Nr. 141. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 M., monatl. 1,10 M., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage„ Die Neue Welt" 10 Big. Bost Abonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitungs. Breisliste. Unter Kreuzband Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 3 Mart pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Ericheint täglich außer Montags. für Vorwärts Berliner Volksblatt. 23. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Rolonel geile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Bersammlungs- Anzeigen 30 Pfg. ,, Kleine Anzeigen", das erste( fett. gedruckte) Wort 20 Bfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafa stellen- Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 1hr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983. Donnerstag, den 21. Juni 1906. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Politische Briefe aus Petersburg. trebten, entſagten fie der Forderung der gleichen, direkten, Arbeiterklaſſe den Stura der beſtehenden„ Ordnung", er( Von unserem Korrespondenten.) Die Reichsduma. I. Sechs Wochen sind nun verflossen, seitdem Rußland in die Periode des sogenannten fonstitutionellen Regimes eingetreten ist. In diesen sechs Wochen hat die Duma schon zwei Phasen der parlamentarischen Entwickelung überlebt, die wir hier untersuchen wollen. wollten, also auch die Stimmen der äußersten Rechten, des der Regierung. Um den sich zwischen der Duma und der Grafen Heyden und anderer adeliger Reaktionäre, zu erhalten Kamarilla entwickelnden Konflikt auszunußen, fordert die geheimen Wahlen und verlangten bloß das allgemeine strebend, daß die Duma diejenigen Kräfte des Landes organiStimmrecht". Die sozialistische Presse und riesige vom Prole- fiere, auf welche sie sich noch zu stüßen gezwungen sein wird. sariat abgehaltene Versammlungen haben diese Klassenpolitik Den ersten Schritt auf dem Wege der Annäherung der Kadetten sofort beleuchtet. Die Arbeitergruppe, zwischen Volt und Duma hat wiederum die Arbeitergruppe die sich schon zu jener Zeit in der Duma gebildet und die sich getan, die folgendes Manifest an die Arbeiter Rußlands vervon der Arbeitsgruppe" getrennt hatte, stimmte nicht für öffentlichte: die Antwortadresse und wies unter anderem darauf hin, daß An alle Arbeiter Rußlands! das Proletariat schon einmal Adressen gesandt habe, daß am 9.( 22.) Januar 1905 all sein Vertrauen zu Adressen zunichte geworden sei und daß das Proletariat es seitdem nicht mehr für nötig halte, fich an die Volksfeinde zu wenden. Unsere Leser wissen, daß die in der Duma herrschende Partei die Kadetten"( fonstitutionelle Demokraten) find, deren Taktik durch ihren Parteitag bestimmt wurde, der kurz Aber noch mehr! Im letzten Augenblick verließen Graf vor der Eröffnung der Duma stattgefunden hat. Diese Taktik Heyden und seine Gesinnungsfreunde- ihrer waren im fann in zwei Worten wiedergegeben werden: sie wird durch ganzen sechs den Saal, indem sie erklärten, für die ihre völlige Unbestimmtheit bestimmt. Ihre Haupteigenschaft Kadettenadresse nicht stimmen zu können! So gelangten denn ist die des Kautschuks. Hier muß noch darauf hingewiesen die Kadetten, welche die Grafenstimmen der Rechten gewerden, daß am Tage vor dem Kadettenparteitag die auto- minnen wollten und die Arbeiterstimmen mißachteten, zu fratische Bureaukratie einen geschickten politischen Schritt nichts und zeigten nur noch einmal angesichts der weiten getan hat, den die Kadetten ganz und gar nicht verstanden. proletarischen Massen all die Unzulänglichkeit und UnzuverUnd da sie ihn nicht verstanden, so sind sie in das Net ge- lässigkeit ihrer Partei und ihrer Taktik. Auch diesmal schwieg gangen, das ihnen die Reaktion geworfen hat. Kurz vor die Arbeitsgruppe. dem Barteitag nämlich hat die regierende Clique das Gerücht die des Reichsrates wurde eines Empfanges gewürdigt. Zum Die Adresse der Duma wurde nicht entgegengenommen, von dem Rücktritt des Ministeriums Witte- Durnowo aus- die des Reichsrates wurde eines Empfanges gewürdigt. Zum gestreut und bald hat sich dies Gerücht bestätigt. Im„ Sturze" zweitenmal also gab die Bureaukratie der Volksvertretung dieser Scharfrichter Rußlands sahen die Kadetten den Wunsch eine Ohrfeige. Endlich kam der 13.( 26.) Mai. Die regierende der Regierung, den Weg der Kompromisse zu betreten und Clique entschloß sich, den Fehdehandschuh zu werfen: In der vor allem sich mit den Kadetten – als der in der Duma absoluten Stille der Dumafizung, in Gegenwart des gesamten herrschenden Partei zu verständigen. Dieses Faktum in Stabinetts und der Mehrzahl der Glieder des Reichsrats las Betracht ziehend, empfahl Herr Professor Miliukoff, Referent Goremyfin seine berühmte Deklaration vor, die der ganzen über die Taftiffrage auf dem Parteitage, jene„ Unbestimmt. Duma, dem ganzen russischen Reiche, diesem während seiner heit", die einerseits die Charybdis der Konstituante, anderer- Jahrhunderte währenden Sklaverei an viel feinere" bureauseits die Scylla der sogenannten„ organischen" Mitarbeit mit fratische Ueberraschungen gewöhnten Rußland einen einzigen dem absterbenden Regime zu vermeiden schien, Sich in den Schrei des Erstaunens entlodte. Grenzen des über die Reichsduma veröffentlichten Utases Wir dürfen behaupten, ohne Gefahr zu laufen, uns zu halten, nichts gegen die Vorrechte der Krone unternehmen, irren, daß, wenn die Regierung frech genug war, den Volks. friedlich parlamentarischen Weges mit Hülfe beiderseitigen bertretern und dem ganzen Volke dieses Papierchen ins GeNachgebens die Auflösung der alten Ordnung erzielen und ficht zu schleudern, daran in erster Linie jene Halbheit in der ein konstitutionelles Regime schaffen- das war die Parole. Taktik der Kadetten Schuld trug, die wir oben charakterisiert Vermittler sollen wir sein zwischen dem alten und dem haben. neuen Rußland," das war der taktische Hinweis, der von dem Parteitage für die parlamentarische Fraktion der Kadetten gegeben wurde. Das dreiste Gebaren der Regierung war nur die logische Folge des unsicheren und diplomatischen Gebarens der Kadetten. Die Reaktion hat die Sprache der Bitten und Ratschläge nie verstanden. Sie versteht bloß die kühne Rede der tapferen Kämpfer, die im Bewußtsein ihrer Würde als Als die in der Stille lauernde, mit Ungeduld die Resultate des Kadetten- Parteitages erwartende Reaktion sah, daß es nicht Feinde waren, die zu ihr sprechen wollten, sondern Ber- Herolde des Volkes sprechen. Dennoch kann man den 13.( 26.) Mai als einen Wendemittler", da erhob sie das Haupt und erkühnte sich, dem gefamten Volke ins Antlitz zu schlagen, indem sie am 25. April punkt in der kurzen Periode unseres Konstitutionalismus" ( russischen Stils), zwei Tage vor der Eröffnung der Reichs- bezeichnen. Von diesem Moment an beginnt nämlich die duma, die„ Grundgesete", d. h. eine„ Konſtitution" veröffent- zweite Phase der Eriſtenz der Reichsduma, eine Phase, welche lichte, die tatsächlich die ganze autokratische Gewalt wieder die Verhältnisse der in der Duma vertretenen gesellschaftlichen herstellt, da sie die Dumades Rechtes der Initia- Gruppen verändert. Tätiger und energischer tritt die sozialtibe beraubt und außerdem jegliches Gesetz nur dann demokratische Arbeiterpruppe und die Gruppe der Landleute ins Leben ruft, wenn es des Kaisers Approba- auf den Plan, und es läßt sich die Tendenz bemerken, die tion erhalten hat! Kadetten zu bugfieren, anstatt sich von ihnen bugsieren zu Durch die Veröffentlichung dieser Grundgeseze zeigte die laffen! Die Gruppe der Arbeiter nebst der der Landleute Reaktion ihr wahres Antlig und erklärte sie sich zum Stampfe beginnt den Reigen zu führen. Man muß am 13.( 26.) Mai bereit. Aber die Kadetten hofften dennoch auf einen fried- in der Duma gewesen sein, um die Stimmung der Landlichen Ausgang, und in dieser Hoffnung schlossen sie ihren Die Bauern sind erwacht, und wenn sie bis zum heutigen Tage leute zu begreifen." Simson erwacht, spaßt nicht mit ihm! Nach dem bekannten„ Empfang" im Winterpalais trat an die Regierung glaubten und Land und Freiheit von ihr die Reichsduma in die Ausarbeitung der Antwortadresse auf zu erhalten hofften, so werden sie nach der heutigen Deklaradie Thronrede ein. Aber vorher erhoben die Kadetten in tion des Ministers gleich Simson ausrufen: Es verderben der Duma ihre Stimme zugunsten einer sofortigen Amnestie, meine Feinde!" Diese einfachen aber beredten Worte und zwar wurde die Frage derartig gestellt, daß die Amnestie wurden den Ministern von der Dumatribüne herab von nicht eine einmütige& orderung der Duma wurde, sondern Coffew, einem einfachen Landmanne, ins Gesicht geschleudert. als ihr Wunsch, als ihre Hoffnung zutage trat, daß man dem Die reaktionärsten Landleute liefen danach in den Korridoren allgemeinen Volkswillen nachgebe. der Reichsduma umher, indem sie ausriefen: Kein Land! Fahren wir nach Hause; hier haben wir nichts mehr zu tun! Laßt doch die Bauern selber das Land nehmen!" Parteitag. Wie bekannt, wurde die Resolution der Arbeitgruppe angenommen. Herr Roditschew, einer der Führer der Kadetten, hielt in der Duma eine Rede, die sogar in den Reihen der Kadetten selber Konfusion und bei allen bewußten und demokratischen Elementen im Lande einen Sturm des Unwillens hervorrtef. Roditschew erkühnte sich nämlich zu erklären, daß die Unter dem Einfluß der Arbeiter- und der Arbeitsgruppe soKrone die politischen Verbrecher durch Verzeihung wie einer Reihe von Forderungen und Resolutionen, die von und Milde strafen solle!"- So sprach dieser Kämpfer Arbeiterversammlungen beschlossen wurden, bildete die Duma für die Freiheit, der in allen Wahlversammlungen schwur: eine Kommiffion, welche die Verbrechen der Zentral- und der die ersten Worte der Kadetten in der Duma würden alle Ge- Lokalautoritäten untersuchen soll. Die Regierung setzt ihre walttäter und Scharfrichter vors Gericht ziehen". bisherige Politik fort. Der Duma spottend und dadurch das Band revolutionierend, hört sie nicht auf zu morden und zu verbannen. Amnestie wurde nicht erteilt, und die Verbrecher" weilen noch in den Gefängnissen, in der Verbannuna. bei der Zwangsarbeit. Die Duma machte sich an die Ausarbeitung der Antwortadresse. Eine Kommission ward gewählt, und ihr wurden zwei Entwürfe vornelegt: der eine von den Kadetten, ein anderer von der sogenannten„ Arbeitsgruppe", d. h. von den Abgeordneten von Landleuten und Arbeitern, die sich unter jenem Namen zu einer Gruppe vereinigt haben. Bald aber zog die Arbeitsgruppe aus Gründen, die wir noch erörtern werden ihren Entwurf zurück. 11 Die Duma bereitet eine Reihe von Gefeßentwürfen vor. Viele von ihnen, die von den Kadetten ausgearbeitet wurden, rufen unter den Arbeitern Unwillen hervor, wie z. B. Gesetz über die Presse, das mit Recht 3wangsarbeitgefet" genannt wird und offensichtlich gegen die Sozialisten gerichtet ist. Ein neues Aufbrausen der gesellschaftlichen Bewegung, ein neues Aufbrausen der Arbeiterklasse wird alle diese Gesetze hinwegfegen, nachdem deren für den gegebenen Augenblick revolutionierende Bedeutung entsprechend ausgenutzt sein wird. Der Kadetten- Entwurf wurde der Duma vorgelegt. Ohne diesen Entwurf näher zu erörtern, wollen wir hier nur darauf hinweisen, daß, wenn er auch im großen und ganzen der Die Duma wird an das Land appellieren müssen, und Natur der Kadetten angemessen befriedigend zusammen- das organisierte Proletariat, das die bürgerlichen Barteien gestellt ist, er schon in seinem ersten Absatz einen Abfall der in der Duma nicht aus dem Auge läßt, das ihr Betragen einer Kadetten von ihren Versprechungen enthält; denn da sie bei beständigen Kritik unterwirft und sie auf einen revolutiofer Abstimmung für ihren Entwurf Einstimmigkeit erzielen näreren Weg stößt, firiert jest hauptsächlich den Kampf mit Von den Arbeiterabgeordneten der Reichsduma. Am 13.( 26.) Mai hat die Regierung der Reichsduma ihre Antwort auf die Adresse der Duma an den Kaiser gegeben. Ihr wißt, Genossen, Arbeiter, was die Duma berlangte. Ihr wißt jetzt, wie die Regierung geantwortet hat. Die Duma forderte Amnestie die Regierung hat sie zurückgewiesen. Die Duma forderte Freiheit des Wortes, der Bresse, der Berson, Abschaffung der Todesstrafe, bes Striegs- und Sc lagerungszustandes. Die Regierung hat alles zurückgewiesen. Die Duma forderte allgemeines Wahlrecht. Die Regierung wies es zurüd. Die Duma forderte, daß das Kronland, die Kabinetts, Kirchenund Klosterländereien, die Länder der Grundbesitzer in die Hände der Landleute übergehen sollten. Die Regierung wies es ab. Sie Grundbesitz anzutaften. erklärte, daß sie der Duma nicht erlauben würde, den privaten Die Regierung verspricht keine Gesetze, die der Arbeiterklasse aus ihrer traurigen Lage helfen könnten. Nach dieser Antwort auf ihre Forderungen beschloß die Duma einmütig, den jezigen Miniſtern ihr völliges Mißtrauen aus zudrücken, und sie stellte die Forderung auf, daß ein neues Minifterium aus Leuten gebildet werde, die das von der Duma in ihrer Antwortadresse aufgestellte Programm zu verwirklichen geneigt wären. Genossen, Arbeiter! Wir, Arbeiterabgeordnete, der Duma, haben mit der gesamten Duma gegen die jetzige Regierung gestimmt. Natürlich hätte die Arbeiterklasse noch vieles zu dem, was die Duma forderte, hinzufügen fönnen, immerhin war in der Duma- Adresse bieles, was dem ganzen Volte und der Arbeiterklasse unentbehrlich ist. Deshalb hielten wir es für unsere Pflicht, mit dagegen au protestieren, daß die Regierung nicht mit der Stimme der Volfss bertreter rechnen will. Regierung zu einem Zusammenstoße gekommen, der früher oder So ist es also, Genossen, zwischen der Reichsduma und der Voltssache fann nur dann fiegen, wenn sich das ganze Volk ente später mit der Niederlage der Regierung enden wird. Aber die schlossen in den Kampf mengt, der in der Duma begonnen hat. Genossen Arbeiter! Ihr seht jetzt alle, daß die Duma dem Bolte nicht helfen kann, solange sie von der Regierung aller Rechte einer echten Volksvertretung beraubt werden kann. Ihr seht jetzt, daß jedes gute Beginnen der Duma an der Selbstherrschaft der tümer im Lande, und diese selben Leute benußen unsere allgemeine Regierung zerschellt. Diese Regierung befibt die größten Reich tümer im Lande, und diese selben Leute benußen unsere allgemeine Rechtlosigkeit und allerlei Ausnahmegeseze( Kriegs- und Bes lagerungszustand), um die Landleute und die Arbeiter in Knecht schaft und Erniedrigung zu halten. Diese Leute Edelleute, Beamte, hohe Geistliche halten in ihren Händen die ganze Herrschaft im Reiche und lassen Rußland feinen Schritt auf dem Wege zur Freiheit machen. es vermögen, alle Forderungen des Boltes zu erfüllen, sondern nur Nicht eine machtlose Duma neben einer Beamtenregierung wird eine machtvolle, auf Grund des allgemeinen, direkten, gleichen und geheimen Stimmrechtes ohne religiöse, nationale oder Geschlechts. unterschiede gewählte Konstituante. Die lebergabe aller Macht an diese Konstituante zu verfechten, Arbeiterabgeordnete werden energifch dahin streben, daß die Duma das ist zu unserer Zeit die erste Pflicht aller Bürger, und wir die Zusammenberufung einer solchen Konstituante vorbereite. Und Jhr, Genossen Arbeiter, müßt Euch jest gleich dazu borbereiten, die Duma in ihrem Konflikte mit der Regierung zu unterstützen und Eure Interessen zu verteidigen. Enger Eure Reihen! Legt den unbewußten Massen die Be deutung dieses Konfliktes zwischen Duma und Regierung dar, organisiert Guch, vereinigt Euch, sammelt Eure Kräfte- fie werden nötig sein! Organisiert Euch aber und vereinigt Euch, ohne irgendwelcher Provokation nachzugeben, ohne unnötigerweise vereinzelte Bus sammenstöße mit der Macht hervorzurufen. Laßt nicht unnötiger weise proletarisches Blut vergießen! Am allernötigsten ist es jetzt, daß ganz Rußland, Klein und Groß, seine Meinung über den Konflikt zwischen der Duma und der Regierung klarlege. Ar Sprecht also Eure innerste Meinung aus, Genossen beiter. Verfaßt Refolutionen und Beschlüsse auf Meetings und Bersammlungen und schickt sie Guren Abgeordneten. Uns Arbeiterabgeordneten wird das eine Stüße sein in unserem Kampfe gegen die Regierung, die den Landleuten und den Arbeitern nichts Es lebe die Einigung der Arbeiterklasse! Es lebe die Macht und die Freiheit des Volkes! St. Petersburg, den 18.( 31.) Mai 1906. Abgeordnete der Reichsduma: geben will. J. Saveljew( Moskau). B. Didento( Charkow). M. Michah litschenko( Ekaterinoslaw). A. Smirnow( Kostroma). W. Rogon ( Benfa). S. Wirowoj( Kiew). W. Lebeden( Wladimir). P. Erschon( Kasan). Die Revolution in Rußland. Bialystok. Wolffs Bureau glaubt folgende Meldung der Welt nicht vor. enthalten zu dürfen: " Petersburg, 20. Juni. Der Regierungsbote" veröffentlicht ein Telegramm des Prokurators von Wilna an den Justizminister, nach dem der Prokurator von Grodno gemeldet hat, daß während Ittt Unruhen ht OfoTtjflo! daS Militär aus den Häusern von Revolutionären beschossen worden ist. In dem Krankenhause fand der Prokurator vier Tote und sieben Verwundete, die mitten in der orthodoxen Prozession von Bomben und Schüssen getroffen waren. Beim Eindringen in zwei Häuser, aus denen auf Feuerwehrleute geschossen wurde und in denen. Patronen explodierten, fanden die Truppen neun getötete Juden. Die Meldung der Petersburger Telegraphen-Agentur, daß in Bialystok Bomben geworfen worden seien, findet durch die vorstehende amtliche Meldung des Proluraiors ihre Bestätigung. Wir geben als Pendant zu diesem Telegramm die folgenden bltereffanten Mitteilungen nach dem„XX. wiek": »Vor neun Tagen verlieb Herr Jerogin, der Organisator der regierungsfreundlichen Wahlen und PensionSbesitzer der staatlichen Wohnung, in der regierungsfreundliche Bauerndeputierte abgerichtet werden, seine Pensionäre in Petersburg und begab sich nach dem Grodnoer Gouvernement. Er traf gerade zwei Tage vor dem Pogrom in Bialystok ein, t ch unwillkürlich sucht man nach einem Zusammenhang zwischen ' mer Ankunft und den Ausschreitungen gegen die Juden. Unwahrscheinlich ist dieser Zusannnenhang nicht; denn die Jero- ginschen Baucrndeputierten sind vorzüglich abgerichtete Antisemiten, und wir sind von jeher daran gewöhnt, daf; zu den Judenhetzen stets„Hooligans" aus fremden Städten als Gastrollengeber zugezogen werden. Wer weiß, in was für einer abgerissenen Hooligan-, Umfornl" Herr Jerogin am Krawall aktiv teilgenoinmen hat I— Jedenfalls ist es wünschenswert, daff Herr Jcrogm auf seinen wichtigen Posten zurückkehrt; denn schon vor seiner Abreise schmolz die Anzahl seiner »Zöglinge" von 72 auf 15, und auch von diesen 15 Mann sind viele unsicher, da die Duma ihre Mandate als unrechtmässig erworbene zu kassieren gedenkt. Die Gefahr ist also nicht ausgeschlossen, daß die»Pension" auf der Kirotschnaja, oder besser gesagt: die Fabrik von Regierungsfreundlichen ins Stocken gerät, wenn dort nicht vielleicht eine Filiale des Hauses in der MorSkaja 52, des Ver- sammlungsortes des Generals Bogdanowitsch, Bischofs Eudokius und anderer Oberjudenkrawallveranstalter eingerichtet wird."