von Genossen Biniszkiewicz geleitet wurden, stand auch auf diesem Partei- tage wiederum die Frage der Vereinigung mit der deutschen Sozialdemokratie. Bekanntlich war die Ver- einigung im Vorjahre daran gescheitert, daß der damalige Parteitag der P. P. S. die von seinem Vorstande mit dein deutschen Vorstande vereinbarten Vereinigungsbedingungen in einigen Punkten derart abänderte, daß diese von der anderen Seite nicht akzeptiert wurden. Die später wieder aufgenommenen Verhandlungen zwischen den beideil Vorständen führten zu einem neuen Abkommen, das nunmehr wieder dem Parteitage der P. P. S. zur Beschlußfassung vorlag und das folgenden Wortlaut hat: a) Organisation. Die polnischen Sozialdemokraten im Deutschen Reiche bilden eine selbständige Organisation, deren Auf- gäbe darin besteht, die Agitation und Organisation unter der polnischen Bevölkerung Deutschlands zu betreiben. Die polnische Organisation ist ein Bestandteil der Gesamtpartei Deutschlands, sie erkennt ausdrücklich das Programm der sozialdemokratischen Partei Deutschlands an, desgleichen die Parteiinstanzen der deutschen Partei, einschließlich des deutschen Parteitages als oberster Parteiinstanz. Die Delegation zum deutschen Parteitage erfolgt nach den Vorschriften des deutschen Organisationsstawts. Die Sektionsbildung innerhalb der einzelnen Parteiorte ist zu- lässig. b) Presse. Die in polnischer Sprache erscheinenden Blätter unterstehen der Kontrolle des Vorstandes und des Parteitages der polnischen Organisation. Das dein deutschen Parteivorstande zu- stehende Recht der Kontrolle über die prinzipielle Haltung der Parteipresse—§ 23 des Organisationsstatuts— bleibt unberührt. Die in Kattowitz erscheinende.Gazeta Robotnicza" ist offizielles Organ für alle im Deutschen Reiche wohnhasten polnischen Ge- nossen. Zur Ausübung der ständigen Kontrolle sowohl der Re- daktion wie der Geschäftsführung wird eine Preßkommission ein- gesetzt. Ein Mitglied der Preßkommission wird vom deutschen Parteivorstand ernannt. o) Reichstagskandidaturen. Die Aufstellung der Reichstagskandidaturen wird auf einer Konferenz des Wahlkreises vollzogen, die von den organisierten Genosien des Wahlkreises oder deren Delegierten gebildet wird. Verständigen sich die Ge- nossen eines Wahlkreises nicht über die Kandidatur, so haben der Vorstand der polnischen Parteiorganisation und der Vorstand der Gesamtpartei eine Verständigung herbeizuführen. Die Debatte über diesen Vereinigungsvorschlag war auf dem Parteitage lang und lebhaft. Während einige Redner für die un- bedingte Erhaltung der völligen Selbständigkeit der Partei eintraten, bekämpften andere nur einzelne Punkte der vorgeschlagenen Verein- barung. Die Mehrzahl der Redner aber trat für die endliche Ver- einigung unter den vorgelegten Bedingungen ein. Nachdem ein Antrag, der Vereinigung grundsätzlich zuzustimmen, dem neu- zuwählnden Vorstande aber einige mehr redaktionelle Aenderungen am Vereinigungsvorschlage und die Verständigung darüber mit dem deutschen Parteworstande zu übertragen, abgelehnt war, wurde der vorgelegte Vereinigungsvorschlag im obigen Wortlaut mit 40 gegen b Stimmen angenommen. Zum Punkt.Agitation und Organisation' wurde dann beschlossen: 1. Der Parteitag empfiehlt den Genossen die Gründung von Wahlkreis-, Regierungsbezirks- und Provinzorganisationen der P. P. S. mit dem Recht, Konferenzen abzuhalten. 2. Der Vorstand soll in dem OrganisationZentwurf die Aende rungen vornehmen, die sich aus der Annahme des Einigungs Vorschlages ergaben und sie als rechtsverbindlich in der„Gazeta Rohotnicza' veröffentlichen. 3. Im Organisationsentwurf soll folgende Acnderung in der Beschickung des polnisch-sozialistischen Parteitags vorgenommen werden. Danach können bis 50 organisierte Genossen einen Dcle- gierten, auf jede 50 Genossen bis 300 ein Delegierten mehr, über 300 bis 400 sieben, darüber hinaus im Höchstfälle 8 Delegierte entsenden. Außerdem nehnien Vorstand, Kontrollkommission. Preß kommisston und Vertreter der„Gazeta Robotnicza' am Partei tage teil. Dem neuzuwählenden Vorstande wurden folgende Anträge zur eventuellen Erledigung überwiesen: 1. Nach Posen öfter agitatorische Kräfte zu schicken. 2. In Oberschlesien einen besoldeten Partei- beamten anzustellen. 3. In Zabrze heirateten und bei der Reise-Unterstützung die Abschaffung der Kila metergelder und dafür Einführung von Tagegeldern von 1,25 M. pro Tag vorzusehen sei. Abgesehen von einigen unwesentlichen Aendenmgai empfahl Schiebel im übrigen Annahme des Vorstands- Entwurfes. Derselbe wurde denn auch entsprechend dem Aw trage der Kommission en bloc mit 42 gegen 2 Stimmen an- genommen. Bei Punkt„Agitation und Organisation" entspann sich im An- schlutz an ein Referat des Verbandsvorsitzenden Eichhorn eine äußerst rege Diskussion, nach deren Beendigung folgende Anträge angenommen wurden: l. „Der Verbandstag befürwortet eine teilweise Verschmelzung bezw. volle Angliederung des jetzigen 11. Agitationsbczirkes an den 10. Bezirk mit seinem Sitz in Mannheim. Maßgebend hier- für ist in erster Linie, daß ein großer Teil der Zahlstellen deS 11. Bezirkes in unmittelbarer Nähe des Vorortes des 10. Bezirkes liegt und naturgemäß von diesem intensiver bearbeitet werden kann, als dies jc�t von Saarbrücken ans geschieht. Koblenz und Kassel sollen dem 10. Bezirk ebenfalls zugeteilt werden." IL „Jedes beim Hauptvorstand oder einer Zahlstelle geführte Einzelinitglied ist sofort mit genauer Adresse dem zuständigen Agitationsbezirke anzumelden." Ein Antrag der Zahlstelle Berlin aus Anstellung eines Agitations- keiterS zur regelmäßigen Bearbeitung der rückständigeren Zahlstellen wurde abgelehnt, verschiedene andere Anträge wurden dem Verbands- Vorstande zur Beachtung überwiesen. Zu Punkt„Maifeier" wurde folgende Resolution ange- nommen: Der Verbandstag erblickt in der Maifeier die würdigste und wirksamste Demonstration deS klassenbewußten Proletariats, dazu angetan, um die Klassenforderungen der Arbeiterklasse, als da sind: AnSgestaltnng der Sozialgesetzgebung, Einführung eines MaximalarbcitStageS von 8 Stunden, Förderung des Weltfriedens, energisch zum Ausdruck zu bringen. Obwohl vom Unternehmer- tum und den bürgerlichen Regierungen aufs schärfste bekämpft, nimmt der Verbandstag keine Veranlassung, von einer würdigen, tatkräftigen Durchführung der Maifeier Abstand zu nehmen. Grundbedingung der Maifeier ist die völlige Arbeitsruhe am 1. Mai. Der VerbandStag verpflichtet deshalb die Funktionäre der Organisation, überall da, wo irgend angängig, die Kollegen zur Arbeitsruhe zu veranlaffen. Maifeiern als Demonstration am ersten Sonntag im Mai kann der Verbandstag nicht befürworten. Damit war die Tagesordnung in der Hauptsache erledigt. Es war nun zunächst noch über die zu Punkt„Presse" gestellten An- träge abzustimnien. Als Sitz der Preßkommission wurde Mannheim bestimmt und der Redaktion des Verbandsorgans die Genehmigung erteilt, bis zu 300 M. jährlich für Mitarbeit auszugeben. Als Verbandsvorort wurde wiederum Karlsruhe bestimmt. Der Sitz des Ausschusses bleibt in Leipzig. Einstimmig wird beschlossen, den Kassierer Schmidt als be- soldeten Beamten mit einem Jahresgehalt von 2000 M. anzustellen. Als Vorsitzender des Verbandes wird Eichhorn einstimmig wiedergewählt und sein Gehalt auf 2000 M. erhöht. Ferner wird beschlossen, ein eigenes Verbandsbureau einzurichten. Um der Zahlstelle Berlin die Anstellung eines besonderen Beamten zu ennög- lichen, wird aus der Hauptkaffe ein Zuschuß von jährlich 1000 M. geleistet. MS Ort des nächsten VerbandStagez wurde Nürnberg mit 25 gegen 19 Stimmen gewählt. Der verbandsvorsitzende Eichhorn dankte der Zahlstelle Mannheim für die liebenswürdige Aufnahme und sprach die Hoff- nung aus, daß alle die an den Verbandstag geknüpften Hoffnungen auf Kräftigung der Organisation in Erfiillmig gehen mögen. Mit einem Hoch aus den Verband der Glaser wurde der XI. Verbands- tag geschlossen, worauf die Versammelten die Arbeiter- Marseillaise fangen._ 6. Nerbaildstag der Sattler w Dresden. Mittwoch. 13. April 190S. Aus dem Referat des Verbandssekretärs Blum- Berlin zu Punkt 3 der Tagesordnung:„Agitation und Gauleitung", wollen wir erwähnen, daß sich die Einteilung der Gaue bei den Sattlern aus Gründen praktischer Agitation und leichterer Zusammenarbeit mit jener deS Tapeziererverbandes deckt. Nach Einführung der Institution fanden Gauleiterkonferenzen statt, die klärend und schulend wirkten, daher als durchaus erfolgreich zu betrachten sind und den Vorteil brackffen, daß die Institution danach bedeutend besser funktionierte. Indessen muß noch jetzt betont werden, daß die Haupttätigkeit der Gauleiter sich nicht auf ihren Sitzort beziehen soll, wo naturgemäß eine örtliche Verwaltungsstelle vorhanden ist, sondern auf die auswärtigen Orte des betreffenden Gaues. Natur- lich kommt es bisweilen noch heute vor, daß diese Richtschnur nicht immer genügend beachtet wird und so kommt es hie und da mit- unter zu leichteren Friktionen, die vermieden werden müssen und können. Trotzdem sind im allgemeinen die Erfolge der Gauleiter, die bisher zu verzeichnen sind, als ganz respeftable zu betrachten. Infolge der Einfuhrung dieser Institution ist denn auch die per- sönliche Agitation des Hauptvorstandes ganz in den Hintergrund getreten und hat nur in Einzelfällen stattgefunden. Es mutz jedoch gesagt werden, daß die bisherige Gaueinteilung den Bedürfnissen nicht mehr entspricht; einzelne Gaue sind viel zu groß und die gegen- wältige Einteilung muß verkleinert werden. In den christlichen Gewerkschaften namentlich Rheinland-Westfalens werden schon bei Z— 400 Mitgliedern besoldete Agitatoren angestellt, wobei offen- sichtlich eine bekannte politische Partei dahinter steht. Besonders in Frankfurt a. M., Offenbach und Umgegend macht sich die Tätigkeit dieser Herren, die von ihrem Stmidpuntt aus geschickt operieren, unliebsam bemerkbar. Auch bei den Hirsch-Duuckerschen Gewcrk- schaften ist die gleiche Praris zu konstatieren, wodurch naturgemäß die Position des Verbandes erschwert wird. Es wird sich nicht nur eine Teilung und damit Anstellung eines Gauleiters für den bis- herigen sächsischen Gau nötig machen, sondern auch für Süddeutsch- land, denn von Stuttgart aus kann das ganze weite Gebiet nicht genügend agitatorisch bearbeitet werden. Nehmen wir die Anstellung besoldeter Gauleiter nicht rechtzeitig vor, so habe der Verband später nicht Indifferente aufzuklären, sondern gegnerische Organi- sationest zu bekämpfen, was seine Position ganz außerordentlich er- schwer«. In Augsburg macht sich das schon jetzt bemerkbar. Es darf nicht so gefragt tverden: rentiert sich die Anstellung der Gau- leiter? Sofort sind die Erfolge nicht zu erwarten, aber sie kommen. Der Transportarbeiterverband hat es durch rechtzeitige Anstellung besoldeter Beamter zu großen Erfolgen gebracht. Auch der Bäcker- verband hat bei 8— 9000 Mitgliedern neun besoldete Gauleiter. Die Ausgabe für dieselben ist ein Kapital, das sich reichlich rentiert. Zudem ist aus dem Rechenschaftsbericht bereits ersichtlich, daß die Kosten für Agitation durch die Anstellung keine nennenswerte Steigerung erfahren. Eine neue Gaueinteilung ist notwendig, speziell muß Süddeutschland in zwei selbständige Gaue geteilt werden. Die Neneinteilung wird nicht nach Provinz- und Landes- grenzen vorgenommen, sondern der praktischen Einrichtung wegen nach Bahnlinien. Im Interesse der Institution wird es liegen, tvenn die Gauleiter nur von der Hauptverwaltung an- gestellt werden, da sonst ein ersprießliches Arbeiten nicht gewähr- leistet werden kann. Natürlich hat die Generalversammlung die entsprechenden Direktiven zu erteilen, aber die Auswahl der Personen selbst dem Hauptvorstande zu überlassen. Bedauerlich scheint ihm, daß nicht sämtliche Gauleiter kraft ihres Amtes schon an der Generalversammlung teilnehmen können, da sie seiner Ansicht nach derselben Rechenschaft abzulegen haben. Er erbittet, dem Hauptvorstande Machtvollkommenheit in der Richtung zu geben, nach Bedarf Gauleiter anzustellen und für Offenbach und Umgegend einen Lokalbcamten zu bewilligen, der dort in Anbetracht der Verhältnisse durchaus notwendig erscheint. Die Debatte über diesen Punkt zog sich bis 10 Uhr vormittags hin und zeigte bedeutende Gegensätze in bezug auf die Beurteilung der Sachlage. Von den Gegnern der Anstellung wird ins Feld ge- führt, daß die Ausgaben siir Anstellung loeiterer besoldeter Gau- bcamten die Kassenverhältnisse allzu sehr belasten würden, auch reizten die bisherigen Erfahrungen nicht sonderlich zu weiteren An- stcllungen. Auch bezweifelte man das Vorhandensein entsprechender agitatorisch geschulter Kollegen zu diesen Aemtern und warf die Frage auf, ob dieselben überhaupt ein Tätigkeitsfeld haben. Man würde mit der Anstellung einen Sprung ins Dunkle machen, der sich, nicht rechtfertigen ließe und sollte daher erst Erfahrungen sammeln. Tie nächste Generalversammlung in drei Jahren könne dann schon eher ein entscheidendes Wort sprechen. Die Kosten für eine» besoldeten Gauvorsteher würden sich jährlich auf mindestens 5000 M. stellen und dieses Geld könne man zu anderweitigen Agitationsztvecken besser verwenden. Von den Befürwortern werden die bereits im Blumschen Re- ferat ins Feld geführten Gründe noch des weiteren ausgebaut und erwähnt unter anderen K n o l l- Berlin als Vertreter der General- kommission, daß die von Blum angeführte Anstellung christlicher Ge- Werkschaftsagitatoren darauf zurückzuführen sei, daß seinerzeit das Zentrum der Sozialdemokratie den Kampf bis aufs Messer an- kündigte. Das Tätigkeitsgebiet der Gaubeamten liefere die Statistik, die nachweist, daß von 20 000 Berufskollegen erst 7000 organisiert sind. Ziel müsse es sein, auch den letzten Mann für die Organisation zu gewinnen. Man müsse sich daran gewöhnen, nach großzügigen Gedanken zu agitieren und nicht fragen: was bringt uns der Gauleiter ein, sondern: was kann er verhindern? Er verhütet die Schädigung und Zerstörung des Geschaffenen, kann überall zugreifen, wo es in jungen Organisationen an agitatorischen Kräften fehlt und sollte heranziehen und schulen. Auch die Organi- sationstätigkeit ist eine Arbeit, die gelernt werden muß, und daher werden mit der Zeit die heute und gestern vorgebrachten Mängel verschwinden. Man möge sich von der Ansicht emanzipieren, daß bezahlte Beamte nur ein notwendiges Uebel seien— sie sind ein notwendiger Bestandteil der jetzigen Organisation. Die Früchte ihrer Tätigkeit reifen nicht sofort� aber sicher im nächsten Jahrzehnt. Man solle daher nicht drei volle Jahre warten, sondern sofort das Notwendige tun! Auch Hackelbusch- Berlin als Vorsitzender des Ausschusses ersucht, die Anträge nicht kurzer Hand abzuweisen. Uns sind bereits agitatorisch geschulte.Kräfte verloren gegangen, die jetzt anderweite Anstellung gefunden haben, nachdem sie durch ihre Verbandstätigkeit im Berufe nicht mehr unterkommen konnten. Der Schritt zur An- stellung ist notwendig und wird getan werden; tun wir ihn jetzt nicht, so stehen wir nicht auf der Höhe der Zeit. Ost könne ein besoldeter Gauleiter sehr geldsparend wirken, wie z. B. diese Mög- lichkeit in Kassel gegeben gewesen, das uns viel gekostet habe. In namentlicher Abstimmung wird sodann der Antrag des Vorstandes und Ausschusses, Ivelcher die Anstellung eines Gauleiters für Mitteldeutschland fordert, mit 21 gegen 16 Stimmen a b- gelehnt, dagegen für Offenbach und den dortigen Industrie- bezirk ein Lokalbeamter bewilligt. Weiter soll die bisherig? Gau- einteilung verbessert, d. h. die Zahl der Gaue vermehrt werden und konform eines Nürnberger Antrages wird der Zentralvorstand ermächtigt, nach Ablauf eines weiteren Jahres und nach Uebersicht einer günstigen Finanzlage weitere agitatorische Kräfte anzustellen. Letzterer Antrag wird mit allen gegen 5 Stimmen angenommen. Eine beantragte Sitzverlegung der Ganleitung von Essen nach Köln wird dem Vorstande zur Erledigung überivicscn und sodann beschlossen:„Anträge auf Abhaltung besonderer Branchenkonfcrenzen sind nur an den Zentralvorstand zu richten. Andere Funktionäre Die erste siülfe bei DngliicksfNen v°n Dr. Christ-ll» Musi in Fabriken, Werkstätten, aus Bauplätzen vorhanden sein. Ttcft 2 Das erste Lebellsjahr..... v°n»r. silverstein Jeder jungen Mutter zur Anschaffung zu empfehlen. k)efr 3 Gesmldheitspstkge des Nervensystems vonDr.Hirschlaft Wer seine Nerven gesund erhalten will, lese diese Anleitung dazu. Reft 4 Der Alhtstnndentag..... l l..»o» Dr. Eine ärztliche Begründung der sozialdemokratischen Forderung. Rcft 5 AlKvhvlfrnge und ArbeiterKlnsse. v°n Dr. Fröhlich Eine empschlcnSwerte Agitationsbroschüre. freit 6 Das Schnliiind......... von®r. Silberstein Die Kinder vor Schulkrankheiten schützen, ist Zweck des Büchleins. Relr/ Geschlechtsverlithr und Geschlechtskrankheiten von Dr. Gebert Belehrend über diese, für jeden Menschen wichtige Frage. Reft S Nahrung und Ernährung.....