Ur. 100a» B bonnemcnfs-Bedingungen; tlbonnemcnl-- Preis pränumerando: Vierleijährl. 3,31} SW., monatl. 1,10 Ml, wöchentlich 28 Psg. frei ins Haus. Einzelne Nununer 5 Pfg, Sonntags. »Ummer mit illustrierter Sonntags. Beilage„Die Neue Well" 10 Psg, Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS» Prcistislc, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Mark pro Monat. Postabonncments nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, nänien, Schweden und die Schweiz. Vlldtl»! liglich ZULtk lllontzg». Verlinev Volksblnkk. Ä3. Jahrg. vle Insertion!-IZedüh!' dilrägt sür die sechsgespaltenc Kolonel» zeile oder deren Raum bO Psg., sür politische und gewcrlschaftliche Vereins» und VersammlungS-Anzeigen Z0 Pfg, „ülelne Hnreigen", das erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weiter« Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf» ftcllcn-Anzcigcn das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über lö Buchstaben zählen sür zwei Wort«. Inserate sür die nächste Numnicr müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expeditton ist bis 7 Uhr abends geösfnet, Telegramm. Adresse: „Sozlaldcnekrit Neris»". Zentralorgan der rozialdernokratifcben Partei Deutfchtands. Redaktton: 8M. 68, Lindcnstrasac 69. Iseiiispreehcr: Amt BV, Nr. 1983. Mittwoch, den Ä. Mai 1900. Expedition: SM. 68, Lindenstrasse 69. Kernsprccher: Nnit IV. Nr. l«8t. Der Triumph der Maifeier. «er Verlauf der diesjährigen Maifeier war ein Triumph des' Maigedankens. Die eingegangenen Berichte aus dem Deutschen Reiche bekunden einhellig, daß nicinals noch die Beteiligung eine annähernd gleichstarke war, wie in diesem Jahre! Nicht nur die Veranstaltungen am Nachmittag und Abend waren ungeheuer stark besucht, sondern Nor allen Dingen auch die den Kern der Maifeier bildenden Vormittagsversammlungen, in denen das feiernde Proletariat zur Ablegung des dreifachen Maigelübdcs: Achtstundentag, Völkerfrieden und freies Wahlrecht! in Massen zusammenströmte. Das erhebende Bild, das die feiernde Reichshauptstadt bot, kehrte in allen Landesresidcnzen. in allen größeren und selbst zahlreichen kleineren Städten wieder! Unabsehbare Kolonnen festtäglich gekleideter und gestimmter Arbeiter zogen schon am frühen Vormittag zu ernster Kund- gebung. und abends stauten sich die schlvarzen Menschenwogen in unabsehbarer Zahl in und vor den Festlokalen— oft in drangvoll fürchterlicher Enge, aber doch in stolzgehaltener Festesfreude, ein einig Volk von Brüdern! Der Bormarsch der Maifeier ist nun nicht mehr auf- zuhalten! Die Massen des arbeitenden Volkes selbst haben diesmal durch eine Urabstimmung der überzeugendsten Art bekundet, daß sie sich ihren Festtag nicht nehmen lassen, daß sie ihn zum Gemeingut des gesamten Proletariats machen wollen! Die deutsche Arbeiterschaft hat bewiesen, daß sie ihren Feiertag in Ehren hält, daß sie sich in der Erfüllung der internationalen Pflichten von keiner anderen Nation über- treffen läßt! Die deutsche Maifeier stand diesmal unter dem Zeichen des Wahlrechtskampfes. Und daß die Arbeitsruhe dies- mal einen so gewaltigen Umfang angenommen hat, sollte der Reaktion ein Beweis dafür sein, von welcher Empörung das Proletariat gegen die schmachvolle Wahlentrechtung erfüllt ist! Aber durch diese Demonstration hat sich der Wahlrechtskampf nicht erschöpft: im Gegenteil, der Kampf gegen die Wahlrechts- weigerer wird nun erst recht entbrennen! Und wie sich das Proletariat das Recht erobert, an einem selbstgeschaffenen Feiertage das Arbeitsgerät ruhen zu lassen, so wird es sich auch seine politischen Rechte erobern, trotz allen Widerstandes des privilegierten Geldsackklüngels! Aber nicht nur in Deutschland war diesmal die Maifeier eine so imposante. Auch die Genossen in Oesterreich-Ungaru haben eine neue glänzende Probe ihrer bewährtenKampfesenergie abgelegt. Die Wiener Arbeiter, die sich ja schon längst durch ihre Maidemonstrationen die Bewunderung der prole- tarischen Welt errungen haben, sind in diesem Jahre noch zahlreicher angetreten als je zuvor. War doch auch ihre Maifeier inersterLinie eine Wahlrechtsdemonstration. Galt es doch, durch eine ernsteWarnunginletzterStunde der schwankenden Regierung den Nacken zu steifen, damit sie nicht ihre Wahl- rechtspläne vor den Wühlereien des Großgrundbesitzes fallen ließ. Und es scheint, als ob die Regierung denn doch noch den Ernst der Situation begriffen habe und die Wahlreform durchzuführen entschlossen sei. Auch in Frankreich, speziell in P a r i s. ist die Maifeier in bisher gänzlich unbekanntem Umfange begangen worden. Die Arbeitsruhe der Hauptstadt war eine allgemeine, das proletarische Paris machte nach dem Zeugnis auch bürgerlicher Korrespondenten einen durchaus festtäglichen Eindruck. Das bürgerliche Paris war dafür in ein Heerlager verwandelt, da die Regierung kolossale militärische Vorbereitungen ge» troffen hatte. So hat denn auch das Proletariat der kapi» talistischen Republik seinen 21. Januar erlebt l Bei der be- sonnenen Haltung des Proletariats ist es zu ernstlichen Zusammenstößen nicht gekommen. So zeigt die Maifeier 1906 überall das Bild kräftigen VorwärtSdrängenS. Ein frischer Luststrom ist, von Ruß- land herüberwehend, in die europäische Stickluft herein- gedrungen. Energisches Wollen und frohes Hoffen schwellt allüberall die Herzen des Proletariats! Verschieden in seinen Kampfesmitteln, aber gleich in seiner Tatkraft, seinem Opfer- mut, seiner Kampfbegeisterung, ringt in allen Landen das Proletariat mit des Mächten der Reaktion! Weder mit der Klassenherrschaft und der Massenentrechtnng! Dach der Uölkermai» die sozialistische Menschheiwerlösnng! Die Maifeier in Berlin. Sonst sieht jeder erwachende Morgen in den proletarischen Vierteln Berlin? Scharen von Männern und Frauen, die eilenden Schrittes ihren Arbeitsstätte» zustreben, um ihr schweres Tagewerk in kapitalistischer Fron zu beginnen. Als aber der erste Maimorgen heiter und sonnig herausstieg, lag über den Arbeitervierteln die Ruhe des Feiertages. Keine hastenden Arbeiterscharen bevölkerten die Straßen, kein Werktagslärm drang aus Fabriken und Werkstätten.— Erst einige Stunden später wie sonst wurde es auf den Straßen lebendig. Aber das war nicht das Treiben des Arbeitstages. Festlich gekleidete Arbeiter traten auS den Türen grauer Mietshäuser, aber nicht, um eilenden Schrittes die Fabrik oder Werkstatt aufzusuchen. In festlicher Stimmung leuchten die Gesichter. Zuversicht und Selbstbewußtsein spricht aus den Mienen. So schreiten sie, erhobenen Hauptes und für diesen Tag sich selbst befreiend von der erdrückenden Last der kapitalistischen Fronarbeit in den sonnigen Tag.— Arbeitsbrüder begrüßen sich und setzen den Weg gemeinsam fort, der sie alle zu dem gleichen Ziele fiihrt: Einem Lokal, wo das Fest der Arbeit gefeiert, wo die Maidemon- stration begangen wird. Unter der Arbeiterschaft herrschte eine FriertagSstimmuug, die ansteckend wirkte, wo immer ein gutes Beispiel gegeben wurde. Hell ließ die liebe Sonne die vielen großen Neubauten hervortreten. wo nirgends eine Hand sich regte. Während auf dem Tempelhofer Felde Infanterie, Kavallerie und'Artillerie operierten, tauschten die Ar- beiter internationale Grüße aus und feierten den Böller- frieden in ihren DemonstrationSversammlungen. Es war der Ehrentag der Arbeit, und wer da nicht mitfeiern wollte, der galt nicht als vollwertig unter den Genossen. Ueberall war die Parole ausgegeben worden: Laßt die Arbeit ruhen am 1. Mai, und mancher wurde mitgerissen und ließ sich wohl gern mitreißen, wenn er auch noch etwas unentschlossen war. Freilich, in mancher Fabrik tönte die Pfeife wie gewöhnlich, die Sklaven traten an zum harten Frondienst, und sie mutzten sich gefallen lassen, daß sie von den Feiernden mit geringschätzigen Blicken betrachtet wurden. Das prächtige Wetter lockte mit, die dumpfe Werkstatt zu verlassen, und machte die Menge froh und heiter, die, Mann. Weib und Kind sonntäglich geputzt, am Nachmittage zu den Maifeiern der Partei zog. Allgemeinen regen Anteil nahm auch die Arbeiterschaft der Barorte an der Maifeier. AIS sich am Mittag die BersammliingSlokale leerten, da merkte man eS überall, wie viele Arbeiter feierten. Be- sonders starker Andrang herrschte im„Volkshause" zu C h a r- l 0 t t e n b u r g und in den R i x d 0 r f e r Lokalen. Aber auch die Lokale anderer Vororte waren überfüllt. In Sonntagskleidern er- schienen die Arbeiter in Massen, um ihren Maitag festlich zu begehen und mit Ernst und Nachdruck ihre Forderungen geltend zu machen. Für den Achtstundentag, für internationale Ver- brüderung, füreinfreieSWahlrechtl— Sehr beliebt waren kleine rote Abzeichen, Bändchen, Rosetten, die stolz getragen wurden: gern sah man rote Fahnen wehen an den Versammlungsorten. Auch in den Vororten machte es einen sehr guten Eindruck, daß die Neubauten, die auch dort sehr zahlreich sind, still und friedlich wie am Sonntag dalagen. Mochte auch an einigen Bauten eine arbeitende Hand sich regen, so geschah es verschämt und versteckt, und der„Arbeits- willige" wagte nicht offen und frei dem Blick des feiernden Arbeiters zu begegnen. � Die Polizei hatte natürlich wie immer ihre ebenso umfang- reichen wie überflüssigen Vorbereitungen getroffen. Sie wollte auf den Lorbeeren vom 21. Januar nicht ausruhen. Auf der Schloß- insel war ein wahrhaft riesiges Polizeiaufgebot zusammengezogen worden. Das Viertel machte einfach den Eindruck, als wäre es in den Belagerungszustand versetzt worden. Dichte Schutzmannsketten besetzten in weitem Umkreise die Zugänge der Spandauer- und Heiligengeiststraße an der Kaiser Wilhelmstratze, sowie der Burg- und Neuen Friedrichstraße nebst der Friedrichs- und Kaiser Wilhelmbrücke. Droschken und Omnibusse wurden zwar durchgelassen, im übrigen durften nur die„Herren der Börse" passieren, die ihren dem Versammlungslokal gegenüberliegenden Geschäftspalast besuchen wollten. In der Börse selbst war eine starke„fliegende Wache" einquartiert, um im Bedarfsfalle sofort zur Stelle zu sein. Die weise Vorsicht der Polizeibehörde ging aber sogar soweit, daß sie in dem alten mittelalterlichen. Teil des kaiserlichen Schlosses außer einer Extralolonne von Fußpolizisten noch mehrere Beritts reitender Schutzleute stationiert hatte. Einer dieser abgesessenen Reiter stand auf einem erhöhten Mauervorsprung Posten, den Blick unverwandt auf eine an der Wilhelmbrücke stehende Gruppe von Polizeiosfizieren aller Grade gerichtet, jedes Winkes von dort gewärtig. Gegen Ende der Metallarbeiterversammlung im„Feenpalast" machte sich im„Hauptquartier" der Polizeioffiziere eine auffallend nervöse Unruhe bemerkbar. Ordonanzen zu Rad kamen und gingen mit Meldungen. Der Polizeipräsident in Begleitung des Polizeioberst Krause erschien in höchst eigener Person auf dem Plan. Andere Polizeioffiziere, schneidig gestiefelt und gespornt, kam eiligen Schrittes vor die Schloßtore und reckten den Hals nach dem„Feenpalast", aus dem jetzt gerade der Strom der Versammlungsbesucher herausznfluten begann. Ob die Herren wirklich glaubten, daß die Arbeiter einen DemonstrationSzug vor das Schloß veranstalten, würden?— Fast schien eS so. anderenfalls hätten all diese umfassenden Matznahmen gar keinen Sinn gehabt. Schnell wurde darauf die ganze verfügbare Schutzmannschaft nach der Burgstratze beordert, die Brückenübergänge doppelt und dreifach abgesperrt und niemand nach der Schloßseite zu durchgelassen. Lächelnd über diese kuriose Polizeifürsorge zerstreuten sich die Massen dann ruhig und langsam in. die nach dem Norden und Osten führenden Straßenausgänge. Die Polizei hatte sich ihre ganze Arbeit umsonst gemacht.— Zu gleicher Zeit hatten sich auch die polizeilichen Revolvermänner vor den Fabriktoren der A. E.-G. nutzlos gelangweilt. ••• Die Vormittagsversammlungen. Nach alter, langjähriger Tradition gehört in Berlin das Arrangement für die Feier des Vormittags zur Aufgabe der GeWerk- schaften, während die Abendfeier von der Partei veranstaltet wird. In hervorragendem Maße an der Feier am Vormittag beteiligt waren diesmal auch die Metallarbeiter. Sie waren diesmal in einer Zahl angetreten, wie nie zuvor. Während in früheren Jahren immer nur e i n Versanun- lungslokal für ausreichend erachtet wurde, hatte der Verband dies« mal deren drei(und drei der größten!> genommen. Und obwohl die Säle bis auf den letzten Platz buchstäblich vollgepfcrcht waren, so reichten die vorhandenen Räume doch bei weitem nicht aus, die Zehn- tausende der Feiernden aufzunehmen. Besonders die imNordcn derStadt belegenen Werke der Metallindustrie hatten ein starkes Kontingent zur Zahl der Versammlungsbesucher gestellt. So feierten u. a. die meisten Abteilungen der Bosiglverke, der A. E.-G.- Werke Brunnen-, Volta- und Hnttenstraße, der Bergmann-Werke auS der Oudenarder- straße, der Flohrschen Maschinenfabrik, der Eisengießerei von Keyling u. ThomaS, sowie die gesamten Arbeiter einer größeren Anzahl Mttel- und Kleinbetriebe. Hinzu kamen noch die Arbeiter aus Fabriken anderer Stadtteile und Vororte, sodaß sich in diesem Jahre nach ungefährer Schätzung rund 2b 000 Metallarbeiter durch Arbeitsruhe an der Maifeier beteiligt haben mögen. Der Andrang zu den Versammlungen war ein enormer. Schon in der siebenten Morgen st un de begannen sich die ver- schiedenen Gruppen zu sammeln und sich zu Fuß oder per Straßen- bahn nach den Lokalen zu begeben. Da sich mittlerweile auch die Feiernden anderer Berufe nach ihren Versammlungsorten auf- machten, so war beispielsweise auf der Straßenbahn in der achten und neunten Stunde tatsächlich kein Platz zu bekommen, obwohl es an Anhänge- und Einsetzwagen nicht niangelte. Lange vor Beginn der Versammlungen waren denn auch die Säle schon polizeilich abgesperrt. Im Feldschlößchen. woselbst GcwerkschaftZsekretär Brückner sprach, konnten eS sich die Draußengebliebenen bei dem prächtigen Wetter wenigstens in dem geräumigen Garten bequem machen. Bei lachendem Sonnenschein unterhielten sich diese„Aus- gesperrten" dann untereinander im Tone freudigen Selbstbewußt- jeins über den unerwartet imposanten Charakter der diesjährigen Maifeier. Man hörte überall nur«ine Meinung, die wie ein festes Gelöbnis klang:»Mögen die Kühne männer mache» was fie wollen— nächstes Jahr wird die Feie noch besser! Im Bereiche der„ G e r m a n i a- S ä l e woselbst an Stelle des verhinderten Genossen Singer der Genosse Heilmann referierte, mutzten die vor den Pforten zurückgewiesenen Arbeiter au die Annehmlichkeit eines Gartenaufenthaltes verzichten. Auf der Stratze aber wollten die mit den Januarrevolvern so wehrhast aus- staffierten Polizisten keine„Maibrüder" dulden. Nachdem der Saal von zirka 2500 Personen gefüllt war, wurden die Gitter an den Eingangstoren geschlossen, eine Reihe Schutzleute pflanzte sich davor, und nun mochten die übrige» Besucher sehen, wo sie blieben. Was Wunder, datz da alles nach dem Feenpalast strömte. wo Bebel die Festrede hielt. Doch auch hier kamen die meisten vor geschlossene Türen, oder richtiger gesagt, fie wurden bis zu den Türen gar nicht erst hingelassen, da der Saal mit samt dem an- grenzenden Stratzenviertel schon seit 8 Uhr polizeilich abgesperrt war. In der Tat:Eine solche Versammlung hat der Feen Palast seit Jahren nicht gesehen. Im Parkett war weder Tisch noch Stuhl. Mann an Mann gepretzt, stand die Menge. Selbst einem ohnmächtig Gewordenen wäre es nicht mög lich gewesen, umzusinken, so fest war jeder zwischen seine Neben- männer eingekeilt. Dazu stauten sich auf beiden Galerien die Massen bis in den entlegensten Winkel und selbst die geräumige Bühne war bis auf den letzten Platz besetzt, kurz, es waren mindestens 4500 Personen in den Saal hineingepfercht. In dieser„drangvoll fürchterlichen Enge" harrten die Anwesenden fast zwei Stunden lang bis zum Beginn der Versammlung, und kein Mann verlieh den Saal eher, als bis Bebel sein anderthalbstündiges Referat beendet hatte. Tausende aber, die keinen Einlatz gefunden, standen drautzen in den angrenzenden Stratzen, die später von der Polizei gesgerrt wurden. Ueber den Osten und Südosten der Stadt sind zahlreiche Bc triebe der Holzindustrie verstreut. Die Betriebsstätten liegen in feiertäglicher Ruhe. In grötzeren uud kleineren Gruppen, wie sie sich, sei es durch Zufall oder Verabredung, auf den Stratzen zusammenfanden, strömten die Holzarbeiter den Lokalen zu. wo sich die einzelnen Branchen des Holjjarbeiterverbandes sammeln, um sich von dorl gemeinsam nach dem Versammlungslokal, der„Neuen Welt zu begeben. Gleich zahlreichen Bächen, die zusammenflietzend einen mächtigen Strom bilden, so fanden sich die aus den verschiedenen Brancheulokalen Kommenden in den Hauptstraßen zusammen, die nach der Hasenheide führen.» Die Adalbert-, die Dresdener-, die Reichenbergerstratzc entlang bewegten sich in losen, ungeordneten, aber dichten und unabsehbaren Zügen die Mafien feiernder Holzarbeiter. Am Kottbnser Tor verschmolzen sich die drei aus dem Stadtinnern herankommenden Menschenströme zu einer imposanten Masse, die nunmehr als zusammenhängender Zug den breiten Bürgersteig der Kottbuserstratze vollständig füllend, über den Kottbuser Damm und den Hermannplatz nach der„Neuen Welt" zieht. Hier, an den Eingangstoren zu dem riesigen Garten, der für einige zehntausend Personen bequem Platz bietet, staut sich die Masse und schiebt sich langsam durch die Eingänge, wo jeder seine Mai- marke erhält. Bereits eine Stunde vor Beginn der Versammlung ist der Garten dicht besetzt. Als um 10 Uhr in dem großen Saale die Versammlung eröffnet wird, ist derselbe von einer Kops an Kopf gedrängten Menschenmenge erfüllt. Alle Eingänge zum Saale werden durch die Polizei abgesgerrt. Wer mit der Oertlichkeit vertraut ist, sucht noch durch irgend eine Hintertür in den Saal zu gelangen. aber alle Mühen sind umsonst. Der Saal ist s o gefüllt, daß nie- mand mehr hinein kann.— Auch im Garten ist jeder Platz besetzt und in den Gängen drängt und schiebt sich eine hin und her wogende Menge, wohl vier- bis fünfmal so groß an Zahl als die, welche im Saale Platz gefunden hat. Viele verlassen schon bei Beginn der Versammlung, nachdem sie keinen Eintritt in dieselbe gefunden hatten, das Lokal. Aber neue Scharen von Nachzüglern komnren heran, und der Garten bleibt während der ganzen Dauer der Ver- sammlung gefüllt. Es feierten durch Arbeitsrwhe in der Holzindustie über 30000 Arbeiter. Ueberall konnte man hören, datz die diesjährige Beteiligung an der Mai» demonstration bedeutend stärker ist als die vorjährige, und datz die Arbeitsnihe in der Berliner Holzindustrie fast allgemein durchgeführt ist.—„Heut fallen wenig Hobelspäne in Berlin." So lautete das übereinstimmende Urteil der Festteilnehmer, ein Urteil. welches durch einen Blick über die unabsehbare Menge der Demonstrierenden durchaus bestätigt wurde. Die zentralorganisierten Maurer hielten ihre Maiversammlung in der Bockbrauerei ab, ihre lokal- organisierten Kollegen in der Brauerei Königstadt. Obgleich einzelne Branchen des Maurerverbandes besondere Versammlungen abhielten: die Putzer bei Keller in der Koppenstratze, die Gips- und Zement- arbeiter bei Kliem in der Hasenheide, waren die Räume der Bock- brauerei— Saal und Garten— bei weitem nicht ausreichend, um alle Teilnehmer der Demonstrationsversammlung zu fassen, um so weniger, als neben den Maurern die Arbeiter und Arbeiterinnen der graphischen Gewerbe ihre Maiversammlung ebenfalls in der Bock- brauerei— im kleinen Saale— abhielten. Der Maurerverband stellte jedoch die weitaus größte Zahl der auf dem Bock Versammelten. Er füllte nicht nur den großen Saal, wo Genosse Molken buh r die Festrede hielt, bis auf den letzten Platz, sondern auch der ausgedehnte Garten war vollständig besetzt, auch dann noch, als nach Schluß der Versammlung bereits Tausende den Heimweg angetreten hatten, die in dichten Scharen die Belle- alliancestratze bis zum Halleschen Tor hinunter bevölkerten. Vom Tempelhofer Felde kommend, marschierte ein Trupp Soldaten die Bellealliancestratze hinunter. Die Pauken dröhnten, die Trompeten schmetterten, die Waffen blitzten im Sonnen- schein. Im strammen Paradeschritt stampften die Proletarier im bunten Rock das Stratzenpflaster. Und neben dem Militär schritt auf dem Biirgersteige in lackgen dichten Reihen eine kleine Abteilung des gewaltigen Heeres der klassenbewußten Arbeiter: die vom Bock kommenden Maurer. Nicht im gleichen Schritt und Tritt, nicht zusammengeführt und zusammengehalten durch Kom- mandoworte oder durch eine mittels eines barbarischen Strafsystems gestützte Disziplin. sondern geeint durch gleiche Empfindungen, zusammengeführt durch die er- habenen Gedanken der klassenbewutzten Ar- veiterbewegung. so schritten die von der Mai- demonstration heimkehrenden Maurer fest und in sicherem Selbst- bewutztsein die Stratze entlang und an ihnen vorüber zogen die Arbeitsbrüder in„des Königs Rock", die unsere Herrschenden bei passender Gelegenheit zur Unterdrückung der klassenbewußten Arbeiter- bewegung glauben benutzen zu können. Doch, das hat die überaus große Beteiligung an der Maifeier gezeigt, der Gedanke des Sozia- lismuS schreitet siegreich vorwärts. Mit Säbeln, Flinten und Kanonen ist er nicht auszurotten. Die Zimmerer hielten drei Versammlungen ab. Für die Ver- sammlung derselben in der„Alhambra" in der Wallnertheaterstratze war die Genossin L i l y B r a u n als Referentin vorgesehen. Die Versammlung in der Badstratze war von 2000 Personen besucht. Viele hielten sich noch im Garten und in den Nebenräumen auf. Mit großem Beifall wurde das Referat der Genossin Ihrer auf- genommen. In der Viktoriabrauerei, Lützowstratze, hatten sich 800 Zimmerer versammelt, so datz der grotze Saal und der kleine Nebensaal stark gefüllt waren. Genosse Redakteur Block hielt das Referat, das von lebhaftem Beifall gefolgt war. Die Resolution ward einstimmig angenommen und zum Schluß stimmte die Versaminlung begeistert ein in das Hoch auf die revolutionäre Sozialdemokratie. Die Arbeiter der Nahrungs- und Genußmittelbranche tagten in noch nie dagewesener Zahl im unteren Saale von Buggenhagen am Moritzplatz. Genosse Koblenzer als Referent erntete brausenden Beifall. Die bekannte Resolution fand einstimmige Am nahine. Die wie alljährlich so auch diesmal wieder vorgenommene Auszählung der einzelnen Berufsgruppen zeigte, datz die Bäcker, Tabakarbeiter, Brauerei-HülfSarbeiter, Barbiere und sogar Gastwirts gehülfen, obgleich letztere in den zahlreichen Versammlungslokalen zur Bedienung zurückgehalten wurden, in geradezu überraschender Zahl vertreten waren. Der Versammlungsleiter konnte mit Genug tuung konstatieren, daß diesmal fast die d e i f a ch e Zahl der Teil- nehmer anderer Jahre festgestellt wurde.