zir. 307. flbdntumcntS'Rtdinauflgn: kboiinements- PreiZ pränumerando: Lierteljährl. 3.30 Mk. nionatl. 1,10 Mk,. N'öchenllich 28 Pfg, frei in« Ha»«. Cinzclnc Ninniner S Pfg, Eonnlag«. nununer mit Wnitrierter SonnIagZ- Beilage.Die Neue Welt" 10 Pjg, Pöjt- ildonneiiient: 1,10 Mark pro Monat. Eingetrageil i» die Post-Zeitung«- Vrciziist«. Unter Kreuzband tvr Deutschland und Ocslerrcich- Ungarn 2 Mark, für das übrige«lusland 8 Mark pro Monat. Poslabonnement« nehmen an: Belgien, Dänemark, Holland, Italien. Luxemburg. PoNttgal. Rumämen. Schweden und die Schweiz, 23. Jal/rg. erlcheibl liglich ültlltk lklsntzg«. Verlinev Volksblnkt. vie Inseftlonz-Ledüfti' tekrägt für die sechsgespaltenc Kolonek« «cile oder deren Nauni Al Psg,, für politische und gewerlschastliche Vereins- und VersaminlungZ-Anzeigen W Psg. „kleine Anzeigen", das erste(sett- gedruckte) Wort 20 Psg,, jedes weitere Wort 10 Psg, Stellengesuche und Schlaf- slcllcn-Anzeigcn das erste Wort 10 Psg,, jede« weitere Wort 5 Psg. Worte über IS Buchstabe» zählen für zwei Worte. Inserate für die»ächsle Nummer müssen bis ä Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geüssuet. Telegramm-Sldresse: „Sozialdemokrat Rerlin". Zcntralorgan der fozialdcmokrattfcben Partei Deutfcblanda. Redaktion: 8M. 68, Lindenstraese-69. Svcriiiprcriicr:?li»t IV. Rr. Donnerstag, den 6. September 1906. Expedition: 8M. 68, Lindenstrasae 69. afcrnfltrcrfiCT: 9lmt IV. Nr. lOSt. Die Codesgeietze. (Russische Briefe.) Um den Mechanismus der fürchterlichen Höllenmaschine zu begreifen, mit der die selbstherrliche Tiktatur in Rußland arbeitet, muß man vor allem wissen, daß die Maßregeln der Vernichtung in„gesetzliche" und—„praktische" zerfallen Jene begründen sich auf das Prinzip der gesetzlichen Ungesetz lichkeit und stellen sozusagen ein System der Unterdrückung und des Totschlages dar, das zum Prinzip erhoben und in die Form des juridischen Reglements gekleidet ist. Hier tötet man nach Regeln, hängt mau nach Formeln, erschießt und quält man im Einverständnis mit den„strengen Vor schriften" des Gesetzes. Es versteht sich dabei von selbst, daß ein solches Gesetz dem administrativen Schöpfungsgeiste der Richter und Henker die„notwendige" Unbeschränktheit frei stellt. Bekanntlich bedient sich die vollziehende Gewalt in ganz Europa des Privilegiums des administrativeu Schöpfungsgeistes— hauptsächlich bei Ausrottung von Eigenwillen und Volksaufruhr, und Rußland steht in dieser Beziehung nicht hinter dem humanen, aufgeklärten und hd turellen Europa zurück. Tatsächlich kann man in Rußland Menschen auf fob gender Grundlage ohne Gericht töten: Die Regierung Hai das Recht, der friedlichen Bevölkerung den Krieg zu er klären und gegen friedliche Bürger die Offensive zu ergreifen. In solchen Fällen erklärt also der Zar oder einer der von ihm ernannten Oberbefehlshaber seinem Volke den Krieg. Das nennt man: Einführung des Kriegszustandes. Die russische Praxis hat aber dieses Gesetz noch in dem Sinne erweitert daß in dringenden Fällen verschiedene höhere Offiziere au, eigene Gefahr hin kriegerische Handlungen gegen das Volk unmittelbar eröffnen können, und die Verordnung vom 29. November 1993 ermächtigt alle Befehlshaber der ein zclnen Ortschaften, angefangen vom Brigadekommandeur, gegen die örtliche Bevölkerung den Krieg zu beginnen und diesen oder jenen Ort nach eigenem Ermessen als unter Kriegszustand stehend zu erklären! Es versteht sich von selbst, daß ein solcher Krieg von all dem begleitet wird, was nach den Prinzipien der zeitgenössischen Taktik und Strategie an gebracht erscheint.' Vor allem ernennt der„Ober"-Generalgouverneur oder der„Ober"-Befehlshaber eine ganze Reihe kleiner Generab gouverneurc, wobei er ihnen die unbeschränkte Macht und volle Freiheit der Handlung überläßt. Alle bürgerlichen Gewalten werden diesem„General-Beruhiger" unterstellt, und er legt der Bevölkerung Militärpflichten und Kontribu- tionen auf. Eine ganze Reihe neuer Gesetze wird verkündet, und der Feldzug gegen jede einzelne Ortschaft beginnt. Und hier muß man schon dem russischen Kriegsgericht Gerechtig kcit widerfahren lassen: es sind bei uns ganz neue Arten von Vernichtung„feindlichen" Eigentums und des friedlichen, schutzlosen Feindes erfunden! Auf einige von ihnen sei kurz hingewiesen: Allein das Erschießen läßt nicht weniger als fünf bis sechs Arten von Ermordung Unbewaffneter zu. Zum Massenmord durch Erschießen an Pfählen angebundener Menschen kommt jetzt hinzu das Jagdschießen auf laufende Menschen, denen man angeblich die Freiheit schenkt, indem man ihnen vorschlägt, nach Hause zu„laufe n". Als neue Form erscheint auch, daß man die Köpfe von Menschen, die man neben der für sie bereiteten Grube knieen läßt, von hinten mit Flinten und Revolvern herunterschießt. Natürlich ist dieses Schauspiel von erzieherischer Wir kung auf das Militär, weil der Anblick von sich über- schlagenden und in die Grube stürzenden kopflosen Menschen leibern kein anderes als ein frobes. kriegerisches Gefühl er- wecken darf. Das Schießen auf Fliehende wird übrigens oft von der Arbeit mit dem Bajonett begleitet, wobei schutzlose verwundete Menschen zerrissen werden. Das Erschießen einzelner mit Offiziersrevolvern bringt auch einige Ab- wechselung in die alte Methode. Schließlich ist noch zu er wähnen, daß Gehängte auf Befehl der Obrigkeit in An- betracht der erzieherischen Wirkung oft tagelang am Galgen bleiben, die Leichen der Erschossenen aber— zur Erbauung der Lebenden— den Hunden und Raubvögeln zum Fräße überlassen werden.— All das nennt man: Vollstreckung des Kriegsrecbtes an Verrätern und Aufwieglern laut der Ge- setze in Kriegszeiten, wobei natürlich die Richter sich am allerwenigsten um die Schuld oder Nichtschuld der Gerichteten bekümmern. Wie jeder so ist auch der russische Krieg gegen unbewaff- nete Leute mit der„notwendigen" Vernichtung des Eigen- tums der Bevölkerung verbunden, und es sind von der neuesten Praxis folgende Arten ausgearbeitet worden: Meistens wird da§ bewegliche Eigentum zugunsten der Heeresabteilung konfisziert und das unbewegliche Eigentum vollständig.oder teilweise eingeäschert. In manchen Fällen gebt die Konfiskation ohne Einäscherung vor sich. Dörfer- Werden an allen vier Ecken angezündet. Die feierlichste Art der Vernichtung von Privateigentum indessen ist unstreitig die Vernichtung durch Artilleriefeuer, wobei vorzugsweise Granaten zur Verwendung gelangen. Tie Konfiskationen werden noch durch Requisi- tionen für den Kriegsbedarf ergänzt. Die„Praxis" ver- steht„Kriegsbedarf" schon im weitesten Sinne, aber die kriegerischen„Beruhiger" verstehen darunter auch noch den Bedarf an weiblichen Körpern. Aus diesem Grunde mußten die besiegten Einwohner— wie es in Zentralrußlavd und an den Grenzen oft genug geschah— den Siegern eine be- stimmte Anzahl von Weibern zum Zwecke der Zerstreuung und der Belustigung stellen. Auf dem Kaukasus wurde die „Praxis" dadurch noch etwas erweitert, daß die siegreichen Truppen für ihre Ausschweifungen nicht nur Frauen, sondern auch Kinder benutzten, die von den guten Kosaken ver- gewaltigt wurden. Uebrigens, Krieg bleibt Krieg! Und wenn auch in diesem Falle nur der e i n e Partner kämpft und der andere sich ohne Streit und ohne Gegenwehr ergibt, so verringert das nicht im geringsten die Rechte der„Sieger". Gehen wir nun zu anderen Arten des Bürgerkrieges nach russischem Gesetz über. Diese Arten werden— nicht ohne einige tiefere Ironie— der„Zustand des verstärkten Schutzes" und der„Zustand des außerordentlichen Schutzes" genannt. Wenn beim Kriegszustand jeder russische Brigadegeneral berechtigt ist, den Krieg gegen die Bevölke- rung zu eröffnen und jeder Leutnant und Rittmeister zum Militärdiktator ernannt werden kann, so darf gar den„ver- stärkten Schutz" nicht nur Väterchen Zar oder sein treuer Minister des Innern eigenmächtig verhängen, sondern ganz willkürlich auch der Eisenbahnminister, ein jeder General- gouverneur, Gouverneur und Stadthauptmann!! Und wenn beim Kriegszustande der Gefangennahme der örtlichen Be- völkerung Kriegshandlungen vorangehen, so werden bei Ver- hängung des verstärkten Schutzes die Einwohner von vorn- herein wie in Gefangenschaft geratene Ausländer betrachtet, und die örtliche Zivilgewalt erhält unmittelbar die Rechte der Sieger in einem schon besiegten Lande! Auch hier be- steht wiederum die Hauptfunktion der Behörden in der AuS- rottung der Einwohner mit Hülfe von Kriegsgericht und Kriegsgesetzen. Dieses„Kriegsgericht" geht ohne über- flüssige Formalitäten vor und bedarf sogar der Beweise von der schuld des Angeklagten nicht. Einem selchen Gericht kann eine jegliche Person wegen jeglichen Verbrechens über geben werden. Kassationsklagen werden nicht zugelassen, die Todesstrafe aber ist vom Gesetz vorgeschrieben! Natürlich erweitern sich zugleich auch die gesetzgebenden und ausübenden Rechte der örtlichen Beamten, die gleichsam alle Generalgouverneure werden. Arreste, Ausweisungen Beschlagnahme von Eigentum, ebenso auch das Verbot jeden geselligen Lebens(einschließlich der Presse, der Versamm lungen und sogar des Besuches der Lehranstalten) � all das richtet' sich nach dem allweisen Ermessen der neugeschaffenen Gcneralgouverneure.� Und deren Maßregeln lassen nichts zu wünschen übrig. Eine Ortschaft, die unter den verstärkten oder den außerordentlichen Schutz gerät, wird bald m't Galgen bedeckt und die Gefängnisse füllen sich mit Auf wieglern. Mit Erfolg werden auch verschiedene Arten von Prügel und Tortur angewandt— sowohl v 0 r als auch während der sogenannten„Untersuchung". Diese Methode der Prüfung der Einwohnerseele zum Zwecke der Offenbarung ihrer Unschuld machte in letzter Zeit große Fortschritte. Zu den leichtesten Arten der Tortur gehört die Einkerkerung von 49 Menschen in einen Raum, der ursprünglich für einen einzigen bestimmt ist! Hierzu kommt sehr oft die Verab reichung von schädlichen, verdorbenen Speisen. Natürlich tritt da der Tod langsamer ein als am Galgen, und zwar nach so„natürlichen" Ursachen wie Tyvbus, Skorbut und Schwindsucht. Doch geht es auch schneller, wenn die Wahn sinnigen Aufwiegler einen Hungerstreik veranstalten, was in letzter Zeit eine alltägliche und allgemeine Erscheinung ge worden ist. Als nächste Maßregel kommt das Prügeln mit Fäusten und Nagaiken, das Treten am Boden Liegender oder da Schleudern der Gequälten an die Wand oder auf harte und scharfe Gegenstände. Das Nähren der Gefangenen mit ge salzenen Speisen unter Entziehung des Wassers ist schon eine fast ständige Maßregel geworden. Dazu kommt noch die Entziehung der ärztlichen Hülfe und das Erschießen der Ein gekerkcrten in ihrer Zelle. Bei den Bauern wird noch mit besonderem Erfolge das Durchpeitschen ganzer Dörfer an gewandt— von klein bis groß, ohne Unterschied des Alters und de? Geschlechtes. Beim„verstärkten Schutz" wird hauptsächlich eine offizielle Form der Vernichtung von Menschen angewandt, und zwar die Todesstrafe durch Erhängen. In wie weitem Maße sie angewandt wird, lehren die letzten Ereignisse. Es vergeht tatsächlich kein Tag ohne Vcrhängung von Todes- urteilen und ohne deren Vollstreckung. Da§ sind die russischen Todesgesetze. Sie be- herrschen das ganze weite Land, weil es kein Winkelchen mehr gibt, wo nicht verstärkter Schutz oder Kriegszustand prokla- miert wäre. Tausenden von Staatsräten und General- majoren, Polizeimeistern und Gendarmen, Kavallerieritt- meistern und Jnfanterieleutnants ist das Recht gegeben, alle diejenigen zu verurteilen, zu vernichten, zu quälen, die ihnen nicht gefallen. Rottenweise durchziehen bewaffnete Banden das ganze Land— von einem Ende zum anderen, und sie lassen hinter sich Hunger und Verwüstung. Tod und Ver- nichtung. Für diese wilden Tiere gibt es nichts Unantast- bares, nichts Heiliges: Kinder reißen sie aus den Armen der Mütter, Frauen und Töchter vergewaltigen sie vor den Augen der llbettvältigten Väter und Männer Todesgesetze! Und ringsherum die schwarze Masse eines stets wachsenden, stets mehr sich aufwühlenden OzeanS von heißem Menschenblut. Todesgesetze! Und ringsherum eine ganze Welt von Gespenstern, von weinenden und fluchenden, von räche- drohenden und um Erbarnien flehenden Gespenstern. Nur die Revolution wird an die Stelle dieser Konstitu- tion des Totschlags und der Verbrechen Gesetze des Lebens setzen. Die Bauern- und die Arbeiterrevolution wird Ruß- land vom selbstherrlichen Joche befreien. Die russische Nevolutiou. Ratlosigkeit. Trotz aller Prahlereien der RegieruiigSclique steht eS fest, daß in den Reihen der Burenulratie außerordentliche Ratlosigkeit herrscht. Alle Erwartungen und Berechnungen haben sich als falsch erwiesen und die Regierung sieht jetzt immer mehr ein, wie unklug sie ge- handelt hat, als sie die Gossudarstwennaja Duma ausloste. Sie glaubte damals, daß die Revolution völlig gebrochen sei und daß ein bißchen Terrorismus allein geniigen werde, das Land in„Ruhe" zu halten. Man erinnere sich nur, nnt welcher Freude und mit welchem Stolz die Regierungsbeamten auf die ersten Nach- richten hinwiesen, die von der„Ruhe" im Lande sprachen.— Man war schon fast sicher, daß alles gut ablaufen und daß der politisch verbrecherische Streich der Regierung keine weiteren schlimmen Folgen haben werde. Es kam aber anders: Sveaborg, Kronstadt, Brest-Litowsk, Sewastopol, die Attentate auf Stolvpin, auf Minn und auf andere Würdenträger, die immer wachsende Flut der Bauernbewegung— alles zeigte, daß die Regierung sich in der Stimmung der Bepölkerung verrechnet hat. Was aber soll geschehen?— Darüber weiß niemand etwas Gescheites zu sagen. Die Regierung selbst hat keinen festen Plan; sie wankt bald nach links, bald nach recht?, und wofür sie sich endlich entscheiden wird, daS ist vorläufig noch schwer zu sagen. Um irgendwie einen Ausweg aus der Sackgasse, in die sie geraten ist. zu finden, veranstaltet die Regierung jetzt eine außer- ordentliche Konferenz, an der sich die allerhöchsten Würdenträger Rußlands beteiligen sollen. Diese Konferenz soll über die folgenden drei Fragen ihr Urteil abgeben: I. ob es wünschenswert ist, zwecks Beruhigung des Landes die Duma möglichst bald einzuberufen! 2. ob eS für den jetzigen Moment zweckmäßig und notwendig ist, an den konstitutionellen Prinzipien des 17. Oktober weiter festzuhalten und falls nicht— wie die Aufhebung der konstitutioiicllen Garantien motiviert werde» müsse; 3. im Falle einer bejahenden Autwort.— ob eS für die Bildung einer regiernngsfrenndlichen Majorität der kommenden Duma zweckmäßig und iminschenswert fei, schon jetzt die von dem Ministerrat ausgearbeiteten Gesetzentwürfe zu verwirklichen.— *»" Petersburg, 5. September. Millionen gewesen, die selbst bei einer Volksabstimmting mit übergroßer Majorität bewilligt worden sein würden. Die Deckung dieser Ausgaben sei ja am g e r e ch» t e st e n durch eine R e i ch s e i n k o m in e n st c u c r auf» gebracht worden. Allein das Deutsche Reich sei ein Föde- rativstaat und die Bundesstaaten hätten gerade in der E i n k o m m e n st e u e r ihre e r g i e b i g st e und a b s o» lut notwendige Quelle zur Deckung ihrer Bedürfnisse Tie Schaffung eines Einheitsstaates wäre aber für Tentsch- land das größte Unglück. � Wir wollen mit Herrn Erzberger an dieser Stelle nicht darüber streiten, ob der Einheitsstaat tatsächlich für Deutsch- land ein so großes Unglück wäre, wenn sich nicht auch das Preußische Zentrum von so reaktionären Tendenzen beherrscht zeigte, wie sie Graf Strachwitz kürzlich mit so zynischer Offen- he i t geäußert hat. Aber Herr Erzberger vergißt, daß alle die von ihm erwähnten Aufgaben auch ohne neue Stenern sehr leicht hätten befriedigt werden können, wenn— von der neuen Flottenvorlage ganz abgesehen— nur die Kolonial- ausgaben gestrichen worden wären? Herr Erzberger selbst aber hat in seiner Schrift„Die Kolonialbilanz" die geradezu verbrecherische Verschwendung der vielen Hunderte von Millionen für unsere Kolonialpolitik so ausgezeichnet charakterisiert, wie sie besser auch von sozialdemo- kratischer Seite nicht gekennzeichnet werden könnte. Der Vergeudung dieser Unsummen für koloniale Zwecke brauchte nur ein Ende gemacht zu werden, um auch ohne einen Pfennig nencr Stenern alle die angeführten Knltnranfgabcn lösen zn können. Herr Erzberger, der unerbittliche Kritiker der Kolonialkorruption, besaß aber eben nicht die Konsequenz. sich gegen die Kolonialpolitik zu erklären! Er verlangt nur die Beseitigung der Kolonialkorruption— ein geradezu unmögliches Ding, das für unsere kapitalistische Politik nichts geringeres bedeutet, als die Quadratur des Zirkels— um dann die skrupelloseste Verschwendung von neuen Hunderten von Millionen gutheißen zu können. Herr Erzberger hat durch seine famose Rirdorfer Rede bewiesen, daß wir ihn von Anfang an durchaus richtig bc- urteilt haben. Er i st nichts als ein Werkzeug der Zentrumsdemagogie, das durch sein Auftreten der sozialdemokratischen Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen sucht, um dann desto eifriger für eine kolonialfreund- liche gouvernemcntale Zentrumspolitik propagieren zu können! Herr Erzberger hat in der Provinzprcsse die schärfsten Anklagen gegen den F ü r st e n B ü l o w als den O b c r st e n der K o r r u p t i o n s h e h l c r der Kolonialpolitik erhoben! Die führende Zentrumspresse, die„Germania" und die „Kölnische Volkszeitung", haben diesen Angriff ans diplomatischen Rücksichten trotz unserer wiederholten Anzapfungen unterschlage». Herr Erzberger diente also dem Zentrum dazu, sich in der Provinz als unerbittlichen Bekänwfer des Korruptionssystems aufzuspielen, um der eigentlichen Leitung des Zentrums die Möglichkeit.zu geben, mit der Regierung um so unverfrorener k n h- handeln zu können. Diese doppelte Buchführung ge- hört eben zum eisernen Bestand der die öffentliche Meinung in der plumpsten Weise übers Ohr hauenden Zentrums- dvmagogie. In der Provinz fährt Herr Erzberger daS gröbste Geschütz gegen die Regierung auf. um sich in der Reichshauptstadt als ebenso aalglatter Diplomat zu entpuppen wie Herr Spahn oder sonst einer der klerikalen Wadenstrümpfler! Herr Erzberger mag seine oppositionellen Clownsprnnge ruhig fortsetzen; wir werden das Volksvcrräterische seiner Temagogenkniffe bei jeder Gelcacnheit in das rechte Licht stellen!— Dcutfcbcs Reich. Ans der Schutztruppc. Nicht nur in der Kolonicilverwallung, auch im Offizierkorps der Schutztruppe scheint eS au allerlei RivalitätSstreitigkeitcn und gegen- seifigen Verdächtigungen nicht zu fehlen. Die„Tägl. Rundschan" weiß darüber zu berichten: „Als vor einigen Wochen der„Verl. L o k a l- A n z e i g e r" die Nachricht von der Verhaftung des Majors Fischer brachte, siigte er einen empfehlende» Hinweis ans den Nachfolger des Oberst Ohnesorg in der Leitung des Oberkommandos der Schutztruppe, den Oberstleutnant O u a d e, hinzu. Das klang, da man eine schwerwiegende Sckmld Fischers annehmen mußte, mir natürlich. Dann trat Oberstleutnant Ouade auch als Mitarbeiter des„Tag" auf. wogegen sich natürlich ebenfalls nichts sagen läßt, da er eS unter Angabe seines NamenS tat. Inzwischen sickerte auS der Untersuchung gegen Major Fischer soviel durch, daß sie vielleicht gar keine Handhabe zur Erhebung der gerichtlichen Anklage bieten würde, daß der Verhaftete wahr- scheinlich nur wegen imerlaubten Schnldeiimachens den Abschied bekommen kann. Da wurde plötzlich die Ocffentlichkeit durch eine neue Enthüllung des„Lokal-Anzeigers" erregt. Sie hatte folgenden Wortlaut: „Uns zugehende Nachrichten weisen darauf hin. daß außer Major Fischer auch noch andere Offiziere der Schutztruppe in einem engen frcimdschafllichen Verhältnis zn Herrn von Tippels- kirch gestanden haben, daS Beziehungen zur Folge hatte, welche zu nicht wünschenswerten Kreditgewährungen führten." Wir bezeichneten die Meldung damals als üblen Klatsch, weil wir ihre Quelle noch nicht ermitteln konnten Heute aber stellen «vir fest: die Meldung st a n, m t e von Oberstleutnant Ouade. Zugrunde aber lag ihr nur die Tatsache, daß ein Offizier, der dienstlich mit der Firma Tippelskirch nicht das mindeste zu tun hatte, dem Herrn von Tippelskirch Geld schuldete. Der Fall liegt demnach so, daß ein militärischer Vor- gesetzter über rein private Verhältnisse seiner Untergebenen, die auf dienstlichen, Wege zu s e i n e r K e n n t n i s g e k o n, m e n sind, h e i n, l i ch einer Zeitung Mitteilung gemacht hat. Um uns nicht einem„Dementi" auszusetzen, fügen wir hinzu, daß die„Nach- richt" dem„Lokal-Anzeiger" zunächst von anderer Seite zu» gegangen war. daß Oberstleutnant Ouade aber ihre Ver» öffentlich ung veranlaßt und ihre Fassung fest» gesetzt hat. Mustergültige Verhältniffe.— Strasicnkrawall in Frankfurt n. M. In Frankfurt a. M. haben am Dienstagabend sich tumul- tuarische Szenen abgespielt, deren Ursache und Verlauf sich»ach Ltn-�r-herigen Meldungen nicht mit Sicherheit erkennen läßt. Das »Wolffschc Bureau" meldet: „Gestern abend fanden in der Altstadt große Ausschreitungen -statt. Ein anscheinend trunkener Bettler wurde aus einem Gc- schäfte in der Schnurgasse hinausgcwiesen und fiel hin, dabei verletzte er sich. Die Volksmenge ergriff Partei für den Bettler, demolierte die Scheiben des Geschäfts und nahm eine drohende Haltung an. Die Schutzleute waren gegenüber der immer mehr anwachsenden und lärmenden Menge machtlos, weshalb schließlich über 100 Schutzleute'.ja. ufgeboten wurden, die mit blanker W a s f c � i e Schnur- g a s s e und die angrenzenden Gassen säuberten und absperrten. Ein Schwerverletzter wurde ins Bürger- Hospital gebracht; mehrere Leichtverletzte wurden von der Rettungs- wache behandelt. Zahlreiche Verhaftete wurden nach Feststellung der Personalien freigelassen." Etwas anders lautet der Bericht der„Franks. Ztg.": „Etwa um 8Vt, Uhr trafen aus allen Revieren Schutzleute Zu Fuß und Pferd, Wachtmeister und Kommiffare, in der Gegend am Licbfrauenbcrg ein. lieber hundert Mann an der Zahl, besetzten sie die Ausgänge der Schnurgasse, die blanke Waffe in der Hand, den Helm mit dem Sturmband be- festigt. Nach kurzer Zeit waren die Straßen leer und jeder Vorübergehende wurde mit kurzen, aber nachdrücklichen Worten zum Weitergehen aufgefordert. Die erstaunten Passanten, die nach der Ursache des Aufgebots fragten, erhielten zur Antwort: „Es ist L a n d f r i e d c n s b r u ch vorgekommen, hier darf niemand durch!" In der Tat durften nur Leute, die sich als Bewohner der gesperrten Straßen'auswiesen, den eisernen Ring passieren. Ten Befehl führte Polizeiinspektor Hensel, der ebenso wie Regierungsrat Mahrcnholz in Zivil an- wcsend war. Immer wieder bildeten sich an der Grenze der Ab- sperrung Menschenansammlungen, die aber vor der Schutzmannschaft zurückwichen, sobald diese ernsthaft vorzugehen drohte. Man begnügte sich mit Lärmen, Schreien und Johlen. . Gegen 11 Uhr war die lliuhe soioeit hergestellt, daß ein Teil der Beamten zurückgezogen werden konnte. Aber ein starkes Auf- gebot blieb für alle Fälle an Ort und Stelle zurück. lieber die Ursache der Ruhestörungen meldet ein Bericht- crstattcr: Ein Hausierer machte abends nach 8 Uhr in der Eier- Handlung von Waltuch in der Schnurgasse Lärm. Ter Laden- besitzer forderte ihn zum Gehen auf und ließ ihn schließlich vor die Türe setzen. Da der Mann— ein anderer Berichterstatter meldet, der Hausierer habe einige Verletzungen davongetragen— drohende Reden führte, wurde die Polizei benachrichtigt. Ein hinzugekommener Schutzmann wurde von der Menschenmenge, die sich rasch angesammelt hatte, verhöhnt und sogar angegriffen. Nicht besser ging es einem zweiten Schutzmann, der seinem Kol- legen zu Hülfe kam. Die Altstadt ist um die Zeit nach 8 Uhr sehr belebt. So sammelte sich rasch eine starke Menge an, die für den Hausierer Partei nahm. Eine Scheibe des Eicrladcns ging in Trümmer. Die Schutzleute benachrichtigten das Revier, das sich hülfesuchcnd an das Polizeipräsidium wandte. Dort wurden sofort„Maßregeln für alle Fälle" getroffen und das stärkste Aufgebot cntsaitdt. Tic Schutzmannschaft, die, so wird weiter gemeldet, in Be- drängnis geriet— unter der Menge befanden sich viele schlimme Elemente—. machte in einzelnen Fällen von der blanken Waffe Gebrauch. Die Zahl der Verwundeten läßt sich im Augenblick nicht feststellen. Die meisten Verwundungen scheinen leichter Natur zu sein. Aber auch von einer schweren Verletzung wird uns berichtet. Ein Mann, dessen Namen noch nicht bekannt ist, Ivurdc von der Rettungswache ins Krankenhaus gebracht. Er hatte Säbelwunden am Leist und im Nücke», die lebensgefährlich scheinen." Es muß abgewartet werden, inwieweit der Bericht seine Ac- stätigung findet. Daß sich die„Menschenmenge" ohne jeden Grund angesammelt und zu Angriffen übergegangen sein soll, erscheint wenig glaubwürdig. Sollte vielleicht provokatorisches Austreten des Schutzmannes dazu den Anlaß geboten haben? Eine treffende Charakteristik. Die„Bresl. Ztg." beschäftigt sich in einem„Das ChaoS" Wer- schriebenen Artikel mit den verworrenen politischen Verhältnissen Deutschlands und gelangt dazu, zu einem wesentlichen Teil dafür, daß sich„die Struktur des preußischen Staates" seit 1848 wenig geändert hat, die Feigheit des Bürgertums verantwortlich zu machen: „Unserem Bürgerstande fehlt es an berechtigten» Selbstgefühl. Ein Mann wie Herr Paaschc, der als Persönlichkeit und als Vizepräsident des Reichstages Grund genug hat, sich allermindestens mit jedem Minister auf eine Stufe zu stellen, ambiert einen belanglosen Kolonialposten, fragt bei Krethi und Plethi an, ob dieser ihm wohl gewährt werden würde, und blamiert damit sich selbst und die uationalliberale Partei, die ja allerdings in bezng auf Blamagen nicht mehr empfindlich ist. Wir sehen also auf der einen Seite das Versagen derjenigen Männer, die zur Führung berufen sind, auf der anderen Seite das Fehlen passionierten Interesses, politischer Opferwilligkeit und berechtigten Selbstbewußtseins, ohne welches das Bürgertum die ihm ge- bührende Stellung niemals erreichen wird." Bezüglich der Qualitäten des Herrn Paasche sind wir anderer Meinung als das freisinnige Blatt, gegen feine Beurteilung des liberalen Bürgertums haben wir jedoch nichts einzuwenden.— Behinderung der Presse. In Planen i. B. ist das neue Amtsgerichtsgebände seiner Be- stnnmung übergeben worden. Es weist in seiner Einrichtung alle Errungenschaften modernen Komforts ans. Besonders zeigt der VerhaudlungSfaal des Schöffengerichts eine gediegene Ausstattung. Aber ein B e r i ch t e r st a t t e r t i s ch ist nicht vorhanden. Als sich die Vertreter der Presse an den Gerichtsdicner wegen Be- schaffuug eines Tisches ivandten, erhielten sie zur Antwort, daß für die Berichterstatter der Presse ein Tisch vom sächsischen Justiz- Ministerium nicht genehmigt worden sei, es sei auch keiner da. Die Erkundigung an maßgebender Stelle ergab, daß das Justiz- Ministerium einenTisch fiir die Presse„aus Sparsam- keitsrücksichten" gestrichen hat.