Nr. 101. nbonnementS'Bedlnaundtn: RßonnemnrtS« Preis prSnumermdo j PiericljShrl. 3�0 m., monatl. 1.10 Ml. wöchentlich 28 Pfg— frei inS Haus. Einzelne Nummer L�Pfg. Sonntags- immmer mit illustrierter Sonntags- Beilage»Die Neue Welt" 10 Pfa. Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitungS- Prcisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich, Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonnemeMS nehmen an: Belgien. DSnemarl, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien. Schweden und die Schweiz. g IW>1 33. Jahrg. vichelM täglich MB«? OIODtagt. Vevlinev Volksblcrkk. Zentralorgan der rozialdemokratifcben Partei Deutfcblande. Die TnfertlonS'GeliOlsr Beträgt für die sechsgespaltene Kolonelzeile oder deren Raum KO Pfg., sür politische und gewerlschaftliche Vereins- und VersammIungS-Anzeigen 30 Pfg. „Kletne Hnxttgcn", das erste(feit- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-llnzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen sür zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis Ii Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist dt» 7 Uhr abend» geöffnet. Telegramm- vdresfe: „SMlaMtmskni Rtrlln". Redahtlon: 8M. 68, Lindenstrasse 69. spernspreckier: Amt IV. Nr. 1983. Donnerstag, den B. Mai 1906. 6xpn der Gegend der Rosen-, Burgstraße, Heidereutergasse vollbracht. Heil der gelehrten„D. Hochwacht"! Heil!— Der Schützling der Tante Boß. Auf die Energie, mit der die„ V o s s i s ch e Z e i t u n g" für die freisinnige Wahlunterstützung deS nationalliberalen Kandidaten in Darmstadt-Großgerau eintritt, wirst ein besonders eigenartiges Streiflicht folgende Auslassung der Frankfurter frei- sinnig-demokratischen„Kleinen Presse": „Wäre der nationalliberale Kandidat nicht nur dem Namen nach liberal, so ließe sich ja über die Sache reden. So aber hat Dr. Stein in den meisten Fragen, die als Prüfstein des liberalen Gedankens anzusehen sind, versagt. Er hat sich dahin ausgesprochen, daß unter Umständen eine Ein- schränkmig des allgemeine», gleichen, direkten und gc- Heimen Wahlrechts angebracht sei, et hat es unwidersprochen gelassen, als Agitatoren für seine Kandidatur die Konfessionsschule empfahlen, er ist kein Anhänger des unbeschränkten Koalitionsrechts und steht auch in wirtschaftspolilischen Fragen (Zoll- und Steuerpolitik) auf einem Staudpunkt, den kein frei- gesinnter Mann teilen kann. Einem Nationolliberalen vom Schlage Büsings seine Stimme zu geben, würde auch keinem Freisinnigen und Demokraten schwer fallen, aber für einen vom Bund der Landwirte, dem Zentrum und Antisemiten abhängigen Scheinliberalen, wie Dr. Stein, zu stimmen, ist ein Verlangen, dem auch ein nur einigermaßen ftei- heitlich gesinnter Mann nicht nachkommen kann." Und einem solchen Erzreaktionär möchte die„Vossische Zeitung" die freisinnige Wahlhülfe in Dannstadt zuwenden!— Nachwahl im ReichstagSwahlkrcis Bolchen-Diedenhofcn? Wie die„Köln. VolkSztg." meldet, beabsichtigt der ReichstagSabgcordnete Merot noch im Laufe der jetzigen Reichstagstagung zurückzutreten. ES wird also eine Nachwahl erforderlich. Bisher hat der Wahlkreis stetS einen Elsässer gewählt und würde auch bei einer Nachwahl wieder einen solchen in den Reichstag senden. Bei der ersten Wahl im Jahre 1903 erhielt Merot 8495, der Zentrumskandidat 6671, unser Genosse Peiroles 6364 und der Natimmlliberale 12lS. In der Stichwahl siegte Merot über den Erkorenen des Zentrums mit 12 920 flogen 8639 Stimmen. Die ReichStagsersatzwahl in Hagen-Schwclm ist, wie aus Hagen gemeldet wird, auf den 19. Juli angesetzt worden.— Alte und neue Polizeitatc» in Breslau. Aus Breslau wird uns vom 2. Mai telegraphiert: Die Auf- löfung der Maiversammlung im Tivoli erfolgte wegen angeblicher Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze. Das Vergehen soll durch einen Hinweis auf Rußland begangen sein. Abends wurde Genosse Albert verhastet. Die Haftentlassung der Genossen Albert und K l ü h s wurde abgelehnt. Die Affäre von der abgehackten Hand ist so, wie die„Volks- wacht' geschrieben hat. Heute enthält die„Breslauer Zeitung" eine authentische Darstellung deS Rechtsanwalts Mamroth. Je nachdem. Die Demagogin vom Niederrhein, die„Westdeutsche Arbeiter- zeitimg", weiß ihre Fahne nach dem Winde zu drehen. Die Redens- orten, mit denen sie znrzeit der Zollkämpfe die christlichen Arbeiter für den Zolltarif breitzuschlagcn versuchte, hat sie anscheinend vergessen; denn sie schreibt in ihrer letzten Nummer: „Auf de» Kopf der Bevölkerung berechnet, vergröberte sich der erforderliche Bezug vom Ausland ftm letzten Jahrzehnt) von 70 M. auf 102 M. und die Warenausfuhr von 71 M. ans 85 M.. d. h. wir werden in unserer Versorgung mit Nahrungsmitteln und Roh- stoffen noch viel schneller abhängig vom Auslände, als dieses sein Interesse an unseren Fabrikalionserzeugnissen steigert.... Das deutsche Voll braucht innner mehr Bröl und immer mehr Rohstoffe von dem Auslaiide. um leben und arbeiten zu können, und mutz immer mehr Fabrikate auf dem Auslandsmarkte unterbringen, um jenen steigenden Bedarf be- zahlen zu können." Wer daraus schlietzt, die„Westdeutsche" bereut ihre Zollsünden, irrt sich. Es handelt sich nur diesmal für sie darum, die katholischen Arbeiter für die Flottenvermehrung einzufangen. Je nach dem Zweck ändert sie ihre Argumentation, sei eS auch auf Kosten der Logik.— Die ,�reuz-Zeitung" ist mit ihrem nationalökonomischen Latein zu Ende. In einer kurzen Notiz erklärte sie, datz wir in dem „Kreuz-Zeitungs'-Nationalökonomie" betitelten Leitartikel unserer letzten Sonntagsnummer, ebenso wie Marx, den Beweis für die Richtigkeit der Mehrwcrtsthcorie schuldig geblieben seien und dann leistet sie sich das kindliche Vergnügen, auf unsere Bemerkung der Verfasser der„Kreuz.Zeitungs"-AufsStze scheine mehr Jurist als Nationalökonom zu sein, mit der ebenso billigen als albernen Replik zu antworten, der Artikelschreiber deS„Vorwärts" sei„weder Nationalkonom. noch Jurist, noch Logiker". Das ist das Ende vom Liebe. Als tapferer Don Quixote zog das ehrsame Blatt aus, um Marx und die marxistische National- öknomie zu vernichten, und als geschundener Raubritter kehrt es heim— schimpfend und grollend. Huetand. Ungarn. Die Wahlen in Ungarn. Budapest, 2. Mai. Bisher sind 324 Wahlergebnisse bekannt. Davon entfallen auf die Unabhängigkeitspartei 198, auf die Ver- fassungspartei 53, die Volkspartei 21, die neue Partei 1, die Sozialisten 1, die Sachsen 5, Serben 4, Rumänen 11, Slovaken 6, Demokraten 2. Parteilos sind 5 Gewählte. lO�Stichwahlen sind erforderlich. Für zwei vereitelte Wahlen werden Neuwahlen aus- geschrieben. Frankreich. Das„Komplott". Paris, 29. April.(Eig. Ber.) Die Komplottaffäre entpuppt sich immer deutlicher als ein skrupelloses Wahlmanöver. Die Klerikalen hatten der NegierungS- partei die Wahlaussichten verdorben, indem sie den Wählern un- ausgesetzt in die Ohren trompeteten:„Die Revolution kommt I" Die Regierung überlrumpft nun diesen Sckuvindel, indem sie ver- kündet:„Das mit der Revolution stiinmt, aber die Klerikalen haben die Revolution bestellt!" Die„Beweise" der Regierung werden un- gefähr so viel wert sein wie die ihrer Gegner. Man weitz heute schon, datz der am stärksten„Kompromittierte", der Graf Beauregard, ein alter Narr ist, der seit Monaten auf dem Lande lebt und den hoffnungslosen Versuch macht, seinen Schwach- sinn zu kurieren. Der„Matin", der vom Ministerium des Innern bedient wird, bringt heute wohl ganz inreressante Aklenstücke zur Veröffentlichung, die aber mit dem angeblichen Komplott nicht das geringste zu tun haben. Es sind mehrere bei einem Pfaffen vorgefundene Auskunfts- zettel, die repnblilauische Offiziere betreffen, ein genaues Gegenstück zu den von den Freimaurern gelieferten, die die Gesinnungen und die Lebensführungen der klerikalen Offiziere behandelten. Datz aber in der Armee neben der antiklerikalen eine klerikale Spionage besteht, ist längst bekannt, wenn auch die Veröffentlichungen des„Matin" die Heuchelei der von den Pfaffenfreunden inszenierten Eniriistungs- kainpagne offenkundig machen. Doch wo ist bisher auch nur das leiseste Anzeichen dafür gefunden worden, datz die Konföderation der Arbeit mit den Klerikalen zusammen operierte? I Wohl wird es niemand alS ausgeschlossen erklären, datz die Reaktionäre irgend welche ihrer Agenten in die gewerkschaftlichen Organisationen hinein- geschmuggelt haben könnten, so wie man behaupten darf, datz auch die Polizei dort ihre Spitzel haben wird. Aber Ivo ist die„Verschwöning"? Und wie kann die Regierung ihre rechts- widrigen Hausdurchsuchungen verteidigen? Ihr plumpes Vorgehen dabei beweist, datz sie selber nicht an die„Verschwörung" glaubt I AlS man z. B. die Liste der ersten HanSdurchsuchuiigen las, fragte man sich: Und Jean Grave? Bei diesem Anarchisten wird nämlich immer Hausdurchsuchung geholten, wenn irgend eine„anarchistische" Affäre am Horizonte erscheint— ganz abgesehen von der ständigen Bespitzelung. Zu Grave kam aber die Polizei erst am zweiten Tage! Sie wutzte eben, datz sie dort nichts fände, auch wenn sie „überraschend" Jäme. Doch in den Zeitungen liest sich's immerhin genügend unheimlich:„Beim Anarchisten Grave wurde Haussuchung gehalten...." Die bürgerliche Freiheit ist jetzt überhaupt nur ein leeres Wort. Der Demokrat C l e m e n c e a u hat noch vor kurzer Zeit lange Artikel über den Schutz der persönlichen Freiheit gegen Justiz- Willkür geschrieben. Jetzt regiert er nach absolutistischer Laune. Die Zensur ist wieder hergestellt. Die Polizei fängt mitzliebige Druck- lachen auf der Bahn und auf den Postämtern auf. Die Postbeamten haben sich dieser Tage zu der Erklärung veranlatzt gesehen, datz sie die ihnen gestellte Zumutung ablehnen, Druckschriften anzuhalten und so Polizeidienste zu leisten 1 1 Wer aus dem mit so wenig edlen Mitteln geführten Kampf zwischen den Klerikalen und der Regierung als Sieger hervorgehen wird, lätzt sich schwerlich sagen. Sicher ist wohl, datz der klerikalen Presse vor den Wirkungen der Kampagne selbst bange zu werden beginnt und datz sie seit ein paar Tagen abwiegelt. Die Massen- flucht der reichen Bourgeois in die Provinz und nach dem Süden entführt nämlich gerade den rückschrittlichen Kandidaten Wähler. Die klerikalen Zeitungen haben die Dummheit ihrer Leser nicht in allen ihren Wirkungen berechnet.—_ Ein sozialistischer Offizier in der Arbeitsbörse. (Eig. Ber.) Die Gewerkschaftsunion des Seinc-Departements hatte am Vorojiend des 1. Mai eine Versammlung in die Arbeitsbörse ein- berufen. 4000 Menschen Pretzien sich in den grotzcn Saal. Tic Reden hatten begonnen, als ein unerwarteter Zwischenfall eintrat. Ein Offizier in Felduniform erschien am Eingang und begehrte Einlatz. Die Ordner wollten ihm den Eintritt wehren, er aber sagte:„Ich komme als einfacher Bürger, um Eurer Versammlung beizuwohnen." Langsam bahnte er sich einen Weg zur Rednertribüne und verlangte das Wort zu einer Er- klärung. Erst ertönten einige feindselige Rufe, aber immer stärker wurden die Stimmen, die riefen:„Er soll sprechen.... latzt ihn sprechen!" Und mit klarer, wenn auch vor Aufregung bebender Stimme sprach er zur atemlos lauschenden Menge:„Mein Name zuerst: ich bin der Leutnant Tisserand de Langes vom 5. Infanterieregiment. Ich trat in die Armee ein, träumend von KricgSruhm und von einem stolzen, der Ehre geweihten Leben. Meine Illusionen dauerten nicht lange. Ich sah die republikanischen Offiziere verachtet und mitzhandelt von der klerikalen Clique. Ich wurde Republikaner. Zwei Jahre lang war ich Instrukteur auf der Kriegsschule, ich litt und sah andere leiden. Und ich wurde Sozialist."— Hier unterbrach stürmischer Beifall den Redner, eine Stimme aber tönte:„Das alles ist ja schön. Aber waö werden Sie morgen machen, wenn man Ihnen befehlen wird, schießen zu lasien?" Der Redner erwiderte:„Ich bin Soldat. Ich werde aus meinem Posten sein. Aber niemals werde ich dazu zu haben sein, auf die Arbeiter zu schießen, die meine Brüder sind. Wir sozialistischen Offizie-re haben dieselben Rechte wie die klerikalen Offiziere. Sie berufen sich auf ihr Gewissen. Auch wir haben ein Gewissen. Für sie rst es eine Gewissensfrage, eine Kirchcntür aufzubrechen, für uns. auf Arbeiter zu schießen."— Dann be- schwor der sozialistische Leutnant die Arbeiter, sich zu beherrschen. „Seht in den Soldaten nicht Eure Feinde! Tie Armee ist republi- kanisch und sozialistisch. Ihr werdet sie auf Eurer Seite suchen. Tie Gewehre werden nicht losgehen. Wir sind mit Euch!" Die Rede hatte einen ungeheuren Enthusiasmus entzündet. Donnernder Beifall folgte ihr. Viele Arbeiter drückten dem Redner die Hand. Der Vorsitzende aber bat. dem Leutnant nicht auf die Straße zu folgen; draußen hatte sich nämlich unterdes die Situation verändert: Vor der Arbeitsbörse hatten starke Truppcnabteilungen Aufstellung genommen. Polizeibeamte warteten. Denn sofort, als der Redner begonnen hatte, waren zwei Individuen aus dem Saale geschlichen. Der Leutnant aber stieg mit bleichem Gesicht von der Tribüne und verließ mit festem Schritt den Saal. Vor dem Tore des Gebäudes sah er einen Augenblick um sich. Dann ging er auf einen Beamten zu und sagte ruhig:»Ich weiß, Sic wollen mich verhaften. Hier bin ich!" Man führte ihn in einem Fiaker auf die Mairie. Nach dem Verhör wurde er auf Befehl des KricgsministcrS in das Militär- gefängnis von Chercle Midi übergeführt und in strengen Arrest gesetzt. � • Paris, 2. Mai.(W. T. B.) Präsident Fallieres unterzeichnete ein Dekret, durch das der Leutnant Tisserand de Langes infolge feiner Rede in der Arbciterbörfe in Nichtaktivität durch Entfernung aus seiner Stellung versetzt wird. Portugal. Die Wahlen. EZ sind HB Ministerielle und 40 Anhänger der Opposition, darunter ein Republikaner, gewählt.— Die Nevolntion iit Rntzland. Kosakische Heldentaten. Die Kosaken haben, zumal bei der Unterdrückung der Unruhen, schon so manches Bravourstück geleistet. Aber auch jetzt, während doch nach den offiziellen Versicherungen in Rußland Ruhe herrscht, werden von den Kosaken geradezu verblüffende Heldentaten verübt, so daß der am 28. April nach Zarskoje Selo zum Zaren befohlene kaukasische General Schirinkin nur die außer- gewöhnlichen Umstände als Milderungsgrund für die Greuel- taten der Kosaken anführen konnte. Doch ein solches Vor- gehen der Kosaken wird nicht nur aus dem brodelnden Kaukasus gemeldet. Da die russische Behörde noch immer die Vorbereitung zu größeren Unruhen wittert, so entsendet sie bald nach diesen, bald nach jenen Orten Kosaken, um die Bevölkerung „von schlechten Gedanken abzubringen." Traf da so eine Kosaken- abteilung in A l a t y r im Gouvernement S i m b i r s k ein. Zunächst wandten sich die Kosaken gegen die st ä d t i s ch e M ä d ch e n s ch u l e, und da dies während des Unterrichts war, so suchten die kurz- röckigen„Revolutionärinnen" das Weite. Dann wurden mehrere kleine Kosakenpatrouillen nach allen Richtungen der Stadt ab- gesandt. Hierbei brüllte ein Kosakenführer:„Kooaki idut, storonis, isrublju"(„Kosaken gehen, weich aus, werde zerhauen"). Trotzdem die Bevölkerung, von einer Panik ergriffen, sich die größte Mühe gab, in keinen Konflikt mit den Kosaken zu kommen, wurden dennoch in Alatyr zahlreiche Männer und Frauen zu Krüppeln verprügelt und verschiedene Häuser demoliert. Die Sache ging so weit, daß man Infanterie herbeiholen mußte, die dem wüsten Vorgehen der Kosaken ein Ende bereitete. Wie mag es nun in Alatyr in Wirklichkeit zugegangen sein, wenn selbst diese haarsträubendsten Tatsachen, die mit Namensnennung der rabiaten Kosaken und der Geschädigten, trotz der jetzt in Rußland herrschenden drakonischen Zensurbestimmungen, in dem„Wolgaer Boten" aus- führlich beschrieben und bis jetzt selbst von dem„Rußkoje Gossudarstwo" nicht dementiert worden sind...1 Meuterei in Sewastopol? Petersburg, 30. April./z Jahren, in denen ich sieben der» scdiedene Armen- und Bolksschiilen besucht habe, weniger Religions- Unterricht und mehr anderen Unterricht bekommen, so spräche ich jetzt ein besseres Deutsch, wäre aber vielleicht, zum Vor- teile der Kollegen des Herrn Slöcker, nicht so in der Bibel be- wandert.(Große Heiterkeit links.) Ich würde Ihnen also dann wohl in jeder Beziehung weniger unangenehm sein.(Heiterkeit.) Wenn Sie über mein Deutsch lachen, so lachen Sie über Ihre eigenen Jnsti- tutionen. ES ist schwer, wenn man im Kampf des Lebens steht, sich nachträglich eine formale Bildung anzuschaffen. Ich habe einmal de» Versuch dazu gemacht, als ich die unfreiwillige Muße dazu be- saß. Al« ich als Redakteur in das Zeitz« Gefängnis kam, wollte ich eine deutsche Grammatik studieren. Da war es aber der Amtsrichter, der dies verbot!!