„Den Anfang und Schluß dieser imposanten Versammlung bildeten einige prächtig zum Vor- trage gebrachten, begeisternden Lieder des Bäcker- Gesangvereins „Morgengrauen". Die im„Deutschen Hof", Luckauerstratze, tagende Maiversamm� lung der Vereinigung der Maler war von zirka 1300 Kollegen be� sucht. Viele Hunderte fanden infolge der Absperrung keinen Einlatz. In packenden Worten schilderte Referent G. Linck die Bedeutung des 1. Mai. Reichhaltiger Beifall zeugte von der innewohnenden Begeisterung der Anwesenden. Mit einem donnernden Hoch auf die internationale völkecbefreiende Sozialdemokratie schloß die Ver- sammlung. Die Maiversammlung der Buchbinder war überfüllt. Zirka 2—3000 Personen füllten den weiten Saal und Tribünen bei B u g g e n h a g e n am Moritzplatz. Referent war Stadw. Dr. Wey l. Die Stimmung war eine begeisterte. Die Resolution fand ein- stimmige Annahme. Die Versammlung der Schmiede im Englischen Garten war überfüllt. Mindestens 800 Personen hörten den Vortrag des Genossen G r l» h l stehend an. Hunderte von Schmieden fanden keinen Einlatz mehr. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. An der Versaminlung der zentralorganisierten BauhülfSarbciter im Lokale Friedrichshain nahmen 2500 Personen teil. Da der Saal wegen Ueberfüllung schon um 9y4 Ilhr abgesperrt wurde, mußten sich außerdem noch etwa 1000 Zuspätgekonunene mit einem Platz im Garten begnügen. Das Referat hielt Genosse Mauren- b r e ch e r. Städtische Arbeiter. Nach stimmungsvollem Einleitungsgcsange des Gesangvereins der Putzer hörte die von 200 Personen besuchte Versaminlung im Dräselschm Saale das treffliche Referat des Ge- nossen Kaliski. Stürmischer Beifall lohnte den Redner für seine begeisternden Ausführungen. Die Resolution fand einstimmige An- nähme. Die Angehörigen des graphischen Gewerbes waren im zweiten Saale der Bockbrauerei versammelt. Obgleich schon vor Beginn der Versammlung Tische und zum Teil die Stühle entfernt wurden. mutzten doch die erst gegen 10 Uhr Erschienenen mit einem Platz im Garten der Brauerei vorlieb nehmen. Die Versammlung selbst wurde durch Sänger des graphischen Gewerbes eingeleitet und änden die markigen Worte des Referenten Genossen Haß lebhaften Beifall. Nach einstimmiger Annahme der Resolution und einem dreimaligen Hoch auf die internationale politische sowie gewerk- 'chaflliche Arbeiterbewegung fand die imposante Versammlung einen würdigen Abschluß. Der Besuch der Maifeierversammlung, welche am Vormittag die Filiale Berlin des Zcntrawerbaudes der"Töpfer nach der Kronen- brauerei in Alt-Moadit einberufen hatte, war ein allgemeiner. Es beteiligten sich, da viele Kollegen die Versammlungen in den Vor- orten besuchten, 1500 Kollegen daran. Moritz Lothar hielt einen mit Begeisterung aufgenommenen Vortrag, in welchem er die Ver- 'ammelten aufforderte, sich der geioerkschaftlichen sowohl, wie der politischen Organisation anzuschließen. Die vorgeschlagene Resolution wurde einstimmig angenommen. Die Vormittagsversammlung der Sattler bei Boeker. Weber- traße 17, war besucht von über 1000 Personen. Referent war Emil D i t t m e r. Zum Schluß wurde auf die Vermuckerung in Preußen hingewiesen und zum Austritt aus der Kirche aufgefordert. Imposant war die Versammküng der Graveure usw.. die in einer Zahl von über 300 Personen im Dresdener Garten erschienen, um den Ausführungen des Genossen Dr. Z a d e k Gehör zu schenken. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die moderne Arbeiter- bewegung schloß die interessante Versammlung. Die Versammlung der Tapezierer in Mendts Festsälen war be- ucht von über 1000 Personen, die sämtliche Räume des Lokals füllten. Um 10 Uhr wurde polizeilich abgesperrt. Otto Wels hielt unter großer Begeisterung des Referat des Tages. Nicht endeuwollende„Pfui"-Rufe durchhallten den Saal, als der Redner die Verbrechen von Courrisres und Breslau an der Arbeiter- schaff kritisch beleuchtete. Noch nie war eine Maiversammlung deS Berufes in solchem Umfange besucht. Die Resolution der Gewerk- schastskommission fand einstimmige Annahme. Die Hafenarbeiter(Bretterträger) hatten sich vormittags 10'/z Uhr im König stad t- Ka sin o, Holzmarktstr. 72, in der imponierenden Zahl von annähernd 300 Mann versammelt, um das Referat des Genossen Paul B a r t h el entgegenzunehmen. Der Redner sprach in einstündiger, begeisterter und begeisternder Rede, die mehrfach von lebhafter Zustimmung unterbrochen und mit brausendem Beifall aufgenommen wurde, über die Bedeutung unseres Weltfeiertages, über die Dreiklassenwahlschmach und über die Ideale, für die wir von Jahr zu Jahr machtvoller demonstrieren. Die Versammlung wurde mit einem begeisternden dreifachen Hoch auf den 1. Mai und die moderne Arbeiterbewegung geschlossen. Die Gipser und Zementierer tagten in Kliems Festsälen. Die zirka 3200 Mann starke Sektion des Maurerverbandes war fast voll- zählig zur Stelle und füllte den großen Festsaal und die an- grenzenden Räumlichkeiten bis auf das letzte Plätzchen. � Der Rest mußte auf das Anhören des Referates verzichten und im Garten Platz nehmen. Genosse Albrccht Fülle referierte. Flammende Entrllstungsrufe lösten seine scharf pointierten Ausführungen über die Breslauer Blutaten aus und lebhafte Zustimmung fanden seine Bemerkungen über die Waffe des Generalstreiks, deren Benutzung nicht von uns. sondern von den Gegnern abhinge. Nach einigen kräftigen Schlutzworten des Vorsitzenden H a e s e fand die Ver- sammlung kurz vor 12 Uhr ihr Ende. Der Gesangverein der Sektion fang am Anfange und am Schluß der Versammlung ein der Feier des TageS entsprechendes Lied. Die in den„Arminhallen" stattgefundene Versammlung der Glaser, Glasschleifer, Glasbläser, Glasarbeiter war von über 000 Personen besucht. Lange vor Eröffnung der Versammlung er- folgte die polizeiliche Absperrung, so daß zirka 200 Personen keinen Einlaß fanden. Genosse K l o t h referierte. Die von der Gewerk- schastskommission vorgeschlagene Resolution wurde einstimmig an- genommen. Etwa ausgesperrte Mitglieder sollen sich in den Bureaus der betreffenden Organisationen zur Konttolle anmelden. Die Versammlung der zentralorganisierten Steinsetzer fand bei W i l k e, Brunnenstr. 188, statt ES referierte Genosse Müller. Mit einem kräftigen Hoch auf die internationale Sozialdemokratie fchlotz die Versammlung. Bekleidungsindustrie. Der Saal bei Ulbrich, Große Frank- furterstraße, war dicht besetzt. 700 bis 800 Personen mochten an- ivcsend sein. An Stelle des leider durch Heiserkeit verhinderten Kollegen Fr. K o tz k e hielt Fritz B e r g e r ein mit großem Beifall aufgenommenes Referat über die Bedeutung deS 1. Mai. In der Diskussion erntete Reichstagsabgeordneter Aug. Baudert für seine aus dem Herzen gesprochenen Worte rauschenden langanhaltenden Beifall. Die Bergolder waren im neuerbauten großen Saal der Sophien- Säle über 750 Personen stark versammelt. Reichstagsabgeordneter M a h l k e hielt da? Referat. Die Maiversammlung der Fabrik-, Land- und Hülssarbciter usw.. Zahlstelle Berlin, im Rosenthaler Hof, Rosenthalerstt. 11/12, war eine halbe Stunde vor Beginn polizeilich gesperrt. Hunderte mutzten umkehren. Im Saale waren zirka 450 Personen versammelt. Die Maiversammlung der Porzellanmaler und Schildermal«»» welche von zirka 300 Personen, darunter zahllosen Frauen und Mädchen, besucht war, fand im Gewerkschaftshause, Saal I, statt. Das Referat der Genossin Ida Altmann fand beifällige Auf- nähme. Die Versammlung wurde vom Gesangverein der Porzellan- arbeiter mit Gesang eröffnet und geschlossen. In einer äußerst stark besuchten Versammlung in Dräsels Fest- sälen dcmonsttierten rund 800 Bildhauer. Genosse Grunwald verstand in einem reich mit nationalökonomischen Grundsätzen durch- leuchteten Referate die Aufmerksamkeit der Hörer zu fesseln und der Bedeutung des Tages gerecht zu werden. Reicher Beifall lohnte seinen Ausführungen. In der Versammlung der Putzer in Kellers Festsälen waren zirka 3500 Personen anwesend, darunter viele Frauen. Die Galerien waren dicht besetzt. Die Versammlung wurde durch Vorträge des Gesangvereins der Putzer eröffnet. Genosse M a s s i n i sprach dann über die Arbeiterschutzgesetzgcbung und erinnerte an das stolze Kaiser- lvort von 1890, das heute»och nicht ersüllt ist, serner sprach er über das elende Wahlrecht in Preußen. Der Verband der an Holzbearbeitungsmaschinen beschäftigten Arbeiter Berlins und llmgegend hielt in den Andreas-Festsälen seine Maiversammlung ab. Frau Dr. Wey! hielt das Referat, das von den zirka 1300 Kollegen betfällig aufgenommen wurde. In der Bcrsattiiulmig der Stcinarbciter waren etwa 1200 Personen anwesend. Vor 10 Jahren waren 28 Mann zur Maiversamm- lung erschienen. Die Versammlung war polizeilich abgefperrt; mindestens 100 Personen erhielten keinen Eintritt. Die Bersamniluiig der Dachdecker bei Feind, Weinstr. 11, war von 540 Personen besucht. Die Versaminlung der Lederarbeiter(Weißgerber, Lohgerber und Handschlihmacher) war 700—800 Teilnehmer stark. Das gediegene Referat des Genossen Max Schütte erntete großen Beifall. Mit einem Hoch auf die internationale, revolutionäre, völkerbefreiende Sozialdemokratie ging die Versaminlung auseinander. Im Restailrant G r a m o t t e. Bergstraße 12. hatten sich zirka 400 Raiinncr versammelt. Das Referat hatte Genosse G a i d a- Ripdorf übernommen. Die Versammelten lauschten andächtig seinen Ausführungen. Der Vorsitzende schloß die imposante Versammlung nrit einem Hoch auf die Arbeiterbewegung. Die Versammlung der Portefenillrr im„Fürstenhof" in der Köpnickerstratze war ebenfalls ungeivöhnlich stark besucht. Während sonst die Zahl der Maiseiernden in diesem Berufe 130—150 Per- fönen betrug, ergab diesmal die Auszählung derselben über 300. Der Referenf Ernst Brückner verstand es ausgezeichnet, die An- wesenden durch seine Ausführungen zu fesseln. Unter dem Gesang der Arbeitermarfeillaise ging die Versammlung auseinander. Die im Handels-, Transport- und Berkchrsgcwerbe beschäftigten Personen waren um 12 Uhr bei„Buggenhagen" am Moritzplatz ver- sammelt. Der Saal war überfüllt. Etwa 2000 Personen waren anwesend. Das Referat des Genossen E b e r t wurde wiederholt von lebhaftem Beifall unterbrochen und mit größter Aufmerksamkeit von den Versammelten verfolgt. Die Versammlung spendete dem Referenten langanhaltenden Beifall. Bemerkenswert war auch die Maiversammlung des Vereins Berliner Hausdiener, welche die erste dieser der modernen Arbeiter- bewegung gewonnene Organisation ist. Sie wurde abgehalten in den Zentral-Festsälen. Für diesen ersten Versuch war die Beteiligung von zirka 500 Personen geradezu überraschend zu nennen. Das Referat hielt Genosse P. D ü p o n t. In allen Versammlungen fand die unter Zustimmung des Partei- Vorstandes und der Generalkommission vorgelegte Resolutton ein- timmige Annahme. In einer ganzen Reihe von Versamm- langen protestierte man auch durch Resolutionen gegen das Borgehen der Breslauer Polizei. Eine etwas anders gefatzte als die sonst allgemein sowohl in den Partei- wie in den Gewerkschaftsversammlungen angenommene Resolution lag den der Freien Bereinigung deutscher Gewerkschaften angeschlossenen Organisationen vor. Wir haben auch diese Resolution schon zum Abdruck gebracht und lassen deswegen auch von den Versammlungen dieser Ge- werkschaften nur kurze Einzelberichte folgen: Die Freie Bereinigung der Maurer Deutschlands hielt im über- fluten Saale der Brauerei Königstadt ihre Maiversammlung ab. Etwa 2400 Männer und Frauen hörten dem Vortrag des Genossen - Weber zu. Eingeleitet und geschlossen wurde die im- posante Kundgebung durch Gesangsvorträge des Gesangvereins der Organisation. Isolierer und Stcinholzleger. Die nach Boekers Fest- älen, Weberstr. 17, einberufene Versammlung war von etwa 400 Personen besucht. Der Referent Genosse Schlanker geißelte charf das Vorgehen der Polizei in Breslau. Die Versammlung der Zimmerer, die im Böhmischen Brauhaus tagte, war überfüllt, trotzdem fanden noch zirka 2000 Maidemon- 'tränten keinen Einlatz in den großen Saal. Die ganze Veranstaltung verlief äußerst stinunungsvoll. Besonders hervorzuheben ist noch die starke Beteiligung der Frauen. In diesen Versammlungen fand die vom Gewerkschaftskartell vorgeschlagene Resolutton widerspruchslos Annahme. Die Gcwerkschast der Maler Berlins und llmgegend hielt in Feuersteins Festsülen ihre von über 300 Personen besuchte Mai- Versammlung ab. Referent Alb. Weidner sprach über die Be» deutung des 1. Mai. Eine entsprechende Resolution fand Annahme. Gesangsvorträge des Gesangvereins der Gewerkschaft der Maler trugen zur Verschönerung mit bei. Unter brausenden Hochs auf die Organisation und die internationale Arbeiterbelvegung schloß die Feier. Die vom Gewerkschaftskartell einberufene Gnippcnvcrsammlung der Metallarbeiter, Bürstenmacher, Bleiglaser, Konfcktionsarbeiter, Fraucnverein, Hausdiener, Tapezierer, Marlthallcnarbeiter, Stukka- teure und Barbiere, die nach den Brunnensälen, Brunnenstr. 15, ein- berufen war, war schon um 10 Uhr polizeilich abgesperrt, so datz Hunderte keine Einlatz fanden. Genosse Ä. K l e i n l e i n referierte. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den internationalen revolutionären Sozialismus wurde die Versammlung geschlossen. Die Schiff- und BootSbaucr hatten sich außerordentlich zahlreich in ihrem Verkehrslokal Stralauer Allee 17s eingefunden. Das Mai- referat hielt Genosse Jonnh Hinrichsen, dessen Ausführuugen mit aufrichtigem Beifall gelohnt wurden. Die Resolution des Berliner Gewerkschaftskartells fand begeisterte Zustimmung. In den Boots- werften herrschte allgememe Arbeitsruhe. Die Versammlung der Fliesenleger und Hülfsarbeitcr war von zirka 450 Personen besucht. In wirkungsvoller Weise referierte Ge- nosse Schröder. An reichhaltigem Tatsachenmaterial demonstrierte Redner die Entrechtung und Knechtung der Arbeiterklasse unter großem Beifall der Versammlung. Die Freie Bereinigung der Bauarbeiter hielt im Englischen Garten ihre Maiversammlung ab. Genosse Kater referiette. Die Versammlung war überfüllt; viele Genossen fanden keinen Einlaß. In überfüllter, von 700 Personen besuchter Versammlung in ran manns Lokal. Naunynstratze, demonstrierten die Mitglieder der Bereinigung der Musikinstrumcnten-Arbcitrr Berlins und Um- gcgend. Die Maifeier der Kürschner verlief grotzarttg. Genosse Ströbel referierte vor etwa 400 Personen. Der Gesangverein erfteute durch verschiedene Vorträge. Die Feier der Partei. Die Genossen und Genossinnen des ersten Wahlkreises begingen daS Maifest bei Kliem in der Hasenheide. Fünftausend Personen etwa nahmen teil. In der Dämmerstunde drängte sich alles nach dem grasten Saal, wo Reichstagsabg. Molkenbuhr die Festrede hielt, Voigts„Gruß an den Mai", vorgetragen von der„Typographia", leitete stimmungsvoll ein. Begeistert stimmten die Versammelten in das Hoch auf die völkerbefreiende internationale Sozialdeniokratie ein, mit dem Molkenbuhr schloß. Gesänge der„Typographia" folgten, Genosse M a s s i n i bewies sich als Meister der Rezitationskunst und turnerische Aufführungen vervollständigten das Programm. Alle Darbietungen fanden den lebhaftesten Beifall. Im zweiten Wahlkreis waren wieder Garten und Säle der Bockbrauerei für die Maifeier ausersehen worden. Schon nachmittags füllte den größten Teil des Gartens eine festlich ge- stimmte Menge, die immer mehr anwuchs. Garten und Saal konnten schließlich kaum noch mehr fassen, so daß die Teil- nehmerzahl mit 10 OVO nicht zu hoch geschätzt sein dürste. Das Jnstrumentalkonzert des Berliner Sinfonie- Orchesters des Herrn Kapellmeisters M. Fischer wechselte ab mit den Frühlings- und KampfeSliedern eines geschulten Chors von Arbeiter? ängern, denen reicher Beifall wurde. Im überfüllten Saal hielt der Reichstags- Abgeordnete des Kreises, Ge- nosse Richard Fischer, die Festrede. Als er zur Charakterisierung des Klassenstaates der abgehackten Hand von Breslau und des Dankes des Breslauer Polizeipräfetten, sowie des Verbrechens von Courrisres gedachte, durchbrausten stürniische Eni- rüstungsrufe den Saal. Nach Darlegung der Forderungen des Proletariats hielt Redner dem Wüten der Reaktton das Dichterwort entgegen: Ihr hemmt uns, doch Ihr zwingt uns nicht, unser der Sieg, trotz alledem I �Anhaltender, stürmischer Beifall.) Die Genossen des dritten Kreises hatten ihr Hauptquartier in der Neuen Welt in der Hasenheide aufgeschlagen. Starker Andrang herrschte hier schon am frühen Nachmittag. Bald war ein bewegtes Leben in dem iveiten prachtvollen Garten, in dem das leuchtende Rot des Flaggenschmuckes sich prächttg mit dem hellen Maien- grün der alten Bäume vermischte. Der Zustrom immer neuer Festgenossen nahm kein Ende. 15000 waren es sicher. Musik, Begeisterung weckender Vortrag von Gesängen, die dem Sehnen und Streben nach Befreiung Ausdruck geben, und Produktionen der geschmeidigen Turner bot auch hier das Pro- gramm. Die Festrede im gestillten Riesensaal hielt Genosse Redakteur Block. Er fand die rechten Worte für die Gedanken, welche die vor- und aufwärtsstrebende Arbeiterklasse an diesem Tage des Pro- testeS und der Willenskundgebung beseelen. Das bewies die Zu- stimmung, die ihm wiederholt im Laufe des Vorttags zuteil wurde. Mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie schloß dieser Teil der Feier.— Das ziveite Festlokal für den dritten Wahlkreis war das G e- Werks chaftshaus. Das übliche Unterhaltnngsprogramm. Dann ein Vortrag des Redakteurs Genossen D ü w e l l über die Bedeutung des TageS int gefüllten großen Saal. Die Festrede machte großen Eindruck. Durch stürmischen Applaus gaben die Ver- sammelten ihrer Uebereinstimmung mit dem Redner Ausdruck. Vierter Wahlkreis. In dem ausgedehnten Garten der Brauerei Friedrichshain herrschte lebhaftes Festgewühl. Gegen abend war der Garten fast vollständig besetzt. Eine Musik- kapelle sorgte für musikalische Genüsse, Mitglieder des Arbeiter- Sängerbundes ließen ihre die Ideale des Proletariats verherrlichenden Weisen ertönen. In dem großen Saal, wo ebenfalls eine nach Tausenden zählende Menge Platz genommen hatte, bot eine Volks- sänger-Gesellschaft ernste und heitere Vorträge dar. So war für ein abwechselungsreiches Programm gesorgt. Genosse Koblenzer hielt die Festrede, die der Bedeutung des proletarischen Weltfeier- tages entsprach. Die Fortsetzung des Festprogramms bot noch mancherlei Unterhaltung, bei der auch Aufführungen von Arbeiter- turne ru und Arbeiterradfahrern zur Erhöhung der festlichen Stimmung beitrugen. Kellers F e st s ä l e in der Koppenstraße haben anderen Lokalitäten gegenüber den Nachteil, daß sie nicht mit einem Garten verbunden sind. Trotzdem war auch hier der Besuch ein guter. Der große, mit roten Fahnen und Inschriften reich geschmückte Saal war vollständig besetzt. Konzert und Gesangsvorträge boten an- genehme Unterhaltung und die komischen Vorträge der Gesellschaft Strzelewicz erregten die Heiterkeit der Zuhörer.— Nach einem stimmungsvollen Vorttage eines Arbeitergesangvcreins betrat Genosse Singer das Podium, um die Festrede zu halten.— Mit Stolz— sagte er— können wir auf die heutige Maifeier blicken. Zahlreicher denn je waren die Demonstrationsversammlungen am Vormittag be- sucht. Das zeigt uns, daß sich die Maifeier bei den Arbeitern ein- öebüraert hat, und läßt uns annehmen, daß die Zeit nicht mehr allzu fern ist, wo die Unternehmer einsehen werden, daß sie durch keine noch so brutale Maßnahme den Gedanken der Maifeier aus den Herzen der Arbeiter reißen und die Feier selbst unterdrücken können. Vor der siegreichen Dtacht der Arbeiterklasse wird das Unternehmer- tum Halt machen müssen. Und wenn mancher aus unseren eigenen Reihen inbezug auf die Maifeier kleinmütig geworden war, so hat gerade die heutige überaus starke Beteiligung an unserem Maisest gezeigt, daß kein Grund zu solcher Kleinmüttgkeit vorhanden ist. Der Redner ging dann auf die Forderungen ein, denen die Mai- feier gewidmet ist, und schloß seine Ausführungen mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie, in das die Versammlung begeistert einstimmte. Dann wurde die vom Genossen Singer empfohlene Resolutton, die den BormittagSversammlungen bereits vorlag, einstimmig angenommen. Mentes Volksgarten, der zwar auf Lichtenberger Gebiet liegt, aber den Genossen des vierten Wahlkreises ebenfalls als Fest- lokal diente, war gleich den übrigen Lokalen von einer nach Tausenden zählenden Menge besucht. In ununterbrochenem Zuge pilgerten Arbeiterfamilien die Chaussee hinaus, um schließlich in Mentes Volksgarten einzukehren, wo durch Musik- und Gesangvorträge so- lvie durch Kinderbelustigungcn für die Unterhaltung von Jung und Alt gesorgt war. Eine Festrede konnte hier nicht gehalten werden, weil das Lokal über keinen geeigneten Saal verfügt. Im K o n z e r t h a u s S a n s s o u c i. das außerordentlich gut besucht war und wo unter anderm die Bolkssängergesellschaft Schmelzer-Balzö-Gnörich austrat sowie die Turner ihr Können be« wiesen, hielt Reichstagsabgeordneter Eduard Bernstein die Festrede. Er schilderte die kolossale Entwickelung der Arbeiterbewegung in den letzten Dezennien, die zu den besten Erwartungen im Kampfe gegen ilbergroße Ausbeutung, Polizeiwirtschast und politische Unterdrückung und Entrechtung berechtige. Als sehr wertvoll befürwortete er die Erziehung der Jugend zum Sozialismus, die Hinführung der Heranwachsenden in die Jugendorganisationen. Anhaltender Beifall wurde dem Redner zuteil. Der Viktoriagarten und das Parkrestaurant, beide an der Köpenicker Landstraße nebeneinanderliegend, boten einem Teil der Genossen vom Südosten des vierten Wahlkreises Gelegen- hett zur Abhaltung der Maifeier. Eine wahre Völkerwanderung war es, die hinauszog nach diesen beiden äußerst geräumigen Gartenlokalitäten. Schon in den ersten Stunden nach Beginn der Feier waren die Lokale vollständig gefüllt und immer noch sttömten neue Massen hinzu, die sich zum Teil vergebens nach Sitzplätzen umsahen. Hin und her wogte die Menge in den Gartenwegen und glücklich schätzte sich der, der noch in irgend einem Winkel ein Plätzchen gefunden hatte, wo er es sich, wenn auch nur notdürftig, bequem machen konnte. Hunderte, die nach langem vergeblichen Suchen kein Ruheplätzchen finden konnten, zogen wieder ab, hinüber nach dem Treptower Park, wo sie sich aus dem großen Spielplatz in der Nähe des Karpfenteiches lagerten. Den Abziehenden folgten neue Ankömmlinge und so ging es bis zum Abend beständig ein und aus. Die Zahl der Besucher wird auf wenigstens 15000 geschätzt.