MM rntS'Bfdlngnngtn: • Preis pränumerando i 1 Sffif., monall. 1,10 SB!!., ffl. frei ins Haus. mer 5 Pfg. Sonntags- illustrierter Sonntags. - Neue Welt" 10 Pfg. Post. 1,10 Mark pro Monat. in die Post.Zeiwngs. ---------- Unter Kreuzband tüt Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Slusland 3 Marl pro Monat. PostabonncmcntS nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien, Luxemburg. Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. > 33. Jahrg. vlchelnl tialld) HScr IHontagj. Vevlinev Volksblakk. Zentralorgan der fozialdemokrati fchen parte! Deutfchlanda. Die Tnfert1«n$'6ebfll)r Geirägt für die fechsgefpallene Kolonsl- >eile oder deren Raum 60 Pfg., für Politische und gewerkschaftliche Vereins- und Versammlungs-Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Hnzeigcn'-, das erste(fett- gedrucktel Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 6 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müsten bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition ftdgegebcn werden. Die Expedition ist VIS 7 Uhr abends geöffnet, Xelegramm-Udreffe! „SoziaMMWlirit ßtrila". Redaktion: 8M. 68. Llndenstrasse 69. Keriisprechcr: Amt IV, Nr. 198il. Sonnabend, den 19. Mai 1906. Expedition: 83Q. 68, Lindenstrasse 69. Zheriifprecher: Amt IV. Nr. 1984. IPreußen in Deutkljland voran! Deutschland in der Hielt voran! Dics stolze Wort, das Fürst Bülow vor einigen Fahren im Herrenhause geprägt hat, ist nur bedingt wahr. Gewiß, überall, wo es sich darum handelt, die Arbeiterklasse zu schröpfen und zu knebeln, marschiert Preußen-Deutschland an der Spitze, aber in Kulturfragen läßt es bescheiden anderen Ländern den Vortritt. Das gilt ganz besonders für das Gebiet des Volksschulwesens. Längst ist die Zeit vorüber, wo man Preußen das Land der Schulen genannt hat, die herrschenden Klassen haben die Volksschule mehr und mehr verkümmern lassen, sie haben neidlos mit angesehen, wie sie von anderen Ländern überflügelt wurden. Ist es Zufall oder ist es Absicht, daß just in dem Moment, wo Regierung und„Volksvertretung" zum cnt- scheidenden Schlage gegen die Volksschule ausholen, kein ge- ringerer als der preußische Handelsminister den wahren Freunden der Volksschule ein geradezu vernichtendes Material gegen die Dunkelmänner an die Hand gibt? In einem statt- lichen Band veröffentlicht der Minister eine Auswahl der von seinen Kommissaren erstatteten Reiseberichte über Nord- amerika, von denen besonders aktuelles Interesse der des Leiters der städttschen Fortbildungsschule in Düffel- dorf, des Stadtschulinspektors Dr. Küppers, über Volks- schule und Lehrerbildung erheischt. Der Bericht, der neben den Vorzügen rückhaltlos auch die Mängel des amerikanischen Volksschulwesens hervorhebt, ist ein klassisches Dokument für die Richtigkeit der von sozialdemokratischer Seite verttetenen Anschauungen. Eine ganze Reihe unserer programmatischen Forderungen, die unsere Gegner in Staat und Gemeinde aufs hefttgste bekämpfen, sind in Amerika längst durchgeführt und haben sich hier glänzend bewährt. Wir fordern in unserem Programm den obligato- rischen Besuch der öffentlichen Volksschule. Nun, in Amerika ist die Volksschule die genieinsame Bildungsstätte für alle Klaffen der Bevölkerung. Es kann als Grundsatz und Regel gelten, daß die begüterten und die in hervorragenden Stellungen lebenden Amcri- kaner ihre Kinder in die Volksschule schicken, als undemokrattsche Ausnahme, daß die jungen Amerikaner Privatschulen übergeben oder von Hauslehrern unterrichtet werden. Die amerikanische Volksschule ist in ihrem ganzen Umfange, durchweg bis zum 15. Jahre hin, der Unterbau der höheren Schule, und wie die Volksschule, so wird auch die höhere Schule von allen Gesellschaftsklassen beschickt, sie ist mehr dem Grade, als der Art nach verschieden von der Volksschule. Die Verschiedenheit der äußeren Verhältnisse der amerikanischen Jugend spielt in deren Schulbildung grundsätzlich keine Rolle, wohl aber ist in»veitgehendem Maße der aus der Schularbeit selbst sich ergebenden Ver- schiedenheit der Abstufung nach Befähigung und Leistung Rechnung getragen. Die herrschenden Klassen in Preußen wissen nicht genug Rühmens von der Unentgeltlichjeit des Volks- schulunterrichts zu machen. Auch in dieser Hinsicht können wir uns an Amerika ein Beispiel nehmen. Hier herrscht in allen Staatsschulen, von dem Kindergarten bis zur Universitätsfachschulc, Schulgeldfreiheit. Ja noch mehr: Die von uns propagierte Forderung der Gewährung freier Lernmittel, die die herrschenden Klassen mit dem Hin- weis darauf zu bckäinpfen Pflegen, daß dies den Anfang des sozialdemokrattschen Zuknnftsstwates bedeuten würde, auch ijc ist in Amerika vertvirklicht. Hier gilt der Grundsatz: Frei- heit der Lernmittel für arm und reich. Die Schule soll auch darin keinen Unterschied keniien. Allerdings ist dieser bedeutsame demokratische Zug erst in den Städten mit günstigen Finanzen durchgeführt. Und wie steht es mit der WeltlichkeitderSchule? Herr Studt und seine konservativ-Rerikalen Gesinnungsgenossen werden außer sich geraten,»venu sie erfahren, daß die amerikanische Volksschule keine Scheidung der Bekenntnisse kennt. Weder das Bekenntnis des Schülers noch dbs des Lehrers spielt eine Rolle. Die amerika- Nische Volksschule kennt nichteinmal konfessionellen Religionsunterricht. An seine Stelle tritt mitunter eine gelegentliche und nicht selbständige Sittenlehre ohne dogmattschen Inhalt, meistens im Anschluß an den Sprach- und den Geschichtsunterricht, oder an die gemeinsaine„Morgen- andacht". Die verschiedenen Religionsgemeinschaften unter- halten Sonntagsschulen mit freiwilligem Besuche, in denen Religionsunterricht erteilt wird. Daß auch me Trennung der Geschlechter in keiner Klasse und in keinem Fach durchgeführt ist. abgesehen von der Haushaltungskunde, wird unseren Muckern und Heinze-Leuten ganz besonderen Abscheu vor der amerikanischen Schule einflößen. Die Herren mögen sich beruhigen. Dieser gemeinschaftliche Unterricht beider Geschlechter ist in sittlicher Beziehung nicht nur nicht von Dchteil, im Gegenteil die sittlichen Vorteile desselben übenvicgen die Gefahren, „denn der ungezwungene Verkehr der Knaben und Mädchen, der sich stets unter den Augen anderer ab- spielt. ist wohl geeignet. die männlichen wie die »veiblichen Charakterzüge zu veredeln. Auch in der Klasse mag die geistige Betätigung wie das Betragen durch die Anwesenheit des anderen Geschlechtes günstig beeinflußt werden." Methode und Ziel des Unterrichts laufen im Gegensatz zu uns darauf hinaus, freie Persönlichkeiten zu schaffen. Für den Unterricht in Preußen-Deutschland trifft im allgemeinen das Goethesche Wort zu: „Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben, Sucht erst den Geist herauszutreiben, Dann hat er die Teile in seiner Hand, Fehlt leider I nur das geist'ge Band." Ganz anders in Amerika! Hier soll die Schule nicht einen abgeschlossenen Wissensschatz vermitteln, sondern sie will anregen und den Weg zeigen, auf welchem der junge Bürger sich allein weiter helfen kann. Er ist zum Bürger eines demo- kratischen Staates zu erziehen, der seine Bildung selbst er- weitern und sich zu einem selbständigen polittschen Urteil be- fähigen soll. Ihn anzuleiten oder vielmehr zwanglos zu ge- wöhnen, sein Wissen und sein eigenes Urteil zu äußern, ist ein weiterer Zweck des Volksschulunterrichts, der auf die politische Mitarbeit hinzielt. Ziel und Methode der amerika- nischen Volksschule weisen also in hohem Grade auf das wirkliche Leben hin: Die Amerikaner»vollen eine im guten Sinne moderne Volksschule haben. Das Recht der Persönlich- keit, das im amerikanischen Leben eine so große Rolle spielt, übt auch in der Schule einen entscheidenden Einfluß aus. Dies Streben nach EntWickelung der Persön- l i ch k e i t ist denn auch bei den amerikanischen Schülern zu erkennen. Es offenbart sich schon in dem Aeußeren: sie sind sauber und gut gekleidet und zeigen- ein freies und selbst- bewußtes Auftreten und auch bei der Anwesenheit eines Fremden keine Scheu. Die beste Aeußerung dieses Strebens ist ein großer Lerneifer, der nach dem Urteil Kundiger fast allgemein sich zeigt. Teilnahmlosigkeit oder Ueberreizung ist nicht zu finden, Klagen über Trägheit der Volksschüler sollen selten sein. Die Persönlichkeit des Lehrers tritt im Unterricht zurück, er ist nicht der beherrschende und befruchtende Mittelpunkt der Klaffe, er will es auch nicht sein. Das Hauptfach zur Er ziehung zum Gehorsam, zur Selbstverleugnung und zur Pietät fehlt aus dem Stundenplan. Das Machtmittel, durch körper- liche Züchttgung seinen Befehlen und Absichten Nachdruck zu verleihen, steht dem Lehrer gar nicht oder doch nur mit Ein- schränkungen zu Gebote und es ist bei dem freien Volke so unbeliebt, daß es besser nicht angewendet wird. Ein Nachteil der amerikanischen Schulen ist die Stellung des Lehrers. Der Lehrer ist Angestellter der Gemeinde, jedesmal für ein Jahr berufen, er wird für seine Arbeitstage und nicht darüber hinaus abgelöhnt, die Gehälter sind gering, für die Ferien wird nichts gezahlt, ja selbst für vorüber- gehende Beurlaubungen, auch in Krankheitsfällen, können Ab- züge gemacht werden. Auch die Vorbildung der Lehrer läßt vielfach zu wünschen übrig. Der Berichterstatter faßt ain Schluß sein Urteil dahin usammen: Dadurch, daß die Volksschule zur gemeinsamen Rldungsstätte für Arm und Reich gemacht ist, wird der Klassenhaß abgeschwächt, da nun die verschiedenen sozialen Schichten»venigstens in der Jugend Fühlung mit einander und Verständnis für einander gewinnen. Diese Gleichheit verniag auch Selbstgefühl und Arbeitsfreudigkeit in den wirtschaftlich Schwächeren wachzurufen und die Begüterten anzuspornen, sie schließt ferner hohe sittliche Werte in sich und erleichtert endlich die Schulorganisatton. Infolge der Schul- geld- und»venigstens als Grundsatz geltenden Lernmittel- freiheit an Volksschulen und höheren Schulen braucht niemand in der Schule seine Mittellosigkeit zu offenbaren, und dem Sttebsamen wird das Emporarbeiten erheblich»veniger er- schwert und verleidet. Nicht bloß für diesen selbst, sondern für das ganze Staatslebcn ist das ungehinderte Aufsteigen von auserlesenen Kräften aus der Masse des Volkes in die gebildeten und führenden Kreise von Nutzen. All' das sind Anschauungen, die von einsichtigen Päda gogen schon seit Jahrzehnten gepredigt worden, die aber unseren herrschenden Klassen nicht passen, weil sie nichts wissen wollen von einer auffteigenden Arbeiterklasse. Insbesondere unsere preußischen Junker haben mehr als einmal ihre Bildungsfeindlichkeit ganz offen dokumenttert. Vor fast TOO Jahren hat Thomas von Aquino das Wort geprägt:»Für die Sklaven, die das Land bebauen. ist es zuträglich, daß sie stark an Körper, aber schwach an Verstand sind. So werden sie nützlich sein für die Bearbeitung des Landes und nicht aus- arten in Umttiebe»vider ihre Herren." Der Geist dieses Heiligen der katholischen Kirche, der Geist des finsteren Mittel- alters lebt fort im preußischen Landtage. Dieser Geist ist es, der das Schulverpfaffungsgesetz geboren hat und die Volks- schule vollends zum Aschenbrödel degradiert. Vielleicht entschließt sich auch die Regierung der Vereinigten Staaten einmal, eine Koinmission zun: Studium der preußischen Volksschule zu entsenden. Ihr Urteil, vorausgesetzt daß es unparteiisch ist, würde dem„Kulturstaat" Preußen nicht gerade zum Ruhme gereichen. Zur Affäre Schöne-Brockhnsen. Vom Genossen Kork Liebknecht erhielten wir folgende Zuschrift: Ich bitte gegenüber der offiziösen Erwiderung, die die„Nord- deutsche Allgemeine Zeitung" am Mittivoch abend auf meine für den russischen Kaufmann abgegebene Ertlärung vom 15. Mai ge- dpacht hat Wd die auch als Akstiput auf ein gleichzeitig des mir an den Minister gerichtetes Schreiben anzusehen ist. folgendes bemerken zu dürfen: Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" wirft mir bor, in meiner Erklärung den wichtigsten Satz aus der Rede des Ministers weggelassen zu haben. Tatsächlich handelt es sich— die Markierung ist übrigens nur infolge eines Diktatfehlers unterblieben— um einen für meine Erklärung ganz nebensächlichen Satz. Ich habe die Erklärung im Namen des russischen Kaufmanns erlassen. Für mich als den Vertreter dieses Kaufmanns kam eS nur auf die gegen meinen Klienten erhobene Bezichtigung an, und diese Bezichtigung ist buchstäblich richtig und erschöpfend wieder- gegeben. Dieselbe„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" aber, die mir auS der Weglassung eines Satzes aus der Rede des Ministers einen Vorwurf machen will, verschweigt meine Erklärung, gegen die sie polemisiert, vom ersten bis zum letzten Wort, übergeht die schweren kriminellen Beschuldigungen gegen Kommissar Schöne und v. B r 0 ck h u s e n mit völligem Stillschweigen und wiederholt da- mit die Taktik des Ministers des Innern, der sich, wie gerade die Auslassung der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" erweist, in. Abgeordnetenhause nicht zur Aufgabe gemacht hatte, dem russischen Kaufmann, der unstreitig unter Mitwirkung preußischer Beamten hier in schwere Bedrängnis geraten ist, Genugtuung und Sühne zu verschaffen, sondern den Kriminalkommissar Schöne, dessen strafbare Sandlungen erwiesen sind, nach Möglichkeit zu decken Dieselbe„Norddeutsche Allgemeine Zeitung", die mir jene Vorwurf machen zu dürfen glaubt, erwähnt auch nicht mit einem Wort, daß meine Erklärung, wenn auch ohne ausdrückliche Polemik gegen den Minister, den Kommissar Schöne gerade noch einer viel schlimmeren Handlung als jener nie behaupteten Verleitung zum Spionageangebot überführt, nämlich eines eigenan ent- sprechenden Angebots an den Kaufmann, einer unmittelbaren An- stiftung des Kaufmanns durch Schöne. Sie sucht durch vier Worte jede Schuld Schönes an der Spionageaffäre einfach auS der Welt zu leugnen. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" fährt fort:„Der Minister habe es unterlassen, über das Hinemtragen der Spionage- affäre Mitteilungen zu machen und sich darauf beschränkt, in der vorsichtigsten Weise eine Vermutung über die von der Privatpersoi hierbei gespielten Rolle aufzustellen." Das ist in doppelter Hinsicht unrichtig. Der Minister ha nach dem Stenogramm gesagt:„Wie es scheint, hat diese drittl Person den russischen Kaufmann bestimmt,... dem Kriminal kommissar Schöne... das Angebot zu gewissen Diensten z machen.... Kurz darauf ist der russische Kaufmann andere Sinnes geworden." Wenn das keine Verdächtigung ist, dann ist 1 auch keine Verdächtigung, wenn man äußert: Wie es scheint, ha Müller die Uhr gestohlen, er hat sie aber später zurückgegeben. Was würde die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" meinen wenn ich sagen würde: Wie es scheint, hat die«Norddeutsche All- gemeine Zeitung" meine Erklärung, die ich auch ihr übermittelt habe, nur um deswillen verschwiegen, um ihre« Leser und die Oeffentlichkeit bequemer irreführen zu können nach dem Grund- satze: eemper sliquict bäret," und was würde der Minister des Innern dazu sagen, wenn es hieße:„Wie es scheint, hat sich der Minister im Abgeordnetenhause über die Paßaffäre und die Hoch- Verratsfrage ausgeschwiegcn, um sie zu vertuschen und seine Beamten unter Preisgabe des russischen Kaufmanns nach Mög- lichkeit zu schützen" oder:„Wie es scheint, arbeitet die Polizei jetzt hinter den Kulissen mit Hochdruck auf die Frau des russischen Kauf- nianns ein, um Vertvirrung in die klare Sache zu bringen." Die Aeußerung des Ministers bedeutet auch nicht bloß, wie der Offiziosus behaupten will, eine Vermutung über die von der Privatperson hierbei gespielte Rolle, sie trifft vielmehr in aller- erster Linie ausdrücklich meinen Vollmachtgeber. Der zweite Satz: „Kurz darauf i st der russische Kaufmann anderen Sinnes ge- worden" enthält sogar eine direkte und bestimmte Bezichtigung meines Vollmachtgebers. Wenn die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" weiter bemerkt: Innere Vorgänge derart, wie die ursprüngliche Willensrichtung des russischen Kaufmanns,„entziehen sich naturgemäß der absoluten Feststellung", so ist zu entgegnen, daß hier nicht absolute, sondern praktische Feststellungen in Frage kommen. Der Offiziosus mag sich im 5iri:ninalgericht oder im Justizministerium Belehrung darüber holen, daß unsere ganze Justiz aus Feststellung auch subjektiver Tatbestände beruht. Eine klarere Feststellung aber der positiven Unschuld des russischen Kaufmanns, als sie hier gerade getroffen ist, ist nicht wohl denkbar. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" sucht schließlich die ministerielle Auslassung durch vorhandene„Erklärungen beteiligter Personen" zu entschuldigen. Diese beteiligten Personen sind natürlich der Kriminalkommissar Schöne und Freiherr v. Brock- Husen. Kriminalkonlinissar Schöne, dessen kriminelles Sünden« register in der Presse schon breit aufgerollt ist. Kriminalkommissar Schöne, der, auch wenn er niemals den Kaufmann direkt an» gestiftet hätte, gerichtet wäre, Kriminalkommissar Schöne, der in der erwähnten Konferenz vom 22. April die jetzt von ihm an- scheinend geübte Taktik durch die an den Kaufmann gerichteten Worte ausdrücklich ankündigte:„Merken Sie sich, Sie haben mit mir nichts zu tun, wir kennen uns nicht, Sie stehen nur mit Herrn v. B r 0 ck h u s e n in Verbindung." Kriminalkommissar Schöne, der schließlich, als der Kaufmann zu einer späteren Konferenz nicht wieder erscheinen wollte, ihn durch die telephonische Drohung:„Dann werden wir andere Schritte ergreifen" in höchste Angst versetzt hat. Und Herr v. B r 0 ck h u s e n. der an alledem mit schuldig ist. der vielleicht sogar bei alledem der böse Geist des Herrn Schöne war, Herr v. B r 0 ck h u s e n. der bereits 50 M. Vorschuß auf sein Teil an dem Judaslohn erhalten hat und der jetzt freilich diese Silbcrlinge gleich dem biblischen Judas anscheinend gern wieder los sein mochte. Ich konstatiere: Die Erklärungen dieser Herren haben dem Minister, der die Aussage der Ehefrau des Kaufmanns bereits in Händen hatte oder haben konnte, genügt, den hülflosen russischen Kaufmann, einen unbescholtenen verzweifelten Familienvater, von der Tribüne des Landtags herab der Bereitwilligkeit zum ge- meinsten Verbrechen zu zeihen. Berlin den 17. Mai 1906. Hochachtungsvoll 2>r- St, Liebknecht!. Rechtsantvolt- Politische Gcbcrftcht. Berlin, den 13. Mai. Das nationale Prestige. In geschraubten Tönen und mit hohlem Pathos pries heute im Reichstage der Präsidialgehülfe des Rechtsbruches bei den Zollverhandlungen des Jahres 1902, der Abgeordnete Büsing, die Ausplünderung des Volkes durch die neuen Steuern als eine große nationale Tat, die das Ansehen des Reiches vor dem Auslande gewahrt habe. Es ist begreiflich, daß Büsing als Vorsitzender der Steuerkommrssion das Be- dürfnis fühlt, seine eigene Helferschaft für die neuen Steuer- gesetze in helles Licht zu setzen. Die Phrase von der „Wahrung" des deutschen Prestiges vor dem Auslande mußte herhalten, um die Volksäüsplünderung zu beschönigen und der Kompromißmehrheit„Gewissenhaftigkeit" anzudichten. Lächerlich— weil töricht und unwahr— ist die Phrase von der Wahrung des deutschen Prestiges vor dem Auslände. Das Ansehen eines Reiches wächst mit dem Wachstum materieller und geistiger Volkskraft. Nur ein Wahrheitsfeind wird leugnen, daß durch die neuen Steuern die gesamte Volkswirtschaft Deutschlands, also die materielle Kraft des Volkes geschwächt wird. Die Wahrheit dieser Tatsache wird auch vom Auslande erkannt. Um so lächerlicher, zu behaupten, diese Schwächung der Volkskraft werde das An- sehen Deutschlands vor dem Auslande heben. Die den deutschen Volksausplündcrcrn gesinnungsverwandten herrschen- den Parteien des Auslandes werden höchstens die Plumpheit bewundern, mit der diese phrasenhaften Unwahrheiten von sogenannten Liberalen hinausgeschleudert wurden. Ob Büsing, v. Kardorff oder ein Zcirtrumsmann die Auferlegung der Kosten auf die Schultern des Volkes beschönigen wollte: es war durchweg dieselbe Melodie..„Alles vom Volk für uns", das war der Inhalt ihrer Hurraschreierei.„Alles für das Volk durch das Volk" ist hingegen die wahrhaft nationale Parole. � Glaubten aber die nationalen Phrasentrompetcr Büsing und seiue Helfersgenossen bei der Steuerpression, daß das arbeitende Volk Deutschlands den nationalen Humbug dieser Volksbedrücker nicht durchschaue, dann werden sie bei den Wahlen hoffentlich schwer enttäuscht werden. Die Auf- klärnng wird durch Niedrigerhängen der Reden der Talnn-Nationalcn und Talmi-Liberalen erleichtert. Die Wahr- nehmung drängt sich jedem, der den Verlauf der Verhand- lungen kennt, als unumstößlich sicher auf: die das arbeitende Volk bedrückenden indirekten Steuern sind beschlossen, um die zahlungsfähigen Kreise der Besitzenden, die obendrein ihren Besitz aus der Ausbeutung der Arbeiter gezogen haben, von t Zahlung gerechtwirkender direkter Steuern zu ver- Men. Die Genossen Molkenbuhr und Schmidt-Berlin tvaidten sich in scharfen Worten gegen die Mehrheit und be- leuchteten die Situation durch eine beißende Kritik der ganzen Steuerpolitik, die durch die Reden der konservativen Ab- geordneten Dietrich und von Kardorff nur noch schwerer diskreditiert wurde. Der Abgeordnete von Gerlach bezeichnete die Rede Büsings als eine patriotische Festrede, wofür ihn üe Nationallibcralen durch ihre Entfernung aus dem male abzustrafen gedachten. Diese kindische Kraft- ißerung wird auch außerhalb des Reichstags das schlechte ewissen der Mehrheit offenbaren. Damit schloß die Generaldebatte der 3. Lesung der Steuer- 'setze und die sogenannte Reichsfinanzreform. Bei der Spezial- ratung fielen alle auf Abschwächung der Brausteuer von den cisinnigen gestellten Anträge durch, da die Kompromißmehr- t nichts von dem Steuerraub abbröckeln ließ. Die Abstimmung über§ 3» des Brausteuergesetzes, der n prinzipiellen Kernpunkt des Gesetzes bildet, ergab die An- ahme mit 160 gegen 106 Stimmen bei 3 Enthaltungen, Nach irzer Beratung wurde dann das ganze Gesetz von der Mehr- ieit angenommen. Dann folgte die dritte Lesung des Zigaretten- st e u e r g e s c tz e s. Der Abg. Held(natl.) verteidigte einen euen Antrag zu§ 2 des Gesetzes, der das Ergebnis einer Vereinbarung mit Vertretern der Zigarettenindustriellen sei md die von der Opposition befürchtete Wirkung des Gesetzes beseitige. Diese unverfrorene Behauptung widerlegte Genosse o. Elm mit fachmännischen Gründen und konstatierte, daß das Einverständnis der Industriellen nur erzielt sei, weil mit der neuen Staffelung die Schäden leichter auf die Arbeiter als Produzenten wie als Konsumenten abgewälzt werden könnten.- Der Abgeordnete Jäger(Z.) verstieg sich sogar zu der Behauptung, die deutschen Tabakbauem ivürden von dem Gesetz profitieren, denn es würde künftig mehr deutscher Tabak zu Zigaretten verarbeitet werden. Nachdem noch der Abg. G o t h e i n unter dem Geheul der Kompromißmehrheit den neuen Antrag Held kritisiert hatte, kam es zur nament- lichen Abstimmung über den Antrag Held zu§ 2. Der An- ' i trag wurde mit 166 gegen 96 Stimmen angenommen. Nachdem hierauf die Mehrheit das ganze Gesetz ver- abschiedet hatte, wurde die Beratung vertagt. Das Gesetz über die Reichskassenscheine wurde bei Beginn der Sitzung in dritter Lesung angenommen. Heute: Mantelgesetz, Steuergesetze(Fahrkartensteuer, Erbschaftssteuer.)_ Die»vürttembergische Verfassung sreform unter den Händen der Standesherren. . Die erblichen Gesetzgeber Württembergs, die Herren der Ersten Kammer sind wieder drauf und dran, der Vcrfassungs- reform den Strick zu drehen. Der Bericht der Verfasfungs- kommission des schwäbischen Herrenhauses, der am 14. Mai herausgekommen ist, zeigt, daß die zwei Dutzend Junker, die die erlauchte Körperschaft bilden, sich anschicken, die Volks- forderung abzuweisen, indem sie den Entwurf verschlechtern, daß es der Zweiten Kammer unmöglich sein wird— voraus- gesetzt, daß wir die schwäbischen Demokraten nicht zu hoch ein- schätzen— solcher verschlechterten Vorlage zuzustimmen. Teilweise noch hinter dem Regierungsentwurf, den die Zweite Kammer in dielen Stücken verbesserte, will die Erste Kammer zurückgehen. Das Recht des Königs, erbliche Gesetzgeber in die Erste Kammer zu sepden, will sie erhalten, die von der Zweiten Kammer geforderten acht Vertreter von Handel. Industrie, Handwerk und Landwirtschaft, die in die Zweite Kammer eintreten sollen, will sie uuf vier reduzieren, und nicht von den Interessenten wählen, sondern vom König berufen lassen. Die Zweite Cammer soll für die aus ihr ausscheidenden, in die Erste Kamme, aufrückenden Privilegierten keinen Ersatz bekommen, das passive Wahlrecht für die Zweite Kammer wollen die Junker nicht von 20 auf 2S Jahr» herabgesetzt wissen, ob- gleich in der Ersten Kammer 21jährige, ja 18jährige Gesetz- geber möglich sind, und schließlich will sich die Erste Kammer ihre also verschandelte Reform mit einer großen Eriveiterung ihres Budgetrechts abkaufen lassen. Sie selbst aber will nichts oder möglichst wenig zahlen; die von der Regierung und der Zweiten Kammer geforderte Bedingung, daß die gesetzgebenden Standesherren der Ersten Kammer ihren Wohnsitz im Lande haben müssen, haben sie gestrichen. Sie wollen so um die Personalsteuern herumkommen und so, ohne Steuern zu zahlen, das schwäbische Volk weiter bevormunden können. Es sind ganz ungeheuerliche Zumutungen, die diese Ab- änderungen des Entwurfs an die Zweite Kammer stellen und keine Partei in Württemberg, mit Ausnahme des Zentrums, das seinen bäuerlichen Wählern so ziemlich alles bieten kann und das wegen Bedrohung deS katholischen Charakters der Ersten Kammer überhaupt Gegner der Reform ist, wird der verschandelten Vorlage zustimmen können, wenn sie nicht allen Kredit im Lande verlieren will. Die württembergische Sozialdemokratie, der der Entwurf der Zweiten Kammer schon nicht weit genug geht, hat natürlich sofort klar zum Gefecht gemacht. Ihr Organ, die„Schwäbische Tagwacht" erklärt:„Lieber gar keine Reform als eine solche, die die Rechte der Ersten Kammer auf Kosten der Volksrechte erweitert. Dann lieber einen Kampf gegen die Herrenhäusler, daß die Fetzen fliegen...." Die kommenden LandtagSwahlen werden im Zeichen des Kampfes gegen die Erste Kammer stehen I SO 000 Mann für Sndwestafrika. Schon aus der Meldung, daß trotz der Gefangennahme Morengas der Oberst Deimling als Oberbefehlshaber nach Südwestafrika entsandt werden soll, geht hervor, daß nian in maßgebenden Kreisen keineswegs der Ansicht ist, daß nunmehr auf ein baldiges Ende des südwcstafrikanischen Abenteuers zu rechnen sei. Es hat vielmehr den Anschein, als sei man davon überzeugt, daß in Südwestafrika noch manches zu tun sei, wenn man sich auch hütet, in der Ocffentlichkeit etwas von den An- und Absichten der Regierung bekannt werden zu lassen. Ein überaus düsteres Bild von der Lage in Südwest- afrika entwirft aber ein Südwestafrikaner in einem Briefe, den die„Zukunft" in ihrer neuesten Nummer veröffentlicht. In dicscni Briefe heißt es: „Auf die Gefahr hin, von Ihren Lesern als Schwarzseher be- trachtet oder gar nicht erst gelesen zu werden, weil Südwestafrika Ihnen»nachgerade zum Halse herauskommt", muß ich Ihnen doch wieder einmal von meinen Wahrnehmungen und Befürch- t u n g e n einiges mitteilen. Ick« lebe nicht weit von der englisch- deutschen Grenze, südlich vom Orangefluß, in einer Gegend, die seit zwölf Monaten endlose Transporte von Lebens- und Futter- Mitteln für die Verpflegung unserer Truppen und Zugtiere passieren, und ich sehe und höre h i e r m a n ch e S, das den Optimisten daheim, die mit Herrn von Lindequist die„Friedens- ära" gekommen wähnen, ihre Illusionen zerstören könnte. Hier wird jetzt erzählt sAnfang April), die an der Grenze mit Transportwagen aufgestauten Burcnkolonnen weigerten sich, überhaupt noch in deutsches Gebiet vorzudringen. Zu ver- denken wäre ihnen nicht, wenn sie keine Lust hätten, für eine hier gar nicht angebrachte Schneidigkeit ihr Leben in die Schanze zu schlagen. Hier und in derKalahari sitzt ein wahres Echan d- nest von„deutschen", b u r i s ch e n und britischen Schuften, die aus diesem Borspiel zu dem großen„Ver- nichtung aller Weißen" betitelten Völkerdrama einer nicht mehr fernen Zukunft Afrikas ein schmutziges Geschäft machen und von denen manche der deutschen Regierung und zugleich den Hottentotten Waren ver- kaufen. Wir sind hier fest überzc»ist, daß in Südwest- aftika noch zwei Jahre gekämpft werden wird und muß, weil nächstens auch die ganze Owamdo-Nation sich gegen die deutsche Herrschaft erheben wird. Die würde uns in ihrem Fieberland aber noch härter zusetzen als HereroS und Hottentotten zusammen. Mein Gewährsmann, der mehrere Owambo-Höuptlinge sah, erzählt, sie seien schon seit geraumer Zeit von portugiesischen Händlern mit Waffen und Munition reichlich versehen, die sie, ohne zu feilschen, mit ihrem Vieh bezahlt hätten. Bei den Owambos aber handelt sich'S um mindestens fünf-, vielleicht zehnmal mehr kriegsfähige Männer als bei HereroS und Hottentotten. Mögen die Kraftmeier und Schönfärber heute noch über unsere Warnung lachen I Wir haben vor zwei Jahren über die weifen„alten Südwestafrikaner" gelacht, die in allen Zeitungen ausposaunten, mit tausend Mann Nachschub sei die Orduung in der Kolonie in ein paar Monaten leicht wieder- herzustellen." Rein: fünfzigtausend Mann brauchen wir, wenn wir die zu Hause vertuschte Unsicherheit im Süden der Kolonie auch nur in weiteren zwölf Monaten bessern und durch eine starke Demonstration vielleicht noch die Owambos zurück- schrecken wollen. Um die Kolonie zu halten, muß noch viel tiefer in den ReichSsäckel gegriffen und gleich in Massen, nicht wieder, allen Eingeborenen zum Hohn, in kleineren Trüppchen, wie bisher, die nötige Kolonialarmee herausgcsandt werde». Sonst wird uns eines schönen oder bösen Morgens die Massenerhebung der Owambos noch bitterlicher überraschen als am 12. Januar 1904 der Hereroaufstand. Zum Schluß möchte ich fragen, ob etwa unsere Militärärzte empfohlen haben, s o u n- geheuereSpirituosen mengen, Schnaps, Likör, Bier, Wein, Champagner, für die Soldaten herbei« z u s ch a f f e n. Der Tropenkenner kann nur den Kopf schütteln. wenn er die Alkoholtransporte Tag für Tag vor« überziehen sieht. Von allen Seiten wird meine eigene Beobachtung bestätigt, daß in Deutsch-Südwestafrika nach wie vor unmenschlich getrunken wird. Wir mißgönnen den geplagten Leuten wahrhaftig keinen Trunk kühlen Bieres; aber wir hier arbeitenden und genug nicht minder fchwere Strapazen erdulden- den Europäer verdammen dies unfinniae Getrinke vor und während der Anstrengungen, denn wir wissen, daß es die Spann- kraft der Leute beträchtlich herabfetzt und Verwundeten verzweifelt schlechte Chancen für die Wiederherstellung gibt." Der Briefschreiber, der anscheinend die Ansichten weiter Kreise südwestaftikanischer Ansieder wiedergibt, die ihrerseits sicher nicht ohne Verbindung mit militärischen Kreisen stehen, rechnet also nahezu mit Bestimmtheit mit einem Ovambokrieg. Nun ist allerdings von amtlicher Seite im Reichstage wiederholt erklärt worden,' daß die deutsche Regie- rung nicht daran denke, einen Ovambokrieg zu provozieren, daß man vielmehr bemüht sein werde, die Ovambos in keiner Weise in die Kriegshändel hineinzuziehen; allein die bloße Tatsache der völligen Niederwerfung und Enteignung der Hereros und Hottentotten enthält für die Ovambos möglicher� weise Anreiz genug, nicht erst einen späteren Angriff Deutsch- lands abzuwarten, sondern den vermeintlich günstigsten Zeit- Punkt zum Losschlagen selbst zu wählen. Sollte es aber tat- sächlich zu einem solchen Ovambokrieg kommen, so würde ein solcher Krieg zweifellos jahrelang danern und weitere Hunderte von Millionen verschlingen. Denn daß die Ovambos mindestens ebenso achtungswerte Gegner- sind wie die Hereros, das hat ja die schwere Niederlage bewiefen, die sie seinerzeit den Portugiesen beigebracht haben! Die südwestafrikanische Sand- und Steinwüste kann uns also leicht noch weitere ungeheure Opfer an Gut und Blut kosten l Wir richten deshalb an die Regierung ö? F�kge, was sie bis jetzt getan hat oder künftig zu tuti gcdettlt, um die furchtbare Ovambogefahr abzu>venden.