(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Sie müssen mich also nun schon so nehmen, wie ich bin. Klingt eS Ihnen unangenehm, so sorgen Sie dafür, daß künstig die Schulen besser werden. Herr Benmer hat bei einer Gelegenheit mich auch wegen der Mängel meiner Sprache anzuulken versucht. Wenn ein Zeitungsschreiber, wie der Redakteur der„Leipziger Nach- richten", daraus einen Leitartikel macht, so verdenke ich ihm das nicht. Aber ein Abgeordneter sollte denn doch von höheren Gesichtspunkten urteilen. Herr Benmer kann überzeugt fein: Wenn ich die Schulbänke so lange gedrückt hätte wie er. spräche ich ebenso korrektes Deutsch und stände wahrscheinlich an Herzensbildung so hoch, daß ich mich nicht über Gebrechen anderer, an denen sie keine Schuld ttagen. lustig machte. Im übrigen ineine ich: Besser eine schlechte Gram- matil und ein freier Mann als ein Knecht des Großkapitals mit der Physiognomie eines eingebildeten herrschaftlichen Kutschers.(Stllr- mische Heiterkeit.) Es mag vorkommen, daß ich auch in Zukunft »och manchmal„mir" und„mich" verwechsele, aber Mein und Dein— wie gewisse Herren bei der Zollvorlage— werde ich nie verwechseln I lLebhafteS Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Herr Slöcker meinte am 31. Januar:„Was der Herr Vor- redner uns von den französischen Idealen vor Augen geführt hat, mag er bei seinen Herren Parteigenossen verwerten; wir könuen solche Lehren aus dem Auslände nicht gebrauchen." Meine Ausführungen be- trafen den Moralunterr!cht in'den französischen Schulen. Ich will nur die Ueberschriften noch einmal skizzieren. Kinder von 9—11 Jahren werden dort in folgenden Punkten unterrichtet:„Pflichte» gegen Bruder und Schwestern, gegen Dienstboten. Das Kind in der Schule. Pflichten gegen sich selbst. Die äußeren Güter. Wahrheit und Offenheit." In Deutschland gibt es glücklicherweise auch schon eine Reihe � boir Schulen, die in Erziehungsfragen eine führende Stellung einnehmen, welche sich zu diesen Grundsätzen be- kennen. Ich erinnere an die Erklärung der Bremer Lehrer- fchaft, der sich nun auch die Leipziger Lehrer angescklosien haben. Sie sagen in ihrer Resolution:„In der Schule ist kein dogmatischer Religionsunterricht zu erteilen. Ein solcher Unterricht steht mit der Wisienschaft und der allgemeinen Bildung der Zeit in Widerspruch, er beschränkt die Gewissensfreiheit derjenigen Lehrer, die sich auf den Boden der modernen Weltanschauung stellen, er verhindert ein gedeihliches Zusammenwirken von Schule und Haus. Da die modernen Anschauungen immer tiefer in alle Schichten der Bevölkerung eindringen, so entsteht ein Gegensatz zwischen Schule «nd HauS. welcher dahin führt, daß der Glaube an die Wahr- Lästigkeit des Lehrers und das Vertrauen zur Schule der- loren geht." Dann komme ich zu dem Punkte, bah es Fälle geben kann, wo Eltern ganz berechtigt ihr Kind gerade dem Unterricht eines be- stimmten Lehrers entziehen wollen. DaS hat uns erst vor kurzem ein Fall gezeigt, der vor der Strafkammer in HildeSheim zur Ver- Handlung kam. Ein Lehrer hatte im Religionsunterricht die Tochter eines Schneidermeisters, weil sie eine Frage nicht beantworten konnte, heraustreten lassen und niit einer Haielgerte kräftig ge- züchtigt. Er hatte die Züchtigung noch zweimal wieder- holt, als das Kind seinem Verlangen, ihn anzusehen. nicht nachkam. Das Mädchen war die dritte von oben, von sämtlichen Kindern der Ober- und Mittelstufe konnten nur zwei die Frage beantworten, und es wurde deshalb allen außer diesen beiden eine Züchtigung zuteil.(Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten. Lachen rechts.) Wenn Sie(nach rechts) etwas davon abbekommen hätten, würden Sie das wahrscheinlich nicht lächerlich finden. (Heiterkeit.) Der Lehrer kam mit einer Geldstrafe von 199 M. da- von. Solchen Leuten, die die christliche Liebe und Barmherzigkeit den Kindern mit Gerte und Rohrstock einbläuen, muß ein Vater sein Kind entziehen können, auch wenn eS nicht möglich ist, den Lehrer vor de» Strafrichtcr zu bringen.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Am 31. Januar hat Herr Stöcker ferner auf eine Bemerkung von unserer Seite über den Darwinismus erwidert, daß die meisten Forscher den Darwinismus schon aufgegeben hätten.(Sehr richtig I rechts.— Stürmische Heiterkeit links.) Das ist ganz falsch. Sie klammern sich an das eine Wort: „Darwinismus". Sagen Sie: E n t w i ck e l u n g s l e h r e, so ist sie nicht überwunden, sondern wird von allen Autoritäten der Wisienschaft gelehrt— zu den Wissenschaften rechne ich allerdings die Theologie nicht!(Stürmische Heiterkeit und vielfaches Sehr gut! links.) Diese EntwickelungSlehre wird an allen Hochschulen gelehrt, während man auf den Volksschulen an den Uebcrlieferungen der dogmatischen Religion festhält. Aber diese Entwickclungslehre steht un strikien Gegensatz zu dem 6999 Jahre alten MylhuS der mosaischen Schöpfungsgeschickite.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten, Unruhe rechts.) Deshalb habe ich auch an, 31. Januar gesagt, daß die Zeit kommen wird, wo nicht nur die Schule, sondern auch die Kirche, wo der Papst selbst die EntwickelungSlehre anerkennen wird.(Heiterkeit links.) Daun wird eS plötzlich heißen: der Geist Gottes sei über seine Ge- schöpfe gekommen, als das Tier sich zum Menschen entwickelt habe! (Slllrmiiche Heiterkeit links.) Das aber sollte auch der Abg. Stöcker wissen, daß die biblische Geschichte nicht standgehalten hat vor der Wissenschaft, daß an den höheren Schulen etwas ganz anderes gelehrt wird, als man in der Volksschule den Kindern beibringt, um sie in Abhängigkeit von dem Kapitalismus und den herrschenden Klassen zu halten.(Lebhafter Beifall links. Große Unruhe rechts.) Auch der Abgeordnete Osel hat sich mit meiner Aeußerung über den Darwinismus am 31. Januar beschäftigt. Ich glaube gern, daß der Abgeordnete Osel ein tadelloses Deustch spricht; aber wie es mit seiner Bildung steht, beweist der Umstand, daß er glaubte, mit einem faulen Witz den Darwinismus auS der Welt zu schaffen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Das ist ja eben der Unterschied zwischen Ihrer und unserer Auf- fassung. daß Sie glauben, alles, was vorhanden sei. sei Ihre Errungenschaft, und wir wissen, daß wir nur fußen auf der Leistung unserer Vorfahren, daß auch die Erkenntnis deS Darwinismus nur aufgebaut ist auf einer Wissenschaft, die das Produkt der Jahr- hunderte, ja der Jahrtausende ist.(Sehr wahr! bei den Sozial- demokraten.) Und wenn der Abg. Osel glaubt, mit einem faulen Präsident Graf Ballestrem: Herr Abgeordneter, Sie dürfen auf andere Abgeordnete das Wort„faul" nicht anwenden. Abgeordnete können gar keine faulen Witze machen.(Heiterkeit.) Abg. Hoffmann(fortfahrend): Ich will mich fügen mit dem Be- merken, daß der Witz des Abg. Osel recht schleckt war.(Sehr wahr I links.) Ich will auch dem Abg. Osel die Möglichkeit einer um- gekehrten Entwickelung zugeben. Bei manchen hört der Stamm- bäum da auf. wo er angeblich nach Darwin beginnen sollte! (Stürmische Heiterkeit links.) Da» Auftreten des Abg. Osel hat mich in dieser Auffassung bestärkt.(Andauernde Heiterkeit links.) Jedenfalls kann es mit dem Religionsunterricht in der Volks- schule so wie bisher nicht weiter geben.§ 4 muß in eine Form gebracht werden, die eine Garantie dafür gibt, daß derartige Dinge in Zukunft nicht vorkommen. Eine wirkliche Abhülfe kann steilich nur eintreten, wenn Kirche und Schule getrennt und die Religion aus der Schule entfernt wird, nicht nur aus dem Religionsunterricht, sondern auch aus den übrigen Fächern, mit denen man sie überall verquickt hat.(Unruhe rechts.) Nur wemr Sie das tun, werden Sie Bildung und W.sien in dem Maße in unsere Schulen hineintragen können, daß Sie eS in Zukunft nicht nötig haben, über Schnitzer, die vorkommen, zu lachen; denn Sie lachen damit sich selbst und Ihrer Gesellschaft ins An- aesicht.(Stürmischer langanhaltender Beifall bei den Sozialdemo- kraten. Zischen rechts.) Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Dr. Müller- Sagan (stf. Vp.) und Dr. Spahn(Z.) wird der Antrag A l b r e ch t mit den Stimmen der Sozialdemokraten, der Freisinnigen und des Zentrums angenomnien. Das Haus vertagt sich. Nächste Sitzung: Donnerstag 1 Uhr.(Interpellation Albrecht(Soz.) betreffend Russenausweisung und Fortsetzung der heutigen Beratung). Schluß 6 Uhr._ Parlamentarisches. Zweite Sitzung der Diätenkommifsion. Die Kommission akzeptierte einstimmig die in der Vorlage als Aufwandsentschädigung vorgesehene jährliche Pauschalsumme von 3999 M., die in der Form von Anwesenheitsgeldern zur Auszahlung gelangen soll. In den Beratungen bezeichnete der Staatssekretär Graf Posa- d o w s k h die Pauschale und deren Auszahlung in der Form von Anwesenheitsgeldern. sowie die gesetzlich festgelegte Kontrolle über die Anwesenheit der Abgeordneten als solche Grundlagen des Gesetzes, von deren Annahme die verbündeten Regierungen die Annahme des Gesetzes abhängig machten. Absatz b des Z 1 wurde in folgender Fassung angenommen: „Während des Kalenderjahres— vorbehaltlich der Bestimmungen im§ 3— aus der Reichskasse eine Aufwands- entschädigung von insgesamt 3099 Mark, die am 1. Dezember, 1. Januar. 1. Februar, 1. März, 1. April mit je 499 M. und am Tage der Vertagung(Artikel 26 der Reichsverfassung) oder Schließung des Reichstages mit 1999 M. zahlbar wird. Mitglieder, die erst nach Beginn des Kalenderjahres in den Reichstag eingetreten sind, haben auf diejenigen Rate» keinen Anspruch, welche bor ihrem Ein- tritte zahlbar geworden sind. Der Bundesrat ist erinächtigt, Grundsätze für die Ausführung der Bestimmungen unter a(Eisenbahnfahrt) aufzustellen. Die Debatte über die§§ 2, 3 und 4— Höhe der Anwesenheitsgelder für Abgeordnete, die dem Reichstag nicht von Beginn der Session angehören, oder deren Mandat erloschen, Höhe des Abzuges für den Tag der Nichtanwesenheit, sowie die Art der Kontrolle— wurde nicht zu Ende geführt. Fortsetzung Donnerstag 19 Uhr. Die neunte Kommission des Reichstags(Maß-und Ge- Wichtskommission) verhandelte am 1. Mai über die§§ lö und 16 der Vorlage. Letzterer schreibt in seinem ersten Absatz die Ver- ftaatlichnng des Eichgeschäftes vor; der zweite Absatz läßt die ge- meinschafllichen Eichbehördcn für mehrere Bundesstaaten zu und nach dem dritten Absatz sollen die Landesregierungen befugt sein. „Gemeinden, welche zur Zeit des Inkrafttretens des gegenwärtigen Gesetzes eigene Eichämter besitzen, die Beibehaltung der letzteren in widerruflicher Weise zu gestatten." Bei der Abstimmung wurde unser Antrag, die kommunalen Eich- ämter besteben zu lassen, mit allen gegen 4 Stimmen abgelehnt. Der nationalliberale und Zentrumsantrag, welcher die Entscheidung. ob Verstaatlichung oder nnbt, den Einzellandtagen bczw. Landes- regierungen überlassen wollte, wurde mit 8 gegen 7 Stimmen ebenfalls abgelehnt, aber auch Absatz'l und 3 des Z 16 der Regierungsvorlage wurde mit 8 gegen 8 Stimmen abgelehnt, hingegen der 2. Absatz angenommen. Die Sache selbst ist also un- entschieden. Der Entschädigungsantrag des Grafen Bernstorff, wonach bei Verstaatlichung den Gemeinden, welche das Eichamt und die Mehr- einnahmen verlieren, aus fünf Jahre eine Vergütung für verlorene Ueberschüsie gewährt werden soll, wurde mit allen gegen die Stimmen der Konservativen angenommen, Die Vergütung an die Gemeinden soll in der Weise gewährt werden, daß von dem fünf- jährigen Durchschnitt der Ueberschüsie ihnen für das erste Jahr% fürs zweite Jahr fürs dritte Jahr%, fürs vierte Jahr% und fürs fünfte Jahr'/5 derselben ersetzt wird.§ 15 wurde unver- ändert angenommen. Die nächste Sitzung findet Donnerstag, den 3. Mai, 19 Uhr vormittags statt und sollen die übersprungenen Paragraphen 7—14 nachgeholt werden._ Interpellation. Die Frakttonen der Freisinnigen Volkspartei und der Freisinnigen Vereinigung des Abgeordnetenhauses haben beschlossen, eine I n t e r- pellation wegen der nachträglich bekannt gewordenen Ursachen der Etats Überschreitungen beim RenovationSbau des kgl. Schauspielhauses einzubringen. Maifeier. Zur Maifeier in den Vororten ist noch zu berichten die zahlreiche Beteiligung der W.e i ß e n- s e e r Arbeiterschaft, die sich vormittags im Schloß Weitzensee versammelte. Es mochten etwa über 2999 Personen sein, vor denen Genosse Fendel unter großer Aufmerksamkeit über die Be- deutung des Tages referierte. Einen besonderen, durch die Polizei gekennzeichneten Verlauf nahm die Spandauer Maifeier. Es hatten sich am 1. Mai früh im Lokale von Köpnick, Pichelsdorferstratze, etwa 2999 Per- soncn eingesunden, als auch schon die ganze Poliz'eimacht Spandaus mit dem Polizeiinspektor und den Kommissaren an der Spitze er- schien. Die Genossen, welche keinen Einlaß mehr fanden, wurden von dem Kommsiar Kliem aufgefordert, sofort die Straße zu ver- lassen. Dem berittenen Beamten Böhm wurde befohlen, in die Menge zu reiten, was denn auch prompt zur Ausführung gebracht wurde,— so gewissenhaft, daß das Pferd sogar auf dem Bürger- steig herumtänzelte. Kurz nach 8 Uhr marschierten die Genossen ab und begaben sich in lockerem Zuge durch die Stadt nach dem Teßnowschen Lokal in Hakenfelde. An der Adamstraße und Markt- platz wurde die Menge von der Polizei geteilt und in die Seiten- stratzen verwiesen. Hierbei zeigte die Polizei eine fieberhafte Un- ruhe, unsere Genossen hingegen eine bewunderungswürdige Dis- ziplin. Im Teßnowschen Saale versammelte sich alsdann die Menge, um den trefflichen Ausführungen des Genossen Grempe zuzuhören. Aus Ncuenhagen a. O. und Bruchmühle, wo voriges Jahr von einer nennenswerten Maifeier nichts zu spüren war, wird von stattlichen Versammlungen berichtet. Die von den Z o s s c n e r Genossen zum erstenmal anberaumte Maifeier verlief in großartiger Weise. Vor zirka 299 Personen hielt Genosse Dr. Rosenbcrg ein wirkungsvolles Referat.— Vor ungefähr 499 Männern und Frauen sprach Genosse Grog er- Rixdorf in Trebbin, dessen Maifest durch die dankenswerte Mitwirkung verschiedener Arbeitervereine besonders an Bedeutung gewann.— In Mühlenbeck, woselbst Genosse Taeterow refe- rierte, nahm die Maifeier unter stärkerer Beteiligung als sonst, einen ruhigen und würdevollen Verlauf. �— Die Genossen der Heilstätte Grabowsee ließen sich gleichfalls nicht nehmen. für eine Würdigung des Tages Sorge zu tragen. Ein Gendarm und ein Förster zu Pferde suchten den Prolctaricrkranken die Sache zu verderben, die Genossen ließen sich indes nicht irre machen. Im Zuge durch den Wald hielten zwei Genossen Ansprachen und trotz der Begleitung der Beamten brachte man ein mehrfach donnerndes Hoch auf die internationale sozialistische Bewegung aus. Ein heiterer Vorgang spielte sich in A d l e r s h o f ab. In der Nähe des W ö l l st e i n s ch e n Lokals hing auf der äußersten Spitze eines Baumes eine rote Fahne, die die große weiße Inschrift:„Hoch der Achtstundentag!" trug. Auf Geheiß der Polizei bequemten sich einige junge Leute, denen das Hinauf- klettern Spaß zu machen schien, das„llnglück" Aderlshofs herunter- zuholen, um dann von den diensteifrigen Beamtenhänden zerrissen und in eine Düngergrube geworfen zu werden.— Die Maifeier in Wilhelmsberg wurde dieses Jahr zum erstenmal begangen und erfreute sich einer regen Beteiligung.•— In Friedrichs- Hagen demonstrierten 799 Teilnehmer, die sich fast sämtlich an der Nachmittagsfeier beteiligten. Brandenburg. Eine Flut von noch einlaufenden Maifestberichten bestätigt die wachsende Zunahme der durch Arbeitsruhe Feiernden, wie überhaupt das sieghafte Durchdringen des Maifeiergedankens. Aus einer Reihe Orte wird die außerordentlich starke Beteiligung der Frauen besonders hervorgehoben. Sehr gut besuchte Versamnilungen hatten nocki die Schneider in Berlin. Die Versammlung der Stukkateure verlief prächtig, daS Lokal wurde polizeilich gesperrt. Die Müll- kntscher feierten ausnahmslos durch Arbeitsruhe. In Wriezen, Freieuwalde, Driesen, Schwiebus, Saarmund, Finsterwalde usw. war die Beteiligung viel stärker als in früheren Jahren. In Landsberg a. W. hatte die Polizei herauSgesimden. daß die ganze Feier em„Vereinsvergnügen" sei und verbot deshalb nach 8 8 des VeremSgesetzeS das Tanzen. Auch mußten die Kinder während des Vortrages den Saal verlassen. In Zossen prangte an dem äußersten Zweig einer Pappel vor der Kirche eine rote Fahne mit der Inschrift:„Gleichheit, Frei- heit, Brüderlichkeit." Nach einiger Kletterübung der Polizei war das gefährliche Instrument verhaftet.— Die märkische N i e d e r l a u s i tz mit ihrer überwiegenden Textilindustrie bot daS Bild einer erhebenden Maifeier. DaS„rote" Forst prangte ftnh im Schmucke dreier roter Fahnen, die leider sehr bald durch die Polizei von ihrem hohen Sitz heruntergeholt wurden. Die Bauberufe und einige andere Gewerkschaften, Konsumvereins- augestellte usw., die durch Arbeitsruhe feierten, zogen schon in tau- frischer Frühe zu Hunderten aus den Städten hinaus aufs Land. Die vormittags stattfindenden Versammlungen waren durchweg gut besucht. Abends waren die festlichen Veranstaltungen in allen Orten über- füllt. Zahlreicher als in früheren Jahren waren bei dieser Maifeier auch die Frauen und Mädchen vertreten, sie werden sich der hohen Bedeutung unserer Maiforderungen in steigendem Maße bewußt. In F o r st mögen sich an der Abendfeier in zwei Sälen rund 2999 Personen beteiligt haben, außerdem hatten die Genossen in den Nachbarorten Eulo und Sacro eigene Feiern veranstaltet, die eben- falls eindrucksvoll verliefen. Die massenhaft aufgebotene Polizei und Gendarmerie fand nichts zu tun. Schlesien. In Kattowitz fand eine von 399 Personen besuchte Maiber- sammlung statt, in der B r u h n s deutsch und A d a m e k polnisch referierten. In Striegau war die Abendversammlung von über 799 Ge- Nossen besucht. In Z a b rz e(O.