°°n Dr. Chajes Sin wichtiges Kapitel für die Arbeiterfamilie. 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B. an unsere Kasse in M a r i c n d o r s, Chausseestraße 74, II, einzureichen.(273/2 Martendorf, 14. April 1906. (?. Bethke, Vorsitzender. Achtimg, Wagrufahnktll! In den Wagcnsabriken von Kühlftein. Cbarloiicnburg, V. Rühe Jnh. Leuschner, Enckcpl. 6, Kliemt, Neue Königslraße, Gebr. Wienicke, Pankow, Franke, Jnseiftraße, befinden sich die sämtlichen Arbeiter im streik. SSir ersuchen die Kollegen aller Branchen«ach den obigen Be- trieben keine Arbeit auzu- nehmen.»76/9 Die AgitationSkommtssion. Hr. 91. 28. Iahrglmg. 2. StilME i>cs.. Ftkitag, 29. April l996. Der Kongreß der Freien Jereivigung deutscher Gtiverlijchllsttu. In der gestrigen Sitzung wurde die Beratung über den Programmentwurf fortgesetzt. Der Absatz über Zugehörigkei zur Freien Vereinigung wurde nach Ablehnung einiger AcnderungS antrage wie folgt angenommen: „Zur Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften können alle Gewerkschaften gehören, die sich zu deren Grundsätzen bekennen und sich solidarisch erklären in den Kämpfen aller Arbeiter ohne Rücksicht auf Nationalität und Organisationsform, soweit sie au dem Boden des Klassenkampfes stehen. Zur Freien Vereinigung können nicht gehören solche Gewerkschaften, die den Klasseukamp verleugnen und statt der Gegensätzlichkeit eine Gemeinsanikeit der Jnteresten zwischen Unternehmern und Arbeitern anerkennen und erstreben." _ Der Absatz über Organisation erhielt nach Annahme einiger Zusatzanträge folgende Fassung: »Die Freie Vereinigung deutscher�Gewerkschasten setzt sich zu sammcn aus Zentralisationen und lolchcn selbständigen Lokal organisationen, für deren Beruf eine Zentralisation der Freien Vereinigung nicht angeschlossen ist. Jede Organisation hat ihr vollkommenes SelbstbestimmnngS recht und ihre eigenen, den örtlichen wirtschaftlichen und beruf lichen Verhältnissen enlsprechenden Statuten, welche den Grund sätzen der Freien Vereinigung nicht widersprechen dürfen. Unier allen Umständen ist jede Gewerkschaft verpflichtet, mindestens als Jahresbeitrag einen halben Wochenlohn von ihren Mitgliedenr zu erheben sowie pro Mitglied und Quartal 6 zum Agitationsfonds an die Geschäftskommission zu zahlen. Den Gewerkschaften wird empfohlen, wenn an emem Orte mehrere der Freien Vereinigung augeschlosiene Organisationen be stehen, sich �u Kartellen zu vereinigen. Die Kartelle haben die Aufgabe, die örtlichen Interessen aller ihnen angeschlossenen Organisationen und Mitglieder zu vertreten, namentlich bei Wahlen, Streiks. Aussperrungen und Boykotts einzugreifen und den Grundsätzen der Freien Vereinigung gemäst zu wirken sowie Rat und Auskunft in allen gewerblichen und die Arbeiterversicherung berührenden Fragen zu erteilen. Personen, für die eine Zentralisation oder Lokalorganisation nicht besteht, können sich als Einzelmikglieder der Freien Ver einigung anschließen." Von Aus st ä n den handelt folgender Abschnitt. der ohne Aenderung angenommen wurde: „Die Unterstützung von.Ausständen beruht auf Gegenseitigkeit und freier Solidarität. Aufgabe jeder Gewerkschaft ist eS jedoch, daß sie alles auf bietet, um ihre Streiks und Sperren selbst unterstützen zu können Gewerkschaften, welche sich an der Unterstützung von Aus- ständen trotz finanzieller Möglichkeit ihrerseits nicht beteiligen, haben kein Recht, die Solidarität der anderen Gewerkschaften in Anspruch zu nehmen." Die näheren Bestimmungen über die Streikunterstützung sind in einer vom vorigen Kongreß angenommenen Resolution festgelegt und bleiben unverändert bestehen. Zum Absatz Kongreß war eine neue, der Größe der einzelnen Gewerkschaften Rechnung tragende Regelung der Beschickung vor- geschlagen. Dies wurde jedoch abgelehnt, so daß eS nach wie vor den Gewerkschaften überlassen bleibt, die Zahl ihrer Delegierten selbst zu bestimmen. Der Kongreß findet alle zwei Jahre statt; außerordentliche Kon- greste können auf einstimmigen Beschluß der Geschäftskommission und auf Antrag von mindestens zwei Dritteln der angeschlossenen Organisationen einberufen werden. Die Absätze über die Geschäft, kommisston und die Revisoren wurden, wie sie vorgeschlagen waren, angenommen und entsprechen dem bisher Bestehenden. Zum Absatz Organ lagen verschiedene Anträge auf Ver- besierung, Erweiterung sowie Verbilligung und die Verbreitung der „Einigkeit" betreffend, bor. Darüber entwickelte sich eine lebhafte Debatte, die in der VormittagSsttzung nicht zu Ende geführt werden konnte. In der vevatt« über das Organ, die in der NachmittagSsitzung fortgesetzt wurde, handelte eS sich teils um einen Antrag, die „Einigkeit" für alle angeschloffcncn Gewerkschaften ohne Ausnahme obligatorisch einzuführen. Dagegen sprachen Reage sKürschncp und Schröder(Metallarbeiter), deren Organisationen eigene Organe herausgeben und bei Annahme des Antrages mit größeren Ausgaben für die Preffe rechnen müßten. Der Antrag wurde gegen Ig Stimmen abgelehnt; beschlossen wurde, daß die„Einigkeit" in allen Gewerkschaften, die kein eigenes Organ haben, obligatorisch eingeführt sein soll. Ein zweiter Antrag, die„Einigkeit" alle 14 Tage dreimal, statt wöchentlich einmal erscheinen zu lassen, wurde ebenfalls abgelehnt. Angenommen wurde folgende Rc- folution: „Der siebente Kongreß erkennt an. daß die Presse zur Weiterl entwickelung und Austlärung der Mitglieder der Freien Vereinigung notwendig ist und die geistige Waffe im Kampfe mit unseren Gegnern jedweder Art darstellt. Deshalb beschließt der Kongreß, die„Einigkeit" viel mehr als bisher mit prinzipiell aufklärenden Artikeln auszustatten. Besonders sollen regelmäßig Berichte au» der internationalen Arbeiterbewegung gebracht werden; auch soll versucht werden, ausländische Gesinnungsgenossen zur Mitarbeit heranzuziehen, um das Gefühl der mternationalen Solidarität in allen Mit gliedern zu wecken. Die oft ganz überflüssigen Berichte über interne Orgernt satiousangelegenheiten sollen soviel wie möglich eingeschränkt werden. Alle der Freien Vereinigung angeschlossenen Zentralisationen und Ortsvcrcine sind verpflichtet, innerhalb und außerhalb ihres MitglicderkrciscS eine kräftige Agitation für Gewinnung von Abonnenten z» entfalten, um dem verflachenden Einfluß der Zcntralvcrbandsprcsse entgegenzuwirken." Der ganze Programmentwurf wurde schließlich mit den bc« schlosscncn Acndcrunacn und samt der alten Resolution über die Streikunterstützung einstimmig gutgeheißen. Hierauf fand die Wabl der Gcschäslskommission statt. Als Voll sitzender und Redakteur wurde Fritz Kater gewählt, als Kassierer und Expedient A n d r e a S K l e in l e i n. als Beisitzer Puttlitz, Hiurichsen und Thieme. Als Revisoren wurden Schon« heim und Gehl gewählt. Das Gehalt de» Vorsitzenden wurde wie bisher auf 2400 M. festgesetzt, das de» Kassierers auf 2200 M. Als letzter Punkt der Tagesordnung kam eine Anzahl b e- s o n d e r e r Anträge zur Beratung. Einige Anträge zur Förderung der Agitation durch Herausgebung von AgitationS- inaterial. Aufstellung einer Refcrentenliste ujlv. wurden der Geschäfts- kommisjion zur Berücksichtigung überwiesen. Folgender Antrag über Frauenagitation wurde nach kurzer Begründung durch Frau Müller gegen drei Stimmen angenommen: „Der siebente Kongreß verpflichtet die Geschäftskonimission, mehr als bisher der proletarischen Frauenbewegung Beachtung zu schenken und sie demgemäß zu unterstützen. DieS kann geschehen. wenn seitens der Agitationskommissionen und Kartelle unserer Richtung Frauenversainmlunge» mit zweckentsprechenden Vorträgen eiitberufeu werden, um die Frauen und Töchter deS Proletariats zu organisieren. Die Frauenorganisation, welche ans den, Boden der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften steht, ist der „Gewerkschaftliche Frauenverein zu Berlin". Derselbe würde sich, sobald au weiteren Orten sich solche Vereine bilden, die Form der Zentralisation im Sinne der Freien Vereinigung geben." Ueber einen Antrag, der eine grundsätzliche Verwerfung aller Tarifverträge enthielt, wurde nach kurzer Debatte zur Tagesordnung übergegangen. Anträge einiger Gewertschaften auf Niederschlagung von DarlehnSschulde» wurden nach kurzer Begründung durch die Ver- treter jeuer Gewerkschaften angenommen. Zur Maifeier wurde folgende Resolution einstimmig an» genommen: „In Erwägung, daß seit dem Internationalen Kongreß 1889 zu Paris, der für den 1. Mai eine internationale Manifestation (Kundgebung) beschloß, mit der Maßgabe, daß gleichzeitig in allen Ländern und in allen Städten an einem bestimmten Tage die Arbeiter an die öffentlichen Gewalten(Behörden) die Forderung richten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen usw. In fernerer Erwägung, daß sich seit 1890 bis 1903 der E danke der ArbeitSruhs am 1. Mai als Demonstration und als würdigste Feier desselben immer mehr und mehr eingelebt hat, beschließt der Kongreß, am 1. Mai jeden Jahres die Arbeit ruhen zu lassen. Jeder Arbeiter hält es für seine Ehrenpflicht, an diesem Tage durch Verweigerung der Arbeit unter voller Selb st Verantwortung der Klassengesellschaft, sowie dem klassenbewußte» Proletariat zu bekunden, daß die Idee des allgemeinen Generalstreiks im Wachse» begriffen ist. Die Feier deö 1. Mai soll der Maßstab für das Wachsen des Klassenbewußtseins im Proletariat sein." Ein Antrag Biclter, den im Juni in Genf stattfindenden antimilitaristischen Kongreß durch Delegierte zu beschicken, wurde nach längerer Debatte gegen neun Stimmen abgelehnt. Einstimmig angenommen wurde folgender Antrag: „Der Kongreß möge beschließen, daß gegenüber den immer mehr überhand nehmenden Forderungen der ReichSregierung für Heer und Flotte und der damit verbundenen iminerfort steigenden Mehrbesteuerung der unteren Volksschichten die Geschäftskommission, getreu dem Vorbilde der französischen Autimilitaristen, in Wort und Schrift gegen diese Forderungen der ReichSregierung energisch Front macht." Femer wurde beschlossen, den internationalen Sozialistenkongreß im Jahre 19V7 durch zwei Delegierte zu beschicken. AIS Delegierte wurden Fritz Kater und Theodor Fischer gewählt, als Ersatzmänner Puttlitz und G a st. Auf Antrag B i e st e r lvurde beschlossen, zum antimilitaristischen Kongreß in Genf einen offiziellen Berichterstatter der„Einigkeit' zu senden. Sodann wurde der Kongreß nach einer Ansprache Theodor Fischers mit Hochrufen auf den internationalen revolutionären Sozialismus geschlossen. Soziales. Tie Landarbeiterorganisation. Der„Konservativen Korrespondenz" macht der am Karfreitag von dem Brandenburger Gauverband der Fabrik-, Land» und arbeit« energisch bekundete Entschluß, die traurige Lage der Land- arbeit« trotz der gesetzlichen und wirtschaftlichen Schtvierigkeiien durch engeren gclverkschaftlichen Zusammenschluß zu heben, arge Kopfschinerze». Sie stößt folgenden Stoßseufzer aus: „Gewerkschaftliche Organisation! der Laudarbeiter. DaS Ei des Kolumbus l Vergebens hatten sich bisher die sozialdemokratischen Parteigrößen, die Theoretiker und die Praktiker, üb« die Lösung der Frage ihre Köpfe zerbrochen, wie es möglich wäre, die„dicken Schädel" der Landleute zu revolutionieren und dasjenige Element an die rote Fahne zu fesseln, ohne welche»— wie schon Marx und Engels bekannt hatten— an einen Sieg der Sozialrevolution nickst zu denken ist. Die Landleute zeigten sich aber keineswegs al» s „dumm", wie sie in den Kreisen der„Genossen" verschrien sind, st erkannten die sich mit Versprechungen heraniwängenden roten Send boten und wiesen ihnen die Tür. Nun wollen«S die Sozialdemo« kraten auf eine andere Art versuchen. Sie wollen als neutrale Gewerkschaftler kommen. Sie wollen es ungeheuer billig machen, nämlich für Männer wöchentlich zu zehn, für Frauen zu nur fünf Pfennigen. Dafür wollen sie„Rechtsschutz" gewähren und versprechen auch noch— ohne sich auf das Halten zu verpflichten — iviahregelungs-, Umzugs- und Sterbeuntcrstützung. Der Ver- band der Fabrik-, Land- und Hülfearbeiter will demnächst auf dem Lande seine Jahrmarktsbuden ausschlagen und die Landarbeiter zum Eintritt auffordern. Billig hier! Zehn Pfennige für Männer, fünfe für Frauen I Für die Landarbeiter aber, die mit jedem Psemng rechnen müssen, ist diese Geldausgabe von 3,29 M. oder 2,ö0 M. auf das Jahr nockj viel zu hoch; denn von den sogenannten Gegenleistungen köimen sie keinen Gebrauch machen. Außerdem ist die Zumutung für sie, sich den roten Geiuerkschaften als revolutionäres Kanonenfutter zu vcrsckjMiben, zu stark. Sie iverdcn also wohl von der Reklametrommel des GeloerkschaftsvcrbandeS sich nicht locken lasseip Ob die„Genossen" auf das platte Land gewerkschaftlich oder sozialdemokratisch kommen, macht keinen Unterschied. Ihr Zweck ist Verhetzung, und dem wird man nach wie vor entgegen zu treten wissen. Und um so«folgrcicher wird die? geschehen können, je sorgsamer die Wohlfahrtspflege auf dem Lande getrieben wird." «Wohlfahrtspflege auf dem Lande" von Konservativen ge- trieben I Darunter versteht wohl die„Konservative Korrespondenz": Heranziehung von Ausländern, Bcsckstiftigung von Korrigenden, Gefangenen, Zuchthäuslern als billige ArbcuSkräftc, 14 stündige Arbeitszeit, jammervolle Löhne, rechtswidrige Lohnvorcnthaltung, Hülflosigkcit in Krankheitsfällen, menschenunwürdige Wohnungen, unverschämte und schamlose Behandlung, Verschränkung des Rechts. weges und dergleichen ostelbische„Wohltaten", vor denen selbst aus- ländischc nach Teutschland gelockte Arbeiter ausreißen. Die Sozial- denwkratie hat insbesondere in der letzten Zeit recht viele neue Anhänger gewonnen. Die„konservativer Wohltaten" sind der Boden, auf dem die sozialdemokratische Aufklärungsarbeit unter den sileiirbaueru und den ländlichen Arbeitern prächtig gedeiht. Uebrigcns: vor der Hollerhöhung auf notwendig« Lebensmittel und Bedarfsartikel versprachen die„ollen ehrlichen" konservativen Großgrundbesitzer, daß sie n a ch der Zollcrhöhung bessere Lohn bcdingungen den ländlick�en Arbeitern bieten Irmrdcu. Hat vielleicht die„Konservative Korrechondenz" schon eine» Landarbeiter entdeckt, dem dieses Versprechen eingelöst ist? k e i t durchaus nicht günstig. Dennoch müsse getan werden, was irgend möglich sei. Man möge sich bemühen, nach Kräften ans- klärend zu wirken und alle Kreise i!ud Schichten der Bevölkerung über die außerordentlich großen Gefahren, mit denen der Alkohol Gc- sundhcit, Bolkswohlstniid und Sittlichkeit bedrohe, zu belehren und auf diese Weise eine allmähliche Umgestaltung eben des sozialen Milieus herbeizuführen und die Zahl der guten Erzieher zu vermehren. Ferner versuche man, Erziehungsmaßnahmen durchzusetzen, die dem Zweck, enthaltsame Menschen heranzubilden, am besten zu entsprechen er- scheinen. Am erfolgreichsten sei hierbei die Gewöhnung an Enthaltsamkeit, sowohl als unmittelbare ivie auch als mittelbare Gewöhnung, d. h. als direktes Nnhaltcn zur Enthaltsamkeit unter Lohn- Verheißung und Strafandrohung, bezw. Lohnzuteilung und Straf- zufügung, und als vorgelebtes Musterbild da» vom Erzieher ge- gebene Beispiel. Bedeutsam sei ferner eine verständige Körperpflege, die das Ziel verfolge, durch ztveckmäßige Ernährung, durch Gymnastik, Sport und'VetvcgungSspiel das Kind zu einem gesunden und rüstigen Menschen heranzubilden, der ein starkes Selbst- bcwußtseiu besitze, vermöge dessen er dereinst imstande sei, im- bekümmert um Hohn und Spott und Neckerei auf dem einmal betretenen