Nr. 194. IliwnnementS'Bcdlndungen s Wonnements- Preis pränumerando i Bierteljährl. Z,30 monall. I.lll Mr., wöchentlich 28 Pfg. frei ins HauS. Sinzeine Nummer 5 Pfg. Sonntags- nummer mit illustrierter Sonntags- Vellage»Die Neue Welt' 10 Pfg. Post- Abonnement: l,l0 Marl pro Monat. Eingetragen in die Post-ZeitringZ- VrnSlisie. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. PostabonnementS nehmen an: Belgien. Dnnemarl, Holland, Italien. Luxemburg. Portugal, pumiinien. Schweden und die Schweiz. vlchtlol tW» aaß« montaa«. Bevlinev Volllsblclkk. 23. Jahrg. r Die InfcrtlonS'Gebaifr beträgt für die sechSgespaltenc Kolonel- zejle oder deren Raun, 30 Pfg., für politische und gewerlschastliche BereinS- und BersammlungS-Anzeigen 30 Pfg. „Kleln»?Znr«ig«n". das erste ffctt- gedrulkte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlas- slcllen-Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 3 Pfg. Worte über 13 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis S Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ijt bis 7 Uhr abends geöfsnet, Telegramm. Adresse: „SMlaltUiMllni Rcrlib1*. Zentralorgan der rozialdemokratircben parte! Deutfcblands. Redaktion: SRI. 68. Lindenstrassc 69. Kcrnspretlier: Amt IV. Nr. 198::. Mittwoch, den AÄ. August 1906. Expedition: SM. 68, Lindenstraase 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984. Die revolutionäre Nwegung in der rullllchen ürmee.'> l Schluß.) (Von unserem Petersburger Korrespondenten.) _ Die Unzufriedenheit des Militärs wurde von der Zaren- regierung immer in der traditionellen barbarischen Weise be- kämpft: die Soldaten wurden, wenn sie um Antwort auf ihre Forderungen ersuchten, massenweise niedergeschossen. Schließ- lich kam aber die Regierung doch zur Einsicht, daß Repressalien nicht ausreichen, um die Bewegung zu bekämpfen, und be- schloß, auch die geistige Waffe, das Wort, in Anlvendung zu bringen. Die Vorgesetzten suchten vorgeschriebcnermaßen dem Soldaten mit Wort und Schrift von dem„hohen Beruf" des Soldaten, von der„unserem guten Väterchen, dem Zaren", vonseiten der Polen, Hebräer, Deutschen, Armenier, die Rußland zerstückeln und ihre eigenen Zaren wählen möchten, drohenden Gefahr und von der ihnen obliegenden Aufgabe, die Revolutionäre, diese einzigen Urheber aller Wirren im Lande zu vernichten, die nötigen Begriffe beizubringen. Die Regierung sät Nationalitäten- haß in der Zuversicht, daß der Boden des„Patriotismus" Früchte geben wird. Dieses systematische Schüren der nationalistischen Instinkte wird durch folgendes interessante Dokument gut illustriert: „Stab oer Wilnaer Militärbezirksverwaltung. Dejourierendcr Bezirksgeneral. Gerichtsabteiluna. 18. März 1906, Nr. 523. Stadt Wilna. Dringend. Geheimes Rundschreiben. Der Chef des Generalstabs teilt telegraphisch mit, daß Seine Majestät der Kaiser geruht hat zu befehlen, die Kommandierenden aller Militärbezirke in Kenntnis zu setzen, daß laut eingetroffener Nachrichten die hebräische revolutio- näre Organisation„Bund" sich die Aufgabe gestellt hat, durch Vermittelung der Rekruten mosaischer Konfession im Militär regierungsfeindliche Agitation zu treiben. Der Kommandierende des Militärbezirks hat allen Militärvorgesetzten anbefohlen, M a tzregeln zur Vorbeugung einer solchen Tätigkeit seitens der Hebräer zu treffen." Unterschr.: Stabvorstehender Generalleutnant Liturinoff. Kontersign.: Leiter der Gericht!. Abteilung Major Plyschewsky. Die Regierung, die jede Wallung im Militär in Blut- strömen erstickte und die Soldatenseele mit Nationalhaß ver- giftete, diese Regierung prahlte mit ihrer„beständigen Für- sorge" für die Arinee. In der Tat versprach der Kriegsminister General Rediger den Soldaten einen Zuschuß zu ihrem „Gehalt"(das 23 Kop. monatlich beträgt!) zum Ankauf von Seife und Wichse und stellte in Aussicht, die Dienstzeit um acht Monate zu verkürzen. Bei alledem nahm jedoch die Bewegung mit jedem Tage größere Dimensionen an. Im letzten Jahre wuchs die Arbeit der Sozialdemokratie in der Kaserne dermaßen, daß in vielen Städten spezielle Ausschüsse der örtlichen Organisationen zu diesem Zwecke gebildet werden mußten. Solche Gruppen existieren unter dem Namen„Militärorganisation des sozial- demokratischen Komitees" jetzt in Petersburg, Moskau, Finn- land, Warschau, Riga, Odessa. Jekaterinoslaw, Kijew, Sewastopol, Wilna und Kraßnojarsk(in Sibirien). Die Militärorganisationen geben spezielle Zeitungen für Soldaten heraus. Solche Blätter sind:„Putj Soldata" in Petersburg. „Soldatskaja Shisn" in Moskau,„Kasarma" in Riga.„Golos Soldata" in Kijew usw. Im Anschluß an die Arbeiter- und Agrarbewegung im Juni dieses Jahres begannen auch in der Armee wieder Un- ruhen. Das Volk wollte nicht länger von seinen eigenen Brüdern und Söhnen niedergeschossen werden und stellte an die Armee die Aufforderung, fürder nicht mehr gegen das „eigene Blut" loszuziehen. Aus dem heimatlichen Dorfe gingen den Soldaten zornerfüllte Drohbriefe zu:„Ihr sollt es nicht wagen, gegen das Volk zu gehen", heißt es in diesen Briefen.„Während Ihr dort, in der Fremde, bei den Bauern und Arbeitern mordet, brennt und Unzucht treibt, Hausen hier bei uns eben solche Soldaten wie ihr, welche uns, Eure Eltern. schlagen und unsere Hütten niederbrennen. Wenn ihr so fort- fahren wollt, so kommt lieber gar nicht nach Hause zurück; wir wollen von Euch dann nichts wissen."—„Ihr sollt es nicht wagen, den Gesandten des Volkes—(Dumaabgeord- neten)— Gewalt anzutun, auch wenn es Euch die Obrigkeit befiehlt. Wir haben sie hingeschickt, daß sie uns Freiheit und Land bringen, darum sollt Ihr für sie eintreten. Sie wirken für Euch, darum schützet sie." Solche Briefe mußten natürlich wirken. In der Tat haben sich seit Eröffnung der Duma und bis Ende Juni eine ganze Reihe„Soldatenempörungen" abgespielt: in Kursk, Poltawa, Sewastopol, Rjasan, Pensa. Kroßnojarsk, Ssamara, Tambow. In Militopel weigerten sich die Soldaten auf das Volk zu schießen. In der Meetingresolution vom 20. Mai erklären die Soldaten(Petersburg):„Nach Beratschlagung der gegen- wältigen Lage sind wir zum Schlüsse gekommen, daß wir auf die Arbeiter und Bauern unter keinen Umständen schießen •) Siehe die Artikel in Nr. 177, 180 und 193 des„Vorwärts". Die Artikel wurde» geschrieben, ehe die Nachrichten vom Aufstande des Militärs in WladikawkaS, Brest-LitowSk, Reval, Sveaborg und Kronstadt eintrafen. werden, weil sie für Freiheit und Land kämpfen, die wir ebenso nötig haben, wie sie. denn wir sind ebensolche Arbeiter und Bauern, wie die, die die Soldaten bisher aus Unverstand auf Befehl ihrer Offiziere niederschössen."*) Eine ganz analoge Erklärung reichte seinen Vorgesetzten !kürzlich das Uralsche Regiment ein. Die Soldaten der Garnison von Ust-Dwinsk äußern sich in einer der Arbeitergruppe der sozialdemokratischen Partei zugesandten Deklaration in folgender Weise:„Wir erklären, daß uns diese Rolle(d. h. von Leuten, die der Verwirklichung der Forderungen der Nation hinderlich sind) zuwider ist, denn wir sind selber nur ein Teil der großen Nation, gewaltfam der Familie entrissen."**) Wir wollen den Leser nicht mit der Anführung einer Menge derartiger Resolutionen und Erklärungen ermüden, die in hochinteressanter Weise alle Nöte der Armee, die Gewisfens- quälen des russischen Soldaten, dem gewaltsam die Rolle eines Henkers und Vatermörders aufgezwungen wird, und das ständige Wachstum des Selbstbewußtseins und Verständnisses im Soldaten widerspiegeln. Von dem ganzen äußerst wert- vollen Material soll nur noch eine besonders hervorragende Resolution angeführt werden, die am 25. Juni in Grodno auf einem Soldatenmeeting gefaßt wurde: „Wir Soldaten aus dem 2., 3., 4., 13., 16., 17. und 20. Sappeurbataillon im Oranschen Lager, 300 Mann ver- sammelt zum Meeting, haben über unser Verhalten zu den Ereignissen des gegenwärtigen Moments und zu der Reichs- Duma beraten und sind zu folgenden Schlüssen gekommen: 1. Trotz Einberufung der Duma ist die Selbstherrscher- macht in Wirklichkeit unverändert geblieben, und die Regierung verfolgt die frühere Räuberpolitik: Todesurteile, Morde, Exe- kutionen, unbeschränkte Willkür herrschen im Lande; nach wie vor schürt die Regierung den Nationalitätenhaß zwischen den Völkern Rußlands, unterdrückt fchamlos die schwachen Nationen, nach wie vor sind die Einwohner Rußlands aller politischen und bürgerlichen Rechte beraubt 2. Die Reichsduma ist machtlos gegen die Selbstherrschaft, sie ist nicht imstande, Freiheit für alle, Land für die Bauern, Gleichberechtigung für die unterdrückten Nationalitäten zu er- kämpfen, sie ist nicht imstande, dem unmenschlichen Blut- vergießen, dem Bruderkriege, den unverständige Soldaten mit dem eigenen Volke führen, ein Ende zu machen. 3. Das einzige, wozu bei den gegebenen Verhältnissen die Duma fähig ist, wäre: Politische Organisation der noch zersplitterten Volksmassen zum letzten, entscheidenden Kampfe mit der Selbstherrschast. 4. Aber die liberalen Dumaparteien, und an ihrer Spitze die„Kadetten" fürchten die Revolution; sie setzen ihre Hoff nung eher auf ein Ucbereinkommen mit der autokratischen Regierung, als aus den Sieg des revolutionären Volkes, und vermeiden deshalb jeden direkten Appell an das Volk. 5. Die Arbeitsgruppe emanzipiert sich jetzt von dem Einfluß der„Kadetten", verwirft Komproniifse, stellt ent schicdene demokratische Forderungen auf und äußert Bereit' Willigkeit, den Weg der Revolution einzuschlagen. 6. Nur die vierzehn Arbeiterabgeordneten haben in ihrem Aufruf an die Arbeiter von ganz Rußland den einzig richtigen Weg betreten, mit dem Aufruf zu Organisation und energt schem revolutionärem Kampfe. Somit erkennen wir an, daß der sozialdemokratischen Dumagruppe die leitende Rolle in allen revolutionären Schritten der Duma zukomnit, und legen ihr die Verpflichtung auf, jeglichen Versuchen seitens der anderen Parteien, auf konterrevolutionäre Kompromisse einzugchen, aus allen Kräften zu steuern und sie auf den Weg planvollen energischen Kampfes mit der Autokratie zu drängen. Wir versprechen alle einmütig, die sozialdemokratische Gruppe zu unterstützen und werden standhaft für die Er reichung unserer Hauptforderung kämpfen: Konstitutionelle Berfammlung auf Grund allgemeinen Wahlrechts."***) Beiläufig bemerkt, bestätigen sowohl die oben angeführte Erklärung der Ust-Dwinsker Garnison, als auch eine ganze Reihe von Aufforderungen aus der Bevölkerung an die Duma in vollkommenster Weise die Resolution des Kongresses der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei, laut der„bei der herrschenden revolutionären Spannung die Zusammenstöße zwischen Duma und Regierung unter anderem auch auf die Armee einwirken müssen, die angesichts der neuen auf russischem Boden erwachsenen, aus den Tiefen des Volkes hervorgegangenen Macht, die im Namen der Nation die alte Macht zur Rede stellt, aber von der Willkürherrschaft nieder- gedrückt wird, zweifellos einen Teil ihrer Ergebenheit für die alte Staatsordnung einbüßen wird." Die Zarenregierung gibt sich alle Mühe zu beweisen, daß die Gärung im Heer ausschließlich aus ökonomischer Basis entspringt. Die obigen Ausführungen zeigen, daß dem nicht so ist. Gewiß verlangt der schlecht genährte und noch schlechter gekleidete russische Soldat auch gesunde Speise, Wäsche, Klei- dung u. dergl., doch jedenfalls nur unter anderm. Es ist leicht ersichtlich, daß fast überall von den Soldaten außer den rein wirtschaftlichen auch politische Forderungen aufgestellt werden. Wenn wir die revolutionäre Bewegung in Armee und Flotte in ihrem ganzen Verlauf überblicken, so ersehen»vir, •)„Narodii Wesinil" Nr. ••)„Kurjer" Nr. 15. -)„GoloS Truda" Nr. 14. 10. daß sie gleich der Arbeiterbewegung eine ganze Reihe Ent« Wickelungsetappen durchläuft. Ihr Beginn ist eine verhaltene Gärung, bei der es sich bloß um die Magenfrage des Soldaten handelt. Das Militär wird„unzuverlässig", verhält sich jedoch zum Kampfe des Volkes gegen die Regierung noch ganz passiv. So war es z. B- in Moskau während des Dezemberaufstandes, als die entwaffneten Jnfanterieregimenter in den Kasernen saßen und sich nicht entschließen konnten, dem aufständischen Volke beizutreten. Die nächste Form der Soldatenunruhen sind die„Revolten". Solche Militärrevolten verlaufen, wie die Erfahrung gezeigt hat, bei uns ganz regellos. Die Soldaten äußern dabei vollkommene Unfähigkeit zu standhafter Verteidigung und selbständigem aktivem Einschreiten, Was als ein natürliches Resultat der systematischen Unterdrückung jeder Selbständigkeit und fystematischer Züchtung der Herdeninstinkte begreiflich ist. Neben tiefem Verfall der Disziplin und Kampffähigkeit, tritt hier die beständig drohende Gefahr blutiger innerer Reibungen zwischen den zerfallenden Bruchteilen der Armee zum Vorschein. Die Maßregeln, zu denen die Regierung greift, um die Unruhen in der Armee zu stillen— kriegsgerichtliche Bestrafung der Rädelsführer und Repressalien gegen die übrigen Be» teiligten nach gelungenem Niederwerfen der„Revolte"— diese Maßregeln sind nur imstande, die Gärung zu ver» schlimmern. Das rebellische Militär wird umzingelt, ent» waffnet und zur Ruhe gebracht; dann wird aber ein Teil der Beruhiger rebellisch: aufs neue Umzingelung, Entwaffnung, Kriegsgericht— und aufs neue Revolten in den bisher regierungstreuen Heeresteilen. So gings in Kijew, Batum und vielen anderen Städten. Erst in der allerletzten Zeit begannen die„Revolten", die undiszipliniert und deshalb von germgcm Erfolg waren, einem planvollen, organisierten Auftreten Platz zu machen. Immer häufiger versagt das Militär, zur„Bändigung" der rebellischen Nation herbeigezogen, den Gehorsam und ent» wickelt sich zu einem aktiven Verbündeten des Volkes in seinem Kampfe gegen die alte Staatsordnung. In der bevorstehenden Schlacht mit der Zarenregierung wird das Militär eine große, ja Wohl die Hauptrolle spielen. Es läßt sich mit Zuversicht voraussehen, daß nicht nur die Flotte, die schon im vorigen Jahre für die Regierung ver- loren war, sondern auch ein bedeutender Teil der Armee in dieser Schlacht zum Volke übergehen wird. Und das wird den Sieg der Nation entscheiden. Die russische Revolution. Die Gegenrevolution. Petersburg, 20. August.(„Russ. Kurier.") In Regierungskreisen verlautet mit Bestimmtheit, daß trotz der Erklärung des PeterS» burgcr Staatsanwalts gegen die Unterzeichneten des W i b 0 r g e r A u f r u f S keine Reprefialien ausgeübt werden. Viel» mehr will die russische Regierung ein Mittel in der Hand behalten, um nötigenfalls die unerwünschten Elemente von der neu ein« zuberufenden Reichsdnma fernzuhalten. Petersburg, 2. August.(„Russ. Kurier.") In den beteiligten russischen Kreisen ruft es lebhaftes Befremden hervor, daß seit dem 15. d. M. Unterbeamte der Petersburger Polizei auf dem OchtniSker Poligon Schießübungen mit Fachkis-Maschinengcwehren vornehmen, die vom Rittmeister Schulz geleitet werden. Weshalb erregt das Befremden? Traut man der russischen Regierung etwa nicht, daß sie auf daß Volk mit Maschinengewehren schießen lassen will? Petersburg, 19. August.(Russ. Korr.) Einer Anregung de3 russischen Ministerpräsidenten Stolypin zufolge werden zahlreiche monarchistische Organisationen Ende September eine grandiose Kundgebung in Kiew veranstalten, indem sie einen Kongreß abhalten, an dem sich etwa hundert monarchi» stische Organisationen aus ganz Rußland beteiligen werden. Petersburg» 21. August. Die radikale Zeitung„Towa- rischtsch" meldet: Die Kamorra der Volksrache, die seinerzeit dem Dumamitgliede Professor Herzen st ein das Todesurteil übersandte, stellte jetzt an seine Hinterbliebenen die schriftliche Forderung, im Laufe von drei Tagen 3000 Rubel für die Abgebrannten von Ssysran. und 4000 Rubel an die Familien ermordeter Polizisten zu zahlen und sich durch eine Erklärung in der Presse zu verpflichten, künftig keiner politischen Partei an- zugehören; erfüllten sie diese Forderungen nicht, so sei ihr Leben verwirkt, und ihr Besitz werde vernichtet werden. Moskau, 21. August.' ES haben 60 Haussuchungen bei Re« volutionären stattgefunden, die Mehrzahl der Komiteemitglicder ist verhaftet und wichtige Papiere sind beschlagnahmt worden. Reaktionäre Wühlarbeit im Heere. Der„Iwadzaty Wjek" bringt ein Dokument, welches ein grelles Beispiel dafür ist, wie die Tätigkeit der Duma und ihre Auflösung von der Regierung ausgeschlachtet werden, um Judenhaß und Chauvinismus zu züchten und über die wahren Absichten der Regie« rung zu täuschen. Das vom Brigadekommandeur, Oberst Sillanoer, unterschriebene Schriftstück lautet un wesentlichsten:„Indem ich an« bei das Manifest über die Dumaauflösung sende, ersuche ich die Herren Offiziere, es vor versammelter Mannschaft zu verlesen. „Wie ein roter Faden ziehen sich durch die ganze Duntatätigkeit ungesetzmäßige Handlungen hin, ihr Bestreben, sich die Macht und die Rechte des Kaisers anzueignen, ihre groben rechtswidrigen For» dernngen. die Anmaßung der Rechte, die nach den Grundgesetzen ausschließlich dem Kaiser gehören; auch tritt in der Dumatätigkeit klar ihre agitatorische Leitung durch die zahlreichen judenfreundlichen l-Parteien zum Vorschein. »Indem die Duma durch ihre aufreizenden Reden und durch Ihre Verbreitung in den finsteren Massen den Zweck der Revolution verfolgte, hat sie klar gezeigt, wie wenig ihr an der Beschwichtigung der Unruhen gelegen war, die von ihren Mitverschworencn im Innern des Landes geichlirt werden und zum Untergange und zur Verelendung des Landes führe». «Ja, es erweist sich, daß die Juden sich nicht mit ihrer materiell vorherrschenden Stellung begnügen, sie streben nach Macht, um alles und alle zu unterjochen, und bedienen sich des Terrors, des Geldes, der Aufreizung des Volkes, um ihr Ziel zu erreichen. „In dieser wahrheitsgetreuen Richtung ersuche ich Sie, meine Herren Offiziere, die Soldaten über die Dumaauflösinig zu belehren." Mit solchen Mitteln und„wahrheitsgetreuen" Schilderungen sucht die Regierung den immer weiter um sich greifenden revolutio- vären Geist in der Armee zu bekämpfen. Die Meinung der Kadetten über die Lage. Der«Russ. Korrespondenz" wird vom 21. August aus Petersburg telegraphiert: Eine seit einigen Tagen versammelte Konferenz der Delegierten der Gouvernementskomitees der konstiwtionell-demokratischen Partei ist sehr wichtig, weil sie Klarheit brachte über die Stimmung der Bevölkerung. Vertreten lvaren 8V Gouvernements. Aus allen Regionen des Reiches wird berichtet, daß die Nachricht von der Dumaauflösung derart unglaublich erschien, daß die tiefe Empörung erst jetzt zum Dnrchbruch kommt. Bemerkenswert ist, daß nach allen Beobachtungen das Volk jetzt nicht über die Minister allein empört ist, sondern auch über den Zaren. Das Verhalten der Dumamitglieder nach der Auflösung wird allgemein gebilligt. Der Wiborger Aufruf wird von der städtischen Bevölkerung für undurchführbar erklärt, besonders für den Kaufmannsstand. Anders ist'S bei der Landbevölkerung. Piele Gemcindebeschliisse sind gefaßt worden, keine Abgaben zu zahlen, auch Boykottierung der Brannt- wein- Monopolbuden wurde beschlossen. Die Konferenz konstatiert, daß bei den nächsten Wahlen nur der Zusammenschluß mit links- stehenden Parteien möglich sei. Im allgemeinen ist die Stimmung der Bevölkerung sehr erregt, nach Beendigung der Feldarbeiten wird ein Aufflammen der Agrarunruhen erwartet. Die Konferenz hat beschlossen, als Parole für die weitere Agitation aufstellen: die sofortige Berufung der Volksvertretung, parlamentarisches Ministerium, die zwangsweise Enteignung deS Privatbodens, soweit es für Bc- seitigung des Landmangels der Bauern nötig. Das Zentralkomitee der Partei versendet an alle Lokalgruppen einen entsprechenden Aufruf. Revolutionäre Aufrufe. Trotz der Bemühungen der Regierung, die Verbreitung des Wiborger Aufrufes und der anderen Aufrufe der Zentralorganisationen zu verhindern, geschieht deren Verbreitung doch in dem größten Um- fange. Jeden Tag bringen die Zeitungen aus zahlreichen Orten, aus allen möglichen Gegenden Rußlands Nachrichten darüber, daß Druckereien von Unbekannten besetzt und die Aufrufe massenhaft der- vielfältigt sind: bisweilen werden die bei der Abdruckung Beschäftigten verhaftet, bisweilen nicht: bisweilen werden auf der Post oder bei Haussuchungen große Sendungen der vervielfältigten Aufrufe ent- deckt und beschlagnahmt; solche Fälle lassen vermuten, wie viel nicht entdeckt und tatsächlich verbreitet wird. Aufs Geratewohl führen wir ein Beispiel an: Am lt. August wurde aus Stawropol telegraphiert, daß 25 bewaffnete Männer in die Druckerei der Zeitung„Sewero-Kawkaßky Kraj' um 3 Uhr nach- mittags eingedrungen sind und die Setzer zwangen, den Aufruf des Zentralkomitees der Arbeitsgruppe, der sozialistischen Parteien und des Bauernverbandes„an die Bauern" zu drucken; bis 8 Uhr abends wurden 15 000 Exemplare abgedruckt, die in kleinen Mengen allmählich fortgebracht wurden. Es wurde niemand verhaftet. Presiverfolgungen. Die zerstörende Tätigkeit der Regierung wendet sich nicht mehr egen die Tagespresse allein, sondern auch gegen die Verlags« uchhandlungen. Während des letzten JahreS find zahlreiche VerlagSuntcrnehmungen in Rußland entstanden, die massenhaft billige Bücher und Broschüren, teilweise bürgerlich radikalen, teil- weise sozialistischen Inhalts herausgegeben haben. In ganz Rußland werde» auf diese Weise politische und sozialistische Schriften ver- breitet. Bekannte Werke ausländischer Sozialisten wurden ins Russische übersetzt und für spottbillige Preise massenhaft gedruckt und verkauft. Gegenwärtig sucht Stolypin dieser aufklärenden Tätigkeit der Verleger ein Ende zu setzen. Der Verlag„DonSkaja Rjetsch" hat fich durch Massenverbreitung politisch-radikaler Broschüren und Flugblätter und wertvoller Werke über die Geschichte der russischen Freiheitsbewegung berühmt gemacht. Jetzt meldet die Zeitung ,XX. Jahrhundert"(10. August):„Am 9. August wurde der Verlag„DonSkaja Rjetsch" zugesiegelt." Sie meldet auch:„Ani 8. August abends erschien die Polizei in der Bücherniederlage Prawo und siegelte sie zu"(Prawo ist ein bürgerlich- liberales, hauptsächlich juridisches Unternehmen, das aber auch sozialistische Werke geführt hat);„am 2. August erschien die Polizei in den Räumen des Verlags Molot und siegelte auf Befehl des Stadthanptmanns die Räume zu." „Molot" war ein sozialistischer Verlag, der mehrere Schriften von Marx, KautSky, auch JneckhS„Internationale", LissagarayS„Pariser Kommune", Roland-HolstS„Generalstreik" herausgegeben hat. „XX. Jahrhundert" vom 11. August:„Am 8. August wurde aus Befehl des Stadthauptmanns der Verlag„Nowyj Mir" zu- gesiegelt". Der Verlag„Nowyj Mir" gab insbesondere gcwcrl- schaftliche Literatur heraus, Uebersetzungen von Schriften und Artikel der Genossen Bebel, Ströbel, Schippel, Legten, russische Broschüren über die gewerkschaftliche Bewegung usw. Unterdrückung von Verbänden. Ueber viele suspendierte und unterdrückte Verbände haben wir bereits berichtet. Der„Toivnrisch"(10. August) bringt über das Schicksal der St. Petersburger Verbände eine nachträgliche voll« ständigere Uebersicht.„Die meisten Verbände wurden noch am 2.-3. August, vor dem Streik vom 4. August geschlossen. Zuerst wurde der Verband der Pharmazeuten-Ange st eilten nach Vornahme einer Haussuchung geschlossen, darauf die Verbände der B u ch d r u ck er. der Uhrmacher, der Arbeiterband(Rabotschi Sojus), die Verbände der HandlungSgehü Ifen, der Bäcker, der Holzarbeiter, der Kontoristen und Buchhalter. der Konditoren u. a." Es geschahen auch Haussuchungen und Verhaftungen; die Haussuchung im Zentralbureau dauerte mehrere Stunden(am 11. August), worauf die Räume zugesiegelt wurden.„Bei den Haussuchungen wurden Dokumente und auch Geld konfisziert, die Korrespondenz, die Rechnungen, die von Unter« nehmern unterschriebenen Verträge mit.den Verbandsmitgliedern, welche die Arbeiter vertreten hatten, beschlagnahmt." Die ge« schlossenen Verbände werden polizeilich überwacht. Nach der„Stzana"(10. August) sollen folgende Verbände für die Dauer des außerordentlichen Schutzes suspendiert worden sein: Metallarbeiter. Ho lzarbeiter, Schuhmacher, Elektrotechniker. Bauarbeiter. Droschkenkutscher. Bei den Gold« und Silberarbeitern wurden vier HaiiS- suchungen vorgenommen, der Verband wurde aber nicht geschlossen. Bei de» Schneidern wurden die Räume zugesiegelt. «Russkija Wedomosti"<15. August), Moskau: Nach den von der „Torgowo-Promyfchlennaja Gaseta" im Ministerium des Innern er- haltenen Informationen ist der Moskauer Arbeitslosen» rat deswegen vom Stadthauptmaun aufgelöst worden, iveil er sich in die aktive Politik eingemischt und am letzten Massenstreik be« teiligi haben soll. Gleichzeitig hat der Stadthaupwiann befohlen, die Speisehäuser der Arbeitslosen zu schließen, indem die städtische Selbstverwaltung die Mittel dazu nicht mehr lieferte, und bei dem Mangel an einer Arbeitslosenorganisation leine Garantie vorhanden war, daß die Geldspenden für die Speise» Häuser verwendet werden würden und die Ordnung dort herrschen würde. Auf Grund dieser echt russischen offiziellen(von uns etwas ge- kürzten) Argumentation wurde den hungemden. die schrecklichste Not erleidenden Arbeitslosen die notdürftige Unterstützung entzogen l Rache an den baltischen Henkern. Riga, LI. August. Eine aus dem Kreischef, mehreren Land- Polizisten und sechs Deutschen bestehende Kommission wurde in einem Walde von Revolutionären gestellt. Es kam zu einem heftigen Kampf, wobei der Gutsadministrator KrauS, zwei Land- Polizisten und ein Deutscher schwer verwundet wurden. Die übrigen Mitglieder entkamen. WaS auS den Zurückgebliebenen wurde, ist mich unbekannt. Noch einige Sivers! Bezugnehmend auf die Anklage de? Herrn v. Eivers-RSmershof gegen, den Genoffen Weber, schreibt der baltische Korrespondent der „Leipziger Voltszeitung" in der Nr. 175 aus Riga noch folgendes: „Dieser Tage haben wir das Unglaubliche erlebt, daß ein liv- ländischer Baron v. Sivers sich durch einen Artikel des„Vorwärts", in dem von den Hunnentaten eines ähnlich heißenden Adeligen die Rede ist, beleidigt gefühlt und den Genossen Weber vor ein preußisches Gericht gezogen hat. Die liberalen lettischen und russischen Blätter können diese Unverschämtheit der Junker einfach nicht begreifen. Trotz der heftigsten Angriffe gegen den baltischen Adel in der„Rußj", der„Nowosti", dem„20. Jahrhundert" usw., haben die Barone keines von diesen Blättern zu verklagen gewagt. In Rußland, wo die Zeugen zu haben wären— wenn die„Straf"« cxpeditionen sie nicht etwa alle umgebracht haben—, wagen die Baron« die Redakteure nicht zu verklagen; die russischen Gerichte sind den Baronen noch zu liberal, sie müssen nach— Preuße» gehen! Bei dieser Gelegenheit wollen wir hervorheben, daß der Korrespondent der„Rußj" und der„Molwa", Herr Klimkow, eben sein« Aufsätze über die Blutarbeit der baltischen Junker gesammelt und in Buchform herausgegeben hat. Schon in diesen Aufsätzen allein figurieren vier v. SivcrS(russisch obne„e geschrieben) als Führer von Strafexpeditionen und als„Ehrcnpolizisten". Also ist dieses edle Geschlecht wirklich ziemlich häufig im Verzeichnis der Henker vertreten!" Soweit der Korrespondent der„Leipziger BolkSzeitung". Wir können unsererseits noch hinzufügen, daß die russischen Gerichte wirklich den baltischen Baronen zu liberal sind. Eben hat nämlich daS Kriegsgericht zu Tuckum einen von diesen vier Helden, der im Dezember v. I. den Lehrer von Dalsen erschoß, beschlossen, zur Verantwortung zu ziehen. Genosse Michajlitschenko lebt. Wie der„Zwadzaty Wjel" meldet, sind die Gerüchte von der Hinrichtung des früheren sozialdemokratischen Dumaabgeordncten Michajlitschenko völlig unbegründet. Auch die Meldungen von seiner Verhaftung haben sich als unhaltbar erwiesen. Michajlitschenko be- findet sich gegenwärtig in Jusowka(Gouv. Jekaterinoslaw), wo er um Genehmigung für Vorträge über die Tätigkeit der Duma nachsucht. poUtifchc öcbcrficbt Berlin, den 21. August. Die schwarze Parade. n. Esten, 20. August.(Eig. Ber.) Glockengeläute von den katholischen Kirchen der Kanonenstadt Essen verkündete am Sonnabendabend, daß den folgenden Tag die 53. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands beginnen werde. Der Sonntag gehörte den Arbeitern. Seit daS Zentrum sein soziales Herz entdeckt hat, legt eS Wert darauf, durch einen Festzug von Arbeitern, dem sich eine Anzahl von Versammlungen anschließt, die Katholilentage würdevoll zur höheren Ehre der glorreichen„Volkspartei" einzuleiten. DaS bringt Leute auf die Beine, gibt Anlaß zu Bewegung, Lärm und buntem Aufputz und schafft so den wimmelnden Hintergrund, auf dem sich daS, was nun folgt, wirkungsvoll abhebt. 43 000 Mann sollen sich am Sonntag an dem Umzug beteiligt haben. Die Zahl ist mit Vorsicht aufzu- nehmen. Sie ist zustande gekommen durch die Addierung der Mit- gliederzahl der Vereine, die sich zur Teilnahme gemeldet haben; aber wir sahen Fahnen in dem Zuge, hinter denen ein halbes Dutzend Per- sonen einhcrgingen, die so für ebenso viele Hunderte von nicht an- wescnden Personen gelten mußten. Aber wenn eS wirtlich auch 43 000 Mann gewesen wären— was will das heißen in einer Gegend, wo sich Millionen von Arbeitern häufen, und bei einem Anlaß, wo die Fahrpreisermäßigung und die Aussicht auf einen lustigen Sonn« tag verlockend genug wirken.... Am Burgplatz bewegte sich der Zug an dem auf einer Tribüne thronenden Erzbischof von Köln vorbei. Jubel und Hutschwenken begrüßte den Kirchenfürsten. Wem galt die Huldigung? Nicht der Person des scharlachbekleideten Mannes, denn sie keimen ihn nicht persönlich, und wenn sie ihn kannten, würden sie finden, daß Antonius Fischer nicht geeignet ist, zu Huldigungen herauszufordern. Der Jubel galt dem Vertreter einer Macht, die viele Jahr« hunderte die Welt beherrschte und deren Banne sich auch heute noch die Masse der Armen am Geiste fügt, einer Macht, die ehemals als Kulturmacht gelten konnte, aber jetzt seit lange schon der Inbegriff alles Rückschrittes, aller Bolksfeindlichkeit ist. Und deshalb befiel uns Wehmut beim Anblick des langen Proletarierzuges, dessen Teil- nehmer den: Feinde ihrer Klasse zujubeln.... Im Anschluß an den Umzug fanden in 10 Lokalen der Stadt, darunter der großen Festhalle, Versaininlungen statt. Die Reden bewegten sich in den bekannten Geleisen: Die christlichen Arbeiter lvollen den Ausgleich der Interessen, sie verwerfen den Klassenkampf, sie fordern Gleichberechtigung mit den anderen„Ständen", Fort« fllhrung der Sozialresorm auf christlicher Grundlage— als einziges Mittel, Staat und Gesellschaft vor der revolutionären Sozialdemo- kratie zu retten. Hier und da klang in dem allgemeinen Gerede auch ein entschiedenerer Ton durch. So forderte ein Redner An- passung der Steuerbelastung an die Leistungsfähigkeit der ein- zelnen Bevölkerungsklassen, Erweiterung des Wahlrechts und Zu« laffung von Arbeitern in die Parlamente und Gemeindevertretungen. Gewiß schöne und berechtigte Forderungen, nur scheint uns der Parteitag des Zentrums nicht derjenige Ort zu sein, wo sie auf Er- füllung zu rechnen haben. Im übrigen spielte die Bekämpfung der Sozialdemo« kratie eine Hauptrolle in den Reden der Arbeiterversammlungen. Ein katholischer Arbeitersekretär meinte: Die politische Unwissenheit sei der größte Feind des BolkeS, ihr verdanke die Sozialdeniokratie ihre drei Millionen Stimmen. Wir gedachten des Schauspiels, das wir wenige Stunden vorher am Burgplatze beobachtet hatten, und verziehen dem Manne. Die meisten Versammlungen am Sonntag hatten die Gnade, auf wenige Minuten von Sr. Eminenz dem Kardinal Fischer von Köln oder auch von seinem Weihbischof Müller besucht zu werde». Wer im Menschen, auch wenn er den Purpur trägt, nur den Menschen sieht, der ist eigen- tümlich getroffen, wenn in einer Versammlung ohne sichtlichen Anlaß ein plötzliches minutenlanges Beifallklatschen den Redner unterbricht, sich aller Lugen nach einem Punkte richten, wo eine scharlachene oder violette Persönlichkeit erscheint, die nunmehr das Wort ergreift, die ganze Versammlung zum Segen auf die Knie zwingt, dann den Saal unter demselben Beifallssturm wieder ver« läßt, worauf der Redner des Abends in seinem Vortrag fortfährt. Wie eine traumhaste Erscheinung au» längst vergangenen Zeiten mutets den unbefangenen Beschauer an, der dann inne wird, wie groß noch die Macht der Ueberlieferung und der Einfluß der Welt« anschauung ist. bei der die Triebe des Gemütes mehr gelten als die Gründe der Vernunft. Am Abend des gestrigen Sonntag? fand bann in der großen gesthalle, die eigens für den Katholikentag mit einem Kosten« aufwände von 00 000 M. erbaut worden ist, die Begrüßungsfeier für die nun folgenden vier Verhandlungstage statt. 