Nr. 187. Abonnements- Bedingungen: Abonnements Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 Mr., monatl. 1,10 Mr., wöchentlich 28 Pig. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage„ Die Neue Welt" 10 Bfg. PostAbonnement: 1,10 Mart pro Monat. Eingetragen in die Post- Beitungs. Preisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 3 Mart pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien, Dänemart, Holland, Italien, Luxemburg, Bortugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz. Ericheint täglich außer Montags. Vorwärts Berliner Volksblatt. 23. Jahrg. Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Solonel geile oder deren Raum 50 Bfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Versammlungs- Anzeigen 30 Pfg. ,, Kleine Anzeigen", das erste( fett. gedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellen Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet. Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin". Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutfchlands. Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Mr. 1983. Zum Protokoll der Gewerkschaftskonferenz. " I. Dienstag, den 14. August 1906. Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. „ Die Voraussetzungen Geyers in bezug auf die Ausführungen Bebels feien unzutreffend. Allerdings habe letterer erklärt, daß er das, was er in Jena ge sagt habe, auch heute noch sagen würde. Man habe aber dann die Frage der Durchführbarkeit des politischen Maffenstreits aufgeworfen und da habe Bebel die Berechti gung der erhobenen Bedenken anerkannt." " geschiedenen Parteiblättern eine höchst ungnädige Aufnahme, Man sieht es hat nicht an Protesten gegen die Aufsondern sie erregte auch, wie die Leser aus dem abgedruckten fassung gefehlt, als habe Bebel in Jena eine andere Haltung Teil des Protokolls ja erfahren haben, auf der Konferenz der eingenommen, als bei der Besprechung mit der GeneralGewerkschaftsvorstände selbst eine gewisse Sensation. tommission, und als habe er sich erst nach Jena zur„, besseren Freilich verrät das Protokoll auch zugleich die Ursache Einsicht" bekehrt. Und gegen all diese Ausführungen hatte dieser Sensation. Sie lag einmal in der Art, wie Genosse Silberschmidt am Schluß der Debatte( S. 47) nur das Silberschmidt die Ausführungen Bebels wiedergab, und Folgende einzuwenden: Ms sich die Redaktion des Vorwärts" mit dem Wunsche zweitens in den sonderbaren Vorstellungen, die ein Teil der an den Parteivorstand wendete, ihr den Abdruck des Kapitels Gewerkschaftsführer von dem ,, rebolutionsromanti Partei und Gewerkschaft" aus dem Protokoll der Konferenz i che n" Raditalismus hegte, der ihrer Auffassung nach der Gewerkschaftsvorstände zu ermöglichen, geschah das aus auch Bebel zur Zeit seiner Jenaer Rede ins Schlepptau gezwei Gründen. Erstens hatte die Redaktion aus der Lektüre nommen hatte. Sagte doch Paeplow( Seite 29 des Prodes Protokolls die Ueberzeugung erlangt, daß der tendenziöse totollabdrucks): und sehr fragmentarische Auszug aus dem Protokoll, den bie Einigkeit" gegeben, ein ganz falsches Bild von dem wirklichen Charakter der Verhandlungen geben mußte. In erster Linie von der Verhandlung über jene Thesen, die Genosse Silberschmidt als das finngemäße Ergebnis der Ausführungen Bebels auf jener Besprechung des Parteivorstandes mit der Generalkommission der Vorstandskonferenz unterbreitet hatte. Dann aber auch von der Aussprache über das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft überhaupt. Erst wenn es Diese Ausführungen beweisen, daß Paeplow weder Sinn abfolut nicht begreifen, daran trägt weder Bebels Rede in bem Vorwärts" möglich war, sich soweit der Punkt noch Tragweite der Jenaer Resolution Bebels verstanden Jena, noch die Jenaer Resolution, noch auch die von der GePartei und Gewerkschaft in Frage kam völlig un- hatte. Bebel täuschte sich in Jena ebensowenig über die Be- nossin Roland- Holst formulierte Amsterdamer Massenstreikeingeschränkt auf das Protokoll beziehen zu können, war es ihm fonderheit der preußischen Zustände, wie im Februar dieses resolution die Schuld, die die Bedingungen und Voraussetzungen möglich, sowohl den Bezichtigungen der Einigkeit" als den Jahres. Er dachte in Jena so wenig an die Möglichkeit, im eines politischen Massenstreits flar genug präzisieren. hämischen Gloffen der bürgerlichen Blätter entgegenzutreten. Frühjahre 1906 das Dreitlassenwahlsystem durch den Wassen- Das Protokoll der Konferenz der Gewerkschaftsvorstände Der andere Grund war der, daß die Debatte auf der streit erschüttern zu können, wie fünf Monate später. Ein beweist also, daß Bebels Haltung in der Besprechung mit Vorständetonferenz eine solche Fülle mißverständlicher Auf- neues Mißverständnis des Genossen Paeplow war es aller- der Generalfommission nur von einem Teil der Gewerkschaftsfassungen über das Verhältnis von Partei und Gewerkschaft im dings, daß er annahm, Bebel halte nunmehr jeden Massen- vertreter mißverstanden und mißdeutet worden ist, und daß allgemeinen und die Stellung der radikalen Richtung innerhalb streit für undurchführbar! das deplazierte Gelächter einiger Anwesenden sofort eine Zuder Partei zu den Gewerkschaften im besonderen hervortreten Auch Silberschmidts unkorrekte Wiedergabe der Dar rechtweisung erfuhr nicht nur von dem politisch links ließ, daß es der Redaktion des Vorwärts" im Interesse der legungen Bebels erklärt sich offenbar aus der mangelnden stehenden Genossen Geyer, sondern auch von dem politisch Gewerkschaften nicht minder als dem der Partei dringend ge- Vertrautheit mit den Gedankengängen der Jenaer Rede und ziemlich weit rechts stehenden Genossen v. Elm. Damit ist boten erschien, mit diesen Mißverständnissen so rasch und so Resolution Bebels. Seine Darstellung der Ausführungen aber auch der Vorwurf entkräftet, den man gegen die auf der gründlich als möglich aufzuräumen. Gerade weil sich trot Bebels, namentlich deren Zusammenfassung in den bekannten Konferenz anwesenden Reichstagsabgeordneten erhoben hatte: aller Schärfe der Tonart auf der Vorständekonferenz immer sechs Thesen, hätte sonst unmöglich auch nur den leisesten daß sie zu dem angeblichen Parteiverrat des Parteivorstandes und immer wieder der ehrliche Wille tundgab, ein beiden Zweifel darüber lassen dürfen, daß Bebels und des Partei- damals und später geschwiegen hätten. Den„ Verrat" des Teilen förderliches Zusammenarbeiten zwischen Partei und vorstandes Ablehnung des Massenstreiks sich nur auf die Parteivorstandes zu entdecken, blieb erst der„ Einigkeit“ vorGewerkschaften herzustellen, hielt und hält es der Vorwärts" momentane Gegenwart, den Wahlrechts- behalten! Bebel war nach meiner Meinung bei dem Referat in Das ist alles! Es ist immerhin genug, um zu beweisen, Jena auf völlig berlehrtem Pfade. Ich habe den Eindruck, daß ihm das inzwischen zum Bewußtsein gekommen ist, daß Silberschmidt auch jetzt noch nicht begriffen hatte, wesund daß die hier verlesenen Thesen ein Ausfluß dieser Erkenntnis halb Bebel seiner Jenaer Resolution das Wort sind. Ich bedauere, daß diese Erkenntnis nicht früher gekommen gebenenfalls" eingefügt hatte! In diesem Worte ist ist.... Auch der Parteivorstand hätte vor Jena wissen müssen, eben die ganze Summe der politischen und organisatorischen daß der preußische Staat nicht vergleichbar ist mit Rußland, daß Faktoren eingeschlossen, die nach Bebel die unbedingte Vorjeder Massenstreit, jede Vorbereitung zur Revolution nieder- a ussehung der Anwendung des Massenstreits zu bilden geschlagen würde.... haben. Daß das manche Genossen aus Gewerkschaftskreisen " " 1 für eine schwere Unterlassungsfünde, wollte er nicht das tam pf, bezog, daß aber an den Verpflichtungen, die die Im übrigen spielte die Frage des Massenstreiks und die Seinige dazu tun, durch Hinwegräumung vorhandener Miß- Jenaer Resolution der Partei auferlegte, selbstverständlich nicht Aussprache der Generalfommission mit dem Parteivorstand verständnisse und sachliche Austragung bestehender Meinungsgerüttelt werden sollte. Nun, der Parteivorstand hat ja in in der ganzen weitläufigen, sich um das Verhältnis der verschiedenheiten ein solches Zusammenarbeiten noch enger und zwischen unzweideutig festgestellt, was er gemeint hat und wie Gewerkschaften zur Partei drehenden Debatte nur eine recht fruchtbarer zu gestalten als bisher. jene Thesen aufzufassen sind. Obendrein hat auch ein Mit- untergeordnete Rolle. Viele der Diskussionsredner berührten " Nun hat man aber ein großes Geschrei davon ge" Die russische Revolution. Wir sind der Ueberzeugung, daß ein solcher Meinungs- glied der Generalfommission, Genosse Schmidt, erklärt, daß die Frage überhaupt nicht. Um so eifriger rechnete man mit austausch, der alle persönlichen Momente auszuscheiden und die Sie Generalfommission gar nicht daran denke, den Erklärungen der vermeintlichen ,, Revolutionsromantik" der Neuen Zeit", Streitfragen rein sachlich zu erfassen bemüht ist, unbedingt des Parteivorstandes einen anderen als den gewollten und der Leipziger Volkszeitung" und des Vorwärts" ab. Auch dazu beitragen wird, auch der Debatte in Mannhein die ausdrücklich deklarierten Sinn beizulegen. Damit ist dies ein Beweis dafür, daß man der Unterwerfung des Parteipersönlichen Spiken abzubrechen und sie auf die ihr angemessene Mißverständnis endgültig hinweggeräumt. Daß es über- vorstandes unter die Generalfommission", von der die ,, EinigHöhe einer sachlichen und grundsätzlichen Diskussion empor- Haupt entstehen konnte, wird aber nur der nicht zu fapieren feit" fabelte, denn doch nur eine recht geringe Bedeutung zuheben.vermögen, dem es selbst noch niemals passiert ist, seine beimaß! Die Indiskretionen der Einigkeit" sollten in erster Linie vermeintlich Klarsten Worte in geradezu grotesker Weise mißbeweisen, daß der Parteivorstand in der Frage des politischen deutet zu sehen! Massenstreits vor den Gewerkschaften und ihrer in der Resolution von Köln niedergelegten Auffassung tapituliert habe. macht, daß sich auf der Vorständekonferenz selbst kein Mensch Die Agrarunruhen nehmen wieder zu das ist Während die Jenaer Massenstreikresolution den politischen dagegen gewendet habe, daß Bebel gewissermaßen ein Verrat die wichtigste der heutigen Meldungen. Es ist also nichts mit Massenstreit als neue proletarische Waffe dem Arsenal der an seiner eigenen Resolution zugeschrieben worden sei. Die der Ruhe, die die Regierung nach der Niederwerfung der Bartei einverleibt habe, habe der Parteivorstand nach den Lektüre des abgedruckten Protokollteils beweist aber gerade, Soldatenmeutereien und dem Mißlingen des Generalstreits Ausführungen Silberschmidts in der Vorständekonferenz daß die Mehrheit der Delegierten die Auslassungen Bebels gesichert glaubte. Es wird telegraphiert: der Generalkommission gegenüber erklärt, daß er den Massen- gar nicht als einen Verstoß gegen die Jenaer Petersburg, 13. August. Die Agrarunruhen nehmen wieder gut. streit nicht propagieren, sondern nach Möglichkeit verhindern Resolution auffaßte, fie vielmehr so Aus zahlreichen Teilen des Landes werden Einäscherungen von wolle. Dies Zugeständnis an das„ Ruhebedürfnis" der Führer deutete, wie sie verständigerweise gedeutet Klöstern und Gutsbesiken gemeldet. der zentralisierten Gewerkschaften beweise schlagend die Ab- werden mußten! So sagte Genosse bv. Im( S. 20): Der Londoner Daily Chronicle" wird aus Ddessa gehängigkeit der sozialdemokratischen Partei von