Nr. 155. flbonncmcnfS'Bedlngungen: AkonnenienlS- Preis pränumerando i Biertcljährl. 330 Ml, monotl. 1,10 Ml., wöchentlich 28 Pfg, frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg, Sonntags. Nummer mit illustrierter Sonntags. Vellage»Die Neue Welt" 10 Pfg, Post- Abonnement: 1,10 Marl pro Monat. Eingetragen m die Post. ZeitungS. Preisliste, Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat, PostabonncmentS nehmen an: Belgien, Dänemarl. Holland. Italien. Luxemburg, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. CMdKlDl täglich auBcr(ilontagt. 33. Jahrg. Verlinev Volksblatt. DI« Tnfertlons'Gcbülir beträgt für die sechsgespaltene Kolonel. zcile oder deren Ranni 60 Psg„ für politische und gewerlschaftliche Vereins« und Versammlungs-Anzeigen 30 Psg. „Kleine Hnicigen", das erste(fett« gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg, Stellengesuche und Schlaf» slellen-Anzeigcn das erste Wort 10 Pfg, jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 16 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis ä Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm. Adreffe: „Sozialiltlaolint Bsrll#". Zcntralorgan der roztaldemokratifcbcn parte» Deiitfchlande. Redahtion: 8CCI. 68, Ltndenstraese 6g fvernfVirerficr: Slmt IV, Str. 11)83. NertzuMchssteuer. „Wer das jetzige System der auf freier Konkurrenz basierten Privatwirtschaft als das unbedingt richtige und allein gerechte ansieht, der muß die bestehende Einkommen- und Vermögensverteilung ebenso-.als allein richtig und gerecht ansehen, der muß den Konjunkturgewinn als Konsequenz dieser Eigentumsordnung als richtig anerkennen und folge richtig eine Besteuerung des Konjunkturgewinnes grundsätzlich ablehnen. Ja, er wird, wie man es noch vielfach hört, die Steuer schon allein deshalb verurteilen, weil sie einen nach feiner Ansicht unberechtigten Angriff auf das Eigentum dar stellt, der geeignet sei, die Grundpfeiler der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung zu erschüttern."*) Auf diesem Boden steht, wie aus den Verhandlungen bei der ersten Lesung des vom Magistrat vorgelegten Entwurfs einer Wertzuwachssteuerordnung hervorgeht, ein sehr großer Teil der Berliner Stadtverordneten. Ihr Sprecher, der Stadt rat a. D., Mitglied des Reichstages, Präsident der Aeltesten der Kaufmannschaft, Mitglied des Zentralausschusses der Reichsbank, zweiter Vorsitzender des Ehrengerichts der Berliner Börse, Herr Kaempf, wußte denn auch keinen größeren Trumpf auszuspielen, als daß er pathetisch ausrief: die geplante Steuerordnung komme einer Konfiskation des Ver mögens gleich I Solcher volkswirtschaftlichen und steuerpoliti> schen Auffassung tritt Brunhuber in einer Schrift, der das obige Zitat entlehnt ist, nachdrücklich entgegen, indem er„die bestehende Vermögens- und Einkommensverteilung als ent wickelungs- und verbesserungsbedürftig ansieht und demgemäß die Steuerverwaltung unter dem höheren Gesichtspunkte de trachtet, wie damit ein gerechterer Ausgleich der privat kapitalistischen Schäden zu ernröglichen sei."„In das arme Gehirn selbst eines wohlsituierten städtischen Grundstückseigen- tümers" meint er,„muß es eben hinein, daß ein Teil des Kulturfortschrittes darin liegt, daß die heutige Rechts- und Eigentumsordnung Beschränkungen und Umgestaltungen erfährt." Haben wir von unserem sozialdemokrattschen Standpunkt gegen die Ansichten des Verfassers auch mannigfache und ge wichtige Einwendungen zu erheben, so kann doch anerkannt werden, daß diese Ansichten hoch über den Auffassungen stehen, nach denen insbesondere der Kommunalliberalismus in Berlin seit Jahrzehnten die Verwaltung dieses größten deutschen Gemeinwesens geführt hat und noch immer führt. Es wäre daher zu begrüßen, wenn möglichst zahlreiche Berliner Stadt- Väter das Werkchen in den Ferien als Vorbereitung für die im Herbst stattfindende Spezialberatung der Vorlage durch- studieren würden, denn wie der Verfasser richtig bemerkt, sind die Einwendungen, welche von den Gegnern der Wertzuwachs- steuer erhoben werden, überall bis auf kleine durch die lokalen Verhältnisse bedingten Unterschiede die gleichen. Das vorhandene Tatsachenmaterial ist in der Abhandlung sorgfältig zusammengetragen und systematisiert und die Absicht des Werkchens geht dahin, mit solcher systematischen Unter- suchung des Wertzuwachssteuer- Problems auch praktischen Zwecken zu dienen, den Kommunen, Politikern und sonsfigen beteiligten Kreisen nicht nur das ganze Material zu unter- breiten, sondern ihnen auch zugleich die Hülfsmittel an die Hand zu geben, um eventuell im praktischen Falle die Gründe der Gegner dieser Steuer auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen und widerlegen zu können. Besonders ausführlich schildert der Verfasser die langen und heftigen Kämpfe, die sich in Köln vor Erlaß der Steuer- ordnung abgespielt haben. Interessant ist es, dabei zu sehen, wie sich alle polifischen Unterschiede im bürgerlichen Lager verimschen. sobald der Profit bedroht ist. In genau der gleichen Weise und mit den gleichen Argumenten, wie in Berlin die liberale Majorität, hat im Kölner Rathaus das Zentrum gegen die Vorlage gekämpft, und diesem Ansturm ist es auch gelungen, die schließlich beschlossene Steuerordnung gegen die ursprüngliche Vorlage sehr erheblich abzuschwächen. Die Herren Grundeigentümer, und Grundstücksspekulanten haben eben nirgends die Neigung, sich die hohen Profite, die sie ohne jegliche nennenswerte Arbeitsleistung bisher aus der Wertsteigerung ihrer Liegenschaften zogen, irgendwie be- schneiden zu lassen. Ueberall setzen sie sich zur Wehr und finden in der kapitalistischen Presse eine eifrige Helfcrshelferin, teils weil diese sich prinzipiell für gebunden erachtet, die kapitalistische Plusmacherei zu verteidigen, teils weil für sie die Einnahmen aus den Inseraten der Hausbesitzervereine, der Terraingesellschaften und dür hinter diesen stehenden Großbanken eine ergiebige Einnahmequelle bilden. Und doch sind die Steuer- sätze, die man in den verschiedenen Städten, in denen zurzeit um die Wertzuwachssteuer gekämpft und gefeilscht wird, von der Wertsteigeruug der Grundstücke zu erheben gedenkt, durch- weg sehr bescheiden. Nach dem Berliner Entwurf soll z. B. die Wcrtzuwachsstcuer erst dann erhoben werden. wenn der gegenwärtige Erwerbspreis bczw. der gemeine Wert des Grundstücks den für den früheren Eigentumswechsel in Betracht kommenden um mehr als 10 Proz. übersteigt, und zwar be- trägt der Steuersatz 5 Proz. der Wertsteigerung, wenn diese *) Brunhuber, 91., Die Wcrtzulvachssteuer. Zur Praxis lind Theorie. Jena IVOS, Gustav Fischer. 10 bis 20 Proz,, 6 Proz. der Wertsteigerung, wenn diese 20 bis 30 Proz. und 7 Proz. der Wertsteigerung, wenn diese 30 bis 40 Proz. des ftüheren Erwerbspreises bezw. des gemeinen Wertes zurZcit der letzten Eigentumsübertragung ausmacht. Und dieser Satz steigt im gleichen Verhältnis weiter, um je 1 Proz. bis zum Höchstsatze von 20 Proz. Außerdem kommen für bebaute Grund- stücke diese Sätze nur dann zur Erhebung, wenn seit dem früheren Zeitraum mehr als 10 Jahre, so wird nur ein Drittel der vor- bis zum jetzigen Eigentumswechsel höchstens 5 Jahre verflossen sind. Beträgt dagegen der Zeitraum mehr als 5 Jahre, aber höchstens 10 Jahre, so werden nur zwei Drittel, beträgt der genannten Sätze erhoben. Zudem tritt für unbebaute Grund- stücke eine Ermäßigung der Wertzuwachssteuer auf zwei Drittel der Sätze ein, wenn mehr als 10 Jahre bis höchstens 20 Jahre, und auf ein Drittel, wenn mehr als 20 Jahre seit dem früheren bis zum jetzigen Eigentumsübergang ver- flössen sind. Die geplante Steuer beträgt also nur ungefähr den zwanzigsten bczw. siebzehnten Teil der Wertsteigerimg, wenn diese sich auf nicht mehr als 20 resp. 30 Proz, beläuft. Erst bei einer Wertsteigerung der Grundstücke um mehr als 170 Proz. soll die Abgabe auf ein Fünftel des unverdienten Wertzuwachses steigen. Zieht man in Betracht, daß die beim Grundstückshandel erzielten hohen Gewinne fast ausnahmslos nicht der eigenen Arbeit entspringen, ja, daß selbst in den meisten Fällen von einem eigentlichen Risiko der Besitzer nicht die Rede sein kann, sondern der Wertzuwachs des Grund und Bodens sich als einfache Folge der Bevölkerungsverinehrung und der steigenden Kultur, als Folge der wirtschaftlichen Gesamttätigkeit ergibt, so sollte man meinen, daß selbst nach den Grundsätzen einer auf dem Boden der heutigen Wirtschaftsordnung stehenden vernünftigen bürgerlichen Steuerpolitik sich gegen die Einführung der Wertzuwachssteuer nichts einwenden läßt. Werte, die ohne Arbeitsuufwendung und ohne Risiko des Einzelnen aus der Arbeit der Gesamtheit entspringen, gehören der Gesamtheit. Die kapitalistische Profitsucht setzt sich jedoch in diesem Falle, wie in so vielen anderen, einfach über die Lehren der eigenen Theorefiker hinweg, die bekanntlich den Unternehmergewinn als Geschäftslcitungs- und Risikoprämie rechtfertigen, und plädiert für die unverminderte Einsackung des unverdienten und risikofreien Wertzu- Wachses durch die jeweiligen Grundstücksbesitzer. Da indes die Wertzuwachssteuer sich vielerorts in An- betracht der finanziellen Verhältnisse nicht ganz zurückweisen läßt, so versucht man wenigstens die Steuerordnung soweit wie möglich abzuschwächen, sie auf ein Minimum zu redu- zieren. Nun ist aber klar, daß alle die sozialen Wirkungen, die man von der Einführung der Wertzuwachssteuer er- hofft— Festsetzung des Grundsatzes, daß die ungeheuren Wertsteigerungen des Grund und Bodens in den Städten und ihrer Umgebung nicht den zufälligen Besitzern, sondern der Gemeinschaft gebühren; Einschränkung der Grundstücksspekulation und dadurch verminderte Möglichkeit einer stetigen Hinausschraubung der Grundstückspreise und Verteuerung der Mieten usw.— nur dann eintreten können. wenn die Steuer gehörig„zu Buch schlägt", das heißt nicht nur auf dem Papier steht, sondern hohe Erträge ab- wirft. Die Voraussetzung dafür ist neben der Festsetzung entsprechender Steuersätze die Besfimmung, daß als Wert- zuwachs die Differenz zwischen dem früheren Erwerbspreise, unter Hinzurechnung der zugelassenen Anrechnungen, und dem gegenwärtigen Erwerbspreise zu gelten habe. In Köln haben die Hausagrarier der Vorlage den ihnen drohenden Giftzahn dadurch ausgebrochen, daß bestimmt ist:„An die Stelle des früheren Erwerbspreises tritt der gemeine Wert des Grundstücks am I.April 1905, d. h. am Tage des Inkrafttretens der S t e u e r o r d n u n g". All die vor diesem Ternnn erfolgten ungeheuren Wcrtsteigerungen bleiben also bei der Berechnung des Wertzuwachses außer Betracht, und damit ist die Steuer auf lange Zeit hinaus finanziell gänzlich unfrucht- bar gemacht. Der Verfasser verurteilt zwar dieses Vorgehen, doch macht er selber Vorschläge, wie man den Interessenten die Steuer weniger drückend und unangenehm gestalten könnte: ein Verfahren, das in Anbetracht der unersättlichen Habgier der Grundstückspekulanten und Hausagrarier, ihrer Gemeinschädlich- keit für die Interessen der städtischen Bevölkerung und der ungeheuren Uebermacht, die diese Kreise in den Stadt- Parlamenten haben, energisch zurückgewiesen werden muß. Entschiedener als bei diesem Punkt tritt Brunhuber in einer anderen Frage auf, die durch die Erörterung des Wert- uivachssteuerproblems angeregt ist. Aus der Flut der jZetitionen gegen die Vorlage, mit der die Berliner Stadt- verordneten überschwemmt worden sind, ragt zwar nicht durch das innere Gewicht ihrer Gründe, aber durch ihr Pathos und die Stelle, von der sie ausgeht, die Petition der Aeltesten der Kauf ni annschaft von Berlin hervor. In dieser Petifion heißt es: „Die Theorie, den unverdienten Wertzuwachs zu besteuern. kann ebenso wie für den Grundbesitz auch auf anderen Gebieten mit demselben Recht zur Anwendung kommen. Bei der weiteren Ausgestaltung dieser Finanztheorie wird sich für viele Fälle ein Faktor finden, der, ebenso wie die Kommune, der Ueberzeugung ist, daß gerade durch seine Arbeit eine Wertsteigerung eingetreten ist. Es wird der Besteuerung des Wertzuivacheö in Grund und Boden eine solche des Wertzuwachses auf anderen Gebieten folgen, und die neue Finanztheorie ist in hohem Grade geeignet, auf Expedition: SCH. 68» Lindenstrasse 69* aernsprechcr: Zluit IV. Nr. 1984. das gesamte gewerbliche Leben hemmend und schädigend ein« zuwisken." Als solchen Einwendungen gegenüber von unserer Seite die Vorlage gerade als Beginn einer allgemeine» Konjunkturgewinnbesteuerung freudig begrüßt wurde, gelangte in der Versammlung wie in der bürgerlichen Presse die Auffassung zum Ausdruck, daß durch diese Aus- führungen die Vorlage geschädigt sei, denn auch die Freunde. einer Besteuerung des Konjunkturgewinns an Grund und Boden müßten vor solchen Konsequenzen zurückschrecken. An mehreren Stellen seines Buches führt nun Brunhuber aus, daß er in dem Konjunkturgewinn einen„unverdienten" Erwerb sieht, der sich besonders zur Besteuerung eignet, daß die Besteuerung alle Fälle in ihren Bereich ziehen kann, in denen Konjunkturgewinne erzielt werden: Diffe» renzgeschäfte, Kurssteigerungen von Wert- papieren, M 0 b i li a r kr e d i t g e s ch ä f t e. Fonds- und Warenbörsengeschäfte usw., und er schließt mit den Worten, die Wertzuwachssteuer werde die„Grund- steuer der Zukunft, ihr Prinzip der Gewinn- besteuerung aber das allgemeine Steuer- Prinzip der Zukunft sein". Wir Sozialdemokraten erwarten von der Zukunft Um- gestaltungen ganz anderer Art. Immerhin bedeuten die Ausführungen Brunhubers einen Fortschritt gegenüber den Auf- fassungen, die in der übergroßen Mehrzahl der deutschen Kommunen vorherrschen. Die Revolution in Rußland. Tie Bialystokcr Metzeleien vor der Dnma. Am Freitag wurde die Debatte über die Vorgänge in Bialystok fortgesetzt: Professor Schtschepkin erstattete weiter Bericht über die Bialy- stoker Vorgänge und gab Einzelheiten über mehrere Episoden aus den blutigen Ereignissen.„Die Polizei und die Truppen", sagt er, „blieben untätig; die Polizei nahm sogar an dem Pogrom teil und rief erst dann die Truppen zur Hülfe, als die von den Juden organi-, ficrte Verleidigung wirksam wurde." Redner behauptet, daß die amtlichen Berichte, die von der Polizei und den Militärbcfehlöhabern zusammengestellt worden seien, unwahr sind. Die Hauptursache des Pogroms sei, daß die Regierungskreise die Juden mit den An. archisten, jeden Abwehrversuch mit einer Heeresrevolte indentifi- zierten, Redner bezeichnet es als Pflicht der Du««» eine Miliz zu organisieren, um künftig Pogroms zu verhüten, und ein Gesetz zu beschließen, das den Soldaten gestattet, offenbar ungesetzlichen Be- fehlen ihrer Befehlshaber den Gehorsam zu verweigern.„Wenn die Duma ohnmächtig bleibt," fährt Schtschepkin fort,„wird Rußland die Intervention der europäischen Mächte zu dulden haben, und zwar nicht nur aus Gründen der Menschlichkeit, sondern auch aus finanziellen Rücksichten, Die russische Regierung wiederholt die Politik der Türkei und führt Unsinniges in der inneren Politik aus, so daß sie unter Vormundschaft gestellt werden muß. Rußland wird dadurch nicht erniedrigt; denn das russische Volk hat nichts mit seiner Regierung gcmrin, die das Vertrauen der Duma nicht besitzt!" (Beifall.) Jacubson erklärt, er habe der Schilderung des Vor- redners wenig hinzuzufügen; er erzählt, daß man ihn in Bialystok gebeten habe, der Duma zu sagen, welche Schrecken die Juden durch- gemacht hätten. Der Redner sagt:„Die Politik der Regierung ist klar: sie will die Freiheitsbewegung in dem Blute der schwächsten Nationalität ersticken. Das russische Volk ist unschuldig, aber seine stlegierung bedeckt es mit Schande," Der Priester Afanafiew gibt in kurzer, vom Zentrum und der Linken mit lebhaftem Betfall aufgenommener Rede dem Schmerze und der Entrüstung über die Ereignisse in Bialystok Ausdruck. In den Herzen der russischen Gouverneure sei Gott erstorben; sie hätten Christum vergessen und badeten sich wie Herodrs im Blute der Inden. Der Becher der Geduld sei aber voll, daS russische Boll werde die Ucbcltäter strafe»; diese mögen empfinden, daß die Stunde des Gerichts nahe sei I(Weiterbcratung am Sonnabend.) Defizit— Mißernte— Hunger. Die„Russische Korrespondenz" erhält aus Petersburg folgendes Telegramm vom 6. Juli: In der Sitzung der Dumakonimifston, die sich mit der Frage der Unterstützung der durch die Mißernte in Not Geratenen be- fchäftigt, gab Kokowzeff folgende Erklärung über die Finanz- läge ab: „Trotz der französischen Anleihe wird sich dieses Jahr ein Defizit von etwa 130 Millionen ergeben, da die Ausgaben fiir den japanischen Krieg falsch berechnet wurde«. Sie übersteigen die an- gesetzte Summe um beinahe 200 Milli-nr«. Eine äußere Anleihe ist nicht mehr möglich, da schou jetzt die russischen Papiere niedriger als die argentinischen stehen." Eine innere Anleihe hingegen erklärten die Kommissions- Mitglieder für so gut wie ausgeschlossen, und die Frage bleibt offen, woher die Mittel zur Unterstützung der Hungernden genommen werden sollen. Armee und Manne. Petersburg, 6. Juli. In Kronstadt wurden neuerdings 80 Matrosen der 8. Flottenequipage wegen revolutionärer Umtriebe verhaftet. Petersburg, 0. Juli. Wegen der immer mehr um sich greifende» Garung m der Armee wurden nunmehr sämtliche diesjährige Manöver abgesagt.» Lockspeise. Das russische Kriegsministerium beschäftigt sich fetzt eifrigst damit, cm Projekt für weitere Zugeständnisse an die Untermilitärs auszuarbeiten. So soll u. a. jeder Soldat jährlich einen vier- ivochentl.Hcii Urlaub erhalten, der ihm. fags ez ihy Mt flUMutzt, 13 rachstw L«hr«l zugute lomii., 1 Auf Befehl des PeterZburM Stadihdupttfxwms sollen alle ökonomischen Forderungen der sich zu einem Streik an- schickenden Schutzmannschaft sofort bewilligt werden.(Dagegen sollen diejenigen Schuhleute, die politische Forderungen stellen, innerhalb vierundzwanzig Stunden aus Petersburg ausgewiesen werden.� Noch reaktionärer? Petersburg, 6. Juli. Der Direktor des PolizeidcpartemcniS Wuitsch wurde infolge der Enthüllungen de- Fürsten Urussow über die Tätigkeit deö Polizeidepartcments entlassen und durch den noch reaktionärer gesinnten Staatsrat Trassewitsch ersetzt. Politifcbe Ucbcvücht. Berlin, den 6. Juli. Abgeordnetenhaus Pro und kontra Herrenhaus. Das Abgeordnetenhaus hat am Freitag zu den Beschlüssen des Herrenhauses betr. das Volksschulunterhaltungsgesetz Stellung genommen. Bekanntlich bestanden zwischen beiden Häusern des Landtages noch Meinungsverschiedenheiten über einige wichtige Fragen. So hatte das Herrenhaus in 8 23 die Bestimmung gestrichen, wonach die durch die Kreisausschllsse vorgenommene Verteilung der Staatsbeiträge zu den Schul- lasten der Genehmigung durch die Aufsichtsbehörde bedarf. •on§ 45 hatte das Herrenhaus sich liberaler gezeigt als das Abgeordnetenhaus! Es hat nämlich die Bestimmung be- seitigt. daß konfessionelle Schulkommissionen auch gegen den Willen der Gemeindeverwaltung auf Anordnung der Schul- aufsichtsbehörde eingesetzt werden können. In§ 60 ist vom Herrenhause hinzugefügt, daß es auch in denjenigen Ge- meinden und. Gutsbezirken, die zu einem Gesamtschulverbande vereinigt sind, hinsichtlich der den Gemeindeorganen oder den Gutsbesitzern bisher zustehenden Befugnisse zu einer weiter- gehenden Mitwirkung bei der Berufung der Lehrkräfte sein Bewenden bei dem bestehenden Recht behält. Mit den vom Herrenhause getroffenen Aenderungen hatten sich an dem sitzungs freien Donnerstag die 5sompromißparteien befaßt und sich teilweise auf gemeinsame Anträge vereinigt. Bezüglich des§ 23 beharrten sie auf dem früheren Beschlüsse des Abgeordnetenhauses, während sie in§ 60 dem Herrenhause nachgaben. Infolge dieser vorherigen Verständigung verlief die Debatte höchst einförmig. Man merkte es den Rednern an, das es ihnen vor allem darauf ankoinme, daß die Entscheidung über das Schicksal der Vorlage so bald wie nur irgend möglich gefällt werde. In der Generaldebatte machte zunächst Abg. Dr. von Dziembowiski— ähnlich wie im Herrenhause sein Parteigenosse v. Koscielski— verfassungsrechtliche Be- denken geltend. Das Haus trat jedoch diesen Bedenken nicht bei und lehnte den Antrag auf Zurückverweisung an die Kam- nnssion ab. Nachdem sodann Dr. Diederich Hahn der staunenden Welt die Erklärung abgegeben hatte, daß er sich wegen der zu hohen Belastung der ländlichen Gemeinden der Abstimmung über den Entwurf enthalten werde, schloß die Generaldebatte. In der Spezialdebatte wurden die meisten Paragraphen im Automobiltempo erledigt. Die Anträge der Kompromiß- Parteien gelangten glatt zur Annahme. Abgelehnt wurde ein freisinniger Antrag, der die Genehmigung der Aussichtsbehörde zur Verlvendung von Schullokalen zu anüeren als Unterrichtszwecken abschaffen wollte. Bezüglich des§ 45 trat das Ab- geordnetenhaus gegen den Widerspruch des Zentrums den: Beschluß des Herrenhauses bei. Auch in der viel umstrittenen Frage der Lehrerberufung zeigte sich das Abgeordnetenhaus zum Entgegenkommen bereit, wenn es auch dem Beschluß des Herrenhauses nicht völlig bei- trat. Es beschloß ans Antrag der Kompromißparteien, daß die Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen Volksschulen von der Gemeindebehörde aus der Zahl der Befähigten inner- halb einer von der Schulaufsichtsbehörde zu bestimmenden Frist gewählt werden, daß aber in Schulverbänden mit 25 oder weniger Schulstellen die Wahl aus drei von der Schulaufsichts- behörde als befähigt Bezeichneten zu erfolgen hat! Hiernach hat also tatsächlich die R e g i e r u n g und nicht die Gemeinde- Verwaltung die Lehrer zu wählen: die Gemeinde hat nur zu zahlen, aber nichts zu sagen. Energischen Protest erhoben die Parteien des Ab- gedrdnetenhauses— abgesehen von den Konservativen— gegen den Beschluß des Herrenhauses zu ß 60. Während der Führer der Nationaliberalen, Abg. Dr. Fried berg, er- klärte, daß die Fassung des Herrenhauses das Gesetz für seine Freunde unannehmbar mache, beantragte der konservative Abg. v. Heydebrand, dem Beschlüsse des Herrenhauses bei- zutreten. Sein Antrag wurde jedoch gegen die Stimmen der Konservativen abgelehnt.— Gegen den Widerspruch des Finanzministers nahm das Haus sodann eine Resolution an, die die Regierung auffordert, vom Tage des Inkrafttretens des Gesetzes ab die Staats- zuschiisse auf Gnmd der Gesetze über die Erleichterung der Volksschullasten für alleinstehende und erste Lehrer in Schul- verbänden mit nicht mehr als sieben Schulstellen von 500 auf 700 M. zu erhöhen. Der Gesetzentwurf im g a n z e n gelangte nach Ablehnung eines Antrages S ch m i d t- Warburg: wegen der kon- fessionellen Bestimmungen des ß 36, die eine Verfassungs- änderung bedeuten, nach 21 Tagen eine nochmalige Ab- stimmung vorzunehmen— gegen die Stimmen der frei- finnigen Parteien, der Polen und vereinzelter Mitglieder des Zentrums zur Annahme. Am Sonnabend wird das Herrenhaus nun wieder zu den Aendeningen des Abgeordnetenhauses Stellung nehmen. Falls eine Einigung erfolgt, wird die Session am Sonnabend geschlossen._ Das beleidigte Abgeordnetenhaus. Die Mitglieder des Treiklassenparlaments haben am Freitag, bevor sie die Beratung des Schnlgesetzentwurfes be- gannen, entgegen der bisherigen Praxis des Hauses, die Er- mächtigung zur strafrechtlichen Verfolgung unserer Genossen Stange und Dornheim, der Redakteure der Erfurter„Tri- büne", und des Genossen Schotte, des Redakteurs der Tüssel- dorfer„Volkszeitung", erteilt! Die Beleidigung wird erblickt in den in Nr. 119 der„Tribüne" und Nr. 120 der„Volks- zeitung" mthaltenen Artikeln„Die Pfaffeninsel" und in den Artikeln„Ohne Scham",„Hilf, Staatsanwalt!" und„Die Tribüne im preußischen Landtage" in den Nummern III, 125 und 123 der Erfurter„Tribüne". Schon vor einigen Wochen hatten die Konservativen gedroht, daß sie fortan jede Beleidi- gung des Hauses gerichtlich ahnden würden: nun haben sie die Drohung wahr gemacht, und sie wurden hierbei nicht nur von den Freikonservativen, sondern auch vom Zentrum und den Nationalliberalen unterstützt! Diese vier Parteien stimmtm geschlossen für die strafrechtliche Verfolgung, nur das kleine Häuslein der Freisinnigen und der Polen stimmte da- gegen.— Es soll einmal ein Exempel statuiert werden, die Herren wollen zeigen, daß sie sich nicht ungestraft beleidigen zu lassen brauchen, sie selbst aber nehmen nach wie vor das Recht für sich in Anspruch, unter dem Schutze der parlamentarischen Redefreiheit die stärkste Partei Preußens, die infolge des elenden Dreiklassenwahlsystems von der Vertretung im Parlament ausgeschlossen ist, zu beschimpfen. Herr Dr. Friedberg sprach von— Feigheit der sozialdemokratischen Redakteure! Aber auf welcher Seite ist wohl die größte Feigheit? Auf seiteu derer, die kraft ihrer Immunität fortgesetzt die schwersten Angriffe gegen die Sozial- demokratie in einem Hause erheben, in welchem diese nicht antworten kann, oder auf feiten der Redakteure, die unter Nennung ihrer Namen in Wahrnehmung berechtigter Interessen die Partei gegen Beleidigungen in Schutz nehmen?— Mag das Abgeordnetenhaus ruhig zum Kadi laufen, wir werden uns das Recht der Kritik nicht nehmen lassen, wir werden nach wie vor und so oft wir es für erforderlich halten, das Ge- baren des Dreiklassenparlaments nach Verdienst brandmarken. Die Eisciivahutarifrcform vor dem ivurt�iiibcrgischeu Landtage. Stuttgart, S. Juli.