10 000 Personen saßt die Halle, und sie war dicht gefüllt. Die katholische Volksseele offenbarte hier ihre Begeisterungsfähigkeit, die sich beim Er- scheinen einer namhaften Persönlichkeit. ja bei der bloßen Nennung eines Namens oder der Anführung eines abgelegten Schlagworte» in tosenden Beifallsstürmen äußerte. Und wiederum gedachten wir deS Redners in einer der Arbeiterversamm- lungen, der im Bollgefühl katholischer Ueberlegenheit die Erfolge der Sozialdemokratie der Dummheit ihrer Anhänger zuschreibt. Und wir verziehen dem Mann zum zioeitenmal... Am Montag begannen nach den Vorbereitungen zweier Tage, nach Glockeugeläute und Anrufung deS HI. Geistes, die eigentlichen Verhandlungen des Katholikentages. Wa» sie bringen werden, weiß bis zur Stunde niemand, denn eine Tagesordnung mit Angabe der zu behandelnden Gegenstände wird vorher nicht bekannt gegeben. Nur daS eine weiß man: jeder der vier Berhandlungstage beginnt mit einem Gottesdienst und endet mit einer Festlichkeit; dazwischen liegt am Vormittage«ine geschlostene und am Nachmittage eine öffentliche Generalversammlung. Wie die Zentrumsprcjje verkündete, soll der Essener Katholiken« tag im Zeichen der sozialen Frage stehen. Schon in ber Zusammensetzung des Präsidiums, das heute morgen in der ersten geschlossenen Versammlung gewählt wurde, kam das zum Ausdruck. Von Herrn Gröber, dem diesjährigen Präsidenten, wußte die Fest- zeitung zu melden, daß er nicht nur der Sohn eines Arbeiters, sondern sogar eines armen Arbeiters ist; außerdem wurde neben einem junkerlichen Agrarier der Abgeordnete Giesberts, der in Vorahnung der seiner wartenden Würde in Frack und weißer Binde erschienen war, zum Vizepräsidenten gekürt. Herr GiesbertS dankte„im Namen seiner engeren Freunde", namentlich der katholischen Arbeiter, die neben dem Kampfe um die wirtschaftlichen Interessen im besonderen Maße auch den Kampf um die christliche Weltanschauung zu bestehen hätten; wenn die Gegner behaupteten, die Arbeiter seien auf den Katholikentagen nur Staffage, so zeige seine Berufung ins Präsidium, daß die Arbeiter hier als gleichberechtigt anerkannt würden. Wie leicht doch gewisse Leute zu befriedigen sind, wenn man ihnen erlaubt, sich in Frack und weißer Binde an der Seite eines Junkers und eines LandgerichtSrateS zu zeigen I Die Verhandlung in den geschlossenen Versammlungen gestalten fich sehr einfach. Wie Herr Gröber, der Präsident, betonte, komme man auf den Katholikentagen zusammen, um die Einigkeit deS katholischen BolkeS zu zeigen; deshalb lasse man nur solche Fragen zur Be- Handlung zu, über die Meinungsverschiedenheiten nicht vorhanden seien. Um diese„Einigkeit" zu wahren und jede den Frieden störende Auseinandersetzung fernzuhalten, haben die Anträge er st einenSusschuß zu passieren, der über ihre ZulSssigkeit und ihre Formulierung bestimmt. In der Versammlung werden die so genügend vorbereiteten Anträge formelmäßig unter völliger Teilnah in losigkeit der An- w e s e n d e n erledigt. DaS ist die eigentliche„Arbeit" des Katholikentages I Die öffentliche Versammlung am Nachmittage ist der Gemüts- bewegung, der Massenbegeisterung gewidmet. Hier zeigen sich die politischen und geistlichen Autoritäten des Klerikalismus dem katholischen Volke, daS für die erwiesene Gnade durch eine Beifalls« Willigkeit ohnegleichen und ohne Grenzen dankt. Hier finden die großen Paradereden statt, die von unaufhörlichen ZustimmungS- kundgebungen begleitet und am Schluffe mit dem bekannten„nicht» endenwollenden" Beifallssturm ausgezeichnet werden. Debatten sind ausgeschlossen. Das katholische Volk ist an Unter« ordnung gewöhnt; seine Größen reden, die Masse glaubt und jubelt.... Wie Herr Gröber ankündete, liegt den Vorträgen in den öffent- lichen Versammlungen der Gedanke zugrunde: die Kirche ist die Förderin der wahren Kultur und des allgemeinen Wohle»; sie be» darf aber, um diese Aufgaben zu erfüllen, der Freiheit— ein Thema. das auf den Katholikentagen bereits 52 Mal verhandelt worden ist und das in diesen Tagen nunmehr zum 53. Mal verhandelt werden soll. Und was Herr Gröber sprach, der in längerer Rede die Ver» sammlung eröffnete, was Herr Porsch über die Schulfrage und was weiter Herr Racke über die Religion als Grundlage der Familie redete— es war das alte, seit der ersten Katholikenversammlung in Mainz immer wieder geleierte Lied mit demselben Text, dem einig» neue Strophen zugefügt worden waren.— Pod Triumphator? In der Affäre des, wie man annahm, auch fiir die„Matz- gebende Stelle" unmöglich gewordenen Landwirtschaftsministers ist schon wieder eine neue überraschende Wendung eingetreten. Man vergegenwärtige sich noch ein- mal kurz den Verlauf der Affäre. Podbielski hatte im Scherlblatt erklären lassen, daß er gar nicht daran denke, sein Abschiedsgesuch einzureichen, da sein Verhältnis zur Firma Tippclskirch schon seit oielen Jahren der für ihn allein matz« gebenden Stelle bekannt ist. Nachdem Podbielski dies Thema ver- schiedentlich variiert und noch am letzten Sonnabend in dem Scherlblatt erneut erklärt hatte, datz er kein Abschieds- a c s u ch eingereicht habe, brachte die„Nordd. Allg. Ztg." die bülowoffiziöse Mitteilung, daß Pod bereits vor einiger Zeit den Kanzler gebeten habe, sein Rücktritts- gesuch an maßgebender Stelle zu befürworten. Wir haben gestern dies offiziöse Spiel charakteri- siert. Wir äußerten die Vermutung, daß Bülow durch die Erklärung Pods gezwungen worden sei, ihm jenen offi- ziösen Gnadenstoß in der„Nordd. Allg. Ztg." zu versetzen und dadurch sein Verschwinden von der politischen Bildfläche nnsanf�zu beschleunigen und sich selbst aus der Schußlinie zu bringen i Wie alle Welt, so waren auch wir der Auffassung, daß nunmehr die offizielle Verabschiedung des Kompagnons der Firma Tippelskirch nur noch die Frage von höchstens einigen Tagen sein werde. Inzwischen aber hat die„Norddeutsche A l l g e- meine Zeitung" abermals eine hochoffiziöse Er« k l ä r u n g gebracht. Tieselbe hat folgenden Wortlaut: „Wie wir hören, hat der Reichskanzler und Ministerpräsident daS von uns bcieitS erwähnte Schreiben des Herrn Landwirt- schaftsininisterS vom 13. d. Mts. zum Gegenstand eines eingehenden Vortrages bei Seiner Majestät dem Konige und Kaiser gemacht. Se. Majestät hat darauf in Ueber» einstimmung mit dem Antrage des Fürsten Bülow erklärt, daß Allerhöchst Er auf Grund der Ausführungen des Herrn Ministers vom 13. d. Mts. zurzeit nicht in der Lage sei, über die Frage der Entlassung von Exzellenz v. Podbielski au» dem Staatsdienst eine definitive Entschließung zu fassen." Es liegt auf de« Hand, daß durch diese neue offiziöse juccloung der Reichskanzler sich selb st ein hoch st eigenartiges Desaveu appliziert hat! Die ganze bürgerliche Presse ist sich denn auch darüber einig, daß diese neue Meldung nicht etwa eine Ergänzung der früheren Meldung darstelle, sondern einen ziemlich kläglichen Rückzug Bernhards des Unwiderstehlichen. Die gleichfalls offiziöse„Kölnische Zeitung" liest denn auch bereits Herrn Bütow ein Privatissimum über staatsmännischc Gepflogenheiten. Es sei bisher niemals Sitte gewesen, die Ocffentlichkeit durch Meldungen, wie sie die erste Erklärung der„Rordd. Allg. Ztg." dargestellt habe, über eine Minister- krise zu informieren, deren Abschluß nicht unmittelbar bevor- stehe. Der Oeffentlichkeit habe man erst von vollendeten Tat- fachen Kunde zu geben. Es läßt sich also nicht daran drehen und deuteln, daß Fürst Bülow einen raschen Handstreich gewagt und dabei eine bösartige Schlappe erlitten hat. Wäre Bülow der „Konsequenzenmacher", der er nicht ist. so würde er es als Anstandspflicht betrachten, nunmehr selb st seine Entlassung einzureichen. Daß er das nicht zu tun gesonnen ist. beweist ja die famose Stilisierung der letzten offiziösen Erklärung der„Nordd. Allg. Ztg." wonach Wil- Helm II.„in Uebemnstimmung mit dem Antrage des Fürsten Bülow" erklärt hat, daß die Angelegenheit Podbielski noch nicht spruchreif sei. Des Reiches Kanzler tritt also wieder einmal mit der ihn zierenden Grazie einen kläglichen Rückzug an. Gehört er auch nicht zu jenen starknervigen Naturen, wie Podbielski. so ist er doch mindestens ein ebenso starker «Klebe r" wie dieser. Verschiedene Blätter, z. B. die„Germania", meinen, daß damit das Bleiben Podbiclskis noch keineswegs besiegelt sei. Wer sich in dem diplomatischen Kauderwelsch auskenne, wisse. daß die neueste Erklärung der„Nordd. Allg. Ztg." nur be» sage, daß Podbielski nicht im Augenbllck gegangen werden solle. Im Herbst werde er, seinem eigenen Diktum gemäß, schon noch„verduften". Der Akzent bei der offiziösen Erklärung sei auf das Wörtchen„zurzeit" zu legen: die Galgenfrist Podbielski werde sich also nur auf einige Wochen belaufen. Uns kann die EntWickelung der Angelegenheit, wie schon bemerkt, äußerst kühl lassen. Ob Pod oder ein anderer, Agrarisch wird auch ferner Trumpf bleiben! Und ob Bernhard oder ein anderer, ist für unsere Politik ebenso belanglos. Wilhelm II., der sein eigener Kanzler sein will, würde für den vakanten Kanzlcrposten doch wiederum eine Persönlichkeit ausfindig machen, deren Charaktereigen. schaften denen Bülows entsprächen! Und da die herrschenden Parteien, speziell die eigentliche regierende Partei, das Zentrum, mit diesem System durchaus einverstan- den ist. würde in der inneren und äußeren Politik all es beim alten bleiben! '.' Ueber die vermeintlichen Ursachen der Podbielski-Krisis werden in der Presse allerhand Vermutungen aufgestellt. Man ist der Meinung, daß irgend welches Belastungsmaterial gegen Podbielski vorliegen müsse. Man bezieht sich dabei auf eine Aeußerung eines Dortmunder Blattes, in dem behauptet wird: „Der springende Punkt in der Podbielski« Frage ist eine Aussage, die Major Fischer dem Untersuchungsrichter gegenüber gemacht hat. Danach hat Herr v. Tippe lSki rch den Major zur Annahme eines der der» schiedenen D a r l e h n e mit der Motivierung überredet/ die betreffende Summe käme von Exzellenz v. Podbielski. Major Fischer gibt nun an, er habe es für nötig gehalten, sich für diese Hülfe beim Mini st er zu bedanken. Diesen Dank soll der Herr Landwirtschafts- minister— obwohl er in Wirklichkeit gar nicht der DarlehnS- geber war— in halb verlegener, halb jovialer Weise an- genommen haben. Damit wäre denn wohl ein Zusammenhang zwischen dem Fischerschen Darlehen und Exzellenz v. Podbielski konstruiert, und zu gleicher Zeit die Mitwisserschaft PodbielskiS an den TippelSkirchschen Un- geHörigkeiten nachgewiesen." Das„Berliner Tageblatt" meint, daß, wenn diese Dar- stellung richtig wäre, Podbielski bereits seit Jahr und Tag die seltsamen Geldgeschäfte Tip- pelskirch mit dem verhafteten Major Fischer gekannt haben müßte. Ja er habe sie, statt ihnen entgegenzutreten, sogar indirekt gefördert, indem er dem Major Fischer gegenüber die ihm von Tippelskirch zugeteilte Rolle weiter gespielt Habel •• Deutfeheo Reich. Zur Frage der Immunität. Während sich Herr Erzberger in Sachen der Abgeordneten- immunität wenig rühmlich benommen hat, find wenigstens einige freisinnige Abgeordnete bemüht, die Rechte des Reichs- tages zu wahren. Gleich dem Abgeordneten Ledebour hat kürz- lich der Abg. Kopsch dem in der Kolonialaffäre tätigen Unter« suchungsrichter mitgeteilt, daß er über Angelegenheiten, die ihm in seiner Eigenschaft als Reichstagsabgeordneter anvertraut worden seien, keinerlei Aussagen machen werde. Auch der frei« sinnige Abgeordnete Ablaß hat eine ähnliche Erklärung abgegeben. In einer kommissarischen Vernehmung, die er am Montag nachmittag in der Kolonialaffäre vor dem Untersuchungsrichter des Landgerichts in Hirschberg in Schlesien hatte, lehnte eS der Abgeordnete Ablaß ab. über die Art der Herkunft seines Materials Auskunft zu geben. Er begründete fein Verhalten damit, daß er es als einen VerträuenSbruch ansehen müsse, wenn er jemand nennen wolle, der ihm in seiner Vertrauensstellung als Parlamentarier diskrete Mitteilungen gemacht habe. Trotzdem ihm von dem der- nehmenden Richter erklärt wurde, daß der Strafprozeß ein solches Recht eines Abgeordneten, seine Aussagen zu verweigern, nicht kenne, verharrte Ablaß bei seiner Weigerung. Auch bei der sich hieran anschließenden Vernehmung des genannten Abgeordneten in der Untersuchungssache gegen die Beamten deS Kolonial- amtes Götz, Schneider und Genossen stellte sich Herr Ablaß auf den Standpunkt, daß er zunächst von dem Zeugnisverweigerungsrecht des Verteidigers eines der Angeklagten Gebrauch mache. Er betonte aber außerdem, daß er auch hier das Material, das er nicht als Verteidiger, sondent als Reichstagsabgeordneter erhalten habe, nicht preisgebe. Er lehnte deshalb die Herausgabe seiner Verteidigungsakten ab. Herrn Ablaß wurde darauf die ge- richtliche Beschlagnahme in Aussicht gestellt. All diese Vorgänge werben den Reichstag nötigen, das durch die neuerliche Gerichtspraxi» bestrittene Recht der Abgeordneten- immunität endlich einmal fest zu umgrenzenl— Stcuerpolitischcr Katzenjammer. Stuttgart, 20. August. lEig. Ber.) Es kann ja nicht wundernehme», daß die»nationale Tat", wie du Abg. Büsing die Reichsfinanzreform genannt hat, ihren Schöpfern allmählich als da» Gegenteil einer Tat. vielmehr als«in Streich erscheint, den sie gegen sich selbst geführt haben. ES bangt den »nationalen" Parteien vor einer Fahnenflucht ihrer Wähler und daher scheint eine Aktion im Werke zu sein, die darauf hinausläuft. den mißgestaltetsten Teil ber Steuerreform, die Fahrkarten- steuer, so bald als möglich wieder über Bord zu werfen. Ein württembergisches nationalliberales Blatt, daS zu- weilen gut informiert ist, der„Schwarzwälder Bote", läßt sich darüber von„vertrauenswürdiger Seite" schreiben: Die Wiederaufhebung der Fahrkarten st euer sei nur eine Frage der Zeit. Im Bundesrat sei sie ja nur nach Beschwichtigung ernster Bedenken zur Annahme gelangt. Haupt- sächlich hätten die Regierungen eine Schmäler ung ihrer Eisenbahneiunahmen infolge des U e b e r g a n g e ö vieler Retsender zu einer niederen Wagenklasse befürchtet, ein« Besorgnis, die sich schon in den ersten Wochen nach Einführung der Steuer als begründet erweist. Wenn die Re- gierungen trotzdem den Beschlüssen des Reichstages zugestimmt hätten, so aus folgender Erwägung: Behufs gründlicher Besserung der Reichsfinanzlage und Bestreitung der für die näch st en Jahre zu erwartenden Mehr- ausgaben werde eine stärkere steuerliche Heranziehung des Tabaks nicht zu umgehen sein. Diese sei aber im Reichs- tag nur durchzusetzen, wenn man dafür eine Kompen- sation gewährt, die den Abgeordneten die Rechtfertigung einer Höherbesteucrung deS Tabaks vor ihren Wühlern erleichtert. Eine solche Kompensation soll nun die Aufhebung der Fahrkarten steuersein. Im ReichSscha«?amt würde man e» daher gar nicht ungern sehen ,wenn die Fahrkarten- steuer recht vielem Wider st and begegnet. DaS ist ja eine ganz wunderbare StaatSkunst I DaS biedere Reichsschatzamt und die Einzelregierungen hätten da nach der Fahr- kartensteuer nur mit der rsssrvatio mentalis zugestimmt, sie recht bald wieder beseitigen, als Ersatz dafür aber eine stärkere Be- steuerung des Tabaks einheimsen zu können. Man wird sich diese Bekenntnisse einer schönen Seele merken müssen für den Fall, wo der Versuch gemacht wird, das so nett eingefädelte Plänchen zur Durchführung zu bringen. Gegen die Aufhebung der Fahrkartensteuer wird seitens der Sozialdemokratie dann ganz gewiß kein Widerspruch erhoben, wohl aber muß schon jetzt Ver« Währung eingelegt werden gegen eine weitere Belastung des Tabaks. den gewisse Kreise so lange„bluten" lassen wollen, bis die ganze Industrie noch„verblutet" sein wird. Auf jeden Fall ist es interessant zu sehen, wie system- und grundsatzlos die„positive" politische Arbeit unserer Gegner ist. Wie haben sie über das von ihnen so schön arrangierte Steucrbukett ge« jubelt und sich gefreut und nun eS den Wählern so gut gefällt, daß sie davon zu laufen beginnen, da wollen sie die ganze Angelegenheit nicht ernst gemeint, sondern nur„auf Widerruf" gemacht haben I Wenn da» Wort Oxenstjernas jemals verechtigterwcise Anwendung finden kann, so sicher auf die steuerpolitische StaatSkunst ber Mehr- heitsparteien de» deutschen Reichstages.— Neue Verschleppungen in Puttkamerun. Wie die„Tngl. Rundschau' mitteilt, ist die Untersuchung egen King Aqua und Genossen noch immer nicht zum Ab l u ß gelangt. Zwar seien die Zeugenvernehmungen in der Kolonie selbst beendet worden, jedoch sei die Vernehmung einer Reihe von Zeugen, die sich zurzeit auf Urlaub in Deutschland befinden, notwendig geworden, womit die zuständigen Gerichte beauftragt worden seien. Inzwischen sei nun der Oberrichter H e tz e l, in dessen Händen daS ganze verfahren ruhte, in Kamerun gestorben, so daß zunächst vom stellvertretenden Gouvemeur ein neuer Richter für du Weiterfllhrung deS Verfahrens habe berufen werden müssen. Unter diesen Umständen sei der Ab- schluß der ganzen Angelegenheit vor Ende Oktober nicht zu erwarten. Man sieht, Jesko hat eigenartiges Glück. Auch die King Aqua> Affäre erleidet durch den unerwarteten Tod des bisherigen Unter- suchungSrichters eine ihm sicher nicht unangenehme Unterbrechung. Bei dieser Gelegenheit mag erwähnt werden, daß der in Sachen der Cousinen-Affaire und sonstiger Puttkamereien nach Südwests afrika entsandte Untersuchungsrichter ein K o r p» b r n d e r des Am geklagten ist l—__ Freisinnige für Herrn Haffe! Aus dem 10. sächsischen ReichStagSwahlkreise ist die famose Tat- fache zu verzeichnen, daß sich eine Reihe von„freisinnigen Vertrauensmännern" gefunden haben, die für die Kandidatur Haffes eintreten. Die sächsische Freisinns presse, speziell die„Zittauer Morgenzeitung", nimmt allerdings zu dieser Direktionslosigkeit in schärfster Weise Stellung. Sie bezeichnet es als eine„Unverschämtheit", daß sich Personen erdreisteten, Miß brauch mit der Bezeichnung„Vertrauensmänner der Freisinnigen Volkspartei" zu treiben. Sie betont auf das entschiedenste, daß die Behauptung, Professor Hasse sei auch Kandidat der Freisinnigen Volkspartei, auf einen„Betrug" hinauslaufe. Jedes Blatt, da» diese Behauptung aufrecht erhalte, mache sich des„Betruges mid schuldig". Wir wollen abwarten, welchen Verlauf dieser freisinnige Bruderkrieg nehmen wird.—_ Gendarmen als Berichterstatter. Wir lesen in der„Sachs. Arbeiterztg.": Auf Grund eines Gendarmericwachtmeister- Berichts über die Protestvcrsammlung, die am 15. Mai IVOS gegen die Schulvorlage in Berlin-Großlichtcrfelde stattgefunden hat, hat die Staatsanwaltschaft gegen den Genossen Kurt E i S n e r, der in ber Diskussion das Wort ergriffen hatte, Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben. Der polizeiliche Bericht- erstatter hat aus den mehrstündigen Verhandlungen, von denen EiSnerS Ausführungen etwa eine Stunde in Anspruch nahmen, ein paar unznsammcnhängcnde Brocken notiert. Die EiSner in den Mund gelegte Aeußerung über die Dynastie der Hohenzollern er- weist sich auf den ersten Blick als völliger Unsinn, der zwar von einem harmlosen Polizeiwachlmeister geschrieben, aber nicht von einem sczialdcmokratischen Redner gesprochen werden kann. Sollte eS zur Eröffnung der Hauptverhandlung kommen, so wird sich Ge- lcgenhcit bieten, vor der Ocffentlichkeit mit einem System abzu- rechnen, das absolut verständnislose und nachweislich zur Bericht- erstattung ungeeignete Polizisten zu Kronzeugen politischer Prozesse und zu einer Gefahr für die„Rechtssicherheit" macht.— Ei» vielseitiger Unteroffizier. DaS Kriegsgericht der IS. Division zu Schwerin sprach vor einiger Zeit den Unteroffizier Döpper von der S. Kompagnie des Infanterieregiments Nr. 00 von der Anklage des Einbruchsdieb st ahlS frei, weil der Angeklagte in sinn- loser Trunkenheit gehandelt habe. Gegen diese« Aufsehen erregende Urteil legte der Gerichtsherr Berufung ein. Am Abend de« 7. Juli hatte D. einen Kegelklub besucht und mit anderen Unteroffizieren scharf gezecht, doch muß er nicht stark angetrunken gewesen sein, denn er kletterte mit affenartiger Geschwindigkeit über ein Gitter und holte sich aus dem Garten eine« KaufmaiiilS Stachelbeeren, worauf er durch daö Oberlicht eines Schaufensters stieg nnd sich aus der Ladenkasfe 40 M. sowie eine Uhr, Uhrketten. Münzen, Ringe, ein Thermometer und andere Sachen aneignete. Beim Hinausklettern stieg er aus einen Kasten, der umkippte und große» Geräusch verursachte. so daß die Ladeninhaberin erwachte, die noch gerade sehen konnte, wie der Unteroffizier die Flucht ergriff, wobe» er sich äußerst ge- wandt benahm. Nach stattgehabter Meldung wurden die Effekten des diebischen militärischen Erziehers durchsucht und man fand die gestohlenen Sachen äußerst geschickt versteckt in der Matratze eine« unbenutzten Bette» vor, was sicher nicht für sinnlose Trunkenheit spricht. Der Angeklagte behauptet auch bor diescin Gericht, sinnlos betrunken gewesen zu sein, doch wird ihm dies nicht geglaubt. An« tragsgemäß wird er zu fünf Monaten Gefängnis, Degradation und Versetzung in die zweite Soldatenklasse verurteilt.— Das alte Lied! In Südwestafrika, genannt Wüst-Weft, ist wieder einmal eine Hottentottenbande„zersprengt" worden. Als ob nicht die eigen- artige Taktik dieses Gegners darin bestände, sich, sobald er gestellt wird, zersprengen zu lassen, um sich an irgend einem undekannten, sicheren Orte wieder ein Rendezvous zu geben! Durch ein solches„Zersprengen" des Feindes wird Oberst v. Deimling seine„AufräumungSarbeit" sobald nicht beendigen. Die amtliche Meldung lautet: Wie schon gemeldet, hatten etwa 50 Hottentotten am Ö. August die Pserdewache der 2. Fcldkompagnie 2. Regi« ments bei Alurisfontein angegriffen, waren aber durch die herbeieilende Kompagnie zurückgeworfen worden. Der Feind flüchtete über Umeis auf Pelladrift, zog von da Oranje aufwärj» bis zum Hamrcvier und folgte diesem nord- wärtS in Richtung auf die Gr. KaraSberge. Er bekam unterwegs verschiedentlich Zuzug, anscheinend durch BondelszwanS unter Johanne« Christian, so daß er allmählich wieder eine Gefechts st Srke von 150 Gewehren erreichte. Unsere Truppen verfolgte» den Gegner fortgesetzt und zwar zuerst Abteilung Steberg bi« Pelladrift. dannKompagnieGrüner bisDuurdrift, im Ham- revier, und zuletzt Abteilung Bcch— 1., 8., 9. Kompagnie 2. Regi« inentS, 7. Batterie mit sehr niederen Gefechtsstärken. Der schlechte Ernährungszustand der Truppen im Süden, entstanden durch geringen Nachschub auf den weniger leistungsfähigen Etappenstraßen und dadurch eingetretenen Mangel an Proviant und Hafer, macht eine solche Ablösung der verfolgenden Abteilungen nötig I Hauptmanl, B e ch, der sich schon früher durch ocn Ilebcrfall gegen Morenga ausgezeichnet hatte, überraschte den Feind bei NvibiS nordöstlich Kalkfontein und zersprengte ihn noch drei« stllndigem Gefecht. Der Gegner hatte größere Verluste und ließ eine Anzahl(wie viel?) Toter auf den, Gefechts» f e l d. Auf unserer Seite siel Lcutnnut von Heyden, früher im Jnfanterte-Regiment Nr. 161, und ein Reiter. Ein Mann wurde schwer, ein anderer leicht verwundet. Abteilung Bech setzt die Verfolgung fort. Oberst von Deimling ist mit seinem Stabe in Warmbad ein« getroffen. HwUnd. Frankreich. Die Komplottiiffäre. Au» Marseille wird vom 21. August gemeldet: Der unter dem Verdacht der Teilnahme an einem anarchistischen Komplott verhaftete italienische Schuhmacher Chrillo Francesco hat sich bisher geweigert, dem Untersuchungsrichter Auskunft zu geben. Die Polizei ist jetzt der Ansicht, daß das Attentat nicht gegen den Präsidenten JalltöreS, sondern gegen den König von Italien vorbereitet wurde.— Italien. Katholische Freiheit. AuS Rom wird vom 2l. August berichtet: Wie verlautet hat der Vatikan den Priester Murri in Kenntnis gesetzt, daß gegen ihn kanonische Mahregeln verhängt würden, falls er eine Protest- note gegen die päpstliche Encyklika veröffentlichen würde. ES hieß nämlich, daß Murri diese Absicht habe.— Holland. Die Bewegung für das allgemeine Wahlrecht. Amsterdam, 20. August. Am Sonntag fanden zwölf provinzielle Versammlungen für daS allgemeine Wahlrecht statt. Sie wurden dieses Jahr zum ersten Male an ein und demselben Tage abgehalten und bezweckten eine Vorbereitung zu der jährlichen nationalen Versammlung, die dieses Jahr am 16. September zu Amsterdam die Kämpfer für das Wahlrecht in größerer Anzahl zusammenströmen lassen wird als je zuvor. Die vorbereitenden Versammlungen haben ihren Zweck erreicht, das Resultat ist zufriedenstellend trotz des drohenden Regens. Die Demonstrationen waren ausschließlich proletarische, ausgehend von den provinziellen Wahlrechtskomitees, bestehend aus den Abteilungen der S. D. A. P. und denen der Gewerkschaften. Die Redner waren Sozialdcmo- kraten, mit Ausnahme von zwei Frauenrechtlerinnen und einem Freisinnig-Demokratcn. Auf der Rotterdamer Versammlung waren t22 Gewerkschaften vertreten, die zu Lachem zählte 1600—1700 Besucher, zu Wageningen 1000, Zivolle 1500, Middelburg 500, Leeuwardcn 2000 Besucher. Von den übrigen fehlen noch nähere Mitteilungen. Nach Beendigung der Versammlungen wurden überall Demonstrationsumzüge durch die betreffenden Plätze veranstaltet mit Musik und fliegenden Fahnen und Bannern, während sozialistische Kampfeslieder den Einwohnern der meistens sonst stillen Provinzsiädte vom KampfeSmute der Arbeiterschaft meldeten und sie zur Teilnahme aufforderten. Versammlungen und Umzüge verliefen ohne irgend welche Zwischenfälle.— Das Interesse, das die Arbeiter- schast am Wahlrechtskampfe zeigt, wächst stetig und wird weiter steigen, bis die Bourgeoisie das allgemeine, direkte und gleiche Wahlrecht, ohne jedwede ZensuSschranlen und sonstige ausgeklügelte Hindermsse, dem ganzen Proletariate zugestehen muß.— Norwegen. K r i st i a n i a, 18. August.(Gig. Ber.) Die ersten Wahlen haben stattgefunden. Trotzdem erst wenige Repräsentanten gewählt sind, so kann man doch konstatieren: Abmarsch nach links! Und trotzdem Moderate, Konservative und Freisinnige sich alliieren gegen die Sozialdemokraten! Nur die Radikalen der Castbergschen Richtung machen vorläufig eine Ausnahme. Bezeichnend für die gegenwärtige politische Situation ist speziell die erste Wahl im Kristians Amt, aus- schließlich Bauerndistrikt, wo beinahe alle königstrcuen Bauernrepräsentanten durchgefallen sind. In fünf Kreisen wurden nur zwei mit knapper Majorität gewählt. Im all- gemeinen herrscht überhaupt starke Mißstimmung gegen die zahlreiche Bauernvcrtretung im Storthing. Speziell ist es natürlich der bäuerliche Arbeiter und Häusler, der über diese Vertretung erbittert ist, aber auch die industriellen Arbeiter sehen mehr und mehr ein, daß der Bauernniehrheit jedwedes Verständnis in sozialen Fragen fehlt und daß die Bauern- Vertreter Ausbeuter, Politiker schlimmster Art sind. Die Wahlaussichtcn sind trotz der vereinigten Mischmasch- Parteien, die den König Haakon mit seinen Ministern auf eine sechswöchcntliche Agitationstour sandten, doch die besten, und man darf auf mindestens zehn bis zwölf Abgeordnete der sozialdemokratischen Partei rechnen. In Dronthcim wurde beim ersten Wahlgange unser Genosse Buen, ehemals Tyvograph und jetzt Redakteur der„Ny Tid", gewählt, eben- falls wurde Genosse Scheflo, Typograph, als Stellvertreter gewählt. Die bürgerlichen Blätter sind natürlich rasend darüber, daß die alte Krönungsstadt Drontheim durch einen Sozialdemokraten vertreten sein soll, und man jammert über die eigene schlechte Organisation.„Morgcnbladet", Haupt- organ der Konservativen, schreibt über die letzte Wahl:„Auch diese Wahl lehrte uns wiederum, daß auf alle Fälle außer- halb der Städte die Arbeiterschaft allein im Besitze der nötigen Disziplin ist. Will man nun immer noch nicht eine Lehre daraus ziehen?" Die bisherige Wahl zeigt schwache Beteiligung, und die Regierungspartei klagt über politische Gleichgültigkeit. Wir nennen es moralischen Katzenjammer der politischen Ereignisse öes Jahres 1905. Das so viel gepriesene neue und billige Konlgtum wird doch am Ende etwas zu teuer, selbst nach Ab- schaffung des Titels„von Gottes Gnaden".— Kristiania, 21. August. lPrivattelegramm.) Gestem fanden 38 Wahlen statt. Die Partei hatte eigene Kandidaten in 14 Kreisen aufgestellt, wovon Dr. Eriksens und ToshaugS Wahl in Fromsoe Amt gesichert ist; außerdem ist die Partei in zwei aus- sichtsreichen Stichwahlen. Die Sozialdemokraten haben einen Sitz verloren. Im übrigen sind gewählt 6 Liberale. 1 Konservativer. 2 Sammlungsparteiler. S Radikale; 19 Stichwahlen ergaben sich. Die Resultate aus drei Kreisen fehlen. Insgesamt sind gewählt in KS Kreisen 5 Konservative. 1 Moberater, 7 Liberale. 8 Radikale, L Nationaldemokraten, 3 Sozialdemokraten. Die gesamte Rechte hat bisher 6 Sitze verloren. Amerika. Der Präsidentschaftskandidat der Demokraten William Jcnnings B r Y a n, der Führer der demokrdtischen - m' w'r')®et(einer Rückkehr von einer Weltreise am 39. August m New Dork mit großem Pomp empfangen werden. Die Festlich- reiten m New Dork sollen mehrere Tage dauern und werden viele Tausende von Dollars kosten. Dieser Empfang bedeutet eine Riesen- reklame für Bryan als den nächsten Präsident schafts- ka n d> da t e n. Jm Anschluß an die Herdstwahlen wird schon für die nächste Präsidentenwahl überall Stimmung gemacht. Es gilt für die d e m o k r a t i s ch e P a r t e i einerseits, die frühere Einigkeit und Geschlossenheit wiederzugewinnen und andererseits den wachsenden Einfluß von tzearst und seinem Radikalismus zu unter- graben. Hearst erscheint den Demokraten als äußerst gefährlich, weil sie durch sein Spiel mit dem Radikalismus eine Stärkung der rmmer zahlreicher bemerkbar werdenden sozialistischen Tendenzen befurchten. Bryan, der 1896. als er zum erstenmal als Kandidat für die Präsidentschaft auftrat, bitter gehaßt und als..Anarchist" von den rechtsstehenden Demokraten bezeichnet wurde, gilt heute als ein honetter, empfehlenswerter Kandidat in der ganzen demo- kratlschen Partei. Auf der linken Seite erireut er sich noch der alten Beliebtheit und allgemeinen Popularität, die mit einem Schlage erwachte, als er in Chicago die große Rede hielt von der „armen gepeinigten Menschheit, die an einem Kreuze von Golde hängt und leidet". Das gab eine große Sensation, aber Bryan wollte die arme Menschheit damals nur durch— die Silberwährung erlösen. ES sollte ein Kreuz von Silber errichtet werden. Und die Silberschrulle brachte alle„Gold» Demokraten" auf die Beine, die Partei wurde dadurch gespalten. Der Glaube an Silber ist überwunden; Bryan selbst hat diese Schrulle aufgegeben, weil, wie er erklärte, die Verhältnisse sich geändert haben und die Pro- duktion von Gold in ungeahntem Matze zugenommen habe. Trotz- dem war Bryan den rechtsstehenden Demokraten nicht sicher genug, und erst die Gefahr, daß Hearst einen dominierenden Einfluß ge- Winnen könnte, sicherte ihm die allgemeine Anerkennung auch auf dem rechten Flügel der Partei.— Daß Bryan ein sehr starker Gegner ist, wissen die Republikaner sehr wohl, und auch sie halten schon eifrig Umschau nach einem Kandidaten, der Bryan das Gegen- gewicht halten kann. Viele glauben, daß Roosevelt allein dazu imstande ist, der aber feierlichst am Abend seines Wahltages dem ganzen Lande versprochen hat, daß er keinen dritten Termin das Präsidentschaftsamt führen werde. Trotzdem Bryan schon zweimal geschlagen wurde, 1896 und 1990, was für jeden anderen den politischen Tod bedeuten würde, gilt er in der demokratischen Partei zweifellos als der kommende Mann.