{ Baße Reserviertheit scheint uns ebensowenig am Platze zu je«, wie demonstrasive Entsendung neuer Truppcnmassen zu. Ein» schüchterung der Ovambos, wie sie der Briefschrciber prdert. Wohl aber wäre es möglich, die Ovambos daduisi zu beruhigen und dauernd zu pazifizieren, daß man ihnen. durch den Abschluß bindender Verträge ihre Unabhängigkci, und ihren Landbesitz sicherte uno zugleich Maßnahmen träfe, eine wucherische Ausbeutung dieses Stammes durch habgierige Händler zu verhindern! In einen: solchen Falle würden die Ovambos schwerlich so töricht sein, einem vorteilhaften Vertrag einen verhängnisvollen Kripg vorzuziehen. Geschieht etwas Derartiges nicht, bedroht man sin Gegen» teil die Ovambos durch fortgesetzte Rüstungen, so scheinen uns die Befürchtungen des Briefschreibers nur zu begründet zu sein I— Viel Lärm nm nichts. Die im Hinblick auf ihre politische TraMeite herzlich gkeickjs gültige und unbedeutende Reise, die deutsche Städtevertreter dieser Tage nach London geführt hat, wird von der bürgerlichen Presse zu einer Art Sensation aufgebauscht. Am Donnerstagabend bc handelte auch die„Vossische Zeitung" diese Reise in einem Tone, als böte sie eine Bürgschaft dafür, daß die noch nicht lange beseitigte Spannung zwischen der englischen und der deutschen Regierung nun so gut wie endgültig beseitigt sei. Endgültig! Als ob nicht unser teurer ZickzackkurS schon morgen oder übermorgen wieder unser zurzeit„herzliches" Verhältnis in ein„korrektes" verwandeln könnte. Und wenn das einträte? Tann würden sich doch— wie stets— all die Männlein, die jetzt in London zwischen Braten und Kompott„Verbrüderung" feiern, ganz einfach auf die berühmten Pflichten deutsch-preußischer Unter- tancn-„Lotialität" besinnen und— je nach Kommando—„Rechtsum I"„LinksumI" oder„Ganzes Bataillon, lehrt I" machen. Nun fügt es der Zufall, daß die Herren Vertreter der deutschen Städte gerade in diesen festlichen Londoner Tagen drüben ein Bild zu sehen bekommen konnten, dessen Schrecken so international sind wie ihre Ursache: der moderne Kapitalismus. Die„Vossische Zeitung" selber bringt am Schlüsse jenes oben von uns zitierten Jubclartikels eine Mitteilung, die ihr zu denken geben niüßte, wenn es ihr gar so sehr gerade aujs Denken an-> käme. Wir drucken ab: London, 15. Mai.(Eig. Mitt.) Warum konnte ich gestern, als ich im Prunksaal des de Kcyser Hotels beim F e st m a h l saß, das zu Ehren der deutschen Bürgermeister und Stadtverordneten von Lord Lyvcdcns Empfangsausschuß gegeben wurde, die jammervollen Austritte nicht loswerden, deren Zeuge ich am Nachmittag im Hhde Park gewesen war? Man hatte wieder einmal einen Umzug der unbeschäftigten Arbeiter Londons veranstaltet, der, wie innner, seinen Abschluß in einer Versammlung im Hhde Park fand. Es war der fünfte Umzug dieser Art im laufenden Jahr und weniger �zahlreich als die früheren. Aber was dieser letzten Kundgebung ihr besonderes Gepräge verlieh, das waren die tausend oder mehr zerlumpter und abgehärmter Weiber und Mädchen, die mit Kindern an der Hand und an der Brust dem Zug der Männer voranmarschiertcn, die, von Schutzmanns chasten scharf bewacht, mürrisch und ver- drossen durch die vornehmsten Straßen Londons zogen. Im Park auf dem Rasen gelagert, haben die Weiber und Kinder die mit» gebrachten Lebensmittel verzehrt, ein bißchen Käse, trockenes Brot und Apfelsinen, nach denen die hungrigen Kinder gierig griffen, während die Männer hungrigen Magens der Rede des sozial!- stischcn Abgeordneten Keir Hardie zuhörten. Und nun saß ich abends an der mit trefflichen Speisen und Getränken besetzten Tafel, wo ein feines Gericht das andere ablöste, eine kostbare Weinsorte nach der anderen ins Glas gegossen wurde, umgeben von fein gekleideten Herren mit goldenen Amtsketten und Ordens- steinen und Damen in schönster Abendtoilette, ein bekannter Ber- liner Stadtrat neben mir, Londoner Graffchastsräte mir gegen- über, und lauschte den tiefgefühlten Worten der Vcrbrüdc- rung, die abwechselnd in deutscher und englischer Sprache uns 200 Zuhörern entgcgentönten...." ' Und diese„Eigene Mitteilung" schließt: „... Umzüge unbeschäftigter Arbeiter und zerlumpter Weiber, auch wenn inan höchstens ein Drittel der Umziehenden als ehrliche Arbeitsleute ohne Beschäftigung bezeichnen kann, kommen meines Wissens in deutschen Städten nicht vor, die durch Arbeiterkolonien der Arbeitlosigkeit die Spitze abbrechen, und nicht alte, mittellose Arbeiter wie Verbrecher in Armenhäuser ein- schließen, die schon vor einem halben Jahrhundert Thomas Carlyle mit Bastillen verglichen hat." Also, in Deutschland steht eS mit der Arbeitslosen- und der Armenfrage so gut, daß England sich an uns ein Muster nehmen könnte I Wir haben es in dieser Beziehung so herrlich weit gebracht, dasj der Berichterstatter der„Vossischen Zeitung" darüber kein Wörtchei» weiter zu verlieren braucht. Und die„Vossische Zeitung" auch nicht. Mit um so größerer Ausführlichkeit kann sie dann morgen einen neuen Artikel bringen über„die großartige Gastfreundschaft. die den Bürgermeistern und Stadtverordneten deutscher Gemeinden jenseits des Kgnals zuteil�wird."— Deutlcbes Reich. Agrarische Steuerreform. In Baden soll eine Vermögenssteuer eingeführt werden. Das jetzt bestehende Shstem der direkten Steuern in Baden umfaßt die Einkommensteuer und eine Serie von Ertrags- steuern aus fundierten und gewerblichen Vermögen. Das Ein- kommensteuergesetz gehört zu den besseren in Deutschland. Die Ertragssteuern bestehen in der Wald-, Grund-, Häuser-, Gewerbe» und Kapitalrentenstcuer. Wald. Grund und Häuser wurden bisher ganz außerordentlich niedrig besteuert, dadurch daß die Steuer berechnet wurde nach Schätzungsgruiidsätzcn, denen die Wert- Verhältnisse der fünfziger und sechziger Jahre des vorigen Jahr- Hunderts zugrunde liegen. Gewerbe und Kapitalrente wurde da- gegen mit dem laufenden Werte getroffen. Durch die neue Vermögenssteuer sollten nun alle Ertrags. steuern zusammengelegt und von allem Vermögen, ohne Rücksicht auf dessen Erträge, eine gleich hohe Steuer erhoben werden. Selbst- verständlich mußte eine Neuschätzung von Grund und Boden. Wald und Häusern vorausgehen, und diese Neuschätzung ergab im Durch- schnitt eine V e r dop p e l ung dieser fundierten Vermögen. Die Haus- und Landagrarier, die also seit vielen Jahren viel zu wenig Steuern bezahlt hatten, standen sonach vor der unangenehme« Tatsache, daß sie ganz erheblich höher zur Steuer herangezogen werden sollten. Und da ging das Geschrei los! Das Zentrum warf sich zur ausschlleblichcn Vertretung dieses AgrariertumS auf und suchte mit allen Kniffen und Ränken den Vermögenssteucrgesctz- entwurf derart zu durchlöchern, daß die Agrarier unbeschädigt durchkommen mußten. Schon die Regierung hatte aus Rücksicht auf die Agrarier eine einseitige Progression für das gewerbliche Vermögen vorgeschlagen, das genügte aber dem Zentrum nicht, die vorgeschlagene Progression wurde fast verdoppelt und außerdem wurde bei der Industrie der Schuldabzug beschränkt. Tie Liberalen rächten sich dadurch, daß sie der sozialdcmo» kratischen Anregung, auch daS landwirtschaftliche Betriebsvermögen in die Besteuerung cinzubezichen, nachgaben. Ferner wurde ent, sprechend einem sozialdemokratjjcheo Antrage das KauStzallungz» CfFihoßcn der Steuer., unterworfen, nur datz die bürgerlichen Parteien die Freigrenze auf 20 000 M. festsetzten, so datz weite Kreise der Besitzenden, die nicht gerade besonderen LuxnS treiben, von dieser Steuer freibleiben. Dennoch wäre das Gesetz bald an den agrarischen Treibereien des Zentrums gescheitert. Diese Herren verlangten erhebliche Liebesgaben für die„arme" Landwirtschaft, anderenfalls sie nicht mehr mitmachten. Und die Nationalliberalcn gaben wenigstens vorerst in der Kommission nach. Man brachte eine Bestimmung in das Gesetz, nach welcher bei der Bildung des Steueraufschlages des landwirtschaftlichen Vermögens 10 bis 25 Proz. vom ab- geschätzten wirklichen Wert abgezogen werden können. Ein schmäh- licher Kuhhandel war es, bei dem die Nationalliberalen sich— wie es schien, mit einem gewissen Behagen— vom Zentrum über das Ohr hauen liesten. Natürlich stimmten die Sozialdemokraten nunmehr gegen ein solches Gesetz. Die Freude der Schöpfer an dem Werk, wenn es im Plenum Annahme findet, wird nicht lange währen, denn es ist nun weder ein ordentliches Vermögenssteuergesetz, noch ein irgendwie vernünftiges Ertragssteuergesetz. Das Monstrum zeigt lediglich, wie die Agrarier die Unverfrorenheit soweit treiben, sich selbst bei der direkten Besteuerung auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern.— Deutsch-schwedischer Handelsvertrag. Dem Reichstag ist ein Handels- und Schiffahrtsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Schweden gestern zugegangen. Die Brcslaucr Polizei hat den feigen Handabhacker noch immer nicht gefunden I Sein Opfer Franz Biewald ist jetzt aus dem Spital entlassen. Bei einem Besuche, den er auch der Redaktion der„VreSlauer Volksmacht" abstattete, schilderte er noch einmal den Hergang, wie er sich am 19. April in dem Hause Hildebrandtstraste2ö abgespielt hat. Die fliehenden VewohnerdeS Hauses hatten hinter sich die Tür geschlossen, trotzdem drangen zwei Schutzleute mit gezogenem Säbel ein; die Bewohner fliichtetn nach hinten, Bie- Wald stürzte dabei zu Boden und erhielt sofort einen Schlag in den Rücken i er stand auf und wollte zur Treppe, bekam aber gleich einen zweiten Hieb auf den Hinterkopf. Nun bat er den Schutz- nimm, er solle doch aufhören zu schlagen, er habe mit der Sache nichts zn tun, er habe den ganzen Tag gearbeitet und wolle nun nach seiner Wohnung. Doch der Schutzmann schlug blindwütend auf den die Treppe Hinanffliehcnden ein und die linke Hand lag auf dem Boden. Biewald, der sich sofort klar war, um was es sich handle, schrie laut ans, der Schutzmann aber war feige genug, sofort umzukehren und zu verschwinden, ohne sich um sein Opfer zu kümmern. Erst durch die„Volksmacht" hat Biewald erfahren, daß gegen ihn ebenfalls das Untersuchungsverfahren schwebe. Bitter meinte er dazu:«Es fehlt blost noch, datz sie mich jetzt auch in Haft nehmen." Dreimal war er bereits auf dein Polizeipräsidimn, wo ihm bis jetzt unter der Leituirg des Polizeihauptmanns Roll 88 Schutzleute vor- gestellt worden sind, natürlich ohne jeden Erfolg..Immerhin", bemerkt die„Volkstvacht",„scheint die Suche nach dem Täter nun auch bei der Polizei und bei dem Untersuchungsrichter in Fluß ge- kommen zu sein, nach einer auch von uns neuerdings wieder genauer verfolgten Richtung hin. Vernehmungen in größerem Umfange haben bereits stattgefunden."— Die Fahrkartensteuer in der bayerische» Abgeordnetenkammer. Die vom Reichstag in zweiter Lesung angenommene Fahr- karlensteuer stößt überall im Lande auf Widerspruch. Die bayerische Abgeordnetenkammer fand heute Gelegenheit, sich mit der Frage zu beschäftigen. Die Liberalen haben einen Antrag eingebracht, durch den die Regierung ersucht wird, die bayerischen Ver- treter im Bundesrat möchten gegen die Fahr- karten st euer stimmen. Der Abgeordnete Köhl begründete den Antrag, worauf Finanzminister von Pfaff die Ansicht der Regierung darlegte. Er sagte laut telegraphischer Meldung: Er denke über die Fahrkartensteuer ebenso wie der Verkehrsminister; auch er habe Bedenken gegen eine solche Steuer gehabt, da sie unter Umständen zu einer Minderung des Verkehrs, zur Mehrbenutzung der niederen Wagenklassen statt der.höheren und zur Minderung der Einnahmen der bayerischen Staatsbahn führen könnte; aber alle Bedenken müßten, wie dies auch der Verkehrsminister vor kurzem erklärt habe, zurücktreten bor den höheren Zwecken; denn mit der Fahrkartensteuer würde die ganze Reichsfinanzreform scheitern. Darüber bestehe wohl heute vollständige Ueber- einstimmung: die Fahrkartensteuer sei nur ein Teil der ganzen einheitlichen Reichstagsvorlage, und es sei der Regierung nicht möglich, einen einzelnen Teil herauszugreifen und abzulehnen. Im Interesse des großen Zieles, daß die Rcichsfinanzreform zu- stände komme, könne die Regierung dem heutigen Antrag der Liberalen nicht entsprechen. Aehnlich äußerte sich der Verkehrsminister v. Frauen- d o r f e r. Weilnböck(frs. Vg.). Casselmann(Lib.) und unser Genosse Timm sprachen für den Antrag, während P i ch l e r(Z.) sich gegen den Antrag erklärte mit der Begründung, es sei nicht angebracht, von Bayern aus gegen die nach langer Arbeit im Reichs- tage zustandegekommene Finanzreform einzugreifen. Schließlich wurde der Antrag der Liberalen gegen die Stimmen der Liberalen, der Freien Vereinigung und der Sozialdemokraten abgelehnt. Aus dem Hannoverschen Stadtparlament. Im Hannoverschen Bürgervorsteher-(Stadtverordneten-) Kollegium schwebt schon seit Jahren eine'heftige Fehde gegen den Bürgervorsteher und Architekten Max Küster, den Vorsitzenden der Deutschen Mittelstands-Vereinigung. Küster beteiligte sich an städtischen Submissionen, besonders am Rathausbau, und hat mit den übrigen Submittenten eine Vereinbarung getroffen, daß er der billigste bleiben sollte. Nachdem die Vereinbarung getroffen, erhöhte Küster seine Offerte noch um 1750 M. und erhielt die Arbeit. Darauf zahlte er an die zurückgetretenen Submittenten in Gemeinschaft mit seinem Kompagnon Heeren 10 000 M. Ent- schädigung. Als das Burgervorsteher-Kollegium diese Sache erfuhr, legte es Herrn Küster nahe, sein Ehrenamt niederzulegen. Küster weigerte sich und faßte deshalb das Bürgervorsteher-Kolleginm im Oktober vorigen JahreS den Beschluß, daß Küster gegen die Urheber des Gerüchtes, den Maurermeister Düne, die Beleidigungs- klage erheben solle, damit Klarheit geschaffen werde. Darauf klagte Küster. Das Schöffengericht sprach jedoch den Angeklagten Düne frei, da alle Anschuldigungen als erwiesen an- zusehen wärenl Das Urteil bedeutete die Vernichtung des Mittelstands- leuchtturmes Küster, da es die„die Stadt offensichtlich schädigende Handlungsweise des Bürgervorstehers Küster" brandmarkte und hervorhob, daß der Angeklagte Düne mit der Veröffentlichung der Sache sich ein Verdienst um die Stadt erworben habe. Gegen dieses Urteil legte Küster Berufung ein, zog die Be- rufung jedoch kurz vor dem landgerichtlichen Termin zu aller Ueberraschung zurück. Am Mittwoch abend beschäftigte sich nun das Bürgervorsteher- Kollegium erneut mit der Sache. Küster meinte, die ganze Attacke gcaen ihn fei persönliche Rankmie des Vorsitzenden des Bürger- borsteher-Kollegiums, weil er sich nicht in jedem Fall dessen Willen unterwerfe. Der Vorsitzende selbst— Rechtsanwalt Wegener— müsse auch sein Mandat niederlegen, da er im Bürgervorsteher- Kollegium feierlich unterschrieben habe, keine städtischen Arbeiten zu übernehmen, und es doch tuet Schließlich meinte Küster:„Sie können beschließen was Sie wollen, gehen tue ich nicht! Sie wollen mich dann gesellschaftlich schneiden, das ist mir auch egal. Ich freue mich meines Lebens, Sie auch und damit Gott befohlen!" Das Bürgervorsteher-Kolleginm faßte darauf folgenden Beschluß: „Nachdem Herr Bürgervorsteher Küster das Urteil des könig- lichen Schöffengerichts hat rechtskräftig werden lassen, fordert das Bürgerschafts-Kollegium Herrn Küster auf, sein Amt als Bürgervorsteher niederzulegen." Im Hannoverschen Bürgervorsteher-Kollegium scheint manches nicht gut bestellt zu sein. Es ist auffallend, datz Herr Wegener sich gegen den Vorwurf Küsters nicht verteidigte. Alle diese Er- scheinungen sind eine Folge der hannoverschen Städte-Ordnung, die wohl für ein vorsündflutliches Hirtenvolk paßt, nicht aber in die heutige Zeit. Man begreift ja auch unter solchen Umständen, daß die 24„Vertreter der Stadtgemeinde" alle Löcher hermetisch ver- schließen, durch die die Sozialdemokratie in das Hannoversche Stadtparlament hineinschlüpfen könnte. Es ist die Angst vor— Enthüllungen. Gegen die Fahrkartensteuer. Die sozialdemokratische Fraktion des badischen Landtages brachte einen Antrag ein, wonach die badische Regierung ersucht wird, im Bundesrat gegen die Fahr- kartensteuer zu stimmen und alles daran zu setzen, um die Ein- fuhrung dieser rückschrittlichen Berkehrssteuer zu verhindern. Die Debatte über diesen Antrag dürfte sehr interessant werden, da die badischen Nationalliberalen sich bisher immer als Freunde der Eisenbahntarif« Ermäßigung gerierten, während gleichwohl drei badische nationalliberale Reichstags-Abgeordnete für die Fahrkarten� steuer stimmten.— Puttkamcrs„angegriffene Gesundheit". Das Scherl-BIatt läßt sich aus„parlamentarischen Kreisen" melden, datz Gouverneur v. Puttkamer seine Gesundheit durch die„langjährige Tropen dienstzeit" derartig angegriffen fühle, daß er nicht nach Kamerun zurückkehren, sondern seinen Abschied„erbitten" werde. Danach scheint in Regiernngskrcisen Neigung vorhanden zu sein, dem wackeren Jesko einen„freiwilligen" Rücktritt und obendrein noch Pension für seine famose Tätigkeit zu gewähren! Hoffentlich wird Herr Erzberger seiner Partei klar zu machen wissen, datz einem so verdienten Kolonialpionier kein so sang- und klangloser Abschied gebührt!— Neue Kolonialfordcrungen!. Der Bundesrat wird am Sonnabend wiederum eine außerordentliche Plenarsitzung abhalten, in der noch die beiden Ergänzungsetats erledigt werden sollen, die der Reichstag noch vor der Vertagung verabschieden muß. In dem einen werden außerordentliche Ausgaben von rund 19 Millionen Mark, in dem anderen von rund 17 Millionen Mark angefordert. Außer den bereits bekanntgegebenen größeren Summen für kolo- niale Zwecke werden 4 Millionen für Zwecke der Heeresver- w a l t u n g und etwa 12 Millionen für die südwestasrikanisch� Expedition beantragt._ Chronik der Majcstätsbeleidignngen. Vor der Strafkammer in Duisburg hatte sich am 16. d. M. der Gelegenheitsarbeiter Heinrich Peterkes aus Mülheim a, d. Ruhr wegen Majestätsbeleidigung zu verantworten, deren er sich beim Betteln schuldig gemacht haben sollte. Peterkes bediente sich, als er beim Betteln abgefaßt wurde, über den Kaiser und den Papst einiger unflätiger Ausdrucke, um für längere Zeit llnterkominen auf Staatskosten zu erhalten. Das Gericht mußte ihn auf Grund unserer strafrechtlichen Bestimmungen wohl oder übel den Gefallen tun und verurteilte ihn zu drei Monaten Gefängnis. Neuer Antrag zur Fahrkartensteuer. Die MehrheitZparteien kurieren noch immer am Fahrkartenstempel herum. Sie haben einen neuen Antrag eingebracht, der solgendermaßen lautet: «Für Fahrkarten, welche zum halben Betrage des auf die Karte aufgedruckten Fahrpreises ausgegeben werden(Kinder- karten), ist die Hälfte der für den vollen Fahrpreis festgesetzten Stempclabgabe, jedoch mindestens 5 Pf., zu entrichten. Bei Sonderfahrten usw., für deren Benutzung keine Fahrkarten aus- gegeben werden, sondern der Preis in anderer Weise berechnet wird, ist ein Stempel in Höhe von zehn vom Hundert des ge- samten Beförderungspreises zu entrichten."— Eine neue russische Grenzverletzung! Der„Schles. Volksztg." wird aus Bogutschütz gemeldet: Der Agent Hanke aus Mhslowitz warb einen Trupp Ar- beiter in Polen. Gestern passierten 24 Mann davon unerlaubt die Grenze zwischen Mikowice und Eichenau. Trotzdem sie schon auf preußischer Seite waren, gab ein Kosak einen Schuß ab, der einen achtzehnjährigen Burschen in den linken Fuß traf. Die Kugel durchlöcherte vollständig den Mittel- fußknochen. Da die Regierung sich bisher alle kosakischen Grenzfrcchhciten ruhig hat gefallen lassen, darf man sich über deren stetige Wieder- holung nicht wundern! Haiti oder höchstenfalls Venezuela gegenüber trumpft man auf; den Grenzunvcrschämtheiten der zarischen Soldateska gegenüber besitzt man die bekannte Rhinozeros- haut!_ Morengas Gefangennahme bestätigt. Das„W. T. B." meldet: Wie nunmehr amtlich bestätigt wird, hat sich Morenga mit 7 Mann der Kappolizei gestellt und soll nach Upington gebracht werden. Die aus den kleinen Karasbergen ausgebrochene Hottentottenbande hat sich, wie zu erwarten stand, in südlicher Richtung nach der unwegsamen Gegend des Großen Fisch- flusses gezogen. Die von allen Seiten folgenden Truppen stellten fest, daß am 10. Mai Johannes Christian, Morris und ein dritter Führer namens V i e l d i n g bei Rosenbusch am Großen Fischfluß vereinigt waren. Berichtigung. Jtf die Notiz„Weiterer Rückgang der Schweinepreise", Nummer 113 des„Vorwärts"(Hauptblatt, Rubrik„Deutsches Reich"), hat sich ein Fehler eingeschlichen. Die dort genannten Schweinepreise verstehen sich, wie aus der Hinzu- fügung, daß der Unterschied zwischen früher und jetzt 17 Pf. pro Pfund beträgt, deutlich hervorgeht, nicht pro �Doppelzentner, sondern pro Zentner. Kuslanä. Oesterreich. Der neue Geist. Wenn der neue österreichische Ministerpräsident Prinz Hohen- lohe-Schillingsfürst auf seiner weiteren politischen Laufbahn das hält, waS nach seinen bisherigen Worten von ihm erwartet werden kann, so darf sich das österreichische Volk gratulieren zu dem neuen Geist, der mit Hohenlohe in die Regierung eingezogen zu sein scheint. Ueber das Debüt des Ministerpräsidenten im Abgeordneten- hause hatten wir am Mittwoch bereits in aller Kürze berichtet. Nun hat er sich am Donnerstag auch dem österreichischen Herren- hause vorgestellt und vor dessen adeliger Sippe ebenso mannhaft für das allgemeine MMecht plädiert sie vorher im Haufe der. Abgeordneten. Wir zitieren einige Sätze aus Hohenlohes Red im Herrcnhause: «... Vor allem ist es die Pflicht der Regierung, die Wahl- reform durchzuführen... ... Ob die verehrten Herren, die jetzt die Kurie des Gros: grundbesitzeS vertreten, im neuen Parlament Sitz und Stimm haben werden, das hängt wesentlich von ihnen ab. ... Durch das allgemeine Wahlrecht wird dem Gebot der politischen und sozialen Gerechtigkeit entsprochen; wer zu Leistungen für den Staat verpflichtet ist, der muß auch an den öffentlichen Rechten teilnehmen... ... Wir sind aber auch entschlossen, Gesetz und Recht gegen- über jedermann ohne Ansehen der Person zur Geltung gu bringen, denn das Gesetz muß für und gegen jeden mit gleicher Energie gehandhabt werden, weil nur dann der wahrhaft adelige Gedanke der Rechtsgleichheit im öffentlichen Bewußtsein Würze fassen kann. Tie Gleichheit vor dem Gesetz muß ebenso«ner schuttcrlich sein wie der Respekt vor ihm, und diesen Rcspe! überall unnachsichtlich zur Geltung zu bringen, soll stets unser ernste Aufgabe sein..." Das läßt sich wohl hören.— Frankreich. Der Parteistreit um die Stichwahltaktik. Paris, 16. Mai.(Eig. Ber.) Die Meinungsverschiedenheiten wegen der Haltung der Parb bei den Stichwahlen haben eine Diskussion hervorgerufen, die eir unerfreuliche Gereiztheit zeigt. Die Beschlüsse des Föderalrats ur der Exekutivkommission der Seine-Födcration, wonach Kandido der S o z i a I i st e n im 15. Arrondisiement der Radikal Chautard sein soll und im 13. Arrondisiement der Radikal B u i s s o n, finden in den Wahlkreisen keine Befolgun! Coutures, der sozialistische Kandidat im 13. Arrondissemen beruft sich auf den Beschluß des letzten Förderationskongresjes, dc in der Tat die Unterstützung der Radikalen nur unter bestimmt! Bedingungen zuläßt(Erweiterung des Gewerkschaftsrechts, Vc pflichtung auf das Listcnskrutinium mit Proporz) und die Wal kreisorganisation des 15. Arrondissemcnts protestiert gegen die E klärung der Exekuiivkommission, daß ihr Kandidat, Geno A u b r i o t, die Disziplin gebrochen habe. Zugleich erklärt sie, d. sie an den nächsten Förderationskongretz appellieren und dort geg- die Verletzung der Beschlüsse des Gesamtparteilages und des Fr derationskongresses Beschwerde erheben werde.— In der Provinz hat namentlich die Situation in B e z i e: heftige Erörterungen herbeigeführt. Tort erhielt im ersten Wal gang der Radikalsozialist Lafferre 10 728, Genosse Cach 7607, ein„unabhängiger Radikalsozialist" 3470 Stimmen. Dies unabhängige, von den klerikalen unterstützte Kandidat hat nun v> zichtct und seine Wähler aufgefordert, für Cachin zu stimmen. T Radikalen aber fordern, daß Cachin zurücktrete, und ein Teil d Genossen ist ihrer Ansicht. Die Organisation jedoch hat beschlossc die Kandidatur Cachin aufrechtzuerhalten. Die Situation in Beziers ist also wie in Paris XV.: Paris XIII hingegen liegt der Fall so, daß die Aufrechterhaltu der sozialistischen Kandidatur das Mandat den Nationalisten in � Hände spielen könnte. Das wäre schon darum zu bedauern, w Buisson ein fortgeschrittener Demokrat und eine bedeutet. Autorität auf dem Gebiete des Unterrichtswesens ist. Mag hier die Haltung des sozialistischen Kandidaten w wunderlich erscheinen, so verhält sich die Sache in d e n Wahlkreisc wo neben den Radikalen nur die sozialistischen Kandidaten in Fr» kommen, denn doch nicht s o einfach, daß das Schlagwort von d republikanischen Solidarität zur Lösung genügen würde. Man l wohl auch das Argument herangezogen, daß die Sozialisten- kei Mandate von der Gunst der Radikalen empfangen dürften. Ab nach dieser Logik hätten es die Reaktionäre in der Hand, d Sozialisten überhaupt das Kandidieren unmöglich zu machen. E brauchten bloß die Parole auszugeben: Dort, wo die Sozialist einige Aussicht haben, schon im ersten Wahlgang für sie zu stimm- und die sozialistischen Kandidaten durften dann keine Wahl< nehmen!— Die Radikalen sind begreiflicherweise unbedingte? Hänger eines Pakts, bei dem sie die größten Profite machen und! die praktische Bedeutung hat, daß die Reaktionäre, wo sie nicht absolute Mehrheit haben, verdrängt werden, mag ihre rclat Mehrheit noch so bedeutend sein. Die Sozialisten inbes— u unter ihnen merkwürdigerweise besonders die Befürworti des Pakts mit den Radikalen— sind Anhänger des P r o p o tionalshstems, und da ist es doch immerhin sonderbar, d sie einen solchen Eifer darauf wenden sollen, den Radikalen ei Zahl von Mandaten zu verschaffen, die ganz außer Verhältnis ihrer Wählerzahl steht. Zwischen dem Prinzip des Proporzes u der Taktik der unbedingten Verdrängung der konservativen Pc teien besteht ein Widerspruch, über den man sich noch nicht ii geworden zu sein scheint.