Wege der Enthaltsamkeit weiter zu gehen. Auch die auf Gründimg von aus Knaben und Mädchen bestchendeu Kiiiderenthaltsamkeits« vereinen gerichteten Bestrebungen verdienten gefördert und unterstützt zu werden. Endlich komme noch die Belehrung über die gesundheitliche», wirtschaftlichen und sittlichen Schüdiguiigen und Gefahren, die der Alkohol im Gefolge habe, in Betracht. Ort dieser Belehrungen soll die Schule sein, und zwar sowohl die Volks- schule, wie das Gymnasium und die Universität, die Knabenschule so gut wie die Mädchenschule. Einzugliedern seien diese Alkohol- belehrimgen am vorteilhaftesten den Moralunterweisungen, dein Unterricht in der Gesellschaftskunde und der Gestiudheitslehre, drei Disziplinen, die in der Schule, abgesehen von den Hochschulen, leider noch immer nicht als selbständige Fächer vorhanden seien, die aber seit langem als solche gefordert würden und immer wieder von neuem gefordert werden müßten. Der Inhalt des von Dr. L a q u e r- Wiesbaden gehaltenen Vor- träges über Ein ri ch tu n g en und Veranstaltungen im Kampfe gegen den AlkoholtSmuS spiegelt sich in folgenden sechs Leitsäben wieder: „I. Neben der Ansklärung in Wort und Schrift, neben den Wegen der Gesetzgebung und Verwaltung, der Schule und der Kirche hat die werktälige Bekämpfung des Altoholismus den gleichwertigen Platz; dieselbe soll Einrichtungen schaffen, die vorbildlich und anschaulich die Ucberwertigkeit des mäßigen Alkoholaenusses und für bestimmte Fälle die der Enthaltsamkeit zeigen und die Hauptqucllen deö Alkohol- mißbrauche» geseitigen. II. In dieser Hinsicht kommen fast alle vom Alkohol ablenkenden Wege der soziale» Fürsorge mit in Betracht: Herbergen und Ledigenheime, Volts- und GewerkschaftShänser sollen entweder alkoholfrei geführt werden oder sehr billige Ersatzgetränke (im Sommer.frisch bereitete Limonaden, im Winter Tee oder Kaffee) darbieten; jede Hebung der Volksgeselligkeit und Volks- gesundheit(Sport, Leibesübungen, öffentliche Bäder), alle Erziehung zu idealeren Genüssen, Volkshochschulen, Volkskonzcrte und dergleichen bekämpfen mittelbar den Alkoholgenuß, lenken vom Wirtshaus und vom Trunk zu Hause ab. HI. Das Wirtshaus, welches bei li»s viel zu sehr den Mittelpunkt de« geselligen Lebens aller Schichten bildet, bedarf der Reform; die Inhaber der bestehenden Gasthäuser müssen angehalten werden, billige alkoholfreie Ersatzgetränke zu führen; gemeinnützige Gesellschaften sollen nach skandinavischem und englischem Vorbild'die neu entstehenden Schankgerechtsame, be- sonders aus dem Lande(Gemeindewirtshaus) und in Arbeiter- vierteln, erwerben und unter AuSichaltung des Nutzens an geistigen Getränken den Eharakter der Wirtshäuser als einer Er- holungSstätte besser als bisher zu wahren suchen. IV. Nach Züricher Muster(Frauenverein für Volkswohl und Mäßigkeit) sollen unter Leitung von Frauen in Großstädte» Speisehänser für männliche und weibliche Angestellte der alkoholfreien VolkSeniährung im großen Etil dienstbar gemacht werden. Die bestehenden Kaffeehallen sollen sich in alkoholfreie BolkSkantinen uniwandeln. V. Die Arbeitgeber sollen auch fernerhin(vgl. die Erlasse deS EiseubahumiiiisterS, die Be- richte der preußischen Gewerbeinspeklion und die Erfolge der Hamburg- Amerika-Ltnie) dem Kampf gegen den Alkohol das weitgehendste Interesse entgegenbringen. Die staatlichen Kanalämter sind berufen, in dieser Hinsicht Mustnanstalten zu schaffen. VI. Den größten Fortschritt unserer Bestrebungen wird eine durchgreifende WohmmgZ- reform bringen." Sollten die noch heute und morgen(vormittags 19 bis 12 und abends 8 bis 10 im Barackenauditorium der Universität unentgeltlich) zu haltenden Vorträge bemerkenswertes bringen, so werden wir darüber berichten. Der bisherige Verlaus der Vorlesungen dürfte für die Arbeiter kaum wertvolles gebracht haben, weil die Vor- tragenden, wie alle bürgerlichen Ideologen, der Erörterung der Ursache der sozial schädigenden Wirkung eines übermäßigen Alkoholgenusses aus dem Wege gehen. Wissenschaftliche Kurse zum Studium des Alkoholismus. Auch in den weiteren Borträgen zur Bekämpfung des Alkoho- liSinus wurde der sozialen Ursachen, die zum Alkoholmißbrauch ver- anlassen, und der Notwendigkeit einer Bekämpfung dieser Ursachen kaum gedacht. Gerade diese wohlgemeinteii Vorlesungen beweisen, daß auch auf diesem Gebiete der Kampf, soweit der Alkoholismus durch die Erfassung weiter Volkskreise soziale Gefahren in sich birgt, lediglich Aufgabe der Arbeiterklaffe selbst sein kann und schon heute unendlich wirksamer durch die Arbeiter in ihren gewerkschaftlichen und politischen Organisationen geführt wird, alS durch allerlei gut gemeinte Ratschläge, zu deren Ausführung die Mittel versagt tverden. Dr. Bergemann(Striegau) hob in seinem Vortrag hervor, das den meisten Erfolg gegen den Alkoholismus versprechende Mittel liege in der Erziehung der Jugend. Freilich dürfe nicht verkannt werden, daß eine in den Dienst der gegen den Mißbrauch geistig« Getränke gerichteten Bestrebungen gestellte Jllgenderzichung heut- zutage noch mit sehr großen Schwierigkeiten zu kämpfen habe. Be- onderS schwerwiegend sei der Umstand, daß es»och sehr au gc- eigneten Erzieher» in Haus und Schule fehle. Auch sei ' te Beschaffenheit unserer gesamten sozialenVer« ältnisse einer Erziehung zur Enthaltsam» Em Industrie und Handel. Erhöhung der Beteilia»»gSziffcr beim Stahlverband. Seit Monaten wird berichtet, daß die Stahlwerke bis zur äußersten Grenze der LeistllngSsähtgkeit angespannt sind. Unter solchen Uinstände» gewinnen die Anträge auf Erhöhung der Beteiligungsziffern den Charakter spekulativer Stimmungsmache. Hat mau vielleicht doch nötig, die Kauflust künstlich aiizuregen, den Anschein einer möglichen Materialnot zu ertvecken? Kürzlich wurde noch behauptet, die bezüg- lichen Anträge hätten keine Aussicht auf Erfolg. Nun sind in der am Donnerstag stattgefuudencn Beiratssitzimg des Stahlverbandes die BetelllgungSziffcru für Stabeisen, für Bleche und Röhren um je 4'/, Proz., für Walzdraht um 5'/, Proz. erhöht worden. Eine glänzende Geschäftslage für die Eisenindustrie konstatiert der Geschäftsbericht des Stahlverbandes. Die Verbandölverke seien in Halbzeug. Eisenbahnmalerial und Formeisen sehr stark beschäftigt und müssen zur Bewältigung der vorliegenden Arbeit ihre ganze Leistuilgsfähigkcit in Anspruch nehmen. Der Absatz im Monat März überschreite in allen drei Produkten die höchste bis jetzt dagewesene monatltche Versandziffer. In Eisenbahnmaterial sei der Bestand an Aufträgen sehr umfangreich, hauptsächlich infolge von starken Anforderungen seitens der preußischen StaatSbahn. DaS Auslandsgeschäft in Formeisen war zufriedenstellend. In Tätiguug neuer Abschlüsse trat zurzeit etwas Ruhe ein. da der Bedarf für das erste Halbjahr im allgemeinen gebeckt sei. Der Abruf sei sehr bc- deutend, woraus geschlossen werden könne, daß ein Nachlassen des Bedarfs nicht eingetreten fei und eine weitere günstige Preis- entWickelung in Aussicht stehe. Profit. Eine Dividende von 12 Proz. gegen 11 Proz. im Vorjahr bringt die Chemische Fabrik zu Heinrichshall zur Verteilung.— Die A.-G. für Glasindustrie vorm. Fr. SiemeuS-Dresden schüttet 13 Proz. a»S, per 1904 betrug die Dividende 14 Proz.— 30 M. pro Kux erhalten die Aktionäre der Mansfeldschen Kupferschiefer- bauenden Gewerkschaft, die sich im vorigen Jahre mit 40 M. begnügen mußten.— Die A.-G. für Fedcrstahliuduftrie verteilt lvie seit 12 Jahren auch für 1903 12 Prozent Dividende.— Von 8 auf 9 Proz. stieg die Dividende der A.-G. für Maschiuenpapier-Fabrikatiou Aschaffenburg. Rußlands Montanindustrie. Angesichts der wahrscheinlich noch auf Jahre hinaus Rußlands Volkswirtschast und industrielle Entwickelung stark beeinflussenden revolutionäre» Bewegung dürfte eS interessieren, einige nähere Angaben über die Ausdehnung der russischen Montanindustrie zu erfahren. Das Schwergewicht liegt in der Gewinnung von Rohmaterialien und in der Erzeugung von Rohprodnlten. Die noch mangelhafte Entlvickelling in der Weiter- derarbcitung steckt natürlich auch der Rohproduktion eine gewisse Grenze. In der Konkurrenz auf dem Auslandsmärkte kann Slujjlaud hauptsächlich nur bestehen, insoweit es in einzelnen Produkten, wie g. 33. Manganerze, fast Alleinproduzent und Weltliefcrant ist. In der Nohproduktiou lätzt Ruhland schon einige ganz ansehnliche Ziffern aufniarschiere». Aber schon das Jahr 1902, bis dahin reichen die Nachweisungeu des statistischen Sammelwerks über das Berg- und Hüttenwesen Rußlands, hat gegen die Vorjahre einen kleinen Rück- schlag gebracht. Den erwähnten Angaben entnehmen wir folgende Hauptziffern. Es wurden produziert in 1000 Pud(Pud gleich 16,38 Kilogramm): Kohle Roheisen Stahl Naphtha Kupfer Zink 1901.. 1 008 932 175 016 136 015 702 722 517 372 1902.. 1 005 271 158 618 133 303 678 285 538 504 In allen Artikeln außer bei Zink ein Produktionsrückgang, die Zahl der betriebenen Hochöfen ging in 1902 auf 252 gegen 302 im Jahre 1900 zurück> die Koksgewinnung verminderte sich auf 113141 Pud gegen 117 035 Pud im Vorjahre. Die Zahl der in Berg- und Hütteuwerken beschäftigten Arbeiter erfuhr in den letzten Jahren ebenfalls eine ziemlich erhebliche Reduktion. Die Gesamt- velegschaft bezifferte sich auf: Jahr 1893 1899 1900 1901 1902 Mann 465 012 634 009 715 497 633 150 626 929 Die Zahl der 33eschäftigten ist mithin in zwei Jahren um rund 90000 gleich 12,5 Proz. zurückgegangen. Auffällig geringe Ziffern weist gegenüber Deutschland die russische Unfallstatistik auf. Die Gesamtzahl aller gemeldeten Unfälle belief sich in 1901 auf 23 360 oder pro 1000 Beschäftigte 34,2; absolut und prozentual die höchste Ziffer wurde für 1902 ermittelt, nämlich 33 613 Unglücksfälle über- Haupt oder 53,6 pro 1000 Beschäftigte. Von den Unglücksfällen der- liefen 525 gleich 0.85 pro 1000 Beschäftigte tödlich. Im Jahre 1901 War die Zahl der tödlich verlaufenen Unglücksfälle um 128 größer. Starke Einwanderung in Amerika. Nach einem Bericht des staatlichen Arbeitsaintes betrug die Zahl der in den ersten drei Monaten dieses Jahres über den New Dorker Hafen Eingewanderten 165 540. Es ist das eine Zunahme gegen das erste Quartal des vorigen Jahres um über 9000 und find allein ans Italien in deni ersten Viertel dieses Jahres um 20 000 Personen mehr über den New Dorker Hafen eingewandert als in den ersten drei Monaten vorigen Jahres. Von der angegebenen Zahl sind 53 413 in New Dort verblieben, und nicht weniger als 35 728 und damit etwa ein Viertel aller 140 000 Einwanderer im Alter von 14 Jahren und darüber waren des Lesens und Schreibens unkundig. Um die Zahl solcher„unerwünschten" Einwanderer möglichst zu beschränken, wird im Kongreß erneut der Erlaß eines Geietzes ge- plant, welches nicht nur die bisherige Einwanderer-Kopffteuer von 2 Dollar auf 5 Dollar erhöht, sondern auch den Nachweis eines grwissen Bildungsgrades erforderlich macht. Sticht weniger als 100 Dollar Strafe sollen, dem neuen Gesetzesvorschlag gemäß, die Dampfschiffgesellschafteii für jeden Einwanderer erlegen, dessen geistiger oder gesundheitlicher Zustand ihm von der Zulassung zu den Vereinigten Staaten ausichließt. Dagegen hat Canoda im letzten Jahre zur Anlockung von Einwanderern Agentenkommissionen von insgesamt 102 663 Dollar bezahlt und davon 14 428 Dollar für Einwanderer ans den Vereinigten Staaten. Eine einzige canadische Bahngesellschaft soll 2500 Agenten in den Vereinigten Staaten haben. Serickts Leitung. „Eiu Blick in die Seele des Ultrauiontanismus", zum sechsten Male vor dem Kriegsgericht. Gegen den evangelischen Divisionspfarrer Bachstein wurde am Mittwoch zum sechsten Male wegen Beschimpfung der katholischen Kirche prozessiert. Diesmal blieb der in den früheren Malen freigesprochene Divisionspfarrer in den durch eine reichsmilitärgerichtliche Rechtsauslegung des§ 166 des Strafgesetzbuches verdichteten Maschen hängen. Der Prozeß ist für den Drang der herrschenden Klasse nach Ver- folgung wirklicher Ueberzeugung und nach Schutz des elendesten Pharisäismus bezeichnend. Wir rekapitulieren den Gang dieser für ultramontane Toleranz bezeichnenden Haupt- und Staatsaktion. Der evangelische Divisionspfnrrer Bachstein, ein ehe- maliger katholischer Geistlicher aus Mindeu, hat sich nach An- ficht des Gerichtsherrn, der die Anklage erhoben hat, der Be- schimpfung der katholischen Kirche schuldig gemacht, und zwar wird diese Beschimpfung erblickt in einer Rede, die Bachstein am 19. Januar 1993 im Osnabrücker Zweigverein des Evangelischen Bundes gehalten hat. Das Thema lautete: „Ein Blick in die Seele deS Ultramontanismns". Wegen dieses Vortrages wurde Bachstein unter Anklage gestellt. Er sollte das Papsttum herabgesetzt und den Marienkult beschimpft haben. DaS Kriegsgericht der 13. Division sprach Bachstein von der ihm zur Last gelegten Anklage aber frei. Der Gerichtsherr legte jedoch gegen dieses freisprechende Urteil Berufung beim Obcrkriegsgericht des 7. Armeekorps ein. Doch auch dieses kam zu einem Freispruch. Das Obcrkriegsgericht hatte die in Betracht kommende Frage, ob das Tatbestands- merkmal der Oeffentlichkeit bei jener Versammlung in Osnabrück erfüllt gewesen sei, verneint. Gegen die Eni- scheidung des Oberkriegsgerichts legte der Gerichtsherr Revision beim zweiten Senat des Reichsmilitärgerichts ein. Das Reichs- Militärgericht hob das Urteil des Obcrkriegsgerichts auf und verwies die Sache zur anderweitigen Entscheidung an die Berufungsinstanz zurück, um zu prüfen, ob der Angeklagte nicht mit dem ciolus eventualis zu fassen sei. Dieser liege vor, wenn Bachstcin sich bewußt sein mußte, daß auch Katholiken ihm zuhören. Am 14. November 1903 sprach das Obcrkriegsgericht zu Münster abermals den Divisionspfarrer frei: wiewohl es dies- mal annahm» Oeffentlichkeit habe bei dem Vortrage ob- gewaltet. Das Reichsmilitärgcricht hob auch das freisprechende Er- kenntnis ans und setzte dem Oberkriegsgericht, an das das Urteil zurückgewiesen wurde, engere Grenzen für die Art seiner Beurteilung. Diese für das Oberkriegsgericht bindenden Normen sind schwerlich mit der Vorschrift vereinbar, daß das RevisionS- gericht lediglich Verletzung von Rechtsnormen zu Prüfen habe. Das Reichsmilitärgericht bezeichnet das Urteil des Oberkriegs- gcrichts als unvollständig, unklar und in sich widerspruchsvoll. Eine Beschimpfung im Sinne des§ 166 St.-G.-B. sei vorhanden, erstens wenn die Vorsätzlichkeit der Beschimpfung kundgegeben, zweitens wenn aus der Aeußcrung der beschimpfende Charakter sich kundgibt und drittens wenn einzelne bc- schimpfende Tatsachen und Ausdrücke in beschimpfender Form kundgegeben sind. Es ermangele hinsichtlich des Begriffes der„Beschimpfung" dem Urteile die Feststellung, daß der Angeklagte lediglich seine Aeußerungen aus der Bibel, den Psalmen und den Bekenntnisschriften entnommen habe. Es stehe dem Angeklagten nicht zn, Aensiernngen, die ans die Pharisäer und Sadnzäer angewendet wurden, auf die heutigen Religionen iu Anwendung zu bringe». Der Vortrag sei zu- dem außerhalb der Kirche gehalten worden, und manche Aeußerungen des Angeklagten könnten von der profanen Menge zweifellos als Beschimpfung aufgefaßt werden. D e r Angeklagte habe also das Bewußtsein der Beschimpfung haben müssen. Diese Erkcnntnisgründe bildeten die Grundlage der Vev Handlung, die am Mittwoch vor dem Oberkriegsgericht zu Münster stattfand. Der Angeklagte stellt sich wie in früheren Verhandlungen auf den Standpunkt, daß ihm erst während des Vortrages der Gedanke gekommen sei, es könnten auch Katholiken an wesend sein. Er habe deshalb, auf die Möglichkeit einer unerlaubten Anwesenheit eines Katholiken Rücksicht nehmend, betont, daß er nicht gegen Menschen spreche, daß er Menschen nicht hassen wolle und könne, sondern es handle sich bei dem Vortrags um einen Kampf gegen das System. Zunächst hat Bachstein die spanische Inquisition besprochen und dargetan, daß der heutige„Ultramontanismus als System nichts anderes sei als der Katholizismus de Ignatius von Loyola und des Konzils von Trient. Der „Ultramontanismus" sei keine besondere Richtung des Katho- lizismus, sondern dieser sei der volle„Ultramontanismus", der alle Glieder des Katholizismus mundtot machte und ächtete, die abseits ständen. Um diesen Katholizismus zu schildern, zog er Namen und Kreuz Christi, das Altars- sakrament mit den übrigen Sakramenten, Maria und die Heiligen, Priesterschaft, Bischoftum und Papsttum heran. Zur Verherrlichung des letzteren dient nach Bachsteins Ansicht alles. Durchaus fern habe ihm die Absicht oder das Bewußtsein einer Beschimpfung gelegen. Zu dieser nach Ansicht des Einberufers nichtöffentlichen Versanmilung hatte sich auch ein Vertreter der katholischen „Osnabrücker Volkszeitung" eingefunden und auf Grund des Berichtes dieses Herrn wurde überhaupt erst gegen Bachstein die Anklage erhoben. Der nach Behauptung des Angeklagten ein- seitig entstellte Bericht dieses Osnabrücker Zentrumsblattes gab die angeblich beleidigenden Aeußerungen über die katholische Kirche nämlich ausführlich wieder. So soll Bachstein die Messe einen Hokuspokus genannt, ferner sich verletzend über die Ver- Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi durch die katholischen Priester ausgesprochen habe. Auch über den in der katholischen Kirche noch herrschenden Wunderglauben hatte Bachstein spöttische Bemerkungen gemacht, durch die sich der Redakteur Fromm, wie er als Zeuge bekundete, empört und aufs tiefste verletzt gefühlt haben. Auch ein Redakteur Ludewig vom„Osnabrücker Tageblatt" bekundete als Zeuge, daß nach seiner Ansicht der Vortrag Katholiken habe verletzen müssen. Der Vertreter der Anklagebehörde beantragte, auf eine Woche Gefängnis zu erkennen. Das Urteil lautete auf das niedrigste Maß des in Z 166 St.