— GewerhfcbaftUcheö. Der Mörder und sein Opfer! Der Mörder des Genossen Fleischmann in Nürn- b e r g ist aus der Haft entlassen worden. Er war ja kein Streikender, sondern ein Arbeitswilligerl-- Das Opfer des Mordbuben ist am Montag früh im Krankenhanse zu Nürnberg gestorben! ßertin und Umgegend. Metallarbeiter! Die Berliner Ortsverwaltung des Deutschen Metallarbeiter- Verbandes hatte in der Angelegenheit der Maifeier in dem Be- triebe Brunnenstraße der A. E. G. eine Untersuchungskommission eingesetzt, und nach der Berichterstattung dieser Kommission nach- stehende Resolution angenommen, welche hierdurch den Berliner Kollegen zur Kenntnis gegeben wird: Resolution Die von der Ortsverwaltung Berlin des Deutschen Metall- arbeiterverbandes eingesetzte Kommission zur Untersuchung des Mißerfolges bei der Maifeier der A. E. G., Brunnenstraße, kommt zu folgendem Ergebnis: Alle Kollegen des Werkes, die entgegen dem Beschlüsse vom 18. April d. I. am 1. Mai gearbeitet haben, verdienen eine öffentliche Rüge. Insbesondere die langorganisierten Mitglieder und diejenigen, welche einen Vertrauensposten inne hatten. Von ihnen durfte erwartet werden, daß sie energisch für die Durchführung des Beschlusses, am 1. Mai die Arbeit ruhen zu lassen, eintreten würden. Wenn die Kommission einen Antrag auf Ausschluß nicht empfiehlt, so mit Rücksicht darauf, daß es bei der großen Anzahl der in Frage kommenden Kollegen unmöglich erscheint, das Schuldkonto des einzelnen zu be- stimmen. Als mildernd muß ferner in Betracht gezogen werden, daß von feiten der verantwortlichen Verbandsfunktionäre Mißgriffe gemacht worden sind, die eigentlich nicht hätten vorkommen dürfen. So durfte erstens keine Abstimmung vorgenommen werden ehe festgestellt war, ob die Leipziger Resolution für den Betrieb zutraf oder nicht, damit den Kollegen vor der Ab- stimmung klipp und klar gesagt werden konnte, daß, wenn sie den 1. Mai zu feiern beschließen, sie dies ohne Anspruch auf eventuelle Matzregelungsunterstützung tun müssen. Des weiteren war die Abstimmung unkorrekt, indem die un- beschriebenen zurückgekommenen Zettel gar nicht mit in Zählung genommen wurden. Drittens ist nach der Abstimmung miktelst Stimmzettel noch eine Versammlung mit dem Thema:„Sind wir in der Lage, den 1. Mai durch Arbeitsruhe zu feiern" ein- berufen worden. Diese Tagesordnung hat unzweifelhaft ver- wirrend gewirkt. Ferner ist noch zu erwähnen, daß die Ver- sammlungen in Lokalen abgehalten wurden, die räumlich nj-j der Zahl der in der Brunnenstraße beschäftigten Kollegen in keinem Verhältnis standen. Aus allen diesen Gründen glaubt die Kommission einen Antrag auf Ausschluß nicht empfehlen zu können, sondern erachtet eine öffentliche Rüge für an- gemessen._ Ein Erfolg der Organisation. In den deut,chenWafsen- und Munitionsfabriken besteht seit Jahren die Unsitte, daß die Arbeiter die von ihnen gebrauchten Werkzeuge bezahlen müssen. So kam es denn vor, daß Leuten, die 69 Pf. Stundenlohn hatten, in einem Monat bis zu 16 M. Abzüge für verbrauchte Werk- zeuge gemacht wurden. In anderen Abteilungen mit Stunden- löhnen von 62 Pf. belief sich der Abzug auf 8 bis 9 M. pro Monat. Selbst Putzlappen mußten von den Arbeitern bezahlt werden, und in einer Abteilung mußten Arbeiter bis zu 4 M. allein für Schmirgel- leinewand ausgeben. Diesen durch und durch veralteten Zuständen suchte der ArbeiterauSschuß vor einigen Monaten abzuhelfen, indem er bei der Direktion vorstellig wurde.Die Direktion benahm sich damals aber derartig brüsk, daß die Ausschußmitglieder sämtlich ihre Aemter niederlegten. Jetzt wurden sich die Arbeiter schlüssig, aus jeder Abteilung eine Kommission zu wählen mit dem Auftrage, unzweideutig die Ab- schaffung der Werkzeugbezahlung von der Direktion zu fordern. Dieses Vorgehen hatte den Erfolg, daß die Direktion sich nunmehr zu der Zusage bequemte, die Werkzeugbezahlung vom 1. September d. I. ab in Fortfall kommen zu lassen. Eine Kürzung der Lohn- und Akkordsätze soll aus diesem Anlaß nicht erfolgen. Mit diesem Resultat der Verhandlungen erklärte sich am Freitag eine in der Kronenbrauerei vom Metall- arbeiter-Verbande einberufene, außerordentlich stark besuchte Werks- Versammlung einverstanden. Zur Lohnbewegung der Glaser. Wie bereits mitgeteilt, haben die Glaser den Tarifvorschlag des EinigungsamteS abgelehnt, weil ihnen die Zugeständnisse der Unternehmer als zu geringfügig er- schienen. Im Anschluß hieran fand gestern auf dem Gewerbcgericht eine nochmalige Zusammeiikunst der beiderseitigen Kommissionen statt. Die Vertreter der Unternehmer erklärten hier jedoch, daß sie ein weiteres Entgegenkonimen ablehnen müßten. Eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 8'/z Stunden wollen sie deswegen nicht bewilligen, weil die Arbeiter der übrigen Baubranchen auch noch alle die neun- stündige Arbeitszeit haben. Infolgedessen zerschlugen sich die gestrigen Verhandlungen. Wahrscheinlich dürste das Einigungsamt nun in den nächsten Tagen einen Schiedsspruch fällen, falls es nicht vorher doch noch zu einer Verständigung zwischen den Streikenden und den Unternehmern kommt. Achtung, Holzbildhauer! Bei der Finna Lindgreen, Rix- dorf, Schöneweiderstr. 23, haben die Kollegen am Sonnabend Lohnforderungen gestellt, die nicht bewilligt wurden. Ein Kollege ist sofort entlassen worden. Die übrigen legten darauf die Arbeit nieder. Der Betrieb ist für Bildhauer zu meiden. Die Agitationskommission. Tarifbewcgung der Brauereihandwerker. Eine sehr gut besuchte öffentliche Versammlung sämtlicher Brauereihandwerker, Maschinisten und Heizer, welche am 29. August in den Musikersälen, Kaiser Wilhelmstraße 13m, tagte, hatte auf der Tagesordnung die Beratung und Beschlußfassung über die neue Tarifvorlage. Das Tarif- Provisorium zwischen dem Verein der Brauereien Berlins und Um- gegend einerseits und den in Betracht kommenden Verbänden �Metallarbeiter, Schmiede, Kupferschmiede, Holzarbeiter, Maurer, immerer usw.) andererseits läuft mit dem Ende dieses .ahreS ab. Die Tarifkommission hat nun nach Besprechungen mit den beteiligten Handwerkern sowie Heizern und Maschinisten einen Entwurf zu einem neuen Tarif aufgestellt, der der Versamm- lung nebst verschiedenen Anträgen vorlag. S i e r i n g begründete den Entwurf in allen seinen Punkten, die dann in einer lebhaften Debatte einzeln durchgegangen wurden. Mit einigen Aenderungen wurde die Vorlage angenommen, die nunmehr dem Brauerei- verband unterbreitet werden soll. Neu ist bei der Tarif- Vorlage der Handwerker die Einbeziehung der in den Brauereien tätigen Maschinisten und Heizer. Für die Handwerker wird die neunstündige Arbeitszeit ge- fordert statt der jetzt meist geltenden L'/z stündigen. Für alle Handwerker wird einheitlich— jetzt"ist die Entlohnung sehr verschieden— ein Anfangslohn von 36 M pro Woche vorgesehen. Ueberstunden sollen nach der neunten Arbeitsstunde bis 9 Uhr abends mit 89 Pf., nach 9 Uhr bis 7 Uhr morgens(Nachtarbeits mit 1,39 M., Sonntagsarbeit mit 1 M. pro Stunde bezahlt werden. Jede angefangene Stunde ist voll zu zahlen. Die Ueberstundenfrage wird noch näher geregelt.— Für das M a- schinenpersonal wird hauptsächlich gefordert: Die Arbeitszeit beträgt für alle Kategorien iMafchinisten, Heizer, Abschmierer und Kohlenschieber) täglich acht Stunden, die Woche zu sechs Tagen gerechnet; Schichtwechsel findet Sonntags statt, ebenfalls achtstünd- lich. Jeden dritten Sonntag ist eine 48stllndige Ruhezeit zu ge- währen. Der Anfangsloh» für Maschinisten und Heizer beträgt 36 M., nach einem Jahre 38 M.; für Abschmierer und Kohlenschieber 34 M., nach einem Jahre 36 M. Ueberstunden und Sonntagsarbeit 69 Proz. Aufschlag.— Unter Allgemeines enthält die Vorlag'e Bestimmungen über Urlaub, über Kllndigungs- fristen, über den Arbeitsnachweis, über hygienische Ein- richtnngen in den Werkstätten usw. Auch wird Freigabe des 1. Mai als Feiertag verlangt und bestimmt, daß bereits vorhandene bessere Bedingungen bestehen bleiben. Ferner wird vorgeschlagen: Nebenarbeiten bei Maschinisten beziehungsweise Heizern, wie Eis- ziehen usw., sowie Nebenarbeiten bei Handwerkern, die außerhalb ihres Berufes liegen, sind strikte zu vermeiden."(ES ist vorgekonime», z. B. in der Bockbrauerei, Abteilung I, daß die Hand- werker zum Heuabladen und ähnlichen Tätigkeiten verwendet wurden.) Auf Antrag aus der Versammlung wurde auch der Vorlage eingefügt:„Im Interesse der Betriebssicherheit ist es zu vermeiden, daß zur selbständigen Ausführung von Hand- werkSmäßigen Arbeiten ungelernte Arbeiter herangezogen werden." Die übrigen Bestimmungen beziehen sich mehr oder minder auf die Durchführung des Tarifs, bei dem man mit einer Dauer von zwei Jahren rechnet. In die Verhandlungskommission wurden Schwittau, Göll- mert, Siering, Handtke und Korbowicz gewählt. Der Kampf um den Siebenstundentag im Berliner Steinbildhauer- gewerbe hat Unternehmer und ihnen verwandte Zeitungen zu Aeuße- rungen veranlaßt, die diese durch eine kaum erhoffte Einmütigkeit der Gehülfen sich auszeichnende Bewegung als nicht gerechtfertigt er- scheinen lassen sollen. Und doch ist die von den Steinbildhauern erhobene Forderung der täglichen siebenstündigen Arbeitszeit tief in den Verhältnissen begründet. Dafür spricht schon die in Betracht kommende BundeSratsverordmmg zum Schutze der Steinarbeiter vom Jahre 1992, wonach im Berufe höchstens neun Stunden täglich gearbeitet werden darf. Unsere hohe Reichsbehörde hätte sicherlich nicht eine solche Maximalgrenze festgesetzt, wenn sie nicht von der Gesundheits- schädlichkeit der Arbeit der unter die Verordnung fallenden Kategorien der Steinarbeiter und damit der Steinbildhauer überzeugt worden wäre. Erfahrungsgemäß gewähren solche sozialpolitischen Vor- schriften in der kapitalistischen Gesellschaft heute höchstens das Mindestmaß des in Wirklichkeit erforderlichen Schutzes. Setzt die Regierung neun Stunden als Maximalarbeitstag fest, so ist sicherlich, um den Gesundheitsgefahren des Berufes einigermaßen entgegenzuwirken, der Siebenstundentag von- nöten. Das verschafft sich denn auch in der tatsächlichen Ge- staltung der Verhältnisse Ausdruck. Von den 1299—1399 Stein- bildhauern in Deutschland umfaßte die letzte Statistik 982. Davon arbeiten bereits sieben Stunden 127, und zwar ist der Sieben- stundentag durchgeführt in Dresden, Mannheim, Bremen. Hamburg und Straßburg überhaupt, und außerdem arbeiten 26 Gehülfen in. Köln, Frankfurt und Mainz ebenfalls nur sieben Stunden. In zwölf Städten sind 359 Steinbildhauer 7'/? Stunden täglich be- schäftigt. Eine achtstündige Arbeitszeit haben 246 und eine acht- bis neunstündige 260 Gehülfen. Hierbei ist zu berücksichtigen. daß die Statistik die Gehülfen in den Grabsteingeschäften in kleinen Orten mit umfaßt, die im Verhältnis die längste Arbeitszeit haben.— Die 7>/zstündige Arbeitszeit ist in Berlin, wo nach der Zusammenstellung vom 9. August sich jetzt 236 Steinbild- Hauer aushielten, schon seit Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eingeführt und schon 1895 kämpften die Gehülfen 13 Wochen lang um die Einführung des Siebenstundentages, leider vergeblich. Was damals mißlang, wird diesmal Erfolg haben. Dafür spricht der Zusammenhalt und die kampffrohe Stinnnung der Streikenden. deren Bestreben, Garantien der Gesundheit im eigenen Interesse und im Interesse ihrer Familien zu schaffen, von der denkenden Arbeiterschaft speziell mit größter Sympathie verfolgt wird.— Es ist von Arbeitgebern und von einem bürgerlichen Blatte so hin- gestellt worden, als würden die Wünsche der Gehülfen erreicht durch Annahme des von den Arbeitgebern gemachten Angebots, zur Winterszeit 6'/» Stunden und im Sommer 7>/z Stunden. wie bisher, zu arbeiten. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Erstens würde nach dem Vorschlage der Arbeitgeber nur vom 1. November bis zum 1. März, also nur vier Monate 6'/, Stunden gearbeitet werden, während die 7'/z stündige Arbeitszeit sich über acht Monate er- strecken würde. In der Hauptsache aber handelt es sich darum, ge- rade in der Zeit der intensivsten Anspannung der Arbeitskräfte die Verkürzung der Arbeitszeit, den erweiterten Schutz der Arbeitskraft zu haben. Diese Zeit fällt aber nicht in die Wintermonate mit ihren kurzen und ihren kalten Tagen. Uebrigens ist ohne weiteres klar, daß jener Gegenvorschlag der Arbeitgeber in derem Interesse liegt und kein Entgegenkommen darstellt. sSiehe auch 1. Beil., 3. Seite.) Eine stark besuchte Versammlung der Mehlkutscher aus allen Fuhrbetrieben Berlins tagte am Sonntag im„Englischen Garten", um zu der in Aussicht stehenden Lohnbewegung weitere Stellung zu nehmen. In Ergänzung bezw. Erneuerung des noch bis zum 31. August d. I. geltenden Tarifvertrages sind folgende Forde- rungen aufgestellt: Festbegrenzte Arbeitszeit von 6 Uhr morgens bis 7 Uhr abends einschließlich 2 Stunden Pause. Jeder zweite Sonntag soll frei sein. Nach einjähriger Tätigkeit im Beruf ein Erholungsurlaub von einer Woche bei Fortzahlung des Lohnes. Für Füttern der Pferde am Sonntag 2 M. Vergütung. Den Mehlhändlern sind folgende Forderungen zu unterbreiten: „Die Mehlhändler sollen die Bäckcrcibesitzer verpflichten, das ihnen zu liefernde Mehl auch wochentäglich abends abzunehmen. Die Kutscher haben das Mehl bei dem Bäcker nur bis auf den Hof oder Hausflur oder bis zur Kellerluke an der Straße zu schaffen. Zur Abtragung des Mehls nach dem Keller oder einem sonstigen Be, stimmungsort ist der Kutscher nur verpflichtet, wenn ihm das auf Grund seiner Körperkräfte möglich ist und ein angemessenes Ab- tragegeld vom Bäckermeister dafür gezahlt würde. Die Kutscher sollen nicht mehr verpflichtet sein, das Lagergeld für die Mehl« Händler auszulegen." VeutfcKes Reich. Der Lohnkampf gegen den Montantrust hat eine Verschärfung erfahren. Mit Beginn des Streiks am 16. August kündigte die Direktion allen nichtstreikenden Ar- beitcrn zum 31. August die Entlassung an. Gleichzeitig legte sie einige mit dem Walzwerk kontinuierenden Betriebe still und schickte 1699 bis 1799 Arbeiter drei Tage auf Urlaub. Die Leute waren vorab der Meinung, daß sie für die Feiertage ihren Lohn weiter bekommen, sahen sich aber schwer enttäuscht. Die Direktion lehnte jedes Ansinnen auf Entlohnung ab. Am Montag sollte der Be- trieb teilweise wieder aufgenommen werden. Es hieß, man wolle mit den alten halbinvaliden Hofarbcitern notdürftig einige Oefen und Walzenstraßen besetzen. Die beurlaubten Maschinisten, Kessel- Wärter und Stahlwerksarbeiter durchschauten den Trick und machten ihn zuschanden, indem sie den dreitägigen Urlaub als Grund zur sofortigen Lösung des Arbeitsvertrages benutzten und am Sonnabend ihre Entlassung verlangten. Der Andrang in den Bureaus war so stark, daß man die Ausgabe der Papiere aus Montag verschieben muhte. Die Trustbeamten machten verdutzte Gesichter, als sie sahen, daß ihr schlauer Plan an ihrer eigenen Dummheit in die Brüche ging. Hätten sie die Arbeiter nur zwei Tage in„Urlaub" geschickt, so wäre es schließlich möglich gewesen, mit den etwa zu Streikbrecherdiensten genötigten alten Arbeits- Veteranen über die ersten Tage hinauszukommen. So hat der Ur- laub es ermöglicht, die Gekündigten zeitiger herauszuholen und die im Betriebe ergrauten alten Leute vor dem Odium des Streik- bruchs zu schützen. Am Sonnabend hat der Verein mit dem langen Namen in Düsseldorf über Hülfsmittel für den Montantrust beraten. Das Ergebnis liegt noch nicht vor. Sicher dürfte aber sein, daß die dort zusammen gewesenen Jndustriepaschas es ablehnen, schließlich selbst nach Aachen zu kommen und den Trust aus der Klemme zu ziehen. Was aber auch geplant sein mag, die Arbeiter sind nicht müßig gewesen. Ein wesentlicher Zuzug brauchbarer Kräfte ist nicht zu erwarten. Sollten die Eisenkönige dazu übergehen. aus gleichartigen Werken des rheinisch-westfälischen Industrie- gebietes Ersatzkräfte nach Aachen abzukommandieren, so würde jeder solcher Versuche mit sofortiger Arbeitsverweigerung beant- wortet werden. Darüber sind auch die Unternehmer nicht im un- klaren. Sie wissen, daß es zu eiyer größeren Bewegung der Hütten- und Walzwerksarbeiter nur eines Funkens bedarf. Daß die Herren diese Möglichkeit nicht aus dem Auge verlieren, ist sehr begreiflich. Die goldreiche Gegenwart mit ihren überhäuften Auf- trägen liegt ihnen so im Sinn, daß sie an einige Wochen un- befriedigter Raubgier nur mit Grausen denken. Unterdes hat die Gcwerbeinspektion Aachen wieder versucht. zwischen den Streikenden und der Hütte �u verhandeln. Die Direktion hat sehr verbindlich geantwortet, aber mit Berufung auf die Beschlüsse des Aufsichtsrats jede allgemeine Lohnerhöhung abgelehnt. In den Nebenforderungen will sie entgegenkommen. Die Arbeiter lehnen es ab, ohne bestimmte Zugeständnisse in der Lohnsrage die Arbeit aufzunehmen. Sie streiken nicht um schöne Worte. Es wird also der Direktion nichts anderes übrig bleiben, als einen Bekehrungsversuch beim Aufsichtsrat zu machen. Die Getreidcträger und Speicherciarbeitcr von Königsberg sind wegen Nichtbewilligung ihrer Forderungen in den Ausstand ge» treten. HusUnd. 600 spanische Bergarbeiter sind zu B i l b a o in den Ausstand getreten. Die Truppen der Garnisonen von Vurgos und Vittoria sind zusammengezogen, um die Ordnung im Ausstandsgebiete aus- recht zu erhalten. Der Ausstand droht sich auf das ganze Gruben. gebiet auszudehnen. Die Reise des Königs nach Bilbao Wird vor« aussichtlich infolge des Ausstandes verschoben werden. Letzte JVachricbtcn und Dcpefcbca Die Rettung aussichtslos. Köln, 21. August. Die„Kölnische Zeitung" meidet aus Brüssel: Die Hoffnung, daß die in einem Brunnen des Vororts Uccle ver- schütteten 3 Arbeiter noch am Leben seien, bestätigt sich nicht. Die Genietruppen, die an der Ausgrabung gearbeitet hatten, haben deshalb seit heute mittag die aussichtslos gewordene Arbeit ein- gestellt. An der Bergung der Leichen wird weiter gearbeitet. Eine Pulverfabrik in die Luft geflogen. Kaiserslautern, 21. August. Wie die„Pfälzische Presse" meldet, ist ein Werk der nahegelegenen Pulverfabrik Schop in die Lust geflogen. Zwei Personen wurden dabei getötet, eine tödlich verletzt._ Jniurgenrenaufstanb bei Hoya Colorado. New Bork, 21. August. Dem New Dorker„Herald" wird aus Havanna gemeldet: Die Zahl der Insurgenten auf Euba beträgt mehr als 1999. Gestern nachmittag fand bei Hoya Colorado, 29 Meilen von Havanna, ein Gefecht statt, in welchem der die Land- gendarmerie befehligende Leutnant getötet und auf beiden Seiten viele Kämpser verwundet wurden. Ein Polizeimeister durch eine Bombe getötet. Petersburg, 21. August.(W. T. B.) In Siedlotz wurde auf den Polizeimeister eine Bombe geworfen. Der Täter ist un, bekannt, der Polizeimeister ist gestorben. Ehrung der meuternden Angeklagten Sebastopol, 21. August.(W. T. B.) Die Verurteilten aus der ersten Gruppe der wegen der Meutereien angeklagten Matrosen wurden durch die Eisenbahn abgeführt. 6999 in Ausstand getreten« Hafenarbeiter gaben ihnen das Geleit. Regimentskommandeur ermordet. Samara, 21. August.(W. T. B.) Der Kommandeur des Borissowschcn Regiments wurde in seiner Wohnung von einem Unbekannten ermordet. Der Mörder übergoß den Körper mit Spiritus und zündete diesen an. Berditschew, 21. August.(W. T. B.) Der Generalgouverneur hat jeden Straßnbahnverkehr nach abends 8 Uhr untersagt. Charkow, 21. August.(W. T. B.) Die Postwaocn der Linie Sebastopol-Kursk werden durch Militär bewacht. fßmni&ZtteJL: CarlWernmth, BerlwRixdorf. Inserate veratltw.: rst.GI-ckt.Llllill. Liuck u. Perlag: Pprwört» NuSdr. u. LlllaqSaviteH kaulSmü-r&&>., tliu SW. KjkkZ« 3 Bestage»«. vnterhaltungSttat" Hr. 194. 28. 1. Stilißt i>cs Jorairts" Kcrlim WslilÄ. Mittwoch, 22. August 1906. Der außerordeutliche Parteitag der Züricher Sozial- demokratie. Zürich, 20. August.(Gig. Ber.) Der gestern nachmittng in der„Sonne" in Austersihl abgehaltene außerordentliche Parteitag der Sozialdemokratie des Kantons Zürich war von zirka 300 Genossen und Genossinnen besucht, wovon zirka 280 Delegierte waren. Der Präsident der Partei. Genosse Dr. Kraft, hielt ein sehr eingehendes Referat über die außerordentliche Situation in der Stadt und im Kanton Zürich, wie sie durch die unerhörten Maßnahmen der Regierung gegen die Arbeiterschaft geschaffen wurde und die unseren Lesern bereits bekannt ist. Der Referent übte daran die schärfste Kritik und brandmarkte sie in entschiedenster Weise. Sodann wandte er sich aber auch gegen Vorgänge im eigenen Lager. Der „Grütlianer", das Zentralorgan der schweige- rischen Sozialdemokratie, hat in diesen heißen Tagen zum Teil eine schmählige Rolle gespielt. Die Redaktion hat un- besehen und kritiklos schandbare Einsendungen aufgenommen, die Verrat, Sckmsse in den Rücken der kämpfenden und verfolgten Arbeiterschaft waren und von der kapitalistischen Scharfmacherpresse mit wahrem Vergnügen nachgedruckt wurden. So heißt es in einer dieser Einsendungen,„daß die sehr wenigen Personen, welche mißhandelt worden sind, dies sich selbst zugezogen und mehr verdient hätten als ihnen wirklich zugefügt worden ist". Daran knüpft sich in Ueber einstimmnng mit den perfidesten Arbeiterfeinden eine Hetze gegen die Ausländer. Und das tut das Zentralorgan der schweizerischen Sozialdemokratie I Und der Geschäftsführer der Grütlidruckerei in Zürich hat als Antwort auf eine gegnerische An- rempelung zerknirscht und bußfertig bekannt gemacht, daß ein einziger Schwab im Geschäfte tätig ist. Von den vielen Schwaben, die in den Gewerkschaften und politischen Arbeitervereinen organisiert sind, ninunt er aber Druckaufträge aller Art gerne entgegen. Ferner geißelte Dr. Kraft die Umtriebe der A n a r ch i st e n in den Gewerkschaften usw., die die Arbeiter zur politischen Abstinenz aufhetzen und so die politische Stellung der Partei schwächen. Auch mit den A n t i m i l i t a r i st e n und mit der Neutralität der Gewerkschaften, wodurch ebenfalls die Partei geschädigt wurde, setzte er sich auseinander. Schließlich beantragte er die Annahme folgender Resolution: „Der außerordentliche Parteitag der sozialdemokratischen Partei des Kantons Zürich erblickt in den T r u p p e n a u f g e b o t e n und in dem allgemeinen Verbote des Streikposten- stehens ungesetzliche Eingriffe der Regierung in den Kampf zwischen Arbeiter und Unternehmer zugunsten der Unter- nehmer. Er mißbilligt aufs schärfste die Aus- Weisung des Genossen Hauth, da diesem keine Handlungen vorgeworfen werden konnten, die die Aus- Weisung vom Standpunkte des Rechts aus begreiflich erscheinen lassen könnten. Er erblickt auch in dieser Maßnahme nur eine moralisch verwerfliche Handlungsweise und den Versuch, das ver- fassuiigsniäßige Recht der freien Meinungsäußerung in Wort und Schrift hinfällig zu machen. Er verurteilt aber auch sämtliche übrigen Aasweisungen als eine verwerfliche Handlung der Regierung. Der Parteitag beschließt, auf Grund dieser Erwägungen an den Regierungsrat des Kantons Zürich das Begehren zu stellen, das Verbot des Streikpostenstehens aufzuheben. Der Parteitag protestiert im allgemeinen gegen die teils ungesetzlichen, teils moralisch ver- werflichen Eingriffe in die verfassungsmäßigen Rechte der Arbeiter zugunsten des Kapitals. Er verurteilt das Verbot der Demonstrationsumzüge als willkürlichen Eingriff in das Bereinsrecht der Arbeiter." In der sehr lebhaften Diskusfion, an der sich etwa 20 Redner beteiligten, kam die tiefe Empörung über das Schandregiment der Züricher Behörden zum elementaren Ausdruck, aber auch die Er- kenntnis der richtigen Mittel, um es erfolgreich zu bekämpfen. Mehr Agitations- und Organisationsarbeit in Stadt und Land, unter den Industrie- und Landarbeitern. Es wurden auch erfreuliche Mit- teilungen über die Fortschritte der Arbeiterorganisationen auf dem Lande gemacht. Die Hauptstützen der Reaktion find immer die Bauern, also muß man sie in ihrem eigenen Gebiete schwächen, um ihren Einfluß zu brechen, was nichts Unmögliches ist, da die in- dustrielle Arbeiterschaft über den ganzen Kamon verbreitet ist. Außer der Annahme der obigen Protestresolution wurden noch eine ganze Reihe weiterer Anträge zum Beschluß erhoben. Durch einen Beschluß wurde dem anwesenden Genossen Hauth der Dank der Partei für seine bisherige Tätigkeit ausgedrückt, weiter die Herausgabe einer Agitationsbroschüre mit einer aktenmäßigen Dar- stellung der behördlichen Schandtaten beschlossen und den Partei- organffationen die Diskussion des politischen Massen- st r e i k s empfohlen. Mit der Züricher Arbeiterschaft erklärte sich der Parteitag ausdrücklich solidarisch, also auch mit ihren Protestkundgebungen usw. Genosse Greulich teilte mit, daß er eine Schrift über den politischen Massenstreik veröffentlichen werde. Die Basler Sozialdemokratie hatte in einem Schreiben die Züricher Bruderpartei ihrer Solidarität versichert und der von ihr als Vertreter entsandte Genosse Redakteur Frei gab dieser Solidarität noch mündlichen Ausdruck. Von interessanten Einzelheiten aus der Diskussion seien schließlich noch erwähnt der Streikbrecherdienst von gwanzig Milizsoldaten, in Thun bei den bestreikten Bäckenneistern m Zürich und die Auf- sassung, daß die Ausweisung des Genossen Hauth eine Folge des Masseiispazierganges der Züricher Arbeiterschaft sei. Also ein ganz niederer und perfider Racheakt. Der außerordentliche Parteitag der Züridjer Sozialdemokratie war ein Tag der Klärung und Sammlung, möge er zur Förderung und Stärkung der Partei dienen I klären. In demselben Artikel haben wir sogar erklärt, daß wir eine Diskussion des Generalstreiks für sehr angebracht halten, also gerade das Gegenteil von dem gesagt, was uns Genosse Müller unterschiebt. Aber wie kommt dieser überhaupt zu seiner sonder baren Behauptung? Nun, wir schrieben in dem angezogenen Artikel zur Maifeier:„Wir dürfen aber unter keinen Uiiiständen die Arbeiter, die die Arbeitsruhe durchführen wollen und können, durch die Arbeiter, denen dies nicht möglich ist zurückhalten lassen. Wir würden gerade hier in Wilhelmshaven Rüstringen eher den Achtstundentag haben, für den wir demonstrieren, ehe es den betreffenden Arbeitern(Werftarbeitern) möglich wäre am 1. Mai die Arbeit ruhen zu lassen. Zudem wissen wir. daß, je imposanter unsere Umzugsdemonstration ist, um so intensiver die an der Teilnahme verhinderten Arbeiter im Geiste mit uns feiern. Das dürste wohl überall der Fall sein, weshalb wir es für durchaus ver fehlt halten, daß die Vorstände der Gewerkschaften aus hier sehr schlecht angebrachtem Sparsamkeitssinn eine Agitation gegen die Maifeier überhaupt nur versucht haben. Die Maifeier war am allerwenigsten dazu geeignet, um an ihr eine Kraftprobe der Macht der Gewerkschaften gegen die Partei auszuüben und das Ansehen eines internationalen Sozialistenkongresses herabzuziehen. Das war ein Vergehen, bei dem schon der Versuch strafbar ist." Auch diese Kritik war durchaus loyal gehalten und ihre wörtliche Vorlesung würde dem Genossen Müller gewiß keinen Zwischcnru des Präsidenten eingetragen haben. Weshalb da das lächerliche Kokettieren mit der Prästdentenglocke? Die wörtliche Vorlesung dieser Stelle würde allein schon genügt haben, die Angriffe Müllers au das„Norddeutsche Volksblatt" zu widerlegen; denn jedermann muß doch merken, daß der Schlußsatz„Das war ein Vergehen, bei dem schon der Versuch strafbar ist" nur eine bildliche, gleichnisartige Redewendung ist und sein soll. So gut wie aus der Natur oder der Geschichte können wir auch einmal ein Gleichnis au dem Strafgesetzbuch heranholen. Wir schreiben doch nicht für Schul kinder, die jedes Bild wörtlich nehmen und das Gleichnis nicht von der Wirklichkeit unterscheiden können. Wir haben auch nicht den geringsten Grund, um naiven Kindsköpfen zn gefallen, unsere Artikel im Aktenstil oder im Diplomatendentsch abzufassen. Uebrigens wollen wir damit keineswegs sagen, daß wir den Genossen Müller für einen Kindskopf halten. Er würde jedenfalls seinen Angriff auf das„Nord deutsche Volksblatt" unterlassen haben, wenn er die betreffende Stelle genau gelesen hätte. Wahrscheinlich hat er sie überhaupt nicht ge lesen, sondern nur zusammenhanglos davon reden hören; denn sonst hätte er sich nicht mit der buchstäblichen Auffassung eines Bildes unsterblich blamieren können. Schließlich wollen wir dem Genossen Müller noch verraten, daß die Gewerkschaften im Verbreitungsbezirk unseres Blattes mit der Haltung des Kölner Gewerkschaftskongresses durchaus nicht allgemein zufrieden sind und sich schon in verschiedenen Versammlungen— die hiesigen Metallarbeiter schon im Sommer 1905— für die unbedingte Beibehaltung der Maifeier und die Propagierung des Massenstreiks ausgesprochen haben. „Bolksblatt"(Gotha): Die Parteipresse zum Protokoll der Gewerkschastskonserenz. „Norddeutsches Bolksblatt"(Bant): (Nach Wiederholung einer Stelle aus einem Artikel vom Mai 1903 zum Kölner Gewerkschaftskongreß): Wir meinen, daß eine Kritik des Gewerkschaftskongresses kaum loyaler gehalten sein kann und daß die Gewerkschaftsführer, hier speziell Bömelburg, wahrhaftig keinen Grund hatten, sich über die „Angriffe" deS„Norddeutschen VolksblatteS" zu entrüsten; denn wir haben diese Genossen, wenn man nicht die vorstehenden Aus- sllhrungen für einen Angriff halten will, überhaupt niemals an- gegriffen. Dessen ungeachtet tritt auf der Konferenz der Gewerkschafrs- vorstände Genosse Müller(Seemann» folgende Attacke auf das „Norddeutsche Volksblatt":„Man hat sich in der Presse zu über- trumpfen gesucht mit diesen Angriffen(auf die Gewerkschaftsführer), die ich wieder mit Rücksicht aus die Glocke des Präsidenten nicht mit dem richtigen Namen belegen will. Das„Norddeutsche Volksblatt", das Organ, das von dem Ueberrevisionisten Hug redigiert wird, er- laubte sich zu behaupten, daß die Diskussion über die Maifeier und über den Generalstreik strafbare Handlungen seien. So ungefähr polemisiert ein russisch-preußischer Staatsanwalt gegen die Geloerk- schaftsleitungen." Zunächst wollen wir den Genossen Müller darüber aufklären. daß das„Norddeutsche Volksblatt" in seinem politischen und Partei- politischen Teil nicht von dem„Ueberrevisionisten" Hug redigiert wird, sondern von dem Genoffen Richard Wagner, an dem in dem Verbreitungsbezirk unseres Blattes bis jetzt noch kein einziger Genosse etwas Revisionistisches entdeckt hat. Sodann ist es uns niemals eingefallen, eine Diskussion über den Generalstreik für strafbar zu er- Nachdem wir das umfangreiche Protokoll gelesen, müssen wir unser Erstaunen darüber ausdrücken, daß die Generalkommission und eine Anzahl Gewerkschaftsvorstände sich so sehr gegen die Veröffent lichung gesträubt haben. Wir finden nichts darin, was die Ver- öffentlichung zu scheuen hätte. Die Aussprache ist eine durchaus würdige, sachliche und ruhige, was um so höher anzuschlagen ist als man ganz unter sich war und niemand der Redner an eine spätere Veröffentlichung des stenographisch aufgenommenen Protokolls denken konnte. Selbstredend zeigen sich bedeutende Meinungsverschiedenheiten die aber doch alle schon, in sogar teillveise schärferer Formulierung Gegenstand der Erörterung in der Partei- und Gelverkschaftspreffe gewesen sind. Das Wohltuende und Erfreuliche an dieser vertraulichen und daher durchaus offenen und rückhaltlosen Aussprache ist die Liebe zur Partei, ist das sichtliche Bestreben, mit der Partei im Einvernehmen zu verbleiben, eine Verständigung zu er- zielen, die, bei der notwendig verschiedenen Kampfesrichtung beider Gruppen der Arbeiterbewegung, durchaus notwendig ist. Wir glauben, daß gerade die volle Veröffentlichung des Protokolls und die daran sich knüpfende Polemik dieser Verständigung die Wege ebnen, sie erst ermöglichen wird. Die gehässig gehaltene, bruchstück weise Veröffentlichung der„Einigkeit", die von der bürgerlichen Presse natürlich weidlich ausgeschlachtet wurde, gab zu Mißtrauen und tiefen Verstimmungen Anlaß, da die Genossen za nicht wissen konnten, was alles noch in dem Protokoll steckte. Eine solche Stimmung ist aber stets gefährlich, sie führt zu Verbitterungen, die nachher schwer zu heben sind. Vollends gefähr lich wäre es aber gewesen, Ivenn diese Stimmung bis zum Mann- heimer Parteitag angehalten, sich womöglich verschärft hätte und erst dort zur Entladung gekommen wäre. Wir sind überzeugt, daß nunmehr auch die Ausiprache in Mannheim eine durchaus würdige und sachliche sein und zu einer Verständigung führen wkrd.... „Schlcswig-Holsteiusche Volkszcitung"(Kiel): „Wir hatten, als wir das Protokoll lasen, in erster Linie das Gefühl des Enttäuschten. Wir hatten geglaubt, daß eine Aussprache der ersten Männer unserer Gewerkschaften geistig höher stehen müßte... ... Unsere Gewerkschaftsführer sind, wie alle Menschen, Produkte der Verhältniffe. Von Hause aus einfache Arbeiter, die sich durch Intelligenz oder organisatorische Tatkraft oder Beredsam� keit vor ihren Kollegen auszeichneten, werden sie vom Wunsch der Gesamtheit erhoben und vorwärts, aufwärts geschoben. Hinter