Zentralorgan der foztaldemohrati feben Parte» Deutrchlands. BWiimiWMMEMBBiaaiB Redahtion: 8M. 68, Ltndcnstraaac 69. Kcrnsprecher: Amt IV, Nr. 1983. Sonnabend, den 16. Juni 1966. Expedition: 8Al. 68. lUndenstrasse 69. Frrnsprccher: Amt IV Nr. 1981. Ur. 137. »3. Jahrg. Hbonnements-veälngungen: «bonncmeMS. Preis pränumeranba i Bierteljllhrl, Z,Z0 monatl. l.lv Mt, wöchentlich!K Pfg. frei inS Haus. irinzclne Nummer S Pfg. Sonntags- Nummer mit illustrierter Soimtags- Bellage.Die Neue Bell" 10 Pfg. Post- Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post-ZcitungS- Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Mark, siir das übrige Ausland s Mark pro Mona». PostabonncmentS nehmen an: Belgien. Dänemark, Holland. Italien. Luxemburg. Portugal, ÄuMlinien, Schweden und die Schweiz. öliScinl täalid) auOer tilontags. Die Tnlertlen$*6e»ai)r Betragt für die scchsgespaltene Kolonel- »eile oder deren Raum SO Pfg., sllr politische und gewerkschaftliche Vereins- und VersammlungS-Anzeigen 30 Pfg. „Kleine Hnzeigen", daS erste(fett- gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlaf- stellen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedcS weitere wart 5 Pfg. Worte über IS Buchstaben zShlen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. lkelegramm-Adreffe: „Sozialdemokrat Berlin". Der Rigaer Prozeß der Se(l)$unddreiBlg. Um sieben Todesurteile hat das Rigaer Kriegsgericht am 11. Juni die furchtbare Liste seiner Henkerarbeit vermehrt. Von den 36 angeklagten Mitgliedern der angeblichen Kampfes- organisation sind, wie wir schon meldeten, sieben zum Tode, 20, darunter zwei siebzehnjährige Mädchen, zu Zwangsarbeit von drei bis zu fünfzehn Jahren verurteilt worden; neun haben trotz aller Skrupellosigkeit der Blutrichter freigesprochen werden müssen. Das angebliche Belveismaterial, das für diese Urteile als Vorwand dienen mußte, haben unser Rigaer Korrespondent in seinem Artikel„Die baltischen Barone an der Henkerarbeit" (Nr. 133) und Genosse Plechanow in seinem Briefe an das Internationale sozialistische Bureau noch vor dem Bekanntwerden des Richterspruches gebrandmarkt als einen Haufen von Lügen und Verleumdungen. Das Zitat aus einem bürgerlichen russischen Blatte, das Genosse Plechanow zur Jllustrierung der polizeilichen Verleumdungsarbeit seinem Briefe beifügte, beschuldigt die Angeklagten teils ausgeführter, teils versuchter Ermordung verschiedener Polizeibeamten und der Beraubung von Kornbranntweinhandlungen, Bierbuden und Geschäften. Sie haben diese Taten nach dem Zeugnis unserer russischen Genosten nicht begangen. Aber sie sind ihretwegen verurteilt worden. Man hat sie ihnen also bewiesen? Man hat sie ihnen bewiesen! Und wie das gemacht worden ist, das ist das Entsetzlichste, das Grauenvollste an diesem Prozeß I Die Greuel der Inquisition und der Hexenprozesse haben auf dem blutgetränkten Boden der Ostseeprovinzen, unter den Augen der„deutschen Kulturträger", der baltischen„Edelleute", gräßliche Auferstehung gefeiert! Folgende furchtbare Schilderung der Praxis des Rigaer Kriegsgerichts. entnommen den Blättern unserer russischen Genossen, wird uns gegeben: In Riga hält das„Kriegsgericht" seit Januar dieses Jahres fast ununterbrochen seine Sitzungen ab. Dieses„Kriegsgericht"" hat es bis jetzt(vor dem Urteil gegen die 36) auf etwa 18 Todesurteile ge- bracht. Unter den zum Tode Verurteilten befinden sich sechs Un- mündige, ferner viele, deren Unschuld durch ein Midi bewiesen ist. Der Ort der Verhandlungen des„Kriegsgerichts" ist die Regiments- kirche, vor deren Altar die Richter Platz genommen haben.— Um das Dekorum zu wahren, sind einige„ikony"(Heiligenbilder) herausgeschafft worden. Dafür ist das Porträt des Kaisers auf- gehängt. Im übrigen scheint es die Richter nicht im geringsten zu genieren, daß sie die heiligsten Gefühle gerade der Frömmsten im Volke verletzen, indem sie die Kirche zum) Schauplatz ihrer„gesetz- lichen" Morde machen. Um nun diesem Blut-Tribunal das Beweismaterial zu liefern, sind drei regelrechte Folterkammern eingerichtet, und zwar eine im Untersuchungsgefängnis und zwei in Polizeirevieren. DaS Wort „Folterkammer" mutz sogar einen russischen Bürger stutzig machen, der doch gewitz an Ungeheuerlichkeiten gewöhnt ist. Aber bis jetzt war das Foltern— wie z. B. im Falle der Maria Spiridonowa— als Ueb ergriff der betreffenden Polizeibestien anzusehen, und es wurde laut die Bestrafung der Folterknechte verlangt. Jetzt aber kann sich das russische Publikum beruhigen: in Riga ist die Folter sozusagen gesetzlich geschützt. In den Folterkammern dort werden die„reuigen Geständniffe" gesammelt, die dann als Hauptanklagematerial figurieren und den „Reuigen" sowie den durch sie unwillkürlich verratenen Kameraden den HalS kosten. Die„Behandlung" in diesen Folter- kammern geht nach folgendem System vor sich: Nach An- kunft im Untersuchungsgefängnis wird der Angeklagte als- bald in die zweite Etage, die Kanzlei des Polizeikommissars. ge- fiihrt. die sich dicht über den Gefängniszellen befindet. Der An- geschuldigte ivird zunächst einem gründlichen Verhör unterworfen. Macht er keine Anstalten, geständig zu werden, so verlassen die höheren Beamten das Zimmer und übcrlaffen den Unglücklichen den Polizeischergen zur weiteren„Behandlung". Die Bestien werfen sich nun mit Hülfe der Kosaken auf ihr Opfer und schlagen es bis zur Besiunungslosigkeit, wobei nicht nur die traditionelle Nagaika, sondern auch extra für den Zweck vorbereitete Gummistöcke mit Drahtgeflecht angewandt werden. Sinkt der Unglückliche unter den Schlägen bcwutztlos zusammen, so wird er so lange mit kaltem Wasser bearbeitet, bis er wieder sprechen kann. Dann wird er noch- malS zum Verhör geführt. Wenn auch diese? zweite Verhör nicht den gewünschten Zweck erreicht, und der Angeklagte „störrisch" bleibt, so kommen neue Torturen nach der Methode des seligen Schinders der Spiridonowa, des Scheusals Abramoff, an die Reihe: HaarcauSzupfen, Einreiben der Wunden mit Salz usw. Ja— sogar mit Elektrizität wird„gearbeitet"! Gewöhnlich ist das unglückliche Opfer dieser Torturen bald in einem Stadium angelangt, datz es zu allen Fragen, die eS selber und seine Kameraden betreffen,„Ja" und„Ainen" sagt. Mit diesem .reuigen Geständnis" schlietzt die Prozedur. Der Unglückliche wird abgeführt, um nach etwa zwei Monaten dem Tribunal in der Rigaer Kirche vorgeführt zu werden. DaS„Kriegsgericht" spricht ihn, und den von ihm auf der Folter„verratenen", oft gänzlich unschuldigen Kameraden daS Urteil: und zwar zumeist die Todes- strafe. Aber nicht immer erreichen die Henkersknechte das gewünschte Resultat. Oft ermüden sie früher als ihr Opfer. Eben gerade vor 14 Tagen geschah ein solcher Fall: Die Henker stiehen ihr blut- überströmtes Opfer nach erfolglosen Torturen in einen naffen, kalten Kerker. Nach scchSunddreitzig Stunden wurde ihm mitgeteilt, datz man ihn, wen» er jetzt nicht bekenne, nochmals„zum Verhör führen" werde I— Der Unglückliche, zu edel, um jemand zu verraten, konnte den Gedanken an erneute Qualen nicht ertragen und beschloh, zu sterben, ehe man ihn„zum Verhör" führte. Nun ist der russische Kerker für einen Selbstmord absolut nicht eingerichtet. Aber zum„Glück" für den Armen steckte in der Wand ein starker Haken, der aber in einer Entfernung von kaum einem Meter vom Boden eingeschlagen war. Halb auf dem Boden kauernd steckte der Unglückliche den Kopf in die Schlinge, die er aus seinen Hemdärmeln gemacht hatte.--- Der Tod war langsam und qualvoll; denn die Schlinge zog die Luftröhre nur schwach zu- sammen. Aber der Wille ivar stark, und als die Wache den Schwebenden in dieser unglaublichen Position erblickte, war er be- reitS eine Leiche. In ihrer Angst rief die Wache den benachbarten Gefangenen und zeigte ihm daS— wie durch Krämpfe— furchtbar verzerrte Gesicht des Toten. Bald erschien die höhere Gefängnis- administration, darunter auch der Polizeikonimissar, der den Unglück- lichen in den Tod getrieben hatte. Man stellte ein Protokoll aus und damit war die Sache zu Ende. Im Prozesse der 36. der soeben beendet ist, genügte diese Art der Erlangung des„BeweiSinaterialS", der„reuigen Ge- ständniffe" natürlich nicht. Man mutzte mit dem Tode drohen, ja sogar— töte»! So wurden denn vier Gefangene in der Nacht durch den Wald in ein anderes Gefängnis transportiert. Unterwegs blieb der Zug stehen, und der eskortierende Offizier— Kapitän Pavlowsky— forderte die Gefangenen auf, sich zu dem Raubanfall auf das Kontor des„Nadeschda" zu bekennen— anderen- fall? würde er sie alle vier erschießen lassen! Die Gefangenen be- teuerten ihre Unschuld. Darauf wurden sie einzeln aufgefordert. Der Angeklagte JodniS kam zuerst an die Reihe. Die wieder- holte Bedrohung mit dem Tode machte aber keinen Eindruck auf ihn. Von sechs Kugeln durchbohrt, fiel er tot zu Boden.— Nun kam ein gewisser Buschman an die Reihe. Wieder dieselbe Szene, und bald lag auch er, von einer Kugel getroffen, am Boden. Der „tapfere" Kapitän führte ein brennende? Streichholz an seinen Mund, und nachdem er sich so überzeugt hatte, datz Buschman nicht mehr atme, wandte er sich an die beiden anderen Gefangenen und fragte. ob sie das Los ihrer Kameraden teilen wollten. Die beiden aber warfen sich auf die Knie und versprachen, alles zu gestehen, wenn man sie nur am Leben laffe.— Glücklicherweise war Buschman nicht tot. Er wurde am nächsten Tage schwer verwundet auf der Landstraße gefunden und ins Hospital gebracht. Von ihm erfuhr man auch den wahren Hergang der Dinge. Aber was nutzte das? Die„reuigen Geständnisse" jeuer beiden tvaren nun in die Akten aufgenommen, und als der Anwalt den Kapitän fragte, weshalb er denn eigentlich den JodniS erschossen und Buschman verwundet habe, erzählte der, sich zuerst häufig widersprechend, eine ganz unzusammenhängcnde �Geschichte von einem Fluchtversuch der beiden. Dann behauptete er, gar nicht an der Eskorte teilgenommen zu haben I Der Befehl, die beiden zu erschietzen, sei von einem Feldwebel ergangen, auf dessen Namen und Regiment er sich nicht mehr besinnen könne II Der Anwalt wollte eine genaue Untersuchung einleiten, aber der Vorsitzende schnitt ihm das Wort ab, indem er ihm verbot, diesen Gegenstand überhaupt weiter zu berühren!!! Im Hospital empfing der schwerverwundete Buschman den Be« such eines Polizeikommissars, der ihm drohte: falls er nicht geständig sei, ihn nochmals an den Ort zu führen, wo er seine Wunde empfangen habe. Doch Buschman blieb stark"und ließ sich kein falsches Geständnis entreitzen. Sein Opfer war umsonst. Die den Schwächeren durch Martern und Todesdrohungen erpreßten„reuigen Geständnisse" genügten für die Fällung der Bluturteile. Seit den Greueln von Montjuich, der spanischen Folter- feste, wo spanische Polizeibestteu von Anarchisten und solchen, die eS sein sollten, mit gräßlichen Martern Geständnisse der Mitschuld am Barcelonaer Bombenattentat vom 11. November 1893 zu erpressen suchten, hat die Welt nichts so Entsetzliches gehört, als diese Enthüllungen über die Praxis des Rigaer Kriegsgerichts. Damals erhob tvenigstens ein Teil der bürger- lichen deutschen Presse Protest gegen die Greuel, und die auf- gescheuchte öffentliche Meinung zwang die Regierung, wenig- stens von einigen der Opfer zu lassen. Heute ist alles still im bürgerlichen Blätterwalde. Die„Frankfurter Zeitung" selbst, die sich damals Ver- dienste um die Aufdeckung der Montjuich-Greuel erwarb, ist heute blind vor den Greueln von Riga, die zu Nutz und Frommen ihrer lieben baltischen Edelinge geschehen! Wo sind die„wahrhaft Liberalen" Deutschlands, wenn keine bürgerliche Stimme sich wider die Schinder und Blut- richter zu Riga erhebt? Es sind Sozialdemokraten, die man zu Riga folterte, mordete und noch morden will l Es sind Feinde der heutigen Gesellschaftsordnung. Wir verlangen nicht, daß das Bürger- tum ihr Schicksal mit leideuschaftlicher Anteilnahme verfolge. Und wir stellen selbstverständlich nicht die lächerliche Forderung, daß Revolutionäre, die im vollen Bewußtsein der Kon- sequenzen ihrer Tat die Gesetze des Staates durchbrechen, von den Hütern dieser Gesetze als Rührmichnichtan behandelt werden. Wenn ihnen ini ordentlichen Gerichtsverfahren die nach dem Gesetze bestimmte Strafe wird, und wäre es die Todesstrafe, wir tverden es beklagen, aber wir werden nicht protestieren noch die öffentliche Meinung dagegen aufrufen! Da der Henker den Richter des Blutfürsten Sergius tötete, haben wir getrauert, aber nicht zum Protest gerufen. Aber Grund zum leidenschaftlichen Protest haben wir, wenn der gefangene Revolutionär gefoltert wird, und wenn man ihm das Urteil spricht auf Grund von Geständnissen, die mit gräßlichen Foltern erpreßt wurden. Und solchem Protest müßte sich jeder anständige Mensch, müßte sich vor allem ein ehrlicher Liberalismus mit voller Wucht anschließen. Will das, was in Deutschland von Liberalismus noch vor- handen ist, diese Pflicht verleugnen, will es der Schändung der Menschenwürde ruhig zusehen, will es uns zeigen, daß es der Klassengegensatz selbst das elementarste Gebot der Menschlichkeit vergessen läßt? Wir tverden es sehen. Wir werden hören, ob dem lauten Schrei des Protestes, den wir, den das deutsche Proletariat gegen die Greuel von Riga, gegen die auf Lüge und Ver- leumdung, auf erfolterte„reuige Geständnisse" aufgebauten Todesurteile von Riga erhebt, ob ihm ein Echo aus den bürgerlichen Reihen antwortet! Die Vollstreckung der Rigaer Todesurteile wäre schänd- licher Mord! Wäre die gräßliche Krönung eines gräßlichen Gebäudes von Blut uitd Greueln! Die Urteile dürsten, könnten nicht vollstreckt werden, wenn es noch ein Tribunal der Menschheit in Europa gäbe, wenn eine einheitliche öffentliche Meinung Europas der protestierenden Duma Rußlands zur Seite träte! Es muß sich zeigen, ob alle Gefühle der Mensch- lichkeit, ob alles Empfinden für Menschcnpflicht im Bürgertum erwürgt wird von Sozialisten- und Nationalitätenhaß unt -Furcht! � � * Noch eines ist den deutschen Liberalen zu sagen. Wenn sie die Folterungen von Männern kalt lassen, vielleicht wallt ihr Blut noch auf bei der Marterung von Frauen I Wir müssen freilich auch daran fast zweifeln, denn schon seit langem wird aus Rußland, wird aus den Ostsceprovinzen von der Peitsch ung von Frauen berichtet l Bon Frauen, denen keine andere Schuld nachzuweisen ist, als daß sie die Ideen der Sozialdemokratie propagiert haben, daß sie zum Kampf gegen den Zarismus und die baltischen Barone angefeuert haben, oder deren ganzes Verbrechen darin besteht, daß ihre Angehörigen, ihre Brüder und Väter, Revolutionäre sind l Das dauert fort bis heute, und in dem Untersuchungsverfahren des Rigaer Kriegsgerichts ist die Folterung von Frauen ebenso gebräuchliches Mittel, wie die der Männer! Von derselben Seite, der wir die obigen Enthüllungen verdanken, wird uns darüber geschrieben: „Auch für Frauen gibt es keine besonderen Rücksichten. Bei einem Rigaer Rechtsanwalt befindet sich u. a. die Photo- graphie eines furchtbar zerschunhenen Rücken?, der einer politischen„Verbrechcrin" gehört. Bei den verhafteten Frauen kommt zu allem übrigen hinzu, daß sie fortwährend in der Gefahr der Vergewaltigung durch die Kosaken schweben. Man braucht hier wieder nur an die unglückliche Spiridonowa zu denken."— Als 1849 bei der Niederwerfung der ungarischen Re- volution der Bluthund Haynau Frauen Peitschen ließ, lief ein allgemeiner Aufschrei des Entsetzens durch Europa. Haynau blieb als unauslöschliches Brandmal der Name„Frauen- Peitscher", und als er 1850 nach London kam und die große Brauerei von Barclay u. Perkins besuchte, da sielen empörte englische Brauer über ihn her und prügelten den Schänder der Frauen windelweich. Der englische Richter, der dies „Verbrechen" zu sühnen hatte, verurteilte zur großen Wut der europäischen Reaktionäre die Brauer zu der zulässig niedrigsten Strafe von einem Schilling, und der europäische Liberalismus klatschte ihm begeistert Beifall! Und tvas sagt der europäische Liberalismus, der deutsche Liberalismus heute zu den Frauen- peUschungen in Rußland? Nichts? Gar nichts? politifcbe üebcrlicbt. Berlin, den 15. Juni. Das Herrenhaus, die preußische Verfassung und die Schulverpsaffung. Am Freitag ist das Herrenhaus zusammengetreten, um sich über die geschäftliche Behandlung des Schulunterhaltungs gesetzes Kar zu werden.„Beschlußfassung über die geschäftliche Behandlung" ist für die Edelsten der Nation das, was ge wöhnliche Sterbliche unter einer ersten Lesung verstehen. Nachdem der Kultusminister S t u d t zur Einleitung des '„großen Tages" eine seiner langatmigen und nichtssagenden Reden verlesen hatte, ereignete sich ein charakteristischer Zwischenfall: Ein Mitglied des Hauses, der einst bei Hofe so gern gesehene, jetzt aber durch die Polenpolitik der Regierung in die Opposition gedrängte Herr v. Koscielski, kam au � den tollen Einfall, die Mitglieder des Hauses, die die Ber "Esting beschworen haben, seien verpflichtet, sie auch zu halten! Er beantragte daher die Absetzung der Vorlage von der Tages ordnung und ihre Verabschiedung in der durch die Verfassung vorgeschriebenen Form.— Nach der Verfassungsurkunde soll nämlich das gesamte Gebiet des Volksschulwesens durch ein einheitliches Gesetz gc- regelt werden. Da nun das Schulunterhaltungsgesetz sich nur auf einen Teil dieser Materie bezieht, so involviert es zweifellos eine Verfassungsänderung. DaS Abgeordnetenhaus hätte also frühestens 21 Tage nach der dritten Lesung eine nochmalige Abstimmung vornehmen müssen, und erst dann hätte der Entwurf an die Erste Kammer gelangen dürfen. Die nochmalige Abstimmung ist nun aber vom Abgeordnetenhause unterlassen worden, weil es dieser Mühe durch den bekannten Antrag Schiffer auf Abänderung der Verfassung überhoben zu sein glaubte. Das Abgeordnetenhaus wäre im Recht gewesen, wenn der Antrag Schiffer bereits Gesetzeskraft erlangt hätte. Das ist aber nicht der Fall. Die Verfassuugsurkunde ist in den in Frage kommenden Bestimmungen noch nicht geändert, und es ist daher durchaus logisch, wenn Herr v. Koscielski erklärte, daß das Herrenhaus erst dann in die Beratung der Vorlage eintreten könne, wenn das Abgeordnetenhaus die Schlußabstimmung vorgenommen habe.— Aber was gilt den preußischen Hcrrenhäuslcrn die Vev fassung? Ihr Wille ist für sie entscheidend, ihr Wille ist ihnen das höchste Gesetz; mag Vernunft, Logik oder selbst die Verfassung dem auch entgegenstehen. Ohne Herrn v. Koscielski auch nur einer Antwort zu würdigen, lehnten die„Herren" seinen Antrag mit allen gegen zwei Stimmen ab und traten in die Beratung der Vorlage ein. Ja, Herr von Manteuffel kanzelte sogar im weiteren Vev laufe der Sitzung unter lebhaftem Beifall des Hauses den tapferen Polen wie einen Schulbuben ab.— Einzig und allein Minister Studt raffte sich zu einer Ent gegnung auf, ohne indessen auf den Kern der Koscielskischen Ausführungen einzugehen, ob aus Mangel an-Verständnis oder aus anderen Gründen bleibe dahingestellt. Die von Herrn v. Koscielski angeregte Frage ist übrigens staatsrechtlich von hoher Bedeutung. Unseres Erachteus ist ein Gesetz, das nicht in der verfassungsmäßig vorgeschriebenen Form verabschiedet ist, nicht vorhanden, kein Preuße ist verpflichtet, ein solches Gesetz zu befolgen. Die Beratung selbst bewies, daß eigentlich keine Partei von dem Gesetze befriedigt ist. Die Hochkonservativen um Manteuffel haben gegen verschiedene Bestimmungen schwere Bedenken; sie wollen aber mit Rücksicht darauf, daß sie in der Konfessionsschule das beste Mittel zur Bekämpfung der Sozialdemokratie erblicken, ihre Bedenken schwinden lassen und in der Kommission am Zustandekommen des Gesetzes arbeiten. Ja, sie wollen nicht nur„arbeiten", sondern sogar fleißig arbeiten, damit die Presse ihnen nicht mehr Unfähigkeit und Faulheit vorwirft.— Die Oberbürgermeister protestieren gegen die Beschränkung der Rechte der Städte, aber auch sie werden schließlich für die Vorlage zu haben sein. Ueber das kon- fessionelle Prinzip äußerte sich besonders eingehend der Fürst- bischof Kardinal Kopp. Für ihn bedeutet der Entwurf einen Sieg der Anhänger der Simultanschule über die Anhänger der Konfessionsschule, er sieht die Macht der Kirche durch den Entwurf geschwächt— eine ganz unbegründete Befürchtung. Im Gegenteil, die kirchlichen Dunkelniänner dürfen mit dem Gesetze sehr zuftieden sein. Selbst wenn die Kirche nicht zu ihrem Recht käme— was wir übrigens entschieden bestreiten— würden die Studt, Schwartzkopff und Konsorten schon dafür sorgen, daß durch Verwaltungsmaßnahmen das Verpfaffungswerk vollendet und die Schule der Kirche völlig ausgeliefert würde. Am Sonnabend soll die Beratung zu Ende geführt und der Entwurf einer Kommission überwiesen werden.— Zur Nachwahl in Beuthen-Taruowitz. Aus dem Wahlkreise selbst wird uns noch geschrieben: Das gleiche Bild wie bei der vorjährigen Nachwahl im benachbarten Kattowitzer Wahlkreise zeigt die jetzt erfolgte Nachwahl im Wahlkreise Beuthen-Tarnowitz: Glänzenden Sieg des Polen, Entstehen einer nicht unbedeutenden hakatisti- schen Partei, furchtbare Niederlage des bisher herrschenden Zentrunis und starken Rückgang der sozialdemokratischen Stimmen. Wie in Kattowitz so hat in Beuthen das Zentrum nur noch etwa ein Viertel der 1903 erzielten Stimnien erhalten, die Sozialdemokratte etwa 40 Proz.(in Kattowitz über 50 Proz.) ihrer Stimmen verloren, während der polnische Kandidat seine Stimmenzahl mehr wie verdreifachte und der hakatistische Kandidat des großen Grubenkapitals, in beiden Kreisen ein Neuling, hier wie dort etwa 15 Proz. der ab- gegebenen Stimmen gewann. Die genaue Wiederholung des Kattowitzer Wahlresultates bei der jetzigen Beuthener Nachwahl zeigt deutlich, daß diejenigen irren, die den damaligen Kattowitzer Sieg den persönlichen Eigenschaften des Siegers, Pan Korfantys, zuschrieben, ebenso wie diejenigen Partei- blätter im Irrtum waren, welche den Kattowitzer Rückgang der sozialdemokratischen Stimmen rein lokalen Ursachen, taktischen Fehlern der dortigen Parteigenoffen, der vermeint- lichen Uneinigkeit der beiden sozialisttschen Gruppen, der polnischen und der deutschen usw. zuschreiben wollten. Es .wird nunmehr jedermann klar sein, daß die über- raschenden oberschlesischen Wahlresultate das Produkt ganz bestimmter politischer Verhältnisse sind, auf welche kleine persönliche oder lokale Einflüsse keine Wirkung ausüben. Ohne weiteres darf man aus diesen beiden gleicharttgen Nachwahlresultatcn den Schluß ziehen, daß bei den nächsten allgemeinen Wahlen das Zentrum in Oberschlesien schwere Einbuße an Mandaten erleiden wird. Zeigt doch das Beuthener Wahlresultat auch, daß nicht nur in den Jndustrieorten, sondern mehr noch in den rein ländlichen Gegenden des Äreffes- Tarnowitz die Wähler slch m Massen vom Zentrum ab und dem Polen zugewendet haben. Danach wird das Zentrum bei den Wahlen des Jahres 1908 ganz zweifellos noch die Wahlkreise Gleiwitz-Lublinitz und Pleß-Rybnik, sehr wahr- scheinlich aber auch noch Ratibor, Groß-Strehlitz-Kosel vielleicht auch Oppeln verlieren, so daß von den 11 oberschlesischen Zentrumsmandaten, von welchen 1903 eines an die Polen abgegeben werden mußte, im Jahre 1908 vier höchstens fünf im Besitze des Zentrums bleiben werden.— Allerdings verliert das Zentrum diese Mandate nur rein äußerlich, denn ihre polnischen Inhaber werden treue Söhne der katholischen Kirche bleiben und in allen wichtigen Fragen mit dem Zentrum stimmen. Herr Napieralski, der Sieger von Beuthen, fordert in der neuesten Nummer seines Organs, des „Katolik", in seinem Siegcsartikcl die oberschlesischen Geist- lichen, soweit sie polnischer Abstammung sind, auf, sich nunmehr dem Spruche des polnischen Volkes zu fügen und gemeinsam mit diesem für die polnische Sache zu wirken. Sie könnten das tun, ohne den poli- tischen Grundsätzen des Zentrums entgegenzuwirken. Hütte der Rückgang der sozialdemokratischen Stimmen schon jetzt bewiesen, daß das polnische Volk imstande sei, auch ohne Hülfe seiner Geistlichkeit verderblichen antinationalen Ideen und Bestrebungen Einhalt zu tun, so werde es dem polnischen Volke zusammen mit seinen geistlichen Führern gelingen, solche Ideen in Oberschlesien gänzlich auszurotten. Nach der Kattowitzer Nachwahl brachte sich der dortige Sieger, Herr Korfanty, in noch aufdringlicherer Weise dem Zentrum als erfolgreichster bester Vertilger des sozialdemokratischen Unkrauts in empfehlende Erinnerung. Sehr viele Geistliche haben denn auch in der festen Neberzeugung, besonders in Herrn Napieralski eine gute Zentrumsnummer, wenn auch mit Polnischem Etikett, zu haben, schon im Wahlkampfe wohlwollende Neutralität geübt, manche haben auch ihre Untergebenen, Glöckner, Kirchendiener usw., eifrig mit polnischen Wahlflugblättern und Stimmzetteln bei den Wählern ihres Sprengels umhergehen lassen, in der richtigen Ueberzeugung, daß das fast ebenso gut wirken werde, als wenn Hochwürden selbst in die Wahlagitation zugunsten des Polen steige. In der Tatsache, daß die polnischen Abgeordneten Partei- gängcr des Zentrums sind und bleiben werden, liegt denn auch die Sicherheit, daß der Rückgang der sozialdemokratischen Stimmen in Oberschlesicn nur ein vorübergehender sein wird. Das obcrschlesischeVolkistmitdemZentrum unzufrieden, nicht nur weil es in der Vertretung der polnisch-nationalen Interessen viel zu wünschen läßt, sondern auch weil es die Hauptschuld an der Erhaltung und Verschlechterung der ganzen gegenwärtigen Politischen und sozialen Verhältnisse trägt. Wenn das ober- schlesische Volk einmal erkannt haben wird, daß in dieser Be- ziehung seine polnischen Vertreter um nichts besser sind, wie es die Zentrumsvertreter waren, wird es sich auch von diesen ab und in Massen der Sozialdemokratie zuwenden. Diese Erkenntnis möglichst bald der oberschlesischen Arbeiterschaft zu bringen, das muß in den nächsten Jahren unsere wichtigste Aufgabe sein.— *■" Deutfcbes Reich« Uebcr die Meutereien in Südwestnfrika schweigt die»Nord« deutsche Allgemeine Zeitung" weiter. Ueber den Aufstand in Dentsch-Ostafrika bringt die konservative, aus Regierungskreisen sonst gut unterrichtete„Schles. Ztg." die auf- sehenerregende Mitteilung, daß der Aufstand solche Ausdehnung an- genommen, daß man die Entsendung von Truppen nach Deutsch-Ostafrika in Erwägung ziehe. Dagegen verbreitet das offiziöse Wolffsche Depeschenbureau ein Dementi, daß man mit den im Schutzgebiet stationierten Polizei- Mannschaften de? Aufstandes Herr zu werden gedenke. Wer recht hat, wird sich ja wohl bald zeigen. Wie dem aber auch sei, die R e g i e r u n g hat die verdammte Pflicht, der Oeffentlichkeit über Ursache und Umfang des Auf« standes sofort und eingehend Bericht zu geben. Daran fehlt eS völlig 1 Das beliebte Vertuschungssystem, das man bekanntlich auch bei den ersten aufständischen Bewegungen in S ü d w e st a f r i k a an- wandte, die dem deutschen Volke demnächst eine halbe Milliarde Mark und wer weiß wie viel Tote und Verwundete kosten, könnte sich er« neut bitter rächen.— Kommunalpolitik und Geschäft. In der Dresdener Stadt- verordnetenversammlung wurde der Antrag, daß in Zukunft Mitglieder des Rates und des Stadtverordnetenkollegiums von Lieferungen für die Stadt ausgeschlossen sein sollen, mit 85 gegen 20 Stimmen abgelehnt. Die sozialdemokratischen Stadtverordneten stimmten natürlich geschlossen für den Antrag, den sie in der Debatte auch lebhaft befürwortet hatten.— Die„Freisinnige Zeitung" ist wieder erstanden. Die„Freie Deutsche Presse" hat wieder den alten Titel angenommen. Verlag und Redaktion teilen mit, daß die Namensänderung seinerzeit auf Wunsch Eugen Richters erfolgt sei, um seinen RückWitt von der Leitung des Blattes deutlich zu markieren. Nach dem Tode Richters sei dieser Grund gefallen, weshalb die Wiederannahme des früheren Titels als Ehrenpflicht erscheine. Der gegenwärtige Zeitpunkt sei für die Aenderung um so günstiger, als man auf Wunsch der großen Mehrzahl der Leser demnächst das Blatt wieder einmal täglich, wie früher, unter Beibehaltung der in- zwischen vorgenommenen' Erweiterungen erscheinen lassen wolle.— Diese letztere Ankündigung scheint eine Verschleierung des Zu- leständnisses zu sein, daß man sparen mutz. Die neue„Freisinrnge Zeitung" wird, wir zwetfeln nicht, der alten würdig sein, die be- anntlich den Ruf genoß, das unanständigste politische Blatt Deutsch- landS zu sein.—_ • Neue„Post".Lagen. Am 10. Juni legten wir dar, wie der polizeiliche Gönner der �Post" sucht, die Spuren der im Reichstage enthüllten Verbrechen Schöne-v. Brockhusen in der tölpelhaftesten Art zu verwischen. Wir schloffen unsere Darlegungen mit folgenden Worten: „Wir resümieren: Der polizeiliche Einbläser der„Post" hat bewußt über die Genossin Luxemburg und über ihren angeblichen Sekretär usw. Lügen in die Welt gesetzt, um die Aufmerksamkeit von der Tatsache abzu- lenken, daß der Polizeimann, der die Verbrechen wiederholter Urkunden- fälschung und versuchter Bestechung zum Landesverrat gegen Rußland in der zynilchstenWeise unternommenjhat. noch ohne Anklage und�auf freiem Fuß sich befindet, wiewohl er versucht hat, Zeugen zu einer falschen Aus- age in dieser Angelegeoheit zu bewegen. Dte„Post" hat ihre Spalten bereitwilligst zu diesem Zwecke geöffnet. Von Tag zu Tag deutlicher wird das verbrecherische Spiel ihre» polizeilichen Hintermannes durch seine Erfindungen aufgedeckt. Die„Post" spielt eine noch elendere Rolle, als die„Kreuz-Zeitung" und ähnliche Organe zu der Zeit spielten, als sie Kanaillen wie Ohm, Gödsche, Tierfisch. Lindenberg oder Gentlemen wie Tausch und Konsorten ihre Spalten zur Verbreitung erdichteter Verbrechen öffneten. Mag nun die„Post" neS edele Gewerbe weiter fortsetzen. Unsere Leser werden eS ver- tehen, wenn wir es nicht fiir nötig halten, auf jede neue Erfindung des Polizeigesindels. dem die Spalten der.Post" offen stehen, oder der.Post" zu antwortend Seitdem hat die„Post" beinahe in jeder Nummer ihr Spiel fortgesetzt. Täglich serviert sie Erfindungen, Lügen, Verleumdungen als„Enthüllungen" aus der sozialdemokratischen Partei. Wir haben aus den oben angeführten Gründen der„Post" nicht den Gefallen getan, täglich ausdrücküch hervorzuheben, daß das von ihr Mitgeteilte eitel Wind, Schwindel und bewußter Humbng ist, lediglich zu dem offensichtlichen Zweck erfunden und in die Welt gesetzt, um die Aus- merksamkeit von der Tatsache abzulenken, daß der Polizeimann, dessen Verbrechen int Reichstag aufgedeckt sind, noch immer ohne Anklage und auf freiem Fuß sich besiudet. Es erübrigt sich eine Antwort auf die„Enthüllungen" der„Post", deren alberne Er- findungen, wie selbst die„Märkische Volkszeitung" andeutet, von keinem ernsthaften, anständigen Blatt für wahr gehalten werden. Die„Post" ist darüber erbost, daß wir auf ihren Quatsch, der selbst für„Post'esel deutlich den Stempel der Erfindung trägt, nicht antworten. Zum Ergötzen unserer Leser registrieren wir, was die edle „Post" ihren Lesern zu servieren wagt. Am 12. Juni verkündet sie ihren Lesern die Mär, ein sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter habe eine„amerikanische" Notiz inspiriert, die den Hauptmann Schöne als den schlausten Polizeiagenten des Kaisers bezeichnet, und den Schöne als das arme Opferlamm»des Geheimdienstes sozialdemokratischer Organisation" hinstellt. Am 13. Juni wieder- holt sie ihre Lüge, Genossin Rosa Luxemburg habe einen Sekretär gehabt, der habe sie nach Nußland begleitet, habe einen russischen Namen getragen, aber in einem Paß sich einen deutschen Namen beigelegt. Außerdem gibt sie einem schaurigen Brief eines Studenten Engelmann Raum, dem vor l'/.z Jahren ein Paletot gestohlen sein soll.-Am 14. Juni läßt der Polizeihalunke, dem die„Post" ihre Spalten öffnet, einen Haufen gemeiner Verleumdungen gegen Genossin Luxemburg los. Wieder taucht auch der von ihm erfundene Sekretär der Genossin Luxemburg auf. Der Polizeischust läßt ihn sogar zum Korrespondenten der„Leipziger Volkszeitung" avaneieren. Die„L. V." stellt ausdrücklich fest, daß die Behauptungen der„Post" „hintmelblaner Blödsinn und vom ersten bis zum letzten Worte er- logen sind". Neben den unverschämten Verleumdungen gegen Genossin Luxemburg und dem blödsinnigen Geschwafel über den erfundenen Sekretär tischt die„Post" ihren Lesern noch eine gruselige Mär über den„Geheimdienst" der sozialdemokratischen Organisation auf. In der gestrigen Nummer bringt die ehrbare„Post" zur Verwischung der Spur des im Reichstage enthüllten Ver« brechens folgenden Aufsatz mit der Ueberschrtst:„Der Geheimdienst bei der Arbeit": „Ein Briefträger vom hiesigen Postamt 25, der die Brief- -bestellung im königlichen Polizeipräsidium zu besorgen hat, ist ver- haftet worden, weil er eine Reihe von Briefen dem von uns in den letzten Tagen näher beleuchteten Geheimdienst der sozialdemokra- tischen Partei ausgeliefert hat. Eine hiesige Lokal-Korrespondenz berichtet über diese Verhaftung folgendes: Wegen Unterschlagung zahlreicher amtlicher Papiere ist ein Postbeamter vom Amt 2S in Untersuchungshaft genommen worden. Der Beamte genoß das vollste Vertrauen seiner Behörde, denn ihm lag die Briefbestellung im hiesigen königlichen Polizei- Präsidium ob. Die Affäre wird allem Anschein nach interessante Einzelheiten aus dem sozialdemokratischen Geheimdienst zutage fördern, auch soll eine Reihe von Personen aus der Redaktion des„Vorwärts" darin verwickelt sein. Wie wir hören, ist der jetzt Inhaftierte überzeugter Anhänger der sozialdemokratischen Partei gewesen, auch gilt als bereits sicher erwiesen, daß er Handlanger des Geheimdienstes der Sozialdemokratie war. Durch die Verhaftung dürfte auch Licht in eine mysteriöse Angelegenheit gebracht werden. Es wird wohl noch erinnerlich sein, daß der „Vorwärts" vor einigen Monaten in der Lage war, allerlei Mit, teilungen über die Entlarvung eines Berliner Polizeibeamten in Brüssel zu veröffentlichen. Er konnte sogar zwei Berichte dieses„Spitzels" an seine hiesige Dienststelle wörtlich zum Abdruck bringen. Der„Vorwärts" behauptete damals, daß der„SpitzeN diese Berichte in dem Zustande der Betrunkenheit verloren hätte und daß sie so dem„Vorwärts"„zugeflogen" seien. Tatsächlich kann aber von einem„Verlieren, und„Finden" der Berichte in Brüssel keine Rede sein. Die Berichte wurden vielmehr nach Berlin gesandt; sie kamen auch in Berlin an, verschwanden aber hier auf geheimnisvolle Weise und gelangten in den Besitz deS sozialdemokratischen Geheimdienstes. Der verhaftete Briefträger scheint mit der ominösen Berichtgeschichte in Verbindung zu stehen, Wir können., diese Mitteilungen als richtig bestätigen und hin- zufügen, daß der pflichtvergessene Briefträger, der sich durch den Lockspitzckdienst der Sozialdemokratie hat ins Unglück stürzen lassen» schon seit längerer Zeit in Untersuchungshaft fitzt. Der Verteidiger des Verhafteten, Rechts« an w alt Dr. Liebknecht, hat merkwürdigerweise bisher einen Antrag auf Haftentlassung nicht gestellt." Entsetzlich, schrecklich I fürchterlich 1 Was ist daran wahres? Von Anfang bis zu Ende wiederum erfunden. Die von uns veröffentlichten schölten Briefe des Krtininalschutzmanns Hemker Nr. 3844 stammen au» Brüssel; mit irgend einem Briefträger haben wir selbstverständlich nach der von der„Post" und der Polizeikorrespondenz angegebenen Richtung hin keinerlei Verbindung. Aber die von dem polizeilichen Hinter- mann bediente„Post" und hiesige Lokalkorrespoitdenz berichten doch von einer Verteidigung durch Dr. Liebknecht I Oh ja. und daS war recht dumm von dem ,Post"-EseI. Denn dadurch wird es leicht gemacht, den Schwindel klarzustellen. Genosse Liebknecht hat einen Briefträger als Klienten, und zwar, wie er so freundlich war festzustellen, seit einem halben Jahr nur einen Briefträger. Dieser Briefttäger ist Ende März des Jahres auch in Untersuchungshaft genommen, und zwar weil man ihn im Verdacht hatte, dem„Vorwärts" Briefe oder Drucksachen «bemtittelt zu haben. Die Untersuchung hat die völlige Unschuld des Postboten und di« Haltlosigkeit der Anschuldigung er- geben. Darauf ist der Postbote am 29. Mai aus der Untersuchungshaft entlassen. Vor wenigen Tagen ist Anklage gegen ihn erhoben. Er ist lediglich beschuldigt, ein paar Geschäfts- drucksachen nicht bestellt und dadurch sich eines Vergehens schuldig gemacht zu haben. S o ist der Tatbestand. Und nun vergleiche man mit diesem Tatbestand die verbrecherische Darstellung des Polizeigesindels in der„Post". Es gehört der freche EymsmuS eines polizeilichen Verbrechers zu so unverschämter Ablagerung elender Lügen und Verleumdungen in die„Post". Aber der Polizeibandit vennag trotz aller elender Lüge die Aufmerksamkeit nicht davon abzulenken: Weshalb werden die im Reichstag enthüllten Verbrechen Schöne- v. Brockhusen nicht verfolgt? Welcher Grund liegt vor, die offenbaren Verbrechen der Urkundenfälschung und der Bestechung zum Landesverrat nicht zu vcrfolgen? Die Beantwortung dieser Fragen ist von Wichtigkeit. Der polizeiliche Einflüstere! der„Post" mag nun weiter lügen und ver- leumden. Seine Erbärmlichkeit wird vielleicht noch von der Dummheit der.Post" übertroffen._ Kriegsteilnehmer und Militärpensionäre. Die neuen Mili penstonsgesetze treten am 1. Juli in Kraft. Um den vielen Anfta- an. Abgeordnete, Arbeitersekretäre usw. in allgemeiner Form zu Worten, sei an dieser Stelle nochmals darauf aufmerksam gen.. daß die Gesetze auf sämtliche Kriegsteilnehmer, pensiontl Offiziere, Unteroffiziere und rentenberechtigte Angehörige HeereS, der Marine und der Schutztruppen rückwtrkende Jkri vom 1. April 1Ö05 ab haben. Aber für die Zeit vom 1. April 1905 bis zum 1. Juli 1906 werden keinerlei Nachzahlungen geleistet. Etwa zu beziehende höhere Rentenbettäge werden viel« mehr ohne Ausnahme erst vom 1. Juli d. I. ab gezahlt. Eine« besonderen Antrages auf Gewährung eines höheren Rentenbetrages vom Juli ab bedarf eS nicht; die Militärbehörden Prüfen vielmehr von Amiöwegen, in welchen Fällen die höheren Pensionsbezüge, Verstümmelungszulagen usw. zu gewähren sind. Bei der Gelegenheit wollen wir darauf hinweisen, daß in kürzester Frist im Verlage der Buchhandlung Bor« wkrts, Berlin, ein„Führer durch die neuen Militär- Pensionsgesetze" erscheinen wird, auf den wir schon jetzt alle Interessenten aufmerksam machen. Ein Kulturbild aus der Kaserne. Ein systematischer Leuteschinder schlimmster Sorte stand am Mittwoch vor dem Dresdener Kriegs- g e r i ch t. Der Sergeant S ch i r m e l von der 6. Batterie des 3. Feldartillerie-Regiments Nr. 32 in Riesa, ein disziplinar häufig bestrafter Unteroffizier, benutzte seinen Posten als Futter- meister zur VerÜbung unglaublicher Gemeinheiten an den ihm unterstellten Leuten. Dabei ging der rohe Patron mit großem Raffinement vor, verübte seine Grausamkeiten meist nur dann, wenn kein Unberufener zugegen war, und wußte seine Opfer derart einzuschüchtern, daß keines wagte, sich zu beschweren. So ist es denn auch zu erklären, daß der Mann seine Schandtaten ein volles Jahr ausüben konnte. Nicht ein Tag verging, an dem nicht der eine oder andere Rekrut unter seinen Brutalitäten zu leiden gehabt hätte. So mußten eines Tages im Winter 1904/05 die Rekruten der Batterie nach dem Reitplatze ab- rücken, hier auf Befehl des Sergeanten die Eisdecken der zu- gefrorenen Wasserpfützen auftreten und dann mit den Händen das Wasser ausschöpfen und nach den Schleusen tragen. Einem der be- teiligten Leute erfroren infolgedessen die Hände. Mit am schlimmsten trieb es der Futtermeister mit dem Fahrer Paul. Diesen schlug er einmal ohne jeden triftigen Grund im Stalle mit der Peitsche. Als der Mann Miene machte, wegzulaufen, erteilte er ihm den ausdrücklichen Befehl stehen zu bleiben, anderenfalls er ihn wegen Ungehorsams zur Meldung bringen würde. Der Mann ge- horchte und bekam darauf zehn Peitschenhiebe aufgezählt, sodaß sein Körper über und über mit Schwielen bedeckt war. Der Fahrer Hunger mußte eines Tages mit dem Sergeanten nach der Geschirrkammer gehen. Dort angelangt, bemerkte der letztere zu dem Soldaten in höhnischem Ton: „Wie wäre es nun, wenn ich Dir eine runter haute, da hättest Du keine Zeugen 1" Momentan sah er zwar davon ab, handgreiflich zu werden, schloß den Mann aber etwa zehn Minuten ein und o h r- feigte ihn dann rechts und links, als dieser bei seiner Rückkehr angeblich nicht schnell genug Stellung nahm. Damit der Rekrut die Spuren der Mißhandlung nicht den Kameraden zeigen konnte, schloß er ihn dann nochmals auf längere Z e i t e i n. In zahlreichen anderen Fällen hat der Marsjünger die Leute geohrfeigt, mit dem Rohrstock und der Peitsche gezüchtigt, mit den Stiefeln ins Gesäß und auf die Füße getreten, gestoßen und ge- schlagen. Sch. wurde vor das Kriegsgericht in Chemnitz gestellt und wegen Mißhandlung und vorschriftswidriger Behandlung Unter- gebener, Mißbrauchs der Dienstgewalt, Freiheitsberaubung usw. zu 1 Jahr Gefängnis und Degradation verurteilt. Die zur Abur- teilung gelangten Fälle bildeten allerdings, wie auch das Gericht be- tonte, nur einen kleinen Teil der vom Angeklagten begangenen Soldatenmißhandlungen, da sich die Zeugen bei ihrer Häufigkeit meist.nicht mehr auf die Einzelheiten entsinnen konnten. Immerhin brachte die Verhandlung in Chemnitz noch eine weitere Reihe be- stimmter Fälle zur Sprache, so daß die Einleitung eines neuen Strafverfahrens notwendig wurde. Deshalb stand der Sergeant, der bereits seine Strafe im Festungsgefängnis zu Dresden verbüßt, abermals vor dem Kriegsgericht. Die diesmal zur Aburteilung ge- langenden Fälle lagen ähnlich wie die früheren. Das Gericht ver- urteilte den Angeklagten nunmehr zu insgesamt 1 Jahr 1 Monat Gefängnis und Degradation._ Im Interesse der Disziplin! Stratzburg i. Elf., 12. Juni.(Eig. Ber.) Vor dem Kriegsgericht der 31. Division in Straßburg s. Elf. spielte sich soeben eine Verhandlung ab, die das in der deutschen Armee herrschende System der Erhaltung der Disziplin wieder ein- mal in das rechte Licht rückt. Man höre, um welches Delikt es sich handelt: Beim Turnen im Kasernenhof soll ein Gerät weggetragen werden, zu dessen Transport vier Mann, zwei vorn und zwei hinten, erforderlich sind. Ein Mann wird abberufen; der an dem einen Ende zckrückgebliebene Mann ist also allein und kann ohne Unter- stützung die Last nicht tragen. Er deutet das zuerst an, nach zwei- maligem Befehl seitens des Unteroffiziers erklärt er, die Arbeit allein nicht leisten zu können. Diese Szene sieht der dienstleitende Offizier, ruft d.en Soldaten zu sich und fragt ihn, wie er dazu käme, Widerred e zu führen. Darauf entgegnet der Gefragte, er habe zu seinen beiden Kameraden gesagt, eS müßten noch andere zufassen. Nun verbot ihm der Oberleutnant den Mund, da er nicht gefragt f?) sei. Der Soldat machte nun ganz mit Recht die Bemerkung, er habe keine Widerrede geführt. Dieser einfache Vorgang, in dem der gesunde Menschenverstand nie und nimmer ein strafrechtliches Moment sehen kann, brachte den Soldaten wegen Beharrens im Ungehorsam und Achtungsver- l e tz u n g vor das Gericht. Wenn also ein Mann eine Arbeit nicht leistet, weil er sie allein nicht leisten kann, so ist daS im Sinne der preutzisch-deutschen Militärjustiz ein Beharren im Ungehorsam; und wenn er eine Anschuldigung, die durch Schweigen als zugegeben angesehen werden würde, ausdrücklich von sich weist, so ist das— Achtungsverletzung! Die Achtung, die der Untergebene seinem Vor- gesetzten schuldig ist. besteht also darin, Anschuldigungen, die der Vorgesetzte ausspricht, zuzugeben, eben weil sie von einem Vor- gesetzten ausgesprochen werden. Fragen wir einmal im obigen Falle: was hätte eigentlich der Soldat tun sollen? Hätte er dem Oberleutnant keine Antwort gegeben, so wäre er auch bestraft worden. Aber derartige Erwägungen existieren für ein schneidiges deutsches Kriegsgericht nicht. Der Missetäter wurde zu der hör- renden Strafe von 7 Wochen Gefängnis verurteilt! Der Ankläger hatte die doppelte Strafe beantragt. „Im Interesse der Disziplin" mußte dieses Urteil gefällt werden. So werden sich die militärischen Richter beruhigen, wenn sie vielleicht noch ein wenig die Empfindung haben sollten, daß das Urteil dem allgemeinen Rechtsbewußtsein ins Gesicht schlägt. Die Disziplin muß ja erhalten bleiben, damit die Disziplinierten sich nicht scheuen, auf Vater und Mutter zu schießen! Aber auch diese Rechnung ist falsch!—_ Tie Justiz im Nationalitätenkampf. Die Gnesener Staats- anwaltschaft erhob sechs verschiedene BeleidigungS- anklagen gegen das Polenblatt„Lech", darunter eine wegen Majestätsbeleidißung und eine wegen Beleidigung pol- nischer Gutsbesitzer, die ihre Güter an Deutsche verkauft haben.— Nationalliberale Zerfahrenheit. Aus Frankfurt a. M. wird vom 15. Juni telegraphiert: Der Ausschutz der nationalliberalen Partei der Pfalz hat sich, wie die„Frf. Ztg." erfährt, gegen die Fahrkarten. steuer ausgesprochen und erklärt, daß er mit der Haltung der nationalliberalen Fraktion des preußischen Abgeordnetenhauses in der Schulgesetzfrage nicht einverstanden sein könne.— Die Opfer von GoabiS(Südwestafrika) werden jetzt durch die amtliche Verlustliste im einzelnen also nachgewiesen: Gefallen: Oberleutnant Waldemar Dannert, geboren am 17. 6. 76 zu Swinemünde, früher im Füsilier-Regiment Nr. 34, Kopf- und Brustschuß. Leutnant Heinrich v. Abendroth. geboren am 27. 3. 83 zu HalberSdorf, früher im königlich sächsischen(Leib-) Grenadier- Regiment Nr. 100, Kopf- und Bauchschuß. Gefreiter Otto Ulrich, geboren am 29. 11. 83 zu Torgelow, früher im Pionier-Bataillon Nr. 2, Lrustschuß. Reiter Peter Brunner. geboren am 25. 3. 83 zu Brandau, srllher im 2. großherzoglich hessischen Dragoner-Re- giment Nr. 24, Brustschuß. Reiter Hermann Berndt, geboren am 27. 10. 85 zu Seifersdorf, früher im Feldartillerie- Re- giment Nr. 6. Kopfschuß. Gefreiter Otto Dietzel, früher im 5. lothringischen Jnfantene- Regiment Nr. 144. ge- boren am 18. 4. 83 zu Castrop, Herzschuß. Sergeant Paul Funke, geboren am 21. 5. 79 zu Mechau, srllher im Ulanen-Regiment Nr. 1, Beckenschuß. Reiter Hermann Dilz, geb. am 20. 8. 82 zu Alsleben, früher im Füfilier-Regiment Sit. öS. Bauchschuß. Streifschuß linleS Handgelenk. Reiter Franz Joswig. geboren am 1. 6. 83 zu Grün- blum, früher im Trambataillon Nr. 1, Kopfschuß. Schwer verwundet: Sergeant Paul Feller, geboren am 11. 9. 78 zu Fricdebach, früher im 1. königlich sächsischen Husaren- Regiment Nr. 13, Knochenschuß linken Oberarm. Unteroffizier Her- mann Luchterhand, geboren am 11. 10. 82 zu Ober-Hinrichshagen, früher im Ulanen-Regiment Nr. 9, Schuß unterhalb rechten Schlüssel- beins, Steinsplitter Gesicht. Leicht verwundet: Leutnant Herbert Parvel, geboren am 22. 6. 78 zu Erfurt, früher im Grenadier-Regiment Nr. 2, Stein- splitter linke Hand. Gefreiter Kurt Klappenbach, geb. am 29. 1. 83 zu Auerbach, früher im 1. königlich sächsischen Ulanen-Negiment Nr. 17, Steinsplitter linke Hand. Unteroffizier Rudolf Gehrmann, geboren am 25. 4. 82 zu Heilsberg, früher im Infanterieregiment Nr. 44, Ouerschuß Rücken. Reiter Paul Gädecke, geboren am 2t. 6. 30 zu Klein-Nofiau, früher im 5. Garderegiment zu Fuß, Streif- schuß rechte Hand. Reiter Jobannes Grothkopp, geboren am 3. 6. 82 zu Gettdorf, früher im Infanterieregiment Nr. 44, Geschoßsplitter linken Unterarm. Reiter Hans Schoer, geboren am 4. 11. 80 zu Hamburg, früher im Jnfanterie-Rcgiment Nr. 31. durch einen Brustschutz schwer ver- wandet und am 4. 6. 06 verstorben. Nähere Nachrichten über das Gefecht selbst fehlen noch.»» Hueland« Schweiz. Aus der Bundesversammlung. Letzte Wotfje ist die oberste Schweizerische Legislative zur ordent- lichen Juni-Seision zusammengetreten. Die Hauptpunkte der Tages- ordnung waren: Beratung des Geschäftsberichts des Bundesrates pro 1905 und Fortsetzung der Beratung über das schweizerische Zivilgesetzbuch. Der Nationalrat bietet in der gegenwärtigen Legislatur- Periode ein trostloses Bild. Seitdem durch den Gewaltstreich der vereinigten bürgerlichen Reaktion bei den Nationalratsivahlen vom letzten Herbst unsre Genossen Greulich, Studer und Brandt aus dem Rate eliminiert sind, wäre die Reaktion ganz unter sich, wenn nicht wenigstens Brüstlein und Heinrich Scherrer in der Körperschaft sätzen. Scherrer wird voraussichtlich noch im Verlauf dieser Session seine Motion betreffend EinigungSämter in Kollektivstreitigleiten zu be- gründen Gelegenheit haben, und dann wird es wohl eine grvtzere sozialpolitische Debatte geben. Der Chef des Eidgenössischen Finanzdepartements, Bundesrat Comtcsse, gab im Verlaufe der Beratung des Geschäftsberichtes im Nationalrate die Erklärung ab, datz die schweizerische Nationalbank mit dem 1. Januar 1907 ihre Tätigkeit beginnen könne. DaS ganze Emissionskapital im Betrage von 50 Millionen Frank ist gezeichnet. Es wird aber vorläufig nur die Hälfte des Grundkapitals, also 25 Millionen Frank, einbezahlt. Aus der Beratung des Geschäftsberichts im Nationalrat ist noch zu erwähnen, datz der Demokrat Dr. Hofmann bei der Besprechung über daS eidgenössische stattstische Bureau gewisse Reformen ver- langte, nameiitlidje eine schweizerische Statistik über die Lebens- mittelpreise— eine Forderung, die einem längst gefühlten Bedürfnis entspricht. AuS dem Bericht der schweizerischen Bundeshahnen war zu cnt« nehmen, datz das finanzielle Ergebnis pro 1905 um eine Million Frank günstiger ist als das von 1904. Aus dem S t ä n d e r a t ist nicht viel zu melden. Er erledigte vorerst den Geschäftsbericht und trat dann in die Weiterberatung des Zivilgesetzbuches ein. Während im Nationalrat der Schöpfer des Gesetzentwurfes, Nationalrat Huber, Professor der Rechte au der Universität Bern, referiert, ist im Ständerat der St. Galler liberal- konservative Hoffmann Berichterstatter. Letzterer gehört zwar der radikalen Fraktion an. ist aber konservativ bis in die Finger- spitzen hinein. Die Gesetzesberatungen im Ständerat sind im all- gemeinen viel ernster gehalten als im Nationalrat. Wenn hier z. B. beim Zivilgesetzbuch Professor Huber gesprochen hat, so hat der Papst seineu Spruch gefällt, und der Rat sagt meistens ohne weiteres Ja und Amen I Im Ständerat dagegen werden vielfach Ab- änderungSanträge eingebracht, und gar oft siegt hier die Kommissions- Minderheit. Aus den Verhandlungen des Ständerats in der letzten Woche ist zu erwähnen, datz dieser in Zustimmung zum Antrage des Bundesrats dem Fonds für die eidgenössische Kranken- und Unfall- Versicherung 3 Millionen Frank zugewiesen hat. Der Fonds steigt damit auf 15 Millionen. Bundesrat Deucher gab dabei die Er- klärung ab, er sowie die Bundesräte Forrer und Comtesse würden in der Lage sein, im September dieses Jahres dem Bundesrat den längst erwarteten neuen Entwurf über die Kranken- und Unfall- Versicherung vorzulegen. Merkwürdig ist, datz von Bundes wegen nichts zur Unter- stützung der Arbeitslosen getan wird! Da die Eidgenossenschaft ja den Kurs der Handelsvertragspolitik bestimmt, trägt sie doch die Verantwortung für die industriellen Krisen, wie sie ja auch die Zoll- einnahmen einstreicht, die aus dem Wucherzolltarif hervorgehen. Es ist deshalb geradezu eine Ungeheuerlichkeit, datz der Bund nichts für die Opfer seiner eigenen Wirtschaftspolitik tut. Hoffentlich wird einer der beiden sozialdemokratischen Nationalräte die wichtige Frage bald wieder einmal zur Sprache bringen. Sonst vermodern und vergilben die betreffenden Aktenstücke in den Mappen der Departementökanzlei des Jndustrieressorts.— Frankreich. Dreifus-Prozeß. Paris, 15. Juni.(W. T. B.) Der Kassationshof beschäftigte sich heute in geheimer Sitzung, die um Mittag eröffnet wurde, mit der Dreyfus-Angelegenheit. Den Vorsitz führte der erste Präsident des Kassationshofes, Senator Ballot Beaupre. Generalstaats- anwalt Baudouin und Dreyfus' Verteidiger Menard wohnten der geheimen Sitzung bei. Dieselbe war der Prüfung des von dem Major Targes im Auftrag des Kriegsministers vorgelegten geheimen militärischen Dossiers gewidmet und wurde um 2 Uhr geschlossen. In der morgigen Sitzung soll die Prüfung des diplomatischen Dossiers erfolgen, das von einem Vertreter dcS Ministers des Innern vorgelegt werden wird.— Die Regierungserklärung. Paris, 13. Juni. Die programmatische Erklärung, die Sarrien gestern anlätzlich des eigentlichen Beginnes der Kammerverhandlungen verlesen hat, bringt das Wesen des jetzigen Ministeriums getreu zum Ausdruck. Sie streift so ziemlich alle Probleme, nimmt aber zu keinem eine klare und entschiedene Stellung. In den Halb- und Viertelreformen, die sie ankündigt, spiegelt sich der Gegensatz zwischen den radikalen und den ge- mähigten Mitgliedern des Kabinetts, aber auch die Schwächlichkeit des bürgerlichen Radikalismus selbst, der halb gezogen wird, halb hinsinkt. Der eintönige und temperamentlose Aufsatz wurde vom Hause mit der verdienten Kälte entgegengenommen und'fand— von einigen auf den Sieg der Republikaner bezüglichen Wendungen ab- gesehen— nur bei den jetzt im Zentrum sitzenden gemäßigten Radikalen einigen Beifall. An einer Stelle' machte sich die Eni- täuschung und Unzufriedenheit in impulsiver Weise. Luft: Als der Ministerpräsident zur Frage der Kriegsgerichte kam und das Wort„R e f o r m" aussprach, erhob sich von allen Seiten der stürmische Ruf:„Nein! nein! Aufhebung!" Die folgende Debatte über die allgemeine Politik wurde mit einer ziemlich verlegenen Rede von Gerankt Richard ein- geleitet, der der Majorität eine väterliches:„Seid einig!" zurief, das deutlich eine Spitze gegen Pelletan und feine radikal- sozialistische Gruppe hatte. Der„parlamentarische" Sozialist Zeves bemühte sich zu beweisen, daß auch seine Parteigenossen daS sozialistische Endziel anstreben. Interessant wurde die Debatte erst, als die geeinigten Sozialisten zu Mite lamm. Genosse Eoostans zeigte den Widerspruch zwischen den demokratischen Redensarten un» ttt Praxis der gegenwärtigen Regierung an der Hand der Ereignisse in seinem Wahlkreise Montlueon auf, wo die Soldateska und die Justiz während der Maibewegung ohne jede Scham in den Dienst des Unternehmertums gestellt waren. Auf Constans folgte I a u r e s mit einem scharfen Angriff gegen Clemenceau, den Urheber der schmählichen Unterdrückungsmaßregcln wider die streikenden Bergarbeiter im Norden und den Urheber der un- würdigen Komplottkomödie. In ihrem zweiten Teile erhob sich Jaures' Rede zu einer schwungvollen Darlegung der sozialistischen Ziele und der voraussichtlichen Art ihrer Verwirklichung. Jaures, der besonders von der Rechten ohne Unterlaß unterbrochen wurde, mutzte seine Rede erschöpft abbrechen. Wir werden nach ihrem Abschluß noch auf sie zurücklommen. Der Inhalt der Regierungserklärung ist im wesentlichen schon früher bekanntgegeben worden: Sie kündigt die allgemeine Amnestie an und verspricht in unbestimmten Ausdrücken Ver- waltungsreformen. In dem Absätze, der sich auf die äußere Politik bezieht, wird flüchtig von der„Befestigung der Allianz und der Freundschaften" gesprochen. Die Stelle über die Abrüstung ist so stilisiert, wie es am Beginn einer Session am Platze ist, für die der Marineminister eine ungeheuere Forderung vorbereitet, die der Bevölkerung durch ein fortwährendes Gerede über Er- sparungsabsichten schmackhafter gemacht werden soll. Es heißt da zum Beispiel: Frankreich wünsche, daß der Fortschritt der öffentlichen Meinung in Europa es möglich mache, an die Ein- schränkung der Rüstungen zu denken. Unter den fiskalischen Reformen steht die Einkommen- steuer an erster Stelle. Aber wie der betreffende Regierungs- entwurf aussehen wird, darüber gibt die Andeutung Klarheit: datz die Steuer„nicht inquisitorisch" sein und daß sie das Eigentum und die individuelle Freiheit nicht verletzen werde. Das heißt, daß die Kapitalisten das Siecht der Steuerhinterziehung be- halten sollen. Die Steuer wird offenbar nicht progressiv sein, es wird nur ganz allgemein versprochen, daß die großen und die kleinen Einkommen nicht mit der gleichen Abgabe belegt werden sollen. Auch soll— wie wir schon mitteilten— zwischen Ein- kommen, die aus Kapitalien, und solchen, die aus Arbeit stammen, ein Unterschied gemacht werden. Von den angekündigten sozialen Reformen ist einzig das Versprechen bemerkenswert: die Gewinnbeteiligung der Arbeiter als Bedingung für künftige Berg- Werkskonzessionen gesetzlich festzulegen. Von der Ver- kürzung der Arbeitszeit wird nur im allgemeinen versichert, daß trotz der Rücksicht auf die ausländische Konkurrenz die Möglichkeit gegeben sei, den„Forderungen einer arbeitsamen Demokratie" Rechnung zu tragen. Die Gcwcrkschaftsrechte sollen erweitert und das Recht der gewerkschaftlichen Vereinigung auf bisher aus- geschlossene Kategorien von Arbeitern ausgedehnt werden; dagegen wird den Beamten daS Streikrecht ausdrücklich verweigert. Von praktischer Bedeutung für die Arbeiterschaft— wenn auch nicht eine sozialpolitische Reform— ist die Zusage, das ganze Gebiet des Arbeitskontraktes endlich einer gesetzlichen Regelung zu unter» ziehen.—_ Paris, 15. Juni.(B. H.) Ein neues Gelbbuch über Marokko wird der Kammer demnächst unterbreitet werden.— Zwei Gesetzentwürfe. Paris, 15. Juni.(W. T. B.) Der Deputierte Abbe Leinire brachte einen Gesetzentwurf ein, betreffend Aufnahme einer Anleihe von 500 Millionen Frank, welche dazu dienen soll, allen bedürftigen Familien, welche keinerlei Besitz haben, ein Stückchen Land zu geben. Der Deputierte Eoutant brachte einen Gesetzentwurf ein, durch welchen den Arbeitgebern untersagt werden soll, ausländischen Ar- beitern einen niedrigeren Lohn zu geben als den einheimischen.— Italien. „Menschenfreundliche Ideen",„edle Wünsche" und„hochherzige Anregungen". Auf eine Anftage Brunialtis in der Donnerstag-Sitzung der Deputiertenkammer: Welche Instruktionen die italienischen Dclc- gierten zur zweiten Haager Konferenz bezüglich des Beschlusses des englischen Unterhauses betreffend die Verringerung der Aus- gaben für Rüstungen erhalten würden, erklärte Minister des Aeußcren Tittoni, er freue sich, aussprechen zu können, daß die damaligen Ausführungen des Staatssekretärs Sir Edward Grey seine lebhafte Sympathie gefunden hätten und daß er bereits un- mittelbar nach Anhören derselben in seiner Eigenschaft als Bot» schafter die Aufmerksamkeit der italienischen Regierung auf die- selben gelenkt habe.— Ebenso spreche er heute als Minister öffent- lich die Zustimmung der Regierung zu diesen menschenfrcundliche« Ideen aus. Er sei stets der Ansicht gewesen, daß es für Italien eine Tollheit, ein Verbrechen gegen das Vaterland sein würde, wenn es allein seine Rüstungen vermindern würde, wahrend es sich in- mitten eines gewaltig bewaffneten Europas befinde, welches die Vervollkommnung der Rüstungen als Mittel zur Erhaltung deS Friedens betrachte.... Trotzdem glaube er, daß es ebenso eine Tollheit und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sein würde, wenn man sich nicht in aufrichtiger Weise den Anregungen anschließen würde, die eine gemeinsame Verminderung der Rüstungen der Groß- mächte bezweckten oder auf jede Weise die Gefahr der Schrecken dcS Krieges fernhielten und die unschätzbaren Wohltaten des Friedens sicherstellten. Die italienische Politik sei stets ans Erhaltung des Friedens gerichtet gewesen, er sei daher glücklich, erklären zu können, daß die Vertreter Italiens auf der Haager Konferenz den Auftrag erhalten würden, die Anregung Englands zu unterstützen. Er möchte wünschen, daß der Plan einer allgemeinen Abrüstung sofortige praktische Anwendung finden möge. Doch fürchte man vielfach, daß dieser Plan noch einige Zeit ein edler Wunsch bleiben werde aus Mangel einer konkreten Formel, die jedermann sichere Gewähr dafür biete, daß er nicht allein abrüste..... .... Graf Goluchowski habe in seinem Expose bei Besprechung der ausgezeichneten Beziehungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien erklärt, die loyale Haltung beider Regierungen habe die Versuche unverantwortlicher Stellen, ihr gutes Einvernehmen zu stören, zum Scheitern gebracht. Dieser Ausspruch scheine ihm sehr glücklich zu sein, denn er glaube, daß in allen Länoern die Unver- antwortlichen eine fortwährende Gefahr für den Frieden darstellten, sei es, indem sie in der Presse kleine Meinungsverschiedenheiten aufbauschen und verschärfen, sei es, indem sie in der öffentlichen Meinung unedle und unüberlegte Erregungen hervorrufen. Die Regierung müsse in ihren Beziehungen zum Auslande die von der Mehrheit des Parlaments und des Landes gewollte Politik be- folgen und könne nicht dulden, daß unverantwortliche Personen dieselbe stören oder bloßstellen. So lange feste Abkommen auf hj» Grundlage der hochherzigen Anregung Englands nicht möglich seien, werde dies seiner Meinung nach das beste Mittel sein, zur Auf- rechterhaltung des europäischen Friedens beizutragen.— Ende der„Gefangenschaft"? Rom, 15. Juni.(B. H.) Der„Avanti" kommt auf feine Information zurück, wonach der Papst nach Castek San Gandolfo übersiedeln wird, und erklärt, der Papst vorlasse im Einverständnis mit der italienischen Regierung de» Vatikan.— Er werde nach seiner Ankunft in Gandolfo eine Enzyklika veröffentlichen, in der er die Gründe seiner Uebersiedclung angeben wird.— Spanien. Zwei merkwürdige Nachrichten. Barcelona, 15. Juni.(B. H.) Hier wurden mehrerei Anarchisten verhaftet, weil sie einen Artikel veröffentlicht hatten, worin sie die Haltung des Chefredakteurs Rakens billigten.— Madrid» 15. Juni.(83. H.) Die in der Attentatsangelegenheit Verhafteten werden vpr ein Militärgericht gestellt,■» Amerika. Eine JUboIutiott in Guatemala(Zentralamerika) ist in vollem Gange. Der Präsident Estrada Cabrera hat sich durch tyrannisches Auftreten und schweren Steuerdruck bei der Bevölkerung sehr ver- haßt gemacht. Die Republiken Nicaragua und Salvador unter- stützen die Bewegung, und die revolutionären Scharen wachsen täg- lich. Deutsche Pflanzer erboten sich, eine kriegsgeübte Mannschaft den Aufständischen zu liefern. Die ansässigen Briten und Anierikaner wünschen ebenfalls das Ende der Herrschaft Cabreras, Dieser leistet noch starken Widerstand und hat 4000 Mann in Guatemala City zu liegen. Ist die Revolution siegreich, soll Barillas, der von 1885 bis 18W Präsident war, an Cabreras Stelle treten. Die Revolutionäre scheinen mit Geldmitteln gut verschen zu sein, und man glaubt, daß ausländische Kapitalisten ihre Hand im Spiele haben; es wird den Leuten eine große EntWickelung des Landes unter Barillas ver- sprachen; neue Eisenbahnen sollen gebaut werden. Guatemala ist die bedeutendste unter den fünf Republiken Zentralamerikas und hat etwa zwei Millionen Einwohner.— Gewcrkfchaftllcbcs. Soll eS wirklich geschehe»? Am Sonntag soll die Gründung des angekündigten neuen Metallarbeiter-Verbandes vorgenommen lverden. Es bedarf kaum der Hervorhebung, daß wir die Zersplitterung, wenn sie wirklich vollzogen werden sollte, ganz außerordentlich bedauern und ver- urteilen würden. Wenn wir uns die Tragweite, die möglichen Folgen eines solchen Schrittes, den das Unternehmertuni mit jauchzendem Frohlocken begrüßen wird, der auf jeden Fall die Interessen der gesamten Arbeiterschaft zu schädigen geeignet ist, vor Augen führen, dann halten wir die Ausführung deS Planes der Neugründung geradezu für un- möglich. Wir geben auch jetzt die Hoffnung nicht auf, daß im Kreise der Beteiligten noch in letzter Stunde mit der Erkenntnis der Folgen- schwere einer Zersplitterung der Entschluß stark wird, trotz der Er- bitterung, in die man sich hineingearbeitet hat, von der beabsichtigten Neugrüudnng Abstand zu nehmen. Selbst wenn innerhalb des Metallarbeiter-Verbandes etwas vorgekommen ist, was mit Recht bei vielen Mitgliedern Unzufriedenheit hervorrufen kann, so ist doch das Hinausgehen aus dem Verbände, dessen Zweck auf Wahrnehmung der gemeinsamen Interessen gegen das Unternehmertum gerichtet ist, durchaus zu verwerfen. Innerhalb der Organisation bessern, nicht gegen die Organisation kämpfen, muß die Parole bleiben! Das soll und muß für jeden organisierten, klassenbewußten Arbeiter Grundsatz sein: nicht eine momentane Verstiinmung, sondern das Allgemeininteresse soll das Handeln bestimmen I Daß aber durch jede Zersplitterung Arbciterinteressen geschädigt werden, darüber be- steht ja kein Zweifel. Wir haben bisher in der Sache noch nicht Stellung genommen, in der bestimmten Annahme, daß Versuche, eine Einigung herbei- zuführen, zu dem erwünschten Ziele führen würden, und wir nicht nach irgend einer Seite der Erbitterung neue Nahrung geben wollten, wodurch die Verhandlungen vielleicht erschwert werden konnten. Wir können auch nur unser lebhaftes Bedanern darüber ausdrücken, daß es zU ernsthaften EinigungS- Verhandlungen nicht gekommen ist. Unter diesen Umständen richten wir in letzter Stunde an die Beteiligten den Appell: Unterlaßt die Zersplitterung, gedenkt der gemeinsam geführten Kämpfe, gedenkt der gemeinsamen Aufgabe», gedenkt der gemein- samen Gefahren, wahret die Interessen der Gesamtheit! Eine gelbe Gewerkschaft. Wie schon berichtet, hat der christliche Bauhandwerkerverband mit den Bauunternehmern in Aachen einen Lohntarif abgeschlossen. Die Leistung ist wert, weiteren Kreisen bekannt zu werden, weit sie mehr als alles andere beweist, wozu christliche Gewerkschaften sich im Interesse des Unternehmertums gebrauchen lassen. Zur besseren Würdigung sei vorab bemerkt, daß die dem freien Verbands an- gehörenden Bauhülfsarbeitcr bereits im vorigen Jahre durch ver- schiedene kleinere Bewegungen die Hülfsnrbeiterlöhne auf 30 bis 35 Pf. brachten. An der größten Baustelle, einem Riesenbau der Firma Leonhard Tietz A.-G., wurden schon mit Anfang dieses Jahres die Löhne von 35 auf 37 bis 40 Pf. erhöht. Die rege Bau- tätigkeit hat einen merklichen Arbeiterniaugel zur Folge, wodurch es wiederum möglich wurde, die Löhne hinaufzutreiben, zumal im benachbarten Stolberg, wo die freien Verbände im Bauberuf nahezu alle Kollegen organisiert haben, ein Tarif besteht, der im vorigen Jahre 35 Pf. Mindestlohn für Hülfsarbeiter und 45 Pf. für Maurer, in diesem Jahre 40 Pf. für Hülfsarbeiter und 50 Pf. für Maurer vorsieht, wobei zu beachten ist, daß dort ein großer Teil der Ar- heiter weit über die Mindestlöhne hinauskommt. Das erkannten die Aachener Unternehmer und suchten mit dem christlichen Verband« ins Einvernehmen zu kommen.. Verhandlungen mit den freien Ver- bänden lehnten sie, weil diese zu viel forderten— 35 Pf. bczw. 45 Pf. Mindestlohn— ab. Der christliche Verband lehnte gleichfalls ein gemeinsames Vorgehen mit den freien Verbänden ab. Dafür nahm er einen„Tarifcntwurf der Unternehmer an, der auf dem Prinzip der Höchstlöhne basiert und in der Hauptsache bestimmt: Diejenigen Maurer, die mit einer zehnprozentigen Lohnerhöhung keine 40 Pf. bekommen, sollen 40 Pf. erhalten. Ausgeschlossen hier- von sind die vom Bauhülfsarbeitcr zum Maurer übergehenden Leute in den ersten zwei Gesellenjahren und sonstige nicht voll erwerbs. fähige Maurer, die bereits 40 Pf. und mehr verdienten, erhalten eine Lohnerhöhung nur insofern, daß„bessere" Mjaurer 42 Pf. und beste Maurer 45 Pf. erhalten sollen. Höhere als hier vorgesehene Löhne dürfen nicht ausgezahlt lverden. Damit sind alle Maurer, die bisher schon 40 bis 45 Pf. verdienten, das ist die größte Mehr- zahl, um jede Aufbesserung betrogen. Noch schlimmer ist es mit den Hülfsarbeitern. Hierüber besagt der Tarif wörtlich:„Bau- hülfsarbeiter, welche mit 10 Proz. Lohnerhöhung nicht auf 25 Pf. Stundenlohn kommen, erhalten doch 25 Pf., im übrigen erhalten die Bauhülfsarbeitcr ebenfalls 10 Proz. Lohnerhöhung, mit der Maßgabe, daß ein Lohnsatz je nach Leistung zwischen 25 bis 35 Pf. gezahlt wird. Ausgeschlossen hiervon sind die in ihrer LcistungS- fähigkcit beschränkten und die noch nicht 17 Jahre alten Arbeiter. Bedenkt man, daß Aachen die teuerste Stadt des Reiches ist, daß in keiner Stadt Rheinlands so niedrige Löhne existieren, daß 2 Stunden entfernt schon 40 und 50 Pf. Mindcstlohn bezahlt werden, so kann man ermessen, zu welchem verächtlichen Streich sich der christliche Bauhandwerkerverband hat gebrauchen lassen. Tatsäch- lich können auch manche Meister im Aachener Lohngebiet für diese Löhne keine Arbeiter bekommen. Da sie aber vertragsmäßig nicht mehr wie 35 Pf. bezahlen dürfen, sind sie darauf verfallen, den etwa bedungenen höheren Lohn den Arbeitern neben dem Tariflohn zu „schenken". Sie zahlen tarifmäßig und legen den Mehrlohn„aus der Tasche" zu. Die freien Verbände haben den famosen Tarif abgelehnt und versuchen, an den Bauten, wo der tarifmäßige Höchstlohn nicht all- gemein gezahlt wird, diesen durch Streik oder Sperre zu erzwingen. Da springt nun der christliche Verband den Unternehmern zu Hülfe. Streiten an einem Bau die Hülfsarbeiter, so schickt er seine Mit- glieder als Streikbrecher, und so wird ein Hinauftreiben der Löhne verhindert. Damit sind die Unternehmer in der flotten Bauzeit gegen höhere Forderungen gesichert, während sie im Herbst und Winter, wenn Arbeiter genug zur Verfügung stehen, bis auf 25 Pf. pro Stunde hinabgehen können. Trotzdem nun so der christliche Bauhandtverkerverband sich als eine für die Unternehmer glänzend lohnende Einrichtung erweist, haben sie, um ihn noch besser unter die Fuchtel zu bringen, trotz des Tarifvertrages eine allgemeine Aussperrung für den 20. Juni angekündigt, falls der christliche Verband nicht dafür sorgt, daß die von den Unternehmern ausgesperrten 114 Steinarbeiter bis dahin die Arbeit wieder aufgenommen haben. Für diese hatte der christ- liche Verband Lohnforderungen gestellt, diese aber wieder nach ver- schiedentlichen Verhandlungen fallen gelassen und ein Angebot der Unternehmer angenommen, nach welchem eine Lohnerhöhung nicht eintritt, dafür aber bestimmt wird, daß die Höchstlöhne für Stein- und Marmorhauer, Schleifer, Polierer und Hülfsarbeiter 47, 40, 37 und 29 Pf. betragen, ohne daß die Meister gehalten sein sollen, diese Löhne zu zahlen. Der christliche Verband hatte 55, 50, 42, 40 und 35 Pf. M i n d e st l o h n gefordert. Zudem verlangten die Ar- beitgeber, jeder Arbeiter möchte unterschriftlich erklären, daß über die Höhe des Lohnes einzig und allein der Arbeitgeber zu befinden habe. Die Arbeiter lehnten die Unterzeichnung des Reverses ab. Darauf erfolgte die Aussperrung. Zweifellos wird der christliche Verband jetzt die Mitglieder zur Unterschrift zwingen, denn zu einem Kampf werden sie es nicht kommen lassen. Lerlin und Umgegend. Der Töpferstreik in Breslau und die Aussperrung in Deutschland. Das Telegramm in gestriger Nummer des„Vorwärts" be- treffend Beendigung des Töpferstreiks bedarf noch eines erläuternden Kommentars. Es heißt darin, die Unternehmer hätten eine Lohn- crhöhung von 7 Proz. zugestanden. Das ist so zu verstehen, daß die Unternehmer zu der bereits angebotenen Lohnerhöhung von 9,8 Prozent für Breslau und teilweise weitergehender Lohnerhöhung für bestimmte Positionen noch in eine weitere generelle Erhöhung um 7 Proz. eingewilligt haben. Mithin haben die Arbeiter einen vollen Erfolg erzielt. Zu der Sache wird uns noch geschrieben: Das in gestriger Nummer des„Vorwärts" veröffentlichte Tele- gramm ist geeignet, Irrtum zu erregen. Nach dem Telegramm hat es den Anschein, als wenn überhaupt nur 7 Proz. Lohnerhöhung erreicht worden wäre. Mit dieser minimalen Bewilligung wäre der Streik sowohl wie die Aussperrung nicht beendigt worden, so viel steht fest. Mit solcher Zusage sich zu bescheiden wäre widersinnig geweien, denn die Breslauer Unternehmer hatten ja vor einigen Wochen be- reits 9,8 Proz. geboten und würde es also eine regelrechte Nieder- läge bedeutet haben, jetzt nur mit 7 Proz. abzuschließen. Nachdem alle bisherigen Verhandlungen resultatlos verliefen, auch die an denen die Vorsitzenden des Ofenfabrikanten-Verbandes und des Zentralverbandcs der Töpfer teilgenommen haben, ersuchte das Breslauer Einigungsamt nochmals die streitenden Parteien vor dem Einigungsamte zu verhandeln. Das wurde angenommen und nach zweimaliger Verhandlung auch eine Einigung erzielt. Die Breslauer Ofensetzer erzielten eine durchschnittliche Lohn- erhöhung von 10,8 Proz., bei einzelnen Positionen bis zu 27 Proz. Diese Zuschläge gelten für die sogenannte Begußarbeit, welche aber zirka 60 Proz. der Gesamtarbeit ausmacht. Außerdem er- hielten die Wcrkstubenarbeiter lOstnformer) auf die Hauptpositionen einen Lohnzuschlag von 11— 17 Proz., bei anderen weniger wichtigen 5— 33 Proz. Hier wollten die Unternehmer ursprünglich gar keine Zugeständnisse machen. Die Aussperrung trat deshalb ein, weil die Unternehmer am 30. April kurz und bündig erklärten, wenn ihr nunmehriges letztes Angebot, das bedeutend geringer war als die jetzigen Zugeständnisse, nicht angenommen würde, dann käme die Aussperrung über die Ofenfabriken Deutschlands. Unter solchen Umständen Nahm der Zcntralverband der Töpfer die Aussperrung auf und hat diese auch 14 Tage gedauert. Durch die Bewilligungen ist der elfwöchentliche Streik und die allgemeine Aussperrung über Deutschland beendet. Am 18. Juni soll die Ar- beit in Breslau sowohl wie in den durch die Aussperrung betroffenen Betrieben Teutschlands in vollem Umfange wieder aufgenommen werden.._ Zur Lohnbewegung der Friseurgehülfen schreibt man uns: Die Arbeitgeber, welche die Gehülfenfordcrungen nicht be- willigen wollen, wozu sie zweifellos in der Lage sind, wollen auch nicht, daß ihre einsichtigeren Kollegen, die die Forderungen bewilligt haben, sich in geschäftlicher Beziehung besser dabei stellen. Das Plakat der Gehülfenorganisation in den geregelten Geschäften müßte eigentlich bei den Inhabern der ungeregelten Betriebe ein Gefühl der Beschämung auslösen ob ihres Sträubens, die so sehr be- scheidenen Gehülfenfordcrungen zu bewilligen. Aber alle Hebel werden in Bewegung gesetzt, um die verhaßten Plakate nicht sehen zu müssen. Bei Androhung„schwerster Strafe"— des Ausschlusses aus Innung und„Freier"— wird versucht, die geregelten Betriebe zur Entfernung des Plakats zu bestimmen. Ein Meister schreibt uns:„Beifolgende Karte erhielt ich heute vom„Kühnemänner-Ver- band", pardon— von der F r e i e n Vereinigung. Die Karte bejagt, daß laut Beschluß der letzten Generalversammlung die Bewilli- gungs-Plakatc von außen nicht sichtbar anzubringen resp. zu ent- fernen seien. Zuwiderhandlung gilt als ausgeschieden."— Schließlich haben diese Treibereien das gute, daß allgemach eine reinliche Scheidung in den Reihen der Arbeitgeber erfolgt. Für die Arbeiterschaft liegt nun umsomehr Grund vor, auf Plakat und Kontrollkarte zu achten, besonders darauf, daß diese vom Ver- band der Friseurgehülfen Deutschlands, Zweig- verein Berlin und Vororte ausgegeben sind und den Namen Paul Li e r e tragen. Wir legen infolge Benutzung unseres früheren Verbandstitels von anderer Seite Wert darauf, zu bemerken, daß es sich bei unserem jetzigen Verbandstitcl lediglich um eine Gesamtbezeichnung für Barbier«, Friseur- und Perrückenmachergehülfen handelt. Die Lohnkommission. Achtung, Maschinisten und Heizer! Wi? die Herren Betriebs- Unternehmer über die Lage der Arbeiter denken, zeigt recht drastisch ein Konflikt in den deutschen Peptonfutter-Werken, Zentralviehhof. Daselbst erhalten die Maschinisten und Heizer 40 Vf. Stundenlohn. Seitens des Zentralverbandes wurde nun eine Forderung auf 30 bezw. 32 M Wochenlohn unter Annahme einer zehnstündigen Ar- bcitszeit(Ueberstunden mit 60 Proz. Aufschlag) eingereicht. Be- gründet wurde die Forderung' mit den jetzt bestehenden hohen Lebensmittelpreisen. Der Herr Direktor— im Nebenamt Ritt- meister a. D.— lehnte diese„ungeheuer" hohe Forderung mit der Begründung ab, daß 40 Pf. Stundenlohn schon sehr hoch sei. daß ferner die Fleischpreise noch dieselben seien wie früher. Es müßten die Arbeiter nur verstehen einzukaufen. Ob der Herr nun die Freibank oder sonst eine ähnliche Quelle meint, hat er uns aller- dings nicht verraten. Nun zeigt sich auch, daß der Kesselrevisions- verein, welcher immer die Behauptung aufstellt, daß er mit Arbeits- vcrmittelung nichts zu tun hat, sich als Arbeitswilligen-Agentur herauszubilden scheint, indem er die ehrenwerten Stützen der Unter- nebmer dorthin serkdet. Die übrigen Arbeiter bezw. Arbeiterinnen erhalten Löhne von 30 bezw. 20 Pf. die Stunde und sollen auf 28 bezw. 18 Pf. herabgesetzt werden, da sie nach Ansicht des Herrn Rittmeisters ä. D. zu hoch sind. Der Betrieb der Deutschen Peptonfutter-Werke ist für Maschs- nisten und Heizer bis auf weiteres gesperrt. Der Zentralverband der Maschinisten und Heizer. Achtung, Former! In der Eisengießerei Gebr. Gebauer, Moabit, haben die Former wegen Verläng:rung der bisherigen Arbeitszeit die Arbeit eingestellt. Zuzug ist fernzuhalten. ' Deutscher Metallarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin. Deutfestes Reich. Die Maurer, Steinhauer und Profilierer von Nürnberg und Fürth treten in eine neue Tarifbewcgung ein. Der vor zwei Jahren abgeschlossene Tarif läuft am 1. Juli ab, und es wurde nunmehr mit dem Hinweis auf die gegenwärtigen Teucrungs- Verhältnisse ein neuer Tarifentwurf eingereicht, in dem unter anderem gefordert wird: die b4stündige Arbeitszeit, Mindestlohn von 60 Pf. für Maurer nach dem zweiten Gesellenjahr, von 65 Pf. für Steinhaucr und 70 Pf. für Profilierer und Bankarbeiter. Für lieberstunden, Nachtarbeit usw. sollen entsprechende Zuschläge be- zahlt werden. Ferner wird die Freigabe des I. Mai verlangt sowie Regelung des Arbeitsnachweises und des korporativen Arbeitsvertrages durch eine aus je sieben Vertretern beider Parteien bestehende Kommission. Duisburg. Die hiesigen Holzträger sind bei fast sämtlichen Firmen in den Ausstand getreten. Den Tarif bis jetzt anerkannt hat eine Firma. Die Bewegung steht günstig. Zuzug ist streng fernzuhalten. Alle arbeiterfreundlichen Blätter werden um Ab» druck gebeten..-jt Die Dresdener Böttcher haben ohneKampf, aber gestützt auf ihre starke Organisation den Unternehmern wichtige Zugeständnisse abgetrotzt. In den Brauereien haben sie die SVsstündige Arbeitszeit, eine Erhöhung des Stundenlohnes, Frei- gäbe des 1. Mai und auf Verlangen Barentschädigung anstatt des üblichen Freitrnnkes, Zuschläge für Ueberstunden und Ferien von drei bis fünf Tagen errungen. Der Böttcher-Zwangsinnung haben die Arbeiter eine wesentliche Lohnerhöhung und den zehn« stündigen Arbeitstag abgetrotzt. Auch die Faßfabrikanten haben in den eingeleiteten Verhandlungen bereits wichtige Zugeständnisse ge- macht. Doch sind hier die Verhandlungen noch nicht völlig ab- geschlossen. Die Dortmunder Straßenbahner haben bedingungslos die Arbeit Ivieder aufgenommen. Das heißt, so weit sie von der Verwaltung, die fürchterliche Musterung hält, wieder angenommen werden. „Hetzer" werden zurückgewiesen. Was hier die Stadtverwaltung unter Zustimmung der bürgerlichen Parteien, namentlich des Zentrums, den Arbeitern zu bieten wagt, darf sich kein Grubenprotz, kein Schlot baron mehr leisten. Es ist einfach unerhört I Doch auch dies wird sich bitter rächen. Die Empörung unter den christlichen Arbeitern wächst, das Zentrum wird seinen Lohn bekommen. Der Streik der Fliesenleger beigelegt. Am Dienstag, den 12. Juni d. I. fanden unter dem von den Parteien zum Obmann gewählten Herrn Beigeordneten Dr. Wiedfeldt, Essen, im großen Sitzungssaale des Rathauses Hierselbst die Verhandlungen zur Bei- legung der Streitigkeiten und zur Regelung der Lohn- und Arbeits- Verhältnisse im Fliescnlegergewerbe des rheinisch-westfälischen In». dustriegebicts statt. Nach mehrstündigen Verhandlungen wurde eine Vereinbarung erzielt, wodurch der seit fünf Wochen bestehende Streik nunmehr sein Ende erreicht. Der Stundenlohn der Fliesenleger be» trägt vom 15. Juni cr. ab 70 und vom 1. April 1907 ab 72 Pf. Die Lohnfestsetzung für invalide Arbeiter unterliegt der freien Ver» einbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeiter. Für Arbeiten, die außerhalb der einzelnen Lohngebiete auszuführen sind, sind be. sondere Zulagen festgesetzt. Die Arbeitszeit beträgt vom 15. Juni cr. ab OVj und vom 1. April 1907 ab 9 Stunden. Den Hauptstreitpunkt bildete die Frage der Akkordarbeit. Sie soll künftighin zugelassen werden wie bisher, aber der freien Vereinbarung zwischen Arbeit- geber und Arbeiter unterliegen. Zu den in dem bisher in Essen geltenden Akkordtarif aufgeführten Akkordpreisen wird ein Aufschlag von 5 Proz. gewährt und der Akkordtarif selbst durch Hinzufügung weiterer Positionen ergänzt. Die Vereinbarung tritt mit dem 15. Juni cr. in Kraft, sie endet mit dem 30. April 1908. Der Arbeitsvertrag gilt für Barop, Bochum, Herne, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Homburg a. Rh., Mülheim-Ruhr, Oberhaufen, Plettenberg, Wanne und Wattenscheid. Die an einzelnen Orten im Streik stehenden Fliesenleger nehmen die Arbeit am Freitag, den 15. Juni cr. wieder auf. Wie für das Baugewerbe in den rheinisch- westfälischen Industriegebieten, so sind auch im Fliesenlegergewerbe für die einzelnen Orte Schlichtungskommissionen und für das ganze Vertragsgebiet ein Einigungsamt mit dem Sitze in Essen vorgesehen, eingegangene Drucklcdnften. Dr. med. Moria 1). Thilo. Heilung der Frauenkrankheiten smis Unterleibsleidcn, Nervenkrankheiten, Blutarmut und Bleichsucht). Verlag Reform(P. Müller) Stuttgart. Preis 1 M. Der Mensch und die Erde. Die Entstehung, Gewinnung und Ver- Wertung der Schätze der Erde als Grundlagen der Kultur, herausgegeben von Hans Kraemer in Verbindung mit ersten Fachmännern. Preis pro Hest 60 Pf.(Deutsches Verlagshaus Bong& Co., Berlin W. 57). Letzte JVacbrlchten und Depefchen» Staat und Kirche. Karlsruhe, 15. Juni.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung der Zweiten Kammer wurde der sozialdemokratische Antrag be- treffend Trennung von Staat und Kirche mit allen gegen die Stimmen der Sozialdemokraten»nd Demokraten abgelehnt. Der Antrag auf Aufhebung der§Z 16b und c des Kirchengesetzcs von 1874 wurde gegen die Stimmen des Zentrums einer Kommission überwiesen._ Neue Bestialitäten. Warschau, 15. Juni.(W. T. B.) Nach hier vorliegenden Nach» richten sind in Bjelostok auch heute Unruhen vorgekommen. Viele Verwundete seien nach Brest, Litowsk gebracht worden. Mehrere Personen, unter ihnen einige Polizisten, seien getötet worden. Gegen eine militärische Patrouille soll eine Bombe geschleudert worden sein. Weitere hundert Warenlager sollen zerstört und mehrere Privatwohnungen ausgeraubt worden sein. Tausende von Juden hätten die Stadt verlassen und in den Wäldern Zuflucht ge- sucht. In der Stadt seien alle Läden und öffentlichen Lokale ge- schlössen. Reisende würden nicht zugelassen. Infanterie und Dragoner suchten die Ruhe wieder herzustellen. AuS der französischen Kammer. Paris, 15. Juni.(W. T. V.) Deputiertenkammer. B i e t r h, der Präsident des gelben Syndikats, legt die politischen Ziele seiner Partei dar, aus den Reihen der Sozialisten wird gegen die Ausführungen deS Redners heftiger Widerspruch erhoben. Mehrere sozialische Ab- geordnete werden zur Ordnung gerufen. Bietry führt weiter ans, die— gelben— Syndikate, die zahlreicher seien, als die übrigen, erhielten keine Subventionen, Frankreich se» das einzige Land. Ivo die roten Syndikate Unterstützungen von feiten der öffentlichen Ge- walten erhielten. Redner fordert die Regierung auf, sich über die Frage der Arbeit dann zu äußern, nnd erklärt, er glaube nicht, daß eine einheitliche Regelung der Frage der Ärbcitsdauer für ganz Frankreich möglich sei. Redner wirst den Sozialisten vor, daß sie ein einziges Monopol vorschlügen, welches jede Freiheit unterdrücke. Er wünsche Vermehrung des persönlichen Eigentums und Abschaffung des Lohnes. Bietry behauptet schließlich unter fortwährend zunehmenden Lärmen der Sozialisten, die der Präsident vergebens zur Ordnung ruft, der Burcankratismns greife immer mehr mn sich und fordert die Regierung auf, sich auch über die Frage deS Eigentums zu äußem. Die Sitzung wird dann ge- schlössen._ Zugentgleisung. Brünn(Mähren), 15. Juni. glieder wird durch Erheben von den Sitzen geehrt. Ans der Tagesordnung steht die allgemeine Diskussion über den Entwurf deS BolkSschulunterhaltungSgesetzeS. Kultusminister Dr. Studt: Das Abgeordnetenhaus hat den vor liegenden Gesetzentwurf in einer Fassung angenommen, der die SiaatSregierung in, allgemeinen zustimmen kann, und eS ist nun Aus- gäbe dieses hohen Hauses zu prüfen, wie weit die Vorlage geeignet ist, als Grundlage für eine weitere gedeihliche Ent- Wickelung des VolksschnlwesenS zu dienen. Seit Begründung des KultuSministerilimS im Jahre 1817 hat dieses sich Minute» brachen bemüht, eine einheitliche Regelung des Unterrichtswesens herbeizuführen. Bisher waren diese Bemühungen erfolglos, und die Regierung hat sich nun entschlossen, in Uebereinstimmung mit dem vom Abgeordnetenhause angenommenen sogenannten Kompromiß- antrage diese Vorlage zu machen, die wenigstens das Gebiet der Volksschulunterhaltung regeln soll, auf dem bisher Ungleichheiten lichcr Maschinen und Geräte, die Fischerei, und Geflügelabteilung sowie die große Halle mit Acker- und Gartenprodukten. Zur Linken von der durch Rcrsenanlagcn mit Rosenbeeten und Koniserengruppen eingefaßten Hauptstraße befinden sich die Obst- bauanlagen, die trefflich die einzelnen Arten deS intensiven und extensiven Obstbaues ueranschaulichen, darunter eine intensive Obst- bauanlage mit Zwischenkulturen von Beerenobst und eine extensive Anlage mit Himbeer-Zwischenkulturen, Bohnen-Anpslanzungen und Spargelbeeten. Weiterhin reihen sich mehrere Anlagen intensiven Obstbaues an mit Hackfrüchten- und Erbbeer-Zwischcnkulturen. Zur rechten Seite der Hauptstraße erstreckt sich die außer- gewöhnlich reichhaltige Ausstellung von Maschinen und landwirt- schaftlichen Geräten aller Art: von Lokomobilen,- Dampfpflügen, Eggen, Dresch- und Mähmaschinen, Umschauflern, Häckselschneide- Maschinen, Zentrifugalpumpe». Getreidereinigern, Schrotmühlen, Pressen usw. Fast ausschließlich sind an dieser Ausstellung deutsche Firmen beteiligt. Ihre Fabrikate veranschaulichen, welchen ge- waltigen Aufschwung seit etwa einem Jahrzehnt die deutsche Industrie landwirtschaftlicher Maschinen gemacht hat. Besonders fallen einige große 24pferdekräftige Dampfpfliig-Lokomotivcn auf. Auch die Sonderausstellung von Spiritusapparaten verdient besondere Beachtung. Die Zentrale für Spiritusverwertung zu Berlin hat dafür gleich zur rechten Hand vom Eingang ein großes Riesenzelt errichtet. Ihre SammelauSstellung umfaßt eine große Zahl von Spiritusheizöfen, Glühlichtbrennern, Glühlichtampcln, Spiritus- bratöfen, Spirituslampen usw. Ferner enthält die Mittelhalle eine interessante Vorführung des Instituts für Gärungsgewerbe und Stärkefabrikation. Zwischen den Maschinen liegt— ein Idyll inmitten der hastenden Großindustrie— das vom Staßfurter Kalisyndikat er- richtete niedcrsächsische Bauernhaus, gekrönt von einem mächtigen Strohdach. Der das HauS umgebende Garten enthält verschiedene Anpflanzungen von Blumen und Gemüsen, an denen die Wirkung des künstlichen Düngers veranschaulicht wird. Das Innere des Bauernhauses birgt neben Kaliprodukten verschiedene Gemüse und Früchte, die auf mit Kali gedüngtem Boden gezogen sind. An der inneren Nordseite des Hauses liegt eine altmodische Feuerstätte, von der aus sich ein Blick auf ein von der Künstlerhand des Malers Hans am Ende ausgeführtes Diorama bietet, das eine Moorland- schuft darstellt. Das Bild zeigt, wie durch Aufwendung von Fleiß bestehen, durch die viele Gemeinden schwer belastet werden. Ohne gleichzeitige Regelung der konfessionellen Verhältnisse der Volks- schule wäre eine solche Regelung im Abgeordnetenhanse nicht möglich gewesen. Eine Einschrnnkiing der städtischen Rechte der Selbst- Verwaltung ist nicht beabsichtigt und auch nicht erfolgt. Vielmehr sind vielen Gemeinden erweiterte Rechte gegenüber dem jetzigen Zustande durch daS Gesetz zugedacht. Dank dem weitgehenden Entgegenkommen des Finanzministers sind die Geldmittel stark vermehrt ivorden, die der Staat zur Unter- stützung bedürftiger Schulgemeinden und Schulverbände zur Wer- fügimg stellt.— Redner verliest nmfaiigreiche Tabellen zur Er« läuterung seiner Ausführungen.— Im Hinblick auf die dringende Notwendigkeit, mit Rücksicht auf die zahlreichen überfüllten Schul- klasscn haben sich die maßgebenden Parteien des Hauses der Ab- geordneten zur Znrückstelliing ihrer Sonderwünsche entschlossen, um ein brauchbares Gesetz zustande zu bringen. Auch in diesem hohen Hause werden noch manche Bedenken zu überwinden sein. Mögen die Beratungen zu einem gedeihlichen Ziele führen und der Volks- schule und damit der ganzen preußischen Monarchie zu», Segen ge- reichen.(Beifall.) v. Kosciclski beantragt Absetzimg der Vorlage von der TageS- Ordnung unter Berufung auf eiiien Artikel des Abgeordneten v. Dziemboivski- Ponnan im„Tag", in welchem ausgeführt wird, daß verfassungsmäßig erst dann eine Verhandlung über da? Volksschnlgesetz staitfiiiden könne, tvem, der Antrag Schiffer Gesetz geworden sei. Noch ist der Antrag Schiffer nicht Gesetz ge- worden. Also sind noch die beiden Paragraphen der Verfassung, auf die der Antrag sich bezieht, in Kraft. Also bedeutet das Volks« schul,», terhaltmigSgesetz eine VersasiungSänderung. Also mußte im Abgeordnetenhause zweimal über die Vorlage abgestimmt werden, ehe sie an da§ Herrenhaus gelangen konnte. Die zweimalige Ab« stiminung ist nicht erfolgt. Wenn tvir uns jetzt mit den, Gegenstande beschäftigen, so drücken wir unser Siegel unter einen Verfassungsbruch. Nicht als Pole, sondern als Veteran dieses Hauses bitte ich um Zurücksendung der Vorlage an das Abgeordnetenhaus. Jetzt hat das so oft in der Presse"und der öffentlichen Meinung geschmähte Herrenhiiiis Gelegenheit, als Hüter der preußische» Vcr- fasiimg aufzutreten I Ich bitte nochmals inständigst um Zurück- Verweisung des Gesetzentwurfes, der jetzt nicht verhandelt loerden kann, ohne daß eine Bestimmung der preußischen Verfassung verletzt wird. Kultusminister Dr. Studt bittet, den Antrag KoScielski auf Ab- sehung der Vorlage von der Tagesordnnng abzulehnen, und weist auf die einstimmige Annahme der Lex Schiffer in, Abgeordneten- hause hin. v. KoScielski hält daran fest, daß eine zweimalige Abstimmung über die Vorlage im Abgeordnetenhause verfassungsrechtlich not- wendig sei. Der Präsident stellt die llntcrstützungSfrage. Nur zwei Mit- glieder des Hauses erheben sich zur Unterstützung deS Antrages v. KoScielski ans Znrückverweisung der Vorlage an das Abgeordneten- hau?. Die Unterstützung reicht" nicht ans. Der Antrag ist somit gefallen. Frhr. v. Maiitciiffcl bestreitet zunächst dem Herrn v. KoScielski daS Recht, hier als besonderer Hüter der Verfassung aiffzntreten. (Beifall.) NmnenS der konservativen Fraktion beantrage ich Ueber- Weisung der Vorlage an eine 21gliedrige Kommission.— Sympathisch berührt uns die gesetzliche Festlegung der Konfessionalität. Gegen- über diese», großen" Prinzip und gegenüber der großen Be- deutung, die die Volksschule im Kampfe gegen die Sozialdemokratie hat, müssen Einzelbedenken und kleine fraktionelle Eifersüchteleien schweigen. Es liegt uns daran, das Gesetz noch in dieser Session zustande zu bringen, damit nicht in letzter Stunde sich Einflüsse von außen her geltend mache», um das große Werk zum Scheitern zu bringen. An der Finanzfrage wird diese» hohe HanS lind unsere Fraktion dies Gesetz nicht scheitern lassen. Wir wollen auch nicht leugnen, daß uns die der Kirche eingeräunite Stellung nicht be- sonders gefällt. Aber— wie gesagt— in Einzelerörterungen will ich hier nicht eintreten. Bitten möchte ich die Staatsregierung aber. uns nicht zu drängen und uns nicht fortwährend damit zu drohen, daß irgend eine von uns beschlossene Aenderuug daS ganze Gesetz zum Scheitern bringen werde.(Lebhafte Zustimmung rechts.) Fortwährend wirft man dem Herrenhaus» Faillheit, Un- fähizkeit usw. vor.(Heiterkeit.) Man vergißt dabei, in welcher schwierigen Lage das Herrenhaus infolge seiner seltenen Einberufung sich befindet.(Zustimmung.) An die>ei» Zustande können freilich weder Herrenhaus, noch Abgeordnetenhaus, noch die Staatsregierung etwas ändern. Wohl aber steht es bei der Regierung, das Drängen zu unterlassen und unS nicht immer die Pistole auf die Brust zu setzen. DaS AbgeordiirtenhaiiS, mit dem man unS immer droht, ist gar nicht so schlimm. (Heiterkeit.) Es ist gar nicht so ein Popanz(Heiterkeit) und wird »icht wegen dieses oder jenes Paragraphen die ganze Vorlage scheitern lassen.— Ich bitte den Herrn Präsidenten, wenn wir morgen auseinandergehen, den Tag der nächstfolgenden Sitzung erst nachdem der Kommissionsbericht vorliegt, festzusetzen.(Beifall.) Präsident Fürst Inn- und Knyphaüscu erklärt, daß er die letzte Anregung des Vorredners sich zu eigen machen werde. und Beharrlichkeit selbst die ödeste Heidestrecke kultiviert zu werden vermag und sich in wogende Getreidefelder verwandelt. Nicht weit davon liegt die Halle für Produkte deS Acker- und Gartenbaues. Ihre Durchwnnderung ist höchst interessant. Sie enthält eine reiche Sammlung von Samen-, Getreide- und Kartoffelarten, lieber 200 verschiedene Kartoffelsorten sind dort zur Ausstellung gelangt. Besonders sehenswert ist die Tierausstellung. Sie zeugt von einer glänzenden EntWickelung der deutschen Viehzucht und veran- saiaulicht zugleich, welches hohe Niveau dieser Zweig der deutschen Landwirtschaft erreicht hat. Mag auch im ganzen die englische Viehzucht noch immer die deutsche überragen, so läßt sich doch nicht verkennen, daß die deutsche in den letzten Jahren enorme Fort- schritte gemacht hat. Die Anlehnung an die ausländische Pich. züchtung ist überwunden; die deutsche hat sich von den ausländischen Zuchtversuchen unabhängig gemacht und schlägt selbstbewußt ihre eigenen Wege ein. Speziell ist die Pfcrdeausstcllung reich beschickt. Der Katalog führt im ganzen 073 Pferde auf, darunter herrscht das Warmblut vor und zwar vorwiegend die Pferde deS leichteren und schwereren Reitschlages und des leichten Wagenschlages. Es sind 416 Warmblüter und 182 Kaltblüter(schwere Arbeitspferde) ausgestellt. Die Warmblüter haben vornehmlich Brandenburg, Pommern, Hannover und Mecklenburg gestellt, während Sachs.»» und die Rheinprovinz hauptsächlich Arbeitspferde geschickt haben. Doch lieferten auch Ostpreußen, Brandenburg, Hessen und Pommern Kaltblut-ArbeitSpferde; es wenden sich also auch diese Provinzen, die man bisher für ausschließliche Domänen der Edelzüchtung be- trachtete, neuerdings der Kaltblutzucht zu. Außerordentlich reich ist auch die Rinde», die Schweine- und ganz besonders die Schaf. auSstellung beschickt. Zum Schluß verdient noch die FischereiauSstellunff der Er- wähnung. Ausgestellt sind besonders Karpfen, Salme und Schleie. Mit Karpfen sind nicht weniger als 96 Bassins besetzt, während 89 Bassins Salme der verschiedenen Arten enthalten. Auch eine Anzahl Wildfische finden wir dort, darunter besonders die Modü- Marenen aus dem Hommerschen Modüsee. Ferner Aale. Zander. Bachforellen usw. Als Ganzes beweist die Ausstellung, daß nicht nur die deutsche Industrie, sondern auch die deutsche Landwirtschaft emsig vorwärts schreitet trotz der ewigen Klagen der Junker über den der Land- Wirtschaft drohenden sicheren Ruin. Fassung dieses Punktes m Vorlage. Wir wissen, daß die Regelung dringend bedürfen; Oberbürgermeister Becker-Köln schließt sich dem Proteste deS Freiherrn v. Manteuffel gegen die Ausführungen des Herrn v. KoscielSki an.(Lebhafter Beifall.) Die konfessionelle Regelung des Volksschulwesens entspricht den Anschauungen des größten Teils meiner Mitbürger. Dagegen erfüllt es mich mit Mißtrauen, daß die Rechte, die die Städte bisher hatten, im wesentlichen beseitigt werden, während die Rechte des Kultusministers aufrechterhalten werden. Das Gesetz hat durch die Mitwirkung meiner Freunde im Abgcordnetenhause wesentliche Verbesserungen erfahren, ohne die wir vielem Gesetze unsere Zustimmung verweigern müßten.— Eine uns schmerzliche Lücke deS Gesetzes betrifft die Bersügungcn über das Schulvcrmögc»! Diese Lücke ist uns um so schmerzlicher, als wir noch in frischer Erinnerung den Berliner Schulkonflikt haben!— Die Regelung der Rektorenfrage durch den bekannten Kompromißautrag ist uns sympathischer als die der ursprünglichen Regierungs- Verhältnisse der Landschulen einer wir freuen unS, daß der Finanz- minister immerhin einige Millionen für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hat. Wir hätten aber eine bessere Berücksichtigung der Städte in dem Gesetze gewünscht. Vielleicht ist es noch möglich. Ver- besserungcn in dieser Richtung zu erzielen. Wir schließen uns daher dem Wunsche des Vorredners an, daß die Regicru. nS weder in der Kommission, noch im Plenum drängen möge.(Bestall.) Dr. v.).Dziel»bowski: Der konfessionelle Charakter der Volks« schule ist dem lebendigen Born der Volksanschaunng entsprossen. Zuwcitgehend ist die Bestimmung, wonach die Geistlichen beider Konfessionen zum Schulvorstande gehören sollen. Redner geht auf Einzelheiten der Vorlage ein und stinimt im allgemeinen den Be- schlüssen des Abgeordnetenhauses zu, hält aber die Abänderung einiger Paragraphen für notwendig. Fürst v. Lichnowsky: In der konfessionellen Volksschule wie in jeder Maßnahme zur Stärkung des religiösen Gefühls erblicken wir eine Verstärkung der Grundlagen der Staats- und Gesellschafts- ordnung. Der erfolgreichste Träger der Kultur in den polnischen Gegenden ist der Schulmagister. Wenn der Gesetzentwurf in der jetzigen Fassung Gesetzeskraft erhält, so'wird der Lehrer in gewissem Grade polnischen Einflüssen ausgeliefert und seine Widerstands- krast wird vermindert. In der vorliegenden Form bedeutet das Gesetz geradezu eine nationale Katastrophe.(Beifall.) Fürstbischof Kardinal Dr. Kopp: Bei der Verabschiedung des Entwurfes im anderen Hause ist die Hoffnung ausgesprochey worden, daß er hier verbessert werden möge. Die Freunde der Simultanschule können zufrieden sein; denn in der Vorlage ist diese Schulart gesetzlich anerkannt, was bisher nicht derFall war. Da- gegen haben die Anhänger der Konfessionsschule ihre Position im wesentlichen aufgeben müssen. Nach der Verfassung soll die Konfessionsschule die Regel sein, und ich hoffe daher, daß billigen Wünschen in dieser Richtung in der Kommission Rechnung getragen werden wird. Wir werden uns alle bemühen müssen, zu weit gehende Wünsche zurückzustellen, um das Gesetz zustande zu bringen. Die neueren Vorgänge in Oberschlesien zeigen uns, daß die religiös empfindenden Oberschlesser ihrer Unzufriedenheit mit gewisse» staatlichen Maßnahmen Ausdruck geben wollten. Sie fühlen sich in ihren religiösen Empfindungen benachteiligt dadurch, daß der Religionsumerricht in der Schule nicht mehr in der Muttersprache erteilt wird. Die jetzige Bewegung unter den polnischen Oberschlesi�rn ist von draußen in sie hineingetragen worden. Ter olicrschlcsische Klerus hat alles getan, was er konnte, um der radikalen Agitation cntgcgcnznwirte». Wen» die radikale Bewegung in Oberschlesicn zusammenbrechen wird, so wird das ein Werk und ein Bcrdicnst deS obcrschlesischen Klerus sein, der aud)_ in dem agitatorisch aufgeregten Volke das religiöse Gefühl zu erhalten weiß. Auf einer obcrschlesischen Konferenz haben die Bürgermeister der dortigen großen Juduftriestädte eine bedenk- liche Ueberfülluug der Schulklassen konstatiert, die die allerschlimmste» Mißstände im Gefolge hat.— Redner verliest eine Tabelle, aus der hervorgeht, daß z. B. im Landkreise Oppeln in zahlreichen Orten über 100 Schüler auf einen Lehrer kommen.— Ich möchte au ein Wort erinnern, das der hochselige Kaiser Wilhelm in der schwierigen Kulkurkampfzeit zu mir sprach:„Man darf den Karren nicht über- lade», sonst bricht er". Möchte die Kommission dies Kaiserivort be- achten.(Lebhafter Beifall.) Kultusminister Dr. Studt wendet sich gegen die Ausführungen deS Fürsten Lichnowsky iind bestreitet, daß die Polenpolitik der Regierung zu einer Katastrophe führen werde. Preußen wird und muß allen LosreißuiigSversuchen den schärfsten Widerstand entgegen- setzen.— Redner verteidigt sodaim gegen den Oberbürgermeister Becker die ministerielle Verfügung über die Verwendung der Schullokale. Daß dieser Punkt in dem Gesetze nicht geregelt wurde, entsprach dem Bestreben, die Borlage nicht zu überlasten. Oberbürgermeister Fuß- Kiel: Wir werden in der Komniission Verbesserungsanträge einbringen, jedoch nur solche, die nicht das Zustandekommen der Vorlage zu gefährden geeignet sind.— Ich bin prinzipieller Anhänger der Simultanschule und stütze mich dabei aus die Erfahrungen, die ich als Lorsitzender einer Schuldepntation in Danzig gesammelt habe. Ich freue mich. daß in Westpreuße» und Posen der bestehende Zustand erhalten bleibt. Ich bin mit dem Fürsten Lichnowsky der Meinung, daß eine allzu scharfe Betonung des konfessionellen Charakters den Frieden nicht fördert, sondern gefährdet.— Weiter wenden wir uns gegen die Eingriffe in die Selbstverwaltung. Solche sind uufraglich in der Vorlage enthalten, wenn wir auch selbstredend überzeugt sind, daß der Kultusminister die Selbstverwaltung zu respektieren wünscht.— Redner bringt Bedenken gegen die Bestlniniungen der Vorlage über die Schuldeputatioucn und ihre Zusammen- setzuug vor. Hierauf vertagt sich daS Hau? auf Sonnabend 11 Uhr.(Ver- cidigung eines neuen Mitgliedes, kleinere Vorlagen, Rechnungssachen. Fortsetzung der heutigen Beratung.) Schluß 5'/« Uhr._ Die Finanzen des Reichs und der deutschen Bundesstaaten. Im 2. Bande der VierteljahreSheste zur Statistik des Deutschen Reichs gibt das kaiserliche statissische Amt eine Uebersicht über die Finanzen des Reichs und der Bundesstaaten. Nach den Voranschlägen für 1Ö05 balanziercn Einnahmen und Ausgaben mit ö.8 Milliarden Mark: die Gesamtschuldenlast beläuft sich auf 15,4 Milliarden Mark. Fast die Hälfte davon sind Eisenbahnschulden. Von den Gesamt- schulden entfallen 12 245OOOO0O M. auf die Bundesstaaten und 3 203(XX) lZvll M. auf das Reich. Eine Zustammenstellung der Ein- nahmen und Ausgaben nach dem Voranschlag ckür 1905 in Vergleich zu den Rechnungen pro 1902 und 1903 ergibt folgendes Bild: Einnahmen Ausgaben 1905 1903 1902 1905 1903 1902 in Millionen Mark Bundesstaaten. 4419 5096 4900 4434 4829 409« Reich.... 2800 2052 2489 2300 2545 2470 2,4 Milliarden Mark, in weitem Abstände schließt sich Bayern mit 452,3 Millionen Mark an. Der sächsische Staat beansprucht '/g Milliarde Mark. Mehr als 100 Millionen entfallen nur noch auf Württemberg, Baden, Hessen und Hamburg. Schaumburg-Lippe steht am Ende der Reihe mit 844 900 M. Eine Spezialisierung der Einnahmen und Ausgaben(nach dem Voranschlage) gibt die folgende Zusammenstellung: Einnahmen Ordentlicher Etat ErwerbScinkünfte.. Steuern, Zölle... Gebühren.... Vergütungen... Sonstige Staatsein- nahmen.... Ueberschüsse.... Ueberweisungen.. Außerordenil. Etat Aus dem Grundstock. Aus Anlehen... Aus sonstigen Staatsfonds i.... in 100Ö M. 3 571 707,0 1 731 405,0 212 004,9 04 029,2 530 070,5 31 450,0 239 029,4 2493,1 800 172,2 83 782, 3 Ordentlicher Etat Auf Erwerbseinkünste Bedarf für die Staats- schuld..... Staatsverwaltung. Leistungen an das Reich Deckung v. Fehlbeträg. früherer Jahre.. Außerordentlich. Etat Auf Erwerbseiukünfte Für die Staatsschuld F. d. Staatsverwaltung Deckung v. Fehlbeträg. früherer Jahre.. Ausgaben in 1000 M. 2 599 173,4 018 720,3 2893 938,7 270053,9 8 534,5 129 070,1 1 348,0 274 594,0 2039,9 Die beiden wesentlichsten Positionen in den Einnahmen sind die der Erwerbseinküufte und der Zölle und Steuern. Letztere stellen reine Einnahmen dar, während den Einnahmen aus Erwerbs gelegcnheiten auch bedeutende Ausgaben aus derselben Position gegenüberstehen. Als tatsächliche Einnahmen für den Staat aus Erwerbsgelegcnheiten können nur die Ueberschüsse betrachtet werden. Im Vergleich zu den Vorjahren stellen sich Einnahmen und Ausgaben bei Erwerbsei»rkünften in Millionen Mark 1901 1902 1903 1904 1905 Einnahme... 8124.5 3182,4 3182,3 3411,3 3571,8 Ausgabe.... 2271,2 2330,1 2378,5 2502,3 2599,2 Ueberjchuß 853,3 972,0 840,3 804,3 909,0 Eine Zusammenstellung betreffend die Erwerbseinkünfte für das Etatsjahr 1905 ergibt folgendes Resultat: Einnahme Ausgabe in 1000 Mark Domänen...... 55 987,0 Forsten...... 201 030,8 Bergwerke..... 202 109,4 Ueberschuß Stäatseisenbahnen Staatsdampfschiffahrt Post und Telegraph. Sonstige Betriebe Sa. 2 220 790.2 1 587,9 590 005,0 232 990.1 "3 571 707,0 23 902,1 94 103,9 239 972,4 1 550 024,1 1 009,0 503 314,4 180 251,9 32 084,9 107 520,9 22 137,0 004 402,1 — 21,7 93 351,2 52 738,2 2 599 178,4 972 218,0 Der gesamte erzielte Ueberschuß aus ErwcrbSgelcgenheiten be- läuft sich demnach auf 972 218 000 M. Hierbei ist jedoch noch zu berücksichtigen, daß die Beträge für Verzinsung und Tilgung des Anlagekapitals nicht mit eingestellt sind. Die folgende Zusammen stellung gibt einen Uebcrblick über Steuern insgesamt und pro Kopf der Bevölkerung. Es beträgt nach dem Voranschlag die Summe der insgesamt in pro Kopf 1000 Mark in Mark direkten Steuern....... 470 553,2 8,35 Zöllen und Aufwandsteuern... 1077 320,1 19,11 Verkehrsstcuern....... 153 873,5 2,73 Erbschasts- und Schcnkungssteuern 29 052,8_ 0,53 1 731 405,0 30,72 Das Gesamtsteuersoll in 1905 ist gegen das Vorjahr um rund 53 Millionen Mark, gegen 1903 um 70 Millionen Mark und gegen 1901 um rund 100 Millionen Mark gestiegen. Wenden wir uns nun den Ausgaben zu, soweit sie in der Zu sammenstellung der Erwerbseinkünfte noch nicht in Erscheinung traten. Nach Staaten geordnet ergibt sich bezüglich der Gesamt erfordernisse für die Landesverteidigung und der Bedürfnisse der Staatsverwaltungen folgendes: Es beanspruchen nach dem ordent- lichen Etat: �.Schule Justiz- Finanz- Innere u. Wlsseuschaft äußere Kunst und ÜC1> Ver- KultuS waltung waltung waltung in 1000 Mark 2 085,9 2 800,0 443 103,0 121.359,8 194 400,8 149 842,4 183 801,1 300 549,0 38 880,2 22 509,1 Heer und Marine Sa. 0785 7748 7455 0800 7374 7172 Die Gesamteinnahmen und Ausgaben sind beeinflußt durch die gegen- seitigen Zahlungen zwischen Reich und Bundesstaaten. In dcrHauptsache sind das die Matrikularbeiträge und die Ueberweisungen aus Steuern und Zöllen. Durch das Reichsgesetz vom 14. Mai 1904 betreffend Aenderungen des Finanzwesens im Reiche ist eine wesentliche Ver- schiebung eingetreten, so daß ein Vergleich der Ziffern für 1905 mit denen siir 1903 und 1902 nicht möglich ist. Im Jahre 1903 beliefen sich die Matrikularbeiträge auf 500.3 Millionen Mark, die Ueberweisungen auf 552,4 Millionen Mark, mithin ein Ueberschuß der erstercn von 13,9 Millionen Mark. Nach dem Voranschlag für 1905 bcläuft sich der Ueberschuß auf 79,2 Millionen Mark, die Summe der Matrikularbeiträge stellt sich uänilich auf 208.5 Millionen Mark. die der Ueberweisungen auf 189,3 Millionen Mark. Der Hauptanteil an dem gesainten Staatsbedarf entfällt auf Preußen mit 2,7 Milliarden Mark, dann folgt die Reichsverwaltung mit Reich..... 909 499,8 Preußen....— Bayern....— Sachsen....— Württemberg..— Baden....— Hessen....— Mccklenburg-Schw.— Sachsen-Weimar.— Mecklenburg-Str..— Oldenburg...— Braunschweig..— Sachsen- Meining.— Sachsen-Altenburg— Den Ausgaben Millionen Mark steht 49 508,4 43 005,4 24 454,9 17 124,9 17 834,2 31300,4 — 10 387,1 0 899,3 12 921,0 19 350,2 — 12 793,8 0 837,7 14 500,4 21 421,9 — 7 449,1 4 500.3 8 031,0 9 930,2 — 2 213,0 2 522,5 2 403,2 4 824,1 — 2 829,1 1 180.8 2 000,2 3 550,9 — 428,7 408.0 27,8 1 499,7 — 1 557,7 1057,7 1 912,1 3 469,2 — 2 701,9 1 979,1 8 561,0 8 849,4 — 1 140,4 738,5 957,7 1930,9 — 996,6 589,6 650,6 1 616,9 für den Militarismus in Höhe von rund 970 als Aschenbrödelchen die Volksschule gegen über. Sämtliche Bundeestaaten. die freien Hausastädte eingeschlossen, wenden dafür auf rund 272 Millionen Mark. Für jede Mark, die für die Schule verausgabt wird, beansprucht der Militarismus 3,20 M. Die Verpflichtung aus den gesamten Schulden an Zinsen usw. beanspruchen 2>/zmal mehr als für Schulen ausgegeben wird. Wie schon mitgeteilt, beziffert sich die Gesamtschuldenlast auf über 15 Milliarden Mark Die Veränderungen des Standes der fundierten Staatsschuld seit 1901 zeigen die folgenden Angaben: Zu Beginn deS EtatSjahreS betrug die Staatsschuld � Huö der Partei. der Bundesstaaten des Reichs Zusammen 1901 1902 1903 1904 1905 Auf den Kopf 10 790 084.3 11 258 575,0 11 730 177,3 11 855 385.4 12 181 212.SW der Bevölkerung in 1000 Mark 2 315 050,0 2 733 500,0 2 733 500,0 3 023 500,0 3 023 500,0 13112 334,3 13 992 075,0 14 403 077,3 14 879 385,4 15 204 712,0 entfällt eine Schuldenlast von 209,74 M. und zwar 58,04 Mark aus den Schulde» deS Reiches und 210,10 Mark ans den Verpflichtungen der Bundesstaaten. Der Zinsen- dienst einschließlich Tilgung belegt die Bevölkerung für 1905 pro Kopf mit einer Last von 10,54 Mark. Die Gesamtzliisensumme be- lauft sich auf 513009 200 Mark, der für Schuldenablösung aufzu- bringende Betrag auf 77 278 100 Mark. Hinzu kommen noch 4 385 000 Mark für Verwaltung usw., so daß die Gesamtlast, die aus der Tributpflicht an daS Kapital erwächst, sich auf 594 732 900 Mark stellt. In dem Vermögensausweis sind aufgesiihrt: Eisenbahnen mit einem Anlagekapital von 13 014 774 000 Mark(die Eiseiibahuschnlden belaufen sich auf 7 144 050 300 Mark) bei 51 190,4 Kilometer Gleisanlage, 707 885 Hektar Domänen und 4 951585 Hektar Forsten. Wir können also daS erhebende Bewußtsein in uns tragen, daß wir nicht nur pro Kopf 80.72 M. Steuern aufbringen dürfen. sondern auch jeder mit 270 M. Schulden belastet ist. Dafür steht uns in den Eisenbahnen pro Kopf ein BennögenSanteil von 240 M. zu, ferner aus dem Staatsbesitz pro Kopf 0.013 Hektar Domänen und 0,083 Forsten. Schade, daß wir nur den Druck der Schulden verspüren, aber nichts von den Annehmlichkeiten des Besitzes von Wald. Wiesen und Gärten. Der Besitzende spürt nichts von der Armut des Proletariers und dieser nicht« von dem Reichtum des Domäneninhabers, Jagdherm und Kapitalisten. Entgegnung. Es ist ja ein bißchen viel auf einmal, wenn unter der mn solch sittlicher Emvörung und heiligem Pathos ausstaffierten Erklärung in Nr. 133 des„Vorwärts" eine solche Menge großer Namen gegen mich aufmarschieren.„Wilh. Liebknecht",„Deinosthenes', „Karl Marx".„Johann Jakoby",„Heinrich Heine" usw., da mutz umn ja ängstlich werden. In solche g e i st i g e Unkosten, wie sie die Er- klärung bedeutet, hätten sich die Genossen der DiskutierAubs wegen ineiner unbedeutenden Persönlichkeit doch nicht zu stürzen brauchen. Auch der Blinde muß es ja mit dem Krückstock fühlen, daß so tadel- lose polemische Manieren, wie sie die„Erklärung" zutage gefördert, nur das„Resultat der erzieherischen Tätigkeit" der� Klubs sein kann, und jeder etwa noch vorhandene Skeptiker wird jetzt von dem hohen„pädagogischen Werte der Diskutierklubs" durchdrungen sein. Schade, daß die Genossen auf eine sachliche Diskussion ver- zichten; man würde sich nach dieser Probe viel davon versprechen können. Jedenfalls scheinen die Genossen sehr wenig von der Preß- freihcit erbaut zu sein, da ihnen eine sachliche Kritik so zu Herzen geht, und so suchen sie für sich wenigstens einige„Schimpf"- freihcit zu wahren. Da ich nicht zu den Schwärmern für den guten Ton gehöre, so gönne ich ihnen gern dies kleine Vergnügen. Jedenfalls werde ich mich aber dadurch nicht beirren lassen, meine Ueberzeugung unumwunden auszusprechen, auch� auf die Gefahr hin, jemand dabei unangenehme Wahrheiten sagen zu müssen. Der Vorwurf, daß es mir nicht um eine sachliche Krrtik zu tun gewesen sei, ist wohl nur bei dem übergroßen Eifer, mir zu antworten, mit unterlaufen, ist er doch durch nichts begründet, da ich selbst unterlassen hatte. Namen zu nennen und nur die Interessenten auf die Sache selbst, nicht aber auf irgend eine Person verwiesen hatte. Ich kann es deshalb ruhig den Lesern meines Artikels und der Erklärung überlassen, zu entscheiden, wer mit persönlichen Jnvcktiven arbeitet. Es wird wohl auch nur meiner„Gedankenverwirrung" zuzu- schreiben sein, wenn ich glaubte, die Parteigenossen erkennten gleich mir das Merkmal der Clique darin, daß man die eigenen Freunde über den grünen Klee lobt und die anderen für Dummköpfe erklärt. So rühmt Genosse K. in seinem Artikel in Nr. 23 der„Neuen Zeit" seinen Freunden nach,„mit heißem Bemühen den Quellen des Wissens nachzugehen", daß ihr„höchstes Bestreben dahin geht. in die Welt der sozialistischen Ideen tiefer einzudringen". An- dcrerseits erklärt er von den Schülern der„Arbeiter-Bildungs- schule", daß sie„in der Handhabung der Begriffe der Marxschen Lehren so bewandert wären wie der Eingeborene Australiens mit der ersten Feuerwaffe" usw. Wenn das nicht Merkmale einer Cliquenwirtschaft sind, so müssen mir die Verfasser der„Erklärung" erst sagen, was sie unter dem Begriff„Clique" verstehen. Und wer nun, wie ich. über einige Erfahrung verfügt und seit fast iVi Jahrzehnt Beobachtungen in der Arbeiterbewegung gemacht hat, der wird wissen, daß in kleinen Organisatiönchen die sachlichen Momente immer von den persönlichen uberwuchert werden und einen ungebührlichen Raum beanspruchen. Ich mache damit auch niemand einen persönlichen Vorwurf, weil ich weiß, daß diese Uebel aufs innigste mit dem System verknüpft sind. Auf andere Ver- Hältnisse übertragen ist es dasselbe, wenn ich konstatiere, daß der Kleinbürger eine andere Psyche als der Bourgeois hat, was wieder mit ihrer historischen Stellung im Produltionsprozeß zusammen- hängt, weshalb dem Kleinbürger seine Beschränktheit nicht als persönlicher Makel vorzuwerfen ist. Deshalb wird es den Genossen der Diskutierklubs nicht gelingen, mir andere als sachliche Motive nachzuweisen. Mir aber einzubilden, ich würde mit meinen Aus- führungen den lebhaften Beifall der Diskutierklubs erwerben, dazu bin ich doch nicht„borniert" genug. Otto Geithner. Zum Parteisekretär für Halle und den Saalkreis wurde Ge- nosse Tabcrt, gegenwärtig Arbcitersekretär in Luckenwalde, fast e i n st i m m i g gewählt. Der bisherige Parteisekretär Genosse L e p i tz übernimmt zunächst provisorisch die Bewirtschaftung des neu errichteten Volksparkes. Für die bayerischen Landtagswahlen, die aller Voraussicht nach im nächsten Sommer zum ersten Male nach dem direkten Wahlrecht stattfinden, treffen unsere nordbayerischen Genossen schon jetzt nach und nach die nötigen Vorbereitungen. Fortgesetzt finden Wahlkreis- ckonferenzen statt, auf denen die Kandidatenfrage erledigt wird. So wurde für den Wahlkreis Kronach-Weismain der Genosse Seelmann- Kronach, für Lichtenfels-Staffelstein der Genosse Hirsch-Schncy auf- gestellt. Im Landtagswahlkreise Berncck- Wunsiedel wurde Genosse Panzer-Bayreuth als Kandidat nominiert, nachdem der Reichstags- laudidat Genosse Hugel-Bayreuth aus Gesundheitsrücksichten die ihm augelragene Kandidatur abgelehnt hatte. Für den Wahlkreis Bamberg-Stadt ist vor kurzem Genosse Dorn-Nürubcrg, für Bam- berg-Land Genosse Merkel-Nürnberg und Gasteigcr-Bamberg auf- gestellt worden. Sozialdemokraten als Arbeitgeber. Unter dieser Spitzmarke geht zurzeit über den Genossen Landtagsabgeordnctcn Rollwagen in Augsburg eine Lügenbeutelei um die andere durch die bürgerliche Presse. Der Sachverhalt ist kurz folgender: In der Druckerei des Genossen Rollwagen mußte wegen Arbeitsmangcls ein Handsetzer entlassen werden. In Betracht kamen nur zwei Personen. Der eine ist in jeder Beziehung tüchtig, er kann auf der Maschine und im Akzidenzsatz verwendet werden und war befähigt, Maschinensetzer zu werden, damit et in Notfällen einspringen könnte. DaS alles war bei dem anderen Setzer nicht der Fall. Es wurde deshalb der letztere von der Entlassung betroffen, und zwar erfolgte die Eni- lassung ordnungsgemäß. Die Sache wäre nun absolut nichts be- anderes. Einer von jener Sorte aber, die der Organisation der Buchdrucker nicht zur Zierde gereichen, brachte den Vorfall in total entstellter und unwahrer, gehässiges Weise in die reaktionäre Augs- burger„Abendzeitung" und auch im„Korrespondent" war die Angelegenheit in einer Weise ausgeschlachtet, wie eS im größten Scharfmacherorgan besser nicht hätte gemacht werden können. Tie bürgerliche Presse ist vor Freude außer sich, den„Korrespondent" als Arbciterorgan bei ihren Verleumdungen als Kronzeugen an- führen zu können. polizeiliches» OmcbtHcbcs ulw. Die Düsseldorfer Justiz hat sich gründlich blamiert. Genosse Bomm, der im Polizistenbeleidigungsprozeß gegen den Genossen Schotte von der.Volkszeitung" wegen Memeidsverdachts ver- haftet wurde, ward am Mittwoch in später Abendstunde aus dem Gefängnis entlassen. Der erdrückenden Zahl der Entlastungsbeweise konnte die Anklage nicht standhalten und so mußte die Klassenjustiz ihr Opfer herausgeben, daS 10 Tage unschuldig hinter Kerkermauern geschmachtet hat. Tags zuvor war noch ein Gesuch auf Haft- entlassung gegen Kaution abschläglich beschicdcn worden. Das Urteil gegen den Genossen Schotte muß nunmehr einer Revision imlerzSgen werden. Gespannt darf man sein auf das, was mit dem Schutzmann geschehen wird. Unser Düsseldorfer Parteiblatt bemerkt zu der Entlassung u. a.: „Nach den Zeugenaussagen haben wir keinen Augenblick an der schließlichen Frellassung Bomms gezweifelt und wir haben Polizei und Gericht eindringlich und oft genug ihre heillose Blamage voraus» gesagt. Tagtäglich meldeten sich auf unserer Redaktion Zeugen des Vorfalles, ans der Straße, wo wir uns sehen ließen, wurden wir dieserhalb angehalten.' Noch während wir diese Zeilen schreiben, überbringt man uns die schriftliche Aussage eines Augenzeugen, die im wesentlichen alles bestätigt, was Bomm beschworen hat." Altenburgcr Justiz. Für augebliche Beleidigung zweier Alten- burger Lehrer, wegen der die StaalSanwaltschast Offizialklage an- gestrengt hatte, wurde am Donnerstag, den 14. Juni, Genosie Dickrciter von der Altenburgcr„Volkszcitung" zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Die Altenburgcr Justiz, die vor einigen Jahren schon einmal Gegenstand der Besprechung im Reichstagt war, hat in der letzten Zeit sich durch drakonische Strafurteile tteaen Streikvergehen usw. ausgezeichnet. Die Anklage des Genossen Seeger von der»Leipziger Volkszeitung"» der unter Anklage gestellt ist wegen einiger Ausrufungszeiche» in der„Altenburger Volks» zeitung". geht ebenfalls von Altenburg aus. Die betreffende Nummer wurde von der Altenburger Staatsanwaltschaft nach Jnsterburg geschickt. Wie's trifft, bald so, bald so. Gegenwärtig beschäftigen sich die Halleschen Strafkammern mit der Verbreitung des Wahl- rechtsflulblattes zum roten Sonntag. Vom Schöffengericht sind bekanntlich 120 Genossen, die durch die Flugblattverteilung eine öffentlich bemerkbare Arbeit verrichtet und den Sabbat entheiligt haben sollten, frei- gesprochen worden. Die 3. Strafkammer beschäftigte sich zunächst mit einem einzelnen Fall und sprach diesen Flugblatt- Verteiler ebenfalls frei. Dann hatte die 4. Strafkammer über 8 Flugblattverteiler zu entscheiden und verurteilte die Täter zu je 3 M. Geldstrafe. Und als nun heute wieder die 3. Strafkammer über 48 Flugblattverteilcr zu befinden hatte, kam sie auch zur Verurteilung der Täter zur Zahlung einer Geld- strafe von je S M. Die Schöffengerichte stützten sich bei den Frei- sprechungen auf eine Entscheidung des Kammergerichts, wonach die Flugblattverteilung keine öffentlich bemerkbare Ar- b e i t sei. Die Strafkammern„stellen nun das Gegenteil fest". Uns wird von alledem so dumm, als ging» uns ein Mühlenrad im Kopfe herum, Soziales. Zur Massenkündigung im Statistischen Amt. Nachdem die den S8 Unterbeamten zugedachte Pfingstbescherung „vorläufig" zurückgenommen ist, ist es am Platze auch mal von einem Gegenstück zu berichten, das beweist, wie human im kaiser; lichen Statistischen Amte in Personaldingen verfahren werden kann. Es handelt sich um einen höheren Beamten. Der Fall liegt so: Am preußischen Kammergericht wirkte unter den vielen her- vorragenden Kräften, die dieses Institut bekanntlich besitzt, auch ein Referendar Dr. jur. Caspar, ein Bruder des Direktors im Reichs- amt des Innern Caspar. Dieser Herr war krank und mußte daher dem Dienst oft und in langen Pausen fernbleiben. Trotzdem stand natürlich seiner Beurlaubung für eine Probedienstleistung im kaiser- lichen Statistischen Amt nichts im Wege. Nach dieser auch durch längere KrankheitSpausen unterbrochenen„Probedienstleistung", die unter dem früheren schon verstorbenen Präsidenten Dr. Wilhelmi ihren Anfang nahm, wurde Herr Dr. Caspar, offenbar„auf Grund erwiesener Tüchtigkeit", wie es im offiziellen Anstellungsdeutsch heißt, und auf Grund eines zugleich vorliegenden ärztlichen Gut- achtens, das seinen Gesundheitszustand für nicht aussichtslos er- klärte, unter dem jetzigen Präsidenten Professor Dr. van der Borght als wissenschaftlicher Hülfsarbeitcr beim kaiserlichen Statistischen Amt angestellt. Bald nach seiner Anstellung erkrankte Herr Dr. Caspar von neuem und wurde nach längerem Urlaub pensioniert, nachdem man mit Not und Mühe die notwendigen aber hinreichenden 10„Dienstjahre" für eine Pensionierung zusammen gerechnet hatte. Die Pension beläuft sich auf etwas über 1000 M. im Jahr. Man sieht, der Humanität waren in diesem Falle keine Schranken gesetzt. Es gibt Leute, die unter gleichzeitigem Ausdruck ihres mensch- lichen Mitgefühls für den Herrn Dr. Caspar behaupteten, dieser Herr könne, schon wegen seines Gesundheitszustandes, alles andere bewiesen haben, nur nicht seine amtliche Tüchtigkeit. Höhere Be- amte des kaiserlichn Statistischen Amts haben daraus auch keinen Hehl gemacht. Anderen wissenschaftlichen Hülfsarbeitern, die mindestens ebenso tüchtig waren, ist in der Zeit ihrer Probedienst- leistung gekündigt worden. Immerhin ist das Vorgehen des kaiser- lichn Statistischen Amts im Fall Caspar verständlicher, als die bekannte„vorläufig" zurückgenommene Pfingstüberraschung für untere Beamte. Di« christlichen Gewerkschaften als Schrittmacher und Schutztruppe der Unternehmer. Bei der am Mittwoch stattgehabten Gewerbegerichtswahl in Hannover machten die christlichen Gewerkschaften ganz verzweifelte Anstrengungen, um.unseren Gewerkschaften von den 24 zu wählenden Beisitzern eine große Anzahl, wenn nicht gar alle, abzujagen. Am Abend bor der Wahl sprach der christliche Arbeitersekretar Schiffer in einer Versammlung. Auch wurde ein Flugblatt vor- breitet. Ueber den Ton dieses gegen Arbeiter gerichteten Flugblattes wird man genügend orientiert, wenn wir folgende duf- tcnden Blüten hier hersetzen: „Die christlichen Arbeiter bringen jetzt durch die Wahl der .Kandidaten des Kartells der christlichen Gewerkschaften zum Aus- druck, daß es genug ist des grausamen Spiels, welches die Sozial- demokratie und deren Mägde, die freien Gewerkschaften, mit den Arbeitern bislang trieben. Denn Not und Entbehrung und Entrechtung der Arbeiter wird die Folge der sozialdemokratischen Hetze sein." Dem Metallarbeiterverband wird— wohlgemerkt von Arbeitern!— unterschoben, c r habe die Metallindustriellen dazu ge- trieben, den Formerstreik als eine Mochtftage aufzufassen! Jetzt sollten„die so arg geprellten, getäuschten und geschädigten Arbeiter" die Kandidaten der christlichen Gewerkschaften wählen, die Kandi- baten, unter denen sich— es ist staunenswert l— zwei befinden, die während der Aussperrung arbeitswillig waren! Am Wahltage waren alle Wahllokale mit Stimmzettelverteilcrn besetzt. Im Wahllokale wurde christliche Kontrolle über den„sozialdemokratischen Terrorismus" ausgeübt. Sie hatten es sich wirklich etwas kosten lassen. Und das Resultat? Ganze 321 Stimmen schwemmte die Flutwelle von Beschimpfungen der Arbeiter durch Arbeiter an. Unsere Kandidaten erhielten dagegen 5441 Stimmen, 670 mehr als vor drei Jahren, während die Zunahme der Christlichen 109 betrug. Wollen die Christlichen Terrorismus bekämpfen, dann mögen sich diese gegen einen Vorsitzenden des Wahlvor- standes, den Chef des Arbeitgeberverbandes für das Maler- gewerbe, auflehnen. Dieser verlangte bei Auszählung des Resul- tats Entfernung der Wähler aus dem Wahllokale, also Ausschluß der O es fe n t l i chke it. Als diesem un- gesetzlichen Verlangen nicht Rechnung getragen wurde, nahm dieser Herr— Großmann ist sein Name— die Wahlurne unter den Arm und ging damit nach seiner Wohnung. Die Ar- beiterbeisitzer christlicher und arbeitswilliger Couleur trabten hinterdrein und zählten in der Wohnung des Arbeitgebers ganz gemütlich das Wahlresultat aus. Zu solchen ungesetzlichen Handlungen hätten sich die sozial- demokratischen Arbeiter selbstverständlich nicht mißbrauchen lassen. Ten Christlichen aber blieb es vorbehalten, in Hannover Arbeitswillige als Kandidaten aufzustellen und die Oeffentlichkeit der Wahl, ohne mit einer Wimper zu zucken, zuschandcn zu machen. Und diese Leute behaupten„stets energisch für die Interessen der Arbeiter" eingetreten zu sein I Ihre Kampfesart zeigt, daß sie ledig- lich als arbeiterfeindliche Schrittmacher und Schutztruppe des Unter- nehmertumS und des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozial- demokratie arbeiten. Freilich ist die Arbeit wertlos. Zttvilrechtliche Haftbarkeit und Boykott. AuS Erfurt wird uns geschrieben: DaS hiesige Gericht hat an der zutreffenden, vom Unternehiner- tum lebhaft angegriffenen Rechtspraxi, festgehalten, daß die Auf- forderung zum Boykott in der Regel nicht zum Schadensersatz ver. pflichtet. Der Sachverhalt ist folgender: In Arnstadt verweigerten die Besitzer deS„Kurhauses" und des„Restaurant Faber" den Gewerkschaften und der sozialdemo- kratischen Partei ständig ihre Lokale zur Abhaltung von Versamm- lungen. Eine öffentliche Volksversammlung, die am 3. März tagte. faßte darauf einstimmig folgenden Beschluß, der im„Arnstädter An- zeiger" und in der Erfurter„Tribüne"-veröffentlicht wurde: „Angesichts des Umstandes, daß der Arbeiterschaft Arnstadts js iit beiden am iOrte befindlichen größten Säle zu öffentlichen Versammlungen nicht zur Verfügung stehen, und die Besitzer der betreffenden Lokale, die Herren Spittel und Faber, sich weigern, sie uns zur Verfügung zu stellen, beschließen die heute versammel- ten Arbeiter Arnstadts, so lange uns die Lokale„Kurhaus" und „Fabers Restaurant" nicht zur Verfügung stehen, ist jeder Besuch dieser Lokale strengstens zu vermeiden. Josef Heer." Herr Spittel. der Besitzer des„Kurhauses", klagte hierauf gegen den Unterzeichner des Beschlusses und beantragte: 1. den Beklagten kostenpflichtig zu verurteilen, jede öffentliche Ankündigung, durch welche die Arbeiterschaft Arnstadts aufgefordert wird, den Besuch des Restaurants„Kurhaus" zu meiden, bei Ver- meidung einer vom Gericht festzusetzenden Strafe für jeden Zu- Widerhandlungsfall zu unterlassen; 2. festzustellen, daß der Beklagte verpflichtet ist, dem Kläger den aus derartigen Ankünoigungen entstandenen und noch entstehenden Schaden zu ersetzen; 3. das Urteil zu 1 gegen Sicherheitsleistung für vorläufig voll- streckbar zu erklären. Zur Begründung führte der Kläger an, daß der Sängerchor der Handschuhmacher den Saal für eine festliche Veranstaltung bereits gemietet hatte, infolge des gefaßten Beschlusses aber zurückgetreten sei, wodurch ihm ein Schaden von 2— 300 M. erwachsen sei. Weiterer Schaden würde entstehen, da im„Kurhaus" Arbeiter ver- kehrten und infolge der Veröffentlichung des Beschlusses wegblieben. Der Beklagte beantragte, die Klagx abzuweisen. Das Gericht entschied nach der„Tribüne" wie folgt: Das Gericht hat sich nicht davon überzeugen können, daß dem Beklagten eine unerlauhte Handlung zur Last zu legen ist. Es war zunächst das gute Recht der Sozialdemo- kraten Arnstadts, am 3. März zu beschließen, daß sie selb st das Lokal des Klägers meiden wollen. Indem der Beklagte diesen Beschluß veröffentlicht, will er— das ist entgegen seinen Ausfuhrungen festzustellen— auf die in jener Versammlung nicht anwesenden Arbeiter einwirken, ebenfalls nicht das Lokal zu besuchen. Es ist auch ohne weiteres klar, daß damit auch eine Einwirkung auf solche Arbeiter beabsichtigt ist, die weder Mitglieder der sozialdemokratischen Partei noch der Gewerkschaften sind, die also von der Maßregel des Klägers nicht direkt berührt wurden, und es liegt auf der Hand, daß die Veröffentlichung dieses Beschlusses auch ein geeignetes Mittel gewesen ist, infolge der viel- fachen Mittel der Einschüchterung schwankender Elemente und„Mit- läufer" eine starke Willensbccinflussung solcher nicht direkt bc- rührter Arbeitcrkrcise herbeizuführen. Der Zweck der Vcröffent- lichung ist der gewesen, auf den Kläger einen Druck auszuüben, damit er sein Lokal den sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Versammlungen öffne. Das ergibt sich von selbst aus der Ver- öffentlichung. Das Urteil gibt dann Auszüge aus einem Flugblatt wieder und fährt fort: Es fragt sich nun, ob diese Handlungsweise des Beklagten unter eine gesetzliche Bestimmung des oben genannten Titels„von den unerlaubten Handlungen" fällt. Nach§ 823 Abs. 1 macht sich der schadenersatzpflichtig, der die Freiheit eines anderen widerrechtlich verletzt. Wenn»uch unter Freiheit die ungestörte Willensbestim- mung überhaupt zu verstehen ist, so ist doch daran festzuhalten, daß nicht jede„die freie Willensbcstimmung irgendwie beeinflussende Einwirkung unter den Begriff der Freiheitsverletzung zu stellen und demnächst dieselbe, sofern dem Täter nicht gerade ein besonderes Recht darauf zusteht, als eine widerrechtliche im Sinne des ge- nannten Gesetzes anzusehen" ist. Es muh vielmehr weiter noch das Moment des Verstoßes gegen die guten Sitten dazu kommen, so daß die Schädigung dann jedenfalls auch aus der Vorschrift des § 826 daselbst unterläge; hierüher ist später zu handeln. Auch § 823 Abs. 2 kann nicht in Frage kommen. Als Schutzgesetze könnten hier die ZZ 240 und 253 St.-G.-B. in Betracht gezogen werden. Ersterer scheidet aber aus, weil weder Gewalt noch ein Verbrechen oder ein Vergehen angedroht wird, letzterer, weil der Beklagte keinen Vcrmögensvorteil erstrebt. Es bleibt noch übrig, die Anwendbarkeit von§ 826 zu prüfen, nach«dem sich der schadenersatzpflichtig macht, der einem anderen vorsätzlich in einer gegen die guten Sitten ver- stoßenden Weise Schaden zufügt. Der Beklagte hat, wie oben dar- gelegt, den Vorsatz der Schädigung, d. h. das Bewußtsein, daß seine Veröffentlichung den Erwerb des Klägers schädige, gehabt. Ob ein Schaden bereits eingetreten ist, könnte dahingestellt bleiben, da der Kläger in schlüssiger Weise behauptet hat, daß ein Schaden eintreten werde durch das Fortbleiben der Arbeiter; allerdings ist hervorzu- heben, daß die Abbestellung des„Sängerchors der Handschuhmacher" nicht als solcher Schaden angesehen werden könnte, da er sich wegen des unberechtigten Rücktritts ja an jenem Verein halten könnte. Das Gericht hat aber weiter sich nicht davon überzeugen können, daß die Handlungsweise des Beklagten einen Verstoß gegen die guten Sitten, d. h. gegen„das Anstandsgefühl oder die sitt- liche Auffassung aller Billig- und.Gerechtdenkenden" enthält. Der Beklagte bringt im politischen Kampf den Boykott in Anwendung; der Boykott, die Aussperrung und wie die verschiedenen Arten dieses Kampfmittels heißen, beruht darauf, daß in den Kampf Kreise, die an dem ursprünglichen Kampf nicht beteiligt sind, herein- gezogen werden, um dem einen Streitteil zum Siege zu verhelfen, oder das dem Gegner Uebel angedroht oder zugefügt werden, die über den Rahmen der Abwehr des gegnerischen Angriffs hinaus- gehen. Beides liegt nach den obigen Ausführungen hier vor. Mit Recht hält das Reichsgericht aber daran fest, daß dergleichen Kampf- mittel im gewerblichen oder politischen Kampfe nur dann als unsitt- lich zu betrachten sind, wenn sie darauf ausgehen, die geschäftliche Existenz des Gegners zu untergraben, wenn sie also mit Rücksicht auf die Sachlage als unbillige und ungerechte Härte, nach ihrem Maße und Umfange als über die Grenzen des sittlich Zulässigen hinausgehend anzusehen sind. Davon kann nach dem Klagcvortragc keine Rede sein; den Kläger mag ein gewisser Schaden treffen, als sehr erheblich, als ruinierend stellt ihn seihst der Kläger nicht hin. Endlich ist auch nicht einzusehen, wie in der Art der Mitteilung des Beklagten, in der Benutzung der Tagxspresse ein unzulässiges Mittel des Kampfes liegen soll. In den Augen der nichtbeteiligten Gesell- schaftskreise wird der Kläger durch die Veröffentlichung nicht herab- gesetzt; sie bezweckt und bewirkt nur die Mitteilung an diejenigen Kreise, denen das Wort des Beklagten als eines bekannten Partei- führers oder der Beschluß der Volksversammlung als autoritative Willensmeinung gilt.— Hus Induftrie und Kandel. MaMbulletin. Der Stahlverband gab in seiner am Donners- tag stattgefundenen Beiratssitzung folgendes Bulletin aus: Seit dem im vorigen Monat erstatteten Geschäftsbericht sind wesentliche Acndcrungen in der geschäftlichen Lage nicht eingetreten. Die Werke sind nach wie vor außerordentlich stark angespannt. Der absolute Maiversand bleibt nur wenig hinter dem seither höchsten Versand im März zurück, übertrifft jedoch pro Arbeitstag den des Monats März. In Halbzeug wird die Nachfrage des In- landcs von Tag zu Tag dringender. Die Werke können den An- üwderungen kaum mehr nachkommen. Für das vierte Quartal liegen bereits zahlreiche Anfragen vor. Der Auslandsmarkt ist fest. Wie bereits früher berichtet, ist im Interesse der Inlands- kundschaft das Auslandsgeschäft für das dritte Quartal seit Monaten eingestellt. Geschäfte für das vierte Quartal werden nur in be- schränktem Umfange hereingenommen und dabei Preise erzielt, die den heutigen Jnlandserlösen fast überall gleichkommen. In Eisenbahnmaterial ist den Werken volle Beschäftigung bis zum Jahresende gewährleistet. Besonders große Anforderungen stellt das Inland, doch auch auf dem Auslandsmarkt hält die lebhafte Bewegung an. Anfragen laufen in großer Menge ein. Größere Objekte werden bei guten Preisen hereingenommen; es könnten noch größere Quantitäten abgeschlossen werden, wenn den Wünschen nach kurzen Terminen entsprochen werden könnte. Infolge der großen Jnlandsanforderungcn wird jedoch hiervon abgesehen. Im Formeisengeschäft nehmen die Spezifikationen und die Versendungen zu. so daß der Versand im Mai der bisher größte Monatsversand ist. Die für das dritte Quartal herausgegebenen Mengen wurden zu erhöhten Preisen abgesetzt, wobei die Verkaufsmengen in normalen Grenzen gehalten wurden, um jede Spekulation zu ver- hindern. Es wurde die Erhöhung der Beteiligungsziffern in Blechen, Eisenbahnaxen usw. um je 10 Proz., in Röhren um 5 Proz. beschlossen. Was hat die Erhöhung der Beteiligung jetzt für praktischen Wert, wenn die Werke schon bis über die Leistungsfähigkeit hinaus angespannt sind? In dem staatlichen Bernsteinwerke, dessen Sitz in Königsberg ist, waren 1905 1110 Personen beschäftigt. Das geschäftliche Er- trägnis war 1905 noch ungünstiger als 1904. Obgleich die Förde- rung blauer, bernstcinhaltiger Erde gleich groß war wie im Jahre 1904 und die Betriebskosten die Höhe von 1904 nicht überstiegen, blieb doch die Ausbeute von Rohbcrnstein um rund 16 000 Kilv» gramm gegen 1904 zurück; auch die Qualität zeigte einen weitereu Rückgang. Es konnte daher der Bedarf in Rohbernstein zur Berw- steinwarenfabrikation nicht voll gedeckt werden. Bei der Versorgung mit Rohbernstein werden indes die deutschen Fabrikanten in erster Linie berücksichtigt, so daß hauptsächlich die Nachfrage des AnS- landeS unberücksichtigt bleiben mußte. Die Fleischpacker machen mobil. Die Chicagoer Fleischpacker führen, wie der„Tribüne" aus New Dork gemeldet wird, jetzt einen VerlcumdungS- und Schmähfeldzug gegen den Präsidenten Roosevelt, um das gegenwärtig dem Kongreß vorliegende Fleisch- schaugesetz zu Fall zu bringen. Sie überschwemmen das Land mit Briefen und Telegrammen, worin jeder aufgefordert wird, sich an die Kongreßvertreter und Senatoren zu wenden, damit diese das Gesetz ablehnen, welches, wie in den Briefen und Telegramme» versichert wird, dem viehzüchtenden Westen einen Schaden von 150 Millionen Dollars verursachen würde. Die Agitation ruft den Eindruck hervor, als ob die Fleischpacker-Firmen sich auf Kosten des Publikums für die ihnen erwachsenen Verluste schadlos hatten wollten. Versammlungen. GastwirtSgehülfenversammlung. Eine in Mendts Industrie� Festsälen stattgefundcne Versammlung aller Angestellten im Gast- Wirtsgewerbe beschäftigte sich mit der gesetzlich nicht erlaubten Ge- bührenerhöhung des Arbeitsnachweises der Berliner Gastwirte« innung. Der Referent, Kollege Heinrich, Mitglied des Gehülfen- ausschusses der Berliner Gastwirteinnung, führte den Anwesenden vor Augen, wie unkorrekt der Arbeitsnachweis der Berliner Gast- Wirteinnung betrieben wird. Im Januar ist vom Arbeitsnachweis der Gastwirteinnung eine Frau für das Weinbüfett nach der Phil- Harmonie plaziert worden, welche an einem Tage 4700 M. Kasse hatte. Wei der Abrechnung stellte sich ein Manko von 67 M. heraus und mußte die Frau auf Veranlassung der Berliner Gastwirte- innung zu ihrem Gehalt, welcher 15 M. betrug, noch 52 M.. zu- zahlen, um damit das Manko von 67 M. zu decken und die Innung das Haus nicht einbüßte. Dem Obermeister Häller in der Hasen- Heide, Restaurant„Zum Hofjäger", konnten auf Veranlassung des Gehülfenausschusscs vom Artzeitsnachweis der Innung keine Kellner mehr geschickt werden, da der Gehülfenausschuß nicht zugeben kann, daß in einem solchen Eliterestaurant die Kollegen Saalboden aufscheuern müssen. In dem neu eröffneten Restaurant„Vota- nischer Garten", Inhaber Stein, früher Ressource, wurden vom Arbeitsnachweis der Innung sofort 20 Kellner ohne Gehalt plaziert, nachdem der Inhaber, Herr Stein, von keinem Stellenvermittler Kellner zugeschickt bekam. Ja noch mehr, es sind Kellner plaziert worden, welche für einen Zettel statt 10 Pf. 75 Pf. zahlen mußten. In der Diskussion sprach der Jnnungsmeister Hanisch, welcher versuchen wollte, dem Referenten alles zu widerlegen, was ihm aber nicht gelang. Alle übrigen Redner sprachen sich im Sinne des Referenten aus. Bemerkt wurde, daß die Kollegen bei den kom- wenden Wahlen recht vorsichtig sein sollten in der Auswahl der Vertreter. Zum Schluß wurde folgende Resolution angenommen: „Die heute in den Jndustrie-Festsälen versammelten Angestellten im Gastwirtsgewerbe erklären sich mit den vom Gehülfenausschuß getroffenen Maßnahmen bezüglich des Arbeitsnachweises der Ber- liner Gastwirte-Jnnung vollkommen einverstanden. Die Versammlung protestiert mit aller Entschiedenheit dagegen, daß die Gastwirte-Jnnung nach wie vor Gebühren erhebt, obwohl die Aufsichtsbehörde dies verboten und die Erhebung von Vermittelungsgebühren in deutlicher Weise als ungerechtfertigt be- zeichnet hat. Sie erwartet, daß der Magistrat die weitere Er- Hebung von Vermittelungsgebühren inhibiert, und beauftragt den Gehülfenausschuß, dafür Sorge zu tragen, daß die widerrechtlich gezahlten Gebühren den Kollegen unverkürzt und ausnahmslos zurückerstattet werden. Im übrigen sind die Versammelten darüber einig, daß die Einrichtungen der Berliner Gastwirte-Jnnung für die Gehülfen- schaft wertlos sind, weil sie den sozialen Forderungen der Zeit in keiner Weise Rechnung tragen. Die Versammlung beauftragt den Gehülfenausschuß, die Berliner Gastwirte-Jnnung zu ersuchen, in Zukunft ihr Personal kostenlos zu vermitteln und die bis jetzt gc- zahlten erhöhten Gebühren per Post franko zurückzusende«."„ Holzarbeiterverband. Am Donnerstag fand eine Generalber- sammlung der Zahlstelle Berlin statt. Glocke und Leopold erstatteten Bericht vom Verbandstage. Sie gaben eine eingehende Darstellung d>?c Verhandlungen und bezeichneten das Gesamt- ergehnis des VerbandstageS als durchaus befriedigend. Zur DiZ- kussion über den Bericht nahmen nur zwei Redner das Wort. Der eine war unzufrieden mit dem Maifeierbeschluß, wonach die Arbeits- ruhe eintreten mutz, wenn in einem Betriebe, wo zwei Drittel der Beschäftigten organisiert sind, vier Fünftel der Arbeiter für Arbeits- ruhe stimmen. Der andere Redner sprach sich abfällig darüber aus, daß die Berliner Delegierten gegen die Urabstimmung über die Krankenunterstützung gestimmt hätten.— Hierzu bemerkt Glocke, es sei ein Irrtum, wenn der Redner meine, die Berliner Delegierten hätten geschlossen gegen die Urabstimmung gestimmt; sie seien viel- mehr in dieser Beziehung geteilter Meinung gewesen. Was die Maifeier betreffe, so werde die Berliner Zahlstelle ebenso verfahren, wie bisher. Der Beschluß deS-Verbandstages hindere sie durchaus nicht, jedem ihrer Mitglieder die Avbeitsruhc zur Pflicht zu machen. Der Verbandstagsbeschluß sei nur die Voraussetzung da- für, daß die Gemaßregelten Unterstützung aus der Hauptkasse erhalten.— Die Versammlung nahm eine Resolution an, worin sie erklärt, daß sie im allgemeinen mit den Beschlüssen deS VerbaudS- tagcs einverstanden ist. Hierauf ging die Versammlung zur Erledigung von Verbands- angelegenheiten über. Richter ersuchte die Ortsverwaltung, für die dem Verbände angehörenden Maschinenarbeiter eine Sektion einzurichten, falls der Anschluß des Maschinenarbeitcrverbandes an den Holzarbeiterverhand, der vom erstercn kürzlich wieder abgelehnt wurde, nicht zustande komme. Glocke bemerkte dazu, die Anschluß- frage sei durch die Maschinenarbeiter noch nicht endgültig abgetan, deshalb könne die Bildung einer Sektion noch hinausgeschoben werden bis zur endgültigen Entscheidung über den Anschluß. Eine längere Debatte rief eine von Treue eingebrachte Resolution hervor. Dieselbe mißbilligt einen Artikel in der Nr. 20 der„Holzarbeiter-Zeitung", welcher sich mit der Ablehnung der Gehaltserhöhung der Berliner Angestellten beschäftigt und der, wie es in der Resolution heißt, ein unzutreffendes Bild der in Frage kommenden Verhältnisse gibt.— Die Resolution wurde schließlich angenommen und beschlossen, daß sie in der„Holzarbeiter-Zeitung" veröffentlicht werden soll. Die in der Versammlung vorgenommene Wahl des Gauvor- standes hatte folgendes Ergebnis: Dahlke, Exncr, Rich. Leopold, Sick- seid, Schreiber. Güth.— Das Resultat der gleichfalls vollzogenen Wahl des VerbandZausschusses war am Schlüsse der Versammlung noch nicht festgestellt. 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ES ist Pflicht jedes organisierten Kollegen, diese Bauten streng zu meiden. 144/11* _ Die ZektionSleituug. Parteisekretär. Der sozialdemokratische Verein für die ReichStags-Wahlkreise Mtinchen l und II sucht ab I. Juli 1S68 einen Sekretär. Bewerber müssen die Münchener Verhälttiisse kennen, agitatorisch tätig und mit den Verwalttlngsgeschästen vertraut sein. JäbrlicheZ Gehalt 2460 M. Bewerbungen müssen«phieate»» mit 21. Juni er. einlaufen bei Schriftseher, München, Ligfalzstr. I II. Peter Wengenrneyer, (Zahlstelle Berlin). Folgende Firmen haben, weil das Personal nach der Beendigung bei Aussperrung nicht reumütig und bedingungslos in die Betriebe zurück« kehrte, weiter respektive erneut ausgesperrt: «. Wilhhcn A Co., Wilhelm« straße 9. Kl Sperling, Friedrich ftr. 16. D. Bloliiteln, Friednchstr. 16. I.üderitz& Buacr, Mauer« sträße 80. Frlt-schc-Baambach, Schöneberg, Bahnstraße. H. Reiß, Lützowstr. 107/8. Kl Schubert, Wilhelmstr. 121. C. Iletschke A Co., Zimmer« straße 94. A. Schoß, Puttkamerstraß« 19. A. Schoß, Dessauerstraße. Schneider de Ziegler, Ritterftr. 76. Rlckmann, Wilhelmstr. 121. h'unckfche Buchdruckerei, Stall- schreiberstraße 5. Ad. L-udvt ig, Elisabeth-User 5/6, .Fleck!V nchf., Lützowstr. 87. Kumnierer, Koch ftr. 67. C. F. Walter. Wallstr. 16/17. Rieb. Gabi. Chausseestr. 2o. Agthe, Wilhelmstr. 119/20. Rotze A Sleler, Kochstr. 3. Ad. Wittenburg, Wilhelmstraße 16. Xaver Ktflle, Reichenberger- straße 36. Kartonarbeiter u. Arbeiterinne«! Kartonnieter! In der Kartonfabrik von Ad. Lieaser, Krautftraste, sind laris« liche Differenzen ausgebrochen. Diese Betriebe sind gespentl Die Finna AIoz-n Snk, Neander« straße 4(Neanderhof) ist sür Galanteriearbeiter und Arbeiterinnen wegen Differenzen gesperrt. Achtung I Achtung! z'imisplipier-Krlluche. In der Firma A. Schloß, Alexanderftrafse. sind Differenzen ausgebrochen. Vor Arbeitsannahme wird gewarnt I Zuzug ist streng fernzuhalten I Erkundigungen sind cm! dem Bureau, Engel-Ufer 15 II, Zimmer 21, einzuziehen. 24/12 Die OrtSvenoaltung. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Bexfin. Für den Inseratenteil verantw.i TS- Gl,cke, Berlin. Krück u. Verlag: LorwärtSLuchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW. Nr. 137. 23. Jahrgang. ÜM Ks.HwSrls" Kttlim WKMM Sonnabend, 16. Inn! IM. An die Arbeiterschaft Berlins! G e n o s se n I Eine Verkettung besonderer Umstände nötigt uns. an Eure Solidarität zu appellieren. Weil in Hannover. Chemnitz und Breslau unsere Kollegen den gerechten Kanipf um Aufbesserung ihrer Lebenslage kämpfen, hat der Schutzverband deutscher Steindruckereibesitzer die Genrralausspcrrung sämrlichcr Lithographen und Steindruckcr angeordnet. Das ausgesprochene Ziel dieser Aussperrung ist die Vernichtung unserer Organisation, des Deutschen Senefelder-BundeZ. Vielerorts sind die Kündigungen er- folgt mit der Ankündigung, daß der Austritt aus der Organisation die Kündigung rückgängig machen würde. ES handelt sich demnach bei diesem 5�ampf nicht mehr um die Forderungen unserer in den genannten Städten a us st ändigen Kollegen, sondern wir kämpfen um unser Koalition srecht! Nun hat zwar die Aussperrung bei weitem nicht den von den Scharfmachern gewünschten Unn'aug erreicht, anstatt 8000 befinden sich nur etwa 4000 unserer Mitglieder auf der Strafie. Aber diese Zahl ist insofern doch recht bedeutend, als sie immerhin 30 Pcoz. unserer Berufsangehörigen in sich schließt. Trotzdem hätten wir den Schlag pariert. Seit Jahren gut organisiert, hätten wir aus eigener Kraft unseren Gegner niedergerungen und ihm die Lust zu derartiger Gewaltpolitik ein für allemal genomnien. Da fielen uns Leute aus unseren eigenen Reihen in den Nucken Auf Gerichtsurteilen fußend, die jeder gesetzlichen Grundlage ent- behren, haben sie durch eine Verfügung des Landgerichts zu Frank furt a. M. unserer Organisation die Ausübung jeder gewerkschafb lichen Tätigkeit untersagt und unS aus eigenen Mitteln die Zahlung der Unterstützung unmöglich gemacht. Am selben Tage, an dem die Aussperrung zur Tat wurde, wurde ge richtlich unsere Kasse fe st gelegt. Nachträglich machten die Kläger zwar bekannt, daß sie die Ge- Werkschaftskasse freigeben, aber da uns die Auszahlung von Streik- und Ausgesperrtenunterstützung unter Androhung hoher Strafen ver- boten ist, unsere Kasse außerdem aus dem Vermögen unseres alten Verbandes besteht, welches sich in den Händen einer Liquidations- kommisfion befindet, so ist selbst die Freigabe unserer Gewerkschafts- lasse für uns ohne Bedeutung, da unter den durch die Verfügung geschaffenen Zuständen die Liquidation nicht erfolgen kann und so unser Vermögen unserer Verfügung entzogen bleibt. In dieser eigenartigen Situation, bedrängt von einem brutalen Unternehmertum, gelähmt durch Auchkollegen aus unseren eigenen Reihen, wenden wir un» an Eure oft bewährte Soli- daritätl. Der Kampf steht für uns außerordentlich günstig l Zu SO Proz. organisiert, sind Streik- und Sperrebrecher aus der Reihe der leistun-rsfähigen Arbeiter überhaupt nicht aufzutreiben. Der Kampf' kann nicht lange währen; wenn uns die Genossen nicht im Stiche laffen, so muß er in kürzester Frist zu unseren Gunsten beendet sein! Wir sind überzeugt, keine Fehlbitte zu tun, wenn wir Euch auf- fordern, nach Kräften dem Sammelruf der Generalkommission Folge zu leisten. damit wir in der Lage sind, den uns aufgedrungenen Kampf um unser Koalitionsrecht siegreich zu bestehen! Die Vertrauensleute der Lithographen und Steindrucker Berlin». » An die Arbeiter Berlins und der Vororte. Werte Genoffen k Unter Bezugnahme auf obigen Aufruf und den Beschluß der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, veröffentlicht in der Nummer ISS des„Vorwärts", machen wir bekannt, daß der Ausschuß der Berliner Gewerkschaftskommission in seiner Sitzung vom 15. Juni beschlossen hat, für die ausgesperrten Lithographen und Steindnicker Sammellisten herauszugeben. Dieselben find von heute abend an im Bureau der Kommisston, Engel-Ufer 1ö. von 4 bis 7 Uhr. sonst von vormittags 11 bis 1 Uhr und abends von 6 bis 8 Uhr für Gewerkschaften und Werkstatt Vertrauensleute zu haben. Legitimation ist mitzubringen. Gelder find zu richten an S. Körsten, Engel-Ufer IS. Der Ausschuß der Berliner GewerkschaftS-Kounnisfion. XV. Gtverlllversmmlung des Verbandes der Kranerei- Arbeiter. th. Köln, den 14. Juni 1906. (Zweiter Verhandlungstag.) lieber den Punkt 4, Bericht der Rechtsschutzkommission, referiert Bauer. Er verweist auf den gedruckt vorliegenden Bericht und bedauert, daß in den allermeisten Fällen über den Ausgang der Prozesse erst auf wiederholtes Drängen Bericht erstattet wird, oft auch überhaupt nicht. Man soll in Zukunft von vornherein den An- walten die Bedingung auferlegen, über den Ausgang der Prozesse zu berichten. Im übrigen erkennt Redner die erhebliche Zunahme der Rechtsnachsuchung als ein erfreuliches Zeichen dafür an, daß die Kollegen immer mehr die Rechte zu verteidigen gewillt sind, wenn auch andererseits manches Gesuch abgewiesen werden mußte, weil es gegen die statutarischen Bestimmungen verstieß.— Eine Diskussion über den Punkt wird nicht beliebt. Den Punkt S der Tagesordnung— Ter Kampf in Hamburg und in Rheinland-Westfalcn— behandelt ebenfalls Bauer. Redner geht in sehr detaillierter Weise auf die Entstehung des Kampfes ein.„.. � In der Diskussion bemerkt S t ö ck l e r n- Leipzig, daß beide Kämpfe den Beweis für die Richtigkeit des alten Sprüchworts er- bracht hätten, daß„viele Köche den Brei verderben". Die vielen Sektionsbildungen in den Organisationen seien ein Fehler, ebenso der Umstand, daß die Mitglieder von einer Organisation in die andere laufen könnten. Mit einem Hinweis auf den Handels- und Transportarbeiterverband rügt es Redner, daß die Generalkommis- sion einen solchen Zustand zulaffe. Auch müsse mit der Taktik des langen Verhandeins gebrochen werden. Die Schlagfertigkeit se« die Hauptsache. Redner kritisiert die Haltung des Fachorgans, das«n der Kampfzeit nicht auf der Höhe gestanden habe und die Situation nicht genügend agitatorisch ausnütze. Ferner übt Redner Kritik an der Kölner Lokalverwaltung., Dillinger- Hamburg geht in allen seinen Einzelheiten auf den Hamburger Kampf ein, pflichtet den Darstellungen Bauers bei und kritisiert scharf das Verhalten des Hamburger Kartells, des dortigen Parteiorgans, das ebenfalls nicht genügend für die Brauer eingetreten sei und fordert, daß in Zukunft der Verband bei aus- brechenden Kämpfen von vornherein erNären soll, daß er die von den Kartellen benötigten Kosten trage, dann werde auch die Kampfeslust der Kartelle etwas lebhafter sein wie in den letzten Kämpfen.— Wittich- Frankfurt a. M. stellt sich auf den Standpunkt von Stöcklein und kritisiert auch den Hauptvorstand, daß dieser sich zu sehr von der Kölner Lokalverwaltung habe be. IIIHIHIII.............. IWII I einflussen lassen. Der Kampf hätte müssen vermieden werden.— Z B r ü l l i n g- Dortmund betont, daß die Provokation des Kreutz- � baucrschen Verbandes klar lag. Gerade deshalb hätte anders bis- paniert werden müssen. Redner erörtert umgehend die Ursachen des Kampfes, der schon verloren war, bevor er begann. Die Taktik von feiten der Kölner Verwaltung und des Hauptvorstandes sei eine ungeschickte gewesen. Das Unternehmertum hatte durch das lange Parlamenticren Gelegenheit, sich vorzubereiten, während selbst in den Reihen unserer eigenen Instanzen Unklarheit herrschte. Redner geht sodann auf die Streifbrechertaktik der sog.„Christ- lichen" und der Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaftler ein, sowie auf die Ursache des vollständigen VersagenS der Bergarbeiter. Nur dort, wo gute Parteiorganisationen vorhanden geivesen, habe der Boykott gewirkt. Die Arbeiterschaft deS RuhrgcbictS müsse erst zum Klassenkampf erzogen werden.(Bravo!)— Rauh- Karlsruhe betont, daß der Ausgang des Hamburger Kampfes depri- mierend gewirkt habe. Der Zeitpunkt des Kampfes dürfe nicht durch die Unternehmer bestimmt werden. Tie Klagen über die Presse seien nicht berechtigt, die Kollegen hätten die Presse mit Material versorgen müssen.— Kunz- Barmen kritisiert den Hauptvorstand und wendet sich ferner scharf gegen die Haltung der „Bergarbeitcr-Zeitnng", die, entgegen dem Versprechen des Abgeord neten Huc, vollständig versagt habe. Jakob- München gibt den Bericht der Beschwerdekommission Sowohl die Beschwerde aus Nordhausen wie die aus Hamm wird als grundlos zurückgewiesen.—?l m b o r n. Erfurt verteidigt daß Hamburger„Echo" gegen die erhobenen Vorwürfe und betont, daß es Schuld der Kollegen am Orte sei, wenn der Kämpfen die Ar' beiterpresse nicht genügend oder falsch unterrichtet sei.— Etzel' Hamburg betont, daß die eingehende Kritik Vorschläge zur Besse rung vermissen lasse. Die Kollegen müßten mehr selbständig wer- den und sich nicht bei jeder Gelegenheit hinter die übrige Ar- beitcrschaft flüchten.— Müller- Dresden macht auf die Bildung kapitalistischer Monopole im Braucreibetriebe aufmerksam, die versuchen, die Aktien der Brauereien an sich zu bringen. Der sich bildende neue Feind sei im Auge zu behalten.— Krieg wendet sich gegen Brülling, der von� falschen Voraussetzungen auSge- gangen und deshalb zu falschen Schlüssen gekommen sei. Es babe sich in Köln nicht um zwei Kollegen gehandelt, sondern um die Un summe von Erbitterung, die sich durch die fortwährenden Maß regelungen angesammelt habe. Ter Kampf hätte nicht zurückgestellt werden dürfen, weil die Chancen später noch ungünstigere gewesen wären.— N c n m a n n- Berlin hält die Kritik für unberechtigt. Wäre ein Sieg erfochten, so hätte man den Vorstand gelobt. Man solle keine Erfolgsanbcter sein, denn über den Ausgang eine» Kampfes könne nicht beim Beginn desselben entschieden werden Die Brauer sollten sich überhaupt abgewöhnen, bei jeder Klcinig keit vorstellig zu werden oder mit dem Boykott zu drohen. TaS System der Nadelstichpolitik sei sehr gefährlich, und eine zu oft benutzte Waffe werde leicht schartig. Man solle sich auch nicht mit Händen und Füßen an eine Stelle klammern, ein gesunder Wechsel sei manchmal sehr gut.— K u b e(Generalkommisston): Unter den Gründen für da§ Mißlingen des Kampfes in Rhcinland-Westfalen sei auch die Aufhebung des Kölner Lokalboykotts vor dem Statt- finden deS Gewerkschaftskongresses in Köln benannt worden. Schon im Vorjahre sei im„Vorwärts" richtig gestellt, daß die Generalkommission damit nichts zu tun habe. Dieser Darstellung durch das Kölner Gewerkschaftskartell sei von keiner Seite wider- sprachen. Nun möge man nicht wieder dieselben unberechtigten Vorwürfe erheben. Als das Kartell erklärt habe, nicht genügend boykottfreie Lokale zu haben, habe Legten entgegnet, daß dann der Gewerkschaftskongreß vertagt oder von Köln verlegt werden müsse. Da das Kölner Kartell aber beide? verhüten wollte, so habe ei den Beschluß gefaßt, an Stelle deS Lokalboykotts den Bierboykott treten zu laffen. UebrigenS bestreitet Redner auch, daß der Be- fchluh eine nachteilige Wirkung auf den Ausgang des Boykotts auS- geübt habe. Nach den Darstellungen einiger Redner sei der Kampf bereits verloren gewesen, als er begonnen wurde. In der Tat fei auch zu der Zeit der Kölner Aufhebung des Lokalboykotts die Anficht vertreten, daß ein Erfolg nicht zu erzielen war. Der Wunsch, daß die Frage deS Boykotts auf dem nächsten Gewerkschaftskongresse zur Erörterung kommen werde, würde erfüllt werden. Die Debatte habe gezeigt, daß man sich über den Wert, Durchführung und Wirkung von Boykotts nicht klar fei, deshalb würden die Brauerei- arbeiter gut tun, sich vor dem nächsten Gewerkschaftskongreß ein- gehend damit zu befassen. Der Kampf habe weder positive Erfolge noch eine Stärkung der Organisation gebracht, deshalb die pessimistische Beurteilung. Man möge nun die entsprechenden Lehren aus dem Kampfe ziehen und nicht kleine Ursachen als Anlaß großer Be- wegungen dienen lassen. Als Unparteiischer hat Redner daS Emp- finden, als ob die Brauer den Unternehmern in die bereit gehaltene Schlinge gelaufen feien. Die Brauereiarbeiter zeigten zu viel Neigung, auf die Unterstützung anderer zu rechnen. Boykotts würden nur Erfolg haben, wenn man sie in den alleräußersten Fällen anwende. Bauer sucht in seinem Schlußwort alle die Kritik zu wider- legen, die an dem Verhalten deS Hauptvorstandes geübt ist. Der systematischen Abschlachtung der Organisation habe müssen entgegen getreten werden. Bauer wundert sich über die Rolle BrüllingS, der vor dem Kampfe mit dem Hauptvorstande noch einer Meinung gewesen sei. Der Kampf konnte nicht verhindert werden, den AuS- gang habe der Hauptvorstand eben so wenig voraussehen können wie alle die jetzigen Kritiker. Da Anträge nicht gestellt sind, so ist der Punkt damit erledigt. bleiben, ebenso die Mitglieder anderer Organisationen der Schuh, brauche, die zum Zentralverband übertreten. Die Dauer der Mit, gliedschaft in der bisherigen Organisation wird ihnen in der Wcisq angerechnet, daß die geleisteten Beiträge summiert und auf die Bei, träge des Schuhmacherverbandes umgerechnet werden. Der Vor, ftnndsantrag, daß Mitglieder der säfiveizerischen, dänischen und« österreichischen Organisation, wenn sie nach Deutschland kommen� beim Eintritt zum Verband ebenfalls vom Beitrittsgeld befreit sind. wird gleichfalls angenommen; Mitglieder nickst benannter auS» ländischer Organisationen werden auch unentgeltlich aufgenommen, sind aber im übrigen der Karenzzeit unterworfen. Ein Antrag Dresden, die wegen StrcikbruchS ausgeschlossene»» Mitglieder erst nach zwei Jahren guter Führung und solche, die sich des gleichen Vergehens mehrmals schuldig gemacht haben, überhqupt nicht mehr aufzunehmen, wird einstimmig abgelehnt K Verbandstag der Schuhmacher. Nürnberg, 14. Juni. Vierter VerhandlunsStag. In der Beratung der allgemeinen Anträge wird fortgefahren. Der Antrag, den Gau S(Schlesien), der bisher im Nebenamt ver- waltet wurde, als selbständigen Gau einzurichten, wird an- genommen. Kumerow- Hamburg stellt den Antrag, für Hamburg eben- falls einen Gaubeamten anzustellen. Der Antrag wird angenommen. Es folgen nun die auf das Fachblatt bezüglichen Anträge. Ein vom Gau 2 gestellter Antrag fordert, daß Inserate von solchen Firmen, die mit ihren Arbeitern beständig in Differenzen stehen, nicht mehr aufgenommen werden. Der Antrag wird abgelehnt. Dasselbe Schicksal hat ein vom Gau 7 gestellter Antrag, in dem die Aufnahme von Artikeln im Fachblatt gemißbilligt wird, die von Prsonen herrühren, die weder dem Verband angehören noch dem Fachblatt nahestehen, und welche Artikel geeignet sind, die Organisation zu schädigen, ausgenommen Berichtigungen. Zur An- nähme gelangt dagegen ein weiterer Antrag desselben GaueS, wonach die Warnungen vor Zuzug stets am Kopse des Blattes stehen und für Schoßarbeiter und Fabrikarbeiter getrennte Rubriken geführt werden sollen. Ferner wird auf Antrag Pirmasens beschlossen, jede Nummer des FachblatteS mit einem Inhaltsverzeichnis auszustatten, außerdem soll am Schluß jedes Jahres ein gesamtes JnhaltSver- zeichnis von sämtlichen Nummern herausgegeben werden.— Bock. Gotha bittet, ihm die Befugnis einzuräumen, daß das ganze Fach. blatt in Petitschrift gesetzt werden darf, wodurch wöchentlich zwei Spalten Raum mehr gewonnen werden. Der Antrag wird ein. stimmig angenommen. Es folgt sodann der dritte Punkt: Sioiutenberotung, wozu eine ganze Anzahl Anträge vorliegen, die zumeist nur von interner Be- deutung sind. Eine längere Debatte ruft der VorstandSantraz her- vor, der die Grenzstreitigkeiten mit anderen Verbänden beseitigen soll. ES wird auf Antrag von Gau 7 beschkosscn, daß auS anderen Organisationen übertretende Mitglieder vom BeitrittSgeld befreit Em der Frauenbewegung. Ein Musikabenb im Frauen- nnd Mädchenvertin. Der Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse hatte seinen Mitgliedern am Montag einen interessanten Abend be- reitet, an dem Herr Leo Kestenberg einen Vortrag über die Ent- wickelungSgcschichte der Musik hielt und durch meisterhaftes Klavier» spiel den Hörern Bach, Beethoven und Liszt nahe brachte. Der Vortragende führte aus, wie selbst bei den wilden Völkern al» erstes Anzeichen einer beginnenden Kultur das Gefühl für Ton und Rhythmus erwacht und beschreibt den Weg, welchen die Musil von den rasselnden, eintönigen Lauten der Wilden bis zur höchsten Höhe der Harmonie der Gegenwart zurücklegte. WaS für die Antike die Plastik, für die Renaissance die Malerei, das bedeutet für unS die Musik. Durch Klangwirkungen werden die zartesten und leidenschaftlichsten Regungen unserer Seele geweckt. Romanen und Germanen haben die höchste Blüte der Tonkunst geschaffen und die Kirche war eS, welche sich zuerst dieses Mittels bediente, um auf die Seelen der Menschen einzuwirken. Der Gipfelpunkt der christlichen Tonkunst und Erwecker der modernen Musik ist Bach. Eine seiner charakteristischsten Kompositionen,„Die Ciaccona", brachte Herr Kestcnberg auf dem Flügel den Anwesenden zu Gehör und gab den aufmerksam Lauschenden eine Ahnung von der Größe Bachs. Dann spielte der Vortragende die Sonate 110 deS größten Meisters aller Zeiten, Beethoven, dessen gewaltiger Einfluß auf die Musik sicher noch Jahrhunderte überdauern wird. Wie großen Eindruck Beethoven und das wunderbare Spiel des Künstlers aus- übte, konnte man an der atemlosen Stille der tief ergriffenen Zu» Hörerschaft erkennen. Nun folgten ein moderne? Konzertstück von Liszt,„Phantasie ans Morona", einer Oper BelliniS, ein Virtuosen» stück, welche das reiche Können des Spielenden zeigte und durch seine glänzenden Klangwirkungen fesselte. Reicher Beifall lohnte den Vortragenden, der seinen Höhepunkt erreichte, als derselbe zum Schluß die Marseillaise von Liszt in kraftvollen Akkorden an unS vorüberrauschen ließ. Gleichsam eine Mahnung an die Ar- beitcrklasse, vorwärts zu stürmen im Kampfe um die höchsten Güter der Menschheit und auch die Kunst, welche jetzt ein Privilegium der besitzenden Klassen ist, für sich zu erobern. E. St. Zur FrauenwahlrechtS-Bewegung in Holland. Sowie in einem Lande die Wahlrechtsbewegung einen gewissen Einfluß gewinnt, tritt unter den Vertreterinnen der Frauen- bewegung für das Wahlrecht immer schärfer der Klassenunterschied hervor. Die Frau, die sich zu den„gebildeten" und„besseren" Ständen zählt, kann es nicht fassen, daß ihre Dienstmagd, die keine Dame, kein Fräulein ist, die sie nur mit dem Vornamen anredet und mit Geringschätzung behandelt, daß diese„ungebildete Person' daS gleiche Wahlrecht in Staat und Gemeinde erhalten soll wie sie, die Dame des Hauses. Daß Dienstmädchen,. Waschfrauen und Fabrikarbeiterinnen Reichstagsabgeordnete oder Gemeindevertreter werden könnten, das ist ihr geradezu unbegreiflich. Darum sind die Frauen der tvohlhabenden Klassen nur für das Damenwahlrecht. Das bringt ihr BvurgeoiS-Klassenbewußtsein so mit sich, und eS ist leicht begreiflich, daß die Damen so und nicht anders empfinden und tun Dagegen denken die zum Klassenbewußtsein erwachten arbeitenden Frauen anders. Wohl empfinden auch sie bitter daS Unrecht, das auf ihrem Geschlcchte lastet, aber nicht minder stark regt sich in ihnen das Gefühl des Unrechtes, das die ganze Arbeiter- klaffe darniederdrückt und alle oder fast alle ihre Klassengenössen, 'ei eS Mann, sei es Weib, zu politisdfcn Unreifen und Unmündigen stempelt. Nichts liegt den Proletarierfrauen an der Einführung eines Danienwahlrechts. DaS könnte ja nur die Reaktion stärken. den politischen Druck vermehren, der auf ihnen wie auf den Männern ihrer Klasse lastet. Sie fordern in Uebereinstimnning mit der Sozialdemokratie das allgemeine und gleiche Wahlrecht für beide Geschlechter. Soweit ist alles klar und kann unter Sozialdemokraten kein Zweifel obwalten. Anders, wenn es sich um den praktischen Kampf ür das Wahlrecht handelt. Hier kann die Partei nur zu leicht in einen Konflikt der Pflichten geraten. In Holland tritt zurzeit neben dem Klassengegensatz in der Frauenbewegung eine Meinungsverschiedenheit innerhalb der Sozialdemokratie in Erscheinung bei der Frage über die Wichtigkeit und Zweckmäßigkeit, jetzt bei der allgemeinen Wahlrechtsreform auch mit voller Kraft das Frauenwahlrecht zu fordern. Der Klassen. gegensatz zeigte sich unter anderem darin, daß der bürgerliche„Ver- ein für Frauenwahlrecht" plötzlich anfing, für ein beschränkte» F r a u e n w a h l r e ch t zu agitieren. Er mußte deswegen au» dem„Komitee zur Erringung des allgemeinen Wahlrechts", dem der Verein bis dahin angehört hatte, ausscheiden.. In der Kammer brachten die„Freisinnigen Demokraten" eine Vorlage zur Verfassungsrevision ein, die wohl das Frauenwahlrecht estlegen will, jedoch nicht daS allgemeine. Dagegen verlangt die Vorlage der sozialdemokratischen Fraktion, daß die Kammer nicht mehr von„männlichen Einwohnern", sondern von volljährigen Niederländern gewählt werden soll. Damit wäre daS Hemmnis für die Einführung des FrauenwahlrcchtS beseitigt, aber dnS Frauen. Wahlrecht doch nicht durch die Verfassung gesichert. Selbstverständ- lich wird das allgemeine Wahlrecht von unseren Genossen verlangt und prinzipiell auch für die Frauen, und das wird auch in der Be- gründung ihrer Vorlage ausdrücklich und bestimmt hervorgehoben. Es waren also Zweckmäßigkeitsgründe, die die Fraktion bestimmten, in ihrem Vorschlag zur Verfassungsreform nicht entschieden die Festlegung des Frauenwahlrechts zu verlangen. Peinliches Aufsehen und viel Widerspruch hat jedoch die Aeuße. rung eines Fraktionsmitgliedes, des Genossen Troelstra, erregt, die er im November vorigen Jahres bürgerlichen Fmuenrechtlerinncn gegenüber getan. Troelstra erklärte: Wenn eS in diesem Augenblick möglich wäre, daS Frauenwahlrecht zu erhalten, so würde er da- gegen stimmen, denn die Mehrheit der Frauen in Holland sei noch so reaktionär, noch so sehr den Einflüssen der Geistlichkeit unter- worfen, daß bei politischer Gleichberechtigung die Frauen zu einer reaktionären Macht werden würden, welche der gesellschaftlichen Ent- Wickelung und sogar dem Fortschritt der Frauenbewegung selbst ge» fährlich werden müßte. Daß eine solche Ansicht sich, bei aller möglichen Rücksicht auf die obwaltenden Umstände, nicht mit dem Parteiprogramm in Einklang bringen läßt, ist ohne weiteres klar. Die Genossin Henriette Roland-Holst hat in der neuesten Nummer der„Gleichheit" einen längeren Artikel über„Frauen- Wahlrecht und Sozialdemokratie in Holland" veröffentlicht. Sie .schildert hier auch das Verhalten deS Genossen Troelstra und be-, merkt dazu u. a.: '«Sehr lmDig wäre es, zu wissen, ob die Partei in der Frage des Frnuenwahlrcchtes auf demselben Standpunkt steht wie i' ob sie parlamentarischer Führer, und ob sie wie er bereit ist, ihr Prä» aramm um Augenblicksinteressen halber im Stiche zu lassen. Dn Anträge dazu, welche eine Anzahl unserer Parteiorganisationen darunter vier der Amsterdamschen Wahlvereine, zum letzten Partei tag einbrachten, berechtigen uns zu der Hoffnung, daß dies nicht der Fall ist. Leider kam der zu Ostern abgehaltene Parteitag nicht dazu, sich mit der Frage des Frauenwahlrechtes zu befassen. Die grosse Auseinandersetzung in Fragen der„Organisation und Taktik" nahm zu viel Zeit in Anspruch. Den Delegierten des sozialdemokratischen Frauenklubs wurde jedoch auf ihre Anfrage bestimmt zugesagt, daß der nächste Parteitag sich mit der Frage des Frauenwahlrechtes be- fassen wird. Wir sind voller Zuversicht, dass er sie im prinzipiellen Sinne lösen wird, damit die Sozialdemokratie sich auch in dieser Frage als eine Partei erweist, die, grossen Zielen zueilend, bei ihrer Taktik allgemeine und dauernde und nicht beschränkte und vorüber« gehende Erfolge ins Auge faßt. Die allgemeine und dauernde Folge aber der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes wird— wie die Gleichberechtigung jeder unterdrückten Klasse, Nationalität und Rasse— zum Lernen des richtigen Gebrauchs der errungenen Rechte führen, zu raschem Aufftieg und zur menschlichen Vervollkommnung der früher Unterdrückten. Genchtö- Zeitung. DeS fürstlichen SilberdicbstahlS erster GerichtSakt. Die Geheimnisse der Silberkammer des Schlosses in Basedow. die zu einem Verfahren gegen den Fürsten und die Fürstin W r e d e geführt haben, beschäftigten gestern die t. Strafkammer des Land- gerichts I in einer gegen den früheren Diener des Fürsten Wredc, Wilhelm Glase, gerichteten Anklage wegen versuchter Er- Pressung. Der seit dem 8. Mai in Untersuchungshaft sitzende Angeklagte ist 28 Jahre alt und im Jahre 1898 wegen Diebstahls mit 19 Tagen Gefängnis vorbestraft. Vor Eintritt in die Ver- Handlung stellt der Verteidiger den Antrag, das Verfahren aus- zusetzen, bis das Verfahren gegen den Fürsten und die Fürstin Wrede und die Haushofmeisterin Fräulein Weidig entschieden sein würde und den Angeklagten aus der Haft zu entlassen. Das Gericht behält sich den Beschluß vor. Unterlagen der Anklage. Der Angeklagte, der gegen den Fürsten Wrede einen Zivil- Prozeh wegen Gehaltsansprüche in Malchin anhängig gemacht hat, ist als französisch sprechender Diener im Hause des Fürsten Wrede angestellt gewesen und wegen eines Zwistes, den er in Biarritz mit der Fürstin gehabt hat, am 15. April er. entlassen worden. Am 29. April hat er aus Paris von dem Hotel d'Orsay aus einen Brief an den in Madrid weilenden Fürsten Wrede gerichtet, der wie folgt lautet:„An Se. Durchlaucht den Fürsten v. Wrede. Wie wäre es mit 59 999 M.? Palais d'Orsay will nur, sein Silber, dann will es schweigen. Kaiserhof, Westminster und Bayrischer Hof weiss noch nichts, erfährt eS aber sofort, wenn bis DienStag keine Nach- richt da ist. Ebenso ein Artikel in der Zeitung. Denken Sie an den jungen Fürsten, der auch in Mitleidenschaft gezogen würde, sowie alles was Wrede heißt." Durch diesen Brief soll er sich ver- suchter Erpressung schuldig gemacht haben. Vernehmung des Angeklagten. Bors.: Sie geben doch in diesem Brief deutlich zu erkennen, dass es Ihnen doch nur auf das Geld ankam.— A n g e k l.: Nein, an die 59 999 M. habe ich gar nicht gedacht; ich habe nur den Brief geschrieben, um den Fürsten zu ärgern. — Vors.: Sie haben doch aber Ihren Verteidiger, wie aus einem Schriftsatz hervorgeht, dahin informiert, daß Sie das Geld erlangen wollten, um eS unter die Armen zu verteilen.— A n g e k l.: Ja, das stimmt auch; ich dachte, wenn ich das Geld bekomme, werde ich eS unter arme Leute verteilen. Ich selbst habe an das Geld nicht gedacht, mir kam es nur darauf an, den Fürsten zu ärgern, zumal ich von vornherein annahm, dass Fürst W. das Geld nicht schicken würde. Vors.: Sie hatten aber doch die einzelnen Hotels genau angegeben.— A n g e k l.: Ich wollte ja auch einen Skandal heraufbeschwören. Zu dem Zweck hatte ich schon von Madrid aus an den Kaiserhof, das Westminster Hotel und an den Bayerischen Hof in München geschrieben, sie möchten sich einmal die Silber» kammer in dem Schloß Basedow ansehen. Beweisaufnahme. Das Gericht vernimmt die Zeugin Alma A l e r s. Sie ist Hausmädchen bei der Fürstin Wrede gewesen, hat den Angeklagten in Basedow kennen gelernt und will sich mit ihm verheiraten. Das Aufgebot auf dem Standesamt ist durch die Verhaftung des An- geklagten unmöglich gemacht worden. Sie ist acht Tage nach seiner Verhaftung, die sie durch die Zeitung erfahren, nach Berlin ge. kommen. Ihre Pflegeeltern hatten inzwischen schon die Wohnung für sie gemietet und Ausstattung besorgt. Die Zeugin weiss, daß die Dienerschaft des Fürsten wiederholt davon gesprochen hat, anzeigen zu wollen, dass im Schlosse zu Basedow gestohlenes Silber- gerät benutzt werde. Die Für st in sei sehr geizig, das Essen sei. immer sehr schlecht gewesen und es ging im Hause sehr einfach zu. Gesellschaften wurden nie gegeben. Alle im Hause haben die Fürstin nicht leiden können, denn sie war sehr Herrisch und schlecht gegen die Dienerschaft. Der Angeklagte war in Biarritz mit Fräulein Weidig in Streit geraten und von der Fürstin entlassen worden. Er war sehr in Erregung geraten, weil er von der Polizei entfernt wurde; die Zeugin selbst ist bei diesem Konflikt von der Weidig in ihrem Zimmer festgehalten worden. Sie ist nach dem, was sie von dem Angeklagten gehört hat, der Ueberzeugung, dass der Angeklagte den Fürsten nur ärgern wollte.— Der Verteidiger läßt sich durch den Angeklagten be- stätigen, daß dieser vor dem Brief, der wirklich an den Fürsten Wrede abgeschickt worden ist, einen Brief geschrieben, aber wieder zerrissen hatte, in welchem er einige Millionen von dem Fürsten forderte. Schon dies zeige, dass eS nur Unsinn von dem Angeklagten war. Auf weiteres Befragen des Verteidiger? bekundet die Zeugin AlerS, dass in der Familie des Fürsten Wrede von dem Silber, welches als gestohlen angesehen werden mußte, ganz gemütlich gegessen wurde. Sie will auch wissen, dass das Silberdepot, welches die Gräfin Hahn-Basedow im Schlosse zurückgelassen hat, von der Fürstin Wrede zusammen mit der Weidig angegriffen worden sei. Beide hätten in einem Zimmer die Rouleaus heruntergelassen und eine Kiste hereinbringen lassen, und als der Haushofmeister eiste siebenteilige Menage in Gebrauch nehmen wollte, fehlte diese. Dass das Silbergerät, welches bei der Fürstin Wrede in Ge- brauch war, gestohlen war, habe sich daraus ergeben, daß die Stelle, wo die Firma des Eigentümers eingraviert war. verlotet wurde, und wenn man die Berlötung abkratzte, sah man die Firma. Die zweite Zeugin Frau Schult, Pflegemutter der Vor- zeugin, bestätigt, daß der Angeklagte gesagt habe, er habe den Brief an den Fürsten Wrede nur aus Aerger geschrieben. BeweiSaotrüge. Der Verteidiger beantragt, die Direktoren des Kaiser- HofeS und deS Westminster-Hotels als Zeugen zu laden. Sie sollen bekunden, daß der Angeklagte schon 1905 ihnen Anzeige von den in ihren Hotels vorgekommenen Silberdiebstählen gemacht habe. Wenn er sich dadurch doch schon alle Chancen einer Erpressung ge- nommen, könne man doch nicht annehmen, dass es dem Angeklagten bei Abfassung deS Briefes auf Erpressung angekommen sei. Ferner wird die Ladung des Untersuchungsrichters in Güstrow beantragt. Dieser Herr, der an der Quelle sstzt, genau die ganze Affäre des FürstenpaareS Wrede kennt, ebenso mit den Beiakten vertraut ist, habe dem Angeklagten gesagt:„Sie haben zwar eine grosse Dumm- heit begangen, können aber keine Nackenschläge haben, denn Sie tgben sich nicht strafbar gemacht, sondern nur unvorsichtig ge« handelt." Südlich beantragt der Verteidiger nochmals Vertagung der Sache bis zur Entscheidung der Strafsache der Fürstin Wrede, gleichzeitig die Haftentlassung des Angeklagten. Der Staatsanwalt widerspricht einer Haftentlassung und bittet, die übrigen Anträge abzulehnen. Vertagung. Das Gericht lehnt nach kurzer Beratung den Antrag auf Vertagung bis zur Entscheidung der Wredeschen Sache ab, ebenso den Antrag auf Haftentlassung, da der Angeklagte dringend tat- und fluchtverdächtig sei, ferner mit Rücksicht auf die Höhe der zu erwartenden Strafe und darauf, daß der Angeklagte stellungslos und es mit Rücksicht auf seine Sprachkenntnisse zu besorgen ist, dass er ins Ausland geht. Dagegen hat das Gericht die Ladung der Direktoren des KaiserhofeS und des Westminster-Hotels be- schlössen. Aus diesem Grunde wird die Verhandlung vertagt. Die Möglichkeit, festzustellen, ob und in welchem Umfange die Wredes fremdes Silber ssch zugeeignet haben, wäre doch wohl längst vorhanden gewesen. Es hätte so in einer Voruntersuchung längst das klargestellt werden können, was von erheblichstem öffentlichen Interesse ist._ Graf und Gendarm. sm kleines Intermezzo auf der Landstrasse führte gestern den Grafen Konrad v. Frankenberg unter der Anklage der Be- leidignng des Gendarmerie-Oberwachtmeisters Heister vor die zweite Strafkammer am Landgericht II.— Graf v. F. huldigt eifrig dem Automobilsport und ist hierbei wiederholt mit den Polizeiorganen in Konflikt gekommen, so dass er bereits einmal vor dem Forum des Schöffengerichts stehen mußte.— Am Vormittage des 28. August v. I. hielt der Angeschuldigte mit seinem Automobil auf der Chaussee in der Nähe von Dahlwitz. Die Räder des Kraftwagens standen auf dem seitlichen Radfahrerwege, so dass dieser versperrt war. Als dies von dem Oberwachtmeister Heisler bemerkt wurde, ersuchte dieser den Chauffeur Prekel, das Fahrzeug so zu dirigieren, daß der Radfahrweg frei blieb. Trotz dieser im höflichen Tone gehaltenen Aufforderung weigerte sich P. weiter- zufahren. Der Beamte stellte nunmehr die Pxrsonalien des P. fest. Nunmehr trat Graf v. F. hinzu und soll den Gendarm in erregtem Tone angeschrien haben:„Sie haben hier überhaupt kein Recht, das ist geradezu eine Unverschämtheit!" Wegen dieser Aeusserung wurde von der vorgesetzten Behörde des Gendarmen Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Drei Tage später richtete der Angeschuldigte an den Geschäftsführer des„Kaiserlichen Auto- mobilklubs", Freiherrn von Brandenstein, eine Beschwerdeschrift, mit der Bitte, bei dem Minister des Innern das Erforderliche veranlassen zu wollen. In diesem Schriftstück bezeichnet Graf F. das Vorgehen des Oberwachtmeisters als einen„dreisten Ueber- griff" und„einen frechen Mißbrauch der Amtsgewalt". Von dem Minister des Innern wurde diese Beschwerde an den Landrat des Kreises Niederbarnim weitergegeben, der als Vorgesetzter deS Oberwachtmeisters wegen dieser neuen Beleidigung Strafantrag tellte. In der ersten Verhandlung vor dem Schöffengericht bestritt der Angeklagte entschieden, den Ausdruck„Unverschämtheit" dem Wachtmeister gegenüber gebraucht zu haben und nahm bezüglich des Schreibens an den Vorstand des Automobilklubs den Schutz des § 193 für sich in Anspruch. Das Schöffengericht nahm zwei Be. leidigungen als vorliegend an und verurteilte den Angeklagten zu 79 M. Geldstrafe.— Das von diesem angerufene Bcrufungs- g e r i ch t nahm auf Grund der Beweisaufnahme an, dass der An- geklagte den Ausdruck„Unverschämtheit" zu dem Gendarmerie. Wachtmeister gebraucht, dazu aber keine Veranlassung gehabt habe. In dem Schreiben an den Präsidenten des Automobilklubs, von dem er nicht annehmen konnte, daß es an die vorgesetzte Behörde weiter. gegeben würde, habe er aber nur die Tendenz verfolgt, die be. treffenden Tatsachen als Material zu einer Beschwerde zu über. Mitteln, nicht aber, dem Beamten etwas am Zeuge zu flicken. In diesem Punkte erfolgte Freisprechung, im übrigen verurteilte der Gerichtshof den Angeschuldigten unter Aufhebung des ersten Urteils zu 59 M. Geldstrafe. Wenn Arbeiter bei ihrem ernsten Kampf um ihr Recht und um bessere Gestaltung der wirtschaftlichen und politischen Verhält. nisse vielleicht in ähnlicher Weise mit einem Gendarm in Konflikt kommen wie der Automobilgraf bei Ausübung des Sports, und sich dann in gleicher, zum mindesten unhöflicher Weise wie der Graf he. nehmen, so würde eine gleich niedrige Strafe außerordentlich auf. fallen. Rücksicht auf die Vermögensverhältnisse und die soziale Stellung des Grafen rechtfertigen eine mildere Bestrafung des Wohlhabenden nicht. Vielleicht verwerten des Grafen politische Freunde seinen Fall bei ihrer reaktionären Forderung auf Erhöhung der Strafen wegen Beleidigung zwecks Verminderung der Duellfälle. Könne» Tarifabschlüsse durch Sonderabmachunge» durchbrochen werden? Der Maschinenschriftsetzer H. beanspruchte von der Firma Weichert eine vierzehntägige Lohnentschädigung von 99 M. Un. streitig war beim Engagement die Bedingung gestellt worden, dass er bei einem Wochenlohn von 45 M, in der Stunde 7999 Buch- staben leiste. Das Schiedsgericht glaubte, daß ein Eid notwendig sei, hielt sich zu dessen Abnahme nicht berechtigt und verwies die Sache an das Berliner Gewerbegericht. In den Gründen der UeberweisungSschrift erklärte das Schiedsgericht für tarifwidrig die Abmachungen, dass bei einem Wochenlohn von 45 M. 7999 Buch staben geliefert werden müßten. Auch sei eS tarifwidrig, bei„ge. wissem Gelde" eine bestimmte Leistung zu verlangen.— In der Verhandlung vor der achten Kammer deS Berliner Gcwerbegerichts wurde festgestellt, dass die in der Buchdruckerei von Weichert in jedem Saale aushängende Arbeitsordnung bestimmt: In Kündigung stehen nur diejenigen, mit denen es ausdrücklich ausgemacht ist.— D" Gericht riet dem Kläger zur Zurücknahme Ber Klage, d» er bei ver obwaltenden Rechtslage nichts verlangen könne. Es handele sich nach dem Umfange des Betriebes um eine solche Fabrik im Sinne der Gewerbeordnung, wo nach ständiger Rechtsprechung der blosse Aushang die Arbeitsordnung verbindlich mache. Nach dieser habe aber der Kläger keinen Anspruch auf Kündigungsfrist. Was die Tarifwidrigkeiten im hier abgeschlossenen Arbeitsvertrage an- gehe, so könne Kläger daraus nichts herleiten, denn es sei nichts dagegen zu machen, wenn entgegen einem korporativen Tarifvertrage andere Abmachungen in einem Betriebe erfolgten. H. nahm dann auch die Klage zurück. Die Rechtsbelehrung des Vorsitzenden entspricht dem Gesetz und der herrschenden Rechts- anschauung. Eine andere Frage ist die, ob diejenigen, mit denen der Tarif vereinbart ist, auf seine Jnnehaltung und auf Schadens. ersatz klagen können. Diese Frage dürfte theoretisch zu bejahen. aber praktisch schwer durchzuführen sein. Stendaler Mordprozeß. Das Reichsgericht verwarf vorgestern die im Stendaler Mord- prozess von dem zum Tode und 15 Jahren Zuchthaus verurteilten Arbeiter Franz ThczinSki eingelegte Revision. KrUfKatten der Redaktion. Di« juristischc Sprechstunde findet wochentägli» Po»?«/, biS«>/, Uhr abendS statt,«-öffnet 7 Uhr. Sonnabends beginnt die Sprechstunde un» 6 Uhr. Jeder Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als B!erk»eicheu beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. Achtung. Wir haben von Ihren Mitteilungen einem Mtgliede deS Kuratoriums für Heilstätten Kenntnis gegeben und gebeten, sich der Sache anzunehmen.— H. St. 1. und 2.: Ja. 3. Wohl nicht.— B. E. 2Ä. Da Sie um Genehmigung nachgesucht haben, müssen sie auch zahlen. Handelt eS sich um eine transportable mit dem Grund und Boden nicht verbundene Laube oder dergleichen, so war eine Erlaubnis nicht ersorderlich. — A. L. 414«. 1. Die Zioillisle beträgt 15»/, Atillionen. 2. Nein. 3. Ja. - X. H. R.. Trebbin. Fichtestr. 10 in Steglitz.— A. B. 1- Ja. ES ständen ihr dieselben Rechte zu, wie jedem anderen. 2. Die Frau verliert durch die Heirat ihre srühere Staatszugehörigkeit und erwirbt die des Mannes. 3. Ausnahme in den preußischen Staatsverband wäre Ihnen zu cmpsehlen. Der Antrag ist an das Polizeipräsidium zu richten. 4. Erfolgt keine Nawralisation, so würde Ihre Frau Ihren bayerischen Unter» stützungswohnsitz teilen.— M. M« M. 19. 1. und 2.: Rem. 3. Ja. — Onkel. Es genügt ein Antrag an das Polizeipräsidium. Ich bin Staatsbürger des und des deutschen istaatcs, habe mich in... seit dem und dem niedergelassen und beantrage, mich in den preußischen Staats» verband auszunehmen. Beizusügen haben Sie den polizeilichen Anmeldeschein, auch kann Ausweis Ihrer StaatSzugehorigkeit verlangt werden. Die'Aus- nähme ist umionft.— A. 0t. 1«. l. und 2. Nein. 3. Sie haben eoenwell doppelt zu zahlen. Wird Miete gepfändet, so ist es für den Mieter daS ge- ratcnsle, die Miete zu hinterlegen und diejenigen, welche Anspruch machen, zu benachrichtigen.— R. G. lS. Ob die Rechnung des Arztes berechtigt ist, kann ohne Einsicht in dieselbe und ohne Klarlegung des �Sachverhalts unmöglich beantwortet werden. 445 M. erscheint allerdings recht hoch. Ist die Forderung an sich berechtigt, so kann der Arzt zur Annahme von Raten- zahlungen nicht gezwungen werden.— C. W. 88. Das Geschäft tan» Ihnen nicht geschlossen werden. Stehen zwei Termine in verschiedenen Ge- bänden au, die sie beide wahrnehmen wollen, so können Sie den Antrag aus Verlegung stellen; verpflichtet ist das Gericht nicht dem Antrag nachzugeben. Zur Rücksendung der Sachen ist der Gerichtsvollzieher nicht verpflichtet. — Brauer, Neuendorf. Leider steht Ihnen nach der Rechtsprechung ein Anspruch aus Unsallrente nicht zu, da der Unsall sich nicht im Betriebe er- eignet hat.— O. W.«437. 1. Etwa 10 M. 2. Der Erzeuger des Kindes ist für die sämtlichen Unterhaltungskosten bis zum IS. Lebensjahre verpflichtet. In der Regel wird ein monatlicher satz vom Gericht sestgesetzt. 3. Nein.— Tiedenhofen. Der Klage seblt vor allem die Ladung. Es ist sür uns unmöglich, im Raum eines„Briefkastens" oder bricslich Klagen an- zusertigen. Sie müßten die Klage zu Protokoll des GerichtsschreibcrS er» klären oder eines der Beispiele ini„Ärbeiterrechl" benutzen.— E. S. 14. Zwecks Austritt aus der Landeskirche ist eine Erklärung an das Amts- gericht zu gerichtlichem Protokoll erforderlich. Der Weg ist aussührlich in Nr. 31 des„Vorwärts" vom 7. Februar angegeben. Der Bater ist nach einer von uns mitgeteilten neuerlichen Emicheidung des Kammergerichts vom Dezember 1305 berechtigt, die AuStrittscrklärung sür seine minder- jährigen Kinder abzugeben. Leider erfolgt durch den Austritt aus der Landeskirche noch keine Dispensation vom Religionsunterricht.— R. G.» Chart. Die Bestimmung des schriftlichen Vertrages ist gültig, der Wirt also im Recht.— F. C. 1899. 1 und 2. Ja.— B. B. 9999. Nein. — M. G. 777. Die Rechte deS Wiris gehen vor.— Wartcstraste 4. Juni er., votinltiags Saal 103: Versammlung: . ü fti der Schulaula, Kleine . anksurterftr. S: Bortrag des Herrn M. H. Barge über:„Die Unnatur er heutigen Schule".— Damen und Herren als Gäste sehr willkommen. Allgemeine«ranken- und Lterbekasse der Metallarbeiter. f. H. 23.) Filiale Berlin 1: Sonntag vormittag 10 Ubr in .„abels Brauerei, BergMannstr. 5—7.— Filiale Berlin ö: Sonn- abend abend 81/« Uhr bei Patt, Dragonerstr. 15, Generaloersammluna.— Filiale Berlin 7: Sonntag vormittag 10 Uhr bei Hoffmann. Päse. walkerstraße 3.— Filiale Rtxdors: Sonnabend abend 8'/, Uhr bei Thiel, Bergstr. löl.— Filiale Charlottenburg: Sonnabend abend 8'/, Uhr im Volkshause.— Filiale Rummelsburg: Sonntag vormittag«'/, Uhr bei Tempel, Boxhagenerstraße, Ecke der Reuen Box- hagenerslraße. Sozialdemokratischer AgitationS-Berei» für de« Wahlkreis ArnSwalde- Friedcberg- Sonntag, den 17. d.M.. nachmittags 4>/,Uhr, bei A. Boeker, Wcberstr. 17: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: 1. Bortrag. L. Bericht vom Kreise. 3. Vereinsangelegenheiten. werden.— C. B. 9. Stellen Sie den Sie betreffenden Fall bau: wann (Tag, Jahr) ist der Betreffende geboren? In welcher«tadt geht er in Lehre und in welchem Ort wohnt er?— C. H. 15. Nein.— O. 11«, Babel, f>. G. 17; Ja.— Schmidt 56a. Wenden Sie sich direkt an die Eisen- ahndirektton Berlin.— F. G. 9. Sie sind als Vater nicht verpflichtet, zu zahlen. Die Folgen der Nichtzahlung müssen im Strajbesehl stehe». — N.«3. Ja, es darf aber im Räume nichts von dem Verlausten ge- trunken werden.— Wette G. 119. 1. Ohne Kenntnis den Alten und des Sachverhalts ist es unmöglich, Ihnen zu sagen, welcher Schritt zweckmäßig ist. 2. Auskunst darüber, wie viel Einwohner bestimmte Städte in ver- schiedenen Jahren gehabt haben, können Sie durch Einsicht in die statistischen Jahrbücher erhalten. Dieselben liegen in den öffentlichen Bibliotheken aus.» F— M. F. 199, Cuskirchen. Wenden Sie sich an Bandagisten oder Mechaniker: eine bestimmte Firma zu nennen, lchncn wir grundsätzlich ab. — M. W. 79. 1. und 2. Sie sind verpflichtet, die Wohnung zu an- gemessener Zeit zur Besichtigung zu stellen. Ist im Vertrage eine bestimmt« entscheiden, welche Zeit er sür Ihren Ort als angemesien erachte» würde. N. W. 87. Hat der Reisende ohne Austrag eine Schachtel mit Sets« ..■"""Me zu abgegeben, so hat er kein Recht auf Schadenersatz� wenn die Seise durl Kinder abhanden gekommen ist. Höchstens steht ihm ein Recht aus des wirklichen, etwa 10 Ps. betragenden Wertes zu.— R. K. 68. atz Uns nicht bekannt.—«. B. 45. Ist ein Vertrag und auch nur ein mündlicher geschlossen, so ist dieser gültig. Aus Ihren Fragen erhellt nicht, wie die Sachlage liegt, insbesondere ob und welcher Vertrag geschlossen ist.— L. 67. DaS können wir nicht entscheiden.— F. H. 7. Wenden Sie sich an die Gewerkschaft der Transportarbeiter, Eiigcl-User 15.— Weinberg. Wenden Sie sich an die Schuldeputation oder an einen Lest« einer Fort- bUdungSschule. Berliner Marktpreise. AuS dem amtlichen Berlchl der städtischen Marlthallen-Direktion. Rindfleisch la 64—68 pr. 100 Pfund, IIa 54—64, lila 50—53, IVa 44—50, engl. Bullen. 0,00, dän. Bullen- 0,00, Holl. Bullen- 0,00. Kalbfleisch, Doppelländer 105—120, la 85—90, IIa 70—80, lila 60—68. Hammelfleisch la 72—77, IIa 64—70. Schweinefleisch 62—68. Kaninchen per Stuck 0,70. Hühner, alte, Stück 1,70—2.80, junge, per Stück 0,50—1,20. Tauben, junge 0,33—0,60, alte 0,00. Enten, prima, per Stück 2,00—2,25, Hamburger, junge, per Stück 2,00—3,25. Gänse, junge, per Pfd. 0,55—0,65, per Stück 3,00 bis 4,75. Hechte 103—114. Schlei« 33—121. Bleie 50—66. Skale, groß 129—130, mittel 118—120, klein 74—79, unsort. 0,00. Plötzen 50. Flundern, pomm. I, t>. Schock 3,00—9,00. Kieler, Stiege la 4—6, do. mittel, per Kiste 2—4, 00. klein, per Kiste 0,00. Bücklinge, Holl, per Wall 0,00. Kieler 2,00—5,00, Stralsunder 5— 6. Aale, groß, P.Psd. 1,10— 1,30, mittel 0,80— 1,00, kl. 0,50 bis 0,60. Sprotten, Kieler, 2 Wall 0,00, Elb- per Kiste 0,00. Sardellen, 1902er, per Anker 82,00, 1304er 80,00, 1305er 00,00. Schottische Vollhermge 1905 0,00, large 40-44, füll. 36—38, med. 35—42, deutsche 37—44. E«ringe, neue Maises, per'/.To. 60—120. Hummern, Ha, 100 Vsd. 0,00. rebse, per Schock, große 00,00, mittel 16,00, kleine 7,50, unsortiert 0,00—0,00. Eier, Land-, per Schock 0,00, frische 0,00. Butter per 100 Psund, la 109—112, IIa 102—103, lila 100—102, abfallende 35— 100. Saure Gurken, Schock 3.75-4.25 M.. Pfeffergurken 4—4,25 M. Kartoffeln per 100 Psb. rnagn. bau. 2,40—2,60, rote Dabersche 2,40, runde weiße 2,40, Malta 0,00, Sommer- Malta 10—11,50, franz. 0,00, ital. 4,50-7,00, ung. 3.50-4.50. Spinat, per 100 Pfd. 15—18, Karotten 2 bi« 3,50. Kohlrabi, per Schock 1,00—1,20. Rettig, bahr., per Schock 2,40— 4,80. Rhabarber, Hamburger, per 100 Bd. 0,00. Radieschen, per Schock-Bd. 1,25. Salat, per Schock 0.75—1.50. Spargel I, per Psd. 0.25-0.36, II 0,15 bis 0,25, III 0.03-0.12, Beelitzer I 0.32-0,38. II 0.15—0.25. IU 0,10-0,12. Bruchspargel 0,00. Bohnen(grüne), per 100 Psd. 70—100. Schoten, hiesige, per 100 Psd. 15-18. Psesserlinge per Psd. 0.25-0,30. Mohrrüben per Schock-Bd. 2,00—3,00. Blumenkohl per Kaps 0,30. Wirfingkohl per Mandel 1,75-2,00. Steinpilze per Psd. 0,33. Teltower Rüben per Psd. 0,W— 0,25. Stachelbeeren 100 Psd. 10—14. Kirschen, ital., 100 Psd. 20—28, Gubener 10—16, Werdersche 12—16, schief. 8—14. Blaubeeren per Pfd. 0,28—0,30. Erdbeeren, Holl, per 100 Pfd. 30—40, franz. per Psd. 0,35—0,40, Beelitzer per Psd. 0,80—0,45, Werdersche per Psd. 0,20—0,40, Dresdener per Psd. 0.80. hiesige Wald, per Psd. 0,30-0,80. Zitronen. Messina. 300 Stück 8.09-10.00. 360 Stück 6,75-3.00. 200 Stück 6.50-3.00. 429 Stück. klein 7,00._ WttternugSüverflcht vom 15. Juut 1996, morgens 8 Uhr. as ä V S» LZ» H St 15 13 9 10 Wetter Prognose für Sonnabend, den 16. Juni 1996. Zunächst etwas wärmer, bei schwachen westlichen Winden, zunehmender Bewölkung und leichten Regensällen; später wieder kühler. Berliner Wetterbureaa. Wasserstand am 14. Juni,«lbe bei Ausfig+ 0.28 Meter, bei Dresden— 1,10 Meter, bei Magdeburg+ 1,72 Meter.- Unftrui de« traußsurt+ 2,00 Meter.— Oder bei Ratibor-ff 3,45 Meter, bei Bieslau Oberpeael-ff 5,20 Meter, bei Breslau Untcrpegel— 0,28 Meter, bei Frankstirt-ff 1,73 Meter.— Weichsel bei Brahemünd«-ff 6,20 Meter. — Warthe bei Posen-ff 0,78 Meter. Für den Jubalt der Inserate überuimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. UKeater. Sonnabend, den 16. Juni. Ansang Vi, Uhr: Schauspielhaus. Wie die Wen smizen. SleueS Operutheater. Don Juan Deutsches. Der Kausmann von Venedig. Neues. Orpheus in der Unterwelt. Ansang 8 Uhr: Lesstng. Die lustige Wittwe. Schiller O. i Wallner-Theater.) Die Afrikanerin. Schiller bi. lFriedrich Wilhelm� städtisches-Tbeater). Heiratslustig Kleines. Ein idealer Gatte. Berliner. Elektro. Komische Oper. HofsmannS Er. Zählungen. Zentral. Nano». Luftspielhaus. DaS Fest der Hand- werker. Vorher: Die Verlobung bei der Laterne. Thalia. Hochparterre links. ivtetropol. Aus ins Metropol. "law litäten. Carl Weist. Der Weg des Mär thrers. Wintergarten. Tortajada.SpeziaIit. Passage. Willy Prager. Spezialit. Reichshallen. Stettiner Sänger. Urania. Tnnbeusirastr iH/iU, Abends 8 Uhr: Der jüngste AuS- bruch des Vesuv. Sternwarte. Jnvalidenstr. 57/62. Ferdinand Bonns Berliner Theater. Ans. 8 Uhr. Gastsp. Maria Pospischil. Elektra. Schauspiel v. Sophokles- Wildbrandt. Slriilsenls. Schausp. v. Goethe. Sonntag: lZonna Diana, Lustsp. v. Horcte. Montag: Sspptio, Schauspiel von Grillparzer._ Neues Theater. Ansang VI, Uhr. flmHEis III U mieriEii. Kleines Theater. Ansang 8 Uhr. Ci« idealer Gatte. Sonntag nachm. 3 Uhr: Der Unver. sch3mte. Hierauf: Hille Bobbe. Abends 8 Uhr: Ein idealer Gatte. lenes kgl. Operntheater (Kroll). Anfang V/.ühr. Sonnabend, den 16. Juni: Gastspiel d'Andrade, Ulli Lehmann nnd Bella Alten: Don Jnan. Sonntag; Cavalleria rusticana. Bajazzo. Vorverkauf im königL Schalter ll, A. Wert- ank. pvalidendank Komische Oper! Sommerspielzeit 1906. Soninierpreise. (Keine VorverkausSgebühr.) _ Ansang 8 Uhr._ Zentral-Theater. (Operette). 8 Uhr: IVfltlfbtl Operette in 1�1 it II Uli« drei Akten. Lustspielhaus. Täglich 8 Uhr: Das Fest der Handwerker. Vorher: Die Berlobnng bei der Laterne. Apollo-Tiieater. DnoPanlna, holländisches Duett. MiB Carma, TranSsormat.-Tänzerin. Da. blaue Bild o. Paul Lincke. Hompsti-Bumsti, Rprcltostnd La Matschiche, Mexikanischer Tanz. Ein Abend in einem ameri- kanischen Tingel-Tangel. Hetropol-Theater Anfang 8 Uhr. -r ■ Ulli■"—»IIWMWMUI» Große Jahresrevue mit Gesang n, lanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor HoUaender. Rauchen überall gestattet. Beinhard Rose-Theater Gesundbrunnen, Badstraste 58. Töglich Ausstattungsstück mit Gesang u Tanz in 7 Bildern v. Schivarz-Reislmgen. Austerdem 10 AUraltionen. Im Saale:/,, Ans. d. Konz.7'/z,Soircc8Uhr Honte Sonnehend: Benefiz für Rani Britton zur Feier seiner Mitgliedschaft bei d. Stettiner Sängern. fisthahn-yark Am KDstrinerplatz, RDdersdorferetr.Tt. Hermann Imbs. Täglich: 6r. Konzert, Theater- nnd Spezialitäten-Vorstellnng. iia- Jnh.: J. Eeschkowski Ackerstr. 6/7. Teleph.: Amtlll, 2674. Im herrlichen Naturgarten: Heute die beliebten Viktoria-Sänger. Nach der Vorstellung grober Bali. laden Mittwoch und Bonnabond: HC Sonntag, den 17. Juni 1906:"d Großes Arbeiter- Sportfest Baumschulen weg in Speers Festsälen, Banmschnlenstr. 78(luh.: Fr. Zabang) veranstaltet vom Arbeiter Turnverein„Jahn",(Mitglied des Arbeiter-TurnerbundeS) und Arbeitcr-Hadfahrerverein„Ez'iseh auf"(M. d. Arb.-Rad's.-B.„S.-) großer Umsug im dri Konzert ♦ Schauturnen ♦ Reigenfahren Brillant s Feuerwerk ♦ Fackelpolonaise ♦ Tanz Eintritt 25 Pf. 282/13 Anfang 1 Uhr. -(St. Louis) Theater lebender Photographien mit abweefeselnileiii Abnormitäten-frograratn. 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Citri Groltewltz, SLZ�MIH.IMche Mit Buchschmuck und dem Portrait des Verfassers Sroscfiiert 60 Pfennig Sedunäen l filark Mllkelm SLlscde schreibt in seinem Vorwort: I .Ich gtaube, daß e» m der ganzen Literatur nicht leicht wieder so schlichte Ramrschilderimgen gibt, mtt so scheinbar allereinfachsten Mtteln, wie in diesem Büchlein.' I Ma�endoctor isfdas Besfe für den Magenl� Vurm's Keneraldepot befindet sich jetzt Berlin O. | an der nichacl- Brücke 1. Telephon Amt 7, Nr. 238.[1246L* Achtung! »MMW» Am Souuabeud, den 16. Juni, abends 81/, Ulir, in Drüsels Featsülcn, Neue �ricdrichstrasie 35: mr OOiitlicht Ukrjaiiiiiililiiz-*■ aller in der Herren-, Knaben- u. Westeukonftlition tätigen Zuschneider und Zuschneiderin uen. Tagesordnung: l. Unlere Stellung im heutigen Produktionsprozeß und welcher Mittel dcdürscn wir zu einer Verbesserung unserer Lage. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 282/14 Kollegen und Kolleginnen I Es ist Euer aller Pflicht, wegen der wichtigen Tagesordnung zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Die Einberuferin. Zuschneider-Bercinigung zu Berlin. ZeDtraiverband der Msppitcüre, Pappdacbdeeker usw. ,0,xx;i"u": Sonnabend, den 10. Juni 1000: 5. Stiftungsfest Tanz verbunden mit Theatervorstellung, Konzert„»d_____ im Berliner Stadt-Theater, Kronenbraucrci. Alt-Moabii 47/19 Ansang des Konzerts 4 Uhr. Der Vorstellung 3 Uhr. Eintrittskarten a 30 Pf. sind am Büsett, in den Zahlstellen und allen Mit Plakaten belegten Handlungen zu haben. 282/10 KB. Da die Vorstellung unter Leitung des TheaterdirektorS Herrn B i l a i n nur von bestem Künstlerpcrsonal ausgeführt wird, bittet um zahlreichen Besuch Nie Vernnltnnff. Bilanz per 31. Dezember Aktiva. An Matcrialien-Konto.. , Werkzeug-Konto... , Bank-Konto.... , Kassa-Konto.... Konto-Korrent-Konto Debitoren.... Passiva. Per Konto-Korrent-Konto Kreditoren.... , Darlehens-Konto.. . Gcnossenschasts- Anteil Konto..... „ Ncscrvefonds.... „ Rückständige Löhne. Reingewinn...... Mitgliederzahl am 31. Dezember 1S0S: 11. ZluSgetrcten: 3. Ein- getreten: Keine. Betrag der Hast- summe: 330 M. Betraa deS Geschäfts. guthabenS: 330 M. Die Mitglieder- zahl hat sich somit um 3 und die Haftsumme um 90 M. verringert. Möbelfabrik Union Eingetragene Genossenschaft mit beschriinkter Haftpflicht. 2401b Der Voratand. W. Friese. F. Mögenburg. Restanrant am Müggelsee „Wllhelmsbad""�SSQ Friedrichshagcn, Seestraße 45 (Dampseranleaestcg) Inhaber: Barl llszhnralt, empfiehlt sein herrlich, direkt am Müggelsee belegenes Lokal zu Aus- flügcn und Slbhaltung von Sommer- Vergnügungen aller Art. 1384Lb Herren- und Damenbadeanstalt. ,4elitnng/! A u t o d p o mit 20 hocheleganten wirklichen Automobilen stehen aus dem VersntlKiinxnpIatz y. M Gleim-Straße � im Zirluszelt sahrbercit. Blntrltt n.elne Fahrt Iv FF. 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Grrichiung einer Tageskasse und Auftelluiig von zwei Beamten. 2. Wahl der Beamten sowie der gesamten Verwaltung. 3. Verschiedenes.— Oboe Mitgliedsbuch kein Zutritt. 125/10 __ Der Vot-ntand. I. A.: R. Gehlert, 1. Vorsitzender. Vereinigung der Maler, Lsekierer, Anstreicher. Mklchiorstraße 28. Filiale Sevlin. F-rnspr. Amt 4. Nr. 4787. Hierdurch verweisen wir unsere Kollegen aus die am Tonntag stattsindende Versammlung der freien Hnlfskasse der Maler im Se'iverkneliaftnhaaGe und fordern unser« Kollegen aus, recht zahlreich zu erscheinen. 125/11_ Die Ortaverwaltnng. I. A.: Mietz. GeinfiiDsanie Drts-KraiiMasse Den Herren Belverbem um die Stillung eines Kassenbeamten er- gebensl zur Nachricht, daß die Stellung besetzt ist. 274/10 N o w a w e S, den 12. Juni 1906. Der Vorstand; H Kabbert. Aiig.KranktU- u. Sttrhekasse der Metallarbeiter. (Eingeschr.�-ülsSkaffe Nr. 29, Hamburg.) Filiale Berlin 4. Am Sonuabeud, den 19. Juni, abends 8Vz Uhr: UilgÜkllU-WMMH bei Merkowski, Andreas str. 26. TageS-Ordnung: 1. Kassenbericht pro Mai. 2. Wahl der Ortsverwaltung. 3. Verschiedenes. Ansfliiglern empfehlen wir folgende 8pezial-I�arten der Umgebung Lerlins. Bernau-Biesenthal, Lanke-Liepnitz- und Wandlitz-See..... 1 M. Bukow u. Umgegend mit angehängtem führ«....... 75 Pf. Wälde und Umgegend 75 Pf. und 1 M. Erkner und Umgegend... 75 Pf. reienwalde-Falkenberg... 75 Ps. reienwalde, Wriezen, Oderberg, Brobowin...... 1 M. Friedrichshagcn, Köpenick, Grünau, Schmöcklvitz..... 75 Pf. Grunewald und westliche Vororte, 2-, 3-, 5-u.8.Iarbig, 25, 50, 75 Pf. und........ 1 M. Königs-Wusterhausen und Umgegend 5 farbig...... 1,50 M. Nördliche Vororte, Spandau, Tegel usw......... IM. Potsdam und Umgegend.. 75 Ps. Potsdam und Werder... IM. Rüderidorser Kalkberge, Umgegend von Woltersdorl u. Erkner 75 Ps. Sprecwakd mit praktischem Touristen- sübrer....... 75 Ps. Strausberg u. der Blumental 1 M. Tegel und Umgegend... 75 Ps. Ferner empfehlen wir: Wanderbuch für dt« Mark Brandenburg. 3 Bände. Zu- sammcn..... 6,00 M. I. Teil: Nähere Umgebung Ber« lins, umsaßt die Gegend von Potsdam, Spandau, Oranienbitra, KönigS-Wusterhansen.. 1,50 M. II. Teil: Westliche Hälfte der Um- gebnng Berlins bis Branden- bürg a. H., Stendal, Tangermünde, Neu-Ruppin, Neu-Strelitz 2,00 M. III. Teil: O estliche Hälfte de« Um- gebung Berlins bis Ebcrswalde, Franksnrt a. O., Schwedt, Küstrin, Lübbcn.Sprecwald.Muskau 2,50M. Diese Wanderbüchcr biete» Pracht- volle Schilderungen ber Mark, viele detaillierte Karten und Pläne und sind so dem Wanderer ein zuverlässiger Führer und Berat«. 234/7» Sxpedition des Vorwärts BERLIN SW. 68 Lindeustrafte 69(Laden). Eine Bark T w0oh«atlloho TellsAhlnng1 liafer« olegaute fortig© Herren-Garderoben [— Ertntc(ttr dt»»»». s AnfertlcnnK naeh Maas«, Tadellos» Ausfabrong. Juliuß Fabian, Schneider-Meister, Greaae Frankfurter Stmaae 87, II. Kiegasg Straas-/ bergsr Plets. Zubistelle Itcrlln. Dienstag, den 19. Juni, abends?>/, Uhr: beffenNioke Versammlung all« in Sülifbiudkrtien, Album-, Karton-, Kontobuch-, Etuis-, Leder- und papierzolauterie- und Lniuspapier-Labrihen beschästigten Arbeiter»nd Arbeiteriunen in Louis Kellers Festsälen, Koppenstraste SS. TageS-Ordnung: i. Die Vernichtung der Organisation„Deutscher Buchbinder-Verband" durch denPrinzipalsverband. Referent: Kollege Kloth. 2. Diskussion. 24/14 Kollegen und Kolleginnen i Die Antwort daß„Deutschen Buchbindereibefifler'BerbandeS- vom IS. Juni 1906 enthüllt zum erstenmal offen den Plan, welche» der genannte Verband mit der.aussperviuix befolgt. Die Pflicht unserer Mitglieder und sämtlicher Berufs- angehörigen ist eS, in dieser für das Wirtschaftsleben obiger Branchen wichtigen Versammlung zu erscheinen. Zahlreichen Besuch erwartet Die Di-tsverwultung. Strelhleltnng. Tertrnnenslente. r Her s. Zweigverein Berlin. Sektion der Gips- and Zernenthraacbe. Gruppe: Zemeniierer. Tonntag, den 17. Juni, vermittagS 10 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engel-User Nr. 15. Saal I: Gruppen-Versammlung. TageS-Ordnung: 1. Bericht über daS Ergebnis der Bautenkontrolle vom 23. Mai 1906. 2. Aufhebung der Gruppen-Versammlungen. 3. Verschiedenes. Der sehr wichtigen Tagesordnung wegen ist eS dringend notwendig, daß jeder Kolleg« der Zementbranche zu dieser Versammlung erscheint. 144/10- Der Gruppenvorstand. Verwultnngastelle Berlin. Haupt-Bureau: Engel-User 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV, 0679. Arbeitsnachweis: Zimmer 34. Amt IV, 3353._ Rolfrieger«. Helfer! Diejenigen Kollegen, welche noch als Vertrauensmänner auch serner- hin in unserer Organisatton str die Rohrlegerbranche tätig find, ersuchen wir. ihre Adresse nebst Angabe der Werkstatt und die Nummer des Mitgliedsbuches nach unserem Bureau zu senden. Die letzten Vorkommnisse in der Rohrlegerbranch« veranlassen unS. die bisherig« VerlrauenSmännerliste der Rohrleger aufzuheben. 121/4__ Die Ortsverwaltong. rt ir ond anderer gewerblicher Arbeiter.• (Swgeschr. Hülsskasse Nr. 3.— Verwaltung Berlin VI.) M»a»t a g, den 18. Juni er., abends 8 Uhr. im„Frelschttts" (Jnh. Flecht), Fruchtstr. 36: Mitglieder-Tersarnrnlung. T a geS-Ordnung: 1. Regelung der Gehälter str das nächste Verwaltungsjahr. 2. Wühl der Ortsvcrwultaug, der Beitrags summier nud des Vertrancnsarztcs. 3. Verschiedene KassenangelegenHetten. i Mitgliedsbuch legitimiert.- Um zahlreiches und pünltlicheS Erscheinen ersucht 184/13_____ Die OrtsverwaUnng. Deutachlanda. Terwaltanssatelle Berlin und Cmaregend.> Sonntag, 17. Juni, nachmittag» 4 Uhr» bei Voigt, Rittcrstr. 75: Anßcroriicnililhc Ge«erlil-Vcrsl»vi»iiliig. TageS-Ordnung: 1. Wahl eine» ersten Vorfitzenden und SchristsührerS. 2. Wahl eines BczirlssührerS. 139/1 3. Beschlußsaflung über die ausgeschlossenen Mitglieder der B. E.-W. WMiMk— Die betreffende Zahlstelle in Rixdorf, die der Kollege «f®* E. Bennewitz bis jetzt noch hat, überiiimmt am 1. Juli Kollege Emil Krause, Z i e t e n st r. 76 I, und werden Beiträge Mittwoch und Sonnabend von 8—9 Uhr abends kassiert. mmmmmmmm Auch werden ncite Mitglieder ausgenommen. SozialtiemcMsclierWaliliErein (Qr den 2. Berliner ReiehstagswaMkrels. Am 14. Juni verschied plötzlich unser treues Mttglied, d« Tischler Ksrt Kretschmer Bezirk 102. HagelSbergstr. 22. Ehre seinem Andenkenl Die Beerdigung findet am Sonntag, den 17. Juni, nach- mittag 4 Uhr, von der Leichenhalle deS Mathtas-KirchhoseS. Marien- höhe-Südcnde, aus statt. Um zahlreiche Beteiligung ersucht 238/16 Der Vorstaad. Wsnd der Hafenarbeiter Oeatsshiamis(Berlin). Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Kollege Eidtiard Vedder am 12. Juni o erstorben ist. Ehre seinem Andenken. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 17. Juni, nachm. 4 Uhr, von der Leichenhalle des Dankes- KirchboseS, Schnrn- weberstraße, aus statt. 2405b Um rege Beteiligung ersucht Der Borstand. Die Beerdigung unseres lieben Sohnes, Bruders und Schwagers Paul Schönebeck findet am sonntag, den 17. Juni, nachm.'/jS Uhr, von der Leichen- Halle des St. Georgcnlirchhojes, Weißcnsee, Rölkestraßc, aus statt. llio trsuornden Hinterbliebenen. Allen Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Nach- richt, daß mein lieber Mann, unser guter Vater, der Schlosser 3u!tu5 Stolzenburg nach langer Krankheit unerwartet plötzlich verstorben ist. Beerdigung findet am Sonn- tagnachiniltag, pünktlich 3'/, Uhr, von der Leichenhalle des Neinickcn- dorscr 5kirchhoses, tzumboldtstraße, aus statt. 2397b Die trauernde Witwe Stolzenburg. Deutscher Metallarbeiter-Verband! Verwaltungsstelle Berlin. Todes-Anzelge. Den Kollegen zur Nachricht, daß uns« Mitglied, der Schlosser Mus Stolzenburg am 12. d. M. gestorben ist. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Sonntag, den 17. Juni, nach- mittags S'/j Uhr, von der Leichenhalle des Rcinickendorser Kirchhofes in der Humboldtstraße aus statt. Rege Beteiligung erwartet 121/2 Oie Orlsvorwaltung. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß mein lieber Mann, unser guter Bat«, der Kürschnermeister Johannes Corodonnoff nach langen schweren Leide» am 14. Juni, nachmittag» 6'/, Uhr, »«starben ist. Die Beerdigung findet Sonntag- nachmittag 41/» Uhr, von der Leichenhalle deS neuen Luisen- kirchhoses Rlxdors, Hermannstraße, aus statt. Die trauernde Witwe Bertha Corodonnoff 2407b ncbst Kindern. vorm. S'/. Uhr, cntschliet nach langem Leiden nein« li>" Am 14. Junt, itschlies nach meine liebe Frau Ida Müller geb. Umlaut. Die trauernden Hinterbliebenen Franz Bttller nebst Kindern. Die Beerdigung findet Sonntag, den 17. d. M.. nachmittags 3 Uhr, von der Halle des St. Hedwigs- Kirchhoses, Reinickendorf- West, Berlinerstrahe, aus statt. 2404b Kassenbäder jeder Art„Augusta- Bad", Köpenickerstr.KO. Greift zu! dem Beste» «onate-AnzUge'. ,~o. 10,— M.a» Abonnemente-Anzüge., 12,50,, Monats-Paletots.... 9,—,, Partie-Anzüg«, teils mit unmerkbaren Fehlern. 10,50., Anzüge, Ersatz str Maß„ 20,—,, Kammg.-Hos.od.Jackctts„ 3,—,, Alles auch str korpulente Flgurcnl Getrag. Kleidungsstücke v. Kavalieren, Rcisenv., aus den setnstcn Werkstätten Berlins, teils von Hoslies., tolossal billig. Straßenbahn- Vergütung l* oTenZentral-Keller, Benin. 35 Neanderstr. 35, 3Minut.o.StadtbahnJannowitzbrücke. WBUtt'f'V"---— m— i Die OrtsvornaUung. �rantwortücher Sicdakteuri Kails Wtdrr, Bttiiv. mtsSO)� Sfii Äl-cke, LsM. KrliSu.�alag:Si-rtvSrs» Suchdrulterki v. Kttlagsanilstlt P.aul Singer& Co„ Lerlm SW. Nr. 137. 33. Jahrgang. 3. Keilm des Jotraärts" Kerlmr UcksdlÄ Sonnabend, 16. Inn! 1966. Partei- Angelegenheiten. Dritter Wahlkreis. Morgen Sonntag findet ein Ausflug mit Familie nach Kiekemal bei Köpenick statt. Treffpunkt daselbst mittags un Restaurant Heidekrug. Zahlreiche Beteiligung erwartet Der Vorstand. Vierter Wahlkreis. Das diesjährige Sommerfest des Kreises findet am Sonntag, den 24. Juni, in A. ScheruchS Etablissement, an der Oberspree liegend, Hasselwerder, Nieder- Schöneweide statt. Aus Ersuchen des' Vorstandes an die Bahn- derwalrung, die Förderung des Verkehrs zum Sommcrfest zu erleichtern, wird die Bahnverwaltung Extrazüge zwischen Görlitzer Bahnhof und Nieder-Schöneweide einlegen. Autzerdem ist den Teil- nehmern die Möglichkeit gegeben, ver Dampfer von der Jannowitz- brücke und Oberbaumbrücke bis Wilhelminenhos zu gelangen; von hier aus ist in fünf Minuten über die Futzgängerbrücke das FesP letal leicht zu erreichen._ Sozialdemokratischer Zentral-Wahlvereiu fiir Teltow- Beeskow- Storkow- Charlottenbnrg. General-Bcrsammlung am Sonntag, den 24. Juni d. I., nachmittags l'/a Uhr. in Rixdorf, Hoppes Restaurant. Hermannstr. 49. Tagesordnung: t. Berichte des Vorstandes und der Funktionäre. 2. Ersatzwahl eines Vorstandsmitgliedes. 8. Die Aenderung des preußischen LandtagSwahlgesetzeS und ihre Einwirkung auf den Kreis Teltow- Beeskow. Referent Genosse Paul Hirsch- Charlottenburg. 4. Anträge. S. Die Generaldersammlung von Groß-Berlin und Wahl der Delegierten dazu. 6. Verschiedenes. Laut Statut ist jeder Wahlverein berechtigt drei Delegierte zu entsenden. Die Delegierten müssen mit Mandat versehen sein Parteigenossen haben als Gäste Zutritt. Der Vorstand. I. A.: W. E b e r h a r d t. Achtung, Parteigenossen in Deutsch-WilmerSdorf! Der Lotterie berein„Halensee-Grunewald" hält heute abend im„Kaiser Wilhelms garten� in Halensee sKurfürstendamm) ein Vergnügen ab. Dieses Lokal ist für die organisierte Arbeiterschaft gesperrt und sind wieder holte Verhandlungen wegen Hergabe des Lokals zu Arbeiter� Versammlungen gescheitert. Es wird dringend gebeten, das Ver- gnügen und somit auch das Lokal streng zu meiden. Ober-Schöncweide. Die Parteigenossen werden ersucht, am Sonntag, den 17. d. M., früh>/z8 Uhr, an den bekannten Stellen zu sein zur Flugblattverbreitung.— Am Montag, den 18. Juni, cbends 8>/z Uhr, findet im Schloßpark, Wilhelminenhos, die Fort- sttzung der Versammlung vom 31. Mai statt. Pflicht jedes Genossen ist es, zu dieser Versammlung zu erscheinen.— Am Mittwoch, den D. Juni, findet bei Höflich die Mitgliederversammlung statt. Rudow. Die nächste Mitgliederversammlung des Wahlvereins Kndet gcute Sonnabend, den 16- d. M, bei Palm, abends 8 Uhr statt. Oer wichtigen Tagesordnung wegen ist es notwendig, daß die Mit' ilieber pünklich erscheinen. Der Vorstand. Köpenick. Dienstag, den IS. Juni 1906, abends 8 Uhr, Ver ämmlung des WahlveremS im Lokale des Genossen Seidel, Grünauer' traße. Referent: Genosse Fendel- Berlin. Zahlreicher Besuch ist wünschenswert. Tegel. Dienstag, den 19. Juni, findet im Lokale von Robert Schmidt. Schlieperstr. 64, eine außerordentliche Generalversammlung leS Wahlvereins statt. Genosse Lamms spricht über:„Arbeiter- zersicheruna". Außerdem findet die Wahl eines ersten Vorsitzenden. nnes Bibliothekars, eines LokalkommisfionsmitgliedeS, eines Bezirks ührerS und vier Delegierter zur KrciSgeneralversammlung statt. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Oranienburg. Sonntag, den 17. Juni, nachmittags 3 Uhr, hält )er Sozialdemokratische Wahlverein für Oranienburg und Umgegend eine Mitgliederversammlung ab, in welcher der Genosse Otto Pesst«' Schönewerde einen Bortrag über die Französische Revolutton halten wird. Da der Bortrag rn zwei Abschnitten gehalten werden soll, Verden die Parteigenossen ersucht, die erste Versammlung nicht zu versäumen und eifrig dafür zu agitteren. Erkner. Dienstag, den 19. Juni, abends Vz8 Uhr: Wahlvereins« Versammlung im Lokal des Genossen Degebrodt. In dieser Ver sammlung kommt die Broschüre„Gegen Volksverdummung, Volks knebelung und Volksausbeutung" grattS zur Verteilung. Zahlreiches Erscheinen erwartet der Vorstand. Berliner JVaebriebten* Berlin in der Krähwinkclei voran! Auf der Suche nach neuen Steuern ist vor Jahr und Tag eine aus Magistratsmitgliedern und Stadtverordneten zu sammengesetzte gemischte Teputatton auf den unglücklichen Gedanken gekommen, eine Steuer auf Billetts und Lustbar' keitm zu empfehlen. Die Stadtverordneten-Versammlung hat danals mit einer, geringen Mehrheit diesem Vorschlage im Prinzip zugestimmt und eine Magistratskommission hat sich an die Arbeit gemacht, einen Entwurf auszuarbeiten. Dieser Entwurf ist vom Magistrat genehmigt worden und wird der Stadtverordneten-Versammlung zur Beschlutzfassung zugehen: Uebcr den Inhalt der Magistratsvorlage wird folgendes besannt: Die Billettsteuer erstreckt sich nach den Vorschlägen der Kcmmission auf: a) Theatervorstellungen, b) deklamatorische Vorlesungen, Rezitationen und andere Vorträge, o> Konzerte, d) Zirkusvorstellungen, o) Spezialitäten, Varistsvorstellungen, Gesangs- und deklamatorische Vorträge, Schaustellung von Personen, Tieren und ihnlichen Darbietungen, f) Tanzbclustiguiigcn, Maskenbälle. Redouten, Wettrennen, Wcttfahren, Kostümfeste und Basare, g) Panoramen und Ausstellungen jeder Art. Der Tarif der Billett st euer ist folgender: Für eine Eintrittskarte wird bei einem Eintrittspreis von über 49 Pf. bis 1 M. eine Steuer von 5 Pf. erhoben. Für ein Billett von mehr als 1 M. bis einschließlich 2,59 M. sind 10 Pf. und für ein Billett bis einschließlich 3 M. sind 16 Pf. zu entrichten. Bei der nächsten Stufe bis 4 M. beträgt die Abgabe 29 Pf. und von da ab sind für jede angefangene Marl weitere 10 Pf. zu zahlen. Bei Abonneinents, die ganze Zeitabschnitte umfassen, ist eine Abgabe von 10 Proz. des wirklich gezahlten Preises zu erheben. Von der Steuer sind befreit: a) Veranstaltungen, die ausschließlich wissenschaftliche und belehrende Zwecke verfolgen, und die Iveder berufsmäßig betrieben werden, noch auf Gewinnerzielung gerichtet sind; h) Veranstaltungen, die von Schülern oder Haupt- sächlich für Schüler hiesiger Unterrichtsanstalten dargeboten werden; o) Veranstaltungen zu wohltätigen oder gemeinnützigen Zwecken. Die Lustbarkeitssteuer wird für alle der Billettsteuer nicht unterworfenen öffentlichen Lustbarkeiten erhoben, nach einer Ordnung, die die Größe des Etablissements zurGrundlage hat. Für Tanzbelustigungen werden bei Räumen bis einschließlich 199 Quadratmeter Grundfläche 3 M., bis 209 Quadratmeter 4,69 M.. bis 800 Quadratmeter 6 M. und für jede weitere 190 Quadratmeter 2 M mehr erhoben. Hat der Tanz über Mitternacht gedauert, so sind die Beträge zu verdoppeln. Sind die Räume zu Sing. spielen, Vorträgen musikalischer oder deklamatorischer Art, Scham stellungen u. dergl. benutzt worden, so sind bei Räumen bis 109 Quadrat' meter 4 M., bis 209 Quadratmeter 8 M., bis 300 Quadratmeter 12 M. und so fort 4 M. mehr für jede weiteren 190 Quadratmeter zu erheben. Die doppelten Beträge treten in Kraft, sobald die Ver- anstalhing über 11 Uhr abends gedauert hat, oder wenn sie erst um 11 Uhr beginnen. Für Konzerte beträgt die Abgabe in Räumen bis 100 Quadratmeter 2 Mark, bis 200 Quadratmeter 3 M. usw., je 1 M. mehr für jede weiteren 109 Quadratmeter. In Gartenlo kalen sind bis 599 Ouaoratnieter 2 M.. bis 1999 Quadratmeter 4 M. und jede weiteren 690 Quadratmeter 2 M. zu zahlen. Der Ertrag der Billettsteuer wird auf etwas über eine Million veranschlagt. Zur genauen Berechnung des Erträgnisses der Lustbarkeits steuer fehlen vorläufig die Unterlagen. Diese Vorlage charakterisiert sich als ein Produkt der engsten Kirchturmspolitik und ist ihrem ganzen Inhalte nach eine eminent kulturfeindliche. Anfänglich hegten interessierte Kreise die stille Hoffnung, der Magistrat werde diese Steuer Vorschläge im Schatze der Erwägungen noch möglichst lange schlummern lassen, weil die Finanzlage der Stadt keine solche sei, datz sie zur Aufmachung derartiger Steuerquellen dringend nötige, allein diese Hoffnung hat sich als eine trügerische er Wiesen. Soweit die B i l l e t t st e u e r in Frage kommt, sollen zunächst die Theater, die Zirkusse und Konzert-Etablissements getroffen werden und ist das Erträgnis in folgender Weise geschätzt: ES sollen ergeben: Die großen PttvattHeater(200 Spielabende, halb besetztes Haus)............. 552 655 M Die drei königlichen Theater(290 Spielabende, halb besetzes Haus)............. 115 538 Die zwei Zirkusse(180 Spielabende, zu drei Fünfteln besetzt)............... 110 429 Die Theaternachmittagsvorstellungen(40 Vorstellungen, halb besetzt)............. 52151 Die Zirkusnachmittagsvorstellungen(25 Vorstellungen, zu drei Fünfteln besetzt)......... 15 339 Die Konzert-Etablissements, kleinen Variete?, Singspielhallen usw.(300 Spielabcnde, halb besetzt). 263 059 Das Gesamterträgnis der Billettsteuer soll also betragen............... 1 099 162 M Zur Verteidigung dieser Vorlage ist die Behauptung auf gestellt worden, datz in erster Linie die nach Berlin kommenden Fremden die Steuer bezahlen und diese würden weniger darauf sehen, ob sie bei ihrem Besuch 10 oder 20 Pfennig für ein Billett mehr zahlen oder nicht. Würde diese Bc hauptung wirklich zutreffend sein, so wäre das noch lange kein Grund, eine Steuer einzuführen, die in ihrer Wirkung auf eine Besteuerung von Kultureinrichtungen hinausläuft. Aber die Behauptung, datz in der Hauptsache die Fremden die Billettsteuer tragen, bleibt eben nur eine Behauptung und trifft bei näherem Nachsehen nicht zu; außerdem bleibt die Billettsteuer nicht auf die Theater beschränkt. Viele Vereine, und dazu gehören auch Arbeitervereine, die ein höheres Entree als 40 Pfennig erheben, werden von der Billettsteuer getroffen werden. Zweifelhaft erscheint es, ob beispielsweise Veranstaltungen wie der„Freien Volksbühne" und„Neuen Freien Volksbühne", des Arbeiter Sängerbundes, von der Billettsteuer verschont bleiben, denn die Besttmmung, die von der Befreiung der Äillettsteuer handelt, ist eine recht kautschukarttge. Es heißt: „Befreit von der Billettsteuer sind„Veranstaltungen, die aus schließlich wissenschaftliche und belehrende Zwecke verfolgen, weder von Unternehmern noch Mitwirkenden berufsmäßig be trieben werden und nicht auf Gewinnerzielung gerichtet sind". Unseres Erachtens gehören die oben genannten Veranstaltungen zu dieser Kategorie; allein wer weiß, wie weit es die Aus' legungskunst unserer Steuersucher noch bringen wird. Eine erhebliche Wirkung auf das gesamte Vereinsleben aber wird die geplante Lustbarkeits st euer ausüben. Alle der Billettsteuer nicht unterworfenen öffentlichen Lustbarkeiten sollen von dieser Steuer getroffen werden. Was sind aber öffentliche Lustbarkeiten? Was hat beispielsweise schon die Polizei alles als öffentlich erklärt. Mit diesem Begriff „öffentliche Lustbarkeiten" ist schon viel Unfug getrieben worden und es ist heute schon vorauszusehen, datz der AuS- legung und Schikane ein weites Feld offen steht. Es ist vor- gekommen, daß ein von eineni Verein arrangiertes Ver- gnügen von der Polizei als„öffentlich" erklärt wurde, weil einige Gäste eingeführt wurden. Will die Stadt die Polizei beauftragen, den Charakter der Oeffentlichkeit festzustellen oder will sie neben der Polizei einen besonderen Ueber- wachungsapparat schaffen? Die Billettsteuer für Berlin patzt ganz gut als Ergänzung zu der eben im Reichstage beschlossenen Fahrkartensteuer. Was da etwa noch an unversteuerten Billetts übrig- geblieben ist, belegt die Kommune mit Beschlag und es dürfte in Berlin bald zur Seltenheit gehören, eine un- versteuerte Fahrkarte oder ein steuerfreies Billett aufzutreiben. Was für das Reich recht ist, ist für Berlin billig I Nur sei daran erinnert, datz die Freisinnigen im Reichstage sehr heftig gegen die Fahrkartensteuer Front gemacht haben. B werden sie an der Stelle tun, wo sie das Heft in den Händen haben? Werden sie sich mit der Ausrede trösten: Ja, Bauer, das ist ganz etwas anderes? Wundern würden wir uns nicht, denn es wäre das nicht das erste Mal, datz diese Herren im Landtage, anders redeten, als sie in der Kommune handelten. Unsere ganze Kommunalpolitik ist von den engsten, klein lichsten Gesichtspunkten diktiert, das beweist wieder einmal die gegenwärtige Vorlage des Magistrats, der schließlich die Mehrheit zustimmen dürfte, werden doch Haus- und Grund- besitzerinteressen nicht davon berührt. Das Feuerlöschwesen und die Stadt Berlin. Der Streit über die Kosten des Feuerlöschwesens begann 1822 und hat ein halbes Jahrhundert gedauert. Er wurde erst durch die Entscheidung des Reichsgerichts vom 19. September 1882 und das Polizeikostengesetz vom 29. April 1892 definitiv erledigt. In der Zwischenzeit hatten mehrfache Verhandlungen wegen der Uebernahme der Feuerwehr 'tattgefunden, die ein günstiges Ergebnis erwarten ließen, als damals bekannt wurde, daß Kaiser Wilhelm I.. Fürst Bismarck, der Minister des Innern und der Polizeipräsident sich sämtlich, wenn auch unter einigen Vorbehalten, günstig im Sinne der Uebertragung der Feuerwehr an die Stadt Berlin geäußert hatten. Um so größer war ne Enttäuschung, als die Uebertragung infolge eines Gutachtens des Branddirektors Stüde nicht genehmigt wurde. Stüde, der bald daraus ein tragisches Ende fand, äußerte st a r k e Bedenken, die besonders in der Befürchtung gipfelten, daß die Disziplin des Korps bei einer städttschen Verwaltung abnehmen ivürde. Eine Befürchtung, die durch nichts gerechtfertigt war und vollständig unbegründet ist. Feuerwehrmänner sind keine jungen Rekruten, die hinausziehen müssen in Feindesland, die besonders schwer zu führen sind und die eher einmal über die Stränge schlagen, als andere Sterbliche. Ueberall in der Welt ist das Feuerwehr- bezw. Feuerlöschwesen eine kommunale Einrichtung. Nur Berlin und St. Petersburg machen eine Ausnahme. Die letztere soll jetzt ebenfalls umgewandelt werden und dann steht Berlin allein da. Daß die Feuer- wehren anderer Städte, wir erinnern an Hamburg, Bremen, Köln, Hannover. Frankfurt, Charlottenburg, Wien, New Jork usw., schlechter sein sollen, weil sie den betreffenden Kommunen unterstehen, wagt heute niemand zu behaupten. Dadurch, datz die Gemeinde Berlin die gesamten Kosten der Fellerwehr tragen mutz, auf die sie keinen Einfluß ausüben kann, wird die Feuerwehr nicht gefördert, die Verwaltung erschwert und Mißstimmung hervorgerufen, die bisher nicht zum Ausdruck gekommen ist, weil die Feuerwehr bei den Berlinern sehr populär ist. Bemerkenswert ist übrigens, daß sich mehrere Polizeipräsidenten und Branddirektoren für die Uebertragung des Feuerlöschwesens an die Stadt Berlin ausgesprochen haben. U. a. Polizeipräsident Minutoli in einem ausführlichen, dem damaligen Stadtbaurat Langerhans— dem Vater unseres jetzigen Stadtverordnetenvorstehers— mitgeteilten Gutachten, dann die Polizeipräsidenten v. Winter und v. Madai. Auch v. Richthofen stand der Uebertragung nicht ungünstig gegen- über. Dasselbe kann von den Branddirektoren Skabell und Giers- berg gesagt lverden. Von Ministern, die der Uebertragung geneigt waren, sind zu nennen die Herren v. Flottwell, v. Eulen- bürg, Herrfurth, Hobrecht, v. Miguel, v. Friedberg u. a. Im Herrenhause haben die Grafen Jtzenplitz und Uork Anträge des Oberbürgermeisters Hasselbach unterstützt. Auch v. Stahl ist dafür eingetreten. Im Abgeordnctenhause sind besonders die Aö- geordneten Eberty, Birchow, Gneist für die Uebertragung gewesen. Die Regierung hat einmal am 27. Dezember 1892 durch den Ober- Präsidenten erklärt, daß es aus überwiegenden sicherheits- polizeilichen Rücksichten geboten sei, die Berliner Feuerwehr in der bisherigen Verwaltung zu belassen. Weshalb diese Rück- sichten aber nur für Berlin und nicht auch für Charlottenburg, Breslau, Dresden, München, Paris, London, Hamburg, Köln zu- treffen, ist schwer zu verstehen. Ueber die Säuglingssterblichkeit in Gross-Berlin hat der Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Schöneberg, Professor Dr. Silbergleit, eingehende Untersuchungen und Ermitte- lungen angestellt, deren Ergebnis jetzt vorliegt. Aus den inter- cssanten Feststellungen mögen als besonders bemerkenswert die nach- stehenden Auslassungen wiedergegeben werden. Die Zunahme der Säuglingssterblichkeit in den heißen Sommermonaten bleibt in unseren Breiten zwar nirgends aus, das Mehr oder Weniger aber wird wesentlich bestimmt durch wirtschaftliche und soziale Momente. In den Kreisen der Bessergestellten und der Gebildeten weiß man den in dieser Jahreszeit besonders gesteigerten Gefahren der künst- lichen Ernährung durch vorsichtige Behandlung der Milch, durch sorg- fältige Pflege des Kindes zu begegnen; in breiten Volksschichten aber bilden Vernachlässigungen und Verfehlungen, die nicht immer allein auf materielle Unzulänglichkeit, sondern häufig genug auf mangelndes Verständnis für die Säuglingspflege zurückzufuhren find, den Boden für eine hochaufschietzende Sommersterblichkeit der Kinder. DaS Maß dieses Emporschncllens wird geradezu zum sozialen Merkmal. Im Durchschnitt der drei Jahre 1993 bis 1995 betrug die Zahl der Sterbefälle im Alter von 9 bis 1 Jahr in Berlin 29,16 vom Hundert der Lebendgeborenen. Interessant ist der Ver» gleich der westlichen Vororte, in denen besser situierte Klassen reich- licher vertreten sind mit den anderen Vororten, in denen das Proletariat ein größere- Kontingent der Einwohnerzahl stellt. In den westlichen Vororten betrug der Prozentsatz 15,87 und in den übrigen Vororten 24,21 vom Hundert. Die Säuglingssterblichkeit stieg im August(im Durchschnitt der drei Jahre) für die westlichen Vororte auf 28,15, für Berlin auf 49,99 und für die anderen Vor- orte sogar auf 58,95 vom Hundert(als Maximum). Hinsichtlich der Säuglingssterblichkeit nach den Todesursachen in den vier Städten Berlin, Charlottenburg, Schönberg und Rixdorf ist hervorzuheben, daß den höchsten Anteil der Sterbefälle die Krankheiten der Verdauungsorgane aufweisen; er belief sich im Jahre 1994 in Berlin auf 49,81, in Charlottenburg auf 38,91, in Schöneberg auf 31,13, in Rixdorf aber auf nicht weniger als 48,96 vom Hundert. Den nächstniedrigen Anteil zeigt angeborene Lebens- schwäche; 1994 war er am größten mit 25,61 v. H. in Schöneberg und am kleinsten mit 19,83 v. H. in Charlottenburg. Von den anderen besonders unterschiedenen Todesursachen waren in dem. selben Ermittelungsjahre mit bemerkenswerteren Ziffern vertreten: Lungenentzündung mit Anteilen von 6,55(Rixdorf) bis 9,97 v. H. (Berlin); nicht übertragbare Krankheiten der Atmungsorgane zwischen 3,87 in Rixdorf und 6,69 v. H. in Charlottenburg; Krank- heiten deS Nervensystems(ohne Gehirnschlag) zwischen 2,18 in Rix- darf und 3,99 v. H. in Schöneberg; Krankheiten der Kreislauforgane zwischen 2,16 in Berlin und 4,99 v. H. in Charlottenburg; Tuber- kulose zwischen 9,88 in Schöneberg und 2,16 v. H. in Berlin; Keuch- hustsn zwischen 1,29 in Rixdorf und 3,99 v. H. in Schöncberg; Masern und Röteln zwischen 9,49 in Rixdorf und 1,55 v. H. in Schöneberg. Infolge deS mangelnden Verständnisses für die Hygiene des SäuglingSalterS und der fehlenden Mittel für deren Durchführung ist es durchaus Aufgabe der Gemeinde, helfend einzuspringen, wie es Schöneberg und Berlin getan haben; dort wurde die Errichtung einer SäuglingSfürsorgcstelle im Betrage von 6999 M. in den HauS- haltplan eingestellt, und in Berlin wurden bereits 1995 für die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit 199 999 M. vorgesehen. An dieses Vorgehen sollten auch die anderen Vorortgemeinden sich an- schließen. Gerade jetzt erfordert diese Wahrnehmung besondere Beachtung, wo beim Beginn der Sommerszeit die Unterlassungen bei der Säuglingspflege überaus zahlreiche Opfer fordern: entfallen doch im Durchschnitt aller deutschen Großstädte nicht weniger als zwei Drittel aller an Verdauungskrankheiten zugrunde gehenden Säuglinge auf die Monate Juli bis September. Der Umzug am 1. Juli. Mit Bezug auf die Polizeiverord- nung vom 26. März 1879, betreffend die Umzugstermine beim Wohnungswechsel, wird zur öffentlichen Kenntnis gebracht, datz beim bevorstehenden Quartalswechsel der Umzug erst am 2. Juli be- ginnt, weil der 1. Juli auf einen Sonntag fällt, an dem nach § 3 des Gesetzes vom 30. Juni 1834(G.-S. S. 92) die Umzugspflicht ruht. Bei kleinen, auS höchstens zwei Zimmern mit Zu- behör bestehenden Wohnungen muß der Umzug bereits am 2., bei mitteleren, aus drei oder vier Zimmern und Zubehör bestehenden Wohnungen am 3., mittags 12 Uhr, und bei großen, mehr als vier Wohnzimmern umfassenden Wohnungen am 4. Juli, mittags 12 Uhr, beendet sein._ Ein Funbbureau? Ein Mann verlor einen Trauring, und mit der Hoffnung, datz die Ehrlichkeit noch nicht geschwunden auf Erden, machte er seinen Verlust in der Zeitung bekannt. Und richtig, es dauerte auch gar nicht lange, da kommt eine Postkarte mit der Nachricht, daß er sich wegen seines Traurings bei dem Generalfundbureau Berlins und der Vororte, Charlottenstratze 96, einfinden möchte. Freudig be- wegt, macht sich der Betreffende mit seiner Braut auf den Weg. Im Bureau angekommen, gewinnen die beiden bald den Eindruck, datz alles in der schönsten Ordnung sei. Ein Verzeichnis wird ihnen borgelegt mit den Lvorten:„Suchen Sie sich nur aus, wo Trauring steht und geben Sie die Nummer an." Schön, sehr schön, man hat gar nicht viel Scherereien in diesem Gcneralfundbureau. Der Beamte geht in ein anderes Zimmer und bringt allerlei Schmucksachen zurück, vielleicht zu seinem Privatvergnügen,— wer kann es wissen. Jedenfalls ist der Verlierer der Meinung, daß es sich nur noch um einige Formalitäten handelt und er bekommt seinen Ring. Ein Zettel wird ihm ausgehändigt und er mutz 2,50 M. bezahlen. Natürlich, Gebühren müssen bezahlt werden, das sieht der betreffende Verlierer ohne weiteres ein; er zahlt und wartet und harrt und hofft, aber Hoffen und Harren, macht manchen zum Narren. Es wird ihm mitgeteilt, datz ihm innerhalb fünf Tagen der Finder oder dessen Adresse zugesandt werden würde. Sollte das nicht der Fall sein, könne er sich getrost wieder melden. Ah, das war eine grotze Enttäuschung I Noch ganz verblüfft von dieser uner- warteten Wendung der Dinge zieht der Verlierer mit seiner Braut ab und sieht sich drautzen den empfangenen Zettel etwas genauer an. Nun geht ihm erst ein„ganzer Seifensieder" auf, wie der Berliner sich drastisch ausdrückt. Er hat 2,50 M. für ein Inserat bezahlt, ohne eine Ahnung davon zu haben, für ein Inserat im „Verlust-Anzeiger" des Generalfundbureaus, den man gelegentlich an den Anschlagsäulen findet. Schnell entschlossen, stürmt er in das Bureau zurück und erklärt, er verzichte auf das Inserat und verlangte sein Geld zurück. Da kam er aber schön an, man zeigte ihm ruhig die Stelle, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Raus!— Jedenfalls fordern die Geschäftsmethoden des Generalfund- bureaus zu grosser Vorsicht heraus, und zu Nutz und Frommen aller derjenigen, die noch etwas zu verlieren haben, darf die Er- fahrung des Herrn S. der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten werden. Man vertraue in solchen Fällen lieber der Polizei und den dafür eingesetzten Behörden, als P r i v a t i n st i t u t e n, die Geschäfte damit machen. ES mutz ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht werden, datz der„Verlust-Anzeiger" und das Generalfundbureau in keiner Beziehung zu den Behörden st ehe n. Nach K 4 der„Grundbestimmungen für das Gencralfundbureau" will das- selbe mit Polizei und Behörden überhaupt nichts zu tun haben. Es heiht da:„Ueber die gefundenen Sachen werden weder an die Polizei noch an sonstige amtliche Personen Mitteilungen oder Mel- düngen gemacht, auch keine Fundsachen ausgeliefert. Das General- fundbureau hat und übernimmt keinerlei Verpflichtungen in dieser Hinsicht."— Auch die Finder sollten sich lieber an die Polizei wenden, wenn auch das Generalfundbureau in seiner„Arbeits- ordnung" den Findern verspricht, datz sie„keinerlei Gebühren zu zahlen" haben; es lehnt ebenso ab, des Finders Rechte oder Pflichten aus der Fundsache zu übernehmen und nimmt auch keine Fundsachen an. Die GasthofSviertel Berlins sind besonders die Dorotheenstadt und daneben die Friedrichstadt. Bei der Volkszählung von 1905 wurden in Berlin 357 Gasthöfe und Herbergen ermittelt, die zur Aufnahme von Fremden dienten. Davon lagen allein 85 in der Dorotheenstadt und 81 in der Friedrichstadt, so datz diese beiden Stadtteile zusammen mit 146, d. h. mit mehr als 40 Progent an der Gesamtzahl dieser Anstalten beteiligt waren. Am reichsten an Gast- Häsen ist bekanntlich die unmittelbare Umgebung des Bahnhofs Friedrichstratze, der zur Dorotheenstadt gehört. Aehnlich ist die Häufung der Gasthöfe und Herbergen in der Umgebung des Bahn- Hofs Alexandcrplatz. In dem Stadtteil Alt-Berlin wurden 22 solche Anstalten gezählt, dazu 21 im Spandauer Viertel. 11 im inneren Teil des KönigSviertclS und 13 in der westlichen Hälfte des Stra- lauer Viertels. Geringere Zahlen finden sich in der Umgebung des Potsdamer und des Anhalter Bahnhofs, 11 in der Schöneberger Vor- stadt, 20 in der westlichen Hälfte der Tempelhofer Vorstadt. Unter den Stadtteilen des Nordens tritt die Oranienburger Vorstadt, in der der Stettiner Bahnhof liegt, mit der beträchtlichen Zahl von 41 Gasthöfen und Herbergen hervor. Der Schlestsche Bahnhof ge- Hort zu der östlichen Hälfte deS Stralauer Viertels, in der 25 Gast- Höfe und Herbergen gezählt wurden. Die Stadtteile des äutzersten Ostens und Nordens haben nur vereinzelte Anstalten dieser Art. Selbstmord auf der Wanderschaft. Gestern hat sich in Pankow. am Bahndamm der Nordbahn, der 20jährige Schuhmachergesell- Robert Klotze durch einen Schutz in die Schläfe so schwer verletzt, datz keine Aussicht vorhanden ist, sein Leben zu erhalten. K. kam aus der Lausitz und hoffte in Berlin Arbeit zu finden. Als ihm dies nicht gelang, wollte er nach Magdeburg weiter wandern, doch übermannte ihn unterwegs die Verzweiflung. Er schrieb Abschieds- briefe an seine Angehörigen und schotz sich dann an der Nordbahn eine Kugel in die Schläfe. Die sofort benachrichtigte Panlower Polizeibehörde rief den in der Nähe weilenden Sanitätsrat Dr. Stenger-Nieder-Schönhausen herbei, welcher einen Notverband an- legte und die Ueberführung des Besinnungslosen in die Charit- an. ordnete. Räch Ansicht des Arztes ist keine Aussicht vorhanden, Klotze daS Leben zu erhalten. Lysol getrunken hat vorgestern die 25jährige Aufwärterin Anna H. in der Ackerstratze 124, nachdem sie mit ihrem Bräutigam in Streit geraten war. Der letztere entriß ihr die Flasche und bracht« die Lebensmüde nach der Unfallstatw» in der Eicheudorffstratze, wo ihr der Magen ausgepumpt wurde. Ob die H. mit dem Leben davon- kommen wird, bleibt abzuwarten. Aus einem Stadtbnhnzuge herausgestürzt ist vorgestern abend gegen W Uhr der Schlosser Stiller, Krautstr. 40. Er hatte für die Fahrt von Rixdorf nach Rummelsburg einen Vollringzug benutzt und öffnete bei Ankunft auf der letztgenannten Station vorzeitig die Coupetur, um möglichst schnell umsteigen und den nächst abfahrenden Stadtbahnzug noch erreichen zu können. Der Türgriff flog St aus der Hand, der Schlosser verlor das Gleichgewicht, fiel aus dem Coupe auf den Bahnsteig und stürzte mit großer Gewalt gegen einen eisernen Pfeiler. St. erlitt schwere innere Verletzungen,«inen kam- plizierten Bruch des rechten Unterarmes, und mutzte mittels Trag. bahre nach dem Rummelsburger Krankenhause übergeführt werden. Bom Kahne herunter verhaftet wurde vorgestern nachmittag der 22 jahrige Schiffer Richard M. Er wird beschuldigt, ein elfjährige» Schulmädchen auf die Zille gelockt und ein schiveres Sittlichkcitsver- brechen an der Kleinen begangen zu haben. Er wurde gestern auf dem am Maybachufer vor Anker liegenden Kahne durch die Kriminal- Polizei verhaftet und in die Untersuchungshaft eingeliefert. Eine BerkrhrSstörung im Stadtbahnbetriebc fand vorgestern nachmittag statt. Auf der Station Schöneberg war an der Maschine eines Südringzuges ein Defekt eingetreten, infolgedessen der Train nicht von der Stell« bewegt werden konnte. Vergeblich bemühte man sich, die Maschine wieder flott zu machen. Inzwischen war vom Potsdamer Bahnhof der nachfolgende Zug abgelassen worden und näherte sich der Station Schöneberg. Durch Warnungssignale wurde der Lokomotivführer auf das Hindernis aufmerksam gemacht und so einem Zusaminenstotze vorgebeugt. Mit Hülfe der Maschine des zweiten Zuges konnte dann der erstere weiterbefördert werden. Die Passagiere des Nachzuges muhten sich gedulden, bis ihr..Dampfrotz" wieder zurückkehrte. -.-5� Senzinexplosion in der Linienstr. 199», über die wir gestern berichteten, soll auf unaufgeklärte Weise entstanden sein. Die Saison der Fahrradmarder steht jetzt in hoher Blüte. Ganz besonders haben sie ihr Augenmerk auf die Vor- orte geworfen, und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht den drotigen Polizeibehörden ein Fahrraddiebstahl gemeldet wird. Einen guten Erfolg hatte kürzlich ein Fahrradmarder in der Leon- hardstratze in Charlottenburg. Bor dem Haufe Nr. 11 fiel ihm ein vernickeltes Herrenrad im Werte von 250 M. in die Hände. Am Tage darauf wurden in der Nähe zwei weitere Fahrraddiebstähle mit Erfolg ausgeführt. Den Polizeibehörden bereiten diese„Epe- zialisten" außerordentlich viel Mühe und Verdruß, denn die Er- mittelung der Fahrradmarder ist eine der schwierigsten Aufgaben für die Beamten Der„Grosse Preis von Steglitz" gelangt am Sonntag, den 17. Juni, nachmittags 5 Uhr, im Sportpark Steg- litz zum Austrag. Der Zoologische Garten hat neuerdings einen prächtigen Chapmans-Zebrahengst erworben, ein noch jugendliches Tier, das sich sowohl durch seinen eleganten Körperbau als auch durch die Schönheit seiner Zeichnung auszeichnet. Auf der gelblichen Grund- färbe stehen außer den schwarzen Hauptstreifen noch dunkle Zwischenstreifen, die sogar nach der Bauchseite hin noch deutlich hervortreten. Die Heimat dieser südafrikanischen Zebraform ist die Gegend von Tamara und Matabeleland, von wo der Hengst ganz frisch eingeführt wurde. Unter den im Berliner Aquarium mit den letzten Smdungen eingetroffenen Meerestieren sind für die Abteilung der Fische neben anderen Vertretern einzelner Gattungen ganz besonders köpf- und artenreiche Gesellschaften aus den Familien der Lippsische, Barsch- fische, Grotzzahnbarsche und Meerbrassen angelangt, die die bereits vorhandenen Bestände in erwünschter Weise ergänzen. Die erst- genannte Familie steuerte dazu außer einer Anzahl kleinerer, noch nicht bestimmter Lippfische zwei der farbenprächtigsten Lippfische bei, nämlich kleinere und größere, in allen Schattierungen des Regen- bogens gefärbte und gezeichnete Pfauenfische und sodann eine Spezies, die je nach ihrem Verbreitungsbezirk in der Färbung autzerordent- lich wechselt, wovon sich durch Betrachtung der jetzt sowohl aus den südeuropäischcn wie nordischen Meeresteilen angekommenen Exem- plare so recht überzeugen kann: bei den norwegischen Stücken herrscht ein sattes Braun vor, bei den Adriafischen ein Blaugrün in der Tönung, alle aber sind bunt gemarmelt, gebändert und gefleckt, so daß dieser stattliche, fußlange Lippfisch den Artnamen„msculstus" mit Recht führt. Unter den Barschfischen fallen durch ihre Schön- heit die in Rotorange, Olivgrün und Blau prangenden und an den Kopfseiten mit bläulichen Schriftzügen gezierten„Schriftbarsche" in erster Linie auf._ Vorort- jyadmcbten* Lichtenberg. Die Gemeindevertretung erledigte in ihrer Sitzung vom 14. Juni zunächst einige Wahlen und belvilligte die Mittel zur Aufstellung einer vom„Bürgerverein" erbetenen Bedürfuisaustalt in der Dorf- stratze. Die Kosten belaufen sich aus 4700 M.— Die Ueberuahme der Landsberger Chaussee im Weichbilde des Orte? hat der Kreis Nieder-Barnini der Gemeinde wiederum empfohlen. Die Ge- meindcvertretung erklärt sich jetzt mit der Ueberuahme ein- verstanden. Der Kreis zahlt eine Summe von 52 000 Mark an die Gemeinde. Die ständige Position:„Erstattung von Bürgersteigs- Herstellungskosten" fehlte auch in dieser Sitzung nickt, jedock mußte sich der auch junter den„Teilern" mit etwa 5000 M. befindliche Eisenbahnfiskus gefallen lassen, datz die Rechtmähigkeit seiner Forde« rung angezweifelt und darum zurückgestellt wurde. Eine Anleihe von 461 000 M. von der Landesversicherungsanstalt Brandenburg zum Zinsfutze von 33/. Prozent auszunehmen, wurde beschlossen. In der Stadtwerdungsfrage faßte die Gemeindevertretung ein- stimmig den Beschlutz, den Gemeindevorstand zu ersuchen, sofort mit dein Kreise Nieder-Barnim in Verhandlung zu treten, um die Be- dinaungeu festzustellen, unter denen das Ausscheiden aus dem Kreise bei Erlangung der in Aussicht gestellten städtischen Ver- fassung ernröglicht wird. In der Debatte kam die Hoffnung zum Ausdruck, daß die Verfassungsfrage für die Gemeinde mit dem 1. April 1908 ihre Erledigung finden möchte. Der vom Minister geforderte Krankenhausbau soll beschleunigt werden und sollen der Vertretung demnächst die Vorlagen über das Projekt vorgelegt werden. In geheimer Sitzung wurde die definitive An stellung des Gemeindebaumeisters beschlossen. Rixdorf. Die Rixdorfer Polizei suchte, wie erinnerlich, seit gestern einen Beraubten, der von dem gestern verhafteten Hermann Thiel um einen hohen Geldbetrag und eine goldene Uhr beraubt worden war. Der Beraubte ist jetzt gefunden worden. Es ist der Gastwirt Wilhelm Sch., der Kottbuser.Damm 72 wohnt. Sch., ein 44jähriger Witwer und wohlhabender Manu, hatte sich abendS auf eine„Bierreise" begeben und zu diesem Zwecke etwa 600 Mark zu sich gesteckt, die er teils in einen, Portemonnaie, teils in einem Geldbeutel mit sich führte. In Rixdorf nahm er dann in der Laune den Bauarbeiter Thiel mit auf die Reise. Dieser lohnte die Freundlichkeit dadurch, datz er den Gastwirt ausraubte. Von den 600 Mark fand Sch. später nur noch einen Hundertmarkschein zerknittert in einer Tasche. Er mutzte infolge schlverer Alkoholvergiftung in das Krankenhaus am Urban einqeliesert werden, in dem er jetzt noch bedenklich daniederliegt. Thiel hat die erbeuteten 500 Mark in einigen Tagen bis auf einen Rest von 40 Mark vergeudet. Köpenick. Ein Zusaminenstoss zweier Kraftfahrzeuge fand gestern auf der Köpenicker Landstraße in der Nähe von Köpenick statt. Einem in der Richtung nach Berlin fahrenden Automobil kam dortselbst ein von dein Fabrikanten B. geleitetes Motorzlveirad entgegen, welches, einem vor ihm fahrenden Strohwagen ausbiegend, seitlich gegen da? Automobil geriet. Der Anprall erfolgte mit solcher Gewalt, datz das Motorzweirad vollständig zertrümmert wurde und B. gegen einen Baum stürzte. Der Fabrikant erlitt einen Bruch des rechten Oberarmes und anscheinend innere Verletzungen. Die Insassen des Autoniobils nahmen den Verunglückten auf und brachten ihn nach einem Krankenhause in Berlin. Friedrichsfelde. Eine» Einbruch verübt hat der noch jugendliche Arbeiter Bielecke in Gemeinschaft mit seinem Komplizen Ludtke. � Si» entwendeten Jnlettzeug und Wirtschastsgegenstände, welche sie zu Geld machten. Die beiden jungen Taugenichtse sind schon wegen derartiger Delikte vorbestraft. B. wurde erst vor ein paar Tagen aus dem Gefängnis entlassen, ist also dort nicht gebessert worden. Der betreffende Hauseigentümer hat gegen die Uebeltäter auch Strafantrag wegen Sachbeschädigung gestellt. Eine neue Tcrraingcscllschaft hat sich kürzlich in der Kolonie Karlshorst gebildet. Dieselbe hat vom Rittergutsbesitzer v. Treskow ein größeres Terrain käuflich erworben, welches der Bebauung erschlossen werden soll. Der Kaufpreis für das zwischen Treslow- Allee, Schlestscher Bahn mid dem Vorwerk Karlshorst belegene» Ge- ländes soll 2 400 000 M. betragen. Die Gesellschaft soll für den mit Waldbcstand versehenen Teil horrende Preise verlangen. Der Bau der Kaualisatlon schreitet rüstig vorwärts. Die Röhren- Verlegung im Ortsteil Friedrichsfelde ist nahezu beendet. Im Orts- teil KarlShorst traten wegen des außerordentlich hohen Grund-' wasserS grotze Schwierigkeiten ein und werden oie veranschlagten Baukosten wohl erheblich überschritten werden, da die Kosten für Spnndivände sowie für Brunnen zur Senkung de? Grundwasserspiegels im Anschlag nicht vorgesehen sind. Auch die Verlegung der Druckrohrleitung nach dem Nieselgut Münchehofe ist schon bis zur Kaulsdorfer Grenze nahezu fertiggestellt. Sollten nicht unvorhergesehene Hindernisse eintreten, so soll die ganze Anlage zum 1. April 1907 in Betrieb genommen werden, �iir eine genügende Aufsicht, datz die Arbeiten sauber und gut ausgeführt werden, ist Fürsorge getroffen. Auf jeder gröheren Baustelle ist von der Gemeinde ein Fachmann als Kontrollperson bestellt. Um anscheinend ganz sicher zu gehen, hat man dazu sogar Schwieg«- söhne einflußreicher Personen aus der Gemeindevertretung ge- nommen. Nörgler sagen zwar, dies sei nur versorgungshalber geschehen. sintemalen einer dieser Bauaufseher vom Tiesban keine Ahnung hat. Diese Auffassung ist gewiß aus dem Un, stände entstanden, weil zur- zeit schon mehrere gut dotierte Beamteuposten auch von nahen Ver« wandten einflußreicher Personen der Gemeindevertretung besetzt find. Auch uns will scheinen, daß es ratsamer ist. Verwandte von Ge- meinderatsmitgliedern von Stellungen, die der Kritik des Gemeinde- rats unterstehen, fernzuhalten; der objektiven Kritik und auch der öffentlichen Meinung wegen. Steglitz. Eine» beachtenswerten Beschluß faßte die Mitgliederversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins an, letzten Mittwoch. Anknüpfend an die erfreuliche Tatsache der beständigen Vermehrung unserer Mitgliederzahl jdie beiden letzten Lersamm- lungen brachten wieder über 30 Neuausnahmen) winde von Genossen Zumpe ausgeführt, datz dem Verein hieraus die Pflicht erwachse, i n systematischer Weise für die Ausbildung der neuen, meist jüngerenMitgliederSorge zutragen. Die Versammlungen allein seien nicht genügend. die nötige Auf- klärung und Belehrung über die Ziele des Sozialismus zu geben, weil sich die Versammlungen auch mit vielen anderen Dingen be« fassen müßten, die einen großen Teil ihrer Zeit beanspruchten. Nun existiere zwar die Arbeiter- Bildungsschule in Berlin. die alles das biete, was zurzeit erreichbar sei; doch dürfe man nicht verkennen, datz für die Genossen der Vor« orte der Besuch dieses Instituts mit großen Opfern an Zeit und Geld verknüpft sei. Der Weg vom Wohnorte nach dem Gewerkschaftshause und zurück nimmt dieselbe Zeit oder gar noch mehr in Anspruch wie der Unterricht selbst, und es sei daher be- greiflich, datz viele Genossen schon aus diesem Grunde der Schule fernblieben. Gner weiteren Zahl von Genossen fei das Fahrgeld zu hoch; auch dieser Einwand sei berechtigt, denn es sei nicht jeder in der Lage, 40—60 Pf. Fahrgeld für jede Unterrichtsstunde zu opfern. Aus allen diesen Gründen empfehle er, den Versuch zu machen, in Gemeinschaft mit den Wahlvereinen der Nachbar- orte eine ähnliche Einrichtung wie die Berliner Arbeiter- Bildungsschule zu schaffen, um auf diese Weise die Pflicht gegen unsere Mitglieder besser erfüllen zu_ können und somit beizutragen zur Heranbildung von Parteigenossen, die von dem Geiste deS wisseuschaftlichen Sozialismus durchdrungen sind.— Der Vorschlag fand Unlerstiitzung, und die Besprechung verdichtete sich zu dem Be- schlusse, den Vorstand zu beauftragen, baldmöglichst mit den Nachbarvereinen in Verbindung zu treten zur Vetwirklichung des obigen Gedankens. Waidmannslust. Am Sonnabend, den 9. Juni 1906, hielt der Wahlverein für Waidmannslust und Umgegend eine Mitgliederversammlung im hiesigen Schweizerhäuschen ab. Leider war der Referent, Genosse Kiesel-Berlin, nicht erschienen, so datz die gut besuchte Versammlung von einem Referat Abstand nehmen mutzte. Als Delegierte zur Generalversammlung von Grotz-Berlin wurden dieselben Delegierten wie zur Kreis-Generalversammlung gewählt. Das Sommerfest soll am 22. Juli stattfinden. Um eine bessere Fühlung mit den Genossen in Stolpe herbeizuführen, wird am 24. Juni eine Herrenpartie nach Stolpe unternommen. Als Abteilungsführer für Borsigwalde wurde der Genosse W. Schulz gewählt. Zur Aufnahme hatten sich acht Genossen gemeldet. Hierauf gab der erste Vorsitzende Genoffe Kotterba die Abrechnung von der Maifeier; danach betrug die Ein- nähme 52,75 M., die Ausgabe 20,60 M.» so daß ein Ueberschuh von 32,15 M. zu verzeichnen ist. Neu-Zittau(Kreis Beeskotv). Einen«freulichen Sieg errangen die hiesigen Genoffen, indem sie bei der am 12. Juni stattgehabten Nachwahl zur Gemeinde Vertretung in der II. Klasse, die mfolge grober Wahlverstöße kassieck worden war, unseren altbewährten Genossen, Maurer Johanr Wisczorik durchbrachten. Mit ihm zieht der erste Sozialdemokrat i, das Dorfparlament. Mt welchen Mitteln die Gegner arbeiten, ist daraus zu ev sehen, daß man neben der Abgabe der Papierstimmen sogar ver- suchte, für einen momentan auf Reisen befindlichen Einwohner eim solche abzugeben: dagegen zwei uns zur Verfügung stehend« Forensen-Stmunen wegen ganz geringer Formfehler ungültig er klärte. Schildow. Blankenfelde. Am vrrgangmen Sonntag hielt der Wahlverein für obige Ork in Mönchsmühle seine regelmäßige, leider, wohl der ungunstiger Witterung wegen, schwach besuchte Versammlung ab. Genosse Böhn hielt eine Vorlesung aus der Brackeschen Broschüre„Nieder mit der Sozialdemokraten", die mit Beifall aufgenommen wurde. An de, Diskussion beteiligten sich die Genossen Braun und Beyer in zw stimmendem Sinne. Nachdem der Vorsitzende darauf hingewieser hatte, der Lokalftage Beachtung zu schenken, forderte er die An- wesenden auf, die Lokalsperre streng durchzuführen, damit eS ermöglicht werde, auch in Schildow Lokale zu erobern. Zum Schluß mahnte er, fleißig für die Parteipresse sowie für den Wahlverein zr agitieren und datz die am 8. Juli im selben Lokale stattfindend, Versammlung wieder vollzählig besucht wird. Staaken. TerroriSmus. Eins der beliebtesten Argumente der Scharfmacher- presse und ihres Anhanges ist es, der Sozialdemokratie vorzuwerfen, datz sie die Arbeiter terrorisiere, daß diejenigen, die nicht zur Partei gehören, drangsaliert und um ihre Arbeit gebracht würden. Freilich bewegen sich diese Anklagen meist in so allgemeiner Form, datz sie nicht nachzuprüfen sind; wo einmal genauere Mitteilungen gemacht wurden, war cS stets ein leickteS, die Verlogenheii dieser Behauptungen nachzuweisen. Im Gegensatz zu diesen VerleumKmgen der Scharfmacherpresse, die ja auch nur in die Welt gesetzt»erden, um die bisher noch Indifferenten von der Sozialdemokratie fern- zuhalten, hat die Parteipresse an speziellen Fällen immer und immer wieder bewiesen, daß Terrorismus rn wirtschaftlicher und politischer Beziehung in den Reihen derer zu finden ist, die über Unduldsamkeit von Sozialdemokraten nicht genug zetern körnen. Der Erfolg dieses scharfmacherischen Treibens ist aber in den nie sten Fällen ein anderer, als man erwartet. Haben wir doch eine große Anzahl Fälle zu verzeichnen, wo Leuten, die bisher der Sozialdemo- krane mehr oder weniger indifferent gegenüberstanden, durch daS hetzerische Treiben der„Patrioten" die Augen geöffnet wurden und diese bisher Indifferenten fich zu tüchtigen Parteigenossen mt- wickelten. Ein derartiger Fall, wo durch den von.Reichspatrioten" ze- übten TerroriSmus oem Wahlverein ein neues Mitglied zu- geführt wurde, hat sich jetzt in Staaken bei Spandau abgespiilt. Der Dirigent des dortigen Arbeiter- Gesangvereins, der kcin Parteigenosse war, fuhr in seinem bürgerlichen Berufe unier anderem gereinigte Soldatenwäsche in die Kaserne des 5. Gnrderegiments nach Spandau. Nun hat sich wohl unter den „Reichstreuen" in Staaken eine Dreckseele gefunden, die den Fuhr- Herrn beim Regiment denunzierte, daß er Arbeitern in hoch- verräterischer Absicht Gesangsunterricht erteilt. Der Erfolg blieb denn auch nicht ans. Eines Tages wurde ihm durch schriftlichen Befehl, der in der Kaserne auShing, der Zutritt zu den Kafernements verboten. Gründe für diese Matzregel wurden den, Fuhrherrn nicht gegeben. Der Fuhrherr und Dirigent des Arbeiter-Gesangvereins hat feine Matzregelung dankend quittiert durch seinen Eintritt in den dortigen sozialdemokratischen Wahlverein. Vielleicht gebraucht einmal der.Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie" diesen Fall von TerroriSmus und entrüstet sich darüber. Oder nicht? Einen Beweis für die Behauptung, daß die zweijährige Dienst- zeit der Soldaten noch viel zu lang ist, erhielten die Einwohner unseres Oertchens in den letzten Tagen. In dem Garten deS Wäschereibesitzers Bräutigam, Amalienhof, konnte man bereits un, gl/, Uhr einen jungen KriegerSmann sehen, der emsig bemüht war, das wuchernde Unkraut im Garten zu beseitigen. Die Löhne der in landlvirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter sind doch wirklich nicht so enorm hohe, datz sie von den Unternehmern nicht gezahlt werden könnten. Angebracht wäre es daher, datz die Militär- Behörden sich endlich dazu auftaffen, den Soldaten Privatarbeiten zu verbieten. Verantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.': Th. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruck«« u. BerlagSanstalt Pcml Singer Li Co.. Berlin SW.