den Gewerk„ Die Vorschläge von Bebel sind zum Teil mit Heiterkeit auf- meldet: schaften; nicht die Beschlüsse der Parteitage, sondern die der genommen worden, man hat sich erstaunt gefragt, das hat Bebel Die Wolgabezirke sind von schrecklicher Hungersnot heimgesucht. Gewerkschaftskongresse feien für die Partei in erster Linie gefagt? Ja, ich muß bekennen, daß ich zwischen Bon Tag zu Tag wächst die Verzweiflung der Bauern, deren Viehmaßgebend. diesen Vorschlägen von Bebel und seinen Ausbestand aus Futtermangel dem schnellen Untergange geweiht ist. führungen in Jena einen Widerspruch nicht ge- Die Wut der hungernden Landbevölkerung richtet sich vor allem funden habe." Wir haben uns ja mit dieser Auffassung ausführlich auseinandergesetzt. Und noch eingehender mit jener von ver schiedenen Parteiblättern vertretenen Ansicht, daß der Parteiborstand zwar nicht formell gegen die Jenaer Resolution verstoßen habe, aber doch gegen ihren Geist, als er der Generalkommission erklärt habe, den politischen Massenstreik während der Wahlrechtskämpfe nicht propagieren zu wollen. Und Geyer kam der Sache sofort auf die richtige Spur, indem er ausführte( Seite 27): " 11 gegen die heimkehrenden Duma abgeordneten, die beschuldigt werden, durch ihre Feigheit gegenüber der Regierung die traurige Lage verursacht zu haben. Die Bauern sind entschlossen, sich der Militärstellung, die im September stattzufinden hat, zu entziehen. Die Regierung hat mit Rücksicht auf die unruhige Stimmung der Agrarbevölkerung die Aushebungen bis in den November verschoben. Die Rüstungen der Revolution. " Laffans Bureau" meldet aus London vom 13. August: Die Hauptorganisationsausschüsse der russischen Revolutionäre erließen, Meldungen aus Odessa zufolge, gestern nach allen Industrieorten in ganz Südrußland die Weisung, alle Streits sofort zu beendigen und bis zum 1. Oktober Ruhe zu halten. Sie haben bereits Pläne ausgearbeitet für einen gemeinsamen Generalstreit. Dieser wird wirtschaftlicher und politischer Natur zugleich sein und alle Gewerbe und Industrien sowie alle Zweige des öffentlichen Dienstes umfassen. " Für fehlerhaft halte ich auch die Art, wie hier die Bebelschen Ausführungen wiedergegeben sind. Das führte dahin, daß eine ganze Reihe von Genossen beim Verlesen in höhnischer Weise lachten, fie fanden den Zusammenhang nicht; man So sehr die Auffassungen der Einigkeit" und jener hat es so aufgefaßt, als ob Bebel seine Jenenser Resolution verParteiblätter auch im übrigen differieren mochten: sie hatten Yeugnete. Die Generalfommission hätte erklären müssen, wie bas Eine gemeinsam, daß sie den Sinn der Jenaer diese Ausführungen zustande gekommen sind. In Jena war davon die Rede, daß Massenstreikresolution und den Grundcharakter der Jenaer gegebenen Falles" der Massenstreit ein Kampfmittel fei. Der gegebene Fall" ist Massenstreitdebatte böllig verkannten. Wir haben es aber nicht vorhanden, und ich kann mir denten, daß Bebel seinerzeit durch Zitate dokumentarisch bewiesen, daß es sich in gesagt hat, für den gegebenen Fall, d. h. für die gegen Jena nur um eine prinzipielle Anerkennung des poliwärtige Wahlrechtsbewegung können wir den tischen Massenstreiks gehandelt hat, daß zwar die Auffassungen politischen Massenstreit nicht in Szene feßen. Da ist es meiner über das Wie und Wann des Massenstreits gewaltig aus- Ansicht nach selbstverständlich, daß die Diskussion auf Grund der einandergingen, daß aber kein einziger Redner berlesenen Thefen fortgesetzt wird.... Die Meldung ist mit einiger Reserve aufzunehmen, vor auch nur im Traume daran dachte, den Massenstreit bereits Auch Genosse Kloth vermißt zwar( S. 42) eine allem, was ihren zweiten Teil betrifft. Es erscheint nicht ein paar Monate später zum Sturze des preußischen Drei- authentische Festlegung der Erklärungen Bebels in bezug auf sehr wahrscheinlich, daß das Bureau Laffan über die Pläne flassenwahlrechts in Anwendung bringen zu können! In den Massenstreit", allein er findet selbst in der Darstellung der Revolutionäre so genau unterrichtet wird, noch, daß die Jena dachte namentlich auch noch kein Mensch daran, unter Silberschmidts keinen Rückzug Bebels. Revolutionäre den Zeitpunkt, an dem der allgemeine GeneralEr selbst tönne einen wesentlichen Widerspruch zwischen den streit ausbrechen soll, so lange vorher festsetzen. dem politischen Massenstreit etwa einen Halbtags streik zu verstehen; ja, Bebel tonnte, ohne in der Debatte Wider- Ausführungen Bebels auf dem Jenaer Parteitage und in Das schöne Programm Stolypins dieser Sigung nicht entdecken. Es sei auch verfehlt, die spruch zu finden, erklären, daß man in Deutschland schwerlich Anhänger des Massenstreits für jeden Butsch verantwortlich zu ist vom Zaren bereits zerrissen worden, wie folgende Meldung je einen Demonstrationsstreit von nur drei Tagen Dauer, wie machen, der sich hier und da ereignet. Er müsse, obwohl er zeigt: in Schweden, machen werde! Anhänger des Massenstreits sei, noch heute erklären, daß er Der Zar lehnte die Amnestie, die Aufhebung der beispielsweise einen Massenstreit in Hamburg und Lübeck für Todesstrafe und das Agrarprogramm ab, ebenso aussichtslos halte und deshalb ein solcher hier auch gar nicht scheiterte Stolypins Plan, die neue Duma früher einzuberufen, an unternommen werden dürfte." dem Widerstand der Hofpartei, Und trotzdem fand die Mitteilung, daß der Parteivorstand während der Wahlrechtskampagne den Massenstreit nicht zu propagieren gedenke, nicht nur in der inigkeit" und ver " Herrn Stolypins Tatendrang darf sich also bloß in der Unterdrückung von Zeitungen, Einkerkerung von Frecheits- kämpfern und Zerstörern von Arbeiterorganisationen auslösen. JndcD kann Herr StolYPin auch mit Glaeshandschnhen seine reaktiontire Politik machen, wenn es sich um bürgerliche Opposition handelt. Der„Rufs. Kurier" meldet: Auf dringendes Ersinlien des Ministerpräsidenten Stolypin hat daS Zentralkomitee der Kadettenpartei soeben beschlossen, den für August in Aussicht genommenen allrussischen Kongreh der„Kadetten" bis Mitte September hinauszuschieben. Der Ministor ersucht also, statt zu verbieten. Indes, solch ein Ersuchen ist selbstverständlich mir ein verzuckertes Verbot. Märtyrer der Freiheit. Helsinzfors, 11. August. sMeldung der Petersburger Telegraphen- Agentur.) Die Sitzungen des Kriegsgerichts zur Aburteilung der Meuterer in Sveaborg haben gestern begonnen. In erster Reihe wird über acht Hanpträdelsführer abgeurteilt werden. Die in Sveaborg und Skatnden verhafteten Zivilpersonen sind dem Zivil- gericht überwiesen worden. Die Untersuchung wurde unter Leiiung des Kommissars Allen geführt. Die Zeugen erklären, daß die Agitation in Skatnden von langer Hand vorbereitet war. HclsingforS, 12. August. Meldung der Peterburger Tele- graphen-Agentur.) Das Kriegsgericht'hat gestern die wegen der Meutereien in Sveaborg angeklagten Leutnants Emeljmww und KochanowSky und fünf Soldaten zum Tode verurteilt Das Todes- urteil ist bereits vollstreckt worden. Die Reaktion hat es eilig mit der Vollstreckunz der Todes- urteile. Das ist Kriogsrecht. Und die Kriegsjustiz zeigt nur, daß das russische Volk im Kriege steht wider den Zaren. Kein Attentat? Petersburg, 13. August.(Von einem Spezialkorrespondenten.) Die Meldung eines auswärtigen Blattes von einem Gerücht über ein im Lager von Krasnoje Sselo durch die Soldaten aus den Großfürsten Nikolai Nikolajeivits ch(der zum Militar- diltator ernannt sein sollte, eine Nachricht, die inzwischen wieder dementiert worden ist. Red. d.„V.") erfolglos verübtes Attentat wird amtlich nicht bestätigt. Das Dementi klingt merkwürdig matt. Die Konterrevolution in der Armee. Von einem Korrespondenten wird der„Russ. Korr." gc- schrieben: Um die Agitation unter den Soldaten zu unterdrücken, wird alles mögliche unternommen, um das Militär von dem vec- derblichcn Einfluß der zivilen Leute, hauptsächlich der„verfluchten Juden", zu isolieren. Es wird den Soldaten natürlich eine große Dosis von dem Gift des„schwarzen Hunderts" eingeimpft, aber das gesunde Blut des Volkes überwindet das Gift. Um die systematische Propaganda für das„schwarze Hundert" zu zeigen, gebe ich hier eine Reihe von Befehlen wieder, die in der dritten Sappeur-Brigade, an deren Spitze der bekannte Kommandeur Generalleutnant Suchomlinow steht, erteilt wurden. In der ge- nannten Brigade entstanden im Dezember vorigen Jabres An- ruhen, die sehr schwere Folgen nicht nur für die Teilnehmer, sondern auch für viele Unbeteiligte hatten. Die Befehle umfassen die Zeit vom 2. Dezember 1Ö0B bis 10, April 1906, Unterwerfen wir sie einer Prüfung. In dem Befehl 3 vom b. Januar 1906 wurde der unglückliche Ausgang des Krieges den Revolutionären zugeschoben:„Um ihre Ziele zu erreichen, beschlossen sie die Zu- fuhr der Verstärkungen und des Proviants für unsere Armee in der Mandschurei aufzuhalten, wodurch lvir gezwungen wurden. Frieden zu schließen, ohne den Feind besiegt zu haben."«Die Feinde des russischen Volkes," lesen wir weiter,„wollen verschiedene Komitees, die aus Juden, Polen unt russischen Anarchisten bs- stehen, gründen, um über das Land zu herrschen. Sie wollen den Zaren beseitigen und die ganze Macht an sich reißen. An der Spitze der revolutionären Banden, zu deren Bekämpfung das Militär aufgefordert wird, stehen Juden und Anarchisten." Dieser Befehl mußte allen Mannschaften und Regimentern der Brigade drei Abende hintereinander beim Appell vorgelesen werden, damit ihn die Soldaten hörten und behielten! Den Soldaten, die au? anderen Mannschaften kamen, mußte der Befehl besonders vor- gelesen werden. Solchen Wert legte man daraus, daß die Soldaten die Juden als Haupturheber der Unruhen in Rußland ansehen lernten.� Der Kommandeur der dritten Brigade hat den Rassenhaß an die Spitze des Kampfes mit dem inneren Feind gestellt, er be- arbeitete dieses Thema in einer ganzen Reihe von Befehlen. Den 24. Januar 1906 wurde der Kommandeur des 14. Bataillons(Be° fehl Nr. 370) aufgefordert, für jede Rotte 20 Exemplare der lehr- reichen Broschüre:„Erläuterung für den russischen Soldaten über das, was jetzt in Rußland vorgeht", zu kaufen.Die Broschüre ist von Haß gegen die„Fremdlinge" durchdrungen. Ihr Verfasser„Stach Soldat" warnt seine jungen Freunde vor der Idee des allgemeinen und direkten Wahlrechtes, da dieses System den jüdischen Wählern gegenüber den echten Russen den Erfolg sichere. In den Händen der Juden befinde sich„der ganze Reichtum der Welt", sie verehren das Gold, das ist ihr lebendiger Gott, mit dessen Hülfe sie die ganze Welt zu beherrschen denken. An der Spitze der aufrührerischen Bande, der„falschen Freunde des Volkes", stehen die verfluchten Juden.„Nichtig ist," bemerkt der Verfasser,„daß es auch unter den Juden manchmal gute Leute gibt, aber ein Jude, der dem russischen Volte Gutes wünscht, ist eben so selten wie eine weiße Krähe." Aus alledem müssen natürlich die Soldaten den Schluß ziehen, daß sie als Verteidiger des Zaren und des Vaterlandes mit allen Juden kämpfen sollen, und das wurde denn auch in den Herbst-Progromen und unlängst in Bialystok durchgeführt. Der Kommandeur der dritten Brigade gibt sich endlich Mühe, den Soldaten viel Material in dieser Richtung zu verschaffen. So be- fahl er am LZ—Jammr, in allen Rotten und auch im Ingenieur- Feldparke die Zeitung„Kiewljanin" auszuteilen, damit die Soldaten sie lesen." Die Richtung dieser Zeitung ist bekannt. In den Oktobcrtagcn, als der ganze Süden im Blute schwamm, cnt- wickelte der„Kiewljanin" eine Agitation, der wegen ihres Zynismus der erste Platz in der Pogromenliteratur gebührt. Nach dem Befehl vom 20. März 1906(1210) wird vom Bataillons- kommandeur an die Soldaten die Proklamation„Russische Kriegs. leute" gesandt. In ihr sind alle Insinuationen gesammelt, die gewöhnlich von den Organisatoren und Protektoren der Pogrome gebraucht wurden.