(Eig. Ber.) Vor wenigen Tagen hat die württembergische Regierung den, Landtage eine Denkschrift zugehen lassen, welche die Notwendigkeit einer Personentarifreform begründen soll, die am 1. April 1907 in Kraft zu treten hat. Während die Denkschrtst berichtet, daß die deutschen Eisenbahnverwaltungen seit mehr als 10 Jahren der- geblich an den Grundzügen für eine einheitliche und für alle Ver- waltnngen verbindliche Tarifrefonn gearbeitet haben, verlangt die Regierung mnmichr, datz für Württemberg plötzlich eine eigene Tarifreform im EilzngStcmpo verwirllicht wird, nur weil der Reichstag die Fahrkartensteuer beschlossen hat. Worüber die Herren Staats- und Geheimen Räte mehr als ein Jahrzehnt vergeblich sich die Köpfe zerbrachen, das mutz sich jetzt in Hast und Ueberstürzung voll- ziehen. Ist dieses Verlangen schon sonderbar, so noch mehr der sachliche Inhalt der Denkschrift, der im wesentlichen darauf hinausläuft, s i ch eng an Preußen anzulehnen und vor allen Dingen für Württemberg die vierte Wagenllasse einzn- führen, von der man in Schwaben bisher befreit war. Diese ganz plötzliche Schwenkung der württembergischen Eisenbahnpolitik marbt den Eindruck einer Politik der Verärgerung. Bis zum end- gültigen Scheitern der VetnebSmittelgenieinschaft hieß es stets, daß das Gelingen dieser die Voraussetzung für die Taristeform sei. An letzterer hatte man kein so aktuelles Interesse wie an der erstcren. Sinn hat Bayern bekanntlich die Betriebsmittelgemeinschaft zu Fall gebracht, weil es sich in der damit verquickten Tarifreform nicht den preußischen Borschriften unterordnen wollte. Na- m entlich lehnte Bayern und jetzt auch Baden die Einführung der vierten Wagenklasse ab. WaS hätte nun näher gelegen, als wenn daS von Baden und Bayern rechts und linls flanlierte Württemberg sich in bezug auf Tarife und Klassengliedernng an diese beiden Nachbarstaaten angeschlossen und so ein nach einheitlichen Grundsätzen geordnetes süddeutsches Eisenbahnnetz geschaffen hätte, wenn eS schon einmal un- möglich war, Nord- und Süddcutschland unter einen Hut zu bringen? Doch Rache ist süß! Die württembergische Verwaltung ist erbittert über die Vereitelung der Betriebsmittelgemeinschaft durch Bayern und empfiehlt ihrem Lande, sich Preußen an den Hals zu werfen. lieber diese Denlschrist hat der Landtag nun drei Tage lang beraten. In Verbindung damit stand die Beratung eines Zentrums- antrages auf Einführung des Zweipfennigtarifs in der dritten Wagenklasse. Daß eS dem Zentrum mit diesem Antrage aber nicht ernst war, verriet sein Vertreter, der die Be- gründung zu geben hatte. Abg. v. Kiene, denn er sang ein ivahrcs Loblied ans die vierte Wagenklaffe, die zu Unrecht als un- sozial usw. verschrien würde. Des weiteren wurde ein Antrag der ritterschaftlichen und BanernbrnidSvertreter mitberaten, der die baldige Einführung der vierten Wagenklaffe mit Zweipfennigtarif fordert. Für die 4. Wagenklasse erwärmten sich sodann noch für die National- liberalen der Abg. Hieber sowie der LolkSparteiler Storz, von dem man eigentlich nicht recht versteht, was ihn noch immer veranlaßt. der Bolkspartei anzugehören, während er nach seinen kolonial- politischen und verkehrspolitischen Auffassungen eigentlich ein wasch- echter Nationalliberaler ist. Gegen die 4. Klasse wendete sich entschieden der BolkSparteiler Konrad Haußinann, der den Antrag stellte, den Fahrpreis der „untersten"(3.) Klasse in den Personen- und Eilzügen durchaus mit 2 Pk. für den Kilometer festzusetzen, in den Personenzügen nur zwei Klassen<2. und 3.) zu führen und betreffs deS gesamten Tarifs keine Bindung gegenüber anderen Verwaltungen einzugehen. Am heutigen dritten Verhandlungstage sprach für die Sozial- demokratie der Abg. H i l d e n b r a n d, der sich entschieden gegen die von der Regierung beabsichtigte Verschlechterung und Verteuerung de» Verkehrs wandte. Auch die Abschaffung der bestehenden Aus- nahmetarife. der Retourbilletts, Landeskarten, Fahrscheinbücher usw. werde entschieden ungünstig tvirken, werde vermehrte Fahrkarten- lösungen und mithin Vermehrung des Beamtenpersonals zur Folge haben. Bei der Abstimmung wurden schließlich alle Anträge abgelehnt. bis auf einen von den Vertretern des Bauernbundes, der National- liberalen, den Privilegierten und dem Volksparteiler Storz ge« stellten, welcher lautet:.Die Kammer ersucht die Regierung, vom 1. Oktober 1903 ab eine weitere Wagenklasse mit dem Fahrpreise von 2 Pf. für den Kilometer in den Personenzügen und den beschleunigten Zügen einzuführen." Der Antrag fand Annahme mit42 gegen 33 Stimmen. Die Mehrheit, welche dem Lande Württemberg zur 4. Klasse verhalf, steht somit auf recht schwachen Füßen.— �# Veutlckes Reich, Allerlei Wahnsinn. Die„Kreuzztg." bringt einen langen Artikel über„Zäsaren- und Massenwahnsinn". Er handelt aber auch noch von anderem Wahnsinn— dem Aberwitz, den anarchistischen Terror der Sozialdemokratie in die Schuhe zu schieben und deshalb deren Bekämpfung als Heilmittel gegen anarchistische Wahnsinnstaten zu empfehlen. Der ganze Artikel leidet an dem Wahnsinn schematischer Methodik. Er hebt an mit einer Charakterisierung des Zäsaren Wahnsinns als Ausgeburt der„entarteten absolutistischen Idee". F«r diesen Zäsarenwahnsinn, den Wahnsinn der Herrschenden, sei nach moderner Geschichtserklärung nicht zuletzt die Masse verantwortlich zu machen, die sich die ausschweifende Gewalt einzelner Herrscher hätte gefallen lassen. Heute sei der Zäsarenwahnsinn in Europa ausgestorben(Rußland usw. liegt nach den geographischen Ansichten des Verfassers also nicht in Europa I), dafür mache sich der Massenwahnsinn breit, der sich in anarchistischen Schreckenstaten entlade. Und an diesem Masten« Wahnsinn trügen offenbar die Herrschenden schuld, die sich den Massenwahnsinn gefallen ließen. Der Anarchismus ent- springe der fixen Gleichheits- und Majoritäts- i d c e, die nivellierend alle Gesellschaftsspitzen hinwegfegen »volle. Man müsse also dem zum Größenwahnsinn gesteigerten Masscnwahn entgegentreten, um sich des anarchistischen Terrors zu entledigen. Man sieht, es ist zwar Methode, allein nichtsdestoweniger offenbar Wahnsinn. Denn man muß vom Anarchismus absolut nichts verstehen, um ihn mit seiner extrem individualistischen Theorie, die nur die Konsequenz der kapitalistischen Weltanschauung darstellt, mit dem Sozialismus zusammenkoppeln zu können. Und dann sollte doch selbst ein„Kreuzzeitungs"-Skribifax wissen, daß der anarchistische Terror sich gerade in den Ländern am furcht- barsten betätigt, wo, wie z. B. in Spanien, dem Zäsaren- Wahnsinn durch dreiviertelsabsolutistische Staatseinrichtungen noch der weiteste Spielraum eingeräumt ist. Und gerade das Land, Ivo der„Massenwahnsinn" sich am radikalsten entwickelt hat, Deutschland, hat seit mehreren Jahrzehnten nicht eine anarchistisch-terroristische Tat erlebt. Aber was kümmern solche Scharfmacher alle Tatsachen! Vom Anarchismus spricht man und den Sozialismus meint man. Der Zäsarenwahnsinn der herrschenden Klassen fühlt sich durch das wachsende Selbstbewußtsein der Nichtbesitzenden chokiert und ersehnt mit Inbrunst Knebelmaßregeln. Um diese in Deutschland als notwendig hinzustellen, fruktifizicrt man jedes beliebige Attentat in jedem beliebigen Laude. Mag die Logik noch so halsbrecherisch sein, man wühlt und hetzt und schürt. Vermutlich wirkt der Verlauf der russischen Revolution wie ein kaltes Sturzbad auf diese Hetzgesellen l Er wird ihnen zeigen, daß der„Masscnlvahnsinn" in unserer Zeit dem „Zäsarenwahnsinn" doch allzu sehr über ist, als daß es rätlich wäre, den ersteren durch den letzteren zu beschwören!— Wie ZcntrumSstimmcn erpreßt werden! Leipzig, 5. Juli. Vom Landgerichte Konstanz ist am 13. Februar der katholische Pfarrer Wilhelm Wörner wegen Ver- gehens gegen Z 18b lit. b des badischen Gesetzes vom 9. Oktober 1860 zu einer Geldstrafe von 80 M. verurteilt worden. Am 7. Juli 1904 fand ReichStagsersatzwahl für den verstorbenen Abgeordneten Pfaller statt. Nationallibcrale und Zentrum standen sich gegenüber. An der Wahlagitation zugunsten deS Zentrums beteiligte sich auch der Angeklagte. Er trug Wahlzettel in die Häuser und riet den Nationalliberalen, für den ZentrumSkandidaten zu stimmen. Er kam auch zu dem früheren Bürgermeister Resch und riet ihm ab, den nationalliberalen Schuldirektor zu wählen, da er in gemischter Ehe lebe und seine Kinder protestantisch erziehe. Resch erklärte, er wolle sich die Sache überlegen. Nach einigen Tagen kam der Angeklagte wieder und sprach mit Resch über die Wahl. Resch erklärte, Politik dürfe nicht mit Religion verquickt werden. Der Angeklagte gab ihm nun zu erwägen, daß er alt sei und bald sterben könne. Er werde ihn dann nicht mit den Sterbesakramenten ver» sehen. Er könne sich dann den Remann, den nationalliberalen Kandidaten holen. Resch wurde darüber sehr aufgeregt und sagte, so weit sei noch niemand gegangen. Der Angeklagte gibt an, er habe den Resch für ungläubig gehalten und ihm deshalb die Verweigerung der Sterbesakramente angedroht. DaS hält daS Gericht nicht für glaubwürdig. Das ganze Gespräch war politischer Art. Der Angeklagte hat durch ein Zitat aus der Bibel die Wahl des Zentrumskandidaten als religiöse Pflicht»be- wiesen" und da Resch diesen Beweis nicht anerkennen wollte, ihm mit Entziehung der Sterbesakramente gedroht. DaS Gesetz ist nach An- ficht deS Gerichtes noch gültig. ES bezweckt den Schutz der Wahl vor kirchlichen Einflüssen. ES liegt mit§ 107 deS Etr.-G.-B. auf demselben Gebiete, aber daS Strafgesetz bezieht sich nur auf Gewalt und Bedrohung mit strafbaren Handlungen, nicht auf andere Ein- flüsse.— Die Revision deS Angeklagten kam heute vor dem ersten Strafsenat de» Reichsgerichts zur Verhandlung. Der Ver» teidiger Juslizrat Hacke von hier führte aus: Nach S 2 des Ein« führungSgesetze» zum Strafgesetzbuch muß daS badische Gesetz al» aufgehoben angesehen werden. Das Reichsgericht hat diese Frage noch nicht prämdizierlich entschieden. Der fünfte Abschnitt de» zweiten Teiles des Strafgesetzbuchs will die Materie für daS Deutsche Reich einheitlich regeln. Es geht daher nicht an, daß neben Gewalt und Drohung mit strafbaren Handlungen noch andere Mittel angenommen werden.— Der Reichsanwalt be» antragte dagegen Verwerfung der Revision, indem er bemerkte: Nicht alle Abschnitte deS Strafgesetzbuches wollen die Materie einheitlich regeln, z. B. bei Eigennutz. Schon die Worte in der Ueberschrist.Staatsbürgerliche Rechte' beweisen, daß nicht die ganze Materie erschöpft ist. ES gibt noch mehr staatsbürgerliche Rechte als bloß Wahlen. Im Strafgesetzbuch ist nur das Ergebnis der Wahlen geschützt. Das badische Gesetz betrifft den Mißbrauch der Kirchenrechte. Das ist eine ganz andere Materie, auch wenn sie zum Teil das Wahlrecht betrifft.— DaS Reichsgericht vertagte die Verkündigung des Urteils auf nächsten Montag.— Tirpitz der Ahnungslose. DaS Reichsmarineamt erklätt in einer Antwort auf eine Anfrage der in Geestemünde erscheinenden .Provinzialzeitung" in aller Form, daß ihm von einer neuen Marinevorlage nichts bekannt sei. DaS Schreiben lautet: Euer Hochwohlgeboren werden auf Ihre an Seine Exzellenz den' Herrn Staatssekretär von Tirpitz gerichtete und hierher abgegebene Anfrage vom 23. Juni d. I. ergebenst benachrichttgt. daß h i e r von einer angeblich für den kommenden Herb st geplanten neuen Flottenvorlage nichts bekannt ist. In Vertretung:(gez.) Rädt. Dies Dementi beweist an sich noch gar nichts. Im September 1896 dementierte bekanntlich der.Reichsanzeiger" ebenfalls da» Gerücht über einen von Tirpitz dem Kaiser unterbreiteten FlottenvermehrungSplan— und im November 1897 publizierte dann derselbe„ReichSanzeiger" das dementierte neue Flotten» gesetzt Und im Januar 1399 crNärte Tirpitz in der Budget- kommission, daß»an keiner Stelle" die Absicht bestehe,»einen neuen Flottenplan vorzulegen", und gerade zwölf Monate später kam dann die Fünfmilliardenvorlagel Rhein- und MainfchiffahrtSabgaben. In der vorgestrigen Sitzung der Zweiten badischen Kammer wurde infolge einer Interpellation über die Frage der Schiffahrts- abgaben verhandelt. Der Genosse Eichhorn veranlaßte den Minister Dr. Schenkel zu-einer Erklärung über die Stellung der badischen Regierung zu den von Preußen geforderten Schiffahrtsabgaben. Der Minister sagte: Der StaatSvertrag zwischen den am Main beteiligten Staaten, durch den die von Preußen und Bayern beabsichtigte Kanalisierung de» Main geregelt wurde, fei ausdrücklich unter der Voraussetzung abgeschloffen worden, daß seine Wirksamkeit erst dann beginne, wenn Schiffahrtsabgaben auf dein Vollrhein erhoben ivürden. Baden ist zu diesem Bertrage herangezogen worden, weil der Main zu den gemeinsamen Flüssen gehört.„Wir haben dem Vertrage unter dem Vorbehalte zuge« stimmt, daß dadurch unsere Stellung hinsichtlich der Einführung von Schiffahrtsabgaben auf dem Rhein nicht verändert werde. Weitere Tatsachen sind in bezug aus die Schiffahrtsabgaben nicht bekannt. «attlrlich hat die preußische Regierung, nachdem sie die Absicht der Schiffahrtsabgaben festgelegt hat, in dem Kanalgesetz und dem Vertrage betreffend die Mainlanalisierung jetzt den Weg be- schritten, um durch Verhandlungen mit den übrigen Staaten ihre Absicht durchzuführen. Diese Verhandlungen sind noch im ersten Stadium. Wir haben uns darauf beschränkt, Material zu sammeln. Ich kann nur erklären, datz vom badischen Standpunkte aus die Bedenken gegen diese Abgaben über- wiegen. Wir haben erklärt, wir wollen die Sache ein- gehend nach allen Seiten hin prüfen, und wir wollen allen wirtschaftlich Beteiligten Gelegenheit geben, sich zu äußern. Es fragt sich aber auch, ob die Schiffahrtsabgabcn für sich allein oder durch verschiedene Staaten erhoben werden können, und welche Akte der Gesetzgebung notwendig sind, um die Beteiligten zu zwingen, Schiffahrtsabgaben zu zahlen. Die Regierung ist der Ansicht, daß durch ein Reichsgesetz der Artikel 54 der Reichs- Verfassung nicht geändert werden kann. Für das badische Gebiet kann eine Schiffahrtsabgabe nicht eingeführt tverden ohne einen Akt der Landesgesetzgebuug und ohne Staatsvertrag. Jedenfalls hat der badische Landtag oder der deutsche Reichstag mitzu- sprechen.� Nach längerer Debatte wurde vom Genossen Frank folgende Resolution eingebracht: Die Zweite Kammer hat von der Erklärung des Ministers über die Zustimmung der Regierung zu dein Mainkanalisierungs- Vertrag zwischen Preußen und Bayer» mit großem Bedauern Kenntnis genommen. Die Kammer hat erwartet, daß die Re- gierung es vermeidet, ohne jede Befragung der Landstände einem solchen Vertrage zuzustimmen, der die Einführung von Schiffahrts- abgaben aus dem Rhein auch nur bedingungsiveise für die Zukunft chorsieht. Die Kammer ist der Auffassung, daß die Erhebung der Schiffahrtsabgaben sich weder mit den Bestimmungen der Reichs- Verfassung noch mit denjenigen der RheinschiffahrtSakte verträgt, sind erwartet, vor jeder wichtigen Entschließung in dieser Frage gehört zu werden. Die Resolution kam aus Gründen der Geschäftsordnung nicht zur Abstimmung.—_ Die Buren alS Prügcljimgcn. Eine ganz neue Lesart über die Unifornmnterschleife in Südwestafrika gibt em heimgekehrter Süd- westafrikaner in den ,. L e i p z. Neuest. Nachr.": „Neben Eingeborenen, die in Uniformen gesteckt wurden, gibt es sehr viele Buren, die im Transportdienst angestellt waren. Bis zum Ottober 1905 war es auch unmöglich, den Buren Ge« wehre zur Selbstverteidigung anzuvertrauen. Ich selbst kenne nun eine ganze Reihe von Fällen, wo Buren, oder besser Leute, die sich Buren nennen, mit ganzen Gespanne». Gewehr, Munition und Uniformen über die Grenze ge- gangen sind. Gewiffe Händler an der Grenze, deren Namen der tapfchen Regierung bekannt gegeben worden sind, sind ständige Abnehnrer von Geiv ehren und Patronen. Die Veruntreuungen von Waffen nahmen eine Form an, die das Heerkommando zu dem Befehl veranlaßt haben inag, sämtliche Buren an der Grenze zu entwaffnen. Was die Ueber- wachnngSbeftimnuzugen anbelangt, von denen die„Nordd. Allg. Ztg." berichtet, so sind diese höchstens an der Küste durchführbar, nicht aber im Innern." Die Regierung wird ja vielleicht diesem Nothelfer, der den armen Buren alle Schuld aufbürdet, dankbar sein zu sollen glauben. Aber diese Lesart kommt doch ein wenig zu spät!— Zur Reform dcS Strafvollzuges hat der Minister des Innern ein Rundschreiben erlassen. Es wird darin darauf hingewiesen, daß nach der letzten statistischen Uebersicht in einigen Strafanstalten die Zahl der mit Disziplinarstrafen belegten Gefangenen zur t Durchschnittszahl sehr hoch sei, während die Ziffern anderer Anstalten zeigten, daß auch bei seltenerer Verhängung von Strafen die Disziplin aufrechterhalten werden könne.„Muh auch", heißt cö dann weiter,„anerkannt werden, daß neben Eigentümlichkeiten der Bevölkerung einiger Einlieferungs- gebiete die baulichen Einrichtungen manchen Anstalten die Disziplin erschweren und damit eine häufigere Strafanwcudung herbei- führen, so wird dennoch bei sachgemäßer Behandlung der Ge- fangenen auch in den ungünstiger gestellten Anstalten vermieden werden können, daß mehr als die Hälfte der durchschnittlichen Gefangcncnzahl im Jahre bestraft erscheint. Nicht jeder gering« fügige Verstoß gegen die Hausordnung erfordert Strafe; häufig genügt Belehrung und Zurechtweisung. Bei Ausschreitung von Gefangenen, deren Geisteszustand Bedenke» erweckt, ist von einer Bestrafung überall vorerst Abstand zu nehmen und sorgfältige Beobachtung unter Mitwirkung des ArzteS einzuleiten.... ES ist darauf hinzuwirken, daß Gefangene, dre der Geisteskrankheit auch nur begründetermaßen verdächtig find, unverweilt für die Irren- abteilungen angemeldet werden. Die Annahme der Verstellung ist in jedem Falle aktenkundig zu begründen und auch in den Jahresberichte» mit Gründen zu belegen."— HuoUnet England. Der Minister des Acußern als Meister der Aeusterlichkrit. Wie unser Londoner Korrespondent im gestrigen Leitartikel dorausgesagt hat, ist Sir Edward Grey. der Minister des Aeußern, am Donnerstag mit einem großen Speech vor das englische Unter« haus getreten. Der Herr Staatssekretär erörterte zunächst die gegenwärtige Situation in Egypten und ging dabei auch auf die vor kurzem vollzogene gräuliche Hinrichtung der vier Egyptcr ein, die man wegen Ermordung eines englischen Offiziers zum Tode verurteilt hatte. Greys allgemeine Redensarten über den Fanatismus der Egypter, die Notwendigkeit der Vorbeugung usw. scheinen unserem Genossen Keir Hardie außerordentlich imponiert zu haben. Jeden- falls ließ er sich dazu bewegen, der Anregung des Ministers stattzu- geben und auf die Besprechung der peinlichen Angelegenheit zu ver- zichten I So blieb es denn dem Iren Dillon vorbehalten, als Einziger im Hause die Hinrichtungen aufs schärfste zu verurteilen. Noch zweimal ergriff Grey das Wort: Zuerst gegen Dillon. Später pries er Englands Bündnis mit Japan sowie die Be- ziehungen zu Frankreich als Bürgschaften des Friedens, denen jede Spitze gegen irgend eine andere Macht fehle. Endlich ging er dazu über, das Verhältnis zu Rußland zu besprechen und sich über den geplanten Besuch der englischen Flotte in Rußland zu äußern. Grey führte hier tatsächlich den widerwärtigen ministeriellen Eier« tanz auf. den unser Korrespondent gestern vorhergesagt hatte. Hören wir uns diesen geradezu skandalösen Teil seiner Rede etwas genauer an: „Je weniger Raum die Erörterung einnimmt, die in diesem Hause über russische Angelegenheiten stattfindet, desto besser ist es. aber wenn wir diese Angelegenheiten erörtern müssen, so wollen wir uns in ruhiger Weile darüber klar werden, wie sich die Lage verhält. Der russische Kaiser, die russischen Minister und das Par- lament sind nicht verantwortlich für die Judenmetzcleicn. Es ist behauptet worden, daß die russische Regierung an den Bialystoker Jndenmorden beteiligt gewesen sei, aber ich habe eine glaubwürdige Mitteilung erhalten, nach der die Zentralregierung weder gewußt noch stillschweigend geduldet hat, was in Bialystok vor sich ging.— Was die angeregten amtlichen Vorstellungen an- betriff:, so bin ich der Ansicht, daß es drei Parteien in Rußland gibt, nämlich die Reaktionäre, die Reformpartei und die Re- volutionäre, und daß jede Einmischung eines Außenstaates nicht die Reformpartei stärken wird, sondern eine der beiden anderen Parteien.". Bezüglich der Kreuzfahrt der englischen Flotte in der Ostsee wies der Staatssekretär sodann darauf hin, daß die Flotte auf ihrer vorjährigen Fahrt in der Ostsee keine russischen Häfen angelaufen habe und bemerkt, es würde sicherlich außerordentlich unpassend sein, wenn sie auch in diesem Jahre bei Gelegen- heit ihrer Kreuzfahrt in der Ostsee russische Häfen nicht besuchen würde.--- Er schloß seine Ausführungen nnt folgenden, zum Teil eines englischen Ministers geradezu unwürdigen Worten: „Ich weiß nicht, weswegen dieses Mißverständnis mit Bezug auf die Flotrenbesuche entsteht. Etwas Aehnliches ereignete sich im vergangenen Jahre. Der Flottcnbesuch in der Ostsee war zu Beginn des Jahres geplant, und einige deutsche Häfen sollten angelaufen werden. Zwischen der Entstehung des Planes und seiner Ausführung ereigneten sich gewisse Vorfälle, und es wurde die Nachricht verbreitet, daß der Besuch planmäßig als drohende Erklärung beabsichtigt wäre zu den Ereignissen, die vorgekommen waren, lange nach- dem die Anordnungen getroffen worden waren. Nichts der- artiges lag in der Absicht der Regierung. sBeifall.) Der Besuch fand statt und tat nichts als Gutes. Da nun bestimmte Dinge vorgefallen sind, seitdem die diesjährige Kreuzfahrt geplant worden ist, ist vorgeschlagen worden, die Kreuzfahrt aufzugeben. Der Flottenbesuch steht in keinerlei Beziehungen zu den inneren An- gclegenhcitcn Rußlands; er soll nur eine Ehrencrweisung für den Kaiser sein und geschieht in freundlicher Absicht gegenüber der bestehenden russische» Regierung, und ich kann mir keinen Flottenbesuch in russischen Häsen vorstellen, der nicht zugleich als Besuch des russischen Volkes veranstaltet ist. Ich verspreche mir von der Zukunft eine Zunahme der guten Beziehungen zu der russischen Regierung und dem russischen Volke. Rußland macht jetzt eine für Volk wie Regierung kritische und schwere Zeit durch. Alles, was sich ereignet hat, läßt Anzeichen von der Lebenskraft, der Energie und dem Charakter des großen Volkes hindurchblicken, das sich den Weg zu einer großen Zukunft bahnen wird. Unsere Sympathie kann am besten kundgegeben werden durch Unterlassung einer Einmischung; manchmal ist Schweigen der beste Beweis von Sympathie." Es dürfte schwer fallen, in der Geschichte des englischen Unter« Hauses eine Ministerrede zu finden, die Greys gestrigem Speech in bezug auf Oberflächlichkeit und Aeußerlichkeit nahekommt. Zum Glück hat ja in E n g l a n d das Volk auch ein Wörtlein mitzureden. Und das wird hoffentlich bald zeigen, ob eS Herrn Greys bülowistische Anschauungen über Hinrichtungen und Zaren- freundschaft teilt.-- Ungarn. Neuer Preßknebel. Budapest, 6. Juli.(B. H.) Die Regierung hat unter Auf- Hebung des Fejervaryschen Erlasses bezüglich der Verfolgung der Presse einen neuen Erlaß herausgegeben, der, wenn auch unter anderer Form, im Wesen doch die vcxatorischen Bestimmungen aufrecht erhält! Man glaubt, der Erlaß werde in erster Reihe gegen die oppositionelle und sozialistische Presse zur Anwendung gelangen. Daß die Regierung besser täte, ihren eigenen Organen auf die Finger zu schauen, ehe sie die Presse drangsaliert, geht aus folgender Depesche hervor: Budapest, ö. Juli.(B. H.) In Angelegenheit der Preß- skandale beschloß der hiesige Journalistenvercin, eine Aktion einzu- leiten, um in Zukunft die Reinheit der Presse besser zu wahren. ES wurde konstatiert, daß fünf Journalisten von dem Gouverneur Grafen Nako in Fiume Geld erpreßt haben! Ihre Namen wurden ver- öfsentlicht. Weitere Erpressungen konnten nicht festgestellt werden, drch wird die Aktion der Aufhellung fortgesetzt. lOsfiziös wird er- klärt, daß Ministerpräsident Wekerle bei seinen jüngsten Angriffen auf die Presse, die er der Bestechlichkeit zieh, nur vereinzelte Blätter gelneint habe.) Frankreich. Pari«, ö. Juli.(W. T. B.) Drputiertenkammer. BaSly (Sozialist) interpelliert wegen verschiedener Fälle, in denen Berg« Werksgesellschaften, abweichend von den gesetzlichen Bestimmungen, nach Entlassung von an den Ausstandskämpfen Beteiligten von ihren Arbeitern l�berstundei: verlangt hätten, und fordert, daß man dem Gefetze Achtung verschaffe. Ardeitsminister Barthou erwiderte, das Gefctz gestatte Abweichungen von den Vorschriften mit Ermächtigung .der Bergbehörden. Uebrigens stehe es den Arbeitern stets frei, die nack Entlassung von an den Ausstandskämpfen Beteiligten von ihren Arbeitern Ueberstunden verlangt hätten, und daß dem Gesetze Achtung verschafft werde. Arbeitsminister Barthou erwiderte, das Gesetz ge- statte Abweichungen von den' Vorschriften mit Ermächtigung der Bergbehörden. Uebrigens stehe es den Arbeitern stets frei, die Ueberstunden zu verweigern I— In Lens sei die Gestattung der Ab« weichungen durch das wirtschaftliche Interesse gerechtfertigt gewesen. Immerhin sei er damit einverstanden, daß das Gesetz in dieser Hin. ficht einer Revision unterzogen werde. Der Zwischenfall ist damit erledigt. Spanien. � Madrid, 6. Juli. Das neue Kabinett ist zustande gekommen. Die nachstehende Zusammensetzung hat die Genehmigung des Königs erhalten. Vorsitz und Krieg Lopez Dominguez, AeuhereS Pia Gullon, Inneres Bernabe Davila, Finanzen Nava'rro Nevertcr, öffentliche Arbeiten Garcia Prieto, Marine Alvarado, Unterricht Amalio Jimeno, Justiz RomanoneS. Die Minister haben heute mittag dem König den Eid geleistet. Niederlande. Mehr Religion für die Marine. Im Gegensatz zum verflossenen Ministerium Kuyper, das die „Offenbarung" und das„Wort GottcS" als höchstes Negierungs« Prinzip prieS, ist bekanntlich das Ministerium De Meester„frei- sinnig" oder. wie die Klerikalen meinen.