— Das beleuchtet so recht die Nichtachtung, die der Presse gegenüber herrscht, zeigt aber auch, welch rückständige Anschauungen in RegicrungSkreisen Sachsens herrschen. Auch in Chemnitz befindet sich nur im Schwurgerichtssaale, der jährlich viermal benutzt wird, ein Tisch für die Presse; in einem Strafkammersaal ist ein unzulänglicher, ganz schmaler Tisch, in den zwei anderen und in den zwei SchöffengerichtSsälen fehlt jede Schreibgelegenheit, die auch auf wiederholt gestellte Bitte nicht be- schafft ivorden ist. Die Vertreter der Presse müssen sich dadurch behelfen, daß sie ihre Notizen auf dem auf dein Knie aufgelegten Schreibblock machen, vorausgesetzt, daß noch ein Plätzckjen in dem zun» Teil recht beschränkten Zuhörerranin ftei ist. Wird mal die Oeffentlichkeit ausgeschlossen, so kann der Berichterstatter sich in den Korridoren herumdrücken oder aus die Straße gehen, denn ein Aufenthaltöraum für die Vertreter der Oeffcntlich- keit ist ebensowenig vorhanden. Eine Justizvcrwaltimg, die aus.Sparsamkeitsrücksichten" die Preßberichterstattung erschwert und damit die Oeffentlichkeit erschwert, muß den Verdacht rege machen, daß eine Berichterstattung über die Verhandlungen ihr miß- bchagt. Nur eine gute Justiz scheut das Licht der Oeffentlichkeit nicht, einer schlechten tut die Oeffentlichkeit besonders not. Eine der elementarstcn Forderungen gerechter Rechtsprechung ist volle Oeffentlichkeit. Durch die dargelegte Beschränkung der Oeffentlichkeit wird von der sächsischen Juslizverloaltung zugestanden. daß_ die sächsische Justiz und Gerechtigkeit zwei durchaus verschiedene Dinge sind. Dies unfreiwillige Bekenntnis ist gewiß recht schätzenswert. Um so auffallender ist es, daß die justizministerielle Selbstkritik nicht dazu gelangt, die Jusiizpflegc zn verbessern, sondern eine der Ivesentlichsten Garantien fiir eine unparteiische Rechtsprechung, die volle unbehinderte Oeffentlichkeit, zu vermindern. Die geschilderte Be- Hinderung der Presse„aus Sparsamkeit" verstößt zwar nicht gegen den Wortlaut, aber gegen den Sinn des Gerichtsversassnngsgejetzes, das� Oeffentlichkeit der Verhandlungen verlangt. Das Wesen der Oeffentlichkeit von Gerichtsverhandlungen besteht nicht darin, daß bei Skandalprozessen ein paar sensationslüsternen Dänichen der„guten Gesellschaft" Gelegenheit zum Nervenkitzel verschafft wird, sondern daß die� Presse ungehinderten Zutritt zu den Verhandlungeil hat, und daß ihre Aufgabe, über die Verhandlungen zu berichten, ihr nach Möglichkeit erleichtert lvird. Ein Ministerium, das„ans Spar- samkeit" die � Berichterstattung erschwert, verstößt gegen eine der fiir den Jnstizfabrikbetrieb so dringend notwendigen UnfallvcrhütungS- maßregeln. Naumaim ,»»b der Leipziger Verein deutscher Studenten. Von einem Teil der agrarischen Presse, besonders der„Deutschen Tages- zeitung", ist in letzter Zeit der Leipziger Verein deutscher Studenten mehrfach aufgefordert worden, das Mitglied der Frei- sinnigen Vereinigung Friedrich Naumann wegen seiner politischen Meinung auszuschließen. Jetzt ist Naumann tatsächlich gcgasigen. Das„Leipziger Tageblatt" enthält folgende Mitteilung: „Durch Ereignisse der letzten Zeit hat sich unser Alter Herr v. Friedrich Naumann veranlaßt gesehen, auf seine weitere Zu- gehörigkcit zum Kyffhäuserverbaud zu verzichten. Indem wir der Bitte unseres Alien Herrn D. Naumann, aus unserer" Alten- Herrenschaft gestrichen zu werden, nachgeben, lassen wir keinen Geringen von uns scheiden. Wir werden O. Friedrich. Zkaümann die Verdienste, die er am Zustanöcköminen des. Kyffhauscrvcr- bandcs hat, nie vergessen können! Verein'Deutscher Studenten zu Leipzig. Hubert Simon,, jur., F X. Leipzig, den 4. Scp- tcmber 1000.""..'~'' Rathauskrieg in Nürnberg. Der erste Bürgermeister der Stadt Nürnberg, Herr v. Schuh, hat es mit dem dortigen Rathausl iberalismus, der bisher zu ihni wie zu einem Götzen aufblickte, gründlich vcr- darben. Er hat nämlich vor kurzem ein dickes Werk herausgegeben: „Nürnberg im Jubeljahr 1906", eine Art Festschrift zur Jahr- hundertfcier der Einverleibung der Stadt Nürnberg in Bayern. In dem Buche sagt er seine Ansichten über mancherlei Dinge, u. a. auch über die Frage der Hinzuziehung der Sozialdemokratie zu den Gemcindewahlen. Er meint, die Sozialdemokratie erhebe mit einem gewissen Schein des Rechts den Vorwurf, daß ihr die Teil- nähme an dem Gcmcinderegimcnt von der jetzigen Nürnberger Stadtverwaltung verwehrt werde. Er selbst stehe seit Jahren auf dein wiederholt ausgesprochenen Grundsatze, daß man auch Vertreter der Arbeiter, und zwar ohne Rücksicht auf ihre Zugehörig- keit zur sozialdemokratischen Partei in die städtischen Kollegien wählen solle; die Fcrnhaltung von Vertretern der sozialdcmokrati- scheu Partei sei weder begründet noch wünschenswert. An einer anderen Stelle werden den Herren Kollegen sehr bittere Pillen zu schlucken gegeben, indem behauptet wird, die Beschlüsse der städti- scheu Kollegien kämen nicht immer aus sachlichen Erwägungen zu- stände, vielmehr spielten oft persönliche Neigungen, Eifersucht auf die Erfolge anderer, Eitelkeit, Partcirücksichtcn usw. eine Rolle. Diese.wenig schmeichelhafte Charakteristik der liberalen Stadt- Parlamente durch ihren obersten Herrn und Meister wird von den liberalen Stadtvätcrn sehr übel empfunden. Nachdem man sich Pom ersten Schrecken erholt hatte, entschloß man sich entrüstet zur Ab- wehr. Am Dienstag nahmen Magistrat und Gcmeindekollcgium einstimmig eine Erklärung an, in der es heißt, daß bei allen Beschlüssen nicht Eitelkeit, Eifersucht, persönliche Neigungen usw. den Ausschlag gegeben hätten, sondern man habe sich stets nach bestem Wissen und Können von den Rücksichten auf das Allgemein- wohl und das Gedeihen der Stadt leiten lassen. Was die Sozial- dcmokratcn anbelange, so habe der Bürgermeister nie Anträge gestellt, die, sei es durch Ermäßigung der Bürgerrechtsgcbühr oder durch Einführung von Bezirkswahlen die Wahl von Sozialdemo- traten hätten ermöglichen können, vielmehr habe er sich wiederholt gegen die von anderer Seite gestellten Anträge dieser Art ablehnend verhalten. Die Erklärung ist ein Mißtrauensvotum in aller Form gegen den bisher allgewaltigen Bürgermeister, der fern von Nürnberg weilt. Zwar wird er sich sicher wehren, aber mit seiner Bürger- Meisterschaft ist es vorbei. Er hat es nicht mehr nötig. Der Rat- Hausliberalismus hat ihn, indem er ihn ans einer kleinen Provinz- stadt holte und an die Spitze der Stadt Nürnberg berief, zum großen Manne gemacht. Er hat das Ziel seines ehrgeizigen Strcbens erreicht, ist zu Titeln und Ehren aller Art gelangt, der Freund„allerhöchster" Herrschaften geworden, nun braucht erden Nürnberger Rathausliberalismus nicht mehr und appliziert ihm einen kräftigen, wohlverdienten Fußtritt.— Die Religion für das Volk. Ein auffallender Unterschied besteht im Großherzogtum Hessen bei der Vereidigung von Lehrern. Die provisorisch angestellten Volksschullehrer haben bei ihrem Dienst- antritt eidlich zu geloben, stets„einen g o t t e S f ü r ch t i g e n, christlichen Sinn und Wandel z» betätigen", während die provisorisch angestellten akademisch gebildeten Lehraints-Akzessiston und Assessoren nur eidlich zn versprechen brauchen, die ihnen obliegenden Pflichten nach bestem Wissen und Gewissen zn erfüllen. Also die Lehrer fiir die höheren Lehranstalten werde» nicht aufs Christentum verpflichtet, nur die VolkSschnllchrer. Den Minderbemittelten muß die Religion erhalten bleiben, für die oberen Zehntausend ist das nicht mehr so notwendig. Der „höhere" Lehrer kann, ohne seinen Diensteid zn verletzen, Freidenker oder Dissident sein, der Volksschnllehrer ist eidlich verpflichtet,„gottes- fnrchtig" zn sein und zu bleiben. Huöland. Schweiz. Das Verbot der Teinonstratioiisumzüge vor dem Züricher Großen Stadtrat. Zürich, 2. September.(Eig. Ber.) Das Verbot der Demonstratiönsnmzügc der Arbeiterschaft be- schästigte den Großen Rat in seiner gestrigen Sitzung. Tic sozial- demokratische Fraktion hatte folgende Interpellation an den Kleinen Stadtrat gerichtet:„Welche Ursachen haben den Polizcivorstand- Stellvertreter und den Stadtrat veranlaßt, das Abhalten von Dcmonstrationsumzügcn zn verbieten, und auf Grund welcher Be- ftimmungcn haben sie diese Verfügungen erlassen?" Die Jntcr- pcllation begründete unser Genosse Pfistcr, indem er erst die bekannten Vorgänge in Zürich schilderte und sodann konstatierte, daß bisher noch alle von der Arbeiterunion veranstalteten Demo»- strationsumzüge und-Kundgebungen ordnungsgemäß verlaufen seien. Schon deshalb lag kein Grund zn. dem Verbote vor, das das Klassenregiment in aufreizender und verbitternder Form zum Bewi:ßtsein brachte. Ter Stadtpräsident Pestalozzi beantwortete die Interpellation nach der bekannten Schablone. Tie Demonstrationen mußten verboten werden, weil die vorgeschriebene polizeiliche Bewilligung dafür nicht eingeholt worden, sodann, weil sie„gefährlich" waren. Der Massenspaziergang in der Bahnhofstraße mußte„im Hinblik auf die Frcmdenwclt", d. h. auf die Welt der reichen Fremden, verboten werden; denn es hätte daraus ein unberechenbar großer moralischer Schaden für die Stadt Zürich entstehen können. Trotz- dem protestierte er gegen das Wort„Klassenhaß". Die weiteren Ausführungen bildeten eine wirklich nur vom tiefsten Klasienhaß erfüllte Anklagerede gegen die organisierte Arbeiterschaft, ins- besondere gegen die Arbeiterunion, die allein an allem schuld sei, was in Zürich vorgekommen ist. Kein Wort des Tadels gegen das fanatische Unternehmertum, das in seiner gewalttätigen Herrsch- und unersättlichen Habsucht die wirkliche und alleinige Schuld an der Verschärfung der Klassengegensätze trägt und ja si>sir� das städtische Einigungsamt moralisch mißhandelt und mit Füßen ge- treten hat. ' Die koinpakt« bürgerliche Majorität des Große» Stadtrats stellte sich auf denselben brutalen kapitalistischen Klassenkampf- standpuntt, sie lehnte mit Sö gegen 42 Stimmen die Di s k u s s i o n ab und verhinderte also die Arbeitcrvertreter, auf die unbegründeten haßerfüllten Anklagen des Stadtobcrhauptcs zu ant« Worten. Tie Verschärfung der Klassengegensätze geht also weiter. i England.- Der 39. Kongreß der englischen Gewerkschaften. Nachdem am Soimtäg verschiedene große Meetings stattgefunden hatten,"in denen''«. aXnbcr- öie'WohjüliigSfräge verhandelt wurde, ist der Kongreß am Montag in der St. GeorgS-Hall eröffnet worden. Wie üblich, war der Lordmahor erschienen und begrüßte im Namen der Stadt die Delegierten. Short antwortete im Namen des Empfangskomitees. Er bemerkte u. a., daß es viele gäbe, die, nach- dem die Arbeiterpartei gegründet sei,' die GcwerlschafkSkvngrcsse für überflüssig hielten; er sei nicht dieser Ansicht, sosidern die Gcwcrk- schaftskongresse seien notwendig als eine„Anregung" für die ganze Bewegung im' Lande. �., Hervorzuheben ist die diesmalige, starke Beteiligung der Arbeite- rinnen. So haben die Telephonistinnen, Teepackcnnnen, Flachsspinnerinnen Delegierte entsandt und auch für einige andere Gewcrk- schaftcn, wo Männer und Frauen zusammen organisiert sind, sind Frauen delegiert.— Auf der'Tagesordnung deS Kongresses steht eine ganze Reihe sozialpolitische Anträge und Resolutionen, so zu den Fragen: Schiedsgerichte; Achtsinndeiitag. Arbciterschntz, Altcrs- pensionen, Arbeitslosigkeit, Minimallohn usw. Die eigentlichen Vcr- Handlungen begannen erst am Dienstag.�— Die„Voss. Ztg." erhält folgenden Eig. Drahtbcr.: London, o. September. Der Kongreß der Gelverkvereintz nahm den'von sozialistischer Seite vorgelegten Antrag mit 73(5 gegen 543 Stimmen an, daß der parlamentarische Ausschuß eine Besprechung zwischen den beiden Fraktionen der Arbeiterpartei veranstalte, um deren Verschmelzung anzu- streben._ Gewerkfcbaftlkbes. Ter Klasscnstaat. Im Laufe der letzten Monate sind von den Magdeburger Gerichten eine Anzahl Streikprozesse verhandelt' worden, bei denen insgesamt 34 Monate Gefängnis und 85 M. Geld- strafe über die Angeklagten verhängt worden sind. Unter Anklage gestellt wären 38 Kutscher, 2 Kutscherfranen und 2 Kinder. Freigesprochen wurden 7 Angeklagte. Verurteilt wegen Mißhandlung und' Sachbeschädigung wurden<5 Personen, wegen Beleidigung 23 Personen, darnuter 2 Frauen und 2 Kinder.' Bei all diesen Prozessen ist nichts von den Schauer- geschichten über'Rohcitsakte und Gcwalttateil der Streiken- den, von denen die bürgerliche Presse während des Kutscher- strciks voll war, erwiesen worden. Tie einzige Gewalttat bei diesem Streik ist v o n. eine m Zl r b e i t s w i l l i g e n verübt worden, der einen an dem Streik gar nicht beteiligten Hafenarbeiter ohne irgend einen Anlaß n i c d e r s ch o ß. Dieser mordende Streikbrecher wurde aber vom Gericht wegen vermeintlicher Notwehr freigesprochen. Dagegen dienten bei den Streikenden die.geringsten Entgleisungen, Worte wie „Streikbrecher".-„schämt Euch, Arbeitswittigcndienste zu tun", dazu, um sie auf Monate ins Gefängnis zu bringen. Eine Kutschersran, deren Mann mit streikte, erhielt 14 Tage Gefängnis zudiktiert, weil.sie einem Streikbrecher aus dem Fensler- ihrer Wohnung zurief:„Ihr Streikbrecher solltet Euch schäinen". 2 Kinder im Alter von 12 n»d 13 Jahren erhielten.se. 13 M. Geldstrafe, weil sie auch den Arbestswilligcn das Wort„Streikbrecher" zugernsen haben sollen!.. 4 Jahre lind 6 Monate werden aus dem Leben der 33 zu Gefängnisstrafe» verurteilten Streitsünder ans- gelöscht, deshalb ausgelöscht, weil Richer über sie. zn Gericht saßen, dir eine ganze Welt von ihnen trennt. Sich in den Scelenzustand eines Arbeiters hineinzudenken, den der Hunger, brutale Behandlung und wahnsinnig lange Arbeits- zeit in den Streik getrieben hat, ist den heutigen Richtern unmöglich, Fremd, ablehnend und verständnislos stehen sie dem'Ringen der' Arbeiterklasse nach einer höheren Lebens- Haltung gegenüber. Sie urteilen mir nach' dem Buchstaben der Gesetze, die die Reichen zum Schutze ihres Eigentums uud 'zur Knebelung der Arbeiterklasse erlassen haben. In dem Streikenden erblicken die Richter nicht den Menschen, der um sein Reckst kämpft, sondern den Empörer, der sich gegen die Ordnimg der Tinge'im Gegenwartsstaate aufgelehnt hat, und deshalb empfindlich bestraft werden muß. Inr Befestigung der heutigen Ordnung der Dinge dienen solche Urteile nicht, das mögen sich die Herren gesagt sein lassen, sondern sie verkünden weit eindringlicher gls es' Worte vermögen, daß der heutige angebliche Rechtsstaat ein Klassenstaat ist, eine Institution zum Schutze der privat- kapitalistischen Wirtschaftsweise. Berlin und Umgegend. Zum Streik der Kohlenarbeiter. Fiir den starken Besuch der Versammlungen der Streikenden haben diese jetzt ein amtliches Zeugnis. In der Versanim- limg am MiUwochmorgcn im großen Saale des Ecwcrlschaftshanscs erklärte der überwachende Beamte, daß der Saal überfüllt sei und weiterer Zudrang nicht gestattet werden könne. Es kostete Mühe, die Gänge freizuhalten und viele»mißten mit Stehplätzen zufrieden sein. Es sind jetzt 1280 Streikende beisammen I— Bei solcher Zahl Ivill es gar nichts bedeuten, wenn einzelne abtrünnig werden; es wurde konstatiert, daß in den letzten Tagen einige Kutscher, acht Mann, die Arbeit wieder aufgenommen haben. Die Behauptung der Großhändler, daß der Streik „erledigt" sei, wir eS im„Berliner Tageblatt" hieß, ivirkt dagegen lächerlich. In ihren Bemühniigen, Streik- brcchcr zu gewinnen, nehmen die Unternehmer zu allerlei Mitteln ihre Zuflucht. Palen und Galizier werden herbei- geholt. Aber diese Leute können die Arbeit selten zur Zufriedenheit ihrer Arbeitgeber ausführen. Da kamen in diesen Tagen 25 bis 4V Galizier an, blutjunge Leute, die unter großen Versprechungen fiir Bauerngüter in Thüringen engagiert waren. Dort ab.« wurden die Versprcchnilgeii glicht gehalteii; sie erhielten schlechtes Essen und wurden wie die Hunde behandelt, sogar die Peitsche spielte eine Rolle dabei. Sie liefen davon, nach Berlin, wo sie auf K o h l e n p l ä tz e n Stellung fanden. Als ein Trupp von fünf Mann nahe Schöneberg einen Schutzmam» nach dem Österreich» ungarischen Konsul fragte, gab er den Leuten den Rat, sich nach einein nahegelcgencii K o h l e n p l a tz c zu begeben. Die Galizier, die auf Kahlenplätzen Stellung fanden, werden dort verköstigt und erhalten auch Schlasstätten, z. B. in Waggons; sie' haben keine Papiere, bleiben aber von der Polizei unbehelligt. Etwa zehn Mann wurden nach dem Bureau des Zentralverbandcs gebracht. Sie machten einen jämmerlichen Eindruck. Einige hatten schlimme Augen; alle sind niedergeschlagen, mittellas, zerlumpt, der deutschen Sprache nicht«nichtig und froh, daß der Verband sich ihrer annimnit und sie nrit dem Konsul ihres Landes in Verbindiing bringen will. Das sind„lästige Ausländer", um welche sich die Polizei aber nicht kümmert. Sie wurden in die Versammlung der Streikenden geführt, wo man sie niit Mitleid betrachtete. Wie wenig Glück die Unternehmer mit ihren herbeigeholten Etreikbrechern haben, zeigen noch manche andere Vorfälle. Es war bekannt gelvorden, daß von Hamburg 300 Arbeitswillige kommen sollten, und zwar nach den Plätzen am Görlitzer Bahnhof.. Sofort war die Streikleitung tätig, und am Görlitzer Bahnhof wurden verstärkte Posten ausgestellt, aber die Erwarteten kamen nicht; die Anwerbung in Hamburg muß wohl auf Widerstand gestoßen sein. Am Hafen vor dem Potsdamer Tor wollte die Firma Rosen- t h a l eine Kohlenladung von Leuten, die aus Herbergen geholt waren, löschen lassen: die Leute plagten sich fürchterlich, kamen aber mit der Arbeit nicht zustande. Unter dem zuschauenden Publikum befanden sich auch Streikende, die von einem Schutzmann ganz freundschaftlichst gefragt wurden, ob sie nicht helfen wollten,— um sich einige Groschen Geld zu verdienen. Die Gefragten erkundigten sich ebenso freundlich nach den näheren Umständen und„ob man sich auch schwarz mache" bei der Arbeit, worauf der Schutzniann wütend abzog. Auf einer Wache in Moabit wollte man einen Streikposten fest- halten und der Wachtmeister räsonnierte gar schneidig über die streikenden Arbeiter: er weigerte sich, den Verhafteten nach Fest- stellung seiner Personalien ziehen zu lassen. Dieser protestierte energisch und setzte es auch durch, daß er entlassen wurde. Ein Arbeitswilliger der Firma S ch i e b e l erzählte in der Versanintlung der Streikenden, daß er mit der Droschke nach dem Kohlenplatz fahren konnte, wo man ihm 4 M. pro Tag und freies Essen gab; er hielt es aber nicht lange aus und schloß sich den Streikenden an. Die folgende Resolutton gelangte in der Versammlung der Streikenden einstimmig zur Annahme: „Die zahlreich versammelten Kohlenarbciter und Kutscher sehen in dem Vorgehen der Unternehmer, die Einstellung von Polen und Galiziern auf den Kohlenplätzen betreffend, nur ein Scheinmanöver, darauf berechnet, die Arbeiter zu täuschen und zu schrecken. Sie erklären, unbekümmert darum solange am Streik festzuhalten, bis seitens der Leitung des Verbandes andere Maßnahmen in Vorschlag gebracht werden." Die Forderung des Achtstundentages stand auf der Tagesordnung einer am Montag abgehaltenen Ver- sammlung der Holzbildhauer. Diese Angelegenheit hatte schon eine frühere Versammlung beschäftigt und sollte nunmehr end- gültig entschieden werden. Die Agitationskommission hielt die Forderung, den Achtstundentag für die Holzbildhauer einzuführen, besonders deshalb für zeitgemäß, weil unter den Holzbildhauern eine verhältnismäßig große Arbeitslosigkeit herrscht und die Ver- kürzung der Arbeitszeit eine Verminderung der Arbeitslosigkeit zur Folge haben werde. Diese Ansicht wurde lebhaft diskutiert. Gegen die Forderung an sich hatte niemand etwas einzuwenden, jedoch Ivurde� geltend gemacht, daß die herrschende Arbeitslosigkeit sowie andere Umstände ein ungünstiges Moment in dem Kanrpfe feien, der wegen der Forderung des Achtstundentages zweifellos ausbrechen werde. Andere Redner hielten da- gegen die Situation für günstig genug, um einen Kampf zu wagen, umsomehr, da die Erlangung des Achtstundentages wohl des Kampfes wert sei.— Die Agitattonskommissiou hatte beschlossen, daß die Forderung des Achtstnndentages nur dann erhoben werden solle, wenn sich Vs der Abstimmenden, mindestens aber 700 dafür erklären. Hiernach wäre die Stellung der Forderung schon von vornherein abgelehnt gelvesen, denn es waren nicht ganz 700 Per- sonen anwesend. Die Versammlung beschloß deshalb, daß eine Vierfünftelmehrheit der Anwesenden ausreichend sein solle. Die hierauf vorgenommene geheime Abstimmung hatte folgendes Er- gebnis: Abgegeben wurden b90 gültige Stimmen, davon 437 für, 153 gegen Einreichung der Forderung. An der Vierfllnftelmehrheit fehlen also 35 Stimmen, damit ist der Eintritt in den Kampf für den Achtstundentag abgelehnt. Hierauf wurde eine Resolution angenonunen, welche besagt: Die Versammlung erblickt darin, daß die Aufstellung der Forderung: Sofortige Einführung des Achtstundentages gefallen ist, kein Fallenlassen der Forderung überhaupt. Die Versammlung hält lediglich den jetzigen Zeitpunkt für nicht ge- eignet, um einen Kampf aufzunehmen, der eventuell von großer Dauer sein kann. Sie sieht in den letzten Versammlungen den Ansgangspunkt für eine kräftige Propaganda des Achtstundentages. Die Agitationskommission wird verpflichtet, unter den noch indiffe- renten Kollegen für die Bewegung zu wirken und dafür zu sorgen, daß dieselben dauernd für die Organisation gewonnen werden. Die Versaminlung ist der Meinung, daß der großen Arbeitslosigkeit unter den Holzbildhauern nur durch eine Verkürzung der Arbeitszeit ab- geholfen werden kann und wird die Frage bei günstiger Gelegenheit wieder aufrollen._ Deutfches Reick). Die Einigungsverhandlungen im Stettiner Hafenarbeiterstreik finden vor dem Gewerbegericht in nichtöffentlicher Sitzung statt. Sic verlaufen doch nicht so glatt als es anfänglich schien. Ihr völliges Scheitern ist sogar nicht ausgeschlossen. In der gestrigen Streikversammlung wurde Bericht erstattet über den Verlauf der gestrigen Sitzung vor dem Einigungsamt. Der Vorsitzende der Lohnkommission Marx teilte mit, daß die Verhandlungen jeden- alls an folgenden von den Unternehmern gestellten Bedingungen cheitern würden: 1. Die Hafenarbeiter haben mit den sonstigen Arbeitern friedlich zusammen zu schaffen und sich den Anordnungen ihrer Vorgesetzten(Kapitäne, Konsuln usw.) zu fügen. Leute, die zuwiderhandeln, werden sofort entlassen. Glaubt dann ein solcher Arbeiter, er sei zu unrecht entlassen worden, so steht ihm der Klageweg beim Gewerbcgericht offen. 2. Die Hafenarbeiter müssen sich damit einverstanden erklären, daß die Arbeitswilligen nicht entlassen werden. Diese sollen vielmehr im festen Arbeitsverhältnis bleiben und z u c r st zur Arbeit zugelassen werden. 3. Eine Ver- pflichtung, die Ausständigen sämtlich wieder auf ihre alten Plätze zu übernehmen, kann nicht eingegangen werden.— Die Redner wollen sich also, fährt Redner fort, einen Stamm Leute ausbildest, und die heutigen Arbeitswilligen gewissermaßen nur als Hülfs- kräfte benutzen. Die Lohnkommission legte den Vertretern der Reeder die Frage vor, ob die kurz vor Ausbruch des Ausstandes gemachten Zugeständnisse bestehen blieben, worauf die Antwort er- folgte, daß diese wieder zurückgezogen werden würden.(Große Unruhe.) Nun sei aber die Lohnkommission der Ansicht, daß mit allen Mitteln die Wiedereinstellung aller Streikenden in ihre alten Stellen betrieben werden müsse.(Beifall.) In der ziemlich erregten Debatte führte Janson auS: Wir haben unsere heutige Tagesordnung mit Vorsicht zu erledigen. Scheitern die Verhandlungen vor dem Gewerbegericht, so haben wir vielleicht den Streik noch längere Zeit fortzuführen. Unter der Be- dingung aber, daß die Arbeitswilligen bleiben, können wir den Kampf nicht einstellen. Diese Bestimmung läuft in erster Linie darauf hinaus, einen Keil in unsere Organisation zu treiben.(Sehr richtig I) S t r e b l o w und Arndt beantragen, den Streik fort- zuführen.(Beifall.) Stadtverordneter Herbert: Ich bin der Meinung, daß man bielleicht den Streik abschließen könnte, auch wenn die Arbeits- willigen einstweilen auf ihren Plätzen verbleiben. Diese werden gar bald freiwillig gehen, weil sie den an sie gestellten Anforde- rungen auf die Dauer nicht entsprechen können. Zudem sind zwei Drittel von ihnen Auswärtige, die schon deshalb weichen werden, weil sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Stettin gelockt sind. Jetzt heißt es für uns, klug handeln, damit der Vorsatz der Gegner, unsere Organisation zu sprengen, durchkreuzt wird. Zu- geständnisse werden uns vielleicht noch gemacht, weshalb ein Grund zum Verzweifeln nicht vorliegt.— Janson trat diesen Aus- führungen entgegen und befürwortete Fortsetzung des Ausstandes. In diesem Sinne wurde denn auch beschlossen.— Gestern kam ein kleiner Trupp Arbeitswilliger von Berlin hier an. Man hatte den Leuten vorgeschwindelt, daß sie zu Bagger- arbeiten verwendet werden sollten. Als sie hier von der Sachlage Verantw. Redakteur: HanS Weber. Berlin. Inseratenteil verantw.: Kenntnis erhielten, kehrte der größte Teil von ihnen wieder um. Nur elf Mann blieben und wurden von vierzehn Schutzleuten vom Bahnhof nach dem Freihafen gebracht.— Die Lagerei-Berufs- genossenschaft, Sektion III, zu der die Hafenarbeiter gehören, hat eine Lohnstatistik ausgearbeitet. Nach den vorgelegten Bescheini- gungen haben die Hafenarbeiter im Jahre 150, höchstens 130 Ar- beitstage, wobei sich ihr Verdienst auf etwa 1025 M. beläuft. Vor- arbeiter verdienen 1250 bis 1350 M. Nach diesem Jahresverdienst wird auch die Unfallrente bemessen. Der Streik der Tabakspinner und Borlegerinnc» bei der Firma Hagenbruch u. Co. in M ü h l h a u s e n i. Th. ist beigelegt worden. Die Streikenden erhielten ihre hauptsächlichsten Forderungen be- willigt und nahmen am Mittwoch die Arbeit wieder auf. Bäckerstreik. Das gesamte Arbeitspersonal der M a r b u r g e r Brotfabrik(Inhaber Johann Graute) in Essen- West ist am Dienstag in den Ausstand getreten, weil Lohnkürzungen vor- genommen und der vereinbarte Tarif auch sonst nicht eingehalten wurde. Kuslanck. Der Kohlenarbeiterstreik in Nordwestböhmen, über welchen die widerspruchsvollsten Nachrichten zirkulieren, entrollt ein trübes Bild der Organisationsverhältnisse in dem genannten Gebiete. Bon der sozialistischen„Union" war der Streik vorbereitet worden. Es sollten am 9. September Massenversammlungen statt- finden, die Forderungen am 10. den Unternehmern eingereicht werden und den 20. September hatte man als Termin für die Antwort festgesetzt. Im Falle die Werksbesitzer die Forderungen ablehnten, sollte dann der Streik zum Ausbruch kommen. Die Gruppe der anarchistisch- sozio- listischen Omladina- Partei schürte daraufhin unter den Berg- arbeitern und hetzte diese in den Streik, lediglich um die geiverk- schaftliche Organisation zu schädigen. Der Streik flammte bald hier, bald dort auf, ohne jedweden Plan und ohne allgemeine Direktive: die Führer, unter denen der Redakteur des Organs der„Unab- hängigen"(der Zeitung„Omladina") Herr Vohryzek. hatten nichts vorbereitet, konnten selbst nichts über den Stand der Bewegung sagen und so wurden die Kräfte ganz nutzlos vergeudet. Am vergangenen Sonntag tagte in Dnx eine Konferenz der Bergleute: vertreten waren 103 Schächte, nur 29 kleinere fehlten. Hier gingen die Ansichten der Gewerkschaft durch. Es wurde nun beschlossen, die Forderungen sofort an die Werksbesitzer einzureichen, bis nächsten Sonnabend die Antwort zu verlangen und am Sonntag eine neue Konferenz einzuberufen. Nachdeni dieser Beschluß gefaßt war, ereignete sich das denkbar widerlichste Schau- spiel. Die von der Omladina-Gruppe aufgehetzte Menge(Streikende) stürzte sich auf die Führer der Gewerkschaft, einzelne-nachten sogar von ihren Messern Gebrauch, bis endlich die Gendarmerie eingriff. Vohryzek ist verhaftet. Hoffentlich haben die Arbeiter nun erkannt, wo ihre wahren Freunde stehen, und werden diesen in einen wohl- vorbereiteten Kampf folgen. Gerichts-Leitung. Nadelstichpolitik gegen den Kirchenaustritt. Bekanntlich sucht die Polizei seit einiger Zeit die Bewegung für den Austritt aus der Landeskirche indirekt zu hindern, indem sie gegen diejenigen Geschäftsleute-nit Strafmandaten vorgeht, welche in ihren Geschäftslokalen Plakate aushängen, wodurch mit- geteilt wird, daß Formulare für die Anmeldung des Austritts aus der Landeskirche unentgeltlich zu haben sind und auf Wunsch auch ausgefüllt werden.— Unser Parteigenosse Böhm hatte im Schau- fenster seines Geschäftslokals(„Vorwärts"-Spedition und Buch- Handlung) seit vier Jahren ein solches Plakat hängen, doch erst am 30. Mai dieses Jahres entdeckte das„Auge des Gesetzes", daß der Inhalt des Plakates gegen den noch in Kraft befindlichen§ 9 des preußischen Preßgcsetzcs vom 12. Mai 1851 verstößt, welcher besagt: „Anschlagzettel und Plakate, welche einen anderen Inhalt haben, als Ankündigungen über gesetzlich nicht verbotene Ver- sammlungen, über öffentliche Vergnügungen, über gestohlene und verlorene Sachen, über Verkäufe oder andere Nachrichten für den gewerblichen Verkehr dürfen nicht angeschlagen oder in sonstiger Weise öffentlich ausgestellt werden." Am Montag hatte sich das Schöffengericht mit dieser An- gelegenheit zu beschäftigen. Böhm berief sich darauf, daß das fragliche Plakat eine in seinen bnchhändlerischen Betrieb fallende gewerbliche Ankündigung enthalte und deshalb straflos ausgestellt werden dürfe.— Amtsanwalt und Richter bemerkten dagegen, da die Formulare unentgeltlich abgegeben werden, handele es sich doch nicht um eine gewerbliche Ankündigung, denn im gewerblichen Betriebe wolle man doch einen Gewinn erzielen.— Böhm machte hierauf geltend, nicht jede gewerbliche Ankündigung müsse notwendig auf die unmittelbare Erzielung von Gewinn ge- richtet sein. Viele Geschäftsleute geben auch die polizeilichen Meldeformulare unentgeltlich ab und kündigen solches auch an, ebenso mache die Geschäftsstelle der„Wohnungszeitung" regelmäßig an den Anschlagsäulen bekannt, daß die„Wohnungszeitung" an jedermann unentgeltlich abgegeben wird. Derartige Bekannt- machungen seien noch nie unter Strafe gestellt worden, andererseits zeigen solche Ankündigungen aber auch, daß ein Geschäftsmann sehr wohl ein gewerbliches Interesse an der unentgeltlichen Ab- gäbe gewisser Artikel haben könne.