— Agrarstatistisches. Die Landwirtschaftsverwaltnng hatte festgestellt, daß in 44 Gouvernements des Europäischen Rußlands 10 230 054 Bauern- Höfe vorhanden find, die durchschnittlich über 8,7 Desjatinen stl Dcsjatime= 10014 Ar) des nicht gekauften Bodens verfügen. Bon dieser Zahl fallen auf den nicht zum Schwarzerdcbezirk ge- hörenden Rayon 3 916076.— politische üebcrficbt - Berlin, den 13. August. Borussia. Dein Steiger, der das Soll nicht liefert, wird die Prämie entzogen I So lautete ein Ukas im Zechenrapportbuch der „Borussia". Der Steiger, der ein bestimmtes Quantum nicht liefert, wird bestraft I Wie er das Soll herausholt, ist seine Sache. Dies System erklärt Tausende von Unglücks- fällen im Bergbau. Und daß dieses System auch das große Unglück auf der Zeche Borussia verschuldet hat, bestätigte eine am Sonntag in Essen-West stattgesundeue, von zirka 500 Bergarbeitern besuchte Versammlung. Neichstagsabgeordneter H u e unterzog das Urteil im Borussiaprozeß einer eingehenden Er- örterung. Er rechnete mit der Möglichkeit einer neuen Auflage dieses Prozesses, und die Ver- sammlung verlangte sie. Hue führte weiter aus: Vielleicht sei es möglich, im Parlamenis, wo man den Ver- tretern der Regierung Auge in Auge gegenüberstehe, gewisse Leute zu nötigen. Aussagen zu machen, durch die Aufklärung zu schaffen sei, die man bis jetzt vergeblich erwartet habe. Das ljnglück sei am 10. Juli 1905 gefchehe». In der Verhandlung habe der Staats- auwalt erklärt, erst am 9. März 1906 sei es möglich gewesen, durch Befahren der Grube die in dieser herrschenden Zustände kennen zu lernen und die Anllagemomeute zusammenzustellen. Aber schon am 3. Februar habe sich Staatsminister Delbrück im Landtage über die bevorstehende Anklage verbreitet. Wie habe er da wissen können, daß der Giaatsanwalt Anklage erheben werde? Interessanter noch sei es. daß zwei Tage nach der Katastrophe Bankdirektor Müller i>r der Sitzung des Aufsichts- rates erklären konnte, es sei festgestellt, daß der Zechenverwaltung keine Schuld an dem Unglück beizumessen sei, was Herr Springorum bestätigt habe mit dem Hinzufügen, es sei das von aufsichtführenden Rcvierbergräten ausdrücklich anerkannt worden. Wenn der Siaals- anwalt in der Verhandlung erklärt habe, die eigentlichen Schuldigen säßen ans der Zeugenbank, warum habe er denn keine Anklage gegen die betreffenden Zeugen erhoben? Der Staatsamvalt habe sich in einem großen Irrtum befunden. Der ivirklich Schuldige sei juristisch nicht zu fassen, es sei dgs jetzt herrschende ganze bergbau- liche System. Nach jedem größeren Bergunglllck, nach den Katastrophen von „Karolinenglück",„Hibernig",„Borussia" und wie die Massengräber alle hießen, habe er in der„Bergarbeiter«Zeitung" die aller- schwersten Beschuldignngen gegen die Grnbenverwaltungen erhoben, aber nichts sei darauf geschehen I Der Redner machte weiter inter- essante Mitteilungen über tödliche Unfälle auf den Zechen„Langen- bahne".„Gustav" und„Herkules", gelegentlich deren in der Presse schwere Anschuldigungen gegen die Verlvaltnngeitjerhoben worden seien. Dennoch sei über jene Unfälle noch heute der Schleier des tiefsten Geheimnisses gezogen und das, obschon man die Bergbehörde über alle Einzelheiten informiert Habel Nachstehende Resolution fand ein- stiinmige Annahme: „Die Versammlung protestiert mit aller Entschiedenheit gegen die im Gerichtssaal und in der zechenfreundlichen Presse unter- nommenen Versuche, die Arbeiter als die eigentlich Schuldigen oder Mitschuldigen an dem Tode unserer 39 Kameraden auf Zeche„Borussia" zu denunzieren. Wer der eigentliche Schuldige ist, bat für den Fachmann die Gerichtsverhandlung gegen den Betriebsführer Rüther gezeigt. Obgleich durchaus nicht alle Einzelheiten der.Boru>sta"-Tragödie durch die Art der Zeugenvernehnnmg aufgeklärt werden konnten, ist doch so viel zutage gefördert worden, daß jeder Fachmann erkennt: das jetzige Bergbausystem hat auch die Toten von„Borussia" auf dem Gewissen. Um aber volle Klarheit über die Zustände aus der Unglückszeche zu verbreiten, fordern wir abermals die Staats- anwallschast auf. gegen die„Bergnrbeiter-Zeitung" oder gegen den Kämeraden Hue wegen seiner Anklagerede in Oespel Klage zu erheben. Dann nur könne» die Borussia-Gcheimnisse voll- ständig aufgedeckt werden." In der Diskussion sprachen noch Wagner, Becker und R a u e r. Alle drei waren sich darin einig, daß man der Berg- behörde kein Vertrauen mehr entgegenbringe. Wagner erhob bei Erörterung eines auf der Zeche„Herkules" vorgekommenen Unalückssalles gegen eine» höheren Beamten die Anklage, dieser habe die Sache vertuscht und der Zeche Handlanger- dienste geleistet. Er habe mit eigenen Ohren gehört, daß man eine Zeche(„Helene") telephonisch davon verständigt habe, daß am nächsten Tage der Bergrat zur Revision einfahren werde, man möge sich deshalb vorsehen! Becker mahnte zur Emigkett und zur Solivarität, und Bauer teilte mit, daß seit dem 1. August wieder die Zechensperre in Funktion getreten sei, und daß zahlreiche Arbeiter wieder von Zeche zu Zeche liefen, aber nirgends angelegt würden, Einig waren sich alle Redner in der Forderung nach Arbeiter- kontrollenren aus den Reihen der Bergleute. So lange man diese nicht habe, werde leine Besserung der Verhältnisse zu ewarten sein.— Die Verantwortlichkeit für die„Sirio"-Katastrophe. Rom, 11. August.(Eig. B»r.) Alle Einzelheiten über die furchtbare Katastrophe, die gegen 300 Menschen das Leben kostete, lassen die Verantwortlichkeit der Navigazione I t a l i a n a klarer hervortreten. Bei Hellem Tage und ruhiger See, in wohlbekanntem Fahrwasser aufzulaufen, daS ist nur möglich bei großer Uutüchtigkeit oder Fahrlässigkeit der verant- wortlichen Offiziere. Immerhin könnte man hier noch an einen unglücklichen Zufall, an ein momentanes Versagen der Aufmerksamkeit denken, für daS die Gesellschaft nicht verantwortlich gemacht werden kann. Was gestaltete aber dos Unglück zu einer so furcht- baren Katastrophe? Das schnelle Versinken des Schiffes und die Kopflosigkeit der HülfSaktion. Und das Schiff versank im Hand- umdrehen, weil es ein alter K a st e n war. der seit 23 Jahren Auswanderer transportiert und längst nicht mehr die Be- dingungen bietet, die das Gesetz für diesen Transport fordert. Und die Hülfsaktion entbehrte jeder Leitung, weil der Kapitän Piecone ein alter gebrochener Mann war, siebzig- jährig, der nun seit 43 Jahren den Ozean befährt. Die Zeitungen überhäufen jetzt den greisen Seemann mit Vorwürfen, weil er, stumpf und regungslos, wie zu Stein erstarrt, auf das Unglück geblickt hat. Man nennt ihn einen Feigling, obwohl er auch für seine eigene Rettung kein Glied gerührt. Man vergißt, daß dieser Mann Jahrzehnte hindurch der tüchtigste Offizier der Nuvigazione Jtaliana war, der beste und beliebteste Kapitän, dessen Name als Bürgschaft guter Fahrt galt. Warum konnte sich der Greis, nach fast einem halben Jahrhundert Dienstzeit, nicht zur Ruhe setzen und die schwere Verantwortlichkeit jüngeren Schultern überlassen? Weil die Schiffahrtsgesellschaft, trotzdem daS Gesetz es ihr zur Pflicht macht, noch immer nicht die Pensionsverhältnisse ihrer Ange st eilten geordnet hat. Kapitän Piecone. der Familie hat, wollte diese stets als„dicht bevorstehend" bezeichnete Pcnsions- ordnung abwarten, er mußte es vielleicht tun, um nicht auf seine alten Tage Not zu leiden. Und wegen dieser dreckigen Sparsamkeit der Gesellschaft mußten Hunderte ihr Leben lassen und muß ein alter Ehrenmann nach einem Leben voll Arbeit und Gefahr auf die Anklagebank. Namentlich in G e n u a. wo die Navigazione Jtaliana gerade ein Fest gab, um ein neues Schiff einzuweihen, während das alte so elend unterging, ist die Erbitterung ungeheuer. Man fragt sich. wann die Regierung endlich wirksame Maßregeln treffen wird, um die Auswanderer vor der ruchlosen Spekulation der Kapitalisten zu schützen. Es heißt allgemein, daß die„Sir io' einer gewissen- haften Inspektion des AuswanderungsamtcS nie standgehalten hätte. Und dabei bezahlen die Auswanderer diesen vermeintlichen Schutz mit ihren blutigen Hellern, denn jeder von ihnen muß 8 Lire an das AuswanderungSamt geben! Am Sonntag findet in Genua eine große Protestkundgebung der Arbeiterorganisationen gegen dies infame Spiel mit Menschenleben statt. Alle Greuelszenen des Schiffbruchs, die übrigens die eng- -lische Presse stark übertrieben hat, wären ohne das Versagen des Kapitäns, dessen kläglicher körperlicher und geistiger Zustand der Gesellschaft wohlbekannt war. unmöglich gewesen. Die Maiiiischaft — das sei offen gesagt— hat sich nicht bewährt, da sie für die eigene Sicherheit sorgte, anstatt die Rettungsboote inS Meer zu lassen, die Schwimmgürtel zu verteilen usw. Aber si erhielt auch> kein Kommando, niemand leitete die Rettungsaktion. Wenn die Mannschaft auf dem Posten geblieben— und es war Sache des Kapitäns, dies zu erzwingen— so wären der Katastrophe nur die zum Opfer gefallen, die zur Zeit des Anpralls unter Deck Ivoren, also einige 70 Personen. Daß der eingeleitete Prozeß irgendwie daS geschehene Unrecht rächt, erwartet in Italien kein Mensch, Schiffahrtsgerichte gibt es hierzulande nicht: der Fall kommt also vor die gewohnlichen Gerichte, wo dann die Sachverständigen, die als Zeugen vernommen werden, die Sache drehen und wenden können, wie sie wollen. Ein solcher Prozeß dauert Jahre, ja Jahrzehnte! Wenn das Urteil erfolgt, ist das öffentliche Interesse längst verraucht und kein Hahn kräht um den Freispruch. Der alte Kapitän, den man vielleicht als Sünden- bock opfern würde, hat inzwischen Zeit, dahin zu gehen, wo er keine Pension mehr braucht. Und die Navigazione Jtaliana kann aus ihren schwimmenden Leichenkästen weitere Millionen schlagen.