-Schl.) fand vormittags 11 Uhr eine polnische und abends 8 Uhr eine zweite Demonstrationsversammlung statt, in denen deutsch und polnisch referiert wurde. Die Abendvcrsamm- lung war so stark besucht, daß schon lange vor Beginn das Lokal polizeilich gesperrt war. Posen. Die in Posen vom Kartell und Wahlverein am Vormittag 19 Uhr einberufene Versammlung war von über 599 Personen be- sucht. Der allgemeinen Resolution wurde ein Zusatz gegeben, der die Ostmarkenpolitik brandmartt. Pommern. Die Beteiligung an der Maifeier in Bredow, Kreis Randow-Greifenhagen, war eine erfteuliche. Im Schützen- Hause waren morgens 8 Uhr 699 Genossen und Genossiimen ver- sammelt, die nach der zündenden Rede ihres Abgeordneten Alwin K ö r st e n geschlossen einen Ausflug nach dem nahegelegenen Oertchen Warsow unternahmen. Nachmittags war Versammlung in Sidows- aue, abends Festlichkeiten. Die Arbeitsruhe wurde in weit stärkerem Maße als in den Vorjahren durchgeführt. Auf der Schiffswerst„Oderwerke" feierten die Nieter, Verftemmer, Maschinenarbeiter, Tischler und Dreher, trotzdem sie noch am 2. Mai ausgesperrt werden. Auch die Maurer, Zimmerer und Bauarbeiter sowie die Töpfer feierten zum größten Teil. In Köslin war die VormittagSversammlung von etwa 590 Personen besucht. Die Gewerkschaften der Maurer, Zimmerer. Holzarbeiter und Ziegeleiarbeiter feierten vollständig, die anderen Ge- werkschaften teilweise. In Graudenz waren ungefähr 290 Personen versammelt. Hamburg. Die Feier der Hamburger Arbeiterschaft verlief tn ebenso imposanter wie würdiger Weise. Die Beschlüsse der Ham- burger Unternehmerverbäude,„ihre" Arbeiter wegen Beteiligung an der Maifeier auf einen bis zehn Tage aussperren zu wollen, haben sich erwiesen als ein Teil von jener Kraft, die das Böse will, aber das Gute schafft; die Scharfmacher aller Grade haben eben ihre Rechnung ohne das Solidantätsgefühl der Hamburger Arbeiterschaft gemacht und haben es, wo es noch nicht vorhanden war, mächtig entfacht. Gedanken und Ideen lassen sich nicht niederknütteln. Was die Arbeitsruhe im Städtekomplex Hamburg- Altona- Wandsbeck anlangt, so übertrifft sie an Umfang die vorjährige ganz bedeutend; nicht allein auf den Bauten und in der Hausindustrie, wo bisher die Arbeitsruhe ganz bezw. zum größten Teil durchgeführt war. sondern auch auf den Plätzen der Obersten der Scharfmacher stoppte vielfach daS Werk gänzlich. Die Zahl der Feiernden dürfte mit 80(XX) nicht zu hoch gegriffen fein. Der Vorbeimarsch deS aus 40000 Teilnehmern bestehenden Demonstrationszuges nahm über L'/z Stunden in Anspruch. Im Zuge, der von 250 Arbeiterrad- fahrern eröffnet wurde, befanden sich außer den drei Hamburger Parteifahnen und der roten Fahne der Genossen polnischer Zunge etwa 299 Fahnen, Banner. Gewerkszeichcn, Embleme, Plakate mit Inschriften. die auf die Bedeutung des Tages hinwiesen usw. Unter den Klängen der Arbeiter- Marseillaise und anderer Kampfweisen ging es hinaus nach dem Mühlenkamp, der schon von großen Menschenmassen besetzt war. Bis gegen 1 Uhr mittags, als die letzte Abteilung des Festzuges am Endziel eintraf, herrschte daS herrlichste Frühlingswetter, dann ging ein scharfer Platzregen hernieder, der aber bald für diesen Tag dauernd seine Herrschaft an den Sonnengott abtreten mußte. Die festrede hielt Genosse Emil Fischer, der in markigen Worten die ehntausende aufforderte, stets eingedenk ihrer Pflicht zu sein und so lange den Kampf gegen Knechtschaft und Ausbeutung in jeder Form zu führen, bis das erhabene Ziel der Sozialdemokratie erreicht sein ivird.— Abends fanden in allen Stadtteilen festliche, der Würde des Tages entsprechende Veranstaltungen statt, die sämtlich überfüllt waren. Die ArbeitSruhe im Hamburger Hafen war größer denn je zuvor; die meisten Schauerleute feierten, so daß die Lösch- und Ladearbeiten auf vielen Schiffen stockten. Der Verein der Hamburger Reeder, der Verein der Schiffsmakler und Schiffsageuten und der Verein der Stauer veröffentlichen in den Abendzeitungen eine Erklärung, wonach sie sich vor die„Not- wendigkeit" gestellt sehen, die überwiegende Mehrzahl der Schauerleute, die sich an der sozialdemokratischen Maifeier beteiligt hätten, laut Beschluß bis zum 11. Mai auszusperren. Infolge- dessen würden sich Verzögerungen in der Expedition der Hamburger Schiffe nicht vermeiden lassen. Die Herren verlangen daher von den Beteiligten„Unterstützung in dem uns aufgedrungenen Kampfe gegen den sozialdemokratischen Terrorismus und weitestgehende Nachsicht gegenüber Verzögerungen in der Expeditton der Schiffe." In Wandsbek nahmen an der Morgenversammlung über 1299 Personen teil. Dann ging es in„losem Zuge" hinaus nach einem an der Ahrensburger Chaussee gelegenen Gartenlokal. In der Abendvcrsammlung waren über 2999 Festteilnehmer. Die Arbcitsruhe hat auch in diesem Orte gegen die vorjährige be- deutend zugenommen. Mecklenburg. Die Maifeier verlief großartig. Die Ausflüge erfreuten sich einer starken Beteiligung. In R o stock zogen zirka 2999 Personen nach den Barnsdorfer Anlagen. In den meisten Orten, wo etwas veranstaltet werden kann, war die Beteiligung größer als in früheren Jahren. Bei den Abendveranstaltungen wurden Ansprachen gehalten. Eine einzige Versammlung in den 7 Wahlkreisen wurde in Parchim abgehalten. Als der Referent(K ü h n- Rostock) ausführte, daß die Volksschule dringend einer Verbesserung bedürfe, drohte der Polizei- Häuptling mit Auflösung, weil dies Politik sei! Die Ver- sammlung. die stark besucht war, nahm einen imposanten Verlauf. Hannover. Zum erstenmal feierte die Arbeiterschaft Emdens den 1. Mai durch Arbeitsruhe. Ein verhältnismäßig gewaltiger Fortschritt, da in Emden in den Vorjahren überhaupt von keiner Maifeier die Rede war. Diesmal demonstrierten 4/s der in Frage kommenden Arbeiter durch ArbeitSruhe. Die Feier wurde eingeleitet durch ein Morgenkonzert. Dann ging eS in zwanglosem Zuge zum Etablissement„Union". Der Festzug war von der Behörde verboten worden, bevor noch um die Genehmigung nachgesucht war. Nachmittags sollte ein AuSflug nach dem eine halbe Sttmde entfernt liegenden Borsum, verbunden mit einem Gartenkonzert stattfinden. Der Landrat des Kreises verbot jedoch das Konzert ans dem Grunde, weil es aufrührerisch wirke. So mußte er zwei öffentliche Volks- Versammlungen staltsindew lassen. Die Genossen von Emdem hätten sich keine bessere Agitation denken können. Eine Aussperrung scheint de» Feiernden wegen Schwäche des Unternehmertums nicht bevor- zustehen. Rheinlaud-Westfalen. In Elberfeld-Barmen feierten vormittag» 899 Genossen. Am NachmittagSausflug bei strömendem Regen beteiligten sich 1390 Genossen. Im Kreise L e n» e p- M e t t m a n n war stärkere Beteiligung als früher. Die in Aachen am ABcnb tagende Versammlung war von mehr als 6',lich.„ Jcp Vorstand. 129/18 I. A.- Heinrich Meijke. 5*«t den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion de», Viiblttnm gegenüber keinerlei Verantwortung. Oeater. Donnerstag, den 3. Mai. Ansang VI, Uhr- Opernhaus. Don Juan. Schauspielhaus. Romeo und Julia. Deutsches. Der Kausmann von Venedig. Neues. Cäsar und Cleopatra. Kleines. Tragödie der Liebe. Ansang S Uhr: Westen. Undine. Lessing. Die Weber. Schiller O.(Wallner»Theater.) Helden. Schiller R.(Friedrich Wilbelm- städtisches Theater). Der Militär- staut. Luisen. Geschlossen. Berliner. Die lustige Witwe. Komische Oper. Don PaSquale. Residenz. LiebeSlunst. Zentral. DaS NarrenhauS. Lustspielhans. Die von Hochsattel. Trianou. Loulou. Thalia. Hochparterre links. Ntetropol. Aus ins Metropol. Deutsch. Slmerikanisches. Arme Mädchen. Kasino. Madame Bonivard. Apollo. Die amerikanische Burlesk- Compagnie. Vorn und hinten. Earl Weih. Sherlock HolmeS Abenteuer. Folies Caprice. Komiker Schnitzel. Dalles u. Co.«pezialitäten. Wintergarten. Spezialitäten. Belle-Alliance. Spezialitäten. Aeichsliallen. Stettiner Sänger. Urania. Tanbenstrnbe 4N;4U. Abends 8 Uhr: Am Golf von Neapel. Sternwarte. Jnvalidenstr. 67/62. Ferdinand Bonns Berliner Theater. Gastsp. des Neuen Operetten.TheaterS aus Hamburg.(Dir. Max Montt.) Ansang VI, Uhr. Donnerstag und solgende Tage: Die lustixe �Vitwe. Neues Theater. Ansang VI, Uhr. Caesar und Cleopatra. Freitag- Ein Sornmernachtttrsum. Sonnabend: Erdgeist. Sonntag: Ein Sommernachtstraum. Kleines Theater. Anfang 8 Uhr. Tragödie der Liebe. 4 Akte von Gunnar Heiberg. Donnerstag: vis UnverschSmte. Hille Bobbe. Die Schlangendame. (Station Zoolog. Garten), Kantftr. 12. Donnerstag: Ondine. Volkstümliche Preise, in erster Besetzung. An- sang 8 Uhr. Freitag: 25. Vorstell, im Freitag«» Abonnement fiasparone. Fritz Werner a. G. Volkstümliche Preise, in erster Besetzung. Sonnabend nachm. 3 Uhr kleine Preise: Frauenkampf. Abends 8 Uhr: 1. Gastspiel Silvana Jsatberti: Federe. Komische Oper. Donnerstag. 3. Mai, abends 8 Uhr: Don Pasquale. Freitag, Sonnabend: Hoffraanns Erzählungen. Sonntag nachm. 3 Uhr ermäßigte Preise: Hetimanns Erzählungen. Abends 8 Uhr: Hoffmanns Erzählungen._ Zentral-Theater. (Operette.) 8 Uhr: Novität! Das Narrenhaus. taistspiolliaiis. Allabendlich 8 Uhr- Die von Hochsattel. Apollo-Tiieater. Novität t Gastspiel Novität 1 der IM W. B. Crabtree. Vorn und Hinten. Bnrlesk'Pantomime in 3 Bildern. Außerdem Debüts von 10 neuen erstklassige» Spezialitiiteu. Nächsten Sonntag nachni. 3 Uhr er. mäßigte Preise: Dr. Familien-Vorst. Hetropoi-Theater Anfang 8 Uhr. m- i • UHl 1*1 w..«. j. vi I Große Jahresrevue mit Gesang n. Tanz in 9 Bildern v. JnL Freund. Üusik von Viktor Hollaonder, Bauchen Überall gestattet. Schiller- Schiller-Theator 0.(Wallner-Theater). Donnerstag, abendS8Uhr! Helden. Komödie in 3 Auszügen von Bernard Shaw. Deutsch v. Siegfried Trebitsch. Freitag, abends 8 Udr: Weh' dem, der lügt. Sonnabend, abends 8 U h r: Die Haebt der Finsternis. Urania Abends 8 Uhr: Tauben- stf. 48/49. im Golf von Neapel. Sternwarte""""""" «tr. 57/82. Täglich nachm. 4 Uhr: Großes Pitär- Konzert. Eintritt 1 M.. v. 6 Uhr ab 50 Pf. Kinder unter 19 Jahren die Hälste. Vlicatci'. Sehllier-Theatsr H.(Friedr.-Wilh.TH.) Donnerstag, abendS3Uhr: Der miitürstaat. Lustspiel in 4 Aufzügen von Gustav v. Moser und Thilo v. Trotha. Freitag, abends 8 Uhr: Helden. Sonnabend, abend? 8 Uhr: Der H ilitürstnat. KasinosTheater Lothiingeritr. 37. Täglich 8 Uhr. Madame Bonivard. — Vorher das bunte Programm.—. „Slngvögelchen-' ic. Sonntag i Uhr: Die Herren Söhne. Folies Caprice j Budapester Possen-Theater j Llnlenstr, Ecke Frledrlchstr. Dalles& Co. Vorder: Komiker Sclinilzel.l iBgAnf SUhr. Kasse d. ganz. Tagl �sgeöstiict. Vorvcrt. b. Wertbeini OlliilSlik-IlieslA. Virektion: kiebard Blexanäer. Heute zum 6. Male: Morgen und solgende Tage Ans. 8 Uhr Liebeskunst. Komödie in 3 Alten o. Löon Zanros und Michel Carre. Hontnek- Amersltisnisieli. tflRetater. Bopeniokerstr.ö7/ö8. Heute Abend 8 19(Ihr: ARME MÄDCHEN. Von Adolf Philipp. Sonnt, nachm. 3 Uhr, halbe Preise HB* Zum letzten Male;"VB lieber n großen Teich. Aaends 8" Uhr: Arme Mädchen. Passage-Theater. Ansang 8 Uhr. Das neue | erstklassige Spezialitäten V« esi Carl Weiß-Theater. Gr. Frankst, rlersir. 132. Abends 8 Uhr: Sherlock Holmes' Abeuteller oder: Die Jagd ums Lebe». Englisches Sensations-Schauspiel mit Gesang und Tanz in acht Bildern von I. Fox. Morgen: Dieselbe Vorstellung. W. Noacks Theater. Direktion: Rod. Olli. Brnmienstr. 18. Heute geschlossen: Nächste Extra-Vorstellung: Sonnabend, den S. Mai 190S: Die Stiefmutter. Lebensbild in 3 Akten v. R. Bencdix. Vorher: Die Dheaterprinzesstn. BTenes Programm! TORTAJADA Spanische Tänzerin n. Sängerin. Narrow Bros., komische Radfahrer. Oesroches-Blanca, französ. Duett. Die Hartleys, Springer, Bräsina, Pariser Excentr. Sängerin. Patty Frank-Truppe, Akrobaten. König Dollar, englisches Ballett. Imro Fox, lUusionist. Die Brittons, Neger-Sänger und Tänzer. De Die, Phantasie-Tänzerin. Die Perseus, Kugelspieler. Der Biograph._ Fröbels Allerlei-Theater Schönhauser Allee 148. Jeden Sonntag 4 Uhr: äpj- Darten.Konzert Wl Theater, Spezialitäten Im Saale Extratanz. Gr. Tanzmusik. Bei ungünstigem Wetter Borstellung im Saal. Gu5la? Behrens SpezialitSten- Tleatep Franklurter ___ Allee 85. Das vorzDsliebeMai'Propiii! Auftreten im nur Trlanon-Thcater. Ansang 8 Uhr: l-onlon. kvivkskstten. Glellmer Gänger. Zum Schluß: Elnqiiartltluug. MUit.Hum. von MeysdL llntnng Wochentags 8 Ubr. Sonntags 7 Uhr. SanssoucUÄ" Dir. Wilhelm Reimer. Sonnt.. Moni, Donnerst.: HolTmanns Norddeutsche Sänger und Tanzkränzehen. Sonnt. Bg.ö, Wochent.8 U, Ken! Xcn! Die Wahrsagerin. Neueröffnet! Velt-Ausstelliiogs- Biograph-c«. loui«) Theater lebender Photographien mit abweehselmi. Älmormiläten-Progr. Neu 1 Die Hungerleider. Neu I Soziales Bild aus dem Leben. Den ganzen Tag Vorstellung. Otto Pntzkowi Münzstraße 16. noritwplntz. Täglich im Garte« bezw. ► in de» unteren Täten � Mittwoch u. Sonnabend: Frsltanz. COreadenerstr. 07. olosseum Spezialitäten. Nene« Programm. »0 /, Uhr- Les Batignolles? Bilanz der Möbelfabrik„Elche" («ing. Gen. m beschr. Hastpfl.) - für daS Geschäftsjahr 1905.=- A. Aktiva. Waren-Konto..... 46 049,85 Kafla-Konto.... 1223.71 Bank-Konto..... 6057,12 Wechsel-Konto..... 3922,50 Inventar-Konto nach Ab. schreibuna von 10 Proz. 11685,— Mtoren-K' Debitoren-Konto H. Puaalva. Kreditoren-Konto... Zlkzepten-Konto.... Reseroesond-Konto... Gcnosseiisch.-Antcil-Konto. Darlcyns-Konto.... Konto-Kredere..... Lohn-Konto..... Reingewinn..... 22 869,97 91 798,15 23 214.61 9410,64 270,- 810,— 62 416,— 686,- 1893,29 ..... 3097,71 91 798,15 Im Laufe des GeschäftSsahreS 1905 stnd acht Genossen beigetreten, aus- geschieden sechs. ES gehörten om Schluß des Geschästsjahrcs 1905 der Gcnostenschaft 27 Genossen mit einem GeschajtSguthaben von 810 Mark, sowie einer Gesamthastsumme von 810 Mark an. ES haben sich daS GelchSjlSguthaöen sowie die Hast. summe um 60 Mark vermehrt. Berlin, 2. Mal 1806, 205/5 Möbelfabrik„Eiche" eing. Genossensch, mit beschr. Hastpfl. Der Borstand. H. Schramm. P. Conrad. Unserem Kollegen kesck nebst prsu zu ihrem gestrigen Silberfeste die herzlichsten Glückwünsche. 1050L Die Kollegen der Pumpstation V u. XII. Krauz- mid Klamkubiadkrti von Boderl Mexer,. nar Mariannkn-Straße 3. Dr. Sclilinemanii Spezial-�lrzl für* Hant- und Harnleiden, iVanenlirunhhrlten. Frledrlchstr. 203, Ecke Schiitzenstr. I0-», 5-7, Sonnt. Iv-l« Ubr. FereiD BeriineF Bansöisnep. Todes-Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß Kollege Thevllor Schreiber Manteuffelstr. 71 verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung stndei Donners» tag, den 3. Mai. nachmittags 4 Uhr, von der Halle des Emmaus-KirchhoseS in Rixdors, Hermannftraß«, aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 1592b Der Borstand. 2)eutsche yetailarbeiter-�enrerksehaft Verwaltungsstelle Berlin. Bureau u. Arbeitsnachweis Rcsenihalerstr. 57(2. Eingang: Gorma— �str. 28). Geössnet von 9'/,— 2 und 4— 8 Uhr. Telephon: III, Nr. 1296. Freitag, den 4. Mai, vormittags 10 Uhr. im Rosenthaler Hof, Rosenthaterftr. 11/12: MS" Versammlung im isnniti im IvU» Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. Kontrolle fiir den OeFlioeFÜeiebckpalFeß (Köpenickee Viertel). XodeS-A» zeige. Den Mitgliedern hiermit zur Kenntnis, daß unser Genosse, der Maler Otto Schiel wohnhast Laufitzer Platz 11, (Stadtbezirk 104) gestorben ist. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung finde! am Freitagnachmtttag 6 Uhr, von der Leichenhalle des Emmaus-Kirch- hoses aus statt. Um rege Betelligung ersucht 243/4 Der Borstand. Zur haben sich unsere Mit- glieder nur in folgenden Bureaus zu melden- t. Für Berlin: Bureau. Gormaunstr. 28. 2.„ Ober-SchSneweide bei(grostmann. Laufenerstr. 5. IL rltlststrtt Montag, de» 7. Mai. abend« 8 Uhr. rl.'hrs».«! �njIWWg. jmgioscuthalerHof.Rosenlhalerstr.il/l2: Aiitglieder-Versammlung TageS-Ordnung: 1. Bericht vom fiebenien Kongreß. 2. Bericht von der drttten Konferenz und WabI des Ausschusses. 3. Die diesjährige Maibewegung. 4. Gtwerk- IchastlicheS. Pünktliches und zahlreiches Erscheinen aller ist notwendig. 280/10 Mitgliedsbuch le�Umiert. tfrts Verwaltung. Verband der Wäsche- und Krawattenarbeiler Deutschlands. Mi, Freitag» 4. Mai, abends 8 Uhr, im Schweizergarte«, am Friedrichshai«: Kkschlicßeudt Witgliedn- Nersmumlimg. TageS-vrd.nung: 1. Bericht vom zweiten VerbandStag.(Anlrag d«S Vorstandes: Er- Hebung deS erhöhten Beitrags vom 15. Mai an.) 2. Diskussion. 3. Er- gänzungswahl zum Zentralvorstand. Dahl der Preßkommisston und der Revisoren. 4. Veilchledenes. Di« Heimarbeiterinnen weisen wir hiermit auf obige Versammlung hin. Es ist Pflicht eines jeden, zu erscheinen. 252/5__ Die Ortsverwaltnng. Fliesenleger Achtung I Alle ausgesperrten und gemaßregelten Fliesenleger und HüIsSarbetter haben w der Bersammlung am Donnerstag, den S. Mai. abends 8'/, llhr. bei Patt, Dragonerftr. 15, zu erscheinen. 203/1 Der Vorstand. | llrrrinigung der Malers Lackierer. Allstreilher. ---- iPliiale Deriia.)--- Den Kollegen zur Nachricht, daß I s unser Mitglied Vtto Schiel | verstorben ist Ehre seinem Andenke« k , Die Beerdigung findet am i Freitag, den 4. Mal. nachmittags äs Uhr. aus dem Emmauslirchhos I statt. Um reg« Betelligung ersucht 1 125/2 Die Ortsverwaltung. Deutscher Metailarbeiter-Verbandl Verwaltungsstelle Berlin. Todes-Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, baß unser Mitglied, der Bauanschläger Otto Lietsche am 1. d. M. gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonnabend, den 5. Mai, nach- mittag» 3 Uhr, von der Leichen- Halle des Zentral- Friedhofes w Friedrichsselde aus statt. Rege Betelligung erwartet 118/6 vis Ortsverwaltung. Verband d. baugewerblichen HDlisarbeiter Deutschlands. Bezirk Rosenthaler Vorstadt. Todes-Anzeige. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege Paul Fordan am 80. Slpril verstorben ist. Die Beerdigung findet am de» 4. Mai, nachmittag« x, von der Leichenhalle deS rtedhoss der ZiouSgemeinde in !ordend aus statt. 34/8 Der Ivelgverslns- Vorstand. Freitag, 3 Uhr, t Achtimg!"TPi i-Miirrte der Mei-inie. Um den Ausgesperrten schnell alle die AuSspe mitteilen zu können, stnd von Freitag früh an in de« ve betreffenden iedeue« Stadtgegendea VW" Auskunftsstellen errichtet. Die Adresse« dieser Auskunftsstellen«erde« im„Vorwärts" Freitag, den 4. d. Mts. veröffentlicht. Da in diesen Auskunftsstellen jeder Kollege auch Nachricht erhalt über Zeit und Ort von Werkstattversammlungen, ersuchen mir dringend, Freitag früh eine Aus- tunftsstelle zu besuchen, damit jeder Kollege informiert ist. lig/7 Deuisliier Metaliarbtiter-Verband. Ortsverivaitlmg Kerilll. Zentral-Verband der lepfer Deutschlands. Filiale Berlin. Freitag, den 4. Mai imi«. abends S', Uhr, im Gewerkschaftshause. Engel-Ufer 15. Saal?: Lauvvp�psuonsmsnnop» Tit�ung. TageS- Ordnung: t. Die vedentnng de« VauvertrauensmännersYftemS. 2. Tattik bei Sperren. 3. Verschiedene». «mp* ES ist notwendig, daß jeder Bau vertreten ist. da die nicht vertretenen Bauten veröffentlicht werden. - Anfaug präzise«'/.«Hr. 196/4___ Der Torstand. Verband der Tapezierer i Filiale Berlin.====== Donnerstag, den 3. Mai 1906, abends 8Va Uhr, bei Mendt, Beuthftraße 20: Versammlung. KeranUvortlicher Redakteur: Kans Weber, Berlin, Für dev Lnstratniteil verantw.: Th. Glocke, TageS-Ordnung: 1. Stellungnahme zum BerbandSlage. 2. Statutenberalung und Anträge. 3. Dahl der Delegierte». 178/1—1= Mitgliedsbuch legitimiert.———— ._ Zahlreiches Erscheinen erwartet__ Die OrtaTersvaltnng� Berlio. Krück u. Verlag: VortvärtSBuKdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW, Nr. M. 28. Iahrgaitg. 2. SeüM des.lomnrts" Knliser Joltetililt. Dontlerstsg, 3. MaitM. UendkvmiKte der neueren deutschen Geschichte. 2. Erstes Erwachen des Bürgertums(1780— 1800). In dem zweiten Vortrage, den Genosse Maurenbrecher in Kellers Saal hielt, behandelte er das vorstehende Thema, worüber er in der Hauptsache etwa folgende Ausführungen machte: Der im vorigen Vortrage geschilderte Sieg der Fürsten in Deutschland ist nicht darauf zurückzuführen, daß die Fürstenklassc eine elementare Kraft des Fortschrittes in sich verkörperte, sondern die deutsche Fürstenklassc siegte lediglich deshalb, weil eine andere Klasse, welche die Herrschaft in Deutschland hätte übernehmen können, nicht vorhanden war. Die Kraft des Bauerntums war im Bauernkriege gebrochen worden, die Macht der Städte war zurück- fcgangen infolge der Verschiebung der Welthandelsstratzen und so Irl die Herrschaft der Fürstenklasse zu, obgleich dieselbe eine rück- ständige Klasse war. England und Frankreich, deren jedes sich zu einem einheitlichen Wirtschaftsgebiete zusammengeschlossen hatte, sahen es in ihrem Interesse gern, daß in Deutschland keine Einheit zustande kam. Das Ausland fand es am bequemsten und seinen Interessen am besten dienend, daß in Deutschland die Fürsten an der Herrschaft blieben. Deshalb erhielten denn auch die deutschen Fürsten Unterstützung vom Auslande, sie schlössen Bündnisse mit dem Auslande, förderten ausländische Interessen und dienten wiederum mit ausländischer Hülfe ihren eigenen Interessen. So waren die deutschen Fürsten die antinationalste Klasse. Was es an nationalen Bestrebungen in Deutschland gab, das hat sich gegen die Fürsten durchgesetzt. Aber trotz der Schwäche ihres Ursprunges und der Zufälligkeit ihres Sieges beherrschte die Fürstenklasse in Deutschland etwa von 1000— 1750 die Kultur. Sie hat immerhin kleine kulturelle Fortschritte gebracht, aber nicht eigene Gedanken, nicht eigene Kulturideale hat sie verwirklicht, sondern was ihr an Kulturleistungen zugeschrieben werden kann, das hat sie dem Geistes- leben und der Kultur der westeuropäischen Staaten entlehnt. Auf diese Weise kam von der kapitalistischen Kultur Westeuropas etwas nach Deutschland, obgleich hier keine eigene kapitalistische Kultur vorhanden war. Mit dem Emporkommen der kapitalistischen Kultur war in Westeuropa eine neue Denkweise entstanden, die nicht mehr bestimmt war durch religiöse Anschauung, nicht durch den Glauben an das Walten überweltlicher Mächte, sondern die eingegeben und bestimmt war durch das Rechnen und Handeln in der gegenwärtigen Welt. Das kapitalistische Wirtschaftsleben hängt eng zusammen mit der Aufstellung von Berechnungen und Kalkulationen. Die Methode des Rechnens, die Anwendung der Mathematik, die sich im Wirt- schaftslcbcn als überaus erfolgreich erwiesen hatten, wandte man nun auch auf die Naturbetrachtung an. Bei dieser Vernunftgemätzen Betrachtung der Natur kam man zur Erkenntnis des Gesetzmähigen in der Natur, und damit war dem Wunderglauben, wie überhaupt den religiösen Vorstellungen der Boden entzogen. Die Natürlichkeit wurde unter dem Einfluh der kapitalistischen Denkweise die Grund- läge der Weltanschauung und so entstand jene Geistesrichtung, welche inan als Rationalismus bezeichnet, eine Denkweise, welche sich in allem auf eine vernünftige Grundlage stellen, welche alles messen, wägen und berechnen will. Der Rationalismus, der in England und Frankreich bürger- lichcn Ursprunges war, kam nach Deutschland als Kultur der Fürstenhöfe, und das war ein Verhängnis, denn der Rationalismus, der in Westeuropa ein Aufklärungsmittel tvar und in gewissem Sinne revolutionär wirkte, wurde in Deutschland nichts weiter als ein Luxus der Gebildeten, ein Unterhaltungsmittel für die höfische Gesellschaft. Recht bezeichnend ist eine Episode aus der preutzischcn Geschichte. König Friedrich II. war ein aufgeklärter Mann, der allen Kirchenglauben überwunden hatte. Als aber Voltaire an den König schrieb, er möge dafür sorgen, datz der Kirchenglaube auch bei seinen Untertanen nach und nach ein Ende finde, da antwortete der König damit, datz er die in ganz Europa vertriebenen Jesuiten in Schlesien aufnahm. Der König war der Meinung, datz für den BolkSunterricht keine besseren Kräfte zu finden feien, als diese orthodoxesten Katholiken. Friedrich II. wicS auch die Pfarrer und Lehrer au, dem Volke das Wort GotteS und den Katechismus äu lehren. Er war es auch, der die geistliche Schulaufsicht, gegen die wir heute noch kämpfen, für Preutzcn gesetzlich einführte. Das tat der König, der für seine Person mit allem Glauben gebrochen hatte. TaS rationalistische Denken, in Westeuropa ein kräftiger Zöcbcl der Aufklärung, war in Deutschland ein sützes Konfekt, welches die Fürsten nach dem Diner einnahmen. Demgemäß haben sich denn auch die Schattenseiten des Rationalismus: die Uebertragung des Regelhasten auf das Gesellschaftsleben, die Unterdrückung alles Natürlichen und die Einführung eines unnatürlichen Etiketten- Wesens,>vas seinen höchsten Ausdruck in der Periode des Rokkoko fand, in Deutschland ganz besonders entwickelt. Demgegenüber erhob sich dann in Teutschlaiü» selbst eine Opposition. Bürgerliches Denken begann zu entstehen und zu wachsen. Das Beamtentum, im 17. Jahrhundert noch in engen Be- Ziehungen mit den Fürstenhöfen stehend, verlor im 18. Jahrhundert mit der grösseren Ausdehnung der Staaten diese engen Beziehungen und bildete sich infolgedessen in seinen. Denken zu einer mehr selb- ständig, mehr bürgerlich fühlenden Klasse. Zu jener Zeit kamen auch aus Westeuropa Flüchtlinge nach Deutschland, welche hiör neue Industriezweige: Goldschmiederei, Seidenstickerei, Weberei und andere einführten. Diese Kleinbürger hatten ein wirtschaftliches Interesse daran, datz ihnen für ihren Gewerbezweig eine Monopol. stcllung, toelche die Konkurrenz ausfchlietzt. gesichert werde. Eine solche Stcllung konnte ihnen aber nur der Landesfürst schaffen und deshalb hatten sie ein Interesse an der Erhaltung der Kleinstaaterei, denn der Fürst war es, der ihnen ihre Existenz sicherte. Diese bürgerliche Klasse lvar Mar voll modernen rationalistischen Denkens und dadurch von der Fürfteukultur emanzipiert, aber ihr Denken stand im Gegensatz zu ihren wirtschaftlichen Interessen, die ja von den Fürsten abhingen. So konnte der Rationalismus bei diesem Bürgertum nicht revolutionär wirken und keine politischen Folgen zeitigen. Die Entwickelung, welche die deutsche klassische Literatur und Philosophie auf dieser Grundlage genommen hat, ist: Opposition gegen alles Gekünstelte und Geschminkte, was der höfischen Kultur anhängt, und das Streben nach Darstellung eines ursprünglichen Gemütslebcns, der Ungebundenheit des elementaren Gefühls. Das ist die seelische Stimmung dieser bürgerlichen Kultur. Eine solche Stimmung kann nicht zur Revolution treiben, sondern t sie mutz schlichlich abbiegen in eine ideale, übersinnliche Welt, in der sie Befriedigung findet und nicht daran denkt, an den Tatsachen des realen Lebens etwas zu ändern. Die Entwickelung des bürgerlichen Geisteslebens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts läht sick— weniger zeitlich als inhalt- lich— in drei Stufen scheiden: die Anfänge, die Zeit der Gefühlsüberwallung und die Zeit der klassischen Ruhe. Auf der ersten Stufe steht Lessing. Seine Bedeutung besteht darin, datz er dem Gefühl des bürgerlichen Selbstbewuhtseins. welches in Gegensatz zur höfischen Kultur tritt, Ausdruck verleiht. Lessing ist der erste deutsche Dichter, der bürgerliche Gegenstände auf die Bühne brachte und für bürgerliche Freiheit eintrat. Es liegt aber ein tragisches Verhängnis darin, datz sowohl Leffing, wie die ganze bürger- lichc Lileratur jener Zeit kein Publikum fand, das den literarischen Vertretern bürgerlicher Gedanken eine Existenz sichern konnte. So mutzt« denn auch Lessing, dieser kühnste Geist des deutschen Bürgertums, fein Leben fristen als Bibliothekar in Wolfenbüttel, also als Angestellter eines Fürsten, des Herzogs von Braunschwcig. Ungefähr gleichzeitig mit Lessing einsetzend, bildete sich nach 1770 in der deutschen Literatur die Periode des überschäumenden Gefühls heraus. Die Vertreter dieser Richtung, die ihren höchsten Ausdruck in Klop stock s„Messias" fand, stellen sich in einen i Gegensatz zum höfischen Rationalismus und bringen die religiösen Gefühle wieder neu zur Geltung. Ans anderem Gebiet zeigt sich das Hervorbrechen des Gefühlslebens in jener Literatur, die sich , die empfindsame nennt. Dahin gehört unter anderem Goethes „Werther". Bis in die Mitte der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts reicht die Periode der Empfindsamkeit, die natürlich keine politische Ausbeute bringen konnte. Das erste Stück des jungen Go e t h e: „Götz von Berlichingen", kann man, wenn mau es heute liest, ein politisches Stück nennen. Es ist eine leidenschaftliche Anklage gegen den Fürstenhof. Aber der Dichter war sich der politischen Seite seines Stückes gar nicht bewutzt, denn bald nachdem er diese leiden- schastliche Anklage gegen den Fürstenhof geschrieben hatte, wurde er Minister des Herzogs von Weimar. Schiller ist der einzige Vertreter jener Periode, der politijche Leidenschaft in seinen Werken verkörperte. In seineu Jugenddramen:„Die Räuber",„Fiesko", „Kabale und Liebe" tobt ein Sturm sozialer Empörung. Dann folgte eine Pause in Schillers dichterischer Tätigkeit und dann erschien sein„Don Carlos", ein Stück, iu dem die Gedanken der französischen Revolution verherrlicht werden, deren Verwirklichung aber vom Fürsten erwartet wird. Das ist die Schwäche der ganzen bürgerlichen Literatur jener Zeit, datz sie gar nicht auf den Ge danken kommt, das Bürgertum selber könne seine Ideale verwirk lichcn, sondern datz sie ihre Hoffnung vielmehr auf den aufgeklärten Fürsten setzt. Die Fürsten aber hatten ein entgegengesetztes Interesse. nämlich die Erhaltung der ausbeuterischen Seite des Fürstentums Von dieser Seite war eine Verwirklichung der bürgerlichen Ideale nicht zu erwarten, beim Bürgertum selbst fanden die Vertreter seiner Ideale auch kein tatkräftiges Entgegenkommen und so kam es dann, datz Schiller in seinen späteren Werken nur noch der Be schäftigung mit der Kunst, der Einkehr des Menschen in sein Innen leben das Wort redet. Das Ideal soll den Menschen über die Wirklichkeit erheben. Das ist der Grundton der deutschen klassischen Literatur, die mit belvutzter Absicht an den bestehenden Zuständen nichts ändern will, die eine Wendung zum Besseren von der Zeit er- hofft und das höcksste Glück des Menschen in der Kultur der eigenen Persönlichkeit sieht. Die deutschen Klassiker in Literatur und Philosophie haben den Gedanken vom Adel der Persönlichkeit, von der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, schar herausgearbeitet. Sie haben in diesem Sinne Unvergängliches ge leistet. Die tiefsten und erhabensten Gedanken der bürgerlichen Literatur jener Zeit leben heut in der Arbeiterklasse. Auf die politischen Zustände ihrer Zeit haben die Gedanken der deutschen bürgerlichen Literatur keinen Einftutz gehabt, sie haben an den poli- tischen Zuständen nicht das geringste geändert. Dieselben waren beim Abschluß dieser Periode noch ebenso, Ivie sie im ersten Vor trage dargestellt worden sind. Wann eine Aend-rung in den staat lichcn Verhältnissen eintrat, das wird im nächsten Vortrage erörtert iverden._ partel-Hngclcgcnhcitcn» Adlcrshof. Heute abend 8 Uhr findet in Meissners Saal die öffentliche Versammlung statt, in welcher Genosse Wilhelm Miethke über„Die Religion im Dienste der Kirche" sprechen wird. Zahl- reiches Erscheinen der Parteigenossinnen und Genossen wird er- wartet._ Berliner INachnchten. Eine Konferenz der sozialdemokratischen Gemeindevertreter und Stadtverordnete» Grost-Berlins findet am Sonntag, den 6. Wtai, präzise 12 Uhr mittags, im Gewerkschaftshause zu Berlin, Engel-Ufer 15, Saal 1, statt, um zu einer Reihe schwebender Fragen Stellung zu nehmen. Als vorläufige Tagesordnung ist festgestellt 1. Die Berkehrspolitik Groß-BerliuS. Referent: Stadtverordneter HugoHeimann- Berlin. 2. Armen-Kraukenpflege. Referent: Stadtverordneter P a u l H i r s ch- Charlotten� bürg. 3. Die Notwendigkeit von Zweckverbänden. Referent: Stadtverordneter Paul Singer- Berlin. Nur mit Legitimattonskarte versehene Teilnehmer haben Zutritt._ lieber die Bcrstadtlichung des Berliner RettnngSwesenS wird in den Kreisen der Interessenten wieder einmal hin und her gestritten. Die Interessenten sind ein paar Vereinigungen, die das Rettungswesen in Berlin bisher teils gegeneinander, teils mitein- ander besorgt haben. Die eine Gruppe empfiehlt die Verstadtlichung, weil sie die bittere Erfahrung gemocht hat, datz das Rettungswesen keine Aufgabe ist, die von der Privattätigicit befriedigend erfüllt iverden kann. Die andere Gruppe sucht abzuwiegeln, weil s ie keinen Anlatz hat, mit dem bisherigen Zustand unzufrieden zu sein. Die eine Gruppe ist die Rettun gsgesellschaft und ihr Acrzte- verein, die andere ist das Kuratorium der Unfall st ationcn und die dazu gehörige Gefolgschaft. Die Rettungsgesellschaft hat bisher auch die Meldestelle für die in den Krankenhäusern verfügbaren Betten gehabt. Nachdem jetzt die Stadtgemeinde diese Meldestelle übernommen hat, ist tue Rettungs- Gesellschaft so ziemlich pleite. Schon in einer Denkschrift vom vorigen Jahre, die die Uebernahme des gesamten Rettungswesens in die städtische Verwaltung vorschlug, hat die Gesellschaft mit dürren Worten erklärt, datz sie in finanzielle Schwierigkeiten geraten müsse, wenn ihr die Stadtgemeinde nach Uebernahme nur des Bettennach- weises die aus dem Stadtsäckel gewährte Subvention kürze. Wir haben nunmehr die städtische Meldestelle für verfügbare Kranken betten gekriegt, und gleichzeitig ist im Etat für 1900 die Subvention an die RettungSgescllschaft von bisher 30 000 M. auf 20 000 M. herabgesetzt worden. Ein„Ausschutz ärztlicher Vereine für daS Rettungswesen" agitiert jetzt für die Verstadtlichung des gesamten Rettungswescns mit großem Eiser. Er hat in einer an den Magistrat und die Stadtverordneten gerichteten Eingabe die Leistungen der gleichfalls von der Stadt subventionierten Unfallstationen nicht sehr liebenswürdig kritisiert. Das mutzte begreiflicherweise das Kura- torium der Unfallstationen stark verschnupfen, und so geht nun durch die bürgerlichen Blätter ein Hin und Her von Erklärungen. DaS Kuratorium der Unfallstationen versichert, es habe gar nichts gegen die Verstadtlichung des gesamten Rettungswesens, wenn nicht dabei— die Berufsgenossenschaften zu kurz kommen. Tie Berliner Unfallstationen stehen, wie man weiss, in regen Be- Ziehungen zu den BernfSgenosscnschaften— und diese wünschen, datz die Unfallstationen die übernommenen„Verpflichtungen" ihnen gegenüber nach wie vor erfüllen. Von der anderen Seite, von Aerzten der Rettungsgesellschaft, wird erwidert mit einem Hinweis auf die bekannten Gründe, die einst dazu geführt haben, datz Berlin überhaupt mit Unfallstationen beglückt wurde. Die neue Ein- richtung sollte zunächst lediglich dem Interesse der Berufsgenossen- schaftcn dienen. Da aber der Gewinn, den man davon erwartete, nicht nach Wunsch auSsiel, verwandelten sich die Unfallstationen schleunigst in eine„gemeinnützige" Einrichtung, damit auch andere Leute in die Lage kämen, zu den Unterhaltungskosten beizutragen. Dieser Dinge wurden früher immer nur im„Vorwärts" rückhaltlos beleuchtet. Datz jetzt sogar in der bürgerlichen Presse von Aerzten an sie erinnert wird, das wird im Kreise der Interessenten, die sich um die Unfallstationen gruppieren, anscheinend als sehr peinlich empfunden. Von„wohlunterrichteter Seite" kommt eine gepfefferte Antwort. Sie wirst der Gruppe Rcttungsgesellichait vor. der' Ruf nach Verstadtlichung gehe nur von einem kleinen Teil der Aerzteschast aus, von Aerzten, die dabei ihr eigenes Interesse im Auge haben. Dieser Vorwurf, zugunsten der Gruppe Unfallstationen in die Welt hinausgeschleudert, mutz in der Tat erheiternd wirken. Amüsant ist auch die Behauptung, mit dem bisherigen Zustand sei das Publikum ganz zufrieden, und ihm sei es gleichgültig, von' wem diese Einrichtungen unterhalten werden, ob von der Stadt oder von Privaten. Wenn Interessenten anfangen, sich auf das „Publikum" zu berufen, dann wird es Zeit, Schlutz zu machen. Hoffentlich führen unsere Gemeindebehörden den Schlutz recht bald herbei, indem sie endlich das gesamte Rettungswesen übernehmen— keinen: zuliebe und keinem zuleide, nickt der Rettungsgesellschaft und nicht den Unfallstationen— lediglich zum Besten der Stadt Berlin._ Klage» über Schulnot finden sich in— bürgerlichen Blättern. Wie das möglich ist? Sehr einfach! Ausnahmsweise sind cs einmal nicht Gemeindeschulkinder, die unter Mangel an Schulräumen zu leiden haben, sondern„höhere" Schüler. Und in solchen Fällen besinnt sich die bürgerliche Presse sofort auf ihre Pflicht, Lärm zu schlagen und Abhülfe zu fordern. Die Schulnot, über die mau sich aufregt, herrscht in Moabit. Bekanntlich wird nach Mpabit das Friedrich swerdersche Gymnasium hinausverlegt. Da die Schulvertvaltung bis zur Fertigstellung des erforderlichen Schulhauses nicht toarten wollte, -so wurde die Errichtung von Schulbaracken beschlossen. Für die Vorschulklassen sollten sie bis zuin Beginn des Sommerhalb» jahres fertig werden, aber— sie wurden cs nicht. Als die Vor- schüler, so wird in einem der Blätter des Mosseschen Verlages ge- klagt, sich am Eröffnungstage einfanden, waren die Baracken n o ch unfertig, und Handwerker arbeiteten noch an ihnen. Es roch nach Farbe, die Luft war feucht und dumpfig, das Thermometer zeigte kaum 0 Grad. Ein Unterrichten in diesen Räumen lvar un- möglich. Lehrer und Schüler muhten wieder heimkehren. An den folgenden Tagen erging cs ihnen nicht besser. Immer wieder mutzten sie die unfertigen Baracken fliehen, so datz die Osterferien sich noch um einige Tage verlängert haben. Und ähnlich wird die Sach- läge in anderen Blättern dargestellt. Nun, das sind Vorkommnisse und Zustände, wie wir sie auch in neuen Gemeindeschulhäusern erlebt haben, ohne datz die Presse der Besitzenden sich darüber echauffiert hätte. Aber cs handelt sich eben diesmal nicht um Aschenbrödel Gemeindeschule, sondern um die Vorschulklassen eines Gymnasiums. Ja, Arbeiter, das ist ganz 'loaS anderesl Interessant ist, datz jetzt von jener Seite die S ch u l- b a r a ck e n als überhaupt mangelhaft bezeichnet werden. Da- mals, als die Schulbaracken in Berlin aufkamen, tvaren sie ein „vortreffliches" Mittel, dem irgendwo auftretenden Bedürfnis nach Gemeindeschulhäusern rasch abzuhelfen. So wurden sie uns wenig- stens geschildert und angepriesen. Jetzt aber, wo auch einmal eine höhere Schule mit Baracken vorlieb nehmen soll, erkennt man diesen Notbehelf sofort als unzulänglich. So ändern sich die Zeiten und die Anschauungen! Den klagenden Schulfreunden wollen wir verraten, wie man der jetzt plötzlich von ihnen entdeckten Schulnot hätte vorbeugen können. Früher verfuhr man anders, wenn höhere Lehranstalten neue Schulhäuser brauchten. Da wurde kurzerhand irgend eine Gemeindeschule ausquartiert, die Gemeinde- schulkinder wurden in eine Mietskaserne hineingesteckt— und in die frei gewordenen Räume des Gemeindeschulhauses zogen die höheren E-chüler ein, um darin zu Hausen, bis ihr eigenes Schulhaus fertig wurde. So sind die meisten der Realschulen an-sänglich in Ge- meindeschulhäusern untergebracht worden. In neuester Zeit hat sich noch ein anderer Ausweg gezeigt. Man hat Gemeindeschulen als „überflüssig" erkannt, hat sie ganz eingehen lassen und ihre Häuser an höhere Schulen Überwiesen, die sie gerade brauchten. Lietz sich dem: nicht auch in Moabit daS eine oder das andere Mittel an- weichen? Die Vorschule des Gymnasiums war schon eine zeitlang in dem Hause der 13. Realschule in Moabit untergebracht, aber der Real- schule konnten die Räume nicht länger entzogen werden, und so mutzte die Vorschule wieder wandern. Nun steht dicht neben den Baracken, die jetzt für die beklagenswerten Vorschüler aufgestellt worden sind, ein stattliches GeineindeschulhauS. Hätte die Schulverwaltung nach altem, lieben Brauch die Gen: ein de schulkinder aus- quartiert und s i e in die Baracken hineingesteckt, den höheren Schülern aber das Gemcindeschulhaus eingeräumt, so läsen wir heute in der bürgerlichen Presse kein Wort der Klage über die Schul- baracken. Die Schulverwaltung hat sehr unvorsichtig gehandelt, die Vor- schüler des Friedrichswerderschen Gymnasiums in Baracken hinein zu nötigen. Aber das kommt davon, wenn man just das Stächst- liegende Übersicht._ Das Fernsprechwesen in Berlin. DaS Reichspostamt versendet folgendes Schreiben: „In der letzten Zeit sind in der Presse mehrfach Klagen über den Fernsprechbetrieb in Berlin laut geworden. Obwohl darin manche Uebertreibungen und Verallgemeinerungen von einzelnen Unregelmätzigkeiten enthalten waren, die in einem so großen Be- triebe nie ganz zu vermeiden sind, so wird doch zugegeben werden müssen, datz ßurzeit im Berliner Fernsprechbetriebe an die Ge- duld der Teilnehmer manchmal erhöhte Anforderungen gestellt werden. D:e Ursache liegt darin, datz sich gegenwärtig die ge- samten Fernsprccheinrichtungen, Leitungen wie Aemter. im Umbau befinden. Vor einigen Jahren ist damit begonnen, das Fern- sprechnetz von Grotz-Berlin zum Doppelleitungsbetrieb auszubauen und zu diesem Zwecke die bis dahin meist oberirdisch geführten Leitungen als Kabel in die Erde zu verlegen. Die Ausrüstung des Leitungsnetzes mit Doppelleitungen bildet die Grundlage für einen den modernen Anforderungen genügenden Fernsprechbetrieb. Die unterirdische Führung gibt Sicherheit vor Störungen. Der Ausbau des unterirdischen Doppelleitungsnetzes ist jetzt bis auf einen kleinen Teil im Nordwesten von Berlin vollendet. Hieran mutz sich die Neuausrüstung sämtlicher Vermittelungs- ämter in Berlin und seinen Vororten mit dem gegenwärtigen Stande der Technik entsprechenden Einrichtungen schließen. Augen- blicklich sind die Arbeiten am weitesten fortgeschritten in den Aemtern 0 in der Lützowstratze, 7 in der Blankenfeldcstratzc und in Charlottcnburg; die Inbetriebnahme dieser Aemter wird im Laufe des Sommers stattfinden. Das Amt 2 in der Turmstratze. in dem die Arbeiten gleichfalls im Gange sind, wird dann bald folgen; für den Umbau der übrigen Aemter haben die Arbeiten begonnen! Mit der Fertigstellung der neuen Amtseinrichtungen wird die Ursache der meisten bisherigen Klagen beseitigt se:n. Der Kurbel- anruf fällt fort, das Amt erhält sein Signal von: Teilnehmer dadurch, datz er seinen Hörer vom Haken nimmt und infolgedessen im Amt eine Glühlampe aufleuchtet. Ueberhaupt treten statt der bisherigen Fallklappen und sonstigen Zeichen in den Vermittelungs- amtern Glühlampen in Tätigkeit, die sich als das wirksamste Signalisierungsmittel in Amerika bewährt haben. Der Teilnehmer hat ferner nur mit der Beamtin des eigenen Amts zu tun. Ueber das eigene Amt hinaus wird künftig der Teilnehmer nicht mehr zu rufen haben; den Anruf, sowohl des gewünschten Teilnehmers wie der anderen Aemter, besorgen die Beamtinnen. Endlich werden automatische Schlusszcichcn eingerichtet, das sind Glühlampen, die aufleuchten, sobald die Teilnehmer ihren Hörer wieder anhängen. Die Beendigung de« Gesprächs ivird also der Beamtin durch ein besondere» Zeichen sichtbar, so datz sie die Ver» Bindung sofort trennen kann, ohne sich in die Leitung einzu» chalten. Die bekannte Kontrollfrage:«Sprechen Sie noch?" Ällt fort. Bis zur Beendigung des Umbaues aller Berliner Aemter werden noch IMi— 2 Jahre vergehen. Während der Ucbergangs- zeit müssen manche Unzuträglichleiten in den Kauf genonunen werden, die teils aus den sortdauernden Arbeiten an den Leitungen Cnb Apparaten, teils durch das zeitweilige Zusammenwirken der neuen Einrichtungen mit älteren Systeme» entstehen. Das ist bei der Ausdehnung und Kompliziertheit der gesamten Anlage nicht zu vermeiden. Die Teilnehmer können aber versichert sein, das; diese Unbequemlichkeit nur einen Durchgang bildet zu dem nicht fernen Zeitpunkt, an dem das ganze Berliner Fernsprechnetz auf einen der modernen Technik völlig entsprechenden Stand mit einheitlichen Betriebseinrichtungen gebracht sein wird." Eine neue, fünfte SKnglingsfürsorgcstclle, die für den Wed ding und Gesundbrunnen bestimmt ist, wird Anfang Mai unter der Leitung des Dr. T u g e n d r e i ch in der Pankstr. 7 eröffnet. Sprechstunde ist täglich von 2—3 Uhr. Der Zutritt steht jeder bedürftigen Mutter mit ihrem Säugling frei. Wo es nötig ist, wird Kindermilch zu ermäßigtem Preise oder unentgeltlich abgegeben; stillende Mütter erhalten Geldprämien. Die jetzt vorliegende amtliche Statistik über den Osterfestvcrkehr der Berliner Stadt- und Borortbahnc» ergibt, daß die von uns bereits mitgeteilten, vorläufigen Zahlen ganz bedeutend übers ch r i t t e n worden sind. Auf den sämllichen Stationen wurden nämlich 2643403 Fahrkarten verkauft, wovon, wie wir schon mitteilten, der größere Anteil durchweg auf den zweiten Feiertag entfiel. Die Stationen der Stadt» und Ringbahn sind an dieser Summe mit mehr als iVa Millionen Fahrkarten beteiligt, so daß auf die Vorortbahnen 1 127 292 Fahrkarten kommen. Den stärksten Verkehr wies naturgemäß die Strecke Potsdamer Bahnhof— W e r d e r auf; hier betrug die Anzahl der an den drei Feiertagen verkauften Fahrkarten 393 218: dann folgen als nächst-frequenteste Strecken: Görlitzer Bahnhof— K ö n i g s w ust er- Hausen(mit 225 901), Schlesischer Bahnhof— Fürstentvalde (mit 143 437) und Stettiner Bahnhof— Oranienburg(mit 132 800 Fahrkarten). Im Borjahre betrug die Gesamtzahl der an den Osterfeiertagcn verkauften Fahrkarten„nur" 1 663 496. Diese bis dahin höchste Frequenzziffer ist diesmal um nicht weniger als 974 912 Fahrkarten überschritten worden. Omniduslinie zum Birchow-Krankcnhause. Die Omnibuslinie zum Virchow-Krankenhause, welche die Allgemeine OmnibuSgesell- schaft auf den Wunsch des Magistrats einrichtet, hat jetzt die Zu- ftimmung des Polizeipräsidenten gefunden. Die Linie nimmt ihren Ansang am Rosenthaler Tor und geht durch die Elsasserstraße zum Oranienburger Tor, von hier durch die Chaussee-, Müller- und Triftstraße bis zum Augnstenburger Platz. Die Länge der Linie beträgt rund 4'/z!Kilomcter. Sie wird mit Pferden betrieben. Die Fahrzeit beträgt 30Mi»nten. Als Teilstrecken zu 5)Pf. sind in Aussicht genommen Rosenthaler Tor— Licsenstraße.OranienbnrgerTor— Bahnhof Wedding, Chaussee- und Jnvalidenstraßenecke— Müllerstraße, Ecke Gerichtstraße, sowie endlich Chansseestraße, Ecke Liesenstraße— Augnstenburger Platz. Die Wagen Verkehren in Abständen von ungefähr 6 Minuten. Werk- tag? beginnt der Betrieb am Rosenthaler Thor 6,15, am Augusten- burger Platz 6,33. Der letzte Wagen geht vom Rosenthaler Tor 9,21, vom Krankenhaus 9,59. Sonntags beginnt der Betrieb am Rosenthaler Tor 7,00, am Augustenburger Platz 7,33. Der letzte Wagen geht dann vom Rosenthaler Tor 10,00, vom Augustenburger Platz 10,44. Die Signalfarbe der Linie ist grün mit gelbem Strich. llnvorsichtigcs Umgehen mit Schußwaffen hat wieder zwei schwere Unglücksfälle herbeigeführt. Der 37 jährige Arbeiter Gustav Gollin, 5kyffhäuserstr. 11 wohnhaft, hatte nach Feierabend auf einem Neu- bau in der Niedstraße seinen Freund besucht. Der letztere hantierte mit einem Tesching, das er bei sich führte, herum, die Waffe entlud sich hierbei und die Kngel drang dem G. tief in die linke Schulter. Alis der Sanitätsivache in der Rheinstraße erhielt der Schwerverletzte die ersten Notverbände. Gestern schoß sich der sechzehnjährige Arbeiter Karl Hoppe in der Werkstatt von Hellermann u. Schmidt, Reinickendorferstr. 56 beim unvorsichtigen Hantieren mit dem Tesching in die Brust und verletzte sich schwer. Die erste Hülfe wurde ihm auf der Unfall- station in der Lindowerstraße zuteil. Der Wasserfall im Biktoriapark konnte gestern nach erfolgter Reparatur der Maschinen mit dem belebenden Elemente gespeist werden. Von heute an wird das Wasser bis zum Herbst rauschen. Wege» DoppelmordeS wurde dieser Tage in Berlin ein Leder- arbeiter Max Dittrich verhaftet und nach Dresden übergeführt, wo er eingestand, zwei Morde begangen zu haben. Nach weiteren Meldungen aus Dresden soll Dittrich noch sechs andere Morde ein- gestanden haben. Zunächst soll er den entsetzlichen Mord an der Frau des Schiffers Ferdinand Grasnick verübt haben. Die Frau wurde bekanntlich am 25. März 1900 unweit der von Schmöckwitz nach Zeuthen führenden Landstraße mit bis auf die Wirbel durch- schnittenem Halse tot aufgefunden. Wegen dieser Mordtat kam, wie erinnerlich, der Schlächtergeselle Teichmann in Verdacht. Ein zweites. ganz ähnliches Verbrechen wurde im Herbst 1905 ebenfalls bei Zeuthen an der Frau eines Gärtners vollbracht. Die näheren Um- stände beider Taten waren einander so ähnlich, daß auch hier Teichmann wieder in Verdacht geriet. Aber auch diese Tat wird Dittrich zugeschrieben. Auch noch vier andere in den Jahren 1891 bis 1900 in Oesterreich verübten Morde soll er auf fein Konto ge- setzt haben. Es handelt sich anscheinend um die Taten eines Irr- sinnigen. Dittrich wurde vor einiger Zeit in Berlin unter dem Ver- dacht, einen Einbruchsdiebstahl verübt zu haben, verhaftet. Er spielt den wilden Mann und lvar früher schon einmal in Herzberge interniert, er entwich aber aus der Anstalt. Unter dem Verdacht des Einbruchs wurde er wieder in einer Kaschemme sistiert und aber- mals nach Herzberge gebracht. Die Dresdener Polizei fahndete auf ihn, weil er zunächst eines Doppelmordes verdächtig war. Als sie von seiner Festnahme erfuhr, suchte sie bei der Berliner Kriminal- Polizei um die Erlaubnis nach, den Verbrecher nach Dresden über- führen zu dürfen, die auch sofort erteilt wurde. Bo» einem Omnibus überfahre» und getötet wurde am Dienstag- nachmittag in der Potsdamerstratze eine ältere Dame, als sie den Straßendamm passieren Ivollte. Ein Augenzeuge dieses Unglücks schreibt über die Häufigkeit dieser Unglücksfälle:„In London stehen in belebteren Stadtteilen, namentlich in der Gegend der Bank, in sehr kurzer Eirtfernung je zwei stämmige Konstabler mitten aufderStraße, um den Fahrverkehr zu regeln und die Passanten ungefährdet über den Fahrdamm passieren zu lassen. Die Fuhrwerke werden alle zwei Minuten angehalten und dürfen nicht weiter- fahren, bis einige Passanten, die sich angesammelt haben. ungesährdet den Fahrdamm überschritten haben. Die Schutz- lcnte, die hier der Ordnung halber auf der Straße sind, stehen meist auf dem Bürgersteig und schreiben auf, wenn ein Un- glück geschehen ist. Daß wir genügend Schutzleute haben, sah man am Vormittage in der Gegend der Börse. Dort waren vielleicht 50—60 Schutzleute postiert, weil eine Versammlung im Feenpalast stattfinden und dem Vernehmen nach dort Bebel sprechen sollte. Die Straßen waren teilweise abgesperrt. Noch hat eine Rede Bebels oder anderer Sozialdemokraten Leuten, die ein reines Gewissen haben, keinen Schaden zugefügt. Jedenfalls würden die Schutzleute zum Schutz der Bürger gegen Uebersahren auf der Straße verwendet viel richtiger sein als zur Beaussichtignng der Sozialdemokraten. In der Mctallarbeitervcrsammliing am 1. Mai im Palast-Theater wurde eine silberne Remontoiruhr mit Kette gefunden. Abzuholen bei Paul Stolle, Grwiauerstr. 