— Einen Augenblick stutzten Richter und Amtsanwalt ob dieses durchaus logischen Einwandes. Dann blätterte der Amtsanwalt im Gesetzbuch und bald hatte er auch in dem§ 9 des preußischen Preßgesetzes die Handhabe ge- funden, die seiner Meinung nach zur Verurteilung führen mußte. Mit Nachdruck verlas der Vertreter der Anklage die Stelle vor: „über Verkäufe und andere Nachrichten des gewerblichen Verkehrs." In dem fraglichen Plakat sei doch kein Verkauf an- gezeigt.— Das Gericht erkannte dem Antrage des Amtsanwalts gemäß auf eine Geldstrafe von 10 M. In der Begründung sagte der Richter, das Plakat enthalte nicht eine Ankündigung über Ver- käufe und andere Nachrichten des gewerblichen Verkehrs, sondern eine Anzeige, welche der politischen Agitation diene, es gehöre also nicht zu denjenigen Plakaten, deren Aushang durch das preußische Pretzgesetz gestattet sei.___ Versammlungen. Noch einmal die Maifeier in der A. E.-G. Mit dieser Frage haben sich nachträglich noch einmal zwei Versammlungen von Arbeitern des Werkes befaßt. Wir haben gezögert, der leidigen Angelegenheit noch einmal unsere Spalten zu öffnen und tun dies nur auf dringenden Wunsch der Beteiligten. Die Arbeiter, die am 1. Mai gearbeitet haben, waren vom Metallarbeitcrverband nach Ballschmieders Lokal in der Bad- straße berufen worden. Der Besuch der Versammlung war ver- hältnismäßig schwach. Vom Verbandsbevollmächtigten H a n d t I e wurde das im„Vorwärts" bereits veröffentlichte Erkenntnis der in der Maiangelegenheit eingesetzten Untersuchungskommission be- sprachen und darauf verwiesen, daß, wenn auf beiden Seiten Fehler gemacht worden seien, diese jetzt wieder gut gemacht werden müßten. Es sei jetzt darauf hinzuwirken, daß diejenigen Arbeits- kollegen, die wegen des Maikonflikts aus der Organisation aus- getreten sind, wieder in den Verband zurückgeführt würden, damit die alte Position im Werk wieder erobert werden könne.— In der lebhaften Diskussion bedauerten die verschiedenen Redner die da- maligen Mißgriffe der Ortsverwaltung, die de» Obleuten des Betriebes zum 1. Mai so auffallend freie Hand ließ und dann, nachdem die Feier mißlungen war, volle vier Monate brauchte, um einzusehen, daß auch sie ihr gerüttelt Maß von Schuld an dem Maiwirrwarr trägt. In dieser langen Zeit habe nun leider die Xh. Glocke. Berlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt? Mehrzahl der Kollegen des Werks der Organisation den Rücken ge- kehrt, so daß mit der Agitation fast von vorne wieder angefangen werden müsse. Trotzdem denke man nun auch diesen Vorfall nun- mehr zu vergessen und erneut am Ausbau der Organisation wieder mitzuhelfen. Ein Angehöriger der Hirsch-Dunckerschen suchte für die Gewerkvereine im Trüben zu fischen, indem er weidlich auf die Maifeier und auf die freien Gewerkschaften schimpfte. Die Ver- sammlung gab ihm jedoch bald recht deutlich zu verstehen, daß er sich seine Ausführungen ersparen könne, denn bei den Erschienenen sei für die Hirsche doch nichts zu erben.— Für diejenigen Arbeiter, welche in dem Werk Brunnenstraße der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft vor dem 1. Mai beschäftigt waren und den 1. Mai durch Arbeitsruhc gefeiert haben, hatten ihre ehemaligen Funktionäre durch H. H i l p e r t und E d. Meyer eine Versammlung einberufen, die von etwa 500 Personen besucht war. Gleich einleitend wurde zur Geschäftsordnung von W e g- ner betont(nachher auch noch von anderen), daß man absolut nicht daran denke, etwa einen Skandal a la Rohrleger-Wiesenthal heraufzubeschwören. Man wolle lediglich zu der im„Vorwärts" veröffentlichten Resolution der Ortsverwaltung beziehungsweise dem darin enthaltenen Urteil der von der Ortsverwaltung eingesetzten Untersuchungskommission Stellung nehmen und einen Protest beim Hauptvorstand in Stuttgart einreichen. Zur Sache selbst nahmen außer einigen anderen Rednern eine Anzahl ehemaliger Funktionäre(Obleute, Vertrauensleute usw.) vom Werk Brunnenstraßc das Wort. Diese fühlten sich namentlich beschwert, daß die Ortsverwaltung beziehungsweise die Unter- suchungstommission ihnen im zweiten Teil der Resolution ver- schiedene Mißgriffe bei der Vorbereitung der Maifeier vorwirft und daraus mildernde Umstände für die„Maibrechcr", deren Aus- schluß verlangt worden war. die aber nur eine öffentliche Rüge erhielten, herleitet. Es wurde entschieden bestritten, daß solche Mißgriffe, wie sie die Untersuchungskommission aufführt, vorge- kommen seien. Einstimmig wurde folgende Resolution angenommen: „Die versammelten, den 1. Mai feiernden Arbeiter der A. E.-G. Brunnenstraßc nehmen Kenntnis von der Resolution der Ortsverwaltung des Deutschen Metallarbciter-Verbandes, die am 22. August im„Vorwärts" veröffentlicht worden ist, und erklären: Wir haben den 1. Mai dieses Jahres gefeiert, weil wir erkannt haben, daß es Pflicht eines modernen Arbeiters ist, den Beschlüssen des Amsterdamer internationalen Kongresses nachzukommen, und außerdem das Abstimmungsrcsultat inner- halb des Werkes uns dazu verpflichtete. Wir bestätigen, daß die Verbandsfunktionärc innerhalb des Werkes nichts unterlassen haben, die Mitglieder über ihre Pflichten aufzuklären, und in- folgedessen die Resolution der Ortsverwaltung in allen ihren Punkten hinfällig ist. Im Interesse des guten Rufes und der Fortentwickelung unserer Organisation verlangen und beantragen wir nach wie vor, daß die Verräter aus unseren Reihen ent- fernt werden. Ferner protestieren die Versammelten auf das entschiedenste gegen das durchaus einseitige Verfahren der Untersuchungskommission, indem man die Funktionäre dsrA.E.-G. Brunnenstraßc nicht genügend vernommen hat und ihnen das Protokoll der betreffenden Sitzung nicht vorgelesen hat, so daß sie nicht in der Lage waren, rechtzeitig Einspruch zu erheben." Ferner wurde noch beschlossen: „Die Versammlung beschwert sich 1. über die Entstehung der Veröffentlichung und des Beschlusses der Ortsvcrwaltung bezüglich der Funktionäre der A. E.-G. Brunnenstraßc: 2. über die Art der Untersuchung und 3. über die Zusammensetzung der Untersuchungskommission. Wir beantragen, daß von feiten des Vcrbandsvorstandes eine Kommission unter Vorsitz eines Mit- gliedes des Hauptvorstandes oder Verbands- ausschusses zur Untersuchung der Maiangelegenheit A. E.-G. Brunnenstraße eingesetzt wird." Die Versammlung wählte noch eine Kommission mit dem Auf- trage, die Beschwerde auszuarbeiten und dem Verbandsvorstand zu unterbreiten. Letzte JVacbricbterc und Dcpelcbeir Schiffbrüchig. Memel, 5. September.(W. T. B.) Tie am 27. August mit einer Holzladung von Memel abgegangene Galeote„Anna Rebekka" aus Breiholz bei Rendsburg ist am 23. August im Nord- weststurm etwa 40 Seemeilen von Memel gekentert. Die aus dem Kapitän, einem Matrosen und einem Schiffsjungen bestehende Be- satzung rettete sich auf dem Kiel der Galiote, wo sie acht Tage lang ohne Essen und Trinken umhertrieben. Eine See spülte einen Mann über Bord, doch gelang es dem Kapitän, ihn zu retten. Am Sonntag verfiel der Schiffsjunge in Raserei und starb am anderen Morgen. Inzwischen war das Wrack in der Gegend von Schwarzort getrieben, wo ein Rettungsboot die Ueberlebenden und die Leiche an Bord nahmen._ Fabrik-Einsturz. Kiel, 5. September.(W. T. B.) Heute nachmittag stürzte in der Kaiserstraße ein im Bau befindliches zweistöckiges Fabrikgebäude in sich zusammen. Zehn bis zwölf Arbeiter wurden verschüttet, von denen einer um 7 Uhr in schwerverletztem, hoffnungslosem Zustande geborgen wurde. Die Feuerwehr ist eifrig au den Rettungsarbeiten beschäftigt. Kiel, 5. September.(W. T. B.) Zu dem Einsturz des Fabrik- gebäudes in der Kaiserstraße wird noch gemeldet, daß nach drei- stündigen unausgesetzten Rettungsarbeiten zwei Tote und ein Schwerverletzter aus den Trümmern geborgen worden sind. Außer- dem ist ein Mann leichter verletzt. Vermißt wird noch ein Maurer- polier._ Bauarbeiterstrcik beendigt. Zittau, 5. September.(W. T. B.) Der hier und in der Um- gebung seit 10 Wochen andauernde Streik der Maurer, Zimmerer und Bauarbeiter ist heute beendigt worden. Am Montag wird die Arbeit wieder aufgenommen. Die beiderseitigen Bedingungen sind auf 2Vi Jahre genau festgelegt worden. Jeder Russe ist verdächtig! Lemberg, 5. September.(B. H.) Aus Warschau wird gemeldet, daß dort die Haussuchungen eine unglaubliche Ausdehnung angenommen haben. In den Straßen wird am Tage und des abends eine förm- liche Razzia veranstaltet. Ganze Stadtteile werde» von Militär besetzt, worauf Masscnverhaftungeu vorgenomuie» werden. Selbst Kinder werden nicht verschont._ Ein Riesenbtand.' Algier, 5. September.(W. T. B.) Eine heftige Feuers- brunst ist im Gebiet der Stadt Collo, Departement Constantine. ausgebrochen: 40000 Hektar korkcichen Waldungen stehen in Flammen, mehrere Ortschaften sind bedroht, da der Brand schnell um sich greift._ Korruption. Philadelphia, 5. September..(W. T. B.) Auf den Antrag des Bezirksstaatsanwalts wurde der Kassierer der Real Estate Trust Company North, sein Gehülfe Collingwood, sowie Scgnl, der Gründer vieler Untcruehinungen, verhaftet; sie sind beschuldigt. in Gemeinschaft mit dem verstorbenen Präsidenten Hippie die Tepositengläubigcr um mehrere Millionen Dollar geschadigt zu haben. Man schätzt den Fehlbetrag bei der Real Estate Trust Com» pany auf mehr als 10 Millionen Dollar. >., Berlin LW. Hierzu 3 Beilagen«.NnterhaltiingSblatt Kr. 207. 28. IahrMg. 1. KkilU i>ks Jonniiitf Knlim öollioliliitt. Donnelstllg, 6. September 1906. Partei und Gewerkschaft. (Schluß� -' So verfehlt die Versuche auf der Konferenz waren, einen Gegensatz zwischen der Theorie der Partei und einer angeblichen gewerkschaftlichen Theorie zu konstruieren, so ist damit nicht gesagt, daß nicht ein gewisser Gegensatz zwischen Gewerkschaften und sozial- demokratischen Politikern besteht. Ein solcher ist sicher vorhanden. nicht persönlicher, sondern sachlicher Natur, in den Dingen tief begründet, er entspringt aber nicht aus Verschiedenheiten der Theorie. Er liegt vielmehr darin begründet, daß Partei und Ge- werkschaft immer mehr aufs engste aufeinander angewiesen sind, ohne einander nicht existieren können, dabei aber verschiedene Funktionen haben und mitunter verschiedene Richtungen zu deren bester Ausübung einschlagen. ' Am wenigsten leicht werden Differenzen zwischen den beiden Organisationen dort vorkommen, wo sie in einem Körper vereinigt sind, unter einer Leitung stehen, wie das in machen Staaten der Fall, zum Beispiel in Belgien oder England, wo die Gewerkschaften direkt Mitglieder der Arbeiterpartei geworden sind. Aber nicht überall machen die historisch gegebenen Verhältnisse eine solche Ver- cinigung möglich oder auch nur wünschenswert, und wo das nicht der Fall, dort hängt es von einer Reihe sehr wechselnder Bc- dingungen ab, wie eng sich das Verhältnis zwischen Partei und Gewerkschaft gestaltet, und mit welchen Reibungen und Schwierig- ketten die Herstellung der notwendigen Uebereinstimmung zwischen ihnen verbunden ist. Welche Formen diese Verhältnisse aber auch annehmen mögen, stets erweist sich dabei die Partei als das richtunggebende Element, wenn sie nur einigermaßen Kraft und politische Bedeutung erlangt hat, und sind es die Gewerkschaften, die ihre Taktik nach der Partei einzurichten haben, und nicht umgekehrte Es ist nicht schwer einzusehen, warum dem so sein mutz. Das rührt nicht von einer besonderen Anmaßung der Poli- tiker oder„Nurpolitiker" her, als ob diese sich erhaben dünktcn über die Gewerkschafter, sondern von der Rolle, die Partei und Gewerkschaft im Klassenkampf spielen. Wir haben gesehen, wie die Gewerkschaft zunächst nur die Interessen ihrer Mitglieder vertritt, die Partei die des gesamten Proletariats; wie die Gewerkschaft zunächst nur bestimmte öko- nomische Augenblicksintercsscn ihrer Mitglieder vertritt, indes die Partei außer diesen Interessen auch noch alle anderen gescllschaft- lichen Interessen des gesamten Proletariats zu wahren hat; endlich aber ist die gewerkschaftliche Bewegung an sich eine Bewegung ohne ein Endziel, mit dem sie als abgeschlossen gelten könnte. Sie setzt sich nicht das Ziel der Abschaffung der kapitalistischen Pro- duktionsweise, sondern nur die Wahrung der Interessen ihrer Mit- glieder innerhalb dieser Produktionsweise beim Abschluß und der Erfüllung des Arbeitsvertrags. Das Kapital ist aber stetig be- strebt, jede Errungenschaft einer Arbeiterschicht wieder zunichte zu machen, sei es durch technische Einrichtungen, Heranziehung tiefer stehender Arbeitskräfte, sei es in Zeiten der Krise durch direkte Auf- Hebung der in den Zeiten der Prosperität gemachten Konzessionen. So sind die Errungenschaften der Gewerkschaften nie gesichert, können immer wieder durchbrochen, können nur in stetem Kampfe behauptet werden. Die Partei strebt dagegen auf ein Endziel los, das der kapi- taltstischen Ausbeutung ein für allemal ein Ende macht. Diesem Endziel gegenüber darf man die gewerkschaftliche Arbeit, so uncnt- behrlich und heilsam sie ist, sehr wohl als Sisyphusarbeit bezeichnen, nicht in dem Sinne einer nutzlosen Arbeit, wohl aber einer Arbeit, die nie endet und immer wieder von neuem begonnen werden muß. Aus alledem ergibt sich, daß überall dort, wo eine starke und angeschene sozialdemokratische Partei existiert, diese weit eher als die Gewerkschaften in der Lage ist, die im Klassenkampf gebotene Richtung zu erkennen und damit auch die Richtung zu weisen, in der sich die einzelnen proletarischen Organisationen des Klassen- kampfes, die nicht direkt der Partei zugehören, zu bewegen haben, soll die unentbehrliche Einheitlichkeit des Klassenkampfes bewahrt bleiben. Die Mitglieder der Gewerkschaften brauchen sich dadurch, wenn sie gleichzeitig Parteigenossen sind, in ihrer Selbständigkeit nicht bedroht zu fühlen. Sie sind es, die hier wie dort in der gleichen Richtung wirken. Dagegen können sich die Leiter der Gcwcrk- schaften, die Gcwcrkschaftsbcamten, unter Umständen durch die Partei wohl beengt fühlen. Am ehesten natürlich dort, wo sie nicht Sozialisten, sondern reine Gewerkschafter sind, deren Gesichtskreis über die gewerkschaftlichen Interessen nicht hinausreicht. So empfanden die englischen Gcwerkschaftsbcamtcn in der Jntcr- nationale die Marxsche Leitung immer mehr als einen uncrträg- lichen„Autoritarismus", und sie verbanden sich unbedenklich zu deren Bekämpfung immer mehr mit den„Revolutionsromantikern" der Bakuninschen Richtung, je stärker die Marrschen Tendenzen auf Gründung einer selbständigen politischen Arbeiterpartei in England zutage traten. Sie fühlten instinktiv, daß damit eine Macht geschaffen werden sollte, die ihrer Sclbstherrlichkcit ein Ende machte. Ebenso gibt es in Amerika keine giftigeren Feinde der sozialdemokratischen Partei, als die Masse der Gcwerkschafts- beamten um Gompers herum. Indessen auch dort, wo die Gcwerkschaftsbeamten in der Mehr- heit gute und überzeugte Parteigenossen sind, wie in Deutschland, kann es dahin kommen, daß sie sich durch die Partei beengt fühlen, wenn die Dinge sich so gestalten, daß die Augenblicksintcressen der Gewerkschaften zu einer anderen Taktik drängen, als diejenige ist, welche für die Partei durch die Situation der gesamten Arbeiter- klaffe ermöglicht oder geboten wird. Undt das findet heute in Deutschland statt. � Die Gewerkschaften sind zu starken und großen Organisationen angewachsen, die imstande sind, durch ihre reichen Mittel ihren Mitgliedern sehr erhebliche Vorteile zu verschaffen, die aber in demselben Maße, in dem sie wachsen, auch im Kampfe mehr zu verlieren haben. Gleichzeitig aber haben sich noch wcit�stärker in zahlreichen Industriezweigen die Unternehmer zu furchlvaren Ver- bänden vereinigt, die niederzuringen mit den gewöhnlichen Mitteln gewerkschastlicher Taktik nur unter außergewöhnlich günstigen Ver- Hältnissen möglich, unter normalen Bedingungen aussichtslos ist. Unter diesen Verhältnissen werden die Gewerkschaften nicht kampfunfähig, aber ihre Kampflust schwindet, sie werden mehr und mehr in die Defensive gedrängt und müssen bei dem Beginn eines jeden Kampfes immer vorsichtiger alle Chancen abwägen, denn zu viel steht für sie auf dem Spiele und zu mächtig ist der Gegner, als daß man ihn leichtfertig herausfordern dürfte. So entwickelt sich das viclberufenc„Ruhcbedürfnis" der Ge- werkschaften, nicht als Laune einiger Gewerkschafter, sondern als das Resultat sehr realer, von dem Willen der einzelnen völlig un- abhängiger Verhältnisse.. Ganz anders aber gestaltet sich die Situation, wenn wir nicht die Entwickelung der Gewerkschaften und ihrer Gegner allein. sondern die des gesamten Klassenkampfes verfolgen. Wir sehen dann, daß die Klassengegensätze sich immer schroffer zuspitzen, be- sonders in Preußen, wo der mächtigsten Sozialdemokratie die stärkste Regierung, die gierigsten und brutalsten Ausbeuter, Junker und Scharfmacher gegenüberstehen. Da begegnet jede Regung der Arbeiterklasse besonders hartnäckigem Widerstand, verschärfen sich die Konflikte, werden die politischen Kämpfe immer erbitterter, wrden die Möglichkeiten friedlicher, ruhiger Entwickelung immer mehr unterbunden, reifen immer mehr die Bedingungen einer katastrophalen Entwicklung. Der Stillstand der Sozialreform, die völlige Unfruchtbarkeit des heutigen Parlamentarismus, die so manchem als Beweise der Ohnmacht der deutschen Sozialdemokratie erscheinen, entspringen vielmehr ihrer Stärke. In anderen Ländern kann es die Bourgeoisie noch wagen, mit der Sozialdemo. kratie zu experimentieren, wie ehedem Bismarck mit Lassalle und Schweitzer zu experimentieren suchte; in Teutschland sind wir über dies Stadium längst hinaus, und es gäbe keine andere Politik der Sozialdemokratie, die es wieder beleben könnte, als die der Ab- rüstung und Abdankung. Die Stagnation allen Fortschrittes be- weist nicht, daß die Sozialdemokratie ohnmächtig geworden ist, sondern vielmehr, daß wir in jene Periode eingetreten sind, in der alle Illusionen allmählicher Aushöhlung des Kapitalismus fallen müssen, in der sich die Gegensätze immer mehr zuspitzen, sich alle Sicherheitsventile verstopfen und die soziale Spannung immer be- drohlicher anwächst, bis irgend ein Ereignis den Kessel zum Bersten bringt. Und die große russische Revolution ist schwanger genug mit Ereignissen, die dazu führen können. So wächst in demselben Maße, in dem das Ruhcbedürfnis der Gewerkschaften und nament- lich das ihrer, für ihr Gedeihen verantwortlichen Führer, nicht für ihre Personen, sondern für ihre Organisationen, zunimmt, die rcvo- lutionäre Spannung im kämpfenden Proletariat, eine Stimmung, die naturgemäß in der Partei am ehesten und leichtesten ihren Ausdruck findet. Gewerkschafter, die �.ie gewerkschaftliche Welt als eine Welt für sich, nicht als ein Stuck des großen proletarischen Klassenkampfes betrachten, können da leicht dazu kommen, in der Partei ein die gewerkschaftlichen Interessen störendes Element zu sehen, um so mehr, da in demselben Matze, in dem die eben be- schriebene Entwickelung vor sich geht, auch die Abhängigkeit von Partei und Gewerkschaft eine immer engere wird, jeder der beiden Teile bei jeder größeren Aktion immer mehr auf den anderen an- gewiesen ist. Da kommt es schließlich dahin, daß manchem Ge- wcrkschaftsführer die Partei als der Ruhestörer erscheint, der die der Ruhe so bedürftigen Gewerkschaften immer wieder in neue Känipfe hineinhetzt und sie Katastrophen entgegentreibt, die sie völlig ruinieren können. In den Diskussionen über die Maifeier und über den Massen- streik sowie in der Haltung gegenüber der russischen Revolution sind die daraus erwachsenden Differenzen deutlich und mit erschreckender Schärfe zutage getreten. Entwickeln sie sich in der bisherigen Weise weiter, dann wird der Konflikt zwischen Partei und Gewerk- schaften unvermeidlich, ein Konflikt, der für beide Teile, für die ganze Arbeiterklasse Deutschlands unabsehbaren Schaden herbei- führen, die deutsche Arbeiterbewegung für Jahre hinaus kämpf- unfähig machen würde, in. einer Zeit, in der sie mehr als je auf den innigsten Zusammenschluß aller Kräfte angewiesen ist, um den großen Aufgaben gewachsen zu sein, die ihrer harren. Vertuschen oder Beschwichtigen, die Mahnung, sich doch zu ver- tragen, da wir hüben und drüben doch nur das Beste wollten und uns leicht einigen könnten, wenn nicht die„radikalen Stänker und Krakeeler" da wären— das nutzt nichts, da es Pen Kern der Sache nicht trifft. Partei und Gewerkschaft können nur gedeihen, wenn sie einheitlich und geschlossen in der gleichen Richtung tätig sind— wenn auch natürlich jede in einer anderen, ihr besonders cnt- sprechenden Weise. Gibt es keinen gemeinsamen Kopf, der sie beide dirigiert— und bei den gegebenen Verhältnissen scheint das vorläufig ausgeschlossen—, dann bleibt nur eins: entweder greifen die Gewerkschaften oder doch die Gewerkschafter in die Partei oder die Partei, beziehungsweise die Parteigenossen in die Gewerkschaften richtunggebend ein. Auf den crstercn Weg wies auch Elm in der Konferenz hin: „Wenn die Gewerkschaftsmitglieder sich mehr um die Partei kümmern würden, dann würde diese Richtung(die radikale) auf einem einzigen Parteitag einfach weggefegt werden." Das erscheint allerdings als ein probates Mittel, die Einheit zwischen Gewerkschaften und Partei herzustellen. Aber ist es auch durchführbar?„Diese Richtung" ist offenbar nicht die Minderheit in der Partei. Elm bestreitet freilich„entschieden",„daß diese Richtung innerhalb der Sozialdemokratie noch eine große Bedeutung hat", aber im folgenden Satze schon erklärt er:„Sie herrscht momentan, sie gibt momentan den Ton an." Wie man das kann, wenn ma» keine Bedeutung hat, ist Elms Geheimnis. Wie immer dieses Rätsel zu lösen, auf jeden Fall möchte Elm die„momentan herrschende Richtung" durch eine andere ersetzen. Um das zu können, müßten aber die Gewerkschafter erst selbst eine andere bestimmte Richtung für die Partei repräsentieren. Das ist aber nicht der Fall, wie es gerade auf der Konferenz deutlich zutage trat. Die Mehr- heit war sich nur einig darüber, daß sie sich durch die in der Partei„niomcntan herrschende Richtung" in ihrer Selbständigkeit als Gewerkschafter beengt und auf Wege gedrängt fühlte, die den Gewerkschaften Schaden bringen könnten. Es wurde aber auch nicht der leiseste Versuch gemacht, über diesen Ausdruck des Miß- Vergnügens hinauszugehen und ein besonderes politisches Programm zu entwerfen. Ter Stoßseufzer nach einer von der Partei unab- hängigen Theorie, die die Gewerkschafter erst zu schaffen hätten, verriet deutlich die Abwesenheit eines van dem jetzigen der Partei abweichenden politischen Programms. Man kann abpr eine einmal herrschende Richtung nicht uberwinden., wenn man ihr nicht eine andere bestimmte entgegensetzt und für diese Propaganda macht. Mit Majcstätsbeleidigungsprozesscn gegen die Kritiker einzelner Gewerkschaftsvorstände ist nichts getan. Der Versuch,„diese Richtung einfach hinwegzufegen", könnte, wenn er nicht von vornherein elend scheiterte, nur den Erfolg haben, der Partei jede bestimmte Richtung, ja jeden festen Zu- sammcnhalt zu nehmen und sie schließlich zu zersplittern und auf- zulösen. Gelänge es aber den Gewerkschaftern, die„momentan herrschende Richtung" in der Partei aus dem Wege zu räumen, so beseitigten sie damit auch jenen Faktor, der sie am kraftvollsten darin verhinderte, zünftige und aristokratische Tendenzen aufkommen zu lassen, und der sie dahin drängte, die Vorkämpfer der ganzen Ar- beitcrklasse zu sein. Alle die Vorzüge, die die deutschen Gcwcrk- schaften und ihre Beamten bisher so hoch über die englischen er- hoben, sie vor deren Stagnation bewahrt haben, drohten dann nach und nach verloren zu gehen. Diese Methode, die Einheit zwischen Partei und Gewerkschaft herzustellen, könnte zu nichts anderem führen als zur Tegra- dierung der Partei wie der Gewerkschaften. Es ist nie von Vorteil, wenn jener Faktor, der die Gesamtheit und das Endziel rcpräsen- tiert, sich jenem Faktor zu unterwerfen hat. der nur einen Teil und nur die nächsten Interessen dieses Teiles vertritt. Das, Umgekehrte ist in der deutsche» proletarischen Bewegung bisher der Fall gewesen, und es war für beide Teile, Partei und Gewerkschaften, von Vorteil. Die deutsche Sozialdemokratie ist da- bei die erste der Welt geworden, und die deutschen Gewerkschaften überflügeln die ehedem vorbildlichen englischen Gewerkschaften an Intelligenz und Tatkraft, ja sogar an Umfang. Bei dieser Beeinflussung der Gewerkschafter durch die Partei haben sich aber jene bisher keineswegs beengt oder gelähmt gefühlt. Die Partei wirkte vielmehr erhebend und kräftigend auf sie. Nun plötzlich soll das anders werden. Es ist bezeichnend, daß Bömcl- bürg erklären konnte: „Er(Geher) sagte, der Beschluß von Köln sei überholt durch den von Jena, und infolgedessen sei der Jenaer Beschluß maß- gebend.