— •• •• Deutfcbcs Reich* Tkandallüpernheit. Die bürgerliche Presse ist bereits dabei, den vom„Vorwärts� veröffentlichten Teil des Protokolls der Gewcrkschaftskonferenz gierig nach Zitaten zu durchschnüffeln, die sich zur Bereicherung einer poli- tischen Skandalchronik benutzen ließen. Die Ausbeute ist aber so mager, daß sich damit nicht viel anfangen lassen wird. Da haben der Parteitag von Dresden und der„Vorwäris"-Konflikt denn doch eine ganz andere Ausbeute gewährt. Die„Kryptosozialdemolraten" der„Post", die schnöde verkannten „Postesel", die ihre das Scharfmachertum diskreditierende Tätig- keit vorstchtigerweise einige Tage eingestellt hatten, liefern jetzt wieder dadurch einen Beitrag zur„Psst"-Moral, daß sie erzählen. ein Teil des Protokolls habe sich bereits seit 14 Tagen in ihrem Besitze befunden, sie hätten jedoch nur deshalb keinen Gebrauch von diesem--- ihnen sicher nicht kostenlos zur Berfiigung ge- stelltem— Material ihrer Achtgroschenjungen gemacht,„weil der Parteivorstand das Protokoll doch demnächst veröffentlichen wollte' I Die„saftigen Stellen" des Protokolls erscheinen jedoch unseren ver- kappten„Post'-Genossen so trocken, daß sie sogar die erschröckliche Aeußernng eines Genossen buchen, der einem anderen„nachgesagt" hat, daß er die physische» Eigenschaften zum Posauneubläser Habel In der Tat, so etwas kommt denn doch in bürgerlichen Parteien glücklicherweise nicht vor! Die„Köln. Ztg." fängt die Sache nicht minder perfid an. Em in ihrer Redaktion sitzender verkappter Sozialdemokrat plaudert die Herzenswünsche der Reaktion folgendermaßen aus: „Nach den nunmehrigen Vorgängen hat eS ja den Anschein. daß die Gewerkschaftsführer sich bei der Bewegung der er- zieherischen Wirkung ihrer Tätigkeit auf die Partei, wenigstens hinsichtlich des Tempos, in einein starken Irrtum befinden. Ihre bisherige Taktik des Answeichens und Lawierens, um eine Zersplitterung der Arbeiterschaft zu verhüten, ist jetzt nicht mehr angängig. Man darf nunmehr erwarten, daß sie zur revolutionären Politik offene und rückhaltlose Stellung nehmen und dabei eine feste Linie ziehen um die geWerk- schaftltchen Bedingungen und Möglichkeiten, deren Berücksichtigung durch die Partei auf der Konferenz der Gcwerkschaftsvörslände mit Entschiedenheit verlangt würde. Geschieht dies, dann wird die für das Wohl- ergehen der Arbeiterklasse unumgänglich notwendige Befreiung der Gewerkschaftsorganisationen von gewerk« schaftsfeindlicher Parteieinseitigkeit die natur- gemäße Folge, und damit die Grundlage gegeben sein für eine einheitliche nationale Arbeiterbewegung." Auch wir zweifeln nicht daran, daß die Gewerkschaftsgenoffen der von dem Organ der nationalliberalen Schlotbarone gegebenen Losung unverzüglich Folge leisten werden l—- Zur Nochwahl im 10. sächsischen ReichötagSwahlkreise. Nachdem vor acht Tagen die Kandidatenaufstcllung in einer! Partcivcrsammlung in Döbeln erfolgt ist, während bei den bürger« lichen Parteien noch die Katzbalgerei um Hasse weitergeht und � die„Freisinnigen" noch mit einer Sonder(zähl) kandidatur „drohen", sind unsere Genossen im Kreise bereits in die Agitation zur Nachwahl eingetreten. In zwei Orten des Kreises, in Hartha, dem Wohnort des verstorbenen Genossen und Abgeordneten Grün- berg, und in Roßwein wurden am Sonnabend und Sonntag Volks, Versammlungen abgehalten, in denen sich der Kandidat, Genosse Karl Pinkau-Leipzig seinen Wählern vorstellte. In dem sehr geräumigen Saal des„Hotels Flemmingen" kamen am Sonnabend die Genossen und Anhänger aus Hartha und Umgebung zusammen. Der Kandidat dankte für seine Aufstellung und wies darauf hin. daß er mit der Annahme der Kandidatur nur seine Pflicht tue, wie er seit 20—25 Jahren immer angetreten sei und für die Partei und die Allgemeinheit sich betätigt habe, wenn der Ruf„Auf die Schanzen" erscholl. Genosse Pinkau sprach dann über die deutsche Rcichspolitik. In scharfer kritischer Beleuchtung ließ er die politischen Ereignisse der letzten Zeit Revue passieren, zeigte die preußisch-deutsche Re- giererei in voller Glorie und stellte die Beteiligung der bürgerlichen Parteien an der Gcsetzmacherei fest. Deren Haltung und Abstim- mung in den verschiedenen Fragen war schuld daran, daß ihnen gutes nicht nachzusagen war. Im Gegensatz hierzu kennzeichnete er die Stellungnahme der Sozialdemokratie, die das Interesse der Be- völkerung noch imlper gewahrt hat und wahren wird. Dem Pro- fessor Dr. Hasse, dem Zentralkandidaten bei der bevorstehenden Nachwahl die Stimme zu geben, wäre gleichbedeutend mit der Billigung der Hans Dampfpolitik, deren eifrigster Befürworter Hasse ist. Nur wenn die Masse der Wähler an den bei den letzten Wahlen betätigten Grundsätzen festhalte, stehe eine Besserung der politischen Verhältnisse zu erwarten. Dem mit begeisterten Beifall aufgenommenen Vortrage folgte eine kurze Diskussion, in der der Plan der„Freisinnigen", mit einer Sonderkandidatur zu kommen, als unbedeutend bezeichnet wurde. Die Genossen würden den Kreis mit einem oder mehreren gegnerischen Kandidaten im ersten Wahlgange holen. Nach einer kräftigen Aufforderung des Genossen Thate zu energischer Agitation für Pinkau fand die glänzend verlaufene Versammlung ihr Ende. * DaS„Dresdener Journal" veröffentlicht eine Bekannt- machung des Ministeriums desJnnern, nach welcher die Reichstagsersatzwahl im 10. sächsischen Wahlkreise Döbeln-Roß- wein auf den L2. Oktober angesetzt wird. Flottenpattiotische Spielereien. Bereits kürzlich hatten wir über die Einführung einer .Flottenmarke" berichtet, die den zahlungsfähigen Flotten- Patrioten die ersehnte Gelegenheit geben sollte, auch etwas zu den Flottenlasten beizusteuern, die ja bekanntlich aus den indirekten Steuern der nicht besitzenden Klassen zur Hauptsache bestritten werden. Diese patriotische Selbstbesteuerung hat nunmehr die offizielle Weihe des FlottenvereinS erhalten. Wie wir der neuesten Nummer der„Flotte", de? offiziellen Organs des FlottenvereinS. entnehmen, hat diese Organisation der Panzerflottenpatrioten nunmehr vertragsmäßig den Vertrieb der.Flottenmarken" über- nonmum. Auch verschiedene große Geschäftshäuser haben sich in „aufopferuugSvollcr Weise" zum gleichen Dienst für die große Sache bereit erklärt. Selbst die Firma Tippelskirch will Flotten- marken vertreiben ohne dafür— man denke l— einen VermittelungS» dienst zu becmsprnSen. Die Erfinderin der genialen Idee, Margarete Freifrau von KöingSwerter-Formes, Frankfurt a. M., äußert sich in einem Artikel in der„Flotte" folgendennaßen über die«Flottenmarke": „Um alle Kosten zu vermeiden, mögen daher allerorts sich patriotische Gönner finden, die ihrer Baterstadt eine eingene charakteristische Flottenmarke stiften. Seine Majestät der Kaiser bringt der Flotten marke ein reges In« teresss entgegen, und der bekannte Marinemaler, Professor Bohrdt, hat in liebenswürdigster Weise einige kunstvolle Skizzen entworfen, die gewiß großen Beifall finden dürsten. Mit einer kleinen freiwilligen Bei- steuer ist einem jeden die Möglichkeit geboten. seine Sympathie für das Herzenskind unseres Volkes, die Flotte, zu betätigen. Alle, die mit großen Mitteln nicht helfen können und doch helfen wollen, erleben bei Benutzung dieses Brief- siegeis täglich neu die Freude am Geben für ein großes Ganzes: darin liegt ein wichtiges erzieherisches Moment gerade für die Jugend, der unsere Zukunft gehört. Nicht nur erinnert das Markenbild den jungen Weltbürger lockend an die Reize und die Macht des Meeres, an unsere Seeleute, die, mit tausend Gefahren kämpfend, hinausziehen, sondern es gibt ihm auch Gelegen- heit, sein Scherflein beizutrage», mitzuhelfen an den großen Aufgaben seines Volkes. Diese Befriedigung, sich früh als Teil eines großen Ganzen zu fühlen, gibt ein Zufanunengehörigkeits, gefühl, das beglückend und seelisch erziehensch auf unsere Jugend einwirkt. Tragfähig kann nur das Gute sein, und als trag« und ertrag- fähig hat sich die Idee erwiesen und sich Freunde gewonnen, trotz Gegenstrom und Gegenwind. Die Hamburg-Amerika-Linie und der Lloyd tragen sie fördernd übers Meer, auch die Reichspost ist ihr Iv ohlwollend gesinnt, auf einen guten Start kommt alles an, diese» hat die Flottenmarke nunmehr erreicht! Doch Mann und Weib, Groß und Klein, wir alle müssen Helfer sein!" Der Flottenverein teilt dann weiter mit, daß der Vertrieb von einer Million Flottenmarken 75 000 M. Reinertrag abwerfen werde. Diese patriotische Selbstbesteuerung spekuliert also in erster Linie auf die Sammel« und Markcnsportfexerei der lieben Jugend. Trotz- dem dürfte die„Flottenmarke" kaum ein paar hunderttausend Mark Ertrag abwerfen. Unsere Kolonial- und Flotteninteressenten sind denn doch allzu kluge Leute, als daß sie die Lasten für die herrliche Kriegsflotte nicht generös der proletarischen Masse des Volkes über« lassen würden.—_ Dem Verdienste die Krone. Herr Fromme, Landgerichts- direktor in Magdeburg, ist zum Landgerichtspräsidenten in Jnsterburg ernannt worden. Der Herr wurde seinerzeit über Magdeburgs Mauern hinaus bekannt, als er noch Vorsitzender einer Strafkammer war, die über die meisten Preßprozesse gegen die„Volksstimme" zu entscheiden hatte. Einmal hatte er dem Ge- noffen SNüller, der wegen irgend einer Lappalie angeklagt war, den guten Rat gegeben, er solle sich um„seine Parteiführer, die sich Villen bauen", kümmern, anstatt um so viele andere Dinge, die zu Anklagen führten. Das brachte dem Herrn Fromme eine gepfefferte Abfertigung durch den Genossen Bebel ein, die seinen Namen ziemlich bekannt machte. Müller lehnte ihn bei der nächsten Gelegenheit für befangen ab, natürlich ohne Erfolg und ein paar Wochen später verurteilte ihn die Kammer des Herrn Fromme unter seinem Vorsitze zu vier Jahren Gefängnis wegen Majestätsbeleidi. gung. Die Majcstätsbcleidigungsaffäre, die später zur Verurtei- lung des verstorbenen Genossen Schmidt zu drei Jahren Gefängnis und zur Freisprechung Müllers im Wiederaufnahmeverfahren führte, begann mit diesem Urteile. Sie hat Herrn Fromme, der alle Urteile in dieser Affäre fällte, einen Platz in der Geschichte neu- deutscher Justiz verschafft.—_ Die beleidigte Breslauer Polizei. Vor der Strafkammer I des Landgerichts in Hannover hatten sich am Sonnabend der Gewerkschaftssekretär Genosse Schmidt und der Redakteur des.Volkswille". Genofie Donath, wegen einer Aeußerung, die sie in Maiversainmlungen in Linden gemacht, zu verantworten. Genosse Schmidt soll in der Wer- sammlung im„Lindenhof" jenes.Blutbades" Erwähnung getan haben,„welches man in den letzten Tagen seitens der BeHorden * in Breslau arrangiert hat." Genofie S ch ni i d t will dagegen nur gesagt haben, daß die Breslauer Polizei bei diesem Blutbade„engagiert" gewesen. Die Anklage lautet auf verleumderische Beleidigung(§ 187) der Breslauer Polizei und„Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen(§ 131). Strafantragstcller ist der Polizeipräsident von Breslau, Dr. Jenko, der wahrscheinlich durch die hannoversche Staatsanwaltschaft Kennwis von dem Delikt erhalten. Genosse Donath soll in seiner Rede auf dem„Lindener Berghause" durch folgende Wendung:„Wir brauchen uns darüber(daß Straßendemonstrationen in Preußen nicht gestattet sind) die Köpfe nicht zu zerbrechen; wenn wir einst die Zeit für gekommen halten, werden wir niemand darum fragen, ob wir auf dm Straße gehen dürfen. Wir gehen auf die Straße, wenn es uns patzt, und nicht, wenn es unseren Gegnern paßt..." gegen§ 110 des Straf- oesetzbuches(Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze) ver- stoßen haben. Der Angeklagte stellt dies entschieden in Abrede. Polizeikommissar Schütte bezeugt an der Hand seiner Auf- Zeichnungen, daß er das Wort„arrangieren" gehört; er glaube nicht, sich verhört zu haben. Kriminalbeamter Thielmann, der das Stenogramm auf- genommen, will ganz bestimmt das Wort„arrangiert" gehört haben. Der betreffende Passus in dem Stenogramm lautet wörtlich:„Blutbad, letzten Tagen seitens Behörden Breslau arrangiert hat." Polizeikommifiar M i t t m a n n- Breslau, 23 Jahre alt, gibt eine Schilderung der Vorgänge am 19. April, indes mit so leiser Stimme, daß er im Zuhörerraum kaum verständlich war. Danach haben am genannten Tage auf dem Strieganerplatze in Breslau schon gegen 4 Uhr nachmittags große Menschenmengen sich angesainmelt, um die„Arbeitswilligen" zu erwarten. Gegen 6 Uhr seien eS. Frauen und Kinder einbegriffen, wohl gegen 6009 gewesen. Die anwesenden Polizeibeamten seien übereingekommen, ihr Verhalten von dem der Menge abhängig zu machen. Diese habe alsbald angefangen zu johlen, die Polizeibeamten mit Steinen und mit Kot zu bewerfen, und sich auf die Straßen gedrängt, so daß die Arbeitswilligen nicht durchkommen konnten. Die Polizei sei jetzt eingeschritten, um die Straße frei zu machen. Schüsse fielen, Kanonenschläge wurden abgebrannt. Als er selbst einen Schlag erhalten, habe er befohlen, blank zu ziehen und vorzugehen. Ein scharfer Schuß aus der erregten Menge hätte ein noch energischeres Vorgehen angezeigt erscheinen lassen. Schritt vor Schritt habe man die Menge zurückgedrängt, bis das Signal gekommen, sich zurückzuziehen. Unter des Zeugen Kommando hätte» zwei Be- rittene und vierzehn Schutzleute gestanden. Hülfe sei geholt worden. Aber bis diese, ein Kommandeur und 200 Schutzleute, eingetroffen, sei der Platz wieder, wie vorher, ganz schwarz von Menschen ge- »vesen. Man habe die Massen aufgefordert sich zu entfernen, und als dies nicht geschehen, sei der Befehl zum Vorgehen ergangen. Wiederum habe er einen Schlag erhalten. Steine seien geflogen gekommen: aus den Fenstern habe man mit Wasch- eimern, Plätteisen, Stühlen zc. geworfen, sogar mit Flaschen, die mit Säuren gefüllt gewesen seien. Allein in seiner Kompagnie seien 11 Verletzungen zu verzeichnen gewesen. Er habe nun zunächst zwei Schreckschüsse abgegeben, dann zur Warnung einen scharfen Schuß in ein Fenster, und als dies ohne die erwünschte Wirkung, seien die Schützen in Aktion getreten. Endlich sei es gelungen, den Platz und die Straße zu säubern, was dann noch dreimal hätte wiederholt werden müssen.