— Italien. Sonninos Ende. Zum dritten Male seit weniger als einem halben Jahre ist k König von Italien in die Situation geraten, mit einem neu Kabinett arbeiten zu müssen.— Wir haben das Ministerin Sonnino seit seinem Entstehen mit Interesse verfolgt, weil des Antrittsarie so schön klang, daß man beinahe glauben mochte, werde nun eine bessere Zeit für Italien hereinbrechen. Aber eS hu. sich wieder der alte Satz bewahrheitet: Die Minister kommen nn' gehen in einem nwnarchischcn Staate, das S h st e m aber bleibt Eine Lappalie hat Sonnino und sein Kabinett ins Wanke gebracht. Während er nämlich verlangte, daß spätestens a- 28. d. Mts. der Kommissionsbericht über die Verstaatlichung. italienischen Südbahn in der Deputiertenkammer vorgelegt werd solle, nahm die Kammer mit 179 gegen 152 Stimmen bei 40 Stinu enthaltungen eine Tagesordnung Maggiorino-Ferrari an, in d die Feststellung des von der Regierung geforderten Termins c gelehnt wird. Das war alles! Gerade daraus geht aber herbor, daß! eigentlichen Gegensätze weit schärferer Natur sein müssen. D deuteten ja schon nach der Mandatsniederlegung der sozialistisch Abgeordneten an, daß die Stellung SonninoS durch jenen Vors kaum gefestigt worden fein durfte. Der König von Italien scheint auch dieser neuen Situat gegenüber wieder aus dem Schwanken, Zaudern und lleberles nicht herauszukommen. Zwar heißt es, er plane, Sonnino mit 1 Bildung eines neuen Kabinetts zu betrauen, aber dann wie! verlautet, G i o l i t t i oder auch Gallo habe Chancen, z Ministerpräsidenten erkoren zu werden. Erst morgen wird sich in der verwickelten Situation!la sehen lassen.— Wir erhalten folgendes Privattelegramm: Die Ministerkrise entspringt einem raffinierten Handstrelch der liberalen Opposition, die Giolittis Rückkehr herbeizuführen wünscht. Als einzig logische Lösung fordern„Avanti" und andere Blätter die Auflösung des Parlaments.' Schweden. Der Schiffbruch der Wahlrechtsreform. Die Wahlrechtsreform, für die das schwedische Volk sc 20 Jahren kämpft, ist also wieder einmal vereitelt worden. � erste Kammer, der scheinbar unerschütterliche Hort der Reak hat sie zu Fall gebracht und— statt für die der Volksmehr annehmbare Regierungsvorlage— für ein Proportionalsystem, vc bundcn mit einer weiteren Einschränkung des Wahlrechts, gestimn das einen Schein von Gerechtigkeit dadurch gewinnen sollte, du, man es für die Abgeordnetenwahleo zu.beiden Kammern ei» IHi ifjreft wollte. Die zweite Kammer Ijat diesen Beschlutz des Herrenhauses" mit 130 gegen 98 Stimmen abgelehnt. Genosse B r a n t i n g bemerkte am Dienstag in einer grohen ede in der zweiten Kammer, datz die- beste Antwort auf den Be- hlutz der ersten Kammer eine Massenresolution für Abschaffung w ersten Kammer wäre. Er wies darauf hin. datz die erste .ammer im vorigen Jahre mit dabei war, vom norwegischen Lolke eine Volksabstimmung über die llnionsauflöiung zu ver- langen. Ob sie denn nicht jetzt für eine Urabstimmung des schwedischen Volkes über die Lösung der Wahlrcchtsfrage zu haben sei?„So viel wissen wir," sagte er zum Schlutz,„und das lehrt uns unseres Landes Geschichte, datz das schwedische Volk Mittel hat, um die hohen Herren zu zwingen, Vernunft anzu- nehmen I Auch der Staatsminister S t a a f fand scharfe und ent- hiedene Worte gegen die erste Kammer. Seine Rede klang wie ne Aufforderung zu fortgesetztem Kampf gegen deren Gewalt- ?rrichaft. Er erklärte, datz die Regierung nach wie vor auf ihrer orlage als dem einzigen Wege zur Lösung der Wahlrcchtsfrage stehe. Seit langen Zeiten sei innerhalb des schwedischen Volkes ine Handlung geschehen, die das politische Denken so erregt habe -e der Beschlutz der ersten Kammer. Und dieses Denken werde ne Bewegung von so gewaltiger Kraft hervorrufen, datz die erste immer ihren Widerstand fahren lasse. Will die Regierung den Kampf wirklich energisch führen, so selbstverständlich die Reichstagsauflösung das am nächsten igende Mittel. Es verlautet jedoch noch nichts darüber, ob die rflösung sofort oder erst im nächsten Jahre erfolgen soll. Interessant ist das Schicksal, das der sozialdemokratischen ahlrechtsresolution in der zweiten Kammer beschieden war. Sie rrde diesmal mit 67 gegen 158 Stimmen abgelehnt. Im vorigen ihre stimmten für die Wahlrcchtsresolution unserer Genossen 56. gegen 165 Abgeordnete, im Jahre 1904 nur 43 dafür und 178 igegen. Dabei ist allerdings zu bedenken, datz jetzt statt vier, eizehn Sozialdemokraten in der Kammer sitzen. Immerhin zeigt icht�atz �®ebanIe be§ allgemeinen Wahlrechts Fortschritte Se\verKsd)aftttcl?es. Der iL. Juni! Vor uns liegen zwei Telegramme: Berlin, 18. Mai. Der Verband Berliner Metallindustrieller jat in serner heutigen Hauptversammlung einstimmig beschlossen, im 2. Juni 60 Proz. der sämtlichen in seinen Betrieben be- chäftigtcn Arbeiter auszusperren, vornehmlich Mitglieder des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes. Das zweite Telegramm lautet: Brest, 18. Mai. DaS Zentralkomitee der Arbeitgebervereini- nngen für die Metallindustrie hat gestern beschlossen, den Kampf nit den Arbeitern aufzunehmen. Am 2. Juni werden sämtliche sndustrien dieser Branche ihre Werke schlietzen. Durch diese Aus- perrung werden insgesamt 175 000 Arbeitnehmer in Mitleiben» chaft gezogen. Die Arbeiter sollen morgen von der bevorstehenden Sussperrung durch Anschlag benachrichtigt werden und davon, datz ne Arbeiterorganisationen an diesem Tage zu beschlietzen haben verden, ob sie mit einem Generalstreik das Ultimatum der Arbeit- zeber beantworten wollen. Die Ursache dieses Streiks ist die frage des Wochenlohnes und die Durchführmig des Achtstunden- ages. Handelt es sich nur um einen Zufall oder liegt eine ternationale Vereinbarung der Scharf- a ch e r vor? Man wird abwarten müssen, wie die Ver- ndlungen in Dresden und Hannover verlaufen, ehe man ! darüber völlig klar werden kann.— Inzwischen hat der Wind auch anderwärts wieder um- chlagen: � In Torgelow sind 80V Former und Gietzerei- beiter ausgesperrt, und zwar unter Umständen, lche einzig dastehen dürften, selbst in der gegenwärtigen it, in der man vom Aussperrungsfieber der Unternehmer les erwarten kann. Im Jahre 1905 wurde in Torgelow ein Tarifvertrag ischen dem Verein der Torgelower Gietzereibesitzer und dem etallarbeiterverband und dem Gewerkverein(Hirsch-Duncker) geschlossen. Dieser Vertrag lief am 15. April 1906 ab. Es irde fristgemätz vier Wochen vorher gekündigt und bei ' Kündigung den Unternehmern mitgeteilt, datz die ndigung wesentlich erfolge, um den in der Form vollkomnienen Tarif in einigen Punkten zu ändern. itzer formalen Abänderungen kamen unwesentliche Er- Hungen einiger Akkordpreise, die Garantie eines Mindest- cdienstes und die Aufhebung der vierzehntägigen Kündigung , Arbeitsverhältnisses in Betracht. Die übrigen Forderungen, : Bezahlung unverschuldeten Ausschusses, Aufschlag für berstunden, Verbesserung sanitärer Einrichtungen waren in ocn meisten Betrieben bereits erfüllt, so datz es sich kaum ohnt darüber zu reden. Auf den Kündigungsbrief wurde dem Bezirksleiter i o h r l a ck vom Metallarbeiter-Verband mitgeteilt, datz die sternehmer nicht selbst entscheiden könnten, sondern, ül sie sich dem Gesamtverband der Metallindustrielleen !geschlossen hätten, mit diesen Herren erst darüber raten inützten, ob sie mit den Arbeiterorganisationen oder it ihren Arbeitern selbst Verträge, daS Arbeitsverhältnis be- iffend, abschlictzen,(Diese Herren im eigenen Hause!) oäter ging sodann noch ein Schreiben ein, in welchem der .'schlutz der Unternehmerorganisation verkündet wurde, tz„über Fabrikordnung und Löhne jeder rbeitgeber im Bedarfsfalle nur mit den in inem Betrieb beschäftigten Arbeitnehmer verhandeln hat. Dieser Beschlutz wurde von den beitgebern so ausgeführt, datz sie versuchten in den briken nach einem selbst ausgeklügelten Wahl- ,dus Kommissionen wählen zu lassen, die verhandeln Iten. Datz die Arbeiter darauf nicht eingehen inten. ist ganz selbstverständlich. Sie teilten den brikanten durch Zusendung einer einstimmig beschlossenen Solution mit. datz sie die Beseitigung des Tarifes bedauern, dieser den wirtschaftlichen Frieden in Torgelow bisher durchaus gesichert habe, datz sie aber den Frieden nicht ohne weiteres brechen, sondern durch Kommissionen verhandeln wollen, welche von den Arbeitern durch freie Wahl dazu ernannt würden. Inzwischen wurde die Kündigung eingereicht, den Unter- nehmern aber gleichzeitig mitgeteilt, datz die Arbeiter bereit seien, durch die von ihnen gewählten Kommissionen in den vierzehn Tagen bis zum Ablauf der Kündigung zu ver- mndeln. Das geschah denn auch, und es wurde mit drei Firmen ne Einigung erzielt, den Inhabern dieser drei Firmen auch geteilt, datz die Arbeiter die allerdings recht geringfügigen Geständnisse annehmen. Beisstvei Firmen wurde keine Einigung .,ielt, weil die Zugeständnisse denn doch so gut wie nichtssagend jaren, ja teilweise noch eine Verschlechterung gegen den bis- herigen Zustand bedeutet hätten. Beraiftg. Redakteur: Hans Weber, Veiiin. Inseratenteil verantSU So standen die Dinge, als der Gesamtverband der Metall- industriellen seinen Aussperrungsbeschlutz fatzte. Es mutzte jetzt der Versuch gemacht werden, die Sache beizulegen, weil der Metallarbeiter- Verband nicht noch durch eine neue Arbeitsniederlegung Oel in das Feuer gictzen wollte. Am Sonntag, den 13. Mai, wurde seitens der Bezirks- leitung im Einverständnis mit dem Vertreter des Gewerk- Vereins den Kollegen eröffnet, datz die Leitungen der beiden Organisationen nach Lage der Sache zu einem Streik ihre Zustimmung nicht geben könnten. Das wurde den Arbeitgebern, die zur selben Stunde eine Versammlung hatten, natürlich ebenfalls noch bekannt. Am Montag, den 14. Mai, gingen die Arbeiter wie ge- wohnt zur Arbeitsstelle, um unter Zurücknahme der Kündigung ihre Arbeit fortzusetzen. Anders dachten die Unternehmer: Sie schickten alle, die gekündigt hatten, wieder nach Hause mit der Erklärung, datz sie am Mittwoch Bescheid erhalten würden! Der Mittwoch kam, und der Bescheid blieb aus! Am Abend des Mittwochs fand eine Versammlung statt, in welcher der Beschlutz gefaßt wurde, die Arbeit zu den von den Fabrikanten gestellten Bedingungen aufzunehmen. Doch auch heute noch sind die sämtlichen mehr als 800 Mann ausgesperrt! Das ist in der Tat ein Akt der Unternehmerbrutalität. der noch kaum dagewesen sein dürfte! Die Arbeiter nehmen die von den Unternehmern ge st eilten Be- dingungen an und gehen zur Arbeit, und die Unternehmer sperren dieselben Ar- beiter aus! Es ist ein Willkürakt, so brutal, so provozierend, wie er noch nicht dagewesen sein dürfte, ausgeführt von Unter- nehmern, welche für die gesamte Eisengießerei-Jndustrie Deutschlands die Schmutzkonkurrenz bilden. Bemerkt sei noch, datz auch zwei Unternehmer, denen die Arbeiter schon mehrere Tage vorher die Annahme der Vorschläge mitgeteilt hatten, mit ausgesperrt haben. Nur eine Firma(Dr. Vollgold) hat sich an der Aus- sperrung nicht beteiligt.—' Ob nun dieses Vorgehen in Zusammenhang steht mit dem Vorgehen der Kühnemänner oder nicht, die Arbeiter werden ihm zu begegnen wissen! Seriln und Umgegend. Der Streik in der Portland-Zementfabrik von Guthmann n. Jeserich ist aufgehoben worden. Die Streikenden haben die Arbeit bedingungslos wieder aufnehmen müssen, weil sich zu viel Arbeitswillige fanden und die Kutscher der Firma Pannach keine Solidarität übten. Zur Lohnbewegung der Friseurgehülfen ist zu berichten, datz zurzeit 400 Bewilligungen vorliegen von Meistern, welche zirka 350 Gehülfen beschäftigen. Die Geschäfte, deren Inhaber bewilligt haben, sind kenntlich durch ein weitzes mit roter Schrift und Rand versehenes Plakat. Die Gehülfen sind im Besitze einer ähnlichen Kontrollkarte. Plakate und Karten führen untenstehenden Titel. Man achte auf Nachahmungen. Arbeitgeber, welche keine Gehülfen beschäftigen, erhalten kein Plakate. Verband der Friseurgehülfen. Zweigverein Berlin und Bororte. Bureau: Rosenthalerstratze 57. Die Lohnkommission des Verbandes deutscher Barbier-, Friseur- und Perückenmachergehülsen Berlins, die der freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften angeschlossen ist, macht darauf aufmerk- sam, datz nur da, wo die Plakate vorhanden sind, bewilligt ist. Die von dieser Organisation herausgegebenen Plakate sind dunkel- rot, von den Arbeitgebern nach autzen hin sichtbar angebracht, und nur gültig, wenn die Namen Schulze und Baumgart darunter stehen. Den Arbeitgebern zur Nachricht, datz die Ausgabe der Plakate in unserem Nachweisebureau S ch i l l i n g st r. 15— 16 täglich in der Zeit von 2— 4 Uhr nachmittags durch den Nachweis- Vorsteher Baumgart erfolgt, woselbst auch noch Forderungen zur Unterschrift ausliegen. Die Lohnkommission des Verbandes deutscher Barbiere, Friseure und Perückenmachergehülsen. Die Monatsversammlung des Ortsvereins Potsdam(Verband der Deutschen Buchdrucker), die von 93 Mitgliedern be» sucht war, hat folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die heute tagende Versammlung des Ortsvereins Potsdam verurteilt die Nichtbeachtung der Maifeier im„Korrespondent", da dieselbe geeignet ist, die organisierten Buchdrucker immer mehr in der Arbeiterbewegung zu isolieren. Die Nichtbeachtung des 1. Mai ist um so unverständlicher, als der Zentralvorsitzende, Kollege Döblin, auf dem 5. Gewerkschaftskongretz die Annahme der Resolution Schmidt empfahl, die eine prinzipielle Maifeier anerkennt. Sie ersucht den Zentralvorstand, Vorsorge zu treffen, damit die von ihm vertretenen Anschauungen auch im„Korrespondenten" beachtet werden." Diese Resolution wird dem Zentralvorstand, der„Korr."-Ne- daktion und der„Brandenburger Zeitung" übermittelt werden. Deutfehes Reich. Zur Aussperrung der Buchbinder. In allen bürgerlichen Blättern des Reiches suchen die Buchbindereibesitzer von Berlin und Leipzig Buchbinder, Hülfsarbeiter und Arbeiterinnen. An die gesamte Arbeiterschaft in und ausserhalb de» Reiches richten wir das Er- suchen, Zuzug von Leipzig und Berlin fernzuhalten. Mit den süssesten Versprechungen wird operiert. Von den Prinzipalen können diese jedoch nicht gehalten werden, denn z.B. die Arbeiten, welche bis jetzt von Arbeilerinnen hergestellt worden sind, sollen jetzt von jüngeren und älteren Hülfsarbeitern gemacht werden. Jedem Hülfsarbeiter muh es klar sein, datz nach Wiederaufnahme der Arbeit seitens der Ausgesperrten die Hülfsarbeiter vollständig überflüssig find. Die Situation ist unverändert. In Stuttgart sind entgegen bürgerlicher Meldungen bis jetzt erst zehn Personen ausständig. Die gesamte Arbeiterpresse wird dringend um Abdruck gebeten. " Die Streikleitung. (Wiederholt, weil nur in einem Teil der Auflage.)! Die GeneralauSsperrung im Steindruckgewerbe. Am heutigen Tage erfolgte in allen deutschen, dem„Schutzver- bände Deutscher Steindruckcreibesitzer" angeschlossenen Firmen die Kündigungen der Lithographen und Steindrucker. Eine gcwalffame Machtprobe des Unternehmertums steht also auch im Steindruck- gewcrbe bevor. Seit Wochen währen die Streiks und Aussperrungen in Hannover, Breslau, Braunschweig, Bremen usw. und da so gut wie keine Streikbrecher in Europa aufzutreiben gewesen sind, soll das versucht werden, was selbst die Kühnemänner nur schtver wagen.— die Generalauss perrung und damit die Lahmlegung des Verbandes auf längere Zeit hinaus. Es blieb den Prinzipalen entsprechend ihren Beschlüssen jetzt nichts weiter übrig, als diesen Schritt zu tun, da die Gehülfenschaft zu über 90 Prog. organisiert ist und nicht daran dachte, die örtlichen Streiks ohne Erfolg abzubrechen. Klassisch ist aber diese Aussperrung darum, weil die Unter- nehmer sich nicht damit begnügen, die„ungerechtfertigten" Forde- rungen der Arbeiter abzuwehren, sondern den Austritt aus dem Senefelder-Bund verlangen. In Braunschweig und Bremen hat man bereits den Kollegen einen solchen Revers ££, Glocke, Lerlin. Druck u.Lrrlag; LiuwärtS Buchdr. u. BulagSanMt Z vorgelegt, ist aber nach Hause geschickt worden; wie wir hören soll dasselbe auch in Berlin, Leipzig usw. versucht werden. Der Kampf wird ernst und schwer werden, zumal der rücksichts- loseste Unternehmer unserer Branche, der„liberale" Landtags- abgeordnete Dr. G e r s ch e l, der Führer dieses Schutzverbandes ist; aber die Lithographen und Steindrucker sind gewillt, den Kampf in jeder Weise aufzunehmen. In Mitleidenschaft werden die Stein- druckerei-Hülfsarbeiter und-arbeiterinnen gezogen werden, so datz zirka 10— 12 000 Arbeiter und Arbeiterinnen aufs Pflaster ge- warfen werden. Mit Hülfe der Solidarität der deutschen Arbeiter- schaff hoffen die Kämpfenden auch diesen Schlag pa'rieren zu können. Streikarbeit soll entsprechend dem Beschlutz der Graphischen Zen- trale von anderen graphischen Arbeitern verweigert werden. Nach den Scharfmachern die Heißmacher! Der Verband deutscher Kachelofenfabrikanten teilt mit, datz auf der heute im Architektenhause zu Berlin abgehaltenen nutzer- ordentlichen Verbandsversammlung zur Unterstützung der Bres- lauer Mitglieder die Aussperrung der Werkstubenarbeiter samt- licher Kachelofenfabrikantrn Deutschlands beschlossen wurde. Die Sperre tritt am 4. Juni d. I. ein. Die Fliesenleger in Essen stehen seit dem 9. Mai im Streik. Gefordert werden Abschaffung der Akkordarbeit, neunstündige Arbeits- zeit und 75 Pf. Stundenlohn. Eine am 15. lviai stattgefundene Verhandlung vor dem EinigungSamt hat zu keiner Einigung geführt, weil die Unternehmer darauf bestanden, die Akkordarbeit beizu- behalten eventuell in den Tagelohntarif einen Passus für „Mindestleistung" aufzunehmen. Darauf gingen die organisierten Fliesenleger der in Betracht kommenden Organisationen, welche den Kampf gemeinschaftlich führen, nicht ein. Da der Lohnkampf in mehreren Städten des Ruhrgebietes eingesetzt hat, wird die in Frage kommende Arbeiterschaft dringend ersucht, keinerlei Plattenarbeit auszuführen und Zuzug von Effen sowie dem Industriegebiet überhaupt streng fernzuhalten. Arbeiterfreundliche Blätter werden um Abdruck gebeten. (Wiederholt, weil nur in einem Teil der Auflage.� Die Bewegung der Tischler in Offenbach um bessere Existenz» bedingungen hat, ohne datz es zu einem Ausstand kam. damit ge. endet, datz auf die Durchdrückung der neunstündigen Arbeitszeit Verzicht geleistet, dagegen ein Meisterangebot angenommen wurde. die Arbeitszeit um eine halbe statt einer ganzen Stunde zu ver- kürzen, bei Fortzahlung des bisher gehabten Lohnes. Vom 1. Mai n. I. ab soll eine Zulage von 2 Pf. pro Stunde gewährt werden. Diejenigen Werkstattarbeiter, die auf Neu- oder Umbauten Ver- Wendung finden, erhalten einen Zuschlag von 6 Pf. pro Stunde. Schliesslich kam auch noch eine Einigung zustande, datz die bei der Firma Forster wegen der Maifeier Ausgesperrten am letzten Mon- tag wieder die Arbeit aufnehmen konnten. Ein Erfolg der Organisation. Nach achttägigem Streik drückten die Textilarbeiter der Augsburger Kattunfabrik eine sehr namhafte Lohnerhöhung und andere Verbesserungen durch. Nach siebentägiger Dauer des Streiks liehen auch die ziemlich zahlreichen Arbeitswilligen die Maschinen stehen, am achten Tage kapitulierte der am Tage vorher noch protzige Unternehmerl Einigkeit macht stark! Der Streik der Hamburger Schauerleute ist beendet. Die bei der Firma Blohm wegen Entlassung von zwanzig Kollegen erfolgte Arbeitseinstellung von 300 Schauerleuten ist durch Vermittelun� des Vorstandes des Hafenarbeiterverbandes beendet. Die Arbeit ist wieder aufgenommen worden.»- Die Lohnbewegung der Maurer und Bauhülfsardeiter in Köln hat am Mittwoch nach fünfstündiger Verhandlung mit der Unter- zeichnung eines Tarifvertrages geendet, der auf zwei Jahre gilt. Ursprünglich Uetz alles darauf schlietzen, datz eS zu einem schweren Kampfe kommen werde; aber bei den Unternehmern haben die be- sonnenen Geister die Oberhand gehabt. und auch die organisierten Arbeiter liehen es an Entgegenkommen nicht fehlen. Ausschlag- gebend aber ist für das Entgegenkommen des Unternehmer- Verbandes das autzerordentlich günstige Organisationsverhältnis der Kölner Maurer und Bauhülfsarbeiter gewesen. Räch dem Vertrage wird die Arbeitszeit sofort von IV auf OVa Stunden herabgesetzt. Der Stundenlohn der Maurer steigt sofort von 55 auf 58 Pf., vom 1. Mai nächsten Jahres an auf 60 Pf., der Stundenlohn der Bauhülfsarbeiter von 45 auf 43 bezw. 50 Pf., der Akkordlohn der Verputzer sofort um 6, vom 1. Mai kommenden Jahres an um weitere 4 Proz. Für Ueberstunden werden 50, für Nacht- und SonntagSarbeit 100 Proz. Anfschlag gewährt.— Noch vor wenigen Jahren hielten es die organisierten Unternehmer nicht mal für nötig, auf die Forderungen der Maurer und HlllfS» arbeiter auch nur eine Antwort zu erteilen. Damals waren die in Betracht kommenden Gewerkschaften schwach; heute zählen sie nach Tausenden und die Unternehmer müssen ohne Streik bedeutende Zu- geständnisse machen. ZZuslnnd. Bauarbeiteraussperrung. Innsbruck, 18. Mai. Heute erfolgte die Aussperrung von 6000 Bauarbeitern. Angeblich zur Auf. rechterhaltung der Ruhe wurden aus dem ganzen Lande Gdndarmen herangezogen. Bisher ist trotzdem alles ruhig. Die schottischen Bergleute rühren sich. London, 18. Mai. Die Vertreter der schottischen Bergarbeiter beschlossen in einer Versammlung in Glasgow einstimmig, 12% Prozent Lohnerhöhung zu fordern. Ein Teil der Arbeiter der Automobilindustrie zu P a r i s hat die Arbeit wieder aufgenommen. Die Zahl der Ausständigen der verschiedenen Kategorien im Seine-Departement betrug heute 60 000, also 3000 weniger als gestern. Letzte Nachrichten und Depcfchen. Internationaler Postkongreß. Rom, 18. Mai.(W. T. B.) Der Weltpostkongreh hat in seiner heutigen Sitzung die Ucbercinkünfte und Bestimmungen betreffend Postanweisungen, Behandlung von Poststücken mit Wertangabe und von Nachnahmesendungen gutgeheißen,« desgleichen die Annahme von Abonnements auf Zeitungen und Zeitschriften. Die Höchst- summe für Postanweisungen wurde auf tausend Frank festgesetzt und die Portogebühr für Postanweisungen ermäßigt. Vom Untergang des Torpedobootes 126. Kiel, 18.Mai.(W. T. B.) Vom Torpedoboot 126 sind heute wieder zwei Leichen geborgen worden, die als die des Torpedo- Heizers Wendel und des Zimmermanns Wagner agnosziert wurden. Geistliche Totschläger steigesprochen. Nancy, 18. Mai.(W. T. B.) Der Gerichtshof sprach die wegen der bei der Kircheninventur in Saint Nicolas erfolgten Tötung eines Arbeiters angeklagten Vikare, Abbe Claude und Abbe Lacour, frei. Das Publikum nahm das Urteil mit Beifall auf. Erdbeben. Catanzarow, 18. Mai.(W. T. 33.) Heute früh gegen 9 Uhr wurden in Martirano und Conflenti zwei starke Erdstötze verspürt. x,BerIin5V/. Hierzu 4 Beilagen«, UnterhaltungSblaft~ Nr. 115. 23. Iahrgaug. Jurmitls" Iftlinn Souuabtnd, 19. Mai 1906. Reichstag� 1/z Meter hoch usw.? Derartige Beschreibungen werden wahrscheinlich 20 000 Stück eingehen. Sie könnten aber doch höchstens für einen Kultur- Historiker Wert haben, der nach 100 Jahren daraus feststellen könnte, was für wirtschaftliche Zustände zu unserer Zeit geherrscht haben. (Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Vielleicht erklärt auch die Steuerbehörde, daß eine Beschreibung nicht stimme, weil in der Ecke ein Vogelbauer hänge, das nicht angegeben worden sei.(Heiterkeit links.) Zur Feststellung irgend eines Verstoßes gegen das Gesetz kann dieie Vorschrift nicht dienen. Wir könnten aus jedem Satze der Vorlage nach den Beschlüssen zweiter Lesung nachweisen, daß nicht ein einziger Paragraph, ja nicht ein einziger Satz haltbar ist, und solches Gesetz soll jetzt angenommen werden! Wir stimmen aus sozialen Gründen gegen daS Gesetz, weil es Tausende von Arbeitern schädigt und der Politik des amerika- nischen Trusts die Wege ebnet. Wir stimmen aus staatsrecht- lichen Bedenken dagegen, weil dem Bundesrat die Vollmacht gegeben wird, Steuern einzuführen, die der Reichstag nicht bewilligt hat. Wir stimmen auch gegen das Gesetz wegen seiner ganzen mangelhaften Ausgestaltung. Die Mehrheit tritt für diese Vorlage ein, weil sie Ausgaben zugestimmt hat, von denen sie wußte, daß durch sie das Reich finanziell auf den Hund kommen müsse, wenn keine neuen Steuern bewilligt werden. Wir lehnen die Vorlage ab, durch die die Bevölkerung auf das schwerste geschädigt wird.(Leb- hafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Dietrich(k.): Es zeigt die Schwäche der Kritik des Abgeordneten Molkenbuhr, daß er die bei der Zolldebatte vorgebrachten Argumente wiederholt und von der Belastung der Besitzlosen spricht. Gerade die Besitzlosen werden von den in zweiter Lesung ange- nommenen Steuern nicht getroffen.(Sehr richtig! rechts. Wider- spruch bei den Sozialdemokraten.) Gegen die Fahrkartensteuer allerdings haben auch wir so erhebliche Bedenken, daß ihretwegen auch von meinen Freunden einige gegen die ganze Reform stimmen werden. Diese Bedenken liegen auf staatsrechtlichem Gebiete, weil wir hier einen Eingriff in die Rechte der Einzelstaaten sehen. Abg. Dr. Müllcr-Sagan(fts. Vp.): Abgeordneter Büsing sagt: Niemand soll verlangen, daß er steuerfrei bleibe und der andere zahle; hier aber handelt es sich darum, einzelne Gelverbe, Brauereien, Zigarettenfabrikatton, ausnahmsweise mit Steuern zu belegen, also grade das direkte Gegenteil von dem, was Abgeordneter Büsing verlangt. Wir lehnen daher diese Gesetze ab.(Bravo! bei den Freisinnigen.) Abg. Dr. Spahn(Z.): Die große Masse der Bevölkerung, die die Eisenbahnen benutzt, wird von ihren höchst mäßigen Sätzen gar nicht getroffen. Z 6 des Flottengesetzes ist uns ein beachtenswerter wichtiger Grundsatz. ES kann auch gar nicht bestritten werden, daß durch das Reich die ärmen Völksschichten schwerer belastet worden sind. Dafür werden die Lasten in Staat und Kommune mehr von den Wohl- habenden getragen. Wenn wir hier im Reiche das für Deutschlands Wehrkraft Notwendige bewilligen und sich die Interessenten um jeden Pfennig Steuer streiten, das macht auf das Ausland keinen stolzen und vornehmen Eindruck.(Lebhafter Beifall im Zentrum.) Abg. v. Kirrdorff(Rp.): Es ist eine durchaus verkehrte sozialistische Auffassung, daß die indirekten Steuern die ärmeren Klassen schwerer treffen als die Reichen.(Große Heiterkeit links.) Es ist ganz und gar nicht richtig, daß die neuen Steuern die schwächeren Schultern belasten.(Lachen links. Zurufe.) Die Zigarettensteuer?—Ja, aber die Arbeiter rauchen doch Zigaretten nur m minimalem Maße. Die Fahrlartensteuer?— Ja, der Personenverkehr macht Kosten, der Güterverkehr allein bringt die hohen Ueberschüffe.— Das Bier ist auch ein Artikel, der verhältnismäßig von den Wohlhabenden mehr getrunken wird als von de» Arbeitern. Viel ist auch gesprochen von der Erbschaftssteuer. Wenn Sie wegen dieser Steuer die Re« formen scheitern lassen wollen, können Sie eS den anderen nicht verdenken, daß sie es wegen anderer Steuern tun. Abg. Dr. Pachnicke(fts. Vg.): Ein patriotischer Appell bei Steuervorlagen ist immer verdächtig. Wir wissen sehr gut, was wir der nationalen Würde deS Reiches schuldig sind.(Sehr gilt I bei der freisinnigen Vereinigung.) Solch Appell wirkt auf uns daher weniger als sachliche Motive. Wir stiinnien gegen die Steuergesetzc, weil sie eine Belastung der am wenigsten leistungsfähigen Kreise und eine Belastung des Verkehrs darstellen. Wir leugnen den Mehr- bedarf des Reiches auch nicht, wollen ihn aber anders decken. Wir haben Ihnen vorgeschlagen, 50 Millionen aus der Branntwein-, 70 Millionen aus der' Vermögens-, 70 Millionen aus der Erbschaftssteuer zu decken; also 190 Millionen. Theoretisch gibt man uns die Richtig- keit einer solchen Steuerpolitik zu. also muß sich auch praktisch richtig sein.(Beifall bei den Freisinnigen.) Abg. Robert Schmidt-Berli»(Soz.): Unsere prinzipielle Stellung geht dahin, daß wir jede Steuer ablehnen, die eine weitere Belastung der breiten Masse bringt und die nicht auf dem Grundsatz einer direkten Einkommensteuer aus- gebaut ist. Und da. wo dieser Grundsatz annähernd gewahrt wird, — wie bei der Erbschaftssteuer— stimmen wir zu. Herr v. Kardorff sagte, die Arbeiter müßten auch etwas leisten. Nun, die Arbeiter leisten schon einen sehr großen Teil aller Lasten, die für die Ausgaben des Reiches not- wendig sind. Die Zölle und Verbrauchsabgaben bedeuten eine sehr starke Belastung der Arbeiter. Der Streit darüber, ob die Last der neuen Steuervorlage von der großen Masse des Volkes oder von den besitzenden Klassen getragen werde, wäre vollständig überflüssig, wenn Sie den Weg einer progressiven Einkommensteuer beschritten hätten. Nun hat Herr Spahn verfassungsmäßige Bedenken gegen eine solche Steuer erhoben, weil dadurch in die Rechts- sphäre der Einzelstaaten eingegriffen würde. Er hat aber anderseits betont. daß man seinerzeit doch zu einer Einkommensteuer kommen würde. Nun— dann ist also die Reichs- einkommensteuer nur eine Frage der Zeit! Die verfassungsmäßigen Bedenken können doch da nicht so erheblich sein, daß man daran eine so wichtige Reform scheitern läßt. Bei einer solchen Reform kommt es doch vor allem darauf an, ob die Belastung eine gerechte ist. Man darf sich nicht sagen: Wir nehmen das Geld, wo wir es finden, sondern man inuß einen gerechten Weg der Besteuerung suchen. Das hat aber die Mehrheit versäumt. Der Abg. Büsing meinte, die Reichstagsmehrheit sei auch die Mehrheit des deutschen Volkes. Das ist ein großer Irrtum. Ich möchte dem Abg. Büsing und seinen Parteigenossen raten, den Wählern vorher genau zu sagen, wie sie sich zu den Vorlagen stellen werden. Dann lvürde wahrscheinlich das Ergebnis der Wahl ein ganz anderes sein.