ihnen schwindet das Milieu der Fabrik, der Werkstatt und um sie herum erhebt sich ein neues Milieu, das sie beeinflußt. Selbst verständlich muß die veränderte Lebensstellung, die andere Arbeitsl weise, die Beschäftigung mit der Verwaltung eines so großen Apparates, wie es eine Gewerkschaft ist, in dem Manne eine neue Ideenwelt schaffen und, wenn er nicht von Hause aus theorettsch sehr gut und fest geschult oder überaus idealistisch veranlagt ist, so muß dem Manne die Ideenwelt seiner ersten Kanipfjahre etwas im Nebel verschwinden, muß er das gewonnene Neue so hoch einschätzen, so übernatürlich vergrößert sehen, daß das Einst ihm an Bedeutung verliert... ... Da taucht die Idee von einer„Theorie für Gewerkschaften" auf, die der bestehenden Theorie der Partei das Gegengewicht halten solle. Natürlich eine Verkehrtheit ohne Gleichen. Eine Theorie der Partei oder eine Theorie der Gewerkschaften kann nur eine scharfe und klare Ergründung der verschiedenen OrganisattonSformen und der verschiedenen Methoden erfassen, also nur eine Theorie für taktische Fragen sein. Die Theorie der grundsätzlichen Fragen des Gewerkschaftswesens wie der Partei, das ist die Nattonalökonomie, die Wissenschaft von der Volks- und Welt- Herrschaft. Diese in ihrer modernsten und wissenschaftlichsten Form, das ist die Marxsche sozialistische Schule, die in Deutschland so glänzend von KautSkh vertreten wird. Sie ist ebenso wenig eine Theorie der Partei, wie irgend ein gelehrter oder un- gelehrter Genosse oder Nichtgenosse eine Theorie der Gewerkschaften Ichaffen kann.... Diese eine Wissenschaft ist es. der die Partei und die Gewerkschaft ihr Rüstzeug entnehmen muß, sie ist es, aus der heraus beide die theoreiischcn Grundlagen für die praktische Arbeit und die Lehren zu ziehen haben, die zu gegenseitigem Ver- ständnis, zu dem praktischen Handinhandarbeiten fuhren, das Partei wie Gewerkschaft als Teile eines Höheren, des proletarischen Klassenkampfes, unbedingt brauchen. Nur das Nichtvcrstehen dieser Wissenschaft bringt jene Unklarheit über das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft zulvege, die in diesem Protokoll oft so bc- trübend zutage tritt. Wenn die Gewerkschaftsführer nicht zufrieden sind damit, wie die Dinge heute stehen, so sollten sie nicht die Schuld bei der Partei suchen, sondern sich lieber einmal die Frage borlegen, ob sie nicht selbst das— bei der Hitze der Tagesarbcit entichuld- bare— Versehen begangen haben, zu sehr i n den Ereignissen zu stehen, sich zu sehr von der praktischen Kleinarbeit befangen zu lassen, statt auf höherer Warte über ihr zu stehen. Damit wollen wir natürlich nicht behaupten, daß auf feiten der Partei alles gut und schön ist. Auch in der Partei sind Fehler genug vorgekommen, und abgesehen davon, daß auch hier zeitweise die Theorie zu kurz kam oder zu sehr wie eine auf alles passende Schablone angewendet wurde, gestehen wir gern zu, daß hier und da der Gewerkschaftsführer für die Eigenart feiner Tätigkeit bei den Vertretern der Partei nicht immer volles Ver- ständnis gefunden hat. Auch die Vertreter der Partei— die in der Presse tätigen Genossen nicht ausgeschlossen— sind Menschen, auch sie sind in ihrer— lvir brauchen das Wort im Sinne der materia- listischen Geschichtsauffassung ohne Vorwurf—„gehobenen Stellung" abhängig von dem Milieu, in dem sie sich bewegen, so gut wie ihre im Gewerkschastslager tätigen Brüder. Wer das Protokoll vorurteilsfrei liest, wird erkennen, daß, wenn auch eine Besserung auf beiden Seiten wünschenswert sein mag, die Hauptaufgabe bei den Gewerkschaftsführern liegt. Sie haben schwere, verantwortungsvolle Aufgaben vor sich, Aufgaben, die sich nur lösen lassen, wenn sie imstande sind, ihre mächtigen Organi- sationen vor der Klippe zu bewahren, an der die englischen Trades-Unions gescheitert sind, vor der Gefahr, die Gewerkschaft als Selbstzweck anzusehen, während sie doch nur eine von den Ver- hältnissen bedingte Kampforganisation neben der anderen Kampf- organisation sein kann, soll sie dem Proletariat auf die Dauer alles das leisten, wozu sie unter Umständen imstande ist. Dazu gehören aber höhere Gesichtspunkte, als sie bei vielen Rednern dieser Konferenz zutage traten, dazu gehört nicht die Schaffung einer Theorie ftir Ge- werkschaften, sondern gute Kenntnis und gründliches Perstehen der Theorie, aus der sich allein Gewerkschaft und Partei richtig ver- stehen und die Linien ihres oft parallelen, oft aber eng verschlungenen Vormarsches gegen das Kapital in allen seinen Erscheinungen richtig beurteilen und vorzeichne» lassen. Nicht unberechtigt ist aber neben diesem Ruf nach mehr Ver- tiefung der andere Ruf. den wir aus den Debatten heraushören, der Ruf nach engerer Fühlung zwischen Gewerkschaft und Partei, soweit es sich um praktische Arbeit handelt..." „Braunschweigcr Volksfteund": .... Unumwunden soll zugegeben werden, daß Hue den Nagel auf den Kopf traf, als er auf der Konferenz das Wort prägte:„Daß Gewerkschaft und Partei sich in einer Krise befinden, wissen wir alle, aber nur wenige haben den Mut zu sagen, was ist". Es ist un- umstößlich wahr und richtig bis zum Tipfelchen auf dem i, daß zwischen der Partei und gewissen, nicht einmal allen, Spitzen der Gewerk- schasten, beileibe nicht den Gewerkschaften an sich, eine nicht un« erhebliche Spannung besteht. Aber wer war denn das Karnickel, das angefangen? Die Partei? Die„einflußreichen Parteikreise"? Ach nein l Selbst wenn wir zugeben, daß auf beiden Seiten reichlich gesündigt worden ist: beim Abwägen der Schuld zeigt sich, daß der wesentlichste Anteil an dem gespannten Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaften etlichen führenden Gewerkschaftlern aufgebürdet werden muß. Sie leben dem Wahne, daß die Partei sich die Gewerkschaften„unterordnen" will... Mit weit größerer Berechtigung hätte die politische Partei Ursache, sich dagegen zu wehren, daß verschiedene Gewerkschaftsführer eher heute als morgen der Partei die Marschroute vorschreiben möchten. An solchen Versuchen hat es doch wahrlich nicht gefehlt! Zumal nach dem die Gewerkschaften so mächtig erstarkt find, und zwar nicht zum wenigsten infolge der stets freudig und willig ge- währten Mitwirkung der politischen Partei und aller ihrer Mitglieder. Schon auf dem Lübecker Parteitage hielt es Auer hier an der Zeit, Versuche dieser Art abzuwehren:„Wir können nicht den Zustand einreißen lassen, daß die Ge- werkschaften blos zu befehlen und wir blos zu gehorchen haben." Und es folgte dann sein wahrhaft prophetisches Wort:„Können denn die Gewerkschaften Gegenseitigkeit üben? Nein! Ich wünsche, daß möglichst viele Arbeiter in die Gewerkschaften gehen: daß da verschiedene politische Ansichten herrschen, das können wir nicht ver- hindern. Was aber würden Sie(die Gewerkschafter) sagen, wenn etwa bei den nächsten Wahlen der nationalsoziale Gewerkschaftler Tischendörfer gegen einen Sozialdemokraten kandidierte und wir deshalb seinen Ausschluß aus der Gewerkschaft verlangten? Eine solche Forderung würde zu den ungeheuerlichsten Konsequenzen führen." Was Auer im September 1901 so nebenbei als Beispiel er- wähnte, um das Verhältnis der Partei zu den Gewerkschaften zu illustrieren, sollte sich 1903 buchstäblich erfüllen: bei den Reichstags- wählen kandidierte Tischendörfer gegen unseren Genossen Schwartz in Lübeck. Zur ganz besonderen Empfehlung seiner Person führte er seine Mitgliedschaft bei der Gewerkschaft der Lithographen an und mit Emphase verwies er noch ausdrücklich darauf, daß man ihn sogar mit einem Ehrenamt betraut habe(er war derzeit Mitglied der Berliner Gewerkschaftskommission).... ... Was sich 1903 in Lübeck zutrug, kann sich sehr wohl ebenso gut auch anderwärts unter ähnlichen Verhältnissen ereignen. Und das kommt daher, daß wohl siir die Mitglieder der Partei die äst zwingende Verpflichtung besteht, sich den Gewerkschaften anzu- chließen, daß aber der Partei jedwede Handhabe fehlt, die Gewerkschaften in ähnlicher Weise zu be° e i n f l u s s e n. Die Partei als solche hat sich aber auch noch nie ein solches Recht angemaßt und wird es auch in Zukunft nicht tun. Was sie ordert und berechtigterweise auch fordern darf, wenn es den Ge- verkschaften wirklich heiliger Ernst ist. an der Erneuerung und Um- ormung der jetzigen Gesellschaft mitzuarbeiten, ist lediglich dies: daß sich die Gewerkschaften stets der Grenzen ihrer Aufgaben be« wüßt bleiben, wie es L i e b k n e ch t in so treffender Weise seiner- zeit in Köln ausgesprochen hat:„Wir alle sind für die "ewerkschaften, aber dagegen, daß man in ihnen das Hauptziel erblickt, daß man glaubt, durch sie allein könne die Macht des Kapitals gebrochen werden. Das Kapital lann nicht auf seinem eigenen Boden ver- nichtet werden. Man mich ihm de» Boden unter den Füßen weg- ziehen und ihm die politische Macht auS den Händen reißen. Und das ist nur möglich durch den politischen Kampf." ... Wenn auf der Berliner Konferenz Bringmann(Zimmerer) chlankweg den Klassenkampfcharakter der Gewerkschaften ableugnen, alle Gewerkschaftskämpfe lediglich als ein Mittel zu dem Zweck, die Lage der Arbeiter zu verbessern, hinstellen durfte, ohne bei der Mehrheit der Konferenz sofort auf den energischesten Widerspruch zu stoßen, so kann man doch wohl nicht mebr allein nur von taktischen Unterschieden sprechen. Nein, hier schrillt eine grelle Dissonanz auf: hier ist ein prinzipieller Unterschied. Sowohl Simon(Schuhmacher), als auch Fritz Geyer(Tabak- arbeiter) fühlten das denn auch sofort heraus und Geher tat sehr recht daran, wenn er Bringmann, der das schon völlig ver- zessen zu haben scheint, zu Gemüte führte, daß die Gewerk» 'chaften nicht nur aus dem Kamps geboren sind. ondern gerade erst durch den Kampf bestehen! Wenn jenials die Ansicht Bringmanns in den Gelverkschaften maßgebend werden sollte,— dann ade Gewerkschaften! Glücklicher- weise sorgt jedoch die ganze wirtschaftliche Entwickelung schon selbst dafür, daß BringmannS Gewerkschaftsideal niemals eine Zukunft haben wird. Bringmann und alle, die offen oder im innersten Herzen eines Sinnes mit ihm sind, mögen noch so sehr den Klassenkampf verleugnen: es hilft ihnen alles nichts; die Ver- Hältnisse sind stärker als die Personen. In durchaus zutreffender Weise konnte denn auch Simon(Schubmo�-rl alfoirlei*, daraus Anweisen, bah alle die großen Kämpfe, die sich in den letzten Jahren abgespielt haben, wie die Kämpfe im Rnhrrevier, in Crimmitschau, in Berlin, in Iserlohn usw. Klassenkämpfe waren. Gerade aber der Standpunkt, den Bringmann u. Co. gegenüber dem Klassenkampf einnehmen, ist geeignet, das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft zu trüben. Ein gut Teil an dem gespannten Verhältnis zwischen den beiden Faktoren der Arbeiterbewegung ist sogar einzig und allein dem Umstände zuzuschreiben, daß sich ein Teil der führenden Gewerkschafter, bewußt oder unbewußt, immer weiter von dem Boden des Klassenkampfstandpunktes zu entfernen versucht hat, auf dem sich nun einmal die moderne, zielbewußte Arbeiterbewegung gründet." „Sächsische Arbeiterzeitung": (3. Artikel: Der politische Massenstreik I.) Man kann drei verschiedene Auffassungen über den politischen Streik innerhalb unserer Reihen unterscheiden. Einmal die Auf- fassung, die bei den Gewerkschaftsführern vorherrscht. daß die Durchführung eines solchen Kampfes in Deutschland äußerst schwierig, daß die Aussichten auf Erfolg gering seien. daß aber die stetige Fortentwickelmm des Gewcrkschaftswesens nicht durch so schwierige und in ihrem Erfolge zweifelhafte Experimente aufs Spiel gesetzt werden dürfe. Ferner die Auffassung, daß der politische Streik im Falle der Erschöpfung aller anderen geistigen Propagandamittel zum Zweck der Abwehr reaktionärer Streiche oder zur Erreichung wichtiger politischer oder gewerkschaftlicher Forderungen in Anwendung gebracht werden könne und müsse. Endlich die Auffassung, daß der Massenstreik, ohne zwar die sonstigen Propagandamittel der Arbeiterklasse zu beseitigen. als das notwendige und unvermeidliche Mittel zur Einleitung und Durchführung der sozialen Revolution zu propagieren sei. Von dem Verhältnis zwischen den beiden zuletzt bezeichneten Auffassungen braucht jetzt nicht näher gesprochen zu werden, da die Jenenser Resolution sich lediglich auf die an zweiter Stelle bezeichneten Fälle bezieht.... ... Die Resolution des Kölner KongreffeS war weder klar. noch entsprach sie den Erfordernissen der politischen Situation in Deutschland. Aber es darf auch nicht behauptet werden, daß sie sich von vornherein gegen den Grundgedanken gerichtet hätte. der die Jenenser Resolution beherrscht, daß nämlich die deutsche Arbeiterschaft sich für den Fall reaktionärer Anschläge zu schärfstem Widerstand bereit machen müsse. Der Zwie� spalt zwischen den beiden Resolutionen nährte vielmehr daher, daß die Gewerkschaften, da sie über den Generalstreik berieten, etwas ganz anderes beabsichtigten als die Partei bei ihrer Beratung. Während die Partei in erster Linie die wachsende Gefährdung des einzigen politischen Grundrechts, da? in Deutschland einigermaßen demokratisch besteht, des NeichStagswahlrechts, im Auge hatte, hatten die Gewerkschaften die gewcrkschaftschädigenden Bestrebungen lokalistischer und ganz oder halb anarchistischer Elemente im Auge. Die Generalstreiksidee. wie sie von dieser Seite vertreten wurde, war nicht nur antipolitisch und antiparlamentarisch, sondern bedeutete zugleich eine Bedrohung der geordneten Gewcrkschaftsentwickelung. In dieser Idee wurde den Ar beitern ein Zaubermittel vorgespiegelt, das geeignet sei, ohne viel Schwierigkeiten den Kapitalismus ans den Angeln zu heben. Die Zentralverbände mußten mit Recht von der Hineintragung dieser Anschauungen in die Arbeiterschaft Verwirrung und Störung ihrer erfolgreiche,» Organisationsarbeit befürchten. Hiergegen wollten sie sich wenden, und es kam für sie hinzu, daß auch in der Partei selbst Neigungen des Entgegenkommens an Lokalisten und„Anarcho- sozialisten" auftauchten. Neigungen u. a. auch zur Geringschätzung des parlamentarischen Kampfes.... Auf dem Jenenser Kongreß zeigte sich, daß die Gewerkschafts- führcr die Idee deS politischen Streiks p r i n z i p i e l l nicht ab lehnten und daß daher eine Verständigung sich anbahnen ließ. Bebel vertrat eine Auffassung, welche die organische EntWickelung der politischen und gewerkschaftlichen Betätigung betont und den politischen Streik ausdrücklich als Notwehrmittel gegen Reaktionsattentate oder zur Erreichung brutal verweigerten politischen und sozialen Fortschrittes proklamiert. Bebel hielt sich durchaus fern von der seitens einiger anderer Parteigenossen vertretenen Anschauung, als bedeute der politische Streik in Deutschland den Anfang eines Kampfes„um die ganze politische Macht". Wie stellten sich nun die Gewerkschaftsführer? Bömelburg erklärte:»Ich bin mit Bebel im großen ganzen einverstanden. er hat bestätigt, daß ich mit meinen Anschauungen über den Generalstreik recht habe, er hat nichts davon gesagt, daß man den politischen Massenstreik benutzen wolle, um die Desorganisation deS Staates herbeizuführen.... Bebels Ausführungen gehen dahin, daß man die MassenarbeitSeinstellung nur als wirksamstes Demon- strationSmittel benutzen wolle, also dieselbe Ansicht, die Bernstein vertreten hat." Weiter sagte derselbe Redner:„Soweit es sich um Maßnahmen gegen die Verschlechterung des Wahlrechts oder des KoalitionSrcchts oder zur Verteidigung anderer politischer Freiheiten handelt, besteht Einigkeit in der gesamten Partei, und zur Gesamtpartei gehören auch wohl die Mitglieder der freien Gewerk- schaften.... Die Gesamtpartei ist sich darüber einig, daß in einem solchen Falle die Arbeiterklasse selbst vor dem äußersten Mittel nicht zurückschreckt.... Wer da sagt, daß die Gewerkschaften Flau- uiacher seien, daß man nicht mitmachen will, der kennt die Ver- Hältnisse nicht."... Alle diese Ausführungen beweisen, daß die Gewerkschafts- führcr doch nicht vor lauter„Rnhebedürsnis" gegen politische Gefahren blind und keineswegs die politische Reaktion zu tragen gewillt sind, wenn nur das Gewerkschaftswesen unangetastet bleibt. Wenn wir jetzt die Aeußerungen im interne» Kreise der Februar- konferenz betrachten, so zeigt sich, daß die Zentralverbandsleiter zwar nicht von der in Jena bekundeten prinzipiellen Anerkennung deS politischen Streikgedankens abgewichen sind, daß aber in ihrer Haltung noch ein bedeutender innerer Widerspruch übrig g e b l i e b e n i st."_ Zeutralmband von Ortskronkeukasstn im Deutfllp Reich. Düsseldorf, 20. August 1006. Unter den üblichen Begrüßungen eröffnet nach 9 Uhr Fraß- oorf- Dresden die Versammlung. Anwesend sind als Gäste Rc- gierungsrat Dr. Hoffmann, Dr. Verkauf-Wicn usw. Hesse, Burcauvorsteher der Orkrankcnkafse Dresden, er» stattet den Geschäftsbericht des Zentralverbandcs für das ab- gelaufene Jahr. Aus den auch gedruckt vorliegenden Aus- sührungen geht hervor, daß dem Zentralverband außer einer Reihe Provinzialverbände auch 206 einzelne Kassen angehören. Im An- schluß an den Bericht wird ein Antrag der geschäftsführendcn Kaffe angenommen, welcher verlangt, daß bei einer Aenderung der Reichs-Arzneitaxe die Apotheker zu verpflichten sind, Gefäße usw. zurückzunehmen und zu vergüten. Hierauf wird über„Wohnungsfrage und Ortskrankcnkaffen" verhandelt, wozu zunächst Dr. von Mangold. Sekretär deS Vereins Reichs-WohnungSgesctz, ein Referat erstattet. Die Kassen könnten sehr viel zur Beseitigung des WohnungSelcndS beitragen. und zwar durch Herausgabe von belehrenden Flugblättern(wie es die- OrtSkrankcnkasse Leipzig getan hat). Aufnahme von Wohnungsstatistiken, wie sie von immer mehr Kassen gepflegt werden(Leipzig, Dresden, Kauflcute Berlin, Stuttgart usw.), Be- tciligung an Ballgesellschaften usw. Sodann tritt Redner be- sonders für Wohnungsinspektion ein, die in schriftlicher Aufnahme aller Einzelheiten zu bestehen habe. Unzulässigkeiten könnten sehr wohl den Behörden bekannt gegeben werden. Im Photographieren ver schlechten Wohnungen dürsten die Enqueten nicht bestehen. Die Besserung der Wohnungsvcrhältnisse sei ein Stück Besrciungs- kämpf.(Beifall.) m In der Diskussion spricht zunächst Bergmann. Breslau, der auf die Zusammenhänge von Wohnungseleild und K.rgpkhijts- gefahr hinweist. Er empfiehlt Einführung cineS einheitlichen Formulars für die Wohnungsstatistiken der Kassen. A. Kohn» Berlin bedauert, daß der Beschluß des Zentral Verbandes, der vor einigen Jahren gefaßt wurde und den Kassen solche Enqueten empfiehlt, noch sehr wenig durchgeführt ist. Im übrigen erteilt er Ratschläge für Aufnahme solcher Statistiken. Nach längerer Debatte wird eine Resolution angenommen in welcher zum Ausdruck kommt, daß in den Wohnungsverhält nissen sehr viel zu bessern und es Pflicht der Kassen ist, das ihrige zur Besserung beizutragen. Schließlich ersucht die Resolution die öffentlichen Gewalten, im Sinne der Beschlüsse der 1. Deutschen Wohnungskonferenz 1906 endlich vorzugehen. Ucber die mit der Versammlung verbundene Ausstellung von Geschäftspapiercn der Ortskrankenkassen, die eine Fülle von Listen, Formularen, Büchern usw. verschiedener Kassen enthält, gibt A. Kohn-Berlin einen sehr belehrenden Vortrag. Redner erörtert auch die vielgewünschte Einführung eines einheitlichen Mitglieds-Ouittungsbuches bei allen Ortskrankenkassen. Er steht der Sache skeptisch gegenüber, weil die Einrichtungen der einzelnen Kassen zu sehr verschieden sind. Obendrein könnten diese Bücher eine Kennzeichnung der Arbeiter gegenüber den Unternehmern über die Gesundheits- und sonstige Verhältnisse werden. Weiter verbreitet sich Redner über die Krankenkontrolle, die von vielen Kassen schcmatisch und unrichtig, teilweise auch zu nebensächlich behandelt werde. Scharf kritisiert er die Praxis mancher Kassen, auch die Wöchnerinnen den strengsten Kontrollvorschriften zu unter» werfen, das sei sogar ungesetzlich. Beschlossen wurde, den Vortrag des Herrn Kohn wörtlich in das Protokoll auszunehmen. Frätzdorf gibt noch bekannt, daß alle die ausstellenden Kassen bereit sind, Probeformulare abzugeben. Uhlman-Leipzig spricht hierauf über die Aufnahme von Lohnstatistiken durch die Krankenkassen. Diesem Zweige der Kassentätigkeit müsse größere Aufmerksamkeit geschenkt werden und habe jetzt da? kaiserliche Statistische Amt in Berlin besondere Wünsche in der Richtung. Im besonderen wünscht eS, daß den Uebcrsichten, die von vielen Kassen an das RcichSamt über die Mitgliederbewegung eingereicht werden, auch solche über die Zugehörigkeit der Mitglieder zu den einzelnen Lohnklassen zu- zufügen. Aus einer solchen lasse sich leicht eine Lohnstatistik an- fertigen. Die Ortskrankenkasse Leipzig wird in Zukunft dem env sprechen. Redner bittet die Anwesenden, die Kassentätigkcit eben falls dahin zu erweitern. In seinem Schlußwort kritisiert Kohn,- Berlin noch die Maß nahmen mancher Aufsichtsbehörden gegenüber den Kassen in bczug auf Formularwesen usw. So habe der Magistrat in Bochum Bor schriften erlassen, die gesetzlich keineswegs haltbar sind. ES gr nüge, die Maßnahme„höher" zu hängen. Sodann spricht man über die Unterstützung Unfallverletzter über die ersten 13 Wochen hinaus. Ein vorliegender Antrag ver- langt, daß das UnfallversicherungSgesetz in der Richtung geändert wird, daß den Krankenkassen usw. die über die 13. Woche hinaus gemachten Aufwendungen voll zu erstatten sind. Eichstädt- Weimar begründet den Antrag und weist aus die Schäden hin, die den Kassen aus den gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen erwachsen. Einige weitere Redner verteidigen den Antrag ebenfalls. Gegen die Annahme des Antrages sprechen G r u h- Frank- furt und Bauer- Berlin. Derselbe schädige die Unfall- verletzten. Oberstes Ideal der Krankenkassen dürfe nicht ihr fiskalisches Interesse, sondern das Wohlergehen der Kranken sein. Der Gewinn der Kassen sei kein großer, die erheblichsten Aufwendungen seien innerhalb der ersten 13 Wochen nötig. Trotz- dem noch ein Redner in derselben Richtung spricht, wird doch der Antrag mit großer Mehrheit angenommen. Ein Antrag der Ortslrankenkasse Leipzig will die Ausdehnung der Mehrleistungen der Ortskrankenkassen dahingehend, daß auch den nichtvcrsichcrten Ehefrauen Sterbegeld gewährt werden kann, Nachdem P r i e z- Leipzig den Antrag mit dem Hinweis be- gründet hat, daß in Leipzig eine solche Erweiterung wiederholt abgelehnt worden ist, wird er einstimmig angenommen. In derselben Richtung bewegt sich ein Antrag aus Stuttgart, der ebenfalls angenommen wird. Die verschiedenen in letzter Zeit vorgenommenen Eingriffe der Aufsichtsbehörden in das Selbstverwaltungsrccht bildet den nächsten Gegenstand der Tagesordnung. Ein Antrag der OrtS- krankenkasse für Fabrikbctriebe in Krefeld verlangt Maßnahmen zum Schuhe der Krankenkassen in bezug auf KZ 42 und 45 Abs. k deS Krankenversicherungsgesetzes. I s e r l o h- Krefeld begründet den Antrag in längerer, treff sicher Rede. Zunächst behandelt er die Aerztekonflikte, in die vielfach die Behörden zugunsten der Aerzte eingegriffen haben. Sodann verweist er auf die Vorkommnisse in Remscheid, Rheydt. Weißensce, Krefeld usw. Aus nichtigen Gründen seien Kassen- vorstände ihres Amtes enthoben worden und die Behörden haben sodann die Kassenverwaltungcn in die Hand genommen und mit- unter Maßnahmen getroffen, die von dem größten Einfluß auf die Kasse waren, z. B. Beamte mit 6000 M. Gehalt auf Lebenszeit angestellt usw. So könne es unmöglich weiter gehen und es müßten endlich Schritte zum Schutze der Kassen gegen solche Ucbergriffe getroffen werden. R es k e- Weißensce schildert die Vorgänge mit dem Dr. Pape, die in letzter Zeit durch die Presse gegangen sind. Redner verlangt energisch endlich Schutz der Kassen. Nach weiterer Debatte werden zu der Sache zwei Anträge an- genommen. Der eine verlangt, daß die Behörden nur provisorisch eingreifen dürfen und ihre Matznahmen solange keine rechtliche Wirkung haben, bis das eingeleitete Verwaltungsstreitverfahren beendet ist. Der andere Antrag verlangt, daß bei den kritisierten Uebergriffen den Kassen von dem Zentralverband ein tüchtiger Rechtsanwalt gestellt wird. Der nächste Verhandlungsgegenstand betrifft den§ 67a des Krankenversichcrungsgcsctzcs, nach welchem bei Ucbcrwcisung eines Kranken zur Fürsorge an eine andere Kasse derselben als Ersatz für die Aufwendungen für Arzt und Apotheke die Hälfte des Krankengeldes zu erstatten ist, sofern keine höheren Aufwendungen nachgewiesen werden. Ein vorliegender Antrag verlangt, daß immer nur die wirklichen Aufwendungen zu erstatten sind. Der Antrag wird angenommen. Eine Reihe von Anträgen nimmt zu der Reichs-Arzneitaxe und der Apohteken-Betriebsordnung Stellung. Dieselben sind von der Zentralkommission der Krankenkassen Berlins eingebracht. Apotheker S k a l l e r- Charlottenburg begründet in längeren Ausführungen die zirka 16 Anträge, die sämtlich auf eine Ver- billigung der Heilinittel für die Krankenkassen hinauslaufen. Alle Anträge werden einstimmig angenommen. Zur Klärung des Zusammenhanges des Alkoholmißbrauches mit der Krankheitsgefahr empfiehlt die Ortslrankenkasse für Kauf. leute in Breslau statistische Erhebungen über die' Angelegenheit. Kohn-Berlin empfiehlt ein Formular, welches den Aerzten einige Fragen über die Krankheitsursachen für jeden einzelnen Kranken vorschlägt. Der Antrag wird angenommen. Hinsichtlich der Abstimmung über die Anträge betreffend die Anstellungßverhältniffe der Kassenbeamten schlägt das Bureau vor, die Abstimmung namentlich vorzunehmen. Man beschließt demgeniätz. Ueber einen Vorschlag deS Herrn Dr. med. Clascn in Altona auf Ersparnis von Arzneikosten spricht Hesse- Dresden. Man geht nach längerer Diskussion zur Tagesordnung über und ver- tagt die Verhandlung auf Dienstag. Huö der Partei. Neber SolkStildung und Erziehung enthält die„Neue Zeit" zahlreiche lind sehr beachtenswerte Beiträge. Wir machen die Ge- nassen darauf aufmerksam, die sich noch vor dem Parteitage«in- gehender mit der Frage beschäftigen wollen. Die Betträge sind so ziemlich in allen Jahrgäugen der„Neuen Zeit" zerstreut, jedoch an der Hand des Gciicralregisters unter den Stichmarken„Schul e", „Volksbildung" und„Kunst" leicht zu ermitteln. Zum Parteitag. In Fraiikfiirt a. M. referierte am Mittwoch Genosse Dittmaun über den Parteitag. Er sagte u. a., davon, daß der Pnrtcivorstand bei den Verhandlungen niit der Generalkommission den Jenaer Standpunkt verlassen habe, könne gar keine Rede sein. Eine der wesentlichsten Ursachen für die Differenzen zwischen den politischen und gewerkschaftlichen Führern sehe er in der aus den Verhällnisseii herausgewachsenen Spezialisierung der Arbeitsgebiete in der Arbeiterbewegung. Diese führe zur Einseitigkeit. Man müsse für die Führer, wie für die Massen fordern: Entlastung von der Berufsarbeit und mehr Zeit für die Allgemeinbildung. Eingehend behandelte der Referent den Punkt„Volkserziehung und-Bildung". Er machte mehrere Vorschläge, die in dem von der Versammlung angenommenen Antrage zur BildungSfrage Aufnahme fanden. Er lautet: Der Parleivorstand wird beauftragt, der Vereinheitlichung und Vertiefung der Erziehung«- und BildungSbestrebuugen praktisch näher zu treten unter besonderer Berücksichtigung folgender Einzel« fragen: Kinder- und Jugendliteratur, Jugendorganisationen, Jiigeiidorgan, OrtS« und BezirkSbildungsausschüsse, Zentral« Bildungsausschuß, Arbeiterbildungs schulen, Zentralbildungsschule. Weiter wurden folgende Anträge angenommen: Der Parteivorstand wird beauftragt, bei besonderen Akttonen und zur Verständigung über innere Organisationseinrichtungen die Leiter resp. Geschäftsführer der Bezirls- und Landesorgani- sationen und je nach Bedarf auch weitere Kreise der Partei» funktionäre zu gemeinsamen Konferenzen zusanimen- zuberufen. Als nächste Aufgabeu in organisatorischer Hinsicht betrachtet der Parteitag u. a. die Schaffung einheitlicher Partei- legitimatiouen für das ganze Reich und einheitlicher Perioden für die Parteiberichterstattung aller Organisattonskörperschastcn. Der Parteivorstand ist um mehrere Mit« glieder zu verstärken. Dabei ist der Frage näher zu treten, ob durch eine Personalunion oder auf anderem Wege eine ständige enge Verbindung des PartcivorstandcS mit der Generalkommission der Gewerkschaften herbeizusühren ist; auf die Tagesordnung deS nächstjährigen Parteitages die Alkoholfrage zu setzen; im Geschäftsbericht des Parteivorstandcs über die Erledigung der ihm überwiesenen Anträge Bericht zu erstatten. Als Delegierte wurden die Genossen Dißmann und Ouarck gewählt._ Die KrriSkoilferciiz des LaudSberg-Soldiner Wahlkreises fand Sonntag, den 19. August, in L a n d s b e r g statt. Anwesend waren 46 Delegierte, sowie der Genosie Jansen von der AgitationS- kommission, Genosse Jö che! als Vertreter des 4. Berliner Wahl- kreises und der Kandidat deS Kreises Genosse P ä tz e l- Berlin. Der Kassenbericht wies eine Einnahme von 2660,76 M., eine Aus- gäbe von 1942,49 M. und somit einen Kaffenbestand von 708,26 M. nach. Aus dem Jahresbericht ist ferner ersichtlich, daß nach einer Enquete in Landsbcrg und Umgegend 1774 gewertschaft- lich und im ganzen Kreise 496 polittsch Organisierte vorhanden find. Leser der„Volksstimme" sind aber nur 2l6. Im allgemeinen konnte über eine erfreuliche Tätigkeit im Ab- halten von Versammlungen und Verbreiten von Flugschriften im Kreise berichtet werden, was ein steteS Wachstun, unserer Organisation zur Folge hat. Selbstverständlich genügt der Erfolg den Genossen nicht und deshalb wurde auch über den Ausbau der Organisation beraten. Zur Provinzialkonferenz wurden die Genossen Kayser, Schulz und Gänsicke und zum Parteitag der Genosse P ä tz e l delegiert. Zum Vorsitzenden deS Kreiswahlvereins wurde Genosse Kayser gewählt. Eine Kreiökoilfcrciiz für den Wahltreis Mühlhauscn-Langclisalzq- Weißens« tagte am Sonntag in Langensalza. Die erstatteten Berichte lassen ein stetiges— wenn auch langsames— Erstarken und Ausbreiten der Parteiorganisation erkennen. Die Konferenz beschloß u. a. einen Verein über den ganzen Wahlkreis zu bilden; ein auf der Grundlage zentralisttscher Organisationsform aufgebautes Statut faud Annahme. Der„General- Anzeiger", Volksblatt für Mühlhauscii mid Umgegend, der schon längere Zeit in sozialdemokratischen, Sinne redigiert und von der Parteiorganisation in Mühlhausen subventioniert worden ist, wurde als Parteiorgan für den gesamten Wahlkreis an- erkannt. Die Erfurter„Tribüne", das bisherige Organ für den Kreis, erleidet, da es nur in wenigen Exemplaren verbreitet war, durch diesen Beschluß keine große Einbuße, während die nun her- gestellte Einheitlichkeit in der Verbreitung der Arbeiterpresse von günstigem Einfluß auf die Parteiverhältniffe des Kreises sei» wird. Der Sozialdcmokrattschc Zeiitralverein für de» 7. schleSwig- holsteinschen Wahlkreis(Kiel- Neumüilster- Rendsburg) bielt an» 19. Auglist in Rendsburg seine zweite Generalversammlung ab. DaS erste Jahr nach dein festen Znsammenschluß der Organisaliouen zu einem Zeiitralverein hat der Parteibeweguug einen erfreulichen Aufschwung gebracht. Die Zahl der in den Ortsvereinen organi« ierten Genossen ist vom 1. Juli 1906 bis 30. Juni 1906 von 3313 auf 6961 gestiegen, das ist ein Mitgliederzuwachs von 2148. Indes beträgt die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter im Wahlkreise 16 340. Außer den im Zentralverein organisierten Ge- nossen zahlen noch 863 Genossen freiwillige Beiträge in Höhe des Monatsbcitragcs des Zentralvereins, der 40 Pf. beträgt. 448 Ge-> nossiimen im Kreise zahlen regelmäßige Beiträge an die Vertrauens- person der Genossiiiiieii Deutschlands. Die Zahl der Abonnenten der„SchleSwig-Holsteinische», Vollszeitung" ist im Kreise von 9761 auf 12 109 gestiegen.(Die Gesamtzahl der Avonnenten der„VollS- zettung" beträgt zirka 20000.) Samlliche Ortsvercine des Wahlkreises vereinnahmten im Be- richtsjahre 36 968,29 M. und verausgabten 36 772,16 M. Die Ab- recknmng des Kieler Ortsvereins bilanziert in Einnahme und Aus- gäbe allein mit 23 306,94 M, Die Zeutralkasse bilanziert in Ein- »ahme und Ausgabe mit 34 372,84 M. Unter den Ausgaben be- indet sich die Summe von 3327,90 M,, die an die Landesorgani- ation abgeführt worden ist, dieselbe Summe wurde dem Partei- vorstände überwiesen. Der Parteitag in Mannheim soll durch drei Delegierte beschickt werde», außerdem wählen die organisierten Frauen des Kreises noch eine Delegiertin.