— Es sei mit aller Schonung und Nach- ficht vorgegangen. Auf Befragen des Vorfitzenden sagt der Zeuge noch aus, daß seit dem roten Sonntag schärfere Bestimmungen eingetreten wären, welche laut Anweisung, eventuell„in vollem Maße" angewendet werden sollten. Polizeikommissar Bernhard- Breslau sagt über die Vorgänge in Breslau ähnlich aus, und bekundet aus die Frage des Vorsitzenden noch, baß der Handabhacker bisher noch nicht ermjttelt sei. Polizeikommifiar König hat nicht die Meinung gehabt, daß Genosse Donath mit seinen oben zitierten Worten die Zuhörer zum Ungehorsam gegen die Gesetze hat auffordern wollen. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft, ein noch junger Herr, ist, zumal die Angeklagten in ihrer Rede auch der rulfischen Re- volution Erwähnung getan, von ihrer, der Angeklagten Schuld, völlig überzeugt. Die Erwähnung des Blutbades durch den Genossen Schmidt könne nur den Zweck haben, gegen die Behörden zu hetzen; der Hinweis auf die russischen Borlommnisse sei nur erfolgt, um die deutschen Behörden herabzusetzen. Die verleumderische Beleidigung sei erwiesen. Zweifellos habe sich der Angeklagte auch gegen§ 13t vergangen. Von mildernden Umständen könne, obgleich Angeklagter noch mcht vorbestraft, keine Rede sein. Er beantrage„nur sechs Monate Gefängnis" und Publikationsbefugnis. Den Angeklagten Donath, der bis zum 1. Mai noch unbestraft, aber inzwischen zwei- mal zu einer Geldstrafe verurteilt worden, beantrage er mit sechs Wochen Gefängnis zu bestrafen. Nach einenr trefflichen Plaidoyer deS Verteidigers, Justizrat L e n z b e r g, der die Argumente des Staatsanwalts gehörig zer- pflückte und sich auch gegen das exorbitant hohe Strafmaß wendete, zog sich das Gericht zur Urtcilsfindung zurück. Genofie Donath wurde freigesprochen. da baS Gericht nicht die Ueberzeugung gewonnen, daß er, D.. mit seiner Aeußerung aus die Willensentschließung seiner Zuhörer habe einwirken wollen. Bei dem Genossen Schmidt erachtet das Gericht de» Tatbestand des§131 nicht für festgestellr. Dagegen sei er überführt, die Breslauer Polizeibehörde vorsätzlich verleumderisch beleidigt zu haben. Mildernd sei erwogen, daß der Angeklagte noch unbestraft; aber der Vorwurf, den er gegen die Breslauer Polizei erhoben und der völlig aus der Luft gegriffen, sei ein so schwerer, daß auf eine Geldstrafe nicht hätte erkannt werden können. DaS Urteil lautete auf zwei Monate Gefängnis, Tragung der Kosten und dem Polizeipräsidenten von Breslau wird außerdem die Befugnis zuge- sprochen, da« Urteil auf Kosten des Angeklagten in der»Schles. Ztg.". im„Hannov. Tageblatt" und im.Volkswille' durch ein- maligeS Einrücken bekanntzugeben.— Journalistische Ehrenmänner. Unter dieser Stichmarke bringt die«Leipziger Volkszeitung" nachfolgende Korrespondenz aus Frankfurt a. M.:„Von welcher Qualität und Gesinnungstüchtigkeit manche bürgerlichen Journa« listen sind, mag durch folgendes kleine Beispiel illustriert werden: In der Hetze, die die bürgerliche Stadwerordneten-Mehrheit in Frankfurt a. M. gegen den Stadwerordneten Genossen Zielowski entriert hat, spielt besonders die demokratische Presse der Sonne- mannclique eine geradezu erbärmliche Rolle, indem sie mit rabu- listischem Eifer bestrebt ist, Holz zu dem Scheiterhaufen zusammen- zutragen, auf dem der„Ketzer" verbrannt werden soll. Dieses Be« ginnen darf weiter nicht wundernehmen, denn gerade die Blätter des Herrn Sonnemann haben von jeher eine feine Nase für kapitalistische Jnteresscnpolitik gehabt. Wozu noch kommt, daß bei den Terrainspekulationen, die Zielowski zum Gegenstand der Kritik gemacht hat, Maklertum und Freisinndemokratie politisch und gesell- schaftlich so eng liiert sind, daß man es schon verstehen kann, wenn die demokratische Presse sich mächtig ins Zeug legt und eine Jnteresscnpolitik verteidigt, auf deren Grundlage zum Teil ihr« Macht beruht. Nun wollte eS aber der tückische Zufall, daß ein aus- wärtiges Freisinnsblatt, das„Berliner Tageblatt", in dem Kampf gegen die Jnteressenwirtschast im Frankfurter Rathaus sich aus- nahmsweise mal auf die Seite der sozialdemokratischen Kritiker ge- stellt hat. ES brachte über die„KorruptionSaffäre" mehrere Artikel aus der Feder seines Frankfurter Korrespondenten, die den Frank- furter Freisinndemokraten furchtbar auf die Nerven gefallen sind. Daß ein Blatt der eigenen Partei ihre Zirkel stören und sie vor aller Welt bloßstellen würde, das hatten sie nicht erwartet. Diese Kühnheit des Frankfurter Korrespondenten deS„Berliner Tagebl." sollte gerochen werden. Ein Tintenkuli der Sonncmannclique, Anton Burger, übernahm das Henkeramt. Er schrieb an das„Berliner Tageblatt" einen Brief und denunzierte darin den Korrespondenten der falschen Berichterstattung, in anmaßender Weise der Rebaktion den„guten Rat" erteilend, sie möchte doch für die Folge die Zu» schriften ihres Korrespondenten nicht mehr so kritiklos aufnehmen. Aber die Wirkung dieser Denunziation war eine andere als sie Burger erwartet hatte. Seine Frechheit, sich in die ReoaktionS- angelegenheitcn des„Berliner Tageblattes" einzumischen und dieses zu schulmeistern, ging den Mosscleuten doch etwas zu sehr wider den Strich. Sie setzten sich hin und schrieben dem Herrn eine Antwort, die dieser wohl nicht hinter den Spiegel gesteckt hat. Sie verbaten sich einfach dieses Einmischen in ihre Redaktionsangelegenheiten. Die erwartete Maßregelung des Frankfurter Korrespondenten deS „Berliner Tageblattes" blieb aus. Die Moffeleute waren in diesem Falle ausnahmsweise etwas selbstbewußter als Herr Sonnemann, der seinerzeit einem seiner Redakteure(Ouarck) den„Sack" gab, weil sich der freisinnige Abgeordnete Funcke über seine kritische Be- urteilung der Tätigkeit des Abgeordneten Gutfleisch bei Beratung der Arbeiterschutzgesetze beschwert hatte. Die journalistischen Sitten stehen übrigens auch sonst bei den Sonncmannleuten nicht allzu hoch im Kurse. Ein anderer dieser Schmocks, der für seine verhältnismäßig schwachen journalistischen Leistungen sehr gut bezahlt wird... es also nicht nötig hätte, sich ein Ncbeneinkommen zu suchen, hat sich nicht gescheut, unter Be- rufung auf seine guten Informationen als Redakteur der„demo- kratischen"„Frankfurter Zeitung" bezw.„Kleine Presse", sich bei Herrn Scherl, dem Herausgeber des durch und durch byzantinischen „Berl. Lokalanzeigers" anzubiedern und um einen Korrespondenten- Posten zu betteln. Herrn Scherl imponierte diese Gesinnungstüchtig- keit eines demokratischen Redakteurs von Sonncmanns Gnaden so sehr, daß er seinem bisherigen Frankfurter Korrespondenten kündigte und dem Bittsteller den Posten übertrug. Jedenfalls will Scherl einmal erproben, inwieweit dieser demokratische Schmock schreiben kann rechts und schreiben kann links. Und solche Journalisten wollen sich dann wundern, wenn ihre„Ueberzeugung" und„Gesinnungs- tüchtigkeit" in leise Zweifel gezogen wird!" Zum Bierkrieg in Leipzig. Der Leipziger Brauereiring und die Gastwirtevereinigungcn haben es fertig gebracht, durch einen geradezu wucherischen Preis- aufschlag einen Bierkrieg zu entfachen, der einem Teile der Wirte wie Brauereien unheilbare Wunden schlägt, wovon sich diese nicht wieder erholen werden. Die Absicht der Großbrauereien ist, die Konkurrenz der mittleren und kleineren los zu werden und die Restaurants ganz in ihre Gewalt zu bekommen; denn zu einem solch horrenden Preisaufschlag von 2 M. pro Hektoliter haben nicht einmal die Grotzbrauereien eine Berechtigung, da die Steuer für sie im Höchstfalle 1,20 M. pro Hektoliter beträgt; die mittleren Brauereien haben nur etwa 60— 60 Pf. zu zahlen und die kleinen gar nichts. Durch Beschlüsse der Vereinigung und unter dem Drucke von Sichtwechseln und der Konventionalstrafen zwingen die Großbrauereien die kleinen und mittleren mitzumachen, wodurch sie kaput gehen und zwar zuerst kaput gehen müssen. Sie bekommen zwar eine Entschädigung für den Ausfall aus der Boykottversiche- rung in Berlin, aber das hält den Ruin nicht auf. sondern ver- längert nur ihr qualvolles Dasein etwas. Schon sieht es jetzt auf den Höfen und in den Bierlagern der Brauereien und der Biergrohhändler traurig aus. Da stehen ganze Wagenburgen, und die Fässer, volle wie leere, stauen sich in un- heimlichen Mengen an. Zum Schein lassen sie ja auch noch einige Wagen mit aller- dings leeren Fffssern und Flaschen in der Stadt umherfahren, aber das Publikum amüsiert sich höchlichst über das Reklamefahren. Auch mit Arbeiterentlassungen sind schon einige Brauereien vorgegangen, weil sie für die Leute nichts mehr zu tun hätten. Damit aber auch der Humor und die Abwechselung im Kampfe nicht fehlt, hat der Brauereiring in einem bürgerlichen Blatt, das sich ständig zu den niedrigsten Diensten des Kapitalismus hergibt, den„Leipziger Neuesten Nachrichten" erklärt, kr»verde die„Bolls, eituüg" aus Schadenersatz berklagen, weil diese geschrieben hat, aß Großbrauereien den Biergroßhändlern, den Inhabern großer Restaurants und den Konsumvereinen Bier zum alten Preise an- geboten und auch geliefert haben. Sollten die Herren die Drohung wahrmachen, könnten ja feine Praktiken an den Tag kommen. Von welcher Couleur die Leipziger Wirtevereinigungen sind. geht daraus hervor, daß eine solche kürzlich in einer Versammlung in den starken Arbeitervierteln Letpzig-Ostcn beschlossen hat, an den noch über die von den Brauereien beschlossenen Erhöhungen hinausgehenden Pretsaufschlägen festzuhalten,„da ja auch die Herren Arbeiter höhere Löhne forderte n". Daß sie damit das Publikum immer noch mehr gegen sich auf- peitsche», sehen diese hurrapatriotischcn Wirte nicht ein. Welche Hohe der Bierkrieg erreicht hat, geht ans den sechs öffentlichen Versammlungen hervor, die am Sonntag in Leipzig abgehalten wurden und die ungemein stark besucht waren. Sie beschlossen einhellig folgende Resolution: „Die Versammlungen erklären ihr volles Einverständnis mit dem Beschlüsse der Sanssouci-Vcrsammlnng vom 1. August, in dem diese sich verpflichtete, den Konsum aller Biere cinzu- stellen, die aus Brauereien stammen, die an dem erhöhten Preis, aufschlag festhalten, und diese Taktik so lange fortzusetzen, bis die Brauereien und Wirte von der ungerechtfertigten loucherischen Preissteigerung Abstand genommen haben. Sie erklärt weiter, daß ein Saal- und Lokalbohkott mit diesem Beschlüsse nicht aus- gesprochen werden soll. Sie macht es jedoch den Arbeitern zur Pflicht, in Lokalen, die Ringbiere mit verschänken, fremde Biere nur dann zu konsumieren, wenn sie ohne Preisaufschlag abgegeben werden. Sie verurteilt aber auch weiter auf das allerent- schiedenste die Stellungnahme derjenigen Wirte, die, statt mit den Konsumenten den Bierwucher zurückzuweisen, mit den Brauereien gemeinsame Sache machen. Die Versammlung ver- pflichtet die Arbeiterschaft, so lange für eine strenge Durch- führung des Bierkricges einzutreten, vis sich die Brauherren zu Verhandlungen geneigt zeigen." Damit ist der Bierkrieg in ein noch verschärftercs Stadium getreten._ Manöverfreude». Straßburg, 10. Angust.