Nr. 132. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Preis pränumerando: Bierteljährl. 8,30 m, monatl. 1,10 Mr., wöchentlich 28 Bfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage Die Neue Welt" 10 Bfg. Poft. Abonnement: 1,10 Mart pro Monat. Eingetragen in die Post- Beitungs. Breisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 8 Mark pro Monat. Bostabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Ericheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblaff. bate 23. Jahrg. Die Infertions- Gebühr Beträgt für ble sechsgespaltene Rolo geile oder beren Raum 50 ẞig., politische und gewerkschaftliche Bereins und Bersammlungs- Anzeigen 80 Bfg. ,, Kleine Anzeigen", das erste( fett gebrudte) Wort 20 Bfg., jebes tei Bort 10 Bfg. Stellengesuche und Schlaj stellen- Anzeigen das erste Bort 10 Bfg., jebes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben gählen für zwei Borte, Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet, Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Die Volksschullehrer in München. Sonntag, den 10. Juni 1906. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. durch Holzmeier geschah. Wenn wir jetzt zwar besiegt sind, von der liberalen Anpassungsfähigkeit und Schlaffheit um so wollen wir doch gerade jezt so tapfer sein wie nie zubor, jede innere Festigkeit und Ueberzeugungstreue haben bringen so wollen wir es machen wie die Römer, schlug Holzmeier lassen. Der ermunternde Beifall, der den Hamburgern und vor, so wollen wir jedes Puniers Fuß von dem heiligen Bremern aus diesen Streifen auch in München zuteil wurde, Me die deutschen Voltsschullehrer vor zwei Jahren ihrem Boden der Volksschule vertreiben; nicht vernichten wollen wir läßt Gutes erhoffen. Rongreßort Rönigsberg zustrebten, mußten sie durch die ge- die Kirche, wie die Römer es mit Karthago gemacht haben, Auch in den übrigen Fragen, die auf der deutschen segneten Gefilde des Dstelbiertums hindurch und an den stroh- aber die Schule soll frei werden von jedweder Beeinflussung Lehrerversammlung behandelt worden sind, hat die Mehrheit geflicten Dächern der„ Notleidenden" vorbei. Keinem der durch die Kirche, die Volksschule foll nicht christlich sich nicht von einer besonders erfreulichen Seite gezeigt. Man Teilnehmer an der Königsberger Lehrerversammlung hat diese sein, so wenig wie Universität, Philosophie und Kunst und jubelte minutenlang dem Straßburger Professor Ziegler für Fahrt ein ungeschminktes und deutliches Wort gegen die ost- Wissenschaft christlich" sind; was der Universität recht ist, ist sein Referat über Deutsches Volt und deutsche Volksschule wärts der Elbe wohnenden rücksichtslosesten Feinde der Volts- der letzten Dorfschule billig, so verlangt es das Prinzip der am Anfange des 20. Jahrhunderts" zu. Aber es war ein so bildung und Volksschule auf die Zunge gelegt. In diesem Einheitsschule. besonderer Grund zum Jubel gar nicht vorhanden. Wohl war Jahre führte der Zug die hunderte und tausende deutscher Wohl fanden diese mannhaften und für eine deutsche aus dem Vortrage zu entnehmen, daß Ziegler sich diese und Boltsschullehrer auf der Fahrt nach München an zahllosen Lehrerversammlung unerhört fühnen Worte lebhaften Beifall, jene modernere soziale Auffassung zu eigen gemacht hat, daß Heiligenbildern und anderen Zeugnissen des volksschulfeind- aber doch nur bei den nichtverantwortlichen zahlreichen 8u er ein Verständnis für kommunalpolitische Forderungen wie lichen Klerikalismus vorbei. Aber die hunderte und tausende hörern. Die eigentlichen Delegierten des Deutschen Lehrer Unentgeltlichkeit der Lehrmittel und auch der Verpflegung der deutscher Lehrer haben daraus teine Mahnung für ihre vereins bewiesen durch ihr Verhalten während der Rede Holz- Kinder in den öffentlichen Schulen besigt. Auch wagte der Haltung auf der Lehrerversammlung gezogen. Nur das fleine meiers und durch ihre Abstimmung, daß sie noch weit, Herr Professor von Demokratie und Sozialismus wenigstens Häuflein der Delegierten aus den beiden Hansestädten an der weit entfernt find von der logischen Folgerichtigkeit und der andeutungsweise zu reden. Aber gerade seine diesbezüglichen Nordseeküste, obwohl gerade sie am wenigsten in Deutschland mutigen Konsequenz der Bremer und Hamburger. Schade! Ausführungen bewiesen leider die Ünklarheit, in der sich Herr unter der Geißel des flerifalen Zelotismus zu leiden haben, Wenn es einmal anders gekommen wäre! Wenn die deutsche Ziegler in bezug auf die großen Notwendigkeiten der Gegenbesaß allein das nötige Maß an Mut und Konsequenz, um Lehrerversammlung den kühnen Mut bewiesen hätte, im Sinne wart, besonders in bezug auf den Klassenkampf befindet. Er unbeirrt durch faule taktische Erwägungen laut und deutlich der Bremer und Hamburger zu entscheiden, wenn sie als redete ein langes und breites von einer Synthese, die zwischen auszusprechen, was ist. Antwort auf die brüste Schulvergewaltigung in Preußen mit Sozialismus und Individualismus herbeigeführt werden Man tönnte einwenden, daß vielleicht gerade die geringere fliegenden Fahnen ins Lager einer grundsätzlichen und un- müsse, und Bürgerkunde und Kunsterziehung in den Schulen Kenntnis der süddeutschen Verhältnisse und des Ratholizismus beugsamen Opposition übergegangen wäre! Wenn sie, wie sind in seinen Augen gute Anfänge für diese Synthese. die Bremer und Hamburger Lehrer auf eine falsche Bahn ge- es im Jahre 1869 der alte, wackere Demokrat Ziegler gegen Herr Ziegler wich auch im übrigen stets davor zurück, die führt habe. Sicherlich wird diese Behauptung in den nächsten über der Mühlerschen Schulreaktion tat, erklärt hätten:" Da Stonsequenzen aus seinen sozialistischen Anwandlungen zu ziehen, Tagen und Wochen unzählige Male in der pädagogischen und können wir diskutieren, soviel wir wollen, es hilft ja nichts. und vollends enthüllte er die Schwäche seiner Position, als er sonstigen liberalen Presse zu lesen sein. Hat doch der zweite Ich will aber nicht diskutieren, ich gestehe, ich bin es müde im Kampf um die Bremer Resolution mit nichtssagenden Vorfizende der deutschen Lehrerversammlung, der freisinnige und fatt.... Ich weiß keine andere Hülfe, als daß wir Worten gegen die Bremer in die Schranken trat. bayerische Landtags- Abgeordnete Schubert, noch rasch vor vor dem Lande uns aufraffen zu dem, was wir Am fläglichsten war die Haltung der Münchener LehrerToresschluß diese Parole ausgegeben. Aber die Behauptung sein sollen, Männer, die furchtlos und frei aus bersammlung in der Lehrerinnenfrage. Der Referent hatte ist durchaus falsch. Die Haltung der Bremer und Hamburger fprechen, was das Land empfindet." Wohl sich anscheinend mit großem Fleiße alle inneren und äußeren war nicht durch wer weiß wie schlaue staatsmännische und hätte die Reaktion in Preußen und anderswo mit wut Gründe zusammengefucht, die in den Augen des Durchschnittskulturkämpferische Rücksichten bestimmt, sondern sie ging hervor schäumendem Munde über die gottesfeindlichen Lehrer gezetert. publikums gegen die pädagogische Gleichberechtigung der Frau aus tonsequent zu Ende gedachten Grundsägen. Der Münchener Aber Holzmeier hatte recht, wenn er darauf hinwies, daß mit dem Manne sprechen. Allerdings gab er sich mit Vorliebe Lehrer Gutmann, der Referent über die allgemeine Bolts- über die Lehrer immer geschimpft werden wird, und wenn sie den Anschein eines im Grunde sehr vorurteilstofen Mannes schule auf der Königsberger Lehrerversammlung, war in der Kirche noch so wenig von ihren Vorrechten nehmen wollen. und eines Freundes der Frauenbewegung, der dieser entgegenMünchen der einzige, der dieses erkannte oder es doch offen Was schadets schließlich, wenn die Reaktion geifert! Bon tommt, soweit es nur irgend geht. Bekanntlich sind das die zuzugeben wagte. Es sei schon das prinzipiell allein Richtige, dieser Gesellschaft laut und mit Recht angefeindet zu werden, schlimmsten Leute, die uns mit Biedermannsmiene versichern, was die„ Radikalen" aus Bremen und Hamburg wollten, gereicht jedem Vorwärtskämpfer zur höchsten Ehre. Anderer- unsere besten Freunde zu sein, die auch ein großes Stück des aber- Herr Gutmann ist eben auch ein Liberaler, und so feits wäre es für die preußische Schulreaktion, die die Lehrer Weges mit uns gehen, die sich aber gerade in den entfann er aus seiner Haut nicht heraus; so muß er die Prin bei der Beratung des Schulunterhaltungsgesetzes nicht viel scheidenden Momenten mit Achselzucken von uns wenden. zipien fahren lassen, wenn er praktisch" handeln will; so besser als tote Hunde behandelt hat, die denkbar bitterste So bersezte der Referent den Lehrertag in den muß er für die Simultanschule, für das Halbe und Un- Lehre gewefen, wenn sie hätte erkennen müssen, daß ihr letztes Glauben, daß er eigentlich den Lehrerinnen sehr weit entvollkommene stimmen, wenn er mit seinem Herzen und seinem Attentat auf die Volksschule selbst die fromme Milch der gegenkomme, und daß er nur die unberechtigten,„ radikalen" Verstande für die weltliche Schule, für das Ganze und Voll- Denkungsart deutscher Volksschullehrer in gärend Drachen Ünarten der Lehrerinnenbewegung ablehne. In Wirklichkeit gift verwandelt hat. todifizierte die Resolution des Referenten nur das bestehende Recht, und das nicht einmal gern und völlig, während sie allen weiteren berechtigten Forderungen der Lehrerinnen die Tür vor der Nafe zuschlug. tommene ift. Man tonnte es Herrn Gutmann anmerken, wie schwer Die preußische Schulreaktion aber kann sich nach München ihm als einem wahrhaft liberalen und freiheitlich gesinnten vorläufig ruhig schlafen legen. Von der gegenwärtigen maßManne diefes Bekenntnis wurde. Er wird sich deshalb auch gebenden Richtung innerhalb der deutschen Lehrerschaft haben bis tief in feine Seele hinein darüber geschämt haben, wie Junker und Pfaff nichts zu befürchten. Ihr steckt die liberale In zwei Jahren findet die deutsche Lehrerversammlung das Gros der deutschen Volksschullehrer in München, wie ins- Feigheit noch zu sehr in den Gliedern, als daß fie fich zu in Dortmund statt. Die Lehrer müssen dann statt an strohbesondere seine näheren bayerischen Kollegen mit den Bremern wirklichen Taten aufzuschwingen den Mut und die Straft hätte. geflickten Junkerdächern und frommen Heiligenbildern an den und Hamburgern fertig zu werden versuchten. Herr Schubert Aber auch in der Lehrerschaft wächst ein neues Geschlecht ragenden Schloten und den lodernden Feuerstätten der Großaus Augsburg ist ein unverfälschter liberaler Stulturkämpfer. heran, das nicht mehr feigherzig fein besseres Selbst industrie vorbei. Bis vor kurzem galt der politisch hierfür Die großspurigen, tapferen Worte rollen ihm in einem un- verbirgt, sondern offen und freimütig zu seinen Idealen zuständige Nationalliberalismus als Freund der Volksschule. angenehmen tremolierenden Bathos endlos aus der Stehle; steht. In dieser Beziehung haben die Hamburger und Das Schulkompromiß hat die Lehrer nunmehr eines Besseren eine runde und nette Phrase über Kampf"," Reaktion", Bremer Lehrer gleichfalls gute Proben abgelegt. Sie belehrt. Die Pädagogische Zeitung" hat es sogar schon aus,, borwärts" reiht er behende an die andere, und der un- haben bewiesen, daß sie nicht nur in der Theorie scharf zusprechen gewagt, daß die Nationalliberalen als reine weigerlich nach jedem Kraftwort einsetzende dröhnende Beifall und konsequent bis ans Ende gehen, sondern daß sie auch im Arbeitgeberpartei sich an einer volkstümlichen Kulturstachelt ihn immer aufs neue an. So hat der Liberalismus gegebenen Moment wie Männer von Ehre und Ueberzeugung politit zu beteiligen nicht mehr in der Lage sein werden". stets und überall, nicht nur in Bayern, auch in Preußen, die zu handeln wissen. Als der Herr Schubert aus Augsburg in Hier scheint endlich eine leise Ahnung von den gewaltigen fleritale Realtion in Grund und Boden hinein gerede t. unerhörter Ausnutzung des Schlußwortes feine bayerische bestimmenden Faktoren der Gegenwart aufzudämmern. Mit denselben tönenden Schlagworten hat der Liberalis- Stulturkampfpolitit auf Stosten seiner bremischen und ham- Hoffentlich schreitet diese Erkenntnis bei der deutschen LehrerPreußen den Kulturkampf verloren; burgischen Stollegen zu fördern und den tapferen Borstoß der schaft rasch vorwärts, damit die Dortmunder Tagung zu unter der glorreichen, maulfertigen Führung der Schubert Lehrer von der Wassertante als unreife Gedanken vom besseren Ergebnissen führt als die Münchener. und Genossen ist der Liberalismus in Bayern zu deutschen Lehrerverein abzuschütteln versuchte, erhob sich das einem unbedeutenden Häuflein im Landtage zu- Häuflein der Hamburger und Bremer wie ein Mann und sammengeschmolzen; unter dem vernichtenden Feuer der protestierte gegen diese Vergewaltigung. Und als Herr liberalen Stulturkampfpauterei ist das Zentrum in Preußen Schubert unter dem Beifall der liberal befangenen Mehrheit Aus der Duma. und Bayern und ganz Deutschland dick und fett geworden; fortfuhr, die Bremer und Hamburger für ihre Tapferkeit und Petersburg, 9. Juni.( W. T. B.) Das Haus beginnt unter gegenüber dem tapferen liberalen Feldgeschrei Simultan- für den großen Dienst, den sie in den Augen jedes freiheitlich lenderung der Tagesordnung mit der Debatte über die AgrarSchule" hat das Zentrum in Preußen ohne eigenes Bemühen denkenden Mannes durch ihr Vorgehen der deutschen Lehrer- frage. Es sind noch 129 Redner gemeldet. Die Rednerliste ist aus den Händen der Biberalen die lang ersehnte Stonfessions- fchaft geleistet haben, in fleinlicher Weise zu schulmeistern, da geschlossen. Der Führer der Arbeiterpartei Anikin fucht in langer Rede schule beschert erhalten. Und da hoffen die Volksschullehrer verließen die Bremer und Hamburger Mann für Mann den zu beweisen, daß alle Ländereien Eigentum ber Bauern sein auch fürderhin noch, mit dem maulstarten aber tatenschwachen Saal. Nur der Bremer Lehrer Lüdeking harrte aus und follen. Nur der Bremer Lehrer Lüdeking Harrte aus und Es werde nicht möglich sein, den Willen des ganzen Liberalismus ihre Schulideale zum Siege zu führen? Da fette auch durch, daß ihm noch nach der politischen Rede des Volkes zu mißachten. Es sei fein Grund zu der Befürchtung, daß wollen sie auch den nunmehr nach der verlorenen Schlacht in Herrn Schubert das Wort gegeben wurde. Mit heller durch die Bauern zu konservativ feien; der Adel sei viel konservativer. Preußen doppelt notwendigen und viel härteren Kampf gegen dringender Stimme protestierte er gegen Herrn Schubert; er Seit vierzehn Tagen sage man den Ministern, sie sollten sich ents die klerikale Schulreaktion mit der lendenlahmen Forderung wahrte für die Bremer und Hamburger das Recht der freien fernen, aber sie gingen nicht, fie hätten kein Schamgefühl und der Simultanschule aufnehmen? Meinungsäußerung, und mit scharfer deutlicher Beziehung lein Gewissen. Ein Bauer würde in folchem Falle nicht hier mus in bleiben. Die Revolution in Rußland. Mit ebenso geistvollem wie schneidendem Hohne griff der auf die zahlreichen vor ihm fizenden und sonstwo in Deutsch- Der Präsident erhebt sich und will Anifin aur Drdnung rufen, Wortführer der Bremer und Hamburger, der Bremer Lehrer land lebenden Lehrer, die anders sprechen, als sie innerlich aber das Haus bricht in einen Beifallssturm aus. Holzmeier, ein Beispiel des Straßburger Universitätsprofessors denken, schloß er mit dem Sage:„ Es stände besser um Der Redner schließt mit den Worten: Jch wende mich an das Ziegler auf, das er in seinem Festvortrage zur Kennzeichnung Deutschland, wenn jeder Deutsche den Mut der Ueberzeugung ruffische Bolt, das uns hierher gesandt hat, damit wir die Freigabe der gegenwärtigen Situation im preußischen Schultampfe an Gätte". Es verdient in diesem Zusammenhange bemerkt zu des Bodens fordern. Wir haben das Prinzip der Enteignung aufgewendet hatte. Als die alten Römer bei Cannae besiegt werden, daß über Lüdeking wie über Holzmeier das Damokles- gestellt, aber die Minister haben fich geweigert, es anzuerkennen. waren, da begnügten sie sich nicht, wie Herr Ziegler und die schwert eines Disziplinarberfahrens schwebt und zwar wegen wir fagten ihnen darauf: Entfernt Euch! Als Anitin die Rebnertribüne verläßt, bereitet ihm das Haus anderen Simultanschulfreunde, mit Halbheiten, sondern ihrer mannhaften Vertretung der Interessen ihrer bremischen gerade da waren sie zum äußersten Widerstande ent- Kollegen. Steinen der beiden Männer hat dieser Umstand ba- eine Dbation. Der der äußersten Rechten angehörige Bauer Bereboschtschikoto beantragt, bem Kaiser Dant abzustatten für die schlossen; da ruhten sie nicht cher, als bis Karthago von zurückgehalten, auf der deutschen Lehrerversammlung, bem Bolt erwiesene Gnade. Das Haus bleibt stumm, man hört zerstört war und feines Puniers Fuß mehr den Boden des also bor der größten Deffentlichkeit, ihrer Ueberzeugung offen 8ischen. heiligen Italien entweihte. Geschickter konnte der Lahmen und ohne Schwanken Ausdruck zu geben. Vielleicht wirkt Eine neue Partei. liberalen Opposition unter Führung Zieglers ihr tapferer dieses Beispiel anfeuernd auf die deutsche Lehrerschaft, In der Duma ist jetzt eine neue gemäßigte Partei Vergleich gar nicht um die Ohren geschlagen werden, als es wenigstens auf die jüngeren Elemente, die sich noch nicht im Entstehen, die sich aus den Ottobristen, den rechts stehen. " fc• n„Kadetten",„Wilden" und Vertretern anderer Parteien zusammensetzt. Die Bildung dieser Partei liegt in den Händen deS Grafen P. A. Heyden, I. I. Lwow u. a. Die Justiz gegen die Volksvertreter. W Petersburg, 9. Juni. l„Herold"-Depesche.) Das vom Prokurator .»egen Aufreizung der Arbeiter gegen 15 Dumamitglieder der Arbeiterpartei eingeleitete Strafverfahren wurde vom Appell- Präsidenten dem obersten Senat überwiesen, da den Dumamitgliedern Amtscharalter beizulegen sei. Die Nachklänge der Ministererklärung i» der Provinz. Die Raum- und Verkehrsverhältnisse Ruhlands bringen es mit lich, daß die Ereignisse im Zentrum nicht sofort in der Provinz ihr Echo finden. Es bedarf einiger Zeit, bis die Provinzler Stellung zu den Petersburger Aktionen nehmen und das Resultat davon in Petersburg bekannt wird. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn erst jetzt genauere Nachrichten aus dem Innern des Reiches kommen, die die Stimmung des Volkes bezüglich der bekannten Goremykin- schen Erklärung charakterisieren. Die Russische Korrespondenz erhält darüber folgenden Bericht: Petersburg, 5. Mai. Die Provinz beginnt sich über den ersten Konflikt der Duma mit der Regierung zu beunruhigen. Jeden Tag treffen an die Adresse des Dumapräsidenten und der Depulierten eine Menge Tele- gramme ein, die das Verhalten der Duma billigen. In den Städten werden Versammlungen organisiert, in denen die Tätigkeit der Duma besprochen und entsprechende Resolutionen gesaßt werden. Aber nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem flachen Lande wird schon eine durch den Konflikt hervorgerufene Bewegung bemerkbar. Die lokalen Preßorgane bringen jetzt Mitteilungen, die ein gewisses Licht auf die Stimmung der bäuerlichen Bevölkerung werfen. Aus einen, Orte wird z.B. geschrieben, daß schon am Tage nach der Ministererklärung die Bauern sich nach der Sladt begeben hatten. Es bildeten sich Gruppen, das Ereignis wurde eifrig besprochen, und allerorts hörte man, wie die Regierungserklärung mißbilligt und die Duma und ihr Verhalten gelobt wurden. In anderen Orten erfuhr man über den Konflikt ans den Telegrammen, die die Deputierten an ihre Wähler abgesandt hatten. Die Telegramme wurden sofort in mehreren Exemplaren unter den benachbarten Dörfern verteilt, damit die Bauernschaft auf diese Weise erfuhr, was die Regierung ihr bescherte. Die sozialistischen Organisationen entfalten eine riesige Agitation auf dem Lande und verbreiten in Massen Proklamationen unter der Ueberschrist:„Man hat Euch den Boden und die Freiheit verweigert." Die Bauern wenden sich an die Sozialisten nut der Bitte, sie über das Ereignis aufzuklären; die Organisationen sind aber nicht stark genug, um alle Bitten berücksichtigen zu können. Die Konterrevolution an der Arbeit. Seitdem die Amncstiefrage erörtert wird, werden die Schrecken der Konterrevolution wieder fühlbar. In vielen Orten wurde in den letzten Tagen wieder Blut vergossen, in vielen Städten haben sich die Straßen vom unschuldigen Blute friedlicher Einwohner, Kinder, Frauen und Greise gerötet. Im Publikum zirkulieren schon Gerüchte über den immer größer werdenden Einfluß des Polizei- generals T r e p o w auf den Zaren, über feine neuen Pläne, der oppositionellen Stimmung der Duma und der provinziellen Be- völlcrung den Terrorismus der organisierten„schwarzen Banden" entgegenzustellen, um die öffentliche Meinung irrezuführen und die' Aufmerksamkeit der bisher indifferenten Zuschauer von dem stesig wachsenden Mißtrauen zu der Regierung auf einen anderen Gegenstand zu lenken. Wenn man die Hetzen gegen Juden und Intelligenz mit der unter hohem Druck geführten Agitation zur Veranstaltung reaktionärer Kundgebungen gegen die Duma zu- sammeustellt, und wenn man beachtet, daß das offizielle RegierungS- organ alle diese Kundgebungen mit der peinlichsten Genauigkeit wiedergibt, dann scheint es keinem Zweifrl zu unterliegen, daß der ganze Feldzug der schwarzen Bande von obenher inauguriert wird. Uebcr die Hetze, die in den letzten Tagen in Wologoda stattfand, wird berichtet: Der Gouverneur von Wologoda stand glücklicherweise mit der Gendarmerieverwaltung schon längst auf gespanntem Fuße, und verhinderte deshalb nicht, daß die Beteiligung der Gendarmerie an der Hetze angezeigt wurde. Die Hetze wurde schon feit langem vorbereitet und die letzten Ereignisse, die Eröffnung der Reichsduma und der 1. Mai wurden dazu benutzt, um sie zu verwirklichen. Der Tag der Dumaeröffnung ging ohne jegliche Störung hin. Aber schon am Vorabend des 1. Mai wußte die ganze Stadt, daß eine Hetze geplant war. Einige besonders einflußreiche Mitglieder der schwarzen Bande veranstalteten Versammlungen, gaben Versprechungen ab, Wodka �Branntwein) zu spenden, was sie auch nachher kurz vor der Hetze getan haben. Ihre Agenten bereisten die umliegenden Dörfer und forderten die Bauern auf, zum 1. Mai in der Stadt zu erscheinen. Sie behaupteten, daß die Juden und andere fremde„Elenrente" die Duma auseinandergejagt hätten und daß die zurückgekehrten Deputierten am 1. Mar dem Volke darüber Rechenschaft geben wollten. Dadurch wurden die Bauern gegen die Juden, die Intelligenz und die Revolutionäre aufgestachelt, und es blieb nur übrig, die Stimmung der versammelten Menge entsprechend auszunutzen. Dies wurde auch glänzend durchgeführt. Verkleidete Gendarmen führten die schwarze Bande, die„Landwächter" schössen auf das von der Bande in Brand gesteckte„Volkshaus" und verhinderten die Feuerwehr, das brennende Haus zu löschen. Die Polizei war plötzlich ver- schwundcn, die Soldaten blieben außer Aktion. Der Gouverneur, der längst zu den Liberalen gezählt wurde, und der unbedingt gegen die Hetze war, wurde auch angegriffen und durch einen Stein ver- wundet. Im ganzen werden etwa 50 Ermordete und Verwundete gezählt. Mißhandelt wurden alle Schichten des Volkes ohne Unter- schied. Unter den Verletzten befanden sich z. B. Seminarschüler, ein Staatsanwaltsgchülfe und Lehrer usw. In dasselbe Kapitel gehört folgender Bericht aus S i m b r r S k: Unsere sonst so friedliche Stadt war neulich der Schauplatz wüster Ausschreitungen der polizeilich organisierten schwarzen Bande unter persönlicher Leitung und Beteiligung des Polizeichefs Pifijcff und der Polizeikommissäre Solowjeff und Nekrassow. Das städtische Krankenhaus ist mit Verletzten überfüllt. Viele Personen sind durch die Mißhandlungen bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Eine Frau N. wurde auf der Straße mit Knuten'derart be- arbeitet, daß sie im Zustande tieffter Bewußtlosigkeit ins Kranken- Haus eingeliefert ward, wo sie. ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, ihren Verletzungen erlegen ist. � Augenzeugen berichten, daß die Frau nicht nur aufs vrehrschste geschlagen, sondern daß sie auch am Haar stratzenlveit durch den Kot geschleift worden ist. Unter den Verwundeten befinden sich Arbeiter, Angehörige der Intelligenz und einzelne oppositionell gesinnte Beamte. Alle Bor- stellungcn und Beschwerden beim Gouverneurchef blieben erfolglos. So begann in unserer Stadt die„neue parlamentarische� Aera". Uebrigens rüsten die schtvarzen Banden, wie sie ganz ungeniert öffentlich erzählen, zu einem neuen, noch viel stärkeren Angriff auf die revolutionäre Arbeiterschaft und Intelligenz für den Tag der Amiiestieerklärung. Wahlsiege der Sozialdemokratie. Der„Russische Kurier", eine liberale Korrespondenz, berichtet: Die jetzt im Kaukasus stattfindenden Reichsdumawahlen fingen der russischen Sozialdemokratie einen unerwartet glänzenden Sieg. Fast in allen kaukasischen Wahlbezirken siegten die Sozial- dcmokraten, und die vereinteii Kräfte der anderen Parteien, selbst die der„Kadetten", vermochten den Triumph der Sozialdemokraten nicht aufzuhalten. m Gleichzeitig meldet diese Korrespondenz über dre Wahlen m Sibirien: Dort haben selbst in solchen Städten, wo noch bis vor kurzem von einer größeren Agitation der Sozialdemokraten nichts zu merken war. durchweg sozialdemokratische Wahlmäuner den Sieg erlangt. Besonders charakteristisch sind in dieser Beziehung die Wahlen in Omsk. Die Einwohner dieser Stadt setzen sich zum größten Teil aus Beamten und Militär zusammen, und doch sind alle vier von der Stadt gewählten Wahlmänner Sozialdemokraten. Das ist die Antworl auf die Repressalien des un- erbittlichen Generals Suchotin und des bekannten„Vertilgers" der „Kramolniki"(Aufwiegler) Möller-Sakomelsky. Selbst die bis dahin regierungsfreundlichen Einwohner der Stadt Omsk waren über die Beruhigungspolitik der zügellosen russischen Behörde derart empört, daß sie die sozialdemokratischen Organisationen einmütig bei ihrer Wahltätigkeit unterstützen. Auch in Krasnojarsk und T s ch e l- jabinsk, wo größere sozialdemokratische Arbeiterorganisationen vorhanden sind, wie überhaupt in TranSbaikalina ist ähnliches zu verzeichnen._ polltUcbe Ocbcrficht. Berlin, den 9. Juni. Hinter den Kulissen der Kolonialpolitik. Einige Leute, die gute Beziehungen zu den Hintertreppen der Wilhelmstraße haben, plaudern eben wieder allerlei über die internen Vorgänge in der deutschen„Kolonisationsarbeit" aus, das auch für weitere Kreise sehr wissenswert ist. So stellt der biedere Herr Harden recht hübsch allerlei Neues und Altes über die Soldateska-Natur des Herrn von Deim- ling zusammen: „... Herrn v. Deimling ist in Berlin aber dasselbe Mißgeschick begegnet, dessen Opfer er schon in Südwestafrika war: er hat eifernd die Verschanzung beschossen, die er schonen mußte. Ein tüchtiger, tapferer Offizier. Bei Narondas hat er den Hotten- totten die ärgste Niederlage.des ganzen Feldzuges bereitet lMorenga wurde damals durch einen Shrapncllsplitter am Unterleib schwer verletzt und zunächst für tot gehalten). Im Norden aber hatte der Oberst Unglück. Ist er zu jäh, zu ehrgeizig, rascher zur Tat. als ein Führer heutzutage sein darf? Er hat den von den Deutschen schon besetzten Waterberg beschossen; und seine SicgcsbullctinS mußten mehr als einmal widerrufen werden; s o oft, daß sie daS Hauptquartier schließlich nicht mehr beförderte. Die ganze Schutztruppe sprach davon. Deren Kommandant wird er nun. Ein Mann, dessen Konflikte mit dem General von Trotha nicht erst von den Helio- graphisten ausgeplaudert zu werden brauchten. Der einen von jungen Stabsoffizieren getadelten und höhnisch glossierten Vor- trag über Südwest veröffentlicht hat. Der zu dem milden Gouverneur v. Lindequist patzt wie die Faust aufs Auge; und die beiden sollen doch zusammenarbeiten. Können wir neue Friktionen an der Spitze der siechen Kolonie vertragen? Mancher bedauert die Wahl; hätte lieber den frommen, stillen Major v. Estorff als Kommandanten der Schutztruppe gesehen. Trotzdem keiner die soldatischen Tugenden des neuen Herrn anziveifelt. Muß der Befehlshaber auf so gefährdetem Posten aber nicht auch ein bißchen Diplomat sein und sich auf die schwere Kunst der Menschen- behandlung verstehen? Oberst Deimling lebte mit Trotha in offenem Zwist und durfte schon deshalb, in unserem musterhaft disziplinierten Heer, nicht der Nachfolger des Mannes werden, dessen Wirken er in Windhuk und Berlin un- heilvoll genannt hatte. Vermag er die Hitze zeitig zu dämpfen, den Zorn, Wenns nötig wird, zu zügeln? Aehnelt er Steinmetz oder Wißmann? E r h a t i n A f r i k a auf Deutsche geschossen, in Deutschland die Leute beleidigt, die er dem Regierungswunsch günstig stimmen sollte." Von Herrn Erzberger wieder sollen allerlei Interim stammen, die das Stuttgarter Zentrnmsorgan, das„Deutsche Volksblatt", bringt, dessen Redaktion Erzberger früher angehörte. Dieses Blatt veröffentlicht, wie wir dem„Fränkischen Kurier" entnehmen, einen Artikel über das Zentrum und die Ablehnung des Reichs- K o l o n i a l a m t s, der in der Form einer Politik gegen den „Schwäbischen Merkur" auseinandersetzt, niemand habe erwarten können, daß das Zentrum sich in der dritten Lesung ander? stellen werde als in der zweiten, und dann also fortfährt: „Die Regierung hat das nicht erwartet. Der Chef der Reichs- kanzlci und der Stellvertreter des Reichskanzlers haben teilweise mehr als eine Woche vor der Abstimmung über das Reichs- kolonialamt mit bekannten ZentrnmSabgeordnete» gesprochen. und es ist beiden Herren gesagt worden, daß das Zentrum an seinem Nein festhalten werde.„Was ist da zu tun?" meinte der Chef der Reichskanzlei. Die Antwort war, die Freunde des Reichskolonialamtes müßten eben zur Stelle sein. Und das Ergebnis war: von den Konservativen fehlten über 50 Prozent, von den Nationalliberalen über 20 Prozent. Als nach der Ablehnung der Eisenbahn ein rechtsstehender Abgeordneter zum Zentrum kam und sagte:„Nun fällt wohl auch das Reichs- kolonialamt?", da ist ganz offen und ftei gesagt worden:„Gewiß, nach der Besetzung des Hauses." Es ist erst ein paar Tage her, da sagte ein ganz bekannter konservativer Abgeordneter zu mir: „Na, wissen Sie, daß das Reichskolonialamt gefallen ist, ist gar kein Schaden; der Erbprinz hat ja doch kein Rückgrat. Unsere Freunde haben überhaupt an der ganzen Ge- schichte kein Interesse mehr." Die Abstimmungsliste beweist das sehr deutlich. Die Taktik des Zentrums war also auch hier die denkbar offenste und lauterste." In der Tat: die„Taktik" deS Zentrums war so„offen und lauter", daß sie eben beweist, wie wenig den: Zentrum ernsthast an der Ablehnung lag, wie sehr sie lediglich eine Demonstration zur Einseifung seiner Arbeiterwähler sein sollte, und wie jesuitisch- gerieben daS Zentrum selbst der Regierung den Weg wies, das Reichskolonialamt gegen den Willen des Zentrums durch- zubringen. Außen hui, innen pfui l Sehr niedliche Enthüllungen macht Herr Erzberger im Deutschen Volksblatt" schließlich noch über die Farmer- entschädigung. Er sagt: „Wie kann man überhaupt mit einer Fordening von 10,5 Millionen Mark an den Reichstag zugunsten der„Farmer" herantreten, wenn man weiß, wie die ersten fünf Millionen ver- putzt worden sind! Der Sohn eines früheren national- liberalen Abgeordneten und reichen Welt- mannes hat einen„Schaden" von 400 000 M. angemeldet; reiche Hamburger national liberale.Großkauflcute und SchnapSliefcrantc» kommen mit derselben Rechnung; eine Schäferei- gesellschaft, die nahezu bankerott war, aber sehr hochstehende Aktionäre hat, will auch nahezu eine halbe Million haben. Und so Iveiter. Das ist das„nationale" Interesse!" Wenn so viel schon trotz aller amtlichen Sperrmaßregeln an die Oeffentlichkeit kommt, wie viel wird dann noch im Verborgenen ruhen, von dem die Steuerzahler, auf deren Kosten diese ganze Wirt- schaft geht, überhaupt nichts erfahren l— Kolonial- Landsknechte. Ein„Soldheer für unsere Kolonien" fordert in der„Rheinisch- Westfälischen Zeitung" ein kolonialpolitischer Schriftsteller. Der Gedanke der besonderen Kolonialarmee ist nicht neu; als not- wendige Konsequenz der glorreichen Weltpolitik ist er schon mehrfach ausgesprochen worden. An dem Vorschlag des Kolonialpolitikers des Kohlen- und Eisenjunkerblatts ist aber beinerkenswert die Offenheit, mit der er die Bestinimung dieser Arnree ausspricht und mit der er ihr Wesen darlegt. Er schreibt u. a.: „Ein kriegerischer Konflikt mit einer seemächtigen Nasion liegt heute nicht außer dem Bereich der Möglichkeit. Die räuniliche Ausdehnung unferer Schutzgebiete und die Entfernung vom Mutterlaude ist so groß, daß eine Verteidigung durch Heimat- truppen iin Kriegsfalle so gut wie unmöglich ist. Ein Truppen- transport über See bedarf eines starken Konvois von Kriegs- schiffen, deren Detachierung unsere Flotte nicht vertrageil könnte. Unsere Schutzgebiete, die als leichte und billige Beute geradezu anlocken, sind mit den verhältnismäßig kleinen Konttngenten— das südwestafrikanische Expeditionskorps kommt ja wieder nach Hause— nicht im stände, einen nachdrücklichen Angriff einer Landungsflotte auszuhalten und ohne Verstärkung aus dem Mutter- lande einen von irgendwoher eindringenden Feind auf die Dauer erfolgreich abzuwehren." Deutschland soll also im Kanipfe mit einem see- mächtigen Gegner nicht bloß seine eigenen Grenzen, sondern auch noch seine Kolonien verteidigen. Das wäre selbst vom Standpunkte des Bourgeois ein unrentables Verfahren, denn ein siegreicher Aus- gang des Krieges gäbe uns die Kolonien ohne weiteres zurück, für die Entscheidung des Krieges aber bedeutete der Besitz der Kolonien nichts. Aber es ist auch weniger die Verteidigung, die sich der Kolonialpolitikus als die Aufgabe der Kolonialarmee denkt, als Werkzeug zum Angriff, als Werkzeug aggressiver Weltpolisik ist sie ihm wertvoll. Er fährt fort: „Nicht allein das Interesse an der Erhaltung der Kolonien im Kriegsfalle spricht für die Bildung eines deutschen Kolonial- Heeres. Die Summe der geschichtlichen Erfahrungen aller Zeiten und aller Völker gipfelt in dem Satze: große überseeische Er- Werbungen und Aktionen, Handels- und Weltpolitik im modernen Sinne sind ohne besondere Kolonialtruppcn nicht möglich. Auch Deutschland wird, um die angefangene Bahn mit Erfolg weiter beschreiten zu können, hierin keine Ausnahme machen dürfen.. .Deutschland würde bei solcher Armee sparen, will der Autor darauf glauben machen; die tropen-akklimatisierten Krieger würden weniger Verluste durch Krankheiten haben, als frisch in Deutschland ausgehobene. Das stimmt, ist aber mir ein Argument gegen die Beteiligung an sinnlosen überseeischen Abenteuern. Den Stamm für die Kolonialarmee erblickt der Verfasser im südwestaftikanischen Erpeditionskorps. Er meint: ..... Es werden sich gewiß viele Leute finden, die im Hinblick auf die bessere Besoldung und auf eine höhere Prämien- zahlung an: Schlüsse der Dienstzeit gern zum Kapitulieren bereit sind. Hiermit ist aber auch das manchem vielleicht fllrchter- lich Klingende gesagt: das zu gründende deutsche Kolonialheer kann nur ein SöldncrkorpS sein, durch und durch ein bezahltes Berufsheer, das sich aus Deutschen(nur erstklassigen Leuten) rekrutiert, die sich ftir 5—10 Jahre, etwa vom 24.-35., zum Dienst in den Kolonien verpflichten müssen...." Es folgen Ausführungen, die beweisen sollen, daß eS nichts Ehrenrühriges ist, gegen Entgelt Soldatenhandwerk zu treiben. Der Herr Kolonialpolitikus sucht so dem Gegner alle Einwände von vorn» herein zu nehmen. Einen aber, der sehr nahe liegt, hat er nicht an- geführt. Die Erfahrung nämlich, daß der Söldner und vor allem der Kolonialsöldner verroht, daß er eine Geißel für die Eingeborenen bedeutet und eine Gefahr ftir das Volk, dem er angehört. Unsere herrschende Klasse hätte eine Truppe, die sie, wie der Zar seine volksfremden Kosaken, auch gegen den inneren Feind vortrefflich verwenden könnte, deren Verwendung gegen das eigene Volk für die Herrschenden init viel weniger Gefahr verknüpft wäre, als die der stehenden Armee. Für eine solche Soldarmee würden sich Elemente melden, die zu ehrlicher Arbeit nicht geeignet, ihre gewalttätigen Triebe austoben lassen würden gegen die Gegner, die man ihnen zeigt. DaS sind die Gründe, die das deutsche Volk in noch höherem Maße, als die kolossalen Kosten, die ein solches Söldnerheer verursachen müßte, zu entschiedenster Abwehr des Gedankens der Kolonialarmee führen müssen. Deutsche Landsknechte darf es auch in den Kolonien nicht geben I— Deittfches Reich. Dir alte Taute Boß verwendet wieder einmal einen langen Leitartikel dazu, um ihrem Herzen gegen die„Leipziger Volkszeitung" Luft zu machen. Diesmal wird ihr Geseire über die Verworfenheit unseres Leipziger Bruderblattes dadurch Hervorgerufen, daß es auch dieses Parteiblatt, Ivie übrigens und selbstverständlichst auch alle anderen, abgelehnt hatte, über das Attentat in Madrid eine Tränenflut zu ergießen wie die bürgerliche Presse, vielmehr und mit Recht darauf hingewiesen hatte. daß dieselbe Gesellschaft, die sich über den möglichen Erfolg des Attentats jetzt so ungeheuer entsetzte, an dem kapitalistischen Mord von Millionen Proletarier achtlos vorübergehe. Wir wollen einer eventuellen eigenen Abwehr der„Leipziger Volkszeitung", wenn sie eine solche überhaupt für notwenig hält, weder vorgreifen, noch würden wir auf das sehr durchsichtige Wehgeschrei der servilen Vossin überhaupt einzugehen brauchen. wenn sie nicht, gleichfalls aus sehr durchsichtigen Motiven, sich der Hoffnung hingäbe, daß hinter dieser Auffassung und Ausdrucksweise unseres Leipziger Parteiorgans nicht die ganze deutsche Sozial- demokratie stände. Darüber können wir der„Voss. Ztg." die be- ruhigende Versicherung geben, daß die„Leipziger Volkszeitung" nur in einer besonderen Form die allgemeine Auffassung der Partei iviedergegeben hat, lind wenn der biederen alten Tante sonst nichts fehlte, könnte sie wieder zu den Gesunden gerechnet werden.— Der konfiszierte Dreibund. Die„Rhein.« Westfäl. Ztg." vom Freitagmorgen ist wegen eines Artikels„Der geflickte Drei- b u n d" beschlagnahmt worden. Der Artikel enthielt eine scharf ge- spitzte Krittk des Telegrammwechsels zwischen Wien und Rom und richtete sich hauptsächlich gegen Ungarn und Italien. Inwiefern er eine Majestätsbeleidignng enthalten sollte, dürfte Geheimnis des Staatsanwalts bleiben. Die„Rhein.-Westfäl. Ztg." hat wiederholt ohne Beschlagnahme in der Tendenz sehr ähnliche Artikel gebracht, die viel weniger irgend jemand persönlich wessen sollten als nach allen Seiten hin scharfmachen und zu weltpolitischen kriegerischen Verwickelungen hetzen sollen. Denn die„Rhein.-Westfäl. Ztg." ist, wie man weiß, das Organ der Kanonenkönige und Panzerplattenfabrikanten.— Wie der Kaiser reist. In dem Bericht der Scherlblätter über den Einzug Wilhelms II. in Wien findet sich folgende, auch für unsere Leser sicher interessante Mitteilung: .... Bei der Schönbrunner Brücke am Ausgang der Allee war neben der Triumphpforte eine Militärkapelle plaziert, welche beim Nahen des kaiserlichen Wagens„Heil dir im Siegeskranz" spielte. DerZug bestand aus 16 ganz gleichen Hof- wagen. In einem der letzten faß das gekoppelte Dachsenpaar Kaiser Wilhelms." Wenn die Dackel schlau sind, werden sie im Laufe der Jahre merkwürdige Eindrücke auf den kaiserlichen Reisen gesammelt haben.—_ Maifeier ostpreußischer Landarbeiter. Unter dieser Spitzmarke teilten wir bereits in der Nr. 119 des „Vorwärts" mit, wie die„Deutsche Tageszeitung" dumme Be- merkungen darüber gemacht hatte, daß auf dem Gute Komorowen deS Genossen Ebhardt der 1. Mai durch vollständige Arbeitsruhe ge- feiert worden ist. Zum Schlüsse hatte sie das„Mustergut"(die Gänse- füßchen rühren natürlich von dem Oertel-Blatt her) allen intelligenten Landlcuten dringend empfohlen. Genosse Ebhardt bemerkte in seiner Bescheidenheit damals dazu:„Ob mein Gut ein Mustergut ist, kann ich nicht beurteilen, jedenfalls bemühe ich mich, es dazu zu machen, soweit es in meinen Kräften steht und soweit meine Mittel reichen" usw. Der Zufall hat es nun gewollt, daß ein paar Tage nach dieser Zuschrift von einer selbst der„Deutschen Tageszeitung" doch wohl Kompetent ers-�emenden Steve etn Urteil darüber abgegeben wurde, ob das dem Genossen Ebbardt gehörige Gut, auf dem die Mai- feier in jedem Jahre stattfindet, als ein Mustergut zu betrachten ist oder nicht. Ende Mai veranstaltete nämlich der landwirtschaftliche Zentral- verein für Litauen und Masuren für die Kreise Johannisburg, Lyck und Oletzko seine diesjährige Bezirks tiersch au. Nach einem Bericht der„Ostprenszischen Zeitung" legte diese Tierschau wieder einmal Zeugnis dafür ab, dafi sich die Vieh- und Pferdezucht in Masuren im konstanten Fortschritt befindet. Dem Parteigenossen Ebhardt-Komorowen wurden folgende Preise zuerkannt: 1. für Rindvieh, Repräsentation ganzer Zuchten: der silberne Ehrenpreis, 2. für B u l l e n über 36 Monate alt: e r st e r Preis 120 Mark, 3. für Stärken, zweimal der zweite Preis, je 40 M., und zweimal der dritte Preis, je 30 M.; 4. Kühe in Milch: viermal der zweite Preis, je 50 M. Dieses Urteil der Preisrichter in Verbindung mit den durchaus sehenswerten mustergültigen Einrichtungen dieses Gutes rechtfertigen Wohl die Bezeichnung Mustergut. Und das alles trotz Arbeits« ruhe am 1. Mai, trotz guter Löhne und menschenwürdiger Be- Handlung der Arbeiter, sowie gesunder Arbeiterwohnungen. Oder vielmehr: infolge dieser Einrichtungen! Die„Deutsche Tages- zeitung" darf also wirklich ohne Ironie das Mustergut zur Nach- ahmung empfehlen. Bei dieser Gelegenheit möchten wir übrigens noch mitteilen, dafi es in Ostpreußen auch noch ein zweites, gegen 4000 Morgen großes Gut gibt, auf dem der 1. Mai seit einer Reihe von Jahren durch vollständige Arbeitsruhe gefeiert wird. Das Gut gehört dem Gutsbesitzer Genossen A. Hofer- Gr.-Skaisgirren. Es ist eine der größten und einträglichsten Besitzungen im Ragniter Kreise.— Deutscher Strafvollzug. Vor dem Schöffengericht in Köln stand ein Insasse der Rheinischen Provinzial-Arbeits- a n st a l t. Er soll auf einen Aufseher einen Angriff verübt und einige Fensterscheiben eingeschlagen haben. Nach dem Ergebnis der Verhandlung kann es kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Empörung den Mann zu seinem Vorgehen getrieben hat. Er soll in der Anstalrskirche eine Prise genommen haben, was er aber auf das bestinmiteste bestreitet. Wegen der Lapalie erhielt er von dem Anstaltsdirektor vierzehn Tage Arrest zudiktiert. Als er diese abgebüßt hatte, erhielt er weitere sieben Tage Arrest, weil er gegen den Anstaltsarzt„frech" gewesen sein soll. Als er zum Landeshauptmann geführt wurde und dort sich über die schuldlose Bestratung beschwerte, sagte dieser: Ihnen wird nicht mehr geglaubt; Sie sind schon einmal bestraft I Als er den zweiten Arrest verbüßt hatte, schlug er aus Wut mehrere Fensterscheiben ein, und als der Oberausieher hinzu kam, bedrohte er diesen mit einem Fensterriegel. Dieser schlug ihn mit dem Säbel über die Hand, daß das Blut floß und der Mann hinstürzte. Das Schöffengericht bestraste den Häusling wegen des versuchten Angriffes mit zwei Monaten und wegen des Scheiben- zertrümmerns mit einer Woche Gefängnis.— Aus solche Art fördert man schwerlich die verkümmerten sittlichen Instinkte in den Anstalts- insassen; im Gegenteil; man erzeugt in ihnen eine unauslöschliche Erbitterung und macht sie zu unversöhnlichen Feinden der mensch- lichen Gesellschaft.—_ Nochmals der Fall Schöne— v. Brockhusen. Der polizeiliche Hintermann der.Post" sucht weiter die Spuren des im Reichstag enthüllten Verbrechens Schöne— v. Brockhusen zu verwischen. In der Art, in der die politische Polizei von jeher. steilich geschickter als der„Post"- Mensch, gearbeitet hat, verbreitet er in alle Winde hinaus Lügen, konstruiert andern gegenüber Wer- brechen, die nie begangen sind, um die Spur von sich abzulenken und Un- schuldige zur Bestrafimg zu bringen. Neben den für sie geschriebenen polizeilichen Erdichtungen ihres polizeilichen Mitarbeiters gibt die .Post" auch gewissenhast wieder, was ihr getreuer Polizei-Eckehart in andere Zeitungen lanziert hatte. Es wird ganz im System Tausch gearbeitet. Die gestrige.Post" teilt mit, die„Reue militärische Korrespondenz' habe aus der amerikanischen Presse die Mitteilung bekommen, daß die Unterredung des Herrn Schöne in der Wohnung des russischen Kaufmannes vom Genossen Singer und einigen Stenographen aufgenommen sei. An diese „Mitteilung" knüpft die„Post" ein albernes Gefasel. Da- nach hätten sich„die sozialdemokratischen Führer hier also als sAsnt Provokateurs betätigt". Die.Post" weiß, daß diese Schlußfolgerung idiotenhafter Unsinn selbst dann ist, wenn ihre„Mitteilung"�wahr wäre. Agent Provokateur ist der Anreizer zu Verbrechen, insbesondere jene« der„Post" nahestehende Lumpengesindel, das im polizeilichen Interesse mit dem Geld der Steuerzahler andere zu Verbrechen anzustiften unternimmt. Ein agent Provokateur und außerdem ein Verbrecher ist also zum Beispiel der Schützling und eifrige Mit- arbeiter der.Post", der den russischen Kaufmann durch Bestechung zum Landesverrat zu bestimmen versucht hat. Hätte Genosse Singer die Rolle gespielt, die ihm dieser Schützling an- dichtet, so hätte er daS sehr verdienstliche Werk der Ueberfllhrung eines Verbrechers getan. Die.Post" sollte sich doch nicht so dumm stellen, als ob ihr selbst dieser Unterschied nicht klar sei. Die Rolle, die die„Post" auf dem Umwege aus Amerika von ihrem Polizei- Pänner dem Genossen Singer zuweist, ist erfunden, um auf den Busch zu schlagen, welche Beweismittel dafür vorhanden sind, daß der Bericht, den der Polizeiminister über den Fall Schöne-v. Brockhusen gab, wie bereits Bebel im Reichstage darlegte, der Wahrheit nicht entspricht. Möge doch der polizeiliche Schützling und Schutzherr der„Post" veranlassen, daß endlich gegen ihn daS im Reichstag verlangte Strafverfahren wegen wiederholter schwerer Verbrechen eingeleitet werde. Vielleicht erfährt dann die„Post" durch phonographisch getreue Beweismittel auch, wie in dem vom Minister angeordneten Ermittelungsverfahren sogar versucht ist, im Sinne des„Po st"-Mitarbeiters Zeugen zu einer falschen Zeugenaussage zu be- wegen. In demselben Arttkel sucht der Zuträger der„Post" sich durch neue Schwindeleien aus seinem gegen die Genossin Luxemburg ge- sponnenen Lügengewebe herauszuwinden. Zuerst hatte er wiederholt behauptet, ein Sekretär sei mit der Genossin Luxemburg nach Rußland gereist. Als wir entgegneten, daß er auch in diesem Punkte erbärmlich lüge und zu dem Zweck lügt, um die russischen Behörden gegen Genossin Luxemburg irre zu führen, be- liebte die„Post" unö mit schockweisen Liebenswürdigkeiten wie Lügner, Schwindler usw. zu beehren. Um nach außen den Anschein zu er- wecken, als wäre irgend etwas Wahres an ihrer Fabel, verwies sie uns dann an Genossen Liebknecht. Nachdem wir gestern die bündige Er- klärung des Genossen Liebknecht, die mit unserer Kenntnis über- einstimmt, wiedergegeben hatten, läßt sie ihr altes Lügen- gewebe fallen und fängt jetzt ein neues an. Der angebliche Sekretär, so lautet jetzt ihre Erklärung, sei ja allerdings nicht mit der Genossin Luxemburg zusammengereist, aber er sei ihr voraus- gereist und sei mit ihr zusammen verhaftet worden. Selbstverständlich M't auch daS erlogen. Der Mitarbeiter der„Post" weiß, daß Genossin Luxemburg überhaupt keinen Sekretär hatte. " Wir resümieren: Der polizeiliche Einbläser der„Post" hat ie- wüßt über die Genossin Luxemburg und über ihren angeblichen Sekretär usw. Lügen in dir Welt gesetzt, um die Aufmerksamkeit von der Tatsache abzulenken, daß der Polizcimann, der die Verbrechen wiederholter Urkiindenfälschnng und versuchter Bestechung zum Landes- verrat gegen Rußland in der zynischten Weise unternommen hat, noch ohne Anklage und auf freiem Fuß sich befindet, wiewohl er versucht hat, Zeugen zu einer falschen Aussage in dieser Angelegenheit zu be- wegen. Die„Post" hat ihre Spalten bereitwilligst zu diesem Zwecke geöffnet. Von Tag zu Tage deutlicher wird das ver- vrcchcrische Spiel ihres polizeilichen Hintermannes durch seine Erfindungen aufgedeckt. Die„Post" spielt eine noch elendere Rolle, als die„ttreuz-Zeitung" und ähnliche Organe zu der Zeit spielten. als sie Kanaillen wie Ohm, Gödsche, Tiersisch. Lindenberg oder Eentlemens wie Tausch und Konsorten ihre Spalten zur Verbreitung erdichteter Verbrechen öffneten. Mag mm die„Post" dies edele Gewerbe weiter fortsetzen. Unsere Leser werden es verstehen, wenn wir eS nicht für nötig halten, auf jede neue Erfindung des Polizei- gesindels, dem die Spalten der„Post" offen stehen, oder der„Post" zu antworten.—_ Herrenhäusler und BolkSschullehrer. In Baden führen die Lehrer seit Jahren einen heftigen Kampf um Besserung ihrer Lage. Und dabei handelt es sich nicht nur um eine Gehaltserhöhung; sie wollen in den bestehenden Gehaltstarif für Staatsbeamte eingereiht werden, um der sortdauernden Bettelei um Zulagen überhoben zu sein und mit den übrigen Beamten gleich- zeitig aufzurücken. Jetzt sind die Gehaltsverhältnisse der Lehrer im Schulgesetz geregelt, da sie so ein Zwitterding zwischen Staats- und Gemeindebeamten darstellen. Die Zweite Kammer gab bei der sogenannten Schulreform nach und beschloß die Einreihung in den Gehaltstarif trotz des heftigen Widerspruchs der Regierung. Freilich war diese Mannestat der bürgerlichen Parteien nichts als eitel Heuchelei, denn ihre Redner kündigten gleich an, daß man, wenn die Erste Kammer den Beschluß ablehne, das Gesetz auch dann annehmen werde.— Die Herrenhäusler haben den Wink verstanden und den Lehrern ihren Wunsch versagt. Daß sie gleichzeitig den Lehrern eine Gehaltszulage bewilligten, will nicht viel sagen, denn es handelte sich für die Lehrer um eine be- friedigende Lösung ihres Verhälmisses zu Staat und Gemeinde. Aber gerade darin sind auch die Gründe für die Haltung der Regierung zu suchen: die Regierung will von der Volksschule als Staatsschule nichts wissen, sie fürchtet die Konsequenzen, allgemeine Besserung, Unentgeltlichkeit usw. usw. Und darum will sie auch die Lehrer nicht als Staatsbeamte anerkennen, weder in der Form der Bezahlung noch durch ausdrückliche gesetzliche Bestimmung. Daß die Erste Kammer hierbei auf die Seite der Regierung tritt und lieber die rückständige, leichter beeinflußbare Gemeindeschule behalten will. ist selbstverständlich und trotz aller lehrer- und schulfreundlichen Redensarten steuen sich Zentrum und Nationalliberale herzlich über die"jetzigen Beschlüsse der Ersten Kammer. Eine wirklich gute Volks- schule hat nie zu ihren Idealen gehört.— Zum Diätenbeschluß im badischen Landtag wird uns aus Karlsruhe noch geschrieben: Bisher bekamen die in Karlsnihe wohnenden Abgeordneten des badischen Landtags keine Diäten, während die anderen täglich zwölf Mark beziehen. Wiederholten Anträgen nachgebend, schlug die Regierung diesem Landtage vor, den Karlsruber Abgeordneten sechs Mark täglich zu gewähren. In der Geschäftsordnungskommission gab es nun recht unerquickliche"Debatten über die Frage: von einer Seite wünschte man, daß keine Differenzierung eintrete, von anderen Seiten wurde dagegen gefeilscht und gehandelt, als ob sichs um den Ankauf von ein paar alten Hosen, aber nicht um die selbst- verständliche Gewährung vpn Aufwandsentschädigung für Volks- Vertreter handele. Schließlich einigte man sich nach langem Schacher mit Ach und Krach auf 9 M. Tagegelder für die Karls- ruher; bei den übrigen bleibt« bei 12 M. Am Mittwoch beschäftigte sich das Plenum mit dem Diäten- gesetz und hier begann das Zentrum dasselbe Spiel wie in der Kommission. Um bei seinen bäuerlichen Wählern als die unent- wegten Sparer dazustehen, griff es wieder auf die 6 M. der Regierungsvorlage zurück, und der Wortführer, ein hoher Beamter, dessen Gehalt fortbezahlt wird, wenn er seine Landtagsdiäten ein- streicht, klaubte allerlei Gründe zusammen, um seine schmutzige Haltung zu verteidigen. Eine so plumpe Spekulation auf die schlechten Instinkte der bäuerlichen Zentrumswähler ist noch selten in einem Parlament versucht worden. Nun, die Geschichte mißglückte, das Zentrum blieb isoliert, erntete Hohn und Spott und schließlich wurde das Gesetz mit allen gegen die Stimme eines Zentnimsgeistlichen angenommen. Die Karlsruher Abgeordneten erhalten ihre 9 M. täglich vom Beginn der laufenden Session ab nachbezahlt.— Außerdem ist freie Fahrt auf allen badischen Bahnen beschlossen worden.— Der Kampf mnS Wahlrecht in Schleswig-Holstein. Eine würdige und erfrischende Sprache führt die Agitationskommission der sozialdemokratischen Partei für die Provinz Schleswig. Hol st ein in folgender Eingabe an den S t ä d t e- tag der Provinz: Auf der Tagesordnung des diesjährigen Städtetages steht die Frage der Umgestaltung des in Schleswig-Holstein geltenden kom- munalen Wahlrechts. Zeitungsnachrichten zufolge soll auch erörtert werden, ob und inwieweit den arbeitenden Klassen die Möglichkeit gewährt werden soll. Vertreter in die Stadtverordnetenversammlung zu entsenden und die Mitglieder der Magistrale zu wählen. Namens der schleswig-holsteinischen Arbeiterschaft richtet die unterzeichnete Agitationskommission der Sozialdemokratischen Partei für die Provinz Schleswig-Holstein an den Städtetag das Ersuchen, sich für die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts entscheiden zu wollen. Dem zurzeit in unserer Provinz bestehenden kommunalen Wahl- recht ist von fast allen bedeutenden Stadtverwaltungen eine Ge- staltung gegeben worden, die die Arbeiterschaft fast gänzlich von der Stadtvertretung ausschließt. Bei der Reichstagshauptwahl im Jahre 1903 entfielen von den insgesamt in Schleswig-Holstein abgegebenen Stimmen in Höhe von 247 177 rund 109 189 Stimmen auf die Kan- didaten der Sozialdemokratie. In Kiel wurden von 26 184 Stimmen 16 761 sozialdemokratische Stimmen gezählt. Gleichwohl sind unter den 30 Stadtverordneten nur zwei Arbeitervertreter. Noch schärfer tritt das Mißverhältnis in Altona hervor. In der Stadt Altona wurden bei der letzten Reichstagswahl von insgesamt 22 317 Ssimmen 15 859 sozialdemokratische Stimmen abgegeben, also etwa 71 Proz. Mit diesem Prozentsatz ist Altona derjenige Reichstagswahlkreis Deutschlands, der die relativ stärkste Anzahl sozialdemokratischer Stimmen aufweist. Dagegen befindet sich unter den 36 Stadtver- ordneten nicht ein einziger Sozialdemokrat. Es gibt keine preußische Stadt von der Größe Altonas, deren Stadtverordnetenversammlung auch nicht einen einzigen Vertreter der arbeitenden Klassen in ihrer Mitte zählt. Diese aller Gerechtigkeit hohnsprechenden Verhältnisse sind auf die Dauer nicht erträglich. Das Reichstagswahlrecht gewährt jedem Staatsbürger ohne Unterschied des Berufes und des Vermögens nach Vollendung des 25. Lebensjahres das gleiche Wahlrecht. Wenn die Gesetzgebung jedem Bürger das Recht und die Befähigung zur Mit- Wirkung an den Angelegenheiten des Reiches zuspricht, so muß sie logischerwcise das gleiche für den weit enger begrenzenden Kreis der kommunalen Verwaltung tun. Der Einwand, daß der Stadt- gemeinde gegenüber die Leistungen des Bürgers sich in der Haupt. äche auf das Steuerzahlen beschränken und danach also auch die kommunalpolitischen Rechte des Bürgers im Gegensatz zu den Pflich- ten und Rechten des Staatsbürgers bemessen werden müßten, verrät eine derartig beschränkte Ausfassung von den Aufgaben der Kommune und von der Stellung des Bürgers in der Kommune, daß es eine Beleidigung des Städtetages wäre, diesem Argument eine weit- läufige Widerlegung zuteil werden zu lassen. Zurzeit werden die Stadtverordnetenversammlungen beherrscht von den verschiedenen Interessengruppen der besitzenden Klassen. Die großen Unternehmer, die Hauseigentümer, die Groß- und Kleinkauf- leute haben die ausschließliche Herrschaft in den Stadtparlamenten und bestimmen deren Entschlüsse. Die Arbeiterschaft steht mit diesen Kreisen vielfach in den härtesten wirtschaftlichen Kämpfen. Wider- spruchslos muß sie die kommunalen Maßnahmen über sich ergehen lassen, die von ihren Gegnern sür gut befunden werden. Unter dieser einseitigen Jnteressenpolitik leiden nicht allein die arbeitenden Klassen. Es ist z. B. bekannt genug, daß eine Vernunft- gemäße Wohnungspolitik, die die Interessen aller Mieter wahr- nimmt, trotz der Bemühungen weitsichtiger Magistratsmitglieder vielfach scheitert an der Engherzigkeit und dem Egoismus eines hausagrarischen- Klüngels. Demgegenüber haben selbst unsere Gegner den Eifer und das Verständnis anerkennen müssen, mit dem die Arbeitervertreter sich in den kommunalen Körperschaften betätigt haben. Als neueste» Zeugnis hierfür nehmen wir Kezug guf die Verhandlungen der Kommission für die Reform der Strafprozeßordnung. In dieser aus konservativen Juristen und bürgerlichen Parlamentariern zu. sammengesetzten Kommission wurde mehrfach hervorgehoben,„dah die Arbeiter auf allen Gebieten der staatlichen und kommunalen Per. waltung vielfach reges Interesse und großes Verständnis sur die ihnen zugewiesenen Aufgaben gezeigt hätten".(Vcrgl. Protolollo der Kommission für die Reform der Strafprozeßordnung Bd. 1. Seite 398.1... Ein geistig entwickeltes, klassenbewußtes Proletariat sit nicht gewillt, sich länger als willenloses Objekt einer einseitigen Gesetz. gebung behandeln zu lassen. Die Demokratisierung des Wahlrecht v ist heute das Zeichen, unter dem das politische Leben aller Völker steht. Das schleswig-holsteinische Proletariat ist daher entschlossen. mit allen zulässigen Mitteln sowohl gegen das heutige Zensuswahl» recht wie gegen ein etwa beabsichtigtes Klasscnwahlrecht zu kämpfen. Ebenso protestiert es gegen jeden Versuch, die Wahl der Magistrats- Personen noch mehr als bisher einzuengen. Für die Magistratswahl und für die Stadtverordnctenwahl darf nur ein und dasselbe Wahl- recht gelten und zwar ein besseres Wahlrecht als das von heute. Die Eroberung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahl» rechts ist unser Ziel. Wir sind uns bewußt, daß wir dies nicht im ersten Anlauf erreichen werden. Die Arbeiterschaft wird aber nicht ruhen in diesem Kampfe und ist entschlossen, ihn zu führen mit der Energie, mit der das Proletariat seine politischen und wirtschaftlichen Kämpfe zu führen gewohnt ist._ Die politische Einsicht der leitenden Kreise kann diese Kampfe verhindern oder doch wenigstens mildern. Wir appellieren nicht an die Gerechtigkeit. Wir wissen, daß in der Politik nicht eine auS- gleichende Gerechtigkeit, sondern das Klasseninteresse der bestimmende Faktor ist. Aber wir erwarten von der politischen Klugheit der maß- gebenden Kreis«, daß sie unserem Verlangen Folge leisten und daß dem Proletariat schon jetzt diejenige Anteilnahme an der städtischen Verwaltung gewährt wird, die ihm nach seiner wirtschaftlichen und politischen Bedeutung gebührt. Inzwischen hat, wie eine Meldung aus Lübeck vom 8. Juni besagt, der 11. schleswig-holsteinische Städtetag be- schlössen, vorläufig eine Reform des kommunalen Wahl- rechts unter Slbschaffung des Zensus und Einführung der Klassen- wähl abzulehnen. Es soll also alles beim bösen Men bleiben.— Der ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Bueb in Mülhausen i. E. ist nach der„Neuen Mülh. Ztg." spurlos ver- schwanden.— Offcnbach a. M., 9. Juni. Die sozialdemokratische Fraktion des Stadtverordnetenkollegiums, die die Mehrheit bildet, lehnte die Wiederwahl des seit 24 Jahren amtierenden Oberbürgcr- meisterS Brink ab. Hiidland. Oesterreich. Der Ministerpräsident zur Wahlreform. Wien, 9. Juni.(B. H.) Im W a h l'r e'f o r m a u s s ch u ß erklärte Ministerpräsident v. Beck, die Regierung betrachte die Wahlreform als ihre hauptsächlichste Aufgabe. Sie werde die Regierungsvorlage nicht modifizieren, weil dies zu einer Verzögerung führen würde, in- dessen werde sie sich Abänderungsanträgen nicht widersetzen, wenn diese eine Verständigung ermöglichten. Der Wahlrechtskampf müsse bald abgeschlossen werden.—_ Wien, 9. Juni.(ffl. T. B.) Die Reichsratsdelegation ist hente zusammengetreten. Der Minister des Aeußern unterbreitet das gemeinsame Budget. Im Einlaufe befindet sich eine hinter- p e l l a t i o n Dobernig, die an den Minister des Aeußern die Frage richtet, wie er die Einbringung des autonomen unga» risch en Zolltarifes, durch den die Gemeinsamkeit der Mon- archie erschüttert und die Interessen Oesterreichs beeinträchtigt würden, ohne Befragung der österreichischen Regierung und des österreichischen Parlaments zugeben konnte.— Frankreich. Die Sozialreform des ArbcitSministcrS. Paris, 8. Juni. lEig. Ber.) Der Arbeitsminister B a r t h o u hat vorgestern in Ronen eine Rede gehalten, die den Charakter einer Erwiderung auf die sozialistische Pfingstkundgebnng in St. Mandö an der Stirne trägt. Herr Barthou will nicht, daß die Arbeit die Welt beherrsche und die Gesellschaft von der Ausbeutung durch die Nichtarbeitenden befreie. Er will dem Kapital und der Arbeit gleiche Rechte und Freiheiten gesetzlich verbürgen und eine „gerechte Verteilung" des„gemeinsamen Ertrages" bewirken. Als Rkittel gegen die Krisen und gegen die Streiks nennt er den kollektiven Arbeitsvertrag. Er stellt die Reform des Gewerkschaftsgesetzes von 1884 in Aussicht, die Kompetenz der Gewerkschaften müsse erweitert werden. Das Problem sei nicht mehr aufzuschieben. Vor allem köune man die Verwirklichung dieses Prinzips in jenen Industrien versuchen, die wie der B c r g b a u und die Metall- industrie sowohl auf feiten des Kapitals wie der Arbeit starke Organisationen darbieten. Das Bergbaugesetz von 1310 wäre in diesem Sinne zu reformieren, auch sei er(der Minister) bereit, dieses Gesetz durch die heute fehlenden Unfalls- bestimmungen zu ergänzen, ohne die der Staat wehr- los sei. Endlich werde er in einem weiten Ausmaß die Gewinnbeteiligung anzuwenden versuchen. Der Staat köiiue bei Verleihung eines Monopols die Gewinnbeteiligung als Be- dingung aufstellen. Die bevorstehende Reform des Berggesetzes und die' Reorganisation der Pariser Transportunternehmungen werde eine besonders günstige Gelegenheit bieten, diesen Grundsatz zu ver« wirklichen. Die Regierung sei dazu bereit. So ungenügend diese Ankündigungen vom sozialistischen Stand« Punkt aus erscheinen müssen, so beweisen sie doch den starken Fort« schritt, den die sozialistischen Ideen in Frankreich gemacht haben. Barthou selbst gehört zu den gemäßigtsten Mitgliedern des Kabinetts, in politischer und sozialpolitischer Beziehung. Sein neues Pro- gramm ist offenbar aus der Erkenntnis geboren, daß sich die Arbeiter mit der demokratischen Phrase nicht mehr sabspeisen lassen wollen. Die große Bedeutung, die vom Minister und auch von anderen Leuten jetzt dem alten Mittelchen der Gewinnbeteiligung zu« geschrieben wird, zeigt allerdings auch die Rückständigkeit, die in der französischen Bourgeoisie in bezug auf die Erkennwis sozial- ökonomischer Probleme besteht. Die programmatischen Erklärungen der Sozialisten beanspruchen auch in der bürgerlichen Presse einen breiten Raum. Be- sonderes Aufsehen hat die Ankündigung I a u r ö s hervorgerufen, daß die Sozialisten die Hundert-Millionen-Forderung, die der Kriegsminister und der Marineminister in Aussicht gestellt haben, nötigenfalls selbst mit der parlamentarischen Obstruktion entgegentreten werden, welche Regierung auch immer am Ruder sein werde. Die Diskussion über die militaristischen Projekte wird jeden- falls eine der bedeutendsten Ereignisse der Herbstsession werden. Sie wird wohl auch das Gefüge der radikalen Mehrheit sprengen, da ein Teil der Radikalsozialistcn. vor allem die Gruppe um P e kl e t a n. entschlossen ist. die Herabsetzung der Militärausgaben zu verfechten. Ohne solche Herabsetzung bleibt alles Gerede von Sozialpolitik bloße Spiegelfechterei.—_ Wirkungslose Waffen. In Flavignh, Departement CSte d'Or, wurden im Auftrage des gerichtlichen Liquidators die Ursuline- rinnen aus ihrem Kloster durch Gendarmen gewaltsam weggeführt. Die Oberin erhob lebhaften Einspruch gegen' die Ausweisung und der anwesende Delegat des Bischofs von Dijon sprach über die Ur- Heber und die Vollstrecker des Kongregationsgesetzes die höhere Exkommunikation aus. Italien. Die italienische Polizei in Tätigkeit. Turin, 9. Juni.(Herold-Depesche.) Die Polizei entdeckte in der Alfieristraße eine geheime Druckerei, in welcher die in letzter Zeit kn der«miee so zahlreich verteiltett aufrilyrerischen Flugschrift� gedruckt wurden. Mehrere Verhaftungen sind vorgenommen. Paris, 9. Juni.(SB. T. B.) Nach einer der„Agence HavaS" aus Rom zugehenden Meldung sucht die dortige Polizei m den Hotels von Rom nach drei französischen Personen, von denen eine �ne Frau ist. Es heißt, sse seien dort eingetroffen, um einen Anschlag auf das Leben des Papstes am morgigen oder dem nächsten .* Sonntag während des Gottesdienstes in St. Peter auszuführen.— Spanien. ES muß etwas geschehen... Madrid, 9. Juni.(W. T. B.) Auf die Ansprache des Kammerpräsidenten bei dem gestrigen Empfange erwiderte der König, es sei bellagenswert, daß die Bemühungen, daS Los der Bedürftigen zu verbessern, mit unverständlichen strafbaren Handlungen zusammenfielen. In diesen Bemühungen werde man sich aber nicht aufhalten lassen durch die Ber- irrungen gewisser Verbrecher, und die Weisheit des Parla- mentes werde ohne Zweifel eine Lösung finden, welche den Spaniern volle Gewähr der Sicherheit bieten und ihre Existenz vor den Irrungen einiger gestörter Geister beschützen werde. Hierzu sei ein Zusammenwirken mit den öffentlichen Gewalten der anderen Völker erforderlich. Von Bemühungen, daS LoS der Bedürftigen zu verbessern, und von Weisheit deS korrupten Parlaments(wie auch der Regierung) haben die spanische» Proletarier bisher verteufelt wenig gespürt. Und die Königsworte werden in dieser Beziehung auch nichts ändern. Die königliche Forderung nach Repressalien gegen die An- archisten dagegen dürste auf fruchtbareren Boden fallen. Madrid, 9. Juni.(Herold-Depesche.) Gegen daS republikanische Organ«El Paix" ist eine gerichtliche Verfolgung angestrengt worden wegen eines Artikels, der sich mit dem Attentate befaßt.— Rußland. Das Ministerium Goremykin entlassen? Petersburg, 9. Juni.(W. T. B.) Dem Abendblatt der„Vir- schewija Wjedomosti" ist eine Mitteilung zugegangen, die eS bestättgt, daß die Demission des gesamten Ministeriums gestern abend erfolgt ist. Amtlich ist die Richtigkeit dieser Meldung bisher nicht zugegeben worden.— Petersburg, 9. Juni.(Herold-Depesche.) Wie dersi.Dwadzatin" meldet, wird binnen wenigen Tagen das neue Kabinett ernannt werden. Goremykin, Stolypin sowie der Justizminister werden zurücktreten. Zum Premierminister wird S t i s ch i n s k y ernannt werden. Gurko wird landwirtschaftlicher Minister, Pellegarde, ehe- maliger Kanzleichef T r e p o w s, Minister des Innern. Stischinsky ist der jetzige Ackerbauminister, der eine Agrarreform ausgearbeitet haben soll, die eine unzulängliche Enteignung deS Großgrundbesitzes zugunsten der Bauern vorsieht. GewcrkrcbaftUcbcö* Ein«euer christlicher Verrat. Durch die Heimarbeitausstellung in Berlin und durch die Erhebungen der Heimarbeitkommission in Königsberg wurden die schmachvoll niedrigen Löhne der Schirm- nähermncn bekannt. Der Zentralverband der Schirmarbeiter und -Arbeiterinnen ging deshalb mit Eifer an den Ausbau der Orga» nisation, und es gelaug ihm auch 78 Näherinnen zu organisieren. Nun sollte eine Lohnbewegung veranstaltet werden. Doch die ? Fabrikanten verhandelten mit dem Zentralverband nicht, sondern uchten im Trüben zu fischen, wozu ihnen der ch r i st I i ch e G e- werkverein der Heimarbeiterinnen, der in Königsberg sieben Mitglieder zählt, erfolgreich Hülfe leistete. Es kamen zwei Damen von Berlin, und diese verhandelten namens der Christlichen mit den Fabrikanten und man schloß einen Vertrag ab. Die Näherinnen wurden zu einer Versammlung eingeladen, um den Verrat zu bestätigen. Den Vorsitzenden des Zentralverbandes ließ man nicht m die Versammlung hinein. Als die Näherinnen, die im Zentralverband organisiert sind, gegen den Vertrag protestierten, nannte man sie„schnatternde Gänse", lvorauf sie den Saal verließen. Darauf hatten die Damen vom christlichen Verband nur gewartet, um den Handel perfekt zu machen. Der Verttag bedeutet für die Näherinnen gar- nichts. Teilweise enthält er sogar Verschlechterungen. Bei neun Artikeln sind die Löhne nicht erhöht worden, und das sind gerade die Schirme, die am meisten angefertigt lverdrn. Dann hat man bei einigen Sorten eine Zulage von 5 Pfennig pro Dutzend Schirme gewährt. Dieser Tage fand eine Protestversammlung statt, in der der Vorstand deS Zentralverbandes ausgefordert wurde, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um diesen Tarif zu Fall zu bringen. Die„christlichen" und die katholischen Gewerkschaftler, die politisch beide dem Zentrum getteue Gefolgschaft leisten, zerfleischen sich ohne Unterlaß in ihren gewerkschaftlichen Verbänden. Im Saargebiet ist die Feindschaft der Brüder in Christo auf eine kaum noch zu über- bietende Höhe gestiegen. Wir haben berichtet, daß auf der Burbacher Hütte mehr als tausend Arbeiter im Streik stehen, weil die Stumm- linge die Walzwerksarbeiter fortgesetzt dutzendweise lediglich wegen ihrer Zugehörigkeit zum christlichen Metallarbeiterverbande auf die Straße warfen, zuletzt 28.Christliche" auf einmal, nur weil sie um Zurücknahme der Matzregelung von zweien der Ihrigen gebeten hatten. Die christlichen Gelverk- schaftler beschuldigen nun die katholischen Arbeitervereinler der sogenannten Berliner Richtung, daß sie ihnen gegenüber Verrat üben. Die.Saarpost", das Blatt der Christlichen, behauptet, die.Katho- lischen' ttieben ihnen in Gemeinschaft mit Polizei und H ü t t e n b e a m t e n die Säle ab und machten ihnen sonstige Schwierigkeiten. DaS Blatt gebraucht dabei die Worte„Nichts- Würdigkeiten",.Schmach" usw. In einer der letzten Nummern schreibt das Blatt:„In der Berliner(katholischen) Arbeitervereinsversammlung in Burbach am letzten Sonntag wurde in geradezu gemeingefährlicher Weise auf die christ- lichen Gewerkschaften l o S g e h e tz t." Ein Sekretär der katholischen Fachabteilungen habe dort gesagt:.Die christlichen Gewerkschaften führen den Namen.christlich" nur, um ihre wahre Gestalt zu verbergen." In Eppelbom sei in der katholischen Arbeitervereins- versanimlung„ebenfalls in der wüstesten Weise gegen den christlichen Gewerkverein gehetzt" worden. Dann schreibt das genannte Zentrums- und christliche Gewerkschaftsorgan: „Die im christlichen Gewerkverein organisierten Bergleute bedauern ein solches Verhalten einzelner Geistlicher auf» tieffte. Mit welchen Empfindungen müssen treue katholische Arbeiter aus dem Gotteshause gehen, das sie zu ihrer religiösen Erbauung besuchen, wenn ihnen der Geistliche von der Kanzel herab(!) erklärt: Er wolle nicht eher ruhen, bis dem christlichen Gewerkverein die heuchlerische MaSke vom Gesichte gerissen sei." Nach diesen Proben kann man sich einen Begriff davon machen, mit welcher Gehässigkeit und welchen Mitteln die Zentrumsgeistlichen erst die freien Gewerkschaften und die Sozialdemokratie in ihren Herrschaftsgebieten bekämpft. Verleumderische GewerkschaftS„christe»". Zwei Mitglieder deS „christlichen" BäckerverbändchenS hatten Angehörige des Deutschen Bäckerverbandes auf von dem letzteren herausgegebenen Fragebogen durch die Worte: Lumpen, Diebe, Spitzbuben, Hallunken u. dergl. beschimpft. DaS Kölner Schöffengericht billigte den Opfern der M.-Gladbacher Erziehunaskunst mildernde Umstände zu und ver- urteilte sie zu je 6 M. Geldstrafe. Verlin und Umgegend. Ein Transport von 11 böhmischen Buchbinder» wurde von dem Borsitzenden des Deutschen Buchbmdereibesitzer- Verbandes, Herrn Königlich sZchstschen KommisstonSrat Hugo Fritzsche von Prag«ach Berlin dirigiert. Dadurch wollte der Herr seine Fähigkeit als Kommissionär beweisen. An der Solidarität der tschechischen Kollegen scheiterte der bereits in den Kreisen der Buchbindereibesitzer bejubelte Plan. Den tschechischen Kollegen war nicht nur verschwiegen worden, daß sie als Streikbrecher verwendet werden sollten, auf ausdrückliche diesbezügliche Fragen war ihnen das sogar besttitten worden. Als die Kollegen die Wahrheit erfuhren, legten 19 derselben sofort die Arbeit nieder und erklärten, nicht Verräter an der Sache der Strei- kenden werden zu wollen. Als der Vorsitzende der Zahlstelle Berlin in Begleitung zweier tschechischer Kollegen auf dem Kontor der Firma Fritzsche-Baumbach, Schöneberg, Bahnstraße 29/30, vorsprach und um die Auslieferung der Papiere der schändlich Hintergangenen, aus ihrer Heimat geholten Buchbinder ersuchte, geriet Herr Wilhelm Leo, Geschäftsführer der Firma, so in Aufregung, daß er, bevor noch der Vorfitzende ausgesprochen, erklärte, das sei eine Gemeinheit, eine ganz gemeine HandlungS- weise. Darauf befragt, wer eine gemeine Handlungsweise begangen habe, erklärte der Herr, das sei eine gemeine Handlungsweise deS Verbandes I— Darauf wurde der Bevollmächtigte aus dem Kontor hinausgedrängt, während die tschechischen Kollegen zurückgehalten wurden. Doch gelang es nicht, dieselben zu überreden dortzubleiben. Das ganze Gebaren des Herrn beweist, wie sehr die Unternehmer in der Patsche sitzen; für unsere Kollegen ein Ansporn zum Aus' harren im Kampfe. Weitere geistige Waffen. Eine öffentliche HandlungSgehülfen' Versammlung war zu Freitagabend vom„Verein der deutschen Kauf leute"(Hirsch-Duncker) nach dem Deutschen Hof, Luckauerstraße, ein- berufen. Die Versammlung war von gegen 200 Personen besucht, fast ausschließlich Mitglieder des Vereins. Nur etwa 20 Mitglieder des Vereins für weibliche Augestellte und ungefähr ebenso viel vom Zentralverband der Handlungsgehülfen waren er- schienen. Herr Dröger sprach über die Notwendigkeit der Organisation der Frauen. In der sehr lebhaften Debatte geberdete sich der Vorsitzende Herr Sommer wie ein kleiner Zar. Selbstherrlich dekretierte er eine Redezeit von 10 Minuten und unter wütendem Schwingen der Glocke verbat er sich jede Kritik seiner Geschäftsführung.„Sie da, der Sie da an der Wand stehen, ich rufe Sie zur Ordnung", brüllte er einen harmlosen Zuhörer an. Und in dem gleichen Ton ging's stundenlang. Natürlich antworteten die Zenttalverbändler mit stürmischer Heiterkeit und ihre Redner die Kollegen Born und Borchardt ließen sich durch die Parorysmen des Herrn Sommer nicht stören. Dann aber ergriff Herr Dröger das Schlußwort und benutzte es dazu, die Zenttalverbändler zu beschimpfen. Als er sich zu dem Ausdruck„Frechheit" verstieg, wiesen die Angegriffenen dies in em- pörten Zwilchenrufen zurück und verließen in corpore das Lokal, in dem nun der schimpfende Herr Dröger und der wutschnaubend läutende Herr Sommer ihren Gefühlen fteien Lauf lassen konnten. Noch ganz zuletzt führte Herr Sommer eine Szene aus. indem er einem der Hinausgehenden nachbrüllte, er solle den Hut-- erst draußen aufsetzen. Man kann sich das Gelächter borstellen, daS diese Paschamanier bei den Scheidenden hervorrief. Und das nennt man bei den Hirsch-Dunckerschen Redefteiheit I Achtung, Kleber! Jeder Kleber, der vom Montag ab ohne Kontrollkarte arbeitet, arbeitet nicht zu vertragsmäßigen Bedingungen. Wir ersuchen die Bauarbeiter, eventuelle Fälle an das Verbandsbureau, Engelufer 1ö, Amt IV, 9720, zu melden. Die Verbandsleitung. Wegen Tarifbruchs ist die Firma Winterfeld. Eberswalderstr., gesperrt. Da die Firma in der Duncker-, Lychener-, Raumer- und Schliemannstraße Neutapezierungen herstellen läßt, ersuchen wir die Wohnungsinhaber, Arbeiten der Firma Winterfeld zurückzuweisen. _ Die Achtzehnerkommission. Achtung Z Kleber und Bauhandwerker! Die Sperre über die Firma Linke, Rigaerstr. 109— Bau: Friedenau, Fregestratze und Holsteinischesttaße-Ecke— besteht für unsere Organisation nach wie vor. Wir haben erneut festgestellt, daß die dort beschäftigten Kleber die Tarifpreise nicht be- zahlt bekommen, obwohl der Unternehmer der Achtzehnerkommission gegenüber sich verpflichtet haben soll, sie zu zahlen. Deshalb be- stehen wir auf unseren Forderungen, die wir Herrn Linke gestellt haben. Der Vorstand der fteien Vereinigung der Tapezierer. Bureau: Schützenstr. 18419. Telephon I 8282. Ocutfchcs Reich. Fünfte Generalversammlung des ZentralvertandeS der HandlungS- gehülfen und-Gehülfinne» Deutschlands. Zu dem Verhandlungsbericht über die stattgefundene Generalversammlung des Verbandes erhalten wir folgende Zuschrift: In dem Verhandlungsbericht in Nr. 129 des .Vorwärt»" heißt es:„Eine ganze Anzahl Redner verurteilt die Saltimg des Vorstandes, der die Fraktion bestimmen wollte, einem esetzentwurf(über die Kaufmannsgerichte) zuzustiinmen, der die weiblichen Mitglieder entrechtete". Die betreffenden Delegierten waren der irrigen Auffassung, daß die Fraktion wegen des verweigerten Frauenstimmrechts gegen die Kaufiiiannsgerichte gestimmt habe. Demgegenüber wurde vom Unterzeichneten festgestellt. daß laut Protokoll über die Verhandlungen des Bremer Parteitages Seite 209 die Fraktion trotz des verweigerten Frauenstimmrechts für da» Gesetz zu stimmen beschlossen hatte für den Fall, daß in die geforderte Herabsetzung der Wahlaltersgrenze eingewilligt würde. Diese wichtige Feststellung hätte der Bericht- erftatter nicht verschweigen dürfen. Ferner heißt es in dem Bericht:»Ein Hamburger Redner ver- ttitt die Meinung, daß die Fraktion wohl eine Verbeugung vor den bürgerlichen Dainen machen ivollte." Der betreffende Redner hatte von der freisinnigen Fraktion gesprochen, welche bekanntlich ebenfalls gegen das Gesetz gestimmt hat. Der Bor st and des gentralverbandes der Handlungsgehülfen und-Gehülfinne» Deutschlands. Sitz Hamburg. Max Josephsohn, Vorsitzender. »» » An das Referat, des Genossen Borchart und über die dazu vorgelegte Resolution betteffend LeHrlingSftage schloß sich eine lebhafte Debatte, welche zu folgendem Ergebnis führte: In Erwägung, daß die Mehrzahl der Mitglieder sich mit der Lehr- lingsfrage noch nicht eingehend genug beschäftigt hat. sieht die Generalversammlung von einer Abstimmung vorläufig ab und er- sucht den Referenten, seine Ansichten in einer Broschüre ausführlich niederzulegen. Ueber die Frage soll dann in den Mitglieder- Versammlungen diskutiert werben, um eine spätere Beschlußfassung gründlich vorzubereiten._ Die Hüttenarieiter werden rebellisch. Der Ausstand im Saarrevier hat anscheinend auch die Hütten- sklaven in Schlesien aufgerüttelt. Wie aus Beuthen berichtet wird, legten am Freitag IbOO Hüttenleute der HuldschinSkischen Hüttenwerke in SoSnowice die Arbeit nieder. Der Streik der Burbacher Hüttenleute nimmt größer« Dimen- fiopen an. Gestern abend legten wiederum annähernd 300 Mann die Arbeit nieder. In einer von 1800 Personen besuchten gestrigen Versammlung wurde beschlossen, heute— Sonnabend— eine aus fünf Personen bestehende Kommission nochmals bei der Hütten- Verwaltung borsprechen zu lassen, um auf ftiedlichem Wege eine Einigung zu erzielen. Die Direktion wiegt sich in dem holden Wahn," die Empörung der Arbeiter durch Schreckmanöver besiegen zu können. Heute mittag wurden sämtliche aus der Burbacher Hütte noch tätigen Arbeiter mit Ausnahme ber an den Hochöfen und in den Werkstätten beschäftigten vorläufig entlassen. Tatsächlich konnte man den Betrieb nicht mehr aufrecht er- halten und da markierte man den starken Mann— um den Arbeits- willigen nicht Lohn zahlen zu müssen. Die Maßregel wird ihre Wirkung nicht verfehlen._ Die Metallkönige geben«ach! Der Verband schlesischer Metallindustrieller beschloß in einer Sonnabendmittag abgehaltenen Versammlung, die Aussperrung der organisierten Arbeiter aufzuheben, so daß wahrscheinlich am Montag in allen Betrieben die Arbeit rn vollem Umfange aufgenommen werden wird. Den Arbeitern wurde die Zusage gemacht, daß die niedrigen Löhne in einem Betriebe, in den: eine Regelung noch nicht erfolgt ist, um durchschnittlich 1—2 Pf. für die Stunde je nach Kategorie und Leistungsfähigkeit aufgebessert werden sollen. I» Zittau stteiken 80 Arbeiter der Firma F. A. Bernhardt (Presser, Färber, Appreteure) wegen Maßregelung und Lohnkürzung. Zuzug ist fernzuhalten. Alle Arbeiterzeitungen werden um Abdruck gebeten. Kampf im Textilgewerbe. Am Freitagabend beschlossen die Spinner und Spinnerinnen der Hannoverschen Baumwollspinnerei in den Ausstand einzutteten. Die aufgestellten Forderungen lauten: Rücknahme der Maßregelungen, Zehnstundentag und Lohnerhöhung. Der Stteik in der Lausitzer Kellner- und Konttollblockfabrik von H. Görisch in Spremberg, dauert unverändert fort. Trotzdem die Firma die verzweifelfften Anstrengungen macht. Arbeitskräfte zu er- langen, ist es ihr nur in einem Falle geglückt. Der betreffende Arbeitswillige hat aber schon wieder seine.Kündigung eingereicht, da er das Unwürdige seiner Handlungsweise einsah. Die aus- ständigen Kollegen sehen den Ausgang des Streiks, der nicht mehr zweifelhast ist, mit großer Ruhe entgegen. HusUmd. Die Gewerkschaften Oesterreichs im Jahre 1995. Die Statistik über den Stand der österreichischen Gewerkschaften im Jahre 190S ist soeben von der Gewerkschaftskommission in einem stattlichen Heftchcn herausgegeben worden. Danach hat das Jahr 190S mit einem hocherfrculichcn Aufschwung fowohl bezüglich der Mitglieder- gewinnung als auch der Vermögenszunahme abgeschlossen. Mehr als 244 000 neue Mitglieder wurden den Gewerkschaften zugeführt. ausgetreten sind rund 110 000, so daß sich ein reiner Zuwachs von 133 000 Mitgliedern nachweifen läßt. Der Genosse Hueber. Vorsitzender der österreichischen Gewerkschaftskommission, hebt her- vor, daß an diesen Erfolgen auch die Sozialdemokratie aller Nationen Oesterreichts ihren redlichen Anteil habe. Alle Ver» suche der politischen Gegner, starke nationale, christlich-soziale oder auch nur sogenannte neutrale Gewerkschaften zu gründen, seien vergeblich gewesen. Auch unter den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern breche sich immer mehr die Erkenntnis durch, daß national-sozialistisch gedachte Gewerkschaften in einem Staate wie Oesterreich naturgemäß zu einer Entfremdung der Gewerkschaften untereinander führen müßte, weil das besondere Erwecken natio- naler Empfindungen bei der großen Masse der Arbeiterschaft nicht in den gewünschten Bahnen des von uns verstandenen Jnternatio- nalismus beherrscht und gedenkt, sondern vielmehr in Oesterreich bei den vorhandenen nationalen Wirren falsch verstanden werden müsse. Die Zcntralverbände gewinnen denn auch immer mehr an Einfluß, die Lokalvereine gehen zurück. Die ersteren haben sich im Jahre 1905 um zwei vermehrt, während die Lokalvcreine von 121 auf 100 gesunken sind. Die Zahl der Zentralverbände stieg von 2108 auf 2964. Die Gesamtmitgliederzahl der Gewerkschaften betrug 323 000 gegen. 189 121 im Vorjahre. Besonders erfreulich ist die Zunahme an weiblichen Mitgliedern, die 15 347 oder 117,5 Prozent betrug; die Gesamtzahl der weiblichen Mitglieder war Ende 1905 auf 28 402 gestiegen. Verlust an Mitgliedern haben nur 6 kleinere Organisationen aufzuweisen. Da in den österreichischen Kronländern nach der Berufsstatistik von 1900 im ganzen 2 226 601 erwachsene industrielle Arbeiter ge- zählt wurden, so bleibt für die österreichischen Gewerkschaften noch immer ein ungeheures Stück Arbeit zu bewältigen. Im Durch- schnitt kommen auf 100 Beschäftigte erst 14 organisierte Arbeiter. Am besten sind die Buchdrucker organisiert, nämlich zu 77,75 Proz. Sodann folgen die Hafenarbeiter mit 38,46, die Lederarbeiter mit 28,51, Hutmacher 26.49, Eisenbahner 25.44 usw. Die JahreSein- nähme der Gewerkschaften belief sich auf 4,6 Millionen Kronen. die Ausgabe auf 3,8 Millionen Kronen. Hiervon wurden für Unterstützungszwecke 1,7 Millionen Kronen, das sind 45 Proz. und für alle anderen Zwecke 2.1 Millionen Kronen. daS sind 55 Proz.. verausgabt. Der Jahresüberschuß beträgt über 800 000 Kronen. womit der Gesamtvermögensstand auf 5 387 326 Kronen ange- wachsen ist. Ueber den Stand der Fachpresse wird folgendes mit- geteilt: ES bestehen in Oesterreich 40 deutsche. 29 tschechische. 5 polnische und 1 italienisches Fachblatt. 10 deutsche Blätter er- scheinen einmal. 12 zweimal. 2 dreimal im Monat. 10 erscheinen 14tägig und 5 wöchentlich: 8 tschechische Blätter erscheinen einmal. 9 zweimal. 2 dreimal im Monat. 6 kommen 14tägig und 4 wöchent- lich heraus; von polnischen Blättern erscheinen 2 zweimal. 2 drei- mal und 1 wöchentlich. Die deutschen Fachblätter haben eine Auflage von 204 450, die tschechischen 110150, die polnischen 16 700, das italienische 630. macht zusammen 331930. Die übrigen zahl- reichen Tabellen bringen einen Ueberblick über die UnterstützungS- zweige und sonstigen Einrichtungen der Gewerkschaften. Am Schlüsse wird bemerkt, daß auch in Oesterreich die Scharfmacher den Gewerkschaften in die Hände arbeiten, indem sie durch ihre brutalen Matznahmen die Indifferenten mit Gewalt in die Ver- bände hineintreiben. In Güllskogen bei Drammen(Norwegen) ist in der dortige» Goldleistenfabrik ein Konflikt ausgebrochen; die Arbeiter kündigten. Zuzug ist streng fernzuhalten. Im Buchbindergewerbe in Belgrad steht der Ausbruch eines Konfliktes vor der Tür. da die Unternehmer den Arbeitern einen Tarif aufdrängen wollen, der eine Verschlechterimg der Arbeitsverhältnisse bedeutet. Die Kollegen erwarten, daß kein Zuzug von Deutschland den Kämpfenden die Positton erschwert. Letzte JVadmchten und Depefchen. Anarchistenfurcht. Pari«, 9. Juni.(W. T. B.) Infolge der Meldung, daß in den letzten Tagen in verschiedenen französischen Hafenstädten zwischen Cette und der spanischen Grenze zahlreiche Anarchisten aufgetaucht seien, hat sich der Leiter der Pariser politischen Sicher- heitsbehörde nach Montpellier begeben, um die für die Ueber- wachung der Anarchisten notwendigen Maßnahmen zu treffen. Seine Demission deS russischen Ministeriums. Petersburg. 9. Juni.(W. T. B.) Die von hiesigen Blättern gebrachte Nachricht, da» Ministerium habe seine Demission ein- gereicht, erweist sich als völlig unbegründet. BuS der Duma. Petersburg, 9. Juni.(W. T. B.) Nach verschiedenen Reden über die Agrarfrage nimmt die Duma 32 Interpellationen an die Minister deS Jnnerm und des Krieges an, die ungesetzliche Ber- Haftungen und Anwendung der Folter in Riga»um Gegenstand haben. Die Duma vertagt sich darauf bis Montagvormittag. Unruhen in Warschau. Warschau. 9. Juni.