(Hört! hört!) Also wir haben uns in der Gewerkschafts- bcwegung einfach unterzuordnen, andere bestimmen und wir haben zu gehorchen." Andere bestimmen! Also die Partei, das ist für die Gewerk- schafter, auch wenn sie Parteigenossen sind, in diesem Zusammen- hang etwas Fremdes. Der Jenaer Beschluß ist nicht ein Beschluß, an dem Bömclburg mitgewirkt hat, sondern ein Beschluß„an- derer". Die Minorität des Parteitags braucht dessen Beschlüsse nicht zu respektieren, wenn diese Minorität aus Gewerkschaftern besteht! Wir heben das hervor, nicht um uns darüber zu entrüsten, sondern weil es kennzeichnet, auf welchem Wege sich manche unserer Gewerkschafter befinden. Sie sind gute Parteigenossen, aber die Partei verliert für sie ihre Geltung innerhalb des Rahmens der Gewerkschaft. Jedoch die Pflichten des Parteigenossen sind innerhalb der Gewerkschaft keine anderen als außerhalb derselben, er hat überall in der gleichen Weise für die Partei und ihre Beschlüsse zu wirken, die stets bezwecken, die Kraft und das Gedeihen der gesamten Arbeiterklasse, damit aber auch das der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter zu fördern und zu sichern. Das hat in unserer Partei seit jeher gegolten, und sie kann in ihrem Interesse wie in dem der Gewerkschaften nichts Bessere? tun, als bei dieser Auffassung zu beharren. Soll diese aber in den Gewerkschaften Geltung behalten, dann ist es dringend not- wendig, daß unsere vorwicg-nd politisch tätigen Genossen den Ge« wcrkschaftcn größere Aufmerksamkeit schenken. Das Wachstum der gewertschaftlichen wie der politischen Organisationen führt immer mehr zur Arbeitsteilung. Die einen der Genossen kümmern sich mehr um das eine, die anderen mehr um das andere Tätigkeits- gebiet. So begreiflich das ist, es ist von Nebel. Jeder Parteigenosse, der dazu imstande ist, sollte es nicht bloß für seine Pflicht halten, seiner Gewerkschaft anzugehören, sondert' auch für seine Pflicht, in ihr aufs eifrigste tätig zu sein. Einerseits um ihre Bedürfnisse zu studieren, um imstande zu sein, stets die dauernden, großen Interessen seiner Kollegen in der Gewerkschaft begreifen und auf's zweckmäßigste vertreten zu können, dann aber auch, um unter den indifferenten oder gar dem Sozialismus feindseligen Kollegen er- solgreich für unsere große Sache zu propagieren, ihnen Klassen- bewußtscin beizubringen, ihren Gesichtskreis über den der äugen- blicklichen gewerkschaftlichen Sondcrintercssen hinaus zu dem der allgemeinen Klasseninteresscn zu erheben, die mit den höchsten und allgemeinsten Menschhcitsinteressen zusammenfallen. Unermüdlich und planmäßig müssen unsere Genossen in den Gewerkschaften dahin wirken, daß deren so weitverbreitete Presse ihre Leser über den Sozialismus und die Partei in richtiger Weise aufklärt und sie nicht mit Bringmannfchen Märchen gegen die Partei aufhetzt; müssen sie dahin wirken, daß bei den Wahlen von Gewerkschafts- funktionären stets Genossen erlesen werden, die nicht bloß treffliche Gewerkschafter, sondern auch überzeugte und disziplinierte Ge- Nossen sind. Nicht Kampf zwischen Partei und Gewerkschaft! Das wäre politischer Selbstmord. Aber Kampf für die Partei in der Gewerk- schaft, das muß die Parole jedes Genossen sein, der imstande ist, gewerkschaftlich tätig zu sein. Wohl ist die Aufgabe schwer, wohl sind die politisch tätigen Genossen heute bereits alle überbürdet, aber es gibt im Moment keine wichtigere Aufgabe für sie. Die vollkommene Einheit zwischen Partei und Gewerkschaft ist mehr wert für den proletarischen Klassenkampf als ein paar Dutzend neue Mandate: und diese werden um so eher gewonnen, je größer jene Einheit, je stärker das Parteicmpfinden in den Gewerkschaften pulsiert. Partcitagsbeschlüssc helfen in solchen Dingen nicht viel. Wohl aber dürfen wir erwarten, daß die Verhandlungen des Parteitags das ihre dazu beitragen werden, das Interesse für die Gewerk- schaften in den Kreisen der Parteigenossen zu steigern und fie zu energischem gewerkschaftlichen Wirken anzufeuern. Je mehr ihnen das gelingt, je eifriger unsere Genossen in den Gewerkschaften im Sinne des proletarischen Klassenkampfes tätig sind, um so besser für Partei und Gewerkschaften, um so zuversichtlicher dürfen wir erwarten, daß das deutsche Proletariat siegreich alle Kämpfe be- stehen wird, denen es entgegengeht. Der dreizthnte Iahrkskougreß der bulMischen SoMdemkraiie. Vom 6. vis 12. August tagte in Warna der 13. Kongreß der „weitherzigen" Sozialiste», der durch 47 Delegierte, die 36 Orts- gnippcn vertraten, beschickt war. Das verflossene Jahr war reich an größeren und kleinere» Arbeitsklnnpfen, die durch die Partei der„Weit- herzigen" geführt und in den meisten Fällen mit gutein Erfolge beendet wurden. Sic haben den Gewerkschaften größeren Mitgliederzuwachs, der ganzen Arbeitcrbetvegung festes Stückgrat gebracht und die Sozial- demokratic kräftig gefördert. Inmitten der Arbeiterschaft ist der Einfluß der Partei durch keine bürgerliche Richtung ernstlich bestritten. Der große eintägige Demonstrationsstrcik der Arbeiter der Hauptstadt Sofia gegen die reaktionären Verordnungen des HnndwerkergesetzeS, der auch in manchenändereii Städten nachgeahmt ward, zeigte der bürgerlichen Welt, die den Sozialismus in Bulgarien durch die Spaltung der alten Partei zur vollen Ohnmacht verurteilt glaubte, daß hinter den sozial- demokratisch gesinnten Gewerkschaften, die nur die aufgeklärtesten Elemente der Arbeiterklasse umfassen, die Arbeitermassen stehen. Die Organisation dieser Massen ist im ununterbrochenen Auf- steigen begriffen. Das hat seinen Widerhall in einem zwar an sich unbeträchtlichen, aber immerhin erfreulichen Zuwachs an Mit- gliedern der Partei gefunden. Während seit der Spaltung 1663 beide Fraktionen alljährlich an Mitgliedern verloren, kon- statierte man auf dem diesjährigen Kongreß der„Weit- herzigen" einen Zuwachs von 62 Mitgliedern. Die Partei zählt 1014 ordentliche Mitglieder. Warna, der Ort des Parteitag?, ist der Haupthafen und eine der größeren Städte Bulgariens. Unter dem Einfluß der«Weit- herzigen" stehen dort sieben Gewerkschaftsgruppen und eine neu ge- gründete Konsumgenossenschaft. Das Parteiorgan mit 2048 Abonnenten hat ein Defizit von 2076 Fr. Den Einnahme» der Partei im Betrage von 17 646,53 Fr. stehen Ausgaben von 20 606,20 Fr. gegenüber. Die Schuld der Partei ist auf 5743,86 Fr. angewachsen. Bei den Debatten über den Bericht der Parteileitung äußerte Genosse.Krysto Stantscheff über die Taktik: Die Tätigkeit der Partei ist in dem ver- flossene» Jahre meistens auf das wirtschaftliche Gebiet be- schränkt geblieben, die Partei als politische Vertreterin des Proletariats ist nicht auf den Plan getreten. Seit zwei Jahren spricht man von der Notwendigkeit, das Proletariat in die politischen Kämpfe des Landes zu führen, bis zum heutigen Tage aber ist in dieser Beziehung gar nichts geschehen. Wir müssen die Doktrinärpolitik aufgeben, mit der die Partei schon 13 Jähre das Leben fristet und deren Frucht die Spaltung der Partei war. In ähnlicher Weise hat sich auch das Mitglied des Parteivorstandcs Krysto Pastuchoff über die Notwendig- keit einer regeren politischen Betätigung ausgesprochen. Die Einleitung und die Wahl des Moments für die Inszenierung einer Volksbewegung gegen die monarchische Reaktion, die angesichts der Negierungöskandale höchst zeitgemäß wäre, hat der Kongreß dem Parteivorstande überlassen. Er faßte folgenden Beschluß:„Der Kongreß erklärt, daß die Lage des Landes in innerer und äußerer Beziehung schlechter geworden ist. Er erhebt Protest dagegen, daß die Regierung das Gesetz betreffend die Kinder- und Frauenarbeit nicht init der nötigen Energie durchführen läßt. Die bulgarische Sozialdemokratie sieht mit Entrüstung ans die letzten nationalistischen Bewegungen, die die Aufhetzung einer Nation gegen eine andere bezwecken*) und die der Regierung dazu dienen, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft von der elenden inneren Lage des Landes und den höchst notwendigen Refonnen auf dem Gebiete der Sozialgesetzgebung abzulenken. Sie ruft das bulgarische Proletariat auf zum 5kampfe für die Sicherstellnng der Bürgerrechte und-Freiheiten und zur Eroberung wichtiger sozialer Reformen." Zur Organisation der Arbeiterkämpfe hat der Parteitag folgende Resolution angenommen: „.., In Anbetracht, daß die bisherigen Kämpfe des Proletariats nieistens elementaren Charakter tragen und einer vorbereitenden *) Gemeint sind die Unruhen im Lande gegen die in Bulgarien lebenden Griechen. Organisierung entkehrtei», macht der Parteitag 1 den Parteimit gliedern, die in die Gewerkschaften eintreten, zur Pflicht, in diesen Organisationen sozialistische Propaganda zu treiben. Er empfiehlt die Bildung von örtlichen Parteiansschüssen, die die Aufgabe haben, die Aktion der Gewerkschaften in Einklang mit denen der Partei zu bringen." Zur Frage der Einigimg der sozialistischen Kräfte in Bulgarien Wurde folgender Beschluß einstimmig angenommen: »Der 13. Kongrej; wiederholt die Beschlüsse der Parteitage zu Sofia und Kasanlyk über die Spaltung und die Einigung der sozialisti- schen Kräfte in Bulgarien. Angesichts dessen, dah einerseits die zu erwartende gewerkschaftliche Bewegung der Arbeitermassen, und anderer- seits die Bestrebungen des Bürgertums, die Ausbeutung zn erweitern und auf gesetzlichem Wege die Arbeiterrechte und Freiheiten zn be- schränken, gebieterisch den Zusammenschluß der Arbeiterschaft gegen den gemeinsamen Feind erfordern, ist die Einigung der sozialisti« schen Fraktion eine Lebensbedingung des Erfolges der sozialistischen Sache und folglich jede in entgegengesetzter Richtung zielende Tätig- keit ein Verbrechen gegen die Arbeiterinteressen und ein Verrat gegen den Sozialismus, der Parteitag beschließt, daß der Partei vorstand auf die Annäherung der sozialistischen Fraktionen hinzu arbeiten und zu diesem Zwecke die Vermittelnng des Jnter- nationalen sozialistischen Bureaus anzurufen hat. Der Kongreß empfiehlt gemeinsame Aktionen mit den der Partei nicht feindlichen Fraktionen." Am Ende hat der Parteitag die Gründung der Genossenschaften in jenen Orten enipfohlen, wo die Bedingungen günstig sind. Zum Schluß hat er eine Begrüßnngsresolntion für die kämpfenden russischen Arbeiter und die vereinigte russische Sozialdemokratie einsttnimig angenommen. Gleich nach dem Parteitage hat eine Ge� nossenschaftskonserenz stattgefunden, ans der 14 Delegierte als Ver treter der 11 sozialistischen Konsumvereine anwesend waren. Hus der Partei. Nochmals die Legende von der Revolutionsromantik. Wie unseren Lesern bereits bekannt, nahm auf dem Pro dinzialparteitag für Schleswig-Holstein die Dis- kussion über den sogenannten„Hirtenbrief" der Genossen Frohnie, Lesche und v. Elm gegen die Revolutionsromantik einen ziemlich breiten Raum ein. In dieser Debatte nun wurden von dem Genossen Frohme zur Rechtfertigung dieses„Hirtenbriefes" Ausführungen gemacht, die wir nicht unwidersprochen lassen können. So sagte der Genosse Frohme nach dem Bericht des„Hamburger Echo": „In Berlin war, das dürfe er sagen, die M e i n u n g vor« hande», daß mit der Wahlrechtsdenionstration der folitische Massen st reik in Anlvendung kommen o l l t e. In Berlin habe es außerordentlicher Mühe bedurft, diese Anschauungen z u r n ck z u d ä mm e n. In Sachsen hätte von Berlin aus g e b r e m st werden müssen, weil auch dort der Massen st reik schon so gut wie beschlossene Sache war. Das sind doch einige Beweise dafür, daß unsere Erklärung nicht auf vorgefaßter Meinung beruhte. Die Erniichte rung ist jetzt eingetreten...." Es ist uns rätselhaft, wie Genosse Frohme derartige Be- hauptungen aufstellen kann. Die Auseinandersetzung des„Vor- w ä r t s" mit der„Sächsischen Arbeiterzeitung" sollte den Genossen Frohme doch von der U.l richtig! eit seiner Behauptung, in Berlin sei die Meinung vorhanden gewesen, daß mit der Wahlrechtsdemonstration der politische Massenstreik in An- Wendung konimen sollte und daß es außerordentlicher Mühe bedurft habe, diese Anschauungen zurückzudämmen, überzeugt haben. Die „Sächsische Arbeiterzeitnng" berief sich damals zum Beweise für ihre Ansicht, daß man in Berlin zum mindesten für einen halb- tägigen Demonstrationsstreik begeistert gewesen sei, auf die Behauptung eines A n a r ch i st e n, daß in einer Vertrauens- männersitzung des Ü. Wahlkreises ein solcher DemonswationSstreik beschlossen worden sei. Dieser anarchistischen Behauptung gegenüber jedoch stellte der Vorsitzende des S. Berliner Wahlkreises, Genosse Frehthaler fest, daß ein solcher Beschluß niemals gefaßt worden sei. Und trotz dieser tatsächlichen Feststellung stellt jetzt Genosse Frohme seine viel weiter gehende Behauptung auf. Genosse Frohme sollte doch wissen, daß eine als unrichtig erwiesene Be- hauptung durch ihre Wiederholung nicht richtig, sondern höchstens zur Unwahrheit wird I Ebenso verhält eS sich mit der Behauptung, daß in Sachsen der Massenstreik schon so gut wie beschlossene Sache gewesen sei und daß auch dort von Berlin aus hätte gebremst werden müssen Genosse Frohme hätte diese ebenfalls vom„Vorwärts" bereits als'Legende nachgewiesene Behauptung sicher niemals aufgestellt, wenn er sich nur die Mühe genommen hätte, das Protokoll der Gewerkschafts- konferenz resp. den von seinem eigenen Blatte, dem„Hamburger Echo", im Separatabdruck publizierten Teil desselben, der den Punkt „Partei und Gewerkschaften" behandelte, ein wenig aufmerksam nach- zulesen. Dort nämlich äußerte sich der Genosse Geher, ein sächsischer Reichstagsabgeordneter, über die innerhalb der sächsischen Parteiinstanzen gepflogenen Verhandlungen über die Massenstreikfrage zur Zeit der Wahlrechtskäinpfe folgendermaßen: „Ich will erklären, wie wir in Sachsen in dieser Frage stehen, denn die Wahlrechtsfrage ist gegenwärtig die Hauptfrage in Sachsen. Wir haben mehrfach Zusammenkünfte gehabt, und dabei ist auch der Gedanke aufgetaucht, ob wir nicht einen politischen Massenstreik in Szene setzen wollen. Es wurde vor- geschlagen, eine Verständigung darüber mit den GeWerk- schaftsfiihrern herbeizuführeu. Aber diejenigen, die sonst am meisten für den politischen Massenstreik waren, sind dagegen gewesen und habe» gesagt: Nein, für den Augenblick können wir das nicht machen. sHört, hört l) Jawohl, im Augenblick hielt man einen Massenstreik überhaupt nicht für möglich. sHört, hört!) Und deshalb erklärte man es für nbcrflnssig, mit den Gcwcrkschasts- führern zu reden." Also auch in diesem Falle ist Genosse Frohme das bedauerliche Opfer einer leichtfertigen und durchaus unrichtigen Information ge- worden, sofern seine Aenßerungen sich überhaupt auf eine In- kormation stützten. Genosse Frohme fuhr nachdem oben wiedergegebenen Zitat fort: „Der„Vorwärts" habe sogar die Bekämpfung der Flottenvermehrung mit der Proklamierung des Massen st reiks in Aussicht gestellt." Diese Aeutzerung Frohmes kann sich nur auf einen Leitartikel be- ziehen, den der„Vorwärts" am 19. November 1906 veröffentlichte, und der sich unter der Ueberschrift„Eine maßlose Pro- vokation" mit der neuen Flottenvorlage, die soeben heraus- gekommen war, beschäftigte. Der Absatz, auf den Genosse Frohme offenbar abzielt, hat folgenden Wortlaut: „Weiter: Die neue Flottenvorlage ist nur eine„Ergänzung" zu dem großen Flottengesetz vom Jahre 1900. mit dem Deutsch- land den ersten waghalsigen Sprung ins Verderben einer uferlosen abenteuerlichen Wellpolitik getan hat. Diese„Ergänzung" ist aber, wie auch die früheren, nichts anderes als eine s y st e- matische Vernichtung, eine I l l u s o r i s ch m a ch u n g des verfassungsmäßigen Bewilligungsrechtes der Volksvertretung. Der Reichstag beschließt in feiner bürgerlichen Majorität ein Flottengesetz, eine bestimmte finanzielle Aufwendung, damit nach einem, nach zwei Jahren die Re- gierung mit neuen„Ergänzungen" zu dem Gesetz herausrückt, die wieder von der bürgerlichen Majorität unter dem Vorwand bewilligt werden, daß man durch den bereits begonnenen Bau der neuen Flotte vor ein tait aooomxli, vor eine fertige Tatsache gestellt sei, so daß die„uuborhergcsehene" Erhöhung ihrer Kosten gewissermaßen dem Volke ohne weiteres wie eine Pistole auf die Brust gesetzt wird. Die Rcichstagsdebatten, die Annahme und die Festlegung neuer Flotten- und Militärgesetzc der wandeln sich dadurch in eine schale Farce, a der die„liberalen" Vertreter des parla mentari schen Kretin isnius Geschmack finden möge», die aber der Arbeiterklasse nur Eke und Abscheu einflößen kann, lind nun gerade au gesichts der grandiosen ersten Probe auf eine revolutionäre Massenaktion des modernen Proletariats in Rußland findet die deutsche Regierung nichts Besseres zu tun, als den deutschen Parlamentarismus vor aller We'l wieder einmal zu verhöhnen, dem deutschen Pro letariat mit einem Fingerzeig auf den Tempel der bürgcr- lichen„gesetzglsbenden" Geschwätzigkeit wieder einmal deullich zuzurufen: Lasset alle H o f f im» g e'n fahren Wenn eine Hochwohlweise Aktion extra dazu angetan war. in der Arbeiterklasse Deutschlands noch mehr das Augenmerk, die Sympathien, die Hoffnungen von der r e i n parla- m e n t a r i s ch e n Reform aktiv n auf die direkte Massenaktion zn lenken, dann ist es sicher die neue Flottenvorlage." Man sollte meinen, für einen auf dem Boden der sozialistischen Klassenkampfansfassung stehenden Genossen könnten diese Darlegungen nicht das geringste Anstößige enthalten. Sie geißeln mit gebührender Schärfe die Entwürdigung des Parlamentarismus durch die bürgerliche Rcichstagsmehrhcit. Sie treten der Anffassnng entgegen, daß durch eine„rein parlamentarische R e f o r m a k t i o n" die Reaktion, zu der sich das ge sanrte Bürgertum immer mehr zusammenfindet, überwunden werden könne. Sie weisen auf die Notwendigkeit hin, die parlamentarische Aktion gegebenenfalls durch die direkte Massenaktion zu unterstützen. Davon, daß diese direkte Massenaktion im Augenblick zur Auwendung kommen müsse, kein Wort! CS gehört 'chon— wir wollen nicht sagen eine staatsanwaltliche— aber doch politisch-beckmesserische Auffassung dazu, in diesen sich durchaus in den Gedankengängen des sozialdemokratischen Klassenkampfes und der Jenaer Massenstreikresolntion bewegenden Ausführungen eine Auf- orderung zur sofortigen Proklamierung des Massenstreiks und zu politischen Putschen zu erblicken! Wenn der Genosse Frohme unter„RevolutionSromantik" die Auffassung versteht, daß die Uebertvindung der herrschenden Klasse auf dem Wege der„rein parlamentarischen Aktion" nicht möglich sei, o bekennen wir uns allerdings ohne weiteres der„Revolutions- romantik" für schuldig. Aber auch dann sollte uns Genosse Frohme insofern mildernde Umstände zuerkennen, als die Genossen Legten und v. E l m sich in Jena ebenfalls einer solchen Revolutionsro in antik schuldig gemacht habenl Zum Parteitag. Auf der Konferenz des 4. pfälzischen Wahlkreises Z w e i b r ü ck e n> zu Pirmasens, die von acht Orten mit zwanzig Delegierten beschickt war, wurde lebhaft über Massenstreik und Mai 'der diskutiert. Der Referent Genosse Feldmüller bemerkte u. a., die Form, in der die Maifeier gegenwärtig gehalten werde, befriedige nicht. Infolge des Widerstandes der Gewerkschaften habe die Arbeitsruhe keine wesentlichen Fortschritte gemacht. Die werbende Kraft der Maifeier sei deshalb auch nicht derart, wie erwartet werden ollte. Es sei nicht ausgeschlossen, daß die Gestaltung der politischen Verhältnisse das Proletariat zwinge, zum Massenstreik zu greifen. Im arbeitenden Volke müsse über die Bedeutung, aber auch über die Gefährlichkeit des politischen Massenstreiks Klarheit geschaffen werden, damit durch die radikale Phrase, die oft in unverantwort- licher Weise mit dieser zweischneidigen Waffe operiere, kein Unheil angerichtet werde. Zunächst liege unsere Aufgabe noch lange nicht in der Präparierung von Generalstreiks, sondern in der General- organisation. In der Diskussion wurde von einigen Rednern mehr Propaganda ür die Maifeier gefordert. Ein Antrag, den Parteitag beschließen zu lassen, daß die Maifeier allein durch die Partei geregelt werde, wurde bekämpft und abgelehnt. Auf der Wahlkreiskonferenz des 6. pfälzischen ahlkreises(Kaiserslauterns, die 10 Orte mit 19 De- legierten beschickt hatten, sprach Genosse K l e m a n» über den Parteitag. Er sagte u. a.: Den Antrag zum Vorstandsbericht, den Parteivorstand zu verstärken durch Gewerkschaftsführer, halte er nicht für glücklich, da letztere ihrer Tätigkeit für die Gewerkschaften entzogen würden; es könne auch so ein gelegentliches Zusammen- wirken stattfinden. Daß der„Vorwärts"-Kouflikt nochmals auf- gerollt werde, sei nicht nötig. Zu der Unterstützung der Maifeier- opfer müsse auch die Partei beitragen. Der Massenstreik solle nicht bei jeder Gelegenheit, sondern bei politischen Vorkommnissen, zum Beispiel Wahlrechtsverschlechternngen, angewandt werden. Eine 'olche Aktion müsse von Partei und Gewerkschaften gemeinschaftlich geführt werden. Die Diskussion wurde im allgemeinen im Sinne des Referats geführt. Der Genosse Schmaller führte u. a. aus: Es sei gut, daß Ms Protokoll über die Gewerkschaflskonferenz veröffentlicht wurde, erfahre man doch dadurch, was für Ansichten von verschiedenen Ge- Werkschaftsführer vertreten würden. Bezüglich des Massenstreiks sei auch er der Ansicht, daß er nur augeweudet werde, wenn es sich um die vitalsten Interessen der Arbeiter handle, dies schließe aber nicht aus, daß er in Partei und Gewerkschaften diskutiert werde, da letztere so gut data» interessiert seien wie die Partei. Was das Literatengezänk betreffe, so müsse entschieden zum Ausdruck gebracht werden, daß die Parteigenossen dies endlich satt haben. Manche dieser Literaten wissen schon im Voraus, daß sie durch ihre Artikel den Widerspruch herausfordern; sie mögen ihre Zeit zu für die Partei nützlicheren Dingen verwenden._ Zur Massenstreikdebattr. Das Dresdener Gewerk- chastskartell nahm nach einem Referat des Genossen S t r e i n e und lebhafter Diskussion gegen zwei Stimmen folgende Resolution an: „Zu den gegenwärtigen Erörterungen über die Notwendigkeit der Beschäftigung der Gewerkschaften mit der Frage des politischen Massenstreiks erklärt das Dresdener Gewerkschaftskartell: Die der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands angeschlossenen Verbände und die sozialdemokratische Partei sind zwei organisatorisch selbständige, einander gleichberechtigte Teile der die Emanzipation der Arbeiter im Klassenkampf erstrebenden Arbeiter- bewegung. Ans der Verschiedenheit der den beiden Organisationen »gewiesenen Tätigkeitsgebiete sowie der dadurch bedingten Ver- chiedenheit der organisatorischen Einrichtungen erklären sich ohne weiteres abweichende Anschauungen über die Zweckmäßigkeit und Anwendbarkeit bestimmter Kampfesmittel, wie dies in den Be- chlüssen. des Kölner Gewerkschaftskongresses und des Jenenser Zarteitaacs über den politischen Massenstreik in die Erscheinung ge- treten ist. Das Kartell erachtet daher den scheinbar vorhandenen Konflikt zwischen Partei und Gewerkschaften, weil ganz natürlichen Umständen entsprungen, für keineswegs außergewöhnlich. Das Kartell erwartet, daß durch eine Verständigung zwischen den obersten Partei- und Gewerkschaftsinstanzen unter gegenseitiger Wahrung völliger Gleichberechtigung Einigkeit über die Bedeutung und die erst noch zu erfüllenden organisatorischen Vorbedingungen zum politischen Massen- 'treik erzielt wird. , Da das Kartell ferner überzeugt ist, daß ohne weit mehr als bisher ausgedehnte und befestigte Organisationen, wozu u. a. auch eine endgültige Abrechnung mit den bisher von bestimmten Partei- kreisen viel zu viel protegierten lokalistisch- gewerkschaftlichen Quertreibereien gerechnet wird, die erfolgreiche Durchführung eines Massenstreiks nicht denkbar ist, erwartet es, daß über die Propagierung des Massenstreiks die unermüdliche Agitation ür die Ausbreitung' und den inneren Ausbau der gewerk- schaftlichen und politsschen Organisationen und eine auf den Ver- hältnissen der Gegenwart basierende, praktische soziale Reformarvcit zu stellen ist, deren Vernachlässigung oder systematische Herabsetzung die schlinmssten Folgen für die allniähliche Hebung und den Be- freiungskanipf der Arbeiterklasse haben müßte. lieber den Antrag des Kieler Gewerlschaftskartell, die �Ein- berufung eines außerordentlichen Gewerkschaftskongresses betreffend, und über die Vorschläge zu dessen Zusammensetzung, geht das Dresdener Kartell zur Tagesordnung über." Von den Organisationen. Eine Wahlkreiskonfercnz für den schlesischen Wahlkreis Sagan-Sprottau tagte in Priebns. Sechs Orte waren durch acht Delegierte vertreten. Der Bericht des Kreisvorstandes ergibt für die Dauer von acht Monaten eine Einnahme von 003,83 M., eine Ausgabe von 449,52 M. Für Agitation sind 214,65 M. ver- wandt worden. Im Wahlkreise sind 287 eingeschriebene Mitglieder in drei Lrtsvercincn. Die Parteipresse wird in 609 Exemplaren gelesen, dazu kommen 203 Witzblätter. Die Delegierten konnten berichten, daß trotz schwer empfundenen Lokalmangels die gewerk- schaftliche wie politische Organisation Fortschritte macht. Aus der Generalversammlung des sozialdemokratischen B c z i r k s v e r e i n s Mülhausen im Elsaß waren fünf Orte durch 15 Delegierte vertreten. Die Einnahmen betrugen vom 1. Oktober 1905 bis 80. Jtmi 19V6 3014,74 M., die Ausgaben 2957,70 M. Die„Mülhaus er Volkszeitung" hatte stän- digen Zuwachs an Abonnenten zu verzeichnen. Für die Monate Juli, August und September beschloß die Konferenz zur Deckung der Kosten der Bezirkstagswahlen einen monatlichen Extrabeitrag von 10 Pf. Außerdem wurde der Antrag angenommen: „Der Bezirksvorstand wird von der heutigen Generalversamm- lung beauftragt, im Interesse der Partei auf Mittel und Wege zu sinnen, um einen Parteisekretär anzustellen." Der sozialdemokratische Verein des 6. s ä ch s i s ch e n R e i ch s- tagswahlkreises hat im ersten Halb- jähr 1906 um 1315 Mitglieder zugenommen und zählt jetzt 7316. Die„Sächsische Arbeiterzeitung" wird im Kreise in 13 913 Exemplaren gelesen, was eine Zunahme von 1208 Lesern gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Gemeinderäte sind im Kreise 139. Die Einnahmen be- trugen 18 621,61 M., dem eine Ausgabe von 17 650,90 M. gegen- übersteht. Der größte Teil der Einnahmen ergibt sich aus den Mitgliederbeiträgen, die allein 14 949,82 M. betrugen. Die Generalversammlung des 14. Hannover- 'che» Wahlkreises(C elle-Peine) zu Lehrte war von 19 Delegierten ans 6 Orten besucht. Die Zahl der organisierten Genossen ist im Berichtsjahr um 261, von 523 ans 784 gestiegen, obgleich am 1. Januar der Monatsbeitrag von 20 auf 30 Pf. er- höht wurde. Der„Volkswille" wird in 752 Exemplären gelesen. Der Kassenbericht zeigte einen erfreulichen Fortschritt. Auf der Generalversammlung des 4. württem- bergischen Reichstags-Wahlkreises(Böblingen- ai hingen) wurde eine Einnahme von 571,90 M., eine Ausgabe von 563,60 M. konstatiert. Eine Kreisparteiversammlung des 14. s ä ch s i s ch e n Wahl- k r i s e s(Borna) in Lunzenau konstatierte eine Mitgliederzahl von 1147 gegen 1040 im Vorjahre. Die Gesamteinnahme im Kreise betrug im Berichtsjahre 2603,68 M.. bei der Hauptkasse 1554,48 M., die Ausgabe 2020,29 M., bezw. 1000,50 M. Der Saalkampf hat der Partei 39 Säle gebracht. Die Versammlung beschloß, 250 M. an die Hauptkasse in Berlin abzusenden. Brandenburger Kreiskonferenzcn. Die Generalversammlung des Verbandes der ozialdenr akratische n Wahlvereine des Wahl- kreises Ober-Barnim tagte am Sonntag, den 26. August, in B i e s e n t h a l. Vertreten waren 7 Orte mit 23 Delegierten. Die Zahl der Vereine hat sich von 5 auf 7 vermehrt, die Mit- gliederzahl stieg von 233 auf 543. Gewerkschaftlich organisiert sind 2271 Personen. Die Parteiprejse ist in 442 Exemplaren verbreitet. Das Referat zum Parteitage erstattete der Kandidat des Kreises Genosse Bruns. Zum Parteitage wurden die Genossen Bruns und N o w a g delegiert._ „Arbeitende Jugend") das Organ der freien Jugendorganisationen Deutschlands, hat seine Septembernummer im Festgewand ausgeben lassen. Die Festnummer gilt dem zweijährigen Bestehen der Berliner Organisation, deren Geschichte in einem Artikel„Zwei Jahre Kampf" dargestelll wird. Die Titelseite ist mit einer Zeichnung geschmückt, die einen am Schmiedefeuer rastenden, jugendstarken Arbeiter zeigt, der mit entschlossen- sinnendem GesichtsauSdruck auf die im Hinter- gründe aufragenden Fabrikschlote schaut. Ein frische Kampflust atmendes Gedicht ist dem Bilde beigegeben. Paul Göhre hat einen Artikel über den sittlichen Wert der Arbeit beigesteuert. In dem Artikel„Theorie und Praxis" wird jener Absatz der Leitsätze der Genossen Schulz und Zetkin zum Thema„Volkserziehung und Sozial- demokratie" besprochen, der von den Jugendorganisationen handelt. Die Rubrik„Aus unserer Bewegung" gibt einen Einblick in das Innere der Organisationen, währtnd die„Rundschau" Tatsachen über die wirtschaftliche Lage der arbeitenden Jugend gibt. Das Feuilleton bemüht sich, die Jugendlichen zu selbständigem Denken zu Tihren. Aus den„Vereinsnachrichtcn" ist zu ersehen, daß der Ber- liner Verein allmonatlich zirka 25 kleinere Versammlungen mit bildenden Vorträgen abhält, die rege besucht werden. Für die Sonntage im Oktober und November sind neun Dichterabende und Museumsbesichtigungen vorgesehen.— Die 12 Seiten starke Nummer kostet nur 10 Pfennig und ist durch den Verlag, Berlin LO., Waldemarstraße 75 zu beziehen. Totenliste. In Pausa(Sachsen) starb der Genosse Gottlieb Schenk im 84. Jahre. Schenk, von Profession Handwcber, hat bereits die 184ger Bewegung aktiv mitgemacht und schloß sich der Lassalleschen Bewegung gleich zu Beginn feurig an. Schenk war bis in die neuere Zeit hinein ein eifriger Versammlungsbesucher. Unterm Sozialistengesetz hat Schenk seinen Mann gestanden und bei den Genossen im sächsischen Vogtlande stand der treue, sturmerprobte Mann, der stundenweit zu den Versammlungen der Genossen pilgerte, im besten Ansehen. In D ü n n w a l d(Rheinprovinz) ist der Genosse S ch u- macher gestorben. Er war der letzte von drei Dünnwalder Arbeitern, die sich im Jahre 1864 an Bischof Ketteler wandten mit der Anfrage, ob sie dem von Lassalle gegründeten„Allgemeinen deutschen Arbeiterverein beitreten dürften. Ketteler hatte nichts da- gegen einzuwenden, der Eintritt wurde vollzogen und Schumacher war jahrelang Bevollmächtigter des Vereins. Trotz der bischöf- lichen Erlaubnis zogen sich die drei wegen ihrer Agitation für den Arbeiterverein den Haß des damals in Dünnwald amtierenden Geistlichen von der Burg zu, der es sogar fertig brachte, sie von dem Empfang der Sakramente auszuschließen. Was das zu jener Zeit in einem kleinen Dorf bedeutete, kann nur der ermessen, der die länd- lichen Verhältnisse kennt. Die drei Arbeiter hatten viel zu leiden. Aber trotz aller Schwierigkeiten haben sie standgehalten, und wenn die Parteibewegung dort heute auf gesunden Füßen steht, so hat die Arbeit der drei Veteranen viel dazu beigetragen. In den letzten Jahren seines Lebens war Schumacher sehr viel an das Kranken- lager gefesselt und konnte nicht mehr in den ersten Reihen stehen. Er hat aber die Versuche, die in letzter Zeit von der Geistlichkeit gemacht wurden, um ihn wieder in den Schoß der Kirche zurück- zuführen, beharrlich von sich gewiesen und ist so, ftei wie er gelebt, auch gestorben. Ehre seinem Andenken I polizeiUcbes,(pericbtikbcs ukw. Strafkonto der Presse. Das Landgericht Bautzen verwarf die Berufung des Genossen Schnettler von,„Armen Teufel" us der Oberlausitz zu Zittau gegen das Schöffen- gerichtsurteil, das ihn wegen Beleidigung eines AmtsblattsredaktcurS zu zwei Wochen Gefängnis verurteilte. Gleichfalls verworfen wurde die Berufung des Genossen D i k r e i t e r von der„Altenbnrger Bolkszeitung" gegen ein SchöffengcrichtSurteil, das ihn wegen Beleidigung zweier Lehrer mit zwei Monaten Gefängnis belegte. Genosse Dikreiter hatte in der„Altenvurger VolkSzeitung" mehrere Fälle von körperlicher Mißhandlung von Schulkindern veröffentlicht lnid die betreffenden Lehrer auf das Unwürdige ihrer Erziehnngspraktikcn hingewiesen. Der Hinweis auf die sittlichen Motive seiner Hand- lung half ihm nichts. Der Staatsanwalt Heinrich erklärte: Es kam dem Angeklagten nur darauf an, durch den Artikel Unzufrieden- heit zu erregen und so der Sozialdemokratie Vorschub zu leisten. Sechs Monate Gefängnis wegen Stübel-Veleidigung hat Genosse Quint von der Frankfurter„ V o l k s st i m m e" hinter sich. In den Tagen da die Kolonialkorrnption zum Himmel stinkt, ist der angebliche Beleidiger des gegangeneu Kolonialdirektors in die deutsche Freiheit zurückgekehrt. Die Franks.