(Eig. Set.) Von seltsamen Manöverfreuden berichtet die„Freie Presse", unser hiesiges Parteiblatt, ans Schlettstadt. Ein Teil der 39. Division unternahm vor einigen Tagen im Wejlertal Gebirgs- Übungen, die aber plötzlich abgebrochen lvordcn mußten, da infolge der übern, äßig großen Hitze zahlreiche Sol- baten ohnmächtig geworden waren. Em vor dem Ort Kestenholz vom Hitzschlag getroffener Soldat mußte noch am gleichen Abend schwer erkrankt in» Lazarett gebracht werden. Die Mannschaften bezogen in den umliegenden Dörfern Not- quartiere. In Schlettstadt selbst rückte das in Straßburg garnisonierende Infanterieregiment Nr. 172 in furchtbarem Zustande ein, die Mannschaften hatten die N ö ck e v om K o p p el» schloß aufwärts ausknöpfen müssen. Die infolgedessen in der Gegend herrschende Aufregung wurde noch erhöht, als die Nachricht verbreitet wurde, es seien zahlreiche Hitzschläge und siins Todesfälle zu verzeichnen, davon drei beim In- fanterieregtment Nr. 169 und je einer beim In- fanterieregiment Nr. 171 und bei einem Jäger- b a t a i l l o n. Trotz der gewaltigen Bennruhigung der Bevölkerung hat weder die Militärbehörde bisher sich zu einer Darstellung deS Sachverbalt« bequemt, noch hat die bürgerliche Presse sich irgendwie um diesen Todes marsch gekümmert. Man darf auf die Folgen gespannt sein, die die Veröffentlichung der„Freien Presse" über diese Glanzleistung militärischer Disziplin nach sich ziehen tvird.— Hiiöland. Dänemark. LandsthingSwahl. Im nächsten Monat wird die eine Hälfte beS dänischen Lands- thing« neugewählt. Unter den 27 ausscheidenden Abgeordneten ist ein Sozialdemokrat, Genosse C. C. Andersen. Wohl wurden bei der Wahl vor acht Jahren zwei Sozialdemokraten geivählt, aber der eine, Genosse Mmidbery, ist verstorben und sein Mandat fiel einem Konservativen zu. Unser Kopenhagener Bruder- organ rechnet darauf, daß diesmal vier Sozialdemokraten gewählt werden. Die Wahlen zum Landsthing, dem dänischen„Herrenhaus", sind indirekte, und für die Wahlmännertvahlen sind die Wähler in zwei Klassen, die allgemeine und die der großen Steuerzahler, geteilt. Der reaktionäre Charakter dieses Things wird dadurch noch mehr verschärft, daß 12 seiner 66 Mitglieder auf Lebens« zeit Vom König ernannt werden.-- Italien. Die Sozialisten gegen eine monarchische Kundgebniig. Rom, den 11. August.(Eig.©et.) Am 13. ds. wird in Alexandria (Piemont) ein Monument König H u m b e r t I eingeweiht. Natürlich nehmen alle Zivil« und Militärbehörden mit großem Prunk an der Feier teil, nur die Stadtverwaltung lehnt jede Beteiligung ab. LIexandria hat bekanntlich eine sozialistische Kommunal« Verwaltung und diese kann selbstverständliK an einer derartigen Zeremonie nicht teilnehmen. Die bürgerlichen Blätter haben begreiflicherweise recht scharfe Worte für unsere Genossen, aber sie wurden wohl auch es den Monarchisten nicht zumuten, bei der Eni- hüllung eines Marx-BildnisseS z. B. zugegen zu sein! Und was dem einen recht ist, sollte auch dem andern billig sein. Spanien. Antiklerikale Pläne der Regierung. Die»Correspondeucia de Espana" schreibt: Ein Mitglied deS Ministeriums hat erklärt, daß die Regierung in der ersten Sitzung der KorteS ein Vereinsgcsetz einbringen werde. Nach dieser Vor- läge sollen die Kongregationen den für alle industriellen Ver« einigungen geltenden Bestimmungen unterscheiden und sollen auf sie dieselben Gesetze Anwendung finden, wie für alle anderen Bürger. Die zahlreichen ausländischen Orden, die sich nach ihrer Ausweisung aus Frankreich in Spanien niedergelassen haben, sollen verpflichtet sein, sich als Spanier naturalisieren zu lassen und sich der allgemeinen Regel zn unterwerfen. Für den Fall, daß sie sich weigern. dicS zu tun, sollen sie gezwungen werden, das spanische Gebiet zu verlassen. Der betreffende Minister hat der genannten Korrespondenz zufolge hinzugefügt, daß die Regierung vor keinem Hindernis zurückschrecken werde.— Bulgarien. Griechenmetzelei in Anchialo. Aus Sofia wird vom 12. August durch das Wiener Tele, graphen-Korrespondenz-Vureau gemeldet: In der zumeist von Griechen bewohnten Küstenstadt Anchialo wurde heute ein antigriechisches Meeting veranstaltet, an welchem die Bauernschaft ans den umliegenden Orten teilnahm. Blätter- Nachrichten zufolge empfingen die griechischen Bewohner von Anchialo, welche die Abhaltung der Versammlung vereiteln wollten, die Demonstranten mit Flintenschüssen, worauf sich ein mehrstündiger Kampf entspann, in dem auf beiden Seiten mehrere Personen getötet und verwundet worden sind. Anchialo wurde an allen vier Ecke» angezündet, so daß bald die ganze Stadt in Flammen stand. Die Drahtverbindung mit Anchialo ist zerstört. Am Abend winde von BurgaS Militär nach Anchialo entsandt, daS die Ruhe wieder herstellen soll. Weitere Volksversammlungen fanden in Rustschuk und Karnobad statt. Auch hier kamen Ansschrcitungcn vor. wobei mehrere Kaufläden, deren Inhaber Griechen sind, zerstört wurden. In anderen Städten der Provinz Ostmmelien abgehaltene MeettngS verliefen ohne Störung. Weitere Nachrichten aus Anchialo bestätigen die bisherige Meldung. Me Griechen haben sich in der Kirche und in größeren Häusern verbarrikadiert. Der Kampf dauerte bis 5 Uhr nachmittags. Der Stadt- präfekt forderte wiederholt die Griechen auf, sich zu ergeben, jedoch erfolglos. Schließlich wurde die Stadt durch von BurgaS ent- sendetes Militär eingenommen. Anchialo ist bis auf 30 Häuser niedergebrannt; auch die öffentlichen Gebäude sind dem Brande zum Opfer gefallen. Der griechische Bischof fand den Tod in dem brennenden Metropolitengebäude. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist unbekannt. Die im ganzen, zum größten Teil von Griechen bewohntenBezirkBurgas herrschende Erregung läßt weitere Ereignisse befürchten; mehrere Kauf« lüden sind bereits zerstört und in Privathäusern die ffenster eingeworfen worden. JnKermenli fand gestern eiue autigriechische Versammlung statt. Privatnachrichten zufolge überfiel eine von griechischer Seite gereizte Volksmenge das Haus eines Griechen. Militär schritt ein. Dabei soll ein Offizier drei Demonstranten niedergeschlagen haben.— Kreta. Ein neuer Gouverneur. Aus Paris wird vom 13. August berichtet: Die vier Signaturmächte für Kreta werden demnächst zu einer Konferenz einberufen werden, zwecks Ernennung eines neuen Gouverneurs für die Insel. Als aussichtsreichster Kandidat ivird der Herzog der Abbruzzen genannt, dessen Wahl allgemeine Befriedigung hervorrufen würde.— Japan. Eine geringfügige Veranlassung. Wie der Londoner„Daily Telegraph" aus Tokio meldet, liegt trotz der alarmierenden Be- richte keine Gefahr vor, daß die Robben-Angelegenheit auf den Aleuten eine internationale Bedeutung annehme. Der amerikanische Botschafter hat die japanische Regierung wissen lassen, seine Regierung untersuche den Zwischenfall sorgfältig und un- parteiisch und hoffe. Japan werde nicht gestatten, daß die herzlichen Beziehungen zu Amerika durch eine so geringfügige Veranlassung gestört würden. Es wurden bekanntlich fünf Japaner wegen angeblichen un- berechtigten Fischens oder Jagens von Robben erschossen, fünf Menschen, die nach japanischer Behauptung unbewaffnet waren. Und das ist eine„so geringfügige Veranlassung l"— GcwerkfcbaftUcbeo# Berlin und Qmgegend. Achtung! Hausdiener, Packer und Berufsgenossen Berlins! Die streikenden Angestellten der Paketfahrt-Akticngesell- ,chaft können wir in ihrem Kampfe nur dadurch unterstützen, daß wir in den Engros- wie Detailfirmen darauf hinweisen, vorläufig keine Güter durch diese zu befördern, da ja auch die Annahmestellen geschlossen sind I Die Sektionsleitung der Hansdrener, Packer er. des Zentral- Verbandes der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter. Die Werkzeugmacher von Gillisch ewSki haben wegen Differenzen mit der Firma die Arbeit in der vorigen Woche nieder- gelegt. Die Firma annonciert in der„Volkszeitung" und in anderen Blättern nach Werkzeugmachern. Bis jetzt sind aber diese Be- mühungen erfolglos geblieben, da die Streikenden etwaige Arbeit« suchende über die Sachlage aufklärten, und dieselben dann aus eine Anfrage bei der Firma verzichteten. Nun versuchte es die Firma auf eine andere Art. Es wurde wieder in verschiedenen Zeitungen annonciert und Werkzeugmacher verlangt, jedoch nicht von der Firma Gillischewski, sondern die Arbeitsuchenden sollten sich in dem Eisenwarengeschäft Otto S i e m u n d, Reinicken- dorferstr. 78, melden. In dem Geschäft war aber ein Meister und noch ein Herr von der Firma G' l li s ch e w s k i. Als den Arbeitslosen das Angebot gemacht wurde, bei Gillischewski zu arbeiten, lehnten diese es ab, ihren Kollegen in den Rücken zu fallen. Die Herren mußten(es war am Sonntag vormittag) ohne Erfolg abziehen; der Liebe Müh' war umsonst gewesen. Wir ersuchen die Metallarbeiter, nach wie vor den Betrieb zu meiden. Deutscher Metallarbeitervcrband, Ortsverwaltung Berlin. Achtung, Elektromontenre! Die Kollegen bei der Firma Paul K e ß n e r, Kreuzbergstr. 30, befinden sich seit einigen Tagen im Streik. Wir ersuchen die Kollegen, den Betrieb zu meiden. Die Firma und folgende Bauten sind für Elektromonteure und Hülfs« arbeiter gesperrt: Ripdorf: Richardplatz, Ecke Herzbergstraße; Westend: Nußbaum-Allee 34, Königin Elisabethstraße; Schöneberg: Hauptstraße 40, Freisingerstraße 3, Schwäbischestraße, Landshuter- straße 25, Porsdamerstraße 118 b, Monumentenstraße und Kaiser- Allee 21; Lankwitz: Mozartstraße; Friedenau: Straße?, Parzelle 9; Charlottenburg: Berlinerstraße, Cauerstraße(Ecke Gerickestraßc); Wilmersdorf: Nachodstraße 36, Goethe-Realgymnasium sBranden« burgischestraße) und Sächsischestraße 3; Tempehof: Moltkestraße 12. Deutscher Metallarbeiter-Verband. Ortsverwaltung Berlin. Der Kampf mit der Paketfahrt. Die Paketfahrtgesellschaft erläßt Bekanntmachungen an das Publikum, daß der Betrieb„in einigen Tagen"„in vollem Umfange wieder aufgenommen" werden würde, und an den Anschlagsäulen sucht sie Rollkutscher für 120 M. und Mitfahrer für 60 M. pro Monat; aber sie kann trotz aller Anstrengungen keine tüchtigen Leute bekommen. Kein ehrlicher Arbeiter will sich den Judaslohn verdienen, der natürlich nur so lange bewilligt wird, als der Ausstand datiert. Die Direktion setzt damit Prämien aus für den Verrat an kämpfenden Arbeitsbrüdern!— Am Sonntag hielt die Direktion einen Appell der Arbeitswilligen ab und teilte mit, daß sie Lohnerhöhungen bewilligt habe: für Rollkutscher 120 M. (bisher 85 M.). für Paketkutscher 100 M.(bisher 80 M.) und für die Schaffner 90 M. Die Arbeitswilligen sollten eine neue Lohnkommission wählen. Die Kutscher werden mit Eifenstangen und Revolvern bewaffnet. Die Streikenden versammelten sich am Sonntag und Montag wieder in der Ritterstraße bei Voigt und erklärten das Vorgehen der Direktion nur als ein Schein« manöver, so lange keine bestimmten Abmachungen mit der Or« g a n i s a t i o n getroffen werden. Nur der Verband kann den Arbeitern die Sicherheit bieten, daß gegebene Ver- sprechungen gehalten werden. Man versucht durch allerlei Mittel. die Streikenden wankend zu machen. Es wird erzählt, daß Streik- brecher von Breslau in großer Zahl unterwegs feien. Das ist nur ein Schreckschuß, wie die Verbandsleilung bestimmt weiß. Man verbreitet die Lüge, daß von früheren Angestellten 50—60 demütige Bittgesuche um Anstellung bei der Direktion eingelaufen seien; man versucht, Mißtrauen gegen leitende Personen unter den Streikern auszusäen: aber alle diese Anstrengungen haben keinen Erfolg. Nur zwei Mann sind bisher der Sache der Streikenden untren geworden, dagegen haben sich mehrere Arbeiter noch den Streikenden an- geschlossen.— Jeder Tag bringt der Gesellschaft steigende Verluste und krampfhafte Anstrengungen werden gemacht, um vor dem Publikum den Schein aufrecht zu erhalten, daß der Betrieb sich im vollen Gange befindet. Ein Beispiel, wie langsam und umständlich die Arbeit vor sich geht, wurde in der letzten Versammlung erzählt. Nach einem großen Geschäft in Schöneberg kam ein Wagen der Paketfahrt, um Güter abzuholen. Der Wagen hatte kein Firmenschild, die Kutscher konnten sich nicht genügend ausweise», die Geschäftsangestellten waren miß- trauisch und warteten aus ihren Chef; dieser telephonierte erst, und dann hatten die vier Personen, die mit dem Wagen kamen, große Not und Mühe beim Aufladen, so daß eS 1?, Stunden dauerte, bis zwei Kolli abgeholt waren. Aehnliches kann man noch häufig beobachten. Berittene Schutzleute stehen jetzt sogar im Dienst der Paketfahrt. Auch Herr Direktor Starke übt sich im Fahrsport und hat gestern höchst eigenhändig einen Rollwagen durch die Stadt gefahren, ohne daß die Polizei sich im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Ordnung einzuschreiten bemüßigt sah. Der Zentralverband der Handels« und Transportarbeiter hat noch starke Mittel, die er in Anwendung bringen kann, wenn die Gesellschaft es bis zum äußersten treibt. Diese rechnet daraus, daß sie reich ist und große Verluste tragen kann, und daß sie durch ihre schlechten Löhne dafür gesorgt hat, daß die Arbeiter arm sind. nichts besitzen und arbeiten müssen, um zu leben. Hinter den Streikenden steht aber der Z e ntr a l v e r b a n d, der auch über eine reiche Kasse verfügt, lind das nicht allein I Der Zenwal- verband hat mit dem Spediteurverein einen Vertrag geschlossen, nach welchem beide Teile verpflichtet sind, für die Herbeiführung gleicher Löhne und Arbeitsbedingungen im Spediteur- aewerbe einzutreten. Damit kann eine ganz neue Situation für die Paketfahrtgesellschaft geschaffen werden, der sie nicht ge- wachsen ist. Die Rollkutscher von Berlin werden zusammenstehen, wenn der Verband sie ruft! Wenn die Streikenden fest und einig bleiben, dann haben sie die besten Chancen, den Kampf zu gewinnen. Auch die Bauarbeiter wollen helfen und kein Material verarbeiten, tvelcheS auf Wagen kommt, die der Paketfahrt Anshülfsdienste leisten.— Die Not auf den Bahnhöfen ist jetzt schon sehr groß. Die Passagiergüter können nicht abgeholt werden. Wo eine Firma der Paketfahrt zu Hülfe eilen will, kommt sie selbst in Ungelegenheiten. Die Firma Schumacher in Friedenau erklärte sich bereit, Passagiergüter vom Stettiner Bahnhof zu befördern. Die Körbe und Koffer wurden nach Friedenau geschafft und da blieben sie liegen, denn die Kutscher — waren im Bureau des Zentralverbandes, und wie dort ent- schieden wird, danach handeln sie gern und bereitwilligst. Am Mittwoch wird die erste Streikunterstützung ausgezahlt. Die Kohlcnarbciter und Kutscher nahmen am Sonntag in einer äußerst zahlreich besuchten Versammlung den Bericht der Lohn- kommission über den Stand ihrer Lohnbewegung entgegen. Demnach hat der Vorstand des Verbandes der Berliner Kohlengroßhändler laut Schreiben vom 3. August der Kommission mitgeteilt, daß eine Versammlung der Unternehmer sich am 15. August mit den Lohn- fordcrungen beschäftigen wird, worauf dann das Ergebnis der Kommisston mirgcteilt werden soll. Eine frühere Einberufung sei nicht zweckmäßig, so teilte der Vorstand mit, da ein größerer Teil der Mitglieder noch verreist sei. Die Versammlung beschloß nach einer regen und teilweise recht hitzigen Debatte, den in Aus- ficht gestellten Bescheid abzuwarten und die endgültige Beschluß- fassung dementsprechend noch auszusetzen. veutfehes Reich. Tarifbewegung der Buchdrucker. Die Buchdrucker haben am Sonntag in 12 Versammlungen zu der diesjährigen Tarifbewegung Stellung genommen. Solche Versammlungen fanden statt in Berlin, Hamburg, Han- nover, Krefeld, Frankfurt a. M., Stuttgart, München, Halle a. S., Leipzig, Breslau, Stettin und Straßburg. Die Berliner Versammlung fand in der„Neuen Welt" statt. Ter gewaltige Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt und viele mußten in den Nebenräumen Platz nehmen. Die von der im Mai stattgehabten Gauvorsteherkonferenz geprüften und gesichteten An- träge wurden nach einem kurzen aber markigen Referate von Faber einstimmig angenommen. Diese Einmütigkeit dürfte der Prinzipalität beweisen, daß die Berliner Buchdrucker wohl kaum gesonnen sein dürften, von ihren in materieller Hinsicht immerhin bescheidenen Forderungen etwas abzulassen. Denn in einer Zeit, in der sich die Regierung gestattet, die breiten Massen immer mehr zu belasten durch ein umfimgreiches Steucrbukett, durch ihre Zoll- und Absperrungspolitik, in welcher durch eine geradezu wucherische Grund- und Bodenpolitik die Mietspreise immer mehr in die Höhe geschraubt werden, so daß der Arbeiter ein Drittel seines Ein- kommens opfern muß, um an irgend einem Punkte der Peripherie ein menschenwürdiges Obdach zu finden, müssen auch die Arbeiter daran denken, durch eine Steigerung des Verdienstes der sich stetig steigernden Mehrbelastung ein Paroli zu bieten, noch dazu, wenn sie bereit sind, einen mehrere Jahre währenden Tarifvertrag mit dem Unternehmertum abzuschließen. 15 Peoz. Erhöhung des Lohnes und Herabsehung der Arbeitszeit von 9 auf 8� Stunden fordern die Buchdrucker. Vom Gutenbergbund hatten sich einzelne Vertreter eingefunden. Der Gutenbergbund hatte Anträge ein- gereicht, in welchen er als„tariftreuc Organisation" anerkannt sein wollte und die Zulassung eines Vertreters zu den Tarifver- Handlungen verlangte. Diese Organisation, geboren � aus dem Schlamme des Jahres 1891/32— dem Jahre des denkwürdigen Ncunstundenkampfes der deutschen Buchdrucker— einzig und allein zu dem Zwecke, der Prinzipalität stets und ständig willige Arbeitskräste bereit zu halten, hat vor kurzem ihren richtigen Platz in der deutschen Arbeiterbewegung erkannt und auch ge- funden: sie hat sich den christlichen Gewerkschaften ange- schlössen. Der Redner dieser„Organisation", ein Herr Hofsätz, er- klärte mit Emphase, daß sie bereit seien, in materieller Hinsicht mit dem Verbände gehen zu wollen; der Gutenbergbund reiche dem Verbände die„B r u d e r h a n d". Er verlange nur Gerechtigkeit. Die Versammlung möge die Anträge des Gutenbergbundes an- nehmen, sonst sehe sich dieser genötigt, an die breite Oeffentlichkeit zu gehen. Wenn die Gutcnbergbündler auch nur ein kleines Häuf- lein seien, seien sie doch entschlossen, die ihnen gestellten Kultur- aufgaben zu erfüllen. Worin diese bestehen, sagte Redner nicht. D ö b l i n leuchtete dem Herrn unter dem Beifall der Versammlung gehörig heim, indem er ausführte, daß Kulturaufgaben nur durch Einigkeit zu erzielen seien, nicht aber durch das Beispiel der Zersplitterung, dieser Schmach der deutschen Arbeiter- bewegüng. Wollen die Gutenbergbündler die Einigkeit, so sollen sie dieselbe nicht suchen auf dem Umwege über die christlichen Ge- werkschaften, sondern sie sollen sich an die Adresse des Verbandes wenden: Chamissoplatz 5.— In der sich anschließenden Vereins- Versammlung referierte M a s s i n i über den demnächst abzu- schließenden Organisationsvertrag(der weitgehende sozialpolitische Ideen verfolgt) zwischen der Organisation der beut- scheu Buchdruckereibesitzer und dem Verbände der deutschen Buch- drucker. Nach längerer lebhafter Debatte nahm die Versammlung mit großer Majorität folgende Resolution an: „Die heute, am 12. August er., in der„Neuen Welt" tagende Versammlung des Vereins Berliner Buchdrucker und Schrift- gießer erklärt nach Anhörung der Berichterstattung über die An- träge zum deutschen Buchdruckertarif, daß sie von den Gehülfen- Vertretern erwartet, daß sie angesichts des wirklich vorhandenen Notstandes der Gehülfenschaft mit aller Energie für die einge- reichten Anträge eintreten und sie zur Durchführung bringen werden. Des ferneren ersucht die Berliner Gehülfenschaft den Verbandsvorstand, nur dann seine Zustimmung zu dem Orgaui- sationsvertrage zu geben, wenn in weitgehendster Weise den materiellen Interessen der Gehülfenschaft seitens der Prinzipale Entgegenkommen gezeigt wird." Die Versammlung sprach sich in energischer Weise gegen ein« zelne Punkte aus und erklärte, daß sie erst nach eingehender Be- sprechung in den nächsten Vereins- oder Vertrauensmänner- Versammlungen sich über diese Materie schlüssig werden könnte. » In einer überaus stark besuchten Buchdruckergehülfen- Versammlung des Kreises V(Bayern) in den Zentralsälen in München, zu der Delegierte aus nahezu allen Druckorten Bayerns entsandt waren, erstattete Gauvorsteher S e i tz Bericht über die in Berlin stattgefundene Gauvorsteherkonferenz. Tie Konferenz ging von der Ansicht aus, daß die Teuerungsvcr- hnltnisse nicht nur in den Großstädten, sondern auch in der Provinz zu verspüren seien, daß daher die Lohnerhöhung allen Gehülfen zugute kommen müsse. Zur Bekämpfung der Schmutzkonkurrenz wird durch den neugeschaffenen Tarif den Gehülfen bei Festsetzung der Druckpreise ebenfalls dadurch ein Einfluß zugestanden, daß st« in den diesbezüglichen Ehrengerichten der Prinzipale vertreten und ebenso bei Ausbildung und Einstellung von Lehrlingen mitzu- bestimmen haben. Die Prinzipale verpflichten sich, nur Verbandsmitglieder zu beschäftigen, während umgekehrt sich die Verbandsmitglieder verpflichten müssen, nur bei Prinzipalen zu arbeiten, die dem Verein deutscher Buchdruckereibesitzer angehören. Als Ucbcrgangsstadium sind zwei bis drei Jahre vorgesehen. Die Prinzipale verpflichten sich ferner, einen Teil der Ausgaben für Arbeitslosenunterstützung auf ihre Schultern zu nehmen, ohne daß sie auf die Verwaltung und Kassengeschäfte des Verbandes irgend welchen Einfluß beanspruchen. Die bisher bestandene allgemeine Buchdruckerkasse, die beim letzten großen Streik von Prinzipalen gegründet wurde, in der löblichen Absicht, den Verband zu sprengen. wird aufgelöst. Der Tarif soll auf 10 Jahre abgeschlossen werden. Doch sei vorgesehen, daß der Tarif nach Ablauf von fünf Jahren einer Revision unterzogen werden und Wünsche berücksichtigt werden können, die sich aus Teuerungsverhältnissen und technischen Veränderungen rechtfertigen. Ist eine Einigung nicht zu erzielen, so läuft der Tarif ein Jahr später, also mit sechs Jahren ab. Dies sind die wichtigsten der Anträge. Auch ln München hatte die Streikbrccherorganisation, genannt Guten- b e r g b u n d, die in ganz Bayern mit sage und schreibe 30 Männ« lein ein bescheidenes Dasein führt, die Stirnc, zur Kreisver- sammlung Anträge zu stellen. Die Anträge selbst entfesselten Stürme von Heiterkeit. Die Bündlcr verlangen nicht mehr und nicht weniger, als daß sie als tariftreue Organisation anerkannt(!), daß das Bundcsorgan„Der Typograph" als offizielles Publi- kationsorgan des Tarifamtes bestimmt und daß ein Vertreter des Gutenbergbundes zu den Tarifverhandlungcn zugezogen werde. Von den anwesenden Gutenbergbündler» hatte keiner den Mut, die Anträge auch zu begründen. Ohne Debatte wurden die Anträge der Gauvorsteherkonferenz einstimmig zum Beschluß erhoben, die Anträge der Gutenbergbündler ebenso einmütig abgelehnt. Achtung! Holzarbeiter! Nachdem der Tischlerstreik in Lübeck, weil aussichtslos, aufgehoben ist, wollen die Arbeitgeber die Streiken- den nicht einstellen, sondern noch weitgehende Verschlechterungen gegenüber den früheren Verhältnissen vertraglich festgelegt wissen. Zuzug von Tischlern, Drechslern, Maschinen- und Hlllfsarbeitem nach Lübeck ist deshalb noch strengstens fernzuhalten. Die Lokalverwaltung des Holzarbeiterverbandes. Erfolg der Organisation. Der Streik der Fuhrleute in den Lastfuhrwerksbetricben in München endete nach achttägiger Dauer mit einem vollen Siege der Fuhrleute. Die Fuhr- Werksinnung, die noch vor acht Tagen jede Unterhandlungen mit den „Knechten" vor dem EinigungSamte ablehnte, hat sich nunmehr eines Besseren besonnen und selbst das Einigungsamt an- gerufen. Nach mehrstündiger Verhandlung, die einen sehr be- wegten, ja kritischen Charakter annahm, kam es zum Abschluß eines Tarifes, der bis zum 31. März 1908 Gültigkeit hat und den Fuhr- leutcn den geforderten Mindestwochenlohn von 24 Mark gewährt. Diejenigen, die bisher schon diesen Lohnsatz hatten, erhalten eine Mark pro Woche mehr. Am Montag wird die Arbeit wieder im vollen Umfange aufgenommen. Im Streik befanden sich zirka 1600 Fuhrleute. Ausland. Der Streik i» den Budapcstee Dampfmühlen. Die Vertrauensmänner der ausständigen Mühlenardeiter unter- breiteten am Sonntag der Arbeiterschaft die zur Beilegung des Streiks getroffene Vereinbarung mit den Dampfmühlen-Besitzern. Die Arbeiterschaft verwarf jedoch die Bedingungen, erklärte sie für unannehmbar und beschloß, weiter zu streiken. Die Dampsmühlen- Besitzer erklärten, daß sie jedem Arbeiter freistellten, im Sinne der Vereinbarung die Arbeit wieder aufzunehmen, da sie die Abmachung für sich einstweilen als bindend erachteten. Die Weberaussperrung in BervierS beendet. BervierS, 12. August. Zwischen den Webereibefitzern und den Weberciardeitern ist es heute zu einer Einigung gekommen. Die Sperre ist für aufgehoben erklärt worden. Morgen werden die Fabriken wieder geöffnet._ In der Zellulosefabrik in Halle bei Kotka(Finland) find die Arbeiter in den Streik getreten. Die Streikenden richten an die deutschen Arbeiter das Ersuchen, für die Fernhaltung des Zuzuges zu sorgen._ Versammlungen. Eine Generalversammlung der städtischen Markthallenarbeit-p fand am Dienstag bei Patt statt. Der Bestand vom letzten Quar- tal betrug 2350,25 M., die Einnahme 356,85 M., Ausgabe 297,26 Mark, bleibt ein Bestand von 2409,84 M. Bestand der Mitglieder 141, hiervon 17 weibliche. Auf Antrag wurde dem Kassierer De- charge erteilt. Unter Verschiedenem beschwerten sich die Fahrstuhl» führer über die zu lange dauernde Arbeitszeit und wünschen, daß ihre Arbeitszeit bei der verantwortungsvollen Arbeit ebenso ge» regelt werde, wie die der Handwerker. Ferner wird es von den Arbeitern als ein schwerer Mißstand empfunden, daß beim Urlaub von Beamten kein Arbeiter mehr eingestellt wird für den zum Beamtendienst herangezogenen Arbeiter, was dann zur Folge hat, daß trotz der angestrengtesten Arbeit die Hallen schmutziger sind, als wenn die Kolonne vollständig ist. Dabei gehen die Arbeiter eines freien Sonntags verlustig. Nach Erledigung einzelner kleinerer Angelegenheiten schloß der Vorsitzende die aut besuchte Versammlung. Eine vernichtende Niederlage der Neichsverbändler. Bei den gestrigen Delegiertenwahlen der Ortskrauken» kasse der Schneider wurden insgesamt 1323- Stimmen ab» gegeben; davon entfielen auf die Liste der organisierten Schneider 13l)v und 29 auf die Neichsverbändler. Letzte IVacbncbtcn und Depefcbcn. Ein Papagenoschlotz für die Duma-Deputierten. Petersburg, 13. August.(B. H.) Das neue Wahlgesetz für September wurde heute veröffentlicht. Die Provinzialbehörden erhielten die Anweisung, die ehemaligen Duma-Deputierten an weitere» Agitationen zu verhindern. Der in Finnland befindliche Arbeiterrat wurde verhaftet._ Onipkin nicht hingerichtet. Petersburg, 13. August.(B. H.) Die Meldung, daß der Duma-' abgeordnete Onipkin hingerichtet worden sei, bestätigt sich nicht, er befindet sich vielmehr im Kronstädter Gefängnis für Zivil- Personen. Bisher ist seine Schuld noch nicht erwiesen. 223 Helden droht die Todesstrafe. Petersburg» 13. August.(B. H.) Nach Meldungen aus Reval beläuft sich die Zahl der an Bord des„Pamjat AzowS" verhafteten Mannschaften auf 223. Allen droht die Todesstrafe. Perantw. Redakt.: CarlWermuth, Berlin-Rixdpxf. Inserate verantch.: Tit. Glocke, Verlin. Druck u.LerIos:5fsiwgrtiBuZdr.u.Bi!rlogsgvö«tt kaul Singer LiCo,. Berlin LlV. HierznLBejlagenu.UnterhaltungSblatt Nr. 187. 23. Jahrgang. 1. KtilM öts Jmiüirts" öttlinft lilMlitt. Dienstag, 14. August 1906. Nerbandstag der Schneider. Berlin, 13. August. Der Verband der Schneider, Schneiderinnen und verwandten Berufsgenossen Deutschlands hat seinen neunten ordentlichen Ver bandstag nach Berlin berufen. Derselbe wurde heute im grasten Saale des Gewerkschaftshauses eröffnet, nachdem gestern ein würdig verlaufener Kommers zum Empfang der Delegierten voran- gegangen war. Der Verbandsvorsitzende S t ü h m e r sagte in seiner EröffnungS- rede unter anderem: Der Verband habe in den letzten zwei Jahren schwere Kämpfe zu bestehen gehabt, er habe aber auch einen Auffchwung erfahren wie nie zuvor. In den letzten beiden Jahren seien dem Verbände mehr Mitglieder bei- getreten, als er vordem überhaupt hatte. Die große Ans- sperrung im vorigen Jahre, die sich über ganz Deutschland erstreckte, habe den Indifferenten die Augen geöffnet und ihnen gezeigt, daß ihr Platz in der Organisation ist. Von den neuen Mitgliedern seien eine bedeutend größere Zahl als früher dem Verband dauernd treu geblieben. Das möge unter anderin zurückzuführen sein auf den Ausbau der Organisation und die Verbesserung des Untcrstütziuigs- Wesens. Schließlich gedachte der Redner in anerkennenden Worten des kürzlich verstorbenen Vorstandsmitgliedes H o l z h ä u ß e r. der sich als langjähriger Angestellter des Verbandes große Verdienste um die Organisation erworben habe. Ritter« Berlin begrüßte die Teilnehmer am Verbandstage namens der Berliner Mitgliedschaft. G i o n- Wien, der als Vertreter der österreichischen Berufs- genossen erschienen ist, schilderte die Verhältnisse der österreichischen Schneiderorganisation. Die Bewegung werde sehr beeinträchtigt durch die Nationalitätsstreitigkeiten. Besonders in den Großstädten sei die Organisation noch weit zurück. Der österreichische Schneidervcrband zähle ADV Mitglieder, in Wien seien etwa 2000 Schneider organisiert. In Wien sei die Heimarbeit ein großes Hindernis für die Aus- breitung der Organisation, denn die dortigen Heimarbeiter, Zwischen- meister, seien Antisemiten und Zünftler. Der Verband werde sich jedoch bemühen, den Zwischenmeistern klar zu inachen, daß sie Ar- beiter seien und in die Organisation der Arbeiter gehören. Hoffent- lich werde es auch gelingen, einen festen Stamm dieser Heimarbeiter zu gewinnen. Die organisierten Schneider Oesterreicbs erfüllen ihre Pflicht als Sozialdemokraten und sorgen für die Aufklärung der Massen. Nunmehr erstattete die Mandatsprüfungskommission ihren Bericht, der eine längere Debatte über die Gültigkeit einzelner Mandate hervorrief.— Anwesend sind 48 Delegierte sowie Vertreter des Vorstandes und Ausschusses und 3 Gauleiter. Dem Verbandstage liegt ein umfangreicher Geschäftsbericht des Borstandes vor. Derselbe umfaßt die Zeit vom 1. Juli 1904 bis 1. Juli 1906. Von besonderem Interesse ist das Kapitel von den Lohnbewegungen und Streiks, die der Verband in den Jahren 1905 und 1906 führte. Im Jahre 1905 fanden statt: 23 Lohnbewegungen ohne Streik mit 2728 Beteiligten. Alle diese Lohnbewegungen hatten teiliveisen Erfolg. 13 Aagriffstreiks mit 2406 Beteiligten. Hiervon hatten neun Streiks mit 1432 Beteiligten vollen Erfolg, während 4 Streiks mit 974 Beteiligten teilweisen Erfolg hatten. 46 Abwehrstreiks mit 6219 Beteiligten. Von diese» Streiks hatten 42 mit 6034 Beteiligten vollen Erfolg, 2 Streiks mit 106 Beteiligten brachten teilwcisen Erfolg, 2 Streiks mit 79 Beteiligten endeten ohne Erfolg. 18 Aus- sperrungen mit 4174 Beteiligten verliefen mit vollem Erfolg. Die Lohnbewegungen ohne Streik brachten für 2236 Personen eine Verkürzung der Arbeitszeit von durchschnittlich Stunden pro Woche und Lohnerhöhungen von durchschnittlich 21/3 M. pro Woche für 2236 Personen.— Die Augriffsstreiks brachten sür 329 Personen eine wöchentliche Verkürzung der Arbeitszeit von durchschnittlich b'/s Stunden und für 1972 Personen Lohnerhöhungen von durch- schnittlich 2°/« M. pro Woche. Die hier aufgeführten Lohnbewegungen, Streiks und Aussperrungen erforderten eine Ausgabe von 206 267 M.— Im Jahre 1906 wurden geführt: 38 Lohnbewegungen ohne Streik mit S099 Beteiligten. In allen Fällen war ein teilweiser Erfolg zu verzeichne». 17 Angriffsstreiks niit 2634 Beteiligten. In 7 Fällen mit 1215 Beteiligten war ein voller Erfolg, in 9 Fällen mit 1291 Beteiligten teilweiser Erfolg zu verzeichnen und 1 Fall mit 128 Beteiligten hatte keinen Erfolg. 2 Abwehrstreiks mit 36 Beteiligten hatten teilweisen Erfolg. Die Lohnbewegungen ohne Streik brachten für 2633 Beteiligte eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit von durchschnittlich neun Stunden und für 5092 Be- teiligte eine Lohnerhöhung von durchschnittlich 23l5 M. pro Woche. DieAngriffsstreiks brachten sür 483 Beteiligte eine Arbeitszeitverkürzung von durchschnittlich S1/« Stunden wöchentlich und für 1291 Beteiligte ! Lohnerhöhungen von durchschnittlich 2 M. pro Woche. Alle diese Lohnbewegungen und Streiks erforderten eine Ausgabe von 61 648 M. Dazu konimen noch 20 000 M. für einen Streik in Königsberg, über den bei Abschluß des Berichtes noch keine näheren Angaben vor- lagen. Für Agitation hat der Verband in der Berichtszeit 50 594 M. ausgegeben. Hierzu sagt der Bericht:„Da in dieser Zeit zirka 28 000 Neuausnahmen erzielt wurden, so kostete der Hauptkasse jede Neuaufnahme zirka 1,80 M. und jedes gewonnene Mitglied 4,77 M. In der vor- letzten Geschästsperiode wurden etwa 17 350 Neuaufnahmen gemacht und kostete jede Neuaufnahme 1,72 M. und jedes gelvonnene Mit- glied 9,54 M. Mithin haben sich wohl die Neuaufnahmen um je 8 Pf. verteuert, dafür ist aber der Betrag pro gewonnenes Mitglied um 4,77 M., also um die Hälfte gesunken. Das ist ein Beweis dafür, daß unsere Agitation in jüngster Zeit mehr dauernden Erfolg hatte. Während in der vorletzten Periode bei 17 350 Aufnahmen ein Abgang von 14 213 und nur eine Zunahme von 3137 zu ver- zeichnen war, hatten wir in der jetzt verflossenen Periode bei 28 000 Auf, lahmen eine» Abgang von 17 404 und eine Zunahme von 10 596." Der Verband hatte am Schluß der vorigen Geschästsperiode