— Zum Schlüsse der Verhandlungen kam noch die Vorstäiidekonserenz der Gewerlschaften zur Sprache. Die Stielet Delegierten wandten sich energisch gegen den Versuch des Genossen Paul Müller, den Reichstagsabgeordneten des 7. schleswig-holsteuischen Wahlkreises. Genossen Legten. gegen die Kieler Genossen auszu- spielen(Seite 4 des Protokolls der Borständekonferenz). Die Be- hauptungen Müllers, ,n Kiel habe man in Versammlungen direkt gegen die Führer der Gewerlschaften und indirekt auch legen den Genossen Legten gehetzt, seien unwahr. Die Versammlung, )ie Müller im Auge habe, sei eme vom Kartell einberufene öffent- liche Gewerlschastsversammlung gewesen, in der nur gewerkschaftlich organisierte Genossen gesprochen hätten und in ruhiger, sachlicher Weise zum Kölner Gewerkschaftskongreß Stellung genonimen hätten. Man habe sich allerdings— wohl sehr zum Leidwesen Müllers— legen die Beschlüsse in Sachen der Maifeier und des politischen Rassenstteik» gewendet. Das sei aber das Recht der Kieler Genossen. Wie stelle sich denn Müller das Einlegen eines Vetos durch den Abgeordneten deS Kreises vor? Denke er sich die Organisation des Kreises als ein halbabsolutistischeS Gebilde, wo der Abgeordnete einfach sein Veto einzulegen habe, ivenn die Genossen eine andere Anficht vertreten, als er? Das würden sich die Kieler Genossen entschieden verbitten I Sie beanspruckien für sich da? Recht der freien Meinniigsänderimg. wie sie es mich dem Genassen Legien zustehen und nie den Versuch gemacht haben, es ihm abzusprechen Kit der Erklärung deS Genossen Legien, daß man in Kiel nicht gegen ihn gehetzt und»er sich auch nicht gekränkt gefühlt habe, daß er Müllers Ausführungen mit einer entsprechenden Handbelvegung zurückgewiesen habe, galt die Angelegenheit für erledigt. Sozialismus in Australien. Die„Justice", das Organ der englischen sozialdemokratischen Föderation, derössentlicht einen Brief des Genossen T o m M a n n, der bekanntlich vor einigen Jahren nach Australien ausgewandert ist und der dort unermüdlich für den Sozialismus wirkt. Der Genosse Tom Mann schreibt, dast er in den letzten zwölf Monaten sich dauernd in Melbourne aufhielt und dort agitierte. Aus seinen Mitteilungen sei hervorgehoben: Er und seine Freunde agitieren in Wort und Schrift für den internationalen Sozialismus. Es ist eine Nednerschule begründet worden, in welcher junge Genossen und Genossinnen zu Versammlungsrednern ausgebilder werden. In einem gemieteten Theater werden alle Sonnabende und Sonntage Versammlungen abgehalten? außerdem werden solche in den offenen Parks arrangiert. Die Zahl der eingeschriebenen Parteimitglieder beträgt 1200. An Literatur wurden große Mengen Wahlflug'blätter und Broschüren verteilt und ein Blatt, der Sozialist" herausgegeben, da? vorläufig vierzehntägig erscheint. Die Partei hat Ermittelungen über die soziale Lage der Kinder angestellt und dabei große Miß- stände in bezng aus Beschäftigung der Kinder, Unterernährung usw. zutage gefördert. Auch der Arbeitslosen hat sich die Partei an- genommen? es sind deren zirka 2000 allein in Melbourne. Für S00 wurde von der Regierung Arbeit geschafft und zur Unterstützung gab sie 11 000 M. her. Die„Justice" freut sich mit Recht dieses Be- lichtes und hofft auf eine baldige Vereinigung der sozialistischen Partei in Melbourne, der sozialistischen Liga von Neu-Süd-Wales und der sozialdemokratischen Avantgarde in Queensland. Diese geeinte Partei von Australien würde dann eine respektable Macht bilden. Totcnliste. In E l b i n g starb, 41 Jahre alt, der Genosse König. Er hat viel für die Partei getan und viel gelitten. Zweimal wurde er in Elbing gemaßregelt. Ohne jede Äusficht, wieder Arbeit in dieser Stadt zu erhalten, begann er ein Kolonial- Warengeschäft. Eine Zeitlang gings, dann teilte er das Schicksal manches Kleinen: Bankerott. In Berlin, wohin er übersiedelte, war ihm das Schicksal auch nicht hold. Vor einigen Monaten kehrte er in die Hcimstadt zurück._ Soziales« Zum Konflikt bei der Ortskrankenkasse in Weißensee. Zu der von uns besprochenen Angelegenheit, zu welcher auch schon der Verbandstag der Krankenkassen Stellung genommen hat, schreibt ein Arzt der„Vossischen Zeitung": „Unter den Angriffen auf die Person des Schöffen Pape und den Versuchen, das Verhalten des Kassenvorstandes aus das politische Gebiet hinüberzuspielen, ist die grundsätzliche Seite des Streites ganz zurückgetreten. Gewiß ist es mit aller Schärfe zurückzuweisen, wenn für die Entschließungen der Kassenvorstände politische Erwägungen ausschlaggebend sind, wie das zum Beispiel bei den Ortskrankenkassen der Bureaubeamten in Berlin der Fall war, als die Mugdanschen Reichstagsreden für fie einen der Gründe abgaben, den Vertrag mit ihren bisherigen Kassenärzten zu lösen. Die Verbreitung einer aus- klärenden Schrift über die Gefahren deS Alkohols hat aber wirklich nicht das mindeste mit Politik zu wn. Bei etner engherzigen Aus- legung des Krankenversicherungsgesetzes kann man vielleicht dazu kommen, die geringfügige Ausgäbe beanstandenSwert zu finden. Herr Pape wird aber wohl der erste Vertreter einer Aufsichtsbehörde ge- Wesen sein, der eine solche Ausgabe tatsächlich beanstandet hat. Gewiß, er kann sich auf eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts berufen. Man darf aber nicht vergessen, daß diese Entscheidung nicht etwa meinem Streitfall gegen eine Krankenkaffe ergangen ist, sondern die Ortskranken- kaffe der Kaufleute hat fie provoziert, um dem Gesetzgeber klar be- weisen zu können, daß in dem bestehenden Gesetz eine Lücke ist, die bei nächster Gelegenheit beseitigt werden mutz. Nach dem starren Wortlaut deS Gesetzes darf nämlich eine Krankenkasse nur Ausgaben bei schon bestehender Krankheit machen, nicht aber, wie die Invaliden- verficherung, zur Krankheitsverhütung. Es erschien auch zweifelhast, ob die Kassen berechtigt seien, zum Besuch von Krankenkassen- oder hygienischen Kongressen ihren Vertretern Reisegelder zu bewilligen. Da» OberverwalwngSgericht hat in dem angeführten Urteil aus- drücklich anerkannt, daß solche Ausgaben berechtigt find, wenn die Kongresse zu einer verwaltungstechnischen Belehrung oder einer vervollkommneten Krankenbehandlung die Hand bieten. AuS dem Wortlaut des Erkenntnisses geht deutlich das Bedauern hervor, datz die gefällige Fassung des Gesetzes Aufwendungen zu Vorbeugungszwecken nicht gestattet. Ein Urteil des Bielefelder Landgerichts spricht zum Besuch von Kongressen ebenfalls den Kassen das Recht zu. Bei dem Erlaß des Krankenversicherungsgesetzes hat niemand die EntWickelung übersehen, die bisher das Krankenkassen- Wesen genommen hat. Es ist zu einem sehr gewichtigen Träger der Volkshygiene geworden, alle großen gesundheitlichen Bestrebungen der letzten Jahre, der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten bedürfen der Krankenkassen als wichtiger Bundesgenossen. Wirksam lassen sich die Volksseuchen nur bekämpfen durch vorbeugende Maßregeln und durch weftgehendste Aufklärung des Volkes. Die Vorstände erfüllen also nicht mehr als ihre Pflicht, wenn sie sich an der Aufklärungsarbeit beteiligen, sie handeln aber zugleich als gute Kassenverwalter, wenn sie kleine Ausgaben zu Vorbeugungszwecken machen, um große Ausgaben für abwendbar gewesene Krankheiten zu vermeide». Seit vielen Jahren veranstalteten Krankenkassen in ganz Deutschland, vor allem aber in Groß-Berlin, aufklärende Vorträge. Bereitwilligst haben fich hierzu die Aerzte, die doch sonst den Kassen gegenübet auf angemeffeue Be- zahlung halten, ohne Honorar zu fordern, zur Verfügung gestellt. haben die Kommunalverwaltungen die Hörsäle hergegeben. Ebenso haben sozialhhgienisch geschulte Fachaelehrte unentgeltlich die auf- klärenden Schriften über Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten, Alkoholis- muS geschrieben, um die Kassen im Kampfe gegen die Volksseuchen zu unterstützen und ihnen nach Möglichkeit Kosten zu ersparen. Trotz alledem waren, wenn auch nur ganz geringe Ausgaben nicht zu ver- meiden, die meisten Aufsichtsbehörden von der untersten bis zur obersten Instanz haben sich aber über den Zweck dieser Ausgaben viel zu sehr gefreut. alS daß sie aus den Gedanken einer Beanstan- dung gekommen wären. Die Strenge des Herrn Pape ist also vom Standpunkt der sozialen Hygiene aufs tiefste zu bedauern, dagegen wird der unleidige Streit das eine Gute haben, daß er den Gesetz- «eber eindringlichst von der Notwendigkeit einer Aenderung des iaragraphen überzeugt, der irgend einem übelgelaunten Beamte» die Möglichkeit bietet, der Förderung der Bollsgesundheit hindernd in den Weg zu treten."_ Den letzten Groschen. Daß die Stcuersucher immer noch nach neuen Mitteln spähen, um die kleinen Einkommen bis auf den letzten Nickel tributpflichtig zu machen, beweist eine Mitteilung der„Berl. Pol. Nachrichten". Für das Steuerjahr 1907 soll die durch die Einkommensteuergesetz- Novelle gegebene Vorschrift zur Durchführung gelangen, nach welcher jeder, der für die Zwecke seiner Haushaltung oder bei Ausübung seines Berufes oder Gewerbe? andere Persocken dauernd gegen Gehalt oder Lohn beschäftigt, verpflichtet ist. über deren Einkommen, sofern es den Betrag von jährlich 3000 M. nicht übersteigt, der mit der Aufnahme des Personenstandes betrauten Behörde auf deren Verlangen binnen einer Frist von mindestens zwei Wochen Auskunft zu erteilen. Die Verpflichtung liegt auch den gesetzlichen Vertretern nichtphyfischer Personen ob. Verschiedene Veranlagungskommissionen find bereits mit den Vorarbeiten beschäftigt. Der Zweck des Eifers ist. wie bemerkt, die kleinen Einkommen bis auf den letzten Nickel für den Steuersäckel heranzuholen. Bei den ganz großen Einkommen ist man nicht so sehr neugierig. Als vor ermgen Jahren der Landrat de» Kreises Ruhrort den Versuch unternahm, den patriotischen Helden, welche die Steuerdefraudation großzügig betreiben, das Handiverk zu legen, da erhob sich in der gcstnimugStuchtigcn Presse bis hinauf zur„ft. Ztg." ein lebhaftes Lamento über die unwürdige und beleidigende Schnüffelei. Daß die Rieseneinkommen ordentlich herangezogen �erdm sollten, brachte den Patriotismus der Herrschasten ins Wauleu. ?u allen Opsern für das Baterland ist man bereit— aber nur zu )pfem aus der Tasche anderer. Spiele« mit Menschenleien. Steigt der Absatz, steigen die Produkte im Preise und die Kurse der Mtien und Kuxen gehen in die Höhe. Ein weiteres steigt aber noch: das Blutmcer im Bergbau l In den letzten Wochen sind drei Massenunglücke zu verzeichnen, die sämtlich auf Konto der Jagd nach Kohle zu setzen sind. In Weitmar in Westfalen auf Zeche„General" wurden elf Mann durch das Aufsetzen des Förderkorbes im Sumpfe schwer verletzt. Der Korb ist schnell wie der Blitz in die Tiefe gesaust! Am gleichen Tage riß auf der Reinardusgrube in Kattowitz in Ober- schlesien das Seil, 14 Bergleute stürzten in den Schacht und waren sofort tot. Das dritte Massenunglück ereignete sich am 7. August auf der Brikettfabrik der Braunkohlengrube„Viktoria" bei Hötens- leben im Braunschweigischen. Durch einen Brand mit nachfolgender Kohlenstaubexplosion wurden zehn Mann auf das jämmerlichste verbrannt. Die Gefahren der Emschernicderung. In dein großen Wasserwerksprozetz, der vor zwei Jahren in Esten stattfand und in dem die traurigen Wasterberhältnisse in den Ortschaften an der Ruhr und der Emscher beleuchtet wurden, wies Geheimrat v. Pettenkofer- München als Sachverständiger auf die Gefahren hin, die in gesundheitlicher Beziehung den Anwohnern de» Emschertales drohten. Die Emscher flieht in ihrem unteren Laufe durch das dicht- bevölkerte rheinische Industriegebiet. Sie nimmt den gesamten Schlamm und die Abwässer der anliegenden Hochofen, Stahlwerke, der Zechen und anderer industrieller Etablissements auf. Besonders sind es die mehr und mehr m Aufnahme kommenden Kokereien der Steinkohlenwerke, welche stinkende Abgänge der Emscher zuführen. Dadurch ist dieser Fluß zu einer einzigen großen Kloake geworden. Der auffteigende Gestank aus demselben verpestet kilometerweit die ganze Umgegend. An den Ufern hängt eine oft fußdicke schwarze Schlammkruste, die so sehr mit Brennstoffen aus der Steinkohle durchsetzt ist, daß sie von armen Leuten gesammelt und verfeuert wird. Auf der Oberfläche des trüben Gewässers schwimmen Tausende von großen Fettaugen, die sich stellenweise zu förmlichen Lachen ver- dichten I In den letzten zwei Jahren sind infolge des Abbaues unter der Emscher die Ufer derselben an beiden Seiten auf weite Strecken eingesunken. Bei dem geringsten Steigen des Wassers wälzen sich die schmierigen Fluten über daS ganze eingesunkene Gebiet. Der eigent- liche Flußlauf ist gar nicht mehr zu erkennen. Beim Zurücktreten des WasterS bleiben die Schlammmasien als Ablagerung auf dem eingesunkenen Gelände liegen. Sie bilden Tümpel und Lachen. Das früher saftgrüne fruchtbare Weideland ist mit einer einzigen schwarzen Schmutzkruste überzogen, die das Land weithinein verpestet. Sehr stark tritt dieser schädliche Uebelstand zwischen Oberhausen und der Zeche Neumühl hervor. Und gerade die dortige Gegend ist eine der dichtbevölkertsten in ganz Deutschland. Im Sonnner. besonders um die jetzige Zeit bilden fich auf den Sümpfen der Emscherniederung Myriaden Scharen von Mücken und Fliegen. Schon von weitem hört man das eigentümliche Summen und die Masten sind so groß, daß sie als förmliche Wolken am Horizont erscheinen. Dazu ist an schwülen Spätnachmittagen ein Pestgeruch, daß lvlensch und'Tier es nicht aushält. War schon vor zwei Jahren der Zustand der Emschernicderung derartig, daß Geheimrat Pettenkofer auf die Gefährlichkeit desselben sür die Menschen hinweisen zu müssen glaubte, so ist er heute, nach- dem große Flächen Landes rechts und links des Flußlaufes ein- gesunken sind, so, daß er eine ungeheuere Gefahr für die gesamte Bevölkerung des niederrheinischen Industriegebietes bildet. Die Sanitätsbehörden des Reiches mögen rechtzeitig ihr Augenmerk auf jene Verhältnisse lenken, ehe Seuchen ausbrechen, die Tausende dahin- raffen können._ Ein starker Arbeitermaulgel macht sich in dem niederrheinischen Textilgebiet bemerkbar und alle Versuche, demselben abzuhelfen, hatten bis jetzt wenig Erfolg. Am meisten leiden unter dem Mangel an Arbeitern die Textilindustriellen im M.-Gladbacher Bezirk und von dort kommen auch die meisten Klagen über die „unzufriedenen" Arbeiter. Die Unternehmer haben sich mit den Austvanderungskomitecs in den russischen Grenzprovinzen in Ver- bindung gesetzt, um den Strom der Deutschen, die die russisch» polnischen Gebiete verlassen, nach M.-Gladbach zu leiten. Es sind jedoch nicht viele Arbeiter aus jener Gegend eingetroffen, und haben sich die Unternehmer deshalb nach Holland um Arbeitskräfte gewandt, wo sie etwas mehr Glück hatten, obwohl ihre Erwartungen nicht ganz erfüllt wurden. Am besten ist es ihnen noch gelungen, durch Einlegung von Arbeiterzügcn und Herstellung von besseren Straßenbahnverbindungen der Landwirtschaft die Arbeiter zu ent- ziehen. Durch dieses Vorgehen der Textilindustriellen sahen sich viele Bauern am Niederrhein veranlaßt, russische Landarbeiter zu engagieren, doch waren sie mit den Leistungen der Leute gar nicht zufrieden. Alle Anstrengungen haben nicht genügt, den Fabrikanten die Arbcitssäle zu füllen, weil immer mehr Textilarbeiter es vorziehen, ihr Domizil nach dem rheinisch-westfälischcn Industriegebiet zu verlegen, wo ihre Arbeitskrast besser bezahlt wird. Jetzt wird nun ein letztes Mittel angewandt: man macht die Stadtverwaltungen mobil. Diese empfinden plötzlich, daß sie die Arbeiter vernachlässigt haben. Die Herren in den Stadtverwaltungen haben jetzt sozial- politische Anwandlungen: eS werden Dinge beschlossen, die ihnen früher völlig fremd lagen. So hat die Verwaltung der Stadt M.-Gladbach beschlossen, für städtische Beamte und Arheiter Wohn- Häuser zu errichten, damit für Arbeiterfamilien Wohnungen fl�i werden. Weiter wurden 1b 000 M. bewilligt zum Bau eines Ledigen- Heims, in welchem auswärtige Arbeiterinnen für 30 Pf. täglich Kost und Wohnung haben sollen. Dem Beispiele M.-Gladbachs werden die übrigen Städte in dem Bezirke folgen. Merkwürdig schnell interessieren sich Verwaltungen für solche Unternehmungen, wenn es im Jntereste des Kapitals liegt. Wollten die Unternehmer nur anständige Löhne zahlen, dann würden sie am besten dem Arbeitermangel begegnen.____ Bus Induftnc und bandet Tie Preisschraube. Wie die„Rheinisch-Westfälische Zeitung" meldet, hielt die Niederrheinisch-Westfälische Gruppe des Vereins deutscher Eisengießereien am 11. d. M. in Hagen eine Gruppen- Versammlung ab, in welcher, veranlaßt durch die stetige Preis- erhöhung der Rohstoffe usw., ein Preisaufschlag von 2 M. per 100 Kilogramm für sämtliche Handelsgutzwaren, Bau- und Maschinenguß beschlossen wurde. Dies wurde der Kundschaft durch Rundschreiben vom 15. August angezeigt. Gegenüber dem Renntcmpo der Warenpreissteigerungen be- wegen sich die Löhne im Schneckentempo vorwärts. Krupp kontra Thyssen. Daß die wachsende Macht der neuen Jndnstriekönige bei der alten Fabrildynastie Krupp Eisersucht erwecken mußte, lag auf der Hand. Die StinneS und Thyssen beherrschen schon stark den Kohlen- markt, Thyssen hat die größte Beteiligung beim Stahlverband, er ist der bedeutendste Produzent in Walzartikeln, in der Rohproduktion ist er der Firma Krupp weit voraus. Mit dem ElektrizitatsMonopol und neuerdings mit der Erweiterung seiner EiseiihaiidelS-Gesellschaft sucht er seinen Einfluß zu vergrößern. Das scheint der Firma Krupp, bei der die Monopolstellung als Mordwerkzeualieferant ver- knöchernd wirkte, Angst um ihr Prestige und ihre Interessen ein- zujagen— und sie sucht Zufluckit beim Roheisensyndikat. Wie die„Rheinisch- Westfälische Zeitung" erfährt, findcn zurzeit beim Roheiseiisyiidikat Erhebungen darüber statt, inwieweit eS zu- lässig ist, daß Syndikatsmitglieder neue juristische Personen bilden, um Handel zu betreiben, und daß diesen Firmen seitens des Syndikats eine Ausnahmestellung eingeräumt werde. Veranlassung zu diesen Erhebungen hat eine seitens der Firma Krupp in einer der letzten Syndikatssitzniigen dieserhalb eingebrachte Beschwerde gegeben. Der Kruppsche Vertreter hatte es als unzulässig bezeichnet, daß gewissen SyndikatSmitgliedem. die solche neuen Firmen zum Zwecke des Handels ge- bildet haben, Sonderstellungen eingeräumt werden, und die Firma Krupp beanspruche für sich dieselben Rechte, wie sie irgend einem Miiglicde durch das Syndikat zilgestanden werden. Alle übrigen Werke sollen sich diesem Vorgehen Krupps angeschlossen haben, und die Sache ist einer Kommission zur weiteren Behandlung übertragen worden. Außer der Thyssenschen Eisenhandels- Gesell- schaft m. b. H. in Meiderich, die die Hochofenerzeugnisse von Deutscher Kaiser, Bruckhausen und der im Besitz Thyssens sich be- findlichen Aktiengesellschaft für Hüttenbetrieb in Meiderich u. a. ver- ireibt, kommen für Roheisen noch in Betracht die Firmen Roechling und Karl Später, deren Verhältnis zum Syndikat be- sonders geregelt ist._ Ein neues Eiscnvahiiprojckt. Auf dem panamerikanischen ihn* greß in Rio de Janeiro wurde nach der Londoner„Tribüne" ein Bericht sehr günstig ausgenommen, der die Anlage einer Eisenbahn von New Jork nach Buenos Ayres, der Hafenstadt von Argentinien, befürwortet. Es gilt, die vorhandenen Bahnen mit einander zu verbinden, um die ganze Linie, eine Länge von 10 900 englischen Meilen, herzustellen. Daran fehlen gegenwärtig 369ö Meilen, die 750 Millionen Mark kosten würden. In Peru müßten noch 1200 Meilen gebaut werden, in Ecuador 450, in Colombia 845 und in Panama und Zentralamerika 1200 Meilen, zusammen 3695 Meilen. Es wurde vorgeschlagen, datz die reichen Vereinigten Staaten 400 Millionen Mark zu den gesamten Kosten beitragen sollten und die übrigen Republiken, 12 bis 14 an der Zahl, den Rest. Die Reichtümer Südamerikas lvürden durch dieses Projekt dem Welt« Handel weit mehr als bisher erschlossen werden. Versammlungen. Den Sitnationsbericht von der Siebcnstundenbewegnng der Steinbildhaner Berlins nahm eine gutbesuchte Branchenversammlung derselben am Dienstagabend entgegen. Seit der letzten Versammlung haben zwei Arbeitgeber neu bewilligt, so daß jetzt bei sieben Firmen 56 Gehülfen zu den neuen Bedingungen arbeiten. ES streiken noch bei neun Firmen 169 Gehülfen. Es sind sehr erfreuliche SolidaritäS- bezeugungen anderer Arbeiter an Bauten zu verzeichnen. Der Stand des Streiks kann nicht.günstiger sein als er ist. Am Montag verhandelten die Gchülfenvertreter auf Einladung des Arbeitgeberverbandes mit den Vertretern der Arbeit- geber. Nach längeren Auseinandersetzungen erklärten die Arbeitgeber in der Hauptsache sich zu folgendem bereit: Vom 1. März bis zum 1. November s t e b e n st i! n d i g e Arbeitszeit bei dem bisherigen Minimallohn von 7,50 M. pro Tag, vom 1. November bis zum 1. März s'/z stündige Arbeitszeit bei einem Minimallohn von 7 M., unter der Bedingung, datz die Arbeitszeit von 7 Stunden das erste Mal am 1. März 1907 in Kraft treten soll, die 6'/zstiindige am 1. November 1906. Für Ueberstunden wollten die Herren nicht mehr als 25 Proz. Zuschlag gewähren und Sonnabends soll nach ihrer Meinung der übliche frühere Feierabend(Va Stunde) wegfalle». Diese beiden Vorschläge, sowie die Anerkennung der sieben- stündigen Arbeftszeit erst ab 1. März 1907 und die Frage des Zuschlages für auswärtige Arbeit sind jetzt noch Differenzpunkte. Ebenso können die Gehülfen nicht den Vorschlag der Unternehmer billigen, wonach der erstrebte Vertrag entweder vom 1. Januar zum 31. Dezember oder vom 1. November zum 31. Oktober laufen soll, fallen doch diese Termine in die für die Ge- Hilfen ungünstigste Zeit.— Neue Verhandlungen werden am Mittwoch(heute) erfolgen.— Als ein Zeichen dafür, wie die Arbeit drängt, wurde mitgeteilt: Es sind von Bauleitungen An- fragen an die Kommission gekommen, ob Streikarbeiten, falls fie den bestreikten Firmen entzogen und an Firmen, die bewilligt haben, vergeben werden, in Angriff genommen werden könnten. Nach recht lebhafter Debatte wurde einstimmig beschlossen: „Die am 21. Angnst tagende Versammlimg der Steinbildhaner erklärt fich mit der Einführung der fiebenstündigen Arbeitszeit im Sommer, und der sechseinhalbstündigen Arbeitszeit im Winter bei 7,50 respektive 7 M. Minimalloh» einverstanden. Der verhandelnden Kommission spricht die Versammlung ihr Vertrauen aus und verpflichtet sie insbesondere dafür zu sorgen, daß der abzuschließende Arbeitsvertrag inklusive der siebeiistündigen Arbeitszeit sofort bei Wiederaufnahme der Arbeit in Kraft tritt. Die Streikenden beschließen, die Arbeit nicht früher wieder auf- zunehmen, bis die Verhandlungen endgültig abgeschlossen sind." Nach einem weiteren Beschluß soll der abzuschließende Arbeits- verttag mit dem 1. August beginnen und enden. Der Verband der Hafenarbeiter hielt am Sonntag im„König- stadt-Kasiuo" seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende gab einen ausführlichen Bericht über seine Tätigkeit im verflossenen Jahre. Der Kassierer gab den Bericht für das Geschäftsjahr vom 1. Juli 1905 bis 30. Juni 1906. Danach war eine Gesamteinuahme von 5256,21 M. und eine Ausgabe von 5356,13 M., mithin ist ein Defizit von 99,92 M. zu verzeichnen. Krankcnuntcrstützung wurde für 2619 Tage in Höhe von 1780,37 M. ausgezahlt. Sterbegeld wurde in 5 Fällen ausgezahlt und erreichte die Summe von 310 M. In den Vorstand wurden Otto Riebe als erster, P e p e r als zweiter Vorsitzender gewählt, M r o w k a zum ersten, K u b e zum zweiten Kassierer gewählt, Mohlau zum ersten, K i e s o w zum zweiten Schriftführer gewählt. Zu Revisoren wurden Watt er, E r d m a n n und Emil Schulze gewählt. Kontrolleure wurden August Schmidt und S ü ß k o w. Zun, Gewerkschastsdelegierten wurde H. Pelz und als Stellvertreter E. Hinze gewählt. Die Filiale Berlin des BergolderverbandcS hielt am 20. August in den Arniinhallen eine Mitgliederversammlung ab, in der die Abrechnung vom zweiten Vierteljahr verlesen wurde. Die Ein- nahmen der Filialkasse betrugen mit dem alten Bestand von 86,58 M. 3046,38 M.. die Ausgaben 914.80 M., so daß 2131,58 M. übrig blieben. Der Hauptkasse wurden 2245,17 M. überwiesen. Der Bestand des Lokalfoitds ist wiederum bedeutend gewachsen.— Die Versammlung erteilte dem Kassierer Krüger einstimmig Decharge. — Dann hielt Felix Leopold, Vertreter des Holzarbeiter- Verbandes, einen Vortrag über die Kölner Generalversammlung und den Uebertritt der Vergolder in den Holzarbeiterverband. Der Redner schilderte die großartige EntWickelung des Verbandes, dessen erfolgreiche Tätigkeit zur Verbesserung der Lohn- und Arbeits- beoingungen, sowie die wichtigsten Beschlüsse der Gcneralversamm- lung. Daran schloß sich eine kurze Diskussion, in der noch ver- schiedene Aufklärnngcin über die Bedingungen und. Folgen des NebertrittZ gegeben wurden. Der Uebertritt erfolgt am 1. Ok- tober. Der Krankenuntcrstützung werden die Bergolder erst vom 1. Januar 1907 ab teilhaftig, weil dieser Untcrstlltzungszwcig im Vergolderverband nicht vorhanden war? alle anderen UnterstützungS- einrichtungen stehen ihnen bereits vom Tage des Uebertritts zur Verfügung entsprechend der Daner ihrer Mitgliedschaft im alten Verband. Jedes Mitglied soll seine Beiträge bis zum 1. Oktober voll entrichtet haben. Die Bibliothek des Holzarbeiterverbandes, die täglich vormittags vom 9— 1 Uhr, nachmittags von 4— 7 Uhr geöffnet ist, wird den Vcrgoldern schon von Anfang September ab zur Verfügung gestellt.— Am 6. September findet in der Andreasstraße 26'eine VertrancnSmännersitzung statt, in der alle Werkstubenvcrtreter fein müssen. Eingegangene Oruckscdriften. Die deutschen Kolonien. Nr. 3. Monatsschrift de? DeusschvoMIchen Kolonialvcrclns. Herausgeber W. Föllmer. Bezugspreis jährlich 6 M. Einzelheit 60 Pf. Verlag: W. Süsserott, Berlin W. 30. „Volkswirtschaftliche Blätter" Nr. 15 und 16. Zugleich Mit- tellungen des Deutschen Volkswirtschastllchen Verbandes. Erscheint monatlich zweimal. Preis halbjährlich 4 M. Verlag: Berlin 0. 19, Spezialität I(ca. 200 Genre). Einz.Ciarnltnren spottbill. Spezial- Katalog'ca- 600Ilhistr) ■- gratis u.(ranke. -sr... Emil Lefevre Oranienstr. 158 Bes!In Folgendr I�euersckemungen 234/14 enipsehlen wir unfein Lesern zur Anschaffung: Die neneu Reichsstenern wie sie wurden und wns sie bedeuten. ?ahrräder 3 Jahre Gar., 45 M Famil.-Kähniasch. 5 Jahre Gar., 27 M. Laufdeoken, Ijähr. Garant... Qual. 2,90. Luftschläuche 2,30 bis z. allerb. Qual. Vertreter meiner Fabrikate erhalten — neues Motorrad für ermäßigt. Preis. Scholz, Fahr- radw., Steinau a. 0. W. 44/45. ♦ Meine Leibbinden und i Bruchband. ,1 mit pa. Federn sind die bestsitzend. - und verursachen keinerlei Beschwerden. Außerdem einpsehlc mein Lager von Bettunter- lagesioffen, Gummistrümpfen, Wickelbinden aller Art für Krampsadern. sowie Suspensors, hygienische Gummi- artikcl jc. A. Reiche. Baudngist, Lieferant sämtlicher Krankentassen, Berlin O., Seydelstr. 15. 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Uebersetzt von Max Q u a r ck. Preis 10 Ps. Schule, Kirche, Arbeiter. Ein Vortrag von Paul Göhre. Preis 15 Ps. DieheutigeSozialdemokratie in Theorie und Praris. Eine Antwort aus die Artikelserie der „Kölnischen Zeitung': »Die heutige Sozialdemokratie' von E d. B e r n st e i n. 2. Auflage. Preis 40 Pf. Statiftisches Jahrbuch für das DeutscheReich Herausgegeben vom Kaiserlichen Statistischen Amt. —- XXVII. Jahrgang 1906.— Preis 2 M.——— Expedition des„Vorwärts", Berlin öVV. 68, _ EindenstraBe 69, Raden. Die Mikroorganismen des aknten und chronischen Darmkatarrhs, welche in den Eisweißstoffen der Kuhmilch einen vorzüglichen Nährboden haben, erhalten durch Darreichung von Kufekes Kinder- mehl— in Wasser gekocht— und Ausschaltung der Milch aus der Ernährung einen schlechten Nähr- boden, auf welchem sie nicht weiter wachsen können. Es hören daher die abnormen Gärungen im Darm- kanal und das Erbrechen auf und auch der Stuhl- gang wird besser. Kufekes Kindermehl ist so leicht verdaulich, daß es auch vom erkrankten Magen- Darmkanal gut verdaut und aufgesogen wird. Es hat zugleich die Eigenschaft, den daniederliegenden Appetit wieder anzuregen._ Achtung! Vereine! Gewerkschaften! Zur gefl. Kenntnisnahme, daß unser Mitglied Atax Kühn in den Andreos-Feftsälcn nicht mehr tätig ist. Wir weisen daraus hin, daß der Nachfolger desselben unserer Vereinigung nicht angehört. Bestellungen aus Tanzmeister bitten wir daher nur in unserer Geschäftsstelle abzugeben. Kerliner canzlehrer-verbaull. lZesekisttsstelle: Alte Zakobstr. 75. Telephon: Amt I, No. 807. Loden-Pelerinen Wetterfeste, praktische Stoffe. Reichfaltige, glockenförmige Pelerinen, bis über die Waden hinweg reichend. Mit und ohne Kapuze.—, Strapazierfähige Karben. 19.— 17.— 16 14.— 12.— 11— 10.— 9 M. fl Loden-Moeks Praktische Lodenstoffe. Bequemste Tragart gegen Wind und Wetter. 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Und lvaS sagt der„Korrespondent"? Das Fachorga» kann überhaupt keine Ziffern angeben. nicht auf Grund eigener Berechnung, ebensowenig wie nach An- Weisung der BerlifSgenossenschaft— aber cS bestreitet die Richtigkeit unserer Berechnung. DaS ist allerdings sehr einfach und— beweis- kräftig. Gründlich ist der„Korrespondent" überhaupt, peinlich gewissenhaft. Er behauptet z. B. auch, durch die Zugehörigkeit von Buchbindern und Steindruckern«verde der Durchschnittslohn für die Bnchdruckerei-Venifögenossenschaft herabgemindert. Die Behauptung steht allerdings mit der Wirklichkeit in Widerspruch, aber durch solche Kleinigkeit lägt man sich in der Beweisführung über die relativ günstige Lage der Buchdrucker nicht hindern. Furchtbar entrüstet ist der„Korr.", daß wir aus den Berufsgenossenschaften diejenigen herauSlvählten, bei denen sich höhere Durchschnittslöhne ergeben, als bei der Buchdrucker- Berufsgenossenschaft. Da wir»nS nicht berufen fühlen, Unternehmer- interesien zu vertreten, halten wir unsere Methode also trotz dcS Tadels des„Korrespondent" für richtig, umsomehr, als wir keine Ursache haben, für die Buchdrucker nicht dieselben Löhne zu ver- langen, wie sie die bestbezahltesten Facharbeiter erlangen. Wir sind dabei allerdings so rückständig, zu beanspruchen, daß alle Arbeiter auf ein höheres Lohnniveau gehoben werden. Den Buchdruckern Be- fcheidenheit zu predigen, indem wir ihnen niedrige Frauen- und Kinderlöhne vor Augen führen, überlassen wir gern den Leuten, die das für nützlich halten. Nebenbei wollen wir dem„Korrespondent" auch noch verraten, daß zu allen von»nS aufgeführten Berufs- gcnossenschaflen ein großer Teil sehr schlecht entlohnter Hlllfsarbeiter gehört und daß die Buchdrucker-BerufSgcuossenschaft zu denen zahlt, bei denen die gelernten Arbeiter ein größeres Kontingent stellen. Bei der Buchdrucker-Berufsgenosienschaft werden die Durchschnitts- löhne weiter günstig beeinflußt durch die verhältnismäßig große Zahl der ebenfalls versicherten Unternehmer und Beamten. In der Rheinisch-Westfalischen Maschinenbau-Bernfsgenossenschaft sind 25 bis 80 Proz. der Versicherten jugendliche Arbeiter, in der Musik- instruinentcnindustrie ist die Frauenarbeit stark verbreitet, im ober- schlesischen Bergbau stellen die Frauen fast 10 Proz. der Belegschaft. dazu kommen dann noch die jugendlichen Arbeiter usw. In unserem Wochenbericht schrieben wir: „Man wird einwenden(wir dachten dabei natürlich mir an Unternehmer, im Traume nicht an den„Korrespondent"�, daß eine Anzahl in Berechnung arbeitender Buchdrucker so- gar den Höchstsatz des gewissen Geldes übersteigt. Ganz recht, aber in den anderen Berufen gibt es auch sehr viele Arbeiter, die den Durchschnittssatz weit überflügeln. Auch hier ist das große Heer der mit 3 M. und weniger be- zahlten Hülfsarbeiter einbegriffen. Könnte man auS den einzelnen Berufen die Löhne der eigentlichen Facharbeiter den Buchdrucker- löhnen gegenüberstellen, dann würde sich für diese noch ein im- günstigeres Verhältnis ergeben, als die vorstehende Zusammen- stellung ergibt." Wenn der„Korrespondent" sich berufen fühlt, das zu widerlegen, warum versucht er nicht den ziffermäßigen Nachweis? Weil er das nicht kann I Darum muß er sich auf das Sprüchlein beschränken: es gibt viele Arbeiter, die noch schlechter entlohnt werden als die Buchdrucker! In Unternehmerorganen macht sich solch« Argumentation ja ganz nett, daß sie zum Rüstzeug dcrArb.eitcrinteressenvertretung gehört ist aber neu. Und iveshalb die Neuerung? Es ist wirklich schlver, keine Satire zu schreiben. Wir weisen nach, daß die Lohnverhält- nisse der Buchdrucker durchaus nicht glänzend sind und bei den bevorstehenden Tarifverhandlnngen eine ansehnliche Heraussetzung der Löhne notwendig sei. Flugs kommt der„Korrespondent" her und behauptet, wir hätten auS Weiß Schwarz gemacht, dem- nach wäre das Gegenteil unseres Nachweises richtig, die Buchdrucker müßten verhältnismäßig glänzend entlohnt werden.— Trotzdem schließt der„Korr." sich unserer Schlußfolgerung an. nachdem er die Voraussetzungen verleugnet hat. Welchen Sinn hat das groteske Spiel? Der„Korrespondent" ist der Ansicht, daß durch die Schilderung der tat» sächlichen Verhältnisse der Tarif mißkreditiert werde, und deshalb sehen wir ihn in der Rolle, in der sich gewöhnlich nur Unter- nehmerorgane gefallen. Um sich einen wirkungsvollen Abgang zu verschaffen, ziert der Artikelschreiber sein Produkt mit einer Fälschung: Düwell habe vor zwei Jahren in einigen Parteiorgauen„haarscharf" betoiesen, daß die fortgesetzten Lohn- erhöhungen eine nicht zu übersehende Gefahr für die All- gemeinheit bedeuten. Solchen Schwindel braucht man nur in die Welt zu setzen, der Beweisführung entheben sich die Interpreten vorsichtig gewissenhaft. In diesem Falle wird die Beweisführung ersetzt durch eine Verdächtigung. Der Artikel schließt:„Bruderherz (Düwell), dich kennen wir, dein Wohlwollen für die Buchdrucker „ziert" ein Januskopf".— Was den Artikelschreiber„ziert", brauchen wir nicht mehr zu sagen, er sorgt ja genügend dafür, daß die Zierde nicht im Verborgenen— blüht. Huö der frauenbcwcgung. Behördlicher Eifer. Im Auftrage der Eisenacher Kreisleitung referierte Genossin Zietz in acht Orten des Kreise« Wcimar-Eisenach mit überaus gutem Erfolge. Die Versammlungen in Eisenach, Kreuzburg und Mosbach erfreuten sich nicht nur eines sehr guten Besuches, sondern brachten auch gute, greifbare Erfolge in Gestalt von neugewonnenen Parteimitgliedern und Zeitungsabonnenten. Außerdem ward an diesen Orlen der Grundstein gelegt für die Frauenbewegung durch die Wahl weiblicher Vertrauenspersoncn und die Gewinnung der ersten Abonnenten der„Gleichheit". In Kaltennordheim lRhön) wurden sofort einige Dutzend Genossen für eine Parteiorganisation interessiert. Um die Bewohner von LeugSfeld und Ostheim(Rhön) vor dem „Gift" des Sozialismus zu bewahren, verboten die Bürgermeister beider Orte die Versammlungen. In LcngSfeld nnt folgender Be- gründung:„Nach der diesseitigen—! Gesetzgebung ist die Abhaltung einer Versammlung zu untersagen, wenn durch diese eine Gefahr für die öffentliche Ordnung zu befürchten ist. Es erscheint möglich zu sein, daß man dieses erwarten kann." Auf eingelegte Beschwerde beim Bezirksdirektor kam folgende Antwort:„Im Anschluß an meinen heutigen Beschluß, weise ich den Gemeindevorsteher an, mit Rücksicht auf die agitatorische Tätigkeit der Frau Zietz aus Hamburg, die dort beabsichtigte Versammlung zu verbieten." Daß für Ostheim die Versammlung auf Anordunng des Bezirksdirektors verboten ward, ist anzunehmen, da die bei- gefügte Begründung genau denselben Wortlaut zeigte, wie die oben angegebene Antwort des BezirksdircktorS. Auf eingelegte tele- graphische Beschwerde beim VezirkSdirektor durch den Kreisvertrauens- mann Genossen Runknagel, erfolgte folgende Antwort:„Versamm- lungsverbot erscheint berechtigt. Aufhebung ohne Gehör deS Ge- nieindevorsteherS, insbesondere über ihre Legitimation zur Sache, aus- geschlossen.. Bezirksdircktor. Auf telegraphisch eingelegte Beschlverde beim Minister erfolgte die kurze und bündige Autwort: Telegraphischen Verlehr muß ich ablehnen. Wurmb. Punktum l Die darauf sofort eingelegte schriftliche Beschwerde an den Minister, der das Geld für eine Drathantwort beigelegt war, blieb ohne Antwort. Aufs deutlichste ist dadurch wieder illustriert, wie herrlich sich'S lebt„im Lande der vollendetsten Rechtsgarantien". Statt der Versammlungen fanden Besprechungen statt, wobei die Empörung der Versammelten ob der erfolgten RechtloSmachung drastisch zum Ausdruck kam. Bürgermeister, Bezirksdirektor und Minister hatten unendlich mehr zur„Aufreizung verschiedener Be- völkerungsklasseu gegeneinander" getan als sämtliche wegen dieses Deliktes Angeklagte es je vermocht hätten. Dabei haben die Ge- meindevorsteher jener Orte, wollten sie daS Interesse der Gesamt- '«völkerung wahren, alle Ursache zu wünschen, daß die ArbeNer- bewegung dort festeren Fuß fasse, damit die überaus traurige» Wirt- schaftlichen Verhältnisse einer Besserung entgegengetrieben werden. Werden doch z. B. in der Holzbearbeitungsfabrik in Ostheim(Rhön) Familienväter mit einem Anfangslohn von 10 M. pro Woche eingestellt. Frauen erhalten bei Feldarbeit bei einer Arbeitszeit von morgens 5 Uhr bis nach Sonnenuntergang ganze 80 Pfennig. Für Ruhla, dessen Bewohner zwei deutschen„Vaterländern" an- gehören Eisenach und Gotha—, ward gleichfalls der Grundstein gelegt zu einer planmäßigen Beteiligung der Frauen an der Allgcmeinbcwegung. Desgleichen in Kittelsthal, wo außerdem 35 Neuaufnahmen für die Partei erfolgten. Merkwürdig, daß an diesen Orten die„öffentliche Ordnung" durch Abhaltung der Versammlungen nicht gestört ward, um deren Aufrechterhaltung die Stadtväter in LengSfeld und Ostheim so ungemein Besorgnis hegten. Mit immer größerem Erfolge müht sich das Goethcländle, in Punkto Reaktion Preußen den Rang abzulaufen. Lebte Goethe noch, er würde den Herren Ministern, Bezirksdirektoren, Bürger meistern usw. jedenfalls sagen, daß ihr Beginnen sei„ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft Uns brachte die Tour einen guten Schritt vorwärts. Versammlungen. Sechster Wahlkreis. Die Genossen der Schönhauser Vor st a d t hatten zu Dienstag nach den„Berolina-Sälen" eine öffent- liche Volksversammlung einberufen, die von Männern und Frauen zahlreich besucht war. Genosse Max Schütte sprach daselbst über„Die Notwendigkeit der Organisation". In seinem beifällig aufgenommenen Vortrag wies der Referent besonders auf die Bedeutung der nächsten Reichstagswahlen hin und ermahnte die Anwesenden, bis dahin die Reihen der Organisation, sowohl der politischen wie auch der gewerkschaftlichen, nach Möglichkeit zu stärken. An der Diskussion beteiligten sichu. a. auch die Anarchisten Sanier und F r a u b ö s e. Ihrem nutiparlamentarischen Standpunkte cnt- sprechend, wandten sie sich hauptsächlich gegen die parlamentarische Betätigung der Sozialdemokratie, ohne jedoch eine nennenS- werte Beachtung ihrer Jdeengänge zu finden. Vom Referenten sowohl wie auch von den Genossen Mars und Sauer wurde daS Unzutreffende der anarchistischen Ausführungen in kritischen Gegenbemerkungen eingehend gewürdigt und den beiden Vorrednern empfohlen, ihre Zeit lieber zur Bekämpfung des Kapitalismus zu verwenden, als sich in unfruchtbarer Kritik der parlamentarischen Taktik der Sozialdemokratie zu ergehen. Genosse H a a s e schloß darauf die Versammlung mit einem Hoch auf die Partei. Für den Wahlverein wurden aus der Versammlung 25 neue Mitglieder ge Wonnen. Zentralvcrband der Dachdecker. In der letzten Mitglieder Versammlung fand zunächst die Urabstimmung über den Antrag der Filiale Frankfurt a. O, statt. Da diese Abstimmung sich über den ganzen Gau Osten erstreckt, so wird das Gesamtresultat später be- kannt gegeben.— Fritz R a h n und M i l i tz erhielten eine Rüge; ersterer wegen Benutzung des paritätischen Arbeitsnachweises. letzterer wegen Ueberstundenarbeit und unkollegialischen Ver- Haltens.— Deni Kassierer wurde die ans der vorigen Versammlung vertagte Decharge erteilt, gleichzeitig der Fehlbetrag in der Kasse ersetzt. Als neue Revisoren wurden gewählt D r e w s, Kühn und Ullrich. Während der Diskussion über die An- gelegenheit den Kassierer betreffend, wies man darauf hin, daß die Entichädigung desselben viel zu gering sei, insbesondere, wenn man in Erwägung zöge, daß er keine Mankogclder beziehe. Es wurde schließlich beschlossen, die Entschädigungssumme pro Vierteljahr von 30 Mark auf 50 Mark zu erhöhen.— Als Kandidat zum Gesellen- auSschusse wurde Wilhelm Schmidt aufgestellt, in den Vor- stand als Beisitzer Kollege Winskowski gewäht.— Deutscher Buchbinderverband. Die Zahlstelle Berlin hielt am Mittwoch im Gewerkschaftshaus eine außerordentliche General Versammlung ab, die den großen Saal samt den Galerien füllte. Zunächst wurde über die Extrasteuer beraten. Beschlossen wurde, daß der Beitrag vom 1. September ab für männliche Mitglieder 80 Pf., für weibliche 40 Pf. die Woche betragen soll. Diese obli gatorischc Beitragserhöhung, zu der die Zustimmung des Verbands Vorstandes erforderlich ist, soll 26 Wochen gelten. Einen Antrag der Ortsverwaltung, wonach arbeitslosen Mitgliedern, die sich zweimal ohne triftige Gründe weigern, ihnen auf dem ülrbeits- Nachweis angebotene Stellen anzunehmen, die Entziehung der Gemaßrcgeltenunterstützung in Aussicht gestellt wurde, lehnte die Versammlung ab. Als zweiter Punkt stand„Tie Situation nach der Aus- sperrung" auf der Tagesordnung. Die Versammlung hatte jedoch von vornherein beschloffen, daß erst die von der vorigen General- Versammlung eingesetzte Kommission zur Untersuchung der Streit- fache zwischen dem Verbandsvorstand und Hanke ihren Bericht geben sollte. S i e g e r i st. als Berichterstatter der Kommission, teilte niit, daß die Kommission in drei Sitzungen nach Vernehmung der Parteien und Zeugen zu der Meinung gelangt sei, daß Hanke sich nicht Abzüge oder Korrekturen aus der..Vorwärts"-Druckerei in der vom Verbandsvorstand angegebenen Weise angeeignet habe, und daß seine Entlassung aus der Buchbinderei nicht gerechtfertigt sei. Hanke habe jedoch in hätzlicher Weise den Berichterstatter von den Leipziger Verhandlungen bezichtigt, einen wichtigen Passus aus den Vereinbarungen unterschlagen zu haben. Die Kommission stellte folgenden Antrag: „Da der Kollege Hanke vor der Sicbenerkommission seine Behauptung, der Berichterstatter habe einen Passus der Ver- einbarungcn unterschlagen, mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknimmt, beantragt die Kommission, in der Gcneralvcr- sammlung dem Kollegen Hanke eine Rüge zu erteilen und vor- läufig von schärferen Maßnahmen Abstand zu nehmen." Der Redner erklärte zum Schluß, daß daS Kommissionsmitglied Wilhelm für das Urteil der Kommission nicht verantwortlich sei. da dieser vor Beendigung der Beratungen sein Amt nieder- gelegt habe.— Wilhelm selbst sagte, die Kommission hätte dem Angeschuldigten nicht noch goldene Brücken bauen sollen. Hanke habe vor der Kommission selbst zugegeben, daß er, als er jene Be- hauptung von der Unterschlagung aufstellte, bewußt die Unwahr- heit sagte. Ein solcher persönlicher Trick sei aufs schärfste zu ver- urteilen. Die Druckerei habe recht gehabt, ihn zu entlassen.— Bei den weiteren Ausführungen des Redners entstand ein solcher Lärm. daß die Versammlung auf fünf Minuten vertagt werden mußte, bevor er aussprechen konnte.— Hanke, mit demonstrativem Bei- fall aus der Versammlung empfangen, erklärte, daß er wohl mit der ihm zum Vorwurf gemachten Behauptung einen Trick aus- geführt habe, aber solchen Schlaumeiern(wie den Funktionären) gegenüber müsse man mal einen Trick machen. Er habe im Interesse des Verbandes gehandelt und sei im Interesse des Ver- bandcs aus der„Vorwärts"-Buchbinderei rausgeflogen. Er habe keinen Diebstahl und keine unehrenhafte Handlung begangen und beantrage, daß ihm die Gcmatzregeltenunterstützung zuteil werde. Auf Sonntag über acht Tage werde er eine öffentliche Versamm- lung einberufen, wo sowohl über die Leipziger Vereinbarungen wie über seine Maßregelung verhandelt werden solle. Dann sollen 1000 Flugblätter gedruckt werden, um die Kollegenschaft über die Sache aufzuklären.— Es äußerten sich noch einige Redner zu der Angelegenheit! was sie sagten, blieo aber bei der Unruhe der Ver- sammlung teilweise unverständlich. Dann wurde ein Antrag auf Debattenschluß angenommen. Es folgten persönliche und sachliche Richtigstellungen, sowie ein Protest BhtomSkis dagegen, daß es den Gegnern Hankcs nicht möglich gewesen sei, hinreichend ihre Meinung zu sagen. Der Verbandsvorsitzende Kloth war durch Abwesenheit von Berlin verhindert, an der Versammlung teilzu- nehmen und auf die seine Person berührenden Angriffe zu ant- Worten. Die Versammlung beschloß, daß die Ortsverwaltung die Wiedereinstellung HankeS in der>VorwärtS"-Buchbinderei be- antragen soll, und daß Hanke infolge der Entlassung die Maß- regelungZunterstützung zuerkannt werde. Diese Beschlüsse wurden mit starker Mehrheit gefaßt. Ter Antrag der Siebenerkommission wurde abgelehnt. Die übrigen Punkte der Tagesordnung wurden auf eine dem« nächst stattfindende Versammlung vertagt. Der Deutsche Holzarbcitcrverband(Zahlstelle Berlin) hielt am Mittwoch im großen Saal von Keller eine äußerst zahlreich besuchte Generalversammlung ab. Es lag der Kassenbericht voni zweiten Quartal vor. Die H a u p t k a s s c rechnete mit 162 272,76 Mark in Einnahmen und Ausgaben. Unter den Einnahmen be- findet sich ein Guthaben der Lokalkasse von 68 631,84 Mark. Unter den Ausgaben sind 29 375,14 Mark Arbeitslosenunterstützung am Orte, 35 633,40 Mark Streikunterstützung, 22 700,95 Mark für die Lokalkasse(25 Prozent der Verbandsbeiträgc), ein Guthaben der Lokalkasse vom vorigen Quartal mit 20105,41 Mark und 43 778,83 Mark, die an die Hauptkasse des Verbandes eingesandt wurden.—- Die Lokaltasse hatte eine Einnahme von 438 557,45 Mark, wo« von 292 890,17 Mark den Bestand vom ersten Quartal darstellen, Die Gesamtausgabe betrug 114 470,51 Mark. Davon cntsielcn auf die Verwaltung 5069,55 Mark, auf den paritätischen Arbeitsnach- weis 1160,68 Mark, auf Agitation 4860,50 Mark, auf Streik-, Ge» maßregelten- und Arbeitslosenunterstützung 31 292,95 Mark, i�i» den sonstigen Ausgaben gehören 12 124,05 Mk. Unterstützung für Maifeier-Ausgespcrrte und 42 905 Mk. Krankenunterstützung.—• Als Bestand verblieben beim Schluß des zweiten Quartals 324 086,94 Mk. Davon sind in Wertpapieren auf der Bank 221 720 Mk.. in bar auf der Bank 30 735,75 Mk., Guthaben bei der Hauptkasse 63 631,84 Mk. und in Händen des Kassierers 2999,35 Mk. — Der Vorsitzende Glocke berichtet dann über die umfangreiche Tätigkeit des Vorstandes, von der er eine übersichtliche Dar- stellung gab. Besonders hervorzuheben ist der Abschluß eines Kartcllvertrages mit dem Metallarbeitervcrband und anderen Ver- bänden, die für die großen mctallindustriellen Betriebe in Betracht kommen, insbesondere in der Elcktrizitätsindustric. Ten Anlaß boten die Erfahrungen des großen Kampfes in dieser Industrie. Bevor einze"'.« Branchen in solchen Betrieben Forderungen stellen. haben zukünslig die Vorstände der kartellierten Verbände gemein- sam darüber zu beraten.— Tie Agitation war auch im zweiten Quartal eine sehr rege. Da in nächster Zeit die Frage des Ver- träges ev. die seinerLösung zu erörtern sein wird, liegt es an den Mit- gliedern, in der Agitation und der Beitragszahlung ein noch etwas schnelleres Tempo einzuschlagen.— Im Anschluß an den Vorstands- bericht wurde gleich darüber verhandelt, wann die durch Urab- stimmung beschlossene Erhöhung des Beitrages von 80 auf 90 Pf. in Kraft treten soll. Es wurde beschlossen, den erhöhten Beitrag vom 1. September ab zu erheben. Es folgte die Berichterstattung der Arbeitsvermittlcr. Nach dem Bericht F e ch n e r s vom paritätischen Arbeits- Nachweis in der Gormann st ratze waren dort im zweiten Quartal insgesamt 9850 Arbeitslose eingeschrieben. Adressen(Ge- suche um Vermittelung von Arbeitern) liefen 4757 ein. Von diesen offenen Stellen wurden durch den Nachweis 3196 besetzt, das heißt 68 Prozent. Von den eingeschriebenen Arbeitslosen sind das 35)4 Proz.— Von den 9850 Eingeschriebenen gehörten an: dem Holzarbeiterverband 7172, dem Hirsch-Dunckerschen Gewerk- verein 30, der christlichen Organisation 18, der Maschincnarbeiter- Organisation 408, verschiedenen Organisationen 61. Nichtorgani- siert waren 1370.— Vom Arbeitsnachweis i m Gewerk» schaftshaus berichtete K l i n g e r unter anderem, daß im zweiten Quartal 261 Adressen einliefen, wovon 201 durch Vermittc- lung von Arbeitskräften erledigt werden konnten. Der Vermittler appellierte an die Klavierarbeitcr, den Nachweis mehr in Anspruch zu nehmen, da es vorgekommen sei, daß das Verlangen nach Ar- beitern dieser Branche vom Arbeitsnachweis nicht erfüllt werden konnte. Aus dem Bericht des Bibliothekars ist zu entnehmen, daß im zweiten Quartal 2737 Bände entliehen wurden.— Zu Neuanschaffungen bat die Verwaltung 1000 Mk. bewilligt. Die� jetzt geschlossene Bibliothek wird Anfang September wieder geöffnet. Der Termin wird im„Vorwärts" veröffentlicht. Die Kontrollkommission hielt eine größere Anzahl geschäftlicher Sitzungen und zahlreiche Werkstattsitzungcn ab. Nach dem Bericht des Obmannes der Schlichtungskommisfion, Kollegen Maß, kam es in 166 Betrieben zu Differenzen. Solche wurden durch die Schlichtungskommission beigelegt in 86 Betrieben von Vertragsmeistern, sowie durch Verhandlungen mit� Nicht- vertragsmeistern in 48 Betrieben. In 32 Fällen kam es bei Nicht- Vertragsmeistern zur Arbeitsniederlegung, die in 16 Betrieben vollen Erfolg hatten, während die übrigen keinen Erfolg erzielten. Tie Festlegung der Gehälter der Zahlstellenangestellten erfolgte nach einleitenden Worten des Vorsitzenden Glocke ohne eigent» liche Debatte. Der sich an die BerbandSbeschlüsse auf dem letzten Verbandstagc anlehnende Vorschlag der Verwaltung, den vcrant- wortlichen Zahlstellenbeamten ein von 2100 auf 2600 Mk. steigende? Gehalt und den Hülfsarbeitern ein von 2000 auf 2400 Mk. steigen. des Gehalt zuzusprechen, ging nicht durch. ES wurde vielmehr auf Anträge aus der Versammlung beschlossen, allen Angestellten der Zahlstelle einschließlich der Hülfsarbeiter ein von 2000 auf 2400 Mark steigendes Gehalt zu gewähren. Die Steigerung soll jährlich 80 Mk. betragen. Den jetzigen Angestellten wird nach einem weiteren Beschluß die Hälfte ihrer bisherigen Beschäftigungsdauer auf dem Bureau usw. skalenmäßig angerechnet, so daß z. D. Maaß» der Obmann der Schlichtungskommission, und der Kassierer Mieke jetzt in den Besitz des Höchstgehalts von 2400 Mk. gelangen.— DaS erhöhte Gehalt wird ab 1. Juli 1906 gezahlt. Die notwendig werdenden Neuwahlen hatten folgendes Resultat: Leopold, zweiter Bevollmächtigter; König, zweiter Kassierer; Dahlkc, Schriftführer; Hirse und Plautz, Bei- sitzcr; Klinger, Bibliothekar; Maaß, Obmann der Schlich- tungskommission. Die Wahl F c ch n c r s als Stellenvermittler, die erst kürzlich erfolgte, wurde als bis zum nächsten Juli geltend bestätigt.— Nach einem Beschluß wird eine neue Kraft als zweiter „Differenzenvermittler"(zur Unterstützung von Maaß) angestellt. Das Resultat seiner Wahl und das eines Revisors wurde in der Versammlung noch nicht festgestellt. Es wird im„Vorwärts" ver, öfsentlicht. Die freie Bereinigung der Maurer hielt am Mittwoch in den Musikersälcn eine Mitgliederversammlung ab mit dem Hauptpunkt der Tagesordnung:„Die Solidarität unter der Berliner Bau- arbciterschaft unter Bezugnahme auf die letzten Vorkommnisse". Mctzke und Zeglin wiesen darauf hin, daß die früher so auS» giebig geübte Solidarität unter den Bauarbeitern der verschiedenen Berufe, sobald cS sich um Lohnbewegungen einer Gruppe handelt, mehr und mehr im Schwinden begriffen sei. Besonders deutlich habe sich dies bei dem jetzigen Lohnkampf der Glaser ge- zeigt. Während die Unternehmer sich hier gegenseitig auf das nachdrücklichste unterstützen, versteifen sich die örtlichen Leitungen der Zentralverbände nur immer auf ihre Verträge und verhindern ihre Mitglieder vielfach direkt, Solidarität zu üben. Beide Redner kritisierten sodann scharf das Verhalten der Ortsleitungen vom Metallarbeiter- und Zimmercrverband anläßlich des Sympathie- streiks auf dem Bau„Kaiserhof". Auf Veranlassung der loka- listischcn Maurer hatten dort sämtliche übrigen Bauhandwerker die Arbeit eingestellt, weil sie mit den Streikbrechern der Glaser nicht zusammen arbeiten wollten. Von der Leitung des Metallarbeiter- Verbandes sei darauf aber den Rohrlegern der Bescheid geworden, unbedingt weiter zu arbeiten:„Ihr habt Euren Vertrag und deS- halb bleibt Ihr bei der Arbeit". Ganz ähnlich habe sich ein Beamter des Zimmererverbandes benommen. Auch dieser hat sich auf den Vertrag berufen, obwohl der Unternehmer dcS Baues„Kaiserhof" überhaupt nicht in Berlin wohnt und auch gar nicht zu den Vertragssirmen gehört. Durch ein derartiges Verhalten werde das Solidarilätsgcfühl in der Arbeiterschaft geradezu künst. lich erstickt, was um so bedauerlicher sei, als das Unternehmertum trotz aller Verträge immer Mittel und Wege zu finden weiß, seinen bedrängten Standesangehörigen, ganz gleich, von welchem Berufe sie auch sein mögen, direkt und indirekt hülfreich unter die Arme zu greifen. Auch den Glascrmeistern seien die Bauunternehmer unter Umgehung dcS Vertrages zu Hülfe gekommen, indem sie die Fristen zur Fertigstellung der Fenster verlängerten usw. Alles dies sei zwar allgemein bekannt, scheine aber die Beamten der Zcntralverbände gar nicht weiter zu berühren. Bei dieser Gelegen- hdt teilte Z c g l i n mit, dag gegen-den erwähnten Beamten des DimmercrverbandeS wegen seines Benehmens beim„Kaiserhof"- Streik ein Antrag auf Ausschluß aus der Partei gestellt sei. Den- selben Antrag werde man auch gegen den oder die Beamten de? Metallarbeiterverbandcs stellen, welche die Rohrleger zum Weiter- arbeiten aufforderten, sobald die Namen der betreffenden Beamten festgestellt seien. Jetzt sei es sogar so weit gekommen, daß von dem Bau„Kaiserhos" 25 Mitglieder der Maurer,-Vereinigung entlassen worden seien, darunter sämtliche Baudeputierte, ohne daß sich eine Hand drum rührte. Ja, man habe es ohne den geringsten Einspruch geschehen lassen, daß der Organisationsvcrtretcr der Maurer-Vcreinigung kurzerhand vom Bau gewiesen wurde. Die Folge dieses Verhaltens sei denn auch, daß heute wieder Streik- brecher der Glaser ungeniert auf jenem Bau tätig sein können. Es wurde dann noch über die Solidarität anderer Baubcruss- gruppen, wie der Stcinträgcr und Putzer, gesprochen. Auch bei diesen sei nicht alles so, wie es sein sollte. Eine der Hauptfragen der nächsten Zukunft werde aber die sein, daß die Zimmerer veranlaßt werden, auf allen von Akkordmaurern herge st eilten Bauten das Legen der Balken zu verweigern. Zur Verständigung über diese Frage drängen die Verhältnisse förmlich, weil das Akkordunwesen mehr und mehr überhand nehme, ohne daß man ihm wirksam entgegentreten könne. Nur durch ein tatkräftiges Eingreisen der Zimmerer könne hier Wandel geschaffen werden. Die Diskussion bewegte sich ebenfalls im Rahmen dieser Ausführungen. Ten streikenden Glasern, soweit sie dem Gcwerkschaftskartell angeschlossen sind, wurden sodann als erste Rate 200 M. bewillig�_ Verein der Lehrlinge nnd jugendliche» Arbeiter Berlins und Umgegend. Abt, I und III. Am Mittwoch 8 Uhr im Gewerkschastshause, Engel-User 15, Saol 7: Mitgliederversammlung, Vortrag des Kollegen Mm? über:„Das Weltall", Diskussion, Verschiedenes, Kollegen, erscheint zahlreich zu dieser Versammlung, Kranken, und Sterbekasse der Dabakarbciter Berlins.(E, H. 88,) Heute Mittwoch, den 22, August, 8'/, Uhr. bei Feind, Weinstr. 11: Generalversammlung, Tagesordnung: Rechnungslegung, Neuwahl deS Kassierers und sonstige Kassenangelegenheitcn, Lese- und Disknticrklnd „Tüdostt'. Heute abend 8l/a Uhr, bei Tolksdorf, Görlitzersw, 58: Vortrag und Diskussion über Partei und Ge- werlschast. Gäste willkommen, Sozialdemokratischer Lese- und TiSknticrklnb„Heinrich Heine". Sitzung; Mittwoch abend 80, Uhr, bei Bolze, Rodenbergstr. 8, Tages- ordnung: 1. Vortrag des Genossen Weihe über:»Thomas Moore und seine Uiopie", 2, Diskussion, Gäste willkommen, Sozialdemokratischer Lese> u»d Tiskutierklub„Eintracht". Mittwoch, den 22, August, abends 8'/, Uhr: Sitzung im Lokal von Halwasi, Stralauer Allee 14b!, Tagesordnung: 1, Vortrag. 2, Diskussion, 3, Bc- rtcht der Delegierten von der Bundcskonsereuz, 4, Verschiedenes, Gäste Villkommen,_ Gerichts-Zeitung Ein angenehmer Hausverwalter. Eine lärmende Kampfszene, die sich unter Begleitung von Revolvcrschüssen am 13. Juli v. I. in einem Hause der Stolpischenstraße abgespielt hatte, führte den Schlosser N i m m c r t, den Verwa'ter Möller und den Arbeiter Krüger vor die 8. Strafkammer des Landgerichts I. Freundnachbarliche Ver- Hältnisse scheinen in dem Hause nicht geherrscht zu haben, denn es kam zwischen den Mietsparteien und manchmal auch zwischen diesen und dem Verwalter zu aufgeregten Szenen. Eine solche entwickelte- sich auch am 13. Juli zwischen den Angeklagten Nimmert und Krüger und nahm einen großen Umfang an. Der Verwalter Möller, der gerade sein Mittagsschläfchen hielt, wurde herbeigerufen und stürmte auf den Hof hinab, um den Streit zu schlichten. Es kam aber zu einem lebhaften Kampf, bei dem her- über und hinüber Püffe und Faustschläge in Hülle und Fülle aus- geteilt wurden. Nimmert scheint dabei arg in Bedrängnis ge- raten zu sein, denn nach seiner Behauptung, die von mehreren Zeugen unterstützt wurde, hat er schließlich, ziemlich wehrlos, sich darauf beschränken müssen, mit den Händen seinen Kopf und sein Gesicht gegen die Kraftproben seiner jetzigen beiden Mitangeklagten zu schützen. Die Lärmszene hatte bald noch andere Personen aus dem Hause und von der Straße herbeigelockt und die drei Haupt- akteure befanden sich schließlich in einem Knäuel von Menschen, der jeden Ilcberblick über die Tätigkeit des einzelnen unmöglich machte. Einige Zeugen wollen gesehen haben, daß die Frau des Angeklagten Möller, der seinerseits von Nimmert angegriffen sein will, ihrem Manne zu Hülfe geeilt sei und diesem einen Gummi schlauch zugesteckt habe, der dann sehr bald in Aktion getreten sei. Von der Frau wird dies entschieden bestritten. Nach- dem dann Nimmert— wie behauptet wird— nochmals auf den Verwalter losgegangen war, zog dieser plötzlich einen R e- volver und schoß auf seinen Gegner. Das erste Mal versagte das Schietzgewehr, das zweite Mal ging der Schuß fehl, Möller schoß aber noch ein drittes Mal und verwundete den Angeklagten Nimmert im Gesicht, so daß dieser einen nicht unbedeutenden Blut- Verlust hatte. Der Exzeß hatte sein Nachspiel vor dem Schöffen- gericht. Dieses verurteilte Möller zu vier Monaten, Nimmert und Krüger zu 8 bezw. 10 Tagen Gefängnis. In der Berufungs- instanz gewährte die Beweisaufnahme trotz ihres Unifanges kein klares Bild der Vorgänge. Wie immer bei solchen Szenen hatten die Zeugen ganz verschiedenartige Wahrnehmungen gemacht und schilderten die Tätigkeit der Angeklagten grundverschieden. Herrn Möller wurde von dem Besitzer des Hauses das Zeugnis eines pflichttreuen und ruhigen Verwalters gegeben.— Die Strafkammer hielt es auf Grund der Beweisaufnahme nicht für not- wendig, die Angeklagten ins Gefängnis zu schicken. Sie hob das erste Urteil auf und erkannte gegen Möller auf 100 M.. gegen die beiden anderen Angeklagten auf 20 bezw. 30 M. Geldstrafe. Zwei Mitglieder einer gefährlichen Fleddererbande wurden gestern aus dem Untersuchungsgefängnis dem Strafrichter vor- geführt. Unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Hoff- Heinz verhandelte die 1. Ferienstrafiammer des Landgerichts II gegen die„Arbeiter" Felix M a r e ck und Hyronimus G r z h- b o w s k y, welche sich wegen bandenmäßig ausgeführten Dieb- stahls im strafschärfenden Rückfalle verantworten mußten. Beide Angeklagte, die schon wiederholt mit dem Strafgesetz in Konflikt gekommen sind, gehören einer weitverzweigten Diebesbande an, die abä Spezialität die Beraubung von schlafenden Reisenden in den S t a d t b a h n z ü g e n betreibt und, wie die bisherigen Er- Mittelungen der Polizei ergeben haben, zurzeit aus elf Mit- gliedern besteht. Als„Räubcrhauptmann" fungierte der An- geklagte Mareck. Da die gefährliche Diebesbande nur nach ganz bestimmten Anleitungen des M. arbeitete, so war die Ergreifung mit großen Schwierigkeiten verknüpft. Häufig beobachteten die Beamten der Bahnhofskontrolle die Diebe auf den Bahnhöfen, wie sie die einfahrenden Stadtbahnzüge nach schlafenden Reisenden kontrollierten: sobald sie aber bemerkten, daß sie„beschattet"(bc- obachtet) wurden, ließ der Angeklagte Mareck ein Warnung»- zeichen ertönen und die Bandenmitglieder gingen auseinander und fuhren mit verschiedenen Zügen davon. Ein Hauptbeutetag für die Fledderer war der 31. März d. I.. an welchem nicht weniger als drei Personen von den Angeklagten gefleddert wurden. Kurz nach 7 Uhr abends beobachtete der Zugführer Mewes die beiden Angeschuldigten, wie sie auf dem Bahnhof Friedrichstraße in ein Abteil einstiegen, in welchem ein schlafender Fahrgast, der Schmied Tctzlaff, saß. Die Vermutung, daß die ihm als Fledderer schon bekannte" Angeklagten wieder einen Raubzug unternahmen, täuschte: a nicht, denn als er bald hinter dem Bahnhof Zoo- logischer Garten, außen an den Trittbrettern entlangkletternd, in das Abteil hineinsah, überraschte er die Fledderer gerade bei der schönsten Arbeit. Mewes sprang nun in das Abteil hinein und verschloß es von innen, so daß die beiden Diebe in der Falle saßen. Auf dem Bahnhof Savignyplatz wurden sie der Polizei übergeben. Obgleich der Beamte beobachtet hatte, wie die Angeklagten dem schlafende" Tetzlaff die Uhr aus der Tasche gezogen hatten, wurde diese nie! mehr bei ihnen vorgefunden. Nach Feststellung der Personalien wuri-n die Angeschuldigten, welche die Uhr schleunigst aus dem Fenster geworfen hatten, wieder auf freien Fuß gesetzt. Mit welcher Dreistigkeit sie jedoch zu Werke gingen, beweist, daß sie trotz dieses beinahe übel abgelaufenen Abenteuers an dem- selben Abend noch zwei weitere Fleddereien mit Erfolg in Szene setzten. Der Tischler Vichöfer aus Charlottenburg hatte von seiner Arbeitsstelle in R i x d o r f aus die Ringbahn benutzt nnd war unterwegs eingeschlafen. Als er auf dem Bahnhof Westend aufwachte, mußte er die unangenehme Entdeckung machen, daß ihm die Hintere Hosentasche aufgeschnitten war und man ihm seinen ganzen Lohn, etwa 00 M., entwendet hatte. Aehnlich er- ging es dem Maurer Buchholz und einem Kaufmann Horn. Ersterem wurde auf der Fahrt zwischen Savignyplatz und Char- lottcnburg der Wochenlohn, dem H. eine Brieftasche mit zwei Wechseln entwendet, die später anläßlich einer Haussuchung bei den Angeklagten auf dem Boden versteckt wiedergefunden wurden.— Staatsanwaltschaftsrat M u n d r y bezeichnete die Angeklagten als zwei der gefährlichsten Fledderer, bei denen jede Milde un- angebracht sei, und beantragte gegen Mareck 5 Jahre, gegen Grzybowsky 3'ch Jahre Zuchthaus. Die Strafkammer ging bei dem letzteren noch über den Antrag des Staatsanwalts hinaus und erkannte auf 6 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust. Gegen Mareck wurde auf 5 Jahre Zuchthaus er- kannt._ Berliner Marktpreise.?IitS dem amllichen Bericht der städllschc» Markthallen-Dircktlon.(Grosihandel,) NindfUilch la 69—73 pr, 100 Psd,, IIa 63—68, IITa 57—62, IVa 52— 56, englische Bullen- 0,00, dänische Bullen- 0,00, holländische Bullen- 0,00. Kalbsleisch, Doppelländer 100—110, la 80-85, IIa 70-78, Dia 60-68. Hammelfleilch la 77-82. IIa 67-75. Schweinefleisch 68—74. Rehböcke la per Psd, 0,60—0,75, IIa 0,30 bis 0,55. Rotwild la per Pfund 0,47—0,51, IIa 0,20—0,41. Damwild 0,50—0,55. Wildschweine pr, Psd, 0,25. Frischlinge 0,00 Kaninchen per Stück 0,30—0,70. Wildenten la per Stück 0,00, IIa 0,00, Rebhühner, junge la 1,00—1,48, junge kleine 0,50—0,98, alte 0,60—1,06, Hühner, alle, per Stück 1,40—2,15, alte, IIa 1—1,30, junge, per Stück 0,60—0,95, Tauben, junge, per Stück 0,30—0,40, alt« 0,30, Enten, junge per Stück 1,75, alte per Stück 0,00, Hamburger, junge, per Stück 2,80, Gänse. la per Psnnd 0,60—0,68, IIa 0,00, la per Stück 3,00 bis 4,00, IIa 1,75-2,90. Poulets per Stück 0.80-1.25, do, klein 0,35-0,60, Hechte pr, 100 Psd, 78-100, Zander 0,00, Schleie 110-123, Bleie 0,00. Aale, grosi 97—105, mittel 0,00, klein 0,00, unsortiert 59—75. Plötzen 0,00. Karpfen 95. Barse 0,00, matt 0,00. BIcifische 0,00. Karauschen 65—80. Wels 66. Bunte Fische 51—75. Amerit, Lachs I neuer per 100 Psd. 110—130, do, II neuer 90—100, do, III neuer 50—75. Seelachs 10—15, Flundern, pomm, I, per Schock 9 do, pomm. II 2—3, Kieler, Stiege la 4—6, do, mittel per Kiste 2—3, do, tlcln per Kiste 0,00, Bücklinge, per Wall Kieler 4—5, Stralsunder 5—6, Aale, groß per Psd, 1,10—1,30, mittclgrosz 0,80—1,00, klein 0,50—0,60, Heringe per Schock 4—5, Schellsische Kiste 3—4, do, '/, Kiste 1,50. Kabbau, per 100 Psd, 10—13. Heilbutt 25, Sardelle», 1902er, per Anker 90, 1904er 88, 1305er 80—82, 1906er 64, Schottische Vollhcringe 1905 0,00, larga 40—44, füll. 36—38, med. 35—42, deutsche 37—44. Heringe, neue MatjeS, per'/, To, 60—120. Hummern, IIa, 100 Psd. 00. Krebse, per Schock, große 0,00, mittel 0,00, kleine 3—3,50, unsort, 4,50. Galizier 0,00. Eier, Land-, per Schock 2,60—3,30, Butter per 100 Psd, la 120-122, IIa 116-118, lila 112-114, abfallende 90-106, Saure Gurken Schock 2,60—3,00, Pfeffergurken 2,60—3,00. Kartosseln per 100 Psd, Rosen 1,75—2,00, neue runde 2,00—2,25, neue blaue 2,25—2,50, neue Zcrbsler 2,25-2,50, Spinat p, 100 Psd. 12-18, Karotten p. Schock 2,00-2,50, Sellerie, hiesige, P.Schock 1,25— 5,00, Zwiebeln lOOPfd, 3—3,50 Petersilie, grün, Schockbd, 1,00, Kohlrabi p. Schock 0,60—1,00, Zictlig, bahr,, p. Schock 2,40 bis 4,80, Radieschen p, Schock-Bd, 0,60—0,70, Salat, p. Schock 1,00—1,40, Bohnen, grüne, per 100 Pfund 8—12. WachSbohncn 8—16, Schoten per 100 Psd. 10—20, Psesserlinge per 100 Psd, 16—20. Mohrrüben per 100 Psd, 4—5. Blumenkohl per Mandel 1,00—2,20, Wirsingkohl per Mandel 1,00—2,00. Rotkohls p, Mandel 2—2,50. Weißkohl p, Mandel 1,56 100 Psd, 10—12. Birnen, ital, per 100 Psd, 15—20, hiesige 5—14, Tiroler 11— 30, böhmische?— 14, Rettig 6—8, Acpscl, Ungar,, perlOOPfd, 9—15, italienische 8—15, hiesige 6—12. Prcißelbeercn 10—18, schwedische 18—22. Kirschen, sauere 30. Blaubeeren ver 100 Psd, 10—18. Pflaumen, ital. runde dunkle per 100 Psd, 10—25, ital, lange gelbe 12—22, ital, runde 12—25, ungarische 10—12, hiesige 10—20, öieincclaude 10—22. Zitronen, Messina 300 Stück 18,00-22,00, 360 Stück 12,00-16,00, 200 Stück 7,00—12,00, 420 Stück, klein 7,00. Pfirsiche, Werdersche per 100 Psd. 15—25, srauzösische 20—40, italienische I Kiste 1,50—2,00, do, II Klsle 1,20-1,60, do, III Kiste 1,00-1,20, do, in Körben per 100 Psd, 20-30, Cm/, bis O'U Uh» abends statt. Geöffnet 7 Uhr. Sonnabends beginnt die Sprechstunde um 0 Nhr. Jeder Anfrage ist ein Buchstabe und eine Zahl als Merkzeichen beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erteilt. C. B. 32 u. H. 39. Wenden Sie sich an die Gcneralkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Berlin, Engel-User 15. 2. Dies erfahren Sie durch die Zentralkommlssion der Krankenkassen, Engel-User 15.— A. Z. Itsv. iürbeiter-Raucherbnnd A, Liebetrau, Berlin, Putbuserstr. 15. — Nr. 14c. Direktion der Städtischen Straszenreinigung Kleine Frank- surterstr, 6.— O. R. 3V. Bunzlau i, Schi,— Rixdorf 199. Fragen Sie an bei der Zenlralstclle für Arbcitcr-WohlsahrtSeinrichlungcn, Bureau S\V. 11, Desiauerstr. 14, Ouergcb, III(8—2).— 41 N. Konnten wir leider nicht ermitteln,— P. 34 und zwei Wettende A. E. 1898.— B. K. 73 Diese Krankheit charakterisiert sich im wesentlichen durch Herz» klopfen, Anschwellung der Schilddrüse und stärkeres Hervortreten der Aug» äpscl,— Till. 53. Ja, Jetzt nur einen, nämlich den König oon Preußen, — F. K. Wir sind außerstande, einen bestimmten Arzt oder Heilmethode zu empfehlen,— E. tvt. 83. lieber Frage 2, 3 und 4 erhalten Sic beste Austunst vom Arzt, Frage t später,— 31. 2. 3. Rein,— L. Z 199. 1. Städtische Fortbildungsschule Prinzen- Allee 3. Dirigent Saugkohl, Halbjahr 4 M. 2. Sachsen,—.P— Z. Nein, — St. 191. Er ist berechltgt zu vermitteln. Die Frage ist freilich nicht ganz klar,— R. S. 3Ä. Sofern regelmäßig wenigstens 20 Personen ge- werblich beschäftigt werden, nicht nach 5'/.j nachmittags,— K. S. 14. 1. Ja. 2. Ja, 3, Ist die Miete aus den Monat bemessen, so spätestens am 15, deS Monats zum Monatsschluß: ist sie aus längere Zeit bemcnen, so spätestens am 3, deS Quartals zum Quartalsschluß,— A. L. 191. Die Verwandten des Mannes sind jedenfalls auch erbberechtigt. Das Nähere hängt vom Güterrecht ab, nach dem die Gatten gelebt haben, und von dem Grad der Verwandtschaft der Verwandten des Mannes, Kommen Sie in die Sprechstunde,— W. 39. 1. Wenden Sie sich ans Polizeipräsidium, 2, Wenn die falsche Ausstellung des FrachibrieseS vom Absender verschuldet ist und den Schaden verursacht hat, so ist der Absender zum Ersatz ver- pflichtet, Strasbarkeit liegt keine vor, Dillingen ist zuständig,— Wwe. Lorenz, Strasimannstr. 43. Sie müssen uns erst alle Papiere einsenden und die Frage dabei wiederholen oder mit den Papieren in die Sprechstunde kommen,— C. W.'41. Sie kann 15 M, fordern, wenn sie ihxe Arbeit Pflicht- und sachgemäß ausgesührt hat: anderenfalls können Sie Zahlung verweigern, eventuell sogar Schadenersatz verlangen. F.W. 13. Sie hasten sür Nachlaßverbindlichkeiten nicht.-P. 2. 1999999. Sie müssen bei dem Amtsgericht klagen, in dessen Bezirk Ihr Schuldner wohnt,— O. W. 67. Gehen Sie zu einem Anwalt.— H. 39. Wenn Sie erst vom 12. ab gemietet haben, brauchen Sie nicht sür den ganzen Mona! zu zahlen,— L. G. 199. Er beerbt nur die Mutter.— 20. R. G. 1. Ja, 2. Unpsändbar ist der Arbeitslohn, so weit Sie desselben zum not, dürftigsten Unterhalt bedürfen,—&. K. 38. Die Geschwister erhalten dl« Hälfte,— W. L. 14. Ueberhaupt nicht,— H. St, N. 869. Der Miets. vertrag ist gültig,— H.»r. Nr. 139. 50 000 Dollar,— H.®. 3. W. Hinz, Prinzenstr. 66,— P. F. 33. Erkundigen Sie sich beim Bezirks» konmiando Ihres GestelluiigsorteS,— vließbock. Der Schmetterling, alsdann entwickelt sich die Raupe, Puppen und(wieder Schmetterling. Witiernngsüdersicht vom 31. Angust>996. morgens 8 Uhr. Slallone» Swiiicmde, Hamburg Berlin FranffaM München Wien e s |J R— B S 759 WSW 761 WNW 76t W 766 SW 768 SW 766 W Vetter 2 bedeckt 4 bedeckt 3 bedeckt 4 bedeckt 4 bedeckt 3 halb bd, «sz; c 9 II g» W tk 18 17 16 15 13 14 Stationen c» »— A~ = 5 ä e s Haparanda Petersburg Scillh Älberdee» Paris 748�S 756 S 766 SSW 76t SSW 769 SW Velin 4 Regen 2 bedeckt 2 Nebel 1 wolkig 1 wolkig «sat c% 9 Jl Eni MJb 9 13 17 13 14 Wetter-Prognose für Mittwoch, de» 33.'August 1996. Etwas wärmeres, teilweise heiteres, meist trockenes Wetter bei mäßigen westlichen Winden. Berliner Wetterb nreau. Wafferfland am 20, August, Elbe bei Aussig— 0,39 Meter, bei Dresden— 1,74 Meter, bei Magdeburg 4- 0,86 Mcler,— U u st r n t bei Straiißsiirl-j- 1,20 Meier,— Oder bei Ratlbor 4- 2,03 Meter, bei Breslau Obcrvegcl 4- 5,18 Meter, bei Breslau Unicrpegel— 0,84 Meter, bei Frankfurt 4- 0,78 Meter,— Weichsel bei Brahemünde 4- 2,54 Meter.— Warthe bei Pose»— 0,00 Meter.. Für de» Jnliali der Juirrnu übernimmt die Rednklio» dein Publikum gegenüber keinerlei Bernniworiung. Theater. Mittwoch, den 22. August, OperuhanS. Der Ring des Nibe- lungen,— Götterdämmerung, (Ansang 6'/, Uhr.) Ansang 71/, Uhr, Schauspielhaus. Nathan der Weise, Neues OPernthcater. Mariha, Anfang 8 Uhr. Lessing. Und Pippa tanzt. Berliner. Sherlock Holmes, Schiller O.(Waline,-Theater) Morwltz-Oper. Martha, oder: Markt zu Richmond, Schiller �i.(Friedrich Wilhelm- slädlischeS-Thealert. Geschlossen, Komische Oper. Hoflmanns Er- Zählungen, Westen. Die lustige Witwe, Zentral. Der Bettelstudenl, Trianon. Die Frau ohne Lächeln, L»stiPlellia»S. Spatzenliebe, Kleines. Mimensiege, Diplomatie in der Ehe, Das Trottoir roulant. CTarl Weiß. Adele. Metropol. Aus ins Metropol, Apollo. Berlin im Omnibus. Das blaue Bild. Spezialitäten. Wintergarten. Tortajada.Spczialit, Passage. Willy Präger. Svezialit, Aeicho halle». Stemner Sänger. Urania. Tanbenssrassr 48/49. Abends 8 Uhr: Die deutsche Ostsee- küste, Sternwarte. Jnvalidenftr, 57(62, Ferdinand llonn« Berliner Theater. Mittwoch und folgende Tage: Sherlock Holmes. Ansang 8 Uhr,_ Kleines Thealer. Ansang 8 Uhr. Kinder der Sonne. Donnerstag: Mimensiege.— Diplomatie in der Ehe.— Das Trottoir roulant. Carl Weiß-Theater. Gr, Franksnrterffx, 132. Im Theater: Täglich 8 Uhr: Adele, Sonntag, den 26. August, nachmittags 3 Uhr, z» kleinen Preisen: .Adcl«?. Im Sommergarten täglich: Große Spezialitäten> Vorstelluug. Ansang 5 Uhr. Neues kgl. Operntheater (Kroll). Anfang 7'/, Uhr. Der Troubadour. Donnerstaj Sonnaben Das goldene Kreuz. 25. August: Sonder- Konzertein Mitwirkende: igus Vorstellung: Fledermaus mit dag. L. Godov/sky, Fr. Prevosti, Ludwig WUllner. Vorverkauf im kgl. Opernhaus, Schalter II, A. Wertheimund Invalidendank. Komische Oper. Heute abend 8 Uhr: Figaros Hochzeit. Donnerstag: Haffmanns Erzählungen. Freitag: Hoffmanns Erzählungen. Sonnabend: Hoffmanne Erzählungen. WdtlY-Thtliin. Direktion Richard Alexander. Heute und folgende Tage Ans, 8 Uhr: Die Höhle des Fölveii. Schwank in 3 Akten v, M, Hennequin und P. Bilhaud. Gaston Chalindrey: Rich. Alexander. (Ii'sms. Wissenschaftliches Theater. Heute Mittwoch im Theater 8 Uhr: Die dentactae Ovtweokiltite. ZOOLOGISCHER GARTEN Täglich ab nachmittags 5 Uhr: GroUes iii-Doppel- Koral. Eintritt 1 M,. v. 6 Uhr ab 50 Ps, Kinder unter 10 Jahren die Hälfte, Meiropoi-Theater Henry Bender. Joset Giampletro. Fritz Massary. Große Jahresrevue mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. ,Tid. Freund. Musik von Viktor llollaeuder. Anfang 8 Uhr. Bauchen überall gestattet. 19 Nhr! Novität; 19 Uhr: Großer andnilerndrr Hcitcrkcits- Erfolg! SsrUnim OmttUms. Im zweiten Bilde: Der Omnibus- Trick. Vorher: Gute Spezialitäten; Ab 7'/, Uhr:le 5 Jaksons, Akrobaten. Clothilde n. Itcrtrain. Trio 8chlaraffla. Wochentags: Daincntanz frei. Zlnsang 5 Uhr.— Entree 30 Pf. Anfang; 8 Uhr. Kyssittm internation. Couplet-Sängerin. Auf der diesjährigen Schönheits- Konkurrenz in Karlsbad mit dem ersten Preise gekrönt. U erstklassige tainerfl! Feiles Caprice Linienstr. 132. Ecke Friedrichstraße. Sonnabend, den 1* September: Fremiere. 1000« Mm MW und mt feine Gesellschast. Undsv. UlertcnH und Berlsch in den Hauptrollen. Borderkanf ab'H, August au der Theaterkasse. BernliafdRoseTtieatei Gesundbrunnen, Badstrasjc 58. Täglich- Das Sensation Z-A»gusiprograinm. Panl Uoradini. Neiß Troupe X Steffen Bros Das unruhige Haus Bros Cabanis, Gilten, La Matchiche. Außerdem: FBotte Bursche. Ansang i'h Uhr. Entree 80 Ps., mim. Platz 50 Pf. Billettvorverkaus oon 10—1 Uhr an der Theaterkasse. . Keue Welt!Ä£ i Mittwoch, den 22. August 1906: ] Aus allgemeinen Wunsch: Zweites | Ernte-Dank-Fest. i Kindcrbelnstigungen jeder Art. l(Vratisverlofnng. ] 1. Preise: Goldene Damen- und i Herrenuhren. : Konzert unii Vorstellung. Ansang 4 Uhr. Entree 0,15 M. Volksgarten-Theater. Badstr. 8(Behm- u. Bellermannfir.) Konzert, sdeater'u�pezizlitäten. DaS neue Augnst-Progrnmm! «onte Christo, The Barret, Henry Sago, Verona de Fonseca, Verwand- luiiaS-Schauspielerin. Hierzu: „Auf fremder Erde". Gr. Ausstattungsstück mit Gesang u. Tanz in 3 Bilden, von Hugo Schulz, Jed. Mittwoch: Gr. Kinderfreudenfest. Jed. Donnerst.: Gr. Brill.-Feuerwerk. BoltSbeliisttgunge» aller Art. Die Kaffeeküche ist v. 1 Uhr an geöffnet. rMgf'IiiSglöf �Kastanien-Allce 7/9. Mischen fimml».Erde � «ilardo, Humorist. Borussia-Sextett. Sands Sportakt. „Der grüne Teufel" große Pantomime. , Konzert. Hall. Ansang 4 Uhr. Eintritt 30 Pf. Numerierter Platz 50 Pf. Nur noch 8 Tage! 1. Deiltsch-AinmklUiischeli von Morton Ii Smith. Direktor\Tat. Behrens. Serlin, Weniklkljlraße. Me ilwli, 22. lüp,, abends 8 Uhr: Gr. Gala-Spen-IU mit neuem Programm. Neu! Neu! Neu! Neu! Erstes Debiit in Kerlin! Aiie.\at:: AnastiiKin mit ihren 240/15 russiseli-siliirisetien 10 Konkurrenzlose Dressur! Phänomenale, unglaubliche Hoch- und Weitsprünge: Sehet! Kommet! und Staunet! Sanssouei.s�Ä Sonntg.,Montg. Donnerst. und Sonnabend: UliMsiiiiZ norilil. Ssngei' und Tanzkränzche». Zum erstenmal: Gute Stacht, Karoline. JeiteleS als Einbrecher Entr. 30 Pf., num.PI. 50 Pf. Sonnt.Beg. 5,Wochent.8U. Im Borgart.: Freikonzert. BsschshKilZSu. Täglich: Ltettinsr Länger 'Ansang Wochentags 8, Sonntags 7 Uhr. felt-Ausstellungs- g»(St. Louis) M «WWÄ»» Theater lebender MWDWF Photographien mit abwechselndem tt Ä» Abnormitäten- Progr. Verbindung mit größter Films- Fabrik Frankreichs, daher täglich neueste Bilder. ♦ Den ganzen Tag Vorstellung. ♦ Otto Pritzkow, gsttbahn-stark Am Küstrinerplatz, Rüdorsdorferstr.l? Hermann Imbs. Tätlich: Kr. Konzert, Theater- und Spezialitäten-Vorstellung. Gustav Behrens Theater, Berlin O., Frankfurter Allee 85. Das Aufsehe» erregende Eröffumigs- Programm. 1 5 erstklassig. Nummern Bnnl nnd Mary Wilson Gedankenübertragung in hoch st er Vollendung, Anfang 71/, Uhr. Sonntags 5'/, Uhr. iieut Boritzplatz. Täglich im Garte» bezw. � i» den unteren Sälen< Schiller-Theater. Schiller-Theater 0.(Wallner-Theater). Mortvitz-Lper. Mittwoch, abends 8 Uhr: Gastspiel Heinrich Bötel: Hartha, oder: Der«arkt zu Richmond. Romant. Oper i.4 Akt. v. Fr.v.Flotow. Donnerstag.abendsLUHr: Unrrnen. Freitag, abends 8 Uhr: Gastspiel Heinrich Bötel: Der Postiiiion von Lonjumeaiu_ Schiller-Theater N.(Friedr.-Wilh.Th.) Mortvib-Lper. Mittwoch und Donnerstag: Geschlossen. Freitag, abends 8 Uhr, bei halben Preisen: Undlne. Sonnabend: Geschlossen. Sonntag, abends 8 Uhr: Letzte Opernvorstelluug und Abschied lieinrich Bötel: Der Tronbadonr. Im Garten tägl. gr. käiiitär-Konzert. Zeutral-Dheater. (Operette). 8 Uhr: Mdstiidmi. DrÄ!n Lusfspielhauso Täglich 8 Uhr: Spasten liebe. Diez' Spezialitäten-Theater. Uandsbcrger Allee 76/79(Ringbahnstation). Nur noch bis 3V. August 1966: 18 Löwen ttST» Die gröhie«ensation II. beste Gruppe der Welt: Im Salon des Löwenbändigers. Sensationelle Wette! SSSZSVll.'lg'Si heute einen Herrn aus dem Publikum im �ÜMMtltiistt) rtlsttttl!. Dazu das beste Programm Berlins, noch nie in einem Sommer- Theater geboten. Nur Sensations-Akte! Anfang 4 Uhr.— Gntree 60 Pf.— Borzugstarten sind gültig. Donnerstag, den 24. August er.: ßencHz-Vorstcllnng für die Kassierer, Kontrolleure und Kellner des Etablissements. äMax Kliems Sommer-Theater. Hasenheide 13—15. Artistische Leitung: Paul Milbitz. Tasiiciu Qr. Konzert, Theater »na Spezialitätenvorstellung| Jeden Montag: Tommerfest.— Jeden Mittwoch: die beliebten? Kinderfeste.— Jeden Donnerstag: Elite>Tag. B Mittwoch u. Sonnabend: Freilanz. Friedrichsberg. V Frankfurter Fernsprecher Nr. 8. Chaussee 5. Kestanrant und Festshle. Jeden SlUtwoch: 1648S*{ Jumorisliselie Soiree derWilig Waide-Sänger. »AL«,- Fämillen-Kränzchen. x SÄ"| Jeden Sonntag: Spezialitäten- Vorstellung. Im Saale: Großer Ball. Gebr. Arnhold. Vereinigung der Akaier, Saekierer und Anstreicher. Melchiorstrahe 28. Filiale Berlin. Tel.: Amt 4, 4787. Tonnerstag, 23. August, abends 81/. Uhr, im Getverkschaftshause, Engel-Ufer IS: IditgUeder-Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Vortrag:»Der Staat und seine Kinder«. Referent: Genosse »tvrnier. 2. Diskussion. 3. Ausschluß der Streikbrecher. 4. Vereins- angelegenheiten._ Die Orfsverwaltung. Am Montag, den SO. August, hat die diesjährige Bautenkonlrolle begonnen. Die Kollegen werden ersucht, die Mitgliedsbücher oder-Karten bei sich zu führen, damit sie sich sosort ausweisen können. Wir ersuchen, den Kontrolleuren möglichst entgegenzukommen, um ihnen die Arbeit zu erleichtern, damit dieselbe auch zum Nutzen der Organisation ausfällt. 125/10»__ D. O. Sozialdemokratischer Zentral-Wahlverein für Teltow- Beeskow- Storkow- Gharlottenburg. Sonntag, den 26. August, mittags 12 Uhr, in Baumschulenweg, Restaurant„Speers Festfälc" fJnh. Fritz Zabang), Baumfchulenstr. 78: General-Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Die Parteikonferenz für Berlin und die Provinz Brandenburg. Referent: Genosse Bermann Fischer- Schöncberg, Anträge und Wahl der Delegierten zu derselben. 2. Der Mannheimer Parteitag. Zlcfercnt: Genosse Frltn Kuheil. Anträge und Wahl der Delegierten zu demselben. 3. Sonstige Anträge. 4. Verschiedenes. Anträge, welche aus der Generalversammlung ihre Erledigung finden sollen, müssen bis spätestens den 23. August dem Fentralvorstande zu Händen des Genossen Eberhardt eingereicht werden. Die Gencralverfammlung wird pünktlich eröffnet. Laut Statut ist jeder Wahlvcrein berechtigt, drei Delegierte zu eilt- senden. Die Delegierten müssen mit Mandat verschen sein. Parteigenossen haben als Gäste Zutritt. 203/8 Der Zentralvorstanb. I. A.: W. Eborhardt, Mittwoch, den 22. August er., abends 8>/z Uhr, bei Keller» Koppenstr. ÄS: Vertrauensmänner-Verlammiung siimtlitlitr Kezirkt und Krunchen. Tages. Ordnung: Stellungnahme zur Kündigung des Ver- träges. Werkstaltstrciks und Differenzen. IW Jede Werkstatt um st vertreten seilt."'WD 91/7 Vertrauensmännerkarte nebst Mitgliedsbuch legitimiert._ Die OrtsverwaUnng, Verband d. baugewerblichen Hülfsarbeiter Deutschlands. Zweigverein Berlin u. Umgegend. Todes- Anzeige. Den Mitgliedern zur Kenntnis, dasi der Kollege (Zottfriecl Döbler am 19. d. M. verstorben ist. Ehre seinci» Andenken! Die Beerdigung findet heute, S Mittwoch, nachmittags 41/, Uhr,[ von der Leichenhalle des! Gcthsemane-Kirchhojs(Nordend) 1 ans statt. 46/41 Zahlreiche Beteiligung erwartet| Der Zweigvereins-Vorstand. Danksagung. yur no Zeutral-ferhanil deF Maurer Zweigverein Berlin. Sektion der Gips- nnd Zcnientbranche. Nachruf. Den Kollegen zur Nachricht, daß unser Mitglied Karl Hahn (W e i si e n s c e, Streustr. 70) am 17. August verstorben ist und am 21. August zur letzten Ruhe gebettet wurde. Ehre scincni Andenken! Der Sektionsvorstand. Dr. Simmel, Spezialarzl für 137/13* Bant nnd Harnleiden. 10— 2,5— 7. SountagS 10— 12, 2— 4. ff. Pianino, Prachtstück, barKasse, bis 8 Ab. schnell zu vcrk. Gerichtstr. 32 I. Hiermit allen Freunden und Parteigenossen zur Nachricht, dasi ich die 692b* Mflahiler Röroer-Säle eröffnet habe. Gleichzeitig empfehle ich den geehrten Gewerkschaften und Vereinen meine säle zu Versamm- lungcn und Vergnügen. Jeden Sonntag grotzer Ball. Um geneigten Zuspruch viitct i. Kirschkowski. die liebevolle Teilnahme und für die vielen Kranzspenden bei der Beerdigung meines un- vergeßlichen Mannes und teuren Vaters sagen wir allen Freunden und Bekannten unseren herz- lichsten Dank. 694b Marie Klein nebst 8cbn. Bankivngnng. Für die vielen Beweise inniger Teil- nähme und der großen Kranzspende bei der Beerdigung meines innig- geliebten Mannes, unseres Herzens- guten Vaters, des Töpfers /Nax Schulz sagen wir allen Verwandten, Freuw den und Bekannten sowie dem Zentral- verband der Töpfer Deutschlands, Filiale Berlin, Zahlstelle Gesundbrun- neu, dem 54t. Bezirk des sozialdemo- kratischen Wahlvereins des 6. Berliner Rcichstagswahlkreises, dem Verein .Brüderschaft", denKollcgen der Firma Dornbusch, besonders dem Gesang- verein.Nord" für seinen erhebenden Gesang am Grabe des leider so früh Dahingeschiedenen unseren herzlichsten Dank. 691b Ww. Schulz nebst Kindern, Gleimstr. 9. Danksaguni Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und guten Vaters sagen allen Verwandten, Freunden und Bekannten, insbesondere dem Herrn Chef, den Herren Kollegen, dem Verband der Vergolder Berlins unseren herzlichsten Dank. 686b tosephine Pott nebst Kindern. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme und zahlreichen Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes und guten Vaters sagen wir allen Verwandten, Freunden nnd Bekannten, insbesondere dem Charlottenburger Wahlvcrein, sowie dem Gesangverein„Freie Sänger" unseren herzlichsten Dank. 693b Die trauernde Witwe Emilie Neye nebst Sohn und Schwiegertochter. (Artrtf für Vereine zu Sitzungen u. Versammlungen abzug. Restaurant KastaiiienwäldEben am Spandauer Schifiahrlstanal. Zimmer 34, Amt 4. 3353. Engel-Ufer 15. Hauptbnrem»: Zimmer 1-5, Amt 4. 9679. Donnerstag, den 23. August 1906, abends 81/, Uhr: Allgemeine Uersammlmrg der Elektromouteure u. Hülfsmonteure Berlins und Umgegend UG- in Fraukes Festsälen, Sebastianstraste 39.*M> Tages-Ordnung: 1. Bortrag des Rrbeitersekretärs Genossen Engen Bruckner über: Ist der Arbeiter im heutigen Staate gleichberechtigt? 2. Diskussion. HB. Zu dieser Bersaminlnng sind die Kollegen der A. E.-G. ganz besonders eingeladen. 152/9 Zahlreichen Besuch erwartet Die Ortsverwaltung. Zur gefälligen Beachtung! Die Auszahlung der Erwerbslosen-Unterftüstung für Kranke sowie die diesbezüglichen Meldungen finden nicht mehr Engel-Ufer 15, Zimmer 34, sondern IT, parterre statt.— Die Bureaustunden bleiben dieselben, von vormittags 9 Uhr bis mittags 2 Uhr. Die Ortsverwaltung. Möbelpolierer! Donnerstag, den 83. August, abends 8 Uhr, bei Manschkc, Blumenstraste 38: Sitzung der Branchen-Komniifsion. KL. Die Kollegen Ku8 und Stresow werden hiermit ausgcsordert, ihren Verpflichtungen der Kommission gegenüber nachzukommen. 91/6 Der Obmann. Achtung: Ftiesenlrger. Acht»««: Donnerstag, 23. August, abends 8'/, Uhr, im Gewerkschaftshausc (Saal 8) Engel-Ufer 15: Versammlung"WU der Sektion der Fliesenleger«es Maurerverbandes. TageS-Ordnung: 146/18* 1. Vortrag des Kollegen Krabel. 2. Diskussion. 3. Gewerkschaftliches. 4. Verschiedenes. Pflicht eines jeden Kollegen ist es, in dieser Versammlung' zu erscheinen. Ber Sektionsvorstand. I. A.: H. Pufahl. Brennspiritus Marke„Herold" 80 Pf. ca, 90 Vol,-Proz,l0rL?, 83 Pf. ca. SSVol.-Proz.LuciL, - Ucberall erhältlich.— -Verwerthung G. m. b.H., Berlin W. 8. Zepantwortl. Redakteur: Carl Wermuth. Nerlin-Rixdorf, Für dpirLnferatenteil veralitw.. Th.. Glocke, Berlin. Druck». BerlagiVorwcittSVuKdruckerej u. Verlagsanjtalt.Paul Singer& Co., Berli» SW. � Nr. 194. 28. Ilchrgang. Mlvoch, 22. August 1906. Ueber die Katastrophe in Chile liegen auch noch heute keine bestimmten Nachrichten über die Zahl der bei dem Unglück Umgekommenen vor. Dem„Standard" wird aus Valparaiso telegraphiert: Die Gefahr sei offenbar vorüber. Die Stadt östlich von der Plaza Victoria einschließlich der Avenue Brazil ist vollständig zerstört. Der Geschäftsteil einschließlich der Banken hat weniger gelitten. Es ist noch unmöglich, den Umfang des Schadens zu schätzen. Die Zahl der Getöteten kann ungefähr auf 3000 geschäht werden. Der vom Erdbeben verursachte Schaden überstieg den durch das Feuer angerichteten. Santiago hat offenbar weniger gelitten. Nach anderen Meldungen soll die Zahl der Todesfälle überschätzt worden seien. JnValparaiso schätzen die Behörden sie auf etwa bOO. Im ganzen haben noch an 400 Erdstöße stattgefunden; obgleich diese leicht waren, erhielten sie die Bevölkerung im Zu- stände der Panik. Die Leiden der Obdachlosen, besonders der älteren Leute und Kinder, sollen bei dem rauhen Winterlvctter furchtbar und viel schlimmer sein, als die der Flüchtlinge in San Francisco waren. Die chilenische Flotte hat gute Dienste beim Rettungswerk geleistet und viele Verletzte an Bord ge- nommen. Die Besatzungen patrouillieren die Straßen ab zusammen mit der Polizei. Von den Häfen nördlich und südlich von Valparaiso sind Dampfer mit Proviant, Medikamenten und Kleidungsstücken dahin unterwegs. Eine Hungersnot ist nicht zu be- fürchten, da stehengebliebene Warenhäuser große Mengen Mehl und Reis enthalten.— Aus Honolulu wird telegraphiert: Infolge der durch das Erdbeben verursachten Flutwelle strandete der Passagier- dampfcr„Manchuria" von 13 639 Registertonnen von der Pacific Mail Steamship Company bei Makapan Point und liegt jetzt auf ebenem Kiel auf scharfen hervorragenden Felsen. Man sieht die Passagiere sich auf dem Verdeck drängen. Es ist möglich, daß sie gelandet und nach Honolulu gebracht werden. Die See ist jetzt glatt. Wie aus Valparaiso gemeldet wird, liegen die Orte Los An'des, Nogales, San Felipe, Melon, Supallar, Casa Bianca, Li mache, Quillota, Quihin, Vino bei Mar, Petorca, Hierro Viejo und L l a i- L a i infolge des Erdbebens in Trümmern. Der Verlust an Menschenleben beträgt in Limache 130, in Quillota 30. Man nimmt an, daß außerhalb Valparaisos tausend Menschen durch das Erdbeben um das Leben gekommen find, und daß der angerichtete Schaden sich auf zwei Millionen Pfund Sterling beläust. Nach den aus den südlichen Landesteilen vorliegenden Nachrichten sind heftige Erdstöße in den Orten Talcahuano und La Concepcion in der Provinz Talen verspürt worden. Der an diesen Orten an- gerichtete Schaden ist jedoch nicht bedeutend, und nur wenige Aus- länder haben ihr Leben dabei eingebüßt. Wie aus Buenos Aires telcgraphisch gemeldet wird, haben Mitglieder der fremden Kolonien, besonders diejenigen der fron- zösischen und italienischen, HülfskomiteeS für die Hinterbliebenen organisiert, IS Ambulanzzüge gehen heute nach Valparaiso mit Aerzten. Krankenpflegern und Betten ab. Lebensmittel werden aus allen Teilen nach Valparaiso gesandt. Die telegraphische Verbindung zwischen Santiago und Valparaiso ist noch nicht wiederhergestellt. Die Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs in seinem vollen Um- fange dürste nicht vor einem Monat zu erwarten sein. Schilderungen der Katastrophe. Der Wind trug glühende Asche und Funken über die breite Bucht von Valparaiso, wodurch ein Teil der Stadt in Brand geriet, der sonst unversehrt geblieben wäre. In der Stadt sind nur 200 Menscheu umgekommen, dagegen ist die Anzahl der Toten in den Außenstädten bedeutend höher. Die„New Dork World" be- richtet: Die Erderschüttcrung war kaum vorüber, als rote Feuer- flammen, die vom Hafen aus aufstiegen, der Stadt verkündeten, daß im Geschäftsviertel ein bedeutendes Feuer ausgebrochen war. Nun spielten sich entsetzliche Szenen ab. Die Feuermelder funktionierten nicht mehr, die Telcphonanlagen waren zerstört, die Wasser-, die Gas-, die Elektrizitätsleitungen zerbrochen und als die Feuerwehr mit ihren Spritzen zu der Feuerzone eilen wollte, fand sie den ganzen Weg durch herabhängende Tele graphendrähte und durch die Trümmer der eingestürzten Häuser versperrt. In einem wahnfinnähnlichen Zustande staute fich auch das ganze Boll auf den Straßen; Gläubige kuictcn nieder, um zu beten, während andere vor Schmerz und Entsetzen nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. Während der Nacht war die Lage grauenhaft: die allgemeine Verwirrung, das fortwährende Dröhnen der Erde und die Finsternis, die durch die aufleuchtenden Feuerflammen nur hier und da erhellt wurde, vermehrte noch das Entsetzen der Menge. Die Morgen- dämmerung brachte keine Hülfe; die Erschütterungen dauerten fort und die Luft war angefüllt mit Rauchwolken und mit erstickenden Dämpfen. Das war die Zeit, wo das Volk auf die Hügel flüchtete; die Stadt überließ man der Feuerlvehr, den Soldaten und der Polizei, die mit Riesenkräften gegen das immer weiter um sich greifende Feuer kämpften. » DaS Eiland Robinsons verschwunden! Lima, 20. August. Infolge des Erdbebens ist die Robinson Crusoe-Jnsel an der Chilenischen Küste, auf der sich eine Straf- kolonie befand, von der Oberfläche vcrschwundeu. » Eine der Stätten unserer Erde, die von dem Schimmer der Romantik und des Abenteuerlichen verklärt, besonders bei der Jugend aller Kulturnationen bekannt war. hat, wie oben gemeldet, bei dem letzten umfangreichen Erdbebe» von Chile ein Ende ge- fnnde». Juan Fernandez, die Robinson Crusoe- Insel, ist ist unter den Spiegel des Großen Ozeans gesunken. Eigentlich handelt es sich nicht um eine Insel, sondern um eine Inselgruppe, deren Hauptinseln Juan Fernandez oder MaS a Tierra und Mas a Fuera find, und von denen die erste 9S, die zweite 85 Quadratkilometer umfaßt. Die Tatsache, daß zu Anfang des 18. Jahrhunderts ein schottischer Seemann Alexander Selkirk sich auf Juan Fernandez, das schon früher von Seeräubern als Wasserstation benutzt worden war, aussetzen ließ und dort als Einsiedeler lebte, hat der Engländer Defoe zu seinem Weltbuch„Das Leben und die Abenteuer Robinson Crusoes von Dork" benutzt, das 1719 in London erschien und bald seinen Siegeslauf durch die Welt nahm. ES ist noch heute ein gern gelesenes Buch der Jugcud und hat im Laufe der Zeit zahllose Nach- ohniungen gefunden. Valparaiso abermals von einem Erdbeben heimgesucht. London, 21. August. Tem Reuterschen Bureau wird über Limavar ihr Zustand bereits so weit vor- geschritten, daß sie jeden Augenblick die Entbindung erwarten zu müssen glaubte. Sie jammerte, man möge sich ihrer in geeigneter Weise annehmen und ihr helfen. Aber von dem Personal wurde ihr mit rauhen Worten erwidert, sie solle ruhig sein, es sei noch nicht so weit. Eine Wärterin, die ihr in der Badestube hüls- reiche Hand leisten sollte, hielt es sogar für unbedenklich, den Raum auf einige Zeit zu verlassen, so daß die noch angekleidete Schwangere allein zurückblieb. Plötzlich wurde Frl. St. wieder von einer Wehe überrascht und verlor im Stehen das Kind. Sie lief zur Tür, ritz sie auf und schrie I„Ach Gott, mein Kind I" Jetzt erschien eine andere Wärterin, die der Hülflosen Vorwürfe darüber machte, daß sie sich nicht unigelegt habe. Frl. St. wurde nun in den Gebär- saal gebracht. Sie blieb dann neun Tage in der Anstalt und wurde schließlich mit ihrem Kinde entlassen. Die Angehörigen von Frl. St. entschlossen sich, dieses Vorkommnis zur Kenntnis der Charitsdirektion zu bringen und Aufklärung von ihr zu forder». Die Antwort, die sie erhielten, ist sehr merkwürdig. Die Charitödirektion schrieb:„Ihre Beschwerde vom 30. v. M. ist dem Direktor der gebnrtshülflichen Klinik zur Prüfung übergeben worden. Derselbe hat zunächst ermittelt, daß das gesamte Personal von den in Ihrem Briefe angegebenen rohen und beleidigenden Aeußerungen nichts weiß." Wir wollen hier einschalten, daß in der Beschwerdcschrift angegeben worden war, Frl. St. sei nach erfolgter Stnrzgebnrt von der herbeigerufenen Wärterin angeschrien worden „Dummes Frauenzimmer!" In der Charits hat man sich dabei beruhigt, daß das gesamte Personal„nichts weiß". Man hat es nicht für nötig gehalten, Fräul. St. zu bitten, daß sie nach der Charits kommen möge, um dem nichtswissenden Personal gegenübergestellt zu werden. Wäre die Gegenüberstellung erfolgt, so hätte der Direktor der geburtshilflichen Klinik sogar noch einiges erfahren können, was m der Beschwerdeschrift weggeblieben ist, Fräulein St. erzählt nämlich ihren Angehörigen noch, man habe ihr, als sie im Baderaum um rasche Beschaffung ärztlicher Hülfe bat, die Antwort gegeben, sie solle„die Schnauze halten". Unseres Er- achtens wäre auch das wert, untersucht zu werden. Hat denn die Charitädirektion ein so geringes Interesse daran, die Angelegenheit aufgeklärt zu sehen? Das Schreiben der Direktion äußert sich sodann auch über die Sturzgeburt.