„Volksstiinrne" schrieb in ihrer Begrüßungsnotiz: „... Sechs lange Monate hat er dort schmachten und all die Entbehrungen und Erniedrigungen ertragen müssen, denen die Insassen einer solchen staatlichen Zwangspensiansanstalt unter- lvorfen sind. Wurden doch selbst die Besuche seiner Frau und seiner Freunde ans das Mindestmaß beschränkt. Und das alles, iveil er einen hohen Staatsbeamten des Kolonialamtes beleidigt haben sollte. Selbst wenn mau annehmen wollte, daß die Kritik, die er an dem berühmten Konto P. u. St. geübt, nach bürgerlichen Rechts- begriffen in der Forni etwas zu scharf gewesen sei,. so haben doch die späteren Enthüllungen gezeigt, daß sie sachlich nur zu berechtigt war. Angesichts dieser Enthüllungen, der Aufdeckung eines zum Himmel stinkenden Kolonialfumpfcs, tritt die U»- gehenerlichkeit der Strafe. die Genosse Quint für seine Kritik erleiden mußte, erst recht voll in die Erscheinung. Es mag ihn mit Genugtuung und Freude erfüllen, daß in der Zeit der sechsmonatlichen Slrafverbüßnng der Stein ins Rollen gekommen ist, durch den die ganze TippelSkircherei aufgedeckt wurde. Heute würde wohl kaum Fürst Vülow für Herrn Kolonialdirektor Stiibel nochmals Strafantrag stellen, denn, wenn auch an seiner persönlichen Integrität nicht gezweifelt werden soll, so steht doch unzweifelhaft fest, daß sein Verwaltungssystem durch die Erzbcrgerschcn Enthüllungen bis auf die Knochen kompromittiert ist." Hub Induftrie und Fjandel. Härder Bcrcin. Der Jahresabschluß des Härder Bergwerks- und HüttenbercinS ist ein fndustrielles Bulletin, das ein außerordentliches Wohlbefinden der gemischten Werke ausweist. Das Härder Werk gehört zu denen, welche ihre Feuerbetriebe wenigstens teilweise mit Kohle und Erz aus eigenen Gruben beschickten, selbst Roheisen erblascn, Halbzeug herstellen und fertige Walzwerkserzeugnisse, Eisenbahnmaterial usw. auf den Markt bringen. Es wurden z. B. im Jahre 1804/05 pro- duziert: 456 806 Tonnen Steinkohle. 392 366 Tonnen Roheisen, 434 093 Tonnen Stahl und 358 550 Tonnen Fertigfabrikate. Dem Kohlensyndikat ist der Härder Verein mit 150 000 Tonnen Be- teiligung angeschlofien. Von der Gcsamtbcteiligung des Stahl- Verbandes entfallen 542 875 Tonnen gleich 5,24 Prozent auf das Härder Werk. Eine Zusammenstellung der Ergebnisse gibt folgendes Zahlenbild. Es betrug der Jahres- Dividende in Proz. bruttogewinn-�schreibm gen Pxjorjtztz- Stamm- M. M. Aktien Aktien 1902'03 4 108156 2 600119 4 0 1903/04 5 701 585 2 890 261 8 0 1904/05 6 407 675 3 029 859 10 2 1905/06 8 084 150 3 023 714 15 10 Die finanziellen Ergebnisse haben sich mithin für die Gesellschaft, die jetzt mit einem Aktienkapital von 27 028 000 M. arbeitet, sehr zufriedenstellend entwickelt. Auf die Arbeitsverhältnisse hat davon aber noch nicht viel abgefärbt. Auf dem Härder Verein hält man das alte patriarchalische System der— unbegrenzten Arbeitszeit hoch in Ehren. Bezüglich des Ucberstunden-Unwesens sucht der Härder Verein den Rekord zu halten. Schichten von 24 Stunden und länger sind hier keine Seltenheiten; einzelne Leute brachten es schon bis zu 40 Schichten in einem Monat. Da bei solcher Aus- Nutzung der Arbeitskraft die Lebenskraft schnell verbraucht wird, ist der in Perioden riesenhaft gesteigerter Produktion durch Ueberstunden erzielte Mchrverdienst kein Vorteil für die Arbeiterschaft, weil er viel zu teuer erkauft ist. Eine Regelung der Arbeitszeit in der Eisengroßindustrie ist dringend notwendig. Die Regierung scheint für diese Angelegenheit noch keine Zeit zu haben. Phönix— Härder Bcrcin. Wie bestimmt verlautet, soll eine heute stattfindende AnfsichtSrats- sitznng de§ Phönix Beschluß fassen über die Verschmelzung der beiden Werke. Von einer Seite, die beiden Unternehmen nahe steht, soll bereits am Dienstag das ganze vom Härder Verein an der Börse vorhandene Aktienmatcrial aufgenommen sein. Durch die Verschmelzung würde ein Unternehmen geschaffen, das an der Spitze der gemischten Werke marschiert. Die beiden Werke ergänze» sich teilweise. Phönix hat beim Kohlen- syndikat eine doppelt so hohe Beteiligung als der Härder Verein. Bei diesem liegt das Uebergewicht in der Erzeugung von Halbzeug, dagegen ist der Phönix stärker in Eisenbahnmaterial und in Produkten R In der Gesamtbeteiligung beim Stahlvcrband ist der Phönix dem Härder Verein um rund 100 000 Tonnen vor. Während der Härder Verein Halbzeug abstoßen kann, nmß der Phönix Rohstahl zukaufen. Durch den Zusammenschluß dürste darin ein Ausgleich geschaffen loerden, so daß das snsionierte Unternehmen in der Hauptsache mit einem Material arbeiten kann. Die voin Härder Verein geplante Eriveiterung des eigenen Kohlcngrnbcnbaues ivird durch den Zusammenschluß zunächst wohl hinfällig. Die beiden Unternehmen vereinigen auf sich rund ll'/a Prozent der Gesamtbeteiligung des Slahlverbandes, die nächst höchste Beteiligung hat Thyssen mit 8,55 Proz. Auf die einzelnen Produkte verteilt sich die Beteiligung folgendermaßen: Härder Verein Phönix in Tonnen Halbzeug........ 154 366 63 335 Eisenbahnmaterial..... 79 970 146 934 Formeisen........ 82 334— Stabeisen........ 66 642 146 642 Walzdraht........— 162 470 Grob- und Feinbleche.... 137 062 97 243 Rollendes Eisenbahnmaterial. 22 501 28 943 Das Aktienkapital der beiden Unternehmen belänft sich ins- gesamt auf rund 62 Millionen Mark, die Gesamtzahl der be- schäftigten Arbeiter auf zirka 25 000. In der Eisenindustrie würde daS neue Unternehmen an zweiter Stelle stehen; Krupp behält noch den ersten Platz infolge seines Monopols in der Panzerplatten-, Kanonen- und Geschoßfabrikation. Geht es so weiter niit den Zu- sammenschlüssen, dann ist die Eisengroßindnstrie bald unter de» Hut einiger Gesellschafleu zusammengebracht-- und die Hanptbesitzer sind ein paar Großbanken._ Gründung einer neuen Fabrikstadt am Michigan-See. Schon seit geraumer Zeit sind in der amerikanischen Presse Berichte im Umlaufe über eine geplante große Fabrikstadt, die an den Ufern des Michigan-SeeS in der Lake County im Staate Indiana auf Geheiß des amerikanischen StahltrnstS(llnitcd States Steel Corporation) erstehen soll. Die Anlage eines großen Stahl- und Walzwerkes mit einer entsprechenden Arbeiterstadt soll den Kern bilden, um den sich mit der Zeit die Stadt„Gary"(nach dem Vorsitzenden des Direktoriums der Gesellschaft benannt) gruppieren soll. Das kaiserliche Konsulat in Cincinnati sagt dazu: Die Gründung ist wohb in erster Linie ein Geschäftsuntcrnebmen, für daS in der Presse gearbeitet wird. Es hat aber dieser Plan insofern eine allgemein interessierende Seite, als er den Versuch einer rationellen Städtegründung mit allen Mitteln moderner Technik darstellt. Mat hat mit Borbedacht die Gründung der Stadt an einer Stelle ins Auge gefaßt, die alle Vorbedingungen einer günstigen Lage aufweist, die Wasserstraße über die Seen, das Znsannncnlaufen bedeutender Eisenbahnnetze, die Nähe der Eisen- und Kohlengebiete und das gute Klima. Wie viele Arbeiter zunächst dort Beschäftigung finden sollen. darüber gehen die Angaben auseinander. Zuverlässige Auskünfte lassen annehmen, daß die Zahl der Angestellten und Arbeiter zu- nächst 3000 kaum übersteigen wird. Die von verschiedenen Seiten angegebene Ziffer von 15 000 Arbeitern, wie auch die Gesamt- Einwohnerzahl von 100 000, die man in Kürze für die junge Stadt in Aussicht nimmt, dürften entschieden zu hoch gegriffen fem. Ebenso bedürfen die Angaben, daß das Wert 5 000 000 Tonnen Eisenerz im Jahre verarbeiten und 2 500 000 Tonne» Stahl herstellen soll, noch der Bestätigung. Immerhin kann man sagen, daß eine kapitalkräftige Gesellschaft im Hintergrnnd des Unternehmens steht, und daß viel Arbeit- und Absatzgelegenheit damit verbunden sein wird. Der Betrieb de« ge» samten Stahl- und WalziverkcS soll den Berichten zufolge elektrisch eingerichtet werden. Absatz für Beton und Zement scheinen die Wasserbauten zu versprechen, die durch die Regllliernngsarbeiten am Secuser und am Calnmetflnsse notwendig werden. Ob die Anschaffungen nur im Lande gemacht oder auch ausländische Lieferanten herangezogen lverden, ist freilich eine Frage für sich. Von gut unterrichteter Seite wurde bestätigt, daß am Nordende der Grafschaft Lake, Indiana, Ankäufe von großen Länderkomplexen zu hohen Preisen stattgefunden haben. Wohlunterrichtete und ein» sichtige Kapitalisten sollen Gelder im Ankauf von Grundstücken und Bauplätzen dort anlegen und dabei das Zehnfache bezahlen von dem, was für da? Land vor etwa einem Jahre bezahlt wurde. Zur Er- richtung der Fabrikstadt Gary sind jetzt allerdings nur die ersten vor- bereitenden Arbeiten im Gange. Konscrvcniiidustrie. Im modernen Haushalt, sowohl in der Privatküche als mich im Hotel, spielt die Konserve eine immer größere Rolle. In steigendem Maße nimmt Kalifornien an der Wellversorgung niit Obst- und Geinüsekonserven teil. Nachfolgende Zusammenstellung zeigt den Umfang der Erzengnisse der kalifornischen Konservenindustrie. Es wurden hergestellt: 1902 1903 1904 1905 Menge in Kisten Fruchtkonserven. 2 252 790 2 733 504 2 839 733 3 283 296 Geinüsekonserven 1 151 268 1 343 574 961 733 1 192 455 Insgesamt 3 404 058 4 077 078 3 801 516 4 475 751 Die Erzeugung von Fruchtkoiiserven ist ununterbrochen gestiegen, seit 1902 um rund 45 Proz. Iii der Produktion der Gemüse- konserven trat 1904 ein starker Rückgang ein. so daß die Gesamt- erzeugung trotz der Zunahme in Fruchilonserven hinter dem Er- gcbnis des Jahres 1903 zurückblicb. Das nächste Jahr brachte dann aber nicht nur in der Fruchtkoiiserveiiindnstrie ein kräftiges Vorwärts, es zeigte sich auch in der Gemüsekonservenprodnktion eine gute Erholung,>0 daß daS Gesamtergebnis um fast'/e Million Kisten die Menge des Jahres 1903 überragt. Hennzul Hetz LEIPZIGERSTRASSE ALEXANDERPLATZ Donnerstag, Freitag, Sonnabend— Soweit der Vorrat reicht �ussergewdhnlich preiswert Glaswaren „Kronenglas" Cornpotteller gepresst diverse Muster Compot- und Salatschüsseln, rund Ii 14 17 19 21 5 Pf. 24 cm 7 Pf. 9 Pf. 12 Pf. 18 pf. 32 Pf. 38 Pf. Kuchenteller rund 25 cm 38 Pf. 28 cm 58 Pf. Butterdosen 22 Pf. 18pf. Käseglocken 45 Pf. Zuckerschalen auf Fuss 18 Pf. 12 Pf. Wasserbecher in diversen Mustern 6 Pf. Fussbecher,|fugel und Stern oder Ecken 12 Pf. 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Zu den Teilnehmern der Versammlung gehörte der konservative Abgeordnete Malkewitz und der Zentrums- Abgeordnete Euler. Da es sich nicht um eine Versammlung von Arbeitern, sondern von Mannen: handelte, die vom arbeiterfeind- lichsten Geiste getragen waren, hatte die Regierung sich reichlich vertreten lassen. Das Reichsamt des Innern war durch den Geheimen Oberregierungsrat Spielhagen-Berli», das preubischeHandels- ministeriuin durch den Geh. Regierungsrat Dr. Francke-Berlin, das preuhische Landesgewerbeamt durch Geheimen Regierungsrat v. Czihak-Berlin und die bayerische Staats- regierung durch mehrere Ministerialräte aus München vertreten. Die grotzh. hessische Regierung hatte den Geh. Ober- regierungsrat Dr. Wagner-Darmstadt zu dex Tagung entsandt. ferner waren die württembergische, die mecklenburgische und die sächsische Staatsregierung sowie die Senate der freien Städte durch besondere Delegierte vertreten. Folgende Resolutionen fanden Annahme: 1.„Der Deutsche Handwerks- und Gewerbekammcrtag wolle beschließen, gegen den von der Kommission zur Abänderung der Gewerbeordnung angenommenen Antrag der Abgeordneten Dr. Hitze, Trimborn und Dr. Dahlem betreffend Ausübung der Bau- kon trolle durch Gewerbeins pektoren unter Hinzu- ziehung gewählter Bauarbeiter in einer Eingabe an Bundesrat und Reichstag mit aller Entschiedenheit Stellung zu nehmen." 2..Der Deutsche Handwerks- und Gewerbekainmertag erachtet den Umstand, daß die Führung der Titel„Baumeister" und„ B a u g e iv e r k S m e i st e r" in den meisten deutschen Bundesstaaten jedermann freigestellt ist, als geeignet, den Wert des in eineni Bauhandwerk auf Grund des§ 133 R.-G.-O. er- lvorbenen Meisteriitels zn beeinträchtigen. Er beschließt deshalb dahin zu wirken, daß die Berechtigung zur Führung der Titel„Baunieister" und„BaugewerkSmeister" in sämtlichen deutschen Bundesstaaten an den Nachweis der Befähigung zur selbständigen Ausführung der Arbeiten des Maurer-, Zimmerer- und Steinmetzenhandwerks, soivie der zum selbständigen Betriebe dieser Gewerbe sonst notwendigen Kenntnisse, insbesondere auch in der Buch- und Rechnungsführung, geknüpft wird." 3. Resolution betreffend die Beschaffung vonMaschinen und Werkzeugen f'"-r selb st ändige Handwerker. «l. Nachdem die vorbereitenden OrganisationSarbciten in der Hauptsache in die Wege geleilet sind, muß es die wichtigste Auf- gäbe der Handwerks- und Gewerbekammern sein, das Handwerk wirtschaftlich zu fördern. 2. AlS wirtschaftliche Förderung deS selbständigen Handwerks kommt in erster Linie die Vernnttelung von Maschinen. Motoren, Werkzeugen, Ersatzteilen, außerdem Prüfung und Beschaffung von Bctriebsmaterialicn. Werkstättencinrichtungen, Bauplänen, Rentabilitätsberechnungen usw. in Betracht. Je nach dem hervortretenden Bedürfnis empfiehlt eS sich, den Vermittelungs- stellen Ausstellungen von Musterwerkslätten und Vorführungen von Maschinen anzugliedern. 3. Die bisherigen Ersahrungen lassen es als richtig erscheinen. Gewerbeförderungsstellen im Sinne dieser Leit« sähe für möglichst große Verwaltungsbezirke etwa nach Provinzen oder Bundesstaaten zu errichten und zu ihrer Leitung technisch ge- bildete mit dein Handwerk vertraute Persönlichkeiten hauptamtlich an- zustellen, denen fachmänuische Kommissionen zur Seite treten. 4. Als Träger der Gewerbeförderungsstellen kommen Aktiengesellschaft und Genossenschaft in Betracht. 5. Zu den Leistungen des organisierte» Handwerks muß, wie es anderen Bernfsorganisationen gegenüber geschieht, Beihülse aus öffentlichen Mitteln in ent- sprechendem Umfange treten." 4. eine Resolution, die sich mit der Annahme der Wechsel- Protestnovelle einverstanden erklärt. S. Der Gesetzentwurf betreffend die Anordnung der Gewerbeordnung(Beseitigung von Miß- ständen im Baugewerbe) entspricht nicht den Forderungen des deutschen Vauhandwerks, wie sie in den Beschlüffen des Kölner Handwerks- und GewerbekammcrtogeS vom Jahre IVOS niedergelegt find. Der deutsche Handwerks- und Gewerbekainmertag in Nürn- berg erneuert den Beschluß der Kölner Tagung, nach ivelchem den erheblichen Mißständen im Baugewerbe nur durch Einführung des Befähigungsnachiveises nutzbringend gesteuert werden kann. Der Handwerks- und Gewerbekainmertag erkennt aber in dem Entwurf einen dankenswerten Versuch der verbündete» Re- gierungen, den vorhandenen Mißständen auf andere Weise abzuhelfen. Der Handwerts- und Gewerbckammertag hält daher die Annahme des Entwurf« in der durch die 11. Reichstags- tommission gegebenen Form, die wesentliche Verbcsserunge» in sich schließt, zunächst für wünschenswert. Der von derselben Kommission angenommenen Resolution, welche die schleunige Einführung des sogenannten kleinenBefähignngSnachweiseS für das deutsche Handiverk sordert, stimmt der Kammertag zu, in der bestin, inten Erwartung, daß die verbündeten Regierungen schon in der nächsten Tagung dem Reichstage einen entsprechenden Sniwnrf vorlegen werden." S.„Gegen den von der Kommisfion zur Abänderung der Gewerbe- ordnung angenommenen Antrag der Abgeordneten Dr. Hitze, Trimborn und Dr. Dahlem, betreffend Ausübung der Bautontrolle durch Gewerbeinspektoren unter Hinzuziehung gewählter Bauarbeiter in einer Eingabe an Bundesrat und Reichstag niit aller Entschiedenheit Stellung zu nehmen." 7.„Der 7. deutsche Handwerks- und Gewerbekainmertag erkennt die Wichtigkeit der Kranken- und Unterstützungstassen für selbständige Handwerksmeister zur Linderung von Not und Sorge an. Er empfiehlt den Handwerks- und Gewerbekammern, soweit sie mit der Einrichtung derartiger Kassen noch nicht vorgegangen sind und auch ein Bedürfnis dafür vorliegt, und soiveit ihre Existenzfähigkeit vor- aussichllich gesichert ericheint, ihre Bildung vorzunehmen." AuS der Diskussion seien nur einige Punkte hervorgehoben. Bei der Frage der Beschaffung der Maschinen führte K i g g e- Köln aus: „Die Hauptsache ist. daß. wenn wir die Maschinen haben, auch die nötige Arbeit zugewiesen bekommen. Wir haben dabei vor allem den Staat und die Gemeinden im Auge. Aber wie steht es damit! Wir haben ja in den letzten Tagen genug von Tippels- k i r ch u. Co. gelesen. sHört I hört I Sehr richtig!) Diese Firma hat z. B. für die Heeresverwaltung 60000 Sättel geliefert, die von ihr für SO M. angeschafft, von ihr aber mit 90 M. in Rechnung ge- stellt wurden. Damit sind durch den Zwischenhandel 2 400 000 M. au einem einzigen Bekleidungsstück vis Sattlerhandwerks verdient worden.(Bewegung.) Ich glaube, daß der Staat bedeutend besser gefahren wäre, wenn er dem deutschen Sattler- verband den Auftrag übergeben hätte. Er hätte ja diejem für jeden Sattel 10 M. mehr bewilligen können und die Heeresverwaltung hätte dann immer noch 1 800 000 Mark verdient und das deutsche Handwerk ein schönes Stück Geld dazu. Aber nein, man beliebt diesen Weg nicht. Ich möchte deshalb bitten, daß wir uns hier in Nürnberg alle zu dem Rufe vereinigen:„Fort mit den Monopolen!" Bei diesen verständigen Ausführungen entging dem Handwerkertag, daß die Tippelskircherei mit allem, was druni und dran hängt, im letzten Grunde durch die Mitglieder des HandwerkertagS selbst geschaffen ist, die ja selbst für Monopole für sich eintreten und den Hurrapatriolismus und das Kolonialsystem bislang lebhaft uuter- stützt hatten. Die gesamten Debatten durchzog der Grundton: die Regierung ist uns noch lange nicht reaktionär genug, der Staat hat für uns. nicht für die Arbeiter einzutreten. Mit Lebhaftigkeit trat man für den Befähigungsnachweis ein. Der Korreferent zu der oben unter ö. angeführten Resolution, Schneidermeister Spin neberg, Ver- treter der Gewerbekammer Mittelfranken, wollte auch nicht als Ab- schlagSzahlung die Novelle gelten lasten. Er führte aus: „Ohne den obligatorischen Befähig» ngsnach- weis sind alle Maßnahmen zur Hebung des Hand- Werks wertlos. Wie man heute gegen das Handwerk verfährt, ist tieftraurig. Redner führt verschiedene Konkurrenz- und Schwindel- manöver aus dem Baugewerbe als Beispiel vor und folgert dann: Ich bedauere, daß die Reichstagskommission die Lorlage nicht abgelehnt hat, wie die Arbeitswilligenschutzvorlage und doch, wie gut ist diese Vorlage gewesen!(Widerspruch.) Sicherlich hätten wir die Krawalle in Nürnberg und Bayreuth niemals zu erleben brauchen, wenn wir das Gesetz zum Schutzeder Arbeitswilligen gehabt hätten.(Oho!-Nufe. Widerspruch.) Einen Vorgeschmack für den reaktionären Zug des kommenden Abschnittes der ReichStagssession gibt folgende Erklärung deS Vertreters des Staatssekretärs Grafen Posa- doivsky. Geh. Oberregierungsrat Spielhagen: Ts ist nicht üblich, daß sich ein Regierungsvertreter über die künftige Gestaltung einer Vorlage äußert, bevor nicht die maßgebenden Stellen gesprochen haben. Aber mein hoher Chef hat ja bereits, wie Sie aus der von dem Abgeordneten Malkewitz verlesenen Stelle gehört haben, erklärt, daß er f ü r den kleinen Befähigungsnachweis einzutreten bereit sei.(Hört! hört I) Ohne Indiskretion kann ich Ihnen mitteilen, daß Sie mit der Er- klärung, die der Staatssekretär Graf Posa- dolvsky beim Zusammentritt des Reichstages abgeben wird, zufrieden sein werden.(Bewegung und Hört! hört!) Die Befürchtung des Vorredners, daß der kleine Befähigungsnachweis lediglich für das Baugewerbe eingeführt werden wird, nicht zutreffend ist.(Bewegung und lebhafter Beifall.) In der Debatte über Stellungnahme gegen eine Besserung in der Baukontrolle erklärt der Zentrums abgeordnete Euler. daß er mit aller Macht gegen die von seinen Fraktionskollcgen ein- gebrachte Resolution kämpfen werde. Dem Scharsmachertag wohnten die Regierungsvertreter bis zum Schluß bei. Soziales« Em Gewerkschaftsbeamter als„geschäftsmäßiger" Vertreter vom Gewerdegericht abgeioiese». In dem Rechtsstreit zweier Blumenbinderinnen gegen Tiefensee, der die Kammer VII des Gewerbegerichts in ihrer letzten Sitzung be- schäftigte, war mit Vollmacht einer der Arbeiterinnen als Prozeß- Vertreter der Gärtner Kamrowsky erschienen, der zurzeit Gau- l e i t e r bei der Ortsverwaltung Groß-Berlin des A I l g e m e i n e n DeutschenGärtnereinS ist und als solcher schon mehrfach Mitglieder dieses Verbandes vor dem Berliner Gewerbegericht un- beanstandet vertreten hat. Selbstverständlich erfolgte, wie stets bei GewerlschastSbeamten, die Vertretung vollständig unent- g e l t l i ch. Diesmal kamen dem Verhandlungsleiter, Gewerberichter Dr. Schocken, Bedenken gegen die Zulassung Ks., nachdem dieser auf Befragen zugegeben hatte, daß er schon öfter, ohne Entgelt dafür zu erhalten, vor dem Gewerbegericht vertreten habe. Der Beklagte zog dann ebenfalls die Zulästigkeit der Vertretung in Zweifel, worauf durch Gerichtsbeschluß K. als Vertreter der Klägerin abgelehnt wurde. Begründend wurde dazu ausgeführt: K. könne sich nicht darauf berufen, daß er kein Entgelt nehme, also nicht gewerbsmäßig handele. Denn Gewerbsmäßigkeit fei für seine Zurückweisung gar nicht erforderlich. es genüge schon die G e- schäfts Mäßigkeit nach dem Gesetz. Da er schon wiederholt vor dem Gewerbegericht vertreten habe, so liege geschäftsmäßige Vertretung vor. K. mache ein Geschäft daraus und müsse deshalb al« Vertreter abgelehnt werden.— In der Sache selbst kam eS zu einem Vergleich. Diese leider unanfechtbare Zurückweisung eines GewerkschaftS- beannen verstößt gegen den Sinn des§ 31 des Gewerbegerichts- gesetzeS.§ 31 lautet: Rechtsanwälte und Personen, welche das Verhandeln vor Gericht geschäftsmäßig betreiben, werden als Prozeßbevollmächtigte oder Beistände vor dem Gewerbegerichte nicht zugelasten. Durch diese Vorschrift sollten Rechtsanwälte ausgeschlossen werden, um daS Verfahren zu verbilligen, dem materiellen Recht gegenüber dem formalen Recht den Sieg zu erleichtern und um den Arbeitgebern nicht ein Ucbergewicht über dem Arbeiter zu verschaffen. Die Nichtzulassung von„Personen, welche das Verhandeln vor Gericht geschäftsmäßig betreiben", sollte in Uebereinstimmung mit § 157(damals 143) der Zivilprozeßordnung ermöglichen, sogenannte Winkeladvokaten oder Rechtskonsulenten von der Vertretung der Parteien auszuschließen. Keineswegs ging die Absicht deS Gesetz- geberS dahin, Berufskollegen oder GewerkschastSbcamte, Arbeiter- sekretäre, zu hindern, die Rechte der Parteien wahrzunehmen. Der § 31 deS Gewerbegerichtsgesetzes ist fteilich von einigen Gewerbe- gerichten in ähnlicher Weise wie in dem oben mitgeteilten Fall aus- gelegt. So wies da» Charlottenburger Gewerbegericht mn 28. Ok- tober 1902 einen Maurer- und Gewerkschaftskassierer zurück, weil er „geschäftsmäßig" auftrete. Auch in jenem Falle hob das Gericht hervor, geschäftsmäßig handele nicht nur derjenige, der gewerbsmäßig handelte eine fortdauernde auf Erlverb ge- richtete Tätigkeit betreibt, sondern auch derjenige, dessen Absicht bei der fortdauernden Tätigkeit nicht auf Erwerb gerichtet ist; es handele geschäftsmäßig, wer öfter die Vertretung seiner Kollegen übernehme und die Absicht habe, dies auch öfter zu tun. Diese Anschauung dürfte daS Richtige nicht treffen, wiewohl Kom- mentatoreu zum§ 157 Z.-P.-O. dieselbe Anficht vertreten und der Staatssekretär Graf von PosadowSkq bei der Beratung des Kauf- mannSgerichlsgesetzes meinte, eine„geschäftsmäßige" Vertretung liege vor. wenn jemand die Vertretung zu einem Teil seiner Lebens- aufgäbe oder seiner Berufstätigkeit macht: wann das zutreffe, sei je nach dem Einzelsall zu unterscheiden. Der Begriff„geschäftsmäßig" im Z 31 G.-G.-G. ist dem Z 143 Z.-P.-O. nachgebildet. Die Motive zum 8 143 Z.-P.-O. erklären, daß der gewöhnliche Sprachgebrauch für den Begriff maßgebend sein soll. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch ver- bindet man aber mit dem Begriff«Geschäft" und„geschäftsmäßig" die Absicht deö Erwerbe«. Wer eine Vertretung unentgeltlich über- nimmt, betreibt mit der Vertretung kein Geschäft, handelt nicht ge- schäftSmäßig. Völlig unerheblich ist, ob er einmal oder häufig Parteien vertritt. Wollte der Gesetzgeber Vertteter ausschließen, die öfter vor Gericht erscheinen, so hätte er nicht den Ausdruck„ge- schäftSmäßig", sondern„wiederholt" oder dergleichen in Anwendung gebracht. Die unseres WistenS vom Berliner Gewerbegericht zum ersten- mal in dem oben mitgeteilten Beschluß niedergelegte Auffassung er- schwert die Rechtsverfolgung dem Arbeiter außerordentlich, macht dem nach auswärt« Verzogenen die Wahrnehmung seiner Rechte fast unmöglich. Diese Erschwerung trifft nicht nur die Rechtsverfolgungen vor dem Gewerbegericht und KaufmannSgericht, sondern auch die in Unfall- und Jnvaliditätssachen. Widerspricht sie dem Gesetz oder stimmt sie mit ihm überein— notwendig erscheint eine authentische Klarstellung durch eine Gesetzesnovelle mindestens dahin. daß Gewerkschaftsbeamte oder Arbeitersekretäre, die unentgeltlich die Partei vertreten, uicht zurückgewiesen werden dürfen. Ausgleichsquittung und Kündigungsfrist. Die Forderung des Holzarbeiters R. auf Lohnentschädignng Ivegen unberechtigter Entlassung beantwortete der Vertreter der be- klagten Firma Nieder u. Comp, vor der Kammer IV des Gewerbe- gerichts mit der Vorlegung einer Ausglcichsquittung, die Kläger unterschrieben hatte, als er bei Lösung des Arbeits- Verhältnisses noch 2 M. Nestlohn erhielr. Die Beklagte ging davon aus. daß die vom Kläger unterzeichnete Quittung, worin er bescheinige, an die Firma keine Ansprüche mehr zu haben, auch jeden Anspruch auf eine Entschädigung für die vierzehntägige Kündigungsfrist ausschließe. Der Gerichtshof unter dem Vorsitz des Magistratsrats Dr. Gerth erachtete jedoch diese Auf- fastung für verfehlt und fübrte dazu aus: Die Ausgleichsquittung könne sich nur erstrecken ans bereits fällige Forderungen. Als Kläger unterschrieb, nämlich zurzeit der Entlastung, sei aber die Forderung einer Entschädigung stir die nächsten vierzehn Tage noch nicht fällig gewesen. Somit werde diese Forderung durch die Unter- schrift nicht ausgeschlossen. Im Laufe der weiteren Verhandlung erbrachte die Beklagte den Nachweis, daß in dem Betriebe eine Arbeitsordnung aushängt, wonach die Kündigung überhaupt ausgeschlossen ist. Es wurde auch festgestellt, daß eS sich um einen Betrieb mit niehr als 20 Arbeitern handelt. Unter diesen Umständen wurde dem Kläger die Rück- »ahme der Klage augeraten. Er könnte nicht einwenden, daß er die Arbeitsordnung nicht gesehe» habe, denn nach der ständige» Auffassung des Gewerbegerichts wirke in Fabrikbetricbcn mit niehr als 20 Arbeitern der Aushang der Arbeitsordmmg wie ein Gesetz, da sie nach den Vestiinmungen der Gewerbeordnung in derartigen Betrieben durch Aushang erlassen werde und die Forderung der Aushändigung einer Arbeitsordnung an den Ar- beiter nur eine für die Verbindlichkeit der Arbeitsordnung unerheb- licbe Formvorschrift sei. Da diese freilich lebhast bestrittene Auf- fassling ständig vom hiesigen Gelverbegericht betättgt wird, so nahm der Kläger die Klage zurück._ Beschluß der Ardeiterschutzkommissionen in der Pfalz. Am Sonntag faßte in Neustadt in der Pfalz eine aus Ludwigs« Hafen, Frankenthal, Oggersheim, Landau, Lambrecht, Dürkheim, Speyer und Neustadt beschickte Arbeiterschutzkommission folgende Resolution: „In Erlvägung, daß die Industrialisierung der Pfalz immer größere Fortschritte macht, dazu durch Bundesratsverordnungen die Fabrikinspektion in die Lage versetzt wird, immer mehr die Klein- betriebe im Auge zu behalten, erkennt die Konferenz der Arbeiter- schutzkommission der Pfalz an, daß die Zahl der Inspizierenden nicht im entferntesten ausreicht, um eine intensive Kontrolle der Gewerbe- betriebe vorzunehmen und verlangt: 1. daß eine erhebliche Steigerung der Beamten stattfindet und zwar, daß Leute aus den Reihen der Arbeiter, welche praktische Erfahrung besitzen, zugezogen werden; 2. daß dort, wo keine Arbeiterschutzkommissionen bestehen, solche in tunlichster Bälde ins Leben gerufen werden, und hierdurch das Material geprüft und unseren Landtagsabgeordneten über- wiesen wird; 3. daß einen durchgreifenden Erfolg im Jntereste einer strikten Durchführung der Arbeiterschutzbestimmungen seitens des Fabrik- inspektorats sich die Konferenz nur dann verspricht, wenn den Be- amten das gesetzliche Recht eingeräumt wird, ohne vorherige Anmeldung beziehungsweise ohne Begleitung seitens eines Ge- schäftsbeamten die Betriebe einer Inspizierung zu unterziehen; 4. den Arbciterschutzkommissionen zur Pflicht gemacht wird. gegen alle Mißstände, die sich ergeben, energisch einzuschreiten und somit dazu beitragen helfen, daß mit dem Lebe» und der Gesundheit der Arbeiterschaft weniger gefahrvoll umgegangen wird: 5. wird verlangt, daß in gewerkschaftlichen Versammlungen stets Belehrungen über die Wichtigkeit der Arbeiterschutzbestimmungcn gegeben werden." Eine Konferenz für ganz Bayern soll demnächst zur Stellung- nähme zu dieser Frage einberufen werden. � Die in der Resolution niedergelegten Beschwerden über mangelhaften Arbeiterschutz treffen für ganz Deutschland zu. Der Mangel einer Ueberwachung der Betriebe durch von den Arbeitern gewählte Vertrauensleute und der Mangel eines reichsgesetzlichen Fabrikinspektorates tragen an den von Jahr zu Jahr wachsenden Unfällen ein gerüttelt Maß Schuld. Gericbts- Leitung. Fahrlässigkeit beim Echnapsvrrkauf. Ein eigenartiges Versehen führte gestern den Schankwirt Theodor Götze aus Diedersdorf unter der Anklage der fahrlässigen Körper- Verletzung vor die zweite Ferienstrafkammer«des Landgerichts II.