(Sehr richtig! links.) Aber von den National- liberalen wird den Wählern vor der Wahl nie klarer Wein ein- geschänkt.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Es ist durchaus richtig, daß die Sozialdemokratie die Entscheidung in einer so wichtigen Frage durch eine Bolksabstimmung treffen lassen will. Geschähe das, so würden wir ja sehen, ob die ReichStagSmehrheit auch die Mehrheit des deutschen Volkes hinter sich hat. Weiter war es mir interessant, von dem Abg. Büsing zu hören, daß eigentlich gar keine Stimmung für eine Reichseinkommensteuer vorhanden sei. Es mag sein, daß der Abg. Büsing die Ansichten seiner Parteigenossen im Lande richtig wiedergibt. Dann will ich ihm aber erklären, daß wir etwas Aufklärung in diese Kreise tragen werden. Die Stimmung wird sich dann bald ändern.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ob dann aber Herr Büsing bei der nächsten Wahl hier wieder erscheint, ist mir zweifelhaft.— Der preußische Finanzminister hat bei der zweiten Beratung dieser Vorlage mit außerordentlichem Nachdruck ihre Be- deutung betont und ausgeführt, daß der Finanzverlvaltung eine Barriere errichtet werden müsse. Ich meine, man hätte die Barriere früher aufbauen und den Staat nicht ohne Rücksicht auf die Einnahmen wirtschaften lassen sollen. ES ist aber doch sehr zweifelhast, ob das Reichsschatzamt die Grenzen inne- halten lvird, die ihm gesteckt wurden.— Der Finanzminister hat weiter gesagt, die Knlturaufgaben wüchsen fortgesetzt; deshalb sei es nötig, den'Einzelstaaten ihre Einnahmen nicht zu nehmen, sondern ihnen neue Quellen zu erschließen. Was die Kultur- aufgaben bettifft, so herrscht nirgends eine solche Rückständigkeit wie in Preußen. Die jämmerlichste Volksschule in Deutsch- land ist die preußische. Möge die preußische Regierung doch da endlich einmal für Besserung sorgen! Wir werden diese ganze Vorlage, die eine neue Belastung der arbeitenden Klassen herbei- führt, ablehnen.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Vizepräsident Graf Stolbcrg: Zur Orientierung teile ich mit, daß über das Mantelgesctz vom Abg. Basserniann namentliche Ab- stimmung beantragt ist. Abg. v. Gerlach(frs. Vg.): In den letzten Tagen sind wir wieder mit einer Flut von Abänderungsanträgeil überschüttet worden, die zum Teil recht erhebliche Aenderungen an den Beschlüssen zweiter Lesung bedeuten. Sie gründlich dnrchzuberaten, ist ganz unmöglich; aber sie beweisen, wie wenig die Mehrheit selbst sich über diese Gesetze und ihre Tragweite klar ist.(Sehr richtig! bei der frei- sinnigen Vereinigung.) Die Steuergesetze sind gemacht nach der Maxime, die der nationalliberale Abg. Böttger hente im„Tag" gezeichnet hat mit den Worten:„Mach' Geld. Wenn'S geht, auf ehrliche Weise, aber vor allem: mach' Geld!"(Große Heiterkeit.) Ich habe lange kein so wahres Wort aus nattonalliveralem Munde gehört, wie diese Devise eines skrupellosen Ainerilaners. (Beifall links.) Vizepräsident Graf Stolbcrg: Die Diskussion ist geschlossen. Vom Abg. Singer ist liamentliche Abstimmung über das Brau- steuergesetz, das Zigarcttensteuergesetz, die Fahrkartensteuer beantragt. Abg. Büsing(zur Geschäftsordnung): Diese Anträge auf namentliche Abstimniung sind nicht zulässig, da wir in der dritten Lesung über ein Gesetz insgesamt nicht abstimmen. Vizepräsident Graf Stolbcrg: Ich schlage dem Hause vor, die Entscheidung hierüber zurückzustellen, bis wir zur Abstimmung kommen.(Große Heiterkeit. Unter andauernder Heiterkeit löst Graf Ballestrem den Vizepräsidenten ab.) Es folgt die Beratung über das Brausteuergesctz. Zu§ 1 beantragt Dr. Müller-Sagan(frs. Vp.) die Ausdehnung des Siirrogatverbots aus das sogenannte Malzbier und eine Milde- rung der Üebergangsbestimmungen für das Surrogatverbot. Abg. Dr. Müllcr-Sagan(frs. Vp.) befürwortet seinen Antrag. Abg. Dr. Spahn(Z.) wendet sich gegen diesen Anttag. Abg. Rcttig<» bis O'/i Uhr abends statt. Geöfine«: 7 Uhr. Jeder Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. A. R. tiÄ. Ausweisung eines Inländers. Gegen eine Ausweisung aus Grund des Gesetzes vom 31. Dezember 1842(Bestrafung als Preutze) steht Ihnen schleunige Beschwerde und Berwaltungsstreiwersahren zu. Sprechen Sie in den nächsten Tagen zwischen 6 und 7 Uhr vor.— M. Z. 107. Ja. Die mündliche Vereinbarung ist gültig.— C. H. D. 50. In 5 Jahren.— F. Z. 7. Die durch Ihren Knaben zerbrochene Scheibe mutz von Ihnen ersetzt werden, wenn das Gericht zu der Annahme gelangt, datz bei gehöriger Ausübung Ihrer Aussichispsiicht der Schade» nicht entstanden iväre. DaS Gericht neigt dieser Annahme zu. Frieda 1000. Anleitung und Beispiele sür eigenhändige T-stamente finden Sie S. 238 des dem„Arbeiterrecht" beigefügten Führers durch das Bürgerliche Gesetzbuch. Das Buch liegt m den öffentlichen Bibliotheken aus. — P. H. 10. 1. Anmeldung an die Direktion für direkte Steuern genügt. Vorher wenden Sie sich an die Markthallendeputallon. 2. Sie mühten sich eine Bescheinigung geben lassen. Swajbarkeit läge eventuell nicht vor.— St. 140. Wünscht ein Zeuge nach seinen Strafen nicht bejragt zu werden (solche Fragen sind möglich), so tut er gut, dem Gericht vor dem Tennin seine Swasen mitzuteilen und zu ersuchen, nach etwaiger Bcstrasung nicht fragen lassen zu wollen.— W. P. Lüyowstr. Das Elscnbahnreglement gewährt dem Neisclustlgen nicht das Recht, mit dem nächsten Zuge be- sördcrt zu werden. Die Ucberjülluna ist wiederholt von unZ kritisiert. — Konkordia. Diese Guischeine sind stempelfrei.— K. Br., B. Nein. — A. R. 52. 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N. lOO.§ 103 1 der Gewerbeordnung und die aus Grund dieser Bestimmung erlassenen, örtlich verschiedenen Ordnungen entscheiden. Diese Ordnungen sind uns nich' bekannt.— P. B. 100. Wenden Sie sich au den Buchbinder-Verband hier, Engel-User 15.— Z. S. 46, AuSschlutz der Kündigung würde voraussichtlich als gültig in Ihrem Fall erachtet werden. M» E. 006., 31. Z. Ja.— B. Z. 1. Sobald wie möglich, spätestens vier Wochen vor dem Hciratstage, sollte» Sie bei dem Standcsbenmlcn, in dessen Bezirk Sie wohne», das Aufgebot anmelden. GeburtSurlunden und Ihre Militärpapiere sowie die schristliche. polizeilich beglaubigte Ein- willigung deS Vaters Ihrer minderjährigen Braut ist erforderlich. 2. Straf- lällig find Sie nicht. Stachzahlung kann für jünj Jahre verlangt«verdcn. N 3f==1E Viele Tausende Exemplare. Glatte, gezwirnte und Köper-Gewebe. Kleidsame, glatte und faltige Fassons. 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I Nr. 115. 28. Jahrgang. 2. Mye ki.Mmiick" fftltatt MMR Zonnabend, 19. Mai IM. Die Maifeier in der A. E.-G. Wir teilten in der Dienstngsnummer eine Resolution mit, die Von einer Versammlung derjenigen Arbeiter angenommen war, die an der Maiseier in der A. E.-G. sich nicht beteiligt hatten. Von der Wiedergabe des ausführlichen Versammluiigsberichtes hatten wir abgesehen in der Hoffnung, dag die leidige Sache die Oeffentlichkeit nicht mehr in erheblichem Maffe beschäftigen werde. Diese unsere Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt. Da nun aus diesem Grunde eine Reihe von Genossen auch die Gründe der stehengebliebenen Arbeiter kennen zu lernen wünschen, und diese selbst in der Oeffentlichkeit gehört werden wollen, geben wir den Bericht noch nachträglich: Der von der Versammlung gewählte Vorsitzende Koch teilte zunächst mit, daß der Aktionsausschuß vom Verband der sozialdemokratischeit Wahlvereine Berlins wie auch die Ortsbevoll- mächtigten des Metallarbeiterverbandes— Cohen und Handtke— zu der Versammlung eingeladen worden seien. Letztere waren er- schienen. Der Aktionsausschuß dagegen hatte schriftlich sein Bedauern ausgedrückt, der Einladung nicht Folge leisten zu können, da er sich in die inneren Streitigkeiten der Arbeiter des Werkes nicht einmischen könne. Zugelassen wurde außerdem noch der bisherige Obmann vom Arbeiterausschuß des Werks, Wegner. Vom Vorsitzenden wurde darauf hingewiesen, daß diese Ver� sammlung notwendig geworden sei, um eine Rechtfertigung abzugeben für das Verhalten derjenigen Arbeiter, die am 1. Mai gearbeitet haben. Nachdem man sich jüngst nicht nur in der GeWerk- schuft, sondern auch in der Sitzung der Parteifunktionäre sowie ans dem letzten Zahlabend der Wahlvereine mit der Angelegenheit be- schäftigt und sogar Masseu-Ausschlußanträge gegen die betreffenden Arbeiter gestellt habe, müsse jetzt in voller Oeffentlichkeit klargestellt werden, daß sich diese Arbeiter durchaus nicht als treulose und ehrvergessene Elemente fühlen, als welche sie vom Genossen Cohen bezeichnet worden seien, sondern, daß tatsächlich Entschuldigungs- gründe für ihr Verhalten am 1. Mai vorhanden sind. Als erster Redner nahm hierauf Kummer das Wort. Er führte aus: In demselben Augenblick, wo die Einberufer der „Swinemünder" Ausgesperrtenversaminlung vom 7. Mai die Frage aus die Tagesordnung setzten: Bestand bezüglich der Maiabstimmung bei allen im Betrieb Beschäftigten genügend Klarheit?, hätten sie damit schon von selbst zugegeben, daß diese genügende Klarheit nicht bestand. Es habe denn auch tatsächlich eine große Unklarheit geherrscht. Die Aprilbersammlung im„Swine Münder", woselbst die erste Abstimmung über die Beteiligung an der Mai feier durch Arbeitsruhe erfolgte, sei von vornherein zu einem derartig weittragenden Beschluß gar nicht kompetent gewesen. Denn einmal habe die Frage der Arbeitsruhe überhaupt nicht auf der TageS ordnung gestanden, sondern sei erst später in der Diskussion aufs Tapet gebracht worden. An der bejahenden Abstimmung aber hätten sich doch auch nur höchstens 1000 Personen beteiligen können, weil das Lokal mehr nicht faßt. Es sei aber doch einfach un- möglich, daß 1000 Personen darüber entscheiden dürsten, ob die 7000 im Werk Beschäftigten die Arbeit ruhen lassen sollten. Uebrigens hätten die meisten Teilnehmer der Ver sammlung die Sache so aufgefaßt, als sei nur darüber abgestimmt worden, ob man„im Prinzip" für die Arbeitsruhe wäre oder nicht. Nun, im Prinzip sei schließlich jeder für die Arbeitsruhe; es handele sich aber doch um die Durchführung. Das Verhalten der Verbands- Vertrauensleute während der nächsten Tage sei aber auch nicht danach angetan gewesen, Einheitlichkeit und Klarheit unter den übrigen Arbeitern zu schaffen. Auf die vielseitigen Anstagen an sie, was denn nun eigentlich werden solle, seien von ihnen sehr ausweichende und unbestimmte Antworten und Bescheide erfolgt. Dann sei die Stimmzettelwahl im Betriebe gekommen. Auch da hätten die meisten nicht gewußt, was damit bezweckt werden solle, um so mehr, als sie zweimal vorgenommen worden sei. Bei den einen habe die Ansicht vorgeherrscht, als sollte per Stimmzettel festgestellt werden, ob der Betneb der Leipziger Verbandsresolution entsprechend or- ganisiert sei oder nicht; andere wieder hätten geglaubt, es handele sich um eine provisorische Feststellung darüber, wer wohl Lust habe, am 1. Mai die Arbeit ruhen zu lassen. Es seien eben keinerlei präzise Anweisungen erfolgt, so wie sie sonst üblich waren. Davon aber, daß der Verband keine Unterstützung zahlen wolle, habe die Mehrzahl vor der geheimen Abstimmung gar nichts gewußt; erst nachher sei es bekannt geworden, daß aus Idealismus gefeiert werden solle. Das habe dann natürlich viele wanket mütig gemacht. Als dann die Versammlung in den„Germanim sälen" stattfand, wo dann nochmal darüber abgestimmt toerden sollte, ob die frühere Abstimmung aufrecht zu halten sei, konnte das Gros der Beschäftigten dort wieder keinen Zutritt erhalten, weil das Lokal nur gut 2000 Personen zu fassen vermag und schon früh polizeilich abgesperrt war. Man hätte aber auch damit rechnen müssen, daß die meisten der Ferngebliebenen infolge der afr gemeinen Konfusion wohl eine Abneigung gegen die Arbeits� ruhe hatten. Zu alledem habe es auch keinen guten Ein druck gemacht, daß der Obmann W e g n e r wegen der Maifeier mit der Direktton Rücksprache genommen habe. Unter diesen Umständen sei es gar kein Wunder gewesen, weim die Sache nicht klappte. sondern mit einer Blamage endete, denn die meisten Arbeiter des Werkes hätten wohl unter dem Eindruck gestanden, als wenn es den leitenden Personen doch nicht recht Ernst mit der Feier sei. Man hätte schon längere Zeit vorher mindestens drei Versammlungen einberufen müssen und dort klar und energisch für die Arbeitsruhe Propaganda machen, dann würde auch jeder gewußt haben, woran er war, so aber nicht. Redner schließt mit den Worten:„Wir sind doch meistens Leute, die jahrelang ihre Schuldigkeit in der Arbeiterbe ivegunfl getan haben, da kann man uns doch nicht mir nichts dir nichts ausschließen." �. Lindow sagte, er selbst habe befürwortet, daß jetzt nach 16 Jahren seit der ersten Maifeier auch dieses Werk endlich mal am 1. Mai die Arbeit ruhen lassen müsse. Sein Vertrauens- mann aber habe davon abgeredet, denn man sei hier noch nicht so weit. Die Kollegen hätten tatsächlich nicht gewußt, daß die geheime Abstimmung als endgültiger Beschluß gelten follte Alles habe noch auf große Versammlungen gewartet. Wie weit die Konfusion gegangen sei, ersehe man auch daraus, daß viele Arbeiter glaubten, die Stimmzettel kämen von der Direktion und sollten an die Meister ab gegeben werden. Rabe, Transportarbeiter, kann die ganze Abstimmung Nicht als korrekt anerkennen. 7400 Mann seien zur Zeit der geheimen Ab- stimmung im Werk beschäftigt gewesen. Stimmzettel seien aber nur 6657 ausgegeben worden. Davon seien 5082 zurückgegeben worden. Von den abgegebenen Stimmen hätten sich dann 3192 für und 1890 gegen die Arbeitsruhe erklärt. Damit sei erwiesen, daß nicht einmal die Hälfte der im Werk Beschäftigten für die Arbeits ruhe gestimmt hätten. Wäre korrekt vorgegangen worden, dann hätte das Ergebnis ein anderes sein n,üssen. Auch die Leitung deS Transportarbeiterverbandes habe Fehler gemacht. Brüggemann ist ebenfalls der Ansicht, daß über den Zweck der Abstimmung Unklarheit geherrscht hat. Vor allem aber seien die Arbeiter stutzig und wankelmütig durch die Erklärung geworden, daß es im Falle einer Aussperrung keine Unterstützung gäbe. Wäre das vor der Abstimmung gesagt worden, dann wäre keine Mehrheit für die Arbeitsruhe zustande gekommen, denn die meisten sagten sich eben, wenn sie so und so lange für den Verband gesteuert hätten, dann müßten sie auch bei dieser Gelegenheit au � 'den Verband rechnen können. Der Idealismus sei im Werk .Brunnenstraße leider nur recht knapp vertreten. Viele kennen die edeutung itß Wortes kaum. Wenn ihnen gesagt mm;«Ihr müßt aus Idealismus feiern", so verständen sie darunter wohl die Teilnahme an der Feier als eine Art innerer Pflicht, aber noch lange nicht den Verzicht auf Unterstützung. Wer dies außer acht lasse, der kenne eben die Psychologie der Masse nicht. So wie die Verhältnisse in diesem Werk lägen, sei auf eine korrekte Durchführung der Arbeitsruhe von vornherein nicht zu rechnen ge- Wesen, und bei richtiger Würdigung dieser Verhältnisse hätte die etzige Blamage vermieden werden können. Hinzu kommt aber, daß die an der Spitze der Organisation stehenden Verbandsver- treter seit langem nur sehr widerwillig für die Maifeier eintreten. Das wüßten die Metallarbeiter, deshalb hätten viele Verbandsmitglieder im Werk die diesmalige Agitation für die Mai- mer auch gar nicht so besonders ernst genommen. So habe schon jeder gewußt, daß die Boraussetzungen der Leipziger Resolution für den Betrieb nicht erfüllt waren.„Die Leipziger Resolution ist die Dornenhecke, in der die Metallarbeiter hängen bleiben." Sie sei ebc� gefaßt worden, um die Maifeier direkt unmöglich zu machen, denn I ihre Vorschrift laffe sich in den meisten Großbetrieben mit Aussicht � auf einen positiven Beschluß überhaupt nicht anwenden. Weil dem aber so sei, deswegen habe man hier im Werk den Vorbereitungen und Abstimmungen über die Maifeier, ganz abgesehen von der herrschenden Konfusion und dem Mangel an Begeisterung, vielfach nur eine untergeordnete, rein formale Bedeutung beigemessen. G e r l a ch mißt der Leitung des Metallarbeiterverbandes ebenfalls die Hauptschuld an dem kläglichen Ausgang der Feier im Werk zu. Es sei ein allgemeiner Kuddelmuddel gewesen, so daß die Vertrauensleute selbst nicht wußten, woran sie waren. ~reilich, einen Teil der Schuld hätten auch die ichtfeiernden auf sich geladen. Darauf erhielt Wegner das Wort. Er gab seiner Ver- wunderung darüber Ausdruck, daß Kummer und Brügge- mann über angebliche Unklarheit und Inkorrektheit bei den Ab- stimmungen gesprochen haben, da beide doch an allen vorbereitenden Sitzungen teilgenommen hätten. Die geheime Abstimmung sei in dem Betriebe erfolgt, weil die Erfahrung lehre, daß sich immer ein Teil der Arbeiter von den Werkstattversammlungen drückt. Bei der Auszählung habe der Beamte des Transportarbeiterverbandes aus- drücklich bestätigt, daß die Mehrzahl der Stimmen für Arbeitsruhe abgegeben wurde. Der Hauptgrund, daß die Transportarbeiter nicht feiern wollten, liege darin, daß sie fürchteten, nach einer event. Aussperrung nur zu dem niedrigsten Lohnsatz wieder eingestellt zu werden. Zur Direktion sei er gegangen, aber nicht um die Frei- gäbe des 1. Mai zu erbetteln, sondern nur, um dort mitzuteilen, daß die Abstimmung erfolgt sei. Den größten Fehler hätten die Nichtfeiernden damit begangen, baß sie noch am 1. Mai unter sich selbst den Beschluß faßten, in den Betrieb hineinzugehen. In sonntäglicher Kleidung hätten sie sich zur Schichtzeit versammelt, wie wenn sie mitfeiern wollten, und dann seien sie truppweise durchs Fabriktor in die Werkstatt geschlichen. Das beweise doch zur Genüge, daß die Nichtfeiernden ein schlechtes Gewissen gehabt haben. Jetzt würden ihm, Redner, Borwürfe gemacht, weil er die Maifeier propagiert habe. Wie aber, wenn er seinen Einfluß als Obmann aufgeboten hätte, um die Maifeier hier abzuwürgen! Dann wäre von Parteigenossen und Verbandskollegen sicher ebenso auf ihm Holz gehackt worden, und am meisten vielleicht gerade von denen, die überhaupt nicht die Absicht zu feiern hatten. Um die Feier zu ermöglichen, habe es sich gar nicht anders machen lassen, als daß aus der Masse selbst die Anregung dazu kam und von der Masse auch unbeeinflußt die Entscheidung gefällt wurde. Denn die Organisation mußte sich passiv verhalten, weil die Leipziger Resolution mehr vollberechtigte Mitglieder verlangt, wie hier vor- Händen waren. Kummer erwiderte darauf, es sei doch auffällig, daß man jetzt mit einemmal die Masse habe entscheiden lassen wollen, während doch sonst die Masse von den Verbandsvertretern immer sehr sorglich geleitet, wenn nicht gar bevormundet werde. Gerade infolge dieser Erziehung zum Sich-leiten-lassen habe sich die Masse jetzt zur Selbst- entscheidung als nicht reif erwiesen. Uebrigens seien die Führer doch dazu da, um die nötigen Direktiven zu geben. Dies aber zu unterlassen und dann laut„Vorwärts"-Bericht den größten Teil der Masse hinterher als ehrlos zu brandmarken und aus den Organisationen zu stoßen, das habe jetzt nahezu zur Vernichtung der jahrelangen Organisationsarbeit geführt. ! Sodann nahm Cohen das Wort. Er wolle aufrichtig be kennen, es ärgere ihn durchaus nicht, wenn sich die Anwesenden durch den erwähnten Bericht im„Vorwärts" getroffen fühlen. Bei näherer Ueberlegung aber müsse sich doch ein jeder sagen, daß er in seiner Stellung als Verbandsbevollmächtigter gar nicht anders handeln konnte, als wie er hier gehandelt habe. Die Leipziger Resolution sei im Werk nicht erfüllt worden. Trotzdem habe er aber doch nicht die Maifeier„verbieten" können. Was wssrden ihm wohl für Nackenschläge erteilt worden sein, wenn er etwa das Ar- beiten am 1. Mai empfohlen hätte, obwohl er sich der Schwierig- leiten, die der Durchführung der Arbeitsruhe im Wege standen, wohl bewußt gewesen sei. Dann hätte es doch in anderen Organi- sationen wie auch in der Partei wieder geheißen, Cohen habe die Maifeier vereitelt; sei er doch gerade hinsichtlich der Maifeier viel- fach als Bremser verschrien. Ihm sei also gar nicht anderes übrig geblieben, als den Arbeitern die Entscheidung über die Ar- beitsruhe selbst zu überlassen. Beschlossen sie dieselbe, dann hatten sie auch die Konsequenzen zu tragen; er habe dann keinerlei Ver- antwortung dafür zu übernehmen. Deswegen habe er auch gesagt: Macht was Ihr für nötig haltet, doch sorgt dann auch dafür, daß es klappt. Nun habe es in allen anderen Betrieben, wo die Ar- beitsruhe beschlossen wurde, teils sehr gut, teils leidlich geklappt, nur hier in der Brunnen st raße nicht, und das sei Schuld der Arbeiter selber. Es sei leider nur zu wahr: Die jahrelange Organisationsarbeit sei hier jetzt mit einem Schlage vernichtet und die Einheitlichkeit zertrümmert. Wenn die Ar- beiter im Zweifel darüber waren, wie sie sich verhalten sollten so mußten sie doch durch das von den Obleuten der Großbetriebe herausgegebene Flugblatt eines anderen belehrt sein. Dies Flugblatt habe doch gar keinen Zweifel darüber gelassen, daß am 1. Mai nicht gearbeitet werden solle. Ein Protest geg�n das Flug- blatt ist nicht erfolgt. Was nun die Frage des Ausschlusses an- belangt, so sei es einstweilen gleichgültig, ob derselbe einzeln oder im ganzen vollzogen wird. Er, Redner, habe ja gewußt, mit welchen Schwierigkeiten solch ein Massenausschluß verknüpft sei. Eine Organisation entscheide so und die andere so. Deshalb habe er ja auch die Einheitlichkeit der Prüfung und des Vor- gehens gegen die nichtfeiernden Arbeiter befürwortet. D i e S s ei ja die einzige Forderung gewesen, die er an die Partei gestellt habe; alles andere kam nicht in Betracht. Die Partei habe ihr gleichzeitiges Einschreiten jedoch abgelehnt. Wie man ihm da vom Aktionsausschuß den Vorwurf der Unwahr- haftigkeit machen könne, sei ihm unerfindlich. Ein Redner habe nun von der„Psychologie der Masse" gesprochen. Nun. er, Redner, kenne die Masse, und zwar besser wie mancher H u r r a t r o m p e te r. die der Masse immer so sehr schmeicheln, wenn es ihnen gerade in den Kram paßt. Er wisse, daß die Masse leider noch iftcht reif sei, die Arbeitsruhe am 1. Mai konsequent durchzuführen. Deshalb auch seine Bedenken. Deshalb habe er auch gesagt:„Wenn Ihr Euch stark genug fühlt, nun gut, dann handelt auf eigene Faust. Ich aber lehne die Verantwortung für die Folgen der Maifeier ab; die mögen jene tragen. die so sehr für die Maifeier Propaganda ge- macht haben." Auch heute noch sage er, niemand wäre froher wie er. wenn nachgewiesen würde, daß den Nichtfeiernden triftige Entschuldigungsgründe für ihr Verhalten zur Seite ständen, denn keine Organisation schließe gerne ihre Mitglieder guZ, Doch wenn sie bewußt und mit Absicht den einmal gefaßten Beschluß durch- brachen hätten, dann haben sie Treubruch begangen und ehrlos gehandelt.(Große Erregung. Ruf: Dann hätten in verschiedenen Abteilungen einzelne mit großen Familien rausgehen müssen.� Nun, Klarheit könne am besten durch ein Ausschlußverfahren ge- schaffen werden. Zum Schluß erklärte Redner: Was ich in der Sache gesagt und getan habe, das halte ich vollständig aufrecht. Auf eine Anfrage hin gab Cohen noch den Bescheid, daß sich Mittwoch die Ortsverwaltung darüber schlüssig werden wolle, ob das Ausschlußverfahren einzeln oder insgesamt eingeleitet wird. Die Versammlung wählte sodann zwei Mann, die bei dieser Orts« Verwaltungssitzung als Vertreter der Nichtfeiernden gehört werden sollen. Hierauf wurde die schon mitgeteilte Resolution gnge- nommen._ Verbaudstag der Schmiede. Berlin, 13. Mal. � Die heutige Sitzung begann mit der Fortsetzung der Debatte über die Streiktaktik. Einzelne Redner traten der vom Verbandsvorsitzenden empfohlenen Taktik entgegen; sie meinten, wenn man die von ihm befürwortete Vorsicht walten lasse, wenn man namentlich dem Vorstande die Entscheidung über Streiks über- lasse, dann würden die Mitglieder wohl kaum zum Streik kommen. — Andere Redner teilten dagegen den Standpunkt des Verbands- Vorsitzenden vollkommen. In den Debatten wurden besonders die gegenwärtigen Kämpfe in der Metallindustrie berücksichtigt, bei denen der Schmiedeverband in Mitleidenschaft gezogen ist, ohne daß seine Mitglieder unmittelbar an diesen Bewegungen inter- essiert sind. Ferner wurde die Frage erörtert, wie man der von den Unternehmern beliebten Aussperrungstaktik begegnen könne. Anerkannt wurde, daß man hinsichtlich der Streiktaktik einen Unterschied machen müsse zwischen den Großbetrieben und den Klcinmeistern, mit denen das Schmiedegewerbe noch sehr zu rechnen hat. Die verschiedenen Verhältnisse im Groß- und im Kleinbetrieb erfordern natürlich auch eine verschiedene Taktik.— Hinsichtlich der Agitation hatte der Verbandsvorsitzende Lange in einem Antrage verschiedene Vorschläge gemacht über die Ein- teilung der Gaue, Anstellung von besoldeten Gauleitern und der- gleichen mehr. Unter anderem beantragt Lange, daß die Gau- Vorsteher durch die Generalversammlung gewählt werden sollen, während sie bisher auf Grund einer Vorschlagsliste deS Haupt- Vorstandes von tstn Mitgliedern des Gaues gewählt wurden.— Diesem Vorschlage traten verschiedene Redner entgegen. Sie ver- langten, daß den Gauen das Recht der Wahl erhalten bleibe. — Sabath, der Vertreter der Generalkommission, führte dazu aus, daß weder die Wahl der Gauleiter durch die Generalver» sammlung noch die Wahl durch den Gau selbst zu empfehlen sei. Er trat dafür ein, daß die Gauleiter vom Verbandsvorstande er- nannt werden, weil derselbe am besten in der Lage sei. die für einen so verantwortungsvollen Posten geeigneten Personen her- auszufinden. Der hierzu borliegende Antrag des VevbandSvorsitzenden Lange, sowie seine gestern mitgeteilte Resolution zur Taktik wurden einer Kommission zur Beratung überwiesen. Hierauf erfolgte der Bericht über den Kölner GeWerk- schaftSkongreß, den Seegert- Düsseldorf erstattete. Er bemerkte unter anderem, die wichtigsten Punkte der Kongreßver- Handlungen seien der Generalstreik, die Maifeier und die Grenz- streitigkeiten.— Der Generalstreik sei eine Frage, welche d:e Schmiede vorläufig noch nicht diskutieren brauchen, denn sie hätten zunächst noch mit der agitatorischen und organisatorischen Klein- arbeit in ihrem Berufe zu tun.— Die Kölner Debatten über die Maifeier hätten die Folge gehabt, daß sich die diesjährige Maifeier so imposant gestaltete. Da der Volkswille sich für die Maifeier entschieden habe, dürften die Führer nicht bremsen. In dieser Angelegenheit müsse zwischen der Partei und den Gewerkschaften Uebereinstimmung herrschen. Menge« Berlin, dem auch B a h n k e- KönßMwustevhausckn zustimmte, wandte sich gegen die Art, wie der Generalstreik in Köln behandelt worden sei. Er meinte ferner, der Gewerkschafts- kongreß sei nicht der Ausdruck der Meinung der Arbeiter, denn es seien dort nur Gewerkschaftsbeamte vertreten gewesen.—» Im weiteren Verlauf der Debatte traten verschiedene Redner, be- sonders Sabath, der Auffassung entgegen, als öS die Beamten, welche doch durch das Vertrauen der Mitglieder auf ihren Posten berufen sind, nicht die geeigneten Vertreter der Arbeiterinteressen wären. Besonders wiesen auch andere Berliner Delegierte darauf hin. daß ihr Kollege Menge fast regelmäßig in Mitgviederver- sammlungen gegen die Verbandsbeamten auftrete und man deshalb auf seine Ausführungen über diesen Punkt nicht viel geben könne. Andererseits kam aber auch die Meinung zum Ausdruck, daß auf dem künftigen Gewerkschaftskongreß nicht, wie eS auf dem Kölner Kongreß der Fall war, nur drei Angestellte des Verbandes die Schmiede vertreten sollen, sondern daß auch Delegierte aus den Reihen der Mitglieder gewählt werden sollen. Hierzu wurde denn auch ein von H ö n e l- Dresden gestellter Antrag angenommen. welcher besagt, auf den Gewerkschaftskongressen soll der Zentral- Vorsitzende als Vertreter des Vorstandes anwesend sein, die weiteren Delegierten sollen durch Urabstimmung der Mitglieder gewählt werden und zwar so, daß auf je 5000 Mitglieder ein Delegierter kommt. In der Nachmittagssitzung begann die Statuten» beratung. Ein Antrag, den Sitz des Verbandes von Hamburg nach Berlin zu verlegen, wurde abgelehnt. Beschlossen wurde, den Beitrag, der bisher für männliche Mitglieder 30 Pf., für weibliche 20 Pf. betrug, auf 55 bezw. 35 Pf. zu erhöhen.— Zur Anstellung besoldeter Gauleiter(deren der Verband bis jetzt je einen für Sachsen, Rheinland-Westfalen und Südwestdeutschland hat) beschloß die Generalversammlung, daß nach Bedarf in allen Gauen, wo es noch nicht geschehen ist, besoldete Gauleiter durch den Vor- st and und Ausschuß anzustellen sind. Der Gau l(mit dem Sitz in Königsberg) soll dabei zuerst berücksichtigt werden. Durch einen anderen Beschluß wurde ein erweiterter Vorstand eingesetzt, der in besonderen Fällen Beschlüsse zu fassen hat, die für die Mitglieder bindend sind. Der erweiterte Vorstand besteht aus dem Hauptvorstand, den Gauvorstehern, dem Redakteur des Ver- bandsorganes, dem Vorsitzenden des Ausschusses und dem Vor- sitzenden der Prcßkommission. Der Sitz der Preßkommission, der bisher in Berlin war, wurde nach Hamburg, dem Sitz des Verbandsorganes, verlegt. Hierauf ging der Verbandstag zur Beratung deS Streik- reglements über, die morgen fortgesetzt wird, Der Kergarbeiterstreik im mitteldeutschen Sraunkohlenbergduu. Zeitz. 17. Mai.(Eig. Betz.h Ein scharfer Wind weht jetzt gegen die Streikenden von oben herab: Ueber hundert Strafmandate sind an die Ein- Wohnerschaft von Streckau und Umgegend ausgeteilt worden, „Grober Unfug, Belästigung Arbeitswilliger, Streikpostenstehen. „Lächerlicher Anzug", Musizieren, Tragen von Uniformstücken ohne behördliche Genehmigung" usw. usw. Das sind so die ständigen Requisiten, mit denen die hochwohllöblichcn Behörden und ihre Polizei den Ausständigen gegenüber arbeiten. Selbstverständlich wird gegen die en masse ausgefertigten Strafmandate Einspruch erhpben werden. Morgen findet in Hohenmölsen hrttitZ ein Termin gegen diverse Sireiksünder statt. Am 25. ein weiterer Termin in ebensolchen �Sachen" in Tauchern. Boraussichtlich werden in nächster Zeit die gesamten Schöffengerichte des Streik- gebistes mit den Berufungen in Streitsachen sich zu beschästigen haben. Was da alles zutage gefördert werden mag... Von den Leipziger Braunkohlen werken bei Kulkwitz find bis jetzt gcnicldet 112 Mann als ausständig. Die Ver- waltung jener Gesellschaft hat besonders umfangreiche Arbeiter« kolonicn gegründet, um sich einen möglichst grasten Stamm von ergebenen Arbeitern zu sichern. So hat sie in der Gemarkung bei Albersdorf allein eine ganze Reihe Doppelarbeiterhäuser gebaut und diese mit Bergarbeitern bevölkert. Austerdem hat sie die Ländcreicn cincS anderen Dorfes zum«rosten Teil aufgekauft. Die dazu gehörigen Gebäulichkeiten, die früher den Zwecken der Landwirtschaft gedient hatten, hat die Gesellschaft zu Arbeiter- Wohnungen umgebaut, und so sind in einem Torf nur noch ganze zwei Bauern vorhanden, das andere sind Arbeiter. AIS nun die Arbeiter in den Streik traten, war nichts natürlicher, als dast die Verwaltung des Werkes mit Exmission drohte, wenn die Arbeit nicht sofort wieder aufgenommen würde. Hiergegen wehrt sich nun aber die Gemeindevertretung. Die Leute wohnen zum Teil bereits über zwei Jahre in den üäusern, sie haben in dieser Zeit den Unter st ützungswohnsitz erworben; wenn sie nun seitens der Grubenverwaltung hinausgelvorfen, exmittiert werden, erwächst den Gemeinden die gesetzliche Pflicht, für Unterkunft der Exmittierten sorgen zu müssen. Den Interventionen der Ge° mcindeocrtretcr in den betroffenen Ortschaften ist es jedenfalls zu danken, dast nicht eine-töstündige Frist den Leuten zur Räumung der Wohnungen gewährt wurde, wie im Bornaer Revier, sondern eine solche von 14 Tagen. Trotzdem zeigt auch dieser Vorgang aufs eindringlichste, was von der„Wohlfahrtseinrichtung" der Werks- Wohnungen zu halten ist. Es kann seitens der Presse nicht oft und nicht eindringlich genug davor gewarnt werden! Wie das Gericht in Zeitz erst vor einigen Tagen entschieden hat, ist der Arbeiter gehalten, entweder die Arbeit aufzunehmen— oder auch, er darf sie auch unter den elendesten Bedingungen, bei miserabelster Be» Handlung und Entlohnung gar nicht erst niederlegen— oder die Wohnung zu räumen. Run haben die Leute in der Regel auch eine Kleinigkeit Gartenland oder ein Stückchen Feld; beides ist vielleicht mit Früchten bestellt; kommt eine A usstandsbewegung, so ist die Grubcnverwaltung jederzeit in der Lage, den schärfsten Druck auf die Inhaber von Werkswohnungen ausüben zu können. Hierdurch erweisen sich diese„Wohlfahriseinrichtungen" äugen- fällig als das. was sie in Wirklichkeit sind: Eine drückende Kette, ein wirksames Instrument, den Arbeiter völlig unter der Bot- mästigkeit der Erubenverwaltung zu halten, ihm das freie Selbst- bestiinmungs- und Bcrfügungsrecht über seine Arbeitskraft illusorisch zu machen. Derartige Leute sind um kein Jota beffer daran wie die Jnstmänner von Ostpreusten und Posen. die Lohnsklaven der ostelbischen Grohagrarier! Nach den Berichten der Werkspresse sinkt die Ziffer der Streikenden täglich wieder— obgleich das Gegenteil der Fall ist. Einige Worte mögen die Art dieses Tricks, denn weiter ist es nichts, dartun. Bekanntlich haben zirka bllv Streikende in anderen Berufen und Orlen Unterkunft gefunden. Austerdem haben andere Hunderte die Abkehr erhalten. Die Werke zählen jene Leute aber nun nicht etwa mit, sondern streichen sie einfach aus den Ziffern der Ausständigen. Sie haben es sonach vollständig.in der Hand, die Strcikziffcr beliebig zu gestalten; je nachdem sie den Leuten mehr oder weniger Abkehrscheine zu- stellt! Auf diese ganz patente Art ist die Werkspresse nach Be- lieben in der Lage, jederzeit„feststellen' zu können, dast Streikende überhaupt nicht mehr vorhanden, daß der Ausstand für die Gruben» bcsitzer„beendigt" und„gegenstandslos" sei! Die Leitung des Gewerkvereins fH.-D.) bringt es trotz ihres eklatanten Vorrats, den sie in dem Streit an Arbeiterinteressen verübt hat, noch fertig, eine„Agitation größeren Stils" im Weistenfels- Zeitzer Reviere nach Beendigung des Ausstandes anzukündigen. Die Oberhirsche versprechen dabei, dast öffentliche Ver- sammlungen stattfinden sollen.„Wir Gewerkvcrcincr brauchen das Licht des Tages und die breiteste Oeffentlichkeit nicht zu scheuen." schreiben sie— ohne dabei rot zu werden. Redefreiheit, Oeffentlichkeit, Versammlungsfreiheit— und Gewerkverein, Das mag ein Leben werden! Gerichts-Leitung. Prozeß Spiegel. Der Prokurist, Buchhalter und Kassierer Hugo Spiegel, der im August vorigen Jahres nach Verübung von Unterschlagungen in der Gesamthähe von zirka«00 000 M. das Weite gesucht hatte, stand gestern vor der 7. Strafkammer des Landgerichts l. Der Angeklagte wird beschuldigt, in den Jahren 1901 bis 1905 durch mindestens 15 selbständige Handlungen den„Oberschlesischen Koks- werken und Chemischen Fabriken Aktiengesellschaft" gegen 300 000 Mqrk bares Geld unterschlagen und durch dieselben Handlungen sich gleichzeitig der Untreue und der Urkundenfälschung schuldig gemacht zu haben. Ter Angeklagte hat seine Unterschlagungen in folgenden Einzelposten begangen: 1901: 40 000 M., 80 000 M., 50 000 M.. 00 000 M.; 0902: 30000 M., 25000 Mk.. 15 000 M.. 80 000 M.. 70 000 3)1., 30 000 M.; 1003: 40 000 M.; 1904; 180 000 Mark. 80 000 M.; 1905: 30 000 M.. 80 000 M. Das sind zusammen 800 000 M. Der Angeklagte stammt au» Bcuthen, wo sein Vater Kaufmann war. Er hat das Gymnasium in Beuthen biö Ober. tertia besucht und- ist dann in die kaufmännische Lehre ein- getreten. Er erhielt Stellung in Gleiwitz und trat dann in das Etamingeschüft bei Fritz Friedländer, dem jetzigen Geheimen Kommerzienrat v. Friedländer, dann in die jetzt geschädigte Ge. sellschaft ein, deren Aufsichtsratsmitglied v. Friedländer ist. Deren Kassierer und Prokurist ist er seit 1388. Er erhielt ein festes Ge- halt von 10 000 At. und dazu eine ihm garantierte Minimal» Tantieme von 5000 M. Mit 85 Jahren verheiratete er sich und ist Vater zweier Kinder. Sein Leben hat er mit 40 000 M. ver- sichert. Er lebte auf sehr großem Fuß, er wohnte in Wilmersdorf. Er gibt im allgemeinen zu, die ihm zur Last fallenden Unter- schlagungen im Gesamtbeträge von 300 000 M. begangen und dabei allerlei Fälscherei und raffinierte UmbuchungS-Kunststücke begangen zu haben, um seine Veruntreuungen zu verdecken. Di« Haupt, summe der Unterschlagungen vermindert sich etwa», indem 80 000 M. und 60 000 M. wieder an die Gesellschaft zurückgeflossen sind, letztere Summe allerdings erst, indem er aufs neue 90 000 M. unterschlug. Demgemäß beträgt die Gesamtsumme der Unter- schlagungen 720 000 M. Der Angeklagte versichert wiederholt, daß er alles Geld zu verfehlten Börsensvekulationen geopfert habe. Er sei auf die schiefe Ebene zunächst dadurch gelangt, dast er für einen nahen Verwandten, den er aber trotz wiederholter Auffor- derung des Vorsitzenden nicht nennen will, eine Garantie in Höhe von 9000 M. geleistet habe. Um den Verlust wieder einzubringen, habe er sich ans Börsenspekulationen eingelassen. Er hat tasächlich mit Berliner Bankfirmcn in Verbindung gestanden und will auch bei Londoner, Pariser und Brüsseler Banken große Verluste erlitten haben. Die angestellten Nachforschungen haben nur ergeben, daß die Spekulationsverluste des Angeklagten 350 000 M. betragen haben. Der Perbleib her noch übrig bleibenden Summe von 370 000 M. ist nicht aufzuklären. Der Angeklagte bleibt dabei, dast er keinerlei Beträge beiseite geschafft habe und versichert, die Wahr- hcit von Anfang an gesagt zu haben« Als ihn in Paris ein Herr Arthur Cohn erkannte und seine Verhaftung betrieb, hat er diesen bestimmt, ihn doch freizulassen und Heft dabei in etwas mysteriöser Weise gejammert:„Ach Gott, meine arme Frau, ach Gott, ohne Quittung, ohne Quittung!" Der Angeklagte bestreitet, etwa? von einer Quittung gesagt oder bei seiner Festnahme etwas zerrissen zu haben, wie behauptet wird. Von Tarasp ans, wo er sich zur Kur aufhielt, hat er einen Brief geschrieben, worin er bekannte, 720 000 M. unterschlagen und Jahre hindurch die Buchhalter� be- irogen und Fälschungen der Bücher bkggngeli zu hMn,.Er habe keinen Mitschuldigen und habe alle seine Verwandten über seine Vermögenslage getäuscht. In dem Privatgewahrsam des Ange- klagten sind eine Reihe von Kontokorrent-AuSzügen der Breslauer Diskvntobank und der Oesterreichischcn Landcsbank vorgesunden worden. In diesen Auszügen hat der Angeklagte die sich für die Gesellschaft ergebenden Schuldsalden durch Rasuren und Verbesse- rungcn verändert. Er hat diese Veränderungen vorgenommen, um den Tatbestand zu verdecken und die Unterschlagungen zu ver- wischen. Denn bei einer etwa vorgenommenen Revision konnte er die in seinem Gewahrsam befindlichen Kontokorrent-Auszüge mit den gefälschten Salden vorlegen, die es den Revisoren f unmöglich gemacht hätten, die Unterschleife zu entdecken.— Die Manipulationen, die der Angeklagte in den Büchern vorgenommen hat, sind außerordentlich verschmitzt und kompliziert. Der Staatsanwalt beantragte 10 Jahre Zuchthaus, 15 000 M. Geldstrafe eventuell noch 100 Tage Zuchthaus und 15 Jahre Ehrverlust. Das Urteil des Gericht» lautete auf vier Jahre Zuchthaus und 8 Jahre Ehrverlust. Der An- geklagte trat die Strafe sofort an. Die Verhandlung liest keinen Zweifel darüber— Staatsam walt und Gericht anerkannten dies— daß bei ausreichender Kon. trolle die höchst plumpen Fälschungen und Unterschlagungen längst hätten entdeckt werden müssen.— Weshalb der Aufsichtsrat auch für ausreichende Kontrolle nicht gesorgt hat, ergab die VerHand lung nicht._ Zur Wertlosigkeit von SchutzmmmSanzcigen. „Die Polizei ist die Seele des Staats". Dieser Grundsatz des absolutistischen Volizeistaats gilt in Preußens Klassenstaat nicht auf dem Papier, wohl aber in der durch die Interessen der Junkerbörse beherrschten Wirklichkeit. Die Polizei als Instrument der herrschenden Klasse gegen die Interessen der Arbeiterklasse kennt alles, kann alles, darf alles, ist allweise und allmächtig, unfehlbar, ohne Fehl— das ist die Quintessenz des Autoritätsglaubens, den die kapitalistische Herrschaft des mobilen und immobilen Kapitals dem Lümmel Volk glaubt einbläuen zu müssen. Das Ermessen de«„Schutzmanns sieht nach Ansicht des Kammergerichts sogar weit über dem Recht des Gerichts, Tatsachen zu prüfen, wenn es sich darum handelt, unter dem Vorwand, eine Polizeiverordnung verletzt zu haben, Arbeiter deshalb zu bestrafen, weil sie das reichsgesetzlich gewährleistete Koalitionsrecht durch Streikpostenstehen ausgeübt haben. DaS Er- messen des Schutzmanns muß also zur Niederhaltung von Regungen des richterlichen Gewissens gegen Bestrafungen für Ausübung ge setzlich festgelegter Rechte dienen. Eine hohe Aufgabe weist die herrschende Klasse in Verwaltung und Rechtsprechung dem Schutzmann zu. Als Erziehungsmittel zur Erfüllung der ihm auferlegten Pflichten dient neben einer kommistbrotgernidelten zehnjährigen, ab und an durch Rippenstostlogik verschönerten militärischen Vorbereitungszeil eine keineswegs glänzende soziale Stellung. Angestrengtester, an militärischen Drill häufig erinnernder Dienst, Unterdrückung jeder individuellen Betätigung, ge. ringe Bezahlung, sind Mittel, um die polizeiliche Schutztruppe zum Schutz der Interessen der herrschenden Klasse wachzuhalten. Wenn dann selbst vom Gericht anerkannte Ausschreitungen einzelner Schutzleute den Ruf eines Schutzes vor Schutzleuten wecken, so vergißt man gar zu leicht, dast dieser Ruf nicht erforderlich sein würde, wenn die Schutzleute nicht als Organe der herrschenden Klasse fungierten. Diese heischt forsches Auftreten. Anzeigen und dergleichen gegen Arbeiter und Mittelstand. Rur hin und wieder ist es den Opfern dieses Polizeisystems vor Gericht möglich, ihre Unschuld und die Schuld des Schutzmanns zu beweisen. Ein solcher seltener Fall ereignete sich am Mittwoch vor dem Charlottenburger Schöffengericht, Abteilung 16. Der Handelsmann Bugo- s i e w i tz aus Berlin, Pappel-Allee, hatte gegen drei polizeiliche Strafbefehle gerichtliche Entscheidung beantragt, deren Vater der Schutzmann Nawratzki C. 56 war. Die Strasbefehle be. schuldigten den Handelsmann dreier schrecklicher, angeblich am 22., 23. und 24. März begangener Straftaten: einmal sollte er durch Ausgießen von Fischblut das Straßenpflaster verunreinigt, ferner sollte er ein lahmendes Pferd benutzt und endlich— o GrauS! — an seinem ambulanten Grünkramwagen keine vorschriftsmäßige Laterne gehabt haben. Der Angeklagte bestritt entschieden, sich irgend strafbar gemacht zu haben. Infolge der Aufmerksamkeit des Schutzmanns, der nach Ueberzeugung des Angeklagten beobachtethat, was in Wahrheit nicht existierte, hat er bereits an 300 M. Strafgelder bezahlt. Das hat ihn zur Vorsicht gemahnt. Sowie er den Schutz- mann Nawratzki steht, fällt ihm bei, daß dieser wiederum aus der vierten Dimension inspiriert sein könne, und bittet deshalb einwand- freie Zeugen, Passanten oder Käufer, während der Inspektion durch die Polizeiaugen ihm zur Seite zu stehen und genau auf alles zu achten. Diese Vorsicht erwies sich als sehr praktisch. Bezüglich des angeblich ausgegossenen Fischblutes bekundeten glaubwürdig zwei Frauen, daß es an jenem Tage geregnet und nur das Regenwasser durch die porösen Kiepen sich mit dem Blut der toten Fische vermischt habe und so von selbst etwas auf das Pflaster durchgesickert sei, was von der den Wagen begleitenden Verkäuferin sofort beseitigt worden sei. Nimmermehr sei etwas„ausgegossen" worden. Zögernd nach wiederholten Vor. Haltungen deS Borsitzenden gab der Schutzmann zu, daß da» Blut sofort wieder aufgewischt worden sei: trotzdem freilich habe er die mithin falsche Denunziation gemacht. Das angeblich lahme Pferd hat der Angeklagte sofort von dem Tierarzt Scheper untersuchen lassen. Dieser bekundete, daß da« Pferd nicht gelahmt habe, sondern durchaus gebrauchsfähig gewesen sei. Ebenso behaupten andere Frauen im Gegensatz zu dem Beamten, die Laterne habe gut gebrannt und sei weder nach vorn noch nach den Seiten verdeckt gewesen. Der Staatsanwalt beantragte selbst in allen drei Fällen die Freisprechung. DaS Gericht machte den Schutz- mann darauf aufmerksam, daß ihm nach§ 501 der Strafprozeß- ordnung die Kosten auferlegt werden könnten, wen» angenommen würde, daß die Anzeige wider bessere? Wissen oder auf grober Fahrlässigkeit beruhend, gemacht worden ist, und gab ihm Ver- anlassuiig. sich zu verteidigen. Nach kurzer Beratung verkündete der Borsitzende: Der Angeklagte wird in allen drei Fällen freigesprochen, dem Schutzmann Nawratzki werden sämtliche Kosten auferlegt. Denn er hat nach Lage der Sache wider besseres Wissen, mindestens aber auf großer Fahrlässigkeit beruhend, die Anzeigen erstattet. Die ganze Art uvd Weise wie er vor Gericht aufgetreten sei, habe dem Gericht keinen Zweifel gelassen, daß die Aussagen des Schutzmanns wahrheitswidrige sind, denn sie seien durch andere durchaus glaub- würdige uninteressierte Zeugen widerlegt. Insbesondere sei die Anzeige, dast der Angeklagte durch Ausgießen von Fischjauche, die Straße verunreinigt haben soll,»ach Ansicht des Gerichts eine bewußt unwahre. Leider gelingt der Nachweis der Unschuld des Augeklagten und der Verschuldung des Schutzmanns nicht immer. Würde stets von dem Z 501 Str.-Pr.-O. Gebrauch gemacht, so dürste die Zahl der Anzeigen erheblich zurückgehen. Recht sonderbar kontrastiert zu dem geschilderten Falle eine Beschwerde des Charlotten- burger Polizeipräsidenten, die dieser über Angriffe, denen Schlltzleute seitens Angeklagter ausgesetzt seien, an den Erste» Staatsanwalt gerichtet hat. Sin gründliches Mittel zur Beseitigung des polizeiprästdialeu Kummer» gibt eS: Unterlassen unberechtigter Strafbefchls und Strafanklagen. LandtqgSabgeordneter Köhler vor dem Reichsgericht. Der antisemitische hessische Landtagsabgeordnete, Landwirt und Bürgermeister Philipp Köhler war am 7. November wegen Beleidigung mit 3 Monaten Gefängnis, der Redakteur Holzinger mit 500 M. Geldstrafe belegt. Ueber den Prozeß haben »vir seinerzeit ausführlich berichtet. Auf dein Friedhofe zu Eberftadt war die Leiche eineS neu- geborenen Kindes gefunden»vorden. Mehrere weibliche Personen wurden als der Tat bcrdächtia vor das Bürgermeisteramt geladen und ärztlich untersucht, wobei Minna G. als die Schuldige ermittelt wurde. Ein anderer Arzt sollt« dann allcvdings festgestellt haben, daß sie uuMMig lki. Ml» vsMentlWe»Ulli kioso AltM, sprach darin von empörenden Eingriffen der Aerzte, von Per» brechen gegen die persönliche Freiheit und die Sittlichkeit und stellte die Frage, oh die zroßherzogliche Regierung gewillt sei, das so gehen zu lassen. Er hatte die Angabe, daß der zweite Arzt die llnschuld der G. festgestellt habe, für wahr gehalten ur»d daraus seine Schlußfolgerungen gezogen. Eine amtliche Berichtigung stellte dann die Unrichtigkeit der vom Angeklagten Köhler behaupteten Tatsachen fest. Das Gericht verurteilte ihn ivegen Beleidigung der in Betracht kommenden Staatsanwäftc, Richter und Medtzinalbcawtcn. Der Angeklagte K. hatte als Landtagsabgeordneter den Schutz des K 193 in Anspruch geiwmmen. Das Gericht war aber der Ansicht, daß et zu den» Interessen Dritter nicht in so konkreten Verhältnissen gestanden habe, daß er sich für befugt halten konnte, ihre Interessen zu »Vahren. Eine Anfrage bei den betr. Beamten hätte genügt, um den Sachverhalt aufzuklären. Natürlich hätte der Angeklagte die Sache dem Landtage vorlegen können, aber er habe sie nicht vorher in einer Zeitung veröffentlichen dürfen. Das Reichsgericht verwarf die Revision. Es verblieb bei setner einengenden Aus- legung des 8 St. G. B._ Zwei Todesurteile rechtskräftig. DaS Reichsgericht verwarf am Donnerstag in zwei Strafsachen, in denen auf Todesstrafe wegen Raubmordes erkannt war. die Revision. Da» eine Urteil betraf den am 30. März vom Schwur» gericht in München verurteilten Solzhändler Wilhelm Möller, daZ zweite den vom Schivurgcricht in Nürnberg am 4. April ab- geurteilten Spinner Adam Maier. Schulpflicht und Unterricht im AuSland. Herr Nolte aus Gelsenkirchcn hatte seinen schulpflichtigen Sohn, der so lange die Schule in Gelsenkirchen besuchte, nach Holland gebracht, wo er ihn in einem Dominikancr-Kolleg erziehen ließ. Eine Genehmigung der preußischen Schulbehörde war dazu nicht erteilt worden. Das Landgericht Essen verurteilte demnächst N. auf Grund einer Regierungsverordnung vom 21. Dezember 1395 zu einer Geldstrafe, weil er feinen Sohn ohne genügenden Grund vom Schul- besuch(in Preußen) fernhalte. Das Landgericht ging davon aus, daß die Erfüllung der Vorschriften des Allgemeinen Landrechts über die Schulpflicht(Titel 12, Teil ll) bei einem Schulunterricht im Auslande nicht garantiert sei. Wenn im Allgemeinen Landrccht (beziehunigsweise in der Kabinettsorder vom 14. Mai 1825) be- stimmt sei, daß Eltern ihre Kinder,»venu sie ihnen nicht zu Hause einen gleichwertigen Unterricht zuteil werden ließen, in eine öffent« liche Schule schicken müßten, so könne das nur eine inländische Schule sein. Nur beim Besuch einer inländischen Schule wäre es der Schulaufsichtsbehörde möglich, festzustellen, daß das Kind die im Allgemeinen Landrecht verlangten, einem„jeden vernünftigen Menschen seines Standes zukommenden Kenntnisse" erlangen. Auch ließe sich nur dann die Bestimmung des ß 48 II 12 Allgemeinen Landrechts durchführen, wonach die Schulauffeher(Schulinspektoren)l verpflichtet seien, darauf zu halten, daß jedes schulpflichtige Kind die Schule besuche, sowie nötigenfalls die nachlässigen Eltern durch Zwangsmittel und Strafandrohungen dazu anzuhalten. Der Unterricht des Knaben im Auslande schütze N. nicht gegen die Be- strafung. Das Kammergericht verwarf am 17. Mai die vom An- geklagten eingelegte Revision, da die Rechtsauffassung des Land- gerichts den wiederholt vom Kammergericht angenommenen Grund- sätzen entspricht, die freilich, ganz konsequent angewendet, das völlig unhaltbare Verbot in sich schließe», daß ein schulpjlichtiaeS Kind im Auslande erzogen werde. Hud der frauenbewegung« Naumann läßt sich hören— zur Dienstbotenbewegung. Die „Hilfe" läßt sich also vernehmen:„Der von unS schon berichtete Augenblickserfolg der Nürnberger Sozialdemokraten in der Organi- sieruug dortiger Dienstmädchen scheint für die sozialdemokratische Partei das Signal zu einem ähnlichen OrganisaiionSversuch in den anderen Großstädten gegeben zu haben. In München und neuer- dings in Berlin macht man Anstrengungen, die Dienstboten ge» werkschastlich zusammenzuschließen. Der Abgeordnete Stadthagea hat zu diesem Zlvecke kürzlich in Berlin eine öffentliche Versamm« lung abgehalten. die natürlich auch von Arbeitern zahlreich besucht»vor und in der von den Dienenden die Führerinnen der Berliner Dienstbotenbewegung das Wort ergriffen. Diese stellten sich vernünftigerweise auf den Standpuntt, daß sie die Hülfe in der schwierigen Organisationsarbeit willkommen heißen, woher immer sie angeboten werde. Ob sie freilich auf die Dauer trotz aller politischen Naivität mit der sozialdemokratischen Unterstützung in ihren Organisationsversuchen weiter kommen, ist recht zweifelhaft. Gerade für die Berliner Dienstboten steht fest, daß sie von HauS aus wenig Fühlung mit fortgeschrittenen organisierten Arbeitern haben. Sie stammen meist aus kleinbürgerlichen Kreisen vom Lande und kommen mit dem ganzen Horror vor der Sozialdemo- statte nach Berlin, der die ostelbischen Landgebiete beherrscht. Natürlich werden die allermeisten Dienstherrschaften sich nicht bemühen, freundschaftlichere Gefühle für die Sozialdemokratte bei ihren Hausangestellten zu erwecken. Da von politischer Weiter- bildung natürlich bei den großstädttschen Dienstboten keine Rede ist, wird die Sozialdemostatie hier noch mehr als bei der schwierigen Organisatton der Fabrikarbeiterinnen aus Granit beißen." Hier spricht der Wunsch als Vater des Gedankens. Gewiß find bei der Organisation der Dienstboten Schwierigkeiten zu überwinden. Aber die Sozialdemokratte hat schon so v»ele Schtviertgkeiten über- wunden, daß sie auch mit dem Horror vor den Sozialdemokraten bei den Dienstboten ferttg wird. Allerdings, die Genossinnen müssen hier helfen. Ihre Aufgabe ist es, AnknllpfungSpunlie mit Dienst- boten zu suchen und sie aufzuklären. Wenn mau sich lediglich auf hin und wieder einzuberufende Versammlungen beschränken wollte, dann wäre nicht viel zu erwarten. Die holdseligen frommen Wünsche der Hilfe" werden unsere Genossinnen zuschanden machen. Der schwedische Reichstag für da» Frauenwahlrecht. Bei dem diesjährigen Schiffbruch der Wahlrechtsreform haben beide Kammern deS schwedischen Reichstages einen Beschluß gefaßt, der immerhin theorettsch als ein Fortschritt anzusehen ist, nämlich den, die Re- sicrung aufzufordern, die Frage der Einführung de» polittschen frauenwahlrechts zu prüfen. Die« wurde auf Borschlag de« Ver- ässungsausschusseS m der Ersten Kammer mit SOgegen 60, in der Zlveiten mit 127 gegen 100 Stimmen beschlossen. In den beiden voraufgehenden Jahren ist derselbe Antrag, der von dem Ab- geordneten Lindhaaen, dem demostatisch gesinnten Bürgermeister Stockholms. eingebracht wurde. von beiden Kammern abgelehnt worden. Man muß nun nicht etwa glauben, daß sich inzwischen die Mehrheit der Abgeordneten, vielleicht gar die der Ersten Kammer, aus reinem Gerechtigkeitsgefühl für das Frauenwahlrecht be- geistert hat. Vielmehr liegt die Sache so, daß ein Teil der )teakttanär«n tu der Erörterung dieser Frage ein willkommenes Nittel zur wetteren Verzögerung der verhaßten allgemeinen Wahl« rechtsreforin«rblickt, und falls diese Reform nun doch schließlich unumgänglich wird, das Frauenwahlrecht, womöglich zu einem Damen Wahlrecht verkrüppelt, als eine„Garantie" gegen die Demostatie tu der Staatsverwaltung ausnützen möchte. Macht man das Wahlrecht für beide Geschlechter von der Steuereinschätzung abhängig, so kann ja dadurch allein schon eine große Anzahl arbeitender Frauen von dem Rechte ausgeschlossen werden. Schöneberg. Der hiesige Frauen- und Mädchenverein hielt am 14. Mai bei Obst seine regelmäßige LereinSversammlung ab. An Stelle der Frau Dr. David, welche wegen Erkrankung den an- ickündigtcn Vortrag nicht halte» konnte, referierte Herr Dr. ChajeS iber„Die Wohtiuiigsfrage". ES folgte eine rege Diskussion. So- dann wurde belannr gegeben, daß am Himmelfahrtstage ein Ausflug nach Eichkamp stattfinder. Treffpunkt morgens 0 Uhr vor dem Lokal Lbst. Warllu Lutherstr. 61. Für Nachzügler nachmittags im Lokal. ferner findet am 2. Pfingstfeiertage ein Ausflug nachSchmargen- d o r f. Restaurant Sanssouci, statt. Der Abmarsch ist früh morgens um 7 Uhr mit Musik vom Lokal Obst aus. Nachzügler treffen sich nachmittags im Lokal. Aufgenommen wurden im Monat April 9 Mitglieder. Lichtenberg. Der hiesige Frauen- und Mädchen-Bildungsverein bSlt Montag, den 21. Mai, abend» Sll3 Uhr. im Lokale von Gebr. Arnhold, Frankfurter Chauffee S, seine Vereinsversammlung ab. Auf der Tagesordnung steht: 1. Vortrag von Herrn Dr. Sorecht über: .Häusliche Krankenpflege'. 2. Diskussion. Aufnahme neuer Mit- glteder. Gäste, Männer und Frauen, willkommen. Der Vorstand. Versammlungen. Die Vertrauensmänner des Verbandes der Friseurgehülfen ssZweigverein Berlin und Vororte) waren am Montag vollzählich versammelt und nahmen Stellung zu dem Verhalten des Lokal- Verbandes deutscher Barbier-, Friseur- und Perückenmacher- gehülfen in Sachen der Lohnbewegung. Liere als Referent führte hierzu au«: In der modernen Arbeiterbewegung ist man daran gewöhnt, daß, selbst wenn zwei Berufsorganisationen be- stehen, dies« bei Lohnbewegungen gleichlautende Forderungen stellen. Anders beim Lokalverband der Barbiergehülfen. ES ist nur notwendig, hierüber die Tatsachen sprechen zu lassen. Am SS. Januar d. I. kündigte die Freie Bereinigung selbständiger Barbiere beiden Verbänden den Tarif. Am 1. März beschlotz die Generalversammlung unseres Verbandes, in eine Lohnbewegung einzutreten und formulierte die Forderungen. Am 4. März er- schien der Bericht im„Vorwärts". Die neuen Forderungen unter- scheiden sich von den vorjährigen dadurch, dass das Logis beim Arbeitgeber beseitigt werden soll. Mitte März versandete der Lokalverband Postkarten an die Arbeitgeber, worin denselben mit- geteilt wird, datz durch den Nachweis deS L'okalverbandcs Arbeits« kräfte zu den Bedingungen von l 9 0 S weiter zu haben sind. lDie vorliegende Karte ist am 31. März 1996 versandt worden.) Am 17. April sandten wir unsere Forderungen an die Arbeitgeber mit einer Frist zur Rückäuherung bis zum 1. Mai. Am 2. Mai unterbreitete der Lokalberband ebenfalls den Arbeitgebern Forde- rungen mit dem sehr bemerkenswerten Unterschied, daß er, statt Beseitigung des Logis zu verlangen, Forderungen m i t Logis aufstellte. Der Passus im Fordcrungsformular lautet: Salb« Kost und Logis 12 M., auhcrm Hause extra. Wir ver- langen: Halbe Kost ohne Logis lö M. Die Handlungsweise erinnert lebhaft an das Gebaren christlicher Gewerkschaften und ist eine Verbeugung vor den W.ünschen der Arbeitgeber. Der Vorwurf der Quertreiberei ist durchaus gerechtfertigt.