-G.-B. auf 1 bis 1996 Tagen zugelassenen Strafmaßes, ans einen Tag Gefängnis. Das Gericht nahm an, es liege eine Beschimpfung des Papsttums in den Worten Klingklang, Mummenschanz usw. In den übrigen zur Anklage stehenden Punkten wurde keine Beschimpfung gefunden. Die niedrigste zulässige Strafe wurde damit begründet, daß der Angeklagte„infolge seines Glaubens- eifers und seiner Ueberzeugungstteue als Opfer eines Rechts- irrtunis dastehe"; über die Mindeststtafe sei auch im Hinblick auf das ihm von der vorgesetzten Behörde ausgestellte gute Führungszeugnis nicht hinauszugehen. Danach ist es also auch einem evangelischen Divisions- Pfarrer nicht gestattet, seiner Ueberzeugung Ausdruck zu geben. Insbesondere aber ist es, wie das Reichsmilitärgericht festsetzt, nicht gestattet, mit denselben Worten vermeintliche Gebrechen zu geißeln, die vor 1999 Jahren gegen Pharisäer und Saduzäer angewendet sind. Wie wacklig müssen die Grund- lagen einer Institution stehen, die eines solchen Schutzes bedarf, wie hohl muß der Glaube derer sein, die durch eine scharfe Kritik ihres Glaubens sich verletzt fühlen. Eine Gesellschaft, deren herrschende Klasse die Religion als Deckmantel für die Ausbeutung der arbeitenden Klasse benutzen will, muß zu der Absurdität gelangen, einen gläubigen Evangelischen zu bestrafen, weil er aus seiner Ueberzeugung darüber kein Hehl macht, was er von der katholischen Kirche, deren Anhänger er früher war, denkt. Läßt man all den juristischen Formelkram beiseite, nach dem das oberste Militärgericht seine Ueberzeugung von der Wirkung der katholischen Kirche und ihren Einrichtungen durch § 166 Str.-G.-B. umkleidet hat, so ist als unbewußtes Leit- motiv der Möglichkeit einer Verurteilung unschwer der Satz zu erkennen: Die Religion, gleichviel welcher Richtung, muß dem arbeitenden Volke als Knecht Ruprecht erhalten bleiben, deshalb ist strafbar, wer das Vertrauen zu Knecht Ruprechts Wnndersack irgendwie erschüttern könnte. Das nennt das Jahr 1996: Toleranz._ Bon welchen Zufallen manchmal das Schicksal eines Angeklagten abhängt, zeigt die weitere Entwickelung eines kürzlich von uns mit- geteilten Falles. Ein Arbeiter W e i n e r t in Charlottenburg war als Teilnehmer eines in Charlottenburg vorgekommenen Straßen- exzeffes wegen Körperverletzung vom dortigen Schöffengericht zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Er hatte gegen dieses Ilrtcil Berufung eingelegt. Am Verhandlungstage war er schon lange vor der Terminszeit an Gerichtsstelle und als sein Termin herannahte, holte er persönlich seinen Verteidiger aus dein Anwalts- zimmer herbei, um gar nichts zu versäumen. Als er zum Verhandlnngs- Zimmer zurückkehrte, hörte er zu seinem Schrecken, daß seine Be-� rnfung schon verworfen sei, da er bei Aufruf der Sache nicht an- wesend gclvescn. Die Änfklürmig des Verteidigers über die Such- läge war vergeblich: das Urteil war gesprochen und sollte bestehen bleiben. Nunmehr überreichte Rechtsanwalt Dr. Karl Liebknecht mehrere eidesstattliche Versicherungen, wonach der Angeklagte lange vor der Terminszeit schon vor dein TerminSzimmcr gewartet habe und beantragte die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand. Der Antrag wurde von der ersten Strafkammer des Landgerichts II abgelehnt. Auf die sofortige Beschwerde hat der erste Strafsenat des Kamniergcrichts dem Antrage statt- gegeben und die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand unter folgender Begründung beschlossen:..Der Angeklagte ivar im Gerichts- gebände zur Wahrnehmung des Termins anwesend und fehlte im entscheidenden Augenblicke im Gerichtszimmer nur deshalb, weil er feinen Verteidiger aus dem im gleichen Stockwerke be- findlichen ArnvaliSzimmer herbeiholen wollte. Er konnte erivarten, daß er entweder rechtzeitig wieder zurück sein werde oder daß, wenn der Aufruf vor seinem Wiedererschcinen erfolge, das Gericht, von den Zeugen unterrichtet, seine kurze Verspätung als genügend ent- schuldigt ansehen werde. Daß er sich in dieser Beziehung täuschte, ist als ein n n n b iv e n d b a r e r Zufall im Sinne des§ 44 Str.-Pr.-O. anzusehen." Wie wichtig dieser zu- treffende Beschluß dcSKaminergerichlS für den Angeklagten war, zeigt die Tatsache, daß in dem gestern vor der 1. Strafkannner des Landgerichts II aufs neue angesetzt gewesenen Termin die Strafe von sechs Monaten auf zwei Monate Gefängnis ermäßigt wurde.— Die Strafprozeßordnung hat in§ 370 die harte Vorschrift:„Ist bei dem Beginn der Hauptvcrhandlung weder der Angeklagte, noch in den Fällen, wo solches zulässig, ein Vertreter desselben erschienen und daZ Ausbleiben nicht genügend ent- schuldigt, so ist die Berufung... des Angeklagten... so» fort zu verwerfen." Bei dieser Vorschrift ist der Gesetzgeber sicherlich nicht von der Annahme ausgegangen, daß der Aufruf der Sache, den die Prozeßordnung als Beginn der Hauptvcrhandlung bezeichnet, so wie es in Berlin üblich geworden ist, außerordentlicl, unpünktlich, oft Stunden nach der Terniinstnnde, erfolgt, daß aber der Angeklagte zur Sekunde des Aufrufes auf dem Korridor harren solle. Die Zustände über Aufruf der Angeklagten und Zeugen sind auch in dem neuen Gerichtsgebäude durchaus ungeeignete. An- ordnungen sind möglich, durch die kurze Zeit vor dem eigentlichen Aufruf auf den baldigen Aufruf hingewiesen wird. Wenn der Justiziniuifter als einfacher Angeklagter oder Zeuge ein paar Mal in Moabit zu fungieren hätte, würde ihm die Notwendigkeit einer Aenderung des heutigen zeitvergeudenden, mehr als bureaukratischen Systems anschaulich werden. „Du mußt mein werden oder ich sterbe!" So endete fast jeder der Liebesbriefe, die der Reisende Franz Burg anter an die Frau Bäckermeister K. von Gera aus schrieb. Diese hatte mit ihm ehedem ein Liebesverhältnis unterhalten, hatte ihn aber ganz aus dem Gesichtskreis verloren, als sie in den heiligen Stand der Ehe gettetcn war. Da erhielt sie im Februar 1904 von ihm einen Brief aus Gera, in ivelchem er sich nach ihrem Befinden erkundigte. Die Antwort kantete, daß sie sich recht unglücklich fühle, da ihr Mann sie schlecht behandle. Dieses Bekenntnis schien Herrn Burganter sehr zu Herzen zn gehen, denn er drückte umgehend sein tiefstes Beileid aus. sprach von seiner einstigen Liebe zu der um fünf Jahre älteren Frau, versicherte, daß diese Liebe noch immer in seinem Herzen brenne und riet dringend, sich scheiden zu lassen. Er bc- gnügte sich mit diesem Rat aber nicht, sondern erschien eines Tages persönlich in der Wohnung des Bäckermeisters, wo er als Gast auch während der Nacht beherbergt wurde.„Auf Grund seiner persönlichen Wahrnehmungen" riet er der Frau Bäckermeisterin immer aufs neue, sich scheiden zu lassen und versprach ihr hoch und teuer, daß er sie heiraten werde.„Er könne die rohe Behandlung nicht mehr init an- sehen!" In diesem Gefühl nahm er bei seiner Abreise der Frau auch ihren Trauring ab, da es ihm einen Sttch ins Herz gebe, wenn er an ihrem Finger diesen Ring sehe, der ihr zur Sklavenkette geworden sei. Von der Heimat ans folgte nun Brief auf Brief mit der Ver- sichcrung, daß er sich erschießen würde, wenn sie nicht seine Frau würde. Dann kam aber ein sehr wehmutsvolles Schreiben. Er teilte der Frau K. darin mit, daß er ein unbeschreibliches Pech ge- habt habe: bei einer Bootfahrt habe er seinen Rock ausgezogen nnd dabei sei eine Brieftasche mit 6000 M. Inhalt aus der Tasche ge- rutscht und auf Nimmerwiedersehen im Wasser verschwunden. Er fragte an, ob sie ihm mit einem Sünimchen von 5—6000 M. aus grenzenloser Verlegenheit helfen könne. Die Frau Bäckermeisterin hatte inzwischen seinen Rat befolgt und nicht mir die Ehescheidungsklage gegen ihren Mann eingeleitet, sondern sich auch räumlich von ihm getrennt. Ihr ganzes Hab und Gut bestand aus einem Sparkassenbuch über 1000 Mark nebst Zinsen. Dieses schickte sie dem B., der ihr ja so fest versprochen hatte, sie zu heiraten. Dieser Liebesdienst wurde jedoch schlecht belohnt. Als allerlei dunkle Gerüchte der Frau K. zu Ohren kamen, wonach B. gar nicht ans Heiraten denken könne, da er bereits verheiratet sei, machte sie sich auf, um an Ort und Stelle sich selbst zu überzeugen. Und das Gerücht hatte nicht gelogen. Sie traf zwar nicht den Angellagten, der in einer Strafsache in Untersuchungshaft genommen worden war, wohl aber dessen kranke Ehefrau vor und freundete sich mit dieser so an, daß sie gleich auf einige Zeit sich bei dieser einquartierte und mit ihr ge- m e i n s a m wirtschaftete. Sie stellte alsdann fest, daß die rührsame Geschichte von der verlorenen Brieftasche eitel Dunst ge- wesen und B. sie mit seinem Eheversprechen nur genarrt hatte, um ihr das Geld abnehmen zu können. B. ist inzwischen nach Berlin übergesiedelt und hat der Betrogenen, die sich jetzt kümmer- lich als Plätterin durchschlage» muß. noch keinen Pfennig wiedergegeben. Das Schöffengericht hatte ihn wegen Be- truges mit Rücksicht auf die Gemeinheit seiner Handlungsweise zu 9 Monaten Gefängnis und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt. Die Berufung stamm er stellte gestern zwar denselben Tat- bestand wie die erste Instanz fest, hielt aber merkwürdigerweise eine Strafe von 5 Monaten Gefängnis für eine ausreichende Sühne gegen den Betrüger und Heiratsschwindler, da Frau K. als Ehefrau sich auch nicht einwandsfrei betragen habe. Versammlungen. Tie Gewerkschaft der Maler Berlins und Umgegend lLokal- organifation) hielt am 18. April bei Boeker, Weberstrahe 17, eine Versammlung ab, die als Hauptpunkt auf der Tagesordnung hatte: „War es nötig, daß der Zentralverbau d unter derartigen T a r i f b c d i n g u n g e n den Streik auf- gab?" W. B e r n d t als Referent verneinte die im Thema gestellte Frage entschieden.— In der sehr lebhaften Diskussion stimmten alle der Gewerkschaft angehörenden Redner dem Referenten zu, und auch zwei Mitglieder des Zcntralverbandes gaben ihrer Miß- stimmung über den Abschluß des Tarifs auf so lange Tauer und unter den bekannten Bedingungen Ausdruck, wobei sie die Verbands- leiter zuni Teil recht heftig angriffen.— U n g e r vom Zentral- vcrband, der erklärte, nur für sich und nicht für die Verwaltung zu sprechen, trat den verschiedenen Angriffen auf den Verband ent- gegen. Es wurde eine Resolution im Sinne des Referats gegen eine Stimme angenommen. Weitere Beschliiffe wurden zu der An- gclcgenheit nicht gefaßt. Die Maifeier soll wieder durch Arbeits- ruhe und durch eine Versammlung am Vormittag begangen werden. Lese- und Diskutierklub„Norden". Sitzung am Freitagabend 8'/, Uhr bei Korfs, Elisabethkirchstr. 18: Vortrag des Genossen M. Kirsch über:„Arbeits enilohrning!" Gäste willkommen. Sozialdemokratischer Lese- nnd Tiskntierklub„Vorwärts«. Heule. Freitagabend pünktlich 8>/, Uhr, bei Knötich, Htrtenstr. 10: Vortrag des Genossen H. Weise über:.Tie russische Nevolulidii und waS lehrt uns dieselbe? Bericht und Neuwahl des VorslandeS, Branchcuvcrcin der Bürste»- und Ptnsclmachcr. Am Montag, den 23. April, abends 8'/, Uhr, im G-n-erkschastshausc, Saal 3. Tage:- ordnung: 1. Regelung der Arbeitsvermiltclung. 2. Branchcnangclegcn- heiten, Verein der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins und Nmgcgciid.(Abteilung Südliche Vororte.) Freitag, den 20. April, abends 0,8 Uhr. im Lokale des Herrn Witte, Rixdors, Hermannstr. 213: Versammlung. Wichtige Tagesordnung. Gäste, durch Mitglieder ein- geführt, willkommen.,, Verein der Lehrlinge nnd ingendlichen Arbeiter Berlins und Umgegend, isonntag, den 22. April, nachmittags 0,2 Uhr, in den Anninhallcn, Berlin, Konmiandantciistr. 20: Generalversammlung. Sehr wichtige Tagesordnung. Mitgliedsbuch legitimiert. WMlcrnugoüderUitit»o«, 19. April 1900. morgr»»« IIh>. Slatlonen Swinemde. Hamburg Berlin> Franks a.M.Z47 München'745SW ÜB i eil 749 SW s=- « 5 ä f Wetter 750NO 749 NNO 747 NNO 6 Nebel 5 bedeckt 2 wolkig 2Regen 1 wolkig 1 bedeckt Ä II W.0 Stationen »= ö c ig e aparanda 7S2N cterSburg 757 RS Ecilly ilbtrdeen Paris 60 NNO 762 NW 747 ONO Weiter 2wolkcnl 4 Nebel 5 halb bd. 2 heiter 2 Regen d-S -- Ä Ii l£ —8 6 7 2 9 Süettcr-Progiioie für Freitag, den 20. April 190». etwas kübler, veränderlich, vorwiegend trübe mit Regensällen frischen nordöstlichen Winden. Berliner Wetterbureau. BSassersiand am 18. April Elbe bei Aiisstg ff- 1.26 Meter, Dresden—0,35 Meter, bei Magdeburg ff- 2,08 Meter.— Unstrnt gtrnnfefurt ff- 2,20 Meter.— Oder bei Ratibor ff- 2,24 Meter, Vi«»lau Oberpcgel ff- 5,19 Meter, bei Breslau Umerpegel— 0.42 Reter. bei Frankfurt ff- 4,10 Reter.— W e i ch i e l bei Brahcmünde ff- ,,76 Meier.— Warthe bei Posen ff- 0,94 Meter.— Netze bei Usch 0.00 Meter. und bei bei bei Berliner Marktpreise. SluS dem amtlichen Bericht der städtischen Marktballen-Direktioir Rindfleisch In 64— KS Pr 100 Psiuid. Ita 54—03, Ria 49—52, IVa 40— 48, engl, Bullen- 00—00, dän Bullen- 00—00, kioll Lullen- 00—00. Kalbfleisch. Doppelläuder 105—420, la 82—90, Ila 67— 80. lila 54—64 Hainmelfleiich la 60—70, IIa 54— 60. (tchlucinejlcilch 65—70. Kaninchen 0,30—0,40. Hühner, alle, Stück 1,00—1,70, alte per Psd 0,00, junge, per Stück 0,60—1,20. Tauben, junge 0,55—0,65, alte 0,00—0,00 Enten, junge, per Stück 1,80—2,50, per Psd, 00—00, rusj., gesr. per Stück 00—00 Gänse, junge, per Psd, 0,75—1,20, rusf. per Psd, 0,00—0.00, Hechte 86—104, Schleie 102—107, Bleie 54,00, groß 0,00, Aale, grob 100-103, mittel 98-103, Nein 62-63, unsortiert 80-84, Plötzen 32—40, Flundern, pomm, II, p. Schock 1,00—2,00, Kieler, Stiege la 4—7, do, mittel, per Kiste 3—4, do, klein, per Kiste 00—00, Bücklinge, schived. per Wall 0,00, norm, 3,00. Holland, 2,50, Kieler 1—3, engl, 0.00, Aale, groß, per Psd, 1,10-1,20, mittelgrotz 0,80-0,90, klein 0,50-0,60, Sprotten. Kieler. 2 Wall 0,00-0,00, Elb- per Kiste 0,00-0,00. Sardellen, t 902er, per Anker 74,00, 1904er 72,00, 1905er 70,00, Schottische Vollheringe 1905 00—09, lar�s 40-44, füll 36—38, med. 33-35, deutsche 37—44, Heringe, neue Matjes, per*/, Tonnen 60—120. Hummern, IIa, 100 Psd, ÖO— 00. Krebse, per Schock,' große 00—00, mittelgroße 0,00, kleine 0,00 bis 0,00, unsortiert 5,50. Eier, Land-, per Schock 00—00, frische 2,90—3,10. Butter per 100 Pfund, la 117, Ila 112-116, lila 109-111, ab. fallende 108—112. Saure Gurken, Schock 3—3,50 M., Pfeffergurken 3—3,50 M, Kartoffeln Per 100 Pid, magn. bon. 2,10—2,35, rote Daberiche 2,01—2,20, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl per S hock 0,00—00,01, Weißkohl per 100 Pfd. 4,50-5,50, Rotkohl per Schock 00—00, Holl, 16-24. Grünkohl, per 100 Psd, 12—15, Rüben, weiße 00—00, Teltower 00—00, Kohlrüben, per Schock 2,50—4,50. BMLTJI Teures Fleisch— billige Seefische!! Bester Fleischersatz, schmackhaft and dureb haben Nährwert sieb auszeiebnend! Riesenf ängeunserer Dampfer ermöglichen blBSigste Presse Ein Versuch mit diesen äuDersf schmackhaften Fischen ist jeder Hausfrau zu empfehlen Seefisch s Kochbücher gratis. Deutsche Dampffischefei-Gesellscliatl Jordsee" Filiale: Berlin C. 2, Balmhof Börse, Bogen 8—10. Zentral-Fernspreoher: Amt III No. 8304. Verkaufs-Niederlagen: Prinzenstraße 30 i Madaistraße 22 kam Moritzplatz'). 