— Für beide Lokale Ivar ein ziemlich'gleichartiges Konzertprogrami» aufgestellt, das den Festtcilnchmern angenehme Unterhaltung bot. Auch fiir die Unterhaltung der Kinder war in geeigneter Weise gesorgt und nach Eintritt der Dunkelheit lenkte ein effektvolles Feuerwerk die Auf- merksamkeit aller Festteilnehmer aus sich.— Im Parkrestaurant sprach Genosse Mücke und im Viktoriagarten hielt Genosse H e tz s ch o l d die Festrede, deren kraftvolle Verherrlichung der sozialdemokratischen Ideale den lebhaften Beifall der Zuhörer fand. Der Schweizergarten am Königstor war das Festlokal der Genossen des fünften Wahlkreises. In ungewöhnlich großer Zahl hatten sie sich mit Frauen und Kindern eingefunden, und je weiter der Nachmittag vorrückte, desto mehr wuchs die Zahl der Festteilnehmer an. Gegen Abend war der ausgedehnte schattige Garten von einer nach Taujenden zählenden festlich gestimmten Menge gefüllt. Die älteren Genossen waren einig in dem Urteil, daß ihr Maifest noch nie so stark besucht war wie in diesem Jahre.— Für die Unterhaltung war gesorgt durch Musik- und Gesangsvorträge. Ztoischendurch traten Spezialitäten auf. Auch eine Abteilung von Arbeitertnrnern trug durch Vor- führung ihrer Leistungen zur Verschönerung des Festes bei, ebenso eine Abteilung des Arbeiter-Radfahrervereins„Courier", die durch ein Reigenfahren die Zuschauer ergötzten.— Der ernsten Bedeutung der Maifeier wurde Genosse Robert Schmidt in einer Festtede gerecht, die in großen Zügen der Klassenforderungen des Proletariats gedachte, welche den Gegenstand der Maifeier bilden und zur Mit- arbeit an der Erreichung der Ziele der Sozialdemokratie aufforderte. — Der schöne Abend hielt die Festteilnehmer, teils im ernsten Ge- spräch, teils im Genuß der unterhaltenden Darbietungen des Pro- gramms noch lange beisammen. Der Norden Berlins, der sechste Wahlkreis, trug den ganzen Tag über ein durchaus festtättgeS Gepräge: Während in den Morgenstunden die Masse der Gewerkschafts- Mitglieder in hellen Scharen nach den Versammlungslokalen eilte, waren Gruppen von Parteigenoffen emsig beschäftigt, in den im üppigsten jungen Grün prangenden Gärten den letzten Festschmuck anzubringen. Denn so viel war von vornherein klar: blieb das Wetter so prächtig, wie es am Morgen einsetzte, dann war zu den Festveranstaltungen am Nachmittag eine zehntausendköpfige ahl von Teilnehmern zu erwarten. Und so kam es auch. aum waren die Kinder aus der Schule zu Hause und die Männer aus den Versammlungen angelangt, so rüstete sich die ganze Arbeiterfamilie zum gemeinsamen Aufbruch nach den Gartenlokalen. Aber weh: Wohin mit diesen Masten? Die Genossen der Schönhauser Vorstadt hatten nur zwei Lokale zur Verfügung: Fröbels Allerlei-Theater und Wernaus Festsäle, und für Gesundbrunnen mit der Rosenthaler Vorstadt mußten das Marienbad, das Bernhard Rose-Theater und Ballschmieders Kastanienwäldchen ausreichen. Im Handumdrehen war hier bald jedes Plätzchen besetzt. Und von Viertelstunde zu Viertelstunde steigerte sich der Andrang. So ging es denn von einem Lokal zum andern in immerwährendem Hin- und Herfluten. Glücklich, wer einen Platz erobert hatte. Doch die Räumlichkeiten waren und blieben nun einmal zu klein. Sie hätten mindestens dreimal so groß sein können, um die Zahl der Besucher zu fassen. Bei dem Herr- lichen Maienwetter entwickelte sich in den Gärten bald die regste Unterhaltung, die höchstens unterbrochen wurde, wenn die einzelnen, sehr beifällig aufgenontmenen Nummern des Festprogramms zur Aufführung gelangten. Jung und Alt war überall in echter und rechter Maifeststimmung. Dieselbe wurde auch durchaus nicht gestört, als der Himmel für kurze Zeit ein finsteres Gesicht machte und einige Regentropfen zur Erde sandte. Die dunklen Wolken Ivaren jedoch nur„eine vorübergehende Erscheinung", so wie die Sperrwut der Unternehmer eine sein wird. So nahte denn der Abend und eS kam derjenige Teil der Feier, wo der Frohsinn wieder dem Ernst des Tages Platz machen mußte. Alles eilte, soweit der Raum dies gestattete, in die Säle, um die Festreden mit anzuhören. Im„Marienbad" sprach der Ge- nosse K l o t h, bei Ballschmieder der Genosse S t r ö b e l. bei Bernhard Rose der Genosse L e s ch e- Altona, bei Wernau der Genosse Antr i ck und im Fröbel-Theater der Genosse Grunwald. Ernst und in sich gekehrt lauschten dieTausende vonproletarischen Männern undFrauen den begeisternden Worten derRedner. Wußten sie doch, daßdieseMaifeicrnicht nur dem Achtstundentag und dem Völkerfrieden, sondern auch der Beseitigung des schmählichen Dreiklassenwahlrechtcs galt. Nach Beendigung der Ansprachen verweilten die Genossen dann noch einige Stunden beisammen in dem Bewußtsein, daß die diesjähriaeMaiseier wohl eine der imposant est en gewesen ist, die Berlin bisher aufzuweisen hatte. Auf dem W e d d i n g war ein solcher Andrang im Feld- s ch l ö ß ch e n in der Müllerstratze, daß ganze Scharen von Genossen mit ihren Familien wieder umkehren mußten. Das Festprogramm war ein sehr reichhaltiges. Der Arbeiter-Turnerbund, Arbeiter- Sänger, Athleten und allerlei Künstler traten auf. Als Festredner war Genosse Davidsohn angekündigt, der aber seinen Vortrag nicht halten konnte, da den Vorschriften der polizeilichen Anmeldung nicht voll Genüge getan wurde. In der B o ck- B r a u e r e i in der Chaustecstraße hätte etwas von dem Ueberflusse an Besuchern im Feldschlößchen noch Platz gefunden, aber man konnte auch hier mit dem Besuch zufrieden seilt. Genosse H e r z f e l d war der Festredner. Turner und Sänger fehlten nicht, und für die Unterhaltung war bestens gesorgt. In Moabit waren die drei Lokale, welche die Genosten für die Maifeier ausersehen hatten, überaus gut besucht. Ueberall war ein hübsches Programm zusammengestellt worden, und ein frohes bewegtes Treiben entwickelte sich bei Musik und Gesang, Tanz, Unterhaltungsspielcn und Festreden. Im Moabiter GesellschaftShauS sprach Genosse L e d e b o u r. Die Turner zeigten ihre Künste, und Gesangvereine des Arbeiter- Sängerbundes ließen sich hören. Die Willy Walde- Sänger standen auch auf dem Programm und erwarben sich mit ihren Vorträgen viel Beifall. In dem Patzenhofer Etablissement drängte sich eine zahlreiche Menge. Hier sprach Genosse Weber und die„Vereinten Sangesbrüder Moabits" sangen ftohe und ernste begeisternde Weisen. Der' Turnverein„Fichte" erfreute die Zuschauer durch allerhand Ausführungen. ES herrschte eine vorzügliche Stimmung in der wogenden Menge der ftoh bewegten Männer, Frauen und Kinder; man freute sich des Maifeiertages von Herzen. In der K r o n e n b r a u e r e i grüßten den Eintretenden rote Fahnen von allen Seiten. Hier herrschte derselbe Festesjubel wie in den beiden anderen Lokalen von Moabit. Die Maitagrede hielt Genosse Wiesenthal. An Gesang und Musik fehlte es natürlich nicht; auch war die Volkssänger-Gesellschaft Lewandowski zur Unter- Haltung engagiert worden. � � Die Berichte deS Wahlkreises Teltow-Beeskow-Storkow-Char- lotenburg zeigen eine ungeahnte Beteiligung an der diesjährigen Maifeier. In den großen Orten des Kreises füllten sich die Straßen mit taufenden festlich gekleideter Arbeiter, die zunächst einen kleinen Spaziergang machten und sich alsdann zu den Kontrollstellen ihrer Gewerkschaften begaben. So bot namentlich Rixdors, dessen GeWerk- schaftskommisjion drei Versanunlungen einberufen hatte, den Schau- platz einer zu vielen taufenden zählenden ruhig dahinwandcrndcn Arbetterschar. Kein Wunder, daß sich die Säle als viel zu klein erwiesen und Tausende keinen»Einlaß mehr fanden. Im H o p p e s ch e n Lokal mochten sich etwa 2500 Personen eingesunden haben, welche den trefflichen Ausführungen des Ge- Nossen Eduard Bernstein lauschten. In der zweiten Ver- sammlung bei Thiel, in lvelcher Genosse Art hur Hoffmann referierte, waren zirka 2000 Personen anwesend, während die im Heikhausschen Restaurant tagende Versammlung, in welcher Genosse Davidsohn referierte, ungefähr 1000 Besucher aufwies. Die von dem GcwerkschaftSkartell einberufene Versamm- lung wies im Flicks chen Gefells chaftshaus eine Teil- nehmerschaft von 200 ans. Ueberall riefen die Ausführungen der Referenten stürmische Zustimmung hervor. Aehnlich war die Betefligung in Charlottenburg. Die vier anberaumten Versammlungen waren sämtlich überfüllt und nahmen M der im Volkshause einberufenen Versammlung ungefähr 1200 Maurer, Putzer und Zimmerer teil. Die Versamm- lung der Bauarbeiter wies eine Beteiligung von 500 Personen auf, die der H o l z-, Handels- und Transportarbeiter von 550 bis 000 und die der Maschini st en, Heizer, Por« zellanarbeit''r, Metallarbeiter zirka 500 Teilnehmer. Sicher eine Beteiligung, wie sie Charlottenburg bisher noch nicht verzeichnen konnte. An. der Gewerkschaftsversammlung Schöltebergs nahmen über 1500 Personen teil, die, zum nicht geringen Teil aus Frauen be- stehend, den trefflichen Ausführungen des Genossen Rieger großen Beifall zollten. Geradezu überraschend war die Teilnahme in Groß-Lichtcrfelde- Lankwitz. Hier haben über 1000 Genossen durch Arbeitsruhe den Tag festlich begangen. Imposant« Versammlungen weisen weiter auf: Adlers hos, wo sich in der Morgettversammlnng über 800 Personen einfanden, desgleichen A lt-GI i e ni cke. Die zwei in Nowawes-Neuendorf einberufetten Versammlungen waren von 000 und 800 Teilnehmern gefüllt. Aehnliche Berichte liegen vor aus Marienfelde, wo Tische und Stühle entfernt werden mußten, um die Einlatzbegchrenden zu fassen. Selbst in den kleinsten Orten, wo früher von einer nennenswerten Maifeier nicht die Rede war, ist die Beteiligung dieses Jahr vorzüglich ge- ivesen. In Teltow lauschten etwa 500 Teilnehmer den trefflichen Ausführungen des Genossen F. Wille. Aehnliche Berichte liegen vor aus Steglitz, Friedenau, wo noch zahlreiche Neuaufnahmen zur Organisation wie auch Abonnements auf den„Vorwärts" gemacht wurden, Britz-Bukow, Erkner und Königswusterhausen. Die ain Nachmittag begangenen Festlichkeiten sämtlicher Orte verliefen' in ruhiger und würdevoller Weise. In Köpenick gestaltete sich die Feier zu einer imposanten Kund- gebung. Die Versammlung war von über 3 0 00 Personen besucht; der große Saal mit den angrenzenden Nebcnräumen und dem Garten war vollständig überfüllt. Außer der allgemeinen Resolution gelangte noch eine Sympathicerklärung für die sich im Ausstande befindlichen Arbeiter der Weltfirma Spindler zur Annahme. Besonders imposant verlies das Maifest in Baumschulenweg. Das von den Genossen zum Schluß arrangierte Feuerwerk wurde wahr- scheinlich seiner Gefährlichkeit wegen— von der Polizei untersagt. Von einer noch nie in solchem Umfange wie gestern stattgefundenen Maifeier wissen die Zehlendorfer Genossen zu berichten. Am Nach- mittag war der große prächtige Garten des Neuen Gesellschafts- Hauses von einer fröhlichen Menge angefüllt. Musikstücke wechselten mit Gesangsvorträgen des Gesangsvereins„Echo". Das anhaltend schöne Wetter ermöglichte, daß die Musik den ganzen Nachmittag ihre Weisen im Garten ertönen lassen konnte. Dadurch wurde den fünf Polizeibeamten, die zum Schutze der Zehlendorfer Partei- genossen kommandiert waren und ständig.in der Umgebung des Gartens zu Patrouillieren hatten, ihr sonst nicht sehr geistreicher Dienst immerhin etwas annehmlicher gestaltet. Die Wiliuersdorfer Genossen mußten, da ihnen am Orte gegen- wärtig kein Lokal zur Verfügung steht, ihre diesjährige Feier in Schöneberg abhalten. In dem Saale„Wilhelmshof" fanden sich trotzdem etwa 500 Teilnehmer ein, die zum großen Teil im ge- fchlossenen Zuge von Wilmersdorf nach Schöneberg gegangen waren. An das Referat des Genossen B o e s k e schloß sich eine Diskussion. die die für die Wilmersdorfer Bewegung so außerordentlich brennende Lokalfrage betraf. In Wilmersdorf selbst verkündete in den frühesten Morgenstunden von der höchsten Zinne des vornehmsten Hauses, Kaiserplatz 14. eine ungefähr 3 Meter lange rote Fahne den Welt- fciertag. Mit großen Lettern lvar zu lesen:„Hoch der Völker Mai!"„Hoch daS freie Wahlrecht!" Gegen �0 Uhr kam die Polizei aus dem gegenüber gelegenen Revier und bemächtigte sich im Sturmschritt des Hauses. Nach einer halbstündigen schweren Arbeit war die im Winde flatternde Fahne entfernt, und Wilmers- dorf erschien gerettet. Die Parteigenossen von Nieder- Schöneweide, Johannistal und Rudow hielten ihre gutbesuchte Maiversammlung im Restaurant Hasselwerder ab. Auch im Kreise Niederbarnim ist das Fest der Arbeit in einem Umfange gefeiert worden, wie man es vorher nicht geahnt hätte. Die brennende Frage der Tagesordnung traf in allen Orten Hunderte und oft Tausende begeisterte und kampfesfrohe Zuhörer. Ein Ort trat in diesem Kreise auffällig in die Erscheinung: Tegel mit 2500 Teilnehmern. Was man noch vor einem Jahre nicht glaubte,— diesmal ist es zur Tatsache geworden, daß% der Ar- bciterschaft von der alten Firma B o r s i g den Weltfeiertag durch Arbeitsruhe beging und für die Klassenforderungen des Proletariats in der Versammlung den Schwur begingen. Früh 7 Uhr begann bereits das arrangierte Frühkonzert, während um 10 Uhr etwa 2500 Versammlungsteilnehmer(nur aus dem Borsig- werk) den Ausführungen des Genossen Bahn jubelnden Beifall spendeten. Man nahm besonders zu dem Breslauer Blutbad und den Aussperrungen in Breslau, Dresden, Aachen und anderen Orten Stellung und drückte den kämpfenden Brüdern Grüße brüder- licher Sympathie aus. Diese Kundgebung wird sicher für die be- treffenden Orte von großem Eindruck sein.— Die allgemeine Gewerkschaftsversammlung tagte in dem Lokal von Klippenstein. Außerordentlich zahlreich wurde die Versammlung in Lichtenberg besucht. In dem geräumigen Saale deS„Schwarzen Adler" referierte Genosse I a k o b s e n bor zirka 1600 Personen. Die gleiche Teilnehmerschaft wies Rummelsburg-Boxhagen auf. die sich in dem geräumigen Saale de» Restaurants„Bellevue" und seinen Nebenräumen eingefunden hatten. Diese Versammlung nahm zu Beginn von dem schmerzlichen Verlust des dahingeschiedenen Ge- nosscn Gebauer Kenntnis und hörte alsdann den Ausführungen des Genossen Arthur Schmidt mit großer Andacht zu. Die von der Pankower Gewerkschaftskommission einberufene Versammlung wies 700 Teilnehmer auf, die außer der bekannten Resolution noch eine scharfe Protesterklärung gegen das Verhalten der Breslauer Polizei annahm. Eine große Teilnehmerzahl, diel aus Frauen bestehend, wies Mahlsdorf auf, wo am Nachmittage Genosse Stadthagen unter jubelndem Beifall der Versammlung rcfe- rierte. Gleichfalls Bernau mit etwa 700 Versammlungsbesuchcrn, Oranienburg mit 600 Teilnehmern. Von großem Umfange der Feier weiß Reinickendorf zu berichten; außerdem Friedrichsfeld» und Herzfelde. Die Nachmittagsfeier verlief, nach den bisher vor- liegenden Nachrichten zu urteilen, unter imposanter Teilnahme i» würdevoller Weise. Brandenburg. In der Probinz, wo die Wellenschläge des öffentlichen Lebeus Iveniger stark anttingen als in Industriezentren, hatte man bielfach die Kraft der Maifeier unterschätzt. Die Beteiligung, die Arbeits- ruhe in diesem Jahre ließ die Voraussetzungen weil hinter sich zurück. Und alle, alle vom Klassenbewußtsein Erfaßten wollten dabei sein. Nicht ist die Maifeier eine Formel, sie ist der Ausdruck einer lebendigstarken, sieghaften Idee, eines beivußten Möllens. Charakteristisch für die Stimmung ist die Feier im Sanatorium Giitrrgotz. Die Patienten versammelten sich morgens 8 Uhr in Stärke von 85 Personen unter der großen Linde deS herrlichen Parkes. Zwei Genossen wiesen auf die Bedeutung des 1. Mai hin und die aus den Patienten ausgebildete Musikkapelle ließ ent- sprechende Weisen ertönen. Ein Rimdmarsch durch den Park beschloß die würdige Feier. Potsdam hatte eine Maifeier wie noch nie. Zwei Vormittags- versanunlungen fanden statt, zu denen sich 1100 Personen eingefunden hatten. Die Genossen Stab und Silberschmidt referierten. Die Festrede in der Abendversammlnng hielt G. A. Meyer. Ein Unternehmer maßregelte neun Metallaroeiter. Sehr stark war die Beteiligung in Brandenburg. Die Morgen- Versammlung war ganz außergewöhnlich gut besucht, und brachten die Anwesenden den Worten des Genossen Frankel große Ans- merksamkeit entgegen. An dem Nachmittagsausflug beteiligten sich mehr als 1000 Personen. In drei Festversammlungen fanden sich am Wend so zahlreiche Teilnehmer ein, daß der Besuch den der DemonsttationSversammlungm vom 21. Januar und IS. März noch übertraf. ES sprachen die Genossen Freiwaldt- Pankow, Lern st ein- Berlin und W. Siering- Berlin. In Guben hatte» in diesem Jahre die Gewerkschaften zum erstenmal den Versuch einer Vormittagsversammlung unternommen. Mit Erfolg I Sie nahm einen über alles Erlvarten glänzenden Ver- lauf, lieber 300 durch Arbeitsruhe F e i e r n d e hatten sich zusammengefunden und nahmen mit stürmischem Beifall den stimmungsvollen Vorttag deS Genossen T a r n o w- Berlin cnt- gegen. Zeuthen. ES kann konstatiert werden, daß die übergroße Mehrheit der Arbeiter den 1. Mai durch ArbeitSrnhe beging. Am Mittag war die Arbeitsruhe fast allgemein. Eine Versammlung wie die diesjährige Maiversammlung haben die Genossen am Orte noch nie erlebt. In fesselndem Vortrage geißelte Genosse Kuntze- Berlin die Dreieinigkeit: Kapitalismus, Klasienwahl und Polizei- säbel. An 2000 Maifeiernde demonstrierten in Luckenwalde. Der Maientag drückte der Stadt den Stempel eines allgemeinen Feier- tagcs auf. DaS Versammlungslokal konnte die Zuströmenden nicht fassen, viele Hunderte mußten mit Plätzen im Gatten vorlieb nehmen. In Leiten inszenieren die Unternehmer einen kleinen Racheakt. Die Maifeier verlief in großartiger, imposanter Weise. In sämt- lichen Fabriken ruhte die Arbeit, die Arbeiterschaft wird deshalb bis Sonnabend abend ausgesperrt. Die Versammlung am Vormittag, in welcher Dr. Liebknecht unter lebhaftem Beifall referierte, war von 800 Personen besucht. Die Nachmittags» und Abendveranstal- tungen wiesen der allgemeinen Arbeitsruhe entsprechend einen starken Besuch auf. Rathenow. Ein Aussperrungsbeschluß des ArbeitgeberverbandeS hat hier das Gegenteil von dem bewirkt, was die Scharfmacher er- hofften. Die Vormittagsversammlung, in der Heinr. Marx referierte. war überfüllt. Noch großartiger war die Beteiligung an den Nach- mittagversammlungen. Abends sprach in nberfülltem Lokal Peus. Auf mehrere Hundert war diesmal die Zahl der Demonstranten in Ronneburg, wo früher 6—10 Feiernde zusammenkamen, an- gewachsen. Genosse Schubert- Berlin sprach in Straußberg vor einer Zahl Maifeierndcr, wie sie hier bisher noch nicht zusammen kamen.— Fürstenwalde glänzt in diesem Jahre mit 7—800 Mai- demonstranlen, eine Zahl, die sdie ftühere Beteiligung Ivctt hinter sich läßt. Genoste K ü t e r- Berlin referiette.— Prächtig verlaufen, über Erwarten stark besuchte Versammlungen fanden noch statt in Caputh, wo Gen. S ch i n k e referierte. In Jüterbog waren die Versammlungen auch von Frauen sehr gut be- sucht. Aus Kirchhain, Senftcnberg, Marwitz, Werder, Alvenstedt, Kottbus, Nauen, Züllichau, Schwedt usw. wird über gegen die vor- jährigen Feiern gewachsene Beteiligung berichtet. Ueberall wurde die von der Partei und der Gewerkschaft gemeinsam dorgeschlagene Resolution widerspruchslos angenommen. An manchen Otten konnte man bei der Polizei etwas nervöse Unruhe bemerken, es kam aber nirgends zu Störungen. Schlesien. Aus den schlesischen Orten fehlen bisher nähere Berichte. In Breslau scheint die Polizei wieder Ordnungsretterin gespielt zu haben. Eö wird uns telegraphisch von dort gemeldet: Breslau» l. Mai. Die Versammlung, in der Genosse Albert referierte, wurde aufgelöst und Albert verhaftet. Ost- und Wcstpreusien. In Königsberg ist wohl noch in keinem Jahre der 1. Mai so intensiv durch Arbcitsruhe gefeiert worden, wie dieSnml. In samt- lichen Tischlereien mit weit über 1000 Tischlergesellen ruhte die Arbeit. Eine HolzbearbeitungSfabttt mit ca. 250 Arbeitern und Tischlern, feiette. Auf den Holzplätzen und Schneidemühlen der Firma Lewandowski legten früh morgens ca. 200 Ar- better die Arbeit nieder und traten damit gleichzeitig in eine Lohnbewegung. Am Hafen ruhte die Arbett voll- ständig. 