— Der bisher unbescholtene Angeklagte betreibt in dem an der Dresdener Bahn in der Nähe von Zossen gelegenen Dörfchen Diedersdorf eine kleine Schankwirtschaft in Verbindung mit einem Materialwarengeschäft. Für das letztere hatte G. anfangs Dezember vorigen Jahres ein Quantum hochgradigen Alkohols. sogenannten. „Spiritus viiii'' bezogen. Diese Flüssigkeit befand sich in einer stroh- umflochtenen Wcinkruke und stand in dem Materialwarengbschäft, und zwar fahrlässigerweise neben mehreren gleichartigen Flaschen mit Likören. Am 5. Dezember v. I. betrat der Arbeiter Gustav Walze den Laden und ließ sich sein vielgeliebtes Fläschchen mit einem in der dortigen Gegend sehr beliebten"Schnaps füllen, welcher den schönen Namen.Maienlust" führte. Versehentlich füllte der Gehülfe des Angeklagten die Flasche mit dem hochgradigen Alkohol. Walze nahm sofort einen gehörigen Schluck und verließ das Lokal mit den Worten:„Donnerwetter, der geht aber ordentlich durch!" Während bei W. irgend welcher Schaden nicht eintrat, hatte die gleiche Ver- wechselung bei dein Arbeiter Albert Ouitzdorf höchst bedauerliche Folgen. Dieser ließ sich an demselben Tage ebenfalls sein Fläschchen fülle» und erhielt von dem Angeklagten auch den hochprozentigen Alkohol, von welchem er später nur einen einzigen Schluck trank. Bei ihm stellten sich sofort heftige Schmerzen ei», die ihn schließlich zwangen, ärztliche Hülfe in Anspruch zu nehmen. Der Arzt in Zossen konstatierte eine Speiscröhrenverengerung, die den Ouitzdorf hinderte, irgend welche Nahrung aufzunehmen. Man nahm deshalb die Hülfe des Professors Edmund Meyer in Anspruch, der jedoch bald erkannte, daß eine Rettung fast unmöglich sei. da durch die Folgeerscheinung der Bcr- cngung, die Unterernährung, eine längst in, Keim vorhanden ge- wesene Krankheit, eine schwere Brustfellentzündung hinzugekomnien war. Anfangs Januar verstarb G. in seiner Wohnung.— Die Anklagebehörde macht dem Angeschuldigten zu», Vor- Wurf, daß er fahrlässigerweise jene Flasche mit dem zum nniidesten gesundheitsschädlichen Inhalt in der Nähe der anderen Getränke habe sieben lassen. sodaß eine Verwechselung möglich gewesen sei. Der S ta at s a n w a l t hielt eine gröbliche Fahrlässigkeit für nachgewiesen, durch welche ein in den besten Jahren stehender Mann vorschnell ins Grab gebracht worden sei. Da bei der bisherigen Unbescholtenheit des Angeklagten eine Freiheitsstrafe nicht geeignet scheine, beantragte der Vertreter der Anklagebehörde nur eine hohe Geldstrafe und zwar eine solche von 300 Mark. Das Gericht hielt ebenfalls eine Fahrlässigkeit für festgestellt und erkannte auf 100 Mark Geldstrafe eveutuell 20 Tage Gefängnis. Mmum kontra Muni»«. Der Weiiihändler Leopold David ersucht uns um die Mit- teilung, das; er gegen das llrtcil der Strafkammer des Land- gerichts II das Rechtsmittel der Revision eingelegt habe. Der vcr- nommene Sachverständige habe konstatiert, daß die von ihm untersuchten Maschen durch jahrelanges Liegen in Privatkellern ge- litten haben könnten. Das Strafverfahren' habe sich lediglich gegen die frühere, jetzt nicht mehr existierende Firma Munun u. Co.. nicht aber gegen die jetzt bestehende Firma Maria Mumm ll. Co. gerichtet. Bezüglich der letzteren habe Herr David die Feststellungsklage ein- geleitet, um so gerichtlich sein Recht auf Führung dieser Firma zu erhärten.«_ Ein gefährlicher Kinderfrcuud. Wegen Beleidigung von Schulknabcn ist am 11. April vom Landgericht Essen lR.) der Händler Julius Koch zu einein Jahre Gefängnis verurteilt worden. Nach längerem Aufenthalt in Brasilien war er nach Deutschland zurückgekehrt und harte ein Papiergeschäft eröffnet. Er vertrieb n. a.„Das kleine Witzblatt" und„Sekt". Durch seine interessanten Erzählungen über brasilianische Verhältnisse und seine dortigen Erlebnisse verstand er es, eine grosie Anzahl schulpflichtiger Knaben in sein Geschäft zu ziehen. Er begnügte sich aber nicht damit, harinlose Dinge über Brasilien zu erzählen, fondern setzte den Knaben auch auseinander, wie die kleinen Kinder entstehen. Dies tat er. wie das Urteil feststellte, nicht zwecks Bc- lehrung der Kinder, sondern um sich an der Erregung und Scham der Kinder zu erfreuen. Er zeigte ihnen Ansichtskarten, welche die einzelnen Stadien des intimen Verkehrs darstellten. Dann erzählte er noch, wie der fragliche Akt ausgeführt wird, wie eine Zangengeburt stattfindet usw. Ferner zeichnete er den Knaben Ab- bildungen von weiblichen Geschlechtsteilen vor und lieg sie von ihnen nachzeichnen. Der grvsitc Teil der Knaben war in geschlechtlichen Dingen noch vollständig unerfahren. Die meisten wurden durch diese Erzählungen derart erregt, dah sie nachts nicht schlafen konnten: auch konnten sie dem Unterrichte nicht mehr mit Aufmerksamkeit folgen. Ueber die Erregung der Knaben freute sich der Angeklagte.— In seiner Revision behauptete der An- geklagte, der Tatbestand der Beleidigung sei nicht ausreichend fest- gestellt. Wenn daS Urteil sage, die Knaben hätten sich geschämt und sich deshalb beleidigt gefühlt, so könne dies als ausreichende Fest- stcllung nicht angesehen werden.— Das Reichsgericht erachtete aber in der Verhandlung am Montag das Urteil für genügend begründet und verwarf die Revision. Zentralverband der HaudkungSgehlllfei, und Gehülflnnen Deutschlands. Heute abend: Bezirk Zentrum: Restaurant zum deutschen Hause, Rochftr. 3. Vortrag,— Bezirk Nord- Ost: Restaurant Mücke, Am Friedrichshain 15. Vortrag. Neuwahl des Bczirkssührcrs.— Bezirk Nord- West: Restaurant Lambrecht. Tnrmstr. 78. Vortrag. Lese-»nd Tiskntierklub„Norden". Freitag, den 7. d. M., abends 8'/. Uhr, bei Korst, Elisabethkirchslr. 18: Fortsetzung der Diskussion über:„Klässenkamps"._ Vermischtes. Versammlungen. Der Berbaud der Handels- und Transportarbeiter hielt seine Generalversammlung im großen Saale des Gewerkschaftshauses ab. Der Bevollmächtigte Werner gab einen ausführlichen Be- richt über die Veranlassung zu dem Kampfe bei der Pakctfahrt- gescllschaft. Weiter loics Werner auf die Lohnbewegung der Kohlcnarbeitcr und-Kutscher hin. Die Bczirksführer und Vcr- traucnslcnte haben den Antrag gestellt, durch eine statistische Er- Hebung die Zugehörigkeit zur politischen Partei sowie das Abonne- ment der Partekpresse festzustellen. Die Generalversammlung stimmt dem Antrage zu. Es entspinnt sich sodann noch eine kurze Debatte über die letzten Anstellungen im Bureau der Berliner Vcr- waltung. Zu dem vervielfältigt vorliegenden Kassenbericht gibt der Kassierer S t e i n i ck c einige erläuternde Bemerkungen. Nach dein Bericht stellt sich die Einnahme im verflossenen Quartal auf 75 353,3(1 M. Dieser gegenüber steht eine Ausgabe von 73 699,82 Mark. Demnach verbleibt im zweiten Quartal ein Ucberschuß von 2253,48 M.. der inklusive des Kassenbestandes von 1. April er. in Höhe von 32 277,97 M. einen Bestand der Ortskasse von 34 539,55 M. ergibt. An Wochcnbeiträgcn sind 5322 von männlichen und 493 von weiblichen Mitgliedern mehr als im ersten Quartal eingc- gangen. Die Mitgliederzahl beträgt 17 656 männliche und 666 weibliche. An die Hauptkasse wurden 54 782,49 M. abgeführt. Für Unterstützungen bei Streiks und Maßregelungen wurden 14 547,66 Mark verausgabt. Für Arbeitslosen-, Kranken-, Sterbe- und sonstige Unterstützungen wurden insgesamt 14 662,42 M. gezahlt. Ten Arbcitsnachweisbericht erstattet Alis ch. Ihm zufolge waren am Schlüsse des ersten Quartals 96 Mitglieder arbeitslos; neu meldeten sich im Laufe des verflossenen Quartals 1291, insgesamt 1387 Kollegen. Stellen wurden gemeldet für fest 1168, zur Aus- hülfe 535. Davon wurden für fest besetzt 581 und zur Aushülfe 456. Ueber den Bericht entspann sich eine kurze Debatte, in welcher u. a. die Oeffnung des Arbeitsnachweises um 7 Uhr morgens gefordert wurde. Seitens des Arbeitsvermittlers und anderer Redner wurde dieses als nicht notwendig zurückgewiesen. — Die Generalversammlung nahm sodann einen Antrag der er- wciterten Ortsverwaltung an, dem Gesangverein„Mnnnerchor der Handels- und Transportarbeiter", loelcher mir'aus Vcrbandsmit- gliedern besteht, eine monatliche Subvention von 22 M. zu gewähren. Auf eine Anfrage aus der Versammlung bezüglich des Anschlusses des„Vereins Berliner Hausdiener" teilt Werner mit, der Verein der Droschkcnführer habe durch Urabstimmung be- schlössen, sich am I. Oktober er. dem Verbände anzuschließen, gleich- zeitig hat sich die überaus große Mehrheit für die sofortige Ein- führung des VerbandSbeitragcs(40 Pf.) erklärt. Wegen Streikbruchs wurden dem Hauptvorstand ein Teil Mitglieder zum Ausschluß empfohlen._ Achtung! Vereine� und Korporationen, die Aufnahme in den demnächst erscheinenden Vereinskalender wünschen, wollen Adresse und Sitzungstag bis zum 10. September der Redaktion einsenden. Verband deutscher Barbiere, Friseure und Perückenmacher- Gehülfen. Donnerstag, den 6. d. M., abends 10 Uhr, im Lokale Schilling- -jtratzc 36: Ertra-Generalversammlung. Verband der Friscnrgchülfen Deutschlands. Zweigvereln Berlin. Donnerstag, den 6. d.M.. abends 10 Uhr, im Lokale Roseiithalerstr. 11—12: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Vortrag deS Genosscn Stern über: .Die Grenzen der menschlichen Erkemilnis." Diskussion. Sparverein für Freidenker zur Ausführung der Feuerbestattung. Donnerstag, den 6. d. M., abends 8'/, Uhr, bei Oslrowsky, Schillingstr. 24: Versammlung. Gäste find willkommen. Zu dem grausigen Lustmord bei Rathenow wird noch folgendes berichtet: Der unter dein dringends» Verdacht, das schwere Vcr- brechen an der fünfjährigen Hedwig Schütz verübt zu haben, in Haft genommene Hausdiener August Blumenthal hat vor dem Unter- fuchungsrichter jetzt ein teilweises Geständnis abgelegt. B. gab zu, das Kind mit sich auf sein Zimmer genommen zu haben und da er zu jener Stunde betrunken war, sei er auf den Fußboden gestürzt, habe die Sch. im Falle mitgerissen, ivobei sich die Kleine blutig verletzt habe. Das Kind fing nun kläglich an zu schreien, und nm dies nicht länger mit anhören zu müssen, habe er die Weinende mit Stiefelabsätzen und einem Hammer so lange getreten und geschlagen, bis sie tot lvar. Als abends die Dunkelheit anbrach, habe er die Leiche auf das freie Feld getragen. Zum Verräter wurden dem Verhafteten Blntspnren und Haare, die man an seinen Stiefeln und dem Hammer entdeckte. Durch die Leichenobduktion wurde fest- gestellt, daß der Schädel des Kindes vollständig zertrümmert und das Gehirn bloßgelegt war. B. hat auch zugestanden, daS Kind vergewaltigt zu haben. Die Erregung unter der Bevölkerung in Rhinow ist eine ungeheuere. Der Personen- und Güterverkehr auf der Mosel ist wegen zu niedrigen Wasserstandes ganz riugestcllt worden. Der tägliche Eiscnbahimnfall. Bei der Einfahrt in den Bahn- Hof Bicdenhofen stieß gestcru der von Kaufbeuren kommende Zug Nr. 2131 mit dem Zuge Nr. 2106 seitlich zusammen. Es wurden drei Wagen uingeivorfen, ein Wagen zertrümmert und ein Mann leicht verletzt. Neue Erdstöße. Vasse-Tcrre sGuadcloupe), 4. September. Die französischen Antillen iverden andauernd von starken Regengüssen und Stürmen Heiingesucht. Der Dampfer„France" mußte Fort de France verlassen und sich in Point-a-Pitre in Sicherheit bringen. In Martinique und Santa Lucia wurden Erdstöße verspürt, die jedoch keinen Schaden anrichteten. HimgerSnot in Bengalen. Die Hungersnot infolge MißratenS der Reiscrnte in Bengal greift weiter nm sich. Die Preise für Reis sind zu abnormer Höhe gestiegen. Die Eingeborenen plündern die Lagerhäuser. Uuwetler in Spauieu. Madrid, 5. Septeniber. Gestern gingen hier furchtbare Gewitter nieder, wobei infolge der Blitzschläge eine Person getötet und mehrere verletzt wurden. Die Eisenbahn zwischen Madrid und Cindad Real ist auf eine Strecke von sechs Kilometern zerstört. Enorme Regengüsse waren auch in Valencia zu verzeichnen, wo große Ueberschweinmungeii hervorgerufen wurden. Ein Sonntagsprrdiger. An dem Petroleumkönig Rockefeller, der auf Massenelend und Ausbeutung, auf skrupelloser Preiswucherci seinen Reichtum aufgebaut hat, ist ein Pfaffe verloren gegangen. Kürzlich hatte er sich unsichtbar gemacht, weil man ihm wegen frecher Gesetzesvcr- letzung an den Kragen wollte. Mittlerweile scheint der Dollar seine Schuldigkeit getan z» haben, Rockefeller schüttelte den Staub Europas- von den Pantoffeln und kehrte in die heimatlichen Gc- filde zurück. Den ersten Sonntag benutzte er dazu, in einer Sonntagsschule in Elebeland fslgciide Predigt loszulassen: „Meine Freunde, ich freue mich, daß ich wieder in Amerika bin. Es ist ein großes Land und ein gutes Land, um darin zu leben. Seme heutige Macht hat es erlangt durch die wenigen Puritancc, die es zuerst besiedelten. Dieser Puritanergeist war es, ihre Wahrheitsliebe und ihre Achtung davor, ihr Bestreben, auf die rechte Weise zu leben, die den Grund legten zu den Vereinigten Staaten von heute. Wir müssen in diesem Geiste weiterarbeiten. Darum sollen wir auch unser Land lieben, seine Bevölkerung und seine Industrien. Wir haben die kleineren Aergcrnisse über den größeren Interessen vergessen. Wir sollen daran denken, daß die Ereignisse, die heute überwältigend erscheinen, in einer Dekade vergessen sein werden. Ueber alles- aber müssen wir unsere Liebe zu unseren Mitmenschen betätigen. Wir sind freie Menschen hier. Wir können die Bibel studieren und der Wahrheit leben. Drüben in Europa haben sie diese Vorteile nicht. Ich war erstaunt, auf dem Kontinent so wenig Sonntagsschulen zu finden. Unser Land ist in dieser Beziehung weit besser daran, ja ich möchte behaupten, daß Amerika das Land der Sonnwgsschulen ist. Indem ihr, liebe Freunde, in Amerika lebt, seid ihr somit eines wertvollen Ver- mächtnisscs teilhaftig geworden." Rockefeller schätzt den Sonntagsschulunterricht, wenn er über- all so wie in Cleveland aussieht, nicht umsonst hoch ein. Leute, die sich solche Wippchen erzählen lassen von einem Multi-Millionär, sind jedenfalls sehr willige und brave Ausbeutungsobjcktc. Ein Pfaffe muß Schauspieler sein, Rockefeller schauspielert nicht schlecht. Berliner Marktpreise. Aus dem amtliche» Bericht der städtischen Marlthallcn-Dircklio».(Großhandel.) Nindflcisch 1» 60—73 pr. 100 Pjd.. IIa 63—68, njft 57—62. IVa 62—56, englische Bullen- 0,00, dänische Bullen- 0,00, holländische Bullen- 0,00. Kalbfleisch. Doppelländer 95—105, Ift 78—83, na 68-76. lila 58-66. Hammelfleisch la 75-80, Na 65-74. schwciiicsleisch 67—74. Rehböcke la per Pjd. 0,60—0,80. IIa 0,25 bis 0,56. Roiwild In per Pfund 0,40—0,51, IIa 0,00. Damwild 0,49. Wildschweine per Pfund 0,15—0,20. Frischlinge 0,00. Kaninchen per Stück 0,40—0,75. Wildenten la per Stück 0,80—1,25, IIa 0,00. Rebhühner, junge la 0,80—1,20, junge kleine 0,50—0,75, alle 0,60—0,75. Hühner, alte, per Stück 1,50—2,50, alte, IIa 1,00—1,40, junge, per Stück 0,5(5—0,85. Tauben, junge, per Stück 0,35—0,42, alte 0,25—0,34. Enten, junge per Stück 0,90—1,90, alte per Stück 0,00. Hamburger, junge, per Stück 2,75—2,90. Gänse, la per Psuiid 0,50—0,58, IIa 0,30—0,45, la per Stück 2,75 bis 4,10, IIa 1,00—2,70. Poulcts per Stück 0.80—1,20, do. klein 0,45—0,50. Hechte pr. 100 Pjd. 76—96. Zander 00. Aland 67. Schleie 108. Bleie 0,06. Aale, groß 0,00, wüte! 88—90, klein 0,00, uusork, 79—84, Plötzen 0,00 Karpfen, unsortiert 74—80. Barse, matt 72—74. Bleifische 0,00. Karauschen 57—68. Wels 0,00. Bunte Fische 72—85. Amerikanischer Lachs I neuer per 100 Psd. 110—130, do. II neuer 90—100, do. III neuer 75. Seelachs 15—20. Flundern, pomm. I. Per Schock 9, do. pomin. II 2—3, Kieler, Stiege la 4—6, do. mittel ver Kiste 2—3, do. Nein per Kiste 0.00. Bücklinge, per Wall Kieler 4—5, Stralsunder 4—5. Aale, groß per Pjd. 1,10—1,50, mittelgroß 0,80—1,00, klein 0,50—0,60. Heringe per Schock 4—5. Schellfische Kiste 3—4, do. 'I2 Kiste 2—3. Kabliau, per 100 Psd. 15—20. Heilbutt 25. Sardellen. 1902er per Anker 00, lS04er 00, 1905er 00, 1906er 00. Lchollischc Vollheringe 1905 0,00, larpe 40-44, füll. 36-38, med. 35—42, deutsche 37—44. Heringe, neue Maijcs, per'h To. 60—120. Hummern. IIa, 100 Psd. 0,00. Krebse, per Schock, große 0,00, mittel 0,00, kleine 2,50—5,50, unsortiert 3—4. Galizicr, groß 0,00. Eier, Land-, per Schock 2,60—3,30. Butter per 100 Psd. la 124-126. IIa 118-120. IUa 112-116, nbjallcude 95-110. Saure Gurken Schock 3,50—4,00, Pfeffergurke» 3,50—4,00. Kartofiein per 100 Psd. Dabcrsche 2—2,50, Rosen 1,50—1,75, neue runde 1 ,50—2,50, neue blaue 2,25—2,50. Spinat p. 100 Psd. 12—15. Karotten p. Schockbund 1.50—2,50. Sellerie, hiesige, P.Schockl,50— 6,00. Zwiebeln 100Psd. 3—3,50 Petersilie, grün, Schockbd. 1,00. Kohlrabi p. Schock 0,60—1.00. Retiig, bahr., p. Schock 2,40 bis 4,80. Radieschen p. schock-Bd. 0,60—0,70. Saint, p. Schock 1,50—2,00. Bohnen, grüne, per 100 Pfund 8—20. Wachsbohncn 10—20. Schoten per 100 Psd. 15—25. Pfesferlinge per 100 Psd. 12—20. Mohrrüben per 100 Psd. 3—4. Blumenkohl per Mandel 1,00—2,50. Wirsingkohl ver Schock 4,00—8.00. Rotkohl p. Schock 3,00—9,00. Weißkohl p. Schock 2,00 bis 5,00. Slcinpilze p. 100 Psd. 35—45. Gurken, Zcrbster, Schock 0,00—0,00, do. Einlege-, Schock 2,50—3,50, do. Rolhenbg. 1,50—3,50, do. Liegnitzer 2,50— 4,00. do. Einlege-(Sens-) 10—16. Kohlrüben, Schock 3—5,50. Tomaten, hiesige 100 Psd. 3—8. Birnen, ital. per 100 Psd. 14-20, hiesige 3-20, Tiroler 23—35, böhmische 5— 16, Retiig- 4— 6. Aepsel, ungar., perlOOPsd. 6—13, ital. 8—15, hiesige 2—11, Granensteiner 3—18, Tiroler 16—33. Preißelbecrcn 00, schwedische 17—21. Blanbccren per 100 Psd. 15—19. Pflaumen, ital. runde dunkle per 100 Psd. 0,00, ungarische 6—11, hiesige 3—5, Reineclaude» 6—18, Serben 9—12, Ladcnscr 0,00. Böhmische 3—6. Zitronen. Messina 300 Stück 18,00-22,00, 360 Stück 14,00—18,00, 200 Stück 13,00—18,00, 420 Stück, klein 12,00. Pfirsiche, Wcrdersche per 100 Psd. 10-20, französische 0,00, italienische I Kiste 2,00-2.50, do. II Kiste 0,80—1,60, do. III Kiste 1,00—1,20, do. in Körben per 100 Psd. 15—40. ßrkfbaften der Redaktion. Die juristische Tprcch stunde findet tvochentägllch von V'h biS ft'/j Uhr abends statt, filcöfinct 7 Uhr. Tonnabends beginnt die Tprechstundc um 6 Uhr. Jeder Ansrnge ist ein Buchstabe»ud eine Zahl als vttcrkzeichea bciznfnge». Briefliche Antwort wird nicht erteilt. N- 13.„Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und Naiurlvissen- schastcn." O. K. 60. 1. Die Rechte der Kinder können nur durch ihren Vater geltend gemacht werden, nicht durch Sie. 2. Da Sie selbst eheliche Kinder haben, können Sie das Kind nicht an KindcSstait annehmen. Schließen Sie aber einen schriftlichen Vertrag über Erziehung und Pflege deS Kindes, wenn möglich mit Hülse eines Anwalts.— Flora 6S. Nach Ihre» Mit- tcilungcn erscheint die Verfolgung der Sache aussichtsvoll. Lassen L:Ie die Witwe in der Anmcldestube Berlin, Neue Friedrichstr. 16/17, aus Grund deS Attestes das Armenrecht nachsuchen.— I. Z. 20. Umzugskosten können jetzt nicht mehr verlangt werden.— H. Nk. 1. Nein. 2. An den Landrat. 3. Nein. Solche Urkunde» sind nicht notwendig. Es ist jedoch zweckmäßig, daß Sie sich eine Bescheinigung Ihrer Erwerbsnnsähigkeit vom-Arzt aus- stellen lassen und beifügen. 4. Erwerbsuiijähig ist nach diesem Gesetz, wer nicht mehr imstande ist, ein Drittel dessen zu er- werben, was gesunde Personen gleicher Art zu verdienen pflegen. —(f. Eggert. Ja.—®. 30. 38. Der Erbschastsanjpruch verjährt nach deutschem Recht in 30 Jahren.— A. 6. Ja.— Konfirmation I. Nicht länger als bis Oktober.— B. St. Streit. Nein.— F. 91. 77. In Ehen, die nach dem 1. Januar 1900 geschlossen sind, bleibt das Vcr- mögen von Mann und Frau getrenntes Eigentum. Jedoch hat der Mann die Verwaltung und Nutznießung am Vermögen der Frau und kann ins- besondere über da? Geld der Frau verfügen.— S.®. 83. Ans einem Verlöbnis kann nicht auf Eingehung der Ehe geklagt werden. Bei Aus- Hebung des Verlöbnisses kann der Ring zirnickgesorderi werden. — 91. F. 47. 1. Den Gläubigern hastet der ganze Nachlaß. Die Beerdigungskosten hat der Erbe zu kragen. Wenn die Rach!«ßniasse geringer ist als die Nachlaßschulden, so reichen Sic beim Nachlaßaericht ein Inventar iBerzeichnis der gesamten Nachlaßgegenstände) ein. 2. Wenn die schristliche Bestellung der Anzüge dem Schneider vorgelegt ivordcn ist, ist die Erb- iasscrin alleinige Bestellerin und Schuldnerin, daher auch der Rachtaß.— — I. 3. 100. Der Vater eines außerehelichen Kindes ist zum Ersatz der EntbindnngSkoslen«nd zur Zahlung der Scchswochenkostcn verpflichtet. Außerdem kann die Mutter auch diejenigen Auswendungcn ersetzt verlangen, die etwa insolge der Schwangerschaft oder der Entbindung überdies not- wendig waren.— M. 100. 06. Sic können aus Herstellung des ehe- lichcn Lebens klagen.— I. 10.(«. 1. und 3. Ja. 2. In Dresden. 4. Der Gläubiger ist berechtigt, aber nicht verpflichtet, Ratenzahlungen zu gestatten. 5. Etwa 20 M.— H. D. 34. Soweit ohne Einsicht des Ver- träges ersichtlich, läuft der Vertrag ohne besondere Kündigung am 1. Ok- tobcr ab.— O. D. 77. 1. Rem, saiis nicht aus dem Vertrag ein anderes folgt. 2. Ihre Geburtsurkunde und die Militärpapiere sind zur Eheschließung enorderiich.— A. 9)1. Schritte zur Erwirkung einer Nachzahiung wären leider erfolglos.— BS. H. Die Verjährungssrist beträgt zwei Jahre.— E. Sch. 1. Eine Anzeige ist zulässig, aber nicht ratsam. 2. Die Adresse ist uns nicht bekannt.— E. B. 16iK>. 1. und 2. Ja.— S. 9876. Nein. »vltteriiiigvnberficht vom 5. September 1906, morgens 8 Ufte. » s Ii Stallontti Lll X 3 i f zavaranda 752N Petersburg 759 SW Scilly Aberdeeu Paris 767 NW 76t WSW 763?i « Vetter 2 heiter 2 bedeckt 3 wolkig 2 wolkig 3 bedeckt ws; » l! kiü 9 8 15 13 17 Wetter-Prognose für Tonnerstag. den 6. September 1906. Kühler, vorherrschend wolkig mit Regen und mäßigen westliche» Windcn- Berliner Welte rdureau. Wasserstand am 4. September. Elbe bei Aussig— 0,44 Meter, bei Dresden— 1,77 Meter, bei Magdeburg+ 0,77 Meter.— II n st r u l bei Straiißiurt-ff 1,10 Meier.— Oder bei Ralibor-ff 0,94 Meier, bei Breslau Obcrpegci-ff 4,85 Meier, bei Breslau linterpcgcl— 1,54 Meter, bei Frankfurt-ff 0,95 Meter.— Weichsel bei vrahemllnde-ff 2,50 Meter. Warthe bei Posen— 0,36 Meier. Für de» Jichalt der Inserate nberiiimmt die Redaktion dein Pnbliknin gegenüber keinerlei Veraiitwortnnq. Zbcatcr. Donnerstag, 6. S e p t e mber. Ansang 71/, Uhr. Opernhaus. Bajazzi. Schanspielhanö. Ein Kaisertag zu Nürnberg. Dameiikrieg. Neues Operntheater. Geschlossen. Deutsches. Ein Sonrmeniachtstraum. Westen. Der Opernball. Ansang 8 Uhr. Lessing. Fuhrmann Henschek. Lortiing. Der Troubadour. Berliner. Sherlock Holmes. Schiller 4».(Waüiier-Theater: Das Lumpengesindel. Schiller Zt.(Friedrich Wilhelm- städiischeS-Thealer). Weh- dem, der lügt. Neues. Frost im Frühling. Komische Oper. HoffmamiS Er- Zählungen. Residenz. Die Höhle des Löwen. Driaiion. Die Notbrücke. hlnstspielsiaiiS. Spatzenlicbe. Zentral. Der Beitelstudent. Kleines. Ein idealer Gatte. Carl Weist. Adele. Deutsch- Amerikanisches. Im wilden Westen. Walhalla. Spezialitäten. Metropol. Aus ins Mrtropol. Apollo. Berlin im Omnibus. Das blaue Bild. Spezialitäten. Dhalia. Wenn die Bombe platzt. Luisen. Die Hochzeit von Valeni. Kasino. Alexander der Große. Folies Eapricc. Der General- Konsul. Sünden der Väter. Wintergarten. Spezinlitälcn. Passage. Spezialitäten. Reichshallen. Stettiner Sänger. Urania. Danbeiistrnstr 48/49. Abends 8 Uhr: Der jüngste Aus- bruch des Vesuv. Sternwarte» Jnvalidenstr.. 57/62. Luisen-Theater Rcichenbergerstr. 34, Swends 8 Uhr: DieHochzeit von Valeni teeiiag: Eine Nacht in Berlin. onnabcnd: Rosenmüllcr und Finke. Sonntag nachm.: Hochzeit v. Valeni. 'Abends: Eine Nacht in Berlin. Montag: Rojemnüller und Finle Ferdinanel JBoniis Berliner Theater. Heute und folgende Tage: 8kerlockk>olmes. _ Anfang 8 Uhr._ Neues Theater. Heute abend 8 Uhr: Frost im Frühling. Drama in 3 Akten v. Leo Lenz. Freitag, Sonnabend: Sgansrsll. Oer bürgerliche Edelmann. Sonntag: Frost im Frühling. Komisehe Oper. Heute abend 8 Uhr: Freitag: Don Rasquale. Sonnabend: Hotfmanns Erzählungon. Zentral-Theater. (Operette). 8 Uhr: Settelßndeiil.«ff'" Kleines Theater. Zum 70. Male: Gin idealer Gatte. Anfang 8 Uhr. Freitag, Sonnabend: Ein idealer Lalle. Somllag nachm. 3 Uhr: Nachtas/I. Abends 8 Uhr: Ein idealer Latte. Deutscti-Adierikanisches THKATEK, KSpenickerstr. 67-68. Jeden Abend 8 Uhr: Gastspiel Adolf Philipps: 3m milden Westen. Sonntag naohm. 3 Uhr halbe Preise:, Fiebern großen Teich." •lortiing-Theater* D Bellealliancestr. 7/8.# Donnerstag, 6. September, 8 Uhr: Zar und Zimmermann. Abonnements gältig. Morgen, Freitag: Der Tronbadonr. Lustspielhaus. Täglich: fuhr® Spatzenliebe. Direktion Richard Alexander. Heute und jolgende Tage Ans. 8 Uhr Dir Höhle des Löwen. Schwank in 3 Akten v. M. Hennequin und P. Bilhaud. Gaston Chaliudrcy: Rich. Alexander. Carl Weiß-Theater� Gr. Franksiirlerstr 132. Vorletzte Woche! Täglich 8 Uhr: Adele. Sonntag, 9. Sept., nachm. 3 Uhr Adele. Kleine Preise Im Garten täglich: Spezialitäten- Vorstellung. Ansang 5'/, Uhr. Trianon-Theater. Ansang 8 Uhr. Die Notbrücke. V. Noaeks Theater. Direktion: Roh. Dill. Briiinienstr. 16. Große Extra-Borstellmig. s'/4 uhr Mathilde s-,. vhr oder: Ein deutsches Franenherz. Schauspiel in 4 Alten v. Rod.Bcucdix. Ansang 7 Uhr. Kaffecküchc von 3 Uhr. Bei schlecht. Welt.: Vorstell, im Saale. volles Kaprice Linienstr. 132, Eske d. Friedrichstraße. Zum 6. Male: Der Generalkonsul und Die Stünden der Vüter. Anfang 8 Uhr. Vorverkauf b. Wertheim u, an der Ttzeaterkasse 10—2 Uhr. Fröbels Allerlei-Theater Schöiihanser Allee 148. Täglich; Vorstellung und Tanz. Neue Spiels olge. Flgllola. X Jean llofcr. ■«■r- Clown Dolly-Dtsss mit seiner urkomische» Tiersamilie. Täglich: Grosicr Tanz. Ansang 4'/, Uhr. X Eintritt»9 Ps. Urania. Wissenschaftliches Theater. Heute im Theater 8 Uhr: Der jüngste Ausbruch des Vesuvs. OOIOCISCHER GARTEN Täglich ab nachmittags S Uhr: Großes Eintritt 1 SP}., v. 6 Uhr ab 50 Ps. Kinder unter 10 Jahren die Halste. MelropolTtiesler Henry Bender. Josef Oiampietro. Fritz Massary. Große Jahresrevne mit Gesang u. Tanz in 9 Bildern v. Jnl. Freund. Musik von Viktor Hollaender. Anfang 8 L'hr. Eaucbon überall gestattet. Gastspiel Josefine Dora in der Komödie t •„Rlecke" mit dem Schlager j„Emil dii bist eene Pflanze."\ a Außerdem I ZU erstklassige Spezialitäten!; Bernliard Rose-Theater Gelundbrunnm, Badslrage 58. Heute: Grosicr Elitetag. Zum vorletztcnmal: Robert n. Bertram. Dazu Scrlins bestes September» Spczialilälcn-Programin. U. a.: K'aiil G«»>-n«Iiii>. Im Saale: Uroiler Uall. Llnsang 4'/. Uhr. Saisontarteii u. Passepartouts haben Gültigkeit. Stadl-Thealer hüeahtt as I.nntponscsindcl. Tragikomödie in 3 Auszüge!! von Ernst v. Wolzogen. Freitag, abends 8 Uhr: V'i'sri In�e? von Oesti-ot. Sonnabend, abends 8 Uhr: KuNCniannN Töchter. Theater. Schiller-Theater N.(Friedr.-Wilh.TH.) Donnerstag, abendS8 U�t: Weh' den» der liizxt. Lustspiel in 5 Zlusz. v. F. Grillparzer. Freitag, abends 8 U h r: Masviilsn»» Töchter. Sonnabend, abends 8. 11 H r: W eh' den» der lügt, Trete VeBuWwe. 3. nud 4. Abtciinng I 8onntng, den 9. September, 3 Uhr nachmittags im Bcrlinci* Theater, Ludwig Anzengruber: Die Itazelschrclbcr. I Bauernkomödie in 5 Bildern. Artistische Leitung: A. Steinert. II. Serie: Im Xcncn Schaiispiclhnnsc: William Shakespeare: 1 ITT* Romantisches Schauspiel in fünf Aufzügen. Sonntag, den Sl. Oktober, Premiere: 8./9. Abteilung. Dann folgen: 10./11., 12./13.,■ X4./15., 10 /17., 18., 1., 2 /3., 4./5� 6/7. Abteilung. —— Artistische Leitung: Direktor Alfred Halm.—— Dirigenten: Hofkapellmcister Prill und Karl Vach. Sonnabend, den O. Oktober, abends S1/» Uhr: 17* Kustst-Hbcttd im Rathause. Henrik Ibsen Vortrag und Rezitation, Lieder von Grieg. Nono MÜNliorlor k0nncn sich"°� in a,,en neue Mligiieuer Zahlstsllen melden. Die nenen ItlitsUcdsknrten der alten Tllt glie.dcr müssen aus den Zablstellen abgeholt werden, da sie sonst an neue Mitglieder weiter vergeben werden. SHT" Die Mitglieder werden ersucht, die laut Beschluß der Juli-Gcnoralversainmlung verbreiteten Flugblätter be-( treffend das Freie Kun*thciiii aus den Zahlstellen 1 abzuholen und zu vorbreiten und die Antwortkarton aus- 1 , gefüllt in den Zahlstellen abzugeben. 229/13 Der Vorstand. I. V.: G. Winkler. Land@s°AussteShmgs-Park. Neu erbaut: Fcfitaiilc, CafA n. Konditorei, gedeckte Gartenhallen, Fontaine Iiiniiiiciisc. Dejeuners von 2,50 Mark an bis 2 Uhr nachmittags. Diners von 3,50 Mark, Soupers von 4 Mark an. Täglich: Doppel-Konzert. Diez9 Spezialitäten-Thealer. liandsberger Allee 79 79 lNiiigbaHiisiation). Oll setiön! neues Landsberger Allee 79 7 Ab I. September täglich: (Niiigbahiisiation). Ob Regen1 sensationelles Programm. KafTockücIie. 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März 1904., Beschlosscn iii der General-Versammlung vom 5. Juli 1900. Der§ 30 des StainiS laniet fortan: -? 30. Die wöchciiilichcn Kassciibciiräge betragen: 1. ftür erwachsene männlichc Kassenmitgliedcr über 16 Jahre auSschlicsilich der Lehrlinge...... 78 Ps. 2. Für crwachsciic weibliche Äasseumitglicder über 16 Jahre....... 39 Ps. 3. Für mäiiiiliche Staffen- miiglieder unter 16 Jahren und sür Lehrlinge..'. 27 Ps. 4. Für weibliche ttassen- Mitglieder unter 16 Jahren und sür Lehrmädch en. 24 Ps. Spandau, den 5. Juli 4906. Der Borstnud. A. Xlcinert. Genehmigt Potsdam, den 40. Siugust 4906. L. S. Namens de? Bezirksausschusses. B. 82 72. Der Borjipende. In Vertretung: Reich. 2 494 L- SZElLNSAllEits�aU! Urs atz für gel! Deckbett den �TS Farben rot, blau, oliv Bunte Normal- Scliiafdecken j25]50 |50pj50 ganz dick lehlerhalt Haus_ Oi'aDiensii'aße 168. Berlin S. Vorsteiilnud p. Psd. 1.20 bis 3.4». Beriiii K., Bruiiiieiistr. 490. s297/40 Ztntrlllvtrbltnd drutschtr Ktllllertlilrbeitrl. Zahlstelle Berlin. Sektion I. Am 27. August er. verstarb nach kurze»! Leiden unser lang- jähriges Mitglied Otto Altrnsrm zuleht im Münchner Brauhaus beschästigt, im städtischen Kraulen- Hause Moabit und wurde am 31. August er. beerdigt. Ehre seine»! Andenken: 42/4 I>er Vorstand. Deutscher iHolzarbeiter-VeFband Ten Mitgliedern zur Nachricht, 1 dasi der Kollege, Tischler Ata Heine am 3. September verstorben ist. Ehre sciuem Andenken! Die Beerdigung sindet am Freitag, den 7. Sepleinbcr, nach- mittags um 4'/, Uhr, von der Leichenhalle des' EnimanS-Kirch- Hofes in Nixdorf, Hcrmaniistrnbe, aus statt.. Um rege Bclciligung ersucht 92/5 Die Orlsverwaitung. Todes- Anzeige. Dienstag früh 4'/, Uhr verschied nach kurzem, schwerem Lei- den nn 52. Lebensjahre mein lieber Mann und guter Vater. pau! krauZentlork. Die Beerdigung findet Freitag, nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle der ThomaSgemeinde in Nixdorf, Hermannstraßp, aus slatt. 1047b Dies zeigt ttcsbcirttbi a» Frau Beanscinlcet nebst Tochter. ATtnin-IiiaHen, Kommandantenstr, 20. Telephon: Amt I No. 8985. 217iL* Gr. u. kl. Festsäle mit und ohne Theaterbühne, auch Sonnabende und Sonntage, in diesem und im nächsten Jahre frei. 8 Vereins- zimmer, 5 Pianos, 2 Harmoniums und 4 Flügel stehen den geehrten ===== Vereinen zur gefälligen Verfügung.===== -Ii« _ Wjj A aC 2," c JVIühlbäuöer Kautabak von lingo Carl Hagenbrncli, Mühlhauscn i. Th. nur echt, wenn die Nöllchcn den bei, gedruckten Zettel enthalten, woraus gesäll. genau zu achleu bitten. Bertreter für Brrls» und Uingegeud: Angnst Kleinert, 49642* Berlin SW., GroBbeerenstraBe 39. Amt Via, 10560. 5f ' W Sun c c-S» tS. I-F-" g=» 3 Am Kölligstor— Am Fricdrichshai». Täglich: Ikeater-VorstellunA, Zpe�iaiitaten u. Kall. Berlin arm-und reich. Voltsstück mit Gesang in 2 Alten. 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Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, dasi meine liebe Frau, unsere gute Mutter, Schwicger- und Grogmutter Ataie Blaurock geb. Brinkmann am 4. September nach langen schweren Leiden im nahezu voll- endeten 58. Lebensjahre saust cutschlascu ist. 4058b Die Beerdigung sindet am Freitag, den 7. d. Mts., liachm. 5 Uhr, vom Trauerhause, Pankow, Kaiser Friedrichstr. 68, aus statt. Um stilles Beileid bittet lies- betrübt Adelt Biaurcck nebst Kindern. Am Dienstag, den 4. September, verstarb plötzlich mein lieber Mann. unser auter Vater und Bruder, der Schristsetzer 4063b l�iclian! Kistner. Dies zeigt liesbctrübt an im Namen der.Hinterbliebenen Mathilde Kistner. Die Beerdigung sindet am Sonnabend, den 8. September, 5stz. Uhr,» von der Leichenhalle de« Lnisen-Kirchhoses, Charlotten- bürg, FürstenbrunerWeg aus stalt. Danksagung. Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei der Beerdigung unserer unvcrgcglichcn Tochter und Schivestcr Anna sagen wir hiermit herzlichsten Tank. Die träuerniien Hinlerlilielienen. Temlifz allen unseren 22142' Danksagung. Für die zahlreichen Beweise von Teilnahme, welche uns beim Hin- scheiden unseres lieben Bruders und Schwagers, des Ingenieurs 455/4 ABfredl Sachs zuteil wurden, sprechen wir hiermit allen Verwandten und Freunden unseren herzlichsten Dank ans. Dr. Paul Christeller Fanny Christeller geb. Sachs. Dr. Simmel, Spezialarzt für 437/13» Haut- and llurnlclden. 1 0—2,5—7. Sonntags 10—12. 2—4. IT. Piano, 45 M., krankheitShalb. bis 9 abds. z. verk. Gcrichlsir. 32, Dittrich. Zweigverein Berlin. Sektion der Gips- u. Zementbranehe. Gruppe: Rabitzputzer und Träger. Freitag, den 7. September liMM», abends 8 Uhr, im Gewerkschaftshause, Engrl-ttfer 155,00, wer Teil- zahlung Nähmaschine taust, nach- weist. Sämlliche spsteme. Alle Ma- schinen in Zahlung. Postkarte. Brauser. Tilsilcrstraße 90. �42* Brautleute!„Nur Krünerweg 81." Spinden, Spiegel. 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Deutsche Steinholzwerke, Kantstraße 38a. 180651 Korbmacher aus Bambus- und Kongomöbel verlangt sosort Fechner, Neue Bayreulherslraße 5. 1028b* �Metälldreherlehrliug für Gas-, Wasserleitung, Armaturen verlangt Sandmann, Koltbujerstraße lo. s+160* Eluisarbeiter sür chirurgische Instrumente verlangt A. Stritzke, Berlin, Augustslratze 69. 1061b Einen lüchlige» Firnisier verlangt A. Werkmeister, Schmidstraße 8a. Sie in met! verlangt Sedanstraße 12. Weißcnsee, +123 Grundierer verlangt Köpcmcker- fttaße 147. 1060b Bersilbcrer verlangt Manteusicl- straße 13. 1049b Gnörich- Vottshumorist. Auch Gesellschaft. Fennftraße la.+92' Wäsche wird sauber gewaschen, Freien getrocknet. Abholung Sonn- abends. Emil Pankrath, Köpenick, Müggclheimerstraße 40. 1030b Verantwortlicher Redakteur: HanS Weber, Berlin, Für den Inseratenteil verantw.: Th. Glocke, Berlin. Druck». Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer&(£o.. Berlin SW, Tüchtigen Mattierer Goldleistensabrik BarthelS, kirchfttaße 17._ verlangt Michael- 10486 Bandsägenschiieider verlangt Schmidt, AndreaSslraße 21. 1051b Tüchtige Granit- Hand- und Majchinenschlciser verlangen sosort Granitwerke Fink, Bergmannstr. 102. Tüchtige Tischler aus weiße Arbeit und im Maschinenraum verlangen H. Denecke u. Co., Friedenau, Nied- straße 5._ 182651 Tüchtige Bauschlosser oerlangen nnter hohem Lohn H. Denecke u. Co., Friedenau, Niedstraße 5. 182751 Botenfrauen finden sehr lohnende Beschäftigung Schöneberg, Feurigstraß c 12. 154/19' Lehrin ädchc» zur leichten Hand arbeit gegen monailiche Vergütung. Blumeusabrik Scholz, Alexaiidrinen- straße 95/96. 1050b Ptätteriu sucht straße 12, Osten. sosort Voigt- +130 Botenfrauen jinden sehr lohnende Beschästtgung.(Tour Wilhelmstraße). Meldungen Schützenstraße 22. 155/10* Botenfrauen finden sehr lohnende Beschästtgung Schiffbauerdnmm 1.* Sortiereriuneit oerlangt Gustav Schröder, Hochstraße 43._ 993b* Tnchtrenneriitiien oerlangt Gustav Schröder, Hochstraße 43._ 9946* Botenfrauen finden sehr lohnende Beschästtgung Prinzenstraßc 41.* Boteitfranen finden sehr lohnende Beschästtgung Schiffbauerdnmm 1. IXoiimi: Touren: Linienstraße, Pjlugstraßc, toicnstvafjc.) 153/14* Im Arbeitsmarkt durch besondere» Druck hervorgehobene Auzeigen koste» 30 Pf. die Zeile. Arbeitersekretär gesucht. Zu möglichst baldigem Antritt wird sür Magdeburg ein Arbeitersekretär gesucht, der vorwiegend die Arbeiten aus dem Gebicle der Arbeiter- Versicherung, des Arbciterschutzes usw. zu erledigen hat, und daneben in der Auskunstserteilung tätig sein muß. Verlangt wird rednerische Befähigung, gewerkschaftliche Ersahrung und gute Kennlnisse der Arbeitergesetze Be- mcrber wollen einen«christsatz über die Ausgaben der Arbeitcrselretariate aus dem Gebiete der sozialen Gesetz- gebung ihrer Bewerbung beifügen, und dieselbe bis zum 25. September dieses Jahres an das Arbeiter- sekretariat in Magdeburg, Fürstenufer 0 I, einreichen. An- gäbe der Organisationszugchörigkeit erbeten. GeHall pro Anno 2000 M., steigend um 100 M. jährlich bis 2500 M., von da ab um 75 M. jähr- lich bis zur Höchstgrenze von 3000 M. < I Geübte• öfliesenlegetl i: suchen bei dauernder Beschäftigung 2 Ciebrtitler Vogel«Sfc Co., Z * Kursürstendamm 224. G Tüchtige Flikstuleger sür dauernde, lohnende Beschästtgung gesucht, ken!. Willi. Bechert, 211/8* Leipzig, Kaübachstr. 11. Achtung, Wjistl! Der Bau Auguste Viktoria- Allee, Ecke Schillingstraße in Reinickendorf- West des Maurermeisters tzulh, aus- sührender Töpfermeister Karl Redlieh, ist wegen Lohnaussall gesperrt. Die Sperre der Firma lahs& Erle- tziann ist hiermit ausgehoben. 20l/14 Bie VerhMulsleltinig. (Zahlstelle Berlin). Folgende Firmen sind, weil Ein- siellungen nach dein abgeschlossenen Verirage nicht crsolgt sind, bis aus weiteres gesperrt: X»ver Köllc, Ncichcnöerger- . straße 36. Act. Wittenburg, Wilhelm- ftraßc 16. F.O. Agtbe, Wilhelmstr. 119/20. A«l. Scholl, Putlkamerstraße 19 und Dcssauerstraße 14. Kartonfabrik Ad. I.csser, Krantstrafte, sür Kartonarbester, u. sür Galanlcriearbeitcr die Firma AIoz-s pi» I<, Neanderstr. 4. Vor Arbeitsannahme in den Ver- bandsbetriebcn, auch durch den pari« tälischen Facharbeitsnachweis ist In- sormation aus dem Bureau, Engel- user 15 II, Zimmer 21, einzuholen. 24/12 Die Ortsverwaltuiig. Achtung k Achtung! Schildkrmnlkr! Gesperrt sind folgende Firmen: Otto Grund u. Co., Aassergasse 3. Paul Boigt. Neue Königstr. 42. P. Schmiedel, Rotzstr. 28. I. Kansmann. Neue Friedrichstr. 4. W. Rönttiitg, Straittzbergerstr. 12. H. Teichert, Rungestr. 21. W. Bartel, Molkenmartt 1. I. Häuser, Alexandrinenstr. 45. L. Wogosch. Fischerbrücke 17. O. Tenü. Brunnenstr. 39. P. Sonntag u. Co., Rosenthaler» straße. W. Rumpf, Linienstr. 154a. P. Ep Ii n ins. Neue Schönhauser» straße 12. R. EPliniiiS, Veteranenstr. 7. Fechner(Jnh. Glas), AIt-Moabttll4. Hänftner, Neue Jnkobslr. 15. Grünsteiti u. Gottlieb, Prinzen- straße 43. Methke, Friedrichstr. 16. Zuzug ist fernziihalten! Arbeitsnachweis nur Wallstr. 36. Die VersvoUuug. Deutscher Holzarbeiter- Verband. Wegen Streik und Lohiidisfereuzeu sind geiperrt: Für Tischler, Polierer und Maschiitenc'.rdeiscr: <*ebr. Chrlich. Krautstrafte. Luxus inöbelfa dt il Ohinann, Lausitierplat! IS/ll. Bau Slillcr& Knhlmann, Markgrafenstrafte, Ecke B esselstrafte, Firma Bumke. Für Kistenmacher und Kreis- sägeiischneider: Sobisler. Skaliüerstr. 101. Für Knopsarbeiter: Abrninosvskz', Köpenicker- strafte 33a.. Für Korbmacher: Zn emcr, Fricdrichsfelde, Ber< linerstraftc 72. Baader, Fricdrichsfelde, Berlinerstrafte 82. Für Bürstcnutacher: Der Jiiituttgsitachwcis. Brunnen. strafte 131. Für Parkettbodenleger: Bau Tcmpelhof. Dorfstrafte IS. Fabrikant Hervor, Vertreter Wugner. Bau Kaiter-Allce 4ö. Zwischen« meister Betsch. Zuzug ist streng feruzuhalteu. Tie Ortsuerwaltung. Aobtnng! Achtung! Klavierarbeiter! In der Pianosabrik von Bell Co.. Andreasstr. 32, haben sämt- licht Kollegen wegen Lohndisserenzen die Arbeit niedergelegt. 141/16* Zuzug ist feriizuhalteit. Vereinigung der Musikinstrumenten- arbeiter. Nr. 207. 23. Iahrgiulg. 3. Mqe to JorniSris" Kcrlim WlksdlM zlonnerstag, 6. September 1906. Partei- Angelegenheiten. An die Berliner Genossen! Am Freiing, den 7. Ms., findet in Jüterbog die Stadt oerordneten-Stichwahl zwischen dem sozialdemokratischen Kandidaten Genossen Pawera und dem bürgerlichen Mischmasch- Kandidaten Tischlermeister Weber statt. Da sehr viele wahlberechtigte Bauhand- werker aus Jüterbog in Berlin beschäftigt sind, werden die Berliner Genossen, die mit diesen zusammenarbeiten, gebeten, darauf hin zuweisen, daß jeder Arbeiter am Freitag sein Wahlrecht ausübt. Das sozialdemokratische Wahlkomitee. berliner JVacbncbten. Zur Ersatzwahl im dritten Berliner Landtagswahlkreise. Seit dem 12. Februar ist der dritte Landtagswahlkreis derwaist. Sieben Monate sind ins Land gegangen, ohne daß über den Zeitpunkt der vorzunehmenden Ersatzwahl etwas Bestimmtes bekannt geworden wäre. Zwar ist vor einiger Zeit gemeldet worden, daß die Urivahlen am 6. Noveniber und die Wahl des Abgeordneten am 27. November stattfinden sollen, aber amtlich ist über diese Angelegenheit noch nichts publiziert. Ebensowenig weiß man bis'heute amtlich. wieviel Wahlmänner neu zu wählen sind bezw. welche Wahlmänner verstorben oder verzogen sind und in welchen UrWahlbezirken Ersatzwahlen stattzufinden haben. Auch ist amtlich noch nichts bekanntgegeben über die Person des Wahlkommissars. Wenn auch die Ernennung dieses Herrn Sache des Oberpräsidenten ist, so weiß man doch so viel, daß diese Ernennung auf Vorschlag des Magistrats erfolgt. Ist etwa noch keiner gefunden? Wenn der oben angegebene Termin über die Wahl richtig sein sollte, so trennen uns nur noch acht Wochen von den Urwahlen. Da drängt sich doch die Frage auf: Was ist das für eine Wirtschaft im Magistrat, die Wähler sieben volle Monate hinzuziehen und dann ihnen zuzumuten, Hals über Kopf ihre wichtigen Staatsbürger rechte zu erledigen. Die Wähler haben ein Recht, zu ver> laugen, daß ihnen genügend Zeit gegeben wird, ihre Voo bereitungen zu treffen. Diese Vorbereitungen sind, wie jedes Kind weiß, sehr umfängliche, sie können aber ohne eine vor ausgegangene amtliche Bekanntmachung nicht erfolgen. Man komnie uns nicht niit der Ausrede, daß die neuen Be stimmungcn über das Wahlverfahren erst am 1. Oktober in Kraft treten. Dieser Umstand hat mit der amtlichen Festsetzung des Wahlternnns nichts zu tun. Was ist der Grund dieser geradezu unentschuldbaren Verzögerung? Geht es deshalb nicht vom Fleck, weil sich der zuständige Dezernent Stadtrat Böhm in Ferien befindet? Stockt denn dann gleich die ganze Maschinerie, wenn ein Stadtrat Urlaub nimmt? Es ist doch üblich, daß in einem solchen Falle eine Vertretung eintritt. Oder hat etwa jemand die Vertretung des Dezernenten über- nommen, der von den Dingen keine Ahnung hat und nur stereotyp verfügt:„Liegen lassen, bis der Dezernent vom Urlaub kommt"? Träfe das letztere zu, dann wäre es am Oberbürgermeister, sich die Herren, denen Vertretungen überivicsen werden, besser an- zusehen. Gewiß niag es, wie für alle Nachlässigkeiten und Bummeleien auch für diese Saumseligkeit Entschuldigungs- gründe geben. Und wir begreifen vollkommen:„S o e i n schönes Hühnerjagd weiter hat es noch selten gegeben wie jetzt." Und da solle einer hinter staubigen Aktenbündeln aushalten?_ Zur Abstimmung über den Achtuhrlndcnschlnß. Kriegt Berlin den Achtnhrladenschluß? Von den Nächst- oeteiligtc'n, den Ladeninhabern wie den Gehülfen, wird die Antwort auf diese Frage mit Spannung ertvartet. Das Er- gebnis der Abstimmung, die kürzlich von den Ladeninhabern vorgenommen tvorden ist, soll ja im September bekannt ge- geben werden. Ob das Ergebnis als gültig oder ungültig anzusehen sei, darüber war von vornherein zwischen den Interessenten ein Streit entbrannt, in dem der„Lokal- Anzeiger", wie»vir kürzlich zeigten, wieder einmal eine sehr zweideutige oder eigentlich fast nur noch eindeutige Rolle spielte. Aus den Kreisen derjenigen Geschäftsinhaber, die nicht zu den Freunden des Achtuhrladenschlusses gehören, rührte die Behauptung her. daß bei der Abstimmung nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei, und zum Sprachrohr dieser Gruppe machte sich der„Lokal-Anzeiger". Für diese Herrschaften verstand es sich von selber, daß Mogeleien, Wenn sie vorgekommen waren, nur von Freunden des Achtuhrladenschlusses, nicht aber von Gegnern dieser Forderung begangen sein konnten. Wir wollen abwarten, was hierzu die amtlichen Ermittelungen ergeben werden. Sollte es aber wider alles Erwarten tatsachlich zu einer Ungültigkeitserklärung kommen, so möchten wir für die dann notwendig werdende zweite Abstimmung an den„Ausschutz der vereinigten Ladeninhaber und Gc hülfen", der seit Jahren für den Achtuhrladcnschluß agitiert, eine dringende Mahnung richten. Dieser Ausschuß hatte an die Laden- inhabcr ein Zirkular versandt, das um Abstimmung zu- grinsten des Achtuhrladenschlusses ersuchte. Beigelegt waren Stimmkartcn für den Achtnhrladenschluß, deren Abholung der Ausschuß versprach. In den, Zirkular stand klar und deutlich: „Diese Karte wird in den nächsten Tagen von Ihnen abgeholt iverden, und ivollen Sie dieselbe daher hierzu gefälligst bereit halten." Und es war ausdrücklich hinzugefügt:„Eine direkte Zusendung wollen Sie der Kontrolle halber gefälligst nicht vornehmen." Wir vermuten, daß die Freunde des Achtnhr- Ladenschlusses, die von dieser Stimmkarte Gebrauch machten, wohl zum allergrößten Teil auch den Wunsch des Aus- schnsses erfüllt haben. die Karte nicht direkt an das Gewerbekomniissariat zu senden, sondern sie zur Abholung bereit zu hallen. Ist nun aber die versprochene Abholung auch überall erfolgt? Erst nachträglich haben wir Kenntnis davon erhalten, daß die Karten tatsächlich nicht überall ab- geholt worden sind. Uns liegen ein paar Karten vor, die bis zum letzten Augenblick„bereit gehalten" wurden und schließlich doch nicht abgeholt wurden. Wer Iveiß. in wie vielen Fällen sonst noch von Bcanf- tragten des Ausschusses mit gleicher Liederlichkeit Verfahren worden ist! Wenn der Ausschuß die Ladeninhaber auffordert. die direkte Absenduna der Stimmkarten zu unterlassen, so hat er die Pflicht, auch mit allen Mitteln dafür zu sorgen, daß niemand bei der Abholung übergangen wird. Aber das hat er offenbar nicht getan. Wenn seine Beauftragten eine erhebliche Zahl von Ladeninhabern übergangen haben sollten, so könnte man ihm den Vorwurf nicht ersparen, daß durch sein Verschulden— wenn auch gegen seine Absicht— das Abstimmungsergebnis gefälscht worden ist, aber nicht zu- gunsten, sondern zuungunsten des Achtuhrladenschlusses. Die Aufhebung der Sonntags-Paketbcslellung im Reichspost- gebiete hat sich, wie das„Archiv für Post und Tclegr." in einem längeren Aufsätze darlegt, in jeder Weise bewährt und die Behörde wird deshalb auf dem einmal beschrittencn Wege weitergehen, um dem Personal eine fühlbare Erleichterung des Dienstes an Sonn- und Festtagen zu gewähren. Die bereits in Groß-Berlin eingeführten Beschränkungen im Schalterdienst dürften auch am andere größere Orte ausgedehnt werden. Zunächst wird noch eine andere Erleichterung des Sonntagsdienstes geplant, welche dem Postpcrsonal im ganzen Reiche zugute kommen wird; dieselbe bc- trifft die Einstellung der Gesldbestellung an den Sonn- und Festtagen, für welche schon der Reichstag in seiner im vorigen Jahre gefaßten Resolution eingetreten ist. In welchem Umfange dem Verlangen der Volksvertretung stattgegeben werden soll, darüber schweben gegenwärtig noch Erhebungen und Vcrhand lungen. Nach der überaus günstigen Aufnahme, welche die Auf Hebung der Paketbestellung an den Sonntagen in den Kreisen des Publikums gefunden hat, dürfte es, wie das amtliche Organ meint, kaum zu bezweifeln sein, daß auch der Einstellung oder doch wenigstens Beschränkung des Geldverkehrs an den Sonn- und Fest- tagen sich wohl keine unüberwindlichen Schwierigkeiten entgegen- stellen würden. Das Bctriebspcrsonal werde eine derartige Maß nähme jedenfalls nur freudig begrüßen. Eine etwas peinliche Tcstamcntsgeschichte hat jüngst den Bcr- liner Magistrat beschäftigt. Im August vorigen Jahres verstarb hier das Arbeiter Sch.schc Ehepaar, welches Ende November also neun Monate vor seinem Tode, in einem gegenseitigen Testament je zur Hälfte die Heilandskirchengemeinde und die Stadt Berlin zu Erben seines etwa 9329 M. betragenden Vermögens eingesetzt hatte. Die Eheleute sind nämlich gleichzeitig gestorben, sie haben sich vergiftet, und der Magistrat nimmt daher an, daß sie auch schon bei der Errichtung des Testaments nicht ganz zurech- nungsfähig gewesen sind. Die Kirchcngemeinde, welcher auch noch die Pflege der Grabhügel der Erblasser auferlegt war, hat unter diesen Umständen auf den Nachlaß verzichtet; das gleiche hat der Magistrat bezüglich des der Stadt(zugunsten bedürftiger und schwächlicher Kinder) zugedachten Erbteils beschlossen, zumal nicht weniger als fünf Geschwister des Erblassers vorhanden sind, welche sämtiich in sehr dürftigen Verhältnissen leben. Mit Rücksicht auf die Todesursache der Eheleute und die wirtschaftliche Lage der un- bedacht gebliebenen Geschwister des Mannes beantragt der Magistrat daher bei der Stadtverordnetenversammlung, daß die Stadt zu- gunsten der Hinterbliebenen auf ihren Nachlaßanteil Verzicht leiste. Ei» Posadowskp-Haus ist vom Beamten-Bauvcrein in der Wollankstrahe, an der Berlin-Pankower Grenze, errichtet worden. Es ist jetzt, bis auf unbedeutende Arbeiten, vollendet, so daß es im nächsten Monat bezogen werden kann. Das stattliche Ge- bäude fast nicht weniger als Ivb Wohnungen, ist mithin das größte Beamtenwohnhaus in und um Berlin. Das Gebäude ist drei Etagen hoch und hat eine Straßenfront von etwa 199 Metern. In der Mitte ist nach der Straße zu ein reier Hof hergestellt, in dessen Mitte die Büste des Staatssekretärs Posadowsky Aufstellung gefunden hat. Für die Netter von Eourriöres find beim Oberbürgermeister Kirschner infolge der im März d. I. erlassenen Aufforderung im ganzen 6919,59 M. Beiträge zu einer Ehrengabe an die bei den Rcttungsarbeiten in Courrieres beteiligt gewesenen Bergleute ein- gegangen. Diese Summe, abzüglich 29 M. Kosten, sind nach den Vorschlägen des Bcrgwerksdirektors Meyer zu Herne an die 21 bei den Rettungsarbcitcn beteiligten Bergleute unter Berücksichtigung der Tauer ihrer Tätigkeit in Beträgen von 135,63 M. bis 433,49 M. verteilt worden. Frenider Besuch. Auf Einladung der Berliner Juristischen Gesellschaft und der Internationalen Vereinigung für vergleichende Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre zu Berlin tritt Anfang Oktober d. I. die Internationale Law-Association in London hier im Gebäude der Handelskammer zu ihrer 23. Tagung zusammen. Der Magistrat hat beschlossen, der Gesellschaft einen festlichen Empfang auf dem Rathause zuteil werden zu lassen, und hat dafür 5999 M. bewilligt. Bei dieser Gelegenheit wollen wir gleich erwähnen, daß seit einiger Zeit auch der französische Minister des Innern, Clemcnceau, in Berlin weilt, um sich unsere Kunstsammlungen und Museen anzusehen. Allzucifrigc Journalisten, die ihn interviewen wollten, ließ er abfallen, indem er erklärte, er sei als Privatmann hier und wolle unbehindert bleiben. Das war recht I Die Hochbnudepntatio» war gestern an der Reihe, daö Virchow- Krankenhaus zu besichtigen. Ueber die ganze Anlage bringen wir einen Bericht, wenn auch endlich die Stadlvervrdneten-Versanunlung die Schöpfung in Augenschein genomine» hat. Hoffentlich ladet dann der Magistrat auch die Vertreter der Presse ein. die bisher bei olchen Anlässen sehr stiefmütterlich behandelt wurden. Von der Besichtigung, die am Montag der Kaiser und die Kaiserin vornahm, wird noch berichtet, daß dieselbe bei der Größe dieser Krankenanstalt per Automobil erfolgte. Berliner Asylverein für Obdachlose. Im Monat August näch- tigten im Männerasyl 21576 Personen, wovon 19739 badeten, im Frauenasyl 4321 Personen, wovon 1137 badeten. Faule Köpfe. Dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller gingen von zuverlässiger Seite Mit- teilungen zu über zweifelhafte Firmen in den Niederlanden und in Griechenland. Für Interessenten liegen diese Mit- teilungen im Bureau des Vereins, Jägerstraße 22, in den Geschäfts- tunden von 9— 1 und 4— 7 Uhr zur Einsicht aus. Welch grober Unfug von Missionsprcdigern getrieben wird, geht aus einem Schreiben hervor, das eine ältere Witwe kurz nach dem Tode ihres Mannes erhalten hat und das uns erst heute übermittelt wird. Das Schreiben lautet vollinhaltlich: Ernste Mahnung! „Suche Jesum und Sein Licht. Alles andere hilft Dir nicht!" Inmitten der Trübsal, die Gott der Herr Ihnen gesandt hat, sendet Ihnen Gott durch mich Trost. Verzagen Sie nicht. Gott unser Vater hat Ihnen diesen Schmerz geschickt, damit Sie Buße tun sollen. Lassen Sie ab von Ihrem bisherigen sündhaften Lebens- Wandel und geben Sic Sich ganz Gott hin. Wittwen und Waisen will der Herr nie verlassen. Aus Erfahrung rate ich Ihnen den Besuch der Evangelisations Ver- sammlungen im Zelt der Deutschen Zelt Mission in Moabit, Levctzow-Str: Nähe Hansaplatz, tägl. Nachm. 