— Von einem Privatkorrespondenten erhält Scherl folgendes Telegramm; Moskau, 20. Juni, 10 Uhr 55 Minuten vormittags. Einer der nach Bialystok entsandten Dumaabgeordneten, Jakobsohn, telegraphierte an den Abgeordneten Winawer, die Bialystoker Stadtverordnetenversammlung habe einstimmig die Abwesenheit jeglichen Nationalhasses in der Stadt, das Vorliegen einer Provokation beim Beginn der Metzeleien sowie der Mitwirkung von Polizei und Militär beim Morden und Plündern konstatiert. Alle Nachrichten über Beschießung verschiedener Häuser durch Revolutionäre und Juden sowie über den angeblichen Ueberfall der Juden auf die Christen seien erlogen. Ein Soldat erzählte dem Abgeordneten Profeffor Szczepin, der Kommandeur des Kasanschen Regiments habe sich vor Beginn de« Massakers an feine Mannschaften mit einer Ansprache gewandt, in welcher er erklärte, die Juden beabsichtigten die Soldaten einzeln abzu- schlachten, daher stehe es ihnen frei, mit den Juden nach Belieben zu verfahren: dies sei der Wunsch der Obrigkeit. Und der»Russ. Kur." weist zu melden: Der vom russischen Ministerium deS Innern nach Bialystok zur Untersuchung der JudenmassakerS und der Entstehung der falschen offiziellen Berichte der Telegraphenagenturen entsandte Stallmeister Frisch meldete soeben dem Minister Stolypin, daß die Beweisaufnahme überaus belastendes Material für die Bialystoker Behörde und den„Verband wahrhaft russischer Leute" geliefert hat. Die Zahl der Opfer erweist sich von Tag zu Tag als größer, denn selbst sehr hohe Schätzungen anzunehmeil gewagt hatten. So teilt z. B. die«Alliance JSrarnite Universelle' mit: Bialystok, 19. Juni, ö Uhr 32 Min. nachniittagS: Im Laufe des gestrigen und heutigen Tages sind 107 Erschlagene auf dem jüdischen Friedhofe beerdigt worden. Die Zahl der Verwundeten ist im Augenblick noch nicht festznstelle.r, da viele innerhalb der Stadt, auch in der Umgegend, zerstreut sind. Im hiesigen jüdischen Krankenhaus liegen 50 Verwundete. Viele Verwundete sind nach Warschau gebracht worden, um dort operiert zu werden. Zayl- reiche Familien schicken sich zur Auswanderung an. Der Gouverneur erklärte sich bereit, da« Militär aus Bialystok zurückzuziehen und eine Bürgerwehr einrichten zu lassen. Die Notlage der betroffenen Bevölkerung ist sehr groß. Seit Sonntag sind weitere Gewalt- tätigkeiten nicht vorgekommen. Die englische Regierung will nach einer»Standard'-Mitteilung Wohl etwas tun, um der Stimnnmg im Lande nachzugeben, indessen soll der russischen Regierung nicht zu scharf an den Leib gerückt werden. Zwar— aber, wie'S in der betreffenden Depesche auS London heistt: Wie»Standard" erfährt, hat die englische Regierung zwar nicht die Absicht, wegen der Vorgänge in Bialystok Borstellungen bei der russischen Regierung zu erheben, Sir Edward Grey hat aber den englischen Botschafter in Petersburg zur eingehenden Berichterstattung aufgefordert. In Kreisen, die lveit über London hinauöreichen, wird der Meinung offen Ausdruck gegeben, daß der Besuch einer englischen Flotte in Rußland tatsachlich unmöglich sei, falls nicht Rustland schleunigst Schritte we, um sich in den Augen Europas zu rehabilitieren. Vom selben Tage(Mittwoch, 20. Junis, von dem eben diese Depesche stammt, kommt aus London die Meldung, daß am Dienstag daselbst mehrere hundert jüdische Flüchtlinge nebst Frauen und Zkindern ans Odessa und Kronstadt angekommen seien, welche über die Panik haarsträubende Dinge erzählen. Handel und Wandel sei völlig ins Stocken geraten. Hoffentlich wartet die englische Regierung, wenn eS ihr mit ihren Vorstellungen beim.Väterchen" Ernst ist, nicht so lange, bis aus den Hunderten von jüdischen Flüchtlingen Hunderttausende werden I— Einstweilen hat die englische Regierung jedenfalls noch keine rechte Lust, der Stimmung des Volkes in der geschilderten Richtung nachzugeben. Da? beweist folgende Depesche: London, 20. Juni.(Unterhans.) Der liberale Stuart Samuel fragt an, ob der Staatssekretär deS Auswärtigen Sir Edward Grey gewillt sei, bevor irgendwelche Schritte unternommen werden, die Freundschaftsbande zwischen England und Rußland enger zu knüpfen, die russische ilicgierung über die Ansichten zu unterrichten. die das britische Volk über die Jutzeumetzeleien hegt. In Vertretung des Staatssekretärs erwidert Parlamentsuntersekretär Walter Runccimann:»Der Eindruck, der durch die Ruhestörungen und den Verlust an Menschenleben hervorgerufen, und die Sympathie, die nicht nur in England, sondern überall für die Bettoffenen geweckt worden ist, sind der russischen Regierung wohl bekannt; es sind dies keine Angelegenheiten, bezüglich deren eine offizielle, diplomattsche Einmischung üblich und ivunschenSwert ist." Das Militär! Scherl erhält über London(20. Juni, 2 Uhr 10 Min. nachm.) folgende sensationelle Nachricht: Aus Petersburg wird hierher telegraphiert, in Kronstadt werde heftig gefeuert; die Matrosen rotteten sich auf den Straßen zu- sammen und hielten Beriammlungen ab. Niemand wird in die Stadt hineingelassen. Die Ursache der Mentereien ist untckannt; eS werden fcharsc Maßregeln getroffen, um die AuSdreitung des Aufstandes zu verhindern. Die Streikbewegung. Petersburg, 20. Juni. Die Zahl der ausständigen Bäcker in Petersburg beträgt etwa 1000. Der Ausstand hat sich auf alle bei Petersburg und an der Warschauer Bahn gelegenen Sommerfrischen ausgedehnt. An» Kaluga meldet„Russkoje Slowo", daß wegen de? dort aus- gebrochenen Ausstandes die Bahnhofsgebäude, das Telegraphenamt, die Filiale der Reichsbank und das Postamt militärlsch bewacht werden. Das Haus des Gouverneurs ist von Truppen umgeben. Das Kabinett wackelt? Innerhalb des Kabinetts soll eS kriseln, weil die»Popularität" des Justizministcrs seinen neidischen Herren Kollegen mißfalle. Man munkelt von»Demission" usw. Warten wir ab, was da wird. Echt rassische Frechheit. Die Memoiren des früheren französischen Kriegsministers Andrö kommen gerade recht, um an der Hand eines in ihnen geschilderten hochsensationcllen Vorganges zu zeigen, mit welcher beispiellosen Unverschämtheit russische Diplomaten aufzutreten wagen, wenn sie annehmen können, ihre Regierung hinter sich zu haben. Man lese folgende Meldung aus Paris vom 20. Juni: Der frühere Kriegsminister AndrS, welcher im„Matin" seine Memoiren veröffentlicht, erzählt heute, daß alsbald nach seinem Amtsantritt der damalige russische Militärattache, Oberst Murawiew, zu ihm gekonimen sei und ihn ersucht habe, er möchte den Beschlutz, gewisse Generalstabsoffiziere aus dem Kricgsministerium zu entfernen,, zurückziehen. Er, Andrö, sei von diesem Schritt außerordentlich überrascht gewesen und habe erklärt, daß er dies nicht tun werde. Oberft Murawiew habe darauf scharf geantwortet:„Ich ersuche Sie darum als Vertreter einer verbündeten Macht." Andrö habe erwidert, daß er nur vom französischen Parlament Befehle entgegenzunehmen habe. Oberst Murawiew habe nun aus- gerufen:„Unter diesen Umständen, Herr Minister, mutz ich Ihnen sagen, daß Sie sich gegen das Bündnis vergangen haben." Er, Andrö, habe hierauf dem russischen Militärattachö die Tür gewiesen und den Vorfall Waldeck-Rouffeau mitgeteilt, der sein Vorgehen durchaus gebilligt und anerkannt habe, daß der Bündnis- vertrag mit Nutzland nichts dergleichen enthalte. Waldeck- Rousseau habe hinzugesetzt:„Wir sind Herren in unserem Hause." Auf den Rat Waldeck-Rousseaus habe er. Andrö, auch den damaligen Minister des Acutzern, Delcassö, ver- ständigt. welcher anscheinend sehr unangenehm berührt ge- Wesen sei und gesagt habe, er. Andrö, möge große Vorsicht und Zurückhaltung bei seinen Reformen beobachten; man dürfe bei niemand Anstoß erregen. Später habe Delcassö die Abberufung MurawiewS veranlaßt. poUtilchc Qcberllcbt. Berlin, den 20. Juni. Die Zustände im südtvestafrikanischen Expeditionskorps. Ein Mitarbeiter der„Köln. Volkszeitung" schreibt dem Blatte zu den„angeblichen" Meutereien in Südwest- afrika: Aus einem Soldatenbriefe au» Südwestafrika dürften einige Sätze vielleicht ein Licht werfen auf das b e d a u e r l i ch e Schweigen, in welches sich die»Rordd. Allg. Ztg." noch immer in bezug auf die„Vorwärts"- Veröffentlichunaen hüllt. Es heißt in dem Briefe:»In voriger Woche(der Brief ist geschrieben in Windhuk, den 13. Mai 1906) sind wieder drei zum Tode verurteilt worden. An den beiden von meiner Kolonne wird das Urteil bald vollstreckt werden." Weöhalb die Leute zum Tode verurteilt wurden, schreibt der Soldat leider nicht, auch spricht er nicht von Meutereien unter den Soldaten. Es mag sich ja wohl um ein schweres Verbrechen handeln. Eine solche Verurteilung scheint in- des nicht»vereinzelt dazustehen", wie das Wörtchen»wieder' anzudeuten scheint. Der Bericht der Neuen mil.-polit. Korresp. (»Köln. VolkSztg." Nr. 521) dürfte sich doch etwa» euphemistisch ausdrücken. Die Leute in der afrikanischen Schutziruppe haben meistens ihre Dienstzeit, für die sie sich gemeldet haben, vollendet, und möchten nun wieder in ihre Heimat, aber immer wieder wurden sie noch zurückgehalten. Als Morenga gefangen wurde, schien ihre Hoffnung in naher Er- füllung zu sein. So schreibt auch der betreffende Soldat: »Hoffentllch wird nun bald Demobilmachung. Dann kommen wir auch bald nach HanS," ES ließe sich darum ganz leicht er- klären, wenn hier und da Unzufriedenheit bei den Leuten herrscht (wovon der Soldat allerdings nicht» schreibt) und e» auch schon zu Gewalttätigleiten kommt. Genaue Informationen wären jedenfalls am Platze. Eine wertvolle Ergänzung finden diese Angaben durch eine Veröffentlichung der„Augsburger Abendzeitung". Ein langjähriger Leser schreibt ihr: „Auch ich habe die Briefe eines dort feit Beginn des Auf- standeS m Slldwestafrika kämpfenden Soldaten, der mehrfach dekoriert wurde, also gewiß nicht zu den schlechtesten Elementen äiehört, gelesen und daraus gcfunoen, daß es dort faul, sehr faul teht. Der Mann schreibt u. a,, daß die Abteilung, die >as fürchterliche, bekannte dreitägige Gefecht zu bestehen hatte, auf dem Hinmarsche exerzieren! I mußte und so ae- drillt wurde(der Hauptmann/ der dann alS erster fiel, soll die Leute forttvährend angebrüllt haben), daß alle» total ermüdet war, al» die ersten Schüsse überraschend fielen. Und dann noch drei Tage kämpfen."— In einem anderen Briefe schreibt der Mann: Gebt nur keinen Pfennig zu den für uns stattfindenden Sammlungen her, denn wir bekommen doch nichts. Seit Beginn des Aufftande» habe ich zwei Flaschen Mineralwasser, drei Päckwen Tabak und Zigarren erhalten, sonst nichts. Wo bleiben die Liebesgaben? Verschimmeln sie irgendwo oder herrschen bei uns auch russische Zustände? Ferner beschwert sich der Mann bitter über die jungen al» Nachersay hinüber- kommenden Offiziere, die die alten Mannschaften schlechter al» die Schwarzen behandelten und die Patrouillen trotz der War« nungen der alten, erfahrenen Soldaten direkt an die Gewehre dcö Feindes führen. Auch er beschwert sich darüber, daß den Leuten nicht der Konttakt eingehalten werde, und daß sie länger, als sie sich verpflichtet haben, zurückbehalten werden. Er schließt einen Brief mit den Worten:»Daö eine ist sicher, wer von Südwest- afrika heimkommt, der kommt als Sozialdemokrat heim." Ich wiederhole, der Mann ist ein Soldat von tadelloser Führung und aus einer Familie, aus der keine Sozialdemokraten kommen. So schließt sich Glied an Glied I Aus allen diesen Nach- richten aus den Reihen der Soldaten selbst ergibt sich, daß Unzufriedenheit unter ihnen umgeht, und daß sie dafür mehr als hinreichende Gründe haben, daß schwere Strafen, sogar Todesstrafen, deS öfteren verhängt und vollstreckt werden, in einem Falle an drei Verurteilten zugleich," daß also außer- ordentlich ernste Dinge vorgekommen sein müssen. DaS deutsche Volk, so sollte man meinen, hätte ein Recht darauf, über diese Dinge amtliche Nachricht zu erhalten, amtliche Dar- stellung der Verhältnisse, schon um prüfen zu können, ob seine Söhne, die dort für die Interessen weniger deutscher und ausländischer Kapitalisten bluten und schwere Strapazen erdulden müssen, so behandelt werden, wie eS gefordert werden muß I Aber daS deutsche Volk hat nach Ansicht der Regierung anscheinend nur daS Recht, die Hunderte von Millionen zu zahlen, die in den südwestafrikanischen Sand geworfen werden und daS andere unveräußerliche Recht, den Mund zu halten. Denn noch immer schweigen»Nordd. Allg. Ztg." und„Reichs-Anzeiger".— Die Klassenscheidung über alles! »... Es muß sich zeigen, ob alle Gefühle der Menschlichleit, ob alle» Empfinden für Menschenpflicht im Bürgertum erwürgt wird von Sozialisten« und Rationalitätevhaß und«Furcht l" schriebe» wir am Sonnabend in unserem Protestartikel gegen die Greuel im Rigaer Prozeß der Sechsunddreißig. „Es muß sich zeigen..." Die Fassung verriet unseren Zweifell Die Tatsachen haben ihm recht gegeben. Es hat sich ge- zeigt, daß es so ist, wie wir uns am Sonnabend, trotz aller schweren Gründe, die dafür sprachen, immer noch endgültig anzu- nehmen weigerten. Es hat sich gezeigt, daß alle Gefühle der Menschlichkeit, daß alles Empfinden für Menschenpflicht schweigt, wo der Sozialistenhaß und die Sozialistenfurcht herrschen, daß der Klassengegensatz eine Kluft ist, die die vielgerühmte Humanität nicht mehr zu überbrücken vermag. Die deutsche Presse, das deutsche Bürgertum ist so gut wie stumm geblieben zu den Meldungen über die Rigaer Greuel I Kein Wort empörten, leidenschaftlichen Protestes, kein noch so winziges Wort gegen die Vollstreckung der Bluturteile von Riga ist laut geworden in jenem Lager. Das äußerste, was man getan hat, war die Veröffentlichung einer knappen Meldung über die Greuel und allenfalls zwei, drei Zeilen lahmer Verurteilung. Die aber zählt schon zu den Seltenheiten I Die„Franlfurter Zeitung", das demokratische Blatt, hat selbst eine solche Verurteilung nicht über sich gebracht. Kühl, wie eine Börseimotiz. registrierte sie daS Entsetzliche. Selbst ein reakttonäreS Blatt, die„Verl. Neuesten Nachrichten", durfte die „Frankfurter Zeitung" beschämen, indem eS mehr tat. Wie würde die bürgerliche Presse, wie würde das Bürgertum sich gebärden, wenn es bürgerliches Fleisch und Blut wäre, daS zu Riga gefoltert wurde! Wie haben sie geschrieen über die stark über- triebenen, maßlos aufgebauschten Leiden der baltischen Barone l Wie schreit die liberale Presse über die Judenmetzelei zu Bialystok, wo bürgerliches Blut geflossen ist. Aber um Revolutionäre, um Sozialdemokraten regt sie sich nicht auf. am allerwenigsten, wenn es sich um die Bedränger der kostbaren baltischen Edelinge handelt, wenn es sich um Greuel handelt, die unter den Augen und mit der Billigung dieser„Kulturträger" geschehen, die deutscher Nationalität sind, zur Schande des deutschen Namens! Der Klassengegensatz erstickt im bürgerlichen Lager alle humani- tären Anwandlungen. Selbst die Schändung und Peitschung von Frauen läßt das Bürgertum und seine Press» stumpf und gleich. gültig. Sie hat nichts gar nichts zu sagen zu den Meldungen, daß Frauen und Mädchen, die im Verdacht revolutionärer Taten oder Gesinnung stehen, gepeitscht, gefoltert werden. Heute hat kein Hahnau mehr zu fürchten, daß ihn daS Bürgertum ächte! Er kann seinen bestialischen Trieben zügellos nachgehen, wenn er sie nur an Proletariern, an Revolutionären, an Sozialdemokraten und Gegnern des deutschen Junkertums in den Ostseeprovinzen betätigt. Tann wird ihm selbst die Schändung und Peitschung wehrloser Frauen und Mädchen nachgesehen! DaS Bürgertum gibt uns klar und unzweideutig zu erkennen. daß eS Menschenpflicht gegen seine Gegner nicht mehr kennen will, daß eS den Kampf in jeder, selbst der bestialischsten Form, gegen die Feinde seiner Vorzugsstellung für erlaubt hält. Der Begriff Menschheit existiert für die Bourgeoisie nicht mehr. Die Partei der Unterdrückten und Enterbten, die gewiß am ehesten zu entschuldigen wäre, wenn sie nur an sich selbst dächte, hat in ihrem Programm den Satz, daß sie in der heutigen Gesellschaft nicht bloß die Ausbeutung und Unterdrückung der Lohnarbeiter be- kämpft,„sondern jedeArt der Ausbeutung und Unter- d r ü ck u n g. richte sie sich gegen eine Klaffe, eine Partei, ein Ge- schlecht oder eine Raffe". Und die Sozialdemokratie hat hundert. fach bewiesen, daß dieser Satz für sie nicht bloß eine schöne Phrase ist. Sie hat ihre Kraft aufgeboten für DreyfuS, für die Buren, für die PhilippinoS, für die Armenier! Di« Sozialdemokratie, die Klassenpartei, die Partei des Klassenkampfes, hat noch allemal, wo eS galt, allgemein-menschliche Interessen zu verteidigen, ihren Mann gestanden. Die Bourgoisie aber, die den Klassenkampf verdammt und den Klassengegensatz offiziell leugnet, sie stellt den Klassen- gegensatz über die Gebote der Menschlichkeit! DaS ist ihre Kultur! Der Kulturfirnis schwindet, sobald der Klassenkampf die Bourgeoisie bedrängt, und zutage tritt die Barbarei. Der Klassengegensatz ist stärker alS alle» andere! OeutfcKes Reich. Torpedo> Aufgaben. Aus Krefeld wird vom 20. Juni ge» meldet: Auf eine Immediateingabe des Oberbürgermeisters Oehler ging die Antwort ein, daß der Kaiser die Entsendung eines großen und zweier kleineren Torpedoboote zu der am 6. Juli stattfindenden Einweihung de» Krefelder RhcinhafenS befohlen habe,— Der mitleidige NntersuchungSrichter. AuS Leipzig wird uns geschrieben: Die Leipziger Justiz setzt den Kampf gegen die„VolkSzeitung" in ver- schärster Form fort. Am Dienstag war der verantwortliche Redakteur, Genosse S e g e r, zu einer Vernehmung zum Ober- amtsrichttr Meißner geladen, wo ihm eröffnet wurde,»baß e S mit der»VolkSzeitung" so nicht weiter gehen könne. In der einstündigen Vernehmung erfuhr Genosse S e g e r. daß eS sich um eine Nottz und einen Artikel in Nr. 123 vom 31. Mai handelt, worin die Leipziger Justiz behandelt wird. Die Notiz ist ein kurzer Vorbericht über die Verhandlung gegen den Genossen K r e s s i n wegen deS Artikels»Der Tiger als Affe". Der Vor- bericht, überschrieben»In eigener Sache", protestiert gegen die in letzter Zeit bei der Leipziger Justiz eingerissene Gepflogenheit, herabsetzende Bemerkungen über die„VolkSzeitung" und über nicht der Verhandlung beiwohnende Redakteure der»VolkSzeitung" zu machen. Dieser Artikel hat die Leipziger Justizbeamten völlig außer Fassung gebracht, und das Justizministerium, an daS sie sich wandten. hat Sttafantrag gegen die.Volkszeitung" bei den Leipziger Justiz« behörden für diese gestellt. Mit rührendem Mitleid für die geplagten verantwortlichen Re- dakteure suchte der Amtsrichter Meißner den Genossen S e g e r zur Nennung de« Verfassers besagten erschrecklichen Artikels zu bewegen. Als er ablehnende Antwort erhielt, sagte der Herr:»Gut, dann will ich es Ihnen sagen, den hat Franz Mehring ge- schrieben." Als ihm Seger bedeutete, daß diese Unterhaltung zwecklos sei, da er doch nichts aussagen werbe, ging der Herr zu seinem Lieblingsthema Über:»daß es mit der „VolkSzeitung" so unter keinen Umständen weiter gehen dürfe; sie untergrabe die staatliche Ordnung bis in den letzten Winkel", und wendeten die Gerichte pflichtgemäß die Gesetze zur Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung gegen sie an, dann schreie sie über Klassenjustiz, barbarische Strafe usw.»Nach meiner Auf- fassung", sagte der Herr,»sind Sie bis jctzt�viel zu gelinde bestraft worden. Ich begreife nicht, wie es Arbeiter gibt, die da als ver- antwortliche Redalteure zeichnen und für die Sünden anderer büßen können. Sehen Sie doch die schöne Freiheit und da drüben daS Gefängnis." Genosse Seger hätte ja längst gehen und den Herm Richter seinen»VolkSzeitnngS'-Tchmerzen überlassen können, aber dann wäre er ja um den Genuß der Rede und um den Einblick in die Verfassung gekommen, in die die Leipziger Justiz im Kampfe mit der.vollSzeitung' geraten ist. Nach all diesen Dingen kann eS bei den nächsten Prozessen interessant werden.—_ Preußische TchulzustSnde. Weder einmal kommen durch die„Preußische Lehrerztg.' Zahlen Kber die Frequenz preußischer Volksschulen und den Mangel an Lehrern an die Oeffentlichkeit, die einfach unglaublich wären, wenn man nicht im.Lande der Schulen* eben an diese Ungeheuerlichkeiten gewöhnt wäre. Aus dem Landkreise Oppeln z. B. werden folgende Angaben gemacht: In Krascheow haben zwei Lehrer 282 Kinder, in Bogutschütz zwei Lehrer 246 Kinder, in Scepanowitz zwei Lehrer 230, in Schodnia zwei Lehrer 235, in Straduna zwei Lehrer 230, in Kosiorowitz ein Lehrer 148, in Hirschfelde ein Lehrer 139, in Eeorgenwerk ein Lehrer 130 Kinder zu unterrichten. Luch in manchen Teilen Brandenburgs leiden die Klassen an Ueberfiillung. Besonders schlimm steht es stellenweise in der Neumark, wo in manchen Schulen weit über 100 Kinder auf eine Lehrkraft entfallen. In Pyrehne z. B. war seit Herbst 1905 die zweite Stelle unbesetzt und es mußten 160 Kinder von einem Lehrer unterrichtet werden. Unter-Germin hat seit 1. Januar für ebenfalls 160 Kinder nur eine Lehrkraft. In Staffelde werden 263 Kinder in vier Klassen seit 1. Juli 1905 von zwei Lehrern unterrichtet usw. Im Regierungsbezirk Merseburg sind zurzeit 64 Lehrer- stellen zu besetzen. Noch schlimmer ist es in anderen Regierungsbezirken. Das sind Schulzustände, die jedem pädagogischen Ziele ohne weiteres einen unüberlvindlichen Damm vorsetzen. Es sind Zustände, die in jedem Lande, das nur ein wenig auf die Heranbildung seiner Jugend hält, zu einem öffentlichen Alarm rufen müßten. In Preußen aber schweigt fast die ganze Preffe und das Dreiklasienparlament sinnt statt auf Abhülfe für diese tollen Zustände auf neue und andere Einengungen der Erziehung in den Volksschulen.— Vom Dr. Seitz, dem vermutlichen Nachfolger deS Paßfälschers Puttkamer, bringt auch die„Franks. Ztg.* eine niedliche Geschichte ans Licht. Sie erinnert, daß der zc. Seitz schon einmal seinen kongenialen Freund Puttkamer in KameruO vertreten habe und während dieser Zeit auch die Freundschaft des Großhäuptlings Fred Mokuri gewonnen habe.„Die Freundschaft nahm aber eines Tages ein plötzliches Ende, berichtet das genannte Blatt, weil Dr. Seitz von dem Oberhäuptling Fred Moftiri dessen schönste Frau— vermutlich zur Wirtschaftsführung— verlangt hatte, dieser Wunsch ihm aber recht deutlich abgeschlagen wurde.* Demgegenüber will uns der biedere Puttkamer nach dieser Seite hin, was die„Wirtschaftsführung" betrifft, noch vorteilhafter er- scheinen. Dieser hatte sich zur„Wirtschaftsführung* wenigstens eine gleichrassige Gefährtin mitgenommen und ohne amtlichen Zwang, wenn auch mit gefälschtem Paß als„Coufine*. Herr Seitz aber wollte sich unter Ausnutzung seiner amtlichen Stellung die fremdrassige Frau eines Oberhäuptlings verschaffen.— Christliche Wegelagerer und Raufbolde. Am Sonnabend hat in Köln eine vom„christlichen" Holzarbeiterverbande einberufene öffentliche Versammlung stattgefunden, zu der„alle Kollegen" ein- geladen waren. Infolgedessen hatten fich neben mehreren Hundert Zentruuschristen auch eine erhebliche Anzahl Mitglieder des Deutschen Holzarbeiterverbandes eingefunden. Nachdem der Referent eine Zeitlang sachlich gesprochen hatte, ging er zu den gehässigsten An- griffen und Verleumdungen auf die freien Gewerkschaften über. Das hatte naturgemäß Zwischenrufe zur Folge, und es kam zu erregten Diskussionen an den einzelnen Tischen zwischen den Mrt- gliedern der beiden Richtungen. Wegen der großen Unruhe mußte die Versammlung auf kurze Zeit vertagt werden. Daß aber nicht etwa die Mitglieder des Deutschen Holzarbeiterverbandes die Ursache des RadauS waren, mag man daran erkennen, daß die „Christen" sich zu den Tischen der Gegner begaben und diese schreiend zu„belehren* suchten. Als der Vorsitzende einen Haupt- skandalmachcr hinausweisen wollte, wurde ihm zugeraunt:„ D a S ist ja einer von unseren Leuten!" Als schließlich die Versammlung fortgesetzt wurde, kam es infolge der Gehässigkeit des christlichen Referenten zu erneuter Unruhe, und man mußte die Ver- sammlung, die übrigens nicht polizeilich überwacht war sdieses Vor- recht genießen in Köln die freien Gewerkschaften!) schließen. Schon während der bisher gepflogenen Auseinandersetzungen wollten wiederholt einzelne Zentrumschristen zu Tätlichkeiten übergehen. Jedoch gelang es den Be- drohten, Friesen zu stiften. Auch als ein Christlicher ein Mitglied des Holzar b'eiterverbandeS schlug, ließen besten Kollegen fich nicht provozieren. Als aber die meisten Mitglieder des Holzarbeiterverbandes den Saal ver- lasten hatten, da fielen die„Christen* haufenweise über die ein ze lnen noch im Saale weilenden Gegner her. um sie mit allen möglichen Instrumenten: Stöcken, Biergläsern, Stühlen, vereinzelt auch mit Hausschlüsseln, Messern und Schlagringen zu mißhandeln. Es war ein geplanter Ueberfall auf die Mitglieder deS Holzarbeiterverbandes, auf deren Erscheinen man gerechnet hatte. Weitaus die meisten Zentrumschristen waren mit Stöcken in die Ver- sammlung gekommen, was in früheren werktäglichen Ver- sammlungen der Christlichen nie beobachtet worden ist. Einein der Helden wurde von einem der später erscheinenden Polizei- beamten ein Stockdegen konfisziert. Ein anderer Christ- licher in Lodenjoppe und Federhütl glaubte offenbar, aus seinem oberbayerischen Tanzboden zu sein; er schlug mit einem sogenannten Knicker wie wild drein und brachte dabei auch einem christlichen Mitbruder drei Messerstiche von hinten bei. Am schlimmsten wurde ein Mitglied des Deutschen Holzarbeiterverbandes zugerichtet. daS zur Geschäftsordnung gesprochen und den christlichen Referenten zum Anstand ermahnt hatte. Auf diesen einzelnen Mann stürmten etwa fünfzehn Christen ein, schlugen ihn mit Stöcken, Haus- schlüsseln, einem Schlagring, mit Stühlen usw. und bewarfen ihn mit Biergläsern. Ein im Raufen sehr erprobter Christ versuchte gar, ihm einen Rohrstuhl über den Kopf zu stülpen, ober der Rohrsitz gab nicht nach. Nachher warf dieser Christ mit Gläsern und Stühlen in einer Entfernung von etwa acht Metern auf die Kämpsenden, einerlei, ob er Freund oder Feind traf. Es wurden von den Christen diele Tische umgestürzt, mehr als hundert Biergläser zerschlagen, zahlreiche Scheiben und Stühle zerbrochen. Draußen hörte man, wie sich die fanatischen Zenttümler rühmten, dem oder jenem es„aber gegeben" zu haben. In einer Gruppe von zehn Personen, die sich zum Hause des katholischen Ge- sellenvereins begaben, sagte einer im bayerischen Dialekt: Da hätte man den Dolch bei sich haben müsscnl DaS schönste bei der ganzen Sache ist. daß die Leiter des christ- lichen Verbandes sofort einen Bericht in die Zentrums- presse gebracht haben, der in bodenloser Frech- heit und Niedertracht die völlig wehrlos erschienenen Mitglieder des Deutschen Holz- arbeiterverbandeS als die Angreifer und die Schuldigen hinstellt. Die Kölner Streilbrechersippe sucht ihre Schandtaten aus der Zeit des unvergeßlichen Holzarbeiterstreiks noch zu überbieten.— Die Vierverteuerung. Aus Essen a. d. R. wird vom 20. Juni gemeldet: Der hier tagende 33. Deutsche Gast Wirtstag nahm folgende Resolution an: Der GastwirtStag in Essen erklärt, daß es dem Deutschen Gastwirtschastsverbande nicht möglich sei. die Erhöhung der Brausteuer und die damit seitens der Brauereivereinigungen be- absichtigte Erhöhung der Bierpreise ohne Erhöhung deS Verlaufs- Preises de« Bieres oder Verkleinerung der Gläser zu tragen.— Von den Folgen des Zigarettensteuergesetzes. Einhundertundzwei undvierzig deutsche Zigarettenfirmen schloffen in einer Versammlung in Dresden eine Konvention zur Abwälzung der Vanderolensteuer auf die R a u ch e r— was vorausgesehen wurde.— Reeder-Noblesse. Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht hat sich dieser Tage ein Prozeß abgespielt, der auf die Noblesse der Hamburger Reederei und der Hamburg-Amerika-Linie ein be- zeichnendes Licht wirst. Während diese Reedereien enorme Profite aus dem russisch-japanischen Kriege gezogen haben, indem sie den kriegführenden Mächten direkt Kriegskonterbande zuführten oder ihre Schiffe dazu vercharterten, sind die Mannschaften dieser Fahrzeuge in fast allen Fällen mit den gewöhnlichen Löhnen abgespeist worden, obwohl sie sich ständig in Lebensgefahr befanden. Ein Heizer P. von dem Schiffe„Woglinde", das von der Amerika-Linie gechartert war, um den russischen Kriegsschiffen Kohlen zuzuführen, hatte die Reederei auf doppelte Heuer verklagt unter Hin- weis auf die erhöhte Lebensgefahr, in die er durch die Reise nach den: Kriegsschauplatz geraten sei. Bei solchen Fällen sei es Usance, daß die Mannschaft gegen eine doppelte Heuer angemustert werde, oder, wenn ihr. wie in diesem Falle, das Ziel der Reise verschwiegen worden sei, werde ihr für die Zeit, in der sich das Schiff im Kriegsgebiet aufhalte, eine Entschädigung durch Zahlung einer doppelten Heuer gegeben. Während Kapitän und Offizieren die doppelte Heuer gewährt wurde, sei sre der Mannschaft abgeschlagen worden. DaS Schiff ist bis Saigon in Hinterindien gefahren und hat unterwegs an den Hülfskreuzer„Dunn* 500 Tonnen und an andere Schiffe der russischen Kriegsverwaltung 2000 Tonnen Kohlen abgegeben. Die Zivilkammer IV des Hamburger Landgerichts für Handels- fachen wies die Klage kostenpflichtig ab, weil die Voraus- setzungen zur Anwendung der supponierten Usance— Auf- enthalt im Kriegsgebiet— fehlten. Die vom Kläger eingelegte Berufung wurde vom hanseatischen Oberlandesgericht verworfen, aber aus entgegengesetzten Gründen: Kriegsgefahr habe vor- gelegen, aber die Usance fehle. Der Umstand, daß die Mannschaft ohne ihr Wissen und wider ihren Willen in Kriegsgefahr gebracht wurde, konnte sie höchstens berechtigen, ihre Entlastung zu fordern, niemals aber eine die vertraglichen Festsetzungen um das Doppelte übersteigende Heuer zu beanspruchen. sHätten die Leute ihre Entlastung verlangt und hätten sie darauf gemeinsam bestanden, so wären sie vielleicht später von einem Hamburger Straf- gericht wegen Meuterei oder wegen einer anderen Bestimmung der famosen Seemannsordnung verurteilt worden, wobei dann wohl noch als straferschwerend die gefährdete Lage des Schiffes in Be- ttacht gezogen worden wäre.) Das Gericht verneinte die Usance, weil eine geringe Zahl von Präzedenzfällen vorliege, als daß ein Handelsgewohnheitsrecht daraus hergeleitet werden könne. Die Reederei schämt sich nicht, der Mannschaft, gestützt auf das fonnale Recht, eine Entschädigung für die lebensgefährliche Arbeit zu verweigern, obgleich sie durch die Zahlung einer Extravergütung an den Kapitän und die Offiziere anerkannt hat, daß die Arbeit außergewöhnlichen Charakter trug. Aber was kümmern die Reederei moralffche Verpflichtungen gegen gewöhnliche Arbeiter I Man braucht sie doch nicht etlva wie Kapitäne und Offiziere zu behandeln l— Chronik der Majestätsbeleidigungen. Die 25 Jahre alte Tag- löhnersfrau Magdalena Blattl von Neuburg wurde wegen Forstfrevels zu 18 M. Geldstrafe eventuell neun Tagen Haft ver- urteilt. Da sie einen kranken Mann und mehrere kleine Kinder zu besorgen hat, konnte sie weder die Geldstrafe bezahlen, noch die Haftstrafe verbüßen. AlS sie am 7. April von einem Gendarmen zur Verbüßung der Strafe abgeholt wurde. tat sie in ihrer Erregung eine despektierliche Aeußerung über den Prinzregenten von Bayern. Das Landgericht München II verurteilte die Frau wegen Beleidigung des Landesherrn zu einem Monat G efängnisi— Hiisland. Oesterreich. Auch-Protest. Im Wahlreform-Ausschuß protestierte der Alldeutsche Mali! am Dienstag auf daS entschiedenste gegen den„TerroriSmus* der Sozialdemokraten, gegen die„Beschimpfungen" der Ausschußmitglieder, insbesondere in den letzten sozialdemokratischen Massenversammlungen, und beanttagt, mit dem Beginn deS angekündigten MastenauSstandeS die Arbeiten deS Ausschusses auf 14 Tage zu suspendieren. Mehrere Redner verurteilen gleichfalls den„TerroriSmuS" der Sozialdemokraten, sprechen sich jedoch gegen den Antrag Malik aus. — Ministerpräsident Frhr. v. Beck erklärte, die Regierung werde die gesetzlich gewährleisteten Rechte der freien Meinungsäußerung durch- aus achten: er bedauere den in den jüngsten Versammlungen wahr- genommenen drohenden Charakter gegenüber den Abgeordneten. Die Wahlreformfreunde könnten wohl mit dem bereit» gekennzeichneten, jeden Zweifel ausschließenden Stand- punkt der Regierung hinsichtlich der Wahlreform zufrieden sein. Die Regierung werde mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln den Ge- setzen Achtung zu verschaffen verstehen. Nach Ablehnung des Antrages Malik setzte der Ausschuß die Be- ratung der Wahlkreiseinteilung in Steiermark fort. Wir meinen, unsere österreichischen Genossen werden über jenen Protest der Malik und Kompagnie lächelnd zur Tagesordnung über- gehen und sich auch durch Herrn v. Becks Ausführungen in ihrem zielklaren Handeln nicht beirren lassen. Es wäre auch noch schöner, wenn die k. k. österreichische Diplomaten- und Bureaukratenschnecke dem feurig vorwärtsstrebenden Roste der wahlreformheischenden Arbeiter das Tempo angeben dürste l- Frankreich. Die Pariser ZukunftsstaatSdebattr. Paris, 19. Juni.(Eig. Ber.) Die Deputtertcnkammer hat jetzt große Tage. Die Auseinandersetzung zwischen den Sozialisten und den Radikalen ruft die stärksten Kräfte der Parteim auf den Plan. Gestern hat Clömenceau seine mit Spannung erwartete Erwiderung auf JauröS' große Rede begonnen. Wollte man der bürgerlichen Presse glauben, so müßte man den Sozialismus schon nach diesem Bruchstück für mausetot halten. Der radikale Minister hat gestern große Eroberungen gemacht. Der monarchistische„GauloiS" ist ganz entzückt von ihm. Zweifellos macht Herr Clömenceau als GesellschastSretter eine bessere Figur als der edle Biötry. und wenn sich auch, sobald er auf daS soziale Problem zu sprechen kommt, daS Unvermögen dieses Vulgärdemokraten zeigt, daS Wesen gesellschast- licher Revolutionen zu begreifen, so bleibt eS doch immer amüsant und fesselnd durch flinken Witz und unbeschwertes Spiel des Geistes. Die Sitzung wurde mit einer Jnterpellatton des Genosten B a s l h eingeleitet, der»ach einer klaren Darlegung der Ursachen des Streiks im Norden und der ungesetzlichen Prakttken der Unter- nehmer in den Kohlenrevieren die Regierung wegen des parteiischen und gewalttätigen Vorgehens gegen die streikenden Arbeiter zur Verantwortung zog. Er legte die Photo- graphie eines Arbeiters vor, der von den Gendarmen schwer mißhandelt worden ist. nachdem ihm die Kleider vom Leibe gerissen worden waren. Dabei hatte- der Mann nicht das geringste getan und mußte am nächsten Tage steigelassen werden. Zum Schluß legte der Redner die Schuld der Gesellschaft von CourriöreS an der Katasttophe an der Hqnd eines umfangreichen und beweis- kräftigen Materials dar und zeigte, daß die einzige Lösung in der Zurückziehung der Bergwerkskonzessionen liegt. Dem sozialistischen Sprecher der Bergarbeiter folgte vaillant mit eiser ausgezeichnete» Rede, die das van Jamis vorgebrachte statistische Material über die Entwickelungstendenzen des Kapitalismus mit überzeugenden Daten ergänzte. Die Konzentration des Kapitals macht auch in Frankreich große Fortschritte: Von 1896 bis 1901 ist daS Verhältnis der Arbeiterbevölkerung zur Gesamtbevölkerung von 49,03 auf 50,6 Prozent gestiegen. In allen Industrien hat sich die Zahl der Großbetriebe stark vermehrt, stärker als die der mittleren. Die Zahl der Unternehmungen. die über 5000 Arbeiter beschäfttgen, ist um 50 Proz., die der Unter« nehmungen über 500 nur um 20 Proz. gestiegen. Vaillant zeigte, daß in der Landwirtschaft die kleinen Eigentümer in eine stärkere Abhängigkeit geraten. DaS landwirtschaftliche Proletariat nehmp immer zu. Die Zunahme der Einlagen in den Sparkassen beweiss nichts. Auch sie wirke in letzter Linie im Sinne der Kapitals- konzentration, und so führe die Gewalt der Tatsachen selbst uns dem Sozialismus entgegen. Aber der menschliche Wille werde, kund- gegeben in der Bewegung des organisierten Proletariats, diese un» aufhaltsame EntWickelung beschleunigen.— DreyfuS. Pari», 20. Juni.(3B. T. B.) In der heutigen Verhandlung des Kassationshofes über die Dreyfus-Angelegenheit fuhr der Be- richterstatter Moras in der Verlesung seines Berichtes fort und legte dar, daß keinerlei Anzeichen dafür vorhanden seien, daß die den Hauptpunkt des BordereauS bildende Note über die Deckungstruppen DreyfuS zur Last zu legen fei. Italien. Sine Bedrohung des italienischen AsylrechtS? Rom, 17. Juni. lEia. Ber.) Bekanntlich hat daS italienische Volk bisher mit großer Energie sein verfassungsmäßiges Recht geschützt, politisch verfolgten AuS« ländern ein Asyl zu gewähren. Mitglieder der französischen Kommune, russische Flüchtlinge, Deserteure aller Länder haben selbst in den Zeiten schwärzester Reaktion unangefochten in Italien leben können. Die drohende Auslieferung deS Russen Götz rief vor drei Jahren eine wahre Volksbewegung im Lande hervor. Als Abschiedsgeschenk hat nun das Ministerium S o n n i n o kurz vor seinem Rückttitt dem Senat einen Gesetzentwurf»gegen die militärische Spionage" vorgelegt, der— wie uns scheint— ein vorzügliches Werkzeug gegen Asyl suchende Ausländer liefern könnte. In dem Entwurf, den die Presse mit unverdientem Schweigen übergangen hat, findet sich nämlich ein Artikel gegen die „ausländischen Deserteure und verdächtigen Ausländer", der diesen den Aufenthalt in gewissen Gemeinden und Provinzen untersagt, die die Militärbehörden im Einklang mit der Polizei festsetzen. Der Deserteur kann auch einen bestimmten Aufenthaltsort wählen, den er dann aber nicht ohne polizeiliche Erlaubnis verlassen darf! Ferner soll er sich in gegebenen Zwischenräumen der Polizei vor- stellen und muß beständig eine JdenttfizierungSkarte bei sich tragen. — Falls er diesen Bestimmungen entgegen handelt, kann er mit Gefängnisstrafe bis zu drei Monaten und mit Ausweisung aus dem italienischen Staatsgebiete bestraft werden! DaS sieht verwünscht nach einer Handhabe aus, die weniger m i l i» t ä r i s ch e Spionage bekämpft als polizeilicher Spionage Vorschub leistet. Daß die Furcht vor Spionen ein Steckenpferd der Behörden ist, ist sattsam bekannt. Alljährlich fallen ihr viele Opfer, obwohl es sich in 99 von 100 Fällen um Dokumente und Karten handelt, die längst in den Generalstabsarchiven jeder ausländischen Macht zu finden und— wie im Falle Ercolessi— überhaupt jedem zugänglich sind. In dem erwähnten Gesetzentwurfe nimmt diese Spionenfurcht nicht nur die polizeilich-praktische Form der Begünstigung der Fremdenhetze an, sondern gebiert auch geradezu groteske Matz- nahmen. DaS Gesetz will nämlich da« Recht, Brieftauben zu halten, von einer Erlaubnis des Präfektm abhängig machen 1 1 Wer Brieftauben empfängt, muß sie binnen zwei Tagen dem Bürger- meister des Ortes anmelden I' Die Einfuhr ausländischer Brief- tauben untersteht besonderer Ueberwachung. Durch königliches Dekret kann diese Einfuhr ganz verboten werden. Alljährlich hat jede Gemeinde die Zählung der Brieftauben vorzunehmen. Die Re- gierung kann sämtliche Brieftauben im Staate einziehen lasten. Wer sie in diesen weisen Verrichtungen stört oder hindert, hat Gefängnis bis zu sechs Monaten und Geldstrafe bis zu 1000 Lire zu gewärtigen. So herzlich dumm die behördliche Taubenüberwachung ist, so kann sie einen doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Para- graphen über die Ausländerüberwachung— verwünscht gescheit sind und ein Recht antasten, über das mit Eifer zu wachen Ehrenpflicht des italienischen Proletariats ist.— Norwegen. StorthingSschluß. Das Storthing, das vom Jahre 1903 bis jetzt die Geschicke be» Lande» leitete, hat am Sonnabend seine letzte Sitzung abgehalten. Das letzte aus indirekten Wahlen hervorgegangene Storthing hat damit seine Tätigkeit beendet. Von jetzt ab werden die Wähler ihre Abgardneten direkt wählen; außerdem ist eine Verbesserung der WahlkreiSeinteilung durchgeführt. Abgesehen von der Ver- änderung der Parteiverhältnisse im Lande und dem Fortschritt der sozialdemokratischen Aufklärung, wird das neue Storthing schon durch die Verbesserung des Wahlgesetzes eine andere Zusammen, setzung erhalten als sein Vorgänger. Die Mehrheit des alten Storthing» hat bis zuletzt auch in kleinen Dinge ihre Macht ausgenützt. Es galt z. B. ein„Voll» machtskomitee" zu wählen, das die Aufgabe hat, die Abgeordneten» Mandate des nächsten Storthings zu prüfen. Hierzu wurden nur Mitglieder der Regierungsparteien gewählt, obwohl Genosse E r i k s e n dringend ersuchte, wenn nicht einen Sozialdemokraten. so doch einen anderen Mann der entschiedenen Opposition, etwa den Radikalen Castberg, zu wählen. Dieser erhielt nur 30 Stimmen, Eriksen selbst nur vier, die Regierungstreuen aber wurden mit 86 bis 94 Stimmen gewählt. Das verflossene Storthing hat bekanntlich eine Art„Be» freiungswerT des Vaterlandes durchgeführt, gleich darauf aber dem Lande einen neuen König verschafft. Diese Ereignisse lenkten plötzlich die Augen der ganzen Welt auf das sonst so wenig oder gar nicht beachtete Norwegen. Spaltenlang wurde über die Ver- Handlungen des Storthings und die Taten semer NegierungSmänner berichtet. Aber bis in alle Einzelheiten»st selbst daS norwegische Volk noch nicht über diese Vorgänge aufgeklärt. Ein wenig mehr Licht darüber wird vielleicht infolge eine» Beschlusses verbreitet werden, den da» Storthing in seiner vorletzten Sitzung mit 60 gegen 43 Stimmen faßte. Danach sollen die Protokolle des Gpezial- komitees, das in geheimen Sitzungen über die UnionSfraae zu be. raten hatte, veröffentlicht werden, soweit dadurch nicht öffentliche Interessen geschädigt werden. Unerledigt blieben im Storthing Anträge unserer Genossen zur Revision der Verfassung zwecks Einführung der Volks- abstimmung über Gesetzentwürfe, die vom Storthing angenommen oder abgelehnt sind, oder über Anträge, im Falle, daß mindestens 20 000 wahlberechtigte Bürger eine solche Abstimmung verlangen. Ebenso blieb ein Antrag auf Einführung deS staatsbürgerlichen Frauenwahlrechts unerledigt. Hoffentlich wird das nächste Storthing derartigen wichtigen Reformvorschlägen etwas mehr Verständnis entgegenbringen. Die Regierung ist sehr zeitig auf dem Plan. Sie veröffentlicht soeben einen von sämtlichen Mitgliedern des Kabinetts unter- zeichneten Wahlaufruf an das norwegische Volk, der daS Programm der Regierung enthält. Cr besagt unter anderem:„In den Be- Ziehungen zum Auslände soll an strenger Neutralität und der Schiedsgerichtspolitik festgehalten und auf der Grundlage der Un« abhängigkeitserklärung und des Karlstader Abkommens ein fried» liches, vertrauensvolles Verhältnis zu Schweden bewahrt und weiter entwickelt werden. In der Staats- und Konimunalpolitik soll eine vorsichtige und nüchterne Finanzverwaltung Platz greifen. Die groben Sienerlasteo sollen weiter möglichst erleichtert werden. Planmäßig soll eine praktische Lösung verschiedener sozialer Re- formen vorbereitet werden, besonders eine Versicherung gegen Krankheit» Invalidität und Seennglück und eine Zlltersversicherung. Das Erwerbsleben soll gestützt und gesunde demokratische Arbeits- und Lebensverhältnisse gefördert werden."— Der Wahlaufruf schließt mit den Worten:„In der Ueberzeugung, daß wir auch fernerhin das Vertrauen des Landes genießen, fordern wir die Wähler auf, ohne Rücksicht darauf, welcher Parteiorganisation sie früher angehört haben, Vertreter zu wählen, die sich im wesentlichen diesem Programm anschließen."— Marokko. Die Sühne. Tanger, 20. Juni.(Meldung der Agenee Havas.) Der Machsen hat dem französischen Gesandten St. Rens Taillandier mitgeteilt, daß er die von Frankreich für die Ermordung des Franzosen Charbonnier geforderte Sühne zu leisten bereit sei. Ein Spezial- nnmissar wird die offizielle Autwort nach Tanger bringen.— Natal. Die„teueren" Kolonien. Durban, 20. Juni.(B. H.) Die aufständischen Eingeborenen griffen in der Nähe von Mapunplo mehrere Eisenbahngepäckwagen an und raubten sie aus, wobei ein Artillerist schwer verwundet wurde. Am folgenden Morgen überfielen sie eine Niederlassung, nachdem sie den Wächter getötet und mehrere Soldaten verwundet hatten,— Amerika. Wahlsieg in Chile. Mitte März vollzogen sich in Chile die Neuwahlen für die Kammer. Die Arbeiter drängten sich in heller Begeisterung zu den Urnen. Sie wollten nicht nur ihr möglichste? tun. um einen Ge- nassen durchzudringen, sondern sie wollten auch beweisen, daß sie sich von der blutdürstigen chilenischen Bourgeoisie nicht mehr wie sauft- mütige Schafe mißhandeln lassen. Zum großen Aerger der Gegner gelang es den Arbeitern, verschiedene ihrer Freunde durchzubringen; so wurde in dem wichtigen Salzminenbezirk Antofagasta mit großer Mehrheit Louis Reeabarren und in Valparaiso, der bedeutendsten Hafenstadt des Landes, Bonifaeio Beas gewählt.— Reeabarren, seines Berufes Typograph, ist nicht nur in Chile, sondern in ganz Amerika bekannt. Er ist Mitarbeiter fast aller Parteiblätter; er hat alle möglichen Verfolgungen und Schikanen von feiten der Bourgeoisie erduldet und widmet sich seit Jahren nur noch der sozialistischen Propaganda. Die Organisierung der chilenischen Arbeiter ist ausschließlich sein Verdienst. Er wird im Rat seinen Mann schon stellen, dann dank seiner eisernen Energie hat er sich eine gründliche Bildung angeeignet.— Der Mechaniker BeaS ist nicht unter die Intellektuellen zu rechnen wie Reeabarren, aber er ist ein ausgezeichneter, überzeugter und zu- verlässiger Genosse, der es schon verstehen wird, die Sache der Ar- beiter kräftig zu vertreten. Am allgemeinen ist bei den Wahlen ein entschiedenes Vordringen der Demokraten zu verzeichnen, deren Pro- «ramm sich den sozialistischen Ideen sehr nähert. Da nun trotz aller Bemühungen der Genossen eine eigentliche sozialistische Partei in Chile noch nicht vorhanden ist, muß man das Vorrücken der Demo- kraten begrüßen, weil deren Partei schließlich noch am ehesten den Embryo für eine spätere Sozialisteupartei bilden kann.— Die Amerika-Linie und die guten Sitten. „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft." Dachte hieran auch Generaldirektor Ballin, als er neulich die Mitglieder des Journalistentages zu einem opulenten Diner an Bord des Schnell- dampfers„Deutschland" einlud? Selbstverständlich werden nun die Vertreter der siebenten Großmacht den„guten Ruf" und die Gast- sreundschaft der Amerila-Linie sowie die Liebenswürdigkeit des Generaldirektors Ballin von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt über den Schellendaus loben. Eine solche Abfütterung kostet zwar einige tausend Mark, ist aber im Grunde genommen doch nur eine billige Reklame für die Amerika-Linie, die ängstlich darüber wacht, daß abseiten ihrer Arbeiter die guten Sitten nicht verletzt werden. Zu diesen guten, alten Sitten zählt die Amerika-Linie eine ununterbrochene 36 stündige Arbeitszeit, denn tims is money. Als am Morgen des 1. Mai' die auf dem Schnelldampfer„Blücher" beschäftigten 142 festen Schauerleule nach ununterbrochener 22 stündiger Arbeitszeit das Werl stoppten, um sich an der Mai- frier zu beteiligen, gerieten die Hapagisten{die Tele- arammadresse der Hamburg- Amerikanischen Paketfahrt- Aktien- lesellschaft lautet„Hapag", die Leiter der Amerika- Linie heißen deshalb kurzweg: Hapagisten) aus Rand und Band. Um ihren Lohnsklaven die Maifeiergedanken ein für allemal gründlichst zu vertreiben, haben die Hapagisten gegen die 142 Schauerleute eine Schadenersatzklage in Höhe von 12 000 M. beim Hamburger Gewerbegericht anhängig gemacht, wie wir in Nr. 125 unseres Blattes berichtet haben. Die Verhandlung wurde bekanntlich ausgesetzt, da der Vorsitzende einen Vergleichsvorschlag machte, über den sich die Parteien schlüssig werden sollten. Zu Beginn der heutigen Gewerbegerichtssitzung gab der Ver« treter der Amerika-Linie, Inspektor Kapitän a. D. Theile, die Er« klärung ab, Klägerin sei zu einem Vergleich bereit, wenn die Be- klagten zugeben, kontraktbrüchig geworden zu sein. D i e Beklagten lehnten bestimmt die Abgabe einer solchen Erklärung ab. Der Vorsitzende, Amtsrichter Dr. Boysen, meinte, es komme der Amerika-Linie weniger um die Höhe der Entschädigungssumme an, als um die Anerkenntnis des Kontraktbruches, zumal im Tarif stehe,' daß die Arbeiter hintereinander 36 Stunden beschäftigt werden könnte». Die Ver- treter der Beklagten bestreite» dies, während Inspektor Theile sich dahin äußert, daß die Arbeiter zn einer 36stündigen Arbeit auf der Unterelbe verpflichtet seien. Die Beklagten erwidern, daß sie unter keinen Umständen anerkennen könnten, durch Kontraktbruch gegen die guten Sitten verstoßen zu haben. Nach 22stündiger Arbeit hätten sie den„Blücher" verlassen. Dazu waren sie berechtigt. Wenn gegen die guten Sitten verstoßen worden sei, so sei dies seitens der Amerika-Linie geschehen, deren Arbeitsmethode mit den guten Sitten nicht in Einklang zu bringen sei. Auf nochmaliges Befragen lehnten die Beklagten die von der Amerika- Linie gewünschte Erklärung ab, worauf in die Verhandlung eingetreten wurde, die mehrere Stunde» in Anspruch nahm. Die Verhandlung drehte sich hauptsächlich um die Frage, ob den Beklagten positiv erklärt worden ist, sie müßten den Dampfer ohne Unterbrechung löschen. Die in Betracht kommenden Vorgesetzten der Schauerleute vermögen eine bestimmte Erklärung nicht abzugeben, sind aber der Meinung, daß die Arbeiter den Anschlag der Amerika-Linic mit dem Verbot des NuheulassenS der Arbeit am 1. Mai gekannt hätten, was von den Beklagten in Abrede gestellt wird. Das Gewerbegericht setzte die Berkündung der Entscheidung auf den 27. Juni an. GewerklcbaftUches* Auf Kosten der Kleinkrauter. Die Großindustriellen wissen an jedem Feuerchen ihr Süppchen zu kochen. Auch bei der großen Organisation zur Bekämpfung der Arbeiter spielen sie die Schlauen. Die Hauptsache ist: die Großen lassen sich die Kosten der Kämpfe mit ihren Arbeitern von den Kleinunternehmern bezahlen! Wer würde z. B. annehmen, daß die reichen Kohlenbesitzer von der„Hauptstelle deutscher Arbeitgeberverbände" Unter- stützung erbeten und— erhalten haben? Daß das geschehen ist, beweist das bereits in gestriger Nummer erwähnte Rundschreiben der Hauptstelle an die'Mitglieder, in dem auch mit- eteilt wird, daß sich der Ausschuß in der Sitzung am 1. Mai 1906 mit einem Untcrstützungsantrag der Braun- kohlenkönige zu beschäftigen hatte. In dieser Sache wurde folgender Beschluß gefaßt: 1. Der Ausstand wir besonders mit Rücksicht auf den Umstand. daß die gesetzlichen Arbeiterausschüsse nicht nur ihre Mikwirkung versagten, sondern auch von den ausständigen Arbeitern voll- ständig beiseite geschoben worden sind, nicht als berechtigt anerkannt. 2. Die Zurückweisung der Forderungen und des Ausstandes liegt nicht allein im Interesse der' betroffenen Unternehmer be- ziehungsweise der deutschen Bergbauindustrie, sondern im all- gemeinen Interesse aller Industrien. 3. Der Ausschuß erkennt an, daß der betroffene Verband zur Abwehr des Angriffs und zur Durchführung des Ausstandes aus eigenen Mitteln aufgewendet hat, was nach den in der Hauptstelle festgestellten Grundsätzen verlangt werden konnte. 4. Es wird daher beschlossen, dem Antrage des Verbandes in vollem Umfange zu entsprechen. Den Äleinkrautern wird es Wohl schwer werden, ein- zusehen, worin das Interesse für sie besteht, wenn die Kohlen- königc schlechte Löhne bezahlen. Aber sie haben sich einfach init der Erklärung zu begnügen. Es wird ihnen höchstens gestattet, sich glücklich zu schätzen, daß die Großen auf ihre Kosten zu höheren Getvinnen gelangen. Serlin und Umgegend. Achtung, Kleber! Bauhandwerker! Wegen Tarifbruch sind folgende Firmen gesperrt: Deutsch- bei», Bau Martin Lutherstraße 26, Minkwitz, Bau Schievel- beinerstrahe 26. Auf letzterein Bau arbeiten zwei organisierte Stettiner Maler als Arbeitswillige. Die Sperre über M ö s e r, Bau Freisingerstraße 18, sowie R e i n h o l d, Bau Korsöerstraße 6, und Halensee, Schweidnitzer- straße 3, ist aufgehoben. _ Die Achtzehnerkommission. Arbeitsciustellimg. Bei der Firma Härtung, Eisengießerei. Moabit, sind heute— Mittwoch— sämtliche Arbeiter in den Ausstand ein- getreten. Die Arbeiter hatten die Forderung ans Erhöhung des Stundenlohnes um 5 Pf. gestellt. Die Firma wollte zunächst 2>/z Pf. bewilligen, zog dann aber auch die Zusage wieder zurück. Darauf erfolgte einmütige Einstellung der Arbeit seitens der 270 dort Be- schäftigten. Berichtigung. Die Firma Schmalisch u. Below sendet uns folgende Berichtigung: „In-Ihrer Nr. 140 vom 20. Juni d. I. bringen Sie eine Eni- gegnung des Vorstandes des„Zentralverbandes der Maurer Deutsch- lands, Zweigverein Berlin", in welcher derselbe anführt, daß auf dem Bau Langenick, Berlinerstratze, Ecke der Straße 12 K, die von uns übernommenen Fliesenarbeiten in Akkord ausgeführt seien und daß die Akkordarbeit im Laufe der jetzigen Sperre aufgegeben wurde. Diese Mitteilung ist unwahr! Wie wir bereits gestern mitteilten, ist bei uns niemals Akkord gearbeitet worden, insbesondere waren vor der Arbeitsniederlegung auf dem Bau Langenick die im„Zentralverband der Maurer Deutsch- lands, Zweigverein Berlin" resp. der„Freien Vereinigung der Fliesenleger Deutschlands" organisierten Fliesenleger Gensecke, Kühne, Griese, Fritz und Räde, sowie die Hülfsarbeiter Lipke und Konrad beschäftigt; dieselben wurden, laut Ausweis unseres Lohn- bucheS und der vorhandenen seitens der Leute eigenhändig aus- gefüllten Wochenzettel nach dem Tarif entlohnt I Vetitfcsies Reich. Achtung! Metallarbeiter! In der Pfälzischen Nähmaschinenfabrik, vormals Gebr. Kahser, wurden 135 Arbeiter entlasten, weil sie aus der Einhaltung der mit der Direktion getroffenen Vereinbarung bezüglich der Ueberstunden bestanden. Zuzug von Metallarbeitern ist streng fernzuhalten. Deutscher Metallarbeiterverband.(Bezirksleitung des 19. Bezirks.) Die Rache des Siegers sollen nach der„Rhein.-Westf. Ztg." die Dortmunder Straßenbahner fühlen. Nach ihr hat die Dortmunder städtische Verwaltung von den streikenden Straßenbahnern etwa 60 wegen früherer„schwerer" Dienstvergehen nicht wieder eingestellt. Die übrigen haben den Dienst zu den alten Bedingungen wieder aufgenommen. S i e sind vorläufig nur probeweise und gegen Tagelohn ange st ellt. Die Verwaltung geht mit dem Gedanken um, sämtliche Posten mit Militäranwärtern zu besetzen. Und diese unerhörte Scharfnmcherpolitik wird unterstützt durch das Stadtratszentrum I Da erkennt man die ultramontane Arbeiter- freundlichkeit! Zur BuchbinderauSsperrung. Schlechte Geschäfte machte am Montagabend in Jena ein Leipziger Agent, der von 6 bis 7 Uhr in einem Hotel zu sprechen war, um für Leipzig, wo bekanntlich die Buchbinder ausgesperrt sind, Streikbrecher zu werben. Einigen Ver- bandsmitgliedern— nur solche sprachen vor— schilderte der Herr die Leipziger Verhältnisse in den rosigsten Farben. Als Verdienst wurde für den Anfang ein Lohn von 40 M., steigend bis 70 M. garantiert— als Leimer, d. h. ein Jahreseinkommen von 2300 bis 2800 M., als Goldschnittmacher sogar von 4000 M.I Doch alle Liebesmüh' war umsonst, die hiesigen Buchbinder bedankten sich Höf- lichst bei dem Herrn und wünschten ihm auch an allen anderen Orten einen derartig glänzenden Reinsall wie in Jena. Böttcherbewegung in Nürnberg. Die in den Brennereien, Wein- großhandlungen, Margarine- und Pechfabriken, bei den Klein- meistern uslo. beschäftigten Böttcher und deren Hülfsarbeiter Nürn- bergs haben sich entschlossen, zun, ersten Male die Durchsetzung eines Tarifvertrages zu versuchen, den sich die Brauereiböttcher schon längst errungen haben. Zur Erreichung dieses Ziele? haben sich der Zentral- verband der Böttcher, der Hirsch-Dunckersche Gewerkverein und der Zentralverband der Fabrikarbeiter zu gemeinsamer Aktion verpflichtet. In einer von den drei Organisationen einberufenen Versammlung wurden die Grundsätze für den Tarifvertrag festgelegt. Ein Sieg der Organisation! Die seit neun Wochen andauernde Aussperrung der Bauarbeiter in Planegg(Oberbayer») und des gesamten Würmtales endete mit einem vollständigen Sieg der Arbeiter. Der Erfolg ist um so höher anzuschlagen, als es sich hier durch die Bank um ländliche Bauarbeiter handelte. Die baugewerblichen Hülfsarbeiter in Nürnberg und Fürth sind, gleich den Maurern, Steinhauern usw., in eine Tarisbewegung ein- getreten. In der bereits eingelegten Tarisvorlage wird ein Mindest- lohn von 45 Pf. gefordert, der am 1. Januar 1907 auf 50 und am 1. Juli 1907 aus 55 Pf. erhöht werden soll; ferner Zuschlag von 1,50 M. für Ueberlandarbeit, möglichste Einschränkung der lieber- stunden und Sonntagsarbeit, wo sie nicht zu umgehen ist, doppelte Bezahlung, für Wasserarbeiten 25 Pf., für Tiefbauarbeiten 10 Pf. Zuschlag pro Stunde, Ausschluß der Kündigung, Arbeitszeit wie hei den Maurern(9 Stunden), Abschaffung der Akkordarbeit und der Frauenarbeit auf allen Bauten, Ausschluß aller Sonderverträge, Freigabe des ersten Mai. Tie Mühlenarbeiter im Gebiet von Forchheim(Bayern) haben eine Reihe von Forderungen an die Unternehmer gerichtet, wie Ab- schaffung des Kost- und LogiSwesenS, Einführung der zehnstündigen Arbeitszeit, möglichste Einschränkung der Sonntagsarbeit, Fest- setzung von Mindestlöhnen von 22 Bit pro Woche für Gangführer und von 20 M. für Magazinarbeiter, Zuschlag für Ueberstunden und Sonntagsarbeit. Die Verhältnisse der Mühlenarbeiter in diesem Bezirk sind noch sehr„patriarchalisch"." Die Löhne belaufen sich auf höchstens 8 bis 10 M. pro Woche bei schlechter Kost. Die Arbeitszeit beträgt wöchentlich 75 bis 100 und mehr Stunden, von einer Sonn- tagSruhe ist kaum die Rede. Versammlungen. Verband städtischer Arbeiter. Eine außerordentlich stark be- suchte Versammlung der Arbeiter der städtischen Gasanstalt Gitschinerstraße fand am 16. d. M. bei Donath, Schön» leinstraße, statt. Es waren fast sämtliche Arbeiter und Handwerker erschienen, soweit sie nicht durch Schichtarbeit verhindert waren, um Stellung zu nehmen zur Entlassung des bisherigen zweiten SektionS- leiters, Kollegen Schröder. Nach den einleitenden Ausführungen des Verbandssekretärs E. D i t t m e r ist Sch. bereits im Herbst 1902 eingestellt, mußte im Sommer 1903 einige Monate aussetzen und hat seit dem Herbst 1903 ununterbrochen auf der Anstalt gearbeitet, wie auch sein Entlassungsschein ausweist. In dieser ganzen Zeit ist Sch. nur einmal bestraft worden mit 25 Pf. wegen Zuspätkommens, was bei dem rigorosen Strafsystem auf den städtischen Gasanstalten unbedingt darauf schließen läßt, daß er stets seine Arbeit tadellos verrichtet hat. Das bestätigen auch alle seine Kollegen. Krank ist Kollege Sch. in derselben Zeit nur dreimal gewesen, und zwar zwei bezw. drei Wochen. Die Entlassung wurde in der Arbeiter-Ausschutz» sitzung verhandelt, wobei der Dirigent, Herr P i l l e r t, zunächst behauptete, Sch. sei wegen Faulheit entlassen. Als nun aber der Ausschuß die Haltlosigkeit dieser Behauptung nachweisen konnte, hatte der Herr Dirigent eine neue Ausrede. Sch. sei ein junger Anfänger und wäre sowieso entlassen worden. Auch dies ist nicht zu- treffend. Aber dem Herrn Direktor begann die Sache nachgerade unangenehm zu werden, darum wandte er sich einfach zum Fenster und ließ die sieben Ausschußmitglieder seine Kehrseite bewundern. Darüber waren die letzteren natürlich empört und verließen daS Zimmer.— Eine Reihe von Kollegen sprachen ihre Entrüstung auS über die Entlassung sowohl als auch über das unziemliche Verhalten des Direktors gegenüber dem Arbeiterausschuß. Es wurde von den verschiedensten Seiten unzweideutig festgestellt, daß Sch. innerhalb der Kolonne seine Arbeit regelrecht verrichtet hat. Da er dieselbe Arbeit leisten mußte wie seine Vormänner, liegt es für jeden klar auf der Hand, daß eine Maßregelung vorliegt. Außerdem wurde eine Anzahl Ungehörigkeiten von Unterbeamten aufgedeckt. Einstimmig nahm die Versammlung folgende Resolution an:„Die überaus zahlreich besuchte Versammlung der Gasanstalt Gitschiner« straße protestiert ganz entschieden gegen die ungebührlichen Ueber- griffe, wie sie seitens mancher Unterbeamten in letzter Zeit gegen- über den Arbeitern vorgekommen sind. Diese erblicken in der völlig ungerechtfertigten Entlassung des Kollegen Schröder eine Maß rege» lung und beauftragen den Arbeiterausschuß, noch einmal namens der Versammlung beim Dirigenten vorstellig zu werden, zwecks Wiedereinstellung des Entlassenen. Sollte die Entlassung nicht zu» rückgenommcn werden, so ist unverzüglich die Beschwerde bei der Gasdirektion einzureichen." Als nun am Montag der Ausschuß wiederum vorstellig wurde, lehnte der Herr Dirigent brüsk ab, wegen„Verbandsangelegenheiten"- zu verhandeln. Ueberhaupt wurde der Ausschutz in einer Weise be? handelt, wie er es bei dem Herrn Dirigenten noch nicht erlebt hatte., Der Ausschuß dürfte sich unter diesen Umständen veranlaßt sehen, sein Mandat in den nächsten Tagen niederzulegen, die Gasdirektion wird dann zu dieser völlig ungerechtfertigten Entlassung Stellung nehmen müssen. Es verdient noch hervorgel?oben zu werden, daß der Herr Dirigent am Montag zugegeben hat, die Entlassung des Kollegen Sch. sei nicht wegen Faulheit erfolgt, er könne sich ja bei Neueinstellungen wieder melden und solle berücksichtigt werden. Da hierüber mindestens zwei Monate vergehen, ist der Herr Dirigent von der Wertlosigkeit dieser Zusage wohl selbst überzeugt. Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in de» Berliner Karton, fabriken, namentlich die der Zuschneider, Ritzer und Hülfsarbeiter, wurden am Montag in einer öffentlichen Versammlung dieser Arbeitergruppen, die im Englischen Garten tagte, besprochen. Das Referat hielt der Kollege Schade. Nach seinen Schilderungen der Verhältnisse, die, wie die Diskussion ergab, in keiner Weise übertrieben waren, hätten die Arbeiter dieser Branche alle Ursache, sich etwas mehr um ihre Organisation zn kümmern und mit vereinten Kräften Besserungen zu erstreben. Seit dem Streik von 1896 ist das nicht geschehen und freiwillig gibt das Unternehmertum bekanntlich nichts. Demgemäß hat sich denn auch mit der andauernden Verteuerung des Lebensunterhaltes die wirtschaftliche Lage der Arbeiter bedeutend verschlechtert. Noch jetzt schwanken die Löhne der Kartonzuschneider in Berlin zwischen 18 und 27 M. Wenige sind es, die darüber, die bis zu 36 M. und mehr die Woche verdienen; Löhne von 21 und 22 M. sind häufig noch vorhanden und auch solche von nur 18 M. kommen vor. Die Arbeitszeit ist in manchen Fabriken auf 9 Stunden fest- gesetzt, beträgt in manchen noch 9lh, in einigen Fabriken sogar 10 Stunden. Dabei wird die Arbeitszeit, ganz abgesehen von der vielen Ueberzeitarbeit in der Saison, von den Zuschneidern nicht einmal innegehalten. Sie sollen für Zuschnitt sorgen, damit die Arbeiterinnen immerfort Beschäftigung haben, und da wird denn hier und da noch ein Teil Zeit von den Pausen gearbeitet. In der Berliner Kartonindustrie haben«s bisher nur die Nieter zu einem Vertrag mit den Unternehmern gebracht. Dieser Vertrag garantiert, nachdem er Anfang dieses Jahres mit wesentlichen Ver» besscrungen erneuert worden ist, einen Minimallohn von 24 Mk. für geübte Arbeiter, für Anfänger von 21 M., und für Leisten» nieter 27 M. Minimallohn. Außerdem ist eine vorteilhafte Rege- lung der Arbeitszeit, des Ueberstundenwesens wie der übrigen Arbeitsbedingungen durchgeführt. Um so auffallender ist es. daß sich die Zuschneider, Ritzer, Hülfsarbeiter und auch die große Zahl der Arbeiterinnen noch immer mit den traurigen und ungeregel» ten Verhältnissen zufrieden geben. Die Lauheit, die in diesen Kreisen noch zu finden ist, die Schmuserei mit den Prinzipalen. der sich einige Leute bedienen, um ein paar Bettelpfennige mehr Lohn zu erhalten, wurden in der Versammlung mit beißenden Worten getadelt.— Eine entsprechende Resolution wurde ein». stimmig angenommen. Sodann wählte die Versammlung eine Agitationskommission, die auch die Aufgabe hat, über Minimalforderungen zur Regelung der Verhältnisse zu beraten. (Wiederholt, weil nur in einem Teil der Auflage.): Letzte JVachncbten und Dcpelcbcn, Die acht vermißten Fischer in Sicherheit. Geestemünde, 20. Juni.(W. T. B.) Der hier beheimatete Fischdampfer„Henriette" meldet von Aberdeen aus, daß die Ver- suche, den bei Island gestrandeten Fischdampfer„Nordstern" vom Strande abzubringen, erfolglos geblieben seien. Die acht Mann der Besatzung des„Nordstern", die man ertrunken glaubte, befänden sich am Lande in Sicherheit. CourriereS. LenS, 20. Juni.(W. T. B.) Bis jetzt sind 902 Leichen von den bei dem Grubenunglück von Courrieres umgekommenen Berg- leuten zu Tage gefördert, so daß noch 193 Leichen aus der Grube zn bringen sind. Die Arbeiten zur Wiederherstellung der Schächte und Gänge in dem Bergwerle nehmen raschen Fortgang. Koloniale Opfer. Manila, 20. Juni.(W. T. 93.) Aus der Insel Leyte wurde die Polizeistation Burauen von 300 Eingeborenen angegriffen, welche von der amerikanischen Polizeitruppe fünf Mann töteten, fünf ver- mundeten und die übrigen gefangen nahmen. Unwetter. Temesvar, 20. Juni.(W. T. 93.) Infolge eines großen Wolkenbruches fand heute bei Oroviczo ein Bergrutsch statt. Das Wasser der Bäche trat aus und überflutete die Stadt. Zwei Kinder sind ertrunken. In Kellerräumen wurde viel Ware vernichtet. Zwei Häuser sind eingestürzt, weitere Einstürze werden befürchtet. vusutM. Redakteur: Hans Weber, Berlin, Inseratenteil uiaai&l et.Glpcke, Berlin. DruS».Verlag: Bortvärt»Snchdr.u.iekrlog»gokattxauI Singer 6iCo.,BerljnSVV. Hierzu 2 Beilagen». UnterhaltungSblatt 9., Mi. 2u�.s. it Ktllllge des„Potsiiöilö" Kerlim WldsdlM. A.»« Zum Prozeß Hilger. Man schreibt uns: Es ist eine alte Geschichte, daß nach dem Jahre 1871 in der preußischen Armee der militärische Größenwahn sich ebenso eingenistet hat, wie nach der Beendigung des siebenjährigen Krieget Für einen preußischen Offizier, der von diesem Spleen befallen ist. ist alles Nichtpreußische Schlamperei und Mumpitz. Kommt ein solcher Herr nach Württemberg, so fühlt er sich als ein militärischer Luther. der die dummen Württemberger erst auf die Höhe wahrer kriegerischer Größe bringen mutz. Einer von dieser im Schwabenlande natürlich hoch- beliebten Sorte war der k g l. preußische O b e r st A. H ü g e r. der in der zweiten Hälfte der 90 er Jahre an die Spitze des württembergischen Feldartillerieregiments Nr. 13 gestellt wurde. Er entwickelte denn auch eine eifrige„Reformtätigkeit", wollte jeden Plunder selbst regeln und rief dadurch im Offizierkorps eine große Erbitterung gegen sich hervor. Einmal beschwerten sich über ihn nicht weniger als 13 Offiziere zugleich. Unter anderem hielt der Oberst es auch für geboten, sich in die Frage zu mischen, ob die Pferdegeschirre im Stall oder im Freien geputzt werden sollen. Selbstverständlich hat ein Regiments- kommandeur sich um solche Kleinigkeiten überhaupt nicht zu kümmern. Ob die Reinigung der Pferdegeschirre im Stall oder im Freien vor- zunehmen ist, hängt in erster Linie von der Witterung ab. Und da man das Wetter nicht im voraus kommandieren kann, so muß hier von Fall zu Fall entschieden werden, das heißt man muß die Entscheidung den Batteriechefs überlassen. Der Herr Oberst Hüger aber wollte auch hier den Alleinregierenden spielen und daher gab er den— es ist heute noch nicht gewiß— Befehl oder Rat, daß im Freien zu putzen sei. Am 16. Februar 1897 nun ließ der Chef der 3. Batterie Hauptmann Schmahl(jetzt Major) die Pferdegeschirre mit Rücksicht auf die kalte Witterung und die im Regiment herrschende Ge nick st arreinr Stalle putzen. Der Oberst bemerkte es und gab am nächsten Tag folgenden Regimentsbefehl heraus: Entgegen dem diesseitigen Parolebefehl vom...(Tag und Monat waren ausgelassen, weil dieser Parolebefehl mit dem besten Willen in den Akten nicht zu finden war) waren gestern nach- mittag fast sämtliche Fahrer der 3. Batterie im Stall mit Putzen von Stallsachen bezw. Zaumzeugen usw. beschäftigt. Der Futter- meister war hierbei zugegen. Ich ersuche, die diesseits gegebenen Befehle genau zu beachten. Der Befehl beweist, daß Herr Hüger trotz Winter und Genick- starre auf seiner unsinnigen Anordnung beharrte. Mit dem Eigen- sinn, der besonders die Gamaschenknöpke negativ auszeichnet. riskierte er lieber das Leben seiner Soldaten, als daß er Vernunft annahm. Der letzte Satz des Befehls richtete sich direkt gegen den Haupt- mann Schmahl, denn die Wendung„ich ersuche" wird von den Vorgesetzten nur im Verkehr mit Offizieren gebraucht. Da der Re- gimentsbefehl dem ganzen Regiment bekanntgegeben wurde, bedeutete er für den Hauptmann Schmahl einen vor dem ganzen Regiment erhaltenen schriftlichen Verweis. Derartige Verweise sind aber gegen Offiziere nicht zulässig und daher beschwerte Hauptmann Schmahl sich mit Recht. In seiner Beschwerdeschrift schilderte er zunächst"en Tatbestand und wies darauf hin, daß er sich persönlich verletzt und in seinen dienstlichen Befugnissen beeinträchtigt fühle. Dann fuhr er wörtlich fort: Ich kannte einen Befehl derartigen Inhalts auch nicht. Dem Vermittler*) erklärte der Herr Oberst, wenn er den Befehl nicht schriftlich gegeben habe, so habe er ihn mündlich gegeben. Ich er- kläre mich außerstande, alle die tief in Kleinigkeiten des Batterie- dienstes einschneidenden Bestimmungen noch im Gedächtnis zu haben, aber ich kann durch Zeugen beweisen, daß der Herr Oberst gegebenenfalls solche Bestimmungen, welche teils in Parole- befehlen, Umlaufschreiben, teils auf zur Aenderung zurückgegebenen Uebungszetteln, teils mündlich gegeben waren, wiederholt als lediglich Anhaltspunkte, gute Ratschläge usw. nachträglich bezeichnet hat. welche gar nicht die eigene Befehlsfreiheit des Batteriechefs beschränken sollen. Man sehe sich diese Zeilen genau an, denn sie sind die eigent- liche Ursache des wochenlangen Prozesses, der soeben mit der Frei- sprechung des Oberst aus pathologischen Gründen geendet hat. Daß Herrn Hüger die Beschwerde des Hauptmanns Schmahl kein Ver- gnügen bereitete, ist klar. Aber weniger verständlich ist seine Ent- deckung, daß sie zwei schwere militärische Vergehen enthielt, nämlich eine Achtungsverletzung und eine B e- leidigung seiner Person. „Die Beleidigung", schrieb er in seiner ersten Broschüre:„Meine Erlebnisse in der Militärrechts- und Offiziersehrengerichtspflege", „liegt ausschließlich in�den Worten„gegebenenfalls nachträglich", indem mir damit ein Nichteiustehenwollen für meine Befehle, eine Unlauterkeit, ja eine gewisse Feigheit gegenüber meinen Untergebenen vorgeworfen wird. Eine Achtungsverletzung liegt in den Worten„tief in die Kleinigkeit des Batteriedienstes einschneidenden", indem er sich bannt eine ab- fällige Kritik über meine Befehle erlaubt." Wer Offizier ist oder war, weiß, daß Kommandeure, namentlich solche, die ihren Untergebenen sehr viel dreinreden und sich in alles mischen, gar nicht selten sagen, sie hätten diese oder jene Aeußerung nicht als Befehl, sondern nur als ungefähre Direktive oder guten Rat gemeint. Solche Hinweise geschehen auch meistens„gegebenen- falls nachträglich", d. h. wenn ein besonderes Vorkommnis dazu Veranlassung bietet. Kein vernünftiger Mensch wird in derartigen Hinweisen eine Feigheit und ein Nichteinstehenwollen für gegebene Befehle erblicken. Dies blieb Herrn Hüger vorbehalten. Noch schöner ist es, daß der Herr Oberst eine abfällige Kritik seiner Maßnahmen auch dann als eine Achtungsverletzung taxiert, wenn sie in einer Beschwerde gegen ihn angebracht wurde. Ohne eine abfällige Kritik der einschlägigen Anordnung des Vorgesetzten ist eine Beschwerde unmöglich, denn die Klage muß auch be- gründet werden. Selbstverständlich konnten die höheren Vorgesetzten sich der An- schauung des Oberst Hüger nicht anschließen, wenn sie über ein normales Rechtsgefühl verfügten und nicht zu den Gamaschenknöpfen gehörten, die glauben, daß mau dem Vorgesetzten im Interesse der Disziplin immer recht geben müsse. Glücklicherweise kamen gerechte Vorgesetzte in Betracht: Hauptmann Sckmahl geschah nichts, der Oberst aber wurde pensioniert. Der Fall Schmahl hatte ihm das Genick gebrochen. Und nun begann der Oberst seinen Kampf um das, was er in unglaublicher Verblendung für fein Recht hielt. Zunächst forderte er gerichtliches Einschreiten gegen den Hauptmann Schmahl; als es abgelehnt worden war, rief er das Ehrengericht zu Hülfe. Und als auch dieses ihn abwies, griff er in zwei Broschüren die Vorgesetzten heftig an, die ihm nicht zu Willen gewesen waren. Seine zweite Broschüre schrieb er so scharf, daß sie ihm eine Reihe von Bc- leidigungsklagen eintrug, die in Dortmund entschieden wurden. Vom Prozeß selbst ist nur einiges zu melden. Der Herr Oberst erfreute sich von der Staatsanwaltschaft einer Nachsicht, deren Sozialdemokraten selten gewürdigt werden. Der staatsanwaltliche Antrag lautete auf drei Monate Gefängnis. Möge einmal ein Sozialdemokrat solche Vorwürfe erheben, wie der Oberst Hüger, dann wollen wir sehen, ob der Herr Staatsanwalt auch nur drei Monate schwedische Gardinen vorschlägt. Gewaltige Entrüstung. herrschte im tugendsamen bürgerlichen Preßlager, weil ein Sach- verständiger ausgesagt hatte, ein Offizier, der die Frau eines •) Beschwert ein Offizier sich über einen Vorgesetzten, so hat er im allgemeinen die Verpflichtung, die Sache einem Vermittler, der Offizier sein muß, zu übergeben- � Kameraden verführt habe, bleibe satisfaktionsfähig. Dies ist aber ein„alter Schnee", den die bürgerliche Presse schon längst genau kennt. Der verstorbene bayerische Kriegsminister v. Asch hat dieses Prinzip sogar in einem langen Kriegsministerial- reskript verfochten. Es ist dies das nämliche Reskript, das er vor dem bayerischen Landtage ableugnete. Da er dabei ertappt wurde, kostete ihn die Geschichte sein Portefeuille. Herr Hüger kam während des Prozesses auch auf den Gegen- satz zwischen Nord und Süd zu sprechen, wobei er er- zählte, daß die Jungen ihm in Ulm„Preuß, Preuß!" nachgerufen hätten. Wer ist denn schuld, daß Preußen speziell in Württemberg so verhaßt ist? Niemand anders, als Preußen selbst. In Württemberg hat man die Borussifizierungsversuche des Generals v. Alvenslebcn, der Ende der achtziger Jahre das württembergische Armeekorps kommandierte und dann infolge der Enthüllungen des württembergischen Hauptmanns z. D. Edmund Miller unhaltbar wurde, nicht vergessen. Und erst vor ein oder zwei Jahren hat ein preußischer General, der als Divisions- kommandeur nach Württemberg kommandiert war, den heftigsten Unwillen erregt, weil er den für den in Württemberg häufigen agrarischen Kleinbetrieb so notwendigen Ernteurlaub beschränken loollte und sich höchstselbst zur Kontrolle cinpasfierender Urlauber auf den Bahnhof begab. Außerdem hatte er sich in einem Befehl an die Offiziere in wegwerfendem Sinne über den württembergischen Landtag geäußert. Der Erste Staatsanwalt Dr. Schulze nahm die Aeußerung des Oberst Hüger über den Gegensatz zwischen Nord und Süd sehr krumm. Wir wissen nicht, ob der Herr Staatsanwalt überhaupt politische Erfahrungen in Süddeutschland gesammelt hat. Da wir felbst Süddeutscher sind, so gestatten wir uns die ergebene Bemerkung, daß abgesehen von den hinter der grotzpreußischen nationalliberalen Fahne Herlaufenden alle Süddeutschen von dem Gegensatz zwischen Nord und Süd überzeugt sind, ja in Anbetracht der reaktionären preußischen Zustände der submissesten Meinung huldigen, daß ein solcher Gegensatz geschaffen werden müßte, wenn er nicht schon da wäre. Wir haben keine Lust, auf preußisch glücklich zu werden. „Die Vernichtung des Veutscheu Kuchbinderverbnudes durch den Vriu;ipalsvkrband." So lautete die Tagesordnung einer öffentlichen Versammlung der Buchbinder und verwandten Berufsgenossen, die am Dienstag bei Keller in der Koppenstratze stattfand und den großen Saal samt seinen Galerien füllte. Das Referat hielt der Verbandsvorsitzende Kloth. Er führte aus, daß, nachdem der Verband deutscher Buch- bindereibesitzer in seinem an die streikenden Buchbinder und Ar- beiterinncn gerichteten Flugblatt erklärt hat:„Unsere Mitglieder geben Mitgliedern Ihres Verbandes keine Stellung in ihren Be- trieben", kein Zweifel mehr darüber bestehen kann, daß ihr Ziel die Vernichtung des Buchbindcrverbandes ist. Erreichen werden sie dies Ziel nicht. Merkwürdig ist, wie jetzt in den Veröffentlichungen des Prinzipalverbandes die Maifeier der Berliner Buchbinder nur höchstens noch nebenbei erwähnt und damit gleichsam stillschweigend zugegeben wird, daß sie den Prinzipalen nur als Vorwand für ihre Gewalttat, ihren Tarifvertragsbruch diente. Sie suchen in der am 18 Juni erschienenen Nummer des„Börsenblattes für den Buch- Handel" ihren Auftraggebern, den Buchhändlern, weißzumachen, daß die Lohnforderungen der Gehülfenschaft, eingerechnet die geforderten „Veränderungen der Produktionsmethoden", Lohnerhöhungen bis zu 39 Prozent ausmachen, und die geforderten Akkordlöhne Erhöhungen von 8 bis zu 25 Proz. Damit wollen sie die Auftraggeber glauben machen, daß die Ablehnung der Forderungen nicht nur in ihrem eigenen, sondern auch im Interesse der Buchhändler liegt. Die Streikleitung der Leipziger Buchbinder erhielt aber so frühzeitig Kenntnis von dieser Auslassung der Prinzipale, daß sie zur selben Stunde, als das„Börsenblatt" erschien, die Buchhändler in einem Rundschreiben über den wahren Sachverhalt aufklären konnte.— Einen neuen Versuch, die Ausständigen zum Streikbruch zu ver- leiten, machte der Prinzipalsverband am Dienstag. Durch die Post sandte er ihnen ein Rundschreiben, worin behauptet wird, der ReverS, durch den sich die Ausständigen verpflichten, falls sie Streik- bruch verüben, empfangene Streikunterstützung zurückzuzahlen, sei rechtsungültig, und eine darauf fußende Forderung könne unter Um- ständen als Erpressungsvcrsuch verfolgt werden. Das ist selbst- verständlich eitel Schwindel. Wenn die Herren außerdem von Terrorismus reden, den der Buchbinderverband ausüben soll, so sollten sie doch lieber erst einmal vor ihrer eigenen Türe kehren. Hat doch die Streikleitung ein Rundschreiben des Prinzipalsverbandes an die Lieferanten der Buchbindereibesitzer in Händen, das nichts Geringeres bezweckt, als das Geschäft des königlich bayerischen Hof- buchbinders und Obermeisters der Leipziger Buchbinderinnung Hübel, von der Firma Hübel u. Denk, lahmzulegen und zu ruinieren. Diese Firma hat sich nicht an der Aussperrung beteiligt, sie wollte wirklich Herr im eigenen Hause sein und sich nicht den törichten Befehlen des Prinzipalsverbandes unterwerfen.„Herr tübel," heißt es in dem Rundschreiben,„erlaubt seinen Leuten, fcie treckenden zu unterstützen,"— und als größte Sünde wird es ihm angerechnet, daß er gerade jetzt 79 seiner Arbeiter mit Grati- fikationcn von 79 und 39 M. in die Sommerferien schickte.„Wir haben seit Wochen diesem Treiben des Herrn Hübel zugesehen," heißt es weiter in dem Rundschreiben. Schließlich werden die Lieferanten — natürlich nicht aufgefordert— nein, es wird ihnen überlassen, die Lieferungen für die Firma einzustellen, weil das ja„in Ihrem und auch in unserem Interesse liegt". Herr Hübel hat sich übrigens auch infolge der zarten Behandlung, die ihm von seinen Kollegen zuteck wurde, genötigt gesehen, sein Amt als Obermeister niedcrzu- legen. Ein Mann, der seinen Arbeitern gegenüber anständig handelt, ist ihrer Meinung nach offenbar jener Würde nicht wert. Der „feine Ton", den der Prinzipalsverband hier gegen einen ungehor- samen Buchbindereibcsitzer anwendet, zeigt sich natürlich noch viel lieblicher in seinen Ergüssen gegen den Buchbinderverband. Da scheut man sich nicht, in einem Flugblatt auf Grund einiger dus der Abrechnung des Buchbindervcrbandes herausgeklaubter Zahle» den Ausständigen den Glauben beibringen zu wollen, als würden die Gelder des Verbandes größtenteils vergeudet; ja, man versucht sogar, die Verbandsleiter als unehrliche Leute zu verdächtigen, selbstverständlich nicht in irgendwie bestimmten Worten, nein, hinter- rücks sucht man Verdacht bei den Streikenden zu erwecken. Man fordert sie auf:„Verlangen Sie heute einen wahrheitsgetreuen Bericht über Ihre Kassen II" Die Streikenden werden aber nicht auf diesen Leim kriechen und den Prinzipalen haarklein erzählen lassen, welche Mittel der Verband noch zur Verfügung hat. Wenn aber die Prinzipale glauben oder ihre Scharfmacher sie glauben zu machen suchen, der Buchbinderverband sei schon am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt, dann haben sich die Herren arg verrechnet. Selbst wenn es so schlecht mit den eigenen Mitteln des Verbandes bestellt wäre, so könnten die Gegner noch lange nicht froh- locken. Die übrige Arbeiterschaft, der die Buchbinder in ihren Kämpfen so oft tatkräftige Hülfe geleistet haben, wird sicherlich auch jetzt, wenn die Not es erheischt, den Buchbindern beistehen. Schon der Umstand, daß trotz aller Anstrengungen der Prinzipale in den sieben Wochen des Kampfes fast keiner der Ausständigen ab- trünnig geworden ist, birgt«ine Gewähr des Sieges in sich. Die Streikbrecher, die die Prinzipale sonst herbeigelockt haben, die mehr arbeitswilligen als arbeitsfähigen Leute, können ihnen nicht viel nützen, den Ausständigen nicht viel schaden. Zum Schluß sprach der Redner über die schlimme Behandlung, die den Streikenden hier in Berlin— nicht aber in Leipzig und Stuttgart— von der Polizei zuteil wird. Obwohl die«streikenden sich keiner Belästigung oder Verkehrsstörung schuldig machen, laufen immer wieder Straf« Mandate mit dem höchsten zulässigen Satz von 39 M. ein. Man könnte auf den gewiß nicht zutreffenden Gedanken kommen, als wollte die Polizei dazu mitwirken, die Kassen des Verbandes zu leeren. Weniger eifrig ist die Polizei, wie der in der Dienstags- nummer des„Vorwärts" erwähnte Fall„Fiala" zeigt, wenn der Verband, der ihr nun so manche Extrasteuer zahlt, einmal ihrer Hülfe zur Festnahme eines notorischen Schwindlers und Erpressers bedarf.—„Mag auch alles sich gegen uns wenden", so schloß der Redner,„die ganze Arbeiterschaft steht hinter uns, und niemals wird es den Prinzipalen gelingen, den Deutschen Buchbinderverband zu vernichten!" Der Vortrag erweckte stürmischen Beifall. Dann schilderte Zinke aus Leipzig, der zufällig in Berlin weilte, die unermüdliche Ausdauer und die Begeisterung, mtt der die Leipziger Buchbinder den ihnen aufgezwungenen Kampf führen. Sie genießen ja den zweifelhaften Vorzug, sich immer zuerst an den Auslassungen des Prinzipalsvcrbandes ergötzen zu können. Aber mit staunenswerter «Schnelligkeit haben sie immer gleich die rechte Antwort bereit. Lassen die Prinzipale Plakate anschlagen, um Arbeitswillige zu fangen, gleich prangt auch das Plakat der Streikenden daneben; geben sie Flugblätter heraus oder verschicken sie Rundschreiben, so ist auch schon das Gegenstück der Streckenden da, um ihre Fälschungsversuche zunichte zu machen. Merkwürdig ist es, wie sich in Leipzig die an». geblich noch nicht geschwundene Tariftreue der Prinzipale offenbart. So soll Fritzsche weiblichen Arbeitswilligen 19 Pf. Stundenlohn ge- boten, und ihnen dann, ihre Unzufriedenheit zu dämpfen, aller- gnädigst 15 Pf. bewilligt haben; männliche Arbeitswillige aber mit 29 Pf. Stundenlohn abspeisen.— Diese Mitteilung erregte teils Ent- rüstung in der Versammlung, teils wurde die Meinung laut, daß Arbeitswillige nichts Besseres verdienten. Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen: „Die Versammlung erkennt die feste Haltung der Ausgesperrten nach so langer Dauer des Kampfes als durchaus lobenswert an, da die Ausgesperrten allen Machinationen des Verbandes deutscher Buchbindereibesitzer gegenüber ihre unerschütterliche Widerstands« kraft bewahrt haben. Die in Arbeit stehenden Kollegen versprechen dafür, ihnen an Opferwilligkeit nachzueifern und durch freiwillige Gaben an ihrem Teil dazu beizutragen, daß die wackeren Kämpfer nicht infolge von Mangel an Mitteln sich jenen Plänen des Unter- nehmertums zu fügen brauchen, die eingestandenermaßen auf Ver- nichtung des Buchbinderverbandes hinzielen." Ktjirkskommaudeur Major a. D. v. Zander u. Genossen vor den Geschlvorenen. (Telegraphischer Bericht.) Breslau, den 29. Juni. Dritter Tag der Verhandlung. In der heutigen Sitzung spielten die Vernehmungen über daS Kalilager in der Lüneburger Heide die erheblichste Rolle. Zwischen- durch liefen Klagen über Voreingenommenheit des Untersuchungs- richters. Der Prozeß wird voraussichtlich noch 14 Tage andauern. Wir werden über etwa vorkommende besondere Vorfälle sofort be- richten, im übrigen aber am Schluß ein zusammenfassendes Bild und das Ergebnis des Prozesses bringen. Angel l. v. Zander erzählt auf Befragen: In der Lüne- burgcr Heide ist von meinem Freunde Lüttich ein Kalilager entdeckt worden, das sich über eine Grundfläche von 399 999 Morgen erstreckt. Die angestellten Bohrungen ergaben eine Mächtigkeit von 462 Meter des vorzüglichsten Salzes. Die Bohrungen erfolgten durch die Herren Fritz v. Friedländer, Bergwerksdirektor Rader, einen alten kränklichen Herrn und noch einigen anderen Herren, die ebenfalls ziemlich bejahrt waren. Die Inbetriebsetzung eines solchen Werkes ist natürlich sehr langwierig. Die Abteufungen erfordern lange Zeit, Wassereinbrüche sind unvermeidlich. Daher verloren die Herren die Geduld. Ich unternahm es deshalb, einen Engländer namens Dr. Groot für das Unternehmen zu gewinnen. Dieser erklärte sich bereit, das gesamte Kalibcrgwerk für eine eng- lische Gesellschaft zu erwerben. Das Geschäft kam zustande. Der Kaufpreis betrug 1 899 999 Pfund. Ich erhielt 59 999 Pfund in Prefcred Shares und 49 999 Pfund in ordinären Sharcs. Man könnte einwenden, Sharcs sind nur Papiere. In England haben aber Shares denselben Wert wie gute Schecks. DaS Geschäft hatte für die englische Landwirtschaft eine ganz außergewöhnliche Be- deutung, da die englische Landwirtschaft mit ihrem Kalibezug voll- ständig auf Deutschland angewiesen ist. Es sollen nun die in London abgeschlossenen Verträge verlesen werden. Der Staatsanwalt wendet ein, daß diese Verträge, vor dem Londoner Notar Ohlemann geschlossen, der amtlichen Be- glaubigung entbehren.— Vert. Justizrat Mamroth: Der Untersuchungsrichter hat die Untersuchung sehr einseitig geführt. Dadurch ist die Entlastung sehr erschwert. Es ist für den An- geklagten von hoher Wichtigkeit, nachweisen zu können, daß, wenn das Londoner Geschäft perfekt geworden wäre, er eine Million ver- dient und keine Schulden mehr gehabt hätte. Dadurch würden auch alle Tagebucheintragungcn hinfällig. Das Projekt scheiterte, das konnte aber der Angeklagte nicht annehmen. Es ergab sich die Not- wendigkeit, neue Bohrungen vorzunehmen, es mußte dazu neues Geld beschafft und zu diesem Zweck neue Aktien emittiert werden. An diesen und anderen Schwierigkeiten scheiterte das Geschäft. — Oberlehrer Dr. Wende- Breslau übersetzt darauf die in eng- lischcr Sprache abgefaßten Verträge.— A n g e k l. Lüttich bemerkt auf Befragen, daß er die Angaben des Angeklagten v. Zander nur bestätigen könne. Er bedauere nur, daß nicht wenigstens ein Teil der Geschworenen die Kaliindustrie in Hannover kennt, um ein richtiges Urteil über die Bedeutung des entdeckten KalilagerS zu haben.— Hierauf wird als Sachverständiger Berg- assessor Lienarz- Berlin vernommen. Er bestätigt im all- gemeinen die von den Angeklagten gemachte Schilderung dcS in der Lüneburger Heide gelegenen Kalilagers Teutonia und gibt auch die Möglichkeit zu, daß, wenn das englische Geschäft zustande gc- kommen wäre, v. Zander eine Million verdient hätte. Es fei üblich, bei solchen Geschäften die Vermittler mit Aktien zu be- teiligen. Das Kaliwerk Teutonia an sich konnte nicht nach England verkauft werden, sondern nur die Aktien.— Auf Befragen deS Verteidigers Justizrats Mamroth bemerkt L ü t t i ch, v. Zander sei auch Vertrauensmann des Grafen Henckel v. Donnersmarck und des Geh. KommerzienratS Fritz v. Friedländer gewesen. In deren Auftrage war er für den Erwerb einer Reihe erstklassiger Unter- nehmungen, so auch für ein neu entdecktes Petroleumlager in BoriSlaw in Galizien tätig.— Staatsanwalt: Wie konnte der Angeklagte v. Zander beschwören, er habe eine Vermittlungs- gebühr von Dr. Groot in Aussicht, während es sich nur um eine Gewinnbeteiligung handelte?— A n g e k l. v. Zander: Damals entsprach meine Angabe auch der wirklichen Sachlage. Aus dem weiteren Verlauf der Sitzung ist noch die Beweisaufnahme über den Leumund des Angeklagten Lüttich von Erheblichkeit. L a n d r a t v. B r o t t, der im Auftrage der Untersuchungs- behörde über Lüttich amtliche Auskunft eingeholt hat, erklärt: Lüttich erfreue sich nicht des besten Rufes. Es seien ihm ver- brecherische Handlungen zuzutrauen. Er neige zu Uebertretungen, sei jähzornig, gewalttätig, streitsüchtig, wenig wahrheitsliebend, behandele seine Dienstboten schlecht. Bei der Steuererklärung habe er mehrfach unwahre Angaben gemacht. Allerdings sei zu berücksichtigen, daß der Gutsbesitzer in Landgemeinden bei den vielen oft unvermeidlichen Streitigkeiten sich selten großer Beliebt, fielt erstelle. Er betone: er habe nicht gesagt, Lüttich habe cirtkN schlechten Ruf, sondern, Lüttich erfreue sich nicht deS RufeS eines normalen Menschen. In zwei Fällen sei er der Brandstiftung ber- dächtigt worden. Es sei ihm auch mitgeteilt worden, daß Lüttich zweimal wegen vorsätzlicher Kürperverletzung und Beleidigung und vielfach wegen Uebertretungen bestraft worden sei. Zur Eni- lastung des Angeklagten werde gesagt, dah er ein schlauer aber unklarer Kopf sei. Man nenne ihn ferner einen gutmütigen Menschen, der namentlich gegen Beamte sehr zuvorkommend sei. Er gelte auch als guter pro Monat I Nach weiteren sechs Monaten abermals 6 M., und wenn das Glück hold ist, erhält solche Verkäuferin nach dreijähriger Tätigkeit im gleichen Geschäft das übliche Höchstgehalt von 40 M. oder, falls ste hiermit nicht recht zufrieden,„prinzipiell" die Kündigung I Ein arger Mißstand ist das Prämiensysiem. Ich betrachte dieses als arge Uebervorteilung des Publikums. Waren, welche fehlerhaft sind oder sonstwie an Wert verloren haben, soll die Verkäuferin recht energisch anbieten, alle erdenklichen und teilweise nicht zutreffenden guten Eigenschaften werden solchen Verkaufsobjckten angedichtet, und zwar lediglich nur deshalb, um einen möglichst hohen Preis heraus« zuschlagen. An dieser Uebervorteilung wird der Verkäuferin ein ge- wisser Prozentsatz als„Prämie" garantiert, und liegt es in der Natur der Sache, datz solches Ansinnen um so eher von der Ver- käuferin willkommen geheißen wird, je niedriger ihre Bezahlung ist — natürlich zum Sck?aden des konsumierenden Publikums. Den Löwenanteil am Profit steckt wiederum der Unternehmer ein.— Meines ErachtenS wird vom Publikum sowohl alS auch von den be- treffenden Eltern zur Abstellung derartiger ungesunder Verhältnisse noch viel zu wenig getan und würde es sich empfehlen, wenn hier endlich einmal gründlich der Hebel zur Besserung der Lage der kauf- männischen Angestellten angesetzt und in bezug auf da? betrügerische .Priimiensyswn Bemedur geschaffen würde. Im Kampfe um daS Frauenwahlrecht. i Mit welcher Energie die Frauen in England das Ziel der Er- ringung des Frauenwahlrechts verfolgen, das belegt erneut nach-, folgende Meldung: London, 20. Juni. Eine Gruppe von Frauen begab sich gestern abend vor daS Hotel des Finanzministers, um für das Wahlrecht der Frauen zu manifestieren. Der Finanzminister entkam den Frauen, die ihn unbedingt sprechen wollten, durch eine Hintertür. Gerichts-Zeitung* Jagdreviere der verschiedenen Konfessionen. Fräulein Z. hatte, obgleich sie katholisch war, ihr uneheliches Kind in eine evangelische Volksschule gehen lassen. Als sie verzog, meldete sie das Kind bei der 14. Volksschule, die ebenfalls evangelisch ist, an. ES wurde auch aufgenommen, nach einiger Zeit aber von der Schulkommission vom Besuch in dieser Schule ausgeschlossen. Es sollte die katholische Volksschule besuchen. Beschwerden der Mutter, die das Kind nicht in die katholische Schule schicken wollte, blieben ohne Erfolg. Der Kultusminister beschied sie ebenfalls abschlägig. Fräulein Z. schickte daS Kind eine Zeitlang überhaupt nicht zur Schule, davon aus- gehend, daß sie das 5And nicht in eine katholische Schule hinein- zwänge» lassen brauche. So gut es ging, unterrichtete sie mit Hülfe eines Privatiers das Kind selbst. Eine Dispensation vom Schul- besuch fand aber nicht statt. Die Behörde fand den Unterricht nicht ausreichend. Fräulein Z. trat schließlich, als fortwährend Straf- Verfügungen einliefen, zum evangelischen Glauben formell über, worauf das Kind in der evangelischen Volksschule wieder Aufnahme fand.— DaS Landgericht als Berufungsinstanz verurteilte Fräulein Z. wegen der Schulversäumnisse, welche in die Zeit zwischen dem Bescheid des Kultusministers und der Erledigung ihres Uebertritts zum evangelischen Glauben fallen, zu einer Geldstrafe, indem es eine fortgesetzte Handlung annahm. Das Gericht berief sich darauf, daß nach dem Allgemeinen Landrecht uneheliche Kinder in der Re- ligion der Mutter zu erziehen seien. Für Berlin, wo es katholische und evangelische Schulbezirke gebe, sei die Anordnung getroffen, daß katholische Kinder in den katholischen Bezirken und evangelische Kinder in den evangelischen Bezirken einzuschulen seien. Angeklagte hätte das Kind in die katholische Schule schicken müssen, als die Schulbehörde es dorthin verwies, weil sie katholisch war. Der private Unterricht könne sie nicht entschuldigen, da der Nachweis fehlte, daß dieser Unterricht ausreichend sei. Das Kammergericht verwarf dieser Tage die hiergegen eingelegte Revision._ Vorcuthaltung des Lohnes lag einer Anklage zugrunde, die gestern das Schöffengericht Berlin- Wedding beschäftigte. Wegen Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeuges war der Drahtzaunfabrikant B u tz i g e r aus Mahlsdorf angellagt, während sich die Arbeiter Zimmermann und Scholz wegen gemeinschaftlichen Hausfriedensbruches verantworten mußten. Die beiden Letztgenannten standen bei Butziger in Arbeit. Anfang Januar dieses Jahres kam es zu einer Auseinandersetzung wegen des von Butziger angeblich zu niedrig festgesetzten Akkordlohnes für das Aufsetzen eines DrahtzauneS. Als B. sich weigerte zu zahlen, nahmen die beiden Arbeiter eine drohende Haltung an� und drangen schließlich auf ihren Arbeitgeber ein. Dieser flüchtete in die Werkstatt in der Hoffnung, seine Verfolger loszuwerden. Die beiden Mitangeklagten sprengten jedoch die Tür und drangen auf B. ein. Dieser ergriff eine dicke Eisen st ange und versetzte dem p. Zimmermann einen wuchtigen Schlag über den Kogf, so daß Z. sofort blutüberströmt zusammenbrach. Butziger verbarg sich nunmehr in seiner Privatwohnung. Nachdem sich Z. wieder etwas erholt hatte, drangen beide Arbeiter in die Wohnung des B. ein, um Rache wegen der ihnen zugefügten Mißhandlungen zu nehmen. Vor Gericht erhob der Verteidiger des Butziger den Einwand, daß B. nach dem Er» gebnis der Beweisaufnahme sich nur in der schlimmsten Notwehr zu dem Schlage mit der Eisenstange habe hinreißen lassen. Da es sich aber um eine in der Furcht und Bestürzung begangene Ueber- schreitung der Notwehr handelt, müsse auf Freisprechung erkannt werden. Das Gericht erkannte gegen Zimmermann und Scholz auf je zwei Wochen Gefängnis und sprach den An- geklagten Butziger. bei dem Notwehr angenommen wurde. kostenlos frei._ Erziehung zum Polonismus. Die strafrechtliche Verfolgung der Polen hat nicht wenig zum Anwachsen der polnisch-radikalen Richtung beigetragen. Am Dienstag verhandelte das Reichsgericht wiederum über drei Fälle von Germa- nisierungsversuchen durch Strafgesetzparagraphen. Derartige An- klagen müssen das entgegengesetzte Resultat erreichen, als die Gemmnisierungsfreunde erreichen wollen. Der erste vor dem Reichsgericht behandelte Fall betraf eine eigenartige Konstruktion einer versuchten Nötigung. Wegen versuchter Nöttgnng ist am 4. Januar vom Landgericht Posen der Verleger und Redakteur einer polnischen Zeitschrift, Sigismund b. Slupski, zu einer Geldstrafe von 300 M. verurteilt worden. Er hatte in einem Artikel„Verräterische Verkäufer' sich gegen den Landverkauf an Deutsche gewendet und empfohlen, die Namen solcher Polen, welche Land an' Deutsche verkaufen, durch öffentliche Nennung an den Pranger zu stellen. Der Artikel bezweckte nach der Ueberzeugung des Gerichts, mindestens drei mit Namen genannte Eigentümer von Güten: zu nötigen, den beabsichtigten Gürerverkauf aufzuheben.— Auf die Revision des Angeklagten hob das Reichsgericht das Urteil aus und verwies die Sache an das Landgericht zurück, weil rechtsirrtümlich angenommen worden ist, baß es dahingestellt bleiben könne, ob der Angeklagte, wie er behauptet hat,»n Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt hat. Ferner stand vor dem Reichsgericht eine Auflage aus§ 130 Str.-G.-B. zur Verhandlung. Wegen Aufreizung der Polen zu Gewalttätigkeiten gegen die Deutschen ist am 15. Dezember v. I. vom Landgerichte Gleiwitz der Redakteur der Zeitung„Glos SlaSki', Stanislaus Rozanowicz, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Das Gericht hat den straf- baren Tatbestand in einem Artikel„Polen" erblickt, welcher das polnische Nattonalgefühl stärker und, wie das Urteil meint, zur gewaltsamen WiedereinfttHning eines selbständigen Polenreichcs an- feuern sollte.— Die Revision deS Angeklagten wurde vom Reichs- gerichte verworfen. Dritter Fall. Wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Sprachenverordnung ist am 3. Februar vom Landgerichte Beuthen (O.-Schl.) der Redakteur des„Katolik" Wiktor NowakowSki zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Er hat in einem Arttkel die Eltern polnisch sprechender Kinder aufgefordert, dahin zu wirken, daß diese, mindestens beim KonsirmationSunterricht, die polnische Sprache gebrauchen und die deutsche verabscheuen.— Auch hier wurde die R e v i s i o n des Angeklagten vom Reichsgerichte Ver- worfen._ Die Heilkraft des Weihwassers. Wie erinnerlich, wirbelte ausgangs der achtziger Jahre«ine Teufelsaustreibung in der ultramontanen Presse viel Staub auf. Danach soll ein damals Ojähriger Knabe vom Teufel besessen gewesen sein. Die klerikale Presse war über den Erfolg der Teufelsaustreibung derart entzückt, oaß sie dem Weihwasser eine wunderbare Wirkung zu- schob. Gelegentlich der letzten schwurgerichtlichen Verhandlung gegen den Ingenieur Aug. Richter vor dem oberbayerischcn Schwurgerichte wegen eines Vergehens wider die Religion wurde auch die TcufclSaustreibung in Wcmding wieder aufgewärmt. Und wenn es noch Leute geben sollte, die an der Heilkraft des Weih- Wassers zweifeln sollten, denen wollen wir verraten, daß au» dem ehemaligen fsts leibhaftigen TeufelSbuben ein— Schutzengel geworden ist, allerdings ein Schutzengel nicht mit Flügeln und Glorienschein, sondern mit der Pickelhaube, denn der che- malige Satanas ist heute wohlbestallter— Schutzmann in München. Wer wagt es nun noch, an der Heilkraft de» Weih, Wasser» zu zweifelo?. Achtung! Athleten, Artisten, Ringkämpfer!| Sonntag, den 1. Juli, vormittags 11 Uhr: Oeffentliche Versammlung im Englischen Garten, Alexanderstraße 27c. Tages Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Wilhelm Nitschke:" Was sind die Aufgaben der Mitglieder des Arbeiter- Athletenbundes Deutschlands?" 2. Diskussion. Deutscher Metallarbeiter- Verband. Arbeitsnachweis: Zimmer 34, Amt IV, 3353. Orts- Krankenkasse der Zigarrenmacher, Zigarettenmacher, Hülfsarbeiter Verwaltungsstelle Berlin. Haupt- Burean: Engel- Ufer 15. Zimmer 1-5. Amt IV.9679. Zigarrensortierer. daren gewerbl. Sonntag, 24. Juni, vorm. 10 Uhr, in der„ Neuen Welt", Hasenheide 108/114: Freitag, 29. Suni, abends 8%, Uhr, General- Versammlung. Zages Drdnung: Wir fordern hierdurch sämtliche derartige Vereine, welche dem ArbeiterAthletenbunde Deutschlands noch nicht angehören, auf, in dieser Versamm lung zu erscheinen. 283/ 1* J. A.: Franz Keller. 1. Kaffenbericht und Bericht der Revisoren. 2. Neuwahl eines Beisigers. 3. Ersatz- und Neuwahl Kommandanten von vier Beamten. 4. An die Verwaltung gelangte Anträge. 121/10 Straße 20. Die Ortsverwaltung. Telephon: A985. Armin- Hallen Amt I, Große und fleine Festsäle mit und ohne Theaterbühne auch Sonnabende und Sonntage in diesem und im nächsten Jahre frei. 8 Vereinszimmer. Deutscher Holzarbeiter- Verband Heute Donnerstag, den 21. Juni 1906, abends 8%, Uhr: Vertrauensmänner- Versammlung für sämtliche Bezirke und Branchen bei Keller, Koppenstraße 29. Tagesordnung: 1. Die Regelung unseres Lokalbeitrages nach der vom Verbandstag beschlossenen Beitragserhöhung. 2. Werkstattstreik und Differenzen. 3. Berbandsangelegenheiten. Vertrauensmännerkarte nebst Mitgliedsbuch legitimiert. 87/ 12* Jede Werkstatt muß vertreten sein. Die Ortsverwaltung. Zentralverband der Mafchiniften u. Deizer Deutschlands Zahlstelle Berlin. Sonntag, den 1. Juli 1906: Große Dampferpartie nach Voigts Krampenburg am Seddinsee. Abfahrt: morgens 7%, Uhr vom Brandenburger Ufer( Jannowitz- Brüde), " Stern"-Gesellschaft. Billets sind bei allen Zahlstelleninhabern und Vorstandsmitgliedern zu haben: H. Holz, Gipsstraße 9, II; Julius Siewert, Simeonstraße 25; P. Raft, Blücherstraße 21; 2. Jufel, Matternstraße 2; P. Sommers feld, Bantow, Prenzlauer Chauffee 189, Seitenflügel II; F. Karl, Christburgerstraße 51, vorn IV. Alle Kollegen und Genossen werden hierzu freundlichst ein geladen und bittet um recht zahlreiches Erscheinen 139/3 Die Ortsverwaltung. Jedes Wort 10 Pfennig. Das erste Wort( fettgedruckt) 20 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellen- Anzeigen 5 Pfg.; das erste Wort ( fettgedruckt) 10 Pfg. Worte mit mehr als 15 Buchstaben zählen doppelt. Verkäufe. Gardinenhaus Große Frankfurter. Straße 9, parterre. 1+ Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt. 16, H.& P. Uder, Engel- Ufer 6. Tabak- Großhandlung u. Tabakfabrik. Fabrik- Lager sämtlicher gangbaren Kau- u. Schnupftabake. Spezialität: Nordhäuser Kautabak. Ratiborer Schnupftabake: Chusoper, Kower, Kardinal Karotten w Essegger, usw. 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Die zum Regierungsbezirk Magdeburg gehörenden Landkreise erledigen. Friedrichsbergerstraße 25, parterre, Bewerbungsschreiben mit Angabe über die bisherige Tätigkeit sind bis 25165 zum 27. Jnni cr. an den Unterzeichneten zu richten. Brehmer. Schlafstelle, freundlich möbliert, für zwei Herren. Möbius, Gabriel. Der Vorsitzende des sozialdemokrat. Bezirksverbandes Magdeburg. August Fabian, Magdeburg, Jakobstr. 49. Marstraße 8, Often, born III. 25006| 281/18 Berantwortlicher Redakteur: Hans Weber, Berlin. Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glode, Berlin. Prud u. Berlag: Borwärts A Nähmaschinen, ohne Anzahlung, möchentlich 1,00. Aderstraße 111, Warschauerstraße 67, Wienerstr. 1-6. Krautstraße 50, Saalfeld, Möbel Speicher, verkauft spottbillig, weil kein Laden, Möbel, Spiegel, Bolsterwaren Besichtigung ohne Staufzwang. 25226 +3 Partei- Sekretär! Naucksche Buchdruderei, Stall schreiberstraße 5. Ad. Ludwig, Elisabeth- llfer 5/6. Fleck Nachf., Rügomstr. 87. Kämmerer, Kochstr. 67. C. F. Walter, Wallstr. 16/17. Rich. Gahl, Chauffeestr. 2e. Agthe, Wilhelmstr. 119/20. Lotze& Sieler, Rochstr. 3. Ad. Wittenburg, Wilhelms straße 16. Xaver Kölle, Reichenberger. straße 36. Kartonarbeiter u. Arbeiterinnen! Kartonnieter! In der Kartonfabrik von Ad. Lesser, Krautstraße, sind tarif liche Differenzen ausgebrochen. Diese Betriebe sind gesperrt! Die Firma Aloys Suk, Neander straße 4( Neanderhof) ist für Galanteriearbeiter und Arbeiterinnen wegen Differenzen gesperrt. 24/12 Die Ortsverwaltung. Annahme- Stellen für„ Kleine Anzeigen". Osten: Wengels, Rüdersdorferstr. 3. Gustav Vogel, Koppenstr. 83. Nordosten: 2. Zucht, Keibelstr. 42. I. Neul, Barnimſtr. 42. Norden: H. Naschke, Aderstr. 36. F. Trapp, Rügenerstr. 24. Karl Mars, Lychenerstr. 123. Karl Weiße, Wiesenstr. 41/42. 2. Dechand, Ruheplatstr. 24. 5. Vogel, Lorkingstr. 37. A. Tiek, Invalidenstr. 124. Nordwesten: Karl Anders, Salzwedelerstr. 8. W. Schrolle, Gozkowskyftr. 29. Südwesten: H. Werner, Mittenwalderstr. 30. H. Schröder, Kreuzbergstr. 15. Süden: ( Zahlstelle Berlin). Folgende Firmen haben, weil das St. Fritz, Prinzenstr. 31. Personal nach der Beendigung der F. Gutschmidt, Kottbuser Damm 8. Südosten: Aussperrung nicht reumütig und bedingungslos in die Betriebe zurüd Paul Böhm, Lausitzer Blak 14/15. fehrte, weiter respektive erneut aus P. Horsch, Engel- Ufer 15. gesperrt: G. Wübben& Co., Wilhelm. straße 9. Charlottenburg: G. Scharnberg, Sesenheimerstr. 1. Friedrichsberg: Rixdorf: H. Sperling, Friedrichstr. 16. D. Seifel, Stronprinzenstr. 50. D. Bleistein, Friedrichstr. 16. Lüderitz& Bauer, Mauer- m. Heinrich, Brinz Handjerhstr. 7. ftraße 80. Fritsche- Baumbach, Schoneberg, Bahnstraße. Conrad, Hermannstr. 50. Schöneberg: Wilh.Bäumler, Martin Lutherstr. 51. H. Reiß, Lüzowstr. 107/8. H. Schubert, Wilhelmstr. 121. C. Metschke& Co., Zimmer- 2. straße 94. A. Schoß, Buttkamerstraße 19. A. Schoß, Dessauerstraße. Schneider& Ziegler, Ritterstr. 76. Rickmann, Wilhelmstr. 121. Jul. Weißensee: Neste, Sedanstr. 105. Schillert, König- Chaussee 39a. Reinickendorf: P. Gursch, Provinzstr. 108. Buchdruderei u. Verlagsanstalt Baul Singer& Co., Berlin SW i41- A. mm 2. KtlllM des LllMlirts" berliner UslksdlÄ. 21» 1906 Partei- Angelegenheiten. An die Parteigenossen von Berlin. Teltow-Beeskow, Niederbarnim, Potsdam-Osthavelland usw.! Zu der im Juli erscheinenden Lokalliste ersucht die Lokal- kommission, alle Aenderungen resp. Neuaufnahmen an die nach- verzeichneten Kommissionsmitglieder bis spätestens Dienstag, den 2ö. Juni er., gelangen zu lassen: Für den I. Wahlkreis an den Genossen Jakob Ege, Roßstr 23. Für den II. Wahlkreis an den Genossen Heinrich Schröder, Kreuz- bergstratze 16. Für den IH. Wahlkreis an den Genossen Karl König, Jahn- straße 24. Für den IV. Wahlkreis an den Genossen Karl Rott, Straß- mannstratze 29. Für den V. Wahlkreis an den Genossen Friedrich Rausch, Winsstratze 12. Für den VI. Wahlkreis an den Genossen Richard Henschel, Wollinerstratze 61. Für Teltow-Beeskow an den Genossen Karl Rohr, Rixdorf, Selchowerstr. 22, Ouergb. IN. Für Nieder-Barnim an den Genossen Robert Rieck, Rummels- bürg, Kantstr. 22. Für Potsdam- Osthavelland an den Genossen Karl Linz, Spandau, Mtlelstr. 13. Für alle übrigen Orte an den O b m a n n der Kommission. Wir ersuchen die Parteigenossen dringend, die Einsendung der Mitteilungen möglichst zu beschleunigen, damit wir in der Lage sind, eine Liste herausgeben zu können, die auch allen Anspruch auf Vollständigkeit machen kann. Alle nach dem 26. Juni einlaufende Mit teilungen können nicht mehr berücksichtigtwerd en. Bei dieser Gelegenheit weisen wir auch wiederum darauf hin, daß alle Zuschriften, Mitteilungen, Anfragen usw. stets durch die oben angegebenen Kommissionsmitglieder an den Obmann der Kommission zu richten sind und nicht, wie es leider noch sehr häufig geschieht, direkt an die Redaktion des„Vorwärts", da hierdurch nur unnötige Verzögerungen eintreten, welche eine eventl. Publikation der betreffenden Mitteilungen illusorisch machen können. Alle im Verbreitungsgebiet erscheinenden Parteiblätter werden um Abdruck gebeten. Der Obmann der Lokalkommission Richard Henschel, dl. 28, Wollinersttaße 61 II. Rixdorf. 14. Abteilung. Bei dem am Sonntag, 17. Juni, nach Kömers Wäldchen stattgefundenen Familienausflug ist ein Regenschirm und ein schwarzer Damengürtel gefunden worden. Die Verlierer können diese Gegenstände im Restaurant Heinrich Blümel, Kopfstr. 32, abholen. Weißensee. Für den ans der Gemeindevertretung aus- geschiedenen Gemeindevertreter Thiermann findet am Freitag, den 29. Juni, in der Zeit von nachmittags 6—8 Uhr eine Ersatzwahl statt. Die Genoffen werden ersucht, die hierüber erscheinenden Be kanntmachungen zu beachten. Das Wahlkomitee. Erkner und Umgegend. Sonnabend, den 23. Juni, abends 8Vs Uhr, im Lokale deS Herrn Müller(Schützenhaus): Volks- Versammlung für Männer und Frauen. Tagesordnung: 1. Gibt es einen Gott? Referent Schriftsteller Genosse Adolf Stern, früher evangelischer Geistlicher. 2. Diskussion. 3. Austritt aus der Landes kirche. 4. Verschiedenes. Bezirk WaidmannSlost. Der Wahlverein veranstaltet am Sonn- tag, den 24. Juni, einen Ausflug nach Stolpe an der Nordbahn ins Lokal Bergemann. Abmarsch der Borsigwalder Genossen früh 6>/z Uhr vom Vereinslokal bei Kube. Um 8 Uhr Abmarsch von Waidmanns- lust, Schweizerhäuschen, woselbst sich rechtzeitig die Genossen von Wittenau einfinden müssen. 9 Uhr Abmarsch von Hermsdorf, Forst hau», nach Stolpe. Um recht zahlreiche Beteiligung am Ausfluge ersucht Der Vorstand. Berliner IVacbrichtem Wenn Fremde über Berlin orakeln, kommt in der Regel nicht viel gescheites heraus. Das ist nun nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, daß es sich in den meisten Fällen um die Wiedergabe einiger in einigen Tagen gesammelter Eindrücke handeln kann. Immerhin ist es auch nicht uninteressant, zu lesen, welche Eindrücke der Ausländer in Berlin erhält: gibt es unter ihnen doch auch Leute, deren scharfe Beobachtungsgabe manches erkennt, wo- ran wir. die wir tagtäglich an das alles gewöhnt sind, acht- los vorübergehen. In einem großen englischen Blatte veröffentlicht Bart Kennedy in einer Reihe von Aufsätzen seine Eindrücke während einer Reise durch Deutschland. In einem„Unter dem Kaiser- auge" betitelten Aufsatz spricht er darin auch von seinem Aufenthalt in Berlin: „Ich habe mich in Berlin beständig verlaufen. Die Straßen sind alle so rechtwinkelig und gleichförmig, daß durch nichts dem Auge des herumflanicrenden Fremden besondere Anhaltspunkte gegeben werden. Dabei hat der Berliner eine Art und Weise, einem den Weg zu zeigen, bei der er gar keine Gesten macht. Er wird dir in einer langen Auseinandersetzung erzählen, wo die Straße liegt, nach der du ihn fragst, aber die Richtung wird er dir nicht zeigen. Zuerst hoffte ich immer, daß er den Schwall seiner unverständlichen Worte unterbrechen und mir irgend einen Fingerzeig verständlicher Art geben würde, aber ich hatte mich gc- täuscht. Alle meine Zuversicht, die ich nicht auf die Kenntnis der Sprache, sondern auf den allgemeinen und festen Felsen der primi- tiven Gebärde gegründet hatte, wurde so zuschandcn. So fand ich mich denn darein, wenn ich mich verlaufen hatte, mir erst gar keine Mühe zu geben, den richtigen Weg zu finden, sondern aufs Geratewohl weiter zu schlendern bis ich mich wieder zurechtfand. Berlin i st eine Stadt der rechten Winkel und Denkmäler— besonders der Denkmäler. Und ich hoffe, daß mich niemand für grob halten wird, wenn ich sage, daß der allgemeine Gesamteindruck, den ich hatte, der einer feinen und glänzend angelegten Strafkolonie war. Berlin hat schöne Parks, Brunnen und Plätze, aber alle haben eine korrekte, wie nach der Uhr geregelte Stimmung. Es ist keine Stadt, die eine persönliche, individuelle Note hat, sondern alles ist einförmig. Ein Fleck ist genau so wie der andere. Nimmt man dazu das regelmäßige klappernde Geräusch, das von den genau in Reih und Glied marschierenden Soldaten herkon:mt, die be« ständig durch die Straßen stampfen, so hat man das dominierende Gefühl, sich an einem Orte zu befinden, an dem pünktliches und korrektes Benehmen die Parole des Tages ist. Daß Berlin der ideale Aufenthaltsort für einen gemächlich wandernde«, beschaulichen Meiischen wie mich sei, habe ich nicht bemerken können. Man kann kaum seinen Kopf wenden, ohne gleich ein Bildwerk zu sehen. Sie sind hier und dort und überall, in den schönen laubreichen, so sauber gepflegten Anlagen, auf den Plätzen, an den Ecken der Straßen, in der Mitte der Straßen, am Anfang und Ende der Straßen. Denkmäler und Bildwerke überall. Und bleibst du vor einem Laden stehen und ein Bild zieht dein Auge flilf sich, pglw ist es sMr eist Aemglde pvst Kaiser Wilhelm. Wenn du in einem Restaurant deine Mahlzeit ein- nimmst, so sitze st du unter einem Gemälde von Kaiser Wilhelm. Ucberall ruht sein Auge auf dir. Er blickt auf dich in allen Arten von Uniformen und Anzügen." Dem Kaiser zollt er seinen Tribut, indem er sagt, daß er aussehe wie einer, den man gern zur Seite in einer recht gefährlichen Ecke haben möchte. Die polizeiliche Regelung des Einwohnermeldewesens, das jedein gestattet, sich für 23 Pf. über die Adresse irgend eines A'-beliebigcn zu informieren, mißfällt ihm gleichfalls. Da er auf den Straßen, und selbst in den Arbciterquartieren, nicht das typische Elend des Londoner Whitechapel und East End findet, so kommt er zu dem Schluß, daß in Berlin das Elend durch die Polizei von den Straßen verbannt sei, nichts- destoweniger aber in den Hofwohnungen und Kellerräumen in ebenso schrecklicher Form wie in London existiere. Nur Berlin, das einen aufstrebenden, wohlhabenden Eindruck mache, beinühe sich, diese Schattenseiten seines Lebens mög lichst zu verschleiern. Die Beobachtungen des Engländers sind sicher keine oberflächlichen. Was insbesondere seine Bemerkungen über die Denkmalsstadt und das Elend in Berlin anbelangt,, das von der Straße durch die Polizei verbannt ist, nichtsdestoweniger aber in krasser Form existiert, so sind diese durchaus zu treffende, er hätte nur hinzufügen können, daß demgegenüber der Luxus und die Verschwendungssucht der besitzenden Klasse in Berlin ebenso getrieben wird wie anderwärts. Aus der Straßenreinigungs-Deputation. In der letzten Sitzung der städtischen Deputation für das Straßeureinigungswesen wurde beschlossen, versuchsweise ein sogenanntes Sprengautomobil, das 5 Kubikmeter Wasser hält, zum Besprengen breiter Straßenzüge, wie der Chaussee im Tiergarten, Lustgarten, Opernhausplatz usw., bei einem potenten Fabrikanten zu bestellen. Die für die Aufseher an- geschafften kleinen viersitzigen Automobile, von denen eins während der Sitzung im Hofe des Rathauses vorgeführt wurde, sollen ihrem Zweck entsprechen. Die jetzigen mir Pferden bespannten Spreng- ivagen enthalten nur IVe Kubikmeter Wasser, die Sprcngautomobile 6 Kubikmeter, letztere sind daher viel leistungsfähiger. Im Kuratorium für den städtischen Schlacht- und Viehhof wurde am Dienstag beschlossen, die Hammel- und Kälberhalle sowie den Schweineschlachthof mit Millcniumlicht zu beleuchten; auch die Börsen- halle soll eine bessere Beleuchtung erhalten, die Art derselben soll noch später beschlossen werden. Gegen unnütze Quälerei der Schlachttiere macht die Fleischer- innung mobil. Vor längerer Zeit hatte das Kuratorium beschlossen, zum Töten der Rinder die Bolzenpistole einzuführen, während Schweine und Kleinvieh durch einen Schlag mit der Keule betäubt werden sollen. Gegen die Anwendung der Bolzenpistole wendet sich nun die Innung. Das Kuratorium sah keinen Grund, von seinem Beschlüsse Abstand zu nehmen und stellte die Einführung des Apparates auch zum Töten für Schweine in baldige Aussicht. Die Parkdeputation beschäftigte sich gestern mit der Hergabe der städtischen Plätze zum Bau der Untergrundbahn. Es kommen in Frage der Spittelmarkt, HauSvogteiplatz, Gendarmenmarkt, Wilhelms platz und Leipziger Platz, die während der Bauperiode fast ganz dem Verkehr entzogen iverden. Allseitig wurde bedauert, daß die zirka 166 Jahre alten Linden auf dem Leipziger Platz zum Opfer fallen müssen. Ans dem Juselperron an der Ecke des Reichstagsufers und der Hindersinstraße sollen gärtnerische Anlagen angelegt werden. Ein neuer Spielplatz soll im Humboldthain an der Hoch- und Behmstraße angelegt und damit einem großen Bedürfnis für die dortige Jugend abgeholfen werden. Weiter wurde beschlossen, die Schönhauser Allee probeweise mit Silos, d. h. in den Erdboden versenkte Kästen zur Aufnahme von Papier und sonstigem Unrat zu versehen. Ein Gesuch des Sportklubs„Korso" um Benutzung des Spielplatzes am Friedrichshain wird abgelehnt, dagegen den uni- formierten Parkwächtern das Tragen von Litewken im Sommer gestattet. Ein Gesuch des Arbeitsausschusses für die„Deutsche Marine- und Kolonial-Ausstellung 1967" um Ueberlassung von Gelände am Treptower Park für die Zwecke der Ausstellung lehnte die Parkdepuation einstimmig ab, noch eingedenk der 1396er Au» stellung. Die Lohnverhältnisse der städtischen Arbeiter resp. die Besprechung derselben wurden wegen Abwesenheit des zuständigen Stadtrates vertagt. Eine Magistratskommission beschäftigte sich gestern unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Dr. Reicke mit der Uebernahme des Rettungswesens durch den Magistrat. Es wurde be- schlössen, mit den maßgebenden Personen der Retiungsgesellschaft usw. weitere Verhandlungen zu führen. Die landwirtschaftliche Ausstellung ist am Dienstagabend ge- schloffen worden, und die Verladung der Tiere hat sofort begonnen Zum Transport derselben sind besondere Viehzüge eingestellt worden, die das Vieh ivieder au Ort und Stelle befördern. Die Fata Morgana, die in den jetzigen Zeiten der Fleisch- und Lebensmittel- teuerung diese Ausstellung mit ihrem prächtigen Vieh für viele Arbeiter bedeutete, ist somit wieder verschwunden. Die Ausstellung war während ihrer sechstägigen Dauer von 354 666 Personen besucht jl. Tag 12 341, 2. Tag 27 662, 3. Tag 37 361, 4. Tag(Sonntag) 118 229, 6. Tag 83 966, 6. Tag etwa 75 660(genaue Zahl ist noch nicht festgestellt). Hierzu kommen noch 36 666 Daucrkarlcnbesitzer. 6264 Mitglieder der Landwirtschafts- gesellschaft haben die Ausstellung besucht. An Eintrittspreisen hat die Ausstellungsleitung etwa 613 298 M. eingenommen, davon am 1. Tage 37 923 M., am 2. Tage 54124 M.. am 3. Tage 74 662 M.. am 4. Tage 118 229 M., am 5. Tage 83 966 M., am 6. Tage 75 666 M. Dazu kommen 76 666 M. für Dauerkarten und rund 166 666 M. für Tribünenkarten. Die Wannscebahn hat zwischen Berlin und Friedenau an den sechs Ausstellungstagen 866 666 Per- sonen befördert. Der Streit um die Mulackstraße. Auf Wunsch einiger Nächst- beteiligten wird sich der Magistrat demnächst mit der Abänderung des Namens„Mulackstraße" beschäftigen. Vorgeschlagen ist der Name „Kleine Roscnthalerstraße". Mit dieser Abänderung deS Namens find nun aber andere Personen nicht einverstanden, sie verlangen, wenn der Name einmal geändert werden soll, daß dann der Name„Kieselackstraße" gewählt wird. Ein Anwohner schlägt sogar, damit allen Wünschen Rechnung getragen wird, vor, den Bewohnern die Wahl des Namens zu überlassen, wobei die absolute Mehrheit entscheiden soll. Die Wahl soll sich dann ober, um eine Zersplitterung zu vermeiden, auf einige Namen beschränken. Ein Herr schlägt folgende Namen vor:„Vegesack- straße",„Bendixstraße",„Schöppenstedtcrstraße",„Ritzebüttelerstratze", „Krähwinkelerstraße" usw. Angesichts dieser Sachlage ist es wohl am besten, wenn der alte Name„Mulackstraße" erhalten bleibt, sonst könnten die Anwohner vom Regen unter die Traufe kommen. Eine Flut von Erstattungsanträge» betreffend Fahrgeld für nicht- benutzte usw. Fahrkarten oder Gepäckfracht ergießt sich seit einigen Tagen in das Zentralbureau der hiesigen Eisenbahndirektion. Die weitaus überwiegende Mehrzahl dieser Anträge ist aber an die falsche Adresse gerichtet und müssen erst an die zuständigen Verkehrsinspektionen geleitet lverdeu, wodurch natürlich V e r- zögerungen in der Beantwortung der Gesuche entstehen. Die Eisenbahn-Direktion ist nur zuständig, wenn es sich um Er- stattung von Fahrgeld oder Gepäckfracht im Verkehr mit nicht» deutschen Bahnen handelt; für die Erledigung der Er- stattungsanträge, die sich auf den Verkehr mit deutschen Bahnen beziehen, ist immer nur diejenige V e r k e h r s- I n s p e k t i 0 n zn- ständig, zu deren Bezirk die Station gehört, welche das Fahrgeld oder die Gepäckfracht erhoben hat. Die Aufsichtsbehörde und die Ortskasse der Schneider. Daß Geschwindigkeit keine Hexerei ist, betveist die Aufsichts« behörde bei ihren Eiüscheiden in Sachen der Ortskasse der Schneider. Am 23. Mai reichten zivci Mitglieder der Ortskasse der Schneider folgende beiden Anträge bei der Aufsichtsbehörde ein: 1. Die Auszählung der.Listen ist unverzüglich vorzunehmen. 2. Zur Rekognoszierung der Wahlurne sind die Personen, welche dieselbe versiegelt haben, hinzuzuziehen.— Unterschrieben sind die Anträge von Paul D., Neue Grünstr. 25 v. IV. und Frau B., Simon Dachstraße 17 v. IV. Am 5. Juni beantragten 136 Kassenmitglieder, dem Vorstand der OrtSkrankenlasse der Schneider aufgeben zu wollen: 1. die Aus- zählung der Stimmzettel unverzüglich vorzunehmen; 2. zur Auszählung der Stimmzettel den gesamten Vorstand zu berufen. Am 13. Juni wurde von einem Unterzeichner der letzten Anträge bei der Aufsichtsbehörde angefragt, was die Aufsichtsbehörde zu tun gedenke, da tveder der Vorstand der Kasse die Auszählung vor- nehme, noch die Aufsichtsbehörde die Antragsteller einer Antwort würdige. Arn 14. Juni geruhte der Magistratskommissar Maier zu ver- ordnen was folgt: Die Auszählung der Listen hat binnen acht Tagen zu erfolgen und ist das Protokoll hierüber an die Behörde einzu- senden. Am 19. Juni erkundigte sich ein Mitglied der Kasse bei Herrn Maier nach dem Stand der Dinge. Es wurde ihm eröffnet, daß der oben angeführte Bescheid an die in Frage kommenden Personen er- gangen sei. Zum Beweis der Richtigkeit der Angaben ließ Herr Maier dem betr. Mitgliede die Akten vorlegen. Nun wurde fest- gestellt, daß wohl in der Angrlegenhcit am 14. Juni entschieden, aber am 19. Juni der Entscheid noch nicht expediert war. Einen: Arbeitgeber, tvelcher sich einmal nach dem Stand der Dinge erkundigte, wurde sogar mitgeteilt, daß der ersterwähnte An- trag, welchen Frau B. ersucht wurde, schriftlich einzureichen, nicht eingegangen sei. Demgegenüber sei festgestellt, daß derselbe von dein Magistratsassessor Mächtig zu Protokoll genommen wurde. Bis heute ist eine Antwort noch nicht erfolgt, weder auf den einen iiockt auf den anderen Antrag. Wer itun glaubt, daß die Ailfsichtsbehörde nicht eingreifen könne, der irrt.§ 47 des Statuts lautet:„Der Vorstand hat über jede Aenderung in seiner Zusaminensetzung und über das Ergebnis jeder Wahl der Aufsichtsbehörde binnen einer Woche Anzeige zu erstatten." Im§46 ist festgelegt, daß derVorsitzende seinen Verpflichtungen aus „§ 41 des KrankenversichernngSgesetzeS hinsichtlich der Eiureichung der Uebersichten und Rechnungsabschlüsse an die Aufsichtsbehörde" nach- zukommen hat. Im April hat die Abrechnung nach§ 52 des Statuts zu erfolgen: heute schreiben wir Ende Juni und noch ist dieselbe nicht erfolgt. Wahlfälscher scheinen demnach nicht nötig zu haben, eine Abrechnung vorzunehmen. Das bisherige Verhalten der Aufsichtsbehörde in der ganzen Angelegenheit ist ein äußerst befremdliches und läßt keinesfalls auf ein unparteiliches Verfahren schließen. Will sich die Aufsichtsbehörde den Vorwurf der gröbsten Pflichtverletzung ersparen, so muß sie unter allen Umständen die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen seitens der Kasse verlangen. Das ist ihre einfache Pflicht I Ein Bootsunglück wurde gestern auf der Dahme durch die schon häufig gerügte Unsitte, des Wassersports unkundigen Damen das Steuer zu überlassen, herbeigeführt. Der Segler„Admiral" des Seglerklubs„Neptun"(Schmöckwitz) fuhr gestern Raumschot nach Karolinenhof zu, als ihm ein von zwei Männern und einem Mädchen, welches das Steuer führte, besetztes Ruderboot entgegen- kam. Durch ungeschicktes Manöver deS Ruderbootes geriet dasselbe vor den„Admiral", als dieser die Segel umschlug, es wurde um- gerannt und kenterte. Glücklicherweise behielt die Bemannung des Seglers Geistesgegenwart, das Fahrzeug kehrte sofort zur Unfall- stelle znrück und den energischen Bemühungen der Mitglieder des Seglerklubs„Neptun" gelang es auch, die gefährdeten Ruderer zu retten. Die Verunglückten wurden nach Karolinenhos gebracht, wo ihnen die erste Hülfe zuteil wurde. Beim Nudern ertrunken ist gestern nachmittag auf dem Müggelsee ein unbekannter, etwa 46 jähriger Mann. Er hatte sich in der Nähe des Restaurants„Müggelschlößchen" ein Boot gemietet und war damit auf den Müggelsee hinaus gefahren. Beim Durchschneiden der Wellenschläge eines vorüberfahrenden Dampfers kam das Boot zun: Kentern und der Jnsaffe stürzte in die Fluten. Ein in der Nähe befindlicher Segler kam zwar sofort zu Hülfe, doch konnte der Ruderer nur noch als Leiche geboigen werden. Eine Kindesunterschiebung 2 Am 16. März d. F. wurde in der Entbindungsanstalt Breslauerstraße 23 die unverehelichte S. K. von Zwillingen entbunden. Durch eine Annonce machte die MutteS der Kinder bekannt, daß sie gewillt sei, ein Kind, den Kuaben Rudolf, zu verschenken. Auf Grund dieser Annonce erschien am 24. März in der Entbindungsanstalt eine Frauensperson und erbot sich, das in Rede stehende Kind als ihr eigenes anzunehmen. Die Frau stellte sich als die Ehefrau des Hauseigentümers und Restaurateurs Rudolf Gräfe in Nieder- Schönhausen. Kaiser Wilhelmstr. 