450 Hafenarbeiter marschietten geschlossen durch die Stadt nach dem Versammlungslokal und nach Schluß der Versammlung ebenso ruhig wieder zuttick. Sie veranstalteten für sich zum Er- staunen bieler Spießbürger eine Stratzendemonstration. Auf vielen Bauten ruhte gleichfalls die Arbeit. Rur wo die chttstlichen Arbeits- willigen in der Mehrzahl sind, wurde gearbeitet. Auch eine Anzahl kleinerer Branchen wie Maler, Sattler usw. hielten vollständige Arbeitsruhe. An der Morgenversammlung nahmen in dem bollständig aus- geräumten Saal dichtgedrängt ca. 1500 Personen teil. Ebenso viele bewegten sich in dem großen Garten und noch immer neue Massen strömten herbei, so daß man die Zahl der männlichen Be- sucher gut auf 3500 schätzen konnte. Die stark vertretene Polizei bestand darauf, daß ein an den Eingängen zum Gatten angebrachtes Transparent:.Nieder mit der Knechtschaft" entfernt werde, weil es da draußen aufreizend wirken könne, im Saale wollte sie es dulden. Sonst fand keine Störung statt. Nachmittags war Familienfest, abends abermals eine gewaltige Volksversammlung. Aus den übrigen größeren Orten Ost- und WestpreußenS wird ebenfalls erfreulicher Verlauf der Feier gemeldet. In Memel, Tilsit, Dauzig und Elbing fanden Morgen- und Abenvversammlungen statt, in Rastenburg, Ragnit, Graudynz und Tharn Abendversammlungen. In Gumbinnen mußte die Feier schon am Sonntag abgehalten werden, auch in Rastenburg fanden außer der Versammlung am Dienstag für die außerhalb des OrteS wohnenden Landarbeiter zwei Versammlungen am Sonntag statt. Hamborg. Nach vorläufiger Meldung— der Bericht unseres Korrespon- denten steht noch auS— war auch in Hamburg die Beteiligung an der diesjährigen Maifeier eine weit größere als in dem Vor- jähre. Der Demonstrationszug hatte eine riesige Ausdehnung. Die Arbeiter des Baugewerbes, die Maler, Schuster. Schneider. Schmiede feierten fast ohne Ausnahme. Auch viele Metall- und Hafenarbeiter ließen die Arbeit ruhen. Die Reeder und Stauer (Schiffsverlader) find über diese Nichtbeachtung ihrer Drohungen erbittert; sie wollen ihre Arbeitssilaven, wie nachstehendes Tele- gramm meldet, auf zehn Tage aussperren: Hamburg, 1. Mai. Der Verein Hamburger Reeder, die Ver- einigung Hamburger Schiffsmakler und Schiftsagenten und der Verein der Stauer in Hamburg-Altona von 1888 erlassen eine Bekanntmachung, derzufolge wegen des UmstandcS, daß die überwiegende Mehrzahl der Schauerleute aus Anlaß der sozialdemo- kratischen Maifeier heute nicht zur Arbeit erschienen ist, die vorher angekündigte Aussperrung der feiernden Arbeiter bis S0»11.Wai in Kraft tritt. Vremen und Oldenburg. In Bremen nahm die Feier einen alänzenden, olle früheren übertreffenden verlauf. In sieben Versammlungen hatten sich morgen? 8000—7000 Arbeiter und Arbeiterinnen zusammengefunden. Die ArbeitSruhe machte einen erstaunlichen Ruck nach vorwärts. Neben einer Reihe kleinerer Betriebe wurden die Wcrst-Aktiengesell- schast»Weser" sowie die Norddeutsche Armaturen- und Maschinen- fabrik brach gelegt. Nur die Lehrlinge, Volontäre und einige alte Arbeiter ttaten morgens zur Arbeit an. Dieser ersteuliche Fottschritt ist den Scharfmachern an der Unterweser zu danken, die durch ihre Aussperrungswut die Arbeiter zusammenschweißte. Die Maurer hatten beschlossen, allgemein die Arbeit ruhen zu laffen und diesen Beschluß, soweit sich übersehen läßt, auch strikte �"�Su�Bant-WilhelmShaven wird benchtet: Die Feier für das Amt Müstttngen und du Stadt Wilhelmshaven war wieder eine imposante und würdige. Der Festzug, welcher sich nur auf olden- burgischem Gebiet bewegte und das preußische aus naheliegenden Gründen mied, wies über 2000 Teilnehmer mit fünf Musikkapellen auf. Auch viele Frauen beteiligten sich. Die kaiserl. Werftarbeiter ßeiatteui; fionf Weder, Berlin. Inseratenteil verantw.: konnten nicht feiern, nahmen die Gelegenheit aber zum großen Teil wahr, den erhebenden Festzug sich anzusehen. Abends fanden drei gewaltige überfüllte Versammlungen statt. Schleswig-Holstein, Aus Kiel wird uns geschrieben: Dem ohnehin von Jahr zu Jahr hier an der Waterkant immer siegreicher vordringenden Maigedanken hat dieses Jahr die Wahl- rechtsparole noch einen besonders wuchtigen Schwung verliehen. Sowohl was den Umfang der feiernden Proletariermaffen, als auch ihre begeisterte, echt maienfrohe Stimmung anlangt, stellt der dies- jährige Maitag hier in Kiel seine Vorgänger weit in den Schatten. Die Mehrzahl der Gewerkschaften, voran die Bauhandwerker aller Kategorien und von den Metallarbeitern die Schlosser und Klempner, ferner die Schneider, Schuhmacher, Maler und viele andere hatten vollständige Arbcitsruhe beschlossen und, wie die Kontrolle bewies, die Beschlüsse musterhaft durchgeführt. Von den Angehörigen der übrigen Berufe feiern durchweg namhafte Bruchteile. Dem öffcnt- lichen Leben drückt der 1. Mai seine Signatur auf, besonders durch die Feiertagsruhe, die auf den zahlreichen Neubauten herrscht. In den Arbeitervierteln sind die Straßen okkupiert von sonntäglich ge- kleideten Arbeitertrupps, die in flottem Tempo, helle Freude und selbstbewußten Stolz über den selbstgeschaffenen Festtag im Gesicht, die rote Rose oder die Feuernelke im Knopfloch, den Versammlung?- lokalen zuströmen. Die Vormittagsversammlungen werden dieses Jahr zum erstenmal in vier, statt, wie früher, in zwei und drei, und zwar den größten Etablissements der Stadt abgehalten und sind durchweg brillant besucht. Zumal der Riesensaal des„Englischen Gartens" ist geradezu lebensgefährlich überfüllt. Eine Heerschau von ähnlich überwältigender Stärke hat der Saal höchstens am 21. Januar erlebt. Ebenso großartig verliefen die übrigen drei Versammlungen. Die Gesamtzahl der Teilnehmer betrug 7000 bis 8000 Mann. Nachmittags fand ein gemeinsamer Ausflug nach dem benachbarten Winterbck statt, an dem sich wiederum die Feiernden mit ihren Familien in großen Massen beteiligten und dem auch der zeitweilig den prächtigen Frühlingssonnentag unterbrechende Ge- witterregen keinen Abbruch tat. Für die A b e n d f e st l i ch k e i t e n sind die fünf größten Säle der Stadt bereit gestellt. Hier werden vor allem die Arbeiter der Werften, und besonders diejenigen der„Kaiserwerft", auch dieses Jahr wieder durch vollzähliges Erscheinen ihre Zugehörigkeit zum proletarischen Weltenmai bekunden. Daß es in der Reichsmarinehauptstadt mit der sozialdemo- kratischen Freiheitsbewegung mächtig vorwärts geht, bewies schon die Tatsache, daß in dem Zeitraum vom 18. März bis Mitte April die politische Organisation um zirka 700 Mitglieder zugenommen hat. Der 1. Mai 1906 ist ein weiteres imponierendes Symptom dieser EntWickelung nach aufwärts. Auch in den übrigen in Betracht kommenden Orten der Provinz ist die Feier prächtig verlaufen, fast überall wird ein Fortschritt des Umfanges der Arbeitsruhe konstatiert. Harburg meldet: Dreitausend Personen waren vormittags in und vor den beiden großen Lokalen versammelt. Auf ollen Bauten, in vielen Werk- stätten und anderen Betrieben ruhte die Arbeit fast vollständig. Die Bauhandwerker, Metallarbeiter, Tischler und andere Gcwerk- schaften hatten beschlossen, die Arbeit am 1. Mai ruhen z» lassen, und daran hat sie auch der brutale Beschlutz der Oberscharfmacher. die Feiernden 10 Tage auszusperren, nicht gehindert. Nach den Versammlungen fand ein Masscnspaziergang durch die Straßen statt. In Elmshorn waren 520 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter in der Vormittagsversammlung; mehrere Betriebe lagen ganz still. In Laucnburg feierten allgemein Maurer, Zimmerer, Böttcher, Schiffszimmerer, Holzarbeiter, teilweise Fabrikarbeiter und Metall- arbciter. Eine Zündholzwarenfabrik ruhte den ganzen Tag. Itzehoe meldet glänzenden Verlauf, überfüllte Versammlungen. .Hesien-?!asia«. In Frankfurt a. M. ist die Feier prächtig verlaufen. Sieben VomiittagS-Versammlungen waren von zirka 5—6000 Feiernden be- sucht. Die drohende GießereiauSsperrung und der Streik der Schuh- macher trugen viel zur Belebung der Maifeier bei. Holzarbeiter, Tabakarbeitcr, Schuhmacher ließen die Arbeit vollkommen ruhen; ebenso ein Teil der Metallarbeiter. In H ö ch st fand eine Vor- mittagS-Versammlung statt, die von 600 Personen besucht wurde. tolzarbeiter hielten dort ebenfalls vollständige ArbeitSruhe. In elkheim i. TaunuS ivar die BormittagS-Versammlung von 300 Per- sonen besucht. Außerdem fanden abends in verschiedenen Orten Ver- sammlungen statt. (Schluß in der Beilage.) Die Revolution in Rntzland. Riga, 30. April.(Meldung der»Petersburger Telegraphen- Agentur".) Eine große Bande Revolutionäre, die mit Geivehren be- waffnet waren, machte einen Angriff auf das Bezirks- a m t s g e b ä u d e deS in der Nähe von Riga gelegenen OrteS Ulbrock Stolpine, zündete das Gebäude an und zerstörte es voll- ständig mit allem, was darinnen war. Sämtliche Mitglieder der Bande sind entkommen. Petersburg, 1. Mai.(Von einem besonderen Korrespondenten.) verschiedene Blätter verzeichnen heute abermals das Gerücht vom Rücktritt Wittes. Das ,.Kadettrn"-Organ„Rjetsch" faßt den Rück- tritt als Tatsache auf und bezeichnet Wittes Entlassung vom Re- gierungsstandpunkt als Verlust der letzten Chance, sich mit dem Volke zu verständigen, da ein geeigneter Ersatz für Witte nicht vorhanden sei. Die Taktik der Opposition werde durch Wittes Rücktritt vereinfacht: von Durnowos ver- altetcr Politik seien wenigstens nicht fortwährend Ueberrajchungcn zu erwarten. Kokowzeff, der von seiner Reise nach dem Auslände zurückgekehrt ist. wurde gestern noch in später Nachtstunde nach Zarskoje Sselo befohlen. * Petersburg, 1. Mai.(Meldung der Petersburger Telegraphen. Agentur.) Rechtsanwalt Margolin erhielt heute aus Berlin einen zweiten Brief, der die in dem früheren Briefe in Aussicht gestellte UebertragungSurkunde über 1300 Rubel enthielt. Margolin ist überzeugt, daß Gapon von Revolutionären ermordet worden ist.— Einer hiesigen Zeitung ging heute ein von einem Mitglieds des„Gerichtshofes der Revolutionäre" unterzeichneter Brief zu, in dem erklärt wird. Gapon sei als ein Verräter getötet worden. Verschiedene Anzeichen legten die Ver- mutung nahe, daß der Mord in Finnland verübt worden ist. politifcde(leberfiedt. Berlin, den 2. Mai. Bier und �Labak. Mit 146 gegen 113 Stimmen nahm der Reichstag die von der Kommission vorgeschlagene Erhöhung der Brausteuer an. Abwälzung der Steuer auf den Konsumenten, Berschlechterung des Bieres, Ver- mehrung des Schnapsgenusses, Vernichtung der kleinen und mittel- großen Brauereien werden die Wirkungen dieser Steuer sein. Da» setzte nochmals Genosse v. vollmar schlagend auseinander. Für die biersteuerlustige Mehrheit verschlug das alles nichts. Für sie ist der Gedanke treibend: Welche Steuer kann der minder wohl- habenden Bevölkerung auferlegt werden, um Steuern auf große Einkommen und Vermögen zu entgehen? Ein sozialdemokratischer f|, W$it, vulin. Druck u. Verlag: verwart» Buchdr. u. Verlag»anZalt' Antrag, der verhindert, daß auch der nach Abschluß des Brau« Verfahrens dem obergärigen Biere zugesetzte Zucker der Brau- steuer unterliege, fand fast einstimmige Annahme. Eine längere interessante Debatte entspann sich gegen Schluß der Sitzung über den Anttag unserer Genossen, die kommunale Bierbesteucrung vom 1. April 1910 ab in Fortfall zu bringen. Die Zentrums- abgeordneten Erzberger, Gerstenberger und Spahn führten in wunderbaren Kapriolen Scheingründe gegen den Antrag an. Im Eifer des Gefechtes gab der Zentrumsabgeordnete Erzberger zu, daß die vom Zentrum bewilligten Zölle auf notwendige Nahrungsmittel diese selbst verteuern. In Verlegenheit nach stichhaltigen Gründen gegen die Aufhebung der kommunalen Bierbesteuerung fllhtten die Herren die alte Mär vor, daß Sozial- demokraten in Kommunen die Biersteuer eingeführt hätten. Die Genossen Singer und Hildenbrand sorgten für eine gründliche Ab- fuhr. Noch böser als das Zentrum schnitten in der Debatte die Nationalliberalen ab. Der Abg. B ü s i n g gab die theoretische Richtigkeit des sozialdemokratischen Antrage» zu, die nationalliberale Praxis führt aber auch in diesem Falle dazu, gegen theoretisch begründete Forderungen zu stimmen. Als gelehttger Schüler des Zentrums suchte Vüsing ganz nach deren Muster zu arbeiten. Da die Bierlegenden über Fürth und Feuerbach von unseren Genossen zerstört waren, erfand er eine neue Biersteuer— für Verlin. Der sozialdemokratische Anttag wurde gegen die Stimmen der Antrag- steller, sowie der Antisemiten, Polen und Freisinnigen abgelehnt. Ohne Debatte wurde dann sang- und klanglos in der achten Nachmittagsstunde die Tabak st euervorlage begraben.— Die Schleppenträger der Reaktion. Die„Voss. Ztg." kann sich nicht beruhigen über die Darmstädter Stichwahlparole. Daß der Ausschuß der„Ver- einigten Liberalen" in Darmstadt die Wähler aufgefordert hat, lieber für den Sozialdemokraten, als für den 5!ational- liberalen einzutreten, will ihr nicht in ihr mugdanisiertes Freisinnshirn. Sie wiederholt dagegen die„dringende Mah- nung" an die freisinnigen Wähler, am 4. Mai für den national- liberalen Kandidaten zu stimmen. Ob er siege oder nicht; sie habe dann wenigstens gegen eine Wahlparole protestiert, die selbst der ehemalige Parteisekretär der Nationalsozialen als unheilvoll bezeichnet habe. Die„Voss. Ztg." hat nämlich selbst im nationalsozialen Lager einen Verteidiger ihrer reaktionären Stichwahlwiursche gefunden. Herr W e n ck. der ehemalige Sekretär der National- sozialen, der noch im„Fabrik-Jahrbuch" für 1905 einen von Herrn Naumann sehr gelobten Abriß der nationalsozialen Parteigeschichte gegeben hatte, hat sich nämlich dahin aus- gesprochen, daß gegenüber der Sozialdemokratie alle parteipolitischen Differenzen im bürgerlichen Lager zu ignorieren seien. Es handle sich einfach daruni, ob nicht ein National» liberaler einem radikalen Sozialdemokraten vorzuziehen sei. »Die Beantwortung dieser Frage müßte zur Unterstützung der Kandidatur des Dr. Stein treiben. Jetzt, wo dies nicht erfolgt ist, hat man von linksliberaler Seite aus schwer gesündigt und auf parteipolitischem Gebiet eine Situation geschaffen, die der so dringend notwendigen Einigung des Liberalismus die größten Schwierigkeiten bereiten wird. Die Konservaliven, die Agrarier und das Zentrum werde» die größte Freude haben an dieser unheilvolle» Stich wahlparol e." Wir wollen uns vorläufig damit begnügen, diese Symptome für das Zusammengehörigkeitsgefühl aller bürgerlichen Elemente zu der einen reaktionären Masse zu verzeichnen und den Ausfall der Stichwahl ab- warten I—_ Die abgehackte Hand, die zu Breslau von der„Umsicht" und der„Besonnenheit" der Polizei zeugt, wird von der BreSlaner „Schlesischen Morgenzeitung" ftischweg auS der Welt geleugnet. DaS Blatt behauptet, es sei aus Grund genauer Untersuchung festgestellt, daß der Schutzmann 145, der, wie die„VolkSwacht" behauptet habe, Viewald die Hand abgeschlagen haben sollte, gar nicht im Außen- dienst beschäftigt wird, sondern während des Krawalls im Bureau ge- sefsen hat. Ferner sei Biewald nicht die Hand abgehauen worden. sondern zerhauen, und zwar von einem berittenen Schutzmann aus dem Grunde, weil Biewald dem Pferde in die Zügel gefallen fei. Dir Hand fei schließlich im Hospiel abgenommen worden. Die Behauptung der„VolkSwacht", die„abgehauene Hand" sei von Arbeitern aufgehoben und in die Rcdaltion deS Blattes gebracht worden, stelle sich somit als frecher Schwindel heraus. Zu diesem angeblichen Resultat der„genauen Untersuchung" ist zu bemerken: 1. Der BreSlaner Polizeibericht selbst hat gemeldet:„Am schwersten verletzt wurde ei» Arbeiter, dem durch einen unglücklichen Zufall die Hand abgehauen wurde." 2. Die »BreSlaner VolkSwacht" hat niemals behauptet, daß ihr die ab- gehauene Hand in die Redaktion gebracht worden fei. 3. Die „BreSlaner VolkSwacht" hat schon vor einigen Tagen mitgeteilt. daß die Täterschaft deS Schutzmannes 145 bestritten wird, daß dann aber ein anderer Polizeibeamter in Frage kommt. Danach beurteile man die Zuverlässigkeit des Dementis der „Schlesischen Morgenzsitung", beurteile man, auf welcher Seite die .Lügenmärchen" sind._ Unkenntnis des Lorfitzenden der Steuerkommission. Der Abgeordnete Bllsing behauptete in der gestrigen Reichstags» fitzung, die Berliner Stadtverwaltung hätte trotz der fteisinnigen und sozialdemokratischen Zusammensetzung der Stadtverordneten« Versammlung der Erhebung einer Biersteuer zugestinimt. Der Abgeordnete Singer legte sofort dar, daß noch niemals die Stadt- verordneten einen solchen Beschluß gefaßt und daß für Berlin eine Biersteuer nicht besteht. Abgeordneter Biising zog nach dieser Abfuhr seine erste Behauptung zurück, stellte nun aber eine neue falsche Bc- Häuptling dahin auf, die Berliner Verwaltung Hobe einer Braumolz« steuer zugestimint. Ein Zuruf von sozialdemokratischer Seite wies auch die Ausflucht des Abg. Biising als verfehlt zurück. Wegen der späten SitzungSstnnde hielt man cS nicht für angebracht. dem SteuerkominissionSvorsitzenden eine ausführliche Belehrung über die Braumalzsteuerverhältnisse zu erteilen. War auch gut o. Indessen ist es wohl angebracht, um die Büfingsche Legende, die von konservativen und ulttamontanen Blättern schon eifrig kolportiert wird, zu zerstören, kurz die wirkliche Rechtslage und den zutteffenden Tatbestand klarzulegen. Die Berliner Stadt« verordnetcnversammlung hat noch niemals eine Braumalzsteuer beschlossen und ist dazu noch der Gesetzgebung auch nicht in der Lage. Die Braumalzsteuer ist eine Staats st euer, eingeführt durch daS preußische Gesetz vom 8. Februar 1819: sie beträgt 2 M. vom Zentner Brainnalz. Bon dieser st a a t l i ch e n Steuer ist durch Kabinetts- order vom 22. Dezember 1820 der Stadtgemeinde ein Zuschlag von 50 Pf. vom Zentner Braumalz übettviesen. Diese Kabinettsorder und da? Braumalzsteuergesctz zu ändern, ist die Stadt Berlin nicht berechttgt. Will der Abgeordnete Biising dafür eintteten, daß der Berliner Stadtverwaltung das Recht zugelegt wird. Kabinetts- ordern(ältere oder jüngere) zu ändern oder aufzuheben— uns wäre es recht. Die Einnahme aus dem Braumalzsteuerzuschlag beträgt für das laufende Etatsjahr(nach Abzug von 5 Proz. Erhebung-?. kostenbeittag für die Staatskasse) 750 000 M.—_ Zaul Singer Lc Co., Berlin 5 W. Hierzu 1 Beilage. Nr. 100a. 23. Jahrgang. cilU des.Ismiills" Kerliser NslksdlR Wwoch, 3. W 1906. Reichstag. Be- S1. Sitzung vom Dienstag, den 1. Mai, nachmittags 2 Uhr. Am Tische des Bundesrats: Frhr. v. Stengel. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten ratung der Aendermig des Bransteuergesetzes. Zur Diskussion steht 8 3a und der Abänderungsantrag Speck, dessen zweiter Absatz zurückgezogen ist. Abg. Graf Mielzynski(Polch macht Ausführungen allgemeiner Art über Steuer- und Polenfragen. Präsident Graf Ballestrem iveist den Redner darauf hin, daß jetzt nicht Generaldebatte, sondern Spezialdiskussion über 8 3a sei. Abg. Graf Mielzynski(Pole) erklärt sich nachdrücklich gegen §. 3a, gegen welchen die Brauer noch viel energischer als bisher protestieren müßten. Es ist eine Unmoral, dem kleinen Mann sein Glas Bier zu verteuern und ihn auf den Schnapsgenuß hinzuweisen. (Beifall bei den Polen und links.) Abg. Kopsch(frs. Vp.): Der Bericht der Kommission läßt nicht erkennen, wer eigentlich die Steuer zahlen soll.(Sehr richtig.) So lange die Regierung und die Kommission das nicht weiß, sollte mau die ganze Frage vertagen.(Sehr wahr! bei den Freisinnigen). Der Reichsschatzsekrctär erklärte in der Kommission, es komme nur darauf an, daß das Geld überhaupt bezahlt werde, gleichgültig von wem; der preußische Finanzminister dagegen meint, eine Verteuerung der Preise werde nicht eintreten, Brauer und Gastwirte würden die Steuern zahlen. Das deutsche Gastwirtsgcwerbe ist ein durchaus ehrenwerter Stand, dem nichts nachgesagt werden kann.(Sehr richtig! links.) Wie verträgt sich übrigens das Be- streben, den Gastwirtsstand zu ruiniere», mit der bekannten Mittelstandsretterei? Mittelstandsfreundlichkeit beweist die konser- vative Partei in Worten, Mittelstandsfeindlichkcit in ihren politischen Taten. Mit ihren ungemessenen Ausgaben für die Kolonialpolitik müssen Sie freilich nach neue» Steuern suchen, und es ist gut, daß Sie von dieser Zukunft den Schleier schon gelüftet haben. Aber die Brauer sollen nicht verzagen, sondern in ihrem„EntrüstungS- rummel" fortfahren, sie finden dabei die Unterstützung des Volkes; vor allem sollen sie dafür sorgen, daß im nächsten' Reichstag die Herren(nach rechts) nicht mehr sitzen.(Beifall links.) Abg. v. Bollmar(Soz.): Der Abg. Gamp hat behauptet, die süddeutschen Abgeordneten konnten doch gar kein Interesse an einer Ablehnung dieser Vorlage haben, da sie sich doch nur auf das nord- deutsche Brausteuergebiet erstrecke. Diese Aenßernngen beweisen nur, wie wenig der Herr die süddeutschen Verhältnisse versteht.— Uebrigens eine Sache, die in diesem Hause gar nicht selten bor- kommt. Tatsächlich haben auch die Sozialdemokraten im bayerischen Landtage gegen die bestehende bayerische Biersteuer gestimmt, ivie sie gegen jede massenbelastende indirekte Steuer stimmen. Sodann ist es falsch, wenn man es so hinstellt, als ob die Süddeutschen an einer nur das norddeutsche Brausteuergebiet betreffenden Steuer gar kein Interesse hätten. Wenn dieses Gesetz zur Annahme kommt, so müssen seitens der süddeutschen Staaten erhöhte Ausgleiche an das Reich gezahlt werden, seitens Bayerns z.B. 7 Millionen.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Ich mache auch darauf ansmerksam, daß das keine Matrikular- beitrüge sind, die wieder rückgängig gemacht werden können, sondern eine bleibende Belastung darstellen. Bayern hat aber schon seinen bisherigen Verpflichtungen gegenüber dem Reiche nicht nach- kommen können, sondern bat sie sich stunden lassen. Die 7 Millionen, die in Zukunft mehr gezahlt werden sollen, müssen durch die baye- tischen Steuerzahler aufgebracht werden. Da nun leider in Bayern das Bestreben herrscht, einen möglichst großen Teil des Budgets durch indirekte Steuern aufzubringen, so werden auch diese 7 Millionen wieder auf den Schultern der breiten Masse abgeladen werden. Im übrigen haben wir hier in diesem Hause nicht die süddeutschen Jnter- essen wahrzunehmen, sondern die allgemeinen des Reiches.(Sehr richtig! links.) Schon deshalb müflen auch wir süddeutschen Abgeordneten gegen die Vorlage stimmen. Aus den Ausführungen der verschiedenen Herren Redner, die zugunsten des 8 3a der Vorlage sprachen, klang nur immer der eine Ton heraus: daS Reich braucht mehr Einnahmen. Statt nun aber diese Mehreinnahmen durch direkte Steuern aufzubringen, zeigen die herrschenden Klassen auch bei dieser Gelegenheit wieder keinen Ehrgeiz, die großen neuen Mehrausgaben des Reiches, für die leider auch die Partei deS Herrn Vorredners zun, Teil eingetreten ist, aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Man hat, wie stets, so auch jetzt wieder eine schöne Form gefunden: nicht der Egoismus der Herr- fchenden Klaisen, sondern„föderalistische Bedenken" sollen der Grund sein, daß keine direkten Steuern beschlossen werden. Es ist natürlich nicht angenehm, nachdem man bei den Wahlen so große Versprechungen gemacht hat und nachdem man kaum erst mit den Zollvcrträgen eine große neue Belastung beschlossen hat, zu- gestehen zu müssen, daß man auf dem alten Wege fortgehen müsse. Daher wendet man sauren Schweiß auf, um zu beweisen, daß mit dieser Neubelastung des Bieres überhaupt eine Belastung eigentlich gar nicht beabsichtigt sei. Riem Herr Vorredner hat schon gefragt und ich möchte diese Frage wiederholen: irgendwoher muß daS Geld ja doch kommen, irgend jemand muß doch ganz offenbar die Steuer bezahlen, entweder der Produzent oder der Verteiler in diesem Falle der Wirt. Daß die Produzenten bereit sein werden, aus purem Patriotismus freiwillig die Lasten auf sich zu nehmen, da? wird der stärkste Mann nicht glauben: ei« Student im zweiten Semester der Nationalökononiie würde cinka auslachen, wen» man ihm zumuten wollte, das zu glauben. Sie selbst wollen es ja durch die Staffelung verhindern, daß die mittleren und kleineren Brauer getroffen iverden. Was aber die Staffelung bei der Biersteuer nützt, das haben wir in B a y e r n ja in j a h r- zehntelanger Erfahrung ausprobieren können. Der Effekt iss gewesen, daß die kleinen Brauer sachte verschwinden und die große» Brauereien immer größer werden. Nun etwas anderes. Darüber wird auch kein Zweifel sein, das ist auch gestern angedeutet worden, daß gerade die großen Brauereien in bezug auf Preisbildung und die sonstigen Verhält- nisse ihres Gewerbes ausschlaggebend sind. Sie sind stark genug, ihre Interessen den mittleren und kleinen aufzudrängen. DaS heißt, sie zu zwingen, die Preise so zu setzen, wie es im Interesse der großen Brauereien liegt. Das Ende wird also doch seien, Sie mögen sich drehen und wenden, wie Sie wollen, daß die Belastung auf den Konsum abgewälzt wird, entweder in der Form der Preis- crhöhung.. indem man die Biermengen verkleinert, oder indem man das Bier einfach verschlechtert. Bei uns � in Nahem ist das ja etwas schwieriger, während es in Norddeutsch- land ohne weiteres geht. Alle Anterpretierkttnste nützen aber nichts. Es ist ganz zweifellos, daß die Laste» auf die Konsumenten ab- gewälzt werden. Das wissen Sie(nach rechts) auch recht gut. AuS Ihren eigenen Reden kann man es heraushören. Ein paar Redner der Mehrheit haben ja auch schon nach Gründen gesucht, die eine allenfalls eintretende Belastung entschuldigen könnten. Ja, sie haben sogar bereits eine sittliche Nechtfertiguug für die Belastung gesucht. So hat Herr Dr. Becker gestern auf die gestiegenen Löhne der Arbeiter hingewiesen. Nun, seine Freunde haben mit der Mehr- heit dieses Hauses in dem vergangenen Jahre gründlich dafür gesorgt, daß das Resultat der schlveren Kämpfe, welche die Arbeiter um höhere Löhne geführt haben, wirklich zum großen Teil durch die Ver- teuerung aller Lebens- und Genußmittel wieder illusorisch gemacht ist. Herr Dr. Becker hat auch gesagt: Was ist denn das Bier? Ent- lvedcr besteht e§ a»S Ertraktstoffcn,— dann wären dieselben für daS Volk viel zu teuer, oder aber aus Alkohol.— und dann wäre es schon gescheiter, gleich Schnaps zu miifeii. Mich hat es aar nicht gewunden, daß diese»eußeamg bei nationallideralen Redners Beifall bei den Herren der äußersten Rechten fand. So viel ist zweifellos, daß das Bier gegenüber dem Schnaps einen kolossalen Fortschritt darstellt, und daß, sobald der Bicrgenuß eingeschränkt wird, eine notwendige Folge nicht die Ausdehnung des Waffcrtrinkens, sondern des Schnaps- genusses ist, wovon dann die„Agrarier", wie Herr Gamp meinte,„auch mal" Vorteil haben. Nun hat der preußische Finanzminister gestern gemeint, eS werde überhaupt viel zu viel getrunken. Wenn aber die Regierung eine Steuer einführt, f o doch nicht zum Abgewöhnen(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten), um die Leute, die Bier trinken, an weniger Biertriukcn zu gewöhnen, sondern umgekehrt. Wenn die Steuer durchgeht, liegt es im Interesse der Regierung, daß mehr Bier getrunken wird, dainit mehr Geld einkonnne. Der Abg. Speck hat einen Antrag eingebracht, der zwcifel- los eine Abschwächung bedeutet. Schon jammert aber auch der Staatssekretär des Reichsschatzamts, daß sein schönes mühsam zu- ivege gebrachtes Kompromiß auseinanderzugehen drohe. Der Schatzsekretär hat gar nicht nötig, über diesen Geist sich so besonders zu erregen. Der Geist, von dem er gesprochen hat, wird bis zum Ende dieser Beratung über die Verhandlungen schlvebeu.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Der Abg. Speck hat nämlich seinen Antrag gar nicht so sehr böse gemeint. DaS Zentrum ist nur hier in einer sehr üblen Luge vor dem Boll, dem ja von WindtHorst, dem„Alten", so ctwuS ganz anderes in Aussicht gestellt ist, dem auf das Allcrdeutlichste und Unumwundeste versprochen ist, daß der Belastung des MassenverbrunchS ein Ende ge- mucht werden sollte, während hier bei der ersten Gelegenheit da? Zentrum in seine alte Sündenwirtschaft zurückfällt.(Heiterkeit.) Das Zentrum trägt, wenn es für die Kommissionsbeschlüsse nach Ablehnung seines Antrages stimmt, auch die Verantwortung dafür. Wir unsererseits werden dem Volke die wahren Gründe dieses ganzen Spiels klarmachen.(Sehr richtig! bei den Sozial- demokraten.) Zum Schluß noch eine einzige Bemerkung. Der Abg. Gamp sprach don einem Mangel an Einheit, der sich im Deutschen Reiche zeigt, und meinte, daß die Einheitlichkeit die höhere süddeutsche Biersteuer für das übrige Reich nachahmenswert erscheinen lasse. Nun bin ich der letzte, der bestreiten möchte, daß in der Tat die deutsche Einheit sehr ver- schiedenes zu wünschen übrig läßt. Und ich weiß sehr genau, daß die Gründe dafür sehr mannigfach sind. Wenn Sie die deutsche Einheit fordern wollen, dann sollten Sie sich ein würdigeres Objekt aussuchen als die bayerische Bier st euer. (Lebhaftes Bravo I linls.) Wenn Sie vom Süden etwas nehmen zu sollen glauben, dann führen Sie die Wahlrechte in den Norddeutschen Staaten ein.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Lernen Sie die Anfangsgründe des KonstittitionoliSmuS von dort I(Lebhafter Beifall links.) Das ist jedenfalls gescheiter, damit werden Sie auch dem deutschen Volke, von dessen Wohl in diesem Saale so viel die Rede ist, einen besseren Dienst leisten, als indem Sie seine Lebens- Haltung herabdrückcn und seine Langmut auf eine immer schwerere Geduldsprobe stellen.(Lebhafter langanhaltendcr Beifall links.) Reichsschatzsekretär Frbr. v. Stengel(auf der Tribüne zum Teil schwer verständlich) polemisiert gegen die Ausführungen des Vor- redners. Was Wollmar über die AuSgleichSbeträge gesagt habe, sei unzutreffend. Abg. Speck(Zent.): Der Staatssekretär sieht zu schwarz, wenn er von meinem Antrage eine Gefährdung der Reichsfinanzreform befürchtet. Mein Antrag sollte den Abgeordneten, die im Prinzip für die Bransteuer sind, denen aber die Sätze der Kommission zu HochZ sind, die Möglichkeit geben, sich zu äußern. Ein Teil der Mitunterzeichner meines Antrages wird auch im Falle seiner Nichtannahme für die' Kommissions- antrage stimmen.— Ein paar Worte über Herrn v. Wollmar. Er ereiferte sich wieder für eine R e i ch§ e hn k o m m e» st e u e r. Eine solche Steuer wird unfraglich da§ Gleichgewicht der bayerischen Finanzen in Frage stellen, da die Einkommensteuer mehr noch als die Biersteuer ihr Rückgrat bildet und wenn Bayern einen Teil seiner Einnahmen ans dieser Quelle an das Reich abgeben soll, es eben neue Einnahmequellen erschließen muß.— Warum haben die Sozialdemokraten, wenn sie so eifrig für direkte ReichSsteuern eintreten, nicht für die von uns vorgeschlagene direkte Reichssteuer, die Besteuerung der AnfsichtSratstantiemen gestimmt. Das wäre doch wenigstens der Anfang einer Reichseiiikommensiener gewesen.— Redner empfiehlt seinen Antrag zur Annahme. Die Staffelung muß eine einigermaßen starke Spannung schaffen, wenn sie ihren Zweck — Schutz der kleinen Brauereien— erreichen soll.(Beifall im Zentrum.) Abg. Schmalfeld(Soz.): Man streitet sich nun seit zwei Tagen darüber, wer die Brau- steuererhöhung eigentlich bezahlen soll. Die Regierung vertrat ur- sprünglich die Ansicht, daß die Brauereien a»S reinem Patriotismus die Kosten tragen würden. Nun sind aber die Brauereien gar nicht so rentabel, wie man annahm, und zudem durch die erhöhten Zölle auf Malz und Gerste schwer belastet. Deshalb ist man von dieser Ansicht abgekommen und beflirchtet jetzt allgemein, daß die Brauereien die Kosten auf die Wirte und diese sie ans die Konsnmenten abwälzen werden. In der Tat haben die Brauereien die Wirte ja auch ganz in der Hand, so daß von einer Wirtschaft- lichen Selbständigkeit der Wirte in den allermeiste» Fällen gar nicht geredet werden kann. Gewöhnlich ist der Wirt nur Pächter, höchstens nomineller Eigentümer und kann von den Brauereien, wenn er sich ihren Befehlen nicht fügt, jederzeit auf die Straße gesetzt iverden. Sinn sagt man ja, wenn auch die Brauereien die Mehr- bcsteuerung auf den Wirt abwälzten, so sei dieser bei seinem hohen Profit doch in der Lage, sie zu trage». Aber gerade in den kleinen Wirtschaften beträgt der Schankmitzen meist nur 10—11 Pf. Zudem ist der Wirt gezwungen, nach den Vorschriften der Behörde seine Lokalitäten tapezieren oder bemalen zu lassen. Die Kundschaft ver- langt aber selbst in den Arbeiterwirtschaften gute Tische und Stühle und anständige Tischdecken. Der Wirt ist in Norddeutsibland ferner gezwungen, sein Bier unter Kohlensäure auszuschänken und dadurch hohe Ausgaben sowohl für die Kohlensäure wie für die alle 10 Tage vorzunehmende Reinigung der Röhren zu machen. In jeder Arbeiter- toirtschast finden Sie heute einen Musikautomaten und ein deutsches Billard, damit die Gäste sich die Zeit vertreiben können. Ruf alle dem liegen bedeutende Sondersteuern. Dazu kommen Kegelbahn-, Vergnügungs- und Tanzsteuern, etwa 100 M. jährliche Ausgaben Eis und alle möglichen weiteren Ausgaben. So ist der Wirt an allen Ecken und Enden belastet. Dabei entblödet nian sich nicht, in der abfälligsten Weise von diesem Stand zu sprechen. Beachten Sie nun noch die hohen Ausgaben für Beleuchtung und Heizung sowie die Abhängigkeit der Wirte von der Polizei, die ihnen auf jede mögliche Werse ihr Gewerbe erschwert. Selbst die Militärbehörde macht durch die Berhängung des Boykotts den Wirten, die bedeutende Summen fiir die Herres« und Marine- ausgaben aufzubringen haben, das Leben sauer. In einem großen Lokal in Bremerhaven, in dem gewöhnlich Militärmusik war. wollten die Gewerkschaften ihre Bersammlungen abhalten. Da drohte die Militärbehörde mit dem Boykott. Was nun auch der Wirt tat, ob er auf die Militärmusik verzichtete oder auf die Arbeiterkundschaft, er war ruiniert.(Hört! hört! bei den Sozial- demokraten.) So engherzig handelt dieselbe Mlitärbehörde, die Gelder der Wirte in Anspruch nimmt. Aber Sie rührt das alles nicht. Sie hat eS auch nicht gerührt. als gestern Dr. Becker in einer für einen liberalen Abgeordneten höchst sonderbaren Weise über den Bier» und Branntweingenuß der Arbeiter sprach. Es lief fs ungefähr darauf hinaus: nimmt man dem Arbeiter daSBier, damr hat er den Branntwein. Und dabeiwar es dock, ein entschiedener Forlschritt, daß � die Arbeiter vom Branntwein zum Bier übergegangen sind,(sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Dabei kam der«eichsregiermg doch mit twom Rückgang des BierkonsnmS nicht gedient sein, denn sie will ja hohe Einnahme aus der Biersteuer haben. Den Apfelwein zos; Dr. Becker wie ein Apfelweinreisender in die Debatte(Heiterkeit linls.) Aber der Versuch, durch ihn in Norddeutschland das Bier zu ersetzen, ist aussi-btsloS. Man versucht eben nur bei jedem neuen Steuerprojekt alles Mögliche, um den Betroffenen die Steuer als gar nicht so schlimm hinzustellen. Dabei bin ich überzeugt, daß mindestens die kleinere» Wirte durch die neue Steuer vollkommen ruiniert nnd ms Proletariat hinabgestoßen werden.(Sehr wahr, links.) DaS ist die MittelstandSpolitik der privilegierten Mittelstandsretter.(Sehr wahr.! bei den Sozialdemokraten.) Wenn wir boshaft sein wollten, tonnten wir uns ja freuen, daß Sie unsere Geschäfte betreiben nnd uns Zehntansende bis jetzt noch liberaler Wirte zutreiben. Denn nach den Erfahrungen, die sie hier mit den Taten und Reden der Lide- ralen gemacht haben, iverden die Wirte keinem von Ihnen mehr ihre Stimnie gehen.(Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Die Debatte ist erschöpft. Es folgen persönliche Bemerkungen der Abgg. Rettich(k.) und Kopsch(frs.). Der 8 3 a wird darauf m namentlicher Abstimmung mit 146 gegen 113 Stimmen bei vter Stimmenthaltungen angenommen. Bei 8 1. welcher das Surrogatverbot enthält, erhält das Wort Abg. Pachnicke(frs. Vg.). Der Paragraph läßt den Deklarations- zwang vermissen: mindestens müßte er beim Malzbier bestehen. 8 1 wird angenommen. 8 1a. der bestimmt, daß die Brausteuer von dem zur Bier- bereitnng verwendeten Malz und Zucker erhoben wird, beantragen die Abgg. Albrecht und Genossen: „Der dem obergärigen Biere nach Abschluß deS Branverfahrcns zugesetzte Zucker unterliegt nicht der Brausteuer." Abg. Südckum(Soz.): Bei unserem Antrage handelt es sich um einen Schutz der obergärigcn Bierbrauereien gegen die Doppel- besteuerung des Zuckers. Es gibt eine Menge obergärigcr Brauereien, die das sogenannte Brannbier herstellen, das ohne Zuckerzusatz nicht konsnmfähig ist. Wir haben alles Interesse an der Ausbreitung dieser obergärigen Biere, weil sie bedeutend alkoholschwächer sind als die anderen. In dem geringen Alkoholgehalt liegt aber die Gefahr, daß daS Bier leichter dem Verderben ausgesetzt ist. Dieser Un, stand zwingt die obergäriaen Brauereien zum raschen und deshalb auch teueren Umsatz. Der Zucker wird zu dem Braun- bier so hinzugesetzt, wie etwa zum Kaffee. Also er tritt nicht in das Brauverfahren ein. Daher ist eS nicht berechtigt, ihn extra zu besteuern. Ich bitte um Annahme unseres Antrages.(Bravo! bei den Sozialdemolraten.) Abg. Gamp(Rp.) erflärt sich fiir den Antrag. Abg. Dr. Paaschc(natl.) erklärt sich fiir den Antrag, vorbehaltlich der Stellungnahme in dritter Lesung. Abg. Dr. Müller-Sagan(frs. Vp,): Wir stimmen dem Antrage ebenfalls zu, der gerade eine Verteuerung der billigsten Biere ver- hindern soll. Abg. Speck(Z.) spricht sich ebenfalls für den Antrag aus. Abg. Dr. Südckum(Soz.): Vielfach wird zur Bequemlichkeit des Publikums der Zuckerzusatz in den Brauerewn zugesetzt, statt in den Haushaltungen: das ist etwas anderes, als der unter das Gesetz fallende Zucker, Abg. Gamp beantragt, in den Antrag Albrecht und Genossen die Worte„und außerhalb der Branstellcn" einzufügen. Mit dieser Acnderung wird der Antrag Albrecht und der§ la angenommen. Bei den Schlußbestinmiungen beantragen die Abgg. Albrecht(Soz.) u. Gen., daß mit dem 1. April 1910 die Biersteuern der Kommunen aufgehoben iverden mußten. Abg. Dr. Südckum(Soz).: Beim Zolltarif ist seinerzeit, als eS sich um die Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel handelte, beschloffen worden, die Kommunalsteuern auf Fleisch und Brot von eine»» geivissen Termine ab aus- znheben. ES ist daher nur konsequent, wenn wir beantragen. hier, wo es sich um eine außerordentliche Verteuerung des Bieres handelt, auch die Kommunalstenern ans Bier zu beseitigen. Ich bitte Sie um Annahme unseres Antrages. Ein Regicrnngskomiuissar bittet dringend, den Antrag, der für kleine Gemeinden finanzielle Gefahren mit sich bringt, abzulehnen. Abg. Speck(Z.): In B a y e r n Ivürden viele kleine Gemeinden durch den Antrag geschädigt werden. UebrigenS sollte man doch meinen, daß'die Sozialdemokraten in den Genieinden, in welchen sie ausschlaggebend sind, diese Umlagen beseitigt hätten. (Sehr richtig! rechts.) In Fürth haben Sie lange die Mehrheit gehabt(Widerspruch bei den Sozialdemokraten), nun in Fencrbach in Württemberg sind diese Umlagen erst vor kurzem gerade durch die Sozialdemokraten eingeführt worden. Abg. Gauip(Z.) bittet ebenfalls, den Antrag abzulehnen. Abg. Dr. Müller-Sagan(frs. Vp.) tritt für den Antrag ein. der um so angebrachter sei, als das Braugewerbe stark durch den ß 3a belastet sei. Abg. Hildendrand(Soz.) stellt gegenüber dem Abg. Speck fest, daß die Biersteuer in Feuerbach eingeführt sei, als die Sozialdcmo- kratie nicht stark genug war, um das zu verhindern. Abg. Dr. Südrkum(Soz.): Der Abg. Speck hat gemeint, wir könnten hier nicht ohne Fundamente Stencrgesetze machen. Das hätte er einmal in der Stcuerkommission sagen sollen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Da wurden mit Eilzugs- gefch windigkeit neue Steuern herangeschafft und verschwanden auch wieder. Jedenfalls wurden dort mit der Geschwindigkeit von Hexenmeistern neue Braustcnerstaffeln und Steuergesetze aus dem Handgelenk ausgearbeitet. Auch Herr Speck hat sich daran beteiligt. Sie können gegen das Prinzip, eine Doppelbesteuerung hintanzn hallen, nichts Ernst- Haftes vorbringen, sondern höchstens sagen» daß einzelne Gemeinden in finanzielle Kalamitäten kommen würden. Ich will gar nicht bestreiten, daß die Aufhebung der örtlichen Biersteuer für manche Ge- meindcn große Unannehmlichkeiten haben kann.(Hört! hört! rechts.) DaS ist aber auch der Fall gewesen bei Annahme des 8 13 des Zolltarifgesctzes. Und trotzdem hat die Mehrheit des Reichstages sich für ihn ausgesprochen, jeden- falls um die Bevölkerung dieser Städte wenigstens zum Teil zu entlasten von den außerordentlich schwerwiegenden Folgen der Zollpolitik. DaS ist auch die Absicht dieses Antrages. Wenn man die kommunalen Steuern ausheben will, so kann das natürlich nur generell geschehen. Also die Einwände. die bisher gegen unseren Antrag erhoben worden sind, sind gänzlich unstichhaltig.'(Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Persönlich bemerke ich noch Herrn Speck gegenüber, daß die Sozialdemokratie in Fürth noch nie die Mehrheit gehabt hat. Abg. Erzbergcr(Z.): Die Sozialdemokraten geben ja selbst zu. daß der Antrag den Gemeinden Schwierigkeiten beretten würde. Für§ 13 des Zolltarifgesetzes haben wir gestimmt, denn Getreide ist ein notwendiges Nahrungsmittel, Bier dagegen nicht. Abg. Gerstcnberger(Z.): In Bayern, loo die höhere Besteuerung des Bieres besteht, würde der Antrag geradezu ein Geschenk an die Brauer bedeuten. Abg. Hildenbrand(Soz.): Die Vermutung des Abg. Erzberger, daß das Gesuch an die KreiSbehvrden von den Sozialdemokraten mit unterzeichnet fei, ist falsch: Wir hatten damals in Fencrbach noch nicht die Mehrheit. Die Biersteuer wird in Feuerback', wo loir jetzt die Mehrheit haben, abgeschafft werden. Um diese Ab- schaffung aber zu erleichtern, wollen wir heute hier beschließen. daß die Abschaffung generell geschieht, für alle Gemeinden.(Lachen rechts und m der Mitte.) Auch in Stuttgart haben wir Sozial- demokraten feit Jahren gegen die doppelte Besteuerung deZ Bieres gestimmt. Durch Annahme unseres Antrages würde auch in solchen Gemeinden die Abschaffung der kommunale»» Pierjleuer erfolgen, (Betfall bei den Sozialdemokraten� Die Mgg. Büsiiig(natl�) und Erzberger(%.) wende» sich noch malS gegen den Antrag. Abg. Miiller-Sagan(frf. Vp.) bestreitet, daß die Freisinnigen in den Kommunen ftir die Biersteuer eintrete». Abg. Singer sSoz.): Wenn behauptet wird, daß die Sozialdemokratie in Gemeinde», in denen sie die Mehrheit habe, sich für die Bierstener erklärt hätte, so kann ich mir erklären: ich kenne keine solche Ge- meinde. Tiefe ganze Angelegenheit ist schon so eingehend be handelt, daß ich mich wundere, wie jemand, der nicht geradezu die Tatsachen auf den Kopf st eilen will, jetzt damit kommt, die sozialdemokratischen Ver treter in den Gemeinden Habel« überall von Anfang an in sehr energischer Weise verlangt, daß die direkten Verbranchsabgaben auf Lebensmittel abgeschafft und die Einnahmen der Kommunen aus Besitz und Eigentum bestritten würden. Es ist eine sehr billige Bekäinpsimg eines an und für sich berechtigten Antrages, wenn man sich auf irgend eine kleine Gemeinde beruft, in der an- g e b l i ch sozialdemokratische Vertreter gegen die Prinzipien der Partei verstoßen haben. Im übrigen haben wir Ihnen doch auch schon gesagt, daß wir das, was in kleinen Gemeinden den Sozial- demokraten unmöglich ist, eben hier im Wege der Reichs- gese tzgebung schaffen wollen.(Sehr richtig! bei den Sozial demokraten.) Dieselben Einwendungen, die hier gemacht werden, konnten vorgebracht werden, als es sich um die Abschaffung des Oktrois handelte. Es waren aber nicht die sozialdemokratischen Vertreter. s ondern die bürgerlichen Gemeindevcrtreter. die gegen die Bestimmung des Zolltarifgesetzes, dah von 1910 ab der städtische Oktroi beseitigt werden sollte, Sturm liefen.(Sehr wahr I bei den Eozialdemokraien.) Wenn sie grundsätzliche Politik verlangen, dann bitte wenden Sie sich mit Ihren Angriffen an die Adresse Ihrer Parteien, deren Anhänger sich in direkten Widerspruch zu Ihren Grundsätzen gestellt haben.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Hier zu verlangen, daß in den kleinen Orten, Ivo vielleicht ganz besonders schwierige Verhältnisse bestehen könne», die Genossen vorher den Antrag gestellt haben, die Biersteuer zu be- seitigen, das ist ein Verlangen,»oelches nicht imr vor der Loyalität, sondern vor dem gesunden Menschenverstand nicht bestehen kann.(Sehr tvahr! bei den Sozialdemokraten.) Wenn wir jetzt die Biersteuer hier erhöht haben und dulden, daß die Kommunalsteuern bestehen bleiben, so besteht- eine doppelte Belastung. Die Folge davon ist. dast das Bier teurer wird«md die Mengen, die verabreicht werde««, geringer«Verden.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Mit all' ihren Gründen bemänteln die Herren doch nicht ihre Vorliebe für Steuern, die die Masse der Be- völkerung treffen.(Sehr tvahr! bei den SozialdeiNokraten.) Eigen- tümlich ist es, wenn die Herren von« Zentrun« jetzt mit einem Male auf den Gedanken komme««, daß das Bier nicht mehr ein Lebei«s- mittel sei. Herr Erzberger schemt jetzt plötzlich einen großen Unter- schied zu machen zlvischeii'notIvcndige»Lebei«smittelnund Genußrilitteln. Wenn es zur Tat kommt, ist das Z e n t r u in nicht a r b e i t e r- freundlich. Ihr Widerstand gegen«inseren Antrag steht im Gegensatz zur Aufhebung des Oktrois und im Gegensatz zur Lex Triniborn. In der Auffassung des Arbeiters gehört die Bier- steuer zu den den Warenkonsum belastenden Steuern. Diejenigen also, die gegen unseren Antrag stimmen, sind LebenSmitielverteitrcr, und sie sind es deshalb, uin«nöglichst zu verhinderi«, daß die Steuern auf die tragfähigen Schultern komme««, nämlich auf die der Besitzenden. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Spahn(Z.). Wir, die«vir die Biersteuer bewillige««, sind der festen Ueberzeugung. daß die Steuer nicht tvird abgewälzt werden von den Brauereien.(Widerspruch links.) Abg. Erzberger(Z.>. Ich«vieder hole, daß Bier kein not lv endiges NahrungS«Nittel, sondern ein Ge- n u tz m i t t e l i st. Uebrigens gibt eS auch in der Sozialdemokratie viele Alkoholgegner. Der sozialdemokratische Antrag«vill durch Erlaß einer bestehenden Steuer den Wirten geradezu ein Geschenk «nachen. Abg. Südekum(Soz.): ES muß wirklich in Erstaunen setzen, daß Mäi«ner wie der Abg. Dr. Spahn mit dem ganze«, Mut der Ueberzeugung zu sagen«vagen, daß das Zentrum von der Ueber- zeugung ausgehe, die Steuer werde nicht auf das Publikum ab- gewälzt.(Unruhe im Zentrum.) In einein Z e n t r u»n s b l a t t, der„Kölnischen V o l k s z e i t u n g", hat ein Großbrauer darauf hingewiesen, daß die Brauereien sich zusammenzuschließen begännen, um der Steuercrhöhung entgegenzutreten: es seien in einer großen Anzahl von Städten von den Brailereien schon Beschlüsse gefaßt worden, die darauf zielen, die Steuer restlos auf die Konsuinentrii abzuwälzen.(Hört! hört I links. Zuruf im Zentrum: Das können sie nicht!) Das können sie nicht? Das werden sie Ihnen be- weisen! Nun sagt Herr Erzberger, die lokale Biersteuer könne keine Ver- teuerung des Bieres herbeiführen. Das ist nicht der Fall. Ich habe es in einer Gemeinde erlebt, daß bei der Einführung einer lokalen Biersteuer von öS Pf. die Gemäße in Sälen und Garten- lokalen von 0,23 auf 0.2V Liter für 10 Pf. verkleinert worden sind. «oodurch die Wirte noch über den Steuerzuschlag hinaus ein Ge- schüft gemacht haben.(Aha! im Zentrum.) Ja, be« einer Steuer- crhöhung setzen die Wirte die Preise heraus, wenn dagegen die Steuer aufgehoben wird, sorgt schon die Konkurrenz, daß die Preise billiger werden.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Bttsing(natl.): Wem« in Berlin auch keine Biersteuer er- hoben wird, so doch ein Zuschlag zur staatlichen Braumalzabgabe. Abg. Bruhn'(Ant.): Die Konsequenz der«veitgehenden Be- lastung für ein einzelnes Gewerbe, die Sie beschlösse«« haben, ist für uns der sozialdeinokratische Antrag, dem wir zustimmen. Abg. Spahn(Z.): Dem Arttkel des einen Großbrauers in der „Kölnischen Zeitung" sind zwei Artikel gefolgt, die den anderen Standpunkt vertreten haben. Abg. Südekum(Soz.): Ich war keineswegs verpflichtet, auch diese beiden folgenden Artikel zu zitieren. Ich stelle nur wiederholt fest, was auch von dem Abg. Spahn nicht aus der Welt geschafft werden kann, daß in dem Artikel des einen Großbrauers berichtet wird, die und die Brauereivcreinigungen hätten beschlossen, den Preis zu erhöhen.(Zurufe im Zentrum: Unrichtig I) Das ist sogar wahr. trotzdem eS in der„Köln. VolkSztg." steht.(Stürmische Heiterkeit und Beifall bei den Sozialdemokraten,) Abg. Gerstenberger(Z.): Niemand hat meine Einwände wider- legt, daß die bayerische Brauindustrie durch das neue Gesetz in keiner Weise mehr belastet wird. Wenn aber der Antrag nach seiner Begründung einen Sinn haben sollte, so gehörte er in den preußischen Landtag.(Stürmisches Gelächter links.) Wenn der Abg. Südekum behauptet, daß nach Aufhebung der Kommunalzuschläge zur Biersteuer die Konkurrenz den Preis deS Bieres verbilligen werde, so muß auch trotz der beschlossenen neuen Steuer der Preis deS Bieres jetzt gleich bleiben, schon wegen der Konkurrenz der SüddeutschenuiivÄleinbrauereien.(Lautes Lachen links.) Abg. Dr. Müller-Sagan(fts. Vp.): Mr führen hier eine sonder- bare Diskussion.(Allgemeines Sehr wahr!— Heiterkeit.) Das Zentrum und die Nationalliberalen suchen plötzlich all die Tatsachen a>ls der Welt zu schaffen, die gestern widerspruchslos von««««S konstatiert worden sind. Aber daß die Biersteuer nicht aus die Konsumenten abgewälzt wird, daß glaubt Ihnen ja kein Mensch.(Lebhafte Zustimmung links.) Die großen Brauereien werden die Preiserhöhung durchsetzen, ent- weder mit den kleinen oder nachdem sie sie zu Tode konkurrenziert haben.. Damit schließt die Debatte. Der Antrag Südekum lvird fegen die Stimme«« der Sozialdemokraten, Frei- innigen und Antisemiten(aber die Wirtschaftliche Ver« eimgunr sttmmt dagegen) abgelehnt. Der Rest des Gesetzes wird debattelos angenommen. Es folgt die zweite Beratung deS T a b a k st e n e r g e f e tz e S. Das Gesetz wird ohne Debatte, den Koinmissionsbeschlüssen entsprechend, abgelehnt. Nächste Sitzung: Mittwoch i Uhr. Tagesordnung: Toleranzantrag. Schluß Vit Uhr. parlatmntanrcbed* Die XV, Kommission des Reichstages zur Beratung der Diäteil vorläge hielt gestern ihre erste Sitzung ab. Beschlossen wurde, zwei Lesungen vorzunehmen. Zum Bericht erstatter«vurde der Abg. Gröber gcivählt. Dem Vorschlage, erst über die Diätenvorlage ui«d anschließend die Vorlage die Aende- rung der Verfassung zu beraten, stimmte die Kominission zu. Erledigt«vurde Absatz a des§ 1. Hierzu lagen zwei Anträge gestellt von fteisinniger und freikonservattver Seite, vor, die siä inhaltlich deckten und dahinginge««. Geivährung fteier. Eisenbahn fahrt auf allen Eisenbahnen während der Dauer der Legislatur Periode zu fordern. Die Regierungsvorlage wurde außer von den« Staatssekretär Grafen Posadolvsky nur von den konservattven Mitgliedern verteidigt Das Resultat der Abstimmung war folgendes: Von dem Absatz a des§ 1 welcher lautet:„Die Mitglieder des Reichstages erhalten für die Dauer der Sitzungsperiode, soivie acht Tage vor deren Beginn«md acht Tage nach deren Schluß, freie Fahrt auf den deutschen Eisenbahnei«, zwischen ihrem Wohnort und den« Sitz des Reichstages" w«lrde mit allen gegen 2 Stimmen der Passus„für die Dauer", bis zu den Worten„nach deren Schluß abgelehnt. Mit dem gleichen Sttmmenverhältnis wurde der Schluß satz,„zwischen ihrem Wohnort und dem Sitz des Reichstages", ab- gelehnt. Nach der Beschlußfassung, die ebenfalls mit allen gegen zlvei Stimmen erfolgte, erhielt Absatz a des§ 1 folgende Fassung: „Die Mitglieder des Reichstages erhalte«« freie Fahrt auf den deutschen Eisenbahnei«." Die Schnlkommissio» des Abgeordnetenhauses setzte am Dienstag nachmittag die Beratung mit Z 40 fort, der von der Lehrerbcsoldung handelt. In der allgemeinen Beratung werden zunächst von frei- sinniger Seite die Bedenken gegen die Vorlage noch einmal im Zu- saininenhange vorgetragen. Die gestellten Anträge gehen über die Regierungsvorlage hinaus: die Konservativen«vollen den Gemeinden die Wahl der Lehrer übertragen, nicht aber die der Rektoren, auch fordern sie bei Nichtbestätigung Angabe der Gründe. Die Frei- konservativen wollen auch für die Rektoren das Wahlrecht gestatten, falls sie keine Schulatlfsichtsbefugnisse haben. Die National- liberalen«vollen den gegenwärtigen Zustand aufrecht erhalten. Die Freisinnigen«vollen allen Gemeinden das Wahlrecht der Lehrer sowohl«vie der Rektoren sichern. Die Negierung stinmrt dem konservativen Antrage zu, tritt aber lebhast für die ün Eittlvnrfe enthaltene Erweiterung des Rechts der Behörde bei der Besetzung der Rektorenstellen ein. Die Konservativen stiinmen der Regierung in bezug auf die Rektoren zu; sie glaube««, daß eine Beförderung durch daS ganze Land ün Interesse der Lehrer und des Staates liege; auch treten sie ftir eine gleichmäßige Ordnung der Sache ein, da es doch nur eine Frage der Zeit sei, daß die Lehrer Beamte des Staates würden. Die Debatte konzentrierte sich dann auf die Frage der Rektorenlvahl. Bei der Abstiinmung tvird Absatz 1 nach dein konservativen Antrage angenommei«. Die freikonservativen, nationalliberalen ui«d reisinnigen Anträge werden abgelehnt: für den letzteren stimme«« auch die Nationalliberalen. tz 40 tvird gegen die Stiinmen der Nationalliberalen und Freisinnigen angenommen.— Der Rest des Gesetzes wird ohne erhebliche Debatte angeiiominei«. Rur lvird die Bestiinmung des tz 31, daß der Unterrichtsininister ehre Volksschule auflösen kann, von freisinniger Seite angefochten; auch die National- liberalen stimmen den« zu. tz 31 lvird aiigeiimnmen.— Bei der Abstimmung über das ganze Gesetz enthält sich das Zentruip der Abstimmung. Nationalliberale und Freisinnige stiminen dagegen. Das Gesetz lvird mit 13 gegen 7 Stiminen aiigenommen. Dafür stiminen Konservative und Freikonservative. Mordprozetz Hennig. In der Nummer vom 1. Mai haben wir bereits ausführlich über den Gang der Verhandlung bis zum Schluß der Beweis aufnähme, über den Wahrspruch der Geschworenen und über das llrteil des Gerichts berichtet. Nachstehend geben wir den«oesent- lichste» Teil der Plaidoyers wieder. Die Plaidoyers sind««ach ztvei Richtungen hin besonders interessairt. ES fehlt der Rede deS Staatsamvalts jeder Versuch, die Ursachen zu dem Verbrechen deS Angeklagten zu erforschen: Der Angeklagte ist ein verworfener Mensch, er ist sähig der Tat, also macht ihn unschädlich. Das ist das Leitmotiv, das die Rede des Staatsaulvalts genau Ivie die pharisäischen Betrachtungen der bürgerlichen Presse auszeichnet. Fiel schon in der übrigen,«veil objektiver als die meisten politischen Prozesse geleiteten Verhandlung, der Mangel einer Erforschung der tiefer liegenden Ursachen auf, weshalb ein so begabter Meiisch Ivie Hennig zu einem Schädling der Gesellschaft werden konnte und mußte, so mochte der Staatsanlvalt diese recht eigentlich den Staat, die Gesellschaft angehende Frage unberücksichtigt gelassen haben, weil ein Ztveifel hervorzurufen geeignet war. ob denn in der Tat die abgrundtiefe Vcrivorfenheit des Angeklagten, auf der die Schuld- frage sich aufbaute, allein diese«» oder nicht viel»nehr der kapita- listischen Gesellschaftsordnung und ihrem völlig verfehlten Strafsystcm zuzuweisen sei. Betonte der Staatsanwalt besonders die Gemein- gefährlichkeit, so wäre eS Sache der Verteidigung geivesen, die entlastenden Momente hervorzuheben, die zu beweisen geeignet«varen, daß die eigentliche Schuldige an den Straftaten und dem Verbrecher- leben des Angeklagten die Gesellschaft selbst ist. Das zu betonen, ist völlig unterlassen. Mit dieser Unterlassung stinimt das Verhalten der Spitzen der Gesellschaft von„Besitz und Bildung" überein, die bei der Verteilung von Zuhörerkarten berücksichtigt waren. Eine Sttminung, als ob es sich um ein Lustspiel handelt: Heiterkeit. große Heiterkeit, stürmische Heiterkeit. Der Mann aus der Anklagebank zeigte auch durch die Art seines Plaidoyers, daß er wohl unter anderen Verhältnissen ein recht brauchbares Mitglied der Gesellschaft geworden«väre. Unter Verhältnissen, in denen Kapitalverbrechen umnöglich sind,«veil die Triebfeder zu solchen fehlt. unter Verhältnissen, in denen die Menschen nicht nach gegenseitiger Ausbeutung und Unterdrückung trachten, wären ja Lebensführungen «vie die deS Angeklagten unmöglich. Auch in der heutigen Gesell- schaft würde Hennig wohl, tvenn er nicht zu dem Kainpf unis Da- sein gezivungen gewesen wäre, wenn seine Wiege im reichen Hause gestanden hätte, etwas Nützliches, vielleicht ein recht bedeutender Verteidiger geworden sein. Auch seine Verteidigungsrede durchiveht eine«licht ungewöhnliche Dialektik: Der humorvolle Zynismus oder zynischer Humor fehlt auch in der Verteidigungsrede des An- geklagten nicht. Plaidoyer deS Staatsanwalts. Erster Staatsanwalt Dr. Mendelssohn: Wenn je bei der Erörterung einer strafbaren Handlung ich das Gefühl gehabt habe. daß das Amt eines Geschworenen ein außerordentlich wichttges und verantwortungsvolles ist. so ist es hier der Fall. ES gehört zur Entscheidung und Abgabe einer Stimme eine ganze Persönlichkeit, denn es erfordert einen gewissen Mut, einem Manne, der nicht voll- ständig geständig ist, das Urteil zu sprechen. Ich bin aber der Ueber- zeugung. daß S«e, meine Herren Geschlvorencn, daß Sie Ihren Spruch ,n richtiger Bewertung der Beweisaufnahme nach Fhrem besten Wissen und Gelvissen fällen werden. Der Staatsanwalt erörtert sodann zunächst die Nebenpunkte der Anklage und kommt zu dem Schluß, daß über die Schuld des Angeklagten bezüglich der Urkundenfälschung, der versuchten Tötung, um sich seinem Verfolger zu entziehen und des Diebstahls an dem Fahrrade gar kein Ztveifel oblvalten könne. Zun« Hauptpunkte der Anklage führt der Staatsanwalt aus: Ich komme nun zu de,n Verbrechen, das seit Monaten und nicht mit Unrecht, das Publikum und die Presse aufs Höchste in Aufregung versetzt hat. ES handelt sich um einen kühnen und äußerst siechen Mord. Und nicht mit Unrecht hat sich die Presse mit der Persönlichkeit des Ai«geklagten beschäftigt. Sic alle werden hier den Eindruck gcwoimen haben, daß nicht leicht wieder ein Angeklagter, der unter so schwerer Anklage steht, gefundl» verde« wird, welcher sich mit selcher Ruh», Gewandt- heit und Entschiedenheit zu verteidigen weiß, baß er dem offiziellen Verteidiger gar nicht viel zu sagen übrig läßt. Der Staatsanwalt bespricht dann den Mord selbst. Was der Aligeklagte, dieser schwer vorbestrafte Mensch, der die verschiedensten Verbrechen ausgeführt hat, über die Ausfllhrmrg desselben glauben «nachen will, tragt den Stempel der Erfindung an der Sttrn. Der angebliche„Franz" ist eine Phantasiesigur des Angeklagten. Der Mann, der feine Heiratsschlvindeleien, seine Pfandscheinschiebereien allein gemacht hatte, sollte sich zu dem Unternehinen, das sehr ein- träglich zu«verde» versprach, plötzlich einen Teilhaber gesucht haben! Das ist eine so unwahrscheinliche Angabe, daß«nan sich bei seiner sonstigen Geriebenheit darüber ebenso wundern«nuß, wie über seine fast naive Darstellung über die Art, wie»nan den Giernoth fest- gehalten, und«vie dieser seines Sparkassenbuches beraubt worden sein soll. Nicht der Unbekannte hat den Mord begangen, sondern einzig und allein der Angeklagte! Ihm kann man die Tat ohne weiteres zutrauen. Er. der hier im Saale bei dem Erscheinen seines alten tiefbetrübten VaterS auch nicht mit einer Wiinper gezuckt, ist ein hartgesottener Verbrecher, der schon über elf Jahre hinter Gefängnis- und Zuchthausmauern zu- gebracht hat. Er scheut auch vor einem Morde nicht zurück. Nach der Bekundung der Ehefrau des Gendarinen ist er der Mann, der sich nach der Beisetzung der Leiche erkundigt hat. eS steht fest, daß er sich durch andere Tracht in Haar und Bart unkenntlich macheu wollte, und die Briefe, die er an den„Lokalanz." geschrieben, lassen gar keinen Zweifel darüber, daß der Briefschreiber ailch der Mörder ist. Der Staatsanlvalt kommt nach nochinaliger kurzer Zusannnenfassung aller subjektive«« und objektiven Momente zu dem Schlüsse, daß die Geschworenen den Angeklagten auch des Mordes schuldig erklären nlüßten. Rede des Offizialverteidigers. Der Verteidiger Rechtsanwalt KenneS gibt zu. daß der Angeklagte des ibm zur Last gelegten schweren Verbrechen» zlvar fähig ist, bestreitet aber, daß er durch die heutige Beweisaufnahme überführt erscheine. Ueber das Vorliegen der Urkundenfälschung und des Diebstahls könne kein Zweifel obwalten, dagegen sei zu be- streiten, daß ein Versuch der qualifizierten Tötung vorliege und eS sei nur Mißhandlung mit einer Waffe zuzugeben. Was den Mord betrifft, so bestreite'der Angeklagte, daß er der Mörder oder der Mittäter sei, und deshalb beantrage er, die Frage nach Mord zu verneinen. Die Beweisaufnahme sei keineswegs ausreichend, um den Angeklagten der Täterschaft zu überführen. Den Raub habe der Angeklagte selbst zugegeben und die darauf bezügliche Frage müsse bejaht«verde». Schlußrede deS Angeklagten: Meine Herren Geschivorenen! Ich weiß zlvar, daß ich als vor« bestrafter Mensch wenig Glauben finde, und ich hatte eigentlich die Absicht nichts lveiter zu sprechen. Aber da ich durchweg die Wahrheit gesagt habe, so will ich doch noch ein paar Worte zu Ihnen sprechen. Die einzelnen Delikte, die mir vorgeworfen«verden,«nöchte ich im großen und ganzen unerörtert lassen. Nur waS die Sache «nit den, Stettiner Kriiitinalschutzmann betrifft, so muß ich entschieden bestreiten, daß ich mit Ueberlegung auf denselben ge- schössen habe. Ich bitte, meine Situation zu beachten. Man suchte nuch von den verschiedensten Seite««. Nun stellen Sie sich vor, daß ich das Rad gestohlen hatte, daß ich mich nicht ergreifen lassen wollte, daß es.nir aber nicht gelang, daß inan»«ich zur Wache bringen wollte, und tvei«n ich da geschossen habe, so fehlte mir die Ueberlegung. Der Drang nach Freiheit«var bei mir so groß, daß ich blind darauf loZ schoß. Mich beseelte nur der eine Gedanke, fort zu kommen, aus«velche Weise, war«nir ganz gleich- gültig. Wenn der Staatsanwatt das Gegenteil behauptet. «o weiß u« an ja fast aus jeder Gerichts- Verhandlung, loie von dem Staatsanwalt immer alles«nögliche hervorgeholt wird, um die Schuld des Angeklagten zu belo eisen.— Der Angeklagte «oiederholt alsdann bezüglich des Mordes ausführlich alle die Momente, die er schon bei seiner Vernehmung im einzelnen auf die Fragen des Vorsitzenden hervorgehoben hatte. Seine wohl- gesetzte Rede dauert e,ne halbe Stunde. Sie gipfelt darin, daß die Belveisführung des Staatsanwalts eine total falsche sei. Er selbst sei nicht der Mörder. Wenn die Geschworenen allem auf den Grund gehen, würde kemer von ihnen zu einer anderen Ueberzeugung koinmen, als daß doch keine Beweise gegen mich vorliegen. Sie«verde» sagen müssen: der Mann, der Heinng ist des Mordes nicht überführt. Man hat hier eine Anzahl Hypothesen vorgeführt, aber da bitte ich doch, den alten Justiz- grundsatz«valten zu lassen: lu ckudio pro reo!(Gelächterbeim P u b l i k u m.) Wenn eine Sache zweifelhaft ist, so ist eS diese, von Ueberführung ist keine Rede. Wo ich wirklich schuldig bin, habe ich alles zugegeben. Ich habe den Raub zugegeben, aber den Schuß habe ich nicht abgegeben. Glauben Sie mir: ein schneller Tod wäre für mich besser als langjährigesZucht« Haus. Unter 13 Jahren würde ich nicht bekoinmen. Ich bin 81 Jahre alt und wenn ich 13 Jahre dazu bekomme, wäre ich 46 Jahre. DaS ist schon wie ein Todesurteil. Ich habe den Raub begangen, ich will mich nicht reinwaschen und habe viel auf dem Kerbholz. Um mildernde Umstände zu bitten wage ich selber nicht, aber wir leben in einem christlichen Jahrhundert und da sollte man einem Menschen nicht die Möglichkett abschneiden, noch einmal ins Leben zurückzukehren. Die Hauptschuldsiage bitte ich demgenräß zu verneinen._ Berliner Nachrichten. Die bürgerliche Presse versucht»vie immer den großartigen Verlauf der diesjährigen Maifeier herabzusetzen. Das nimmt uns nicht wunder, denn wir sind das gewöhnt. Eine solche Herabsetzung kann natürlich nur vorgenommen werden auf Kosten der Entstellung der Tatsachen. Wie in bezug auf die Berliner Maifeier ge- chtvindelt wird, zeigt ein Blick in die„Berliner Morgenpost". Man lese nur: „Da wo die Arbeiter versuchten, auf dem Wege zu den Ver- sammlungslokalen, z. B. nach der Neuen Welt, Bockbrauerei und den Germania-Sälen, sich in größeren Trupps zu sammeln. wurden sie mühelos zerstreut. Im Gewerkschaftshause waren etwa 400. in Sansiouci ettoa 300, bei Keller in der Koppenstraße etlva 300 Personen versammelt. Aebnlich war der Besuch in anderen Lokalen am Nachmittag. Nur im Schweizergarten waren etwa 2000 und in den beiden Treptower Lokalen etwa 8000 Personen anwesend. Ein größerer Andrang zu den Lokalen erfolgte erst in den späteren Nachmittags- stunden, ein Zeichen also, daß diese Festteilnehmer den Tag über gearbeiter hatten. An der Polenfeier nahinen«mr etwas über 100 Personen teil. Eine Absperrung irgend welcher Lokale ist ui«ht erfolgt. Jedem Festteilnehmer«ourden zwei Flugblätter überreicht. Das eine forderte zum Austritt aus der Landeskirche, das andere zun« Eintritt in den Wahlverein und zum Abonnement auf den „Vorivärls" auf." Mit diesem Bericht über die Beteiligung vergleiche man Oie uns aus den Bersanimlungen zugegangenen Mitteilungen. aus denen hervorgeht, daß in den meisten Lokalen wegen Ueberfüllung polizeiliche Absperrung erfolgte und tausende von Maiteilnchmern sich in Gärten aufhalten mußten. Die Nachinittags- und Abendfeiern waren so stark besucht, daß tausende keinen Platz fanden. Und ein solches Blatt wird noch von vielen Arbeitern gehalten, leider! DaS erste Opfer der Bootskatastrophe auf dem Tegeler See ist zesteri« abend gelandet worden. Bekanntlich ertranken am 13. März in« Tegeler See vier junge Lmte bei einer Kahnfahrt,«vährend es gelang, den fünften Insassen des Bootes zu retten. Die Leiche eine» der Ertrunkenen ist gestern abend bei der Insel Hasselwerder ans Ufer getrieben und gelandet wordeir Voraussichtlich dürften nun auch bald die drei anderen Leichen geborgen werden. . Guttat, die auf freiem Felde bei Heinersdorf an dem italienischen Arbeiter Luigi Dovigo verübt wurde, wird nun auch ihre Sühne finden. Der Bauarbeiter Giovanni Filippi aus der Stolpischenstr. S hat vorgestern vor dem Untersuchungsrichter daS Geständnis abgelegt, seinen Landsmann und Wohnungs- genossenLuigiDovigo auf der Feldmark beim Bahnhof Pankow-Heiners- darf erstochen zu haben. Dovigo wurde, wie wir mitteilten, mit drei Messersfichen in der Brust in hohem Gras in einer alten Furche tot aufgefunden, nachdem er am Tage vorher mit Filippi in jener Gegend auf Neubauten Arbeit gesucht und in einer Schankwirtschaft in der Damerowslraße bis 12 Uhr mittags gekneipt hatte. Das Messer, von dem die Stiche herrührten, wurde bei der Leiche ge- funden. Es gehörte Filippi. der für zwei kritische Stunden sein Alibi incht nachweisen konnte. Zwei schwere Automobilunfälle werden vom gestrigen Tage ge- meldet. Abends wurde die sechs Jahre alte Lotte Littmann, am Kurfürstendamm 226 wohnhast, an der Corneliusbrücke von dem Automobil 4638 umgerissen und überfahren. Das Vorderrad ging der Kleinen über die Brust. Mit mehreren Rippenbrüchen und Quetschwunden wurde das überfahrene Kind nach der Unfall- station XX gebracht.— Beim Ueberschreiten der Rosenthalerstratze geriet die 21jährige Klara Hahn aus der Gipsstr. 16 a an ein Automobil heran und wurde gleichfalls über den Oberkörper hinweg- gefahren. Sie erlitt Rippen- und Beinbrüche und wurde nach dem Krankenhause am Friedrichshain gebracht. Vorort- f�ackrickten. Tchitaeberg. Großes Schadenfeuer im Schöneberger Krankenhause. In dem Küchengebäude de« neu errichteten Schöneberger Krankenhauses an der Ecke der Rubens- und Renibrandtstrahe brach gestern abend Feuer aus. Der Brand ivar in dem anschließenden Kühlraum, dessen Wände, Decken und Fußboden vollständig mit Korkplatten belegt war, entstanden und fand dort reichliche Nahrung. Als die Arbeiter, welche sich auf kurze Zeit zum Vesper wcgbegeben hatten. wieder zurückkamen, hatte das Feuer bereits eine beträchtliche Aus- dehnung angenommen. Es wurde sofort bei der Schöneberger Wehr Großseuer gemeldet, worauf Branddirektor Flöter mit zwei Lösch- zügen erschien. Die Mannschaften hatten mehrere Stunden an- gestrengt zu tun, um das Feuer aus seinen Herd zu beschränken. Das Gebäude ist fast vollständig vernichtet und der Schaden ein ganz beträchtlicher. Die Entstehungsursache deS Brandes ist angeblich aus Stichflammen einer Aetherlampe zurückzuführen. Mariendorf. Zu dem folgenschweren Gerüsteinfturz in der Lanlwitzerstr. 22 zu Mariendorf sEnglische Gasanstalt) wird uns im Anschluß an den cmSsührlichen Bericht in der vorigen Nummer noch folgendes mit- geteilt: Die vier verunglückten Arbeiter heißen Karl Treu Haus, August F i e ck e(beide in der Marienfelderstraße zu Lankwitz wohn- Haft). Friedrich S ch l e s i e r(Ridorf, Hermannstraße) und Eduard P u s ch(Mariendorf. Chausseestraße). Sie sind bis auf Pusch sämtlich unverheiratet. Im Britzer KreiSkrankenhallse, wohin alle vier sofort geschafft wurden, stellten die Aerzte bei Treuhaus einen schweren Wirbelbruch, bei Fiecke einen komplizierten Armbruch, bei Schlesier einen rechten Oberschenkelbruch und bei Pusch starke Er- schütternngen fest. Irgend eine Verschlimmerung in dem Befinden ist aber bis jetzt bei keinem eingetreten. Die eingeleitete Unter- suchung der Uitglücksstelle hat in Bestätigung unserer gemachten Mit- teilungen ergeben, daß die Ursache in dem Bruch eines �-förmigen Hängeeisens liegt. Da diese Hängeeiscn aus 30 Millimeter dickem Rm, brisen angefertigt sind und daher zirka 100 Zentner Tragefähig- keit besitzen sollen, so ist es unerklärlich, wie ein Bruch erfolgen konnte, trotzdem nur zirka 10 Zentner auf dem Gerüst standen, also von einer Ueberlastung gar keine Rede sein kann. Der Bau wird von der Kölner Maschinci'bau-Aktiengesellschast ausgeführt.—- Gcnchta-Zcitung. Folgen rechtswidriger Lohneinbehaltung vor dem Schwurgericht. Weil ihm sein Arbeitslohn vorenthalten wurde, ist der Arbeiter August Lehmann zum Brandstifter geworden und hatte sich wegen dieses Verbrechens gestern vor dem Schivur- gericht des Landgerichts II zu verantworten. Der AngeNagte stand bei dem Landmesser Erich Hackbarth in T e u p i tz im Dienst. Er wurde am 18. Dezember vorigen Jahres entlassen, und es wurde ihm dabei nicht der volle Lohn ausgezahlt, sondern H. brachte zehn Mark von dem Lohn in Abzug unter der Angabe, daß ihm, dem Arbeitgeber, Sachen gestohlen seien und der Täter unter den Arbeitern vermutet iverde. Dasselbe Verfahren wurde auch anderen Arbeitern gegen- über in Anwendung gebracht, obwohl der Wert der vermißten Sachen nur 15 M. betragen haben soll und der Verdacht auf keine bestimmte Person gewälzt werden konnte. Der Angeklagte verlangte am 20. Dezeinber seinen vollen Lohn, der Arbeitgeber wies ihn aber schroff zurück und hielt sich zur Einbehaltung des Restlohnes wegen des Diebstahls für befugt. Der Angeklagte war nun der Meinung, daß der Arbeitgeber den Diebstahl nur vorschütze, um rechtswidrig die Löhne einzubehalte n', und in Er- bitterung und Erregung über das ihm widerfahrene Unrecht brütete er auf Rache und wurde zum Brandstifter. Hackbarth ist Eigentümer einer ehemaligen Sandsteinfabrik in der Egsdorfer Feldmark. Das Maschinenhaus der Fabrik wurde zurzeit nicht benutzt, da Hackbarth die Arbeit auf der Sandsteinfabrik ein- gestellt hatte. Die Maschine war mit Stroh umwickelt, und die Tür des Maschinenhauses mit Brettern vernagelt. Am 20. Dezember, nachmittags, wurde bemerkt, daß aus diesem Maschinenhause Rauch herausdrang und die Tür erbrochen war. Es ergab sich, daß der Raum, wo der Benzinmotor stand, ganz voll Rauch und Onalm war. Dieser rührte davon her, daß das Stroh, mit dem der Motor um- wickelt war, gebrannt hatte. Das noch sich zeigende Feuer konnte leicht gelöscht werden, indem die hinzugekommenen Personen es mit den Händen ausschlugen. Die Maschine zeigte deutliche Spuren des Brandes, dagegen ist das Gebäude selbst vom Feuer nicht beschädigt worden. Der Angeklagte ist zur Zeit deS Brandes bei dem Maschinenhause gesehen worden; er leugnete anfangs die Tat, hat sie dann aber reumütig zugegeben. Der Staatsanwalt beantragte das Schuldig gegen den Angeklagten wegen vorsätzlicher Brand- stiftung.— Der Verteidiger erklärte, daß er das Verhalten des Herrn H. nicht näher charakterisieren wolle. So viel stehe jedenfalls fest, daß, wenn dieser sechs Arbeiter wegen eines von einem Arbeiter begangenen Diebstahls entlasse und allen sechs Arbeitern den Lohn einbehalte, er fünf Arbeitern bitteres Unrecht zufüge und sich auf deren Kosten geradezu bereichere.— Die Geschworenen sprachen den Angeklagten nur der versuchten Brandstiftung schuldig und billigten ihm mildernde Umstände zu. Der Staatsanwalt beantragte sechs Monate Gefängnis. Der Gerichtshof erkannte auf vier Monate Gefängnis unter Anrechnung von einem Monat Untersuchungshaft. Zu bedauern ist, daß der Arbeitgeber nicht wegen intellek- tueller Anstiftung zur Brandstiftung und wegen Erpressung neben dem Angeklagten als Angeklagter auf den Anklagcraum gebracht worden ist. Maifeier- Berichte. (Schluß aus dem Hauptblatt.)! Hannover. Die Maifeier in Hannover-Linden gestaltete sich zu einer großen Demonstration des klassenbewußten Proletariats, die alle bisherigen in den Schatten stellt. Sicherlich hat die brutale Aussperrung in der Metallindustrie auf die Mafien wie elektrisierend gewirkt, denn nach vielen Tausenden zählten in diesem Jahre diejenigen, die das Maisest durch Arbeitsruhe feierten. Auf keinem einzigen der vielen Bauten rührten sich die sonst so fleißigen Arbeiterhande; im Baugewerbe war die Arbeitsruhe eine v o l l st ä n d i g e. Auch die Holzarbeiter haben ihren Beschluß, die Arbeit ruhen zu lassen, strikte durchgeführt, ebenso verzeichnen fast alle anderen GeWerk- schaften ein riesiges Anwachsen der Zahl der sich zur Kontrolle meldend«: Feiernden. Morgens um Si/tz Uhr waren in der Stadt in fünf großen Lokalen und im Vorort Grasdorf Versammlungen anberaumt, während so n st ein Lokal, der„Ballhof" genügte. Lange vor Beginn der Versammlungen waren all- Lokale überfüllt, und doch fanden Tausende keine Gelegenheit, Redner zu hören. Ueberall herrschte flammende Begeisterung, hat doch das Unter- nchmertum vor den klassenbewußten Arbeitern die Flaggen streichen müssen.. Weder im Baugewerbe noch in der Holzindustrie hat es geivagt, Aussperrungen anzudrohen. Um so größerem Spott be- gegnete die Ankündigung des Fabrikantenvereins,„seine Arbeiter, die. feiern, bis zum 7. Mai auszusperren." Am Nachmittag schwoll die Schar der Feiernden riesig an, so daß die drei Riesenlokale Winteryarten-KonzerthauS, Vahren- walder Turm und Lindenhof kaum unbesetzt« Plätze aufwiesen. In diesen drei Lokalen fanden die Abendfeiern statt. Die gewaltigen Massen, die hier nach Schluß der Arbeitszeit zusammenströmten, sind auch nicht annähernd zu schätzen. Die Festredner der Abend- Versammlungen im Wintergarten und Vahrenwalder Turm sprachen vor riesigen Massen eng zusammengedrängter Menschen. Tosender Beifall ertönte den Rednern entgegen, als sie diese gewaltige Mai- demonstration als eine Bürgschaft für den Sieg der Arbeiterklasse am 22. Juni, dem Tage der Ersatzwahl für Heinrich Meister, bezeichneten. Die Versammlung im Lindenhof wurde durch die Polizei gestört. Der überwachende Beamte ver- langte ganz grundlos im'Auftrage seiner vorgesetzten Behörde Räumung der großen, bis auf den letzten Platz gefüllten Galerien. Das auszuführen, war ein Ding der Umnöglichlcit. Trotzdem be- stand er Beamte auf seinem Verlangen, und um der Polizei nicht noch einen Triumph zu gönnen, verzichtete man auf die Rede des Genossen Paul. Dein über alle Maßen glänzenden 1. Mai wird in Hannover auch der 22. Juni folgen als ei» Ehrentag in der Ge- schichte der hannoverschen Arbeiterschaft. Auch in Hildeshein» hat die Maifeier einen guten Verlauf ge. nommen. Zum ersten Male fand eine Frühversammlung statt, um festzustellen, wie viele Arbeiter die Arbeit ruhen ließen, lieber 300 Arbeiter beteiligten sich, aller Scharfmacherei zum Trotz, daran. Nachmittags versa,»»melteu sich die Festteilnehiner in der reizend gelegenen„Bodemühlc". Leider mußte hier die Feier infolge eines Gewitters, das mit schweren Hagelschauern verbunden war, vor- zeitig abgebrochen kverden. Abends fand ciue große F e st v e r- sammlung statt, in der Genosse Rauch- Limmer redete. Rheiulaud-Westfalen. In Köln fand die Feier unter bisher nie erlebter Beteiligung statt. Leider war man infolge des Verhaltens der Kölner Polizei nicht imstande, die Feiernden zu zählen. Denn die im Voltshause Platz fanden, waren nur ein geringer Teil derjenigen, die den Tag durch Arbeitsruhe feierten. In früheren Jahren schon beteiligten sich an dem Nachmittagsspaziergange mehrere Tausende. Diesmal werden es ohne Zweifel an die 7000 bis 8000 gewesen sein. Aber die Polizei hat diese Zählung verhindert. Sie hatte zuerst den zwanglosen Spaziergang, der feit fünfzehn Jahren in Köln unge- hindert stattgefunden Hot, für einen„öffentlichen'Aufzug" erklärt und verboten, weil er nicht genehmigt sei. Als dann die Mai- kominission um die Genehmigung einkam, wurde sie ihr verweigert, weil bei Stattfinden des Spazierganges die„öffentliche Sicherheit und Ordnung" gefährdet sei. Mit einer stereotypen Phrase setzt die Polizei sich über die Tatsache hinweg, daß ein und ein halbes Jahrzehnt dieser Spaziergang stattgefunden hat, ohne daß„Ordnung und Sicherheit" auch nur im allevmindesten gestört worden wären. Indes das Verbot, der Umstand, daß die Polizei das Anheften der Maiplalate verbot, hat die Kölner Maifeier nicht beeinträchtigt. Alle zehn Versammlungen, die in Köln und den Vororten stattfanden, waren brechend voll. Und in allen herrschte eine Begeisterung für die hohen Ideale des Sozialismus, für die Kulturforderungen des 1. Mai, die der Steigerung durch die Willkür der Polizei wahrlich nicht bedurft hätte. Im übrigen sind unsere Kölner Genossen nicht gesonnen, stillschweigend sich ihres guten Rechtes berauben zu lassen. Sie werden sich mit dem Verhalten der Polizeibehörde noch in breitester Oeffentlichkeit befassen. In Krefeld war die Arbeitsruhe bei den Bauarbeitern, im Ver- hältnis zu den anderen Berufen, ziemlich durchgeführt, eine Vormittagsversammlung war sehr stark besucht, im Gegensatz zu frühe- reu Jahren, wo der Besuch mangelhast war, so daß im vorigen Jahre sogar die Vormittagsversammlung unterblieb. Die Abendfestlichkeit, die im größten Lokale der Stadt stattfand. hatte einen gewaltigen Besuch aufzuweisen. Die Vorkommnisse auf politischem und wirtschaftliche»» Gebiete in der letzten Zeit haben auch die Arbeiter in dem äußersten Teil des Nicderrheius etwas aufgerüttelt. War eS den Genossen in dem Kreise Kempen auch nicht möglich, am 1. Mai eine öffentliche Ver- sammlung abzuhalten, weil ihnen kein einziges Lokal zur Verfügung stand, so vereinigten sie sich doch an dem Abend in privaten Zirkeln, um so den Solidaritätsgedanken, der an diesem Tage alle Arbeiter der Welt wie ein Band umschlingt, zum Ausdruck zu bringen. Besser gestellt sind in der Lokalfrage die Genossen des Kreises M.-Gladbach; es fanden denn, auch in den Orten M.-Gladbach und Viersen öffentliche Veranstaltungen statt, die sehr gut besucht waren. Während in Viersen von, Arbeitsruhe noch fast keine Rede sein kom»te. hatte in M.- G l a d b a ch eine große Anzahl Genossen die Arbeit eingestellt. Die Spinner und'Ansetzet einer größeren Spinnerei feierten sämtlich, und eine auf nachmittags 2% Uhr einberufene Versammlung war gut besucht. Die Abendfcstlichkeit wies ein überfülltes Lokal auf. Der diesjährige erste Mai hat gezeigt, daß es auch in der schwärzesten Ecke Deutschlands vorwärts geht. Im östlichen Westfalen und den lippeschen Fürstentümern nahin die Feier einen prächtigen Verlauf. Ausflüge am Vor- und Nach- mittag wurden in Bielefeld, Herford, Bünde, Minden und Detmold veranstaltet. In Bielefeld beteiligten sich 450 Personen— gegen die früheren Jahre ein Fortschritt. Die Veranstaltungen am Abend, die vornehmlich in der Abhaltung von Versammlungen bestanden, erfreuten sich eines großartigen Besuches. In Bielefeld und nächster Umgebung waren neun Lokale überfüllt, mindestens 10 000 Personen waren versammelt. Ebenfalls große Beteiligung zeigte sich in Rheda, Herford. Bünde, Minden, Rbeme, Detmold, Lemgo, Oerlingbausen und Salzuflen. Außerdem fanden in einer Anzahl kleinerer Orte, in denen Versammlungslokale nicht zur Verfügung standen, Zusammenkünste der Parteigenosse!, statt.— Auch in der preußischen Vendee marschiert der Maigedanke l Provinz Sachse». Die Arbeitsruhe in Halle war in diesem Jahre größer als in den früheren. Die beiden Frühvcrsammlungen waren überfüllt. In acht Maschinenfabriken ruhte die Arbeit gänzlich. Ferner feierten etwa 600 Maurer, 150 Tischler usw. Die Demonstranten, etwa 2000 Personen, begaben sich nach den Frühversammlungen in den großen Bellevuegarten. Als die Teilnehmer die Bersamm- lungssäle verließen, erlaubte sich die wohllöbliche Polizei, die Ver- sammlungsbesucher wie Kinder zu behandeln. Nur in Gruppen von etwa 15 Personen und nach einem Abstand von 70 Schritten wurden die Versammlungsteilnehmer durch eine Schutzmannskette «elassen. Natürlich«regte die Absperrung, die auch auf der Straße vor dem Markt unternommen wurde, böses Blut, aber die gehobene Maifeststimmung und die Disziplin ließen eS nicht zu Ruhe- störungen kommen. �_ Soweit sich am Abend des 1. Mai feststellen ließ, sind auch d,e Demonstrationen der Feiernden in der Umgebung von Halle und in den Nachbarkreisen ohne Störungen verlausen. Besonders stark besucht waren die Versammlungen im Streikrevier. In Zeitz beteiligten sich am Ausflug 3000 Personen, und die acht Versammlungen, die des Abends im Orte selbst und der Um- gegend stattfanden, waren sämtlich vorzüglich besucht. Königreich Sachsen. In Leipzig war die Beteiligung stärker als im Vorjahre. Einzelne Industrien standen fast vollständig still, so die Holzindustrie. tu den Vormittagstunden zogen die Arbeiter und Arbeiterinnen in rupps nach de» fünf größten Versammlungslokalen: Sanssouci, VolkshauS, Felseukeller, Schloßkeller und Schillerschlößchen. Die Säle konnten die Menschenmassen nicht fassen, Tausende mußten in den anderen Wirtschastsränmen der genannten Etablissements den Schluß der Versammlungen um 12 Uhr abwarten. Dann ging es ge- meiuschaftlich nach dem Sammelpunkt: dem herrlichen König Albert-Park. Um>/,1 Uhr trafen hier die etwa 15 000 Teilnehmer starken Züge zusammen und nun ging eS im losen Zuge, der oft die ganze Breite der Straße einnahm, nach dem herrlich geschmückten Feftsuale und dem Festplatz im Brauereigarten in Stötteritz. War die Teilnehmerzahl deS ZugeS mindestens 15 000 beim Abmarsch im Albert-Park. so verdoppelte sie sich auf dem Festplatz. In der Halle wie auf dem Festplatze war Jnstrumentalkonzert. Der Gesang von Männerchören war wie seit einigen Jahren auch diesmal wieder verboten worden, was der Stimmung aber durchaus keinen Eintrag tat. Die Metallindustriellen wie die Holzindustriellen kündigten „ihren" Arbeitern die Aussperrung an. Die Antwort der Holz- arbeiter war die v o I l st ä n d i g e Arbeitsruhe in allen großen Betrieben, außer in der Jubiläumsarbeiterbude, der Pianoforte- fabrik von I. Blüthner. Etwa 2700 Holzarbeiter nahmen an der Demonstration teil. Um 4 Uhr nachmittags hielt der Genosse H ä n i s ch die Festrede in der Halle. Tausende von Besuchern hielten diese schon von Mittag an besetzt. Die weitere Feier verlief würdig und imposant. Im sächsischen Manchester, in Chemnitz, nahmen an dem Polizei- lich gestatteten„Zuge in losen Gruppen" von den Sammelpunkien der einzelnen Bezirke nach dein Volkshause(Kolosseum) um il3i0 Uhr insgesamt 2000 Personen teil. Die Polizei ließ sich vernünftiger- iveise nicht sehen. Die Versammlung verlief imvosaut, zum Schluß sangen die Anwesenden stehend die Marseillaise. Nachmittags fanden ebenfalls im Kolosseum Konzert und Volköbelustignng statt. Zu Tausenden kam Jung und Alt heraiigeströmt, denn eS hatten für den Nachmittag eine ganze Reihe Betriebe geschloffen. Reichlich 3000 Personen dürften den Nachmittagsveranstaltuligen bei- gewohnt haben. Am Abend fanden nicht weniger als 14 Veran- staltungen für den 16. Wahlkreis statt und in dem Bereiche des Chemnitzer Agitationskomitees 66 solcher. Wobei nicht eingeschlossen ist der 17. Wahlkreis. Bis hinauf in die äußersten Ecken deS Erzgebirges eilten die bekannteren Parteigenossen, um die Mai- feierbotschaft zu verkünden. Am Vormittage hatten in den meisten größeren Orten des Gebirges Spaziergänge, in einzelne» auch Ver- sammlungen stattgefunden. Allüberall fanden die Reden begeisterten Widerhall. Für Chemnitz und das Erzgebirge hat sich gezeigt, daß die Maifeier nicht im Abflauen begriffen ist, wohl aber greift sie um sich, bricht sich Bahn in weite Kreise und erfaßt das Volk mit unwiderstehlicher Gewalt. Mag die bürgerliche Klaffe geifem: Auch das Proletariat des Erzgebirges marschiert I In Zwickau setzte die Feier vormittags 11 Uhr mit einer impo- santen Festversammlung ein, zu der sich nahezu 1000 Genossen und Genossinnen eingefunden hatten. Die Festrede hielt Genosse W u s ch i ck- Berlin. Nachmittags ergötzte man sich durch einen Aus- flug nach den, nahen Feldschlößchen in Pöhlau, abends wurden in vier Lokalen Kommerse mit dem Tage entsprechendem Programm abgehalten. Die diesjährige Maifeier zeigte stärkere Beteiligung als alle ihre Vorgängerinnen; ein deutlicher Beweis, daß es auch im Bezirk Zwickau vorwärts geht trotz alledem. In Dresden nahm die Feier einen'großartigen' Verlauf. Die Beteiligung»vor bedeutend st ä r k e r als in früheren Jahren. Am Vormittag fanden in acht großen Lokalen Versammlungen statt, die alle sehr stark besucht, zum Teil überfüllt waren. Die ausgesperrten Metallarbeiter hatten eine besondere Versammlung im großen Saale deS Kristallpalastes veranstaltet, die überfüllt war. Gegen 1 Uhr versammelten sich die dcmonstriereiiben Arbeiter auf dem Schützenplatze, wo sie Aufstellung z u in Zuge nach dem Linkeschen Bade, dem grüßten Gartenetablisscment von Dresden nahmen. Gegen'/e2 Uhr war der große Platz dicht mit Menschen gefüllt. Den polizeilichen Vorschriften gemäß wurden die feiernden Genossen in Trupps von 100 bis 150 Personen ab- gelassen, wobei inuner einige Meter Raum zwischen den einzelnen Trupps bleiben mutzten. Der Zug bewegte sich über die Marien- brücke, den Kaiser Wilhelm- und Mbertplatz, die Bauzenerstraße entlang nach dem genannten Etabliffement, wo die Ersten um Vz3 Uhr eintrafen. 150 Radfahrer fuhren in Ordnung den Massen voraus; der Vorbeimarsch des Zuges, der von 300 Ordnern dirigiert wurde, währte genau eme Stunde. 15 000 Personen haben sich beteiligt; ein Teil der in den Vororten wohnenden Arbeiter begab sich aber direkt nach dem Fest- platze. Dieser konnte trotz seiner riesigen Ausdehnung nur die Hälfte der Massen fassen; schon um 3 Uhr war er üversüllt und die Menge stand dicht gedrängt. Die Ordner mutzten, um das Ge- dränge nicht lebensgefährlich werden zu lassen, sämtliche Ein- gänge zum Festplatz absperren und die Menge nach dem Prietznitzbad und dem Etablissement Ballhaus weisen, wo in kurzer Zeit Tausende die Räume und Gärten füllten. Die Zahl d e r D e in o n st r i e r e nd e n hat sicher 20 000 b e- tragen, die Polizei hatte unseren Ordnern alles überlassen; nirgends ließ sich ein Polizist in Uniform sehen. dagegen waren einige Polizeibeamte in Zivil zu bemerken. Am Abend fanden in Dresden und Umgegend in mehr als 30 Lokalen Kommerse mit Ansprachen statt. Der Besuch war überall ein sehr guter, vielfach konnten die Lokale die andrängenden Menschenmaffen nicht fassen. Es war die imposanteste Maifeier aller Jahre. Die Genossen im P l a u e n s ch e n Grunde unternahmen einen Umzug mit Musikbegleitung. Auch de» Genossen des 8.(Pirnaer) Wahlkreises und den Meißenern war ein Umzug mit Musikbegleitung gestattet worden. Die Beteiligung der feiernden Arbeiter war überall eine sehr starke. Thüringen. In den Thüringischen Staaten sind die geplanten Mai-Festzüge teilweise verboten worden, z. B. in Schwarzburg- Rudolstadt und Sachsen- Weimar. Aus letzterem wird uns gemeldet: Die Re- gierung hat wieder das Bedürfnis gehabt, zur Maifeier von ihrer wachsamen Tätigkeit Kunde zu geben. Die Gemeindevorstände wurden veranlaßt, nach folgender Bekanntmachung zu handeln: „Mit Rücksicht auf die am 1. Mai er. geplante sogenannte Maifeier werden für diesen Tag Fcstzügc mit oder ohne Musik, sowie zur Maifeier bestimmte Veranstaltungen feinschließlich Volksansammlungen) auf Plätzen und Straßen oberbchördlichcr Anordnung zufolge im Interesse öffentlicher Sicherheit, Ruhe und Ordnung hiermit polizeilich verboten. Zuwiderhandlungen sind strafbar." Die Arbeiter aller größeren Orte des ganzen Landes haben aber dafür gesorgt, daß die„sogenannte" Maifeier doch stattfand. Gera.(Privatdepesche deS„Vorwärts".) An der Vormittags- Versammlung nahmen 750 Arbeiter teil. Zum größten Teil be- standen diese Feiernden aus Metall-, Holz-, Bau- und Porzellan- arbeiten,. Des Nachmittags feierten auch die Brauer. Abends fanden 10 starkbesuchte Versammlungen statt. 50 Holzarbeiter sind von den Unternehmern ans einen Tag ausgesperrt. In Jena konnten die MorgcnauZfluge programmgemäß durchgeführt werden. An dem Ausflug des Metallarbeiterverbandes nach dem Jcnzig nahmen über 100 Personen teil, die dann gegen 10 Uhr je zwei und zwei durch die Stadt über den Marktplah nach dem Volkshaus zogen, ohne angehalten zu werden. Die B o r mittagsversammlung sollte ursprünglich im kleinen Saale des Volkshauses abgehalten werden. Derselbe erwies sich aber als zu klein, da von der Firma Zeiß allein 380 Arbeiter feierten. Im ganzen mögen etwa 500 Personen an der Vormittagsvcrsammlung teilgenommen haben. Die von der Generaltommission und dem Parteivorstand übersandte Resolution, in der Wahlrechtsfrage auf die sachsen-wcimarischen Verhältnisse zugeschnitten, wurde einmütig angenommen. Nachmittags fand eine Feier auf der Sophienhöhe statt. Um gcfähr 1000 Personen nahmen daran teil. Am Abend wanderten si. wieder zu Tale, viele auf Wcnigcnjcnaer Seite an dein„Vereins- Haus Solidarität" vorüber, wo hoch vom Turm schon vom frühen Morgen an eine rote Fahne flatterte. Vergeblich hatte die Wenigen jenaer Polizei die Einziehung des„revolutionären Abzeichens" ver- langt. Auch in Miihlhauseni(i. Thür.) war die Beteiligung weit stärker als in früheren Jahren. Zum erstenmal feierten viele Be triebe, darunter auch einige Textilfabriken, durch Arbeitsruhe. In acht dichtgefüllten Straßenbahnwagen fuhren morgens um 7 Uhr die Feiernden zur Endstation der Elektrischen, in den Stackwald, und marschierten von dort in einem stattlichen Zuge nach dem in der Nähe gelegenen Waldschlößchen. Mittags wurde zurück in die Stadt gefahren und die im Gewerkschasishause tagende D e m o n- st r a t i o n s v c r s a m m l u n g besucht. In dieier Versammlung fanden sich in großer Zahl auch die Arbeiter ein, denen es nicht möglich war, zu feiern. Die M a i r e s o l u t i o n fand einstimmige Annahme. Nachmittags fanden sich die Arbeiterfamilien in dem geräumigen Garten des Gewerkschaftshauses zusammen und de! Abends fand eine starkbcsuchte Festversammlung statt. Die Stim mung war vorzüglich. Außerdem fanden in Eisenach, Weimar, Greiz und Zeulenroda Nachmittagsseiern und gutbesuchte Abendversammlungen statt. In Eisenach stellten etwa 1000 Arbeiter für den Nachmittag ihre Arbeit ein. Braunschweig. Die Maifeier in Braunschweig wies eine Beteiligung auf, wie noch niemals zuvor. An dem'Ausfluge morgens beteiligten sich über 8000 Personen. Die beiden Versammlungen mittags im„Hos jäger" und GcwerkschaftShause waren massenhaft besucht. An Stelle des verhinderten Reichstagsabgcordneten Gen. Vlos sprachen Friedrich und Aßniann. Die Resolution wurde überall angenommen. Nach mittags fanden Familienfeiern in vier Lokalen statt, die überfüllt ivaren. Die Arbeitsruhe war eine weit stärkere als sonst. Die Unternehmer in der Metallindustrie, welche seit drei Wochen ihre Arbeiter ausgesperrt haben, hatten die Lehrlinge und„nützlichen Elemente" gegen Bezahlung für den Tag von der Arbeit beurlaubt, „um Reibungen zu vermeiden". Die Polizei, die alles bis zum Nachtwächter herab aufgeboten hatte und teilweise mit Revolvern beivassnet ivar, suchte nach Möglichkeit das Eindringen geschlossener Züge in das Innere der Stadt zu verhindern, was ihr aber nicht immer gelang. Weitere Maifeiern fanden noch in Wolfenbiittel, Helmstedt, Holzminden, Zorge a. H. usw. statt. Heffeti. In der Residenz des„roten Großherzogö" tobt der Stichwahl- kämpf, der bis zum Freitag noch andauern wird. Mit ihm ver- mengt sich in diesem Jahre die Festesstimmung des Weltfeiertagcs, und hinter dieser doppelten Steigerung der Kampflust steht als finstere Gewitterwolke die drohende Aussperrung von 16 000 Metall- arbeitcrn des Rhcin-Maingcbietes. Die Umgebung des im Kampfe stehenden Wahlkreises erlebt den Krieg in allen Phasen mit, denn auch ihre Sache wird dort entschieden. Unter diesem Zeichen steht die diesjährige Maifeier, die durchweg einen guten Verlauf nahm. Leider.ist die Arbcitsruhe noch nicht in dem erwünschten Maße durchgeführt, weshalb das Hauptgewicht auf möglichst imposante Abendversammlungcn gelegt werden mußte. In Mainz fand eine von zirka 300 Feiernden besuchte Vormittagsversammlung statt, in einer Anzahl von Orten wurden im Laufe des Tages stattliche Ausflüge veranstaltet; soweit Meldungen vorliegen, geschah dies in Tarmstadt, wo auch eine gut besuchte Vormittagsvcrsammlung stattfand. Weitere Ausflüge berichten Worms, Lampertheim und Oechtsheim. Tic Abendversammlungen waren überfüllt. Die Mainzer Stadthalle zählte Tausende von Demonstranten, Weisenau, Kastel. Bretzenheim, Mombach» Ingelheim, Alzey, Worms. Biern- heim, Lampertheim, Vensheim. Erbach melden würdig verlaufene Versammlungen. In fast vierzig Versammlungen, die aus den 30. April. 1. und 2. Mai sich verteilen, wird im Wahlkreise Tarmstadt die Maifeier mit dem Wahlkampf verbunden. Von überall wird be- richtet, daß eine flammende Begeisterung herrscht.„Der Kreis Darmstadt muß rot bleiben und wenn eine Welt ihn uns streitig macht!" lautet die Losung. In Offcubnch a. M. war die Beteiligung an der Maifeier stärker als jemals zuvor. Nach vorausgegangenen Morgenausflügcn füllte sich der große Versammlungsraum des Gcwerkschaftshauses um 10 Uhr morgens sehr schnell mit den Feiernden. 2000 Köpfe zählte die imposante Versammlung. Der nachmittags um VzS Uhr beginnende DcmonstrationSzug stellte eben- falls alle seine Vorgänger in den Schatten. Eine solche Länge hatte noch kein Zug in den Vorjahren aufzu- weisen. Eröffnet wurde der Zug durch mehrere Radfahrervereine, nach denen als erste Gruppe die sozialdemokratische Stadt- verordnetcnfraktion folgte, die wieder abgelöst wurde durch die jüngere Generation, den Jugendbund. Tann folgten, unterbrochen durch Fahncngruppen und Musikchöre, die einzelnen Gewerkschaften in über 30 Gruppen, bei denen manches BcrufSemblcm und manche Tafel mit treffendem Sinnspruch vorangetragen wurde. Diesmal fiel besonders die Gruppe der Metallarbeiter durch ihre Stärke auf: das Machtgebot der Fabrikanten hatte für eine allgemeine Beteiligung an der Maifeier gesorgt. Ende der Woche wird sich ja zeigen, ob nicht noch ein größerer Teil der in der Metallindustrie Tätigen zur Arbcitsruhe gezwungen wird. Uebrigens war auch in verschiedenen größeren Betrieben der Mctallbranche die Ein- stellung der Arbeit vom Personal gefordert und auch bewilligt worden, so daß außer den schon im Streik befindlichen Formern und Gießereiarbcitern auch eine große Anzahl Metallarbeiter feierten, die noch in Arbeit standen. In großer Anzahl waren auch die Schuhmacher, die Sattler. Portcfeuiller. Holzarbeiter. Hülfs- arbeiter und Bauarbeiter im Zuge beteiligt. Zum erstenmal be- teiligte sich am Demonstrationszuge die Gruppe der Gemeinde- arbeiter und eine Abteilung von Frankfurter Zigarcttenarbcitern und-Arbeiterinnen. Ueber eine Stunde dauerte es, che der Zug nach Passierung einiger Hauptstraßen im GewcrkschaftShause endete. Im Kreise Offenbach-Dieburg fanden 25 Versammlungen am Abend statt, in Rumpenheim noch eine Morgenversammlung. Demonstrationszüge wurden noch nachmittags in Bürgel, Mühl- heim und Obertshausen veranstaltet. In Mühlhcim ruhte zudem auf Ersuchen der Arbeiter der Betrieb der cheniischen Fabrik völlig. An den verschiedensten Orten benutzten die Genossen ihre Arbeits- ruhe zu Morgenausflügen. Bayer«. In München war die Zahl der Maifeiernden weit größer, als in früheren Jahren. Auch in verschiedenen großen Fabriken richte toiedet der Betrieb völlig. Die beiden von der Partei arrangierte» Vormittagsversammlungen, von denen die eine im Riesensaale des Münchener Kindl-Kellers, die andere in der Schtvadinger Brauerei stattfand, waren außerordentlich stark besucht. Im Münchener «tindl-Keller war der Saal schon lange vor dem angesetzten Beginn per Versammlung total überfüllt. Außerdem hielten ncch vor- mittags wie eltjährlich die Schneider und mi-tag., pie Bäcker ge sonderte, ebenfalls sehr stark besuchte Versammlungen ab. Da die völlige Arbeitsruhe am 1. Mai immer mehr zunimmt und da somit. wie es sich gebührt, das Hauptgewicht auf die vormittags statt- findende« Vcrsamüllungen gelegt werden kann, wurde die Zahl der Abendversammlungen auf drei vermindert, die sich aber gleichfalls einer stattlichen Besucherzahl zu erfreuen hatten. Am Nachmittag fand ein von zweifelhaftem Wetter freilich etwas beeinflußter Aus- flug nach Holzapfclskrcuth statt.— Daß die Arbeiter der Maifeier überdrüssig wären, davon kami auch in München keine Rede fein. Hos i. Bayern. Tie Maifeier fand hier im Zeichen der Aus- spcrrung statt. Tie Unternehmer im Baugewerbe haben auf einem großen städtischen Schulhausbau die Mmirer und Hülssarbeiter, die den Zchnstundentag forderten, wenige Tage vor dem 1. Mai einfach aufs Pflaster geworfen, um so ihren Teil, wenn auch ungewollt, zur Maifeier beizutragen. Noch nie war die Beteiligung eine solch starke, wie diesmal. Zum ersten Male war es den hiesigen Genossen ermöglicht, vormittags eine Versammlung abzuhalten. Sie war über Erwarten sehr stark besucht. Einstimmig wurde die bekannte Resolution angenommen. Auch die Nachmittagsveranstaltungen waren massenhaft besucht. Der Abendfeier, die im größten Saale der Stadt abgehalten wurde, strömten die Texttljklavcn, denen am Tage die Möglichkeit genommen, in Massen zu. Auch in den übrigen Orten des Wahlkreises, wo Veranstaltungen arrangiert waren, so in Rcytm, Selb, Obcrkatzau, Schwarzenbach a. S., Münchberg und Helmbrechts war der Besuch ein über aus starker und erbrachte den Beweis, daß auch den oberfränkischen Arbeitern die Maifeier ins Blut übergegangen ist. Fürth i. B. Gewaltig, wie in keinem Jahr zuvor, gestaltete sich hier die Maidemonstration. Ungefähr 50 Proz. der Fürthcr Ar bciterschaft protestierten an ihrem fclbstgcscliaffcnen Feiertag«— trotz aller Unternchmerschikancn und Aussperrungsdrohungcn— durch Arbeitsruhe. An der Nachnrittagsfcicr beteiligte sich eine 3500 bis 4000köpfige Menschenmenge, die sich in langem Zuge dem Waldrestaurant Forsthaus zu bewegte. Württemberg. Die Maiseier in Stuttgart nahm einen sehr befriedigenden Ver lauf. Am Vormittag fanden vier vom Gewerkschaftskartell einberufene Versammlungen statt, die insgesamt von etwa 3500 Arbeitern besucht waren und in vorzüglicher Stimmung ver- liefen. Am Nachmittag um 3 Uhr begann der F e st z u g, der etwa 10 000 Teilnehmer zählte. Die stärksten Gruppen waren die Metallarbeiter(zirka 1500) und die Holzarbeiter(zirka 1200). Der Zug bewegte sich in vortrefflicher Anordnung mit seinen zahllose» Fahnen und Standarten und fünf Musikkapellen durch die belebtesten Straßen der Stadt und erregte überall großes Aufsehen. Am Abend fanden drei von der Parteiorganisation veranstaltete Feiern im Fcstsaale der Liedcrhalle. im Cannstatter Kursaale und in der Untertürkheimer Sängerhalle statt, in welchen nach den Fest- reden von Massenchören passende Lieder vorgetragen wurden. Die drei Abendfeiern waren von etwa 5000 Personen besucht. Der dicsjnhttge Verlauf der Stuttgarter Maifeier muß als in jeder Beziehung zufriedenstellend bezeichnet werden und sie wird zweifellos ihre anregende Wirkung auf die Bewegung nicht verfehlen. In Göppingen begann die Maifeier bereits in der Frühe um 6 Uhr durch ein allgemeines Reveilleblasen. Mittag? fand ein Festzug mit daran anschließender Festversammlung auf der Bartenhöhe statt. In Gmünd sammelte sich die Arbeiterschaft abends 7 Uhr und marschierte auf die Wilhelmshöhe, wo die Festversammlung tattfand. In Eßlingen war bereits um>/z6 Uhr früh Reveilleblasen. MttagS führte ein Festzug die Feiernden nach Sulzgrieß. Elsah. Mülhausen, den 1. Mai.(Privattclegramm.) Am Vormittag fanden zwei gutbesuchte Versammlungen statt, dem sich ein Ausflug anschloß. Die Abendversammlung war von etwa 1000 Personen besucht. Die Maifeier in Oesterreich. Aus Wien wird uns telegraphiert: Oesterreich und insbesondere Wien hat heute die großartigste Maifeier erlebt, seitdem das inter- nationale Proletariat das Fest der Maien feiett. Sie stand ganz im Zeichen des WahlrcchtskampfeS, und die bedeutungsvolle Wendung in der inneren Politik drückte ihr das Gepräge auf. Gestern war bekannt geworden, daß die Wahlrefonnrcgierung Goutsch ihre Demission gegeben und daß insbesondere die eigentlichen Wahlrcform« minister, Baron Gautsch und Graf Reglardt-Rheidt, aus dem Amte scheiden werden. Zum Ministerpräsidenten ist der vorgängige Statt- Halter Prinz Hohenlohe-SchilliiigSftirst auScrsehen(Beiläusig: ein Neffe deS ehemaligen Reichskanzlers des Deutschen Reiches und Sohn des gewesenen Oberhofmeisters des Kaisers von Oesterreich), ein vergleichsweise junger Mann(er steht im 43. Lebensjahre), der den Ruf eines Mannes von besonders freisinniger, dabei freundlicher, geradezu dsmokratischer Gesinnung genießt und sicherlich von allen österreichischen Beamtenpolitikern die Vorstellung eines Anhängers der Wahlreform am ehesten erweckt. Seine Berufung, die Baron Gautsch selbst vor- geschlagen haben soll, beweist, daß die Krone an der Wahlreform festhält— doch ist das Problem nicht mehr, was die Krone und ihre Regierung will, sondern was sie kann— ob sie imstande ist, die energischen Mittel anzuwenden, um die rebellische Schlachta zu bändigen, uni die dünkelhaste AdelSrevolte nieder- zuschlagen. Das ist nicht so schwer und keineswegs ein Ver- langen auch nur gegen die Schablone des KonstituttonalisniuS, als es den Anschein hat: denn dieser Adel sitzt im Parlamente nicht kraft der Wahl, sondern auf Grund eines vom Hofe verliehenen und zu Diensten deS HofeS geschaffenen Privileg«. Der Arbeiterschaft aber steht im Augenblicke die doppelte Aufgabe zu, einesteils den Gegnern keine Vorwände gegen die Wahlreform zu liefern, andern teils über eine schlagbereite und keinen Kampf scheuende Entschlossenheit des Prole- tariatS keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Unter diesem Zeichen stand die Maifeier in Oesterreich. Sie sollte absolut ruhig mrd würdig verlaufen, jedoch in ihrer Würde und Wucht sicher die Stimmung in der Arbeiterschaft Oesterreichs zum Ausdruck bringen. J,l Wien zogen heute gut hundertfünfzigtausend Mensche» in den Pratcr. VonnittagS wurde in zahlreichen. Volks- undjBranchen« Versammlungen gesprochen und. wie eS sich in der Hauptstadt des vielsprachigen Oesterreich ergibt, in vielen Sprachen. Deutsch, czechisch, polnisch, ruthenisch und ungarisch: in allen Sprachen erklang die Mahnung an die Arbeiter, bereit zu sein. Nachmittags and dann der traditionelle Zug in den Prater statt, der diesmal a st eine S t undelängerwährte wieZim vorigen Jahre. Ausnahmsweise wurde abends au» dem Prater in prachtvoller Weise aus- marschiert�— obwohl das klare FrühlingSwetter zum Bleiben in dem mächtigenHark einlud. In Zwischenpausen gab cS in allen Standquar- tieren daö lebhafte, interessante Treiben, das der Wiener Maifeier einen o eigenartigen Reiz verleiht. Zeitungen sind heute nachmittag natür- lich nicht erschienen: auch morgen früh gibt eS keine, da alles Setzer- personal selbstverständlich mitfeiert. Nach den vorliegenden Berichten ist nirgendwo ein Zwischenfall zu verzeichnen; die Behörden scheinen den Auftrag, sich jedweder Behelligungen zu enthalten, auSnahms- weise berücksichtigt zu haben. Auch in der Provinz, insbesondere in der Bukowina und in Galizien. ist die Feier glänzend verlaufen; die telcgraphischen Nachrichten stimmen darin überein, daß ans allen Piiüktc» ein mächtige? Ansflmmnen zn bemerken ist. Der Tag bürgt dafür, daß die Wahlresoim nicht verloren gehen wird. Frankreich. Die Pariser Schrcckeuskomödie. Paris, 29. April.(Eig. Ber.) Die Stadt ist mit Truppen vollgepftopft. In der Maschinenhalle der Ausstellung sind 14 Schwadronen Kavallerie untergebracht. Im 7. und 8. Arrondissement hat die Militärbehörde vom Regui- sittonsrccht Gebrauch gemacht. Geschäftsräume dienen den Mann» ichasten als Ouartier. für die Offiziere wurden größere Privat- Wohnungen in Anspruch genommen. Die Quartiere um die Arbeits- börse beherbergen mehrere Brigaden. Von dort soll nämlich die„Re- Volutton" ausgehen 1 Die Lebensmittelhändler machen glänzende Geschäfte. Manche haben bis tief in die Nacht hinein geöffnet. In diesen Tagen sind unübersehbare Mengen von Konserven verkauft lvorden. Die biederen Geschäftsleute tun nattirlich ihr Möglichstes, um das Publikum an den Generalstreik mit begleitender Hungers- not glauben zu machen. In der ganzen Stadt sind die Hausfrauen tiefunglücklich, weil gutes Gemüse überhaupt nicht zu haben ist; denn die Militärverwaltung hat die Stände in den Markthalle« kahl gelaust. Paris ist also für die Revolutton Ivohl präpariert. ES wäre von dieser wirklich gar nicht nett, wenn sie nun unterbleiben wollte. Man hat ihre Schrecknisse mit allen Details ausgemalt. Die Aengst- liuge von Montmartre wissen ganz genau, daß die Basilika von Sacrs Coeur unterminiert ist und in die Luft fliegen wird. Eine Zeitung hat es erzählt, daß in den Geheimarchiven der Arbeiter- konsöderation schon das Personenverzeichnis der revolutionären Re- gieruug bereit liege I Besonders gut bewacht ist daS Elysee, damit man Herrn FallisreS nicht entführe. Man stelle sich nun vor, daß aus alle dem nichts wird und der t. Mai ohne Blut, Brand und Explosion verläuft. Daß die Gewerkschaften friedlich, aber energisch für den Achtstundentag demonstrieren und die reaklionären wie die republikanischen Spekulanten des Schreckens sich blamieren! Ob nicht nachher die Masse der hasenfüßigen Kleinbürger ärgerlich werden wird über den frechen Humbug, dem sie zum Opfer ge- fallen ist? Noch stehen wir freilich im Zeichen der Gruseligkeit. Haben wir doch sogar ein regelrechtes Sprengstoffattentat zu verzeichnen, ein Attentat, bei deffen Beschreibung das Wörtchen„beinahe" eine große Rolle gespielt.„Beinahe" wäre die Eisenbahubrücke von Argenteuil in die Luft geflogen,„beinahe" wäre ein Auswandererzug das Opfer der Explosion geworden, beinahe..... Tatsächlich aber ist der Schaden, den die Höllenmaschine angerichtet hat, so genug, daß nicht einmal das Gleise zerstört wurde! Der Zugverkehr hat gar keine Unterbrechung erlitten. Die Sachverständigen sagen, daß die Brücke verloren gewesen wäre, wenn die Bombe 80 Cciuimeter weiter gelegt worden wäre, und sie folgern daraus, daß der Attentäter mit dem Umgang mit Explosivstoffen nicht vertraut gewesen sein könne. Andere Leute schließen gerade das Gegenteil daraus und meinen, das Attentat sei von Anfang an auf eine lediglich„moralische" Wirkung angelegt gewesen.— *** Aus der Fülle der Telegramme können wir vorerst nur die wichtigsten herausheben. Zuvörderst folgendes Privattelegramm: Paris, 1. Mai. lPrivatdepesche deS„Vorwärts".) In der Ver- sammlung in der Arbeitsbörse mahnten alle Redner zur Ruhe. Nur zwei ernstere Zusammenstöße fanden statt und zwar am Lstbahnhof und auf dem Foubourg du Temple. Tagsüber sollen 667 Ver- Haftungen vorgenommen worden sein. Sämtliche Ausländer wurden ausgewiesen, darunter 71 russische Juden. Die Arbeitsruhe ist heute allgemein. ES steht ein Streik der 25 000 Wagenbauer bevor. (Aus einem Hcrold-Telegramm geht hervor, daß von den Ver- Haftungen nur 100 aufrecht erhalten wurden.) Am Vorabend der Maifeier trug sich in der Arbcitsbörse ein merkwürdiges Ereignis zu. Wir behalten uns vor. Genauere? festzustellen. Einstweilen geben wir den Vorfall in der offiziösen Dar» stellung des Wolffscheu Bureaus: Paris. 1. Mai. Gestern abend betrat der Jnfanterieleutnant Tifferand Lange in feldmarschmäßigem Anzüge den Streiksaal in der Arbeitsbörse und hielt vor 1500 Mitgliedern der Ver- einigung der Syndikate eine Ansprache, in der er die Versamm- lung bat, am 1. Mai keine Kundgebung zu veranstalten und erklärte, daß er Sozialist sei. Er führte unter anderem aus, daß er Sozialist infolge der Plackereien geivorden sei, unter denen die republikanischen Offiziere zu leiden hätten. In Beantwortung der Frage, was er tun würde, wenn ihm der Befehl etteilt würde. auf das Volk zu schießen, empfahl er den Arbeitern, die Ruhe zu bewahren und einen Zusammenstoß zu vermeiden. Was 'hu anbetreffe, so würde er nicht das Blut seiner Brüder ver- gießen lassen, und diese Meinung werde von vielen seiner Kameraden geteilt. Er würde sich energisch weigern,„Feuer" zu kommandieren. Beim Verlassen des SaaleS wurden ihm von den Anwesenden Ovationen dargebracht und dann wurde er ver» haftet. Im Anschluß daran geben wir folgende interessante„Herold"« Depesche: Paris. Das Blatt„Radikal" veröffentlicht eine Meldung, wonach zwei Soldaten des ersten Bataillons des 21. Infanterie- regimeius in Landes, welche nach Paris beordert worden ivaren, um die dortige Garnison zu verstärken, sich geweigert haben, diesem Befehl nachzukommen. Ueber den vorläufigen Abschluß der Vorgänge liegen schließlich noch folgende Depeschen vor: PariS, 1. Mai.(W. T. B.) Um Mitternacht waren die Ruhe- störungen beendet und die Tropen wurden zurückgezogen. Dem Polizeibericht zufolge lourden im Laufe des Tages über 2000 Per- sonen verhaftet, davon wurden 665 in Gewahrsam behalten, sie werden morgen vor das Zuchtpolizeigericht gestellt werden. An dem Krawall nahmen»ur wenig Arbeiter teil, die Ruhestörer bestanden zunicist aus der Hefe deS Borstadtpöbels. Sämtliche verhaftete Ausländer werden bereits morgen ausgeiviesen iverden. Man steht mit einiger Besorgnis dem morgigen Tage entgegen, da mehrere große Arbeitersyndikate, so das 20000 Mitglieder zählende Syndikat der Wagenbauer, für morgen den Gesamtausstand beschloffen habe» und �ttmdgebuugen für den Achtstundentag veranstaltcii wollen. Paris. 2. Mai.(B. H.) Der Abend und die Nacht sind ebenfalls verhältnismäßig ruhig verlausen. Bereits um 11 Uhr konnten die Wachlvosten eingezogen werden und die Truppen in ihre Kasernen zurückkehren. Die Gesamtzahl der vorgekommenen Verhaftungen beläuft sich auf 683. Zirka 230 Personen sind ver- letzt, der größte Teil derselben natürlich nur leicht. Die Haupt- ereigiiisse spielten sich in der Fontaine-Straße und im Faubourg du Temple ab. wo ein Straßenbahnwagen umgestürzt und mehrere Wagen der Zahnradbahn zertrümmert wurden. Die Polizei gibt bekannt, daß im 14. Wahlbezirke eine Bombe aufgefunden worden ist. Sie lag aus dem Gleise der Straßenbahn Madcleine— Autcuil, explodierte dort, richtete aber nur Materialschaden an. Außerdem wurden in verschiedenen anderen Bezirken Bomben aufgefunden, von denen es aber noch nicht feststeht, ob sie gefährlicher Statur waren. Unter den Ver- hasteten befinden sich etwa 20 Ausländer, gegen die AuSlveisungS- dekrete erlassen iverden. Im Ministerium deS Innern erklärt man. daß es auch in St. Elicune, Marseille sowie in den Städten des Norddepartementö zu ernsten Zwischeusällen nicht ge- kommen ist. Aus der Provinz wird von leichten Zusammenstößen in Brest und Lyon gemeldet. «erantwortlichex RcfeflliUli: fitnl Weber» Berlin. Für fty LnjeratenlÄ MsmiM.; LZ. icicli«. Druck v. Verl«: OorwönS Buchdrückerei v. Pcrlagsanstalt Paul Smger& Co.. SSerlin SWT