52-53 (im Schlesischen Bahnhof).|(der Kurzenstr. gegenüber) ffiit den Inhalt der Infernte iibcriiiiiimt die Nedaktio» de», Publikum gegenüber keinerlei Bcrautwortuug. Ubeater. Freitag, den 20. April. Anfang VI, Uhr: Opernhaus. Der Pfeisertag. Schnnspielhaiis. Wilhelm Tcll. Deutsches. Oedipus und die Sphinx. LÄestcu. Die vier Grobiane. Berliner. In der Sommerfrisch'n. NcueS. Ein Sommernachtstraum. Anfang 8 Uhr: Lessing. Kater Lampe. Schiller«».(Wallner-Theater.) Der Vogel im Käsig. Schiller(Friedrich Wilhelm» städlifches Theater). Ucber unsere Kraft.(II. Teil.) Komische Oper. Don Pasquale. Kleines. Hille Bobbe. Der Un- verschämte. Residenz. Der Prinzgemahl. «jentral. Die Fledermaus. Triaiion. Loulou. Lilstipielhans. Die von Hochsattel. Thalia. Hochparterre links. Luisen. Robert und Bertram. vlictropol. Aus ins Metropol. Walhalla. Geschlossen. Dentsch-AmerikaiitscheS. Er und Ich. Kasino. Die Herren Söhne. StpoNo. Das bummelnde Berlin. Spezialitäten. Carl Weih. Die Jagd ums Leben. Nolles Caprice. Der Schmock. Dalles u. Co. Spezialitäten. Wintergarten. Spezialitäien. Belle-Sllliance. Spezialitäten. »leichshallen. Stcttiner Sänger. Passage. Spezialitäten. Ilnuiin. Tanbenstrahe 48/49. Abends 8 Uhr: Aus dem Innern OstafrikaS. Stcrnivarte, Jnvalidenftr. 57/62. Fcrdinaiid liouns Berliner Theater. Abends 8 Uhr: Gastsp. d. Schlierseer Bauern-Ensembl. Conrad Dreher In der Zoinmerftislifn. Sonnabend: In der Lommertrizeb'n. Sonntag nachmittag 2ll, Uhr zu ermäßigten Preisen: In der Sommer frisch'n. Montag: In der Sommer- frisch'n. Heues Theater. Abends VI, Uhr: Sin Scintnemaohtstraum. Sonnabend: Caesar und Cleopatra. Sonntag: Ein Sommernachtstrauni. Kleines Theater. AbendZ 8 Uhr: Der Unverschämte. Hieraus: Rille Bobbe. Zu in Schluß: vis Soiiiangendome. Sonnabend: Der Unverschämte. Kille Qobbe. Die Schlangendainc._ (Station Zoologischer Garten) I4ant«traDv 12.' 912 Freitag: 23. Vorstellung im Frei« tags-Abonncinent: Die vier Grobiane. Sonnabend nachm. 3 Uhr kleine Preise: Aeimchen von Tharau. Abends l'l, Uhr: Schützenliesel. Joses König a. G. Sonntag nachm. 3 Uhr halbe Pr.: Die Kugonotton. Abends 7-/, Uhr: Die vier Grobiane. Montag: D e rZig en n er barorn Komisehe Oper. Freitag, den 20. April 1906, abends 8 Uhr: Don Pasquale. 'onnabcnd zum 100. Male: Hoffmanns Erzählungen.... lonnabcnd nachm. 3 Uhr ermäßigte Preise: Figaros Hochzeit Abends 8 Uhr: HoHmanns Erzählungen. Zentral=Theater. (Operette.) 8 Uhr: Landstreicher. Urania Abends 8 Uhr; Aus dem Innern Ostafrikas. Sternwarte ,nvallden- str. 57/62. Luisen-Theater. Abends 8 Uhr: Der Salontiroler. Sonntag nachm.: Der Kaufmann von Venedig. Abends: Der Salontlroler. Montag: Der Verschtvender. Lystspielhaus. Allabendlich 8 Uhr: Die von Hochsattel. Deutsch- Amerikanisch. Theater. Köpenickerstr. 67/68. Jeden Abend 8 Uhr: Ei® Ich Sonnt, nachm. 3 Uhr,halbePreise; Ueber'n großen Teich. Residenz-Theater. Oirektton: Riebard Hieran der. Heute zum 169. Male: Morgen und folgende Tage Ans. 8 Uhr Der Prinzgemahl. Sonntag. 22. April, nachm. 3 Uhr: Dia Höhle des Uveen. Dienstag, 24. April zum erstenmal: Liebesknnst. Komödie in 3 Akten v. Leon Zanros _ und Michel Gnrre. Apollo-Theater. Täglich 8 Uhr: Hsvirtücho von Tellheim. Musik von A. Ferren. Die glänzenden Spezialitäten und: Das liuinmelnde Berlin. Im 3. Bild: U matschlche. Sonntag, den 22. April, nachm. 3 Uhr: Familien-Borstclluitg. Erm. Preise! Benus auf Erden u. Spezialitäten. Metropol-Thester Anfang 8 Uhr. U- l's ftlrwll üiohe Jahresrevue mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Rauchen überall gestattet. M« V latyiur:». Folies Caprice |Biidapester Possen-Thealer j Linienstr., Ecke Friedrichstr. Dalles Sa Co. Vorher: jKomikerSciinitzel.! ■ Anf. SUhr. Kasse d. ganz. Togl I geöffnet. Vorvcrk.b. Wertheim s M WeiO- Theater. Kr. Fraiiksurlerstr. 132. Täglich abends 8 Uhr: Die Jagd«ms Leben. Sonnabend nachm. 4 Uhr Kinder- Vorstellung: Frau Holle. Sonntag im Garten: Speziali- tiiteu-Borstellniig. Anfang 4 Uhr. ! Passage-Theater. Ansang 8 Uhr. Das origiiiclleApnl-Programm. Fucie Könix Vortrags-Soubrette. Aark» Urezia, j Exceulrique. 4 Teddl- Trio Trampolin-Akt. I Ferner 14 neue Spezialitäten. � wwwwwwwwwwwwwwwwwmw �clilller- Schiller-Theater 0.(Wallncr-Theatcr). Freitag, abends 8 Uhr: Der Vogel!»» KUKg/. Schausp. in 5 Akten v. St. Großmann. Sonnabend, abends 8Uhr: Der IffUititrstaat. Sonntag, n a cki m. 3 Uhr: Die ülacht der Finsternis. Sonntag, abends 8 U h r: Der iflnitiirstaat. Theater. Soliiller-Thoafer N.(Friedr.-Wilh, Th.) Freitag, abends 8 U b r: Ueher nnsere DraPt.(2, Teil), Schauspiel in 4Ausz, von Björnstjenie Björnson. Sonnabend, abends 8 Uhr: Helden. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Zaptenstrclch. Sonntag, abends 8 Uhr: Heimat. Pf. pr. Pfd. 23 Gr. Schellfisch ZA im Anschnitt 30 Pf. Cahllau ohne Kopf.... im Anschnitt S5 Pf. Seelachs Ohne Kopf... im Anschnitt 25 Pf. Bratschellfisch Knurhähnchen Alle iitirigen Sollen Seeüsclie zu ligsten Tagespreisen, pf. so 3 Pfund SO Pf. Sraierei f riedriehshain früher Lipps(Oekonom; E. Niemann) am Königstor. Größter Konzertsaal Berlins. Heute Freitag/ II. Wiener WalzersAbend Sohatin Strauj!« Wien Dirigent der k. u. k. Österreich. Hofballmusik mit seiner gesamten Kapelle. 1 Anf. SUhr. Entree 50 Pf., Resenr. PI. IM., Numer.Tisch 1,25 H. Billetts im Vorverkauf bei Bote u. Bock, Wertheim, Leipzigerstraße, und in den mit Plakaten belegten Zigarrengesonäften, Nur noch wenige Tage! Zirkus Busch. Um 8»/, Uhr! KAM- Men! "7n dressierte ■" Fiskitrcn■*•' unter persönlicher Vorführung des Herrn Hag/enkcck. Herr Frnst 8cliiiniann Neudressuren und die vorzüglichsten Programmnummem. Zum Schluß zum 158. Male: Die neueste und gröSte Sehenswürdigkeit Berlins: � Indien. � Orig.-Pantom. d. Zirkus Busch. Besonders hervorzuheben; Eine TIgrerJagd. W. Noacks Theater. Dlrcftion: Roh. Dill. Briiniienstr. 16. Der Edelhof oder: Durch Kindesliebe versöhnt. Volksschauspiel in 4 Alt. v. A. Bölte. Slnsgng 8 Uhr. Entree 30 Ps. Sonnabend Extravorstellung: Ein gebrochenes Herz. Trödels Allerlei-Thealer Schönhauser Allee 148. Jeden Sonntag 4 Uhr: ysy' Gartcn-Konzcrt NWsA Theater, Spezialitäten Im Saale Extratanz. Gr. Tanzmusik. Bei ungünstigem Wetter Vorstellung im Saal. TORTAJADA Spanisebe Tänzerin Sängerin außerdem das Bemhanl Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstraße 58. Heule Freitag, den 29. April 1996: Abonnements- Vorstellung. Der Goldbaner. Original-Volksstück in drei Akten von Reislingen. Anfang 8 Uhr. Koffeneröffnung 7 Uhr. Billett-Vorverkaus von 19 bis 2 Uhr an der Theaterkasse. Hochseiisatione»! Belehrend! Wissenschaft und Verbrechen. Täglich wechselnde Projektfons- Vorträge aus der gerichtlichen Medizin in Karl Gabriels VolkssMuseum Friedrichstr. II 2a, am Dranienb. Tor I. Serie Mord- oder Selbs{iu«>r. April 1U06, abends S'/j Uhr, im Volkshanse, Ziosiiicnstraße 3: Theaier-Vorslelluog. Zur Aufführung gelangt: � Der Diberpelz. � Komödie in 4 Akten von Gerhart Hauptmann. Die Mitglieder werden gebeten, zur Vorstellung recht pünftlich zu er- scheinen. 292/2 Der Torstand. Gustav Behrens iziaiitäh Theater Frankfurter Allee 85. Das vorziigliehe ÄpFil-Programin! Neu! Neu! Die weibliche musikalische Riickkompagnie. Posse mit Gesang und Tanz. olosseum p ßS jgv Di-csdencrstr. 07. Größter Erfolg HHr* des neuen Tm Spezlalitllten-Progjr. Neueröffnet! Welt-Äusstellungs- Biograph-cst. loui») Theater lebender Photographien mit ahwechselnrt. Almortnitäten-Progr. Neu! Die Hungerleider. Neu! Soziales Bild aus dem Leben. Den ganzen Tag Vorstellung. Otto Pit«ltzkow9 Münzstraße 16. Möbel-Halle JJarrö �oldseltmidl Moritzplatz 59. Nicht zu vergleichen mit Abzahlungs-Geschäften welche auch Konfektion führen. 85L+ Lxtra-AdwiwWi verliehen gewesener = Möbel= wöchentliche oder monatliche iTeiSzahiung gestattet! p- Kein Abzahlungs-Waron- haus, sondern nur l8pezial SldbelgcschHft. Horltzplatz. Täglich in de» untere» Sälen DottZclialK'-Konzert. An allen Drten werden Verkaufsstellen errichtet. Avrtvetvr gosavlit. KöhlddöT KMi, Mäuuhkim. Damen-Konfektion direkt aus der Fabrik. Kein X»adcii. Nach beendeter Engros-Saisoh auch Einzelferkauf enorm Uebergangs- Paletots Havelocks Capes Jacketts Kostüme Kostüm-Röcke Mädchen- Paletots Robert Baumgarten, Hausvoigtei-Platz II, II. Etage (an der Jerusalemerstraße). Bei Vorzeigung dieses Inserats an der Kasse werden — 5 Proz. Rabatt vergütet.— Auch Sonntags geöffnet! Für Samen! Billigste Preise Direkt ans der Fabrik. Jetzt mich beendeter F.ng:ros-8aiHon wieder Finzelverkanrzn den bekannt billigen Preisen: MUmF kolossaler Auswahl 3.73,4,50,6,7-2011. ponnn in sämtlich. LiÜIIKö Längen S3/., 0'i-,?'/,-23 M. Mmänlel 6,50, 7,25, 8-22M. in 'blau, schwarz, diversen englischen Stoffen 3,50, 4.25, 5,50-20 M. Fahrilf Pol? Knrstr. 41/48 rdUhn! CUj Sonntags geiiffn. Vorzeig. dies. Annonce 50/0 Rah. 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Stand der Lohnbewegung. 3. Verbandsangelegen- heilen. 4. Stellung zur Maiseier. 5. Verschiedenes. 292/1 ES ist Pflicht aller Kollegen, zu erscheinen. Die Ortsverwaltnng. Verband des technischen Bühnen-Personals �. Sitz Berlin.===== Sonnabend, den 21. April, abends 11 Uhr, im Gciverkschaftshause, Engel-Nser 15: General-Bersammlung. Tagesordnung: eleg 3. Verbandsangelegenheiten. 2. I. Vorstandsbericht. �' ahei . Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwünscht crlcht der Delegierten vom BerbandSIag. 190/4 Der Vorstand. Vergoläsr! Filiale Berlin,» Montag, 83. April, abends präz.« Uhr, in den„Arminhallen«, Nommandantenstr. 80(gr. Saal): WtgUeäer-Verssmmlung TageS-Ordnung: 1. Bericht der Delegierten von der 6. Generalversammlung in Leipzig. 2. Abrechnung vom 1. Quartal 1906. 3. Verschiedenes. |a sammlung pünktlich zu erscheinen. 225/9_ Per Vorstand. Verband der an Holzbearheilungsmaschinen beschäftigt. Arbeiter Berlins und Umgegend. Freitag, den 20. April, abends S'/s Uhr: Aerkstattdetegiettenveriammluiig im Gewerksehnftshanse, Engel-Ufer 15, Saal 1. Die Tagesordnung wird in der Versammlung bekannt gemacht. In Anbetracht der Wichtigkeit der Versammlung ist jede Werkstatt verpflichtet, einen Delegierten zu senden. 75/9» Der Borstand. Zentralverband der Steinarbeiter Berlin I. Freitag, den 80. April, abends 8 Uhr. im»Englischen Garten«. Alexanderstrasje 87 e: Mitglieder-Versammlung TageS-Ordnung: 1. Maifeier. 2. Bericht vom VerbandStaae in Nürnberg. 3. Verschiedene». 172/12» Da« Erscheinen aller Kollegen ist Pflicht._ Die Orlsverwallung. Deutscher Hol zarbeiter-Verband. Heut« Freitag, abcndS 8'L Uhr, im Gcwerkschaftshanse, Engel-User 15: Sitzung den O�tsverwaliung. Urania- Vorstellung tag, den 83. April, 10 Uhr, findet eine Am Sonnta; vormittags siait.„Am Golf von Neapel« wird gegeben. BC Billetts sind auf dem Bureau zu haben.-WM> Die OrtsverwnUnng, Et Versammlung Freitag, den 20. April 1906, abends S'/s Uhr, im Gewerkschaftshause(Saal 7), Engel-Ufer 15: der Sektion der klieseulege� des Maurerverbandes. TageS-Ordnung: 1. Besprechung betreffs der Bunzlauer Karte. 2. Stellungnahme zum 1. Mai. 3. Gewerkschaftliches. 4. Verschiedenes. ———— Mitgliedsbuch legitimiert.——— Wegen der Wichtigkeit der beiden ersten Punkte der Tagesordnung ist das Erscheinen sämtlicher Kollegen notwendig. NB. 143/3» Zum 1. Punkt der Tagesordnung ist der Vorstand der Freie» Vereinigung der Fliesenleger hiermit öffentlich eingeladen. �_ Der Sektionsvorstand. I. A.: Hermann P u f a h l. Zentraberband der Maurer Oentsehiands. Zweigverein Berlin. Sektion der Gips- und Zement-Branche. Freitag, den 20. April 1906, abends S'/a Uhr. im Gewerkschaftshause, Engel- Ufer Nr. 15(groffer Saal): Z5 General-Bersammlung. 3k TageS-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Ad. St&riner Über den politischen Massenstreik. 2. Diskussion. 3. Stellung- nähme zum 1. Mai. 4. Abrechnung vom ersten Quartal 1906. 5. Verschiedenes. 143/3» DM" In Anbetracht der wichtigen und interessanten Tagesordnung ist es Pflicht eines jeden Kollegen, tn dieser Versammlung zu erscheinen."Wl Mitgliedsbuch legitimiert. Der Scktlonsrorstand. Bureau: Berlin C. 54, Dragonerstr. 15, Hos I. Fernsprecher: Amt III Rr. 5088 Sonntag, den 22. April, vormittags 10 Uhr, in den Jndustriesälen, Beuthstr. SO: General-Bersammlung des Vereins der Zimmerer Berlins und Umgegend. TageS-Ordnung: 1. Abrechnung vom ersten Quartal 1906. 2. Vereinsangelegenheiten. 3. Bericht. erstattung vom siebenten Kongreß. 4. Verschiedenes. 171/13 Mitgliedsbuch ist vorzuzeigen._ Der Vorstand. I. A.:»Ideet tuppsniatr. Achtung! Hauschlosser! Acht«««: Seit Freitag, den 6. April früh stehen die Kollegen in SS Werkstätte» im Streik. Die übrigen in Betracht kommenden Firmen haben bewilligt, darunter auch eine Anzahl Jnnungsfirmen. Bon Montag, den 0. April ab, dürfen sämtliche Bauschlosser nur noch mit Berechtigungskarten arbeiten, diese sind Sonnabend, den 7. April den Vertrauensleuten ausgehändigt.— Die Bauarbeiter ersuchen wir, uns dadurch zu unterstützen, dah ste die auf die Bauten kommenden Schlosser nach den Arbeitsberechtigungskarten fragen. Jeder Schloffer ohne Karte ist als Arbeitswilliger zu betrachten. Des weiteren' machen wir alle Banschlosser darauf aufmerksam, datz ohne Zustimmung des Streikkomitees nirgends die Arbeit niedergelegt werden darf. 117/1 Las Lirsikkomilss. Cohen. „Berliner Irbeiter- Radfahrer-Verein 44 Mitglied dcS Arbeiter- Radsahrer-BundeS „Solidarität«. 1'ouren zum Eonntag, den 22. April. 8. Abteilung Besuch der Arbeiter- WohIsahrtSaussiellung, Charlotten- bürg, Frauenhoierstr. 11/12. Start pünktlich l Uhr Urban- und Tempel« berrenstragcn-Eckc. Z. Abteilung früh 7 Uhr nach Saudhausen. Nachmittags 1 Uhr nach Stolpe(Bergemann). Start Mariaiinenpark. 5. Slbtetluug Irüh 7 Uhr nach Zernsdorf(Änorr). Nachmittags VI, Uhr nach Grünau(Karolinen- Hof),«lart Elystuni. «. Abteilung früh 5>/, Uhr nach Freieuwalde. Nachm. l'l, Uhr nach Köpenick(Pserdebucht). Slart Oderbergerstrasje 30. 7. Abteilung nachm. I1/, Uhr nach Hirschgartcn. Start KöS- liner Hof. 8. Abteilung früh 7 Uhr nach Siebeuwalde(Gleinert). Nachm. L Uhr nach Schönlvalde(Schulz). Start Ttcsaiiplatz. 0. Abteilung nachm. 1'/, Uhr lach ckarlshorft(Waldschänke). 4. Abteilung. Am Somlabeiid, >e» 28. April, i» den gesamten fummci, de« E l y s i u m S, Laiws- lcrger Allee 40: Groches Früh- ahrö-Bergniige». Die werten »nndeSgenossen werden hierzu er- cbenst eingeladen. 12/9 Orts-Kraukenkasse für daS Goldsctimiedegewerbe an Berlin. ________, den 88. d. abend« 8 Uhr, Gewcrksclinftshan Engel-User 15, Saal 5: M., Tages-Ordnung: 1. Jahresbericht der flievisorcu. jung über Anstellung der wmlen. 5. Verschiedenes. • Bitte pünktlich zn erscheinen. Der Vorstand. 17. IPinnlno 50, 30 SÄ., schön, bis 7, Harmonium cveul. Teil- deutsche |tetallarheiter-�en)erksehaft Terwaltnngsstelle Berlin. Bureau u. Arbellenachweis Rosenthalerstr. 57(2. Eingang: Gormannstr. 28). Geöffnet von 9'/,— 2 und 4—8 Uhr._ Telephon: Hl, Nr. 1296. Tonntag, den»8. April, vormittags 10 Uhr. im Lokal Wohlfahrt, Rosenthalerstraße 57(Hof): Allgemeine Versammlung äer Rokrleger und Helfer, TageS-Ordnung: 1. Bericht vom 7. Kongreß der Freien Vereinigung deuffcher Gewerkt schalten und von der IN. Konferenz der Metallarbeiter. 2. Unsere Stellung zum 1. Mai. 3. Neuwahl der AgitaUonSkommisston. Zahlreiches Erscheine» erwartet Die Vranehenkommission. Sonntag, den 80. April, vormittags 10 Uhr, Danbcnstr. 48/48: - Upania-Vorstellung.- Am Golf von Neapel. BillettS a 70 Pf., einschließlich Garderobe, sind noch in unserem Bureau erhältlich. 280/19 Die Orisvcrwaltang. «W m r Orisvcrwaltang Berlin. Sonntag, 88. April, vormittags 10 klhr, bei Ueind, Weinstr. 11: = Versammlung.= Tagesordnung: 1. Kassenbericht vom l. Quartal l90v. L. GeschöstS- bericht de» Vorstandes. 3. Bcschlusffaffung über unser diesjähriges StistungS- fest. 4. Verbandsangelegenheiten. 54/10 Der Vorstand. Verband w baugev/erbl. Hiilfsarbeiter Deutscbl. Sektion der Brunnenbauer und Hiilfsarbeiter. Sonntag, den 22. April 1906, vonniitag« 10 Uhr, im Lokal von A u g u st l n, Oranlenstrasie l03: 11 SektionS- Berfnmmlnng.> Sektion der Baeketen-Baubliifsarbeiter. SvNNlag, den 22. April 1906, vormittags 10 Uhr, im Lokal von A U g U st i n, Oranlcnstrasie 103: »»»»»»»»»'� Sektions- Bersammlnng. Sektion der!(unstsandsteinarbeiter. Sonntag, den 22. Zlpril 1906, nachmittags 3 Uhr im GewerlschaftShaut, Engel-User 15, Saal 7: � Sektions- Versammlung.> Tagesordnung wird in de» Versammlungen bekannt gemacht. 34/4 Zahlreiche» Evfchcincu erwartet Der ZwcigvereiiiS Vorstand. Allen Freunden und Bckannien l die traurige Nachricht, dah am' 18. d. M. mein lieber Mann, unser j guter Vater, Sohn, Schwieger- söhn, Bruder und Schwager Triton Kopiin im Krankenhause Westend nach■ schwerem Leiden sanft cntschiafcn ist.> Die Beerdigung findet Sonn- abeich, den 21. Llpril, nachmittags I 3 Uhr, von der Leichenhalle des i St. Hedwigs-KirchhofeS in West- r Reinickendorf, Berltnerftrasze, aus i statt. 9238 j Unise üvpiin, nebst Kmd.- iltein der Zifflinerer Beriiiis und Umgegend. Todes- Anzeige. Am Mittwoch, den 18. d. M.! früh, verstarb unser langjähriges braves Mitglied Triton Kopiin Ehren (Zahlstelle Moabit). Wir werden semer stets in gedenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 21. d. SB., nach. mittags 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Hedwig?-Kirchhofes, Neinickendorf-West(Chmissce nach Dalldorf) au? statt. Um rege Beteiligung ersucht 257/12 Der Vorstand. Zentral-Verband der Zimmerer Deutschlands. Zahlstelle Berlin u. Umgegend. (Bezirk 12.) Allen Kameraden hiermit zur Nachricht, daß unser Mitglied poul Menbeft verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet heute nachmittag 4 Uhr von der Leichen- Halle des Bartholomäus- Kirch- Hofe« in Weihensee, Falken- bcrgerstrahe, aus statt. Um rege Beteiligung bittet 254/8 Der vorstand. k Zegy-Men-ylerbetoe! der Zimmerer. (E. H. Nr. 2, Hamburg.) j Den Mitgliedern zur Nachricht, i datz daS Mitglied der Kasse, der) Zimmerer Paul Neubert, Marienburgerstr. 81. wohnhaft,| am 16. d. M. verstorben Ist. fj Die Beerdigung findet am j Freitag, den 20. d. M., nach- mittag» 1 Uhr, von der Leichen- balle dcS BartholomäuS-Kirch- boseS w Weitzensce, Falkeobergcr I Th auffee, aus statt. Um recht rege BeteUiglMg er- sucht 289/8 1 Der Borstand. ferein Berliner Hausdiener. Dodes'Anzetgc. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Kollege (iustsv VVeinkoId, Reue Schönhauserstr. 14, verstorben ist. Ehre seinem Andenken k Di« Beerdigung findet am Freitag, den 20. April, nachmittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle de? Sophten-KtrchhojeS, Freienwalderstratze, au» statt. Zahlreiche Beteiligung erwartet 12701) Der Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Yerband. Den Mitglledern zur Nachricht, datz der Kollege, Tlschlor Max Groß am 14. April verstorben Ist und j am 18. SIPril zur letzten Ruhe gc- bettet wurde. Ehre seinem Andenken 1 84/5 Die Ortsverwallung. Zillen Verwandle», Freundinnen i und Bekannten zur tiamigeu j Nachricht, datz meine Irene Braut, i unsere liebe Tochter, Schwester I und Schwägerin t�nna Pick heute sanft entschlascn ist. Dies zeigen tiefbctrübt an Oberschöneweide, den 18. 4. 06. Hie trauernden ttinlvrbiiedensn Familie Fick. Allbert Hähne. Die Beerdigung sind ei Sonn- abend 5 Uhr von der Leichenhalle Oberfchöneweide au? statt. 9222 Danksagung. Für die Teilnahme bei der Bc- erdigung meine? ManncS sage ich allen Verwandten, Freunden, Kollegen, insbesondere dem Zcntralverband der Töpfer meinen innigsten Dank. l282b geb. Hönisch. Marie Beyer Inseratenteil verantw.: Th. Glockch Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckeret u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Nr. 9!. 33. Jahrgang. 3. ßcilnjt des LmSrls" Sttlinet JolWlntl Frtttl»s,29.ApckM6. partei-Hngelcgenbeitcn. Ober- Schöneweide. Am Sonntag, den 22. April, morgens 8Va Uhr, wird von den bekannten Lokalen aus eine Flugblatt- Verbreitung unternommen. Einen Tag darauf, Montag, den 23. d. M., abends 8Vs Uhr, wird Genosse Adolf Stern in einer in Wilhelminen- hos tagenden öffentlichen Versammlung über:„Gibt es einen Gott" referieren. Wir ersuchen die Genossinnen und Genossen, sich an beiden Veranstaltungen recht rege zu beteiligen. Der Vorstand. Köpenick. Sonntagvormittag werden hier am Ort unter Leitung de? Herrn Ingenieurs Flexner die städtischen Wasserwerke und Kanalisationsanlagen besichtigt. Parteigenossen, welche sich daran beteiligen wollen, müssen sich Sonntag früh 8'/4 Uhr in der Linden- straße am Heuplatz einfinden. Der Borstand. Friedrichshagen. Morgen abend 9 Uhr findet im Saale von Petznick, Friedrichstt. 114. die Versammlung des Wahlvereins statt. Aufier der sonst wichtigen Tagesordnung steht ein Bortrag des Genossen Wach über:„Der Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" auf der Tagesordnung. Zahlreiches Erscheinen erwünscht. Der Borstand. £3 Alt- Glienicke. Die Mitgliederversammlung des Wahlvereins findet am Sonnabend, den 21. d. M., abends 3 Uhr, bei Satz statt. Der wichtigen Tagesordnung wegen ist es Pflicht aller Mitglieder zu erscheinen. Der Vorstand. Kerlmer I�acbricdten. WaS fehlt in Berlin? In keiner Stadt platzen die Gegensätze so aufeinander, wie in Berlin; Massenelend und Massenreichtum sind ja das Signum unserer gesellschaftlichen Zustände und diese treten in der Großstadt am augenfälligsten in die Erscheinung. Um das Großstadtelend kennen zu lernen, braucht man gar nicht einmal in die Stätten des Elends, in die Asyle zu gehen oder sich in die trockenen Zahlen des Berliner Armenetats zu der- senken, man bekommt schon einen kleinen Begriff davon, wenn man sich in das Straßenbild vertteft, das sich uns in den Arbeitervierteln des Ostens und Nordens darbietet. Man sehe sich die ausgemergelten Gestalten an, die da mittags oder nach Feierabend die Fabriken verlassen und heimwärts streben und ziehe dann einen Vergleich mit dem Straßenbild, das sich im Westen abspiegelt; wie dort die Dame der Gesellschaft in feinster Toilette und elegante bestackte Herren der Finanzaristokratic ihre Morgen- ausfahrt unternehmen oder die Amme die jungen Sprößlinge der Hautevolee nach dem Tiergarten spazieren führt. Schon in diesen rein äußerlichen Verschiedenheiten kommt der Gegen- satz kraß zum Ausdruck. Daß infolge dieses Gegensatzes auch die Anschauungen über unsere heuttgen Zustände verschiedene, ja direkt diametral gegenüberstehende sind, ist nur selbst- verständlich. Natürlich kommen die gesellschaftlichen Gegensätze weit mehr in der Lebenshaltung der verschiedenen Klassen der Be- völkerung zum Ausdruck. Während in der Arbeiterbevölkcrung ständig Schmalhans Küchenmeister ist und infolge einer der- kehrten Wirtschaftspolitik der Hungerriemen noch enger gezogen werden muß, herrscht dort, in Berlin W., Wohlleben und Ueberfluß. Dort kennt man keine Nahrungssorgen, noch braucht man sich zu sorgen, wo alles herkommt. Man der- folgt genau den Stand der Aktten und macht sich höchstens Tolletten- oder Vergnügungssorgen und diese sind durchaus keine leichten. So wird letzt beispielsweise in der „besseren Gesellschaft" die Frage erörtert, wie es möglich ist, das gesellschaftliche Leben Berlins zu verfeinern. Der „Lokalanzeiger" hat gefunden, daß diesem Bedürfnis irgendwie abgeholfen werden müsse und hat sich deshalb an eine Anzahl „maßgebender" Persönlichkeiten gewendet mit der Frage: Warum Berlin keinen Korso hat: Gewiß, eine weltbewegende Frage I Natürlich fehlt Berlin ein Korso. Was sich andere Großstädte des Auslandes leisten können, kann Berlin auch. Warum da zurückstehen l Nun ist zwar in Berlin der Versuch zur Einführung eines Korso gemacht worden, ohne aber zu einer dauernden Einrichtung zu werden. Das ist entschieden ein Mißstand, dem abgeholfen werden muß. Wie dies zu ge- schehen hat, darauf geben die Antworten, die der„Lokalanzeiger" von den verschiedenen sachverständigen Persönlichkeiten erhalten hat, Auskunft. Diese Auskünfte über die der Arbeiterschaft ganz gleichgülttgen Fragen lassen einen Einblick in das ganze Milieu der besitzenden Klasse tun, daß es sich wohl verlohnt, einige Aeußerungen auch in unserem Blatte wiederzugeben. Ein Herr v. Kuhlmann, Kanzler des deutschen Sport- Vereins meint, daß die bisherigen Korsoversuche mißlungen seien, weil es in Berlin an einer geeigneten Korso st raße fehle. Dafür könne nur der Tiergarten in Frage kommen. Die„Große-Stern-Reit-Allee" ließe sich zu diesem Zweck her- richten und dürften die Mittel ohne wesentliche Schwierigkeiten aufzubringen sein. Die Korsostraße müßte so angelegt sein. daß eine zeitweilige Absperrung durch Drahtgitter für besondere Veranstaltungen wie Korsofcste, Älumerkorsos möglich wäre. Im übrigen solle die Korsostraße eine öffent- liche Anlage sein, jedoch für Lastwagen, Geschäftsfuhrwerke. Leichenwagen usw. sowie für numerierte Droschken ge- sperrt sein. In dieser Korsostraße soll die st i l v o l l z u- sammenge st ellte Equipage, deren Pferde in lang- samem Tempo elegant treten, die Augenweide für Kenner und Laien bilden. Hier sollen auch die Insassen sich in vorteil- haftem Licht präsentieren und die Toiletten zur Geltung kommen. Der Vorsitzende des kaiserlichen Automobilklubs, Graf Telleyrand-PSrigord meint: „In einer Grotzstadt wie Berlin mutz es Ort und Stunde aeben, wo die einheimische Gesellschaft spazieren fährt und der Fremde Gelegenheit hat, den Hof und die hervorragenden Persönlichkeiten zu erblicken. Die Berliner scheinen den Begriff„angenehm Flanieren" nicht zu kennen. Manche behaupten, datz Berlin keine Zeit zum Bummeln hätte. Sollten die Herren, die an jedem Nach- mittag s o viel Zeit zum Pikettspiel haben, nicht auch eine Stunde im Tiergarten Luft schöpfen können? Ein Korso würde erziehend wirken, nicht nur auf den Fahrsport, sondern auch auf die Art des Anziehens der Herren. In Berlin vernachlässigt man seine Kleidung. Man sagt sich: es sieht mich doch niemand, die zweite Garnitur macht eS auch. Auch den Damen der Gesellschaft mutz Gelegenheit geboten werden, sich in geschmackvollem Aufzuge öffentlich zu zeigen und beim Publikum jene Popularität zu erlangen, wie sie manchen Damen in London und Wien zugefallen ist. Sollen die Korsofahrten mit Erfolg wieder aufgenommen werden, so wäre neben der Be- teiligung des Hofes die des Offizierkorps sehr erwünscht. Dieses war zu spärlich vertteten. Was die Platzfrage betrifft, so halte ich— bevor man etwas Besseres findet— die Siegesallee für geeignet, vorausgesetzt, datz sie sich absperren läht. Der Korso sollte zunächst einmal in der Woche, später zweimal stattfinden. Die S trotze mutz besprengt werden, jedoch nicht so, datz die Damentoiletten ruiniert werden. Die Zeit des Korsos wäre anfangs 21/3— nachmittags, in wärmerer Jahreszeit 6—7'/,. An jedem Korsotage sollte der D. Sport-B. das beste Herrschaft- liche Ensembel, die beste Mietsequipage und den elegantesten Reiter prämiieren." Und so geht es weiter. Der Kammerherr Graf Alvens- leben-Neugattersleben— man verzeihe den langen Namen, aber wir sind unschuldig daran— spricht sich ähnlich aus. Der Reitweg vom Großen Stern schräg nach der Tiergarten- straße würde sich seiner Meinung nach gut eignen. Wünschens- wert wäre es, auch Musikorchester an gewissen Tagen spielen zu lassen. Wenn man das erreichen könnte, daß an diesen Stellen auch Cafohäuser im Tiergarten erbaut werden dürften, so würde sich das Interesse des gehenden Publikums und damit auch des sehenden Publikums für das zu sehende Publikum erhöhen. Jn bezug auf die Zeit hält er die Stunden zwischen 3—4 nachmittags oder 6—7 Uhr abends für die geeignetste! Sogar Kunst kreise sind beauftragt worden. Proffessor Eberlein meint: „Bor allem wäre es notwendig, eine Korsogesellschaft in den höchsten und besten Kreisen ins Leben zu rufen, die. ohne stets den höchsten Prunk zu entfalten und die kleineren Teilnehmer dadurch zu demütigen, einfach um die bestimmte Zeit Korso führen. Eine Korsofahrt mutz aber auch einen geistigen, vornehmen Mittelpunkt haben. Im Tiergarten, weit drautzen müssen ein oder mehrere luxuriöse Restaurants und feine Cafäs errichtet werden, an denen die Wagen zwanglos halten können, wo eine vorzügliche Militärkapelle ohne Entree ihre Weisen ertönen lätzt, die Damen Erftischungen einnehmen und mit den Kavalieren plaudern können, wo ein heiterer Sitzwechsel der Equipagen vorgenommen werden kann, gesellschaftliche interessante Ereignisse zur Sprache gebracht werden. Rendezvous ausgemacht und Bekanntschaften geknüpft werden. An diesen fehlenden, das gesellschaftliche Leben erhöhenden und verfeinernden Bedingungen sind wohl die bisherigen Korso-Unter- nehmungen gescheitert." In ähnlichem Tone sind auch die übrigen Antworten ge- halten. Wenn nunmehr unsere Leser nicht überzeugt davon sind, was Berlin fehlt, so können wir ihnen nicht helfen. Sie wollen sich mit uns trösten! Merkwürdige Stellenvermittler. Die Praktiken einzelner der sogenannten ReinigungS- i n st i t u t e find früher im„Vorwärts" mehrfach beleuchtet worden. Als Reimgungsinstitnte bezeichnen sich gewisse VermittelungS- bureauS, die AuKhülfspersonal besorgen, das! für gelegentliche Arbeit in der Hauswirtschaft gebraucht wird. Sie haben keine Dienstmädchen auf Lager, sondern nur Reinmacheftauen, Ausbesse- rinnen, Plätterinnen, Teppichklopfer, Stubenbohner usw. Sie halten solches Personal für„Herrschasten" bereit, mn es auf ein- zelne Tage gegen Entgelt zur Verfügung zu stellen. Man möchte diese VermittelungsbureauS als bloße Hau?» perfonal-Verleihinstitute betrachten; denn tm« eine Stellenvermittelung im gewöhnlichen Sinne des Wortes sieht ihr Geschäftsbetrieb nickt aus. Sie geben, wie gesagt, sich nicht damit ab, oen„Herrschaften" Personal für dauernde Beschäftigung zu liefern oder dem Personal„Herrschasten" zu dauernder Stellung nachzuweisen. Sie werden sich bestens hüten, das zu tun; in diesem Falle hätten sie ja nur eine einmalige Vermittelungsgebühr zu be- anspruchen und wären dann das profitbringende Objekt loS. Tat- sächlich beschränken sie sich auf das lohnende Geschäft, ihr AushülsS- personal bald hierhin bald dorthin zu dirigieren, so daß man wirk- ltch von einem„Verleihen" sprechen kann. Bei diesem Verfahren ziehen sie von den„Herrschasten" einen bestimmten Betrag für daS dargeliehene Personal ein und zahlen dem Personal einen bestimmten Betrag für die geleistete Arbeit aus �— natürlich einen geringeren Betrag, als die „Herrschaften" entrichtet haben. Wir haben früher nachgewiesen, datz da manchmal eine Reinmachefrau nur 1 M. aus- gezahlt erhält, während den„Herrschaften" 1,76 M. abgefordert werden. Die Differenz wird von dem Herrn„Direktor"— diesen Titel legen sich manche Inhaber solcher ReinigungÄnstitute auS eigener Machtvollkommenheit bei— für feine„Unkosten und Be- mühungen" eingesteckt. Es liegt nahe, datz gegenüber einem so hohen Prosit Personal und„Herrschaften" auf den Gedanken kommen können, gemeinsame Sache gegen den Herrn„Direktor" zu machen und bei späterer Ge- legenheit das Arbeitsverhältnis ohne seine freundliche Mitwirkung zu erneuern. Um dem vorzubeugen, haben einzelne Reinigungs- institute die„Herrschaften" wie das Personal damit zu schrecken ge- sucht, daß sie jede Weiterbeschäftigung, die etwa unter Umgehung des Instituts verabredet wurde, als strafbaren Betrug hinstellten und gerichtliche Verfolgung androhten. Und da- mit dieser Dreistigkeit der Schein des Rechtes gegeben wurde, be- zeichneten sie die ausgeliehenen Reinmachefrauen, Waschfrauen usw. kurzerhand als„Angestellte" ihres Instituts, obwohl diese Frauen von ihnen in der Regel nicht Wochenlohn kriegten, sondern nur für den Tag bezahlt wurden, an dem sie sie ausliehen. Nun sind in der letzten Zeit Zweifel darüber entstanden, lver da als der eigentliche Arbeitgeber anzusehen sei und dementsprechend zu„kleben" habe, der Herr„Direktor" oder die geehrten„Herr- schaften". Die Versicherungsanstalt hielt die„Direktoren" für klebepflichtig. Aber das paßte den Herren„Direktoren" natürlich nicht in ihre Rechnung hinein, und einer wehrte sich dagegen. Der Streit wurde durch mehrere Instanzen getrieben, und schließlich hat das Reichsversicherungsamt entschieden, datz der Herr„Direktor" nur Stellenvermittler sei und datz somit die„Herr- schaften" zu kleben haben. Wir kennen nicht den„Direktor", um den es sich hier handelt, und wissen daher nicht, welche Praktiken e»»übt. Aber das wissen wir, datz es Reinigungsinstttute gibt, deren Inhaber sich— mindestens gegenüber ihrer Kundsöhaft— sehr entschieden dagegen verwahren werden, daß sie nur Stellen- vermittler seien. Gewitz, diese Reinigungsinstitute sind, genau genommen, Wohl alle nichts anderes als Stellenvermittelungsbureaus. Aber wenn ihre Inhaber sämtlich das offen zugehen wollten, so würde wahr» scheinlich manchem von ihnen der Profit bald nicht mehr so reichlich zufließen wie bisher. Die Redensarten von„Betrug" können nicht mehr verfangen, wenn jedermann weitz, datz es sich um blotze Stellenvermittelung handelt. Welcher „Stellenvermittler" könnte denn eine Reinmacheftau, eine Wasch- 'rau usw. daran hindern, sich künftig ohne ihn nach Arbeit umzn- chauen und sie eventuell auch bei einer„Herrschast" zu suchen, die ie einmal durch ihn kennen gelernt hat? Doch es gibt Geschäftskenner, die in keiner Lage ratlos sind. Vor uns liegt eine gedruckte Karte, die von einem Reinigungsinstitut den„Herrschaften" überreicht wird, wenn sie Personal haben wollen. Da hat der Besteller sich durch Unterschrift zu verpflichten, eine „Konventionalstrafe von 20 M." zu zahlen, falls er„das Personal eigenmächtig wegengagiert". Nicht wahr, dem kann k e i n e r l Ob aber auch dieser Wann sich als Stelleu- vermittler betrachtet und die Klebepflicht ablehnt? Das wäre ja ein merkwürdiger„Stellenvermittler",, der„Konventionalstrafe" fordert, falls man„wegengagiert". Der Mann spricht übrigens von seinem„fest angestellten" Per- sonal, das er den„Herrschaften" senden wolle. Es handelt sich um daS Institut von A. Preutz, Kottbuser Ufer 47s. Wie mag Herr Preuh es mit der Lohnzahlung für sein„fest angestelltes" Personal halten?_ Die Denkmäler der Oranirr sollen in einer Größe von 2'/, Meter vor dem königlichen Schloß zur Ausstellung gelangen. Die Ausführung soll im Gegensatz zu den Denkmälern in der Sieges-Allee in Bronze erfolgen. Bei dieser Ausführung soll darauf Wert gelegt werden, daß all die malerische Pracht in der Kleidung, wie sie jenen Tagen zu eigen war, durch die Hand de« Ziseleurs zum Ausdruck gelange. Die Stickereien an den Röcken, die Ziselierungen an den Waffen und Harnischen sollen getreulich nach- gebildet und so dem Bronzegutz ein künstlerischer Reichtum gegeben werden. Den fünf mir den Arbeiten betrauten Künstlern, den Bild- Hauern Brütt, Haverkamp, Schott, Wolff und Bauke hatte der Kaiser bereits im März einen eingehenden Vortrag über die Rüstung und ihre geschichtliche Entwickelung geyalten. Bis zum 1. November sollen die Künstler ihre Arbeiten vollendet haben, so datz im nächsten Frühjahre die gesamte Anlage enthüllt werden kann. Jeden- falls bekommen wir nun im Lustgarten eine zweite Sieges-Allee. Feiertagsverkehr auf der Stadtbahn. Während des diesjährige» Osterfestes erreichte der Personenverkehr auf der Berliner Stadt- und Ringbahn sowie auf den Vorortstrecken eine auhergewöhnliche Höhe. So wurden am Karfteitag u»v an den beiden Osterfeiertagen von Berlin nach den Vororten rund eine Million Reisender, das sind 87 Proz. mehr als im Vorjahre befördert. Der Verkehrs- reichste Tag war der Ostermontag mit nahezu einer halben Million Fahrgäste, der gegenüber dem verkehrsreichsten Tage des Vorjahres, dem zweiten Pftngstfeiertag, eine Steigerung von rund 6 Proz. aufweist. Zur Bewältigung dieses außerordentlichen Verkehrs waren sämtliche vorfügbaren Betriebsmittel in den Dienst gestellt worden, so datz z. B. am Ostermontage 690 oder 46 Proz. Züge mehr abgefertigt werden mutzten, als an den Sonntagen im März d. I. Die Erschließung de« PlänterwaldeS und seine Umwandlung aus einer ehemaligen«Baumschule" in einen Park wird in diesem Jahre fortgesetzt. Im Innern des PlänterwaldeS wird das Wege- netz, das namentlich in dem östlichen, bis Nieder-Schöneweide hinab- reickenden Teil noch wenig dicht ist. weiter ausgebaut. Am Nord- rano wird die vielbesuchte Spreepromenade, die im vorigen Jahre durch eine Ufermauer gegen den Flutz abgegrenzt worden war und seitdem ziemlich wüst dagelegen hatte, nun zu einem festen Weg umgestaltet. Bersuchsbohrunge» zwecks Feststellung der Bodenverhältnisse innerhalb der Linie der geplanten städtischen Untergrundbahn Kreuzberg— Wedding finden gegenwärtig in der Friedrichstratze statt. Die Bohrungen, die auf Entfernungen von je hundert Metern ausgeführt werden, erstrecken sich, wie eine Korrespondenz be- richtet, auf eine Tiefe von zehn Metern und haben bisher ergeben, daß die bedeutendsten Schwierigkeiten in der Bauausführung die obere Friedrichstratze bieten wird. Vom Belle-Allianceplatz aus er- streckt sich bis zum Hause Friedrichstratze 16 in einer Tiefe von 6— 10 Metern eine starke Lehmschicht. In der Gegend der Besse!- ttratze haben die Bohrungen Torf und Morastboden ergeben, dessen Schicht ebenfalls eine bedeutende Tiefe hat und die Ver- senkung von Zementkästen erforderlich machen wird. In der mitt- leren Friedrichstratze besteht der Boden auS verschiedenen Sand- arten, in welche Lehmschichten hineinragen. Die beendete!! Bohrungen in der unteren Friedrichstratze am Oranienburger Tor ergaben ein günstigere? Resultat, wenngleich auch hier, besonders in der Nähe der Spree, Morastboden gefunden wurde. Die Boden- Untersuchungen werden auch in der Chausseestratze vorgenommen werden und bilden die Vorarbeiten für den Untergrundbahnbau, deren Durchführung zur Sicherheit der an der Bahnlinie liegenden Häuser notwendig ist. Der Neubau der Oranienbrllcke geht bereits seiner Vollendung entgegen. DaS Gewölbe, das die Form eines Korbbogens erhalten hat, ,st fertig aufgemauert. An der Verlegung der Leitungen für Gas usw. wird noch gearbeitet. Demnächst soll mit der Herstellung der Fahrbahn und der Aufschüttung der Zufahrtsrampen begonnen werden. Die neue Brücke wird noch in diesem Jahre dem Verkehr übergeben werden können. Die Oranienbrücke ist übrigens die einzige Brücke in Berlin, die gegenwärtig im Bau ist. Di« anderen BrückenbauplSne sind sämtlich noch nicht über die ersten Beschlüsse hinauSgelangt. Die Elektrisierung der Stadt- und Borortbahn ist in ihrer Ver- wirklichung nicht mehr in allso weiter Ferne als allgemein angc- nommen wird. ES ist die» Mittwoch abend in der Hauptversainm- lung deS„Vereins der Vororte Berlins" von authentischer Seite versichert worden. Im Oktober wird bei der Hamburger Stadt- bahn die Strecke Blankenese— Ohlsdorf mit elektrischem Betriebe versehen werden. Die Eisenbahnverwaltung wird die Erfolge auf der Hamburger Bahn etwa ein halbes Jahr abwarten und dann voraussichtlich mit den Anlagen der Elektrisierung de» Berliner Stadtbahn- und teilweise auch des Vorortnetzes beginnen. Wie Herr Ingenieur Dietl in der Versammlung al» Referent aus- führte, durfte das System der Hamburger Bahn der TypuS für die Elektrisierung der Berliner Stadtbahn sein. Die Betriebs» spannung in Hamburg wird 6000 Volt betragen. Die Wagen haben Bügelsystem für die Oberleitung. Die elektrische Leitung wird derartig eingerichtet, datz niemals jemand damit in Berührung kommen kann. Der Referent führte weiter aus, datz bei der Elektrisierung der hiesigen Stadtbahn eine Schnelligkeit von 30 Kilometer in der Stunde in Betracht komme. Bei der elektri- schen Bahn Potsdamer Bahnhof— Grotz-Lichterfelde-Ost steige die Schnelligkeit bis zu 33 Kilometer, doch sei hier die Strecke zwischen den einzelnen Stationen ausgedehnter als bei der Stadtbahn. Auf der ovalförmigen Versuchsbahn, die bei Oranienburg geschaffen wird sollen hauptsächlich Proben mit den verschiedenen Strom- systemen durch die einzelnen Elektrizitätsgcsellschaften vorge- nommen werden. Die dabei gesammelten Ersahrungen werden dann bei der Elektrisierung der Stadtbahn in Anwendung gebracht. Gleichzeitig mit der Stadtbahn würden zweifellos auch alle die- jenigen Vorortstrecken mit elektrischem Betrieb versehen, welche über den Bahnkörper des Südringes laufen, da es technisch unzu- lässig se,. zwischen elektrischen Trains Dampfzüge verkehren zu lassen. In Betracht kommen dabei hauptsächlich die Strecken vom Grunewald nach Erkner, Grünau usw. Herr Dietl ist der Ansicht, datz in Fachkreisen einem guten Erfolge der Elektrisierung aus der Hamburger Stadtbahn entgegen gesehen werde. Wenn Berlin auch später als andere Großstädte eine elektrische Stadtbahn erhalte, so sei diese auch um so vollkommener und ausgebildeter. Der Steinsetzer Karl Schäfer, Badstratze 37 wohnhaft, bittet uns mitzuteilen, daß er mit dem wegen Raubmordversuchs an der Trödlerin Ehrhardt Festgenommenen gleichen Namens nicht identisch ist. Großes Aufsehen erregte gestern morgen in der südlichen Friedrich- stadt der Selbstmord deS 40 Jahre alten Oberreichsbankkasfierers Karl Millmann. Vor 14 Tagen war M., welcher von München nach Berlin versetzt worden war, m der Reichshauptstadt angekommen und hatte bei einer Familie v. in der Puttlamerstr. 27 Wohnung genommen. Als die Wirtin gestern morgen den Kaffee in« Zimmer bringen wollte, fand fie 2ll. am Fensterkreuz unbekleidet erhängt vor. M. war bereits zur Leiche erstarrt. In seiner Geldbörse befanden sich noch 800 M. Aus hinterlassenen Briefen geht hervor, daß sich M. in Berlin sehr unglücklich fühlte. Das hastige Leben und Treiben gefalle ihm gar nicht und mache ihn noch nervöser als er schon sei. Die Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht. Drei schwere NnglückssSlle mit Motorrädern. Auf dem Kemper- Platz wurden gestern zwei Personen durch ein Motorrad überfahren und erheblich verletzt. Als die Rentiersfrau Boehnik, Kaiser Friedrich- stratze 147, mit ihrem vierjährigen Tö-btercheu über den Platz hinweg- ging, wurde sie von dem Motorrad Nr. 2541 umgerissen und samt ihrem Kinde� überfahren. Frau B. erlitt Quetschungen am linken linterarm, während die Tochter Wunden am linken Arm und andere nutzere Verletzungen davontrug. Die erste Hülfe wurde den Ver- unglückten auf der Unfallstation XX zuteil.— In der Berlinerstratze in Reinickendorf stürzte der Ingenieur Wittkowsky mit seinem Motor- weirad und zog sich einen Rippenbruch zu.— In der Markstratze uhr der Kaufmann Scholz ans Reinickendorf»nt einem Motor- dreirad so unglücklich gegen die Bordschwelle, datz er kopfüber auf den Stratzendamm geschleudert und nicht unerheblich verletzt wurde. Einen schrecklichen Selbstmordversuch unternahm vorgestern abend die 23jährige Ehefrau Margarethe B. in der Gothcnstratze 27. Die junge Frau, die sich erst vor einiger Zeit verheiratet hat. stürzte sich plötzlich aus dem Fenster der in der vierten Etage be- legenen Wohnung auf den Hof hinab und blieb dort mit zer- schmetterten Gliedern liegen. In äuherst bedenklichem Zustande wurde die junge Frau nach dem Elisabeth-Krankenhause gebracht. Sie gibt an, in der Verzweiflung aus dem Fenster gesprungen zu sein. Seine„Visitenkarte" zurückgelassen. Entschiedenes Pech hatte ein Einbrecher, welcher nachts dem Laubenrestaurant von Zincke in der Siegfriedstratze einen Besuch abstattete. Nachdem der Dieb unter den Getränken. Zigarren und Speisen tüchtig aufgeräumt hatte, machte er sich auf die Suche nach Geld. Dabei hatte er das Malheur, unbemerkt seine Brieftasche mit Legitimations- papieren zu verlieren. Der Einbrecher war nicht gerade angenehm überrascht, als er morgens durch Kriminalbeamte aus dem Bett herausgeholt wurde. Der Durchbrnch der neuen Zufahrtsstraße von der Chaussee- strasie nach dem Stettiner Bahnhof ist nunmehr vollzogen und das für die neue Stratze erforderliche Gelände freigelegt. Sobald die Bauschuttmassen beseitigt sind, wird sofort mit der Regulierung des neuen Strahenzugcs begonnen, sodatz die notwendige Verkehrs- entlastung der Jnvalidenstratze wenn irgend möglich noch in diesem Sommer stattfindet. Seine Aufklärung gefunden hat ein Raubmordversuch, der an dem Lehrer Dolgenbrodt aus Neu-Zittau kürzlich verübt wurde. Der Täter ist ein galizischer Arbeiter, bei welchem das geraubte Portemonnaie gefunden wurde. Der Verhaftete hat auch bereits das Verbrechen eingestanden, behauptet jedoch, datz ihm die Absicht ferngelegen habe, einen Raubmord zu verüben und Dolgenbrodt lediglich das Opfer einer Personenverwechslung geworden ist. Vorort- l�ackricbten. Die Bekämpfung der Sozialdemokratie in einem Vorortblättchen. Die Zeiten erfolgreicher Sozialistenbekämpfung sind für Berlin und seine Vororte vorüber. Zwar quält sich hier und da noch ein kleines„Vorortblättchen", soweit eS sich nicht den Charakter der „Unparteilichkeit" anlegt, damit ab. mit irgend einer Kolportage- notiz krebsen zu gehen, um noch nicht sattelfeste Arbeiter oder aber auch Kleinbürger gegen die Sozialdemokratie mobil zu machen. Jedoch das Geschäft ist wenig profitabel: unsere Genossen in den Vororten sorgen bereits dafür, die bürgerliche VorortSpresse um die Früchte ihrer Sozialistenbekämpfung zu bringen. Insofern erübrigt es sich auch an dieser Stelle irgendwelchen Randglossen bürgerlicher Zeitungsmache entgegenzutreten. Was indes nicht uninteressant sein dürfte, ist, mitzuteilen, datz sich das„Teltower Kreisblatt" in seiner Donnerstagsnummer mit„der Unmöglichkeit des Zukunftsstaates" beschäftigt. Man darf nur an das Wort.Zukunftsstaat" im bürger- lichen Sinne denken, um zu wissen, welche Geistesprodukte in diesem Artikel niedergelegt sind. Eine kleine Probe mag genügen, um die geistige Höhe, auf welcher sich das„Kreisblatt" bewegt, zu kenn- zeichne». Gleich am Anfang des Artikels heiht eS: „Die Unmöglichkeit, datz das sozialdemokratische Ideal sich jemals für eine längere Frist durchsetzen könnte, beruht auf dem Wider- spruche, in dem dieses Ideal zu den unabänderlichen Eigenschaften der menschlichen Natur und zu den hiermit aufs engste zusammen- hängenden ebenso unabänderlichen Bedingungen irdischer Güter- erzeugung und Bedarfsbeftiedigung steht. Gerade das ist das Ties- raurige an der sozialdeniokratischen Bewegung, datz sie Zustände herbeizuführen sucht, die von vornherein den Keim der Selbst- Vernichtung in sich tragen, datz also ihre wahren Ziele rein negativer. zerstörender Natur sind." Der Artikelschreiber mutz seinen Leserkreis recht tief einschätzen, sonst könnte er nicht die Behauptung aufstellen, das sozialdemo- kratische Ideal stehe im Widerspruch zu den„unabänderlichen Eigen- schasten der menschlichen Natur", oder aber, seine Kenntnis über die Kulturgeschichte ist so gering, datz er nicht weih, welchen Unsinn er seinen Lesern vorsetzt. Wer heute noch von„unabänderlichen Be- dingungen irdischer Gütererzeugung und Bedarfsbefriedigung" � zu faseln weitz, der sollte es sich doch zunächst einmal angelegen sein lajseii, die EntWickelung der moderne, r Oekonomie zu studieren. Hier wird er finden, datz von unabänderlichen Eigenschaften der mensch- lichen Natur, wie auch von unabänderlichen Bedingungen irdischer Gütererzeugung und Bedarfsbefriedigung nicht die Rede sein kann. Eine jahrzehntelange Betrachtung des ökonomischen Ent- wickelungsganges unserer Zeit mag schon genügen, um die ver- moderten Anschauungen des„Teltower Kreisblattes" ad absurdum zu führen. Nicht anders steht es mit der abgedroschenen Mär,„datz die Mehrzahl der Lohnarbeiter nicht deshalb unfähig ist, Unternehmer zu werden,, weil sie das dafür erforderliche Kapital nicht besitzen, sondern auSschlietzlich deshalb, weil die Ausgaben eines Grotz- unternehniers so schwierig sind, datz nur verhältnismätzig wenige Menschen sie erfolgreich losen können". Wer den Gang unserer Produktionsweise heute beobachtet, wird finden, datz es nicht immer der„intelligente Unternehmer" ist. der den Grotzbetrieb leitet, sondern nicht zum allergeringsten Teile die besseren Lohnarbeiter des Kapitals. Es gibt heute eine grotze Zahl Unternehmer, deren Befähigung nur allein darin besteht, Dividende einzustreichen, die aber von der„hohe Intelligenz erfordernden Betriebsleitung" keinen blauen Schimmer haben. In dieser und ähnlicher Weise maht sich nun genanntes Blatt an, die Unmöglichkeit, ja die Verkehrtheit des Sozialismus nachzuweisen. Unsere Leser werden von den wenigen Proben, die wir gegeben, einen kleinen Vorgeschmack bekommen Haben, in welcher Weise die bürgerliche Vorortpresse den Sozialismus bekämpft. Der einfachste Arbeiter ist durch ein solches Elaborat nicht zu über- zeugen, weil sich in seinen, Kopfe auf Grund praktischer Erfahrung der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ganz anders darstellt als bei dem„Teltower Kreisblatt". Insofern dürfte es sich die bürgerliche Vorortpresse ersparen, den Kamps gegen Windmühlen zu führen. Die sozialistische Denkweise, die das Resultat einer wahren Geschichtsauffassung ist, hat sich in den Köpfen der Arbeiterschaft bereits so festgesetzt, datz es nicht mehr genügt, mit lendenlahmen Argumenten gegen sie anzukämpfen.