„Ihre Schwester", so heißt es da,„kam mit Wehen in die Anstalt und wurde von dem Krankenführer an der Badestube abgegeben. Da die diensttuende Hebamme, sowie die Operationshebamme zu derselben Zeit bei einer Operation beschäfttgt waren, konnten sie sich Ihrer Schwester nicht sofort annehmen. Nach einiger Zeit( Va Stunde), als die Schwangere noch nicht gebadet, sondern nur an den Füßen ge- reinigt war. stürzte unter kräftigen Wehen das Kind plötzlich zu Boden. Die anwesende Wärterin nahm das Kind auf und ver- anlaßte den soforligen Transport der Entbundenen nach dem Gebärsaal." Diese Darstellung wird von Fräulein St. nicht bestätigt. Nach ihrer Angabe wäre das Kind nicht von einer anwesenden Wärterin, sondern von einer erst herbeigerufenen auf- genommen worden. Die Direktion.»prsichert schließlich noch, das Kind sei„gesund und ohne Verletz»ig ausgetreten". Ausgetreten, jawohl! Ob es aber gesund und oyne Verletzung vom Boden auf- genommen wurde, darüber schweigt das Schreiben. Die Mutter macht uns hierzu eine beachtenswerte Mitteilung. Das Kind erkrankte nach der Entlassung daheim am Darmkatarrh, wurde nach dem Krankenhause Moabit gebracht und starb dort. Der Arzt, der es dort zu sehen bekam, wies auf eine Stelle am Kopf des Kindes und fragte, was da mit dem Kinde geschehen sei. Als ihm der Sachverhalt vorgetragen wurde, soll er verwundert den Kopf ge- schüttelt haben. Wen» ein Weib aus der besitzenden Klasse der„schweren Stunde" entgegengeht, dann wird im behagliche» Heim von hülfreich sorgender Hand alles nur Denkbare bereitet, was ihr Erleichterung bringen kann. Mit einem Dienstmädchen, das Mutter werden soll, werden weniger Umstände gemacht. Dienstmädchen und andere uneheliche Mütter und übrigens auch viele Ehefrauen aus der unbemittelten Bevölkerung müssen in Entbindungsanstalten gehen — und können dann leicht dazu kommen, dort Erfahrungen zu machen, wie Frl. St. sie inach dem eigenen Geständnis der Charitv- direktion) hat machen müssen._ ErziehungShauS und Irrenhaus. Vor etlichen Wochen brachte das„Berliner Tageblatt" die Mitteilung, in letzter Zeit seien aus der Erziehungsanftalt Lichtenberg zahlreiche Für- socgezöglingc— in zehn Monaten mehr als ein halbes Hundert— an die Epileptileranstalt Wuhlgarten bezw. an die Irrenanstalt Herzberge abgeliefert worden. Das Mosscorgan meinte, man müsse zweifeln, ob die Ilebcrweisung nach Wuhlgarten bezw. Herzberge immer zu rechtfertigen gewesen sei, und in mehreren Fällen dürfe man die Ucbcrwcisung geradezu als Maßregelung bezeichnen. Im „Vorwärts" wurde hierzu bemerkt, unter den Fürsorgczöglingen seien leider nicht wenige, die in der Tat besser in einer Anstalt für geistig Kranke oder doch für geistig Minderwertige untergebracht würden. Wenn man jetzt in der Anstalt Lichtenberg das einsehe und danach handle, so sei das nur zu billigen. Aber leider müsse man befürchten, daß das„Berliner Tageblatt" wieder einmal über- trieben habe, und daß die Berliner Waisenverwaltung schleunigst den Magistratsberichterstatter beauftragen werde, berichtigend zu ver» künden, in der Anstalt Lichtenberg sei noch alles beim alten und nach wie vor regiere dort nicht der Irrenarzt, sondern der Prügel- stock. Unsere damaligen Zweifel kränkten die Mosscmänncr nicht wenig. Sie antworteten, die Waiscnvcrwaltung werde sich hüten, zu berichtigen, denn da gebe es eben nichts zu berichtigen. TaS „Berliner Tageblatt" stützte sich auf„durchaus zuverlässige In- formationen", und der„Vorwärts" werde sich wohl zu dem Glauben bequemen müssen, daß es„gut unterrichtet" sei. Jetzt ist leider doch eingetroffen, was wir befürchtet hatten. Das„Berliner Tageblatt" ist von der Waiscnvcrwaltung dahin be- lehrt worden, daß von 649 Zöglingen des Erziehungshauscs Lichten- berg, die in den zehn Monaten vom Oktober 1905 bis zum Juli 1906 unter ärztlicher Beobachtung standen, nur 26 nach Wuhlgarten bezw. Herzbergc gebracht worden sind. Die sprachlos gewordenen Mosscmänncr teilen das mit, ohne ein Wort der Erwiderung hin- zuzufügen. Nun geben wir zwar sehr wenig auf Berichtigungen, die von der Waisenverwaltuug ausgehen. Wie sie„berichtigt", das haben wir früher einmal an einem geradezu skandalösen Fall nachgewiesen. Aber an den Zahlenangaben wird ja wohl nicht zu rütteln sein. Zum bessercu Verständnis dieser Angaben wollen wir hinzufügen, daß die durchschnittliche Belegung der Anstalt Lichten- berg im Herbst 1905 sich auf rund 180 Zöglinge stellte und auch in der ersten Hälfte von 1906 ungefähr ebenso hoch gewesen sein wird. In der oben mitgeteilten Zahl 649 stecken alle Zöglinge, die in den zehn Monaten überhaupt durch die Anstalt hindurchgegangen sind, also auch alle, die aus anderen Anstalten, aus der Familienpflege, aus Lehrstellen, aus Krankenhäusern, aus Gefängnissen nach Lichten- berg zurückgebracht wurden, um vielleicht schon nach kurzer Zeit wieder anderswohin gegeben zu werden. Unter 649 Zöglingen 26, die als reif für die Epileptiker- bezw. Irrenanstalt erkannt werden — das erscheint uns nicht im mindesten überraschend. Wollte man auch die geistig Minderwertigen ausmustern und einer besonderen Anstalt(die leider fehlt) überweisen, so kämen da sicherlich noch ganz andere Zahlen heraus. Aber für diese bleibt in Lichtenberg wirklich alles beim alten, das heißt: wenn sie bockig werden, so wird gegen sie— nach dem„Erziehungsgrundsatz", der dort Geltung hat und behält— der Prügel st ock in Bewegung gesetzt. Die Stadt als Erbin. Der am 15. Mai d. I. verstorbene Landgerichtsrat Viktor L i o n hat der Stadt Berlin 10 000 M. und den größlen Teil seiner ans rund 1000 Bänden ineist schönwissen- schaftlichen und juristischen Büchern bestehenden Bibliothek vermacht. DaS Kapital soll zur Begründung einer„Gebrüder Maximilian und Landgerichtörat Viktor Lionschen Stiftung" dienen, deren Zinsen für die Lesehallen verwandt werden sollen. Die Bibliothek soll den städtischen Volksbibliotheken überwiesen werden. Der Magistrat hat die Annahme des Vermächtnisses beschlossen. Arbeitslosigkeit als Folge der Banderolenstener. Am Montag fand in WilkcS Saal in der Brunnenstraße eine stark besuchte öffentliche Versammlung der Tabakarbeiter und Ar- beiterinnen statt. Der Referent W. Börner zeigre, wie die Tabak- industrie seit dein Jahre 1873 durch Steuern und Zölle in ver« schiedener Weise bedrückt worden ist und daß jede Steucrerhöhung eine ausgedehnte Arbeitslosigkeit in der Tabakindustrie zur Folge hatte. Auch als Folge der jetzt eingeführten Zigaretten-Banderolen- steucr macht sich derselbe Zustand bemerkbar. Solange die Zigarette noch steuerfrei war, sei die Produktion nach Möglichkeit gesteigert worden und mit dem Inkrafttreten der Steuer sei die Krisis ein- getreten. In Dresden seien bereits 12—1500 Arbeiter und Arbeite- rinnen der Zigarettenindustrie völlig brotlos. In Berlin hätten sich die Arbeiter durch ein Uebereinkommen mit den Fabrikanten zwar vor gänzlicher Arbeitslosigkeit zu sichern gesucht, aber infolge der jetzt erheblich eingeschränkten Produktion werde höchstens 6 Stunde» pro Tag, oft auch noch weniger gearbeitet. So tragen die Berliner Zigarettenarbeiter die Last der Krise gemeinsam. Jeder von ihnen müsse sich mit einem bedeutend geschmälerten Einkommen begnügen. Eine weitere Folge der Steuer sei die, daß die Fabrikanten Maschinen einführen, wodurch die Produktion sich verbilligt, eine große Zahl von Arbeitern und Arbeiterinnen aber überflüssig wird. Die Arbeiter seien zwar keine Feinde der Maschine, sie erkennen dieselbe vielmehr als einen technischen Fortschritt an, aber sie wünschen, daß die Einführung der Mascknne unter Bedingungen vor sich gehe, die nicht große Ärbeitcrmassen mit einem Schlage auf die Straße werfen. Verschiedene Fabrikanten hätten auch versprochen, dem Rechnung zu tragen und ihre Arbeiter weiter zu beschäftigen. Jetzt habe man aber die Bemerkung gemacht, daß selbst solche Fabrikanten, die ein derartiges Versprechen gaben, die Maschine einzuführen ver- suchen. Diese Fabrikanten sagten in ihren Anpreisungen, daß sie nur Handarbett liefern, trotzdem würden jetzt Maschinen- fabrikate mit Handfabrikaten vermengt in den Handel ge- bracht. Eine Packerin in einer Dresdener Fabrik habe die durchaus glaubwürdige Versicherung abgegeben, daß sie Maschinen- und Handzigaretten zusammen in denselben Paketen verpacken müsse: Die Berliner Fabrik„Manoli" habe kürzlich 40—60 Arbeiter entlassen wollen, angeblich, weil sein Lager gefüllt sei. Der Redner habe mit dem Firmeninhaber ver- handelt, der zunächst von der Rücknahme der Entlassung nichts wissen wollte, obgleich die Arbeiter bereit waren, die Arbeitszeit noch weiter zu verkürzen um Entlassungen zu vermeiden. Jedenfalls sollten die 40—60 Arbeiter der Maschine zum Opfer fallen, welche sich die Firma„Manoli" angeschafft habe. Der Redner habe den Firmen» inhaber darauf aufmerksam gemacht und ihm gesagt, es werde der Oeffentlichkeit mitgeteilt werden, wenn er Maschinenarbeit liefere, denn das sei unlauterer Wettbewerb. Darauf seien die Entlassenen weiter beschäftigt worden. Im Laufe der Verhandlungen habe der Inhaber der Firma„Manoli" dem Redner gesagt, andere Fabriken ließen ja auch mit der Maschine arbeiten, so dw Dresdener Firma „Josetti". Als Beweis für die Behauptung habe Herr Mandelbaum („Manoli") gesagt, bei ihm fei irrtümlich ein großer Posten„Josetti" vom Rollkutscher abgeladen worden und diese Zigaretten seien Maschinenarbeit gewesen. Weiter führte der Redner aus, es sei als unlauterer Wettbewerb anzusehen, wenn Fabrikanten, welche„nur Handarbeit" anpreisen, auch Maschinenarbeit in den Handel bringen. Dagegen müßten sich die Arbeiter in ihrem Interesse wehren, indem sie alle derartigen Fälle öffentlich bekannt geben. In der Diskussion, die mit den Ausführungen des Referenten vollkommen übereinstimmte, wurde auch angeführt, daß die Berliner Zigarettenarbeiter jetzt bei der verkürzten Arbeitszeit höchstens 12 bis 15 M. in der Woche verdienen. Die Versammlung stimmte einer Resolution zu, welche bereits in Dresden angenommen ist. Dieselbe lautet: „Die Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden. Insbesondere verpflichtet sie den Ver» trauensmann der Tabakarbeiter: 1. Die Einführung der Maschinen» arbeit in der Zigarettenindustrie, soweit dieselbe Marken betrifft, die bisher mit der Hand hergestellt wurden, sorgfältig zu be- obachwn, um durch Veröffentlichung des einschlägigen Materials die schädlichen Wirkungen der Banderolensteuer vor Augen zu fuhren; 2. Alle Unternehmer, die derartige Maschinen- produkle als Handarbeit in den Handel bringen, durch die TageS- und Fachpresse den Händlern und Konsuincnten bekannt zu geben. Gleichzeitig fordern die Versaiunielten alle Kollegen und Kolle- ginnen der Orte, an denen sich die Zigaretlenindustrie befindet, auf, durch ihre Vcrtraueuspersonen, Bevollmächtigten, Gauleiter usw., ebenfalls alles auf die oben bezeichneten Vorgänge beziig- liche Material zu sammeln, um dieses durch die berufene Ver- tretung der Tabakarbeiter der gesamten Fach- und TageSpresse Deutschlands zu übermitteln. Ferner in geeigneter Weise(mit Hülfe der Gewerkschaftskartelle usw.) durch aufklärende Flug- blätter jeden unlauteren Wettbewerb und alle, die Arbeiter- schaft schädigenden Wirkungen vorbei, annter Maßnahmen zu be- kämpfen." In einem ebenfalls einstimmig angenommenen Antrage ver- pflichtete die Versammlung die Zentralkommission die Tabakarbeiter Deutschlands, alles in der vorstehenden Resolution Gesagte in jeder Weise zur Durchführung zu bringe». Hierauf sprach Buhl über die Frage: Welche Lehre ziehen die Arbeiter und Arbeiterinnen dcr Zigarrcnindustrie auS der Einführung der Banderolensteuer? Er führte aus, dah die Regierung mit ihre» Steuerplänen nicht ruhen werde, der Zigaretten-Baiideroleusteiier werde wohl die Zigarren-Banderolenstcuer solgeu. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Zigarreiiindustrie hätten die Pflicht, schon beizeiten Vorkehrungen zu treffen, um alle Pläne, welche ihnen Arbeitslosigkeit und Not bringen, vereiteln �u können. Nur eine feste, geschlossene Or ganisation könne solchen Plänen mit Erfolg gegenübertreten, darum sei es Pflicht eines jeden in der Tabalindustrie Beschäftigten, der VerufSorganisation beizutreten. Einen späten Neujahrsgruß hat eine in Berlin in der Linien straße wohnende Familie von einer anderen erhalten, die in der Sonneitburgcrstrasje wohnt. Die uns vorliegende Neujahrskarte wurde am 3L Dezember 1905 in den Briefkasten geworfen, ist auch mit dem Poststempel 31. 12. 05. Postamt 58 versehen und trägt den Ausgabestempel 17. 8. 00. Postamt 25. Demnach hat die Karle von der Sonnenburgerstraste bis zur Linienstrabe nicht weniger als 7 Monate 17 Tage gebraucht. Spät kam sie, aber sie kam. Die Empfänger hatten noch Glück, denn sie brauchten kein Strafporto zu zahlen. Bekanntlich kostet jetzt die Postkarte in Berlin seit dem !. Juli 5 Pf.; die Karte, die so lange auf der Reise war, ist aber nur mit 2 Pf. frankiert, wie eS am 31. Dezember vorigen JahreS noch zulässig war. Auch ein Trost I Die Schlächtermeister der nördlichen Bororte wollen das Rabatt- markenwcfen abschaffen. Die Tegeler Schlächter haben damit den Anfang gemacht, indem sie gestern Plakate ausgehängt haben, in welchen sie ihren Kunden mitteilen, datz sie infolge der hohen Vieh- preise nicht niehr in der Lage sind, Rabattmarken zu verabfolgen. Brandstiftung im Borsigwerk. An derselben Stelle, au der vor etwa vier Monaten auf dem Borsigschcn Terrain in Tegel der große Kohlenbrand wütete, ist schon wieder Feuer ausgebrochen. Die Entstehungsursache dürfte jedenfalls auf Brandstiftuilg zurück- znfübren sein. Bei dem letzten Brande mußte der Kohlenbcrg voll- ständig geräuult werden. Inzwischen sind an der gleichen Stelle wieder große Kohlenvorräte aufgestapelt worden. Sie stehen unter ständiger Kontrolle und die Teinperaturentwickcluiig im Innern des KohlcubergcS wird dmiernd beobachtet. Jetzt wurde von den Wächtern ein neuer Brandherd entdeckt. Eine Bretterwand geriet Mötzlich in Brand und das Feuer griff auch bald nach dem Kohlen- lager über. In der Nähe der Stelle, an der das Feuer zur Ent- stehung gekommen Ivar, hatte sich ein starker Pctroleumgeruch be- merkbar gemacht. Die Krinuiialpolizei ist jetzt bemüht, den Brand- stifter zu ermitteln. Bewußtlos anfgcfimden wurde gestern nachmittag in der Reinicken- dorferstraße ein unbekannter Mann, der jedenfalls das Opfer eines Verkehrsunfalls geworden ist. Mitglieder der Sanitätskolonne sahen den Besinnungslosell unter der Eisenbahnüberführlmg auf dem Straßendamm liegen und trugen ihn nach der Unfallstation in der Lindowerstraße. Dort wurde bei ihm em schwerer Schädelbruch festgestellt. In fast hoffnungslosem Zustande fand der Unbekannte Aufliahme in der Charits. Schon wieder ein gewaltiger Dachstuhlbrand. In erschreckender Weise häufen sich in letzter Zeit die Dachstuhlbrände. Nachdem die Feuerwehr erst vorgestern zwei derselben abzulöschen hatte, wurde sie gestern nachmittag schon wieder wegen eines solchen Feuers laiige Zeit in Anspruch genommen. Diesmal stand der lang- gestreckte Dachstuhl des Hauses Memelerstraße 03 in Flammen� Als der erste Löschzug aus dem nahen siebenten Depot in der Memeler- straße eintraf, brannte es schon au beiden Enden des Vorderhauses. Die Flammen griffen mit solcher Schnelligkeit um sich, daß in wenigen Minuten der gesamte Dachstuhl in 17 Fenster Front ein einziges Feuermecr bildete. Brand- Jnipektor Dransfeld ließ sofort zwei mechanische Leitern auf der Straße errichten und schickte von hier aus. wie auch über die Treppen hinweg die Löschmannschaften vor. Insgesamt fiinf Rohre kämpften dann fast eine Stunde mit dem verheerenden Elen, ent. Bon dem Dachstuhl war aber nichts mehr zu retten. Er brannte in seiner ganzen Ausdehnung samt den Bodenkammern nieder. Die Auf- räumungsarbeiten zogen sich bis in die Abendstunden hin. Ueber die Entstehungsursache konnte bisher noch nichts festgestellt werden. Durch daS neueste Valparaiso-Erdbeben ist die Aufmerksamkeit wieder auf die Beschaffenheit des Erdinnern und auf die Kräfte- äußerung der Erde gelenkt. Der„Verein von Freunden der Treptow-Sternwarte hat daher aus seinen 109. BeobachtuimSabcnd, der an, Mittwoch, den 22. August, abends 3'/z Uhr, auf der Treptow- Sternwarte stattfindet, einen Lichtbilder-Vortrag über„Die neuesten Bulkanthcorien und die Vesuvkatastrophe 1900" von Herrn Dozent Lützen gesetzt. Zu dem Vortrage haben auch NichtMitglieder Zutritt. Folgende Punkte mögen aus dem reichhaltigen Programm hervor- gehoben werden: Die ersten Ansichte» über die Entstehung der Ge- steine.— Hebungen und Senkungen der Erdrinde.— Reihenweise Anordnung der Vulkane.— Flüssiges Erdinnere. Die Vesuvkatastrophe 1900.— Das jüngste Erdbeben in Valparaiso.— Nach dem Vortrage wird mit dem großen Fernrohr der„Saturn" be- obachtet. Gesperrt. Die verlängerte Alte Jakobstraße wird an der Ein- Mündung in die Gitschinerstraße behufs Asphaltierung der letzteren bis auf weiteres für Fuhriverke und Reiter gesperrt. Feuerwehrbericht. Der 1. Löschzug wurde gestern abend um v Uhr nach der Neuen Friedrichstr. 38/10 gerufen. Dort war der Fahrstuhlführer Klims in den Fahrstuhlschacht gestürzt. Die Feuerwehr holte den anscheinend nur leicht verletzten Mann heraus und brachte ihn nach der Unfallstation in der Keibelstraße. wo er ärztlichen Beistand erhielt. Gleichzeitig hatte die Wehr in der Memelerstr. 10 zu tun, wo in einer Wohnung Feuer ausgekommen war. Um Mitternacht mußte ein Wohnungsbrand in der Brunnen- straße 30 gelöscht werden. Ferner wurde ein Wohnungsbränd aus der Wörtherstr. 11 gemeldet. Arbeiter- Samariter- Kolonne. Donnerstag, abends 9 Uhr: Uebungsstunde der 4. Abteilung in Lichtenberg bei Piekenhagen, SchanUveberstr. 00. Vortrag über Vergiftungen— gefahrdrohende flrankheitszustände. Daran anschließend: praktische Hebungen. Die Mitglieder werden ersucht, vollzählig zu erscheinen. Neue Mitglieder werden jederzeit aufgenommen. Gaste haben einmaligen freien Zutritt._ Vorort- JVadmebtem Rixhorf. Gin Opfer seine? Berufes wurde der als Kutscher auf dem Holz- platze der Firma Emanuel Schiffer. Weigand-Ufcr. beschäftigte Arbeiter Joseph Buchholz. Urbauslraße Ivohuhast. Als derselbe am Donnerstag voriger Woche vormittags 9>/z Uhr, mit einer Fuhre beladene Wagen um und begrub ihn. Von seinen Arbeitskollegen, den Brettcrträgern, wurde der sehr schwer Verletzte befreit. Ein herbeigerufener Krankentransportwagen, welcher in einigen Minuten zur Stelle war, brachte ihn ins Rixdorfer Krankenhaus. Hier ist er Sonnabend abend 8>/z Uhr seinen Verletzungen erlegen. Als nobler Arbeitgeber zeigte sich der Chef der Firma den Angehörigen gegen- über bei Aushändigung des Lohnes. Für den im Wochenlohne stehenden Verunglückten wurden 11 M. ausgezahlt. Die Nervosität der Schubleute wächst sich nachgerade zur öffentlichen Kalamität aus. Täglich ist die Presse in der Lage, von Uebcrgriffen gegen Bürger zu berichten, die durch irgend welche Lappalie den Unwillen eines solchen in Waffen starrenden Vertreters der preußischen Polizei über sich heraufbeschworen haben. So ging es auch am Sonnabendabend dem Arbeiter Lorenz, als er nach 8 Uhr in der Pannierstraße seiner Wohnung zustrebte. Auf dresem Wege traf er auf eine aus einer Frau mit einem Kinde und mehreren Passanten bestehenden Gruppe, die sich in heller Aufregung befand, weil der mittlerweile nach seinem Standort an der Ecke der Weserstraße zurückgekehrte Schutzmann aus nicht zu ergründenden Motiven die Frau mit dem Kinde vom Trottoir gewiesen haben sollte. L. glaubte nun, sich derselben an- nehmen zu müssen und ging zu dem Schutzmann, um durch einen Blick auf die Achselstücke dessen Nummer festzustellen. Da kam er aber schön an. Mit dem in barschem Tone hervorgestoßenen Hinweis, wenn L. seine Nummer wissen wolle, möge er ihn darum befragen, herrschte der Schutzmann denselben an und forderte ihn schließlich auf, weiterzugehen. L. erwiderte darauf, daß er zu ditger Frage keine Veranlassung habe, denn die Nummern seien zur Orientierung des Publikums da; er kam dann der Aufforde- rnng des Schutzmanns nach und ging, dabei eine an sich harmlow Acutzerung machend. Darauf stürmte der Schutzmann hinter L. her und forderte dessen Adresse. Obtvohl L. diese anstandslos nannte, sollte er trotzdem mit zur Wache. L. glaubte das nicht nötig zu haben, um so mehr, als auch der mittlerweile hinzu- gekommene, im gleichen Hause wie L. wohnende Gastwirt Müller denselben legitimierte. Es half aber nichts und trotz Protest mußte er mit nach dem Revier in der Elbestraße, wo man ihn in der zehnten Stunde wieder freiließ. Lorenz hat am nächsten Morgen Beschwerde beim Reviervorstand erhoben. Dieser Fall beweist zum soundsovielten Male, wie notwendig jeder den Schutz vor Schutzleuten hat. Es wäre übrigens wünschenswert, wenn sich die anfangs genannte Frau bei Lorenz, Rixdorf, Pannicrstr. 7, melden möchte. Schötieberg. Seht die Wählerlisten nach! Alle diejenigen, die diesem Rufe bisher noch nicht Folge ge- geleistet haben, ersuchen wir, ihre Pflicht in dieser Beziehung zu er« füllen. Versäume niemand Einsicht in die Listen zu nehmen I Die- selben liegen aus bis zum 30. August an den Wochentagen von 9 Uhr vornuttagS bis 2 Uhr nachmittags und am nächsten Sonntag von 11 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags, im Rathause, Quer- gebäude, Ziminer 2. Wer nicht in der Lage ist, selbst Einsicht in die Listen zu nehmen, der beauftrage damit einen der nachstehend auf- geführten Genossen: Schilling, Kyffhäuscrstr. 10; Krüger, Vorbergstraße 8; Döring, Merseburgerftr. 7; Bäumlcr, Martin Lutherstr. 50; Horlemann, Kaiser Friedrichstr. 3; Reimer, Hohenfriedbergstr. 20; Knobloch, Sedaustr. 53; Eschbach(Kousumverein), Gothenstr. 1; Andreas, Feurigstr. 4; Ott, Hedwig- und Wielandstraße-Ecke. Chnrlottenbttrg. Die Vereinigung der Maler, Lackierer, Anstreicher hielt am 10. d. M. im Volkshause ihre Mitgliederversammlung ab, in welcher der Kollege Hilke-Berlin in einem beifällig aufgenommenen Vortrage unsere heutige Sittenlehre kritisch beleuchtete. Dem Vortrage folgte eine zustimmende Diskussion, in welcher die Aufforderung au die Versammelten erging, mehr als wie bisher darauf Gewicht zulegen, die Arbeiterprcffe zu abonnieren und sich der politischen Organisation anzuschließen.— Hierauf wurde vom Delegierten Flemming das neue Regulativ der Gewerkschaftskommission vorgetragen und in allen Punkten erläutert.— Von einzelnen Rednern wurde Klage darüber geführt, daß verschiedene Firmen sich um die tarifliche Fahr- geldfrage herumdrücken und kein Fahrgeld bezahlen. Im Anschluß hieran weist die Bezirksleitung darauf hin, daß man derartige Be- schwerdcn nicht erst wochenlang herumschleppen soll, sondern dieselben sofort bei der Tarifüberwachuugskommission melden möge, die dann die Sachen regelt. Eine Anfrage, wie weit es mit dem Ausschluß der Arbeitswilligen bei der letzten Lohnbewegung stände, wird dahin beantwortet, daß die Verwaltung mit den Ausschlüsien nicht so ohne weiteres vorgehen könne, sondern erst eine ganz genaue Untersuchung vorausgehen müsse. Die Verwaltung werde in Bälde mit einer fertigen Arbeit vortreten. Weiter wurde noch betont,� daß die Kollegen, die vom Anfang und während des Streiks selbständig wurden, mit demselben Maße zu messen seien als wie die Arbeitswilligen. Auch möge der nächste Verbandstag der Vereinigung beschließen, selbständige Meister überhaupt nicht mehr als Mit- glieder aufzunehmen refp. zu sühren, denn dieses sei ein Zwitterding und strafe sich bei jeder Gelegenheit. Adlershof. Vom Dach herunter verhaftet. Ungewöhnliches Aufsehen ver- ursachte in der Feldherrenstraße in AdlerShof eine Verhaftung, bei der sogar die Feuerwehr requiriert wurde. Der Dachdecker M. aus Adlershof hatte sich vier Wochen hindurch der Verhaftung zwecks Verbüßuug einer vicrmonatigen Haft zu entziehen gewußt. Als er vormittags gemeinsam mit seinem Schwiegervater, und Schwager auf dem Dache des Grundstücks Feldherrenstr. 28 mit Teerarbeiten beschäftigt war. erschienen plötzlich drei Polizeibeamte und forderten M. auf. vom Dache herunterzukommen. Er leistete der Aufforderung jedoch keine Folge und zwar um so weniger, als noch eine Reihe anderer Straftaren gegen ihn schweben sollen. Da ihm die Mög- lichkeit gegeben war. auf drei verschiedenen Wegen vom Dache ent- fliehen zu können, erbaten die Schutzleute vom Amts- bureau Unterstützimg. Es erschienen darauf auch»och mehrere Beamte und mm war ein Entfliehen des Dach- deckers unmöglich. Aber vergeblich versuchte man den Eigen« sinnigen zum freiwilligen Herabsteigen zu bewegen. M. schwang auf dem Dache das Best hoch und drohte den Beamten, er werde sie, sobald sie sich nähern würden, sofort niederschlagen. Als dessen- ungeachtet ein Wachtmeister cgf das Dach hinaufstieg, ergriff M. einen Eimer mit kochendem?her, um die siedende Masse dem Beamten über den Kopf zu gießen. Da die Situation eine recht gefährliche war, näherte sich der Wachtmeister mit gespanntem Revolver dem Exzedenten. Schließlich fand man keinen anderen Ausweg, als die Feuerwehr zu requirieren. Inzwischen hatte sich unten einen gewaltige Menschenmenge angesammelt, die mit Spannung der Dinge harrten, die da kommen sollten. Beim Anblick der eintreffenden Feuerwehr aber besann sich M. eines Besseren und erklärte sich bereit, freiwillig vom Dach herunterzukommen. Die Ucberraschuug. Die Ehefrau des OO�Jahre alten Wäschers Richard Butsche aus der morgen nach Berlin, um eldherrnstr. IS in AdlerShof fuhr gestern ünkäufe zu besorgen. Kurz bevor sie sich auS"der Wohnung entfernte, äußerte der Ehemann zu ihr, er habe eine große Ueberraschung für sie, und wenn sie wieder heinikomme, werde sie sich wundern. Die so geheimnisvoll angedeutete lieber- raschung sollte eine furchtbare sein. Als Frau B. nachmittag? wieder in der Wohnung eintraf, fand sie ihren Mann am Türpfosten er? hängt vor. B. war bereits zur Leiche erstarrt. Aus welchem Grunde der alte Mann den Selbstmord verübt hat. ist für die Angehörigen völlig rätselhaft. Ariedrichshage«. Sonntag, den 20. August, veranstaltet das hiesige Gewerk- s ch a f t s k a r t e l l im Restaurant Tabbert(Hirschgarten) ein Volksfest, bestehend in Vokal- und Justrumentalkonzert, turne- rischen Aufführungen. Kunst- und Reigenfahren, Kinderbelustigungen. Unter Mitwirkung der Gesangvereine„Maiengruß" und„Sänger- grüß", des Arbeiterturnvereins„Vorwärts" und des Arbeiter- radfahrervereinS„Wanderer". Festrede: Genosse Sonnenburtp Anfang 2 Uhr. Eintritt 25 Pf., Tanz für Herren 50 Pf. Lichtenberg. Achtung, Parteigenossen! Am Donerstag den 23. August, abends 0 Uhr, findet im Lokal von Gürsch, Frankfurter Chaussee, Ecke Ruschcstraße, eine große öffentliche Gewerkschaftsversammlung statt. Tagesordnung: Partei und Gewerkschaft. Referent Genosse Kiesel. 2. Diskussion. Parteigenossen! In Anbetracht des aktuellen Themas darf kein Genosse fehlen._ Drewitz. Nicht gerade erzieherisch muß das eigentümliche Verhalten des Ortsschullehrers Vetter wirken, der eines schönen Tages nur auf müßigen Klatsch hin den neunjährigen Sohn des Maurers Otto Heinrich beschuldigte, bei dem Weichensteller Michaelis einen Diebstahl begangen zu haben. Als der so schwer beschuldigte Schüler dem Lehrer erwiderte, er habe nicht gestohlen, wurde der Lehrer so ergrimmt, daß er es als eine Frechheit bezeichnete und den Schüler so am Genick faßte, daß das Vorhemd zerriß. Die Mutter des zu unrecht beschuldigten und bestraften Schülers wandte sich persönlich an den Lehrer und stellte ihn in durchaus ruhiger Weise über dies Vorkommnis zur Rede. Der Lehrer be- stritt, sich an dem kleinen Knaben vergriffen zu haben, obgleich die Mitschüler das Gegenteil bekundeten. Der liebenswürdige Pädagoge machte indes kurzen Prozeß, indem er der Frau drohte. sie wegen Hausfriedensbruch zu verklagen. Auf die Beschwerde des Maurers Heinrich an die vorgesetzte Behörde wurde ihm der Bescheid, daß nach den„angestellten Ermittelungen kein Grund vorliege, gegen den Lehrer V. disziplinarisch vorzugehen". Die Ermittelungen können Anspruch auf Vollständigkeit sicher- lich nicht erheben. Es ist demnach einem Lehrer gestattet, einem Schüler die ehrenrührigsten Beschuldigungen anzuhängen. Er- kundigungeu bei dem angeblich bestohlenen Weichensteller haben ergeben, daß bei ihm überhaupt kein Diebstahl verübt worden ist. Fast könnte man annehmen, es handele sich um Schikanierungen eines Kindes, dessen einziges Vergehen darin besteht, daß der Vater Sozialdemokrat ist, denn sonst ist die grundlose Beschuldi- gung und Züchtigung nicht zu erklären. Daß ein solcher Lehrer von der vorgesetzten Behörde noch m Schutz genommen wird, ist wohl ein Vorkommnis, dessen man sich bisher nur in Ostelbiea erfreuen konnte._ Vcrrmfcbtes. WWW____ o____ pi____ /i um, mit einer Bretter vom Platze fahrend, in die Straße einbog, kippte der schiver Berantwortl. Redakteur: Carl Wcrmuth, Berlin-Rixdorf. Für den llnieratenteil verautw.: Xh. Glocke, Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Berlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW. Schäbigkeit einer amerikanischen Millionärin. Der Rechtsanwalt Dr. Cantor von Karlsruhe, der als Armen- anwalt der Hinterbliebenen des Werkmeisters Leßle von Rintheim fungiert, gibt der„Franks. Ztg." Kenntnis von der „Noblesse" einer Dollar-Millionärin, die typisch für die Herzlosig- keit dieser Gcldmcnschen ist. Am 3. September 1904 wurde der Werkmeister Ludwig Friedrich Leßle von Rintheim auf dem Heim- weg von der Gritznerschen Fabrik in Durlach, den er auf seinem Zweirad zurücklegte, von einem hinter ihm herrasendcn Automobil erfaßt und überfahren. Dieses Automobil war Eigentum der Frau Marie Adelaide Perkes, der Gemahlin des bekannten Straßenbahn- Millionärs Charles Th. UerkeS in New Aork. Die Eigentümerin faß selbst im Automobil. Das wahnsinnige, alles gefährdende Tempo, in welchem das Automobil daherraste, geschah also mit ihrem eigenen Wissen und Willen. Am Tage nach dem Unfall schickte Frau Perkes ihren Vertreter zu dem Verunglückten und ließ diesem. offenbar in ihrem Schuldbewußtsein, eine Abfindungssumme von 30 0 Mark auszahlen. Der Verunglückte, der den erlittenen Ver- letzungen wenig Bedeutung beilegte und selbstverständlich hoffte. mit dieser Summe seine Gesundheit wieder herstellen zu können. nahm dieselbe an. Die Unfallsfolgen stellten sich aber als sehr schwere heraus. Am 10. September 1904 erlag der Verletzte, der eine Milz- Zerreißung erlitten hatte, den Unsallsfolgen. Der Ver- letzte war 48 Jahre alt und hinterließ eine Witwe und drei un- mündige Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren. Frau Ferkes war auf Nimmerwiedersehen verschwunden, ebenso der Chauffeur, der das Automobil lenkte. Gegen ihn ist bei der Staatsanwalt- schaft das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet und Haftbefehl erlassen. Unabhängig von der dem Verunglückten bezahlten Entschädi- gung von 300 Mark und unberührt durch dieselbe, steht natürlich der Witwe und den Kindern des Verunglückten, denen durch das Verschulden der Frau Derkes der Ernährer entrissen wurde, ein selbständiger Schadenersatzanspruch gemäß§ 814 des Bürgerlichen Gesetzbuches zu. Ich habe zunächst für die Witwe und die Kinder des Verunglückten versucht, in gütlicher Weise durch Korrespondenz mit dem deutschen Vertreter der Frau Aerkes, der auch die Ab- findungssumme seinerzeit dem Herrn Leßle bezahlt hatte, die Zahlung einer angemessenen Entschädigung zu erreichen. Obwohl ich hierin bei dem deutschen Vertreter der Frau Derkes Unter- stützung fand und dieser der Frau Derkes hezw. deren ameri- kanischem Vertreter vorstellte, daß die Gewährung einer Entschädi- gung an die in Not und Elend zurückgelassenen Hinterbliebenen des Verunglückten nur dem Recht und der Billigkeit entspräche, weigerte sich Frau Derkes, etwas zu bezahlen. Ich habe darauf bei dem Landgericht Karlsruhe das Armcnrccht für die Hinterbliebenen des Herrn Leßle erwirkt und unterm 12. Februar 1900 ein Urteil erlangt, wonach Frau Perkes zur Zahlung des Ge- samtbetrages von 15 430 Mark an die Hinterbliebenen des Ver- unglückten verurteilt wurde. Frau Dcrkes, die im Dezember 1905 inzwischen von ihrem Ehemann etwa20MillionenDollars geerbt hatte, ließ das Urteil rechtskräftig werden und zahlte nichts. Ich habe mich an das amerikanische Konsulat in Mann» heim und an das deutsche Generalkonsulat in New Uork gewandt; von beiden Seiten fand ich bei meinen Bemühungen, Frau Derkes zu einer Zahlung zu veranlassen, liebenswürdigstes Entgegen- kommen und bereitwilligste Unterstützung. Die zwanzigfache Mil- lionärin ließ sich durch nichts zu einer Zahlung bestimi/>:n. Sie pocht darauf, daß das deutsche Urteil in Amerika nicht vollstreckbar ist, und daß bei der Vermögenslosigkeit der Hinter- bliebenen des Verunglückten für diese die Anstrengung eines Rechts- strcites in Amerika ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die zwanzig» fache Millionärin, die sich inzwischen wieder verheiratet hat und zurzeit meist in Chicago sich aufhält, zahlt nichts und läßt trotz aller Bemühungen die Hinterbliebenen des durch sie ums Leben ge- kommenen Werkmeisters Leßle in ihrer Not im Stich. Nachdem alle meine Bemühungen, wie dargetan, und wie sie durch meine Handaktcn bewiesen werden können, fruchtlos verlaufen sind, glaube ich. daß die Oeffentlichkcit ein Recht darauf hat, diesen Sachverhalt kennen zu lernen. Soweit Herr Rechtsanwalt Cantor. Er erhofft nur noch von einem Appell an die Oeffentlichkeit Hülfe. Wozu haben wir übrigens, bemerkt der„Karlsruher Volksfreund", dem wir die Notiz entnehmen, die amerikanischen Konsulate, wozu den viel- genannten und angeblich in Amerika so beliebten deutschen Bot- schafter Spccky v. Sternburg, wenn es nicht einmal möglich ist, eine amerikanische Dollar-Millionärin zu zwingen, den ihr durch ein deutsches Gerichtsurteil auferlegten Verpflichtungen nachzukommen! Ter vorliegende Fall ist wieder einmal geeignet, die unbedingte Herrschaft des Geldsacks in bengalischer Beleuchtung zu zeigen. Er verspottet Gesetz und Recht, Humanität und Menschlichkeit, weil er weiß, er kann sichs leisten. Herr Rechtsanwalt Dr. Cantor würde sich um das öffentliche Rcchtsbcwnßtsein ein Verdienst erwerben, wenn er wie bisher die Ansprüche seiner Klienten mit zäher Beharrlichkeit weiter verfolgte.