6 wohn- Haft, vor. Die Frau erhielt das Kind und entfernte sich mit ihm mit der Angabe, daß ihr der Geburtsschein vom Standesamt zugesandt oder persönlich von der Inhaberin der Entbindungsanstalt überbracht toerden möchte. Bei der lieber- bringung des Scheines stellten sich die Angaben der angeblichen Frau Gräfe als vollständig unwahr heraus.'Die betreffende Person war nicht aufzufinden: die amtlich angestellten Nachforschungen nach der Person oder nach dem Kinde waren ebenfalls ohne Erfolg. Zweckdienliche Angaben über die Frauensperson oder über den Verbleib des Kindes Rudolf werden seitens des Polizeipräsidiums erbeten. Die angebliche Frau Gräfe steht im Alter von 35 bis 38 Jahren, ist etwa 1,65 Meter groß, hat hellblondes, hinten grau- meliertes Haar, breiten Mund, runde Gesichtsbildung, blasse Farbe und untersetzte Gestalt. Sie war bekleidet mit einem schwarzen Rock, langem schwarzen Cape und großem dunkelcn Hut mit grünem Band besetzt. Aus dem Straßeilgetriebe. Ein Zusammenstoß zwischen zwei Automobilen und einem Straßenbahnwagen erfolgte gestern nachmittag in der Friedrichstraße nahe der Karlswaße. Die Auto» mobildroschke Nr. 1966 fuhr übermäßig schnell, vom Oranienburger Tor kommend, die Friedrichstraße entlang und versuchte, vor dem Hause Friedrichstr. 133» den in gleicher Richtung jährenden Auto- mobilomnibns Nr. 1368 zu überholen. Die Droschke bog zu diesem Zwecke nach der linken Seite des FahrdammeS hinüber und rannte seitlich gegen die Vorderplattform des aus entgegengesetzter Richtung kommenden Straßenbahnwagens Nr. 1664 der Linie 12. Die Kraftdroschke wurde zur Seite geschleudert und prallte gegen den Automobilomnibus, an welchem die Seitenwand leicht beschädigt wurde. An der Droschke wurde das Hinter- rad zertrümmert und der Vorderkasten beschädigt, an dem Straßenbahnwagen das Schutzblech und die Seitenwand ein- edrückt. Als ein besonderer Glückszufall ist es zu bezeichnen, daß ei diesen, dreifachen Zusammenstoß Personen nicht verletzt wurden.— Von einem Mehlwagen überfahren wurde gestern abend die 69 jährige Witwe Johanna Schmähling, Neue Hoch'str. 13 wohnhaft. Beim Ueberschreitcn des Fahrdammes an der Ecke der Müller- und Fennstraße überhörte die Greisin das Herannahen eines hochbeladenen Mehlwagens, wurde umgerissen und die Räder gingen ihr über die Schulter und den rechten Arm hinweg. In be» benMchem Zustande fand die Verunglückte im Kran!enhause am Friedrichsham Aufnahme. Bon einem Automobil totgefahren wurde gestern nachmittag in der Kvnigstraße ein etwa 60 jähriger Passaut, welcher angeblich Gustav Müller heißen soll. In der Nähe der Spandauerstraße hatte der Greis den Fahrdamm der Königstraße überschritten und schon hatte er den Bürgersteig erreicht, als er von einem Droschken- Automobil, das von dem Chauffeur Hahn gelenkt wurde, erfaßt und auf die Straße geworfen wurde. Dem Führer war es nicht mehr möglich, den Kraftwagen früh genug zum Stehen zu bringen und so gingen Vorder- und Hinterräder über die Brust des Unglücklichen hinweg. Der Verunglückte wurde sofort in dem Automobil nach der Unfallstalion in der Brüderstrrße gebracht, doch konnte der Arzt nur den bereits eingetretenen Tod konstatieren. Da bei dem Toten Legitimationspapiere nicht vorgefunden wurden, konnten seine Personalien nicht festgestellt werden. Es handelt sich angeblich um den hiesigen Kaufmann Gustav Müller. Die Leiche ist zur Rekognoszierung polizeilich beschlagnahmt und in das Schauhaus eingeliefert worden. In Wahnsinn verfiel gesterit das Dienstmädchen Auguste Uschkarey kn der Eschenstraße in Steglitz. Die Bedauernswerte fing plötzlich auf der Straße an zu toben und ein Arzt stellte bei dem Mädchen alle Erscheinungen des Verfolgungswahnsinns fest, der infolge der starken Glut hervorgerufen war. Das Mädchen wurde der Illiüson de aantö zugeführt. Vom Trapez abgestürzt und lebensgefährlich verletzt wurde vor- gestern abend der 26jährige Schlosser Otto Träger aus der Reuch- linstraße 6. T. hatte im Moabiter Gesellschaftshause an einem schwebenden Trapez mit der brennenden Zigarette im Munde aller- ?and Kunststücke ausgeführt und war dabei abgestürzt. Er hatte sich chwere innere Verletzungen zugezogen und wurde nach Anlegung von Notverbänden in der Unfallstation in der Lindowerstraße in das Moabiter Krankenhaus eingeliefert. Eine brave Rcttungstat vollbrachte gestern nachmittag der Lithograph Strobel aus der Seestr. 107. Nach Kalkberge hatten Schulkinder einen Ausflug unternommen und während sich die Kleinen am Ufer des Rüdersdorfer Sees belustigten, fiel das fünf- jährige Söhnchen der Gerfondenschen Eheleute in das tiefe Gewässer und verschwand in der Tiefe. Ratlos standen die Hinzueilenden am Ufer. Da kam im letzten Augenblick St. hinzu und rasch ent- schlössen stürzte er sich in die Fluten. Nach mehrmaligem Tauchen gelang es ihm auch, den Kleinen, der bereits bewußtlos war und dessen Körper schon eine blaue Färbung angenommen hatte, zu retten. Piickler wirkt immer noch in Berlin und bringt in Versammlungen seinen Kohl an den Mann. Eine zu Dienstag nach Buggenhagen einberufene Versammlung dauerte füuf Minuten. Als nämlich der Graf gleich anfangs seiner Rede den Minister v. Bethmann-Hollweg angriff, weil dieser eine jüdische Abordnung empfangen habe, die wegen der Russenausweisungen vorstellig wurde, und hieran einige Bemerkungen knüpfte, löste der überwachende Beamte die Ver- sammlung kurzerhand auf. Da aus der Versammlung heraus heftige Opposition gegen die Auflösung gemacht wurde, drangen Schutzleute von zwei Seiten in den Saal ein, der sich aber nur langsam leerte. Die Kasse war vorher von den Veranstaltern in Sicherheit gebracht worden, und es gewinnt den Anschein, als ob solche polizeilichen Auflösungen den Einberufern erwünscht kommen. Piickler erzielt eine gute Reklame und seine Hintermänner machen ein nettes Geschäft. Beinahe gelyncht wurde in der letzten Nacht der Arbeiter Paul Liebchen. Aus reinem Uebermut hatte Liebchen um Mitternacht die jetzt reichlich beschäftigte Feuerwehr nach der Boyenstraße alarmiert. Sein scheues Tun war aber nicht unbemerkt geblieben. Als die Feuerwehr herbeieilte, suchte Liebchen zu entwischen, wodurch er sich verdächtig machte. Er wurde festgehalten und heftig verprügelt. Die Feuerwehr übergab ihn der Polizei, die ihn vor weiteren An- griffen schützte. Arbeiter- Samariter- Kolonne. Heute abend S Uhr: IV. Abteilung in Lichtenberg bei Piekenhagen, Scharnweberstr. 69. Vortrag des Herrn Dr. Strohmann über Verletzungen, Wundbehandlung, Blut- stillung. Daran anschließend praktische Uebungen. Neue Mitglieder können jederzeit eintreten. Feuerwchrbericht. In der letzten Nacht hatte die Feuerwehr mehrere größere Brände zu löschen. Unter anderem die 4. Kompagnie einen Kellerbrand um 2 Uhr nachts in der Gerichtstr. 44, der durch Selbstentzündung von Preßkohlen entstanden war. Durch energisches Wassergeben wurde die Gefahr schließlich beseitigt. Dieselbe Kom- pagnie hatte bald darauf einen zweiten großen Brand in der Paul- straße 20 o an der Stadtbahn zu löschen. Dort standen Kohlen auf einem Lagerplatz in Flammen, deren Löschung tüchtige Arbeit erforderte. Um 3 Uhr nachts brannten in der Emdenerstr. 24 in einen, Laden Preßkohlen u. a. und gleichzeitig im 1. Stock links bei Heil- brunn u. Söhne sTrommelfabrik) in der Keibelstr. 39 ein elektrisches Pianino, Linoleum, der Fußboden u. a. Nach der Friedrichstr. 88 wurde die Feuerwehr gerufen wegen Platzens eines Kupferkessels. Kellerbrände beschäftigten die Feuerwehr in der Fehr- bellinerstr. 83, Griebenowstr. 16, Kastanieu-Allee 29/30, Britzerstr. 33 und anderen Stellen. In den meisten Fällen lag Selbstentzündung vor. Wohnungsbrände mußten in der Fehrbellinerstr. 93, Urban- straße 108, Weinbergsweg 18 und anderen Stellen gelöscht werden. Die alte, viel getadelte Unsitte, Petroleum beim Feueranmachen zu benutzen, hat gestern wieder eine Frau in die größte Gefahr ge- bracht. In der Urbanstr. 108 goß Frau S., als das Feuer in der Kochmaschine nicht recht brennen wollte, Petroleum in die Flammen. Natürlich schlugen diese mächtig empor, die Kleider der Unvor- fichtigen fingen Feuer und nur dem schnellen Zugreifen hülfsberciter Personen ist es zu verdanken, wenn die Frau mit Brandwunden am Halse davonkam. Durch ähnliche Unvorsichtigkeit kam in der Köpenickerstraße 93 Feuer aus. Preßkohlenbrände beschäftigten die Feuerwehr auch noch auf dem Mobiter Güterbahnhof und anderen Stellen. Wegen eines Wohnnngsbrandes wurde die Wehr nach der PotSdamerstr. 121b gerufen, Bienen mußten nachts in der Zwinglistr. 14 von der Feuerwehr beseitigt werden. Weitere Alarme liefen aus der Auguststr. 87 und anderen Orten ein. Vorort- l�acbricbten. Rixdorf. Ein gemeingefährlicher Kautionsschwindler» welcher seine zahl- reichen Opfer um ihre letzten Barschaften betrogen hat, ist jetzt durch die Kriminalpolizei in Nixdorf in der Person des 24jährigen Land- schastsgärtners Otto Berndt aus der Richardstr. 107 verhaftet worden. B. hatte bereits vor mehreren Jahren eine ganze Reihe junger Leute um deren Ersparnisse gebracht und war dafür zu l'/o Jahr Gefängnis verurteilt worden. Kaum in Freiheit, legte er sich wieder ausSchwindeleien. Er suchte sich Stellungslose als Opfer aus und streifte zu diesen, Zweck tagtäglich in Berlin umher. Sobald B. jemand antraf, der auf ihn den Eindruck eines Stellungsuchenden machte, sprach er ihn an. War er an die richtige Adresse gekommen, so erzählte er dem hoch- erfreuten Arbeitslosen, daß er ihm eine gute Stellung verschaffen könne, doch müsse eine Kaution gestellt werden. In zahlreichen Fällen opferten die armen Betrogenen dem Schwindler ihr letztes Geld, Beträge bis zu 30 Mark. Zumeist nahm B. den Stellung- suchenden auch noch die Legitimationspapiere, Ouittungskarten usw. ab und ließ dann nichts mehr von sich sehen. Sein letztes Opfer war der Koppelknecht Karl Kuhlke, den er in der Friedelstraße an- sprach. Diesem bot der Schwindler eine Stellung als herrschaftlicher Kutscher auf einem Rittergut bei Zossen an und verlangte 100 Mark Kaution. Da K. nur noch 9 M. besaß, so begnügte sich B. schließlich mit einer Anzahlung von 8 Mark. Der Arbeitslose sah jedoch später ein, daß er die volle Kaution gar nicht auftreiben könne, und er suchte daher B. in seiner Wohnung auf, um die 8 Mark und seine Papiere zurückzuverlangen. Jetzt erfuhr er, daß er einem gefährlichen Betrüger zum Opfer gefallen war. Der Geschädigte erstattete An» zeige. Als B. gestern seine Wohnung betreten wollte, wurde er durch Kriminalbeamte verhaftet. In seinem Besitze wurden zahl« reiche fremde Legitimationspapiere vorgefunden, die er seinen Opfern abgenommen, aber nicht wieder zurückgegeben hatte. Britz. Gcmcindevertretersitzung. Der Gemeindevorsteher teilte zunächst mit, daß Britz laut Vertrag mit dem Kreise Teltow, gegen eine laufend zu zahlende Entschädigungssumme von 500 M. jährlich an das Kreiskrankenhaus, zur Ausübung der Privat- und Gemeinde- krankeupflege eine Schwester überwiesen erhält. Auch sei die Auf- besserung der Lehrergehälter von der Regierung genehmigt worden. Bei der letzten Kasseiirevision wurde eine Einnahme von 2 206 891.61 M. und eine Ausgabe von 2 261 454.50 M. ermittelt. Es mußte somit ein Vorschuß von 54 561,89 M. genommen werden. Derselbe wurde notwendig, indem bei verschiedenen Gemeinde- arbeiten, z. B. beim Schulbau, der Kostenvoranschlag überschritten wurde. Eine Anfrage des Genossen Weniger, ob der Schulbau noch nicht vollendet sei, wurde vom Gemeindevorsteher dahin be- antwortet, daß die beiden benötigten Klassenzimmer bereits ihrer Bestimmung übergeben seien. Die vollständige Fertigstellung des Baues sei jedoch durch den Malerstreik, durch Eindringen von Wasser und durch Schwierigkeiten mit den Unternehmern verzögert worden; indes sei er bereits zur polizeilichen Abnahme angemeldet und könne demnächst von der Gemeindevertretung besichtigt werden. Besonders lebhaft gestaltete sich die Debatte über die neuen Vereinbarungen, die der Gemeindevorsteher mit der Großen Berliner Straßenbahn gepflogen hat. Danach will die Große Berliner die Linie 55 Britz bis Rathaus verlängern und den fahrplanmäßig letzten Wagen der Linie gegen 9 Uhr von der Französischenstratze abfahren lassen, da« gegen sollen die Linien 27 und 23 bis Rixdorf Knesebeckstraße ver- kürzt werden. Die Wagen der Linien 29 und 55 sollen von Britz möglichst alle 7>/z Minuten abgehen. Die Fahrzeit der Linie Süd- ring I wird von' 24 auf 30 Minuten ausgedehnt, dafür wird ein Nachtwagen um 1 Uhr von der Französischenstraße bis Britz Rathaus eingelegt und die Linie 47 bis 10 Uhr nach der Endstation Rudower- straße gehen. Gegen die geplante Verlängerung der Fahrzeit der Linie Südring I wurde eingewendet, daß der Südring schon jetzt meist so besetzt sei, daß es häufig erst beim zweiten oder dritten Wagen gelingt, einen Platz zu erhalten. Der Gemeindevorsteher trat warm für die getroffenen Vereinbarungen ein. Nach seiner Meinung bedeuten sie gegen den bisherigen Zustand eine Verbesserung. Wer 24 Minuten wartet, könne auch 30 Minuten warten, oder zu Fuß eine andere Linie aufsuchen. Die Berein- barungen seien der Gipfel des gegenwärtig Erreichbaren.— Der Gemeindevorsteher schien sehr unangenehm berührt zu sein, daß die Gemeindevertretung die von ihn, mit der Großen Berliner ge- troffenen Vereinbarungen nicht ohne weiteres guthieß. Als der Gcmeindevertreter Z i ck e r t getrennte Abstimmung verlangte, er- klärte der Gemeindevorsteher, daß die Abmachungen als etwas Ganzes gedacht seien, würde ein Passus davon abgelehnt, so könnte das Ganze als abgelehnt gelten. In diesem Falle müsse er darauf verzichten, mit der Großen Berliner weiter zu verhandeln. Nach dieser Erklärung ließ er, oljne dem Verlangen des Herrn Zickert nachzukommen, über das Ganze abstimmen. Diesem Verfahren wurde von keiner Seite widersprochen: die Gemeindevertretung erteilte demnach den gettoffenen Vereinbarungen unverändert ihre Zustimmung. Ober- Schöneweide. Eine Fortsetzung der Volksversammlung vom 31. Mai, die mit der Tagesordnung:„Die Maßnahmen der Allgemeinen Elektrischen Gesellschaft und die Interessen der Gemeinde Ober-Scköneweide" einberufen war, fand am 18. d. M. im Wilhelminenhof statt. Vor Einttitt in die Tagesordnung gab Genosse Grunow einen Bericht von der inzwischen stattgehabten Gemeindevertretersitzung, die sich auf Antrag der vorigen Versammlung ebenfalls mit dieser Angelegen- heit beschäftigt hatte. Eine befriedigende Antwort ist. wie wir bereits berichteten, hierauf nicht gegeben worden und wird die Einwohnerschaft abwarten müssen, wann die Rechnung für das übermäßige Polizeiaufgebot präsentiert wird. In der langen Debatte, in der auch zwei Zentrums- anhänger, ein Meister Fisch und ein Sekretär Münter zu Worte kamen, suchte letzterer an Aussprüchen Bringmanns, Reichels und Leimpeters zu beweisen, daß die Maifeier ein Unsinn sei: entweder die Arbeiter seien töricht oder sie hätten Tölpel an ihrer Spitze. Wollen die Arbeiter aber den 1. Mai feiern, dann müßten sie auch die Konsequenzen tragen, aber nicht nachträglich, wenn die Nacken- schläge der Unternehmer einträfen, die Gemeinde um Hülfe anflehen. In seinem Schloßworte wieß Gen. Pessier die Beschwerden des Di- rektors Peierls, die dieser in der Gemeindevertretung über den schlechten Ton in der Volksversammlung gemacht hat, zurück. Wer trotz Ein- ladung nicht den Mut findet, meinte Redner, in solche Versammlung zu gehen, wohl aber seine Spione hinschicke und dann an Stellen antworte, wo man ihm nicht entgegentreten könne, der habe kein Recht, über schlechten Ton zu klagen. Gezeigt habe sich, daß die Vertreter des Bürgertuins gar nichts einwenden, wenn im Interesse einer Fabrik der Belagerungszustand über eine Gemeinde ver- hängt wird. �riedrichshagen. Im Reiche der Sozialreform lautete das Thema, über welches Genosse Weber in der letzten Mitgliederversammlung referierte. Als Delegierte zur Kreisversammlung wurden die Genossen Werkmann, Rühl, A. Sonnenburg, Singuhr, Rose, Bögge, Köhler, Schulz, Boddin und Karrotzat' gewählt. Wegen unpassenden Betragens wurde das Mitglied Henkel aus dem Verein ausgeschlossen. Zum Schluß wurde aufgefordert, die Zahlabende reger zu besuchen, damit in den Versanimlungen die unliebsamen Störungen durch das Zahlen der Beiträge vermieden werden. Weißensee. Weil er einen reichen Bater hat, glaubte sich Nx Schlächter- meifterssohn Stübener aus Weißensee gegen einen Gendarm allerlei Pöbeleien erlauben zu können. St. hatte sich wegen grober Ausschreitung vor der dritten Strafkammer des Berliner Landgerichts zu verantworten. Als er vor einiger Zeit vom Gendarm Donath auf dem hiesigen Bahnhof, wo eine Schlägerei stattfand, zur Ruhe angehalten wurde, wollte er sich nichts befehlen lassen, sondern lärmte noch lauter und iviederholte fortgesetzt:„Ich habe einen reichen Vater, der wird es Ihnen besorgen I" Als der Gendarm schließlich die Personalien des Ruhestörers feststellen wollte, erhielt er von diesem eine derbe Ohrfeige, so daß ihm der Helm vom Kopfe fiel. Als St. nun zur Wache befördert werden sollte, benahm er sich derartig aufsässig, daß sogar das Publikum für den Gendarm Partei nahin. In gefesseltem Zustande mußte St. zuletzt zur Wache gebracht werden. Wegen des auf dem Bahnhofe verübten ruhestörenden Lärms, der durch eine von St. verursachte Schlägerei entstanden war, hatte der junge Mann einen Strafbefehl in Höhe von 30 M. erhalten. Das vor dem Schöffengericht in diesem Falle eingeleitete Strafverfahren wurde eingestellt. Dagegen hatte wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt und Mißhandluug des Gendarm Donath das Köpenicker Schöffengericht im April d. I. gegen den heißblütigen Fleischerssohn auf 6 Wochen Gefängnis erkannt. Hiergegen legte St. seinerzeit Berufung ein. Die Strafkammer verwarf indes die Berufung und bestätigte das schöffengerichttiche Urteil. Das milde Urteil wird unsere Leser nichts weniger als stutzig machen, wenn man bedenkt, daß Personen der ärmeren Bevölkerung wegen der geringfügigsten Vergehen zu viel schwereren Strafen ver- urteilt werden. Sechs Wochen Gefängnis für die Mißhandlung eines Gendarmen ist ein Strastnaß, das sonstjbei gewöhnlichen Sterb- lichen nicht zur Anwendung gelangt. Tegel. In der Gemeindcvertretersitzung wurde mitgeteilt, daß die Ge- meinde in einer Klagesache gegen den Justizfiskus wegen Zurückzahlung gezahlter Armenunterstützung vom Kammergericht abgewiesen worden ist. Die Klage ist dadurch entstanden, daß ein Gefangener auf dem Hofe des StrasgesängnisseS verunglückte und nach seiner Entlassung auf Kosten der Gemeinde verpflegt werden mußte. Die Revision beim Reichsgericht ist angemeldet.— Beim Kreisausschutz hat die Gemeinde gegen die Firma Krupp auf Zahlung einer Umsatz- steuer von 85 217 M. ein obsiegendes Urteil errungen. Die Firma Krupp, welche die frühere Germaniawerft übernommen hatte, wollte freiwillig eine Umsatzsteuer von 2 Proz. zahlen. Gegen dieses Urteil ist von der Firma Krupp Revision eingelegt.— Auf Antrag der Bau- Genossenschaft„Freie Scholle" wird beschlossen, in der Egidystraße vier Laternen aufzustellen. Bei der Eisenbahndirektion wird nochmals eine Petition um Einlegung eines Nachtzuges, der um Vzl von hier abfahren soll, eingereicht werden. Der kolossale Sonntagsverkehr