36, Hof IV. Vorort- I�admcKten. Charlottenburg. Die Stadtverordneten-Versammlung erledigte gestern tn kaum halbstündiger Sitzung 12 Punkte von meist unwesentlicher Bc- deutung. Der Ausschuß, welchem die Vorlage betreffs Erweiterung des städtischen Elektrizitätswerkes im Jahre 1907, welche eine Million kosten wird, überwiesen war, empfahl ihre Annahme nach den Vorschlägen des Magistrats, d. h. wiederum mit der Auf- stellung einer großen Dampfmaschine, nicht einer Dampfturbine. Demgemäß wurde auch beschlossen. Die Vorlage betreffs Neubau der Röntgenbrücke wurde von dem Berichterstatter warm empfohlen, die Brücke würde in ihrer Wirkung außerordentlich leicht und gc- fällig sein. In Ansehung der Höhe der veranschlagten Kosten von über 600 000 M. empfahl er jedoch die Vorberatung in einem Aus- schusse. So wurde auch beschlossen. Von der sozialdemokratischen Fraktion gehören dem Ausschusse die Stadtverordneten Bartsch und Klick an. Gleich anderen Lügenblättern tischt die Charlottenburger„Neue Zeit" ihren, Leserkreise auf, daß von einer Maifeier nicht viel zu merken gewesen sei.„Allerdings", schreibt das Blatt,„sah man in den Morgenstunden einige„Zielbewußte", die ostentativ die rote Nelke im Knopfloch trugen". „Mittags fand eine stark besuchte Versammlung im Volkshanse statt, in der ein Vortrag über:„Die Bedeutung des 1. Mai und das Wahlrecht der Arbeiter" gehalten wurde." Schon diese Mitteilung mag genügen, um die„tendenziöse" Berichterstattung genannten Blattes zu kennzeichnen. Daß sich die „Neue Zeit" ohne jedwede Berichterstattung ein Urteil über den Verlauf der Charlottenburger Maifeier zu fällen erlaubt, beweist schon, daß sie aus vier überfüllten Versammlungen nur eine macht. Indes verstehen wir eS, wenn sich die„Neue Zeit" einer so „gewissenhaften" Berichterstattung befleißigt. Um ihre Existenz zu behaupten, streut sie, gleich anderen Lügenblättern, ihren Lesern Sand in die Augen. Schöneberg. Einen schweren Unfall erlitt gestern vormittag'/Jl Uhr der auf dem Holz- und Kohlenplatz von Mirsch u. Sohn, Dorkstr. 35, be- schäftigte Holzarbeiter Adolf Rathenow. Derselbe geriet beim Holz- schneiden mit der rechten Hand so unglücklich in die Kreissäge, daß ihm dieselbe oberhalb der Knöchel mit Daumem abgeschnitten wurde. R. fiel sofort in Ohnmacht und wurde nach der Unfallstation in der Herbertstraße gebracht. Schon vor einigen Monaten ist er in dem- selben Bettieb verunglückr, weshalb er nur noch teilweise arbeits- sähig war. Die Schöneberger Orts-Krankenkasse kann mit dem Beginn des neuen Geschäftsjahres auf eine erfreuliche EntWickelung zurück- blicken. Die Mitglicdcrzahl ist seit Ultimo 1904 bis zum gleichen Zeitpunkt 1905 um etwa 3000 gestiegen und dürfte jetzt bereits 20 000 erreicht haben. Während die Gesamtzahl an Krankheits- tagen der weiblichen Mitglieder von 1902— 1905 um etwa 50 Proz.(von 33 705 auf 67 267) gestiegen ist, betrug diejenige der männlichen Mitglieder nur etwa 20 Proz.(von 95 113 auf 115 330). An Krankengeldern wurden für daö abgelaufene Jahr an Mitglieder 222 003 M. und an Angehörige 7099 M. gezahlt. Gestiegen sind auch die Aufwendungen für ärztliche Behandlung, Arznei und sonstige Heilmittel. Erstere erforderte 61556 M. H- 14 000 M.). letztere 67 778 M.(+ 11000 M.). An Kur- und Verpflcgungskosten in Heilanstalten wurden allein 93 224 M. ver- ausgabt, während die persönlichen und sächlichen Vcrwaltungs- kosten 66 000 M. erforderten. Dem Reservefonds konnte gegenüber dem Vorjahre ein bedeutend höherer Betrag überwiesen werden, und zwar 101 506 M., gegen 36 000 M. im Jahre 1904. Die mit der im vorigen Jahre ins Leben gerufenen Versicherung der Haus- industriellen, sogenannten Heimarbeiter, verbundene Ausdehnung der Kasse hat sich als eine segensreiche Einrichtung erwiesen, wenn auch das Interesse hierfür bei verschiedenen großen Firmen, be- sonders Berliner, noch zu wünschen übrig läßt. Es hat sich näm- lich herausgestellt, daß, da diese Einrichtung außer in Schöneberg nur in Berlin, dagegen in keinem einzigen anderen Vororte besteht, eine Anzahl Arbeitgeber ihre hier wohnenden Heimarbeiter, u m di e Beiträge zu sparen, entlassen habend Man sieht, wie weit das Verständnis der Unternehmerkreise geht, trotzdem die Bei- träge, nicht wie in Berlin, abgeholt werden. Einen wesentlichen Anteil hat die Kasse auch an dem weiteren Ausbau der Wald- erholungsstätte Eichkamp genommen, indem dieselbe ihren dort untergebrachten kranken Mitgliedern neben Vergütung des wöchentlichen Fahrgeldes auch Mittagbrot und Milch neben dem Krankengeld gewährt. Mit der Wiedereröffnung der Er- holungsstätte am 1. Mai ist auch für den nächtlichen Aufenthalt mehrerer Kranker gesorgt. Im vorigen Jahre allein waren von sämtlichen Besuchern 80 Proz. Lungenkranker zu verzeichnen. Mit dem 1. April d. I. hat die Krankenkasse ihr eigenes Heim in der Grunewaldstraße 42 bezogen; es dürfte dies wohl die einzige in der weitesten Umgebung sein, die mit dem Bau eines eigenen Geschäftshauses vorgegangen ist. Dasselbe hat etwa 380 000 M. Kosten verursacht und dürfte die Kasse allem Anschein nach neben der Bequemlichkeit für die Mitglieder gut dabei zurechtkommen. Zum Bau hat bekanntlich die Landesvcrsicherung etwa drei Viertel des Anteils beigetragen. Rixdorf. In der Maivcrsammlung bei HeickauS wurde ein Porte- monnaie mit Inhalt gefunden. Als verloren wurde eine weiße Pikeekinderjacke gemeldet. Abzuholen eventuell abzuliefern abends von 7— 8 Uhr bei A. H e n d r i s ch k e, Thomasstraße 16, vorn 4 Tr. Die Verhaftung cineS GeistcrbeschwörerS wird aus Rixdorf gemeldet. Es handelt sich um folgende Geschichte: In einer be- güterten und angesehenen Familie in Rixdorf sind zwei schöne und junge Töchter, Klara, die ältere, Monika, die jüngere, mit Namen. Klara war zu Besserem geboren und wurde daher in englischen und französischen Ursulinerstiften erzogen. Als das Mädchen heim- kam, lagen die Früchte der Erziehung bereits klar zutage. Der Körper des Mädchens war schlecht ernährt und leidend, und was das schlimmere war, der Geist der armen Klara hatte argen Schaden gelitten. Die unglücklichen Eltern beriefen nun einen tüchtigen Arzt. der an dem Kinde gut machen sollte, was offenbar die Schwestern verdorben hatten. Die Behandlung durch den Arzt währte aber nur ganz kurze Zeit. Eines Tages wurde der Arzt plötzlich mit Tank verabschiedet. Das war so gekommen: Bei den Eltern der Kranken war ein feiner Herr namens Jgnaz Kaminski, wohnhaft in der Walterstraße 28 zu Rixdorf, erschienen und hatte den Eltern erklärt, die Behandlung durch den Arzt tauge nichts, man müsse hier ganz andere Mittel gebrauchen, um die Kranke zu heilen. Solche Mittel ständen ihm zu Gebote, denn er sei Geisterbeschwörer und habe gute Verbindungen mit der Gcisterwelt. Die Kranke sei von Dämonen besessen, die man durch übernatürliche Kräfte aus deren Leibe vertreiben müsse. Und nun geschah das Unglaubliche: die Eltern übergaben die Tochter dem „Geisterbeschwörer" zur Kur. Täglich kam Herr Kaminski abends in die Wohnung zu Klara, und sie mußte stundenlang allein mit ihm in einem völlig dunklen Zimmer verweilen.„Denn mit diesen Geistern," sagte Herr Kaminski,„läßt sich nur im Finstern streiten". Jedesmal brachte Herr K. auch einen Offiziersdcgen mit ins Zimmer„zur besseren Bekämpfung der unholden Dämonen". Beileibe durfte niemand sonst aus der Familie in das Zimmer kommen, in dem der Geisterbeschwörer selber mit der jungen Patientin weilte. Die wunderbare Kur schien der Kranken gut anzuschlagen, wenigstens waren die Eltern mit der geistigen und körperlichen Verfassung der Tochter zufrieden. Nur Monika, die junge Schwester der Kranken, hegte Zweifel an der Heilmethode. Sie übertrat das Gebot des Hciltünstlers und brach in das dunkle Zimmer ein. Sie stieß plötzlich die Tür der Stube auf. in der Herr Kaminski sein Heilungswerk an der armen Klara verrichtete, und-- genug, Herr Kaminski wurde gestern verhaftet. Die Situation, in der er überrascht wurde, war nicht derart, daß da noch die Rede von Geisterbeschwörungen sein konnte. Der Verhaftete gibt zu, in einer sehr vcrfängNchen Situation überrascht worden zu sein, doch habe er nur prüfen wollen, ob die Kranke ihn liebe, was zur Erzielung eines Heilerfolges unbedingt notwendig wäre. Bei früheren Kuren durch Beschwören und Ge- sundbcten habe er derartige Mittel allerdings nicht angewandt. Im übrigen beschäftige er sich schon seit neun Jahren mit der Krankenheilung nach seiner Methode und er sei von dem Wert derselben völlig überzeugt. Früher habe er die bösen Geister m i t einem alten Offizüerssäbel mit Erfolg bekämpft. Ein solcher wurde in der Tat in der Wohnung des K. vorgefunden. Da begreiflicherweise die Befürchtung nahelag, daß K. selbst geisteskrank sei, wurde er gestern durch den Kreisarzt daraufhin untersucht, jedoch für völlig gesund befunden. Der Heilkünstler protestiert selbst entschieden dagegen, daß an seiner Zurechnung»- fähigkeit gezweifelt werde. Auf den Ausgang der Untersuchung, die sich auch auf die übrige bisherige Wirksamkeit des„Geister- beschwörers" erstrecken dürfte, darf man mit Recht gespannt sein. Es ist kaum glaublich, wie lveit in unserem„aufgeklärten" Jahrhundert Aberglaube und Leichtgläubigkeit noch verbreitet sind. Wilmersdorf. In der lebten Gcmcindcvertreter-Sitzung wurden zunächst die stattgehabten Wahlen für gülttg erklärt und die neu und wieder- gewählten Vertreter im Amt eingeführt. Die Erhebung der Hunde- steuer von jährlich 30 M.hat die Genehmigung der Anssichtsbehörden er- halten. Zur Anlage eines Spielplatzes an der Mecklenburgischen- straße für höhere Schulen wurden 3000 M. belvilligt. Auf dem Platz wird eine Halle sowie Sitzgelegenheiten errichtet und mit Sträuchern abgegrenzt. Die Beschaffung eines Flügels an der Cecilienschule er- fordert die Mittel von 1232,50 M. Es werden ferner zum Oktober dieses Jahres vier neue Lehrer- und eine Lehrerinstelle an den Gc- meindcschulen notwendig. Für die Errichtung einer Zeichen- klaffe an der Fortbildungsschule wurden 183 Mark eingesetzt. Nach einer längeren Debatte wurde die Durchführung der Hol- steinschenstraße nach der Berlinerstraße abgelehnt, da die Anlieger für die Ouadratrute 2000 M. verlangen. Für den Neubau der VI. Gemeindeschnle in der Pfalzburgerstraße wurden 660 000 M. bewilligt. Die Auswahl der in diesem Jahre zu regulierenden Straßen führte zu einer lang ausgedehnten Debatte. Für die Asphaltierung und Umpflasterung wurden 416 700 M. bewilligt. Gemeindeverordneter Haberland verlangte in namentlicher Ab- stimmung die Bewilligung von 85 000 M. zur Regulierung eines Teiles des Kurfürsten-.Dammes. Die Aspaltierung der Meierottostraße wurde in namentlicher Abstimmung abgelehnt. Bezüglich der Errichtung eines Amtsgerichtes in Wilmersdorf ist der Gemeindevorstand bei dem Justizminister vorstellig geworden. Be- gründet wird die Errichtung mit der bereits abnorm hohen Ein- ioohnerzahl sowie der rapiden Zunahme, die Wilinersdorf zu verzeichnen hat. Jedenfalls wird bei der neuen Abgrenzung der Amtsgerichte ein Teil Wilmersdorfs zu Schöneberg, der andere Teil zu Charlotten- bürg gerechnet werden. Lichtenberg. Wenn es noch eines Beweises dafür bedurfte, nach welchen Maximen im hiesigen Dorfparlament regiert wird, die Lichtenberger Dorf-„Volksztg." lieferte ihn an Hand eines Berichtes über ein Referat, das der Spiritus rsotor der Politik der Macht in einer Lichtenberger Bürgervereinsversammlung verplonzte. Er Hub an zu reden gegen den„Vorwärts". Es sei nicht wahr, daß, wie dieser behauptet, der Dorsetat in oberflächlicher Weise erledigt worden sei. In vier Sitzungen sei der ganze Stoff be- raten worden, zwischendurch habe man auch noch— private Besprechungen gepflogen I— Ja, da steckt der Hase im Pfeffer! Der Mann der Rede vergaß nur mitzuteilen, daß die Dorfplonzen in ihren privaten Besprechungen die offiziellen Kommissionsbeschlüsse wieder über den Haufen warfen. Daß man da das Bedürsiris hatte, im Plenum der Etatsberatung schnell das Genick umzudrehen, ist nur zu verständlich, solcher Skandal scheut natürlich das Tageslicht. Unsere Genossen hätten in der aller- gröblichsten Weise ihre Pflicht verletzt, wenn sie nicht, der Macht weichend, gegen solche Art der Mandatsausübung durch demonstratives Verlassen der Sitzung votiert hätten. Das Ver- halten der bürgerlichen Vertreter ist aber auch kenn- zeichnend für rhr— Wohlwollen den Arbeitern und Beamten gegenüber. Die Herrschaften kümmern sich den Teufel um die in den Koinmissionsberatungen gestellten Anträge, wenn die nicht in ihren Kram paffen: Wir beschließen, wie wir wollen, denn wir haben die Macht I DaS ist der bürgerlichen Plonzen Argument. Aber im Plenum muß man doch Rede und Antwort stehen, der Oeffentlichkeit gegenüber den Schein wahren, da kann man Anträge sozialer Natur nicht so einfach mit dem Argument: sio volo, sio jubeo! abtun, darum vergewaltigt man lieber diejenigen, von deren Seite unbequeine Anträge zu erwarten, und dann ulkt man die Wähler noch an, indem man ihnen erzählt, sogar in privaten Besprechungen sei ihr Wohl beraten worden. Und die Spießer freuen sich, klatschen Beifall, rufen„Bravo I", sehen tief hinein in— das Dorfgetriebe und freuen sich der braven Ver- treter. Im vorigen Jahre war's anders! Da wollten die Plonzen ohne Kommissionsberatung den Etat abwürgen. Unsere Genossen wehrten sich gagegen und die lieben Pfahlbürger entrüsteten sich, daß die Sozialdemokraten den Etat hinter verschlossenen Türen beraten wollten. Jetzt schlägt man Freudenpurzelbäunie über die— privaten Besprechungen. Und die„Volksztg.". die damals über die bösen Sozialdemokraten sich entrüstete, ist nun enthusiasmiert.— wie gewünscht wird. Dabei freut sich das Blättchen wie ein Aeffchen, das durch seine Afferei und Springerei etwas Aufmerksamkeit erregt hat. Uebrigens konnte der Bürgcrvereinsredner seine Herzens- triebe nicht ganz verbergen. Er meinte, heute brauche man auf die Beamten nicht mehr viel Rücksicht zu nehmen, denn die Bürgerlichen stellten in der 3. Abteilung Kandidaten nicht mehr auf, und für die Sozialdemokratie dürfe kein Lehrer oder Beamter bei der öffentlichen Wahl zu stimmen sich erlauben. Das ist deutlich! Also den Beamten schreiben die Stadt- plonzen eine Meinung vor, dafür wurde ihnen aber auch gesagt, sie hätten kein Recht, auf die schlechtere Besoldung in Lichtenberg gegen- über anderen Gemeinden hinzuweisen, denn die Qualität der Beamten sei auch verschieden!— Den Beamten darf man öffentlich so etwas sagen— sie müssen ja kusch sein, aber auf die Arbeiter, soweit sie noch den Bürgerlichen nachlaufen, nimmt man etwaö Rück- ficht und macht die Opposition mundtot. Pankow. Recht merkwürdige Zustände herrschen zurzeit in der Gc- mcinde Pankow. In kurzer Zeit haben zwei unbesoldete Schöffen aus„Gesundheitsrücksichten" ihre seit langen Jahren innegehabten Aemter niedergelegt, ein dritter geht mit der Absicht um, ebenfalls zu demissionieren. Tie seit Monaten in Aussicht genommene An- stellung eines besoldeten Schöffen wird durch den Gemeinde- Vorsteher und seinen Anhang künstlich hinausgeschoben. Der Grund für alle diese Vorkommnisse ist durch eine Cliquenwirtschaft schlimmster Art hervorgerufen. Zur Charakterisierung dieser Zu- stände wollen wir bis auf weiteres nur ein paar Vorkommnisse an dieser Stelle veröffentlichen. Die Entwässerung ist schon seit Beginn des Rieselversahrens ein Schmerzenskind der Gemeinde. Erinnerlich ist noch die Betrugsaffäre bei der Druckrohrlcgung nach Mühlenbeck, auch jetzt ist wieder bei der Drainage der Riesel- selber die Anlage in ganz unsachgemäßer Weise ausgeführt worden; sämtliche Drainröhren sind versandet, sie müssen deshalb auS- gegraben und neu gelegt werden, was der Gemeinde 60 000 M. kostet. Der Dezernent der Kanalisationskommission, Gemeinde- Vertreter erster Klasse Rentier Conrad, welcher nicht die geringste Kenntnis einer derartigen Anlage hat. wurde von sachverständiger Seite auf die verkehrte Anlage aufmerksam gemacht. Vergebens i Die Gemeinde kann nunmehr die Unfähigkeit dieses Herrn mit obengenannter Summe bezahlen. DcL weiteren will die Gemeinde ein neues Wasserwerk er- richten: in Aussicht genommen sind Terrains am Tegeler See in der Nähe der Berliner Wasserwerke. Nach Abholzung des Forst- tcrrains, dem lange Verhandlungen mit dem Forstfiskus und der Regierung vorausgingen und nachdem, ohne den Grundcrwerb, 6000— 7000 M. verpulvert sind, stellt sich heraus, daß das Berliner Wasserwerk durch seine Lage dem zukünftigen Pankower Werk das Wasser ableitet. Resultat: Unnütze Geldausgaben, weil auch hier der Dezernent kein Fachmann ist. In dieser Weise wird hier nun schon seit Jahren gewurstelt, obwohl unsere Genossen und auch einzelne bürgerliche Vertreter dagegen ankämpfen. Diese Zu- stände, die wir noch vervollständigen könnten, haben ihre Ursache darin, daß der Amtsvorstand nicht selbständig genug vorgeht. Diese Unselbständigkeit hat dazu geführt, daß der Gemeindevertreter königl. Hofmaurermeister Hackrath unbeanstandet Bauten auf- führen konnte, welche der Bauordnung zuwiderlaufen. Auf An- ordnung des Landrats des Nicderbarnimer Kreises muß ein Wohn- haus, welches um 4 Meter zu hoch gebaut ist, abgetragen werden; desgleichen ist die Rohbauabnahme-Bescheinigung vom Amtsvorstand früher bescheinigt worden, als die Abnahme durch den Rcgierungs- baumeister erfolgt ist. Diese Vorkommnisse sind selbst den Bürger- liehen zu stark. Hackrath, welcher in der 2. Abteilung aufgestellt und gewählt worden ist, wird nicht wieder bei den am 2. Mai stattfindenden nochmaligen Wahlen aufgestellt. Statt dessen ist nunmehr Hackrath in der ersten Abteilung aufgestellt worden, in welcher er zweifellos gewählt wird. Der Bürgermeister Gott- schalt, welcher durch die Forensenstimmen den Ausschlag gibt, wird dafür sorgen, daß diese Stimmen zu dessen Gunsten in die Wag- schale geworfen werden. Bernau. Im Schlaf in einen See gefahren und ertrunken ist der Arbeiter S ch a r l a u aus Lanke bei Bernau, welcher mit einem zwei- spännigen Ochsenwagen nach Bernau fuhr. Sch. war vermutlich auf seinem Wagen eingeschlafen und ließ die Tiere zügellos gehen. Am Obersee gingen die Ochsen vom Wege ab, gerieten auf die See- böschung und vermochten hier den Wagen zweifellos nicht mehr zu halten, der, die Tiere vor sich hcrschiebend, in das Wasser rollte. Das Gefährt verschwand in den Fluten und nur die obere Kante des Hinteren Wagengestells ragte aus den Wellen hervor. Passanten entdeckten das Fuhrwerk und vermochten dasselbe nur mit großer Mühe ans Ufer zu bringen. Scharlau wurde auf dem Wagen tot aufgefunden. Auch die Kadaver der beiden Ochsen wurden gelandet. Potsdam. Durch eine abirrende Gewehrkugel wurde in Bornim bei Potsdam der Postverwalter Döring nicht unerheblich verwundet. Der Beamte stand auf der Dorfstraße im Gespräch mit einem Bekannten, und zwar in der Nähe des Katharinenholzes, in dem sich die Schießstände des 1. Garde-Negiments zu Fuß befinden. Plötzlich empfand er einen stechenden Schmerz im Oberschenkel und fühlte Blut rieseln, worauf er laut aufschrie:„Ich bin angeschossen!" Ein herbei- gerufener Arzt stellte fest, daß Döring von einer Gewehrkugel ge- troffen war, die in den, dicken Fleffch des Oberschenkels fitzen ge- blieben war. Sie hatte nur noch wenig Durchschlagskrast, weil sie anscheinend an einer Hauswand abgeprallt war. Der Verwundete mußte das St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam aufsuchen, wo mittels Röntgenstrahlen der Sitz der Gewehrkugel festgestellt wurde. Diese wird auf operativem Wege aus dem Oberschenkel entfernt werden. Gerichts-Zeitung. Geschmierte Kriminalbeamte. Kürzlich wurde gegen Uhlig und Genossen vor der hiesigen Strafkammer wegen Bcwucherung, Bcschwindelung usw. sogenannter Kavaliere verhandelt. Gestern beschäftigte sich die 9. Strafkammer des Landgerichts mit einem Nachspiel zu dem Prozeß. Vor dieser hatte sich der Kriminalschutzmanu Otto Seifert zu verant- loorten, der beschuldigt wurde, in den Jahren 1993 und 1994 als Beamter der Kriminalpolizei für Handlungen, die eine Verletzung seiner Amtspflichten enthielten, Geschenke und andere Vorteile an- genommen zu haben. Gegen den jetzt in der Irrenanstalt Herzberge sitzenden Uhlig und seinen kürzlich verurteilten Komplicen Schneidlcr war seinerzeit eine große Anzahl Anzeigen wegen Wuchers, Be- truges und Untreue erstattet worden. Es wird nun behauptet, daß Uhlig über alle Maßnahmen der Behörden und alle wichtigen Er- cignisse durch einen Beamten der Kriminalpolizei fortgesetzt auf dem Laufenden erhalten worden und daß Seifert dieser Beamte gewesen sei. Seifert arbeitete zwar nicht in dem Zimmer, in welchem die Sache Uhlig bearbeitet wurde, sondern nebenan; es wird aber behauptet, daß er bei seiner Kenntnis der Registerführung .und der Bureaucinrichtungen reichlich Gelegenheit hatte, außer- halb der Geschäftsstundcn sich die Akten zu verschaffen und sie ein- zusehen. Seifert war mit Uhlig genau bekannt. Er lernte ihn vor etwa 4 Jahren in Schmargendorf kennen, als er dort angestellt war, während Uhlig in einem dortigen Lokal als Klavierspieler sich sein Brot verdiente. Die Anklage behauptet, daß jedesmal, wenn Uhlig eine Vorladung erhielt oder der Information bedurfte, der Kriminalschutzmann Seifert sofort von ihm auf sein Bureau zitiert oder in besonders dringenden Fällen im Bureau des Polizei- Präsidiums aufgesucht worden sei und alle gewünschten Auskünfte herbeigeschafft habe, so daß Uhlig niemals durch irgend etwas über- rascht werden konnte. Als Uhlig im Sommer 4994 verhaftet wurde, packte dessen Komplice Schneidler alle kompromittierenden Schrift- stücke, die sich im Bureau des Uhlig befanden, zusammen und warf das ganze Bündel von dem an der Weidendammer Brücke gelegenen Bureau aus in die Spree, um es vor der Polizei zu ver- bergen. Das Bündel wurde einige Tage später, als Uhlig bereits wieder entlassen war, aus der Spree aufgefischt. Uhlig soll nun sofort von Seifert von dem bedenklichen Funde benachrichtigt worden sein. Jedenfalls ist Uhlig. der einem bei ihm wohnenden Dr. Bertcau gesagt haben soll, daß er die Kenntnis von diesem Funde von Seifert habe, in auffallender Schnelligkeit auf dem Polizei- Präsidium erschienen und zeigte dort an, daß ihm die Papiere „gestohlen" worden seien und er sie zurück verlange. Für seine Liebesdienste soll der Angeklagte Seifert vielfach mit Bier, Kognak, Zigarren traktiert worden sein, bar Geld erhalten und auch die Bier- und Weinrcisen mitgemacht haben, die der üppig lebende Uhlig mit Hülfe des seinen Opfern abgeschwindelten Geldes veranstaltete. Diesen Behauptungen der Anklage gegenüber bestreitet der Angeklagte jede Schuld. Als Zeugen wurden der Kriminalkommissar Krüger, ferner der kürzlich abgeurteilte Schneidler und der Buchhalter Leidenfrost vernommen. Ersterer bekundet, daß eines Montags morgens von einem Schiffer ein Paket Dokumente aus der Spree aufgefischt und zum Polizeipräsidium geschafft worden war. Wenige Stunden später erschien der anscheinend sehr gut informierte Uhlig und ver- langte die Herausgabe der Schriftstücke. Der Zeuge habe sofort den Verdacht gehabt, daß die schnelle Kenntnis des U. von dem Funde nur von einer Indiskretion irgend eines Beamten herrühren könne. Der Zeuge Schneidler bekundete, daß Seifert häufig in dem Bureau gewesen sei und mit Uhlig verhandelt habe, auch bei den Kneipereien sei S. dabei gewesen. Ob S. Bargeld für seine Mitteilungen erhalten habe, wisse er nicht; Durchstechereien, auch mit anderen Beamten, wären auf jeden Fall vorgekommen. Derselben Ansicht ist auch der Zeuge Leidenfrost. Der Verteidiger stellte den Antrag, den Uhlig, der sich zurzeit in einer Irrenanstalt befindet, als Zeugen darüber zu vernehmen, daß Seifert nicht derjenige sei, von dem er die Mitteilungen erhalten hatte, Seifert auch keine Bc- zahlung erhalten habe und ferner, daß mehrere andere Kriminal- beamte mit U. in Verbindung gestanden haben.— Der Angeklagte selbst gab zu, von U. das eine Mal 29 M. und ein zweites Mal 59 M. erhalten zu haben; dies wäre jedoch nur darlehensweise geschehen. Der Staatsanwalt beantragte mit Rücksicht auf die Schwere des Vergehen» 1 Jahr Gefängnis, 3 Jahre Ehrverlust und Aberkennung der Fähigkeit zur Bekleidung eines öffentlichen Amtes auf die Dauer von 5 Jahren. Das Gericht hielt ein Ver- gehen im Amte für nachgewiesen und erkannte in Anbetracht, daß der Angeklagte als Beamter dem Gesetz in schlimmster Weise in den Rücken gefallen sei, auf 6 Monate Gefängnis sowie 3 Jahre Ehrverlust._ Ablehnung der Zumutung, ohne Borbereitung zu verteidigen. Einen eigenartigen Verlauf nahm eine Verhandlung, die gestern unter Vorsitz des Landgerichtsdireklors Herold vor dem Schwur- gericht am Landgericht II stattfand. Wegen Straßenraubes, Diebstahls und Hehlerei waren die Gebrüder Valentin, Wladislaus, Vincent, Constanti» und Stanislaus Mazurkiewicz»nd ein Johann Trzezinski angeklagt. Die sechs Angeklagten wurden beschuldigt, in systematischer Weise Beraubungen von polnischen Arbeitern verübt zu haben, denen sie sich als Landsleute vorstellten. Die Arbeiter, die das erstemal nach Berlin gekommen waren, wurden auf dem Bahnhofe Charlottenburg von den Angeschuldigten in Empfang genommen und in ihrer Muttersprache angeredet. Höchst erfreut einen Landsmann zu treffen, vertrauten sich die ausersehenen Opfer der Führung der Angeklagten an. Der Empfang wurde natürlich auch ordentlich„begossen". Hierbei sollen die Angeklagten ihren arglosen Opfern Opium in das Bier geschüttet und sie dann bestohlen haben. Zur Anklage standen folgende Fälle. Im September vorigen Jahres sprach Valentin M. auf dem Bahnhof Charlottenburg den Arbeiter Ucycki-an und ver- anlaßte ihn, mit in ein Lokal zu kommen. Hier mußte ihm der An- geklagte wohl ein Betäubungsmittel in das Bier getan haben, denn als U. aufwachte, war sein„Landsmann" verschwunden und mit ihm sein wohlgefülltes Portemonnaie und zwei Taschenuhren. Achulich erging eS einem Arbeiter Stcmpin, der am Morgen nach einem tod- ähnlichen Schlaf in dem Hausflur des Hauses Wallstr. 16 erwachte, nachdem er von dem Angeklagten um Portemonnaie und Uhr beraubt worden war. Wenn die Betäubungsmittel nicht genügend wirkten, scheuten die Angeklagten auch vor einem Raube nicht zurück. Schlimme Erfahrungen init seinen liebenswürdigen Landsleuten mußte deshalb der Arbeiter Rimarzick, der von Valentin M. anf dein Bahnhof angesprochen worden war, machen. In dem Abortraum eines Lokales, in welches sich R., nachdem ihm nach dein Genuß des Bieres unwohl geworden war, begeben hatte, fiel sein Begleiter über ihn her und entriß ihm die Uhr und das Portemonnaie. Der Dachdecker Steffenhagen wlirde auf der Straße von Wladislaus und Vinzent M. mit einem Schlagring znBoden geschlagen und beraubt. Die Übrigen Fälle der Anklage lagen fast gleichartig.— Die Ver- Handlung scheiterte jedoch an einer ivohl noch mcht dagewesenen Zumutung an die als Offizialverteidiger bestellten Rechtsanwälte v. Palmowski, Leo Kempner, Hahn und Bahn. Die Verteidigung sollte anfänglich der Rechtsanwalt Lcvin führen, dessen Ladung mit dem sonderbaren Vermerk„unbekannten Aufenthalts" zurück- kam, obwohl dieser täglich an Gerichtsstelle tätig ist. An seiner Stelle wurde Rechtsanwalt v. Palmowski zum Offizialverteidiger des Hauptangeklagten ernannt, und zwar erst am Freitag voriger Woche. Dieser erklärte vor Gericht in Gemeinschaft mit den übrigen Anwälten, daß es gegen die Pflichten eineLAnw altesverstoße, ohnegenügen de Vorbereitung, die infolge der Kürze der Zeit nicht möglich war, die Verteidigung in einer Strafsache zu übernehmen, die möglicher>v eise mit einer Verurteilung zu zehn Jahren Zucht- haus endigen könnte. Landgerichtsdirektor Herold ersuchte nunmehr den Rechtsanwalt Bahn die Verteidigung zu übernehmen. Dieser lehnte ebenfalls mit der Motivierung ab, daß in einem ähn- lichen Falle sowohl der Vorsitzende vom Landgcrichtspräsidenten wie auch der Verteidiger von der Anwaltskammer eine Rüge erhalten hätte. Außerdem läge Jnteressenkollision vor, da er den Dieb ver- teidige und nicht nun auch noch den Hehler verteidigen könne. Rechtsanwalt Leo Kempner lehnte gleichfalls die Verteidigung eines zweiten Angeklagten ab, da schon bei dem einen ihm zugeteilten Mandat eine Information unmöglich war. Nach zweistimdigem Parlameutieren mußte der ganze Prozeß, in dem ein großer Zeugen- apparat aufgeboten war, vertagt werden. Die Verhandlung findet nunmehr am 19. und 11. Mai statt. Ist jedes Vorstandsmitglied einer Baugenossenschaft strafrechtlich verantwortlich? Wohnungen des Thorner Beamten- Wohnungsbau- Vereins waren vor der polizeilichen Gebrauchsabnahme bezogen worden. Als Vorstandsmitglied dieses Vereins, einer Genossenschaft mit beschränkter Haftung, tvurde dafür Herr Moldenhauer straf- rechtlich haftbar gemacht. Er wurde auch in zweiter Instanz wegen Uebertrctung der örtlichen Baupolizciordnung zu einer Geldstrafe verurteilt. Den Einwand, daß er nur die Kassengeschäfte der Genosson- schaft wahrnehme und die Erledigung der Bau- und Mietsgeschäste ihn nichts angehe, sondern Sache des Bauwarts und eventuell des Vorsitzenden sei. ließ das Gericht nicht gelten. Als Vorstands- Mitglied wäre er haftbar.— Das Kammergericht hob dies Urteil am Montag auf und verwies die Sache zu nochmaliger Verhandlung an das Landgericht zurück, indem es ausführte: Alle Mitglieder des Vorstandes einer solchen Genossenschaft seien nicht ohne weiteres strafrechtlich verantwortlich, wenn der Vorstand gegen polizeiliche Bestimmungen verstoße. Auch für_ die Vorstandsmitglieder einer Genossenschaft mit be- schränkter Haftung seien die allgemeinen strafrechtlichen Prinzipien maßgebend, wonach ohne Verschulden keine Bestrafung eintreten könne. Ein solches sei bezüglich des Angeklagten nicht fest- gestellt, eS wäre auch nicht anzunehmen, daß er als Kassierer durch- ans verantwortlich wäre für die vorzeitige Ingebrauchnahme der Häuser. Seine Geschäfte seien ganz anders abgegrenzt. Er würde indessen zu bestrafen sein, wen» er die Geschäfte, um deren Aus- führung es sich hier handele, fteiwillig übernommen und ausgeführt hätte. Nicht aber könne man aus seiner bloßen Zugehörigkeit zum Vorstand seine Verantwortlichkeit herleiten. Vermischtes. EisenbaHnunfall. Der v-Zug Nr. 21 München— Berlin ist gestern abend bei der Durchfahrt durch Regenstauf infolge NichtfunktionierenS der Weiche auf den Zug 2413 aufgefahren. Von dem Zuge 2413 wurden zehn Wagen zertümmert und sieben Wagen leichter beschädigt. Von dem v-Zuge wurden der Gepäckwagen und zwei durchgehende Wagen beschädigt. Der Zugführer des v-Zuges, namens KranS aus Hof, ein Postbeamter und ein Schlafwagenschaffner sind leicht verletzt, von den Reisenden hat niemand Beschädigungen er- litten. Großfener. In der Schweidnitzer mechanischen Weberei von Rosenthal, die gegen 399 Arbeiter beschäftigt, brach gestern nacht Großfeuer aus, wodurch mehrere Gebäude der Weberei vernichtet wurden. Etwa 499 Arbeiter sind infolge des Feuers beschäftigungs- los geworden, doch hofft man, in ungefähr 14 Tagen den Betrieb wieder aufnehmen zu können. Von den Webstühlen sind nur drei leicht beschädigt. Nach neun Monaten geborgen. Dortmund, 2. Mai. Auf Zeche „Borussia" wurden heute früh 22 Leichen von Bergarbeitern ge- funden, die zu den Opfern des Grubenunglücks vom 19. Juli 1995 gehören. Von den damals verunglückten 39 Bergleuten waren vier- zehn Leichen gleich nach der Katastrophe geborgen worden: drei Leichen sind bisher noch nicht ausgefunden. Eingegangene Druchlcdnstten. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Paul Singer) ist soeben daS 31. Hest des 24. Jahrganges erschienen. Das Hest hat folgenden Inhalt: Die Diätenvorlage.— Der französische Wahlkamps vom 6. Mai und die Parteien. Von Eh. Rappoport(Paris).— Die revolutionären Parteien in Rußland während der Jahre 1898 bis 1993. Von Dr. Ida Axelrod. (Fortsetzung.)— Los vom Militarismus. Bon Dr. Fritz Tischler.— Prinzipielles zur Taktik gegenüber den gewerkschastlichen Konkurrenz- organisationen. Von Stephan Heise.— Literarische Nundichau: Dr. Leo Verlaus, Zur Geschichte des Arbeitemchtes in Oesterreich. Von all. br. Heinebuch. Von K. Die„Neue Zeit" erscheint wöchentlich einmal und ist durch alle Buch- Handlungen, Postanstalten und Kolporteure zum Preise von 3,25 M. pro Quartal zu beziehen: jedoch kann dieselbe bei der Post nur pro Quartal abonniert werden. Das einzelne Hest kostet 25 Ps. Probenummern stehen jederzeit zur Versügung. Von der„Gleichheit", Zeitschrist sür die Interessen der. Arbeiterinnen (Stuttgart, Verlag von Panl Singer), ist uns soeben Nr. 9 des 16. Jahrganges zugegangen. Diese Nummer hat solgenden Inhalt: Eine MaitagS- predigt. Von Professor Dr. Arnold Dodel.— Der Arbeit Maientag. Von Luise Ziel}.— Für das Frauenstimmrecht. Von Paul Singer.— Acht Stundenl Von Ottilie Baader.— Wir verlangen Nechenschast. Von Gustav Hoch.— Fort mit dem Militarismus. Von W. Kahler.— M. A. Spiri- donowa.— Die Maiforderungen der Dienstboten. Bon Helene Grünberg. — Der Kampf um die Rente. Von E. G.(Fortsetzung.)— Politische Rundschau. Von G. L.— Gewerkschaftliche Rundschau.— Feuilleton: Rot. Von Klara Müller.(Gedicht.)— Maisriede. Von Otto Krille.— Aus „Der entfesselte Prometheus". Von P. B. Shellen. Frauen- Beilage: Sonnenkrast. Von Cäsar Flaischlen.(Gedicht.) — Literatur zur Frage der sexuellen Ausklärung der Jugend. I. Von G. Ii. — Zahnpflege. Von Dr. Adams-Lehniann.—?ln das Herz. Von Gottsried Keller.(Gedicht.)— Die Entwicklung des Menschen: Die Samenzelle. Von Dr. Chajes.— Schulweisheit und Mutterwitz. Von Ernst Almsloh.— Die Mutter als Erzieherin.— Für die Haussrau.— Die Geburt der Sterne. Von Otto Erich Hartleben.(Gedicht.) Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 19 Ps., durch die Post bezogen beträgt der Abonnementspreis vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Ps., unter Kreuzband 85 Ps. Jahresabonnement 2,69 M. Der„Wahre Jacob" hat in diesem Jahre noch eine zweite Maifcst- nummer herausgegeben. Wir erwähnen auS derselben zunächst die Wieder- gäbe eines guten Porträts Heinrich Meisters, dem ein Nachrus aus der Feder von Wilhelm Bios beigegeben ist. Die Bedeutung des ersten Mai wird gewürdigt durch das farbige Doppelbild„Gespenster aus dem Blocks- berg" von M. Vanselow, durch das weitere sarbige Bild„Wenn's Mai- lüsterl in Sachsen weht", durch die Gedichte„Neudeutsches Mailicd", „Änientau",„Zur Erinnerung" und durch die Humoreske„Wie man den Bock zum Gärtner macht". Ferner erwähnen lvir aus dem Inhalt das sarbige Bild„Der Generalunsug" sowie die Illustrationen„Ein hervor- ragender Vertreter des preußischen Drciklassenwahlshstcms",„Konservativ", „Die Bibelstunde des RcligionslchrcrS Zwicbelmeier",„Vorschlag zur Güte", „Der Optimist",„Die Ablehnung des Antrags Ablaß",„Der letzte Rat", „Militärisches Urteil",„Großmut",„Andacht" und aus dem textlichen Teil die Gedichte„GcrmaniaS Klagelied",„Der Vesuv",„Zeitungsschreibers Trost",„Die drei Gesellen" von Ludwig Lesse»,„Schwieriges Problem", „Geduld", ,. dl Odilo par Pratnim" und zahlreiche kleinere Beiträge in Poesie und Prosa. Der Preis der 16 Seiten starken Nummer ist 19 Ps. Berliner Marktpreise. Aus dem amtlichen Bericht der städtische» Markthallcn-Dircktion. Rindfleisch la 65-68 pr. 199 Psund, Ha 55-64, lila 59—54, IVa 49—49, engl. Bullen- 99—99, dän. Bullen- 99—99, Holl. Bullen- 99—99. Kalbfleisch, Doppclländcr 195—129, la 82—92, IIa 68—89, lila 54—66. Hammelfleisch la 69—79, IIa 54—69. Schweinefleisch 58—64. Kaninchen 9,79—1,99. Hühner, alte, Stück 1,59—2,75, alte per Psd. 9,99, junge, per Stück 9,89—1,19. Tauben, junge 9,45—9,66, alte 9,99. Eliten, junge, per Stück 9,")— 9,99, per Psd. 99—99, Hamburger per Stück 2,75—4,25. Gänse, junge, per Psd. 9,95—1,95, per Stück 4,99—6,99. Hechte 95—199. Schleie, groß 99,99. Bleie 99—99, matt 99—09. Aale, groß"97—102, mittel 00—90, klein 09—00, unsortiert 90,00. Plötzen 90,00. Flundern, pomm. I, P. Schock 4—8, Kieler, Stiege la 4—7, do. mittel, per Kiste 2—4, do. klein, per Kiste 99—99. Bücklinge, schweb, per Wall 9,99, nvriv. 9,99, holländ. 2, Kieler 1—3,99, Stralsundcr 3,59—4. Aale, groß, per Psd. 1,19-1,39, mittel 9,89-9,99, klein 0,59-9,69, Sprotten, Kieler, 2 Wall 1—2,99, Elb- per Kiste 9,99—9,99. Sardellen, 1992cr, per Anker 78,00, 1994er 76,99, t 395er 74,99. schottische Bollhcringe 1995 99-99, larxo 40-44, füll. 36-38, med. 33-35, deutsche 37-44. Heringe, neue Matjcs, per Tonnen 69—129. Hummern, IIa, 199 Psd, 99—99. Krebse, per Schock, große 15,59, mittelgroße 99,99, kleine 5,99, unsortiert 9,99. Eier, Land-, per Schock 99—99, frische 3,99. Butter per 199 PsuiE>. la 115. IIa 119-114, III» 197-119, ab- sallendc 195—198. L-aurc Gurken, Schock 3,59—4 M., Pfeffergurken 3,59— 4 M. Kartoffeln per 199 Psd. magn. bon. 2,10—2,35, rote Daberschc 2,00—2,20, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl, Holl., per Schock 8,99—24,99. Weiß- kohl, dän., per Schock 7,99—9,99, Rotkohl, Holl., per Schock 16,99—24,99. Grünkohl, per 100 Psd. 90—00. Rüben, weiße 90—00, Teltvwer 90—00. Kohlrüben, per Schock 2,59—4,59, Holl., 5—6. Wcttcr-Prognose für Donnerstag, de» 3. Mai ISOS. Etwas wärmer, zunächst ziemlich heiter bei mäßigen südwestliche» Winden; später wieder zunehmende Bcvölkung ohne erhebliche Nieder« schlägc. Berliner W c t t e r b n r e a u. Kvifv «nilel sie«M. «tnlkaltJiMrkeM. mg aller DamtR, iNtRaehelnRiaNgt« (krtRCbt zur da* cfkdtR IkrwiRdRRg SdtrgegaRge»$iRd.(Ein Bcotit dlmr flitrlteRiHRg itl die Caltacbt, diu ShrIKM Seift»ich dt» Hadwtisbar gröttie» Absätze» aller StlftR-Warlta der dielt erfrent CUenn nun Millionen von Hausfrauen seit langen fahren Sunlicbi Seife verwenden und damit zufrieden sind, glauben Sie datm nicht, dieselbe auch mit Uoneii gebrauchen zu können? �. Während unserer langjährigen Praxis haben wir stets unsere CSgaretten der schärfstet Kritik sachverständiger Kenner unterworfen. Die meisten Kritiker mit ausgebildetem Geschmack, deren. 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Wie sehr sich das Präparat der Anerkennung der Rülicr. ganz besonders aber der Zlcrzleweli ersreut, geht daraus hervor, dag cS nicht nur. in dcu größten Kmderhospitälcro des In- und Auslandes ständig gebraucht wird, sondern dost es nackgewicsenermasien von tausendeu Aerzten Deuischlands usw. cmpsohlcn wird.________ J_________ New-Departure-Freilauf-Bremsnabe Die beste der Welt/;hh rür«iii»« üT« ne- Wiillionen im Gebrauch Engrow-Vertrleb: Ramaln Talbot, Berlin S. Verantwortlicher Redakteur: HänS Weber. Berlin. Für den Inseratenteil verantw. iTh. Älocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts' Buchdruckerei u. Bcrlagsanstalt Pmil Singer Sc Co.. Berlin SW Nr. 101. 23. Jahrgang. 3. KeilM des Jurmirts" Acrlim IsIMInlt Donnerstag, 3. Mai 1906. Vierter Verbandstag des Verbandes deutscher Gastwirts- gehülfen. (Echlutz.) Köln, 28. ApnI. Ueber die Stellung de- Verbandes zu den städtischen und den paritätzischen Arbeitsnachweisen referiert Zeiske-Berlin. Für keinen Beruf sei die Frage der Stellen- denmititelung so brennend, wie für den der Gastwirtsgehülfen, und zwar infolge der scheußlichen Ausbeutung der Angestellten durch die gewerbsmäßigen Stellenvermittler. Schon der Fach- kongreß von 1900 habe das Verlangen gestellt, daß diese Art der Arbeitsvermittelung gesetzlich verboten werde. Zu einem solchen Verbot habe sich bisher leider die Gesetzgebung noch nicht verstehen können. Zwar sei eine Ministerialverordnung gegen die Stellen- Vermittler erlassen worden, aber diese habe die Erwartungen nicht erfüllt, und das Gewerbe der blutsaugerischen Stellenvermittler stehe nach wie vor in schönster Blüte, besonders auch unter den von Agenten gegründeten Winkelvereinen, an deren Spitze die Plazeure sich stellen. Die Regierungsmaßnahmen gegen den Stellenwucher seien ein Schlag ins Wasier gewesen. Die Denk- schrift, die die Hauptverwaltung des Verbandes an das preußische Handelsministerium gesandt habe, gewähre den Herren am grünen Tisch nun ja den erforderlichen Einblick in die unhaltbaren Verhältnisse.— Bisher habe man den Standpunkt vertreten, daß der Arbeitsnachweis, die Vermittelung der Ware Arbeitskraft, in die Hände der Arbeiterschaft gehöre. Nun habe die allgemeine EntWickelung aber Verhältnisse gezeitigt, auf Grund deren auch der Käufer dieser„Ware" sich nach verschiedenen Richtungen ein Mitbestimmungsrecht ausbedinge, und das Unternehmertum habe sich zu diesem Zwecke sogar koaliert. So habe sich denn im Laufe der Zeit auf feiten der Arbeiter ein Umschwung der Anschauungen herausgebildet, und man stimme dem gemeinsam verwalteten Arbeitsnachweis zu, wenn die reelle Gleichberechtigung der Arbeiter gewährleistet sei. Im GastwirtSgewerbe sei die Frage deS paritätischen Arbeitsnachweises bisher noch wenig erörtert worden. Es sei auch festzustellen, daß innerhalb der Unternehmerverbände die Reform des Arbeitsnachweises mit gebührendem Ernst betrieben und unterstützt werde. So habe der Internationale Gasthof- besitzerverein(Sitz Köln) in seiner Zeitung sich sehr günstig für eine vernunftgemäße Reformierung ausgesprochen, wobei die Treibereien des Genfer Verbandes und des Deutschen Kellner- bundes sehr schlecht wegkamen. Der Verband könne auf den Nachweis verzichten, wenn er dafür einen wirklichen paritätischen Arbeitsnachweis eintausche. Denn der Verbandsarbeitsnachweis verursache nicht nur viel Aerger und Zank unter den Kollegen, sondern auch bedeutende Un- kosten und nicht zuletzt viel Zeitverlust, wenn man den gewerbs- mäßigen Vermittlern ja etwa die Stange halten wolle. Das viele Gelb und die kostbare Zeit könnten in der Agitation weit nützlicher verwendet werden. Daß die Stellenvermittelung durch den paritä- tischen Arbeitsnachweis völlig kostenlos sein müsse, sei selbstver- ständlich, und ebenso gehöre die Leitung dieser Arbeitsnachweise in die Hände von Fachleuten(?). und zwar wegen der Eigen- artigkeit deS Berufes und der sich daraus ergebenden Schwierigkeit der Verteilung der Stellen.(Das sagen die Unternehmer der meisten Berufe ebenfalls; die Erfahrung hat aber gezeigt, daß auch Nichtfachleute, wenn sie im übrigen überhaupt die Befähigung zur Verwaltung eines Arbeitsnachweises haben, sich zur Leitung eignen. Der Berichterst.) Ein weiterer Vorteil der einheitlichen allgemeinen Arbeitsvermittelung sei die Statistik, von der heute kaum die Rede sein könne. Genaue Feststlleunhen über Arbeits- vermittelung, Lohnhöhe. Arbeitslosigkeit seien aber unentbehrlich. Der Redner unterbreitete schließlich die unten wiedergegebene Resolution. Als Gast erhält in der Diskussion zunächst Herr B i e g e r- Köln, Direktor des Internationalen Gasthofbesitzerverbandes, das Wort. Er erklärt, daß der Verband, dessen Angestellter er sei. den paritätischen Arbeitsnachweisen sehr sympathisch gegenüberstehe, und er sei bereit, mit der Gehülfenschaft zusammen die Grund- sätze für einen solchen Arbeitsnachweis auszuarbeiten. Er habe da an einen Ausschutz gedacht, der zu zwei Dritteln aus den Ver- tretern der Gehülfenverbände, zu einem Drittel aus Prinzipalen bestehe. Das Ansinnen des Genfer Verbandes, nur mit diesem allein ein Abkommen zu treffen,(!) habe er abgelehnt. Der Genfer Verband habe sich dann mit einer gewissen Lauheit der Sache gegenübergestellt, und so sei diese bis heute noch nicht weiter gediehen. Grundsätzlich sei er, der Redner, für die An- lehnung an den städtischen Arbeitsnachweis; er empfehle aber, um zunächst überhaupt zu einem Ergebnis zu kommen, ohne An- lehnung an die Stadt vorzugehen. Es sei nötig, die ganze Ge- hülfenschaft zusammen zu fassen und für diese Sache zu begeistern. Der Internationale Gasthofbesitzerverband stehe dem Plane, ob mit oder ohne Anlehnung an die Stadt, unter allen Umständen freundlich gegenüber. Ungeheure Summen würden das Jahr hindurch an die privaten Stellenvermittler verschwendet. Sein Verband habe im verflossenen Jahre von Köln aus über das ganze Reich und in geringerem Maße auch nach dem Auslande ins- gesamt rund 5000 Stellen völlig unentgeltlich vermittelt. Wenn er annehme, daß durchschnittlich für jede dieser Stellen an den gewerbsmäßigen Vermittler 30 M. gezahlt worden wären, so mache das allein für diesen kleinen Teil der vermittelten Stellen in einem Jahre schon die Summe von 150 000 M. aus. In Wirk» lichkeit würden aber für die einzelnen Stellen nicht nur 30 M., sondern das Doppelte und Dreifache gezahlt. Daraus ergebe sich, wie dringend nötig die Beseitigung der gewerbsmäßigen Stellen- vermittler sei. Die folgenden Redner stellten sich durchweg auf den Stand- Punkt des Referenten. Sie forderten, daß auch die„unentgeltliche" Stellenvermittelung verboten werden müsse; denn die Unentgelt- lichkeit sei stets Schein; hinter ihr steckten große Zechen, riesige Trinkgelder, Geschenke und dergleichen. Ebenso sei die Ver- Mittelung durch Vereine zu untersagen; denn diese seien der Vor- wand oder Deckmantel von Plazeuren. Auch der Deutsche Kellner- bund und der Genfer Verband betrieben trotz ihres Äestreitens gewerbsmäßige Stellenvermittelung. Der Verband deutscher Gastwirtsgehülfen habe durch seine Arbeitsnachweise den An- gestellten seit 1898, berechnet nach den ortsüblichen Gebühren der Plazeure, 243 927 M. gerettet. Im übrigen wurden die an sich sehr erfreulichen Erklärungen des Herrn Direktors Bieger unter Hinweis auf allerlei bisherige Erfahrungen mit den Gasthof- besitzern mit einer gewissen Vorsicht aufgenommen. Der Verbands- tag nahm mit allen gegen eine Stimme diese Resolution an: „Die vom Verband Deutscher Gastwirtsgehülfen seit dessen Be- stehen mit Energie bekämpfte gewerbsmäßige Arbcitsvermittelung im Gastwirtsgewerbe hat nicht beseitigt werden können. Mehr und frivoler als je wird die Ausbeutung Stellesuchender von Einzel- Personen sowie von Vereinen und Gewerkschaften betrieben, die unter dem Deckmantel der Humanität gegründet wurden. Der un- geheure Verlust an Nationalvermögen, sowie der Zustand der Unruhe und Unsicherheit, der durch die gewerbsmäßige Stellen. vermittelung hervorgerufen wird, ist auch in keiner Weise beschränkt oder beseitigt worden durch die neueren Ergänzungsbestimmungen zur Gewerbeordnung seitens der einzelstaatlichen Regierungen. Es steht vielmehr fest, daß die gewerbsmäßigen Stellenvermittler und Stellenvermittlungs-Korporationen es verstanden haben, sich den bestehenden Gesetzen anzupassen bezw. diese zu umgehen. Unter den obwaltenden Umständen erkennt der vierte Verbandstag die auf der vom 9.— 11. November 1905 in Wiesbaden zusammengetretenen Arbeitsnachweis-Konferenz festgelegten Grundsätze als einen Weg zur Beseitigung der gewerbsmäsjigen Stcllenvcr- Mittelung an und beschließt: An solchen Orten, wo ein städtischer bezw. öffentlicher Arbeitsnachweis auf Parität iischer Grundlage besteht oder errichtet werden soll, unterstützt der V erband Deutscher Gastwirtsgehülfen mit Nachdruck alle Bestrebungen, die eine Arbeitsvermittelung auf volkstümlicher und breiter Grundlage garantieren. Insonderheit wird der Verband dafür eintreten, daß durch Mehrheitszustimmung der ansässigen Gastwirte- und An- gestellten-Vereine die Gründung eigener Vereins--. Jnnungs- usw. Arbeitsnachweise unterbleibt bezw. diese zugunsten des gemein- samen Arbeitsnachweises aufgehoben werden.— Der örtliche Zentral-Arbeitsnachweis ist durch eine besondere Fachabteilung für das Gastwirtsgewerbe zu ergänzen, deren Geschäftsführung von gastwirtschaftlichen Fachleuten auszuüben ist." Bei der Statutenberatung beschloß der Verbandstag u. a., die bisherige dreitägige Karenzzeit falleru zu lassen. Die Sterbegeldunterstlltzung soll künftig beim Tode solcher Unverhci- rateter, die Angehörige dauernd unterstützt haben, in der gleichen Höhe wie bei Verheirateten gezahlt werden. Ein außerordentlicher Verbandstag soll künftig nur noch einberufen we rden könne», wenn ein Drittel der Ortsverwaltungsstellen oder wie Zahl der Ortsverwaltungsstellen, die ein Drittel der Mitglieder umfassen, dies beantragen. Der Hauptverwaltung wurde aufgegeben, dem nächsten Verbandstag ein neues Wahlreglement unter Zugrundelegung der neuen Gaueinteilung zu unterbreiten. Weiter faßte der Verbandstag einen Befchluß, wonach die Haupwerwaltung Schritte tun soll,„damit in G-arnisonstädten von feiten der Militärverwaltungen Mannschaften zur Arbeitslei st ung in Gast- und Schankwirtschaf tcn nicht mehr abgegeben werden".— Ferner wantite man sich gegen die Lohndrückereien und die Konkurrenz der unteren Post- und sonstigen staatlichen und städtischen Beamten. ZNan verlangte, daß diese Leute so bezahlt werden, daß sie nicht nötrg haben, den Gast- wirtsgehülfen die Arbeit wegzunehmen oder sie im Lohne zu unter- bieten. Es soll in allen solchen Fällen Beschwerde bei den zu- ständigen Behörden erhoben werden. Als Ort des nächsten Verbandstages wurde Leipzig bc- stimmt. Zum Hauptvorsitzenden wurde einstimmig Hugo P o e tz s ch, als Hauptkassierer ebenfalls einstimmig Rudolf Ströhlingcr wiedergewählt. Der Vorsitzende Z i l l m a n n- Hamburg schloß den Verbandstag mit einem Rückblick auf die außerordentlich um- fangreiche und ersprießliche Tätigkeit des Verbandstages, von der er erwartet, daß der Verband deutscher Gastwirtsgehülfen bei dem nächsten Verbandstag, 1908, mindestens auf die doppelte Mitglieder- zahl blicken kann. In das Hoch auf den Verband stimmten alle Delegierte begeistert ein.__ Eingegangene Druckfcbriftcn. DaS Berliner Berkchvs-Lextkon(Verlag von Max Schildverger, 40 Pf,) ist soeben im 41. Semester erschienen. Dieses handliche Taschenbuch enthält eine große Fülle von Nachrichten über die gesamten öffentlichen ifin- richtungen und den Verkehr in Berlin. Ein Friedensvorschlag im Kampfe zwischen Unternehmertum und Sozialdemokratie. Von einem Unternehmer. SS Selten. Preis 40 Ps. Verlag<8. F. Müller. Berlin 80. 26. D. Balakan. Nationale Forderungen. National-kulturelle Autonomie. 24 Seiten. Preis 30 Heller. Verlag Brüder Suschitzkh, Wien X. 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