„Irr- lehren" sind nicht in der Sozialdemokratie, sondern man darf nur Berantwortlicher Redakteur: Hans Weber» Berlin. Für den den Artikel über„Die Unmöglichkeit des Zukunstsstaates' studieren, im„Teltower Kreisblatt" zu finden. Rixdyrf. Uever den Tod des Herrn von Fritschen im UntersuchungS- gefängnis zu Ripdorf erfahren wir folgendes: Herr F. befand sich wegen einer Betrugssache in Untersuchungshaft und glaubte aus einen günstige» Ausgang der Sache rechnen zu dürfen, weil er in einer anderen Sache, die am 3. April gegen ihn verhandelt worden ist und in der er ans das Gutachten eines ärztlichen Sachverständigen über seinen Geisteszustand freigesprochen wurde. Die Lage der Sache schlietzt es also aus, datz Herr F. einen Selbst», ord verübt haben könnte; dazu kommt, datz er überhaupt nicht im Besitze eines Revolvers war und auch nicht sein konnte. Der Aufseher, der mit Herrn F. zu tun hatte, soll sich mit diesem Gefangenen über die Soldatenzeit unterhalten und dabei mit dem Revolver, den er bei sich führte, verschiedene Manipulationen angestellt haben. Dabei soll die Waffe losgegangen sein und Herrn F. so unglücklich getroffen haben, datz derselbe sofort gerufen habe: Mensch 1 Sie haben mich erschossen. Nach drei Minuten war F. tot. Hoffentlich wird die eingeleitete Untersuchung Aufklärung bringen. Mag die Sache aber liegen wie sie will: unerfindlich bleibt, wie ein Beamter mit einer geladenen Waffe in solcher Weise hantieren kann. Schöneberg. Das Vorgehen der Polizei bei dem Ostervergnügen des sozial- demokratischen Wahlvereins hat in Schöneberg grotze Entrüstung hervorgerufen. Fast überall ist man sich einig in der Verurteilung dieser neuesten Polizeiaktion. Man fragt sich: hat denn die Polizei- behörde gar nichts Wichtigeres zu tun? Gab es für die nahezu zwanzig Beamten, die zu diesem Zweck teilweise stunden- lang auf den Beinen gehalten wurden, gar keine andere Be- schäftigung? Es ist noch gar nicht so sehr lange her, erst wenige Wochen sind darüber vergangen, da debattierte man in der Schöneberger Stadt- verordnetenversammlung über die Vermehrung der Schutzinannschaft. Der Magistrat sollte ersucht werden, sich wegen Vermehrung der Polizei- kräfte an da? Ministerium des Innern zu wenden. Bei dieserGelegenheit wurde von den bürgerlichen Stadtverordneten auf den völlig unzu- reichenden Maniischaftsbestand an Schutzleuten hingewiesen, der dazu führe, datz in einzelnen Revieren so gut wie gar keine Beamten für den Stratzendienst vorhanden wären. Auch in den bürgerlichen kommunalpolitischen Vereinen wurde über die Sicherheits- zustände wiederholt Klage geführt, vornehmlich über den mangelhaften nächtlichen Patrouillendienst. Es wurde in diesen Vereinen hervorgehoben, datz in einzelnen Stadtgegenden halb- wüchsige Burschen und Dirnen während der Abend- und Nachtstunden in den Stratzen ihre Zotereien ausüben und die Passanten be- Instigen: Schlägereien seien nichts Seltenes und Einbrüche häuften sich in grotzer Anzahl. Ja sogar das Haus, in dem sich das Bureau des zweiten Polizeireviers befindet, verschonten die Einbrecher nicht. Auch Kriminalbeamte wären überfallen und übel zugerichtet worden. Wir wollen uns heute nicht damit beschäftigen, ob die an- geführten Tatsachen in allen Punkten zutreffend sind. Aber wenn die Sicherheitszustände auch nur annähernd so traurig wären, wie sie in den bürgerlichen Vereinen geschildert wurden, dann erscheint es sonderbar, wie eine so große Zahl von Polizeibeamten an dem Tage wegen eines harmlosen Vergnügens dem Sicherheitsdienste entzogen werden konnte. Selbst dem herbeigerufenen Polizeileutnant schien das Aufgebot an Schutzleuten ein zu großes geweien zu sein, denn bei seinem Erscheinen wandte er sich an den die Aktion leitenden Kriminalbeamten P r o h l(der Name verdient festgehalten zu werden) mit der Frage:„War denn das wirklich nötig?"— Und was hat denn nun die Polizei mit ihrer Machtentfaltung erreicht? Das Programm fand fast vollständig seine Erledigung und getanzt wurde bis zum frühen Morgen. Der sozialdemokratischen Arbeiterschaft sind derartige Polizeimatznahmen garnicht einmal so unangenehm, sie rufenselbst inden indifferentesten Köpfen das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Arbeiterklasse wach. Die im Obstschen Lokale ihre Vergnügungen abhaltenden Vereine scheinen sich überhaupt in jüngster Zeit emer ganz besonderen Auf- merksamkeit seitens der Polizeibehörde zu erfreuen. Ob das nun an der Person des Genossen O b st oder an dem mangelnden Hurra- Patriotismus der betreffenden Vereine oder an sonstigen Gründen liegt, ist uns im Moment nicht möglich festzustellen. Jedenfalls werden der Vorstand des Wahlvereins und die nach der Polizei- wache geführten und dort festgehaltenen Musiker sich nicht so ohne weiteres mit den polizeilichen Matznahmen zufrieden geben. Am Sonntag, den 22. April, abends�8 Uhr, findet im Saale des Hohenzollern-Gymnasiums, Eisenacher- und Belzigerstratzen-Ecke, ein vom Verein zur Förderung der Kunst arrangierter Kunstabend statt. Zur Aufführung gelangen Ludwig Anzengrubers Prosaskizzen und Gedichte sowie Szenen aus den Meisterdramen„Der Pfarrer von Kirchfeld",„Der Gewissenswurm",„Der Meineidbauer",„DaS vierte Gebot",„Die Kreuzelschreiber",„Der ledige Hof",„Hand und Herz". Einlatzkarten sind hierzu in unserer Parteispedition beim Genossen W. Bäumler, Martin Lutherstr. 51, Laden, zu haben. Charlottenburg. Die Freie Volksbühne Charlottenburg veranstaltet heute, Freitag, abends>/z 9 Uhr, im Volkshause den ersten Theaterabend ihres neuen Geschäftsjahres— die Märzvorstellung wurde bekanntlich polizeilich inhibiert— und die erste unter der Leitung des neuen Regisseurs Joseph Danegger vorbereitete Auf- führung. Gerhart Hauptmanns Diebeskomödie„Der Biberpelz" geht in Szene. Da diese Vorstellung ein b e- sonders starkes Interesse in weiteren Arbeiter- kreisen erregen dürfte und auch NichtMitgliedern einmal Gelegen- heit geboten werden soll, sich von den Leistungen der Charlotten- burger Freien Volksbühne zu überzeugen, so ist zu hoffen, datz die Vorstellung bei vollbesetztem Hause vor sich geht. Ober-Schönetveide. Heute nachmittag 5 Uhr findet in der Schulaula, Frischenstratze eine öffentliche Sitzung der Gemeindevertretung statt. Auf der Tagesordnung steht: Wahl des Schöffen. Wahl von Schieds- mänuern. Vergebung des Schulbaues. Vermehrung der Zahl der Gemeindeverordneten. Die beiden ersten Punkte sind nicht öffentlich. Potsdam. Die hiesige Arbeiterbildungsschule beginnt heute(Freitag abend S'/z Uhr) ihren ersten Kursus. Der Unterricht findet im Restaurant Ladenthin statt. Gelehrt wird zunächst„Theorie und Praxis der deutschen Sprache" mit anschließenden R e d e ü b u n g e n.— Diesen, einleitenden Elementarkursus sollen weitere in Geschichte, Nationalökonomie, Gesetzeskunde, Naturwissen- schaft usw. folgen. Besonderes Gewicht wird dabei auf die Anforderungen zelegt werden, die an die in, gewerkschaftlichen und politischen Leben üehcuden Arbeiterkreise gestellt werde». Ihnen und allen Vorwärts- strebenden soll die neue Bildungsstätte praktische Anleitung geben, sich mit dem geistigen Rüstzeug der modernen Arbeiterbewegung vertraut zu machen. Es liegt daher im Interesse des Einzelnen wie der Gesamtheit, wenn namentlich die hier berufenen Organisationen der Arbeiterbildungsschule ihre weitere materielle Unterstützung und moralische Förderung zuteil werden lassen, wie es bis jetzt bereits ein Teil der Gewerkschaften in anerkennenswerter Weise getan hat. Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Hub der frauenbewegung. Was soll die Frau lesen? Durch immer weitere Volksschichten zieht ein Drängen und Sehnen nach Bildung und Wissen. Die Arbeiterklasse empfindet die mangelhafte Schulbildung und begreift, datz der Mangel an Wissen mit zu ihrer ökonomischen und geistigen Knechtschaft bei- trägt. Trotzdem in dem letzten Jahrzehnt eine bedeutende Ver- besserung und Erweiterung der Volksschullehrpläne vor sich ge- gangen ist, erfüllt die Volksschule doch bei weitem ihre Aufgabe nicht; sie entspricht durchaus nicht den berechtigten Ansprüchen des Volkes. Sie kann sie auch so lange nicht erfüllen, als das Reich der„Kultur und Freiheit" für Kulturaufgabcn nur spärliche Mittel zur Verfügung stellt und den Lehrern in überfüllten Klassen „Pferdcarbeit" zumutet. Im Jahre 1901 kamen auf jede Lehrkraft der Volksschule 63 Schüler, und von den Gesamtkosten, die vom Staate für die Volksschule aufgewendet wurden, entfielen auf jeden Schüler 48 M. Bei solchen Tatsachen braucht man sich wirklich nicht zu wundern, wenn es trotz des Schulzwanges in Deutschland um die Bildung der unteren Volksklassen schlimm bestellt ist. Die Lehrfächer der Volksschule sind der„göttlichen" Gesellschaftsordnung angepatzt; der Geist des Kindes wird nicht individuell gebildet, sondern dressiert; Religions- und„patriotischer" Geschichtsunterricht belasten den Lehrplan, so datz für die übrigen notwendigen Wissensfächer herzlich wenig Zeit übrig bleibt. Wenn ein so vorbereitetes Kind in das Leben hinaustritt, merkt es recht bald, datz es um sein Wissen nur kümmerlich be- stellt ist, und glücklich kann sich der junge Mann schätzen, der als Lehrling gezwungen ist, die Fortbildungsschule zu besuchen; er hat wenigstens Anregung, sein Wissen zu vervollkommnen und eine höhere Bildungsstufe zu erreichen. Anders das junge Mädchen. Es muh entweder in die Fabrik, um den Hunger der Fabrikherren nach billiger Arbeitskraft zu stillen, oder es begibt sich in die Gesindesklaverei; günstigenfalls findet es Unterkommen im Handelsgewerbe. In allen Fällen fehlt ihm jede Anregung zu weiterer geistiger Ausbildung. So mangelhaft aber auch die Volksschule ihre Aufgabe erfüllt: das Bildungs- bedürfnis, das sich vorwiegend in dem Bedürfnis nach Lektüre äutzert, hat sie nicht zu ersticken vermocht. Aber leider hat die Volksschule es nicht verstanden, das Lesen im höheren Sinne zu pflegen, das in der Fähigkeit besteht, dargestellte Gedanken zu sammeln und im Zusammenhange zu erfassen. So greift das Mädchen, um seinen Lesehunger zu stillen, in den meisten Fällen zur Schundliteratur und schlägt damit seine Zeit tot, ohne geistigen Gewinn zu erzielen. Im Gegenteil, es verbildet seinen Geschmack und findet später auch als Frau überhaupt keinen Gefallen mehr an ernster, wertvoller Lektüre. Einen erschreckenden Beweis für die Vernachlässigung, deren sich unsere Volksschule schuldig macht, bieten folgende Bibliothek„schätze" eines Dienstmädchens: zwei zerlesene Schauerromane in 19 Pf.-Heften, ein Traum- und Punktierbuch, ein Wunschbuch, ein Liebesbricfsteller, eine Sammlung Volkslieder, ein Soldatenliederbuch und einige handschriftlich gesammelte Ge- dichte. Wer aus solchem„Wissensborn" schöpft, braucht sich nicht zu wundern, wenn sein Geist abstumpft und allem wirklich Wert- vollen ohne Verständnis gegenübersteht. Nach einer Wiener Broschüre sollen 29 Millionen Deutscher in Deutschland und Oesterreich ihre geistige Nahrung fast ausschliesslich aus Schundromanen und ähnlichen Schriften ziehen. Die Verleger dieser Schund- und Schauerromane spekulieren unmittelbar auf die Sensationslust vor allem der Frauen und weisen den Autor an, die Kapitel durch Schilderungen von Mord und Totschlag, von Brandstiftungen, Giftmischereien und geheimnisvollen Ent- führungen möglichst„spannend" zu gestalten. Wie furchtbar der- artige Lektüre weite Volkskreise verseucht, begreift man erst, wenn man folgende Zahlen liest: in Berlin wurden 59 999 Exemplare „Die Geheimnisse des Königsschlosses" abgesetzt, und Hugo Schenk fand 149 999 Leser und Leserinnen. Das Ende des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich bot 29 verschiedenen„Dichtern" Material zur„Betätigung"; einer dieser Romane hat es zu einer Auflage von 178 999 gebracht. Durch solche den Geist vergiftende Lektüre sind besonders die Erauen und Mädchen des arbeitenden Volkes an überspannten esestoff gewöhnt, und die bürgerliche Tagespresse trägt diesem schlechten, verbildeten Geschmacke der Frauen in weitgehendster Weise Rechnung; es kommt ihr ja einzig nur auf den Abonnenten- fang an. Die Lektüre soll aber nicht nur unterhalten, sondern bilden und belehren; daher ist es durchaus nicht gleichgültig, was wir lesen. Will die Frauenwelt den in und mit ihr geborenen Menschen- rechten Geltung verschaffen, will sie mit an dem Befreiungskampfe ihrer Klasse teilnehmen, so bedarf sie einer gesunderen Geistes- nahrung als bisher. Die Frauenwelt kann heute nicht zu ihrer Entschuldigung anführen, datz sie keine andere Lektüre kenne oder habe; unsere grotzartig ausgestaltete sozialistische Tagespresse bietet eine Fülle von Anregungen, ebenso unsere Fraucnzeitung „Gleichheit". Wer tiefer in die Wissensschätze eindringen will, der lese die Werke der Denker und Dichter; jede Bibliothek unserer Arbeitervereine bietet den Mitgliedern reiche Auswahl belehren- der Werke. Frauen, benutzt sie und beherzigt die Worte unseres alten Liebknecht: Wissen ist Macht I Bildung macht freil 1�. VerrnircbtcB. Neber eine Massenvergiftiing wird aus Mainz berichtet: Der Direktor der Dresdner Bank in Nürnberg, Gutmann. dessen Gemahlin und beide Kinder, die sich hier zun, Besuch aufhielten, sind infolge einer wahrscheinlich durch Fischgift hervorgerufenen Ver- giftung schwer erkrankt. Beide Eltern und die eine Tochter sind bereits gestorben. Doppelmord und Selbstmord. Aus Dresden wird geschrieben: In Abwesenheit seiner Frau erhängte der 34 jährige Maurer teinrich Engler aus OberseiferSdorf in Sachsen im nahegelegenen önigSholz seine beiden Kinder im Alter von zwei und sechs Jahren und hierauf sich selbst. Er lebte mit seiner Frau in ruhiger und glücklicher Ehe; er selbst wurde als fleißiger und solider Mensch geschätzt. Vor einiger Zeit faßte er den Entschlutz, sich ein eigenes Haus zu bauen, geriet aber während des Baues in finanzielle Schwierigkeiten. Seit dieser Zeit zeigte Engler ein verstörtes Wesen. Am Ostersonntagmittag besuchte Frau Engler mit ihrem achtjährigen Sohne Verwandte m Groß- Hennersdorf. Als sie abends heimkehrte, fand sie weder ihren Mann noch die beiden jüngsten Kinder anwesend. Sie begab sich mit mehreren Bekannten auf die Suche; doch fand man in der näheren Umgebung keine Spur. Am zweiten Feiertage entdeckten zwei Leute in dem eine Stunde entfernten Königsholz die Vermißten. An drei gleich hohen Aesten zweier Bäume, fast in einer Reihe hingen die Gesuchten, der Vater in der Mitte. Alle drei waren längst tot. Der Entdecker des Radiums Prof. Curie, ist gestern in Paris durch einen Lastwagen in der Rue Dauphins überfahren worden; er wurde nach einer benachbarten Sanitätswache gebracht, wo er bald v e r st a r b. Der Verunglückte war auf den, Stratzen- Pflaster ausgeglitten. eingegangene Druckfdmtten. 0r. med. Max Asch, Herz- und Nervenleiden und ihre Bchandluiii. mit unterbrochenen und Wcchlclströinen.— Historisches, Theoretisches und Praktisches in gemeinverständlicher Darstellung.(Verlag von Hans Vaake Nachs.(L, Abel), Berlin 8. 14.— Preis 59 Ps.__ Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.