„gottlos" und „heidnisch". Aber die Frommen im Lande brauchen nicht allzu betrübt zu sein, auch daS freifinnige Ministerium strebt danach, dem Volke die Religion zu erhalten. Der Marineminister hat dieser Tage ein Rundschreiben an die Kirchengemeinschaften erlassen, in dem er—„überzeugt von dem großen und sehr ernsten Einfluß zum Guten, den der Gottesdienst auf die Schiffsmannschaft ausüben kann"— Matzregeln bekannt gibt, die den Verkehr von Geistlichen und ReligionSlehrern mit dem Personal der Flotte so bequem wie möglich gestalten sollen und die darin bestehen, daß den Geistlichen und ReligionSlehrern das Recht eingeräumt wird, Leute aus der Marinemannschaft vom Kriegshafeu de Helder abzuholen, mit ihnen spazieren zu gehen oder ihnen sonstwo religiöse Lehren zu erteilen, vorausgesetzt, daß die be- treffenden Leute eS wünschen. Reise- und Aufenthaltsnnkosten sollen den Arbeitern im Weinberge des Herrn ersetzt werden. Die klerikalen Blätter sind natürlich hoch erfreut über dieses Zeichen von Bekehrung des„freisinnigen" Ministers CohenStuart. Sie wünschen sehnlichst, daß et auch seinen Kollegen im Ministerium die Ueberzeugnng beibringen möge,«daß eine Regierung ohne Gott und ohne Religion nichts ist."— Der Zweck der ministeriellen Verfügung ist selbstverständlich nur der, die Marinemannschaft im alten Kadavergehorsam zu erhalten. Hus der Partei. Rußland in Brandenburg. Unsere Genossen in Güstebiese(ReichStagSwahlkreiS Königsberg- Neumark) haben eS fertig gebracht, sich unter großen Opfern ei» eigenes Versammlungslokal zu errichten. So glaubten sie endlich allen Schikanen trotzen zu können. Zwar blieb ihnen die Schank- konzefsio» versagt, trotzdem die Frage nach dem berühmte»„Be- dürfnis" allseitig anerkannt wurde. Die Genossen halfen sich aber, indem sie von Verein» wegen Getränke und Speisen zum Selbst- lostcnpreise und zwar nur an Mitglieder abgaben. Natürlich fehlte es nicht an Denunziationen, Recherchen und Schnüffeleien. Doch infolge der korrekten Handhabung der Geschäfte konnte den Genossen kein Strick gedreht werden. Am Sonntag, den 1. Juli, erschien urplötzlich im Versammlungs« lokale des Vereins der Amtsvorsteher von Güstebiese, ein Mann a la Oppen-Adlcrshof seligen Angedenkens. Ihn begleiteten zwei Gendarmen und der Herr Gemeindediener. Der hohe Besuch galt der Konfiskation der Schankgerätschaften 1 1 Im Besitze ihrer Beute (Bicrgkäser usw.) verließen die Konfiskanten den Schauplatz ihrer Tätigkeit. Zwei ältere Weiblein mußten beim Tranzport behülflich sein.— Selbstverständlich ist sofort an der zuständigen Stelle die Zurücklieferung der beschlagnahmten Gegenstände beanttag»Kvorden. Wir ersehen aus dieser neuesten oslclbischen Heldentat, daß man gar nicht lveit von Berlin zu gehen braucht, tvenn man russische Zustände studieren will._ Der Kongreß der vlämischcn Sozialdemokraten. Der Kongreß der vlämisch sprechenden Sozialdemokraten Belgiens fand am 1. Juli zu Gent statt. Anwesend waren 200 Delegierte. die 64 Ortsgruppen vertraten.• Besonders erfreulich war es, daß Vertreter aus den entferntesten Orten Flanderns anwesend waren, wo die sozialistische Organisatton bisher schwer einzudringen vermochte. Der Kongreß wurde mit einer Ansprache des Genossen A n s e e l e eröffnet. Der erste Punkt der Tagesordmmg war:„Die Presse". De B a ck e r berichtete über die Fortschritte des Tageblattes „Vooruit". das— seinerzeit als Genter Lokalblatt gegründet— nun zum allgemeinen Organ der vlämischrn Sozialisten Belgiens geworden ist. Allein im Laufe dieses Jahres sind 1864 neue Leser gewonnen worden.— In der Debatte wurden Verschiedeue Wünsche über die weitere Ausgestaltung und Verbreitung der Presse ge« äußert. Beschlossen wurde sodann, mit der Agitation für den „Vooruit" ein Zentralpreßkomitee zu betrauen. Dieses Preßkomitee soll alle drei Monate zusanimeutreten, stets in einer anderen Stadt des vlämischen Landes, und mit aller Kraft die Propaganda für den „Vooruit" und den Sozialismus zu fördern suchen. Zunächst aber soll das Preßkomitee in allen Zentren der Parteiorganisation Partei« Versammlungen veranstalten, um für die Gründung von Propagandaklubs für den„Vooruit" zu wirken. Unter anderem wurde dann noch über„Die Propaganda durch Broschüren" beraten. Aus Vorschlag des Genossen Anseele kam folgende Reso- lution einstimmig zur A n n a h m e: „Erwägend/ daß es mehr als je dringend notwendig ist, den Arbeitern in Stadt und Land die sozialistischen Grundsätze zu er« läutern, beschließt der Kongreß, daß alle vlämischen sozialistischen Arbeitervereine ihr Bestes für die Verbreitung der Broschüre „Germinal" tun sollen, ferner, daß das Preßkomitee innerhalb zweier Monate eine Liste über prinzipielle Broschüren, die zur wissenschaftlichen Ausbildung der Sozialisten geschrieben werden sollen, aufzustellen hat, sowie eine Liste von sehr kleinen und leicht faßlichen Schriften, die als erste Pro« pagandanummer dienen sollen, um in die am tiefften stehenden Schichten der Bevölkerung einzudringen." Der letzte Punkt der TageSordnmig lautete:„Die Versamm« lunPu". Es handelte sich hierbei darum, die Versammlungen und die Zlisaninienlünfte der Parteigenossen so fruchtbar wie möglich für die sozialistische Agitation und Aufklärung zu gestalten. Ter Kongreß verpflichtete die Parteigenossen, bei allen solchen Veranstaltungen für zweckentsprechende Vorträge zu sorgen. polireilicttes, Omcbtlicbes uCvc. Die Freiheit der Presse. Den Genoffen Karl Fricke verurteilte das Landgericht Dortmund am 11. Januar d. I. wegen Beleidigung von Polizeibeaniten zu 100 M. Geldstrafe. Er zeichnete als verant- wortlicher Redakteur die Nummer IS der Dortmunder„Arbeiter- zeitung", worin ein Artikel„Eine interessante Schöffengerichtösitzniig" aus dem„Allgemeinen Beobachter" abgedruckt war. Darin wurde erzählt, daß ein Bergmann, der in Essen in der Trunkenheit Rube- störmig verübt hatte, dem Wachtnieister Mare, als dieser die Personalicnangabe forderte, die bekannte Aufforderung aus dem Götz von Berlichinge» zugerufen und ihm vor die Brust gestoßeu hatte. I» der Berhaudlung behauptete der angeklagte Bergmann, er sei von den Beamten furchtbar geschlagen worden. Die Beamten hätten von ihm gefordert, er solle, wenn er katho- lisch sei, zur heiligen Maria, und wenn er evangelisch sei, das Vaterunser beten! Da er sich weigerte, sei er so lange geschlagen ivorden, bis er daS Vaterunser betete. Das Attest des Sanitätsrates konstatierte Verletzungen des Bergmannes au der Stirn, am rechten Ohr. Bom linken Ohr fehlte ein Stück, desgleichen ein Schneidezahn. Ferner war der ganze Rücken mit blauen Flecke» besät! Diesem Berichte aus der Verhandlung des Schöffengerichtes in Essen war in der Dortmunder„Arbeiterzeitung" die Bemerkung angehängt, daß das Gericht nicht festlsestellt habe, woher die Verletzungen des Bergmannes gekommen seien und daß man neugierig sei, ob die Staatsanwaltschaft einschreiten werde. Diese letzte fragende Be- merkung war fett gedruckt und soll dem Genossen Fricke aus diesem Grunde verhängnisvoll werden. Das Landgericht in Dortmund, vor dem sich Genosse Fricke zu verantworten hatte, sagte in seinem Urteil, daß der Artikel die Verhandlung wesentlich richtig dar« stelle. Wohl habe der Bergmann die Mißhandlungen behauptet und die Behauptungen würden auch durch das ärztliche Attest unterstützt, aber die Poltzeibeamten hätten die Mißhandlung unter ihrem Eide bestritten. Die widersprechenden Aussagen hätten das Gericht bestimmt, die Behauptung als nicht erwiesen zu be« trachten. Durch mehrere im Druck hervorgehobene Stellen habe der Redakteur Fricke den Polizeiwachtmeister Mare und drei andere Beamten beleidigen wollen. Der Schutz des Z 193 könne dem Angeklagten nicht zugebilligt werden. Wenn der Angeklagte die gr- rügten Mißstände hätte beseitigen wollen, dann hätte er sich an die Essener Behörden wenden müssen, die Leser der Dortmunder„Ar- beiterzcitung" aber seien nicht die geeignete Instanz, Abhülfe zu schaffen! Der Angeklagte habe durch die Veröffentlichung nur eine Neuigkeit bringen, der Polizei»nr eins aufhängen und sie in Miß- kredit bringen wolle». Gegen dieses Urteil legte Genosse Fricke Revision beim Reichsgericht ein, die vom I. Strafsenat verworfen wurde. �_ Bus Industrie und Kandel. Zur Entwickclung des Eisenbahnwesens. Das Eisenbahnnetz der Erde hat im Jahre 1904 wiederum um 26 9S8 Kilometer zu« genommen. Wie aus einer Uebersicht des Archivs für Eisenbahn« wesen hervorgeht, wiesen alle Eisenbahnen der Erdfläche Ende 1904 eine Länge von 886 313 Kilometer auf. Die meisten Eisenbahnen wurden 1904, wie fast alljährlich, in den Vereinigten Staaten von Amerika gebaut, nämlich 9S38 Kilometer. Einen besonders starken Zuwachs zeigen auch Mexiko mit 2769 Kilometer, Brasilien mit 1671 Kilometer und Argentinien mit 2ö94 Kilometer. Das europäische Eisenbahnnetz hat sich um nicht ganz 5000 Kilometer vergrößert. Der stärkste Zuwachs fällt hier auf das europäische Rußland und das Deutsche Reich, in Asien sind nur Britisch-Ost- indien, Japan und China weseutlich an den Fortschritten des Eisen- bahnbaues beteiligt. Die Tätigkeit Rußlands in Asien hat unter dem Einfluß des russifch-japanischen Krieges vollständig gestockt. In Afrika zeigen neben den Eisenbahnen Aegyptens auch die in den deutschen Kolonien angemessene Fenttschritte. 3" den englischen Kolonien ist ein vollständiger Stillstand zn verzeichnen. Auch in Australien hat der Eisenbahnbau unter dem Einfluß der Wirtschaft« lichen und politische» Lage nur ganz geringe Fortschritte gemacht. . Das Eisenbahnnetz von Amerika hatte einen Umfang von 450 574 Kilometer, das der Bereinigten Staaten einen solchen von 344 172 Kiloineter. es übertrifft also das Eisenbahnnetz Europas von 305 407 Kilometer um fast 40 000 Kilometer, Asien hatte 77 206 Kilometer. Australien 27 052 Kilometer. Afrika 26 074 Kilo- meter Eisenbahnen. In der Reihenfolge der einzelnen Staaten hat sich im Jahre 1904 nichts geändert. Auf die Bereinigten Staaten von Amerika mit 344 672 Kilometer folgt das Deutschs Reich— allerdings in großem Abstände— mit 55 564 Kilometer, das europäische Rußland mit 54 763 Kilometer, Frmilreich mit 45 773 Kilomelcr, Britisch- Ostindien mit 44 352 Kilometer, Oesterreich-Ungarn mit 39 168 Kilo- mctcr, Großbritannien und Irland mit 36 297 Kilometer und Kanada >nit 31 554 Kilometer. Die übrigen Staaten der Erde bleiben alle imtcr 26 666 Kilometer, Auffallend ist der geringe Fm�fchntt im Eisenbahnbau in Großbritannien. Es sind im Jahre 1964 nur 149 Kilometer neue Eisenbahnen gebaut, während in Preußen, dessen Eisenbahnnetz(32 516 Kilometer) an Ausdehnung dem großbritan- nischcu beinahe gleichkommt, 656 Kilometer neue Eisenbahnen her« gestellt wurden. Zur wirtschaftlichen Lage im KaukasuSgebiet. Wie traurig es noch immer im Batumer Gebiet und fast im ganzen Kaukasus aus- sieht, zeigt ein Situationsbericht, den der englische Konsul Stevens dem englischen auswärtigen Amt eingesandt hat. Er berichtet, daß seit dem Januar 1965 in der ganzen Kankasusregion vollständiges Chaos herrsche. Industrie und Handel seien ganz gelähmt und es bestehe keine Aussicht auf Besserung der Lage. Man könne sagen, daß Batnm in kommerzieller und industrieller Beziehung ruiniert sei. Den letzten Stoß hätten ihm die Unruhen versetzt, welche im Februar 1965 zwischen Tataren und Armeniern ausbrachen und die ihren Höhepunkt im August desselben Jahres erreichten. Alle Maschinen für die Petroleumproduktion wurden zer- stört und müssen durch neue ersetzt werden. Das Elend der Be- völkerung ist außerordentlich groß und niemals befand sich der Kaukasus in solcher Not. Alle Gemeinden sind im Zustande des Bankerotts, und die Kaufleute sind genötigt, die Geschäfte einzu- stellen und zu liquidieren, da sie ihren Verpflichtungen nicht nach- kommen können. Hoher Untcrnehmerprofit. Von der Verwaltung der deutsch- luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-Akliengesellschaft wurde die Dividende für das abgelaufene Geschäftsjahr nach Abschreibung des FusionSgelvinneS bei der Friedrich Wilhelmshütte und erhöhten regulären Abschreibungen auf 16 Proz. angesetzt. Die Gesellschaft zahlt also 2 Proz. mehr als im Geschäftsjahr 1964/66, obgleich sie für ihre Neubauten bedeutende Mittel aufgewendet hat. Die Firma Friedrich Krupp hat, wie dem„Berl. Tagebl." ge- meldet wird, das Erzbergwerk„Einigkeit" bei Koblenz zur Ver- größerung ihrer ErzProduktion erworben. GewerK fcbaftlicbcs. An die Berliner Arbeiterschaft! Noch niemals hat bisher der Deutsche Buchbinder-Verband die Solidarität der gesanrten Arbeiterschaft anzurufen brauchen, und er hat es sich zur Ehre angerechnet, seine Lohnkämpfe mit eigenen Mitteln auszufechten. Doch nunmehr ist es unsere Pflicht, an Euch heranzutreten, da der Verband deutscher Buchbindereibesitzer es eingestandenermaßen auf die Vernichtung unserer Organisation abgesehen hat. Mit brutaler Offenheit wandte sich der Vorstand jener Unternehmerorganisation durch ein am 12. Juni heraus- gegebenes Flugblatt an die von ihm in Berlin, Leipzig und Stuttgart aufs Pflaster geworfenen Mitglieder unseres Verbandes und suchte sie zum Streikbruch zu verleiten, indem er ihnen vorgaukelte:„Ihr(Buchbinder-) Verband wird Ihnen nicht niehr lange helfen können, denn seine Mittel sind nahezu erschöpft!" In einer anderen Erklärung der Unternehmer wird ausgeführt, daß wir in unserem Kampfe der Sympathie der übrigen Arbeiterschaft entbehrten, weil der Konflikt aus der Maifeier herrühre und die Maifeier bei der Arbeiterschaft einen schlechten Klang habe. Und in übermütigem Siegesbewußtsein erklärt der Unter- Nehmerverband in jenem Flugblatt in Fettdruck: Wir erkenne» Ihren(Buchbinder-Verband) Verband nicht mehr an.— Unsere Mitglieder geben Mitgliedern Ihres Ber- bandes keine Stellung in ihren Betrieben. Warum aber will der Buchbindereibesitzer-Verband unseren Verband nicht mehr anerkennen und keines unserer Mitglieder mehr beschäftigen? Weil wir uns seinem Machtgebot nicht fügen und den bisherigen Tarif nicht auf weitere fünf Jahre,„ohne daß nur ein Punkt geändert würde", fortbestehen lassen wollten. Das aber konnten wir unmöglich tun, da die Unternehmer selbst in einem offiziellen Schreiben vom 21. März 1906 an uns erklärten:„Der Verband Deutscher Buchbindereibesitzer erkennt an, daß die Kosten der Lebenshaltung des einzelnen auch in den letzten Jahren weiter gestiegen sind." Aberi„die Mit- glieder des Verbandes sind indes aus d i e s e m G r u n d e(III) nicht in der Lage, eine Erhöhung der Minimalstundenlöhne und der Akkordlöhne zu bewilligen, da bereits seit dem Jahre 1903 die Löhne bezahlt werden, die eigentlich erst jetzt gerechtfertigt erscheinen". Glaubt man allerdings den Streikbrecherfangannoncen, in denen Jahreslöhne bis zu 4000 M. versprochen werden, so möchte man allerdings den Behauptungen der Unternehmer recht geben, daß„in anderen Industrien bei iveitem niedrigere Löhne als in der Buchbinderei gezahlt werden". Wie sieht es aber in Wirklichkeit damit aus? Es be- tragen die tariflichen Löhne bis zum 31. August d. I. mit Ausnahme einer kleinen Gruppe von Arbeitern, den genannten Schnellpressern in Berlin: für männliche Arbeiter 46—43 Pf. pro Stunde so- weibliche Leipzig i„ männliche„ „,„ weibliche„ , Stuttgart:„ männliche„ „ weibliche Gefordert wurde unsererseits die bei den männlichen Arbeitern weiblichen Arbeiten: erstreben wir das 19— 37'/z.. 38-46„„, 15-28... 36— 44„,„ 14-27„„„ eine Erhöhung der Löhne, 4 bis 0 Pf. und bei den 1 bis 5 Pf. pro Stunde betrug. Außerdem Verbot der sich mehr und mehr ein- bürgernden Heimarbeit, deren Fluchwürdigkeit die Heimarbeitsausstellung klar erwiesen hat, und Beseitigung des Mißstandes, daß Männerarbeiten, wenn sie von Frauen ausgeführt wurden, bis 33'/» Prozent niedriger entlohnt wurden. Nach alledem möge die Berliner Arbeiterschaft selbst entscheiden, ob es wahr ist, daß„die Buchbinderei nach- zuweisendermaßen hinsichtlich der Entlohnung ihrer Arbeit- nehmer allen anderen Industrien voran gewesen", wie der Buchbindereibesitzerverband behauptet. Wir hielten für nötig, dies vorauszuschicken, damit völlige Klarheit über die Aussperrung und die Berechtigung unserer Forderungen geschaffen wird. Bemerken wollen wir noch, daß die Maifeier unserer Berliner Kollegen nur zum Anlaß genommen wurde, um die wahren Absichten der Unternehmer zu verbergen, die darauf hinausliefen, den voraussichtlich nach dem 31. August kommenden Tarifkampf in die für sie günstigere Zeit der Sommermonate zu verlegen. Diese Absicht, die einen Tarif- bruch der schlimmsten Art bedeutete, wurde unverhüllt zu- gegeben durch einen Brief des Verbandes Berliner Buch- biudereibesitzer vom 28. April d. I., in dem es hieß: l„Wir müssen für den Fall, daß ein Teil der Arbeitnehmer am 1. Mai durch Nichterscheinen zur Arbeit demonstriert, die be- stehende Tarifgemeinschaft als aufgelöst betrachten. Für diesen Fall werden die Betriebe bis auf weiteres nicht wieder aufgenommen, bis neue Vereinbarungen mit Ihrem Verbände ab- geschlossen sind." Genossen und Genossinnen? Ihr seht daraus, wie man uns vergewaltigen und eine blühende Organisation aus den Reihen der Gewerkschaften auslöschen will. Unsere aus- gesperrten Kollegen und Kolleginnen, zirka 3700 an der Zahl, harren unerschütterlich im Kampfe aus und die Zahl der Ab- gefallenen ist kaum nennenswert. Sie sind fest entschlossen, noch solange auszuharren, bis das Scharfniachertum von seinen Plänen absteht und einschen gelernt hat, daß die Macht der Organisation nicht nur in dein einen Verbände beruht, sondern in der gesamten Arbeiterschaft einen mächtigen Rück- halt hat. Bisher sind die Berechnungen der Unternehmer zu- schänden geworden; ihre Annahme, der Buchbinderverband müsse jetzt, mangels eigener Mittel, sich auf Gnade und Un- gnade ergeben, erweist sich als weitere Illusion und Euere und der deutschen Arbeiterschaft Hülfe, an die wir hiermit appellieren, wird uns in den Stand setzen, solange Widerstand zu leisten, bis die näher und näher heranrückende Saison unseres Gewerbes die Unternehmer zwingt, von ihren Plänen abzulassen und mit uns einen annehmbaren Frieden zu schließen. Mit gewerkschaftlichem Gruß Der Borstand des Buchbinderverbandes. *•# An die Arbeiter Berlins und der Vororte! Anschließend an obigen Anfruf machen wir bekannt, daß in der Sitzung der Delegierten zur Berliner Gewerksckiaftskommission am 2. Juli einstimmig beschlossen wurde, die Buchbinder zu unter- stützen. Es werden zu diesem Zwecke von uns Sammellisten herausgegeben. Dieselben sind zu haben von 1t bis lUhr und von 6 bis 8 Uhr nachmittags in unserem Bureau. Alle Gelder sind zu senden an A. K ö r st e n, Engel-Ufer 15. Der Ausschuß der Berliner GewerkschaftSkommisfion. Berlin und Umgegend. Achtung! Bauhandwerker! Wegen Nichtbewilligung der Forderung auf Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung des Stundenlohnes sind am Montag früh sämtliche bei Berliner Firmen arbeitende Backofenmaurer in den Streik getreten. Etwa die Arbeit aufnehmende Maurer er- suchen wir, auf obiges aufmerksam zu inachen und der Verbands- leitung der Maurer, Engelufer 15, gefl. von solchen Fällen Mit- teilung zu geben. Verbandsleitung der Maurer Berlins und Umgegend. Achtung, Holzarbeiter! Bei der Firma Otto Hoffmanns Nachf. in Chemnitz befinden sich die Tischler und Polierer im Streik. Alle Versuche der Firma, Arbeitswillige heranzuziehen, sind bisher erfolglos geblieben. Die Firma sucht jetzt in hiesigen Zeitungen durch Inserate 16— 15 nicht organisierte Tischler, Beizer und Polierer bei„hohem" Lohn und freier Reise. Wir ersuchen, den Zuzug streng fernzuhalten. Die Ortsverwaltung. Achtung, Dachdecker Berlins! Wegen Nichtanerkennung des Tarifes legten am 5. Juli bei der Firma Neutze sämtliche dort be- schäftigten Hülfsarbeiter die Arbeit nieder. Durch dieses Vorgehen wurden unsere dort beschäftigten Kollegen sofort in Mitleidenschaft gezogen und mußten infolgedessen das Arbeiten einstellen. Die Arbeit ruht auf sämtlichen Bauten. In Betracht kommen 25 Kollegen. Die Firma ist unter allen Umständen bis auf weiteres zu meiden. Zentralverband der Dachdecker. Fliesenleger! Die Differenzen bei den Firmen Sck>achzick n. Melin und R. Lehmann sind zugunsten der Arbeiter beigelegt. Die Firmen verpflichteten sich unterschriftlich, ihre Arbeiten nur iin Stundenlohn unter Ausschluß eines Subunternehmers ausführen zu lassen. Daraufhin wurde am Donnerstag den 5. d. M. die Arbeit wieder aufgenommen._ Erwiderung. Auf die Berichtigung der Firma Schmalisch u. Below in der 154 des„Vorwärts" erwidern wir folgendes: 1. Es ist unwahr, daß die Firma mit dem Arbeitsvermittler der Vereinigung, Aug. Kirsch, Petersburgcrftr. 81,„ausdrück- lich vereinbart hatte, daß etwa vorhandene arbeitslose Fliesenleger der Firma Schmalisch u. Below zugeschickt werden sollten." Unser Arbeitsvcrmittler, August Kirsch, erklärt ausdrücklich, daß eine solche Vereinbarung nicht getroffen wurde. 2. Wenn Herr Schmalisch behauptet, die in dem Versammlungs- beruht in der Nr. 156 des„Vorwärts" enthaltene„Behauptung". daß sich die Vertreter der Arbeiter in der Sitzung am 21. Juni nur ungenügend äußern konnten, sei unwahr, so erklären wir, daß das Urteil des Herrn Schmalisch in diesem Falle nicht maßgebend ist für uns. Wahr ist. daß wir uns auch zu den gestellten Fragen des Gewerberichters nicht so auslassen konnten, wie wir es für nötig hielten, wohingegen Herr Schmalisch seinem Herzen in aus- gedehntestem Maße Luft machen konnte. 3. Unwahr soll es sein, daß festgestellt ist, daß die Arbeitsein- stellung nicht wegen der„Christlichen" erfolgte. Diese Feststellung ist tatsächlich erfolgt und zwar durch die Ausführungen der seitens des Gewerbegerichts geladenen, früher bei S ch m a l i s ch u. B e l o w be. schäftigt Gewesenen. Herr Schmalisch sollte wissen, daß der Ge- Werberichter erklärte, daß aus den Ausführungen der letzteren, die als die Meinung sämtlicher Leute, die die Arbeit einstellten, gelten müssen, hervorgehe, daß sie die Arbeit wegen Mißstände aufgaben. Wir erklären, daß der Bericht in Nr. 156 des„Vorwärts" den Tat- fachen entspricht. Die Schlichtungskommission im Fliesenlegergcwerbe. Arbeitnehmer.— I. A.: H. Puttlitz. Nr. Veutfches Reich. Der Kampf in der Forster Textilindustrie, der sich gegen die neue Arbeitsordnung der Unternehmer richtete, ist ebenso plötzlich ab- gebrochen, wie er begann. Einer von den Arbeitern gewählten Kommission gelang es, mit dem Vorstand des Unternehmer-Verbandes Verhandlungen anzubahnen. Die Verhandlungen ergaben eine Aus- legung der Arbeitsordnung seitens der Unternehmer, welche dieselbe etwas weniger schroff erscheinen läßt. Ueber diese Auslegung von vier Punkten wurde ein Protokoll aufgenommen, um für etwaige Differenzfälle einen Anhalt zu geben. Die Vertreter der beteiligten Gewerkschaften, des Textilarbeiter-Verbandes. des Hirsch-Dunckerschen und christlichen Verbandes, vermochten nach Aufnahme des Protokolles in der neuen Arbeitsordnung nicht mehr eine solche Verschlechterung der Verhältnisse erblicken, daß diese den Streik von 16 666 Personen rechtfertigte. Da überdies der Streik ohne die Zustimmung einer Organisation unternommen war, empfahlen sie den Abbruch des Streiks.— Unter den Forster Textilarbeitern herrscht große Auf- regung, zumal die Wiederaufnahme der Arbeit sich, wie bei allen derartigen Bewegungen, nicht ganz glatt vollzieht. Die Sache der streikenden Holzträger im Duisburger Hafen steht sehr günstig. Nachdem bisher sämtliche herangezogenen Italiener, nach Aufklärung über den Sachverhalt, mit den Streikenden gemeinsame Sache gemacht haben, traf am Mittwoch ein Trupp Kroaten in Stärke von 25 Mann ein. Aber auch die Kroaten haben es vorgezogen, gar nicht er st anzufangen! Selbst der Agent, der die fremden Arbeiter ver- mittelt hatte, hat sich in aller Stille zurückgezogen und versprochen, seine„Geschäflsverbindung" mit den Duisburger Hafeuprotzen ab- zubrechen. Am Donnerstag trat das Gewerbegericht als Einigungsamt in Funktion. Die Unternehmer haben es also in der Hand, sich einen anständigen Rückzug zu sichern. Ob sie diesen Weg beschreiten werden? Die sprichwörtliche» Hungerlöhne in der Textilindustrie gehören nicht etwa der Vergangenheit an, Ivie bürgerliche Beschwichtigungs- räte gern glauben machen möchten. Auch in der heutigen Zeit, in unseren Tagen noch werden deutschen Arbeitern, Familienvätern von steinreichen und natürlich patriotischen, auf des Vaterlandes Wohl bedachten Fabrikanten Löhne geboten, für die die Bezeichnung Hungerlöhne noch als milder Ausdruck gelten muß. Tieftraurige Lohnverhältnisse herrschen bei der Firma Julius Lange in Waltersdorf in der Niederlausitz. Nach Lohnzetteln, die der Verwaltung der Filiale des Textilarbeiterverbandes vor- liegen, haben dort Familienväter innerhalb vierzehn Tagen 8,71 Mark Verdien st gehabt, so daß auf die Arbeits- ivoche 4 Mark S5'/z Pfennige Verdienst entfällt! Das soll aber— so unglaublich es auch klingen mag— noch nicht der niedrigste Wochenverdienst eines Familienvaters sein. Daß für vierzehntägige Arbeit wenig über 6 M., also für die Arbeitswoche 3 M. und einige Pfennige Verdienst ausgezahlt werden, soll nicht selten vorkommen! Weitere Lohnzettel lauten auf 9,27 M., 9,59 M., 16,98 M. usw. Damit aber der edle Fabrikherr in seinen Ausbeutungsgelüsten nicht gestört werde, verfolgt er diejenigen, die sich mit Hülfe der Organisation, des Textilarbeiterverbandes, für Verbesserung der schmachvollen Lohnverhältnisse aufwerfen, mit Maßregelung. Fünf Ausschußmitglieder Ivurden kürzlich gemaßregelt. Damit soll die Arbeiterschaft abgeschreckt werden, dem Textilarbeiterverbande bei- zutreten. Ein Beruhigungsmittel wird den Arbeitern mit der Zu- sicherung gegeben, daß für 14� Tage, ab 1. Juli die jetzt ge- zahlten Löhne um 15— 36 Pfennig eil! aufgebessert werden sollen. Es ist eine Schmach, daß in einem Zeitalter, das sich das humane nennt, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen noch möglich ist. Erst nach der Beseitigung der kapitalistischen Wirtschaftsweise wird jedem gerechter Lohn für seine Arbeit werden. Die Dnchdcckcrgehülfen in Chemnitz haben durch 14tägigen Streik sich einen Lohn- und Arbeitstarif erkämpft, in dem je nach der Jahreszeit 16-, 9- und 8stündige tägliche Arbeitszeit, 55 Pf. Stundenlohn ftir Gehülfen, 35 Pf. für Hülfsarbeiter, Fahrgeld- Vergütung und Auslösung bei auswärtigen Arbeiten vorgesehen ist. Der Tarif gilt bis 36. Juni 1963 und läuft ein Jahr weiter, wenn er nicht drei Monate vor Ablauf gekündigt wird. Achtung! Former! Die Maschinenfabrik und Eisengießerei Georg Karl in Frei sing bei Neustadt a. D. sucht allerorts Former. Ein Arbeiter, der dort hinging, kehrte sofort wieder um, als er erfuhr, daß die Firma bei„guter Kost" und„gutem Logis" nur 5 bis 7 Mark Wochenlohn bezahlen könne.— Wie sagte doch der Judustriellenverband?: Mißstände existieren in Eisengießereien nicht I ZUusland. Tie Landesorganisation der schwedischen Gewerkschaften wird vom 6. bis 16. August d. I. in Stockholm ihren vierten Kongreß ab- halten. Bei dem vorigen Gewerkschaftskongreß im Jahre 1963 zählte die Londesorganisation ungefähr 39 666 Mitglieder; wenn der jetzt einberufene Kongreß zusammentritt, wird die Mitgliederzahl auf fast 166 666 angewachsen sein. Das Landessekretariat hat dieser Tage den Bericht über das Jahr 1965 versandt. Danach ist im ver- slossencn Jahr die Mitgliederzahl von 81693 in 1173 Abteilungen auf 82 255 in 1231 Abteilungen gestiegen, obwohl in Schweden ge- werffchaftliche Kämpfe von so großem Umfange und langer Dauer wie nie zuvor stattgefunden haben, und deshalb außerordentliche An- spräche an die Opferwilligkeit der Mitglieder gestellt werden mutzten. Umfaßte doch die fünf Monate lange Aussperrung in der Metall- industrie allein 17 666 Personen. Zu bedenken ist hierbei, daß die Unterstützungsmittel für solche Kämpfe nicht etwa durch freiwillige Sammlungen, sondern, ebenso wie das in Dänemark und Norwegen geschieht, durch obligatorische Extrabeiträge von 5 bis zu 56 Oere pro Woche und Mitglied der angeschlossenen Verbände aufgebracht werden. Die gewerkschaftlichen Kämpfe des vorigen Jahres umfaßten 32 368 Arbeiter und wurden gegen 794 Unternehmer geführt. Zehn Ausstände dauerten jeder über 186 Tage, ein Beweis für die Zähig. kcit, mit der die schwedische Arbeiterschaft ihre Kämpfe zu führen versteht._ Eine Ausstellung der Gewerkschaften. Der amerikanische Arbeiterbund— American Federation of Labor— will im Herbst eine Ausstellung in Minneapolis veran- stalten, welche die Entwickclung und gegenwärtige Höhe der Ge- »«erkschaftsbewegung veranschaulichen soll. Nach dem Plan des Präsidenten Gompers sollen die Produkte der Unionarbeiter in allen Zweigen der Industrie zusammengestellt und ihre Ueberlegcn- heit gegenüber der Produktion der nicht organisierten Arbeiter dar- gelegt werden. Zugleich will man das Anwachsen der Gewerkschafts- bewegung in den Vereinigten Staaten seit dem Beginne vor etwa 66 Jahren zeigen. Neben den Amerikanern werden auch andere Nationen vertreten sein. Die Ausstellung soll mit dem National- konvent des Arbcitcrbundes, der im November in Minneapolis stattfinden wird, zusammenfallen. Alle Mitglieder des Bundes werden zur Teilnahme an dem Unternehmen aufgefordert. Eingegangene vruckfckritten. Statistische Erhebungen über die Erwerbsverhältnisse der Sattler Deutschlands im Jahre 1903. Nebst Rechenschaftsbericht des Vorstandes für 1903 und Protokoll der 6. ordentlichen Generalversammlung 1906. 259 Seiten. Verlag P. Blum, Berlin 80.. Adalbertstr. 56. Vierter Jahresbericht des Arbeitersekretariats Dortmund über das GeschüstsjaHr 1905. 112 Seiten. Selbstverlag des Arbeitersekretariats. Letzte JVachncbtcn und Oepelcken- Ein Zusammenstoß zwischen einem Straßenbahnzuge und einem hochbeladenen zweispännigcn Kohlenwagen verursachte gestern abend um 8l4 Uhr eine Panik in der Lindenstraße. Der Kohlen. wagen, im Begriff, in das Grundstück Lindenstrahe 169 zu fahren, wurde von dem vorderen großen Straßenbahnwagen der Linie 64 erfaßt und zur Seite geschleudert. Dem Straßhubahnwagen wurde der Vorderperron total eingedrückt, wobei eme Feuersäule aus dem zertrümmerten Schaltkasten emporschlug und im Innern des Wagens kleinere Flammen hervorzüngelten. Die Fahrgaste, durch den Zusammenstoß und die Flammen erschreckt, verließen schleumgst die Wagen, die dann ohne Strom hilflos liegen blieben. Eine große Menschenmenge war im Umsehen versammelt, so daß der Verkehr stockte. Schließlich wurden die beiden Straßenbahnwagen, von nachfolgenden Motorwagen geschoben, langsam weiter in der Richtung nach dem Krcuzberg ins Depot gebracht. Bon der Eisenbahn überfahren. München, 6. Juli.(B. H.) Der heutige Morgenschncllzug München— Berlin hatte in der Nähe der Station Groß-Dcuben ein Fuhrwerk überfahren. Der Knecht und beide Pferde wurden ge» tötet, der Wagen zertrümmert. Die Fahrt konnte nach kurzer Unterbrechung fortgesetzt werden._ Berantw. Redakteur: Hans Weber. Lerlio. Jlljeratkuteil verantp.? git&üSttBaiia. Drlllt u. Vorlag: BülwärtSBuM.u. VerlagSWöÄt xguIZM2erLSo.,NerlmLW. HierzvLÄejlagenn.NnterhaUunaSblatt Ar. 155. 23. IltlMUg. t Kcilagt te Jutiiiärts" Kcrlim IdMlaB. ZMllwld, 7.|illil906. BC5 Hbgeovductcnbaue. � 80. Sitzung. Freitag, den 6. Juli, vonnittogs 10 Uhr. Am Ministertische: Dr. Studt. Auf der Tagesordnung steht zunächst ein Bericht der Geschäfts- vrdnungskommission betr. die Ermächtigung zur strafrechtlichen Skr- folgung der sozialdemokratischen Schriftsteller Stange und Dornheim in Erfurt und Schotte in Düsseldorf wegen Beleidigung des Ab- geordnetenhauses durch den Artikel„Tic Pfasseninsel" in der „Tribun e" und der„SZ o l k s z e i t u n g".- Tie Kommission beantragt, die Genehmigung zu erteilen. Abg. Kreitling(frs. Vp.) bekämpft diesen Beschlutz. Die Abgg. Frhr. v. Erffa(k.), Brlltt(fk.), Fervers(Z.) und Dr. Friedbcrg befürworten den Kommissionsbeschluh, während die Abgg. Brocmcl(frs. Vg.) und Dr. v. Tzicmbowski(Pole) ihn be- lämpfen. Ter kommissionsantrag wird angcnomnlcn. Es folgt die Beratung des vom Herrenhaus« abgeänderten Bolls- fchulunterhaltiingsgcsebcs. Hierzu liegt eine grotze Anzahl Anträge vor, insbesondere ein Kompromitzantrag des Abg. Dr. v. Heydebrand (k.), der bezweckt, die im Herrenhause angenommenen Anträge v. Klitzing und v. Burgsdorff zu beseitigen. Nach diesem Antrag soll für die Untervcrtcilung der Staatsmittel auf die Schulverbände vom Kreisausschusse für je fünf Jahre ein Verteilungsplan auf- gestellt werden, der der Feststellung durch die Schulbehörde bedarf. Die Lehrerberufung soll so geregelt werden, datz in Schulverbänden mit 2ö oder weniger Schulstcllen die Gemeindebehörde die Wahl aus drei von der Schulauffichtsbehörde als„befähigt" Bezeichneten vornehmen mutz, während die grösseren Gemeinden bei ihrer Wahl nur an eine bestimmte Frist gebunden sind. Die Mitwirkungsrechtc der Gutsbesitzer bei der Berufung in Gesamtschulverbänden sollen wieder beseitigt werden. Als§ 60a soll eine neue Bestimmung ein- gefügt werden, nach der weitcrgdhende Berufungsrcchte der Gc- meindcn aufrecht erhalten werden sollen. Außerdem liegt eine grössere Anzahl Anträge der Abgg. Cassel '(frs. Vp.) und Dr. Porsch(Z.) vor, die sich im wesentlichen mit den bereits bei der früheren Beratung im Abgeordnetenhause von diesen Parteien gestellten Anträgen decken. Abg. Dr. Porsch(Z.) will auch noch die zwangsweise Einführung von Schulkommissionen zulassen. Schliesslich will Abg. Dr. v. Heydebrand(k.) durch einen allein von ihm unterschriebenen Antrag die Patronatsrechte der Gutsbesitzer in Gcsamtverbänden an anderer Stelle wieder einführen. Iii der allgemeinen Besprechung beantragt Abg. Dr. v. Dziembowsli(Pole) SZerwcisung der Vorlage an eine Kommission zur Prüfung der Frage, ob die jetzige Beratung verfassungsmässig zulässig sei. Da der Antrag Schiffer noch nicht Gesetz sei, halte er die Beratung zurzeit für verfassungsmässig nicht zulässig. Kultusminister Dr. Studt: Der Antrag Schiffer ist von beiden Häusern angenommen, und die allerhöchste Sanktion wird in den nächsten Tagen erfolgen. Ein Hindernis, die Vorlage jetzt zu be- raten, wo die Veröffentlichung kurz bevorsteht, liegt nicht vor. Der Antrag des Zlbg. v. Dziembowsli wird gegen die Stimmen der Freisinnigen und Polen abgelehnt. Abg. Sdimidt-Warburg(Z.) beantvagt, den Gesetzentwurf wegen der Fassung d-'s§ 36(Sinmltanschulen) gemäss Artikel 107 der Ber- fassungsurkunde einer nochmaligen Abstimmung nach 21 Tagen zu unterziehen I Slbg. Dr. Friedbcrg Xnatl.) bittet, diesen Antrag abzulehnen. Es sei zu berücksichtigen, daß die Lex Schiffer keine Verfassungs- änderung darstelle, sondern mir eine authentische Interpretation. Des halb sei eine Abstimmung, wie sie der Antrag Schmidt-Warburg vor sehe, nicht erforderlich. Abg. Dr. Hahn(Bd. d. Lantto.): Die Grossgrundbesitzer haben durch diese Vorlage in selbstloser Weise neue Lasten auf sich ge- nommen. Aber auf der anderen Seite werden auch die Bürger und Bauern des Westens sehr darunter leiden. Hier wäre es nötig, zu- nächst einmal den Grundsatz der wirtschaftlichen Gleichberechtigung zu proklamieren.— Wenn ich auch im Interesse des Ostens nicht gegen das Gesetz stimmen kann, so kann ich doch auch im Interesse der Bürger und Bauern des Westens die Verantwortung für das Gesetz nicht übernehmen. Ich werde mich daher ausnahmsweise der Ab- stimmung enthalten. Abg. Cassel(frs. Vp.): Wenn man das Sondcrintcresse so von dem allgemeinen Interesse überwiegen läßt, wie es der Abg. Dr. Hahn tut, dann kann man natürlich auch nicht zu einer bestimmten Stellung kommen. Damit schließt die Generaldebatte. lieber den Antrag Schmidt-Warburg wird bei§ 36 abge- stimmt werden. ß 1 wird angenommen. l In 8 2 wird einem Antrage der Abgg. v. Heydebrand(k.), Dr. Friedberg(natl.) und Frhr. v. Zedlitz(fk.) entsprechend bestimmt, das; Stadtgemcinden mit mehr als 25 Schulstcllen mit anderen Ge- meinden oder Gutsbezirken nur unter Zustimmung aller Beteiligten zu einem Gesamtschulverbande vereinigt werden können. Im§ 7 hat das Herrenhaus die Bestimmung gestrichen, nach der die Verpflichtung der auf Grund des Kommunalabgabengesetzes von der Gemcindceinkommcnstcuer befreiten Personen, zu den Volks. schullasten beizutragen, durch besonderes Gesetz geregelt werden soll. Auf Antrag der Abgg. v. Heydebrand(k.), Dr. Friedberg(natl.) und Frhr. v. Zedlitz(fk.) wird die Fassung des Abgeordnetenhauses wieder hergestellt. In§ 23 hat das Herrenhaus die Genehmigung des vom Kreis- ausschusse aufgestellten Lastenvcrteilungsplanes durch die Schul- aufjichtsbehörde gestrichen. Auf Antrag der Kompromissparteien wird auch diese Stestimmung wieder hergestellt. Die folgenden Paragraphen werden debattelos erledigt. Zu F 36 begründet Abg. Schmidt-Warburg(Z.) seinen Antrag auf Wiederholung der Abstimmung nach 21 Tagen, da eine Verfassungsänderung vor- liege.(Beifall im Zentrum.) Kultusminister Dr. Studt bestreitet, das; eine Vcrfassungsände- rung vorliege, und bittet das Haus, dem Antrage keine Folge zu geben. Abg. Dr. Friedbcrg(natl.) wendet sich ebenfalls gegen den An- trag Schmidt-Warburg. Abg. Dr. Porsch empfiehlt den Zcntrumsantrag und bekämpft den freisinnigen Antrag zu§ 36, wonach die vom Herrcnhause ein- gefügte Skstiminung gestrichen werden soll, datz die Zusammensetzung des Lehrkörpers sich nach der Konfession der Schüler richten soll. Meine Freunde werden— wie unsere Gesinnungsgenossen im Herrcnhause— trotz unserer Bedenken für das Gesetz stimmen. Würde aber der erwähnte StrcichungSantrag angenommen, so würden wir uns zu unserem Bedauern genötigt sehen, gegen das Gesell zu stimmen.(SZeifall im Zentrum.) Abg. Frhr. v. Zedlitz ist keineswegs entzückt von dem Zusätze des Herrenhauses, hält ihn aber nicht für wichtig genug, um auf die Erfahr cincS Konfliktes mit dem Herrenhause und deS Scheiterns der Vorlage an ihm festzuhalten.(Beifall rechts.) Ein Schlussantrag wird hierauf angenommen. § 36 wird unter Ablehnung aller Abändcrungsanträge in der Herrcnhaussassung angenommen. Heber den Antrag Schmidt-Warburg auf Wieder- holung der Abstimmung soll am Schluß der ganzen Beratung abgestimmt werden. Die folgenden Paragraphen werden debatteloS erledigt. Zu§-tö wird ein Autrag Porsch(Z.) auf Wiederherstellung der vom Herrcnhause(Antrag Herzog Trachenberg) gestrichenen Lestimmung, daß besondere konfessionelle Schulkommissionen(Schul- Herstcmdc)) in Ha MillkiMo auf Sinoiimns du KchufguMts- behörde eingeführt werden können, gegen die Stimmen des Zentrums abgelehnt. Es bleibt also bei der Herrenhausfassung. Zu 8 �7, der die Zusammensetzung des Schulvorstandcs regelt, wird folgender vom Abg. Dr. v. Heydebrand�(f.) gestellter Antrag der Kompromissparteien angenommen:„Umfaßt der Schulverband nur Schulen, die mit Lehrkräften einer und derselben Konfession besetzt sind, so gehört weder der Pfarrer der anderen Konfession noch der Rabbiner dem Schulvorstande an." Es folgt die Beratung über die§8 �— 60, welche die Rektoren- und Lehrerberufung regeln. Hierzu liegen die bereits mitgeteilten Anträge der Kom promissparteien vor. Abg. Frhr. v. Zedlitz(fk.) bittet um Annahme deS Kompromiß antrages. Der Antrag komme dem Herrenhause so weit entgegen, wie irgend möglich. Das Abgeordnetenhaus bringe damit zweifellos ein grosses Opfer, das hoffentlich im anderen Hause genügend ge- würdigt werde.(Beifall rechts.) Abg. Wincklcr(k.) spricht im Sinne des Vorredners. Abg. Herold(Z.): Die Beschlüsse des Herrenhauses stellen eine wesentliche Einschränkung der Rechte der kleineren Gemeinden dar, die nicht berechtigt ist. Wir bitten, die früheren Beschlüsse des Abgordnetenhauscs wieder herzustellen. Abg. Dr. v. Heydebrand(k.) begründet seinen Antrag auf Aufrcchterbaltung der Patronatsrechte der Gutsbesitzer. Abg. Frhr. v. Zedlitz(fk.): Ich kann nur mein lebhaftes Be- dauern über diesen Antrag des Vorredners aussprechen. Gerade im Interesse der konservativen Sache, der gedeihlichen EntWickelung der Selbstverwaltung und nicht zum wenigsten des Grotzgrund- bcsihes selbst bitte ich dringend, diesen Antrag abzulehnen.(Beifall links und bei den Freikonservativen. Abgeordnete der freisinnigen Volkspartci beglückwünschen den Redner zu diesen Ausführungen.) Slbg. Cassel(frs. Vp.): Das gegenseitige Entgegenkommen des Abgeordnetenhauses auf der einen und des Herrenhauses auf der anderen Seite führt leider dahin, daß die Siechte der Selbstverwaltung immer mehr beschränkt werden. Der neue Kompromitzantrag zeigt schon wieder das Be- streben einer Annäherung an die Regierungsvorlage. Das kann nicht zum Wohle der Schule ausfallen. Wir verlangen für alle Gemeinden gleiches Recht. Abg. Dr. Friedbcrg(natl.): Wir sind darauf angewiesen, Kom- promisse zu schließen. Da sollte das Herrenhaus ausgleichend wirken. Das hat das Herrenhaus aber nicht getan. Wenn es seine Aufgabe darin erblickt, Kompromisse zu erschweren, so erfüllt es seine Aufgabe sehr schlecht.(Sehr wahr! rechts und bei den Nationalliberalen.) Auf die Grundlage des Antrages Graf Eulen bürg sich zu stellen, war meinen Freunden ganz unmöglich. Wir sind dem Kompromitzantrage weit entgegengekommen. Mit diesem Antrage sind auch alle nationalpolitischen Bedenken beschwichtigt. Herr Cassel klagte über die Beschränkung der Selbstverwaltung der Gemeinden. Er hätte hinzufügen können, datz niemand die Rechte der kleinen Gemeinden so sehr aufzuopfern bereit gewesen ist wie die liberalen Oberbürgermeister des Herrenhauses.(Beifall bei den Nationalliberalen.) Abg. Graf Praschma(Z.) erklärt, datz seine Freunde gegen den Antrag des Abg. Dr. v. Heydebrand stimmen würden. Die Be- gründung, die Frhr. v. Zedlitz für die Ablehnung gegeben habe, könnten seine-Freunde aber nicht annehmen. Ein Antrag auf Schluß der Besprechung wird angenommen. Die Kompromitzanträge werden angenommen, die übrigen An- träge werden abgelehnt. Zu den Schluß- und Uebergangsvorschriften begründet Abg. Dr. v. Heydebrand(k.i eine von ihm in Gemeinschaft mit dem Abg. Frhr. v. Zedlitz(fk.) beantragte Resolution, in der die Regierung aufgefordert wird, die Staatszuschüsse für alleinstehende und erste Lehrer in Schulverbänden mit nicht mehr als 7 Schulstellen von 500 auf 800 M. zu erhöhen. Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben erklärt, daß die Erfüllung dieses Wunsches eine jährliche Mehrausgabe von 9,6 Millionen Mark erfordern würde. Die Vorlage selbst lege dem Staate bereits die SZcrpflichtung einer dauernden Ausgabe von 20— 21 Millionen Mark auf. Redner bittet um Ablehnung des Antrages. Abg. Frhr. v. Zedlitz(fk.) tritt für die Resolution ein. Abg. v. Heydebrand(k.) ändert seine Resolution dahin, daß statt 800 M. 700 M. gesetzt werden! Nachdem Abg. Cassel(frs. Vp.) sich für diese Fassung aus- gesprochen hat, wird die abgeänderte Resolution angenommen. Abg. Dr. v. Heydebrand(k.) erklärt, daß seine Freunde ein- stimmig die Vorlage annehmen. Das Gesetz bringe schwere Lasten mit sich, aber im allgemeinen Staatsinteresse müßten diese getragen werden. Das Gesetz sei eine Notwendigkeit, um ein jahrhundert- altes Unrecht zu beseitigen.(Beifall rechts.) Abg. Dr. Hahn(Bd. d. L.) verteidigt sich gegen den Vorwurf, daß er mit der Stimmenthaltung keine praktische Politik treibe. Der Rest des Gesetzes wird angenommen. Der Antrag Schmidt- Warburg auf nochmalige Abstimmung nach 21 Tagen wird gegen die Stimmen des Zentrums, der beiden freisinnigen Parteien und der Polen abgelehnt. Die Schulunterhaltungsvorlage wird in der Gesamtabstimmung gegen die Stimmen der beiden freisinnigen Parteien und der Polen angenommen. Nach Erledigung einiger Petitionen ist die Tagesordnung erschöpft. Nächste Sitzung: Sonnabend 3 Uhr(Wahlprüfung, Petitionen, etwa vom Herrcnhause zurückkommender Gesetzentwürfe). Schluß: 0% Uhr.____ Parteivörstand«iib Masseustreit. Ein seltsames Mißverständnis. Wir lesen in der Straß- burger„Freien Presse": Zur Frage des politischen Massenstreiks und den bekannten Vorgängen zwischen Gencralkommission und Parteivorstand nimmt der heutige„Vorwärts" in einem Leitartikel Stellung. Wenn der Parteivörstand tatsächlich erklärt habe, datz er nicht die Absicht habe, den politischen Massenstreik zu propagieren, so handelte er gegen den Beschluss deS Jenaer Parteitages und hat seine Befugnisse überschritten. Er hat nicht da-Z Recht, in Rücksicht auf das gute Ein- vernehmen mit der G e n e r a l k o ni ni i s s i o n den Beschluß zu ignorieren. Auch die Gewerkschaften dürften bei der Durchführung des Massenstreiks nicht Neutralität üben, sondern müßten die moralische Verantwortung mit übernehmen. Unser Straßburger Parteiorgan liest also aus unserem Artikel gerade das Gegenteil von dem heraus, was wir in Wirklichkeit gesagt hatten. Allerdings war durch ein Versehen des Setzers ein- mal das Wörtchen„nicht" weggeblieben. Wir berichtigten diesen Druckfehler nicht, weil wir glaubten, dass trotzdem der Sinn unserer Ausführungen ganz unzweifelhaft sein müsse. Die Stelle unseres Artikels, auf die sich die„Freie Presse" bezieht, lautet unter Hinzufügung deS durch Sperrdruck hervorgehobenen„nicht" folgender- maßen: „Wenn also der Parteivorstand in seiner Besprechung mit der Generallommission erklärte, dass er nicht die Absicht hege, gegen- wärtig. d. h. im Augenblick der Wahlrechtsagitation, den politischen Massenstreik zu propagieren, so verstiess er damit nicht nur nicht gegen Sinn und Wortlaut der Resolution, sondern er hielt sich durchaus ihm Nahmen seiner Pflichten und Befugnisse. Ja noch mehr: Hätte der Parteivorstand in diesem Augenblick, wo doch von einer Willenskundgebung der Gesamtpartei zugunsten der Proklamierung des Massenstreiks gar keine Rede lvar, ohne Be- fragung der Genossen eine Propaganda für den sofortigen Massen- streik entfalten wollen, so hätte er damit seine Befugnisse ohne Zweifel überschritten." Die„Rheinische Ztg." schreibt: „So wenig Bedeutung wir der Auseinandersetzung Partei- vorstand— Generalkommission beimessen, so wichtig erscheint uns aber, Klarheit darüber zu erlangen, was denn eigentlich die freien Gewerkschaften im Falle eines politischen Massen- st r e i k s tun sollen. Und da meinen wir, daß die ihnen zu- geschobene passive Rolle die faule Frucht eines faulen Kompromisses ist. lieber diese Punkte des Protokolls, die uns zu Unrecht so sehr verheimlicht worden zu sein scheinen(wenigstens den Parteileitungen aller Kreise und den Parteiredaltionen hätte man sie zur Kenntnisnahme zustellen sollen) und auch uns erst am Mittwoch bekannt geworden sind, wird noch zu reden sein." Die„ L e i p z. B o l k s z t g." faßt ihr Urteil nochmals dahin zusammen: „Tatsächlich war der Parteivorstand in vollkommenem Einverständnis mit den Massen der Partei, wenn er die preussisch-sächsische Wahlrechtsbewegung nicht für den ge- eigneten Ausgangspunkt eines Massenstreiks hielt. Wenn man daS„Bremsen" nennen will, so haben damals noch viele andere Leute als der Parteivorstand„gebremst". Aber von„Bremsen" kann überhaupt keine Rede sein, da sich gar keine Massenkundgebung zugunsten eines Massen- streiks bemerkbar gemacht hat, also seine erste Voraus- setzung fehlte. Deshalb ist aber nicht zu tadeln, sondern im Gegen- teil zu loben, dass der Parteivorstand für den immer doch möglichen Fall einer solchen Massenkundgebung einem etwaigen Massenstreik einen möglichst günstigen Verlauf zu sichern wünschte und zu diesem Zwecke mit der Generalkommission eine zunächst unverbindliche Ver- Handlung anknüpfte. In gebührender Berücksichtigung des Kölner Gewerkschaftsbeschlusses beanspruchte er eine wohlwollende Neu- tralität der Gewerkschaften für den Fall eines politischen Massen- streiks, woraus ihm nur dann ein Vorwurf zu machen wäre, wenn er diese für die gegenwärtige Lage berechneten Vorschläge als dauernde Grundlage einer gewerkschaftlich- politischen Kooperation bei Massen st reiks be- trachtet hätte." Weiter führt die„L. V." aus, dass es notwendig sei, die über das Protokoll der Gewerkschaftskonferenz verhängte Sekretion aufzuheben, um Klarheit über die Stellung der Gewerkschaften zur Frage des Massenstreiks zu erhalten. Die„Sächsische Arbeiterzeitung" macht folgende Bemerkung: Noch ein anderer organisatorischer Mangel sei bei der Gelegen- heit erwähnt. Als die Veröffentlichung in der„Einigkeit" er- folgte, teilte der„Vorwärts" mit, dass er über die be- treffenden Beratungen nicht unterrichtet sei. Er vermochte daher zu der in der Besprechung zwischen Vorstand und Generallommission behandelten Frage erst in seiner gestrigen Nummer seine Ansicht zu äußern. Danach muß angenommen werden, daß die Redaktion des„Vorwärts" überhaupt nicht zu jenen Februar- Besprechungen zugezogen und datz sie über ihren Verlauf auch nicht(unterrichtet' worden ist. Da zeigt sich von neuem in aller Eindringlichkeit, wie unhaltbar die Meinung ist, dass die Redaktion des„Vorwärts" einen Anspruch auf Anwesenheit bei den Partei- politisch erheblichen Beratungen des Vorstandes nicht haben soll. Da die Redaktion im Februar nicht sofortige und vollkommene Kenntnis davon erhielt, daß der Parteivorstand gegenwärtig die Propagierung deö Massenstreiks aus Anlaß der preußischen Wahl- rechtsbewegung ablehnte, so konnte es nicht ausbleiben, daß sie einen Kurs nahm, den sie nicht hätte nehmen können, wenn sie genügend unterrichtet gewesen wäre und in Ueber- einstimmnng mir dem Vorstande hätte vorgehen wollen. Die Artikel des„Vorwärts" im Monat März und April zur preußischen Wahlrechtsbewcgung ließen alles andere vermuten, als dass schon im Februar der Parteivorstand sich in der Meinung be- festigt hatte, der Gedanke des politischen Streiks müsse gegenwärtig völlig beiseite geschoben werden I Es zeigt sich also auch hier die dringende Notwendigkeit, für besseres Fühlunghalten der ver- schiedenen Parteikörperschaften Sorge zu tragen. Dadurch kann vermieden werden, daß die Berliner Politik nach außen hin den Anschein eines unsicheren Kurses erweckt I Wenn die„Sächsische Arbeiter-Zeitung" die Not- wendigkeit eines Zusammenarbeitens von Parteivorstand und Vorwärts"-Redaktion daraus herzuleiten sucht, daß die Artikel des Vorwärts" im März und April d. I. alleS andere hätten vermuten lassen, als daß der politische Massenstreik zur Verschärfung der Wahl- rechtskampagne im Augenblick nicht hätte in Frage kommen können, o bedient sie sich für einen an sich richtigen Gedanken einer durch- aus irrigen Begründung. In keinem Artikel des„Vor- wärtS" ist direkt oder indirekt auf eine„gegenwärtige" Prokla- mierung des Massenstreiks angespielt worden. Dazu deckte sich die Auffassung der Redaktion zu sehr mit der Auffassung deS Partei- Vorstandes. Von der Notwendigkeit einer möglichst engen Fühlung zwischen Parteivorstand und„VorwärtS"-Nedaktion sind diese beiden Körper- chaften natürlich genau so überzeugt, wie die Redaktion der .Sächsischen Arbeiterzeitung". Der Parteivorstand hält es für seine elbstverständliche Pflicht, von geplanten politischen Aktionen die Redaktion jedesmal rechtzeitig in Kenntnis zu setzen. Er hat uns zudem ausdrücklich versichert, daß er die Redaktion auch von seiner Verhandlung mit der Generalkommission in Kennwis gesetzt hätte, wenn es sich nicht seiner Auffassung nach um eine unverbindliche Besprechung gehandelt hätte, die eine bevorstehende parteipolitische Aktion einzuleiten keineswegs beabsichtigte. Dunkel ist der Rede Sinn. Im„Zimmerer" lesen wir: „Die Hoffnung, dass„die 31 Anarcho-Sozialisten, die dieses Dokument ihres Verrates verantwortlich zeichnen", sich„ihren Platz außerhalb unserer Arbeiterbewegung für alle Zeiten ge- sichert" haben, teilen wir freilich nicht. Es befinden sich Leute darunter, die noch ganz andere Vergehen gegen die moderne Arbeiterbewegung auf dem Kerbholz haben als diesen Verrat, und sie sind noch immer„tüchtige Genossen" geblieben. UebrigenS scheint so ziemlich allgemein die Auffassung zu herrschen, dass diese 31 Anarchos nur eine A r t K u l i s s e bilden, wohinter sich die eigentlichen Macher verstecken. DaS ist zwar keine Entlastung der„verantwortlichen" Einund- dreißig, aber ihre Hintermänner werden schon aus der Hut sein, damit jenen kein Leid geschieht. In der ganzen Angelegenheit handelt es sich um einen boshaften Angriff auf den Genossen Bebel. Nur steht nicht fest, ob der Zweck desAngriffs dahin ging, Bebel nach einer bestimmten Richtung hin zu bugsieren oder sein Ansehen in der Oefsentlichkeit zu untergraben. Wir tverden die Angelegenheit in den Augen behalten und eventuell später darauf zurückkommen." Wir vermögen den Sinn und Zweck dieser mysteriösen An» piclungen nicht zu begreifen. Wer soll denn als„eigentliche Macher" hinter den.31 Anarchos" stehen? Offenbar doch in der Partei einflußreiche Kreise, denn sonst könnten sie jenen doch keinen Schutz zewähren. Wir glauben wirklich, daß man lieber auf solch dunkle Anspielungen verzichten sollte, wenn man doch nicht in der Lage ist, iroenb etwas Greifbares vorzubringen. Dritter Derbandstag der Mpejierer. Dritter Wer Handlungstag. ( Nachmittags-Sitzung. � Im Anschluß an die Beratung des Statuts wird die B e � ratung des Streikteglements vorgenommen. Auch hierzu liegt eine Anzahl von Anträgen vor. Die Zz l, 2, 3 und 4 werden in der alten Fassung angenommen.§ 5, der besagt:„Aus- sperrungen. Werkstattdifferenzcn und Abwehrstrciks, bei denen es sich um die Verteidigung bestehender Lohn- und Arbeitsverhältnisse handelt, sind sofort dem Vorstand zur Kenntnis zu bringen," erhält den Zusatz:„Dem Hauptvorstand steht das Recht zu, ohne sein Ein- Verständnis verhängte Sperren aufzuheben."§ 6 bleibt unver- ändert.§ 7 erhält folgende neue Fassung:„Bei anerkannten Streiks, die länger als drei Tage dauern, wird vom ersten Tage an von der Hauptkasse Unterstützung gezahlt." Die Streikunterstützung wird wie folgt festgesetzt: für Ledige bei 26 Wochen Bcitrags- leistung S Mark, sür Verheiratete 12 Mark;»ach 26 bis 52 Wochen BeitragSleistung für Ledige 10,50 Mark, für Verheiratete 13,50 Mark; nach über 52 Wochen Beitragsleistung 12 bczw. 15 Mark. Weibliche Streikende erhalten dieselben Unterstützungssätze. Weiter wird noch auf Antrag Hannover beschlossen:„Reist ein verheirateter Kollege während eines Streiks ab, so ist seiner Familie während der Dauer des Streiks die Hälfte der Streikunterstützung zu gewähren. Damit ist auch das Streikreglement erledigt. Alle übrigen Anträge, ebenso Punkt 5 der Tagesordnung: Die Lchrlingsfrage, werden einstweilen zurückgestellt. Zur Statutenänderung werden von der Redaktions- kommission noch folgende Anträge gestellt und vom Verbandstag .dcbflttelos angenommen: Den Orten, welche 2 Mark Rciseunterstützung zahlen, sind hinzuzurechnen: Bremen, Kassel, Danzig, Görlitz, Königsberg, Magdeburg, Osnabrück, Posen, Stettin und Straßburg i. E § 19 Absatz 4; Nehmen diese Kollegen dagegen eine Arbeit vn einem anderen Orte an, so kann der Hauptvorstand oder die von demselben beauftragte Filiale ihnen das Reisegeld gewähren, das auf die Unterstützung angerechnet wird. Z 13 Absatz 2: Mitgliedern, die ins Ausland gehen und dort nachweisbar einer Gcwerkschaftsorganisation angehört haben, wird wenn die Rückreise innerhalb zweier Jahre erfolgt und sie sich innerhalb vier Wochen nach dieser Zeit wieder anmelden, dt Summe der dort geleisteten Beiträge angerechnet. Es wird sodann in die Beratung der brennendsten Frage: der Wahl der Verbandsleitung, eingetreten. Von den Ber lincrn ist dazu der Antrag gestellt, den Sitz des Hauptvorstandcs von Hamburg nach Berlin zu verlegen. Von Wels- Berlin wird der Antrag in eingehender Weise begründet. Berlin habe sich nicht nur zur politischen und gewerkschaftlichen Zentrale entwickelt, cS sei auch der Sitz der Unternehmcrvcrbände. Die maßgebendsten Verbände sind heute in Berlin. Dazu komme, daß heute schon die Berliner Filiale des Tapczierervcrbandes die stärkste ist. Es könnten von Berlin ernS die wirtschaftlichen Kämpfe viel leichter und besser verfolgt werden, und mancher Streik werde eine andere Wendung nehmen, wenn die Leitung von Berlin aus erfolgt. L i p p o l d- Dresden spricht sich für den Berliner Antrag aus. S p l ie d t- Hamburg ist gegen den Antrag. Es sei nicht richtig, daß Berlin die geistige Zentrale sei, nicht einmal die gewerkschaftliche sei es. Eine Anzahl Verbände hat ihre Sitze noch in Hamburg und Süddeutschland. ES ist auch ein Irrtum, wenn man glaubt, daß durch eine Verlegung des Sitzes des Hauptvorstandes noch Berlin die Agitation gefördert wird. Dazu hat der Hauptvorstand gar keine Zeit. Die Agitation muß von den Filialen betrieben werden. Ich sehe deshalb nicht die Notwendigkeit der Verlegung des Sitzes des Hauptvorstandes nach Berlin ein. Wels- Berlin sucht diese Gründe Spliedts zu widerlegen. Berlin habe bisher stets den provinziellen Interessen Rechnung getragen. Sander-Berlin sagt: Ter An- trag wird schon seit 1897 gestellt. Ursprünglich befand sich die Verbandslcitung in Berlin. Die Berliner haben einen„freieren Blick". Der Lokalpatriotismus dürfe mehr in Hamburg als in Berlin zu treffen sein. S te i ge r wa l d- Frankfurt erklärt sich für die Verlegung des Zentralvorstandes nach Berlin. R ö ß l e r- Leipzig hebt die freiere VcreinSgesetzgebung hervor, die Hamburg früher hatte. Diese Vorzüge hat eS jetzt verloren, weil das Jnver- bindungsverbot aufgehoben ist. Ohne daß er behaupten wolle, Ham- bürg sei ein unglücklicher Ort für die Verwaltung, konzentriere sich doch das wirtschaftliche und politische Leben in der Hauptstadt, so daß sich die Bedingungen, die für die Verlegung nach Berlin sprechen, gebessert haben. Im glcickten Sinne' äußert sich He ck m a n n- Stuttgart. Grünwald- Hamburg bezweifelt, daß der Vorstand in Zukunft die Unabhängigkeit wahren könne, wenn er nach Berlin verlegt wird. Bis jetzt habe er sich frei von allen Spießbürgereien gefühlt. Wäre z. B. die Hauptleitung des Metallarbeitervcrbandes jetzt in Berlin, so würde sich der Streit, der sich jetzt dort abspielt, auf die ganze Mitglieds clxist übertragen. Die Leitungen großer Verbände befinden sich überhaupt nicht in Berlin. Zudem sei cS Ucbertrcibung, wenn gesagt würde, in Berlin ziehen sich die ganzen Fäden des wirtschaftlichen Lebens zusammen. Das sei eine An- maßung der dortigen Arbeitgeberverbände. Den Haupteinfluß üben die örtlichen Verbände aus. P i e t s ch- Breslau beantragt Schluß der Debatte und namentliche Abstnnmung. Dies wird angenommen. Mit 27 gegen 13 Stimmen wird die Verlegung des Haupt- Vorstandes von Hamburg nach Berlin beschlossen" Der A u s s ch u ß, der bisher seinen Sitz in Berlin hatte, wird durch Mehrheitsbeschluß nach Hamburg verlegt. Ohne wesentliche Debatte wird die Gehaltsfrage der Beamten erledigt. Ein Antrag Sp l i e d t- Hamburg, die Gauleiter in ihren Bezügen den Beamten des Vorstandes gleichzustellen, findet nicht die genügende Unterstützung. Beschlossen wird dagegen, das Anfangs- gehalt der Gauleiter auf monatlich 150 Mark, steigend bis zu 170 Mark festzusetzen. Im Anschluß hieran werden auch die Spesen der Gauleiter festgesetzt. Sie dürfen, wenn sie sich auf der Agitation befinden, ohne Uebernachten 3 und mit Uebernachten 6 Mark täglich berechnen. Betreffend die Gehaltsverhältnisse der Lokalbeamten, die nicht von der Hauptkasse unterhalten werden, wird folgende Reso- lution angenonimen:„Da der Verbandstag nach Lage der Sache nicht imstande ist, den einzelnen Filialen die Lohnhöhe der von den Filialen festangestellten Beamten vorzuschreiben, so sieht sich der Vcr- bandstag veranlaßt, den Filialen dringend zu empfehlen, ihre fest- angestellten Beamten nicht unter 1800 M. zu besolden, ferner eine stafselweisc Erhöhung der Entlohnung bis auf mindestens 2000 M.vorzu- nehmen." Die Gaubeamten werden verpflichtet, sich der Unter» stützungsvereinigung des Vereins Arbeiterpresse anzuschließen. Der Verband hat die Hälfte der Beiträge zu zahlen. Hierauf schreitet der Verbandstag zur Wahl des Vor- stände?. Vorgeschlagen werden als erster Vorsitzender Vesper- Osnabrück und Wels- Berlin. Gewählt wird Vesper mit 23 Stimmen. Auf Wels entfielen 11 Stimmen. Zum Redak- t e u r wird Becker- Hamburg und zum Kassierer S p l i e d t- Hamburg gewählt. Der nächste Punkt der Tagesordnung: Berichterstattung vom Gclverkschaftskongreß, wird durch die Annahme folgender Resolution erledigt: Die Generalversammlung nimmt von Berichten über den Ge- Werkschaftskongreß in Köln, sowie vom internationalen Arbeiter- kongi.eß Abstand. Sie erklärt sich mit der durch das Fachblatt er- folgten Berichterstattung und kritischen Besprechung, der diese Kon- grcsse beschäftigenden Fragen völlig einverstanden und erwartet auch ,n Zukunft dieselbe scharfe rücksichtslose Stellungnahme in allen die Einheit der Gesamtarbciterbewegung betreffenden Kragen. Zur Lehrlingsfrage bringt der Vcrbandstag seinen Standpunkt durch die Annahme folgender Resolution zum Ausdruck: In Anbetracht der Tatsache, daß die Mißstände im Lehrlings- Wesen in keiner Weise bester geworden sind, erneuert der Verbands- tag die auf dem Magdeburger Vcrbandstag gefaßte Resolution. Er macht es allen Kollegen und Filialen zur Pflicht, mehr wi» bis- her danach zu handeln. f Zur Beratung lafhen barm Noch allgemeine Anträge. Beschlossen wird, daß der nächste Gewerkschaftskongreß durch einen Vertreter des Vorstandes und einen von Hamburg gewählten Dele- gierten beschickt wird. Lebhast debattiert wird darüber, wie ber letzte Gewerkschafts- kongreß die Fragen der Maifeier und des M a s s e n st r e i k s be- handelt hat. Leipzig hat hierzu beantragt, daß auf dem Gewerk- schaftskongreß die Beamten der Zentralverwaltungcn nur mit beratender Stimme an den Verhandlungen teilnehmen können. Die Delegierten selbst sind aus der Mitte der Gewerkschaftsmitglieder zu wählen. Der Antrag wurde abgelehnt, weil man allgemein der An- ficht war, daß die freimütige Kritik, die die einzelnen Berbandstage an der Tätigkeit ihrer Delegierten bisher geübt haben, auch die Ver- bandsbcamten gelehrt haben werde, ihre Tätigkeit mehr dem Willen ihrer Mandatgcber anzupassen. Zur Maifeier wird beschlossen:„Mitgliedern, die wegen Feierns des 1. Mai ausgesperrt werden, ist die Streikunterstützung zu zahlen." Von allgemeinem Interesse ist noch folgender Beschluß: Die Hauptverwaltung wird beauftragt, jedem befähigten Mit glicd, welches sich zur Teilnahme an einem der von der General kowinission eingerichteten Unterrichtskurse meldet, zu den dabei entstehenden Unkosten einen Zuschuß bis zu 200 Mark zu gewähren Alle anderen Anträge werden durch Uebergang zur Tages Ordnung erledigt oder dem Vorstande zur Berücksichtigung über wiesen. Der letzte Punkt der Tagesordnung betrifft die Festsetzung des Ortes, wo der nächste Verbandstag stattfinden soll. Um die Tagung bewerben sich Berlin, Halle, Kassel, Chemnitz, Hannover und Hamburg. Die Mehrheit erklärt sich für Berlin. Damit ist der Verbandstag am Schluß seiner Verhandlungen angelangt. P öni ke» Berlin wünscht, daß der seitherige Vor sitzende Grünwald, der nicht mit nach Berlin übersiedelt, seine Kräfte auch in Zukunft dem Verbände zur Verfügung stellen möge. Der Vorsitzende Grünwald wirft einen kurzen Rückblick auf die Ver Handlungen, dabei die günstige Entwickelung des Verbandes hervor- hebend. Mit einem dreifachen Hoch auf die Arbeiterbewegung, in welches die Delegierten begeistert einstimmten, schloß der Vorsitzende gegen 9 Uhr den Vcrbandstag. Zum gestrigen Bericht über die P r e ß d e b a t t e ist berichti gcnd nachzutragen, daß S p l i e d t- Hamburg sich nicht für den Osnabrücker Antrag ausgesprochen hat; dagegen ist Becker- Ham bürg im Schlußwort für den OSnabrücker(nicht für den Berliner) Antrag eingetreten.— Die Delegierten P i e t s ch- Breslau und Wels- Berlin erklären, nicht für, sondern gegen die Anstellung eines Gauleiters für Ostpreußen gesprochen zu haben. Soziales. Vorn Schlachtfelde des RuhrrevierS. 574 Tote und 41 000 Verletzte sind die Opfer, die laut amt< lichem Bericht im Jahre 1905 das Schlachtfeld des Ruhr- bergbaueS gefordert hat. ES handelt sich um den Vorstands- bericht der Sektion II der Knappschaftsberufsgenossenschaft, der dies- mal aus mehrfachen Gründen größere Aufmerksamkeit verdient, als mancher der Vorjahre. Es kommt nämlich in Betracht, daß im Berichts- jähre der große Bergarbeiter st reik der Ruhrberg- leute fiel, daß ferner die Durchschnittsziffer der Gesamtbelegschaft sich um 9000 niedriger stellte wie im Jahre 1904, welche beiden Gründe die Ursache waren, daß die Gesamtzahl der ge- leisteten Arbeitstage sich gegen 1904 um über zwei Millionen verminderte. Das Jahr 1904 ver- zeichnete im Durchschnitt eine BelegschaftSziffer von 205 910 mit 78 234 013 geleisteten Arbeitstagen, das Jahr 1905 dagegen verzeichnete eine BelegschaftSziffer von nur 250 805, hinzu kam der mehrwöchent- liche Streik, wodurch die Zahl der geleisteten Arbeitstage auf 70 153 779 sank. Uns interessiert min, wie sich die Unfallziffer zu der absteigenden Bewegung der BelegschaftSziffer und geleisteten Arbeitstage verhält. Man hätte mit Fiig und Recht annehmen können, daß nach alledem auch die Unfallziffer eine sinkende Tendenz aufweisen müsse. Aber es ist n i ch t so, der Sektionsvorstandsbericht belehrt uns eines anderen. Er weist nach, daß es im Ruhrrevier doch wenigstens etwas Beständiges gibt, nämlich die fortgesetzt steigende Tendenz Zer Unfallziffer. Trotzdem BelegschaftSziffer und geleistete Arbeitstage sanken, stieg die Unfallziffer von 40 355 im Jahre 1904 auf 41 090 im Berichtsjahre. Und auch die Zahl der tödlich Verunglückten bewegte sich in steigender Richtung, im Jahre 1904 betrug sie 557, um im Berichtsjahre auf 574 zu steigen. Dieser amtliche Bericht redet lediglich durch seine Zahlen eine geradezu aufreizende Sprache. Man vcrgcffe nicht, daß im Berichtsjahre Grubenverwaltungen und amt- liche Behörden in seltener Einmütigkeit die Beschwerden der Bergleute als unbegründet zurückwiesen und weiter erklärt wurde, daß nennenswerte Mißstände überhaupt nicht vorhanden seien. Und nun kommt die amtliche Statistik des SektionSvorstandes und straft alle amtlichen und nichtamtlichen Kundgebungen, die im Jahre 1905 aus Anlaß des Streiks gegen die Bergleute ergingen, L ü g e n I... Von den 41 090 Unfällen wurden nur 4081 als ent chädigungspflichtig bezeichnet. ES erhellt nicht, wie viele von den Verunglückten in der Tat vor Ablauf der 13. Woche geheilt waren und wie viele als geheilt erachtet wurden. Denn es darf nicht vergessen werden, daß es„arbeiterfreundliche" Parteien gibt, die die Zahl der entschädigungspflichtigen Unfälle noch dadurch zu verringern gedenken, daß d,e kleinen Unfallrenten gänz- lich fortfallen sollen. Es gibt ja auch einen.hochmögenden" Herrn, der mal dem Sinne nach erklärte, die Arbeiter zögen sich ganz gern einen„Knax" zu, um in Behaglichkeit eine Rente verzehren zu können. Auch diese Beschimpfung kann nicht besser zurückgewiesen werden, als durch die Statistik selbst. Der Vorstandsbericht weist nach, daß die Zahl der durch„Selbst- ' ch u l d" Verunglückten im gleichen Maße sinkt, wie die Zahl der durch die„Gefährlichkeit deS Betriebes" Verunglückten teigt. Unter anderem wird ausgeführt: Die inneren Ursachen der entschädigungspflichtigen Unfälle waren 1904 1905 Gefährlichkeit des Betriebes an sich.. 3851 3939 Schuld des Verletzten selbst..... 031 584 Zahlen beweisen I Was haben die berufsmäßigen Verleumder der Arbeiter zu erwidernl— Zwei Massenunglücke wieS das Berichtsjahr auf, daS erste am 10. Juli auf Zeche„Borussia", welches 89 Opfer forderte; am 5. Dezember erfolgte auf Zeche„Werne" daS zweite mit elf Opfern. Daim ereigneten sich noch LS Schlag- weiter« beziehungsweise Kohlenstaubexplosionen. wodurch 14 Personen(0 und 5 auf einmal) getötet und 50 verletzt wurden. Ferner kamen tödliche Unfälle vor: 158 durch nieder- gehende Gesteinsmassen, 54 in von Tage ausgehenden Schächten i durch Sturz, Quetschung zwischen Förderkorb und Zimmerung usw.). 105 in blinoen Schächten(BrernSbogen usw.), 29 bei der Strecken- fördernng, 19 bei der Schießarbeit, 29 aus sonstige Weise; über Tage kamen 09 Personen zu Tode. Man ersieht aus den an- geführten Zahlen, wie mannigfaltiger Art die Gefahren sind, die den Bergmann umlauern.„Es freue sich, wer da atmet im sonnigen Licht, dort unten aber ist'S fürchterlich..." Fortwährend schwillt der Gold ström der Kohlenbarone, fortwährend schwillt auch der Blut ström des Schlachtfeldes. Zwar Nagt jede Gruben- Verwaltung über den empfindlichen Schaden, der durch den Streik herbeigeführt sei, dennoch war daS Berichtsjahr ein gutes für die Kohlenbarone, die durchweg erheblich höhere Dividenden einsacken konnten; 20, 25, 80, ja 40 und mehr Prozent Dividende sind ge- zahlt worden. Die Bilanz des Ruhrbergmannes, der unter Einsetzung von Blut und Leben diese Schätze geschaffen, ist: 574 Tote und 41000 Ver« l e tz t e I Freilich: Man brüstet sich, dem Bergmann höhere Löhne gezahlt zu haben. Höhere Löhne? Bettelpfennige hat man ihm hingeschmissen! Laut der Statistik stieg der Lohn um sage und schreibe fünf Pfennig— von 4,07 im Jahre 1904 auf 4,72 M. im Jahre 1905. Wir erinnern aber daran, daß im Jahre 1900, wo der Goldstrom der Unternehmer längst nicht so reichlich floß, der Durchschnittslohn des Ruhr- bergmannes 5,00 M. betrug— mithin im Jahre 1905 pro Schicht 34 Pfennige weniger bezahlt worde n f i n d. Diese Ziffern reden eine so deutliche Sprache, daß sie der dümmste Arbeiter verstehen kann, da brauchen wir nicht erst zu hetzen. Wahrlich, die Statistik ist unsere trefflichste Bnndesgenossin im Kampfe gegen das Ausbeutertum! Arbeiters chntz wollen die Bergleute, Arbeitertrutz bot ihnen das Dreiklassenparlament, das wird durch die erhöhte Unfallziffer trefflich illustriert. Und der Blutstrom wird weiter steigen, solange der Geldsack herrscht. Jetzt heißt es: Bergmann, besinne Dich aufDich selb st und erkenne, wie Du von allen bürgerlichen Parteien betrogen und verraten worden bistl Deine Befreiung kann nur durch Dich selbst er- folgen!_ Bttschacherung der Schulkinder zu Feldarbeiten. Im Amtsblatt von Hannstetten(im bayerischen Regierungsbezirk Mittelfranken) steht folgende Bekanntmachung:„Vom Lehrpersonal der Volksschule sind diejenigen Schulkinder in einem Verzeichnis zusammengestellt worden, die während der Sommer schul zeit zu HauS- und Feldarbeiten verwendet werden können. Das Verzeichnis kann im Rathause eingesehen werden. Wir glauben durch dieses Vorgehen insbesondere unseren Landwirten einen Dienst zu erweisen, da es diesen meist schwer fällt, Arbeitskräfte zu bekommen." Würden die Landwirte Arbeitskräfte ordentlich ent- lohnen, dann würde es ihnen nicht schwer fallen, solche zu be- kommen, aber deshalb nimmt man ja Kinder, denen man fast gar nichts zu bezahlen braucht und die man nach Belieben ausbeuten kann, zumal jegliche Kontrolle fehlt. Daß sich Pädagogen zur Ver« schachcrung der Schulkinder an die Landwirte hingeben, ist geradezu unverantwortlich! Wann endlich wird die entgeltliche Beschäftigung von Kindern für den Landwirtschaftsbetrieb verboten werden? Prozeß roegeu Mutterluordes gegen Jordy. Die gestern vernommenen Sachverständigen Assistent im Institut für StaatSarzneikunde Dr. ArturSchulz, Medizinalrat Dr. H o f f- mann, Kreisarzt Dr. Schulz, Medizinalrat Dr. P f l e g e r und Gerichtsarzt Dr. Marx geben folgendes Bild über ihre Beob- achtungen und Annahmen:'. Die Leiche der Ermordeten habe auf dem Rücken mit den Fußen nach der Tür gelegen, inmitten einer großen Blutlache. An dem Küchenschrank, an dem Küchenrahmen, an der Wand und selbst an der Decke wären Blutsprttzer konstatiert worden. Hieraus brauche aber noch nicht geschlossen werden, daß ein Kampf voraus- gegangen sei. Jede Spur eines Kampfes sei vermißt worden, cS habe keine Unordnung in dem Räume geherrscht, nichts sei umgeworfen, so- daß die Vermutung nahe liege, daß die Getötete durch den ersten Schlag zu Boden gestreckt worden war und dann erst die übrigen Schläge erhalten habe. Die Lage der Leiche lasse ebenfalls zwei Schlüsse zu. Entweder ist die Frau Jordy nach der Tür zu dem Täter entgegen gegangen und hat hier den ersten Schlag erhalten, oder, was wahrscheinlicher sei. habe die Getötete sich gerade mit dem Schüren des Herdfeuers beschäftigt und habe sich hierbei etwas gebückt. In diesem Augen- blicke habe sie vermutlich von hinten den ersten Schlag erhalten. An der Leiche sei nichts gefunden, woraus gewisse Schlüsse auf den Täter gefolgert werden könnten. Irgend welche Finger- abdrücke, ausgerissene Haare usw. wären nicht aufgefunden worden. Als Mordwaffe konime vielleicht das bei der Leiche gefundene Beil in Frage, während der daneben liegend vorgefundene Hammer nicht als Waffe in Betracht komme. Der Tod ist infolge der Zertrümnic- rung der Schädeldecke eingetreten. Die bei der Obduktion ab- genommene Schädeldecke der Ermordeten weist furchtbare Ver» letzungen auf. Der hintere dickere Teil des Beils paßt in die an dem Schädelknochen festgestellten Verletzungen hinein. Eine Untersuchung der Kleidungsstücke des Angeklagten habe folgendes ergeben. Auf der rechten Schulter des von Jordh getragenen braunen Paletots wären etwa 5—0 in einer Richtung ,elegene Blutspritzer vorgefunden worden. Die chemische Untersuchung ,abe ergeben, daß dies Menschenblut sei, welches in einem Strahl gegen den Paletot gespritzt sei.— Der Verteidiger regt die Frage an. ob diese Blutspritzer nicht möglicherweise von der Fingerver- letzung des Angeklagten herrühren könnten. Der Sachverständige verneint diese Frage, zumal eS sich dann eventuell nur um einen Blutfleck, nicht aber um kleine Blutspritzerchen handeln könne. Das Blut an dem Paletot sei jedoch von rechts oben nach links unten im Bogen auf die hintere Schulterseite ge- pritzt. Dies sei bei einer kleinen Fingerverletzung unmöglich. An den bei dem Angeklagten vorgefundenen Goldstücken, die der Sachverständige nachträglich untersucht� hatte, konnten trotz mikroskopischer Untersuchung keinerei Blutspuren konstatiert werden. Angeklagter ist nach der Einlieferung in das UntersnchungS- gefängmS körperlich untersucht und zwar hauptsächlich nach etwaigen Verletzungen wie Kratzwunden zc. An der rechten Hand wurde eine Verletzung konstatiert, die einen stecknadelgroßen„Schorf" hinterlassen habe. Diese Verletzung sei schon mehrere Tage alt gewesen, während eine kleine Rißwunde am Handgelenk frisch war. Von dem Verteidiger war die Behauptung aufgestellt worden. daß nach der kriminalpsychologischen Literatur bei Mutter- oder Vatermördern sich stets eine besondere Unruhe als Charakteristikum bemerkbar mache, die bei dem Angeklagten völlig fehle. Der Sach- verständige Dr. Marx erklärt, dag nach seiner Erfahrung und nach Keiintnis der einschlägigen Fachliteratur von einer besonderen Unruhe bei Mördern nichts zu bemerken sei und beweist dies an der Hand einiger Schulfälle. Der Sachverständige Kaufmann Jondervan kommt nach eingehender Begründung zu dem Schluß, daß die Maße der am Tatorte vorgefundenen Fußspuren weder den vom Angeklagten, noch den von dessen Ehefrau ge» tragenen Stiefel entsprechen. Die Spuren stimmen in den Maßen mehr mit dem Maße der vom alten Herrn Jordy getragenen Stiefel überein. Die vom Vorsitzenden entworfenen Schnldfragen beziehen sich auf Mord. Totschlag an einem Verwandten und Körperverletzung mit tötlichem Ausgange. Staatsanwalt Totti nimmt hierauf zu seinem Plaidoher das Wort: Meine Herren Ge» chworenenl Es ist ein ungewöhnliches Ereignis, für das ich durch Ihren Richterspruch Sühne verlange. Wenn sonst Mord und Mordes ähnliche Taten vor Ihrem Forum verhandelt worden sind. o waren es Ritter der Landstraße, HabitueS der Kaschemmen, lichtscheues Gesindel, denen man den Vorwurf einer schweren Untat machte. Hier aber ist eS der S o h n der Getöteten, gegen den ich die schwere Anklage erhebe, daß er seine eigene Mutter getötet und sich eines Muttermordes schuldig gemacht hat. Alle Momente. die der Befund am Tatorte selbst und die Beweisaufnahme ergeben haben, sprechen mit absolutester Notwendigkeit dagegen, daß cinFrcmderden Mord begangen hat. Die Frau muß von dem Täter völlig überrascht worden sein, ein Kampf mit irgendwelcher Gegenwehr hat nicht stattgefunden. Wenn ein Strolch oder eine Bassermannsche Gestalt in den Eisenbahnwagen gedrungen wäre, tlluui tmbf bin Frau bisim gegevÄ« vorsichtig geAksen sein»od ifti$ Mittel zur Abwehr ergriffen haben, dann würde wohl auch der Hofhund und der sonst noch im Eisenbahnwagen vorhandene Ileme Hund nicht gänzlich untätig cwcsen sein. Alle Umstände sprechen dafür, daß die Tat nur von einem Angehörigen der Ermordeten begangen ist. und da kommt niemand anders in Frage als der Angeklagte. Der Bater J«rdy scheidet bei dieser Frage nach den Ergebnissen der Beweisaufnahme ganz aus und bleibt nur der Angeklagte oder dessen Ehefrau übrig. Zank und Streit waren in der Umgebung der alten Jordhs an der Tagesordnung, seit der Sohn die Lisbeth geheiratet hatte und insbesondere ist die Schwiegertochter nicht eine liebevolle Tochter gewesen. An sich stand die Schwiergertochter nicht so sehr aus der Augenweite, als ich die Frage nach der Täterschaft erwog. TOrerEc... zweifelsfrei nachgewiesen. Dagegen ist der Alibibeweis des Angeklagten vollständig gescheitert. Es steht ganz zweifellos fest, daß der Angeklagte in der Nähe des Tat- o r t e s g e s e h e n worden ist. Frau M e h e r hat ihn. mit Sicher- hmt an dem Nachmittage des Mordes in der Nähe des Tatortes gesehen. Frau Greischoweit hat dieselbe Beobachtung gemacht. Nach der Auskunft des meteorologischen Instituts war am 3. Februar e,n Wetter, welches ein Aufspannen des Schirmes nicht notwendig machte. Der Angeklagte hat den Schirm aufgespannt, weil er nicht erkannt sein wollte, weil er etwas vorhatte, was das Tageslicht scheute. Er ist um 3 Uhr gesehen worden, der alte Jordy ist um & Uhr weggegangen, der Angeklagte muß sich also in der Zwischen- zeit verborgen gehalten haben. Nun kommt weiter in Betracht: Bei dem Angeklagten ist eine Geldsumme gefunden worden, die nicht nur dem Betrage, sondern auch der Geldsorte nach der- jenlgen Geldsumme entsprach, die der Ermordeten geraubt worden ist. Sanderbar kann es ja erscheinen, daß der Anzug des Ange- klagten nicht durch Blut besudelt war. Man kann aber daran denken, daß der Angeklagte, nachdem er den Eisenbahnwagen betreten, mit seiner Mutter ins Gespräch gekommen ist, sich viel- leicht den Paletot und den Rock ausgezogen hat, vielleicht der Mutter gesagt hat, er wolle ihr helfen, sich dann vicellicht eine Schurze umband, die Aermel aufkrempelte usw. Aber auch der auf seinem Ueberzicher vorgefundene Blutspritzer ist schwerlich auf die kleine Verwundung an seinem Finger zurück- zuführen, denn wenn er mit blutigem Finger sich den Ueberzicher ausgezogen haben würde, würde sicher das Futter des Ueberziehers blutig geworden sein. Nach alledem muß der Angeklagte als der Täter angesehen werden. Das gute Leumundszeugnis, das ihm von einigen Zeugen ausgestellt ist, spricht nicht dagegen,' umso weniger als doch auch Vorfälle bekundet sind, in denen der Angeklagte sich als roh und brutal erwiesen hat. tl?lcr Staatsanwalt bittet zum Schluß die Geschworenen, die gestellte Hauptfrage, ob Mord vorliegt, zu bejahen. Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Löwenthal:> Trotz der langen Untersuchung über die grause Tat ist diese roch in ihren Einzelheiten nicht geklärt worden; sie ist noch immer so rätselhast und so ungeklärt, wie von Anfang an und alles, was der Staatsanwalt ausgeführt hat. sind nichts als Vermuwngen darüber, was„möglich" sein kann. Die Indizien, die der Staats- anwalt gegen den Angeklagten ins Feld geführt hat, sind wenig haltbar und zerfließen, wenn man näher zusieht, in ein Nichts. Unter Hervorhebung zahlreicher psychologischer Momente führt der Verteidiger aus. daß weder in der Person des Angeklagten, noch in seinen Lebensverhältnissen, seiner Lebensführung, seinem Ver» hältnis zu seinen Eltern, seinen Bekannten, seinen Arbeitsgenossen sich ein Punkt zeigt, der dafür spricht, daß er 900 M. brauchte und seine Mutter ermorden mußte. Der Angeklagte fei ein makellos dastehender Mensch, von dem eigentlich nur feststeht, daß er sich nicht m,t seiner Frau vertragen konnte. Dieser Mensch, dem das beste Leumundszeugnis von dem eigenen Vater, Verwandten, Bekannten und auch von Geschäftsfreunden ausgestellt nsird, soll sich zu der schwersten und unerdenklichsten Tat, die je begangen werden kann, haben hinreißen lassen? Einen Muttermord soll de�als feige ge- schilderte Angeklagte begangen haben! Dem Angeschuldigten wird eS als schwer verdächtig angerechnet, daß er an dem fraglichen Tage nicht angeben kann, wo er sich aufgehalten habe. bczw. ihm nicht geglaubt wird, was er angibt. Wenn er keinen Menschen an dem fraglichen Nachmittage getroffen hat, der ihn näher kennt, so ist dies sehr leicht möglich. Es kann sehr wohl einem Menschen passieren, daß er stundenlang durch die Großstadt wandern kann, ohne einen Bekannten zu treffen, während er wiederum in zehn Minuten zwanzig Bekannte trifft. Die ganze Untersuchung habe sich bedauerlicherweise von Anfang an nur auf zwei für die Behörde allerdings sehr bequeme Punkte ausgedehnt und gestützt, nämlich erstens die Volksstimme, die Liesbeth Jordy beschuldigte, und zweitens das Taschentuch mit den 900 Mark, das bei dem An- geklagten gefunden wurde. Keine andere Spur ist verfolgt worden. Dies mag allerdings an einer innerhalb der Untcrsuchungsbeamten eingetretenen Zersplitterung liegen. Nicht, wie sonst üblich, sei durch die allbekannten roten Zettel das Publikum auf andere Spuren gelenkt, nicht seien die Behörden telegraphisch in Kenntnis gesetzt worden, um auf Personen, die sich durch Ausgeben von Gold- stücken verdächtig machen, zu fahnden. Der Gendarmericobcrwacht- meister und 19 Gendarmen mußten erst durch eine Zeitung auf diese Schreckenstat aufmerksam gemacht werden, als der eigentliche Täter zehn Stunden Vorsprung hatte und sich vielleicht längst in Hamburg befand. Man hat sich einfach damit begnügt, einem müßigen Gcklatsche nachzugehen. Die ganze Untersuchung baut sich auf falsche Schlüsse auf. Während sonst erst alle Spuren aufgedeckt werden, die sich auf eine Person hin verzweigen, ist es hier um- gekehrt gemacht. Hier werde gesagt: Du bist der Täter, und dann werde langsam alles zurückkonstruicrt. Bei einem Indizienbeweis, der ein Netz sein müsse, das den wirklichen Verbrecher ganz umstricke, dürfe keine Mafche fehlen, es müsse ein Mosaikbild sein, an dem kein Steinchen fehlt. Wo in aller Welt ist denn nun ein Beweis erbracht, daß der Angeklagte, wenn er wirklich am 3. Fe- bruar in der Nähe des Tatortes war, Böses im Schilde führte und Geld von der Mutter haben wollte? Die Wahrnehmungen der Zeugen, aus denen geschlossen werden soll, daß der Angeklagte am Tage der Tat und an den Tagen vor derselben in der Nähe des Tatortes gewesen sei, sind mit äußerster Vorsicht entgegen zu nehmen, denn in solchen Dingen ist dem Irrtum Tor und Tür geöffnet und gerade in diesem Falle sind die Wahrnehmungen der Zeugen mehr als zweifelhaft. Die Geschworenen mögen doch auch daran denken, daß jeder große Prozeß eine Anzahl von Sensations- zeugen an die Oberfläche bringt, die dabei sein müssen, die alles gesehen haben wollen. An dem Ueberzicher deS Angeklagten ist ein einziger kleiner Blutspritzer vorgefunden, sonst aber am ganzen Anzüge nichts von Blut! Also in diesem Blutmeer, das sich im Eifcnbahnwagcn ausbreitete, ein einziger Spritzer. Der Ver- leidiger sucht dann jedes einzelne der Indizien, auf die sich der Staatsanwalt gestützt, zu entkräften und sucht darzulegen, wie viele Möglichkeiten sich konstruieren lassen, in welcher Weise die alte Frau von irgend einem Vagabonden ermordet sein kann. Der An- geklagte fei unschuldig und aus der Beweisaufnahme fei auch nicht der Schatten eines schlüssigen Schuldbeweises erbracht. DaS auf- gerichtete Jndiziengebände zeige Lücken in Hülle und Fülle, und deshalb sei die Freisprechung deS Angeklagten geboten. Nach kurzer Replik und Duplit und der RechtSbelehrung des Vorsitzenden ziehen sich die Geschworenen zur Beratung zurück....... Nach etwa einstundiger Beratung verliest der Obmann den Wahrspruch der Geschworenen, der auf Nicht schuldig lautet. Ter Angeklagte wird f r« i g e f p r och e n, die Kosten des Ver- fahrens fallen der Staatskasse zur Last. Der Angeklagte wird aus ver Untersuchungshaft entlassen. Serickts-�eitung. Vorspiel zum Fürst Wredeschen Silberdiebstahl. Die bekannte Affäre des Dienes Wilhelm Glase, der der versuchten ErpressuitG gegen den Fürsten Wrede beschuldigt ist, beschäftigte gestern zum zweitenmal die erste Strafkammer des Landgerichts I. Wie bekannt, ist der Angeklagte, der eine kleine Vorstrafe wegen Diebstahls vor Jahren erlitten hat, am 15. April in Madrid aus den Diensten des Fürsten von Wrede entlassen worden. Er hatte sich nach Paris begeben und von dort aus unter dem 20. April vom Hotel Palais d'Orsay folgenden Brief an den Fürsten Wrede gerichtet:„Wie wäre es mit 50 000 M.? Palais d'Orsay will nur sein Silber, dann will es schweigen. Kaiferhof, Westminster und Bayerischer Hof weiß noch nichts, erfährt es aber sofort, wenn bis Dienstag keine Nachricht da ist. Ebenfalls ein Artikel in der Zeitung. Denken Sie an den jungen Fürsten, der auch in Mitleidenschaft gezogen würde, sowie alles, was Wrede heißt."— Der Angeklagte behauptet wieder, er habe mit dem Briefe nur den Zweck verfolgt, den Fürsten zu ärgern. Er habe die 50 000 M. erwähnt, weil der Fürst, der sehr geizig sei, mit nichts geärgert werden konnte, als mit dem Hinweis auf Geld. Er habe gleich am 16. April von Madrid aus an die Berliner Hotels die Silberdiebstähle zur Anzeige gebracht und der Fürst habe auch schon gewußt, daß die Silberdiebstähle im Palais d'Orsay schon bekannt waren. Der Angeklagte erzählte, in Madrid sei er entlassen worden, ohne daß ihm der Fürst das ihm zustehende Gehalt gab. Darauf habe er ihm gesagt: Sie haben in vier Hotels gestohlen und das weitere wird sich finden I Wegen der ihm wider- fahrenen Behandlung habe er darüber nachgesonnen, wie er den Fürsten ärgern könne. Daß er denselben nur an seiner schwächsten Seite, dem Gcldhunger, packen könne, sei ihm klar gewesen. Er habe sich deshalb hingesetzt und einen Brief entworfen, in welchem er von mehreren Millionen sprach, was schon zeige, daß das ganze nicht ernst gemeint sei. Er habe diesen Entwurf aber nicht benutzt, sondern den anderen Brief geschrieben, in welchem von 50 000 M. die Rede war. Eigentlich habe er die Absicht gehabt, zu der Ziffer 50 000 M. hinzuzusetzen:„für die Armen". Er bestreitet ent- schieden, daß er ernstlich 50 000 M. habe erringen wollen. Er habe auch schon früher einmal durch einen anonymen Brief an den Kaiserhof die ganze Sache dem Direktor des Hotels mitgeteilt und die Strafanzeige gegen den Fürsten und die Fürstin Wrede in Güstrow bezw. Malchin erstattet. Da nach§ 4 Ziffer 3 des Strafgesetzbuches wegen einer im Ausland begangenen Tat in der Regel Verfolgung in Deutschland nur erfolgen kann, wenn die Tat durch das deutsche Gesetz und die Gesetze des Ortes mit Strafe bedroht ist, an welchem die Tat begangen wurde, so wird die Frage erörtert, ob französisches oder spanisches Gesetz in Anwendung käme und ob die Gesetze dieser Länder Erpreffungsversuch mit Strafe bedrohen. Nach der bei Bericht befindlichen Untersuchung des spanischen Strafgesetzes und ■ mach dem code civil ist versuchte Erpressung strafbar. Der Ver- 'teidiger bemerkt: Er habe Erkundigungen auf der spanischen Gesandtschaft eingezogen und erfahren, daß nach spanischem Recht versuchte Erpressung nur strafbar ist. wenn die aufgestellten Be- hauptungen unrichtig waren. In den hier verhandelten Fällen seien die Behauptungen aber richtig, denn es stehe fest, daß die Fürstin Wrede in den verschiedensten Hotels Silbergerät und andere Dinge gestohlen hat und der Fürst um die Sache wohl ge wüßt habe. Der Verteidiger stellt den Antrag, ein Rechtsgui achten von dem Professor Castellcin in Madrid einzuholen, da ein deutsches Gericht bei der Schwierigkeit der Frage nicht imstande sei, die Rechtsfrage zu entscheiden. Das Gericht beschlieht, den Antrag auf Einholung eines Rechtsgutachtens abzulehnen, da der Gerichtshof selbst über die Rechtslage schlüssig werden könne. Der als Zeuge vernommene Direktor des K a i s e r h o f e s, Herr Nils T r u l s s o n, bestätigt dem Angeklagten, daß dieser von Madrid aus geschrieben hatte, daß im Schlosse Basedow Silbergerät aus dem Kaiserhof bewahrt und benutzt werde. Bon Paris hat er dann persönliche Rücksprache in Berlin in Aussicht gestellt und ist dann auch hier erschienen und hat persönlich seine briefliche Mitteilung bestätigt. Schon im Herbst ist in einem anonymen Briefe auf die Silberdiebstähle hin- gcwiefen worden. Ob der Kaiferhof von der Fürstin Wrede be- stöhlen worden ist, weiß der Zeuge nicht; seit drei Jahren hat die Fürstin nicht mehr im Kaiserhof logiert. Daß im Hotel Silber fehlt, ist richtig. Auf Befragen des Verteidigers bekundet der Zeuge, daß der Angeklagte bei der Rücksprache von Geld nichts gefagt und auch nicht angedeutet hat, daß er vom Fürsten Wrede Geld haben wolle. Später hat der Angeklagte einmal brief- lich erneut um eine Stellung gebeten, es war aber keine Stelle frei. Der Zeuge hat auf die Mitteilung des Angeklagten nichts veranlaßt. Direktor S ch e u r e r vom Westminster-Hotel macht gleiche Mitteilungen. Auch hier ist der Angeklagte persönlich er- schienen, nachdem er zwei Briefe aus Madrid und Paris ge- fchrieben und teilte mit, daß Silbergerät, welches aus dem West- minster-Hotel gestohlen worden, sich in der Silberkammer zu Basedow befinde. Auch bei diesem Zeugen hat der Angeklagte nicht von der Absicht des Gelderwerbes gesprochen. Es wird noch der Diener K a r y vernommen, der jetzt noch im Dienste des Fürsten steht. Nach seinem Zeugnis sei der Angeklagte entlassen worden nach einem Streit mit der Haushofmeisterin W c i d i g, der wegen seines Verhältnisses mit der auch im Dienste der Fürstin stehenden Braut Alcrs entstanden war. Der Angeklagte war durch die Vorgänge in große Erregung versetzt. Auf Befragen des Verteidigers erklärt der Zeuge: er habe gewußt, daß in Basedow fremdes Silbergerät benutzt wurde, wisse aber nicht, woher es stamme. Im Kreise der Dienerschaft ist vielfach darüber gesprochen worden. Auf eine weitere Frage be- kündet der Zeuge: der Fürst sei in Geldfachensehrgenau; sein Chauffeur habe erzählt, der Fürst habe versucht, ein Paar Pneumatiks über die Grenze zu schmug- g e l n, um den Zoll zu sparen. Richtig sei es auch, daß einmal eine mit„Pelzsachen" deklarierte Kiste in Basedow angekommen sei, die, als man sie aufmachte, lauter Silbersachen enthielt. Der Angeklagte habe in dem Streit mit der Weidig zu dieser gesagt: Wenn ich nach Deutschland komme, sollt Ihr an mich denken I Staatsanwalt B a n n i n g führt aus, daß hier der einfachste Tatbestand der versuchten Erpressung vorliege. Das Motiv sei auch ganz deutlich: Der Angeklagte habe die Alcrs, die sich in gesegneten Umständen befinde, heiraten und sich Geld verschaffen wollen. Es könne sich nur um die Strafabmessung handeln, denn nach fran- zösischem wie auch nach spanischem Recht sei das Delikt der ver- suchten Erpressung strafbar. Möge man annehmen, mit der Ab- fendung des Briefes oder mit dem Empfang des Briefes sei der Tatbestand vollendet— in beiden Fällen liege eine strafbare Hand- lung vor. Hier sei ein entlassener Diener mit dem Versuch her- vorgetreten, von seiner Dienstherrschaft Geld herauszupressen. Mit Rücksicht auf die hohe Summe und die bewiesene Niedrigkeit der Gesinnung beantrage er 1 Jahr Gefängnis und 2 Jahre Ehr- Verlust. Der Verteidiger beantragt die Freisprechung. DaS Schicksal des Angeklagten würde doch geradezu tragisch sein. wenn er hier verurteilt würde. Die Herrschaft, die unter Miß- achtung des Vertrauens, welche? Leuten in so bevorzugter Lebens- stellung in Hotels entgegengebracht wird, überall Sachen mitgcnom- mcn hat, befinde sich auf freiem Fuß, der Angeklagte, der dieses Treiben aufgedeckt, sitze aber schon lange in Untersuchungshaft. Die Fürstin sei in ein Sanatorium gebracht worden und zwei Gutachter hätten schon Kleptomanie festgestellt, es sei ein Haftbefehl gegen den Fürsten und die Fürstin erlassen worden, es stehe fest, daß man in Basedow von Silber gegessen, welches in Hotels gestohlen und nur mühsam verlötet worden sei, Fräulein Weidig sei dringend verdächtig, daß sie mit Eifer den Lötkolben gehandhabt hat— und da soll nun der Angeklagte, der die Sache an die große Glocke gebracht, jus Gefängnis wanbern.l Der Angeklagte verdiene nicht Antipathie, sondern Sympathie. � Bei der Behandlung, die der An. geklagte in Madrid erhalten, sei es durchaus glaubhaft, daß er in große Wut gegen das fürstliche Ehepaar geraten sei und lediglich, um den Fürsten zu ärgern und wegen seines Geizes zu verhöhnen, den Brief geschrieben habe.— Nach kurzer Beratung hielt das Gericht den Angeklagten der versuchten Erpressung ubersuhrt und verurteilte ihn zu neun Monaten Gefängnis und zwei Jahren Ehrverlust.— Ein Haftentlassungsantrag wurde aIJ0£®ann wird nun gegen die Fürstin Wrede wegen Silberdieb-- stahls verhandelt werden?_ Hus der Frauenbewegung. Wie behandelt man unsere Söhne in den militärischen Musteranstalten? Ueber dieses Thema sprach Genosse Fritz Zu b eil am Montag in einer bei Beyler in Treptow tagenden Versammlung, die von der weiblichen Vertrauensperson einberufen worden war. Die Ver- sammlung war gut besucht, und es ist erfreulich, daß auch vi e l e Frauen erschienen waren, um den interessanten Ausführungen des Redners zu lauschen.....„ r. Zubeil schilderte in trefflicher Weise das Leven ,n den militärischen..Bildungsanstalten", in welche die Söhne de? Volkes gesteckt werden, um zu Kämpfern gegen äußere und innere Feinde erzogen zu werden. Er setzte ausführnch aus- einander, in welcher Weise die Zöglinge dieser Zwangsmuster- anstalten zum knechtischen Gehorsam gezwungen werden, wie man»n ihnen das P f l i ch t g e f ü h l erstickt. Die Soldatenmißhaild- lungen, die dem deutschen Militarismus ein grausiges GeWaas 8 eben, wurden von dem Referenten eingehend erörtert und aufs härfste gegeißelt.— Um die in den Kasernen herrschenden schreck- lichen Mißstände zu beseitigen, müßten gründliche Umgestaltungen vorgenommen iverden; denn sonst kann keine Besserung der be» stehenden Zustände erhofft werden. Erst Ivenn den Söhnen der besitzenden Klassen das Vorrccht genommen wird, sich die Befugnis zu erwerben, nur ein Jahr dem Staate als Soldaten zu dienen und während dieser Zeit außerhalb der Kasernen zu wohnen, kann man erwarten, daß bessere Zustände in den Militäranstaltcn geschaffen werden. Aber durch Anwendung eines Mittels könne den Soldaten schon jetzt ihre traurige Lage in den Kasernen etivas erleichtert werden. Die Sozialdemokraten müffen es sich zur Pflicht machen, die jungen Leute, ehe sie zum Militär kommen, aufzuklären. Es muß den angehenden Soldaten eingeschärft werden, daß sie alle ihnen vorgeschriebenen Pflichten zu erfüllen haben, daß sie aber auch von den spärlichen Rechten, die ihnen zustehen, Gebrauch machen müssen. Der Soldat muß wissen, daß ihm das Recht der Notwehr zusteht, weim man ihn mißhandelt. Am besten läßt sich die Aufklärung der jungen Leute in Jngendvereinen bewirken. Der Referent vergaß nicht, nachdrücklich zu betonen, daß auch die Frauen das regste Interesse daran haben, daß ihre blühenden Söhne, denn diese nimmt das Vaterland. während eö die Krüppel verschmäht,_ Während ihrer militärischen Dienstzeit ein menschenloürdiges Dasein fristen und nicht wie daS Vieh beschimpft und behandelt werden. Ehe das System des Militarismus ganz abgewirtschaftet hat, muß man ver- suchen, den Söhnen des Volkes ihre Soldatenjahre wenigstens er- träglich zu machen. Pflicht der Frauen ist es deshalb, nicht nur um ihrer selbst, sondern auch um ihrer hoffnungsvollen Kinder willen, sich zu organisieren und aufzuklären. Wenn sie das tun, können sie auch an der Aufklärungsarbeit ihrer militärpflichtigen Söhne ihr gutes Teil beitragen.— Dem mit großem Beifall aufgenommenen Vortrage folgte eine kurze Diskussion, in der Frau Thiel und Frau M e i n h a r d t mit warmen Worten die Frauen zum Zusammenschluß und zur politischen Mitarbeit aufforderten. Die Versammlung wurde mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen.— Die englische Fraucnliga hielt vor kurzem ihre erste National- konserenz in London ab. Den Vorsitz führte Frau Macdonald(die Frau des Genossen Abgeordneten Macdonald). Anwesend waren 150 Delegiertinnen, Die Vorsitzende erklärte, daß, obwohl die Liga sehr jung sei, sie bis jetzt doch schon an zehn Orten Vereinigungen gegründet habe. Nach längerer Diskussion über das Franenwahlrecht wurde beschlossen, dem Statut als Vereinszweck hinzuzufügen,„eine direkte Vertretung der Frauen im Parlament und in den lokalen Körperschaften zu erreichen". Cingegangene Drudtfdmfteii. Plntus. Kritische Wochenschrist sür Vollswirtschast und Finanzwesen. Herausgeber Georg Bernhard. 27. Host, Abonnements einschließlich der PIutus-Merktasel vierteljährlich per Post und Buchhandel 3,50 M., direkt vom Verlag 4 M. Verlag Berlin-Charlottenburg, Goethestr. KS. Sozialiieiiioiirat. Mmm IlUerLReieMapahH (Stralauer Viertel). Bezirk 175 b, Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Genosse, der Zimmerer XVilKelm Ltsnxe gestorben ist. Ehre seinem Andenken l Die Beerdigung findet Sonn- tag, den 8. d. Mts,, nachmittags 2', 2 Uhr, vom Trauerhausc, Gubcnerstr. 13, aus nach dem Markus-Kirchhoj in Wilhclmsberg statt, Um rege Beteiligung ersucht 244/3 Der Borktand. Zentral-Ver&and der Zimmerer Deutschlands. Zahlstelle Berlin u. Umgegend. (Bezirk 3.) Allen Kameraden hiermit die Mitteilung, daß unser langjähriges und treues Mitglied Wilhelm Stange nach schweremLeiden verstorben ist, In dem Verstorbenen verliert unsere Organisation einen eisrigen Versechter der Arbeiterinteresscn, Ehre seinem Andenken I Die Beerdigung findet Sonnlag- nachmittag llst, Uhr vom Trauer- Hause Gubenerstraße 13 aus statt, Um recht rege Beteiligung bittet vor Vorstmid. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und VaterS �.uxust l�attkes sagen wir allen Freunden und Kollegen, die ihm das letzte Geleit gegeben, unsere« herzlichen Dank, 2S22b Ww, lilatdllel« fflattheis nebst Kindern fieerdigungsTerein i Berliner Zimmerleute, i Am 5. Juli starb nach langem Leiden an der Halsschwindsucht im Alter von 45 Jahren unser Mitglied, der Zimmerer Wilhelm Stange. Ehre seinem Andenken l , Die Becrdiglmg findet am Sonntag, den 3. d, M„ nach. mittags 2'/, Uhr, vom Trauer- hause Gubcnerstraßc 13 aus statt. Um zahlreicheBeteiligung ersucht S 28246 Der Vorstand. SezialtlenekratiseiiJahlYereiQ des i ierlioer Wahlkreises. DodeS-Anzeige. Am 3, Juli verstarb unser Mit- glied, der Arbeiter Georg Conrad Schönhauser Allee 133a. Ehre seinem Andenken k Die Beerdigung findet heute, Sonnabend, den 7. Juli, nach- mittags i'l, Uhr, von der Halle des Gethsemane-KirchhoseS in Nieder- Schönhausen, Nordend, ans statt, Um zahlreicheBeteiligung ersucht 248/19 Der Vorstand. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlich et Teilnahme und Kranzspenden bei der Beerdigung meine? lieben ManneS und Bruders, des Restaurateurs nartln Klinge sagen wir allen Freunden und Be» kanntenKowie den RauchkluSS„Gleich» hcit" und„Colorado" und den Ar» bcitcrn der Firma Wiese u. Comp., den Lithographen und Steindruckern der Firma Schwertseger u, Comp. unseren herzlichen Dank, 2M1d Auguste Klinge, Anton« Rodert Klinge. S?flc de» Juhnlt der Inserate Sberiiimnit die viedattio» dem Publik«»» gegenüber keinerlei Beronmiortnng UKeater. Sonnabend, den 1. I ll l i. Anfang T'/j Uhr. Neues Operntheater. OavaUerla ruLtieana. Der Bajazzo. Slnfang 8 Uhr. Berliner. Sherlock Holmes. Bessing. Die lustige Wittwe. GchtNer». iWallne,. Theater.) Morwitz-Oper: Rigoletto. Schiller �i.(Friedrich Wilhelm- städtisches-Thcatcr). Zapfenstreich. Komische Oper. Hoffmanns Er- Zählungen. Lnstspielhaus. Unsere Käte. Metropol. Aus ins Metropol. Apollo. Berlin im Omnibus. Das blaue Bild. Spezialitäten. Carl Weist. Sündige Liebe. Wintergarte». Tortajada. Spezialit. Passage. Willy Prager. Spezialit. Reichshallen. elleltincr Sänger. Ilrnnia. Tailbenstraste 4di/tU. Abends 8 Uhr: Der jüngste Zlns- bruch des Vesuv. Sternwarte, Jnvalidenstr. 57/K2 Ferdinand lionns Berliner Theater. Sonnabend und folgende Tage: 8kerloek5lolmes. _"lnfang 3 Uhr._ Heues kgl. Oprutheater (Kroll). Aniang VL Uhr. Sonnabond; Gastspiel E. ischierdo: Cavalleria mtieana. Der Bajazzo. Sonntag: Ullgnon. Vorverkauf im kgl. Opernhaus, Schalter IT, A. Wertheim und Invalidendank. Komisehe Oper. Sommcrfpielzeit 1906. II Soinmerprelse. (Keine Vorverkaufsgcbühr.) _ Anfang 8 Uhr._ Lustspielhaus. Abends 8 Uhr: „Unsere Käte". Sommerpreise: Park.-Fauteuil 3,20 Helropol-Theater Anfang 8 Uhr. tlllt« III U lUWtlWMWtl Große Jahresrevue mit Gesang u, Tanz in 9 Bildern v. Jul. Freund. Musik von Viktor HoUaender. Bauchen überall gestattet. Apollo-Theater. Novitütl Täglich: Novität: IsrUn im vmnidus. Im zweiten Bilde: Der Omnibus- Trick unter Mitwirkung der Pantomimen- Gesellschaft Jaines Urlce vom Folies-Bergdres in Paris. Dazu: The Six Flying Rocking Girls. Gebr. Harras, akrobatische Neuheiten. Joan Paul, Humorist. Annette Savary, Retour du Sahara. Carl Weiß-Theater. Gr. Franksiirterftr. 132. Täglich abends 81/, Uhr im Theater! Sündige Liebe. Im Garten: Große Spezialitäten- Vorstellung. Ansang 5 Uhr. Heute grostrs Toiniiicriiachtöfest. W. HoacRs Theater. Direktion: Rob. Dill. Brumieiistr. 16, Sommerfest desRmichklubs Blaue Flagge. Kniimt. TheatEP, Spezialitäten. 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Täglich das herrliche Ausstattungsstück Bis Kauklsrnn. 1. Vild: Zirkusleuts. 2.„ Verlorenes Glück. 3.„ Kampt um die Freiheit. 4.„ Die Rache des Kesaken. 5.„ Eingeschneit. 6., Am Fuße des Vesuvs. 7., Vficdergefunden. Anfang 4'/3 Uhr. Eröffnung 2 Uhr. Billcttvorvert. 10—1 Uhr a. d.Theaterk. L�Folgl Tor tujirU». spanische Tänzerin und Sängerin. M1B Orford mit ihren dressierten Elefanten. Catherine Barth«, Tänzerin. Eugcnie Josd, Lebende Bilder. Troba, Jongleur. MUe. Farfnlla, Paris. Soubrette. Puulinettl& Plquo, kom. Kecktumer. Imro Eox, Illusionist. FrankKern m. Hund„Bolzen". Die Sleedes,„Das geheimnisvolle Hans". Creo Bros, komische Akrobat. T,a Beruf. Phantasietänzerin. I>cv Biograph. Am 15. Juli findet die letzte Vorstellung in dieser Saison statt. ; VeMvaltmigsstelle Berlin. stimmer 1—5. Fernsprecher: Amt IV 9679 Zimmer 34. Amt TV 3353. Haupl-Bnreau: Engel-User 15, Arbeitsnachweis Die am 1. Juli vorgenommenen Wahlen haben kein endgültiges Ergebnis gezeitigt. Es müssen deshalb Stich- Wahlen vorgenommen werden. Diese solle» vorgenommen werden am Sonntag, den 8. Juli. Die Wahlzeit ist von vormittags 10 bis nachmittags 2 Uhr. - Ohne Mitgliedsbuch kann niemand wählen. Die Stimmzettel werden am Eingang zu den Wahllokale» verteilt. Gewählt wird in folgenden Lokalen: Raabes Festsäle, Kolbergerstr. 23. Bernhard Rose-Theater, Badstr. 53. Wernaus Festsäle, Schwedterstr. 23. Bökers Festsäle, Weberstr. 17. Graumanns Festsäle, Naunynstr. 27. Lehmanns Restaurant, Bülowstr. 