— In der sehr leb- Haft geführten Diskussion wurde allseitig in erbitterter.Weise der Meinung Ausdruck gegeben, daß man es in den Lokalverbändlern mit Arbeitswilligen zu tun habe, die absichtlich darauf hinarbeiten daß die Schlafstellen in Läden und Korridoren usw. erhalten bleiben, da man nicht einmal deren Beseitigung fordert. Eine Resolution, die das Verhalten scharf verurteilt und aus- spricht, datz die Betreffenden aus den Reihen der modernen Arbeiterbewegung ausgeschlossen werden mühten, fand einstimmige Annahme. Die Wahl der Vertreter zur Generalversammlung der OriS- Krankenkasse für Schneider, Schneiderinnen und verwandte Ge- werbe zu Berlin» das war das Thema, über das R i t t e r in einer öffentlichen Versammlung der Schneider und Schneiderinnen prach, welche am Mittwoch im grossen Saale von Äuggenhagen tattfand. Er verwies auf die außerordentliche Beachtung, welche >ie Angelegenheit weit über den Rahmen des Berufes hinaus deshalb gefunden hat, weil cS dem Reichsverbande zur Äekämpfung der Sozialdemokratie gelungen war. zu bewirken, daß die heutige Mehrheit der Vertreter zur Generalversammlung der Kasse aus seinen Freunden sich zusammensetzt. Nachdem die Wahlen vom November, wo die Liste der Gewerkschaft mit 600 gegen 300 Stimmen siegte, ohne wirklichen Grund, aber mit um so durch- sichtigerer Absicht für ungültig erklärt worden sind, hat sich in- zwischen die Situation geändert. Insofern, als die 22 000 Mit- glieder der aufgelösten JnnungSkasse durch Einverleibung in die Ortskasse hinzugekommen sind, so daß die Kasse jetzt statt 30 000 Mitglieder gegen 52 000 Mitgsiedcr zählt. DaZ könne als ein günstiges Zeichen für die Zukunft angeschen werden, da die Organisation in den Kreisen der hierbei namentlich in Betracht kommenden Maßschneider gute Fortschritte gemacht habe. Redner begründete die Notwendigkeit für die Angehörigen der modernen Gewerkschaftsbewegung, sich um die soztalpoltttfchcn Einrichtungen zu kümmern, warf einen Rückblick auf die Krankenkaffcnbewegung, betonte die Aufgaben einer fortschrittlichen und vernünftigen Kassen- Verwaltung und trat lebhaft dafür ein, am 22. Mai bei den Wahlen mit aller Energie zu versuchen, den von der Gewerkschaft aufgestellten Kandidaten zum Siege zu verhelfen und die sich breit machende jetzige Mehrheit der Kassenvertreter hinauszubefördern. Gewählt werden müsse die Liste, die mit A l d e beginnt und mit Z ü h l k e endet. In seinen weiteren Ausführungen wies Redner nach, daß die Versprechungen- des neuen Vorstands sich als eitel Dunst er- wiesen hätten und im Gegenteil Verschlechterungen eingetreten seien. Scharfe Kritik übte er an der schikanösen Festsetzung der Wahlzeit auf bis 8;b Uhr abends, jetzt während der Saison in der Maßschneiderei, wo so wie so die Arbeitszeit der Budenarbeiter von 8 bis 8 Uhr dauere. Schon daS dürfte zu einem Wahlprotest genügen. Es sei aller Anlaß gegeben, die Tage bis zur Wahl durch lebhafte Agitation auszunutzen.(Großer Beifall.)— Es entspann sich eine angeregte Debatte im Sinne des Referats. Auf das ent» schiedenste wurde die Behauptung zurückgewiesen, daß seitens ge- werkschaftlich Organisierter im November Wahlbeeinflussungen statt- gefunden hätten. Jene Behauptung wurde als schändliche Lüge be- zeichnet. Damit nicht wieder die Behörde den unwahren Angaben ihrer lieben Kinder verfällt, beschloß die Versammlung, eine zwanzig. gliedrige Wahlübe rwachungs« Kommission zu wählen, deren spezielle Aufgabe e» ist, es unmöglich zu machen, daß nachher Lügengewebe über angebliche Wahlbcetnflussungen usw. verbreitet werden und Einfluß irgend welcher Art ausülicn können.— Erörtert wurde auch die Frage, ob die Wahllegitimatiönskarten, die der jetzige Vorstand der Kasse ausgibt, notwendigerweise (gegen Vorweisung des Buches) besorgt werden müssen, oder ob nicht das Mitgliedsbuch als Legitimation genügt. Letzteres wurde angenommen, jedoch erklärte man es für sehr empfehlenswert, sich möglichst die Legitimationskarten zu besorgen, womit auch Ver- trauenspersoncu betraut werden können. Nur der, dem es gar nicht möglich sei, sich eine Karte zu besorgen, soll mit dem Mitglieds- buch zur Wahl gehen. Pünktliches Erscheincn sei dringend not- wendig. Fite den Julmlt der Inserate iibrrniinmt die Redaktion dem Publiknm gc-iennber keinerlei Verantwortung. Zbeater. Sonnabend, den 19. Mai. Opernhaus. Geschlossen. Schauspielhaus. Geschloffen. Ansang VI, Uhrt Neues Lperiliheatcr. Zigeuner- baron. Deutsches. DaS Käthchen von Heil- bronn. Neues. Orpheus in der Unterwelt. Ansang 8 Uhr: Lessing. Kameraden. Schiller<».(Wallner-Theaker.) Der Lcibalte. Schiller>.(Friedrich Wilhelm. städtisches Thealer). Der G'wissenS- wurm. Westen. Die ZauberssSte. Kleines. Ein ioealer Gatte. Berliner. Die lustige Witwe. Komische Oper. HossmanuS Er- Zählungen. Residenz. LiebeSkunst. Zentral. Di« Fledermaus.(Anfang Uhr.) Luftspiclhmis. Die von Hochsaitel Xriaiion. Loulou. Thalin. Hochparterre links. Bcllc-Zllliance. Abends nach Neune. wtetropol. Aus ins Mcwopol. Deutsch- Amerikanisches. Arme Mädchen. Kasino. Madame Bonivard. Apollo. Das blaue Bild. Spezial. Carl Weist. Sherlock Holmes Abenteuer oder: Die Jagd umS Leben. Hansa. DaS Wunderkind. Familie Bernstein. Wintergarten. Tortajada. Speziali- täicn. Passage. Spezialitäten. Rcichshallcn. Sletttner Sänger. Urania. Tanbenslrasie»S/itl. Abends 8 Uhr: Der jüngste Ausbruch des Vesuv. Sternwarte, Jnvalidenstr. 67/62 Ferdinan«! Üonns Berliner Tbealer. Gastsp. des Neuen Operetten-TheaterS aus Hamburg. (Direktor Max MonttZ. Sonnabend und folgende Tage 'Anfang 8 Uhr: Iis Instige'Witwe. Neues Theater. Anfang 7»/, Uhr. Oute in lief omernll. Kleines Theater. Ansang 8 Uhr. Ein idealer Gatte. Sonntag nachm. 3 Uhr: Kinder der Sonne, Abends 8 Uhr; Ein Idealer Gatte. (Station Zoolog. Garten), Kantssi. 12. Sonnabend:DieZaubar(ldte. Volkstümliche Preise. Ansang 8 Uhr. Sonntag nachm. 8 Uhr, halb« Pr.: ver Zigennerdaron. Abends 8 Uhr: Schiilzenllesel. Joses König a. G. VollSlümllche Preise. Montag: Zar und Zimmermann. BolkStümliche Preise. Ansang 8 Uhr. Dienstag: 27. Vorstellung im Dicns« tag-Abonnement: ver V/aiienaeinmed. Volkstümliche Preise. Ansang 8 Uhr. Zentral-Theater, (Operette.) 8'/, Uhr kleine Preis«: Die Fledermaus. I�eues Opemtkeater (Kroll). Anfang VI, Uhr. Sonnabend, den 19. Mai 1906: MaskenbaBlo Oper in 3 Akten von G. Verdi. Morgen: Zigeunerbaron. Vorverkauf im Kgl. Opernhaus, A. Wertheira und Invahdendank. Komische Oper. Abends 8 Uhr: liMziiiis Erzählungen. Sonntag: Hoffmanns Erzählungen. Montag: Figaros Hochzeit. Dienstag: Hoffmanns Erzählungen. Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: Die von Hochsattel. Deutsch-Amerikanisches Theater. Köpenickerstr. 67/68. Jeden Abend 8 Uhr: Arme Mädchen. j_ Von Adolf Philipp. Apollo-Theater. Novität! Heute: Novität k Unter perfönl. Leitung d. Komponisten. Das blaue Bild. Phantast« in 1 Alt v. Balten-Bäckers. Musik von Paul Liincke. Im glänzenden Svezialitälenteil: Gastspiel der amerikanischen BurleSf-Kompagnie Nn Abend in einem amerjkavisch.Tingtl-Tangel. Sclilller- Schiller-Theater 0.(Wallner-Thcalcr). Sonnabend, abends SUHr: Iloi- Ijeibalte. Komödie in 3 Akten v. Lothar Schmidt. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Die Klacht der Finsternis. S on n I a g, abends 8 U h r: ver nilltdrstaat. Montag, abends 8 Uhr: Der nilltllrstiuit. Theater. Schiller-Theater N.(Friedr.-Wilh. Th.) Sonnabend, abends 8 Uhr: Her tS'wlssenssvnrni. Baucrnkomödle mit Gesang in 4 Auszügen von Ludwig Anzengruber. Sonntag, nachm. 3 Uhr: Zapfenstreich. Sonntag, abends 8 Uhrt Das I-nnipenxeslndel. Montag, abends 8Uhr: Helden. c Panoptikum Friedrichstraße 165. Kiiieniatosrafische Vor! ührnngen. harivari- Abende. Volkstümliches Kabarett. Abends 6 Uhr u. a.: Der nrkomisetae Bendlx. Max Kliems Sommer-Theater Hasenheide 13—15. Artistische Leitung: Paul Milbitz. Hentc, Sonnabend, den 19. Mai: Bröffnunga-Gala-VorfteUung. Garten-Konzert, Theater u. Spezialitäten. Auftreten nur erstklassiger Knnstler. Auf der großen Sommerbühne:„GtlUeliti dllS Grosse Gesangsposse in 2 Akten. Urania lir«/«; Abends 8 Uhr: Dir. Dr. P. Schwahn; DerjliDgste iusW iIes fem Sternwarte ZOOIOCISCHER GARTEN Heute nachmittag 4 Uhr: Monster-Konzert. S Kapellen. Kornett-Quartett. Berliner Lehrer-Oesangverein. Eintritt 1 Mark. Abonncm. u.Freikarien ausgehoben. Feuerwerk. Illuminailon. Metropoi-Theater Anfang 8 Chr. Große Jahresrevue mit Gesang n. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor floUaender. Bauchen überall gestattet. Carl Weiß* Theater. Gr. Fmnksnrterstr. 132. Abends 8 Uhr: Aus altem Geschlecht. Schauspiel in 5 Akten v. A. Genke. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Heute und täglich im Garten: Qr. Spezialitäten- VorstelluHg. Anfang B Uhr,«ntree 10, 20 und 30 Pf. W. Noacks Theater. Direktion: Roh. Dill,«rimnenstr. 1«. Große Extra-VorsteHung; Die Ehre des KMses. Volksstück In 3 Akten van Karl Hugo. Vorher: Er ist nicht»isrrslichtig. Lustspiel in 1 Akt von Elz. Ansana 8 Uhr. Entree litt Ps. Trianon-TTicater. Ansang 8 Uhr: l.onlon. Reichahalleiu Stettiner Sänger. Zum Schluss: Einullartitlung. MW.Hum. von Meqsel. Ansang Wochentags b Uhr, Sonntags 7 Uhr. fm Brauerei Germania R.-6.- Frankfurter Allee 53/55. Oekonom Richard Franke. Sanntag, den SO. TIal 1906: Saison-Eröffnung. Von nachmittags 4 Uhr ab:(Zrosses Esrlen*5lon?svl Spezialitäten 1° Ranges. Ansang 5'/a Uhr. X Die Kaifeeküche Ist geöffnet. X Entree SO Ps. nÄÄ&s;Vorelilling. Ä.Bi. Mllitar-Kontert, Residenz-Theater. Olrehtlom Richard Alexander. Heute und folgende Tage Ans. h Uhr Liebeskttnft. Komödie in 3 Akten v. Ü&on Zanros und Michel Carrö._ r Passage-Thealer. Anfang 8 Uhr. Das neue Mai-Programm 1 4 erstklassige Spezialitäten> Www« wmmmwJ KasinosTheater Lothringer str. 37. Täglich 8 Uhr. Sensationeller Erfolg! �acisme Bomvard. Dazu daS brillante AbfchicdSprogr. Rontag. 23. Mai: SehluBvorstellung. Sonntag 4 Uhr: Höfel Klingebusch. Fröbels Allerlei-Theater Schönhauser Allee 113. Jede» Sonntag 4 Uhr; Konzert, Theater, Spezialitäten. Im Saale: Taas. Donnerstag, 24 Rat(Himmelfahrt): tSiroßc(kxtra-Borstclluug. Bei ungünstiger Witlcrung findet die Vorstellung im Saale statt. TOimMIU Spanische Tänzerin n. Sängerin. Narrow Bros., komische Radfahrer. Desroches-Blanca, französ. Duett. Die Hartleys, Springer. Brösina, Pariser excentr. Sängerin. Palty Frank-Truppe, Akrobaten. König Dollar, engliaohes Ballett. Imro Fox, Illusionist. Die Brittons, Neger-Sänger und Tänser. De Dio, Phantasie-Tänzerin. Die Perssus, Kugelspieler. Der Biograph. Neueröffnet! M-Aussteilungs- ßiograpli-cst. touis) Theater lebender Photographien mit aliweeliselnil. Äbnormitöten-Progr. Vorbindung mit größter Films- Fabrik Frankreichs, daher täglich neueste Bilder. Den ganzen Tag Vorstellung. Otto Pntzkow, Münzstraße 16. An allen Orten werden Verkaufsstetlm errichtet. Vertreter gedacht. Gebrüder Krayer, Mannheim. Greift z«! dem Besten Klonats-Anzlige., Te. 10,— Sll.an Abonnements-Anzüge., 12,50„. 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Besonders in Süddeutschland, wo es das freiere Vereinsgesetz ge- stattet, scharen sich immer mehr junge Proletarier um das Banner der„jungen Garde", um sich dort als tüchtige und geschulte Kämpfer für den Befreiungskamps der Arbeiterklasse vorzubereiten. Aber auch in Norddeutschland mehrt sich die Zahl der Abonnenten„der jungen Garde" sowohl, als auch die Mitgliederzahl der wegen des Vereinsgesetzes unpolitischen„freien Jugendorganisationen". Zum größten Bedauern ist es uns ja nicht möglich, einheitlich zu arbeiten, aus den oben angeführten Gründen. Da nun ein großer Teil unserer Genossen noch im unklaren ist über die Beweggründe, die besonders die Gründung des Verbandes junger Arbeiter her- beiführten, sei mir gestattet, dieselben hiermit, soweit dies in kurzen Ausführungen möglich, zu erörtern. Schon der berühmte Psycho- löge Emerso-n sagte:„Im allgemeinen wird der Mensch sich in derjenigen Richtungslinie weiterentwickeln, in welche er zwischen dem 15. und 20. Jahr hineingebracht worden ist, oder selbst hinein- geriet." Das wird wohl so sein. Vor dem 15. Jahre ist der Mensch in den allermeisten Fällen nicht geneigt, starke geistige Elemente in sich aufzunehmen und zu verarbeiten. Auch in den späteren Jahren ist diese Neigung noch nicht sehr groß, aber die jungen Leute in dieser Periode reagieren mehr auf bewußte An- regung von außen. Andererseits gibt es vielleicht im ganzen Leben eines Proletariersohns keine Zeit, wo er so zwischen Selbständig- keit und Unselbständigkeit hin- und herschivankt, einerseits so viel Freiheit besitzt und andererseits so der Gefahr, auf Abwege zu ge- raten, ausgesetzt ist, als im Alter zwischen fünfzehn und zwanzig Jahren. Alle großen politischen und religiösen Bewegungen haben gesucht, diese Tatsache für sich auszunutzen, voran die katholische Kirche. Es wird Wohl kaum einmal die Zeit kommen, in welcher die Zustände und Menschen so vollkommen sind, daß man es ruhig der Entwickclung des einzelnen Menschen selber überlasten kann, wohin ihn dieselbe führt. Wir stehen in einer Welt voller Kämpfe, voll bitteren Streits um das Allernötigste, um des Lebens Unter- halt. Nur schwächliche Sentimentalität oder Harmonieduselei könnte in solchen Zeiten unter dem Schutzmantel des Rechts der Selbst- bestimmung auftreten und sagen, daß wir auch die Jugend nach ihrer Fasson selig werden lassen sollen. Angesichts der offenen und heimlichen Bestrebungen von Staat und Kirche, die Gehirne der Jugend mit der modernden Weisheit veralteter Staatsformen aus- zustopfen, wäre es eine unverantwortliche Unterlassungssünde, wenn wir nicht mit aller Kraft auch der Jugend zurufen würden: Hier- her! Hier ist euer Platz! Es liegt natürlich am allernächsten, daran zu denken, die jungen Mannschaften durch Vorträge, die in einer Kritik der heutigen Ge- sellschaftsordnung bestehen, und an lebendigen, der jugendlichen Lebenserfahrung nach verständlichen Beispielen die Verkehrtheit des Klassenstaats zu zeigen. Das ist auch so ganz in der Ordnung. Die Anfänge sozialistischen Denkens und Fühlens werden sich immer zuerst in der Betätigung des kritischen Denkvermögens zeigen. Aber nach dem Niederreißen muß auch das Aufbauen folgen. Und hier beginnt unseres Erachtens der schwierigere, aber wichtigere und dankbarere Teil der Beeinflussung junger Proletarier im Sinn« eines überzeugungstreuen Sozialismus. Es liegt ja im Geiste unserer ganzen Agitationsmethode,— und es ist durchaus der- ständlich, lveshalb das so ist,— vor allem kritisch negativ zu wirken, die materielle Lage und die geistige Verfassung des einzelnen ab- hängig zu machen von seiner Geburt, der Umgebung und den Ver- Hältnissen, in denen er aufgewachsen ist. Es wird die Zeit kommen, wo wir mehr als bisher die Notwendigkeit einsehen, daß diese Art der Weltanschauung, wenn sie zu ausschließlich angewandt wird, ihre Gefahr darin hat, daß sie dem einzelnen das Vcrantwortungs- gefühl für sein Tun und Denken zu sehr abnimmt und zu wenig das Bewußtsein weckt, daß in jedem Menschen eine Kraft schlummert, die ihn befähigt, bis zu.einem gewissen Grade das auch zu erreichen, was er sich als Ziel vorsetzt, nämlich die Kraft des Willens und das ethische Bewußtsein. Wir haben Menschen nötig in der Partei und Männer, gute Menschen— nicht im Sinne von braven Unter- tanen, sondern im Sinne sittlich freier Naturen,— und tapfere Männer,— nicht im Sinne bramarbasierender Patrioten, sondern im Sinne klassenbewußter Eharakterc, die um ihre Ueberzeugung alles lassen, auch das Leben, wenn es sein muß. Es wird sich nicht darum handeln, die jungen Proletarier in unseren Jugendorgani- sationen gleich methodisch in den wissenschaftlichen Sozialismus und in das Parteilcben einzuführen, sondern in erster Linie auf ihr Herz und ihr Gemüt stärkend und erhebend einzuwirken. Es soll bei ihnen der Grund gelegt werden dazu, daß sie später nicht Wort- sozialisten, sondern Tatsozialisten werden. Auf die Jugend wirkt in dieser Richtung nichts besser als Vorträge über das Leben be- deutender Männer, großer Volkshelden und Befreier der Leidenden und Enterbten. Dann werden unsere Jugendvereinigungen aber auch noch eine andere Aufgabe haben, nämlich die, nach und nach immer mehr bei den jungen Menschen, die sich zu uns herangezogen fühlen, die schweren Lücken unserer rückständigen Volksschulbildung aus- zufüllen. Das kann am besten durch Vorträge geschehen, bei denen auch das Fragen nicht nur erlaubt, sondern geradezu obligatorisch sein soll über Naturwissenschaften und Literatur. Es besteht im allgemeinen zu leicht die Neigung, bei der Fortbildung der sozialisti- schcn Jugend nur in den etwas ausgeweiteten Gleisen der Volks- schule weiter zu arbeiten und die jungen Leute mit Stenographie und sonstigem trockenen Wissen zu quälen. Anstatt dessen sollte vielmehr darauf Wert gelegt werden, die Mitglieder der Jugendorganisationen unter allen Umständen immer durch die Behandlung des Lehrstoffes zu erfrischen, anzuregen und zu begeistern. Eine Erholung und eine Stärkung sollen die Ver- einsabende für sie sein, keine Aneignungsmöglichkeit formalen Wissens. Die Personen, die fähig sind, in diesem Sinne bei unseren Jugendvcreinigungen zu wirken, fehlen nicht in der Partei. Man mutz sie nur heranholen. Und dann ist nicht zu vergessen, daß die Jugend viel schwerer zu behandeln ist, als der Erwachsene. Wir stehen dem Gedanken- und Gefühlsleben der Jungen oft ferner, als wir es selbst ahnen, und es wäre verfehlt, wenn diejenigen Ge- nassen, welche zum Wirken in unsere Jugendorganisation berufen sind, dies nur so nebenbei tun wollten. Die Jugend braucht mehr als die Brosamen, die vom Tische der Partei fallen. Zur lehrhaften Erziehung, wie sie ihnen in der Schule zuteil geworden ist. sind sie zu weit vorgeschritten, andererseits aber noch nicht fähig� politische„Reden" richtig aufzufassen und innerlich zu verarbeiten. Alle diese Forderungen, die an die Arbeit in Jugendorgani« sationen gestellt werden müssen, werden natürlich nur erst nach und nach erfüllt werden können. Wir sind alle noch Lernende in dieser Richtung, obwohl wir auch schon Lehrende sein müssen. Aber der feste Wille, die Begeisterung für ein großes Ziel und das Bewußt- sein, Arbeit im Sinne der Menschheitsbefreiung zu leisten, wird uns über alles das weghelfen. Außer diesem werden wir aber auch die Geselligkeit unter den jungen Leuten pflegen müssen. Neben gemeinsamen Spaziergängen in die herrliche, freie Natur, Jugendspielen und Unterhaltungs- abenden, soll ganz besonders das freie Arbeiterlied gepflegt werden, Nicht der wohlgeschulte Vereinschor, sondern der undisziplinierte Massengesang. Um alle diese Ausgaben zu erfüllen und zu ver- wirklichen, haben wir den Verband junger Arbeiter Deutschlands und„die junge Garde" geschaffen. Daß wir damit auf dem rechten Wege sind, beweist uns das Wutgeheul aller bürgerlichen Blätter, Auch die norddeutschen Genossen werden es nun auch begreifen, warum wir uns nicht den unpolitischen„freien Jugendorgani- sationen" angeschlossen haben, sondern das freiere Vereinsgesetz ausnützend, eine sozialistische Jugendorganisation gegründet haben. Dies werden auch die freien Jugendorganisationen ein- sehen, und sie sowohl als auch wir werden stets Hand in Hand arbeiten zum Wohle der Jugend wie zum Wohle der gesamten Arbeiterbewegung, denn wer die Jugend hat, der hat die Zukunft, B. Wagner. *» * Die„Junge Garde" erscheint vom 1. Juni ab achtseitig. Wir bitten diejenigen Genossen, welche zum Vertrieb derselben bereit sind, um Angabe ihrer Adressen. Alle Bestellungen sind zu richten an Genosten Bruno Wagner, Mannheim, R. 4. 2., desgleichen alle Zuschriften betreffend den Verband junger Arbeiter Deutsch« lands. Beiträge für die Redaktion der„Jungen Garde" sind an Genossen Dr. Ludw. Frank, Mannheim L. 2. 4. zu richten. Eingegangene DrucKfdrnften. Preis Carl Hoffman». Egoismus und Sozialismus. 32 Seiten. 25 Ps. Verlag A. Gerisch u. Eo., Bielefeld. Die Lage»nd Organisation der Klavierarbeiter. 35 Seiten.—> Verhandlungen der Binslen- und Pinsclmacher- Konferenz(1S05). 54 Seiten.— Jahresbericht der Ganvorstände des Deutschen Holz- arbeitcr-Verbandcs für das Jahr 1905. 196 Seiten. Selbstverlag des Deutschen Holzarbeiter-Verbandcs in Stuttgart. „Hlstolrc de Ja ddinocratic et dn»ocialisrac cn Belsi<|ne depnis 1830" tGeschichtc der Demokratie und des Sozia- lismus in Belgien feit 1830) von Louis Bertrand.(7. Lieferung, Ende des 1. Bandes.) Brüssel, Dechenne u. Cie. Carl Paasch: Mein gutes Recht. 173 Seiten. Kommissionsverlag Meyer u. Hendetz, Zürich._ Wttteriingsjibersicht vom 18. Mai 1906, morgens 8 Uhr. Wetter-Prognose für Sonnabend, de» 19. Mai 1906. Ziemlich warm und schwül, vielfach heiter, aber sehr veränderlich bei schwachen südöstlichen Winden ,- etwas Regen und Gewitterneigung. Berliner W c t t e r b n> e a n I extra billige Schuh-Tage! Kur noch_____ ______ Schluß des Verkaufs: Montag, den 21. Mai, bezw. solange Vorrat! fftegst- Sittkäufe!• � narnsn. Paninffel 00 jj 28 58 on posisn Damen- Pantoffel turi farbig Melton mit Filzsohle nm Ein Posten Damen- Pantoffel farbig Melton mit Filzsohle, bessere Aus- II pf führung nnr Em Posten Damen- Morgen- Scfiuhe gg., Lastiug, bequeme Form nnr" Ein Posten Damen- Haus- Schuhe rot und schwarz Leder, mit Ledersohle und Fleck nur Em Posten Damen- Schnür- Stiefel weiß Leder nur Eigene Verkaufsgeschäfte BERLIN und Umgegend: C., RosenthalerstraSe 14. C., Spiltelmarkt 15. W., PotsdamerstraBe SO. W., Schillstraße 16. S., Oranienstraße 66. SO., Oranienstraße 2a. SO., Wrangelstraße 49. SW., Friedrichstr. 240-241. NW, Beusselstraße 29. NW., Turmstrafio 41. 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Deqtachlanda. ■ Tcrwaltungsstelle Berlin nnd IJingegend. �■ Sonntag, de« 30. Mai, nachm. 4 Uhr» bei Voigt, Rttterstr. T5 i == Versammlung.== Tag es-Ordnung: 1. Erledigung des am 6. Mai vertagten Kassenberichtes. 2. Bericht der Revisoren. 3. Vortrag des Kollegen SehetTel:.Was lehren uns die wirtschastlichen Kämpse der Gegenwart.* 4. Bericht dcS GauleiterS Kollegen Schwlttan über die Tarlsabschlüss« der Maschinisten und Hetzer bei Landors und.Lokal-Anzeiger" sowie die Lohnsorderung im„Central-Hotel". 133/ 1b Die Ortsverwaltung. Am 24. Mai(HimmelsahrtStag) sinket von obiger Zahlstelle eine Herrenpartie nach Gberswalde >sahrt S.3S Uhr mit Extrazug(Retourbillett Eberswald« 1,i statt. Slbsa! Der nächste Extrazug 8.'üS. Treffpunkt' s zur Mühle". 90 M.) Nachzügler„Eberswalde, Lokal I. 31.- H. Holr, GiPSstr. 9. VerwaltungB.telle Berlin. Haupt-Bureau: Engel-Ufer IS, Zimmer 1— S. Fernsprecher: Amt IV, 9679. Arbeitsnachweis: Zimmer 34. Amt IV. 3858. Msnntag, den 21. Mai, abends 8 Uhr. im Gewerkschaftöhause, � Engel-User IL. gr. Saal- Versammlung"HW aller in Lisen- und Mtsllgikjlereien beschäftisten Former und 3erufgenossen. Tages-Ordnung: 1 Der Kamps unserer Berufsgenossen um geregelte Lohn- und Arbeitsbedingungen. Reserent: Kollege tierm. Zeruick«. 2. Diskussion. 8. Bericht vom Branchensond»: Kollege ÜI«.«Srotsn. 4. Verbands- angelegenhoiten. Das Erscheine», aller Kollegen ist dringend notwendig. Montag, den LI. Mai, abends(t'i, Uhr, Im BereinShanse der Musiker, Kaiser Wtlhelmstr. 18m: —. Allgemeine � Klempner- Uersammlung. Taaes-Ordnung: 1. Vortrag d«S Genossen DUwell;»Die Machtmittel d:v Proletariats". 2. Dtskusstou. 3. BerbandSangelegenheiten. Zahlreicher Besuch wird erwartet. Montag, den 81. Mai, abends 7ll, Uhr, in Wildau, im Lokale von Sodumann, früher Molke: Bezirks- Vcrfatnmliiiig für Königs'Klufterhaufen u. llmg. Tages-Ordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. BerbandSangelegenheiten. Zahlreicher Besuch wird erwartet. HL. Die Zahlstelle dcS Deutschen Mctallarbeiter-VerbandeS befindet sich beim Kollegen Suguot POrschel,«önigs-Wusterhaufen, Bahnhofstr. 1. 119/10 Ple Ortaverwaltnng. tsnr Im Kistenmacher! Montag, den 81. Mai 100«. abend» S'/, Uhr- Versammlung in den„Andreas-Festsitlen«, Andreasstr. LI. TageS-Ordnung: 1. Vortrag de» Genossen Adolf Bitter. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 86/3 Zahlreiches Erscheinen notwendig. Der Obmann. »ll mim nreL Zweigverein Berlin, Sektion(Brauer). Qeochttftwtclle Berlin C. 54, Llnlemlr, 1B|. F«rn«pr. VII, 2340. DW- Sonntag, den SO Mol, nachm. S>/> Uhr,"MG Im Oewerksohaftohanoe, Engel-User 15(Saal I): WST Versammlung, TageS-Ordnung: 41/11 1. Besprechung der Antritge zum BerbandStage. 2. klbrechnung vom 1. Quartal 1906. 3. Innere VerewSangelegenhitten. 4. Verschiedenes. Zahlreiches und pünktliches Erscheinen erwartet Der Vor.tand. Achtung! KEeber. �ch�ngi Sonntag, 20. Mai, vormittags IÄ Uhr: Allgemeine Versammlung der Mrlezer«ml Wjer Von Montag, den 21. Mai an tritt für die folgenden drei Wochen die graue Kontrollmarke in Kraft. Dieselbe muß sich im 10. Felde der Karte befinden. Jeder zu tarifmäßigen Preisen arbeitende Kleber muß im Befitze obiger Karte sein. Die Marken werden verabfolgt Sonntag, den 20. Mai, von S— 12Nhr vormittags in folgenden Lokalen: Krüger, Lychenerftraße 8; Stephan, Wienerstraße 81; Widert, Steinmetzstr. 86; Pankow, Perlebergerstr. 32; Döhling, Kolbergerstr. 28/20; Büttner, Fruchtstr. 54 sowie Sonnabend und Sonntag bei Merket» Bergstr. 10; Waid, Charlottenburg. Pestalozzistrahe 82, Quergebäude 2 Tr. und tm Berbandsbureau, Engel-Ufer 15, wochentags. 178/8 Die Verbandsleitung. Lerlins und Umgegend im gr. Saale des Geuierksthastshattses, Etigel-Uer 15. Tagesordnung: 1. Wert und Nutzen der Tartsverträge, und welche Verpflichtungen über- nehmen die verwagschlteßenden Parteien beim Abschlusi derselben? Reserent: Genoff« iziieeenlbsl. 2. Dislusfion. 3. Bericht der Schlichtungskommission. 4. Verbandsangelegenheiten. Die Kollegen, welche Mitglieder de« Deutschen Metallarbeiter-VerbandeS find, haben ihre Mitgliedsbücher mitzubringen. Wir ersuchen die Kollegen, zu dieser Versammlung recht zahl« reich zu erscheinen. Diese Versammlung findet trotz aller eventuellen gegenteiligen Bekanntmachungen statt! Die Vertranensleute der Lohrlkger lllld Helfer Berlins nnd Umgegend. 119/7 I. A.: Die AgltatlonsbomniinBlon. ■Will M illW Zweigverein Berlin. Sektion der(ups-- u. Zementbranche. Gruppe Zementierer. Sonntag, den 20. Mai, vorm. 10 Uhr, im Gewerlschaftshause, Engel-Us«r 15(Saal 1): Mitgtieder-Uersammlung. TageS-Ordnung: 1. Was für eine Stellung nehmen die Kollegen gegen die willkürliche Verlängerung der Arbeitszeit in der Zementbranche ein. 2. Dislusfion. 143,17» ftnIIenotts Agitiere ein jeder recht rege für starken Besuch der Ver- zivurgru. sanimlimg; auch mutz es Pflicht eines jeden Kollegen sein, diese Versammlung zu besuchen. ___ Der Grnppenvorstand. tets das Keueste stets das Beste bei großer Auswahl wirklich billigen Preisen. Jackett-Anzllge Deutsciier Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes-Anzelge. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied, der Schrauben- dreher Franz Veranieki gestorben ist. Ehre seinem Andenke«! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 20. Mai, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- Halle des Pius- Kirchhofes in Wilhelmsberg aus statt. Rege veteMgung wird erwartet. 119/11 Die Ortsverwaltung. Dr. Simtnel, Prin"n Str. 41, vpezmlarzt luv 110/9» Hanl, nnd Harnleiden. 10—2.5—7. Sonntag«>0— l2. 2—4. Von der Keiso zurück Dr. Gustav Bradt, Arzt, Spezialarzt 1886b f. Nasen-, Hals-, Dhrenkrankheiton Wlencrstr. ÄO, I. Somldemokratisehef WalilverfiinI.iI.3.BeFl.RElelistass- Waiilkreis. Todes- Anzeige. Am 17. Mai verschied nach langem, schwerem Leiden unser langjähriges Mitglied Emst Kunert Köpenickerstr. 34. Ehre feinem Andenken k Die Beerdigung findet am Mo«- tag, den 21. Mal, nachm. 4 Uhr, von der Halle des Zentral-Fried- hofeS in Friedrichsfclde aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Her Vorstand. Der unerbittliche Tod entriß uns am Mittwochvormiltag nach kurzem, aber schwerem Leiden un- seren lieben Sohn und Bruder AlkreS Zesch. Die Beerdigung findet am Montag, den 21. Mai, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle dcS Zentral-FriedhoseS in Friedrichs. leide aus statt. 18766 Um stilles Beileid bitten SV. Kosch nebst Frau u. Bruder. von strens; modern gemusterten Stollen, sonioker, vornehmer Form und eleganter Machart, 19,50, 15, 17,50, 90,«2,50,»5, so, 85 bis 60 M. Vorrätig in allen Größen und ( Weiten. Berücksichtigt sind dabei normale, als auch | schlanke, untersetzte und| extra starke Figuren. 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Oer Vorstand, tfk machen wir diesen som mer unsere Landpartien hin? WO 5 alten Freund. Partien bis 1500 Personen haben bei schlechtem Welter bequem Platz. ES ladet ganz ergebenst ein____ Der alte Freund Fernsprecher Spandau: 8l4. KOeHe stets in altbekannter GGte. Das Wunder Berlins sind die bekannten Konfektionsbänser 3 Geschäfte 3 Geschäfte 80 Chaussee-Straße 80 3 Geschäfte Q 1 1 tZ 3 üesebätte 9Rosenthaler Straße g Eck© Aucrnst-Strattc. 3 Geschäfte 137 Ecke Angnst-StraBe. Blitz GroBe Frankfurterstr, zwischen Koppen- u. Fruchtstr. Chones Indnstrle-Palast 3 Geschäfte 137 Herren-Anzüge,... 4«s.- Herren-Paletots, daa Neueste. von 60 hl. Kinder-Anzüge uä,».... k» HOSCil in allen erdenklichen Mustern. von Pt Wir bitten genan an! die Firma an zn achten. Blitz zn achten. Be) Einkani Fahrvergütung. Vor Täuschung wird gevarnt. Ausflüglern empfehlen wir folgende Special-Harten der Umgebung Lerlins. Bemau-Biclenthal, Lanke-lZiepnitz- und Wondlitz-Sce..... 1 äB. Bukow u. 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Kur die Gewinne über 240 Mark sind den betreuenden Nummern in Klammem beigefügt. (Ohne Gew&hr.) Nachdruck verboten. „ 399(500] 737 1013 94[1000] 138 290 478 660 744 78 85 2029 46 III 402 93 672 730 91 845 935 3179 260 13000] 417 507 769 70[500] 808 54 13000] 4372 510 13000] 14 611 723[5001 50(500) 885[500] 5127 204 13000] 51 363 960 6058 393 617 740 818 42 990 7363 'KXU 956 8117 97 f 10001 _ 10017 44[5001 328 402 88 529 677 726[1000] 802 32 902 1500] 35 42 82 11195 382 402 674 1 2Ü04 66 134 339 51 698 871 942 1 3030 670 602 40 949[1000] 14063 (5001 101 229 48 54 337 62 482 587 736 822 909 79(6001 15016 56 72 91 141[600] 33» 70 74 454 824 1 6065 136 42 53 278 365 69 404 21 742 81 806 28 61 17175 228 342 1500] 628 745 978 1 8042 123 66 238 401 64 616 737 (1000] 51 851 929 19106 55 243 318[5001 54 95 482 682 97 826 901 20110 70 225 50 339 498 051 21003 160 204 410 77 80 532 48 699 701 869 903 39 2 2419 587 706 20 963 69 23040[3000] 204 73 79 80 339 66 80 540 628 801 919 24083 337 574 814 62 972 16001 25064 78[1000] 174 1500] 296 402 55 76 84 591 621[500] 707 25[600] 48 849 26002 31 262 355 472 557 83 840 044 88 2 7015 76 HO 246 301[600] 493 549 95[5001 661 837 905 31 28149 293 350 94 620 891 062 29172 216 599 837 77 951[500] 06 30066 132 240 329 578 87[3000] 668[1000] 722 [5000] 803 68 89,012 3 1062 158 73 222 95 521 80 823 59[1000] 84 993 32123 98 318 89 455 810 13 79 33251 426 99[5001 763 3 4055 62 131 70[600] 265[500] 346 549 853 79 35082 105 250 409 613 829[500] 36013[1000] 53 558 37212 42 326 609[30001 647 71 38016 63 222 29 70 39387 610 610[500] 94 887 948 87 40136 334[500] 458[30001 92 529 752 843 989 41098 377 95 655 77 1500] 824 68 42047 40[500] 158 97 305 95 468 811 21 43095[500] 199 602 94 641 44206 [500] 331 404 8 522 26 606[1000] 965 4&Ü33[30001 262 88 580 812 945 77 46083 511 634[500] 47203 19 308 48 493 634(1000) 42 67 71 600[10001 867[5001 48035 67[30 000], 244 520 59 619[500] 49 99 807 40[1000] 043[500] 49150 68 498 645 68 S0"96 550 698[5001 920 85 5 1052 117 404 63 561 678 780[1000] 838 63 953 82112[5001 47 49 202 90 360 87 94 489 528 32 37 95[1000] 789 53341[10001 414 133 249 13000] 327 582 965 58043 82[500] 450 629 1600] 704 933 59194 320 32 455 644 777 852 iooo: 60181 207 421 51 765 98[3000] 826 968 84 6 1203 476 608 62088 121 82 273 393 577 893 037 08 63414 65 66 591[500] 679 99 64003 87 208[500] 467 667 017 22 65104 275 516 OOS 60 747 979[50001 66291 811 685 809[500] 32 997 67035 38 301 765 83 830 934 46 74 6 8250 414 15 46 619 8» 740 857[1000] 915 47 69418 545 60 79 650 731 70 70035 81 835[10001 81 71047 158 388[500] 404 546 83 803 018 72133 46 327 431 98 618 740 046 73027 93[1000] 329 13000] 506 619 740 821 74198 319 29 33 614 626[500] 732 806 964 75003 93 101 201 94 390 491 535 40 56 612 760[500] 885 956 7 6081 176 212 21 76 [50001 667 60 871[5001 907 77044 91 316 446 518 74 906 67 78044 239[3ÜO0] 337 402 17 659 812 66 940 13000] 71 79579 814 50[1000] 953__ 80412 67 1500] 635 39 668 776 79 908 94 81016 [5001 592 625 707 65[1000] 80 82000 179 212 29 75 382 437 745 67 841 938 8 3024 298 354 845 55 84175 227 346 518 721 41 991 85002 332 67 559 627 714 851 971 86258 443 545 646 758 087 8 7612 39 41 57 725 863 67 935[1000] 88052 02 370 91 50060942485362 88061 181[3000] 87 90 312 419 522 983 97___ 90019 43 232 511 87 701 35 884 937 38 91001 10 62[5001 104 299 354 82 90 435 79 535[500] 794[30001 860 045 92094 330[1000] 33 11000) 57 415[1060] 83 n525 759 852 61 951 93090 177 231 422 650 878 4044 105[5001 76 396[30001 401 531 6l 631(10001 48 9 5070 475 506[500] 653 743 59 884• 30001 955 IStOOs 96129 383 551 99 612[500] 36 84 715 70 71 97070 293 321 522 98200 540 755 76 969 99361 28 44 73 [5001 321 522 9 8200 540 755 76 969 9 9361 28 44 73 15001 407 29 65 605 15 70 100032[10001 615 912 65 101119 313 56 643 734 85 062 1 02214 16 41 323 56 449 564 67 76 632 84 723 48 961 103147 224 404 29 59 572 606 742 104046 53 Kffll 5001 288 5 16 68 1 791 8A 105121 76 258 60 312 449 657 65[500] 66 712 64 880 106153 302 30,502 74 835 914 16(1000] 107066 A9 348 88 700 7 1 08946 77 172 257 318 483 536 899 109214 433 80(10001 377 (5001 625 730 W M 1 10050 241 330 467(1900] 635 763 841�64 1 nopo]_238_60_64 330 J? 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Macbdraek verboten. 106 400 673 93 816 951 1011 106 81 407 723 54 949 94 2128 13000 1 38 62 276 345[500] 427 615 1500] 764 06 889[3000] 3103 412 576 801 961[500[ 4159 604 706 5093 181 202 24 301 438 69 848 6073 1500' 110 42 445 911 7074 112 304 441 704 855 8200 27 1500 411 23 517[500] 20 793 960 9365 582 629 98 722 36 10043 117 307[500] 645 727 35 11006 22 167 96 487 620 780 910[5001 85 1 2084 147 214 365 672 727' 858 95 924 130001 13018 63 193 360 537 830[1000] 75 975 14184 507[1000] 720 35 40 806 06 1 5228 80 340 52 449 43 90 619 79 98 899 1 6307 33 52 479 86 94 612 13 646 83 708 952 1 7131 78 400 594 645 819 1 8180 371 609 14 00 91 711 fxOOO] 67 824 88 96 917 56[3000] 67 19311[500] 445[1000] 97 614[500] 6191 717 49 78 858 976 20377 403 750 81 955 79 97 21014 166 228 99 329 436 542[500] 55 612 14 719 20 48 22022[1000] 48 [500] 175 528 684 88 770 881 93 972 2 3028 46 62 158 91 98 323 402 58 63 500 62 963[1000] 24037 52[1000] 135[509] 897[600] 932 25147 75 1500] 326 44 95[3o00] 684 667 717 26039 HO 258[1000] 517 871 27030 (500] 168 203 82 329 45 707 10 831 909 93 98 28034 272 323[500] 432 652 29293[500] 339 56[1000] 040 801 87 30062 65 688-[500] 916 31035 814 63 931 51 76 32105 371 84 428 15001 629 830 55[1000] 3311» 19 341 460 574 615 23 727[1000] 67[1000] 810[1000] 912 61 34147[500] 258 316 58 619 34 755 929 91[1000] 35074 1500] 203[500] 30 90 481 537 724 828 3«023 68 163 246 336 418 73 541[500] 769 78 919 37004 97 101[3000] 281 348 912 38317 77 588 736[3000] 904 72 392.9 97 308 50 56 453 641 97 651 771[1000] 833 -40012 66 221 328 481 619 63 751[3000] 974 41000 19 29 83 253 366 67 476 81 553 635 718 914 42088 257 330 58 582 619 809 16 62 43141[3000] 71[1009] 813 48 913 44146 200 15 49 326 406 559 79 95 980 88 45049 146 74 330 78 91 532 760 937 4 6078 UOOOjf 117 1600) 26 35 41 240 331 483 702 903[10001 55 47012 143 362 04 425 525 94 701 822 920 4 8325 676 901 49270 385 483 694 766 822 946 72 50069 78 271[1000] 419 563 04 649 726[1000] 801 1500] 23 972 75 61057 308 502 720 895 962 52291 393 4600] 487[1000] 965 6 3078 125 357 515 54 699 724 938 54091[1000] 171 261 400 75 550 630 850 55116 385 457 564 611 35 6 6086 87 163 229 393 497 648 832 70 939[5001 57006 28 108 313 95 569 669 800 58110 36 238 94 500 54 744 803 16 59016 60 116 207 8 419 533 45[5001 792 913[1000] 78 «0068 176 200 374 513 611 779 934 96 61019 38 80 159 3H 46«2031 40 157 373[500] 89 633 67 763 99 811 43 902(30001 63040 58 86 222 36 544 797 831 984 64212 381 446 573 693 806 47[500] 973 65258 70 428 570 645 716[5001 31 842 97 98 021[500] 66029 49 176 97[1000] 318 21(10001 40 I 100Ö1 468 883 900 67030 J-------------------------------- jsoona 1 0] 337 768 930 7 2057 92 244[Ii 818 73163 879 451 807 032 81. * 94 812 38 920[30001 76008 38 88 72.7 68123 287 486[1000] 621 730 69013 ' 95 400 506[500] 638[3000] 46[500] 70002 29 132 248[1000] 488 668 69 939 71007 183 ' 0001 340 454 579 656[5001 91 M_________...______ 74175 238 487 83 94 812 38 920[30001 76008 38 88[10001 129 87 I (5001 642 60 712 7 6213 397 614 61 748 53 67 922 77160 (5001 240 564 721(30001 843 78 78050 79103 228 337 670 81(10001 797 806 17 909(3000183 80212 82 307 490 618(5001 93 702 831 81065 82 93 145 240 50 349 435 60 611 20 65 77 06 753 810 22 64(30001 68 82038(30001 90 120 40 326(10001 78 13000] 467 623 890 8312«[500] 58 240 426 98[10001 593«54 ---------------------'«nnmUzS, ____________ ,-.Jjl"4Ö4'l7"625 7f-— � 472 616 758(1000] 832 88380 810 890 91(5001 553 69« 723 870 943 51 108 40 380(5001 525 53 91188 225 98 427 - 740 990 9241«(10001 69 604 72 778 9 3009 «0 ..... 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Frau zum Austragen des„Vorwärts* kann sich melden in der Parteispedition Fritz Woick, Grün- straße 4._ 1560« Botenfranen finden lohnende und dauernde Beschäftigung Schützen- straße 22(Tour Wilhelmstraße an der Anhaltstraße)._ 124/11* Zeitungsfrauen finden sofort dauernde und lohnende Beschäftigung Mt-Moabit 138._ 124/16» Für die Stadt Bremen nebst umliegendem Agitationsgebiet wird ein mit parteigenössischer Organisations- und Agitationsarbeit vertrauter Kenntnis der bremischen Verhältnisse erwünscht. Anfangsgehalt 2200 M., steigend in Pjährlichen Gehaltszulagen bis auf 3000 M. Offerten mit Angabe der bisherigen einschlägigen Tätigkeit bis zum 28. Mai unter der Aufschrift„Parteisekretär" erbeten an 12731,* BreeUmeier» Bremen, Pfeilstraße 3. Parteisekretär für Halle und den Saalkreis per sofort gesucht. Gehalt 1800 M. Genossen, welche aus diesen Posten reflektieren, wollen ihre Bewerbung mit genauer Angabe ihrer bisherigen Tätigkeit und einem Aussatz über die Ausgaben eines Parteisekretärs bis zum 27. Mai an die Expeditton deS.Volksblattes*, Halle a. S., Harz 42/43, einreichen. Oer Vorstand d. Sozialdemokratischen Vereins für Halle und den Saalkreis. Zentral- Verband der Maurer Deutschlands(ZweiperelnBeriiD.) Sektion der Gips- u-Zeinentliranelie. Wegen fortgesetzten Tarifimtches«t die Finna- Otto Stliwe gesperrt. Die Bauten sind: Seesiraste, Virchow-KrankenhauZ. Martendorf, Marienhöhe. Bau: Gansewich. Mariendorf, Ehausseestr. 23. Nixdorf, Weserstr. 47. Halensee, Humboldtsir. 49. Dahlem, Botanisches Museum. .4n die Itanhandwcrher appelllercu wir ans za unterstützen. 143/18* Der Sektionsvorftand. Achtung, Ungknbauer! In der Motorwagenfabrik in Reinickendorf(früher Gottschalk) befinden sich sämtliche Arbeiter im Streik. Wir ersuchen die Kollegen, nach diesem Betriebe keine Arbeit anzunehmen. Die Streikleitung. (ZahlsteUc Bcrltu). Folgende Firmen haben, weil das Personal nach der Beendigung der Aussperrung nicht reumütig und bedingungslos in die Betriebe zurück- lehrte, weiter rcspcktwe erneut aus- gesverrt: Wübben& Co., Wilhelmstraße 9. II. Sperling, Friedrichsir. 16. D. Bleistein. Friedrich str. 16. I-Uderitz dt Bauer, Mauerstraße 80. Fritsche-Baanibach, Schö- nebcrg, Bahnstraße. B. Beiß. Lützowstr. 107/8. H. Sclinbert, Wilhelmstr. 121. C. iSIetschke A Co., Zimmer« straße 94. A. Schoß, Puttkamerftraße 19. A. Schoß, Dessauerstraße. Schneider A Ziegler, Ritterstr. 76. Klckmann, Wilhelmstr. 121. Manchsche Buchdruckerci, Stall- schrciberstraffe 5. Ad. Ludwig, Elisabeth-User 5,6. Fleck Macht"., Lützowstr. 87. Htimmerer, Kochstr. 67. Werner, Lindcnstraffe 3. C. F. Walter. Wallstr. 16/17. Bich. Gahl, Ehausseestr. 20. Diese Betriebe sind gesperrt! Vor Arbeitsannabme wird gewanitl Zuzug ist streng sernzuhalten I Tie OrtSverwaltung. Votsdamerftraße 100. 1529K*—..........----—_--------------------------------- �- 1.—-- r&jtnf&ttett BkMl. 2«! den Lnferatenteil verantw.: TS- Gtscke. Berlin. Vrucku. Verlag: Vorwärts BuKdruckerei u. Verlagsanstalt Kaul Singer& Co.. Verlio SW. Nr. 115. 23. Jahrgang. 4. KnlU Sts Jurantte" Dell« MM Sonnabend, 19. Mai 1906. Partei- Angelegenheiten. Dritter Wahlkreis. Den Genossen zur Nachricht, daß am Dienstag, den 22. Mai, abends 8 Uhr, eine Wahlvereinsversammlnng in den Arminhallen, Kommandantenstr. 20, stattfindet. Genosse Grunwald wird über das internationale Fremdenrecht und die Ausweisungen sprechen. Achtung, vierter Kreis! Den Mitgliedern des Wahlvereins klingen wir folgendes zur gefälligen Kenntnis: Die Abfahr! zu der om Himmelfahrtstage stattfindenden Herrenpartie erfolgt für die Mitglieder des Ostens morgens 8 Uhr am Gröben-Ufer san der Oberbaum-Brücke). Des weiteren kann die Rückfahrt Umstände halber für vier Dampfer erst zwischen 10 bis 11 Uhr abends erfolgen. Und noch ist zu bemerken, daß sich an dieser Partie selbstverständlich nur Herren beteiligen können. Der Vorstand. Lichtenberg. Am Dienstag, den 22. Mai, SVa Uhr, hält der Wahlverein im„Schwarzen Adler" seine Mitgliederversammlung ab. (Siehe Annonce.) Wir erwarten zahlreichen Besuch. Der Vorstand. Friedrichshagen. Heute abend 9 Uhr findet bei Petznick die Ver- sammlung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Vortrag: Nationalismus und Patriotismus. Referent: Dr. Rosen- thal-Berlm. 2. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten. 4. Ver- schiedenes und Fragekasten. Die Mitglieder werden ersucht, die entliehenen Bücher wegen der bevorstehenden Inventur bis zum 16. Juni an die Bibliothekslommission zurückzugeben. Alt-Glienicke. Heute Sonnabend 8 Uhr abends: Generalver- sammlung des Wahlvereins bei Saß. Die alten Mitgliedsbücher find zur Kontrolle mitzubringen. Die neuen Mitgliedsbücher werden ausgegeben. Es ist Pflicht jedes Mitgliedes zu erscheinen. Trebbin(Kreis Teltow). Heute abend 8 Uhr hält der Wahlverein seine Monatsversammlung im Lokal des Herrn Wolf, Bahnhofstraße, ab. Tagesordnung: 1. Neuaufnahmen. 2. Vortrag des Genossen S t ö r m e r- Berlin über„Politischen Massenstreik". 8. Vereinsmitteilungen. 4. Verschiedenes.— Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen wird gebeten. Neuenhagen(Ostbahn). Am Sonntag, den 20. Mai. nachmittag? 4 Uhr, findet im Lokale von Wünsche in Neuenhagen die fällige Mitgliederversammlung des Bezirkswahlvereins statt. Die Genossen werden ersucht, recht zahlreich zu erscheinen. BerUner JVacbrichten» Ueter die gerichtlichen Bestrafungen von Schulkindern vringt die Berliner Schuldeputation seit längerer Zeit in ihren alljährlichen Berichten statistisches Material, das sich auf die Gemeindeschulen bezieht. Die Zahlen für 1904 wurden von ihr im November 1905 bekannt gegeben. Im April 1906 wurden sie von der„Pädagogischen Zeitung" wieder aufgewärmt, und von hier aus haben sie jetzt ihren Weg noch einmal in die Tagespresse ge- funden. Sehr brauchbar ist jene Statistik nicht. Im„Vorwärts" ist früher eirnnal dargelegt worden, daß die Schuldeputation in ihren Berichten das vorhandene Zahlenmaterial über die gerichtlichen Bestrafungen von Gemeindeschulkindern in ganz stümperhafter Weise verwertet. Leider hat jene Kritik bisher nichts genützt. Die Schuldeputation hält nach wie vor an ihrer Schablone fest, und die Presse übernimmt, was ihr von chort ausgebotcn wird. Wir wollen uns der Mühe unterziehen, hier auf? neue zu zeigen, wie die von der Schuldeputation er- mittelte« Zahlen verwertet werden müßten, wenn sie irgend etwas �beweisen' sollen. Der letzte SchuldeputationSbericht beziehungsweise nach ihm die �Pädag. Ztg." teilt mit, im Jahre 1904 seien in Berlin 0,13 Proz. der Gemeindeschulkinder gerichtlich bestraft worden. Von 1898 bis 1903 sei der Prozentsatz von anfänglich 0,13 Proz. auf nur noch 0,09 Proz. heruntergegangen, nun aber sei er wieder auf, wie gesagt, 0,13 Proz. gestiegen. Hinzugefügt wird, daß im Jahre 1904 von den Knaben 0,24 Proz., von den Mädchen nur 0,02 Proz. bestraft wurden. Unter je 418 Knaben sei immer einer bestraft worden, aber je ein Mädchen, erst unter 4670 Mädchen. Diese Ver hältniszahlen find von den Statistikern der Schuldeputation in folgender Weise gewonnen worden. Im Dezember des JahreS 1904 saßen in den Gemeindeschulen überhaupt 221 947 Kiäder, und im Laufe des ganzen JahreS wurden 237 Gemeindeschulkinder gerichtlich bestraft, paS macht 0,13 Proz., wie oben angegeben. Unter den Kindern waren 109 876 Knaben und 112 071 Mädchen, bestraft wurden 263 Knaben und nur 24 Mädchen, macht 0,24 Proz. bestrafte Knaben und 0,02 Proz. bestrafte Mädchen. Als vor Jahren die Schul- dcputation mit der Veröffentlichung ihres Materials begann, wollte sie die damals in der Oeffentlichkeit diskutierte Behauptung ent- kräften, daß leider schon recht viele Kinder durch Gerichtsurteil be- straft werden. Und die von der Schuldeputatton errechneten Ver- hältniszahlen schienen ihr darin Recht zu geben, daß jene Klagen „den tatsächlichen Zu st and übertreiben". Die Kriminalstatistik Pflegt nun freilich die Zahl der Ver- urteilten nicht an der Bevölkerungszahl überhaupt zu messen, sondern nur an der Zahl der Strafmündigen. Hätten die Statistiker der Schuldeplttation bei ihren Berechnungen ein ähn- liches Verfahren befolgt, so wären sie für die Verurteilungen von Gemeindeschulkindern zu sehr viel höheren Zahlen als 0,13 Proz. usw. gekommen. Nach Angabe des Schuldeputattons- berichteS hatten von den im Jahre 1904 bestraften Kindern das Alter 12, 13, 14 Jahre: 11, 100, 152 Knaben und 3, 7, 14 Mädchen. Nun entfielen von der für Dezember 1904 ermittelten Gesamtzahl der Gemeindeschulkinder auf die Jahrgänge 1892, 1891, 1890(und früher): 12 338, 12 365. 3222, zusammen 27 925 Knaben und 13 257. 13 423, 3290, zusammen 29 975 Mädchen, überhaupt 57 900 Kinder. Benutzen wir diese Zahlen als Maßstab(da ein besserer uns fehlt), so ergibt sich, daß bestraft wurden im Alter von 12, 13, 14 Jahren: 0,09 Proz., 0,81 Proz., 4,72 Proz. Knaben. 0.02 Proz., 0.05 Proz., 0,43 Proz. Mädchen, zusammen im Alter von 12 und mehr Jahren: 0.94 Proz. Knaben, 0,08 Proz. Mädchen, überhaupt 0.50 Proz. Kinder. Führt man dieselben Gruppierungen und Be- rechnungen für alle Jahre von 1398 bis 1904 durch, so gelangt man überall zu ähnlichen Ergebnissen, die w e i t hinausgehen über diejenigen, die die Schuldeputatton mit ihrem rohen Berechnungsverfahren ermittelte. Wenn diese Zahlen etwas beweisen, so ist eS das, daß unter den Kindern der Volksschule der Anteil der schon gerichtlich Be- straften erschreckend groß ist. Es mag der Schuldeputatton unerwünscht sein, das in voller Klarheit festgestellt zu sehen, weil dieses Ergebnis unsere sozialen Zustände und ihren Einfluß auf das Erziehungswesen kennzeichnet. Aber so einfach wegrechnen läßt sich das denn doch nicht. Auch der Aückgang, der von der„Pädagog. Ztg." hervorgehoben wird— nach den Berechnungen der Schuldeputation von 1898 bis 1903 von 0.13 Proz. auf 0,09 Proz., also aus nur noch die Hälfte ist keineswegs so bedeutend, wie er in dieser Gegenüberstellung erscheint. Das Jahr 1903 lvar ein Ausnahmejahr. Von 1898 bis 1902 sank, wenn wir die Berechnungen der Schuldeputatton zugrunde legen, der Anteil von 0,13 Proz. auf 0,15 Proz. Dann kam 1903 mit plötzlich nur 0,09 Proz. und darauf 1904 mit wieder 0,13 Proz. Als Ausnahmejahr tritt 1903 auch dann überall hervor, wenn man nach Geschlecht und Alter gruppiert und die Anteil- bcrechnungen in der von uns angegebenen Art ausführt. Ein bloßer Zufall ist das gewiß nicht, aber auch daraus darf man es nicht er- klären wollen, daß etwa die sozialen Ursachen, die so oft zu früh- zeittgen Konflikten noch schulpflichtiger Kinder mit den bestehenden Gesetzen führen, im Jahre 1903 plötzlich um so viel weniger ihren Einfluß ausgeübt hätten. Es gibt eben noch andere Umstände, die die Zahl der Ver- urteilungen von schulpflichtigen Kindern beeinflussen. Vermutlich war 1903 mit einem Male ein förmlicher Wetteifer entstanden, die Kinder möglichst vor Verurteilung zu bewahren und mög- lichst viele der Fürsorgeerziehung zuzuführen, die wir ja schon seit 1901 hatten. Einen Einfluß des Fürsorgeerziehungs- gesetzes hätte man eigentlich schon für 1901 oder doch mindestens ftir 1902 erwarten sollen, aber die Zahlenreihen zeigen tatsächlich erst seit 1903 Spuren, die hierauf hindeuten. Warum es dann 1904 sofort wieder ganz anders wurde, das wissen die Götter. Die Plötzlichkeit des Wechsels wird aus folgenden Zahlen ersichtlich. In den Jahren von 1898 bis 1904 wurden bestraft 359, 335, 288, 299, 322, 209, 287 Kinder, nämlich 310, 298, 265, 272, 295, 200, 263 Knaben und 39, 37, 23, 27, 27, 9, 24 Mädchen— nebenbei bemerkt: alljährlich zum allergrößten Teile wegen Eigentumsvergehen. Die erneute Zunahme ist übrigens fast allein durch Zunahme der Verurteilungen zu bloßem Verweise— von 1903 zu 1904 von 135 auf 213— herbeigeführt worden. Gäbe es nicht leider auch Verurteilungen schulpflichtiger Kinder zu Haft und Gefängnis(zu sammen 72 Fälle in 1904), so möchte man fast wünschen, daß der neu erwachte Bestrafungseiser fortdauere. Denn von dem verheißenen„Segen" der Fürsorgeerziehung haben wir bisher wenig gespürt, und schließlich wird ein Kind durch ge richtliche Verurteilung zu einem Verweise immer noch weniger geschädigt als durch die ruinierenden„Besserungsexperimente", die an ihm in der Fürsorgeerziehung vorgenommen werden. Die Englandreise unserer Stadtväter. Die Mitglieder der städttschen Verkehrsdeputation, die Stadtverordneten Dinse, Jacobi, Rast, Heimann, Wallach und Dyhrenfurth begeben sich heute mit dem Magisttatsrat Dr. Hamburger und dem Stadtelektriker Dr. Kallmann nach England, wo sie in London mit dem Ober bürgermeister Kirschner und den Stadträten Böhm und Alberti zusammentreffen werden. Nach der Besichtigung der Verkehrsein- richtungen Londons k. gedenleu die Herren die Verkehrsmittel von Paris in Augenschein zu nehmen und nach vierzehn Tagen nach Berlin zurückzukehren. An der Reise werden auch einige andere Mit- glieder der Sradtverordnetenversammlung teilnehmen. Die übrigen Mitglieder der Deputation: Stadtkämmerer Dr. Steiniger, Stadt baurat Krause, die Stadtverordneten Kreitling, Singer, Rosenow, Cassel und Kyllmann werden Mitte Juni dieselbe Reise unter nehmen. Die neue Polizeivcrordnung, welche die Kinenratographen usw. unter Zensur stellt und der Behörde eine Handhabe bietet, die Kabaretts in gewissen Grenzen zu halten, wird soeben amtlich publiziert. Sie besteht nur aus zwei Paragraphen, welche lauten: Den Theater- Vorstellungen im Sinne der betr. Verordnungen ic. werden gleichgestellt: alle dort nicht schon bezeichneten Dar- bietungpn, welche bei gewerbsmäßiger Veranstaltung einer Er- l au b nis aus§ 33». der Reichs-Gewerbeordnung bedürfen, sowie alle ki n em a to gr a p h i sch en und p h o n o g r a p h i s ch en Vorstellungen. Diese Polizeiverordnung tritt sofort in Kraft. Zugleich wird der Geltungsbereich der vor- genannten Verordnungen auf diejenigen Teile des Landespolizei- bezirks Berlin, in welchem sie bisher nicht gelten, hierdurch aus- gedehnt. Die Reform des Rcttungswesens. Die Vereinigung der Berliner Sanitätswachen hielt vorgestern im Rathause ihre Jahresversamm lung ab. Zum Vorsitzenden wurde Stadtverordneter Dinse gewählt. Im Laufe der Sitzung ergab sich vollständige Einmütigkeit darüber, daß es bei den bevorstehenden Verhandlungen mit dem Magistrat wegen der Uebernahme des gesamten Rettungswesens in städtische Verwaltung Aufgabe der Samtätswachen sein müsse, den Grundstock für die neuen Einrichtungen zu bilden. Ferner müßten ihre Ver« treter bemüht sein, auch die Rettungsgesellschaft und die Unfall- stationen zum Eintritt in die vom Magistrat beabsichtigte Organi- sation zu bewegen. Eine Hinzuziehung des AerztevereinS des Verbandes für erste Hülfe als eines Privatvereins zu den bevor- stehenden Verhandlungen ivurde einstimmig für unzulässig erklärt. Sonderzug nach Eberswalde, Freienwalde und Angermünde. Ein Sonderzug nach Eberswalde und Freienwalde geht nach einer Mit- teilung der Eisenbahndirektion Stettin am nächsten Sonntag vom Stettiner Bahnhof um 6,35 Uhr. Er ist in Eberswalde um 7,39, in Freienwalde um 8,06 Uhr. Der Zug hält am Wasserfall vor Eberswalde zum Aussteigen. In Freienwalde a. O. erhält der Zug Anschluß an den daselbst 8,09 Uhr vormittags abgehenden Personen- zug nach Oderberg(Mark)— Angermünde. Der Sonderzug hat 2. und 3. Wagenklasse. Sommerurlaub wird bereits von einer ganzen Reihe Berliner firmen ihren Angestellten und Arbeitern unter Fortzahlung des ohnes gewährt. Wenn man allerdings einen Vergleich mrt der großen Anzahl der Betriebe in Berlin zieht, ist die Zahl der Ferien gewährenden Arbeitgeber eine verhältnismäßig kleine. Im vorigen Jahre hat auch die Direktion des Böhmischen Brauhauses den Ar- vettern an Stelle der sonst üblichen Landpartte versuchsweise einen Urlaub von 1—3 Tagen gewährt. In diesem Jahre ist nun auf Anttag des ArbeiterausschusseS, wie wir gebeten werden mitzuteilen. der Urlaub wie folgt geregelt worden: Diejenigen, welche bis zum vollendeten dritten Jahre im Geschäft tättg sind, erhalten einen Tag Urlaub, nach drei Jahren drei Tage, nach vier Jahren vier Tage, nach fünf Jahren fünf Tage und nach sechs Jahren sechs Tage. Arbettern, welche länger als 25 Jahre tätig sind, werden 14 Tage Urlaub gewährt. Die Berkehrszupände auf dem Bahnhof Gesundbrunnen beschäftigten die letzte Versammlung des Grundbesitzervereins jenes Stadtteils. Die Anlagen des Bahnhofes, so wurde ausgeführt, entsprächen in keiner Beziehung dem gewaltigen Verkehr; namentlich beim gleich- zeitigen Ein- und Auslauf von Stadtring- und Vorortzügen sei Gefahr für Leben und Gesundheit der auf den viel zu schmalen Bahnsteigen stehenden Menschen vorhanden. Es sei keine Seltenheit, daß die Fensterscheiben der auf den Bahnsteigen erbauten Hallen infolge des Massenandranges eingedrückt und Personen durch Glassplitter verletzt werden. Die stattgefundene Aenderung und Vermehrung der Billettkontrolle genüge nicht. Es sei besonders not- wendig, neue Zugänge zu dem Bahnhof von der Swine- münder- und Bellermannstraße aus zu schaffen. Nach der Eröffnung der neuen großen sog. Millionenbrücke über den Bahnhof Gesund- brnnnen hinweg, sei dies sehr leicht zu ermöglichen. Ebenso mußten die Bahnsteige unter einander durch eine llebcrbrückung verbünden werden. Es wurde beschlossen, die Eisenbahnbehörde auf die gefähr- lichen Zustände auf dem Bahnhof aufmerksam zu machen und die neuen Zugänge w fordern. Unseres Erachtens wird dem Massenandrang zu den einzelnen Zügen und den sich hieran knüpfenden häßlichen Erscheinungen weniger durch neue Zugänge begegnet als durch Einrichtungen, die das fahrende Publikum schnell und bequem befördern. Die Be- schwerden und Klagen über Massenandrang und Ueberfüllung der Stadtbahn sind aber nicht nur auf dem Bahnhof Gesundbrunnen vorhanden, sondern können ganz allgemein in bezug auf den Stadt- bahn- und Vorortverkehr erhoben lvcrden. Hier endlich eine durch- greifende Aenderung herbeizuführen, sollte sich die Eisenbahndirektion recht angelegen sein lassen. Die Bevölkerung Berlins und der Vor- orte wächst ständig, der Verkehr zwischen der Reichshauptstadt und den Vororten flutet immer stärker hin und her, daß aber die maß- gebenden Behörden diesem Ilmstande irgendwie Rechnung tragen, kann man beim besten Willen nicht behaupten. Ernst Kuhnert. Wiederum ist die Partei von einem schmerz« lichen Verluste bettoffen. Der besonders den älteren Parteigenossen des dritten Kreises bekannte Arbeiter Ernst Kuhnert ist in der Nacht zum Freitag nach schiverem Leiden verstorben. Gerade in der Zeit des Sozialistengesetzes hat er sich in den Dienst der Partei ge- stellt und unermüdlich mitgearbeitet. Ueber die Beerdigung wird den Genossen im Inseratenteil Näheres bekannt gegeben. In städtischer Waisenpflcge befanden sich Ende März d. I. 3202 Knaben und 2697 Mädchen, zusammen 5899 Kinder(gegen 5833 Ende Februar d. F.). Der Zugang betrug im Monat März 285, der Abgang 219 Kinder. Von den ausgeschiedenen Kindern kamen 152 zu den Angehörigen, 12 in unentgeltliche Pflege, 15 zu fremden Gemeinden, 1 in die Lehre. 2 in Fürsorgeerziehung; durch den Tod schieden aus 29(20 Knaben, 9 Mädchen), aus anderen Gründen 8 Kinder. Für welche Zwecke alles die Steuergelder der Stadt Berlin in Anspruch genommen werden, beweist der Umstand, daß der Admiral v. Köster die Kommune Berlin um die Unterstützung der Gesellschaft „Seemannshaus für Unteroffiziere und Mann- schaften der deutschen Marine" in Kiel, Wilhelmshaven und Tsingtau ersucht. Inwieweit diese Einrichtung mit der Kommune Berlin im Zusammenhang steht, können wir nicht herausfinden; natürlich hat sich der Magistrat bereit erklärt, diesem Wunsche nach- zukommen und beschlossen, 500 M. zu bewilligen. Warnung vor sogenannten Darlehnsgebern. Vor Leuten, die gewerbsmäßig die Notlage anderer ausbeuten, indem sie ihnen angeblich Kredit verschaffen wollen, in Wahrheit aber nur„Gebühren zwecks Information über Kreditwürdigkeit" einziehen, warnt das Polizei amt in Darmstadt in einer bemerkenswerten Bekanntmachung. In dieser Warnung werden folgende Personen genannt: Florando Eichbaum in Schöne- b e r g(„Berliner Geldbörse"), Arbeiter Paul Schöwe in Berlin, Kleinhändler Konrad Schröder in Hannover(„Geldmarkt"), Deutscher Geldmarkt in Stuttgart, Inhaber Oskar Lehmann(„DarlchnS- Nachweis"), der Verlag für Geldangebote in Berlin, Kleine Frankfurterstr. 1 t, und Karl Schunemann in Berlin („Hypotheken- und DarlehnSnachweiS"). Insbesondere wird gewarnt vor den Vermittlern Schneeweiß, Schilinski, Kubernutz, Klensch, Jrmber und Lölhöffel, sämtlich in Berlin, Knickrehm und Schröder in Hannover, Rudolph(Hentschel u. Comp.) in Kassel, Böckel in Frankfurt a. M. sowie Frille in Hamburg. ivttt verschiedenen der hier Genannten' hat sich auch das hiesige Polizeipräsidium schon wiederholt zu beschäftigen gehabt. Nachdem die servile Presse von dem im Kronprinzenhause bevor- stehenden„freudigen Ereignis" in der breitesten, abstoßendsten Weise ihr Lesepublikum genug traktiert hat, wird sich nunmehr auch die Kirche mit dieser delikaten Angelegenheit beschäftigen. Einer Be- stimmung des Kaisers gemäß hat der Evangelische Oberkirchenrat in Berlin angeordnet, daß jetzt mit der Abhaltung der kirchlichen Fürbitten für eine glückliche Entbindung der Kronprinzessin Cecilie in sämtlichen Kirchen der preußichen Landeskirche begonnen werden soll. Im Bett verbrannt. Ein bedauerliches Brandunglück ereignete sich Donnerstag abend in der Wohnung der Veltenschen Eheleute in der Grünthalerstr. 12. Die Schwägerin der Frau V. hatte deren Kinder gebadet und als die dreijährige Erna damit zu Ende war, wurde sie in ihr Bett gebracht. Während nun die Schwägerin die anderen Kinder beim Baden beaufsichtigte, holte sich die keine Erna vom Nachttisch die Streichhölzer und spielte damit. Dabei entzündete sich eines derselben und im nächsten Augenblick fing das Bettzeug Feuer. Im Verlaufe weniger Sekunden stand das ganze Bett mit- ?amt dem Kinde in hellen Flammen. Entsetzt eilte die Schwägerin, durch den Brandgeruch herbeigelockt, hinzu und riß das'Mädchen aus dem Feuer. Am ganzen Körper hatte das arme Geschöpf be- reits fürchterliche Brandwunden erlitten. Auf der Unfallstatton in der Badstraße erhielt es die erste Hülfe. Der Zustand der Kleinen ist fast hoffnungslos. Der falsche Gasanstaltskassierer ist wieder aufgetaucht. Anfang dieses Jahres wurden im Südosten der Stadt eine ganze Anzahl von Gaskonsumenten durch das Treiben eines falschen Kassierers erheblich geschädigt. Der gefährliche Bursche zeigt gefälschte Rech- nungen, Formulare der städtischen Gasanstalt, die er sich zweifellos auf unlautere Art verschafft hat, vor, und zumeist gelingt ihm auch sein Trick. Gewöhnlich ist der Kopf des Rechnungsfornrulars, auf dem sich der Name eines anderen Konsumenten befand, abgerissen, Die Anwohner mögen bor dem falschen Kassierer dringend ge- warnt sein. Nach einem flüchtigen Dcfraudantcn, der sich in ganz geriebener Weise in den Besitz von 3100 M. gebracht hat, fahndet die hiesige Polizei. Auf dem Postamt in Rathenow hatte der bei der Firma Schultze u. Feil angestellte Kontorbote Kranzow vorgestern Pakete aufzugeben und außerdem sollte er noch 3100 M. Postanweisungs- gelder einzahlen. Während nun K. die Pakete expedierte, erbot sich der ebenfalls bei der genannten Firma tätig aelvesene Bureau- schreiber Stübing in bereitwilligster Weise, seinem Kollegen die kleine Bemühung des Geldeinzahlens abzunehmen. K. vertraute ihm auch das Geld an, doch erfuhr er gestern morgen zu seiner unangenehmen Ueberraschung, daß die Geldbeträge überhaupt nicht in dem Post- Ouittungsbuch eingewogen und nicht abgeführt waren. St. hatte das Geld unterschlagen und ist geflohen. Es wird angenommen, daß er sich nach Berlin gewandt hat. Eine aufregende Menschenjagd wurde gestern nachmittag in der Großen Frankfurterstraße abgehalten. An der Ecke der Krautstraße hatte ein 17jähriger Bursche ein unbeaufsichtigt auf der Straße stehendes Zweirad gestohlen. Der Vorgang war von Fahrgästen eines Omnibusses beobachtet worden, welche die Verfolgung des Spitzbuben beranlaßten, der mit außerordentlicher Geschicklichkeit sich durch das Wagengewirr der Großen Frankfurterstratze hindurchwand, bis er in der Nähe der Andreasstratze gegen einen Rollwagen fuhr. stürzte und nunmehr versuchte, den Raub im Stiche lassend, die Flucht zu Fuß fortzusetzen. Ein Hausdiener war hinter ihm her, er lvurde aber mit einem Messer bedroht. Bevor er jedoch davon Ge- brauch machen konnte, kamen Schutzleute hinzu, die ihn festnahmen. Auf der Polizeiwache stellte sich heraus, daß der Verhastete ein wotz seiner Jugend bereits vorbestrafter gewerbsmäßiger Fahrrad- dieb ist. Bei», Spielen ertrunken. Donnerstag nachmittag spielte der zwölf Jahre alte Sohn des Hausdieners Thiel aus der Holzmarkt- straße 14, der zehnjährige Sohn Gustav des Arbeiters Nockneis aus demselben Hause und der sieben Jahre alte Sohn Paul des Wörtners Hartke ans der Raupachstr. 14 am kleinen Stichkanal WeBih dir MichaMrchLrücke. Das drei Meter hohe Schich�eland�r, das auf beiden Seiten einen schmalen Gang begrenzt, wird von Kindern gern zu Turn- und Kletterübungen benutzt. Eine besondere Anziehungskraft aber übt jetzt noch eine Baggermaschine aus, die in dem Kanal arbeitet. Diese wollten sich die Knaben gestern einmal etwas näher ansehen. Sie kletterten über die Brüstung und gingen nun den sehr schmalen Uferrnnd entlang, um der Baggermaschine näher zu kommen. Plötzlich verlor Thiel, der an der Spitze war, das Gleichgewicht, glitt aus und fiel in den Kanal. Seine Spielkameraden schrien vor Schreck laut auf, kletterten dann aber sofort über das Geländer zurück und liefen nach Hause, wo sie ihren Eltern erst nach einer Stunde von dem Unglück erzählten. Eine Frau Richter aus dem Hause Michaelkirch- brücke 23a hatte den Knaben in das Wasser fallen sehen. Sie machte die Leute der Baggermaschine auf den Unfall aufmerksam. Diese suchten sofort den Kanal ab: sie fanden den Knaben nach fünf Minuten, er war aber bereits tot. Die Leiche wurde beschlagnahmt. Der Knabe, der herzkrank war, ist wahrscheinlich einem Herzschlage erlegen. „In freie« Stunden", die im Verlage der Buchhandbmg Bor- wärts erscheinende illustrierte Romanbibliothek, ist jetzt bis Heft 21 erschienen. Neben dein laufenden Roman„Der verlorene Sohn" und der hübschen Erzählung„Die Narrenburg" bringen die Hefte, die jeder Arbeiterfamilie zum Abonnement bestens empfohlen werden können, allerlei Unterhaltendes, Dies und Jenes, Witz und Scherz. Die Hefte sind von Heft 1 an zum Preise von 10 Pf. durch jede Parteibuchhandlung, von jedem Kolporteur, in Berlin durch die Parteispeditionen und auch durch die Post zu beziehen. Dem Verbände deutscher Arbeitsnachweise hat der Reichskanzler eine Beihülfe von 8000 M. bewilligt. Es ist dies die dritte Bei« hülfe, welche dem Verbände ans Reichsmitteln zugeflossen ist. Auf der Treptower Sternwarte spricht Herr Dozent Jens Lützen am Sonntag, den 20. Mai, nachmittags S Uhr, unter Vorführung zahlreicher Lichtbilder über:„Die Photographie im Dienste der Himmelskunde" und um 7 Uhr über:„Die neuesten Ausbrüche des Vesuvs nach eigener Anschauung und eigenen Photographien." Mit dem großen Fernrohr wird während der ganzen Woche nachmittags die Sonne abwechselnd mit der„Venus", abends Fixsterne, Doppelsterne oder Sternhaufen und„Herkules" beobachtet. Gleichzeitig machen wir hiermit bekannt, daß die Treptower Sternwarte am Himmel- fahrtStage, Donnerstag, den 24. Mai, geschlossen bleibt. Feuerwehrbericht. Wegen eines großen Dachstuhlbrandes wurde in der letzten Nacht die 4. Kompagnie nach dem Gesundbrunnen gerufen. Dort stand das Eckhaus Badstraße 2ö und Prinzen-Allee m Flammen. Das Feuer war nach Mitternacht erst bemerkt worden, muß aber längere Zeit unbemerkt dort gewütet haben, denn als die Feuerwehr erschien, stand der Dachstuhl schon in großer Ausdehnung in Flammen. Die Treppenaufgänge waren bereits verqualmt und die Lage eine_ gefährliche. Die Feuerwehr ließ sofort eine große mechanische Leiter auffahren und über diese mehrere Schlauch- leitungen vornehmen. Um deni Qualm einen Abzug zu verschaffen und die Hausbewohner zu beruhigen, wurde am Hause ein Steck- leitergang errichtet, über den die Mannschaften in die Etagen ein« stiegen. Durch kräftiges Wassergeben gelang es schließlich, die Flammen auf den Dachstuhl zu beschränken. Die Entstehung des Feuers konnte nicht ermittelt werden. Ferner hatte der 20. Zug in der Wallstraße 24 zu tun, wo Lumpen in einem Keller brannten. Gleichzeitig nmßte in der Neuen Königstratze 84 ein Schaldecken- brand vom 1. Zuge gelöscht werden. In der Torfstraße 16 brannte Naphthalin, in der Dieffenbachstratze 20 eine Küche, in der Waldemar- straße 22 ein Schornstein, Neue Königstraße 60 Gardinen u. a. Weitere Brände wurden aus der Miillerstraße 10 und anderen Stellen gemeldet._________ Vorort- JVacbnchtciis Tchöneberg. Mit dem Bau eines neuen Rathauses wird sich die nächste Stadtverordnetenversammlung zu beschästigen haben. Schon im Jahre 1902 waren die städtischen Körperschaften dieser Frage näher- getreten und hatten zur Vorbereitung der Angelegenheit eine ge- mischte Deputation eingesetzt. Nach dem vom Magistrate nunmehr fertiggestellten EntWurfe wird beabsichtigt, das neue Rathaus auf dem städtischen Grundstücke am Platz R., dem Kreuzungspunkte der Martin Luther-, Belziger-, Mühlen- und Erfurterstraße zu errichten, in unmittelbarer Nähe des in Aussicht genommenen Burgerparkes. Von dem ursprünglich ebenfalls in Aussicht genommenen Bauplatz an der Haupt- und Eisenacherstraßen-Ecke ist man wegen der damit verbundenen hohen Erwerbskosten des Richnowschen Grundstückes abgekommen. Für das zu errichtende Rathans sind zwei Bauperioden vorgesehen; in der ersten soll der Bedarf an Räumen für eine Emwohnerzahl von 200 000 Seelen gedeckt werden, während der völlige Ausbau den Bedürfnissen von 300 000 Einwohnern genügen soll. In dem Bauprogramm ist neben dem Stadtverordneten-Sitzungssaal auch ein mindestens S00 Quadratmeter großer Festsaal mit anschließenden Bibliothekräumen vor- gesehen.— Die Veranstaltung eines Preisausschreibens hält der Magistrat für unnötig, da die Hochbaudeputation mit entsprechenden Kräften besetzt und durchaus in der Lage ist, das Projekt für einen derartigen Bau selbst zu entwerfen.— Das jetzige alte Rathaus soll späterhin hauptsächlich der städtischen Sparkasse zur Verfügung gestellt werden. Peinliches Aufsehen erregt in Schöneverg eine Hochstapleraffäre. Am 2. Mai verschwand plötzlich die 27 jährige Tochter Frieda des Rentiers M. gemeinsam mit ihrem Bräutigam, dem angeblichen Lehramtskandidaten Heinrich Metzner. Es hat sich jetzt heraus- gestellt, daß Metzner ein ganz geriebener Hochstapler ist. Er hatte sich dadurch in die Familie seiner Braut gut einzuführen verstanden, daß er sich als„oanä. theol. et phil.1" ausgab und behauptete, poettscher Mitarbeiter an einer für die Provinz bestimmten theologischen Korrespondenz zu sein. Durch sein großes Raffinement gelang es ihm, auf seine etwas sentimental veranlagte Braut einenunumfchränkten Einfluß zu gewinnen. Bereitwilligst opferte sie ihm einen großen Teil ihrer Ersparnisse. Als die Flucht der beiden entdeckt wurde, stellte eS sich heraus, daß M. unter anderen einen über 5000 M. lautenden Verpflichtungsschein, auf den er sich Kredit ver- schaffte, gefälscht hatte. Die Eltern der M. befürchten, daß sich ihre Tochter aus Scham nicht mehr nach Hause zurückwagt und daß sie sich in der Verzweiflung das Leben genommen hat. Anderseits wird aber auch angenommen, daß das bedauernswerte Mädchen, welches von einem langjährigen schweren Nervenleiden noch nicht ganz genesen ist, von dem gefährlichem Hochstapler zu schlechtem Lebens- Wandel gezwungen wird. Metzner ist von schmächtiger Figur, etwa 1,60 Meter groß, hat dunkle Augen und kleinen schwarzen Schnurr- bart. M. ist 29 Jahre alt und stets mit einem Gehrock und Zylinder bekleidet. Die verzweifelten Eltern wünfcfien dringend, sobald als möglich über das Schicksal ihrer Tochter Gewißheit zu erlangen. Die Verschwundene ist von hübscher Erscheinung, hat blaue Augen, gesunde Gesichtsfarbe und war bekleidet mit schwarzer Russenjacke, grau-braunem Rock mit Atlasblenden und blauem Strohhut mit schwarzem Samtband. ES ist nicht ausgeschlossen, daß M. nach London geflüchtet ist. Britz. I» Nr. 113 des„Rixdorfer Tageblattes" wird darauf auf- merksam gemacht, daß dem Frauenverein Britz-Nord eine Verlosung geschenkter Gegenstände vom Oberpräsidenten genehmigt worden sei. Ihr Zweck sei, die Mttel für die Wohnungseinrichtung der für den nördlichen Ortsteil von Britz angestellten Gemeinde-Krankenschwester zu beschaffen. Nachdem man noch auf die segensreiche Tätigkeit des Vereins hingewiesen, wird aufgefordert eifrig Lose zu kaufen. Es wird uns nun auf Grund dieser Notiz die Mitteilung gemacht, daß die OrtSkrankenkasse von Britz 25 M. für die Wohnungseinrichtung der Krankenschwester zugibt. Der Britzer Frauenverein, dessen Bor- sitzender Pastor Heise ist, ist bekanntlich nnpolitisch, das ist indes kein Hindernis, daß er versucht auf öffentliche Angelegenheiten einzu- wirken. Erst vor kurzer Zeil hat dieser Verein an die Britzer Ge- meindevertretung das Ersuchen gerichtet, eine Beihülfe von 500 M. zur Anstellung einer Kindergärtnerin zu gewähren, damit man den Kindern des Proletariats die Religion noch besser beibringen kann. Von dem Britzer„Frauen- und Mädchen-Bildungsverein der Arbeiter- klaffe", der'im Gegensatz zu dem„gemeinnützigen" Frauenverein seine Mitglieder polizeilich anmelden muß. hat im„Rixdorfer Tage- blatt" noch nichts gestanden. Hoffentlich greift die Britzer Arbeiter- schaft beim Losekaufen nicht so tief in die Tasche. Steglitz. Einen Selbstmordversuch verübte am Donnerstag eine Schwer- mütige in Steglitz. In dem Keller des Hauses Schützenstraße 53 wurde das 29jährige Dienstmädchen Emma Hübner mit durch- schnittener Kehle sterbend aufgefunden. Die Lebensmüde, die erst vor einiger Zeit aus ihrem Heimatsorte nach Berlin gekommen war, hatte bei einer verwitweten Frau Oberstabsarzt in dem erwähnten Hause Stellung genommen. Sie hatte schon öfter geäußert, sie werde sich noch einnial das Leben nehmen. Vorgestern mittag sollte sie ein Rasiermesser fortbringen, doch vergeblich wartete man auf die Rückkehr des Mädchens. Schließlich schöpfte man Verdacht und suchte nach der Vermißten. Im Keller wurde sie in einer Blutlache aufgefunden. Die Selbstmörderin hatte sich mit dem Rasiermesser den Hals durchschnitten. Eine auf dem Fußboden liegende entleerte Lhsolflasche deutete darauf hin, daß die H. vorher noch Gift ge« trunken hatte. In hoffnungslosem Zustande wurde die Unglückliche dem Kreiskrankenhause in Groß-Lichterfelde zugeführt. Marienfelde. Die Gemeindevertretung veschäfttgte sich in der letzten Sitzung mit der Regelung der Eigentumsverhältnisse der Küsterei und der Schule. Man war allgemein der Ansicht, daß das Schulgrundstück der politischen Gemeinde gehört; nun hat sich herausgestellt, daß die Kirche auch noch Rechte daran hat. Es wurde deshalb eine Kommission von drei Mitgliedern, darunter Genosse Greulich ge- wählt, die mit dem Kirchenvorstand verhandeln soll. Einen eigen- tiimlichen Standpunkt vertrat hierbei der Schöffe Manetz, der die Meinung vertrat, daß Genosse Greulich nicht in diese Kommission gewählt werden könne, indem derselbe aus der Landeskirche aus- getreten sei und als Partei in der Sache erscheine. Er blieb mit seiner Ansicht jedoch in der Minderheit. Genosse Greulich hielt ihm entgegen, daß diese Angelegenheit mit der religiösen Anschauung absolut nichts zu tun hat. die Kommission hat nur ausschließlich die Rechte der politischen Gemeinde wahrzunehmen. Für den angestellten Rektor soll die obere Etage des alten Schul- Hauses als Wohnung eingerichtet werden; die hierzu erforderlichen Kosten wurden bewilligt. Ober- Schöneweide. Am morgigen Sonntag veranstaltet der hiesige Schwimmklub „Vorwärts"(M. d. A.-Schw.-B.) sein Anbaden in der Müller'schen Badeanstalt an der Holzbrücke. Freunde und Genossen sind hierzu eingeladen. Treffpunkt vormittags 9 Uhr bei Kaushold. Der Vorstand. Reinickendorf-West. Sich mit der Gemeindevertreter-Konferenz von Groß-Berlin zu beschäftigen mußte die letzte Mitgliederversammlung des Wahlvereins Abstand'nehmen, da Genosse Ohl als Berichterstatter nicht erschienen war. Genosse Boldt mißbilligte unter Zustimmung der Genoffen das Verhalten des Genossen Ohl, indem er seinen Verpflichtungen in letzter Zeit nicht mehr in gewünschter Weise nachgekommen fei. ES wurde dem Vorstande aufgegeben, ihn zur Vorstandssitzung zu laden. Zu Punkt Maifeier wurde die dankenswerte Mitwirkung des Arbeiter-Gesang-, Turn- und Radfahrervereins hervorgehoben. Das Stiftungsfest wurde Mitte Juli bei Otto. Berlinerstraße, zu feiern beschlossen. Zum Schluß gab Genosse Franke dem Wunsche Aus- druck, daß die nächste öffentliche Versammlung, die sich mit der „Frauenfrage" beschäfttgen wird, von den Genossinnen und Genossen recht rege besucht werden möge. Schildow-Blankenfelde(Bezirk Nieder-Schönhausen).» Heber Kommunale Fragen" referierte in der letzten, gut be suchten Mitgliederversammlung des WahlvereinS für Schildow� Blankenfelde in„Mönchsmühle" Genosse Kubig. Eine Diskussion über da« beifällig aufgenommene Referat fand nicht statt. Unter Vev schiedenes wurde die schwache Beteiligung der Blankenfelder Genossen an den Mitgliederversammlungen gerügt und der Wunsch aus- gesprochen, daß die Beteiliguug zu der am 10. Juni in demselben Lokal stattfindenden Versammlung eine regere sein möge. Zum Schluß forderte man zu lebhafter Agitatton für Organisation und Presse auf. Tegel. In der letzten Mitgliederversammlung des Wahlv'ereins be- richtete Genosse Drescher über die Mlaifeier. Danach wurde ein Ueberschuß von 150 M. erzielt. Am 29. Juli findet in Trapps Festsälen ein Sommerfest statt. Darüber, daß organisierte Ge- nossen, welche sich verpflichtet hatten, am 1. Mai nicht zu arbeiten, wortbrüchig geworden sind und die Versammlungsbeschlüffe ignoriert haben, entstand eine sehr erregte Debatte. Auch stellten einige Mitglieder daraufhin Ausschlußanträge. Auf einen Gegen- antrag des Genossen Leibig wurde die Sache zur nächsten Versamm- lung vertagt, um sicheres Material herbeizuschaffen. Die nächste Mitgliederversammlung am 19. Juni ist eine Generalversammlung. In derselben wird an Stelle des Genossen Lichtenberg die Wahl eines ersten Vorsitzenden vorgenommen. Köpenick. Ein verwegeues Einbrecherstückchen ist in der gestrigen Nacht in der katholischen Kirche in Köpenick ausgeftihrt worden. Auf einem Boot fuhren mehrere Männer an das Ufer heran, landeien dort und fertigten sich aus zwei Waschpfählen und mehreren Ouerstangen eine vier Meter hohe Leiter an. Sodann stiegen sie nach dem ziem- lich hoch belegenen Kirchenfenster empor, bestrichen die bunten Scheiben mit Schmierseife und drückten sie geräuschlos ein. Nun drangen die Einbrecher in das Kircheninnere und versuchten in das Tabernakel, in dem sie die wertvollen Kirchengeräte vermuteten, ein- zudringen. Mittels Brecheisens bohrten die Kirchendiebe die Mauer an, doch wurden sie mitten in ihrer Arbeit durch das Anschlagen von Hunden, die aus den in der Nähe vor Anker liegenden Zillen unruhig, geworden waren, gestört. Ohne etwas erbeutet zu haben, flüchteten die Einbrecher auf dem Wege, auf welchem sie gekommen waren. Vor zwei Jahren ist bereits einmal ein ähnlicher Einbruch in der erwähnten Kirche unternommen worden. Nowawes. Große Ausgaben stehen der Gemeinde Nowawes in diesem Jahre bevor. Den Hauptanteil beansprucht die Kanalisation. Mit derselben soll nach Pfingsten begonnen werden; wenn nicht besondere Zwischen- fälle eintreten, hofft man. daß ein Teil derselben schon im Herbst benutzt werden kann. Die Erdarbeiten, daS Verlegen der Röhren usw. in NowaweS und Neuendorf ist der Firma Holzmann u. Co., die bekannt- lich auch an den Arbeiten des Teltowkanals beteiligt war, zu einem Preise von 236 755 M. übertragen worden. Eine weitere größere Ausgabe erfordert der Schulhausbau in der Priesterstratze; hierzu leistet die Regierung einen größeren Zuschuß. Die Maurerarbeiten zu dem Bau sind von derselben an die Firma Bolle u. Co. in Potsdam vergeben worden. Der dritte größere Posten wird durch die in diesem Jahre in Aussicht genommenen Straßenpflasterungen verursacht. Es ist beabsichtigt, die Feld- und Forststraße pflastern zu lassen, sowie das alte Straßenpflaster in der Friedrich- straße durch neues zu ersetzen. Da zu diesen Ausgaben die laufenden Einnahmen nicht ausreichen, beschloß die am Mittwoch stattgefundene Gemeindevertretersitzung, eine Anleihe von 450000 M. aufzunehmen. In der Schulstreitsache Nowawes kontra Potsdam und Neuendorf hat sich Potsdam bereit erklärt, den Vergleichsvorschlag der Gemeinde Nowawes anzunehmen, wonach Potsdam an NowaweS von 1902—1911 jährlich 2000 M. als Entschädigung für die Schul- lasten für die Nowaweser Kinder, deren Ernährer in Potsdam ar- beiten, zu zahlen hat. Von der Neuendorfer Verwaltung ist bis jetzt noch keine Antwort auf den Vergleichsvorschlag von Nowawes, für aenannten Zweck jährlich 3000 M. zu zahlen, bei der Nowaweser iemeindeverwaltung eingegangen, trotzdem seit dem Tage, an welchem dieser Vorschlag gemacht wurde, in Neuendorf bereits eine Sitzung der Gemeindevertretung stattgefunden hat. Potsdam. „Du sollst den Feiertag heiligen!" läßt bekanntlich die christliche Staatsreligion dem gläubigen Volke durch ihre Diener verkünden. Mit der Einhaltung dieses Gebot hapert es aber gerade bei denen am meisten, die nicht laut genug rufen können:„Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben I"— Dies trifft in der königlich preußischen Residenzstadt Nr. 2 ganz besonders zu. Und wenn man ja auch hier in der Nähe so vieler hohen Herrschaften und Exzellenzen! an manche Ausnahmen der sonst üblichen gesetzlichen Regeln gewöhnt ist, so fällt es doch auf, daß so oft mit zweierlei Matz gemessen wird. Oder weiß die Behörde überhaupt nichts davon, wenn hier auf Regierungsbauten, könig- lichenSchlössern usw. die gesetzlichenBestimmungen über die Sonn- und Feiertagsruhe.nicht ein- gehalten werden?!... Für diesen Fall sei ihr höflichst niitgeteilt, daß z. B. auf dem Neubau der k g l. R e g i e r u n g, wie erst jetzt öffentlich bekannt wird, am Karfreitag, also dem höchsten Feiertag der evangelischen Staatskirche, während des ganzen Tages fleißig gearbeitet wurde, selbst während der Kirch zeit!!— Im Neuen Palais ist ähnliches passiert. Hier wurde am Ge- burtstage des Kronprinzen, einem Sonntage, von 5 Uhr morgens bis 1 Uhr mittags gearbeitet, natürlich auch wieder während der Kirchzeit. Der Leiter der Bauarbeiten, königl. Baurat Wittig, kam während der Kirchstunden selbst nach der Arbeits- stätte, aber nicht, um den Arbeitern zu sagen, daß sie am Sonntag nicht arbeiten dürften, sondern nur. um die Arbeiten zu besichtigen und die Arbeiter zu kontrollieren.., Diese eigenartige Hcilighaltung der Sonn- und Feiertage soll in den hiesigen Schlössern schon zu einer ständigen Erscheinung geworden sein. Immerhin wurde zahlreichen Schloßbesuchern usw. die ganze Feiertagsstimmung schon gründlich verdorben, wenn sie mit einem- male zirka 20 Mann in ihren langen Arbeitskitteln erblickten. Be- schwerte sich dann so ein naives Gemüt über ein derartig schlechtes Beispiel unser„besten und frömmsten Kreise", deren„christlich- nationales" Leib- und Magenblatt das Potsdamer„In- telligenzblatt" ist, so zucken die betreffenden einfach die Schultern: „Ja, Bauer, das ist doch aber ganz was anderes!� Das stimmt— beinahe!... Uebrigens kommt es ja auch nicht darauf an, wer am Sonntag feiert. Die Hauptsache ist doch, daß die Auserwählten der Natton ihren Feiertag haben und für das Seelenheil des arbeitenden Volkes mit beten. Denn„dem Volke muß die Religion erhalten bleiben"!!... Vielleicht bekümmern sich aber auch die zuständigen Organisationen etwas mehr um diese ständigen Umgehungen der tariflichen sowohl wie der gesetzlichen Bestimmungen im Potsdamer Baugewerbe. Not tut es wahrhaftig einmal, die allzu eifrigen Bauleiter und die Auf- sichtsbehörde an ihre Pflichten zu erinnern. Vermischtes. Ein deutsches Schiff gestrandet. Bremen, 13. Mai. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyds„Roon" ist laut hier ein- gegangener telegraphischer Nachricht auf der Reise von Nagasaki nach Hiogo bei Okinoshima auf Strand gemten. Die Passagiere befinden sich alle Wohl. Vergiftete Klöße. In Willmars(Franken) starb gestern nach dem Genuß von Klößen ein Mann, dessen Frau und eine Tochtep unter Vergiftungserscheinungen: ein Enkelkind und der Schwieger- söhn liegen im Sterben. Mehrere Haustier«, die die Speisereste verzehrt hatten, sind gleichfalls gestorben. Die Opfer von Courrieres. Lens, 18. Mai. In den Schächten 2 und 4 von Courrieres werden die Arbeiten zur Auf« findung der Leichen fortgesetzt. Bisher sind 611 Leichen zu Tagä gefördert worden. 484 verbleiben noch in der Grube. Den letzten Feststellungen zufolge soll die Katastrophe durch Einsickern von Petroleum zurückzuführen sein.; 13 Personen durch Blitzschlag getötet. Tesche«, 18. Mast Bei einem gestern nachmittag stattgehabten Leichenbegängnisse bei Teschen wurden durch Blitzschlag 13 Personen aetötet. 20 Verlanen teilweise schwer verwundet. Freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 20. Mai er., vormittags 8'/, Uhr im Nathause, Saal 109, Eingang Jüdensttaße, Versammlung: „Freireligiöse Vorlesung".— Um 10,/4 Uhr vorm. in der Schulaula, Klein« Franksurterstr. 6: Vortrag des Herrn Dr. Wille über:„Goethes Welt« anschauung".— Herren und Damen als Gäste sehr willkommen. Slllgeinein« Kranken- und Sterbekasse der Metallarbettert E. H. 29. Sitzung haben heute: Filiale Berlin 3 bei Kahser, Reichenberger» strage 157. Filiale Berlin 4 bei Merkowski, Andreasstr. 28. Filiale Berlin 6 bei Wiesenthal, Ackerftr. 123. Filiale Rixdorf bei Thiel, Bergstt. 151. Filiale Ruinmeisburg bei Tempel, Ecke Boxhagener- u. Neue Bahnhosstraße. Soz. DiSkutierklub„Freie Zusainmeiikunft". Sonnabend Sitzung Gewerlschastshau«, Zimmer 18. Wichtige Tagesordnung! 1. Vortrag. 2. Kassenangelcgenheiten. Oesfciitliche Bibliothek«nd Lesehalle zu unentgeltlicher Be- Nutzung sür jedermann, SW., Alexandrincnstr. 26. Geöffnet täglich von 5'/,— 10 Uhr abends, an Sonn, und Feiertagen von 9—1 und 3—8 Uhr. In den Lesesälen liegen zurzeit 515 Zeitungen mid Zeitschriften jeder Art und Richtung aus. Soztaldemokrattscher Agttationsverei» für den Wahlkreis Arnsivalde- Friedeberg. Sonntag, den 20. d. Mts,, nachmittag» i'l, Uhr, im Lokale von 81. Boeker, Weberstr. 17: Versammlung mit Frauen. Vorttag des Genossen Sllbert Regae. Diskussion. Vereins- angelegenheiten. Billetts zum sonimernachtSball, welcher am 17. Juni bei Boeker, Weberstr. 17, statffiudet, gelangen zur Ausgabe. Berliner Marktpreise. Aus dem amtlichen Bericht der städtischen Marlthallen-Dlrektion. Rindfleisch la 62—66 pr. 100 Psund, IIa 51—62, lila 49—52, IVa 40—46, engl. Bullen- 0,00, dän. Bullen- 0,00, Holl. Bullen- 0,00. Kalbfleisch, Doppelländer 105—120, la 80—90, Ha 68-78, nia 52-64. Hammelfleisch la. 60-70, Ha 54—60. Schweinefleisch 56—62. Kaninchen 0,30—1,01. Hühner, alte, Stück 1,60—2,00, junge, per Stück 0,50—0,85. Tauben, junge 0,50—0,56, alte 0,00. Eliten, Prima, per Stück 1,50—2.75, Hamburger per Stück 1,75 bis 3,60. Gänse, junge, per Psd. 0,90—0,95, per Stück 2,50—6,70. Hechte 85—102. Schleie 71—96. Bleie 0,00, matt 0,00. Aale, groß 97-110, mittel 102—110, klein 00—00, uns. 70—82. Plötzen 00,00. Flundern, pomm. I, p. Schock 3,00—6,00. Kieler, Stiege la 4—6, do. mittel, per Kiste 2—4, do. klein, per Kiste 0.00. Bücklinge, Holl, per Wall 0,00. Kieler 1—3, Strals. 3.00-3,50. Aale, groß, b. Psd. 1,10— 1,30, mittel 0.80-0,90, kl. 0,50 bis 0,60. Sprotten, Kieler, 2 Wall 0,00, Elb- per Kiste 0,00. Sardellen. 1902er, per Anker 76,00, t904er 74,00, 1905er 70,00. Schottische Vollheringe 1905 0,00, large 40-44, fnll. 36—38, med. 33—35, deutsche 37—44, Heringe, neue Maties, per'/. Tonnen 60—120. Hummern, IIa, 100 Psd. 0,00. Krebse, per schock, groge 22,50—31,50, mittelgroß 12—16, llelne 3,00 bis 4,00, unsortiert 6-11. Eier. Land-, per Schock 3,00—3,25, frische 3,75. Butter per 100 Psund, la 114-118, IIa 110-113, Hla 106—108, ab. sallcndc 103—105.«aure Kurken, Schock 3,50—4 M., Pseficrgurken 3,50—4 M. Kartoffeln per 100 Psd. rnagn. bon. 2,10—2,35, rote Dabersche 2,00—2,20, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl, Holl., per Schock 0,00. Weiß» kohl, dän., per Schock 0,00—0,00, Nollohl, Holl., per Schock 0,00. Grünkohl, per 100 Pfd.. 0,00. Rüben, weiße 0,00, Teltower 0,00, Kohlrüben, per Schock 0,00, Holl. 5—6. Wasserstand am 17. Mai. Elbe bei Ausflg ff- 0,30 Meter, bei Dresden— 1,22 Meter„ bei Magdeburg ff- 1,29 Meter.— U n st r u t bei Sttaußsurt ff- 1,45 Meter.—Oder bei Ratibor ff- 1,50 Meter, bei Breslau Oberpegel ff- 5,06 Meter, bei Breslau Unterpegel— 1,09 Meter, bei Frankfurt ff- 1,39 Meter.— Weichsel bei Brahemünde ff- 2.90 Meter.— Warthe bei Posen ff- 0,50 Meier. Krankenschwester zugibt. Der Britzer Frauenberem, dessen Bor- 1 Neuendorf hat sich Potsdam bereit erklärt, den Vergieiiysvorillstag ff- 2,90 Meter.— Warthe bei Posen ff- 0,50 Meter._ «erantwortlicher Redakteur: Hans Wpper, Nerlio, Für peg Jnseratentesi moMts.l Sfi. ölorfe, Stztlin. Druck U. Ptzllag: PerwärtS BuSdruckerei u. PerlagssnMt Paul Singer& Co.. gjlin SWS,