4 Uhr und Abends 8� Uhr. Der berühmte Erweckungspediger Paul leitet diese Vprsammlungen. Gott läßt hier sichtbare Wunder der Bekehrung geschehen. Viele Männer und Frauen haben hier Trost und Hilfe gefunden. Zu Christus hin, das ist die Hauptsache, sonst gehen Sic ohne Erbarmen in das höllische Feuer auf Ewigkeit. Unser Wissen u. Verstand ist mit Finsternis umhüllet. Denken Sie stets an den plötzlichen Tobt Dies schreibt Ihnen ein von Gott berufener Botschafter, dem Gott Vieles in jüngster Zeit offenbart hat, zum Segen der Menschen. Sie kennen nun den Befehl Gottes, handeln Sie auch danach und sagen Sie es auch Anderen. Gehen Sie bald hin da das Zelt am 12. d. M. abgebrochen wird. Ihre Seele ist in Gefahr. Amen." Der Mann, der dieses Elaborat verbrochen hat, rechnet sich offenbar zu den Gesundbetern, leidet unseres Erachtens aber sicher an religiösem Wahnsinn. Wir haben für diejenigen, die dem Ver- fasser des Briefes in die Hände fallen, nur das Gefühl des Be- dauerns übrig, da sie von den Wahnideen leicht angesteckt werden können. Eine sonderbare Betriebsstörung im Straßcnbahnöerkehr hat am Dicnstagnachmittag stattgefunden. Gegen Vsi Uhr hielt vor dem Hause Motzstraße 8 ein beladener Möbelwagen der Firma Langner in Charlottenburg. Durch die ungeheure Hitze war der Asphalt heiß geworden, und die Räder sanken, als der Kutscher über die Straßenbnhnschicncu fahren wollte, so tief in die klebrige Masse ein, daß das schwere Gefährt weder vor noch rückwärts konnte und das Gleis in der Richtung nach dem Viktoria Luisenplatz sperrte. Nachdem der Möbelwagen durch Vorspann wieder flott gemacht worden war, benutzte derselbe das Gleis in der oben ge- nannten Richtung zu seiner Fahrbahn. Vor dem Hause Motz- straße 24 wiederholte sich die gleiche Störung. Die Pferde ver- mochten die schwere Last nicht aus dem aufgeweichten Asphalt herauszuziehen. Es wurde weiterer Vorspann requiriert und acht- spännig gelang es endlich, den Wagen aus der Straße des auf. gelösten Pflasters herauszubringen. Durch das eigenartige Ver- kehrshindernis hatten die Wagen der Linien 69, 61, 91, 92, 51 und 57 einen etwa zwanzig Minuten währenden Aufenthalt. Dicnstinädchcu-Los. Wer Dienstmädchen werden will, muß— wie man zu sagen pflegt— ein dickes Fell haben und einen tüchtigen Puff aushalten können. Ein Dienstmädchen muß fähig sein, unfreundliche Worte schweigend hinzunehmen, grobe Be- schimpfungcn ohne Widerrede einzustecken, rücksichtslose Schläge Ivehrlos zu ertragen. Es gibt„Herrschaften", die es für standesgemäß halten, ihrem Dienstmädchen dieses Los zubereiten. ES gibt andere, die es als Schmach für sich selber ansehen würden, ein Dienstmädchen so zu behandeln. Leider sind diese anderen in der Minderheit. Wo ein Dienstmädchen an eine„Herrschaft" jener erstgenannten Sorte gerät und nicht die nötige Portion Dickfälligkcit und Stumpfheit mit- bringt, da kommt? dann nur zu leicht zu einer jener Dienstboten- tragödien, zu einem Selbstmord eines gequälten Mädchens, der wie ein greller Blitz die Lage der Dienstmädchen beleuchtet. In Schöneberg hat am Mittwoch ein Dienstmädchen einen Selbstmordversuch gemacht, zu dessen Erklärung ähn- liche Beweggründe angeführt werden. Im Hause Rosen- h e i m e r st r a ß e 36 dient bei dem Kaufmann Joachim seit einigen Monaten ein erst achtzehnjähriges Mädchen Frida H. Frau Joachim soll eine sehr reizbare Danie sein, der man manches zugute halten muß. Daß Frida bei ihr keine beneidenswerte Stellung hatte, das war im Hause bekannt. Frida erzählte ver- schiedencn Personen, sie werde häufig von der gnädigen Frau wegen geringer Dinge beschimpft und geknufft. Am Mittwoch zeigte sie in der Nachmittagsstunde einem Hausbewohner blaue Flecke an beiden Oberarmen und eine Beule an der Schläfe. Sie ver- sicherte, sie sei wieder einmal von Frau I. geschlagen worden, jetzt aber werde sie sich das Leben nehmen. Sie stieg dann unbemerkt zum Boden hinauf, riß dort von ihrer Schürze die Bänder ab. schnürte sich diese fest um den Hals und legte sich so auf die Dielen, um den Erstickungstod zu erwarten. Von Frauen, die aus dem Boden wuschen, wurde sie aufgefunden, und ein im Hause wohnender Gastivirt, der zu Hülfe geholt wurde, löste die Bänder und rief das Mädchen ins Leben zurück. Einstweilen wurde dann Frida H. in der Wohnung des Gastwirtes untergebracht, Ivo der nachher hinzugezogene Arzt sie untersuchte und sie bis aus weiteres in Pflege bleiben soll. Frau Joachim erklärt alles, was das Mädchen über sie erzählt hat. für Lüge. Dieselben Angaben hatte aber Frida noch vor ihrem Selbstmordversuch auf der Polizeiwache vorgetragen. Sic hatte nämlich in ihrer Einfalt gemeint, bei der Polizei müsse sie Hülfe und Befreiung Inden. Aber die Polizei konnte nichts anderes tun als— ihr einen Schutzmann mitgeben, der sie der Herrschaft wieder zuführte. Das gehört aber auch zum Dienstmädchenlos, das ein Dienstmädchen sich erst dann befreien darf, wenn es bereits zum Alleräußersten ge- kommen ist. Tragisches Ende einer Revolverspiclerei. In der Nacht zum 5. d. M. erschoß sich der im 98. Polizeirevier stationierte Schutz- mann Wolf in dem Gartenlokal von Philippsthal, Prenzlauer Allee. Wolf! war während seines Patrouillengangcs in das genannte Lokal eingekehrt und zeigte den dort anwesenden Gästen die Kon- üruktion seiner Dicnstwaffe. Diese entlud sich hierbei und verletzte leicht einen der anwesenden Gäste. Wolf brachte den Verletzten nach der Unfallstation in der Schönhauser Allee, kehrte dann in das Lokal zurück und schoß sich mit seiner Dienstwaffe in die rechte Schläfe. Der Tod trat auf der Stelle ein. Beim Rudern ertrunken ist in der Spree zwischen Ncptunshain und Sadowa ein etwa 22jährigcr junger Mann aus Berjin, dessen Personalien bisher leider nicht fcstgcstllt werden konnten. Am Dienstagnachmittag gegen 5 Uhr unternahmen drei junge Leute in einem dem Botsverleiher Kujicke gehörigen Kahne eine Ruder- partie auf der Spree und versuchten kurz vor dem Bug eines von Berlin kommenden Vergnügungsdampfcrs der Stern-Gesell- 'chaft die Fahrtrichtung des großen Fahrzeuges zu kreuzen. Dies zelang den Rubereren aber nicht. Der Dampfer, der nicht so 'chnell gestoppt werden konnte, rannte das Ruderboot am Heck an und zertrümmerte es vollständig. Die drei Insassen, die durch ihren Leichtsinn den Zusammenstoß herbeigeführt hatten, stürzten in das Wasser. Zwei der Ruderer konnten sich an dem Wrack deS Bootes so lange festhalten, bis sie von herbeigeeilten Segelfahrzeugen aufgenommen wurden. Der dritte Insasse aber verschwand in den Fluten und ertrank. Allem Anscheine nach ist der Verunglückte in die Schraube des Dampfers geraten, seine Leiche konnte bisher noch nicht geborgen werden. Die beiden Geretteten hatten sich schleunigst entfernt, so daß ihre Personalien nicht ermittelt werden konnten. Todessturz vom„historischen Eckfenster". Im alten königlichen Palais, Unter den Linden, hat sich gestern ein bedauerlicher Un- glücksfall zugetragen. Der 41 Jahre alte Putzer Nathan aus der Markusstraßc 23 hatte in dem Palais die Fenster gereinigt und als er das„historische Eckfenster" von außen säubern wollte, drehte er sich während der Arbeit um, um nach der Straße Unter den Linden hinüberzusehcn. Infolge der plötzlichen Bewegung verlor er das Gleichgewicht und stürzte rücklings in die Tiefe. Die Leiter, aus der R. gestanden hatte, wurde mitgerissen. N. schlug so Unglück- lich mit dem Kopf auf das Pflaster, daß er bald darauf an den Folgen der erlittenen schweren Verletzungen starb. Abgestürzt bei Besteigung der Kleinen Zinke ist am Montag Dr. Eduard H o e b e r, der Feuillctonredakteur des„Berliner Tageblatt", er wurde in das Allgemeine Krankenhaus nach Jnnichen gebracht. Nach einer Version soll er seinen Verletzungen erlegen sein und auch der Verein Berliner Presse versendet schon die Todesanzeige, nach einer anderen Meldung soll sich diese Nachricht nicht bestätigen. Ein schwerer Strassenbahnunfall ereignete sich Dienstag abend um �6 Uhr vor dem Hause Köpenickerstraße 9. Dort spielte der etwa 11jährige Sohn des Töpfers Zander mit anderen Knaben auf dem Fahrdamm und wollte nach dem gegenüberliegenden Bürgersteige hinüberlaufen. D Knabe achtete nicht darauf, daß In demselben Augenblick ein Motorwagen der Straßenbahnlinie 88 herannahte, wurde umgestoßen und kam unter den Vorderperron vor dem Schuhrahmen zu liegen. Der Junge erlitt eine stark blutende Verletzung am Kopfe und am linken Arm. Er wurde mittels Droschke nach dem Krankenhause Bethanien übergeführt. Die Entgleisung eines Kohlcnzuges fand gestern morgen in der Skalitzerstraße statt. In der daselbst. Ecke der Manteuffel- straße liegenden Bahnwciche entgleiste gegen 5 Uhr früh der vom Görlitzer Bahnhof nach der städtischen Gasanstalt in der Gitschiner- straße fahrende Kohlenzug und etwa zehn mit Feuerungsmaterial beladene Wagen sprangen aus den Schienen. Es währte etwa eine Stunde, ehe die sofort aufgenommenen Aufräumungsarbciten be- endet waren. Vom Zugpersonal wurde niemand verletzt. Aus der Selbstmordchronik. Weil er von seiner Frau verlassen worden war, hat der Privatier Louis S. aus der Wienerstraße 14» Selbstmord verübt. Zunächst öffnete er in seiner in der zweiten Etage belegenen Wohnung sämtliche Gashähne und ließ die giftigen Gase ausströmen. Dann jagte er sich auch noch eine Nevolvcrkngel in den Kopf. Der Lebensmüde kam denn auch zum Ziel. Seine Leiche wurde in das Schauhaus eingeliefert.— Wegen eines unheilbaren Leidens versuchte sich der 45jährige Arbeiter Hermann S., Lothringerstratze 20, zu töten. S. fuhr nach der Kolonie zur „Schiefen Haube" und schoß sich in seiner dortigen Laube eine Revolverkugel in die Schläfe. Noch lebend wurde er in das Krankenhaus eingeliefert.— In der Kajüte seines Kahnes unter- nahm der Schiffseigner Alfred Engel, dessen Zille seit einiger Zeit auf dem Schisfahrtskanal vor Anker liegt, einen Selbstmordversuch. Er benutzte gleichfalls den Revolver. Er jagte sich eine Kugel in die Brust und fand im hoffnungslosen Zustande im Kr�ntcnhause Aufnahme. Das Motiv ist angeblich in Nahrungssorgen zu suchen. — Liebeskummer hat den 24jährigen Photographcn Fritz Bospcrich, der bei seiner Mutter in der Grunewaldstraße wohnte, in den Tod getrieben. Das Knsino-Thcater eröffnete am Dienstagabend seine dies- jährige Wintersaison mit eincin schönen Erfolge. Die Direktion hatte ein altes Berliner Volksstiick ausgegraben, das sich „Alexander der Große" betitelt und Emil Thomas und Adolf S a l i g zu Verfassern hat. Das Stück ist reich an guten Pointen und zündenden Couplets. Eine geschickte Theatermache baut das Ganze wirksam auf. Dazu komint noch eine leichte, ansprechende Mnsik(üoii Herman Scheibenhofcr), die Ernst und Scherz dort unterstreicht, wo es die Autoren haben wollen. Wer seine An- spruche nicht allznhoch schraubte, amüsierte sich vortrefflich. Zum Gelingen des Ganzen trugen besonders Direktor Hans Berg(als A. F. A. Kobel) und Adolf Zimmer- mann(als Agent Wachset) bei.— Ein Eingangsspiel„Die neue Zeit" von Fritz Schäfer, das das Programmals „Festspiel" für das Hauptstück des Abends bezeichnete, hätte fehlen können. Die Anspielungen ans das gegenwärtige Berliner Theater« leben, die es brachte, waren wenig geistreich; es roch etwas stark nach Eigenlob.— Hervorgehoben zu werden verdient noch der Variötöteil des Programms. Alle drei Piecen(„TKs 2 Simpsons", „Freres Fascoli" und„Dos trois soeurs Amatis") verdienen vollstes Lob. Feuerwehrbericht. In der letzten Nacht kam in der Borsig- straße 13 in einer Wohnung Feuer aus, das durch den 13. Zug auf seinen Herd beschrankt werden konnte. Gleichzeitig hatte der 8. Zug in der Rcichcnbergcrstraße 133 einen Zimmerbrand zu löschen. Mittwoch früh 6 Uhr entstand in der Tiergartenstraße 32 in einer Badestube ein Brand. Zwei größere Kellcrbrände be- ichäft.gtcn die Wehr in der Neuen Köniastratze 30 und Elbinger- iratze 7b. In beiden Fällen mutzte die Wehr längere Zeit Wasser geben, um die Gefahr zu beseitigen. Auf dem Exerzierplatz an der einsamen Pappel(Schwedterstraße) brannte Stroh usw. und gleichzeitig in der Schulstraßc 18 in einer Küche Kleider, Körbe und anderes. Wegen Preßkohlenbrände wurde die Wehr nach der Boycnstratze 16 und anderen Stellen gerufen. Vor dem Hause Landsbergcrstraße 35 brannte abends Gas auf offener Straße aus undichter Leitung. Ferner liefen noch Alarme aus der Französi- schenstraße 33a, Bartelstraße 15. Ebausseestraße 78, Novalisstraße 16 und anderen Stellen ein. Vorort- s�admekten. Gharlottenlmrg. Die Charlottenburger Genossen hatten eine außerordentlich stark besuchte öffentliche Versammlung im Volkshause Dienstag abend arrangiert. Genosse D ü w c l l sprach über„Die p o l i- tischeLage mit besonderer Berücksichtigung der Vorgänge in Rußland, Breslau und Nürnberg. Er begann seinen Vortrag mit Hinweisen aus bekannte und vielbesprochene Reden Wilhelms II., die wohl von den Vorgängen in Nußland beeinflußt worden seien. Rußland, der Koloß auf tönernen Füßen, steht im Mittelpunkt des politischen Interesses. Der Koloß bricht zu- sammen. Redner verweilt bei dem Kriege zwischen dem mächtigen großen Ruhland und dem kleinen scheinbar so schwachen Japan. Rußland zeigte seine Blößen, seine Korruption in dem Kriege, und chieser gaben das Signal zum Aufflammen der revolutionären Be- wegung. Der Friede mußte geschlossen werden, weil der wirt- schaftliche Zusammenbruch drohte. Die Flammen der Revolution fraßen weiter. Der Zar Nikolaus erscheint wie ein Verbrecher an der Kette der Großfürsten. Man denke an den 21. Januar 1905! Zum Väterchen Zar kommt das Volk in einem frommen Kinderglauben und erbarmungslos wird des Volkes Blut vergossen. Die Revolution ist reich an Heldentaten, darunter die vieler Frauen hervorleuchten. Man denke an Maria Spiridonowal Redner er- zählt von den Judenverfolgungen, von dem Treiben der„Schwarzen Hundert", von der Inquisition in Warschau und von vielen Szenen aus der Revolution. Der Zar versprach die Konstitution, ein Be- trug dem eigenen Volke gegenüber, wie auch dem Auslande, weil es sich da um die Anleihe handelte. 2 Tage vor der Eröffnung der Duma kam die neue Anleihe zustande und nur 72 Tage hatte die Duma Bestand. Es ist jetzt eine Art Guerillakrieg in Rußland ausgebrochen; das Volk wehrt sich gegen die zarischen Bluthunde. Rußland hat in Preußen einen tüchtigen Dienstmann. Im Königs- berger Prozeß wurde unter dem Hohngelächter der Welt Deutschland als Rußlands Knecht bloßgestellt. Eine große Sorge haben die russischen Genossen, welche die deutschen Genossen von jihnen nehmen müssen. Redner bespricht die Möglichkeit einer Jnter- ventionSpolitik und sagt, das deutsche Proletariat müsse in gc- eigneter Weise dagegen Front machen,— wie, das läßt sich nicht vorher festlegen, aber es darf nicht vorkommen, daß deutsche Soldaten russische Henkersdienste leisten. Man ist geneigt, viele der jüngsten Vorkommnisse, wie in Hamburg, Breslau und Nürn- berg, als Probe aufzufassen, was sich das deutsche Volk wohl alles bieten lassen werde. Weitere Streiche der Reaktion sind zu fürchten, wie Angriffe auf das Wahlrecht, auf das Koalitionsrecht. Dem Drängen der Scharfmacher wird bei uns überall nachgegeben, das . ist an zahlreichen Beispielen deutlich zu erkennen. Redner verweilt bei der deutschen Politik, erinnert an die Zuchthausvorlage, an Zollpolitik, an Ostmarkenpolitik, an das Attentat auf die Volks- schule, erörtert die Gefahren des Ultramontanismus und zeigt, wie die Justiz und ihre Organe, besonders die Polizei, durch ihr Ver- halten überall die Interessen der Unternehmer wahrnehmen. Zum Schluß des zweistündigen Vortrages richtete Genosse Düwell dann einen energischen Appell an die Genossen, sich immer besser zum Kampf zu rüsten und auf den Sieg zu vertrauen. Mit einem dreifachen Hoch auf unsere Bewegung wurde die Versammlung geschlossen. Gchöneberg. Die Angestellte» der Englischen Gasanstalt der Betriebe Schöne- berg, Wilmersdorf und Bülowstraße besprachen am Montag in einer gut besuchten Betriebsversammlung nach einem einleitende» Vor- trage des Stadtverordneten G r o g e r- Nixdorf den„politischen I/rantwortlicher Redakteur:. Hans Weber, Berlin. Für de Massenstreik". Ein Zusammengehen von Politik und Ge- werkschaften wurde auch hier als unumgänglich notwendig er- achtet und in der Diskussion außerdem noch betont, daß zwecks Auf- klärung über das Wesen des Streiks eine politische Erörterung in den Gewerkschaften zu erfolgen habe.— Unter internen Angelegen- heiten wurde sodann noch die Einführung des Beitragsammelsystems beschlossen, womit umgehend, vielleicht schon in nächster Woche, be- gönnen werden soll.' In Ausführung eines vor kurzem gefaßten Beschlusses betreffend Anschluß an das Schöneberger Gewerkschafts- kartell wurden die Kollegen S t e n z e l und M e i n i ck e gewählt. Nixdorf. Ein großer Erdrutsch fand am Dienstagabend auf dem Grund- stück Boddinftr. 20 in Rixdorf statt. Hier befinden sich noch die letzten Reste der Rollberge, die einst einen stattlichen bewaldeten Höhenzug an der südlichen Grenze Berlins bildeten. Durch vor- genommene umfangreiche Ausschachtungen auf dem benachbarten Terrain des Berliner Beamtcnivohnungsbauvereins löar auf dem Grundstück Nummer 20 ein Bergkegel mit einer hohen, steil ab- fallenden Wand entstanden. Dieser Bcrgkegel stürzte plötzlich mit dumpfem Getöse ein. Dadurch entstand eine beträchtliche Ver- schiebnng des Terrain?. Da kurz vor Eintritt der Katastrophe Kinder auf dem Sandberge gespielt hatten, en'.stand unter den in großer Zahl auf dem angrenzenden Boddinplatz sich ergehenden Frauen und Mädchen eine heftige Panik. Von allen Seiten erscholl der Schreckensruf, daß mehrere Kinder unter den Sandmassen ver- schüttet seien, lautes Jammern ertönte, und manche Frauen, die ihre Kinder nicht gleich finden konnten, gebürdeten sich ganz ver- zweifelt. Die Rixdorfer freiwillige Feuerwehr wurde alarmiert, diese begann in Anwesenheit einer angstvoll harrenden Menge die Sand- massen zu durchforschen. Nach mehrstündiger angestrengter Schipp- arbeit konnte sie aber glücklichcrloeise konstatieren, daß Menschen bei dem Bergsturz nicht verschüttet worden waren. Wilmersdorf. I» der letzten Gemcindcvertrctcrsitzung erfolgte die Feststellung und Prüfung der Rechnungen für das Etatsjahr 1905. Aus deni Referat des besoldeten Schöffen. Assessor Brohm, war ersichtlich, daß die Bilanz einen Ueberschuß von 846 329,02 M. ergeben hat. Die Umsatzsteuer hat allein ein Mehr von 46g 000 M. gebracht. In diesem Mehr sind enthalten 57 500 M. direkte Steuern und 24 000 M. Kreissteuern. Von diesen 846 329,02 M. gehen 253 527,50 M. Ver- zinsungsbetrag des Kanalisationsbankapitals und 252 442 M., die deni Ausgleichsfonds entnommen waren, ab, es verbleibt somit ein Reinüberschuß von 335 339.52 M. Die Versammlung stimmte als- dann einem Vertrage mit der Großen Berliner Straßenbahn zu. wonach die Linien 89 und 90 durch Wilniersdorf durchgeführt und bis zum Charlottenburger Straßenbahnhof verlängert werden. Es werden außerdem die Linien 91 und 92 durch die Güntzcl- und Uhlandstraße geführt und die Gleise aus der Holsteinischenstraße entfernt. Da der Schöffe Baurat Gerard seinen Wohnsitz nach außerhalb verlegt, wird eine Neuwahl nötig. Die bereits in Tätig- keit getretene Berufsfeuerwehr besteht aus einem Brandinspektor, einem Feldwebel, zwei Oberfeuennännern und 17 Feuerwehrleuten. Stralau. In der Generalversammlung des Wahlvereins erstattete nach einem Vortrage des Genossen Fendel über Kommunalpolitik der Vorstand Bericht. Danach ist die Mitgliederzahl vor 121 auf 152 gestiegen. Der Kassenbericht zeigt eine Einnahme von 479,81 M. und eine Ausgabe von 236,61 M.„Vorwärts"-Abounenten sind am Ort 154. Ueber die Generalversammlung des Verbandes berichtete Genosse Gcbel. Hierauf erstattete Genosse Lippert den Bericht über die Kreisgeneralversammlung. In die Zeitungskommission wurde Genosse Adlerstein gewählt. Zum Schluß ermahnte Genosse Aschen- dorf die Genossen, mehr wie bisher ihre Pflicht zu tun. Rummelsburg. Durch eine explodierende Rakete lebensgefährlich verletzt wurden gestern der 40jährige Feuerwerker Albert Hoffmann und dessen etwa 30 Jahre alter Gehülfe Karl Hartmeyer aus Friedrichsberg. Die beiden Männer waren in ihrem dicht bei dem Restaurant Neu- Seeland belegenen Laboratorium mit dem Anfertigen von Feuer- Werkskörpern beschäftigt, als plötzlich aus unbekannter Ursache eine Rakete sich entlud. Durch die umher fliegenden Funken explodierte das in ziemlich großen Mengen vorhandene Pulver, und im Nu waren die beiden Personen von den Flammen ergriffen. Durch die Hülferufe der Bedrohten wurden zwar alsbald Leute herbeigerufen, die entschlossen mittels nasser Tücher die Flammen erstickten, doch hatten die beiden Feuerwerker so schivere Brandwunden erlitte», daß ihre sofortige Ueberführung in ein Krankenhaus erfolgen mußte. Bernau. Am morgigen Tage findet eine Gemcindcvertretcrsitzung statt, in welcher wichtige Anträge unserer Genossen zur Beratung stehen. Zeuthen. Eine reichhaltige Tagesordnung hatten die Gemcindevertreter in ihrer letzten Sitzung zu erledigen. Vor Eintritt in die Tages- ordnung wurde der neugewählte Gemcindevertreter Zimmermeister Franz in der üblichen Form eingeführt. Zu Punkt 1 der Tagesordnung wurde über den Bau einer Leichenhalle und Oeffnung der eingegangenen Kostenanschläge mit- geteilt, daß nur eine Bewerbung eingegangen sei. Der Kosten- anschlug beträgt danach in der Gesamtsumme 9071 M.— Nach eingehender Spezialdebatte wurde beschlossen, den Bau der Leichen- Halle nach Matzgabe des Anschlages, mit Ausnahme der Position 7 mit 490,50 M., dem Zimmermeister König-Zeuthen zu übertragen. Zu Position 7 waren im Anschlag als Fußbodenbelag Fliesen vor- gesehen; es wurde beschlossen, vorläufig nur Zementbeton, ge- glättet, zu wählen, um nach genügender Austrocknung Linoleum oder dergleichen wärmeren Boden legen zu können. Bekannt- gegeben wurde, daß die Zustimmung der beteiligten Behörden für den Bau der Leichenhalle und Vergrößerung des Gemeinde- friedhofes erteilt sei. Zur Vergrößerung des Friedhofes hat der Gemcindevertreter Guthke 38 a 31 qm Land der Gemeinde schulden- und kosten- frei zur Verfügung gestellt. Es wurde der Schöffe König bcvoll- mächtigt, die Auflassung entgegenzunehmen sowie die Kosten der- selben bei der Gemcindekasse zu erheben. Beschloffen wurde ferner, daß die erforderlichen Gelder für den Bau der Leichenhalle, Umzäunung und Anlage des Friedhofes in Höhe von 16 000 M. durch Anleihe bei der Kreissparkasse gc- deckt werden sollen; es soll deshalb ein dahingehender Antrag beim Kreisausschutz gestellt werden. Zu Punkt 2, Ausbau der Köpcnickerstraße, wurde bekannt- gegeben, daß die Erdarbeiten ausgeschrieben seien. Eine Offerte für Pflastersteinliefcrung wurde abgelehnt, weil die auf dem Bahn- Hofe lagernde Probesendung als nicht geeignet befunden wurde. Die Kommission soll nochmals versuchen, gebrauchte Steine von der Stadt Berlin zu erwerben, auch sollen weitere Offerten ein- gefordert werden. Zum Ausbau der Straße sind vom Kreise 3000 M. bewilligt worden, die Bewilligung der gleichen Summe von der Provinz steht außerdem zu erwarten. Die Miersdorferstrahe soll mit Steinschüttung versehen werden. Es sollen die Vorarbeiten derartig beschleunigt werden, daß die Herstellung der Straße noch zum Herbst erfolgen kann. Betreffs der Mißstände auf dem Schulgrundstück wurde be- schloffen, eine Müllgrube durch den Maurermeister Rundfcld her- stellen zu lassen. Als Garderobenraum für die Schulkinder kbird das Konferenzzimmer hergerichtet. Des weiteren wurde beschlossen, dem erkrankten Gemeinde. diener 25 M. als Zuschuß zu den Kurkosten zu überweisen. Dieser Beschluß erfolgte ohne Antrag des Betreffenden auf Anregung de» Gemeindevorstehers. Jedoch glauben wir darauf hinweisen zu müssen, daß das Gehalt des Gcmeindcdieners recht gut eine Auf- besserung vertragen könnte, um so mehr als mehrfach hervor- gehoben wurde, daß derselbe besonders tüchtig und pflichteifrig sei. Inseratenteil verantw.: ThT Glocke. Berlin. Druck u. Verlags B orwärt Die Löhne und Gehälter der Gcmeindearbeiter sind als sehr dürftig zu bezeichnen; hier sollte der Gemeindevorstand Veranlassung nehmen, auch hierin das Ansehen der Gemeinde zu heben. Zum Schluß möchten wir den Gemeindevätcrn noch anheim geben, dafür zu sorgen, daß den Kindern in der Schule Trinkgefäße zur Ver- sügung gestellt werden, damit sie nicht jedesmal nötig haben, sich ein oder zwei Gläser von der Frau Lehrerin zu erbitten. Es ist dies eine Forderung, die schon vom hygienischen Standpunkte aus gerechtfertigt erscheint. Grünau. Die Samnicllistc für die Parteitagsdelegation Nr. 9836 ist ver- loren gegangen. Es wird gebeten, dieselbe anzuhalten und an G. Becker, Jägerstr. 13, abzuliefern. Potsdam. Tie besten Agitatoren für die Sozialdemokratie sind unsere Gegner. Einen neuen Beweis dafür liefert das„Potsdamer Jntelligenzblatt" in einer politischen Jeremiade, die das Stichwort trägt:„Lerne vom Gegner." Die Zeitung der hiesigen „Reichsverbändler" weist die bürgerlichen Parteien zunächst auf die Notwendigkeit der Vorbereitung für die kommenden R e i ch s t a g s w a h l e n hin und führt als Beispiel der sozial- demokratischen Erfolge das letzte Stiftungsfest des hiesigen sozialdemokratischen Wahlvereiiis an, worauf in der Parteipresse hingewiesen worden war. Das„Jnt.-Blatt" schreibt: „Das sozialdemokratische Stiftungsfest wurde begangen und bedeutete einen neuen Erfolg für die Partei des Umsturzes, hier in Potsdam, der Stadt, die nach den Worten des neuen Ersten Bürgermeisters Vosberg auf dem Begrüßungstag der Sanitäts- kolonne das Herz des echten, unverfälschten Preußentums darstellen soll. Dieses Herz pulsiert mächtig und stark für Kaiser und Reich, für Ordnung und Sitte. Gefähr- liche Miasmen aber, schleichende, gfftige Keime drohen dem Herzen des unverfälschten Preußentums die Blutzufuhr zu unterbinden. Wo bleibt der Arzt, der durch vorbeugende Maßregeln dem Vor- wärtsschreiten der verheerenden Krankheit Einhalt gebietet? Wie wir vernehmen, ist in der V o r st a n d s ch a f t d c s neuen Wahlvereins ein Wechsel eingetreten und es steht für die nächste Zeit schon zu hoffen, daß, wie überall im Reiche, auch im Wahlkreise P o t s d a m- O st h a v e l l a n d die Vorbereitung für den Kampf 1908 mit Kraft einsetzt. Selten ist in die Vor- bercitungcn allgemeiner Reichstagswahlen so früh eingetreten worden, als diesmal, da uns, ein natürliches Ende der gegen- wärtigcn Legislaturperiode vorausgesetzt,(!?) von dem Wabl- termine noch rund zwei Jahre trennen. Es läßt sich aber nicht leugnen, daß der Ausgang der letzten Ersatzwahlen viel Anlaß gegeben hat, schon jetzt die Stelliingnalime der Parteien zueinander z» revidieren, und daß der Eifer, mit dem die Sozialdemokratie sich neuerdings in die Organisations- und Agitativilstätigteit ge- stürzt hat, auch die anderen Parteien anspornt, ihre Tätigkeit zu entfalten und sich nicht überflügeln z» lassen. In der kon- scrvativen Partei läßt sich, wie uns dünkt, die Arbeitsfreudigkcit auf politischem wie auf organisatorischem Gebiete leider stark ver- missen. Man scheint alles von„oben", von der Zentralstelle, von der Parteileitung zu erwarten; daran aber würde man sehr un- recht tun. Gerade an der ruhigen Kleinarbeit, an der Fühlung- »ahnie mit den Wählern, an der Schließung der Reihen in deni Lokal- und KreiSorganisntionen ist das meiste gelegen. Und dann heißt es, dafür zu sorgen, daß die Parteikasse gefüllt werde."... � Dieser Appell an die„echten, unverfälschten Preußen" wird hoffentlich seine Wirkung nicht verfehlen— bei unsere» Parteigenossen! Mit aller Kraft müssen wir das für uns zu erreichen suchen, was das„Potsd. Jnt.-Blatt" seinen Lesern betreffs der Organisation und Agitation empfiehlt. Nach der sommerlichen Pause muß die Werbung neuer Rekruten für die„rote" Armee mit verdoppeltem Eifer wieder aufgenommen werden, soll diese den kommenden Kampf speziell in unserem Kreise mit Ehren bestehen, soll der Sieg uns endlich werden!... Daß dieser Sieg nicht zu den Unmöglichkeiten gehört, das gibt das Potsdamer Hof- blatt selber zu, indem es weiter schreibt:„Außer dem Bereiche der Möglichkeit liegt ein roter Sieg in unserem Wahlkreise nicht."... Schaffen wir diese Möglichkeit, indem wir ungesäumt in die rührigste Propaganda eintreten. Nicht dürfen wir es bei den Worten, durch Flugblätter, die Partcipresse, Versammlungen usw. bewenden lassen, sondern müssen neben der Kräftigung der alten Wahlvereine neue Vereinigungen schaffen. Neue Stützpunkte für die Parteitätigkeit, für die mündliche und schriftliche Agitation! Das ist zunächst unsere Aufgabe, die wir mit Hülfe der Zentral- organisation auch erreichen können und werden. Die Begeisterung für unser Kulturwcrk, die den Gegnern für ihre Hetzereien und Schimpfereien begreiflicherweise fehlt, gibt uns eben der Glaube an den echten, unverfälschten Sozinlismns, dem auch die„gefähr- lichen Miasmen, die schleichenden, giftigen Keime" der Reaktion die gesunde Blutzufuhr nicht unterbinden können.... Das Blatt der konservativen Intelligenz sagt« dann schließlich, daß die konservative Partei mit Tatfachen aufwarten kann(im Kampfe gegen die Sozialdemokratie). „Sie(die konservative Partei) vermag zu beweisen(sie!), daß sie beharrlich und niit Erfolg für die Interessen aller(!) schaffenden(?) Stände eingetreten ist und intensiv mitgearbeitet hat an der Einleitung unserer sozialen Reformen. Sie hat An- spruch auf das Vertrauen des Mittelstandes ebenso wie auf den Dank des Arbeiterstandes! Trum aus zum Kampf!" Es gehört die ganze Dreistigkeit de? Junkerklüngcls dazu, von der Interessenvertretung aller schaffenden Stände zu sprechen. Die Arbeiterklasse wird, anstatt jener Sippe Dank wissen, sie für die ihr zugefügte Entrechtung und wirtschaftliche Ausbeutung mit Fußtritten traktieren. In verschärfter Form gilt der Kampf gegen die P a u l i a n e r und Konsorten, der Kampf gegen die konservative Domäne.» Die NnfallverficherungSvorschriften für das Fuhrgewcrbe werden hier fast garuicht beachtet. Die Fuhrwerksberufsgenossenschaft hat zlvar schon im Jahre 1903 beschlossen, daß für die Kutscher f e st e S i tz e u n d A u f st i e g e, sogen. Tritte, an den Wagen an- zubringen sind; auch soll jeder Wagen mit einer sehr wirk- samen. gut gebrauchsfähigen Bremse versehen sein. Aber von der Ausführung dieser im allgemeinen Interesse liegenden Vorschrift ist hier wenig zu spüren. Woran liegt das?— Einmal an den Unternehmern, zum andern an der Polizei. Die Unternehmer drücken sich natürlich von ihrer Verpflichtung so lange wie möglich. Rücksichten auf Leben und Gesundheit der Arbeiter sind ihnen fremd oder gleichgültig. Es handelt sich ja nur um— Arbeiter! Und die Polizei?— Die ist hier in diesem Falle nicht zu- ständig, wie sie sagt.— ES dürfte zwar nicht oft vorkommen, daß die Polizei selbst erklärt, sie sei in irgend einer Sache des öffent- lichen Lebens nicht zuständig. Bei der Potsdamer Behörde ist das aber einmal geschehen... Als sich nämlich der Vorstand der hiesigen Filiale deS Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter- Verbandes an die Polizeidirektion zwecks Ueberwachung resp. Durch- führnng derUnfallverhütungsvorschriften wandte, um den vielen Unfällen Einhalt zu tun, wurde dem Gesuch der Bescheid, daß die Polizeibehörde in dieser Angelegenheit nicht zuständig sei.(? l) Nach Maßgabe der Gewerbeordnung und des Bürgerlichen Gesetzbuches ist die Polizeibehörde aber berufen. die Vorschriften der Gewerbeordnung zu überwachen. Ebenso ist sie verpflichtet, da ein- zuschreiten, wo Uebertretungen stattfinde».— Der abweisende Standpunkt der Potsdamer Polizeibehörde ist um so auffälliger, als z. B. die Berliner Polizei diese Vorschriften überwacht resp. zur Durchführung bringt. Das ist ein Widerspruch in der Kompetenz- anffasiung der beiden Behörden, die einer Aufklärung resp. Ab- stcllung dringend bedarf.— Jedenfalls wird die Organisation dafür sorgen müssen, daß die Unfallverhütnngsvorschriftcn auch für das Potsdamer Fuhrgewcrbe trotzalledem von den Unternehmern respektiert werden.__ ! Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW