Nr. 116. BbcnnementS'BedlngangMt: Abonnements- Preis pränumerando i Bicrlcljührl 3,30 MI,, monatl, 1,10 MI,, wöchentlich 28 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Psg, Somitags. immmer mit illustrierter Sonnwgs- Beilage.Die Neue Weir 10 Psg, Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Einaetragm in die Post-Zciwnas- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich» Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. BostavonncmciilS nebinen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luzcniburg, Porlugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. A3. Jahrg. CTiftlllt UM MB« tncntJM. Vevlinev VolltSblcrtk. Zentvalorgan der roziatdemokratifcben Partei Deutfcblanda. Nie lnIertlons*GebO||r belrägt für die fechSgespallene Kolonel« geile oder deren Raum w Psg., für politische und gewerlschastliche Vereins- und Bersammlungs-Anzeigen« Pfg. „Ateine Snrelgen", das erste(fett- gtdruate) Wort 20 Psg. jedes weitere Wort 10 Pfg. 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Mill gehörte nicht zu denverkannten, verleumdeten und unter der Mistgunst der Zeit arbeitenden Denkem. Anerkennung wurde ihm während seines Lebens reichlich zu- teil. Aber die Nachwelt, die— durch Erfahrung und Un- Parteilichkeit bereichert— eine tiefere Einsicht in den Wert der ihr überlieferten Heroen gewinnt, hat das Urteil über Mill nicht bestätigt. Sie reihte ihn in die Klasse der Erklärer ein. aber nicht in die der Bahnbrecher. »•» Mill erhielt von seinem Vater James, einem freigeistigen. akademisch gebildeten und energischen Manne, eine ungemein sorgfältige Erziehung. Er wurde einer Idee geopfert: er sollte die politische, wissenschaftliche und philosophische Lehre fortsetzen und verbreiten, die sein Vater und Jeremy Bentham begründet hatten und durch welche sie England im dcmokrati- schen Sinne reformieren wollten. In seinem vierzehnten Lebensjahre hatte er bereits soviel Wissen in sich aufgehäuft, daß er imstande gewesen wäre, das strikteste Abiturienten- examen zu bestehen. Zwei Jahre später begann seine schrist- stellerische Tätigkeit, die fast bis zu Ende seines Lebens dauerte und neben zahlreichen kleineren Schriften auch so bedeutende Werke wie das„System der Logik"(1344),„Die Grundsätze der Politischen Oekonomie"(1848) und„Ueber Freiheit"(1859) zutage förderte. Im Jahre 1859 heiratete er eine Witwe namens Taylor, die auf ihn schon seit dem Jahre 1849 einen großen geistigen Einfluß ausübte, besonders in der Richtung zum Kommunismus, zum Frauenrecht und im allgemeinen zum konsequenten, mutigen Ausdenken einmal angenommener Grundgedanken. Vom Jahre 1865—1868 war er radikales Parlamentsmitglied für Westminster. Im Unterhause wirkte er für Wahlreform: Ausdehnung des Wahl- rechts auf Arbeiter und Frauen und überhaupt für alle unpopulären Bewegungen. Er hob den Ton der parlamentarischen Debatten, der durch den burschikosen Lord Palmerston tief herabgedrückt war. Trotz seines Atheismus wurde er wegen seiner absoluten Wahrheitsliebe und seiner geisttgen Furchtlosigkeit allgemein geachtet. Der fromme Gladstone nannte ihn den„Heiligen des Rationalis- mus". Auch den Arbeitern sagte er unerschrocken seine Meinung. Als er im Jahre 1865 als Parlamentskandidat in Westminster (London SW.) auftrat und in einer Versammlung sprach, wurde an ihn die Frage gerichtet:„Ist es wahr, daß Sie gesagt haben, die englischen Arbeiter seien gewöhnlich Lügner?" Lautlose Stille trat ein. Die Zuhörer begriffen sofort die Lage. Mill stand als Demokrat und Arbeiterfrcund. der Fragesteller war konservativ und wollte ihm bei seinen Anhängern schaden, denn bestritt Mill. so war der Fragesteller bereit. Zeugen zu bringen und ihn Lügen zu strafen; bejahte er, so würde er den Unwillen der mit Arbeitern und Kleinbürgern gefüllten Ver- sammlung hervorrufen. Mill antwortete indes ohne Zaudern: „Ja, ich hab's gesagt", worauf die Versammlung in stürmischen Beifall ausbrach. Mill wurde gewählt. Die letzten Jahre seines Lebens brachte Mill in Avignon, Südfrankreich, zu, wo seine Frau im Jahre 1858 gestorben und begraben war. Er hat seine Frau in überschwenglicher Weise verehrt und ihr das beste, das er geistig geleistet, zugeschrieben. Richtig scheint indes nur soviel zu sein, daß sie charakterstärker und denksicherer war als Mill, der als Ueber- gangSmensch— als„Mann von alten Dogmen und neuen Tendenzen", wie Marx ihn nannte— sich zu keiner festen Weltanschauung durchringen konnte, während seine Frau einen Sozialismus und Demokratie schrieb, steht an Gedankenkraft und Herzenswärme dem vor ihrem Tode geschriebenen bei weitem nach. Seine im Jahre 1859 veröffentlichte Schrift „Ueber Freiheit", die den Höhepunkt des politischen Denkens Englands im 19. Jahrhundert bedeutet, wurde mit Hülfe seiner Frau geschrieben und im Manuskripte vielfach revidiert. Mill als Politiker steht seinem Vater, wie der ganzen entschieden liberalen(radikal-phllosophischen) Schule nahe, die wieder von den Männern der französischen Re- volution, den Jakobinern, beeinflußt wurde. Die politische und geistige Freiheit sei für die Glückseligkeit des Menschen- geschlechts absolut notwendig. Die Menschheitsgeschichte sei ein Kampf zwischen Freiheit und Autorität. Alle Freien müßten dafür sorgen, daß die Freiheit errungen und gesichert werde. Aber wie ist sie zu erreichen und zu sichern? Mit dieser Frage beschäftigte sich Mill in allen seinen politische» Schriften, ebenso wie sie die ganze radikale Schule und die Jakobiner in so ernster Weise beschäftigt hatte. Die Opposition der englischen Radikalen war jedoch nicht gegen das Ganze, sondem gegen bestimmte Uebel gerichtet: gegen die volizeistaatlichc Regulierung deS Handels und Verkehrs, staatliche Monopole, Verteuerung der Lebensmittel durch Zölle, Uebermacht des GrundadelS, abenteuerliche und Schulden aufhäufende äußere Politik, teure und schlechte Rechtsprechung Sic prüften die Freiheit an der Utilität, an der Nütz l i ch k e i t, die ihnen zum Prüfstein aller staatlichen Eüv richtungen wurde. Sie sagten, die Nützlichkeit ist das Ziel aller menschlichen Handlungen; nützlich ist daS, was unS Lust verschafft und den Schmerz fernhält, oder was uns glück selig macht. DaS Ziel aller Politik muß demnach sein Die größte Glückseligkeit der größten Zahl. Dieses Ziel wird durch die politische und geistige Freiheit gefördert. Deshalb ist die Freiheit nötig.— aber sie ist nur insoweit nötig, als sie die Glückseligkeit fördert. Für die Engländer war die Freiheit nicht das absolut gute; es war vielmehr der Glückseligkeit unterworfen, was in der Praxis auf eine erhebliche Abschwächung der freiheitlichen Ei« richtungen hinauslief. Die g eiheit durfte nicht das Privat- cigentum beeinträchtigen, da iescs zur Glückseligkeit ebenso nötig ist wie die Freiheit. Nur John Stuart Mill bildet eine Ausnahme. Er betrachtet die Freiheit als mit Glückseligkeit identisch. Der Respekt vor dem Privateigentum hatte durch seine kommunistischen Empfindungen einiges von seiner Stärke eingebüßt. Aber warum ist die Freiheit nicht da? Darauf gibt der Liberale und der Sozialist verschiedene Antworten. Der Liberale sagt: Die Freiheit ist nicht da, weil die Gesellschaft in Privilegierte und Entrechtete eingeteilt ist. Die Fürsten, die Adeligen, die Offiziere, die hohen Bureaukraten, die großen Geldherren halten in gewaltsamer Weise die Volksmasscn: die Kaufleute, Handwerker, Kleinmeister, Bauern und Arbeiter— in Knechtschaft. Der Sozialist sagt: Die Freiheit ist nicht da, weil die Macht auf dem Besitz beruht und der Besitzende mächtig und der Mächtige frei ist; so lange also die Gesellschaft in Besitzende und Nichtbesitzende ein geteilt ist, kann es keine Freiheit geben. Die gesell schaftliche Teilung der Liberalen ist eine staatlich-rechtliche: die gesellschaftliche Teilung der Sozialisten ist eine wirtschafte liche. Die Reformvorschläge der Liberalen betreffen die Staatsform, die staatliche Maschinerie, die unter Umständen sehr wichtig werden kann; die Reformvorschläge der Sozialisten betreffen das innere Wesen der Gesellschaft, die Oekonomie. die immer wichtig ist. Obwohl Mill den Kommunismus nicht nur billigte, sondern warm verteidigte, war seine ganze Argumentation liberal. Den Ouell der Unfreiheit sah er im Vorrecht einiger Gesellschaftsschichten. Sein Versuch, die Freiheit zu begründen. war ein konstitutioneller. Als die beste Staatsform betrachtete er die repräsentative Negierung(daS parlamentarische Regime, die Demokratie). Dies war auch das Ziel der ganzen radikalen Schule. Alle sagten sich, die Glückseligkeit könne nur erreicht werden, wenn das Interesse der Regierenden und der Regierten identisch sei. Dies kann aber nur geschehen, wenn das Volk zur Regierung zugelassen wird, d. h. wenn die oberste Staatsgewalt, die Souveränität beim Volke liegt, wenn die Regierung dem Volke verantwortlich und von seiner Zu sttmmung abhängig ist. Die Verantwortlichkeit der Regierung ist das Grundgesetz der politischen Freiheit. Eine solche Re- gierungsform ist allen anderen Regierungsformen überlegen, da sie erstens jedem Bürger die Möglichkeit gibt, sich selbst zu schützen und seine Fähigketten nach allen Richtungen hin zu enthalten. Kein Mensch ist imstanhe, seine Nebenmenschen zu schützen, wenn diese entrechtet sind. Mill sagt: „Wenn im Parlamente eine Frage zur Besprechung kommt. an der die Arbeiter interessiert sind, wird diese Frage dann von einem anderen Gesichtspunkte als dem des Unternehmers be trachtet?... In Streitfragen ist es zweifelhaft, ob«S nur ein einziges unter den Parlamentsmitgliedern gibt, das nicht überzeugt ist, dast da« Recht vollständig auf Seiten der Unternehmer und daß die Ansprüche der Arbeiter einfach absurd sind". Die Verfassung muß also so aufgebaut sein, daß jeder Bürger sein Recht verteidigen kann. Eine Demokratie regt ferner jeden Bürger zur Aktivität an, zur Energieentfaltung, zum Fortschreiten. Die aktiven, vorwärtstreibenden und un- zufriedenen Charaktere sind zwar nicht beliebt.„Passive Eha- raktere hält man für moralisch; sie sind sicher und ungefährlich. Aber was ist gewisser in der Geschichte, als daß die Ver» besserung der menschlichen Angelegenheiten ganz das Werk der unzufriedenen Charaktere ist?" Aktive Charaktere tverden aber durch die Demokratie gefördert, während passive Charak- tere in unfreien Ländern erzeugt werden. So argumentierten die englischen Liberalen(Radikale, Uftlitarier), besonders Mill, der noch in den dreißiger Jahren daran ging, die Demokratte zu gründen. Dazu war es nötig, sich über die Parteibildungen klar zu werden. Mill kam zum folgenden Resultat: Vernunft und Tugend haben zwar einen großen Einfluß auf politische Parteibildungen, aber im großen ganzen ist es die ökonomische Lage der Menschen, die sie in Parteien gruppiert. Ein Mensch wird liberal oder konservativ durch seine Position; aber der Grad seines Liberalismus oder Konservatismus hängt von seiner Geistes- und Herzensbildung ab. Mit anderen Worten: sozialwirtschaftliche Klassen werden in derPolitik zu parlamentarischen Parteien. Nun kommt Mills Schwierigkeit. Nach ihm ist die Gesellschaft in Privilegierte und Entrechtete geteilt. Dem- gemäß müßten die Mittelklassen, die Bauern und Arbeiter eine große, einheitliche, radikale(demokratische) Partei bilden. Woher kommt aber das Bestreben der Arbeiter, eine selb- ständige Oppositionspartei zu gründen? Mit dieser Frage stand Mill dem Chartisnms gegenüber. Mill hat die wirkliche Teilungslinie der Gesellschaft nicht gesehen. Er bemühte sich deshalb, die bürgerlichen Radikalen mit sozialistischem Ocl zu salben, um auf diese Weise eine große demokratische Volkspartei gründen zu können. Er beklagte es. daß die Radikalen so wenig Sympathie mit den Arbeitern zeigten; den Radikalen fehle ein großer Führer; sie vergäßen, daß ihr Motto sein müßte: Eine Regierung für die Arbeiter durch die Mittelklasse l Diese Parole ist eine feine Satire auf Mills Kommunismus. aber ihr Urheber war sich ihrer nicht bewußt. Alle Utilitarier konnten angesichts des Chartismus, der Fabrikgesetzgebung und der wachsenden neuen Aufgaben und Befugnisse der Re- ierung daS Mißtrauen gegen die Arbeiter nicht los werden. ei den meisten entsprang eS dem kräftigen bürgerlichen Klassenempfinden. Bei Mill kam daS Mißtrauen gegen die Arbeiterbewegung aus seiner großen intellektuellen Verfeinerung, ebenso wie Heines Mißtrauen gegen den Kommunismus einen reinen ästhetischen Ursprung hatte. Mill fürchtete, die intellektuelle Freiheit könnte unter der„Tyrannei der Mehrheit", unter der Unwissenheit der Arbeiter leiden; er suchte deshalb nach Garantien, um die Minderheit, die„Exzentriker" und die geistigen Rebellen zu schützen. In seinen letzten Lebensjahren, als er die organi- 'irrten Arbeiter am Reformwerk sah. stand er der politischen rbeiterbewegung sympathischer gegenüber, dennoch konnte er ihre Bestrebungen nach Selbständigkeit nicht begreifen. Seine fehlerhafte Zergliederung der menschlichen Gesellschaft ließ ihn zur vollen Würdigung der Arbeiterbewegung ebensowenig kommen, wie zur Würdigung des Sozialismus. . Das erste und zweite Kapitel des zweiten Buches seiner „Grundsätze der politischen Oekonomie" stempeln Mill zum Sozialisten. Aber er gehörte vollständig zu den Utopisten; am tiefsten hatte ihn Fourier beeinflußt. Obwohl er manche Ansichten über Geschichtsphilosophie und geschichtliche Ent- Wickelung äußert, die ihn dem modernen Sozialismus nähern, so sind sie doch ganz fruchtlos geblieben. Der utopische Sozialismus formuliert seine Aufgabe folgendermaßen: Finde eine Gesellschaft, die der menschlichen Natur und der Gerechtigkeit entsprechen würde. Die Aufgabe wurde dem einzelnen Menschen gestellt und als Hülfsmittel wurde ihm die Psychologie und die Ethik ge- geben, mit denen er bei seinen sozialen Experimenten operieren soll. Der moderne Sozialismus definiert die Aufgabe anders: Untersuche die gegenwärtige Gesellschaft, deren inneres Wesen die Oekonomie ist; erforsche ihren Ursprung, ihre Entfaltung, ihre neuen Tendenzen, die zur Bildung einer neuen Ge- sellschast führen und die mit den Interessen der Arbeiterklasse übereinstimmen. Die Arbeiter sind im Sinne der neuen Tendenzen zum Kampfe gegen die alte Gesellschaft zu organisieren. Die Aufgabe wurde dem Sozialisten als Arbeiterführer estellt; als HülfSmlttel wurden ihm Geschichte und politische ekonomie gegeben, die er im Klassenkampf gebrauchen soll. Zufall, baß die Gegner dem MarxiSniuS vor- ES ist kein der Marxist den Gegnern Unkenntnis der Geschichte in der Oekonomik vorwirft. Auch Mill argumentiert kür den Kommunismus mit psychologischen und ethischen Gründen, obwohl er Oekonomiker war und die Bedeutung der geschichtlichen Entwickelung einigermaßen verstand. Aber daS alte und neue liefen bei ihm parallel, ohne sich zu berühren. In einem Aufsatz über „Michelet", geschrieben im Jahre 1844, definiert er die GeschichtSphtlosophie folgendermaßen: „Sie will finden, auf Grund welcher Prinzipien, die au» der menschlichen Natur und den Gesetzen der Süßeren Welt fließen, jeder Zustand der Gesellschaft und deS menschlichen Geiste» den ihm folgenden Zustand erzeugt hat; dann will sie finden, ob eine genügend klare ZeugungSfolge dieser Zustände entdeckt werden kann, um aus den gegenwärtig herrschenden Zuständen auf den künftigen GesellschaftSzustand schließen zu können." Dieser allerdings noch sehr unbeholfen ausgedrückte Ent' wickelungSgedanke half ihm indes nicht, dem Kommunismus eine wissenschaftliche Basis zu geben. Mill erzahlt: »Früher hatte ich die Möglichkeit einer Fundamentalverbefferung in den sozialen Einrichtungen so ziemlich durch die Brill« der alten Rationalökonomenschule betrachtet. DaS Privateigentum und daS Erbrecht schienen mir daS letzte Wort der Gesetz- gcbung.... Den Gedanken, daß e» möglich fei, weiter zu gehen in der Abschaffung der Ungerechtigkeit, daß einige zum Reichtum, bei weitem aber die meisten zur Armut geboren sind, betrachtete ich damals als«in Hirngespinst.... Kurz, ich war«in Radikaler und trug nicht die Spur von einem Sozialisten in mir.... Jetzt nahmen wir(Mill und seine Frau) doch eine Zeit in Aussicht, in welcher die Gesellschaft nicht mehr nach Arbeitern und Müssiggängern sich gliedern würde— in welcher die Regel„wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", nicht bloß auf die Armen, sondern unparteiisch auf alle Anwendung findet— in welcher die Verteilung bc3 Arbeitserzeugnisses durch einstimmige Beschlüsse oder nach anerkannten gerechten Grundsätzen vor sich geht... Beide Klassen(die Arbeitgeber und Arbeitnehmer) müssen lernen. für öffentliche und soziale Zwecke zu arbeiten und vereint zu wirken, nicht bloß wie bisher für selbstsüchtige Interessen. Die Fähigkeit dazu hat immer im menschlichen Geschlecht bestanden, besteht und wird wahrscheinlich nie erlöschen..... Ebenso charakteristisch für Mill ist die folgende, oft zitierte Stelle aus seinem Briefe über politische Oekonomie: „Wenn man wählen müßte zwischen dem Kommunismus mit allen seinen Chancen und dem gegenwärtigen Gesellschaftszustande mit allen seinen Leiden und Ungerechtigkeiten; wenn die Institution des Privateigentums es als notwendige Folge mit sich brächte. daß das Ergebnis der Arbeit sich so verteile, wie wir es jetzt sehen, fast im umgekehrten Verhältnis zur Arbeit—. daß die größten Anteile denjenigen zufallen, die überhaupt nie ge- arbeitet haben,— die nächstgrößten denen, deren Arbeit beinahe nur nominell ist, und so weiter hinunter, indem die Vergütung im gleichen Verhältnis zusammenschrumpft, wie die Arbeit schwerer und unangenehmer wird, bis endlich die ernrüdendste und anfreibendste körperliche Arbeit nicht mit Gewißheit darauf rechnen kann, selbst nur den notwendigsten Lebensbedarf zu erwerben; wenn, sagen wir, die Alternative wäre: dies oder Kommunismus, so würden alle Bedenklichkeiten des Komniunismus nur wie Spreu in die Wagschale sein". Diese Zeilen schrieb Mill unter dem Eindrucke der revo- lutionären Stürme vom Jahre 1848. In späteren Jahren. besonders nach dem Tode seiner Frau, reduzierte sich Mills Kommunismus auf die Förderung des Genossenschaftswesens, in dem er die Lösung aller sozialen Schwierigkeiten erblickte. Das Genossenschaftswesen schien ihm die Vorzüge des Privateigentums niit denen des Kommunismus zu vereinigen. In seinen hinterlassenen und im Jahre 1879 in der„Fortnightly Review" veröffentlichten Aufsätzen über Sozialismus ist nur die Ein- leitung lesenswert; die eigentlichen Ausführungen zeigen, daß Mill sich um den modernen Sozialismus nicht kümmerte und von der„Internationale" und vom kontinental-europäischen Sozialisntus nicht mehr wußte, als was er in den bürgeo lichen Zeitungen las. Er ist über Fourier und Owen nie hinausgekommen.—_ Deutschland erklärt worden ist, daß die Kriegsflotten beider Länder nicht die geringste Bedrohung ihres freundschaftlichen Einvernehmens bedeuten, wird man umsoweniger Bedenken haben, die Marine- rüstungen unentwegt in dem Tempo fortzusetzen, das von den Marinesachverständigen als unbedingt erforderlich be- zeichnet wird. Zwar hat am Donnerstag der liberale englische Politiker Winston Churchill auf einem der Berbrüderungs diuers erklärt:„Handels r i v a l i t ä t e n zwischen uns sollten niemals politischen oder militärischen Antagmrismus veranlassen Lassen Sie unS unwürdige Verdächtigungen uud die VorsichtS maßregeln verbannen, zu denen diese Verdächtigungen anregen." Aber obwohl fast gleichlautende Erklärungen von unseren freisinnigen Politikern sogar im deutschen Reichstag abgegeben worden sind, denkt selbst dieser Freisinn gar nicht daran, die Flotten- und Weltpolitik nun auch ent sprechend energisch zu bekämpfen. Er will zwar die allgemeinen politischen Argumente der Regierung nicht gelten lasten. weicht aber dann mutig zurück vor der alle Einwendungen überlegen niederschmetternden Autorität der.Marinesachverständigen". So wird munter weitergerüstet trotz aller deutsch-englischen Verbrüderung� festivitäten I Und dieses Wettrüsten erzeugt dann trotz aller Be schwichtignngsversuche wachsende Eifersucht und Rivalität, denn die Logik der Panzerplatten und Schiffskanonen ist zwingender als die der bestgemeinten Friedens- und Freiindfchaftstoaste I Zudem sorgen unsere Wasserpatrioten dafür, daß die schönen Reden, die in diesen Tagen jenseits des Kanals gehalten worden sind, nicht allzulange nachhallen. Schließt sich doch der deutsch englischen Verbrüderungskundgebung unmittelbar die diesjährige arade des deutschen Flottenvereins an, die amlll politische Gcbcrficht Berlin, den 19. Mai. Einheimsung und Aufteilung der Beute. Der Regierung ist es mit Hülfe der Volksvertretung ge lungen, die Steuerbeute unter Dach zu bringen. Ueber 200 Millionen Mark sollen die neuen Steuergesetze der Reichskasse einbringen, die heute endgültig in dritter Lesung unter der Vorspiegelung der Durchführung einer Reichsfinanz reform angenommen worden sind. Genosse v. Volkmar konstatierte noch einmal, daß mit den erpreßten Steuern lediglich das vorhandene Loch im Reichssäckel verstopft werden soll und von einer Reform oder Sanierung der Finanzen keine Rede sein kann. Bei gelegener Zeit werde die Finanzreform wieder auf der Tagesordnung erscheinen. Zunächst wurde heute mit der dritten Lesung der Ouittungssteuer begonnen, zu der Genosse L i p i n s k nochmals kurz den Standpunkt unserer Fraktion präzisierte. Darauf wurde die dritte Lesung der Fahrkarten st euer vorgenommen. Dabei kam es zu einigen scharfen Auseinander- setzungen zwischen Volkmar und dem bayerischen Bundes- rats-Bevollmächtigten v. Burkhard t, der die innere Ab- neigung der bayerischen Regierung gegen die neue Verkehrs- steuer nur dürftig zu verdecken vermochte und nur die Finanz- not des Reiches als Entschuldigungsgrund für die empörendsten Steuerprojekte anzuführen vermochte. Es nützte auch nichts, daß neben Vollmar, noch der Volksparteiler Haußmann gegen die Verteuerung des Verkehrs redete. Zwar hatte die schwache Mehrheit für das Gesetz bei der zweiten Lesung die Hoffnung bei manchem erweckt, diese Mehr- heit könne noch in der dritten Lesung gesprengt werden. Das war ein Irrtum. Der Steuerblock hielt bis zuletzt zusammen. Der entscheidende Paragraph des Gesetzes wurde in der von unserer Fraktion beantragten namentlichen Abstimmung mit 150 gegen 119 Stimmen, bei 4 Enthaltungen, an- genommen. Wuchtiger fiel die Abstimmung über das Erbschafts- steuergesetz aus. Trotz der Mängel des Gesetzes, besonders der niedrigen Steuersätze, sttmmte unsere Fraktion für das Gesetz, weil mit ihm das Prinzip der direkten Reichssteuer in die Steuerpolitik eingeführt wird. Alle Versuche, noch einige der zugunsten der Agrarier oder der„toten Hand" cingeflochtenen Privilegien zu be- seitigen, scheiterten jedoch an dem geschlossenen Widerstand der konservativ-klerikal-nationalliberalen Koalition. Bei der Ab- stimmung über den entscheidenden§ 12 des Gesetzes wurde dieser mit 205 gegen 42 Stimmen angenommen. Die Kon- servativen stimmten dagegen. Dann wurde mit gleicher Mehr- heit das ganze Gesetz apporfiert. Anders fiel die Abstimmung über das Mantelgesetz aus, das alle Steuergesetze umschließt und darum von unserer Fraktion abgelehnt wurde. Es wurde nur mit 149 gegen 95 Stimmen, bei fünf Enthaltungen angenommen. Nach dieser Entscheidung in dritter Lesung treten Brausteuer-, Zigaretten-, Reichsstempel, und Erbschafts- gesetz mit dem 1. Jutt 1906, die Besteuerung der Fahrkarten mit dem 1. August 1906 in Kraft. Kaum war die Steuerbeute eingeheimst, begann die be- wMgungslustige Tätigkeit der Mehrheit zur Unterbringung der Beute. Das Gesetz über„die gr ä ß l i ch e Flotte" wurde in dritter Lesung angenommen. Wenn Flotte und Heer die neuen Steuern verschlungen haben werden, wird Michel zur Füllung des Reichssäckels aufs neue geschröpft. Wie lange noch?—_ Friedensschalmeien und weltpolitische Fanfaren. Unsere liberale Presse schwelgte in der verflossenen Woche in Völkerverbrüderungsphantasien. Sie, die sonst die alberne Ver- spottung des proletarischen VölkcrverbrüderungSgedankenS wacker mitmacht, sah auf einmal eine Aera steundschastlicher internattonaler Verständigung gesichert, dieweil den Vertretern deutscher Stadt- Verwaltungen in England von den Spitzen der kommunalen und staatlichen Behörden ein so liebenswürdiger Empfang bereitet und bei Braten und Wein eine Flut tönender Friedensphrasen aus- getauscht worden war. Es sei fern von unS, die gute Absicht oder die naive Gutgläubigkeit dieser Verbrüderungsfeiern und ihrer Teil- nehmer verdächtigen zu wollen— allein, was wird das praktische Ergebnis sein? Werden auch nur die Teil- nehmer an den Kundgebungen sich bemühen, dem beider- seitigen Wettrüsten nach Kräften Einhalt zu tun? Das wird ihnen gar nicht in den Sinn kommen. Im Gegenteil: da ja von den leitenden Persönlichkeiten in England sowohl wie in und 20. Mai in Hamburg stattfindet. Und diese Schrittmacher unserer Flottenpolitik, hinter denen nicht nur ein zielbewußter Wille, sondern auch eine ganz andere reale Macht steht als hinter den liberalen Schönrednern, werden zweifellos dafür sorgen, daß die deutsch-englische Entrevue in schneidende Dissonenzen auSklingt. Wie man in den leitenden Kreisen deS Flottenvereins über die maritime Aufgabe Deutschlands denkt, das verrät deutlich genug ein Arttkel des Generalmajors Keim, einer der leitenden Männer des FlottenvereinS. in der neuesten Nummer des„Tag". In diesem Artikel— gewissermaßen einem Programinartikel zur Parade des FlottenvereinS— wird ausgeführt, daß England im Begriff stehe, sich neben der unbestrittenen Oberhoheit zur See auch die Oberhoheit in der großen Politik überhaupt zu sichern. Deutschland sei aber bisher nicht gewöhnt gewesen,„in internattonalen Fragen irgend eine— auch nur mittelbare— Oberhoheit anzuerkennen". Nicht von der Landarmee, sondern von der Flotte hänge heute der Einfluß in der großen Politik ab. Es sei aber völlig unrichtig, daß nur England sich den Luxus einer seebeherrschenden Flotte leisten könne, nicht aber Deutschland. In Wirklichkeit sei das Gegenteil der Fall. Wohl werde Deutschland gleich England für eine secbeherrschende Flotte große Opfer bringen müssen, allein „es gibt eben ohne große Opfer keine dauernde Macht st ellung für einen großen Staat Das Programm unserer Flottentreiber ist hier klar genug entwickelt. Und an der Verwirklichung dieses uferlosen Programms werden unsere Flottentreiber mit jener Rücksichtslosigkeit arbeiten, die sie auch bisher schon bekundet haben. Wie rücksichtslos der Flottenverein vorgeht und welchen Einfluß er sich zutraut, beweisen schon seine Zettelungen gegen Tirpitz, dessen Flottenforderungen ihm nicht weit genug gingen. Dieser Mann, dem doch die Durchdrückung deS Fünfmilliardenge s e tz es vom Jahre 18S9 zu danken war, sollte zum alten Eisen geworfen werden, weil er so„bescheiden" war, ist seiner Flotten Novelle„nur" weitere dreiviertel Milliarden zu fordern. Die Forderung der Erhöhung der Baukosten für Linienschiffe von 20 auf 38 Millionen, der Neubewilligung von sechs Auslandskreuzern zu je 15000 Tonnen und von zwölf weiteren Torpedobootsdivisionen war den Flottenfexen nur ein Pappenstiel. Ein neuer, noch unver« brauchter Tirpitz, glaubten sie, hätte bei dem Flottenkoller, von dem sich zurzeit alle bürgerlichen Parteien ergriffen zeigten, noch eine ganz andere Vorlage durchgedrückt. Daher ihr intrigantes Treiben gegen den derzeitigen Staatssekretär des ReichsmarineamtS. Nun scheint es allerdings, als ob sich gegen diese Ultras im Flottenverein auch eine Opposition geltend niache. Der bayerische Flügel des Flottenvereins, der unter Zentrumseinflüssen steht, wider strebt offensichtlich einem allzu forcierten Tempo des FlottenrüstenS, Er will sich vorläufig bei den Forderungen der Regierung be scheiden. Aber man darf diese Strömung im Flottenverein nicht überschätzen. Ihre Opposition gegen die Forderungen der Ulttas ist weit weniger eine prinzipielle, als vielmehr eine pon OpportunitätS- gründen diktterte. Meint doch auch der„Reichsbote", daß man ganz richtig gehandelt habe, wenn man erst einmal die Erledigung der Steuergesetze abgewartet habe:„Es ist ein ganz richttger Gedanke, daß erst einmal der F i n a n z n o t des Reiches gesteuert werden muß; stüher ist eine nationale Polittk im großen Stil nicht möglich." Die Hamburger Tagung wird es deshalb schwerlich zu einem Bruch im Flottenverein kommen lassen: Man wird sich auf der mittleren Linie einigen, um dann die Agitation für eine neue Flottenvorlage um so intensiver aufnehmen zu können Daß diese neue Flottenvorlage in wenigen Jahren kommen wird, daran ist bei dem ungeheuren Einfluß der Flotteninteressenten und dem weltpolitischen Furor, der selbst Zentrum und männlichen Frei- sinn ergriffen hat, nicht zu zweifeln I Die Regierung ihrerseits aber schätzt in dem Flottenverein stotz aller zeitweiligen Reibungen den unschätzbaren Schrittmacher ihrer marinistischen und weltpolitischen Zukunftspläne. Selbst Herr v. Tirpitz, den die Drahtzieher des FlottenvereinS doch im Orkus verschwinden lassen wollten, kann deshalb nicht umhin, dem Flotten- verein seine Reverenz zu erweisen. Wird doch nach der„Boss. Ztg." der Großadmiral v. Köster mit den Admiralen und Kom- modoreS der Flotte am 20. Mai an dem Festessen teil- nehmen, das der Hamburger Senat zu Ehren des Flottenvereins veranstaltet. Sogar eine förniliche Flottendemonstration wird zur Feier der Flottenvereinsparade stattfinden! So intim sind trotz alledem die Beziehungen der Regierung zu dem Verein der Flottentreiber, zu dessen Ehrenmitgliedern ja auch fast sämtliche deutsche Bundesfürsten gehören! Die Hamburger Flotteicharade bildet den besten Kommentar zu den Londoner Friedensreden I Vor der welcholitischen Kundgebung in Hamburg werden die höflichen Verbrüderungsphrasen in London in eitel Schaum. Die kapitalistische Expansionspolitik bedingt die Weltpolitik, bedingt das marinistische Wettrüsten mit seinen un- erträglichen Lasten für das Proletariat und seinen unabsehbaren Ge- fahren für den Bölkerfrieden I Es gibt nur einen Schutz gegen diese Gefahren: das Beta des internationalen sozialistischen Pro- letariates!— ••• Dcutfches Reich. Zur Charakteristik deS deutschen Patriotismus. In welcher Weise von den höchsten Amtsstellen patriotische Propaganda getrieben wird, zeigt folgende Zuschrift, die vom Unter- staatssekretär des Ministeriums für Elsaß-Lothringen, Dr. Pctri, an den Landgerichtspräsidenten und ersten Staatsanwalt in Metz gerichtet worden ist, und von diesem vor ungefähr einer Woche den Rechtsanwälten der Stadt Metz in einer Abschrift übermittelt wurde: Ministerium für Elsaß-Lothringen. Abteilung für Justiz und Kultus. Aus Anlaß der Silbernen Hochzeit Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin ist von der Kunstanstalt Georg Büxen- stein u. Cie. in Berlin nach einem Gemälde des Professors Fer- dinand Keller in Karlsruhe„Die Kaiserliche Familie" eine farbige Reproduktion hergestellt worden, welche den lebhaften Beifall Seiner Majestät gefunden hat. Eine möglichst weite Verbreitung des Kunstblattes im Deutschen Volke ist erwünscht. Euer Hochwohl-eboren werden ergebenst ersucht, das bei- liegende Rundschreioen der Firma Büxenstein u. Cie., aus dem das nähere über Kunstblatt, dessen Preis und Einrahmung, sowie Verpackungs- und Versendungskosten zu ersehen ist, den Beamten des dortigen Landgerichts, sowie den Beamten der Amtsgerichte, den Rechtsanwälten, Notaren und Gerichtsvollziehern im dortigen Londgerichtsbezirke zur Kenntnis zu bringen und die hierauf er- gehenden Bestellungen in anliegender Subskriptionsliste zu ver- merken. Ter Wicdercinsendung der Subskriptionsliste wird dem- nächst entgegengesehen. Die Ausführung der Bestellung wird darauf von hier aus veranlaßt werden. Der Unter staatssekretär gez.: Petri. Eine Kritik ist überflüssig._ Znr SchiilvcrpfaffungSvorlage haben die Freikonservativen folgende Beschlüsse vorbereitet, die vor ihrer Einbringung im Abgeordneten- hause den anderen am Schulkompromiß beteiligten Parteien, also den Konservativen und Nationalliberalen vorgelegt werden sollen: 1.„Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen: die könig- liche.Staatsregierung zu ersuchen, unter Bereitstellung''' der dazu erforderlichen Staatsmittel ohne Verzug in eine Revision des Lehrerbesoldungsgesetzes zu dem Zwecke einzutreten, durch Fest- setzung auskömmlicher Grundgehälter und Alterszulagen, sowie durch Eröffnung einer Laufbahn im Schuldienste für alle Lehrer, die gegenwärtig im Lchrerbesoldungswesen bestehenden Mißstände und ungerechten Ungleichheiten zu beseitigen." 2.„Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen: die könig- liche Staatsregiernng zu ersuchen, dem Landtage baldigst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die staatliche Schulverwaltung nach den für die Organisation der allgemeinen Landesverwaltung matzgebenden Grundsätzen mögliebster Dezentralisation und Mitwirkung von Organen der Selbstverwaltung sowie wirksamer Rechtskontrolle umgestaltet wird." Der zweite Absatz hat lediglich den Zweck, den von den National- liberalen in liberaler Gemütsaufwallung für anstößig erklärten 8 40 auf einem Umwege aus dem Gesetz hinauszubugsieren und dadurch die Nationalliberalen zu veranlassen, für die Vorlage einzutteten. Zugleich wird von der Regierung versucht, die Nationalliberalen zu bearbeiten. Wie die„Nationalztg." nämlich mitteilt, empfing Fürst Bülow am Freitagnachmittag die Abgg. Dr. Friedberg und Schiffer.„Im Verlaufe der längeren Unterredung wurde natur- gemäß auch die Frage des Schulunterhaltungsgesetzes berührt." Solchem Werben dürfte die verschämte Sprödigleit der national- liberalen Gernegroße kaum standhalten.— Die Spur des Brrslauer HandabHackerS. Die Breslauer Volkswacht" meldet: Der Sohn eines auf der Gabitzstraße wohnenden Schutzmannes besucht die Volksschule auf der Trinitasstraße. Am Morgen des 20. April, also gleich nach der denkwürdigen Blutnacht, wurde der Knabe noch vor Beginn des Unterrichts von einem Klassengenossen — es handelt sich um dreizehn- und vierzehnjährige Schüler der Oberklasse— gefragt, ob sein Vater an, vorigen Abende auch in der Nikolaivorstadt tätig gewesen sei. Freilich, antwortete der Schutzmanns- söhn, mein Vater hat sogar einem die Hand abgeschlagen.. Als die Mitteilung von diesem Vorfalle zur Kenntnis des Polizeipräsidiums gelangte, wurde der Schutzmannssohn sofort vom Polizeipräsidenten vernommen, er zeigte sich aber unsicher und leugnete schließlich, überhaupt etwas seinen Klassengefährten erzählt zu haben. Auch der Knabe, der an ihn die Verhängnis- volle Frage gestellt hatte. wurde in Gegenwart seiner Mutter vernommen; er blieb mit aller Bestimmtbeit dabei, daß der Vor- gang sich so abgespielt habe, wie er von uns oben geschildert worden ist. Darauf wurden die beiden Knaben einander gegen- übergestellt, und nun gestand der SchntzmannSsohn zögernd und mit großem Widerstreben, daß er bei seiner früheren Aussage gelogen habe, er habe wirklich gehört, wie sein Vater d er Mu tter mi tg eteilt h a b e, d a ß er einem Manne die Hand abgeschlagen habe.... Ob der Täter nun gesunden wird?— Der Schlag wird fallen. Morgen— Sonntag— finden im Ruhrrevier zahlreiche Bergarbciterversammlungen statt. Die Berg- 'klavcn wollen versuchen, durch Protest die endgültige Annahme der Knappschaftskassen-Vcrschlccksterung im preußischen Abgeordneten- hause zu verhindern. Obwohl die Bcrgmagnaten es verstanden haben, die Erregung der Knappen wieder aus den Siedepunkt zu treiben, wird man allem Anschein nach die Proteste der Bergarbeiter als Luft behandeln, die einfach zu gehorchen haben. Herr Schwein- bürg teilt in seiner„Polit. Korrcsp." mit, daß die dritte Beratung der Novelle zu Titel 7 des Berggesetzes, die am Montag im Ab- geordnetenhause auf der Tagesordnung steht, nur noch eine Be- tätigung der Beschlüsse der zweiten Lesung bringen werde. Den Bergarbeitern wird also schon im voraus gesagt, daß man auf ihre Proteste pfeift!—_ Die Filhrkartcnsteuer in der württembergischen Kammer. Gestern beschäftigte sich die bayerische Abgeordnetenkammer mit der Fahrkartensteuer; heute stand sie in der württembergischen Kammer zur Beratung. Die Bolkspartei hat einen Anttag eingebracht, der die Regierung auffordert, im Bundesrat unter allen Umständen der Fahrkartensteuer ihre Zu» timmung zu versagen. Finanzminister Dr. v. Z e y e r er- llärte, die Regierung habe gegen die Fahrkartensteuer elbst schwerwiegende Bedenken. Sie habe auch mit diesen Bedenken m Bundesrat keineswegs zurückgehalten. Wenn sie aber jetzt er- ucht werde, ihre Zustimmung zu dieser Steuer unier allen Umständen zu versagen, so sei darauf hinzuweisen, daß die Steuer noch nicht endgültig feststehe. Es sei nicht ausgeschlossen, daß sie noch eine wesentlich andere Fassung erhalte. Die Regierung müsse sich also bis dahin ihre Stellungnahme vorbehalten, hauptsächlich auch deshalb, weil es sich auch darum handeln könne und werde, ob die Ablehnung der Fahr- karten steuermöglich sei. ohne die ganze Reichs- Finanzreform zu gefährden. Im Laufe der Debatte teilte Kultusminister Dr. v. Weiz» äcker im Namen des erkrankten Ministers des Auswärtigen Frei» Herrn v. Soden mit, daß dieser sich der Fahrkartensteuer gegenüber von jeher ablehnend verhalten habe. Im übrigen lege die EntWickelung dieser Frage für die Eisenbühnen Württembergs den möglichsten Anschluß an Norddeutschland umsomehr nahe, als man bedauerlicherweise in absehbarer Zeit keine einheitliche Wagenklasse in Deutschland be- kommen werde. Einfach die Fahrkartensteuer zu streichen, ginge nicht an. Würde man dies tun, so würden die Matrikularbeiträge in Württemberg um 2 Millionen steigen. Wie wolle man den Aus- fall decken? Filr unsere Fraktion sprach Genosse K e i l. der sich besonders gegen das Zentrum wandte. Ständen die Mehrheitsparteien au dem Standpunkt der Moral und nicht auf dem des Egoismus, so müßten sie zugeben, daß eine progressive Reichseinkommen- und Vermögenssteuer der gerechteste Weg zur Aufbringung des Bedarfs wäre. Wie das Zentrum durch seine Zustimmung zur Kolonial- und Flottenpolitik die Finanzmisere des Reiches verschuldet habe, so trage es auch jetzt die Verantwortung für diese volksfeindliche Finanzreform. Bei der Abstimmung wurde der Antrag gegen die Stimmen des Zentrums und der meisten Privilegierten angenommen. Für ihn stimmten die Sozialdemokraten, die Volkspartei und die National- liberalen.—_ In der badischen Kammer brachte die sozialdemokratische Fraktion eine Interpellation ein wegen der in Mannheim erfolgten Ausweisung des italienischen Arbeiters Cäsare Zampclli, eines organisierten Maurers. Er hatte bei der Maifeier mit wenigen Worten seine landsmännischen Proletarier auf- gefordert, den Bestrebungen der Deutschen für ein besseres Los (Achtstundentag, Schutzgesctzgebung) nicht entgegenzutreten. Kurz darauf erfolgte die Ausweisung dieses„Mißliebigen" aus dem Musterlande des Liberalismus.— LandtagSwahl in Württemberg. Bei der gestrigen Landtagswahl im Bezirke Böblingen erhielten Leibfried(Vp.) 1385, Sperka (Soz.) 1276, Hiller sBauernbund) 1072, Fuchs(natl.) 383 Stimmen. Zwischen Leibfried und dem Genossen Sperka muß Stichwahl er- folgen. Wer anderen eine Grube gräbt... Einen bösen Reinfall er- lebte der Unteroffizier Peter Schneider des 1 Bayerischen Feldartillerie- Regiments vor dem Oberkriegsgericht München. Wegen eines in der Kanzlei vorgekommenen Dieb- stahls wurde vom Batteriechef der ganzen Mannschaft die Er- taubnis, über den Zapfenstreich hinaus auszubleiben, entzogen. Aus Aerger über diese Anordnung schikanierte der Stellvertreter Gottes an einem Sonntage die Mannschaft seines Zimmers durch Musterungen, Appelle, Zimmerputzen und ließ ein anderes Mal einen Kanonier bis spät in die Nacht hinein Stiefel wichsen. Um sich für diese Quälereien zu rächen, beschwerte sich die ganze Mann- schaft bei dem Batteriechef solidarisch und meldete dabei dem Batteriechef verschiedene Aeußerungen des Unteroffiziers So hatte der Unteroffizier den Batteriechef einmal in echt bayerisch-derber Art auf die Kirchweih geladen, ein anderes Mal nannte er den Oberleutnant Frhrn. v. Wredemann einen S.. Hund. Wegen Beleidigung eines Vorgesetzten zur Verantwortung ge- zogen, vermochte sich der Herr Stellvertreter an nichts mehr er- innern. Sein schwaches Gedächtnis wurde aber von der Mannschaft aufgefrischt. Das Oberkriegsgericht verurteilte Schneider zu 4 Monaten und 15 Tagen Gefängnis und erkannte gleichzeitig auf den Verlust der Tressen.— Husland. Belgien. Ein echt klerikaler Trick. Einem noblen, echt klerikalen Trick sind die Aniwerpener Sozialdemokraten auf die Spur gekommen. Vergangene Woche wurden die Wahllisten aufgelegt. Unsere Antwerpener Genossen waren nicht wenig erstaunt, daß plötzlich zwei sozialistische Listen vorlagen. Von einer Uneinigkeit oder Spaltung wegen der Kandidatur in der Antwerpener Sozialdemokratie ist keine Rede, also mußte irgend ein nicht- sozialdemokratischer Faktor im Spiele sein. Und richtig I Als man der Sache auf den Grund ging, wurde die Ent- deckung gemacht, daß es sich um einen genieinen von den Herren Klerikalen eingefädelten Betrug handelt. Die katholischen Wahlmacher haben irgend ein paar bisher völlig unbekamrte Individuen gewonnen, sich für Geld und gute Worte als„dissidente Sozialisten" aufstellen zu lassen. Die frommen Biederniänner denken, durch diesen Schwindel eine An- zahl Arbeiterstimmen zu fangen und so dem zweiten sozialistischen Kandidaten den Sieg streitig zu machen. Hoffentlich werden den„frommen" Betrügern nicht zu viel Dumme auf den christlichen Leim kriechen.— Marokko. Nette Bescherung. Fez, 10. Mai.(Ö. H.) Der Sultan widersetzt sich zwar nicht, die Akte der Konferenz von AlgeciraS zu unterzeichnen, zögert aber, dieS zu tun, so lange nicht eine Spezialklausel hinzugefügt wird, worin die Mächte sich verpflichten, die europäischen Beamten und Offiziere zurückzuziehcn, sobald der Sultan in der Lage sein wird, mit eigenen Mitteln die Reformen in seinem Lande durchzuführe». Der Sultan behauptet, die Hinzufügung dieser Klausel sei sehr wichtig und notwendig, um die Unzufriedenheit seines Volkes wegen der Vormundschaft zu beschwichtigen, die ihm von Europa aufgedrängt worden ist. Da war ja die ganze Marokkokonferenz eigentlich überflüssig. Oder aber es muß nun eine zweite einberufen werden I— Die Bromberger Polizei vor Gericht. Aus Halle a. S. wird uns vom 18. Mai berichtet: Der Prozeß gegen den Genossen Däumig vom„Volksblatt" für Halle, dessen Ausgang— Verurteilung zu 300 M. Geldstrafe— der„Vorwärts" schon tclegraphijch gemeldet, liefert einen krassen Beitrag zum Kapitel der behördlichen Bekämpfung der Sozial- demokratie, im besonderen des sozialdemokratischen Wahlrechts- kampfes. Der wahre Angeklagte war die Bromberger Polizei I Am 2. Februar erschien im„Volksblatt" für Halle unter der Spitzmarke„Borussische Justizpraxis" ein Artikel, der sich mit der Verhaftung und Behandlung von vier Verteilern von Wahl- rechtsflugblättern in Bromberg am 20. Januar befaßte. Die Bromberger Polizeibehörde stellte Strafantrag. Zur Verhand- lung waren verschiedene Bromberger Polizeibeamte als Belastungs- zeugen erschienen, die damaligen vier Verhasteten als Entlastungs- zeugen. Die polizeilichen Zeugen bestritten, daß irgendwelche Ueber- schreitung der Befugnisse der Polizei stattgefunden hätte und daß die Verhafteten schlecht behandelt worden seien. Der Polizeiinspektor B o t h e erklärte: Das Flugblatt, das am Sonnabend, den 20., abends verbreitet wurde, hat unter den Bürgern eine kolossale Erregung hervor- gerufen. Von Görlitz"kam die Nachricht, daß es wegen des aufhetzerischen Inhalts beschlagnahmt worden ist. Ich habe angenommen, daß die Verbreiter sich der Aufreizung schuldig gemacht haben, und sie deshalb in das Polizcigefängnis führen lassen, damit sie am anderen Tage dem Gericht überliefert würden. Davon, ob die Flugblattverteiler als Verbrecher bezeichnet worden sind, weiß Zeuge nichts; er habe die Personen liebens- würdig behandelt, meint er. Zeuge bekundet, daß Bromberg mit Vororten 74 000 Einwohner hat und sich darunter etwa 1400 bis 1500 organisierte Arbeiter befinden. Die Polizeiwache sei in der Nacht vom 20. zum 21. Januar um zehn Beamte verstärkt worden. Die Verhafteten, zwei Männer und zwei Frauen sind am folgenden Sonntag erst gegen Mittag, als die Arbeiter zur Protest- versainmlung gingen und die Kirchenbesucher vor der Kirche standen, über belebte Straßen hinweg gefesselt zum Gerichtsgefängnis geführt worden. Zur Erklärung dieses aufreizenden Verfahrens be- kündete der Polizeikommissar Schreiber: Die zwei Frauenspersonen und die beiden Männer sind deshalb gefesselt worden, weil man Sonntags bei dem Transport über die Straße einen Befreiungs- und Fluchtversuch befürchtete. Der Inspektor habe zur Vorsicht gemahnt. Die beiden Fronen sind mit einer bleistiflstarken Schnur an den Annen zusammengebiinden worden und die beiden Männer wurden an Handketten genommen. Bäckergeselle Nachtigall sagte: Man wild hier Ivie ein Verbrecher behandelt, worauf ich entgegnete: Was denken Sie denn, was Sie sind? Vorsitzender: Zeuge, warum haben Sie denn die Leute nicht schon früh und gerade lim die Mittagszeit, wo ein so reger Verkehr ans den Straßen war und die Leute aus der Kirche kamen, ins Gerichtsgefängnis geführt?— Zeuge: Die Beamten hatten Nachtdienst gehabt. Zeuge gibt zu, daß die vier Arrestanten von vier Schutzleuten begleitet wurden und Hunderte von Genossen auf der Straße hinterher kamen. Gefesselt wären die Leute eigentlich nicht gewesen, meint Zeuge, denn unter Fesselung verstehe er. wenn einem Arrestanten beide Hände übereinander ge- schlössen sind. In der Zelle ist die eine der Verhafteten, die Frau Friedrich, die öfter an Krämpfen leidet und die deshalb die Nacht über nicht allein in der Zelle bleiben wollte, eine Zeitlang gefesselt worden. Der Gefangenaufseher Timm giebt dafür folgende Erklärung: Ich war am betreffenden Abend zu einer Kaisers-Geburtstagsfeier und wurde gerufen. Als ich auf die Polizeiwache kam, sagte man mir, eine verhaftete Frau, die Flugblätter verteilt habe, sei nicht ruhig und habe gesagt, wenn man ihr keinen Beistand leiste, wolle sie alles entzweischlagen. Die Frau Friedrich tobte, weinte und schlug mit der Hand gegen die Tür. Darauf habe ich ihr nach einer Verwarnung die Hände mit einer Kette auf den Rücken geschlossen, dann die Frau auf den Fußboden gesetzt und die Kette an einem Ringe auf der Diele befestigt. Als die Frau nach zehn Minuten ruhig geworden sei, habe ich sie wieder befreit. Die Frau habe allerdings gesagt, sie sei zu Unrecht eingesperrt und habe ein drei Monate altes Kind zu Hause. Beschimpft habeich die Frau nicht. Die Fesselung zum Sonntag bei dem Transport über die Straße sei nach Vorschrift geschehen. Mehrere Polizisten wollen nichts davon gehört haben, daß die Frau Friedrich vom Gefangenenaufseher beschinipft worden ist. Ganz anders sagt die Frau selbst aus. Sie habe gleich bei ihrer Verbringung in die Zelle gesagt, daß sie an epileptischen Krämpfen leide, und dem stellvertretenden Aufseher mitgeteilt, daß sie nicht allein bleiben könne. Der Beamte habe aber entgegnet: da ist die Pritsche, da ist der Eimer, da ist Wasser, das wird schon alles gut werden. Als man mich, so führt die Zeugin weiter aus, allein ließ, weinte ich und klopfte an die Tür, um eine Gesellschafterin zu bekommen. Darauf kam der Aufseher Timm und schimpfte. Ich war nicht ruhig und jagte:„Wenn man für die Freiheit eintritt, kommt man ins Gefängnis. Nach weiterem Klopfen kam der Beamte mit Fesseln in di'e Zelle, fesselte mir die Hände auf dem Rücken und schloß die so gefesselten Hände an einen auf der Diele angebrachten eisernen Ring. Auch am rechten Bein fühlte ich dieKette. Darauf verließ der Beamte mit den Worten:„Ich will Dich schon kurieren, so, nun amüsiere Dich," die Zelle. Nach langer, langer Zeit, es schlug die Uhr% es schlug Va, es schlug sli und voll, kam der Beamte und befreite mich. Ich wolle alles kaput schlagen, habe ich nicht gesagt. Der Beamte hat mich Schlarre(dortiger Ausdruck für Sittenmädche») genannt. Der Aufseher Timm bestreitet, daß er geschimpft, daß er die Worte:„Amüsiere Dich usw.'' und„Schlarre" gebraucht habe, die Zeugin Friedrich hält aber ihre Aussage vollständig aufrecht. Sie bekundet weiter, nach ihrer Freilassung am Montag- abend habe sie Krämpfe bekommen. Die Zeugin bekundet auch mit Bestimmtheit, daß die Flugblattverteiler am Sonntagmorgen ge- legentlich der Fesselung von dem Kriminalkommissar als Staats- Verbrecher und Landesverräter bezeichnet worden sind. Er habe noch hinzugefügt: Schämt Euch was, Ihr hetzt das Volk auf. Als Zeuge Nachtigall bei der Fesselung sagte:„Na, das ist ja recht nett, wir sind doch keine Verbrecher," habe der Kommissar ge- sagt:„Ihr seid noch mehr als Verbrecher." Die Zeugin S i e d o w s k y, die zweite Verhaftete, bestätigt im wesentlichen die Aussagen der Frau Friedrich. Sie hat iu ihrer Zelle genau gehört, wie der Aufseher Timm sagte:„Du Schlarre, ich werde Dir's gleich zeige», klopfst Du noch einmal, dann kommst Du in Ketten". Der Beamte habe auch die Worte»Lausepack" und„Frauenzimmer" gebraucht. Dem Zeugen Timm wird vorgehalten, daß nun auch noch eine zweite Zeugin die Schimpfworte bekundet habe. Timm bestreitet abermals, diese Aeußerungen getan zu haben und meint, er habe vielleicht nur in seinen Anordnungen„etwas laut geredet". Was er gemacht habe, sei nur„vorschriftsmäßig" gewesen. Die beiden verhasteten Männer, der Bäckergeselle Nachtigall und der Arbeiter G r ü n d l e r, bekunden mit voller Bestimmtheit, ebenso die Zeugin Siedowsky, daß der Kommissar sie am Morgen als Staatsverbrecher u. a. mehr beschimpft habe. Der Kommissar bestreitet nach wie vor, diese und ähnliche Worte gebraucht zu haben. Der Staatsanwalt vermochte in seinem Plaidoher nicht gl behaupten, daß die Verhaftung berechtigt gewesen sei. Er half ich, indem er die Frage danach als„müßig" bezeichnete, denn die Polizei ist nach dem Gesetz von 1850 berechtigt, alle vorbeugenden Maßnahmen zur Auftechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu treffen, die sie für gut und notwendig hält. Für ihn ist es natürlich auch ausgemacht, daß selbst die sozialdemokratischen Führer einen fricd- lichen Ausgang gewünscht hätten, doch die Sache nicht in ihre» Händen lag, da man„entfesselte" und aufgeregte Leute nicht immer halten könne. Aus diesem Grunde habe die Polizei alle Maßnahmen getroffen und es sei schlecht angebracht, nun noch die Maßnahmen der Polizei zu ironisieren. Daß am 21. Januar nichts passiert ist, sei kein Grund dazu.„Wenn jemand mit dem Feuer spiele, dann darf er sich nicht wundern, daßscharfeMaßnahmen ergriffen werden."> Ob der Ausdruck Verbrecher gefallen sei, wolle er dahingestellt 'ein lassen, jedenfalls sei er aber nicht in der geschilderten krassen Form gefallen. Da die Frauen und der Zeuge Nachttgall(wegen MajestätSbeleidigung) vorbestraft seien, so müsse man dem Beamten mehr Glanben schenken. Von Wahrnehmung berechtigter Interessen sei keine Rede, den Angeklagten gingen'die Leute in Brombera nichts an.(!) In Betracht komme, daß die Zeit, in der der Artike, veröffentlicht wurde, sehr ernst gewesen sei. Er beantrage deshalb eine Gefängnisstrafe von vier Monaten. Dem Verteidiger Dr. Lnndsberg war es ein leichtes, die Un- Haltbarkeit der Anklage nachzuweisen. Er geißelte in scharfer Weise die Behandlung der Frau Friedrich. Anstatt Rücksicht auf ihre Krankheit zu nehmen und den Polizeiarzt zu holen, habe man 'ie gefesselt. Ebenso bezeichnete er gebührender Weise die Art des Transports und die Ausführungen des Staatsanwalts über die Glaubwürdigkeit der Zeugen. Der Wahrheitsbeweis sei vollständig geführt und deshalb müsse Freisprechung erfolgen. Dazu konnte sich indes der Gerichtshof nicht entschließen. Die Spitzmarke des Artikels:„Borussische Polizeipraxis" sei zweifellos beleidigend, denn das hieße soviel als Willkür zc. Die Polizei habe sich zu den Maßnahmen berechtigt gehalten, denn sie handelte auf Grund ihrer Auffassung. Sie befürchtete Störungen. Die Aus- drücke Verbrecher usw. können seitens des Beamten ge- allen sein, aber jedenfalls nicht in der Form, wie die Entlastungszeugen bekunden. Die Polizei konnte bei allen Maßnahmen der Ansicht sein, sie handle berechtigt. Daß sie nicht in allen Punkten korrekt vorgegangen ist, sei möglich. Sie handelte aber nach pflichtmäßigem Ermessen. Die getroffenen Vor- sichtsmaßregeln waren geboten. Der Wahrheitsbeweis sei demnach nicht als erbracht anzusehen, und der Schutz des Z 193 habe dem Angeklagten nicht zugebilligt werden können. In der Form sei der Artikel aber nicht so scharf gewesen, weshalb auf eine Geldstrafe er- kannt worden ist. Das Urteil belehrt den deutschen Bürger wieder einmal, daß die deutsche Polizei alles tun darf, und der Bürger nicht, was der Polizei nach pflichtgemäßem Ermessen gefährlich dünkt. Der Prozeß- bericht ist ein Dokument ostelbischer Kultur I Die persönliche Freiheit des Bürgers ist der Polizei völlig freigegeben. Beschimpfungen von Verhafteten sind Lappalien, die keinen OrdnnngSivächter aufregen, nicht einmal die Fessclnng einer Frau, die wegen Neigung zu Krämpfen besonderer Fürsorge bedurfte. Wie würde die öffentliche Meinung in England und in anderen wirNich freien Ländern aufschäumen, wenn sich dort Beamte derartiges erlauben wollten, wie in Bromberg! Aber das deutsche Bürgertum sieht stumpf, ja schadenfroh zu. Denn es sind ja Proletarier und auf- sässige Leute, die das ehrsame Bürgertum am 21. Januar m Auf- regung versetzt haben. Geschieht ihnen ganz recht. Und dem Redakteur erst recht I Das ist deutsche Kultur l (5cmrkfdyaft\\(hcQ. Krieg oder Frieden? Die„Arbeitgeber-Zeitung", welche sonst über eine be- sonders galläpflige Tinte verfugt, taucht ihre Feder in Salatöl, wenn sie über die gegenwärtige Bewegung in der Eisen- industrie schreibt. Das edle Scharfmacherorgan ist gar nicht wiederzuerkennen. In der Tagespresse tauchen immer wieder von neuem Notizen mit Drohungen aus Arbeitgeberkreisen auf, die zweifellos den Zweck haben sollen, die Arbeiter ein- zuschüchtcrn. In der„Arbeitgeber-Zeitung" heißt es hinterher: Glaubt nur, was wir offiziell veröffentlichen I Die Unter- nehmer wollen sich offenbar immer die Möglichkeit offen halten, das Angedrohte hinterher zu unterlassen. In seiner heutigen Nummer hält das Organ der Unter- nehmerverbände sogar die Hand hin zu einem Vergleich. Es schreibt: „In sozialdemokratischen Blättern findet sich die Behauptung, daß nicht die Prinzipienfragen—„Normallohn und Verhandlungsfragen"— das Hindernis bilden, den Frieden herbeizuführen, sondern die ablehnende Haltung der Scharfmacher in allen sonstigen Fragen. Diese Unterschiebung muß entschieden zurück- gewiesen werden. Die Herren vom Deutschen Metallarbeiter- Verband könmen ja nur öffentlich erklären, daß sie in diesen beiden Prinzipienfragen nach- geben und ihre Bezirksleitungen und die streikenden Gießerei- arbeiter veranlassen, das gleiche zu tun, dann muß sich zeigen, ob damit das Hindernis für die Herbei- führung des Friedens beseitigt ist." Die Antwort darauf hat der Metallarbeiter- Verband schon vorweg gegeben. Während diese Interpellation noch im Druck war, versandte er folgende Erklärung: Zur Klarstellung. Einer letzthin in der Presse veröffentlichten Bekanntmachung des Gesamtverbandes deutscher Metallindustrieller entnehmen wir, daß dieser Verband nur dann zu einer Aussperrung von 60 Proz. der in Verbandsbetrieben beschäftigten Arbeiter(und vornehmlich Mtgliedern des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes) schreiten will, wenn von den ausständigen Formern und Gießereiarbeiter» nicht zwei prinzipielle Forderungen zurückgezogen werden. Als solche prinzipielle Forderungen werden genannt: 1. Das Verlangen der Arbeiter nach Verhandlung von Organi« sation zu Organisation. 2. Die Einführung von Mindestlöhnen. Demgegenüber stellen wir hiermit ausdrücklich fest, daß in den den Unternehmern eingereichten Forderungen die unter 1 an- gegebene Forderung nicht enthalten ist und nie enthalten war. ES wurde vom unterzeichneten Vorstande des Deutschen Metall- arbeiter-Verbandes und seinen Bezirksleitungen allerdings ver- sucht, eine Unterhandlung von Organisation zu Organisation Herbeizuführen, nachdem dies aber von den Unternehmern und ihrer Orgcünsation abgelehnt war, die Unterhandlungen den beteiligten Arbeitern überlassen. Beweis: Nürnberg, DreSdeli, Breslau, Braunschweig, Hannover, Offenbach und andere Orte. Durch Vertreter unseres Verbandes wurde nur da verhandelt, wo die Unternehmer oder ihre Verbände damit ein- verstanden waren. Und dort ist eS auch nirgends zum Ausstand gekommen. Beweis: Baden, Württemberg. Einen Kampf um die Anerkennung der Organi- sation braucht der Deutsche Metallarbeiter-Verband nicht zu führen und führt ihn auch nicht, weil diese Anerkennung eine Frucht ist, die ihm später ganz von selbst reif in den Schoß fällt. Auch der heurige Kampf läßt das erkennen. Dieselbe Organisation der Unternehmer, die diese Art der An- erkennung der Arbeiterorganisation ablehnt, verlangt von den im Streik befindlichen Arbeitern, daß sie an den vier Streikorten Breslau, Brau»schweig, Dresden und Hannover gleichzeitig den Streik aufheben. Ist dies keine Anerkennung der Organisation? Wie wollen die streikenden Arbeiter eines Ortes überhaupt irgend welchen Einfluß auf die eines anderen Ortes ohne Organisation geltend machen können?— Gerade in dem Moment, wo der Gesamtverband deutscher Metallindustrieller oder seine Bezirksverbände ein solches Ansinnen an die streikenden Arbeiter stellen, erkennen sie die Notwendigkeit der Mitwirkung der Arbeiterorganisation an, und wir stehen nicht an, zu erklären, daß auch wir, wenn wir es auch nicht noch einmal verlangen, eine rasche Beilegung von Differenzen an verschiedenen Orten nur durch Verhandlungen der Zentralen der beiden Organisationen möglich und zweckmäßig halten. Wie weit aber die einzelnen Bezirksverbände des Metall« industriellen-Verbandes entfernt sind, auch mit Kommissionen ihrer Arbeiter zu verhandeln, beweisen Dresden und Breslau. In Dresden entstand der Streik, weil die für die einzelnen Gießereien gewählten Kommissionen der(eigenen) Ar- beiler nicht nur abgewiesen, sondern in einem Betrieb aus der Arbeit entlassen, in einem anderen mit Prügeln bedroht wurden. In Breslau haben nach erfolgter Aussperrung bis heute keineBerhairdlungen mit den Arbeiterkommissionen stattgefunden, trotzdem sie von den Arbeitern mehrfach ver- langt und auch von, Gesamtverband der Metallindustriellen als zu- lässig anerkannt wurden. Was die Forderung des Mindestlohns betrifft, so spielt diese im gegenivärtigen Kampfe eine ganz untergeordnete Rolle. Sie war für die Verhandlungen vorgeschlagen, ist aber nirgends der Anlaß zu einem Ausstand gewesen. Auch in Hannover und Vraunschweig kam eS nicht wegen der Forderungen zum Streik, sondern wegen der mangelhaften Zugeständnisse überhaupt und ihrer ganz unverbindlichen Fori». Wie wenig Bedeutung der unterzeichnete Verband der Forderung der Mindest- löhne bei diesem Kampfe beigelegt hat. geht schon daraus hervor, daß beispielsweise in Nürnberg, wo nach Ablehnung des Verbandes als Unterhändler eine Kommission der Former und Gießereiarbeiter mit einer solchen der Gießerei- besitzer verhandelte, nach einer Aussprache auf den Mndestlohn verzichtet und über die übrigen Punkte ohne Streik eine Ver- ständigung erzielt wurde. Ebenso in Breslau. Dort haben vor dem Streik Ver- Handlungen von Kommissionen der Arbeiter mit den Inhabern der einzelnen Betriebe oder deren Leitungen stattgefunden. In drei Viertel dieser Betriebe wurde unter Äusschaltung der Forderung der Mindcstlöhne eine Verständigung ohne Streik erzielt. Nur in der Breslauer Maschinenfabrik und bei den Firmen Kemna u. Klügel nicht. Aber auch dort waren nicht die Mindestlöhne, sondern höchstens den Betricbsverhältnissen angepaßte Lohnregulieruugen das Streitobjekt. Auch die Verständigungen an anderen Orten beweisen, wie unrichtig die Behauptung des Gesamtverbandes deutscher Metallindustrieller ist. Der Gesamtverband deutscher Mclallindustrieller. der in einer früheren Bekanntmachung erklärte, die dein Streik zugrunde liegenden Umstände geprüft zu haben, scheint von diesem Sachverhalt nichts zu tviffen, denn sonst könnte er so etwas nicht publizieren. Aber gerade diese Unkenntnis ist ein drastischer Beweis für die Notwendigkeit der Unterhandlung von Organisation zu Organisation. Hätte eine solche stattgefunden, dann wären dem Gesamtverband solche Irr- tiiincr kaum unterlausen. Er hätte sich aber auch durch eine solche Aussprache überzeugen können, wie sehr er im Irrtum mit seintt Behauptung ist, daß der deutsche Metatiarbeiterverband durch seine Borschläge auf Einsiihrimg von Mindestlöhnen Normallöhne anstrebe. Da aber der Gesamtverband deutscher Metaliindustrieller es ablehnt, sich über die wahren Absichten der im Deutschen Me- tallarbeiterverband organisierten Arbeiter zu vergewissern, ist eS ihm auch unmöglich, ihre Absichten zu verstehen und darüber gerecht zu urteilen. Ihn dazu zu befähigen, ist bei dem jetzigen Stande der Dinge nicht unsere Aufgabe, sondern eS genügt uns, in der Oeffentlichkeit dargetan zu haben, wie es sich mit den vermeintlichen Differenzpunkten verhält und wer ein Jnter- esse daran hat, daß dieserKampf um ganz be- scherd ene Forderungen der Arbeiter sich zu einer Machtprobe ausgewachsen hat. Stuttgart, 17. Mai IVOS. Der Borstaiid des Deutschen MetallarVeitcr-BerbandeS. Damit tvärc die Frage der„Arbeitgeber-Zeitung" in dem don ihr gaivUnschten Sinne beantwortet, und es muß sich nun zeigen, was die Unternehmer tun. » Inzwischen ist der Kampf in Dresden beendet! Eine stark besuchte Former- und Gießereiarbeiter-Bersammlung erklärte sich zur Beendigung des Kampfes bereit unter den von den Kommisstonen der Arbeiter und Unternehmer vereinbarten Bedingungen. Dies« repräsentieren eine ganze Reihe wesentlicher Erfolge für die Arbeiter In der Versammlung wurde die Annahme dieser Vorschläge durch die Beauftragten der Kommission und der Bezirksleitung empfohlen, ebenso empfahl ein Former Mahler die Vorschläge zur Annahme, die immerhin eine ganze Reihe von Erfolgen bedeuten. Der Kampf dürfte damit ,n den nächsten Tagen, da auch in Hannover, Breslau und Braunschweig eine Einigung in naher Aus- sicht steht, sein Ende erreichen. Die Former stehen m Dresden nun- mehr 7 Wochen im Kampf, die Aussperrung dauert sechs Wochen.— Die Unternehmer werden wohl mit dem Ausgang des Kampfes wenig zufrieden sein. Die Arbeiter aber können hocherhobencn Hauptes in die Betriebe zurückgehen « In Braunschweig stellten die Unternehmer die Forderung auf, daß die Arbeiter der einzelnen Werke mit den Werksbesitzern über die Lohufrage verhandeln möchten. Die Arbeiter erklärten. daran die Verhandlungen nicht scheitern lassen zu wollen. Dagegen meldet unS ein Privattelegramm aus Kiel, daß die Kruppsche Germania-Werft zum 2. Juni 2000 Arbeitern, gleich 60 Proz. der Beschäftigten, kündigte. Betroffen wurden alle Kate gorien: Metallarbeiter. Schmiede, Maler(!), Tischler(I), Schiffs. zimmerer(1), Organisierte und Nichtorganisierte, auch die Hirsch- Dunckerschen! Das ist also offenbar eine Scheinausführung des gefaßten Beschlusses: man kündigte einfach den Leuten, die am entbehrlich st en sind, um SV Proz. aus dem Gesamtbetriebe herauszubekommen.— In der Maschinenfabrik von B o h n u. K ä h l e r wurde sämtlichen Arbeitern gekündigt, in der Maschinen fabrik Dävel 60 Proz. von 140. *•* Es bleibt abzuwarten, welchen Umfang die Aussperrung annehmen wird. Der Kampf, der eventuell den Metall- arbeitern aufgezwungen wird, ist seitens deS Unternehmertums in der frivolsten Weife vom Zaun gebrochen, und das Gegen- teil dessen, was der Kühnemännerverband hofft, wird ein- treten: die bisher Indifferenten werden denken lernen, werden der Organisation zugeführt werden. Verlln und Umgegend. Achtung! Metallarbeiter! Unser« Mitglieder werden dringend ersucht, angesichts der von den Metallindustriellen für den 2. Juni angedrohten Aussperrung keine voreiligen Beschlüsse zu fasse»! Sobald die Situation klar ist, tritt die für solche Fälle vorgesehene Körperschaft zusammen, um die notwendigen Maßnahmen zu treffen. Dann erhalten die Kollegen einheitlich Anweisung. Bis dahin ersuchen wir alleS, was sich be« züglich der angedrohten Aussperrung an Anzeichen bemerkbar macht, unS sofort zu melden. Deutscher Metallarbeiterverband, Ortsverwaltung Berlin. Achtung! Feilenhauer! Die Feilenhauer in Bukarest(Ru- mänien) befinden sich in einer Lohnbewegung und ersuchen unS, den Zuzug fernzuhalten. Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Die Aussperrung der Buchbinder dauert unverändert fort. Seit zwei Tagen befindet sich der Vorsitzende des Verbandes Deut- scher Buchbindereibesitzer um scharf zu machen in Stuttgart. Doch hat er wenig Aussicht, da die Stuttgarter Prinzipal� seit den Vorgängen in der Leipziger Dampfbuchbinderei Fritzsche-Baum- dach Aktiengesellschaft vor zwei Jahren und der Tarifbewcgung 1003 dem Verbände Deutscher Buchblndereibesitzer fernstehen. Die Tatarcnnachricht, daß in Stuttgart 1000 Ausgesperrte zu ver- zeichnen sind, hat sich als solche erwiesen. Trotzdem am Freitag LohnzahlungStag ist, hat sich dort nichts ereignet.— Hier wird die dringende Arbeit von den Unternehmern versucht in den kleinen Jnnungsbetrieben herzustellen, auch haben sich die Vamphre der Heimarbeiter eingefunden und werden durch Zwischenmeister, welche sich schnell finden, Arbeiten für die Großbetriebe angefertigt. Auch finden sich Druckereien, welche mit den tarifbrüchigen Buchbindereibesitzern gemeinsame Sache machen und Streikarbeit annehmen. Auch die RcichSdruckerei wirft jetzt in den Betrieben welche Telephonadres>buch geliefert haben, weitere Auflagen hinein, dadurch direkt Stellung für die Unter- nehmer, welche wegen der Aussperrunjz ihreS Personals die ihnen übertragenen Auflagen nicht liefern können, nehmend. DieS lvird voraussichtlich in den nächsten Tagen wohl noch zu weiteren Diffe- renzen führen. Die ledigen, nicht an den Ort gebundenen Kollegen reisen ab, um die Tariforte zu entlasten. Folgende Firmen sind bi» auf weiteres gesperrt: G. Wübben, Bleysteen, Fritzsche-Baumbach. Reiß, Schneider u. Ziegler, Naucksch« Buchdruckerei, C. F. Walter, C. Metschke u. Co., griedr. Jos. Fleck» Nach flg., Ad. Ludwig Werner, Schoß, Kämmerer, Schubert, Lüderitz u. Bauer, Rickmann. Gahl bezw. Chnamon Buchdr., H. Sperling. Zuzug fernhalten. _ Die Ortsverwaltung. Der verband deutscher Buchbindereibesttzer Wendet sich durch Riesenannoncen an die Buchbinder, in denen es einleitend heißt: „Wissen die Buchbinder und die in den Buchbindereien be- schäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen, warum sie ihre Arbeits- plätze verlassen haben? Ihre Führer haben es befohlen. Ihre Führer aber haben sie irre geführt."— Die Bebauvtung vom Tarifbruch der Prinzipale wird weiter für Unwahrheil erklärt und von den Arbeitern wird dann be- hauptet:„sie gehorchten ihren Führern blind, die sie einer un- gewissen Zukunft entgegenführten." In dem konfusen Aufruf sind so viele logische Widersprüche vorhanden, daß man ordentlich zwischen den Zeilen da? vergebliche Bemühen des Verfassers erkennen kann, die wahren Tatsachen in das Gegenteil zu verkehren und die tarifbrüchigen Prinzipale weißzuwaschen. Wir stellen zwei authentische Acußtrungen gegenüber: Herr Metzschke, Vorsitzender des Verbandes Berliner Buchbinderei- bcsitzer, schrieb am 28. April d. I. an die Berliner Tariskommission der Arbeiterschaft: „Wir müssen vielmehr in der einseitigen willkürlichen Arbeitsniederlegung einen Kontraktbruch erblicken und müssen für den Fall, daß ein Teil iit ArbeitnehÄei am 1. Mai durch Nichterscheinen zur Arbeit demonstriert, die bestehende Tarif gemeinschaft als aufgelöst betrachten. Für diesen Fall werden die Betriebe bis auf weiteres nicht wieder aufgenommen, bis neue Vereinbarungen mit Ihrem Verbände abgeschlossen sin d." Also eine glatte Auflösung des ArbeiisverhältnisseS nicht nur, sondern auch der bis zum 21. August d. I. gültigen Tarifgemciw schaft. Kein Wort in dem Brief von einer nur Ltägigen Au» sperrung! Erst in einem Schreiben vom Vorstand des Verbandes deutscher Buchbindereibesitzer vom 6. Mai wurde nicht in Abrede gestellt, daß der Berliner Verband„über die angeordneten Maß« nahmen hinausgegangen" sei, was dann am 8. Mai ausdrücklich seitens deö Herrn Fritzsche bestätigt wurde, indem er die einseitige Auflösung der Tarifgemeinschaft für ungültig erklärte. Trotzdem sollten aber die Ausgesperrten bedingungslos die Arbeit wieder auf nehmen bei Arbeitgebern, die 3 Tage lang unzweifelhaft tarif brüchig gewesen waren. Und was verlangten die Arbeiter bezw. deren Vertreter am 8. Mai in der gemeinsamen Sitzung mit den Vorständen der Prin» zipalSvereinigungen?—„Das ausgesperrte Personal tritt bei seiner Einstellung in seine alten Rechte wieder ein. Maßregelungen dürfen weder jetzt noch später stattfinden." Also die Arbeitervertreter verlangten nur Wiederherstellung des Status quo vor dem 1. Mai. Und dazu hatten sie um so mehr ein guteS Recht, als die„blind gehorchenden" Ausgesperrten bereits am Tage vorher einen entsprechenden Antrag angenommen hatten, nur unter diesen Bedingungen die Arbeit wieder aufzunehmen. Also nicht die Arbeiterschaft, sondern deren Führer gehorchten, wenn auch nicht blindlings, dem, was erstere beschlossen hatte. Auf den übrigen Inhalt der Annoncen werden wir an anderer Stelle eingehen. Der Vorstand des BuchbinderverbandeZ. Die Aussperrung im Lithographiegewerbe. Wie wir bereits in unserer gestrigen Nummer mitteilten. bringen die Unternehmer im Lithographiegewerbe unter Führung des„liberalen" Landtagsabgeordneten Dr. Hugo G e r s ch e l, i. F. W. Hagelberg, den seit langem gehegten Plan der Aussperrung jetzt zur Ausführung. Gestern sind in den dem„Schutzverband deutscher Steindruckereibesitzer" angeschlossenen Betrieben Plakate folgenden Inhalts zum Aushang gebracht� worden: „In einer größeren Anzahl von dem",Schutzvcrband deutscher Sieindruckereibesitzer" angehörenden Betrieben ist teilweise unter Kontraktbruch, teilweise unter Bruch von bestehenden Tarif. Vereinbarungen von den im Deutschen Senefelderbund organu sierten Gehülfen die Arbeit niedergelegt worden. Der Schutzverband hat sich bereit erklärt, über die For- derungen dieser Gehülfen mit dem Deutschen Senefelderbunde in Unterhandlungen zu treten, sobald die Arbeit in sämtlichen dem Schutzverbande angehörenden Betrieben wieder ordnungS gemäß aufgenommen ist.(Wie gnädig!) Da dieser Voraussetzung bisher nicht entsprochen wurde, so kündigen wir hierdurch in Gemäßheit eines Beschlusses des Schutzverbandes deutscher Sieindruckereibesitzer allen in unseren Betrieben angestellten, im Deutschen Senefelderbunde organl sierten Lithographen und Steindruckern." Der Tanz kann also beginnen. Die Prinzipale werden sich allerdings bald den Schnupfen holen. In den 14 Tagen der Kündigungsfrist wird keine Ueberstunde gemacht und in nicht be- troffenen Betrieben kein Handgriff Stretkarbeit geleistet werden. Die Gehülfen gedenken den rigorosen Schritt der Unternehmer mit der Einbringung von Forderungen zu beantworten, über die eine am kommenden Dienstag nach Kellers Festsälen einberufene Ver- sammlung Beschlüsse fassen soll. Soweit bis jetzt bekannt ist, haben sich in den meisten Betrieben die wenigen unorganisierten Kollegen den gekündigten Bundesmitgliedern dadurch angeschlossen, daß sie selbst gekündigt haben. Der Geist unter den Gekündigten ist vor- züglich, so daß eS wohl kaum fraglich ist, wer in diesem brutal provozierten Kampf den kürzeren ziehen wird. Dt« organisierten Hausdiener, Kutscher usw. au» den Handtuch- und Wäsche-Berleih-Justituten Berlins machen die organisierte Berliner Arbeiterschaft darauf aufmerksam, daß dieselben seit dem 1. Mai eine braune Kontrollkarte eingeführt haben. Nur von den Firmen wird der Tarif gezahlt, deren Arbeiter tm Besitz einer Kontrollkarte sind. Die Karte ist von brauner Farbe und nur bann gültig, wenn dieselbe ordnungsgemäß jeden Monat abgestempelt ist. Wir appellieren an das SolidaritätSgefllhl der gesamten Ar« beiterschaft l Hoch die Solidarität! Die Hausdiener, Kutscher usw. der Handtuch- und Wäsche- Verleih-Branche. I. Sl.: WIlh. Müller. Waßmaimstraße 87. lV. Lohnbewegung der Anwaltsangcstellten. In jüngster Zeit hat sich die gewerkschaftliche Organisation der Burcauangestellten derartig gehoben und befestigt, daß jetzt die Möglichkeit gegeben ist. durch Kampfmittel, die sich bei anderen Berufen bewährt haben, die Arbeitgeber im Anwaltsstande zur Bewilligung eine» Existenzminimums zu veranlassen. Ein typische? Beispiel der nicht seltenen SpezieS von An- walten, die öffentlich und nicht öffentlich in arbeiterfreundlichen vnd sozialreformerischen Farben schillern, ist der Rechtsanwalt Aichard Berg, Berlin, Friedrichstraße 47, der es trotzdem fertig bringt, seine Angestellten geradezu menschenunwürdig zu bezahlen. Dieser Herr Rechtsanwalt, der sich als sogenannter Boden- resormer etwas zugute tut', bekommt eS fertig, erwachsene Ar- better, die jahrelang bei ihm tätig sind, mit 7b M., ja sogar mit 52 M. monatlich zu entlohnen. Einer der Angestellten, 22 Jahre alt und seit sieben Jahren bei Rechtsanwalt Berg tätig, in einer Stellung, die«in hohe» Maß von Intelligenz voraussetzt und al» Vertrauensstellung zu bezeichnen ist, erhält 7ü M. monatlich, ein zweiter, der ebenfalls eine Reihe von Jahren in Anwalts- bureauS, darunter eineinhalb Jahre bei Rechtsanwalt Berg tätig und 20 Jahre alt ist, erhält ganze 52— zweiundfünfzig— Mark. Auch dieser Angestellte hat eine Tätigkeit auszuführen, die als diejenige eines qualifizerten Arbeiters zu bezeichnen ist; außerdem beschäftigt Herr Berg noch einen jungen Mann im Älter von 15 Jahren für 17— sicbenzehn— Mark. DaS erfreuliche ist nun. daß diese Arbeiter sich etne solche Ausbeutung ihrer Arbeitskraft nicht länger gefallen zu lassen gewillt sind und deshalb an ihre Organisation herangetreten sind. Von der Organisation sind nun bescheidene Forderungen gestellt worden und dem borgenannten Herrn schriftlich unterbrettet. Dieser hat es aber, dep Herrenstandpunkt der Kühnemänner teilend, nicht einmal der Mühe wert gehalten, auf daS schriftliche Ersuchen der Organisation zu ant- Worten. Auch der Versuch eine» Organisationsvertreters, auf Herrn Ijierbei jedoch, daß er persönlich sogar für eine Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer an den Einkünften des Betriebes wäre, wenn dem nicht ein Entscheid deS EhrengerichtShofeS der Anwälte ent- gegenstände! Die reine Ironie! Die Angestellten haben auf diese» Verhalten deS Anwalts die einzig richtige Antwort gegeben und dem Arbeitgeber erklärt, daß ie zum 1. Juni die Arbeit niederlegen. Ehrenpflicht jedes Arbeiters, soweit er für Bureauarbeiten qualifiziert ist, ist es nun, unter keinen Umständen eine Anstellung beim Rechtsanwalt Berg, der schon jetzt Arbeiter zu engagieren ver- ücht, anzunehmen. Ehrenpflicht eineS jeden Arbeiters ist eS aber auch, ihre Klassengenosien aus den BureauS. bei denen sehr oft noch ein falscher Dünkel grassiert, aufzuklären und zu klassen- bewußten Mitkämpfern zu machen. Es wird dann auch den An- wälten, deit Vertretern des sogenannten„Rechts" im heutige» Klassensiaat, zum Bewußtsein gebracht werden, daß auch die Bureauangestellten eS satt haben, sich als willenlose AusbeutungS- objekte länger gebrauchen zu lassen. Ein Ausstand der in Packfaßfabriken Berlins und Umgegend beschäftigten Böttcher ist Freitag abend in einer Versammlung, die diese bei Wille in der Brunnenstratze abhielten, proklamiert worden. Die Innung als solche hatte über die eingereichten Forderungen Verhandlungen abgelehnt und erllärt, daß jeder Ar- beitgeber mit seinen Arbeitern Vereinbarungen treffen wolle. Die Versammelten lehnten diese Zumutung, die als eine Ver- schleppung angesehen wurde, ab und beschlossen, vom nächsten Montag ab die Arbeit ruhen zu lassen und nicht früher wieder auf. zunehmen, bis alle Forderungen bewilligt sind und ein Tarif» vertrag zustande gekommen ist. Mit dem Streik der Lithographen in der Neuen photographischen Gesellschaft in Steglitz beschäftigte sich eine große öffentliche Ver- sammlung, die am Donnerstag im Restaurant Link zu Lankwitz tagte. Der geräumige Saal war dicht gefüllt, besonders war daö Personal der Neuen photographischen Gesellschaft überaus zahlreich erschienen, trotzdem es in der üblichen Weise zum Richtbesuch be- einslutzt worden war. Der Vorsitzende der Berliner Lithographen- filiale des Deutschen Senefeldcr-BundeS, Genosse Barthcl, der das Referat übernommen hatte, schilderte einleitend den gesundheit- lichen, erzieherischen und allgemein kulturellen Wert kurzer Arbeitszeiten, die zahlreichen und verschiedenartigen Kämpfe, die für die Arbeitszeitverkürzung in allen Ländern und vor allem auch in Deutschland durch die verschiedensten Berufe geführt worden sind und die großen Vorteile, die erfolgreiche derartige Kämpfe weit über die Zahl der Beteiligten hinaus zur Folge hatten. Er kam sodann auf die vorjährige Bewegung im Berliner Lithographiegewerbe zu sprechen, die unter anderem auch zur allgemeinen Einführung des Achtstundentages für Lithographen geführt hat. In einigen kleinen Krauterbuden wird nur noch länger als 8 Stunden gearbeitet, zu ihnen zählt in dieser Beziehung auch die weltbekannte, mit aller- böchster Anerkennung bedachte Reue photographische Gesellschaft in Steglitz bei Berlin. Diese Firma, die sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in reklamehafter Weise ihrer„Wohlsahrts". Einrichtungen rühmt, hat für die minimalsten, der wahren Arbeiterwohlfahrt dienenden Forderungen nur die brüske Ab- lehnung übrig. Die Lithographen sind daher, weil ihre bescheidene. in sachlichster Weise begründete Forderung auf Einführung der für alle Berliner Kollegen gültigen achtstündigen Arbeitszeit kurz und bündig und ohne iede Begründung abgelehnt wurde, einmütig in den Ausstand getreten. Streikbrecher aus dem Lithographiebcrus hat die Firma nicht bekommen können, Streikarbeit in anderen Anstalten konnte sie nicht gemacht erhalten. Deshalb hat sie- es jetzt in protzigster Unterschätzung der qualifizierten Arbeit mit un- organisierten Graveuren und Tylographen versucht, nachdem sie mit Reproduktionsphotographen, Schlossern, Mechanikern usw. nicht zustande gekommen ist. Mit den gewonnenen Streikbrechern dürfte sie allerdings dieselben Erfahrungen machen, und wenn diese in ihrem erlernten Beruf auch noch so tüchtig wären. Trotzdem wäre es aber gut. wenn die Firma auch nicht in der Wahrung des Scheins unterstützt würde. Es sei daher notwendig, daß sich die gesamte Arbeiterschaft des Betriebe? mit den streikenden Lithographen solidarisch erklärte, daß sie Streikbrecher aus anderen Berufen fern- halten und Streikarbeit auch im Buchdruck unmöglich machen helfe. In der lebhaften Diskussion gaben die Vorstände aller Organi- sationen, von denen Mitglieder in der Neuen photographischen Gesellschaft beschäftigt sind, Erklärungen ab. die Streikenden in jeder Weise unterstützen zu wollen. � Oeutlches Reich. Hafenarieiterstreik in Düsseldorf. In Düffeldorf befinden genommen, aber noch nicht zum Abschluß gelangt. Zuzug ist strengstens fern zu halten. Eine amtliche Berichtigung gibt'» nicht. In dem Jahresbericht der preußischen RegierungS- und«e« werberäte für 1004 waren bekanntlich von dem Geheimen RegierungS- und Gewerberat Sack in Königsberg über den großen KömgSberger Lohnkampf im Baugewerbe im Jahre 1004 völlig unrichtige und unzulängliche Angaben gemacht worden. Im„Vorwärts" wurde SJeionto. Redakteur: Ha», Weber. Berlin. Inseratenteil peragtV.; Th. Glocke, Vsrlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdr. u.PerlagSavMt Pgul Singer& Co., Berlin SW. ...___________. na r..----------------------------------- ß den Herrn Gewerberat emgeladen hatte, damit er feine Angaben rechtfertigen konnte. Der Mann war aber nicht erschienen und die Versammlung erklärte in einer Resolution folgendes: „Die am 12. September 1905 abends im Ludwigshof statt« findende öffentliche Gewerkschaftsversammlung aller Branchen er« klärt den amtlichen Bericht deS Herrn GewerberatS Sack über den diesjährigen großen Lohnkampf im Baugewerbe für völlig unrichtig.... Die Versammlung findet es geradezu un» gcheuerlich, wie ein Beamter eS wagen kann, solch einen Bericht der Regierung zu unterbreiten. Sie erwartet, daß Herr Sack zur Rechenschaft gezogen und daß imnächstenJahresbericht ein wahrheitsgetreue» Bild von dem Lohn- kämpf gegeben wird." Der Jahresbericht für 1005 ist wohl kürzlich erschienen— von einer Richtigstellung ist auch nicht eine Zeile zu entdecken. So werden die Arbeiter in Preußen behandelt. Naturlich können sie einer derartigen Gewerbeanfsicht auch nicht das geringste Ver» trauen entgegenbringen._ Eingegangene Druchfcbriften. Plutus. Kritische Wochenschrist für BolkSwirsschast und Finanzwesen (Herausgeber: Georg Bernhard). 20. Heft.(Abonnements einschließlich der PlutuS-Merkiasel vierteljährlich per Post und Buchhandel 3,50 M.. dtrelt vom Verlag 4 M. Probeheste gratis i» jeder Buchhandlung und vom Verlag Berlin-Charlottenburg. Goethestr. SS.) DaS Deutschland der Segenwart. Vier Reden, gehalten Im.Wirt- schastlichen Schuhverband" zu Hamburg voa Max Lorenz, Herausgeber der „Antisozialdemokratischen Korrespondenz". Berlag Dr. Wedekind u. Co., Berlin LW. 19. Dr. I. Wolf, Zeitschrist für Soziallvissenschast, Hest 5. Monatlich ein Hest. Pret» olerteljährlich S M., Einzelheit 2 M. 12 hejte bilden eine» Band. Verlag G. Reimer, Berlin W. 36. Geschäftsbericht der Bereinigung der Zimmerer und verwandten BerusSgenossen DeutichlandS für die Jahre 1904/06, nebst Protokoll der S. Konseren, 190S. 74 Seilen. Berlag Th. Fischer, Berlin Danziger- sttaße 70._. Letzte JVachncbten und Depelcben« Unsere Kühnemänner. Berlin, 19. März.(W. T. B.) Die Vereinigung der Berliner Metallwarenfabrikanten teilt mit, daß sie in ihrer heutigen außerordentlichen Generalversammlung einstimmig beschloffen hat, im Anschluß an den bekaunteu Beschloß des Gesamtverbandes deutscher Metallindustrieller am 2. Juni 60 Prozent ihrer organisierte« Arbeiter auszusperren. Ein Riescnbranb. New Dork, 10. Mai.(B. H.) An den Ufern des MichiganseeS wütet ein Waldbrand, der bereits 200 Ouadratmeilen zerstört hat. Die Ortschaften Saundery und GuynnaSco sind vollständig ein- geäschert. Es ist nicht möglich, zu erfahren, ob und wieviel Menschenopfer zu beklagen sind. Der Sachschaden beläuft sich auf Millionen. Die Stadt Dakota ist ebenfalls schwer bedroht. Mehrere Regimenter Miliztruppen befinden sich an Ort und Stelle, um da? Feuer zu bekämpfen, ebenso die gesamte Bevölkerung. Hierzu 5 Beilagen. Nr. 116. 23. Jahrgang. t SkilU des JotroWs" Kerlim NcksM Sonntag» 26. Mai 1966. KeicKstag. 107. Sitzung vom Sonnabend, den 10. Mai, vormittags 11 Uhr. Am Bundesratstisch: Frhr. v. Rheinbaben. Die dritte Beratung der Reichsfinanzreform wird fortgesetzt beim Reichsstempelgefetz, und zwar bei den Frachturkunden. Hierzu liegt ein Antrag des Abg. Dr. Beumer(natl.) vor, der eine Reihe stilistischer Unebenheiten und Sprachfehler aus dem Gefetz beseitigen will. Abg. Lipinski(Soz.): Der Abg. Büsing hat gestern erklärt, daß die meisten Gewerbe- treibenden, die eine Steuer bekämpften, nur von der betreffenden Steuer verschont bleiben wollten, damit sie ihren Nachbar treffe. Dieser Grundsatz, den der Abg. Büsing verworfen hat, kommt in vollem Maße bei dem Frachturkundenstempel zum Ausdruck.(Sehr wahrl bei den Sozialdemokraten.) Was stellt der Stempel anders dar als die Feindschaft der Agrarier gegen die Industrie? Welche Belastung die Industrie durch den Frachturkundenstempel erfährt. ist in einer Petition an das Haus näher berechnet. Ich will bloß einzelne Sätze herausgreifen. Danach ergibt sich für die BaunUvoll- industrie eine Belastung von 320 M.. für die Ziegelindustrie eine solche von 133 M., für die Holzstoff- und Zellstoffindustrie eine solche von 265 M. und für die Tonwarenfabriketl eine solche von 360 M., für die Zementfabriken eine solche von 500 M. usw. Das sind doch ganz erhebliche Belastungen, die bis 530 Proz. der Gewerbesteuer be- tragen.(Hört! hörtl bei den Sozialdemokraten.) In der Vorlage kommt ferner die Feindschaft der rechten Seite gegen jede Verbesie- rung der Waffer- und Veriehrsstraßen deutlich zum Ausdruck. Ich erinnere bei dieser Gelegenheit auch daran, daß im preußischen Abgeordnetenhause der sckiärfste Protest gegen die Kanalvorlage er- hoben ist. Auch in anderen Bundesstaaten, wo es sich darum handelte, die Wasserstraßen neu auszubauen, zeigten die Parteien, die hier die Mehrheit bilden, den stärksten Widerstand. In dem hochentwickelten Sachsen, wo die Agrarier die Mehrheit haben, haben sie seit 30 Jahren verhindert, daß zwischen der großen Industrie- stadt Leipzig und der Elbe und Saale irgend welche Wafferstraßen geschaffen werden konnten.(Hörtl hörtl) Durch die Belastung der Industrie werden die Arbeiterinteresscn auf das schwerste getroffen werden, weil die Industrie natürlich wieder versuchen wird, alle anderen Ausgaben einzuschränken, und zwar insbesondere dadurch, daß eine Steigerung der Löhne hintangehalten wird. So haben denn die Mchrheftsparteien auf der einen Seite durch die Zollgesetz- gebung die Lebensmittel verteuert und verhindern auf der anderen Seite, daß die Arbeiter eine Erhöhung ihres Lohnes gewinnen können, der einen gewissen Ausgleich herbeiführt. Wir bekämpfen die hier vorgeschlagene Steuer auch in der vorliegenden Form als Verkehrs- und arbeiterfeindlich. Ter Antrag Beumer bedeutet ja eine redaktionelle Verbesserung. Die Tatsache, daß man auf diese Weise Sprachfehler noch aus der Vorlage beseitigen muß, be- weist ja, in welcher Weise die Mehrheit gearbeitet hat.(Lebhaftes Bravo l bei den Sozialdemokraten.) Abg. Hoffmeister(frs. Vg.); Für die Ausgaben für Heer und Flotte sind wir auch; aber die Einnahmen müssen gerecht verteilt, z. B. durch eine Vermögenssteuer aufgebracht werden. Diese Fracht- urkunden-Steuer aber lehnen wir ab.(Beifall bei der Freisinnigen Bereinigung.) Abg. Gothel»(frs. Vg.): Die Steuer ist ein Muster von Un- Gerechtigkeit; sie belastet die schwächsten Schultern am meisten. Die Debatte ist erschöpft. Das Gesetz über die Besteuerung der Jrachturkunden wird nach den Beschlüssen zweiter Lesung an- genommen. Es folgt die Beratung der Fahrkartensteuer. Hierzu liegt ein Antrag der Abgg. Eickhoff(frs. Vp.) und vierten(fts. Vp.) vor, der dahin geht, nicht nur die Militär- und Arbeiterfahrkarten, sondern auch Schülerfahrkarten steuerfrei zu lassen. Ferner verlangt ein Antrag des Abg. Dr. Becker'(natl.), unter- stützt von den Abgg. Herold(Z.), Rettich(k.), und Bokelmann (Rp.), daß für Kinderfahrkarten die Hälfte der Stempelabgabe, mindestens jedoch 5 Pf. entrichtet werden sollen. Bei Sonderfahrten usw., für deren Benutzung keine Fahrkarten ausgegeben werden, soll der Stempel in Höhe von 10 v. H. des gesamten BeförderungS- Preises entrichtet werden. Abg. LipinSki(Soz.): Die Kommission hat sich die Aufgabe gestellt, möglichst viel aus den neuen Steuern herauszuholen, und eS hat sich ja in der Kam- Mission eine Anzahl von Steuerfreunden große llllühe zur Auf- findung neuer Steuern gegeben. Auch das Publikum außerhalb des Hauses hat sein Scherflein zu diesen Steuerplänen beigetragen. So sind vorgeschlagen worden: eine Vergnügungssteuer, eine Jung. gesellensteuer, eine Wehrsteuer und noch so manche andere Steuer. Man könnte beinahe bedauern, daß die Kommission sich diese ganzen Steuerprojekte nicht zu eigen gemacht hat. Den Abg. Herold muß ich daraus hinweisen, daß das Defizit im ReichshauShaltsetat zurückzuführen ist auf die Flottenbewilligungen durch die Mehrheit. Daß die Mehrheit hier im Reichstage nicht der Mehrheit der Volkskreise entsprichst, geht schon daraus hervor, daß für die Mehrheit hier viel weniger Stimmen bei den Wahlen ab- gegeben worden sind, als für die Minderheit des Hauses. Wir haben schon bei der zweiten Lesung darauf hingewiesen, daß die unteren Klassen verhältnismäßig hoch belastet sind. Der Fahrpreis für 1 Kilometer beträgt in der ersten Klasse 3 Pf., und der Reisende fährt dort in der Regel allein. In der dritten Klasse wird 1 Kilo- meter mit 4 Pf. berechnet; da aber das Wagenabteil mit 10 Per- fönen besetzt wird, so bringt 1 Kilometer 40 Pf. ein! Durch die hier vorgeschlagene Fahrkartensteuer wird der Reisende erster Klasse auch erheblich weniger belastet, als z. B. der Geschäftsreisende, der dritter Klasse fährt, einen großen Teil deS Jahres unterwegs ist und dann mit 1000 oder noch mehr Mark Steuern rechnen muß. Es ist also auch hier von einer gleichmäßigen und gerechten Steuer gar keine Rede, im Gegenteil— es wird nach dem vom Abg. Büsing gestern erwähnten Prinzip die Steuer auf andere übertragen. (Sehr ichtig! bei den Sozialdemokraten.) Es ist auch gesagt worden, daß die Arbeiter von dieser Fahrkartensteuer nicht in Mit- leidenfchaft gezogen werden. Ich habe bereits in der zweiten Lesung darauf hingewiesen, daß die Fahrkartensteuer ein Abschieben der Passagiere in die unteren Wagenklassen zur Folge haben wird. Die weitere Folge wird eine Verminderung der Einnahmen der Eisenbahn sein, die man durch eine Ersparung an den Arbeiter- löhnen auszugleichen bemüht fein wird.(Sehr richtig I bei den Sozialdemokraten.) Also auch die Interessen der Arbeiter werden durch diese Fahrkartensteuer auf das schwerste getroffen, und der SchiffahrtSvcrkehr, der gesamte Verkehr aus Eisenbahnen, cmf den Straßen wird durch die Steuer unterbunden. Wir lehnen die Vor- läge ab, weil sie ein Verkehrshemmnis bildet und weil sie ungerecht und unsinnig ist.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Graf Könitz(k.): Die Einnahmen aus der Fahrkarten- stcuer werden nicht die erwarteten sein, auch die Einnahmen der Einzelstaaten aus den Eisenbahnen werden zurückgehen. Trotzdem werde ich dafür stimmen(Schallende Heiterkeit links) im Interesse deS Zustandekommens der Finanzreform. Abg. Eickhoff(frs. Vp.) begründet seinen Antrag: Es liegt auch ein soziales Interesse vor, den Schülern, die zum Schulbesuch die Eisenbahn benutzen müssen, diese nicht noch mehr zu verteuern. Abg. Spahn(Z.): Dem Antrag Eickhoff kann man zustimmen. — Die Fahrkartensteuer ist gewiß keine idegle. aber im Interesse des Zustandekommens der Finanzreform ist sie nötig.(Beifall im Zentrum.) Abg. Westermann(natl.): Sollten die Bedenken gegen die Fahrkartensteuer sich als berechtigt herausstellen, so wird nichts im Wege stehen, daß der Bundesrat auf bereits abgelehnte Steuern zurückkommt, etwa die Tabalsteuer.(Lebhaftes hörtl hörtl links.) Dem Antrag Eickhoff werden wir zustimmen.(Beifall rechts.) Abg. Herbert(Soz.): Die Mehrheit ist ja entschlossen, die Steuern um jeden Preis anzunehmen. Darum werden auch die Einwendungen, die ich noch vorzubringen habe, wenig Eindruck auf sie machen. Ich verweist deshalb nur auf den Notschrei der sächsssch-böhmischen Dampfschiff- fahrtsgesellschaft und der Wesermühl-Aktiengesellschaft, der zu uns gelangt ist. Noch einige Worte zu dem Antrag Becker über die Besteuerung der Sonderfahrten. Nach seiner Annahme würde für Sonderfahrten eine lOprozentige Steuer auch da zu entrichten sein, wo die Personcnfahrkarten freigelassen sind. Der Fahrpreis von Stettin nach Podejuch kostet zum Beispiel 35 Pf. pro Person. Nun mieten die Arbeiter häufig ein Schiff, um billiger zu fahren. Nach dem Antrage Dr.. Becker und Genossen aber müßten sie in Zukunft noch extra Steuern zahlen! Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel anführen, aus dem her- vorgeht, daß die 10 Proz. viel zu hoch gegriffen sind— es ist ja nicht unsere Sache. Abänderungsanträge zu stellen; wir müßten auch gegen einen Antrag stimmen, der nur 5 Proz. Steuern ver- langt, aber überlegen Sie es sich: Ich hatte einmal in Stettin zu einer Rügenfahrt ein Schiff gechartert für 2500 M. Der Fahr- preis pro Person stellte sich bei über 600 Passagieren auf 4 M. Da nur eine Schiffsklasse geführt wurde, so wären nach dem Fahrkartentarif pro Person 10 Pf. Steuer zu zahlen gewesen. Nach dem Antrage Becker und Genossen würden aber auf jeden Passagier 40 Pf. Steuer entfallen, genau so wie nach dem Fahrkartcntarif auf Billetts erster Klasse? Hier werden auch einmal die Arbeiter als„erstklassige" Menschen betrachtet— leider nur, wenn man von ihnen Steuern haben will.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Der Abg. Graf Könitz hat eine ausgezeichnete Rede gegen den Fahrkartenstempel gehalten, die wir nur zu verbreiten brauchten, um allem Volke dessen Schädlichkeit darzutun. Aber Graf Könitz hat es unterlassen, die Konsequenzen zu ziehen. Wir sind nicht im- stände, das gleiche Opfer des Intellekts zu bringen und lehnen daher die ganze Vorlage ab.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdem.) Abg. Gainp(Rp.): Dem Antrage Eickhoff werden wir zu- stimmen.— Sollten die Berliner Großbrauereien ihren Plan wahr machen und den Konsum stark belasten, so wird der Reichstag im nächsten Jahre über stärkere Besteuerung des Bieres unter gleich- zeitiger Herabsetzung der Fahrkartensteuer wohl anders denken als heute.(Beifall rechts.) Abg. Schräder(frs. Vg.): Die Regierung hat in der Kam- Mission zuerst starke Bedenken gegen die Fahrkartensteuer erhoben; jetzt ist sie still und will mit Dank die Steuer entgegennehmen. Das Gesetz ist von einer UnVerständlichkeit, wie wohl noch niemals ein Gesetz eS war. In stärkster Weise getroffen von der Steuer wird wieder der Stand, den Sie immer schützen zu wollen be- haupten: der Mittelstand. Es ist kaum zu begreifen, daß die Nationalliberalen die Führung übernehmen in diesem verderblichen Kampfe gegen Handel und Industrie.(Sehr richtig! bei den Frei- sinnigen.) Bei den Wahlen werden Sie die Quittung dafür empfangen.(Beifall bei den Freisinnigen.) Ministerialdirektvr Kühn: Wir haben an die Schülerkarten wohl gedacht, eine Befreiung bei ihnen aber nicht für so nötig gehalten als bei den Arbeitern. Abg. Bollmar(Soz.): Die Mehrheit befindet sich in einer Lage, daß sie irgend welchen Gründen gar nicht mehr zugänglich sein darf. Die Herren dürfen nicht einmal mehr die Zeitungen ihrer eigenen Partei lesen, weil sie fürchten müssen, sich mit ihnen in Widerspruch zu setzen. Es wurde vorhin gelacht, als Graf Kanitz eine schöne Rede hielt, in der er all die Gründe ausführte, die auch wir gegen die Steuern haben, um aber schließlich zu erklären, daß er nichtsdestoweniger dafür stimmen werde. Solche Kanitze gibt es dutzendweise (Sehr richtig! und Heiterkeit.) sowohl beim Zentrum wie bei den Nationalliberalen. Daß die Fahrkartensteuer verkehrsfeindlich ist. wird wohl niemand bestreiten. Verkehrs freundlich ist das, was der Ausdehnung des Verkehrs dient, und jede Erhöhung der Preise— direkt oder indirekt— muß naturgemäß verlehrs- erschwerend wirken. Ich finde eS geradezu unglaublich, daß sich Verkehrsminister in unseren Einzelstaaten gefunden Habens, die, nachdem sie ursprünglich alle die Gründe vertraten, auS welchen wir heute gegen die Steuer stimmen, nichtsdestoweniger alsbald nachgegeben haben.(Sehr richtig! links.) Ich muß außerordentlich bedauern, daß gerade der Verkehrsminister meines engeren Vater- landeS, Bayern, auch umgefallen ist, ja eine ganz besondere Rolle bei diesem Gesamtumfall gespielt hat.(Hört! hörtl) Die Ne- gierungen grauen sich heute vor gar nichts mehr. Sie drücken die Augen zu und schlucken alles.(Heiterkeit und Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Die Stellung des bayerischen Verkehrs- Ministers ist um so merkwürdiger, als gerade die süddeutschen Staaten es sind, welche die Kosten der Vorlage zu tragen haben. (Sehr richtig! links.) Herr Spahn hat die Behauptung aufgestellt, daß der vierte Teil der Steuer vom Ausland getragen werden würde. Ich würde diese Behauptung eine kühne nennen, wenn ich nicht schon so und so viel Annahmen von Gerichtshöfen gehört hätte, die mindestens ebenso unwahrscheinlich waren. Gewiß wird es einem großen Teil auslandischer Reisenden unmöglich sein, sich der Steuern zu ent- ziehen. Aber die süddeutschen Staaten sind in der ganz besonders schlechten Lage, daß der ausländische. Verkehr sie mit Leichtigkeit umgehen kann. DaS sind keine Annahmen, darüber haben wir Beweise. Ein paar Jahre ist auch der Orientzug nicht mehr durch Süddeutschland gegangen, sondern durch die Schweiz.(Zu- ruf: DaS kommt jetzt wieder I) DaS kommt sicher. Es gibt zwar viele Leute, die mit dem Orientzuge fahren, die reich genug sind. um die paar Mark zu bezahlen, aber so viel Freunde hat sich Deutschland durch seine ganze Politik im Auslände gerade nicht erworben, daß man aus bloßer Freundschaft für Deutschland die Steuer noch dazu bezahle, wenn man auf dem bequemsten und schönsten Wege um Deutschland herumfahren kann.(Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Man hat den Tauern- bahnhof bedeutend vergrößert und versucht, die Tauernbahn an die österreichische Linie nach Salzburg anzuschließen. ES sind Millionen dafür bewilligt worden, aber während wir nun versuchen, den österreichischen Verkehr zum Teil auf unsere Linie herüber. zuziehen, wird durch diese Vorlage das Wirken Oesterreichs er» leichtert, daS alles versuchen wird, die Tauernbahn möglichst lange auf österreichischem Gebiete festzuhalten. Dadurch wird der Teil Deutschlands, um den eS sich hier handelt, schwer geschädigt werden. Die Mehrheit bezeichnet die Vorlage mit dem schönen Worte: „Reichsfinanzreform", aber in Wirklichkeit ist eS eine Reform, die dahin geht, das geordnete Finanzwesen in den Einzelstaaten noch schwerer zu schädigen als bisher.(Sehr richtig! bei den Sozial- oemokraten.) Der Abg. Beumer hat einen Antrag gestellt, um das mangelhafte Deutsch in der Vorlage zu verbessern. Nun, das Deutsch ist nicht schlechter, als es in anderen Gesetzen ist, und im übrigen kann das Deutsch darin nie s o schlecht sein wie daS Gesetz.(Große Heiterkeit.) Die Mehrheit hat sich gegen die redaktionellen. Aen- derungen deS Abg. Beumer ausgesprochen. DaS Gesetz soll so bleiben, wie es ist. Die Herren haben für ihren Standpunkt ganz recht. Wenn man sich einmal zu einem bösen Werke verbündet hat, so darf man nicht rechts noch links gehen, dann muß man mit Scheuklappen gexadeauS gehen..(Heiterkeit.) Von nationalliberaler Seite ist gesagt worden, daß die Grund- sätzc der Nationalliberalen diese verpflichten, bei ihrem Antrage stehen zu bleiben. Ich muß sagen, daß die Verbindung von Grund» sätzen" und„Nationalliberalen" überhaupt etwas merkwürdig ist. (Große Heiterkeit.) Meines Wissens haben bei der zweiten Lesung drei Nationalliberale gegen die Vorlage gestimmt. Wer hat da keine Grundsätze? Die drei Herren oder aber Sie(zu den Nationaliberalcn)?(Große Heiterkeit.) Im bayerischen Land- tag hat sich der Block der Liberalen, zu dem auch die National» liberalen gehören, auf unseren Standpunkt gestellt. Ich glaube sogar,— Herr Dr. Müller-Meiningen wird ja darüber Auskunft geben können—, daß die Nationalliberalen die größere Mehrheit des Blocks bilden. Haben nun die dortigen Nationalliberalen keine Grundsätze oder aber Sie(zu den Nationalliberalen)? Oder soll man sagen: Es ist der alte Liberalismus mit doppeltem Boden, von dem wir schon oft die merlwürdigsten Dinge gehört haben? Der Abgeordnete Westermann hat aber den nationalliberalen Grundsätzen eine weitere Auslegung gegeben. Erljat angekündigt. daß, wenn die Geschichte nicht ginge, noch weitere Steuern ge- schaffen werden müßten. In erster Linie würde der Tabak daran glauben müssen. Das ist sehr verdienstlich von ihm gewesen.(Leb- hafteS Sehr wahr! links.) Freilich, wer darüber nachdachte, wüßt? das von Hause aus.(Sehr richtig! links.) Glauben Sie denn. daß wir mit diesem Ding, welches man„Finanzreform* nennt. am Anfang stehen? Die Vorbereitungen zur Fortsetzung sind be- reits getroffen.(Sehr wahrl links.) Praktisch ist das Gesetz aber der reine Wahnsinn.(Bravo l links.) Nach meiner Auf- faffung gibt es für die, die dafür stimmen wollen, keine Ent- schuldigung.(Sehr wahr! links.) Uns Sozialdemokraten wird so oft der Vorwurf gemacht, wir seien die eingefleischtesten, rück- sichtslosesten Parteimänner, für uns sei lediglich das Partei- interesse maßgebend, wir sähen nur auf das eigene Interesse, alles auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens sei für uns Agitation. Wenn es je einen Beweis dafür gegeben hat, das dies unzu». treffend ist, dann liefern wir hier den Beweis dafür, indem wir gegen dies Gesetz stimmen.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.)) Wenn es etwas gibt, was wir in unserem Parteiinteresse wünschen sollten, dann ist es gerade diese Staffel.(Sehr wahrt bei den Sozialdemokraten.) Wenn es eine Steuer gibt, die eine Er- ziehungssteuer, eine Aufklärungssteuer sein wird, so ist es diese Fahrkartensteuer: denn es ist eine Steuer, von der wir alle be- troffen werden, nicht nur einzelne Klassen� eine Steuer, die nicht bloß diejenigen ärgert, die sie bezahlen müssen, sondern auch die- jenigen, die nur daran denken, daß sie sie in einigen Wochen bezahlen müssen.(Schallende Heiterkeit.) Wer die Massen» Psychologie kennt, weiß, daß ich recht habe.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Dann gibt es einen Stand, der ganz besonders betroffen wird, der sich aber auch durch seine Redegewandtheit aus» zeichnet(Schallende Heiterkeit)— das sind die Handelsreisenden. Wenn ich mir einen solchen Reiseonkel vorstelle(Heiterkeit) und mir denke, wie redselig er gewöhnlich ist. dann kann ich mir unge- fähr denken, wie er reden wird, wenn diese Steuer erst einmal da ist.(Lebhafte Zustimmung links.) Ich bin der Meinung: die Wirkung dieser Fahrkartensteuer wird eine solche sein, daß alles, was Sie gegen die Sozialdemokraten sonst unternehmen möchten und vielleicht auch unternomen haben, vollständig und weitaus aufgehoben wird durch die Wirkung dieses Gesetzes.(Abg. Dr. Becker(natl.) ruft: Da können Sie ja froh fein!) Daher bitte ich Sie. sich die Sache doch noch einmal zu überlegen und sich zu fragen, ob die Sache wirklich so viel wert ist. Wenn sie aber diese Steuer trotzdem beschließen sollten, dann bin ich der Meinung. daß das deutsche Volk und daß Sie selbst an den Tag denken werden, an dem sie dieses Gesetz beschlossen haben.(Lebhafter langanhaltender Beifall links.) Frhr. v. Rheinbaben: Ich muß den bayerischen Verkehrs- minister verteidigen gegen die erhobenen Vorwürfe. Gewiß hatte er anfangs Bedenken, hat sie aber zurücktreten lassen im Interesse des Ganzen. Freilich, die Herren, die keine Verantwortung für des Reiches Zukunft haben, können die Zurücksetzung der Bedenken nicht verstehen.(Stürmischer Beifall rechts, stürmische Unter- brcchung links.) Für uns ist die salus publica(die öffentliche Wohlfahrt) das oberste Gesetz; sie geht allen Bedenken vor.(Bei, fall rechts, höhnisches Gelächter links.) Abg. Dr. Wolfs(Wirt. Ver.): Wir erklären unS gegen die Fahrkartensteuer. aber gerade in der Sorge für die Wohlfahrt des Reiches. Viel nötiger als die Fahrkartensteuer wäre eine Reform der Personentarife.(Beifall links und bei der Wirtschaftlichen Vereinigung.) Abg. Haußmann(Südd. Vp.): Die Regierung wollte 12 Millionen aus der Steuer herausholen, die Mehrheit aber will diesen Ertrag auf 50 Millionen Mark steigern. DaS Zentrum ist nicht verlehrsfreundlich(Widerspruch im Zentrum), und das gilt auch von den Konservativen. Am schlimmsten sind die National- liberalen bei ihrem Eintreten für diese Steuer daran; denn deren Wählerschaft wünscht eine EntWickelung des Verkehrs. Im württembcrgischen Landtage hat die Regierung auf eine Jnter- pellation erklärt, daß sie von Anfang an Widerstand gegen die Fahrkartensteuer geleistet habe, und der Landtag— einschließlich der Nationalliberale»— hat diese Antwort gebilligt.(Hörtl hörtl links.) Die Ausführungen des Abg. v. Wollmar sind in keiner Weise widerlegt worden. Kein Nationalliberaler wird eS wagen, die Fahrkartensteuer auf daS Programm für die Neuwahlen zu setzen. Die Fahrkartensteuer ist eine Dummheit, ein Mißgriff, Wir lehnen sie ab.(Beifall links. Große Unruhe rechts.) Bayrischer Bundesratsbevollmächtigter Ritter Dr. v. Burkhark» dankt dem preußischen Finanzminister für dessen Verteidigung deS bayrischen VerkchrsministcrS gegen die Angriffe des Abg. v. Nollmar im bayrischen Landtage und wendet sich gegen die Ausführungen des Vorredners. Abg. Werner(Ant.) wirft dem Abgeordneten Haußmann vor, daß er den ganzen Winter nicht anwesend gewesen sei, und nun daS Bedürfnis gehabt habe, recht lange und gründlich zu reden.