59. Kronen-Brauerei, Alt-Moabit 47/48. Thiel-Rixdorf, Bergstr. 152. Bolkshaus-Charlottenburg, Rosinenstr. 3. Schellhase-Steglitz, Ahornstr. 15. Böhle-Spandau, Neumeisterstr. 5. Kaufhold- Ober-Schöneweide, Wilhelminen- hofstratze 18. Tempel-Rummelsburg, Alt-Boxhagen 56. Hellwig-Köpenick, Schönerlinderstr. 5. «chmuh-Weißensee, König-Chaussee 33. Gehlhaar-Tegel, Berlinerstr. 92. Zentral-Wahlbnrean ist»tnser Bureau Cngel-Ufer I. Wahlleiter ist dcr Kollege Jlosef Hartniann._ 122/3 � Holzarbeiter! s Die Zahlstelle 52 ist von Reichenbergerstr. 54 nach Lausitzerstr. 7 bei Warsow verlegt. Im Br�irt Csteu sind zwei neue Zahlstellen errichtet.: Zahlstelle 56. Liebigstr. 14, Ecke Rigaerstraste, bei«rav. Zahlstelle OO, Boxhagencrstr. 29 bei Kloß._ 88/17 Keue Berliner Genossensehafts-Bächerei (Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht). Sonnabend, de» 21. Juli 1906, im Kontor der Bäckerei: .Aukeronl. Generalversammlung. SagcS. Ordnung: 1. Bericht über das abgelaufene Geschästshalbjahr. 2. Anträge und Verschiedenes. Anträge müffen bis zum 14. Juli eingereicht sein. 206/4_ Ter Borstand. Stöbert Engel. Karl Marschel. ZentraMand der Glaser. Achtung! Mitglieder. Sonnabend, den 7. Juli, abends 6'/, NHr, im Gewerkschaftshanse, Engel-Ufer 15(großer Saal): 73/14 yersamenSung."MW Tages-Ordnung: 1. Der Stand der Aussperrung. 2. Festsetzung des Berliner Wochen» beitrug es. NM- Die Ausgabe der roten Arbeitsberechtigungskarten für die nächste Woche ersolgt am Eingang zur Versammlung. Daselbst sind auch die Extra- steuern zu entrichten. Mle Ortsverwaltung. Saiissouei.s.0ra6ue4ear Direktion Wilhelm Reimer. Sonntg., Montg.Donnerst. und Sonnabend: kollAiiiiiiZ lilii'llll. Ssngei' Sonnt.Beg. 5, Wochent. 8 U. Heute wegen großer VcreiuSfestlichkeit geschlossen. ksiehshshsn° 8tettiner Länger. (Meysel, Piefro, Britton, Böhme, Böckmann, Waiden, Seidel, 0. u. R. Schräder) Ansang Wochentags 1 8, Sonntags 7 Uhr. inorltzplatx. Täglich im Garten vezw. ► in den unteren Sälen � füll Mittwoch u. Sonnabend: Freitanz. (Ssthahii-$ark Am Küstrinerplatz, Rüdersdorferstr.71 Hermann Imbs. Täglich: dr. Konzert, Theater- und Spezialitäten-Vorstellung. Prater-Theater Kastanien-Allee 7/9. | Täglich- imt uou Ijfiitf. j Milardo, Humorist. Varadl-Duett. Rebusa, Drcffurnummer. Die j Einbrecher von New York, Pam j The Plccad. Konzert. Ball. ! Anfang 4 Uhr. 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Berlin, gös feejj JvserateiltÄ otxaaitsA Sfi.(vlyckk. Berlw. u. Lslsg: LoiwgrtS EuKdwcksei u. WerlggsgnMt gßaul Singer& Co.. Berlin SW. Nr. 155. 23. Jahrgang. 2. Stilim des JttiuW Kerl« KsIMntt. Saunabend, 7. Iftli 1006. An die Arbeiterschaft Berlins und feirrer Vororte. "" Unter den Schöpfungen, die der eigenen Kraft des Berliner Proletariats ihren Ursprung und ihre Erhaltung verdanken, hat kaum eine einen sc gedeihlichen Aufschwung genommen wie die ü„Freie Volksbühne." '. Heute, mit einem festen Stand von mehr als 11 000 Mitgliedern, fiiit einem 100 000 Mark übersteigenden Jahreshaushalt, bildet das Unternehmen die Zentrale aller künstlerischen Be- st r e b u n g e n der Berliner Arbeiterschaft, ja einen nicht mehr fort- zudenkenden bedeutsamen Kulturfaktor im öffentlichen Leben über- Haupt. Ihre Organisation ist geradezu vorbildlich und die ideale Erfüllung eines unabhängig von jeder geschäftlichen Rücksicht und auch von der durch die Kassenergebnissc verhängnisvoll wirkenden Tageslaune des Publikums befreiten, rein künstlerischen Zwecken dienenden Instituts. Mit dem Wachstum der„Freien Volksbühne" selber geht aber vuch ein Wachstum der Ansprüche Hand in Hand, die vom Stand- Punkt der künstlerischen Volkscrzichung an deren Leistungen gestellt werden können und auch— erfreulicherweise— von den Mitgliedern gestellt werden. Das Zusammenarbeiten mit den bürgerlichen Theatern, auf deren Bühncnräume man angewiesen ist, gestaltet sich daher von Jahr zu Jahr schwieriger; es bedingt Konzessionen auf dem Gebiet des Repertoirs und der Tarstellung, die, je ernster es die Mitglieder mit den Zielen der„Freien Volksbühne" nehmen, um so peinlicher empfunden werden und letzten Endes die Verwirklichung unserer Bestrebungen erheblich beeinträchtigen. Wenn die„Freie Volksbühne" auch bisher sich ihre Selbständigkeit zu wahren gewußt hat— sie spielte im letzten Jahre ausschließlich in eigener Regie— so hat sie doch beim Mangel eine? eigenen Ensembles auch in dieser Hinficht Schwierigkeiten zu überwinden, für deren Umfang nur die Eingeweihten ein Verständnis haben können. Zudem beschränkt der Umstand, daß wir jede Woche nur zwei Vorstellungen veranstalten können, unsere Entwickelungsfähigkeit. Wir müssen seit Jahren die sich zahlreich meldenden Bewerber um die Mitgliedschaft abweisen und können unter den jetzigen Verhält- nissen nicht mehr als die vorhandenen 11 000 Mitglieder aufnehmen. Aus dieser dringender und dringender werdenden Not beschäftig- ten sich Vorstand, Ausschuß und Obleute der„Freien Volksbühne" seit geraumer Zeit mit dem Gedanken eines v eigenen Heims der„Freien Volksbühne". Eine Kommission wurde eingesetzt, die sich nur mit dieser Frage beschäftigte. Die vorbereitenden Arbeiten dieser Kommission sind nun so weit gediehen, daß die Zeit gekommen ist, um die Ber- liner Arbeiterschaft mit dem Plan vertraut zu machen, ohne deren Hülfe keine Verwirklichung denkbar ist. Die Kommission ist bereits in Verhandlungen eingetreten, die darauf abzielen, entweder für die Zwecke der„Freien Volksbühne" ein neues Theater z» erbauen oder aber ein bestehendes, für diese Zwecke brauchbares Theater zu erwerben. Bevor wir indes weitere Schritte tun, müssen wir bei der Berliner Arbeiterschaft die Unter st ützungsfrage stellen. Vorstand Ausschuß und Obleute der„Freien Volksbühne" schlagen das Folgende vor: Es soll unverzüglich unter dem Namen „Freies Kunsthcim" eine besondere Gesellschaft gegründet werden, die den Zweck hat, in der Mitte Berlins ein geeignetes Theater zu erbauen oder zu erwerben, und dieses Unternehmen in eigener Regie zu be- wirtschaften. Die zu gründende Gesellschaft stellt zunächst das Theater den Zwecken der„Freien Volksbühne" zur Verfügung(Vor- st ellungen,Kun stabende. Feste). Daneben aber soll das Theater öffentlichen Volkskonzcrten, wissenschaftlichen Volksvorlesungen großen Stils(wie sie neuerdings mit großem Erfolge eingeführt sind), künstlerischen Festen und vornehmen Feiern aller Art, Versammlungen und auch— im Sommer— billigen Opernvorstellungcn zur Verfügung gestellt werden. Die Zahl der von der„Freien Volksbühne" zu veranstaltenden Vereinsvorstellungen hängt ab von der zu erwartenden Mitglieder- zahl. Eine bedeutende Steigerung der Mitglieder ist rechnerische Voraussetzung des Unternehmens, aber auch mit Sicherheit zu er- warten. Die SonntagsnachmittagS-Vorstellungen sollen beibehalten werden. Ferner soll Sonntags und an einigen Wochentagen abends gespielt werden. Es werden besondere Nachmittags- und Abend- Abteilungen gebildet werden, so daß für die Mitglieder, die auch für%9 Uhr abends wochentags nicht abkömmlich sind, die Sonntage vorbehalten werden. Um an die Ausführung der Pläne gehen zu ckönnen, müssen wir der werktätigen Sympathie der Groß-Berlmer Arbeiterschaft sicher sein. Wir brauchen Gelb und Mitglieder. Zu diesem Ende bitten wir die Berliner Arbeiterschaft, auf die nachfolgenden drei Fragen Aus- kunst zu geben. E r st e n s: Beabsichtigen Sie die zu gründende Theater-Erwerbsgesellschaft„Freies Kunstheim" durch verzinsliche Hausanteilscheine in der Höhe von 20 Mark(auch in Raten von 2,50, 5 oder 10 Mark zahlbar) zu unterstützen? Zweitens: Sind Sie Mitglied der„Freien Volksbühne" oder wollen Sie es werden? Drittens: Können Sie um �9 Uhr abends beginnende Vorstellungen an Wochentagen besuchen? Die Antwort auf diese drei Fragen bitten wir so rasch wie möglich auf einer Postkarte an die Geschäftsstelle der„Freien Volksbühne", Herrn G. Winkler, Kirchhofstraße 40, Berlin-Rixdorf, senden zu wollen. Ist das Resultat dieser Umfrage zu übersehen, so wird die förm- liche Konstituierung der Theater-Erwerbsgesellschaft unmittelbar in die Wege geleitet werden. Bemerkt sei zum Schluß, daß dem Anschluß anderer künstle- rischen, Bildungs- und Aufilärungszwecken dienenden Arbeiterorgani- sationen an die Anregung der„Freien Volksbühne" zur gemeinsamen Gründung der Hauserwerbsgcsellschaft nichts im Wege steht. Berlin, im Sommer 1900. Borstand, Ausschuß und Ordncrkommission ber „Freien Volksbühne". Partei-?Zngelegenkeiten. Die Lokal-Liste für Berlin und Umgegend ist neu herausgegeben und der heutigen Nummer unseres Blattes beigefügt worden. Bei der Wichtigkeit der Lokalfrage erwächst den Parteigenossen die dringende Pflicht, die Lokal-Liste streng zu beachten. Den Saalabtreibereien und Verweigerungen gegenüber, die in Berlin teilweise noch versteckt, in den Vororten dagegen offen betrieben werden, bleibt uns kein anderes Mittel übrig als die Lokalspcrrc; und diese dort, wo nötig, durchzuführen, muß das Bestreben aller Parteigenossen sein. Arbeiter. Partei- genossen, Gewerkschaften, Gesangvereine usw.. besucht daher bei Ausflügen, Vergnügungen usw. nur solcheLokali- täten, welche auf der Liste verzeichnet stehen l Vor allen Dingen erwächst aber den Vorständen von Arbeitervereinen die Pflicht, beim Abschluß von Festlichkeiten und Partien auf das strengste die«nie Lokal-Liste zu beachten. Die Vorstände wollen in solchen Fällen auch darauf sehen, daß in den Verträgen mit den Wirten eine Klausel Vlatz findet, wonach für den Fall, daß das Lokal für Arbeiter» Versammlungen später verweigert werden sollte, der Vertrag seine Gültigkeit verliert. Verschiedene Vorkommnisse der letzten Zeit lassen eine Bestimmung dieser Art dringend ratsam erscheinen. Ebenso ist es Pflicht der Vorstände und Komitees, dafür nach Möglichkeit zu sorgen, daß bei Mehrbedarf an Bedienungspersonal der Stellennachweis des„Verbandes deutscher Gast- wirts-Gehülfen"(Ortsverwaltung Berlin), Dircksenstr. 39 I, Telephon Amt 3 1813, Berücksichtigung findet. Tut ein jeder seine Pflicht, so kann der Erfolg nicht ausbleiben. Lokale, die keine Säle haben, sind frei. Die Parteigenossen werden bei Gelegenheit von Ausflügen darauf aufmerksam gemacht, daß die Lokal-Liste bei allen Mitgliedern der Lokalkommission jederzeit zu haben ist. _ Die Lokalkommission. Rixdorf. Wir machen die Parteigenossen nochmals auf das heute abend in der„Neuen Welt", Hasenheide, stattfindende Sommer- fest des Wahlvereins auftnerksam. Anfang 4 Uhr. Entree 2S Pf. Zahlreiche Beteiligung wird erwartet. Die Parteispedition und Buchhandlung befindet sich jetzt Neckar- straße 2 im Laden. Johannisthal. Die Genossen werden darauf aufmerksam ge- macht, daß heute Sonnabend 8 Uhr im Lokale von Gobin, Roon straße 2, der Zahlabend des Wahlvereins statifindet und von jetzt ab alle 14 Tage fernerhin Gelegenheit gegeben ist, seiner Beitragspflicht nachzukonmien. Der Borstand. Adlcrshof. Den Parteigenossen zur Nachricht, daß die Zeitungs trägerinnen angewiesen sind, vom Juli ab extra mit den Ouittungen kassieren zu gehen. Und zwar erfolgt das immer an: zweiten Montag im Monat. Die Parteigenossen werden ersucht, durch pünktliches Zahlen den Zeitungsträgerinnen das Kassieren nach Möglichkeit zu erleichtern. Der Spediteur. Schönwalde i. Mark. Morgen Soimtagnachmittag 4 Uhr findet im Lokale des Herrn Schulz zu Schönwalde die Mitgliederversamm- lung des Wahlvereins statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Gc- nassen Röber-Pankolo über:„Unser Vereins- und BersaimnlungS- recht". 2. Diskussion und Verschiedenes. Gäste haben Zutritt. Zahlreichen Besuch erwartet Der Vorstand. Biesdorf. Am Soimtag nachmittags 2'/z Uhr findet im Fenglerschen Lokale eine öffentliche Volksversammlung statt. Genosse Mähr spricht über das Thema: Die gegentvärtige politische Lage und die Sozialdemokratie.— Um zahlreiches Erscheinen ersucht _ Die Bezirksleitung. Berliner JVaebriebten» Nochmals städtische Verkehrssorgen. Die„Große Berliner" versendet durch ihren Straßenbahn- offiziosus eine Darstellung, nach der unsere Mitteilungen aus der letzten Sitzung der städtischen Verkchrsdeputation den Hergang der berichteten Angelegenheit unrichtig wiedergegeben hätten. Wir bleiben dabei, daß die Forderung einer Ent- schädigung von jährlich 50(XX) M. für die Gestattung der Mitbenutzung der Gleise in der Petersburgerstraße eine Aus- geburt neuester Straßenbahngesellschaftsphantasien ist und in den Vorverhandlungen keine Rolle gespielt hat. Ob die Ver- Handlungen über die Nord-Linie und die südlichen Linien ge- sondert geführt werden sollten, ist ganz gleichgültig und be- deutungslos. Feststeht, daß der notwendige Abbruch der Verhandlungen über diese Fragen einzig eine Folge des geradezu unglaublichen Vorgehens der„Großen" ist, die bei der Nord-Linie unverständige Bedingungen für die Mitbenutzung ihrer Gleise, macht und bei den südlichen Linien das Vertrags- mätzig zugesicherte Mitbenutzungsrecht von 400 Metern nicht ohne Gegenleistung der Stadt gewähren will. Wir benutzen diese Gelegenheit, um festzustellen, daß mehrere hiesige bürgerliche Organe, vor allem die„Vossische Zeitung", nachdem sie aus unserem Bericht über die Ver- Handlungen der Verkehrsdeputation die knappe und unzuläng- liche Mitteilung des magisttatsoffiziösen Berichts erkannt haben, ihre Leser aus unserer Darstellung informierten. Wir haben nichts dagegen— es ist uns sogar ganz an- genehm, wenn die von bürgerlichen Blättern gespeisten Kreise Berlins ihre Kenntnis über wichtige städtische Vorgänge aus den Spalten des„Vorwärts" schöpfen müssen— indes sollte dann wenigstens die Jnforniationsquelle der bürgerlichen Zeitungen angegeben werden. Namentlich die brave Alte aus der Breitenstraße, die„Vossische", die doch auf Anstand hält, sollte wissen, daß es nicht für„fcür" gilt, sich mit fremden Federn zu schmücken. Gerade der Um stand, daß die den Aufsichtsrat der Bahnen Behren sttaße— Treptow und Mittelstraße— Pankow betreffende Notiz als vom„Vorwärts" herrührend bezeichnet wurde, mutzte die Annahme verstärken, daß die nachträglichen Mit teilungen über die Sitzung der Verkehrsdeputation eigenes Produkt der„Vossischen" seien, während dieselben nahezu wörtlich dem„Vorwärts" nachgedruckt sind, ohne auf die Quelle hinzulvcisen. Also, verehrte Vossin, für die Folge etwas mehr Anstand, bitte!_ Ferien. Das schönste im ganzen Kreislauf des Schuljahres sind doch immer wieder die Ferien. Hand auss Herz, wer von nnS hätte nicht so gedacht, als wir jung waren I Selbst der eifrigste Schüler, der strebsamste Musterknabe kann dem Zauberllang des Wortes„Ferien sich nicht entziehen, wenn er das auch nicht immer so ehrlich zeigen will, wie die anderen. Unzerstörbar ist in unseren Jungen und Mädeln der Drang nach Freiheit, und kraftvoll widersteht er allen Künsten des Schuldrills, die ihn zu ertöten suchen. Haben unsere Kinder ein Recht auf Ferien? Vor Zeiten gestand eS ihnen niemand zu. Fast nur ans Rücksicht auf kirchliche Feiertage und auf die Dringlichkeit landwirtschaftlicher Arbeiten ließ man sich dazu herbei, etliche Male im Jahre den Schulunterricht zu unterbrechen. Heute dagegen weiß man, daß der Schuljugend Ferien notwendig sind, daß sie'mal für einige Wochen die drückende Fessel der Schule abstreifen muß, wenn sie körperlich gesund und geistig frisch bleiben soll. Ganz geschwunden ist aber auch heute noch nicht jene ältere Anschauung, daß für den Schulbetrieb Ferien eigentlich nur eine ärgerliche Störung bedeuten. Von den Lehrern und Lehrerinnen können mancher und manche sich's noch immer nicht verkneifen, den Kindern wenigstens eine tüchtige Portton Ferienarbeiten mit auf den Weg zu geben. In Berlin wurde im vorigen Jahr das Lehrerpersonal der Gemeindeschulen von der Schuldeputation im Austrage des Provinzial-Schullollegiums daran erinnert, daß „eigentliche Ferienarbeiten" nicht aufgegeben werden dürfen. Aber wir werden ja sehen, ob nicht auch in diesem Jahre sich wieder noch Lehrer und Lehrerinnen finden werden, die es nicht übers Herz bringen können, ihre Klasse ganz ohne Ferienarbeiten von bannen ziehen zu lassen. Es gibt Kinder, bei denen ohnedies dafür gesorgt ist. daß sie nicht um ihre„Ferienarbeit" kommen. Das sind jene bedauerns- werten Jungen und Mädel, die schon im schulpflichtigen Alter erwerbstätig sein müssen, weil das Einkommen der Eltern nicht langt, die Familie zu erhalten. Solchen Kindern wird in den Ferien gewöhnlich eine doppelt und dreifach schwere Last von Erwerbsarbeft aufgepackt. Wenn die Kinder der Wohlhabenden ihre fünf Ferienlvochen hindurch im Gebirge oder an der See sich tummeln dürfen, dann müssen jene anderen daheim von früh bis spät ums Brot arbeiten. So will es die Weltordmmg, die der Kapitalismus sich schuf, und die ihre Schützer eine„göttliche" nennen. Kann man von den Ferien der Kleinen reden, ohne zugleich an die Ferien der Großen denken zu müssen? Daß auch die Erwachsenen ein Recht auf Ferien haben, daS gilt dem Wohlhabenden als selbstverständlich— soweit er selber in Frage kommt. Kein Arbeitgeber lvtrd es sich nehmen lassen, nündesteuS einmal im Jahre auf mehrere Wochen Ferien zu machen. Aber seine Arbeiter. die die Erholung sehr viel nötiger als er hätten, haben natürlich— kein Recht auf Ferien, Apollo-Theater. Während in den Sommermonaten die größeren Theater ihre Pforten schließen und auch von den leistungsfähigen Variötes der Wintergarten zum IS. Juli den Schluß der Sommer- saifon ankündigt, ist die Direktion des Apollo-Theatcrs bestrebt, immer Neueö zu bieten und außer Berliner Publikum auch die Frcindciilvelt anzuziehen. Diesem Zweck ist ganz besonders das neue Juliprogramm geeignet. ES bringt fast ausschließlich neue Spezialitäten; hinübergenommeii ist die Phantasie:„DaS blaue Bild". Neu ist eine Burleske in zlvei Bildern:„Berlin im Omnibus", die den Streik der Droschkenkutscher zum Ausgangs- Punkt hat. Weil die Droschkenkutscher streiken, entstehen für den Droschkcnvesitzer Sttalau, der gerade Hochzeit machen will, die uiiglaiiblichsten Situationen. Um zur Kirche zu fahren, muß schließ- lich das allein für den Verkehr in Frage kommende Trausport- mittel, der Omnibus, unter den sonderbarsten Umständen in Anspruch genommen werden. Alles Mögliche ist in die neue Burleske hineingearbeitet. Außer einer Pantomimen- gcsellschaft, die iin zweiten Bilde mitwirkt und stark an den„amerikanischen Tingeltangel" erinnert, produziert sich Martin Kettner als Faktotum Pulle, mit seinen n e u e st e n Schlagern: Am Morgen, am Mittag und in der Nacht"; selbst die Geburt des neuen Prinzen in Potsdam wurde schon besungen. Als eine be- sondere Bereicherung des Programms kann die von Leopöld Ely für Verlin bearbeitete Burleske nicht betrachtet werden. Dagegen boten die übrigen Nummern wirklich gutes. Es seien hier nur die Jongleusen C h i a r o u n d S c n r o, die Annette S a v a r y mit ihrer drolligen Szene„Retour du Sahara" und die G e- briider DarraS hervorgehoben, welch' letztere sich als vor- zügliche Akrobaten zeigten. Den Höhepunkt des Abends bildeten aber zweifellos die Vorträge des Humoristen Jean Paul, der durch die Art seines Vortrages unter dem zahlreich anwesenden Publikum wahre Lachsalven entfesselte, wie sie wohl lange nicht da gehört wurden, obwohl man nach dieser Richtung hm schon manches ge- wöhnt ist. Außer diesen Neuigkeiten bildet noch die„W under» g r o t t e" mit den zahlreichen farbigen Lichteffekten einen lvunder» vollen Anblick. „Fünf Generationen" lautet die Aufschrift einer Ansichtspostkarte, welche seit neuester Zeit feilgeboten wird. Ein jeder unserer Leser wird die Schnelligkeit bewundern, mit welcher man heute photo- graphische Aufnahmen macht. Kaum hatte der Telegraph die Geburt eines neuen Sprößlings des HohenzollernhanseS verkündet, als auch schon Photographien in Umlauf gesetzt wurden, worauf man den ersten Nachfolger des Kronprinzen auf dem Schöße seines Groß- Vaters liegen sieht. Es kann sich hier nur um eine Phantasie handeln, denn wie unseren Lesern bekannt sein dürfte, befindet sich das Oberhaupt des Deutschen Reiches auf Reisen. Immerhin ein Fortschritt— Photographien herzustellen, ohne daß die nötigen Personen dabei sein müssen. Auch daS Pilsencr Bier wird teurer! Durch ein Rundschreiben an die Kundschaft teilt der Vertreter des Bürgerlichen Brauhauses in Pilsen folgendes mit: Wie wir von der Zollbehörde erfahren, tritt die Erhöhung des Zolles auf ausländische Biere von 0 M. auf 7,20 M. pro 100 Kilo Brutto für Netto mit dem 1. Juli d. I. in Kraft. Diese Zollcrhöhung entspricht einer Bertcuerung der im- portierten Biere un, reichlich 2 M. pro Hektoliter. Infolgedessen sehe» wir nnS genötigt, von dem genannten Tage ab de» Preis unseres„Pilsener Urquell" um zwei Pfennige pro Liter zu erhöhen. Einen neuen Braiidinspektor bekommt die Berliner Feuerwehr in der Person des Brandmeisters v. d. Schulenburg. Daniit ist die Zahl der Berliner Brandinspektoren auf acht gestiegen. Im Ruderboot von, Herzschlage getroffen wurde gestern bei Grünau der Kutscher Richter, Ivelcher mit einem Kollegen einen Ausflug unternommen hatte. Die beiden mieteten in Grünau ein Boot und fuhren auf die Dahme hinaus. R., der die Ruder führte, ließ diese plötzlich fallen, brach auf seinein Sitze zusammen und stürzte mit den, Oberkörper halb über Bord des Nachens. Nur»nt Mühe gelang es dem Kollegen, den Leblosen wieder in den Kahn zurückzuziehen, und mit einer Petschel, die andere war verloren gegangen, dem Ufer zuzusteuern. Ein sofort zu Hülfe gerufener Arzt vermochte snur ,den durch Herzschlag herbeigeführten Tod des R. zu konstatieren. Große Erregung verursachte gestern morgen am Potsdamer Platz die Leichtfertigkeit eines Postillons, durch die leicht ein schweres Un- glück hätte herbeigeführt werden können. Als um 8 Uhr ein Ring- bahnwagen der Großen Berliner Straßenbahn in der Königgrätzer- straße an der Haltestelle am Potsdamer Platz hielt, um Fahrgäste aufzunehmen, fuhr ein Postpaketwagen ohne Rücksicht ans die ein- steigenden Passagiere in ziemlich scharfem Trabe dicht an dem Straßenbahnwagen vorüber. Während es den meisten gelang, noch rechtzeitig zurückzuspringen, Ivurde die Verkäuferin Marie Scholz. Holsteiner Ufer 2. die sich bereits dicht an der Hinterplattform' des Motorwagens befand, von dem Postivagen erfaßt und zwischen diesen und die Seitenwand des Straßenbahnwagens eingeklemmt. Die Sch. erlitt anscheinend innere Verletzungen und mußte nach der elterlichen Wohnung übergeführt werden. Die Personalien des.PostwagenfnhrerS wurden polizeilich festgestellt. Schwere Unwetter gingen am Donnerstag vor- und nachmittag über die Vororte im Westen und Nordwesten Berlins nieder. Ein zwar kurzes, aber heftiges Gewitter entlud sich in der zehnten Vormittagsstmide über den Grunewald und verursachte dortselbst bedeutenden Schaden. Durch den Gewittcrstnrm wurden zahlreiche Bäume entwurzelt und in der Kolonie erheblicher Wafferschadcn an- gerichtet. In der zweiten Nachmittagsstunde ivurde die Gegend bei Wilniersdorf von einem starken Gewitter betroffen. Der Gewitter- regen überflutete Straßen und Wege und richtete auf den Feldern bedeutenden Schaden an. An der Ecke der Bismarck« und Königs-Allee wurde infolge der Ueber- schwemmnng das Straßenpflaster zerstört und die Schienen der Straßenbahn unterspült, so daß die dort verkehrenden Wagen der westlichen Berliner Vorortbahn abgeleitet werden mußten.— Bei einem dritten Gewitter traf ein Blitzstrahl in Rixdorf das Dach» gestänge der Fernsprechleitung in der ThomaSstraßs»md �rstörte piill Teil die Leitnii�drähie. AuÄ aus dein Nindorfer Fernsprech- amt wurden durch die eleltrischen Entladungen Beschädigungen der- ursacht. Für die neue Wettervorhersage an den Postanstaltcn dient zur telegraphischen Ueberiuitteluug em Schlüssel, von dem je zwei Worte für den ganzen Text genügen. Der Schlüssel ist. freiwillig oder nicht freiwillig, nicht ohne Humor aufgestellt. So bedeutet z. B. Major„zunächst trocken, später Niederschläge, wärmer". Mann heiht „Nachts kühler, tags wärmer als am Vortage". Sonst ist Ainor = schwache nördliche Winde; teilweise heiter; Bier— teils heiter, teils nebelig; China— starke östliche Winde: meist trübe; Frau — mästige westliche Winde: teils heiter, teils nebelig; Gnade — zurückdrehende Winde; abnehmende Bewölkung; Harz— trocken; nachts kalt bis zu Frost am Boden; Juli--- geringe Niederschläge; etwas wäriner; Klatsch— vielfach Regen; langsame Abkühlung; Kleid— vielfach Regen; Nachtfrost, tags ziemlich warm; Knst — Niederschlage; langsame Erwärmung; Liebe— vielcnorts Gewitter; auf den Höhen leichter Nachtfrost. Im Asyl für Obdachlose nächtigten im Monat Juni im Männer- asyl 20 730 Personen, wovon 9S23 badeten und im Frauenasyl 41M Personen, wovon 1112 badeten. Drei Kinder durch eine führerlose Nutomobildroschke vcrlcyt. Ein aufregender Vorgang spielte sich gestern abend in der Neuen Friedrichstraste ab. Vor dem Hause Nr. 22 fasten dort auf einem kleinen zweirädrigen Karren die drei Kinder des in diesem Hause wohnenden Schuhniachermeisters A. G u s ch k e, als plötzlich aus kurzer Entfernung die Antomobildroschke Nr. 2334 führerlos dahergerast kam. Das Kraftfahrzeug fuhr direkt auf den Wagen zu und warf diesen mit groster Kraft um, so dast die Kinder auf die Straste geschleudert wurden. DaS Auto selbst sauste aber weiter in der Richtung nach der Königstraste. Kurz vor der Ecke stiest eS mit einem dort haltenden Grünkran, wagen zusammen, wodurch es zum Stehen kam. Der Chauffeur stand neben den, Fahrzeug, als es plötzlich absauste und weist nicht, wie der Motor sich eingeschaltet hat. Er versuchte zwar sofort die Bremse zu ziehen, kam aber nicht dazu. Von den Kindern ist der achtjährige Richard Guschke am schlechtesten weggekommen. Er erlitt eine schwere Kopfverletzung und mustte nach der Unfallstation in der Kcibelstraste geschafft werden. Seine beiden Schwestern im Alter von 5 und 10 Jahren kamen mit leichteren Verletzungen davon. Vom Omnibus totgefahren. Große Aufregung rief gestern abend gegen 7 Uhr in der Leipzigerstraste ein Unglücksfall mit tödlichem Ausgang hervor. Der 17jährige Laufbursche Otto Wendt, Bernauer- straste 10a wohnhaft, welcher bei der Firma Fisch, Ritterstr. 75, angestellt war, hatte einen Handwagen vor sich hergeschoben. Als er an dem Dönhoffplatz mit dem Gefährt den Fahrdamm kreuzen wollte, geriet er an einen Omnibus heran und wurde, ehe man ihn zurückreisten konnte, zu Boden geschleudert und überfahren. Die Räder des vollbesetzten Omnibusses gingen dem Bedauernswerten über die Brust hinweg. W. wurde sofort nach der Unfallstation in der Kronenstraste gebracht, starb jedoch schon auf dem Wege dorthin. Seine Leiche tvurde nach dem Schanhanse überführt. Eine größere Geldsumme verloren hat am Donnerstagabend ein Gast in der Restauration von Kastor. Huttenstr. 10. Der Wirt teilt uns dies mit, um dem Eigentümer zu seinem Gelde zu ver- helfen. Im wissenschaftlichen Theater der Urania wird der Vortrag„Der jüngste Ausbruch des Vesuv" in dieser Woche noch allabendlich zur Wiederholung gelangen. Auf der Trcptow-Sternwartc hält Direktor Archenhold am Sonntag, den 8. Juli, nachmittags 5 Uhr für Anfänger einen Vor» trag über„Einführung in die Astronomie" und um 7 Uhr über „Eruptionen in unserem Planetensystem". Der Arbriter-Schwimmerbund hält am 8. Juli, nachmittags 3'/z Uhr, sein diesjähriges Sommerfest im Etablissement„Neu- Seeland"(Witwe Schonert), Stralau, ab. Das Programm besteht iu Schwimmvorführuugen(Herreu- und Damenschwimmen), Konzert, Spezialitäten nnd Feuerwerk. Bei dem geringen Eintrittspreis von 22 Pf. wird zahlreicher Besuch, namentlich der Angehörigen der Jugendmitglicdcr, erwartet. Feuerwehrbericht. In der letzten Nacht mustten in der Bändel- straste 2 und Alexandrinenstr. 63 zwei Kellerbrände gelöscht werden. Brennmaterialien, Kleider u. a. brannten dort. Ein Alarm nach dem Palais des Prinzen Albrecht in der Wilhelmstraste, der nach- inittag-Z einlief, beruhte auf einem Irrtum; Rauch aus einem Schornstein war die Vergulasiung gewesen. Wegen eines Wohnungs- brandes rückte der 16. Zug nach der Reuen Hochstr. 2 aus. Ferner hatte die Wehr auf dem Moabiter und Anhalter Güterbahnhof zu tun, wo Preßkohlen brannten. Vorort- JNadmchtern Schöneberg. Ferienspiele werden auch in diesem Jahre wiedenin» auf dem Platze zwischen der Ringbahn und der Wannseebahn in der Nähe der Holbeinstraste veranstaltet. Der gute Erfolg, de» diese Spiele im Vorjahre gezeitigt haben, hat die städtischen Körperschaften ver- anlaßt, den Platz in besserer Weise auszugestalten, so dast die Kinder jetzt auch vor Unwetter geschützt sind. Die Spiele finden unter Aufsicht von Lehrern statt und nehmen ihren Anfang am Montag, den 9. Juli, für Mädchen von 9 bis 12 Uhr vormittags, für Knaben von 4 bis 7 Uhr nachmittags. Den Eltern kann nur empfohlen werden, ihre Kinder an den Spielen teilnehmen z» lassen. Rixdorf. Ein schwerer Diebstahl ist nachts auf dem Grundstück der Straubschen Lederfabrik Berlinerstr. 32—39 verübt worden. AuS einem dortigen Lagerraum wurde ein mehrere Zentner schwerer Kupferkesscl von einer Diebesgcsellschaft gestohlen. Obwohl das Grundstück die ganze Nacht hindurch von einem Wächter bewacht tvird, gelang es den dreisten Burschen, ihre schwere Beute unbemerkt in Sicherheit zn bringen. Wilmersdorf. Zum erstenmal feit längerer Zeit konnten sich unsere WilmerS- dorfer Genossen wieder in einem örtlichen Lokale versammeln, um über ihre Parteiangelegenheiten zu beraten. Im.Luisenpark" fand am letzten Dienstag eine gut besuchte Wahlvereinsversammlung statt, iu der zunächst Genosse Henkel den Bericht über die Kreis- Generalversammlung erstattete. Die Diskussion hierüber bezog sich hauptsächlich auf die Wahl EisuerS als Vorstandsmitglied, auch wurde die Art der Empfehlung EisuerS durch ZubeilZscharf gemist- billigt. Genosse Schütte, der indes als Vortragender erschienen war, referierte über„die Todesstrafe". Zur Generalversammlung von Grost-Berlin wurden die Genossen Wichert, Goddäus, Hcrtl, Pieper, Warschulewsky und Buchholzer gewählt. Genosse Sasse rekapitulierte alsdann den bisherigen Verlauf deS Kampfes um Versammlungslokale und wies die freche Be- hauptung einiger gegnerischen Schmutzblätter,„daß nicht gerade die nüchternsten Genossen Posten gestanden hätten", als eine infame Verleumdung zurück. Weiter teilte er mit. dast einer der Posten- stehenden Genossen, welcher gegen ein auf 10 M. lautendes Strafmandat(ivegen Zettelverbreitens) richterliche Entscheidung beantragt hatte, nunmehr zu 75 Mark verurteilt worden ist. trotzdem der als Zeuge fungierende Musiker JacobolvSki nicht beeiden konnte, von diesem Genossen einen Zettel erhalten zu haben. Auch habe der den Genossen sistierende Amtsdiener nicht gesehen, daß der Ge- nosse Zettel verbreitete, sondern er die Sistierung auf Ver- onlassung des Zeugen-vorgenommen habe.. Nach statt- gefundener Diskussion wurde beschlossen, nunmehr alle Lokale außer„Luisenparl" zu sperren, da ja die bisherige Freigabe der Lokale: Schramm. Seeschlöstchen und Krause nur aus taktischen Gründen erfolgt sei. sich jetzt aber eine andere Taktik not- wendig mache. Zum Schluß wies der Borsitzende die Genossen darauf hin, daß jjsämtliche� hier ams Ort befindlichen Vereine gegnerischer Parteien in einer Sitzung zusammengekommen sind, um sich zu den bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen gegen die Sozial- demokratie zu koalieren, es also nur noch ein Hüben und Drüben gebe, was den Genossen gebiete, die Augen offen zu halten und eifrig zu agitieren. Steglitz. Der Wahlverci» beschlost in seiner Versammlung am Mittwoch- abend, gegen die Mitglieder G ü r g e n. L e s s i n g nnd R o st sowie Boboltz, Jung und Vogel das Ausichlustverfahren ein- zuleiten. Die crsteren drei haben bei der letzten Gemeindewahl ihr Wahlrecht nicht ausgeübt, während die letzteren drei, entgegen dem Mehrheitsbeschluß ihrer Kollegen bei der Firma Görz. am 1. Mai gearbeitet haben. Am nächsten Mittwoch, abends 8 Uhr, findet bei Schellhase, Ahornstr. 12a. eine öffentliche Gewerkschastsversannnlung statt, in welcher Genosse Schuhmann über„Die gewerkschaftlichen Kämpfe in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" referieren wird. Da außerdem wichtige Punkte ans der Tagesordnung stehen, wird zahl- reiches Erscheinen erwartet. Die Gewerkschaftskommission für Steglitz und Umgegend. KB. Sammellisten für die Steiudrncker und Lithographen und für die Buchbinder sind beim Obmann Hubertusstr. 2 zu haben. Schmargendorf. Ei» seltsamer Unglücksfall ereignete sich gestern in der Warne- münderstraße in Schmargendorf. Dort lagern seit einiger Zeit mächtige Kanalisationsrohre aus Zement, welche gestern von Schul- lindern zum Spielen benutzt wurden. Die Kleinen spielten Versteck und krochen dabei in den Röhren Her»»». Auf unerklärliche Weise brach plötzlich eine der letzteren zusammen und unter den Trümmern wurden mehrere Kinder begraben. Die neunjährige Schülerin Emma Mitschnick wurde in bewusttlosem Zustande hervorgezogen. Dem bedauernswerten Kinde war die Kopshant quer durchschnitten und das Fleisch an den Beinen heruntergerissen. Auch hatte eS innere Verletzungen erlitten. Der in der Nähe wohnende Arzt Dr. Bumm- lick sorgte für die Ueberführung der M. nach dem Kreiskrankenhaus in Groß- Lichterfelde, wo sie in fast hoffnungslosem Zustande da- niederliegt. Die zwölfjährige Schülerin Margarete Mclcher hatte ebenfalls schwere Verletzungen davongetragen. Herzfelde. Ueber die Gleichberechtigung der Menschheit in Theorie und Praxi? referierte in der letzten Mitgliederversammlung deS Wahl- vereinS Genosse Stürmer. Allgemein wurde der Wunsch laut, des öfteren solche Vorträge halten zu lassen, um eine größere Anzahl tüchtiger Genossen heranzuziehen. Unter Verschiedenem bemängelte Genosse Schröder die unzulängliche Berücksichtignug der Lokalliste und forderte die Versammelten auf. in dieser Hinsicht mehr ihre Pflicht zu erfüllen. Zur Generalversammlung für Groß-Berlin wurde Genosse Schröder gewählt. Nowawes- Neuendorf. Der letzten Gculcindrvcrtrctcrsitzung in Neuendorf lag ein Antrag unserer Genossen vor, die Beschlüsse, welche in der am 18. Juni stattgesuudenen Gemeindevertretersitzung gesaßt sind, für ungültig zu erklären, da die Einladung zu dieser Sitzung nicht öffentlich bekannt gemacht war. Wie zu erwarten war, gingen die Vertreter über diesen Antrag zur Tagesordnung über.— Ferner lag ein Schreiben der Schulauffichtsbehörde vor, nach welchem laut Verfügung der Re- gierung 40—60 Kinder in einer Volkschulklasse untergebracht werden können. Der Gemeindevorsteher erklärte hierzu, dast jetzt allerdings bis zu 72 Kinder eine Klasse besuchen, dast aber nach Fertigstellung des neuen Schulhausbaues, die zum 1. April 1907 erfolgen soll, durchschnittlich in jeder Klasse nur 20 Kinder untergebracht werden sollen.— Hierauf kam wieder der Antrag des Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereins auf Errichtung eines Gewerbegerichtcs zur Verhandlung. In der Debatte hierüber betonten erfreulicherweise sämtliche Redner ihre Zustimmung zu dem Antrage und wurde eine Kommission gewählt, die sich mit Nowawes behufs Errichtung eines gemeinschaftlichen Gewerbe- gerichtes in Verbindung setzen soll. Da letztere Gemeinde sich in der letzten Gemeindevertretersitzung für ein derartiges Projekt erklärt hat. ist zu hoffen, dast endlich der jahrelange Wunsch der Arbeiter- schaft beider Orte bald verwirklicht werden wird. Ein weiterer Antrag auf Errichtung eines Kaufmannsgerichts wurde abgelehnt mit der Motivierung, dast dieser Antrag verfrüht sei, da ein Be- dürfnis hierfür bei dem geringen kaufmännischen Personal in Nowawes-Neuendorf nicht anerkannt werden könne. Eine längere Debatte zeitigte der Anttag des hiesigen Gewerkvereins auf Er- richtung einer gewerblichen Fortbildungsschule. Der Genieindevorsteher erklärte hierzu, daß er vor einigen Jahren in dieser Angelegenheit eine Umfrage bei den hiesigen Gewerbetreibenden veranstaltet habe, welche sich diesem Antrage gegenüber ablehnend verhalten hätten, sonst wäre derselbe schon verwirklicht. Die weiteren Redner betonten die Notwendigkeit einer gewerblichen Fortbildungsschule. Anderer Ansicht als die Mehrzahl der Redner war Gemeindevcrtreter Schimmel; er erklärte, dast er gegen den Anttag stimmen werde, da die Fortbildungsschule schon oft jungen Leuten zu Strafen ver- Holsen habe.(Wie Herr Schimmel das meinte, wissen wir nicht, da er eS nicht näher begründet hat.) Sein Ideal wären die Fachschulen (die natürlich in so kleinen Orte» wie Neuendorf nicht eingeführt werden können); in den Volksschulen solle man den Unterricht ,m Lesen. Schreiben mid Religion einschränken, dafür aber mehr Rechnen nnd Zeichnen lehren. Diese geistvollen Ausführungen gingen den übrigen Vertretern denn doch über den Strich, und so wurde eine Kommission gewählt, welche die Vorarbeiten zur Errichtung einer Fortbildungsschule erledigen soll. Hoffentlich gelangt auch Neuen- dorf endlich in den Besitz eines derartigen Instituts. Potsdan«. Das GewerkschaftSkartrll hat in seiner letzten Sitzung die Er» h ö h u u g des K a r t e l l b e i t r a g e s auf 10 Pf. pro Mitglied und Vierteljahr beschlossen. Die an das Kartell gestellten vermehrten Anforderungen haben diese schon längst notwendige Beittags- erhöhung unabweisbar gemacht. Für die ausgesperrten Lithographen und Steindrucker wurden 20 Mark be- willigt. Ebenso wurde der auch den Gewerkschaftsmirgliedern zur Benutzung freistehenden Bibliothek des Wahlvereius ein Kosten- beitrag gewährt.— Zum Schluß der Sitzung wurde auf die Kontrollkarten der Bierfahrer aufmerksam gemacht. Zur Förderung der Organisationsbestrebungen der Bierfahrer usw. ist es notwendig, dast die organisierten Arbeiter, besonders auf den Bauten, darauf achten, daß sie ihr Bier nur von organisierten Kutschern erhalten.__ Gcricbta- Zeitung Wie der' Herr Polizeiwachtnieister billig und gut frühstückte. DaS Landgericht Eisenach verurteilte am 26. Januar 1906 den früheren Polizeiwachtnieister Gustav Pöscr zu 9 Monaten Gc- fängnis wegen Verleitung zur Untreue. In einem Delikateß- geschäft in der Karlstraße zu Eisenach waren die jungen Ver- käufer— nur Lehrlinge— in den Morgenstunden allein tätig. Diese Zeit benutzte der Herr Polizeiwachtmeister zu einer merk- würdigen Art von Einkauf. Er forderte von den jungen Leuten Bücklinge. Wurst, Schinken, Zigarren und allerlei delikate Speisen, ohne nach dem Preise zu fragen, und legte dann für die großen Pakete, deren Wert 1— 3 Mark betrug, 20— 50 Pf. als Geschenk für die jungen Leute hin. Aus Erkenntlichkeit dafür, daß diese minder- jährigen jungen Leute, die sich fürchteten, den Wachtmeister bei ihrem Chef anzugeben, schwiegen, traktierte der Polizeier sie Sonn- tags in der Rosenaue öfter mit Bier. Die jungen Leute wurden zu je 2 Wochen verurteilt. Der auf so bequeme Weise gut frühstückende Polizciwachtmeister legte gegen das Urteil Berufung beim Reichs- gericht ein mit der Begründung, daß er zu Unrecht als Anstifter bezeichnet worden sei. denn der Chef der jungen Leute habe ihm Begünstigungen durch besonders vorteilhafte Bedienung gewährt. und das sei den Lehrlingen bekannt gewesen, Nach dem Antrage des Reichsantvalts verwarf der IV. Straf« senat am Donnerstag die Berufung. Ter„Klingeljunge" vor dem Kaufmannsgericht. Eine Klage gegen die Meierei Bolle brachte der durch seinen Vater vertretene frühere Klingeljunge Gustav F., der jetzt in Afrika Krankenpflegerdienste verrichtet, gestern vor der zweiten Kammer des Kaufmannsgerichts zur Geltung. F. glaubte, zu Unrecht sofort entlassen worden zu sein und forderte 72 M. Restgehalt. F. war als Mitfahrer in der Meierei Bolle eingetreten, wandte sich aber eines Tages an den Betriebsdirektor&. mit der Bitte, man möchte ihn doch zu Kontorarbciten heranlassen, da er große Lust zum „Kaufmann" hätte. Man willfahrte auch dieser Bitte und be- schäftigte ihn einige Wochen probeweise mit rechnerischen Arbeiten. Der bis dahin aber nur mit dem Rühren der Klingel und dem Austragen der Milch beschäftigte junge Mensch konnte sich mit der schwierigen Kopfarbeit doch nicht so leicht abfinden, und er äußerte wiederholt, das Rechnen sei ihm eine zu harte Arbeit, die ihn auf die Tauer nervös machen würde, und er wolle lieber wieder „Klingeljunge" werden. Die beklagte Meierei wandte demzufolge ein, der Rechtsstreit gehöre vor das Gewcrbcgericht, während der Vater des Klägers die Ansicht vertrat, daß sein Sohn durch den Wechsel der Beschäftigungsart Kaufmann geworden sei.— Das KaufmannSgericht hielt den Einwand der beklagten Firma für berechtigt und verwies die Sache an das Gewerbegeri cht. Das Gericht sei zu der Ansicht gelangt, daß die kaufmännische Tätigkeit des Klägers nur eine versuchsweise war, der Ver- such war als gescheitert zu betrachten, als sich der Kläger über die Slbwicrigkeit der kaufmännischen Arbeit beschwerte, und von diesem Zeitpunkte an erhalte der Kläger wieder den Charakter eines Gowcrbegehülfen._ Lasset die Kindleiit zu mir kommen... Der katholische Pfarrer Albrecht wurde vom Landgericht in Mcmmingen(Schwaben) wegen Vergehen im Amte zu 26 Mark Geldstrafe verurteilt. Er hat die Kinder beim Religionsunterricht geprügelt, gestoßen, ihnen mit einer harten Schnupftabaksdose den Kopf verhauen und sie fort- während mit den Fingernägeln ins Ohr gezwickt, um sie„aufzu- muntern". Der Prügelpfaffe war dazu noch Lokalschulinspekwrk Vermischtes. In San Francisco sind die Wirtschaften am 2. Juli wieder eröffnet worden, die seit dem 18. April geschlossen waren. Gleich nach der großen Erdbebenkatastrophe war der Verkauf und Ausschank von alkoholischen Getränken verboten worden, weil man eine solche Mastregel der allgemeinen Unruhe wegen als notwendig erachtete. Die Schanksteuer, die vor dem 13. April 84 Dollar pro Jahr betrug, ist jetzt auf 200 Dollar jährlich erhöht worden. Trotzdem bewarben sich viele Leute um eine Lizenz. Der größte Teil der Straßenbahn- linien ist wieder in Betrieb; der Wiederaufbau der Stadt zeigt überall große Fortschritte._ Ocsientliche Bibliothek nnd Lesehalle z» unentgeltlicher Be- Nutzung für jedermann, S\V., Alexandrinenstr. 26. Geöffnet täglich von 51/,— 10 Uhr abends, an Sonn- und Feiertagen von S— 1 und 3—6 Uhr. In den Lefesälcn liegen zurzeit 212 Zeitungen und Zeitschriften jeder Art und Nichtung aus. Sozialdemokratischer Wahlverein für den Reichstags- Wahlkreis Brieg-Namsla«. Sitzung jeden Sonntag nach dem Monats« ersten bei Emil Krumbcin, Skalitzersw. 22. Ausnahme neuer Mitglieder. Zoztaldcmokratischcr Diskutierklub„Freie Zusammenkunft". Heute Sonnabend pünktlich'1,10 Uhr«Sitzung im Gewerkschastshause, Zimmer 16. Tagesordnung: 1. Fortsetzung der Diskussion über die Rede des Genossen Bringmann über den Kölner Gewerkschastskongreß. 2. Vor- Nag des Genossen Gurland über:„Sozialresorm oder Sozialreoolution." Gäste willkommen. Verein der Buchdrucker und Schriftgietzer für Rixdorf-Britz. Sonntag, den 8. Juli, nachmittags 2 Uhr, im Restaurant Vollmer, Her- mannsttaste. Ecke Ziethenstraße: Versammlung. Zahlreiches Erscheinen er- wünscht. Wir verweisen aus§ 7 des Statuts. Berein der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen Berlins und Umgegend.(Abteilung Lichtenberg- Rummelsburg.) Versammlung im Lokale des Herrn Setzepsandt, Rummels- bürg, Goetheslr. 3. Tagesordnung: 1. Vortrag des Kollegen Peters. 2. Diskussion. 3. Wahlen. 4. Verschiedenes. Gäste willkommen. Fretreligiöse Gemeinde. Sonntag, den 8. Juli er., vormittags 8'/, Uhr im Rathause(Eingang Jüdenftraße), Saal 109: Versammlung. Freireligiöse Vorlesung.— Vormittags lO"/. Uhr in der Schulaula, Kleine Franksurterstr. 6: Vortrag de» Herrn Professor Dr. A. Gehrke über: .Glauben und Unglauben im vorigen Jahrhundert." Gäste, Herren und Damen, sehr willkommen._ Berliner Marktpreise. Au» dem amtliche» Bericht der städtischen Markthallen-Direktion. Nindfleisch In 62—68 pr. 100 Pfund, IIa 28—64, lila 23—26, IVa 46—21, engl. Bullen« 0,00, dän Bullen- 0,00. Holl. Bullen- 0,00. Kalbfleisch, Doppelländer 100—110, la 84—90, IIa 74-82, Dia 62-72. Hammelfleisch la 72-76, üa 62-70. Schweinefleisch 61—67. Kaninchen per Stück 0,00. Hühner, alte, Stück l.60— 3,00, junge, per Stück 0,60—0,90. Tauben, junge 0,32—0,50, alte 0,00. Ente», prima, p. Stück 1,70—2,00, Hamburger, junge, per Stück 2,00—3,00. Gänie, junge, Per Psd. 0,55—0,65, per Stück 3,00 bis 4.5 0. Hechte 85— 117. Schleie 69—84. Bleie 0,00. Aale, groß 130—138, mittel 118—129, llein 0,00,%iif. 95—106. Plötzen 62—71. Flundern, pomm.1, P. Schock 3,00—6,20. Kieler, Stiege la 4— 6, do. mittel per Kiste 2— 4, do. klein per Kiste 0,00. Bücklinge, engl, per Wall 4,20—2. Kieler 2—4,20. Stralsunder 2— 6. Aale, groß p. Psd. 1,10— 1,30, mittel 0.80— 1,00, kl. 0,20 bis 0,60. Sprotten, Kieler, 2 Wall 0,00, Elb- per Kiste 0,00. Sardellen, t 902er, per Anlcr 82,00, 1901er 82,00, 1302er 80,00. Schottische Vollhermge 1305 0,00, larxo 40— 44, füll. 36—38, med. 35— 42, deussche 37— 44. Heringe, neue Masses, per'/, To. 60—120. Hummern, üa, 100 Psd. 83— 118. Krebse, per Schock, mittel 14,20, kleine 4—2, unsortiert 6—12,50. Gallzier, mittel 0,00. Eier, Land-, per Schock 0—0,00, frische 0,00. Butler per 100 Psund, la 109, lla 103—106, lila 100—103, ab» sallende 95—100. Saure Gurken, neue,«chock 4—6, Pseffergurken 4,50—2,00. Kartoffeln per 100 Psd. magn. bon. 0,00, rote Dabersche 2,10—2,25, runde weihe 1,80—2,10, hiesige blaue 3,25,-3,50, neue hiesige 2,25—3, neue Zerbster 2,20—3. Spwat, per 100 Psund 8— 10. Karotten per Schock 2,20 big 4.00. Kohlrabi, per Schock 1,00—1,50. Rettig. bahr., per Schock 2,40—4,80. Rhabarber, Hamb., per 100 Bd. 0,00. Radieschen, per Schock-Bd. 0,60— 0,70. Salat, per Schock 1.00—1,25. Bohnen(grüne), per 100 Psd. 32—40. Schoten hiesige, per 100 Psd. 2—16. Pfefferling« per Psd. 0,30—0,32. Mohrrüben per«chock-Bd. 3,00—4,00. Blumenkohl per Mandel 1,20—2,20. Wirfingkohl per Mandel 1,00— 2,00. Steinpilze per Psd. 0,30. Teltower Rüben per Psd. 0,00—0,00. Stachelbeeren per Psd. 0,09—0,14. Kirschen, ital., 100 Psd. 0,00. 'Ratten, Werdersche 22—24. Werdersche Glas- 10—14. Natten, ungar. 00,00, do. 10—12, do. sauere 18—22. Himbeeren. Werdersche per 100 Psd. 26—30. Blaubeeren per Psd. 0,07—0,12. Erdbeeren, Holl, per 100 Psd. 18—28, Garten- per Psd. 0,35—0,40, Hamburger 0.20—0,25, hiesige 0,15—0,29. Wald- per Psd. 0,30—0,55. Pflaumen, ital. lange, per 100 Psd. 22—24. Zitronen. Messina. 300 Stück 14,00—16,00, 330 Stuck 14,00—16,00, 200 Stück 7,00-12,00, 420 Stück, klein 7,00. WttternngSüberNcht vom 6. Juli 1906, morgen» 8 Ith». Wetter.Prognose für Sonnabend, be» 7. Jnli 1906. Etwas kühler, ziemlich trübe und regnerisch bei mästigen nordwestliche» Winden. Berliner Detterbureau. Wasserstand am 2. Juli. Elbe bei Ausstg— 0,07 Meter, bei Dresden— 1,39 Meter, bei Magdeburg+ 1,29 Meter.— 11 n stritt bei Strailgsnrt!— Meter.— Oder bei Ratibor-j- 1,14 Meter, bei Breslau Oberpegel-s- 2,03 Meter, bei Breslau Unierpegel— 0,94 Meter, bei Frankslirt+ 1,58 Meter.- Weichsel bei Brahemünde-ff ö.14 Met«. — Warthe bei Posen ff- 0,72 Meter. Sehen, Staunen, Kaufen! � Pfennig-Tage. Unsere berülunten 95 Pfg.-Tage beginnen heute. Pfennig-Tage. Durch grosse MassenanKäufe ist es uns gelungen, streng reelle Waren zu fabelhaft billigen Preisen zu erwerben.— Wir geben dem Kaufenden PubliKum während der 95 Pfennig-Tage besond. Gelegenheit, seinen Bedarf zu den denkbar niedrigst. Preisen zu decken. Die grossen Warenankäufe haben wir zum einheitlichen Preise von 95 Pfennig festgesetzt und dauert der Verkauf nur kurze Zeit. vierteiliges Waschservice, rot Fond Kaffeeservice für 2 Personen, Pc£hL Satz Milchtöpfe, 6 Stück, echtPorzellan Satz Salatieren, 7teilig, weiss... Satz Salatieren, Steil., blau Zwiebel Bulter- u. I Käseglocke, echt Porzellan 6 Paar Goldrand-Tassen, Porzellan... 6 dekorierte Dessert- Teller, Porzellan Bierservice............. elegante Menage.......... Brotkorb, vernickelt......... Kakesdose mit vernickeltem Deckel Fruchtkorb............. Triumphstuhl mit Lehne....... eleg. Vase mit künstlichen Blumen. 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Die ehemaligen Meister Paul Hilprecht und Ludwig König arbeiten weiter. Die Arbeit wird nicht eher aufge- nommcn, bis öffentlich durch die Verbandsleitung bekanntgegeben wird, daß die Differenzen beigelegt sind. 196/l8* Die BervandSleitung. (Zahlstelle Berlin). Folgende Firmen haben, weit daS Personal nach der Beendigung der Aussperrung nicht reumütig und bedingungslos in die Betriebe zurück» kehrte, weiter respektibe erneut awä« gesperrt: G. WUbbcn& Co., Wilhelm» straße 9. II Sperling, Friedrichslr. 16. I>. Bielstein, Fricdrichstr. 16. L-Uderitz dk Bauer, Mauerstraße 80. Fritttche-Banmbach, Schö» neberg, Bahnstratze. H. Beiß, Lützowftr. 107/8. H. Schobert, Wilhelmstr. 121. C. MetschUe& Co., Zimmer» straße 94. A. Schoß, Puttkamerstraße 19. A. Schoß, Dessauerstraßc. Schneider& Zlcglcr, Ritterstr. 76. Rickniann, Wilhelmstr. 121. Ad. I-udvvig, Elisabeth-User 5/6. Fleck Nach f., Lützowstr. 87. KUmnterer, Kochstr. 67. C. I Walter, Wallstr. 16/17. Rieh. Gahl, Ehausseestr. 2a. Agthc, Wilhelmstr. 119/20. Botzc& Sleler, Kochstr. 3. Ad. Wittenburg, Wilhelmstraße 16. Xaver Köllc, Reichcnberger- straße 36. Sllle Genossen und Freunde der Organisation, machen wir daraus ausmerlsam, daß die Heimarbeit (Bogen salzen pon Streikarbeit) in übermäßiger Weise Platz gegriffen ljttf,1 Wir bitten, die Hausbewohner auf das Verwerfliche ihres Tuns ausmerlsam zu machen. Die Ortsvcrwaltung. Kartonarbeiteru.Nrbefteriuneu! Kartounieter! In der Kartonfabrik von Ad. l-csner, Krantstrafte, sind taris» liche Differenzen ausgebrochen. Diese Betriebe find gesperrt! Die Firma AI«;'» Snk, Neanb erstratze 4(Neanderhos) ist sür Galanteriearbciter und Arbciteriiinc» wegen Differenzen gesperrt. 24/12 Die Ortsverwaltnng. «erantwortliHer Redakteur: San» Weber. Berlin. Kür den Ayl«gtelltM VLlMW.! SS- Gllckft lLÄw. U. LerfSüsWltglt gmi KÄS» Li Sß., SSeÖjD SW, » v<" f IL Ä » « « « o S W -ä «» ♦<-» Ä « Ä SlZ) I . JO«'Ü' = 2ä�» —«? « 05«.5 5»-s 2.®# «CO »**- 1 s �=>= '— al< Äö a5> � : C P o r§ �=3 C ö � 5S5 «GL N'LV Z-> s Ba £& _« rO � .-2 OK 5 •S= ZZ J-<3 o �> jQ � CQ GJ Sc«K vO 33 a• �CD �». = Q* N. � B o � �«-» s � iO o äS) CJ« ■ cn» 5-2 5W s«? >->- Q.g L g JQ« Z-» � o .H-S ©m « S-U 3.£ »-»'Q Si«i CS os 8 -jj» � g *17 2'?' L � ei� c§ ?�'.MVZ. S„-*2 S-Q dfcS.Seto0|, r� (M . c �1 rt SJ>- t7. Ä-l /~\ o«t � o i®co"§ � » c «> vO Ci "£.H � 3>-», ZUczM .Z-'ZZ S'S'S'«#»" m 2 osÄ-S« L-L-ö Ö ,:a g S QU JO~-£* J7*( «i S'ö. c S .~!.5«ü«-« 0>e�»>"h�v .GcZKA o"-H.«- iöÄiEö"�i.a Vrr»» vas?®�• �-'C 3"t� W' x» W C 0.■"*'-"V'ri- r-� r~ Q _-O jtj os>» l<— c c- � w<0 � w».. r-cs<-* � «BiZ«tt9>.«S5 Zu-.AZ.Z� . es a � c S S c c" u � ow ty � � ft|Il"Sl® a-gS�Jo-. röya«SC 5«j w-..__ es;.es- o iC2«- o stl � w o >>- O Ä ija� C � Ör* ■«'�.sSoss�gis�sIf -» G G V- •rt«i s- r*:« 0 2 �'2 5 � §-- rfc£:= iv»:- ■ • H « b = 2 s Ift sJ« � L. � c � C og .sS;� Oi o. nj» o 05 S�g-S ü Si,*»»«*> ö�s5�-© 00 co§ . u vj "«c" «y o _:0 O c �."c ü a � �cZSZ��LG »xy � � CO es S'Siäi:aja.äs-s. g-e-�e b! 2 i«"a e? e «> =; O CD«'Z a�'5'5e5« .:0:0 �O--- S5N. -y-O L sRKA� � Q.:a-S. S'eL'�-c«- a. vcy..c <%&&<&&&■ w«SQQS?-S®t9SJWS«5 e !Ä >T ,0» S 5'§ 5 _. �«y— tOT- jj �-i*— vcy C co an <5� �'C"~� .T2 v» oiS)«— ccxT-C s-» Ä O••-. � O:0:C 53S055®«es® 00 CO_ � g g #l| Ts' Öi- o« in M 7: äs /-S-T-jO�j 1-, G!-• 0�* Sfl Öfs.Stg� »-ias-iQCCw'Soa•°-— y>ZlZtZ£_ aZ. �.T .. 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