(Un- ruhe links, Zustimmung rechts.) Redner spricht sich dann ent, schieden gegen die Fahrkartensteuer auS. Abg. Westcrmann(natl.) erklärt dem Abz. v. Vollmar gegen- über, daß die grundsätzliche Stellung der Nationalliberalen zur ganzen Finanzreform sie veranlasse, der Fahrkartensteuer zuzu, stimmen. Wenn er sich für die spätere Einbringung einer Tabak- steuervorlage ausgesprochen habe, so habe er damit nur seine per» sönliche Rieinung ausgesprochen. Abg. Speck(Z.): UnS macht die Fahrkartensteuer keine be» sondere Freude, wir betrachten sie aber als notwendig und werden sie unserer Wählerschaft gegenüber rechtfertigen.(Zustimmung im Zentrum.) Der süddeutsche Verkehr wird durch die Fahrkarte»- steuer nicht geschädigt werden. Wenn, wie der Abg. v. Vollmar be» fürchtet, die Reisenden einen Umwog über Oesterreich machen werden, so werden sie auS der Scylla der deutschen in die CharybbiK der österreichischen Fahrkartensteuer kommen.(Sehr richtig! im Zentrum.) München hat für die Ausländer so viel AnzichungS- kraft, daß sie die Fahrkartensteuer auch tragen. In Oesterreich hat sich nach Einführung der Fahrkartensteuer zunächst eine Abwände. rung aus den höheren in die unteren Fahrklassen vollzogen; aber schcn im dritten Jahre hat sich da ein Ausgleich vollzogen. Aus dem Munde eines demokratischen Abgeordneten macht sich die Herab. sctzung der Arbeit der Kommission, also einer parlamentarischen Einrichtung sehr übel.(Lachen links. Beifall im Zentrum und bei den Nationalliberalen.) Abg. v. Bollmar(Soz.): Der Abg. Speck hat behauptet, das Zentrum würde seine Hai« tung in diese? Frage aller Melt gegenüber zu verteidigen wissen« DaZ hervorragendste politische Organ dieser Partei, die„Kölnische Volkszeitung", schreibt über diese Steuer: „Wir unsererseits würden der ganzen Finanzreform keine Träne nachweinen, ja, wir würden ihr Scheitern mit Genug- tuung begrüßen, wenn die unpopuläre, unvernünftige Fahrkarten- steuer auf diese Weise unter den Tisch fiele.(Vielfaches HörtI hörtl links.) Auch die einzelstaatlichen Regierungen würden wohl nicht bös sein, wenn diese Steuer beseitigt würde. Möchte die dritte Lesung wenigstens dieses Ergebnis haben. Das Scheitern nicht nur der Fahrkartensteuer, sondern auch der Brausteuer wäre im Interesse des Zentrums wie in dem der Allgemein- heit kein Unglück. Vielleicht würde die Regierung dann mit besseren Steuerplänen kommen!(Vielfaches Hört! hörtl links.) Sie werden nun sagen, das sei ein Blatt, das ja seine Meinung habe und aussprechen könnte. Wenn man aber im Namen des Zentrums sticht, so hat der Gegner das Recht, Stimmen aus einem so hervorragenden Organ dieser Partei anzuführen, besonders dann, wenn Sie sagen, Sie würden mit Leichtigkeit nicht nur Ihre ländlichen, sondern auch Ihre städtischen Wähler davon überzeugen, daß Sie diese Steuer haben annehmen müssen. Die Bemerkung über die Tabaksteuer wollte Herr Westermann nur für seine Person gemacht haben. Am liebsten möchte er diese Stelle wohl wieder herauskratzcn aus seinem Stenogramm. Die Tatsache steht nun einmal fest, daß der offizielle Redner der Nationalliberalen bei dieser Gelegenheit eine neue Steuer prokla- miert hat.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Der preußische Herr Finanzminister hat sich veranlaßt gesehen, den bayrischen Berkehrsminister gegen einen Angriff von mir zu ver- teidigen. Wenn es nötig sein sollte, dann werde ich mich mit unserem Verkehrsminister schon persönlich auseinandersetzen, dafür bedarf es des preußischen Ministers nicht.(Heiterkeit.) Sodann hat der Vertreter der bayrischen Regierung— man sieht ja seine Landsleute auf diesen Bänken recht selten(Heiterkeit)— sich auch gegen den Angriff, den ich gegen den Umfall der bayrischen Re- gierung gerichtet habe, gewandt. Was hat er nun gesagt? Die bayrische Regierung habe ihren Standpunkt in der Kommission ver- treten. Und jetzt vertritt sie einen anderen Standpunkt. Ich wüßte nicht, was man unter Umfall sonst verstehen sollte.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ich habe keineswegs meinen Vorwurf nur gegen die bayrische Regierung gerichtet, sondern gegen die Regierungen im allgemeinen. Nur eine macht eine Ausnahme: Der biedre Schwabe forcht sich nicht.(Heiterkeit.) Er hat sogar versucht, dafür zu sorgen, daß auch der Münchener Umfall verhindert wurde;(Hörtl hörtl bei den Sozialdemokraten), aber es ist ihm nicht gelungen. Bayrischer Bevollmächtigter Ritter v. Burkhard: ES passiert nicht nur den Regierungen, daß sie ihre Entschließungen ändern. Auch in den Parlamenten fällt man häufig genug um. Ich er- innere an die Stellung der Sozialdemokraten zur Tantiemensteuer. Ich bitte Sie, die Vorlage abzulehnen.(Stürmische Heiterkeit links.) Ich wollte sagen: anzunehmen.(Beifall rechts.) Abg. Haußmann(Südd. Vpt.): Mir scheint nach den Ausführungen, die ich soeben gehört habe, als ob der Katzenjammer bereits kräftig einsetze, bevor es noch zu einem Beschluß gekommen ist.(Beifall links.) Abg. Dr. Spahn(Z.): Die„Kölnische Volkszeitung" hat zuerst einen Artikel für die Fahrkartensteuer gebracht. Im übrigen wird, wie ich trotz aller Hochachtung vor der Presse erklären mutz, die Zentrumspolitik nicht von der Presse, sondern durch die Beschlüsse der Fraktion gemacht. Das werden Sie auch bei der Abstinimung erfahren. Ich erkläre, daß kein Zentrumsabgeordneter den Artikel der„Kölnischen Volkszeitung" verfaßt hat. Abg. v. Bollmar(Soz.): Wenn der Abg. Dr. Spahn erklärt hat, der Artikel in der „Kölnischen Volkszeitung" mache auf die Zentrumspartei keinen Eindruck, diese werde vielmehr einstimmig für die Fahrkartensteucr eintreten, so wundert mich das weiter nicht. Auf verstockte Sünder macht eben nichts mehr Eindruck.(Heiterkeit.) Ich wollte nur beweisen, daß man auch in Zentrumskreisen sehr verschieden über diese Steuer denkt.— Wenn ich den Vertreter meiner heimischen Regierung richtig verstanden habe, hat er gesagt, er habe in der Kommission seine Bedenken nur„sanft" zum Ausdruck gebracht. Das ist überhaupt der Fehler, daß die bayrische Regierung der Reichsregierung gegenüber immer den„sayften Heinrich" spielt. (Große Heiterkeit.)— Wenn dann der Scrr Ritter v. Burkhard behauptet hat, wir seien bei der Tantiemensteucr umgefallen, so muß ich annehmen, daß ihm kein besseres Argument zur Ver- fügung gestanden hat. Wir haben nämlich in der Kommission nur deshalb gegen die Tantiemensteuer gestimmt, weil wir dasselbe auf viel besserem Wege bei der Erbschaftssteuer erreichen wollten.?lls wir dann sahen, daß die Erbschaftssteuer nicht in unserem Sinne gestaltet wurde, ließen wir unsere Bedenken gegen die Tantiemen- steuer zurücktreten.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Bayrischer Bevollmächtigter Ritter v. Burkhard stellt fest, daß er nicht gesagt hat, er sei sanft aufgetreten., Hiermit schließt die Debatte. Der Antrag Eickhoff-Merten(frs. Vp.),' wird mit großer Mehr- heit angenommen. Ebenso n l»z der Antrag Becker(natl.) auf Belegung der Kinderfahrkarten mit der halben Steuer und auf Besteuerung der Sonderfahrten, für die keine Fahrkarten ausgegeben werden, mit 10 vom Hundert des gesamten Fahrpreises angenommen. Die Abstimmung über die Fahrkartensteuer in der durch diese Anträge abgeänderten Fassung der Beschlüsse zweiter Lesung ist auf Antrag des Abg. Singer(Soz.) eine namentliche. Die Steuer wird mit 150 gegen 119 Stimmen angenommen. 4 Abgeordnete enthalten sich der Abstimmung. Die weitesten Bestimmungen über die Fahrkartensteuer werden debattelos angenommen, ebenso diejenigen über die Automobil- steuer und die Tanticmesteuer. Es folgt die Beratung der Erbschaftssteuer. Abg. Bernstein(Soz.): Wir müssen erklären, daß zu unserem großen Bedauern der Reichstag auf unsere weitergehenden Anträge nicht eingegangen ist. Es wäre bei deren Annahme möglich gewesen, von der einen oder der anderen Steuer abzusehen. Trotz- dem wir aber unsere Anträge nicht durchgesetzt haben, werden wir f ü r die Erbschaftssteuer stimmen, weil wir darin eine Abschlags- zahlung auf die Einführung direkter Steuern im Deutschen Reiche sehen.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Die Abstimmung über den Tarif ist auf Antrag des Abg. v. Norrmann(kons.) eine namentliche. Der Tarif wird mit 205 gegen 42 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen angenommen. Zur Geschäftsordnung erklärt Abg. Schräder(frs. Vg.), daß er aus Versehen seine Ab- stimmungskarte gegen die Erbschaftssteuer abgegeben habe; er habe für die Steuer stimmen wollen.(Heiterkeit.) Nach§ 14 werden Erbschaften, die Kirchen, kirchlichen, mild- tätigen und gemeinnützigen Stiftungen zufallen, mit 5 Proz. besteuert. Abg. am Zehnhoff(Z.) bittet, dem Begriff„mildtätige Stiftungen" eine möglichst weite Ausdehnung zu geben. Abg. Dr. Beumer(natl.) begründet einen Antrag, wonach bei diesen Erbschaften die im Gesetz vorgesehene Progression der Steuer wegfällt. Es sei menschlich begreiflich, wenn Leute, die für künst- lerische und gemeinnützige Zwecke große Summen stifteten, dafür dem Staat nicht noch etwas abgeben wollten. Abg. Bernstein(Soz.): Es war ja sehr interessant, daß Herr Beumer in seinen Ausführungen kein Wort von der Toten Hand gesprochen hat, während doch sein Antrag eine große Begünstigung der Toten Hand bedeutet. ES sollen alle Erbschaften und Schen- kungeu, die der Toten Hand zufallen— und mögen sie noch, so groß sein— im Gegensatz zu allen anderen Erbschaften nur anit 5 Proz. besteuert werden. Diesem Antrag, der die Wirkung haben Jojh die Erträge ans der Erbschaftssteuer zu verringern, können wir unter keinen Umständen zustimmen. Wenn die National- liberalen es mit ihrem Gewissen vereinbaren können, auf Kosten der Allgemeinheit der Kirche solche Zuwendungen zu machen, so mögen sie es tun, wir werden gegen diesen Antrag stimmen, der wider den Geist der Erbschaftssteuer verstößt.(Bravo! bei den Soz.) Abg. Dr. Müller-Meiningen(frs. Vp.) schließt sich den Aus- führungen des Vorredners in jeder Weise an.(Beifall links.) Abg. Burckhardt(Wirtsch. Vg.) wundert sich, daß die Sozial- demokraten und Freisinnigen geg�n den Antrag stimmen wollen, obgleich doch auch den Arbeitern die milden Stiftungen zugute kommen. Abg. Bernstein(Soz.): Wir können es sehr gut verantworten, wenn wir gegen den Antrag Beumer stimmen. Die Stiftungen kommen nur zum kleinsten Teil den Arbeitern zugute. Ich mache außerdem nochmals darauf aufmerksam, daß es eine große Reihe von Stiftungen gibt, bei denen kaum die Verwaltungskosten gedeckt werden. Im übrigen sind wir Sozialdemokraten ja auch grund- sätzlich dagegen, daß den Arbeitern das, was sie unbedingt be- dürfen, durch Wohltätigkeitsanstalten gewährt wird und nicht durch die Gesetzgebung. Sorgen Sie(nach rechts) erst einmal dafür, daß wir ordentliche Gesetze bekommen, dann brauchen wir keine Wohl- tätigkeitsanstalten.(Unruhe rechts.) Geben Sie doch erst einmal den Arbeitern das Koalitionsrecht in vollem Maße. Jedenfalls kommt das, was die Stiftungen leisten, doch durchaus nicht in Betracht gegen das, was die Arbeiterkoalitionen schon geleistet haben. Die Sorge dafür, wie wir unsere Haltung den Arbeitern gegenüber vertreten, können Sie uns überlassen.(Lebhafter Bei- fall bei den Sozialdemokraten.) Hiermit schließt die Debatte. Der Antrag Beumer wird gegen die Stimmen der Linken und des Abg. Hieber(natl.), den seine Freunde vergebens zum Sitzen auffordern, angenommen. Mit dieser Aenderung wird§ 14 angenommen. Bei§ 17 erinnern die Abgg. v. Gerlach(frs. Vg.) und Dr. Wiemer(frs. Vp.) daran, daß Abg. v. Oertzen(Rp.) versprochen habe, einen Antrag einzubringen, daß die für die landwirtschaft- lichen Grundstücke geltenden Vergünstigungen auch für die städtischen eingeführt werden sollen. Z 17 und der Rest der Erbschaftssteuervorlage wird nach den Beschlüssen der zweiten Lesung angenommen. Es folgt das Mantelgesetz. Nach einem Antrag Dr. Spahn(Z.), Dietrich(kons.), Büsing (natl.) soll die Fahrkartensteuer statt am 1. Juli erst am 1. August eingeführt werden. Abg. Graf Kanitz(kons.) bedauert, daß die Ausfuhrzölle und die Umsatzsteuer für Mühlen nicht in die Finanzreformvorlage hineingekommen sind, glaubt aber, daß in kurzer Zeit entsprechende Vorlagen nötig werden werden. Der Antrag Spahn-Dietrich wird mit großer Mehrheit an- genommen, ebenso ß 1— 2. Bei§ 3 bedauert Abg. Brunstermann(Rp.), daß man nicht zu der im Interesse der kleinen Staaten dringend notwendigen Bindung der Matrikular- beitrüge gekommen ist. § 3 und der Rest des Mantelgesetzes wird ohne weitere Debatte angenommen. Die Abstimmung über das gesamte Gesetz betreffend die Reichsfinanzrcform ist auf Antrag Bassermann(natl.) eine namentliche. Das Gesetz wird mit 149 gegen 95 Stimmen bei 5 Stimmenthaltungen angenommen. Die noch nicht erledigten Resolutionen werden von der Tages- ordnung abgesetzt. ES folgt die dritte Beratung der Flottenvorlage. Das Gesetz wird debattclos gegen die Stimmen k. Sozialdemokraten und der freisinnigen Bolkspartei angenommen. Die Tagesordnung ist erschöpft. Nächste Sitzung: Montag 1 Uhr. I. Zweite Beratung deS Handels- und Schiffahrtsveotrages mit Schweden; 2. zweite Be- ratung des Militärpensionsgesetzes. Schluß 4% Uhr. Die Revolution in Rntzland. Keine Amnestie! „Pardon wird nicht gegeben I" Dieses Wort aus kaiserlichem Munde scheint dem russischen Zaren als der Weisheit letzter Schluß vorzuschweben. Als seine getreuen„Ratgeber", seine Onkel und Tanten ihm gestern, Sonnabend, den 19. Mai(nach russischen, Stile: 6. Mai) zu seinem 38. Geburtstage herzlich gratulierten, hätten sie ihm nur mitteilen sollen, daß er sich bald „gratulieren" könne, wenn er vor dem durch ganz Rußland hallenden Schrei nach Amnestie sein kaiserliches Ohr verstopfe. Schließlich erreicht Nikolaus II. Alexandrowitsch in nunmehr zwei Jahren doch schon das Schwabenalter, und da müßte er sich in lichten Momenten darüber klar werden, daß Rußlands Zar mit dem Wohl und Wehe seines Volkes nicht mehr so spielen kann wie bis vor kurzer Zeit. Nun— wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit. Nikolaus' Heilige scheinen ihn verderben zu wollen I Es heißt zwar, die Amnestie sei nur deswegen noch nicht ver- kündet worden, weil das Justizministerium und das Ministerium des Innern die Arbeit nicht bewältigen konnten, und die Amnestie werde wohl am 27. Mai, dem Krönungstage erscheinen. Wer aber weiß, wie schnell russische Ministerien«Arbeit" zu bewältigen ver- mögen, wenn es gilt, nach Sibirien zu verbannen, zu knuten, zu hängen, der wird an den Ernst jener unverschämten Ausflüchte nicht glauben. Und ob eS für Nikolaus nicht allmählich gefährlich wird, auf m o r g e n zu verschieben, was er schon vorgestern hätte tun müssen, darüber ist auch kaum zu streiten. Einstweilen scheinen sich die Ohrenbläser des Zaren in ihrer Haut noch recht wohl und sicher zu fühlen. Meldet doch ein Bericht- erstatter der«Voss. Zeitung" aus Petersburg. Herr Goremykin solle gesagt haben: ein Drittel der Duma-Abgeordneten gehöre selber ins Gefängnis! i Auch diesen Mann werden die Vorgänge in Rußland wohl noch ein wenig anders denken und sprechen lehren.— Die trostlosen Reichsfinanzen. Ueber die Nichteinlösung der fälligen Schuldquote wird ge- meldet: Die in diesen Tagen fällige Einlösung der kurzfristigen Ver- pflichtungen der nlsstschen Regierung in Höhe von 60 Millionen Rubel sollen von der russischen Reutet um weitere drei Monate prolongiert werden. Wie das Ausland denkt. Nach einer«Standard"-Melduug aus London(vom 19. d. M.) haben die Verhandlungen zu einer cnglisch-russischen Verständigung, hauptsächlich mit Bezug auf die Türkei, Persien, Afghanistan und Tibet, einen vorgerückten Stand erreicht und werden zu Ende ge- -llhrt werden, wenn die neue Verfassung in Rußland zur Ausführung gelangt ist. Und aus Paris wird gemeldet: Paris, 19. Mai. Die französischen sozialistischen Abgeordneten beabsichtigen, beim Wiederzusammentritt der Kammer ein Sympathie- votum für die russische Duma in Borschlag zu bringen und gleich- zeitig die Dumamitglieder zur Entsendung einer Abordnnng nach ianS einzuladen. Die deutsche Oeffentlichkeit schweigt--- Hua der Partei. Eine skandalöse Unwahrheit produziert der„Zimmerer" in seiner soeben erschienenen Nr. 20 in einem 2% Spalten langen Artikel mit der gruseligen Stichmarke:„Ein Blick in den Hexenkessel". Es ist eine Anhäufung von Schiefheiten und Verdrehungen schlimmster Art, die sich zunächst gegen den Genossen Kautsky richten. Wir wollen dem Genossen Kautsky nicht vorgreifen, für den Fall, daß er eine Erwiderung auf diese Angriffe für nötig halten sollte. Zur Charakterisierung des„Zimmerer" wollen wir hier lediglich fest- stellen, daß er über Kautsky u. a. schreibt: «Kautsky ist als Schriststellername mir seit etwa 1885 bekannt..." Genosse Kautsky ist bekanntlich seit 1880 Mitarbeiter an den Höchbergschen sozialistischen Zeitschriften gewesen und seit 1883 hat er die„Neue Zeit" geleitet. Die Aeußerung KautskyS von dem«bornierten Haß dieser Elemente gegen jede Form der Arbeiterbewegung, die sich ein höheres Ziel setzt als fünf Pfennig Stundenlohn", fälscht der „Zimmerer", indem er hinter dem Wort.Elemente" in Klammern einfügt:«er meint damit die Leiter der Gewerkschaften ins- gesamt". Nach solchen Leistungen kann es einen kaum noch überraschen, wenn man im Fortgang des Artikels auf folgende skandalöse Un- Wahrheit stößt: „Seit dem Sturze der alten«Vorwärts"-Redaktion sitzt ein Genosse darin, der im Jahre 1905 eine längere Zeit die Redaktionsgeschäfte der„Einigkeit"(bekanntlich das gewerkschafts- feindlichste Blatt in Deutschland) besorgt hat und zwar zu der- selben Zeit, wo nach dem Kölner Gewerkschaftskongreß die große Schlammflut gegen die freien Gewerkschaften von diesem Blatt ausging..." Diese Behauptung, daß ein Mitglied der jetzigen„Vorwärts"- Redaktton jemals die Redaktionsgeschäfte der„Einigkeit" geleitet hätte, ist eine blanke skandalöse Unwahrheit. Es scheint jetzt im „Zimmerer" und den ihm geistesverwandten Blättern der GeWerk- schastspresie— glücklicherweise ist es die Minderheit— üblich zu werden, jeden Klatsch, sofern er sich gegen Blätter mißliebiger Genossen richtet, unbesehen, ohne jede Prüfung auf seine Stich- haltigkeit, in die Oeffentlichkeit zu tragen. Leichtfertigkeit bei An- griffen gegen solche Genossen scheint zur taktischen Regel dieserBlätter zu werden, und die Persidie dieser Takttk wird erhöht durch den Umstand, daß kein Name genannt wird, so daß dem Nichtunterrichteten überlassen bleibt, sich irgend einen beliebigen Genossen als den an- geblichen Verbrecher zu denken I Wir fordern den„Zimmerer" hiermit auf, den Namen des „Vorwärts"-Redakteurs, der die Redaktionsgeschäfte der„Einigkeit" geleitet haben soll, zu nennen und mit seinen Beweisen herauszurückenl Denn Beweise wird er doch haben? Oder nicht? Heraus mit der Sprachel Bom Wachstum der Organisationen. Der sozialdemokratische Wahlverein zu Bielefeld ist im Laufe des 1. Quartals dieses Jahres um 503 Mitglieder, von 1883 auf 2391 gewachsen. Personalien. Genosse May-Solingen ist nach einer Meldung der„Rhein. Zeitung" nicht in die Redattion der Elberfelder„Freien Presse" eingetreten, sondern er ist zurzeit als Annoncenakquisiteur für die„Freie Presse" tättg. Die Streittgkeiten in der holländischen Sozialdemokratie. Die vom Parteitag zu Utrecht'angenommene Resolutton über Taktik und Organisation, in der die Parteigenossen, die sich„besonders berufen und verpflichtet fühlen, die Partei vor Verwässerung und Abweichung von dem prinzipiellen Wege zu bewahren", als die Ur- Heber der persönlich zugespitzten Streittgkeiten hingestellt werden und in der ihnen vorgeworfen wird, anderen Parteigenossen systematisch den Stempel der Prinzipienschwäche, des Opporiunismus, Revisio« nismus usw. aufgedrückt zu haben, war selbstverständlich nicht besonders geeignet, die Streitigkeiten innerhalb der Partei zu beseitigen oder wesentlich abzuschwächen. Die Lertteter der Minderheit geben sich mit diesem Urteil nicht ohne weiteres zufrieden. Die Redaktton der „Nieuwe Tijd" veröffentlicht im Maiheft der Zeitschrift im Anschluß an die Resolution folgende Erklärung der Genossen Henriette Roland-Holst, Van der Goes und Gort er: „Diese Resolution war gegen die Marxisten und vor allem gegen die drei Redaktelire dieser Zeitschrist gerichtet und wurde mit großer Mehrheit angenommen. Dem gegenüber konstatteren wir: Daß in der Tat in den letzten Jahren einige Parteigenossen unseres Ecachtens danach trachten, die Partei von einer konsequenten und scharfen Führung des Klassenkamfes abzulenken und zu Kon« Zessionen an bürgerliche Gruppen zu bewegen. Wir erinnern hier, obwohl sich diese Richtuilg bereits früher wiederholt offenbarte, nur an das. was in der letzten Zeit vorgefallen ist: Vliegens Haltung in der Frage der Staatspensionierung, TroelstraS Aenßerungen über Frauenwahlrecht und an das Richtvcrteidigen der Arbeiterforderungen beim Gesetzentwurf über den Arbeitskontrakt durch die Kammer- fraktton. In allen diesen Punkten ist unser Kampfprogramm durch diese Parteigenossen verlassen worden. Wir konstatteren also, daß, obwohl wir niemals bezweifelt haben, daß diese von der unseren abweichende, aber in allen Ländern bestehende Richtting hiernlit den Interessen der Partei am besten zu dienen meinte, die Bezeichnungen Opportunismus und Revisionismus, die überall auf derartige Bestrebungen von Parteigenossen an» gewandt werden, auch von uns mit Recht auf diese Richtung an- gewandt wurden— und daß hier nur insofern von Systematik im Gebrauch dieser Bezeichnungen die Rede sein.kann, als es sich um Tatsachen handelte, in denen wir eine Abweichung vom Prinzip oder Programm nachwiesen. Wir konstatieren, daß, obgleich diese von uns gebrauchten Worte vollkommen zutteffend waren, der Kongreß sie doch als einen„Miß- brauch von der Freiheit der Kritik" gebrandmarkt hat. Diese Aeußerung des Kongresses schützt offenbar nur scheinbar die Freiheit der Kritik, aber sie soll uns in der Tat den Mund schließen und be- deutet eine Waffe für jene Opportunisten, die mit Recht[von unserer Kritik getroffen werden konnten. Wir erklären, daß wir dessen ungeachtet die volle und wahrhafttge Freiheit der Kritik nach wie vor fordern und sie, ebenso wie bisher, überall schützen werden." Nach dem Erscheinen dieser Erklärung wurde>die Debatte im „Het Volk" fortgesetzt. Die Genossen von der„Nieuwe Tijd"-Gruppe haben es bekanntlich abgelehnt, irgend ein Amt im Vorstande oder in der GeschästSleitung der Partei anzunehmen. Die Redaktion von „Het Volk" erklärt, daß die Parteigenossen mit dieser ihrer Weigerung und ihrer Auffassung auf dem„verkehrten Wege" seien. Nicht ihre Richtung sei verurteilt worden, sondern sie seien nur wegen der Form ihrer Kritik vom Parteitag„zur Ordnung gerufen" worden. Troelstra sucht sie von ihrem Entschluß unter anderm mit der Be- merkung abzubringen, daß— im Gegensatz zu dem, was in Holland geschah— die deutschen Revisionisten loiederholt, auf den Partei- tagen in Hannover. Lübeck und Dresden„zur Ordnung gerufen" worden sind, aber nichtsdestoweniger fortfahren, ihre Pflicht innerhalb der Partei zutun. Die Redaktion von„Het Volk" meint, wenn es nun, wie die Genossen von der„Nieuwe Tijd" annehmen, tatsächlich die Richtung sei, um die sich der Streit in Utrecht drehte, dann hätten sie umsomehr die Pflicht, dafür zu sorgen, daß ihre Richtung in der Parteileitung vertreten sei. Hierauf bemerkt Van der Goes in einem„Der einzig mögliche Weg" überschriebenen Artikel in „Het Volk" unter anderem: „Ich antworte, daß durch die Form, in der der Streit geführt wurde— die Debatte über das Amendement Roland-Holst(worin BeTanntltä) gesagt wurde, daß von beiden Richtungen die Grenzen kameradschaftlicher Kritik überschritten worden seien, das aber ab- gbgelehnt wurde)— das Teilnehmen an der Leitung der Partei und auch das Auftreten für die Partei in Angelegenheiten, die zur praktischen Politik gehören, für uns ganz ausgeschlossen ist. Es ist uns nicht mehr möglich, Sitz in der Parteileitung zu nehmen, noch im Namen der Partei au politi- schen Debatten in- und außerhalb der Kammer teil zu nehmen, so lange der 5iollgretz der Pariei, der Träger ihrer höchsten Autorität, nicht auf das in Utrecht Geschehene zurückkommt." Bau der Goes kündigt das Erscheinen einer Broschüre an, in der die Streitfrage ausführlich behandelt werden soll. Sie soll zu- gleich eine Antwort auf die kurz vor dem Utrechter Parteitag er- schienene Broschüre Troelstras bilden. poUieUlcbes, ßcrichtUchca ulw. „Wer lacht da?" Zur Verwerfung der Revision im Königs- berger Majestätsbeleidigungsprozetz, die wir gestern schon telegraphisch meldeten, wird uns noch aus Leipzig ge- schrieben: Das Königsberger Landgericht verurteilte am 3. April vorigen Jahres den Redakteur unseres dortigen Parteiorgans Genossen M a r ch i o n i n i. wegen Majestätsbeleidigung. Auf eine Notiz der Königsberger„Volkszeitung", daft der Agitationskalender für Ost- preuszen von der Bevölkerung sehr günstig aufgenommen worden sei, erhielt sie von einem patriotischen Spieß- bürger einen Brief, worin er seiner Empörung über den Inhalt des Kalenders unter Berufung auf den Kaiser Luft machte. Dazu bemerkte die„Volkszeitung" nur:„Wer lacht da?" In dieser Bemerkung sah das Landgericht der Stadt der reinen Vernunft die Majestätsbeleidigung, die der ex- orbitanten Strafe von vier Monaten Gefängnis gesühnt werden könne. Genosse Marchionini legte gegen das Urteil Revision beim Reichsgericht ein, erzielte aber nur eine Verwerfung dieser. Ohne eine mündliche Begründung wurde die Entscheidung über die Verwerfung vom zweiten Strafsenate einfach mitgeteilt, wie sich auch der Reichsanwalt jede» Wortes bei der Stellung des Antrages auf Verwerfung enthielt. Strafkouto der Presse. Wegen Beleidigung eines Arztes, Dr. Volmer in Hilden, wurde der Genosse Deisel von der „Bergischen Arbeiter st imme" zu Solingen voin Gerresheimer Schöffengericht zu IM M. Geldstrafe verurteilt. Die „Berg. Arbeiterstimme" bemerkt zu dem Urteil: In Wirklichkeit satz nicht Genosse Deisel auf der Anklagebank, sondern Herr Dr. Volmer und die Firma Backhaus in Ohligs. Die Beweisaufnahme ergab, daß ein Mädchen, das an einem Schlag- Hammer beschäftigt war und verletzt wurde, von Dr. Volmer in der pflichtwidrigsten Weise behandelt wurde. Die Verhandlung ergab ferner, daß die Firma Backhaus es unterlassen hatte, den Unfall an- zumelden, und daß ihr„Betriebsführer" Laimann nicht einmal lvußte, daß ein derartiger Unfall angemeldet werden mutzte. Es wurde ferner festgestellt, daß das 14jährige Kind am 13. Oktober den Un- fall erlitt, am 23. Oktober kritisierte die„Bergische Arbeiterstimme" das Verhalten des Herrn Dr. Volmer und dasjenige der Firma Backhaus, und am 27. Oktober wurde der Unfall, wie aus den Akten hervorging, angemeldet._ Soziales. Schutz gegen Peinigungslchrer i Die außerordentliche Seltenheit einer Strafverfolgung gegen Lehrer, die ihre Unfähigkeit und ihre Roheit durch Verprügeln der ihnen anvertrauten Kinder beweisen, ist eine Schande für die Kultur- stufe der herrschenden Klasse. Geradezu zum Himmel schreit aber folgender Fall von„Sühne" einer rohen, gemeinen Mißhandlung, die hoch ft wahrscheinlich schuld an dem Tode eines Kindes gewesen ist. Ueber den Fall gibt folgender der„Märkischen Volksstimme" entnommene Bericht Auskunft: Am Donnerstag hatte sich vor der Kottbuser Sttafkannner der Volksschullehrer Richard Kopsch aus Groß-Särchen wegen Ueberschreitung des Züchtigungsrechtes zu verantworten. Kopsch war seit Juli 1902 in Schmogrow bei Senftenberg als Lehrer angestellt. Er st im vorigen Jahre ist er wegen desselben Deliktes(K 340 R.-Str.-G.-B.) z u 90 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Außerdem ist er auch schon von der Regierung in eine Ordnungsstrafe von 15 Mark genommen worden mit dem Hinweise, im Wiederholungs- falle in härtere Strafe genommen zu Iverden. Nach der Beweis- aufnähme wird ihm zur Last gelegt, die 1393 geborene Marie Bertram aus Schmogroiv mit einem Stock über den Arm geschlagen und sie mit der Faust in die Seite gestoßen zu haben. Im Dezember 1904 habe die Berttam, welche sehr kurzsichtig und ein schwäch- liches Kind ist, nicht an der Wandkarte Bescheid gewußt. Kopsch hat darauf zur Strafe das Kind drei Tage hintereinander je Ve Stunde in der strengen Winterkälte in dem mit Steinfliesen belegten Hausflur in bloßen Strümpfen stehen lassen. Die Holzpantoffeln mußte sie in der Schulbank stehen lassen, im Hausflur stand das auf dem Boden befindliche Fenster offen. Durch diese Behandlung ist das Kind ganz vcr- schüchtert worden und hat an schreckhaften Träumen gelitten. Etiva 3 Tage nachdem es im Hausflur hatte stehen müssen, wurde das Kind krank. Frau Berttam wandte sich am 12. Dezeniber 1904 an Herrn Dr. Jurka in Gr.-Räschen. Bei der zweiten Untersuchung am 20. Dezember fand der Arzt Schwellung des Handgelenkes und Rheumatismus vor. Im Januar kam Veitstanz hinzu und stellte sich ein Herzfehler ein. Auf An- raten des Dr. Jurka kam das Kind nach dein Krankcnhause in Alt- Dztzern, wo es vom Veitstanz geheilt worden ist. Erst nach Pfingsten konnte die Kleine wieder die Schule besuchen, mußte jedoch nach fünf Tagen, da sich ihr Zustand sehr verschlechterte, Ivieder zu Hause bleiben. Am 10. August ist dann das Kind gestorben. Der Angeklagte will das Kind nur auf die Schulter getippt haben, was aber im Eiser des Unterrichts etwas stärker ausgefallen sei. Bei dem Draußenstehen habe er„sich nichts dabei gedacht". Der Lokalschulinspektor schildert den Angeklagten als einen eifrigen Lehrer. Die Züchtigungen habe der Lehrerin eine Liste einzutragen, damit sie der Schulinspcktor kontrolliere; dies habe der Angeklagte unterlassen. Als sich die öffentliche Meinung zuspitzte, daß der Tod der Marie Bertram infolge der Züchtigung eingetreten, habe er sich an Herrn Dr. Jurka gewandt, der ihm schriftlich über die Behandlung berichtete, und er habe es als seine Pflicht erachtet, Anzeige zu erstatten. Wohl an zwanzig Fälle seien ihm bekannt gewesen, wo der Angeklagte das Züchtigungsrecht über- schritten habe. Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnisstrafe von drei Wochen. Der Gerichtshof erblickte in dem Schlagen mit dem Stocke auf den Arm und iu dem Stoßen in die Seite nicht eine Ueberschreitung des Züchtigungs- rechts. Aber durch das Stehen im kalten Hausflur sei die Züchtigung kehr überschritten. H ö ch st- tvahr scheinlich sei der Tod des Kindes hierauf zurückzuführen, doch sei dies nicht erwiesen. Der Gerichts- Hof erkannte auf— eine Geldstrafe von 130 Mark. Das Urteil ist fast ebenso empörend wie die scheußliche zu so schrecklicher Folge führende Mißhandlung. Nicht nur Ueber- schreitung eines Z ü ch t i g u n g S r c ch t s. sondern schwerer grober Amtsmißbrauch liegt vor, der an Mord grenzt. Zuchthaus, nicht nur Geldstrafen sieht das Gesetz für solche Falle vor. Das Kottbuser Gericht ist ja als ein Gericht bekannt. das für einfache formale Vergehen von Arbeitern enorme Strafen verhängt: wir erinnern an den Bergarbeiterprozeß und an die kolossalen Strafen gegen unsere Genossen Schadow und Ander ivegen vermeintlicher Beleidigung des Abgeordnelen v. Dirksen. Hier handelt es sich um S ü h n e f ü r d a s L e b e n eines Hülflosen arme» Kindes. Wie hoch wäre die Sttafe ausgefallen, wenn eine Richtertochter in so gemeiner, grau- samer Weise zu Tode gepeinigt wäre? Wir verlangen Schutz gegen die Roheit des Lehrers, eine gesetzentsprechende Sühne für diese Schandtat.„Wer Mördern Gnade schenkt, wird selbst zum Mörder."__ Der Ncichsvcrbimd in der Orts-Kra»kentasse der Schneider und Schneiderinnen in Berlin. Bekanutlich hatte der Reichsverband zur Bekämpfung der Sozial- deinokratie Ende Mai vorigen Jahres die Delegiertenversammlung überrumpelt und die von ihm gelvüuschten Personen in den Vorstand dirigiert. Am 27. November wurde darauf mit Zweidrittel Mehr- hcit der Herrlichkeit der Herren von Reichsverbands-Gnaden ein Ende bereitet. Sie fielen sämtlich bei der Wahl durch, weil ihr die Kasse und die Kassenmitglieder schwer schädigendes Verhalten den Mitgliedern die Augen geöffnet hatten. Trotz der Wahl blieb aber der reichsverbändlerische Vorstand im Amt: er griff die Wahlen wegen Formfehler, die er selbst verschuldet hatte, an. Die Wahlen wurden, wie von uns berichtet, von dem Magistrats- kommissar nach 3 Monaten für ungültig erklärt. Nun steht am 22. Mai O'/a— 8 Uhr in Kellers Neuer Philharmonie, Köpenickerstr. 96/98, Neuwahl an. Abermals versucht der Reichsverband mit allerlei Mitteln darauf hinzuwirken, daß Leute in dem Vorstand bleiben, die ganz im Sinne des Reichsverbandes die Kasse leiten. Herr Brade, Vorsitzender der Kasse, schaltet und waltet ganz im Sinne des Reichsverbandes. Wir erinnern ferner an die eigentliche Vorstandsseele. Herrn Prätorius. Dieser Herr ist jetzt zum hochbesoldeten Agi- tator des Reichsverbandes befördert. Von seiner Hand aus wird die dem Reichsverband erwünschte Agitation zugunsten Broda und Genossen betrieben. Der ehemalige Kaisenbeamte Prätorius war ein paar Jahre lang eingeschriebenes Mitglied des sozialdemokra- tischen Wahlvereins im vierten Kreise. Indes war so manchem als verdächtig aufgefallen, daß er um allerlei Dinge sich kümmerte, die sonst Parteigenossen weniger interessieren. Es war bei nicht wenigen der Verdacht rege geworden, daß Prätorius nicht Sozialdemnkrat sei. Und dieser Verdacht trügte nicht. Sobald der Reichsverbands- Broda Vorsitzender geworden, war Prätorius mit diesem ein Herz und eine Seele. Nunmehr hielt er es auch für gemessen, das sozialdemokratische Kleid abzulegen: Herr Prätorius meldete im Juli seinen Aus- tritt aus dem sozialdemokratischen Verein an und wurde nun zu einem eifrigen Be- kämpfer der Sozialdemokratie. Wie unter der Herrschaft der Dynastie Broda-Prätorius Terrorismus schlimmster Art gegen die Kassenmitglieder und Kassenbeamten ge- trieben wurde, ist in frischer Erinnerung. Als die Reichsverbändler sahen, daß ihr Wirken erkannt war, da sollte Prätorius dem Bor- stand, Broda und sich selbst aus der Patsche Helsen. Herr Ernst Prätorius, vordem scheinbarer Sozialdemokrat, dann Sozial- demokrat a. D. und lebhafter Reichstreuer i. D., ließ eine Broschüre erscheinen, die unter denr schönen Titel:„Scll Parteifanatismus und Selbstsucht oder Gesetzmäßigkeit in der Verwaltung der hiesigen Ortskrankenkasse der Schneider triumphieren?" vertrieben ivurde. Dieses Werkchen wimmelt von Unwahrheiten und Entstellungen: es ist in derselben Art ge- schrieben wie die berüchtigten Pamphlete des„Korbmacher Fischer". Natürlich diente dieses Werk der„Post", dem„Reich" und dergleichen Blättern zu wüsten Ausfällen für die Schutzbefohlenen des Reichs- Verbandes. Half dem Vorstand alles nichts. Glänzend fiel die Brodasche Dynastie durch, ist aber dennoch zurzeit noch im Amte. Nunmehr hat der Vorstand ein Flugblatt erscheinen lassen, dessen intellektueller Vater offenbar der jetzt zu Reichsverbands-Geld und-Würden gekommene Herr Prätorius ist. Das Flugblatt versucht's mit der neuesten Methode des Reichsverbandes. Es gibt zu. daß in der Kasse Mißstände bestehen, behauptet aber, für diese von ihm deschlosscne», von den früheren Vorstandsmitgliedern eifrigst bekämpften Mißstände— sei nicht der schwarz- weiß- rote jetzige Vorstand von Reichsverbandsgnaden, sondern der frühere Vorstand verantwortlich. Man unterschätze die Wühlarbeit des kapitalkräftigen Reichs- Verbandes nicht. Man verlasse sich nicht auf den Sieg, sondern sorge unablässig bis zur Wahl dafür, daß zur Wahl am 22. die Dynastie Broda von Prätorius-, Kapitals- und Reichsverbands- gnaden endlich gestürzt und die Kasse ihrem Zweck, zugunsten ihrer Mitglieder zu wirken, endlich zugeführt wird. Hub Induftrie und ftandel* Der Staat als Rausreißer. Die Siedelungsgcsellschaft für Deutsch-Südwestafrika hat anscheinend ein Haar in der afrikanischen Butter gefunden, sie will ihre günstigen Aussichten— auch Verluste — an den Staat abtreten. Und dieser nimmt das Angebot mit Dank an. Es lvird berichtet, daß der Siedelungsgesellschaft ein Schreiben der Kolonialverlvaltung zugegangen ist, worin sür das— Entgegenkommen gedankt und zum Ausdruck gebracht ivird, daß dem geäußerten Wunsche Rechnung getragen werden soll. Das Angebot geht dahin,„gegen Rückerstattung der bisher seitens der Aktionäre eingezahlten Gelder nebst Zinse» das Vermögen der Gesellschaft mit allen Rechten und Pflichten an die Kolonialverwaltnng abzutreten." Die Gesellschaft stellt den Aktionären in frohe Aussicht, daß in der allernächsten Zeit die Reichstagskommission zur Prüfung der Rechte und Pflichten der Südwestafrikanischen Landgcsellschaften ein- berufen wird, um zu dem Angebote der Gesellschaft Stellung zu nehmen.— Man wird schon stark auftragen mtissen, um glauben z» machen, daß die Gesellschaft aus patriotischem Edelmut auf glänzende Aussichten für sich selbst verzichtet. Russische Eisenbahnen im Jahre 1903. Das russische Eisenbahn- Ministerium hat soeben eine umfangreiche Arbeit beendet, die, wie nicht anders zu erwarten war, ini allgemeinen ein trauriges Er- gebnis für die russischen Eisenbahnen im Jahre 1905 liefert. Aus den offiziellen Angaben geht hervor, daß das russische Eisenbahnnetz sich zum 1. Januar 1906 um 1091 Werst vergrößert und so eine Gesamtlänge von 37 363 Werst erreicht hat. Diese Vergrößerung ist aber die Oase in der Wüste, die einzige Steigerung in dem ge- samten Bericht des russischen Eiscnbahumiuistcriums, alles übrige stellt einen mehr oder minder größeren Rückschritt gegen daS Jahr 1904 dar. So wurden im Jahre 1905 auf den russischen Bahnen insgesamt 112 830 936 Personen, das sind 720 702 Personen weniger als im Vorjahre und 8 112 230 000 Pud Frachten. das sind 372 073 000 Pud Frachten weniger als im Vorjahr. Dementsprechend wurden auch die Einnahmen geringer; es wurden im Jahre 1903 insgesamt 606 496 686 Rubel, d. i. 43 333 909 Rubel weniger als im Vorjahr- eingenommen; die Einnahme pro Werst hat sich also von 117,76 Rubel auf 106,83 Rubel reduziert. Unter den russischen Eisenbahnen, deren Einnahmen im Vergleich mit dem Vorjahr am meisten gelitten haben, sind besonders hervorzuheben: Transkaukasische Bahn s— 40,3 Proz.), Wladikaukasische Bahn(— 21,5 Proz.j, Samara— Slatrustower Bahn(— 17 Proz.), Weichsel- und Jekatcrinen-Bahnen (— 16,3 Proz.). Warschau— Wiener Bahn(— 12 Proz.) usw. Die anderen russischen Eisenbahnen im europäischen Rußland haben eine Einbuße von durchschnittlich 8—10 Proz. zu verzeichnen, während die russischen Bahnen in Sibirien nur geringe Verluste erlitten haben, die Einnahmen der Transbaikalbahn hatten sich sogar um 50.3 Proz. vergrößert, was wohl auf die erst im Jahre 1903 erfolgte Eröffnung des regelmäßigen Verkehrs auf dieser Bahn zurückzuführen ist. Dagegen haben die russischen Zufuhr- bahnen und solche, die dem Ortsverkehr dienen, mit nur wenigen Ausnahmen erfolgreich gearbeitet. Unterbilnnz haben nur die in dem Lodzcr Fabrikbezirk mündenden Schmalspurbahnen(— 14 Proz.) und solche iu den Ostseeprovinzen<—9 Proz.) zu verzeichnen.— So besagen die offiziellen Angaben, wie mag'S erst in Wirklichkeit anS- sehen? Seridrts- Leitung. Was ist eine Versammlung? Der historische Beruf des„höchsten" preußischen Gerichts, beS unter dem Titel Kammergericht fungierenden Berliner Oberlandes« gerichtes, klärt sich in Strafsachen immer mehr dahin auf: der Arbeiterklasse klar zu machen, daß die Gesetze nicht dem Wohl der Allgemeinheit dienen sollen und die Gerichte zur Herausinter« prctierung aller der herrschenden Klasse unangenehmen Bestimmungen eingesetzt sind, die auch dem Arbeiter eine Bewegungsfreiheit ohne polizeiliche Bevormundung zu verheißen scheinen. Versammlungs-, Vereins- und Koalitionsfreiheit der Arbeiter sind der Unternehmer» sippe besonders verhaßt. Die ihren Interessen dienenden staatlichen Organe machen auf die Ausübung dieser auch den Arbeitern in der Verfassung und in anderen Gesetzen garantierten Freiheit und damit auf eine unentbehrliche Grundlage jeder nicht auf Sklaverei gegründeten Gesellschaftsordnung Jagd. Arttkel 27 der preußischen Verfassung bestimmt:„Jeder Preuße hat das Recht, durch Wort, Schrift und bildliche Darstellung seine Meinung frei zu äußern." Das Kammcraericht gelangt durch die Interpretation, die es dem Gesetz zur Knebelung der Versammlungs- und Vereinsfrciheit angedeihen lägt, zu einem Ergebnis, das sich etwa in folgenden Rcchlssatz zusammenfassen läßt: Jeder Preuße hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern. Aeußert er seine Meinung aber zu anderen und erstreckt sich seine Meinung insbesondere auf ernste Dinge, so hat der Preuße, falls er Arbeiter ist, 24 Stunden zuvor von dem Ort, wo er seine Meinung äußern will, die hochwohllöbliche allweise Polizei zu benachrichtigen. Wir haben wiederholt Erkenntnisse des Kammergerichts anführen müssen, die diese Kritik der kammergerichtlichen Tätigkeit rechtfertigen. Es verbietet der Raum einer Zeitung alle nach dieser Richtung hin sich bewegenden kammergerichtlichen Entscheidungen auch nur zu re- gistrieren. Es sei heute wieder einmal ein solcher Fall mitgeteilt. Bei ihm handelt es sich um die Hiuwcginterpretierung des Rechts, sich am Biertisch über ernste Dinge zu»utcrhalten. In Mykolschütz hatte Genosse Scholtysek aus Benthe» im Kreise von zwölf Personen am Biertisch den Gedanken � der Arbeiterorganisation entwickelt und war dann für den Deutschen Bergarbeiterverbnnd(Sitz Bochum) eingetreten. Scholtysek wurde darauf angeklagt, weil er in einer nicht polizeilich an» gemeldeten, aber nach§ 1 des Vereiusgesctzes anmeldepflichtigen Versammlung, in der öffentliche Angelegenheiten erörtert werden sollten, als Leiter und Redner aufgetreten sei. Das Landgericht Beulhen als zweite Instanz verurteilte ihn auch auf Grund der §§ 1 und 12 des Vereinsgesetzes zu einer Geldstrafe und führte unter anderem aus: Bei der Zusammenkunft vom 29. Juni 1903 handele es sich um eine Versammlung im Sinne des Vereinsgesetzes. Sie sei vorbereitet gewesen. Einem Zeugen sei vorher gesagt worden, er und seine Freunde sollten im Gasthaus erscheinen, es komme ein Herr aus Beuchen, ein großer Redner, der werde eine große Rede halten. Der„Herr aus Beuchen", der Angeklagte Scholtysek, habe denn auch, als alles um den Tisch saß, über die Notwendigkeit des Znsammenschlusses der Arbeiter zu Verbänden geredet und zum Beittitt zum Deutschen Bergarbeiterverband aufgefordert. Dabei sei er mehrmals aufgestanden. Und schließlich habe er die Ernennung von 4 Vorstandsnntgliedern veranlaßt, denen er Mitgliedsbücher aushändigte. Der Zweck der Zusammenkunft sei zweifellos gewesen, über die Notwendigkeit von Berufsverbänden zu reden. Daß nur 12 Personen dort waren, spreche nicht gegen die Annahme einer Versammlung. Die Zahl sei nicht zu gering. Die Hauptsache sei, daß ein gemeinschaftlicher Zweck die Leute zusammen- geführt habe, nämlich die Rede des Herrn aus Benthe». Dieser Zweck hätte auch nur erfüllt werden können, wenn nicht alle durcheinander redeten, sondern sich einer gewissen Ordnung unter- würfen. Das sei auch geschehen. Angeklagter habe ohne weiteres, ohne besonders bestimmt zu sein, die Leitung gehabt. Die Er- örterung der Notwendigkeit des Zusammenschlusses'in Verbänden, wie einer der Bcrgnrbciterverband sei, stelle sich als Erörterung ösfeut- licher Angelegenheiten dar. Das Kammergericht verwarf die hiergegen vom Ange- klagten eingelegte Revision mit der Begründung, daß ohne Rechts- irrtum tatsächlich festgestellt worden sei, daß es sich um eine Ber- s a ni m l n n g, und zwar um eine Versammlung zur Erörterung öffentlicher Angelegenheiten handelte. Wäre die Kammergerichts- Ansicht so zutreffend, wie sie un- zutreffend und eine inhaltslose Schabionisierung der Phrase„die Re- Vision scheitert an der tatsächlichen Feststellung des Vorderrichters. der ohne erkennbaren Recht Sirrtum tatsächlich festgestellt hat" usw. ist, so gäbe es kaum einen Richter, Minister. Staatsanwalt, der sich nicht auf Grund der K§ 1 und 12 des Vereinsgesetzes strafbar gemacht hätte. Die gegenteilige Ansicht iväre geradezu eine Belei- digung der hochwiirdigen Herren im Richter- und Bcamtentalar. Oder tollte man wirklich annehmen müssen, das geistige, sittliche und intellektuelle Niveau unserer Beamtenhierarchie sei ein so tiefes, daß die Herren noch niemals bei Zusammenkünften am Biertisch oder in Privatwohnungen über ernste Dinge,„über öffentliche Angelegen- heiten" wie über den Niedergang der Rechtspflege, über die Be- kämpfung der Sozialdemokratie, über die Not ihrer Mitmenschen sich unterhalten hätten? Sollten sie in der Tat ihre Unterhaltung lediglich darauf erstreckt haben, einander„Prosit" zuzurufen oder Zoten zu reißen oder sich über die vermeintliche» Untugenden ihrer Antipoden, insbesondere des schöneren Geschlechts, mit mehr oder weniger Witz und Behagen auszulassen? Gibt cS wirklich in Preußen einen Minister oder einen höheren Beamten, der die Kaiser- gcburtstagsfciern, Hurraversammlungen oder seine parlamentarischen Abende polizeilich anmeldet? Hielte sich das Kammergericht vor Augen, daß daS Gesetz von der verfassungsrechtlich festgelegten Unter- stcllung ausgeht, vor dein Gesetze seien alle Preußen gleich, so könnte es nicht zu der von ihm gepflegten, gegen Arbeiter gerichteten Rechtsprechung gelangen, seine Mitglieder müßten vielmehr in dem Bewußtsein, fast täglich eine gleiche Frcveltat begangen zu haben, wie den Jnkulpaten zur Last gelegt wird, sich als höchst befangen ablehnen. Die ungleiche Behandlung der Bürger vor dem Gesetze geschieht in der freilich irrigen Annahme, das Gesetz richtig ange- wendet zu haben. Zu dem Bewußtsein der Unrichtigkeit dieser An- nähme kann der gelehrte Richter nicht gelangen, der nach der Gesamtstruktur unserer Gesetzgebung lediglich der Vollstrecker von Interessen der herrschenden Klasse ist. Seine Urteile sind Folgen der Nadclstichpolitik, die einem Polizeisystem in seiner Be- schränkthcit als der Gipfel menschlicher und staatSretterischer Weis« heit erscheint. Solche Urteile wirken sehr gegen den Willen der Herren am grünen Tisch, der Staatsanw.altschaft, des Gerichts und der Polizei aufklärend für Tausende und Abertausende, die bis dahin nicht daran glauben wollten: Dem Unternehmertum der Schlot- und Krautbnrone ist der dümmste Arbeiter der liebste, und ivcil dem so ist. wird der Arbeiter besttast, der am Biertisch keine Zoten reißt, sondern ernsthafte Gespräche führt. Vor einigen Jahrtausende» gössen die„Herren" den Sklaven. die da ivagten lesen zu lernen, siedendes Oel in die Ohren und rissen den Sklaven, die ihre Kenntnis ihren Leidensgenossen über- mittelten, die Zunge aus. Und dies„von Rechtswegen". Heute ist an Stelle des ZungenauSschiieidenS und der Oclsiederei Geldstrafe und Freiheitsentziehung getreten. Und auch das:„von Rechtswegen". Die Tochter eines Rittergutsbesitzers. Ein großer Betrugsprozcß gegen eine ihe. malige Schauspielerin beschäftigte gestern in einer TageS. fache die 4. Strafkammer des Landgerichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Q u a st. Wegen Betruges in zehn Fällen in Verbindung mit sechs Fällen schwerer Urkundenfälschung war die im Jahre 1872 geborene Schauspielerin Margarete Hermann alias Margot Herniani angeklagt. Die jetzt 34jährige Angeklagte ist die Tochter eines ehemals vermögenden Rittergutsbesitzers aus der Nähe von Halle. Sie widmete sich ziemlich früh dem Schau- spiclerinncnberuf und soll auch auf verschiedenen größeren Bühnen gute Erfolge erzielt haben. Wie die Angeklagte behauptet, will sie • ut$ ein Verhälinis inlt einer hochstehenden Persönlichkeit tnS Unglück gestürzt worden sein. Im Jahre 1891 wurde sie von einem Knaben entbunden, dessen Vater ein Prinz von Reutz gewesen sei. Von diesem habe sie sehr erhebliche Unterstützungen erhalten, auch sei ihr im Jahre 1907 die Auszahlung eines Kapitals von 25 000 M. zugesichert worden. Als der ehemalige Geliebte im Jahre 1900 verstorben sei. habe sie die jährlichen Revenuen nicht mehr erhalten und sei in Not geraten. Die von der Staatsanwaltschaft über diese romantische Geschichte angestellten Ermittelungen haben jedoch ein negatives Resultat ge- habt; die Angeklagte verweigert jede Auskunft über diesen Prinz. Liebhaber. Die Anklage wirft der Angeschuldigten folgende Einzelfälle vor, durch welche sie sich eine Gesamtsumme von etwa 8000 M. auf betrügerische Weise verschafft haben soll. Im Sep» tcmber 1904 erschien die Angeklagte bei dem Möbelhändler B. und entnahm auf Kredit Möbel im Werte von 750 M. Sie gab an. sie wolle ihre eigenen Möbel, die erst aus Tanzig kämen, ergänzen. da sie ein Engagement mit hoher Gage im„Kleinen Theater" an. genommen habe. Da die Angeklagte schließlich auch noch die G-. schichte von ihrem Kinde mit dem hochvornehmen Vater zum Besten gab. wurde ihr von Herrn B. anstandslos der Kredit gewährt. Als spater Zahlung verlangte, waren die Möbel bereits längst der- schleudert.— In dem Hotel„National" wurde die H. mit dem Kfcigen Hotelpächtcr S. bekannt. Diesem erzählte sie, sie wäre die Gattln eines Rittmeisters, der bei einem Rennen tödlich verunglückt j«:~I5 Auszahlung der hohen Lebensversicherungssumme habe sich durch einen Zufall verzögert. Herr S. glaubte den schönen Augen der Angeklagten und ließ sich nach und nach etwa 1500 M. obborgen.— An den Kaufmanir Salomon F. wendete sich die H. mit dem Ersuchen um Beschaffung eines Darlehns von 300 M. Sie gab on( sie beziehe von einem Prinzen eine Revenue von 550 M monatlich, die ihr von einem Hof- und Finanzrat Vollmer aus. bezahlt werde. Das Geld sei jedoch an die alte Adresse in Tanzig gesandt worden, so daß sie sich in großer Verlegenheit befinde, da ihre Möbel bei einer Speditionsfirma festliegen. Herr F. ließ sich ebenfalls durch die Ueberredungskunst der Angeklagten verleite», ihr das Geld auszuhändigen. Unter ähnlichen Vorspiegelungen ent- lockte sie einem Versichcrungsinspeltor ein Darlehen von 2000 M. Zu den Geschädigten gehören auch mehrere Inhaberinnen besserer Pensionate, die der Hermann Logis und Beköstigung auf Kredit ge- geben hatten. Ein Friseur in der Mittelstratze, dem die Angeklagte ebenfalls alle möglichen falschen Vorspiegelungen gemacht hatte, ist um zwei falsche Zöpfe geschadigt. Erst nachdem die„gute" Kundin nicht bezahlte, erim,erte sich der Friseur, daß er die Angeschuldigte schon irgendwo einmal gesehen habe. Er schlug seine Bücher nach und stellte fest, daß er schon vor mehreren Jahren von derselben Person, die sich damals als Frau Dr. Schulz ausgab, um kosmetische Gegenstände im Werte von 35 M. geprellt Ivar. Der Gerichtshof er- kannte wegen Betruges in acht Fällen und Urkundenfälschung auf 1 Jahr 3 Monate Gefängnis.— Wären die hochstaple- rischen Erfolge möglich gewesen, wenn die Betrogenen nicht un- begrenztes Vertrauen auf romanhafte Prinzen und die Hoffnung auf künftige Kunden des Mädchens gesetzt hätten?i Versammlungen. Eine Protestversammlung der städtischen Arbeiter. die ungewöhnlich stark besucht war, fand am Freitag in Kellers großem Saal statt. Zur Besprechung stand:„Dasablehnende Verhalten der bürgerlichen Stadtverordneten- Mehrheit gegenüber den Arbeiterforderungen." AIS Vertreter der sozialdemokratischen Stadtverordnetenfraktion waren außer dem Referenten Fritz Zubeil noch die Genossen Ewald. Hintze, Dr. B e r n st e i n und Waldeck-Manasse anwesend. Von den bürgerlichen Parteien waren nur die Herren Marggraff und M e n z e l von der kleinen Gruppe der„sozial- fortschrittlichen Vereinigung" erschienen, die bei der Behandlung des sozialdemokratischen Antrags auf Einführung einer Arbeits- und Ldhnordnung für die städtischen Arbeiter bekanntlich mit den Sozialdemokraten gegen den Mehrheitsantrag auf Uebergang zur Tagesordnung im Roten Hause gestimmt hatte. Genosse Zubeil übte in seinem Referat eine geradezu er- bärmungSlose, vernichtende Kritik an dem Verhalten der„liberalen" Rathausmehrheit. Noch nie hätten die städtischen Arbeiter eine derartig nichtachtende Behandlung von der„freisinnigen" Stadt- Väterclique erfahren wie am 10. Mai. Schon vieles hätten die Sozialdemokraten erlebt, wenn sie Anträge im Interesse der Arbeiter stellten, doch daß die Mehrheit einen Autrag von solcher eminent sozialpolitischen Bedeutung durch Uebergang zur Tages- ordnung einfach in den Papierkorb warfen, das stehe einzig da. Auch nicht der leiseste Versuch sei gemacht worden, um das nach Meinung der Mehrheit etwa Unbrauchbare des Antrages nachzu- weisen, sondern lediglich mit dem trivialen Hinweis aus eine mög- liche„Schädigung der Privatindustrie" habe man den Antrag ab- getan. Redner erläuterte dann die einzelnen Forderungen des Antrages und wies schlagend deren Berechtigung nach, indem er die für eine Stadt wie Berlin einfach unwürdigen Lohn- und Arbeits- Verhältnisse der städtischen Arbeiter geißelte. Und angesichts dessen habe der Sprecher der Mehrheit die Stirn gehabt, von einem Machthaberstandpunkt der Arbeiter zu sprechen! Sehr bezeichnend sei es aber auch, daß diejenigen Stadtverordneten, die von den Hirsch- Dunckecschen Gewerkschaftsmitgliedern gewählt worden seien, die Abwürgung jenes Antrages behaglich mitmachten. Diese Herren waren stets dafür zu haben, wenn es galt, die nach Tausenden bemessenen Gehälter der hohen Kommunalbeamten um weitere Tausende zu erhöhen. Hier aber, wo es sich um das Wohl der kommunalen Arbeiter hanoelte, haben sie kläglich versagt. Redner schloß seine Ausführungen mit einem kernigen Appell an die Erschienenen, die Konsequenzen aus diesem schmachvollen Ver- halten der bürgerlichen Mehrheit zu ziehen, indem er sie ermahnte, ihre Organisation besser zu stärken und bei künftigen Wahlen nur wirklichen Arbeiterkandidaten ihre Stimme zu geben.(Stürmischer Beifall.) Als erster Diskussionsredner nahm darauf Herr Marggraff das Wort. Auch er fand scharfe Worte der Kritik gegen seine bürgerlichen Freunde und war ebenfalls der Meinung, daß die Arbeiter nur durch eine gute Organisation etwas erreichen können. Genosse Ewald charakterisierte darauf in markigen Strichen die servile Kriecherei der liberalen Rathausprotzen, wenn eS sich um Wünsche von„oben" handelt, wogegen sie sich in filziger Knickrig- kcit und dünkelhafter Feindseligkeit einander überbieten, wenn die Arbeiter mit den berechtigtsten Forderungen an sie herantreten. AuS diesen Vorkommnissen möchten die städtischen Arbeiter endlich die richtigen Lehren ziehen. Es sprachen sodann noch mehrere der anwesenden Arbeiter in klarer und sachlicher Weise. Dennoch klang aus ihren Worten die tiefgehendste innere Entrüstung und Erbitterung über die jüngste Heldentat der Stadtverordnetenmehrheit heraus. Einstimmig gelangte hierauf folgende Resolution zur An- «ahme: Die am 18. Mai 1900 bei Keller, Koppenstraße 29 versam- melten zirka 3000 städtischen Arbeiter sämtlicher Betriebe der Stadt Berlin nehmen mit Entrüstung Kenntnis von dem völlig ablehnenden Verhalten der Stadwerordnetenmehrheit in bezug auf die seitens der sozialdemokratischen Fraktion eingereichte allgemeine Arbeitsordnung. Die Versammelten protestieren ganz entschieden gegen die Art und Weise, in welcher man über durchaus berechtigte Arbeiterforderungen zur Tagesordnung überging, ohne daß auch nur eine ernstliche Prüfung vorgenommen worden ist. Sie ver- pflichten sich und rufen gleichzeitig alle rechtlich denkenden Be- völkerungsschichten dazu auf, bei den nächsten Stadtverordneten- wählen den Herren die Quittung zu geben für diesen offen- kundigen Mangel an sozialem Verständnis. Die Versammelten halten nach wie vor an der Forderung einer einheitlichen allgemeinen Arbeitsordnung für alle städtischen Betriebe fest, zumal dieselbe sowohl im Interesse der Stadt als auch der beteiligten Arbeiter liegt. Sie beauftragen daher die Lerantwortlichex Redakteur.; Hans Weber. Bertin. OrtSvertvaltung deS Gcmeindearbeiter-Verbandes, die allgemeine Arbeitsordnung mit den von der Organisation beschlossenen Ab- änderungen unverzüglich beim Magistrat einzureichen; desgleichen werden die Arbeiterausschüsse sämtlicher Betriebe ersucht, die- selbe im Laufe der nächsten Woche ihren resp. Verwaltungen zu unterbreiten. Die Versammelten erneuern ihren wiederholt gefaßten Beschluß, sich treu und fest um ihre zuständige Organisation, dem„Verbände der städtischen Arbeiter", zu scharen. Sie ver pflichten sich, mit allen Kräften beizutragen, daß in sämtlichen Betrieben eine rege Agitations- und Werbearbeit für die Organisation entfacht wird. In der Erkenntnis, daß nur durch geeintes Vorgehen im heutigen Wirtschaftsleben Erfolge erzielt werden können, verpflichten sich die Gemeindearbeiter, alle noch fernstehenden Kollegen über unsere Aufgaben und Ziele aufzu- klären, damit sie nicht länger das Hemmnis für die Er- ringung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen bilden. In dem Bersammlungsbericht über die Versammlung der Arbeiter der A. E.-G., Brunnenstraße, in Nr. 115 des„Vorwärts" heißt es, ich hätte gesagt, die Leipziger Resolution sei eine Dorn- hecke, in der die Metallarbeiter hängen bleiben. Sie sei eben gefaßt worden, um die Maifeier direkt unmöglich zu machen. So habe ich nicht gesagt, sondern ich sagte: Die Leipziger Resolution ist eine Dornhecke, in der die Maifeier der Metall- arbeiter hängen bleibe. Die Vorschrift über die zwei Drittel der vollberechtigten Mitglieder der Arbeiter einer Fabrik macht es direkt unmöglich, etwas Positives zur Durchführung der Maifeier erwarten zu dürfen! Durch die Resolution ist etwas geschaffen, wodurch es in großen Betrieben wohl schwer wird, eine Arbeits- ruhe am ersten Mai herbeizuführen." Also nicht habe ich gesagt, daß die Resolution zu dem Zweck gemacht sei, um eine Mai- feier zu verhindern, sondern sie wird zur Folge haben, daß selten in Großbetrieben, wie die A. E.-G., Brunnenstraße, ist, eine Maifeier stattfindet. Dem Wortlaut des Berichterstatters liegt wohl ein Mißverständnis zugrunde. Ich lege Wert darauf, daß die den Sinn meiner Rede entstellenden Worte nicht stillschweigend in der Oeffentlichkeit weiter gehen. D. Brüggcmann. Allgemeine Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter. Filiale Berlin 0. Sonntag, den 20. d. M.. vormittags S'/, Uhr, bei Pielicke, Waldstr. 8. Kassenbericht. Neuwahl der OrtSverwalwng. Bund der sozialdemokratischen Lese- und DiskutierklubS. Die Führungen durch das Museum für Naturkunde finden von heute an nicht mehr vormittags 10 Uhr, sondern nachmittags Punkt 2 Uhr statt. Lese- und Diskutierklub„Moabit«. Montag, den 21. Mai: Sitzung.„DaS sozialdemokratische Programm". Res.: Genosse Rathmann. Eue der frauenbeivegung. Das Wahlrecht in Aussicht gestellt. AuS London wird vom 19. Mai berichtet: Premierminister Sir Henry Campbell Bannermann empfing heute eine Abordnung der Frauen, die für das Wahlrecht der Frauen eintreten. Der Ministerpräsident erklärte der Abordnung, die von 40 Parlaments- Mitgliedern begleitet war, daß sie sich nur noch kurze Zeit würden gedulden müssen, er glaube, daß nicht mehr viele Jahre vergehen würden, bis das Wahlrecht der Frauen eingeführt sein würde, doch müsse er sich begnügen, ihnen diese nur sehr beschränkte Ermutigung zuteil werden zu lassen._ Zu viel Haushaltungssorgen. In den meisten Staaten von Australien besitzen die Frauen die gleichen politischen Rechte wie die Männer. Nun besteht aber innerhalb der Frauenwelt selbst noch eine heftige Opposition gegen die Beteiligung der Frau im politi- scheu Leben. Die aufgellärten Frauen haben das Vorurteil und die Opposition der Männerwelt erfolgreich bekämpft, sie haben aber gegen das Vorurteil, die Gleichgültigkeit und die Unwissenheit ihrer konservativ denkenden Schwestern noch manchen harten Kampf zu führen. In Brisbane im Staate Queensland hat eine Anzahl Frauen die Polizei in Kenntnis gesetzt, daß ihre Namen nicht in den Wählerlisten aufgeführt werden sollten. Die Begründung dafür war, daß die Haushaltungssorgen sie so stark in Anspruch nehmen, daß sie für andere Dinge keine Zeit mehr übrig hätten. The Worker", das Organ der Arbeiterpartei in Brisbane, bemerkt dazu, daß dies eben nur ein Beweis fei. wie die Frauen mit der Hausarbeit überlastet würden.„Alles wird blitzblank geputzt im Hause, nur das Denken bleibt stumpf." Wenn die Frauen zur Teilnahme am öffentlichen Leben eingeladen werden, wenn sie darauf hinwirken sollen, daß die HaushaltungSbürde erleichtert werde, so ist eS oft schwer, ein Interesse bei ihnen zu erwecken und sie ziehen sich in ihre Küche zurück. Es sind meist weniger die Kinder, welche alles Interesse absorbieren, als die stetig wieder- kehrenden, regelmäßig sich mit jedem Tage erneuernden Sorgen um Kammer und Küche. Erst mit den Fortschritten des Sozialismus wird darin Wandel geschaffen werden. Tegel- Borsigwalde. Der hiesige Frauen- und Mädchen- Bildungsverein hält am Mittwoch, den 23. Mai, abends 8VH Uhr, bei Schmidt, Tegel. Schlieperstr. 64, seine Mitgliederversammlung ab. Auf der Tagesordnung steht: 1. Vortrag.(Das Thema wird in der Versammlung bekannt gemacht.) 2. Diskussion. 3. Ver- schiedeneS. Da mehrere wichtige Angelegenheiten zu erledigen sind, ist eS Pflicht aller Mitglieder, recht zahlreich und pünktlich zu er- scheinen. Handzettel werden nicht verteilt. Gäste haben Zutritt. Aufnahme neuer Mitglieder. Der Vorstand. Verband der Wäsche- und Krawattenarbeiter und-Arbeite- rinnen, Heimarbeiterinnen der Wäsche-, Krawatten-, Blusen-, Schürzen-, Korsett- und Neglige-Branche Berlins und Umgegend. Die nächste Zusammenkunft für den Norden, Rosenthaler Vorstadt und Gesundbrunnens findet am Dienstag, den 22. Mai, abends 8 Uhr, bei Punzel, Stralsunderstr. 20, statt. Einen sehr guten Besuch erwartet Die Sektionslcitung. Oberschönrweide. Die Frauen und Mädchen von Oberschöne« weide werden ersucht, sich am Dienstag, den 22. Mai. abends 8V„ Uhr in der im Wilhelminenhof stattfindenden Versammlung ein- zufinden. Genosse Störmer referiert über„die Interessen des weib- lichen Proletariats". Für die Frauen ist es notwendig, teilzunehmen an den Beratungen und Anregungen, welche den Zweck haben, sie aus den Banden des Borurteils zu befreien, um so die Bahn frei- zumachen, für weitere Fortschritte der Kultur. Gewerkschaftlicher Frauenverein. Mittwoch, den 23. Mai, abends zh9 Uhr, findet bei M. Damm, Schützenstr. 18/19, die nächste Vereinsvcrsammlung statt. Frau Jeetze referiert über:„Die Frau im Kampf um Brot und Recht". Gäste willkommen. Recht zahl- reiches Erscheinen wird erwartet. Der Vorstand. Reinickendorf-Ost. Der hiesige Bildungsverein für Frauen und Mädchen hält am Dienstag, den 22. Mai, abends 816 Uhr, im Vereinslokal feine regelmäßige Mitgliederversammlung ab. TageS- ordnung: 1. Vortrag. Referent wird in der Versammlung bekannt- gegeben. 2. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten. Zahlreiches Erscheinen der Mitglieder erwünscht. Gäste willkommen. Der Vorstand. Weißensee. Der hiesige Derein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse hält am Montag, den 21. Mai, abend" 3� Uhr, im Lokal des Herrn Ulrich. Roelkestr. 20, seine ordentliche General- Versammlung ab. Frau� Jeetze referiert über:„Moderne Welt- Es ist Pflicht eines jeden Mit- Mitgliedsbuch legitimiert. Der Vorstand. Am Mittwoch, den 23. Mai, anschauung und unsere Schule" gliedes. pünktlich zu erscheinen. Mocken- Spielplan der Berliner Chcatcr. Opernhaus. Sonntag: Lohengrin.(Ans. 7 Uhr) Montag: Mono». Dienstag: Tristan und Jjolde.(Ansang 7 Uhr.) Mittwoch: Der schwarze Domino. Donnerstag: Der Waffenschmied. Freitag: Mcisterim?-r von Nürnberg.(Ansang 7 Uhr.) Sonnabend: Die lustigen Weiber o. Windsor. Sonntag: Das Rheingold. Montag: Die Walküre.(Anfang 7 Uhr.) Schauspielhaus. Sonntag: Faust.(Ansang 7 Uhr.ch Montag: JulluS Cäsar. Dienstag: Die Jungfrau von Orleans. Mittwoch: Othello. Donnerstag: Maria Magdalena. Freitag: Die OuitzowS. Sotmabend- Der Schwur der Treue. Sonntag: Das große Licht. Montag: Götz von Berlichingen.(Ansang 7 Uhr.) � Neues Königl. Operutheater. Sonntag und Montag: Der ZIgeuncrbaron. Dienstag: Der Troubadour. Mittwoch: Martha. Donnerstag: Der Zigcunerbaron. Freitag: Ein Maskenball. Sonnabend und Sonntag: Boccaccio. Montag: Unbestimmt.. Deutsches Theater. Sonntag: Kabale und Liebe. Montag, DienS- tag und Mittwoch: Der Kausmann von Venedig. Donnerstag: Der Gras von Charolais. Freitag, Sonnabend, Sonntag und Montag: Der Kauf- mann von Venedig.. Lessing-Theater. Sonntag und Montag: Kameraden. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag: DaS LebenSsest.(ülnsang 7'), Uhr.) Freitag und Sonnabend: Kameraden. Sonntag und Montag: Das Lebensfest. (Ansang 7'/, Uhr.) Schiller-Theater O.(Wallncr- Theater.) Sonntag nachmittag 3 Uhr: Die Macht der Finsternis. Abends und Montag: Der Militärstaat. Dienstag: Die Macht der Finsternis. Mittwoch: Lumpengesindel. Donners- tag nachmittag 3 Uhr: Die Macht der Finsternis. Abends: Der Militär. staat. Freitag: Der Militärstaat. Sonnabend: Jugendliebe. Dienstboicir. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Die Macht der Finsternis. Abends: Jugend- liebe. Dienstboten. Montag: Helden. Schiller-Theater Iis.(Friedrich-Wilhelmstädttsches Theater.) Sonntag nachmittag 3 Uhr: Zapfenstreich. ZwendS: DaS Lumpengesindel. Montag: Helden. Dienstag: Uebcr unsere Kraft. II. Teil. Mittwoch: Der Traum ein Leben. Donnerstag nachmittag 3 Uhr: Zapfenstreich. Wends: Das Lumpengesindel. Freitag und Sonnabend: DaS Lumpengesindel. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Zapjenstreich. Abends: Die Ehre. Montag: Jugeud- liebe. Dienstboten. Berliner Theater. BIS aus weiteres täglich: Die lustige Witwe. Kleines Theater. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Kinder der Sonne. Abends, Montag und die folgenden Tage: Em idealer Gatte. LustsPielhauS. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Der Famllientag. Wends und bis aus weiteres täglich: Die von Hochsattel. Sonntag, den 27. Mai, nachmittag 3 Uhr: Der'Familientag. NcneS Theater. Sonnlag und folgende Tage: Orpheus in der Unterwelt. Komische Oper. Sonntag: Hoffmanns Erzählungen. Montag: igaros Hochzeit. Dienstag: Hoffmanns Erzählungen. Mittwoch: Don osquale. Donnerstag: Hoffmanns Erzählungen. Freitag: Die Boheme. wnuabend: Hossmanns Erzählungen. Sonntag: FigaroS Hochzeit. Mon- tag: Unbestimmt. Trianon-Theatcr. Bis auf weiteres täglich: Loulou. Residenz-Theater. BiS auf weiteres täglich: Liebeskunst. Theater des Westens. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Der Zigeuner- baron. Abends: Schützenliesel. Montag: Zar und Zimmermann. DienS- tag: Der Waffenschmied. Mittwoch: Opcrnaussührung.(Ansang 71/, Uhr.) Donnerstag nachmittag 3 Uhr: Zar und Zimmermann. AbendS: Die Fledermaus. Freitag: Der Troubadour. Sonnabend: Joses m Aegypten. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Der Freischütz. Abends: Schützenliesel. Mon- tag: Der Bcttelstii'dent. Carl Weiß- Theater. Sonnlag: AuS altem Geschlecht. Montag: Geschloffen. Dienstag und folgende Tage: Aus altem Geschlecht. Zentral-Theater. Sonntag nachmittag 3 Ubr: Der Äettclstudent. AbendS: Boccaccio. Montag: Girosls-Giroslä. DienSlag: Der Bettel- studcnt. Mittwoch: Der Zigcunerbaron. Donnerstags Boccaccio. Frei- tag: Die Puppe. Sonnabend: Der Bettelstudent. Sonntag nachmittag ' Uhr: Die Fledermaus. Montag: Die Puppe. Thalia-Theater. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Bis früh um Fünfe. Abends: Hochparterre links. Montag bis Sonnabend: Hochvarterre lmls. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Der Hochtourist. AbendS und Montag: Hoch- parterre lmls. Deutsch-ZlmerikanischcS Theater. Bis auf weiteres täglich: Arme Mädchen. Casino- Theater. Sonntag nachmittag 4 Uhr: Hotel Klingebusch. Abends: Madame Bonivard. Montag biS Sonnabend: Madame Bonivard. Sonntag nachmittag 4 Uhr: Ein Sohn des Volles. Abends und Montag: Madame Bonivard. Zlpollo-Thcater. Allabendlich: Das blaue Bild. Spezialitäten. Passage- Theater. Allabendlich: Spezialitäten. Ilranta-Theater. Taubenstraße 48/49. Sonntag bis Dienstag: Der jüngste Ausbruck des Vesuv. Mittwoch, Donnerstag, Freitag: Im Lande der Mitternachtssonne. Wintergarten. Spezialitäten. Reichshalle»> Theater. Stetttner Sänger. Metropol-Theater. Ans— ins Metropol l Groß-Lichterfelde- Lankwitz. abends 8% Uhr. findet im Reisenschen Saale, Chausseestrahe 104, eine von den Frauen einberufene öffentliche Versammlung statt, in welcher der Reichstags-Abgeordnete Genosse Zubeil über das Thema:„Wie werden die Söhne des Volkes in den Kasernen, genannt„Bildungsanstalten", behandelt?" sprechen wird. Da dieses Thema für die Frauen und Mütter von besonderem Interesse ist, wird zahlreicher Besuch der Versammlung erwartet. Berliner Marktpreise. AuS dem amtlichen Bericht der städtischen Markthallen-Direltion. Nindsieisch I»(52— S6 pr. 100 Pfund, Da 51—62, lila 49—52, IVa 40—46, engl. Bullen- 0,00, dän. Bullen- 0,00, Holl. Bullen. 0,00. Kalbfleisch. Doppelländer 105—120, la 80-90, IIa 66-78, Dia 52-64. Hammelfleisch la 60-70, Ha 64-60, Schweinefleisch 56—62. Kaninchen 0,30—0,70. Hühner, alte, Stück 1,40—2,60, junge, per Stück 0,50— 1,10. Tauben, junge 0,50—0,65, alte 0,25—0,30. Ente», prima, per Stück 1,50—4,30, Hamburger per Stück 2,15 bis 3,30. Gänse, junge, per Psd. 0,88—0,95, per Stück 3,50—6,20, Hechte 76—89. Schleie 70—82. Bleie 0.00, matt 0,00. Aale, groß 99—102, mittel 100— 110, klein 50, uns. 65—95. Plötzen 00,00. Flundern, pomm. I, P. Schock 3,00-7,00. Kieler, Stiege la 4—6. do. mittel, per Kiste 2-4, do. klein, per Kiste 0,00. Bücklinge, Holl, per Wall 0,00. Kieler 1-2,50, Strals. 3,00-3,50. Aale, groß, P.Psd. 1,10-1.30, mittel 0.80-0.90, kl. 0.50 bis 0.60. Sprotten, Kieler, 2 Wall 0,00, Elb- per Kiste 0.00. Sardellen, 1902er, per Anker 76,00, 1904er 74,00, 1905er 70,00. Schottische Vollhcringe 1905 0,00, largo 40-44, füll. 36-38, med. 33-35, deutsche 37-44. icringe, neue MatjeS, per'/» To. 60—120. Hummern, Ha, 100 Pfd. 0,00. !rebse, pex Schock, große 20,50—24,00, mittelgroß 10,50—14, kleine 10— ,11, unsorttcrt 5,50—3,50. Eier, Land-, per Schock 3,10, frische 0,00—0,00. Butter per 100 Pfund, la 114—118, IIa 110-113, lila 106-108, ab. fallende 103—103. Saure Kurken, Schock 3,50—4 M,, Pseffergurkcn 3.50—4 M. Kartoffeln per 100 Psd. mag», bon. 2,10—2,35, rote Daberschc 2,00—2,20, runde weiße 1,80—2,00. Wirsingkohl, Holl., per Schock 0,00. Weißkohl, dän., per Schock 0,00— 0,00, Rotkohl, Holl, per Schock 0,00. Grünkohl, per 100 Psd. 0,00. Rüben, weiße 0,00, Tellower 0,00. Kohlrüben, per Schock 0,00, Holl 5—6. Briefkasten 6er Redaktion. Tie juristische Sprechstunde findet täglich mit IttiiSnahme deS Sonnabends von 7'lt di» O'/t Uhr abends statt. Gcvssneri 7«Hr. Jeder Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl«ls Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Anonyme Zuschriften finden bei nnS grundsätzlich keine Berück- sichtigung. auch wenn sie noch so wichtigen Inhalts sind.— F. Zt. 100. Nein: di« Forderung verjährte in drei Jahren nach dem letzten Anerkenntnis.— Fritz S. Nein.— I. P. 151. Sie könnten eine Klage(mit öffentlicher Zustellimg) aus Rücknahme der Sachen an- strengen, könnten die Sachen aber auch der Ehefrau gegen Oulttung über- geben.— Kolb, Kommandantenstr. 80. Sie müßten sich an den Rektor und die Schuldcputatton wenden. Ihrem Gesuch wird nur dann entsprochen, wenn Ihre Tochter bereits die erste Klaffe besucht.— P. Cr. 43. Warten Sie ruhig ab, ob in der Tat Anklage erhoben werden sollte. Dann stagen Sie wieder an.— R. Z. LI. Die Ent- lassung kann als berechtigt angesehen werden. In Ltbzug darf aber nur der Lohn in Höhe des Krankengeldes gebracht werden.— H. S. 25. 1. Vom'Amtsgericht. 2. u. 3. Ja: bemühen Sie sich tn die Buchhandlung. Dort können Sie Auswahl treffen.— Mirdorf. R einfeldstraffe. Wald. Meister ist im Naturzustand in das Getränk hineinzuhängen. Andeutungen »u Pantschcreien, Essenzen ulw. zu geben, sind wir außer stände.— Döring. Wiederholen sie die Anfrage.— Gevelsberg. 1. u. 2..Arbeiter- recht", S. 128. 548, 600, 514. 3. Mtetssordcrung geht vor.— Karl H Da Gehalt oder Lohn nicht vereinbart ist, trifft die Ansicht des Lehr- Herrn, daß der Lehrherr nicht lrankenversichernngspflichtig ist, zu. — W. B. 40. Sie können erneut einen Antrag stellen.— F. Zt. 100. Abgesehen von der Ausrechnung mit dem Weihnachtsgeschenk emspricht leider die Ausrechnung, falls die Posten an sich zutreffen, dem Gesetze. Zuständig für die Klage ist da» Amtsgericht.— Kowalewski. 1. und 2. Ja: Sie könnten lediglich ein zweites Schloß vorlegen lassen.— A. W. 62. L und 2. Ja.— F. 2. 67. Magistrat, Stiftungsdeputation, Rathaus. — R. K., Bochum. 1. Wenn die Wechsel formell in Ordnung sind, ja. 2. Nein. 3. Ja.— Fl. 2000. 1. Solcher Vertrag kann guliig sein. 2. Solcher Vertrag ist nichtig. 3. Zunächst hätte sich der Gläubiger an daS Gericht zu wenden.— H. R. 25. 1. Der Antrag aus Austritt au? der Landeskirche ist an daS Amtsgericht JhreS Wohnsitzes zu richten. Ein Formular erhatten Sie bei Hoffmann, Blumenstr. 14. 2. Schwierigkeiten bei der Hochzeit entstehen Ihnen durch den Austritt keineswegs. — D. D., Jagowstr. Hasenclevcr starb am 2. Juli 1889, Wabnitz Ende August 1894.— M. M. 1995. 1. Keineswegs. 2. und 3. Wenden Sie sich beschwerdeführend an den Borstand.— O. 2 Weich, wie ch. Für dey Lnferatenteil verantw.: Ttz. Glocke, Berlin. KMlj u. Perlag: PorlMtS BuMruikerri u. Perlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. ii,.ü6. 23. Z Keilage des„Nsmiilts"§n\m AslkslilM. Versammlungen. Arbeiter-Sängerbund Vcrlin und Umgegend. In der A u S- schutzsitzung vom Smultag wurden die Vereine Sängerchor III» Berlin�„Sängergruh"-Friedrichshcigcn und„Freiheit"-Schwedt in den Bund aufgenommen.— Beschlossen wurde, das 13. Sängcrfest am 5. August in Friedrichshagcn abzuhalten. Bei der Auswahl der Lieder hierzu wurde die Ncuanschasfung eines Volksliedes„In der Ferne" vom Vorstande vorgeschlagen. Nach längerer Debatte und nach Ablehnung anderer Vorschläge wurde der Vorschlag resp. An- trag des Vorstandes angenommen. Eine lebhafte Debatte entspann tich infolge der Anfrage einiger auswärtiger Vereine wegen des Besuchs der Ausschuszsitzungen und der Generalversammlungen. Das Resümee der Debatte ist dahingehend,„dah die auswärtigen Vereine die Entsendung von Delegierten resp. die Vertretung für den Ausschuh und die Generalversammlungen selbständig zu regeln haben. Das Statut ist nicht dahin auszulegen, dah die auswärtigen Vereine verpflichtet sind, nach der Anzahl ihrer Mitglieder Ver- treter zu entsenden, sondern es ist ihnen die Berechtigung hierzu gc- währt. Nachteile crlvachsen den auswärtigen Vereinen durch Nicht- entsendung nicht."— Bei Festsetzung der Uebungsstunden für das laufende Geschäftsjahr(hierzu sind in Aussicht genommen: 10. Juni, 8. Juli, 3. August sGeneralprobe zum Sängersests, 5. August sSängerfestj, 16. September(Abrechnung vom Sänger- fest}, 14. Oktober. 18. November) stellte ein Vertreter der„Typo- I graphia" den Antrag:„Die Uebungsstunden und Ausschuhsitzungcn I im Interesse eines besseren Besuchs aus die Wochentage zu ver- legen". In der sehr regen Debatte wurde wiederholt erwähnt, dah dies nicht angängig sei, schon infolge der Tätigkeit einer grossen Zahl von Sängern im Partei- und Gcwerkschastsleben. Dem wurde entgegengehalten, wenn Rücksicht genommen werde auf andere Äor- porationen, so mühte auch endlich mal seitens der massgebenden Kreise auf den Sängerbund als Korporation Rücksicht genommen werden; gleichzeitig wurde der«rste Mittwoch im Monat als Uebungstag empfohlen. Die Abstimmung ergab Ablehnung des Antrages,„die Uebungsstunden usw. auf" die Wochentage zu ver- legen".— Aus der Statistik betreffend Mittvirkens bei der Mai- fcicr ist zu erwähnen, dah an der Generalprobe 1167 Sänger und an den Nachmittagsfeiern 1483 Sänger beteiligt waren. Eine De- batte hierüber wurde wegen der vorgerückten Zeit bis zur nächsten Ausschuhsitzung vertagt; es wird dann der Ausschuß Stellung nehmen zu den Vereinen, welche sich gar nicht oder deren Mit- glieder sich nur in geringer Zahl am Gesänge beteiligten�— Diejenigen Vereine, welche sich am 13..Juli am Provinzial-Sängcrfest in Rathenow beteiligen, werden ersucht, dies umgehend Sanges- bruder Bartcl, dl. Brunnenstr. 93. mitzuteilen. Die Vereinigung der Fliesenleger hielt am Tonnerstag im Neuen Klubhause eine Versammlung ab, um Stellung zu nehmen gegenüber dem Verhalten der Unternehmer in der letzten Zeit. Der im vergangenen Jahre abgeschlossene Tarifvertrag wird von den Unternehmern fortdauernd verletzt. Die alten organisierten Leute werden entlassen und ganz junge Arbeiter eingestellt. Wer nach dem Tarif Bezahlung verlangt, ist seiner Stelle nicht mehr sicher. Viele Bestimmungen des Vertrags loerden durchbrochen oder um» gangen, lieber die Firmen Rosenfeld u. Co., E. Ende und V i l l e r o h u. Bo ch wurden besonders viele Klagen laut. Die letztere Firma gibt ihre Arbeiten auf Akkord an folgende Zwischen- meister: Bielefeld, Schumann, Gebr. Kießling, Lehmann. Der Vertrag schließt die Akkordarbeit für Berlin und Vororte aus; in dem Zwischenmcistersystcm erblickt die Organi- sation eine Verschleierung der Akkordarbeit, die bekämpft werden muh. Die Versammlung beauftragte die Schlichtungskommission, die Verstösse gegen den Tarif vor dem Gcwerbcgericht zur Vcrhaud- lung zu bringen. In einer öffentlichen Versammlung soll die Schlichtungskommission über das Resultat der Verhandlungen Bc- richt erstatten. Es wurde ferner darauf aufmerksam gemacht, daß. dem Bertrag entsprechend, des Sonnabends so zeitig Feierabend gemacht werden muh, daß die Arbeiter um 5 Uhr zur Abhebung des Lohnes in den Geschäften sein können und dah entgegenstehende Arbeitsordnungen ungültig sind. Die Arbeiter wurden auf- gefordert, selbst darüber zu wachen, dah die Tarifbestimmungcn durchgeführt werden und darauf zu sehen, dah die Geschästsdelc- gierten von den Unternehmern mit Achtung behandelt werden. Nur wenn die Masse geschlossen hinter der Organisation steht, haben die Unternehmer Respekt; das müssen viele Fliesenleger erst noch einsehen lernen. Zur i Die unterzeichneten Firmen haben in einer Zusammenkunft sich bereit erklärt, öen Wünschen des Verbandes der Schneider nachzukommen und bis zum 1. Januar 1907 Werksfättetl für die SRajtanferfigung einzurichten resp.. soweit solche vorhanden sind. dieselben zu vergrößern. Den vom Verbände der Schneider aufgestellten Tarif zahlen wir schon heute. Der weiteren Fordemng, die fertig zum Verkauf gelangenden Kleidungsstücke auch in eigenen Betriebsräumen herzustellen, sind wir außer stände nachzukommen, weil unserem Verlangen, einen Tarif für Stücklöhne vorzulegen, vom Verbände der Schneider nicht entsprochen werden konnte, weil ein solcher bisher für Berlin nicht existiert. Wir sind damit auf spätere Zeit vertröstet worden. Trotzdem dieser Beschluß dem Verbände mitgeteilt wurde, weigert sich der Verband der Schneider, seinerseits die in Nr. 87 des„Vorwärts" ausgesprochene Verrufserklärung gegen die unterzeichneten Firmen zurückzuziehen. Wir sehen uns deshalb gezwungen, den vorstehenden Sachverhalt der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Die Inhalier der in Macht dämmenden Herren- nnd Knabengarderaden-Geschnfle Kerlins Julius Lindeubaum, Peek& Cloppenburg, D. Perleberg, Heinrieh Weltmann Hachf. Gr. Frankfnrterstr. 141. Gertrandtenstr. 87. Cbanssecstr. 57. Stephan Esders, Kaiser Wilhclmstr. 41. Carl Zobel, H. Riethmfiller, Carl Stier, Bernhard Baer, Fabiseh& Co., KUpcnlckcrstraßc 181. nolkcnmarht 15. OranlcnstraSo 106. Roscntbalerstr. 6. Bosenthalcrstr. 3, Ecke LinienstraBe H. Schulmeister, S. Heyerslein, Max Kaplan, Herrn. Vandsburger, H. Esders& Byckhoff, Dreadcnerstr. 4. Frluzcnstr. 81. Frlcdrlcbstr. 1. Frledrlcbstr. 7. Lelpslffcrstr. 60a. NtgSgNUN Zu vorstehender„Aufklärung" bemerken wir, daß die von den unterzeichiwtcn Firmen gemachte Angabe nur insoweit den Tatsachen entspricht, als sie uns tatsächlich das Angebot gemacht haben, für die„Maßanfertigung" eine Werkstätte zu errichten. Die Differenzen ent- stehen aber bei der Feststellung über de» Begriff„Mastanfertigung". Für die zu hohen Preisen verkauften„Maßsachen" wollen sie Werkstätten einrichten, nicht aber für jenen Teil ihrer Produkte, von dem sie behaupten, daß es„Maßarbeit" sei. per aber tatsächlich beim Grast- konfektionär gekauft wird. Damit aber hätten wir lediglich bezweckt, daß ein ganz geringer Teil der Produkte, welcher heute schon in der Heimarbeit teilweise zu Tariflöhnen hergestellt wird, künftig auf der Betriebswerkstätte zu Tariflöhnen hergestellt würde. Gleichzeitig wollen wir aber feststellen, daß von den unterzeichneten Firmen ganze acht einen Tarif mit unS ab- geschlossen hatten. Bei einem Teil derselben bedarf eS aber der fortgesetzten Intervention seitens der Organisation zur Jnuehaltuug deS Tarifs. 'Das große Gebiet der Lager- und Mastkonfcktio», um die eS sich hier handelt, würde aber durch eine« derartigen Bertrag gar nicht derührt. Anzüge in der Preislage von 40—45 M., von den billigeren ganz zu schweigen, würden dann ebensowenig zu Tariflöhnen hergestellt wie heute. Die fortgesetzten Behauptungen bezüglich der Tariflöhne betreffen nur teurere Sachen. Obwohl wir an der Errichtung von BetriebSwcrkstätten für Maßsachen ebenfalls ein sehr hohes Interesse haben, Ivollen wir doch keinen Vertrag abschließen, der für uns nichts, für die Unternehmer aber eine Reklame bedeutet. Wollen die llntcrnehmer uns entgegenkommen, dann mögen sie einmal die Sachen zu Tarislöhucu herstellen lasse», von denen der Konsument heute glaubt, daß sie zu Tariflöhnen hergestellt werden. Taö wollen sie aber nicht. Dann soll die Sache daran scheitern, daß wir dem Verlangen der Konfektionäre nicht nachgekommen seien, einen Stücklohntarif für Konfektion auszuarbeiten. Dieser Wunsch wurde am Freitag, den 18. Mai geäußert. Dreimal haben wir Wochenlöhne gefordert, ein Teil der Konfektionäre hat uns schon dreimal Werkstätten init Wochenlöhnen zugestanden. Nun sollen wir vom Mittag des 18. bis Mittag des 19. Mai einen Tarif ausarbeiten, über den die Konfektionäre, wie uns ausdrücklich gesagt wurde, nach Pfingsten beraten wollten. Ob sie aber Werkstätten für diese Art Arbeiten errichten wollten, vermochten sie noch nicht zu sagen. Damit war aber unsere Forderung in der Hauptsache abgelehnt. Auf bloße Versprechungen hin, zum 1. Januar 07 eine derart dürstige Werkstätte zu errichten, konnten wir nicht eingehen, umsomehr als wir Zustände, welche wir beseittgen wollen, damit sanktioniert hätten. Aus dem Grnndde sind wir auch nicht in der Lage den Boykott aufzuheben. Wir ersuchen die Genossen wie das kaufende Publikum hiervon Notiz zu nehmen. Verband der Schneider. I. A.: Fi** Kunze* pfiir ben Jiihnlt der Inserate «berniiiiiiit die Redaktion dem Vublitui» gegeiiiibcr keinerlei Beraiitivortnng. HKeater. Sonntag, den 20. Mai. Freie Volksbühne. Sonntag: 20. Mai, nachmittags S'ij Uhr, 7./8. Abteilung im Metropol.Thealer: Die Frau vom Meere. I2./13. Zlbteilung im Carl Weiß-Theater: Der Meister. Montagabend 8'/, Uhr: I. Abteilung im Carl Weiß-Theater: Emilia Galotti. Nene freie Volksbühne. Sonn- tag, 20. Mai, nachm. 3 Uhr: 6. Abteilung im Schiller- Theater 1�: Zapfenstreich. 10. Abteilung im Schiller- Theater O; Die Macht der Finsternis. Nachmittags 2'/, Uhr: 2. Abt. im Deutschen Theater: DaS Käthchen von Heilbronn. Extravorstellung im Neuen Theater: Der Gras von Charolais. Ansang?'/, Uhr: Opernhaus. Lohengrin. Ansang 7 Uhr. Montag: Manon. TchansptelhauS. Faust. Ansang 7 Uhr. Montag: Julius Caesar. Neues Operntheater. Zigeuner« baron. Montag: Dieselbe Vorstellung. Deutsches. Kabale und Liebe. Montag: Der Kaufmann von Venedig. Neues. Orpheus in der Unterwelt. Wontag: Dieselbe Vorstellung. Ansang 8 Uhr: Lesstng. Kameraden. Montag: Dieselbe Vorstellung. Schiller O.. Abends 8 Uhr: Der jüngste AuS- bruch des Vesuv. Montag: Diesewe Vorstellung. Sternlvnrte, Jnvalidenstr. 57/62 Ferdinand Bonns Berliner Theater. Gastsp. des Neuen Opcretten-TheaterS aus Hamburg. (Direktor Max Monti). Sonntag und solgcnde Tage Ansang 3 Uhr: Sie lustige Witwe. Heues Theater. Ansang Uhr. Kleines Theater. Nachmittags 3 Uhr: Kinder der Sonne. Abends 8 Uhr: Ein idealer Gatte. Montag: llin illeaier l-atto._ Neues Operntheater (Kroll). Anfang VI, Uhr. Sonntag, den 20. Mai 1906: Der Zigeunerbaron. Operette von Johann Strauß. Morgen: Der Zigeunerbaron. Vorverkauf im Kgl. Opernhaus, A. Wertheim und invahdendank. Trianon-Thcotcp. Ansang 8 Uhr; Loulou. Komische Oper. ZlbendS 8 Uhr: lMmznirc Erzählungen. Montag: Figaros Hochzeit. Dienstag: Hoffmann» Erzählungen. Mittwoch: Don Pasquale. Donnerstag: Hottmanns Erzählungen. (Station Zoolog. Garten), Kantstr. 12. Sonntag nachm. 3 Ubr, halbe Pr.: Der Zigeunerbaron. Abends 8 Uhr: SchQtzenliesel. Joses König a. G. Volkstümliche Preise. Montag: Zar uns Zimmermann. Volkstümliche Preise. Ansang 8 Uhr. Dienstag: 27. Vorstellung im Dicns- tag-Abonncment: Der Vtattenschmieil. Volkstümliche Preise. Ansang 8 Uhr. Mittwoch: Letzte Opernaustührungen des Stcrnschcn Konservatoriums. Ansang 7'|a Uhr._ Lustspielhaus. Nachmittags 3 Uhr: Der Familienlag. Abends 8 Uhr: Die von ttociisottel. Zentral-�tiLÄter. (Operette.) 3 Uhr: Der ßettelsiudent. Abends 81/. Uhr: Boccaccio. Residenz-Theater. Direktion: Richard Hlexandcr. Heute und folgende Tage Ans. 8 Uhr Lis-beskuust. Komödie in 3 Akten v. Leon Jarnos _ und Michel darre. Carl Weiß-Theater. Gr. Frankfurterstr. 132. Abends 8 Uhr: Aus altem Geschlecht. Schauspiel in 5 Akten v. A. Genke. Montag keine öffentl. Vorstellung. Dienstag und solgende Tage: Aus altem Geschlecht. Im Sommergarten heute u. solgende Tage: Gr. Spezialitäten-Vorstellung. Anfang Sonnt. 4, Wochent. 6 Uhr. > Passage-Theater. Ansang 8 Uhr. Das neue Mai-Programm 1 4 erstklassige Spezialitäten- Metropol-Theater Anfang: 8 Uhr. - ii's Große Jahresrevue mit Ges'ng u. Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Mnsik von Viktor Hollaender. Rauchen überall gestattet. Apollo-Theater. Novität! Täglich: Novität! Das blaue Bild. Phantasie in 1 Akt v. Bolten-Bäckers. Musik von Paul Liincke. Im glänzenden Spezialitätenteil: Gastspiel der amerikanische» Burlesk-Kompagnie Ein Abend in einem nnitribauislli.Tingel-Tangtl. lorm-iMM Spanische Tänzerin u. Sängerin. Narrow Bros., komische Radfahrer. Desroches-Bianca, französ. Duett. Die Hartleys, Springer. Bräsina, Pariser excentr. Sängerin. Patty Frank-Truppe, Akrobaten. König Dollar, englisches Ballett. Imro Fox, lUusionist. Die Brittons, Neger-Sänger und Tänzer. De Oio, Phantasie-Tänzerin. Die Perseus, Kugelspieler. Der Biograph. KaslnosTheater Lothringerstr. 37. Täglich 8 Uhr. Sensationeller Erfolg! Madame Bonivard. Dazu das brillante Abschiedsprogr. Montag, 28. Mai: SchluBvorstellung. Sonntag 1 Uhr: Hotel Klingebusch. Schillef-Tlieater. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theater). Sonntag, nachm. 3 Uhr: IHv Jlacht«lep Finsternis. Schauspiel in 5 Akten v. Leo N. Tolstoj. Deutsch von Raphael Löwcnseld. Sonntag, abends 8 Uhr: Iber Zlllltärstnat. Lustspiel in 4'Auszügen von Gustav v. Moser und Thilo v. Trotha. Montag, abends 8 Uhr: Der lHllltUrstaat. Dienstag, abends 8 Uhr: Die IHachit der Finsternis. Schiller-Theater N.(Friedr.-Wilh. Th.) Sonntag, nachm. 3 Uhr: �apfenstreleh. Drama in 4 Auszügen von Franz Adam Bcyerlein. Sonntag, abends 8 Ubr: Das Lnrnpengesindel. Tragikomödie in 3 Auszügen von Ernst v. Wolzogen. Montag, abends 8 Uhr: Heiden. DienStag, abends 3 Uhr: Feher unsere Kraft.(2. Teil.) ffeue tm Volksbühne Sxtra- Vorstellung im Keuen Theater. Heute Sonntag:, den 20. Hai, nachm. S'/i I hr: Der Graf von Charolais. Trauerspiel von R. Beer-HoSmann. Billetts für Mitglieder a 1,10 M., für Gäste a 1,35 M., inkl. Garderobe sind heute im Theater bei den Ordnern zu haben. 150/9 Der Torstand. I. A.: Heinrich Heft. c Panoptikum lOIfiO Friedriebstraße 165. K in emKtojjra fische VortUhrnngen. harivarU Abende, «— Volkstümliches Kabarett. Abends O Fbr u. a.; Der urkomische Rondlx. = Sportpark Steglitz.= Sonntag, den 20. 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DaS Meinhard-Bernauer-Ensemblc- Gastspiel im Lessingtheater setzte mit der Aufführung eines alten Strindberg aus den achtziger Jahren, der, von Direktor Jarno aus- gegraben, in Wien Bühnenerfolge erzielt haben soll, nicht eben glück- lich ein. Das Stück zeigt keinen Zug im Wesen des Dichters, der nicht schon in den sonstigen dramatisierten Wciberhatzergüssen Strindbergs, in den„Gläubigern", in«Fräulein Julie", in „Vater" seinen Ausdruck gefunden hätte. Die Frauen sind im Roman wie auf der Bühne meist so gut fortgekommen, so oft als reine unschuldsvolle Dulderinnen gefeiert, daß Strindbergs Kriegs- ruf gegen das Geschlecht wie eine ganz sensationelle literarische Re- volte wirken mutzte. Die weiblichen Engel, von denen die Dichter geschwärmt hatten, waren im Leben nicht allzu dicht gesät, und in dem Umschlag übertreibender Lobgcsänge in ein noch ärger über- treibendes Rachegeschrei schien eine Art poetischer Nemesis zu walten. Wenigstens gekränkte Liebhaber und Gatten mögen dabei ein angenehmes Gefühl der Revanche empfunden haben. Aber das Neue wird alt, und beute, wo der Reiz, der diesem Fanatismus seine Neuheit einstmals gab. so ganz verblatzt ist. werden auch die eingeschworcnen Strindbcrgverchrer von früher das gewaltsam Karikierte sener Werke nicht mehr wegleugnen wollen. Der Hätz deS Anklägers läht keine wirklich dichterische Ausgestaltung zu. Strindbergs Phantasie gibt sich nicht hin an die Personen und Schick- sale, so datz ihr Abbild zu lebensvoller, in sich organisch geschlossener Selbständigkeit gedeihen kann; er braucht sie als Material und Mittel, die vorgefatzte Meinung zu demonstrieren. Immerhin, es fehlt in„Fräulein Julie" und im„Bater" nicht an Stellen, in denen dieses Demonstrieren sich zu Bildern wirkungsvoll symbolischer Kraft, zu starken, fest in der Erinnerung haftenden Kontrasten er- hebt, er weitz da, wenn auch nicht Illusion, so doch packende Nerven- spannung zu erzeugen. Nicht so in den„Kameraden"! Die Peitsche knallt vom Anfang bis zum Ende, aber von der Aufregung, die in Strindberg fiebert, teilt sich dem Zuschauer kein Fünkchen mit. Die Konzentration, die jenen beiden anderen Dramen Halt verleiht, löst sich hier in ein wirres Durcheinander auf, der Zorn wird Litanei, man bekommt den Eindruck, als ob Strindberg alles, was er je den Weibern vorgeworfen, hier lexikalisch angesammelt und dies Konipendium dann— Bertha getauft habe. Die Wut, in der er auf das so erzeugte Abstraktum losschlägt, hat etwas Don Quixotisch-Komisches. Frauencmanzipation ist nach dem Strindbergschen Glaubens- bekenntnis Auflehnung gegen die Satzung der Natur, die den grotz- herzigen Männern für alle Zeit die Herrschaft hat zuweisen wollen, eine Teufelei, durch die das unvernünftige, schmarotzende Weiber- Volk die wahrhaft bessere Hälfte des Menschengeschlechtes noch schlimmer als bisher schikanieren und plündern möchte. Beweis: Bertha, die sich in Paris einen talentvollen jungen Maler ge- heiratet hat und ihm als„Kameradin" nun ins Handwerk pfuscht. Sie zwingt den guten Jungen, um Protektion für sie zu bitten, jubelt schadenfroh, als sie hört, ihr stümperhaftes Gemälde sei von der Ausstcllungskommission akzeptiert, das ihres Mannes abge- wiesen. Sie spielt sich als die Ueberlegene auf, will ihn zum Zeichen der Unterwerfung in Weiberröcke stecken, lügt, fälscht die Haus- Haltungsbücher, wird von einem Hausfreund ausgehalten, schnapst, konspiriert mit anderen Emanzipierten, kurz, exelliert in jeder Scheutzlichkeit. Ihre Freundin, ein Mittelding von Weib und Mann, heimtückisch, neidisch, alkoholisch, indessen kraft des männlichen Pro- zentsatzes in ihrer Natur mit einem höheren Intellekt begabt, und der durch eine Ohrfeige der angenehmen Bertha zur Rache aufge- reizte Liebhaber, nehmen sich die Mühe, den blind verliebten Gatten über die Geheimnisse der Kameradin aufzuklären; und mit Wonne lätzt Strindberg nun die Exekution an ihr vollziehen. Man hört ihn förmlich Bravo! rufen Als sie, Böses ahnend, ihre Ver- führungskünste an dem heimkehrenden Manne versucht, klatscht De- mütigung nach Demütigung auf sie hernieder. Der Edelmensch hat sich bei einer Kokotte für diese Stunde vorbereitet; er sagt es Bertha ins Gesicht und ringt sie. da sie mit Handgreiflichkeiten droht, zu Boden. Nach dem schönen Programmsatz:„Wenn Du zum Weibe gehst, vergitz die Peitsche nicht", empfindet ihre schwarze Seele für den Bändiger jetzt auf einmal— Liebe. Erwünschte Gc- legenhcit zu einem neuen Wolkenbruch von HoHnI Aber auch dann gibt Strindberg die Feindin noch nicht aus den Händen. Erst mutz sie noch erfahren, datz nicht ihr. sondern des Gatten Bild von der Jury genehmigt wurde und vom Manne eine Loskaufssumme als Preis für ihr Fortgehen sich erbetteln I Und was es mit ge- schiedcnen Frauen, in deren Kreis Bertha nun eintritt, für eine Bewandtnis habe, darüber wird der Zuschauer im letzten Akte durch die Figuren der Frau Hall und ihrer beiden Töchter unterrichtet. Der arme Ehemann a. D. zahlt alljährlich die Hälfte seines sauer erarbeiteten Einkommens an die Geschiedene, die ihn dafür nach Möglichkeit kompromittiert und anschwärzt. Im übrigen säuft sie, wie das Mode ist bei den Damen des Stückes, und die beiden Fräulein gehen Abenteuern auf der Stratze nach! Es sind kunst- los zusammengeworfene schreiend grelle Szenen. Sehr gut, vor allem in dem Tone herzgewinnender Liebcns- Würdigkeit, den er am Anfang anschlug und immer wieder leise anklingen lictz, war Jarno als Maler Axel. Mit feiner Dis- kretion spielte Maximiliane Bleibtreu die peinliche Rolle der Geschiedenen. Maria Meyer gab dem Zwitter ein Aus- sehen, Bewegungen und Stimme von fast fataler Echtheit. E m m y R e m o l t blieb, trotz mancher glücklich getroffenen Nüance, der Gestalt der Bertha das Bestechende, aus dem die Gewalt, die sie so lange über Axel ausübt, allein erklärlich wäre, schuldig. Der Beifall wird den Schauspielern, dem Unternehmen, dem Namen Strindbergs gegolten haben. stt. Viele Tausende Exemplare neuester Moden. % Hur eigene beste Fabrikation. —- i Unübertroffone, vollendete Auewahl In aparten, reichhaltigsten Sortimenten bewahrter Erzeugnisse« SO—- 45.— 40.— 36.- 33.— 30»—> 27— 24— 21— 18— 15 Uk. 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Berliner fteiehstags-Wablhreise. Dienstag, den 22. Mai 1906, präzise 8'/3 Uhr abends: Versammlung im Alten Schiitzenhause, Linienstraße 5. .. Partei und" Gewerkschaft.«Äf 2. Diskussion. 3. Partei- und Vercinsangelegenheitcn. 4. Verschiedenes. Gäste erwünscht. Erscheinen aller Genossen erwartet 245/3 Bei? Vorst» nck. nnBvAuBMMV Die Herrenpartie des 5. Kreises findet am WiT?>n»tMllBg» 24. Mai tHimmelfahrtstng) statt. 1., 2. und Z.Abteilung: Versammlung 7 Uhr morgens bei Rausch, WinSswatze 12. 1, 5. und 6. Abteilung: Versammlung 7 Uhr morgens bei Wohlfarths, Rosenthalerstratze 57. 7. Zlbteilung: Versammlung'/.jH Uhr bei Kürbis, Luisenstraße 26. Alle Abteilungen fahren nach Station �»iixt«rnk«tUo. Auf Nach zügler wird bis 10 Uhr im„üöotbtolet", Tegeler Weg 40 gewartet, dann Fußpartie nach.öaselhorst, Saatwinkel, Tcgelort, Endstation Tegel. Zahlreiche Beteiligung erbeten._ Per Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Kücbcnmöbcl-ßrancbe. Mittwoch, den 23. Mai, abends 8>/z Uhr, im„Englischen Garten", Alexanderstraße 27 o: Branchen-Versammlung. Tages-Ordnung: I. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Verbands- und Branchenangelegen- hellen. I>Ie Kommission. parkettbodenlcgcr. Montag, dm 21. Mai 1906, abends 8 Uhr, im GewerkschaftShause, Engel-User 15: Kouimlssions-Zitziing mit Vertrauenslentell. Hierzu ist die Kommission" der Bohner und die Kollegen ders Firma ..oiitge? eingeladen._ 86/4_ Per Obmann. Her -m VcrwaUnngsstelle Berlin. Haupt-Bureau: Engel-User 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV, 0679. Arbeitsnachweis: Zimmer 34. Amt IV, 3353. Dienstag, den 22. Mai. vorm. 9'/, Uhr, im GewerkschaftShause, Engel-User lö, Saal 4: Versammlung sämtlicher jlnsgesperrten des Kahelwerhs Oberspree. ES ist Pflicht eines jeden einzelnen, zu erscheinen. Dienstag, den 22. Mai, abends 8'/, Uhr: ßezirkS'VcrlammluDg für Moabit in der Kronen-Brauerei, Alt-Moabit Nr. 47—49. TageS-Ordnung: 1. Bortrag des Reichstags-Abgeordncten v. Elm über:„Gewerkschaft und Genossenschaft.* 2. Verbandsangelegenheiten. 3. Verschiedenes. In Anbetracht des äußerst wichtigen Vortrages ist zahlreiches und Punkt- lichcS Erscheinen der Kolleginnen und Kollegen mit ihren Frauen erwünscht. Dienstag, de» 22. Mai, abends 8'/, Uhr, bei Herrn Altmann. Jnvalidenstr. 146(Nähe der Bergstraße): Ncchiilnililns säilitl. Fehrstnhl-Monlciltt und Helfer Kerlins und Umgegend. Tagesordnung: 1. Wie können wir einheitlicher als bisher für die Berbessernng unserer Lohn- und Arbeitsverhältnisse eintreten? Res.: Kall. Kuhnt. 2. Diskussion. 119/12 Wir erwarten in Anbetracht der wichtigen Tagesordnung, daß sämtliche Kollegen erscheinen._ Ple Ortsverwaltnng. Charlottenburg. Sozialdemokrat. Wahlverelti. Dienstag, den 22. Mai, abends SV« Uhr, im Uolkshause, Uosinenstr. 3; Mitglieder-Berfammlnng. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Haii Wiesenthal: Mas lehren uns die letzten Massenstreiks«nd Aussperrungen? 2. Diskussion. 3. Bereinsangelegeuheitcn. _ Zahlreiches Erscheinen erwartet_[250/13]_ Der Vorstand. Zentraloerband der Maurer Deutschlands. Zweigverein Berlin. Sektion Putzer. Mittwoch, den SS. Mai, abends« Uhr, im Saale des Herrn Keller, Koppenstr.SS: Ksn«paI»VsrssmmIunc|. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Diilvell über:„Arbeit und Kapital". 2. Erledigung der in der Versammlung am 25. April vertagten Tagesordnung. 3. Situations- bericht und Verschiedenes. Um zahlreiches und pünktliches Erscheinen der Mitglieder ersucht Die örtliche Verwaltung. I. A.: N. Nsumsim. NB. Gleichzeitig geben wir bekannt, daß im Einverständnis mit dem Gesangverein der Putzer für die Fsustpartie am Himmelfahrtstage der Treffpunkt morgens 9 Uhr in Grünau am Bahnhof festgesetzt ist. Ilm recht zahlreiche Beteiligung crlucht_ Der Obige.[134/3 Achtung! Kleber! Achtung! Mittwoch, den 23. Mai, abends 8 Uhr, im Lokal von Augustin, Oranienstraße 103: Versam mlnng. Tages-Ordnung: 1. Welche Mittel ergreisen wir, um den Tarif aufrechtzuerhalten? 2. Dislujjion. 178/4_ PicVerbandsleltnng. Ms in islUHlai'i Montag, den 21. Mai, abends 8'l, Uhr Außerordentliche General-Versammlung in GraumannS Festsälen. Naunynstr. 27 Tagesordnung: 1. Fortsetzung der Diskussion über die Berichterstattung vom 7. Kon- greß der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften. 2. Antrag aus Aus- jchluß eines Mitgliedes. 3. Vercinsangelegenhciten. Die Versammlung wird pünltlich eröffnet. Mitgliedsbuch legitimiert. 141/11__ Der Vorstand. vereine! Klubs! Fabriken! Auch diesen Sommer wieder die billigste» Dampferpartien nach Zpreescklok kriedrickskgxeii. Sonntage find auch noch frei. �«. Scberelks. Achtung! Achtung! Mitglieder der Orts-Krankenkasse der Schneider. Mitglieder der vor kurzem autgelösten Innungs-Krankenkasse der Sehneider. Am Dienstag, d. 22. Iffai, abends von G1/»— S1/» Uhr findet die Vertreter-Wahl znr General- Versammlung der Orts-KranUenUasse der Sehneider statt. Die Liste des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen beginnt mit dem Namen AldC und endigt mit dem Namen ZuhllCG» VW" Arbeiter! Parteigenossen! Beranlaftt Euere Frane» und Töchter, soweit sie Mit- glieder der Ortskasse find, daff sie znr Wahl gehen! Mitgliedsbuch legitimiert: ohne dasselbe kein Wahlrecht. Personen unter 21 Jahren haben kein Voi-band der Schneider. Ple Ortaverwaltang. Wahlrecht l Oerhand deutscher tiürichner Zahlstelle Berlin. Montag, den 21. Mai, abends 8'/. Uhr, Prenzlaneratr. 41: Mitglieder-Versammlung. Tage sordnung wird in der Versammlung bekannt gegeben. SW"" Zahlreiches Erscheinen erwünscht 102/12 Ple OrteverwalPmg. Achlimo! chtuno! Am Dienstag, den 22. Mai 1906. findet im Bolkshanse, Charlottenburg, Rosinenstr. 3, eine öffentliche Bersammlnug für Arbeiter-Radfahrer in Charlottenburg statt. Aus der Tagesordnung steht: 1. Wahl zweier Vertrauensmänner für die Arbeitcr-Radsahrer in Charlottenburg. 2. Verschiedenes.— ES ist Pflicht aller Sportsgcnoffen, hier zu erscheinen._ Ter Einberufer. Arbeiter-Radfahrer Charloltenbürgs Organisiert Euch I Tretet! dem' am Ort bestehenden Arbeiter-Rad« fahrer-Berein bei, derselbe zählt gegenwärtig 100 Mitglieder und ist Mitglied des Arbeiter-Radfahrer-Bundes„Solidarität". Das Eintrittsgeld beträgt inkl. Bundeseintritt 75 Pfg., der monat- liche Beittag für männliche Mitglieder 35 Pfg., für weibliche 25 Pfg., wofür sämtliche Vorteile des Bundes und Vereins gewährt werden. Versammlung findet jeden Freitag nach dem 1. und 15. des Monats, abends 8'/z Uhr, im Lokale von H. Harnisch, Windscheid- stratze 25, statt. Nähere Auskunft über Bund und Verein erteilen Karl Hnincr, Osuabrückerstr. 1, Karl Decker, Potsdamerstr. 35, v. III, und auch im Vereinslokal Windscheidstr. 25. 12/ ID Der Vorstand. II Spezlalhaiis: tiren Riesen-Auswahl. Ohne Anzahlung! . R. 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Boden-Konto 9 359 600,— Bau-Konto 9.... 925 935,62 Bau-Konto 10..., 78,— Bau-Konto 11.... 3211,55 Grundstücks> Erwerbs« Konto Charlottenburg 1 203 448,18 Bau-Kantinc-Konto.. 7 778,02 Jnvcntar-Konto... 1 500,— Anlage-Klo. d. Siegfried Levy-Schenkung... 50 000,— Wertpapier-Konto... 12 010,10 Rückständige Micten-KIo. 77,50 Geschästsguthaben beider Deutschen Zenttal-Ge- nossenschast.... 500,— Bank-Guthaben,«, 20 484,60 Kassen-Bestand...._ 4118,52 Sa. 5 026 081,81 Passiva. Geschäfts-Gut. haben- Kto. 225 397,85 Vermehrung i. I. 1905- 57 589,15 282 987,— 844 510,85 13 127,61 53 000,— Spareinlagen-Konto.. Rescrvesonds-Konto.. Sicgsr. Lcvy- Schenkung VeiffügungS- Konto der Sicgsr. Levy-Schenkg. Schuldverschreib.-Kto. l Schuldverschreib.-Kto. II Hypotheken-Konto 1.. Hypotheken-Konto 2.. Hypotheken-Konto 3., �ypothcken-Konto 4,. Ypotheken-Konto 5., ypothekeii-5ionto 6,, Ypotheken-Konto 8,. Ypotheken-Konto 9.. estkausgeld Grundstück S Restkausgeld Grundstück Charlottenburg,.. Kreditoren-Konto... Reingewinn..... Sa. 5 026 081,81 Gewinnverteilung. 31/. Proz. Dividende aus Geschästsguthaben am 31. Dezember 1904. Dem RescrvesondS gut- geschrieben 912,65 194 060,— 337 880,— 195 135,12 200 000,— 101 000,— 318 000,— 382 193,54 646 000,— 50 000,— 500 000,— 309 600,— 550 000,— 37 049,60 10 625,44 7 630,70 M. , Telegramm- Adresse: Seiden-Herzog. 2 994,74. Sa. 10 625,44 M. Mitgliederzahl. Am 1. Januar 1905.... 3080 Eingetreten im Jahre 1905. 734 3814 Am 31. Dezember 1905 schieden aus insolge Ausschluß, Tod und Auskündigung.... 325 Bestand an Mitgliedern am 1. Januar 1906..... S489 Die Hastsumme sämtlicher Mitglieder betrug am Schlüsse des Geschästs- jahres 1904.... 942 900 M. sie hat sich vermehrt um 124 200, Gesamt- Hastsumme am Schlüsse des Geschäfts- jahres 1905.... 1 067 100M. Der Vorstand. L Schmidt. Ernst Roscher. 'eidesehlüßelien Hohenbinde « m W„Kam Ontenberg" M(Stadtbahnstation Erkner). Romantisch am Walde und Spree gelegen. 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Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: VorwärtSBuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Eo., Berlin SW. Hr. 116. 33. Ichrgang. 4. Keiligt des Joriuitts" Kcrlintt MMM Sonutag, 20. Mai 1906. Wirtschaftlicher Wochenbericht. Berlin. 19. Mai 190S. Httcynia. Neue Drohung der Mctalliudustriellen. Bergardeiterflucht. Unstimmigkeiten. Folgen der Fleischteuenmg. Baumwollhausse. Die Papierbesitzer von der Hercynia haben ihren guten Tag gehabt. Das Abgeordnetenhaus sagte„ja" zu der Regierungs- Vorlage, die einen Kaufpreis von 30 Millionen Mark Vorsicht. Dah der Uebernahmepreis exorbitant hoch ist, bestritt niemand, aber in der— Kommission hat die Regierung angeblich befriedigende Ausi klärung dafür gegeben. Begründungen für einen Ueberpreis! Hat van vielleicht graulich geniacht mit angeblichen Kaufversuchen aus- ländischen Kapitals? Mit der Ueberbezahlung der Hercynia ist solcher angeblichen Gefahr nicht begegnet. Wenn englisches Kapital stärker in die deutsche Kaliindustric eindringen will, dann bleibt dazu nach Verstaatlichung der Hercynia auch noch ge nugsam_ Gelegenheit. Jedenfalls politische Gründe waren die Triebkraft für die Regierung. Die Erwerbung der Hercynia ist ein neuer Beweis dafür. dost unsere Wirtslihastspolitik restlos von den Bedürfnissen und dem Wollen der Agraner bestimmt wird. Damit auch in der Kaliversorgung eine agrarische Liebesgabenpolitik garantiert bleibt, darum will die Regierung maßgebenden Einfluß gewinnen. Ziemlich offen sprach der Regier-ungsvertreter es aus: Begünstigung der Agrarier, daS ist das Leitmotiv all unseres Handelns und Tuns. Und als ein Vertreter des Handels flehentlich um die Zusage bat, daß die land- wirtschaftlichen Genossenschaften nicht dauernd noch mit einer Extra bevorzugung vor den übrigen Händlern beglückt toerden würdrn. antwortete der Handelsminister mit einer Ausrede, die tatsächlich das Gegenteil des Gewünschten enthält. Er erklärte, nach seiner ganzen Vergangenheit gehöre er mehr den Junkern, als das für das Amt eines Handelsministers unbedingt notwendig sei. Mit anderen Worten, Herr von Delbrück fühlt sich als HandelSmiuister der Agrarier.(In diesen Rahmen fügt sich passend ein die Erklärung, der Staat stelle an die Rentabilität nicht so hohe Ansprüche als das Privatkapital und eine Steigerung der ohnehin schon hohen Löhne sei nicht zu erwarten. Solche unwidersprochene Erklärungen werden das Vertrauen der Arbeiter zur Regierung gewiß außergewöhnlich stärken.) Auch die Frage, wie weit die Verstaatlichungspläne der Regierung gehen, wurde gestreist. Die Jnteressenvertreter der Groß industrie erhielten die gewünschte Zusage, daß die Regierung an weitere Erwerbungen bestehender Anlagen nicht denke. Aber sie will trotzdem ihren Anteil an der Gesamtproduktion sowohl im Kohlen« als auch im Kalibergbau erhöhen. Minister Delbrück kündigte eine Vorlage an, durch welche die Regierung sich Reservatrechte für noch nicht er- schlossene Grubenfelder vorbehält. Ueber Form und Inhalt der Vorlage ließ ex den Schleier des Geheimnisses ruhen, nur daS weiß nian. der staatliche Bergwerksbesitz soll vergrößert werden. Mit dieser Ankündigung, die doch eine erhebliche Steigerung der Pro- duklion in der Kaliindustrie in Aussicht stellt, wirst die Regierung ihre Begründung zur Hcrcyniavorlage über den Haufen. In dieser wird betont, daß das Bestreben, einer zügellosen Konkurrenz infolge Produktionssteigerung vorzubeugen, ein Hauptmoment der Ver- staatlichuugsabsicht sei. Nun beruhigt man das Unternehmertum durch die Erklärung, die Regierung wolle keine Anlagen mehr er- werben, sondern in umfangreicher Weise sich an der Aufschliehuug neuer Felder beteiligen. Die Metallindustriellen spielen erneut mit AuSsperrungS drohungen. Wollen sie ihren Rückzug nur noch mehr maskieren oder glauben sie enisthaft an Erfolg mit ihrer Buhmann-Methode? An- geblich soll am S. Juni der Schlag erfolgen. Nach den Mitteilungen über die gefaßten Beschlüsse schrumpft die zuerst angekündigte Riesenaussperrung zu einer Miniaturaktiou zusammen. Ob aber au« dieser etwas wird, ist auch noch sehr die Frage. Die ver- schiedenen Versionen, die über die Absichten und Beschlüsse der Unternehmer verbreitet werden, geben ja genug Handhaben zu Ab leugnungen und Interpretationen. In der bürgerlichen Presse wurde als Folge einer Riesenaussperrung ein vollständiger Konjunktur� Umschlag als wahrscheinlich in Aussicht gestellt. Merkwürdig I Die selben Organe, die seit Monaten Unmengen von Papier und Druckerschwärze verbrauchen, um iiachzuwessen, daß die augeu blickliche Konjunktur auf durchaus gesunder Grundlage, auf tat- sächlich vorhandenen Weltmarktsbedürstnssen basiere, dieselben Organe sehen das ganze Gebäude wanken, wenn durch Stockungen in der Produktion der stürmische Begehr nicht nach Wunsch befriedigt werden kann. Durch eine Mindererzeugung wird doch der Weltauftragsbestand nicht vermindert, sie könnte logischcrweise höchstens die Nachfrage nur noch stünnischer gestalten. Die Auslassung beweist, daß man in Ordnungskreisen vor den jeder Vernunft Hohn sprechenden Möglichkeiten der kapitalistischen Wirtschaftsweise Grauen empfindet. Man merkt den Widersinn, aber das Klasicninteresse bedingt, das widersinnige System zu verteidigen. Die Arbeiter werden sich jedenfalls durch das Argument, daß ein tatsächlich vorhandenes Bedürfnis nach Ware nicht mehr wirksam sein soll, wenn jene Befriedigung bis zum nächsten Tage aufgeschoben wird, nicht beeinflussen lassen. In den Berichten von» Eisen- und Kohlenmarkt tritt eine starke Unstimmigkeit zutage. Nach den Angaben des Stahlverbandes ist die Erzeugung in Produkten A im April auf 20 200 Tonnen arbeitstäglich gestiegen, von 19SÖ0 Tonnen pro Arbeitstag im März d. I. Absolut blieb allerdings die Erzeugung im April hinter dem Er- gebnis im März zurück, weil letzterer vier Arbeitstage mehr zählt als der Nachmonat. In der Kohlenförderung ist ober das Ergebnis deS April nicht nur absolut, sondern auch relativ gegen die Forder- menge deS März zurückgeblieben. Arbeitstäglich betrug der rechnungsmäßige Absatz des Kohlensyndikats im Januar 221 675 Tonnen, im Februar 227 554 Tonnen, im März 219 71g Tonnen und im April nur 213 544 Tonnen. Gegenüber dem Februar, der die höchsten Tagesleistungen aufweist, ist der Versand m April um rund 14 000 Tonnen pro Arbeitstag zurückgegangen. Wenn trotzdem die Eisenindustrie eine erhebliche Steigerung der Erzeugung er- möglichen konnte, was einen entsprechend erhöhten Mehrverbrauch an Kohlen bedingte, so müssen entweder in den Bormonaten be- deutende Quanten auf Lager gegeben worden sein, oder der Export hat in einem solchen Umfange Nachgelassen, daß jetzt trotz verminderter Förderung erhöhte Ansprüche der Eisenindustrie befriedigt werden können. Damit sind aber die bisherigen Stimmungsberichte nicht in Einklang zu bringen. Stets ist behauptet worden, der Bergbau sei nicht in der Lage, die Ansprüche voll zu befriedige», viele Offerten hätte man zurückweisen müssen. Wenn das richtig war, konnte man doch keine erheblichen Quanten auf Lager bringen. Weiter ist wiederholt bestritten worden, daß infolge des Elmks in Frankreich der Export nach dort erheblich gesteigert worden sei. Stimmt das, dann kann das Abflauen des Streiks auch keine bedeutenden Mengen Kohlen frei gesetzt haben zur Verwendung für unsere Eisenindustne. In einem Artikel der„Köln. Ztg." vom 17. Mai wird die verminderte Förderung im April in der Hauptsache auf eine erhebliche Bergarbeiterflucht zurückgeführt. Ziffernmäßige Angaben darüber fehlen noch. Sehr mteressant find die Ursachen, die das Blatt für die Abnahme der Belegschaften angibt. ES führt au», daß die günstige Baukonjunktur und vor allem die vielfachen ArbeitSmöglichkeiten in der Eisenindustrie einer großen Zahl Berg- orbeiter erwünschte Gelegenheit biete, die Bergarbeit zu verlassen. Und al« ganz besonderen Anreiz zu der Bergarbeiterflucht sollen die angeblich hohen Löhne, die in der Eisenindustrie gezahlt werden. anzusprechen sein. Jedenfalls, so führt die„Köln. Ztg." auS. feien «die Löhne in der Eisenindustrie erheblich schneller in die Höhe" ge- gangen, als im Bergbau. Die Grnbenunternehmer haben es also in der Hand, der Abwanderung der Bergarbeiter zu begegnen. Daß ihnen die Konjunktur nicht gestatte der Lohnbeivcgung in der Eisenindustrie zu folgen, wird man ja wohl nicht zu behaupten wagen. Die Rentabilität im Bergbau ist ! immer noch etwas höher als in der Eisenindustrie. Dieser sollen nun umfangreiche Bestellungen für San Francisco den Auftrags« bestand wiederum erheblich vermehrt haben. Eine Bestimmung bei den Aufträgen verführt uns zu krittschen Gedanken! Etliche Dutzend und mehr male ist uns versichert worden, sämtliche Werke seien auf Monate hinaus mit Aufträgen geradezu überhäuft, selbst für lang- fristige Aufträge sei es schwer, Deckung zu finden. Nun wird aber mitgeteilt, das über Nacht hervorgerufene Bedürftiis für San Fran- cisco müsse schleunigst gedeckt werden, das sei Bedingung I Wenn die Bestellungen sofort ausgeführt werden können, dann können doch andere Lieferverpflichtungen nicht im Wege stehen. Uebrigens scheint man auch an der Börse etwas mißtrauisch geworden zu sein. Ob- wohl eine baldige Herabsetzung des Bankdiskonts zu erwarte» ist, könnten die rosigsten und anregendsten Stimmungsberichte doch keine Haussebewegung in Fluß halten. Die Ankündigung, daß der Staat weitere Erwerbungen von Bergtoerksanlagen nicht beabsichtige, rief sogar eine starke Verstimmung hervor. Das ist ein Beweis dafür, daß sehr viel auf Spekulation gekauft worden ist, daß man die inneren Werte der betreffenden Untemehmen nicht so hoch schätzt, als den Preisen der Papiere entspricht. Die andauernde Fleischteuerung hat nicht nur den Agrariern die Taschen gefüllt, sie brachte gute Konjunktur auch für die Fischerei. Nicht allein, daß die Nachfrage einen starken Anstoß erhielt, weil Fischnahrung vielfach an die Stelle des Fleischgenusses trat, der starke Begehr in Verbindung mit den starken Preissteigerungen für fast alle Lebensmittel, ließ auch den Preis für Speisefische erheblich anziehen. Das kommt in den Ergebnissen der Deutschen Dampf- fischerei-Gesellschaft„Nordsee" in Bremen deutlich zum Ausdruck. Die beiden hervorgehobenen Momente hatten zur Folge, daß, wie dem„B. C." geschrieben wird, der Ueberschuß des letzten Semesters den der voraufgegangenen sechs Monate um zirka 400000 Mark überragt. Allein der Januar soll ein Mehr von 90 000 M. erbracht haben und rechnet man für das ganze laufende Jahr mit einem Mehr von zirka 000 000 M. Da die Gesellschaft mit 3 500 000 M. Aktienkapital arbeitet, muß das Resultat als ein außergewöhnlich glänzendes bewertet werden. Die Textilindustrie wird fortgesetzt durch Preisschwankungen beunruhigt. Keine Industrie hat so stark mit Preiswechsel zu rechnen als sie. Zurzeit stehen wir wieder im Zeichen der Hausse. Heute treibt die Meldung über zu trockenes, heißes Wetter in den Baumwolldistrikten die Preise in die Höhe, morgen muß die Gefährdung der Ernte durch Regen für die Preissteigerung her- halten. Nach dem New Dorker Wochenbericht gingen die Vorräte gegen die Vorwoche zurück, obwohl die Zufuhren nach den Unionshäfen gestiegen waren. Die Unsickierheit in den Rohstoffpreisen wirkt oft hemmend und störend in der Verarbeitungsindustrie. Aber nicht nur die Baumwolle zieht wieder im Preise an. auch die Flachspreise schnellen in die Höhe. Hätte die deutsche Landwirtschaft den Flachsbau nicht so sehr vernachlässigt, sie könnte auS den guten Preisen ganz an- sehnliche Gewinne ziehen. Aber die Branntwein- und Zucker-LiebeS- gabenpolittk reizte zu starkem Kartoffel- und Zuckerrübenanbau und die gesteigerten Getreidezollsätze lassen es tätlich erscheinen, sich lieber bei der müheloseren Getreidekultur auS den Taschen der Konsumenten die Taschen zu stillen, als sich mit Sorgen über die Bedürfnisse der deutschen Volkswirtschaft und Industrie zu quälen. Strigernng der Kohlenproduktton. Das erste Viertel deS laufenden Jahres hat eine ganz außer- ordentliche Steigerung der Kohlenförderung gebracht. Gegenüber den drei voraufgegangenen'Monaten beträgt die Steigerung rund 11 Proz. Im Vergleich zu der korrespondierenden Zeit des Bor- jahres, in welchen der große Bergarbeitcrstreik fiel, ergeben sich ganz besonders große Unterschiede. In ganz Preußen entfiel von der Ge- samtsörderung auf je ein Belegschaftsmitglied im ersten Quartal 1905 1900 Tonnen Tonnen bei Steinkohlen.... 54.7 70,9 „ Braunkohlen... 252 203 Bei Braunkohlen ist die Steigerung in 1900 relattv gering, die erhebliche Differenz bei Steinkohlen rührt in der Hauptsache von der Produktionsverschiebung im Oberbergamtsbezirk Dortnrmtd her. Hier betrug die Gesamt- Mithin pro förderung Arbeiterzahl Kopf För Tonnen derung To. 1905.. i.. 12 102 993 203 259 40.4 1906..... 19 655 008 276 094 70,8 Nicht uninteressant ist, daß in einigen Bergbaubezirken die Zahl der Beschäftigten abgenommen hat. Während insgesamt im ersten Quartal dieses Jahres 12 745 Personen mehr beschäftigt wurden. al« für die gleiche Feit des Vorjahres die Belegschaftsltsten aus- weisen, ist im Bezirk Hamm die Arbeiterzahl um 82, in Dort' mund II und III zusammen um 838 und in Essen-Ost um 22 zurück- gegangen. D- 7. Kongreß der Deutschen Metallarbeiter-Genlerkschast in Berlin. Vertreten waren 6 Orte durch 8 Delegierte, der Vorstand durch den Vorsitzenden und Kassierer, die Beisitzer durch ihren Obmann und die Gcschäftskommission der„Freien Vereinigung" durch den Genossen Hafsner. Die Konserenz hatte sich hauptsächlich mit der Entgegennahme des TatigkeitsberTchts des Vorstandes, der Stellungnahm« zu den Beschlüssen des 7. Kongresses und der Neu organisationsftage zu beschästigen. Der Vorsitzende Schon heim gab den Vorstandsbericht und erwähnte dabei, daß die von der Or- ganisation propagierten Ideen sich immer mehr Bahn brächen; der Beweis dafür liege darin, daß trotz aller Anfeindungen und Ver- lcumdungen die Zahl der Mitglieder eine stetig wachsende sei. Und es sei als ein gutes Zeichen zu betrachten, daß die Verhandlungen des 7. Kongresses eine völlige Klarstellung der von der„Freien Ver- einigung" vertretenen Anschauungen herbeigeführt haben. Nun liege es an den Mitgliedern, ob sie auf der dort vorgezeichneten Bahn weiter vorwärts schreiten, und ob sie mitarbeiten wollen an der Vertiefung dieser Grundsätze in den Kreisen der Kollegen. Immer größere Dimensionen nehmen die Streiks und Aussperrungen an, imnier größere Anforderungen werden demzufolge an die Organi- sationen gestellt, Anforderungen, denen sie in der Weise wie bisher nicht mehr gerecht werden können, es sei denn, daß der Idealismus der Arbeiter noch mehr preisgegeben wird. Um diesem entgegen- zuwirken und die Gewerkschaften zu dem umzuformen, was sie im eigentlichen Sinne sein sollen, ist es unbedingt notwendig, den hehren Gedanken deS Idealismus und der Solidarität immer mehr zu pflegen und die Arbeiter dafür empfänglich zu machen. Das ist Aus- gäbe der deutschen Gewerkschaftsbewegung, und hierfür die richtigen Mittel und Wege zu finden, das solle Aufgabe der Konferenz sein. In der Berichtszeit war ein« Einnahme von 78 599,36 M. und eine Ausgabe von 09 027,16 M. zu verzeichnen. Für 43 Bewegungen usw., an denen die Organisation mit 1158 Mitgliedern beteiligt war, wurden 37 434,44 M. an Unterstützung gezahlt. Wiederum ein Beweis, dah die Organisation wohl in der Lage ist, in den Kämpfen der Arbeiter gegen da» Unternehmertum ihren Mann zu stehen. Aber auch in der Betätigung der Solidarität anderen Gewert- chasten gegenüber, haben die Mitglieder ihrer Pflicht genügt. In agitatorischer Beziehung konnte leider der Vorstand nicht allen Wünschen gerecht werden, weil immer ein Mangel an geeigneten Kräften zu verzeichnen ist. In der Diskussion über den Geschäftsbericht wurde allseitig das Verhalten der Organisationen, welche der Generalkommission an» geschlossen sind, gegen die Gewerkschaft einer scharfen Kritik unter» zogen und daran gezeigt, daß deren Mitglieder, und im besonderen die Führer, den Gedanken der Meinung?- und Gewissensfreiheit noch nicht erfaßt haben, und auS diesem Grunde andersdenkende, aber überzeugte und klassenbewußte Genossen wegen ihrer Ueber- zeugung oft mit den verwerflichsten Mitteln bekämpft werden. Da- durch würden ohne Zweifel die Geschäfte der Gegner der Arbeiter- klasse besorgt.. Im übrigen war die Konferenz von der Tätigkeit des Vorstandes befriedigt, und sie sprach den Wunsch aus, daß seitens der leitenden Kollegen alles versucht werden solle, um die Ideen der Gewerkschaft in die breiten Massen der Metallarbeiter zu tragen. Den Bericht vom 7. Kongreß gab Schröder- Berlin. Redner ging kurz auf die Verhandlungen desselben ein, besprach die ein- zclnen Beschlüsse und betonte zum Schluß, daß für die Metall- arbeiter-Gcwerkschaft gleichfalls der Boden beackert sei, auf dem sie ihre Saat früchtctragend ausstreuen könne. Die Konferenz erklärte sich mit den Beschlüssen des Kongresses einverstanden und machte eS jedem Mitgliede zur Pflicht, gemäß dem dort angenommenen Pro- gramm zu handeln und sich zu betätigen. Die Neuorganisationsfrage zeitigte ein« längere Beratung. S ch o n h e i in führte in seinem Referat hierüber aus, daß sich die Notwendigkeit der Umgestaltung der Organisation in verschiedener Hinsicht herausgestellt habe. Der Hauptträger dieser Frage ist der Unabhängigkeits- und Selbständigkeitsgedanke der ern» zelneu Filialen. Dadurch solle ermöglicht werden, daß die einzelnen Mitglieder mehr Interesse an dem Ausbau der Organisation ge- wännen und somit sich in ihnen das Gefühl der Selbständigkeit und des Selbstbewußtseins immer mehr entwickelt. Der Regulativ-Ent- Wurf, wie er in der„Solidarität" bekannt gemacht worden ist, wurde nach eingehender zustimmender Diskussion mit wenigen Ab- änderungen angenommen; somit war die Umgestaltung der Deut» schen Metallarbeiter-Gelverkschaft beschlossen. Dieselbe führt fortan den Namen:„Vereinigung der Metallarbeiter Deutschlands", und setzt sich zusammen aus einzelnen ört- lichen selbständigen Vereinen, welche vollkommenes Selbst- verwaltungs- und Bestimmungsrecht besitzen, die durch die Geschäfts- leitung der„Vereinigung" miteinander verbunden find. Als Sitz der„Vereinigung" wurde Berlin bestimmt, zum Geschäftsleiter S ch o n h c i m und zum Kassierer R a s e n a ck gewählt, denen ein noch zu wählender Ausschuß von fünf Personen beigegeben Wird. Lebhafte Diskussion rief der Punkt„Organ" hervor. Dazu waren von einzelnen Filialen Anträge gestellt, nach welchen aus ZweckmäßigkeitSgründen an Stelle der„Solidarität" die„Einig- keit", Organ der„Freien Vereinigung deutscher Gewerkschäften", als obligatorisches Organ eingeführt werden solle. Auch der 7. Kongreß hatte wiederum den Wunsch auf Beseitigung aller ein, zelneu Organe innerhalb der der„Freien Vereinigung" an- geschlossenen Organisationen laut werden lassen. Außerdem lag ein Antrag der Filiale Berlin vor, die„Solidarität" achttägig sbis- her vierzehntägig) erscheinen zu lassen. Nach längerer eingehender, ober sachlicher Diskussion, kam die Konferenz über diesen Punkt zu dem Schluß, den Antrag der Berliner abzulehnen und über die anderen Anträge bis 1. Oktober eine Urabstimmung vorzunehmen. Einen diesbezüglichen Austrag erhielt der neu« Geschäftsleiter. Nach Erledigung einiger interner Punkte wurde die Konferenz mit dem Dank an die Delegierten für ihre rege Mitarbeit und mit einem kräftigen Appell an alle Mitglieder zu neuer, energischer und erfolgreicher Arbeit für die„Vereinigung der Metall» arbeitet Deutschlands" vom Geschäftsleiter geschlossen. Derbandstag der Schmiede. Berlin, 19. Mai. Die heute abgehaltene letzte Sitzung des Verbandstages beendete zunächst die Beratung des Streikreglements. Dabei wurde der Höchstbetrag, den die wöchentliche Streikunterstützung er- reichen darf, von 18 auf 19 M. erhöht.— Darauf wurden die Reglements zur MaßregelungS-, Rechtsschutz-, Reise- und Um- zugsunterstützung beraten.— Die neu eingeführte Erwerbs- losenunterstützung gewährt nach einjähriger Mitgliedschaft für die Dauer von sechzig Tagen pro Arbeitstag 1 M., nach drei- jähriger Mitgliedschaft 1,50 M., nach sechsjähriger Mitgliedschaft 2 M. Die Unterstützung wird vom achten Tage der Erwerbs- losigkeit an gezahlt.— An Sterbegeld werden nach einjähriger Mitgliedschaft 30 M. gezahlt, dasselbe steigt von Jahr zu Jahr um je 15 M. bis zur Höhe von 105 M. Für die Verbandsbeamten wurde ein Anfangsgehalt von 1800 M. festgesetzt. Dasselbe steigt jährlich um 50 M. bis zur Höchstgrenze von 2300 M. Hierauf wurden die einer Kommission überwiesenen An- träge zur Agitation und Taktik verhandelt. Hierzu wurde be- schloffen, daß denen, die wegen der Arbeitsruhe am 1. Mai gemäß- regelt werden, vom 5. Mai ab Unterstützungen zu zahlen sind, und zwar erhalten diejenigen, welche nur für gewisse Zeit auS- gesperrt werden, die Erwerbslosen-, die dauernd Gemaßregelten die Maßregelungsunterstützung. Die vom Berbandsvorsitzenden Lange zur Taktik beantragte Resolution wurde in folgender Fassung angenommen: „Die Taktik der Unternehmer geht heute dahin, bei allen Lohnbewegungen und Ausständen die Zahl der Ausständigen nach Möglichkeit zu vergrößern, um dadurch die Kassen der GeWerk- schaften zu sprengen. Dem gegenüber sind die Mitglieder des Verbandes darauf hinzuweisen, daß sie viese Machinationen der Arbeitgeber nach Möglichkeit zu durchkreuzen suchen müssen, weil durch die Aussperrungen für unsere Berufsangehörigen materielle Vorteile bisher nicht entsprungen sind, andererseits aber erhebliche Opfer gebracht werden müssen. Aus diesen Gründen sind die Mit- glieder darauf hinzuweisen, sich für alle Momente kampfbereit zu halten und cvcnt. weitere Opfer zu bringen." Ferner wurde ein Antrag angenommen, welcher wünscht, daß sich die nahe bei einander liegenden Zahlstellen verschmelzen. Die Vorstandswahl ergab die eiisstimmigc Wiederwahl des Vorsitzenden Lange und des Kassierers Schreiber. Als zweiter Vorsitzender wurde K a m p S. Hamburg gewählt. Dem bisherigen zweiten Vorsitzenden Schräder, der wegen Krankheit fein Amt zurzeit nicht bekleiden kann, billigte die Generalversamm- lung die Fortzahlung seines Gehaltes zu. Als Redakteur der „Schmiedczeitung" wurde Schmidt» Nürnberg gewählt. Der Sitz des Ausschusses wurde von Kiel nach Berlin ver, legt und B a s n e r als dessen Vorsitzender gewählt. Zum Vor- sitzenden der Preßkommission wählte man B e h n k e- Hamburg. Damit sind die Arbeiten der Generalversammlung erledigt, der Vorsitzende Lange schloß dieselben mit einem Hoch auf die internationale Arbeiterbewegung und den Verband. Vernrildrtes. „Reiterkunststück" eines preußischen Generals. Im Offizier. kasino des Militärreitinstituts zu Hannover fand am Mittwoch die AbschicdSfeier für den bisherigen Chef des Instituts, General- leutnant v. Mitzlaff, statt, der am 1. Mai zur Disposition gestellt wurde. Nach Beendigung der Tafel erschien der Generalleutnant — auf seinem Rappen, den er in den letzten Jahren bei den Wild. jagden ritt, mit der Meute im Saale und hielt hochzuRoß eine Ansprache an die Tischgäste. Der General betonte, daß die Dressur des Pferdes im Reittnstitut nur eine Vorbereitung fei für das Vorwärtsreiten. Für den Eskadronschef, den Regiments- kommandeur und den Führer großer Kavalleriemassen sei das Vorwärtsreiten die erste Bedingung. Hierzu sei das Jagdreiten hinter der Meute die beste Vorverettung. Herr v. Mitzlaff schloß mit einem„Horrido" auf das Jagdreite» und ließ dann vom Huntsman„Halali" blasen. Mit einem„Weidmannsheil" verließ der scheidende Chef zu Pferde den Saal und ritt die Treppe hinunter, begleitet von der Meute. Ein ähnliches Reiter- stückchen vollbrachte einst an derselben Stelle der frühere Chef des Instituts, General v. Willich. Bei der Abschiedsfeier für General- leutnant v. Mitzlaff war auch der Generalinspekteur der Kavallerie, Edler v. d. Planitz aus Berlin, zugegen, der die Leistung des Generals in einer Ansprache feierte.— Die„Volks-Zeitung", der wir diese Meldung entnehmen, bemerkt zu dieser„Leistung":„Daß es in irgendeinem Kriege nötig sein wird, daß ein General mit dem Pferde in einen Saal reitet, der eine Treppe hoch liegt, glauben wir nicht. Wir können daher in die Bewunderung über eine solche Leistung nicht einstimmen. Für die Jagdhunde ist ohnedies das Besteigen einer ersten Etage keine besondere Tat." Schiffsnnglücke. Kiel, 19. Mai. Gegern nachmittag kurz nach 8 Uhr wurde die norwegische Galeasse„Othello" von dem Küsten- Panzer„Frithjof" bei unsichtigem Wetter in der Nähe von Gabels- flach gerammt. Die Galeasse sank sofort. Von der aus vier Mann bestehenden Besatzung sind zwei Mann gerettet. Der Kapitän Olson und der Steuermann Anderson sind ertrunken. Ein Blitzschlag. Brüssel. 19. Mai. In der Ortschaft Schepdale ist während eines heftigen Gewitters ein Blitz in eine Mühle ge- schlagen und hat vier dort anwesende Arbeiter getötet. Die Mühle ist niedergebrannt. Die Pocken in Schleswig-Holstein. Heide(Holstein), 19. Mai. Bei einem auf der Zuckerfabrik Wesselburen beschäftigten Russen wurden die schwarzen Pocken festgestellt. Die übrigen Russen werden geimpft. Drei Monate lebend begraben! Paris, 19. Mai. Aus Eonrrieres wird berichtet, daß die Leiche eines Bergmannes namens Pinta aus einem Schacht herausbefördert worden sei, dessen Tod dem Anschein nach erst vor wenigen Tagen erfolgt wäre. Wie aus einer behördlichen Zusammenstellung hervorgeht, sollen von 1994 Opfern der Grubenkatastrophe 548 verheiratet und 546 ledig gewesen sein. Die Gesellschaft wird danach eine Jahres- Pension von ungefähr 599 999 Fr. zu zahlen haben, welche Summe sich jährlich um etwa 25 999 Fr. verringern dürfte. Ein Eisenbahn-Znsnmmenstoß wird aus Laibach, 19. Mai, be- richtet: Gestern nacht stießen bei Littai zwei Güterzüge zusammen, wobei mehrere Waggons zertrümmert wurden. Vom Zugpersonal sind zwei Personen getötet worden. Zur Strandung des Lloyddampfers„Roon" bei Okinoschima (Japan) meldet„Daily Mail" aus Kode: Die Sirandung erfolgte bei dichtem Nebel. An Bord wurde gute Ordnung aufrecht erhalten. Die Fahrgäste schliefen bis zum Morgen, dann wurden sie auf ein anderes Schiff gebracht und nach Moji befördert; sie sind alle wohl. Ein Mann der Besatzung ertrank. Die„Roon" fuhr weit außerhalb des Kurses, vermutlich, weil sie des Nebels wegen auf die See hinaushielt. Der Lotse meint, die Lage des Dampfers sei bedenklich. Ter englische Segler„Piteairo Island", welcher am 19. März von Bellington nach London abgegangen war, ist auf offener See verbrannt. Der Kapitän, ein Offizier und zehn Mann der Be- satzung sind in Maullin gelandet worden, lieber den zweiten Offizier und acht Mann, die sich in ein Boot geflüchtet hatten, fehlt noch jede Nachricht. Erdstöße wurden gestern früh 9 Uhr in Martiranö ttnä Conflenti verspürt. WttternngSiiberslcht von. Ig. Mai ISOG, morgens 8«Hr. Stationen S B j»£ 2= £)=• ä n E 5 N« 749X20 750 SSO 749 SO 751 SW 750 N 750�till Wetter 2 heiter Svidickt 2 halb bd. 1 bedeckt Lbedeckt wolkig t»s; c» A II =? H fo Stationen LL g£ 55 Ö B B g i«■ Haparanda!7K5N Petersburg' 7qß SW Scilly Stbctdcen Paris 754 ONO 757 NNW 754 NNO g 22 10 7 7 Slvinenlde. Hamburg Berlin Franks.a.M. München Wien Wettcr-Proguose für Sonntag, den SV. Mai IVVK. Warm und vielfach heiter, aber noch veränderlich bei schwachen süd- östlichen Winden und fortdauernder Gewitterneigung. Berliner Wetterbureau. Wetter SS C � Ä f) la halb bd. wölken! halb bd. ZRegen Nebel Wasserstand am 18. Mai. Elbe bei Slufflg+ 0,29 Meter, bei Dresden— 1,10 Meter, bei Magdeburg-f 1,24 Meier.— U n st r u t bei Straugsnrt-f 1,50 Meter.— Oder bei Ratibor+ 2,10 Meter, bei Breslau Oberpegel-s- 5,05 Meter, bei Breslau llnterpegel— 1,02 Meter, bei Frankfurt-s- 1,23 Meter.— Weichsel bei Brahcinünde 4- 2,86 Meter.— Warthe bei Posen+ 0,59 Meter. Hillen Freunden und Bekannten � die traurige Nachricht, dag unser lieber Vater, der Putzer Karl Wiesener am 18. Mai. abends 7 Uhr, saust entschlafe» ist. 1924b Die Beerdigung findet am Montag, den 21. d. Mts., nach. mittags 6 Uhr, von der Leichen- halle dcrZionsgemeiude(Nordend) Niederschonhanseu ans statt. vis trauoemlen Hinterbliebenen. Wilh. Wiedener. Moritz Wiedener und Frau. Rob. Pfeifer und Frau. Zentral-Verliaiitl der Maurer Zweigverein Berlin. Sektion der Putzer. Unseren sowie den Mitgliedern deS Gesangvereins der Putzer zur Nachricht, das; unser Mitglied Karl �Viesener am 13. Mai verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 21. Mai, nachmittags 6 Uhr von der Leichenhalle des ZionS-Kirchhoscs in Nieder-Schön- Hausen(Nordend) aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht Tie örtliche Bernialtung 134/2 I. 21.: H. Neumann. Zentral-Verliantl der Maurer. Zwele/vercln Berlin. Am 15. Mai verstarb plötzlich unser Mitglied EM! Priedel im Alter von 23 Jahren durch Absturz. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des Rummels- burger Kirchhofes in Rummels- bürg, Prinz Albertstratze aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 143/19»er Vor*>tnn«I. Zeutral-Verband der Maurer Deutschlauds. Zwcigvereln Berlin. Am 18. Mal verstarb plötzlich unser Mitglied Priedridi Müller im Alter von 45 Jahren an Herzlähmung. Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet am Montagnachmittag 4 Uhr vom Trauerhause Drontheimerstr. 9 aus nach dem Gcnieindelirchhoj in Reinickendorf statt. Um gute Beteiligung ersucht 143/6 Der Aorstand. ßw-".......... IIIIMIMIIIIWHIM Zentraiverein lür alle in der HuDirancbe beschältigt. Arbeiter und Arbeiterinnen tfeilfn®. Sfaclirnf. Am 10. Mai v erstarb im Kranken- Hause zu Kottbus unser Kollege l�einliold Noack im 36. Lebensjahre an der Pro- letarierkrankheit. Er ruhe sanst! 294/8 Der Äorftand der Filiale Berlin. Danksagung. Für die herzliche Teilnahme und zahlreichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes, unseres guten Vaters und Bruders sagen wir allen Freunden und Be- kainiten, insbesondere den Herren Chess, dem Bcamtenpersonal sowie den Kollegen der Firnia Kciling u. Thomas unseren tiesgesühltcn Dank. Die trauernden Hinterbliebenen Ww. E. Eachmann 1916b nebst Kindern. XI. Eachniann. Verband der Buch- und Steindruekerei-Hülfsarbeiter u. Arbeiterinnen Deutseblands. Ortiiverwaltung Berlin. Zahlstelle II(HQIfsarbeiter). Todes• Anzeige. Slm 15. d. M. starb nach langem Leiden unser Mitglied und Kollege Max KJinxeberx im vollendeten 30. Lebensjahre. Ein ehrendes Andenken be- wahrt ihm Die Zahlskelle II Berlin. Die Beerdigung findet am 20. Mai, nachmittags 4 Uhr, vom Trauerhause aus nachdemHeilands- Kirchhos Plötzensee statt. Verband der öneb- und Steindruekerei-Hülfsarbeiter u. Arbeiterinnen Deutseblands. Ortsverwaltnng Berlin. Zahlstelle II(HQIfsarbeiter). Todes Anzeige. Am 16. Mai starb plötzlich und unerwartet unser Mitglied und Kollege Alfred Zesch. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Die Zahlstelle II Berlin. Die Beerdigung findet am 21. Mai, nachmttiagS 3 Uhr, von der Leichenhalle des Zentral- Friedhoses aus statt. I Deutseblands. Filiale Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied MMm Bontemps im Alter von 45 Jahren ver> starben ist. Ehre seinem An denken I Die Beerdigung findet am Sonntag, den 20. Mai, nachm. 1 Uhr, von der Leichenhalle des neuen Luisenstädtische» Kirchhofes in Rixdors, Herniannstratze, aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 196/10_ Der Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege, Tischler Karl Jaenicke am 17. Mai plötzlich verstorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Montag, den 2l. Mai, nach. mittags um 2 Uhr, von der Leichenhalle des Zentralfriedhojes in FricdrichSselde aus statt. Um rege Beteiligung ersucht 86/5 Oie Ortsverwaltung. Vereinigntig der Maler, Fadiierer, Atistreicher. ------(Filiale Berlin.)----- Den Kollegen zur Nachricht, daß der Maler Iheodor Weinhold am 18. Mai gestorben ist. Ehre seinem Andenke»! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 20. Mai, nach- mittags 1 Uhr, von der Salle des Elisabeth- KirchhoseS, Prinzen- Allee aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 125/4 Oie Ortsverwaltung. Dkutzeböf Metallarbeiter-Verband Verwaltungsstelle Berlin. Todes- Anzeige. Den Kollegen zur Nachricht, dag unser Mitglied, der Schlosser Max Sclmjlterg am 17. d. M. gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 20. Mai, nach- mittags 3 Uhr, von der Leichen- balle des Markus- und Andreas. Kirchhofes in Wilhelmsberg aus statt. Rege Beteiligung erwartet 119/13 Oie Ortsverwaltung. Von der Reise zurück Dr. Gustav Bradt, Arzt, Spezialarzt 1918b f. Nasen-, Hals-, Ohrenkrankheiten WIcnerstr. 20. I. Bad Reinerz Dr. Stern Rixdopf. Verein gewerblich tätiger Frauen und Mädchen. Den Mitgliedern zur Nachricht, datz unser Mitglied, Frau pelagia Kicinsky verstorben ist. Ehre ihrem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 20. Mai, nach- mittags 4'/, Uhr, von der Leichen- Halle des neuen Rixdorscr Kirch- Hofes am Maricndorser Weg aus statt. 1/6 Um rege Beteiligung ersucht Ber Vorstand. Danksagung. Für die Beweise inniger Teilnahme bei der Beerdigung meines lieben Mannes, des Rcstaurateurs Louis Anscher, sagen herzlichen Dank allen Verwandten, Freunden und Bekannten, dem Verbände der Freien Gast- und Schankwirte Deutschlands, Ortsverwaltung Wcitzensee, sowie dem Sozialdemokratischen Wahlverein Weitzensce. Im Namen der Hinterbliebenen Witwe Marie Auscher nebst Kindern. Danksagung. Für die liebevolle Beteiligung und Kranzspenden bei der Be- erdigung unserer lieben Frau und Mutter Marianna Tübbecke ocrw. gew. Schummrick sagen wir allen Freunden, Be- kannten und Genossen, ins- besondere dem Vorstände und den Kollegen der Ortskrankenkafie sür das Buchdruckgewerbe, dem Ge° sangverein Typographia und dem Lotteriellub Goldonkel unseren tiesgesühltesten Dank.» Frnst Tübbecke nebst Kindern. Dankfagun Für die herzliche Teilnahme bei der Beerdigung meiner lieben Frau Berta Gepner sage ich allen Bekannten, insbesondere den Kollegen der Tischlerei F. Mar- quardt, sowie dem Personal der Finna Liebe und deren Inhaberin meinen herzlichen Dank. 1304L 0er trauernde Latte Emil Gepner. Ober 3000 Erempl. verhoutt Die Harnleiden Ihre Oefabren, Verhütung und Beseitigung von I>r. med. Schaper, BERLIN- Preis I Mark. KtilMN- und KrimMdkm voll Aug. Krause Wienerstraße 7. 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Nachdruek verboten. 137 278 335 SO 588 643 726 72 81 800[500] 52 58 64 993 1012 70[10001 195 457 530 2076 85 357 407 548 67 710 835[30001 947 3027 152 354 594 688 824 963 4193 466 94 509[50001 651 855 5173 334[1000] 35 422 725 986 6116 78 99 205 307 23 523 725[30001 811 906 14 7126 315[1000] 476 004 798 931[10001 39 1500] 53[30001 8072 101 343 60 65 661 94 782[1000] 816 39 979 98 9182 110001 208 60 410 681 848[5001 95 931 19000 32 304 130001 456 68 517 776 889(5001 11045 272 130001 476 676 83 781 91 12016 4 5 92 116 56 76 204 6 24 85 359 446 853 1 3624 738[3000] 828 33 14128[500] 364 89 15001 428 969 80 90 1 5004 191 269 346 76 92 430 603 9 1 6033[1000] 192 277 343 94 438 62 655 827 38 61 17016 60 373 497 915 1500] 60 18029 120 266 429 52 610 15001 82 721 854 61 15001 65 87 93 19182 200 13 403 90 701 912 44 96 20135 208 67 519 755 805 963 2 1016 159 201 86 396 460 543 99 2 2066 730 2 3018 219 87 614 23 46 68 73[5001 850 96 974 2 4023 39 55 III 80[1000] 455 549 806 2 5030 202 37 59 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Abfahrt vom Bahnhof Kietz-RuimnelS- bürg nach Friedrichshagen früh 7 Uhr, Treffpunkt am Bahnhof Friedrichshagen, späterer Treffpunkt in Schöneiche. Um recht rege Beteiligung ersucht Der Vorstand. Ober-Schöneweidc. Die Genossen werden aufgefordert, zu der morgen abend 7 Uhr stattfindenden Flugblattverbreitung in den be- kannten Lokalen zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Am Dienstag, den 22. Mai, abends 8>/,z Uhr, findet im Schloßpark„Wilhelminen- Hof", eine öffentliche Versammlung statt mit der Tagesordnung: „Die Interessen des weiblichen Proletariats." Referent: Genosse Stürmer. Es ist Pflicht jedes Genossen, für guten Besuch zu sorgeir. Weißcnsee. Die zweite Aufführung von PH. Langmanns Drama „Bartel Turaser" findet am Mittwoch, den 23. Mai. abends S1/, Uhr, in Enders Festsälen statt. Parteigettossen und Genossinnen f ES handelt sich um eine Veranstaltung des Wahlvereins. Wir bitten, diese Vorstellung recht zahlreich zu besuchen. Das Komitee. Erkner. Heute nachmittag 3 Uhr findet in Degebrodts Gesell' schaftshauS eine Volksversammlung statt. Tagesordnung: Vortrag des Genossen Störmer-Berlin über Schulverpfaffungsgesetz und Aus tritt aus der Landeskirche. Diskussion und Verschiedenes. Den Mitgliedern des Wahlvereins für Erkner und Umgegend zur Kenntnis, datz die Monatsversaminlnng am Dienstag, den 22. Mai, abends 8 Uhr bei dem Genossen Degebrodt stattfindet. Die Wichtigkeit der Tagesordnung erfordert zahlreiches Erscheinen. Der Vorstand. Rcinickendorf-Ost. Die Mitgliederversammlung des Wahlvereins findet am Dienstag, den 22, Mai, abends 8Vz Uhr beim Genossen Kirsch, M a r k st r. 2/3 statt. Genosse I. Borchardt spricht über:„Der Wert der Bildung für den Arbeiter". Rege Beteiligung der Mitglieder erwartet Der Vorstand. berliner JVaebriebten. Mehr Gemeinsinn! Kaum hat der junge Frühling seinen Einzug gehalten, kaum haben Baum und Strauch sich wieder in ihr grünes Gewand gekleidet und ihren leuchtenden Blütenschmuck angelegt, so kommen auch schon wieder Klagen über die Verwüstungen, die eine gewisse Sorte von„Naturfteunden" in den Park- anlagen der Stadt und mehr noch außerhalb der Stadt in Feld und Wald anrichten. Da werden die Fliederbüsche ihrer duftenden Blütentrauben beraubt, da wird von Birke und Kastanie, von Linde und Eiche das zarte Laub herunter- gerissen— und zwar nicht nur durch unverständige Kinder, sondern unbegreiflicherweise auch durch Erwachsene. von von denen man besseres erwarten sollte. Ei, es ist ja genug davon da— so beschönigt die Gedankenlosigkeit ihr zerstörendes Treiben— und aus die paar Blätter und Blüten, die der einzelne mitnimmt, kann es doch nicht ankommen. Und so plündert und verwüstet jeder der— ach l— so vielen„einzelnen" darauf los, wie wenn nur für ihn allein all die Pracht da wäre, die des Frühlings belebender Hauch vor uns hingezaubert hat. Ein Freund unseres Blattes, den diese alljährlichen Plünderungs- und Vcrwüstungsorgien erbittern, macht uns den Vorschlag, einmal anzuregen, daß die Schule die ihr anvertraute Jugend entsprechend belehren möge. Ach, der Vorschlag ist ja längst nicht mehr neu. Die Anregung, die da gewünscht wird, ist in früheren Jahren mehrfach im „Vorwärts" gegeben worden. Aber allgemach haben wir be- greifen gelernt, daß die Schule„wichttgeres" zu tun hat, als sich um solche Dinge zu kümmern. Es gibt Tageblätter, die alle Anregungen dieser und ähnlicher Art mit Hohngelächter aufnehmen: Schon wieder was Neues, wieder eine neue Auf- gäbe, die der Schule gestellt wird, wieder eine neue Pflicht, die man den Lehrern aufhalst! Nein, von dort her braucht wirklich niemand irgend welchen nennenswerten Einfluß zu erwarten, berge- eignet wäre, schon in den Kindern den Gemeinsinn zu wecken. Die Schule, wie sie heute ist. mit den Lehrstoffen, Lehr- Methoden und Lehrpcrsonen, die wir heute in ihr finden, will ja nicht in erster Linie erziehen, sondern vor allem drillen. Eher läßt sich der andere Vorschlag unseres Freundes hören, daß auch die Eltern auf die Kinder einwirken möchten, um die beklagenswerten Verwüstungen in Park, Feld und Wald zu mindern. Die Eltern könnten da wirklich viel ausrichten— aber natürlich nicht nur durch Worte, sondern durch Taten, nicht durch kluge Belehrungen und salbungsvolle Predigten, sondern durch das eigene gute Beispiel. Das traurige ist nur, datz leider, wie schon ge- sagt, auch viele Erwachsene eine kindische Freude am Ver- wüsten haben, weil ihnen jeglicher Geinsinn fehlt. Durch die Daseinsbedingungen, die die privatkapitalistische Wirtschaftsweise jedem einzelnen unter uns auferlegt, ist die Mehrzahl unserer lieben Mitmenschen daran gewöhnt worden, höchstens das Einzeleigentum zu achten. Das Gemeineigentum gilt nur zu vielen als ein herrenloses Gut, das ein Raub des einzelnen werden oder auch aus purem Uebermut von dem einzelnen vernichtet werden darf. i Eine Sitzung der Stadtverordnetenversammlung findet in der nächsten Woche nicht statt. Die Fahrkartensteuer im Vorortverkehr. Der Berliner Vorort- verkehr wird von der Fahrkartensteuer nur in verhältnismäßig geringerem Matze getroffen werden, soweit für die Besteuerung die dritte Wagenklasse in Betracht kommt. Für diese Wagenklasse soll bekanntlich die Fahrkartensteuer nicht zur Erhebung gelangen, sofern auf der Strecke resp. nach den Stationen Züge mit vierter Wagen- klaffe nicht verichrcn. Dies trifft nun bei den Berliner Vororten zu, mit Ausnahme von einzelnen Stationen, welche als Uebergangs- bahnhöfe vom Fern- zum Vorortverkehr und umgekehrt betrachtet werden. Unter Zugrundelegung der Station Friedrichstratze als Mittelpunkt wird eine Fahrkartcnverteucrung für die dritte Wagen- klaffe eintreten bei Fahrten nach Fürstenwalde, Königs-Wuster- Hausen, Nauen,«Strausberg und ferner Wildpark, Werder und Zossen. Eine größere Anzahl Vororte werden eine Verteuerung der Fahrpreise bei Benutzung der zweiten Waaenklaffe erfahren. Hierfür kommen außer den oben genannten Stationen noch in Betracht Fahrten nach den Ortschaften Wilhclmshagen, Erkner. Fangschleusc, Hangelsberg. Wildau. Fredersdorf, Borgsdorf. Lehnitz, Oranienburg, sowie Potsdam, Rangsdorf und Dabendorf. — Bei den Verhandlungen über die Fahriartensteuer ist eine Art von Fährkarten ganz außer Betracht geblieben, deren Entlastung von der Steuer als dringende Notwendigkeit wohl allseitig anerkannt werden dürfte. Es handelt sich um die A r b e i t e r- W o ch e n- karten, welche eine Verteuerung von 19 bis 29 Pf., und um diese Steuerbeträge handelt es sich zumeist bei derartigen Fahr- karten, nur schwer ertragen. Die Verteuerung dieser Fahrkarten- arten mutz ebenso energisch zurückgewiesen werden wie die Ver- teuerung der Stratzenbahn-Abonnements und der Abonnements für die dritte Wagenklasse der Eisenbahn. Delegiertenwahl in der Orts-Krankenkaffe der Schneider. Da die jetzt herrschende Mehrheit des Vorstandes der Orts-Krankenkasse der Schneider usw. dem Rcichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie angehört, hat diese reaktionäre Mehrheit den Be- schlutz durchgebracht, den„Vorwärts" und die„Volks-Zcitung" als Publikationsorgan zu streichen und dafür die„Morgenpost" und den „Lokal-Anzeiger" zu bestimmen. Wir fordern deshalb die Mitglieder der Kasse auf diesem Wege auf, bei der am Dienstag, den 22. Mai d. I., abends von 6Vj bis 8 Vi Uhr in Kellers Neuer Philharmonie, Köpenickerstratze 96/98, stattfindenden Wahl der Delegierten zur Generalversammlung zahlreich zu erscheinen und d i e L i st e der Organisation abzugeben. Diese beginnt mit dem Namen Aide und endet mit Zühlke. Im besonderen bitten wir die Parteigenossen, deren Frauen und Töchter der obengenannten Kasse angehören, dahin zu wirken, datz diese am Montag zur Wahl gehen. Es handelt sich hier um die Erhaltung der Selbstverwaltung der Kasse, da der Rcichsverband alle Mittel anwendet, die Kasse unter seiner Bot- Mäßigkeit zu erhalten. Geht frühzeitig zur Wahl! Erscheint spätestens um 7 Uhr— die Reichsverbändler schließen pünktlich die Türen. Die Wahl ist so früh angesetzt, um den nicht vom Reichsverband geworbenen Mitgliedern das Wählen zu verekeln. Vorwärts zugunsten der erkrankten Kollegen und Kolleginnen! Um Euer Recht handelt es sich. TaS Mitgliedsbuch legitimiert. Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt! Der Verband der Schneider.(Filiale Berlin.) Viehquarantäne in Schöncberg. Für die Landwirtschaftliche Ausstellung, welche die Deutsche Landwirtschaftsgcsellschaft vom 14.— 19. Juni in Schöneberg veranstaltet, hat der Regicrvngs- Präsident von Potsdam eine besondere landespolizeilichc An- ordnung erlassen. Da in verschiedenen Teilen Deutschlands die Maul- und Klauenseuche sowie die Schweineseuche herrscht, so mutz alles vom 3.— 21. Juni mit der Eisenbahn ankommende Zucht- und Nutzvieh von dem zuständigen Kreistierarzt untersucht werden, ehe es von den Bahnhöfen abgetrieben wird. Untersucht werden Rinder, Kälber, Schafe, Ziegen und Schweine auf den Eisenbahnstationen Friedenau, Wilmersdorf, Steglitz, Groß-Lichterfeldc, Treptow, Süd- ende. Zehlendorf und Marienfeldc. Ueber ein Militäraufgebot gegen Helbwcltdamcn wird aus E i s e n a ch berichtet. Und das kam so: In der Nacht zum Mittwoch wurden einem hiesigen Kaufmann von einem„Mädchen" in einer Schlummernacht zweitausend Mark gestohlen. Es gelang der Kriminalpolizei, die Persönlichkeit der Diebin als die berüchtigte, vielfach bestrafte internationale Lebedame, Kupplerin und Diebin Therese Schulze festzustellen, die sich mit Vorliebe Senta von Rhein nennt. Sie wurde auf Grund eines Telegramms der hiesigen Behörde in der Nacht zum Freitag in Eisenach mit einem von ihr verführten jungen Mädchen verhaftet und in einer Zelle im zweiten Stockwerk des Polizeigefängnisses untergebracht. Als man sie gestern früh vernehmen wollte, waren sie verschwunden. Sie hatten aus Bettüchern und einem Teil ihrer Kleidung einen Strick her- gestellt und sich daran ans einem Fenster heruntergelassen. Ihre Spur konnte erst gegen Mittag entdeckt werden und führte in die großen Waldungen, von denen Eisenach umgeben ist. ES wurde deshalb die Hülfe des Militärs in Anspruch genommen und eine große Razzia veranstaltet, bei der man schließlich die beiden Mädchen halbbekleidet auffand. Sie werden nun bald die Rück- reise nach Berlin antreten müssen. Eine Englandreise wird auch auf Veranlassung des hiesigen Polizeipräsidenten, wie die„Tägliche Rundschau" hört, eine Polizeiabteilung unternehmen. Die Abteilung soll bestehen aus einem Offizier, einem Wachtmeister und sechs Schutzleuten und soll das Studium der Verkehrsregelung in London zum Ziele haben. Ob etwas für eine bessere Regelung des Berliner Verkehrswesens her- auskommen wird, bleibt abzuwarten. Bisher haben diese England- reisen noch zu keinen praktischen Ergebnissen geführt. Wir er- innern nur an die Reise des früheren Ministers des Innern v. Hammerstein. Ein vorjähriger Patient der Lungenheilstätte in Beelitz teilt unS zu dem Wutausbruch der„Germania" über sozialdemokratische Agitation in den Heilstätten mit, daß er nach seinen Erfahrungen glaube, datz die„Gcriiiania" selbst bei ihren Glaubens- und Partei- genossen in der Anstalt wenig Gegenliebe finden wird. Man sei in der Anstalt viel zu sehr auf das Nebencinanderlebcn angewiesen, um sich um die Religion seines Nachbars Kopfschmerzen zu machen. Im Gegenteil hätten seinerzeit eine Anzahl Sozialdemokraten beim Vorstand der Landesversicherung den Antrag gestellt, 6 ZeiiungS- exemplare der verschiedenen Parteirichtungen im Lesezimmer aus- zulegen, unter anderen auch die„Germania". Dieser Antrag sei aber abgelehnt worden. Landung eineS Ertrunkenen. DaS dritte Opfer der schweren Bootskatastrophe auf dem Tegeler See ist gestern geborgen worden. Unweit des Jagens 62 wurde die Leiche des Stellmachers Fritz Doppcrt, welcher ebenfalls bei dem Bootsunglück ertrinken mutzte, ans Ufer geschwemmt und geborgen. ES fehlt nun noch der Leich- nam des vierten OpferS der Katastrophe. Der AuSweifungseifcr der Berliner Polizei ist an sich ganz gcwih nicht geeignet, erheiternd zu wirken. Aber das hiesige Polizeipräsidium hat in diesem seinem Eifer sich doch mal— ver- mutlich der Abwechselung halber— ein Stücklein geleistet, daZ mancher lustig finden wird. Da war aus Rußland eine Arbeiterin nach unserem„freieren" Preutzcn herübergekommen und hatte in Berlin Wohnung genommen, um hier die Schneiderei zu erlernen. Doch lange behagte es ihr nicht in der Hauptstadt der preußischen Monarchie und des Deutschen Reiches. Ob sie meinte, datz auch bei uns die Zustände allzudeutlich an Nutzland erinnern oder aus welchem Grunde sonst sie hier nicht heimisch weidea Imait und wollte, das entzieht sich unserer Kenntnis. Genug: eines schönen Tages verließ sie Berlin, um wieder in ihre russische Heimat zurückzukehren. Sic wurde nach Vorschrift ab- gemeldet, wie der Stempel des betreffenden Polizeibureaus au dem uns vorliegenden Belegexemplar nachweist. Indes a m Alexanderplatz glaubte mans besser zu wissen. Reichlich fünf Wochen nach der Abmeldung und dem Wegzug der Russin schickte das Polizeipräsidium ihr einen Schreibcbrief, durch den sie benachrichtigt wurde, daß sie als..lästige Ausländerin" hier- mit ausgewiesen werde. Man sieht, wie genau die Berliner Polizei über die Russin unterrichtet war. wenn sie nach fünf Wochen noch nicht mal wußte, daß sie sich schon deshalb nicht mehr„lästig" machen konnte, weil sie längst nicht mehr hier war. Wer mag denn d,ese Ausländerin observiert haben, um ihre„Lästigkeit" sestzu- stellen? Durch Aisturz von einem Neubau schwer verunglückt sind heute in der Heilbronnerstraße die Maurer August Richter aus Rixdor und Wilhelm Kieseler aus Rummelsburg. Beide stürzten anscheinend infolge mangelhaften Bretterbelages aus der Höhe des vierten Stock« Werkes ins Kellergeschoß hinab, wo sie blutüberströmt liegen blieben. Von Arbeitskollegen sofort mittels Droschke der Rettungswache in der Nollendorfftraße zugeführt, mußten beide wegen der Schwere ihrer Verletzungen dem Elisabcth-Krankeuhause überwiesen werden. Die Schuldfrage harrt noch der Aufklärung Ueber Mißstände in stäbtischen Betrieben wird uns aus Kreisen der städtischen Arbeiter geschrieben: Auf dem Lagerplatz Haide- straße, welcher der städtischen Kanalisationsverwaltung unterstellt ist, herrschen seit Jahr und Tag Zustände, welche geeignet sind, in immer steigendem Matze den Unwillen der beteiligten Arbeiter zu erregen. Es wird dort noch immer an der ganz veralteten Ein- teilung von Sommer- und Winterlohn festgehalten. Bei An- nähme der Arbeit wird versichert, die Arbeitszeit beträgt zehn Stunden und zwar 38 Pf. pro Stunde, gewiß ein sehr minimaler Lohn; aber es werden von Oktober bis März nur neun resp. acht Stunden gearbeitet, so daß der Arbeiter ganze 18,24 M. für die volle Arbeitswoche einheimst. Nach Abzug der Kassengelder verbleiben dann glücklich 17 M. und etliche Pfennige für die Familie. Wie man damit auskommen kann, ist bis jetzt Geheimnis der betreffenden Verwaltung. So erfreulich ja notwendig der Achtstundentag für diesen Betrieb wäre, können die beteiligten Arbeiter doch nicht sonderlich zufrieden sein mit dieser Achtstunden. Entlöhnung, zumal der vielgerühmte, vom Herrn Ober- bürgermeister Kirschner gewissermaßen garantierte Minimallohn von 3.50 M. hier nicht erreicht wird. Alle Eingaben in bezug auf Tage» resp. Wochenlohn waren bis jetzt erfolglos, und es bleibt da- her nur der Weg an die Oesfentlichkeit. Auch in anderer Bc- ziehung sind zahlreiche Mißstände vorhanden. So dient z. B. zum Einnehmen der Mahlzeiten und Umkleiden eine zerlegbare Bretterbude, welche allen hygienischen Anforderungen Hohn spricht. Sie ist derart defekt, daß die Löcher mit Putzwolle verstopft werden müssen, um den Natten resp. dem Zugwind den Eintritt einiger- maßen zu wehren. Außerdem ist sie so eng. daß die ganze Kolonne aufstehen mutz, um den event. später Erscheinenden durchzulassen. Mit der Reinigung ist es auch sehr mangelhast bestellt. Bei nassem Wetter sind die Arbeiter oft bis auf die Knochen durchnäßt, aber die Sachen müssen meist morgens, namentlich im Winter, wieder so naß angezogen werden, wie sie abends hingehängt wurden. Bei dem Arbeiten mit Teer, Holzkohlen. Petroleum usw. sollte eine Wascheinrichtung als etwas Selbstverständliches gelten. Weit gefehlt. Wozu ist denn der Brunnen da? Wir meinen, daß eine Baubude mit Wascheinrichtung den Etat der Verwaltung ganz ge- wiß nicht aus dem Gleichgewicht bringen würde. Hoffentlich bc- quemt man sich jetzt endlich zur Abstellung dieser Mißstände, nach- dem die Sache bekannt gegeben ist. Ein schwerer Straßenbahnunfall hat sich gestern mittag infolge ziner seltsamen Veranlassung in der Pankstraße zugetragen. An der Ecke der Wiesenstraße hatte sich der 23jährigL Kaufmann Leopold Rotenhagel. Tnrmstraße 38. von einem Freunde verabschiedet und auf dem Stratzendamm drehte er sich noch einmal um. um dem Freunde noch einen Gruß zuzuwinken. R. übersah dabei das Her- onnahen des Straßenbahnwagens Nr. 1314 der Linie 34, und trotz- dem sich der Führer alle mögliche Mühe gab, den Motorwagen noch rechtzeitig zum Stehen zu bringen, gelang dieses nicht mehr. R.. der auf dem Gleis stand, wurde von der Vorderplattform erfaßt. überfahren und fürchterlich zugerichtet. Der Schädel war ihm gebrochen und die Kopfhaut förmlich skalpiert. An der linken Hand waren 4 Finger abgefahren worden und außerdem hatte der Ver- unglückte noch starke Brustquetschungen erlitten. Man brachte den Schwerverletzten nach der Unfallstation in der Lindowerstraße, und nachdem er dort die erste Hülfe erhalten, in das Lazaruskranken- haus, wo er in fast hoffnungslosem Zustande darniederliegt. Nach den Angaben einiger Augenzeugen soll d i e B r e m s e deL er- wähnten Motorwagens nicht ordnungsgemäß funk- tioniert haben. Die Meldung von dem„Gerichtsring" ist noch verfrüht. Tat- fache ist, daß eine Verlängerung der Linie 8 in Erwägung gezogen wurde. Es ist jedoch noch keinerlei Beschluß gefaßt worden, in welcher Weise die Verlängerung ausgeführt werden soll. Ein schweres Unwetter ging Freitag abend über die östlichen und südlichen Bororte Berlins über. Zwischen 9 und 19 Uhr entlud sich plötzlich ein starkes Gewitter, welches an vielen Stellen mit einem wolkenbruchartigen Regen verbunden war. So stand die Köpenicker Landstraße und die Treptower Chaussee längere Zeit unter Wasser, so daß der Fußgängerverkehr stellenweise völlig unter- brachen war. Ausgedehnte Ueberschwcmmungen hatte das Gewitter auch in Britz, sowie in den Ortschaften an der Dresdener- und Wanseebahn zur Folge. Strichweise trat heftiger Hagelschlag auf. der besonders an den Obstbäumen erheblichen Schaden verursachte. Leider wurde auch ein Menschenleben vernichtet. Auf der Fahrt von Berlin nach dem Ober-Spree-Kanal wurde der Steuer- mann Ernst Busch aus Neuendorf i. M. von einem Blitzstrahl ge- troffen und auf der Stelle getötet. B. führte auf dem letzten Kahn eine« vierteiligen Schleppzuges das Steuer. Auf der Oberspree zwischen Zeuthen und Schmöckwitz brach er plötzlich von einem Blitz- schlage getroffen tot zusammen. Der Kopf der Leiche wies ein großes Loch auf und der ganze Körper war blau angelaufen. Die Leiche wurde an Land gebracht und nach der Friedhofshalle in Eich- walde übergeführt. Großfeuer i« einer Kistenfabrik. Gestern nachmittag gegen 1 Uhr kam in der Waldemarstraße 14 in der Kisten- und Flaschen- kastenkabrik von Viktor Schmidt ein großer Brand aus und machte der Feuerwehr viel zu schaffen. Auf dem zweiten Hofe des umfangreichen Grundstücks erstreckt sich ein einstöckiger, etwa 25 Meter langer Fabrikanbau, dessen ersten Stock die genannte Firma als Arbeits- und Lagerräume benutzt. Das Feuer entstand im Nordflügcl und breitete sich mit unheimlicher Schnelligkeit aus, so daß die anwesenden Arbeiter schleunigst die Flucht ergreifen mußten. AIS der erste Löschzug aus der Köpenickcrstraße eintraf, bildete der ganze Fabrikanbau schon ein einziges Flammenmeer. Brandmeister Sandberg ließ daher sofort„Mittelfeuer" nachmelden, woraus noch weitere Löschzügc zur Unterstützung herbeieilten. Bald waren nun mehrere Dampfspritzen in Tätigkeit. Vom Hofe und vom Dache des angrenzenden Hauses aus wurde mit fünf Schlauch- lcitungen der Angriff vorgenommen. Immerhin dauerte es fast eine Stunde, bevor die Flammen erstickt waren. Der ganze erste Stock ist total ausgebrannt und der entstandene Schaden daher sehr beträchtlich. Die entwickelte Hitze war derart, daß das Mauerwerk barst und daß von ihm getragene Wellblechdach infolge- dessen an einer Stelle einzustürzen drohte. Brandmeister Sandberg ließ die gefährdete Stelle absperren. Tie vollständige Ablöschung und Aufräumung zog sich bis gegen Abend hin. Ueber die Ent- stehungsursache des Feuers ist noch nichts Bestimmtes festgestellt. Mehrere Arbeiter beklagen den Verlust ihrer Garderoben, die sie bei dem plötzlichen Ausbruch des Brandes nicht mehr mit nehmen konnten.— Im Apollotheater hat am Freitag ein neues OpuS von Paul Lincke das Licht der Welt erblickt.„Das blaue Bild" ist eine Phantasie in einem Akt, zu welcher Bolten-Bäckcrs den Text ge- schrieben hat. Der Inhalt ist ein alltäglicher und dürftiger. Ein junger Maler verliebt sich in sein Modell und diese in ihn. Eine dauernde Vereinigung ist abhängig von dem Schicksal seines Bildes. eines blauen Bildes. Warum das gerade blau ist, erfährt man nicht. Von den Schülerinnen des Meisters reflektiert eine Ameri kanerin auf ihren Meister, verliebt sich auch in den jungen Künstler. Diese Tatsacke weckt in Elly, der Braut des Malers, unbegründete Eifersucht. Als sie von einem solchen Anfall heimgesucht wird, versetzt sie sich in einen narkotischen Schlaf und erlebt in ihrem Traumzustand die schlimmsten Dinge. Die Wirklichkeit findet beide wieder. Das blaue Bild ist preisgekrönt und nun kriegen sie sich. Die Musik erinnert an verschiedene andere Produkte LinckeS. Das schmachtende Lied„Jugend und Liebe" wurde stark applaudiert und wird wohl bald auf dem Leiertasten seine Wiederauferstehung feiern. Im Belle-Alliance-Theater sollte zunächst am Donnerstag und dann am Freitag die auch an den Säulen angekündigte Gesangs- Posse„Abends nach Neune— ein Kabarett im Warenhause" aufge- führt werden. Schauspieler und zahlreiche Besucher, die sich einge- fundcn hatten, erfuhren aber, daß die Polizei die Aufführung nicht gestatten würde, angeblich weil die Bühne wegen zu geringer Zahl an Ausgängen nicht die genügende Sicherheit biete. Wenn das der wahre Grund des Verbots sein sollte, so wundert uns nur, daß die Polizei diese Einwände nicht schon eher geltend gemacht hat. Die Beträge für die vorher gelösten Billetts wurden zurückerstattet. Im wisseuschastliche» Theater der Urania wird Herr Direktor Dr. P. Schwahn seinen Vortrag:„Der jüngste Ausbruch des Vesuv", welcher mit zahlreichen farbigen Bildern nach eigenen Aufnahmen ausgestattet ist, am Sonntag, Montag und Dienstag persönlich wiederholen. Arbeiter-Samariter-Kolonne. Montag abend 9 Uhr Fortsetzung des Kursus in der 1. Abteilung im Lokal Dresdenerstraße 45. Vortrag über Physiologie. Neue Teilnehmer können noch eintreten. Einschreibegeld 25 Pf. Monatsbeitrag 25 Pf. Die Bibliothek steht den Mitgliedern zur freien Verfügung. Feuerwehrbericht. In der letzten Nacht hatte der 7. Zug zum zehnten Male innerhalb kurzer Zeit einen Preßkohlenbrand in der Brombergcrstraße 15 zu löschen. Nachts wurde der 15. Zug nach Charlottcnburg gerufen. In der Kaiserin Augusta-Allee stand ein Bretterschuppen in Flammen. Die Charlottenburger Feuerwehr war zur Stelle. Es gelang, die Flammen auf den Brettcrschuppcn zu beschränken. Der 8. Zug wurde in Rixdorf in Anspruch ge- nommen. Am Kottbuser Damm 87 brannte ein Holzschuppen. Die Berliner Feuerwehr gab mit einer Schlauchleitung Wasser und übergab dann die Brandstelle der Rixdorfer Feuerwehr. Am Michaelkirchplatz 3 war in einer Wohnung Feuer ausgekommen und hatte schnell an Ausdehnung gewonnen. Durch energisches Vorgehen gelang es, den Brand auf die Wohnung zu beschränken. Durch einen Wasserrohrbruch wurde der Keller des Hauses Kurze- straße 1 unter Wasser gesetzt. Die Feuerwehr beseitigte die Gefahr. Ein Kellerbrand beschäftigte die Wehr in der Frankfurter Allee 194 und ein Wohnungsbrand mußte vom 13. Zuge in der Oranien- burgerstraße 8 gelöscht werden. Ferner hatte die Wehr noch in der Landsberger Allee 132 zu tun. Vorort- JVaebnebten. Charlottenburg. Der erste freie Kindergarten. Der am 2. Mai in Charlottenburg. Berlinerstr. 86», oröffnet worden ist, hat sich bisher in günstigster Weise entwickelt. Vierzig Kinder, fast alle Arbeiterkinder, besuchen bereits die Spiel- und BeschäftigungSstuuden in dem schön gelegenen Lokal, sodaß in Kürze die Errichtung eines zweiten Kindergartens, voraussichtlich in Moabit, ins Auge gefaßt werden darf. Auch die Zahl der Mitglieder des Vereins„Freier Kindergarten" ist in er- freulichem Wachstum begriffen. Dienstag, den 22. Mai, abends 8>/z Uhr, findet bei Bauer, Berlinerstr. 86». eine Generalversammlung des Vereins statt mit folgender Tagesordnung: 1. Zweck und Ziele des Vereins sReferentin Frau Sußmann). 2. Statutenberaiung lReferent Herr S. Katzenstein). 3. Vereinsangelegenheiten.— Gäste ind willkommen. Ein kleiner„Weltreisenber" ist gestern in Charlottenbura auf- gegriffen worden. Der hiesigen Polizei war von Eberswaloe die Nachricht zugegangen, daß dort der zwölfjährige Schüler Martin Rebowski spurlos verschwunden sei. Ein Schutzmann in Charlotten- bürg, dem das Signalement des Schülers bekannt war, erkannte dort R. an der Klassenmütze und hielt ihn an. Der Knabe hatte eine kleine„Weltreise" unternehmen wollen, die jedoch eine unliebsame Unterbrechung erfahren mußte. Ein volkstümlicher RczitatiouSabend, zu dem auch Nichtnsitglieder als Gäste Zutritt haben, wird von dem Verein Freie Volksbühne Charlottenburg am Sonntag, den 27. Mai, abends 8 Uhr, im Volks Haufe veranstaltet. Das Programm beginnt mit der R ü t l i- Szene aus Schillers"Teil" und bringt alsdann eine Reihe der schönsten Dichtungen ernsten und humoristischen Charakters aus dem„Buch der Freiheit", darunter solche von Ferd. Freilig rath(„Aus dem schlesischcn Gebirge",„Die Revolution"), Heinrich Heine, Leopold Jakoby und anderen. Der Verein hat mit dieser Veraiistal tung den zahlreichen Wünschen nachgegeben, die aus Mtglieder- und sonstigen Ärbeiterkreisen nach dem Heine-Bbend der Freien Volksbühne laut wurden. Auch diesmal ist der Vortrag Herrn Danegger anvertraut, so daß der Abend in jeder Weise em wert voller und genußreicher zu werden verspricht. Den Abschluß bildet geselliges Beisammensein. Karten a 39 Pfennig— auch für Gäste— sind im Bolkshause bei Müller, beim Kassierer A. Will. Kirchstraße 39, sowie in allen Zahlstellen des Vereins und am Abend des Vortrags beim Saaleingang zu haben. Garderobe und Programm find frei. Die nächste Vereinsvorstellung ist am 15. 5>suni und zwar wird da« berühmte Werk Friedrich Hebbels:„Maria Magdalena" gespielt. Die alsdann folgende Aufführung ist„Zapfen- t r e i ch Schöneberg. Urber das Treiben des gefährlichen Hochstaplers Metzner, über dessen Flucht mit der Tochter des Rentiers M. auS Schöneberg wir berichteten, werden immer wieder neue Schwindeleien zu Tage ge- 'ordert. So hat M. auch einige Zeit hindurch einen falschen Borussen abgegeben. Durch einen angeblichen Heidelberger Kommilitonen ge- lang es M., in die hiesige studenlische Korporation„Borussia" em- geführt zu werden. Kaum fühlte sich der Hochstapler im Kreise der Verbindung einigermaßen sicher, so fing er an zu pumpen. Die Leidtragenden" sind Angehörige der„Borussia" sowie der Kneipen- wirt. Im Juli v. I. wurde M. entlarvt und auS der Verbindung herausgeschmissen. Um unliebsames Aufsehen zu vermeiden, zahlte die Korporation die Schulden des Pseudostudenten. Uebrigens sind auch eine ganze Reihe von Gewerbetreibenden durch den Schwindler geschädigt worden. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ver- tand er eS. sich hinreichenden Kredit zu verschaffen. So hatte er Schneidermeister um Summen von 199. 89 M. usw. betrogen. Bei einem hiesigen Verlagsbuchhändler glückte es dem Schwindler. 790 M.„leihweise" zu erhalten. Gern führte M. seine vornehme Verwandtschaft ins Gefecht. So behauptete er beispielsweise, er habe einen bekannten hiesigen Profeffor als Onkel, der in einer Schöne- berger Nervenheilanstalt(llaison de santd) tätig sei. Allerdings ist ein Onkel des M. in der Anstalt beschäftigt, freilich nicht als Professor, sondern als Barbier.' Ueber das Schicksal der Braut des M. war bisher noch nichts festzustellen. Metzner ist am 19. November 1876 in Hannover, Frl. M. am 23. Dezember 1873 in Berlin geboren. Groß-Lichterfelde. Einer nicht geringen Rücksichtslosigkeit ihre?„Wohltäters" er» fteuen sich die Laubenkolonisten auf dem Terrain des Herrn Rahlson zwischen Schiller- und Berlinerstraße. Nach Mitteilung des„General-Anzeigers" für Groß-Lichter- selbe usw. beabsichtigt der Zirkus Maine auf dem Platze Ecke Wilhelm- und Goethestraße Ausstellung zu nehmen, der ihm auch bereits von dem Besitzer Herrn Rahlson zugesagt war. Nach mehrmaliger Rücksprache des Geschäftsführers des ?iirlu8 bedeutete Herr Rahlson, daß er den Eckplatz nicht ergeben könne, da derselbe zur Besichtigung Kauflustiger fteigelassen werden müffe. Er stellte ihm hingegen ein anderes ihm gehöriges Grundstück zwischen Schiller- und Bcrlinerstraße zur Verfügung, das er seinerzeit armen Leuten zur Bebauung freigestellt hatte. Als sich der Geschäftsführer diese» Terrain ansah, fand er alles in herrlichstem Wachstum; hierauf sollte der Zirkus errichtet werden. Der Geschäftsführer konnte sich jedoch nicht dazu verstehen, die Freude dieser armen Leute zu vernichten, weshalb er zu dem Grundbesitzer zurückging und ihm die Mitteilung machte, den Zirkus auf da» von den Leuten mit größter Mühe und Sorgfalt bearbeitete Land nicht aufbauen zu wollen. Jedoch der Herr erhielt zur Antwort:„nur ruhig aufbauen." Der Geschäftsführer tat es jedoch nicht und hat der Zirkus beim Birkenwäldchen Aufstellung genommen. Wir glauben in diesem Falle jedoch besser zu tun, wenn wir uns jeder Meinung enthalten. Der Fall an sich wird jeden Leser zu einem richtigen Urteil veranlassen. Steglitz. Der grausige Selbstmordversuch de? Dieustmädchens«nma Hübncr aus der Schützenstr. 53 in Steglitz hat für die Lebensmüde traurige Folgen noch sich gezogen. Wider Erwarten ist in dem Be- finden deS Mädchens eine Besserung eingetreten und man hofft die Schwerverletzte am Leben zu erhalten. Die Unglückliche hatte sich mit dem Rasiermesser nicht weniger als elf Einschnitte in den Hals beigebracht, und gerade dieser verdächtige Umstand gab die Ver- anlassung zu dem Gerücht von einem Lustmord. Das schaurige Drama wird noch insofern ein tragisches Nachspiel haben, als die H. infolge der zahlreichen Verletzungen dauernd der Sprache beraubt werden wird. Weißensee. Die Gemeinde Weißensee hat jährlich an Zinsen und zur Tilgung der aufgenommenen Anleihen ungeheuere Summen aufzubringen, was auS folgendem ersichtlich ist: An den Reichsinvalidenfonds find für zwei Anleihen im Betrage von 375 999 M. an Zinsen und Tilgung zu zahlen 18 744 M., an die Preußische Zcntral-Bodenlredit-Aktien- gesellschaft für drei Anleihen im Betrage von 2 959 999 M.— 97 925 M., an die Sparkasse des Kreises Nieder-Barmm für sieben Anleihen im Betrage von 1 271 450 M.— 30 799,25 M., an die Landesversicherung-: anstalt Brandenburg für drei Auleihen im Betrage von 589 999 M.— 34345 M., an den Oberhofmeister Freiherrn v. Mirbach für eine Anleihe von 89999 M.— 4999 M., an die Kur- und Neumärkische Ritterschaftliche DarlehnSkasse für eine Anleihe von 399 909 M.— 12 750 M., an die Sparkasse deS Kreises Liegnitz für eine Anleihe von 599 999 M.— 25 000 M., an die Kurmärkische HülfSkaffe eine Anleihe von 49 999 M.— 2545,86 M., für neuaufzunehmcnde Anleihen im Betrage von 1 923 459 M.— 33 520 M., so daß die Gesamtsumme an Zinsen bezw. TilgungS- und Verwaltungskosten 268 629,11 M. beträgt. Demgegenüber hat die Gemeinde eine Einnahme auS Zinsen usw. von 77 299 M., so daß inmrer noch ein Zuschuß der Schulden- und Kapital» Verwaltung von 191429 M. beansprucht wird; auf den Kopf der Bevölkerung eine Summe von 5,63 M. In allernächster Zeit wird Weißensee vor weiteren Anleihen nicht zurückschrecken dürfen. da es gezwungen ist, ein neue? Rieselgut zu erwerben; ferner soll das Kanalisationsnetz auf den übernommenen Ortsteil Alt-Weißensee ausgedehnt werden, die Erbauung einer Realschule, einer Gemeinde- turuhalle usw. sollen noch im Laufe dieses Jahres vorgenommen werden. Die maßgebenden Körperschaften beschäftigen sich damit, eine Riesenanleihe aufzunehmen, um so nicht nur die bestehenden Projekte auszuführen, sondern auch kleinere Anleihen abzulösen. Zeuthen. Ei» aufregender Borfall spielte sich Freitag mittag auf der Vorort- bahn nach Königs-Wusterhausen ab. Kurz vor der Einfahrt in die Station Zeuthen stürzte sich plötzlich ein Mann vor die Loko- motive, legte den Hals auf das Gleis und im nächsten Augenblick waren die Räder über den Unglücklichen hinweggegangen. Der Kopf wurde fönnlich vom Halse getrennt. In dem Selbstmörder erkamltc man den Maschinenmeister Fritz Kluge aus Niederlehme. Ein anderer Borfall trug sich auf der Königs- Wusterhausen— Töpchiner Kleinbahn zu. Als ein Zug von Mittenwalde die Ab- zweigungsstrecke zurückfuhr, bemerkte der Lokomotivführer, daß der Bahnwärter kurz vor den, Zuge auf den Schienen herlief. Der Zug konnte zwar noch zum Stehen gebracht werden, doch war es nicht mehr zu verhindern, daß der Wärter umgerissen und ihm die rechte Hand abgefahren wurde. Aus die Schmerzensrufe des Verunglückten eilten dessen Frau und Kinder hinzu und die erstere wdr so entsetzt. daß sie in der Verwirrung vor die Maschine lief, welche den über- fahrenen Wärter nach Mittenwalde schaffen sollte. Noch im letzten Moment rettete sich die Frau durch einen Sprung auf das Trittbrett der Lokomotive. Potsdam. Die Stadwerordnetenversammlung nahm am Freitag die Wiederwahl des(besoldeten) Stadtrats Dr. Over vor, dessen Mandat am 16. Juli dieses JahreS abläuft. In der Ersatzwahl für den verstorbenen Stadtrat Meinhardi wurde für den Rest seiner Wahlperiode(23. Septemaer 1911) der Stadtverordnete A r t e l t gewählt. Die hier noch bestehende städttsche Fleisch st euer führt zu zahlreichen Konflikten der Steuerbeamten mit den Einheimischen sowohl, wie mit dem den Fremden. Mit Recht wird darüber Klage geführt, daß das ahnungslose Publikum oft in wenig taktvoller Weise an die Fleischsteuer erinnert wird. Würden sich die Steuer- beamten etwas mehr Mühe geben, das Publikum auf die Steuer- Pflicht der etwa mitgebrachten Fleischwaren genügend aufmerksam zu machen, so würde mancher Zwischenfall vermieden und manche Straf- erspart werden. Zur Abstellung dieser Mißstände wurde eine sieben- gliedrige Kommission gewählt. Ueber die Regulierung der Neuen Königstraße respektive die Heranziehung der Anlieger zu 199 999 M. zu den Kosten entspann sich eine längere Debatte. Schließlich wurde beschlossen, die An- liegerbeiträge mit 19 resp. 25 Mark für den laufenden Meter je nach den wirtschaftlichen Vorteilen zu bemessen. Zu der durch die Umwandlung der Straßenbahn in einen elektnschen Betrieb aufgerollten Verkehrsfrage richtete Stadtver- ordncter T o e p f e r an den Magistrat die Aiifrage, wie er sich zur event. Einführung des Automobllbetriebes stellt. Diese Anfrage sei deshalb berechttgt, weil die ansänglich geplante Ausdehnung des SchienemutzeS der elektrischen Straßenbahn vorläufig wieder aufge- geben worden sei. Potsdam brauche aber eine bessere Ausgestaltung »einer Verlehrsmittel. einmal aus Rücksicht auf seine ausgedehnte Lage, dann aber auch als Fremdcnstadt. die mit ihren Vororten immer mehr als solche und für Sommerftischen in Frage kommt. Auch interessiere sich eine„hochstehende Stelle" für den Automobilbetrieb ...— Bürgermeister Borkastner wandte sich in energischer Weise gegen dieses neue Projekt, das man den Borortsinteresienten überlasten solle. Er bat schließlich darum, doch erst die elektrische Bahn fertig werden zu lasten; dann könne man weiter sehen. Damit war diese Sensationsfrage" wieder einmal glücklich erledigt. Den Schluß dieser Sitzung bildeten mehrere Vorlagen der Schul-, Krankenhaus- und Bauverwaltung, die ohne weiteres genehmigt wurden. verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin, Füx den Inseratenteil vkrantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck».Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW."